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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Wille zur Macht - Eine Auslegung alles Geschehens - -Author: Friedrich Nietzsche - -Editor: Max Brahn - -Release Date: September 25, 2019 [EBook #60360] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR MACHT *** - - - - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - -<div class="title"> -<h1>Der Wille zur Macht</h1> - -<p class="large gesperrt">Eine Auslegung alles Geschehens</p> - -<p><span class="small">von</span><br /> -<span class="large">Friedrich Nietzsche</span></p> - -<p>Neu ausgewählt und geordnet von<br /> -<span class="large gesperrt">Max Brahn</span></p> - -<p class="noindent small m30">Große Dinge verlangen, daß man von -ihnen schweigt oder groß redet: groß, -das heißt zynisch und mit Unschuld.</p> - -<p>1917</p> - -<p>Alfred Kröner Verlag in Leipzig</p> - - -<p class="small"> -Altenburg<br /> -Pierersche Hofbuchdruckerei<br /> -Stephan Geibel & Co.</p> -</div> - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_iii" id="Page_iii">[Pg iii]</a></span></p> - - - -<div class="title p4"> -<p class="noindent">[Der Plan, der dieser Anordnung zugrunde -gelegt wurde, lautet in Nietzsches Niederschrift:]</p> - -<p><span class="large gesperrt">Der Wille zur Macht</span><br /> -Versuch einer Umwertung aller Werte</p> - -<p class="p2"><span class="gesperrt">Erstes Buch</span><br /> -Der europäische Nihilismus</p> - -<p><span class="gesperrt">Zweites Buch</span><br /> -Kritik der bisherigen höchsten Werte</p> - -<p><span class="gesperrt">Drittes Buch</span><br /> -Prinzip einer neuen Wertsetzung</p> - -<p><span class="gesperrt">Viertes Buch</span><br /> -Zucht und Züchtung</p> - -<p class="small"> -entworfen<br /> -den 17. März 1887<br /> -Nizza</p> -</div> - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_iv" id="Page_iv">[Pg iv]</a><br /><a name="Page_v" id="Page_v">[Pg v]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"> -<h2>Vorwort.</h2> -</div> - - -<p>Nietzsche hatte die Absicht, in einem zusammenhängenden -Werke den Gesamtertrag seiner Lehre darzustellen. Die Titel -des beabsichtigten Werkes und die Gesichtspunkte seiner -Ordnung wechselten, aber die einheitliche Idee, seine Philosophie -übersichtlich darzustellen, blieb bestehen. Es sollten -keine neuen Grundideen in dem Werke stehen, keine wichtige -Grundlehre verändert werden; das Werk hätte vielmehr -beweisen sollen, daß sein Gedankenkreis vom ersten bis zum -letzten Werk der gleiche geblieben ist. Alle so verschieden -erscheinenden Lehren der einzelnen Entwicklungsperioden -sind nur Variationen des gleichen Themas; eine Grundmelodie -tönt dem aufmerksam Hinhörenden stets durch. -Sie herauszuhören, ist nicht leicht. Denn seine Neigung, -die gerade im Vordergrunde stehenden Gedanken, den augenblicklich -herrschenden Affekt fast gewaltsam zu betonen, ihm -die ganze Kraft seiner eindrucksvollen, überwältigenden -Sprache zu leihen, läßt oft die Nebentöne deutlicher vernehmen -als den Grundton. Daher wenige Denker so bedächtig -gelesen werden müssen, wie der anscheinend so leicht -eingehende Nietzsche.</p> - -<p>Volle, leichte Klarheit hätte daher nur ein solches, die -Hauptgedanken allein hervorhebendes Werk bringen können. -Darum ist es ein so trauriger Gedanke, daß seine Erkrankung -die Vollendung gerade dieses Werkes verhinderte, an -dem er vom Jahre 1882 an stets gearbeitet, zu dem er sich -ununterbrochen Einzelaufzeichnungen gemacht und Dispositionen -entworfen hat. Aus diesem Gedankenkreise entnahm -er wesentliche Teile und vereinigte sie zu seinen letzten -Werken, besonders zum Antichrist, der in den letzten Monaten -vor seiner Erkrankung entstanden ist und in einem -erregten Ton geschrieben ist, der sich von der Stilart der -Niederschriften völlig unterscheidet.</p> - -<p>Was dann vom Gesamtwerke übrigblieb, das war eine -unendliche Fülle von einzelnen Notizen, die sich in einer -großen Anzahl von Heften finden. Die bisherigen Aus<span class="pagenum"><a name="Page_vi" id="Page_vi">[Pg vi]</a></span>gaben -stellten sich die Aufgabe, von diesem Gedankenreichtum -nichts verloren gehen zu lassen, und ordneten alles -Vorhandene unter die von Nietzsche selbst angegebenen Gesichtspunkte. -Durch zahlreiche Stichproben durfte ich mich -davon überzeugen, mit wie großer Sorgfalt und treuer Gewissenhaftigkeit -Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast -die mühevolle Aufgabe gelöst haben, die schwer lesbaren -Manuskripte zu entziffern und die Aphorismen unter die -gegebenen Gesichtspunkte zu bringen. In den Heften fand -sich vielerlei, was dem Denker bei Gelegenheit der Niederschrift -oder zufällig zu gleicher Zeit einfiel, ohne daß es -unmittelbar für das neue Ganze nötig war. Es ist nicht -leicht, diese oft so lockenden Gedanken wegzulassen; es war -auch für eine erste Ausgabe das Rechte, sie dem Leser nicht -vorzuenthalten. Doch erschweren sie oft das Sichzurechtfinden -in den leitenden Ideen und geben auch durch ihre -große Zahl dem Werke einen übermäßigen Umfang.</p> - -<p>Da schien es angebracht, den Versuch zu machen, aus -den Manuskripten wenigstens dem Sinne nach das zu -machen, was Nietzsche selbst vorschwebte: eine Darstellung -seiner Grundlehre; zugleich aber dem neugeordneten Werke -eine Form zu geben, die eine leichte Übersicht gestattet und -so durch die Änderung der äußeren Form das Eindringen in -die Hauptlinien des Inhaltes erleichtert. So konnte ich in -Übereinstimmung mit Elisabeth Förster-Nietzsche das herausheben, -was den Grundgedanken, des „Willen zur -Macht“, erklärt. Dann kam es darauf an, das Vorhandene -so zu verteilen, daß ein Führer durch Nietzsches Grundlehren -entstand. Da fehlen freilich Begriffe als wesentlich, -die sonst oft im Vordergrund zu stehen scheinen, wie der -„Übermensch“; andere, wie die „ewige Wiederkehr“, treten -nur gelegentlich auf. Nicht ein Wechsel der Lehre liegt aber -in diesen Fällen vor; der systematische Aufbau läßt vielmehr -das an früheren Stellen laut Betonte hier nur als -einen Unterteil eines größeren Ganzen erscheinen. So geht -der Übermensch unter in der Gesamtauffassung des neuen, -großen Menschen überhaupt, und die ewige Wiederkehr aller<span class="pagenum"><a name="Page_vii" id="Page_vii">[Pg vii]</a></span> -Dinge, von der es einst scheinen konnte, sie zähle zu den -Hauptlehren, wird eines unter den verschiedenen Mitteln -zur Zucht des großen Menschen, wenn auch eines der entscheidenden. -Gerade in dieser Ausgeglichenheit der Werte -liegt die große Bedeutung, die das Werk selbst als unvollendetes -hat. In Zarathustra hatte Nietzsche prophetenhaft -zur Nachfolge seiner Lehre aufgerufen; kein Wunder, daß -ein so geartetes Werk, dem Eindruck bestimmt, ihn auch -im weitesten Kreise machte. Der Prophet will wirken, beeinflussen -– dazu gehört Affekt, der mitreißt, gehört starke -Betonung dessen, was der Prophet in den Vordergrund -stellen will. Der „Wille zur Macht“ will lehren, klarlegen, -aus Geschichte und Natur erläutern, wohl gar beweisen. -Hier ist der ordnende Intellekt an der Arbeit, der systematisch -aufbaut, nicht um zur Tat aufzurufen, den heiligen -Krieg für eine neue Lehre zu verkünden, sondern um zu -zeigen, aus welchen Wurzeln die eigene Lehre erwachsen -ist, und wie sie die Gesamtheit der Welt dem willig Folgenden -zu erklären vermag.</p> - -<p>Eine Weltdeutung kann aber aus sehr verschiedenen Wurzeln -erwachsen, je nach der Persönlichkeit des Philosophen. -Die Versenkung ins All, in die unmittelbare Tiefe der -Dinge kennzeichnet den Typus des Metaphysikers und Mystikers. -Die Vereinigung der letzten wissenschaftlichen Ergebnisse -den wissenschaftlichen Philosophen. Das Ausgehen -vom Menschen als dem Geschichte schaffenden und nur in -der Geschichte bekannten Wesen den Kulturphilosophen, dem -der Mensch das interessanteste Problem ist. Vom ersten -bis zum letzten seiner Werke ist Nietzsche Kulturphilosoph. -Von der Kultur der Griechen – dem höchsten Kulturtypus -– schlug er in seinem Erstlingswerk die Brücke zu -Wagner, also zur Kultur der Gegenwart. Das Christentum -stand im Hintergrunde; es brauchte gar nicht genannt zu -werden, um doch da zu sein. Vom Christentum führt auch -der „Wille zur Macht“ zur Gegenwart, noch mehr zur neu -zu schaffenden Zeit, zu <em>der</em> Zukunft, die durch den starken -Willen des Menschen aus dieser Gegenwart werden soll.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_viii" id="Page_viii">[Pg viii]</a></span></p> - -<p>Von unserer Zeit redet dieses Buch zunächst, nicht von -einer Ewigkeit, einem stets Gleichen, wie die Metaphysiker -tun. Eine Zeit ist nur aus den Werten bestimmbar, an die -sie glaubt: denn alles Handeln ist ein Werten, jede Bewegung -will etwas, also wertet sie etwas. Alle Werte ordnen -sich letzten Endes einem letzten, höchsten, einem Oberwert -unter, wie Raoul Richter in seinem Nietzschebuch ausgeführt -hat. <em>Unsere Zeit hat keine festen Werte</em>; „das Eis, das -uns noch trägt, ist so dünn geworden: wir fühlen alle den -warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes.“ Uns fehlt -jeder bestimmte Glaube an den Wert der Dinge, da der -einzige bisher zusammenhaltende Glaube im Niedergang -ist, der christliche. Er gab dem Menschen einen absoluten -Wert, den man genau kannte, gab ihm Selbstachtung und -dem Übel einen Sinn. An sich selbst hat Nietzsche das Dahinschwinden -des christlichen Glaubens empfunden, er, der -Abkömmling von Theologen bis ins dritte und vierte Geschlecht. -Er kannte die Feinheiten des Glaubens, er wußte, -daß sie Erbgut in ihm waren, besonders jener vom Christentum -anerzogene Glaube an die Wahrhaftigkeit. Schwindet -er dahin, so tritt leicht die Meinung auf, daß es überhaupt -keinen Sinn der Welt gibt, wenn dieser nicht gilt: -die <em>Ziellosigkeit</em> an sich wird der Wert, der <em>Nihilismus</em> -ist da.</p> - -<p>Wie aber konnte ein solches letztes Ziel verloren gehen, -woher mußte die Auflehnung gegen das Christentum entstehen? -Nach Nietzsche ist die Ablehnung des Christentums -Abweisung der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, das heißt der Lehre der Erschöpften, -der Schwachen, der Gegner des Lebens, derer, -die nicht das Wachstum, die Größe, die Schönheit der -Dinge der Welt wünschen. Unsre bisherige Moral ist im -Grunde christliche; sie ist aber gleichzeitig die Moral der -schwachen Menge, die sich gegen die gefährlichen Starken -auflehnt, die aber durch ihre Zahl, ihre größere Klugheit, -feinere Geistigkeit den Sieg über die Starken davonträgt. -In dieser Erkenntnis sieht er wohl die kritische Grundlehre -seines Systems, auf die sich alles Positive aufzubauen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_ix" id="Page_ix">[Pg ix]</a></span></p> - -<p>Denn aufbauend will er sein; alles Kritische, Verneinende -ist ihm zuwider, er benutzt es nur als Mittel, sein -Bejahendes deutlich zu machen, als nötig zu erweisen. Zu -<em>Taten</em> will er die Menschheit befähigen, da er ein Philosoph -ist, das heißt für ihn ein Werteschaffer; unserer Zeit -aber „fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur -der Umdichter“. Daher auch der Kern dieses Werkes nicht -im ersten und zweiten Buch liegt, die nur Schutt wegräumen -wollen, ehe das Gebäude im dritten und vierten -Buch aufgerichtet wird: in diesen liegt nach der Absicht -Nietzsches die Deutung der Zukunft.</p> - -<p>Worauf es also bei ihm hinausläuft, das ist mit einem -Worte zu sagen: auf eine neue Moral. Wo er Moral bekämpft, -da kürzt er nur das Wort; es müßte da stets -heißen: bisherige Moral, für deren entwickeltste Form er -die christliche ansieht. Was seine Moral mit der christlichen -verbindet, das sagt ganz deutlich seine schöne Bestimmung: -„Ich verstehe unter Moral ein System von Wertschätzungen, -welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ -<em>Daher kann es für ihn keine allgemeine Moral -geben.</em> Streng genommen gibt es nur eine Moral für -jeden Einzelnen; faßt man die Einzelnen zu Typen, Arten -zusammen, so gibt es Moralen für die Starken und die -Schwachen, die Gesunden und die Kranken. Hier berührt -sich die Lehre mit modernen Ideen, die, von ihr unbewußt -oder bewußt abhängig oder nicht, die Menschen nach Anlagen -einteilen und verlangen, daß unsere Erziehung in -jedem die Anlage voll entwickelt und nicht versucht, aus -jedem alles zu machen. In strenger Selbstuntersuchung, -sich selbst verantwortlich, hat ein jeder festzustellen, „wer -bin ich?“ und sein Leben so zu gestalten, daß sein Ich -ungebrochen zur Entwicklung kommt, nicht nur die Freuden -seiner Eigenart und seiner Lebensform suchend, nein, -alle Leiden gern als notwendig mit auf sich nehmend. -Streng und unerbittlich, hart gegen sich, wie nur je ein -Asket es sein kann, vielleicht aber im Strome des Lebens -viel leidender, viel gequälter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_x" id="Page_x">[Pg x]</a></span></p> - -<p>Die Moral, die hier gelehrt wird, ist die der Starken, die -den Mut zu diesem strengen, harten, nur sich selbst verantwortlichen -Leben haben. Wer diese lehrt, wird notwendig -manches angreifende, kriegerische Wort für die entgegengesetzte -Art, die Schwachen, haben. Aber „möchten wir -eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, -ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?“ -Die Moral der Schwachen wird von Nietzsche nicht etwa -nur geduldet – ein ihm furchtbares Wort –, sie wird gewünscht, -weil für nötig befunden. Aber sie soll nicht die -herrschende sein, sie soll nicht sich alle „Moral“ zuschreiben; -sie muß einsehen, daß sie genau so moralisch und unmoralisch, -weil genau so nur aus einer bestimmten Perspektive -der Welt hervorgehend ist wie die der Starken. Sie will -Erhaltung, oft Stillstand: sie lasse der Moral des Schaffens -freie Bahn, die das Alte oft zerbrechen muß, um neue -Maßstäbe aufzustellen. Nietzsche sah voraus, daß es „dem -nächsten Jahrhundert hier und da gründlich im Leibe rumoren -wird“, daß neue Werte in jeder Hinsicht kommen -werden – hat unser Geschlecht, das des größten Krieges -der Weltgeschichte, wirklich das Gefühl in sich, daß es den -alten Werten gehorcht? Neues, Starkes kommt, weil es -kommen muß, weil es sich mit unseren Lebensbedingungen -berührt, die nicht mehr die gleichen sein werden. Ob nicht -gar der Prophet dieser neuen Zeit schon gelebt hat?</p> - -<p>Woher nimmt nun Nietzsche diese neue Wahrheit über die -Moral; glaubt er allgemeingültige Sätze aufzustellen, deren -Gegensatz falsch sein muß? Nein, auch diese Wahrheit ist -ihm wie jede andere nur „eine Art von Irrtum, ohne welche -eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. -Der Wert für das <em>Leben</em> entscheidet zuletzt.“ Jeder Sinn, -der in den Dingen liegt, ist ihm nur eine Beziehung, die -sich der Mensch schafft, letzten Endes, um der Dinge Herr -zu werden, um sein <em>Machtgefühl</em> über die Dinge zu steigern, -um seinen unbezähmbaren Willen zur Macht auszuüben. -Es gibt vielerlei Wahrheiten von den Dingen, jede -Art macht sich die Dinge so zurecht, daß sie seinem Leben<span class="pagenum"><a name="Page_xi" id="Page_xi">[Pg xi]</a></span> -dienen, macht sich die ihm nützlichsten Fiktionen vom Sein -und Wesen der Dinge. Darin steht Nietzsche der Philosophie -sehr nahe, die neuerdings unter dem Namen der -„Philosophie des Als-Ob“ so großes Aufsehen gemacht hat. -Man kann, wenn man das dritte Buch dieses Werkes liest, -nicht mehr behaupten, daß Nietzsche nur Moralphilosoph -sei – von seinen Anschauungen über die Erkenntnis ist -stärkste Anregung auf unsere Zeit ausgegangen. Er hat, -mag er auch Darwin bekämpfen, so doch aus dem Geiste -der Entwicklungslehre letzte Folgerungen gezogen. Und nun -verfolgt er diese Grundidee, daß es der Wille zur Macht -ist, der unsere Wahrheiten schafft durch alles Sein hindurch, -in alle Tiefen unserer Weltanschauung hinein. Aber -nicht unser Erkennen allein – selbst nur eine Sonderart -der Natur – ist Wille zur Macht, die Natur ist es in -ihrem tiefsten Kern. Alles Sein ist Leben – alles Leben -Machtwille. Kräfte des Willens, die immer neue Kräfte -anhäufen, die ihnen innewohnende Macht steigern und organisieren -möchten, sind die letzten Erklärungen, die es für -alles Sein gibt. Alles Geschehen, alle Veränderung läßt -sich auf den Willen zur Macht zurückführen, der nie ruht, -stets zu neuen Formen größerer Macht sich wandeln will – -mit dieser Einsicht, die selbst keine absolute ist, gewinnen -wir die für uns brauchbarste „perspektivische Schätzung“ -der Welt, Macht über sie. „Diese Welt ist der Wille zur -Macht – und nichts außerdem. Und auch ihr selber seid -dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem.“</p> - -<p>Soviel Macht einer in sich birgt, so viel ist er dieser Beurteilungsweise -wert. So entsteht eine Rangordnung der -Menschen nach ihren Machtgrößen. Ist es wirklich nötig, -darauf hinzuweisen, daß es sich hier nicht um jene äußere -Macht handelt, die mit Kanonen sich durchsetzt? Daß es -sich dabei um eine innere Haltung der Seele handelt, die -stark ist und nichts will, als ihre Kraft, ihre Macht erweitern, -die sich nicht genug tun kann, ihren Mut zu erweisen, -die so stark strömt, daß sie wissentlich ihre Kräfte -verschwendet, die im Herrschen über sich und andere ihre<span class="pagenum"><a name="Page_xii" id="Page_xii">[Pg xii]</a></span> -Pflicht findet. Solche Aristokratie ist angeboren, ist „Geblütsadel“. -„Ich rede hier nicht vom Wörtchen ‚von‘ und -vom Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.“ So -darf man auch denen zurufen, die das Wort Macht bei -Nietzsche vergröbern, um dagegen zu kämpfen.</p> - -<p>Diese Menschen voll Willen, Kraft, Macht sind die Erschaffer -des Neuen; sie geben allem neue Werte, sie rechtfertigen -die Welt einfach dadurch, daß sie da sind. Nicht -ihre Leistung, ihr Sein ist das Wesentliche. Es geht hier -mit dieser von Nietzsches Lehren wie mit anderen: in seiner -grandiosen, übersteigenden Sprache klingen sie oft so weltfremd, -so erfunden, so lebensunbrauchbar. Und doch drücken -sie nur Wahrheiten aus, die sich in der Menschheit stets -wieder als ganz natürliche Erlebnisse erweisen. Hat nicht -die Erregung der Kriegszeit gezeigt, wie sehr die Menschen -dazu neigen, sich Heroen zu schaffen, führende, herrschende -Naturen, denen alle anderen gern, als ob es nicht anders -sein könnte, sich unterwerfen! Willig folgen sie dem, der -neue Werte aufstellt und beweist, daß er einen starken, -langen Willen hat, der imstande ist, sich gegen eine Welt -von Hindernissen durchzusetzen. Auf seinen Wink tun sie -alles, leiden sie alles, opfern sie sich hin bis zum Aufgeben -des Lebens. Eine ganze Nation erlebt dann plötzlich -die Wahrheit der Lehre, daß es auf diese geborenen Führernaturen -ankommt, daß sie herangezogen werden müssen, -wenn die anderen nicht untergehen sollen. Dann sieht man -auch deutlich, daß nicht Lust und Unlust, wenigstens nicht -die Formen, von denen Optimismus und Pessimismus zu -sprechen pflegen, großes Handeln des Menschen bestimmen. -Das Glück dieser Großen liegt allein „in dem herrschend -gewordenen Bewußtsein der Macht und des Sieges.“ Darf -man von ihnen die Moral des Mitleids, Rücksichtnahme, -Milde verlangen – oder wünscht nicht die Menge sie hart, -unbeugsam, stark, Macht durch und durch? Groß sollen -sie sein und vornehm – die beiden Haupteigenschaften, -die Nietzsche von „seinen“ Menschen verlangt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_xiii" id="Page_xiii">[Pg xiii]</a></span></p> - -<p>Diese großen schaffenden Menschen – der Theorie oder -der Praxis – greifen mit mächtiger Hand in das Rad -des Daseins; sie drehen seine Speichen ein Stück vorwärts, -indem sie das Gefühl in sich tragen, der Welt neue Kräfte -gewinnen zu <em>müssen</em>, nicht anders zu können, als Welt -zu gestalten, indem sie sich selbst gestalten. Sie fragen -nicht nach dem Werte des Lebens, sie fühlen die furchtbaren -Gründe, auf denen es ruht, sie kennen seine Furchtbarkeit -und seine Untiefen – und gewinnen daraus Einsicht und -Kraft, es neu zu gestalten, ihren Willen zur Macht daran zu -erproben, selbst wie göttliche Kräfte, darin zu zerstören, -zu vernichten, Altes zu zerbrechen, Verbrecher am Gesetz zu -werden, um Neues, Größeres werden zu lassen. Sie sagen -„Ja“ zum Gesamtdasein und können darum zu keinem -Teil „Nein“ sagen: denn die Notwendigkeit verschlingt alle -Dinge untrennbar ineinander, daß man alles Sein bejahen -muß, wenn man den kleinsten Teil bejaht. Ihre unendlich -strömende Kraft freut sich des Gestaltens an dieser Welt, -der einzigen Aufgabe des Menschen, seines Künstlerberufs. -Sie kennen keine seiende Welt, nur eine werdende, eine -sein sollende, an der Menschen ihr und der Welt Geschick -zimmern. An den Widerständen, die sie ihnen bietet, wächst -ihre Kraft; ihr Wille zur Macht kann sich nie genug tun, -dieser Welt immer neue Gestalten zu geben, von ihrer Fülle, -dem Reichtum ihrer Geistes- und Willenskräfte in die Welt -hinüberströmen zu lassen. Sie sehen auf diese Welt als -<em>ihr</em> Werk und wünschen sich nur eins: stets wieder an ihr -zu formen bis in alle Unendlichkeit, immer von neuem -wieder, unendlich oft. Sie bejahen dieses Dasein und wünschen, -so wie es ist, wie es durch sie und ihren Machtwillen -wird, möchte es wiederkehren: in gleicher Form unendlich -oft in ewiger Wiederkehr. Diese Sehnsucht, ihrem Machtwillen -entstammend, gibt ihnen Kraft – und diese neue -Kraft gibt ihnen neue Sehnsucht. Die Schwachen aber -gehen an dem Gedanken zugrunde, daß dieses Leben unendlich -oft wiederkehren möge – und hier wie überall<span class="pagenum"><a name="Page_xiv" id="Page_xiv">[Pg xiv]</a></span> -trennen sich denn die Menschen in ihrem Glauben, ihrem -Wissen, ihrer Kunst, ihrem Handeln und Wünschen notwendig -in die Starken und die Schwachen, weil dieser -Unterschied ruht auf dem letzten Grunde des Seins: dem -Grade des Willens zur Macht.</p> - -<p class="right">Max Brahn.</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_xv" id="Page_xv">[Pg xv]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"> -<h2>Inhalt.</h2> -</div> - - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> -<tr> - <td colspan="2" class="tdr">Seite</td></tr> -<tr> - <td>Vorwort</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_v">V</a>-<a href="#Page_xiv">XIV</a></td></tr> -<tr> - <td>Erstes Buch: Der europäische Nihilismus</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_45">45</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">1. Geschichte</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_1">1</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">2. Wesen und Ursache</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_14">14</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">3. Krisis</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_32">32</a></td></tr> -<tr> - <td>Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werte</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_46">46</a>-<a href="#Page_120">120</a></td></tr> -<tr> - <td colspan="2">(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.)</td></tr> -<tr> - <td colspan="2" class="td2">I. Moral:</td></tr> -<tr> - <td class="td4">1. Entstehung und Sieg</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_46">46</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">2. Die moralischen Ideale</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_71">71</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">3. Philosophie und Moral</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_99">99</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">4. Philosophie und Wissenschaft</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_107">107</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">5. Freie Philosophie</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_116">116</a></td></tr> -<tr> - <td colspan="2" class="td2">II. Religion:</td></tr> -<tr> - <td class="td4">1. Entstehung</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_120">120</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">2. Christentum</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_131">131</a></td></tr> -<tr> - <td>Drittes Buch: Prinzip einer neuen Wertsetzung</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_156">156</a>-<a href="#Page_307">307</a></td></tr> -<tr> - <td class="td2">I. Die neue Deutung der Welt</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_156">156</a></td></tr> -<tr> - <td colspan="2" class="td2">II. Der Geist – ein Machtwille:</td></tr> -<tr> - <td class="td4">1. Wahrnehmung</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_163">163</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">2. Erkenntnis</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_177">177</a></td></tr> -<tr> - <td class="td6">a. Allgemeines</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_177">177</a></td></tr> -<tr> - <td class="td6">b. Logik und Wissenschaft</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_185">185</a></td></tr> -<tr> - <td class="td6">c. Ursache und Wirkung</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_195">195</a></td></tr> -<tr> - <td class="td6">d. Ich und Außenwelt</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_204">204</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">3. Metaphysik</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_206">206</a></td></tr> -<tr> - <td class="td6">Die „wahre“ Welt</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_206">206</a></td></tr> -<tr> - <td colspan="2" class="td2">III. Die Natur – ein Machtwille:</td></tr> -<tr> - <td class="td4">1. Die anorganische Natur</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_219">219</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">2. Die organische Natur</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_229">229</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">3. Der Mensch als Naturwesen</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_239">239</a></td></tr> -<tr> - <td colspan="2" class="td2">IV. Die Gesellschaft – ein Machtwille:</td></tr> -<tr> - <td class="td4">1. Der Mensch als geselliges Wesen</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_253">253</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">2. Der Staat</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_266">266</a></td></tr> -<tr> - <td class="td2">V. Kunst – ein Machtwille</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_277">277</a></td></tr> -<tr> - <td>Viertes Buch: Zucht und Züchtung</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_308">308</a>-<a href="#Page_376">376</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">1. Die Rangordnung</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_308">308</a></td></tr> -<tr> - <td class="td4">2. Der züchtende Gedanke</td> - <td class="tdr"><a href="#Page_347">347</a></td></tr> -</table> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[Pg 1]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"> -<h2>Erstes Buch.<br /> - -<span class="subh2">Der europäische Nihilismus.</span></h2> -</div> - - - - -<h3>1. Geschichte.</h3> - - -<h4>1.</h4> - -<p>Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. -Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders -kommen kann: <em>die Heraufkunft des Nihilismus</em>. -Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die -Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet -schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich -an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. -Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem -schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt -zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: -unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der <em>ans -Ende</em> will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, -sich zu besinnen.</p> - - -<h4>2.</h4> - -<p>– Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt nichts bisher -getan als <em>sich zu besinnen</em>: als ein Philosoph und Einsiedler -aus Instinkt, der seinen Vorteil im Abseits, im -Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, in der Zurückgebliebenheit -fand; als ein Wage- und – Versuchergeist, -der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal -verirrt hat; als ein Wahrsagevogel-Geist, der <em>zurückblickt</em>, -wenn er erzählt, was kommen wird; als der erste vollkommene -Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon -in sich zu Ende gelebt hat, – der ihn <em>hinter sich, unter -sich, außer sich</em> hat.</p> - - -<h4>3.</h4> - -<p>Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels, -mit dem dies Zukunftsevangelium benannt sein will. „<em>Der -Wille zur Macht.</em> Versuch einer Umwertung aller Werte“ -– mit dieser Formel ist eine <em>Gegenbewegung</em> zum Aus<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[Pg 2]</a></span>druck -gebracht in Absicht auf Prinzip und Aufgabe; eine Bewegung, -welche in irgendeiner Zukunft jenen vollkommenen -Nihilismus ablösen wird, welche ihn aber <em>voraussetzt</em>, logisch -und psychologisch, welche schlechterdings nur <em>auf ihn</em> -und <em>aus ihm</em> kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft -des Nihilismus nunmehr <em>notwendig</em>? Weil unsre -bisherigen Werte selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung -ziehen, weil der Nihilismus die zu Ende gedachte Logik -unsrer großen Werte und Ideale ist, – weil wir den Nihilismus -erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was -eigentlich der <em>Wert</em> dieser „Werte“ war.... Wir haben, -irgendwann, <em>neue Werte</em> nötig....</p> - - -<h4>4.</h4> - -<p>Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt notwendig -im Gefolge der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte -man bereits die Abnahme der Heiterkeit; Frauen dachten -mit jenem weiblichen Instinkt, der immer zugunsten der Tugend -Partei nimmt, daß die Immoralität daran schuld sei. -Galiani traf ins Schwarze: er zitiert Voltaires Vers:</p> - -<p> -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Un monstre gai vaut mieux<br /> -Qu'un sentimental ennuyeux.</span><br /> -</p> - -<p>Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte -Voltairen und sogar Galiani – der etwas viel Tieferes war -– in der Aufklärung voraus zu sein: wie weit mußte ich -also gar in der Verdüsterung gelangt sein! Dies ist auch -wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer Art Bedauern in -acht vor der deutschen und christlichen Enge und Folgeunrichtigkeit -des Schopenhauerschen oder gar Leopardischen Pessimismus -und suchte die prinzipiellsten Formen auf (– -Asien –). Um aber <em>diesen</em> extremen Pessimismus zu ertragen -(wie er hier und da aus meiner „Geburt der Tragödie“ -herausklingt), „ohne Gott und Moral“ allein zu leben, -mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht weiß ich -am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet -so tief, daß er das Lachen erfinden <em>mußte</em>. Das unglücklichste -und melancholischste Tier ist, wie billig, das heiterste.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[Pg 3]</a></span></p> - - -<h4>5.<br /> -<span class="normal3 gesperrt">Die drei Jahrhunderte.</span></h4> - -<p>Ihre verschiedene <em>Sensibilität</em> drückt sich am besten -so aus:</p> - -<blockquote> - -<p><em>Aristokratismus</em>: Descartes, Herrschaft der <em>Vernunft</em>, -Zeugnis von der Souveränität des <em>Willens</em>;</p> - -<p><em>Femininismus</em>: Rousseau, Herrschaft des <em>Gefühls</em>, -Zeugnis von der Souveränität der <em>Sinne</em>, verlogen;</p> - -<p><em>Animalismus</em>: Schopenhauer, Herrschaft der <em>Begierde</em>, -Zeugnis von der Souveränität der <em>Animalität</em>, -redlicher, aber düster.</p></blockquote> - -<p>Das 17. Jahrhundert ist <em>aristokratisch</em>, ordnend, hochmütig -gegen das Animalische, streng gegen das Herz, „ungemütlich“, -sogar ohne Gemüt, „undeutsch“, dem Burlesken -und dem Natürlichen abhold, generalisierend und souverän -gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel -Raubtier <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span>, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu -bleiben. Das <em>willensstarke</em> Jahrhundert; auch das der -starken Leidenschaft.</p> - -<p>Das 18. Jahrhundert ist vom <em>Weibe</em> beherrscht, schwärmerisch, -geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienst -der Wünschbarkeit, des Herzens, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">libertin</span> im Genusse des -Geistigsten, alle Autoritäten unterminierend; berauscht, heiter, -klar, human, falsch vor sich, viel Kanaille <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span>, gesellschaftlich....</p> - -<p>Das 19. Jahrhundert ist <em>animalischer</em>, unterirdischer, -häßlicher, realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb „besser“, -„ehrlicher“, vor der „Wirklichkeit“ jeder Art unterwürfiger, -<em>wahrer</em>; aber willensschwach, aber traurig und -dunkel-begehrlich, aber fatalistisch. Weder vor der „Vernunft“, -noch vor dem „Herzen“ in Scheu und Hochachtung; -tief überzeugt von der Herrschaft der Begierde (Schopenhauer -sagte „Wille“: aber nichts ist charakteristischer für -seine Philosophie, als daß das eigentliche <em>Wollen</em> in ihr -fehlt). Selbst die Moral auf einen Instinkt reduziert („Mitleid“).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[Pg 4]</a></span></p> - -<p>Auguste Comte ist <em>Fortsetzung des 18. Jahrhunderts</em> -(Herrschaft von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">cœur</span> über <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la tête</span>, Sensualismus in der -Erkenntnistheorie, altruistische Schwärmerei).</p> - -<p>Daß die <em>Wissenschaft</em> in dem Grade souverän geworden -ist, das beweist, wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination -der <em>Ideale losgemacht</em> hat. Eine gewisse „Bedürfnislosigkeit“ -im Wünschen ermöglicht uns erst unsere -wissenschaftliche Neugierde und Strenge – diese <em>unsere</em> Art -Tugend....</p> - -<p>Die Romantik ist <em>Nachschlag</em> des 18. Jahrhunderts; -eine Art aufgetürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei -großen Stils (– tatsächlich ein gut Stück Schauspielerei -und Selbstbetrügerei: man wollte die <em>starke Natur, die -große Leidenschaft</em> darstellen).</p> - -<p>Das 19. Jahrhundert sucht instinktiv nach <em>Theorien</em>, mit -denen es seine <em>fatalistische Unterwerfung unter das -Tatsächliche</em> gerechtfertigt fühlt. Schon <em>Hegels</em> Erfolg -gegen die „Empfindsamkeit“ und den romantischen Idealismus -lag im Fatalistischen seiner Denkweise, in seinem Glauben -an die größere Vernunft auf Seiten des Siegreichen, in -seiner Rechtfertigung des wirklichen „Staates“ (an Stelle -von „Menschheit“ usw.). – Schopenhauer: wir sind etwas -Dummes und bestenfalls sogar etwas Sich-selbst-Aufhebendes. -Erfolg des Determinismus, der genealogischen Ableitung -der früher als absolut geltenden <em>Verbindlichkeiten</em>, -die Lehre vom Milieu und der Anpassung, die Reduktion des -Willens auf Reflexbewegungen, die Leugnung des Willens -als „wirkender Ursache“; endlich – eine wirkliche Umtaufung: -man sieht so wenig Wille, daß das Wort <em>frei</em> wird, -um etwas anderes zu bezeichnen. Weitere Theorien: die -Lehre von der <em>Objektivität</em>, „willenlosen“ Betrachtung, -als einzigem Weg zur Wahrheit; <em>auch zur Schönheit</em> (– -auch der Glaube an das „<em>Genie</em>“, um ein Recht auf <em>Unterwerfung</em> -zu haben); der Mechanismus, die ausrechenbare -Starrheit des mechanischen Prozesses; der angebliche -„Naturalismus“, Elimination des wählenden, richtenden, -interpretierenden Subjekts als Prinzip –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[Pg 5]</a></span></p> - -<p>Kant, mit seiner „praktischen Vernunft“, mit seinem -<em>Moral-Fanatismus</em> ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig -außerhalb der historischen Bewegung; ohne jeden Blick für -die Wirklichkeit seiner Zeit, zum Beispiel Revolution; unberührt -von der griechischen Philosophie; Phantast des Pflichtbegriffs; -Sensualist, mit dem Hinterhang der dogmatischen -Verwöhnung –.</p> - -<p>Die <em>Rückbewegung auf Kant</em> in unserem Jahrhundert -ist eine <em>Rückbewegung zum achtzehnten Jahrhundert</em>: -man will sich ein Recht wieder auf die <em>alten Ideale</em> und die -alte Schwärmerei verschaffen, – darum eine Erkenntnistheorie, -welche „Grenzen setzt“, das heißt erlaubt, ein <em>Jenseits -der Vernunft nach Belieben anzusetzen</em>....</p> - -<p>Die Denkweise <em>Hegels</em> ist von der <em>Goethe</em>schen nicht -sehr entfernt: man höre Goethe über <em>Spinoza</em>. Wille zur -Vergöttlichung des Alls und des Lebens, um in seinem Anschauen -und Ergründen <em>Ruhe</em> und <em>Glück</em> zu finden; Hegel -sucht Vernunft überall, – vor der Vernunft darf man sich -<em>ergeben</em> und <em>bescheiden</em>. Bei Goethe eine Art von fast -<em>freudigem</em> und <em>vertrauendem Fatalismus</em>, der nicht -revoltiert, der nicht ermattet, der aus sich eine Totalität zu -bilden sucht, im Glauben, daß erst in der Totalität alles sich -erlöst, als gut und gerechtfertigt erscheint.</p> - - -<h4>6.</h4> - -<p><em>Voltaire</em> – <em>Rousseau</em>. – Der Zustand der Natur ist -furchtbar, der Mensch ist Raubtier; unsere Zivilisation ist -ein unerhörter <em>Triumph</em> über diese Raubtiernatur: – <em>so -schloß Voltaire</em>. Er empfand die Milderung, die Raffinements, -die geistigen Freuden des zivilisierten Zustandes; -er verachtete die Borniertheit, auch in der Form der Tugend; -den Mangel an Delikatesse auch bei den Asketen und -Mönchen.</p> - -<p>Die <em>moralische Verwerflichkeit</em> des Menschen schien -<em>Rousseau zu präokkupieren</em>; man kann mit den Worten -„ungerecht“, „grausam“ am meisten die Instinkte der Unterdrückten -aufreizen, die sich sonst unter dem Bann des<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[Pg 6]</a></span> -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vetitum</span> und der Ungnade befinden: <em>so daß ihr Gewissen -ihnen die aufrührerischen Begierden widerrät</em>. Diese -Emanzipatoren suchen vor allem <em>eins</em>: ihrer Partei die -großen Akzente und Attitüden der <em>höheren Natur</em> zu geben.</p> - - -<h4>7.</h4> - -<p><em>Rousseau</em>: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur -als Quelle der Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet -sich in dem Maße, in dem er sich der <em>Natur nähert</em> -(– nach Voltaire in dem Maße, in dem er sich <em>von der -Natur entfernt</em>). Dieselben Epochen für den einen die des -Fortschritts der <em>Humanität</em>, für den andern Zeiten der Verschlimmerung -von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.</p> - -<p>Voltaire noch die <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">umanità</span> im Sinne der Renaissance begreifend, -insgleichen die <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span> (als „hohe Kultur“), er -kämpft für die Sache der „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêtes gens</span>“ und „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de la -bonne compagnie</span>“, die Sache des Geschmacks, der Wissenschaft, -der Künste, die Sache des Fortschritts selbst und der -Zivilisation.</p> - -<p><em>Der Kampf gegen 1760 entbrannt</em>: der Genfer Bürger -und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le seigneur de Ferney</span>. Erst von da an wird Voltaire -der Mann seines Jahrhunderts, der Philosoph, der -Vertreter der Toleranz und des Unglaubens (bis dahin nur -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">un bel esprit</span>). Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg -trieb ihn vorwärts, „in die Höhe“.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Pour „la canaille“ un dieu rémunérateur et vengeur</span> -– Voltaire.</p> - -<p>Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den <em>Wert der -Zivilisation</em>. Die <em>soziale Erfindung</em>, die schönste, die -es für Voltaire gibt: es gibt kein höheres Ziel, als sie zu -unterhalten und zu vervollkommnen; eben das ist die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêteté</span>, -die sozialen Gebräuche zu achten; Tugend ein Gehorsam -gegen gewisse notwendige „Vorurteile“ zugunsten der -Erhaltung der „Gesellschaft“. <em>Kultur-Missionär</em>, Aristokrat, -Vertreter der siegreichen, herrschenden Stände und -ihrer Wertungen. Aber Rousseau blieb <em>Plebejer</em>, auch als -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">homme de lettres</span>, das war <em>unerhört</em>; seine unverschämte -Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[Pg 7]</a></span></p> - -<p>Das <em>Krankhafte</em> an Rousseau am meisten bewundert -und <em>nachgeahmt</em>. (Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu -erhabenen Attitüden aufschraubend, zum rankünösen Groll; -Zeichen der „Gemeinheit“; später, durch <em>Venedig</em> ins -Gleichgewicht gebracht, begriff er, was <em>mehr erleichtert</em> -und <em>wohltut</em>, .... <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'insouciance</span>.)</p> - -<p>Rousseau ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz -seiner Herkunft; aber er gerät außer sich, wenn man ihn -daran erinnert ....</p> - -<p>Bei Rousseau unzweifelhaft die <em>Geistesstörung</em>, bei -Voltaire eine ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die -<em>Ranküne des Kranken</em>; die Zeiten seines Irrsinns auch -die seiner Menschenverachtung und seines Mißtrauens.</p> - -<p>Die Verteidigung der <em>Providenz</em> durch Rousseau (gegen -den Pessimismus Voltaires): er <em>brauchte</em> Gott, um den -Fluch auf die Gesellschaft und die Zivilisation werfen zu -können; alles mußte an sich gut sein, da Gott es geschaffen; -<em>nur der Mensch hat den Menschen verdorben</em>. Der -„gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie; -aber mit dem Dogma von der Autorschaft Gottes etwas -Wahrscheinliches und Begründetes.</p> - -<p><em>Romantik</em> <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> <em>Rousseau</em>: die Leidenschaft („das souveräne -Recht der Passion“); die „Natürlichkeit“; die Faszination -der Verrücktheit (die Narrheit zur Größe gerechnet); -die unsinnige Eitelkeit des Schwachen; die Pöbel-Ranküne -als <em>Richterin</em> („in der Politik hat man seit hundert -Jahren einen Kranken als Führer genommen“).</p> - - -<h4>8.</h4> - -<p>Die <em>beiden großen Tentativen</em>, die gemacht worden -sind, das 18. Jahrhundert zu überwinden:</p> - -<p class="list"><em>Napoleon</em>, indem er den Mann, den Soldaten und den -großen Kampf um Macht wieder aufweckte – Europa -als politische Einheit konzipierend;</p> - -<p class="list"><em>Goethe</em>, indem er eine europäische Kultur imaginierte, -die die volle Erbschaft der schon <em>erreichten</em> Humanität -macht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[Pg 8]</a></span></p> - -<p>Die deutsche Kultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen -– in der Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende -Element Goethe –</p> - - -<h4>9.</h4> - -<p><em>Schopenhauer als Nachschlag (Zustand vor der Revolution)</em>: -– Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des -Willens, Katholizismus der geistigsten Begierden – das ist -gutes achtzehntes Jahrhundert <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span>.</p> - -<p><em>Schopenhauers</em> Grundmißverständnis des <em>Willens</em> -(wie als ob Begierde, Instinkt, Trieb das <em>Wesentliche</em> am -Willen sei) ist typisch: Werterniedrigung des Willens bis -zur Verkennung. Insgleichen Haß gegen das Wollen; Versuch, -in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjektsein <em>ohne</em> Ziel -und Absicht“ (im „reinen willensfreien Subjekt“) etwas -Höheres, <em>ja das</em> Höhere, das Wertvolle zu sehen. Großes -Symptom der <em>Ermüdung</em> oder der <em>Schwäche</em> des <em>Willens</em>: -denn dieser ist ganz eigentlich das, was die Begierden -als Herr behandelt, ihnen Weg und Maß weist....</p> - - -<h4>10.</h4> - -<p>Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all -seinem robusten Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat -er sich nicht von dem Moral-Illusionismus frei zu machen -gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und sich nicht eingestehen -will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der Metamorphose -des „Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie -fehlt. Auf der ersten verlangt man Gerechtigkeit von Seiten -derer, welche die Macht haben. Auf der zweiten sagt man -„Freiheit“, das heißt, man will „loskommen“ von denen, -welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man „<em>gleiche -Rechte</em>“, das heißt, man will, so lange man noch nicht das -Übergewicht hat, auch die Mitbewerber hindern, in der Macht -zu wachsen.</p> - - -<h4>11.</h4> - -<p><em>Kritik des modernen Menschen</em>: – „der gute -Mensch“, nur verdorben und verführt durch schlechte Institutionen -(Tyrannen und Priester); – die Vernunft als<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[Pg 9]</a></span> -Autorität; – die Geschichte als Überwindung von Irrtümern; -– die Zukunft als Fortschritt; – der christliche -Staat („der Gott der Heerscharen“); – der christliche Geschlechtsbetrieb -(oder die Ehe); – das Reich der „Gerechtigkeit“ -(der Kultus der „Menschheit“); – die „Freiheit“.</p> - -<p>Die <em>romantische</em> Attitüde des modernen Menschen: – -der edle Mensch (Byron, Victor Hugo, George Sand); – -die edle Entrüstung; – die Heiligung durch die Leidenschaft -(als wahre „Natur“); – die Parteinahme für die -Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto der Historiker -und Romanziers; – die Stoiker der Pflicht; – -die „Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntnis; – der -Altruismus als verlogenste Form des Egoismus (Utilitarismus), -gefühlsamster Egoismus.</p> - -<p>Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen -<em>nicht</em> sich aus ihm vererbt hat: die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">insouciance</span>, die Heiterkeit, -die Eleganz, die geistige Helligkeit. Das Tempo des -Geistes hat sich verändert; der Genuß an der geistigen Feinheit -und Klarheit ist dem Genuß an der Farbe, Harmonie, -Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im Geistigen. -Kurz, es ist das achtzehnte Jahrhundert <em>Rousseaus</em>.</p> - - -<h4>12.</h4> - -<p>Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung -waren: wir haben an der Jugend selber gelitten wie an einer -schweren Krankheit. Das macht die Zeit, in die wir geworfen -sind – die Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles, -welche mit allen ihren Schwächen und noch -mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegenwirkt. -Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist -dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem -Glauben an sich: man lebt für morgen, denn das Übermorgen -ist zweifelhaft. Es ist alles glatt und gefährlich auf unserer -Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so -dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen -Atem des Tauwindes – wo wir noch gehen, da wird bald -niemand mehr gehen <em>können</em>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[Pg 10]</a></span></p> - - -<h4>13.<br /> - -<span class="normal3 gesperrt">Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.</span></h4> - -<p>Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ –</p> - -<p>Der Niedergang der Familie.</p> - -<p>Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.</p> - -<p>Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung).</p> - -<p>Geilheit und Neurose.</p> - -<p>Der Anarchist.</p> - -<p>Menschenverachtung, Ekel.</p> - -<p>Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß -schöpferisch wird? Ersterer erzeugt die <em>Ideale der Romantik</em>. -–</p> - -<p>Nordische Unnatürlichkeit.</p> - -<p>Das Bedürfnis nach <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Alcoholica</span>: die Arbeiter-„Not“.</p> - -<p>Der philosophische Nihilismus.</p> - - -<h4>14.</h4> - -<p>Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren -und niederen Stände (eingerechnet der niederen Art -Geist und Leib), welches schon vor der französischen Revolution -reichlich präludiert und ohne Revolution ebenfalls -seinen Weg vorwärts gemacht hätte, – im Ganzen also das -Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel – -bringt mit sich</p> - -<p>1. Verdüsterung des Geistes (– das Beieinander eines -stoischen und frivolen <em>Anscheins</em> von Glück, wie es vornehmen -Kulturen eigen ist, nimmt ab; man läßt viele Leiden -<em>sehen</em> und <em>hören</em>, welche man früher ertrug und verbarg);</p> - -<p>2. die <em>moralische</em> Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral -<em>auszeichnen</em> zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden: -Mitleid, Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem -Herden-Vermögen erkannt und gewürdigt werden);</p> - -<p>3. eine <em>wirkliche</em> große Menge von Mitleiden und Mitfreude -(das Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[Pg 11]</a></span> -alle Herdentiere haben – „Gemeinsinn“, „Vaterland“, -alles, wo das Individuum nicht in Betracht kommt).</p> - - -<h4>15.</h4> - -<p>Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt -und der Wille der <em>Tradition</em>: alle Institutionen, -die diesem Instinkt ihre Herkunft verdanken, gehen dem -modernen Geiste wider den Geschmack.... Im Grunde denkt -und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte, diesen -Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen. -Man nimmt die Tradition als Fatalität; man studiert sie, -man erkennt sie an (als „Erblichkeit“ –), aber man <em>will</em> -sie nicht. Die Anspannung eines Willens über lange Zeitfernen -hin, die Auswahl der Zustände und Wertungen, -welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft -verfügen kann – das gerade ist im höchsten Maße antimodern. -Woraus sich ergibt, daß die <em>desorganisierenden</em> -Prinzipien unserem Zeitalter den Charakter geben. –</p> - - -<h4>16.</h4> - -<p>Die ehemaligen Mittel, <em>gleichartige</em>, dauernde Wesen -durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, -Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und -Heroen-Glaubens als der Ahnherren).</p> - -<p>Jetzt gehört die <em>Zersplitterung des Grundbesitzes</em> in -die entgegengesetzte Tendenz: eine <em>Zeitung</em> (an Stelle der -täglichen <em>Gebete</em>), Eisenbahn, Telegraph. Zentralisation -einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in einer -Seele: die <em>dazu</em> sehr stark und verwandlungsfähig sein muß.</p> - - -<h4>17.</h4> - -<p>Die „<em>Modernität</em>“ unter dem Gleichnis von Ernährung -und Verdauung. –</p> - -<p>Die Sensibilität unsäglich reizbarer (– unter moralistischem -Aufputz: die Vermehrung des <em>Mitleids</em> –); die -Fülle disparater Eindrücke größer als je: – der <em>Kosmopolitismus</em> -der Speisen, der Literaturen, Zeitungen, Formen, -Geschmäcker, selbst Landschaften. Das <em>Tempo</em> dieser<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[Pg 12]</a></span> -Einströmung ein <em>Prestissimo</em>; die Eindrücke wischen sich -aus; man wehrt sich instinktiv, etwas hereinzunehmen, <em>tief</em> -zu nehmen, etwas zu „verdauen“; – Schwächung der Verdauungskraft -resultiert daraus. Eine Art <em>Anpassung</em> an -diese Überhäufung mit Eindrücken tritt ein: der Mensch verlernt -zu <em>agieren</em>; <em>er reagiert nur noch</em> auf Erregungen -von außen her. Er <em>gibt seine Kraft aus</em> teils in der <em>Aneignung</em>, -teils in der <em>Verteidigung</em>, teils in der <em>Entgegnung</em>. -<em>Tiefe Schwächung der Spontaneität</em>: – der -Historiker, Kritiker, Analytiker, der Interpret, der Beobachter, -der Sammler, der Leser, – alles <em>reaktive</em> Talente, -– alle Wissenschaft!</p> - -<p>Künstliche <em>Zurechtmachung</em> seiner Natur zum „Spiegel“; -interessiert, aber gleichsam bloß epidermal-interessiert; -eine grundsätzliche Kühle, ein Gleichgewicht, eine festgehaltene -<em>niedere</em> Temperatur dicht unter der dünnen Fläche, -auf der es Wärme, Bewegung, „Sturm“, Wellenspiel gibt.</p> - -<p>Gegensatz der <em>äußeren</em> Beweglichkeit zu einer gewissen -<em>tiefen Schwere und Müdigkeit</em>.</p> - - -<h4>18.</h4> - -<p>Die <em>Zuchtlosigkeit des modernen Geistes</em> unter allerhand -moralischem Aufputz. – Die Prunkworte sind: die -Toleranz (für „Unfähigkeit zu Ja und Nein“); <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la largeur -de sympathie</span> (= ein Drittel Indifferenz, ein Drittel Neugierde, -ein Drittel krankhafte Erregbarkeit); die „Objektivität“ -(= Mangel an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit -zur „Liebe“); die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik); -die „Wahrheit“ gegen die Fälscherei und Lügnerei (Naturalismus); -die „Wissenschaftlichkeit“ (das „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">document humain</span>“: -auf Deutsch der Kolportageroman und die Addition -– statt der Komposition); die „Leidenschaft“ an Stelle -der Unordnung und der Unmäßigkeit; die „Tiefe“ an Stelle -der Verworrenheit, des Symbolen-Wirrwarrs.</p> - - -<h4>19.</h4> - -<p>Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">tout comprendre c'est tout pardonner</span> verliebt hat. Es<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[Pg 13]</a></span> -sind die Schwachen, es sind vor allem die Enttäuschten: -wenn es an allem etwas zu verzeihen gibt, so gibt es auch -an allem etwas zu verachten! Es ist die Philosophie der Enttäuschung, -die sich hier so human in Mitleiden einwickelt und -süß blickt.</p> - -<p>Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten ging: nun -wollen sie wenigstens noch <em>zusehen</em>, wie alles läuft und verläuft. -Sie nennen's <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'art pour l'art</span>, „Objektivität“ usw.</p> - - -<h4>20.</h4> - -<p>Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl – unsere <em>modernen -Laster</em>.</p> - - -<h4>21.</h4> - -<p>Wohin gehört unsre moderne Welt: in die Erschöpfung -oder in den Aufgang? – Ihre Vielheit und Unruhe bedingt -durch die höchste Form des <em>Bewußtwerdens</em>.</p> - - -<h4>22.</h4> - -<p>Die Deutschen <em>sind</em> noch nichts, aber sie <em>werden</em> etwas; -also haben sie noch keine Kultur, – also können sie noch -keine Kultur haben! Das ist mein Satz: mag sich daran -stoßen, wer es muß. – Sie sind noch nichts: das heißt, sie -sind allerlei. Sie <em>werden</em> etwas: das heißt, sie hören einmal -auf, allerlei zu sein. Das letzte ist im Grunde nur ein -Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicherweise ein -Wunsch, auf dem man leben kann, eine Sache des Willens, -der Arbeit, der Zucht, der Züchtung so gut, als eine Sache -des Unwillens, des Verlangens, der Entbehrung, des Unbehagens, -ja der Erbitterung, – kurz, wir Deutschen <em>wollen</em> -etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte – wir -wollen etwas <em>mehr</em>!</p> - -<p>Daß diesem „Deutschen, wie er noch nicht ist“ – etwas -Besseres zukommt, als die heutige deutsche „Bildung“; daß -alle „Werdenden“ ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit -auf diesem Bereiche, ein dreistes „Sich-zur-Ruhe-setzen“ -oder „Sich-selbst-anräuchern“ wahrnehmen: das ist -mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht umgelernt -habe.</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[Pg 14]</a></span></p> - - - - -<h3>2. Wesen und Ursache.</h3> - - -<h4>23.</h4> - -<p>Was bedeutet Nihilismus? – <em>Daß die obersten Werte -sich entwerten.</em> Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf -das „Warum?“</p> - - -<h4>24.</h4> - -<p>Der <em>radikale Nihilismus</em> ist die Überzeugung einer absoluten -Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die -höchsten Werte, die man anerkennt, handelt; hinzugerechnet -die <em>Einsicht</em>, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein -Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das „göttlich“, -das leibhafte Moral sei.</p> - -<p>Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“: -somit selbst eine Folge des Glaubens an die -Moral.</p> - - -<h4>25.</h4> - -<p>Nihilismus. Er ist <em>zweideutig</em>:</p> - -<p><span class="antiqua">A.</span> Nihilismus als Zeichen der <em>gesteigerten Macht des -Geistes</em>: <em>der aktive Nihilismus</em>.</p> - -<p><span class="antiqua">B.</span> Nihilismus als <em>Niedergang und Rückgang der -Macht des Geistes</em>: <em>der passive Nihilismus</em>.</p> - - -<h4>26.</h4> - -<p>Der Nihilismus ein <em>normaler</em> Zustand.</p> - -<p>Er kann ein Zeichen von <em>Stärke</em> sein, die Kraft des Geistes -kann so angewachsen sein, daß ihr die <em>bisherigen</em> Ziele -(„Überzeugungen“, Glaubensartikel) unangemessen sind (– -ein Glaube nämlich drückt im allgemeinen den Zwang von -<em>Existenzbedingungen</em> aus, eine Unterwerfung unter die -Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen <em>gedeiht, -wächst, Macht gewinnt</em>....); andrerseits ein Zeichen -von <em>nicht genügender Stärke</em>, um produktiv sich nun -auch wieder ein Ziel, ein Warum, einen Glauben zu <em>setzen</em>.</p> - -<p>Sein <em>Maximum</em> von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige -Kraft der <em>Zerstörung</em>: als <em>aktiver Nihilismus</em>.</p> - -<p>Sein Gegensatz wäre der <em>müde</em> Nihilismus, der nicht<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[Pg 15]</a></span> -mehr <em>angreift</em>: seine berühmteste Form der Buddhismus: -als <em>passivischer</em> Nihilismus, als ein Zeichen von Schwäche: -die Kraft des Geistes kann ermüdet, <em>erschöpft</em> sein, so daß -die <em>bisherigen</em> Ziele und Werte unangemessen sind und -keinen Glauben mehr finden –, daß die Synthesis der -Werte und Ziele (auf der jede starke Kultur beruht) sich löst, -so daß die einzelnen Werte sich Krieg machen: <em>Zersetzung</em> -–, daß alles, was erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den -Vordergrund tritt, unter verschiedenen <em>Verkleidungen</em>, religiös -oder moralisch, oder politisch, oder ästhetisch usw.</p> - - -<h4>27.</h4> - -<p>Der Nihilismus stellt einen pathologischen <em>Zwischenzustand</em> -dar (pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung, -der Schluß auf <em>gar keinen Sinn</em>): sei es, daß die -produktiven Kräfte noch nicht stark genug sind, – sei es, -daß die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> noch zögert und ihre Hilfsmittel noch -nicht erfunden hat.</p> - -<p><em>Voraussetzung dieser Hypothese</em>: – Daß es <em>keine -Wahrheit</em> gibt; daß es keine absolute Beschaffenheit der -Dinge, kein „Ding an sich“ gibt. – <em>Dies ist selbst nur -Nihilismus, und zwar der extremste.</em> Er legt den -<em>Wert</em> der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten <em>keine</em> -Realität entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein -Symptom von Kraft auf Seiten der <em>Wert-Ansetzer</em> sind, -eine Simplifikation zum <em>Zweck des Lebens</em>.</p> - - -<h4>28.</h4> - -<p>Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen -Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel <em>von außen -her</em> gestellt, gegeben, gefordert schien – nämlich durch irgendeine -<em>übermenschliche Autorität</em>. Nachdem man verlernt -hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter Gewöhnung -nach einer <em>anderen</em> Autorität, welche <em>unbedingt -zu reden wüßte</em> und Ziele und Aufgaben <em>befehlen könnte</em>. -Die Autorität des <em>Gewissens</em> tritt jetzt in erster Linie (je -mehr emanzipiert von der Theologie, um so imperativischer -wird die <em>Moral</em>) als Schadenersatz für eine <em>persönliche</em><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[Pg 16]</a></span> -Autorität. Oder die Autorität der <em>Vernunft</em>. Oder der <em>soziale -Instinkt</em> (die Herde). Oder die <em>Historie</em> mit einem -immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man -sich <em>überlassen kann</em>. Man möchte <em>herumkommen</em> um -den <em>Willen</em>, um das <em>Wollen</em> eines Zieles, um das Risiko, -<em>sich selbst</em> ein Ziel zu geben; man möchte die Verantwortung -abwälzen (– man würde den <em>Fatalismus</em> akzeptieren). -Endlich: <em>Glück</em>, und, mit einiger Tartüfferie, das -<em>Glück der Meisten</em>.</p> - -<p>Man sagt sich</p> - -<p>1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig,</p> - -<p>2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.</p> - -<p>Gerade jetzt, wo der <em>Wille</em> in der <em>höchsten Kraft nötig</em> -wäre, ist er am <em>schwächsten</em> und <em>kleinmütigsten</em>. <em>Absolutes -Mißtrauen gegen die organisatorische Kraft</em> des -Willens <em>fürs Ganze</em>.</p> - - -<h4>29.</h4> - -<p>Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über -das „Umsonst!“ und nicht nur der Glaube, daß alles wert -ist, zugrunde zu gehen: man legt Hand an, man <em>richtet zugrunde</em>.... -Das ist, wenn man will, <em>unlogisch</em>: aber der -Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu sein.... Es -ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist -es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben: -– das <em>Nein der Tat</em> kommt aus ihrer Natur. Der -Vernichtsung durch das Urteil sekundiert die Vernichtsung -durch die Hand.</p> - - -<h4>30.</h4> - -<p><em>Zur Genesis des Nihilisten.</em> – Man hat nur spät -den Mut zu dem, was man eigentlich <em>weiß</em>. Daß ich von -Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst -seit kurzem eingestanden: die Energie, der Radikalismus, -mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich über -diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht, -so scheint es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser -Glaubensgrundsatz ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[Pg 17]</a></span></p> - - -<h4>31.</h4> - -<p>Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles -Geschehen sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses -und umsonstiges Sein geben. Aber woher dieses: Es -sollte nicht? Aber woher nimmt man <em>diesen</em> „Sinn“, <em>dieses</em> -Maß? – Der Nihilist meint im Grunde, der Hinblick -auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen Philosophen -<em>unbefriedigend</em>, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht -widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen. -Es läuft auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter -des Daseins <em>müßte dem Philosophen Vergnügen -machen</em>, wenn anders es zu Recht bestehen soll....</p> - -<p>Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust -innerhalb des Geschehens nur den Sinn von <em>Mitteln</em> haben -können: es bliebe übrig, zu fragen, ob wir den „Sinn“, -„Zweck“ überhaupt sehen <em>könnten</em>, ob nicht die Frage der -Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist. –</p> - - -<h4>32.</h4> - -<p><em>Die Arten der Selbstbetäubung.</em> – Im Innersten: -nicht wissen, wohinaus? <em>Leere.</em> Versuch, mit Rausch darüber -hinwegzukommen: Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit -im tragischen Genuß des Zugrundegehens des Edelsten, -Rausch als blinde Schwärmerei für einzelne <em>Menschen</em> oder -<em>Zeiten</em> (als Haß usw.). – Versuch, besinnungslos zu arbeiten, -als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge offen -machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch -als Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung -über sich zu generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik, -der wollüstige <em>Genuß</em> der ewigen Leere; die Kunst „um -ihrer selber willen“ („<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le fait</span>“), das „reine Erkennen“ als -Narkosen des Ekels an <em>sich</em> selber; irgend welche beständige -Arbeit, <em>irgend</em>ein kleiner dummer Fanatismus; das Durcheinander -aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit -(die Ausschweifung tötet das Vergnügen).</p> - -<p>1. Willensschwäche als Resultat.</p> - -<p>2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche -im Kontrast <em>gefühlt</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[Pg 18]</a></span></p> - - -<h4>33.</h4> - -<p>Der <em>unvollständige</em> Nihilismus, seine Formen: wir -leben mitten drin.</p> - -<p>Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, <em>ohne</em> die bisherigen -Werte umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor, -verschärfen das Problem.</p> - - -<h4>34.</h4> - -<p>1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns -dieser unheimlichste aller Gäste? – Ausgangspunkt: es ist -ein <em>Irrtum</em>, auf „soziale Notstände“ oder „physiologische -Entartungen“ oder gar auf Korruption hinzuweisen als <em>Ursache</em> -des Nihilismus. Es ist die honnetteste, mitfühlendste -Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich -durchaus nicht vermögend, Nihilismus (das heißt, die radikale -Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen. -Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene -Ausdeutungen. Sondern: in einer <em>ganz bestimmten -Ausdeutung</em>, in der christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.</p> - -<p>2. Der Untergang des Christentums – an seiner <em>Moral</em> -(die unablösbar ist –), welche sich gegen den christlichen -Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum -hoch entwickelt, bekommt <em>Ekel</em> vor der Falschheit -und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung. -Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den fanatischen -Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der <em>Tat</em>...).</p> - -<p>3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang -der <em>moralischen</em> Weltauslegung, die keine <em>Sanktion</em> -mehr hat, nachdem sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit -zu flüchten: endet in Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“ -(die Undurchführbarkeit einer Weltauslegung, der ungeheure -Kraft gewidmet worden ist – erweckt das Mißtrauen, ob -nicht <em>alle</em> Weltauslegungen falsch sind –). Buddhistischer -Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat -nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb -ist bei ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein -als Strafe, Dasein als Irrtum kombiniert, der Irrtum<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[Pg 19]</a></span> -also als Strafe – eine moralische Wertschätzung). Die philosophischen -Versuche, den „moralischen Gott“ zu überwinden -(Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen -Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus -von „wahr“ und „schön“ und „gut“ – –</p> - -<p>4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen -Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft -und Philosophie bisher unter moralischen Urteilen stand? -und ob man nicht die Feindschaft der Wissenschaft mit in -den Kauf bekommt? Oder die Antiwissenschaftlichkeit? Kritik -des Spinozismus. Die christlichen Werturteile überall -in den sozialistischen und positivistischen Systemen rückständig. -Es fehlt eine <em>Kritik der christlichen Moral</em>.</p> - -<p>5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft -(nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen). -Aus ihrem Betriebe <em>folgt</em> endlich eine Selbstzersetzung, -eine Wendung gegen <em>sich</em>, eine Antiwissenschaftlichkeit. -Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum -ins <span class="antiqua">x</span>.</p> - -<p>6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und -volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade -zur Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit, -Erbärmlichkeit, Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus. -Der Anarchismus usw. Strafe. Es fehlt der <em>erlösende</em> -Stand und Mensch, die Rechtfertiger –</p> - -<p>7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der -„<em>praktischen</em> Historiker“, das heißt der Romantiker. Die -Stellung der Kunst: absolute Unoriginalität ihrer Stellung -in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung. Goethes angebliches -Olympiertum.</p> - -<p>8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik -(Wagners Nibelungen-Schluß).</p> - - -<h4>35.</h4> - -<p>Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit -der <em>modernen</em> Welt, – nicht <em>der</em> Welt und <em>des</em> -Daseins.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[Pg 20]</a></span></p> - - -<h4>36.</h4> - -<p>Das <em>allgemeinste Zeichen der modernen Zeit</em>: der -Mensch hat in seinen eigenen Augen unglaublich an <em>Würde</em> -eingebüßt. Lange als Mittelpunkt und Tragödienheld des -Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich als verwandt -mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite -des Daseins zu beweisen – wie es alle Metaphysiker tun, -die die <em>Würde des Menschen</em> festhalten wollen, mit ihrem -Glauben, daß die moralischen Werte kardinale Werte sind. -Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger am Glauben an -die Moral fest.</p> - - -<h4>37.</h4> - -<p>Ursachen für die <em>Heraufkunft des Pessimismus</em>:</p> - -<p>1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des -Lebens bisher <em>verleumdet</em> sind, so daß das Leben einen -Fluch über sich hat;</p> - -<p>2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das -kühnere Mißtrauen des Menschen die <em>Unablösbarkeit dieser -Instinkte</em> vom Leben begreift und dem Leben sich entgegenwendet;</p> - -<p>3. daß nur die <em>Mittelmäßigsten</em>, die jenen Konflikt gar -nicht <em>fühlen</em>, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde -der Entartung gegen sich einnimmt, – daß andererseits -das Mittelmäßige, sich als Ziel und Sinn gebend, <em>indigniert</em> -(– daß niemand <em>ein Wozu</em>? mehr beantworten -kann –);</p> - -<p>4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe, -die Hast, das Gewimmel beständig zunimmt, – daß -die <em>Vergegenwärtigung</em> dieses ganzen Treibens, der sogenannten -„Zivilisation“, immer leichter wird, daß der einzelne -angesichts dieser ungeheuren Maschinerie <em>verzagt</em> und -sich <em>unterwirft</em>.</p> - - -<h4>38.</h4> - -<p>Welche <em>Vorteile</em> bot die christliche Moralhypothese?</p> - -<p>1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten <em>Wert</em>, im -Gegensatz zu seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des -Werdens und Vergehens;</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[Pg 21]</a></span></p> - -<p>2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt -trotz Leid und Übel den Charakter der <em>Vollkommenheit</em> -ließ, – eingerechnet jene „Freiheit“ – das Übel erschien -voller <em>Sinn</em>;</p> - -<p>3. sie setzte ein <em>Wissen</em> um absolute Werte beim Menschen -an und gab ihm somit gerade für das Wichtigste <em>adäquate -Erkenntnis</em>;</p> - -<p>4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete, -daß er gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen -verzweifelte: sie war ein <em>Erhaltungsmittel</em>.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: Moral war das große <em>Gegenmittel</em> gegen -den praktischen und theoretischen <em>Nihilismus</em>.</p> - - -<h4>39.</h4> - -<p>Die Zeit kommt, wo wir dafür <em>bezahlen</em> müssen, zwei -Jahrtausende lang <em>Christen</em> gewesen zu sein: wir verlieren -das <em>Schwergewicht</em>, das uns leben ließ, – wir wissen -eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir stürzen jählings in -die <em>entgegengesetzten</em> Wertungen, mit dem gleichen Maße -von Energie, das eben eine solche extreme <em>Überwertung</em> -des Menschen im Menschen erzeugt hat.</p> - -<p>Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, -schwach oder überspannt:</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) man versucht eine Art von <em>irdischer Lösung</em>, aber im -gleichen Sinne, in dem des <em>schließlichen Triumphs</em> von -Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit -der Person“);</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) man versucht ebenfalls das <em>Moral-Ideal</em> festzuhalten -(mit dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung, -der Willensverneinung);</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es -auch nur als antilogisches <span class="antiqua">x</span>; aber man deutet es sofort so -aus, daß eine Art metaphysischer Trost alten Stils aus ihm -gezogen werden kann;</p> - -<p><span class="antiqua">d</span>) man versucht die <em>göttliche Leitung alten Stils</em>, die -belohnende, bestrafende, erziehende, zum <em>Besseren</em> führende -Ordnung der Dinge aus dem Geschehen herauszulesen;</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[Pg 22]</a></span></p> - -<p><span class="antiqua">e</span>) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß -man den Sieg des Guten und die Vernichtung des Bösen als -<em>Aufgabe</em> empfindet (– das ist englisch, typischer Fall der -Flachkopf John Stuart Mill);</p> - -<p><span class="antiqua">f</span>) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>: Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als -Folge einer Entpersönlichung und als <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">désintéressement</span> zu -verstehen;</p> - -<p><span class="antiqua">g</span>) man erlaubt der <em>Kirche</em>, sich immer noch in alle wesentlichen -Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, -um ihnen <em>Weihe</em>, <em>höheren Sinn</em> zu geben: -wir haben noch immer den „christlichen Staat“, die „christliche -Ehe“ –</p> - - -<h4>40.</h4> - -<p>Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die -<em>Wahrhaftigkeit</em>: <em>diese</em> wendet sich endlich gegen die Moral, -entdeckt ihre <em>Teleologie</em>, ihre <em>interessierte</em> Betrachtung -– und jetzt wirkt die <em>Einsicht</em> in diese lange eingefleischte -Verlogenheit, die man verzweifelt, von sich abzutun, -gerade als Stimulans. Wir konstatieren jetzt Bedürfnisse -an uns, gepflanzt durch die lange Moral-Interpretation, -welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren erscheinen: -andererseits sind es die, an denen der Wert zu -hängen scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser -Antagonismus – das, was wir erkennen, <em>nicht</em> zu schätzen -und das, was wir uns vorlügen möchten, nicht mehr schätzen -zu <em>dürfen</em> – ergibt einen Auflösungsprozeß.</p> - - -<h4>41.</h4> - -<p>Dies ist die <em>Antinomie</em>:</p> - -<p>Sofern wir an die Moral glauben, <em>verurteilen</em> wir das -Dasein.</p> - - -<h4>42.</h4> - -<p>Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben -<em>sollte</em>, namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über -ihn verfügten, – diese <em>sozialen Werte</em> hat man zum -Zweck ihrer <em>Tonverstärkung</em>, wie als ob sie Kommandos<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[Pg 23]</a></span> -Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als Hoffnung -und <em>zukünftige</em> Welt über dem Menschen aufgebaut. -Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird, -scheint uns das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden, -– aber das ist nur ein <em>Zwischenzustand</em>.</p> - - -<h4>43.</h4> - -<p><em>Ursachen des Nihilismus</em>:</p> - -<p>1. <em>Es fehlt die höhere Spezies</em>, das heißt die, deren -unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den -Menschen aufrecht erhält. (Man denke, was man Napoleon -verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts.)</p> - -<p>2. <em>Die niedere Spezies</em> („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“) -verlernt die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse -zu <em>kosmischen</em> und <em>metaphysischen</em> Werten auf. -Dadurch wird das ganze Dasein <em>vulgarisiert</em>: insofern -nämlich die <em>Masse</em> herrscht, tyrannisiert sie die <em>Ausnahmen</em>, -so daß diese den Glauben an sich verlieren und <em>Nihilisten</em> -werden.</p> - -<p>Alle Versuche, <em>höhere Typen auszudenken</em>, <em>manquiert</em> -(„Romantik“; der Künstler, der Philosoph; gegen -Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerte zuzulegen).</p> - -<p><em>Widerstand</em> gegen höhere Typen als Resultat.</p> - -<p><em>Niedergang</em> und <em>Unsicherheit aller höheren Typen</em>. -Der Kampf gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid -mit den Niederen und Leidenden als <em>Maßstab</em> für die -<em>Höhe der Seele</em>.</p> - -<p>Es <em>fehlt der Philosoph</em>, der Ausdeuter der Tat, <em>nicht</em> -nur der Umdichter.</p> - - -<h4>44.</h4> - -<p>Die <em>nihilistische</em> Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit) -als Folge der moralischen Wertschätzung: – <em>das -Egoistische ist uns verleidet</em> (selbst nach der Einsicht in -die Unmöglichkeit des Unegoistischen); – <em>das Notwendige -ist uns verleidet</em> (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit -eines <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">liberum arbitrium</span> und einer „intelligiblen Frei<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[Pg 24]</a></span>heit“). -Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere -Werte gelegt haben, nicht erreichen – damit hat die andere -Sphäre, in der wir leben, noch <em>keineswegs</em> an Wert gewonnen: -im Gegenteil, wir sind <em>müde</em>, weil wir den Hauptantrieb -verloren haben. „Umsonst bisher!“</p> - - -<h4>45.</h4> - -<p>Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem -Betracht unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben: -redet überall von „<em>Pessimismus</em>“, man kämpft um die -Frage, auf die es Antworten geben müsse, wer recht habe, -der Pessimismus oder der Optimismus.</p> - -<p>Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen: -daß Pessimismus kein Problem, sondern ein <em>Symptom</em> -ist, – daß der Name ersetzt werden müsse durch „<em>Nihilismus</em>“, -– daß die Frage, ob Nichtsein besser ist als -Sein, selbst schon eine Krankheit, ein Niedergangsanzeichen, -eine Idiosynkrasie ist.</p> - -<p>Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p> - - -<h4>46.</h4> - -<p>Grundeinsicht über das Wesen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: <em>was man -bisher als deren Ursachen angesehen hat, sind deren -Folgen</em>.</p> - -<p>Damit verändert sich die ganze Perspektive <em>der moralischen -Probleme</em>.</p> - -<p>Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen, -selbst Krankheit erscheint als Naivität, als überflüssig: – -es gibt keine „<em>Besserung</em>“ (gegen die <em>Reue</em>).</p> - -<p>Die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> selbst ist nichts, <em>was zu bekämpfen -wäre</em>: sie ist absolut notwendig und jeder Zeit und jedem -Volk eigen. <em>Was</em> mit aller Kraft zu bekämpfen ist, das ist -die Einschleppung des Kontagiums in die gesunden Teile des -Organismus.</p> - -<p>Tut man das? Man tut das <em>Gegenteil</em>. Genau darum -bemüht man sich seitens der <em>Humanität</em>.</p> - -<p>– Wie verhalten sich zu dieser <em>biologischen</em> Grundfrage<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[Pg 25]</a></span> -die bisherigen <em>obersten Werte</em>? Die Philosophie, die Religion, -die Moral, die Kunst usw.</p> - -<p>(Die Kur: zum Beispiel der <em>Militarismus</em>, von Napoleon -an, der in der Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)</p> - - -<h4>47.</h4> - -<p><em>Zum Begriff</em> „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>“.</p> - -<p>1. Die Skepsis ist eine Folge der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: ebenso wie -die Libertinage des Geistes.</p> - -<p>2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> -(Schwäche des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).</p> - -<p>3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen, -verändern nicht den Gang der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, sie halten nicht -auf, sie sind physiologisch <em>null</em> – :</p> - -<p>Einsicht in die <em>große Nullität</em> dieser anmaßlichen „Reaktionen“; -es sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse -fatale Folgeerscheinungen; sie bringen das morbide -Element nicht heraus; sie sind oft heroische Versuche, den -Menschen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> zu annullieren, ein Minimum -seiner <em>Schädlichkeit</em> durchzusetzen.</p> - -<p>4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik -der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p> - -<p>5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen -der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.</p> - -<p>6. <em>Die soziale Frage</em> ist eine Folge der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p> - -<p>7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten, -sind Anzeichen, daß die <em>Defensiv</em>kraft der -starken Natur fehlt; ebendafür spricht die Irritabilität, so -daß <em>Lust</em> und <em>Unlust</em> die Vordergrundsprobleme werden.</p> - - -<h4>48.<br /> - -<span class="normal3">Allgemeinste Typen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>:</span></h4> - -<p>1. Man wählt im <em>Glauben</em>, Heilmittel zu wählen, das, -was die Erschöpfung beschleunigt; – dahin gehört das Christentum -(um den größten Fall des fehlgreifenden Instinkts -zu nennen); – dahin gehört der „Fortschritt“ –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[Pg 26]</a></span></p> - -<p>2. Man verliert die <em>Widerstandskraft</em> gegen die Reize, -– man wird bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und -vergrößert die Erlebnisse ins Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“, -eine Disgregation des Willens; – dahin gehört -eine ganze Art Moral, die altruistische, die, welche das -Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die -Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie <em>mitklingt</em> und -wie eine überreizte Saite beständig zittert.... eine extreme -Irritabilität....</p> - -<p>3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht -die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> nicht als physiologisch und sieht in ihren -Folgen die eigentliche Ursache des Sich-schlecht-befindens; -– dahin gehört die ganze religiöse Moral....</p> - -<p>4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet: -das Leben wird tatsächlich als Grund zu <em>Übeln</em> empfunden, -– man taxiert die <em>bewußtlosen</em>, gefühllosen Zustände -(Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich wertvoller, als die bewußten; -daraus eine <em>Methodik</em>....</p> - - -<h4>49.</h4> - -<p>Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die -<em>Krankhaftigkeit</em>: die Unkraft im Widerstande gegen die -Gefahr schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene -Widerstandskraft; <em>moralisch</em> ausgedrückt: die Resignation -und Demut vor dem Feinde.</p> - -<p>Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten -Werte der bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit -den Werten der Geschwächten, <em>Geisteskranken</em> und <em>Neurastheniker</em> -vergleichen kann: sie stellen in einer milderen -Form <em>dieselben Übel</em> dar....</p> - -<p>Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem -Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als -normal schlecht sichtbar sind, zeigen....</p> - -<p><em>Gesundheit</em> und <em>Krankheit</em> sind nichts wesentlich Verschiedenes, -wie es die alten Mediziner und heute noch einige -Praktiker glauben. Man muß nicht distinkte Prinzipien oder -Entitäten daraus machen, die sich um den lebenden Organismus -streiten und aus ihm ihren Kampfplatz machen. Das<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[Pg 27]</a></span> -ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr taugt. -Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins -nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion, -die Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren -den krankhaften Zustand (Claude Bernard).</p> - -<p>So gut „<em>das Böse</em>“ betrachtet werden kann als Übertreibung, -Disharmonie, Disproportion, so gut kann „<em>das -Gute</em>“ eine <em>Schutzdiät</em> gegen die Gefahr der Übertreibung, -Disharmonie und Disproportion sein.</p> - -<p>Die <em>erbliche Schwäche</em>, als <em>dominierendes</em> Gefühl: -Ursache der obersten Werte.</p> - -<p>Nebenbei: Man <em>will</em> Schwäche: warum?.... meistens, -weil man <em>notwendig</em> schwach ist.</p> - -<p>Die <em>Schwächung</em> als <em>Aufgabe</em>: Schwächung der Begehrungen, -der Lust- und Unlustgefühle, des Willens zur -Macht, zum Stolzgefühl, zum Haben- und Mehr-haben-wollen; -die Schwächung als Demut; die Schwächung als -Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an -allem Natürlichen, als Verneinung des Lebens, als Krankheit -und habituelle Schwäche.... die Schwächung als Verzichtleisten -auf Rache, auf Widerstand, auf Feindschaft und -Zorn.</p> - -<p>Der <em>Fehlgriff</em> in der Behandlung: man will die -Schwäche nicht bekämpfen durch ein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">système fortifiant</span>, -sondern durch eine Art Rechtfertigung und <em>Moralisierung</em>: -das heißt durch eine <em>Auslegung</em>....</p> - -<p>Die <em>Verwechslung</em> zweier gänzlich verschiedener Zustände: -zum Beispiel die <em>Ruhe der Stärke</em>, welche wesentlich -Enthaltung der Reaktion ist (der Typus der Götter, -welche nichts bewegt), – und die <em>Ruhe der Erschöpfung</em>, -die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle philosophisch-asketischen -Prozeduren streben nach der zweiten, aber meinen in -der Tat die erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande -die Prädikate bei, wie als ob ein göttlicher Zustand erreicht sei.</p> - - -<h4>50.</h4> - -<p><em>Das gefährlichste Mißverständnis.</em> – Es gibt einen -Begriff, der anscheinend keine Verwechslung, keine Zwei<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[Pg 28]</a></span>deutigkeit -zuläßt: das ist der der <em>Erschöpfung</em>. Diese kann -erworben sein; sie kann ererbt sein, – in jedem Falle verändert -sie den Aspekt der Dinge, den <em>Wert der Dinge</em>....</p> - -<p>Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt -und fühlt, unfreiwillig <em>abgibt</em> an die Dinge, sie voller, -mächtiger, zukunftsreicher sieht, – der jedenfalls schenken -<em>kann</em> –, verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was -er sieht, – er <em>verarmt</em> den Wert: er ist schädlich....</p> - -<p>Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält -die Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften -immer <em>verwechselt</em> worden sind mit den Vollsten – und -die Vollsten mit den Schädlichsten.</p> - -<p>Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das -Leben: der Reiche an Leben, der Starke, bereichert es.... -Der erste ist dessen Parasit: der zweite ein Hinzu-Schenkender.... -Wie ist eine Verwechslung möglich?....</p> - -<p>Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität -und Energie auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß -der geistigen oder nervösen Entladung bedingte), dann <em>verwechselte</em> -man ihn mit dem Reichen... Er erregte Furcht... -Der Kultus des <em>Narren</em> ist immer auch der Kultus des An-Leben-Reichen, -des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, -der religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als -höchste Typen der Macht empfunden worden: als <em>göttlich</em>.</p> - -<p>Diese Art Stärke, die <em>Furcht</em> erregt, galt vor allem als -göttlich: von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt, -hier interpretierte, hörte, suchte man <em>Weisheit</em>.... Hieraus -entwickelte sich überall beinahe ein <em>Wille</em> zur „Vergöttlichung“, -das heißt, zur typischen Entartung von Geist, -Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser höheren -Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome -der Zerrüttung provozieren – das hieß stärker, übermenschlicher, -furchtbarer, weiser werden: – man glaubte -damit so reich an Macht zu werden, daß man <em>abgeben</em> -konnte. Überall, wo angebetet worden ist, suchte man einen, -der abgeben kann.</p> - -<p>Hier war irreführend die Erfahrung des <em>Rausches</em>. Die<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[Pg 29]</a></span>ser -<em>vermehrt</em> im höchsten Grade das Gefühl der Macht, -folglich, naiv beurteilt, <em>die Macht</em>. – Auf der höchsten -Stufe der Macht mußte der <em>Berauschteste</em> stehen, der Ekstatische. -(– Es gibt zwei Ausgangspunkte des <em>Rausches</em>: -die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von krankhafter -Ernährung des Gehirns.)</p> - - -<h4>51.</h4> - -<p><em>Zu begreifen</em>: – Daß alle Art Verfall und Erkrankung -fortwährend an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat: -daß in den herrschend gewordenen Werturteilen die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> -sogar zum Übergewicht gekommen ist: daß wir nicht -nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen Elends von -Entartung zu kämpfen haben, sondern <em>alle bisherige</em> <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> -rückständig, das heißt <em>lebendig</em> geblieben ist. Eine -solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten, -eine solche Gesamt-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> des Werturteils ist -das Fragezeichen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>, das eigentliche Rätsel, das -das Tier „Mensch“ dem Philosophen aufgibt. –</p> - - -<h4>52.</h4> - -<p><em>Schwäche des Willens</em>: das ist ein Gleichnis, das irreführen -kann. Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder -einen starken, noch schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation -der Antriebe, der Mangel an System unter ihnen -resultiert als „schwacher Wille“; die Koordination derselben -unter der Vorherrschaft eines einzelnen resultiert als „starker -Wille“; – im ersteren Falle ist es das Oszillieren und -der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision -und Klarheit der Richtung.</p> - - -<h4>53.</h4> - -<p><em>Hauptsymptome des Pessimismus</em>: – die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">dîners -chez Magny</span>; der russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky); -der ästhetische Pessimismus, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'art pour l'art</span>, -„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">description</span>“ (der romantische und der antiromantische Pessimismus); -der erkenntnistheoretische Pessimismus (Schopenhauer; -der Phänomenalismus); der anarchistische Pessimismus; -die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vor<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[Pg 30]</a></span>bewegung; -der Kultur-Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus); -der moralistische Pessimismus: ich selber.</p> - - -<h4>54.</h4> - -<p>Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung -der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere -ganze Soziologie ist der Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt -vorzuwerfen, daß sie nur das <em>Verfallsgebilde</em> der Sozietät -aus Erfahrung kennt und unvermeidlich die eigenen Verfallsinstinkte -als Norm des soziologischen Urteils nimmt.</p> - -<p>Das <em>niedersinkende</em> Leben im jetzigen Europa formuliert -in ihnen seine Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum -Verwechseln dem Ideal <em>alter überlebter</em> Rassen ähnlich....</p> - -<p>Der <em>Herdeninstinkt</em> sodann – eine jetzt souverän gewordene -Macht – ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt -einer <em>aristokratischen Sozietät</em>: und es kommt auf -den Wert der <em>Einheiten</em> an, was die Summe zu bedeuten -hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern Instinkt -als den der Herde, das heißt der <em>summierten Nullen</em>, -– wo jede Null „gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft -ist, Null zu sein....</p> - -<p>Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen -der Sozietät beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit -jener, welche dem <em>Frieden</em> einen höheren Wert zuerteilt -als dem Krieg: aber dies Urteil ist antibiologisch, ist selbst -eine Ausgeburt der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> des Lebens.... Das Leben -ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst ein Mittel -zum Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadent</span>, – er ist es auch als Moralist (– er sieht im -<em>Sieg</em> des Altruismus etwas Wünschenswertes!!!).</p> - - -<h4>55.</h4> - -<p>Entwicklung des <em>Pessimismus</em> zum <em>Nihilismus</em>. – -Entnatürlichung der <em>Werte</em>. Scholastik der Werte. Die -Werte, losgelöst, idealistisch, statt das Tun zu beherrschen -und zu führen, wenden sich verurteilend <em>gegen</em> das Tun.</p> - -<p>Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[Pg 31]</a></span> -Ränge. Haß auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind -einem pöbelhaften Zeitalter gemäß, weil leichter <em>faßlich</em>.</p> - -<p>Die <em>verworfene</em> Welt, angesichts einer künstlich erbauten -„wahren, wertvollen“. – Endlich: man entdeckt, aus welchem -Material man die „wahre Welt“ gebaut hat: und nun -hat man nur die verworfene übrig und <em>rechnet jene höchste -Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer Verwerflichkeit</em>.</p> - -<p>Damit ist der <em>Nihilismus</em> da: man hat die <em>richtenden -Werte</em> übrig behalten – und nichts weiter!</p> - -<p>Hier entsteht das Problem <em>der Stärke und der -Schwäche</em>:</p> - -<p>1. die Schwachen zerbrechen daran;</p> - -<p>2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht;</p> - -<p>3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte.</p> - -<p><em>Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.</em></p> - - -<h4>56.</h4> - -<p><em>Der Pessimismus der Tatkräftigen</em>: das „Wozu?“ -nach einem furchtbaren Ringen, selbst Siegen. Daß -irgend etwas hundertmal <em>wichtiger</em> ist als die Frage, ob -<em>wir</em> uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt aller -starken Naturen, – und folglich auch, ob sich die <em>anderen</em> -gut oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um -dessentwillen man nicht zögert, <em>Menschenopfer</em> zu bringen, -jede Gefahr zu laufen, jedes Schlimme und Schlimmste auf -sich zu nehmen: die <em>große Leidenschaft</em>.</p> - - -<h4>57.</h4> - -<p>Das „Übergewicht von <em>Leid über Lust</em>“ oder das Umgekehrte -(der <em>Hedonismus</em>): diese beiden Lehren sind selbst -schon Wegweiser zum Nihilismus....</p> - -<p>Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter <em>Sinn</em> -gesetzt, als die Lust- oder Unlust-Erscheinung.</p> - -<p>Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt, -einen Willen, eine Absicht, einen <em>Sinn</em> zu setzen: – für -jede gesündere Art Mensch mißt sich der Wert des Lebens -schlechterdings nicht am Maße dieser Nebensachen. Und ein<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[Pg 32]</a></span> -<em>Übergewicht</em> von Leid wäre möglich und <em>trotzdem</em> ein -mächtiger Wille, ein <em>Ja-sagen</em> zum Leben; ein Nötig-haben -dieses Übergewichts.</p> - -<p>„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum -sind die Tränen?...“ – eine schwächliche und sentimentale -Denkweise. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Un monstre gai vaut mieux qu'un sentimental -ennuyeux.</span>“</p> - - - - -<h3>3. Krisis.</h3> - - -<h4>58.</h4> - -<p>Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung -und Verwirrung den Weg wiedergefunden zu haben, -der zu einem Ja und einem Nein führt.</p> - -<p>Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, – was -erschöpft.</p> - -<p>Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, -was das Gefühl der Kraft rechtfertigt.</p> - -<p>Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt: -man hat Tugend, Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst -Verneinung des Lebens gelehrt. Dies sind alles Werte der -Erschöpften.</p> - -<p>Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung -zwang mich zu der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter -in die Welt der Werte eingedrungen seien.</p> - -<p>Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst -für mich, der in mancher fremden Welt schon zu Hause -war: ich fand alle obersten Werturteile, alle, die Herr geworden -sind über die Menschheit, mindestens zahm gewordene -Menschheit, zurückführbar auf die Urteile Erschöpfter.</p> - -<p>Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen -Tendenzen heraus; man hat Gott genannt, was schwächt, -Schwäche lehrt, Schwäche infiziert... ich fand, daß der „gute -Mensch“ eine Selbstbejahungsform der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> ist.</p> - -<p>Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, -daß sie die oberste, die einzige und das Fundament aller Tugenden -sei: eben jenes Mitleiden erkannte ich als gefährlicher, -als irgendein Laster. Die Auswahl in der Gattung,<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[Pg 33]</a></span> -ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich kreuzen – das hieß -bisher Tugend <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>....</p> - -<p>Man soll das <em>Verhängnis</em> in Ehren halten; das Verhängnis, -das zum Schwachen sagt „geh zugrunde!“...</p> - -<p>Man hat es <em>Gott</em> genannt, daß man dem Verhängnis -widerstrebte, – daß man die Menschheit verdarb und verfaulen -machte.... Man soll den Namen Gottes nicht unnützlich -führen....</p> - -<p>Die Rasse ist verdorben – nicht durch ihre Laster, sondern -ihre Ignoranz: sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung -nicht als Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen -sind die Ursache alles Übels....</p> - -<p>Die Tugend ist unser großes Mißverständnis.</p> - -<p>Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze -der Werte zu machen? Anders gefragt: wie kamen die zur -Macht, die die Letzten sind?.... Wie kam der Instinkt des -Tieres Mensch auf den Kopf zu stehen?....</p> - - -<h4>59.</h4> - -<p>Grundsatz: es gibt etwas von Verfall in allem, was den -modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit -stehen Anzeichen einer unerprobten Kraft und Mächtigkeit -der Seele. <em>Dieselben Gründe, welche die Verkleinerung -der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren -und Seltneren bis hinauf zur Größe.</em></p> - - -<h4>60.</h4> - -<p><em>Gesamteinsicht.</em> – Tatsächlich bringt jedes große -Wachstum auch ein ungeheures <em>Abbröckeln</em> und <em>Vergehen</em> -mit sich: das Leiden, die Symptome des Niedergangs -<em>gehören</em> in die Zeiten ungeheuren Vorwärtsgehens; jede -fruchtbare und mächtige Bewegung der Menschheit hat zugleich -eine nihilistische Bewegung <em>mitgeschaffen</em>. Es wäre -unter Umständen das Anzeichen für ein einschneidendes und -allerwesentlichstes Wachstum, für den Übergang in neue -Daseinsbedingungen, daß die <em>extremste</em> Form des Pessimismus, -der eigentliche <em>Nihilismus</em>, zur Welt käme. <em>Dies -habe ich begriffen.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[Pg 34]</a></span></p> - - -<h4>61.</h4> - -<p>Unzählig viele einzelne höherer Art gehen jetzt zugrunde: -aber wer <em>davon kommt</em>, ist stark wie der Teufel. Ähnlich -wie zur Zeit der Renaissance.</p> - - -<h4>62.</h4> - -<p>Es ist die Zeit des <em>großen Mittags, der furchtbaren -Aufhellung</em>: <em>meine Art von Pessimismus</em>: – großer -Ausgangspunkt.</p> - -<p>I. Grundwiderspruch in der Zivilisation und der Erhöhung -des Menschen.</p> - -<p>II. Die moralischen Wertschätzungen als eine Geschichte -der Lüge und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens -zur Macht (des <em>Herden</em>willens, welcher sich gegen die stärkeren -Menschen auflehnt).</p> - -<p>III. Die Bedingungen jeder Erhöhung der Kultur (die -Ermöglichung einer <em>Auswahl</em> auf Unkosten einer Menge) -sind die Bedingungen alles Wachstums.</p> - -<p>IV. Die <em>Vieldeutigkeit</em> der Welt als Frage der <em>Kraft</em>, -welche alle Dinge unter der <em>Perspektive ihres Wachstums</em> -ansieht. Die moralisch-christlichen Werturteile als -Sklavenaufstand und Sklavenlügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen -Werte der <em>antiken</em> Welt).</p> - - -<h4>63.</h4> - -<p>Ich fand noch <em>keinen</em> Grund zur Entmutigung. Wer sich -einen <em>starken Willen</em> bewahrt und anerzogen hat, zugleich -mit einem weiten Geiste, hat günstigere Chancen als je. -Denn die <em>Dressierbarkeit</em> der Menschen ist in diesem demokratischen -Europa sehr groß geworden; Menschen, welche -leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Herdentier, -sogar höchst intelligent, ist präpariert. Wer befehlen -kann, findet die, welche gehorchen <em>müssen</em>: ich denke zum -Beispiel an Napoleon und Bismarck. Die Konkurrenz mit -starken und unintelligenten Willen, welche am meisten hindert, -ist gering. Wer wirft diese Herren „Objektiven“ mit -schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um!</p> - - -<h4>64.</h4> - -<p>Der Sozialismus – als die zu Ende gedachte <em>Tyrannei</em><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[Pg 35]</a></span> -der Geringsten und Dümmsten, das heißt der Oberflächlichen, -Neidischen und der Dreiviertels-Schauspieler – ist -in der Tat die Schlußfolgerung der „modernen Ideen“ und -ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft eines -demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu -Schlüssen oder gar zum <em>Schluß</em> zu kommen. Man folgt, -aber man folgert nicht mehr. Deshalb ist der Sozialismus -im ganzen eine hoffnungslose, säuerliche Sache: und -nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch zwischen den -giftigen und verzweifelten Gesichtern, welche heute die Sozialisten -machen – und von was für erbärmlichen, gequetschten -Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugnis ab! – und -dem harmlosen Lämmerglück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. -Dabei kann es doch an vielen Orten Europas -ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen und Überfällen -kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hier und da -gründlich im Leibe „rumoren“, und die Pariser Kommune, -welche auch in Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher -hat, war vielleicht nur eine leichtere Unverdaulichkeit gewesen -an dem, was kommt. Trotzdem wird es immer zu viel Besitzende -geben, als daß der Sozialismus mehr bedeuten -könnte als einen Krankheitsanfall: und diese Besitzenden sind -wie Ein Mann Eines Glaubens, „man muß etwas besitzen, -um etwas zu <em>sein</em>“. Dies aber ist der älteste und gesündeste -aller Instinkte: ich würde hinzufügen „man muß -mehr haben wollen als man hat, um mehr zu <em>werden</em>“. -So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt, durch -das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung. -Haben und mehr haben wollen, <em>Wachstum</em> mit -einem Wort – das ist das Leben selber. In der Lehre des -Sozialismus versteckt sich schlecht ein „Wille zur Verneinung -des Lebens“; es müssen mißratene Menschen oder -Rassen sein, welche eine solche Lehre ausdenken. In der -Tat, ich wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen, -daß in einer sozialistischen Gesellschaft das Leben -sich selber verneint, sich selber die Wurzeln abschneidet. Die<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[Pg 36]</a></span> -Erde ist groß genug und der Mensch immer noch unausgeschöpft -genug, als daß mir eine derart praktische Belehrung -und <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">demonstratio ad absurdum</span>, selbst wenn sie -mit einem ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen -und bezahlt würde, nicht wünschenswert erscheinen -müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter -dem Boden einer in der Dummheit rollenden Gesellschaft -wird der Sozialismus etwas Nützliches und Heilsames sein -können: er verzögert den „Frieden auf Erden“ und die -gänzliche Vergutmütigung des demokratischen Herdentieres, -er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht, -übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden -nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, -von Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu -behalten, – er schützt Europa einstweilen vor dem ihm -drohenden <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">marasmus femininus</span>.</p> - - -<h4>65.</h4> - -<p>Ich <em>freue</em> mich der militärischen Entwicklung Europas, -auch der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe -und des Chinesentums, welche Galiani für dies Jahrhundert -voraussagte, ist vorbei. Persönliche <em>männliche</em> Tüchtigkeit, -Leibestüchtigkeit bekommt wieder Wert, die Schätzungen -werden physischer, die Ernährungen fleischlicher. -Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse Duckmäuserei -(mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte -träumte) ist vorbei. Der Barbar ist in jedem von uns <em>bejaht</em>, -auch das wilde Tier. <em>Gerade deshalb</em> wird es -mehr werden mit den Philosophen. – Kant ist eine Vogelscheuche, -irgendwann einmal!</p> - - -<h4>66.</h4> - -<p><em>Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der -Modernität</em>:</p> - -<p>1. die allgemeine <em>Wehrpflicht</em> mit wirklichen Kriegen, -bei denen der Spaß aufhört;</p> - -<p>2. die <em>nationale</em> Borniertheit (vereinfachend, konzentrierend);</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[Pg 37]</a></span></p> - -<p>3. die verbesserte <em>Ernährung</em> (Fleisch);</p> - -<p>4. die zunehmende <em>Reinlichkeit</em> und Gesundheit der -Wohnstätten;</p> - -<p>5. die Vorherrschaft der <em>Physiologie</em> über Theologie, -Moralistik, Ökonomie und Politik;</p> - -<p>6. die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung -seiner „Schuldigkeit“ (man <em>lobt</em> nicht mehr....).</p> - - -<h4>67.</h4> - -<p>Wenn irgend etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres -Verhalten zu den Sinnen, eine freudigere, wohlwollendere, -Goetheschere Stellung zur Sinnlichkeit; insgleichen eine stolzere -Empfindung in betreff des Erkennens: so daß der -„reine Tor“ wenig Glauben findet.</p> - - -<h4>68.</h4> - -<p>Wenn irgend etwas unsere <em>Vermenschlichung</em>, einen -wahren, tatsächlichen <em>Fortschritt</em> bedeutet, so ist es, daß -wir keine exzessiven Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze -mehr brauchen....</p> - -<p>Wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem -Grade vergeistigt und artistisch gemacht;</p> - -<p>wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten -bisher <em>verrufen</em> waren.</p> - - -<h4>69.</h4> - -<p>Daß man den Menschen den <em>Mut</em> zu ihren Naturtrieben -wiedergibt –</p> - -<p>Daß man ihrer <em>Selbstunterschätzung</em> steuert (<em>nicht</em> der -des Menschen als Individuums, sondern der des Menschen -als Natur....) –</p> - -<p>Daß man die <em>Gegensätze</em> herausnimmt aus den Dingen, -nachdem man begreift, daß wir sie hineingelegt haben –</p> - -<p>Daß man die <em>Gesellschafts-Idiosynkrasie</em> aus dem -Dasein überhaupt herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit, -Ehrlichkeit, Freiheit, Liebe usw.) –</p> - -<p>Fortschritt zur „<em>Natürlichkeit</em>“: in allen politischen -Fragen, auch im Verhältnis von Parteien, selbst von merkantilen -oder Arbeiter- oder Unternehmerparteien, handelt<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[Pg 38]</a></span> -es sich um <em>Machtfragen</em> – „was man <em>kann</em>“ und erst -daraufhin, was man <em>soll</em>.</p> - - -<h4>70.</h4> - -<p><em>Die Umkehrung der Rangordnung.</em> – Die frommen -Falschmünzer, die Priester, werden unter uns zu Tschandalas: -– sie nehmen die Stellung der Charlatans, der -Quacksalber, der Falschmünzer, der Zauberer ein: wir halten -sie für Willensverderber, für die großen Verleumder und -Rachsüchtigen des Lebens, für die <em>Empörer</em> unter den -Schlechtweggekommenen. Wir haben aus der Dienstbotenkaste, -den Sudras, unsern Mittelstand gemacht, unser -„Volk“, das, was die politische Entscheidung in den Händen -hat.</p> - -<p>Dagegen ist der Tschandala von ehemals obenauf: voran -die <em>Gotteslästerer</em>, <em>die Immoralisten</em>, die Freizügigen -jeder Art, die Artisten, die Juden, die Spielleute, – im -Grunde alle <em>verrufenen</em> Menschenklassen –.</p> - -<p>Wir haben uns zu <em>ehrenhaften</em> Gedanken emporgehoben, -mehr noch, wir <em>bestimmen</em> die Ehre auf Erden, die -„Vornehmheit“.... Wir alle sind heute die <em>Fürsprecher -des Lebens</em> –. Wir <em>Immoralisten</em> sind heute die <em>stärkste -Macht</em>: die großen andern Mächte brauchen uns.... wir -konstruieren die Welt nach unserm Bilde –</p> - -<p>Wir haben den Begriff „Tschandala“ auf die <em>Priester</em>, -<em>Jenseits-Lehrer</em> und die mit ihnen verwachsene <em>christliche -Gesellschaft</em> übertragen, hinzugenommen, was gleichen -Ursprungs ist, die Pessimisten, Nihilisten, Mitleids-Romantiker, -Verbrecher, Lasterhaften, – die gesamte Sphäre, -wo der Begriff „Gott“ als <em>Heiland</em> imaginiert wird....</p> - -<p>Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen, -keine Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens....</p> - - -<h4>71.</h4> - -<p>Das <em>Problem des neunzehnten Jahrhunderts</em>. Ob -seine starke und schwache Seite zueinander gehören? Ob -es aus Einem Holze geschnitzt ist? Ob die Verschiedenheit -seiner Ideale und deren Widerspruch in einem höheren Zweck<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[Pg 39]</a></span> -bedingt ist: als etwas Höheres? – Denn es konnte die -<em>Vorbestimmung zur Größe</em> sein, in diesem Maße in -heftiger Spannung zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der -Nihilismus <em>könnte</em> ein <em>gutes Zeichen sein</em>.</p> - - -<h4>72.</h4> - -<p><em>Die Vernatürlichung des Menschen im 19. Jahrhundert</em> -(– das 18. Jahrhundert ist das der Eleganz, der -Feinheit und der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sentiments généreux</span>). – Nicht „Rückkehr -zur Natur“: denn es gab noch niemals eine natürliche -Menschheit. Die Scholastik un- und <em>wider</em>natürlicher -Werte ist die Regel, ist der Anfang; zur Natur kommt der -Mensch nach langem Kampfe, – er kehrt nie „zurück“.... -Die Natur: das heißt, es wagen, unmoralisch zu sein wie -die Natur.</p> - -<p>Wir sind gröber, direkter, voller Ironie gegen generöse -Gefühle, selbst wenn wir ihnen unterliegen.</p> - -<p>Natürlicher ist unsre erste <em>Gesellschaft</em>, die der Reichen, -der Müßigen: man macht Jagd aufeinander, die Geschlechtsliebe -ist eine Art Sport, bei dem die Ehe ein Hindernis und -einen Reiz abgibt; man unterhält sich und lebt um des Vergnügens -willen; man schätzt die körperlichen Vorzüge in -erster Linie, man ist neugierig und gewagt.</p> - -<p>Natürlich ist unsere Stellung zur <em>Erkenntnis</em>: wir -haben die Libertinage des Geistes in aller Unschuld, wir -hassen die pathetischen und hieratischen Manieren, wir ergötzen -uns am Verbotensten, wir wüßten kaum noch ein -Interesse der Erkenntnis, wenn wir uns auf dem Wege zu -ihr zu langweilen hätten.</p> - -<p>Natürlicher ist unsere Stellung zur <em>Moral</em>. Prinzipien -sind lächerlich geworden; niemand erlaubt sich ohne Ironie -mehr von seiner „Pflicht“ zu reden. Aber man schätzt eine -hilfreiche, wohlwollende Gesinnung (– man sieht im <em>Instinkt</em> -die Moral und dédaigniert den Rest. Außerdem ein -paar Ehrenpunktsbegriffe –).</p> - -<p>Natürlicher ist unsere Stellung <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in politicis</span>: wir sehen -Probleme der Macht, des Quantums Macht gegen ein an<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[Pg 40]</a></span>deres -Quantum. Wir glauben nicht an ein Recht, das nicht -auf der Macht ruht, sich durchzusetzen: wir empfinden alle -Rechte als Eroberungen.</p> - -<p>Natürlicher ist unsre Schätzung <em>großer Menschen und -Dinge</em>: wir rechnen die Leidenschaft als ein Vorrecht, wir -finden nichts groß, wo nicht ein großes Verbrechen einbegriffen -ist; wir konzipieren alles Groß-sein als ein Sich-außerhalb-stellen -in bezug auf Moral.</p> - -<p>Natürlicher ist unsere Stellung zur <em>Natur</em>: wir lieben -sie nicht mehr um ihrer „Unschuld“, „Vernunft“, „Schönheit“ -willen, wir haben sie hübsch „verteufelt“ und „verdummt“. -Aber statt sie darum zu verachten, fühlen wir uns -seitdem verwandter und heimischer in ihr. Sie aspiriert <em>nicht</em> -zur Tugend: wir achten sie deshalb.</p> - -<p>Natürlicher ist unsere Stellung zur <em>Kunst</em>: wir verlangen -nicht von ihr die schönen Scheinlügen usw.; es herrscht der -brutale Positivismus, welcher konstatiert, ohne sich zu erregen.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: es gibt Anzeichen dafür, daß der Europäer -des 19. Jahrhunderts sich weniger seiner Instinkte schämt; -er hat einen guten Schritt dazu gemacht, sich einmal seine -unbedingte Natürlichkeit, das heißt seine Unmoralität, einzugestehen, -<em>ohne Erbitterung</em>: im Gegenteil, stark genug -dazu, diesen Anblick allein noch auszuhalten.</p> - -<p>Das klingt in gewissen Ohren, wie als ob die <em>Korruption</em> -fortgeschritten wäre: und gewiß ist, daß der Mensch -sich nicht der „<em>Natur</em>“ angenähert hat, von der <em>Rousseau</em> -redet, sondern einen Schritt weiter getan hat in der Zivilisation, -welche er <em>perhorreszierte</em>. Wir haben uns <em>verstärkt</em>: -wir sind dem 17. Jahrhundert wieder näher gekommen, -dem Geschmack seines Endes namentlich (Dancourt, -Lesage, Regnard).</p> - - -<h4>73.</h4> - -<p><em>Fortschritt</em> des neunzehnten Jahrhunderts gegen das -achtzehnte (– im Grunde führen wir <em>guten Europäer</em> -einen Krieg gegen das achtzehnte Jahrhundert –):</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[Pg 41]</a></span></p> - -<p>1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten -Sinne verstanden, als es Rousseau verstand. <em>Weg -vom Idyll und der Oper!</em></p> - -<p>2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher, -furchtloser, arbeitsamer, maßvoller, mißtrauischer gegen -plötzliche Veränderungen, <em>antirevolutionär</em>;</p> - -<p>3. immer entschiedener die Frage der <em>Gesundheit des -Leibes</em> der „der Seele“ voranstellend: letztere als einen -Zustand in Folge der ersteren begreifend, diese mindestens -als die Vorbedingung der Gesundheit der Seele.</p> - - -<h4>74.</h4> - -<p><em>Das 20. Jahrhundert.</em> – Der Abbé Galiani sagt einmal: -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">La prévoyance est la cause des guerres actuelles -de l'Europe. Si l'on voulait se donner la peine de ne -rien prévoir, tout le monde serait tranquille, et je ne -crois pas qu'on serait plus malheureux parce qu'on ne -ferait pas la guerre.</span> Da ich durchaus nicht die unkriegerischen -Ansichten meines verstorbenen Freundes Galiani teile, -so fürchte ich mich nicht davor, einiges vorherzusagen und -möglicherweise damit die Ursache von Kriegen heraufzubeschwören.</p> - -<p>Eine ungeheure <em>Besinnung</em>, nach dem schrecklichsten Erdbeben: -mit neuen Fragen.</p> - - -<h4>75.</h4> - -<p>Extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst, -sondern wiederum durch extreme, aber <em>umgekehrte</em>. -Und so ist der Glaube an die absolute Immoralität der Natur, -an die Zweck- und Sinnlosigkeit der psychologisch-notwendige -<em>Affekt</em>, wenn der Glaube an Gott und eine essentiell -moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist. Der Nihilismus -erscheint jetzt, nicht weil die Unlust am Dasein -größer wäre als früher, sondern weil man überhaupt gegen -einen „Sinn“ im Übel, ja im Dasein mißtrauisch geworden -ist. <em>Eine</em> Interpretation ging zugrunde: weil sie aber als -<em>die</em> Interpretation galt, erscheint es, als ob es gar keinen -Sinn im Dasein gebe, als ob alles <em>umsonst</em> sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[Pg 42]</a></span></p> - -<p>Daß dies „Umsonst!“ der Charakter unseres gegenwärtigen -Nihilismus ist, bleibt nachzuweisen. Das Mißtrauen -gegen unsere früheren Wertschätzungen steigert sich bis zur -Frage: „sind nicht alle ‚Werte‘ Lockmittel, mit denen die -Komödie sich in die Länge zieht, aber durchaus nicht einer -Lösung näherkommt?“ Die <em>Dauer</em>, mit einem „Umsonst“ -ohne Ziel und Zweck, ist der <em>lähmendste</em> Gedanke, namentlich -noch, wenn man begreift, daß man gefoppt wird und -doch ohne Macht ist, sich nicht foppen zu lassen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: -das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich -wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: „<em>die -ewige Wiederkehr</em>“.</p> - -<p>Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts -(das „Sinnlose“) ewig!</p> - -<p>Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens -und der Kraft zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist -die <em>wissenschaftlichste</em> aller möglichen Hypothesen. Wir -leugnen Schlußziele: hätte das Dasein eins, so müßte es -erreicht sein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da begreift man, daß hier ein Gegensatz zum Pantheismus -angestrebt wird: denn „alles vollkommen, göttlich, -ewig“ zwingt <em>ebenfalls zu einem Glauben an die „ewige -Wiederkunft“</em>. Frage: ist mit der Moral auch diese -pantheistische Ja-Stellung zu allen Dingen unmöglich gemacht? -Im Grunde ist ja nur der moralische Gott überwunden. -Hat es einen Sinn, sich einen Gott „jenseits von -Gut und Böse“ zu denken? Wäre ein Pantheismus in -<em>diesem</em> Sinne möglich? Bringen wir die Zweckvorstellung -aus dem Prozesse weg, und bejahen wir <em>trotzdem</em> den Prozeß? -– Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes -Prozesses in jedem Momente desselben <em>erreicht</em> würde – -und immer das Gleiche. Spinoza gewann eine solche bejahende -Stellung, insofern jeder Moment eine <em>logische</em> Notwendigkeit -hat: und er triumphierte mit seinem logischen -Grundinstinkte über eine <em>solche</em> Weltbeschaffenheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[Pg 43]</a></span></p> - -<p>Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall. <em>Jeder Grundcharakterzug</em>, -der <em>jedem</em> Geschehen zugrunde liegt, der -sich in jedem Geschehen ausdrückt, müßte, wenn er von -einem Individuum als <em>sein</em> Grundcharakterzug empfunden -würde, dieses Individuum dazu treiben, triumphierend jeden -Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es käme -eben darauf an, daß man diesen Grundcharakterzug bei sich -als gut, wertvoll, mit Lust empfindet.</p> - -<p>Nun hat die <em>Moral</em> das Leben vor der Verzweiflung und -dem Sprung ins Nichts bei solchen Menschen und Ständen -geschützt, welche von <em>Menschen</em> vergewalttätigt und niedergedrückt -wurden: denn die Ohnmacht gegen Menschen, <em>nicht</em> -die Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt die desperateste Verbitterung -gegen das Dasein. Die Moral hat die Gewalthaber, -die Gewalttätigen, die „Herren“ überhaupt als die -Feinde behandelt, gegen welche der gemeine Mann geschützt, -<em>das heißt zunächst ermutigt, gestärkt</em> werden muß. -Die Moral hat folglich am tiefsten <em>hassen</em> und <em>verachten</em> -gelehrt, was der Grundcharakterzug der Herrschenden ist: -<em>ihren Willen zur Macht</em>. Diese Moral abschaffen, leugnen, -zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einer -<em>umgekehrten</em> Empfindung und Wertung ansehen. Wenn -der Leidende, Unterdrückte <em>den Glauben verlöre</em>, ein -<em>Recht</em> zu seiner Verachtung des Willens zur Macht zu -haben, so träte er in das Stadium der hoffnungslosen Desperation. -Dies wäre der Fall, wenn dieser Zug dem Leben -essentiell wäre, wenn sich ergäbe, daß selbst in jenem Willen -zur Moral nur dieser „Wille zur Macht“ verkappt sei, daß -auch jenes Hassen und Verachten noch ein Machtwille ist. -Der Unterdrückte sähe ein, daß er mit dem Unterdrücker <em>auf -gleichem Boden</em> steht und daß er kein <em>Vorrecht</em>, keinen -<em>höheren</em> Rang vor jenem habe.</p> - -<p>Vielmehr <em>umgekehrt</em>! Es gibt nichts am Leben, was -Wert hat, außer dem Grade der Macht – gesetzt eben, daß -Leben selbst der Wille zur Macht ist. Die Moral behütete die -<em>Schlechtweggekommenen</em> vor Nihilismus, indem sie <em>je<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[Pg 44]</a></span>dem</em> -einen unendlichen Wert, einen metaphysischen Wert -beimaß und in eine Ordnung einreihte, die mit der der weltlichen -Macht und Rangordnung nicht stimmt: sie lehrte Ergebung, -Demut usw. <em>Gesetzt, daß der Glaube an diese -Moral zugrunde geht</em>, so würden die Schlechtweggekommenen -ihren Trost nicht mehr haben – und <em>zugrunde -gehen</em>.</p> - -<p><em>Das Zugrundegehen</em> präsentiert sich als ein <em>Sich-zugrunde-richten</em>, -als ein instinktives Auslesen dessen, was -<em>zerstören muß</em>. <em>Symptome</em> dieser Selbstzerstörung der -Schlechtweggekommenen: die Selbstvivisektion, die Vergiftung, -Berauschung, Romantik, vor allem die instinktive Nötigung -zu Handlungen, mit denen man die Mächtigen zu -<em>Todfeinden</em> macht (– gleichsam sich seine Henker selbst -züchtend), der <em>Wille zur Zerstörung</em> als Wille eines noch -tieferen Instinkts, des Instinkts der Selbstzerstörung, des -<em>Willens ins Nichts</em>.</p> - -<p>Nihilismus als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen -keinen Trost mehr haben: daß sie zerstören, um -zerstört zu werden, daß sie, von der Moral abgelöst, keinen -Grund mehr haben, „sich zu ergeben“, – daß sie sich auf -den Boden des entgegengesetzten Prinzips stellen und auch -ihrerseits <em>Macht wollen</em>, indem sie die Mächtigen <em>zwingen</em>, -ihre Henker zu sein. Dies ist die europäische Form des -Buddhismus, das <em>Nein-tun</em>, nachdem alles Dasein seinen -„Sinn“ verloren hat.</p> - -<p>Die Not ist nicht etwa größer geworden: im Gegenteil! -„Gott, Moral, Ergebung“ waren Heilmittel auf furchtbar -tiefen Stufen des Elends: der <em>aktive Nihilismus</em> tritt -bei relativ viel günstiger gestalteten Verhältnissen auf. Schon -daß die Moral als überwunden empfunden wird, setzt einen -ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein -relatives Wohlleben. Eine gewisse geistige Ermüdung, durch -den langen Kampf philosophischer Meinungen bis zur hoffnungslosesten -Skepsis <em>gegen</em> Philosophie gebracht, kennzeichnet -ebenfalls den keineswegs <em>niederen</em> Stand jener Nihilisten. -Man denke an die Lage, in der Buddha auftrat. Die<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[Pg 45]</a></span> -Lehre der ewigen Wiederkunft würde <em>gelehrte</em> Voraussetzungen -haben (wie die Lehre Buddhas solche hatte, zum -Beispiel Begriff der Kausalität usw.).</p> - -<p>Was heißt jetzt „schlechtweggekommen“? Vor allem -<em>physiologisch</em>: nicht mehr politisch. Die <em>ungesundeste</em> -Art Mensch in Europa (in allen Ständen) ist der Boden -dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die ewige -Wiederkunft als einen <em>Fluch</em> empfinden, von dem getroffen -man vor keiner Handlung mehr zurückscheut: nicht passiv -auslöschen, sondern alles auslöschen <em>machen</em>, was in diesem -Grade sinn- und ziellos ist: obwohl es nur ein Krampf, -ein blindes Wüten ist bei der Einsicht, daß alles seit Ewigkeiten -da war – auch dieser Moment von Nihilismus und -Zerstörungslust. – Der <em>Wert</em> einer solchen <em>Krisis</em> ist, daß -sie <em>reinigt</em>, daß sie die verwandten Elemente zusammendrängt -und sich aneinander verderben macht, daß sie den -Menschen entgegengesetzter Denkweisen gemeinsame Aufgaben -zuweist – auch unter ihnen die schwächeren, unsichreren -ans Licht bringend und so zu einer <em>Rangordnung -der Kräfte</em>, vom Gesichtspunkt der Gesundheit, den Anstoß -gibt: Befehlende als Befehlende erkennend, Gehorchende -als Gehorchende. Natürlich abseits von allen bestehenden -Gesellschaftsordnungen.</p> - -<p>Welche werden sich als die <em>Stärksten</em> dabei erweisen? -Die Mäßigsten, die, welche keine extremsten Glaubenssätze -<em>nötig</em> haben, die, welche einen guten Teil Zufall, Unsinn -nicht nur zugestehen, sondern lieben, die, welche vom Menschen -mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes denken -können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die -Reichsten an Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen -sind und deshalb sich vor den Malheurs nicht so -fürchten – Menschen, die <em>ihrer Macht sicher sind</em> und -die die <em>erreichte</em> Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze -repräsentieren.</p> - -<p>Wie dächte ein solcher Mensch an die ewige Wiederkunft? -–</p> - - - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[Pg 46]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> - -<h2>Zweites Buch.<br /> - -<span class="subh2">Kritik der höchsten bisherigen Werte</span><br /> - -<span class="normal">(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte).</span></h2> -</div> - - - -<h3>I. Moral.</h3> - - -<h4>1. Entstehung und Sieg.</h4> - - -<h5>76.</h5> - -<p>Ich verstehe unter „Moral“ ein System von Wertschätzungen, -welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens -sich berührt.</p> - - -<h5>77.</h5> - -<p>Das Problem der Moral <em>sehen</em> und <em>zeigen</em> – das scheint -mir die neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß -das in der bisherigen Moralphilosophie geschehen ist.</p> - - -<h5>78.</h5> - -<p><em>Mein Problem</em>: Welchen Schaden hat die Menschheit -bisher von der Moral sowohl wie von ihrer Moralität gehabt? -Schaden am Geiste usw.</p> - - -<h5>79.</h5> - -<p>Mein Versuch, die moralischen Urteile als Symptome und -Zeichensprachen zu verstehen, in denen sich Vorgänge des -physiologischen Gedeihens oder Mißratens, ebenso das Bewußtsein -von Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen verraten, -– eine Interpretationsweise vom Werte der Astrologie, -Vorurteile, denen Instinkte soufflieren (von Rassen, -Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder -Verwelken usw.).</p> - -<p>Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral: -unsere moralischen Urteile sind Anzeichen von Verfall, von -Unglauben an das <em>Leben</em>, eine Vorbereitung des Pessimismus.</p> - -<p><em>Mein Hauptsatz: es gibt keine moralischen Phänomene, -sondern nur eine moralische Interpreta<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[Pg 47]</a></span>tion -dieser Phänomene. Diese Interpretation selbst -ist außermoralischen Ursprungs.</em></p> - -<p>Was bedeutet es, daß wir einen <em>Widerspruch</em> in das -Dasein hineininterpretiert haben? – Entscheidende Wichtigkeit: -hinter allen andern Wertschätzungen stehen kommandierend -jene moralischen Wertschätzungen. Gesetzt, sie fallen -fort, wonach messen wir dann? Und welchen Wert haben -dann Erkenntnis usw., usw.???</p> - - -<h5>80.</h5> - -<p>Ehemals sagte man von jeder Moral: „an ihren Früchten -sollt ihr sie erkennen“. Ich sage von jeder Moral: „Sie -ist eine Frucht, an der ich den <em>Boden</em> erkenne, aus dem sie -wuchs“.</p> - - -<h5>81.</h5> - -<p><em>Meine Absicht</em>, die absolute Homogeneität in allem Geschehen -zu zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung -nur als <em>perspektivisch bedingt</em>; zu zeigen, wie -alles das, was moralisch gelobt wird, wesensgleich mit allem -Unmoralischen ist und nur, wie jede Entwicklung der Moral, -mit unmoralischen Mitteln und zu unmoralischen Zwecken -ermöglicht worden ist –; wie umgekehrt alles, was als -unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere -und Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach -größerer Fülle des Lebens notwendig auch den <em>Fortschritt -der Unmoralität</em> bedingt. „Wahrheit“ der Grad, in dem -wir uns die Einsicht in <em>diese</em> Tatsache <em>gestatten</em>.</p> - - -<h5>82.</h5> - -<p>Das sind meine Forderungen an euch – sie mögen euch -schlecht genug zu Ohren gehen – : daß ihr die moralischen -Wertschätzungen selbst einer Kritik unterziehen sollt. Daß -ihr dem moralischen Gefühlsimpuls, welcher hier Unterwerfung -und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: „warum -Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen -nach einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral, -eben als eure <em>jetzige</em> Form der Moralität selbst ansehen -sollt, als die sublimste Art von Moralität, die euch<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[Pg 48]</a></span> -und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit, euer Wille, -euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum -<em>nicht</em>? – Vor welchem Forum?“ –</p> - - -<h5>83.</h5> - -<p>Die Frage nach der <em>Herkunft unsrer Wertschätzungen</em> -und Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren <em>Kritik</em> -zusammen, wie so oft geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht -in irgendeine <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">pudenda origo</span> für das Gefühl eine -Wertverminderung der so entstandenen Sache mit sich bringt -und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung -vorbereitet.</p> - -<p>Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln -selber wert? <em>Was kommt bei ihrer Herrschaft -heraus?</em> Für wen? in bezug worauf? – Antwort: für -das Leben. Aber <em>was ist Leben</em>? Hier tut also eine neue, -bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine -Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.</p> - -<p><em>Was bedeutet das Wertschätzen selbst?</em> Weist es auf -eine andere, metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie -noch Kant glaubte, der <em>vor</em> der großen historischen Bewegung -steht.) Kurz: <em>wo ist es entstanden</em>? Oder ist es -nicht „entstanden“? – Antwort: das moralische Wertschätzen -ist eine <em>Auslegung</em>, eine Art zu interpretieren. -Die Auslegung selbst ist ein <em>Symptom</em> bestimmter physiologischer -Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus -von herrschenden Urteilen: <em>Wer legt aus?</em> – Unsre -Affekte.</p> - - -<h5>84.</h5> - -<p><em>Wessen Wille zur Macht ist die Moral?</em> – <em>Das Gemeinsame</em> -in der Geschichte Europas seit <em>Sokrates</em> ist -der Versuch, die <em>moralischen Werte</em> zur Herrschaft über -alle anderen Werte zu bringen: so daß sie nicht nur Führer -und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch 1. der Erkenntnis, -2. der Künste, 3. der staatlichen und gesellschaftlichen -Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe, -alles übrige dazu <em>Mittel</em> (oder Störung, Hemmung, Ge<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[Pg 49]</a></span>fahr: -folglich bis zur Vernichtung zu bekämpfen....). – -Eine ähnliche Bewegung in <em>China</em>. Eine ähnliche Bewegung -in <em>Indien</em>.</p> - -<p>Was bedeutet dieser <em>Wille zur Macht seitens der moralischen -Werte</em>, der in den ungeheuren Entwicklungen -sich bisher auf der Erde abgespielt hat?</p> - -<p><em>Antwort</em>: – <em>drei Mächte sind hinter ihm versteckt</em>:</p> - -<p>1. der Instinkt der <em>Herde</em> gegen die Starken und Unabhängigen; -2. der Instinkt der <em>Leidenden</em> und Schlechtweggekommenen -gegen die Glücklichen; 3. der Instinkt der -<em>Mittelmäßigen</em> gegen die Ausnahmen. – <em>Ungeheurer -Vorteil dieser Bewegung</em>, wieviel Grausamkeit, Falschheit -und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn -die Geschichte vom <em>Kampf der Moral mit den Grundinstinkten -des Lebens</em> ist selbst die größte Immoralität, -die bisher auf Erden dagewesen ist....).</p> - - -<h5>85.</h5> - -<p>Die ganze Moral Europas hat den <em>Nutzen der Herde</em> -auf dem Grunde: die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen -liegt darin, daß alles, was sie auszeichnet, ihnen mit -dem Gefühl der Verkleinerung und Verunglimpfung zum -Bewußtsein kommt. Die <em>Stärken</em> des jetzigen Menschen -sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die Mittelmäßigen -sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen, -– heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, -Schopenhauer.)</p> - -<p><em>Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint, -um so gründlicher wird sie in die Acht getan.</em></p> - - -<h5>86.</h5> - -<p>Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten -und wehrt sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die -davon Entartenden (Verbrecher usw.), als gegen die darüber -Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist auf Stillstand -und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr.</p> - -<p>Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, -Gerechte uns einflößt (im Gegensatz zu der Spannung,<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[Pg 50]</a></span> -Furcht, welche der große, neue Mensch hervorbringt), sind -<em>unsere</em> persönlichen Sicherheits-, Gleichheitsgefühle: das -Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur und empfindet -sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens maskiert -sich mit schönen Worten – so entsteht „Moral“. – -Man beobachte aber den <em>Haß der Herde</em> gegen den Wahrhaftigen. -–</p> - - -<h5>87.</h5> - -<p><em>Tendenz der Moralentwicklung.</em> – Jeder wünscht, -daß keine andere Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung -komme außer einer solchen, bei der er selbst gut wegkommt. -<em>Grundtendenz</em> folglich <em>der Schwachen und Mittelmäßigen</em> -aller Zeiten, <em>die Stärkeren schwächer zu machen, -herunterzuziehen</em>: <em>Hauptmittel das moralische Urteil</em>. -Das Verhalten des Stärkeren gegen den Schwächeren -wird gebrandmarkt; die höheren Zustände des Stärkeren bekommen -schlechte Beinamen.</p> - -<p>Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen -gegen die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken -– eine seiner feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten, -Feinen, Anspruchsvolleren sich als die Schwachen -präsentieren und die gröberen Mittel der Macht von sich -weisen –</p> - - -<h5>88.</h5> - -<p>Der heuchlerische Anschein, mit dem alle <em>bürgerlichen -Ordnungen</em> übertüncht sind, wie als ob sie <em>Ausgeburten -der Moralität</em> wären – zum Beispiel die Ehe; die Arbeit; -der Beruf; das Vaterland; die Familie; die Ordnung; das -Recht. Aber da sie insgesamt auf die <em>mittelmäßigste</em> Art -Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen Ausnahmen -und Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden, -wenn hier viel gelogen wird.</p> - - -<h5>89.</h5> - -<p>Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man -in sich den moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus -ihn versteht, so gehört man zur <em>Herde</em>. Hat man das<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[Pg 51]</a></span> -umgekehrte Gefühl, fühlt man in seinen uneigennützigen -und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine Abirrung, -so gehört man nicht zur Herde.</p> - - -<h5>90.</h5> - -<p>Die drei <em>Behauptungen</em>:</p> - -<p>Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen -Mannes“);</p> - -<p>das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen);</p> - -<p>das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde, -der „Mittleren“).</p> - -<p>In der <em>Geschichte der Moral</em> drückt sich also ein <em>Wille -zur Macht</em> aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, -bald die Mißratenen und An-sich-Leidenden, bald -die Mittelmäßigen den Versuch machen, die <em>ihnen</em> günstigsten -Werturteile durchzusetzen.</p> - -<p>Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt -der Biologie aus höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher -entwickelt <em>auf Unkosten</em>: der Herrschenden und ihrer -spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen und <em>schönen</em> Naturen, -der Unabhängigen und Privilegierten in irgendeinem -Sinne.</p> - -<p>Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen -der Natur, es zu einem <em>höheren Typus</em> zu bringen. -Ihre Wirkung ist: Mißtrauen gegen das Leben überhaupt -(insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“ empfunden -werden), – Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten -Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden -werden), – Entartung und Selbstzerstörung der -„höheren Naturen“, weil gerade in ihnen der Konflikt <em>bewußt</em> -wird.</p> - - -<h5>91.</h5> - -<p>„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie -nicht stark genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling -Comorro zu Baker.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[Pg 52]</a></span></p> - -<p>„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ – sagt man -im Russischen.</p> - - -<h5>92.</h5> - -<p>Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr -den Menschen? den <em>guten Menschen</em>? Aber mich dünkt -das nur der ideale Sklave, der Sklave der Zukunft.</p> - - -<h5>93.</h5> - -<p><em>Die Metamorphosen der Sklaverei</em>; ihre Verkleidung -unter religiöse Mäntel; ihre Verklärung durch die -Moral.</p> - - -<h5>94.</h5> - -<p>Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon -(„ein <em>Ideal</em>“) bezahlt macht. (Seine Feinde sind – nun? -Die „Egoisten“.)</p> - -<p>Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in -Europa (Pascal, Larochefoucauld), – die innere Schwächung, -Entmutigung, Selbstannagung der Nicht-Herdentiere, -–</p> - -<p>die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften -als der wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und -Glied, die Werkzeugnatur), –</p> - -<p>das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche, -Originale:</p> - -<p>– die Unlust also: – also <em>Verdüsterung</em> der Welt der -Stärkergeratenen!</p> - -<p>– das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion -übertragen: auch seine Ängstlichkeit.</p> - -<p>– Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein -selbstlosen Handlung außer Spiel!</p> - - -<h5>95.</h5> - -<p>Der <em>ideale Sklave</em> (der „gute Mensch“). – Wer <em>sich</em> -nicht als „Zweck“ ansetzen kann, noch überhaupt von sich -aus Zwecke ansetzen kann, der gibt der Moral der <em>Entselbstung</em> -die Ehre – instinktiv. Zu ihr überredet ihn alles: -seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Und auch -der Glaube ist eine Entselbstung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[Pg 53]</a></span></p> - -<p><em>Atavismus</em>: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen -zu können.</p> - -<p>Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso -viele <em>Verhinderungen der souveränen Gesinnung</em>, der -großen <em>Erfindsamkeit</em>, der heroischen Zielsetzung, des vornehmen -Für-sich-seins.</p> - -<p>Es handelt sich nicht um ein <em>Vorangehen</em> (– damit ist -man bestenfalls Hirt, das heißt oberster Notbedarf der -Herde), sondern um ein <em>Für-sich-gehen-können</em>, um ein -<em>Anders-sein-können</em>.</p> - - -<h5>96.</h5> - -<p>Die <em>gelobten</em> Zustände und Begierden: – friedlich, billig, -mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, -keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, -mitleidig, hilfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, -freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos, -gütig, arbeitsam –</p> - -<p>Zu unterscheiden: inwiefern <em>solche Eigenschaften</em> bedingt -sind als <em>Mittel</em> zu einem bestimmten Willen und -<em>Zweck</em> (oft einem „<em>bösen</em>“ Zweck); oder als natürliche <em>Folgen</em> -eines dominierenden Affektes (zum Beispiel <em>Geistigkeit</em>): -oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als <em>Existenzbedingung</em> -(zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Summa</span>: sie sind allesamt <em>nicht um ihrer selber willen -als „gut“ empfunden</em>, sondern bereits unter dem -Maßstab der „Gesellschaft“, „Herde“, als Mittel zu deren -Zwecken, als notwendig für deren Aufrechterhaltung und -Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen <em>Herdeninstinktes</em> -im einzelnen: somit im Dienste eines <em>Instinktes</em>, -<em>der grundverschieden</em> von diesen <em>Tugendzuständen</em> ist. -Denn die Herde ist nach außen hin <em>feindselig</em>, <em>selbstsüchtig</em>, -<em>unbarmherzig</em>, voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.</p> - -<p>Im „<em>Hirten</em>“ kommt der <em>Antagonismus heraus</em>: er -muß die <em>entgegengesetzten</em> Eigenschaften der Herde haben.</p> - -<p>Todfeindschaft der Herde gegen die <em>Rangordnung</em>: ihr -Instinkt zugunsten der <em>Gleichmacher</em> (Christus). Gegen<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[Pg 54]</a></span> -die <em>starken Einzelnen</em> (<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les souverains</span>) ist sie feindselig, -unbillig, maßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen, -falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.</p> - - -<h5>97.</h5> - -<p><em>Zur Kritik der Herdentugenden.</em> – Die <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inertia</span> -tätig 1. im Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, -Nachdenken nötig macht; – 2. in der Verehrung, -wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung notwendig: -um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen -und die Machtverschiedenheit als <em>Wert</em>verschiedenheit -auszudeuten: so daß das Verhältnis <em>nicht mehr revoltiert</em>; -– 3. im Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine -Erklärung gegeben ist, die uns das Minimum von geistiger -Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr anstrengend); -– 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen, -gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl <em>anzunehmen</em>, -ist eine Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das -Aktivum gehalten, welches die eigensten Rechte des Werturteils -sich wahrt und beständig betätigt (letzteres gibt keine -Ruhe); – 5. in der Unparteilichkeit und Kühle des Urteils: -man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber -abseits, „objektiv“; – 6. in der Rechtschaffenheit: man -gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich -und anderen befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen – : -lieber sich unterwerfen als reagieren; – 7. in der Toleranz: -die Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens.</p> - - -<h5>98.</h5> - -<p>Moral der <em>Wahrhaftigkeit</em> in der Herde. „Du sollst -erkennbar sein, dein Inneres durch deutliche und konstante -Zeichen ausdrücken, – sonst bist du gefährlich: und wenn du -böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu verstellen, das Schlimmste -für die Herde. Wir verachten den Heimlichen, Unerkennbaren. -– <em>Folglich</em> mußt du dich selber für erkennbar halten; -du darfst dir nicht <em>verborgen</em> sein, du darfst <em>nicht</em> an -deinen <em>Wechsel</em> glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit -setzt die <em>Erkennbarkeit</em> und die <em>Beharrlichkeit</em><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[Pg 55]</a></span> -der Person voraus. Tatsächlich ist es Sache der Erziehung, -das Herdenmitglied zu einem <em>bestimmten Glauben</em> über -das Wesen des Menschen zu bringen: sie <em>macht erst diesen -Glauben</em> und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“.</p> - - -<h5>99.</h5> - -<p>Es tut gut, „Recht“, „Unrecht“ usw. in einem bestimmten, -engen, bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht -und scheue niemand“: das heißt, einem bestimmten, groben -Schema gemäß, innerhalb dessen ein Gemeinwesen besteht, -seine Schuldigkeit tun.</p> - -<p>– Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende -Moral unserm Geiste angezüchtet haben!</p> - - -<h5>100.</h5> - -<p>Maßstab, <em>wonach</em> der Wert der moralischen Wertschätzungen -zu bestimmen ist.</p> - -<p>Die <em>übersehene</em> Grundtatsache: Widerspruch zwischen -dem „Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung -des Typus Mensch.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Homo natura.</span> Der „Wille zur Macht“.</p> - - -<h5>101.</h5> - -<p>Die Moralwerte als <em>Scheinwerte</em>, verglichen mit den -<em>physiologischen</em>.</p> - - -<h5>102.</h5> - -<p>Alle Tugenden physiologische <em>Zustände</em>: namentlich die -organischen Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden. -Alle Tugenden sind eigentlich verfeinerte <em>Leidenschaften</em> -und erhöhte Zustände.</p> - -<p>Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des Geschlechtstriebes. -Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes. -Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. -Ehre als Anerkennung des Ähnlichen und Gleichmächtigen.</p> - - -<h5>103.</h5> - -<p>Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine -bestimmte Perspektive: <em>Erhaltung</em> des Individuums, einer -Gemeinde, einer Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[Pg 56]</a></span> -Glaubens, einer Kultur. – Vermöge des <em>Vergessens</em>, -daß es nur ein perspektivisches Schätzen gibt, wimmelt alles -von widersprechenden Schätzungen und <em>folglich von widersprechenden -Antrieben</em> in einem Menschen. Das ist -der <em>Ausdruck der Erkrankung am Menschen</em>, im Gegensatz -zum Tiere, wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten -Aufgaben genügen.</p> - -<p>Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen -eine große Methode der <em>Erkenntnis</em>: er fühlt viele Für und -Wider, er erhebt sich <em>zur Gerechtigkeit</em> – zum Begreifen -<em>jenseits des Gut- und Böseschätzens</em>.</p> - -<p>Der weiseste Mensch wäre <em>der reichste an Widersprüchen</em>, -der gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat: -und zwischeninnen seine großen Augenblicke <em>grandiosen Zusammenklangs</em> -– der hohe <em>Zufall</em> auch in uns! Eine Art -planetarischer Bewegung –</p> - - -<h5>104.</h5> - -<p><em>Welche Werte bisher obenauf waren.</em></p> - -<p>Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie -(selbst bei den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, -es muß eine „wahre Welt“ geben.</p> - -<p>Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was -ist eigentlich Moral? Der Instinkt der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, es sind -die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise <em>Rache -nehmen</em> und die <em>Herren</em> machen....</p> - -<p>Historischer Nachweis: die Philosophen immer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span>, -immer im Dienst der nihilistischen Religionen.</p> - -<p>Der Instinkt der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, der als Wille zur Macht -auftritt. Vorführung seines Systems der Mittel: absolute -Unmoralität der Mittel.</p> - -<p>Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein -Spezialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein -Spezialfall der <em>Unmoralität</em>.</p> - - -<p><em>Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.</em></p> - -<p>1. Wie war das eigentlich <em>möglich</em>? Frage: warum -unterlag das Leben, die physiologische Wohlgeratenheit über<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[Pg 57]</a></span>all? -Warum gab es keine Philosophie des Ja, keine Religion -des Ja?....</p> - -<p>Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische -Religion. Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die -Renaissance. Die <em>Kunst</em>.</p> - -<p>2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und -die Kranken; die Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, -<em>wer</em> der Stärkere ist....</p> - -<p><em>Gesamtaspekt der Geschichte</em>: Ist der Mensch damit -eine <em>Ausnahme</em> in der Geschichte des Lebens? – Einsprache -gegen den <em>Darwinismus</em>. Die Mittel der Schwachen, -um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind „Menschlichkeit“ -geworden, sind „Institutionen“....</p> - -<p>3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten, -in unsern sozialen Werturteilen, in unsern Künsten, -in unserer <em>Wissenschaft</em>.</p> - -<p>Die <em>Niedergangsinstinkte</em> sind Herr über die <em>Aufgangsinstinkte</em> -geworden.... Der <em>Wille zum Nichts</em> ist -Herr geworden über den <em>Willen zum Leben</em>!</p> - -<p>– Ist das <em>wahr</em>? ist nicht vielleicht eine größere Garantie -des Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen -und Mittleren? – ist es vielleicht nur ein Mittel in der -Gesamtbewegung des Lebens, eine Tempoverzögerung? eine -Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres?</p> - -<p>– Gesetzt, die <em>Starken</em> wären Herr, in allem, und auch -in den Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz, -wie sie über Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! -Eine <em>Selbstverachtung der Schwachen</em> wäre die -Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich auszulöschen.... -Und wäre dies vielleicht <em>wünschenswert</em>? – -und möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung -der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, -<em>Biegsamkeit</em> fehlte?....</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen -(<em>im Spezialfall</em>: <em>wir hatten ein Prinzip</em>, dem einen -recht zu geben, der bisher unterlag, und dem, der bisher<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[Pg 58]</a></span> -siegte, unrecht zu geben): wir haben die „wahre Welt“ als -eine „<em>erlogene Welt</em>“ und die Moral als eine <em>Form der -Unmoralität</em> erkannt. Wir sagen <em>nicht</em>: „der Stärkere -hat unrecht“.</p> - -<p>Wir haben begriffen, <em>was</em> bisher den obersten Wert bestimmt -hat und <em>warum</em> es Herr geworden ist über die gegnerische -Wertung – : es war numerisch <em>stärker</em>.</p> - -<p>Reinigen wir jetzt die <em>gegnerische Wertung</em> von der -Infektion und Halbheit, von der <em>Entartung</em>, in der sie uns -allen bekannt ist.</p> - -<p>Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.</p> - - -<h5>105.</h5> - -<p>Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine -Moral, mit der sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die -beginnende <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> wehrt, – und eine andere Moral, -mit der eben diese <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> sich formuliert, rechtfertigt -und selber abwärts führt.</p> - -<p>Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (– der -<em>Stoizismus</em> selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); -die andere ist schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, -sie hat die Weiber und „schönen Gefühle“ für sich (– -das erste <em>Christentum</em> war eine solche Moral).</p> - - -<h5>106.</h5> - -<p>Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig: -die letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen -zum Beispiel sind von den Philosophen eigentlich niemals -als Problem genommen worden. Die „<em>Verbesserung</em>“ -des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, wie als -ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen hinausgehoben -wären, <em>warum</em> gerade „verbessern“? Inwiefern -ist es <em>wünschbar</em>, daß der Mensch <em>tugendhafter</em> -wird? oder <em>klüger</em>? oder <em>glücklicher</em>? Gesetzt, daß man -nicht schon das „Warum?“ des Menschen überhaupt <em>kennt</em>, -so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn man das -eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere -nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zu<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[Pg 59]</a></span>gleich -verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und -Einsicht? <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Dubito</span>; ich werde nur zu viel Gelegenheit haben, -das Gegenteil zu beweisen. Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel -im rigorosen Sinne nicht tatsächlich bisher im Widerspruch -mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie andererseits -nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung -als notwendiges Mittel? Und wenn die <em>höchste Einsicht</em> -das Ziel wäre, müßte man nicht eben damit die Steigerung -des Glücks ablehnen? und die Gefahr, das Abenteuer, das -Mißtrauen, die Verführung als Weg zur Einsicht wählen?.. -Und will man <em>Glück</em>, nun, so muß man vielleicht zu den -„Armen des Geistes“ sich gesellen.</p> - - -<h5>107.</h5> - -<p>Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche <em>Umdrehungen</em> -bereits das moralische Urteil durchgemacht hat -und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne -„Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf eine dieser -Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit der -Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre -vertauscht: es gab einen Herden-Gewissensbiß.</p> - - -<h5>108.</h5> - -<p><em>Die Vorherrschaft der moralischen Werte.</em> – Folgen -dieser Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw., -das Verhängnis überall, das an ihr hängt. Was <em>bedeutet</em> -diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin? –</p> - -<p>Auf eine gewisse <em>größere Dringlichkeit</em> eines bestimmten -Ja und Nein auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten -<em>Imperative</em> darauf verwendet, um die moralischen Werte -als fest erscheinen zu lassen: sie sind am längsten kommandiert -worden: – sie <em>scheinen</em> instinktiv, wie innere Kommandos. -Es drücken sich <em>Erhaltungsbedingungen der -Sozietät</em> darin aus, daß die moralischen Werte als <em>undiskutierbar</em> -empfunden werden. Die Praxis: das will -heißen, die <em>Nützlichkeit</em>, untereinander sich über die obersten -Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt. -Wir sehen <em>alle Mittel angewendet</em>, wodurch das Nach<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[Pg 60]</a></span>denken -und die Kritik auf diesem Gebiete <em>lahm</em>gelegt wird: -– welche Attitüde nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von -denen, welche es als unmoralisch ablehnen, hier zu „forschen“ -–</p> - - -<h5>109.</h5> - -<p>Was ist das <em>Kriterium</em> der unmoralischen Handlung? -1. ihre Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw. -Aber das ist Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren -und zusehen, was jedesmal das Kriterium ist und -was sich darin ausdrückt: ein Glaube „ein solches Verhalten -gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“. Unmoralisch -heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese Gemeinschaften, -in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde -gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen -worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft -sie wieder nötig hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“. -Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum -Beispiel im <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">imperium Romanum</span>) nicht verlangt werden -konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der Seele“, religiös -gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch geredet. -Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden -nicht mehr mit ihrer πόλις.</p> - - -<h5>110.</h5> - -<p>Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in -Hinsicht auf oberste Werte sind <em>Urteile unsrer Muskeln</em>.</p> - - -<h5>111.</h5> - -<p>Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll, -was ihr im <em>Bewußtsein</em> vorausging – wie falsch ist das! -– Und man hat die Moralität danach bemessen, selbst die -Kriminalität....</p> - -<p>Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen -werden – sagen die Utilitarier – : sie nach ihrer -Herkunft zu messen, impliziert eine Unmöglichkeit, nämlich -diese zu <em>wissen</em>.</p> - -<p>Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht. -Wer kann sagen, was eine Handlung anregt, aufregt, wider<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[Pg 61]</a></span> -sich erregt? Als Stimulans? Als Zündfunke vielleicht für -einen Explosivstoff?.... Die Utilitarier sind naiv.... Und -zuletzt müssen wir erst <em>wissen</em>, was nützlich ist: auch hier -geht ihr Blick nur fünf Schritt weit.... Sie haben keinen -Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu -entraten weiß.</p> - -<p>Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht: -– hat folglich eine Handlung überhaupt einen Wert?</p> - -<p>Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im -Bewußtsein, das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung -folgt: liegt der Wert einer Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen? -(– das hieße den Wert der Musik nach -dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das sie uns -macht.... das sie ihrem <em>Komponisten</em> macht....). Sichtlich -begleiten sie Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein -Ohnmachtsgefühl zum Beispiel, die Freiheit, die Leichtigkeit, -– anders gefragt: könnte man den Wert einer Handlung -auf physiologische Werte reduzieren: ob sie ein Ausdruck -des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? – Es mag -sein, daß sich ihr <em>biologischer</em> Wert darin ausdrückt....</p> - -<p>Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch -nach ihren Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar -ist, so ist ihr Wert <span class="antiqua">x</span>, unbekannt....</p> - - -<h5>112.</h5> - -<p>Es ist eine <em>Entnatürlichung der Moral</em>, daß man die -Handlung <em>abtrennt</em> vom Menschen; daß man den Haß -oder die Verachtung gegen die „Sünde“ wendet; daß man -glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut oder schlecht -sind.</p> - -<p><em>Wiederherstellung</em> der „<em>Natur</em>“: eine Handlung an -sich ist vollkommen leer an Wert: es kommt alles darauf -an, <em>wer</em> sie tut. Ein und dasselbe „Verbrechen“ kann im -einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das Brandmal -sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden, welche -eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis -zum eigenen Nutzen oder Schaden (– oder im Verhältnis -zur Ähnlichkeit oder Nichtverwandtschaft mit sich).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[Pg 62]</a></span></p> - - -<h5>113.</h5> - -<p><em>Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen.</em> -– Die Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös. -Sie will dem Menschen ein Anrecht schaffen, sich für -seine hohen Zustände und Handlungen als Ursache denken zu -dürfen: sie ist eine Form des wachsenden <em>Stolzgefühls</em>.</p> - -<p>Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man -sagt: es muß „Wille“ sein vor diesem Zustand, – sonst gehört -er ihm nicht an. Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum -von Wollen und Gewollt-haben als notwendiges Antezedenz -vor jedes hohe und starke Glücksgefühl zu setzen: – -wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen im Bewußtsein -vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen -Wirkung ausgelegt werden. – Das ist eine bloße <em>Optik der -Psychologie</em>: immer unter der falschen Voraussetzung, daß -uns nichts zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein -haben. Die ganze Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser -naiven Psychologie, daß nur der Wille Ursache ist, und -daß man wissen muß, gewollt zu haben, um <em>sich</em> als Ursache -glauben zu dürfen.</p> - -<p>– <em>Kommt die Gegenbewegung</em>: die der Moralphilosophen, -immer noch unter dem gleichen Vorurteil, daß man -nur für etwas verantwortlich ist, das man gewollt hat. Der -Wert des Menschen, als <em>moralischer Wert</em> angesetzt: folglich -muß seine Moralität eine <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span> sein; folglich -muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span>. – Hier ist immer der Hintergedanke: wenn -der Mensch nicht <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span> ist als Wille, so ist er unverantwortlich, -– folglich gehört er gar nicht vor das moralische -Forum, – die Tugend oder das Laster wären automatisch -und machinal....</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: damit der Mensch vor sich Achtung haben -kann, muß er fähig sein, auch böse zu werden.</p> - - -<h5>114.</h5> - -<p>Die <em>Schauspielerei</em> als Folge der Moral des „freien -Willens“. – Es ist ein Schritt in der <em>Entwicklung des<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[Pg 63]</a></span> -Machtgefühls</em> selbst, seine hohen Zustände (seine Vollkommenheit) -selber auch verursacht zu haben, – folglich, schloß -man sofort, <em>gewollt</em> zu haben....</p> - -<p>(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und -nicht mehr gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen -und oft krankhaften Personalzustand aus. <em>Die -persönliche Vollkommenheit als bedingt durch Willen, -als Bewußtsein</em>, als Vernunft mit Dialektik, ist eine -Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad -von Bewußtheit macht ja die Vollkommenheit <em>unmöglich</em>.. -Form der <em>Schauspielerei</em>.)</p> - - -<h5>115.</h5> - -<p><em>Kritik der subjektiven Wertgefühle.</em> – Das <em>Gewissen</em>. -Ehemals schloß man: das Gewissen verwirft diese -Handlung; folglich ist diese Handlung verwerflich. Tatsächlich -verwirft das Gewissen eine Handlung, weil dieselbe lange -verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft keine -Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen -zu verwerfen, war <em>nicht</em> das Gewissen: sondern die -Einsicht (oder das Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen.... -Die Zustimmung des Gewissens, das Wohlgefühl des „Friedens -mit sich“ ist von gleichem Range wie die Lust eines -Künstlers an seinem Werke, – sie beweist gar nichts.... Die -Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf -sie sich bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument -gegen den Wert einer Sache. Wir wissen bei weitem nicht -genug, um den Wert unsrer Handlungen messen zu können: -es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu -stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir -nicht Richter, sondern Partei.... Die edlen Wallungen, als -Begleiter von Handlungen, beweisen nichts für deren Wert: -ein Künstler kann mit dem allerhöchsten Pathos des Zustandes -eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte man -sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken -unsern Blick, unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht, -von dem Verdacht, daß wir eine <em>Dummheit</em> machen.. -sie machen uns dumm –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[Pg 64]</a></span></p> - - -<h5>116.</h5> - -<p>Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung -von zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste -Übung, unsre Meisterschaft vielleicht, unser Raffinement in -jedem Fall; wir haben die natürlichen Hänge mit dem -bösen Gewissen verschwistert.</p> - -<p>Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen -Hänge, ich meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen, -Denkwidrigen, Naturwidrigen, kurz die bisherigen -Ideale, die allesamt Weltverleumdungsideale waren, mit -dem schlechten Gewissen zu verschwistern.</p> - - -<h5>117.</h5> - -<p>Die großen <em>Verbrechen</em> in der <em>Psychologie</em>:</p> - -<p>1. Daß alle <em>Unlust</em>, alles <em>Unglück</em> mit dem Unrecht (der -Schuld) gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld -genommen);</p> - -<p>2. daß alle <em>starken Lustgefühle</em> (Übermut, Wollust, -Triumph, Stolz, Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit -und Glück an sich) als sündlich, als Verführung, als -verdächtig gebrandmarkt worden sind;</p> - -<p>3. daß die <em>Schwächegefühle</em>, die innerlichsten Feigheiten, -der Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden -Namen belegt und als wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt -worden sind;</p> - -<p>4. daß alles <em>Große</em> am Menschen umgedeutet worden ist -als Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für -andere; daß selbst am Erkennenden, selbst am Künstler die -<em>Entpersönlichung</em> als die Ursache seines höchsten Erkennens -und Könnens vorgespiegelt worden ist;</p> - -<p>5. daß die <em>Liebe</em> gefälscht worden ist als Hingebung (und -Altruismus), während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben -infolge eines Überreichtums von Persönlichkeit. Nur -die <em>ganzesten</em> Personen können lieben; die Entpersönlichten, -die „Objektiven“ sind die schlechtesten Liebhaber (– -man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe zu -Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[Pg 65]</a></span> -sitzen. (Der Egoismus als die Ver-<em>Ichlichung</em>, der Altruismus -als die Ver-<em>Änderung</em>).</p> - -<p>6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die -Leidenschaften als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.</p> - -<p><em>Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der -Verhinderung</em>, eine Art <em>Vermauerung</em> aus Furcht; einmal -will sich die große Menge (die Schlechtweggekommenen -und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die Stärkeren (– -und sie in der Entwicklung <em>zerstören</em>....), andrerseits alle -die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen -und allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische -Priesterschaft.</p> - - -<h5>118.</h5> - -<p>Die <em>Überreste der Naturentwertung</em> durch Moral-Transzendenz: -Wert der <em>Entselbstung</em>, Kultus des Altruismus: -Glaube an eine <em>Vergeltung</em> innerhalb des Spiels -der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“ selbst, -wie als ob das eine wie das andere <em>Folgen der Entselbstung</em> -wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des -bürgerlichen Lebens; absolutes Mißverstehen-wollen der Historie -(als Erziehungswerk zur Moralisierung) oder Pessimismus -im Anblick der Historie (– letzterer so gut eine -Folge der Naturentwertung wie jene <em>Pseudorechtfertigung</em>, -jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist -<em>sieht</em>....).</p> - - -<h5>119.</h5> - -<p>„<em>Die Moral um der Moral willen</em>“ – eine wichtige -Stufe in ihrer Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als -letzter Wert. In dieser Phase hat sie die Religion mit sich -durchdrungen: im Judentum zum Beispiel. Und ebenso gibt -es eine Phase, wo sie die Religion wieder <em>von sich abtrennt</em> -und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann zieht sie -das unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall.</p> - -<p>„<em>Die Kunst um der Kunst willen</em>“ – das ist ein -gleichgefährliches Prinzip: damit bringt man einen falschen -Gegensatz in die Dinge, – es läuft auf eine Realitätsver<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[Pg 66]</a></span>leumdung -(„Idealisierung“ ins <em>Häßliche</em>) hinaus. Wenn -man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das -Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „<em>Das -Schöne um des Schönen willen</em>“, „<em>das Wahre um -des Wahren willen</em>“, „<em>das Gute um des Guten willen</em>“ -– das sind drei Formen des <em>bösen Blicks</em> für das -Wirkliche.</p> - -<p>– <em>Kunst</em>, <em>Erkenntnis</em>, <em>Moral</em> sind <em>Mittel</em>: statt -die Absicht auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen, -hat man sie zu einem <em>Gegensatz des Lebens</em> in Bezug -gebracht, zu „<em>Gott</em>“, – gleichsam als Offenbarungen einer -höheren Welt, die durch diese hier und da hindurchblickt....</p> - -<p>„<em>Schön</em> und <em>häßlich</em>“, „<em>wahr</em> und <em>falsch</em>“, „<em>gut</em> und -<em>böse</em>“ – diese <em>Scheidungen</em> verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen, -nicht vom Menschen überhaupt, sondern -von irgendwelchen festen und dauerhaften Komplexen, -welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der <em>Krieg</em>, der -damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als Mittel -der <em>Absonderung</em>, die die Isolation <em>verstärkt</em>....</p> - - -<h5>120.</h5> - -<p>Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in -die Ecke zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als -Eckensteherwerte. Es sind schon viele Tierarten verschwunden; -gesetzt, daß auch der Mensch verschwände, so würde -nichts in der Welt fehlen. Man muß Philosoph genug sein, -um auch <em>dies</em> Nichts zu bewundern (– <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nil admirari</span> –).</p> - - -<h5>121.</h5> - -<p>Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die – glücklicherweise -– ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt -ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne -Folge, etwas, das für den Gesamtcharakter der Erde belanglos -bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus -zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, Vernunft, -Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen, -die <em>dumme</em> Notwendigkeit.... Gegen diese Betrachtung -empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[Pg 67]</a></span> -uns zu, „das alles muß falsch sein: <em>denn</em> es empört.... -Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch -trotzalledem, mit Kant zu reden – –“</p> - - -<h5>122.</h5> - -<p>Der <em>Sieg</em> eines moralischen Ideals wird durch dieselben -„unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt, -Lüge, Verleumdung, Ungerechtigkeit.</p> - - -<h5>123.</h5> - -<p>Wer weiß, wie aller <em>Ruhm</em> entsteht, wird einen Argwohn -auch gegen den Ruhm haben, den die Tugend genießt.</p> - - -<h5>124.</h5> - -<p><em>Vom Ideal des Moralisten.</em> – Dieser Traktat handelt -von der großen <em>Politik</em> der Tugend. Wir haben ihn -denen zum Nutzen bestimmt, welchen daran liegen muß, zu -lernen, nicht wie man tugendhaft <em>wird</em>, sondern wie man -tugendhaft <em>macht</em>, – wie man die Tugend <em>zur Herrschaft -bringt</em>. Ich will sogar beweisen, daß, um dies eine zu wollen -– die Herrschaft der Tugend –, man grundsätzlich das -andere nicht wollen darf; eben damit verzichtet man darauf, -tugendhaft zu werden. Dies Opfer ist groß: aber ein -solches Ziel lohnt vielleicht solch ein Opfer. Und selbst noch -größere.... Und einige von den berühmten Moralisten haben -so viel riskiert. Von diesen nämlich wurde bereits die Wahrheit -erkannt und vorweggenommen, welche mit diesem Traktat -zum ersten Male gelehrt werden soll: daß man die -<em>Herrschaft der Tugend</em> schlechterdings <em>nur durch dieselben -Mittel erreichen kann</em>, mit denen man überhaupt -eine Herrschaft erreicht, jedenfalls nicht <em>durch</em> die Tugend..</p> - -<p>Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik der Tugend: -er setzt ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie -sie sein müßte, wenn etwas auf dieser Erde vollkommen sein -könnte. Nun wird kein Philosoph darüber in Zweifel sein, was -der Typus der Vollkommenheit in der Politik ist; nämlich der -Macchiavellismus. Aber der Macchiavellismus, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">pur, sans -mélange, cru, vert, dans toute sa force, dans toute son<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[Pg 68]</a></span> -âpreté</span> ist übermenschlich, göttlich, transzendent, er wird von -Menschen nie erreicht, höchstens gestreift. Auch in dieser engeren -Art von Politik, in der Politik der Tugend, scheint das -Ideal nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es nur gestreift. -Man entdeckt, gesetzt, daß man Augen für versteckte -Dinge hat, selbst noch an den unbefangensten und bewußtesten -<em>Moralisten</em> (und das ist ja der Name für solche Politiker -der Moral, für jede Art Begründer neuer Moralgewalten) -Spuren davon, daß auch sie der menschlichen Schwäche ihren -Tribut gezollt haben. <em>Sie alle aspirierten</em>, zum mindesten -in ihrer Ermüdung, auch für sich selbst <em>zur Tugend</em>: -erster und kapitaler Fehler eines Moralisten, – als welcher -<em>Immoralist der Tat</em> zu sein hat. Daß er gerade das -<em>nicht scheinen darf</em>, ist eine andere Sache. Oder vielmehr, -es ist <em>nicht</em> eine andere Sache: es gehört eine solche grundsätzliche -Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung) -mit hinein in den Kanon des Moralisten und seiner -eigensten Pflichtenlehre: ohne sie wird er niemals zu <em>seiner</em> -Art Vollkommenheit gelangen. Freiheit von der Moral, <em>auch -von der Wahrheit</em>, um jenes Zieles willen, das jedes Opfer -aufwiegt: um der <em>Herrschaft der Moral</em> willen, – so -lautet jener Kanon. Die Moralisten haben die <em>Attitüde -der Tugend</em> nötig, auch die Attitüde der Wahrheit; ihr -Fehler beginnt erst, wo sie der Tugend <em>nachgeben</em>, wo sie -die Herrschaft über die Tugend verlieren, wo sie selbst <em>moralisch</em> -werden, <em>wahr</em> werden. Ein großer Moralist ist unter -anderem notwendig auch ein großer Schauspieler; seine Gefahr -ist, daß seine Verstellung unversehens Natur wird, wie -es sein Ideal ist, sein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">esse</span> und sein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">operari</span> auf eine göttliche -Weise auseinander zu halten; alles, was er tut, muß -er <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sub specie boni</span> tun, – ein hohes, fernes, anspruchsvolles -Ideal! Ein <em>göttliches</em> Ideal! Und in der Tat geht -die Rede, daß der Moralist damit kein geringeres Vorbild -nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen größten Immoralisten -der Tat, den es gibt, der aber nichtsdestoweniger zu -bleiben versteht, was er ist, der <em>gute Gott</em>....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[Pg 69]</a></span></p> - - -<h5>125.</h5> - -<p>Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft -der Tugend; mit der Tugend selbst verzichtet man auf -Macht, verliert den Willen zur Macht.</p> - - -<h5>126.</h5> - -<p><em>Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht -kommt?</em> – Genau mit den Mitteln einer politischen Partei: -Verleumdung, Verdächtigung, Unterminierung der entgegenstrebenden -Tugenden, die schon in der Macht sind, Umtaufung -ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung. -Also: <em>durch lauter „Immoralitäten“</em>.</p> - -<p>Was eine <em>Begierde</em> mit sich selber macht, um zur <em>Tugend</em> -zu werden? – Die Umtaufung; die prinzipielle Verleugnung -ihrer Absichten; die Übung im Sich-Mißverstehen; -die Allianz mit bestehenden und anerkannten Tugenden; die -affichierte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich den -Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern; -die Tartüfferie des Idealismus; eine Partei gewinnen, die -<em>entweder</em> mit ihr obenauf kommt <em>oder</em> zugrunde geht...., -<em>unbewußt</em>, <em>naiv</em> werden....</p> - - -<h5>127.</h5> - -<p><em>Die Moral in der Wertung von Rassen und Ständen.</em> -– In Anbetracht, daß <em>Affekte</em> und <em>Grundtriebe</em> -bei jeder Rasse und bei jedem Stande etwas von ihren Existenzbedingungen -ausdrücken (– zum mindesten von den -Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt -haben), heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind:</p> - -<p>daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren -und ihre Vergangenheit auswischen:</p> - -<p>heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden:</p> - -<p>heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen -sollen, – deutlicher, <em>daß sie zugrunde gehen</em>...</p> - -<p>Der Wille zu <em>einer</em> Moral erweist sich somit als die <em>Tyrannei</em> -jener Art, der diese eine Moral auf den Leib geschnitten -ist, über andere Arten: es ist die Vernichtung oder -die Uniformierung zugunsten der herrschenden (sei es, um<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[Pg 70]</a></span> -ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um von ihr ausgenutzt -zu werden). „Aufhebung der Sklaverei“ – angeblich -ein Tribut an die „Menschenwürde“, in Wahrheit eine <em>Vernichtung</em> -einer grundverschiedenen Spezies (– Untergrabung -ihrer Werte und ihres Glücks –).</p> - -<p>Worin eine <em>gegnerische</em> Rasse oder ein gegnerischer -Stand seine Stärke hat, das wird ihm als sein <em>Bösestes</em>, -Schlimmstes ausgelegt: denn damit schadet er uns (– seine -„Tugenden“ werden verleumdet und umgetauft).</p> - -<p>Es gilt als <em>Einwand</em> gegen Mensch und Volk, wenn er -<em>uns schadet</em>: aber von seinem Gesichtspunkt aus sind <em>wir</em> -ihm erwünscht, weil wir solche sind, von denen man Nutzen -haben kann.</p> - -<p>Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv -sich im Besitz der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist -eine Tartüfferie, unter der sich eine ganz bestimmte Art -Mensch zur Herrschaft zu bringen sucht: genauer, ein ganz -bestimmter Instinkt, der <em>Herdeninstinkt</em>. – „Gleichheit -der Menschen“: was sich <em>verbirgt</em> unter der Tendenz, -immer mehr Menschen als Menschen <em>gleich zu setzen</em>.</p> - -<p><em>Die „Interessiertheit“ in Hinsicht auf die gemeine -Moral.</em> (Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht -und Habsucht zu Protektoren der Tugend zu machen).</p> - -<p>Inwiefern alle Art <em>Geschäftsmänner</em> und Habsüchtige, -alles, was Kredit geben und in Anspruch nehmen muß, es -<em>nötig</em> hat, auf gleichen Charakter und gleichen Wertbegriff -zu dringen: der <em>Welthandel</em> und <em>-austausch</em> jeder Art -erzwingt und <em>kauft</em> sich gleichsam die Tugend.</p> - -<p>Insgleichen der <em>Staat</em> und jede Art Herrschaft in Hinsicht -auf Beamte und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft, -um mit Vertrauen und Sparsamkeit der Kräfte zu arbeiten. -– Insgleichen die <em>Priesterschaft</em>.</p> - -<p>– Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil -mit ihr ein Vorteil errungen wird; und um sie zum Sieg zu -bringen, wird Krieg und Gewalt geübt gegen die Unmoralität -– nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem Rechte:<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[Pg 71]</a></span> -sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben -Klassen bedienen sich der <em>Immoralität</em>, wo sie ihnen nützt.</p> - - -<h4>2. Die moralischen Ideale.</h4> - - -<h5>128.<br /> - -<span class="normal3 gesperrt">Zur Kritik der Ideale.</span></h5> - -<p>Diese so beginnen, daß man das Wort „<em>Ideal</em>“ abschafft: -Kritik der <em>Wünschbarkeiten</em>.</p> - - -<h5>129.</h5> - -<p>Ein Mensch, wie er sein <em>soll</em>: das klingt uns so abgeschmackt -wie: „ein Baum, wie er sein soll“.</p> - - -<h5>130.</h5> - -<p>Ethik: oder „Philosophie der Wünschbarkeit“. – „Es -<em>sollte</em> anders sein“, „es <em>soll</em> anders werden“: die Unzufriedenheit -wäre also der Keim der Ethik.</p> - -<p>Man könnte sich retten, erstens, indem man auswählt, -wo man <em>nicht</em> das Gefühl hat: zweitens indem man die Anmaßung -und Albernheit begreift: denn verlangen, daß <em>etwas</em> -anders ist, als es ist, heißt: verlangen, daß <em>alles</em> anders -ist, – es enthält eine verwerfende Kritik des Ganzen. -<em>Aber Leben ist selbst ein solches Verlangen!</em></p> - -<p>Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich -Höheres, Ernsteres als jedes „So sollte es sein“, weil letzteres -als menschliche Kritik und Anmaßung von vornherein -zur Lächerlichkeit verurteilt erscheint. Es drückt sich darin -ein Bedürfnis aus, welches verlangt, daß unserem menschlichen -Wohlbefinden die Einrichtung der Welt entspricht; -auch der Wille, so viel als möglich auf diese Aufgabe hin -zu tun.</p> - -<p>Andrerseits hat nur dieses Verlangen „so sollte es sein“ -jenes andre Verlangen, was ist, hervorgerufen. Das Wissen -nämlich darum, was ist, ist bereits eine Konsequenz jenes -Fragens „wie? ist es möglich? warum gerade so?“ Die Verwunderung -über die Nichtübereinstimmung unsrer Wünsche -und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[Pg 72]</a></span> -zu lernen. Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes -„so sollte es sein“ unser Weltüberwältigungswunsch, – –</p> - - -<h5>131.</h5> - -<p>Der Begriff „verwerfliche Handlung“ macht uns Schwierigkeit. -Nichts von alledem, was überhaupt geschieht, kann -an sich verwerflich sein: <em>denn man dürfte es nicht weghaben -wollen</em>: denn jegliches ist so mit allem verbunden, -daß irgend etwas ausschließen wollen alles ausschließen heißt. -Eine verwerfliche Handlung heißt: eine verworfene Welt -überhaupt....</p> - -<p>Und selbst dann noch: in einer verworfenen Welt würde -auch noch das Verwerfen verwerflich sein.... Und die Konsequenz -einer Denkweise, welche alles verwirft, wäre eine -Praxis, die alles bejaht.... Wenn das Werden ein großer -Ring ist, so ist jegliches gleich wert, ewig, notwendig. – In -allen Korrelationen von Ja und Nein, von Vorziehen und -Abweisen, Lieben und Hassen drückt sich nur eine Perspektive, -ein Interesse bestimmter Typen des Lebens aus: an -sich redet alles, was ist, das Ja.</p> - - -<h5>132.</h5> - -<p>Die Moral ist gerade so „unmoralisch“ wie jedwedes andre -Ding auf Erden; die Moralität selbst ist eine Form der -Unmoralität.</p> - -<p>Große <em>Befreiung</em>, welche diese Einsicht bringt. Der -Gegensatz ist aus den Dingen entfernt, die Einartigkeit in -allem Geschehen ist <em>gerettet</em> – –</p> - - -<h5>133.</h5> - -<p>Heute, wo uns jedes „so und so <em>soll</em> der Mensch sein“ -eine kleine Ironie in den Mund legt, wo wir durchaus daran -festhalten, daß man, trotz allem, nur das <em>wird</em>, was man -<em>ist</em> (trotz allem: will sagen Erziehung, Unterricht, Milieu, -Zufälle und Unfälle), haben wir in Dingen der Moral auf -eine kuriose Weise das Verhältnis von Ursache und Folge -<em>umdrehen</em> gelernt, – nichts unterscheidet uns vielleicht -gründlicher von den alten Moralgläubigen. Wir sagen zum -Beispiel nicht mehr, „das Laster ist die <em>Ursache</em> davon, daß<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[Pg 73]</a></span> -ein Mensch auch physiologisch zugrunde geht“; wir sagen -ebensowenig „durch die Tugend gedeiht ein Mensch, sie -bringt langes Leben und Glück“. Unsre Meinung ist vielmehr, -daß Laster und Tugend keine Ursachen, sondern nur -<em>Folgen</em> sind. Man wird ein anständiger Mensch, weil man -ein anständiger Mensch <em>ist</em>, das heißt, weil man als Kapitalist -guter Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren -ist.... Kommt man arm zur Welt, von Eltern her, welche -in allem nur verschwendet und nichts gesammelt haben, so -ist man „unverbesserlich“, will sagen reif für Zuchthaus und -Irrenhaus.... Wir wissen heute die moralische Degenereszenz -nicht mehr abgetrennt von der physiologischen zu -denken: sie ist ein bloßer Symptomenkomplex der letzteren; -man ist notwendig schlecht, wie man notwendig krank ist.... -Schlecht: das Wort drückt hier gewisse <em>Unvermögen</em> aus, -die physiologisch mit dem Typus der Degenereszenz verbunden -sind: zum Beispiel die Schwäche des Willens, die Unsicherheit -und selbst Mehrheit der „Person“, die Ohnmacht, -auf irgendeinen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich -zu „beherrschen“, die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion -eines fremden Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist -eine <em>Folge</em>.... Laster ist eine ziemlich willkürliche Begriffsabgrenzung, -um gewisse Folgen der physiologischen Entartung -zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz, wie ihn das -Christentum lehrte, „der Mensch ist schlecht“, würde berechtigt -sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerierten -als Normaltypus des Menschen zu nehmen. Aber -das ist vielleicht eine Übertreibung. Gewiß hat der Satz -überall dort ein Recht, wo gerade das Christentum gedeiht -und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden bewiesen, -ein Gebiet für Degenereszenz.</p> - - -<h5>134.</h5> - -<p>Man kann nicht genug Achtung vor dem Menschen haben, -sobald man ihn daraufhin ansieht, wie er sich durchzuschlagen, -auszuhalten, die Umstände sich zunutze zu machen, -Widersacher niederzuwerfen versteht; sieht man dagegen auf<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[Pg 74]</a></span> -den Menschen, sofern er <em>wünscht</em>, ist er die absurdeste Bestie.... -Es ist gleichsam, als ob er einen Tummelplatz der -Feigheit, Faulheit, Schwächlichkeit, Süßlichkeit, Untertänigkeit -zur Erholung für seine starken und männlichen Tugenden -brauchte: siehe die menschlichen <em>Wünschbarkeiten</em>, -seine „Ideale“. Der <em>wünschende</em> Mensch erholt sich von -dem Ewig-Wertvollen an ihm, von seinem Tun: im Nichtigen, -Absurden, Wertlosen, Kindischen. Die geistige Armut -und Erfindungslosigkeit ist bei diesem so erfinderischen und -auskunftsreichen Tier erschrecklich. Das „Ideal“ ist gleichsam -die Buße, die der Mensch zahlt, für den ungeheuren -Aufwand, den er in allen wirklichen und dringlichen Aufgaben -zu bestreiten hat. Hört die Realität auf, so kommt -der Traum, die Ermüdung, die Schwäche: „das Ideal“ ist -geradezu eine Form von Traum, Ermüdung, Schwäche.... -Die stärksten und die ohnmächtigsten Naturen werden sich -gleich, wenn dieser Zustand über sie kommt: <em>sie vergöttlichen</em> -das <em>Aufhören</em> der Arbeit, des Kampfes, der Leidenschaften, -der Spannung, der Gegensätze, der „<em>Realität</em>“ -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in summa</span>.... des Ringens um Erkenntnis, der <em>Mühe</em> der -Erkenntnis.</p> - -<p>„Unschuld“: so heißen sie den Idealzustand der Verdummung; -„Seligkeit“: den Idealzustand der Faulheit; „Liebe“: -den Idealzustand des Herdentieres, das keinen Feind -mehr haben will. Damit hat man alles, was den Menschen -erniedrigt und herunterbringt, ins <em>Ideal</em> erhoben.</p> - - -<h5>135.</h5> - -<p>Die Begierde <em>vergrößert</em> das, was man haben will; sie -wächst selbst durch Nichterfüllung, – die <em>größten Ideen</em> -sind die, welche die heftigste und längste Begierde geschaffen -hat. Wir legen den Dingen <em>immer mehr Wert bei</em>, je -mehr unsre Begierde nach ihnen wächst: wenn die „moralischen -Werte“ die <em>höchsten Werte</em> geworden sind, so verrät -dies, daß das moralische Ideal das <em>unerfüllteste</em> gewesen -ist (– insofern es <em>galt</em> als <em>Jenseits alles Leids</em>, -als Mittel der <em>Seligkeit</em>). Die Menschheit hat mit immer<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[Pg 75]</a></span> -wachsender Brunst nur <em>Wolken</em> umarmt: sie hat endlich -ihre Verzweiflung, ihr Unvermögen „Gott“ genannt....</p> - - -<h5>136.</h5> - -<p>Was ist die <em>Falschmünzerei an der Moral</em>? – Sie -gibt vor, etwas zu <em>wissen</em>, nämlich was „gut und böse“ -sei. Das heißt wissen wollen, wozu der Mensch da ist, sein -Ziel, seine Bestimmung zu kennen. Das heißt wissen wollen, -daß der Mensch ein Ziel, eine Bestimmung <em>habe</em> –</p> - - -<h5>137.</h5> - -<p>Daß die Menschheit eine Gesamtaufgabe zu lösen habe, -daß sie als Ganzes irgend einem Ziel entgegenlaufe, diese -sehr unklare und willkürliche Vorstellung ist noch sehr jung. -Vielleicht wird man sie wieder los, bevor sie eine „fixe -Idee“ wird.... Sie ist kein Ganzes, diese Menschheit: sie -ist eine unlösbare Vielheit von aufsteigenden und niedersteigenden -Lebensprozessen, – sie hat nicht eine Jugend und -darauf eine <em>Reife</em> und endlich ein Alter. Nämlich die -Schichten liegen durcheinander und übereinander – und in -einigen Jahrtausenden kann es immer noch jüngere Typen -Mensch geben, als wir sie heute nachweisen können. Die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> -andererseits gehört zu allen Epochen der Menschheit: -überall gibt es Auswurf- und Verfallstoffe, es ist ein -Lebensprozeß selbst, das Ausscheiden der Niedergangs- und -Abfallsgebilde.</p> - -<p>Unter der Gewalt des christlichen Vorurteils <em>gab es diese -Frage gar nicht</em>: der Sinn lag in der Errettung der einzelnen -Seele; das Mehr oder Weniger in der Dauer der Menschheit -kam nicht in Betracht. Die besten Christen wünschten, -daß es möglichst bald ein Ende habe; – über das, was dem -einzelnen nottue, <em>gab es keinen Zweifel</em>.... Die Aufgabe -stellte sich jetzt für jeden einzelnen, wie in irgend welcher -Zukunft für einen Zukünftigen: der Wert, Sinn, Umkreis -der Werte war fest, unbedingt, ewig, eins mit Gott.... -Das, was von diesem ewigen Typus abwich, war sündlich, -teuflisch, verurteilt....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[Pg 76]</a></span></p> - -<p>Das Schwergewicht des Wertes lag für jede Seele in sich -selber: Heil oder Verdammnis! Das Heil der <em>ewigen</em> -Seele! Extremste Form der <em>Verselbstung</em>.... Für jede -Seele gab es nur Eine Vervollkommnung; nur Ein Ideal; -nur Einen Weg zur Erlösung.... Extremste Form der <em>Gleichberechtigung</em>, -angeknüpft an eine optische Vergrößerung -der eigenen Wichtigkeit bis ins Unsinnige.... Lauter unsinnig -wichtige Seelen, mit entsetzlicher Angst um sich selbst gedreht....</p> - -<p>Nun glaubt kein Mensch mehr an diese absurde Wichtigtuerei: -und wir haben unsere Weisheit durch ein Sieb der -Verachtung geseiht. Trotzdem bleibt unerschüttert die <em>optische -Gewöhnung</em>, einen Wert des Menschen in der Annäherung -an einen <em>idealen Menschen</em> zu suchen: man hält im -Grunde sowohl die Verselbstungsperspektive als die <em>Gleichberechtigung -vor dem Ideal</em> aufrecht. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: <em>man -glaubt zu wissen</em>, was, in Hinsicht auf den idealen Menschen, -die <em>letzte Wünschbarkeit</em> ist....</p> - -<p>Dieser Glaube ist aber nur die Folge einer ungeheuren -<em>Verwöhnung</em> durch das christliche Ideal: als welches man, -bei jeder vorsichtigen Prüfung des „idealen Typus“, sofort -wieder herauszieht. Man glaubt, <em>erstens</em>, zu wissen, daß -die Annäherung an einen Typus wünschbar ist; <em>zweitens</em>, -zu wissen, welche Art dieser Typus ist; <em>drittens</em>, daß jede -Abweichung von diesem Typus ein Rückgang, eine Hemmung, -ein Kraft- und Machtverlust des Menschen ist.... -Zustände träumen, wo dieser <em>vollkommene Mensch</em> die -ungeheure Zahlenmajorität für sich hat: höher haben es auch -unsre Sozialisten, selbst die Herren Utilitarier nicht gebracht. -– Damit scheint ein <em>Ziel</em> in die <em>Entwicklung</em> der Menschheit -zu kommen: jedenfalls ist der Glaube an einen <em>Fortschritt -zum Ideal</em> die einzige Form, in der eine Art <em>Ziel</em> -in der Menschheitsgeschichte heute gedacht wird. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: -man hat die Ankunft des „<em>Reiches Gottes</em>“ in die Zukunft -verlegt, auf die Erde, ins Menschliche, – aber man hat -im Grunde den Glauben an das <em>alte</em> Ideal festgehalten....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[Pg 77]</a></span></p> - - -<h5>138.</h5> - -<p><em>Die Herkunft des Ideals.</em> Untersuchung des Bodens, -auf dem es wächst.</p> - -<p>A. Von den ästhetischen Zuständen ausgehen, wo die Welt -voller, runder, <em>vollkommener gesehen</em> wird – : das -<em>heidnische</em> Ideal: darin die Selbstbejahung vorherrschend -(<em>man gibt ab</em> –). Der höchste Typus: das <em>klassische</em> -Ideal – als Ausdruck eines Wohlgeratenseins <em>aller</em> Hauptinstinkte. -Darin wieder der höchste Stil: <em>der große Stil</em>. -Ausdruck des „Willens zur Macht“ selbst. Der am meisten -gefürchtete Instinkt <em>wagt sich zu bekennen</em>.</p> - -<p>B. Von Zuständen ausgehen, wo die Welt leerer, blässer, -verdünnter <em>gesehen</em> wird, wo die „Vergeistigung“ und Unsinnlichkeit -den Rang des Vollkommnen einnimmt, wo am -meisten das Brutale, Tierisch-Direkte, Nächste vermieden -wird (– <em>man rechnet ab, man wählt</em> –): der „Weise“, -„der Engel“, priesterlich = jungfräulich = unwissend, physiologische -Charakteristik solcher Idealisten – : das <em>anämische</em> -Ideal. Unter Umständen kann es das Ideal solcher -Naturen sein, welche das erste, das heidnische <em>darstellen</em> -(: so sieht Goethe in Spinoza seinen „Heiligen“).</p> - -<p>C. Von Zuständen ausgehen, wo wir die Welt absurder, -schlechter, ärmer, täuschender empfinden, als daß wir in ihr -noch das Ideal vermuten oder wünschen (– <em>man negiert, -man vernichtet</em> –): die Projektion des Ideals in das -Widernatürliche, Widertatsächliche, Widerlogische; der Zustand -dessen, der so urteilt (– die „Verarmung“ der Welt -als Folge des Leidens: <em>man nimmt, man gibt nicht mehr</em> -–): das <em>widernatürliche Ideal</em>.</p> - -<p>(Das <em>christliche Ideal</em> ist ein <em>Zwischengebilde</em> zwischen -dem zweiten und dritten, bald mit dieser, bald mit -jener Gestalt überwiegend.)</p> - -<p><em>Die drei Ideale</em>: <span class="antiqua">A.</span> Entweder eine <em>Verstärkung</em> des -Lebens (– <em>heidnisch</em>), oder <span class="antiqua">B.</span> eine <em>Verdünnung</em> des -Lebens (– <em>anämisch</em>), oder <span class="antiqua">C.</span> eine <em>Verleugnung</em> des -Lebens (– <em>widernatürlich</em>). Die „Vergöttlichung“ ge<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[Pg 78]</a></span>fühlt: -in der höchsten Fülle, – in der zartesten Auswahl, -– in der Zerstörung und Verachtung des Lebens.</p> - - -<h5>139.</h5> - -<p>Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der -Macht, der Liebe, der Rache, des Besitzes – : die Moralisten -wollen sie auslöschen, herausreißen, die Seele von ihnen -„reinigen“.</p> - -<p>Die Logik ist: die Begierden richten oft großes Unheil an, -– folglich sind sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los -von ihnen kommen: eher kann er nicht ein <em>guter</em> Mensch -sein....</p> - -<p>Das ist dieselbe Logik wie: „ärgert dich ein Glied, so -reiße es aus“. In dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche -„Unschuld vom Lande“, der Stifter des Christentums, -seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im Fall der geschlechtlichen -Irritabilität, folgt leider dies nicht nur, daß ein Glied -fehlt, sondern daß der Charakter des Menschen <em>entmannt</em> -ist.... Und das Gleiche gilt von dem Moralistenwahnsinn, -welcher, statt der Bändigung, die Exstirpation der Leidenschaften -verlangt. Ihr Schluß ist immer: erst der entmannte -Mensch ist der gute Mensch.</p> - -<p>Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend -hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre -Macht in Dienst zu nehmen und zu <em>ökonomisieren</em>, will -diese kurzsichtigste und verderblichste Denkweise, die Moraldenkweise, -<em>versiegen</em> machen.</p> - - -<h5>140.</h5> - -<p>Die <em>Intoleranz der Moral</em> ist ein Ausdruck von der -Schwäche des Menschen: er fürchtet sich vor seiner „Unmoralität“, -er muß seine stärksten Triebe <em>verneinen</em>, weil -er sie noch nicht zu benutzen weiß. So liegen die fruchtbarsten -Striche der Erde am längsten unbebaut: – die Kraft -fehlt, die hier Herr werden könnte....</p> - - -<h5>141.</h5> - -<p><em>Überwindung der Affekte?</em> – Nein, wenn es Schwäche -und Vernichtung derselben bedeuten soll. <em>Sondern in<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[Pg 79]</a></span> -Dienst nehmen</em>: wozu gehören mag, sie lange zu tyrannisieren -(nicht erst als einzelne, sondern als Gemeinde, Rasse -usw.). Endlich gibt man ihnen eine vertrauensvolle Freiheit -wieder: sie lieben uns wie gute Diener und gehen freiwillig -dorthin, wo unser Bestes hin will.</p> - - -<h5>142.</h5> - -<p>Die ganze Auffassung vom Range der <em>Leidenschaften</em>: -wie als ob das Rechte und Normale sei, von der <em>Vernunft</em> -geleitet zu werden, – während die Leidenschaften das Unnormale, -Gefährliche, Halbtierische seien, überdies, ihrem -Ziele nach, nichts anderes als <em>Lustbegierden</em>....</p> - -<p>Die Leidenschaft ist entwürdigt 1. wie als ob sie nur <em>un</em>geziemenderweise -und nicht notwendig und immer das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">mobile</span> -sei, 2. insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen -hohen Wert hat, ein Vergnügen....</p> - -<p>Die Verkennung von Leidenschaft und <em>Vernunft</em>, wie -als ob letztere ein Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein -Verhältniszustand verschiedener Leidenschaften und Begehrungen; -und als ob nicht jede Leidenschaft ihr Quantum -Vernunft in sich hätte....</p> - - -<h5>143.</h5> - -<p>Es gibt ganz naive Völker und Menschen, welche glauben, -ein beständig gutes Wetter sei etwas Wünschbares: sie glauben -noch heute in <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">rebus moralibus</span>, der „gute Mensch“ -allein und nichts als der „gute Mensch“ sei etwas Wünschbares -– und eben dahin gehe der Gang der menschlichen -Entwicklung, daß nur <em>er</em> übrig bleibe (und allein dahin -<em>müsse</em> man alle Absicht richten –). Das ist im höchsten -Grade <em>unökonomisch</em> gedacht und, wie gesagt, der Gipfel -des Naiven, nichts als Ausdruck der <em>Annehmlichkeit</em>, die -der „gute Mensch“ macht (– er erweckt keine Furcht, er -erlaubt die Ausspannung, er gibt, was man nehmen kann).</p> - -<p>Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt -die immer größere <em>Herrschaft des Bösen</em>, die wachsende -Freiwerdung des Menschen von der engen und ängstlichen -Moraleinschnürung, das Wachstum der Kraft, um<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[Pg 80]</a></span> -die größten Naturgewalten – die Affekte – in Dienst nehmen -zu können.</p> - - -<h5>144.</h5> - -<p>Wie unter dem Druck der asketischen <em>Entselbstungsmoral</em> -gerade die Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids, -selbst der Gerechtigkeit, der Großmut, des Heroismus <em>mißverstanden</em> -werden mußten:</p> - -<p>Es ist der <em>Reichtum an Person</em>, die Fülle in sich, das -Überströmen und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen -zu sich, was die großen Opfer und die große Liebe -macht: es ist die starke und göttliche Selbstigkeit, aus der -diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das Herrwerdenwollen, -Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf -alles zu haben. Die nach gemeiner Auffassung <em>entgegengesetzten</em> -Gesinnungen sind vielmehr <em>eine</em> Gesinnung; und -wenn man nicht fest und wacker in seiner Haut sitzt, so hat -man nichts abzugeben und Hand auszustrecken und Schutz -und Stab zu sein....</p> - -<p>Wie hat man diese Instinkte so <em>umdeuten</em> können, daß -der Mensch als wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht? -wenn er sein Selbst einem anderen Selbst preisgibt! -O über die psychologische Erbärmlichkeit und Lügnerei, -welche bisher in Kirche und kirchlich angekränkelter Philosophie -das große Wort geführt hat!</p> - -<p>Wenn der Mensch sündhaft ist durch und durch, so darf -er sich nur hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen -mit keiner andern Empfindung behandeln wie sich -selbst; Menschenliebe bedarf einer Rechtfertigung, – sie -liegt darin, daß <em>Gott sie befohlen hat</em>. – Hieraus folgt, -daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen (zur Liebe -usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrer -<em>Verleugnung</em> auf Grund eines Gehorsams gegen Gott -wieder zu Recht kommen.... Pascal, der bewunderungswürdige -<em>Logiker</em> des Christentums, <em>ging</em> so weit! man erwäge -sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sich <em>nicht</em> lieben -machen“ schien ihm christlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[Pg 81]</a></span></p> - - -<h5>145.</h5> - -<p>Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral <em>gelobt</em> -werden, ergeben sich mir als essentiell <em>gleich</em> mit den -von ihr verleumdeten und abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit -als Wille zur Macht, Wille zur Wahrheit als Mittel -des Willens zur Macht.</p> - -<p class="gesperrt">Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw.</p> - -<h5>146.</h5> - -<p>Der „<em>gute Mensch</em>“. Oder: die Hemiplegie der Tugend. -– Für jede starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört -Liebe und Haß, Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun -und Nein-tun zu einander. Man ist gut um den Preis, -daß man auch böse zu sein weiß; man ist böse, weil man -sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene Erkrankung -und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt -–, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig -zu sein? Woher die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung -des guten Menschen?.... Die Forderung geht dahin, -daß der Mensch sich an jenen Instinkten verschneide, mit -denen er feind sein kann, schaden kann, zürnen kann, Rache -heischen kann.... Diese Unnatur entspricht dann jener dualistischen -Konzeption eines bloß guten und eines bloß bösen -Wesens (Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven, -in letzterem alle negativen Kräfte, Absichten, Zustände summierend. -– Eine solche Wertungsweise glaubt sich damit -„idealistisch“; sie zweifelt nicht daran, eine höchste Wünschbarkeit -in der Konzeption „des Guten“ angesetzt zu haben. -Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen Zustand -aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur -die guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht -einmal für ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und -Böse sich gegenseitig bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden -und ersteres soll übrig bleiben, das eine hat ein -Recht zu sein, das andere <em>sollte gar nicht da sein</em>.... Was -wünscht da eigentlich? – –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[Pg 82]</a></span></p> - -<p>Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen -Zeiten viel Mühe gegeben, den Menschen auf diese -<em>halbseitige</em> Tüchtigkeit, auf den „Guten“ zu reduzieren: -noch heute fehlt es nicht an kirchlich Verbildeten und Geschwächten, -denen diese Absicht mit der „Vermenschlichung“ -überhaupt oder mit dem „Willen Gottes“ oder mit dem -„Heil der Seele“ zusammenfällt. Hier wird als wesentliche -Forderung gestellt, daß der Mensch nichts Böses tue, daß -er unter keinen Umständen schade, schaden <em>wolle</em>. Als Weg -dazu gilt: die Verschneidung aller Möglichkeit zur Feindschaft, -die Aushängung aller Instinkte des Ressentiments, -der „Frieden der Seele“ als chronisches Übel.</p> - -<p>Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch -gezüchtet wird, geht von einer absurden Voraussetzung aus: -sie nimmt das Gute und das Böse als Realitäten, die mit -sich im Widerspruch sind (<em>nicht</em> als komplementäre Wertbegriffe, -was die Wahrheit wäre), sie rät, die Partei des -Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen -bis in die letzte Wurzel entsagt und widerstrebt, – <em>sie verneint -tatsächlich damit das Leben</em>, welches in allen -seinen Instinkten sowohl das Ja wie das Nein hat. Nicht -daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon, zur Ganzheit, -zur Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie -denkt es sich als Zustand der Erlösung, wenn endlich der -eignen innern Anarchie, der Unruhe zwischen jenen entgegengesetzten -Wertantrieben ein Ende gemacht wird. – Vielleicht -gab es bisher keine gefährlichere Ideologie, keinen größeren -Unfug <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in psychologicis</span>, als diesen Willen zum Guten: man -zog den widerlichsten Typus, den <em>unfreien</em> Menschen, groß, -den Mucker; man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf -dem rechten Wege zur Gottheit, nur ein Muckerwandel sei -ein göttlicher Wandel.</p> - -<p>Und selbst hier noch behält das Leben recht, – das Leben, -welches das Ja nicht vom Nein zu trennen weiß – : was -hilft es, mit allen Kräften den Krieg für böse zu halten, -nicht schaden, nicht Nein tun zu wollen! man führt doch -Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, der<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[Pg 83]</a></span> -dem Bösen entsagt hat, behaftet, wie es ihm wünschbar -scheint, mit jener Hemiplegie der Tugend, hört durchaus -nicht auf, Krieg zu führen, Feinde zu haben, Nein zu sagen, -Nein zu tun. Der Christ zum Beispiel haßt die „Sünde“! -– und was ist ihm nicht alles „Sünde“! Gerade durch -jenen Glauben an einen Moralgegensatz von Gut und Böse -ist ihm die Welt vom Hassenswerten, vom Ewig-zu-Bekämpfenden -übervoll geworden. „Der Gute“ sieht sich wie -umringt vom Bösen und unter dem beständigen Ansturm -des Bösen, er verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all -seinem Dichten und Trachten noch das Böse: und so endet -er, wie es folgerichtig ist, damit, die Natur für böse, den -Menschen für verderbt, das Gutsein als Gnade (das heißt -als menschenunmöglich) zu verstehen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: <em>er verneint -das Leben</em>, er begreift, wie das Gute als oberster -Wert das Leben <em>verurteilt</em>.... Damit sollte seine Ideologie -von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine -Krankheit widerlegt man nicht. Und so konzipiert er ein <em>anderes</em> -Leben!....</p> - - -<h5>147.</h5> - -<p>Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich -<em>vielfach</em> in ihrer Motivierung: mit irgendeinem solchen -Wort wie „Mitleid“ ist <em>gar nichts</em> gesagt. Das Wesentlichste -ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist der andere im -Verhältnis zu mir?“ – Werturteile fortwährend tätig.</p> - - -<h5>148.</h5> - -<p>1. Die prinzipielle <em>Fälschung der Geschichte</em>, damit sie -den <em>Beweis</em> für die moralische Wertung abgibt:</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) Niedergang eines Volkes und die Korruption;</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) Aufschwung eines Volkes und die Tugend;</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) Höhepunkt eines Volkes („seine Kultur“) als Folge -der moralischen Höhe.</p> - -<p>2. Die prinzipielle Fälschung der <em>großen Menschen</em>, der -<em>großen Schaffenden</em>, der <em>großen Zeiten</em>:</p> - -<p>man will, daß der <em>Glaube</em> das Auszeichnende der Großen -ist: aber die Unbedenklichkeit, die Skepsis, die „Unmorali<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[Pg 84]</a></span>tät“, -die Erlaubnis, sich eines Glaubens entschlagen zu können, -gehört zur Größe (Cäsar, Friedrich der Große, Napoleon; -aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo, Goethe). -Man unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des -Willens“ –</p> - - -<h5>149.</h5> - -<p>– „Die Krankheit macht den Menschen besser“: diese berühmte -Behauptung, der man durch alle Jahrhunderte begegnet, -und zwar im Munde der Weisen ebenso als im -Mund und Maule des Volks, gibt zu denken. Man möchte -sich, auf ihre Gültigkeit hin, einmal erlauben zu fragen: gibt -es vielleicht ein ursächliches Band zwischen Moral und Krankheit -überhaupt? Die „Verbesserung des Menschen“, im -großen betrachtet, zum Beispiel die unleugbare Milderung, -Vermenschlichung, Vergutmütigung des Europäers innerhalb -des letzten Jahrtausends – ist sie vielleicht die Folge eines -langen, heimlich-unheimlichen Leidens und Mißratens, Entbehrens, -Verkümmerns? Hat „die Krankheit“ den Europäer -„besser gemacht“? Oder, anders gefragt: ist unsre -Moralität – unsre moderne zärtliche Moralität in Europa, -mit der man die Moralität des Chinesen vergleichen möge, -– der Ausdruck eines physiologischen <em>Rückgangs</em>?... Man -möchte nämlich nicht ableugnen können, daß jede Stelle der -Geschichte, wo „der Mensch“ sich in besonderer Pracht und -Mächtigkeit des Typus gezeigt hat, sofort einen plötzlichen, -gefährlichen, eruptiven Charakter annimmt, bei dem die -Menschlichkeit schlimm fährt; und vielleicht hat es in jenen -Fällen, wo es <em>anders scheinen will</em>, eben nur an Mut -oder Feinheit gefehlt, die Psychologie in die Tiefe zu treiben -und den allgemeinen Satz auch da noch herauszuziehen: „je -gesünder, je stärker, je reicher, fruchtbarer, unternehmender -ein Mensch sich fühlt, um so ‚unmoralischer‘ wird er auch.“ -Ein peinlicher Gedanke! dem man durchaus nicht nachhängen -soll! Gesetzt aber, man läuft mit ihm ein kleines, kurzes -Augenblickchen vorwärts, wie verwundert blickt man da -in die Zukunft! Was würde sich dann auf Erden teurer bezahlt -machen als gerade das, was wir mit allen Kräften for<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[Pg 85]</a></span>dern -– die Vermenschlichung, die „Verbesserung“, die wachsende -„Zivilisierung“ des Menschen? Nichts wäre kostspieliger -als Tugend: denn am Ende hätte man mit ihr die Erde -als Hospital: und „Jeder jedermanns Krankenpfleger“ wäre -der Weisheit letzter Schluß. Freilich: man hätte dann auch -jenen vielbegehrten „Frieden auf Erden“! Aber auch so -wenig „Wohlgefallen aneinander“! So wenig Schönheit, -Übermut, Wagnis, Gefahr! So wenig „Werke“, um derentwillen -es sich lohnte, auf Erden zu leben! Ach! und ganz -und gar keine „Taten“ mehr! Alle <em>großen</em> Werke und -Taten, welche stehengeblieben sind und von den Wellen der -Zeit nicht fortgespült wurden, – waren sie nicht alle im -tiefsten Verstande große <em>Unmoralitäten</em>?....</p> - - -<h5>150.</h5> - -<p>Egoismus! Aber noch niemand hat gefragt: <em>was</em> für ein -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>? Sondern jeder setzt unwillkürlich das <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span></em> jedem <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span></em> -gleich. Das sind die Konsequenzen der Sklaventheorie vom -<em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span></em> und der „Gleichheit“.</p> - - -<h5>151.</h5> - -<p><em>Ursprung der Moralwerte.</em> – Der Egoismus ist so -viel wert, als der physiologisch wert ist, der ihn hat.</p> - -<p>Jeder einzelne ist die ganze Linie der Entwicklung noch -(und nicht nur, wie ihn die Moral auffaßt, etwas, das mit -der Geburt beginnt). Stellt er das <em>Aufsteigen</em> der Linie -Mensch dar, so ist sein Wert in der Tat außerordentlich; und -die Sorge um Erhaltung und Begünstigung seines Wachstums -darf extrem sein. (Es ist die Sorge um die in ihm -verheißene Zukunft, welche dem wohlgeratenen Einzelnen ein -so außerordentliches Recht auf Egoismus gibt.) Stellt er -die <em>absteigende</em> Linie dar, den Verfall, die chronische Erkrankung, -so kommt ihm wenig Wert zu: und die erste -Billigkeit ist, daß er so wenig als möglich Platz, Kraft und -Sonnenschein den Wohlgeratenen wegnimmt. In diesem -Falle hat die Gesellschaft die <em>Niederhaltung des Egoismus</em> -(– der mitunter absurd, krankhaft, aufrührerisch sich -äußert –) zur Aufgabe: handle es sich nun um Einzelne<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[Pg 86]</a></span> -oder um ganze verkommende, verkümmernde Volksschichten. -Eine Lehre und Religion der „Liebe“, der <em>Niederhaltung</em> -der Selbstbejahung, des Duldens, Tragens, Helfens, der -Gegenseitigkeit in Tat und Wort kann innerhalb solcher -Schichten vom höchsten Werte sein, selbst mit den Augen -der Herrschenden gesehen: denn sie hält die Gefühle der Rivalität, -des Ressentiments, des Neides nieder, die allzu natürlichen -Gefühle der Schlechtweggekommenen, sie vergöttlicht -ihnen selbst unter dem Ideal der Demut und des Gehorsams -das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das Armsein, -das Kranksein, das Untenstehen. Hieraus ergibt sich, -warum die herrschenden Klassen (oder Rassen) und Einzelnen -jederzeit den Kultus der Selbstlosigkeit, das Evangelium -der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“ aufrechterhalten -haben.</p> - -<p>Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist -die Folge eines Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil -auf unterstem Grunde sagt hier: „ich bin nicht viel -wert“: ein bloß physiologisches Werturteil; noch deutlicher: -das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen, bejahenden -Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren). -Dies Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur -dieser Schichten, in ein moralisches oder religiöses Urteil -(– die Vorherrschaft religiöser oder moralischer Urteile -ist immer ein Zeichen niedriger Kultur –): es sucht -sich zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff -„Wert“ überhaupt bekannt ist. Die Auslegung, mit der -der christliche Sünder sich zu verstehen glaubt, ist ein Versuch, -den Mangel an Macht und Selbstgewißheit <em>berechtigt</em> -zu finden: er will lieber sich schuldig finden, als umsonst -sich schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom von -Verfall, Interpretationen dieser Art überhaupt zu brauchen. -In andern Fällen sucht der Schlechtweggekommene den -Grund dafür nicht in seiner „Schuld“ (wie der Christ), sondern -in der Gesellschaft: der Sozialist, der Anarchist, der -Nihilist, – indem sie ihr Dasein als etwas empfinden, an -dem jemand <em>schuld</em> sein soll, sind sie damit immer noch die<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[Pg 87]</a></span> -Nächstverwandten des Christen, der auch das Sich-schlecht-Befinden -und Mißraten besser zu ertragen glaubt, wenn er -jemanden gefunden hat, den er dafür <em>verantwortlich</em> machen -kann. Der Instinkt der Rache und des <em>Ressentiments</em> -erscheint hier in beiden Fällen als Mittel, es auszuhalten, -als Instinkt der Selbsterhaltung: ebenso wie die Bevorzugung -der <em>altruistischen</em> Theorie und Praxis. Der -<em>Haß gegen den Egoismus</em>, sei es gegen den eignen (wie -beim Christen), sei es gegen den fremden (wie beim Sozialisten), -ergibt sich dergestalt als ein Werturteil unter der -Vorherrschaft der Rache; andrerseits als eine Klugheit der -Selbsterhaltung Leidender durch Steigerung ihrer Gegenseitigkeits- -und Solidaritätsgefühle.... Zuletzt ist, wie schon -angedeutet, auch jene Entladung des Ressentiments im Richten, -Verwerfen, Bestrafen des Egoismus (des eignen oder -eines fremden) noch ein Instinkt der Selbsterhaltung bei -Schlechtweggekommenen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: der Kultus des Altruismus -ist eine spezifische Form des Egoismus, die unter bestimmten -physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt.</p> - -<p>Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“, -„Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er -nur unter dem Druck seiner ungenügenden Kultur, welche -nicht zu begreifen weiß, warum er leidet: andrerseits macht -er sich ein Vergnügen damit; – befände er sich besser, so -würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann anderswo -sein Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“ -wird von ihm verurteilt, verleumdet, verflucht, – er nimmt -sich selbst nicht aus. Aber das ist kein Grund, sein Geschrei -ernst zu nehmen. In beiden Fällen sind wir immer noch -unter Kranken, denen es <em>wohltut</em>, zu schreien, denen die -Verleumdung eine Erleichterung ist.</p> - - -<h5>152.</h5> - -<p>Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe -und nicht übergriffe, – es gibt folglich jenen „erlaubten“, -„moralisch indifferenten“ Egoismus gar nicht, von dem ihr -redet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[Pg 88]</a></span></p> - -<p>„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“; -„Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens“ – wer -das nicht begreift, hat bei sich auch nicht den ersten Schritt -zur Redlichkeit getan.</p> - - -<h5>153.<br /> - -<span class="normal3 gesperrt">Von der Verleumdung der sogenannten bösen -Eigenschaften.</span></h5> - -<p><em>Egoismus</em> und sein Problem! Die christliche Verdüsterung -in Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und -damit den Wert der Dinge und Tugenden <em>vermindert</em> -glaubte! Dem entgegen suchte ich zunächst zu beweisen, daß -es gar nichts anderes geben <em>könne</em> als Egoismus, – daß -den Menschen, bei denen das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> schwach und dünn wird, -auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, – daß die -Liebendsten vor allem es aus Stärke ihres <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> sind, – daß -Liebe ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Wertschätzung -zielt in Wahrheit auf das Interesse 1. derer, denen -genützt, geholfen wird, der Herde; 2. enthält sie einen -pessimistischen Argwohn gegen den Grund des Lebens; -3. möchte sie die prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen -verneinen; Furcht; 4. will sie den Unterliegenden zum -Rechte verhelfen gegen die Sieger; 5. bringt sie eine universale -Unehrlichkeit mit sich, und gerade bei den wertvollsten -Menschen.</p> - - -<h5>154.</h5> - -<p>Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt -(samt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der -Absicht, es zu vernichten, sondern nur, um seiner <em>Tyrannei</em> -ein Ende zu setzen und den Platz freizubekommen für neue -Ideale, für <em>robustere</em> Ideale... Die <em>Fortdauer</em> des christlichen -Ideals gehört zu den wünschenswertesten Dingen, die -es gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm und -vielleicht über ihm sich geltend machen wollen, – sie müssen -Gegner, starke Gegner haben, um <em>stark</em> zu werden. – So -brauchen wir Immoralisten die <em>Macht</em> der <em>Moral</em>: unser<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[Pg 89]</a></span> -Selbsterhaltungstrieb will, daß unsre <em>Gegner</em> bei Kräften -bleiben, – er will nur <em>Herr über sie</em> werden. –</p> - - -<h5>155.</h5> - -<p>Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern -und eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen -hier arbeitenden Instinkte ans Licht ziehen und zu -Ehren bringen, nachdem sie die längste Zeit unter heuchlerischen -Tugendnamen versteckt wurden; man soll aus Scham -vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“ die -Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen -und weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie -weit man sich der Tugend entschlagen kann; und es wäre -eine Höhe zu denken, wo der Begriff „Tugend“ so unempfunden -wäre, daß er wie <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span> klänge, Renaissancetugend, -moralinfreie Tugend. Aber einstweilen – wie fern sind -wir noch von diesem Ideale!</p> - -<p><em>Die Gebietsverkleinerung der Moral</em>: ein Zeichen -ihres Fortschritts. Überall, wo man noch nicht <em>kausal</em> zu -denken vermocht hat, dachte man <em>moralisch</em>.</p> - - -<h5>156.</h5> - -<p>Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen -Vorrang vor uns: wir wollen euch die <em>Bescheidenheit</em> -hübsch zu Gemüte führen: es ist ein erbärmlicher Eigennutz -und Klugheit, welche euch eure Tugend anrät. Und hättet -ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch nicht dergestalt -zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht -aus euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt – wozu euch -eure Umstände zwingen –, teils was euch Vergnügen macht, -teils was euch nützlich scheint. Aber wenn ihr tut, was nur -euren Neigungen gemäß ist oder was eure Notwendigkeit -von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr euch darin -<em>weder loben dürfen, noch loben lassen</em>!.... Man ist -eine <em>gründlich kleine Art</em> Mensch, wenn man <em>nur</em> tugendhaft -ist: darüber soll nichts in die Irre führen! Menschen, -die irgendworin in Betracht kommen, waren noch niemals -solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt, der ihres<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[Pg 90]</a></span> -Quantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während -eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt -als Tugend. Aber ihr habt die <em>Zahl</em> für euch: und insofern -ihr <em>tyrannisiert</em>, wollen wir <em>euch</em> den Krieg machen....</p> - - -<h5>157.</h5> - -<p>Ein <em>tugendhafter Mensch</em> ist schon deshalb eine niedrigere -Spezies, weil er keine „Person“ ist, sondern seinen -Wert dadurch erhält, einem Schema Mensch gemäß zu sein, -das ein für allemal aufgestellt ist. Er hat nicht seinen Wert -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a parte</span>: er kann verglichen werden, er hat seinesgleichen, er -<em>soll</em> nicht einzeln sein....</p> - -<p>Rechnet die Eigenschaften des <em>guten</em> Menschen nach, weshalb -tun sie uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben, -weil er kein Mißtrauen, keine Vorsicht, keine Sammlung -und Strenge uns auferlegt: unsre Faulheit, Gutmütigkeit, -Leichtsinnigkeit macht sich einen <em>guten Tag</em>. Dieses unser -<em>Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren</em> -und dem guten Menschen als <em>Eigenschaft</em>, als -<em>Wert</em> zurechnen.</p> - - -<h5>158.</h5> - -<p><em>Zur Kritik des guten Menschen.</em> – Rechtschaffenheit, -Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, -Geradheit, gutes Gewissen, – sind wirklich mit diesen -wohlklingenden Worten Eigenschaften um ihrer selbst willen -bejaht oder gutgeheißen? oder sind hier an sich wertindifferente -Eigenschaften und Zustände nur unter irgendwelchen -Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der -Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil, -der aus ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet -wird)?</p> - -<p>Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> -und <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">alter</span> in der Beurteilung: die Frage ist, ob die <em>Folgen</em> -es sind, sei es für den Träger dieser Eigenschaften, sei es -für die Umgebung, Gesellschaft, „Menschheit“, derentwegen -diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder ob sie an sich -selbst Wert haben....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[Pg 91]</a></span></p> - -<p>Anders gefragt: ist es die <em>Nützlichkeit</em>, welche die entgegengesetzten -Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen -heißt (– Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit, -Selbstungewißheit: Unmenschlichkeit –)? Ist das Wesen -solcher Eigenschaften oder nur die Konsequenz solcher Eigenschaften -verurteilt? – Anders gefragt: wäre es <em>wünschbar</em>, -daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existieren? -– Das wird <em>jedenfalls geglaubt</em>.... Aber -hier steckt der Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit -des <em>Winkelegoismus</em>.</p> - -<p>Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu -schaffen, in denen der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen -ist, – so daß die entgegengesetzten Naturen und -Instinkte entmutigt würden und langsam ausstürben?</p> - -<p>Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der -<em>Ästhetik</em>: wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das -heißt langweiligste Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen, -die Tugendhaften, die Biedermänner, die Braven, -die Geraden, die „Hornochsen“?</p> - -<p>Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“ -weg: so hat sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein -Recht auf Existenz: er ist nicht mehr nötig, – und hier begreift -man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine solche <em>unausstehliche -Tugend</em> zu Ehren gebracht hat.</p> - -<p>Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten -Seite: Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene -Mensch“ in die bescheidene Stellung eines „nützlichen -Werkzeugs“ herabgedrückt wird – als das „ideale Herdentier“, -bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen er nicht mehr -in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche <em>andere -Eigenschaften</em> verlangt.</p> - - -<h5>159.</h5> - -<p><em>Das Patronat der Tugend.</em> – Habsucht, Herrschsucht, -Faulheit, Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an -der Sache der Tugend: darum steht sie so fest.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[Pg 92]</a></span></p> - - -<h5>160.</h5> - -<p>Man soll die <em>Tugend</em> gegen die Tugendprediger verteidigen: -das sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren -die Tugend als ein Ideal <em>für alle</em>; sie nehmen der Tugend -ihren Reiz des Seltenen, des Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen -und Undurchschnittlichen, – ihren <em>aristokratischen -Zauber</em>. Man soll insgleichen Front machen gegen -die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen -und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche -Naivität, Großes und Seltenes zu <em>fordern</em> und seine Abwesenheit -mit Ingrimm und Menschenverachtung festzustellen! -– Es liegt zum Beispiel auf der Hand, daß eine -<em>Ehe</em> so viel wert ist als die, welche sie schließen, das heißt, -daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und Unschickliches -sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas -anderes daraus machen.</p> - -<p>Die <em>Tugend</em> hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen -gegen sich: sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist -der Leidenschaft verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich; -sie verdirbt den Charakter, den Kopf, den Sinn, – -– immer gemessen mit dem Maß des Mittelguts von -Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, gegen die -<em>Lüge</em>, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit -versteckt liegt, – sie ist das <em>schlimmste Laster</em>, gesetzt, -daß man sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die -<em>andern</em> beurteilt.</p> - -<p>– Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt, -erkannt zu werden, 2. daß sie nicht Tugend überall -voraussetzt, sondern gerade etwas anderes, 3. daß sie an der -Abwesenheit der Tugend <em>nicht leidet</em>, sondern umgekehrt -dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund dessen -etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit, -4. daß sie nicht Propaganda macht.... 5. daß sie niemand -erlaubt, den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend -<em>für sich</em> ist, 6. daß sie gerade alles das tut, was sonst <em>verboten</em> -ist: Tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentliche<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[Pg 93]</a></span> -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vetitum</span> innerhalb aller Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie -Tugend im Renaissancestil ist, <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span>, moralinfreie Tugend..</p> - - -<h5>161.</h5> - -<p>Der <em>„gute Mensch“ als Tyrann</em>. – Die Menschheit -hat immer denselben Fehler wiederholt: daß sie aus einem -Mittel zum Leben einen <em>Maßstab</em> des Lebens gemacht hat; -daß sie – statt in der höchsten Steigerung des Lebens selbst, -im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß -zu finden – die <em>Mittel</em> zu einem ganz bestimmten Leben -zum Ausschluß aller anderen Formen des Lebens, kurz zur -Kritik und Selektion des Lebens benutzt hat. Das heißt, der -Mensch liebt endlich die Mittel um ihrer selbst willen und -<em>vergißt</em> sie als Mittel: so daß sie jetzt als Ziele ihm ins Bewußtsein -treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt, -<em>eine bestimmte Spezies Mensch</em> behandelt ihre Existenzbedingungen -als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als -„Wahrheit“, „Gut“, „Vollkommen“: sie <em>tyrannisiert</em>... -Es ist eine <em>Form des Glaubens</em>, des Instinkts, daß eine -Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen Art, ihre Relativität -im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens scheint -es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn -sie tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr -daran denkt, Herr sein zu wollen –</p> - - -<h5>162.</h5> - -<p>– Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen, -daß zuletzt man vor dem Laster flieht, um von -dem loszukommen, was mit ihm verknüpft ist. Das ist der -berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser, durch Wagnersche -Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei Frau -Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend -Reiz; eine thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um -das Stärkste zu sagen, er goutiert sogar die Weise Wolframs -von Eschenbach....</p> - - -<h5>163.</h5> - -<p>Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige -Form der Dummheit: wer dürfte ihr darum übelwollen?<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[Pg 94]</a></span> -Und diese Art Tugend ist auch heute noch nicht überlebt. -Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber in allen -Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung -und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch, -daß alles in guten Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“: -und wenn sie diesen Satz mit jener bescheidenen Sicherheit -aufrecht erhalten, wie als ob sie sagten, daß zwei -mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten, zu widersprechen. -Wozu <em>diese</em> reine Torheit trüben? Wozu sie mit -unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft -verdüstern? Und wollten wir es, wir könnten es nicht. -Sie spiegeln ihre eigne ehrwürdige Dummheit und Güte in -die Dinge <em>hinein</em> (bei ihnen lebt ja der alte Gott <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">deus myops</span> -noch!); wir andern – wir sehen etwas anderes in die -Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche, unsre -tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.</p> - - -<h5>164.</h5> - -<p>Die <em>Tugend</em> findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft -ist dahin; es müßte sie denn einer etwa als -eine ungewöhnliche Form des Abenteuers und der Ausschweifung -von neuem auf den Markt zu bringen verstehen. Sie -verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren -Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich -hätte. Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche -mag eben das an ihr neuer Zauber sein: – sie ist nunmehr, -was sie bisher noch niemals gewesen ist, ein <em>Laster</em>.</p> - - -<h5>165.</h5> - -<p>Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie <em>soll</em> es -bleiben!</p> - - -<h5>166.</h5> - -<p>Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies -wunderlichste Resultat nicht: ich habe der Tugend einen -neuen <em>Reiz</em> erteilt, – sie wirkt als etwas <em>Verbotenes</em>. -Sie hat unsre feinste Redlichkeit gegen sich, sie ist eingesalzen -in das „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">cum grano salis</span>“ des wissenschaftlichen Gewis<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[Pg 95]</a></span>sensbisses; -sie ist altmodisch im Geruch und antikisierend, -so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und neugierig -macht; – kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem -wir alles als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch -die Erlaubnis wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der -Tugend, erhalten. Es gibt keine Instanz mehr, die uns dieselbe -verbieten dürfte; erst indem wir die Tugend als eine -<em>Form der Immoralität</em> aufgezeigt haben, ist sie wieder -<em>gerechtfertigt</em>, – sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in -Hinsicht auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der -Grundimmoralität alles Daseins, – als eine Luxusform -ersten Ranges, die hochnäsigste, teuerste und seltenste Form -des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und entkuttet, wir -haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst, wir haben -ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife -Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.</p> - - -<h5>167.</h5> - -<p>Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig, -als die Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen -werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron... -Denn so stand es immer und wird es stehen: man kann -einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie verfolgt -und mit allen Hunden hetzt.... Dies – habe ich getan.</p> - - -<h5>168.</h5> - -<p>Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn -man <em>Züchtung</em> mit <em>Zähmung</em> verwechselt: was man getan -hat.... Die Züchtung ist, wie ich sie verstehe, ein Mittel -der ungeheuren Kraftaufspeicherung der Menschheit, so -daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren fortbauen -können – nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch -aus ihnen herauswachsend, ins <em>Stärkere</em>....</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man -glaubt, daß die Menschheit als <em>Ganzes</em> fortwüchse und -stärker würde, wenn die Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich -werden.... Menschheit ist ein Abstraktum: das<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[Pg 96]</a></span> -Ziel der <em>Züchtung</em> kann auch im einzelnsten Falle immer -nur der <em>stärkere</em> Mensch sein (– der ungezüchtete ist -schwach, vergeuderisch, unbeständig –).</p> - - -<h5>169.</h5> - -<p>Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die Tat <em>Moral -zu machen</em>.... Die Mittel der Moralisten sind die -furchtbarsten Mittel, die je gehandhabt worden sind; wer -den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat, taugt zu allem -Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.</p> - -<p>Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß -eiserne Stäbe nützlicher sein können als Freiheit, selbst für -den Eingefangenen; ihre andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger -gibt, die sich vor furchtbaren Mitteln nicht fürchten, -– die glühendes Eisen zu handhaben wissen. Diese schreckliche -Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier aufnimmt, -heißt sich „Priester“.</p> - -<p>Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern, -eine Karikatur des Menschen geworden, krank, -kümmerlich, gegen sich selbst böswillig, voller Haß auf die -Antriebe zum Leben, voller Mißtrauen gegen alles, was -schön und glücklich ist am Leben, ein wandelndes Elend: diese -künstliche, willkürliche, <em>nachträgliche</em> Mißgeburt, welche -die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, den „Sünder“: -wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz -alledem zu <em>rechtfertigen</em>?</p> - -<p>Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei <em>zoologische</em> -Begriffe an ihre Stelle setzen: <em>Zähmung</em> der -Bestie und <em>Züchtung einer bestimmten Art</em>.</p> - -<p>Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „<em>bessern</em>“ -wollen.... Aber wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger -von seinen „gebesserten“ Tieren reden wollte. Die -Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen durch eine -Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch -ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber -er ist weniger schädlich....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[Pg 97]</a></span></p> - - -<h5>170.</h5> - -<p>Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen. -Auch als <em>Rätsel</em>. Die moralischen Phänomene -haben mich beschäftigt wie Rätsel. Heute würde ich eine -Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für mich -das Wohl des Nächsten höheren Wert haben <em>soll</em>, als mein -eigenes? daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls -anders schätzen <em>soll</em> als ich, nämlich demselben gerade <em>mein</em> -Wohl überordnen soll? Was bedeutet das „Du sollst“, das -selbst von Philosophen als „gegeben“ betrachtet wird?</p> - -<p>Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung, -die er dem andern erweist, höher halten soll, als die -sich selbst erwiesene, dieser andere ebenso wieder usw. (daß -man nur Handlungen gutheißen soll, weil einer dabei nicht -sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des andern) hat -seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf -der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig -gelegen ist, aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt, -daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl -und Gemeingewissen. Also eine Art Übung in einer -bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche -sich selbst zu sehen unmöglich machen will.</p> - -<p>Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und <em>diese müssen -Einzelne</em> sein! Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder -Einzelne wird geopfert und dient als Werkzeug. Man gehe -durch die Straße, ob man nicht lauter „Sklaven“ begegnet. -Wohin? Wozu?</p> - - -<h5>171.</h5> - -<p>„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine -Wertschätzung. Woher stammen die Wertschätzungen? Ist -eine feste Norm von „angenehm und schmerzhaft“ die -Grundlage?</p> - -<p>Aber in unzähligen Fällen <em>machen</em> wir erst eine Sache -schmerzhaft, dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.</p> - -<p>Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[Pg 98]</a></span> -jedem Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns <em>gefärbt</em> -dadurch.</p> - -<p>Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir -haben eine ungeheure <em>latente Kraft</em>masse dadurch in uns: -aber in der <em>Vergleichung</em> der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes -als wertvoll galt, daß <em>viele</em> Gütertafeln existierten -(also nichts „an sich“ wertvoll).</p> - -<p>Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre -Aufstellung als die Aufstellung von <em>Existenzbedingungen</em> -beschränkter Gruppen (und oft irrtümlicher): zur Erhaltung.</p> - -<p>Bei der Betrachtung der <em>jetzigen</em> Menschen ergab sich, -daß wir <em>sehr verschiedene</em> Werturteile handhaben, und -daß keine schöpferische Kraft mehr darin ist, – die Grundlage: -„die Bedingung der Existenz“ fehlt dem moralischen -Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange nicht so -schmerzhaft. – Es wird <em>willkürlich</em>. Chaos.</p> - -<p>Wer schafft <em>das Ziel</em>, das über der Menschheit stehen -bleibt und auch über dem Einzelnen? Ehemals wollte man -mit der Moral <em>erhalten</em>: aber niemand will jetzt mehr <em>erhalten</em>, -es ist nichts daran zu erhalten. Also eine <em>versuchende -Moral</em>: sich ein Ziel <em>geben</em>.</p> - - -<h5>172.</h5> - -<p>Inwiefern die <em>Selbstvernichtung der Moral</em> noch ein -Stück ihrer eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut -solcher in uns, die für ihren Glauben gestorben sind; wir -haben die Moral furchtbar und ernst genommen, und es ist -nichts, was wir nicht irgendwie geopfert haben. Andrerseits: -unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch Gewissensvivisektion -erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch nicht, -zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt -von unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden -selbst hat uns die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt -in die Ferne, ins Abenteuer, durch die wir ins Uferlose, -Unerprobte, Unentdeckte hinausgestoßen werden, – es -bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdem<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[Pg 99]</a></span> -wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir -„erhalten“ möchten. Ein verborgenes <em>Ja</em> treibt uns dazu, -das stärker ist als alle unsre Neins. Unsre <em>Stärke</em> selbst -duldet uns nicht mehr im alten, morschen Boden: wir wagen -uns in die Weite, wir wagen <em>uns</em> daran: die Welt ist -noch reich und unentdeckt, und selbst Zugrundgehen ist besser -als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt -uns aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen -sind: wir <em>wissen</em> um eine neue Welt....</p> - - -<h5>173.</h5> - -<p>Mein Schlußsatz ist: daß der <em>wirkliche</em> Mensch einen -viel höheren Wert darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines -bisherigen Ideals; daß alle „Wünschbarkeiten“ -in Hinsicht auf den Menschen absurde und gefährliche Ausschweifungen -waren, mit denen eine einzelne Art von Mensch -<em>ihre</em> Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der -Menschheit als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft -gebrachte Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt -den Wert des Menschen, seine Kraft, seine Zukunftsgewißheit -<em>herabgedrückt</em> hat; daß die Armseligkeit und Winkel-Intellektualität -des Menschen sich am meisten bloßstellt, -auch heute noch, wenn er <em>wünscht</em>; daß die Fähigkeit des -Menschen, Werte anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt -war, um dem tatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“ <em>Werte -des Menschen</em> gerecht zu werden; daß das Ideal bis -jetzt die eigentlich welt- und menschverleumdende Kraft, der -Gifthauch über der Realität, die große <em>Verführung zum -Nichts</em> war...</p> - - -<h4>3. Philosophie und Moral.</h4> - - -<h5>174.</h5> - -<p>Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie -bisher am meisten aufgehalten worden.</p> - -<h5>175.</h5> - -<p>Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente -genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blase<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[Pg 100]</a></span>balg -der Gottheit, die Überzeugung als „Kriterium der -Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners als Fragezeichen -zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die -ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur -spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt -von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch -Kant in aller Unschuld diese Denkerkorruption mit dem -Begriff „<em>praktische Vernunft</em>“ zu verwissenschaftlichen -gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchen -Fällen man sich <em>nicht</em> um die Vernunft zu kümmern -brauche: nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn -die Moral, wenn die „Pflicht“ redet.</p> - - -<h5>176.</h5> - -<p>Die Philosophen sind eingenommen <em>gegen</em> den Schein, -den Wechsel, den Schmerz, den Tod, das Körperliche, die -Sinne, das Schicksal und die Unfreiheit, das Zwecklose.</p> - -<p>Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis -um der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und -Glück im Bunde, 4. an die Erkennbarkeit der menschlichen -Handlungen. Sie sind von instinktiven Wertbestimmungen -geleitet, in denen sich <em>frühere</em> Kulturzustände spiegeln (gefährlichere).</p> - - -<h5>177.</h5> - -<p>Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr -galt – was als unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll -ehemals verachtet wurde – : alle diese Blumen wachsen -heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.</p> - -<p>Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist -kein Begriff darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben -sie überlebt, – wir sind nicht mehr grob und naiv genug, -um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen.... Artiger -gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn -Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war, -weil die alte Moral zu ihr ja sagte, ja sagen <em>durfte</em>: so -folgte daraus, daß wir auch keine Wahrheit von ehedem -mehr nötig haben.... Unser <em>Kriterium</em> der Wahrheit ist<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[Pg 101]</a></span> -durchaus nicht die Moralität: wir <em>widerlegen</em> eine Behauptung -damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, -als inspiriert durch edle Gefühle beweisen.</p> - - -<h5>178.</h5> - -<p>Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der, -der an sie glaubt, der sie verehrt, <em>will</em> eben diesen Charakter -nicht anerkennen. Die Philosophen glauben allesamt an -diese Werte, und eine Form ihrer Verehrung war die Bemühung, -aus ihnen <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a priori</span>-Wahrheiten</em> zu machen. -Fälschender Charakter der <em>Verehrung</em>....</p> - -<p>Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen -<em>Rechtschaffenheit</em>: aber es <em>gibt</em> in der ganzen Geschichte -der Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, – sondern -die „Liebe zum Guten“....</p> - -<p>Der absolute <em>Mangel an Methode</em>, um den Wert dieser -Werte zu prüfen; <em>zweitens</em>: die Abneigung, diese Werte -zu prüfen, überhaupt sie bedingt zu nehmen. – Bei den -Moralwerten kamen alle <em>antiwissenschaftlichen</em> Instinkte -zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft <em>auszuschließen</em>....</p> - - -<h5>179.</h5> - -<p>Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, -liebte ich es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster -zu blicken, hütete mich, mich darin festzusetzen, hielt sie -für schädlich, – und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein -Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisieren <em>kann</em>?? – -Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals eine erkenntnistheoretische -Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken -entstanden ist, – daß sie einen Wert zweiten -Ranges hat, sobald man erwägt, <em>was</em> im Grunde zu dieser -Stellung <em>zwang</em>.</p> - -<p>Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer -– sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die -historisierende, als die pessimistische – sind <em>moralischen</em> -Ursprungs. Ich sah niemanden, der eine Kritik der <em>moralischen -Wertgefühle</em> gewagt hätte: und den spärlichen<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[Pg 102]</a></span> -Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu -kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) -wandte ich bald den Rücken. –</p> - -<p>Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und -Ablehnung der moralischen Werturteile? (Es war <em>eine</em> Konsequenz -seiner Theodicee!)</p> - - -<h5>180.</h5> - -<p><em>Die drei großen Naivitäten</em>:</p> -<ul> -<li>Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob....),</li> -<li><span class="invisible">Erkenntnis</span> als Mittel zur Tugend (als ob....),</li> -<li><span class="invisible">Erkenntnis</span> als Mittel zur „Verneinung des Lebens“, –</li> -</ul> - -<p class="noindent">insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist – (als ob....).</p> - - -<h5>181.</h5> - -<p>Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft <em>feindlich</em> -gesinnt: schon Sokrates war dies – und zwar deshalb, -weil die Wissenschaft Dinge als wichtig nimmt, welche mit -„gut“ und „böse“ nichts zu schaffen haben, folglich dem -Gefühl für „gut“ und „böse“ <em>Gewicht nehmen</em>. Die Moral -nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte -Kraft zu Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung -eines solchen, der zum Verschwenden <em>nicht reich genug</em> -ist, wenn der Mensch sich ernstlich um Pflanzen und -Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates -die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft -eingeschleppt hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit -abwärts; eine Höhe, wie die in der Gesinnung eines -Demokrit, Hippokrates und Thukydides, ist nicht zum zweiten -Male erreicht worden.</p> - - -<h5>182.</h5> - -<p>Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen -Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, -mit den Mitteln einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis: -und wozu? Immer zugunsten der <em>Moral</em>.... (Der Haß -gegen die Physiker und Ärzte.) Sokrates, Aristipp, die Megariker, -die Zyniker, Epikur, Pyrrho – Generalansturm -gegen die Erkenntnis zugunsten der <em>Moral</em>.... (Haß auch<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[Pg 103]</a></span> -gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich -der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits -sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema -der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: -zum Beispiel das Atom, die vier Elemente (<em>Juxtaposition</em> -des Seienden, um die Vielheit und Veränderung -zu erklären –). Verachtung gelehrt gegen die <em>Objektivität</em> -des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse, -zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis....</p> - -<p>Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1. -deren Pathos (Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt -gegen deren Nützlichkeit), 3. deren Resultate (als kindisch).</p> - -<p>Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der -<em>Kirche</em>, im Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie -erbt das ganze antike Rüstzeug zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie -spielt dabei dieselbe Rolle wie bei Kant, wie bei -den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern -haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.</p> - -<p>Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, -gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand -in Hand zu gehen – : ich glaube, man nennt das <em>Freiheit</em>....</p> - -<p>Darin drückt sich die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> aus: der Instinkt der -Solidarität ist so entartet, daß die Solidarität als <em>Tyrannei</em> -empfunden wird: sie wollen keine Autorität, keine Solidarität, -keine Einordnung in Reih und Glied zu unedler -Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise, -das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, -den langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen -Menschen.</p> - - -<h5>183.</h5> - -<p>Die <em>Sophisten</em> sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren -die allen gang und gäben Werte und Praktiken -zum Rang der Werte, – sie haben den Mut, den alle -starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu <em>wissen</em>....</p> - -<p>Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Frei<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[Pg 104]</a></span>städte, -welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen -hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien -geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides -einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen -Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über -Untergang oder Unterwerfung verhandeln?</p> - -<p>Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu -reden, war nur vollendeten Tartüffs möglich – oder <em>Abseitsgestellten</em>, -Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern -aus der Realität.... Alles Leute, die negierten, um -selber leben zu können –</p> - -<p>Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato -die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie -<em>Juden</em> oder ich weiß nicht was –. Die Taktik <em>Grotes</em> -zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu -Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, – aber ihre -Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden -zu treiben....</p> - - -<h5>184.</h5> - -<p>Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft -noch auf <em>moralischen</em> Vorurteilen ruht. Bei Plato sind -wir als einstmalige Bewohner einer intelligiblen Welt des -Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die -göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu -allem Guten (– also gleichsam „zurück“ –). Auch Descartes -hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen -Grunddenkweise, welche an einen <em>guten</em> Gott als -Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst -uns unsre Sinnesurteile <em>verbürgt</em>. Abseits von einer religiösen -Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit -– woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen -gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maß -des Wirklichen sei, – daß, was nicht gedacht werden kann, -nicht <em>ist</em>, – ist ein plumpes <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</span> einer moralistischen -Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip -im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behaup<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[Pg 105]</a></span>tung, -der unsre Erfahrung in jedem Augenblick widerspricht. -Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern es <em>ist</em>....</p> - - -<h5>185.</h5> - -<p>Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war -immer, daß man hier die <em>Sicherheit eines Instinkts</em> zu -erreichen suchte: so daß weder die gute Absicht noch die guten -Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten. So wie der -Soldat exerziert, so sollte der Mensch handeln lernen. In -der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: -selbst noch der Mathematiker handhabt seine Kombinationen -unbewußt....</p> - -<p>Was bedeutet nun die <em>Reaktion</em> des Sokrates, welcher -die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber -lustig machte, wenn die Moral sich nicht logisch zu -rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere gehört zu -ihrer <em>Güte</em>, – ohne Unbewußtheit <em>taugt sie nichts</em>!.... -<em>Scham</em> erregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....</p> - -<p>Es bedeutet exakt die <em>Auflösung der griechischen Instinkte</em>, -als man die <em>Beweisbarkeit</em> als Voraussetzung -der persönlichen Tüchtigkeit in der Tugend voranstellte. Es -sind selbst Typen der Auflösung, alle diese großen „Tugendhaften“ -und Wortemacher.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span> bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus -ihrer Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der -allein sie Sinn haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen -Grund und Boden ausgerissen werden und, unter -dem Anschein von <em>Sublimierung</em>, <em>entnatürlicht</em> werden. -Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden losgemacht -von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und -als <em>frei gewordene</em> „Ideen“ Gegenstände der Dialektik. -Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als -Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: man <em>erdichtet</em> -eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen....</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei -Plato.... Und nun hatte man nötig, auch den <em>abstrakt-<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[Pg 106]</a></span>vollkommenen</em> -Menschen hinzu zu erfinden: – gut, gerecht, -weise, Dialektiker – kurz, die <em>Vogelscheuche</em> des -antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst; -eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden -Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“. -Das vollkommen <em>absurde</em> „Individuum“ an sich! -die <em>Unnatur</em> höchsten Ranges....</p> - -<p>Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz, -einen entartenden <em>Typus des Menschen</em> zu schaffen, -– „<em>den</em> Guten“, „<em>den</em> Glücklichen“, „<em>den</em> Weisen“. -– Sokrates ist ein Moment der <em>tiefsten Perversität</em> in -der Geschichte der Werte.</p> - - -<h5>186.</h5> - -<p>Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so -nach Aristoteles. <em>Dagegen</em> die Epikuräer, die sich die <em>sensualistische</em> -Theorie der Erkenntnis des Aristoteles zunutze -machten: gegen das Suchen der Wahrheit ganz ironisch und -ablehnend; „Philosophie als eine Kunst des <em>Lebens</em>“.</p> - - -<h5>187.</h5> - -<p><em>Hegel</em>: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und -den großen Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: -er stellt den Fortschritt der Menschheit dar. Versuch, die -Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu beweisen.</p> - -<p>Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar, -wirklich.</p> - -<p>Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung -des moralischen Reichs.</p> - -<p>Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche -Manier betrügen lassen: – wir <em>glauben</em> nicht mehr, wie -sie, an die Moral und haben folglich auch keine Philosophien -zu gründen, <em>damit</em> die Moral recht behalte. Sowohl der -Kritizismus als der Historizismus hat für uns nicht <em>darin</em> -seinen Reiz: – nun, welchen hat er denn? –</p> - - -<h5>188.</h5> - -<p><em>Moral als höchste Abwertung.</em> – <em>Entweder</em> ist unsre -Welt das Werk und der Ausdruck (der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">modus</span>) Gottes: dann<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[Pg 107]</a></span> -muß sie <em>höchst vollkommen</em> sein (Schluß Leibnizens....) -– und man zweifelte nicht, was zur Vollkommenheit gehöre, -zu wissen –, dann kann das Böse, das Übel nur -<em>scheinbar</em> sein (<em>radikaler</em> bei Spinoza die Begriffe Gut -<em>und</em> Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet -sein (– etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung -Gottes, der zwischen Gut und Böse zu wählen erlaubt: -das Privilegium, kein Automat zu sein; „Freiheit“ -auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen.... -zum Beispiel bei Simplicius im Kommentar zu Epiktet).</p> - -<p><em>Oder</em> unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die -Schuld sind real, sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen -inhärent; dann kann sie nicht die <em>wahre</em> Welt sein: -dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie zu verneinen, -dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt -werden kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf -Grund Kantischer Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: -er begriff, daß dann auch die Erkenntnis korrupt, gefälscht -sein müsse, – daß <em>Offenbarung</em> not tue, um -die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen....</p> - - -<h5>189.</h5> - -<p>Nichts ist seltener unter den Philosophen als <em>intellektuelle -Rechtschaffenheit</em>: vielleicht sagen sie das Gegenteil, -vielleicht glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk -bringt es mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; -sie wissen, was sie beweisen <em>müssen</em>, sie erkennen -sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese „Wahrheiten“ -einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen -Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis -von Moralität: es gibt Fälle – und der Fall der -Philosophen gehört hierher –, wo ein solcher Glaube einfach -eine <em>Unmoralität</em> ist.</p> - - -<h4>4. Philosophie und Wissenschaft.</h4> - - -<h5>190.</h5> - -<p>Ich muß das <em>schwierigste Ideal</em> des <em>Philosophen -aufstellen</em>. Das Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist das<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[Pg 108]</a></span> -Herdentier im Reiche der Erkenntnis, – welcher forscht, -weil es ihm befohlen und vorgemacht worden ist. –</p> - - -<h5>191.</h5> - -<p>Aberglaube über den <em>Philosophen</em>: Verwechslung mit -dem <em>wissenschaftlichen</em> Menschen. Als ob die Werte in -den Dingen steckten und man sie nur festzuhalten hätte! -Inwiefern sie unter der Einflüsterung gegebener Werte forschen -(ihr Haß auf Schein, Leib usw.). Schopenhauer in -betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus). Zuletzt -geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus -als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den -<em>wissenschaftlichen</em> Menschen. Auch die Franzosen wie -Taine suchen oder meinen zu suchen, <em>ohne</em> die Wertmaße -schon zu haben. Die Niederwerfung vor den „Facten“, eine -Art Kultus. Tatsächlich <em>vernichten</em> sie die bestehenden -Wertschätzungen.</p> - -<p><em>Erklärung</em> dieses Mißverständnisses. Der Befehlende -entsteht selten; er mißdeutet sich selber. Man <em>will</em> durchaus -die Autorität von sich ablehnen und in die <em>Umstände</em> -setzen. – In Deutschland gehört die Schätzung des Kritikers -in die Geschichte der erwachenden <em>Männlichkeit</em>. Lessing -usw. (Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist diese Bewegung -durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht: -und der <em>Ruf</em> der deutschen Philosophie bezieht sich -auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt -sei und der <em>Glaube bewiesen</em> werden könne. In Hegel -kulminieren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinert -er die Tatsache der deutschen Kritik und die Tatsache der -deutschen Romantik, – eine Art von dialektischem Fatalismus, -aber zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit Unterwerfung -des Philosophen <em>unter</em> die Wirklichkeit. <em>Der Kritiker -bereitet vor</em>: nicht mehr!</p> - -<p>Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen: -daß es sich um eine Bestimmung des <em>Wertes</em> -handle: immer noch unter der Herrschaft des Eudämonismus. -Das Ideal des Pessimismus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[Pg 109]</a></span></p> - - -<h5>192.</h5> - -<p>Problem des <em>Philosophen</em> und des <em>wissenschaftlichen</em> -Menschen. – Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten -(Stubenhocken <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Kant; Überarbeitung; unzureichende -Ernährung des Gehirns; Lesen). Wesentlicher: -ob nicht ein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-<em>Symptom</em> schon in der Richtung -auf solche <em>Allgemeinheit</em> gegeben ist; <em>Objektivität als -Willensdisgregation</em> (– <em>so fern</em> bleiben <em>können</em>....). -Dies setzt eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe -voraus: eine Art Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand -gegen die Normaltriebe.</p> - -<p>Typus: die Loslösung von der <em>Heimat</em>; in immer weitere -Kreise; der wachsende Exotismus; das Stummwerden -der alten Imperative – –; gar dieses beständige Fragen -„wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen der <em>Herauslösung</em> -aus Organisationsformen, Herausbruch.</p> - -<p>Problem: ob der <em>wissenschaftliche</em> Mensch eher noch -ein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Symptom ist, als der Philosoph: – er ist -als <em>Ganzes</em> nicht losgelöst, nur ein <em>Teil</em> von ihm ist absolut -der Erkenntnis geweiht, dressiert für eine Ecke und -Optik –, er hat hier <em>alle</em> Tugenden einer starken Rasse -und Gesundheit nötig, große Strenge, Männlichkeit, Klugheit. -Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit der -Kultur, als von deren Müdigkeit. Der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Gelehrte -ist ein <em>schlechter</em> Gelehrter. Während der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Philosoph, -bisher wenigstens, als der typische Philosoph galt.</p> - - -<h5>193.</h5> - -<p>Die psychologischen <em>Verwechslungen</em>: – <em>das Verlangen -nach Glauben</em> – verwechselt mit dem „Willen -zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei Carlyle). Aber ebenso ist -<em>das Verlangen nach Unglauben</em> verwechselt worden mit -dem „Willen zur Wahrheit“ (– ein Bedürfnis, loszukommen -von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu -bekommen gegen irgend welche „Gläubigen“). <em>Was inspiriert -die Skeptiker?</em> Der <em>Haß</em> gegen die Dogmatiker -– oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei -Pyrrho.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[Pg 110]</a></span></p> - -<p>Die <em>Vorteile</em>, welche man von der Wahrheit erwartete, -waren die Vorteile des Glaubens an sie: – <em>an sich</em> nämlich -könnte ja die Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll -sein –. Man hat die „Wahrheit“ auch nur -wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom Siege versprach, -– zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten.</p> - -<p>Die Methodik der Wahrheit ist <em>nicht</em> aus Motiven der -Wahrheit gefunden worden, sondern aus <em>Motiven der -Macht, des Überlegen-sein-wollens</em>.</p> - -<p><em>Womit beweist</em> sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl -der erhöhten Macht – mit der Nützlichkeit, – mit der Unentbehrlichkeit, -– <em>kurz, mit Vorteilen</em> (nämlich Voraussetzungen, -welcher Art die Wahrheit beschaffen sein <em>sollte</em>, -um von uns anerkannt zu werden). Aber das ist ein <em>Vorurteil</em>: -ein Zeichen, daß es sich gar nicht um <em>Wahrheit</em> -handelt....</p> - -<p>Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei -den Goncourts? bei den <em>Naturalisten</em>? – Kritik der -„Objektivität“.</p> - -<p><em>Warum</em> erkennen: warum nicht lieber sich täuschen?.... -Was man wollte, war immer der Glaube, – und <em>nicht</em> die -Wahrheit.... Der Glaube wird durch <em>entgegengesetzte</em> -Mittel geschaffen als die Methodik der Forschung – : <em>er -schließt letztere selbst aus</em> –</p> - - -<h5>194.</h5> - -<p><em>Das Problem des Sokrates.</em> – Die beiden Gegensätze: -die <em>tragische</em> Gesinnung, die <em>sokratische</em> Gesinnung, -– gemessen an dem Gesetz des Lebens.</p> - -<p>Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen der -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> ist: inwiefern aber noch eine starke Gesundheit -und Kraft im ganzen Habitus, in der Dialektik und Tüchtigkeit, -Straffheit des wissenschaftlichen Menschen sich zeigt -(– die Gesundheit des <em>Plebejers</em>; dessen Bosheit, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">esprit -frondeur</span>, dessen Scharfsinn, dessen <em>Kanaille <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span></em>, im -Zaum gehalten durch die <em>Klugheit</em>; „häßlich“).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[Pg 111]</a></span></p> - -<p><em>Verhäßlichung</em>: Die Selbstverhöhnung, die dialektische -Dürre, die Klugheit als <em>Tyrann</em> gegen den „Tyrannen“ -(den Instinkt). Es ist alles übertrieben, exzentrisch, Karikatur -an Sokrates, ein <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">buffo</span> mit den Instinkten Voltaires -im Leibe. Er entdeckt eine neue Art <em>Agon</em>; er ist der erste -Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt -nichts als die <em>höchste Klugheit</em>: er nennt sie „Tugend“ -(– er erriet sie als <em>Rettung</em>: es stand ihm nicht frei, <em>klug</em> -zu sein, er war es <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de rigueur</span></em>); sich in Gewalt haben, um -mit Gründen und <em>nicht</em> mit Affekten in den Kampf zu treten -(– die <em>List</em> des Spinoza, – das Aufdröseln der Affektirrtümer); -– entdecken, daß der Affekt unlogisch prozediert; -Übung in der Selbstverspottung, um das <em>Rankünegefühl</em> -in der Wurzel zu schädigen.</p> - -<p>Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkrasischen -Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist: -seine Gleichsetzung von Vernunft = Tugend = Glück. Mit -diesem Absurdum von Identitätslehre hat <em>er bezaubert</em>: -die antike Philosophie kam nicht wieder davon los....</p> - -<p>Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen -die Wissenschaft: Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu -fühlen. Akustische Halluzinationen bei Sokrates: morbides -Element. Mit Moral sich abgeben, widersteht am meisten, -wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt es, daß -Sokrates <em>Moral-Monoman</em> ist? – Alle „praktische“ Philosophie -tritt in Notlagen sofort in den Vordergrund. Moral -und Religion als Hauptinteressen sind Notstandszeichen.</p> - - -<h5>195.</h5> - -<p>– Die Klugheit, Helle, Härte und Logizität als Waffe -wider die <em>Wildheit der Triebe</em>. Letztere müssen gefährlich -und untergangdrohend sein: sonst hat es keinen Sinn, -die <em>Klugheit</em> bis zu dieser Tyrannei auszubilden. Aus der -Klugheit <em>einen Tyrannen machen</em>: – aber <em>dazu</em> müssen -die Triebe Tyrannen sein. Dies das Problem. – Es war -sehr zeitgemäß damals. Vernunft wurde = Tugend = -Glück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[Pg 112]</a></span></p> - -<p><em>Lösung</em>: Die griechischen Philosophen stehen auf der -gleichen Grundtatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates: -fünf Schritt weit vom Exzeß, von der Anarchie, von -der Ausschweifung, – alles <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Menschen. Sie -empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille zur Macht, zur -Selbstherrschaft, zum „Glück“. Die Wildheit und Anarchie -der Instinkte bei Sokrates ist ein <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Symptom</em>. -Die Superfötation der Logik und der Vernunfthelligkeit insgleichen. -Beide sind Abnormitäten, beide gehören zueinander.</p> - -<p><em>Kritik.</em> Die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> verrät sich in dieser Präokkupation -des „Glücks“ (das heißt des „Heils der Seele“, das -heißt, <em>seinen Zustand</em> als <em>Gefahr</em> empfinden). Ihr Fanatismus -des Interesses für „Glück“ zeigt die Pathologie des -Untergrundes: es war ein Lebensinteresse. Vernünftig sein -<em>oder</em> zugrunde gehen war die <em>Alternative</em>, vor der sie alle -standen. Der Moralismus der griechischen Philosophen zeigt, -daß sie sich <em>in Gefahr</em> fühlten....</p> - - -<h5>196.</h5> - -<p>Die eigentlichen <em>Philosophen der Griechen</em> sind die -vor Sokrates (– mit Sokrates verändert sich etwas). Das -sind alles vornehme Personnagen, abseits sich stellend von -Volk und Sitte, gereist, ernst bis zur Düsterkeit, mit langsamem -Auge, den Staatsgeschäften und der Diplomatie -nicht fremd. Sie nehmen den Weisen alle großen Konzeptionen -der Dinge vorweg: sie stellen sie selber dar, sie -bringen sich in System. Nichts gibt einen höheren Begriff -vom griechischen Geist, als diese plötzliche Fruchtbarkeit an -Typen, als diese ungewollte Vollständigkeit in der Aufstellung -der großen Möglichkeiten des philosophischen Ideals. -– Ich sehe nur noch eine originale Figur in dem Kommenden: -einen Spätling, aber notwendig den letzten, – den -Nihilisten <em>Pyrrho</em>: – er hat den Instinkt <em>gegen</em> alles das, -was inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker, -Plato, den Artistenoptimismus Heraklits. (Pyrrho greift -über Protagoras zu Demokrit zurück....)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[Pg 113]</a></span></p> - -<p>Die <em>weise</em> Müdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben, -niedrig. Kein Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren -und glauben, was alle glauben. Auf der Hut gegen Wissenschaft -und Geist, auch alles, was <em>bläht</em>.... Einfach: unbeschreiblich -geduldig, unbekümmert, mild. ἀπάθεια, mehr -noch πραἴτης. Ein Buddhist für Griechenland, zwischen -dem Tumult der Schulen aufgewachsen; spät gekommen; -ermüdet; der Protest des Müden gegen den Eifer der Dialektiker; -der Unglaube des Müden an die Wichtigkeit aller -Dinge. Er hat <em>Alexander</em> gesehen, er hat die <em>indischen -Büßer</em> gesehen. Auf solche Späte und Raffinierte wirkt -alles Niedrige, alles Arme, alles Idiotische selbst verführerisch. -Das narkotisiert: das macht ausstrecken (Pascal). -Sie empfinden andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt -mit jedermann, ein wenig Wärme: sie haben -<em>Wärme</em> nötig, diese Müden.... Den Widerspruch überwinden; -kein Wettkampf, kein Wille zur Auszeichnung: die -<em>griechischen</em> Instinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit seiner -Schwester zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit -verkleiden, daß sie nicht mehr auszeichnet; ihr einen Mantel -von Armut und Lumpen geben; die niedrigsten Verrichtungen -tun: auf den Markt gehen und Milchschweine verkaufen.... -Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine Tugenden, -die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen: -letzte Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit.</p> - -<p>Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: -verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen -alle <em>schauspielerischen</em> Tugenden – beides zusammen hieß -damals Philosophie –; absichtlich das, was sie lieben, niedrig -achtend; die gewöhnlichen, selbst verachteten Namen dafür -wählend; einen Zustand darstellend, wo man weder -krank, noch gesund, noch lebendig, noch tot ist.... Epikur -naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter, -nihilistischer.... Sein Leben war ein Protest gegen die große -<em>Identitätslehre</em> (<em>Glück</em> = <em>Tugend</em> = <em>Erkenntnis</em>). -Das rechte Leben fördert man nicht durch Wissenschaft:<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[Pg 114]</a></span> -Weisheit macht nicht „weise“.... Das rechte Leben will -nicht Glück, sieht ab von Glück....</p> - - -<h5>197.</h5> - -<p><em>Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt.</em> -– Bei den griechischen Philosophen sehe ich einen <em>Niedergang -der Instinkte</em>: sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen -können, den <em>bewußten</em> Zustand als den <em>wertvolleren</em> -anzusetzen. Die <em>Intensität des Bewußtseins</em> steht -im <em>umgekehrten</em> Verhältnis zur Leichtigkeit und Schnelligkeit -der zerebralen Übermittlung. Dort regierte die <em>umgekehrte -Meinung</em> über den Instinkt: was immer das Zeichen -<em>geschwächter</em> Instinkte ist.</p> - -<p>Wir müssen in der Tat das <em>vollkommene Leben</em> dort -suchen, wo es am wenigsten mehr bewußt wird (das heißt, -seine Logik, seine Gründe, seine Mittel und Absichten, seine -<em>Nützlichkeit</em> sich vorführt). Die Rückkehr zur Tatsache des -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bon sens</span>, des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bon homme</span>, der „kleinen Leute“ aller Art. -<em>Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheit</em> seit -Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird -und selbst einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das -Verlangen nach einer <em>räsonnierenden Tugend</em> ist nicht -räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit einem solchen Verlangen -kompromittiert.</p> - - -<h5>198.</h5> - -<p>Tartüfferie der <em>Wissenschaftlichkeit</em>. – Man muß -nicht Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit -ist, wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher -hat die Eitelkeit von sich zu tun, eine Art von Methode zu -affektieren, welche im Grunde noch nicht an der Zeit ist. -Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen -ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion -und Dialektik zu „fälschen“. So fälscht Kant in seiner -„Moral“ seinen inwendigen psychologischen Hang; ein neuerliches -Beispiel ist Herbert Spencers Ethik. – Man soll -die <em>Tatsache</em>, wie uns unsre Gedanken gekommen sind, -nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpf<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[Pg 115]</a></span>testen -Bücher werden wohl immer etwas von dem aphoristischen -und plötzlichen Charakter von Pascals <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Pensées</span> haben. -Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter -der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.</p> - -<p>Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:</p> - -<p>1. in bezug auf die <em>Darlegung</em>, wenn sie nicht der <em>Genesis</em> -der Gedanken entspricht;</p> - -<p>2. in den Ansprüchen auf <em>Methoden</em>, welche vielleicht -zu einer bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht -möglich sind;</p> - -<p>3. in den Ansprüchen auf <em>Objektivität</em>, auf kalte Unpersönlichkeit, -wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit -zwei Worten von uns und unsren inneren Erlebnissen erzählen. -Es gibt lächerliche Arten von Eitelkeit, zum Beispiel -Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da -wirklich Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“ -gehabt zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen -hätte.</p> - - -<h5>199.</h5> - -<p>Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern -die Moral gleichsam einmagaziniert worden ist – also -die Feinheit, die Vorsicht, die Tapferkeit, die Billigkeit –, -so strahlt die Gesamtkraft dieser aufgehäuften Tugend selbst -noch in die Sphäre aus, wo die Rechtschaffenheit am seltensten, -in die <em>geistige</em> Sphäre. In allem Bewußtwerden -drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll etwas -Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht -dafür, es gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, – das alles -ist eben Bewußtwerden.... Das Genie sitzt im Instinkt; -die Güte ebenfalls. Man handelt nur vollkommen, sofern -man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet ist alles -Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist -das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit -ist immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu -räsonnieren: man mache die Probe, man lege die Weisesten -auf die Goldwage, indem man sie Moral reden macht....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[Pg 116]</a></span></p> - -<p>Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das <em>bewußt</em> -verläuft, auch einen viel niedrigeren Grad von Moralität -darstellen wird als das Denken desselben, sofern es von -seinen <em>Instinkten</em> geführt wird.</p> - - -<h5>200.</h5> - -<p>Der Philosoph gegen die <em>Rivalen</em>, zum Beispiel gegen -die Wissenschaft: da wird er Skeptiker; da behält er sich -eine <em>Form der Erkenntnis</em> vor, die er dem wissenschaftlichen -Menschen abstreitet; da geht er mit dem Priester -Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, Materialismus -zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich -als einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, -die Ordnung, – er weiß seine Gegner als „Verführer“ und -„Unterminierer“ in Verruf zu bringen: da geht er mit der -Macht Hand in Hand.</p> - -<p>Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: – -er sucht sie dahin zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, -Gegner der Autorität zu erscheinen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: soweit er -<em>kämpft</em>, kämpft er ganz wie ein Priester, wie eine Priesterschaft.</p> - - -<h4>5. Freie Philosophie.</h4> - - -<h5>201.</h5> - -<p>Man sucht das Bild der Welt in <em>der</em> Philosophie, bei der -es uns am freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser -mächtigster Trieb sich frei fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird -es auch bei mir stehen!</p> - - -<h5>202.</h5> - -<p><em>Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust -an der Vernichtung des Edelsten</em> und am Anblick, wie -er schrittweise ins Verderben gerät: als Lust am <em>Kommenden, -Zukünftigen</em>, welches triumphiert über das <em>vorhandene -noch so Gute</em>. Dionysisch: zeitweilige Identifikation -mit dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen).</p> - -<p><em>Meine Neuerungen.</em> – Weiterentwicklung des Pessimismus: -der Pessimismus des Intellekts; die <em>moralische</em><span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[Pg 117]</a></span> -Kritik, Auflösung des letzten Trostes. Erkenntnis der Zeichen -des <em>Verfalls</em>: umschleiert durch Wahn jedes starke -Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und dadurch stark.</p> - -<p>1. Mein <em>Anstreben</em> gegen den Verfall und die zunehmende -Schwäche der Persönlichkeit. Ich suchte ein neues -<em>Zentrum</em>.</p> - -<p>2. Unmöglichkeit dieses Strebens <em>erkannt</em>.</p> - -<p>3. <em>Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung, -– darin fand ich für Einzelne neue Kraftquellen. -Wir müssen Zerstörer sein!</em> – – Ich erkannte, -daß der Zustand der <em>Auflösung</em>, in der <em>einzelne</em> -Wesen sich vollenden <em>können wie nie</em> – ein Abbild und -<em>Einzelfall des allgemeinen Daseins ist</em>. Gegen die lähmende -Erfindung der allgemeinen Auflösung und Unvollendung -hielt ich die <em>ewige Wiederkunft</em>.</p> - - -<h5>203.</h5> - -<p>Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den -Pessimismus vertiefte und durch Erfindung seines höchsten -Gegensatzes erst ganz mir zum Gefühl brachte.</p> - -<p>Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen -Bewegung.</p> - -<p>Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der <em>großen -Politik</em>.</p> - -<p>Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.</p> - - -<h5>204.</h5> - -<p>Die Bedeutung der deutschen Philosophie (<em>Hegel</em>): einen -<em>Pantheismus</em> auszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum -und das Leid <em>nicht</em> als Argumente gegen Göttlichkeit -empfunden werden. <em>Diese grandiose Initiative</em> ist mißbraucht -worden von den vorhandenen Mächten (Staat usw.), -als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden -sanktioniert.</p> - -<p><em>Schopenhauer</em> erscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch, -welcher endlich, um mit seiner moralischen Schätzung -recht zu behalten, zum <em>Weltverneiner</em> wird. Endlich -zum „Mystiker“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[Pg 118]</a></span></p> - -<p>Ich selbst habe eine <em>ästhetische</em> Rechtfertigung versucht: -wie ist die Häßlichkeit der Welt möglich? – Ich nahm den -Willen zur Schönheit, zum Verharren in <em>gleichen</em> Formen, -als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental -aber schien mir das ewig-Schaffende als das <em>ewig-Zerstören-Müssende</em> -gebunden an den Schmerz. Das -Häßliche ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem -Willen, einen Sinn, einen <em>neuen</em> Sinn in das Sinnlos-gewordene -zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden -zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten, verneinungswürdig, -als häßlich zu fühlen! –</p> - - -<h5>205.</h5> - -<p>Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. -Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art -von Philosophen selber, zum mindesten nach <em>meinem Bedürfnis -neuer Philosophen</em> suchen? Dort allein, wo -eine <em>vornehme</em> Denkweise herrscht, eine solche, welche an -Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung -jeder höheren Kultur glaubt; wo eine <em>schöpferische</em> -Denkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück -der Ruhe, den „Sabbat aller Sabbate“ als Ziel setzt und -selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine -der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um -der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart -und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, „unmoralische“ -Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften -des Menschen gleichermaßen ins Große züchten will, -weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu -setzen, – an die Stelle, wo sie beide einander noch nottun. -Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht -hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich, -daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst -tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat -die <em>umgekehrten</em> Instinkte: es will vor allem und zuerst -Bequemlichkeit; es will zu zweit Öffentlichkeit und jenen -großen Schauspielerlärm, jenes große Bumbum, welches<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[Pg 119]</a></span> -seinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht; es will zu dritt, -daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der größten aller -Lügen – diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ – -auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die <em>gleichmachenden, -gleichstellenden</em> Tugenden. Damit aber ist -es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, -von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld -sich ihm förderlich glaubt. In der Tat, alle Welt -jammert heute darüber, wie schlimm es <em>früher</em> die Philosophen -gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, -schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit: -die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch <em>günstigere</em> -Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, -verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben -waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens. -Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogengeist, -der Schauspielergeist, vielleicht auch der Biber- -und Ameisengeist des Gelehrten für seine Entstehung günstige -Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon -mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an -innerer Zuchtlosigkeit zugrunde? Sie werden nicht mehr von -außen her, durch die absoluten Werttafeln einer Kirche oder -eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch nicht mehr ihren -„inneren Tyrannen“ großziehen, ihren <em>Willen</em>. Und was -von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnisvolleren -Sinne von den Philosophen. Wo <em>sind</em> denn -heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien -Geist! –</p> - - -<h5>206.</h5> - -<p>Ich verstehe unter „<em>Freiheit des Geistes</em>“ etwas sehr -Bestimmtes: hundertmal den Philosophen und andern Jüngern -der „Wahrheit“ durch Strenge gegen sich überlegen -sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den unbedingten Willen, -nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, – ich behandle -die bisherigen Philosophen als <em>verächtliche <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">libertins</span></em> -unter der Kapuze des Weibes „Wahrheit“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[Pg 120]</a></span></p> - - -<h5>207.</h5> - -<p>Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig, -es ist vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph -eine <em>seltene</em> Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher -als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie bei Seneca -oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend -zu tun. Es sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der wissenschaftliche -Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen -ist. – Was ich wünsche, ist: daß der echte Begriff -des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zugrunde -gehe. Es gibt so viele halbe Wesen aller Art in -Deutschland, welche ihr Mißratensein gern unter einem so -vornehmen Namen verstecken möchten.</p> - - - - -<h3 class="gesperrt">II. Religion.</h3> - - -<h4>1. Entstehung.</h4> - - -<h5>208.</h5> - -<p>All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen -und eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern -als Eigentum und Erzeugnis des Menschen: als -seine schönste Apologie. Der Mensch als Dichter, als Denker, -als Gott, als Liebe, als Macht – o über seine königliche -Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt hat, um -sich zu <em>verarmen</em> und <em>sich</em> elend zu fühlen! Das war bisher -seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete -und sich zu verbergen wußte, daß <em>er</em> es war, der das -geschaffen hat, was er bewunderte. –</p> - - -<h5>209.</h5> - -<p>Die <em>Moralen</em> und <em>Religionen</em> sind die Hauptmittel, -mit denen man aus dem Menschen gestalten kann, was -einem beliebt: vorausgesetzt, daß man einen Überschuß von -schaffenden Kräften hat und seinen Willen über lange Zeiträume -durchsetzen kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[Pg 121]</a></span></p> - - -<h5>210.</h5> - -<p><em>Vom Ursprung der Religion.</em> – In derselben Weise, -in der jetzt noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der -Zorn sei die Ursache davon, wenn er zürnt, der Geist davon, -daß er denkt, die Seele davon, daß er fühlt, kurz, so wie -auch jetzt noch unbedenklich eine Masse von psychologischen -Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein sollen: so -hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben -Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personalentitäten -erklärt. Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, -überwältigend schienen, legte er sich als Obsession -und Verzauberung unter der Macht einer Person zurecht. -So führt der Christ, die heute am meisten naive und zurückgebildete -Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das -Gefühl der „Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren -Gottes zurück: bei ihm, als einem wesentlich leidenden und -beunruhigten Typus, erscheinen billigerweise die Glücks-, -Ergebungs- und Ruhegefühle als das <em>Fremde</em>, als das der -Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und lebensvollen -Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung, -daß hier eine <em>fremde Macht</em> im Spiele ist; aber -auch jede verwandte Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten, -des Dichters, des großen Verbrechers, der Passionen -wie Liebe und Rache dient zur Erfindung von außermenschlichen -Mächten. Man konkresziert einen Zustand in -eine Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an -uns auftritt, sei die Wirkung jener Person. Mit anderen -Worten: in der psychologischen Gottbildung wird ein Zustand, -um Wirkung zu sein, als Ursache personifiziert.</p> - -<p>Die psychologische Logik ist die: das <em>Gefühl der Macht</em>, -wenn es plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht -– und das ist in allen großen Affekten der Fall –, erregt -ihm einen Zweifel an seiner Person: er wagt sich nicht als -Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu denken – und so setzt -er eine <em>stärkere</em> Person, eine Gottheit, für diesen Fall an.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: der Ursprung der Religion liegt in den extremen -Gefühlen der Macht, welche, als <em>fremd</em>, den Menschen<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[Pg 122]</a></span> -überraschen: und dem Kranken gleich, der ein Glied zu -schwer und seltsam fühlt und zum Schlusse kommt, daß ein -anderer Mensch über ihm liege, legt sich der naive <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">homo religiosus</span> -in <em>mehrere Personen</em> auseinander. Die Religion -ist ein Fall der „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">altération de la personnalité</span>“. Eine -Art <em>Furcht-</em> und <em>Schreckgefühl</em> vor sich selbst.... Aber -ebenso ein außerordentliches <em>Glücks-</em> und <em>Höhengefühl</em>... -Unter Kranken genügt das <em>Gesundheitsgefühl</em>, um an -Gott, an die Nähe Gottes zu glauben.</p> - - -<h5>211.</h5> - -<p><em>Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen</em>: -– Alle Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen -sind Willenswirkungen (– der Begriff „Natur“, -„Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört ein Täter. -Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle -Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat.</p> - -<p>Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen -das Gefühl, <em>nicht</em> die Ursache zu sein, <em>unverantwortlich</em> -dafür zu sein – : sie kommen, ohne gewollt zu sein: folglich -sind wir nicht die Urheber – : der unfreie Wille (das -heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns, ohne daß -wir sie gewollt haben) bedarf eines <em>fremden</em> Willens.</p> - -<p>Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen -Momente nicht gewagt, <em>sich</em> zuzurechnen, – er -hat sie als „passiv“, als „erlitten“, als Überwältigungen -konzipiert – : die Religion ist eine Ausgeburt eines <em>Zweifels</em> -an der Einheit der Person, eine <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">altération</span> der Persönlichkeit -– : insofern alles Große und Starke vom Menschen -als <em>übermenschlich</em>, als <em>fremd</em> konzipiert wurde, verkleinerte -sich der Mensch, – er legte die zwei Seiten, eine sehr -erbärmliche und schwache und eine sehr starke und erstaunliche, -in zwei Sphären auseinander, hieß die erste „Mensch“, -die zweite „Gott“.</p> - -<p>Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode der -<em>moralischen Idiosynkrasie</em> seine hohen und sublimen -Moralzustände nicht als „gewollt“, als „Werk“ der Person<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[Pg 123]</a></span> -ausgelegt. Auch der Christ legt seine Person in eine mesquine -und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und eine -andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander –</p> - -<p>Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre -extreme Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre -übermenschlich ist und nur durch eine Gnade geschenkt....</p> - - -<h5>212.</h5> - -<p>Zur Psychologie des <em>Paulus</em>. – Das Faktum ist der Tod -Jesu. Dies bleibt <em>auszulegen</em>.... Daß es eine Wahrheit -und einen Irrtum in der Auslegung gibt, ist solchen Leuten -gar nicht in den Sinn gekommen: eines Tages steigt ihnen -eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „es <em>könnte</em> dieser -Tod das und das bedeuten“ – und sofort <em>ist</em> er das! Eine -Hypothese beweist sich durch den sublimen <em>Schwung</em>, welchen -sie ihrem Urheber gibt....</p> - -<p>„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird -durch seine <em>Wirkung</em> bewiesen, – („an seinen Früchten“, -wie die Bibel naiv sagt); was begeistert, muß <em>wahr</em> sein, -– wofür man sein Blut läßt, muß <em>wahr</em> sein –</p> - -<p>Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke -in seinem Urheber erregt, diesem Gedanken als <em>Wert</em> -zugerechnet: – und da man einen Gedanken gar nicht anders -zu ehren weiß, als indem man ihn als wahr bezeichnet, -so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre bekommt, -er sei <em>wahr</em>.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von -einer Macht imaginiert: gesetzt, sie wäre nicht real, so -könnte sie nicht wirken.... Er wird als <em>inspiriert</em> aufgefaßt: -die Wirkung, die er ausübt, hat etwas von der -Übergewalt eines dämonischen Einflusses –</p> - -<p>Ein Gedanke, dem ein solcher <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadent</span> nicht Widerstand -zu leisten vermag, dem er vollends verfällt, ist <em>als wahr</em> -„bewiesen“!!!</p> - -<p>Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen -nicht ein Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, -mit der heute ein Philologe einen Text liest oder ein -historisches Ereignis auf seine Wahrheit prüft.... Es sind, -im Vergleich zu uns, moralische Kretins....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[Pg 124]</a></span></p> - - -<h5>213.</h5> - -<p>Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung -zu ziehen, welche der Abgang der hohen und starken Zustände, -wie als fremder Zustände, mit sich brachte, war die -Verwandtschaftstheorie. Diese hohen und starken Zustände -konnten wenigstens als Einwirkungen unsrer <em>Vorfahren</em> -ausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir -wachsen in unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter -Norm handeln.</p> - -<p>Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem -Selbstgefühl auszugleichen. – Dasselbe tun die Dichter -und Seher; sie fühlen sich stolz, gewürdigt und <em>auserwählt</em> -zu sein zu solchem Verkehre, – sie legen Wert darauf, -als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen, bloße -Mundstücke zu sein (Homer).</p> - -<p>Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen -Zuständen, Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. -Ehedem glaubte man sich zu ehren, wenn man für die -höchsten Dinge, die man tat, sich nicht verantwortlich wußte, -sondern – Gott. Die Unfreiheit des Willens galt als das, -was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals -war ein Gott zu ihrem Urheber gemacht....</p> - - -<h5>214.</h5> - -<p>Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der <em>physiologischen -Erschöpfung</em>, weil sie reich an Plötzlichem, -Schrecklichem, Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, -für wichtiger genommen als die gesunden Zustände und -deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte hier eine <em>höhere</em> -Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat -den Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich -gemacht für das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte -man die Symptome der physiologischen Erschöpfung daraufhin -betrachten. Die alten Religionen disziplinieren ganz -eigentlich den Frommen zu einem Zustande der Erschöpfung, -wo er solche Dinge erleben <em>muß</em>.... Man glaubte in eine -höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt -zu sein. – Der <em>Schein</em> einer höheren Macht....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[Pg 125]</a></span></p> - - -<h5>215.</h5> - -<p>Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung -als Folge jeder übermäßigen Reizung....</p> - -<p>Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration -des Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen -und Philosophien –</p> - -<p>Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; -der Schlaf, psychologisch genommen, nur ein Gleichnis -eines viel tieferen und längeren <em>Ruhenmüssens</em>.... -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span> ist es der Tod, der hier unter dem Bilde seines -Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt....</p> - - -<h5>216.</h5> - -<p><em>Kritik der heiligen Lüge.</em> – Daß zu frommen -Zwecken die Lüge erlaubt ist, das gehört zur Theorie aller -Priesterschaften, – wie weit es zu ihrer Praxis gehört, soll -der Gegenstand dieser Untersuchung sein.</p> - -<p>Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen -Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu -nehmen beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur -Lüge zurecht gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist -die doppelte durch die typisch-arischen Philosophen des Vedânta -entwickelte: zwei Systeme, in allen Hauptpunkten -widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich ablösend, -ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand -schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupt -<em>hörbar</em> wird....</p> - -<p><em>Wie weit</em> geht die fromme Lüge der Priester und der -Philosophen? – Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen -zur Erziehung sie haben, welche Dogmen sie <em>erfinden</em> -müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu tun?</p> - -<p>Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte -Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.</p> - -<p>Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen -haben, so daß alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt -durch ihr Gesetz erscheint.</p> - -<p>Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Macht<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[Pg 126]</a></span>bereich -haben, dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen -entzieht: das Strafmaß für das Jenseits, das -„Nach-dem-Tode“, – wie billig auch die Mittel, zur Seligkeit -den Weg zu wissen.</p> - -<p>Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: -da sie aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so -können sie eine Menge Wirkungen <em>versprechen</em>, natürlich -als bedingt durch Gebete oder durch strikte Befolgung -ihres Gesetzes. – Sie können insgleichen eine Menge Dinge -<em>verordnen</em>, die absolut vernünftig sind, – nur daß sie -nicht die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit -nennen dürfen, sondern eine Offenbarung oder die -Folge „härtester Bußübungen“.</p> - -<p>Die <em>heilige Lüge</em> bezieht sich also prinzipiell: auf den -<em>Zweck</em> der Handlung (– der Naturzweck, die Vernunft -wird unsichtbar gemacht: ein Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, -eine Gottesdienstlichkeit erscheint als Zweck –): -auf die <em>Folge</em> der Handlung (– die natürliche Folge wird -als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es -werden unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in -Aussicht gestellt).</p> - -<p>Auf diese Weise wird ein Begriff von <em>Gut</em> und <em>Böse</em> geschaffen, -der ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff -„nützlich“, „schädlich“, „lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ -erscheint, – er kann, insofern ein <em>anderes</em> Leben -erdacht ist, sogar direkt <em>feindselig</em> dem Naturbegriff von -Gut und Böse werden.</p> - -<p>Auf diese Weise wird endlich das berühmte „<em>Gewissen</em>“ -geschaffen: eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung -<em>nicht</em> den Wert der Handlung an ihren Folgen mißt, sondern -in Hinsicht auf die Absicht und Konformität dieser -Absicht mit dem „Gesetz“.</p> - -<p>Die heilige Lüge hat also 1. einen <em>strafenden</em> und <em>belohnenden -Gott</em> erfunden, der exakt das Gesetzbuch der -Priester anerkennt und exakt sie als seine Mundstücke und -Bevollmächtigten in die Welt schickt; – 2. ein <em>Jenseits -des Lebens</em>, in dem die große Strafmaschine erst wirk<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[Pg 127]</a></span>sam -gedacht wird, – zu diesem Zwecke die <em>Unsterblichkeit -der Seele</em>; – 3. das <em>Gewissen</em> im Menschen, als -das Bewußtsein davon, daß Gut und Böse feststeht, – daß -Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität mit der priesterlichen -Vorschrift anrät; – 4. die <em>Moral</em> als <em>Leugnung</em> -alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens -auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung -(das heißt die Straf- und Lohnidee) als die Welt -durchdringend, als einzige Gewalt, als <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">creator</span> von allem -Wechsel; – 5. die <em>Wahrheit</em> als gegeben, als geoffenbart, -als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als -Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem -Leben.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: womit ist die moralische <em>Besserung</em> bezahlt? -– Aushängung der <em>Vernunft</em>, Reduktion aller Motive -auf Furcht und Hoffnung (Strafe und Lohn); <em>Abhängigkeit</em> -von einer priesterlichen Vormundschaft, von einer Formaliengenauigkeit, -welche den Anspruch macht, einen göttlichen -Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, -welches ein falsches <em>Wissen</em> an Stelle der Prüfung -und des Versuchs setzt: wie als ob es bereits feststünde, -was zu tun und was zu lassen wäre, – eine Art -Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; -– <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in summa</span>: die ärgste <em>Verstümmelung</em> des Menschen, -die man sich vorstellen kann, angeblich als der „gute -Mensch“.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span> ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von -Klugheit, Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des -priesterlichen Kanons ist, willkürlich hinterdrein auf eine -bloße <em>Mechanik</em> reduziert: die Konformität mit dem Gesetz -gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, – <em>das Leben -hat keine Probleme mehr</em>; – die ganze Weltkonzeption -ist beschmutzt mit der <em>Strafidee</em>; – das Leben selbst ist, -mit Hinsicht darauf, das <em>priesterliche</em> Leben als das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non -plus ultra</span> der Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung -und Beschmutzung des Lebens umgedacht; – -der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben, eine Kri<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[Pg 128]</a></span>tik, -eine Verachtung selbst des Lebens dar; – die Wahrheit -ist umgedacht als die <em>priesterliche Lüge</em>, das Streben nach -Wahrheit als <em>Studium der Schrift</em>, als Mittel, <em>Theolog -zu werden</em>....</p> - - -<h5>217.</h5> - -<p>Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem, -dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es -von Idealen, sei es von Göttern oder von Heilanden: darin -finden sie ihren Beruf, dafür haben sie ihre Instinkte; um -es so glaubwürdig wie möglich zu machen, müssen sie in -der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre Schauspielerklugheit -muß vor allem <em>das gute Gewissen</em> bei -ihnen erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet -werden kann.</p> - - -<h5>218.</h5> - -<p>Der Priester will durchsetzen, daß er als <em>höchster Typus</em> -des Menschen gilt, daß er herrscht, – auch noch über die, -welche die <em>Macht</em> in den Händen haben, daß er unverletzlich -ist, unangreifbar –, daß er die <em>stärkste Macht</em> in der -Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu unterschätzen.</p> - -<p><em>Mittel</em>: er allein ist der <em>Wissende</em>; er allein ist der -<em>Tugendhafte</em>; er allein hat die höchste <em>Herrschaft über -sich</em>; er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht -zurück in die Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen -Gott und den <em>andern</em>; die Gottheit straft jeden Nachteil, -jeden Gedanken, wider einen Priester gerichtet.</p> - -<p><em>Mittel</em>: die <em>Wahrheit</em> existiert. Es gibt nur eine Form, -sie zu erlangen, Priester werden. Alles, was <em>gut</em> ist, in -der Ordnung, in der Natur, in dem Herkommen, geht auf -die Weisheit der Priester zurück. Das heilige Buch ist ihr -Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung der Satzungen -darin. Es gibt keine andere Quelle des <em>Guten</em>, als -den Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist <em>rang</em>verschieden -von der des Priesters, zum Beispiel die des -<em>Kriegers</em>.</p> - -<p><em>Konsequenz</em>: wenn der Priester der <em>höchste</em> Typus sein -soll, so muß die <em>Gradation</em> zu seinen <em>Tugenden</em> die<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[Pg 129]</a></span> -Wertgradation der Menschen ausmachen. Das <em>Studium</em>, -die <em>Entsinnlichung</em>, das <em>Nichtaktive</em>, das <em>Impassible</em>, -<em>Affektlose</em>, das <em>Feierliche</em>; – Gegensatz: die <em>tiefste</em> -Gattung Mensch.</p> - -<p>Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als -<em>höchster Typus</em> empfunden zu werden. Er konzipiert einen -<em>Gegensatz</em>typus: den Tschandala. <em>Diesen</em> mit allen Mitteln -verächtlich zu machen, gibt die <em>Folie</em> ab für die Kastenordnung. -– Die extreme Angst des Priesters vor der <em>Sinnlichkeit</em> -ist zugleich bedingt durch die <em>Einsicht</em>, daß hier -die <em>Kastenordnung</em> (das heißt die <em>Ordnung</em> überhaupt) -am schlimmsten bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ in -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">puncto puncti</span> wirft die Ehegesetzgebung <em>über den Haufen</em> -–</p> - - -<h5>219.</h5> - -<p><em>Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches.</em> – Das ganze -Buch ruht auf der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der -Menschheit, welches dieses ganze System inspiriert hat? -Diese Art Mensch, welche an die <em>Interessiertheit</em> jeder -Handlung glaubt, war sie interessiert oder nicht, dieses System -durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern – woher -ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des -Bessern genommen?</p> - -<p>Wir finden eine Art Mensch, die <em>priesterliche</em>, die sich -als Norm, als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus -Mensch fühlt: von sich aus nimmt sie den Begriff des -„Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit, sie <em>will</em> sie -auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der -<em>Wille zur Macht</em>....</p> - -<p>Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft -von Begriffen, welche in der Priesterschaft ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non -plus ultra</span> von Macht ansetzen. Die Macht durch die Lüge -– in Einsicht darüber, daß man sie nicht physisch, militärisch -besitzt.... Die Lüge als Supplement der Macht, – -ein neuer Begriff der „Wahrheit“.</p> - -<p>Man irrt sich, wenn man hier <em>unbewußte</em> und <em>naive</em> -Entwicklung voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fa<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[Pg 130]</a></span>natiker -sind nicht die Erfinder solcher durchdachten Systeme -der Unterdrückung.... Hier hat die kaltblütigste Besonnenheit -gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, wie sie ein -Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. – „Man -muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ – über -diese Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.</p> - -<p>Wir haben das klassische Muster als spezifisch <em>arisch</em>: -wir dürfen also die bestausgestattete und besonnenste Art -Mensch verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge, -die je gemacht worden ist.... Man hat das nachgemacht, -überall beinahe: der <em>arische Einfluß</em> hat alle Welt verdorben....</p> - - -<h5>220.</h5> - -<p>Der <em>Philosoph</em> als Weiterentwicklung des <em>priesterlichen</em> -Typus: – hat dessen Erbschaft im Leibe; – ist, -selbst noch als Rival, genötigt, um dasselbe mit denselben -Mitteln zu ringen wie der Priester seiner Zeit; – er aspiriert -zur <em>höchsten Autorität</em>.</p> - -<p>Was gibt <em>Autorität</em>, wenn man nicht die physische Macht -in den Händen hat (keine Heere, keine <em>Waffen</em> überhaupt....)? -Wie gewinnt man namentlich die Autorität -<em>über die</em>, welche die physische Gewalt und die Autorität -besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten, -vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)</p> - -<p>Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere -Gewalt in den Händen zu haben, – <em>Gott</em> –. Es ist -nichts stark genug: man hat die Vermittlung und die Dienste -der Priester <em>nötig</em>. Sie stellen sich als unentbehrlich <em>dazwischen</em>: -– sie haben als Existenzbedingung nötig, 1. daß -an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß <em>an ihren -Gott</em> geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten -Zugänge zu Gott gibt. Die <em>zweite</em> Forderung allein schafft -den Begriff der „Heterodoxie“; die <em>erste</em> den des „Ungläubigen“ -(das heißt, der an einen <em>andern</em> Gott glaubt –).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[Pg 131]</a></span></p> - - -<h4>2. Christentum.</h4> - - -<h5>221.</h5> - -<p>– Die <em>Kirche</em> ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt -hat – und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte –</p> - - -<h5>222.</h5> - -<p>Man soll das Christentum als <em>historische Realität</em> -nicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit -seinem Namen erinnert: die <em>andern</em> Wurzeln, aus denen -es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist -ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde und -Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ -und „christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen -Namen abzeichnen. Was hat Christus <em>verneint</em>? – Alles, -was heute christlich heißt.</p> - - -<h5>223.</h5> - -<p>Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden -<em>soll</em>, die ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und -Trug: und genau das Gegenstück von dem, was den Anfang -der christlichen Bewegung gegeben hat.</p> - -<p>Das gerade, was im <em>kirchlichen</em> Sinn das Christliche -ist, ist das <em>Antichristliche</em> von vornherein: lauter Sachen -und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der -ewigen Tatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt -einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene -Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, -Theologie.</p> - -<p>Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so -wenig die Praxis des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, -glücklich zu sein....</p> - - -<h5>224.</h5> - -<p>Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ -im Herzen, und findet die Mittel <em>nicht</em> in der Observanz -der jüdischen Kirche –; er rechnet selbst die Realität -des Judentums (seine Nötigung, sich zu erhalten) für -nichts; er ist rein <em>innerlich</em>. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[Pg 132]</a></span></p> - -<p>Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben -Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die -ganze Buß- und Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben -muß, um sich als „vergöttlicht“ zu fühlen – und wie man -nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu -kommt: „<em>es liegt nichts an Sünde</em>“ ist sein Haupturteil.</p> - -<p>Sünde, Buße, Vergebung, – das gehört alles nicht hierher.... -das ist ein eingemischtes Judentum, oder es ist -heidnisch.</p> - - -<h5>225.</h5> - -<p>Das <em>Himmelreich</em> ist ein Zustand des Herzens (– von -den Kindern wird gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), -nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes -„kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, -etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher -nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, -etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...</p> - - -<h5>226.</h5> - -<p>Der <em>Schächer am Kreuz</em>: – wenn der Verbrecher selbst, -der einen schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser -Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet -und stirbt, so allein ist es das Rechte“, hat er das Evangelium -bejaht: und damit <em>ist er im Paradiese</em>....</p> - - -<h5>227.</h5> - -<p>Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit -jenem göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, -als der plumpe Unsinn eines „verewigten Petrus“, -einer ewigen Personalfortdauer. Was er bekämpft, das ist -die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade <em>die</em> verewigen -wollen?</p> - -<p>Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: -er verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn -je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits -gemeint haben!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[Pg 133]</a></span></p> - - -<h5>228.</h5> - -<p>Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre -hineingemengt: es ist alles damit verdorben.</p> - -<p>Insgleichen ist die <em>Praxis</em> der ersten <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ecclesia militans</span></em>, -des Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine -ganz verfälschende Weise als <em>geboten</em>, als <em>voraus</em> festgesetzt -dargestellt....</p> - -<p>Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen <em>Lebens</em> -und <em>Lehrens</em> der ersten Christen: wie als ob alles <em>so vorgeschrieben</em> -.... bloß <em>befolgt</em> wäre....</p> - -<p>Nun gar die <em>Erfüllung</em> der <em>Weissagungen</em>: was ist -da alles gefälscht und zurecht gemacht worden!</p> - - -<h5>229.</h5> - -<p>Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung -durch den Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem -Tode – das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen -Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf -(Paulus) verantwortlich machen muß.</p> - -<p>Das <em>vorbildliche Leben</em> besteht in der Liebe und Demut; -in der Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht -ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, -auf Verteidigung, auf Sieg im Sinne des -persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, -auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, -in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; -nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden -haben: die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes -Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.</p> - -<p>Nachdem die Kirche die <em>ganze christliche Praxis</em> sich -hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, -jene Art Leben, welches Jesus bekämpft und verurteilt hatte, -sanktioniert hatte, mußte sie den Sinn des Christentums -irgendwo anders hinlegen: in den <em>Glauben</em> an unglaubwürdige -Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, -Festen usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“, -„Belohnung“ – alles ganz unbeträchtlich und fast<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[Pg 134]</a></span> -<em>ausgeschlossen</em> vom ersten Christentum – kommt jetzt in -den Vordergrund.</p> - -<p>Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie -und Judentum; der Asketismus; das beständige Richten -und Verurteilen, die Rangordnung usw.</p> - - -<h5>230.</h5> - -<p>Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in -Kruditäten umgesetzt:</p> - -<p>1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: -mißverstanden als „Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;</p> - -<p>2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben -der Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;</p> - -<p>3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von -Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als -„Wunder der Transsubstantiation“;</p> - -<p>4. die „Auferstehung –“ als Eintritt in das „wahre -Leben“, als „wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, -die irgendwann nach dem Tode eintritt;</p> - -<p>5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, -das Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: -die „zweite Person der Gottheit“ – gerade das <em>weggeschafft</em>: -das Sohnverhältnis jedes Menschen zu Gott, auch -des niedrigsten;</p> - -<p>6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es -keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes gibt als die -von Christus gelehrte <em>Praxis des Lebens</em>) umgekehrt in -den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare <em>Abzahlung</em> -der <em>Sünde</em> zu glauben habe, welche nicht durch den -Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:</p> - -<p>Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. -Dieser Tod war an sich durchaus <em>nicht</em> die Hauptsache.... -er war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen -die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe – -<em>nicht sich wehren</em>.... <em>Darin lag das Vorbild.</em></p> - - -<h5>231.</h5> - -<p>Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches -zu verdanken, und schließen folglich, daß dessen Ur<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[Pg 135]</a></span>heber -eine Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß -ist falsch, aber er ist der typische Schluß der Verehrenden. -Objektiv angesehen, wäre möglich, <em>erstens</em>, daß sie sich -irrten über den Wert dessen, was sie dem Christentum verdanken: -Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon -man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch -einen Verdacht dagegen.... Es wäre <em>zweitens</em> möglich, -daß, was dem Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber -zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen -Gebilde, dem Ganzen, der Kirche usw. Der Begriff -„Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheitsursache -für eine Bewegung bedeuten kann: man -hat die Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als -die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt -den Schluß, daß irgendwann dieser Gründer etwas -sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, – am Anfang... -Man denke, mit welcher <em>Freiheit</em> Paulus das Personalproblem -Jesus behandelt, beinahe eskamotiert – jemand, -der gestorben ist, den man nach seinem Tode wiedergesehen -hat, jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet -wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht <em>er</em> dann -dazu....</p> - - -<h5>232.</h5> - -<p>Ein Religionsstifter <em>kann</em> unbedeutend sein, – ein -Streichholz, nichts <em>mehr</em>!</p> - - -<h5>233.</h5> - -<p>Wie eine <em>Ja-sagende</em> arische Religion, die Ausgeburt der -<em>herrschenden</em> Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. -(Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, -daß es in der Kriegerkaste entstanden und erst -übergegangen ist auf die Priester.)</p> - -<p>Wie eine <em>Ja-sagende</em> semitische Religion, die Ausgeburt -der <em>herrschenden</em> Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, -das alte Testament in den älteren Teilen. (Der -<em>Muhammedanismus</em>, als eine Religion für <em>Männer</em>, -hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und Ver<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[Pg 136]</a></span>logenheit -des Christentums ... einer Weibsreligion, als welche -er sie fühlt –.)</p> - -<p>Wie eine <em>Nein-sagende</em> semitische Religion, die Ausgeburt -der <em>unterdrückten</em> Klasse, aussieht: das Neue Testament -(– nach indisch-arischen Begriffen: eine <em>Tschandala-Religion</em>).</p> - -<p>Wie eine <em>Nein-sagende</em> arische Religion aussieht, gewachsen -unter den <em>herrschenden</em> Ständen: der Buddhismus.</p> - -<p>Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion -<em>unterdrückter</em> arischer Rassen haben: denn das ist ein -Widerspruch: eine Herrenrasse ist obenauf oder geht zugrunde.</p> - - -<h5>234.</h5> - -<p><em>Heidnisch – christlich</em>. – <em>Heidnisch</em> ist das Jasagen -zum Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die -Natürlichkeit“. <em>Christlich</em> ist das Neinsagen zum Natürlichen, -das Unwürdigkeitsgefühl im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.</p> - -<p>„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat -im Vergleich mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld -verloren. Da aber zuletzt auch der <em>christliche</em> <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">status</span> -bloß ein Naturzustand sein muß, sich aber nicht als solchen -begreifen darf, so bedeutet „<em>christlich</em>“ eine zum Prinzip -erhobene <em>Falschmünzerei der psychologischen Interpretation</em>....</p> - - -<h5>235.</h5> - -<p>Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind -der Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz -denken, als die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, -mit der zum Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten -Athens die Gegenwart der geschlechtlichen Symbole -empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das Geheimnis -an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art -Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht -der Zukunft: der Wiedergeburt, Unsterblichkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[Pg 137]</a></span></p> - - -<h5>236.</h5> - -<p><em>Buddha gegen den „Gekreuzigten“.</em> – Innerhalb -der nihilistischen Religionen darf man immer noch die <em>christliche</em> -und die <em>buddhistische</em> scharf auseinanderhalten. Die -<em>buddhistische</em> drückt einen <em>schönen Abend</em> aus, eine vollendete -Süßigkeit und Milde, – es ist Dankbarkeit gegen -alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was fehlt: die Bitterkeit, -die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe -geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs -ist hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von -diesem hat es noch seine geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. -(– Herkunft aus den obersten Kasten –.)</p> - -<p>Die <em>christliche</em> Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung -aus Abfalls- und Ausschußelementen aller Art: sie -drückt <em>nicht</em> den Niedergang einer Rasse aus, sie ist von Anfang -an eine Aggregatbildung aus sich zusammendrängenden -und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist deshalb -<em>nicht</em> national, <em>nicht</em> rassebedingt: sie wendet sich an -die Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem -Grunde gegen alles Wohlgeratene und Herrschende: sie -braucht ein <em>Symbol</em>, welches den Fluch auf die Wohlgeratenen -und Herrschenden darstellt.... Sie steht im Gegensatz -auch zu aller <em>geistigen</em> Bewegung, zu aller Philosophie: -sie nimmt die Partei der Idioten und spricht einen -Fluch gegen den Geist aus. Ranküne gegen die Begabten, -Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie errät in ihnen das -<em>Wohlgeratene</em>, das <em>Herrschaftliche</em>.</p> - - -<h5>237.</h5> - -<p>Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, -alles, was Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen -fort“ – nur insofern wird <em>gewarnt</em> vor dem Bösen. -Denn Handeln – das hat keinen Sinn, Handeln hält -im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie -sehen im Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur -Bejahung von Mitteln, deren Zweck man verneint. Sie -suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und <em>deshalb</em> per<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[Pg 138]</a></span>horreszieren -sie <em>alle</em> Antriebe seitens der Affekte. Zum Beispiel -ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! – Der Hedonismus -der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. -Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische Fanatismus -eines Paulus: Nichts würde mehr seinem Instinkt -widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen -Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, -welche das Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt -hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar übergeistigten -Stände, die im Buddhismus ihre Rechnung finden: -eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophenkampf -abgesotten und müde gemacht, nicht aber <em>unterhalb -aller Kultur</em> wie die Schichten, aus denen das -Christentum entsteht.... Im Ideal des Buddhismus erscheint -das Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich: -es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral ausgedacht, -die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, -unter der Voraussetzung, daß man auch die guten -Handlungen bloß <em>zeitweilig</em> nötig hat, bloß als <em>Mittel</em>, -– nämlich, um von <em>allem</em> Handeln loszukommen.</p> - - -<h5>238.</h5> - -<p>Eine <em>nihilistische</em> Religion wie das Christentum, einem -greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden -Volke entsprungen und gemäß – Schritt für Schritt in -andre Milieus übertragen, endlich in die jungen, <em>noch gar -nicht gelebt habenden</em> Völker eintretend – <em>sehr seltsam</em>! -Eine Schluß-, Hirten-, Abendglückseligkeit Barbaren, -Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisiert, -barbarisiert werden! <em>Solchen</em>, die ein <em>Walhall</em> geträumt -hatten – : die alles Glück im Kriege fanden! – -Eine <em>über</em>nationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, -wo <em>noch nicht einmal</em> Nationen da waren –.</p> - - -<h5>239.</h5> - -<p>Diese <em>nihilistische</em> Religion sucht sich die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-<em>Elemente</em> -und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[Pg 139]</a></span></p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) die Partei der <em>Schwachen</em> und <em>Mißratenen</em> (den -Ausschuß der antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten -von sich stieß....);</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) die Partei der <em>Vermoralisierten</em> und <em>Antiheidnischen</em>;</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) die Partei der <em>Politisch-Ermüdeten</em> und Indifferenten -(blasierte Römer....), der <em>Entnationalisierten</em>, -denen eine Leere geblieben war;</p> - -<p><span class="antiqua">d</span>) die Partei derer, die sich satt haben, – die gern an -einer <em>unterirdischen</em> Verschwörung mitarbeiten –</p> - - -<h5>240.</h5> - -<p><span class="antiqua">A.</span> In dem Maße, in dem heute das Christentum noch -nötig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....</p> - -<p><span class="antiqua">B.</span> In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem -schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil -es dem <em>morbiden</em> Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen -der jetzigen Menschheit entspricht.... sie geben ihrem -Hange nach, indem sie christlich aspirieren – die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span> -aller Art –</p> - -<p>Man hat hier zwischen <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> streng zu scheiden. Im -<em>Fall</em> <span class="antiqua">A</span> ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel -(– es dient unter Umständen, krank zu -machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Rohheit -zu brechen). Im <em>Fall</em> <span class="antiqua">B</span> ist es ein Symptom der -Krankheit selbst, <em>vermehrt</em> die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>; hier wirkt es -einem <em>korroborierenden</em> System der Behandlung entgegen, -hier ist es der Krankeninstinkt <em>gegen</em> das, was ihm -heilsam ist –</p> - - -<h5>241.</h5> - -<p>Das <em>christlich-jüdische Leben</em>: hier überwog <em>nicht</em> das -Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die -Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben – sowohl die -<em>Glut</em> der <em>Liebe</em>, als die des <em>Hasses</em>.</p> - -<p>Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert -sieht, dann wird man <em>aggressiv</em>; man verdankt den Sieg -des Christentums seinen Verfolgern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[Pg 140]</a></span></p> - -<p>Die <em>Asketik</em> im Christentum ist nicht spezifisch: das hat -Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum -hinein: überall dort, wo es auch ohne Christentum -Asketik gibt.</p> - -<p>Das <em>hypochondrische</em> Christentum, die Gewissenstierquälerei -und -folterung ist insgleichen nur einem gewissen -Boden zugehörig, auf dem christliche Werte Wurzel geschlagen -haben: es ist nicht das Christentum selbst. Das -Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in -sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf -machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren -wußte. Aber eben <em>das</em> ist sein Wesen: Christentum ist ein -Typus der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p> - - -<h5>242.</h5> - -<p>Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen -konnte, war die kleine <em>jüdische Familie</em> der Diaspora, mit -ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen -Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft -zum Helfen, Einstehen füreinander, mit ihrem -verborgenen und in Demut verkleideten Stolz der „Auserwählten“, -mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid -zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für -sich hat. <em>Das als Macht erkannt zu haben</em>, diesen <em>seligen</em> -Zustand als mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch -für Heiden erkannt zu haben – ist das <em>Genie</em> des Paulus: -den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen -zu einer „jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses“, -die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der <em>Gemeindeselbsterhaltung</em> -unter der Fremdherrschaft, auch -die jüdische Propaganda – das erriet er als seine Aufgabe. -Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und -abseits gestellte Art <em>kleiner Leute</em>: ihre Kunst, sich zu behaupten -und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet, -welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten -(„Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten -Art Mensch“).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[Pg 141]</a></span></p> - -<p>Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip -der <em>Liebe</em> her: es ist eine <em>leidenschaftlichere</em> Seele, die -hier unter der Asche von Demut und Armseligkeit glüht: so -war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch. -Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, -ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der -ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum -etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so -ist es eine <em>Erhöhung der Temperatur der Seele</em> bei -jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf -waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben -reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperaturerhöhung....</p> - -<p>Es versteht sich, daß eine solche Übertragung <em>nicht</em> stattfinden -konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die -Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen -sich, – und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei -schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe -ekelerregend (– ich <em>sehe</em> diese schlechten Manieren, wenn -ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit -und Not mit dem hier redenden Typus des niederen -Volkes verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden... -Es ist eine Probe davon, ob man etwas <em>klassischen Geschmack</em> -im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament -steht (vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, -wer dabei nicht ehrlich und gründlich etwas von <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">foeda superstitio</span> -empfindet, etwas, wovon man die Hand zurückzieht, -wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht, -was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie -Goethe –</p> - - -<h5>243.</h5> - -<p><em>Reaktion der kleinen Leute</em>: – Das höchste Gefühl -der Macht gibt die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht -der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet.</p> - -<p>„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, -Gott liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; -das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[Pg 142]</a></span> -jenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die -Liebe hervorbringt; – aus Liebe tut man nichts Schlimmes, -man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend -täte.</p> - -<p>Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im -Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als <em>Summe -des Lebensgefühls</em> empfunden. Das Helfen und -Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der -Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht -das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, -als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.</p> - -<p>Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine <em>Alteration -der Persönlichkeit</em> erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl -Gott. Man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls -sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein -„Evangelium“, – diese Neuheit war es, welche ihm nicht -erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen – : er meinte, daß Gott -vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. – -„Gott kommt zu den Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, -in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der -Liebe sich auslöst). <em>Jesus ist der Nächste</em>, so wie dieser -zur Gottheit, zur <em>Machtgefühl erregenden</em> Ursache umgedacht -wurde.</p> - - -<h5>244.</h5> - -<p>Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und -Armen ein Zugang zum Glück offen steht, – daß man -nichts zu tun hat, als sich von der Institution, der Tradition, -der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: -insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts weiter, -als die <em>typische Sozialistenlehre</em>.</p> - -<p>Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, -Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: -alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, -Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium -das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die Sozialistenlehre.</p> - -<p>Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines auf<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[Pg 143]</a></span>gestauten -Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt -dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im -Frei-sich-fühlen liegen könnte.... (Meistens ein Symptom -davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt -worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits -auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt -Revolutionen, sondern daß das Volk <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en mangeant</span> -Appetit bekommen hat....)</p> - - -<h5>245.</h5> - -<p>Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine -friedliche Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, -welche nicht die großen Antriebe der großen Krafthäufungen -kennt, als etwas Hohes nimmt, womöglich gar als <em>Maß -des Menschen</em>.</p> - -<p><em>Bacon von Verulam</em> sagt: <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Infimarum virtutum apud -vulgus laus est, mediarum admiratio, supremarum sensus -nullus.</span> Das Christentum aber gehört, als Religion, -zum <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vulgus</span>; es hat für die höchste Gattung <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">virtus</span> keinen -Sinn.</p> - - -<h5>246.</h5> - -<p>Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth -oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den <em>kleinen Leuten -so viel in den Kopf gesetzt haben</em>, als ob es etwas -auf sich habe mit ihren bescheidenen Tugenden. Man hat -es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die wertvolleren -Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie -haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen -Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die <em>tapfern</em>, -<em>großmütigen</em>, <em>verwegenen</em>, <em>exzessiven</em> Neigungen der -starken Seele irregeleitet, bis zur Selbstzerstörung....</p> - - -<h5>247.</h5> - -<p>Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem -ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, -verloren gegangen sind;</p> - -<p>sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben -den Priester – und dann sofort den Tschandala....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[Pg 144]</a></span></p> - -<p>Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem -Aufstand des Tschandala: der Ursprung des <em>Christentums</em>.</p> - -<p>Damit, daß sie den <em>Krieger</em> nur als ihren Herrn kannten, -brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den -<em>Vornehmen</em>, gegen den Edlen, Stolzen, gegen die Macht, -gegen die <em>herrschenden</em> Stände – : sie sind <em>Entrüstungs</em>pessimisten....</p> - -<p>Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester -an der Spitze der Tschandalas, – gegen die <em>vornehmen -Stände</em>....</p> - -<p>Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung: -auch im jüdischen Priestertum empfand es noch die -Kaste, den Privilegierten, den Vornehmen – <em>es strich den -Priester aus</em> –</p> - -<p>Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt.... -der Tschandala, der sich selbst erlöst....</p> - -<p>Deshalb ist die <em>französische</em> Revolution die Tochter und -Fortsetzerin des <em>Christentums</em>.... sie hat den Instinkt -gegen die Kaste, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien -– –</p> - - -<h5>248.</h5> - -<p><em>Die tiefe Verachtung</em>, mit der der Christ in der vornehm -gebliebenen antiken Welt behandelt wurde, gehört -ebendahin, wohin heute noch die Instinktabneigung gegen -den Juden gehört: es ist der Haß der freien und selbstbewußten -Stände gegen die, <em>welche sich durchdrücken</em> und -schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl -verbinden.</p> - -<p>Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich -<em>unvornehmen</em> Art Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu -haben, ja <em>allen</em> Wert zu haben, hat in der Tat etwas Empörendes, -– auch heute noch.</p> - - -<h5>249.</h5> - -<p>Das ursprüngliche Christentum ist <em>Abolition des Staates</em>: -es verbietet den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichts<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[Pg 145]</a></span>höfe, -die Selbstverteidigung und Verteidigung irgendeines -Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden; -insgleichen die <em>Stände</em>ordnung.</p> - -<p>Das <em>Vorbild Christi</em>: er widerstrebt nicht denen, die -ihm Übles tun; er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er -„reicht die linke Wange“ (auf die Frage „bist du Christus?“ -antwortet er, „und von nun an werdet ihr sehen des Menschen -Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in -den Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger -ihn verteidigen; er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben -könnte, aber nicht will.</p> - -<p>Das Christentum ist auch <em>Abolition der Gesellschaft</em>: -es bevorzugt alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus -aus den Verrufenen und Verurteilten, den Aussätzigen -jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, den Prostituierten, -dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht -die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, -die „Korrekten“....</p> - - -<h5>250.</h5> - -<p><em>Zur Geschichte des Christentums.</em> – Fortwährende -Veränderung des Milieus: die christliche Lehre verändert damit -fortwährend ihr <em>Schwergewicht</em>.... Die Begünstigung -der <em>Niederen</em> und <em>kleinen Leute</em>.... Die Entwicklung -der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">caritas</span>.... Der Typus „Christ“ nimmt schrittweise -alles wieder an, was er ursprünglich negierte (<em>in dessen -Negation er bestand</em> –). Der Christ wird Bürger, -Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, -Theolog, Priester, Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot, -Politiker, „Fürst“.... er nimmt alle <em>Tätigkeiten</em> wieder -auf, die er abgeschworen hat (– die Selbstverteidigung, das -Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden -zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen....). -Das ganze Leben des Christen ist endlich genau -das Leben, <em>von dem Christus die Loslösung predigte</em>...</p> - -<p>Die <em>Kirche</em> gehört so gut zum <em>Triumph</em> des Antichristlichen, -wie der moderne Staat, der moderne Nationalis<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[Pg 146]</a></span>mus.... -Die Kirche ist die Barbarisierung des Christentums.</p> - - -<h5>251.</h5> - -<p>Das Christentum ist möglich als <em>privateste</em> Daseinsform; -es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische -Gesellschaft voraus, – es gehört ins Konventikel. -Ein „christlicher <em>Staat</em>“, eine „christliche Politik“ dagegen -ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche -Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als -Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals -imstande gewesen, christliche Politik zu machen....; und -wenn Reformatoren Politik treiben, wie Luther, so weiß -man, daß sie eben solche Anhänger Macchiavells sind wie -irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.</p> - - -<h5>252.</h5> - -<p><em>Wann auch die „Herren“ Christen werden können.</em> -– Es liegt in dem Instinkt einer <em>Gemeinschaft</em> (Stamm, -Geschlecht, Herde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, -denen sie ihre Erhaltung verdankt, als <em>an sich -wertvoll</em> zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit, -Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, – somit alles, -was denselben im Wege steht oder widerspricht, <em>herabzudrücken</em>.</p> - -<p>Es liegt insgleichen in dem Instinkt der <em>Herrschenden</em> -(seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf -welche hin die Unterworfenen <em>handlich</em> und <em>ergeben</em> sind, -zu patronisieren und auszuzeichnen (– Zustände und Affekte, -die den eignen so fremd wie möglich sein können).</p> - -<p>Der <em>Herdeninstinkt</em> und der <em>Instinkt</em> der <em>Herrschenden</em> -kommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften -und Zuständen <em>überein</em>, – aber aus verschiedenen -Gründen: der erste aus unmittelbarem Egoismus, der -zweite aus mittelbarem Egoismus.</p> - -<p><em>Die Unterwerfung der Herrenrassen</em> unter das Christentum -ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum -eine <em>Herdenreligion</em> ist, daß es <em>Gehorsam</em> lehrt:<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[Pg 147]</a></span> -kurz, daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen. -Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser -von China die christliche Propaganda.</p> - -<p>Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen -Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, -welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche -lieben, welche alles lieben, <em>wobei sie sich riskieren</em>, wobei -aber ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</span> von Machtgefühl erreicht werden -kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der -heroischen Instinkte ihrer Brüder: – das Christentum erscheint -da als eine Form der Willensausschweifung, der -Willensstärke, als eine Donquixoterie des Heroismus....</p> - - -<h5>253.</h5> - -<p>Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von -dem geworden, was sein Stifter tat und wollte. Es ist die -große <em>antiheidnische Bewegung</em> des Altertums, formuliert -mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ des -Stifters des Christentums, aber in einer absolut <em>willkürlichen</em> -Interpretation nach dem Schema <em>grundverschiedener -Bedürfnisse</em>: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden -<em>unterirdischen Religionen</em> –</p> - -<p>Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (– während -Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen -wollte): und zwar des Pessimismus der Schwachen, der -Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.</p> - -<p>Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und -Geschmack; die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“, -die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, -die exzentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit -des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde, -Wort und Form. Ihr Todfeind ist der <em>Römer</em> ebensosehr -als der <em>Grieche</em>.</p> - -<p>Versuch des <em>Antiheidentums</em>, sich philosophisch zu begründen -und möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen -Figuren der alten Kultur, vor allem für Plato, diesen -Antihellenen und Semiten von Instinkt.... Insgleichen<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[Pg 148]</a></span> -für den Stoizismus, der wesentlich das Werk von Semiten -ist (– die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als -Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität -– das ist semitisch. Der Stoiker ist ein -arabischer Scheich in griechische Windeln und Begriffe gewickelt).</p> - - -<h5>254.</h5> - -<p>Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch -auf intellektuelle Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, -bei der Berührung mit dem Neuen Testament etwas wie -ein unaussprechliches Mißbehagen zu empfinden: denn die -zügellose Frechheit des Mitredenwollens Unberufenster über -die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf Richtertum in -solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte -Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen -(Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird, -wie als ob sie keine Probleme wären, sondern einfach Sachen, -die diese kleinen Mucker <em>wissen</em>!</p> - - -<h5>255.</h5> - -<p>Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher -auf Erden dagewesen ist: – wenn diese verlogenen -kleinen Mißgeburten von Muckern anfangen, die Worte -„Gott“, „jüngstes Gericht“, „Wahrheit“, „Liebe“, „Weisheit“, -„heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen -und sich damit gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese -Art Mensch anfängt, die <em>Werte nach sich umzudrehen</em>, -wie als ob <em>sie</em> der Sinn, das Salz, das Maß und <em>Gewicht</em> -vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen Irrenhäuser -bauen und nichts weiter tun. Daß man sie <em>verfolgte</em>, -das war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm -man sie zu ernst, damit machte man aus ihnen einen Ernst.</p> - -<p>Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon -eine verwandte Art von Größenwahn <em>in der Welt war</em>, -der <em>jüdische</em> (– nachdem einmal die Kluft zwischen den -Juden und den Christen-Juden aufgerissen, <em>mußten</em> die -Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[Pg 149]</a></span> -der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer -letzten Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden –); -andererseits dadurch, daß die griechische Philosophie der -Moral alles getan hatte, um einen <em>Moralfanatismus</em> -selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten und schmackhaft -zu machen.... Plato, die große Zwischenbrücke der -Verderbnis, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen -wollte, der bereits die griechischen Götter mit seinem -Begriff „<em>gut</em>“ entwertet hatte, der bereits <em>jüdisch-angemuckert</em> -war (– in Ägypten?).</p> - - -<h5>256.</h5> - -<p>Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die -Natur“? Wir werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen -nicht täuschen lassen! Es ist Natur wider etwas, -das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel bei manchen, -eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem -Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der -Natur“ bei den Höchsten – diese wollen es ihrem Ideale -gleichtun. Es versteht sich, daß Demütigung an Stelle des -Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht vor den Begierden, die -Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten (wodurch wieder -ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung -eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit -der Gefühlseffusion – alles einen Typus zusammensetzt: -in ihm überwiegt die <em>Reizbarkeit</em> eines verkümmernden -Leibes, aber die Nervosität und ihre Inspiration -wird anders <em>interpretiert</em>. Der <em>Geschmack</em> dieser -Art Naturen geht einmal 1. auf das Spitzfindige, 2. auf das -Blumige, 3. auf die extremen Gefühle. – Die natürlichen -Hänge befriedigen sich <em>doch</em>, aber unter einer neuen Form -der Interpretation, zum Beispiel als „Rechtfertigung vor -Gott“, „Erlösungsgefühl in der Gnade“ (– jedes unabweisbare -<em>Wohlgefühl</em> wird interpretiert! –), der Stolz, -die Wollust usw. – Allgemeines Problem: was wird aus -dem Menschen, der sich das Natürliche verlästert und praktisch -verleugnet und verkümmert? Tatsächlich erweist sich<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[Pg 150]</a></span> -der Christ als eine <em>übertreibende</em> Form der Selbstbeherrschung: -um seine Begierden zu bändigen, scheint er -nötig zu haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.</p> - - -<h5>257.</h5> - -<p>Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und -unsterblich: unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, -sündhaftes Dasein, eine Strafexistenz.... Das -Leiden, der Kampf, die Arbeit, der Tod werden als Einwände -und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, als -etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen -das man Heilmittel braucht – und <em>hat</em>!....</p> - -<p>Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem -unnormalen Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn -für die Schuld Adams hergegeben, um diesem unnormalen -Zustande ein Ende zu machen: der natürliche Charakter des -Lebens ist ein <em>Fluch</em>; Christus gibt dem, der an ihn glaubt, -den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich, müßig -und unschuldig. – Aber die Erde hat nicht angefangen, -fruchtbar zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne -Schmerzen Kinder, die Krankheit hat nicht aufgehört; die -Gläubigsten befinden sich hier so schlecht wie die Ungläubigsten. -Nur daß der Mensch vom <em>Tode</em> und von der -<em>Sünde</em> befreit ist – Behauptungen, die keine Kontrolle -zulassen –, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet. -„Er ist frei von Sünde“ – nicht durch sein Tun, nicht -durch einen rigorosen Kampf seinerseits, sondern durch die -<em>Tat der Erlösung freigekauft</em> – folglich vollkommen, -unschuldig, paradiesisch....</p> - -<p>Das <em>wahre</em> Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug, -ein Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, -wirkliche Dasein voll Glanz und Finsternis nur ein schlechtes, -falsches Dasein: von ihm <em>erlöst</em> werden ist die Aufgabe.</p> - -<p>„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“ -– diese Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor -allem zu kritisieren. Warum ist die Schuld, die Arbeit, der<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[Pg 151]</a></span> -Tod, das Leiden (<em>und</em>, christlich geredet, die <em>Erkenntnis</em>....) -<em>wider</em> die höchste Wünschbarkeit? – Die faulen -christlichen Begriffe „Seligkeit“, „Unschuld“, „Unsterblichkeit“ – – –</p> - - -<h5>258.</h5> - -<p>Krieg gegen das <em>christliche Ideal</em>, gegen die Lehre von -der „Seligkeit“ und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen -die Suprematie der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden -und Mißglückten.</p> - -<p>Wann und wo hat je ein Mensch, <em>der in Betracht -kommt</em>, jenem christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens -für solche Augen, wie sie ein Psycholog und Nierenprüfer -haben muß! – man blättere alle Helden Plutarchs -durch.</p> - - -<h5>259.</h5> - -<p>Der <em>höhere</em> Mensch unterscheidet sich von dem <em>niederen</em> -in Hinsicht auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung -des Unglücks: es ist ein Zeichen von <em>Rückgang</em>, wenn -eudämonistische Wertmaße als oberste zu gelten anfangen -(– physiologische Ermüdung, Willensverarmung –). Das -Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine -typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung -Mensch. Eine volle Kraft will schaffen, leiden, untergehen: -ihr ist das christliche Muckerheil eine schlechte Musik und -hieratische Gebärden ein Verdruß.</p> - - -<h5>260.</h5> - -<p>Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der <em>Vergleichung</em>, -wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden -ist: wir sind das Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. -Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung -eines unerhört Vielfachen ist unsre instinktivste -Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir haben -kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei -schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe -liebevolle Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten -Dinge los....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[Pg 152]</a></span></p> - -<p>„Alles ist gut“ – es kostet uns Mühe, zu verneinen. -Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei -gegen etwas zu nehmen.... Im Grunde erfüllen wir -Gelehrten heute am besten die Lehre Christi – –</p> - - -<h5>261.</h5> - -<p>Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher -Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben. Daß -man hat glauben können, das „Heil der Seele“ hänge an -einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das heute -noch.</p> - -<p>Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und -Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, -wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die -Schamröte zur Leibfarbe gemacht hat?</p> - - -<h5>262.</h5> - -<p>Der Humor der europäischen Kultur: man hält <em>das</em> für -wahr, aber tut <em>jenes</em>. Zum Beispiel was hilft alle Kunst -des Lesens und der Kritik, wenn die kirchliche Interpretation -der Bibel, die protestantische so gut wie die katholische, nach -wie vor aufrecht erhalten wird!</p> - - -<h5>263.</h5> - -<p><em>Nachzudenken</em>: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle -Glaube an die <em>göttliche Providenz</em> – dieser für -Hand und Vernunft <em>lähmendste</em> Glaube, den es gegeben -hat – fortbesteht; inwiefern unter den Formeln „Natur“, -„Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter -dem Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit -von Glück und Tugend, von Unglück und Schuld immer -noch die christliche Voraussetzung und Interpretation ihr -Nachleben hat. Jenes absurde <em>Vertrauen</em> zum Gang der -Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische -<em>Resignation</em>, die des Glaubens ist, jedermann -habe nur seine Pflicht zu tun, damit <em>alles</em> gut gehe – -dergleichen hat nur Sinn unter der Annahme einer Leitung -der Dinge <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sub specie boni</span>. Selbst noch der <em>Fatalismus</em>,<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[Pg 153]</a></span> -unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, ist eine -Folge jenes <em>längsten</em> Glaubens an göttliche Fügung, eine -unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf <em>uns</em> ankomme, -wie alles geht (– als ob wir es laufen lassen <em>dürften</em>, -wie es läuft: jeder Einzelne selbst nur ein Modus der -absoluten Realität –).</p> - - -<h5>264.</h5> - -<p>Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter -<em>Nihilismus der Tat</em>. – So wie ich alle die -Phänomene des Christentums, des Pessimismus verstehe, -so drücken sie aus: „wir sind reif, nicht zu sein; für uns ist -es vernünftig, nicht zu sein“. Diese Sprache der „Vernunft“ -wäre in diesem Falle auch die Sprache der <em>selektiven -Natur</em>.</p> - -<p>Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist -die zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die -des <em>Christentums</em>: deutlicher, der <em>Kirche</em>: welche, statt -zum Tode und zur Selbstvernichtung zu ermutigen, alles -Mißratene und Kranke schützt und sich selbst fortpflanzen -macht –</p> - -<p>Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form -des großen kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine -solche, welche mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den -freiwilligen Tod lehrt und übt (– und <em>nicht</em> das schwächliche -Fortvegetieren mit Hinsicht auf eine falsche Postexistenz -–)?</p> - -<p>Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil -es den <em>Wert</em> einer solchen <em>reinigenden</em> großen Nihilismusbewegung, -wie sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken -der unsterblichen Privatperson entwertet hat: insgleichen -durch die Hoffnung auf Auferstehung: kurz, immer -durch ein Abhalten von der <em>Tat des Nihilismus</em>, dem -Selbstmord ... Es substituierte den langsamen Selbstmord; -allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben; allmählich -ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges -Leben usw.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[Pg 154]</a></span></p> - - -<h5>265.</h5> - -<p>Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche -Menschen wie Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie -aufhören, eben dies am Christentum zu bekämpfen, daß es -den Willen dazu hat, gerade die stärksten und vornehmsten -Seelen zu zerbrechen. Man soll sich nie Frieden geben, solange -dies Eine noch nicht in Grund und Boden zerstört ist: -das Ideal vom Menschen, welches vom Christentum erfunden -worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein -Nein und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze -absurde Rest von christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei -und Theologie geht uns nichts an; er könnte noch tausendmal -absurder sein, und wir würden nicht einen Finger gegen -ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen wir, das mit -seiner krankhaften Schönheit und Weibsverführung, mit -seiner heimlichen Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten -und Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet – und die -Stärksten haben müde Stunden –, wie als ob alles das, -was in solchen Zuständen am nützlichsten und wünschbarsten -scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit, Anspruchslosigkeit, -Geduld, Liebe zu seinesgleichen, Ergebung, Hingebung an -Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen -Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; -wie als ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das -tugendhafte Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht -nur den Vorrang vor der stärkeren, böseren, begehrlicheren, -trotzigeren, verschwenderischeren und darum hundertfach gefährdeteren -Art Mensch habe, sondern geradezu für den -Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maß, die -höchste Wünschbarkeit abgebe. <em>Diese</em> Aufrichtung eines -Ideals war bisher die unheimlichste Versuchung, welcher der -Mensch ausgesetzt war: denn mit ihm drohte den stärker geratenen -Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch, in denen -der Wille zur Macht und zum Wachstum des ganzen Typus -Mensch einen Schritt vorwärts tut, der Untergang; mit -seinen Werten sollte das Wachstum jener Mehr-Menschen -an der Wurzel angegraben werden, welche um ihrer höheren<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[Pg 155]</a></span> -Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig auch ein gefährlicheres -Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung der Unternehmerkosten -ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des -Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christentum -bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es -ihren Mut entmutigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten -ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnot -verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte -giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr -Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, – -bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung -und der Selbstmißhandlung zugrunde gehen: jene -schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes -Beispiel <em>Pascal</em> abgibt.</p> - - -<h5>266.</h5> - -<p>Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es -ist an keines der unverschämten Dogmen gebunden, welche -sich mit seinem Namen geschmückt haben: es braucht weder -die Lehre vom <em>persönlichen Gott</em>, noch von der <em>Sünde</em>, -noch von der <em>Unsterblichkeit</em>, noch von der <em>Erlösung</em>, -noch vom <em>Glauben</em>; es hat schlechterdings keine Metaphysik -nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine -christliche „Naturwissenschaft“.... Das Christentum ist eine -<em>Praxis</em>, keine Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln, -nicht, was wir glauben sollen.</p> - -<p>Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere -mich nicht um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei -werden von mir nicht in Anspruch genommen“, „ich will -nichts tun, was den Frieden in mir selbst stört: und wenn -ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden erhalten -als Leiden“ – der wäre Christ.</p> - - -<h5>267.</h5> - -<p>Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen -Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen -Werturteile sind damit absolut nicht überwunden. -„Christus am Kreuze“ ist das erhabenste Symbol – immer -noch. –</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[Pg 156]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"> - -<h2>Drittes Buch.<br /> - -<span class="subh2">Prinzip einer neuen Wertsetzung.</span></h2> -</div> - - - -<h3>I. Die neue Deutung der Welt.</h3> - - -<h4>268.</h4> - -<p><em>Wahrheit ist die Art von Irrtum</em>, ohne welche eine -bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der -Wert für das <em>Leben</em> entscheidet zuletzt.</p> - - -<h4>269.</h4> - -<p>Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des -Machtgefühls.</p> - - -<h4>270.</h4> - -<p>Der Glaube „so und so <em>ist</em> es“ zu verwandeln in den -Willen „so und so <em>soll es werden</em>“.</p> - - -<h4>271.</h4> - -<p>Die Frage der Werte ist <em>fundamentaler</em> als die Frage -der Gewißheit: letztere erlangt ihren Ernst erst unter der -Voraussetzung, daß die Wertfrage beantwortet ist.</p> - -<p>Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergibt kein -„Sein an sich“, keine Kriterien für „Realität“, sondern nur -für Grade der Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des -<em>Anteils</em>, den wir einem Schein geben.</p> - -<p>Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen -und Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft: -– <em>vernichtet</em> wird die überwundene Vorstellung -<em>nicht</em>, nur <em>zurückgedrängt</em> oder <em>subordiniert</em>. <em>Es gibt -im Geistigen keine Vernichtung</em>....</p> - - -<h4>272.</h4> - -<p>Die <em>Wertschätzung</em>, „ich glaube, daß das und das so -ist“ als <em>Wesen</em> der „<em>Wahrheit</em>“. In den Wertschätzungen -drücken sich <em>Erhaltungs-</em> und <em>Wachstumsbedingungen</em> -aus. Alle unsre <em>Erkenntnisorgane und Sinne</em> sind nur -entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen. -Das <em>Vertrauen</em> zur Vernunft und ihren Kate<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[Pg 157]</a></span>gorien, -zur Dialektik, also die <em>Wertschätzung</em> der Logik, beweist -nur die durch Erfahrung bewiesene <em>Nützlichkeit</em> derselben -für das Leben: <em>nicht</em> deren „Wahrheit“.</p> - -<p>Daß eine Menge <em>Glauben</em> da sein muß; daß <em>geurteilt</em> -werden darf; daß der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen -Werte <em>fehlt</em>: – das ist Voraussetzung alles Lebendigen -und seines Lebens. Also daß etwas für wahr gehalten -werden <em>muß</em>, ist notwendig, – <em>nicht</em>, daß etwas wahr ist.</p> - -<p>„Die <em>wahre</em> und die <em>scheinbare</em> Welt“ – dieser Gegensatz -wird von mir zurückgeführt auf <em>Wertverhältnisse</em>. -Wir haben <em>unsere</em> Erhaltungsbedingungen projiziert als -<em>Prädikate des Seins</em> überhaupt. Daß wir in unserm -Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus haben -wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und -werdende, sondern eine <em>seiende</em> ist.</p> - - -<h4>273.</h4> - -<p>„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise -nicht notwendig einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in -den grundsätzlichsten Fällen nur eine Stellung verschiedener -Irrtümer zueinander: etwa, daß der eine älter, tiefer als -der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein organisches -Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; -während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen -tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen -„Tyrannen“, beseitigt und „widerlegt“ werden können.</p> - -<p>Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, – warum sollte -sie deshalb schon „<em>wahr</em>“ sein? Dieser Satz empört vielleicht -die Logiker, welche <em>ihre</em> Grenzen als Grenzen der -<em>Dinge</em> ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus habe ich -schon lange den Krieg erklärt.</p> - - -<h4>274.</h4> - -<p>Das <em>Feststellen</em> zwischen „wahr“ und „unwahr“, das -<em>Feststellen</em> überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden -von dem schöpferischen <em>Setzen</em>, vom Bilden, Gestalten, -Überwältigen, <em>Wollen</em>, wie es im Wesen der <em>Philosophie</em> -liegt. <em>Einen Sinn hineinlegen</em> – diese Aufgabe bleibt<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[Pg 158]</a></span> -unbedingt immer noch <em>übrig</em>, gesetzt, daß <em>kein Sinn darin -liegt</em>. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen: -sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung -zu <em>verschiedenen Zielen fähig</em>.</p> - -<p>Die noch höhere Stufe ist ein <em>Ziel setzen</em> und daraufhin -das Tatsächliche einformen: also die <em>Ausdeutung der -Tat</em>, und nicht bloß die begriffliche <em>Umdichtung</em>.</p> - - -<h4>275.</h4> - -<p>Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken, -noch Bewußtsein, noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: -alles Fiktionen, die unbrauchbar sind. Es handelt sich nicht -um „Subjekt und Objekt“, sondern um eine bestimmte -Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen <em>Richtigkeit</em>, -vor allem <em>Regelmäßigkeit</em> ihrer Wahrnehmungen -(so daß sie Erfahrung kapitalisieren kann) gedeiht....</p> - -<p>Die Erkenntnis arbeitet als <em>Werkzeug</em> der Macht. So -liegt es auf der Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von -Macht....</p> - -<p>Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder -„schön“, der Begriff streng und eng anthropozentrisch und -biologisch zu nehmen. Damit eine bestimmte Art sich erhält -und wächst in ihrer Macht, muß sie in ihrer Konzeption -der Realität so viel Berechenbares und Gleichbleibendes erfassen, -daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens konstruiert -werden kann. <em>Die Nützlichkeit der Erhaltung</em> -– <em>nicht</em> irgendein abstrakt-theoretisches Bedürfnis, nicht -betrogen zu werden – steht als Motiv hinter der Entwicklung -der Erkenntnisorgane...., sie entwickeln sich so, daß -ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten. Anders: das -<em>Maß</em> des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des -Wachsens des <em>Willens zur Macht</em> der Art: eine Art ergreift -so viel Realität, <em>um über sie Herr zu werden, um -sie in Dienst zu nehmen</em>.</p> - - -<h4>276.</h4> - -<p>Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen -stehen bleibt, „es gibt nur <em>Tatsachen</em>“, würde ich sagen:<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[Pg 159]</a></span> -nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur <em>Interpretationen</em>. -Wir können kein Faktum „an sich“ feststellen: vielleicht -ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.</p> - -<p>„Es ist alles <em>subjektiv</em>“, sagt ihr: aber schon das ist -<em>Auslegung</em>. Das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern -etwas Hinzuerdichtetes, Dahintergestecktes. – Ist es zuletzt -nötig, den Interpreten noch hinter die Interpretation -zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.</p> - -<p>Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist -die Welt erkennbar: aber sie ist anders <em>deutbar</em>, sie hat -keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne. – „Perspektivismus“.</p> - -<p>Unsere Bedürfnisse sind es, <em>die die Welt auslegen</em>; -unsere Triebe und deren Für und Wider. Jeder Trieb ist -eine Art Herrschsucht, jeder hat seine Perspektive, welche er -als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.</p> - - -<h4>277.</h4> - -<p>Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ – Erkenntnistheorie: -wie viel Pessimismus ist darin!</p> - - -<h4>278.</h4> - -<table summary="section 278"> -<tr> - <td>„Zweck und Mittel“</td> - <td rowspan="5" class="vmiddle"><span class="bracket">}</span></td> - <td rowspan="5" class="vmiddle">als Ausdeutungen (<em>nicht</em> als Tatbestand) und inwiefern vielleicht <em>notwendige</em> Ausdeutungen? (als „erhaltende“) – alle im Sinne eines Willens zur Macht.</td> -</tr> -<tr> - <td>„Ursache und Wirkung“</td></tr> -<tr> - <td>„Subjekt und Objekt“</td></tr> -<tr> - <td>„Tun und Leiden“</td></tr> -<tr> - <td>„Ding an sich und Erscheinung“</td></tr> -</table> - -<h4>279.</h4> - -<p>Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter -reichen sollte, als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. -Die Morphologie zeigt uns, wie die Sinne und die -Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im Verhältnis zur -Schwierigkeit der Ernährung.</p> - - -<h4>280.</h4> - -<p>Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue -Formen haben, welche jetzt noch nicht nötig sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[Pg 160]</a></span></p> - - -<h4>281.</h4> - -<p>Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, -als was er selbst in sie hineingesteckt hat: – das Wiederfinden -heißt sich Wissenschaft, das Hineinstecken – Kunst, -Religion, Liebe, Stolz. In beidem, wenn es selbst Kinderspiel -sein sollte, sollte man fortfahren und guten Mut zu -beidem haben – die einen zum Wiederfinden, die andern -– <em>wir</em> andern! – zum Hineinstecken!</p> - - -<h4>282.</h4> - -<p>„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des -„Du sollst nicht lügen“ abgewiesen ist, sich <em>vor</em> einem andern -Forum legitimieren: – als Mittel der Erhaltung von -Mensch, als <em>Machtwille</em>.</p> - -<p>Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der <em>gestaltende -Wille</em>. Beide Sinne stehen beieinander; der -Sinn für das Wirkliche ist das Mittel, die Macht in die -Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben -zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten – -eine Urlust! Wir können nur eine Welt <em>begreifen</em>, die wir -selber <em>gemacht</em> haben.</p> - - -<h4>283.</h4> - -<p>Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns -in ihr als Herren fühlen –</p> - - -<h4>284.</h4> - -<p>Unsre Werte sind in die Dinge <em>hineininterpretiert</em>.</p> - -<p>Gibt es denn einen Sinn im An-sich!?</p> - -<p>Ist nicht notwendig Sinn eben <em>Beziehungs</em>sinn und -Perspektive?</p> - -<p>Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne -lassen sich in ihm auflösen).</p> - - -<h4>285.</h4> - -<p>Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht -ist, wenn Lust alles Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl, -nicht widerstehen, nicht Herr werden zu können, ist: -dürfen wir dann nicht Lust und Unlust als Kardinaltatsachen -ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden Os<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[Pg 161]</a></span>zillationen -des Ja und des Nein? – Aber <em>wer</em> fühlt -Lust?.... Aber <em>wer</em> will Macht?.... Absurde Frage! wenn -das Wesen selbst Machtwille und folglich Lust- und Unlustfühlen -ist! Trotzdem: es bedarf der Gegensätze, der Widerstände, -also, relativ, der <em>übergreifenden Einheiten</em>....</p> - - -<h4>286.</h4> - -<p>1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den -Grundwillen, den Willen zur Macht, – und aus ihm abgespaltet.</p> - -<p>2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur -Nahrung, nach Eigentum, nach <em>Werkzeugen</em>, nach Dienern -(Gehorchern) und Herrschern: der Leib als Beispiel. – Der -stärkere Wille dirigiert den schwächeren. Es gibt gar keine -andere Kausalität als die von Wille zu Wille. Mechanistisch -nicht erklärt.</p> - -<p>3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist -eine Lust anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch -ein Hemmnis (noch stärker durch rhythmische Hemmungen -und Widerstände) – so daß es dadurch anschwillt. Also in -aller Lust ist Schmerz inbegriffen. – Wenn die Lust sehr -groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die -Spannung des Bogens ungeheuer werden.</p> - -<p>4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur -Anähnlichung usw.</p> - - -<h4>287.</h4> - -<p>Der Wille zur Macht kann sich nur <em>an Widerständen</em> -äußern; er sucht also nach dem, was ihm widersteht, – -dies die ursprüngliche Tendenz des Protoplasmas, wenn es -Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet. Die Aneignung -und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen, ein -Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte -ganz in den Machtbereich des Angreifers übergegangen ist -und denselben vermehrt hat. – Gelingt diese Einverleibung -nicht, so zerfällt wohl das Gebilde; und die <em>Zweiheit</em> erscheint -als Folge des Willens zur Macht: um nicht fahren -zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht in zwei<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[Pg 162]</a></span> -Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung -untereinander völlig aufzugeben).</p> - -<p>„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der -Grundtrieb nach Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.</p> - - -<h4>288.</h4> - -<p>Man kann das, was die Ursache dafür ist, <em>daß</em> es überhaupt -Entwicklung gibt, nicht selbst wieder auf dem Wege -der Forschung über Entwicklung finden; man soll es nicht -als „werdend“ verstehen wollen, noch weniger als geworden.... -Der „Wille zur Macht“ kann nicht geworden sein.</p> - - -<h4>289.</h4> - -<p>Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die <em>Absicht -der Mehrung von Macht</em>.</p> - - -<h4>290.</h4> - -<p>Was ist „passiv“? – <em>Gehemmt</em> sein in der vorwärtsgreifenden -Bewegung: also ein Handeln des Widerstandes -und der Reaktion.</p> - -<p>Was ist „aktiv“? – nach Macht ausgreifend.</p> - -<p>„Ernährung“ – ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche -ist: alles in sich einschließen wollen.</p> - -<p>„Zeugung“ – nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille -nicht ausreicht, das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt -ein <em>Gegenwille</em> in Kraft, der die Loslösung vornimmt, -ein neues Organisationszentrum, nach einem Kampfe mit -dem ursprünglichen Willen.</p> - -<p>„Lust“ – als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend).</p> - - -<h4>291.</h4> - -<p>Ist „Wille zur Macht“ eine Art „Wille“ oder identisch -mit dem Begriff „Wille“? Heißt es so viel als begehren? -oder <em>kommandieren</em>? Ist es der „Wille“, von dem Schopenhauer -meint, er sei das „An sich der Dinge“?</p> - -<p>Mein Satz ist: daß <em>Wille</em> der bisherigen Psychologie eine -ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen -<em>gar nicht gibt</em>, daß, statt die Ausgestaltung eines <em>bestimmten</em> -Willens in viele Formen zu fassen, man den -Charakter des Willens <em>weggestrichen</em> hat, indem man den<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[Pg 163]</a></span> -Inhalt, das Wohin? heraussubtrahiert hat – : das ist im -höchsten Grade bei <em>Schopenhauer</em> der Fall: das ist ein -bloßes leeres Wort, was er „Wille“ nennt. Es handelt sich -noch weniger um einen „Willen <em>zum Leben</em>“: denn das -Leben ist bloß ein <em>Einzelfall</em> des Willens zur Macht; – -es ist ganz willkürlich, zu behaupten, daß alles danach strebe, -in <em>diese</em> Form des Willens zur Macht überzutreten.</p> - - - - -<h3>II. Der Geist – ein Machtwille.</h3> - - -<h4>1. Wahrnehmung.</h4> - - -<h5>292.</h5> - -<p>Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen – : -und folglich gibt es vielerlei „Wahrheiten“, und folglich -gibt es keine Wahrheit.</p> - - -<h5>293.</h5> - -<p>Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: das ist -die Summe aller der Wahrnehmungen, deren <em>Bewußtwerden</em> -uns und dem ganzen organischen Prozesse vor uns -nützlich und wesentlich war: also nicht alle Wahrnehmungen -überhaupt (zum Beispiel nicht die elektrischen); das heißt: -wir haben <em>Sinne</em> nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen -– solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu -erhalten. <em>Bewußtsein ist so weit da, als Bewußtsein -nützlich ist.</em> Es ist kein Zweifel, daß alle Sinneswahrnehmungen -gänzlich durchsetzt sind mit <em>Werturteilen</em> (nützlich -und schädlich – folglich angenehm oder unangenehm). Die -einzelne Farbe drückt zugleich einen Wert für uns aus (obwohl -wir es uns selten oder erst nach langem, ausschließlichem -Einwirken derselben Farbe eingestehen, zum Beispiel -Gefangene im Gefängnis oder Irre). Deshalb reagieren -Insekten auf verschiedene Farben anders: einige lieben diese, -andere jene, zum Beispiel Ameisen.</p> - - -<h5>294.</h5> - -<p>Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast -und Ohr ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[Pg 164]</a></span> -viel feineren Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit, -Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt -<em>aufzuhören</em>, wenn wir unsre Sinne <em>verfeinern</em>: ebenso -hört die Schönheit auf beim Durchdenken von Vorgängen -der Geschichte; die Ordnung des <em>Zwecks</em> ist schon eine Illusion. -Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, -um so <em>wertvoller</em>, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller -<em>erscheint</em> die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so -mehr verschwindet unsere Wertschätzung, – die <em>Bedeutungslosigkeit -naht sich</em>! Wir haben die Welt, welche -Wert hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch, -daß die Verehrung der Wahrheit schon die <em>Folge</em> einer <em>Illusion</em> -ist – und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende, -gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen hat.</p> - -<p>„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“</p> - -<p>Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem -Willen zur Einfachheit stellt sich das Schöne, das „Wertvolle“ -ein: an sich ist es, <em>ich weiß nicht was</em>.</p> - - -<h5>295.</h5> - -<p>Erst <em>Bilder</em> – zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. -Dann <em>Worte</em>, angewendet auf Bilder. Endlich <em>Begriffe</em>, -erst möglich, wenn es Worte gibt – ein Zusammenfassen -vieler Bilder unter etwas Nicht-Anschauliches, -sondern Hörbares (Wort). Das kleine bißchen Emotion, -welches beim „Wort“ entsteht, also beim Anschauen ähnlicher -Bilder, für die ein Wort da ist – diese schwache Emotion -ist das Gemeinsame, die Grundlage des Begriffes. Daß -schwache Empfindungen als gleich angesetzt werden, als <em>dieselben</em> -empfunden werden, ist die Grundtatsache. Also die -Verwechslung zweier ganz benachbarten Empfindungen in -der <em>Konstatierung</em> dieser Empfindungen; – wer aber -konstatiert? Das <em>Glauben</em> ist das Uranfängliche schon in -jedem Sinneseindruck: eine Art Ja-sagen <em>erste</em> intellektuelle -Tätigkeit! Ein „Für-wahr-halten“ im Anfange! Also zu erklären: -wie ein „Für-wahr-halten“ entstanden ist! Was liegt -für eine Sensation <em>hinter</em> „wahr“?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[Pg 165]</a></span></p> - - -<h5>296.</h5> - -<p>Widerspruch gegen die angeblichen „Tatsachen des Bewußtseins“. -Die Beobachtung ist tausendfach schwieriger, -der Irrtum vielleicht <em>Bedingung</em> der Beobachtung überhaupt.</p> - - -<h5>297.</h5> - -<p>Kritik der neuen Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, -als ob es „Tatsachen des Bewußtseins“ gäbe – und -keinen <em>Phänomenalismus</em> in der <em>Selbstbeobachtung</em>.</p> - - -<h5>298.</h5> - -<p>„Bewußtsein“ – inwiefern die vorgestellte Vorstellung, -der vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (<em>das uns -allein bekannte</em>) ganz oberflächlich ist! „Erscheinung“ -auch unsre <em>innere</em> Welt!</p> - - -<h5>299.</h5> - -<p><em>Der Phänomenalismus der „inneren Welt“.</em> Die -<em>chronologische Umdrehung</em>, so daß die Ursache später -ins Bewußtsein tritt als die Wirkung. – Wir haben gelernt, -daß der Schmerz an eine Stelle des Leibes projiziert -wird, ohne dort seinen Sitz zu haben – : wir haben gelernt, -daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt -durch die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt -bedingt ist: daß die eigentliche Aktion der Außenwelt -immer <em>unbewußt</em> verläuft..... Das Stück Außenwelt, -das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung, -die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projiziert -als deren „Ursache“....</p> - -<p>In dem Phänomenalismus der „innern Welt“ kehren -wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um. Die -Grundtatsache der „inneren Erfahrung“ ist, daß die Ursache -imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist.... -Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: – wir -suchen den Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch -bewußt ist: und dann tritt zuerst der Grund und dann -dessen Folge ins Bewußtsein.... Unser ganzes Träumen -ist die Auslegung von Gesamtgefühlen auf mögliche Ur<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[Pg 166]</a></span>sachen: -und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird, -wenn die dazu erfundene Kausalitätskette ins Bewußtsein -getreten ist.</p> - -<p>Die ganze „innere Erfahrung“ beruht darauf, daß zu -einer Erregung der Nervenzentren eine Ursache gesucht und -vorgestellt wird – und daß erst die gefundene Ursache ins -Bewußtsein tritt: diese Ursache ist schlechterdings nicht adäquat -der wirklichen Ursache, – es ist ein Tasten auf Grund -der ehemaligen „inneren Erfahrungen“, das heißt des Gedächtnisses. -Das Gedächtnis erhält aber auch die Gewohnheit -der alten Interpretationen, das heißt der irrtümlichen -Ursächlichkeit, – so daß die „innere Erfahrung“ in sich noch -die Folgen aller ehemaligen falschen Kausalfiktionen zu tragen -hat. Unsere „Außenwelt“, wie wir sie jeden Augenblick -projizieren, ist unauflöslich gebunden an den alten -Irrtum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus -des „Dings“ usw.</p> - -<p>Die „innere Erfahrung“ tritt uns ins Bewußtsein erst -nachdem sie eine Sprache gefunden hat, die das Individuum -<em>versteht</em> – das heißt eine Übersetzung eines Zustandes in -ihm <em>bekanntere</em> Zustände – : „verstehen“ das heißt naiv -bloß: etwas Neues ausdrücken können in der Sprache von -etwas Altem, Bekanntem. Zum Beispiel „ich befinde mich -schlecht“ – ein solches Urteil setzt eine <em>große und späte -Neutralität des Beobachtenden</em> voraus – : der naive -Mensch sagt immer: das und das macht, daß ich mich schlecht -befinde, – er wird über sein Schlechtbefinden erst klar, -wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu befinden.... -Das nenne ich den <em>Mangel an Philologie</em>; einen Text -<em>als Text</em> ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen -zu mengen, ist die späteste Form der „inneren Erfahrung“, -– vielleicht eine kaum mögliche....</p> - - -<h5>300.</h5> - -<p>Das <em>Bewußtsein</em>, – ganz äußerlich beginnend, als Koordination -und Bewußtwerden der „Eindrücke“ – anfänglich -am weitesten entfernt vom biologischen Zentrum des<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[Pg 167]</a></span> -Individuums; aber ein Prozeß, der sich vertieft, verinnerlicht, -jenem Zentrum beständig annähert.</p> - - -<h5>301.</h5> - -<p>Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen, -die sich miteinander vertrugen, blieben übrig, die größte -Zahl ging zugrunde – und geht zugrunde.</p> - - -<h5>302.</h5> - -<p><em>Rolle des „Bewußtseins“.</em> – Es ist wesentlich, daß -man sich über die Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift: -es ist unsere <em>Relation mit der „Außenwelt“, welche -es entwickelt hat</em>. Dagegen die <em>Direktion</em>, respektive die -Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf das Zusammenspiel -der leiblichen Funktionen tritt uns <em>nicht</em> ins Bewußtsein; -ebensowenig als die geistige <em>Einmagazinierung</em>: daß -es dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln: -eine Art leitendes Komitee, wo die verschiedenen -<em>Hauptbegierden</em> ihre Stimme und Macht geltend machen. -„Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre her: der -<em>Willensakt</em> insgleichen: die <em>Ideen</em> insgleichen.</p> - -<p><em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span></em>: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen -Beziehungen, die uns ganz und gar vorenthalten sind, -– die Aufeinanderfolge von Gedanken, Gefühlen, Ideen im -Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß diese Folge eine -kausale Folge ist: es ist aber <em>scheinbar so</em>, im höchsten -Grade. Auf diese <em>Scheinbarkeit</em> hin haben wir unsere -ganze Vorstellung von <em>Geist</em>, <em>Vernunft</em>, <em>Logik</em> usw. <em>gegründet</em> -(– das gibt es alles nicht: es sind fingierte Synthesen -und Einheiten) und diese wieder in die Dinge, <em>hinter</em> -die Dinge projiziert!</p> - -<p>Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesamtsensorium -und oberste Instanz; indessen, es ist nur -ein <em>Mittel</em> der <em>Mitteilbarkeit</em>: es ist im Verkehr entwickelt, -und in Hinsicht auf Verkehrsinteressen.... „Verkehr“ -hier verstanden auch von den Einwirkungen der Außenwelt -und den unsererseits dabei nötigen Reaktionen; ebenso<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[Pg 168]</a></span> -wie von unseren Wirkungen nach außen. Es ist nicht die -Leitung, sondern ein <em>Organ der Leitung</em>.</p> - - -<h5>303.</h5> - -<p>Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projiziert: -„innen“ und „außen“ – da kommandiert der <em>Leib</em> –?</p> - -<p>Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im -Idioplasma waltet, waltet auch beim Einverleiben der -Außenwelt: unsere Sinneswahrnehmungen sind bereits das -<em>Resultat</em> dieser <em>Anähnlichung</em> und <em>Gleichsetzung</em> in bezug -auf <em>alle</em> Vergangenheit in uns; sie folgen nicht sofort -auf den „Eindruck“ –</p> - - -<h5>304.</h5> - -<p>In betreff des <em>Gedächtnisses</em> muß man umlernen: hier -steckt die Hauptverführung, eine „Seele“ anzunehmen, -welche zeitlos reproduziert, wiedererkennt usw. Aber das -Erlebte lebt fort „im Gedächtnis“; daß es „kommt“, dafür -kann ich nichts, der Wille ist dafür untätig, wie beim -Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich -mir bewußt werde: jetzt kommt etwas Ähnliches – wer -ruft es? weckt es?</p> - - -<h5>305.</h5> - -<p>Alles Denken, Urteilen, Wahrnehmen als <em>Vergleichen</em> -hat als Voraussetzung ein „Gleich<em>setzen</em>“, noch früher ein -„Gleich<em>machen</em>“. Das Gleichmachen ist dasselbe, was die -Einverleibung der angeeigneten Materie in die Amöbe ist.</p> - -<p>„Erinnerung“ spät, insofern hier der gleichmachende Trieb -bereits <em>gebändigt</em> erscheint: die Differenz wird bewahrt. -Erinnern als ein Einrubrizieren und Einschachteln; aktiv – -wer?</p> - - -<h5>306.</h5> - -<p>Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube -an die <em>Seele</em>: letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen -Betrachtung der Agonien des Leibes (etwas, das ihn -verläßt. Glaube an die <em>Wahrheit</em> des <em>Traumes</em> –).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[Pg 169]</a></span></p> - - -<h5>307.</h5> - -<p>Ausgangspunkt vom <em>Leibe</em> und der Physiologie: warum? -– Wir gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer -Subjekteinheit, nämlich als Regenten an der Spitze eines -Gemeinwesens (nicht als „Seelen“ oder „Lebenskräfte“), -insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von den -Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitsteilung -als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und -des Ganzen. Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten -entstehen und sterben und wie zum „Subjekt“ nicht -Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen -und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-Bestimmen -zum Leben gehört. Die gewisse <em>Unwissenheit</em>, -in der der Regent gehalten wird über die einzelnen -Verrichtungen und selbst Störungen des Gemeinwesens, -gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regiert werden -kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das -<em>Nichtwissen</em>, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das -Vereinfachen und Fälschen, das Perspektivische. Das Wichtigste -ist aber: daß wir den Beherrscher und seine Untertanen -als <em>gleicher Art</em> verstehen, alle fühlend, wollend, -denkend – und daß wir überall, wo wir Bewegung im -Leibe sehen oder erraten, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares -Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine -Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt, -gewollt, gedacht worden ist.</p> - -<p>Das direkte Befragen des Subjekts <em>über</em> das Subjekt -und alle Selbstbespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, -daß es für seine Tätigkeit nützlich und wichtig sein -könnte, sich <em>falsch</em> zu interpretieren. Deshalb fragen wir -den Leib und lehnen das Zeugnis der verschärften Sinne ab: -wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber -mit uns in Verkehr treten können.</p> - - -<h5>308.</h5> - -<p>Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht „wahr“. -Was aber wirklich, was wahr ist, ist weder eins, noch auch -nur reduzierbar auf eins.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[Pg 170]</a></span></p> - - -<h5>309.</h5> - -<p>Ich halte die Phänomenalität auch der <em>inneren</em> Welt -fest: Alles, was uns <em>bewußt</em> wird, ist durch und durch erst -zurechtgemacht, vereinfacht, schematisiert, ausgelegt, – der -<em>wirkliche</em> Vorgang der inneren „Wahrnehmung“, die -<em>Kausalvereinigung</em> zwischen Gedanken, Gefühlen, Begehrungen, -zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut -verborgen – und vielleicht eine reine Einbildung. Diese -„scheinbare <em>innere</em> Welt“ ist mit ganz denselben Formen -und Prozeduren behandelt, wie die „äußere“ Welt. Wir -stoßen nie auf „Tatsachen“: Lust und Unlust sind späte und -abgeleitete Intellektphänomene....</p> - -<p>Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken -ein unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es -die Logik tut – das ist Folge der allergröbsten und plumpsten -Beobachtung. <em>Zwischen</em> zwei Gedanken spielen <em>noch -alle möglichen Affekte</em> ihr Spiel: aber die Bewegungen -sind zu rasch, deshalb <em>verkennen</em> wir sie, <em>leugnen</em> wir sie..</p> - -<p>„Denken“, wie es die Erkenntnistheoretiker ansetzen, -kommt gar nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, -erreicht durch Heraushebung eines Elementes aus dem Prozeß -und Subtraktion aller übrigen, eine künftige Zurechtmachung -zum Zwecke der Verständlichung....</p> - -<p>Der „Geist“, <em>etwas, das denkt</em>: womöglich gar „der -Geist absolut, rein, pur“ – diese Konzeption ist eine abgeleitete -zweite Folge der falschen Selbstbeobachtung, welche -an „Denken“ glaubt: hier ist <em>erst</em> ein Akt imaginiert, der -gar nicht vorkommt, „das Denken“, und <em>zweitens</em> ein -Subjektsubstrat imaginiert, in dem jeder Akt dieses Denkens -und sonst nichts anderes seinen Ursprung hat: das -heißt, <em>sowohl das Tun, als der Täter sind fingiert</em>.</p> - - -<h5>310.</h5> - -<p>Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen -Phänomenen die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen -einer und derselben Substanz zu machen. Damit erklärt man -nichts: der Begriff „<em>Substanz</em>“ ist vollkommen unbrauch<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[Pg 171]</a></span>bar, -wenn man erklären will. Das <em>Bewußtsein</em>, in zweiter -Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht, zu -verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz -zu machen –</p> - -<p>Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so -sind wir vergleichbar den Taubstummen, die aus der Bewegung -der Lippen die Worte erraten, die sie nicht hören. -Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns auf -unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen -würden, wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären, -und welche man den Nervenstrom nennt.</p> - -<p>Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab, -so daß wir eine <em>tausendfache Komplexität</em> noch als Einheit -empfinden, so daß wir eine Kausalität hineinerfinden, -wo jeder Grund der Bewegung und Veränderung uns unsichtbar -bleibt, – die Aufeinanderfolge von Gedanken, von -Gefühlen ist ja nur das Sichtbarwerden derselben im Bewußtsein. -Daß diese Reihenfolge irgend etwas mit einer -Kausalverkettung zu tun habe, ist völlig unglaubwürdig: das -Bewußtsein liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und -Wirkung.</p> - - -<h5>311.</h5> - -<p>Alles, was als „Einheit“ ins Bewußtsein tritt, ist bereits -ungeheuer kompliziert: wir haben immer nur einen <em>Anschein -von Einheit</em>.</p> - -<p>Das Phänomen des <em>Leibes</em> ist das reichere, deutlichere, -faßbarere Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas -auszumachen über seine letzte Bedeutung.</p> - - -<h5>312.</h5> - -<p>Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat -man immer den <em>Geist</em> als Ursache dieser Koordination gesetzt: -wozu jeder Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines -komplexen Faktums eine der Bedingungen dieses Faktums -sein? oder warum müßte einem komplexen Faktum die -<em>Vorstellung</em> als Ursache davon präzedieren? –</p> - -<p>Wir werden uns hüten, die <em>Zweckmäßigkeit</em> durch den<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[Pg 172]</a></span> -Geist zu erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die -Eigentümlichkeit, zu organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben. -Das Nervensystem hat ein viel ausgedehnteres -Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt. Im Gesamtprozeß -der Adaptation und Systematisation spielt das Bewußtsein -keine Rolle.</p> - - -<h5>313.</h5> - -<p>Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das <em>Bewußtsein</em>, -im Maße es an Helligkeit <em>zunimmt</em>, wachse -im <em>Werte</em>: das hellste Bewußtsein, das logischste, kälteste -Denken sei <em>ersten</em> Ranges. Indessen – wonach ist dieser -Wert bestimmt? – In Hinsicht auf <em>Auslösung des Willens</em> -ist das oberflächlichste, <em>vereinfachteste</em> Denken das -am meisten nützliche, – es könnte deshalb das – usw. -(weil es wenig Motive übrig läßt).</p> - -<p>Die <em>Präzision</em> des <em>Handelns</em> steht im Antagonismus -mit der <em>weitblickenden</em> und oft ungewiß urteilenden <em>Vorsorglichkeit</em>: -letztere durch den <em>tieferen</em> Instinkt geführt.</p> - - -<h5>314.</h5> - -<p><em>Hauptirrtum der Psychologen</em>: sie nehmen die undeutliche -Vorstellung als eine niedrigere <em>Art</em> der Vorstellung -gegen die helle gerechnet: aber was aus unserm Bewußtsein -sich entfernt und deshalb <em>dunkel wird</em>, <em>kann</em> deshalb an -sich vollkommen klar sein. <em>Das Dunkelwerden ist Sache -der Bewußtseinsperspektive.</em></p> - - -<h5>315.</h5> - -<p>Die ungeheuren Fehlgriffe:</p> - -<p>1. die unsinnige <em>Überschätzung des Bewußtseins</em>, aus -ihm eine Einheit, ein Wesen gemacht: „der Geist“, „die -Seele“, etwas, das fühlt, denkt, will –</p> - -<p>2. der Geist als <em>Ursache</em>, namentlich überall, wo Zweckmäßigkeit, -System, Koordination erscheinen;</p> - -<p>3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als -oberste Art Sein, als „Gott“;</p> - -<p>4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt;</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[Pg 173]</a></span></p> - -<p>5. die „wahre Welt“ als geistige Welt, als zugänglich -durch die Bewußtseinstatsachen;</p> - -<p>6. die <em>Erkenntnis</em> absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, -wo überhaupt es Erkenntnis gibt.</p> - -<p><em>Folgerungen</em>:</p> - -<p>jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; -jeder Rückschritt im Unbewußtwerden; (– das -Unbewußtwerden galt als Verfallensein an die <em>Begierden</em> -und <em>Sinne</em>, – als <em>Vertierung</em>....)</p> - -<p>man nähert sich der Realität, dem „wahren Sein“ durch -Dialektik; man <em>entfernt</em> sich von ihm durch Instinkte, -Sinne, Mechanismus....</p> - -<p>den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott -machen: Geist, Wille, Güte – Eins;</p> - -<p>alles <em>Gute</em> muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache -sein;</p> - -<p>der Fortschritt zum <em>Besseren</em> kann nur ein Fortschritt -im <em>Bewußt</em>werden sein.</p> - - -<h5>316.<br /> - -<span class="normal3 gesperrt">Über die Herkunft unsrer Wertschätzungen.</span></h5> - -<p>Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen, -und dann erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie -vom Sternensystem, und der Unterschied von organisch und -unorganisch fällt nicht mehr in die Augen. Ehemals erklärte -man die Sternbewegungen als Wirkungen zweckbewußter -Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in -betreff des leiblichen Bewegens und Sichveränderns glaubt -man lange nicht mehr mit dem zwecksetzenden Bewußtsein -auszukommen. Die allergrößte Menge der Bewegungen hat -gar nichts mit Bewußtsein zu tun: <em>auch nicht mit Empfindung</em>. -Die Empfindungen und Gedanken sind etwas -<em>äußerst Geringes und Seltenes</em> im Verhältnis zu dem -zahllosen Geschehen in jedem Augenblick.</p> - -<p>Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit -im kleinsten Geschehen herrscht, der unser bestes Wissen -nicht gewachsen ist: eine Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[Pg 174]</a></span> -Zusammenbringen, Wiedergutmachen usw. Kurz, wir finden -eine Tätigkeit vor, die einem <em>ungeheuer viel höheren -und überschauenden Intellekt</em> zuzuschreiben wäre, als -der uns bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten <em>geringer -denken</em>: wir verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich -zu machen, da <em>wir</em> als bewußte, zwecksetzende -Wesen nur der kleinste Teil davon sind. Von den zahlreichen -Einwirkungen in jedem Augenblick, zum Beispiel -Luft, Elektrizität, empfinden wir fast nichts: es könnte genug -Kräfte geben, welche, obschon sie uns nie zur Empfindung -kommen, uns fortwährend beeinflussen. Lust und -Schmerz sind ganz seltene und spärliche Erscheinungen -gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ -auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt.</p> - -<p>Es ist die Phase der <em>Bescheidenheit des Bewußtseins</em>. -Zuletzt verstehen wir das bewußte Ich selber nur -als ein Werkzeug im Dienste jenes höheren, überschauenden -Intellekts: und da können wir fragen, ob nicht alles bewußte -<em>Wollen</em>, alle <em>bewußten Zwecke</em>, alle <em>Wertschätzungen</em> -vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas wesentlich -<em>Verschiedenes erreicht werden soll</em>, als es innerhalb -des Bewußtseins scheint. Wir <em>meinen</em>: es handle -sich um unsre <em>Lust</em> und <em>Unlust</em> – – – aber Lust und -Unlust könnten Mittel sein, vermöge deren wir etwas zu -<em>leisten hätten</em>, was außerhalb unseres Bewußtseins liegt -– – – Es ist zu zeigen, wie sehr alles Bewußte <em>auf der -Oberfläche</em> bleibt: wie Handlung und Bild der Handlung -<em>verschieden</em> ist, wie <em>wenig</em> man von dem weiß, was einer -Handlung <em>vorher</em>geht: wie phantastisch unsere Gefühle -„Freiheit des Willens“, „Ursache und Wirkung“ sind: wie -Gedanken und Bilder, wie Worte nur Zeichen von Gedanken -sind: die Unergründlichkeit jeder Handlung: die -Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie <em>wesentlich -Erfindung</em> und <em>Einbildung</em> ist, worin wir bewußt -leben: wie wir in allen unsern Worten von Erfindungen -reden (Affekte auch), und wie die <em>Verbindung der -Menschheit</em> auf einem Überleiten und Fortdichten dieser Er<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[Pg 175]</a></span>findungen -beruht: während im Grunde die wirkliche Verbindung -(durch Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. <em>Verändert</em> -wirklich dieser Glaube an die gemeinsamen Erfindungen -die Menschen? Oder ist das ganze Ideen- und -Wertschätzungswesen nur ein <em>Ausdruck selber</em> von unbekannten -Veränderungen? <em>Gibt</em> es denn Willen, Zwecke, -Gedanken, Werte wirklich? Ist vielleicht das ganze bewußte -Leben nur ein <em>Spiegelbild</em>? Und auch wenn die Wertschätzung -einen Menschen zu <em>bestimmen</em> scheint, geschieht -im Grunde etwas ganz anderes! Kurz: gesetzt, es gelänge, -das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären ohne die -Annahme eines zweckesetzenden Ichs: könnte zuletzt vielleicht -auch <em>unser</em> Zweckesetzen, unser Wollen usw. nur eine -<em>Zeichensprache</em> sein für etwas Wesentlich-Anderes, nämlich -Nicht-Wollendes und Unbewußtes? nur der <em>feinste Anschein</em> -jener natürlichen Zweckmäßigkeit des Organischen, -aber nichts Verschiedenes davon?</p> - -<p>Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen -Entwicklung des Geistes um den <em>Leib</em>: es ist die <em>fühlbar</em> -werdende <em>Geschichte</em> davon, daß ein <em>höherer Leib sich -bildet</em>. Das Organische steigt noch auf höhere Stufen. -Unsere Gier nach Erkenntnis der Natur ist ein Mittel, wodurch -der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr: -es werden Hunderttausende von Experimenten gemacht, die -Ernährung, Wohnart, Lebensweise des <em>Leibes</em> zu verändern: -das Bewußtsein und die Wertschätzungen in ihm, alle -Arten von Lust und Unlust sind <em>Anzeichen dieser Veränderungen -und Experimente</em>. Zuletzt <em>handelt es sich -gar nicht um den Menschen: er soll überwunden werden</em>.</p> - - -<h5>317.</h5> - -<p>Warum alle <em>Tätigkeit</em>, auch die eines <em>Sinnes</em>, mit Lust -verknüpft ist? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? -Oder vielmehr, weil alles Tun ein Überwinden, ein -Herrwerden ist und <em>Vermehrung</em> des <em>Machtgefühls</em> -gibt? – Die Lust im Denken. – Zuletzt ist es nicht nur -das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[Pg 176]</a></span> -und am <em>Geschaffenen</em>: denn alle Tätigkeit kommt uns ins -Bewußtsein als Bewußtsein eines „Werks“.</p> - - -<h5>318.</h5> - -<p>„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten <em>Ausdrucksmittel</em> -von Urteilen: womit natürlich nicht gesagt -ist, daß die Urteile, welche hier auf diese Art lauten werden, -dumm sein müßten. Das Weglassen aller Begründung und -Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein leidenschaftliches -Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische -Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust -und Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; -ihre Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes -Wahrnehmen, Ordnen, Subsummieren, Nachrechnen, Folgern: -Lust und Unlust sind immer Schlußphänomene, keine -„Ursachen“.</p> - -<p>Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen -soll, ist vom <em>Grade der Macht</em> abhängig: dasselbe, was -in Hinsicht auf ein geringes Quantum Macht als Gefahr -und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint, kann bei -einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung, -ein Lustgefühl als Folge haben.</p> - -<p>Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein <em>Messen -nach Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit</em> voraus: -also eine Sphäre, wo das Wollen eines Ziels (Zustandes) -und ein Auswählen der Mittel dazu stattfindet. Lust und -Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“.</p> - -<p>Lust- und Unlustgefühle sind <em>Willensreaktionen</em> (<em>Affekte</em>), -in denen das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser -eingetretener Veränderungen zum Gesamtwert fixiert, -zugleich als Einleitung von Gegenaktionen.</p> - - -<h5>319.</h5> - -<p>Wie weit unser <em>Intellekt</em> eine Folge von Existenzbedingungen -ist – : wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht <em>nötig</em> -hätten, und hätten ihn nicht <em>so</em>, wenn wir ihn nicht <em>so</em> -nötig hätten, wenn wir auch <em>anders</em> leben könnten.</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[Pg 177]</a></span></p> - - - - -<h4>2. Erkenntnis.</h4> - - -<h5 class="gesperrt">a. Allgemeines.</h5> - - -<h6>320.</h6> - -<p>Man müßte <em>wissen</em>, was <em>Sein</em> ist, um zu <em>entscheiden</em>, -ob dies und jenes real <em>ist</em> (zum Beispiel „die Tatsachen des -Bewußtseins“); ebenso was <em>Gewißheit</em> ist, was <em>Erkenntnis</em> -ist und dergleichen. – Da wir das aber nicht wissen, so -ist eine Kritik des Erkenntnisvermögens unsinnig: wie sollte -das Werkzeug sich selbst kritisieren können, wenn es eben -nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal -sich selbst definieren!</p> - - -<h6>321.</h6> - -<p>Was kann allein <em>Erkenntnis</em> sein? – „Auslegung“, -Sinnhineinlegen, – <em>nicht</em> „Erklärung“ (in den meisten -Fällen eine neue Auslegung über eine alte unverständlich -gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur Zeichen ist). Es -gibt keinen Tatbestand; alles ist flüssig, unfaßbar, zurückweichend; -das Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen.</p> - - -<h6>322.</h6> - -<p>Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so -moralisch zugeht, daß die <em>menschliche Vernunft recht -behält</em>, – ist eine Treuherzigkeit und Biedermannsvoraussetzung, -die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche -Wahrhaftigkeit – Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. – -Die Begriffe eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz -– –</p> - - -<h6>323.</h6> - -<p>Erster Satz. Die <em>leichtere</em> Denkweise siegt über die -schwierigere; – als <em>Dogma</em>: <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">simplex sigillum veri</span>. – -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Dico</span>: daß die <em>Deutlichkeit</em> etwas für Wahrheit ausweisen -soll, ist eine vollkommene Kinderei....</p> - -<p>Zweiter Satz. Die Lehre vom <em>Sein</em>, vom Ding, von -lauter festen Einheiten ist <em>hundertmal leichter</em> als die -Lehre vom <em>Werden</em>, von der Entwicklung....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[Pg 178]</a></span></p> - -<p>Dritter Satz. Die Logik war als <em>Erleichterung</em> gemeint: -als <em>Ausdrucksmittel</em>, – <em>nicht</em> als Wahrheit.... -Später <em>wirkte</em> sie als <em>Wahrheit</em>....</p> - - -<h6>324.</h6> - -<p><em>Was ist Wahrheit?</em> – <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Inertia</span>; <em>die</em> Hypothese, bei -welcher Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von -geistiger Kraft usw.</p> - - -<h6>325.</h6> - -<p>Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung -erprobte, <em>bewiesene</em> Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz -zum Bewußtsein, als <em>dominierend</em>.... Und damit tritt -die ganze Gruppe verwandter Werte und Zustände in sie -hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig, wahrhaft; -es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft <em>vergessen</em> -wird.... Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden -ist....</p> - -<p>Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den <em>Kategorien -der Vernunft</em>: dieselben könnten, unter vielem Tasten -und Herumgreifen, sich bewährt haben durch relative Nützlichkeit.... -Es kam ein Punkt, wo man sich zusammenfaßte, -sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte – und wo man -sie <em>befahl</em>, das heißt, wo sie wirkten als <em>befehlend</em>.... -Von jetzt ab galten sie als <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a priori</span>, als jenseits der Erfahrung, -als unabweisbar. Und doch drücken sie vielleicht -nichts aus, als eine bestimmte Rassen- und Gattungszweckmäßigkeit, -– bloß ihre Nützlichkeit ist ihre „Wahrheit“ –</p> - - -<h6>326.</h6> - -<p>Daß der <em>Wert der Welt</em> in unserer Interpretation liegt -(– daß vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen -möglich sind, als bloß menschliche –), daß die bisherigen -Interpretationen perspektivische Schätzungen sind, vermöge -deren wir uns im Leben, das heißt im Willen zur Macht, -zum Wachstum der Macht, erhalten, daß jede <em>Erhöhung -des Menschen</em> die Überwindung engerer Interpretationen -mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung -neue Perspektiven auftut und an neue Hori<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[Pg 179]</a></span>zonte -glauben heißt – das geht durch meine Schriften. Die -Welt, die <em>uns etwas angeht</em>, ist falsch, das heißt, ist kein -Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über -einer mageren Summe von Beobachtungen; sie ist „im -Flusse“, als etwas Werdendes, als eine sich immer neu -verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert: -denn – es gibt keine „Wahrheit“.</p> - - -<h6>327.</h6> - -<p>Die bestgeglaubten apriorischen „Wahrheiten“ sind für -mich – <em>Annahmen bis auf weiteres</em>, zum Beispiel das -Gesetz der Kausalität, sehr gut eingeübte Gewöhnungen des -Glaubens, so einverleibt, daß <em>nicht daran</em> glauben das -Geschlecht zugrunde richten würde. Aber sind es deswegen -Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit -bewiesen würde, daß der Mensch bestehen bleibt!</p> - - -<h6>328.</h6> - -<p>Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, -statt in der Logik und den Vernunftkategorien Mittel zu -sehen zum Zurechtmachen der Welt zu Nützlichkeitszwecken -(also „prinzipiell“ zu einer nützlichen <em>Fälschung</em>), man in -ihnen das Kriterium der Wahrheit, respektive der <em>Realität</em> -zu haben glaubte. Das „Kriterium der Wahrheit“ war in -der Tat bloß die <em>biologische Nützlichkeit eines solchen -Systems prinzipieller Fälschung</em>: und da eine Gattung -Tier nichts Wichtigeres kennt, als sich zu erhalten, so dürfte -man in der Tat hier von „Wahrheit“ reden. Die Naivität -war nur die, die anthropozentrische Idiosynkrasie als <em>Maß -der Dinge</em>, als Richtschnur über „real“ und „unreal“ zu -nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisieren. Und -siehe da, jetzt fiel mit einem Mal die Welt auseinander in -eine „wahre“ Welt und eine „scheinbare“: und genau die -Welt, in der der Mensch zu wohnen und sich einzurichten -seine Vernunft erfunden hatte, genau dieselbe wurde ihm -diskreditiert. Statt die Formen als Handhabe zu benutzen, -sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam der -Wahnsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kate<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[Pg 180]</a></span>gorien -der Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere -Welt, die, in der man lebt, nicht entspricht.... Die Mittel -wurden mißverstanden als Wertmaß, selbst als Verurteilung -der Absicht....</p> - -<p>Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen: -die Mittel dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen, -mit deren Hilfe man die verwirrende Vielheit auf ein -zweckmäßiges und handliches Schema reduzierte.</p> - -<p>Aber wehe! jetzt brachte man eine <em>Moralkategorie</em> ins -Spiel: kein Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen, -– folglich gibt es nur einen Willen zur Wahrheit. -Was ist „Wahrheit“?</p> - -<p>Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre -Welt, zu der man den Weg sucht, kann nicht mit sich in -Widerspruch sein, kann nicht wechseln, kann nicht werden, -hat keinen Ursprung und kein Ende.</p> - -<p>Das ist der größte Irrtum, der begangen worden ist, -das eigentliche Verhängnis des Irrtums auf Erden: man -glaubte ein Kriterium der Realität in den Vernunftformen -zu haben, – während man sie hatte, um Herr zu werden -über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität -<em>mißzuverstehen</em>....</p> - -<p>Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der -Eigenschaften wegen, <em>die ihre Realität ausmachen</em>, -Wechsel, Werden, Vielheit, Gegensatz, Widerspruch, Krieg.</p> - -<p>Und nun war das ganze Verhängnis da:</p> - -<p>1. Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren -Welt? (– es war die wirkliche, die einzige);</p> - -<p>2. wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem -Charakter der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen -Wesens als eines Gegensatzes zu jedem realen Wesen, -deutlicher, als <em>Widerspruch zum Leben</em>....)</p> - -<p>Die ganze Richtung der Werte war auf <em>Verleumdung -des Lebens</em> aus; man schuf eine Verwechslung des Idealdogmatismus -mit der Erkenntnis überhaupt: so daß die -Gegenpartei immer nun auch die <em>Wissenschaft</em> perhorreszierte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[Pg 181]</a></span></p> - -<p>Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt <em>doppelt</em> versperrt: -einmal durch den Glauben an die „wahre“ Welt, -und dann durch die Gegner dieses Glaubens. Die Naturwissenschaft, -Psychologie war 1. in ihren Objekten verurteilt, -2. um ihre Unschuld gebracht....</p> - -<p>In der wirklichen Welt, wo schlechterdings alles verkettet -und bedingt ist, heißt irgend etwas verurteilen und -<em>wegdenken</em>, alles wegdenken und verurteilen. Das Wort -„das sollte nicht sein“, „das hätte nicht sein sollen“ ist eine -Farce.... Denkt man die Konsequenzen aus, so ruinierte -man den Quell des Lebens, wenn man das abschaffen wollte, -was in irgendeinem Sinne <em>schädlich</em>, <em>zerstörerisch</em> ist. -Die Physiologie demonstriert es ja <em>besser</em>!</p> - -<p>– Wir sehen, wie die Moral <span class="antiqua">a</span>) die ganze Weltauffassung -<em>vergiftet</em>, <span class="antiqua">b</span>) den Weg zur Erkenntnis, zur <em>Wissenschaft</em> -abschneidet, <span class="antiqua">c</span>) alle wirklichen Instinkte auflöst und -untergräbt (indem sie deren Wurzeln als <em>unmoralisch</em> -empfinden lehrt).</p> - -<p>Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> vor -uns arbeiten, das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden -aufrecht hält.</p> - - -<h6>329.</h6> - -<p><em>Zur „logischen Scheinbarkeit“.</em> – Der Begriff „Individuum“ -und „Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß -augenscheinlich. „<em>Gattung</em>“ drückt nur die Tatsache aus, -daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher Zeit hervortreten, -und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sichverändern -eine lange Zeit verlangsamt ist: so daß die tatsächlichen -kleinen Fortsetzungen und Zuwachse nicht sehr in Betracht -kommen (– eine Entwicklungsphase, bei der das Sichentwickeln -nicht in die Sichtbarkeit tritt, so daß ein Gleichgewicht -erreicht <em>scheint</em>, und die falsche Vorstellung ermöglicht -wird, <em>hier sei ein Ziel erreicht</em> – und es habe -ein Ziel in der Entwicklung gegeben....).</p> - -<p>Die <em>Form</em> gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres; -aber die Form ist bloß von uns erfunden; und -wenn noch so oft „dieselbe Form erreicht wird“, so be<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[Pg 182]</a></span>deutet -das nicht, daß es <em>dieselbe Form ist</em>, – sondern es -<em>erscheint immer etwas Neues</em> – und nur wir, die wir -vergleichen, rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht, -zusammen in die Einheit der „Form“. Als ob ein <em>Typus</em> -erreicht werden sollte und gleichsam der Bildung vorschwebe -und innewohne.</p> - -<p>Die <em>Form</em>, die <em>Gattung</em>, das <em>Gesetz</em>, die <em>Idee</em>, der -<em>Zweck</em> – hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß -einer Fiktion eine falsche Realität untergeschoben wird: wie -als ob das Geschehen irgendwelchen Gehorsam in sich trage, -– eine künstliche Scheidung im Geschehen wird da gemacht -zwischen dem, <em>was</em> tut, und dem, <em>wonach</em> das Tun sich -richtet (aber das <em>was</em> und das <em>wonach</em> sind nur angesetzt -aus einem Gehorsam gegen unsre metaphysisch-logische Dogmatik: -kein „Tatbestand“).</p> - -<p>Man soll diese <em>Nötigung</em>, Begriffe, Gattungen, Formen, -Zwecke, Gesetze zu bilden („<em>eine Welt der identischen -Fälle</em>“) nicht so verstehen, als ob wir damit die -<em>wahre Welt</em> zu fixieren imstande wären; sondern als -Nötigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der <em>unsre -Existenz</em> ermöglicht wird: – wir schaffen damit eine Welt, -die berechenbar, vereinfacht, verständlich usw. für uns ist.</p> - -<p>Diese selbe Nötigung besteht in der <em>Sinnenaktivität</em>, -welche der Verstand unterstützt – durch Vereinfachen, Vergröbern, -Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“, -alles Sich-verständlich-machen-können beruht. -Unsre <em>Bedürfnisse</em> haben unsre Sinne so präzisiert, -daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer wiederkehrt und -dadurch den Anschein der <em>Wirklichkeit</em> bekommen hat.</p> - -<p>Unsre subjektive Nötigung, an die Logik zu glauben, drückt -nur aus, daß wir, längst, bevor uns die Logik selber zum -Bewußtsein kam, nichts getan haben <em>als ihre Postulate in -das Geschehen hineinlegen</em>: jetzt finden wir sie in dem -Geschehen vor –, wir können nicht mehr anders – und -vermeinen nun, diese Nötigung verbürge etwas über die -„Wahrheit“. Wir sind es, die das „Ding“, das „gleiche -Ding“, das Subjekt, das Prädikat, das Tun, das Objekt,<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[Pg 183]</a></span> -die Substanz, die Form geschaffen haben, nachdem wir das -Gleichmachen, das Grob- und Einfach<em>machen</em> am längsten -getrieben haben. Die Welt <em>erscheint</em> uns logisch, weil <em>wir</em> -sie erst logisiert <em>haben</em>.</p> - - -<h6>330.</h6> - -<p>Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von „Individuum“ -usw. zu reden; die „Zahl“ der Wesen ist selber -im Fluß. Wir würden nichts von Zeit und nichts von Bewegung -wissen, wenn wir nicht, in grober Weise, „Ruhendes“ -neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von -Ursache und Wirkung, und ohne die irrtümliche Konzeption -des „leeren Raumes“ wären wir gar nicht zur Konzeption -des Raums gekommen. Der Satz von der Identität -hat als Hintergrund den „Augenschein“, daß es -gleiche Dinge gibt. Eine werdende Welt könnte im strengen -Sinne nicht „begriffen“, nicht „erkannt“ werden; nur insofern -der „begreifende“ und „erkennende“ Intellekt eine -schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus lauter -Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art -Schein das Leben erhalten hat – nur insofern gibt es etwas -wie „Erkenntnis“: das heißt ein Messen der früheren -und der jüngeren Irrtümer aneinander.</p> - - -<h6>331.</h6> - -<p>In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit -eine <em>widernatürliche Tendenz</em>: eine solche könnte -nur Sinn haben als Mittel zu einer besonderen <em>höheren -Potenz von Falschheit</em>. Damit eine Welt des Wahren, -Seienden fingiert werden konnte, mußte zuerst der Wahrhaftige -geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich -„wahrhaftig“ glaubt).</p> - -<p>Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, -sich gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form: -ein Mensch derart konzipiert eine Welt des Seins als -„<em>Gott</em>“ nach seinem Bilde.</p> - -<p>Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre -des Menschen sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[Pg 184]</a></span> -der Vorteil in jedem Sinne auf Seiten des Wahrhaftigen -sein. – Lüge, Tücke, Verstellung müssen Erstaunen erregen....</p> - - -<h6>332.</h6> - -<p>Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte – -das wäre nämlich möglich –, was wäre dann die Wahrheit, -alle unsere Wahrheit?... Eine gewissenlose Umfälschung -des Falschen? Eine höhere Potenz des Falschen?....</p> - - -<h6>333.</h6> - -<p>Von der <em>Vielartigkeit</em> der Erkenntnis. <em>Seine</em> Relation -zu vielem anderen spüren (oder die Relation der Art) -– wie sollte das „Erkenntnis“ des <em>andern</em> sein! Die Art -zu kennen und zu erkennen ist selber schon unter den Existenzbedingungen: -dabei ist der Schluß, daß es keine anderen -Intellektarten geben könne (für uns selber) als die, -welche uns erhält, eine Übereilung: diese <em>tatsächliche</em> Existenzbedingung -ist vielleicht nur zufällig und vielleicht keineswegs -notwendig.</p> - -<p>Unser Erkenntnisapparat nicht auf „Erkenntnis“ <em>eingerichtet</em>.</p> - - -<h6>334.<br /> - -<span class="normal3 gesperrt">Überschriften über einem modernen Narrenhaus.</span></h6> - -<p>„Denknotwendigkeiten sind Moralnotwendigkeiten.“</p> - -<p class="gesperrt right">Herbert Spencer.</p> - -<p>„Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die -Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung.“</p> - -<p class="gesperrt right">Herbert Spencer.</p> - - -<h6>335.</h6> - -<p>Es könnte scheinen, als ob ich der Frage nach der „Gewißheit“ -ausgewichen sei. Das Gegenteil ist wahr: aber indem -ich nach dem Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte -ich, nach welchem Schwergewichte überhaupt bisher gewogen -worden ist – und daß die Frage nach der Gewißheit selbst -schon eine <em>abhängige</em> Frage sei, eine Frage <em>zweiten</em> -Ranges.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[Pg 185]</a></span></p> - - -<h5 class="gesperrt">b. Logik und Wissenschaft.</h5> - - -<h6>336.</h6> - -<p>Das Begierdenerdreich, aus dem die <em>Logik</em> herausgewachsen -ist: Herdeninstinkt im Hintergrunde. Die Annahme -der gleichen Fälle setzt die „gleiche Seele“ voraus. -<em>Zum Zweck der Verständigung und Herrschaft.</em></p> - - -<h6>337.</h6> - -<p>Zur <em>Entstehung der Logik</em>. Der fundamentale Hang, -<em>gleichzusetzen</em>, <em>gleichzusehen</em> wird modifiziert, im Zaum -gehalten durch Nutzen und Schaden, durch den <em>Erfolg</em>: es -bildet sich eine Anpassung aus, ein milderer Grad, in dem -er sich befriedigen kann, ohne zugleich das Leben zu verneinen -und in Gefahr zu bringen. Dieser ganze Prozeß ist -ganz entsprechend jenem äußeren, mechanischen (der sein -Symbol ist), daß das <em>Plasma</em> fortwährend, was es sich -aneignet, sich gleich macht und in seine Formen und Reihen -einordnet.</p> - - -<h6>338.</h6> - -<p>Die <em>Annahme des Seienden</em> ist nötig, um denken und -schließen zu können: die Logik handhabt nur Formeln für -Gleichbleibendes. Deshalb wäre diese Annahme noch ohne -Beweiskraft für die Realität: „das Seiende“ gehört zu -unsrer Optik. Das „Ich“ als seiend (– durch Werden und -Entwicklung nicht berührt).</p> - -<p>Die <em>fingierte</em> Welt von Subjekt, Substanz, „Vernunft“ -usw. ist <em>nötig</em> – : eine ordnende, vereinfachende, fälschende, -künstlich-trennende Macht ist in uns. „Wahrheit“ ist -Wille, Herr zu werden über das Vielerlei der Sensationen: -– die Phänomene <em>aufreihen</em> auf bestimmte Kategorien. -Hierbei gehen wir vom Glauben an das „An-sich“ der -Dinge aus (wir nehmen die Phänomene als <em>wirklich</em>).</p> - -<p>Der Charakter der werdenden Welt als <em>unformulierbar</em>, -als „falsch“, als „sich-widersprechend“. <em>Erkenntnis</em> -und <em>Werden</em> schließen sich aus. <em>Folglich</em> muß „<em>Erkenntnis</em>“ -etwas anderes sein: es muß ein Wille zum Erkennbar<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[Pg 186]</a></span>machen -vorangehen, eine Art Werden selbst muß die <em>Täuschung -des Seienden</em> schaffen.</p> - - -<h6>339.</h6> - -<p>Ein- und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt -uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich -keine „Notwendigkeit“ aus, <em>sondern nur ein Nichtvermögen</em>.</p> - -<p>Wenn, nach Aristoteles, der <em>Satz vom Widerspruch</em> der -gewisseste aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste -ist, auf den alle Beweisführungen zurückgehen, wenn in ihm -das Prinzip aller anderen Axiome liegt: um so strenger -sollte man erwägen, was er im Grunde schon an Behauptungen -<em>voraussetzt</em>. Entweder wird mit ihm etwas in -betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob man -es anderswoher bereits kennte; nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte -Prädikate zugesprochen werden <em>können</em>. Oder -der Satz will sagen: daß ihm entgegengesetzte Prädikate -nicht zugesprochen werden <em>sollen</em>. Dann wäre Logik ein -Imperativ, nicht zur Erkenntnis des Wahren, sondern zur -Setzung und Zurechtmachung einer Welt, <em>die uns wahr -heißen soll</em>.</p> - -<p>Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome -dem Wirklichen adäquat, oder sind sie Maßstäbe und Mittel, -um Wirkliches, den Begriff „Wirklichkeit“, für uns erst zu -<em>schaffen</em>?.... Um das Erste bejahen zu können, müßte -man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; was -schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein -<em>Kriterium der Wahrheit</em>, sondern einen <em>Imperativ</em> -über das, was als wahr gelten <em>soll</em>.</p> - -<p>Gesetzt, es gäbe ein solches sich-selbst-identisches <span class="antiqua">A</span> gar -nicht, wie es jeder Satz der Logik (auch der Mathematik) -voraussetzt, das <span class="antiqua">A</span> wäre bereits eine <em>Scheinbarkeit</em>, so -hätte die Logik eine bloß <em>scheinbare</em> Welt zur Voraussetzung. -In der Tat glauben wir an jenen Satz unter dem -Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend -zu <em>bestätigen</em> scheint. Das „Ding“ – das ist das eigentliche -Substrat zu <span class="antiqua">A</span>; <em>unser Glaube an Dinge</em> ist die Vor<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[Pg 187]</a></span>aussetzung -für den Glauben an die Logik. Das <span class="antiqua">A</span> der Logik -ist wie das Atom eine Nachkonstruktion des „Dinges“.... -Indem wir das nicht begreifen und aus der Logik ein Kriterium -des <em>wahren Seins</em> machen, sind wir bereits auf -dem Wege, alle jene Hypostasen: Substanz, Prädikat, Objekt, -Subjekt, Aktion usw. als Realitäten zu setzen: das heißt -eine metaphysische Welt zu konzipieren, das heißt eine „wahre -Welt“ (– <em>diese ist aber die scheinbare Welt noch -einmal</em>....).</p> - -<p>Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen, -das Für-wahr-halten und das Nicht-für-wahr-halten, -sind, insofern sie nicht nur eine Gewohnheit, sondern ein -Recht voraussetzen, überhaupt für wahr zu halten oder für -unwahr zu halten, bereits von einem Glauben beherrscht, -<em>daß es für uns Erkenntnis gibt</em>, daß <em>Urteilen wirklich -die Wahrheit treffen könne</em>: – kurz, die Logik -zweifelt nicht, etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können -(nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zukommen -<em>können</em>).</p> - -<p>Hier <em>regiert</em> das sensualistische grobe Vorurteil, daß die -Empfindungen uns <em>Wahrheiten</em> über die Dinge lehren, – -daß ich nicht zu gleicher Zeit von ein und demselben Ding -sagen kann, es ist <em>hart</em> und es ist <em>weich</em>. (Der instinktive -Beweis, „ich kann nicht zwei entgegengesetzte Empfindungen -zugleich haben“ – <em>ganz grob</em> und <em>falsch</em>.)</p> - -<p>Das begriffliche Widerspruchsverbot geht von dem Glauben -aus, daß wir Begriffe bilden <em>können</em>, daß ein Begriff -das Wesen eines Dinges nicht nur bezeichnet, sondern <em>faßt</em>.. -Tatsächlich gilt die <em>Logik</em> (wie die Geometrie und Arithmetik) -nur von <em>fingierten Wesenheiten, die wir geschaffen -haben</em>. Logik ist der Versuch, <em>nach einem von -uns gesetzten Seinsschema die wirkliche Welt zu begreifen, -richtiger: uns formulierbar, berechenbar zu -machen</em>....</p> - - -<h6>340.</h6> - -<p>Gleichheit und Ähnlichkeit.</p> - -<p>1. Das gröbere Organ sieht viel scheinbare Gleichheit;</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[Pg 188]</a></span></p> - -<p>2. der Geist <em>will</em> Gleichheit, das heißt einen Sinneneindruck -subsummieren unter eine vorhandene Reihe: ebenso -wie der Körper Unorganisches sich <em>assimiliert</em>.</p> - -<p>Zum Verständnis der <em>Logik</em>:</p> - -<p><em>der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht</em> – -der Glaube, daß etwas so und so <em>sei</em> (das Wesen des <em>Urteils</em>), -ist die Folge eines Willens, es <em>soll</em> so viel als möglich -gleich sein.</p> - - -<h6>341.</h6> - -<p>Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: <em>gesetzt, es -gibt identische Fälle</em>. Tatsächlich, damit logisch gedacht -und geschlossen werde, <em>muß diese</em> Bedingung erst als erfüllt -fingiert werden. Das heißt: der Wille zur <em>logischen -Wahrheit</em> kann erst sich vollziehen, nachdem eine grundsätzliche -<em>Fälschung</em> alles Geschehens angenommen ist. Woraus -sich ergibt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig -ist, zuerst der Fälschung und dann der Durchführung seines -Gesichtspunktes: die Logik stammt nicht aus dem Willen -zur Wahrheit.</p> - - -<h6>342.</h6> - -<p>Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium -der Wahrheit („<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">omne illud verum est, quod clare et distincte -percipitur</span>“ Descartes): damit ist die mechanische -Welthypothese erwünscht und glaublich.</p> - -<p>Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">simplex sigillum -veri</span>. Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit -der Dinge in <em>diesem</em> Verhältnis zu unserm Intellekt -steht? – Wäre es nicht anders? daß die ihm am meisten -das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese -am meisten von ihm <em>bevorzugt, geschätzt und folglich</em> -als <em>wahr</em> bezeichnet wird? – Der Intellekt setzt sein <em>freiestes</em> -und <em>stärkstes Vermögen</em> und <em>Können</em> als Kriterium -der Wertvollsten, folglich <em>Wahren</em>....</p> - -<p>„Wahr“: von seiten des Gefühls aus – : was das Gefühl -am stärksten erregt („Ich“);</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[Pg 189]</a></span></p> - -<p>von seiten des Denkens aus – : was dem Denken das -größte Gefühl von Kraft gibt;</p> - -<p>von seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus – : wobei -am stärksten Widerstand zu leisten ist.</p> - -<p>Also die <em>höchsten Grade in der Leistung</em> erwecken für -das <em>Objekt</em> den Glauben an dessen „Wahrheit“, das heißt -<em>Wirklichkeit</em>. Das Gefühl der Kraft, des Kampfes, des -Widerstandes überredet dazu, daß es etwas <em>gibt</em>, dem hier -widerstanden wird.</p> - - -<h6>343.</h6> - -<p>Das <em>Urteil</em> – das ist der Glaube: „dies und dies ist so.“ -Also steckt im Urteil das Geständnis, einem „identischen -Fall“ begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, -mit Hilfe des Gedächtnisses. Das Urteil schafft es <em>nicht</em>, -daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es -glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der -Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle gibt. Wie -heißt nun jene Funktion, die viel <em>älter</em>, früher arbeitend sein -muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und verähnlicht? -Wie heißt jene zweite, welche auf Grund dieser ersten -usw. „Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich“: wie -aber heißt das, was Empfindungen gleich macht, als gleich -„nimmt“? – Es könnte gar keine Urteile geben, wenn nicht -erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt -wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem beständigen -Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten. – <em>Bevor</em> -geurteilt wird, <em>muß der Prozeß der Assimilation schon -getan sein</em>: also liegt auch hier eine intellektuelle Tätigkeit -vor, die nicht ins Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge -einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen -Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimilieren, -Ausscheiden, Wachsen usw.</p> - -<p>Wesentlich: vom <em>Leib</em> ausgehen und ihn als Leitfaden zu -benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere -Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist -besser festgestellt, als der Glaube an den Geist.</p> - -<p>„Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[Pg 190]</a></span> -liegt kein Kriterium der Wahrheit.“ Aber was ist Wahrheit? -Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung -geworden ist? Dann freilich wäre die <em>Stärke</em> ein -Kriterium, zum Beispiel in betreff der Kausalität.</p> - - -<h6>344.</h6> - -<p><em>Grundlösung.</em> – Wir glauben an die Vernunft: diese -aber ist die Philosophie der grauen <em>Begriffe</em>. Die Sprache -ist auf die allernaivsten Vorurteile hin gebaut.</p> - -<p>Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge -hinein, weil wir <em>nur</em> in der sprachlichen Form <em>denken</em>, – -somit die „ewige Wahrheit“ der „Vernunft“ glauben (zum -Beispiel Subjekt, Prädikat usw.).</p> - -<p><em>Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem -sprachlichen Zwange tun wollen</em>, wir langen gerade noch -bei dem Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehen.</p> - -<p><em>Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach -einem Schema, welches wir nicht abwerfen können.</em></p> - - -<h6>345.</h6> - -<p>Der ganze Erkenntnisapparat ist ein Abstraktions- und -Simplifikationsapparat – nicht auf Erkenntnis gerichtet, -sondern auf <em>Bemächtigung</em> der Dinge: „Zweck“ und -„Mittel“ sind so fern vom Wesen wie die „Begriffe“. Mit -„Zweck“ und „Mittel“ bemächtigt man sich des Prozesses -(– man <em>erfindet</em> einen Prozeß, der faßbar ist), mit „Begriffen“ -aber der „Dinge“, welche den Prozeß machen.</p> - - -<h6>346.</h6> - -<p>Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat, -arbeitete im Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit, -von schneller Verständlichkeit auf Grund von Zeichen -und Klängen, von Abkürzungsmitteln: – es handelt sich -nicht um metaphysische Wahrheiten bei „Substanz“, „Subjekt“, -„Objekt“, „Sein“, „Werden“. – Die Mächtigen -sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht -haben, und unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktionskünstler, -die die Kategorien geschaffen haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[Pg 191]</a></span></p> - - -<h6>347.</h6> - -<p>Nicht „erkennen“, sondern schematisieren, – dem Chaos -so viel Regularität und Formen auflegen, als es unserm -praktischen Bedürfnis genugtut.</p> - -<p>In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien -ist das <em>Bedürfnis</em> maßgebend gewesen: das Bedürfnis, -nicht zu „erkennen“, sondern zu subsummieren, zu schematisieren, -zum Zweck der Verständigung, der Berechnung.... -(Das Zurechtmachen, das Ausdichten zum Ähnlichen, Gleichen, -– derselbe Prozeß, den jeder Sinneseindruck durchmacht, -ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht -eine präexistente „Idee“ gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, -daß nur, wenn wir grob und gleichgemacht die Dinge sehen, -sie für uns berechenbar und handlich werden.... Die <em>Finalität</em> -in der Vernunft ist eine Wirkung, keine Ursache: bei -jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend Ansätze -gibt, mißrät das Leben, – es wird unübersichtlich –, zu ungleich –</p> - -<p>Die Kategorien sind „Wahrheiten“ nur in dem Sinne, -als sie lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische -Raum eine solche bedingte „Wahrheit“ ist. (An sich geredet: -da niemand die Notwendigkeit, daß es gerade Menschen -gibt, aufrecht erhalten wird, ist die Vernunft, so wie -der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie bestimmter -Tierarten, und eine neben vielen anderen....)</p> - -<p>Die subjektive Nötigung, hier nicht widersprechen zu können, -ist eine biologische Nötigung: der Instinkt der Nützlichkeit, -so zu schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe, -wir sind beinahe dieser Instinkt.... Welche Naivität aber, -daraus einen Beweis zu ziehen, daß wir damit eine „Wahrheit -an sich“ besäßen!.... Das Nicht-widersprechen-können -beweist ein Unvermögen, nicht eine „Wahrheit“.</p> - - -<h6>348.</h6> - -<p>„Erkennen“ ist ein <em>Zurückbeziehen</em>: seinem Wesen nach -ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">regressus in infinitum</span>. Was Halt macht (bei einer angeblichen -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span>, bei einem Unbedingten usw.) ist die -<em>Faulheit</em>, die Ermüdung – –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[Pg 192]</a></span></p> - - -<h6>349.</h6> - -<p>Wissenschaft – Umwandlung der Natur in Begriffe zum -Zweck der Beherrschung der Natur – das gehört in die -Rubrik „<em>Mittel</em>“.</p> - -<p>Aber der <em>Zweck</em> und <em>Wille</em> des Menschen muß ebenso -<em>wachsen</em>, die Absicht in Hinsicht auf das Ganze.</p> - - -<h6>350.</h6> - -<p>Die Wissenschaft – das war bisher die Beseitigung der -vollkommenen Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen, -welche alles „erklären“, – also aus dem Widerwillen des -Intellekts an dem Chaos. – Dieser selbe Widerwille ergreift -mich bei der Betrachtung <em>meiner selber</em>: die innere -Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen -und über die intellektuelle Verworrenheit hinauskommen. -Die Moral war eine solche <em>Vereinfachung</em>: sie -lehrte den Menschen als <em>erkannt</em>, als <em>bekannt</em>. – Nun -haben wir die Moral vernichtet – wir selber sind uns wieder -<em>völlig dunkel</em> geworden! Ich weiß, daß ich <em>von mir</em> nichts -weiß. Die <em>Physik</em> ergibt sich als eine <em>Wohltat</em> für das -Gemüt: die Wissenschaft (als der Weg zur <em>Kenntnis</em>) bekommt -einen neuen Zauber nach der Beseitigung der Moral -– und <em>weil</em> wir hier <em>allein</em> Konsequenz finden, so müssen -wir unser Leben darauf <em>einrichten</em>, sie uns zu <em>erhalten</em>. -Dies ergibt eine Art <em>praktischen Nachdenkens</em> über <em>unsre -Existenzbedingungen</em> als Erkennenden.</p> - - -<h6>351.</h6> - -<p>Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf -allen Stufen des Lebens das <em>Denken</em>, – in jedem Perzipieren -und scheinbaren Erleiden auch noch! Offenbar wird -es dadurch am <em>mächtigsten</em> und <em>anspruchsvollsten</em>, und -auf die Dauer tyrannisiert es alle anderen Kräfte. Es wird -endlich die „Leidenschaft an sich“.</p> - - -<h6>352.</h6> - -<p>Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit -Mensch und Tier lebt: du mußt auch noch den <em>Willen</em> -zur Unwissenheit haben und hinzulernen. Es ist dir nötig,<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[Pg 193]</a></span> -zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben -selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter -welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine -große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehen.</p> - - -<h6>353.</h6> - -<p>Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine -Wahrheit ergibt, sondern nur ein <em>Stück Unwissenheit</em> -mehr, eine Erweiterung unseres „leeren Raumes“, einen -Zuwachs unserer „Öde“ –</p> - - -<h6>354.</h6> - -<p>Die Entwicklung der Wissenschaft löst das „Bekannte“ -immer mehr in ein Unbekanntes auf: – sie <em>will</em> aber gerade -das <em>Umgekehrte</em> und geht von dem Instinkt aus, -das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span> bereitet die Wissenschaft eine <em>souveräne Unwissenheit</em> -vor, ein Gefühl, daß „Erkennen“ gar nicht vorkommt, -daß es eine Art Hochmut war, davon zu träumen, -mehr noch, daß wir nicht den geringsten Begriff übrig behalten, -um auch nur „Erkennen“ als eine <em>Möglichkeit</em> gelten -zu lassen, – daß „Erkennen“ selbst eine widerspruchsvolle -Vorstellung ist. Wir <em>übersetzen</em> eine uralte Mythologie -und Eitelkeit des Menschen in die harte Tatsache: so -wenig „Ding an sich“, so wenig ist „Erkenntnis an sich“ -noch <em>erlaubt</em> als Begriff. Die Verführung durch „Zahl und -Logik“, die Verführung durch die „Gesetze“.</p> - -<p>„<em>Weisheit</em>“ als Versuch, über die perspektivischen -Schätzungen (das heißt über den „Willen zur Macht“) <em>hinweg</em> -zu kommen: ein lebensfeindliches und auflösendes -Prinzip, Symptom wie bei den Indern usw., <em>Schwächung</em> -der Aneignungskraft.</p> - - -<h6>355.</h6> - -<p>Das Recht auf den großen <em>Affekt</em> – für den Erkennenden -wieder zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung -und der Kultus des „Objektiven“ eine falsche Rangordnung -auch in dieser Sphäre geschaffen haben. Der Irrtum kam -auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: <em>eben im Loskom<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[Pg 194]</a></span>men -vom Affekt</em>, vom Willen liege der einzige Zugang -zum „Wahren“, zur Erkenntnis; der willensfreie Intellekt -<em>könne gar nicht anders</em>, als das wahre, eigentliche Wesen -der Dinge sehen.</p> - -<p>Derselbe Irrtum <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in arte</span>: als ob alles <em>schön</em> wäre, sobald -es ohne Willen angeschaut wird.</p> - - -<h6>356.</h6> - -<p>Keine „<em>moralische</em> Erziehung“ des Menschengeschlechts: -sondern die <em>Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrtümer</em> -ist nötig, weil die „Wahrheit“ degoutiert und das -Leben verleidet, – vorausgesetzt, daß der Mensch nicht schon -unentrinnbar in seine <em>Bahn</em> gestoßen ist und seine redliche -<em>Einsicht</em> mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt.</p> - - -<h6>357.</h6> - -<p>Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden: -aber die wertvollsten Einsichten sind die <em>Methoden</em>.</p> - -<p>Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft -haben jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen -sich gehabt: auf sie hin ist man aus dem Verkehr mit -<em>honetten</em> Menschen ausgeschlossen worden, – man galt -als „<em>Feind Gottes</em>“, als Verächter des höchsten Ideals, -als „Besessener“.</p> - -<p>Wir haben das ganze <em>Pathos</em> der Menschheit gegen uns -gehabt, – unser Begriff von dem, was die „Wahrheit“ -sein soll, was der Dienst der Wahrheit sein soll, unsre Objektivität, -unsre Methode, unsre stille, vorsichtige, mißtrauische -Art war vollkommen <em>verächtlich</em>.... Im Grunde -war es ein ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am -längsten gehindert hat: sie glaubte an den pittoresken Effekt -der Wahrheit, sie verlangte vom Erkennenden, daß er stark -auf die Phantasie wirke.</p> - -<p>Das sieht aus, als ob ein <em>Gegensatz</em> erreicht, ein <em>Sprung</em> -gemacht worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch -die Moralhyperbeln Schritt für Schritt jenes <em>Pathos milderer -Art</em> vorbereitet, das als wissenschaftlicher Charakter -leibhaft wurde....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[Pg 195]</a></span></p> - -<p>Die <em>Gewissenhaftigkeit im Kleinen</em>, die Selbstkontrolle -des religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen -Charakter: vor allem die Gesinnung, welche -<em>Probleme ernst nimmt</em>, noch abgesehen davon, was persönlich -dabei für einen herauskommt....</p> - - -<h6>358.</h6> - -<p>Nicht der Sieg der <em>Wissenschaft</em> ist das, was unser -19. Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen -<em>Methode</em> über die Wissenschaft.</p> - - -<h5 class="gesperrt">c. Ursache und Wirkung.</h5> - - -<h6>359.</h6> - -<p><em>Kritik des Begriffs „Ursache“.</em> – Wir haben absolut -keine Erfahrung über eine <em>Ursache</em>; psychologisch nachgerechnet, -kommt uns der ganze Begriff aus der subjektiven -Überzeugung, daß <em>wir</em> Ursache sind, nämlich, daß der Arm -sich bewegt.... <em>Aber das ist ein Irrtum.</em> Wir unterscheiden -uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema -machen wir überall Gebrauch, – wir suchen nach einem -Täter zu jedem Geschehen. Was haben wir gemacht? Wir -haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung, Widerstand, ein -Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, als -Ursache <em>mißverstanden</em>, oder den <em>Willen</em>, das und das -zu tun, weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.</p> - -<p>„Ursache“ kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo -sie uns gegeben schien, und wo wir aus uns sie projiziert -haben zum <em>Verständnis des Geschehens</em>, ist die Selbsttäuschung -nachgewiesen. Unser „Verständnis eines Geschehens“ -bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches -verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah, und wie es -geschah. Wir haben unser Willensgefühl, unser „Freiheits“-gefühl, -unser Verantwortlichkeitsgefühl und unsre Absicht -zu einem Tun in den Begriff „Ursache“ zusammengefaßt: -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa efficiens</span> und <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa finalis</span> ist in der Grundkonzeption -eins.</p> - -<p>Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[Pg 196]</a></span> -aufgezeigt würde, dem sie bereits inhäriert. Tatsächlich erfinden -wir alle Ursachen nach dem Schema der Wirkung: -letztere ist uns bekannt.... Umgekehrt sind wir außerstande, -von irgendeinem Dinge vorauszusagen, was es „wirkt“. -Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht – alles inhäriert -der Konzeption „Ursache“. Wir suchen nach Dingen, -um zu erklären, weshalb sich etwas verändert hat. Selbst -noch das Atom ist ein solches hinzugedachtes „Ding“ und -„Ursubjekt“....</p> - -<p>Endlich begreifen wir, daß Dinge – folglich auch Atome -– nichts wirken: <em>weil sie gar nicht da sind</em>, – daß der -Begriff Kausalität vollkommen unbrauchbar ist. – Aus -einer notwendigen Reihenfolge von Zuständen folgt <em>nicht</em> -deren Kausalverhältnis (– das hieße deren <em>wirkende Vermögen</em> -von eins auf zwei, auf drei, auf vier, auf fünf springen -machen). <em>Es gibt weder Ursachen noch Wirkungen.</em> -Sprachlich wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran -liegt nichts. Wenn ich den <em>Muskel</em> von seinen „Wirkungen“ -getrennt denke, so habe ich ihn negiert....</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: <em>ein Geschehen ist weder bewirkt</em>, noch <em>bewirkend</em>. -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Causa</span> ist ein <em>Vermögen zu wirken</em>, hinzu erfunden -zum Geschehen....</p> - -<p><em>Die Kausalitätsinterpretation eine Täuschung</em>.... -Ein „Ding“ ist die Summe seiner Wirkungen, synthetisch -gebunden durch einen Begriff, Bild. Tatsächlich hat die -Wissenschaft den Begriff Kausalität seines Inhalts entleert -und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel, bei der es -im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite Ursache -oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei -Komplexzuständen (Kraftkonstellationen) die Quanten Kraft -gleich blieben.</p> - -<p>Die <em>Berechenbarkeit eines Geschehens</em> liegt nicht darin, -daß eine Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit -gehorcht wurde, oder ein Gesetz von Kausalität von uns in -jedes Geschehen projiziert wurde – : sie liegt in der <em>Wiederkehr -„identischer Fälle“</em>.</p> - -<p>Es gibt nicht, wie Kant meint, einen <em>Kausalitätssinn</em>.<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[Pg 197]</a></span> -Man wundert sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, -woran man sich halten kann.... Sobald im Neuen -uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind wir beruhigt. Der -angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die <em>Furcht vor dem -Ungewohnten</em> und der Versuch, in ihm etwas <em>Bekanntes</em> -zu entdecken, – ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern -nach Bekanntem.</p> - - -<h6>360.</h6> - -<p>In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an -Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich -als die Behauptung, daß jede Wirkung Tätigkeit sei und -daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetze); und dieser letztere -Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, so daß -als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt Subjekte; -alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem -Subjekte.</p> - -<p>Ich bemerke etwas und suche nach einem <em>Grund</em> dafür: -das heißt ursprünglich: ich suche nach einer <em>Absicht</em> darin, -und vor allem nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, -einem Täter: alles Geschehen ein Tun, – ehemals -sah man in <em>allem</em> Geschehen Absichten, dies ist unsere älteste -Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist es, als Lebendiges, -nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen? -Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach -der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa finalis</span>, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn -der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa efficiens</span>“ haben wir nichts: hier hat <em>Hume</em> -recht, die Gewohnheit (aber <em>nicht</em> nur die des Individuums!) -läßt uns erwarten, daß ein gewisser, oft beobachteter -Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was -uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität -gibt, ist <em>nicht</em> die große Gewohnheit des Hintereinanders -von Vorgängen, sondern unsre <em>Unfähigkeit</em>, ein -Geschehen anders <em>interpretieren</em> zu können denn als ein -Geschehen aus <em>Absichten</em>. Es ist der <em>Glaube</em> an das Lebendige -und Denkende als an das einzig <em>Wirkende</em> – an -den Willen, die Absicht –, es ist der Glaube, daß alles Geschehen -ein Tun sei, daß alles Tun einen Täter voraussetze,<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[Pg 198]</a></span> -es ist der Glaube an das „Subjekt“. Sollte dieser Glaube -an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine große -Dummheit sein?</p> - -<p>Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder -ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?</p> - - -<h6>361.</h6> - -<p><em>Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie.</em> -– Daraus, daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar -erfolgt, ergibt sich nicht, daß es <em>notwendig</em> erfolgt. -Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten -Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, -macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische -Notwendigkeit“ ist kein Tatbestand: <em>wir</em> erst haben sie in das -Geschehen hineininterpretiert. Wir haben die <em>Formulierbarkeit</em> -des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über -dem Geschehen waltenden Nezessität. Aber daraus, daß ich -etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen -tue. Der <em>Zwang</em> ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: -die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen -nicht auch ein anderes Geschehen ist. Erst dadurch, -daß wir Subjekte, „<em>Täter</em>“ in die Dinge hineingedeutet -haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen die Folge -von einem auf Subjekte ausgeübten <em>Zwange</em> ist, – ausgeübt -von wem? wiederum von einem „Täter“. Ursache und -Wirkung – ein gefährlicher Begriff, solange man ein <em>Etwas</em> -denkt, das <em>verursacht</em>, und ein Etwas, auf das <em>gewirkt</em> -wird.</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine -Interpretation.</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, -was <em>wirkt</em>, sondern nur eine Fiktion, so folgt vielerlei.</p> - -<p>Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die -<em>Dinglichkeit</em> erfunden und in den Sensationenwirrwarr -hineininterpretiert. Glauben wir nicht mehr an das <em>wirkende</em> -Subjekt, so fällt auch der Glaube an <em>wirkende</em><span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[Pg 199]</a></span> -Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen -jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.</p> - -<p>Es fällt damit natürlich auch die Welt der <em>wirkenden -Atome</em>: deren Annahme immer unter der Voraussetzung -gemacht ist, daß man Subjekte braucht.</p> - -<p>Es fällt endlich auch das „<em>Ding an sich</em>“: weil das im -Grunde die Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber -wir begriffen, daß das Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz -„Ding an sich“ und „Erscheinung“ ist unhaltbar; damit -aber fällt auch der Begriff „<em>Erscheinung</em>“ dahin.</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) Geben wir das wirkende <em>Subjekt</em> auf, so auch das -<em>Objekt</em>, auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit -mit sich selbst, das Sein inhäriert weder dem, was Subjekt, -noch dem, was Objekt genannt wird: es sind Komplexe -des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe scheinbar -dauerhaft, – also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit -im Tempo des Geschehens (Ruhe – Bewegung, fest – -locker: alles Gegensätze, die nicht an sich existieren und mit -denen tatsächlich nur <em>Gradverschiedenheiten</em> ausgedrückt -werden, die für ein gewisses Maß von Optik sich als Gegensätze -ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur von denen -der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes – und -von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).</p> - -<p><span class="antiqua">d</span>) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, -dann auch den Begriff „<em>Substanz</em>“ – und folglich auch -dessen verschiedene Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“, -„Geist“ und andere hypothetische Wesen, „Ewigkeit und -Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw. Wir sind die <em>Stofflichkeit</em> -los.</p> - -<p>Moralisch ausgedrückt, <em>ist die Welt falsch</em>. Aber insofern -die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die -Moral falsch.</p> - -<p>Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest<em>machen</em>, ein Wahr-, -Dauerhaft<em>machen</em>, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes <em>falschen</em> -Charakters, eine Umdeutung desselben ins <em>Seiende</em>. -„Wahrheit“ ist somit nicht etwas, das da wäre und das auf<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[Pg 200]</a></span>zufinden, -zu entdecken wäre, – sondern etwas, <em>das zu -schaffen ist</em> und das den Namen für einen <em>Prozeß abgibt</em>, -mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der -an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">processus -in infinitum</span>, ein <em>aktives Bestimmen</em>, – <em>nicht</em> -ein Bewußtwerden von etwas, das an sich fest und bestimmt -wäre. Es ist ein Wort für den „Willen zur Macht“.</p> - -<p>Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an -Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je -mächtiger das Leben, um so breiter muß die erratbare, gleichsam -<em>seiend gemachte</em> Welt sein. Logisierung, Rationalisierung, -Systematisierung als Hilfsmittel des Lebens.</p> - -<p>Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein -„Ziel“ in einem gewissen Sinne außer sich als <em>seiende</em> -Welt, als metaphysische Welt, als „Ding an sich“, als bereits -vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als Schaffender -<em>erdichtet</em> bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg; -diese Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit) -ist seine Stütze.</p> - -<p>Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein -Feststellen von Grad- und Kraftverhältnissen, als ein -<em>Kampf</em>....</p> - -<p>Sobald wir uns jemanden <em>imaginieren</em>, der verantwortlich -ist dafür, daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), -ihm also unsre Existenz, unser Glück und Elend als <em>Absicht</em> -zulegen, verderben wir uns die <em>Unschuld des Werdens</em>. -Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit -uns etwas erreichen will.</p> - -<p>Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als -das „Wohl der Gattung“: das erstere wird nicht dem -letzteren geopfert, Gattung ist, aus der Ferne betrachtet, -etwas ebenso Flüssiges wie Individuum. „<em>Erhaltung</em> der -Gattung“ ist nur eine Folge des <em>Wachstums</em> der Gattung, -das heißt der <em>Überwindung der Gattung</em> auf dem Wege -zu einer stärkeren Art.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[Pg 201]</a></span></p> - -<p>Thesen. – Daß die anscheinende „<em>Zweckmäßigkeit</em>“ -(„die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“) -bloß die Folge jenes in allem Geschehen sich -abspielenden <em>Willens zur Macht</em> ist – : daß das <em>Stärkerwerden</em> -Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeitsentwurf -ähnlich sehen – : daß die anscheinenden -<em>Zwecke</em> nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht -über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion -der größeren arbeitet, eine Ordnung des <em>Ranges</em>, der -Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und -Zweck erwecken muß.</p> - -<p>Gegen die anscheinende „<em>Notwendigkeit</em>“:</p> - -<p>– diese nur ein <em>Ausdruck</em> dafür, daß eine Kraft nicht -auch etwas anderes ist.</p> - -<p>Gegen die anscheinende „<em>Zweckmäßigkeit</em>“:</p> - -<p>– letztere nur ein <em>Ausdruck</em> für eine Ordnung von -Machtsphären und deren Zusammenspiel.</p> - - -<h6>362.</h6> - -<p>„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt -eintreten, wo es zum Bewußtsein kam, daß das, was man -als <em>Eigenschaften der Dinge</em> bezeichnete, Empfindungen -des empfindenden Subjekts seien: damit hörten die Eigenschaften -auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das Ding -an sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich -und des Dinges für uns basiert auf der älteren, naiven -Wahrnehmung, die dem Dinge Energie beilegte: aber die -Analyse ergab, daß auch die Kraft hineingedichtet worden -ist, und ebenso – die Substanz. „Das Ding affiziert ein -Subjekt“? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache, -nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar -kein Problem!</p> - -<p>Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher -nichts Empfindungsloses mehr zugrunde liegt.</p> - -<p>In der Bewegung ist kein neuer <em>Inhalt</em> der Empfindung -gegeben. Das Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein: -also <em>Form</em> des Seins.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[Pg 202]</a></span></p> - -<p>Nebenbei: Die <em>Erklärung</em> des Geschehens kann versucht -werden einmal: durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, -die ihm <em>voranlaufen</em> (Zwecke);</p> - -<p>zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm <em>nachlaufen</em> -(die mathematisch-physikalische Erklärung).</p> - -<p>Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische -Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus -Empfindung und Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden -und Denken ableiten und entstehen machen: vielmehr -muß die Physik auch die empfindende Welt <em>konsequent -als ohne Empfindung und Zweck</em> konstruieren – bis -hinauf zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur -eine <em>Geschichte der Zwecke</em> und <em>nie</em> physikalisch!</p> - - -<h6>363.</h6> - -<p>Die Auslegung eines Geschehens als <em>entweder</em> Tun <em>oder</em> -Leiden (– also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, -jedes Anderswerden setzt einen Urheber voraus und -einen, <em>an dem</em> „verändert“ wird.</p> - - -<h6>364.</h6> - -<p>Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel -als Wesen zu nehmen, schließlich als <em>Ursache</em>, zum -Beispiel vom Blitz zu sagen: „er leuchtet“. Oder gar das -Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive im Sehen wieder -als <em>Ursache des Sehens selbst</em> zu setzen: das war das -Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!</p> - - -<h6>365.</h6> - -<p>Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der -Kraft: diese begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an -sich gibt es nicht Raum, noch Zeit. „Veränderungen“ sind -nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge für uns); wenn -wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen, -so ist damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß es -immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">post hoc</span> ein -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">propter hoc</span> ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; -es ist begreiflich. Aber Erscheinungen können nicht „Ursachen“ -sein!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[Pg 203]</a></span></p> - - -<h6>366.</h6> - -<p><em>„Wille zur Macht“ und Kausalismus.</em> – Psychologisch -nachgerechnet, ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl -vom sogenannten Wollen, – unser Begriff „Wirkung“ -der Aberglaube, daß dies Machtgefühl die Macht -selbst sei, welche bewegt....</p> - -<p>Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine -Wirkung des Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender -Grund“ desselben; – das Spannungsverhältnis unsres -Machtgefühls (die Lust als Gefühl der Macht), des überwundenen -Widerstandes – sind das Illusionen? –</p> - -<p>Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in -die uns einzig bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen -haben: so ist uns keine <em>Veränderung</em> vorstellbar, bei der -es nicht einen Willen zur Macht gibt. Wir wissen eine Veränderung -nicht abzuleiten, wenn nicht ein <em>Übergreifen</em> von -Macht <em>über andere Macht</em> statthat.</p> - -<p>Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im -Bilde (Bewegung ist eine Bilderrede). Die Gravitation selbst -hat keine mechanische Ursache, da sie der Grund erst für mechanische -Folgen ist.</p> - -<p>Der Wille zur <em>Akkumulation von Kraft</em> ist spezifisch -für das Phänomen des Lebens, für Ernährung, Zeugung, -Vererbung, – für Gesellschaft, Staat, Sitte, Autorität. -Sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch -in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen -Ordnung?</p> - -<p>Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie -des Verbrauchs: so daß das <em>Stärkerwerdenwollen -von jedem Kraftzentrum aus</em> die einzige Realität ist, – -nicht Selbstbewahrung, sondern Aneignen-, Herrwerden-, -Mehrwerden-, Stärkerwerdenwollen.</p> - -<p>Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip -<em>beweisen</em>? „Aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen“ -– „Ein permanentes Gesetz der Dinge“ – „Eine -invariable Ordnung“? – Weil etwas berechenbar ist, ist es -deshalb schon notwendig?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[Pg 204]</a></span></p> - -<p>Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin -kein „Prinzip“, kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern -es wirken Kraftquanta, deren Wesen darin besteht, auf alle -anderen Kraftquanta Macht auszuüben.</p> - -<p>Können wir ein <em>Streben nach Macht</em> annehmen, ohne -eine Lust- und Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl -von der Steigerung und Verminderung der Macht? Der -Mechanismus ist nur eine Zeichensprache für die <em>interne</em> -Tatsachenwelt kämpfender und überwindender Willensquanta? -Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom, -Schwere, Druck und Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“, -sondern Interpretationen mit Hilfe <em>psychischer</em> Fiktionen.</p> - -<p>Das <em>Leben</em> als die uns bekannteste Form des Seins ist -spezifisch ein Wille zur Akkumulation der Kraft – : alle -Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: nichts will sich -erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden.</p> - -<p>Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf -den Gesamtcharakter des Daseins –) strebt nach einem -<em>Maximalgefühl von Macht</em>; ist essentiell ein Streben -nach Mehr von Macht; Streben ist nichts anderes als -Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt dieser -Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.)</p> - - -<h5 class="gesperrt">d. Ich und Außenwelt.</h5> - - -<h6>367.</h6> - -<p>Der <em>Substanz</em>begriff eine Folge des <em>Subjekt</em>begriffs: -<em>nicht</em> umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“, -preis, so fehlt die Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt. -Man bekommt <em>Grade des Seienden</em>, man verliert -<em>das</em> Seiende.</p> - -<p>Kritik der „<em>Wirklichkeit</em>“: worauf führt die „<em>Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit</em>“, -die Gradation des Seins, -an die wir glauben? –</p> - -<p>Unser Grad von <em>Lebens-</em> und <em>Machtgefühl</em> (Logik und -Zusammenhang des Erlebten) gibt uns das Maß von -„Sein“, „Realität“, „Nicht-Schein“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[Pg 205]</a></span></p> - -<p><em>Subjekt</em>: das ist die Terminologie unsres Glaubens an -eine <em>Einheit</em> unter allen den verschiedenen Momenten höchsten -Realitätsgefühls: wir verstehen diesen Glauben als -<em>Wirkung</em> Einer Ursache, – wir glauben an unseren Glauben -so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“, -„Wirklichkeit“, „Substanzialität“ überhaupt imaginieren. -– „Subjekt“ ist die Fiktion, als ob viele <em>gleiche</em> Zustände -an uns die Wirkung eines Substrats wären: aber <em>wir</em> -haben erst die „Gleichheit“ dieser Zustände <em>geschaffen</em>; das -Gleich<em>setzen</em> und <em>Zurecht</em>machen derselben ist der <em>Tatbestand</em>, -<em>nicht</em> die Gleichheit (– diese ist vielmehr zu <em>leugnen</em> -–).</p> - - -<h6>368.</h6> - -<p>Psychologische Geschichte des Begriffs „<em>Subjekt</em>“. Der -Leib, das Ding, das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt -die Unterscheidung von einem Tun und einem Tuenden; der -Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner gefaßt, hat -zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.</p> - - -<h6>369.</h6> - -<p>„Subjekt“, „Objekt“, „Prädikat“ – diese Trennungen -sind <em>gemacht</em> und werden jetzt wie Schemata übergestülpt -über alle anscheinenden Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung -ist, daß ich glaube, ich bin's, der etwas tut, etwas -leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft „hat“.</p> - - -<h6>370.</h6> - -<p>„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf -läuft die Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das -heißt unsern Glauben an den <em>Substanz</em>begriff schon als -„wahr <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a priori</span>“ ansetzen: – daß, wenn gedacht wird, es -etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine Formulierung -unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem -Tun einen Täter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches -Postulat gemacht – und <em>nicht nur -konstatiert</em>.... Auf dem Wege des Cartesius kommt man -<em>nicht</em> zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu einem -Faktum eines sehr starken Glaubens.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[Pg 206]</a></span></p> - -<p>Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich -gibt es Gedanken“, so hat man eine bloße Tautologie: und -gerade das, was in Frage steht, die „<em>Realität</em> des Gedankens“, -ist nicht berührt, – nämlich in dieser Form ist -die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht abzuweisen. Was -aber Cartesius <em>wollte</em>, ist, daß der Gedanke nicht nur eine -<em>scheinbare Realität</em> hat, sondern eine <em>an sich</em>.</p> - - -<h6>371.</h6> - -<p>Daß zwischen <em>Subjekt</em> und <em>Objekt</em> eine Art adäquater -Relation stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das <em>von -innen gesehen</em> Subjekt wäre, ist eine gutmütige Erfindung, -die, wie ich denke, ihre Zeit gehabt hat. Das Maß -dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz und -gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: -wie erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins -irgendwie über „Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen, -mit denen die Realität berührt würde! –</p> - - -<h6>372.</h6> - -<p>Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht -ist“; – wir sind am andern Ende und sagen, „was gedacht -werden kann, muß sicherlich eine Fiktion sein.“</p> - - -<h6>373.</h6> - -<p>Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt -sich zum Beispiel im Nihilismus. Der Glaube, <em>daß es gar -keine Wahrheit gibt</em>, der Nihilistenglaube, ist ein großes -Gliederstrecken für einen, der als Kriegsmann der Erkenntnis -unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im Kampfe -liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.</p> - - -<h4>3. Metaphysik.<br /> - -<span class="normal2">Die „wahre“ Welt.</span></h4> - - -<h5>374.</h5> - -<p>Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der -Welt ein für allemal auszuruhen. Zauber der entgegenge<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[Pg 207]</a></span>setzten -Denkweise: sich den Anreiz des änigmatischen Charakters -nicht nehmen lassen.</p> - - -<h5>375.</h5> - -<p>Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche -Kraft. Wir wollen uns <em>hüten</em>, den Niedrigen die <em>ihnen</em> -nötige Denkweise auszudenken und vorzuschreiben!!</p> - - -<h5>376.</h5> - -<p>Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein -Symptom des Wachstums oder des Untergehens.</p> - -<p>Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inertia</span>; -die Mehrheit der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt -ihren beunruhigenden und änigmatischen Charakter <em>nicht -abstreiten wollen</em>!</p> - - -<h5>377.</h5> - -<p><em>Gegen</em> das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu -gehört auch jeder Versuch von Monismus.</p> - - -<h5>378.</h5> - -<p>Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran -ist die Folge einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen -Interpretationen, eine Verallgemeinerung der Mutlosigkeit -und Schwäche, – kein <em>notwendiger</em> Glaube.</p> - -<p>Unbescheidenheit des Menschen – : wo er den Sinn nicht -sieht, ihn zu <em>leugnen</em>!</p> - - -<h5>379.</h5> - -<p>Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so -hat man kein Auge für das, was war, und das, was wird: -– man sieht nur das <em>Seiende</em>. Da es aber nichts Seiendes -gibt, so blieb dem Philosophen nur das <em>Imaginäre</em> -aufgespart, als seine „Welt“.</p> - - -<h5>380.</h5> - -<p>Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert -hat, – sie war immer die scheinbare Welt <em>noch einmal</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[Pg 208]</a></span></p> - - -<h5>381.<br /> -Die „<em>wahre</em>“ und die „<em>scheinbare Welt</em>“.</h5> - - -<h6>A.</h6> - -<p>Die <em>Verführungen</em>, die von diesem Begriff ausgehen, -sind dreierlei Art:</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) eine <em>unbekannte</em> Welt: – wir sind Abenteurer, neugierig, -– das Bekannte scheint uns müde zu machen (– -die Gefahr des Begriffs liegt darin, uns „diese“ Welt als -<em>bekannt</em> zu insinuieren....);</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) eine <em>andre</em> Welt, wo es anders ist: – es rechnet etwas -in uns nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren -dabei ihren Wert, – vielleicht wird alles gut, wir -haben nicht umsonst gehofft.... Die Welt, wo es anders, -wo wir selbst – wer weiß? – anders sind....</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) eine <em>wahre</em> Welt: – das ist der wunderlichste Streich -und Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so vieles an -das Wort „wahr“ ankrustiert, unwillkürlich machen wir's -auch der „wahren Welt“ zum Geschenk: die <em>wahre</em> Welt -muß auch eine <em>wahrhaftige</em> sein, eine solche, die uns nicht -betrügt, nicht zu Narren hat: an sie glauben ist beinahe glauben -<em>müssen</em> (– aus Anstand, wie es unter zutrauenswürdigen -Wesen geschieht –).</p> - -<p>Der Begriff „die <em>unbekannte</em> Welt“ insinuiert uns -<em>diese</em> Welt als „bekannt“ (als langweilig –);</p> - -<p>der Begriff „die <em>andre</em> Welt“ insinuiert, als ob die Welt -<em>anders sein könnte</em>, – hebt die Notwendigkeit und das Fatum -auf (– unnütz, sich zu <em>ergeben</em>, sich <em>anzupassen</em> –);</p> - -<p>der Begriff „die <em>wahre</em> Welt“ insinuiert diese Welt als -eine unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, -– und <em>folglich</em> auch nicht unserm Nutzen zugetane -Welt (– unratsam, sich ihr anzupassen; <em>besser</em>: ihr -widerstreben).</p> - -<p>Wir <em>entziehen</em> uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt:</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) mit unsrer <em>Neugierde</em>, – wie als ob der interessantere -Teil wo anders wäre;</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[Pg 209]</a></span></p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) mit unsrer <em>Ergebung</em>, – wie als ob es nicht nötig sei, -sich zu ergeben, – wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit -letzten Ranges sei;</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) mit unsrer <em>Sympathie</em> und Achtung, – wie als ob -diese Welt sie nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns -nicht redlich....</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: wir sind auf eine dreifache Weise <em>revoltiert</em>: -wir haben ein <span class="antiqua">x</span> zur <em>Kritik</em> der „bekannten Welt“ gemacht.</p> - - -<h6>B.</h6> - -<p><em>Erster Schritt der Besonnenheit</em>: zu begreifen, inwiefern -wir <em>verführt</em> sind, – nämlich es könnte an sich -exakt <em>umgekehrt</em> sein:</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) die <em>unbekannte</em> Welt könnte derartig beschaffen sein, -um uns Lust zu machen zu „dieser“ Welt, – als eine vielleicht -stupide und geringere Form des Daseins;</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) die <em>andere</em> Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, -die hier keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit -unter der Masse dessen sein, was uns <em>diese</em> Welt möglich -macht: sie kennen lernen wäre ein Mittel, uns zufrieden zu -machen;</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) die <em>wahre</em> Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die -scheinbare Welt weniger wert sein muß, als die wahre? -Widerspricht nicht unser Instinkt diesem Urteile? Schafft -sich nicht ewig der Mensch eine fingierte Welt, weil er eine -bessere Welt haben will als die Realität? Vor <em>allem</em>: wie -kommen wir darauf, daß <em>nicht unsre</em> Welt die wahre -ist?.... zunächst könnte doch die andre Welt die „scheinbare“ -sein (in der Tat haben sich die Griechen zum Beispiel -ein <em>Schattenreich</em>, eine <em>Scheinexistenz</em> neben der <em>wahren</em> -Existenz gedacht –). Und endlich: was gibt uns ein -Recht, gleichsam <em>Grade der Realität</em> anzusetzen? Das ist -etwas anderes als eine unbekannte Welt, – das ist bereits -<em>Etwas-wissen-wollen von der unbekannten</em>. Die „andere“, -die „unbekannte“ Welt – gut! aber sagen „wahre -Welt“, das heißt „etwas <em>wissen</em> von ihr“, – das ist der -<em>Gegensatz</em> zur Annahme einer <span class="antiqua">x</span>-Welt....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[Pg 210]</a></span></p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: die Welt <span class="antiqua">x</span> könnte in jedem Sinne langweiliger, -unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.</p> - -<p>Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe <span class="antiqua">x</span> -Welten, das heißt jede mögliche Welt noch außer dieser. -Aber das ist <em>nie behauptet worden</em>....</p> - - -<h6>C.</h6> - -<p>Problem: warum die <em>Vorstellung von der andern -Welt</em> immer zum Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“ -Welt ausgefallen ist, – worauf das weist? –</p> - -<p>Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange -des Lebens ist, denkt das <em>Anders</em>sein immer als -Niedriger-, Wertlosersein; es betrachtet die fremde, die unbekannte -Welt als seinen Feind, als seinen Gegensatz, es -fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen das -Fremde.... Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes -Volk das „wahre Volk“ wäre....</p> - -<p>Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, – daß -man diese Welt für die „scheinbare“ und <em>jene</em> für die -„wahre“ nimmt, ist symptomatisch.</p> - -<p>Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“:</p> - -<p>der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die -<em>Vernunft</em> und die <em>logischen</em> Funktionen adäquat sind: -– daher stammt die „wahre“ Welt;</p> - -<p>der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet: -– daher stammt die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt;</p> - -<p>der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert: -– daher stammt die „gute, vollkommene, gerechte, heilige“ -Welt.</p> - -<p>Das <em>Gemeinsame</em> der drei Entstehungsherde: der <em>psychologische</em> -Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.</p> - -<p>Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte -erscheint, mit welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den -Stigmaten des philosophischen, des religiösen, des moralischen -Vorurteils.</p> - -<p>Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt, -als <em>ein Synonym des Nichtseins</em>, des Nichtlebens, des -Nichtleben<em>wollens</em>....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[Pg 211]</a></span></p> - -<p><em>Gesamteinsicht</em>: der Instinkt der <em>Lebensmüdigkeit</em>, -und nicht der des Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen.</p> - -<p><em>Konsequenz</em>: Philosophie, Religion und Moral sind -<em>Symptome der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span></em>.</p> - - -<h5>382.</h5> - -<p><em>Zur Psychologie der Metaphysik.</em> – Diese Welt ist -scheinbar: <em>folglich</em> gibt es eine wahre Welt; – diese Welt -ist bedingt: <em>folglich</em> gibt es eine unbedingte Welt; – diese -Welt ist widerspruchsvoll: <em>folglich</em> gibt es eine widerspruchslose -Welt; – diese Welt ist werdend: <em>folglich</em> gibt -es eine seiende Welt: – lauter falsche Schlüsse (blindes -Vertrauen in die Vernunft: wenn <span class="antiqua">A</span> <em>ist</em>, so muß auch sein -Gegensatzbegriff <span class="antiqua">B</span> <em>sein</em>). Zu diesen Schlüssen <em>inspiriert -das Leiden</em>: im Grunde sind es <em>Wünsche</em>, es möchte eine -solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine -Welt, die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert -wird, eine <em>wertvollere</em>: das <em>Ressentiment</em> der Metaphysiker -gegen das Wirkliche ist hier schöpferisch.</p> - -<p><em>Zweite</em> Reihe von Fragen: <em>wozu</em> Leiden?.... und hier -ergibt sich ein Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt -zu unsrer scheinbaren, wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: -1. Leiden als Folge des Irrtums: wie ist Irrtum -möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie ist Schuld -möglich? (– lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder -der Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert). -Wenn aber die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten -bedingt ist, so muß die <em>Freiheit zum Irrtum und zur -Schuld</em> mit von ihr bedingt sein: und wieder fragt man -<em>wozu</em>?.... Die Welt des Scheins, des Werdens, des Widerspruchs, -des Leidens ist also <em>gewollt</em>: <em>wozu</em>?</p> - -<p>Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe -sind gebildet, – <em>weil</em> dem einen von ihnen eine Realität -entspricht, „<em>muß</em>“ auch dem andern eine Realität entsprechen. -„<em>Woher</em> sollte man sonst dessen Gegenbegriff -haben?“ – <em>Vernunft</em> somit als eine Offenbarungsquelle -über An-sich-Seiendes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[Pg 212]</a></span></p> - -<p>Aber die <em>Herkunft</em> jener Gegensätze <em>braucht nicht notwendig</em> -auf eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: -es genügt, die <em>wahre Genesis</em> der Begriffe dagegenzustellen: -– diese stammt aus der praktischen Sphäre, -aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher ihren <em>starken -Glauben</em> (man <em>geht daran zugrunde</em>, wenn man -nicht gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das -nicht „bewiesen“, was sie behauptet).</p> - -<p><em>Die Präokkupation durch das Leiden</em> bei den Metaphysikern: -ist ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer -Unsinn. Tapfere und schöpferische Menschen fassen Lust und -Leid <em>nie</em> als letzte Wertfragen, – es sind Begleitzustände: -man muß beides <em>wollen</em>, wenn man etwas <em>erreichen</em> will -– darin drückt sich etwas Müdes und Krankes an den Metaphysikern -und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme -im Vordergrunde sehen. Auch die <em>Moral</em> hat <em>nur</em> -deshalb für sie solche <em>Wichtigkeit</em>, weil sie als wesentliche -Bedingung in Hinsicht auf Abschaffung des Leidens gilt.</p> - -<p><em>Insgleichen die Präokkupation durch Schein und -Irrtum</em>: Ursache von Leiden, Aberglaube, daß das Glück -mit der Wahrheit verbunden sei (Verwechslung: das Glück -in der „Gewißheit“, im „Glauben“).</p> - - -<h5>383.</h5> - -<p><em>Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“.</em> -– Von diesen ist die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten -Dingen gebildet.</p> - -<p>Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist -eine Form ihres Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein -Sein gibt, muß durch den Schein erst eine gewisse berechenbare -Welt <em>identischer</em> Fälle geschaffen werden: ein -Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung möglich -ist, usw.</p> - -<p>: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte -Welt, an der unsre <em>praktischen</em> Instinkte gearbeitet -haben: sie ist für <em>uns</em> vollkommen wahr: nämlich wir <em>leben</em>, -wir können in ihr leben: <em>Beweis</em> ihrer Wahrheit für -uns....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[Pg 213]</a></span></p> - -<p>: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu -leben, die Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik -und psychologischen Vorurteile reduziert haben, existiert <em>nicht</em> -als Welt „an sich“; sie ist essentiell Relationswelt: sie hat -unter Umständen von jedem Punkt aus ihr <em>verschiedenes -Gesicht</em>: ihr Sein ist essentiell an jedem Punkte anders: -sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt – -und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich <em>inkongruent</em>.</p> - -<p>Das <em>Maß von Macht</em> bestimmt, welches Wesen das -andre Maß von Macht hat: unter welcher Form, Gewalt, -Nötigung es wirkt oder widersteht.</p> - -<p>Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine -Konzeption gemacht, um in einer Welt leben zu können, -um gerade genug zu perzipieren, daß wir noch es <em>aushalten</em>....</p> - - -<h5>384.</h5> - -<p>Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten -angesehen; geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt -in diesem Falle nach dem Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht -auf die Erhaltung und Machtsteigerung einer bestimmten -Gattung von Animal.</p> - -<p>Das <em>Perspektivische</em> also gibt den Charakter der -„Scheinbarkeit“ ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe, -wenn man das Perspektivische abrechnet! Damit hätte man -ja die <em>Relativität</em> abgerechnet!</p> - -<p>Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen <em>Rest</em> seine <em>Perspektive</em>, -das heißt seine ganz bestimmte <em>Wertung</em>, seine -Aktionsart, seine Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“ -reduziert sich also auf eine spezifische Art von Aktion auf -die Welt, ausgehend von einem Zentrum.</p> - -<p>Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“ -ist nur ein Wort für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die -<em>Realität</em> besteht exakt in dieser Partikularaktion und -Reaktion -jedes Einzelnen gegen das Ganze....</p> - -<p>Es bleibt kein Schatten von <em>Recht</em> mehr übrig, hier von -<em>Schein</em> zu reden....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[Pg 214]</a></span></p> - -<p>Die <em>spezifische Art zu reagieren</em> ist die einzige Art -des Reagierens: wir wissen nicht, wie viele und was für -Arten es alles gibt.</p> - -<p>Aber es gibt kein „<em>anderes</em>“, kein „wahres“, kein wesentliches -Sein, – damit würde eine Welt <em>ohne</em> Aktion und -Reaktion ausgedrückt sein....</p> - -<p>Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt -reduziert sich auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ –</p> - - -<h5>385.</h5> - - -<h6>A.</h6> - -<p>Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute -resigniert, auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine -wahre Welt – sie mag sein, wie sie will –, gewiß haben -wir kein Organ der Erkenntnis für sie.</p> - -<p>Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ -der Erkenntnis setzt man auch diesen Gegensatz nur an?....</p> - -<p>Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich -ist, auch als abhängig von diesen Organen verstanden wird, -damit, daß wir eine Welt als subjektiv bedingt verstehen, -damit ist nicht ausgedrückt, daß eine objektive Welt überhaupt -möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß die -Subjektivität real, essentiell ist?</p> - -<p>Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption: -eine „Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den -Begriff „Sein“, „Ding“ immer nur als <em>Relations</em>begriff....</p> - -<p>Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“ -und „wahr“ sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt -hat: „gering an Wert“ und „absolut wertvoll“.</p> - -<p>Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“ -Welt; der Schein soll eine Instanz gegen den obersten Wert -sein. Wertvoll an sich kann nur eine „wahre“ Welt sein....</p> - -<p><em>Vorurteil der Vorurteile!</em> Erstens wäre an sich möglich, -daß die wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den -Voraussetzungen des Lebens schädlich wäre, entgegengesetzt -wäre, daß eben der Schein not täte, um leben zu können....<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[Pg 215]</a></span> -Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum Beispiel in der -Ehe.</p> - -<p>Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung -auch in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten -für wahr, für gut, für wertvoll, was der Erhaltung der -Gattung frommt....</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine -wahre und eine scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte -eben <em>bloß</em> eine scheinbare Welt geben, aber nicht nur <em>unsere</em> -scheinbare Welt....)</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) Die <em>wahre</em> Welt angenommen, so könnte sie immer -noch die <em>geringere an Wert</em> für uns sein: gerade das -Quantum Illusion möchte, in seinem Erhaltungswert für -uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der <em>Schein</em> -an sich ein Verwerfungsurteil begründete?)</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den <em>Graden -der Werte</em> und den <em>Graden der Realität</em> (so daß die -obersten Werte auch die oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches -Postulat, von der Voraussetzung ausgehend, -daß wir die Rangordnung der Werte <em>kennen</em>: nämlich, daß -diese Rangordnung eine <em>moralische</em> ist.... Nur in dieser -Voraussetzung ist die <em>Wahrheit</em> notwendig für die Definition -alles Höchstwertigen.</p> - - -<h6>B.</h6> - -<p>Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die <em>wahre -Welt</em> abschafft. Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung -der <em>Welt, die wir sind</em>: sie war bisher -unser gefährlichstes <em>Attentat</em> auf das Leben.</p> - -<p><em>Krieg</em> gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man -eine wahre Welt fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, -daß die <em>moralischen Werte die obersten</em> seien.</p> - -<p>Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn -sie bewiesen werden könnte als die Folge einer <em>unmoralischen</em> -Wertung: als ein Spezialfall der realen Unmoralität: -sie reduzierte sich damit selbst auf einen <em>Anschein</em>, -und als <em>Anschein</em> hätte sie, von sich aus, kein Recht mehr, -den Schein zu verurteilen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[Pg 216]</a></span></p> - - -<h6>C.</h6> - -<p>Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu -untersuchen: er ist keine moralische Gewalt, sondern eine -Form des Willens zur Macht. Dies wäre damit zu beweisen, -daß er sich aller <em>unmoralischen</em> Mittel bedient: die Metaphysiker -voran –</p> - -<p>Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, -daß die moralischen Werte die obersten Werte seien. -Die <em>Methodik der Forschung</em> ist erst erreicht, wenn alle -<em>moralischen Vorurteile</em> überwunden sind: – sie stellte -einen Sieg über die Moral dar....</p> - - -<h5>386.</h5> - -<p>Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man -möchte wissen, wie die <em>Dinge an sich</em> beschaffen sind: aber -siehe da, es gibt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es -<em>gäbe</em> ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum -<em>nicht erkannt werden</em>! Etwas Unbedingtes kann nicht -erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen -ist aber immer „sich irgendwozu in Bedingung -setzen“ – –; ein solch Erkennender will, daß das, was er -erkennen will, ihn nichts angeht, und daß dasselbe Etwas -überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch -gegeben ist, im Erkennen<em>wollen</em> und dem Verlangen, -daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), -und zweitens, weil etwas, das niemanden nichts -angeht, gar nicht <em>ist</em>, also auch gar nicht erkannt werden -kann. – Erkennen heißt „sich in Bedingung setzen zu etwas“: -sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst -unsrerseits bedingen – – es ist also unter allen Umständen -ein <em>Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen</em> -(<em>nicht</em> ein <em>Ergründen</em> von Wesen, Dingen, -„An-sichs“).</p> - - -<h5>387.</h5> - -<p>Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre -„Dinge“:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[Pg 217]</a></span></p> - -<p>denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine -Eigenschaften,</p> - -<p>das heißt, <em>es gibt kein Ding ohne andre Dinge</em>,</p> - -<p>das heißt, es gibt kein „Ding an sich“.</p> - - -<h5>388.</h5> - -<p>Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen, -alle „Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges -wegdenke, so bleibt nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst -von uns <em>hinzufingiert</em> ist, aus logischen Bedürfnissen, -also zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung (zur -Bindung jener Vielheit von Relationen, Eigenschaften, Tätigkeiten).</p> - - -<h5>389.</h5> - -<p>„Dinge, die eine Beschaffenheit <em>an sich</em> haben“ – eine -dogmatische Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.</p> - - -<h5>390.</h5> - -<p>Daß die Dinge eine <em>Beschaffenheit an sich</em> hätten, -ganz abgesehen von der Interpretation und Subjektivität, ist -<em>eine ganz müßige Hypothese</em>: es würde voraussetzen, -daß das <em>Interpretieren</em> und <em>Subjektsein</em> <em>nicht</em> wesentlich -sei, daß ein Ding, aus allen Relationen gelöst, noch -Ding sei.</p> - -<p>Umgekehrt: der anscheinende <em>objektive</em> Charakter der -Dinge: könnte er nicht bloß auf eine <em>Graddifferenz</em> innerhalb -des Subjektiven hinauslaufen? – daß etwa das Langsam-Wechselnde -uns als „objektiv“ dauernd, seiend, „an -sich“ sich herausstellte, – daß das Objektive nur ein falscher -Artbegriff und Gegensatz wäre <em>innerhalb</em> des Subjektiven?</p> - - -<h5>391.</h5> - -<p>Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an -sich“, eine „Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand -an sich“, sondern <em>ein Sinn muß immer erst hineingelegt -werden, damit es einen Tatbestand geben -kann</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[Pg 218]</a></span></p> - -<p>Das „was ist das?“ ist eine <em>Sinnsetzung</em> von etwas -anderem aus gesehen. Die „<em>Essenz</em>“, die „<em>Wesenheit</em>“ -ist etwas Perspektivisches und setzt eine Vielheit schon voraus. -Zugrunde liegt immer „was ist das für <em>mich</em>?“ (für -uns, für alles, was lebt usw.).</p> - -<p>Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen -ihr „was ist das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, -ein einziges Wesen, mit seinen eignen Relationen und -Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so ist das Ding immer -noch nicht „definiert“.</p> - -<p>Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine <em>Meinung</em> -über das „Ding“. Oder vielmehr: das „<em>es gilt</em>“ ist das -eigentliche „<em>es ist</em>“, das einzige „das ist“.</p> - -<p>Man darf nicht fragen: „<em>wer</em> interpretiert denn?“ sondern -das Interpretieren selbst, als eine Form des Willens -zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein „Sein“, sondern -als ein <em>Prozeß</em>, ein <em>Werden</em>) als ein Affekt.</p> - -<p>Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk -der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Empfindenden. -Der Begriff „Ding“ selbst ebenso als alle Eigenschaften. – -Selbst „das Subjekt“ ist ein solches Geschaffenes, ein -„Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die -<em>Kraft</em>, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, -im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, -Denken selbst. Also das <em>Vermögen</em> im Unterschiede von -allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Tun in Hinsicht -auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und die Wahrscheinlichkeit -ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.</p> - - -<h5>392.</h5> - -<p>Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich -auch den gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte -kein Recht mehr zu seiner Unterscheidung „<em>Erscheinung</em>“ -und „<em>Ding an sich</em>“, – er hatte sich selbst das Recht abgeschnitten, -noch fernerhin in dieser alten üblichen Weise zu -unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung -auf eine <em>Ursache</em> der Erscheinung als unerlaubt ablehnte –<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[Pg 219]</a></span> -gemäß seiner Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen -<em>rein intraphänomenaler</em> Gültigkeit: welche Fassung andrerseits -jene Unterscheidung schon vorwegnimmt, wie als ob -das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen, sondern <em>gegeben</em> -sei.</p> - - -<h5>393.</h5> - -<p>Es liegt auf der Hand, daß <em>weder</em> Dinge an sich miteinander -im Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen -können, <em>noch</em> Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergibt, -daß der Begriff „Ursache und Wirkung“ innerhalb -einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen -glaubt, <em>nicht anwendbar</em> ist. Die Fehler Kants –.... -Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, -psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die -immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt, – die -nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an „<em>Seelen</em>“ -(und <em>nicht</em> an Dinge). Innerhalb der mechanischen Weltbetrachtung -(welche Logik ist und deren Anwendung auf -Raum und Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische -Formel – mit der, wie man immer wieder unterstreichen -muß, niemals etwas begriffen, wohl aber etwas -bezeichnet, <em>verzeichnet</em> wird.</p> - - -<h5>394.</h5> - -<p>Gegen den <em>Wert</em> des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas -Naivität, Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten -und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen -am Bauch der Schlange <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vita</span> –</p> - - - - -<h3>III. Die Natur – ein Machtwille.</h3> - - -<h4>1. Die anorganische Natur.</h4> - - -<h5>395.</h5> - -<p>Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; -wir können durch nichts verhindern, bloße <em>Quantitätsdifferenzen</em> -als etwas von Quantität Grundverschiedenes -zu empfinden, nämlich als <em>Qualitäten</em>, die nicht mehr auf<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[Pg 220]</a></span>einander -reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das Wort -„Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt, -gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität: -während umgekehrt alle unsre Wertempfindungen (das heißt -eben unsre Empfindungen) gerade an den Qualitäten haften, -das heißt an unsren, nur uns allein zugehörigen perspektivischen -„Wahrheiten“, die schlechterdings nicht „erkannt“ -werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von uns -verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich -in einer anderen Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten -sind unsre eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu -verlangen, daß diese unsre menschlichen Auslegungen und -Werte allgemeine und vielleicht konstitutive Werte sind, gehört -zu den erblichen Verrücktheiten des menschlichen Stolzes.</p> - - -<h5>396.</h5> - -<p>Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, <em>Quantitäten</em> -festzustellen; aber wir können durch nichts hindern, diese -Quantitätsdifferenzen als <em>Qualitäten</em> zu empfinden. Die -Qualität ist eine <em>perspektivische</em> Wahrheit für <em>uns</em>; kein -„An sich“.</p> - -<p>Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, -innerhalb deren sie funktionieren, das heißt, wir empfinden -groß und klein im Verhältnis zu den Bedingungen unsrer -Existenz. Wenn wir unsre Sinne um das Zehnfache verschärften -oder verstumpften, würden wir zugrunde gehen: -– das heißt, wir empfinden auch <em>Größenverhältnisse</em> in -bezug auf unsre Existenzermöglichung als <em>Qualitäten</em>.</p> - - -<h5>397.</h5> - -<p>Von den <em>Weltauslegungen</em>, welche bisher versucht worden -sind, scheint heutzutage die <em>mechanistische</em> siegreich im -Vordergrund zu stehen. Ersichtlich hat sie das gute Gewissen -auf ihrer Seite; und keine Wissenschaft glaubt bei sich -selber an einen Fortschritt und Erfolg, es sei denn, wenn er -mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen ist. Jedermann -kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“ -und die „Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele,<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[Pg 221]</a></span> -man zeigt, daß bei gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden -kann; man verbirgt ein schadenfrohes Schmunzeln nicht, -wenn wieder einmal die „anscheinende Absichtlichkeit im -Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck und -Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen, -wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter -Ausdruck erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen -Dummheit. Inzwischen gibt sich gerade bei den ausgesuchten -Geistern, welche in dieser Beziehung stehen, ein Vorgefühl, -eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die Theorie ein -Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten Loche -werden könne: ich meine zu jenem, auf dem man pfeift, -wenn man in höchsten Nöten ist. Man kann Druck und -Stoß selber nicht „erklären“, man wird die <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">actio in distans</span> -nicht los: – man hat den Glauben an das Erklären-können -selber verloren und gibt mit sauertöpfischer Miene zu, daß -Beschreiben und nicht Erklären möglich ist, daß die dynamische -Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes“, -den Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker -Gewalt haben wird: wobei man freilich zur Dynamis noch -eine innere Qualität –</p> - - -<h5>398.</h5> - -<p>Der mechanistische Begriff der „<em>Bewegung</em>“ ist bereits -eine Übersetzung des Originalvorgangs in die <em>Zeichensprache -von Auge und Getast</em>.</p> - -<p>Der Begriff „<em>Atom</em>“, die Unterscheidung zwischen einem -„Sitz der treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine <em>Zeichensprache -aus unsrer logisch-psychischen Welt her</em>.</p> - -<p>Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel -zu verändern: es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße -Semiotik ist. Die Forderung einer <em>adäquaten Ausdrucksweise</em> -ist <em>unsinnig</em>: es liegt im Wesen einer Sprache, eines -Ausdrucksmittels, eine bloße <em>Relation</em> auszudrücken.... -Der Begriff „Wahrheit“ ist <em>widersinnig</em>. Das ganze -Reich von „wahr – falsch“ bezieht sich nur auf Relationen -zwischen Wesen, nicht auf das „An sich“.... Es gibt kein<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[Pg 222]</a></span> -„Wesen an sich“ (die <em>Relationen</em> konstituieren erst Wesen -–), so wenig es eine „Erkenntnis an sich“ geben kann.</p> - - -<h5>399.</h5> - -<p><em>Druck</em> und <em>Stoß</em> etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes, -Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das <em>zusammenhält</em> -und drücken und stoßen <em>kann</em>! Aber woher -hielte es zusammen?</p> - - -<h5>400.</h5> - -<p><em>Gegen</em> das physikalische <em>Atom</em>. – Um die Welt zu begreifen, -müssen wir sie berechnen können; um sie berechnen -zu können, müssen wir konstante Ursachen haben; weil wir -in der Wirklichkeit keine solchen konstanten Ursachen finden, -<em>erdichten</em> wir uns welche – die Atome. Dies ist die Herkunft -der Atomistik.</p> - -<p>Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles -Geschehens in Formeln – ist das wirklich ein „Begreifen“? -Was wäre wohl an einer Musik begriffen, wenn alles, was -an ihr berechenbar ist und in Formeln abgekürzt werden -kann, berechnet wäre? – Sodann die „konstanten Ursachen“, -Dinge, Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also; -<em>erdichtet</em> – was hat man erreicht?</p> - - -<h5>401.</h5> - -<p>„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne -ist eine vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns -ohne eine <em>Absicht</em> ein Anziehen nicht denken. – Den Willen, -sich einer Sache zu bemächtigen oder gegen ihre Macht -sich zu wehren und sie zurückzustoßen – <em>das</em> „verstehen“ -wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.</p> - -<p>Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben -an Kausalität liegt in der <em>Unvorstellbarkeit</em> eines <em>Geschehens -ohne Absichten</em>: womit natürlich über Wahrheit -oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen Glaubens) -nichts gesagt ist! Der Glaube an <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causae</span> fällt mit dem -Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[Pg 223]</a></span></p> - - -<h5>402.</h5> - -<p>Wir haben „Einheiten“ nötig, um <em>rechnen</em> zu können: -deshalb ist nicht anzunehmen, daß es solche Einheiten <em>gibt</em>. -Wir haben den Begriff der Einheit entlehnt von unserm -„Ich“-Begriff, – unserm ältesten Glaubensartikel. Wenn -wir uns nicht für Einheiten hielten, hätten wir nie den Begriff -„Ding“ gebildet. Jetzt, ziemlich spät, sind wir reichlich -davon überzeugt, daß unsre Konzeption des Ich-Begriffs -nichts für eine reale Einheit verbürgt. Wir haben also, um -die mechanistische Welt theoretisch aufrecht zu erhalten, immer -die Klausel zu machen, inwiefern wir sie mit zwei Fiktionen -durchführen: dem Begriff der <em>Bewegung</em> (aus -unsrer Sinnensprache genommen) und dem Begriff des -<em>Atoms</em> (= Einheit, aus unsrer psychischen „Erfahrung“ -herstammend): – sie hat ein <em>Sinnenvorurteil</em> und ein -<em>psychologisches Vorurteil</em> zu ihrer Voraussetzung.</p> - -<p>Die Mechanik formuliert Folgeerscheinungen, noch dazu -semiotisch, in sinnlichen und psychologischen Ausdrucksmitteln -(daß alle Wirkung <em>Bewegung</em> ist; daß, wo Bewegung -ist, <em>etwas</em> bewegt wird): sie berührt die ursächliche Kraft -nicht.</p> - -<p>Die <em>mechanistische</em> Welt ist so imaginiert, wie das Auge -und das Getast sich allein eine Welt vorstellen (als „bewegt“), -– so, daß sie berechnet werden kann, – daß -ursächliche Einheiten fingiert sind, „Dinge“ (Atome), deren -Wirkung konstant bleibt (– Übertragung des falschen Subjektsbegriffs -auf den Atombegriff).</p> - -<p><em>Phänomenal</em> ist also: die Einmischung des Zahlbegriffs, -des Dingbegriffs (Subjektbegriffs), des Tätigkeitsbegriffs -(Trennung von Ursachesein und Wirken), des Bewegungsbegriffs -(Auge und Getast): wir haben unser <em>Auge</em>, unsre -<em>Psychologie</em> immer noch darin.</p> - -<p>Eliminieren wir diese Zutaten, so bleiben keine Dinge -übrig, sondern dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis -zu allen andern dynamischen Quanten: deren -Wesen in ihrem Verhältnis zu allen andern Quanten besteht, -in ihrem „Wirken“ auf dieselben. Der Wille zur<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[Pg 224]</a></span> -Macht nicht ein Sein, nicht ein Werden, sondern ein <em>Pathos</em> -– ist die elementarste Tatsache, aus der sich erst ein -Werden, ein Wirken ergibt....</p> - - -<h5>403.</h5> - -<p>Der siegreiche Begriff „<em>Kraft</em>“, mit dem unsere Physiker -Gott und die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer -Ergänzung: es muß ihm ein innerer Wille zugesprochen -werden, welchen ich bezeichne als „<em>Willen zur Macht</em>“, -das heißt als unersättliches Verlangen nach Bezeigung der -Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als schöpferischen -Trieb usw. Die Physiker werden die „Wirkung -in die Ferne“ aus ihren Prinzipien nicht los; ebensowenig -eine abstoßende Kraft (oder anziehende). Es hilft nichts: -man muß alle Bewegungen, alle „Erscheinungen“, alle -„Gesetze“ nur als <em>Symptome</em> eines <em>innerlichen</em> Geschehens -fassen und sich der Analogie des Menschen zu diesem -Ende bedienen. Am Tier ist es möglich, aus dem Willen -zur Macht alle seine Triebe abzuleiten; ebenso alle Funktionen -des organischen Lebens aus dieser einen Quelle.</p> - - -<h5>404.</h5> - -<p>Unsre Erkenntnis ist in dem Maße wissenschaftlich geworden, -als sie Zahl und Maß anwenden kann. Der Versuch -wäre zu machen, ob nicht eine wissenschaftliche Ordnung -der Werte einfach auf einer <em>Zahl-</em> und <em>Maßskala -der Kraft</em> aufzubauen wäre.... Alle sonstigen „Werte“ -sind Vorurteile, Naivitäten, Mißverständnisse. – Sie sind -überall <em>reduzierbar</em> auf jene Zahl- und Maßskala der -Kraft. Das <em>Aufwärts</em> in dieser Skala bedeutet jedes -<em>Wachsen an Wert</em>: das Abwärts in dieser Skala bedeutet -<em>Verminderung des Wertes</em>.</p> - -<p>Hier hat man den Schein und das Vorurteil wider sich. -(Die Moralwerte sind ja nur <em>Scheinwerte</em>, verglichen mit -den <em>physiologischen</em>.)</p> - - -<h5>405.</h5> - -<p>„Die <em>Kraftempfindung</em> kann nicht aus Bewegung hervorgehen: -Empfindung überhaupt kann nicht aus Bewegung -hervorgehen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[Pg 225]</a></span></p> - -<p>„Auch dafür spricht nur eine scheinbare Erfahrung: in -einer Substanz (Gehirn) wird durch übertragene Bewegung -(Reize) Empfindung erzeugt. Aber erzeugt? Wäre denn -bewiesen, daß die Empfindung dort noch gar nicht existiert? -so daß ihr Auftreten als <em>Schöpfungsakt</em> der eingetretenen -Bewegung aufgefaßt werden <em>müßte</em>? Der empfindungslose -Zustand dieser Substanz ist nur eine Hypothese! keine -Erfahrung! – Empfindung also <em>Eigenschaft</em> der Substanz: -es gibt empfindende Substanzen.“</p> - -<p>„Erfahren wir von gewissen Substanzen, daß sie Empfindung -<em>nicht</em> haben? Nein, wir erfahren nur nicht, <em>daß</em> sie -welche haben. Es ist unmöglich, die Empfindung aus der -nicht empfindenden Substanz abzuleiten.“ – <em>O der Übereilung!</em></p> - - -<h5>406.</h5> - -<p>Ist jemals schon eine <em>Kraft</em> konstatiert? Nein, sondern -<em>Wirkungen</em>, übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das -Regelmäßige im Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, -daß wir uns <em>über das Wunderliche daran nicht wundern</em>.</p> - - -<h5>407.</h5> - -<p>Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können, ist ein -leeres Wort und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft -haben: wie die sogenannte rein mechanische Anziehungs- -und Abstoßungskraft, welche uns die Welt <em>vorstellbar -machen will</em>, nichts weiter!</p> - - -<h5>408.</h5> - -<p>Illusion, daß etwas <em>erkannt</em> sei, wo wir eine mathematische -Formel für das Geschehene haben: es ist nur <em>bezeichnet, -beschrieben</em>: nichts mehr!</p> - - -<h5>409.</h5> - -<p>Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine <em>Formel</em> -bringe, so habe ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens -erleichtert, abgekürzt usw. Aber ich habe kein „Gesetz“ -konstatiert, sondern die Frage aufgestellt, woher es -kommt, daß hier etwas sich wiederholt: es ist eine Vermu<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[Pg 226]</a></span>tung, -daß der Formel ein Komplex von zunächst unbekannten -Kräften und Kraftauslösungen entspricht: es ist Mythologie, -zu denken, daß hier Kräfte einem Gesetz gehorchen, so -daß infolge ihres Gehorsams wir jedesmal das gleiche Phänomen -haben.</p> - - -<h5>410.</h5> - -<p>Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen -beweist kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältnis zwischen -zwei oder mehreren Kräften. Zu sagen, „aber gerade -dies Verhältnis bleibt sich gleich!“ heißt nichts anderes als: -„ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine andere Kraft -sein.“ – Es handelt sich nicht um ein <em>Nacheinander</em>, – -sondern um ein <em>Ineinander</em>, einen Prozeß, in dem die -einzelnen sich folgenden Momente <em>nicht</em> als Ursachen und -Wirkungen sich bedingen....</p> - -<p>Die Trennung des „Tuns“ vom „Tuenden“, des Geschehens -von einem, der geschehen <em>macht</em>, des Prozesses -von einem etwas, das nicht Prozeß, sondern dauernd, <em>Substanz</em>, -Ding, Körper, Seele usw. ist, – der Versuch, das -Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und Stellungswechsel -von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte -Mythologie hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“ -festgestellt, nachdem er in den sprachlich-grammatischen -Funktionen eine feste Form gefunden hatte.</p> - - -<h5>411.</h5> - -<p><em>Kritik des Mechanismus.</em> – Entfernen wir hier die -zwei populären Begriffe „Notwendigkeit“ und „Gesetz“: -das erste legt einen falschen Zwang, das zweite eine falsche -Freiheit in die Welt. „Die Dinge“ betragen sich nicht regelmäßig, -nicht nach einer <em>Regel</em>: es gibt keine Dinge (– das -ist unsre Fiktion); sie betragen sich ebensowenig unter einem -Zwang von Notwendigkeit. Hier wird nicht gehorcht: denn -<em>daß etwas so ist, wie es ist</em>, so stark, so schwach, das ist -nicht die Folge eines Gehorchens oder einer Regel oder eines -Zwanges....</p> - -<p>Der Grad von Widerstand und der Grad von Übermacht -<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[Pg 227]</a></span>– darum handelt es sich bei allem Geschehen: wenn <em>wir</em>, -zu unserm Handgebrauch der Berechnung, das in Formeln -und „Gesetzen“ auszudrücken wissen, um so besser für uns! -Aber wir haben damit keine „Moralität“ in die Welt gelegt, -daß wir sie als gehorsam fingieren –</p> - -<p>Es gibt kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick -ihre letzte Konsequenz. Gerade, daß es kein Anderskönnen -gibt, darauf beruht die Berechenbarkeit.</p> - -<p>Ein Machtquantum ist durch die Wirkung, die es übt, -und die, der es widersteht, bezeichnet. Es fehlt die Adiaphorie: -die an sich denkbar wäre. Es ist essentiell ein Wille -zur Vergewaltigung und sich gegen Vergewaltigung zu -wehren. Nicht Selbsterhaltung: jedes Atom wirkt in das -ganze Sein hinaus, – es ist weggedacht, wenn man diese -Strahlung von Machtwillen wegdenkt. Deshalb nenne ich -es ein Quantum „<em>Wille zur Macht</em>“: damit ist der Charakter -ausgedrückt, der aus der mechanischen Ordnung nicht -weggedacht werden kann, ohne sie selbst wegzudenken.</p> - -<p>Eine Übersetzung dieser Welt von Wirkung in eine <em>sichtbare</em> -Welt – eine Welt fürs Auge – ist der Begriff -„Bewegung“. Hier ist immer subintelligiert, daß <em>etwas</em> -bewegt wird, – hierbei wird, sei es nun in der Fiktion -eines Klümpchenatoms oder selbst von dessen Abstraktion, -dem dynamischen Atom, immer noch ein Ding gedacht, -welches wirkt, – das heißt, wir sind aus der Gewohnheit -nicht herausgetreten, zu der uns Sinne und Sprache verleiten. -Subjekt, Objekt, ein Täter zum Tun, das Tun und -das, was es tut, gesondert: vergessen wir nicht, daß dies -eine bloße Semiotik und nichts Reales bezeichnet. Die Mechanik -als eine Lehre der <em>Bewegung</em> ist bereits eine Übersetzung -in die Sinnensprache des Menschen.</p> - - -<h5>412.</h5> - -<p>Die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein -bildlicher Ausdruck, <em>wie als ob</em> hier eine Regel befolgt -werde, kein Tatbestand. Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir -finden eine Formel, um eine immer wiederkehrende Art der<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[Pg 228]</a></span> -Folge auszudrücken: damit haben wir <em>kein „Gesetz“ entdeckt</em>, -noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur -Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und so -geschieht, wird hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge -eines Gehorsams gegen ein Gesetz oder einen Gesetzgeber -immer so und so handelte: während es, abgesehen vom -„Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber gerade -jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst -stammen, das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so -und so verhielte, sondern als so und so beschaffen. Es heißt -nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann nicht -bald dies, bald anderes tun, ist weder frei noch unfrei, sondern -eben so und so. <em>Der Fehler steckt in der Hineindichtung -eines Subjekts.</em></p> - - -<h5>413.</h5> - -<p>Zwei aufeinanderfolgende Zustände, der <em>eine</em> „Ursache“, -der andere „Wirkung“ – : ist falsch. Der erste Zustand -hat nichts zu bewirken, den zweiten hat nichts bewirkt.</p> - -<p>Es handelt sich um einen Kampf zweier an Macht ungleichen -Elemente: es wird ein Neuarrangement der Kräfte -erreicht, je nach dem Maß von Macht eines jeden. Der -zweite Zustand ist etwas Grundverschiedenes vom ersten -(<em>nicht</em> dessen Wirkung): das Wesentliche ist, daß die im -Kampf befindlichen Faktoren mit anderen Machtquanten -herauskommen.</p> - - -<h5>414.</h5> - -<p>Ich hüte mich, von chemischen „<em>Gesetzen</em>“ zu sprechen: -das hat einen moralischen Beigeschmack. Es handelt sich -vielmehr um eine absolute Feststellung von Machtverhältnissen: -das Stärkere wird über das Schwächere Herr, soweit -dies eben seinen Grad von Selbständigkeit nicht durchsetzen -kann, – hier gibt es kein Erbarmen, keine Schonung, -noch weniger eine Achtung vor „Gesetzen“!</p> - - -<h5>415.</h5> - -<p>Es gibt nichts <em>Unveränderliches</em> in der Chemie: das -ist nur Schein, ein bloßes Schulvorurteil. Wir haben das<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[Pg 229]</a></span> -Unveränderliche <em>eingeschleppt</em>, immer noch aus der Metaphysik, -meine Herren Physiker. Es ist ganz naiv von der -Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der Diamant, der -Graphit und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil -man keinen Substanzverlust durch die Wage konstatieren -kann! Nun gut, damit haben sie noch etwas gemein; aber -die Molekülarbeit bei der Verwandlung, die wir nicht sehen -und wägen können, macht eben aus dem einen Stoff etwas -andres, – mit spezifisch anderen Eigenschaften.</p> - - -<h5>416.</h5> - -<p>Das „Sein“ – wir haben keine andere Vorstellung davon -als „<em>leben</em>“. – Wie kann also etwas Totes „sein“?</p> - - -<h4>2. Die organische Natur.</h4> - - -<h5>417.</h5> - -<p>Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen -Ernährungsvorgang, heißen wir „<em>Leben</em>“. Zu diesem -Ernährungsvorgang, als Mittel seiner Ermöglichung, -gehört alles sogenannte Fühlen, Vorstellen, Denken, das -heißt 1. ein Widerstreben gegen alle anderen Kräfte; 2. ein -Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3. ein -Abschätzen in bezug auf Einverleibung oder Abscheidung.</p> - - -<h5>418.</h5> - -<p>Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß -in der abstoßenden Kraft liegen, welche jedes Kraftatom -ausübt. „Leben“ wäre zu definieren als eine dauernde Form -von <em>Prozessen</em> der <em>Kraftfeststellungen</em>, wo die verschiedenen -Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. Inwiefern -auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die -Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen -ein Zugestehen, daß die absolute Macht des Gegners -nicht besiegt ist, nicht einverleibt, aufgelöst. „Gehorchen“ -und „Befehlen“ sind Formen des Kampfspiels.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[Pg 230]</a></span></p> - - -<h5>419.</h5> - -<p>Bei der Entstehung der Organismen denkt sich der Mensch -<em>zugegen</em>: was ist bei diesem Vorgange mit Augen und -Getast wahrzunehmen gewesen? Was ist in Zahlen zu bringen? -Welche Regeln zeigen sich in den Bewegungen? Also: -der Mensch will alles Geschehen sich als ein <em>Geschehen für -Auge und Getast</em> zurechtlegen, folglich als Bewegungen: -er will <em>Formeln</em> finden, die ungeheure Masse dieser Erfahrungen -zu <em>vereinfachen</em>. <em>Reduktion alles Geschehens</em> -auf den Sinnenmenschen und Mathematiker. Es handelt sich -um ein <em>Inventarium der menschlichen Erfahrungen</em>: -gesetzt, daß der Mensch, oder vielmehr das <em>menschliche -Auge und Begriffsvermögen</em>, der ewige Zeuge aller -Dinge gewesen sei.</p> - - -<h5>420.</h5> - -<p>Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen -muß, – daß es seine Macht erweitern und folglich fremde -Kräfte in sich hineinnehmen muß. Man redet, unter der -Benebelung durch die Moralnarkose, von einem Recht des -Individuums, sich zu <em>verteidigen</em>; im gleichen Sinne -dürfte man auch von seinem Rechte <em>anzugreifen</em> reden: -denn <em>beides</em> – und das Zweite noch mehr als das Erste – -sind Nezessitäten für jedes Lebendige: – der aggressive und -der defensive Egoismus sind nicht Sache der Wahl oder -gar des „freien Willens“, sondern die <em>Fatalität</em> des Lebens -selbst.</p> - -<p>Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen -lebendigen Körper, eine aufwärtsstrebende „Gesellschaft“ -ins Auge faßt. Das Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche -Selbstverteidigung) ist im Grunde nur durch einen -Mißbrauch zum Worte „Recht“ gelangt: ein Recht wird -durch Verträge erworben, – aber das Sich-wehren und -Sich-verteidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags. -Wenigstens dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein -Eroberungsbedürfnis, sein Machtgelüst, sei es mit Waffen, -sei es durch Handel, Verkehr und Kolonisation, als Recht -bezeichnen, – Wachstumsrecht etwa. Eine Gesellschaft, die,<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[Pg 231]</a></span> -endgültig und ihrem <em>Instinkt</em> nach, den Krieg und die Eroberung -abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie -und Krämerregiment.... In den meisten Fällen freilich -sind die Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel.</p> - - -<h5>421.</h5> - -<p>Die Physiologen sollten sich besinnen, den „<em>Erhaltungstrieb</em>“ -als einen kardinalen Trieb eines organischen Wesens -anzusetzen. Vor allem will etwas Lebendiges seine Kraft -<em>auslassen</em>: die „Erhaltung“ ist nur eine der Konsequenzen -davon. – Vorsicht vor <em>überflüssigen</em> teleologischen -Prinzipien! Und dahin gehört der ganze Begriff „Erhaltungstrieb“.</p> - - -<h5>422.</h5> - -<p>„Der Wert des Lebens.“ – Das Leben ist ein Einzelfall; -man muß <em>alles</em> Dasein rechtfertigen und <em>nicht</em> nur -das Leben, – das rechtfertigende Prinzip ist ein solches, aus -dem sich das Leben erklärt.</p> - -<p>Das Leben ist nur <em>Mittel</em> zu etwas: es ist der Ausdruck -von Wachstumsformen der Macht.</p> - - -<h5>423.</h5> - -<p>Man kann die unterste und ursprünglichste Tätigkeit im -Protoplasma nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung -ableiten, denn es nimmt auf eine unsinnige Art mehr in -sich hinein, als die Erhaltung bedingen würde: und vor -allem, es „erhält sich“ damit nicht, sondern <em>zerfällt</em>.... -Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses Sich-<em>nicht</em>-erhalten-wollen -zu erklären: „Hunger“ ist schon eine Ausdeutung -nach ungleich komplizierteren Organismen (– -Hunger ist eine spezialisierte und spätere Form des Triebes, -ein Ausdruck der Arbeitsteilung, im Dienst eines darüber -waltenden höheren Triebes).</p> - - -<h5>424.</h5> - -<p>Die Teilung eines Protoplasmas in zwei tritt ein, wenn -die Macht nicht mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu -bewältigen: Zeugung ist Folge einer Ohnmacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[Pg 232]</a></span></p> - -<p>Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen -und in ihnen aufgehen, ist Zeugung die Folge eines Hungers.</p> - - -<h5>425.</h5> - -<p>Spott über den falschen „<em>Altruismus</em>“ bei den Biologen: -die Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als -Abwerfen des Ballastes, als purer Vorteil. Die Ausstoßung -der unbrauchbaren Stoffe.</p> - - -<h5>426.</h5> - -<p>„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie – das -heißt: im Kampf mit anderen sich als begünstigend erweisend. -Aber mir scheint schon das <em>Mehrgefühl</em>, das Gefühl -des <em>Stärkerwerdens</em>, ganz abgesehen vom Nutzen -im Kampf, der eigentliche <em>Fortschritt</em>: aus diesem Gefühle -entspringt erst der Wille zum Kampf, –</p> - - -<h5>427.</h5> - -<p>„Nützlich“ in bezug auf die Beschleunigung des Tempos -der Entwicklung ist ein anderes „Nützlich“ als das in bezug -auf möglichste Feststellung und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.</p> - - -<h5>428.</h5> - -<p><em>Gegen den Darwinismus.</em> – Der Nutzen eines Organs -erklärt <em>nicht</em> seine Entstehung, im Gegenteil! Die -längste Zeit, während deren eine Eigenschaft sich bildet, erhält -sie das Individuum nicht und nützt ihm nicht, am wenigsten -im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.</p> - -<p>Was ist zuletzt „nützlich“? Man muß fragen „in bezug -<em>worauf</em> nützlich?“ Zum Beispiel was der <em>Dauer</em> des Individuums -nützt, könnte seiner Stärke und Pracht ungünstig -sein; was das Individuum erhält, könnte es zugleich -festhalten und stillstellen in der Entwicklung. Andererseits -kann ein <em>Mangel</em>, eine <em>Entartung</em> vom höchsten Nutzen -sein, insofern sie als Stimulans anderer Organe wirkt. -Ebenso kann eine <em>Notlage</em> Existenzbedingung sein, insofern -sie ein Individuum auf das Maß herunterschraubt, bei dem -es <em>zusammenhält</em> und sich nicht vergeudet. – Das Individuum -selbst als Kampf der Teile (um Nahrung, Raum<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[Pg 233]</a></span> -usw.): seine Entwicklung geknüpft an ein <em>Siegen</em>, <em>Vorherrschen</em> -einzelner Teile, an ein <em>Verkümmern</em>, „Organwerden“ -anderer Teile.</p> - -<p>Der Einfluß der „äußeren Umstände“ ist bei Darwin ins -Unsinnige <em>überschätzt</em>: das Wesentliche am Lebensprozeß -ist gerade die ungeheure gestaltende, von innen her formenschaffende -Gewalt, welche die „äußeren Umstände“ <em>ausnützt, -ausbeutet</em>.... Die von innen her gebildeten <em>neuen</em> -Formen sind <em>nicht</em> auf einen Zweck hin geformt; aber im -Kampf der Teile wird eine neue Form nicht lange <em>ohne</em> Beziehung -zu einem partiellen Nutzen stehen und dann, dem -<em>Gebrauche</em> nach, sich immer vollkommener ausgestalten.</p> - - -<h5>429.</h5> - -<p><em>Anti-Darwin.</em> – Was mich beim Überblick über die -großen Schicksale des Menschen am meisten überrascht, ist, -immer das Gegenteil vor Augen zu sehen von dem, was -heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen <em>will</em>: die -Selektion zugunsten der Stärkeren, Besserweggekommenen, -den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegenteil greift -sich mit Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die -Unnützlichkeit der höher geratenen Typen, das unvermeidliche -Herrwerden der mittleren, selbst der <em>unter-mittleren</em> -Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den Grund aufzeigt, -warum der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen -ist, neige ich zum Vorurteil, daß die Schule Darwins -sich überall getäuscht hat. Jener Wille zur Macht, in dem -ich den letzten Grund und Charakter aller Veränderung wiedererkenne, -gibt uns das Mittel an die Hand, warum gerade -die Selektion zugunsten der Ausnahmen und Glücksfälle -nicht statthat: die Stärksten und Glücklichsten sind -schwach, wenn sie organisierte Herdeninstinkte, wenn sie -die Furchtsamkeit der Schwachen, die Überzahl gegen sich -haben. Mein Gesamtaspekt der Welt der Werte zeigt, daß -in den obersten Werten, die über der Menschheit heute aufgehängt -sind, nicht die Glücksfälle, die Selektionstypen, die -Oberhand haben: vielmehr die Typen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, –<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[Pg 234]</a></span> -vielleicht gibt es nichts Interessanteres in der Welt als dieses -<em>unerwünschte</em> Schauspiel....</p> - -<p>So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu -beweisen gegen die Schwachen; die Glücklichen gegen die -Mißglückten; die Gesunden gegen die Verkommenden und -Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur <em>Moral</em> formulieren, -so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr -wert als die Ausnahmen; die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Gebilde mehr als -die Mittleren; der Wille zum Nichts hat die Oberhand über -den Willen zum Leben – und das Gesamtziel ist, nun, -christlich, buddhistisch, schopenhauerisch ausgedrückt: „besser -<em>nicht</em> sein, als sein“.</p> - -<p>Gegen die Formulierung der Realität zur Moral <em>empöre</em> -ich mich: deshalb perhorresziere ich das Christentum mit -einem tödlichen Haß, weil es die sublimen Worte und Gebärden -schuf, um einer schauderhaften Wirklichkeit den Mantel -des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu geben....</p> - -<p>Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf -den Knien vor der Realität vom <em>umgekehrten</em> Kampf -ums Dasein, als ihn die Schule Darwins lehrt, – nämlich -ich sehe überall die obenauf, die übrigbleibend, die das Leben, -den Wert des Lebens kompromittieren. – Der Irrtum der -Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man -blind sein, um gerade <em>hier</em> falsch zu sehen?</p> - -<p>Daß die <em>Gattungen</em> einen Fortschritt darstellen, ist die -unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen -sie ein <em>Niveau</em> dar. Daß die höheren Organismen aus -den niederen sich entwickelt hätten, ist durch keinen Fall bisher -bezeugt. Ich sehe, daß die niederen durch die Menge, -durch die Klugheit, durch die List im Übergewicht sind, – -ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung einen Vorteil -abgibt, zum mindesten nicht für eine so lange Zeit: diese -wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären, warum eine zufällige -Veränderung derartig stark geworden ist.</p> - -<p>Ich finde die „Grausamkeit der Natur“, von der man -so viel redet, an einer andern Stelle: sie ist grausam gegen<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[Pg 235]</a></span> -ihre Glückskinder, sie schont und schützt und liebt <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les -humbles</span>.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: das Wachstum der <em>Macht</em> einer Gattung ist -durch die Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken -vielleicht weniger garantiert als durch die Präponderanz -der mittleren und niederen Typen.... In letzteren ist die -große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit ersteren wächst die Gefahr, -die rasche Verwüstung, die schnelle Zahlverminderung.</p> - - -<h5>430.</h5> - -<p><em>Anti-Darwin.</em> – Die <em>Domestikation des Menschen</em>: -welchen definitiven Wert kann sie haben? oder hat -überhaupt eine Domestikation einen definitiven Wert? – -Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.</p> - -<p>Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns -zum Gegenteil zu überreden: sie will, daß die <em>Wirkung der -Domestikation</em> tief, ja fundamental werden kann. Einstweilen -halten wir am Alten fest: es hat sich nichts bisher bewiesen, -als eine ganz oberflächliche Wirkung durch Domestikation -– oder aber die Degenereszenz. Und alles, was der -menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort -wieder in seinen Naturzustand zurück. Der Typus bleibt -konstant: man kann nicht „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">dénaturer la nature</span>“.</p> - -<p>Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod -der schwächlichen Wesen und das Überleben der Robustesten -und Bestbegabten; folglich imaginiert man ein <em>beständiges -Wachstum der Vollkommenheit für die Wesen</em>. Wir -haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um das -Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient wie den Starken; -daß die List die Kraft oft mit Vorteil sich suppliert; -daß die <em>Fruchtbarkeit</em> der Gattungen in einem merkwürdigen -Rapport zu den <em>Chancen der Zerstörung</em> steht....</p> - -<p>Man teilt der <em>natürlichen Selektion</em> zugleich langsame -und unendliche Metamorphosen zu: man will glauben, -daß jeder Vorteil sich vererbt und sich in abfolgenden -Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während die Erblichkeit -so kapriziös ist....); man betrachtet die glücklichen -Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedin<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[Pg 236]</a></span>gungen, -und man erklärt, daß sie durch den <em>Einfluß des -Milieus</em> erlangt seien.</p> - -<p>Man findet aber Beispiele <em>der unbewußten Selektion</em> -nirgendswo (ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen -einigen sich, die extremen mischen sich in die Masse. -Alles konkurriert, seinen Typus aufrechtzuerhalten; Wesen, -die äußere Zeichen haben, die sie gegen gewisse Gefahren -schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter Umstände -kommen, wo sie ohne Gefahr leben.... Wenn sie Orte bewohnen, -wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern -sie sich keineswegs dem Milieu an.</p> - -<p>Man hat die <em>Auslese der Schönsten</em> in einer Weise -übertrieben, wie sie weit über den Schönheitstrieb unsrer -eignen Rasse hinausgeht! Tatsächlich paart sich das Schönste -mit sehr enterbten Kreaturen, das Größte mit dem Kleinsten. -Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen von -jeder zufälligen Begegnung profitieren und sich ganz und -gar nicht wählerisch zeigen. – Modifikation durch Klima -und Nahrung: – aber in Wahrheit absolut gleichgültig.</p> - -<p>Es gibt keine <em>Übergangsformen</em>. –</p> - -<p>Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. -Es fehlt jedes Fundament. Jeder Typus hat seine <em>Grenze</em>: -über diese hinaus gibt es keine Entwicklung. Bis dahin absolute -Regelmäßigkeit.</p> - -<p><em>Meine Gesamtansicht.</em> – <em>Erster Satz</em>: der Mensch -als Gattung ist <em>nicht</em> im Fortschritt. Höhere Typen werden -wohl erreicht, aber sie halten sich nicht. Das Niveau der -Gattung wird <em>nicht</em> gehoben.</p> - -<p><em>Zweiter Satz</em>: der Mensch als Gattung stellt keinen -Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem andern Tier dar. -Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht -vom Niederen zum Höheren.... Sondern alles zugleich -und übereinander und durcheinander und gegeneinander. -Die reichsten und komplexesten Formen – denn mehr besagt -das Wort „höherer Typus“ nicht – gehen leichter zugrunde: -nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unver<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[Pg 237]</a></span>gänglichkeit -fest. Erstere werden selten erreicht und halten -sich mit Not oben: letztere haben eine kompromittierende -Fruchtbarkeit für sich. – Auch in der Menschheit gehen -unter wechselnder Gunst und Ungunst die <em>höheren Typen</em>, -die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zugrunde. -Sie sind jeder Art von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> ausgesetzt: sie sind extrem, -und damit selbst beinahe schon <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span>.... Die -kurze Dauer der Schönheit, des Genies, des Cäsar ist <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sui -generis</span>: dergleichen vererbt sich nicht. Der <em>Typus</em> vererbt -sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein „Glücksfall“.... -Das liegt an keinem besonderen Verhängnis und „bösen -Willen“ der Natur, sondern einfach am Begriff „höherer -Typus“: der höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere -Komplexität, – eine größere Summe koordinierter Elemente -dar: damit wird auch die Disgregation unvergleichlich -wahrscheinlicher. Das „Genie“ ist die sublimste Maschine, -die es gibt, – folglich die zerbrechlichste.</p> - -<p><em>Dritter Satz</em>: die Domestikation (die „Kultur“) des -Menschen geht nicht tief.... Wo sie tief geht, ist sie sofort -die Degenereszenz (Typus: der Christ). Der „wilde“ Mensch -(oder, moralisch ausgedrückt: der <em>böse</em> Mensch) ist eine -Rückkehr zur Natur – und, in gewissem Sinne, seine Wiederherstellung, -seine <em>Heilung</em> von der „Kultur“....</p> - - -<h5>431.</h5> - -<p><em>Grundirrtümer</em> der bisherigen Biologen: es handelt -sich <em>nicht</em> um die Gattung, sondern um <em>stärker auszuwirkende</em> -Individuen. (Die vielen sind nur Mittel.)</p> - -<p>Das Leben ist <em>nicht</em> Anpassung innerer Bedingungen an -äußere, sondern Wille zur Macht, der von innen her immer -mehr „Äußeres“ sich unterwirft und einverleibt.</p> - -<p>Diese Biologen <em>setzen</em> die moralischen Wertschätzungen -<em>fort</em> (– der „an sich höhere Wert des Altruismus“, die -Feindschaft gegen die Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen -die Unnützlichkeit, gegen die Rang- und Ständeordnung).</p> - - -<h5>432.</h5> - -<p>Die <em>Individuation</em>, vom Standpunkt der Abstammungstheorie -beurteilt, zeigt das beständige Zerfallen von<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[Pg 238]</a></span> -eins in zwei und das ebenso beständige Vergehen der Individuen -<em>auf den Gewinn von wenig</em> Individuen, die die -Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt jedesmal -ab („der Leib“).</p> - -<p>Das Grundphänomen: <em>unzählige Individuen geopfert -um weniger willen</em>: als deren Ermöglichung. – -Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz so steht es mit -den <em>Völkern</em> und <em>Rassen</em>: sie bilden den „Leib“ zur Erzeugung -von einzelnen <em>wertvollen Individuen</em>, die den -großen Prozeß fortsetzen.</p> - - -<h5>433.</h5> - -<p>Mit der moralischen Herabwürdigung des <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> geht auch -noch, in der Naturwissenschaft, eine Überschätzung der <em>Gattung</em> -Hand in Hand. Aber die Gattung ist etwas ebenso -Illusorisches wie das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>: man hat eine falsche Distinktion -gemacht. Das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> ist hundertmal <em>mehr</em> als bloß eine Einheit -in der Kette von Gliedern; es ist die <em>Kette selbst</em>, -ganz und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion -aus der Vielheit dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. -Daß, wie so oft behauptet worden ist, das Individuum -der Gattung <em>geopfert</em> wird, ist durchaus kein Tatbestand: -vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften Interpretation.</p> - - -<h5>434.</h5> - -<p>Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vorteil -der <em>Gattung</em>, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, -auf Unkosten des eigenen Vorteils: das ist nur <em>Schein</em>.</p> - -<p>Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den -<em>geschlechtlichen Instinkt</em> nimmt, ist nicht eine <em>Folge</em> von -dessen Wichtigkeit für die Gattung, sondern das Zeugen ist -die eigentliche Leistung des Individuums und sein höchstes -Interesse folglich, <em>seine höchste Machtäußerung</em> (natürlich -nicht vom Bewußtsein aus beurteilt, sondern von dem -Zentrum der ganzen Individuation).</p> - - -<h5>435.</h5> - -<p>Der Gesichtspunkt des „Werts“ ist der Gesichtspunkt von -<em>Erhaltungs-, Steigerungsbedingungen</em> in Hinsicht<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[Pg 239]</a></span> -auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb -des Werdens.</p> - -<p>Es gibt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, -keine Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns -<em>hineingelegt</em> (aus praktischen, nützlichen, perspektivischen -Gründen).</p> - -<p>„<em>Herrschaftsgebilde</em>“; die Sphäre des Beherrschenden -fortwährend wachsend oder unter der Gunst und Ungunst -der Umstände (der Ernährung –) periodisch abnehmend, -zunehmend.</p> - -<p>„Wert“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen -oder Abnehmen dieser herrschaftlichen Zentren -(„Vielheiten“ jedenfalls; aber die „Einheit“ ist in der Natur -des Werdens gar nicht vorhanden).</p> - -<p>Die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um -das „Werden“ auszudrücken: es gehört zu unserm <em>unablöslichen -Bedürfnis der Erhaltung</em>, beständig eine gröbere -Welt von Bleibendem, von „Dingen“ usw. zu setzen. -Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und -gewiß ist, daß die <em>kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste -ist</em>.... Es gibt keinen Willen: es gibt Willenspunktationen, -die beständig ihre Macht mehren oder verlieren.</p> - - -<h4>3. Der Mensch als Naturwesen.</h4> - - -<h5>436.<br /> -<span class="normal3 gesperrt">Der Mensch.</span></h5> - -<p>Am <em>Leitfaden des Leibes</em>. – Gesetzt, daß die -„<em>Seele</em>“ ein anziehender und geheimnisvoller Gedanke war, -von dem sich die Philosophen mit Recht nur widerstrebend -getrennt haben – vielleicht ist das, was sie nunmehr dagegen -einzutauschen lernen, noch anziehender, noch geheimnisvoller. -Der menschliche <em>Leib</em>, an dem die ganze fernste -und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens wieder -lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den -hinweg und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[Pg 240]</a></span> -fließen scheint: der Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als -die alte „Seele“. Es ist zu allen Zeiten besser an den Leib -als an unseren eigentlichsten Besitz, unser gewissestes Sein, -kurz, unser <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> geglaubt worden als an den Geist (oder die -„Seele“ oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt statt -Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen -als einen fremden, etwa einen göttlichen Magen zu verstehen: -aber seine Gedanken als „eingegeben“, seine Wertschätzungen -als „von einem Gott eingeblasen“, seine Instinkte -als Tätigkeit im Dämmern zu fassen – für diesen -Hang und Geschmack des Menschen gibt es aus allen Altern -der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter -Künstlern, eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen -der Entscheidung reichlich vorzufinden, wenn sich -ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen der beste Wurf gelungen -und aus welcher Welt ihnen der schöpferische Gedanke -gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen, -etwas wie Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen -es kaum zu sagen, „das kam von mir, das war meine Hand, -die die Würfel warf“. – Umgekehrt haben selbst jene Philosophen -und Religiösen, welche den zwingendsten Grund in -ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als Täuschung -(und zwar als überwundene und abgetane Täuschung) -zu nehmen, nicht umhin gekonnt, die dumme Tatsächlichkeit -anzuerkennen, daß der Leib nicht davon gegangen ist: -worüber die seltsamsten Zeugnisse teils bei Paulus, teils -in der Vedânta-Philosophie zu finden sind. Aber was bedeutet -zuletzt <em>Stärke des Glaubens</em>? Deshalb könnte es -immer noch ein sehr dummer Glaube sein! – Hier ist nachzudenken: -–</p> - -<p>Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge -eines Schlusses ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, -wie die Idealisten behaupten, ist es nicht ein Fragezeichen -an der Glaubwürdigkeit des Geistes selber, daß er dergestalt -die Ursache falscher Schlüsse ist? Gesetzt, die Vielheit -und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles die -Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen)<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[Pg 241]</a></span> -wären Irrtümer – welches Mißtrauen würde dies gegen -den Geist erregen, der uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt -hat? Genug, der Glaube an den Leib ist einstweilen -immer noch ein stärkerer Glaube als der Glaube an den -Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit -am gründlichsten auch den Glauben an die Autorität -des Geistes!</p> - - -<h5>437.<br /> -<span class="normal3 gesperrt">Der Leib als Herrschaftsgebilde.</span></h5> - -<p>Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden -(Kampf der Zellen und Gewebe).</p> - -<p>Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus -nur möglich durch <em>Herunterdrückung</em> eines niederen auf -eine Funktion.</p> - -<p>Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.</p> - -<p>„Ernährung“ nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung, -des Willens zur Macht.</p> - -<p>Die „Zeugung“, der Zerfall, eintretend bei der Ohnmacht -der herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisieren.</p> - -<p>Die <em>gestaltende</em> Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“ -(noch mehr „Kraft“) vorrätig haben will. Das Meisterstück -des Aufbaus eines Organismus aus dem Ei.</p> - -<p>„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten: -aber die Kraft steckt in der Qualität. Die Mechanistik -kann also nur Vorgänge beschreiben, nicht erklären.</p> - -<p>Der „Zweck“. Auszugehen von der „Sagazität“ der -Pflanzen.</p> - -<p>Begriff der „Vervollkommnung“: <em>nicht</em> nur größere -Kompliziertheit, sondern größere <em>Macht</em> (– braucht nicht -nur größere Masse zu sein –).</p> - -<p>Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung -besteht in der Hervorbringung der mächtigsten -Individuen, zu deren Werkzeug die größte Menge gemacht -wird (und zwar als intelligentestes und beweglichstes -Werkzeug).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[Pg 242]</a></span></p> - - -<h5>438.</h5> - -<p>In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb -eines Organismus ist der uns <em>bewußt</em> werdende Teil ein -bloßes Mittel: und das bißchen „Tugend“, „Selbstlosigkeit“ -und ähnliche Fiktionen werden auf eine vollkommen -radikale Weise vom übrigen Gesamtgeschehen aus Lügen -gestraft. Wir tun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen -Unmoralität zu studieren....</p> - -<p>Die animalischen Funktionen sind ja prinzipiell millionenfach -wichtiger als alle schönen Zustände und Bewußtseinshöhen: -letztere sind ein Überschuß, soweit sie nicht -Werkzeuge sein müssen für jene animalischen Funktionen. -Das ganze <em>bewußte</em> Leben, der Geist samt der Seele, samt -dem Herzen, samt der Güte, samt der Tugend: in wessen -Dienst arbeitet es denn? In dem möglichster Vervollkommnung -der Mittel (Ernährungs-, Steigerungsmittel) der animalischen -Grundfunktionen: vor allem der <em>Lebenssteigerung</em>.</p> - -<p>Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“ -und „Fleisch“ nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die -Aufgabe, die ganze Kette des Lebens fortzuspinnen, und so, -<em>daß der Faden immer mächtiger wird</em> – das ist die -Aufgabe.</p> - -<p>Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist -förmlich sich verschwören, diese prinzipielle Aufgabe zu <em>verkehren</em>: -wie als ob <em>sie</em> die Ziele wären!.... Die <em>Entartung -des Lebens</em> ist wesentlich bedingt durch die außerordentliche -<em>Irrtumsfähigkeit des Bewußtseins</em>: es wird -am wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und <em>vergreift</em> -sich deshalb am längsten und gründlichsten.</p> - -<p>Nach den <em>angenehmen</em> und <em>unangenehmen Gefühlen -dieses Bewußtseins</em> abmessen, ob das Dasein <em>Wert</em> -hat: kann man sich eine tollere Ausschweifung der Eitelkeit -denken? Es ist ja nur ein Mittel: – und angenehme oder -unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel!</p> - -<p>Woran mißt sich objektiv der <em>Wert</em>? Allein an dem -Quantum <em>gesteigerter</em> und <em>organisierter</em> Macht....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[Pg 243]</a></span></p> - - -<h5>439.</h5> - -<p>Die normale <em>Unbefriedigung</em> unsrer Triebe, zum Beispiel -des Hungers, des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, -enthält in sich durchaus noch nichts Herabstimmendes; -sie wirkt vielmehr agazierend auf das Lebensgefühl, -wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen es -<em>stärkt</em>, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese -Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große -<em>Stimulans</em> des Lebens.</p> - -<p>(Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als -einen Rhythmus kleiner Unlustreize.)</p> - - -<h5>440.</h5> - -<p>Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust, – ich will -sagen, er ist <em>nicht</em> deren Gegenteil.</p> - -<p>Wenn das Wesen der „Lust“ zutreffend bezeichnet worden -ist als ein <em>Plusgefühl</em> von Macht (somit als ein -Differenzgefühl, das die Vergleichung voraussetzt), so ist -damit das Wesen der „Unlust“ noch nicht definiert. Die -falschen Gegensätze, an die das Volk und <em>folglich</em> die -Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln für den -Gang der Wahrheit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine -Art Lust bedingt ist durch eine gewisse <em>rhythmische Abfolge</em> -kleiner Unlustreize: damit wird ein sehr schnelles Anwachsen -des Machtgefühls, des Lustgefühls erreicht. Dies ist -der Fall zum Beispiel beim Kitzel, auch beim geschlechtlichen -Kitzel im Akt des Coitus: wir sehen dergestalt die Unlust als -Ingrediens der Lust tätig. Es scheint, eine kleine Hemmung, -die überwunden wird und der sofort wieder eine kleine Hemmung -folgt, die wieder überwunden wird – dieses Spiel -von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von -überschüssiger, überflüssiger Macht am stärksten an, das das -Wesen der Lust ausmacht.</p> - -<p>Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung -durch kleine eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und -Schmerz sind eben nichts Umgekehrtes.</p> - -<p>Der Schmerz ist ein <em>intellektueller</em> Vorgang, in dem<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[Pg 244]</a></span> -entschieden ein Urteil laut wird, – das Urteil „<em>schädlich</em>“, -in dem sich lange Erfahrung aufsummiert hat. An sich gibt -es keinen Schmerz. Es ist <em>nicht</em> die Verwundung, die weh -tut; es ist die Erfahrung, von welchen schlimmen Folgen -eine Verwundung für den Gesamtorganismus sein kann, -welche in Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust -heißt (bei schädigenden Einflüssen, welche der älteren -Menschheit unbekannt geblieben sind, zum Beispiel von seiten -neu kombinierter giftiger Chemikalien, fehlt auch die Aussage -des Schmerzes, – und wir sind verloren).</p> - -<p>Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die -lange Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden -Choks im zerebralen Herde des Nervensystems: – man -leidet eigentlich <em>nicht</em> an der Ursache des Schmerzes (irgendeiner -Verletzung zum Beispiel), sondern an der langen -Gleichgewichtsstörung, welche infolge jenes Choks eintritt. -Der Schmerz ist eine Krankheit der zerebralen Nervenherde, -die Lust ist durchaus keine Krankheit.</p> - -<p>Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen hat -zwar den Augenschein und sogar das Philosophenvorurteil -für sich; aber in plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau -beobachtet, die Gegenbewegung ersichtlich früher als die -Schmerzempfindung. Es stünde schlimm um mich, wenn -ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das Faktum an -die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was -zu tun ist, zurücktelegraphiert würde. Vielmehr unterscheide -ich so deutlich als möglich, daß erst die Gegenbewegung des -Fußes, um den Fall zu verhüten, folgt und dann in einer -meßbaren Zeitdistanz eine Art schmerzhafter Welle plötzlich -im vordern Kopf fühlbar wird. Man reagiert also <em>nicht</em> auf -den Schmerz. Der Schmerz wird nachher projiziert in die -verwundete Stelle: – aber das Wesen dieses Lokalschmerzes -ist trotzdem nicht der Ausdruck der Art der Lokalverwundung; -er ist ein bloßes Ortszeichen, dessen Stärke und Tonart -der Verwundung gemäß ist, welche die Nervenzentren -davon empfangen haben. Daß infolge jenes Choks die Muskelkraft -des Organismus meßbar heruntergeht, gibt durch<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[Pg 245]</a></span>aus -noch keinen Anhalt dafür, das <em>Wesen</em> des Schmerzes -in einer Verminderung des Machtgefühls zu suchen.</p> - -<p>Man reagiert, nochmals gesagt, <em>nicht</em> auf den Schmerz: -die Unlust ist keine „Ursache“ von Handlungen. Der -Schmerz selbst ist eine Reaktion, die Gegenbewegung ist eine -andre und <em>frühere</em> Reaktion, – beide nehmen von verschiedenen -Stellen ihren Ausgangspunkt....</p> - - -<h5>441.</h5> - -<p>Man hat die Unlust verwechselt mit einer <em>Art</em> der Unlust, -mit der der Erschöpfung; letztere stellt in der Tat eine -tiefe Verminderung und Herabstimmung des Willens zur -Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar. Das will -sagen: es gibt <span class="antiqua">a</span>) Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der -Macht, und <span class="antiqua">b</span>) Unlust nach einer Vergeudung von Macht; -im ersteren Falle ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">stimulus</span>, im letztern die Folge einer -übermäßigen Reizung.... Die Unfähigkeit zum Widerstand -ist der letzteren Unlust zu eigen: die Herausforderung des -Widerstehenden gehört zur ersteren.... Die Lust, welche im -Zustand der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist -das Einschlafen; die Lust im andern Falle ist der Sieg....</p> - -<p>Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin, -daß sie diese beiden <em>Lustarten</em> – die des <em>Einschlafens</em> -und die des <em>Sieges</em> – nicht auseinanderhielten. Die Erschöpften -wollen Ruhe, Gliederausstrecken, Frieden, Stille, -– es ist das <em>Glück</em> der nihilistischen Religionen und Philosophien; -die Reichen und Lebendigen wollen Sieg, überwundene -Gegner, Überströmen des Machtgefühls über weitere -Bereiche als bisher. Alle gesunden Funktionen des Organismus -haben dies Bedürfnis, – und der ganze Organismus -ist ein solcher nach Wachstum von Machtgefühlen -ringender Komplex von Systemen – – –</p> - - -<h5>442.</h5> - -<p>Intellektualität des <em>Schmerzes</em>: er bezeichnet nicht an -sich, was augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen <em>Wert</em> -die Schädigung hat in Hinsicht auf das allgemeine Individuum.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[Pg 246]</a></span></p> - -<p>Ob es Schmerzen gibt, in denen „die Gattung“ und <em>nicht</em> -das Individuum leidet –?</p> - - -<h5>443.</h5> - -<p>„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust: -folglich wäre das Nichtsein der Welt besser als deren Sein“ -– „Die Welt ist etwas, das vernünftigerweise nicht wäre, -weil sie dem empfindenden Subjekt mehr Unlust als Lust -verursacht“ – dergleichen Geschwätz heißt sich heute Pessimismus!</p> - -<p>Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind -Werturteile <em>zweiten Ranges</em>, die sich erst ableiten von -einem regierenden Wert, – ein in Form des Gefühls redendes -„nützlich“, „schädlich“, und folglich absolut flüchtig -und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“, „schädlich“ sind -immer noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen.</p> - -<p>Ich verachte diesen <em>Pessimismus der Sensibilität</em>: er -ist selbst ein Zeichen tiefer Verarmung am Leben.</p> - - -<h5>444.</h5> - -<p>Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der -Psychologie allesamt die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien -sind? „<em>Der Mensch strebt nach Glück</em>“ zum -Beispiel – was ist daran wahr? Um zu verstehen, was -„Leben“ ist, welche Art Streben und Spannung Leben ist, -muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom -Tier gelten. „Wonach strebt die Pflanze?“ – aber hier -haben wir bereits eine falsche Einheit erdichtet, die es nicht -gibt: die Tatsache eines millionenfachen Wachstums mit -eigenen und halbeigenen Initiativen ist versteckt und verleugnet, -wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“ voranstellen. -Daß die letzten kleinsten „Individuen“ <em>nicht</em> in dem -Sinn eines „metaphysischen Individuums“ und Atoms verständlich -sind, daß ihre Machtsphäre fortwährend sich verschiebt -– das ist zu allererst sichtbar: aber strebt ein jedes -von ihnen, wenn es sich dergestalt verändert, <em>nach Glück</em>? -– Aber alles Sichausbreiten, Einverleiben, Wachsen ist ein -Anstreben gegen Widerstehendes; Bewegung ist essentiell<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[Pg 247]</a></span> -etwas mit Unlustzuständen Verbundenes: es muß das, was -hier treibt, jedenfalls etwas anderes wollen, wenn es dergestalt -die Unlust will und fortwährend aufsucht. – Worum -kämpfen die Bäume eines Urwaldes miteinander? Um -„Glück“? – Um <em>Macht</em>!....</p> - -<p>Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden, -Herr über seine eigene Wildheit und Zügellosigkeit (die Begierden -haben folgen, haben nützlich sein gelernt) – der -Mensch, im Vergleich zu einem Vormenschen, stellt ein ungeheures -Quantum <em>Macht</em> dar, – nicht ein Plus von -„Glück“! Wie kann man behaupten, daß er nach Glück -<em>gestrebt</em> habe?....</p> - - -<h5>445.</h5> - -<p><em>Der Glaube an „Affekte“.</em> – Affekte sind eine Konstruktion -des Intellekts, eine <em>Erdichtung von Ursachen</em>, -die es nicht gibt. Alle körperlichen <em>Gemeingefühle</em>, die -wir nicht verstehen, werden intellektuell ausgedeutet, das -heißt ein <em>Grund</em> gesucht, um sich so oder so zu fühlen, in -Personen, Erlebnissen usw. Also etwas Nachteiliges, Gefährliches, -Fremdes wird <em>gesetzt</em>, als wäre es die Ursache -unserer Verstimmung; tatsächlich wird es zu der Verstimmung -<em>hinzugesucht</em>, um der <em>Denkbarkeit</em> unseres Zustandes -willen. – Häufige Blutzuströmungen zum Gehirn -mit dem Gefühl des Erstickens werden als „Zorn“ <em>interpretiert</em>: -die Personen und Sachen, die uns zum Zorn -reizen, sind Auslösungen für den physiologischen Zustand. – -Nachträglich, in langer Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge -und Gemeingefühle sich so regelmäßig verbunden, daß der -Anblick gewisser Vorgänge jenen Zustand des Gemeingefühls -hervorbringt und speziell irgend jene Blutstauung, Samenerzeugung -usw. mit sich bringt: also durch die Nachbarschaft. -„Der Affekt wird erregt“, sagen wir dann.</p> - -<p>In „Lust“ und „Unlust“ stecken bereits <em>Urteile</em>: die -Reize werden unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich -sind oder nicht.</p> - -<p><em>Der Glaube an das Wollen.</em> Es ist Wunderglaube, -einen Gedanken als Ursache einer mechanischen Bewegung<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[Pg 248]</a></span> -zu setzen. Die <em>Konsequenz der Wissenschaft</em> verlangt, -daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns <em>denkbar</em> gemacht -haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen usw. uns -<em>denkbar</em> machen, das heißt sie <em>leugnen</em> und als <em>Irrtümer -des Intellekts</em> behandeln.</p> - - -<h5>446.</h5> - -<p>Wenn wir etwas tun, so entsteht ein <em>Kraftgefühl</em>, oft -schon vor dem Tun, bei der Vorstellung des zu Tuenden -(wie beim Anblick eines Feindes, eines Hemmnisses, dem -wir uns <em>gewachsen</em> glauben): immer begleitend. Wir -meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der Handlung, -es sei „die Kraft“. Unser Glaube an Kausalität ist -der Glaube an Kraft und deren Wirkung; eine Übertragung -unsres Erlebnisses: wobei wir Kraft und Kraftgefühl identifizieren. -– Nirgends aber bewegt die Kraft die Dinge; -die empfundene Kraft „setzt nicht die Muskeln in Bewegung“. -„Wir haben von einem solchen Prozeß keine Vorstellung, -keine Erfahrung.“ „Wir erfahren ebensowenig -wie die Kraft als Bewegendes die <em>Notwendigkeit</em> einer -Bewegung.“ Die Kraft soll das Zwingende sein! „Wir erfahren -nur, daß eins auf das andre folgt, – weder Zwang -erfahren wir, noch Willkür, daß eins auf das andre folgt.“ -Die Kausalität wird erst durch die Hineindenkung des Zwanges -in den Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses „Begreifen“ -entsteht dadurch, das heißt, wir haben uns den -Vorgang angemenschlicht, „bekannter“ gemacht: das Bekannte -ist das Gewohnheitsbekannte des mit <em>Kraftgefühl -verbundenen menschlichen Erzwingens</em>.</p> - - -<h5>447.</h5> - -<p>Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen, -ich weiß so wenig von Physiologie des menschlichen -Leibes und von den mechanischen Gesetzen seiner Bewegung -als ein Mann aus dem Volke, was gibt es eigentlich -Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht im -Vergleich zu dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich -sei der scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die For<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[Pg 249]</a></span>meln -unterrichtet, die hierbei angewendet werden, so würde -ich um keinen Deut besser oder schlechter meinen Arm ausstrecken. -Unser „Wissen“ und unser „Tun“ in diesem Falle -liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen Reichen. -– Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges -durch – was heißt das? Hier ist alles <em>gewußt</em>, was zur -Durchführung des Planes gehört, weil alles befohlen werden -muß: aber auch hier sind Untergebene vorausgesetzt, welche -das Allgemeine auslegen, anpassen an die Not des Augenblicks, -Maß der Kraft usw.</p> - - -<h5>448.</h5> - -<p>Die Wissenschaft fragt <em>nicht</em>, was uns zum Wollen trieb: -sie <em>leugnet</em> vielmehr, daß <em>gewollt</em> worden ist, und meint, -daß etwas ganz anderes geschehen sei – kurz, daß der -Glaube an „Wille“ und „Zweck“ eine Illusion sei. Sie -fragt nicht nach den <em>Motiven</em> der Handlung, als ob diese -uns vor der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern -sie zerlegt erst die Handlung in eine mechanische -Gruppe von Erscheinungen und sucht die Vorgeschichte dieser -mechanischen Bewegung – aber nicht im Fühlen, Empfinden, -Denken. <em>Daher</em> kann sie nie die Erklärung geben: -die Empfindung ist ja eben ihr Material, <em>das erklärt werden -soll</em>. – Ihr Problem ist eben: die Welt zu erklären, -<em>ohne</em> zu Empfindungen als Ursache zu greifen: denn das -hieße ja: <em>als Ursache</em> der Empfindungen die <em>Empfindungen</em> -ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht -gelöst.</p> - -<p>Also: entweder <em>kein</em> Wille – die Hypothese der Wissenschaft -–, oder <em>freier</em> Wille. Letztere Annahme das herrschende -Gefühl, von dem wir uns nicht losmachen können, -auch wenn die Hypothese <em>bewiesen</em> wäre.</p> - -<p>Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die -Voraussetzung gebaut, daß der freie Wille <em>Ursache sei von -jeder Wirkung</em>: erst daher haben wir das Gefühl der Kausalität. -Also darin liegt auch das Gefühl, daß jede Ursache -nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache – wenn der<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[Pg 250]</a></span> -Wille die Ursache ist. „Unsre Willensakte sind <em>nicht notwendig</em>“ -– das <em>liegt</em> im Begriff „<em>Wille</em>“. Notwendig ist -die Wirkung nach der Ursache – so fühlen wir. Es ist eine -<em>Hypothese</em>, daß auch unser Wollen in jedem Falle ein -Müssen sei.</p> - - -<h5>449.</h5> - -<p>Unfreiheit oder Freiheit des Willens? – Es gibt <em>keinen</em> -„<em>Willen</em>“: das ist nur eine vereinfachende Konzeption des -Verstandes, wie „Materie“.</p> - -<p><em>Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich -vorbereitet sein, bevor sie gewollt werden.</em> Oder: -der „Zweck“ tritt im Gehirn <em>zumeist</em> erst auf, wenn alles -vorbereitet ist zu seiner Ausführung. Der Zweck ein „innerer“ -„Reiz“ – nicht <em>mehr</em>.</p> - - -<h5>450.</h5> - -<p>Wir haben von alters her den Wert einer Handlung, -eines Charakters, eines Daseins in die <em>Absicht</em> gelegt, in -den Zweck, um dessentwillen getan, gehandelt, gelebt worden -ist: diese uralte Idiosynkrasie des Geschmacks nimmt -endlich eine gefährliche Wendung, – gesetzt nämlich, daß die -Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in -den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine -allgemeine Entwertung sich vorzubereiten: „Alles hat keinen -Sinn“, – diese melancholische Sentenz heißt „aller Sinn -liegt in der Absicht, und gesetzt, daß die Absicht ganz und -gar fehlt, so fehlt auch ganz und gar der Sinn“. Man war -jener Schätzung gemäß genötigt gewesen, den Wert des Lebens -in ein „Leben nach dem Tode“ zu verlegen, oder in -die fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit -oder des Volkes oder über den Menschen weg; aber -damit war man in den Zweck – <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">progressus in infinitum</span> -gekommen: man hatte endlich nötig, sich einen Platz in dem -„Weltprozeß“ auszumachen (mit der dysdämonistischen Perspektive -vielleicht, daß es der Prozeß ins Nichts sei).</p> - -<p>Dem gegenüber bedarf der „<em>Zweck</em>“ einer strengeren -Kritik: man muß einsehen, daß eine Handlung <em>niemals<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[Pg 251]</a></span> -verursacht wird durch einen Zweck</em>; daß Zweck und -Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte eines Geschehens -unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten -anderer, und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn -etwas auf einen Zweck hin getan wird, etwas Grundverschiedenes -und andres geschieht; daß in bezug auf jede Zweckhandlung -es so steht, wie mit der angeblichen Zweckmäßigkeit -der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße Masse -ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Teil hat -„Zweck“, hat „Sinn“ –; daß ein „Zweck“ mit seinen -„Mitteln“ eine unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, -welche als Vorschrift, als „<em>Wille</em>“ zwar kommandieren -kann, aber ein System von gehorchenden und eingeschulten -Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten -lauter feste Größen setzen (das heißt, wir imaginieren ein -System von zweck- und mittelsetzenden <em>klügeren</em>, aber -engeren Intellekten, um unserm einzig bekannten „Zweck“ -die Rolle der „Ursache einer Handlung“ zumessen zu können, -wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße, um ein -Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer -Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen –).</p> - -<p>Zuletzt: warum könnte nicht „ein Zweck“ eine <em>Begleiterscheinung</em> -sein, in der Reihe von Veränderungen wirkender -Kräfte, welche die zweckmäßige Handlung hervorrufen -– ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses -Zeichenbild, das uns zur Orientierung dient dessen, was -geschieht, als ein Symptom selbst vom Geschehen, <em>nicht</em> als -dessen Ursache? – Aber damit haben wir den <em>Willen selbst</em> -kritisiert: ist es nicht eine Illusion, das, was im Bewußtsein -als Willensakt auftaucht, als Ursache zu nehmen? Sind -nicht alle Bewußtseinserscheinungen nur Enderscheinungen, -letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem Hintereinander -innerhalb einer Bewußtseinsfläche sich bedingend? -Dies könnte eine Illusion sein. –</p> - - -<h5>451.</h5> - -<p>Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf -diese: aber <em>weiter zurück</em> liegt eine Vorgeschichte, die<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[Pg 252]</a></span> -<em>weiter hinaus</em> deutet: die einzelne Handlung ist zugleich -ein Glied einer viel umfänglicheren <em>späteren</em> Tatsache. -Die <em>kürzeren</em> und die <em>längeren</em> Prozesse sind nicht getrennt -–</p> - - -<h5>452.</h5> - -<p>Theorie des <em>Zufalls</em>. Die Seele ein auslesendes und sich -nährendes Wesen äußerst klug und schöpferisch <em>fortwährend</em> -(diese <em>schaffende</em> Kraft gewöhnlich übersehen! nur -als „<em>passiv</em>“ begriffen).</p> - -<p>Ich erkannte die <em>aktive Kraft</em>, das Schaffende inmitten -des Zufälligen: – Zufall ist selber nur <em>das Aufeinanderstoßen -der schaffenden Impulse</em>.</p> - - -<h5>453.</h5> - -<p>Die <em>überschüssige</em> Kraft in der <em>Geistigkeit</em>, <em>sich selbst</em> -neue Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und -führend für die niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, -des „Individuums“.</p> - -<p>Wir sind <em>mehr</em> als das Individuum: wir sind die ganze -Kette noch, mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.</p> - - -<h5>454.</h5> - -<p>Der bisherige Mensch – gleichsam ein Embryo des Menschen -der Zukunft; – <em>alle</em> gestaltenden Kräfte, die auf <em>diesen</em> -hinzielen, sind in ihm: und weil sie ungeheuer sind, -so entsteht für das jetzige Individuum, <em>je mehr es zukunftsbestimmend -ist, Leiden</em>. Dies ist die tiefste Auffassung -des <em>Leidens</em>: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. -– Die Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen -– in Wahrheit fließt etwas fort <em>unter</em> den Individuen. -<em>Daß</em> es sich einzeln fühlt, ist der <em>mächtigste Stachel</em> im -Prozesse selber nach fernsten Zielen hin: sein Suchen für -<em>sein</em> Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden Kräfte -andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht -selber zerstören.</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[Pg 253]</a></span></p> - - - - -<h3>IV. Die Gesellschaft – ein Machtwille.</h3> - - -<h4>1. Der Mensch als geselliges Wesen.</h4> - - -<h5>455.</h5> - -<p>Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine -organische Zelle: es raubt und ist gewalttätig. Es will sich -regenerieren – Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären -und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen.</p> - - -<h5>456.</h5> - -<p>Das Individuum ist etwas ganz <em>Neues</em> und <em>Neuschaffendes</em>, -etwas Absolutes, alle Handlungen ganz <em>sein</em> eigen.</p> - -<p>Die Werte für seine Handlungen entnimmt der Einzelne -zuletzt doch sich selber: weil er auch die überlieferten Worte -sich <em>ganz individuell deuten</em> muß. Die <em>Auslegung</em> der -Formel ist mindestens persönlich, wenn er auch keine Formel -schafft: als <em>Ausleger</em> ist er immer noch schaffend.</p> - - -<h5>457.</h5> - -<p>Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, -als es kann und unterwirft sich das Schwächere: so hat es -seinen Genuß an sich. Die <em>zunehmende „Vermenschlichung“</em> -in dieser Tendenz besteht darin, daß immer <em>feiner</em> -empfunden wird, wie schwer der andere wirklich <em>einzuverleiben</em> -ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre -Macht über ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch -mehr <em>entfremdet</em>, – also ihn weniger unterwerfbar -macht.</p> - - -<h5>458.</h5> - -<p>Der <em>Individualismus</em> ist eine bescheidene und noch -unbewußte Art des „Willens zur Macht“; hier scheint es -dem Einzelnen schon genug, <em>freizukommen</em> von einer -Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates oder der -Kirche). Er setzt sich <em>nicht als Person</em> in Gegensatz, sondern -bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die -Gesamtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv <em>gleich</em> an<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[Pg 254]</a></span> -<em>mit jedem Einzelnen</em>; was er erkämpft, das erkämpft er -nicht sich als Person, sondern sich als Vertreter Einzelner -gegen die Gesamtheit.</p> - -<p>Der <em>Sozialismus</em> ist bloß ein <em>Agitationsmittel des -Individualismus</em>: er begreift, daß man sich, um etwas -zu erreichen, zu einer Gesamtaktion organisieren muß, zu -einer „Macht“. Aber was er will, ist nicht die Sozietät als -Zweck des Einzelnen, sondern die Sozietät als <em>Mittel zur -Ermöglichung vieler Einzelnen</em>: – das ist der Instinkt -der Sozialisten, über den sie sich häufig betrügen (– -abgesehen, daß sie, um sich durchzusetzen, häufig betrügen -müssen). Die altruistische Moralpredigt im Dienste des Individualegoismus: -eine der gewöhnlichsten Falschheiten des -<em>neunzehnten</em> Jahrhunderts.</p> - -<p>Der <em>Anarchismus</em> ist wiederum bloß ein <em>Agitationsmittel -des Sozialismus</em>; mit ihm erregt er Furcht, mit -der Furcht beginnt er zu faszinieren und zu terrorisieren: -vor allem – er zieht die Mutigen, die Gewagten auf seine -Seite, selbst noch im Geistigsten.</p> - -<p>Trotz alledem: der <em>Individualismus</em> ist die <em>bescheidenste</em> -Stufe des Willens zur Macht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will -man mehr: es tritt die <em>Sonderung</em> heraus nach dem Grade -der Kraft: der Einzelne setzt sich nicht ohne weiteres mehr -gleich, sondern er <em>sucht nach seinesgleichen</em>, – er hebt -andere von sich ab. Auf den Individualismus folgt die -<em>Glieder-</em> und <em>Organbildung</em>: die verwandten Tendenzen -sich zusammenstellend und sich als Macht betätigend: zwischen -diesen Machtzentren Reibung, Krieg, Erkenntnis beiderseitiger -Kräfte, Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung -von <em>Austausch der Leistungen</em>. Am Schluß: eine <em>Rangordnung</em>.</p> - -<p>Rekapitulation:</p> - -<p>1. Die Individuen machen sich frei;</p> - -<p>2. sie treten in Kampf, sie kommen über „Gleichheit der -Rechte“ überein (– „Gerechtigkeit“ als Ziel –);</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[Pg 255]</a></span></p> - -<p>3. ist das erreicht, so treten die tatsächlichen <em>Ungleichheiten -der Kraft</em> in eine <em>vergrößerte Wirkung</em> (weil im -großen ganzen der Friede herrscht und viele kleine Kraftquanta -schon Differenzen ausmachen, solche, die früher fast -gleich null waren). Jetzt organisieren sich die Einzelnen zu -<em>Gruppen</em>; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach -Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von -neuem.</p> - -<p>Man will <em>Freiheit</em>, solange man noch nicht die Macht -hat. Hat man sie, will man Übermacht; erringt man sie -nicht (ist man noch zu schwach zu ihr), will man „<em>Gerechtigkeit</em>“, -das heißt <em>gleiche Macht</em>.</p> - - -<h5>459.</h5> - -<p>Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden -muß, um <em>obenauf</em> zu bleiben, das ist das Maß der -<em>Freiheit</em>, sei es für Einzelne, sei es für Gesellschaften: -Freiheit nämlich als positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt. -Die höchste Form der Individualfreiheit, der Souveränität -wüchse demnach mit großer Wahrscheinlichkeit -nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf, dort wo -die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern -über dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die -Geschichte: die Zeiten, wo das „Individuum“ bis zu jener -Vollkommenheit <em>reif</em>, das heißt <em>frei</em> wird, wo der klassische -Typus des <em>souveränen Menschen</em> erreicht ist: o nein! -das waren niemals humane Zeiten!</p> - -<p>Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf – oder -unten, wie ein Wurm, verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man -muß Tyrannen gegen sich haben, um Tyrann, das heißt <em>frei</em> -zu werden. Es ist kein kleiner Vorteil, hundert Damoklesschwerter -über sich zu haben: damit lernt man tanzen, damit -kommt man zur „Freiheit der Bewegung“.</p> - - -<h5>460.</h5> - -<p>Unsre neue „Freiheit“. – Welches Freiheitsgefühl liegt -darin, zu empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, -daß wir <em>nicht</em> in ein System von „Zwecken“ eingespannt<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[Pg 256]</a></span> -sind! Insgleichen, daß der Begriff „Lohn“ und „Strafe“ -nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz hat! Insgleichen, -daß die gute und die böse Handlung nicht an sich, sondern -nur in der Perspektive der Erhaltungstendenzen gewisser -Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse -zu nennen ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über -Lust und Schmerz keine kosmische, geschweige denn eine -metaphysische Bedeutung haben! (– jener Pessimismus, -der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und -Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich -anheischig macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das -vorkopernikanische Gefängnis und Gesichtsfeld, würde etwas -Rückständiges und Rückfälliges sein, falls er nicht nur -ein schlechter Witz eines Berliners ist.)</p> - - -<h5>461.</h5> - -<p>Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon -reden diese Pariser Philosophen, wie Fouillée: sie sollten -doch nur die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">race moutonnière</span> ansehen, die sie selber -sind!.... Macht doch die Augen auf, ihr Herren Zukunftssoziologen! -Das Individuum ist stark geworden unter <em>umgekehrten</em> -Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung -und Verkümmerung des Menschen, ihr <em>wollt</em> sie -selbst und braucht den ganzen Lügenapparat des alten Ideals -dazu! ihr seid <em>derart</em>, daß ihr eure Herdentierbedürfnisse -wirklich als <em>Ideal</em> empfindet!</p> - -<p>Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!</p> - - -<h5>462.</h5> - -<p>Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen -Europäer kennzeichnen: das <em>Individualistische</em> -und die <em>Forderung gleicher Rechte</em>: das verstehe ich -endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare -Eitelkeit: – diese fordert, bei ihrem Bewußtsein, -wie schnell sie leidet, daß jeder andere ihm gleichgestellt -gelte, daß er nur <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter pares</span> sei. Damit ist eine gesellschaftliche -Rasse charakterisiert, in welcher tatsächlich die Be<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[Pg 257]</a></span>gabungen -und Kräfte nicht erheblich auseinandergehen. Der -Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz -außer Verständnis; die ganz „großen“ Erfolge gibt es nur -durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massenerfolg -immer eigentlich ein <em>kleiner</em> Erfolg ist: weil <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">pulchrum -est paucorum hominum</span>.</p> - -<p>Alle Moralen wissen nichts von „Rangordnung“ der -Menschen; die Rechtslehrer nichts vom Gemeindegewissen. -Das Individualprinzip lehnt die <em>ganz großen</em> Menschen -ab und verlangt unter ungefähr gleichen das feinste Auge -und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und -weil jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und zivilisierten -Kulturen – also erwarten kann, sein Teil Ehre -zurückzubekommen –, deshalb findet heute ein Herausstreichen -der kleinen Verdienste statt wie niemals noch: es -gibt dem Zeitalter einen Anstrich von <em>grenzenloser Billigkeit</em>. -Seine Unbilligkeit besteht in einer Wut ohne Grenzen -<em>nicht</em> gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch -in den Künsten, sondern gegen die <em>vornehmen</em> Menschen, -welche das Lob der Vielen verachten. Die Forderung gleicher -Rechte (zum Beispiel über alles und jeden zu Gericht sitzen -zu dürfen) ist <em>antiaristokratisch</em>.</p> - -<p>Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, -das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: -worin die Auszeichnung und der Eifer vieler -hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); -oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland; Jesuitismus, -preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder -Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche -Zustände und der Mangel der <em>kleinen Eitelkeit</em> -nötig ist.</p> - - -<h5>463.<br /> - -<span class="normal3 gesperrt">Morphologie der Selbstgefühle.</span></h5> - -<p><em>Erster Gesichtspunkt</em>: inwiefern die <em>Mitgefühls-</em> -und <em>Gemeinschaftsgefühle</em> die niedrigere, die vorbereitende -Stufe sind, zur Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[Pg 258]</a></span> -Initiative der Wertsetzung im einzelnen noch gar nicht möglich -ist.</p> - -<p><em>Zweiter Gesichtspunkt</em>: inwiefern die <em>Höhe des Kollektivselbstgefühls</em>, -der Stolz auf die Distanz des Clans, -das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittlung, -Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des <em>Individualselbstgefühls</em> -ist: namentlich insofern sie den Einzelnen -zwingt, den Stolz des Ganzen zu <em>repräsentieren</em>: -– er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung -vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt. -Insgleichen: wenn das Individuum sich als <em>Werkzeug -und Sprachrohr der Gottheit</em> fühlt.</p> - -<p><em>Dritter Gesichtspunkt</em>: inwiefern diese Formen der -<em>Entselbstung</em> tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit -geben: insofern höhere Gewalten sich ihrer bedienen: -religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des Propheten, Dichters.</p> - -<p><em>Vierter Gesichtspunkt</em>: inwiefern die Verantwortlichkeit -für das Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine -strenge und furchtbare Hand, eine Besonnenheit und Kälte, -eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde <em>anerzieht</em> -und <em>erlaubt</em>, welche er nicht um seiner selbst willen sich -zugestehen würde.</p> - -<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule -der Personal<em>souveränität</em>. Der vornehme Stand -ist der, welcher die Erbschaft dieser Übung macht.</p> - - -<h5>464.<br /> - -<span class="normal3">Die <em>maskierten</em> Arten des Willens zur Macht:</span></h5> - -<p>1. Verlangen nach <em>Freiheit</em>, Unabhängigkeit, auch nach -Gleichgewicht, Frieden, <em>Koordination</em>. Auch der Einsiedler, -die „Geistesfreiheit“. In niedrigster Form: Wille -überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“.</p> - -<p>2. Die <em>Einordnung</em>, um im größeren Ganzen dessen -Willen zur Macht zu befriedigen: die <em>Unterwerfung</em>, das -Sich-unentbehrlich-machen, -nützlich-machen bei dem, der die<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[Pg 259]</a></span> -Gewalt hat; die <em>Liebe</em>, als ein Schleichweg zum Herzen des -Mächtigeren, – um über ihn zu herrschen.</p> - -<p>3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, -zu einem <em>höheren</em> Rang zu gehören als die tatsächlich Gewalthabenden; -die Anerkennung einer Rangordnung, die -das <em>Richten</em> erlaubt, auch über die Mächtigeren; die Selbstverurteilung; -die Erfindung <em>neuer Werttafeln</em> (Juden: -klassisches Beispiel).</p> - - -<h5>465.<br /> -<span class="normal3">Zum „Macchiavellismus“ der Macht.</span></h5> - -<p>Der <em>Wille zur Macht</em> erscheint</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als -Wille zur „<em>Freiheit</em>“: bloß das <em>Loskommen</em> scheint das -Ziel (moralisch-religiös: „nur seinem eignen Gewissen verantwortlich“; -„evangelische Freiheit“ usw.);</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden -Art als Wille zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, -dann sich einschränkend auf den Willen zur „<em>Gerechtigkeit</em>“, -das heißt zu dem <em>gleichen Maß von Rechten</em>, wie -die herrschende Art sie hat;</p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Mutigsten -als „<em>Liebe</em> zur Menschheit“, zum „Volk“, zum Evangelium, -zur Wahrheit, Gott; als Mitleid; „Selbstopferung“ -usw.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, In-seinen-Dienst-nehmen, -als instinktives Sich-in-Eins-rechnen -mit einem großen Quantum Macht, dem man <em>Richtung -zu geben vermag</em>: der Held, der Prophet, der Cäsar, der -Heiland, der Hirt; (– auch die Geschlechtsliebe gehört -hierher: sie <em>will</em> die Überwältigung, das In-Besitz-nehmen, -und sie <em>erscheint</em> als Sich-hingeben. Im Grunde ist es nur -die Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“, – -seine Überzeugung davon, daß ihm das und das <em>zugehört</em>, -als einem, der imstande ist, <em>es zu benutzen</em>).</p> - -<p>„<em>Freiheit</em>“, „<em>Gerechtigkeit</em>“ und „<em>Liebe</em>“!!! –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[Pg 260]</a></span></p> - - -<h5>466.</h5> - -<p><em>Berichtigung des Begriffs „Egoismus“.</em> – Hat -man begriffen, inwiefern „Individuum“ ein Irrtum ist, sondern -jedes Einzelwesen eben der <em>ganze Prozeß</em> in gerader -Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst –), so hat -das Einzelwesen eine <em>ungeheuer große Bedeutung</em>. Der -Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt <em>nachläßt</em>, -– wo das Individuum sich einen Wert erst im Dienst -für andere sucht, kann man sicher auf Ermüdung und <em>Entartung</em> -schließen. Der Altruismus der Gesinnung, gründlich -und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich wenigstens -einen <em>zweiten</em> Wert zu schaffen, im Dienste <em>anderer</em> -Egoismen. Meistens aber ist er nur <em>scheinbar</em>: ein <em>Umweg</em> -zur Erhaltung des <em>eigenen Lebensgefühls, Wertgefühls</em>. –</p> - - -<h5>467.</h5> - -<p>Die <em>Kunstgriffe</em>, um Handlungen, Maßregeln, Affekte -zu ermöglichen, welche, individuell gemessen, nicht mehr -„statthaft“, – auch nicht mehr „schmackhaft“ sind:</p> - -<p>die <em>Kunst</em> „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche -„entfremdete“ Welten eintreten läßt;</p> - -<p>der <em>Historiker</em> zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die -Reisen; der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; -Verbrecher; Soziologie;</p> - -<p>die „<em>Unpersönlichkeit</em>“ (so daß wir als <em>Media</em> eines -Kollektivwesens uns diese Affekte und Handlungen gestatten -– Richterkollegien, Jury, Bürger, Soldat, Minister, Fürst, -Sozietät, „Kritiker“ –) gibt uns das Gefühl, <em>als ob wir -ein Opfer brächten</em>....</p> - - -<h5>468.</h5> - -<p><em>Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben</em> -– ist das mein unwillkürliches Bemühen gewesen? -und zwar dem bösen Menschen, insofern er der <em>starke -Mensch</em> ist? (Das Urteil <em>Dostoiewskys</em> über die Verbrecher -der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[Pg 261]</a></span></p> - - -<h5>469.</h5> - -<p>Wir lernen in unsrer zivilisierten Welt fast nur den verkümmerten -Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch -und der Verachtung der Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, -oftmals seine Tat verkleinernd und verleumdend, einen -<em>mißglückten Typus von Verbrecher</em>; und wir widerstreben -der Vorstellung, daß <em>alle großen Menschen Verbrecher -waren</em> (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen), -daß das Verbrechen zur Größe gehört (– so -nämlich geredet aus dem Bewußtsein der Nierenprüfer und -aller derer, die am tiefsten in große Seelen <em>hinuntergestiegen</em> -sind –). Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen, -dem Gewissen, der Pflicht – jeder große Mensch -kennt diese seine Gefahr. Aber er <em>will</em> sie auch: er <em>will</em> -das große Ziel und darum auch dessen Mittel.</p> - - -<h5>470.</h5> - -<p>Das <em>Verbrechen</em> gehört unter den Begriff „Aufstand -wider die gesellschaftliche Ordnung“. Man „bestraft“ einen -Aufständischen nicht: man <em>unterdrückt</em> ihn. Ein Aufständischer -kann ein erbärmlicher und verächtlicher Mensch sein: -an sich ist an einem Aufstande nichts zu verachten, – und in -Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch zu sein, -erniedrigt an sich noch nicht den Wert eines Menschen. Es -gibt Fälle, wo man einen solchen Aufständischen darum selbst -zu ehren hätte, weil er an unsrer Gesellschaft etwas empfindet, -gegen das der Krieg not tut: – wo er uns aus dem -Schlummer weckt.</p> - -<p>Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes tut an einem -Einzelnen, ist nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen -die ganze Ordnung im Kriegszustand ist: die Tat als bloßes -Symptom.</p> - -<p>Man soll den Begriff „Strafe“ reduzieren auf den Begriff: -Niederwerfung eines Aufstandes, Sicherheitsmaßregel -gegen den Niedergeworfenen (ganze oder halbe Gefangenschaft). -Aber man soll nicht <em>Verachtung</em> durch die -Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch,<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[Pg 262]</a></span> -der sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskiert, – ein -Mann des Muts. Man soll insgleichen die Strafe nicht als -Buße nehmen; oder als eine Abzahlung, wie als ob es ein -Tauschverhältnis gebe zwischen Schuld und Strafe, – die -Strafe reinigt nicht, <em>denn</em> das Verbrechen beschmutzt nicht.</p> - -<p>Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen, -seinen Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß -er nicht zur <em>Rasse des Verbrechertums</em> gehört. In letzterem -Falle soll man ihm den Krieg machen, noch bevor er -etwas Feindseliges getan hat (erste Operation, sobald man -ihn in der Gewalt hat: ihn kastrieren).</p> - -<p>Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren -noch den niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachteil -anrechnen. Nichts ist gewöhnlicher, als daß er sich selbst -mißversteht (namentlich ist sein revoltierter Instinkt, die -Ranküne des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">déclassé</span> oft nicht sich zum Bewußtsein gelangt, -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faute de lecture</span>), daß er unter dem Eindruck der -Furcht, des Mißerfolgs seine Tat verleumdet und verunehrt: -von jenen Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch -nachgerechnet, der Verbrecher einem unverstandnen Triebe -nachgibt und seiner Tat durch eine Nebenhandlung ein falsches -Motiv unterschiebt (etwa durch eine Beraubung, während -es ihm am Blute lag).</p> - -<p>Man soll sich hüten, den Wert eines Menschen nach -einer einzelnen Tat zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt. -Namentlich sind die Hautrelieftaten ganz besonders -insignifikant. Wenn unsereiner kein Verbrechen, zum Beispiel -keinen Mord, auf dem Gewissen hat – woran liegt -es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt -haben. Und täten wir es, was wäre damit an unserm -Werte bezeichnet? An sich würde man uns verachten, wenn -man uns nicht die Kraft zutraute, unter Umständen einen -Menschen zu töten. Fast in allen Verbrechen drücken -sich zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne -nicht fehlen sollen. Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von -den Insassen jener sibirischen Zuchthäuser gesagt, sie bildeten -den stärksten und wertvollsten Bestandteil des russi<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[Pg 263]</a></span>schen -Volkes. Wenn bei uns der Verbrecher eine schlecht -ernährte und verkümmerte Pflanze ist, so gereicht dies unseren -gesellschaftlichen Verhältnissen zur Unehre; in der Zeit -der Renaissance gedieh der Verbrecher und erwarb sich seine -eigne Art von Tugend, – Tugend im Renaissancestile freilich, -<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span>, moralinfreie Tugend.</p> - -<p>Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen, -die man nicht mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung -ist eine größere Entwürdigung und Schädigung -als irgendein Verbrechen.</p> - - -<h5>471.</h5> - -<p>Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen, -daß gewisse Bußen an verächtliche Menschen (Sklaven zum -Beispiel) geknüpft wurden. Die, welche am meisten bestraft -wurden, waren verächtliche Menschen, und schließlich lag -im Strafen etwas Beschimpfendes.</p> - - -<h5>472.</h5> - -<p>Im alten Strafrecht war ein <em>religiöser</em> Begriff mächtig: -der der sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: -in der modernen Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine -Abzahlung: man ist wirklich das <em>los</em>, für was man so viel -hat leiden <em>wollen</em>. Gesetzt, daß an diese Kraft der Strafe -geglaubt wird, so gibt es hinterdrein eine <em>Erleichterung</em> -und ein <em>Aufatmen</em>, das wirklich einer neuen Gesundheit, -einer Wiederherstellung nahekommt. Man hat nicht nur -seinen Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist -vor sich selbst auch wieder achtungswürdig geworden, – -„rein“.... Heute isoliert die Strafe noch mehr als das Vergehen; -das <em>Verhängnis</em> hinter einem Vergehen ist dergestalt -gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man kommt -als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus.... Von -jetzt ab gibt es einen Feind mehr.</p> - -<p>Das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">jus talionis</span> <em>kann</em> diktiert sein durch den Geist -der Vergeltung (das heißt durch eine Art Mäßigung des -Racheinstinktes); aber bei <em>Manu</em> zum Beispiel ist es das<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[Pg 264]</a></span> -Bedürfnis, ein Äquivalent zu haben, um zu <em>sühnen</em>, um -religiös wieder „frei“ zu sein.</p> - - -<h5>473.</h5> - -<p>Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren -Strafgesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional -wehe tun sollen gemäß der Größe des Verbrechens – -und so wollt ihr's ja alle im Grunde! – nun, so müßten -sie jedem Verbrecher proportional seiner Empfindlichkeit für -Schmerz zugemessen werden: – das heißt, es dürfte eine -<em>vorherige</em> Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es -dürfte einen Strafkodex <em>gar nicht geben</em>? Aber in Anbetracht, -daß es nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher -die Gradskala seiner Lust und Unlust festzustellen, -so würde man <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in praxi</span> wohl auf das Strafen verzichten -müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich – –</p> - - -<h5>474.</h5> - -<p>Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft, -welche, wie alle moralische Wissenschaft, noch nicht -einmal in der Windel liegt!</p> - -<p>Man verkennt zum Beispiel immer noch, auch unter frei -sich dünkenden Juristen, die älteste und wertvollste <em>Bedeutung</em> -der Strafe – man kennt sie gar nicht: und solange -die Rechtswissenschaft sich nicht auf einen neuen Boden -stellt, nämlich auf die Historien- und die Völkervergleichung, -wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen Abstraktionen -verbleiben, welche heute sich als „Philosophie -des Rechtes“ vorstellen, und die sämtlich vom gegenwärtigen -Menschen abgezogen sind. Dieser gegenwärtige Mensch ist -aber ein so verwickeltes Geflecht, auch in bezug auf seine -rechtlichen Wertschätzungen, daß er die verschiedensten <em>Ausdeutungen</em> -erlaubt.</p> - - -<h5>475.</h5> - -<p>Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zugrunde -gehen sollen, so hätten sie viele Gesetze.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[Pg 265]</a></span></p> - - -<h5>476.</h5> - -<p>„Lohn und Strafe“. – Das lebt miteinander, das verfällt -miteinander. Heute will man nicht belohnt sein, man -will niemanden <em>anerkennen</em>, der straft.... Man hat den -Kriegsfuß hergestellt: man <em>will</em> etwas, man hat Gegner -dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, <em>wenn -man sich verträgt</em>, – wenn man einen <em>Vertrag</em> macht.</p> - -<p>Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen -„Vertrag“ gemacht hat: – der Verbrecher ist ein <em>Vertragsbrüchiger</em>.... -Das wäre ein klarer Begriff. Aber -dann könnte man nicht Anarchisten und <em>prinzipielle</em> Gegner -einer Gesellschaftsform innerhalb derselben dulden....</p> - - -<h5>477.</h5> - -<p>Die <em>Gegenseitigkeit</em>, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen: -eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung -des Menschen. Sie bringt jene „Gleichheit“ -mit sich, welche die Kluft der Distanz als <em>unmoralisch</em> -abwertet....</p> - - -<h5>478.</h5> - -<p>Die Zeiten, wo man mit <em>Lohn</em> und <em>Strafe</em> den Menschen -<em>lenkt</em>, haben eine niedere, noch primitive Art Mensch -im Auge: das ist wie bei <em>Kindern</em>....</p> - -<p>Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die -Degenereszenz etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn -und Strafe <em>aufhebt</em>.... Es setzt junge, starke, kräftige -Rassen voraus, dieses wirkliche <em>Bestimmen</em> der Handlung -durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen sind die -Impulse so <em>unwiderstehlich</em>, daß eine bloße Vorstellung -ganz ohnmächtig ist; – nicht Widerstand leisten können, -wo ein Reiz gegeben ist, sondern ihm folgen <em>müssen</em>: diese -extreme Irritabilität der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span> macht solche Straf- und -<em>Besserungs</em>systeme vollkommen sinnlos.</p> - -<p>Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung -eines normalen und starken Menschen, dessen Einzelhandlung -irgendwie wieder <em>ausgeglichen</em> werden soll, um ihn<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[Pg 266]</a></span> -<em>nicht</em> für die Gemeinde zu <em>verlieren</em>, um ihn nicht als -<em>Feind</em> zu haben.</p> - - -<h4>2. Der Staat.</h4> - - -<h5>479.</h5> - -<p>Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich <em>verantwortlich</em>. -Die Vielheiten sind erfunden, um Dinge zu tun, zu denen -der Einzelne nicht den Mut hat. Eben deshalb sind alle -Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal <em>aufrichtiger</em> und -<em>belehrender</em> über das Wesen des Menschen als das Individuum, -welches zu schwach ist, um den Mut zu seinen -Begierden zu haben....</p> - -<p>Der ganze „Altruismus“ ergibt sich als <em>Privatmannklugheit</em>: -die Gesellschaften sind nicht „altruistisch“ gegen -einander.... Das Gebot der Nächstenliebe ist noch niemals -zu einem Gebot der Nachbarliebe erweitert worden. Vielmehr -gilt da noch, was bei Manu steht: „Alle uns angrenzenden -Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns -feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum -müssen uns <em>deren</em> Nachbarn als uns freundlich gesinnt -gelten.“</p> - -<p>Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, -weil der Mensch als Gesellschaft viel <em>naiver</em> ist als der -Mensch als „Einheit“. Die „Gesellschaft“ hat die <em>Tugend</em> -nie anders gesehen, denn als Mittel der Stärke, der Macht, -der Ordnung.</p> - -<p>Wie einfältig und würdig sagt es Manu: „Aus eigner -Kraft würde die Tugend sich schwerlich behaupten können. -Im Grunde ist es nur die Furcht vor Strafe, was die Menschen -in Schranken hält und jeden im ruhigen Besitz des -Seinen läßt.“</p> - - -<h5>480.</h5> - -<p>Ihr habt alle nicht den Mut, einen Menschen zu töten -oder auch nur zu peitschen oder auch nur zu –, aber die ungeheure -Maschine von <em>Staat</em> überwältigt den Einzelnen, -so daß er die Verantwortlichkeit für das, was er tut, ablehnt -(Gehorsam, Eid usw.).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[Pg 267]</a></span></p> - -<p>– Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates <em>tut</em>, -geht wider seine Natur.</p> - -<p>– insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen -Dienst im Staate <em>lernt</em>, geht wider seine Natur.</p> - -<p>Das wird erreicht durch die <em>Arbeitsteilung</em> (so daß -niemand die ganze Verantwortlichkeit mehr hat):</p> - -<p>der Gesetzgeber – und der, der das Gesetz ausführt;</p> - -<p>der Disziplinlehrer – und die, welche in der Disziplin hart -und streng geworden sind.</p> - - -<h5>481.</h5> - -<p>Der <em>Staat</em> oder die organisierte <em>Unmoralität</em>, – <em>inwendig</em>: -als Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie; -<em>auswendig</em>: als Wille zur Macht, zum Kriege, zur -Eroberung, zur Rache.</p> - -<p>Wie wird es erreicht, daß er eine <em>große Menge</em> Dinge -tut, zu denen der <em>Einzelne</em> sich nie verstehen würde? – -Durch Zerteilung der Verantwortlichkeit, des Befehlens und -der Ausführung. Durch <em>Zwischenlegung</em> der Tugenden -des Gehorsams, der Pflicht, der Vaterlands- und Fürstenliebe. -Durch Aufrechterhaltung des Stolzes, der Strenge, -der Stärke, des Hasses, der Rache, – kurz aller typischen -Züge, welche dem Herdentypus <em>widersprechen</em>.</p> - - -<h5>482.</h5> - -<p>Versuch meinerseits, die <em>absolute Vernünftigkeit</em> des -gesellschaftlichen Urteilens und Wertschätzens zu begreifen -(natürlich frei von dem Willen, dabei moralische Resultate -herauszurechnen).</p> - -<p>: den Grad von <em>psychologischer Falschheit</em> und Undurchsichtigkeit, -um die zur Erhaltung und Machtsteigerung -wesentlichen Affekte zu <em>heiligen</em> (um sich für sie das <em>gute -Gewissen</em> zu schaffen).</p> - -<p>: den Grad von <em>Dummheit</em>, damit eine gemeinsame Regulierung -und Wertung möglich bleibt (dazu Erziehung, -Überwachung der Bildungselemente, Dressur).</p> - -<p>: den Grad von <em>Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit</em>, -um die Ausnahmen als Verbrecher zu be<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[Pg 268]</a></span>handeln -und zu unterdrücken, – um ihnen selbst das -schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an ihrer -Ausnahmehaftigkeit krank sind.</p> - - -<h5>483.</h5> - -<p>Damit etwas bestehen soll, das länger ist als ein Einzelner, -damit also ein <em>Werk</em> bestehen bleibt, das vielleicht ein -Einzelner geschaffen hat: dazu muß dem Einzelnen alle -mögliche Art von Beschränkung, von Einseitigkeit usw. auferlegt -werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe, Verehrung, -Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine -Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft -haben: oder daß meine Nachkommen nur so garantiert sind, -wenn ich jenes <em>Werk</em> (zum Beispiel die πόλις) garantiere. -<em>Moral</em> ist wesentlich das Mittel, über die Einzelnen hinweg, -oder vielmehr durch eine <em>Versklavung</em> der Einzelnen etwas -zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die Perspektive -von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird als -die von oben nach unten.</p> - -<p>Ein Machtkomplex: wie wird er <em>erhalten</em>? Dadurch, -daß viele Geschlechter sich ihm opfern.</p> - - -<h5>484.</h5> - -<p>Das <em>Kontinuum</em>: „Ehe, Eigentum, Sprache, Tradition, -Stamm, Familie, Volk, Staat“ sind Kontinuen niederer -und höherer Ordnung. Die Ökonomik derselben besteht -in dem <em>Überschusse</em> der <em>Vorteile</em> der ununterbrochenen -Arbeit, sowie der Vervielfachung über die <em>Nachteile</em>: die -größeren Kosten der Auswechslung der Teile oder der -Dauerbarmachung derselben. (Vervielfältigung der wirkenden -Teile, welche doch vielfach unbeschäftigt bleiben, also -größere Anschaffungskosten und nicht unbedeutende Kosten -der Erhaltung.) Der Vorteil besteht darin, daß die Unterbrechungen -vermieden und die aus ihnen entspringenden -Verluste gespart werden. <em>Nichts ist kostspieliger als ein -Anfang.</em></p> - -<p>„Je größer die Daseinsvorteile, desto größer auch die Erhaltungs- -und Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflan<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[Pg 269]</a></span>zung); -desto größer auch die Gefahren und die Wahrscheinlichkeit, -vor der erreichten Höhe zugrunde zu gehen.“</p> - - -<h5>485.</h5> - -<p>Kritik der „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor dem Gesetz“: -was eigentlich damit <em>weggeschafft</em> werden soll? -Die Spannung, die Feindschaft, der Haß. – Aber ein -Irrtum ist es, daß dergestalt „<em>das Glück</em>“ <em>gemehrt</em> wird: -die Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als die Kontinentalen.</p> - - -<h5>486.</h5> - -<p>Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des -Herrschenden verdorben. Der „Staat“, als Gericht übend, -ist eine Feigheit, weil der <em>große Mensch</em> fehlt, an dem gemessen -werden kann. Zuletzt wird die Unsicherheit so groß, -daß die Menschen vor <em>jeder</em> Willenskraft, die befiehlt, in -den Staub fallen.</p> - - -<h5>487.</h5> - -<p>Man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, -noch gar auf „Glück“: es steht mit dem einzelnen Menschen -nicht anders als mit dem niedrigsten Wurm.</p> - - -<h5>488.<br /> - -<span class="gesperrt normal3">„Die Erlösung von aller Schuld.“</span></h5> - -<p>Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des sozialen -Pakts: wie als ob die Tatsache, daß dieser unter günstigen, -jener unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von -vornherein eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß -dieser mit diesen Eigenschaften, jener mit jenen geboren -wird. Von seiten der Aufrichtigsten unter diesen Gegnern -der Gesellschaft wird dekretiert: „Wir selber sind mit allen -unseren schlechten, krankhaften, verbrecherischen Eigenschaften, -die wir eingestehen, nur die unvermeidlichen <em>Folgen</em> -einer sekulären Unterdrückung der Schwachen durch die -Starken“; sie schieben ihren Charakter den herrschenden -Ständen ins Gewissen. Und man droht, man zürnt, man -verflucht; man wird tugendhaft vor Entrüstung –, man<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[Pg 270]</a></span> -will nicht umsonst ein schlechter Mensch, eine Kanaille geworden -sein.</p> - -<p>Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, -heißt sich, soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungspessimismus. -Hier wird der Anspruch gemacht, -die Geschichte zu richten, sie ihrer Fatalität zu entkleiden, -eine Verantwortlichkeit hinter ihr, <em>Schuldige</em> in ihr zu -finden. Denn darum handelt es sich: man braucht Schuldige. -Die Schlechtweggekommenen, die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span> jeder -Art, sind in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht -an sich selbst ihren Vernichtungsdurst zu löschen (– was -an sich vielleicht die Vernunft für sich hätte). Dazu haben -sie einen Schein von Recht nötig, das heißt eine Theorie, -auf welche hin sie die Tatsache ihrer Existenz, ihres So-und-so-seins -auf irgendeinen Sündenbock <em>abwälzen</em> können. -Dieser Sündenbock kann Gott sein – es fehlt in Rußland -nicht an solchen Atheisten aus Ressentiment –, oder die -gesellschaftliche Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, -oder die Juden, oder die Vornehmen, oder überhaupt -<em>Gutweggekommene</em> irgendwelcher Art. „Es ist ein Verbrechen, -unter günstigen Bedingungen geboren zu werden: -denn damit hat man die andern enterbt, beiseite gedrückt, -zum Laster, selbst zur <em>Arbeit</em> verdammt.... Was kann -ich dafür, miserabel zu sein! Aber irgendwer muß etwas -dafür können, <em>sonst wäre es nicht auszuhalten</em>!“.... -Kurz, der Entrüstungspessimismus <em>erfindet</em> Verantwortlichkeiten, -um sich ein <em>angenehmes</em> Gefühl zu schaffen – -Rache.... „Süßer als Honig“ nennt sie schon der alte -Homer. –</p> - -<p>Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständnis, will -sagen Verachtung, findet, das macht das Stück <em>Christentum</em>, -das uns allen noch im Blute steckt: so daß wir tolerant -gegen Dinge sind, bloß weil sie von fern etwas christlich -riechen.... Die Sozialisten appellieren an die christlichen -Instinkte; das ist noch ihre feinste Klugheit.... Vom Christentum -her sind wir an den abergläubischen Begriff der -„Seele“ gewöhnt, an die „unsterbliche Seele“, an die<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[Pg 271]</a></span> -Seelen-Monade, die eigentlich ganz wo anders zu Hause ist -und nur zufällig in diese oder jene Umstände, ins „Irdische“ -gleichsam hineingefallen ist, „Fleisch“ geworden ist: doch -ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige denn <em>bedingt</em> -wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen, historischen -Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten, -Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren <em>Werk</em>. -Mit dieser Vorstellung ist das Individuum transzendent gemacht; -es darf auf sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit -beilegen.</p> - -<p>In der Tat hat erst das Christentum das Individuum -herausgefordert, sich zum Richter über alles und jedes aufzuwerfen; -der Größenwahn ist ihm beinahe zur Pflicht gemacht: -es hat ja <em>ewige</em> Rechte gegen alles Zeitliche und -Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft! -Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier -redet ein Jenseits des Werdens, ein Unwandelbares in aller -Historie, hier redet etwas Unsterbliches, etwas Göttliches: -eine <em>Seele</em>!</p> - -<p>Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff -hat sich noch weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt: -der Begriff von der „<em>Gleichheit der Seelen vor Gott</em>“. -In ihm ist das Prototyp aller Theorien der <em>gleichen Rechte</em> -gegeben: man hat die Menschheit den Satz von der Gleichheit -erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine -Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit -endet, ihn ernst zu nehmen, ihn <em>praktisch</em> zu nehmen! -– will sagen politisch, demokratisch, sozialistisch, entrüstungspessimistisch.</p> - -<p>Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, -ist es der <em>Instinkt der Rache</em> gewesen, der da suchte. -Dieser Instinkt der Rache wurde in Jahrtausenden dermaßen -über die Menschheit Herr, daß die ganze Metaphysik, -Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor allem aber die <em>Moral</em> -mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch -gedacht hat, so weit hat er den Bazillus der Rache in die<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[Pg 272]</a></span> -Dinge geschleppt. Er hat Gott selbst damit krank gemacht, -er hat <em>das Dasein</em> überhaupt <em>um seine Unschuld gebracht</em>: -nämlich dadurch, daß er jedes So-und-so-sein auf -Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückführte. -Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnisvollste -<em>Fälschung</em> in der bisherigen Psychologie, wurde -wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe. Es war die gesellschaftliche -<em>Nützlichkeit</em> der Strafe, die diesem Begriff -seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit verbürgte. Die -Urheber jener Psychologie – der Willenspsychologie – hat -man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den -Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze -der ältesten Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht -schaffen, Rache zu nehmen, – sie wollten <em>Gott</em> ein Recht -zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke wurde der Mensch -„frei“ gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung -als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im -Bewußtsein liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen -ist die alte Psychologie widerlegt.</p> - -<p>Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten -scheint, wo wir Halkyonier zumal mit aller Kraft -den <em>Schuldbegriff</em> und <em>Strafbegriff</em> aus der Welt wieder -zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen suchen, -wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie, die -Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen Institutionen -und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz -zu reinigen, – in wem müssen wir unsere natürlichsten -Antagonisten sehen? Eben in jenen Aposteln der Rache und -des Ressentiments, in jenen Entrüstungspessimisten <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par -excellence</span>, welche eine Mission daraus machen, ihren -Schmutz unter dem Namen „Entrüstung“ zu heiligen.... -Wir andern, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen -wünschen, möchten die Missionare eines reinlicheren -Gedankens sein: daß niemand dem Menschen seine -Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die Gesellschaft, -noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, – daß niemand -<em>schuld</em> an ihm ist.... Es fehlt ein Wesen, das dafür<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[Pg 273]</a></span> -verantwortlich gemacht werden könnte, daß jemand überhaupt -da ist, daß jemand so und so ist, daß jemand unter -diesen Umständen, in dieser Umgebung geboren ist. – <em>Es -ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen fehlt</em>.... -Wir sind <em>nicht</em> das Resultat einer ewigen Absicht, eines -Willens, eines Wunsches: mit uns wird <em>nicht</em> der Versuch -gemacht, ein „Ideal von Vollkommenheit“ oder ein „Ideal -von Glück“ oder ein „Ideal von Tugend“ zu erreichen, – -wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes, vor dem ihm -selber angst werden müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich -das Alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort, -jeder Zweck, jeder Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein -abwälzen könnten. Vor allem: niemand <em>könnte</em> -es: man <em>kann</em> das Ganze nicht richten, messen, vergleichen -oder gar verneinen! Warum nicht? – Aus fünf Gründen, -allesamt selbst bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum -Beispiel, <em>weil es nichts gibt außer dem Ganzen</em>.... -Und nochmals gesagt, das ist ein großes Labsal, darin liegt -die Unschuld alles Daseins.</p> - - -<h5>489.</h5> - -<p>Wie mir die Sozialisten lächerlich sind mit ihrem albernen -Optimismus vom „guten Menschen“, der hinter dem Busche -wartet, wenn man nur erst die bisherige „Ordnung“ abgeschafft -hat und alle „natürlichen Triebe“ losläßt.</p> - -<p>Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die -Gewalttat in dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in -jeder Art Autorität nicht zugesteht. „‚Ich und meine Art‘ -will herrschen und übrigbleiben: wer entartet, wird ausgestoßen -oder vernichtet“ – ist Grundgefühl jeder alten -Gesetzgebung.</p> - -<p>Man haßt die Vorstellung einer <em>höheren Art</em> Menschen -mehr als die Monarchen. Antiaristokratisch: das nimmt -den Monarchenhaß nur als Maske –</p> - - -<h5>490.</h5> - -<p>Ich bin abgeneigt 1. dem Sozialismus, weil er ganz naiv -vom „Guten, Wahren, Schönen“ und von „gleichen Rech<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[Pg 274]</a></span>ten“ -träumt (– auch der Anarchismus will, nur auf brutalere -Weise, das gleiche Ideal);</p> - -<p>2. dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das -die Mittel sind, wodurch das Herdentier sich zum Herrn -macht.</p> - - -<h5>491.</h5> - -<p>Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine -Entfesselung von Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung -von Faulheiten, von Müdigkeiten, von <em>Schwächen</em>.</p> - - -<h5>492.</h5> - -<p>„Der Wille zur Macht“ wird in demokratischen Zeitaltern -dermaßen gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf -seine Verkleinerung und Verleumdung gerichtet scheint. Der -Typus des großen Ehrgeizigen: das soll Napoleon sein! Und -Cäsar! Und Alexander! – Als ob das nicht gerade die -größten <em>Verächter</em> der Ehre wären!....</p> - -<p>Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht -strebt, um die Genüsse zu haben, welche dem Mächtigen zu -Gebote stehen: – er versteht dieses Streben nach Macht als -Willen zum Genuß! als Hedonismus!</p> - - -<h5>493.</h5> - -<p>Der moderne Sozialismus will die weltliche Nebenform -des Jesuitismus schaffen: <em>Jeder</em> absolutes Werkzeug. Aber -der Zweck, das Wozu? ist nicht aufgefunden bisher.</p> - - -<h5>494.</h5> - -<p>Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das -Recht, die Einsicht, die Gabe der Führung usw.“ oder „bei -den Vielen“ – gibt es ein <em>oligarchisches</em> Regiment oder -ein <em>demokratisches</em>.</p> - -<p>Das <em>Königtum</em> repräsentiert den Glauben an einen ganz -Überlegenen, einen Führer, Retter, Halbgott.</p> - -<p>Die <em>Aristokratie</em> repräsentiert den Glauben an eine -Elite-Menschheit und höhere Kaste.</p> - -<p>Die <em>Demokratie</em> repräsentiert den <em>Unglauben</em> an große -Menschen und an Elite-Gesellschaft: „Jeder ist jedem<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[Pg 275]</a></span> -gleich“. „Im Grunde sind wir allesamt eigennütziges Vieh -und Pöbel.“</p> - - -<h5>495.</h5> - -<p><em>Aus der Zukunft des Arbeiters.</em> – Arbeiter sollten -wie <em>Soldaten</em> empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, -aber keine Bezahlung!</p> - -<p>Kein Verhältnis zwischen Abzahlung und <em>Leistung</em>! Sondern -das Individuum, <em>je nach seiner Art</em>, so stellen, daß -es das <em>Höchste leisten</em> kann, was in seinem Bereich liegt.</p> - - -<h5>496.</h5> - -<p>Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger; -– aber <em>über</em> ihnen, sich durch Bedürfnislosigkeit auszeichnend, -die <em>höhere Kaste</em>: also ärmer und einfacher, doch -im Besitz der Macht.</p> - -<p>Für die <em>niederen</em> Menschen gelten die umgekehrten Wertschätzungen; -es kommt darauf an, in sie die „Tugenden“ -zu pflanzen. Die absoluten Befehle; furchtbare Zwingmeister; -sie dem leichten Leben entreißen. Die übrigen dürfen -<em>gehorchen</em>: und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht -abhängig von großen Menschen, sondern von „<em>Prinzipien</em>“ -erscheinen.</p> - - -<h5>497.</h5> - -<p><em>Meine „Zukunft“</em>: – eine stramme Polytechnikerbildung. -Militärdienst: so daß durchschnittlich jeder Mann der -höheren Stände Offizier ist, er sei sonst, wer er sei.</p> - - -<h5>498.</h5> - -<p>Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europas -soll nicht mehr lange dauern! Gibt es irgendeinen Gedanken -hinter diesem Hornvieh-Nationalismus? Welchen -Wert könnte es haben, jetzt, wo alles auf größere und gemeinsame -Interessen hinweist, diese ruppigen Selbstgefühle -aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die <em>geistige -Unselbständigkeit</em> und Entnationalisierung in die -Augen springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen -und -Befruchten der eigentliche Wert und Sinn der jetzigen -Kultur liegt!.... Und das „neue Reich“, wieder auf den<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[Pg 276]</a></span> -verbrauchtesten und bestverachteten Gedanken gegründet: die -Gleichheit der Rechte und der Stimmen.</p> - -<p>Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, -der nichts taugt; diese Kultur der Großstädte, der -Zeitungen, des Fiebers und der „Zwecklosigkeit“ –!</p> - -<p>Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit -– und ebenso, als Reaktion, die <em>Friedenspartei</em>....</p> - -<p>Eine Partei des <em>Friedens</em>, ohne Sentimentalität, welche -sich und ihren Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, -sich der Gerichte zu bedienen; welche den Kampf, den -Widerspruch, die Verfolgung gegen sich heraufbeschwört; -eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine Zeit; -alsbald die <em>große</em> Partei. Gegnerisch gegen die <em>Rach-</em> und -<em>Nachgefühle</em>.</p> - -<p>Eine <em>Kriegspartei</em>, mit der gleichen Grundsätzlichkeit -und Strenge gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend -–</p> - - -<h5>499.</h5> - -<p><em>Die Aufrechterhaltung des Militärstaates</em> ist das -allerletzte Mittel, die <em>große Tradition</em> sei es aufzunehmen, -sei es festzuhalten hinsichtlich des <em>obersten Typus</em> Mensch, -des <em>starken Typus</em>. Und alle <em>Begriffe</em>, die die Feindschaft -und Rangdistanz der Staaten verewigen, dürfen daraufhin -sanktioniert erscheinen (zum Beispiel Nationalismus, -Schutzzoll).</p> - - -<h5>500.</h5> - -<p>Moral wesentlich als <em>Wehr</em>, als Verteidigungsmittel; insofern -ein Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert; -stoisch).</p> - -<p>Der ausgewachsene Mensch hat vor allem <em>Waffen</em>: er ist -<em>angreifend</em>.</p> - -<p>Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt -(aus Schuppen und Platten Federn und Haare).</p> - - -<h5>501.</h5> - -<p><em>Grundfehler</em>: die Ziele in die Herde und <em>nicht</em> in einzelne -Individuen zu legen! Die Herde ist Mittel, nicht<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[Pg 277]</a></span> -<em>mehr</em>! Aber jetzt versucht man, <em>die Herde als Individuum</em> -zu verstehen und ihr einen höheren Rang als dem -Einzelnen zuzuschreiben, – tiefstes Mißverständnis!!! Insgleichen -das, was herdenhaft macht, die Mitgefühle, als die -<em>wertvollere</em> Seite unsrer Natur zu charakterisieren!</p> - - - - -<h3>V. Kunst – ein Machtwille.</h3> - - -<h4>502.</h4> - -<p>„Schönheit“ ist deshalb für den Künstler etwas außer -aller Rangordnung, weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt -sind, das höchste Zeichen von Macht, nämlich über -Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: – daß keine -Gewalt mehr not tut, daß alles so leicht <em>folgt, gehorcht</em>, -und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht – -das ergötzt den Machtwillen des Künstlers.</p> - - -<h4>503.<br /> - -<span class="gesperrt normal3">Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“.</span></h4> - - -<h5>I.</h5> - -<p>Die Konzeption des Werkes, auf welche man in dem -Hintergrunde dieses Buches stößt, ist absonderlich düster und -unangenehm: unter den bisher bekannt gewordnen Typen -des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von Bösartigkeit -erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren -und einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und -diese ist falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne -Sinn.... Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt. -<em>Wir haben Lüge nötig</em>, um über diese Realität, diese -„Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu -<em>leben</em>.... Daß die Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört -selbst noch mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen -Charakter des Daseins.</p> - -<p>Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft -– sie werden in diesem Buche nur als verschiedne -Formen der Lüge in Betracht gezogen: mit ihrer Hilfe -wird ans Leben <em>geglaubt</em>. „Das Leben <em>soll</em> Vertrauen<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[Pg 278]</a></span> -einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie -zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er -muß mehr als alles andere <em>Künstler</em> sein. Und er <em>ist</em> es -auch: Metaphysik, Religion, Moral, Wissenschaft – alles -nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge, zur -Flucht vor der „Wahrheit“, zur <em>Verneinung</em> der „Wahrheit“. -Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität -durch die Lüge vergewaltigt, dieses Künstlervermögen des -Menschen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span> – er hat es noch mit allem, was -ist, gemein. Er selbst ist ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, -Natur: wie sollte er nicht auch ein Stück <em>Genie der -Lüge</em> sein!</p> - -<p>Daß der Charakter des Daseins <em>verkannt</em> werde – -und höchste Geheimabsicht hinter allem, was Tugend, -Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlertum ist. Vieles niemals -sehen, vieles falsch sehen, vieles hinzusehen: o wie -klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten davon -ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, -„Gott“ – lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, -lauter Verführungen zum Leben, lauter Glaube an das -Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum Betrognen -ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o -wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches -Gefühl von Macht! Wieviel Künstlertriumph im Gefühl -der Macht!.... Der Mensch ward wieder einmal Herr über -den „<em>Stoff</em>“, – Herr über die Wahrheit!.... Und wann -immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in -seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich -als Macht, er genießt die Lüge als seine Macht....</p> - - -<h5>II.</h5> - -<p>Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große -Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, -das große Stimulans des Lebens.</p> - -<p>Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen -Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, -Antibuddhistische, Antinihilistische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[Pg 279]</a></span></p> - -<p>Die Kunst als die <em>Erlösung des Erkennenden</em>, – -dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter -des Daseins sieht, sehen will, des Tragisch-Erkennenden.</p> - -<p>Die Kunst als die <em>Erlösung des Handelnden</em>, – -dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter -des Daseins nicht nur sieht, sondern lebt, leben will, des -tragisch-kriegerischen Menschen, des Helden.</p> - -<p>Die Kunst als die <em>Erlösung des Leidenden</em>, – als -Weg zu Zuständen, wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht -wird, wo das Leiden eine Form der großen Entzückung -ist.</p> - - -<h5>III.</h5> - -<p>Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen -wir deutlicher der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt. -Aber die Wahrheit gilt nicht als oberstes Wertmaß, noch -weniger als oberste Macht. Der Wille zum Schein, zur -Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur -objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher, -„metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur -Wirklichkeit, zum Schein: – letzterer ist selbst bloß eine -Form des Willens zur Illusion. Ebenso gilt die Lust als -ursprünglicher als der Schmerz: der Schmerz erst als bedingt, -als eine Folgeerscheinung des Willens zur Lust (des -Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, das heißt <em>zum -Schaffen</em>: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet). -Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins -konzipiert, aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet -werden kann: der <em>tragisch-dionysische</em> Zustand.</p> - - -<h5>IV.</h5> - -<p>Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich -in dem Sinne, daß es etwas lehrt, das stärker ist als der -Pessimismus, das „göttlicher“ ist als die Wahrheit: die -<em>Kunst</em>. Niemand würde, wie es scheint, einer radikalen -Verneinung des Lebens, einem wirklichen Nein<em>tun</em> noch -mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das Wort -reden als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er – er<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[Pg 280]</a></span> -hat es erlebt, er hat vielleicht nichts anderes erlebt! – daß -die Kunst <em>mehr wert</em> ist als die Wahrheit.</p> - -<p>In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie -zu einem Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis, -dies Artistenevangelium: „die Kunst als -die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen -<em>metaphysische</em> Tätigkeit....“</p> - - -<h4>504.</h4> - -<p>Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten <em>durchsichtig</em>: -– von da aus hinzublicken auf die <em>Grundinstinkte -der Macht</em> usw.! Auch der Religion und Moral!</p> - -<p>„Das Spiel“, das Unnützliche – als Ideal des mit Kraft -Überhäuften, als „kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes, -παῖς παίζων.</p> - - -<h4>505.</h4> - -<p>Unsre Religion, Moral und Philosophie sind <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Formen -des Menschen.</p> - -<p>– Die <em>Gegenbewegung</em>: die <em>Kunst</em>.</p> - - -<h4>506.</h4> - -<p>In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr recht -als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur -nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge „dieser -Welt“, – sie liebten ihre Sinne. „Entsinnlichung“ zu -erstreben: das scheint mir ein Mißverständnis oder eine -Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei -oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen -denen, welche ohne die Ängste eines Puritanergewissens -leben – leben <em>dürfen</em>, eine immer größere Vergeistigung -und Vervielfältigung ihrer Sinne; ja wir wollen den Sinnen -dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und -ihnen das Beste von Geist, was wir haben, dagegen bieten. -Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen -der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung -nicht mehr nötig: es ist ein Merkmal der Wohlgeratenheit, -wenn einer gleich Goethe mit immer größerer Lust und<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[Pg 281]</a></span> -Herzlichkeit an „den Dingen der Welt“ hängt: – dergestalt -nämlich hält er die große Auffassung des Menschen fest, -daß der Mensch <em>der Verklärer des Daseins</em> wird, wenn -er sich selbst verklären lernt.</p> - - -<h4>507.</h4> - -<p>Biologischer Wert des <em>Schönen</em> und des <em>Häßlichen</em>. – -Was uns instinktiv <em>widersteht</em>, ästhetisch, ist aus allerlängster -Erfahrung dem Menschen als schädlich, gefährlich, -Mißtrauen verdienend bewiesen: der plötzlich redende ästhetische -Instinkt (im Ekel zum Beispiel) enthält ein <em>Urteil</em>. -Insofern steht das <em>Schöne</em> innerhalb der allgemeinen Kategorie -der biologischen Werte des Nützlichen, Wohltätigen, -Leben-steigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz -von fern an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, -uns das Gefühl des Schönen, das heißt der Vermehrung -von Machtgefühl, geben (– nicht also bloß Dinge, -sondern auch die Begleitempfindungen solcher Dinge oder -ihre Symbole).</p> - -<p>Hiermit ist das Schöne und Häßliche als <em>bedingt</em> erkannt; -nämlich in Hinsicht auf unsre untersten <em>Erhaltungswerte</em>. -Davon abgesehen ein Schönes und ein Häßliches -ansetzen wollen, ist sinnlos. <em>Das</em> Schöne existiert so -wenig als <em>das</em> Gute, <em>das</em> Wahre. Im Einzelnen handelt -es sich wieder um die <em>Erhaltungsbedingungen</em> einer bestimmten -Art von Mensch: so wird der <em>Herdenmensch</em> bei -anderen Dingen das <em>Wertgefühl des Schönen</em> haben, als -der <em>Ausnahme</em>- und Übermensch.</p> - -<p>Es ist die <em>Vordergrundsoptik</em>, welche nur die <em>nächsten -Folgen</em> in Betracht zieht, aus der der Wert des -Schönen (auch des Guten, auch des Wahren) stammt.</p> - -<p>Alle Instinkturteile sind <em>kurzsichtig</em> in Hinsicht auf die -Kette der Folgen: sie raten an, was <em>zunächst</em> zu tun ist. Der -Verstand ist wesentlich ein <em>Hemmungsapparat</em> gegen das -Sofort-Reagieren auf das Instinkturteil: er hält auf, er -überlegt weiter, er sieht die Folgenkette ferner und länger.</p> - -<p>Die <em>Schönheits-</em> und <em>Häßlichkeitsurteile</em> sind <em>kurzsichtig</em> -(– sie haben immer den Verstand <em>gegen</em> sich –):<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[Pg 282]</a></span> -aber im <em>höchsten Grade überredend</em>; sie appellieren an -unsre Instinkte, dort, wo sie am schnellsten sich entscheiden -und ihr Ja und Nein sagen, <em>bevor</em> noch der Verstand zu -Worte kommt.</p> - -<p>Die gewohntesten Schönheitsbejahungen <em>regen sich -gegenseitig auf und an</em>; wenn der ästhetische Trieb einmal -in Arbeit ist, kristallisiert sich um „das einzelne Schöne“ -noch eine ganze Fülle anderer und anderswoher stammender -Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich, <em>objektiv</em> zu bleiben, -respektive die interpretierende, hinzugebende, ausfüllende, -dichtende Kraft auszuhängen (– letztere ist jene Verkettung -der Schönheitsbejahungen selber). Der Anblick eines -„schönen Weibes“....</p> - -<p>Also 1. das Schönheitsurteil ist <em>kurzsichtig</em>, es sieht -nur die nächsten Folgen;</p> - -<p>2. es <em>überhäuft</em> den Gegenstand, der es erregt, mit -einem <em>Zauber</em>, der durch die Assoziation verschiedener -Schönheitsurteile bedingt ist, – der aber dem <em>Wesen jenes -Gegenstandes ganz fremd ist</em>. Ein Ding als schön empfinden -heißt: es notwendig falsch empfinden – (weshalb, -beiläufig gesagt, die Liebesheirat die gesellschaftlich unvernünftigste -Art der Heirat ist).</p> - - -<h4>508.</h4> - -<p><em>Der tragische Künstler.</em> – Es ist die Frage der <em>Kraft</em> -(eines Einzelnen oder eines Volkes), <em>ob</em> und <em>wo</em> das Urteil -„schön“ angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der <em>aufgestauten -Kraft</em> (aus dem es erlaubt ist, vieles mutig -und wohlgemut entgegenzunehmen, vor dem der Schwächling -<em>schaudert</em>) – das <em>Macht</em>gefühl spricht das Urteil -„schön“ noch über Dinge und Zustände aus, welche der -Instinkt der Ohnmacht nur als <em>hassenswert</em>, als „häßlich“ -abschätzen kann. Die Witterung dafür, womit wir ungefähr -fertig werden würden, wenn es leibhaft entgegenträte -als Gefahr, Problem, Versuchung, – diese Witterung -bestimmt auch noch unser ästhetisches Ja. („Das ist -schön“ ist eine <em>Bejahung</em>).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[Pg 283]</a></span></p> - -<p>Daraus ergibt sich, ins Große gerechnet, daß die <em>Vorliebe -für fragwürdige und furchtbare Dinge</em> ein -Symptom für <em>Stärke</em> ist: während der Geschmack am -<em>Hübschen und Zierlichen</em> den Schwachen, den Delikaten -zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet <em>starke</em> -Zeitalter und Charaktere: ihr <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</span> ist vielleicht die -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">divina commedia</span>. Es sind die <em>heroischen</em> Geister, welche -zu sich selbst in der tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie -sind hart genug, um das Leiden als <em>Lust</em> zu empfinden.</p> - -<p>Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß -begehren, welche für sie nicht erdacht ist, was werden -sie tun, um die Tragödie sich schmackhaft zu machen? Sie -werden ihre <em>eignen Wertgefühle</em> in sie hinein interpretieren: -zum Beispiel den „Triumph der sittlichen Weltordnung“ -oder die Lehre vom „Unwert des Daseins“ oder -die Aufforderung zur „Resignation“ (– oder auch halb -medizinische, halb moralische Affektausladungen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Aristoteles). -Endlich: die <em>Kunst des Furchtbaren</em>, insofern -sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans bei den Schwachen -und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute -zum Beispiel der Grund für die <em>Schätzung</em> der Wagnerschen -Kunst. Es ist ein Zeichen von <em>Wohl-</em> und <em>Machtgefühl</em>, -wie weit einer den Dingen ihren furchtbaren und -fragwürdigen Charakter zugestehen darf; und <em>ob</em> er überhaupt -„Lösungen“ am Schluß braucht.</p> - -<p>Diese Art <em>Künstlerpessimismus</em> ist genau das <em>Gegenstück -zum moralisch-religiösen Pessimismus</em>, welcher -an der „Verderbnis“ des Menschen, am Rätsel des Daseins -leidet: dieser will durchaus eine Lösung, wenigstens -eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden, Verzweifelten, -An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit einem Wort, haben -zu allen Zeiten die entzückenden <em>Visionen</em> nötig gehabt, -um es auszuhalten (der Begriff „Seligkeit“ ist <em>dieses</em> Ursprungs). -Ein verwandter Fall: die Künstler der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, -welche im Grunde <em>nihilistisch</em> zum Leben stehen, -<em>flüchten</em> in die <em>Schönheit der Form</em>, – in die <em>ausgewählten</em> -Dinge, wo die Natur vollkommen ward, wo sie<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[Pg 284]</a></span> -indifferent <em>groß</em> und <em>schön</em> ist.... (– Die „Liebe zum -Schönen“ kann somit etwas anderes als das <em>Vermögen</em> -sein, ein Schönes zu <em>sehen</em>, das Schöne zu <em>schaffen</em>: sie -kann gerade der Ausdruck von <em>Unvermögen</em> dazu sein.)</p> - -<p>Die überwältigenden Künstler, welche einen <em>Konsonanzton</em> -aus jedem Konflikte erklingen lassen, sind die, welche -ihre eigene Mächtigkeit und Selbsterlösung noch den Dingen -zugute kommen lassen: sie sprechen ihre innerste Erfahrung -in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, – ihr Schaffen -ist Dankbarkeit für ihr Sein.</p> - -<p>Die <em>Tiefe des tragischen Künstlers</em> liegt darin, daß -sein ästhetischer Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß -er nicht kurzsichtig beim Nächsten stehen bleibt, daß er die -<em>Ökonomie im großen</em> bejaht, welche das <em>Furchtbare</em>, -<em>Böse</em>, <em>Fragwürdige</em> rechtfertigt, und nicht nur – rechtfertigt.</p> - - -<h4>509.</h4> - -<p>Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, -daß auch „der Gute“ im großen Gesamtschauspiel des Lebens -eine Form der <em>Erschöpfung</em> darstellt: so werden -sie der Konsequenz des Christentums die Ehre geben, welche -den Guten als den <em>Häßlichen</em> konzipierte. Das Christentum -hatte damit recht.</p> - -<p>An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit, zu -sagen, „das Gute und das Schöne sind eins“; fügt er gar -noch hinzu, „auch das Wahre“, so soll man ihn prügeln. -Die Wahrheit ist häßlich.</p> - -<p>Wir haben die <em>Kunst</em>, damit wir <em>nicht an der Wahrheit -zugrunde gehen</em>.</p> - - -<h4>510.</h4> - -<p><em>Was ist tragisch?</em> – Ich habe zu wiederholten Malen -den Finger auf das große Mißverständnis des Aristoteles -gelegt, als er in zwei <em>deprimierenden</em> Affekten, im -Schrecken und im Mitleiden, die tragischen Affekte zu erkennen -glaubte. Hätte er recht, so wäre die Tragödie eine -lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[Pg 285]</a></span> -Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, -sonst das große Stimulans des Lebens, ein Rausch am -Leben, ein Wille zum Leben, würde hier, im Dienste einer -Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des Pessimismus -<em>gesundheitsschädlich</em> (– denn daß man durch Erregung -dieser Affekte sich von ihnen „purgiert“, wie Aristoteles -zu glauben scheint, ist einfach nicht wahr). Etwas, das -habituell Schrecken oder Mitleid erregt, desorganisiert, -schwächt, entmutigt: – und gesetzt, Schopenhauer behielte -recht, daß man der Tragödie die Resignation zu entnehmen -habe (das heißt eine sanfte Verzichtleistung auf Glück, auf -Hoffnung, auf Willen zum Leben), so wäre hiermit eine -Kunst konzipiert, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie -bedeutete dann einen Auflösungsprozeß: der Instinkt -des Lebens sich im Instinkt der Kunst selbst zerstörend. -Christentum, Nihilismus, tragische Kunst, physiologische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: -das hielte sich an den Händen, das käme zur -selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig -vorwärts – <em>abwärts</em>.... Tragödie wäre ein Symptom -des Verfalls.</p> - -<p>Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: -nämlich, indem man vermöge des Dynamometers -die Wirkung einer tragischen Emotion mißt. Und man bekommt -als Ergebnis, was zuletzt nur die absolute Verlogenheit -eines Systematikers verkennen kann: – daß die Tragödie -ein <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">tonicum</span></em> ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen -<em>wollte</em>, wenn er die Gesamtdepression als tragischen -Zustand ansetzt, wenn er den Griechen (– die zu seinem -Verdruß nicht „resignierten“....) zu verstehen gab, sie -hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung befunden: -so ist das <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">parti pris</span>, Logik des Systems, Falschmünzerei -des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien, -welche Schopenhauern Schritt für Schritt seine -ganze Psychologie verdorben hat (: er, der das Genie, die -Kunst selbst, die Moral, die heidnische Religion, die Schönheit, -die Erkenntnis und ungefähr alles willkürlich-gewaltsam -mißverstanden hat).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[Pg 286]</a></span></p> - - -<h4>511.</h4> - -<p>Das Kunstwerk, wo es <em>ohne</em> Künstler erscheint, zum -Beispiel als Leib, als Organisation (preußisches Offizierkorps, -Jesuitenorden). Inwiefern der Künstler nur eine -Vorstufe ist.</p> - -<p>Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk – –</p> - - -<h4>512.</h4> - -<p><em>Der Nihilismus der Artisten.</em> – Die Natur grausam -durch ihre Heiterkeit; zynisch mit ihren Sonnenaufgängen. -Wir sind feindselig gegen <em>Rührungen</em>. Wir -flüchten dorthin, wo die Natur unsre Sinne und unsre Einbildungskraft -bewegt; wo wir nichts zu lieben haben, wo -wir nicht an die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen -dieser nordischen Natur erinnert werden; – und so -auch in den Künsten. Wir ziehen vor, was nicht mehr uns -an „Gut und Böse“ erinnert. Unsre moralistische Reizbarkeit -und Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer furchtbaren -und glücklichen Natur, im Fatalismus der Sinne und -der Kräfte. Das Leben ohne Güte.</p> - -<p>Die Wohltat besteht im Anblick der großartigen <em>Indifferenz</em> -der Natur gegen Gut und Böse.</p> - -<p>Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der -Natur: deshalb geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in historicis</span>, wo die Absenz der Gerechtigkeit selber -noch mit großartiger Naivität sich zeigt, wo gerade die <em>Vollkommenheit</em> -zum Ausdruck kommt –, und insgleichen -in der <em>Natur</em> dorthin, wo der böse und indifferente Charakter -sich nicht verhehlt, wo sie den Charakter der <em>Vollkommenheit</em> -darstellt.... Der nihilistische Künstler verrät -sich im Wollen und Bevorzugen der <em>zynischen Geschichte, -der zynischen Natur</em>.</p> - - -<h4>513.</h4> - -<p>Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als -Zeichen vollen und blühenden Lebens hin, welche man heute -gewohnt ist, als <em>krankhaft</em> zu beurteilen. Nun haben wir<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[Pg 287]</a></span> -inzwischen verlernt, zwischen gesund und krank von einem -Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, – meine -Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“ -genannt wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was -unter günstigen Verhältnissen gesund <em>wäre</em> –, daß wir -relativ krank sind.... Der Künstler gehört zu einer noch -stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, was bei uns -krankhaft wäre, ist bei ihm Natur – – Aber man wendet -uns ein, daß gerade die <em>Verarmung</em> der Maschine die -extravagante Verständniskraft über jedwede Suggestion ermögliche: -Zeugnis unsre hysterischen Weiblein.</p> - -<p>Die <em>Überfülle</em> an Säften und Kräften kann so gut -Symptome der partiellen Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen, -von Suggestionsraffinements mit sich bringen wie -eine Verarmung an Leben –, der Reiz ist anders bedingt, -die Wirkung bleibt sich gleich.... Vor allem ist die <em>Nach</em>wirkung -nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung aller morbiden -Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts -mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten -Zeiten nicht <em>abzubüßen</em> hat.... Er ist reich genug dazu: -er kann verschwenden, ohne arm zu werden.</p> - -<p>Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen -dürfte, so vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft, -– und unsre <em>Artisten</em> sind in der Tat den hysterischen -Weiblein nur zu verwandt!!! Das aber spricht gegen -„heute“, und nicht gegen die „Künstler“.</p> - -<p>Die unkünstlerischen Zustände: die der <em>Objektivität</em>, der -Spiegelung, des ausgehängten Willens.... (das skandalöse -Mißverständnis <em>Schopenhauers</em>, der die Kunst als Brücke -zur Verneinung des Lebens nimmt).... Die unkünstlerischen -Zustände: der Verarmenden, Abziehenden, Abblassenden, -unter deren Blick das Leben leidet: – der Christ.</p> - - -<h4>514.</h4> - -<p>Der <em>moderne</em> Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus -nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese -Krankhaftigkeit hin abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch,<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[Pg 288]</a></span> -– er lügt aus Lust an der Lüge, er ist bewunderungswürdig -in jeder Kunst der Verstellung –, es sei denn, daß seine -krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. Diese Eitelkeit -ist ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel -nötig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt, -die eine augenblickliche Linderung verspricht. -(<em>Unfähigkeit</em> zum Stolz und beständig Rache für eine -tief eingenistete Selbstverachtung nötig zu haben – das ist -beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.)</p> - -<p>Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen -Erlebnissen Krisen macht und das „Dramatische“ in die -geringsten Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles -Berechenbare: er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous -von Personen, von denen bald diese, bald jene mit -unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er -groß als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche -die Ärzte in der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch -ihre Virtuosität der Mimik, der Transfiguration, des Eintretens -in fast jeden <em>verlangten</em> Charakter.</p> - - -<h4>515.</h4> - -<p>Künstler sind <em>nicht</em> die Menschen der <em>großen</em> Leidenschaft, -was sie uns und sich auch vorreden mögen. Und das -aus zwei Gründen: es fehlt ihnen die Scham vor sich selber -(sie sehen sich zu, <em>indem sie leben</em>; sie lauern sich auf, -sie sind zu neugierig), und es fehlt ihnen auch die Scham -vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten -aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt -ihnen meist solche Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft -heißt. – Mit einem Talent ist man auch das Opfer -seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus seines -Talents.</p> - -<p>Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig, -daß man sie darstellt: vielmehr, man <em>ist</em> mit ihr fertig, -<em>wenn</em> man sie darstellt. (Goethe lehrt es anders; aber es -scheint, daß er hier sich selbst mißverstehen wollte, – aus -<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">delicatezza</span>.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[Pg 289]</a></span></p> - - -<h4>516.</h4> - -<p>Verglichen mit dem <em>Künstler</em>, ist das Erscheinen des -<em>wissenschaftlichen</em> Menschen in der Tat ein Zeichen einer -gewissen Eindämmung und Niveauerniedrigung des Lebens -(– aber auch einer <em>Verstärkung</em>, <em>Strenge</em>, <em>Härte</em>, -<em>Willenskraft</em>).</p> - -<p>Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen <em>Wahr</em> -und <em>Nützlich</em> beim Künstler Zeichen von Jugend, von -„<em>Kinderei</em>“ sein mögen.... Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit, -ihre Ignoranz über sich, ihre Gleichgültigkeit -gegen „ewige Werte“, ihr Ernst im „Spiele“, – ihr Mangel -an Würde; Hanswurst und Gott benachbart; der Heilige -und die Kanaille.... Das <em>Nachmachen</em> als Instinkt, -kommandierend. – <em>Aufgangskünstler</em> – <em>Niedergangskünstler</em>: -ob sie nicht allen Phasen zugehören?.... -Ja!</p> - - -<h4>517.</h4> - -<p>Würde irgendein Ring in der ganzen Kette von Kunst und -Wissenschaft fehlen, wenn das Weib, wenn das <em>Werk des -Weibes</em> darin fehlte? Geben wir die Ausnahme zu – sie -beweist die Regel – das Weib bringt es in allem zur Vollkommenheit, -was nicht ein Werk ist, in Brief, in Memoiren, -selbst in der delikatesten Handarbeit, die es gibt, -kurz, in allem, was nicht ein Metier ist, genau deshalb, weil -es darin sich selbst vollendet, weil es damit seinem einzigen -Kunstantrieb gehorcht, den es besitzt, – es will <em>gefallen</em>... -Aber was hat das Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz -des echten Künstlers zu schaffen, der einem Klang, -einem Hauch, einem Hopsasa mehr Wichtigkeit zugesteht -als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach seinem Geheimsten -und Innersten greift? der keinem Dinge einen -Wert zugesteht, es sei denn, daß es Form zu werden weiß -(– daß es sich preisgibt, daß es sich öffentlich macht –). -Die Kunst, so wie der Künstler sie übt – begreift ihr's denn -nicht, was sie ist: ein Attentat auf alle <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">pudeurs</span>?.... Erst -mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene Schwenkung<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[Pg 290]</a></span> -zur Literatur gewagt (– <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">vers la canaille plumière écrivassière</span>, -mit dem alten Mirabeau zu reden): es schriftstellert, -es künstlert, es verliert an Instinkt. <em>Wozu doch?</em> -wenn man fragen darf?</p> - - -<h4>518.</h4> - -<p>Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle -Nichtkünstler „Form“ nennen, als <em>Inhalt</em>, als „die Sache -selbst“ empfindet. Damit gehört man freilich in eine <em>verkehrte -Welt</em>: denn nunmehr wird einem der Inhalt zu -etwas bloß Formalem, – unser Leben eingerechnet.</p> - - -<h4>519.</h4> - -<p>Zur Charakteristik des <em>nationalen Genius</em> in Hinsicht -auf Fremdes und Entlehntes. –</p> - -<p>Der <em>englische</em> Genius vergröbert und vernatürlicht alles, -was er empfängt;</p> - -<p>der <em>französische</em> verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt -auf;</p> - -<p>der <em>deutsche</em> vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert;</p> - -<p>der <em>italienische</em> hat bei weitem den freiesten und feinsten -Gebrauch vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr -hineingesteckt als herausgezogen: als der <em>reichste</em> Genius, -der am meisten zu verschenken hatte.</p> - - -<h4>520.</h4> - -<p>Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit -unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit -im schwersten versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht -auf den Namen „Genie“ als Wagner. Wagner ist -schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als Augenblicke -übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst -Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bouffonneries</span> -erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes -verstehen. –</p> - - -<h4>521.</h4> - -<p><em>Pessimismus in der Kunst?</em> – Der Künstler liebt -allmählich die Mittel um ihrer selber willen, in denen sich der<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[Pg 291]</a></span> -Rauschzustand zu erkennen gibt: die extreme Feinheit und -Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der Linie, die Nuance -des Tons: das <em>Distinkte</em>, wo sonst, im Normalen, alle -Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern -sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche -der Rausch erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des -Rausches; – die Wirkung der Kunstwerke ist die <em>Erregung -des kunstschaffenden Zustands</em>, des Rausches.</p> - -<p>Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre <em>Daseinsvollendung</em>, -ihr Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle; -Kunst ist wesentlich <em>Bejahung, Segnung, Vergöttlichung -des Daseins</em>.... Was bedeutet eine <em>pessimistische -Kunst</em>? Ist das nicht eine <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">contradictio</span>? – Ja. -– Schopenhauer <em>irrt</em>, wenn er gewisse Werke der Kunst -in den Dienst des Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt -<em>nicht</em> „Resignation“.... Die furchtbaren und fragwürdigen -Dinge darstellen, ist selbst schon ein Instinkt der Macht -und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht.... Es -gibt keine pessimistische Kunst.... Die Kunst bejaht. Hiob -bejaht. – Aber Zola? Aber die Goncourts? – Die Dinge -sind häßlich, die sie zeigen: aber <em>daß</em> sie dieselben zeigen, -ist aus <em>Lust an diesem Häßlichen</em>.... Hilft nichts! ihr -betrügt euch, wenn ihr's anders behauptet. – Wie erlösend -ist Dostoiewsky!</p> - - -<h4>522.</h4> - -<p>Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen: -alle, die mit krankhaften Erscheinungen tief verwandt -und verwachsen sind: so daß es nicht möglich scheint, -Künstler zu sein und nicht krank zu sein.</p> - -<p>Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam -zur „Person“ gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem -Grade dem Menschen überhaupt anhaften:</p> - -<p>1. der <em>Rausch</em>: das erhöhte Machtgefühl; die innere -Nötigung, aus den Dingen einen Reflex der eignen Fülle -und Vollkommenheit zu machen;</p> - -<p>2. die <em>extreme Schärfe</em> gewisser Sinne: so daß sie eine<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[Pg 292]</a></span> -ganz andre Zeichensprache verstehen – und schaffen, – -dieselbe, die mit manchen Nervenkrankheiten verbunden erscheint -–; die extreme Beweglichkeit, aus der eine extreme -Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles dessen, was -Zeichen zu geben weiß –; ein Bedürfnis, sich gleichsam -loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von -sich durch hundert Sprachmittel zu reden, – ein <em>explosiver</em> -Zustand. Man muß sich diesen Zustand zunächst als Zwang -und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und Beweglichkeit -die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden: -sodann als unfreiwillige <em>Koordination dieser -Bewegung</em> zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, -Begierden), – als eine Art Automatismus des ganzen -Muskelsystems unter dem Impuls von innen wirkender -starker Reize –; Unfähigkeit, die Reaktion zu <em>verhindern</em>; -der Hemmungsapparat gleichsam <em>ausgehängt</em>. Jede -innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet -von <em>Vaskularveränderungen</em> und folglich von Veränderungen -der Farbe, der Temperatur, der Sekretion. Die <em>suggestive</em> -Kraft der Musik, ihre „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suggestion mentale</span>“; –</p> - -<p>3. das <em>Nachmachen-müssen</em>: eine extreme Irritabilität, -bei der sich ein gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, – -ein Zustand wird nach Zeichen schon erraten und <em>dargestellt</em>.... -Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt schon als -Bewegung der Glieder –, eine gewisse <em>Willens</em>aushängung.... -(Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein -nach außen hin, – das Reich der <em>zugelassenen</em> -Reize ist scharf umgrenzt.</p> - -<p>Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch -Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen -Höhepunkt von Reizbarkeit; ersterer im Geben, – dergestalt, -daß ein Antagonismus dieser beiden Begabungen nicht -nur natürlich, sondern wünschenswert ist. Jeder dieser Zustände -hat eine umgekehrte Optik, – vom Künstler verlangen, -daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker –) -einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische -Kraft <em>verarme</em>.... Es ist hier wie bei der Differenz der<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[Pg 293]</a></span> -Geschlechter: man soll vom Künstler, der <em>gibt</em>, nicht verlangen, -daß er Weib wird, – daß er „<em>empfängt</em>“.</p> - -<p>Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, -als nur die Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen -„was ist schön?“ formuliert haben. In der ganzen Philosophie -bis heute fehlt der Künstler.... Das ist, wie das -Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler: denn der -Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit -<em>vergreifen</em>, – er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt -nicht zu sehen, er hat zu geben. – Es ehrt einen -Künstler, der Kritik unfähig zu sein, – andernfalls ist er -halb und halb, ist er „modern“.</p> - - -<h4>523.</h4> - -<p>Das Rauschgefühl, tatsächlich einem <em>Mehr von Kraft</em> -entsprechend: am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: -neue Organe, neue Fertigkeiten, Farben, Formen; -– die „Verschönerung“ ist eine Folge der <em>erhöhten</em> Kraft. -Verschönerung als Ausdruck eines <em>siegreichen</em> Willens, -einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller -starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären -Schwergewichts. Die logische und geometrische Vereinfachung -ist eine Folge der Krafterhöhung: umgekehrt erhöht -wieder das <em>Wahrnehmen</em> solcher Vereinfachung das -Kraftgefühl.... Spitze der Entwicklung: der große Stil.</p> - -<p>Die Häßlichkeit bedeutet <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> eines Typus</em>, -Widerspruch und mangelnde Koordination der inneren Begehrungen, -– bedeutet einen Niedergang an <em>organisierender</em> -Kraft, an „Willen“, psychologisch geredet.</p> - -<p>Der Lustzustand, den man <em>Rausch</em> nennt, ist exakt ein -hohes Machtgefühl.... Die Raum- und Zeitempfindungen -sind verändert: ungeheure Fernen werden überschaut und -gleichsam erst <em>wahrnehmbar</em>; die <em>Ausdehnung</em> des Blicks -über größere Mengen und Weiten; die <em>Verfeinerung des -Organs</em> für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und Flüchtigsten; -die <em>Divination</em>, die Kraft des Verstehens auf die -leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[Pg 294]</a></span> -<em>Sinnlichkeit</em> –; die <em>Stärke</em> als Herrschaftsgefühl in -den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, -als Tanz, als Leichtigkeit und Presto; die Stärke als -Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer, -Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod.... -Alle diese Höhenmomente des Lebens regen sich gegenseitig -an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt als -Suggestion für den andern: – dergestalt sind schließlich Zustände -ineinander verwachsen, die vielleicht Grund hätten, -sich fremd zu bleiben. Zum Beispiel: das religiöse Rauschgefühl -und die Geschlechtserregung (– zwei tiefe Gefühle, -nachgerade fast verwunderlich koordiniert. Was gefällt allen -frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger -mit schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit -in der Tragödie und das Mitleid (– ebenfalls normal -koordiniert....). Frühling, Tanz, Musik: – alles Wettbewerb -der Geschlechter, – und auch noch jene Faustische -„Unendlichkeit im Busen“.</p> - -<p>Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich) -stark angelegt, überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine -gewisse Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein -Raffael zu denken.... Musik machen ist auch noch eine Art -Kindermachen; Keuschheit ist bloß die Ökonomie eines -Künstlers, – und jedenfalls hört auch bei Künstlern die -Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf.... Die Künstler -sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher, -sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend -und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leben eigen -sein.</p> - - -<h4>524.</h4> - -<p>Die Zustände, in denen wir eine <em>Verklärung</em> und <em>Fülle</em> -in die Dinge legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne -Fülle und Lebenslust zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; -der Rausch; die Mahlzeit; der Frühling; der Sieg über -den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die Grausamkeit; -die Ekstase des religiösen Gefühls. <em>Drei</em> Elemente vornehmlich: -der <em>Geschlechtstrieb</em>, der <em>Rausch</em>, die <em>Grau<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[Pg 295]</a></span>samkeit</em>, -– alle zur ältesten <em>Festfreude</em> des Menschen -gehörend, alle insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend.</p> - -<p>Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung -und Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein -mit einer <em>Erregung jener Sphären</em>, wo alle jene -Lustzustände ihren Sitz haben: – und eine Mischung dieser -sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen -und Begierden ist der <em>ästhetische Zustand</em>. Letzterer tritt -nur bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und -überströmenden Fülle des leiblichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vigor</span> überhaupt fähig -sind; in ihm ist immer das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">primum mobile</span>. Der Nüchterne, -der Müde, der Erschöpfte, der Vertrocknende (zum -Beispiel ein Gelehrter) kann absolut nichts von der Kunst -empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nötigung -des Reichtums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt -auch nichts.</p> - -<p>„<em>Vollkommenheit</em>“: – in jenen Zuständen (bei der -Geschlechtsliebe insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste -Instinkt als das Höhere, Wünschbarere, Wertvollere überhaupt -anerkennt, die Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen -<em>nach welchem</em> Status er eigentlich <em>strebt</em>. Die -Vollkommenheit: das ist die außerordentliche Erweiterung -seines Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige Überschäumen -über alle Ränder....</p> - - -<h4>525.</h4> - -<p>Die <em>Sinnlichkeit</em> in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus -„Plato“), der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild -schaffend, wie die Geliebte im speziellen erscheint, -eine Inkrustation, Vergrößerung, Verklärung, Unendlichkeit -um jedes Ding legend – : 2. in der Religion der Liebe: „ein -schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie göttlich, -ein Bräutigam, eine Braut der Seele – : 3. in der -<em>Kunst</em>, als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das -Weib sieht, indem er ihr gleichsam alles zum Präsent macht, -was es von Vorzügen gibt, so legt die Sinnlichkeit des<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[Pg 296]</a></span> -Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält -– dergestalt <em>vollendet</em> er ein Objekt („idealisiert“ -es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann -in bezug auf das Weib empfindet, <em>kommt dessen Bemühen -nach Idealisierung entgegen</em>, indem es sich -schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichen -<em>übt sie Scham</em>, Zurückhaltung, Distanz – mit -dem Instinkt dafür, daß damit das idealisierende Vermögen -des Mannes <em>wächst</em>. (– Bei der ungeheuren Feinheit des -weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte -Heuchelei: sie errät, daß gerade die <em>naive wirkliche -Schamhaftigkeit</em> den Mann am meisten verführt und zur -Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv – aus -Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins -anrät. Ein willentliches <em>die-Augen-über-sich-geschlossen-halten</em>.... -Überall, wo die Verstellung -stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, <em>wird</em> sie unbewußt.)</p> - - -<h4>526.</h4> - -<p>Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und -der noch etwas anderes ist als Liebe! – Doch darüber hat -jedermann seine Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens -<em>wächst</em>, sobald nur ein Mann in seine Nähe kommt; -es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei einer noch näheren -Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der Tanz -und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen, -nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen -<em>Kraftstücken</em> zu befähigen: man traut endlich seinen Augen -nicht – und seiner Uhr! Hier ist allerdings einzurechnen, -daß der Tanz an sich schon, gleich jeder sehr geschwinden -Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-, Nerven- -und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem -Falle mit den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches -zu rechnen. – Und wie weise es mitunter ist, einen -kleinen Stich zu haben!.... Es gibt Realitäten, die man -nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, dafür hat -man alle weiblichen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">pudeurs</span>.... Diese jungen Geschöpfe,<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[Pg 297]</a></span> -die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie -tanzen nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, -was mehr ist, noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!.... -Gelegenheit, Faust zu zitieren.... Sie sehen unvergleichlich -besser aus, wenn sie dergestalt ihren kleinen -Stich haben, diese hübschen Kreaturen, – o wie gut sie -das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, <em>weil</em> sie -das wissen! – Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; -ihr Putz ist ihr <em>dritter</em> kleiner Rausch: sie glauben an ihren -Schneider, wie sie an ihren Gott glauben: – und wer widerriete -ihnen diesen Glauben! Dieser Glaube macht selig! -Und die Selbstbewunderung ist gesund! – Selbstbewunderung -schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib -erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! -Ich setze selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.</p> - - -<h4>527.</h4> - -<p>Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die -Transfigurationskraft des Rausches geht? – Die „Liebe“ -ist dieser Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen -und Stummheiten der Welt. Der Rausch wird hier mit -der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein des -Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes sich an -ihrer Stelle zu finden scheint, – ein Zittern und Aufglänzen -aller Zauberspiegel der Circe.... Hier macht Mensch und -Tier keinen Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. -Man wird fein genarrt, wenn man fein ist; -man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe, -und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe „erlöster -Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe -hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über -sich zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man -liebt, vor sich und über sich: man scheint sich transfiguriert, -stärker, reicher, vollkommener, man <em>ist</em> vollkommener.... -Wir finden hier die <em>Kunst</em> als organische Funktion: wir -finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt „Liebe“: -wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, – Kunst<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[Pg 298]</a></span> -somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie -lügt.... Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, -stehenzubleiben: sie tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt -selbst die Werte. Und nicht nur, daß sie das <em>Gefühl</em> -der Werte verschiebt: der Liebende <em>ist</em> mehr wert, ist -stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue Waffen, -Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen, -neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. -Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesamthaushalt -ist reicher als je, mächtiger, <em>ganzer</em> als im -Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er ist reich -genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel -an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er -glaubt an die Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits -wachsen diesem Idioten des Glücks Flügel und -neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst tut sich ihm die Tür -auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion -jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der -Lyrik und Musik übrig?.... <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">L'art pour l'art</span> vielleicht: das -virtuose Gequak kaltgestellter <em>Frösche</em>, die in ihrem Sumpfe -desperieren.... Den ganzen <em>Rest</em> schuf die Liebe....</p> - - -<h4>528.</h4> - -<p>Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und -Sinne, welche ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen -tätig sind: sie redet immer nur zu Künstlern, – sie -redet zu dieser Art von feiner Beweglichkeit des Leibes. -Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine -Spezies des Guthörigen.</p> - -<p>Alle Kunst wirkt <em>tonisch</em>, mehrt die Kraft, entzündet die -Lust (das heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren -Erinnerungen des Rausches an, – es gibt ein eigenes Gedächtnis, -das in solche Zustände hinunterkommt: eine ferne -und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück.</p> - -<p>Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, -was <em>ausgeschlossen</em> wird von der Kunst, ihr <em>Nein</em>: – -jedesmal, wenn der Niedergang, die Verarmung an Leben,<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[Pg 299]</a></span> -die Ohnmacht, die Auflösung, die Verwesung von fern nur -angeregt wird, reagiert der ästhetische Mensch mit seinem -<em>Nein</em>. Das Häßliche wirkt <em>depressiv</em>: es ist der Ausdruck -einer Depression. Es <em>nimmt</em> Kraft, es verarmt, es drückt.. -Das Häßliche <em>suggeriert</em> Häßliches; man kann an seinen -Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das -Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen -steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen, Interessen, -Fragen. Es gibt einen dem Häßlichen nächstverwandten -Zustand auch im Logischen: – Schwere, Dumpfheit. -Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche -hinkt, das Häßliche stolpert: – Gegensatz einer göttlichen -Leichtfertigkeit des Tanzenden.</p> - -<p>Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum von <em>Mitteilungsmitteln</em> -zugleich mit einer extremen <em>Empfänglichkeit</em> -für Reize und Zeichen. Er ist der Höhepunkt der -Mitteilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen, -– er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben -hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als die -Gebärden- und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist -immer der Anfang: unsere Vermögen sind subtilisiert aus -volleren Vermögen. Aber auch heute hört man noch mit den -Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln.</p> - -<p>Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage: -insofern sie Sprache ist. Die Konvention ist die Bedingung -der großen Kunst, <em>nicht</em> deren Verhinderung.... -Jede Erhöhung des Lebens steigert die Mitteilungskraft, insgleichen -die Verständniskraft des Menschen. Das <em>Sichhineinleben -in andere Seelen</em> ist ursprünglich nichts -Moralisches, sondern eine physiologische Reizbarkeit der -Suggestion: die „Sympathie“ oder was man „Altruismus“ -nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes zur Geistigkeit -gerechneten psycho-motorischen Rapports (<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">induction -psycho-motrice</span> meint Ch. Féré). Man teilt sich nie Gedanken -mit: man teilt sich Bewegungen mit, mimische -Zeichen, welche von uns auf Gedanken hin <em>zurückgelesen</em> -werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[Pg 300]</a></span></p> - - -<h4>529.</h4> - -<p>Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen -<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vigor</span>; sie ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von -blühender Leiblichkeit in die Welt der Bilder und Wünsche; -andrerseits eine Anreizung der animalischen Funktionen -durch Bilder und Wünsche des gesteigerten Lebens; – eine -Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben.</p> - -<p>Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt -haben? Insofern es noch von der siegreichen Energie des -Künstlers etwas mitteilt, der über dies Häßliche und Furchtbare -Herr geworden ist; oder insofern es die Lust der Grausamkeit -in uns leise anregt (unter Umständen selbst die Lust, -<em>uns</em> wehe zu tun, die Selbstvergewaltigung: und damit -das Gefühl der Macht über uns).</p> - - -<h4>530.</h4> - -<p><em>Zur Genesis der Kunst.</em> – Jenes <em>Vollkommenmachen, -Vollkommensehen</em>, welches dem mit geschlechtlichen -Kräften überladenen zerebralen System zu eigen ist -(der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten Zufälligkeiten -verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, -„das Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr wert als irgend -etwas“): andrerseits wirkt jedes <em>Vollkommene</em> und -<em>Schöne</em> als unbewußte Erinnerung jenes verliebten Zustandes -und seiner Art, zu sehen – jede <em>Vollkommenheit</em>, die -ganze <em>Schönheit</em> der Dinge erweckt durch <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">contiguity</span> die -aphrodisische Seligkeit wieder. (<em>Physiologisch</em>: der schaffende -Instinkt des Künstlers und die Verteilung des <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">semen</span> -ins Blut....) Das <em>Verlangen nach Kunst</em> und <em>Schönheit</em> -ist ein indirektes Verlangen nach den Entzückungen des -Geschlechtstriebes, welche er dem Zerebrum mitteilt. Die -<em>vollkommen gewordne Welt</em>, durch „Liebe“....</p> - - -<h4>531.</h4> - -<p><em>Die Vermoralisierung der Künste.</em> – Kunst als -Freiheit von der moralischen Verengung und Winkeloptik; -oder als Spott über sie. Die Flucht in die Natur, wo ihre<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[Pg 301]</a></span> -<em>Schönheit</em> mit der <em>Furchtbarkeit</em> sich paart. Konzeption -des <em>großen</em> Menschen.</p> - -<p>– Zerbrechliche, unnütze Luxusseelen, welche ein Hauch -schon trübe macht, „die <em>schönen Seelen</em>“.</p> - -<p>– Die <em>verblichenen Ideale</em> aufwecken in ihrer schonungslosen -Härte und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer, -die sie sind.</p> - -<p>– Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht -in die Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei -allen vermoralisierten Künstlern.</p> - -<p>– Die <em>Falschheit</em> der Kunst, – ihre Immoralität ans -Licht ziehen.</p> - -<p>– Die „idealisierenden Grundmächte“ (Sinnlichkeit, -Rausch, überreiche Animalität) ans Licht ziehen.</p> - - -<h4>532.</h4> - -<p>Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die -Wollust; sie fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine -Tempoverschiedenheit in beiden Zuständen geben.... Die -<em>extreme Ruhe gewisser Rauschempfindungen</em> (strenger: -die Verlangsamung des Zeit- und Raumgefühls) spiegelt -sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden und Seelenarten. -Der klassische Stil stellt wesentlich diese Ruhe, -Vereinfachung, Abkürzung, Konzentration dar, – <em>das -höchste Gefühl der Macht</em> ist konzentriert im klassischen -Typus. Schwer reagieren: ein großes Bewußtsein: kein -Gefühl von Kampf.</p> - - -<h4>533.</h4> - -<p><em>Apollinisch – dionysisch.</em> – Es gibt zwei Zustände, -in denen die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen -auftritt, über ihn verfügend, ob er will oder nicht: einmal -als Zwang zur Vision, andrerseits als Zwang zum Orgiasmus. -Beide Zustände sind auch im normalen Leben vorgespiegelt, -nur schwächer: im Traum und im Rausch.</p> - -<p>Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und -Rausch: beide entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede -aber verschieden: der Traum die des Sehens, Verknüpfens,<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[Pg 302]</a></span> -Dichtens; der Rausch die der Gebärde, der Leidenschaft, des -Gesangs, des Tanzes.</p> - - -<h4>534.</h4> - -<p>Der Sinn und die Lust an der <em>Nuance</em> (– die eigentliche -Modernität), an dem, was <em>nicht</em> generell ist, läuft -dem Triebe entgegen, welcher seine Lust und Kraft im Erfassen -des <em>Typischen</em> hat: gleich dem griechischen Geschmack -der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des -Lebendigen ist darin, das <em>Maß</em> wird Herr, jene <em>Ruhe</em> der -starken Seele liegt zugrunde, welche sich langsam bewegt und -einen Widerwillen vor dem Allzulebendigen hat. Der allgemeine -Fall, das Gesetz wird <em>verehrt</em> und <em>herausgehoben</em>; -die Ausnahme wird umgekehrt beiseite gestellt, die Nuance -weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das Leben, das -breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt – das „<em>gefällt</em>“: -das heißt, das korrespondiert mit dem, was man -von sich hält.</p> - - -<h4>535.</h4> - -<p><em>„Musik“ – und der große Stil.</em> – Die Größe eines -Künstlers bemißt sich nicht nach den „schönen Gefühlen“, -die er erregt: das mögen die Weiblein glauben. Sondern -nach dem Grade, in dem er sich dem großen Stile nähert, -in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das -mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, -zu gefallen; daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; -daß er <em>will</em>.... Über das Chaos Herr werden, das man -ist; sein Chaos zwingen, Form zu werden: logisch, einfach, -unzweideutig, Mathematik, <em>Gesetz</em> werden – das ist hier -die große Ambition. – Mit ihr stößt man zurück; nichts -reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, – eine -Einöde legt sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor -einem großen Frevel.... Alle Künste kennen solche Ambitiöse -des großen Stils: warum fehlen sie in der Musik? -Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister, -der den Palazzo Pitti schuf.... Hier liegt ein Problem. -Gehört die Musik vielleicht in jene Kultur, wo das Reich -aller Art Gewaltmenschen schon zu Ende ging? Wider<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[Pg 303]</a></span>spräche -zuletzt der Begriff großer Stil schon der Seele der -Musik, – dem „Weibe“ in unsrer Musik?....</p> - -<p>Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre -ganze Musik? Die Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen -nichts ihr Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die -Renaissancewelt ihren Abend erreichte, als die „Freiheit“ -aus den Sitten und selbst aus den Menschen davon war: – -gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance zu sein? -Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine -Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schon -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>?....</p> - -<p>Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage -gelegt: ob unsre Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance -in der Kunst ist? ob sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils -ist? ob sie nicht im Widerspruch zu allem klassischen -Geschmack gewachsen ist, so daß sich in ihr jede Ambition -der Klassizität von selbst verböte?</p> - -<p>Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort -nicht zweifelhaft sein dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt -worden wäre, daß die Musik ihre höchste Reife -und Fülle als <em>Romantik</em> erlangt –, noch einmal als Reaktionsbewegung -gegen die Klassizität.</p> - -<p>Mozart – eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz -achtzehntes Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste.... -Beethoven der erste große Romantiker im Sinne des <em>französischen</em> -Begriffs Romantik, wie Wagner der letzte große -Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des klassischen -Geschmacks, des strengen Stils, – um vom „großen“ -hier nicht zu reden.</p> - - -<h4>536.</h4> - -<p>Die <em>Romantik</em>: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.</p> - -<p>Die ästhetischen Zustände zwiefach.</p> - -<p>Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den -Suchenden, Begehrenden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[Pg 304]</a></span></p> - - -<h4>537.</h4> - -<p>Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen -an sich schöpferisch macht – der von sich und -seiner Mitwelt wegblickt, zurückblickt.</p> - - -<h4>538.</h4> - -<p>Ist die Kunst eine Folge des <em>Ungenügens am Wirklichen</em>? -Oder ein Ausdruck der <em>Dankbarkeit über genossenes -Glück</em>? Im ersten Falle <em>Romantik</em>, im zweiten -Glorienschein und Dithyrambus (kurz <em>Apotheosenkunst</em>): -auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene Falschheit hatte, -den <em>Anschein</em> der christlichen Weltauslegung zu vergöttern. -Er war dankbar für das Dasein, wo es <em>nicht</em> spezifisch -christlich sich zeigte.</p> - -<p>Mit der <em>moralischen</em> Interpretation ist die Welt unerträglich. -Das Christentum war der Versuch, die Welt -damit zu „überwinden“: das heißt zu verneinen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span> -lief ein solches Attentat des Wahnsinns – einer wahnsinnigen -Selbstüberhebung des Menschen angesichts der -Welt – auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung -des Menschen hinaus: die mittelmäßigste und unschädlichste -Art, die herdenhafte Art Mensch, fand allein dabei ihre -Rechnung, ihre <em>Förderung</em>, wenn man will.</p> - -<p><em>Homer</em> als <em>Apotheosenkünstler</em>; auch Rubens. Die -Musik hat noch keinen gehabt.</p> - -<p>Die Idealisierung des <em>großen Frevlers</em> (der Sinn für -seine <em>Größe</em>) ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, -Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch-christlich.</p> - - -<h4>539.</h4> - -<p><em>Was ist Romantik?</em> – In Hinsicht auf alle ästhetischen -Werte bediene ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung: -ich frage in jedem einzelnen Falle, „ist hier der -Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“ Von -vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu -empfehlen scheinen – sie ist bei weitem augenscheinlicher – -nämlich die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starr<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[Pg 305]</a></span>werden, -Ewigwerden, nach „<em>Sein</em>“ die Ursache des Schaffens -ist, oder aber das Verlangen nach Zerstörung, nach -Wechsel, nach <em>Werden</em>. Aber beide Arten des Verlangens -erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und -zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, -wie mich dünkt, <em>vorgezogenen</em> Schema.</p> - -<p>Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden <em>kann</em> -der Ausdruck der übervollen, zukunftsschwangern Kraft -sein (mein Terminus dafür ist, wie man weiß, das Wort -„dionysisch“); es kann aber auch der <em>Haß</em> der Mißratnen, -Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört, -zerstören <em>muß</em>, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, -alles Sein selbst empört und aufreizt.</p> - -<p>„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit -und Liebe kommen: – eine Kunst dieses Ursprungs wird -immer eine Apotheosenkunst sein, dithyrambisch vielleicht -mit Rubens, selig mit Hafis, hell und gütig mit Goethe, -und einen homerischen Glorienschein über alle Dinge breitend; -– es kann aber auch jener tyrannische Wille eines -Schwerleidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste, -Engste, die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch -zum verbindlichen <em>Gesetz</em> und Zwang stempeln möchte, und -der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch, daß -er ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur aufdrückt, einzwängt, -einbrennt. Letzteres ist romantischer Pessimismus -in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauersche -Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik.</p> - - -<h4>540.</h4> - -<p>Ob nicht hinter dem Gegensatz von <em>Klassisch</em> und <em>Romantisch</em> -der Gegensatz des Aktiven und Reaktiven verborgen -liegt? –</p> - - -<h4>541.</h4> - -<p>Um <em>Klassiker</em> zu sein, muß man <em>alle</em> starken, anscheinend -widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber -so, daß sie miteinander unter einem Joche gehen, zur <em>rechten</em> -Zeit kommen, um ein <em>Genus</em> von Literatur oder Kunst<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[Pg 306]</a></span> -oder Politik auf seine Höhe und Spitze zu bringen (: nicht -<em>nachdem</em> dies schon geschehen ist....): einen <em>Gesamtzustand</em> -(sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in seiner -tiefsten und innersten Seele widerspiegeln zu einer Zeit, wo -er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung -des Fremden (oder noch abhängig ist....); kein -reaktiver, sondern ein <em>schließender</em> und vorwärts führender -Geist sein, <em>Ja</em> sagend in allen Fällen, selbst mit seinem -Haß.</p> - -<p>„Es gehört dazu <em>nicht</em> der höchste persönliche Wert?“... -Vielleicht zu erwägen, ob die moralischen Vorurteile hier -nicht ihr Spiel spielen, und ob große <em>moralische</em> Höhe nicht -vielleicht an sich ein <em>Widerspruch</em> gegen das <em>Klassische</em> -ist?.... Ob nicht die moralischen Monstra notwendig <em>Romantiker</em> -sein müssen in Wort und Tat?.... Ein solches -Übergewicht einer Tugend über die andern (wie beim moralischen -Monstrum) steht eben der klassischen Macht im -Gleichgewicht feindlich entgegen: gesetzt, man hätte diese -Höhe und wäre trotzdem Klassiker, so dürfte dreist geschlossen -werden, man besitze auch die Immoralität auf -gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt, -daß es wirklich Lord Bacon ist).</p> - - -<h4>542.</h4> - -<p><em>Zukünftiges.</em> – <em>Gegen die Romantik der großen -„Passion“.</em> – Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“ -Geschmack ein Quantum Kälte, Luzidität, Härte hinzugehört: -Logik vor allem, Glück in der Geistigkeit, „drei Einheiten“, -Konzentration, Haß gegen Gefühl, Gemüt, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">esprit</span>, -Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende -so gut als gegen das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man -soll nicht mit künstlerischen Formeln spielen: man soll das -Leben umschaffen, daß es sich nachher formulieren <em>muß</em>.</p> - -<p>Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen -lernen, die wir jetzt erst <em>sehen</em>: daß die Zeitgenossen Herders, -Winckelmanns, Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, -das <em>klassische Ideal wieder entdeckt zu haben</em>....<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[Pg 307]</a></span> -und zu gleicher Zeit Shakespeare. – Und dasselbe Geschlecht -hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen auf -schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut -hier- wie dorther hätte gelernt werden können!.... Aber -man wollte die „Natur“, die „Natürlichkeit“: o Stumpfsinn! -Man glaubte, die Klassizität sei eine Art Natürlichkeit!</p> - -<p>Ohne Vorurteil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf -welchem Boden ein klassischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung, -Vereinfachung, Verstärkung, Verböserung des -Menschen: so gehört es zusammen. Die logisch-psychologische -Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des Komplexen, -des Ungewissen.</p> - -<p>Die Romantiker in Deutschland protestierten <em>nicht</em> gegen -den Klassizismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, -Geschmack, achtzehntes Jahrhundert.</p> - -<p>Die Sensibilität der romantisch-Wagnerschen Musik: -Gegensatz der <em>klassischen Sensibilität</em>.</p> - -<p>Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisiert: nämlich -die Zuhörer, Zuschauer), aber die Unfähigkeit, <em>sich</em> in -der Hauptsache zu tyrannisieren: nämlich in Hinsicht auf -das Werk selbst (auf Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen). -Die Überwältigung durch Massen (Wagner, -Victor Hugo, Zola, Taine).</p> - - -<h4>543.</h4> - -<p>Der <em>Künstler</em>philosoph. Höherer Begriff der <em>Kunst</em>. -Ob der Mensch sich so fern stellen kann von den andern -Menschen, um <em>an ihnen zu gestalten</em>? (– Vorübungen: -1. der Sich-selbst-Gestaltende, der Einsiedler; 2. der <em>bisherige</em> -Künstler als der kleine Vollender an einem Stoffe.)</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[Pg 308]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"> - -<h2>Viertes Buch.<br /> - -<span class="subh2">Zucht und Züchtung.</span></h2> -</div> - -<h3>1. Rangordnung.</h3> - - -<h4>544.</h4> - -<p>Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span>, -das heißt, wo jeder über jeden und jedes zu Gericht -sitzen darf, die <em>Rangordnung</em> wiederherzustellen.</p> - - -<h4>545.</h4> - -<p>Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen gibt, und -daß ein Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen -ihre Existenz rechtfertigen kann – das heißt ein voller, -reicher, großer, ganzer Mensch in Hinsicht auf zahllose unvollständige -Bruchstück-Menschen.</p> - - -<h4>546.</h4> - -<p>Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens -und einen andern des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche. -Sollte man glauben, daß die Rangfrage zwischen beiden -Typen überhaupt noch zu stellen ist?....</p> - - -<h4>547.</h4> - -<p><em>Die Rangordnung der Menschenwerte.</em> –</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken -abschätzen. <em>Epidermalhandlungen.</em> Nichts ist seltener -als eine <em>Personal</em>handlung. Ein Stand, ein Rang, eine -Volksrasse, eine Umgebung, ein Zufall – alles drückt sich -eher noch in einem Werke oder Tun aus als eine „Person“.</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen -„Personen“ sind. Und dann sind manche auch <em>mehrere</em> -Personen, die meisten sind <em>keine</em>. Überall, wo die -durchschnittlichen Eigenschaften überwiegen, auf die es ankommt, -daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-Sein eine -Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach -einer „Person“ zu verlangen. Es sind Träger, Transmissionswerkzeuge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[Pg 309]</a></span></p> - -<p><span class="antiqua">c</span>) Die „Person“ ein relativ <em>isoliertes</em> Faktum; in Hinsicht -auf die weit größere Wichtigkeit des Fortflusses und -der Durchschnittlichkeit, somit beinahe etwas <em>Widernatürliches</em>. -Zur Entstehung der Person gehört eine zeitige Isolierung, -ein Zwang zu einer Wehr- und Waffenexistenz, etwas -wie Einmauerung, eine größere Kraft des Abschlusses; -und vor allem eine viel <em>geringere Impressionabilität</em>, -als sie der mittlere Mensch, dessen Menschlichkeit <em>kontagiös</em> -ist, hat.</p> - -<p><em>Erste Frage</em> in betreff <em>der Rangordnung</em>: wie <em>solitär</em> -oder wie <em>herdenhaft</em> jemand ist. (Im letztern Falle -liegt sein Wert in den Eigenschaften, die den Bestand seiner -Herde, seines Typus sichern; im andern Falle in dem, was -ihn abhebt, isoliert, verteidigt und <em>solitär ermöglicht</em>.)</p> - -<p><em>Folgerung</em>: man soll den solitären Typus nicht abschätzen -nach dem herdenhaften, und den herdenhaften <em>nicht</em> -nach dem solitären.</p> - -<p>Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen -ist ihr Antagonismus notwendig, – und nichts -ist <em>mehr</em> zu verbannen als jene „Wünschbarkeit“, es möchte -sich etwas <em>Drittes</em> aus beiden entwickeln („Tugend“ als -Hermaphroditismus). Das ist so wenig „wünschbar“ als -die Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das -<em>Typische fortentwickeln</em>, die <em>Kluft</em> immer <em>tiefer aufreißen</em>....</p> - -<p>Begriff der <em>Entartung</em> in beiden Fällen: wenn die Herde -den Eigenschaften der solitären Wesen sich nähert und diese -den Eigenschaften der Herde, – kurz, wenn sie sich <em>annähern</em>. -Dieser Begriff der Entartung ist abseits von der -moralischen Beurteilung.</p> - - -<h4>548.</h4> - -<p><em>Vom Range.</em> Die schreckliche Konsequenz der „Gleichheit“ -– schließlich glaubt jeder das Recht zu haben zu jedem -Problem. Es ist alle Rangordnung verlorengegangen.</p> - - -<h4>549.</h4> - -<p>Vorteil eines Abseits von seiner Zeit. – Abseits gestellt -gegen die beiden Bewegungen, die individualistische und die<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[Pg 310]</a></span> -kollektivistische Moral, – denn auch die erste kennt die -Rangordnung nicht und will dem einen die gleiche Freiheit -geben wie allen. Meine Gedanken drehen sich nicht um -den Grad von Freiheit, der dem einen oder dem andern -oder allen zu gönnen ist, sondern um den Grad von <em>Macht</em>, -den einer oder der andere über andere oder alle üben soll, -respektive inwiefern eine Opferung von Freiheit, eine Versklavung -selbst, zur Hervorbringung eines <em>höheren Typus</em> -die Basis gibt. In gröbster Form gedacht: <em>wie könnte -man die Entwicklung der Menschheit opfern</em>, um einer -höheren Art, als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? –</p> - - -<h4>550.</h4> - -<p>Rangbestimmend, rangabhebend sind allein Machtquantitäten: -und nichts sonst.</p> - - -<h4>551.</h4> - -<p>Über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du -bist; der Rest ist Feigheit.</p> - - -<h4>552.</h4> - -<p>Der Wille zur Macht. – Wie die Menschen beschaffen -sein müßten, welche diese Umwertung an sich vornehmen. -Die Rangordnung als Machtordnung: Krieg und Gefahr die -Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen festhält. -Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur – das -schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren -Gewalten sich unterjochend.</p> - - -<h4>553.</h4> - -<p>Neue Rangordnung der Geister: nicht mehr die tragischen -Naturen voran.</p> - - -<h4>554.</h4> - -<p>Den <em>Wert</em> eines Menschen danach abschätzen, was er den -Menschen <em>nützt</em> oder <em>kostet</em> oder <em>schadet</em>: das bedeutet -ebensoviel und ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je -nach den <em>Wirkungen</em>, die es tut. Aber damit ist der -Wert des Menschen <em>im Vergleich mit anderen Menschen</em> -gar nicht berührt. Die „moralische Wertschätzung“,<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[Pg 311]</a></span> -soweit sie eine <em>soziale</em> ist, mißt durchaus den Menschen -nach seinen Wirkungen. Ein Mensch mit seinem eigenen -Geschmack auf der Zunge, umschlossen und versteckt durch -seine Einsamkeit, unmitteilbar, unmitteilsam, – ein <em>unausgerechneter</em> -Mensch, also ein Mensch einer höheren, -jedenfalls <em>anderen</em> Spezies: wie wollt ihr den abwerten -können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen -könnt?</p> - -<p>Die <em>moralische Abwertung</em> hat die größte Urteilsstumpfheit -im Gefolge gehabt: der Wert eines Menschen -an sich ist <em>unterschätzt</em>, fast <em>übersehen</em>, fast <em>geleugnet</em>. -Rest der naiven <em>Teleologie</em>: der <em>Wert</em> des Menschen <em>nur -in Hinsicht auf die Menschen</em>.</p> - - -<h4>555.</h4> - -<p>Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung. -Um einen ähnlichen Preis würde man den -anarchistischen Einsturz unsrer ganzen Zivilisation wünschen -müssen. Napoleon ermöglichte den Nationalismus: das ist -dessen Entschuldigung.</p> - -<p>Der Wert eines Menschen (abgesehen, wie billig, von -Moralität und Unmoralität: denn mit diesen Begriffen -wird der <em>Wert</em> eines Menschen noch nicht einmal berührt) -liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er bestünde fort, selbst -wenn es niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte. Und -warum könnte nicht gerade der Mensch, von dem die verderblichsten -Wirkungen ausgingen, die Spitze der ganzen -Spezies Mensch sein: so hoch, so überlegen, daß an ihm alles -vor Neid zugrunde ginge?</p> - - -<h4>556.</h4> - -<p><em>Mißverständnis des Egoismus</em>: von seiten der <em>gemeinen</em> -Naturen, welche gar nichts von der Eroberungslust -und Unersättlichkeit der großen Liebe wissen, ebenso -von den ausströmenden Kraftgefühlen, welche überwältigen, -zu sich zwingen, sich ans Herz legen wollen, – der Trieb -des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht -der Tätigkeitssinn nach einem Terrain. – Im gewöhn<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[Pg 312]</a></span>lichen -„Egoismus“ will gerade das „Nicht-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>“, das <em>tiefe -Durchschnittswesen</em>, der Gattungsmensch seine Erhaltung -– <em>das</em> empört, falls es von den Seltneren, Feineren -und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird. Denn -diese urteilen: „wir sind die <em>Edleren</em>! Es liegt <em>mehr</em> an -<em>unserer</em> Erhaltung als an der jenes Viehs!“</p> - - -<h4>557.</h4> - -<p><em>Gegen John Stuart Mill.</em> – Ich perhorresziere seine -Gemeinheit, welche sagt, „was dem einen recht ist, ist dem -andern billig“; „was du nicht willst usw., das füg' auch -keinem andern zu“; welche den ganzen menschlichen Verkehr -auf <em>Gegenseitigkeit der Leistung</em> begründen will, -so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für -etwas, das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung <em>unvornehm</em> -im untersten Sinne: hier wird die <em>Äquivalenz -der Werte von Handlungen</em> vorausgesetzt bei mir -und dir; hier ist der persönlichste Wert einer Handlung -einfach annulliert (das, was durch nichts ausgeglichen und -bezahlt werden kann –). Die „Gegenseitigkeit“ ist eine -große Gemeinheit; gerade daß etwas, das <em>ich</em> tue, <em>nicht</em> -von einem andern getan werden <em>dürfte</em> und <em>könnte</em>, daß -<em>es keinen Ausgleich</em> geben darf (– außer in der <em>ausgewähltesten -Sphäre</em> der „meinesgleichen“, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter pares</span> -–), daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgibt, weil -man etwas <em>Einmaliges ist</em> und nur <em>Einmaliges tut</em>, -– diese Grundüberzeugung enthält die Ursache der <em>aristokratischen -Absonderung von der Menge</em>, weil die -Menge an „Gleichheit“ und <em>folglich</em> Ausgleichbarkeit und -„Gegenseitigkeit“ glaubt.</p> - - -<h4>558.</h4> - -<p><em>Randbemerkung zu einer</em> <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">niaiserie anglaise</span>. – -„Was du nicht willst, das dir die Leute tun, das tue ihnen -auch nicht.“ Das gilt als Weisheit; das gilt als Klugheit; -das gilt als Grund der Moral, – als „güldener -Spruch“. John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?) -glaubt daran!.... Aber der Spruch hält nicht<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[Pg 313]</a></span> -den leichtesten Angriff aus. Der Kalkul: „tue nichts, was -dir selber nicht angetan werden soll“ verbietet Handlungen -um ihrer schädlichen Folgen willen: der Hintergedanke ist, -daß eine Handlung immer <em>vergolten</em> wird. Wie nun, -wenn jemand, mit dem „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Principe</span>“ in der Hand, sagte: -„gerade solche Handlungen <em>muß</em> man tun, damit andere -uns nicht zuvorkommen, damit wir andere außer Stand -setzen, sie <em>uns</em> anzutun“? – Andrerseits: denken wir uns -einen Korsen, dem seine Ehre die <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">vendetta</span> gebietet. Auch -er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht -auf eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält -ihn <em>nicht</em> ab, seiner Ehre zu genügen.... Und sind wir nicht -in allen <em>anständigen</em> Handlungen eben absichtlich gleichgültig -gegen das, was daraus für uns kommt? Eine Handlung -zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte, – -das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt.</p> - -<p>Dagegen ist der Spruch wertvoll, weil er einen <em>Typus -Mensch</em> verrät: es ist der <em>Instinkt der Herde</em>, der sich -mit ihm formuliert, – man ist gleich, man nimmt sich -gleich: wie ich dir, so du mir. – Hier wird wirklich an eine -<em>Äquivalenz der Handlungen</em> geglaubt, die, in allen -realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es <em>kann</em> -nicht jede Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen -„Individuen“ <em>gibt es keine gleichen Handlungen</em>, -folglich auch keine „Vergeltung“.... Wenn ich etwas -tue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß überhaupt -dergleichen irgendeinem Menschen möglich sei: es -gehört mir.... Man kann mir nichts zurückzahlen, man -würde immer eine „<em>andere</em>“ Handlung gegen mich begehen. -–</p> - - -<h4>559.</h4> - -<p>Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches -Wesen gibt es die Gefahr des Barbaren, aber -man sucht sie nur in der Tiefe. Es gibt auch eine <em>andere -Art Barbaren</em>, die kommen aus der Höhe: eine Art von -erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[Pg 314]</a></span> -Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war -ein solcher Barbar.</p> - - -<h4>560.</h4> - -<p><em>Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht -Hauptfragen.</em></p> - -<p>1. Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher?</p> - -<p>2. Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger -gegen Glück und Unglück?</p> - -<p>3. Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller -und unerbittlicher?</p> - -<p>4. Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden -will oder „unmenschlicher“?</p> - -<p>5. Ob man klüger werden will oder rücksichtsloser?</p> - -<p>6. Ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen -(wie es zum Beispiel der Philosoph tut, der in -jedem Ziel eine Grenze, einen Winkel, ein Gefängnis, eine -Dummheit riecht)?</p> - -<p>7. Ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder -<em>verachteter</em>?</p> - -<p>8. Ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Herdentier -werden will?</p> - - -<h4>561.</h4> - -<p>Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehen im Verhältnis -zu den Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben, -denen er sich <em>gewachsen fühlt</em>. Die allermeisten Menschen -sind ohne Recht zum Dasein, sondern ein Unglück für die -höheren.</p> - - -<h4>562.</h4> - -<p>Die <em>Lasterhaften</em> und <em>Zügellosen</em>: ihr deprimierender -Einfluß auf den <em>Wert der Begierden</em>. Es ist die schauerliche -Barbarei der Sitte, welche, im Mittelalter vornehmlich, -zu einem wahren „Bund der Tugend“ zwingt – nebst -ebenso schauerlichen Übertreibungen über das, was den -<em>Wert</em> des Menschen ausmacht. Die kämpfende „Zivilisation“ -(Zähmung) braucht alle Art Eisen und Tortur, um -sich gegen die Furchtbarkeit und Raubtiernatur aufrechtzuerhalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[Pg 315]</a></span></p> - -<p>Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom -schlimmsten Einfluß: Das, was <em>Menschen der Macht -und des Willens von sich</em> verlangen können, gibt ein Maß -auch für das, was sie sich zugestehen dürfen. Solche Naturen -sind der <em>Gegensatz</em> der Lasterhaften und Zügellosen: -obwohl sie unter Umständen Dinge tun, deretwegen ein geringerer -Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt -wäre.</p> - -<p>Hier schadet der Begriff der „<em>Gleichwertigkeit</em> der -Menschen <em>vor Gott</em>“ außerordentlich; man verbot Handlungen -und Gesinnungen, welche an sich zu den Prärogativen -der Starkgeratenen gehören, – wie als ob sie an -sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze -Tendenz der starken Menschen in Verruf, indem man die -Schutzmittel der Schwächsten (auch gegen sich Schwächsten) -als Wertnorm aufstellte.</p> - -<p>Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die -großen <em>Virtuosen</em> des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den -schärfsten Gegensatz zum Lasterhaften und Zügellosen abgibt) -mit den schimpflichsten Namen brandmarkte. Noch -jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu müssen; -das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche -Kaiser auf Grund ihrer Laster in Bann getan: als ob ein -Mönch oder Priester über das mitreden dürfte, was ein -Friedrich der Zweite von sich fordern darf. Ein Don Juan -wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat man -bemerkt, daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?.... -Nur ein Wink für die Weiblein, wo sie ihr Heil -am besten finden. – Denkt man ein wenig konsequent und -außerdem mit einer vertieften Einsicht in das, was ein -„großer Mensch“ ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß -die Kirche alle „großen Menschen“ in die Hölle schickt –, -sie kämpft <em>gegen</em> alle „Größe des Menschen“.</p> - - -<h4>563.</h4> - -<p>Die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des -Menschen, an denen er am leichtesten zugrunde geht, sind so<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[Pg 316]</a></span> -gründlich in Acht getan, daß damit die mächtigsten Menschen -selber unmöglich geworden sind oder sich als <em>böse</em>, als -„schädlich und unerlaubt“ fühlen mußten. Diese Einbuße -ist groß, aber notwendig bisher gewesen: jetzt, wo eine -Menge Gegenkräfte großgezüchtet sind durch zeitweilige Unterdrückung -jener Leidenschaften (von Herrschsucht, Lust an -der Verwandlung und Täuschung), ist deren Entfesselung -wieder möglich: sie werden nicht mehr die alte Wildheit -haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man sehe -unsre Künstler und Staatsmänner an.</p> - - -<h4>564.</h4> - -<p>Ich sehe durchaus nicht ab, wie einer es wieder gut -machen kann, der versäumt hat, zur rechten Zeit in eine -<em>gute Schule</em> zu gehen. Ein solcher kennt sich nicht; er -geht durchs Leben, ohne gehen gelernt zu haben; der schlaffe -Muskel verrät sich bei jedem Schritt noch. Mitunter ist -das Leben so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen: -jahrelanges Siechtum vielleicht, das die äußerste Willenskraft -und Selbstgenügsamkeit herausfordert; oder eine plötzlich -hereinbrechende Notlage, zugleich noch für Weib und -Kind, welche eine Tätigkeit erzwingt, die den erschlafften -Fasern wieder Energie gibt und dem Willen zum Leben die -<em>Zähigkeit zurückgewinnt</em>. Das Wünschenswerteste bleibt -unter allen Umständen eine harte Disziplin <em>zur rechten -Zeit</em>, das heißt in jenem Alter noch, wo es stolz macht, viel -von sich verlangt zu sehen. Denn dies unterscheidet die -harte Schule als gute Schule von jeder anderen: daß viel -verlangt wird; daß streng verlangt wird; daß das Gute, -das Ausgezeichnete selbst als normal verlangt wird; daß das -Lob selten ist; daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel scharf, -sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird. -Eine solche Schule hat man in jedem Betracht nötig: das -gilt vom Leiblichsten wie vom Geistigsten: es wäre verhängnisvoll, -hier trennen zu wollen! Die gleiche Disziplin -macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und, näher -besehen, es gibt keinen tüchtigen Gelehrten, der nicht die<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[Pg 317]</a></span> -Instinkte eines tüchtigen Militärs im Leibe hat. Befehlen -können und wieder auf eine stolze Weise gehorchen; in Reih -und Glied stehen, aber fähig jederzeit, auch zu führen; die -Gefahr dem Behagen vorziehen; das Erlaubte und Unerlaubte -nicht in einer Krämerwage wiegen; dem Mesquinen, -Schlauen, Parasitischen mehr feind sein als dem Bösen. – -Was <em>lernt</em> man in einer harten Schule? <em>Gehorchen</em> und -<em>Befehlen</em>.</p> - - -<h4>565.</h4> - -<p>Das Verdienst <em>leugnen</em>: aber das tun, was über allem -Loben, ja über allem Verstehen ist.</p> - - -<h4>566.</h4> - -<p><em>Nützlich</em> sind die Affekte allesamt, die einen direkt, die -andern indirekt; in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings -unmöglich, irgendeine Wertabfolge festzusetzen, – -so gewiß, ökonomisch gemessen, die Kräfte in der Natur -allesamt gut, das heißt nützlich sind, so viel furchtbares und -unwiderrufliches Verhängnis auch von ihnen ausgeht. Höchstens -könnte man sagen, daß die mächtigsten Affekte die -wertvollsten sind: insofern es keine größeren Kraftquellen -gibt.</p> - - -<h4>567.</h4> - -<p>Wieviel <em>Vorteil</em> opfert der Mensch, wie wenig „eigennützig“ -ist er! Alle seine Affekte und Leidenschaften wollen -ihr Recht haben – und wie <em>fern</em> vom klugen Nutzen des -Eigennutzes ist der Affekt!</p> - -<p>Man will <em>nicht</em> sein „Glück“; man muß Engländer sein, -um glauben zu können, daß der Mensch immer seinen Vorteil -sucht. Unsre Begierden wollen sich in langer Leidenschaft -an den Dingen vergreifen –, ihre aufgestaute Kraft -sucht die Widerstände.</p> - - -<h4>568.</h4> - -<p>Die <em>Erziehung</em> zu jenen <em>Herrscher</em>tugenden, welche -auch über sein Wohlwollen und Mitleiden Herr werden: die -großen Züchtertugenden („seinen Feinden vergeben“ ist dagegen -Spielerei), den <em>Affekt des Schaffenden</em> auf die<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[Pg 318]</a></span> -<em>Höhe bringen</em> – nicht mehr Marmor behauen! – Die -Ausnahme- und Machtstellung jener Wesen (verglichen mit -der der bisherigen Fürsten): der römische Cäsar mit Christi -Seele.</p> - - -<h4>569.</h4> - -<p><em>Der höhere Mensch und der Herdenmensch.</em> Wenn -die großen Menschen <em>fehlen</em>, so macht man aus den vergangenen -großen Menschen Halbgötter oder ganze Götter: -das Ausbrechen von Religion beweist, daß der Mensch nicht -mehr am Menschen <em>Lust</em> hat (– „und am Weibe auch -nicht“ mit Hamlet). Oder: man bringt viele Menschen -auf einen Haufen als Parlamente und wünscht, daß sie -gleich tyrannisch wirken.</p> - -<p>Das „Tyrannisierende“ ist die Tatsache großer Menschen: -sie machen den Geringeren dumm.</p> - - -<h4>570.</h4> - -<p>Der Hammer. <em>Wie</em> müssen Menschen beschaffen sein, die -umgekehrt wertschätzen? – Menschen, die <em>alle</em> Eigenschaften -der modernen Seele haben, aber stark genug sind, -sie in lauter Gesundheit umzuwandeln? – Ihr Mittel zu -ihrer Aufgabe.</p> - - -<h4>571.</h4> - -<p>Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken -Gesundheit, verdaut seine Taten ganz ebenso, wie er -die Mahlzeiten verdaut; er wird mit schwerer Kost selbst -fertig: in der Hauptsache aber führt ihn ein unversehrter -und strenger Instinkt, daß er nichts tut, was ihm widersteht, -so wenig, als er etwas ißt, das ihm nicht schmeckt.</p> - - -<h4>572.</h4> - -<p>Die wohlwollenden, hilfreichen, gütigen Gesinnungen sind -schlechterdings <em>nicht</em> um des Nutzens willen, der von ihnen -ausgeht, zu Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände -<em>reicher Seelen</em> sind, welche abgeben können und ihren -Wert als Füllegefühl des Lebens tragen. Man sehe die -Augen des Wohltäters an! Das ist das Gegenstück der<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[Pg 319]</a></span> -Selbstverneinung, des Hasses auf das <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">moi</span>, des „Pascalismus“.</p> - - -<h4>573.</h4> - -<p>Zu den herrschaftlichen Typen. – Der „Hirt“ im Gegensatz -zum „Herrn“ (– ersterer <em>Mittel</em> zur Erhaltung der -Herde; letzterer <em>Zweck</em>, weshalb die Herde da ist).</p> - - -<h4>574.</h4> - -<p><em>Hauptgesichtspunkt</em>: daß man nicht die <em>Aufgabe</em> der -höheren Spezies in der <em>Leitung</em> der niederen sieht (wie es -zum Beispiel Comte macht –), sondern die niedere als -<em>Basis</em>, auf der eine höhere Spezies ihrer <em>eigenen</em> Aufgabe -lebt, – auf der sie erst <em>stehen kann</em>.</p> - -<p>Die Bedingungen, unter denen eine <em>starke</em> und <em>vornehme</em> -Spezies sich erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), -sind die umgekehrten von denen, unter welchen die „industriellen -Massen“, die Krämer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Spencer stehen.</p> - -<p>Das, was nur den <em>stärksten</em> und <em>fruchtbarsten</em> Naturen -freisteht zur Ermöglichung <em>ihrer</em> Existenz – Muße, -Abenteuer, Unglaube, Ausschweifung selbst –, das würde, -wenn es den <em>mittleren</em> Nationen freistünde, diese notwendig -zugrunde richten – und tut es auch. Hier ist die -Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste „Überzeugung“ -am Platze, – kurz die „Herdentugenden“: unter -ihnen wird diese mittlere Art Mensch vollkommen.</p> - - -<h4>575.</h4> - -<p>Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs -Spiel setzt, das ist die Folge des Übermutes und eines überströmenden, -verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, -sondern weil jede große Gefahr unsre Neugierde -in bezug auf das Maß unsrer Kraft, unsres Mutes herausfordert.</p> - - -<h4>576.</h4> - -<p>„Sein Leben lassen für eine Sache“ – großer Effekt. -Aber man läßt für vieles sein Leben: die Affekte samt und -sonders wollen ihre Befriedigung. Ob es das Mitleid ist<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[Pg 320]</a></span> -oder der Zorn oder die Rache – daß das Leben daran gesetzt -wird, verändert nichts am Werte. Wie viele haben ihr -Leben für die hübschen Weiblein geopfert – und selbst, -was schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament -hat, so wählt man instinktiv die gefährlichen -Dinge: zum Beispiel die Abenteuer der Spekulation, wenn -man Philosoph, oder der Immoralität, wenn man tugendhaft -ist. Die eine Art Mensch will nichts riskieren, die andre -will riskieren. Sind wir anderen Verächter des Lebens? -Im Gegenteil, wir suchen instinktiv ein <em>potenziertes</em> Leben, -das Leben in der Gefahr.... Damit, nochmals gesagt, -wollen wir nicht tugendhafter sein als die anderen. Pascal -zum Beispiel wollte nichts riskieren und blieb Christ: das -war vielleicht tugendhaft. – <em>Man opfert immer.</em></p> - - -<h4>577.</h4> - -<p>„<em>Seinem Gefühle folgen?</em>“ – Daß man, einem -generösen Gefühle <em>nachgebend</em>, sein Leben in Gefahr -bringt, und unter dem Impuls eines Augenblicks: das ist -wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In der Fähigkeit -dazu sind sich alle gleich – und in der Entschlossenheit -dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen -honetten Menschen gewiß.</p> - -<p>Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu -überwinden und die heroische Tat nicht auf Impulse hin -zu tun, – sondern kalt, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">raisonnable</span>, ohne das stürmische -Überwallen von Lustgefühlen dabei.... Dasselbe gilt vom -Mitleid: es muß erst habituell durch die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">raison</span> <em>durchgesiebt</em> -sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie irgendein -Affekt.</p> - -<p>Die <em>blinde Nachgiebigkeit</em> gegen einen Affekt, sehr -gleichgültig, ob es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger -ist, ist die Ursache der <em>größten Übel</em>.</p> - -<p>Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man -diese Affekte nicht besitzt, – im Gegenteil, man hat sie -im furchtbarsten Grade: aber daß man sie am Zügel -führt.... und auch das noch ohne Lust an dieser Bändigung, -sondern bloß, weil....</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[Pg 321]</a></span></p> - - -<h4>578.</h4> - -<p>Wo man die <em>stärkeren Naturen</em> zu suchen hat. – Das -Zugrundegehen und Entarten der <em>solitären</em> Spezies ist -viel <em>größer</em> und furchtbarer: sie haben die Instinkte der -Herde, die Tradition der Werte gegen sich; ihre Werkzeuge -zur Verteidigung, ihre Schutzinstinkte sind von vornherein -nicht stark, nicht sicher genug, – es gehört viel Gunst des -Zufalls dazu, daß sie <em>gedeihen</em> (– sie gedeihen in den -niedrigsten und gesellschaftlich preisgegebensten Elementen -am häufigsten; wenn man nach <em>Person</em> sucht, dort findet -man sie um wieviel sicherer als in den mittleren Klassen!).</p> - -<p>Der Stände- und Klassenkampf, der auf „Gleichheit der -Rechte“ abzielt, – ist er ungefähr erledigt, so geht der -<em>Kampf</em> los gegen die <em>Solitärperson</em>. (In einem gewissen -Sinne <em>kann dieselbe sich am leichtesten in einer -demokratischen Gesellschaft erhalten und entwickeln</em>: -dann, wenn die gröberen Verteidigungsmittel nicht -mehr nötig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung, -Redlichkeit, Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen -gehört.)</p> - -<p>Die <em>Stärksten</em> müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt, -in Ketten gelegt und überwacht werden: so will es -der Instinkt der Herde. Für sie ein Regime der Selbstüberwältigung, -des asketischen Abseits oder der „Pflicht“ in abnützender -Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber -kommt.</p> - - -<h4>579.</h4> - -<p>Wogegen <em>ich</em> kämpfe: daß eine Ausnahmeart der Regel -den Krieg macht, – statt zu begreifen, daß die Fortexistenz -der Regel die Voraussetzung für den Wert der Ausnahme -ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche, statt die Auszeichnung -ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu -empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken -möchten.</p> - - -<h4>580.</h4> - -<p>Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen -unwürdig: es ist fast ein Fragezeichen an seinem „<em>Recht</em><span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[Pg 322]</a></span> -auf Philosophie“. Gerade deshalb, weil er die Ausnahme -ist, hat er die Regel in Schutz zu nehmen, hat er allem -Mittleren den guten Mut zu sich selber zu erhalten.</p> - - -<h4>581.</h4> - -<p>Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit -verleiden! Ich tue, man sieht es, das Gegenteil: jeder -Schritt weg von ihr führt – so lehre ich – ins <em>Unmoralische</em>.</p> - - -<h4>582.</h4> - -<p>Die <em>Verkleinerung</em> des Menschen muß lange als einziges -Ziel gelten: weil erst ein breites Fundament zu schaffen -ist, damit eine <em>stärkere</em> Art Mensch darauf stehen kann. -(: Inwiefern bisher <em>jede verstärkte</em> Art Mensch auf -einem <em>Niveau der niedrigeren stand</em> – – –)</p> - - -<h4>583.</h4> - -<p>Zeitweiliges Überwiegen der sozialen Wertgefühle begreiflich -und nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines -<em>Unterbaus</em>, auf dem endlich eine <em>stärkere</em> Gattung möglich -wird. – Maßstab der Stärke: unter den <em>umgekehrten</em> -Wertschätzungen leben können und sie ewig wieder wollen. -Staat und Gesellschaft als Unterbau: weltwirtschaftlicher -Gesichtspunkt, Erziehung als <em>Züchtung</em>.</p> - - -<h4>584.</h4> - -<p>Der Kampf gegen die <em>großen</em> Menschen, aus ökonomischen -Gründen gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, -Ausnahmen, Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes -und -Gegründetes in Frage zu stellen. Das Explosive -nicht nur unschädlich entladen, sondern womöglich -seiner Entladung <em>vorbeugen</em>: Grundinstinkt aller zivilisierten -Gesellschaft.</p> - - -<h4>585.</h4> - -<p>Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften -Agitators der Menge geht, sich den Begriff „höhere Natur“ -klarzumachen, dafür gibt Buckle das beste Beispiel ab. -Die Meinung, welche er so leidenschaftlich <em>bekämpft</em> –<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[Pg 323]</a></span> -daß „große Männer“, Einzelne, Fürsten, Staatsmänner, -Genies, Feldherren die Hebel und <em>Ursachen</em> aller großen -Bewegungen sind – wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, -als ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche -und Wertvolle an einem solchen „höheren Menschen“ liege -eben in der Fähigkeit, Massen in Bewegung zu setzen: kurz, -in ihrer Wirkung.... Aber die „höhere Natur“ des großen -Mannes liegt im Anderssein, in der Unmitteilbarkeit, in -der Rangdistanz, – nicht in irgendwelchen Wirkungen: -und ob er auch den Erdball erschütterte. –</p> - - -<h4>586.</h4> - -<p>Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die -Mediokrität <em>nicht medioker</em> haben will und, statt an einem -Ausnahmesein einen Triumph zu fühlen, <em>entrüstet</em> ist über -Feigheit, Falschheit, Kleinheit und Miserabilität. <em>Man soll -das nicht anders wollen!</em> und die Kluft <em>größer</em> aufreißen! -– Man soll die höhere Art <em>zwingen</em>, sich <em>abzuscheiden</em> -durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen -hat.</p> - -<p><em>Hauptgesichtspunkt</em>: <em>Distanzen</em> aufreißen, aber -<em>keine Gegensätze schaffen</em>. Die <em>Mittelgebilde</em> ablösen -und im Einfluß verringern: Hauptmittel, um Distanzen zu -erhalten.</p> - - -<h4>587.</h4> - -<p>Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit -der Darstellung der tatsächlichen Rangordnung und Wertverschiedenheit -der Menschen, sondern wir wollen auch gerade -das Gegenteil einer Anähnlichung, einer Ausgleichung: -wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir reißen -Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen, -daß der Mensch böser werde, als er je war. Einstweilen -leben wir noch selber einander fremd und verborgen. Es -wird uns aus vielen Gründen nötig sein, Einsiedler zu -sein und selbst Masken vorzunehmen, – wir werden folglich -schlecht zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir -werden allein leben und wahrscheinlich die Martern aller<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[Pg 324]</a></span> -sieben Einsamkeiten kennen. Laufen wir uns aber über den -Weg durch einen Zufall, so ist darauf zu wetten, daß wir -uns verkennen oder wechselseitig betrügen.</p> - - -<h4>588.</h4> - -<p>Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit -hat, nicht weil er allein sein will, sondern weil er etwas -ist, das nicht seinesgleichen findet: welche Gefahren und -neuen Leiden sind ihm gerade heute aufgespart, wo man -den Glauben an die Rangordnung verlernt hat und folglich -diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen -weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein -solches Beiseitegehen für das Gewissen der Menge, – heute -sieht sich der Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel -und Verdächtigungen umringt. Und nicht etwa nur von -seiten der Neidischen und Erbärmlichen: er muß Verkennung, -Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem -Wohlwollen herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene -Heimtücke des beschränkten Mitleidens, welches sich selber -gut und heilig fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere -Lagen, durch geordnetere, zuverlässigere Gesellschaft, vor sich -selber zu „retten“ sucht, – ja er wird den unbewußten -Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem alle Mittelmäßigen -des Geistes gegen ihn tätig sind, und zwar im -besten Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen -dieser unverständlichen Vereinsamung nötig, sich tüchtig und -herzhaft auch in den Mantel der äußeren, der räumlichen -Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer Klugheit. Selbst -List und Verkleidung werden heute not tun, damit ein solcher -Mensch sich selber erhalte, sich selber <em>oben</em> erhalte, inmitten -der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit. -Jeder Versuch, es <em>in</em> der Gegenwart, <em>mit</em> der Gegenwart -auszuhalten, jede Annäherung an diese Menschen und Ziele -von heute muß er wie seine eigentliche Sünde abbüßen: -und er mag die verborgene Weisheit seiner Natur anstaunen, -welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch Krankheit -und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückzieht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[Pg 325]</a></span></p> - - -<h4>589.</h4> - -<p>Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf -und Schmutz der menschlichen Niederungen es eine <em>höhere, -hellere Menschheit</em> gibt, die der Zahl nach eine sehr -kleine sein wird (– denn alles, was hervorragt, ist seinem -Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht weil man begabter -oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller -wäre als die Menschen da unten, sondern – weil man -<em>kälter</em>, <em>heller</em>, <em>weitsichtiger</em>, <em>einsamer</em> ist, weil man -die Einsamkeit erträgt, vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, -ja Bedingung des Daseins, weil man unter Wolken -und Blitzen wie unter seinesgleichen lebt, aber ebenso unter -Sonnenstrahlen, Tautropfen, Schneeflocken und allem, was -notwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt, -sich ewig nur in der Richtung <em>von oben nach unten</em> bewegt. -Die Aspirationen <em>nach</em> der Höhe sind nicht die unsrigen. -– Die Helden, Märtyrer, Genies und Begeisterten -sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt, langsam genug.</p> - - -<h4>590.</h4> - -<p>Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird -am seltensten gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie -eine Überfülle von Mißratenen, von Unglücksfällen -und ein äußerst langsames Schreiten; ganze Jahrtausende -fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war; der Zusammenhang -hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche -Geschichte – die Geschichte des höchsten Menschen, des -<em>Weisen</em>. – Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtnis -der Großen, denn die Halbgeratenen und Mißratenen -verkennen sie und besiegen sie durch „Erfolge“. Jedesmal, -wo „die Wirkung“ sich zeigt, tritt eine Masse Pöbel -auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der -Armen im Geiste ist eine fürchterliche Ohrenmarter für den, -der mit Schauder weiß, <em>daß das Schicksal der Menschheit -am Geraten ihres höchsten Typus liegt</em>. – Ich -habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen des -Weisen nachgedacht und will meine frohe Überzeugung nicht<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[Pg 326]</a></span> -verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird -– vielleicht nur für kurze Zeit.</p> - - -<h4>591.</h4> - -<p><em>Rangordnung</em>: Der die Werte <em>bestimmt</em> und den Willen -von Jahrtausenden lenkt, dadurch, daß er die höchsten -Naturen lenkt, ist der <em>höchste Mensch</em>.</p> - - -<h4>592.</h4> - -<p>Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, -leben die höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben -sie ihre Werkzeuge.</p> - - -<h4>593.</h4> - -<p>Absolute Überzeugung: daß die Wertgefühle oben und -unten <em>verschieden</em> sind; daß zahllose <em>Erfahrungen</em> den -Unteren <em>fehlen</em>, daß von unten nach oben das Mißverständnis -<em>notwendig</em> ist.</p> - - -<h4>594.</h4> - -<p>Der Mensch hat, im Gegensatz zum Tier, eine Fülle -<em>gegensätzlicher</em> Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: -vermöge dieser Synthesis ist er der Herr der Erde. – -Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter <em>Rangordnungen</em> -in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an -ihren <em>Widersprüchen</em> der Mensch nicht zugrunde geht. -Also ein Trieb als Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, -als Impuls, der den <em>Reiz</em> für die Tätigkeit des -Haupttriebes abgibt.</p> - -<p>Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe -haben, und auch in der relativ größten Stärke, die sich -noch ertragen läßt. In der Tat: wo die Pflanze Mensch -sich stark zeigt, findet man die mächtig <em>gegen</em>einander -treibenden Instinkte (zum Beispiel Shakespeare), aber gebändigt.</p> - - -<h4>595.</h4> - -<p>Ein großer Mensch, – ein Mensch, welchen die Natur -in großem Stile aufgebaut und erfunden hat – was ist -das? <em>Erstens</em>: er hat in seinem gesamten Tun eine lange<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[Pg 327]</a></span> -Logik, die ihrer Länge wegen schwer überschaubar, folglich -irreführend ist, eine Fähigkeit, über große Flächen seines -Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles kleine -Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter -auch die schönsten, „göttlichsten“ Dinge von der Welt. -<em>Zweitens</em>: er ist <em>kälter</em>, <em>härter</em>, <em>unbedenklicher</em> und -<em>ohne Furcht vor der „Meinung“</em>; es fehlen ihm die Tugenden, -welche mit der „Achtung“ und dem Geachtetwerden -zusammenhängen, überhaupt alles, was zur „Tugend der -Herde“ gehört. Kann er nicht <em>führen</em>, so geht er allein; -es kommt dann vor, daß er manches, was ihm auf dem -Wege begegnet, angrunzt. <em>Drittens</em>: er will kein „teilnehmendes“ -Herz, sondern Diener, Werkzeuge; er ist im -Verkehr mit Menschen immer darauf aus, etwas aus ihnen -zu <em>machen</em>. Er weiß sich unmitteilbar: er findet es geschmacklos, -wenn er vertraulich wird; und er ist es gewöhnlich -nicht, wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich -redet, hat er seine Maske. Er lügt lieber, als daß er die -Wahrheit redet: es kostet mehr Geist und <em>Willen</em>. Es -ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas Unerreichbares -ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit, welche -keine Instanz über sich hat.</p> - - -<h4>596.</h4> - -<p>Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines -Gedankens – das bringen die Künstler noch am besten zustande: -wenn einer aber Menschen dazu nötig hat (wie -Lehrer, Staatsmänner usw.), da geht die Ruhe und Kälte -und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar -und Napoleon etwas ahnen von einem „interesselosen“ Arbeiten -an ihrem Marmor, mag dabei von Menschen geopfert -werden, was nur möglich. Auf dieser Bahn liegt die Zukunft -der höchsten Menschen: die <em>größte Verantwortlichkeit</em> -tragen und <em>nicht</em> daran <em>zerbrechen</em>. – Bisher -waren fast immer Inspirationstäuschungen nötig, um selbst -den <em>Glauben an sein Recht und seine Hand</em> nicht zu -verlieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[Pg 328]</a></span></p> - - -<h4>597.</h4> - -<p>Die Revolution, Verwirrung und Not der Völker ist das -Geringere in meiner Betrachtung, <em>gegen die Not der -großen Einzelnen in ihrer Entwicklung</em>. Man muß -sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöte aller dieser <em>Kleinen</em> -bilden zusammen keine <em>Summe</em>, außer im Gefühle -von <em>mächtigen</em> Menschen. – An sich denken, in Augenblicken -großer Gefahr: seinen Nutzen ziehen aus dem Nachteile -vieler: – das kann bei einem sehr hohen Grade von -Abweichung ein Zeichen <em>großen</em> Charakters sein, der über -seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird.</p> - - -<h4>598.</h4> - -<p>Im <em>großen Menschen</em> sind die spezifischen Eigenschaften -des Lebens – Unrecht, Lüge, Ausbeutung – am größten. -Insofern sie aber <em>überwältigend</em> gewirkt haben, ist ihr -Wesen am besten mißverstanden und ins Gute interpretiert -worden. Typus Carlyle als Interpret.</p> - - -<h4>599.</h4> - -<p>Ob man nicht ein Recht hat, alle <em>großen</em> Menschen unter -die <em>bösen</em> zu rechnen? Im einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen. -Oft ist ihnen ein meisterhaftes Versteckenspielen -möglich gewesen, so daß sie die Gebärden und Äußerlichkeiten -großer Tugenden annahmen. Oft verehrten sie die -Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte -gegen sich selber, aber aus Grausamkeit, – dergleichen -täuscht, aus der Ferne gesehen. Manche verstanden sich -selber falsch; nicht selten fordert eine große Aufgabe große -Qualitäten heraus, zum Beispiel die Gerechtigkeit. Das -Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch große -Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich -glaube, daß aus dem Vorhandensein der Gegensätze und -aus deren Gefühl gerade der große Mensch, <em>der Bogen -mit der großen Spannung</em>, entsteht.</p> - - -<h4>600.</h4> - -<p>Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, -Schicksale tragen, die ganze Art der <em>heroischen</em> Lastträger:<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[Pg 329]</a></span> -o wie gern möchten sie einmal von sich selber ausruhen! -wie dürsten sie nach starken Herzen und Nacken, um für -Stunden wenigstens loszuwerden, was sie drückt! Und wie -umsonst dürsten sie!.... Sie warten; sie sehen sich alles -an, was vorübergeht: niemand kommt ihnen auch nur mit -dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, niemand -errät, <em>inwiefern</em> sie warten.... Endlich, endlich lernen sie -ihre erste Lebensklugheit – <em>nicht</em> mehr zu warten; und -dann alsbald auch ihre zweite: leutselig zu sein, bescheiden -zu sein, von nun an jedermann zu ertragen, jederlei zu ertragen -– kurz, noch ein wenig <em>mehr zu ertragen</em>, als sie -bisher schon getragen haben.</p> - - -<h4>601.</h4> - -<p>Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn -sie involviert <em>Unabhängigkeit</em>; aber ohne geistige Größe -soll diese nicht erlaubt sein, sie richtet Unfug an, selbst noch -durch Wohltunwollen und „Gerechtigkeit“üben. Die geringen -Geister haben zu <em>gehorchen</em>, – können also nicht -<em>Größe</em> haben.</p> - - -<h4>602.</h4> - -<p>Die <em>Notwendigkeit</em> zu erweisen, daß zu einem immer -ökonomischeren Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu -einer immer fester ineinander verschlungenen „Maschinerie“ -der Interessen und Leistungen <em>eine Gegenbewegung gehört</em>. -Ich bezeichne dieselbe als <em>Ausscheidung eines Luxusüberschusses -der Menschheit</em>: in ihr soll eine <em>stärkere</em> -Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs- -und andre Erhaltungsbedingungen hat als der -Durchschnittsmensch. Mein Begriff, mein <em>Gleichnis</em> für -diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort „Übermensch“.</p> - -<p>Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar -ist, entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere -Chinesentum, die Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit -in der Verkleinerung des Menschen, – eine Art <em>Stillstandsniveau -des Menschen</em>. Haben wir erst jene unvermeidlich -bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung der<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[Pg 330]</a></span> -Erde, dann <em>kann</em> die Menschheit als Maschinerie in deren -Diensten ihren besten Sinn finden: – als ein ungeheures -Räderwerk von immer kleineren, immer feiner „anzupassenden“ -Rädern; als ein immer wachsendes Überflüssigwerden -aller dominierenden und kommandierenden Elemente; als -ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren -<em>Minimalkräfte, Minimalwerte</em> darstellen.</p> - -<p>Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung -der Menschen an eine spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es -der umgekehrten Bewegung, – der Erzeugung des <em>synthetischen</em>, -des <em>summierenden</em>, des <em>rechtfertigenden</em> -Menschen, für den jene Machinalisierung der Menschheit eine -Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf dem -er seine <em>höhere Form, zu sein</em>, sich erfinden kann.</p> - -<p>Er braucht die <em>Gegnerschaft</em> der Menge, der „Nivellierten“, -das Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht -auf ihnen, er lebt von ihnen. Diese höhere Form des <em>Aristokratismus</em> -ist die der Zukunft. – Moralisch geredet, stellt -jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller Räder, ein -Maximum in der <em>Ausbeutung des Menschen</em> dar: aber -sie setzt solche voraus, deretwegen diese Ausbeutung <em>Sinn</em> -hat. Im anderen Falle wäre sie tatsächlich bloß die Gesamtverringerung, -<em>Wert</em>verringerung des Typus Mensch, -– ein <em>Rückgangsphänomen</em> im größten Stile.</p> - -<p>– Man sieht, was ich bekämpfe, ist der <em>ökonomische</em> -Optimismus: wie als ob mit den wachsenden Unkosten aller -auch der Nutzen aller notwendig wachsen müßte. Das Gegenteil -scheint mir der Fall: <em>die Unkosten aller summieren -sich zu einem Gesamtverlust</em>: der Mensch wird <em>geringer</em>: -– so daß man nicht mehr weiß, <em>wozu</em> überhaupt -dieser ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein <em>neues</em> -Wozu? – <em>das</em> ist es, was die Menschheit nötig hat.</p> - - -<h4>603.</h4> - -<p><em>Zur Rangordnung.</em> – Was ist am typischen Menschen -<em>mittelmäßig</em>? Daß er nicht die <em>Kehrseite der Dinge</em> -als notwendig versteht: daß er die Übelstände bekämpft,<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[Pg 331]</a></span> -wie als ob man ihrer entraten könne; daß er das eine nicht -mit dem andern hinnehmen will, – daß er den <em>typischen -Charakter eines Dinges</em>, eines Zustandes, einer Zeit, -einer Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur -einen Teil ihrer Eigenschaften gutheißt und die andern <em>abschaffen</em> -möchte. Die „Wünschbarkeit“ der Mittelmäßigen -ist das, was von uns andern bekämpft wird: das <em>Ideal</em>, gefaßt -als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses, Gefährliches, -Fragwürdiges, Vernichtendes übrigbleiben soll. Unsere -Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachstum -des Menschen auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der -<em>höchste</em> Mensch, gesetzt, daß ein solcher Begriff erlaubt ist, -<em>der</em> Mensch wäre, welcher <em>den Gegensatzcharakter des -Daseins</em> am stärksten darstellte, als dessen Glorie und einzige -Rechtfertigung.... Die gewöhnlichen Menschen dürfen -nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters -darstellen: sie gehen alsbald zugrunde, wenn die -Vielfachheit der Elemente und die Spannung der Gegensätze -wächst, das heißt die Vorbedingung für die <em>Größe des -Menschen</em>. Daß der Mensch besser <em>und</em> böser werden muß, -das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit....</p> - -<p>Die meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten -dar: erst wenn man sie zusammenrechnet, so kommt -ein Mensch heraus. Ganze Zeiten, ganze Völker haben in -diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört vielleicht -zur Ökonomie der Menschenentwicklung, daß der Mensch sich -stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen, -daß es sich trotzdem nur um das Zustandekommen -des synthetischen Menschen handelt: daß die niedrigen Menschen, -die ungeheure Mehrzahl, bloß Vorspiele und Einübungen -sind, aus deren Zusammenspiel hier und da der -<em>ganze</em> Mensch entsteht, der Meilensteinmensch, welcher anzeigt, -wie weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. -Sie geht <em>nicht</em> in einem Striche vorwärts; oft geht der schon -erreichte Typus wieder verloren (– wir haben zum Beispiel -mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten noch nicht den -<em>Menschen der Renaissance</em> wieder erreicht, und hinwie<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[Pg 332]</a></span>derum -blieb der Mensch der Renaissance hinter dem <em>antiken -Menschen</em> zurück).</p> - - -<h4>604.</h4> - -<p>Die „<em>Reinigung des Geschmacks</em>“ kann nur die Folge -einer <em>Verstärkung</em> des Typus sein. Unsre Gesellschaft von -heute <em>repräsentiert</em> nur die Bildung; der Gebildete <em>fehlt</em>. -Der große <em>synthetische Mensch</em> fehlt: in dem die verschiedenen -Kräfte zu einem Ziele unbedenklich ins Joch gespannt -sind. Was wir haben, ist der <em>vielfache</em> Mensch, das -interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: -aber nicht das Chaos <em>vor</em> der Schöpfung der Welt, sondern -hinter ihr: – <em>Goethe</em> als schönster Ausdruck des Typus -(– <em>ganz und gar kein Olympier!</em>).</p> - - -<h4>605.</h4> - -<p>Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck – für die <em>deutsche -starke Art</em> charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen -lebend, voll jener geschmeidigen Stärke, welche sich -vor Überzeugungen und Doktrinen hütet, indem sie eine -gegen die andere benutzt und sich selber die Freiheit vorbehält.</p> - - -<h4>606.</h4> - -<p>(<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Revue des deux mondes</span>, 15. Februar 1887. <em>Taine</em> -über Napoleon:) „Plötzlich entfaltet sich die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faculté maîtresse</span>: -der <em>Künstler</em>, eingeschlossen in den Politiker, kommt -heraus <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de sa gaine</span>; er schafft <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">dans l'idéal et l'impossible</span>. -Man erkennt ihn wieder als das, was er ist: der posthume -Bruder des Dante und des Michelangelo: und in Wahrheit, -in Hinsicht auf die festen Konturen seiner Vision, die Intensität, -Kohärenz und innere Logik seines Traums, die Tiefe -seiner Meditation, die übermenschliche Größe seiner Konzeption, -ist er ihnen gleich <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">et leur égal: son génie a la même -taille et la même structure, il est un des trois sprits souverains -de la renaissance italienne</span>.“</p> - -<p>Notabene – – Dante, Michelangelo, Napoleon.</p> - - -<h4>607.</h4> - -<p>Einsicht, welche den „freien Geistern“ <em>fehlt</em>: dieselbe -<em>Disziplin</em>, welche eine starke Natur noch verstärkt und zu<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[Pg 333]</a></span> -großen Unternehmungen befähigt, <em>zerbricht und verkümmert -die mittelmäßigen</em>: – der Zweifel, – <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la largeur -de cœur</span>, – das Experiment.</p> - - -<h4>608.</h4> - -<p>Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, -selbst furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, -Verachtungen fertig: sie kommt aus solchen Höllen -mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus: und, um das -Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachstum in der -Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der, welcher etwas von -den untersten Bedingungen jedes Wachstums in der Liebe -erraten hat, wird Dante, als er über die Pforte seines Inferno -schrieb: „auch mich schuf die ewige Liebe“, verstehen.</p> - - -<h4>609.</h4> - -<p>Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts -vormachen.</p> - - -<h4>610.</h4> - -<p><em>Die Kriegerischen und die Friedlichen.</em> – Bist du -ein Mensch, der die Instinkte des Kriegers im Leibe hat? -Und in diesem Falle bliebe noch eine zweite Frage: Bist du ein -Angriffskrieger oder ein Widerstandskrieger von Instinkt? -Der Rest von Menschen, alles, was nicht kriegerisch von -Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will „Freiheit“, -will „gleiche Rechte“ – : das sind nur Namen und Stufen -für ein und dasselbe. Dorthin gehen, wo man nicht nötig -hat, sich zu wehren, – solche Menschen werden unzufrieden -mit sich, wenn sie genötigt sind, Widerstand zu leisten: sie -wollen Zustände schaffen, wo es überhaupt keinen Krieg -mehr gibt. Schlimmstenfalls sich unterwerfen, gehorchen, -einordnen: immer noch besser als Krieg führen, – so rät -es zum Beispiel dem Christen sein Instinkt. Bei den geborenen -Kriegern gibt es etwas wie Bewaffnung in Charakter, -in Wahl der Zustände, in der Ausbildung jeder -Eigenschaft: die „Waffe“ ist im ersten Typus, die Wehr -im zweiten am besten entwickelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[Pg 334]</a></span></p> - -<p>Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hilfsmittel -und Tugenden sie nötig haben, um es auszuhalten, – um -selbst obzusiegen.</p> - - -<h4>611.</h4> - -<p>Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr -hat, sich zu wehren und anzugreifen? Was bleibt von seinen -<em>Affekten</em> übrig, wenn die ihm abhanden kommen, in denen -er seine Wehr und seine Waffe hat?</p> - - -<h4>612.</h4> - -<p>Man muß von den Kriegen her lernen: 1. den Tod in die -Nähe der Interessen zu bringen, für die man kämpft – das -macht <em>uns</em> ehrwürdig; 2. man muß lernen, <em>viele</em> zum -Opfer bringen und seine Sache wichtig genug nehmen, um -die Menschen nicht zu schonen; 3. die starre Disziplin, und -im Krieg Gewalt und List sich zugestehen.</p> - - -<h4>613.</h4> - -<p>„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“ -– auch ein Symbolon und Kerbholzwort, an dem sich -Seelen vornehmer und kriegerischer Abkunft verraten und -erraten.</p> - - -<h4>614.</h4> - -<p>Nicht „das Glück folgt der Tugend“, – sondern der -Mächtigere bestimmt <em>seinen glücklichen Zustand erst als -Tugend</em>.</p> - -<p>Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und -Tugendhaften: die schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen.</p> - -<p>Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste -sein, insofern er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt -<em>gegen</em> alle ihre Ideale und sie zu seinem Bilde umschafft. -Böse heißt hier: hart, schmerzhaft, aufgezwungen.</p> - -<p>Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wiederkommen -und den Glauben an die Selbstherrlichkeit des -Einzelnen befestigen: er selber aber war durch die Mittel, -die er anwenden <em>mußte</em>, korrumpiert worden und hatte<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[Pg 335]</a></span> -die Noblesse des Charakters <em>verloren</em>. Unter einer andern -Art Menschen sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden -können; und so wäre es nicht notwendig, daß ein -Cäsar <em>schlecht werden müßte</em>.</p> - - -<h4>615.</h4> - -<p>Der große Mensch ist notwendig Skeptiker (womit nicht -gesagt ist, daß er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß -dies die Größe ausmacht: etwas Großes <em>wollen</em> und die -Mittel dazu. Die Freiheit von jeder Art Überzeugung gehört -zur <em>Stärke seines Willens</em>. So ist es jenem „aufgeklärten -Despotismus“ gemäß, den jede große Leidenschaft -ausübt. Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst; -sie hat den Mut auch zu unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich; -sie gönnt sich Überzeugungen, sie <em>braucht</em> sie -selbst, aber sie unterwirft sich ihnen nicht. Das Bedürfnis -nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem in Ja und -Nein ist ein Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist Willensschwäche. -Der Mensch des Glaubens, der Gläubige ist -notwendig eine kleine Art Mensch. Hieraus ergibt sich, daß -„Freiheit des Geistes“, das heißt Unglaube als Instinkt, -Vorbedingung der Größe ist.</p> - - -<h4>616.</h4> - -<p>Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge -des Jahrhunderts haben, aber ausgleichen in einer überreichen, -plastischen, wiederherstellenden Kraft. <em>Der starke -Mensch.</em></p> - - -<h4>617.</h4> - -<p><em>Der Begriff „starker und schwacher Mensch“</em> reduziert -sich darauf, daß im ersten Falle viel Kraft vererbt -ist – er ist eine Summe: im andern <em>noch wenig</em> – -(– unzureichende Vererbung, Zersplitterung des Ererbten). -Die Schwäche kann ein <em>Anfangs</em>phänomen sein: „<em>noch -wenig</em>“; oder ein <em>End</em>phänomen: „nicht <em>mehr</em>“.</p> - -<p>Der Ansatzpunkt ist der, <em>wo große Kraft ist</em>, wo Kraft -<em>auszugeben</em> ist. Die Masse, als die Summe der <em>Schwa<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[Pg 336]</a></span>chen</em>, -reagiert <em>langsam</em>; wehrt sich gegen vieles, für das sie -zu schwach ist, – von dem sie keinen Nutzen haben kann; -schafft <em>nicht</em>, geht nicht voran.</p> - -<p>Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum -leugnet und meint, „die Masse tut's“. Es ist die Differenz -wie zwischen getrennten Geschlechtern: es können vier, -fünf Generationen zwischen dem Tätigen und der Masse -liegen – eine <em>chronologische</em> Differenz.</p> - -<p>Die <em>Werte der Schwachen</em> sind obenan, weil die Starken -sie übernommen haben, um damit zu <em>leiten</em>.</p> - - -<h4>618.</h4> - -<p>Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der -Maßstab bleibt die Effloreszenz des Leibes, die Sprungkraft, -Mut und Lustigkeit des Geistes – aber natürlich -auch, <em>wieviel von Krankhaftem er auf sich nehmen -und überwinden kann</em>, – gesund <em>machen</em> kann. Das, -woran die zarteren Menschen zugrunde gehen würden, gehört -zu den Stimulansmitteln der <em>großen</em> Gesundheit.</p> - - -<h4>619.</h4> - -<p>Die Lehre μηδὲν ἄγαν wendet sich an Menschen mit überströmender -Kraft, – nicht an die Mittelmäßigen. Die -ἐγκράτεια und ἄσκησις ist nur eine <em>Stufe</em> der Höhe: -höher steht die „goldene Natur“.</p> - -<p>„<em>Du sollst</em>“ – unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in -den Orden des Christentums und der Araber, in der Philosophie -Kants (es ist gleichgültig, ob einem Oberen oder -einem Begriff).</p> - -<p>Höher als „du sollst“ steht: „<em>Ich will</em>“ (die Heroen); -höher als „ich will“ steht: „<em>Ich bin</em>“ (die Götter der -Griechen).</p> - -<p>Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am -<em>Maß</em> aus, – sind weder einfach, noch leicht, noch maßvoll.</p> - - -<h4>620.</h4> - -<p>Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber -schröpft und schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[Pg 337]</a></span> -wirft sie ihre Vorrechte weg, und vermöge ihrer verfeinerten -Überkultur interessiert sie sich für das Volk, die Schwachen, -die Armen, die Poesie des Kleinen usw.</p> - - -<h4>621.</h4> - -<p>Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede -hier nicht vom Wörtchen „von“ und dem Gothaischen Kalender: -Einschaltung für Esel.) Wo von „Aristokraten des -Geistes“ geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen, -etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein -Leibwort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt -nicht; vielmehr bedarf es erst etwas, <em>das den Geist adelt</em>. -– Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.</p> - - -<h4>622.</h4> - -<p>Eine Kriegserklärung der <em>höheren Menschen</em> an die -Masse ist nötig! Überall geht das Mittelmäßige zusammen, -um sich zum Herrn zu machen! Alles, was verweichlicht, -sanft macht, das „Volk“ zur Geltung bringt oder das -„Weibliche“, wirkt zugunsten des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span>, das -heißt der Herrschaft der <em>niederen</em> Menschen. Aber wir -wollen Repressalien üben und diese ganze Wirtschaft (die -in Europa mit dem Christentum anhebt) ans Licht und vors -Gericht bringen.</p> - - -<h4>623.</h4> - -<p>Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer -herrschenden Kaste entstehen als deren höchste Vergeistigung. -Die große Politik, Erdregierung in der Nähe; vollständiger -<em>Mangel</em> an <em>Prinzipien</em> dafür.</p> - - -<h4>624.</h4> - -<p>Der eigentlich <em>königliche</em> Beruf des Philosophen (nach -dem Ausdruck Alkuins des Angelsachsen): <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">prava corrigere, -et recta corroborare, et sancta sublimare</span>.</p> - - -<h4>625.</h4> - -<p><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les -aigles ne volent point en compagnie. Il faut laisser cela<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[Pg 338]</a></span> -aux perdrix, aux étourneaux.... Planer au-dessus et -avoir des griffes, voilà le lot des grands génies.</span></p> - -<p class="antiqua right">Galiani.</p> - - -<h4>626.</h4> - -<p>Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind, -und daß sie gern in dem Abgrund eines vollkommen hellen -Himmels sitzen: – sie haben andere Mittel nötig, das -Leben zu ertragen, als andere Menschen; denn sie leiden -anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschenverachtung -als an ihrer Menschenliebe). – Das leidendste -Tier auf Erden erfand sich – das <em>Lachen</em>.</p> - - -<h4>627.</h4> - -<p>Weshalb der Philosoph <em>selten</em> gerät. Zu seinen Bedingungen -gehören Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen -zugrunde richten:</p> - -<p>1. eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften; er muß -eine Abbreviatur des Menschen sein, aller seiner hohen und -niedern Begierden: Gefahr der Gegensätze, auch des Ekels -an sich;</p> - -<p>2. er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein: -Gefahr der Zersplitterung;</p> - -<p>3. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber -tief auch in Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit);</p> - -<p>4. er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein: -Richter und Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der -Welt ist);</p> - -<p>5. äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.</p> - - -<h4>628.</h4> - -<p><em>Typus</em>: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der -Seele, die aus dem Reichtum heraus: welche nicht gibt, -um zu nehmen, – welche sich nicht damit <em>erheben</em> will, daß -sie gütig ist; – die <em>Verschwendung</em> als Typus der wahren -Güte, der Reichtum an <em>Person</em> als Voraussetzung.</p> - - -<h4>629.</h4> - -<p>Was ist <em>vornehm</em>?</p> - -<p>– Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt -abgrenzt, fernhält, vor Verwechslung schützt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[Pg 339]</a></span></p> - -<p>– Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, -mit dem eine stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor -aller unbescheidenen Neugierde schützt.</p> - -<p>– Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es -gibt nicht zu viel wertvolle Dinge: und diese kommen und -wollen von selbst zu dem Wertvollen. Wir bewundern schwer.</p> - -<p>– Das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch -der Krankheit.</p> - -<p>– Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen -gegen jeden, welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt -daran, daß er verstehe, was er lobe: verstehen aber – Balzac -hat es verraten, dieser typisch Ehrgeizige – <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">comprendre -c'est égaler</span>.</p> - -<p>– Unser Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens geht -in die Tiefe; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als -gegeben.</p> - -<p>– Die Überzeugung, daß man nur gegen seinesgleichen -Pflichten hat, gegen die andern sich nach Gutdünken verhält: -daß nur <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter pares</span> auf Gerechtigkeit zu hoffen -(leider noch lange nicht zu rechnen) ist.</p> - -<p>– Die Ironie gegen die „Begabten“, der Glaube an -den Geburtsadel auch im Sittlichen.</p> - -<p>– Immer sich als den fühlen, der Ehren zu <em>vergeben</em> -hat: während nicht häufig sich jemand findet, der ihn ehren -dürfte.</p> - -<p>– Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf -der Mensch des Inkognitos. Gott, wenn es einen gäbe, -dürfte schon aus Anstandsgründen sich nur als Mensch in -der Welt bezeigen.</p> - -<p>– Die Fähigkeit zum <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">otium</span>, der unbedingten Überzeugung, -daß ein Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, -aber sicherlich entadelt. Nicht „Fleiß“ im bürgerlichen -Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und zu Geltung zu -bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler, -die es wie die Hühner machen, gackern und Eier legen -und wieder gackern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[Pg 340]</a></span></p> - -<p>– Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend -worin Meister ist: aber als Wesen, die höherer Art -<em>sind</em> als diese, welche nur etwas <em>können</em>, als die bloß -„produktiven Menschen“, verwechseln wir uns nicht mit -ihnen.</p> - -<p>– Die Lust an den <em>Formen</em>; das In-Schutz-nehmen -alles Förmlichen, die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der -großen Tugenden ist; das Mißtrauen gegen alle Arten des -Sich-gehen-lassens, eingerechnet alle Preß- und Denkfreiheit, -weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und -die Glieder streckt.</p> - -<p>– Das Wohlgefallen an den <em>Frauen</em>, als an einer -vielleicht kleineren, aber feineren und leichteren Art von -Wesen. Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer -Tanz und Torheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind das -Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen, -deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert -ist.</p> - -<p>– Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil -sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen -Werte selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum -mindesten symbolisch und im ganzen und großen sogar tatsächlich -aufrechterhalten.</p> - -<p>– Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor -Hörern.</p> - -<p>– Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an -der leichten Versöhnlichkeit.</p> - -<p>– Der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung“, -an der „Gemütlichkeit“, an der pöbelhaften Vertraulichkeit.</p> - -<p>– Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer -hohen und wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. -<em>Seine</em> Bücher, <em>seine</em> Landschaften.</p> - -<p>– Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen -auf und verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: -wie ironisch sind wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den -schlechten Geschmack hat, sich als Regel zu gebärden!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[Pg 341]</a></span></p> - -<p>– Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer -und höhere Wesen; wir finden Faust ebenso naiv -als sein Gretchen.</p> - -<p>– Wir schätzen die Guten gering, als Herdentiere: wir -wissen, wie unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten -Menschen oft ein unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich -verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit der Milchseelen -überwiegt.</p> - -<p>– Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt -durch seine Laster, noch durch seine Torheiten. Wir -wissen, daß wir schwer erkennbar sind, und daß wir alle -Gründe haben, uns Vordergründe zu geben.</p> - - -<h4>630.</h4> - -<p><em>Dem Wohlgeratenen</em>, der meinem Herzen wohltut, -aus einem Holz geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend -ist – an dem selbst die Nase noch ihre Freude hat -–, sei dies Buch geweiht.</p> - -<p>Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist;</p> - -<p>sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen -überschritten wird;</p> - -<p>er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er -hat Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens;</p> - -<p>er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen;</p> - -<p>er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten -drohen;</p> - -<p>er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, -zugunsten seiner Hauptsache, – er folgt einem <em>auswählenden</em> -Prinzip, – er läßt viel durchfallen;</p> - -<p>er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht -und ein gewollter <em>Stolz</em> angezüchtet haben, – er prüft -den Reiz, woher er kommt, wohin er will, er unterwirft -sich nicht;</p> - -<p>er ist immer in <em>seiner</em> Gesellschaft, ob er mit Büchern, -Menschen oder Landschaften verkehrt;</p> - -<p>er ehrt, indem er <em>wählt</em>, indem er <em>zuläßt</em>, indem er -<em>vertraut</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[Pg 342]</a></span></p> - - -<h4>631.</h4> - -<p><em>Was ist vornehm</em>? – Daß man sich beständig zu repräsentieren -hat. Daß man Lagen sucht, wo man beständig -Gebärden nötig hat. Daß man das Glück der <em>großen -Zahl</em> überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend, Komfort, -englisch-engelhaftes Krämertum <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Spencer. Daß -man instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß -man sich überall Feinde zu schaffen weiß, schlimmstenfalls -noch aus sich selbst. Daß man der <em>großen Zahl</em> nicht durch -Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.</p> - - -<h4>632.</h4> - -<p>Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist -oder was einem Vergnügen macht oder was man tun <em>muß</em>.</p> - - -<h4>633.</h4> - -<p>Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack -vornehm geblieben ist; daß er <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in eroticis</span> weder -das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.</p> - - -<h4>634.</h4> - -<p><em>Der „Ehrbegriff“</em>: beruhend auf dem Glauben an -„gute Gesellschaft“, an ritterliche Hauptqualitäten, an die -Verpflichtung, sich fortwährend zu repräsentieren. Wesentlich: -daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß man -unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller, -mit denen man sich berührt (zum mindesten soweit sie -nicht zu „<em>uns</em>“ gehören); daß man weder vertraulich, -noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter -pares</span>; daß man <em>sich immer repräsentiert</em>.</p> - - -<h4>635.</h4> - -<p>Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch -der Sinn alles Begehrens nach Reichtümern) ist: die <em>Unordnung -und Gemeinheit aus dem Auge sich zu -schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat zu -bauen</em>.</p> - -<p>Die meisten freilich glauben, sie werden <em>höhere Naturen</em>, -<em>wenn</em> jene schönen, ruhigen Gegenstände auf sie<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[Pg 343]</a></span> -eingewirkt haben: daher die Jagd nach Italien und Reisen -usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. <em>Sie wollen sich -formen lassen</em> – das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit! -Aber die Starken, Mächtigen wollen <em>formen und nichts -Fremdes mehr um sich haben</em>!</p> - -<p>So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht, -um <em>sich</em> zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und -zu vergessen. Das „<em>Außer-sich-sein</em>“ als Wunsch aller -Schwachen und Mit-sich-Unzufriedenen.</p> - - -<h4>636.</h4> - -<p>„<em>Geradezu stoßen die Adler.</em>“ – Die Vornehmheit -der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und -stolzen Dummheit zu erkennen, mit der sie <em>angreift</em>, – -„geradezu“.</p> - - -<h4>637.</h4> - -<p>Krieg gegen die weichliche Auffassung der „<em>Vornehmheit</em>“! -– ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: -so wenig als eine Nachbarschaft zum Verbrechen. -Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht darin; man muß -abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, verderberisch, -– nichts von Schönseelensalbaderei –. Ich will einem -<em>robusteren Ideale</em> Luft machen.</p> - - -<h4>638.</h4> - -<p><em>Die zwei Wege.</em> – Es kommt ein Zeitpunkt, wo der -Mensch <em>Kraft</em> im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft -ist darauf aus, diese <em>Sklaverei der Natur</em> herbeizuführen.</p> - -<p>Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst <em>auszubilden</em> -zu etwas Neuem, Höherem. <em>Neue Aristokratie.</em> -Dann werden eine Menge <em>Tugenden überlebt</em>, die jetzt -<em>Existenzbedingungen</em> waren. – Eigenschaften nicht mehr -nötig haben, <em>folglich</em> sie verlieren. Wir haben die Tugenden -nicht mehr <em>nötig</em>: <em>folglich</em> verlieren wir sie (– sowohl -die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, -wie der Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[Pg 344]</a></span> -eine ungeheure <em>Selbstbezwingung zu ermöglichen</em>, -durch den Affekt einer ungeheuren Furcht : : :).</p> - -<p>Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der -Mensch geformt ist: Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.</p> - -<p>Die <em>physiologische</em> Reinigung und Verstärkung. Die -<em>neue Aristokratie</em> hat einen Gegensatz nötig, gegen den -sie ankämpft: sie muß eine furchtbare Dringlichkeit haben, -sich zu erhalten.</p> - -<p><em>Die zwei Zukünfte der Menschheit</em>: 1. die Konsequenz -der Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, -Sich-Gestalten.</p> - -<p>Eine Lehre, die eine <em>Kluft</em> schafft: sie erhält die <em>oberste -und die niedrigste Art</em> (sie zerstört die mittlere).</p> - -<p>Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen -<em>nichts</em> gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.</p> - - -<h4>639.</h4> - -<p>Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viele Hoffnung: -es bildet sich da eine verwegene herrschende Rasse, -auf der Breite einer äußerst intelligenten Herdenmasse. Es -steht vor der Tür, daß die Bewegungen zur Bildung der -letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen.</p> - - -<h4>640.</h4> - -<p>Gesamtanblick des zukünftigen Europäers: derselbe als -das intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde -sehr bescheiden, bis zum Exzeß neugierig, vielfach, verzärtelt, -willensschwach, – ein kosmopolitisches Affekt- und -Intelligenzenchaos. Wie möchte sich aus ihm eine <em>stärkere</em> -Art herausheben? Eine solche mit <em>klassischem</em> Geschmack? -Der klassische Geschmack: das ist der Wille zur Vereinfachung, -Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks, zur -Furchtbarkeit, der Mut zur psychologischen <em>Nacktheit</em> (– -Vereinfachung ist eine Konsequenz des Willens zur Verstärkung; -das Sichtbar-werden-lassen des Glücks, insgleichen -der Nacktheit, eine Konsequenz des Willens zur Furchtbarkeit....). -<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[Pg 345]</a></span> -Um sich aus jenem Chaos zu dieser <em>Gestaltung</em> -emporzukämpfen – dazu bedarf es einer <em>Nötigung</em>: -man muß die Wahl haben, entweder zugrunde zu gehen oder -<em>sich durchzusetzen</em>. Eine herrschaftliche Rasse kann nur -aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. -Problem: wo sind die <em>Barbaren</em> des zwanzigsten Jahrhunderts? -Offenbar werden sie erst nach ungeheuren sozialistischen -Krisen sichtbar werden und sich konsolidieren, – -es werden die Elemente sein, die der <em>größten Härte gegen -sich selber</em> fähig sind und den <em>längsten Willen</em> garantieren -können.</p> - - -<h4>641.</h4> - -<p>Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das -Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde -als Ganzes verwaltet werden? Und <em>wozu</em> soll „der Mensch“ -als Ganzes – und nicht mehr ein Volk, eine Rasse – gezogen -und gezüchtet werden?</p> - -<p>Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit -denen man aus dem Menschen gestalten kann, was einem -schöpferischen und tiefen Willen beliebt: vorausgesetzt, daß -ein solcher Künstlerwille höchsten Ranges die Gewalt in den -Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume -durchsetzen kann in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen -und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, -den eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, -wird man heute und wahrscheinlich für lange noch umsonst -nachgehen: sie <em>fehlen</em>; bis man endlich, nach vieler Enttäuschung, -zu begreifen anfangen muß, <em>warum</em> sie fehlen, -und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für -lange nichts feindseliger im Wege steht als das, was man -jetzt in Europa geradewegs „<em>die Moral</em>“ nennt: wie als -ob es keine andere gäbe und geben dürfte, – jene vorhin -bezeichnete Herdentiermoral, die mit allen Kräften das allgemeine -grüne Weideglück auf Erden erstrebt, nämlich -Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit des Lebens -und zu guterletzt, „wenn alles gut geht“, sich auch noch -aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre -beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleich<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[Pg 346]</a></span>heit -der Rechte“ und „Mitgefühl für alles Leidende“ – -und das Leiden selber wird von ihnen als etwas genommen, -das man schlechterdings <em>abschaffen</em> muß. Daß solche -„Ideen“ immer noch modern sein können, gibt einen üblen -Begriff von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber -nachgedacht hat, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am -kräftigsten emporgewachsen ist, muß vermeinen, daß dies -unter den <em>umgekehrten</em> Bedingungen geschehen ist: daß -dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen, -seine Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck -und Zwang sich emporkämpfen, sein Lebenswille bis zu -einem unbedingten Willen zur Macht und zur Übermacht -gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, Gewaltsamkeit, -Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit -der Rechte, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst, -Teufelei jeder Art, kurz, der Gegensatz aller Herdenwünschbarkeiten -zur Erhöhung des Typus Mensch notwendig ist. -Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, welche den -Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere züchten -will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste -zu züchten – die zukünftigen <em>Herren der Erde</em> – muß, -um gelehrt werden zu können, sich in Anknüpfung an das -bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Anscheine -einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und Täuschungsmittel -zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer -eines Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die -Durchführung so langwieriger Aufgaben und Absichten, vor -allem erst <em>eine neue Art</em> angezüchtet werden muß, in der -dem nämlichen Willen, dem nämlichen Instinkte Dauer -durch viele Geschlechter verbürgt wird – eine neue Herrenart -und -Kaste – dies begreift sich ebensogut als das lange -und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. -Eine <em>Umkehrung der Werte</em> für eine bestimmte -starke Art von Menschen höchster Geistigkeit und Willenskraft -vorzubereiten und zu diesem Zweck bei ihnen eine Menge -in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte langsam -und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, ge<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[Pg 347]</a></span>hört -zu uns, den freien Geistern – freilich wohl zu einer -neueren Art von „freien Geistern“ als die bisherigen: denn -diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher gehören, -wie mir scheint, vor allem die Pessimisten Europas, -die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, insofern -ihre Unzufriedenheit mit dem gesamten Dasein sie auch -zur Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens -<em>logisch</em> nötigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige -Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die -Sonderrechte höherer Menschen und gegen das „Herdentier“ -kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst -bei ausgesuchteren Geistern alle Herdeninstinkte und Herdenvorsichten -einschläfern; zu dritt endlich alle jene Kritiker -und Historiker, von denen die glücklich begonnene Entdeckung -der alten Welt – es ist das Werk des <em>neuen</em> Kolumbus, -des deutschen Geistes – mutig <em>fortgesetzt</em> wird (– denn -wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung). -In der alten Welt nämlich herrschte in der Tat eine andere, -eine herrschaftlichere Moral als heute; und der antike -Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war -ein stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von heute, -– er war bisher allein „der wohlgeratene Mensch“. Die -Verführung aber, welche vom Altertum her auf wohlgeratene, -das heißt auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt -wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste -aller antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon -zur Zeit der Renaissance war.</p> - - -<h3>2. Der züchtende Gedanke.</h3> - - -<h4>642.</h4> - -<p>Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische -und schlimme Frage vielleicht: sie sei denen ins Ohr gesagt, -welche ein Recht auf solche fragwürdige Fragen haben, den -stärksten Seelen von heute, welche sich selbst auch am besten -in der Gewalt haben: wäre es nicht an der Zeit, je mehr der -Typus „Herdentier“ jetzt in Europa entwickelt wird, mit<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[Pg 348]</a></span> -einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten <em>Züchtung</em> -des entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch -zu machen? Und wäre es für die demokratische Bewegung -nicht selber erst eine Art Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, -wenn jemand käme, der sich ihrer <em>bediente</em> – -dadurch, daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen Ausgestaltung -der Sklaverei (– das muß die europäische Demokratie -am Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und -cäsarischer Geister hinzufände, welche sich auf sie stellte, -sich an ihr hielte, sich durch sie emporhübe? Zu neuen, bisher -unmöglichen, zu <em>ihren</em> Fernsichten? Zu <em>ihren</em> Aufgaben?</p> - - -<h4>643.</h4> - -<p>Ich glaube, ich habe einiges aus der Seele des höchsten -Menschen <em>erraten</em>; – vielleicht geht jeder zugrunde, der -ihn errät: aber wer ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu <em>ermöglichen</em>.</p> - -<p>Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als <em>maßgebend</em> -nehmen für alle unsere Wertschätzung – und nicht <em>hinter</em> -uns die Gesetze unseres Handelns suchen!</p> - - -<h4>644.</h4> - -<p><em>Könnten</em> wir die günstigsten Bedingungen <em>voraussehen</em>, -unter denen Wesen entstehen von höchstem Werte! -Es ist tausendmal zu kompliziert und die Wahrscheinlichkeit -des Mißratens <em>sehr groß</em>: so begeistert es nicht, danach -zu streben! – Skepsis. – Dagegen: Mut, Einsicht, Härte, -Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir -steigern, die Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, -daß günstige Zufälle zu Hilfe kommen. –</p> - - -<h4>645.</h4> - -<p>Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres -vorwärtstreiben, treiben auch die Entwicklung des -Führertiers.</p> - - -<h4>646.</h4> - -<p>So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen -großer und seltener Menschen abhängig gemacht hätte von<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[Pg 349]</a></span> -der Zustimmung der vielen (einbegriffen, daß diese <em>wüßten</em>, -welche Eigenschaften zur Größe gehören und insgleichen, -auf wessen Unkosten alle Größe sich entwickelt) – -nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! –</p> - -<p>Daß der Gang der Dinge <em>unabhängig</em> von der Zustimmung -der allermeisten seinen Weg nimmt: daran liegt es, -daß einiges Erstaunliche sich auf der Erde eingeschlichen hat.</p> - - -<h4>647.</h4> - -<p><em>Nicht</em> die Menschen „besser“ machen, <em>nicht</em> zu ihnen -auf irgendeine Art Moral reden, als ob „Moralität an sich“ -oder eine ideale Art Mensch überhaupt gegeben sei: sondern -<em>Zustände schaffen</em>, unter denen <em>stärkere Menschen -nötig sind</em>, welche ihrerseits eine Moral (deutlicher: -eine <em>leiblich-geistige Disziplin</em>), <em>welche stark macht</em>, -brauchen und folglich <em>haben</em> werden!</p> - -<p>Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen -lassen: <em>die Größe der Seele hat nichts Romantisches -an sich</em>. Und leider <em>gar nichts Liebenswürdiges</em>!</p> - - -<h4>648.</h4> - -<p>Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus -Mensch zu seiner größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert -werden kann, der wird zu allererst begreifen, daß er -sich außerhalb der Moral stellen muß: denn die Moral war -im wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus, jene prachtvolle -Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder -zu vernichten. Denn in der Tat konsumiert eine derartige -Entwicklung eine solche ungeheure Quantität von Menschen -in ihrem Dienst, daß eine <em>umgekehrte</em> Bewegung nur zu -natürlich ist: die schwächeren, zarteren, mittleren Existenzen -haben nötig, Partei zu machen <em>gegen</em> jene Glorie von -Leben und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue -Schätzung bekommen, vermöge deren sie das Leben in dieser -höchsten Fülle verurteilen und womöglich zerstören. Eine -lebensfeindliche Tendenz ist daher der Moral zu eigen, insofern -sie die Typen des Lebens überwältigen will.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[Pg 350]</a></span></p> - - -<h4>649.</h4> - -<p>Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte -die großen Menschen hervorspringen. Die Bedeutung -langer <em>despotischer Moralen</em>: sie spannen den Bogen, -wenn sie ihn nicht zerbrechen.</p> - - -<h4>650.</h4> - -<p>Die Urwaldvegetation „Mensch“ erscheint immer, wo der -Kampf um die Macht am längsten geführt worden ist. Die -<em>großen</em> Menschen.</p> - -<p>Urwaldtiere die <em>Römer</em>.</p> - - -<h4>651.</h4> - -<p><em>Aus der Kriegsschule der Seele.</em> (Den Tapfern, den -Frohgemuten, den Enthaltsamen geweiht.)</p> - -<p>Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen; -aber die Größe der Seele verträgt sich nicht mit -ihnen. Auch in den Künsten schließt der große Stil das -Gefällige aus.</p> - -<p>In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit -wähle den Krieg: er härtet ab, er macht Muskel.</p> - -<p>Die tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man -hat nur, was man nötig hat.</p> - -<p>Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr <em>erreicht</em> -mich – ein Land ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit -übrig haben, um in der <em>Dürre</em> nicht zu verschmachten.</p> - - -<h4>652.</h4> - -<p><em>Ersatz</em> der Moral durch den <em>Willen</em> zu unserem Ziele, -und <em>folglich</em> zu dessen <em>Mitteln</em>.</p> - - -<h4>653.</h4> - -<p>Es bedarf einer Lehre, stark genug, um <em>züchtend</em> zu -wirken: stärkend für die Starken, lähmend und zerbrechend -für die Weltmüden.</p> - -<p>Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europas. -– Die Vernichtung der sklavenhaften Wertschätzungen. -– Die Herrschaft über die Erde als Mittel zur Erzeugung<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[Pg 351]</a></span> -eines höheren Typus. – Die Vernichtung der Tartüfferie, -welche „Moral“ heißt (das Christentum als eine hysterische -Art von Ehrlichkeit hierin: Augustin). – Die Vernichtung -des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span>: das heißt des Systems, -vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz -den höheren vorschreiben. – Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit -und ihrer Geltung. (Die Einseitigen, Einzelne -– Völker; Fülle der Natur zu erstreben durch Paarung von -Gegensätzen: Rassenmischungen dazu.) – Der neue Mut -– keine apriorischen Wahrheiten (<em>solche</em> suchten die an -Glauben Gewöhnten!), sondern <em>freie</em> Unterordnung unter -einen herrschenden Gedanken, der seine Zeit hat, zum Beispiel -Zeit als Eigenschaft des Raumes usw.</p> - - -<h4>654.</h4> - -<p>– Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir -selber, in dem der religiöse, das heißt gott<em>bildende</em>, Instinkt -mitunter zur Unzeit lebendig wird: wie anders, wie -verschieden hat sich mir jedesmal das Göttliche offenbart!... -So vieles Seltsame ging schon an mir vorüber in jenen -zeitlosen Augenblicken, die ins Leben herein wie aus dem -Monde fallen, wo man schlechterdings nicht mehr weiß, -wie alt man schon ist und wie jung man noch sein wird.... -Ich würde nicht zweifeln, daß es viele Arten Götter gibt.... -Es fehlt nicht an solchen, aus denen man einen gewissen -Halkyonismus und Leichtsinn nicht hinwegdenken darf.... -Die leichten Füße gehören vielleicht selbst zum Begriff -„Gott“.... Ist es nötig, auszuführen, daß ein Gott sich -mit Vorliebe jenseits alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen -zu halten weiß? jenseits auch, unter uns gesagt, -von Gut und Böse? Er hat die Aussicht <em>frei</em>, – mit -Goethe zu reden. – Und um für diesen Fall die nicht genug -zu schätzende Autorität Zarathustras anzurufen: Zarathustra -geht so weit, von sich zu bezeugen, „ich würde nur an einen -Gott glauben, der zu <em>tanzen</em> verstünde“....</p> - -<p>Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich! -– Zarathustra selbst freilich ist bloß ein alter Atheist:<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[Pg 352]</a></span> -der glaubt weder an alte noch neue Götter. Zarathustra -sagt, er <em>würde</em> –; aber Zarathustra <em>wird</em> nicht.... Man -verstehe ihn recht.</p> - -<p>Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister, -der „großen Menschen“.</p> - - -<h4>655.</h4> - -<p>Und wie viele neue <em>Ideale</em> sind im Grunde noch möglich! -– Hier ein kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal -auf einem wilden und einsamen Spaziergang erhasche, im -azurnen Augenblick eines frevelhaften Glücks. Sein Leben -zwischen zarten und absurden Dingen verbringen; der Realität -fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus; -ohne Ja und Nein für die Realität, es sei denn, daß man -sie ab und zu in der Art eines guten Tänzers mit den Fußspitzen -anerkennt; immer von irgendeinem Sonnenstrahl des -Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermutigt selbst durch Trübsal -– denn Trübsal <em>erhält</em> den Glücklichen –; einen -kleinen Schwanz von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend: -– dies, wie sich von selbst versteht, das Ideal -eines schweren, zentnerschweren Geistes, eines <em>Geistes der -Schwere</em>.</p> - - -<h4>656.</h4> - -<p>Der große Mensch fühlt seine <em>Macht</em> über ein Volk, -sein zeitweiliges Zusammenfallen mit einem Volk oder einem -Jahrtausend: – diese <em>Vergrößerung</em> im Gefühl von sich -als <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa</span></em> und <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">voluntas</span></em> wird <em>mißverstanden</em> als „Altruismus“ -– : es drängt ihn nach <em>Mitteln</em> der Mitteilung: -alle großen Menschen sind <em>erfinderisch</em> in solchen -<em>Mitteln</em>. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, -sie wollen eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten -geben, es reizt sie, das Chaos zu sehen.</p> - -<p>Mißverständnis der Liebe. Es gibt eine <em>sklavische</em> Liebe, -welche sich unterwirft und weggibt: welche idealisiert und -sich täuscht, – es gibt eine <em>göttliche</em> Liebe, welche verachtet -und liebt und das Geliebte <em>umschafft, hinaufträgt</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[Pg 353]</a></span></p> - -<p>Jene ungeheure <em>Energie der Größe</em> zu gewinnen, um -durch Züchtung und andrerseits durch Vernichtung von Millionen -Mißratener den zukünftigen Menschen zu gestalten -und <em>nicht zugrunde</em> zu gehen an dem Leid, das man -<em>schafft</em> und dessengleichen noch nie da war! –</p> - - -<h4>657.</h4> - -<p>Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moralaufputzung -der Affekte Widerwillen macht: <em>die nackte Natur</em>; -wo die <em>Machtquantitäten</em> als <em>entscheidend</em> einfach -zugestanden werden (als <em>rangbestimmend</em>); wo der -<em>große Stil</em> wieder auftritt als Folge der <em>großen Leidenschaft</em>.</p> - - -<h4>658.</h4> - -<p>Die <em>Lust</em> tritt auf, wo Gefühl der Macht.</p> - -<p>Das <em>Glück</em>: in dem herrschend gewordnen Bewußtsein -der Macht und des Siegs.</p> - -<p>Der <em>Fortschritt</em>: die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit -zum großen Wollen: alles andere ist Mißverständnis, -Gefahr.</p> - - -<h4>659.</h4> - -<p>Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu <em>achten</em>: -alles andere folgt daraus. Freilich hört man eben damit -für die andern auf: denn das gerade verzeihen sie am letzten. -„Wie? Ein Mensch, der sich selbst achtet?“ –</p> - -<p>Das ist etwas anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu -<em>lieben</em>: nichts ist gewöhnlicher in der Liebe der Geschlechter -wie in der Zweiheit, welche „Ich“ genannt wird, als <em>Verachtung</em> -gegen das, was man liebt: – der Fatalismus in -der Liebe.</p> - - -<h4>660.</h4> - -<p><em>Mein neuer Weg zum „Ja“.</em> – Philosophie, wie ich -sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen -auch der verabscheuten und verruchten Seiten des -Daseins. Aus der langen Erfahrung, welche mir eine solche -Wanderung durch Eis und Wüste gab, lernte ich alles, was -bisher philosophiert hat, anders ansehen: – die <em>verbor<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[Pg 354]</a></span>gene</em> -Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen -Namen kam für mich ans Licht. „Wieviel Wahrheit <em>erträgt</em>, -wieviel Wahrheit <em>wagt</em> ein Geist?“ – dies wurde -für mich der eigentliche Wertmesser. Der Irrtum ist eine -<em>Feigheit</em>.... jede Errungenschaft der Erkenntnis <em>folgt</em> aus -dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit -gegen sich.... Eine solche <em>Experimentalphilosophie</em>, wie -ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeit des -grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt -wäre, daß sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem -Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum -Umgekehrten hindurch – bis zu einem <em>dionysischen Jasagen</em> -zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und -Auswahl –, sie will den ewigen Kreislauf: – dieselben -Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster -Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum -Dasein stehen – : meine Formel dafür ist <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">amor fati</span></em>.</p> - -<p>Hierzu gehört, die bisher <em>verneinten</em> Seiten des Daseins -nicht nur als <em>notwendig</em> zu begreifen, sondern als -wünschenswert: und nicht nur als wünschenswert in Hinsicht -auf die bisher bejahten Seiten (etwa als deren Komplemente -oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber -willen, als der mächtigeren, fruchtbareren, <em>wahreren</em> Seiten -des Daseins, in denen sich sein Wille deutlicher ausspricht.</p> - -<p>Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein <em>bejahte</em> Seite -des Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Wertung -stammt und wie wenig sie verbindlich für eine dionysische -Wertabmessung des Daseins ist: ich zog heraus und -begriff, <em>was</em> hier eigentlich Ja sagt (der Instinkt der Leidenden -einmal, der Instinkt der Herde andrerseits, und jener -dritte, der <em>Instinkt der meisten</em> gegen die Ausnahmen -–).</p> - -<p>Ich erriet damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch notwendig -nach einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und -Steigerung des Menschen ausdenken müßte: <em>höhere Wesen</em>, -jenseits von Gut und Böse, jenseits von jenen Werten,<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[Pg 355]</a></span> -die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens, der Herde -und der meisten nicht verleugnen können, – ich suchte nach -den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte -(die Begriffe „heidnisch“, „klassisch“, „vornehm“ -neu entdeckt und hingestellt –).</p> - - -<h4>661.</h4> - -<p><em>Der menschliche Horizont.</em> – Man kann die Philosophen -auffassen als solche, welche die äußerste Anstrengung -machen, zu <em>erproben</em>, wie weit sich der Mensch <em>erheben</em> -könne, – besonders Plato: wie <em>weit</em> seine Kraft reicht. -Aber sie tun es als Individuen; vielleicht war der Instinkt -der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran -denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne in -der <em>Entwicklung</em> und unter „günstigen Umständen“. Aber -sie begriffen nicht genug, was günstige Umstände sind. -Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch“ am prachtvollsten -gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium -der Historie nötig.</p> - - -<h4>662.</h4> - -<p>Grundgedanke: die neuen Werte müssen erst geschaffen -werden – das bleibt uns nicht <em>erspart</em>! Der Philosoph -muß uns ein Gesetzgeber sein. Neue Arten. (Wie bisher die -höchsten Arten [zum Beispiel Griechen] gezüchtet wurden: -diese Art „Zufall“ <em>bewußt wollen</em>.)</p> - - -<h4>663.</h4> - -<p><em>Gesetzgeber der Zukunft.</em> – Nachdem ich lange und -umsonst mit dem Worte „Philosoph“ einen bestimmten -Begriff zu verbinden suchte – denn ich fand viele entgegengesetzte -Merkmale –, erkannte ich endlich, daß es zwei -unterschiedliche Arten von Philosophen gibt:</p> - -<p>1. solche, welche irgendeinen großen Tatbestand von Wertschätzungen -(logisch oder moralisch) feststellen wollen;</p> - -<p>2. solche, welche <em>Gesetzgeber</em> solcher Wertschätzungen -sind.</p> - -<p>Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen -Welt zu bemächtigen, indem sie das mannigfach Geschehende<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[Pg 356]</a></span> -durch Zeichen zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt -daran, das bisherige Geschehen übersichtlich, überdenkbar, -faßbar, handlich zu machen, – sie dienen der Aufgabe des -Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner Zukunft -zu verwenden.</p> - -<p>Die Zweiten aber sind <em>Befehlende</em>; sie sagen: „So soll -es sein!“ Sie bestimmen erst das „Wohin“ und „Wozu“, -den Nutzen, <em>was</em> Nutzen der Menschen ist; sie verfügen -über die Vorarbeit der wissenschaftlichen Menschen, und alles -Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese zweite -Art von Philosophen gerät selten; und in der Tat ist ihre -Lage und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich -die Augen zugebunden, um nur den schmalen Raum -nicht sehen zu müssen, der sie vom Abgrund und Absturz -trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete, das -„Gute“, wie <em>er</em> es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern -das „Gute an sich“, der ewige Schatz, den nur irgendein -Mensch namens Plato auf seinem Wege gefunden habe! -In viel gröberen Formen waltet dieser selbe Wille zur Blindheit -bei den Religionsstiftern: ihr „du sollst“ darf durchaus -ihren Ohren nicht klingen wie „ich will“, – nur als -dem Befehl eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, -nur als „Eingebung“ ist ihre Gesetzgebung der -Werte eine <em>tragbare</em> Bürde, unter der ihr Gewissen <em>nicht</em> -zerbricht.</p> - -<p>Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das -Mohammeds, dahingefallen sind und kein Denker mehr an -der Hypothese eines „Gottes“ oder „ewiger Werte“ sein -Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der Anspruch des Gesetzgebers -neuer Werte zu einer neuen und noch nicht erreichten -Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, -vor denen die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern -beginnt, den Versuch machen, ob sie ihr wie als ihrer größten -Gefahr nicht noch „zur rechten Zeit“ durch irgendeinen Seitensprung -entschlüpfen möchten: zum Beispiel, indem sie sich -einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder sie sei unlösbar, -oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten, oder<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[Pg 357]</a></span> -sie seien schon mit andern, näheren Aufgaben überladen, oder -selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung, -eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit, -eine Art Wahnsinn. Manchem mag es in der Tat -gelingen, auszuweichen: es geht durch die ganze Geschichte -hindurch die Spur solcher Ausweichenden und ihres schlechten -Gewissens. Zumeist aber kam solchen Menschen des -Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbststunde der -Reife, wo sie <em>mußten</em>, was sie nicht einmal „wollten“: -– und die Tat, vor der sie sich am meisten vorher gefürchtet -hatten, fiel ihnen leicht und ungewollt vom Baume als -eine Tat ohne Willkür, fast als Geschenk. –</p> - - -<h4>664.</h4> - -<p>Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, -mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange -Ketten von Geschlechtern zu sich heraufzuziehen: so muß -man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers -zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber -denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis zum -Nutzen dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In -dieser Verstellung darf er nicht erraten werden; es gehört -zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt. -Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: -manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des -Hohnes vorwärts, andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, -vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist -jenseits von Gut und Böse; aber niemand darf es wissen.</p> - - -<h4>665.</h4> - -<p>Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer -Nihilismus kann unter Umständen gerade dem Philosophen -unentbehrlich sein: als ein mächtiger Druck und Hammer, -mit dem er entartende und absterbende Rassen zerbricht und -aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des -Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und -absterben will, das Verlangen zum Ende einzugeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[Pg 358]</a></span></p> - - -<h4>666.</h4> - -<p>Der <em>größte</em> Kampf: dazu braucht es einer neuen <em>Waffe</em>.</p> - -<p>Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, -Europa vor die <em>Konsequenz</em> stellen, ob sein -Wille zum Untergang „will“.</p> - -<p>Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!</p> - - -<h4>667.</h4> - -<p>Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu -einer großen Aufgabe? Alle Tugend und Tüchtigkeit am -Leib und an der Seele ist mühsam und im kleinen erworben -worden durch viel Fleiß, Selbstbezwingung, Beschränkung -auf weniges, durch viel zähe, treue Wiederholung der gleichen -Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es gibt Menschen, -welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen -vielfachen Reichtums an Tugenden und Tüchtigkeiten -sind – weil auf Grund glücklicher und vernünftiger -Ehen und auch glücklicher Zufälle die erworbenen und gehäuften -Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert und -versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen -zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein -Mensch, ein Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer -von Aufgabe verlangt. Denn unsere Kraft ist es, -welche über uns verfügt: und das erbärmliche geistige Spiel -von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein Vordergrund -– mögen schwache Augen auch hierin die Sache -selber sehen.</p> - - -<h4>668.</h4> - -<p>Im allgemeinen ist jedes Ding <em>so viel wert, als man -dafür bezahlt hat</em>. Dies gilt freilich nicht, wenn man -das Individuum isoliert nimmt; die großen Fähigkeiten -des Einzelnen stehen außer allem Verhältnis zu dem, was -er selbst dafür getan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht -man seine Geschlechtsvorgeschichte an, so entdeckt man da -die Geschichte einer ungeheuren Aufsparung und Kapitalsammlung -von Kraft durch alle Art Verzichtleisten, Rin<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[Pg 359]</a></span>gen, -Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil der große Mensch -soviel <em>gekostet</em> hat und <em>nicht</em>, weil er wie ein Wunder -als Gabe des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er -groß: – „Vererbung“ ein falscher Begriff. Für das, was -einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten bezahlt.</p> - - -<h4>669.</h4> - -<p><em>Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich -erhält.</em></p> - -<p>Sich ein Recht auf Ausnahmehandlungen zugestehen; als -Versuch der Selbstüberwindung und der Freiheit.</p> - -<p>Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht -Barbar zu sein.</p> - -<p>Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit -in Hinsicht auf seine Willensstärke verschaffen.</p> - -<p>Sich nicht mitteilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der -Anmut.</p> - -<p>Gehorchen lernen in der Weise, daß es eine Probe für die -Selbst-Aufrechterhaltung abgibt. Kasuistik des Ehrenpunktes -ins feinste getrieben.</p> - -<p>Nie schließen, „was einem recht ist, ist dem andern billig“, -– sondern umgekehrt!</p> - -<p>Die Vergeltung, das Zurückgeben<em>dürfen</em> als Vorrecht behandeln, -als Auszeichnung zugestehen.</p> - -<p>Die Tugend der <em>anderen</em> nicht ambitionieren.</p> - - -<h4>670.</h4> - -<p><em>Die Vermehrung der Kraft</em>, trotz des zeitweiligen -Niedergehens des Individuums:</p> - -<p>Ein <em>neues Niveau</em> begründen.</p> - -<p>Eine Methodik der Sammlung von Kräften, zur Erhaltung -kleiner Leistungen im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung.</p> - -<p>Die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum <em>Werkzeug</em> -dieser Zukunftsökonomik.</p> - -<p>Die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse -<em>kleiner</em> Arbeit getan werden muß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[Pg 360]</a></span></p> - -<p>Die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und -Leidenden die Existenz noch <em>möglich</em> ist.</p> - -<p>Die <em>Solidarität</em> als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt -der Furcht und der Servilität.</p> - -<p>Der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des -„großen Menschen“.</p> - - -<h4>671.</h4> - -<p><em>Warum die Schwachen siegen.</em> <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span></em>: die Kranken -und Schwachen haben mehr <em>Mitgefühl</em>, sind „menschlicher“ -– : die Kranken und Schwachen haben mehr <em>Geist</em>, -sind wechselnder, vielfacher, unterhaltender, – boshafter: -die Kranken allein haben die <em>Bosheit</em> erfunden. (Eine -krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen, Skrophulosen -und Tuberkulosen –) <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Esprit</span>: Eigentum später Rassen: -Juden, Franzosen, Chinesen. (Die Antisemiten vergeben es -den Juden nicht, daß die Juden „Geist“ haben – und -Geld. Die Antisemiten – ein Name der „Schlechtweggekommenen“.)</p> - -<p>Die Kranken und Schwachen haben die <em>Faszination</em> -für sich gehabt: sie sind <em>interessanter</em> als die Gesunden: -der Narr und der Heilige – die zwei interessantesten Arten -Mensch.... in enger Verwandtschaft das „Genie“. Die -großen „Abenteurer und Verbrecher“ und alle Menschen, -die gesündesten voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens -<em>krank</em>: – die großen Gemütsbewegungen, die Leidenschaft -der Macht, die Liebe, die Rache sind von tiefen Störungen -begleitet. Und was die <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span></em> betrifft, so stellt sie -jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt, in jedem Sinne beinahe -dar: – er kennt also auch die Instinkte, welche zu ihr -gehören, aus Erfahrung: – für die <em>Hälfte fast jedes -Menschenlebens</em> ist der Mensch <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadent</span>.</p> - -<p>Endlich: das Weib! <em>Die eine Hälfte der Menschheit</em> -ist schwach, typisch-krank, wechselnd, unbeständig, – -das Weib braucht die Stärke, um sich an sie zu klammern, -und eine Religion der Schwäche, welche es als göttlich verherrlicht, -<em>schwach</em> zu sein, zu lieben, demütig zu sein – : -oder besser, es macht die Starken schwach, – es <em>herrscht</em>,<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[Pg 361]</a></span> -wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen. Das Weib -hat immer mit den Typen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, den Priestern, zusammen -konspiriert gegen die „Mächtigen“, die „Starken“, -die <em>Männer</em> –. Das Weib bringt die Kinder beiseite -für den Kultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe: -– die <em>Mutter</em> repräsentiert den Altruismus <em>überzeugend</em>.</p> - -<p>Endlich: die zunehmende Zivilisation, die zugleich notwendig -auch die Zunahme der morbiden Elemente, des <em>Neurotisch-Psychiatrischen</em> -und des <em>Kriminalistischen</em> mit -sich bringt. Eine <em>Zwischenspezies</em> entsteht, der <em>Artist</em>, -von der Kriminalität der Tat durch Willensschwäche und -soziale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif -für das Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide -Sphären neugierig hineingreifend: diese spezifische Kulturpflanze, -der moderne Artist, Maler, Musiker, vor allem -Romanzier, der für seine Art zu sein, das sehr uneigentliche -Wort „Naturalismus“ handhabt.... Die Irren, die Verbrecher -und die „Naturalisten“ nehmen zu: Zeichen einer -wachsenden und jäh <em>vorwärts</em> eilenden Kultur, – das -heißt, der Ausschuß, der Abfall, die Auswurfstoffe gewinnen -Importanz, – das Abwärts <em>hält Schritt</em>....</p> - -<p>Endlich: <em>der soziale Mischmasch</em>, Folge der Revolution, -die Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an -„gleiche Menschen“. Dabei mischen sich die Träger der Niedergangsinstinkte -(des Ressentiments, der Unzufriedenheit, -des Zerstörertriebes, des Anarchismus und Nihilismus), -eingerechnet der Sklaveninstinkte, der Feigheits-, Schlauheits- -und Kanailleninstinkte der lange <em>unten</em> gehaltenen -Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei Geschlechter -darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen, – -alles ist <em>verpöbelt</em>. Hieraus resultiert ein Gesamtinstinkt -gegen die <em>Auswahl</em>, gegen das <em>Privilegium</em> jeder Art, -von einer Macht und Sicherheit, Härte, Grausamkeit der -Praxis, daß in der Tat sich alsbald selbst die <em>Privilegierten</em> -unterwerfen: – was noch Macht festhalten will, -schmeichelt dem Pöbel, arbeitet mit dem Pöbel, <em>muß</em> den -Pöbel auf seiner Seite haben, – die „Genies“ voran: sie<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[Pg 362]</a></span> -werden <em>Herolde</em> der Gefühle, mit denen man Massen begeistert, -– die Note des Mitleids, der Ehrfurcht selbst vor -allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt gelebt hat, -klingt über alle andern Noten weg (Typen: Victor Hugo -und Richard Wagner). – Die Heraufkunft des Pöbels bedeutet -noch einmal die Heraufkunft der <em>alten Werte</em>....</p> - -<p>Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf -Tempo und Mittel, wie sie unsre Zivilisation darstellt, verlegt -sich das Schwergewicht der Menschen: <em>der</em> Menschen, -auf die es am meisten ankommt, die es gleichsam auf sich -haben, die ganze große Gefahr einer solchen krankhaften Bewegung -zu kompensieren; – es werden die Verzögerer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par -excellence</span>, die Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden, -die Relativ-Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren -Wechselns und Mischens von Elementen sein. Das -Schwergewicht fällt unter solchen Umständen notwendig den -<em>Mediokren</em> zu: gegen die Herrschaft des Pöbels und der -Exzentrischen (beide meist verbündet) konsolidiert sich die -<em>Mediokrität</em>, als die Bürgschaft und die Trägerin der -Zukunft. Daraus erwächst für die <em>Ausnahmemenschen</em> -ein neuer Gegner – oder aber eine neue Verführung. Gesetzt, -daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und dem Instinkt -der „Enterbten“ zu Gefallen Lieder singen, werden sie nötig -haben, „mittelmäßig“ und „gediegen“ zu sein. Sie -wissen: die <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">mediocritas</span> ist auch <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">aurea</span>, – sie allein sogar -verfügt über Geld und <em>Gold</em> (– über alles, was <em>glänzt</em>..). -Und noch einmal gewinnt die alte Tugend, und überhaupt -die ganze <em>verlebte</em> Welt des Ideals eine begabte Fürsprecherschaft.... -Resultat: die Mediokrität bekommt Geist, -Witz, Genie, – sie wird unterhaltend, sie verführt....</p> - -<p><em>Resultat.</em> – Eine hohe Kultur kann nur stehen auf -einem breiten Boden, auf einer stark und gesund konsolidierten -Mittelmäßigkeit. In ihrem Dienste und von ihr bedient -arbeitet die <em>Wissenschaft</em> – und selbst die Kunst. Die -Wissenschaft kann es sich nicht besser wünschen: sie gehört -als solche zu einer mittleren Art Mensch, – sie ist deplaziert -unter Ausnahmen, – sie hat nichts Aristokratisches<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[Pg 363]</a></span> -und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren Instinkten. -– Die Macht der Mitte wird sodann aufrechtgehalten -durch den Handel, vor allem den Geldhandel: der Instinkt -der Großfinanziers geht gegen alles Extreme, – die Juden -sind deshalb einstweilen die <em>konservierendste</em> Macht in -unserm so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können -weder Revolutionen brauchen noch Sozialismus noch Militarismus: -wenn sie Macht haben wollen und brauchen, auch -über die revolutionäre Partei, so ist dies nur eine Folge des -Vorhergesagten und nicht im Widerspruch dazu. Sie haben -nötig, gegen andere extreme Richtungen gelegentlich Furcht -zu erregen – dadurch, daß sie zeigen, <em>was</em> alles in ihrer -Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar konservativ -– und „mittelmäßig“.... Sie wissen überall, wo -es Macht gibt, mächtig zu sein: aber die Ausnützung ihrer -Macht geht immer in einer Richtung. Das Ehrenwort für -<em>mittelmäßig</em> ist bekanntlich das Wort „<em>liberal</em>“.</p> - -<p><em>Besinnung.</em> – Es ist unsinnig, vorauszusetzen, daß -dieser ganze <em>Sieg der Werte</em> antibiologisch sei: man muß -suchen, ihn zu erklären aus einem Interesse des <em>Lebens</em>, -zur <em>Aufrechterhaltung</em> des Typus „Mensch“ selbst durch -diese Methodik der <em>Über</em>herrschaft der Schwachen und -Schlechtweggekommenen – : im andern Falle existierte der -Mensch nicht mehr? – Problem – – –</p> - -<p>Die <em>Steigerung</em> des Typus verhängnisvoll für die <em>Erhaltung -der Art</em>? Warum? –</p> - -<p>Es zeigen die Erfahrungen der Geschichte: die starken -Rassen <em>dezimieren</em> sich <em>gegenseitig</em>: durch Krieg, Machtbegierde, -Abenteuer; die starken Affekte: die <em>Vergeudung</em> -– (es wird Kraft nicht mehr kapitalisiert, es entsteht die -geistige Störung durch die übertriebene Spannung); ihre -Existenz ist kostspielig, kurz – sie reiben sich <em>untereinander</em> -auf –; es treten Perioden <em>tiefer Abspannung</em> und -Schlaffheit ein: alle großen Zeiten werden <em>bezahlt</em>.... Die -Starken sind hinterdrein schwächer, willenloser, absurder als -die durchschnittlich Schwachen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[Pg 364]</a></span></p> - -<p>Es sind <em>verschwenderische</em> Rassen. Die „<em>Dauer</em>“ an -sich hätte ja keinen Wert: man möchte wohl eine kürzere, -aber wert<em>reichere</em> Existenz der Gattung vorziehen. – Es -bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst so ein reicherer Wertertrag -erzielt würde als im Fall der kürzeren Existenz; das -heißt, der Mensch als Aufsummierung von Kraft gewinnt -ein viel höheres Quantum von Herrschaft über die Dinge, -wenn es so geht, wie es geht.... Wir stehen vor einem -Problem der <em>Ökonomie</em> – – –</p> - - -<h4>672.</h4> - -<p><em>Die Starken der Zukunft.</em> – Was teils die Not, teils -der Zufall hier und da erreicht hat, die Bedingungen zur -Hervorbringung einer <em>stärkeren</em> Art: das können wir jetzt -begreifen und wissentlich <em>wollen</em>: wir können die Bedingungen -schaffen, unter denen eine solche Erhöhung möglich -ist.</p> - -<p>Bis jetzt hatte die „Erziehung“ den Nutzen der Gesellschaft -im Auge: <em>nicht</em> den möglichsten Nutzen der Zukunft, -sondern den Nutzen der gerade bestehenden Gesellschaft. -„Werkzeuge“ für sie wollte man. Gesetzt, <em>der Reichtum -an Kraft wäre größer</em>, so ließe sich ein <em>Abzug von Kräften</em> -denken, dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft -gälte, sondern einem zukünftigen Nutzen.</p> - -<p>Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe, -inwiefern die gegenwärtige Form der Gesellschaft in -einer starken Verwandlung wäre, um irgendwann einmal -<em>nicht mehr um ihrer selber willen existieren zu können</em>: -sondern nur noch als <em>Mittel</em> in den Händen einer -stärkeren Rasse.</p> - -<p>Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade -die treibende Kraft, um an die Züchtung einer <em>stärkeren -Rasse</em> zu denken: welche gerade ihren Überschuß darin hätte, -worin die verkleinerte Spezies schwach und schwächer würde -(Wille, Verantwortlichkeit, Selbstgewißheit, Ziele-sich-setzen-können).</p> - -<p>Die <em>Mittel</em> wären die, welche die Geschichte lehrt: die<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[Pg 365]</a></span> -<em>Isolation</em> durch umgekehrte Erhaltungsinteressen, als die -durchschnittlichen heute sind; die Einübung in umgekehrten -Wertschätzungen; die Distanz als Pathos; das freie Gewissen -im heute Unterschätztesten und Verbotensten.</p> - -<p>Die <em>Ausgleichung</em> des europäischen Menschen ist der -große Prozeß, der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn -noch beschleunigen. Die Notwendigkeit für eine <em>Kluftaufreißung</em>, -<em>Distanz</em>, <em>Rangordnung</em> ist damit gegeben: -nicht die Notwendigkeit, jenen Prozeß zu verlangsamen.</p> - -<p>Diese <em>ausgeglichene</em> Spezies bedarf, sobald sie erreicht -ist, einer <em>Rechtfertigung</em>: sie liegt im Dienste einer höheren -souveränen Art, welche auf ihr steht und erst auf ihr -sich zu ihrer Aufgabe erheben kann. Nicht nur eine Herrenrasse, -deren Aufgabe sich damit erschöpfte, zu regieren: -sondern eine Rasse mit <em>eigener Lebenssphäre</em>, mit einem -Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Kultur, -Manier bis ins Geistigste; eine <em>bejahende</em> Rasse, welche -sich jeden großen Luxus gönnen darf –, stark genug, um -die Tyrannei des Tugend-Imperativs nicht nötig zu haben, -reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie nicht nötig -zu haben, jenseits von Gut und Böse; ein Treibhaus für -sonderbare und ausgesuchte Pflanzen.</p> - - -<h4>673.</h4> - -<p><em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Summa</span></em>: die <em>Herrschaft</em> über die Leidenschaften, <em>nicht</em> -deren Schwächung oder Ausrottung! – Je größer die Herrenkraft -des Willens ist, um soviel mehr Freiheit darf den -Leidenschaften gegeben werden.</p> - -<p>Der „große Mensch“ ist groß durch den Freiheitsspielraum -seiner Begierden und durch die noch größere Macht, -welche diese prachtvollen Untiere in Dienst zu nehmen weiß.</p> - -<p>Der „gute Mensch“ ist auf jeder Stufe der Zivilisation -der <em>Ungefährliche und Nützliche zugleich</em>: eine Art -<em>Mitte</em>; der Ausdruck im gemeinen Bewußtsein davon, <em>vor -wem man sich nicht zu fürchten hat, und wen man -trotzdem nicht verachten darf</em>.</p> - -<p>Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu <em>rui<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[Pg 366]</a></span>nieren</em> -zugunsten der Regel. Bildung: wesentlich das Mittel, -den Geschmack <em>gegen</em> die Ausnahme zu richten zugunsten -des Mittleren.</p> - -<p>Erst wenn eine Kultur über einen Überschuß von Kräften -zu gebieten hat, kann sie auch ein Treibhaus für den Luxuskultus -der Ausnahme, des Versuchs, der Gefahr, der Nuance -sein: – <em>jede</em> aristokratische Kultur tendiert <em>dahin</em>.</p> - - -<h4>674.</h4> - -<p>Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn -man ihn fragt: „Willst du tugendhaft werden?“ – aber -er macht die Augen auf, wenn man ihn fragt: „Willst du -stärker werden als deine Kameraden?“</p> - -<p>Wie wird man stärker? – Sich langsam entscheiden, und -zähe festhalten an dem, was man entschieden hat. Alles -andere folgt.</p> - -<p>Die <em>Plötzlichen</em> und die <em>Veränderlichen</em>: die beiden -Arten der Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln; -die Distanz fühlen – beizeiten!</p> - -<p>Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen -erschlafft. Jeder Umgang ist gut, bei dem die Wehr und -Waffen, die man in den Instinkten hat, geübt werden. Die -ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft auf die Probe -zu stellen.... <em>Hier</em> das Unterscheidende sehen, nicht im -Wissen, Scharfsinn, Witz.</p> - -<p>Man muß befehlen lernen, beizeiten, – ebensogut als -gehorchen. Man muß Bescheidenheit, <em>Takt</em> in der Bescheidenheit -lernen: nämlich auszeichnen, ehren, wo man bescheiden -ist; ebenso mit Vertrauen – auszeichnen, ehren.</p> - -<p>Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; -seinen eigensten Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; -sich verwechseln; sich niedrig nehmen; die Feinheit -des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; – dieser <em>Mangel -an Ehrerbietung</em> gegen sich rächt sich durch jede Art von -<em>Einbuße</em>: Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz, -Heiterkeit, Freiheit, Festigkeit, Mut. Man vergibt sich später<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[Pg 367]</a></span> -diesen Mangel an echtem Egoismus nie: man nimmt ihn -als Einwand, als Zweifel an einem wirklichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>.</p> - - -<h4>675.</h4> - -<p>Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere -Herrschaftsgebilde geben, dergleichen es noch -nicht gegeben hat. Und dies ist noch nicht das Wichtigste; -es ist die Entstehung von internationalen Geschlechtsverbänden -möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzen, eine -Herrenrasse heraufzuzüchten, die zukünftigen „Herren der -Erde“; – eine neue, ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung -aufgebaute Aristokratie, in der dem Willen philosophischer -Gewaltmenschen und Künstlertyrannen Dauer -über Jahrtausende gegeben wird: – eine höhere Art Menschen, -die sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, -Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen -als ihres gefügigsten und beweglichsten Werkzeugs, um die -Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am -„Menschen“ selbst als Künstler zu gestalten. Genug, die -Zeit kommt, wo man über Politik umlernen wird.</p> - - -<h4>676.</h4> - -<p>Wir wenigen oder vielen, die wir wieder in einer <em>entmoralisierten</em> -Welt zu leben wagen, wir <em>Heiden</em> dem -Glauben nach: wir sind wahrscheinlich auch die ersten, die -es begreifen, was ein <em>heidnischer Glaube</em> ist: – sich -höhere Wesen, als der Mensch ist, vorstellen müssen, aber -diese <em>jenseits</em> von Gut und Böse; alles Höher-sein auch -als <em>Unmoralisch-sein</em> abschätzen müssen. Wir glauben an -den Olymp – und <em>nicht</em> an den „Gekreuzigten“.</p> - - -<h4>677.</h4> - -<p>Die Täuschung <em>Apollos</em>: die <em>Ewigkeit</em> der schönen -Form; die aristokratische Gesetzgebung „<em>so soll es immer -sein</em>!“</p> - -<p><em>Dionysos</em>: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit -könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden -und zerstörenden Kraft, als <em>beständige Schöpfung</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[Pg 368]</a></span></p> - - -<h4>678.</h4> - -<p><em>Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte.</em> -– Festzustellen: ob der typische <em>religiöse</em> Mensch eine -<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Form ist (die großen Neuerer sind samt und sonders -krankhaft und epileptisch); aber lassen wir nicht da -einen Typus des religiösen Menschen aus, den <em>heidnischen</em>? -Ist der heidnische Kult nicht eine Form der Danksagung -und der Bejahung des Lebens? Müßte nicht sein -höchster Repräsentant eine Apologie und Vergöttlichung des -Lebens sein? Typus eines wohlgeratenen und entzückt-überströmenden -Geistes! Typus eines die Widersprüche und -Fragwürdigkeiten des Daseins in sich hineinnehmenden und -<em>erlösenden</em> Geistes!</p> - -<p>Hierher stelle ich den <em>Dionysos</em> der Griechen: die religiöse -Bejahung des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten -und halbierten Lebens; (typisch – daß der Geschlechtsakt -Tiefe, Geheimnis, Ehrfurcht erweckt).</p> - -<p>Dionysos gegen den „Gekreuzigten“: da habt ihr den -Gegensatz. Es ist <em>nicht</em> eine Differenz hinsichtlich des Martyriums, -– nur hat dasselbe einen anderen Sinn. Das -Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit und Wiederkehr bedingt -die Qual, die Zerstörung, den Willen zur Vernichtung. -Im andern Falle gilt das Leiden, der „Gekreuzigte als der -Unschuldige“, als Einwand gegen dieses Leben, als Formel -seiner Verurteilung. – Man errät: das Problem ist das -vom Sinn des Leidens: ob ein christlicher Sinn, ob ein tragischer -Sinn. Im ersten Falle soll es der Weg sein zu -einem heiligen Sein; im letzteren Falle gilt <em>das Sein als -heilig genug</em>, um ein Ungeheures von Leid noch zu rechtfertigen. -Der tragische Mensch bejaht noch das herbste Leiden: -er ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu; der christliche -verneint noch das glücklichste Los auf Erden: er ist -schwach, arm, enterbt genug, um in jeder Form noch am -Leben zu leiden. Der Gott am Kreuz ist ein Fluch auf das -Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; – der in -Stücke geschnittene Dionysos ist eine <em>Verheißung</em> des Le<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[Pg 369]</a></span>bens: -es wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung -heimkommen.</p> - - -<h4>679.</h4> - -<p>Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an -welchem zuletzt jede andere Denkweise zugrunde geht. Es -ist der große, <em>züchtende</em> Gedanke: die Rassen, welche ihn -nicht ertragen, sind verurteilt: die, welche ihn als größte -Wohltat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehen.</p> - - -<h4>680.</h4> - -<p>Ich will den Gedanken lehren, welcher vielen das Recht -gibt, sich durchzustreichen, – den großen <em>züchtenden</em> Gedanken.</p> - - -<h4>681.</h4> - -<p>Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller -Dinge vor, um sie nicht <em>zu wichtig</em> zu nehmen und zwischen -ihnen ruhig zu bleiben. Mir scheint umgekehrt alles viel -zu viel wert zu sein, als daß es so flüchtig sein dürfte: ich -suche nach einer Ewigkeit für jegliches: dürfte man die kostbarsten -Salben und Weine ins Meer gießen? – Mein Trost -ist, daß alles, was war, ewig ist: – das Meer spült es -wieder her.</p> - - -<h4>682.</h4> - -<p>Die beiden extremsten Denkweisen – die mechanistische -und die platonische – kommen überein in der <em>ewigen Wiederkunft</em>: -beide als Ideale.</p> - - -<h4>683.</h4> - -<p>1. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft: seine Voraussetzungen, -welche wahr sein müßten, wenn er wahr ist. Was -aus ihm folgt.</p> - -<p>2. Als der <em>schwerste</em> Gedanke: seine mutmaßliche Wirkung, -falls nicht vorgebeugt wird, das heißt, falls nicht alle -Werte umgewertet werden.</p> - -<p>3. Mittel, ihn zu <em>ertragen</em>: die Umwertung aller Werte. -Nicht mehr die Lust an der Gewißheit, sondern an der Ungewißheit; -nicht mehr „Ursache und Wirkung“, sondern<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[Pg 370]</a></span> -das beständig Schöpferische; nicht mehr Wille der Erhaltung, -sondern der Macht; nicht mehr die demütige Wendung, -„es ist alles <em>nur</em> subjektiv“, sondern „es ist auch -<em>unser</em> Werk! – seien wir stolz darauf!“</p> - - -<h4>684.</h4> - -<p><em>Die neue Weltkonzeption.</em> – Die Welt besteht; sie -ist nichts, was wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr: -sie wird, sie vergeht, aber sie hat nie angefangen zu werden -und nie aufgehört zu vergehen, – sie <em>erhält</em> sich in beidem.... -Sie lebt von sich selber: ihre Exkremente sind ihre -Nahrung.</p> - -<p>Die Hypothese einer <em>geschaffenen Welt</em> soll uns nicht -einen Augenblick bekümmern. Der Begriff „schaffen“ ist -heute vollkommen undefinierbar, unvollziehbar; bloß ein -Wort noch, rudimentär aus Zeiten des Aberglaubens; mit -einem Wort erklärt man nichts. Der letzte Versuch, eine -Welt, die <em>anfängt</em>, zu konzipieren, ist neuerdings mehrfach -mit Hilfe einer logischen Prozedur gemacht worden – -zumeist, wie zu erraten ist, aus einer theologischen Hinterabsicht.</p> - -<p>Man hat neuerdings mehrfach dem Begriff „Zeitunendlichkeit -der Welt <em>nach hinten</em>“ (<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">regressus in infinitum</span>) -einen Widerspruch finden wollen: man hat ihn selbst gefunden, -um den Preis freilich, dabei den Kopf mit dem -Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern, von -diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen, „ich -werde nie dabei an ein Ende kommen“; wie ich vom gleichen -Augenblick vorwärts rechnen kann, ins Unendliche hinaus. -Erst wenn ich den Fehler machen wollte – ich werde mich -hüten, es zu tun –, diesen korrekten Begriff eines <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">regressus -in infinitum</span> gleichzusetzen mit einem <em>gar nicht vollziehbaren</em> -Begriff eines endlichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">progressus</span> bis jetzt, erst -wenn ich die <em>Richtung</em> (vorwärts oder rückwärts) als logisch -indifferent setzte, würde ich den Kopf – diesen Augenblick -– als Schwanz zu fassen bekommen....</p> - -<p>Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern ge<span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[Pg 371]</a></span>stoßen: -jedesmal war er durch andere Hintergedanken bestimmt -(– meistens theologische, zugunsten des <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">creator -spiritus</span>). Wenn die Welt überhaupt erstarren, vertrocknen, -absterben, nichts werden könnte, oder wenn sie einen Gleichgewichtszustand -erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt -irgendein Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit, -das Ein-für-alle-Mal in sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet: -wenn das Werden in das Sein oder ins Nichts münden -<em>könnte</em>), so müßte dieser Zustand erreicht sein. Aber -er ist nicht erreicht: woraus folgt.... Das ist unsre einzige -Gewißheit, die wir in den Händen halten, um als Korrektiv -gegen eine große Menge an sich möglicher Welthypothesen -zu dienen. Kann zum Beispiel der Mechanismus der -Konsequenz eines Finalzustandes nicht entgehen, welche William -Thomson ihm gezogen hat, so ist damit der Mechanismus -<em>widerlegt</em>.</p> - -<p>Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als -bestimmte Zahl von Kraftzentren gedacht werden <em>darf</em> – -und jede andre Vorstellung bleibt unbestimmt und folglich -<em>unbrauchbar</em> –, so folgt daraus, daß sie eine berechenbare -Zahl von Kombinationen im großen Würfelspiel ihres -Daseins durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit -würde jede mögliche Kombination irgendwann einmal erreicht -sein; mehr noch: sie würde unendliche Male erreicht -sein. Und da zwischen jeder Kombination und ihrer nächsten -Wiederkehr alle überhaupt noch möglichen Kombinationen -abgelaufen sein müßten, und jede dieser Kombinationen -die ganze Folge der Kombinationen in derselben Reihe -bedingt, so wäre damit ein Kreislauf von absolut identischen -Reihen bewiesen: die Welt als Kreislauf, der sich unendlich -oft bereits wiederholt hat und der sein Spiel <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in infinitum</span> -spielt. – Diese Konzeption ist nicht ohne weiteres eine mechanistische: -denn wäre sie das, so würde sie nicht eine unendliche -Wiederkehr identischer Fälle bedingen, sondern einen -Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat, muß -der Mechanismus uns als unvollkommene und nur vorläufige -Hypothese gelten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[Pg 372]</a></span></p> - - -<h4>685.</h4> - -<p>Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe -es für sie einen unbeabsichtigten Endzustand, so müßte er -ebenfalls erreicht sein. Wäre sie überhaupt eines Verharrens -und Starrwerdens, eines „Seins“ fähig, hätte sie -in allem ihren Werden nur einen Augenblick diese Fähigkeit -des „Seins“, so wäre es wiederum mit allem Werden -längst zu Ende, also auch mit allem Denken, mit allem -„Geiste“. Die Tatsache des „Geistes“ <em>als eines Werdens</em> -beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen Endzustand -hat und des Seins unfähig ist. – Die alte Gewohnheit aber, -bei allem Geschehen an Ziele und bei der Welt an einen -lenkenden, schöpferischen Gott zu denken, ist so mächtig, -daß der Denker Mühe hat, sich selber die Ziellosigkeit der -Welt nicht wieder als Absicht zu denken. Auf diesen Einfall -– daß also die Welt absichtlich einem Ziel <em>ausweiche</em> -und sogar das Hineingeraten in einen Kreislauf künstlich zu -verhüten wisse – müssen alle die verfallen, welche der -Welt das Vermögen zur <em>ewigen Neuheit</em> aufdekretieren -möchten, das heißt einer endlichen, bestimmten, unveränderlich -gleichgroßen Kraft, wie es „die Welt“ ist, die Wunderfähigkeit -zur <em>unendlichen</em> Neugestaltung ihrer Formen und -Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der -göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungskraft -fähig sein; sie soll es sich willkürlich <em>verwehren</em>, -in eine ihrer alten Formen zurückzugeraten; sie soll nicht nur -die Absicht, sondern auch die <em>Mittel</em> haben, sich selber vor -jeder Wiederholung zu <em>bewahren</em>; sie soll somit in jedem -Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung von -Zielen, Endzuständen, Wiederholungen hin <em>kontrollieren</em> -– und was alles die Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten -Denk- und Wunschweise sein mögen. Das ist immer -noch die alte religiöse Denk- und Wunschweise, eine Art -Sehnsucht, zu glauben, daß <em>irgendworin</em> doch die Welt -dem alten, geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen -Gotte gleich sei – daß irgendworin doch „der alte -Gott noch lebe“ –, jene Sehnsucht Spinozas, die sich in<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[Pg 373]</a></span> -dem Worte „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">deus sive natura</span>“ (er empfand sogar „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">natura -sive deus</span>“ –) ausdrückt. Welches ist denn aber der Satz -und Glaube, mit welchem sich die entscheidende Wendung, -das jetzt erreichte <em>Übergewicht</em> des wissenschaftlichen Geistes -über den religiösen, götter-erdichtenden Geist, am bestimmtesten -formuliert? Heißt er nicht: die Welt als Kraft darf -nicht unbegrenzt gedacht werden, denn sie <em>kann</em> nicht so gedacht -werden, – wir verbieten uns den Begriff einer <em>unendlichen -Kraft als mit dem Begriff „Kraft“ unverträglich</em>. -Also – fehlt der Welt auch das Vermögen -zur ewigen Neuheit.</p> - - -<h4>686.</h4> - -<p>Daß eine Gleichgewichtslage nie erreicht ist, beweist, daß -sie nicht möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum -müßte sie erreicht sein. Ebenfalls in einem kugelförmigen -Raum. Die <em>Gestalt</em> des Raumes muß die Ursache der -ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller „Unvollkommenheit“.</p> - -<p>Daß „Kraft“ und „Ruhe“, „Sich-gleich-bleiben“ sich -widerstreiten. Das Maß der Kraft (als Größe) fest, ihr -Wesen aber flüssig.</p> - -<p>„Zeitlos“ abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick -der Kraft ist die absolute Bedingtheit einer neuen Verteilung -aller ihrer Kräfte gegeben: sie kann nicht stillstehen. -„Veränderung“ gehört ins Wesen hinein, also auch die Zeitlichkeit: -womit aber nur die Notwendigkeit der Veränderung -noch einmal begrifflich gesetzt wird.</p> - - -<h4>687.</h4> - -<p>Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die <em>ewige -Wiederkehr</em>.</p> - - -<h4>688.</h4> - -<p>Um den Gedanken der Wiederkunft zu <em>ertragen</em>, ist -nötig: Freiheit von der Moral; – neue Mittel gegen die -Tatsache des <em>Schmerzes</em> (Schmerz begreifen als Werkzeug, -als Vater der Lust; es gibt kein <em>summierendes</em> Bewußtsein -der Unlust); – der Genuß an aller Art Ungewiß<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[Pg 374]</a></span>heit, -Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen -Fatalismus; – Beseitigung des Notwendigkeitsbegriffs; -– Beseitigung des „Willens“; – Beseitigung -der „Erkenntnis an sich“.</p> - -<p><em>Größte Erhöhung des Kraftbewußtseins</em> des Menschen -als dessen, der den Übermenschen schafft.</p> - - -<h4>689.</h4> - -<p>Die beiden größten (von Deutschen gefundenen) philosophischen -Gesichtspunkte:</p> - -<p><span class="antiqua">a</span>) der des <em>Werdens</em>, der <em>Entwicklung</em>;</p> - -<p><span class="antiqua">b</span>) der nach dem <em>Werte des Daseins</em> (aber die erbärmliche -Form des deutschen Pessimismus erst zu überwinden!) -–</p> - -<p>beide von mir in <em>entscheidender</em> Weise zusammengebracht.</p> - -<p>Alles wird und kehrt ewig wieder, – <em>entschlüpfen</em> ist -nicht <em>möglich</em>! – Gesetzt, wir <em>könnten</em> den Wert beurteilen, -was folgt daraus? Der Gedanke der Wiederkunft als -<em>auswählendes</em> Prinzip im Dienste der <em>Kraft</em> (und Barbarei!!).</p> - -<p><em>Reife</em> der Menschheit für <em>diesen</em> Gedanken.</p> - - -<h4>690.</h4> - -<p>Es ist ganz und gar nicht die erste Frage, ob wir mit uns -zufrieden sind, sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden -sind. Gesetzt, wir sagen ja zu einem einzigen Augenblick, -so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern -zu allem Dasein ja gesagt. Denn es steht nichts für sich, -weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein -einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert -und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine -Geschehen zu bedingen – und alle Ewigkeit war in diesem -einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst, -gerechtfertigt und bejaht.</p> - - -<h4>691.</h4> - -<p>Es muß solche geben, die alle Verrichtungen heiligen, -nicht nur Essen und Trinken: – und nicht nur im Gedächt<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[Pg 375]</a></span>nis -an sie oder im Eins-werden mit ihnen, <em>sondern immer -von neuem und auf neue Weise</em> soll diese Welt verklärt -werden.</p> - - -<h4>692.</h4> - -<p>Der Mensch ist das <em>Untier</em> und <em>Übertier</em>; der höhere -Mensch ist der Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen. -Mit jedem Wachstum des Menschen in die Größe -und Höhe wächst er auch in das Tiefe und Furchtbare: man -soll das eine nicht wollen ohne das andere, – oder vielmehr: -je gründlicher man das eine will, um so gründlicher erreicht -man gerade das andere.</p> - - -<h4>693.</h4> - -<p>Nicht „Menschheit“, sondern <em>Übermensch</em> ist das Ziel!</p> - - -<h4>694.</h4> - -<p><span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Come l'uom s'eterna</span>....</p> - -<p class="right"><span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Inf.</span> XV, 85.</p> - - -<h4>695.</h4> - -<p>Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in -jedem ihrer Winkel gesessen zu haben – mein Ehrgeiz, -meine Tortur und mein Glück.</p> - -<p>Wirklich den Pessimismus <em>überwinden</em> –; ein Goethescher -Blick voll Liebe und gutem Willen als Resultat.</p> - - -<h4>696.</h4> - -<p>Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie -euch in meinem Spiegel zeigen? Die Welt: ein Ungeheuer -von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste, eherne -Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die -sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes -unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, -aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom -„Nichts“ umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, -Verschwendetes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, -sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten -Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo -„leer“ wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[Pg 376]</a></span> -Kräften und Kraftwellen zugleich eins und vieles, hier sich -häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich -selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd, -ewig zurücklaufend mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, -mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten -in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, -Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, -Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus -der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der -Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber -bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und -Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen -muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, -keine Müdigkeit kennt – : diese meine <em>dionysische</em> -Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, -diese Geheimniswelt der doppelten Wollüste, -dies mein „Jenseits von Gut und Böse“ ohne Ziel, wenn -nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt ohne Willen, wenn -nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat, – wollt ihr -einen <em>Namen</em> für diese Welt? Eine <em>Lösung</em> für alle ihre -Rätsel? Ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, -Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? – <em>Diese Welt -ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem!</em> Und -auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts -außerdem!</p> - -<div class="tnote p4"> -<p>Bei der Transkription vorgenommene Änderungen:</p> -<p>Im Satz "Man folgt, aber man folgert nicht mehr." war im Original nach dem ersten Halbsatz ein Absatz gebildet. Dieser wurde entfernt.</p> - -<p>Die Kapitelzählung "64." stand nicht über dem Absatz, sondern erst am Beginn der nächsten Seite. Dies wurde korrigiert.</p> - -<p>In "Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst mißverstehen wollte" stand "mistverstehen".</p> -</div> - -<p>In -"Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes -Prozesses in jedem Momente desselben <em>erreicht</em> würde – -und immer das Gleiche.", "sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt – -und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich <em>inkongruent</em>" sowie in "daß die Strafen proportional -wehe tun sollen gemäß der Größe des Verbrechens – -und so wollt ihr's ja alle im Grunde!" stand jeweils zweimal "und" nach dem Gedankenstrich.</p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Der Wille zur Macht, by Friedrich Nietzsche - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR MACHT *** - -***** This file should be named 60360-h.htm or 60360-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/6/60360/ - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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