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- Der Wille zur Macht, by Friedrich Nietzsche, a Project Gutenberg eBook.
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Wille zur Macht, by Friedrich Nietzsche
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Wille zur Macht
- Eine Auslegung alles Geschehens
-
-Author: Friedrich Nietzsche
-
-Editor: Max Brahn
-
-Release Date: September 25, 2019 [EBook #60360]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR MACHT ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<div class="title">
-<h1>Der Wille zur Macht</h1>
-
-<p class="large gesperrt">Eine Auslegung alles Geschehens</p>
-
-<p><span class="small">von</span><br />
-<span class="large">Friedrich Nietzsche</span></p>
-
-<p>Neu ausgewählt und geordnet von<br />
-<span class="large gesperrt">Max Brahn</span></p>
-
-<p class="noindent small m30">Große Dinge verlangen, daß man von
-ihnen schweigt oder groß redet: groß,
-das heißt zynisch und mit Unschuld.</p>
-
-<p>1917</p>
-
-<p>Alfred Kröner Verlag in Leipzig</p>
-
-
-<p class="small">
-Altenburg<br />
-Pierersche Hofbuchdruckerei<br />
-Stephan Geibel &amp; Co.</p>
-</div>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_iii" id="Page_iii">[Pg iii]</a></span></p>
-
-
-
-<div class="title p4">
-<p class="noindent">[Der Plan, der dieser Anordnung zugrunde
-gelegt wurde, lautet in Nietzsches Niederschrift:]</p>
-
-<p><span class="large gesperrt">Der Wille zur Macht</span><br />
-Versuch einer Umwertung aller Werte</p>
-
-<p class="p2"><span class="gesperrt">Erstes Buch</span><br />
-Der europäische Nihilismus</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Zweites Buch</span><br />
-Kritik der bisherigen höchsten Werte</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Drittes Buch</span><br />
-Prinzip einer neuen Wertsetzung</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Viertes Buch</span><br />
-Zucht und Züchtung</p>
-
-<p class="small">
-entworfen<br />
-den 17. März 1887<br />
-Nizza</p>
-</div>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_iv" id="Page_iv">[Pg iv]</a><br /><a name="Page_v" id="Page_v">[Pg v]</a></span></p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2>Vorwort.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Nietzsche hatte die Absicht, in einem zusammenhängenden
-Werke den Gesamtertrag seiner Lehre darzustellen. Die Titel
-des beabsichtigten Werkes und die Gesichtspunkte seiner
-Ordnung wechselten, aber die einheitliche Idee, seine Philosophie
-übersichtlich darzustellen, blieb bestehen. Es sollten
-keine neuen Grundideen in dem Werke stehen, keine wichtige
-Grundlehre verändert werden; das Werk hätte vielmehr
-beweisen sollen, daß sein Gedankenkreis vom ersten bis zum
-letzten Werk der gleiche geblieben ist. Alle so verschieden
-erscheinenden Lehren der einzelnen Entwicklungsperioden
-sind nur Variationen des gleichen Themas; eine Grundmelodie
-tönt dem aufmerksam Hinhörenden stets durch.
-Sie herauszuhören, ist nicht leicht. Denn seine Neigung,
-die gerade im Vordergrunde stehenden Gedanken, den augenblicklich
-herrschenden Affekt fast gewaltsam zu betonen, ihm
-die ganze Kraft seiner eindrucksvollen, überwältigenden
-Sprache zu leihen, läßt oft die Nebentöne deutlicher vernehmen
-als den Grundton. Daher wenige Denker so bedächtig
-gelesen werden müssen, wie der anscheinend so leicht
-eingehende Nietzsche.</p>
-
-<p>Volle, leichte Klarheit hätte daher nur ein solches, die
-Hauptgedanken allein hervorhebendes Werk bringen können.
-Darum ist es ein so trauriger Gedanke, daß seine Erkrankung
-die Vollendung gerade dieses Werkes verhinderte, an
-dem er vom Jahre 1882 an stets gearbeitet, zu dem er sich
-ununterbrochen Einzelaufzeichnungen gemacht und Dispositionen
-entworfen hat. Aus diesem Gedankenkreise entnahm
-er wesentliche Teile und vereinigte sie zu seinen letzten
-Werken, besonders zum Antichrist, der in den letzten Monaten
-vor seiner Erkrankung entstanden ist und in einem
-erregten Ton geschrieben ist, der sich von der Stilart der
-Niederschriften völlig unterscheidet.</p>
-
-<p>Was dann vom Gesamtwerke übrigblieb, das war eine
-unendliche Fülle von einzelnen Notizen, die sich in einer
-großen Anzahl von Heften finden. Die bisherigen Aus<span class="pagenum"><a name="Page_vi" id="Page_vi">[Pg vi]</a></span>gaben
-stellten sich die Aufgabe, von diesem Gedankenreichtum
-nichts verloren gehen zu lassen, und ordneten alles
-Vorhandene unter die von Nietzsche selbst angegebenen Gesichtspunkte.
-Durch zahlreiche Stichproben durfte ich mich
-davon überzeugen, mit wie großer Sorgfalt und treuer Gewissenhaftigkeit
-Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast
-die mühevolle Aufgabe gelöst haben, die schwer lesbaren
-Manuskripte zu entziffern und die Aphorismen unter die
-gegebenen Gesichtspunkte zu bringen. In den Heften fand
-sich vielerlei, was dem Denker bei Gelegenheit der Niederschrift
-oder zufällig zu gleicher Zeit einfiel, ohne daß es
-unmittelbar für das neue Ganze nötig war. Es ist nicht
-leicht, diese oft so lockenden Gedanken wegzulassen; es war
-auch für eine erste Ausgabe das Rechte, sie dem Leser nicht
-vorzuenthalten. Doch erschweren sie oft das Sichzurechtfinden
-in den leitenden Ideen und geben auch durch ihre
-große Zahl dem Werke einen übermäßigen Umfang.</p>
-
-<p>Da schien es angebracht, den Versuch zu machen, aus
-den Manuskripten wenigstens dem Sinne nach das zu
-machen, was Nietzsche selbst vorschwebte: eine Darstellung
-seiner Grundlehre; zugleich aber dem neugeordneten Werke
-eine Form zu geben, die eine leichte Übersicht gestattet und
-so durch die Änderung der äußeren Form das Eindringen in
-die Hauptlinien des Inhaltes erleichtert. So konnte ich in
-Übereinstimmung mit Elisabeth Förster-Nietzsche das herausheben,
-was den Grundgedanken, des „Willen zur
-Macht“, erklärt. Dann kam es darauf an, das Vorhandene
-so zu verteilen, daß ein Führer durch Nietzsches Grundlehren
-entstand. Da fehlen freilich Begriffe als wesentlich,
-die sonst oft im Vordergrund zu stehen scheinen, wie der
-„Übermensch“; andere, wie die „ewige Wiederkehr“, treten
-nur gelegentlich auf. Nicht ein Wechsel der Lehre liegt aber
-in diesen Fällen vor; der systematische Aufbau läßt vielmehr
-das an früheren Stellen laut Betonte hier nur als
-einen Unterteil eines größeren Ganzen erscheinen. So geht
-der Übermensch unter in der Gesamtauffassung des neuen,
-großen Menschen überhaupt, und die ewige Wiederkehr aller<span class="pagenum"><a name="Page_vii" id="Page_vii">[Pg vii]</a></span>
-Dinge, von der es einst scheinen konnte, sie zähle zu den
-Hauptlehren, wird eines unter den verschiedenen Mitteln
-zur Zucht des großen Menschen, wenn auch eines der entscheidenden.
-Gerade in dieser Ausgeglichenheit der Werte
-liegt die große Bedeutung, die das Werk selbst als unvollendetes
-hat. In Zarathustra hatte Nietzsche prophetenhaft
-zur Nachfolge seiner Lehre aufgerufen; kein Wunder, daß
-ein so geartetes Werk, dem Eindruck bestimmt, ihn auch
-im weitesten Kreise machte. Der Prophet will wirken, beeinflussen
-&ndash; dazu gehört Affekt, der mitreißt, gehört starke
-Betonung dessen, was der Prophet in den Vordergrund
-stellen will. Der „Wille zur Macht“ will lehren, klarlegen,
-aus Geschichte und Natur erläutern, wohl gar beweisen.
-Hier ist der ordnende Intellekt an der Arbeit, der systematisch
-aufbaut, nicht um zur Tat aufzurufen, den heiligen
-Krieg für eine neue Lehre zu verkünden, sondern um zu
-zeigen, aus welchen Wurzeln die eigene Lehre erwachsen
-ist, und wie sie die Gesamtheit der Welt dem willig Folgenden
-zu erklären vermag.</p>
-
-<p>Eine Weltdeutung kann aber aus sehr verschiedenen Wurzeln
-erwachsen, je nach der Persönlichkeit des Philosophen.
-Die Versenkung ins All, in die unmittelbare Tiefe der
-Dinge kennzeichnet den Typus des Metaphysikers und Mystikers.
-Die Vereinigung der letzten wissenschaftlichen Ergebnisse
-den wissenschaftlichen Philosophen. Das Ausgehen
-vom Menschen als dem Geschichte schaffenden und nur in
-der Geschichte bekannten Wesen den Kulturphilosophen, dem
-der Mensch das interessanteste Problem ist. Vom ersten
-bis zum letzten seiner Werke ist Nietzsche Kulturphilosoph.
-Von der Kultur der Griechen &ndash; dem höchsten Kulturtypus
-&ndash; schlug er in seinem Erstlingswerk die Brücke zu
-Wagner, also zur Kultur der Gegenwart. Das Christentum
-stand im Hintergrunde; es brauchte gar nicht genannt zu
-werden, um doch da zu sein. Vom Christentum führt auch
-der „Wille zur Macht“ zur Gegenwart, noch mehr zur neu
-zu schaffenden Zeit, zu <em>der</em> Zukunft, die durch den starken
-Willen des Menschen aus dieser Gegenwart werden soll.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_viii" id="Page_viii">[Pg viii]</a></span></p>
-
-<p>Von unserer Zeit redet dieses Buch zunächst, nicht von
-einer Ewigkeit, einem stets Gleichen, wie die Metaphysiker
-tun. Eine Zeit ist nur aus den Werten bestimmbar, an die
-sie glaubt: denn alles Handeln ist ein Werten, jede Bewegung
-will etwas, also wertet sie etwas. Alle Werte ordnen
-sich letzten Endes einem letzten, höchsten, einem Oberwert
-unter, wie Raoul Richter in seinem Nietzschebuch ausgeführt
-hat. <em>Unsere Zeit hat keine festen Werte</em>; „das Eis, das
-uns noch trägt, ist so dünn geworden: wir fühlen alle den
-warmen, unheimlichen Atem des Tauwindes.“ Uns fehlt
-jeder bestimmte Glaube an den Wert der Dinge, da der
-einzige bisher zusammenhaltende Glaube im Niedergang
-ist, der christliche. Er gab dem Menschen einen absoluten
-Wert, den man genau kannte, gab ihm Selbstachtung und
-dem Übel einen Sinn. An sich selbst hat Nietzsche das Dahinschwinden
-des christlichen Glaubens empfunden, er, der
-Abkömmling von Theologen bis ins dritte und vierte Geschlecht.
-Er kannte die Feinheiten des Glaubens, er wußte,
-daß sie Erbgut in ihm waren, besonders jener vom Christentum
-anerzogene Glaube an die Wahrhaftigkeit. Schwindet
-er dahin, so tritt leicht die Meinung auf, daß es überhaupt
-keinen Sinn der Welt gibt, wenn dieser nicht gilt:
-die <em>Ziellosigkeit</em> an sich wird der Wert, der <em>Nihilismus</em>
-ist da.</p>
-
-<p>Wie aber konnte ein solches letztes Ziel verloren gehen,
-woher mußte die Auflehnung gegen das Christentum entstehen?
-Nach Nietzsche ist die Ablehnung des Christentums
-Abweisung der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, das heißt der Lehre der Erschöpften,
-der Schwachen, der Gegner des Lebens, derer,
-die nicht das Wachstum, die Größe, die Schönheit der
-Dinge der Welt wünschen. Unsre bisherige Moral ist im
-Grunde christliche; sie ist aber gleichzeitig die Moral der
-schwachen Menge, die sich gegen die gefährlichen Starken
-auflehnt, die aber durch ihre Zahl, ihre größere Klugheit,
-feinere Geistigkeit den Sieg über die Starken davonträgt.
-In dieser Erkenntnis sieht er wohl die kritische Grundlehre
-seines Systems, auf die sich alles Positive aufzubauen hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_ix" id="Page_ix">[Pg ix]</a></span></p>
-
-<p>Denn aufbauend will er sein; alles Kritische, Verneinende
-ist ihm zuwider, er benutzt es nur als Mittel, sein
-Bejahendes deutlich zu machen, als nötig zu erweisen. Zu
-<em>Taten</em> will er die Menschheit befähigen, da er ein Philosoph
-ist, das heißt für ihn ein Werteschaffer; unserer Zeit
-aber „fehlt der Philosoph, der Ausdeuter der Tat, nicht nur
-der Umdichter“. Daher auch der Kern dieses Werkes nicht
-im ersten und zweiten Buch liegt, die nur Schutt wegräumen
-wollen, ehe das Gebäude im dritten und vierten
-Buch aufgerichtet wird: in diesen liegt nach der Absicht
-Nietzsches die Deutung der Zukunft.</p>
-
-<p>Worauf es also bei ihm hinausläuft, das ist mit einem
-Worte zu sagen: auf eine neue Moral. Wo er Moral bekämpft,
-da kürzt er nur das Wort; es müßte da stets
-heißen: bisherige Moral, für deren entwickeltste Form er
-die christliche ansieht. Was seine Moral mit der christlichen
-verbindet, das sagt ganz deutlich seine schöne Bestimmung:
-„Ich verstehe unter Moral ein System von Wertschätzungen,
-welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“
-<em>Daher kann es für ihn keine allgemeine Moral
-geben.</em> Streng genommen gibt es nur eine Moral für
-jeden Einzelnen; faßt man die Einzelnen zu Typen, Arten
-zusammen, so gibt es Moralen für die Starken und die
-Schwachen, die Gesunden und die Kranken. Hier berührt
-sich die Lehre mit modernen Ideen, die, von ihr unbewußt
-oder bewußt abhängig oder nicht, die Menschen nach Anlagen
-einteilen und verlangen, daß unsere Erziehung in
-jedem die Anlage voll entwickelt und nicht versucht, aus
-jedem alles zu machen. In strenger Selbstuntersuchung,
-sich selbst verantwortlich, hat ein jeder festzustellen, „wer
-bin ich?“ und sein Leben so zu gestalten, daß sein Ich
-ungebrochen zur Entwicklung kommt, nicht nur die Freuden
-seiner Eigenart und seiner Lebensform suchend, nein,
-alle Leiden gern als notwendig mit auf sich nehmend.
-Streng und unerbittlich, hart gegen sich, wie nur je ein
-Asket es sein kann, vielleicht aber im Strome des Lebens
-viel leidender, viel gequälter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_x" id="Page_x">[Pg x]</a></span></p>
-
-<p>Die Moral, die hier gelehrt wird, ist die der Starken, die
-den Mut zu diesem strengen, harten, nur sich selbst verantwortlichen
-Leben haben. Wer diese lehrt, wird notwendig
-manches angreifende, kriegerische Wort für die entgegengesetzte
-Art, die Schwachen, haben. Aber „möchten wir
-eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen,
-ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?“
-Die Moral der Schwachen wird von Nietzsche nicht etwa
-nur geduldet &ndash; ein ihm furchtbares Wort &ndash;, sie wird gewünscht,
-weil für nötig befunden. Aber sie soll nicht die
-herrschende sein, sie soll nicht sich alle „Moral“ zuschreiben;
-sie muß einsehen, daß sie genau so moralisch und unmoralisch,
-weil genau so nur aus einer bestimmten Perspektive
-der Welt hervorgehend ist wie die der Starken. Sie will
-Erhaltung, oft Stillstand: sie lasse der Moral des Schaffens
-freie Bahn, die das Alte oft zerbrechen muß, um neue
-Maßstäbe aufzustellen. Nietzsche sah voraus, daß es „dem
-nächsten Jahrhundert hier und da gründlich im Leibe rumoren
-wird“, daß neue Werte in jeder Hinsicht kommen
-werden &ndash; hat unser Geschlecht, das des größten Krieges
-der Weltgeschichte, wirklich das Gefühl in sich, daß es den
-alten Werten gehorcht? Neues, Starkes kommt, weil es
-kommen muß, weil es sich mit unseren Lebensbedingungen
-berührt, die nicht mehr die gleichen sein werden. Ob nicht
-gar der Prophet dieser neuen Zeit schon gelebt hat?</p>
-
-<p>Woher nimmt nun Nietzsche diese neue Wahrheit über die
-Moral; glaubt er allgemeingültige Sätze aufzustellen, deren
-Gegensatz falsch sein muß? Nein, auch diese Wahrheit ist
-ihm wie jede andere nur „eine Art von Irrtum, ohne welche
-eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte.
-Der Wert für das <em>Leben</em> entscheidet zuletzt.“ Jeder Sinn,
-der in den Dingen liegt, ist ihm nur eine Beziehung, die
-sich der Mensch schafft, letzten Endes, um der Dinge Herr
-zu werden, um sein <em>Machtgefühl</em> über die Dinge zu steigern,
-um seinen unbezähmbaren Willen zur Macht auszuüben.
-Es gibt vielerlei Wahrheiten von den Dingen, jede
-Art macht sich die Dinge so zurecht, daß sie seinem Leben<span class="pagenum"><a name="Page_xi" id="Page_xi">[Pg xi]</a></span>
-dienen, macht sich die ihm nützlichsten Fiktionen vom Sein
-und Wesen der Dinge. Darin steht Nietzsche der Philosophie
-sehr nahe, die neuerdings unter dem Namen der
-„Philosophie des Als-Ob“ so großes Aufsehen gemacht hat.
-Man kann, wenn man das dritte Buch dieses Werkes liest,
-nicht mehr behaupten, daß Nietzsche nur Moralphilosoph
-sei &ndash; von seinen Anschauungen über die Erkenntnis ist
-stärkste Anregung auf unsere Zeit ausgegangen. Er hat,
-mag er auch Darwin bekämpfen, so doch aus dem Geiste
-der Entwicklungslehre letzte Folgerungen gezogen. Und nun
-verfolgt er diese Grundidee, daß es der Wille zur Macht
-ist, der unsere Wahrheiten schafft durch alles Sein hindurch,
-in alle Tiefen unserer Weltanschauung hinein. Aber
-nicht unser Erkennen allein &ndash; selbst nur eine Sonderart
-der Natur &ndash; ist Wille zur Macht, die Natur ist es in
-ihrem tiefsten Kern. Alles Sein ist Leben &ndash; alles Leben
-Machtwille. Kräfte des Willens, die immer neue Kräfte
-anhäufen, die ihnen innewohnende Macht steigern und organisieren
-möchten, sind die letzten Erklärungen, die es für
-alles Sein gibt. Alles Geschehen, alle Veränderung läßt
-sich auf den Willen zur Macht zurückführen, der nie ruht,
-stets zu neuen Formen größerer Macht sich wandeln will &ndash;
-mit dieser Einsicht, die selbst keine absolute ist, gewinnen
-wir die für uns brauchbarste „perspektivische Schätzung“
-der Welt, Macht über sie. „Diese Welt ist der Wille zur
-Macht &ndash; und nichts außerdem. Und auch ihr selber seid
-dieser Wille zur Macht &ndash; und nichts außerdem.“</p>
-
-<p>Soviel Macht einer in sich birgt, so viel ist er dieser Beurteilungsweise
-wert. So entsteht eine Rangordnung der
-Menschen nach ihren Machtgrößen. Ist es wirklich nötig,
-darauf hinzuweisen, daß es sich hier nicht um jene äußere
-Macht handelt, die mit Kanonen sich durchsetzt? Daß es
-sich dabei um eine innere Haltung der Seele handelt, die
-stark ist und nichts will, als ihre Kraft, ihre Macht erweitern,
-die sich nicht genug tun kann, ihren Mut zu erweisen,
-die so stark strömt, daß sie wissentlich ihre Kräfte
-verschwendet, die im Herrschen über sich und andere ihre<span class="pagenum"><a name="Page_xii" id="Page_xii">[Pg xii]</a></span>
-Pflicht findet. Solche Aristokratie ist angeboren, ist „Geblütsadel“.
-„Ich rede hier nicht vom Wörtchen ‚von‘ und
-vom Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.“ So
-darf man auch denen zurufen, die das Wort Macht bei
-Nietzsche vergröbern, um dagegen zu kämpfen.</p>
-
-<p>Diese Menschen voll Willen, Kraft, Macht sind die Erschaffer
-des Neuen; sie geben allem neue Werte, sie rechtfertigen
-die Welt einfach dadurch, daß sie da sind. Nicht
-ihre Leistung, ihr Sein ist das Wesentliche. Es geht hier
-mit dieser von Nietzsches Lehren wie mit anderen: in seiner
-grandiosen, übersteigenden Sprache klingen sie oft so weltfremd,
-so erfunden, so lebensunbrauchbar. Und doch drücken
-sie nur Wahrheiten aus, die sich in der Menschheit stets
-wieder als ganz natürliche Erlebnisse erweisen. Hat nicht
-die Erregung der Kriegszeit gezeigt, wie sehr die Menschen
-dazu neigen, sich Heroen zu schaffen, führende, herrschende
-Naturen, denen alle anderen gern, als ob es nicht anders
-sein könnte, sich unterwerfen! Willig folgen sie dem, der
-neue Werte aufstellt und beweist, daß er einen starken,
-langen Willen hat, der imstande ist, sich gegen eine Welt
-von Hindernissen durchzusetzen. Auf seinen Wink tun sie
-alles, leiden sie alles, opfern sie sich hin bis zum Aufgeben
-des Lebens. Eine ganze Nation erlebt dann plötzlich
-die Wahrheit der Lehre, daß es auf diese geborenen Führernaturen
-ankommt, daß sie herangezogen werden müssen,
-wenn die anderen nicht untergehen sollen. Dann sieht man
-auch deutlich, daß nicht Lust und Unlust, wenigstens nicht
-die Formen, von denen Optimismus und Pessimismus zu
-sprechen pflegen, großes Handeln des Menschen bestimmen.
-Das Glück dieser Großen liegt allein „in dem herrschend
-gewordenen Bewußtsein der Macht und des Sieges.“ Darf
-man von ihnen die Moral des Mitleids, Rücksichtnahme,
-Milde verlangen &ndash; oder wünscht nicht die Menge sie hart,
-unbeugsam, stark, Macht durch und durch? Groß sollen
-sie sein und vornehm &ndash; die beiden Haupteigenschaften,
-die Nietzsche von „seinen“ Menschen verlangt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_xiii" id="Page_xiii">[Pg xiii]</a></span></p>
-
-<p>Diese großen schaffenden Menschen &ndash; der Theorie oder
-der Praxis &ndash; greifen mit mächtiger Hand in das Rad
-des Daseins; sie drehen seine Speichen ein Stück vorwärts,
-indem sie das Gefühl in sich tragen, der Welt neue Kräfte
-gewinnen zu <em>müssen</em>, nicht anders zu können, als Welt
-zu gestalten, indem sie sich selbst gestalten. Sie fragen
-nicht nach dem Werte des Lebens, sie fühlen die furchtbaren
-Gründe, auf denen es ruht, sie kennen seine Furchtbarkeit
-und seine Untiefen &ndash; und gewinnen daraus Einsicht und
-Kraft, es neu zu gestalten, ihren Willen zur Macht daran zu
-erproben, selbst wie göttliche Kräfte, darin zu zerstören,
-zu vernichten, Altes zu zerbrechen, Verbrecher am Gesetz zu
-werden, um Neues, Größeres werden zu lassen. Sie sagen
-„Ja“ zum Gesamtdasein und können darum zu keinem
-Teil „Nein“ sagen: denn die Notwendigkeit verschlingt alle
-Dinge untrennbar ineinander, daß man alles Sein bejahen
-muß, wenn man den kleinsten Teil bejaht. Ihre unendlich
-strömende Kraft freut sich des Gestaltens an dieser Welt,
-der einzigen Aufgabe des Menschen, seines Künstlerberufs.
-Sie kennen keine seiende Welt, nur eine werdende, eine
-sein sollende, an der Menschen ihr und der Welt Geschick
-zimmern. An den Widerständen, die sie ihnen bietet, wächst
-ihre Kraft; ihr Wille zur Macht kann sich nie genug tun,
-dieser Welt immer neue Gestalten zu geben, von ihrer Fülle,
-dem Reichtum ihrer Geistes- und Willenskräfte in die Welt
-hinüberströmen zu lassen. Sie sehen auf diese Welt als
-<em>ihr</em> Werk und wünschen sich nur eins: stets wieder an ihr
-zu formen bis in alle Unendlichkeit, immer von neuem
-wieder, unendlich oft. Sie bejahen dieses Dasein und wünschen,
-so wie es ist, wie es durch sie und ihren Machtwillen
-wird, möchte es wiederkehren: in gleicher Form unendlich
-oft in ewiger Wiederkehr. Diese Sehnsucht, ihrem Machtwillen
-entstammend, gibt ihnen Kraft &ndash; und diese neue
-Kraft gibt ihnen neue Sehnsucht. Die Schwachen aber
-gehen an dem Gedanken zugrunde, daß dieses Leben unendlich
-oft wiederkehren möge &ndash; und hier wie überall<span class="pagenum"><a name="Page_xiv" id="Page_xiv">[Pg xiv]</a></span>
-trennen sich denn die Menschen in ihrem Glauben, ihrem
-Wissen, ihrer Kunst, ihrem Handeln und Wünschen notwendig
-in die Starken und die Schwachen, weil dieser
-Unterschied ruht auf dem letzten Grunde des Seins: dem
-Grade des Willens zur Macht.</p>
-
-<p class="right">Max Brahn.</p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_xv" id="Page_xv">[Pg xv]</a></span></p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2>Inhalt.</h2>
-</div>
-
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
-<tr>
- <td colspan="2" class="tdr">Seite</td></tr>
-<tr>
- <td>Vorwort</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_v">V</a>-<a href="#Page_xiv">XIV</a></td></tr>
-<tr>
- <td>Erstes Buch: Der europäische Nihilismus</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_45">45</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">1. Geschichte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_1">1</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">2. Wesen und Ursache</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_14">14</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">3. Krisis</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_32">32</a></td></tr>
-<tr>
- <td>Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_46">46</a>-<a href="#Page_120">120</a></td></tr>
-<tr>
- <td colspan="2">(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte.)</td></tr>
-<tr>
- <td colspan="2" class="td2">I. Moral:</td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">1. Entstehung und Sieg</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_46">46</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">2. Die moralischen Ideale</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_71">71</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">3. Philosophie und Moral</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_99">99</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">4. Philosophie und Wissenschaft</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_107">107</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">5. Freie Philosophie</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_116">116</a></td></tr>
-<tr>
- <td colspan="2" class="td2">II. Religion:</td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">1. Entstehung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_120">120</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">2. Christentum</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_131">131</a></td></tr>
-<tr>
- <td>Drittes Buch: Prinzip einer neuen Wertsetzung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_156">156</a>-<a href="#Page_307">307</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td2">I. Die neue Deutung der Welt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_156">156</a></td></tr>
-<tr>
- <td colspan="2" class="td2">II. Der Geist &ndash; ein Machtwille:</td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">1. Wahrnehmung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_163">163</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">2. Erkenntnis</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_177">177</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td6">a. Allgemeines</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_177">177</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td6">b. Logik und Wissenschaft</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_185">185</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td6">c. Ursache und Wirkung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_195">195</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td6">d. Ich und Außenwelt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_204">204</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">3. Metaphysik</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_206">206</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td6">Die „wahre“ Welt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_206">206</a></td></tr>
-<tr>
- <td colspan="2" class="td2">III. Die Natur &ndash; ein Machtwille:</td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">1. Die anorganische Natur</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_219">219</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">2. Die organische Natur</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_229">229</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">3. Der Mensch als Naturwesen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_239">239</a></td></tr>
-<tr>
- <td colspan="2" class="td2">IV. Die Gesellschaft &ndash; ein Machtwille:</td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">1. Der Mensch als geselliges Wesen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_253">253</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">2. Der Staat</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_266">266</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td2">V. Kunst &ndash; ein Machtwille</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_277">277</a></td></tr>
-<tr>
- <td>Viertes Buch: Zucht und Züchtung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_308">308</a>-<a href="#Page_376">376</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">1. Die Rangordnung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_308">308</a></td></tr>
-<tr>
- <td class="td4">2. Der züchtende Gedanke</td>
- <td class="tdr"><a href="#Page_347">347</a></td></tr>
-</table>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[Pg 1]</a></span></p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2>Erstes Buch.<br />
-
-<span class="subh2">Der europäische Nihilismus.</span></h2>
-</div>
-
-
-
-
-<h3>1. Geschichte.</h3>
-
-
-<h4>1.</h4>
-
-<p>Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte.
-Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders
-kommen kann: <em>die Heraufkunft des Nihilismus</em>.
-Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die
-Notwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet
-schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich
-an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt.
-Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem
-schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt
-zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los:
-unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der <em>ans
-Ende</em> will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat,
-sich zu besinnen.</p>
-
-
-<h4>2.</h4>
-
-<p>&ndash; Der hier das Wort nimmt, hat umgekehrt nichts bisher
-getan als <em>sich zu besinnen</em>: als ein Philosoph und Einsiedler
-aus Instinkt, der seinen Vorteil im Abseits, im
-Außerhalb, in der Geduld, in der Verzögerung, in der Zurückgebliebenheit
-fand; als ein Wage- und &ndash; Versuchergeist,
-der sich schon in jedes Labyrinth der Zukunft einmal
-verirrt hat; als ein Wahrsagevogel-Geist, der <em>zurückblickt</em>,
-wenn er erzählt, was kommen wird; als der erste vollkommene
-Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon
-in sich zu Ende gelebt hat, &ndash; der ihn <em>hinter sich, unter
-sich, außer sich</em> hat.</p>
-
-
-<h4>3.</h4>
-
-<p>Denn man vergreife sich nicht über den Sinn des Titels,
-mit dem dies Zukunftsevangelium benannt sein will. „<em>Der
-Wille zur Macht.</em> Versuch einer Umwertung aller Werte“
-&ndash; mit dieser Formel ist eine <em>Gegenbewegung</em> zum Aus<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[Pg 2]</a></span>druck
-gebracht in Absicht auf Prinzip und Aufgabe; eine Bewegung,
-welche in irgendeiner Zukunft jenen vollkommenen
-Nihilismus ablösen wird, welche ihn aber <em>voraussetzt</em>, logisch
-und psychologisch, welche schlechterdings nur <em>auf ihn</em>
-und <em>aus ihm</em> kommen kann. Denn warum ist die Heraufkunft
-des Nihilismus nunmehr <em>notwendig</em>? Weil unsre
-bisherigen Werte selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung
-ziehen, weil der Nihilismus die zu Ende gedachte Logik
-unsrer großen Werte und Ideale ist, &ndash; weil wir den Nihilismus
-erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was
-eigentlich der <em>Wert</em> dieser „Werte“ war.... Wir haben,
-irgendwann, <em>neue Werte</em> nötig....</p>
-
-
-<h4>4.</h4>
-
-<p>Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt notwendig
-im Gefolge der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte
-man bereits die Abnahme der Heiterkeit; Frauen dachten
-mit jenem weiblichen Instinkt, der immer zugunsten der Tugend
-Partei nimmt, daß die Immoralität daran schuld sei.
-Galiani traf ins Schwarze: er zitiert Voltaires Vers:</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Un monstre gai vaut mieux<br />
-Qu'un sentimental ennuyeux.</span><br />
-</p>
-
-<p>Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte
-Voltairen und sogar Galiani &ndash; der etwas viel Tieferes war
-&ndash; in der Aufklärung voraus zu sein: wie weit mußte ich
-also gar in der Verdüsterung gelangt sein! Dies ist auch
-wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer Art Bedauern in
-acht vor der deutschen und christlichen Enge und Folgeunrichtigkeit
-des Schopenhauerschen oder gar Leopardischen Pessimismus
-und suchte die prinzipiellsten Formen auf (&ndash;
-Asien &ndash;). Um aber <em>diesen</em> extremen Pessimismus zu ertragen
-(wie er hier und da aus meiner „Geburt der Tragödie“
-herausklingt), „ohne Gott und Moral“ allein zu leben,
-mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht weiß ich
-am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet
-so tief, daß er das Lachen erfinden <em>mußte</em>. Das unglücklichste
-und melancholischste Tier ist, wie billig, das heiterste.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[Pg 3]</a></span></p>
-
-
-<h4>5.<br />
-<span class="normal3 gesperrt">Die drei Jahrhunderte.</span></h4>
-
-<p>Ihre verschiedene <em>Sensibilität</em> drückt sich am besten
-so aus:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p><em>Aristokratismus</em>: Descartes, Herrschaft der <em>Vernunft</em>,
-Zeugnis von der Souveränität des <em>Willens</em>;</p>
-
-<p><em>Femininismus</em>: Rousseau, Herrschaft des <em>Gefühls</em>,
-Zeugnis von der Souveränität der <em>Sinne</em>, verlogen;</p>
-
-<p><em>Animalismus</em>: Schopenhauer, Herrschaft der <em>Begierde</em>,
-Zeugnis von der Souveränität der <em>Animalität</em>,
-redlicher, aber düster.</p></blockquote>
-
-<p>Das 17. Jahrhundert ist <em>aristokratisch</em>, ordnend, hochmütig
-gegen das Animalische, streng gegen das Herz, „ungemütlich“,
-sogar ohne Gemüt, „undeutsch“, dem Burlesken
-und dem Natürlichen abhold, generalisierend und souverän
-gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel
-Raubtier <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span>, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu
-bleiben. Das <em>willensstarke</em> Jahrhundert; auch das der
-starken Leidenschaft.</p>
-
-<p>Das 18. Jahrhundert ist vom <em>Weibe</em> beherrscht, schwärmerisch,
-geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienst
-der Wünschbarkeit, des Herzens, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">libertin</span> im Genusse des
-Geistigsten, alle Autoritäten unterminierend; berauscht, heiter,
-klar, human, falsch vor sich, viel Kanaille <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span>, gesellschaftlich....</p>
-
-<p>Das 19. Jahrhundert ist <em>animalischer</em>, unterirdischer,
-häßlicher, realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb „besser“,
-„ehrlicher“, vor der „Wirklichkeit“ jeder Art unterwürfiger,
-<em>wahrer</em>; aber willensschwach, aber traurig und
-dunkel-begehrlich, aber fatalistisch. Weder vor der „Vernunft“,
-noch vor dem „Herzen“ in Scheu und Hochachtung;
-tief überzeugt von der Herrschaft der Begierde (Schopenhauer
-sagte „Wille“: aber nichts ist charakteristischer für
-seine Philosophie, als daß das eigentliche <em>Wollen</em> in ihr
-fehlt). Selbst die Moral auf einen Instinkt reduziert („Mitleid“).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[Pg 4]</a></span></p>
-
-<p>Auguste Comte ist <em>Fortsetzung des 18. Jahrhunderts</em>
-(Herrschaft von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">cœur</span> über <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la tête</span>, Sensualismus in der
-Erkenntnistheorie, altruistische Schwärmerei).</p>
-
-<p>Daß die <em>Wissenschaft</em> in dem Grade souverän geworden
-ist, das beweist, wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination
-der <em>Ideale losgemacht</em> hat. Eine gewisse „Bedürfnislosigkeit“
-im Wünschen ermöglicht uns erst unsere
-wissenschaftliche Neugierde und Strenge &ndash; diese <em>unsere</em> Art
-Tugend....</p>
-
-<p>Die Romantik ist <em>Nachschlag</em> des 18. Jahrhunderts;
-eine Art aufgetürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei
-großen Stils (&ndash; tatsächlich ein gut Stück Schauspielerei
-und Selbstbetrügerei: man wollte die <em>starke Natur, die
-große Leidenschaft</em> darstellen).</p>
-
-<p>Das 19. Jahrhundert sucht instinktiv nach <em>Theorien</em>, mit
-denen es seine <em>fatalistische Unterwerfung unter das
-Tatsächliche</em> gerechtfertigt fühlt. Schon <em>Hegels</em> Erfolg
-gegen die „Empfindsamkeit“ und den romantischen Idealismus
-lag im Fatalistischen seiner Denkweise, in seinem Glauben
-an die größere Vernunft auf Seiten des Siegreichen, in
-seiner Rechtfertigung des wirklichen „Staates“ (an Stelle
-von „Menschheit“ usw.). &ndash; Schopenhauer: wir sind etwas
-Dummes und bestenfalls sogar etwas Sich-selbst-Aufhebendes.
-Erfolg des Determinismus, der genealogischen Ableitung
-der früher als absolut geltenden <em>Verbindlichkeiten</em>,
-die Lehre vom Milieu und der Anpassung, die Reduktion des
-Willens auf Reflexbewegungen, die Leugnung des Willens
-als „wirkender Ursache“; endlich &ndash; eine wirkliche Umtaufung:
-man sieht so wenig Wille, daß das Wort <em>frei</em> wird,
-um etwas anderes zu bezeichnen. Weitere Theorien: die
-Lehre von der <em>Objektivität</em>, „willenlosen“ Betrachtung,
-als einzigem Weg zur Wahrheit; <em>auch zur Schönheit</em> (&ndash;
-auch der Glaube an das „<em>Genie</em>“, um ein Recht auf <em>Unterwerfung</em>
-zu haben); der Mechanismus, die ausrechenbare
-Starrheit des mechanischen Prozesses; der angebliche
-„Naturalismus“, Elimination des wählenden, richtenden,
-interpretierenden Subjekts als Prinzip &ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[Pg 5]</a></span></p>
-
-<p>Kant, mit seiner „praktischen Vernunft“, mit seinem
-<em>Moral-Fanatismus</em> ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig
-außerhalb der historischen Bewegung; ohne jeden Blick für
-die Wirklichkeit seiner Zeit, zum Beispiel Revolution; unberührt
-von der griechischen Philosophie; Phantast des Pflichtbegriffs;
-Sensualist, mit dem Hinterhang der dogmatischen
-Verwöhnung &ndash;.</p>
-
-<p>Die <em>Rückbewegung auf Kant</em> in unserem Jahrhundert
-ist eine <em>Rückbewegung zum achtzehnten Jahrhundert</em>:
-man will sich ein Recht wieder auf die <em>alten Ideale</em> und die
-alte Schwärmerei verschaffen, &ndash; darum eine Erkenntnistheorie,
-welche „Grenzen setzt“, das heißt erlaubt, ein <em>Jenseits
-der Vernunft nach Belieben anzusetzen</em>....</p>
-
-<p>Die Denkweise <em>Hegels</em> ist von der <em>Goethe</em>schen nicht
-sehr entfernt: man höre Goethe über <em>Spinoza</em>. Wille zur
-Vergöttlichung des Alls und des Lebens, um in seinem Anschauen
-und Ergründen <em>Ruhe</em> und <em>Glück</em> zu finden; Hegel
-sucht Vernunft überall, &ndash; vor der Vernunft darf man sich
-<em>ergeben</em> und <em>bescheiden</em>. Bei Goethe eine Art von fast
-<em>freudigem</em> und <em>vertrauendem Fatalismus</em>, der nicht
-revoltiert, der nicht ermattet, der aus sich eine Totalität zu
-bilden sucht, im Glauben, daß erst in der Totalität alles sich
-erlöst, als gut und gerechtfertigt erscheint.</p>
-
-
-<h4>6.</h4>
-
-<p><em>Voltaire</em> &ndash; <em>Rousseau</em>. &ndash; Der Zustand der Natur ist
-furchtbar, der Mensch ist Raubtier; unsere Zivilisation ist
-ein unerhörter <em>Triumph</em> über diese Raubtiernatur: &ndash; <em>so
-schloß Voltaire</em>. Er empfand die Milderung, die Raffinements,
-die geistigen Freuden des zivilisierten Zustandes;
-er verachtete die Borniertheit, auch in der Form der Tugend;
-den Mangel an Delikatesse auch bei den Asketen und
-Mönchen.</p>
-
-<p>Die <em>moralische Verwerflichkeit</em> des Menschen schien
-<em>Rousseau zu präokkupieren</em>; man kann mit den Worten
-„ungerecht“, „grausam“ am meisten die Instinkte der Unterdrückten
-aufreizen, die sich sonst unter dem Bann des<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[Pg 6]</a></span>
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vetitum</span> und der Ungnade befinden: <em>so daß ihr Gewissen
-ihnen die aufrührerischen Begierden widerrät</em>. Diese
-Emanzipatoren suchen vor allem <em>eins</em>: ihrer Partei die
-großen Akzente und Attitüden der <em>höheren Natur</em> zu geben.</p>
-
-
-<h4>7.</h4>
-
-<p><em>Rousseau</em>: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur
-als Quelle der Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet
-sich in dem Maße, in dem er sich der <em>Natur nähert</em>
-(&ndash; nach Voltaire in dem Maße, in dem er sich <em>von der
-Natur entfernt</em>). Dieselben Epochen für den einen die des
-Fortschritts der <em>Humanität</em>, für den andern Zeiten der Verschlimmerung
-von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.</p>
-
-<p>Voltaire noch die <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">umanità</span> im Sinne der Renaissance begreifend,
-insgleichen die <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span> (als „hohe Kultur“), er
-kämpft für die Sache der „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêtes gens</span>“ und „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de la
-bonne compagnie</span>“, die Sache des Geschmacks, der Wissenschaft,
-der Künste, die Sache des Fortschritts selbst und der
-Zivilisation.</p>
-
-<p><em>Der Kampf gegen 1760 entbrannt</em>: der Genfer Bürger
-und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le seigneur de Ferney</span>. Erst von da an wird Voltaire
-der Mann seines Jahrhunderts, der Philosoph, der
-Vertreter der Toleranz und des Unglaubens (bis dahin nur
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">un bel esprit</span>). Der Neid und der Haß auf Rousseaus Erfolg
-trieb ihn vorwärts, „in die Höhe“.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Pour „la canaille“ un dieu rémunérateur et vengeur</span>
-&ndash; Voltaire.</p>
-
-<p>Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den <em>Wert der
-Zivilisation</em>. Die <em>soziale Erfindung</em>, die schönste, die
-es für Voltaire gibt: es gibt kein höheres Ziel, als sie zu
-unterhalten und zu vervollkommnen; eben das ist die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêteté</span>,
-die sozialen Gebräuche zu achten; Tugend ein Gehorsam
-gegen gewisse notwendige „Vorurteile“ zugunsten der
-Erhaltung der „Gesellschaft“. <em>Kultur-Missionär</em>, Aristokrat,
-Vertreter der siegreichen, herrschenden Stände und
-ihrer Wertungen. Aber Rousseau blieb <em>Plebejer</em>, auch als
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">homme de lettres</span>, das war <em>unerhört</em>; seine unverschämte
-Verachtung alles dessen, was nicht er selbst war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[Pg 7]</a></span></p>
-
-<p>Das <em>Krankhafte</em> an Rousseau am meisten bewundert
-und <em>nachgeahmt</em>. (Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu
-erhabenen Attitüden aufschraubend, zum rankünösen Groll;
-Zeichen der „Gemeinheit“; später, durch <em>Venedig</em> ins
-Gleichgewicht gebracht, begriff er, was <em>mehr erleichtert</em>
-und <em>wohltut</em>, .... <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'insouciance</span>.)</p>
-
-<p>Rousseau ist stolz in Hinsicht auf das, was er ist, trotz
-seiner Herkunft; aber er gerät außer sich, wenn man ihn
-daran erinnert ....</p>
-
-<p>Bei Rousseau unzweifelhaft die <em>Geistesstörung</em>, bei
-Voltaire eine ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die
-<em>Ranküne des Kranken</em>; die Zeiten seines Irrsinns auch
-die seiner Menschenverachtung und seines Mißtrauens.</p>
-
-<p>Die Verteidigung der <em>Providenz</em> durch Rousseau (gegen
-den Pessimismus Voltaires): er <em>brauchte</em> Gott, um den
-Fluch auf die Gesellschaft und die Zivilisation werfen zu
-können; alles mußte an sich gut sein, da Gott es geschaffen;
-<em>nur der Mensch hat den Menschen verdorben</em>. Der
-„gute Mensch“ als Naturmensch war eine reine Phantasie;
-aber mit dem Dogma von der Autorschaft Gottes etwas
-Wahrscheinliches und Begründetes.</p>
-
-<p><em>Romantik</em> <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> <em>Rousseau</em>: die Leidenschaft („das souveräne
-Recht der Passion“); die „Natürlichkeit“; die Faszination
-der Verrücktheit (die Narrheit zur Größe gerechnet);
-die unsinnige Eitelkeit des Schwachen; die Pöbel-Ranküne
-als <em>Richterin</em> („in der Politik hat man seit hundert
-Jahren einen Kranken als Führer genommen“).</p>
-
-
-<h4>8.</h4>
-
-<p>Die <em>beiden großen Tentativen</em>, die gemacht worden
-sind, das 18. Jahrhundert zu überwinden:</p>
-
-<p class="list"><em>Napoleon</em>, indem er den Mann, den Soldaten und den
-großen Kampf um Macht wieder aufweckte &ndash; Europa
-als politische Einheit konzipierend;</p>
-
-<p class="list"><em>Goethe</em>, indem er eine europäische Kultur imaginierte,
-die die volle Erbschaft der schon <em>erreichten</em> Humanität
-macht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[Pg 8]</a></span></p>
-
-<p>Die deutsche Kultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen
-&ndash; in der Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende
-Element Goethe &ndash;</p>
-
-
-<h4>9.</h4>
-
-<p><em>Schopenhauer als Nachschlag (Zustand vor der Revolution)</em>:
-&ndash; Mitleid, Sinnlichkeit, Kunst, Schwäche des
-Willens, Katholizismus der geistigsten Begierden &ndash; das ist
-gutes achtzehntes Jahrhundert <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span>.</p>
-
-<p><em>Schopenhauers</em> Grundmißverständnis des <em>Willens</em>
-(wie als ob Begierde, Instinkt, Trieb das <em>Wesentliche</em> am
-Willen sei) ist typisch: Werterniedrigung des Willens bis
-zur Verkennung. Insgleichen Haß gegen das Wollen; Versuch,
-in dem Nicht-mehr-wollen, im „Subjektsein <em>ohne</em> Ziel
-und Absicht“ (im „reinen willensfreien Subjekt“) etwas
-Höheres, <em>ja das</em> Höhere, das Wertvolle zu sehen. Großes
-Symptom der <em>Ermüdung</em> oder der <em>Schwäche</em> des <em>Willens</em>:
-denn dieser ist ganz eigentlich das, was die Begierden
-als Herr behandelt, ihnen Weg und Maß weist....</p>
-
-
-<h4>10.</h4>
-
-<p>Henrik Ibsen ist mir sehr deutlich geworden. Mit all
-seinem robusten Idealismus und „Willen zur Wahrheit“ hat
-er sich nicht von dem Moral-Illusionismus frei zu machen
-gewagt, welcher „Freiheit“ sagt und sich nicht eingestehen
-will, was Freiheit ist: die zweite Stufe in der Metamorphose
-des „Willens zur Macht“ seitens derer, denen sie
-fehlt. Auf der ersten verlangt man Gerechtigkeit von Seiten
-derer, welche die Macht haben. Auf der zweiten sagt man
-„Freiheit“, das heißt, man will „loskommen“ von denen,
-welche die Macht haben. Auf der dritten sagt man „<em>gleiche
-Rechte</em>“, das heißt, man will, so lange man noch nicht das
-Übergewicht hat, auch die Mitbewerber hindern, in der Macht
-zu wachsen.</p>
-
-
-<h4>11.</h4>
-
-<p><em>Kritik des modernen Menschen</em>: &ndash; „der gute
-Mensch“, nur verdorben und verführt durch schlechte Institutionen
-(Tyrannen und Priester); &ndash; die Vernunft als<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[Pg 9]</a></span>
-Autorität; &ndash; die Geschichte als Überwindung von Irrtümern;
-&ndash; die Zukunft als Fortschritt; &ndash; der christliche
-Staat („der Gott der Heerscharen“); &ndash; der christliche Geschlechtsbetrieb
-(oder die Ehe); &ndash; das Reich der „Gerechtigkeit“
-(der Kultus der „Menschheit“); &ndash; die „Freiheit“.</p>
-
-<p>Die <em>romantische</em> Attitüde des modernen Menschen: &ndash;
-der edle Mensch (Byron, Victor Hugo, George Sand); &ndash;
-die edle Entrüstung; &ndash; die Heiligung durch die Leidenschaft
-(als wahre „Natur“); &ndash; die Parteinahme für die
-Unterdrückten und Schlechtweggekommenen: Motto der Historiker
-und Romanziers; &ndash; die Stoiker der Pflicht; &ndash;
-die „Selbstlosigkeit“ als Kunst und Erkenntnis; &ndash; der
-Altruismus als verlogenste Form des Egoismus (Utilitarismus),
-gefühlsamster Egoismus.</p>
-
-<p>Dies alles ist achtzehntes Jahrhundert. Was dagegen
-<em>nicht</em> sich aus ihm vererbt hat: die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">insouciance</span>, die Heiterkeit,
-die Eleganz, die geistige Helligkeit. Das Tempo des
-Geistes hat sich verändert; der Genuß an der geistigen Feinheit
-und Klarheit ist dem Genuß an der Farbe, Harmonie,
-Masse, Realität usw. gewichen. Sensualismus im Geistigen.
-Kurz, es ist das achtzehnte Jahrhundert <em>Rousseaus</em>.</p>
-
-
-<h4>12.</h4>
-
-<p>Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung
-waren: wir haben an der Jugend selber gelitten wie an einer
-schweren Krankheit. Das macht die Zeit, in die wir geworfen
-sind &ndash; die Zeit eines großen inneren Verfalles und Auseinanderfalles,
-welche mit allen ihren Schwächen und noch
-mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegenwirkt.
-Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit, ist
-dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem
-Glauben an sich: man lebt für morgen, denn das Übermorgen
-ist zweifelhaft. Es ist alles glatt und gefährlich auf unserer
-Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so
-dünn geworden: wir fühlen alle den warmen, unheimlichen
-Atem des Tauwindes &ndash; wo wir noch gehen, da wird bald
-niemand mehr gehen <em>können</em>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[Pg 10]</a></span></p>
-
-
-<h4>13.<br />
-
-<span class="normal3 gesperrt">Zur Geschichte der modernen Verdüsterung.</span></h4>
-
-<p>Die Staatsnomaden (Beamte usw.): ohne „Heimat“ &ndash;</p>
-
-<p>Der Niedergang der Familie.</p>
-
-<p>Der „gute Mensch“ als Symptom der Erschöpfung.</p>
-
-<p>Gerechtigkeit als Wille zur Macht (Züchtung).</p>
-
-<p>Geilheit und Neurose.</p>
-
-<p>Der Anarchist.</p>
-
-<p>Menschenverachtung, Ekel.</p>
-
-<p>Tiefste Unterscheidung: ob der Hunger oder der Überfluß
-schöpferisch wird? Ersterer erzeugt die <em>Ideale der Romantik</em>.
-&ndash;</p>
-
-<p>Nordische Unnatürlichkeit.</p>
-
-<p>Das Bedürfnis nach <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Alcoholica</span>: die Arbeiter-„Not“.</p>
-
-<p>Der philosophische Nihilismus.</p>
-
-
-<h4>14.</h4>
-
-<p>Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren
-und niederen Stände (eingerechnet der niederen Art
-Geist und Leib), welches schon vor der französischen Revolution
-reichlich präludiert und ohne Revolution ebenfalls
-seinen Weg vorwärts gemacht hätte, &ndash; im Ganzen also das
-Übergewicht der Herde über alle Hirten und Leithämmel &ndash;
-bringt mit sich</p>
-
-<p>1. Verdüsterung des Geistes (&ndash; das Beieinander eines
-stoischen und frivolen <em>Anscheins</em> von Glück, wie es vornehmen
-Kulturen eigen ist, nimmt ab; man läßt viele Leiden
-<em>sehen</em> und <em>hören</em>, welche man früher ertrug und verbarg);</p>
-
-<p>2. die <em>moralische</em> Hypokrisie (eine Art, sich durch Moral
-<em>auszeichnen</em> zu wollen, aber durch die Herden-Tugenden:
-Mitleid, Fürsorge, Mäßigung, welche nicht außer dem
-Herden-Vermögen erkannt und gewürdigt werden);</p>
-
-<p>3. eine <em>wirkliche</em> große Menge von Mitleiden und Mitfreude
-(das Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[Pg 11]</a></span>
-alle Herdentiere haben &ndash; „Gemeinsinn“, „Vaterland“,
-alles, wo das Individuum nicht in Betracht kommt).</p>
-
-
-<h4>15.</h4>
-
-<p>Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt
-und der Wille der <em>Tradition</em>: alle Institutionen,
-die diesem Instinkt ihre Herkunft verdanken, gehen dem
-modernen Geiste wider den Geschmack.... Im Grunde denkt
-und tut man nichts, was nicht den Zweck verfolgte, diesen
-Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen.
-Man nimmt die Tradition als Fatalität; man studiert sie,
-man erkennt sie an (als „Erblichkeit“ &ndash;), aber man <em>will</em>
-sie nicht. Die Anspannung eines Willens über lange Zeitfernen
-hin, die Auswahl der Zustände und Wertungen,
-welche es machen, daß man über Jahrhunderte der Zukunft
-verfügen kann &ndash; das gerade ist im höchsten Maße antimodern.
-Woraus sich ergibt, daß die <em>desorganisierenden</em>
-Prinzipien unserem Zeitalter den Charakter geben. &ndash;</p>
-
-
-<h4>16.</h4>
-
-<p>Die ehemaligen Mittel, <em>gleichartige</em>, dauernde Wesen
-durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz,
-Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und
-Heroen-Glaubens als der Ahnherren).</p>
-
-<p>Jetzt gehört die <em>Zersplitterung des Grundbesitzes</em> in
-die entgegengesetzte Tendenz: eine <em>Zeitung</em> (an Stelle der
-täglichen <em>Gebete</em>), Eisenbahn, Telegraph. Zentralisation
-einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in einer
-Seele: die <em>dazu</em> sehr stark und verwandlungsfähig sein muß.</p>
-
-
-<h4>17.</h4>
-
-<p>Die „<em>Modernität</em>“ unter dem Gleichnis von Ernährung
-und Verdauung. &ndash;</p>
-
-<p>Die Sensibilität unsäglich reizbarer (&ndash; unter moralistischem
-Aufputz: die Vermehrung des <em>Mitleids</em> &ndash;); die
-Fülle disparater Eindrücke größer als je: &ndash; der <em>Kosmopolitismus</em>
-der Speisen, der Literaturen, Zeitungen, Formen,
-Geschmäcker, selbst Landschaften. Das <em>Tempo</em> dieser<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[Pg 12]</a></span>
-Einströmung ein <em>Prestissimo</em>; die Eindrücke wischen sich
-aus; man wehrt sich instinktiv, etwas hereinzunehmen, <em>tief</em>
-zu nehmen, etwas zu „verdauen“; &ndash; Schwächung der Verdauungskraft
-resultiert daraus. Eine Art <em>Anpassung</em> an
-diese Überhäufung mit Eindrücken tritt ein: der Mensch verlernt
-zu <em>agieren</em>; <em>er reagiert nur noch</em> auf Erregungen
-von außen her. Er <em>gibt seine Kraft aus</em> teils in der <em>Aneignung</em>,
-teils in der <em>Verteidigung</em>, teils in der <em>Entgegnung</em>.
-<em>Tiefe Schwächung der Spontaneität</em>: &ndash; der
-Historiker, Kritiker, Analytiker, der Interpret, der Beobachter,
-der Sammler, der Leser, &ndash; alles <em>reaktive</em> Talente,
-&ndash; alle Wissenschaft!</p>
-
-<p>Künstliche <em>Zurechtmachung</em> seiner Natur zum „Spiegel“;
-interessiert, aber gleichsam bloß epidermal-interessiert;
-eine grundsätzliche Kühle, ein Gleichgewicht, eine festgehaltene
-<em>niedere</em> Temperatur dicht unter der dünnen Fläche,
-auf der es Wärme, Bewegung, „Sturm“, Wellenspiel gibt.</p>
-
-<p>Gegensatz der <em>äußeren</em> Beweglichkeit zu einer gewissen
-<em>tiefen Schwere und Müdigkeit</em>.</p>
-
-
-<h4>18.</h4>
-
-<p>Die <em>Zuchtlosigkeit des modernen Geistes</em> unter allerhand
-moralischem Aufputz. &ndash; Die Prunkworte sind: die
-Toleranz (für „Unfähigkeit zu Ja und Nein“); <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la largeur
-de sympathie</span> (= ein Drittel Indifferenz, ein Drittel Neugierde,
-ein Drittel krankhafte Erregbarkeit); die „Objektivität“
-(= Mangel an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit
-zur „Liebe“); die „Freiheit“ gegen die Regel (Romantik);
-die „Wahrheit“ gegen die Fälscherei und Lügnerei (Naturalismus);
-die „Wissenschaftlichkeit“ (das „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">document humain</span>“:
-auf Deutsch der Kolportageroman und die Addition
-&ndash; statt der Komposition); die „Leidenschaft“ an Stelle
-der Unordnung und der Unmäßigkeit; die „Tiefe“ an Stelle
-der Verworrenheit, des Symbolen-Wirrwarrs.</p>
-
-
-<h4>19.</h4>
-
-<p>Man kennt die Art Mensch, welche sich in die Sentenz
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">tout comprendre c'est tout pardonner</span> verliebt hat. Es<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[Pg 13]</a></span>
-sind die Schwachen, es sind vor allem die Enttäuschten:
-wenn es an allem etwas zu verzeihen gibt, so gibt es auch
-an allem etwas zu verachten! Es ist die Philosophie der Enttäuschung,
-die sich hier so human in Mitleiden einwickelt und
-süß blickt.</p>
-
-<p>Das sind Romantiker, denen der Glaube flöten ging: nun
-wollen sie wenigstens noch <em>zusehen</em>, wie alles läuft und verläuft.
-Sie nennen's <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'art pour l'art</span>, „Objektivität“ usw.</p>
-
-
-<h4>20.</h4>
-
-<p>Überarbeitung, Neugierde und Mitgefühl &ndash; unsere <em>modernen
-Laster</em>.</p>
-
-
-<h4>21.</h4>
-
-<p>Wohin gehört unsre moderne Welt: in die Erschöpfung
-oder in den Aufgang? &ndash; Ihre Vielheit und Unruhe bedingt
-durch die höchste Form des <em>Bewußtwerdens</em>.</p>
-
-
-<h4>22.</h4>
-
-<p>Die Deutschen <em>sind</em> noch nichts, aber sie <em>werden</em> etwas;
-also haben sie noch keine Kultur, &ndash; also können sie noch
-keine Kultur haben! Das ist mein Satz: mag sich daran
-stoßen, wer es muß. &ndash; Sie sind noch nichts: das heißt, sie
-sind allerlei. Sie <em>werden</em> etwas: das heißt, sie hören einmal
-auf, allerlei zu sein. Das letzte ist im Grunde nur ein
-Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicherweise ein
-Wunsch, auf dem man leben kann, eine Sache des Willens,
-der Arbeit, der Zucht, der Züchtung so gut, als eine Sache
-des Unwillens, des Verlangens, der Entbehrung, des Unbehagens,
-ja der Erbitterung, &ndash; kurz, wir Deutschen <em>wollen</em>
-etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte &ndash; wir
-wollen etwas <em>mehr</em>!</p>
-
-<p>Daß diesem „Deutschen, wie er noch nicht ist“ &ndash; etwas
-Besseres zukommt, als die heutige deutsche „Bildung“; daß
-alle „Werdenden“ ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit
-auf diesem Bereiche, ein dreistes „Sich-zur-Ruhe-setzen“
-oder „Sich-selbst-anräuchern“ wahrnehmen: das ist
-mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht umgelernt
-habe.</p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[Pg 14]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h3>2. Wesen und Ursache.</h3>
-
-
-<h4>23.</h4>
-
-<p>Was bedeutet Nihilismus? &ndash; <em>Daß die obersten Werte
-sich entwerten.</em> Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf
-das „Warum?“</p>
-
-
-<h4>24.</h4>
-
-<p>Der <em>radikale Nihilismus</em> ist die Überzeugung einer absoluten
-Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die
-höchsten Werte, die man anerkennt, handelt; hinzugerechnet
-die <em>Einsicht</em>, daß wir nicht das geringste Recht haben, ein
-Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das „göttlich“,
-das leibhafte Moral sei.</p>
-
-<p>Diese Einsicht ist eine Folge der großgezogenen „Wahrhaftigkeit“:
-somit selbst eine Folge des Glaubens an die
-Moral.</p>
-
-
-<h4>25.</h4>
-
-<p>Nihilismus. Er ist <em>zweideutig</em>:</p>
-
-<p><span class="antiqua">A.</span> Nihilismus als Zeichen der <em>gesteigerten Macht des
-Geistes</em>: <em>der aktive Nihilismus</em>.</p>
-
-<p><span class="antiqua">B.</span> Nihilismus als <em>Niedergang und Rückgang der
-Macht des Geistes</em>: <em>der passive Nihilismus</em>.</p>
-
-
-<h4>26.</h4>
-
-<p>Der Nihilismus ein <em>normaler</em> Zustand.</p>
-
-<p>Er kann ein Zeichen von <em>Stärke</em> sein, die Kraft des Geistes
-kann so angewachsen sein, daß ihr die <em>bisherigen</em> Ziele
-(„Überzeugungen“, Glaubensartikel) unangemessen sind (&ndash;
-ein Glaube nämlich drückt im allgemeinen den Zwang von
-<em>Existenzbedingungen</em> aus, eine Unterwerfung unter die
-Autorität von Verhältnissen, unter denen ein Wesen <em>gedeiht,
-wächst, Macht gewinnt</em>....); andrerseits ein Zeichen
-von <em>nicht genügender Stärke</em>, um produktiv sich nun
-auch wieder ein Ziel, ein Warum, einen Glauben zu <em>setzen</em>.</p>
-
-<p>Sein <em>Maximum</em> von relativer Kraft erreicht er als gewalttätige
-Kraft der <em>Zerstörung</em>: als <em>aktiver Nihilismus</em>.</p>
-
-<p>Sein Gegensatz wäre der <em>müde</em> Nihilismus, der nicht<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[Pg 15]</a></span>
-mehr <em>angreift</em>: seine berühmteste Form der Buddhismus:
-als <em>passivischer</em> Nihilismus, als ein Zeichen von Schwäche:
-die Kraft des Geistes kann ermüdet, <em>erschöpft</em> sein, so daß
-die <em>bisherigen</em> Ziele und Werte unangemessen sind und
-keinen Glauben mehr finden &ndash;, daß die Synthesis der
-Werte und Ziele (auf der jede starke Kultur beruht) sich löst,
-so daß die einzelnen Werte sich Krieg machen: <em>Zersetzung</em>
-&ndash;, daß alles, was erquickt, heilt, beruhigt, betäubt, in den
-Vordergrund tritt, unter verschiedenen <em>Verkleidungen</em>, religiös
-oder moralisch, oder politisch, oder ästhetisch usw.</p>
-
-
-<h4>27.</h4>
-
-<p>Der Nihilismus stellt einen pathologischen <em>Zwischenzustand</em>
-dar (pathologisch ist die ungeheure Verallgemeinerung,
-der Schluß auf <em>gar keinen Sinn</em>): sei es, daß die
-produktiven Kräfte noch nicht stark genug sind, &ndash; sei es,
-daß die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> noch zögert und ihre Hilfsmittel noch
-nicht erfunden hat.</p>
-
-<p><em>Voraussetzung dieser Hypothese</em>: &ndash; Daß es <em>keine
-Wahrheit</em> gibt; daß es keine absolute Beschaffenheit der
-Dinge, kein „Ding an sich“ gibt. &ndash; <em>Dies ist selbst nur
-Nihilismus, und zwar der extremste.</em> Er legt den
-<em>Wert</em> der Dinge gerade dahinein, daß diesen Werten <em>keine</em>
-Realität entspricht und entsprach, sondern daß sie nur ein
-Symptom von Kraft auf Seiten der <em>Wert-Ansetzer</em> sind,
-eine Simplifikation zum <em>Zweck des Lebens</em>.</p>
-
-
-<h4>28.</h4>
-
-<p>Die Frage des Nihilismus „wozu?“ geht von der bisherigen
-Gewöhnung aus, vermöge deren das Ziel <em>von außen
-her</em> gestellt, gegeben, gefordert schien &ndash; nämlich durch irgendeine
-<em>übermenschliche Autorität</em>. Nachdem man verlernt
-hat, an diese zu glauben, sucht man doch nach alter Gewöhnung
-nach einer <em>anderen</em> Autorität, welche <em>unbedingt
-zu reden wüßte</em> und Ziele und Aufgaben <em>befehlen könnte</em>.
-Die Autorität des <em>Gewissens</em> tritt jetzt in erster Linie (je
-mehr emanzipiert von der Theologie, um so imperativischer
-wird die <em>Moral</em>) als Schadenersatz für eine <em>persönliche</em><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[Pg 16]</a></span>
-Autorität. Oder die Autorität der <em>Vernunft</em>. Oder der <em>soziale
-Instinkt</em> (die Herde). Oder die <em>Historie</em> mit einem
-immanenten Geist, welche ihr Ziel in sich hat und der man
-sich <em>überlassen kann</em>. Man möchte <em>herumkommen</em> um
-den <em>Willen</em>, um das <em>Wollen</em> eines Zieles, um das Risiko,
-<em>sich selbst</em> ein Ziel zu geben; man möchte die Verantwortung
-abwälzen (&ndash; man würde den <em>Fatalismus</em> akzeptieren).
-Endlich: <em>Glück</em>, und, mit einiger Tartüfferie, das
-<em>Glück der Meisten</em>.</p>
-
-<p>Man sagt sich</p>
-
-<p>1. ein bestimmtes Ziel ist gar nicht nötig,</p>
-
-<p>2. ist gar nicht möglich vorherzusehen.</p>
-
-<p>Gerade jetzt, wo der <em>Wille</em> in der <em>höchsten Kraft nötig</em>
-wäre, ist er am <em>schwächsten</em> und <em>kleinmütigsten</em>. <em>Absolutes
-Mißtrauen gegen die organisatorische Kraft</em> des
-Willens <em>fürs Ganze</em>.</p>
-
-
-<h4>29.</h4>
-
-<p>Der Nihilismus ist nicht nur eine Betrachtsamkeit über
-das „Umsonst!“ und nicht nur der Glaube, daß alles wert
-ist, zugrunde zu gehen: man legt Hand an, man <em>richtet zugrunde</em>....
-Das ist, wenn man will, <em>unlogisch</em>: aber der
-Nihilist glaubt nicht an die Nötigung, logisch zu sein.... Es
-ist der Zustand starker Geister und Willen: und solchen ist
-es nicht möglich, bei dem Nein „des Urteils“ stehen zu bleiben:
-&ndash; das <em>Nein der Tat</em> kommt aus ihrer Natur. Der
-Vernichtsung durch das Urteil sekundiert die Vernichtsung
-durch die Hand.</p>
-
-
-<h4>30.</h4>
-
-<p><em>Zur Genesis des Nihilisten.</em> &ndash; Man hat nur spät
-den Mut zu dem, was man eigentlich <em>weiß</em>. Daß ich von
-Grund aus bisher Nihilist gewesen bin, das habe ich mir erst
-seit kurzem eingestanden: die Energie, der Radikalismus,
-mit dem ich als Nihilist vorwärts ging, täuschte mich über
-diese Grundtatsache. Wenn man einem Ziele entgegengeht,
-so scheint es unmöglich, daß „die Ziellosigkeit an sich“ unser
-Glaubensgrundsatz ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[Pg 17]</a></span></p>
-
-
-<h4>31.</h4>
-
-<p>Der philosophische Nihilist ist der Überzeugung, daß alles
-Geschehen sinnlos und umsonstig ist; und es sollte kein sinnloses
-und umsonstiges Sein geben. Aber woher dieses: Es
-sollte nicht? Aber woher nimmt man <em>diesen</em> „Sinn“, <em>dieses</em>
-Maß? &ndash; Der Nihilist meint im Grunde, der Hinblick
-auf ein solches ödes, nutzloses Sein wirke auf einen Philosophen
-<em>unbefriedigend</em>, öde, verzweifelt. Eine solche Einsicht
-widerspricht unserer feineren Sensibilität als Philosophen.
-Es läuft auf die absurde Wertung hinaus: der Charakter
-des Daseins <em>müßte dem Philosophen Vergnügen
-machen</em>, wenn anders es zu Recht bestehen soll....</p>
-
-<p>Nun ist leicht zu begreifen, daß Vergnügen und Unlust
-innerhalb des Geschehens nur den Sinn von <em>Mitteln</em> haben
-können: es bliebe übrig, zu fragen, ob wir den „Sinn“,
-„Zweck“ überhaupt sehen <em>könnten</em>, ob nicht die Frage der
-Sinnlosigkeit oder ihres Gegenteils für uns unlösbar ist. &ndash;</p>
-
-
-<h4>32.</h4>
-
-<p><em>Die Arten der Selbstbetäubung.</em> &ndash; Im Innersten:
-nicht wissen, wohinaus? <em>Leere.</em> Versuch, mit Rausch darüber
-hinwegzukommen: Rausch als Musik, Rausch als Grausamkeit
-im tragischen Genuß des Zugrundegehens des Edelsten,
-Rausch als blinde Schwärmerei für einzelne <em>Menschen</em> oder
-<em>Zeiten</em> (als Haß usw.). &ndash; Versuch, besinnungslos zu arbeiten,
-als Werkzeug der Wissenschaft: das Auge offen
-machen für die vielen kleinen Genüsse, zum Beispiel auch
-als Erkennender (Bescheidenheit gegen sich); die Bescheidung
-über sich zu generalisieren, zu einem Pathos; die Mystik,
-der wollüstige <em>Genuß</em> der ewigen Leere; die Kunst „um
-ihrer selber willen“ („<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le fait</span>“), das „reine Erkennen“ als
-Narkosen des Ekels an <em>sich</em> selber; irgend welche beständige
-Arbeit, <em>irgend</em>ein kleiner dummer Fanatismus; das Durcheinander
-aller Mittel, Krankheit durch allgemeine Unmäßigkeit
-(die Ausschweifung tötet das Vergnügen).</p>
-
-<p>1. Willensschwäche als Resultat.</p>
-
-<p>2. Extremer Stolz und die Demütigung kleinlicher Schwäche
-im Kontrast <em>gefühlt</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[Pg 18]</a></span></p>
-
-
-<h4>33.</h4>
-
-<p>Der <em>unvollständige</em> Nihilismus, seine Formen: wir
-leben mitten drin.</p>
-
-<p>Die Versuche, dem Nihilismus zu entgehen, <em>ohne</em> die bisherigen
-Werte umzuwerten: bringen das Gegenteil hervor,
-verschärfen das Problem.</p>
-
-
-<h4>34.</h4>
-
-<p>1. Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns
-dieser unheimlichste aller Gäste? &ndash; Ausgangspunkt: es ist
-ein <em>Irrtum</em>, auf „soziale Notstände“ oder „physiologische
-Entartungen“ oder gar auf Korruption hinzuweisen als <em>Ursache</em>
-des Nihilismus. Es ist die honnetteste, mitfühlendste
-Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich
-durchaus nicht vermögend, Nihilismus (das heißt, die radikale
-Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen.
-Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene
-Ausdeutungen. Sondern: in einer <em>ganz bestimmten
-Ausdeutung</em>, in der christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.</p>
-
-<p>2. Der Untergang des Christentums &ndash; an seiner <em>Moral</em>
-(die unablösbar ist &ndash;), welche sich gegen den christlichen
-Gott wendet (der Sinn der Wahrhaftigkeit, durch das Christentum
-hoch entwickelt, bekommt <em>Ekel</em> vor der Falschheit
-und Verlogenheit aller christlichen Welt- und Geschichtsdeutung.
-Rückschlag von „Gott ist die Wahrheit“ in den fanatischen
-Glauben „Alles ist falsch“. Buddhismus der <em>Tat</em>...).</p>
-
-<p>3. Skepsis an der Moral ist das Entscheidende. Der Untergang
-der <em>moralischen</em> Weltauslegung, die keine <em>Sanktion</em>
-mehr hat, nachdem sie versucht hat, sich in eine Jenseitigkeit
-zu flüchten: endet in Nihilismus. „Alles hat keinen Sinn“
-(die Undurchführbarkeit einer Weltauslegung, der ungeheure
-Kraft gewidmet worden ist &ndash; erweckt das Mißtrauen, ob
-nicht <em>alle</em> Weltauslegungen falsch sind &ndash;). Buddhistischer
-Zug, Sehnsucht ins Nichts. (Der indische Buddhismus hat
-nicht eine grundmoralische Entwicklung hinter sich, deshalb
-ist bei ihm im Nihilismus nur unüberwundene Moral: Dasein
-als Strafe, Dasein als Irrtum kombiniert, der Irrtum<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[Pg 19]</a></span>
-also als Strafe &ndash; eine moralische Wertschätzung). Die philosophischen
-Versuche, den „moralischen Gott“ zu überwinden
-(Hegel, Pantheismus); Überwindung der volkstümlichen
-Ideale: der Weise, der Heilige; der Dichter. Antagonismus
-von „wahr“ und „schön“ und „gut“ &ndash; &ndash;</p>
-
-<p>4. Gegen die „Sinnlosigkeit“ einerseits, gegen die moralischen
-Werturteile andererseits: inwiefern alle Wissenschaft
-und Philosophie bisher unter moralischen Urteilen stand?
-und ob man nicht die Feindschaft der Wissenschaft mit in
-den Kauf bekommt? Oder die Antiwissenschaftlichkeit? Kritik
-des Spinozismus. Die christlichen Werturteile überall
-in den sozialistischen und positivistischen Systemen rückständig.
-Es fehlt eine <em>Kritik der christlichen Moral</em>.</p>
-
-<p>5. Die nihilistischen Konsequenzen der jetzigen Naturwissenschaft
-(nebst ihren Versuchen, ins Jenseitige zu entschlüpfen).
-Aus ihrem Betriebe <em>folgt</em> endlich eine Selbstzersetzung,
-eine Wendung gegen <em>sich</em>, eine Antiwissenschaftlichkeit.
-Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum
-ins <span class="antiqua">x</span>.</p>
-
-<p>6. Die nihilistischen Konsequenzen der politischen und
-volkswirtschaftlichen Denkweise, wo alle „Prinzipien“ nachgerade
-zur Schauspielerei gehören: der Hauch von Mittelmäßigkeit,
-Erbärmlichkeit, Unaufrichtigkeit usw. Der Nationalismus.
-Der Anarchismus usw. Strafe. Es fehlt der <em>erlösende</em>
-Stand und Mensch, die Rechtfertiger &ndash;</p>
-
-<p>7. Die nihilistischen Konsequenzen der Historie und der
-„<em>praktischen</em> Historiker“, das heißt der Romantiker. Die
-Stellung der Kunst: absolute Unoriginalität ihrer Stellung
-in der modernen Welt. Ihre Verdüsterung. Goethes angebliches
-Olympiertum.</p>
-
-<p>8. Die Kunst und die Vorbereitung des Nihilismus: Romantik
-(Wagners Nibelungen-Schluß).</p>
-
-
-<h4>35.</h4>
-
-<p>Der moderne Pessimismus ist ein Ausdruck von der Nutzlosigkeit
-der <em>modernen</em> Welt, &ndash; nicht <em>der</em> Welt und <em>des</em>
-Daseins.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[Pg 20]</a></span></p>
-
-
-<h4>36.</h4>
-
-<p>Das <em>allgemeinste Zeichen der modernen Zeit</em>: der
-Mensch hat in seinen eigenen Augen unglaublich an <em>Würde</em>
-eingebüßt. Lange als Mittelpunkt und Tragödienheld des
-Daseins überhaupt; dann wenigstens bemüht, sich als verwandt
-mit der entscheidenden und an sich wertvollen Seite
-des Daseins zu beweisen &ndash; wie es alle Metaphysiker tun,
-die die <em>Würde des Menschen</em> festhalten wollen, mit ihrem
-Glauben, daß die moralischen Werte kardinale Werte sind.
-Wer Gott fahren ließ, hält um so strenger am Glauben an
-die Moral fest.</p>
-
-
-<h4>37.</h4>
-
-<p>Ursachen für die <em>Heraufkunft des Pessimismus</em>:</p>
-
-<p>1. daß die mächtigsten und zukunftsvollsten Triebe des
-Lebens bisher <em>verleumdet</em> sind, so daß das Leben einen
-Fluch über sich hat;</p>
-
-<p>2. daß die wachsende Tapferkeit und Redlichkeit und das
-kühnere Mißtrauen des Menschen die <em>Unablösbarkeit dieser
-Instinkte</em> vom Leben begreift und dem Leben sich entgegenwendet;</p>
-
-<p>3. daß nur die <em>Mittelmäßigsten</em>, die jenen Konflikt gar
-nicht <em>fühlen</em>, gedeihen, die höhere Art mißrät und als Gebilde
-der Entartung gegen sich einnimmt, &ndash; daß andererseits
-das Mittelmäßige, sich als Ziel und Sinn gebend, <em>indigniert</em>
-(&ndash; daß niemand <em>ein Wozu</em>? mehr beantworten
-kann &ndash;);</p>
-
-<p>4. daß die Verkleinerung, die Schmerzfähigkeit, die Unruhe,
-die Hast, das Gewimmel beständig zunimmt, &ndash; daß
-die <em>Vergegenwärtigung</em> dieses ganzen Treibens, der sogenannten
-„Zivilisation“, immer leichter wird, daß der einzelne
-angesichts dieser ungeheuren Maschinerie <em>verzagt</em> und
-sich <em>unterwirft</em>.</p>
-
-
-<h4>38.</h4>
-
-<p>Welche <em>Vorteile</em> bot die christliche Moralhypothese?</p>
-
-<p>1. Sie verlieh dem Menschen einen absoluten <em>Wert</em>, im
-Gegensatz zu seiner Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des
-Werdens und Vergehens;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[Pg 21]</a></span></p>
-
-<p>2. sie diente den Advokaten Gottes, insofern sie der Welt
-trotz Leid und Übel den Charakter der <em>Vollkommenheit</em>
-ließ, &ndash; eingerechnet jene „Freiheit“ &ndash; das Übel erschien
-voller <em>Sinn</em>;</p>
-
-<p>3. sie setzte ein <em>Wissen</em> um absolute Werte beim Menschen
-an und gab ihm somit gerade für das Wichtigste <em>adäquate
-Erkenntnis</em>;</p>
-
-<p>4. sie verhütete, daß der Mensch sich als Mensch verachtete,
-daß er gegen das Leben Partei nahm, daß er am Erkennen
-verzweifelte: sie war ein <em>Erhaltungsmittel</em>.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: Moral war das große <em>Gegenmittel</em> gegen
-den praktischen und theoretischen <em>Nihilismus</em>.</p>
-
-
-<h4>39.</h4>
-
-<p>Die Zeit kommt, wo wir dafür <em>bezahlen</em> müssen, zwei
-Jahrtausende lang <em>Christen</em> gewesen zu sein: wir verlieren
-das <em>Schwergewicht</em>, das uns leben ließ, &ndash; wir wissen
-eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir stürzen jählings in
-die <em>entgegengesetzten</em> Wertungen, mit dem gleichen Maße
-von Energie, das eben eine solche extreme <em>Überwertung</em>
-des Menschen im Menschen erzeugt hat.</p>
-
-<p>Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander,
-schwach oder überspannt:</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) man versucht eine Art von <em>irdischer Lösung</em>, aber im
-gleichen Sinne, in dem des <em>schließlichen Triumphs</em> von
-Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit
-der Person“);</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) man versucht ebenfalls das <em>Moral-Ideal</em> festzuhalten
-(mit dem Vorrang des Unegoistischen, der Selbstverleugnung,
-der Willensverneinung);</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es
-auch nur als antilogisches <span class="antiqua">x</span>; aber man deutet es sofort so
-aus, daß eine Art metaphysischer Trost alten Stils aus ihm
-gezogen werden kann;</p>
-
-<p><span class="antiqua">d</span>) man versucht die <em>göttliche Leitung alten Stils</em>, die
-belohnende, bestrafende, erziehende, zum <em>Besseren</em> führende
-Ordnung der Dinge aus dem Geschehen herauszulesen;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[Pg 22]</a></span></p>
-
-<p><span class="antiqua">e</span>) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß
-man den Sieg des Guten und die Vernichtung des Bösen als
-<em>Aufgabe</em> empfindet (&ndash; das ist englisch, typischer Fall der
-Flachkopf John Stuart Mill);</p>
-
-<p><span class="antiqua">f</span>) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>: Versuch, selbst die höchste Geistlichkeit und Kunst als
-Folge einer Entpersönlichung und als <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">désintéressement</span> zu
-verstehen;</p>
-
-<p><span class="antiqua">g</span>) man erlaubt der <em>Kirche</em>, sich immer noch in alle wesentlichen
-Erlebnisse und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen,
-um ihnen <em>Weihe</em>, <em>höheren Sinn</em> zu geben:
-wir haben noch immer den „christlichen Staat“, die „christliche
-Ehe“ &ndash;</p>
-
-
-<h4>40.</h4>
-
-<p>Aber unter den Kräften, die die Moral großzog, war die
-<em>Wahrhaftigkeit</em>: <em>diese</em> wendet sich endlich gegen die Moral,
-entdeckt ihre <em>Teleologie</em>, ihre <em>interessierte</em> Betrachtung
-&ndash; und jetzt wirkt die <em>Einsicht</em> in diese lange eingefleischte
-Verlogenheit, die man verzweifelt, von sich abzutun,
-gerade als Stimulans. Wir konstatieren jetzt Bedürfnisse
-an uns, gepflanzt durch die lange Moral-Interpretation,
-welche uns jetzt als Bedürfnisse zum Unwahren erscheinen:
-andererseits sind es die, an denen der Wert zu
-hängen scheint, derentwegen wir zu leben aushalten. Dieser
-Antagonismus &ndash; das, was wir erkennen, <em>nicht</em> zu schätzen
-und das, was wir uns vorlügen möchten, nicht mehr schätzen
-zu <em>dürfen</em> &ndash; ergibt einen Auflösungsprozeß.</p>
-
-
-<h4>41.</h4>
-
-<p>Dies ist die <em>Antinomie</em>:</p>
-
-<p>Sofern wir an die Moral glauben, <em>verurteilen</em> wir das
-Dasein.</p>
-
-
-<h4>42.</h4>
-
-<p>Die obersten Werte, in deren Dienst der Mensch leben
-<em>sollte</em>, namentlich wenn sie sehr schwer und kostspielig über
-ihn verfügten, &ndash; diese <em>sozialen Werte</em> hat man zum
-Zweck ihrer <em>Tonverstärkung</em>, wie als ob sie Kommandos<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[Pg 23]</a></span>
-Gottes wären, als „Realität“, als „wahre“ Welt, als Hoffnung
-und <em>zukünftige</em> Welt über dem Menschen aufgebaut.
-Jetzt, wo die mesquine Herkunft dieser Werke klar wird,
-scheint uns das All damit entwertet, „sinnlos“ geworden,
-&ndash; aber das ist nur ein <em>Zwischenzustand</em>.</p>
-
-
-<h4>43.</h4>
-
-<p><em>Ursachen des Nihilismus</em>:</p>
-
-<p>1. <em>Es fehlt die höhere Spezies</em>, das heißt die, deren
-unerschöpfliche Fruchtbarkeit und Macht den Glauben an den
-Menschen aufrecht erhält. (Man denke, was man Napoleon
-verdankt: fast alle höheren Hoffnungen dieses Jahrhunderts.)</p>
-
-<p>2. <em>Die niedere Spezies</em> („Herde“, „Masse“, „Gesellschaft“)
-verlernt die Bescheidenheit und bauscht ihre Bedürfnisse
-zu <em>kosmischen</em> und <em>metaphysischen</em> Werten auf.
-Dadurch wird das ganze Dasein <em>vulgarisiert</em>: insofern
-nämlich die <em>Masse</em> herrscht, tyrannisiert sie die <em>Ausnahmen</em>,
-so daß diese den Glauben an sich verlieren und <em>Nihilisten</em>
-werden.</p>
-
-<p>Alle Versuche, <em>höhere Typen auszudenken</em>, <em>manquiert</em>
-(„Romantik“; der Künstler, der Philosoph; gegen
-Carlyles Versuch, ihnen die höchsten Moralwerte zuzulegen).</p>
-
-<p><em>Widerstand</em> gegen höhere Typen als Resultat.</p>
-
-<p><em>Niedergang</em> und <em>Unsicherheit aller höheren Typen</em>.
-Der Kampf gegen das Genie („Volkspoesie“ usw.). Mitleid
-mit den Niederen und Leidenden als <em>Maßstab</em> für die
-<em>Höhe der Seele</em>.</p>
-
-<p>Es <em>fehlt der Philosoph</em>, der Ausdeuter der Tat, <em>nicht</em>
-nur der Umdichter.</p>
-
-
-<h4>44.</h4>
-
-<p>Die <em>nihilistische</em> Konsequenz (der Glaube an die Wertlosigkeit)
-als Folge der moralischen Wertschätzung: &ndash; <em>das
-Egoistische ist uns verleidet</em> (selbst nach der Einsicht in
-die Unmöglichkeit des Unegoistischen); &ndash; <em>das Notwendige
-ist uns verleidet</em> (selbst nach der Einsicht in die Unmöglichkeit
-eines <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">liberum arbitrium</span> und einer „intelligiblen Frei<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[Pg 24]</a></span>heit“).
-Wir sehen, daß wir die Sphäre, wohin wir unsere
-Werte gelegt haben, nicht erreichen &ndash; damit hat die andere
-Sphäre, in der wir leben, noch <em>keineswegs</em> an Wert gewonnen:
-im Gegenteil, wir sind <em>müde</em>, weil wir den Hauptantrieb
-verloren haben. „Umsonst bisher!“</p>
-
-
-<h4>45.</h4>
-
-<p>Man hat neuerdings mit einem zufälligen und in jedem
-Betracht unzutreffenden Wort viel Mißbrauch getrieben:
-redet überall von „<em>Pessimismus</em>“, man kämpft um die
-Frage, auf die es Antworten geben müsse, wer recht habe,
-der Pessimismus oder der Optimismus.</p>
-
-<p>Man hat nicht begriffen, was doch mit Händen zu greifen:
-daß Pessimismus kein Problem, sondern ein <em>Symptom</em>
-ist, &ndash; daß der Name ersetzt werden müsse durch „<em>Nihilismus</em>“,
-&ndash; daß die Frage, ob Nichtsein besser ist als
-Sein, selbst schon eine Krankheit, ein Niedergangsanzeichen,
-eine Idiosynkrasie ist.</p>
-
-<p>Die nihilistische Bewegung ist nur der Ausdruck einer physiologischen
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p>
-
-
-<h4>46.</h4>
-
-<p>Grundeinsicht über das Wesen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: <em>was man
-bisher als deren Ursachen angesehen hat, sind deren
-Folgen</em>.</p>
-
-<p>Damit verändert sich die ganze Perspektive <em>der moralischen
-Probleme</em>.</p>
-
-<p>Der ganze Moralkampf gegen Laster, Luxus, Verbrechen,
-selbst Krankheit erscheint als Naivität, als überflüssig: &ndash;
-es gibt keine „<em>Besserung</em>“ (gegen die <em>Reue</em>).</p>
-
-<p>Die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> selbst ist nichts, <em>was zu bekämpfen
-wäre</em>: sie ist absolut notwendig und jeder Zeit und jedem
-Volk eigen. <em>Was</em> mit aller Kraft zu bekämpfen ist, das ist
-die Einschleppung des Kontagiums in die gesunden Teile des
-Organismus.</p>
-
-<p>Tut man das? Man tut das <em>Gegenteil</em>. Genau darum
-bemüht man sich seitens der <em>Humanität</em>.</p>
-
-<p>&ndash; Wie verhalten sich zu dieser <em>biologischen</em> Grundfrage<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[Pg 25]</a></span>
-die bisherigen <em>obersten Werte</em>? Die Philosophie, die Religion,
-die Moral, die Kunst usw.</p>
-
-<p>(Die Kur: zum Beispiel der <em>Militarismus</em>, von Napoleon
-an, der in der Zivilisation seine natürliche Feindin sah.)</p>
-
-
-<h4>47.</h4>
-
-<p><em>Zum Begriff</em> „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>“.</p>
-
-<p>1. Die Skepsis ist eine Folge der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: ebenso wie
-die Libertinage des Geistes.</p>
-
-<p>2. Die Korruption der Sitten ist eine Folge der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>
-(Schwäche des Willens, Bedürfnis starker Reizmittel....).</p>
-
-<p>3. Die Kurmethoden, die psychologischen und moralischen,
-verändern nicht den Gang der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, sie halten nicht
-auf, sie sind physiologisch <em>null</em> &ndash;&nbsp;:</p>
-
-<p>Einsicht in die <em>große Nullität</em> dieser anmaßlichen „Reaktionen“;
-es sind Formen der Narkotisierung gegen gewisse
-fatale Folgeerscheinungen; sie bringen das morbide
-Element nicht heraus; sie sind oft heroische Versuche, den
-Menschen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> zu annullieren, ein Minimum
-seiner <em>Schädlichkeit</em> durchzusetzen.</p>
-
-<p>4. Der Nihilismus ist keine Ursache, sondern nur die Logik
-der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p>
-
-<p>5. Der „Gute“ und der „Schlechte“ sind nur zwei Typen
-der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>: sie halten zueinander in allen Grundphänomenen.</p>
-
-<p>6. <em>Die soziale Frage</em> ist eine Folge der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p>
-
-<p>7. Die Krankheiten, vor allem die Nerven- und Kopfkrankheiten,
-sind Anzeichen, daß die <em>Defensiv</em>kraft der
-starken Natur fehlt; ebendafür spricht die Irritabilität, so
-daß <em>Lust</em> und <em>Unlust</em> die Vordergrundsprobleme werden.</p>
-
-
-<h4>48.<br />
-
-<span class="normal3">Allgemeinste Typen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>:</span></h4>
-
-<p>1. Man wählt im <em>Glauben</em>, Heilmittel zu wählen, das,
-was die Erschöpfung beschleunigt; &ndash; dahin gehört das Christentum
-(um den größten Fall des fehlgreifenden Instinkts
-zu nennen); &ndash; dahin gehört der „Fortschritt“ &ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[Pg 26]</a></span></p>
-
-<p>2. Man verliert die <em>Widerstandskraft</em> gegen die Reize,
-&ndash; man wird bedingt durch die Zufälle: man vergröbert und
-vergrößert die Erlebnisse ins Ungeheure.... eine „Entpersönlichung“,
-eine Disgregation des Willens; &ndash; dahin gehört
-eine ganze Art Moral, die altruistische, die, welche das
-Mitleiden im Munde führt: an der das Wesentliche die
-Schwäche der Persönlichkeit ist, so daß sie <em>mitklingt</em> und
-wie eine überreizte Saite beständig zittert.... eine extreme
-Irritabilität....</p>
-
-<p>3. Man verwechselt Ursache und Wirkung: man versteht
-die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> nicht als physiologisch und sieht in ihren
-Folgen die eigentliche Ursache des Sich-schlecht-befindens;
-&ndash; dahin gehört die ganze religiöse Moral....</p>
-
-<p>4. Man ersehnt einen Zustand, wo man nicht mehr leidet:
-das Leben wird tatsächlich als Grund zu <em>Übeln</em> empfunden,
-&ndash; man taxiert die <em>bewußtlosen</em>, gefühllosen Zustände
-(Schlaf, Ohnmacht) unvergleichlich wertvoller, als die bewußten;
-daraus eine <em>Methodik</em>....</p>
-
-
-<h4>49.</h4>
-
-<p>Was sich vererbt, das ist nicht die Krankheit, sondern die
-<em>Krankhaftigkeit</em>: die Unkraft im Widerstande gegen die
-Gefahr schädlicher Einwanderungen usw.; die gebrochene
-Widerstandskraft; <em>moralisch</em> ausgedrückt: die Resignation
-und Demut vor dem Feinde.</p>
-
-<p>Ich habe mich gefragt, ob man nicht alle diese obersten
-Werte der bisherigen Philosophie, Moral und Religion mit
-den Werten der Geschwächten, <em>Geisteskranken</em> und <em>Neurastheniker</em>
-vergleichen kann: sie stellen in einer milderen
-Form <em>dieselben Übel</em> dar....</p>
-
-<p>Der Wert aller morbiden Zustände ist, daß sie in einem
-Vergrößerungsglas gewisse Zustände, die normal, aber als
-normal schlecht sichtbar sind, zeigen....</p>
-
-<p><em>Gesundheit</em> und <em>Krankheit</em> sind nichts wesentlich Verschiedenes,
-wie es die alten Mediziner und heute noch einige
-Praktiker glauben. Man muß nicht distinkte Prinzipien oder
-Entitäten daraus machen, die sich um den lebenden Organismus
-streiten und aus ihm ihren Kampfplatz machen. Das<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[Pg 27]</a></span>
-ist albernes Zeug und Geschwätz, das zu nichts mehr taugt.
-Tatsächlich gibt es zwischen diesen beiden Arten des Daseins
-nur Gradunterschiede: die Übertreibung, die Disproportion,
-die Nichtharmonie der normalen Phänomene konstituieren
-den krankhaften Zustand (Claude Bernard).</p>
-
-<p>So gut „<em>das Böse</em>“ betrachtet werden kann als Übertreibung,
-Disharmonie, Disproportion, so gut kann „<em>das
-Gute</em>“ eine <em>Schutzdiät</em> gegen die Gefahr der Übertreibung,
-Disharmonie und Disproportion sein.</p>
-
-<p>Die <em>erbliche Schwäche</em>, als <em>dominierendes</em> Gefühl:
-Ursache der obersten Werte.</p>
-
-<p>Nebenbei: Man <em>will</em> Schwäche: warum?.... meistens,
-weil man <em>notwendig</em> schwach ist.</p>
-
-<p>Die <em>Schwächung</em> als <em>Aufgabe</em>: Schwächung der Begehrungen,
-der Lust- und Unlustgefühle, des Willens zur
-Macht, zum Stolzgefühl, zum Haben- und Mehr-haben-wollen;
-die Schwächung als Demut; die Schwächung als
-Glaube; die Schwächung als Widerwille und Scham an
-allem Natürlichen, als Verneinung des Lebens, als Krankheit
-und habituelle Schwäche.... die Schwächung als Verzichtleisten
-auf Rache, auf Widerstand, auf Feindschaft und
-Zorn.</p>
-
-<p>Der <em>Fehlgriff</em> in der Behandlung: man will die
-Schwäche nicht bekämpfen durch ein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">système fortifiant</span>,
-sondern durch eine Art Rechtfertigung und <em>Moralisierung</em>:
-das heißt durch eine <em>Auslegung</em>....</p>
-
-<p>Die <em>Verwechslung</em> zweier gänzlich verschiedener Zustände:
-zum Beispiel die <em>Ruhe der Stärke</em>, welche wesentlich
-Enthaltung der Reaktion ist (der Typus der Götter,
-welche nichts bewegt), &ndash; und die <em>Ruhe der Erschöpfung</em>,
-die Starrheit, bis zur Anästhesie. Alle philosophisch-asketischen
-Prozeduren streben nach der zweiten, aber meinen in
-der Tat die erste.... denn sie legen dem erreichten Zustande
-die Prädikate bei, wie als ob ein göttlicher Zustand erreicht sei.</p>
-
-
-<h4>50.</h4>
-
-<p><em>Das gefährlichste Mißverständnis.</em> &ndash; Es gibt einen
-Begriff, der anscheinend keine Verwechslung, keine Zwei<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[Pg 28]</a></span>deutigkeit
-zuläßt: das ist der der <em>Erschöpfung</em>. Diese kann
-erworben sein; sie kann ererbt sein, &ndash; in jedem Falle verändert
-sie den Aspekt der Dinge, den <em>Wert der Dinge</em>....</p>
-
-<p>Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt
-und fühlt, unfreiwillig <em>abgibt</em> an die Dinge, sie voller,
-mächtiger, zukunftsreicher sieht, &ndash; der jedenfalls schenken
-<em>kann</em> &ndash;, verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was
-er sieht, &ndash; er <em>verarmt</em> den Wert: er ist schädlich....</p>
-
-<p>Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält
-die Geschichte die schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften
-immer <em>verwechselt</em> worden sind mit den Vollsten &ndash; und
-die Vollsten mit den Schädlichsten.</p>
-
-<p>Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das
-Leben: der Reiche an Leben, der Starke, bereichert es....
-Der erste ist dessen Parasit: der zweite ein Hinzu-Schenkender....
-Wie ist eine Verwechslung möglich?....</p>
-
-<p>Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität
-und Energie auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß
-der geistigen oder nervösen Entladung bedingte), dann <em>verwechselte</em>
-man ihn mit dem Reichen... Er erregte Furcht...
-Der Kultus des <em>Narren</em> ist immer auch der Kultus des An-Leben-Reichen,
-des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene,
-der religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als
-höchste Typen der Macht empfunden worden: als <em>göttlich</em>.</p>
-
-<p>Diese Art Stärke, die <em>Furcht</em> erregt, galt vor allem als
-göttlich: von hier nahm die Autorität ihren Ausgangspunkt,
-hier interpretierte, hörte, suchte man <em>Weisheit</em>.... Hieraus
-entwickelte sich überall beinahe ein <em>Wille</em> zur „Vergöttlichung“,
-das heißt, zur typischen Entartung von Geist,
-Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser höheren
-Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome
-der Zerrüttung provozieren &ndash; das hieß stärker, übermenschlicher,
-furchtbarer, weiser werden: &ndash; man glaubte
-damit so reich an Macht zu werden, daß man <em>abgeben</em>
-konnte. Überall, wo angebetet worden ist, suchte man einen,
-der abgeben kann.</p>
-
-<p>Hier war irreführend die Erfahrung des <em>Rausches</em>. Die<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[Pg 29]</a></span>ser
-<em>vermehrt</em> im höchsten Grade das Gefühl der Macht,
-folglich, naiv beurteilt, <em>die Macht</em>. &ndash; Auf der höchsten
-Stufe der Macht mußte der <em>Berauschteste</em> stehen, der Ekstatische.
-(&ndash; Es gibt zwei Ausgangspunkte des <em>Rausches</em>:
-die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von krankhafter
-Ernährung des Gehirns.)</p>
-
-
-<h4>51.</h4>
-
-<p><em>Zu begreifen</em>: &ndash; Daß alle Art Verfall und Erkrankung
-fortwährend an den Gesamt-Werturteilen mitgearbeitet hat:
-daß in den herrschend gewordenen Werturteilen die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>
-sogar zum Übergewicht gekommen ist: daß wir nicht
-nur gegen die Folgezustände alles gegenwärtigen Elends von
-Entartung zu kämpfen haben, sondern <em>alle bisherige</em> <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>
-rückständig, das heißt <em>lebendig</em> geblieben ist. Eine
-solche Gesamtabirrung der Menschheit von ihren Grundinstinkten,
-eine solche Gesamt-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> des Werturteils ist
-das Fragezeichen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>, das eigentliche Rätsel, das
-das Tier „Mensch“ dem Philosophen aufgibt. &ndash;</p>
-
-
-<h4>52.</h4>
-
-<p><em>Schwäche des Willens</em>: das ist ein Gleichnis, das irreführen
-kann. Denn es gibt keinen Willen, und folglich weder
-einen starken, noch schwachen Willen. Die Vielheit und Disgregation
-der Antriebe, der Mangel an System unter ihnen
-resultiert als „schwacher Wille“; die Koordination derselben
-unter der Vorherrschaft eines einzelnen resultiert als „starker
-Wille“; &ndash; im ersteren Falle ist es das Oszillieren und
-der Mangel an Schwergewicht; im letzteren die Präzision
-und Klarheit der Richtung.</p>
-
-
-<h4>53.</h4>
-
-<p><em>Hauptsymptome des Pessimismus</em>: &ndash; die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">dîners
-chez Magny</span>; der russische Pessimismus (Tolstoi, Dostoiewsky);
-der ästhetische Pessimismus, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'art pour l'art</span>,
-„<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">description</span>“ (der romantische und der antiromantische Pessimismus);
-der erkenntnistheoretische Pessimismus (Schopenhauer;
-der Phänomenalismus); der anarchistische Pessimismus;
-die „Religion des Mitleids“, buddhistische Vor<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[Pg 30]</a></span>bewegung;
-der Kultur-Pessimismus (Exotismus, Kosmopolitismus);
-der moralistische Pessimismus: ich selber.</p>
-
-
-<h4>54.</h4>
-
-<p>Es gibt eine tiefe und vollkommen unbewußte Wirkung
-der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> selbst auf die Ideale der Wissenschaft: unsere
-ganze Soziologie ist der Beweis für diesen Satz. Ihr bleibt
-vorzuwerfen, daß sie nur das <em>Verfallsgebilde</em> der Sozietät
-aus Erfahrung kennt und unvermeidlich die eigenen Verfallsinstinkte
-als Norm des soziologischen Urteils nimmt.</p>
-
-<p>Das <em>niedersinkende</em> Leben im jetzigen Europa formuliert
-in ihnen seine Gesellschaftsideale: sie sehen alle zum
-Verwechseln dem Ideal <em>alter überlebter</em> Rassen ähnlich....</p>
-
-<p>Der <em>Herdeninstinkt</em> sodann &ndash; eine jetzt souverän gewordene
-Macht &ndash; ist etwas Grundverschiedenes vom Instinkt
-einer <em>aristokratischen Sozietät</em>: und es kommt auf
-den Wert der <em>Einheiten</em> an, was die Summe zu bedeuten
-hat.... Unsre ganze Soziologie kennt gar keinen andern Instinkt
-als den der Herde, das heißt der <em>summierten Nullen</em>,
-&ndash; wo jede Null „gleiche Rechte“ hat, wo es tugendhaft
-ist, Null zu sein....</p>
-
-<p>Die Wertung, mit der heute die verschiedenen Formen
-der Sozietät beurteilt werden, ist ganz und gar eins mit
-jener, welche dem <em>Frieden</em> einen höheren Wert zuerteilt
-als dem Krieg: aber dies Urteil ist antibiologisch, ist selbst
-eine Ausgeburt der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> des Lebens.... Das Leben
-ist eine Folge des Kriegs, die Gesellschaft selbst ein Mittel
-zum Krieg.... Herr Herbert Spencer ist als Biologe ein
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadent</span>, &ndash; er ist es auch als Moralist (&ndash; er sieht im
-<em>Sieg</em> des Altruismus etwas Wünschenswertes!!!).</p>
-
-
-<h4>55.</h4>
-
-<p>Entwicklung des <em>Pessimismus</em> zum <em>Nihilismus</em>. &ndash;
-Entnatürlichung der <em>Werte</em>. Scholastik der Werte. Die
-Werte, losgelöst, idealistisch, statt das Tun zu beherrschen
-und zu führen, wenden sich verurteilend <em>gegen</em> das Tun.</p>
-
-<p>Gegensätze eingelegt an Stelle der natürlichen Grade und<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[Pg 31]</a></span>
-Ränge. Haß auf die Rangordnung. Die Gegensätze sind
-einem pöbelhaften Zeitalter gemäß, weil leichter <em>faßlich</em>.</p>
-
-<p>Die <em>verworfene</em> Welt, angesichts einer künstlich erbauten
-„wahren, wertvollen“. &ndash; Endlich: man entdeckt, aus welchem
-Material man die „wahre Welt“ gebaut hat: und nun
-hat man nur die verworfene übrig und <em>rechnet jene höchste
-Enttäuschung mit ein auf das Konto ihrer Verwerflichkeit</em>.</p>
-
-<p>Damit ist der <em>Nihilismus</em> da: man hat die <em>richtenden
-Werte</em> übrig behalten &ndash; und nichts weiter!</p>
-
-<p>Hier entsteht das Problem <em>der Stärke und der
-Schwäche</em>:</p>
-
-<p>1. die Schwachen zerbrechen daran;</p>
-
-<p>2. die Stärkeren zerstören, was nicht zerbricht;</p>
-
-<p>3. die Stärksten überwinden die richtenden Werte.</p>
-
-<p><em>Das zusammen macht das tragische Zeitalter aus.</em></p>
-
-
-<h4>56.</h4>
-
-<p><em>Der Pessimismus der Tatkräftigen</em>: das „Wozu?“
-nach einem furchtbaren Ringen, selbst Siegen. Daß
-irgend etwas hundertmal <em>wichtiger</em> ist als die Frage, ob
-<em>wir</em> uns wohl oder schlecht befinden: Grundinstinkt aller
-starken Naturen, &ndash; und folglich auch, ob sich die <em>anderen</em>
-gut oder schlecht befinden. Kurz, daß wir ein Ziel haben, um
-dessentwillen man nicht zögert, <em>Menschenopfer</em> zu bringen,
-jede Gefahr zu laufen, jedes Schlimme und Schlimmste auf
-sich zu nehmen: die <em>große Leidenschaft</em>.</p>
-
-
-<h4>57.</h4>
-
-<p>Das „Übergewicht von <em>Leid über Lust</em>“ oder das Umgekehrte
-(der <em>Hedonismus</em>): diese beiden Lehren sind selbst
-schon Wegweiser zum Nihilismus....</p>
-
-<p>Denn hier wird in beiden Fällen kein anderer letzter <em>Sinn</em>
-gesetzt, als die Lust- oder Unlust-Erscheinung.</p>
-
-<p>Aber so redet eine Art Mensch, die es nicht mehr wagt,
-einen Willen, eine Absicht, einen <em>Sinn</em> zu setzen: &ndash; für
-jede gesündere Art Mensch mißt sich der Wert des Lebens
-schlechterdings nicht am Maße dieser Nebensachen. Und ein<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[Pg 32]</a></span>
-<em>Übergewicht</em> von Leid wäre möglich und <em>trotzdem</em> ein
-mächtiger Wille, ein <em>Ja-sagen</em> zum Leben; ein Nötig-haben
-dieses Übergewichts.</p>
-
-<p>„Das Leben lohnt sich nicht“; „Resignation“; „warum
-sind die Tränen?...“ &ndash; eine schwächliche und sentimentale
-Denkweise. „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Un monstre gai vaut mieux qu'un sentimental
-ennuyeux.</span>“</p>
-
-
-
-
-<h3>3. Krisis.</h3>
-
-
-<h4>58.</h4>
-
-<p>Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung
-und Verwirrung den Weg wiedergefunden zu haben,
-der zu einem Ja und einem Nein führt.</p>
-
-<p>Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, &ndash; was
-erschöpft.</p>
-
-<p>Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert,
-was das Gefühl der Kraft rechtfertigt.</p>
-
-<p>Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt:
-man hat Tugend, Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst
-Verneinung des Lebens gelehrt. Dies sind alles Werte der
-Erschöpften.</p>
-
-<p>Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung
-zwang mich zu der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter
-in die Welt der Werte eingedrungen seien.</p>
-
-<p>Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst
-für mich, der in mancher fremden Welt schon zu Hause
-war: ich fand alle obersten Werturteile, alle, die Herr geworden
-sind über die Menschheit, mindestens zahm gewordene
-Menschheit, zurückführbar auf die Urteile Erschöpfter.</p>
-
-<p>Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen
-Tendenzen heraus; man hat Gott genannt, was schwächt,
-Schwäche lehrt, Schwäche infiziert... ich fand, daß der „gute
-Mensch“ eine Selbstbejahungsform der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> ist.</p>
-
-<p>Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat,
-daß sie die oberste, die einzige und das Fundament aller Tugenden
-sei: eben jenes Mitleiden erkannte ich als gefährlicher,
-als irgendein Laster. Die Auswahl in der Gattung,<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[Pg 33]</a></span>
-ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich kreuzen &ndash; das hieß
-bisher Tugend <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>....</p>
-
-<p>Man soll das <em>Verhängnis</em> in Ehren halten; das Verhängnis,
-das zum Schwachen sagt „geh zugrunde!“...</p>
-
-<p>Man hat es <em>Gott</em> genannt, daß man dem Verhängnis
-widerstrebte, &ndash; daß man die Menschheit verdarb und verfaulen
-machte.... Man soll den Namen Gottes nicht unnützlich
-führen....</p>
-
-<p>Die Rasse ist verdorben &ndash; nicht durch ihre Laster, sondern
-ihre Ignoranz: sie ist verdorben, weil sie die Erschöpfung
-nicht als Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen
-sind die Ursache alles Übels....</p>
-
-<p>Die Tugend ist unser großes Mißverständnis.</p>
-
-<p>Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze
-der Werte zu machen? Anders gefragt: wie kamen die zur
-Macht, die die Letzten sind?.... Wie kam der Instinkt des
-Tieres Mensch auf den Kopf zu stehen?....</p>
-
-
-<h4>59.</h4>
-
-<p>Grundsatz: es gibt etwas von Verfall in allem, was den
-modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit
-stehen Anzeichen einer unerprobten Kraft und Mächtigkeit
-der Seele. <em>Dieselben Gründe, welche die Verkleinerung
-der Menschen hervorbringen, treiben die Stärkeren
-und Seltneren bis hinauf zur Größe.</em></p>
-
-
-<h4>60.</h4>
-
-<p><em>Gesamteinsicht.</em> &ndash; Tatsächlich bringt jedes große
-Wachstum auch ein ungeheures <em>Abbröckeln</em> und <em>Vergehen</em>
-mit sich: das Leiden, die Symptome des Niedergangs
-<em>gehören</em> in die Zeiten ungeheuren Vorwärtsgehens; jede
-fruchtbare und mächtige Bewegung der Menschheit hat zugleich
-eine nihilistische Bewegung <em>mitgeschaffen</em>. Es wäre
-unter Umständen das Anzeichen für ein einschneidendes und
-allerwesentlichstes Wachstum, für den Übergang in neue
-Daseinsbedingungen, daß die <em>extremste</em> Form des Pessimismus,
-der eigentliche <em>Nihilismus</em>, zur Welt käme. <em>Dies
-habe ich begriffen.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[Pg 34]</a></span></p>
-
-
-<h4>61.</h4>
-
-<p>Unzählig viele einzelne höherer Art gehen jetzt zugrunde:
-aber wer <em>davon kommt</em>, ist stark wie der Teufel. Ähnlich
-wie zur Zeit der Renaissance.</p>
-
-
-<h4>62.</h4>
-
-<p>Es ist die Zeit des <em>großen Mittags, der furchtbaren
-Aufhellung</em>: <em>meine Art von Pessimismus</em>: &ndash; großer
-Ausgangspunkt.</p>
-
-<p>I. Grundwiderspruch in der Zivilisation und der Erhöhung
-des Menschen.</p>
-
-<p>II. Die moralischen Wertschätzungen als eine Geschichte
-der Lüge und Verleumdungskunst im Dienste eines Willens
-zur Macht (des <em>Herden</em>willens, welcher sich gegen die stärkeren
-Menschen auflehnt).</p>
-
-<p>III. Die Bedingungen jeder Erhöhung der Kultur (die
-Ermöglichung einer <em>Auswahl</em> auf Unkosten einer Menge)
-sind die Bedingungen alles Wachstums.</p>
-
-<p>IV. Die <em>Vieldeutigkeit</em> der Welt als Frage der <em>Kraft</em>,
-welche alle Dinge unter der <em>Perspektive ihres Wachstums</em>
-ansieht. Die moralisch-christlichen Werturteile als
-Sklavenaufstand und Sklavenlügenhaftigkeit (gegen die aristokratischen
-Werte der <em>antiken</em> Welt).</p>
-
-
-<h4>63.</h4>
-
-<p>Ich fand noch <em>keinen</em> Grund zur Entmutigung. Wer sich
-einen <em>starken Willen</em> bewahrt und anerzogen hat, zugleich
-mit einem weiten Geiste, hat günstigere Chancen als je.
-Denn die <em>Dressierbarkeit</em> der Menschen ist in diesem demokratischen
-Europa sehr groß geworden; Menschen, welche
-leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Herdentier,
-sogar höchst intelligent, ist präpariert. Wer befehlen
-kann, findet die, welche gehorchen <em>müssen</em>: ich denke zum
-Beispiel an Napoleon und Bismarck. Die Konkurrenz mit
-starken und unintelligenten Willen, welche am meisten hindert,
-ist gering. Wer wirft diese Herren „Objektiven“ mit
-schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um!</p>
-
-
-<h4>64.</h4>
-
-<p>Der Sozialismus &ndash; als die zu Ende gedachte <em>Tyrannei</em><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[Pg 35]</a></span>
-der Geringsten und Dümmsten, das heißt der Oberflächlichen,
-Neidischen und der Dreiviertels-Schauspieler &ndash; ist
-in der Tat die Schlußfolgerung der „modernen Ideen“ und
-ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft eines
-demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu
-Schlüssen oder gar zum <em>Schluß</em> zu kommen. Man folgt,
-aber man folgert nicht mehr. Deshalb ist der Sozialismus
-im ganzen eine hoffnungslose, säuerliche Sache: und
-nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch zwischen den
-giftigen und verzweifelten Gesichtern, welche heute die Sozialisten
-machen &ndash; und von was für erbärmlichen, gequetschten
-Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugnis ab! &ndash; und
-dem harmlosen Lämmerglück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten.
-Dabei kann es doch an vielen Orten Europas
-ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen und Überfällen
-kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hier und da
-gründlich im Leibe „rumoren“, und die Pariser Kommune,
-welche auch in Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher
-hat, war vielleicht nur eine leichtere Unverdaulichkeit gewesen
-an dem, was kommt. Trotzdem wird es immer zu viel Besitzende
-geben, als daß der Sozialismus mehr bedeuten
-könnte als einen Krankheitsanfall: und diese Besitzenden sind
-wie Ein Mann Eines Glaubens, „man muß etwas besitzen,
-um etwas zu <em>sein</em>“. Dies aber ist der älteste und gesündeste
-aller Instinkte: ich würde hinzufügen „man muß
-mehr haben wollen als man hat, um mehr zu <em>werden</em>“.
-So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt, durch
-das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung.
-Haben und mehr haben wollen, <em>Wachstum</em> mit
-einem Wort &ndash; das ist das Leben selber. In der Lehre des
-Sozialismus versteckt sich schlecht ein „Wille zur Verneinung
-des Lebens“; es müssen mißratene Menschen oder
-Rassen sein, welche eine solche Lehre ausdenken. In der
-Tat, ich wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen,
-daß in einer sozialistischen Gesellschaft das Leben
-sich selber verneint, sich selber die Wurzeln abschneidet. Die<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[Pg 36]</a></span>
-Erde ist groß genug und der Mensch immer noch unausgeschöpft
-genug, als daß mir eine derart praktische Belehrung
-und <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">demonstratio ad absurdum</span>, selbst wenn sie
-mit einem ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen
-und bezahlt würde, nicht wünschenswert erscheinen
-müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter
-dem Boden einer in der Dummheit rollenden Gesellschaft
-wird der Sozialismus etwas Nützliches und Heilsames sein
-können: er verzögert den „Frieden auf Erden“ und die
-gänzliche Vergutmütigung des demokratischen Herdentieres,
-er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht,
-übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden
-nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist,
-von Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu
-behalten, &ndash; er schützt Europa einstweilen vor dem ihm
-drohenden <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">marasmus femininus</span>.</p>
-
-
-<h4>65.</h4>
-
-<p>Ich <em>freue</em> mich der militärischen Entwicklung Europas,
-auch der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe
-und des Chinesentums, welche Galiani für dies Jahrhundert
-voraussagte, ist vorbei. Persönliche <em>männliche</em> Tüchtigkeit,
-Leibestüchtigkeit bekommt wieder Wert, die Schätzungen
-werden physischer, die Ernährungen fleischlicher.
-Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse Duckmäuserei
-(mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte
-träumte) ist vorbei. Der Barbar ist in jedem von uns <em>bejaht</em>,
-auch das wilde Tier. <em>Gerade deshalb</em> wird es
-mehr werden mit den Philosophen. &ndash; Kant ist eine Vogelscheuche,
-irgendwann einmal!</p>
-
-
-<h4>66.</h4>
-
-<p><em>Die günstigsten Hemmungen und Remeduren der
-Modernität</em>:</p>
-
-<p>1. die allgemeine <em>Wehrpflicht</em> mit wirklichen Kriegen,
-bei denen der Spaß aufhört;</p>
-
-<p>2. die <em>nationale</em> Borniertheit (vereinfachend, konzentrierend);</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[Pg 37]</a></span></p>
-
-<p>3. die verbesserte <em>Ernährung</em> (Fleisch);</p>
-
-<p>4. die zunehmende <em>Reinlichkeit</em> und Gesundheit der
-Wohnstätten;</p>
-
-<p>5. die Vorherrschaft der <em>Physiologie</em> über Theologie,
-Moralistik, Ökonomie und Politik;</p>
-
-<p>6. die militärische Strenge in der Forderung und Handhabung
-seiner „Schuldigkeit“ (man <em>lobt</em> nicht mehr....).</p>
-
-
-<h4>67.</h4>
-
-<p>Wenn irgend etwas erreicht ist, so ist es ein harmloseres
-Verhalten zu den Sinnen, eine freudigere, wohlwollendere,
-Goetheschere Stellung zur Sinnlichkeit; insgleichen eine stolzere
-Empfindung in betreff des Erkennens: so daß der
-„reine Tor“ wenig Glauben findet.</p>
-
-
-<h4>68.</h4>
-
-<p>Wenn irgend etwas unsere <em>Vermenschlichung</em>, einen
-wahren, tatsächlichen <em>Fortschritt</em> bedeutet, so ist es, daß
-wir keine exzessiven Gegensätze, überhaupt keine Gegensätze
-mehr brauchen....</p>
-
-<p>Wir dürfen die Sinne lieben, wir haben sie in jedem
-Grade vergeistigt und artistisch gemacht;</p>
-
-<p>wir haben ein Recht auf alle die Dinge, die am schlimmsten
-bisher <em>verrufen</em> waren.</p>
-
-
-<h4>69.</h4>
-
-<p>Daß man den Menschen den <em>Mut</em> zu ihren Naturtrieben
-wiedergibt &ndash;</p>
-
-<p>Daß man ihrer <em>Selbstunterschätzung</em> steuert (<em>nicht</em> der
-des Menschen als Individuums, sondern der des Menschen
-als Natur....) &ndash;</p>
-
-<p>Daß man die <em>Gegensätze</em> herausnimmt aus den Dingen,
-nachdem man begreift, daß wir sie hineingelegt haben &ndash;</p>
-
-<p>Daß man die <em>Gesellschafts-Idiosynkrasie</em> aus dem
-Dasein überhaupt herausnimmt (Schuld, Strafe, Gerechtigkeit,
-Ehrlichkeit, Freiheit, Liebe usw.) &ndash;</p>
-
-<p>Fortschritt zur „<em>Natürlichkeit</em>“: in allen politischen
-Fragen, auch im Verhältnis von Parteien, selbst von merkantilen
-oder Arbeiter- oder Unternehmerparteien, handelt<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[Pg 38]</a></span>
-es sich um <em>Machtfragen</em> &ndash; „was man <em>kann</em>“ und erst
-daraufhin, was man <em>soll</em>.</p>
-
-
-<h4>70.</h4>
-
-<p><em>Die Umkehrung der Rangordnung.</em> &ndash; Die frommen
-Falschmünzer, die Priester, werden unter uns zu Tschandalas:
-&ndash; sie nehmen die Stellung der Charlatans, der
-Quacksalber, der Falschmünzer, der Zauberer ein: wir halten
-sie für Willensverderber, für die großen Verleumder und
-Rachsüchtigen des Lebens, für die <em>Empörer</em> unter den
-Schlechtweggekommenen. Wir haben aus der Dienstbotenkaste,
-den Sudras, unsern Mittelstand gemacht, unser
-„Volk“, das, was die politische Entscheidung in den Händen
-hat.</p>
-
-<p>Dagegen ist der Tschandala von ehemals obenauf: voran
-die <em>Gotteslästerer</em>, <em>die Immoralisten</em>, die Freizügigen
-jeder Art, die Artisten, die Juden, die Spielleute, &ndash; im
-Grunde alle <em>verrufenen</em> Menschenklassen &ndash;.</p>
-
-<p>Wir haben uns zu <em>ehrenhaften</em> Gedanken emporgehoben,
-mehr noch, wir <em>bestimmen</em> die Ehre auf Erden, die
-„Vornehmheit“.... Wir alle sind heute die <em>Fürsprecher
-des Lebens</em> &ndash;. Wir <em>Immoralisten</em> sind heute die <em>stärkste
-Macht</em>: die großen andern Mächte brauchen uns.... wir
-konstruieren die Welt nach unserm Bilde &ndash;</p>
-
-<p>Wir haben den Begriff „Tschandala“ auf die <em>Priester</em>,
-<em>Jenseits-Lehrer</em> und die mit ihnen verwachsene <em>christliche
-Gesellschaft</em> übertragen, hinzugenommen, was gleichen
-Ursprungs ist, die Pessimisten, Nihilisten, Mitleids-Romantiker,
-Verbrecher, Lasterhaften, &ndash; die gesamte Sphäre,
-wo der Begriff „Gott“ als <em>Heiland</em> imaginiert wird....</p>
-
-<p>Wir sind stolz darauf, keine Lügner mehr sein zu müssen,
-keine Verleumder, keine Verdächtiger des Lebens....</p>
-
-
-<h4>71.</h4>
-
-<p>Das <em>Problem des neunzehnten Jahrhunderts</em>. Ob
-seine starke und schwache Seite zueinander gehören? Ob
-es aus Einem Holze geschnitzt ist? Ob die Verschiedenheit
-seiner Ideale und deren Widerspruch in einem höheren Zweck<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[Pg 39]</a></span>
-bedingt ist: als etwas Höheres? &ndash; Denn es konnte die
-<em>Vorbestimmung zur Größe</em> sein, in diesem Maße in
-heftiger Spannung zu wachsen. Die Unzufriedenheit, der
-Nihilismus <em>könnte</em> ein <em>gutes Zeichen sein</em>.</p>
-
-
-<h4>72.</h4>
-
-<p><em>Die Vernatürlichung des Menschen im 19. Jahrhundert</em>
-(&ndash; das 18. Jahrhundert ist das der Eleganz, der
-Feinheit und der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">sentiments généreux</span>). &ndash; Nicht „Rückkehr
-zur Natur“: denn es gab noch niemals eine natürliche
-Menschheit. Die Scholastik un- und <em>wider</em>natürlicher
-Werte ist die Regel, ist der Anfang; zur Natur kommt der
-Mensch nach langem Kampfe, &ndash; er kehrt nie „zurück“....
-Die Natur: das heißt, es wagen, unmoralisch zu sein wie
-die Natur.</p>
-
-<p>Wir sind gröber, direkter, voller Ironie gegen generöse
-Gefühle, selbst wenn wir ihnen unterliegen.</p>
-
-<p>Natürlicher ist unsre erste <em>Gesellschaft</em>, die der Reichen,
-der Müßigen: man macht Jagd aufeinander, die Geschlechtsliebe
-ist eine Art Sport, bei dem die Ehe ein Hindernis und
-einen Reiz abgibt; man unterhält sich und lebt um des Vergnügens
-willen; man schätzt die körperlichen Vorzüge in
-erster Linie, man ist neugierig und gewagt.</p>
-
-<p>Natürlich ist unsere Stellung zur <em>Erkenntnis</em>: wir
-haben die Libertinage des Geistes in aller Unschuld, wir
-hassen die pathetischen und hieratischen Manieren, wir ergötzen
-uns am Verbotensten, wir wüßten kaum noch ein
-Interesse der Erkenntnis, wenn wir uns auf dem Wege zu
-ihr zu langweilen hätten.</p>
-
-<p>Natürlicher ist unsere Stellung zur <em>Moral</em>. Prinzipien
-sind lächerlich geworden; niemand erlaubt sich ohne Ironie
-mehr von seiner „Pflicht“ zu reden. Aber man schätzt eine
-hilfreiche, wohlwollende Gesinnung (&ndash; man sieht im <em>Instinkt</em>
-die Moral und dédaigniert den Rest. Außerdem ein
-paar Ehrenpunktsbegriffe &ndash;).</p>
-
-<p>Natürlicher ist unsere Stellung <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in politicis</span>: wir sehen
-Probleme der Macht, des Quantums Macht gegen ein an<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[Pg 40]</a></span>deres
-Quantum. Wir glauben nicht an ein Recht, das nicht
-auf der Macht ruht, sich durchzusetzen: wir empfinden alle
-Rechte als Eroberungen.</p>
-
-<p>Natürlicher ist unsre Schätzung <em>großer Menschen und
-Dinge</em>: wir rechnen die Leidenschaft als ein Vorrecht, wir
-finden nichts groß, wo nicht ein großes Verbrechen einbegriffen
-ist; wir konzipieren alles Groß-sein als ein Sich-außerhalb-stellen
-in bezug auf Moral.</p>
-
-<p>Natürlicher ist unsere Stellung zur <em>Natur</em>: wir lieben
-sie nicht mehr um ihrer „Unschuld“, „Vernunft“, „Schönheit“
-willen, wir haben sie hübsch „verteufelt“ und „verdummt“.
-Aber statt sie darum zu verachten, fühlen wir uns
-seitdem verwandter und heimischer in ihr. Sie aspiriert <em>nicht</em>
-zur Tugend: wir achten sie deshalb.</p>
-
-<p>Natürlicher ist unsere Stellung zur <em>Kunst</em>: wir verlangen
-nicht von ihr die schönen Scheinlügen usw.; es herrscht der
-brutale Positivismus, welcher konstatiert, ohne sich zu erregen.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: es gibt Anzeichen dafür, daß der Europäer
-des 19. Jahrhunderts sich weniger seiner Instinkte schämt;
-er hat einen guten Schritt dazu gemacht, sich einmal seine
-unbedingte Natürlichkeit, das heißt seine Unmoralität, einzugestehen,
-<em>ohne Erbitterung</em>: im Gegenteil, stark genug
-dazu, diesen Anblick allein noch auszuhalten.</p>
-
-<p>Das klingt in gewissen Ohren, wie als ob die <em>Korruption</em>
-fortgeschritten wäre: und gewiß ist, daß der Mensch
-sich nicht der „<em>Natur</em>“ angenähert hat, von der <em>Rousseau</em>
-redet, sondern einen Schritt weiter getan hat in der Zivilisation,
-welche er <em>perhorreszierte</em>. Wir haben uns <em>verstärkt</em>:
-wir sind dem 17. Jahrhundert wieder näher gekommen,
-dem Geschmack seines Endes namentlich (Dancourt,
-Lesage, Regnard).</p>
-
-
-<h4>73.</h4>
-
-<p><em>Fortschritt</em> des neunzehnten Jahrhunderts gegen das
-achtzehnte (&ndash; im Grunde führen wir <em>guten Europäer</em>
-einen Krieg gegen das achtzehnte Jahrhundert &ndash;):</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[Pg 41]</a></span></p>
-
-<p>1. „Rückkehr zur Natur“ immer entschiedener im umgekehrten
-Sinne verstanden, als es Rousseau verstand. <em>Weg
-vom Idyll und der Oper!</em></p>
-
-<p>2. immer entschiedener antiidealistisch, gegenständlicher,
-furchtloser, arbeitsamer, maßvoller, mißtrauischer gegen
-plötzliche Veränderungen, <em>antirevolutionär</em>;</p>
-
-<p>3. immer entschiedener die Frage der <em>Gesundheit des
-Leibes</em> der „der Seele“ voranstellend: letztere als einen
-Zustand in Folge der ersteren begreifend, diese mindestens
-als die Vorbedingung der Gesundheit der Seele.</p>
-
-
-<h4>74.</h4>
-
-<p><em>Das 20. Jahrhundert.</em> &ndash; Der Abbé Galiani sagt einmal:
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">La prévoyance est la cause des guerres actuelles
-de l'Europe. Si l'on voulait se donner la peine de ne
-rien prévoir, tout le monde serait tranquille, et je ne
-crois pas qu'on serait plus malheureux parce qu'on ne
-ferait pas la guerre.</span> Da ich durchaus nicht die unkriegerischen
-Ansichten meines verstorbenen Freundes Galiani teile,
-so fürchte ich mich nicht davor, einiges vorherzusagen und
-möglicherweise damit die Ursache von Kriegen heraufzubeschwören.</p>
-
-<p>Eine ungeheure <em>Besinnung</em>, nach dem schrecklichsten Erdbeben:
-mit neuen Fragen.</p>
-
-
-<h4>75.</h4>
-
-<p>Extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst,
-sondern wiederum durch extreme, aber <em>umgekehrte</em>.
-Und so ist der Glaube an die absolute Immoralität der Natur,
-an die Zweck- und Sinnlosigkeit der psychologisch-notwendige
-<em>Affekt</em>, wenn der Glaube an Gott und eine essentiell
-moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist. Der Nihilismus
-erscheint jetzt, nicht weil die Unlust am Dasein
-größer wäre als früher, sondern weil man überhaupt gegen
-einen „Sinn“ im Übel, ja im Dasein mißtrauisch geworden
-ist. <em>Eine</em> Interpretation ging zugrunde: weil sie aber als
-<em>die</em> Interpretation galt, erscheint es, als ob es gar keinen
-Sinn im Dasein gebe, als ob alles <em>umsonst</em> sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[Pg 42]</a></span></p>
-
-<p>Daß dies „Umsonst!“ der Charakter unseres gegenwärtigen
-Nihilismus ist, bleibt nachzuweisen. Das Mißtrauen
-gegen unsere früheren Wertschätzungen steigert sich bis zur
-Frage: „sind nicht alle ‚Werte‘ Lockmittel, mit denen die
-Komödie sich in die Länge zieht, aber durchaus nicht einer
-Lösung näherkommt?“ Die <em>Dauer</em>, mit einem „Umsonst“
-ohne Ziel und Zweck, ist der <em>lähmendste</em> Gedanke, namentlich
-noch, wenn man begreift, daß man gefoppt wird und
-doch ohne Macht ist, sich nicht foppen zu lassen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form:
-das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich
-wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: „<em>die
-ewige Wiederkehr</em>“.</p>
-
-<p>Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts
-(das „Sinnlose“) ewig!</p>
-
-<p>Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens
-und der Kraft zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist
-die <em>wissenschaftlichste</em> aller möglichen Hypothesen. Wir
-leugnen Schlußziele: hätte das Dasein eins, so müßte es
-erreicht sein.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da begreift man, daß hier ein Gegensatz zum Pantheismus
-angestrebt wird: denn „alles vollkommen, göttlich,
-ewig“ zwingt <em>ebenfalls zu einem Glauben an die „ewige
-Wiederkunft“</em>. Frage: ist mit der Moral auch diese
-pantheistische Ja-Stellung zu allen Dingen unmöglich gemacht?
-Im Grunde ist ja nur der moralische Gott überwunden.
-Hat es einen Sinn, sich einen Gott „jenseits von
-Gut und Böse“ zu denken? Wäre ein Pantheismus in
-<em>diesem</em> Sinne möglich? Bringen wir die Zweckvorstellung
-aus dem Prozesse weg, und bejahen wir <em>trotzdem</em> den Prozeß?
-&ndash; Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes
-Prozesses in jedem Momente desselben <em>erreicht</em> würde &ndash;
-und immer das Gleiche. Spinoza gewann eine solche bejahende
-Stellung, insofern jeder Moment eine <em>logische</em> Notwendigkeit
-hat: und er triumphierte mit seinem logischen
-Grundinstinkte über eine <em>solche</em> Weltbeschaffenheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[Pg 43]</a></span></p>
-
-<p>Aber sein Fall ist nur ein Einzelfall. <em>Jeder Grundcharakterzug</em>,
-der <em>jedem</em> Geschehen zugrunde liegt, der
-sich in jedem Geschehen ausdrückt, müßte, wenn er von
-einem Individuum als <em>sein</em> Grundcharakterzug empfunden
-würde, dieses Individuum dazu treiben, triumphierend jeden
-Augenblick des allgemeinen Daseins gutzuheißen. Es käme
-eben darauf an, daß man diesen Grundcharakterzug bei sich
-als gut, wertvoll, mit Lust empfindet.</p>
-
-<p>Nun hat die <em>Moral</em> das Leben vor der Verzweiflung und
-dem Sprung ins Nichts bei solchen Menschen und Ständen
-geschützt, welche von <em>Menschen</em> vergewalttätigt und niedergedrückt
-wurden: denn die Ohnmacht gegen Menschen, <em>nicht</em>
-die Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt die desperateste Verbitterung
-gegen das Dasein. Die Moral hat die Gewalthaber,
-die Gewalttätigen, die „Herren“ überhaupt als die
-Feinde behandelt, gegen welche der gemeine Mann geschützt,
-<em>das heißt zunächst ermutigt, gestärkt</em> werden muß.
-Die Moral hat folglich am tiefsten <em>hassen</em> und <em>verachten</em>
-gelehrt, was der Grundcharakterzug der Herrschenden ist:
-<em>ihren Willen zur Macht</em>. Diese Moral abschaffen, leugnen,
-zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einer
-<em>umgekehrten</em> Empfindung und Wertung ansehen. Wenn
-der Leidende, Unterdrückte <em>den Glauben verlöre</em>, ein
-<em>Recht</em> zu seiner Verachtung des Willens zur Macht zu
-haben, so träte er in das Stadium der hoffnungslosen Desperation.
-Dies wäre der Fall, wenn dieser Zug dem Leben
-essentiell wäre, wenn sich ergäbe, daß selbst in jenem Willen
-zur Moral nur dieser „Wille zur Macht“ verkappt sei, daß
-auch jenes Hassen und Verachten noch ein Machtwille ist.
-Der Unterdrückte sähe ein, daß er mit dem Unterdrücker <em>auf
-gleichem Boden</em> steht und daß er kein <em>Vorrecht</em>, keinen
-<em>höheren</em> Rang vor jenem habe.</p>
-
-<p>Vielmehr <em>umgekehrt</em>! Es gibt nichts am Leben, was
-Wert hat, außer dem Grade der Macht &ndash; gesetzt eben, daß
-Leben selbst der Wille zur Macht ist. Die Moral behütete die
-<em>Schlechtweggekommenen</em> vor Nihilismus, indem sie <em>je<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[Pg 44]</a></span>dem</em>
-einen unendlichen Wert, einen metaphysischen Wert
-beimaß und in eine Ordnung einreihte, die mit der der weltlichen
-Macht und Rangordnung nicht stimmt: sie lehrte Ergebung,
-Demut usw. <em>Gesetzt, daß der Glaube an diese
-Moral zugrunde geht</em>, so würden die Schlechtweggekommenen
-ihren Trost nicht mehr haben &ndash; und <em>zugrunde
-gehen</em>.</p>
-
-<p><em>Das Zugrundegehen</em> präsentiert sich als ein <em>Sich-zugrunde-richten</em>,
-als ein instinktives Auslesen dessen, was
-<em>zerstören muß</em>. <em>Symptome</em> dieser Selbstzerstörung der
-Schlechtweggekommenen: die Selbstvivisektion, die Vergiftung,
-Berauschung, Romantik, vor allem die instinktive Nötigung
-zu Handlungen, mit denen man die Mächtigen zu
-<em>Todfeinden</em> macht (&ndash; gleichsam sich seine Henker selbst
-züchtend), der <em>Wille zur Zerstörung</em> als Wille eines noch
-tieferen Instinkts, des Instinkts der Selbstzerstörung, des
-<em>Willens ins Nichts</em>.</p>
-
-<p>Nihilismus als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen
-keinen Trost mehr haben: daß sie zerstören, um
-zerstört zu werden, daß sie, von der Moral abgelöst, keinen
-Grund mehr haben, „sich zu ergeben“, &ndash; daß sie sich auf
-den Boden des entgegengesetzten Prinzips stellen und auch
-ihrerseits <em>Macht wollen</em>, indem sie die Mächtigen <em>zwingen</em>,
-ihre Henker zu sein. Dies ist die europäische Form des
-Buddhismus, das <em>Nein-tun</em>, nachdem alles Dasein seinen
-„Sinn“ verloren hat.</p>
-
-<p>Die Not ist nicht etwa größer geworden: im Gegenteil!
-„Gott, Moral, Ergebung“ waren Heilmittel auf furchtbar
-tiefen Stufen des Elends: der <em>aktive Nihilismus</em> tritt
-bei relativ viel günstiger gestalteten Verhältnissen auf. Schon
-daß die Moral als überwunden empfunden wird, setzt einen
-ziemlichen Grad geistiger Kultur voraus; diese wieder ein
-relatives Wohlleben. Eine gewisse geistige Ermüdung, durch
-den langen Kampf philosophischer Meinungen bis zur hoffnungslosesten
-Skepsis <em>gegen</em> Philosophie gebracht, kennzeichnet
-ebenfalls den keineswegs <em>niederen</em> Stand jener Nihilisten.
-Man denke an die Lage, in der Buddha auftrat. Die<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[Pg 45]</a></span>
-Lehre der ewigen Wiederkunft würde <em>gelehrte</em> Voraussetzungen
-haben (wie die Lehre Buddhas solche hatte, zum
-Beispiel Begriff der Kausalität usw.).</p>
-
-<p>Was heißt jetzt „schlechtweggekommen“? Vor allem
-<em>physiologisch</em>: nicht mehr politisch. Die <em>ungesundeste</em>
-Art Mensch in Europa (in allen Ständen) ist der Boden
-dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die ewige
-Wiederkunft als einen <em>Fluch</em> empfinden, von dem getroffen
-man vor keiner Handlung mehr zurückscheut: nicht passiv
-auslöschen, sondern alles auslöschen <em>machen</em>, was in diesem
-Grade sinn- und ziellos ist: obwohl es nur ein Krampf,
-ein blindes Wüten ist bei der Einsicht, daß alles seit Ewigkeiten
-da war &ndash; auch dieser Moment von Nihilismus und
-Zerstörungslust. &ndash; Der <em>Wert</em> einer solchen <em>Krisis</em> ist, daß
-sie <em>reinigt</em>, daß sie die verwandten Elemente zusammendrängt
-und sich aneinander verderben macht, daß sie den
-Menschen entgegengesetzter Denkweisen gemeinsame Aufgaben
-zuweist &ndash; auch unter ihnen die schwächeren, unsichreren
-ans Licht bringend und so zu einer <em>Rangordnung
-der Kräfte</em>, vom Gesichtspunkt der Gesundheit, den Anstoß
-gibt: Befehlende als Befehlende erkennend, Gehorchende
-als Gehorchende. Natürlich abseits von allen bestehenden
-Gesellschaftsordnungen.</p>
-
-<p>Welche werden sich als die <em>Stärksten</em> dabei erweisen?
-Die Mäßigsten, die, welche keine extremsten Glaubenssätze
-<em>nötig</em> haben, die, welche einen guten Teil Zufall, Unsinn
-nicht nur zugestehen, sondern lieben, die, welche vom Menschen
-mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes denken
-können, ohne dadurch klein und schwach zu werden: die
-Reichsten an Gesundheit, die den meisten Malheurs gewachsen
-sind und deshalb sich vor den Malheurs nicht so
-fürchten &ndash; Menschen, die <em>ihrer Macht sicher sind</em> und
-die die <em>erreichte</em> Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze
-repräsentieren.</p>
-
-<p>Wie dächte ein solcher Mensch an die ewige Wiederkunft?
-&ndash;</p>
-
-
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[Pg 46]</a></span></p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<h2>Zweites Buch.<br />
-
-<span class="subh2">Kritik der höchsten bisherigen Werte</span><br />
-
-<span class="normal">(Einsicht in das, was durch sie Ja und Nein sagte).</span></h2>
-</div>
-
-
-
-<h3>I. Moral.</h3>
-
-
-<h4>1. Entstehung und Sieg.</h4>
-
-
-<h5>76.</h5>
-
-<p>Ich verstehe unter „Moral“ ein System von Wertschätzungen,
-welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens
-sich berührt.</p>
-
-
-<h5>77.</h5>
-
-<p>Das Problem der Moral <em>sehen</em> und <em>zeigen</em> &ndash; das scheint
-mir die neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß
-das in der bisherigen Moralphilosophie geschehen ist.</p>
-
-
-<h5>78.</h5>
-
-<p><em>Mein Problem</em>: Welchen Schaden hat die Menschheit
-bisher von der Moral sowohl wie von ihrer Moralität gehabt?
-Schaden am Geiste usw.</p>
-
-
-<h5>79.</h5>
-
-<p>Mein Versuch, die moralischen Urteile als Symptome und
-Zeichensprachen zu verstehen, in denen sich Vorgänge des
-physiologischen Gedeihens oder Mißratens, ebenso das Bewußtsein
-von Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen verraten,
-&ndash; eine Interpretationsweise vom Werte der Astrologie,
-Vorurteile, denen Instinkte soufflieren (von Rassen,
-Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder
-Verwelken usw.).</p>
-
-<p>Angewendet auf die speziell christlich-europäische Moral:
-unsere moralischen Urteile sind Anzeichen von Verfall, von
-Unglauben an das <em>Leben</em>, eine Vorbereitung des Pessimismus.</p>
-
-<p><em>Mein Hauptsatz: es gibt keine moralischen Phänomene,
-sondern nur eine moralische Interpreta<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[Pg 47]</a></span>tion
-dieser Phänomene. Diese Interpretation selbst
-ist außermoralischen Ursprungs.</em></p>
-
-<p>Was bedeutet es, daß wir einen <em>Widerspruch</em> in das
-Dasein hineininterpretiert haben? &ndash; Entscheidende Wichtigkeit:
-hinter allen andern Wertschätzungen stehen kommandierend
-jene moralischen Wertschätzungen. Gesetzt, sie fallen
-fort, wonach messen wir dann? Und welchen Wert haben
-dann Erkenntnis usw., usw.???</p>
-
-
-<h5>80.</h5>
-
-<p>Ehemals sagte man von jeder Moral: „an ihren Früchten
-sollt ihr sie erkennen“. Ich sage von jeder Moral: „Sie
-ist eine Frucht, an der ich den <em>Boden</em> erkenne, aus dem sie
-wuchs“.</p>
-
-
-<h5>81.</h5>
-
-<p><em>Meine Absicht</em>, die absolute Homogeneität in allem Geschehen
-zu zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung
-nur als <em>perspektivisch bedingt</em>; zu zeigen, wie
-alles das, was moralisch gelobt wird, wesensgleich mit allem
-Unmoralischen ist und nur, wie jede Entwicklung der Moral,
-mit unmoralischen Mitteln und zu unmoralischen Zwecken
-ermöglicht worden ist &ndash;; wie umgekehrt alles, was als
-unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere
-und Prinzipiellere ist, und wie eine Entwicklung nach
-größerer Fülle des Lebens notwendig auch den <em>Fortschritt
-der Unmoralität</em> bedingt. „Wahrheit“ der Grad, in dem
-wir uns die Einsicht in <em>diese</em> Tatsache <em>gestatten</em>.</p>
-
-
-<h5>82.</h5>
-
-<p>Das sind meine Forderungen an euch &ndash; sie mögen euch
-schlecht genug zu Ohren gehen &ndash;&nbsp;: daß ihr die moralischen
-Wertschätzungen selbst einer Kritik unterziehen sollt. Daß
-ihr dem moralischen Gefühlsimpuls, welcher hier Unterwerfung
-und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: „warum
-Unterwerfung?“ Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen
-nach einem „Warum?“, nach einer Kritik der Moral,
-eben als eure <em>jetzige</em> Form der Moralität selbst ansehen
-sollt, als die sublimste Art von Moralität, die euch<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[Pg 48]</a></span>
-und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit, euer Wille,
-euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: „warum
-<em>nicht</em>? &ndash; Vor welchem Forum?“ &ndash;</p>
-
-
-<h5>83.</h5>
-
-<p>Die Frage nach der <em>Herkunft unsrer Wertschätzungen</em>
-und Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren <em>Kritik</em>
-zusammen, wie so oft geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht
-in irgendeine <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">pudenda origo</span> für das Gefühl eine
-Wertverminderung der so entstandenen Sache mit sich bringt
-und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung
-vorbereitet.</p>
-
-<p>Was sind unsere Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln
-selber wert? <em>Was kommt bei ihrer Herrschaft
-heraus?</em> Für wen? in bezug worauf? &ndash; Antwort: für
-das Leben. Aber <em>was ist Leben</em>? Hier tut also eine neue,
-bestimmtere Fassung des Begriffs „Leben“ not. Meine
-Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.</p>
-
-<p><em>Was bedeutet das Wertschätzen selbst?</em> Weist es auf
-eine andere, metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie
-noch Kant glaubte, der <em>vor</em> der großen historischen Bewegung
-steht.) Kurz: <em>wo ist es entstanden</em>? Oder ist es
-nicht „entstanden“? &ndash; Antwort: das moralische Wertschätzen
-ist eine <em>Auslegung</em>, eine Art zu interpretieren.
-Die Auslegung selbst ist ein <em>Symptom</em> bestimmter physiologischer
-Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus
-von herrschenden Urteilen: <em>Wer legt aus?</em> &ndash; Unsre
-Affekte.</p>
-
-
-<h5>84.</h5>
-
-<p><em>Wessen Wille zur Macht ist die Moral?</em> &ndash; <em>Das Gemeinsame</em>
-in der Geschichte Europas seit <em>Sokrates</em> ist
-der Versuch, die <em>moralischen Werte</em> zur Herrschaft über
-alle anderen Werte zu bringen: so daß sie nicht nur Führer
-und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch 1. der Erkenntnis,
-2. der Künste, 3. der staatlichen und gesellschaftlichen
-Bestrebungen. „Besserwerden“ als einzige Aufgabe,
-alles übrige dazu <em>Mittel</em> (oder Störung, Hemmung, Ge<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[Pg 49]</a></span>fahr:
-folglich bis zur Vernichtung zu bekämpfen....). &ndash;
-Eine ähnliche Bewegung in <em>China</em>. Eine ähnliche Bewegung
-in <em>Indien</em>.</p>
-
-<p>Was bedeutet dieser <em>Wille zur Macht seitens der moralischen
-Werte</em>, der in den ungeheuren Entwicklungen
-sich bisher auf der Erde abgespielt hat?</p>
-
-<p><em>Antwort</em>: &ndash; <em>drei Mächte sind hinter ihm versteckt</em>:</p>
-
-<p>1. der Instinkt der <em>Herde</em> gegen die Starken und Unabhängigen;
-2. der Instinkt der <em>Leidenden</em> und Schlechtweggekommenen
-gegen die Glücklichen; 3. der Instinkt der
-<em>Mittelmäßigen</em> gegen die Ausnahmen. &ndash; <em>Ungeheurer
-Vorteil dieser Bewegung</em>, wieviel Grausamkeit, Falschheit
-und Borniertheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn
-die Geschichte vom <em>Kampf der Moral mit den Grundinstinkten
-des Lebens</em> ist selbst die größte Immoralität,
-die bisher auf Erden dagewesen ist....).</p>
-
-
-<h5>85.</h5>
-
-<p>Die ganze Moral Europas hat den <em>Nutzen der Herde</em>
-auf dem Grunde: die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen
-liegt darin, daß alles, was sie auszeichnet, ihnen mit
-dem Gefühl der Verkleinerung und Verunglimpfung zum
-Bewußtsein kommt. Die <em>Stärken</em> des jetzigen Menschen
-sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die Mittelmäßigen
-sind, wie die Herde ist, ohne viel Frage und Gewissen,
-&ndash; heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal,
-Schopenhauer.)</p>
-
-<p><em>Je gefährlicher eine Eigenschaft der Herde scheint,
-um so gründlicher wird sie in die Acht getan.</em></p>
-
-
-<h5>86.</h5>
-
-<p>Ich lehre: die Herde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten
-und wehrt sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die
-davon Entartenden (Verbrecher usw.), als gegen die darüber
-Emporragenden. Die Tendenz der Herde ist auf Stillstand
-und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr.</p>
-
-<p>Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende,
-Gerechte uns einflößt (im Gegensatz zu der Spannung,<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[Pg 50]</a></span>
-Furcht, welche der große, neue Mensch hervorbringt), sind
-<em>unsere</em> persönlichen Sicherheits-, Gleichheitsgefühle: das
-Herdentier verherrlicht dabei die Herdennatur und empfindet
-sich selber dann wohl. Dies Urteil des Wohlbehagens maskiert
-sich mit schönen Worten &ndash; so entsteht „Moral“. &ndash;
-Man beobachte aber den <em>Haß der Herde</em> gegen den Wahrhaftigen.
-&ndash;</p>
-
-
-<h5>87.</h5>
-
-<p><em>Tendenz der Moralentwicklung.</em> &ndash; Jeder wünscht,
-daß keine andere Lehre und Schätzung der Dinge zur Geltung
-komme außer einer solchen, bei der er selbst gut wegkommt.
-<em>Grundtendenz</em> folglich <em>der Schwachen und Mittelmäßigen</em>
-aller Zeiten, <em>die Stärkeren schwächer zu machen,
-herunterzuziehen</em>: <em>Hauptmittel das moralische Urteil</em>.
-Das Verhalten des Stärkeren gegen den Schwächeren
-wird gebrandmarkt; die höheren Zustände des Stärkeren bekommen
-schlechte Beinamen.</p>
-
-<p>Der Kampf der Vielen gegen die Wenigen, der Gewöhnlichen
-gegen die Seltenen, der Schwachen gegen die Starken
-&ndash; eine seiner feinsten Unterbrechungen ist die, daß die Ausgesuchten,
-Feinen, Anspruchsvolleren sich als die Schwachen
-präsentieren und die gröberen Mittel der Macht von sich
-weisen &ndash;</p>
-
-
-<h5>88.</h5>
-
-<p>Der heuchlerische Anschein, mit dem alle <em>bürgerlichen
-Ordnungen</em> übertüncht sind, wie als ob sie <em>Ausgeburten
-der Moralität</em> wären &ndash; zum Beispiel die Ehe; die Arbeit;
-der Beruf; das Vaterland; die Familie; die Ordnung; das
-Recht. Aber da sie insgesamt auf die <em>mittelmäßigste</em> Art
-Mensch hin begründet sind, zum Schutz gegen Ausnahmen
-und Ausnahmebedürfnisse, so muß man es billig finden,
-wenn hier viel gelogen wird.</p>
-
-
-<h5>89.</h5>
-
-<p>Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man
-in sich den moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus
-ihn versteht, so gehört man zur <em>Herde</em>. Hat man das<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[Pg 51]</a></span>
-umgekehrte Gefühl, fühlt man in seinen uneigennützigen
-und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine Abirrung,
-so gehört man nicht zur Herde.</p>
-
-
-<h5>90.</h5>
-
-<p>Die drei <em>Behauptungen</em>:</p>
-
-<p>Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des „gemeinen
-Mannes“);</p>
-
-<p>das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen);</p>
-
-<p>das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Herde,
-der „Mittleren“).</p>
-
-<p>In der <em>Geschichte der Moral</em> drückt sich also ein <em>Wille
-zur Macht</em> aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten,
-bald die Mißratenen und An-sich-Leidenden, bald
-die Mittelmäßigen den Versuch machen, die <em>ihnen</em> günstigsten
-Werturteile durchzusetzen.</p>
-
-<p>Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt
-der Biologie aus höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher
-entwickelt <em>auf Unkosten</em>: der Herrschenden und ihrer
-spezifischen Instinkte, der Wohlgeratenen und <em>schönen</em> Naturen,
-der Unabhängigen und Privilegierten in irgendeinem
-Sinne.</p>
-
-<p>Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen
-der Natur, es zu einem <em>höheren Typus</em> zu bringen.
-Ihre Wirkung ist: Mißtrauen gegen das Leben überhaupt
-(insofern dessen Tendenzen als „unmoralisch“ empfunden
-werden), &ndash; Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten
-Werte als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden
-werden), &ndash; Entartung und Selbstzerstörung der
-„höheren Naturen“, weil gerade in ihnen der Konflikt <em>bewußt</em>
-wird.</p>
-
-
-<h5>91.</h5>
-
-<p>„Die guten Leute sind alle schwach: sie sind gut, weil sie
-nicht stark genug sind, böse zu sein“, sagte der Latukahäuptling
-Comorro zu Baker.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[Pg 52]</a></span></p>
-
-<p>„Für schwache Herzen gibt es kein Unglück“ &ndash; sagt man
-im Russischen.</p>
-
-
-<h5>92.</h5>
-
-<p>Bescheiden, fleißig, wohlwollend, mäßig: so wollt ihr
-den Menschen? den <em>guten Menschen</em>? Aber mich dünkt
-das nur der ideale Sklave, der Sklave der Zukunft.</p>
-
-
-<h5>93.</h5>
-
-<p><em>Die Metamorphosen der Sklaverei</em>; ihre Verkleidung
-unter religiöse Mäntel; ihre Verklärung durch die
-Moral.</p>
-
-
-<h5>94.</h5>
-
-<p>Erwägen wir, wie teuer sich ein solcher moralischer Kanon
-(„ein <em>Ideal</em>“) bezahlt macht. (Seine Feinde sind &ndash; nun?
-Die „Egoisten“.)</p>
-
-<p>Der melancholische Scharfsinn der Selbstverkleinerung in
-Europa (Pascal, Larochefoucauld), &ndash; die innere Schwächung,
-Entmutigung, Selbstannagung der Nicht-Herdentiere,
-&ndash;</p>
-
-<p>die beständige Unterstreichung der Mittelmäßigkeitseigenschaften
-als der wertvollsten (Bescheidenheit, in Reih und
-Glied, die Werkzeugnatur), &ndash;</p>
-
-<p>das schlechte Gewissen eingemischt in alles Selbstherrliche,
-Originale:</p>
-
-<p>&ndash; die Unlust also: &ndash; also <em>Verdüsterung</em> der Welt der
-Stärkergeratenen!</p>
-
-<p>&ndash; das Herdenbewußtsein in die Philosophie und Religion
-übertragen: auch seine Ängstlichkeit.</p>
-
-<p>&ndash; Lassen wir die psychologische Unmöglichkeit einer rein
-selbstlosen Handlung außer Spiel!</p>
-
-
-<h5>95.</h5>
-
-<p>Der <em>ideale Sklave</em> (der „gute Mensch“). &ndash; Wer <em>sich</em>
-nicht als „Zweck“ ansetzen kann, noch überhaupt von sich
-aus Zwecke ansetzen kann, der gibt der Moral der <em>Entselbstung</em>
-die Ehre &ndash; instinktiv. Zu ihr überredet ihn alles:
-seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Und auch
-der Glaube ist eine Entselbstung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[Pg 53]</a></span></p>
-
-<p><em>Atavismus</em>: wonnevolles Gefühl, einmal unbedingt gehorchen
-zu können.</p>
-
-<p>Fleiß, Bescheidenheit, Wohlwollen, Mäßigkeit sind ebenso
-viele <em>Verhinderungen der souveränen Gesinnung</em>, der
-großen <em>Erfindsamkeit</em>, der heroischen Zielsetzung, des vornehmen
-Für-sich-seins.</p>
-
-<p>Es handelt sich nicht um ein <em>Vorangehen</em> (&ndash; damit ist
-man bestenfalls Hirt, das heißt oberster Notbedarf der
-Herde), sondern um ein <em>Für-sich-gehen-können</em>, um ein
-<em>Anders-sein-können</em>.</p>
-
-
-<h5>96.</h5>
-
-<p>Die <em>gelobten</em> Zustände und Begierden: &ndash; friedlich, billig,
-mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer,
-keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend,
-mitleidig, hilfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht,
-freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos,
-gütig, arbeitsam &ndash;</p>
-
-<p>Zu unterscheiden: inwiefern <em>solche Eigenschaften</em> bedingt
-sind als <em>Mittel</em> zu einem bestimmten Willen und
-<em>Zweck</em> (oft einem „<em>bösen</em>“ Zweck); oder als natürliche <em>Folgen</em>
-eines dominierenden Affektes (zum Beispiel <em>Geistigkeit</em>):
-oder Ausdruck einer Notlage, will sagen: als <em>Existenzbedingung</em>
-(zum Beispiel Bürger, Sklave, Weib usw.).</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Summa</span>: sie sind allesamt <em>nicht um ihrer selber willen
-als „gut“ empfunden</em>, sondern bereits unter dem
-Maßstab der „Gesellschaft“, „Herde“, als Mittel zu deren
-Zwecken, als notwendig für deren Aufrechterhaltung und
-Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen <em>Herdeninstinktes</em>
-im einzelnen: somit im Dienste eines <em>Instinktes</em>,
-<em>der grundverschieden</em> von diesen <em>Tugendzuständen</em> ist.
-Denn die Herde ist nach außen hin <em>feindselig</em>, <em>selbstsüchtig</em>,
-<em>unbarmherzig</em>, voller Herrschsucht, Mißtrauen usw.</p>
-
-<p>Im „<em>Hirten</em>“ kommt der <em>Antagonismus heraus</em>: er
-muß die <em>entgegengesetzten</em> Eigenschaften der Herde haben.</p>
-
-<p>Todfeindschaft der Herde gegen die <em>Rangordnung</em>: ihr
-Instinkt zugunsten der <em>Gleichmacher</em> (Christus). Gegen<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[Pg 54]</a></span>
-die <em>starken Einzelnen</em> (<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les souverains</span>) ist sie feindselig,
-unbillig, maßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen,
-falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.</p>
-
-
-<h5>97.</h5>
-
-<p><em>Zur Kritik der Herdentugenden.</em> &ndash; Die <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inertia</span>
-tätig 1. im Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung,
-Nachdenken nötig macht; &ndash; 2. in der Verehrung,
-wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung notwendig:
-um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen
-und die Machtverschiedenheit als <em>Wert</em>verschiedenheit
-auszudeuten: so daß das Verhältnis <em>nicht mehr revoltiert</em>;
-&ndash; 3. im Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine
-Erklärung gegeben ist, die uns das Minimum von geistiger
-Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr anstrengend);
-&ndash; 4. in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen,
-gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl <em>anzunehmen</em>,
-ist eine Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das
-Aktivum gehalten, welches die eigensten Rechte des Werturteils
-sich wahrt und beständig betätigt (letzteres gibt keine
-Ruhe); &ndash; 5. in der Unparteilichkeit und Kühle des Urteils:
-man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber
-abseits, „objektiv“; &ndash; 6. in der Rechtschaffenheit: man
-gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich
-und anderen befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen &ndash;&nbsp;:
-lieber sich unterwerfen als reagieren; &ndash; 7. in der Toleranz:
-die Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens.</p>
-
-
-<h5>98.</h5>
-
-<p>Moral der <em>Wahrhaftigkeit</em> in der Herde. „Du sollst
-erkennbar sein, dein Inneres durch deutliche und konstante
-Zeichen ausdrücken, &ndash; sonst bist du gefährlich: und wenn du
-böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu verstellen, das Schlimmste
-für die Herde. Wir verachten den Heimlichen, Unerkennbaren.
-&ndash; <em>Folglich</em> mußt du dich selber für erkennbar halten;
-du darfst dir nicht <em>verborgen</em> sein, du darfst <em>nicht</em> an
-deinen <em>Wechsel</em> glauben.“ Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit
-setzt die <em>Erkennbarkeit</em> und die <em>Beharrlichkeit</em><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[Pg 55]</a></span>
-der Person voraus. Tatsächlich ist es Sache der Erziehung,
-das Herdenmitglied zu einem <em>bestimmten Glauben</em> über
-das Wesen des Menschen zu bringen: sie <em>macht erst diesen
-Glauben</em> und fordert dann daraufhin „Wahrhaftigkeit“.</p>
-
-
-<h5>99.</h5>
-
-<p>Es tut gut, „Recht“, „Unrecht“ usw. in einem bestimmten,
-engen, bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie „tue Recht
-und scheue niemand“: das heißt, einem bestimmten, groben
-Schema gemäß, innerhalb dessen ein Gemeinwesen besteht,
-seine Schuldigkeit tun.</p>
-
-<p>&ndash; Denken wir nicht gering von dem, was ein paar Jahrtausende
-Moral unserm Geiste angezüchtet haben!</p>
-
-
-<h5>100.</h5>
-
-<p>Maßstab, <em>wonach</em> der Wert der moralischen Wertschätzungen
-zu bestimmen ist.</p>
-
-<p>Die <em>übersehene</em> Grundtatsache: Widerspruch zwischen
-dem „Moralischer-werden“ und der Erhöhung und Verstärkung
-des Typus Mensch.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Homo natura.</span> Der „Wille zur Macht“.</p>
-
-
-<h5>101.</h5>
-
-<p>Die Moralwerte als <em>Scheinwerte</em>, verglichen mit den
-<em>physiologischen</em>.</p>
-
-
-<h5>102.</h5>
-
-<p>Alle Tugenden physiologische <em>Zustände</em>: namentlich die
-organischen Hauptfunktionen als notwendig, als gut empfunden.
-Alle Tugenden sind eigentlich verfeinerte <em>Leidenschaften</em>
-und erhöhte Zustände.</p>
-
-<p>Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des Geschlechtstriebes.
-Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes.
-Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht.
-Ehre als Anerkennung des Ähnlichen und Gleichmächtigen.</p>
-
-
-<h5>103.</h5>
-
-<p>Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine
-bestimmte Perspektive: <em>Erhaltung</em> des Individuums, einer
-Gemeinde, einer Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[Pg 56]</a></span>
-Glaubens, einer Kultur. &ndash; Vermöge des <em>Vergessens</em>,
-daß es nur ein perspektivisches Schätzen gibt, wimmelt alles
-von widersprechenden Schätzungen und <em>folglich von widersprechenden
-Antrieben</em> in einem Menschen. Das ist
-der <em>Ausdruck der Erkrankung am Menschen</em>, im Gegensatz
-zum Tiere, wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten
-Aufgaben genügen.</p>
-
-<p>Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen
-eine große Methode der <em>Erkenntnis</em>: er fühlt viele Für und
-Wider, er erhebt sich <em>zur Gerechtigkeit</em> &ndash; zum Begreifen
-<em>jenseits des Gut- und Böseschätzens</em>.</p>
-
-<p>Der weiseste Mensch wäre <em>der reichste an Widersprüchen</em>,
-der gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat:
-und zwischeninnen seine großen Augenblicke <em>grandiosen Zusammenklangs</em>
-&ndash; der hohe <em>Zufall</em> auch in uns! Eine Art
-planetarischer Bewegung &ndash;</p>
-
-
-<h5>104.</h5>
-
-<p><em>Welche Werte bisher obenauf waren.</em></p>
-
-<p>Moral als oberster Wert in allen Phasen der Philosophie
-(selbst bei den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts,
-es muß eine „wahre Welt“ geben.</p>
-
-<p>Was bestimmt hier eigentlich den obersten Wert? Was
-ist eigentlich Moral? Der Instinkt der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, es sind
-die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise <em>Rache
-nehmen</em> und die <em>Herren</em> machen....</p>
-
-<p>Historischer Nachweis: die Philosophen immer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span>,
-immer im Dienst der nihilistischen Religionen.</p>
-
-<p>Der Instinkt der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, der als Wille zur Macht
-auftritt. Vorführung seines Systems der Mittel: absolute
-Unmoralität der Mittel.</p>
-
-<p>Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein
-Spezialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein
-Spezialfall der <em>Unmoralität</em>.</p>
-
-
-<p><em>Warum die gegnerischen Werte immer unterlagen.</em></p>
-
-<p>1. Wie war das eigentlich <em>möglich</em>? Frage: warum
-unterlag das Leben, die physiologische Wohlgeratenheit über<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[Pg 57]</a></span>all?
-Warum gab es keine Philosophie des Ja, keine Religion
-des Ja?....</p>
-
-<p>Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische
-Religion. Dionysos gegen den „Gekreuzigten“. Die
-Renaissance. Die <em>Kunst</em>.</p>
-
-<p>2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und
-die Kranken; die Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel,
-<em>wer</em> der Stärkere ist....</p>
-
-<p><em>Gesamtaspekt der Geschichte</em>: Ist der Mensch damit
-eine <em>Ausnahme</em> in der Geschichte des Lebens? &ndash; Einsprache
-gegen den <em>Darwinismus</em>. Die Mittel der Schwachen,
-um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind „Menschlichkeit“
-geworden, sind „Institutionen“....</p>
-
-<p>3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten,
-in unsern sozialen Werturteilen, in unsern Künsten,
-in unserer <em>Wissenschaft</em>.</p>
-
-<p>Die <em>Niedergangsinstinkte</em> sind Herr über die <em>Aufgangsinstinkte</em>
-geworden.... Der <em>Wille zum Nichts</em> ist
-Herr geworden über den <em>Willen zum Leben</em>!</p>
-
-<p>&ndash; Ist das <em>wahr</em>? ist nicht vielleicht eine größere Garantie
-des Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen
-und Mittleren? &ndash; ist es vielleicht nur ein Mittel in der
-Gesamtbewegung des Lebens, eine Tempoverzögerung? eine
-Notwehr gegen etwas noch Schlimmeres?</p>
-
-<p>&ndash; Gesetzt, die <em>Starken</em> wären Herr, in allem, und auch
-in den Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Konsequenz,
-wie sie über Krankheit, Leiden, Opfer denken würden!
-Eine <em>Selbstverachtung der Schwachen</em> wäre die
-Folge; sie würden suchen, zu verschwinden und sich auszulöschen....
-Und wäre dies vielleicht <em>wünschenswert</em>? &ndash;
-und möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung
-der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit,
-<em>Biegsamkeit</em> fehlte?....</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wir haben zwei „Willen zur Macht“ im Kampfe gesehen
-(<em>im Spezialfall</em>: <em>wir hatten ein Prinzip</em>, dem einen
-recht zu geben, der bisher unterlag, und dem, der bisher<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[Pg 58]</a></span>
-siegte, unrecht zu geben): wir haben die „wahre Welt“ als
-eine „<em>erlogene Welt</em>“ und die Moral als eine <em>Form der
-Unmoralität</em> erkannt. Wir sagen <em>nicht</em>: „der Stärkere
-hat unrecht“.</p>
-
-<p>Wir haben begriffen, <em>was</em> bisher den obersten Wert bestimmt
-hat und <em>warum</em> es Herr geworden ist über die gegnerische
-Wertung &ndash;&nbsp;: es war numerisch <em>stärker</em>.</p>
-
-<p>Reinigen wir jetzt die <em>gegnerische Wertung</em> von der
-Infektion und Halbheit, von der <em>Entartung</em>, in der sie uns
-allen bekannt ist.</p>
-
-<p>Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.</p>
-
-
-<h5>105.</h5>
-
-<p>Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine
-Moral, mit der sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die
-beginnende <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> wehrt, &ndash; und eine andere Moral,
-mit der eben diese <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> sich formuliert, rechtfertigt
-und selber abwärts führt.</p>
-
-<p>Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (&ndash; der
-<em>Stoizismus</em> selbst war eine solche Hemmschuh-Moral);
-die andere ist schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse,
-sie hat die Weiber und „schönen Gefühle“ für sich (&ndash;
-das erste <em>Christentum</em> war eine solche Moral).</p>
-
-
-<h5>106.</h5>
-
-<p>Das Nachdenken über das Allgemeinste ist immer rückständig:
-die letzten „Wünschbarkeiten“ über den Menschen
-zum Beispiel sind von den Philosophen eigentlich niemals
-als Problem genommen worden. Die „<em>Verbesserung</em>“
-des Menschen wird von ihnen allen naiv angesetzt, wie als
-ob wir durch irgendeine Intuition über das Fragezeichen hinausgehoben
-wären, <em>warum</em> gerade „verbessern“? Inwiefern
-ist es <em>wünschbar</em>, daß der Mensch <em>tugendhafter</em>
-wird? oder <em>klüger</em>? oder <em>glücklicher</em>? Gesetzt, daß man
-nicht schon das „Warum?“ des Menschen überhaupt <em>kennt</em>,
-so hat jede solche Absicht keinen Sinn; und wenn man das
-eine will, wer weiß? vielleicht darf man dann das andere
-nicht wollen? Ist die Vermehrung der Tugendhaftigkeit zu<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[Pg 59]</a></span>gleich
-verträglich mit einer Vermehrung der Klugheit und
-Einsicht? <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Dubito</span>; ich werde nur zu viel Gelegenheit haben,
-das Gegenteil zu beweisen. Ist die Tugendhaftigkeit als Ziel
-im rigorosen Sinne nicht tatsächlich bisher im Widerspruch
-mit dem Glücklichwerden gewesen? braucht sie andererseits
-nicht das Unglück, die Entbehrung und Selbstmißhandlung
-als notwendiges Mittel? Und wenn die <em>höchste Einsicht</em>
-das Ziel wäre, müßte man nicht eben damit die Steigerung
-des Glücks ablehnen? und die Gefahr, das Abenteuer, das
-Mißtrauen, die Verführung als Weg zur Einsicht wählen?..
-Und will man <em>Glück</em>, nun, so muß man vielleicht zu den
-„Armen des Geistes“ sich gesellen.</p>
-
-
-<h5>107.</h5>
-
-<p>Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche <em>Umdrehungen</em>
-bereits das moralische Urteil durchgemacht hat
-und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne
-„Böse“ auf „Gut“ umgetauft worden ist. Auf eine dieser
-Verschiebungen habe ich mit dem Gegensatze „Sittlichkeit der
-Sitte“ hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre
-vertauscht: es gab einen Herden-Gewissensbiß.</p>
-
-
-<h5>108.</h5>
-
-<p><em>Die Vorherrschaft der moralischen Werte.</em> &ndash; Folgen
-dieser Vorherrschaft: die Verderbnis der Psychologie usw.,
-das Verhängnis überall, das an ihr hängt. Was <em>bedeutet</em>
-diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin? &ndash;</p>
-
-<p>Auf eine gewisse <em>größere Dringlichkeit</em> eines bestimmten
-Ja und Nein auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten
-<em>Imperative</em> darauf verwendet, um die moralischen Werte
-als fest erscheinen zu lassen: sie sind am längsten kommandiert
-worden: &ndash; sie <em>scheinen</em> instinktiv, wie innere Kommandos.
-Es drücken sich <em>Erhaltungsbedingungen der
-Sozietät</em> darin aus, daß die moralischen Werte als <em>undiskutierbar</em>
-empfunden werden. Die Praxis: das will
-heißen, die <em>Nützlichkeit</em>, untereinander sich über die obersten
-Werte zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt.
-Wir sehen <em>alle Mittel angewendet</em>, wodurch das Nach<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[Pg 60]</a></span>denken
-und die Kritik auf diesem Gebiete <em>lahm</em>gelegt wird:
-&ndash; welche Attitüde nimmt noch Kant an! Nicht zu reden von
-denen, welche es als unmoralisch ablehnen, hier zu „forschen“
-&ndash;</p>
-
-
-<h5>109.</h5>
-
-<p>Was ist das <em>Kriterium</em> der unmoralischen Handlung?
-1. ihre Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit usw.
-Aber das ist Stubenmoralistik. Man muß die Völker studieren
-und zusehen, was jedesmal das Kriterium ist und
-was sich darin ausdrückt: ein Glaube „ein solches Verhalten
-gehört zu unseren ersten Existenzbedingungen“. Unmoralisch
-heißt „untergang-bringend“. Nun sind alle diese Gemeinschaften,
-in denen diese Gesetze gefunden wurden, zugrunde
-gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von neuem unterstrichen
-worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft
-sie wieder nötig hatte, zum Beispiel „du sollst nicht stehlen“.
-Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für die Gesellschaft (zum
-Beispiel im <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">imperium Romanum</span>) nicht verlangt werden
-konnte, warf sich der Trieb aufs „Heil der Seele“, religiös
-gesprochen: oder „das größte Glück“, philosophisch geredet.
-Denn auch die griechischen Moralphilosophen empfanden
-nicht mehr mit ihrer πόλις.</p>
-
-
-<h5>110.</h5>
-
-<p>Unsre heiligsten Überzeugungen, unser Unwandelbares in
-Hinsicht auf oberste Werte sind <em>Urteile unsrer Muskeln</em>.</p>
-
-
-<h5>111.</h5>
-
-<p>Daß der Wert einer Handlung von dem abhängen soll,
-was ihr im <em>Bewußtsein</em> vorausging &ndash; wie falsch ist das!
-&ndash; Und man hat die Moralität danach bemessen, selbst die
-Kriminalität....</p>
-
-<p>Der Wert einer Handlung muß nach ihren Folgen bemessen
-werden &ndash; sagen die Utilitarier &ndash;&nbsp;: sie nach ihrer
-Herkunft zu messen, impliziert eine Unmöglichkeit, nämlich
-diese zu <em>wissen</em>.</p>
-
-<p>Aber weiß man die Folgen? Fünf Schritt weit vielleicht.
-Wer kann sagen, was eine Handlung anregt, aufregt, wider<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[Pg 61]</a></span>
-sich erregt? Als Stimulans? Als Zündfunke vielleicht für
-einen Explosivstoff?.... Die Utilitarier sind naiv.... Und
-zuletzt müssen wir erst <em>wissen</em>, was nützlich ist: auch hier
-geht ihr Blick nur fünf Schritt weit.... Sie haben keinen
-Begriff von der großen Ökonomie, die des Übels nicht zu
-entraten weiß.</p>
-
-<p>Man weiß die Herkunft nicht, man weiß die Folgen nicht:
-&ndash; hat folglich eine Handlung überhaupt einen Wert?</p>
-
-<p>Bleibt die Handlung selbst: ihre Begleiterscheinungen im
-Bewußtsein, das Ja und das Nein, das ihrer Ausführung
-folgt: liegt der Wert einer Handlung in den subjektiven Begleiterscheinungen?
-(&ndash; das hieße den Wert der Musik nach
-dem Vergnügen oder Mißvergnügen abmessen, das sie uns
-macht.... das sie ihrem <em>Komponisten</em> macht....). Sichtlich
-begleiten sie Wertgefühle, ein Macht-, ein Zwang-, ein
-Ohnmachtsgefühl zum Beispiel, die Freiheit, die Leichtigkeit,
-&ndash; anders gefragt: könnte man den Wert einer Handlung
-auf physiologische Werte reduzieren: ob sie ein Ausdruck
-des vollständigen oder gehemmten Lebens ist? &ndash; Es mag
-sein, daß sich ihr <em>biologischer</em> Wert darin ausdrückt....</p>
-
-<p>Wenn also die Handlung weder nach ihrer Herkunft, noch
-nach ihren Folgen, noch nach ihren Begleiterscheinungen abwertbar
-ist, so ist ihr Wert <span class="antiqua">x</span>, unbekannt....</p>
-
-
-<h5>112.</h5>
-
-<p>Es ist eine <em>Entnatürlichung der Moral</em>, daß man die
-Handlung <em>abtrennt</em> vom Menschen; daß man den Haß
-oder die Verachtung gegen die „Sünde“ wendet; daß man
-glaubt, es gebe Handlungen, welche an sich gut oder schlecht
-sind.</p>
-
-<p><em>Wiederherstellung</em> der „<em>Natur</em>“: eine Handlung an
-sich ist vollkommen leer an Wert: es kommt alles darauf
-an, <em>wer</em> sie tut. Ein und dasselbe „Verbrechen“ kann im
-einen Fall das höchste Vorrecht, im andern das Brandmal
-sein. Tatsächlich ist es die Selbstsucht der Urteilenden, welche
-eine Handlung, respektive ihren Täter, auslegt im Verhältnis
-zum eigenen Nutzen oder Schaden (&ndash; oder im Verhältnis
-zur Ähnlichkeit oder Nichtverwandtschaft mit sich).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[Pg 62]</a></span></p>
-
-
-<h5>113.</h5>
-
-<p><em>Moral als Versuch, den menschlichen Stolz herzustellen.</em>
-&ndash; Die Theorie vom „freien Willen“ ist antireligiös.
-Sie will dem Menschen ein Anrecht schaffen, sich für
-seine hohen Zustände und Handlungen als Ursache denken zu
-dürfen: sie ist eine Form des wachsenden <em>Stolzgefühls</em>.</p>
-
-<p>Der Mensch fühlt seine Macht, sein „Glück“, wie man
-sagt: es muß „Wille“ sein vor diesem Zustand, &ndash; sonst gehört
-er ihm nicht an. Die Tugend ist der Versuch, ein Faktum
-von Wollen und Gewollt-haben als notwendiges Antezedenz
-vor jedes hohe und starke Glücksgefühl zu setzen: &ndash;
-wenn regelmäßig der Wille zu gewissen Handlungen im Bewußtsein
-vorhanden ist, so darf ein Machtgefühl als dessen
-Wirkung ausgelegt werden. &ndash; Das ist eine bloße <em>Optik der
-Psychologie</em>: immer unter der falschen Voraussetzung, daß
-uns nichts zugehört, was wir nicht als gewollt im Bewußtsein
-haben. Die ganze Verantwortlichkeitslehre hängt an dieser
-naiven Psychologie, daß nur der Wille Ursache ist, und
-daß man wissen muß, gewollt zu haben, um <em>sich</em> als Ursache
-glauben zu dürfen.</p>
-
-<p>&ndash; <em>Kommt die Gegenbewegung</em>: die der Moralphilosophen,
-immer noch unter dem gleichen Vorurteil, daß man
-nur für etwas verantwortlich ist, das man gewollt hat. Der
-Wert des Menschen, als <em>moralischer Wert</em> angesetzt: folglich
-muß seine Moralität eine <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span> sein; folglich
-muß ein Prinzip im Menschen sein, ein „freier Wille“ als
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span>. &ndash; Hier ist immer der Hintergedanke: wenn
-der Mensch nicht <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span> ist als Wille, so ist er unverantwortlich,
-&ndash; folglich gehört er gar nicht vor das moralische
-Forum, &ndash; die Tugend oder das Laster wären automatisch
-und machinal....</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: damit der Mensch vor sich Achtung haben
-kann, muß er fähig sein, auch böse zu werden.</p>
-
-
-<h5>114.</h5>
-
-<p>Die <em>Schauspielerei</em> als Folge der Moral des „freien
-Willens“. &ndash; Es ist ein Schritt in der <em>Entwicklung des<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[Pg 63]</a></span>
-Machtgefühls</em> selbst, seine hohen Zustände (seine Vollkommenheit)
-selber auch verursacht zu haben, &ndash; folglich, schloß
-man sofort, <em>gewollt</em> zu haben....</p>
-
-<p>(Kritik: Alles vollkommene Tun ist gerade unbewußt und
-nicht mehr gewollt; das Bewußtsein drückt einen unvollkommenen
-und oft krankhaften Personalzustand aus. <em>Die
-persönliche Vollkommenheit als bedingt durch Willen,
-als Bewußtsein</em>, als Vernunft mit Dialektik, ist eine
-Karikatur, eine Art von Selbstwiderspruch.... Der Grad
-von Bewußtheit macht ja die Vollkommenheit <em>unmöglich</em>..
-Form der <em>Schauspielerei</em>.)</p>
-
-
-<h5>115.</h5>
-
-<p><em>Kritik der subjektiven Wertgefühle.</em> &ndash; Das <em>Gewissen</em>.
-Ehemals schloß man: das Gewissen verwirft diese
-Handlung; folglich ist diese Handlung verwerflich. Tatsächlich
-verwirft das Gewissen eine Handlung, weil dieselbe lange
-verworfen worden ist. Es spricht bloß nach: es schafft keine
-Werte. Das, was ehedem dazu bestimmte, gewisse Handlungen
-zu verwerfen, war <em>nicht</em> das Gewissen: sondern die
-Einsicht (oder das Vorurteil) hinsichtlich ihrer Folgen....
-Die Zustimmung des Gewissens, das Wohlgefühl des „Friedens
-mit sich“ ist von gleichem Range wie die Lust eines
-Künstlers an seinem Werke, &ndash; sie beweist gar nichts.... Die
-Selbstzufriedenheit ist so wenig ein Wertmaß für das, worauf
-sie sich bezieht, als ihr Mangel ein Gegenargument
-gegen den Wert einer Sache. Wir wissen bei weitem nicht
-genug, um den Wert unsrer Handlungen messen zu können:
-es fehlt uns zu alledem die Möglichkeit, objektiv dazu zu
-stehen: auch wenn wir eine Handlung verwerfen, sind wir
-nicht Richter, sondern Partei.... Die edlen Wallungen, als
-Begleiter von Handlungen, beweisen nichts für deren Wert:
-ein Künstler kann mit dem allerhöchsten Pathos des Zustandes
-eine Armseligkeit zur Welt bringen. Eher sollte man
-sagen, daß diese Wallungen verführerisch seien: sie locken
-unsern Blick, unsre Kraft ab von der Kritik, von der Vorsicht,
-von dem Verdacht, daß wir eine <em>Dummheit</em> machen..
-sie machen uns dumm &ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[Pg 64]</a></span></p>
-
-
-<h5>116.</h5>
-
-<p>Wir sind die Erben der Gewissensvivisektion und Selbstkreuzigung
-von zwei Jahrtausenden: darin ist unsre längste
-Übung, unsre Meisterschaft vielleicht, unser Raffinement in
-jedem Fall; wir haben die natürlichen Hänge mit dem
-bösen Gewissen verschwistert.</p>
-
-<p>Ein umgekehrter Versuch wäre möglich: die unnatürlichen
-Hänge, ich meine die Neigungen zum Jenseitigen, Sinnwidrigen,
-Denkwidrigen, Naturwidrigen, kurz die bisherigen
-Ideale, die allesamt Weltverleumdungsideale waren, mit
-dem schlechten Gewissen zu verschwistern.</p>
-
-
-<h5>117.</h5>
-
-<p>Die großen <em>Verbrechen</em> in der <em>Psychologie</em>:</p>
-
-<p>1. Daß alle <em>Unlust</em>, alles <em>Unglück</em> mit dem Unrecht (der
-Schuld) gefälscht worden ist (man hat dem Schmerz die Unschuld
-genommen);</p>
-
-<p>2. daß alle <em>starken Lustgefühle</em> (Übermut, Wollust,
-Triumph, Stolz, Verwegenheit, Erkenntnis, Selbstgewißheit
-und Glück an sich) als sündlich, als Verführung, als
-verdächtig gebrandmarkt worden sind;</p>
-
-<p>3. daß die <em>Schwächegefühle</em>, die innerlichsten Feigheiten,
-der Mangel an Mut zu sich selbst mit heiligenden
-Namen belegt und als wünschenswert im höchsten Sinne gelehrt
-worden sind;</p>
-
-<p>4. daß alles <em>Große</em> am Menschen umgedeutet worden ist
-als Entselbstung, als Sichopfern für etwas anderes, für
-andere; daß selbst am Erkennenden, selbst am Künstler die
-<em>Entpersönlichung</em> als die Ursache seines höchsten Erkennens
-und Könnens vorgespiegelt worden ist;</p>
-
-<p>5. daß die <em>Liebe</em> gefälscht worden ist als Hingebung (und
-Altruismus), während sie ein Hinzunehmen ist oder ein Abgeben
-infolge eines Überreichtums von Persönlichkeit. Nur
-die <em>ganzesten</em> Personen können lieben; die Entpersönlichten,
-die „Objektiven“ sind die schlechtesten Liebhaber (&ndash;
-man frage die Weibchen!). Das gilt auch von der Liebe zu
-Gott, oder zum „Vaterland“: man muß fest auf sich selber<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[Pg 65]</a></span>
-sitzen. (Der Egoismus als die Ver-<em>Ichlichung</em>, der Altruismus
-als die Ver-<em>Änderung</em>).</p>
-
-<p>6. Das Leben als Strafe, das Glück als Versuchung; die
-Leidenschaften als teuflisch, das Vertrauen zu sich als gottlos.</p>
-
-<p><em>Diese ganze Psychologie ist eine Psychologie der
-Verhinderung</em>, eine Art <em>Vermauerung</em> aus Furcht; einmal
-will sich die große Menge (die Schlechtweggekommenen
-und Mittelmäßigen) damit wehren gegen die Stärkeren (&ndash;
-und sie in der Entwicklung <em>zerstören</em>....), andrerseits alle
-die Triebe, mit denen sie selbst am besten gedeiht, heiligen
-und allein in Ehren gehalten wissen. Vergleiche die jüdische
-Priesterschaft.</p>
-
-
-<h5>118.</h5>
-
-<p>Die <em>Überreste der Naturentwertung</em> durch Moral-Transzendenz:
-Wert der <em>Entselbstung</em>, Kultus des Altruismus:
-Glaube an eine <em>Vergeltung</em> innerhalb des Spiels
-der Folgen; Glaube an die „Güte“, an das „Genie“ selbst,
-wie als ob das eine wie das andere <em>Folgen der Entselbstung</em>
-wären; die Fortdauer der kirchlichen Sanktion des
-bürgerlichen Lebens; absolutes Mißverstehen-wollen der Historie
-(als Erziehungswerk zur Moralisierung) oder Pessimismus
-im Anblick der Historie (&ndash; letzterer so gut eine
-Folge der Naturentwertung wie jene <em>Pseudorechtfertigung</em>,
-jenes Nicht-Sehen-wollen dessen, was der Pessimist
-<em>sieht</em>....).</p>
-
-
-<h5>119.</h5>
-
-<p>„<em>Die Moral um der Moral willen</em>“ &ndash; eine wichtige
-Stufe in ihrer Entnaturalisierung: sie erscheint selbst als
-letzter Wert. In dieser Phase hat sie die Religion mit sich
-durchdrungen: im Judentum zum Beispiel. Und ebenso gibt
-es eine Phase, wo sie die Religion wieder <em>von sich abtrennt</em>
-und wo ihr kein Gott „moralisch“ genug ist: dann zieht sie
-das unpersönliche Ideal vor.... Das ist jetzt der Fall.</p>
-
-<p>„<em>Die Kunst um der Kunst willen</em>“ &ndash; das ist ein
-gleichgefährliches Prinzip: damit bringt man einen falschen
-Gegensatz in die Dinge, &ndash; es läuft auf eine Realitätsver<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[Pg 66]</a></span>leumdung
-(„Idealisierung“ ins <em>Häßliche</em>) hinaus. Wenn
-man ein Ideal ablöst vom Wirklichen, so stößt man das
-Wirkliche hinab, man verarmt es, man verleumdet es. „<em>Das
-Schöne um des Schönen willen</em>“, „<em>das Wahre um
-des Wahren willen</em>“, „<em>das Gute um des Guten willen</em>“
-&ndash; das sind drei Formen des <em>bösen Blicks</em> für das
-Wirkliche.</p>
-
-<p>&ndash; <em>Kunst</em>, <em>Erkenntnis</em>, <em>Moral</em> sind <em>Mittel</em>: statt
-die Absicht auf Steigerung des Lebens in ihnen zu erkennen,
-hat man sie zu einem <em>Gegensatz des Lebens</em> in Bezug
-gebracht, zu „<em>Gott</em>“, &ndash; gleichsam als Offenbarungen einer
-höheren Welt, die durch diese hier und da hindurchblickt....</p>
-
-<p>„<em>Schön</em> und <em>häßlich</em>“, „<em>wahr</em> und <em>falsch</em>“, „<em>gut</em> und
-<em>böse</em>“ &ndash; diese <em>Scheidungen</em> verraten Daseins- und Steigerungsbedingungen,
-nicht vom Menschen überhaupt, sondern
-von irgendwelchen festen und dauerhaften Komplexen,
-welche ihre Widersacher von sich abtrennen. Der <em>Krieg</em>, der
-damit geschaffen wird, ist das Wesentliche daran: als Mittel
-der <em>Absonderung</em>, die die Isolation <em>verstärkt</em>....</p>
-
-
-<h5>120.</h5>
-
-<p>Daß man endlich die menschlichen Werte wieder hübsch in
-die Ecke zurücksetze, in der sie allein ein Recht haben: als
-Eckensteherwerte. Es sind schon viele Tierarten verschwunden;
-gesetzt, daß auch der Mensch verschwände, so würde
-nichts in der Welt fehlen. Man muß Philosoph genug sein,
-um auch <em>dies</em> Nichts zu bewundern (&ndash; <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nil admirari</span> &ndash;).</p>
-
-
-<h5>121.</h5>
-
-<p>Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die &ndash; glücklicherweise
-&ndash; ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt
-ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne
-Folge, etwas, das für den Gesamtcharakter der Erde belanglos
-bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus
-zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, Vernunft,
-Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art des Notwendigen,
-die <em>dumme</em> Notwendigkeit.... Gegen diese Betrachtung
-empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[Pg 67]</a></span>
-uns zu, „das alles muß falsch sein: <em>denn</em> es empört....
-Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch
-trotzalledem, mit Kant zu reden &ndash; &ndash;“</p>
-
-
-<h5>122.</h5>
-
-<p>Der <em>Sieg</em> eines moralischen Ideals wird durch dieselben
-„unmoralischen“ Mittel errungen wie jeder Sieg: Gewalt,
-Lüge, Verleumdung, Ungerechtigkeit.</p>
-
-
-<h5>123.</h5>
-
-<p>Wer weiß, wie aller <em>Ruhm</em> entsteht, wird einen Argwohn
-auch gegen den Ruhm haben, den die Tugend genießt.</p>
-
-
-<h5>124.</h5>
-
-<p><em>Vom Ideal des Moralisten.</em> &ndash; Dieser Traktat handelt
-von der großen <em>Politik</em> der Tugend. Wir haben ihn
-denen zum Nutzen bestimmt, welchen daran liegen muß, zu
-lernen, nicht wie man tugendhaft <em>wird</em>, sondern wie man
-tugendhaft <em>macht</em>, &ndash; wie man die Tugend <em>zur Herrschaft
-bringt</em>. Ich will sogar beweisen, daß, um dies eine zu wollen
-&ndash; die Herrschaft der Tugend &ndash;, man grundsätzlich das
-andere nicht wollen darf; eben damit verzichtet man darauf,
-tugendhaft zu werden. Dies Opfer ist groß: aber ein
-solches Ziel lohnt vielleicht solch ein Opfer. Und selbst noch
-größere.... Und einige von den berühmten Moralisten haben
-so viel riskiert. Von diesen nämlich wurde bereits die Wahrheit
-erkannt und vorweggenommen, welche mit diesem Traktat
-zum ersten Male gelehrt werden soll: daß man die
-<em>Herrschaft der Tugend</em> schlechterdings <em>nur durch dieselben
-Mittel erreichen kann</em>, mit denen man überhaupt
-eine Herrschaft erreicht, jedenfalls nicht <em>durch</em> die Tugend..</p>
-
-<p>Dieser Traktat handelt, wie gesagt, von der Politik der Tugend:
-er setzt ein Ideal dieser Politik an, er beschreibt sie so, wie
-sie sein müßte, wenn etwas auf dieser Erde vollkommen sein
-könnte. Nun wird kein Philosoph darüber in Zweifel sein, was
-der Typus der Vollkommenheit in der Politik ist; nämlich der
-Macchiavellismus. Aber der Macchiavellismus, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">pur, sans
-mélange, cru, vert, dans toute sa force, dans toute son<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[Pg 68]</a></span>
-âpreté</span> ist übermenschlich, göttlich, transzendent, er wird von
-Menschen nie erreicht, höchstens gestreift. Auch in dieser engeren
-Art von Politik, in der Politik der Tugend, scheint das
-Ideal nie erreicht worden zu sein. Auch Plato hat es nur gestreift.
-Man entdeckt, gesetzt, daß man Augen für versteckte
-Dinge hat, selbst noch an den unbefangensten und bewußtesten
-<em>Moralisten</em> (und das ist ja der Name für solche Politiker
-der Moral, für jede Art Begründer neuer Moralgewalten)
-Spuren davon, daß auch sie der menschlichen Schwäche ihren
-Tribut gezollt haben. <em>Sie alle aspirierten</em>, zum mindesten
-in ihrer Ermüdung, auch für sich selbst <em>zur Tugend</em>:
-erster und kapitaler Fehler eines Moralisten, &ndash; als welcher
-<em>Immoralist der Tat</em> zu sein hat. Daß er gerade das
-<em>nicht scheinen darf</em>, ist eine andere Sache. Oder vielmehr,
-es ist <em>nicht</em> eine andere Sache: es gehört eine solche grundsätzliche
-Selbstverleugnung (moralisch ausgedrückt, Verstellung)
-mit hinein in den Kanon des Moralisten und seiner
-eigensten Pflichtenlehre: ohne sie wird er niemals zu <em>seiner</em>
-Art Vollkommenheit gelangen. Freiheit von der Moral, <em>auch
-von der Wahrheit</em>, um jenes Zieles willen, das jedes Opfer
-aufwiegt: um der <em>Herrschaft der Moral</em> willen, &ndash; so
-lautet jener Kanon. Die Moralisten haben die <em>Attitüde
-der Tugend</em> nötig, auch die Attitüde der Wahrheit; ihr
-Fehler beginnt erst, wo sie der Tugend <em>nachgeben</em>, wo sie
-die Herrschaft über die Tugend verlieren, wo sie selbst <em>moralisch</em>
-werden, <em>wahr</em> werden. Ein großer Moralist ist unter
-anderem notwendig auch ein großer Schauspieler; seine Gefahr
-ist, daß seine Verstellung unversehens Natur wird, wie
-es sein Ideal ist, sein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">esse</span> und sein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">operari</span> auf eine göttliche
-Weise auseinander zu halten; alles, was er tut, muß
-er <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sub specie boni</span> tun, &ndash; ein hohes, fernes, anspruchsvolles
-Ideal! Ein <em>göttliches</em> Ideal! Und in der Tat geht
-die Rede, daß der Moralist damit kein geringeres Vorbild
-nachahmt als Gott selbst: Gott, diesen größten Immoralisten
-der Tat, den es gibt, der aber nichtsdestoweniger zu
-bleiben versteht, was er ist, der <em>gute Gott</em>....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[Pg 69]</a></span></p>
-
-
-<h5>125.</h5>
-
-<p>Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft
-der Tugend; mit der Tugend selbst verzichtet man auf
-Macht, verliert den Willen zur Macht.</p>
-
-
-<h5>126.</h5>
-
-<p><em>Mit welchen Mitteln eine Tugend zur Macht
-kommt?</em> &ndash; Genau mit den Mitteln einer politischen Partei:
-Verleumdung, Verdächtigung, Unterminierung der entgegenstrebenden
-Tugenden, die schon in der Macht sind, Umtaufung
-ihres Namens, systematische Verfolgung und Verhöhnung.
-Also: <em>durch lauter „Immoralitäten“</em>.</p>
-
-<p>Was eine <em>Begierde</em> mit sich selber macht, um zur <em>Tugend</em>
-zu werden? &ndash; Die Umtaufung; die prinzipielle Verleugnung
-ihrer Absichten; die Übung im Sich-Mißverstehen;
-die Allianz mit bestehenden und anerkannten Tugenden; die
-affichierte Feindschaft gegen deren Gegner. Womöglich den
-Schutz heiligender Mächte erkaufen; berauschen, begeistern;
-die Tartüfferie des Idealismus; eine Partei gewinnen, die
-<em>entweder</em> mit ihr obenauf kommt <em>oder</em> zugrunde geht....,
-<em>unbewußt</em>, <em>naiv</em> werden....</p>
-
-
-<h5>127.</h5>
-
-<p><em>Die Moral in der Wertung von Rassen und Ständen.</em>
-&ndash; In Anbetracht, daß <em>Affekte</em> und <em>Grundtriebe</em>
-bei jeder Rasse und bei jedem Stande etwas von ihren Existenzbedingungen
-ausdrücken (&ndash; zum mindesten von den
-Bedingungen, unter denen sie die längste Zeit sich durchgesetzt
-haben), heißt verlangen, daß sie „tugendhaft“ sind:</p>
-
-<p>daß sie ihren Charakter wechseln, aus der Haut fahren
-und ihre Vergangenheit auswischen:</p>
-
-<p>heißt, daß sie aufhören sollen, sich zu unterscheiden:</p>
-
-<p>heißt, daß sie in Bedürfnissen und Ansprüchen sich anähnlichen
-sollen, &ndash; deutlicher, <em>daß sie zugrunde gehen</em>...</p>
-
-<p>Der Wille zu <em>einer</em> Moral erweist sich somit als die <em>Tyrannei</em>
-jener Art, der diese eine Moral auf den Leib geschnitten
-ist, über andere Arten: es ist die Vernichtung oder
-die Uniformierung zugunsten der herrschenden (sei es, um<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[Pg 70]</a></span>
-ihr nicht mehr furchtbar zu sein, sei es, um von ihr ausgenutzt
-zu werden). „Aufhebung der Sklaverei“ &ndash; angeblich
-ein Tribut an die „Menschenwürde“, in Wahrheit eine <em>Vernichtung</em>
-einer grundverschiedenen Spezies (&ndash; Untergrabung
-ihrer Werte und ihres Glücks &ndash;).</p>
-
-<p>Worin eine <em>gegnerische</em> Rasse oder ein gegnerischer
-Stand seine Stärke hat, das wird ihm als sein <em>Bösestes</em>,
-Schlimmstes ausgelegt: denn damit schadet er uns (&ndash; seine
-„Tugenden“ werden verleumdet und umgetauft).</p>
-
-<p>Es gilt als <em>Einwand</em> gegen Mensch und Volk, wenn er
-<em>uns schadet</em>: aber von seinem Gesichtspunkt aus sind <em>wir</em>
-ihm erwünscht, weil wir solche sind, von denen man Nutzen
-haben kann.</p>
-
-<p>Die Forderung der „Vermenschlichung“ (welche ganz naiv
-sich im Besitz der Formel „was ist menschlich?“ glaubt) ist
-eine Tartüfferie, unter der sich eine ganz bestimmte Art
-Mensch zur Herrschaft zu bringen sucht: genauer, ein ganz
-bestimmter Instinkt, der <em>Herdeninstinkt</em>. &ndash; „Gleichheit
-der Menschen“: was sich <em>verbirgt</em> unter der Tendenz,
-immer mehr Menschen als Menschen <em>gleich zu setzen</em>.</p>
-
-<p><em>Die „Interessiertheit“ in Hinsicht auf die gemeine
-Moral.</em> (Kunstgriff: die großen Begierden Herrschsucht
-und Habsucht zu Protektoren der Tugend zu machen).</p>
-
-<p>Inwiefern alle Art <em>Geschäftsmänner</em> und Habsüchtige,
-alles, was Kredit geben und in Anspruch nehmen muß, es
-<em>nötig</em> hat, auf gleichen Charakter und gleichen Wertbegriff
-zu dringen: der <em>Welthandel</em> und <em>-austausch</em> jeder Art
-erzwingt und <em>kauft</em> sich gleichsam die Tugend.</p>
-
-<p>Insgleichen der <em>Staat</em> und jede Art Herrschaft in Hinsicht
-auf Beamte und Soldaten; insgleichen die Wissenschaft,
-um mit Vertrauen und Sparsamkeit der Kräfte zu arbeiten.
-&ndash; Insgleichen die <em>Priesterschaft</em>.</p>
-
-<p>&ndash; Hier wird also die gemeine Moral erzwungen, weil
-mit ihr ein Vorteil errungen wird; und um sie zum Sieg zu
-bringen, wird Krieg und Gewalt geübt gegen die Unmoralität
-&ndash; nach welchem „Rechte“? Nach gar keinem Rechte:<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[Pg 71]</a></span>
-sondern gemäß dem Selbsterhaltungsinstinkt. Dieselben
-Klassen bedienen sich der <em>Immoralität</em>, wo sie ihnen nützt.</p>
-
-
-<h4>2. Die moralischen Ideale.</h4>
-
-
-<h5>128.<br />
-
-<span class="normal3 gesperrt">Zur Kritik der Ideale.</span></h5>
-
-<p>Diese so beginnen, daß man das Wort „<em>Ideal</em>“ abschafft:
-Kritik der <em>Wünschbarkeiten</em>.</p>
-
-
-<h5>129.</h5>
-
-<p>Ein Mensch, wie er sein <em>soll</em>: das klingt uns so abgeschmackt
-wie: „ein Baum, wie er sein soll“.</p>
-
-
-<h5>130.</h5>
-
-<p>Ethik: oder „Philosophie der Wünschbarkeit“. &ndash; „Es
-<em>sollte</em> anders sein“, „es <em>soll</em> anders werden“: die Unzufriedenheit
-wäre also der Keim der Ethik.</p>
-
-<p>Man könnte sich retten, erstens, indem man auswählt,
-wo man <em>nicht</em> das Gefühl hat: zweitens indem man die Anmaßung
-und Albernheit begreift: denn verlangen, daß <em>etwas</em>
-anders ist, als es ist, heißt: verlangen, daß <em>alles</em> anders
-ist, &ndash; es enthält eine verwerfende Kritik des Ganzen.
-<em>Aber Leben ist selbst ein solches Verlangen!</em></p>
-
-<p>Feststellen, was ist, wie es ist, scheint etwas unsäglich
-Höheres, Ernsteres als jedes „So sollte es sein“, weil letzteres
-als menschliche Kritik und Anmaßung von vornherein
-zur Lächerlichkeit verurteilt erscheint. Es drückt sich darin
-ein Bedürfnis aus, welches verlangt, daß unserem menschlichen
-Wohlbefinden die Einrichtung der Welt entspricht;
-auch der Wille, so viel als möglich auf diese Aufgabe hin
-zu tun.</p>
-
-<p>Andrerseits hat nur dieses Verlangen „so sollte es sein“
-jenes andre Verlangen, was ist, hervorgerufen. Das Wissen
-nämlich darum, was ist, ist bereits eine Konsequenz jenes
-Fragens „wie? ist es möglich? warum gerade so?“ Die Verwunderung
-über die Nichtübereinstimmung unsrer Wünsche
-und des Weltlaufs hat dahin geführt, den Weltlauf kennen<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[Pg 72]</a></span>
-zu lernen. Vielleicht steht es noch anders: vielleicht ist jenes
-„so sollte es sein“ unser Weltüberwältigungswunsch, &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h5>131.</h5>
-
-<p>Der Begriff „verwerfliche Handlung“ macht uns Schwierigkeit.
-Nichts von alledem, was überhaupt geschieht, kann
-an sich verwerflich sein: <em>denn man dürfte es nicht weghaben
-wollen</em>: denn jegliches ist so mit allem verbunden,
-daß irgend etwas ausschließen wollen alles ausschließen heißt.
-Eine verwerfliche Handlung heißt: eine verworfene Welt
-überhaupt....</p>
-
-<p>Und selbst dann noch: in einer verworfenen Welt würde
-auch noch das Verwerfen verwerflich sein.... Und die Konsequenz
-einer Denkweise, welche alles verwirft, wäre eine
-Praxis, die alles bejaht.... Wenn das Werden ein großer
-Ring ist, so ist jegliches gleich wert, ewig, notwendig. &ndash; In
-allen Korrelationen von Ja und Nein, von Vorziehen und
-Abweisen, Lieben und Hassen drückt sich nur eine Perspektive,
-ein Interesse bestimmter Typen des Lebens aus: an
-sich redet alles, was ist, das Ja.</p>
-
-
-<h5>132.</h5>
-
-<p>Die Moral ist gerade so „unmoralisch“ wie jedwedes andre
-Ding auf Erden; die Moralität selbst ist eine Form der
-Unmoralität.</p>
-
-<p>Große <em>Befreiung</em>, welche diese Einsicht bringt. Der
-Gegensatz ist aus den Dingen entfernt, die Einartigkeit in
-allem Geschehen ist <em>gerettet</em> &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h5>133.</h5>
-
-<p>Heute, wo uns jedes „so und so <em>soll</em> der Mensch sein“
-eine kleine Ironie in den Mund legt, wo wir durchaus daran
-festhalten, daß man, trotz allem, nur das <em>wird</em>, was man
-<em>ist</em> (trotz allem: will sagen Erziehung, Unterricht, Milieu,
-Zufälle und Unfälle), haben wir in Dingen der Moral auf
-eine kuriose Weise das Verhältnis von Ursache und Folge
-<em>umdrehen</em> gelernt, &ndash; nichts unterscheidet uns vielleicht
-gründlicher von den alten Moralgläubigen. Wir sagen zum
-Beispiel nicht mehr, „das Laster ist die <em>Ursache</em> davon, daß<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[Pg 73]</a></span>
-ein Mensch auch physiologisch zugrunde geht“; wir sagen
-ebensowenig „durch die Tugend gedeiht ein Mensch, sie
-bringt langes Leben und Glück“. Unsre Meinung ist vielmehr,
-daß Laster und Tugend keine Ursachen, sondern nur
-<em>Folgen</em> sind. Man wird ein anständiger Mensch, weil man
-ein anständiger Mensch <em>ist</em>, das heißt, weil man als Kapitalist
-guter Instinkte und gedeihlicher Verhältnisse geboren
-ist.... Kommt man arm zur Welt, von Eltern her, welche
-in allem nur verschwendet und nichts gesammelt haben, so
-ist man „unverbesserlich“, will sagen reif für Zuchthaus und
-Irrenhaus.... Wir wissen heute die moralische Degenereszenz
-nicht mehr abgetrennt von der physiologischen zu
-denken: sie ist ein bloßer Symptomenkomplex der letzteren;
-man ist notwendig schlecht, wie man notwendig krank ist....
-Schlecht: das Wort drückt hier gewisse <em>Unvermögen</em> aus,
-die physiologisch mit dem Typus der Degenereszenz verbunden
-sind: zum Beispiel die Schwäche des Willens, die Unsicherheit
-und selbst Mehrheit der „Person“, die Ohnmacht,
-auf irgendeinen Reiz hin die Reaktion auszusetzen und sich
-zu „beherrschen“, die Unfreiheit vor jeder Art Suggestion
-eines fremden Willens. Laster ist keine Ursache; Laster ist
-eine <em>Folge</em>.... Laster ist eine ziemlich willkürliche Begriffsabgrenzung,
-um gewisse Folgen der physiologischen Entartung
-zusammenzufassen. Ein allgemeiner Satz, wie ihn das
-Christentum lehrte, „der Mensch ist schlecht“, würde berechtigt
-sein, wenn es berechtigt wäre, den Typus des Degenerierten
-als Normaltypus des Menschen zu nehmen. Aber
-das ist vielleicht eine Übertreibung. Gewiß hat der Satz
-überall dort ein Recht, wo gerade das Christentum gedeiht
-und obenauf ist: denn damit ist ein morbider Boden bewiesen,
-ein Gebiet für Degenereszenz.</p>
-
-
-<h5>134.</h5>
-
-<p>Man kann nicht genug Achtung vor dem Menschen haben,
-sobald man ihn daraufhin ansieht, wie er sich durchzuschlagen,
-auszuhalten, die Umstände sich zunutze zu machen,
-Widersacher niederzuwerfen versteht; sieht man dagegen auf<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[Pg 74]</a></span>
-den Menschen, sofern er <em>wünscht</em>, ist er die absurdeste Bestie....
-Es ist gleichsam, als ob er einen Tummelplatz der
-Feigheit, Faulheit, Schwächlichkeit, Süßlichkeit, Untertänigkeit
-zur Erholung für seine starken und männlichen Tugenden
-brauchte: siehe die menschlichen <em>Wünschbarkeiten</em>,
-seine „Ideale“. Der <em>wünschende</em> Mensch erholt sich von
-dem Ewig-Wertvollen an ihm, von seinem Tun: im Nichtigen,
-Absurden, Wertlosen, Kindischen. Die geistige Armut
-und Erfindungslosigkeit ist bei diesem so erfinderischen und
-auskunftsreichen Tier erschrecklich. Das „Ideal“ ist gleichsam
-die Buße, die der Mensch zahlt, für den ungeheuren
-Aufwand, den er in allen wirklichen und dringlichen Aufgaben
-zu bestreiten hat. Hört die Realität auf, so kommt
-der Traum, die Ermüdung, die Schwäche: „das Ideal“ ist
-geradezu eine Form von Traum, Ermüdung, Schwäche....
-Die stärksten und die ohnmächtigsten Naturen werden sich
-gleich, wenn dieser Zustand über sie kommt: <em>sie vergöttlichen</em>
-das <em>Aufhören</em> der Arbeit, des Kampfes, der Leidenschaften,
-der Spannung, der Gegensätze, der „<em>Realität</em>“
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in summa</span>.... des Ringens um Erkenntnis, der <em>Mühe</em> der
-Erkenntnis.</p>
-
-<p>„Unschuld“: so heißen sie den Idealzustand der Verdummung;
-„Seligkeit“: den Idealzustand der Faulheit; „Liebe“:
-den Idealzustand des Herdentieres, das keinen Feind
-mehr haben will. Damit hat man alles, was den Menschen
-erniedrigt und herunterbringt, ins <em>Ideal</em> erhoben.</p>
-
-
-<h5>135.</h5>
-
-<p>Die Begierde <em>vergrößert</em> das, was man haben will; sie
-wächst selbst durch Nichterfüllung, &ndash; die <em>größten Ideen</em>
-sind die, welche die heftigste und längste Begierde geschaffen
-hat. Wir legen den Dingen <em>immer mehr Wert bei</em>, je
-mehr unsre Begierde nach ihnen wächst: wenn die „moralischen
-Werte“ die <em>höchsten Werte</em> geworden sind, so verrät
-dies, daß das moralische Ideal das <em>unerfüllteste</em> gewesen
-ist (&ndash; insofern es <em>galt</em> als <em>Jenseits alles Leids</em>,
-als Mittel der <em>Seligkeit</em>). Die Menschheit hat mit immer<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[Pg 75]</a></span>
-wachsender Brunst nur <em>Wolken</em> umarmt: sie hat endlich
-ihre Verzweiflung, ihr Unvermögen „Gott“ genannt....</p>
-
-
-<h5>136.</h5>
-
-<p>Was ist die <em>Falschmünzerei an der Moral</em>? &ndash; Sie
-gibt vor, etwas zu <em>wissen</em>, nämlich was „gut und böse“
-sei. Das heißt wissen wollen, wozu der Mensch da ist, sein
-Ziel, seine Bestimmung zu kennen. Das heißt wissen wollen,
-daß der Mensch ein Ziel, eine Bestimmung <em>habe</em> &ndash;</p>
-
-
-<h5>137.</h5>
-
-<p>Daß die Menschheit eine Gesamtaufgabe zu lösen habe,
-daß sie als Ganzes irgend einem Ziel entgegenlaufe, diese
-sehr unklare und willkürliche Vorstellung ist noch sehr jung.
-Vielleicht wird man sie wieder los, bevor sie eine „fixe
-Idee“ wird.... Sie ist kein Ganzes, diese Menschheit: sie
-ist eine unlösbare Vielheit von aufsteigenden und niedersteigenden
-Lebensprozessen, &ndash; sie hat nicht eine Jugend und
-darauf eine <em>Reife</em> und endlich ein Alter. Nämlich die
-Schichten liegen durcheinander und übereinander &ndash; und in
-einigen Jahrtausenden kann es immer noch jüngere Typen
-Mensch geben, als wir sie heute nachweisen können. Die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>
-andererseits gehört zu allen Epochen der Menschheit:
-überall gibt es Auswurf- und Verfallstoffe, es ist ein
-Lebensprozeß selbst, das Ausscheiden der Niedergangs- und
-Abfallsgebilde.</p>
-
-<p>Unter der Gewalt des christlichen Vorurteils <em>gab es diese
-Frage gar nicht</em>: der Sinn lag in der Errettung der einzelnen
-Seele; das Mehr oder Weniger in der Dauer der Menschheit
-kam nicht in Betracht. Die besten Christen wünschten,
-daß es möglichst bald ein Ende habe; &ndash; über das, was dem
-einzelnen nottue, <em>gab es keinen Zweifel</em>.... Die Aufgabe
-stellte sich jetzt für jeden einzelnen, wie in irgend welcher
-Zukunft für einen Zukünftigen: der Wert, Sinn, Umkreis
-der Werte war fest, unbedingt, ewig, eins mit Gott....
-Das, was von diesem ewigen Typus abwich, war sündlich,
-teuflisch, verurteilt....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[Pg 76]</a></span></p>
-
-<p>Das Schwergewicht des Wertes lag für jede Seele in sich
-selber: Heil oder Verdammnis! Das Heil der <em>ewigen</em>
-Seele! Extremste Form der <em>Verselbstung</em>.... Für jede
-Seele gab es nur Eine Vervollkommnung; nur Ein Ideal;
-nur Einen Weg zur Erlösung.... Extremste Form der <em>Gleichberechtigung</em>,
-angeknüpft an eine optische Vergrößerung
-der eigenen Wichtigkeit bis ins Unsinnige.... Lauter unsinnig
-wichtige Seelen, mit entsetzlicher Angst um sich selbst gedreht....</p>
-
-<p>Nun glaubt kein Mensch mehr an diese absurde Wichtigtuerei:
-und wir haben unsere Weisheit durch ein Sieb der
-Verachtung geseiht. Trotzdem bleibt unerschüttert die <em>optische
-Gewöhnung</em>, einen Wert des Menschen in der Annäherung
-an einen <em>idealen Menschen</em> zu suchen: man hält im
-Grunde sowohl die Verselbstungsperspektive als die <em>Gleichberechtigung
-vor dem Ideal</em> aufrecht. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: <em>man
-glaubt zu wissen</em>, was, in Hinsicht auf den idealen Menschen,
-die <em>letzte Wünschbarkeit</em> ist....</p>
-
-<p>Dieser Glaube ist aber nur die Folge einer ungeheuren
-<em>Verwöhnung</em> durch das christliche Ideal: als welches man,
-bei jeder vorsichtigen Prüfung des „idealen Typus“, sofort
-wieder herauszieht. Man glaubt, <em>erstens</em>, zu wissen, daß
-die Annäherung an einen Typus wünschbar ist; <em>zweitens</em>,
-zu wissen, welche Art dieser Typus ist; <em>drittens</em>, daß jede
-Abweichung von diesem Typus ein Rückgang, eine Hemmung,
-ein Kraft- und Machtverlust des Menschen ist....
-Zustände träumen, wo dieser <em>vollkommene Mensch</em> die
-ungeheure Zahlenmajorität für sich hat: höher haben es auch
-unsre Sozialisten, selbst die Herren Utilitarier nicht gebracht.
-&ndash; Damit scheint ein <em>Ziel</em> in die <em>Entwicklung</em> der Menschheit
-zu kommen: jedenfalls ist der Glaube an einen <em>Fortschritt
-zum Ideal</em> die einzige Form, in der eine Art <em>Ziel</em>
-in der Menschheitsgeschichte heute gedacht wird. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>:
-man hat die Ankunft des „<em>Reiches Gottes</em>“ in die Zukunft
-verlegt, auf die Erde, ins Menschliche, &ndash; aber man hat
-im Grunde den Glauben an das <em>alte</em> Ideal festgehalten....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[Pg 77]</a></span></p>
-
-
-<h5>138.</h5>
-
-<p><em>Die Herkunft des Ideals.</em> Untersuchung des Bodens,
-auf dem es wächst.</p>
-
-<p>A. Von den ästhetischen Zuständen ausgehen, wo die Welt
-voller, runder, <em>vollkommener gesehen</em> wird &ndash;&nbsp;: das
-<em>heidnische</em> Ideal: darin die Selbstbejahung vorherrschend
-(<em>man gibt ab</em> &ndash;). Der höchste Typus: das <em>klassische</em>
-Ideal &ndash; als Ausdruck eines Wohlgeratenseins <em>aller</em> Hauptinstinkte.
-Darin wieder der höchste Stil: <em>der große Stil</em>.
-Ausdruck des „Willens zur Macht“ selbst. Der am meisten
-gefürchtete Instinkt <em>wagt sich zu bekennen</em>.</p>
-
-<p>B. Von Zuständen ausgehen, wo die Welt leerer, blässer,
-verdünnter <em>gesehen</em> wird, wo die „Vergeistigung“ und Unsinnlichkeit
-den Rang des Vollkommnen einnimmt, wo am
-meisten das Brutale, Tierisch-Direkte, Nächste vermieden
-wird (&ndash; <em>man rechnet ab, man wählt</em> &ndash;): der „Weise“,
-„der Engel“, priesterlich = jungfräulich = unwissend, physiologische
-Charakteristik solcher Idealisten &ndash;&nbsp;: das <em>anämische</em>
-Ideal. Unter Umständen kann es das Ideal solcher
-Naturen sein, welche das erste, das heidnische <em>darstellen</em>
-(: so sieht Goethe in Spinoza seinen „Heiligen“).</p>
-
-<p>C. Von Zuständen ausgehen, wo wir die Welt absurder,
-schlechter, ärmer, täuschender empfinden, als daß wir in ihr
-noch das Ideal vermuten oder wünschen (&ndash; <em>man negiert,
-man vernichtet</em> &ndash;): die Projektion des Ideals in das
-Widernatürliche, Widertatsächliche, Widerlogische; der Zustand
-dessen, der so urteilt (&ndash; die „Verarmung“ der Welt
-als Folge des Leidens: <em>man nimmt, man gibt nicht mehr</em>
-&ndash;): das <em>widernatürliche Ideal</em>.</p>
-
-<p>(Das <em>christliche Ideal</em> ist ein <em>Zwischengebilde</em> zwischen
-dem zweiten und dritten, bald mit dieser, bald mit
-jener Gestalt überwiegend.)</p>
-
-<p><em>Die drei Ideale</em>: <span class="antiqua">A.</span> Entweder eine <em>Verstärkung</em> des
-Lebens (&ndash; <em>heidnisch</em>), oder <span class="antiqua">B.</span> eine <em>Verdünnung</em> des
-Lebens (&ndash; <em>anämisch</em>), oder <span class="antiqua">C.</span> eine <em>Verleugnung</em> des
-Lebens (&ndash; <em>widernatürlich</em>). Die „Vergöttlichung“ ge<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[Pg 78]</a></span>fühlt:
-in der höchsten Fülle, &ndash; in der zartesten Auswahl,
-&ndash; in der Zerstörung und Verachtung des Lebens.</p>
-
-
-<h5>139.</h5>
-
-<p>Der Affekt, die große Begierde, die Leidenschaften der
-Macht, der Liebe, der Rache, des Besitzes &ndash;&nbsp;: die Moralisten
-wollen sie auslöschen, herausreißen, die Seele von ihnen
-„reinigen“.</p>
-
-<p>Die Logik ist: die Begierden richten oft großes Unheil an,
-&ndash; folglich sind sie böse, verwerflich. Der Mensch muß los
-von ihnen kommen: eher kann er nicht ein <em>guter</em> Mensch
-sein....</p>
-
-<p>Das ist dieselbe Logik wie: „ärgert dich ein Glied, so
-reiße es aus“. In dem besonderen Fall, wie es jene gefährliche
-„Unschuld vom Lande“, der Stifter des Christentums,
-seinen Jüngern zur Praxis empfahl, im Fall der geschlechtlichen
-Irritabilität, folgt leider dies nicht nur, daß ein Glied
-fehlt, sondern daß der Charakter des Menschen <em>entmannt</em>
-ist.... Und das Gleiche gilt von dem Moralistenwahnsinn,
-welcher, statt der Bändigung, die Exstirpation der Leidenschaften
-verlangt. Ihr Schluß ist immer: erst der entmannte
-Mensch ist der gute Mensch.</p>
-
-<p>Die großen Kraftquellen, jene oft so gefährlich und überwältigend
-hervorströmenden Wildwasser der Seele, statt ihre
-Macht in Dienst zu nehmen und zu <em>ökonomisieren</em>, will
-diese kurzsichtigste und verderblichste Denkweise, die Moraldenkweise,
-<em>versiegen</em> machen.</p>
-
-
-<h5>140.</h5>
-
-<p>Die <em>Intoleranz der Moral</em> ist ein Ausdruck von der
-Schwäche des Menschen: er fürchtet sich vor seiner „Unmoralität“,
-er muß seine stärksten Triebe <em>verneinen</em>, weil
-er sie noch nicht zu benutzen weiß. So liegen die fruchtbarsten
-Striche der Erde am längsten unbebaut: &ndash; die Kraft
-fehlt, die hier Herr werden könnte....</p>
-
-
-<h5>141.</h5>
-
-<p><em>Überwindung der Affekte?</em> &ndash; Nein, wenn es Schwäche
-und Vernichtung derselben bedeuten soll. <em>Sondern in<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[Pg 79]</a></span>
-Dienst nehmen</em>: wozu gehören mag, sie lange zu tyrannisieren
-(nicht erst als einzelne, sondern als Gemeinde, Rasse
-usw.). Endlich gibt man ihnen eine vertrauensvolle Freiheit
-wieder: sie lieben uns wie gute Diener und gehen freiwillig
-dorthin, wo unser Bestes hin will.</p>
-
-
-<h5>142.</h5>
-
-<p>Die ganze Auffassung vom Range der <em>Leidenschaften</em>:
-wie als ob das Rechte und Normale sei, von der <em>Vernunft</em>
-geleitet zu werden, &ndash; während die Leidenschaften das Unnormale,
-Gefährliche, Halbtierische seien, überdies, ihrem
-Ziele nach, nichts anderes als <em>Lustbegierden</em>....</p>
-
-<p>Die Leidenschaft ist entwürdigt 1. wie als ob sie nur <em>un</em>geziemenderweise
-und nicht notwendig und immer das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">mobile</span>
-sei, 2. insofern sie etwas in Aussicht nimmt, was keinen
-hohen Wert hat, ein Vergnügen....</p>
-
-<p>Die Verkennung von Leidenschaft und <em>Vernunft</em>, wie
-als ob letztere ein Wesen für sich sei und nicht vielmehr ein
-Verhältniszustand verschiedener Leidenschaften und Begehrungen;
-und als ob nicht jede Leidenschaft ihr Quantum
-Vernunft in sich hätte....</p>
-
-
-<h5>143.</h5>
-
-<p>Es gibt ganz naive Völker und Menschen, welche glauben,
-ein beständig gutes Wetter sei etwas Wünschbares: sie glauben
-noch heute in <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">rebus moralibus</span>, der „gute Mensch“
-allein und nichts als der „gute Mensch“ sei etwas Wünschbares
-&ndash; und eben dahin gehe der Gang der menschlichen
-Entwicklung, daß nur <em>er</em> übrig bleibe (und allein dahin
-<em>müsse</em> man alle Absicht richten &ndash;). Das ist im höchsten
-Grade <em>unökonomisch</em> gedacht und, wie gesagt, der Gipfel
-des Naiven, nichts als Ausdruck der <em>Annehmlichkeit</em>, die
-der „gute Mensch“ macht (&ndash; er erweckt keine Furcht, er
-erlaubt die Ausspannung, er gibt, was man nehmen kann).</p>
-
-<p>Mit einem überlegenen Auge wünscht man gerade umgekehrt
-die immer größere <em>Herrschaft des Bösen</em>, die wachsende
-Freiwerdung des Menschen von der engen und ängstlichen
-Moraleinschnürung, das Wachstum der Kraft, um<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[Pg 80]</a></span>
-die größten Naturgewalten &ndash; die Affekte &ndash; in Dienst nehmen
-zu können.</p>
-
-
-<h5>144.</h5>
-
-<p>Wie unter dem Druck der asketischen <em>Entselbstungsmoral</em>
-gerade die Affekte der Liebe, der Güte, des Mitleids,
-selbst der Gerechtigkeit, der Großmut, des Heroismus <em>mißverstanden</em>
-werden mußten:</p>
-
-<p>Es ist der <em>Reichtum an Person</em>, die Fülle in sich, das
-Überströmen und Abgeben, das instinktive Wohlsein und Jasagen
-zu sich, was die großen Opfer und die große Liebe
-macht: es ist die starke und göttliche Selbstigkeit, aus der
-diese Affekte wachsen, so gewiß wie auch das Herrwerdenwollen,
-Übergreifen, die innere Sicherheit, ein Recht auf
-alles zu haben. Die nach gemeiner Auffassung <em>entgegengesetzten</em>
-Gesinnungen sind vielmehr <em>eine</em> Gesinnung; und
-wenn man nicht fest und wacker in seiner Haut sitzt, so hat
-man nichts abzugeben und Hand auszustrecken und Schutz
-und Stab zu sein....</p>
-
-<p>Wie hat man diese Instinkte so <em>umdeuten</em> können, daß
-der Mensch als wertvoll empfindet, was seinem Selbst entgegengeht?
-wenn er sein Selbst einem anderen Selbst preisgibt!
-O über die psychologische Erbärmlichkeit und Lügnerei,
-welche bisher in Kirche und kirchlich angekränkelter Philosophie
-das große Wort geführt hat!</p>
-
-<p>Wenn der Mensch sündhaft ist durch und durch, so darf
-er sich nur hassen. Im Grunde dürfte er auch seine Mitmenschen
-mit keiner andern Empfindung behandeln wie sich
-selbst; Menschenliebe bedarf einer Rechtfertigung, &ndash; sie
-liegt darin, daß <em>Gott sie befohlen hat</em>. &ndash; Hieraus folgt,
-daß alle die natürlichen Instinkte des Menschen (zur Liebe
-usw.) ihm an sich unerlaubt scheinen und erst nach ihrer
-<em>Verleugnung</em> auf Grund eines Gehorsams gegen Gott
-wieder zu Recht kommen.... Pascal, der bewunderungswürdige
-<em>Logiker</em> des Christentums, <em>ging</em> so weit! man erwäge
-sein Verhältnis zu seiner Schwester. „Sich <em>nicht</em> lieben
-machen“ schien ihm christlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[Pg 81]</a></span></p>
-
-
-<h5>145.</h5>
-
-<p>Alle die Triebe und Mächte, welche von der Moral <em>gelobt</em>
-werden, ergeben sich mir als essentiell <em>gleich</em> mit den
-von ihr verleumdeten und abgelehnten: zum Beispiel Gerechtigkeit
-als Wille zur Macht, Wille zur Wahrheit als Mittel
-des Willens zur Macht.</p>
-
-<p class="gesperrt">Kritik des „guten Menschen“, des Heiligen usw.</p>
-
-<h5>146.</h5>
-
-<p>Der „<em>gute Mensch</em>“. Oder: die Hemiplegie der Tugend.
-&ndash; Für jede starke und Natur gebliebene Art Mensch gehört
-Liebe und Haß, Dankbarkeit und Rache, Güte und Zorn, Ja-tun
-und Nein-tun zu einander. Man ist gut um den Preis,
-daß man auch böse zu sein weiß; man ist böse, weil man
-sonst nicht gut zu sein verstünde. Woher nun jene Erkrankung
-und ideologische Unnatur, welche diese Doppelheit ablehnt
-&ndash;, welche als das Höhere lehrt, nur halbseitig tüchtig
-zu sein? Woher die Hemiplegie der Tugend, die Erfindung
-des guten Menschen?.... Die Forderung geht dahin,
-daß der Mensch sich an jenen Instinkten verschneide, mit
-denen er feind sein kann, schaden kann, zürnen kann, Rache
-heischen kann.... Diese Unnatur entspricht dann jener dualistischen
-Konzeption eines bloß guten und eines bloß bösen
-Wesens (Gott, Geist, Mensch), in ersterem alle positiven,
-in letzterem alle negativen Kräfte, Absichten, Zustände summierend.
-&ndash; Eine solche Wertungsweise glaubt sich damit
-„idealistisch“; sie zweifelt nicht daran, eine höchste Wünschbarkeit
-in der Konzeption „des Guten“ angesetzt zu haben.
-Geht sie auf ihren Gipfel, so denkt sie sich einen Zustand
-aus, wo alles Böse annulliert ist und wo in Wahrheit nur
-die guten Wesen übrig geblieben sind. Sie hält es also nicht
-einmal für ausgemacht, daß jener Gegensatz von Gut und
-Böse sich gegenseitig bedinge; umgekehrt, letzteres soll verschwinden
-und ersteres soll übrig bleiben, das eine hat ein
-Recht zu sein, das andere <em>sollte gar nicht da sein</em>.... Was
-wünscht da eigentlich? &ndash; &ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[Pg 82]</a></span></p>
-
-<p>Man hat sich zu allen Zeiten und sonderlich zu den christlichen
-Zeiten viel Mühe gegeben, den Menschen auf diese
-<em>halbseitige</em> Tüchtigkeit, auf den „Guten“ zu reduzieren:
-noch heute fehlt es nicht an kirchlich Verbildeten und Geschwächten,
-denen diese Absicht mit der „Vermenschlichung“
-überhaupt oder mit dem „Willen Gottes“ oder mit dem
-„Heil der Seele“ zusammenfällt. Hier wird als wesentliche
-Forderung gestellt, daß der Mensch nichts Böses tue, daß
-er unter keinen Umständen schade, schaden <em>wolle</em>. Als Weg
-dazu gilt: die Verschneidung aller Möglichkeit zur Feindschaft,
-die Aushängung aller Instinkte des Ressentiments,
-der „Frieden der Seele“ als chronisches Übel.</p>
-
-<p>Diese Denkweise, mit der ein bestimmter Typus Mensch
-gezüchtet wird, geht von einer absurden Voraussetzung aus:
-sie nimmt das Gute und das Böse als Realitäten, die mit
-sich im Widerspruch sind (<em>nicht</em> als komplementäre Wertbegriffe,
-was die Wahrheit wäre), sie rät, die Partei des
-Guten zu nehmen, sie verlangt, daß der Gute dem Bösen
-bis in die letzte Wurzel entsagt und widerstrebt, &ndash; <em>sie verneint
-tatsächlich damit das Leben</em>, welches in allen
-seinen Instinkten sowohl das Ja wie das Nein hat. Nicht
-daß sie dies begriffe: sie träumt umgekehrt davon, zur Ganzheit,
-zur Einheit, zur Stärke des Lebens zurückzukehren: sie
-denkt es sich als Zustand der Erlösung, wenn endlich der
-eignen innern Anarchie, der Unruhe zwischen jenen entgegengesetzten
-Wertantrieben ein Ende gemacht wird. &ndash; Vielleicht
-gab es bisher keine gefährlichere Ideologie, keinen größeren
-Unfug <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in psychologicis</span>, als diesen Willen zum Guten: man
-zog den widerlichsten Typus, den <em>unfreien</em> Menschen, groß,
-den Mucker; man lehrte, eben nur als Mucker sei man auf
-dem rechten Wege zur Gottheit, nur ein Muckerwandel sei
-ein göttlicher Wandel.</p>
-
-<p>Und selbst hier noch behält das Leben recht, &ndash; das Leben,
-welches das Ja nicht vom Nein zu trennen weiß &ndash;&nbsp;: was
-hilft es, mit allen Kräften den Krieg für böse zu halten,
-nicht schaden, nicht Nein tun zu wollen! man führt doch
-Krieg! man kann gar nicht anders! Der gute Mensch, der<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[Pg 83]</a></span>
-dem Bösen entsagt hat, behaftet, wie es ihm wünschbar
-scheint, mit jener Hemiplegie der Tugend, hört durchaus
-nicht auf, Krieg zu führen, Feinde zu haben, Nein zu sagen,
-Nein zu tun. Der Christ zum Beispiel haßt die „Sünde“!
-&ndash; und was ist ihm nicht alles „Sünde“! Gerade durch
-jenen Glauben an einen Moralgegensatz von Gut und Böse
-ist ihm die Welt vom Hassenswerten, vom Ewig-zu-Bekämpfenden
-übervoll geworden. „Der Gute“ sieht sich wie
-umringt vom Bösen und unter dem beständigen Ansturm
-des Bösen, er verfeinert sein Auge, er entdeckt unter all
-seinem Dichten und Trachten noch das Böse: und so endet
-er, wie es folgerichtig ist, damit, die Natur für böse, den
-Menschen für verderbt, das Gutsein als Gnade (das heißt
-als menschenunmöglich) zu verstehen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: <em>er verneint
-das Leben</em>, er begreift, wie das Gute als oberster
-Wert das Leben <em>verurteilt</em>.... Damit sollte seine Ideologie
-von Gut und Böse ihm als widerlegt gelten. Aber eine
-Krankheit widerlegt man nicht. Und so konzipiert er ein <em>anderes</em>
-Leben!....</p>
-
-
-<h5>147.</h5>
-
-<p>Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich
-<em>vielfach</em> in ihrer Motivierung: mit irgendeinem solchen
-Wort wie „Mitleid“ ist <em>gar nichts</em> gesagt. Das Wesentlichste
-ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist der andere im
-Verhältnis zu mir?“ &ndash; Werturteile fortwährend tätig.</p>
-
-
-<h5>148.</h5>
-
-<p>1. Die prinzipielle <em>Fälschung der Geschichte</em>, damit sie
-den <em>Beweis</em> für die moralische Wertung abgibt:</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) Niedergang eines Volkes und die Korruption;</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) Aufschwung eines Volkes und die Tugend;</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) Höhepunkt eines Volkes („seine Kultur“) als Folge
-der moralischen Höhe.</p>
-
-<p>2. Die prinzipielle Fälschung der <em>großen Menschen</em>, der
-<em>großen Schaffenden</em>, der <em>großen Zeiten</em>:</p>
-
-<p>man will, daß der <em>Glaube</em> das Auszeichnende der Großen
-ist: aber die Unbedenklichkeit, die Skepsis, die „Unmorali<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[Pg 84]</a></span>tät“,
-die Erlaubnis, sich eines Glaubens entschlagen zu können,
-gehört zur Größe (Cäsar, Friedrich der Große, Napoleon;
-aber auch Homer, Aristophanes, Lionardo, Goethe).
-Man unterschlägt immer die Hauptsache, ihre „Freiheit des
-Willens“ &ndash;</p>
-
-
-<h5>149.</h5>
-
-<p>&ndash; „Die Krankheit macht den Menschen besser“: diese berühmte
-Behauptung, der man durch alle Jahrhunderte begegnet,
-und zwar im Munde der Weisen ebenso als im
-Mund und Maule des Volks, gibt zu denken. Man möchte
-sich, auf ihre Gültigkeit hin, einmal erlauben zu fragen: gibt
-es vielleicht ein ursächliches Band zwischen Moral und Krankheit
-überhaupt? Die „Verbesserung des Menschen“, im
-großen betrachtet, zum Beispiel die unleugbare Milderung,
-Vermenschlichung, Vergutmütigung des Europäers innerhalb
-des letzten Jahrtausends &ndash; ist sie vielleicht die Folge eines
-langen, heimlich-unheimlichen Leidens und Mißratens, Entbehrens,
-Verkümmerns? Hat „die Krankheit“ den Europäer
-„besser gemacht“? Oder, anders gefragt: ist unsre
-Moralität &ndash; unsre moderne zärtliche Moralität in Europa,
-mit der man die Moralität des Chinesen vergleichen möge,
-&ndash; der Ausdruck eines physiologischen <em>Rückgangs</em>?... Man
-möchte nämlich nicht ableugnen können, daß jede Stelle der
-Geschichte, wo „der Mensch“ sich in besonderer Pracht und
-Mächtigkeit des Typus gezeigt hat, sofort einen plötzlichen,
-gefährlichen, eruptiven Charakter annimmt, bei dem die
-Menschlichkeit schlimm fährt; und vielleicht hat es in jenen
-Fällen, wo es <em>anders scheinen will</em>, eben nur an Mut
-oder Feinheit gefehlt, die Psychologie in die Tiefe zu treiben
-und den allgemeinen Satz auch da noch herauszuziehen: „je
-gesünder, je stärker, je reicher, fruchtbarer, unternehmender
-ein Mensch sich fühlt, um so ‚unmoralischer‘ wird er auch.“
-Ein peinlicher Gedanke! dem man durchaus nicht nachhängen
-soll! Gesetzt aber, man läuft mit ihm ein kleines, kurzes
-Augenblickchen vorwärts, wie verwundert blickt man da
-in die Zukunft! Was würde sich dann auf Erden teurer bezahlt
-machen als gerade das, was wir mit allen Kräften for<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[Pg 85]</a></span>dern
-&ndash; die Vermenschlichung, die „Verbesserung“, die wachsende
-„Zivilisierung“ des Menschen? Nichts wäre kostspieliger
-als Tugend: denn am Ende hätte man mit ihr die Erde
-als Hospital: und „Jeder jedermanns Krankenpfleger“ wäre
-der Weisheit letzter Schluß. Freilich: man hätte dann auch
-jenen vielbegehrten „Frieden auf Erden“! Aber auch so
-wenig „Wohlgefallen aneinander“! So wenig Schönheit,
-Übermut, Wagnis, Gefahr! So wenig „Werke“, um derentwillen
-es sich lohnte, auf Erden zu leben! Ach! und ganz
-und gar keine „Taten“ mehr! Alle <em>großen</em> Werke und
-Taten, welche stehengeblieben sind und von den Wellen der
-Zeit nicht fortgespült wurden, &ndash; waren sie nicht alle im
-tiefsten Verstande große <em>Unmoralitäten</em>?....</p>
-
-
-<h5>150.</h5>
-
-<p>Egoismus! Aber noch niemand hat gefragt: <em>was</em> für ein
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>? Sondern jeder setzt unwillkürlich das <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span></em> jedem <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span></em>
-gleich. Das sind die Konsequenzen der Sklaventheorie vom
-<em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span></em> und der „Gleichheit“.</p>
-
-
-<h5>151.</h5>
-
-<p><em>Ursprung der Moralwerte.</em> &ndash; Der Egoismus ist so
-viel wert, als der physiologisch wert ist, der ihn hat.</p>
-
-<p>Jeder einzelne ist die ganze Linie der Entwicklung noch
-(und nicht nur, wie ihn die Moral auffaßt, etwas, das mit
-der Geburt beginnt). Stellt er das <em>Aufsteigen</em> der Linie
-Mensch dar, so ist sein Wert in der Tat außerordentlich; und
-die Sorge um Erhaltung und Begünstigung seines Wachstums
-darf extrem sein. (Es ist die Sorge um die in ihm
-verheißene Zukunft, welche dem wohlgeratenen Einzelnen ein
-so außerordentliches Recht auf Egoismus gibt.) Stellt er
-die <em>absteigende</em> Linie dar, den Verfall, die chronische Erkrankung,
-so kommt ihm wenig Wert zu: und die erste
-Billigkeit ist, daß er so wenig als möglich Platz, Kraft und
-Sonnenschein den Wohlgeratenen wegnimmt. In diesem
-Falle hat die Gesellschaft die <em>Niederhaltung des Egoismus</em>
-(&ndash; der mitunter absurd, krankhaft, aufrührerisch sich
-äußert &ndash;) zur Aufgabe: handle es sich nun um Einzelne<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[Pg 86]</a></span>
-oder um ganze verkommende, verkümmernde Volksschichten.
-Eine Lehre und Religion der „Liebe“, der <em>Niederhaltung</em>
-der Selbstbejahung, des Duldens, Tragens, Helfens, der
-Gegenseitigkeit in Tat und Wort kann innerhalb solcher
-Schichten vom höchsten Werte sein, selbst mit den Augen
-der Herrschenden gesehen: denn sie hält die Gefühle der Rivalität,
-des Ressentiments, des Neides nieder, die allzu natürlichen
-Gefühle der Schlechtweggekommenen, sie vergöttlicht
-ihnen selbst unter dem Ideal der Demut und des Gehorsams
-das Sklavesein, das Beherrschtwerden, das Armsein,
-das Kranksein, das Untenstehen. Hieraus ergibt sich,
-warum die herrschenden Klassen (oder Rassen) und Einzelnen
-jederzeit den Kultus der Selbstlosigkeit, das Evangelium
-der Niedrigen, den „Gott am Kreuze“ aufrechterhalten
-haben.</p>
-
-<p>Das Übergewicht einer altruistischen Wertungsweise ist
-die Folge eines Instinktes für Mißratensein. Das Werturteil
-auf unterstem Grunde sagt hier: „ich bin nicht viel
-wert“: ein bloß physiologisches Werturteil; noch deutlicher:
-das Gefühl der Ohnmacht, der Mangel der großen, bejahenden
-Gefühle der Macht (in Muskeln, Nerven, Bewegungszentren).
-Dies Werturteil übersetzt sich, je nach der Kultur
-dieser Schichten, in ein moralisches oder religiöses Urteil
-(&ndash; die Vorherrschaft religiöser oder moralischer Urteile
-ist immer ein Zeichen niedriger Kultur &ndash;): es sucht
-sich zu begründen, aus Sphären, woher ihnen der Begriff
-„Wert“ überhaupt bekannt ist. Die Auslegung, mit der
-der christliche Sünder sich zu verstehen glaubt, ist ein Versuch,
-den Mangel an Macht und Selbstgewißheit <em>berechtigt</em>
-zu finden: er will lieber sich schuldig finden, als umsonst
-sich schlecht fühlen: an sich ist es ein Symptom von
-Verfall, Interpretationen dieser Art überhaupt zu brauchen.
-In andern Fällen sucht der Schlechtweggekommene den
-Grund dafür nicht in seiner „Schuld“ (wie der Christ), sondern
-in der Gesellschaft: der Sozialist, der Anarchist, der
-Nihilist, &ndash; indem sie ihr Dasein als etwas empfinden, an
-dem jemand <em>schuld</em> sein soll, sind sie damit immer noch die<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[Pg 87]</a></span>
-Nächstverwandten des Christen, der auch das Sich-schlecht-Befinden
-und Mißraten besser zu ertragen glaubt, wenn er
-jemanden gefunden hat, den er dafür <em>verantwortlich</em> machen
-kann. Der Instinkt der Rache und des <em>Ressentiments</em>
-erscheint hier in beiden Fällen als Mittel, es auszuhalten,
-als Instinkt der Selbsterhaltung: ebenso wie die Bevorzugung
-der <em>altruistischen</em> Theorie und Praxis. Der
-<em>Haß gegen den Egoismus</em>, sei es gegen den eignen (wie
-beim Christen), sei es gegen den fremden (wie beim Sozialisten),
-ergibt sich dergestalt als ein Werturteil unter der
-Vorherrschaft der Rache; andrerseits als eine Klugheit der
-Selbsterhaltung Leidender durch Steigerung ihrer Gegenseitigkeits-
-und Solidaritätsgefühle.... Zuletzt ist, wie schon
-angedeutet, auch jene Entladung des Ressentiments im Richten,
-Verwerfen, Bestrafen des Egoismus (des eignen oder
-eines fremden) noch ein Instinkt der Selbsterhaltung bei
-Schlechtweggekommenen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: der Kultus des Altruismus
-ist eine spezifische Form des Egoismus, die unter bestimmten
-physiologischen Voraussetzungen regelmäßig auftritt.</p>
-
-<p>Wenn der Sozialist mit einer schönen Entrüstung „Gerechtigkeit“,
-„Recht“, „gleiche Rechte“ verlangt, so steht er
-nur unter dem Druck seiner ungenügenden Kultur, welche
-nicht zu begreifen weiß, warum er leidet: andrerseits macht
-er sich ein Vergnügen damit; &ndash; befände er sich besser, so
-würde er sich hüten, so zu schreien: er fände dann anderswo
-sein Vergnügen. Dasselbe gilt vom Christen: die „Welt“
-wird von ihm verurteilt, verleumdet, verflucht, &ndash; er nimmt
-sich selbst nicht aus. Aber das ist kein Grund, sein Geschrei
-ernst zu nehmen. In beiden Fällen sind wir immer noch
-unter Kranken, denen es <em>wohltut</em>, zu schreien, denen die
-Verleumdung eine Erleichterung ist.</p>
-
-
-<h5>152.</h5>
-
-<p>Es gibt gar keinen Egoismus, der bei sich stehen bliebe
-und nicht übergriffe, &ndash; es gibt folglich jenen „erlaubten“,
-„moralisch indifferenten“ Egoismus gar nicht, von dem ihr
-redet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[Pg 88]</a></span></p>
-
-<p>„Man fördert sein Ich stets auf Kosten des andern“;
-„Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens“ &ndash; wer
-das nicht begreift, hat bei sich auch nicht den ersten Schritt
-zur Redlichkeit getan.</p>
-
-
-<h5>153.<br />
-
-<span class="normal3 gesperrt">Von der Verleumdung der sogenannten bösen
-Eigenschaften.</span></h5>
-
-<p><em>Egoismus</em> und sein Problem! Die christliche Verdüsterung
-in Larochefoucauld, welcher ihn überall herauszog und
-damit den Wert der Dinge und Tugenden <em>vermindert</em>
-glaubte! Dem entgegen suchte ich zunächst zu beweisen, daß
-es gar nichts anderes geben <em>könne</em> als Egoismus, &ndash; daß
-den Menschen, bei denen das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> schwach und dünn wird,
-auch die Kraft der großen Liebe schwach wird, &ndash; daß die
-Liebendsten vor allem es aus Stärke ihres <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> sind, &ndash; daß
-Liebe ein Ausdruck von Egoismus ist usw. Die falsche Wertschätzung
-zielt in Wahrheit auf das Interesse 1. derer, denen
-genützt, geholfen wird, der Herde; 2. enthält sie einen
-pessimistischen Argwohn gegen den Grund des Lebens;
-3. möchte sie die prachtvollsten und wohlgeratensten Menschen
-verneinen; Furcht; 4. will sie den Unterliegenden zum
-Rechte verhelfen gegen die Sieger; 5. bringt sie eine universale
-Unehrlichkeit mit sich, und gerade bei den wertvollsten
-Menschen.</p>
-
-
-<h5>154.</h5>
-
-<p>Ich habe dem bleichsüchtigen Christenideale den Krieg erklärt
-(samt dem, was ihm nahe verwandt ist), nicht in der
-Absicht, es zu vernichten, sondern nur, um seiner <em>Tyrannei</em>
-ein Ende zu setzen und den Platz freizubekommen für neue
-Ideale, für <em>robustere</em> Ideale... Die <em>Fortdauer</em> des christlichen
-Ideals gehört zu den wünschenswertesten Dingen, die
-es gibt: und schon um der Ideale willen, die neben ihm und
-vielleicht über ihm sich geltend machen wollen, &ndash; sie müssen
-Gegner, starke Gegner haben, um <em>stark</em> zu werden. &ndash; So
-brauchen wir Immoralisten die <em>Macht</em> der <em>Moral</em>: unser<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[Pg 89]</a></span>
-Selbsterhaltungstrieb will, daß unsre <em>Gegner</em> bei Kräften
-bleiben, &ndash; er will nur <em>Herr über sie</em> werden. &ndash;</p>
-
-
-<h5>155.</h5>
-
-<p>Man soll das Reich der Moralität Schritt für Schritt verkleinern
-und eingrenzen: man soll die Namen für die eigentlichen
-hier arbeitenden Instinkte ans Licht ziehen und zu
-Ehren bringen, nachdem sie die längste Zeit unter heuchlerischen
-Tugendnamen versteckt wurden; man soll aus Scham
-vor seiner immer gebieterischer redenden „Redlichkeit“ die
-Scham verlernen, welche die natürlichen Instinkte verleugnen
-und weglügen möchte. Es ist ein Maß der Kraft, wie
-weit man sich der Tugend entschlagen kann; und es wäre
-eine Höhe zu denken, wo der Begriff „Tugend“ so unempfunden
-wäre, daß er wie <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span> klänge, Renaissancetugend,
-moralinfreie Tugend. Aber einstweilen &ndash; wie fern sind
-wir noch von diesem Ideale!</p>
-
-<p><em>Die Gebietsverkleinerung der Moral</em>: ein Zeichen
-ihres Fortschritts. Überall, wo man noch nicht <em>kausal</em> zu
-denken vermocht hat, dachte man <em>moralisch</em>.</p>
-
-
-<h5>156.</h5>
-
-<p>Vor allem, meine Herren Tugendhaften, habt ihr keinen
-Vorrang vor uns: wir wollen euch die <em>Bescheidenheit</em>
-hübsch zu Gemüte führen: es ist ein erbärmlicher Eigennutz
-und Klugheit, welche euch eure Tugend anrät. Und hättet
-ihr mehr Kraft und Mut im Leibe, würdet ihr euch nicht dergestalt
-zu tugendhafter Nullität herabdrücken. Ihr macht
-aus euch, was ihr könnt: teils was ihr müßt &ndash; wozu euch
-eure Umstände zwingen &ndash;, teils was euch Vergnügen macht,
-teils was euch nützlich scheint. Aber wenn ihr tut, was nur
-euren Neigungen gemäß ist oder was eure Notwendigkeit
-von euch will oder was euch nützt, so sollt ihr euch darin
-<em>weder loben dürfen, noch loben lassen</em>!.... Man ist
-eine <em>gründlich kleine Art</em> Mensch, wenn man <em>nur</em> tugendhaft
-ist: darüber soll nichts in die Irre führen! Menschen,
-die irgendworin in Betracht kommen, waren noch niemals
-solche Tugendesel: ihr innerster Instinkt, der ihres<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[Pg 90]</a></span>
-Quantums Macht, fand dabei nicht seine Rechnung: während
-eure Minimalität an Macht nichts weiser erscheinen läßt
-als Tugend. Aber ihr habt die <em>Zahl</em> für euch: und insofern
-ihr <em>tyrannisiert</em>, wollen wir <em>euch</em> den Krieg machen....</p>
-
-
-<h5>157.</h5>
-
-<p>Ein <em>tugendhafter Mensch</em> ist schon deshalb eine niedrigere
-Spezies, weil er keine „Person“ ist, sondern seinen
-Wert dadurch erhält, einem Schema Mensch gemäß zu sein,
-das ein für allemal aufgestellt ist. Er hat nicht seinen Wert
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a parte</span>: er kann verglichen werden, er hat seinesgleichen, er
-<em>soll</em> nicht einzeln sein....</p>
-
-<p>Rechnet die Eigenschaften des <em>guten</em> Menschen nach, weshalb
-tun sie uns wohl? Weil wir keinen Krieg nötig haben,
-weil er kein Mißtrauen, keine Vorsicht, keine Sammlung
-und Strenge uns auferlegt: unsre Faulheit, Gutmütigkeit,
-Leichtsinnigkeit macht sich einen <em>guten Tag</em>. Dieses unser
-<em>Wohlgefühl ist es, das wir aus uns hinausprojizieren</em>
-und dem guten Menschen als <em>Eigenschaft</em>, als
-<em>Wert</em> zurechnen.</p>
-
-
-<h5>158.</h5>
-
-<p><em>Zur Kritik des guten Menschen.</em> &ndash; Rechtschaffenheit,
-Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit,
-Geradheit, gutes Gewissen, &ndash; sind wirklich mit diesen
-wohlklingenden Worten Eigenschaften um ihrer selbst willen
-bejaht oder gutgeheißen? oder sind hier an sich wertindifferente
-Eigenschaften und Zustände nur unter irgendwelchen
-Gesichtspunkt gerückt, wo sie Wert bekommen? Liegt der
-Wert dieser Eigenschaften in ihnen oder in dem Nutzen, Vorteil,
-der aus ihnen folgt (zu folgen scheint, zu folgen erwartet
-wird)?</p>
-
-<p>Ich meine hier natürlich nicht einen Gegensatz von <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>
-und <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">alter</span> in der Beurteilung: die Frage ist, ob die <em>Folgen</em>
-es sind, sei es für den Träger dieser Eigenschaften, sei es
-für die Umgebung, Gesellschaft, „Menschheit“, derentwegen
-diese Eigenschaften Wert haben sollen: oder ob sie an sich
-selbst Wert haben....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[Pg 91]</a></span></p>
-
-<p>Anders gefragt: ist es die <em>Nützlichkeit</em>, welche die entgegengesetzten
-Eigenschaften verurteilen, bekämpfen, verneinen
-heißt (&ndash; Unzuverlässigkeit, Falschheit, Verschrobenheit,
-Selbstungewißheit: Unmenschlichkeit &ndash;)? Ist das Wesen
-solcher Eigenschaften oder nur die Konsequenz solcher Eigenschaften
-verurteilt? &ndash; Anders gefragt: wäre es <em>wünschbar</em>,
-daß Menschen dieser zweiten Eigenschaften nicht existieren?
-&ndash; Das wird <em>jedenfalls geglaubt</em>.... Aber
-hier steckt der Irrtum, die Kurzsichtigkeit, die Borniertheit
-des <em>Winkelegoismus</em>.</p>
-
-<p>Anders ausgedrückt: wäre es wünschbar, Zustände zu
-schaffen, in denen der ganze Vorteil auf Seiten der Rechtschaffenen
-ist, &ndash; so daß die entgegengesetzten Naturen und
-Instinkte entmutigt würden und langsam ausstürben?</p>
-
-<p>Dies ist im Grunde eine Frage des Geschmacks und der
-<em>Ästhetik</em>: wäre es wünschbar, daß die „achtbarste“, das
-heißt langweiligste Spezies Mensch übrig bliebe? die Rechtwinkligen,
-die Tugendhaften, die Biedermänner, die Braven,
-die Geraden, die „Hornochsen“?</p>
-
-<p>Denkt man sich die ungeheure Überfülle der „anderen“
-weg: so hat sogar der Rechtschaffene nicht einmal mehr ein
-Recht auf Existenz: er ist nicht mehr nötig, &ndash; und hier begreift
-man, daß nur die grobe Nützlichkeit eine solche <em>unausstehliche
-Tugend</em> zu Ehren gebracht hat.</p>
-
-<p>Die Wünschbarkeit liegt vielleicht gerade auf der umgekehrten
-Seite: Zustände schaffen, bei denen der „rechtschaffene
-Mensch“ in die bescheidene Stellung eines „nützlichen
-Werkzeugs“ herabgedrückt wird &ndash; als das „ideale Herdentier“,
-bestenfalls Herdenhirt: kurz, bei denen er nicht mehr
-in die obere Ordnung zu stehen kommt: welche <em>andere
-Eigenschaften</em> verlangt.</p>
-
-
-<h5>159.</h5>
-
-<p><em>Das Patronat der Tugend.</em> &ndash; Habsucht, Herrschsucht,
-Faulheit, Einfalt, Furcht: alle haben ein Interesse an
-der Sache der Tugend: darum steht sie so fest.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[Pg 92]</a></span></p>
-
-
-<h5>160.</h5>
-
-<p>Man soll die <em>Tugend</em> gegen die Tugendprediger verteidigen:
-das sind ihre schlimmsten Feinde. Denn sie lehren
-die Tugend als ein Ideal <em>für alle</em>; sie nehmen der Tugend
-ihren Reiz des Seltenen, des Unnachahmlichen, des Ausnahmsweisen
-und Undurchschnittlichen, &ndash; ihren <em>aristokratischen
-Zauber</em>. Man soll insgleichen Front machen gegen
-die verstockten Idealisten, welche eifrig an alle Töpfe klopfen
-und ihre Genugtuung haben, wenn es hohl klingt: welche
-Naivität, Großes und Seltenes zu <em>fordern</em> und seine Abwesenheit
-mit Ingrimm und Menschenverachtung festzustellen!
-&ndash; Es liegt zum Beispiel auf der Hand, daß eine
-<em>Ehe</em> so viel wert ist als die, welche sie schließen, das heißt,
-daß sie im großen ganzen etwas Erbärmliches und Unschickliches
-sein wird: kein Pfarrer, kein Bürgermeister kann etwas
-anderes daraus machen.</p>
-
-<p>Die <em>Tugend</em> hat alle Instinkte des Durchschnittsmenschen
-gegen sich: sie ist unvorteilhaft, unklug, sie isoliert; sie ist
-der Leidenschaft verwandt und der Vernunft schlecht zugänglich;
-sie verdirbt den Charakter, den Kopf, den Sinn, &ndash;
-&ndash; immer gemessen mit dem Maß des Mittelguts von
-Mensch; sie setzt in Feindschaft gegen die Ordnung, gegen die
-<em>Lüge</em>, welche in jeder Ordnung, Institution, Wirklichkeit
-versteckt liegt, &ndash; sie ist das <em>schlimmste Laster</em>, gesetzt,
-daß man sie nach der Schädlichkeit ihrer Wirkung auf die
-<em>andern</em> beurteilt.</p>
-
-<p>&ndash; Ich erkenne die Tugend daran, daß sie 1. nicht verlangt,
-erkannt zu werden, 2. daß sie nicht Tugend überall
-voraussetzt, sondern gerade etwas anderes, 3. daß sie an der
-Abwesenheit der Tugend <em>nicht leidet</em>, sondern umgekehrt
-dies als ein Distanzverhältnis betrachtet, auf Grund dessen
-etwas an der Tugend zu ehren ist; sie teilt sich nicht mit,
-4. daß sie nicht Propaganda macht.... 5. daß sie niemand
-erlaubt, den Richter zu machen, weil sie immer eine Tugend
-<em>für sich</em> ist, 6. daß sie gerade alles das tut, was sonst <em>verboten</em>
-ist: Tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentliche<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[Pg 93]</a></span>
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vetitum</span> innerhalb aller Herdenlegislatur, 7. kurz, daß sie
-Tugend im Renaissancestil ist, <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span>, moralinfreie Tugend..</p>
-
-
-<h5>161.</h5>
-
-<p>Der <em>„gute Mensch“ als Tyrann</em>. &ndash; Die Menschheit
-hat immer denselben Fehler wiederholt: daß sie aus einem
-Mittel zum Leben einen <em>Maßstab</em> des Lebens gemacht hat;
-daß sie &ndash; statt in der höchsten Steigerung des Lebens selbst,
-im Problem des Wachstums und der Erschöpfung, das Maß
-zu finden &ndash; die <em>Mittel</em> zu einem ganz bestimmten Leben
-zum Ausschluß aller anderen Formen des Lebens, kurz zur
-Kritik und Selektion des Lebens benutzt hat. Das heißt, der
-Mensch liebt endlich die Mittel um ihrer selbst willen und
-<em>vergißt</em> sie als Mittel: so daß sie jetzt als Ziele ihm ins Bewußtsein
-treten, als Maßstäbe von Zielen.... das heißt,
-<em>eine bestimmte Spezies Mensch</em> behandelt ihre Existenzbedingungen
-als gesetzlich aufzuerlegende Bedingungen, als
-„Wahrheit“, „Gut“, „Vollkommen“: sie <em>tyrannisiert</em>...
-Es ist eine <em>Form des Glaubens</em>, des Instinkts, daß eine
-Art Mensch nicht die Bedingtheit ihrer eignen Art, ihre Relativität
-im Vergleich zu anderen einsieht. Wenigstens scheint
-es zu Ende zu sein mit einer Art Mensch (Volk, Rasse), wenn
-sie tolerant wird, gleiche Rechte zugesteht und nicht mehr
-daran denkt, Herr sein zu wollen &ndash;</p>
-
-
-<h5>162.</h5>
-
-<p>&ndash; Das Laster mit etwas entschieden Peinlichem so verknüpfen,
-daß zuletzt man vor dem Laster flieht, um von
-dem loszukommen, was mit ihm verknüpft ist. Das ist der
-berühmte Fall Tannhäusers. Tannhäuser, durch Wagnersche
-Musik um seine Geduld gebracht, hält es selbst bei Frau
-Venus nicht mehr aus: mit einem Male gewinnt die Tugend
-Reiz; eine thüringische Jungfrau steigt im Preise; und, um
-das Stärkste zu sagen, er goutiert sogar die Weise Wolframs
-von Eschenbach....</p>
-
-
-<h5>163.</h5>
-
-<p>Die Tugend ist unter Umständen bloß eine ehrwürdige
-Form der Dummheit: wer dürfte ihr darum übelwollen?<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[Pg 94]</a></span>
-Und diese Art Tugend ist auch heute noch nicht überlebt.
-Eine Art von wackerer Bauerneinfalt, welche aber in allen
-Ständen möglich ist und der man nicht anders als mit Verehrung
-und Lächeln zu begegnen hat, glaubt auch heute noch,
-daß alles in guten Händen ist, nämlich in der „Hand Gottes“:
-und wenn sie diesen Satz mit jener bescheidenen Sicherheit
-aufrecht erhalten, wie als ob sie sagten, daß zwei
-mal zwei vier ist, so werden wir andern uns hüten, zu widersprechen.
-Wozu <em>diese</em> reine Torheit trüben? Wozu sie mit
-unseren Sorgen in Hinsicht auf Mensch, Volk, Ziel, Zukunft
-verdüstern? Und wollten wir es, wir könnten es nicht.
-Sie spiegeln ihre eigne ehrwürdige Dummheit und Güte in
-die Dinge <em>hinein</em> (bei ihnen lebt ja der alte Gott <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">deus myops</span>
-noch!); wir andern &ndash; wir sehen etwas anderes in die
-Dinge hinein: unsre Rätselnatur, unsre Widersprüche, unsre
-tiefere, schmerzlichere, argwöhnischere Weisheit.</p>
-
-
-<h5>164.</h5>
-
-<p>Die <em>Tugend</em> findet jetzt keinen Glauben mehr, ihre Anziehungskraft
-ist dahin; es müßte sie denn einer etwa als
-eine ungewöhnliche Form des Abenteuers und der Ausschweifung
-von neuem auf den Markt zu bringen verstehen. Sie
-verlangt zu viel Extravaganz und Borniertheit von ihren
-Gläubigen, als daß sie heute nicht das Gewissen gegen sich
-hätte. Freilich, für Gewissenlose und gänzlich Unbedenkliche
-mag eben das an ihr neuer Zauber sein: &ndash; sie ist nunmehr,
-was sie bisher noch niemals gewesen ist, ein <em>Laster</em>.</p>
-
-
-<h5>165.</h5>
-
-<p>Die Tugend bleibt das kostspieligste Laster: sie <em>soll</em> es
-bleiben!</p>
-
-
-<h5>166.</h5>
-
-<p>Zuletzt, was habe ich erreicht? Verbergen wir uns dies
-wunderlichste Resultat nicht: ich habe der Tugend einen
-neuen <em>Reiz</em> erteilt, &ndash; sie wirkt als etwas <em>Verbotenes</em>.
-Sie hat unsre feinste Redlichkeit gegen sich, sie ist eingesalzen
-in das „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">cum grano salis</span>“ des wissenschaftlichen Gewis<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[Pg 95]</a></span>sensbisses;
-sie ist altmodisch im Geruch und antikisierend,
-so daß sie nunmehr endlich die Raffinierten anlockt und neugierig
-macht; &ndash; kurz, sie wirkt als Laster. Erst nachdem
-wir alles als Lüge, Schein erkannt haben, haben wir auch
-die Erlaubnis wieder zu dieser schönsten Falschheit, der der
-Tugend, erhalten. Es gibt keine Instanz mehr, die uns dieselbe
-verbieten dürfte; erst indem wir die Tugend als eine
-<em>Form der Immoralität</em> aufgezeigt haben, ist sie wieder
-<em>gerechtfertigt</em>, &ndash; sie ist eingeordnet und gleichgeordnet in
-Hinsicht auf ihre Grundbedeutung, sie nimmt teil an der
-Grundimmoralität alles Daseins, &ndash; als eine Luxusform
-ersten Ranges, die hochnäsigste, teuerste und seltenste Form
-des Lasters. Wir haben sie entrunzelt und entkuttet, wir
-haben sie von der Zudringlichkeit der Vielen erlöst, wir haben
-ihr die blödsinnige Starrheit, das leere Auge, die steife
-Haartour, die hieratische Muskulatur genommen.</p>
-
-
-<h5>167.</h5>
-
-<p>Ob ich damit der Tugend geschadet habe?.... Ebensowenig,
-als die Anarchisten den Fürsten: erst seitdem sie angeschossen
-werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron...
-Denn so stand es immer und wird es stehen: man kann
-einer Sache nicht besser nützen, als indem man sie verfolgt
-und mit allen Hunden hetzt.... Dies &ndash; habe ich getan.</p>
-
-
-<h5>168.</h5>
-
-<p>Was ich mit aller Kraft deutlich zu machen wünsche:</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) daß es keine schlimmere Verwechslung gibt, als wenn
-man <em>Züchtung</em> mit <em>Zähmung</em> verwechselt: was man getan
-hat.... Die Züchtung ist, wie ich sie verstehe, ein Mittel
-der ungeheuren Kraftaufspeicherung der Menschheit, so
-daß die Geschlechter auf der Arbeit ihrer Vorfahren fortbauen
-können &ndash; nicht nur äußerlich, sondern innerlich, organisch
-aus ihnen herauswachsend, ins <em>Stärkere</em>....</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) daß es eine außerordentliche Gefahr gibt, wenn man
-glaubt, daß die Menschheit als <em>Ganzes</em> fortwüchse und
-stärker würde, wenn die Individuen schlaff, gleich, durchschnittlich
-werden.... Menschheit ist ein Abstraktum: das<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[Pg 96]</a></span>
-Ziel der <em>Züchtung</em> kann auch im einzelnsten Falle immer
-nur der <em>stärkere</em> Mensch sein (&ndash; der ungezüchtete ist
-schwach, vergeuderisch, unbeständig &ndash;).</p>
-
-
-<h5>169.</h5>
-
-<p>Man muß sehr unmoralisch sein, um durch die Tat <em>Moral
-zu machen</em>.... Die Mittel der Moralisten sind die
-furchtbarsten Mittel, die je gehandhabt worden sind; wer
-den Mut nicht zur Unmoralität der Tat hat, taugt zu allem
-Übrigen, er taugt nicht zum Moralisten.</p>
-
-<p>Die Moral ist eine Menagerie; ihre Voraussetzung, daß
-eiserne Stäbe nützlicher sein können als Freiheit, selbst für
-den Eingefangenen; ihre andere Voraussetzung, daß es Tierbändiger
-gibt, die sich vor furchtbaren Mitteln nicht fürchten,
-&ndash; die glühendes Eisen zu handhaben wissen. Diese schreckliche
-Spezies, die den Kampf mit dem wilden Tier aufnimmt,
-heißt sich „Priester“.</p>
-
-<p>Der Mensch, eingesperrt in einen eisernen Käfig von Irrtümern,
-eine Karikatur des Menschen geworden, krank,
-kümmerlich, gegen sich selbst böswillig, voller Haß auf die
-Antriebe zum Leben, voller Mißtrauen gegen alles, was
-schön und glücklich ist am Leben, ein wandelndes Elend: diese
-künstliche, willkürliche, <em>nachträgliche</em> Mißgeburt, welche
-die Priester aus ihrem Boden gezogen haben, den „Sünder“:
-wie werden wir es erlangen, dieses Phänomen trotz
-alledem zu <em>rechtfertigen</em>?</p>
-
-<p>Um billig von der Moral zu denken, müssen wir zwei <em>zoologische</em>
-Begriffe an ihre Stelle setzen: <em>Zähmung</em> der
-Bestie und <em>Züchtung einer bestimmten Art</em>.</p>
-
-<p>Die Priester gaben zu allen Zeiten vor, daß sie „<em>bessern</em>“
-wollen.... Aber wir andern lachen, wenn ein Tierbändiger
-von seinen „gebesserten“ Tieren reden wollte. Die
-Zähmung der Bestie wird in den meisten Fällen durch eine
-Schädigung der Bestie erreicht: auch der moralische Mensch
-ist kein besserer Mensch, sondern nur ein geschwächter. Aber
-er ist weniger schädlich....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[Pg 97]</a></span></p>
-
-
-<h5>170.</h5>
-
-<p>Das gesamte Moralisieren als Phänomen ins Auge bekommen.
-Auch als <em>Rätsel</em>. Die moralischen Phänomene
-haben mich beschäftigt wie Rätsel. Heute würde ich eine
-Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für mich
-das Wohl des Nächsten höheren Wert haben <em>soll</em>, als mein
-eigenes? daß aber der Nächste selbst den Wert seines Wohls
-anders schätzen <em>soll</em> als ich, nämlich demselben gerade <em>mein</em>
-Wohl überordnen soll? Was bedeutet das „Du sollst“, das
-selbst von Philosophen als „gegeben“ betrachtet wird?</p>
-
-<p>Der anscheinend verrückte Gedanke, daß einer die Handlung,
-die er dem andern erweist, höher halten soll, als die
-sich selbst erwiesene, dieser andere ebenso wieder usw. (daß
-man nur Handlungen gutheißen soll, weil einer dabei nicht
-sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des andern) hat
-seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf
-der Schätzung beruhend, daß am einzelnen überhaupt wenig
-gelegen ist, aber sehr viel an allen zusammen, vorausgesetzt,
-daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit einem Gemeingefühl
-und Gemeingewissen. Also eine Art Übung in einer
-bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche
-sich selbst zu sehen unmöglich machen will.</p>
-
-<p>Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und <em>diese müssen
-Einzelne</em> sein! Wir sehen das allgemeine Treiben: jeder
-Einzelne wird geopfert und dient als Werkzeug. Man gehe
-durch die Straße, ob man nicht lauter „Sklaven“ begegnet.
-Wohin? Wozu?</p>
-
-
-<h5>171.</h5>
-
-<p>„Wollen“: ist gleich Zweck-Wollen. „Zweck“ enthält eine
-Wertschätzung. Woher stammen die Wertschätzungen? Ist
-eine feste Norm von „angenehm und schmerzhaft“ die
-Grundlage?</p>
-
-<p>Aber in unzähligen Fällen <em>machen</em> wir erst eine Sache
-schmerzhaft, dadurch, daß wir unsere Wertschätzung hineinlegen.</p>
-
-<p>Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[Pg 98]</a></span>
-jedem Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns <em>gefärbt</em>
-dadurch.</p>
-
-<p>Wir haben die Zwecke und die Werte hineingelegt: wir
-haben eine ungeheure <em>latente Kraft</em>masse dadurch in uns:
-aber in der <em>Vergleichung</em> der Werte ergibt sich, daß Entgegengesetztes
-als wertvoll galt, daß <em>viele</em> Gütertafeln existierten
-(also nichts „an sich“ wertvoll).</p>
-
-<p>Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre
-Aufstellung als die Aufstellung von <em>Existenzbedingungen</em>
-beschränkter Gruppen (und oft irrtümlicher): zur Erhaltung.</p>
-
-<p>Bei der Betrachtung der <em>jetzigen</em> Menschen ergab sich,
-daß wir <em>sehr verschiedene</em> Werturteile handhaben, und
-daß keine schöpferische Kraft mehr darin ist, &ndash; die Grundlage:
-„die Bedingung der Existenz“ fehlt dem moralischen
-Urteile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange nicht so
-schmerzhaft. &ndash; Es wird <em>willkürlich</em>. Chaos.</p>
-
-<p>Wer schafft <em>das Ziel</em>, das über der Menschheit stehen
-bleibt und auch über dem Einzelnen? Ehemals wollte man
-mit der Moral <em>erhalten</em>: aber niemand will jetzt mehr <em>erhalten</em>,
-es ist nichts daran zu erhalten. Also eine <em>versuchende
-Moral</em>: sich ein Ziel <em>geben</em>.</p>
-
-
-<h5>172.</h5>
-
-<p>Inwiefern die <em>Selbstvernichtung der Moral</em> noch ein
-Stück ihrer eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut
-solcher in uns, die für ihren Glauben gestorben sind; wir
-haben die Moral furchtbar und ernst genommen, und es ist
-nichts, was wir nicht irgendwie geopfert haben. Andrerseits:
-unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch Gewissensvivisektion
-erreicht worden. Wir wissen das „Wohin?“ noch nicht,
-zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt
-von unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden
-selbst hat uns die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt
-in die Ferne, ins Abenteuer, durch die wir ins Uferlose,
-Unerprobte, Unentdeckte hinausgestoßen werden, &ndash; es
-bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdem<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[Pg 99]</a></span>
-wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir
-„erhalten“ möchten. Ein verborgenes <em>Ja</em> treibt uns dazu,
-das stärker ist als alle unsre Neins. Unsre <em>Stärke</em> selbst
-duldet uns nicht mehr im alten, morschen Boden: wir wagen
-uns in die Weite, wir wagen <em>uns</em> daran: die Welt ist
-noch reich und unentdeckt, und selbst Zugrundgehen ist besser
-als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt
-uns aufs Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen
-sind: wir <em>wissen</em> um eine neue Welt....</p>
-
-
-<h5>173.</h5>
-
-<p>Mein Schlußsatz ist: daß der <em>wirkliche</em> Mensch einen
-viel höheren Wert darstellt als der „wünschbare“ Mensch irgendeines
-bisherigen Ideals; daß alle „Wünschbarkeiten“
-in Hinsicht auf den Menschen absurde und gefährliche Ausschweifungen
-waren, mit denen eine einzelne Art von Mensch
-<em>ihre</em> Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen über der
-Menschheit als Gesetz aufhängen möchte; daß jede zur Herrschaft
-gebrachte Wünschbarkeit solchen Ursprungs bis jetzt
-den Wert des Menschen, seine Kraft, seine Zukunftsgewißheit
-<em>herabgedrückt</em> hat; daß die Armseligkeit und Winkel-Intellektualität
-des Menschen sich am meisten bloßstellt,
-auch heute noch, wenn er <em>wünscht</em>; daß die Fähigkeit des
-Menschen, Werte anzusetzen, bisher zu niedrig entwickelt
-war, um dem tatsächlichen, nicht bloß „wünschbaren“ <em>Werte
-des Menschen</em> gerecht zu werden; daß das Ideal bis
-jetzt die eigentlich welt- und menschverleumdende Kraft, der
-Gifthauch über der Realität, die große <em>Verführung zum
-Nichts</em> war...</p>
-
-
-<h4>3. Philosophie und Moral.</h4>
-
-
-<h5>174.</h5>
-
-<p>Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie
-bisher am meisten aufgehalten worden.</p>
-
-<h5>175.</h5>
-
-<p>Man hat zu allen Zeiten die „schönen Gefühle“ für Argumente
-genommen, den „gehobenen Busen“ für den Blase<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[Pg 100]</a></span>balg
-der Gottheit, die Überzeugung als „Kriterium der
-Wahrheit“, das Bedürfnis des Gegners als Fragezeichen
-zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die
-ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur
-spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt
-von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch
-Kant in aller Unschuld diese Denkerkorruption mit dem
-Begriff „<em>praktische Vernunft</em>“ zu verwissenschaftlichen
-gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchen
-Fällen man sich <em>nicht</em> um die Vernunft zu kümmern
-brauche: nämlich wenn das Bedürfnis des Herzens, wenn
-die Moral, wenn die „Pflicht“ redet.</p>
-
-
-<h5>176.</h5>
-
-<p>Die Philosophen sind eingenommen <em>gegen</em> den Schein,
-den Wechsel, den Schmerz, den Tod, das Körperliche, die
-Sinne, das Schicksal und die Unfreiheit, das Zwecklose.</p>
-
-<p>Sie glauben 1. an die absolute Erkenntnis, 2. an die Erkenntnis
-um der Erkenntnis willen, 3. an die Tugend und
-Glück im Bunde, 4. an die Erkennbarkeit der menschlichen
-Handlungen. Sie sind von instinktiven Wertbestimmungen
-geleitet, in denen sich <em>frühere</em> Kulturzustände spiegeln (gefährlichere).</p>
-
-
-<h5>177.</h5>
-
-<p>Daß nichts von dem wahr ist, was ehemals als wahr
-galt &ndash; was als unheilig, verboten, verächtlich, verhängnisvoll
-ehemals verachtet wurde &ndash;&nbsp;: alle diese Blumen wachsen
-heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.</p>
-
-<p>Diese ganze alte Moral geht uns nichts mehr an: es ist
-kein Begriff darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben
-sie überlebt, &ndash; wir sind nicht mehr grob und naiv genug,
-um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen.... Artiger
-gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu.... Und wenn
-Wahrheit im alten Sinne nur deshalb „Wahrheit“ war,
-weil die alte Moral zu ihr ja sagte, ja sagen <em>durfte</em>: so
-folgte daraus, daß wir auch keine Wahrheit von ehedem
-mehr nötig haben.... Unser <em>Kriterium</em> der Wahrheit ist<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[Pg 101]</a></span>
-durchaus nicht die Moralität: wir <em>widerlegen</em> eine Behauptung
-damit, daß wir sie als abhängig von der Moral,
-als inspiriert durch edle Gefühle beweisen.</p>
-
-
-<h5>178.</h5>
-
-<p>Alle diese Werte sind empirisch und bedingt. Aber der,
-der an sie glaubt, der sie verehrt, <em>will</em> eben diesen Charakter
-nicht anerkennen. Die Philosophen glauben allesamt an
-diese Werte, und eine Form ihrer Verehrung war die Bemühung,
-aus ihnen <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a priori</span>-Wahrheiten</em> zu machen.
-Fälschender Charakter der <em>Verehrung</em>....</p>
-
-<p>Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen
-<em>Rechtschaffenheit</em>: aber es <em>gibt</em> in der ganzen Geschichte
-der Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, &ndash; sondern
-die „Liebe zum Guten“....</p>
-
-<p>Der absolute <em>Mangel an Methode</em>, um den Wert dieser
-Werte zu prüfen; <em>zweitens</em>: die Abneigung, diese Werte
-zu prüfen, überhaupt sie bedingt zu nehmen. &ndash; Bei den
-Moralwerten kamen alle <em>antiwissenschaftlichen</em> Instinkte
-zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft <em>auszuschließen</em>....</p>
-
-
-<h5>179.</h5>
-
-<p>Gegen die erkenntnistheoretischen Dogmen tief mißtrauisch,
-liebte ich es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster
-zu blicken, hütete mich, mich darin festzusetzen, hielt sie
-für schädlich, &ndash; und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein
-Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisieren <em>kann</em>?? &ndash;
-Worauf ich acht gab, war vielmehr, daß niemals eine erkenntnistheoretische
-Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken
-entstanden ist, &ndash; daß sie einen Wert zweiten
-Ranges hat, sobald man erwägt, <em>was</em> im Grunde zu dieser
-Stellung <em>zwang</em>.</p>
-
-<p>Grundeinsicht: sowohl Kant, als Hegel, als Schopenhauer
-&ndash; sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die
-historisierende, als die pessimistische &ndash; sind <em>moralischen</em>
-Ursprungs. Ich sah niemanden, der eine Kritik der <em>moralischen
-Wertgefühle</em> gewagt hätte: und den spärlichen<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[Pg 102]</a></span>
-Versuchen, zu einer Entstehungsgeschichte dieser Gefühle zu
-kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten)
-wandte ich bald den Rücken. &ndash;</p>
-
-<p>Wie erklärt sich Spinozas Stellung, seine Verneinung und
-Ablehnung der moralischen Werturteile? (Es war <em>eine</em> Konsequenz
-seiner Theodicee!)</p>
-
-
-<h5>180.</h5>
-
-<p><em>Die drei großen Naivitäten</em>:</p>
-<ul>
-<li>Erkenntnis als Mittel zum Glück (als ob....),</li>
-<li><span class="invisible">Erkenntnis</span> als Mittel zur Tugend (als ob....),</li>
-<li><span class="invisible">Erkenntnis</span> als Mittel zur „Verneinung des Lebens“,&nbsp;&ndash;</li>
-</ul>
-
-<p class="noindent">insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist &ndash; (als ob....).</p>
-
-
-<h5>181.</h5>
-
-<p>Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft <em>feindlich</em>
-gesinnt: schon Sokrates war dies &ndash; und zwar deshalb,
-weil die Wissenschaft Dinge als wichtig nimmt, welche mit
-„gut“ und „böse“ nichts zu schaffen haben, folglich dem
-Gefühl für „gut“ und „böse“ <em>Gewicht nehmen</em>. Die Moral
-nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte
-Kraft zu Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung
-eines solchen, der zum Verschwenden <em>nicht reich genug</em>
-ist, wenn der Mensch sich ernstlich um Pflanzen und
-Sterne kümmert. Deshalb ging in Griechenland, als Sokrates
-die Krankheit des Moralisierens in die Wissenschaft
-eingeschleppt hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit
-abwärts; eine Höhe, wie die in der Gesinnung eines
-Demokrit, Hippokrates und Thukydides, ist nicht zum zweiten
-Male erreicht worden.</p>
-
-
-<h5>182.</h5>
-
-<p>Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen
-Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft,
-mit den Mitteln einer Erkenntnistheorie respektive Skepsis:
-und wozu? Immer zugunsten der <em>Moral</em>.... (Der Haß
-gegen die Physiker und Ärzte.) Sokrates, Aristipp, die Megariker,
-die Zyniker, Epikur, Pyrrho &ndash; Generalansturm
-gegen die Erkenntnis zugunsten der <em>Moral</em>.... (Haß auch<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[Pg 103]</a></span>
-gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich
-der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits
-sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema
-der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen:
-zum Beispiel das Atom, die vier Elemente (<em>Juxtaposition</em>
-des Seienden, um die Vielheit und Veränderung
-zu erklären &ndash;). Verachtung gelehrt gegen die <em>Objektivität</em>
-des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse,
-zur Personalnützlichkeit aller Erkenntnis....</p>
-
-<p>Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1.
-deren Pathos (Objektivität), 2. deren Mittel (das heißt
-gegen deren Nützlichkeit), 3. deren Resultate (als kindisch).</p>
-
-<p>Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der
-<em>Kirche</em>, im Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie
-erbt das ganze antike Rüstzeug zum Kampfe. Die Erkenntnistheorie
-spielt dabei dieselbe Rolle wie bei Kant, wie bei
-den Indern.... Man will sich nicht darum zu bekümmern
-haben: man will freie Hand behalten für seinen „Weg“.</p>
-
-<p>Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit,
-gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Nötigung Hand
-in Hand zu gehen &ndash;&nbsp;: ich glaube, man nennt das <em>Freiheit</em>....</p>
-
-<p>Darin drückt sich die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> aus: der Instinkt der
-Solidarität ist so entartet, daß die Solidarität als <em>Tyrannei</em>
-empfunden wird: sie wollen keine Autorität, keine Solidarität,
-keine Einordnung in Reih und Glied zu unedler
-Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise,
-das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen,
-den langen Atem, die Personalindifferenz des wissenschaftlichen
-Menschen.</p>
-
-
-<h5>183.</h5>
-
-<p>Die <em>Sophisten</em> sind nichts weiter als Realisten: sie formulieren
-die allen gang und gäben Werte und Praktiken
-zum Rang der Werte, &ndash; sie haben den Mut, den alle
-starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu <em>wissen</em>....</p>
-
-<p>Glaubt man vielleicht, daß die kleinen griechischen Frei<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[Pg 104]</a></span>städte,
-welche sich vor Wut und Eifersucht gern aufgefressen
-hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Prinzipien
-geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides
-einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen
-Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über
-Untergang oder Unterwerfung verhandeln?</p>
-
-<p>Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu
-reden, war nur vollendeten Tartüffs möglich &ndash; oder <em>Abseitsgestellten</em>,
-Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern
-aus der Realität.... Alles Leute, die negierten, um
-selber leben zu können &ndash;</p>
-
-<p>Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato
-die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie
-<em>Juden</em> oder ich weiß nicht was &ndash;. Die Taktik <em>Grotes</em>
-zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu
-Ehrenmännern und Moralstandarten erheben, &ndash; aber ihre
-Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden
-zu treiben....</p>
-
-
-<h5>184.</h5>
-
-<p>Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft
-noch auf <em>moralischen</em> Vorurteilen ruht. Bei Plato sind
-wir als einstmalige Bewohner einer intelligiblen Welt des
-Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die
-göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu
-allem Guten (&ndash; also gleichsam „zurück“ &ndash;). Auch Descartes
-hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen
-Grunddenkweise, welche an einen <em>guten</em> Gott als
-Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst
-uns unsre Sinnesurteile <em>verbürgt</em>. Abseits von einer religiösen
-Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit
-&ndash; woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen
-gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maß
-des Wirklichen sei, &ndash; daß, was nicht gedacht werden kann,
-nicht <em>ist</em>, &ndash; ist ein plumpes <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</span> einer moralistischen
-Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheitsprinzip
-im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behaup<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[Pg 105]</a></span>tung,
-der unsre Erfahrung in jedem Augenblick widerspricht.
-Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern es <em>ist</em>....</p>
-
-
-<h5>185.</h5>
-
-<p>Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war
-immer, daß man hier die <em>Sicherheit eines Instinkts</em> zu
-erreichen suchte: so daß weder die gute Absicht noch die guten
-Mittel als solche erst ins Bewußtsein traten. So wie der
-Soldat exerziert, so sollte der Mensch handeln lernen. In
-der Tat gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit:
-selbst noch der Mathematiker handhabt seine Kombinationen
-unbewußt....</p>
-
-<p>Was bedeutet nun die <em>Reaktion</em> des Sokrates, welcher
-die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber
-lustig machte, wenn die Moral sich nicht logisch zu
-rechtfertigen wußte?.... Aber eben das Letztere gehört zu
-ihrer <em>Güte</em>, &ndash; ohne Unbewußtheit <em>taugt sie nichts</em>!....
-<em>Scham</em> erregen war ein notwendiges Attribut des Vollkommenen!....</p>
-
-<p>Es bedeutet exakt die <em>Auflösung der griechischen Instinkte</em>,
-als man die <em>Beweisbarkeit</em> als Voraussetzung
-der persönlichen Tüchtigkeit in der Tugend voranstellte. Es
-sind selbst Typen der Auflösung, alle diese großen „Tugendhaften“
-und Wortemacher.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span> bedeutet es, daß die moralischen Urteile aus
-ihrer Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der
-allein sie Sinn haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen
-Grund und Boden ausgerissen werden und, unter
-dem Anschein von <em>Sublimierung</em>, <em>entnatürlicht</em> werden.
-Die großen Begriffe „gut“, „gerecht“ werden losgemacht
-von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und
-als <em>frei gewordene</em> „Ideen“ Gegenstände der Dialektik.
-Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als
-Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: man <em>erdichtet</em>
-eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen....</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei
-Plato.... Und nun hatte man nötig, auch den <em>abstrakt-<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[Pg 106]</a></span>vollkommenen</em>
-Menschen hinzu zu erfinden: &ndash; gut, gerecht,
-weise, Dialektiker &ndash; kurz, die <em>Vogelscheuche</em> des
-antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst;
-eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulierenden
-Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen „beweist“.
-Das vollkommen <em>absurde</em> „Individuum“ an sich!
-die <em>Unnatur</em> höchsten Ranges....</p>
-
-<p>Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerte hatte zur Konsequenz,
-einen entartenden <em>Typus des Menschen</em> zu schaffen,
-&ndash; „<em>den</em> Guten“, „<em>den</em> Glücklichen“, „<em>den</em> Weisen“.
-&ndash; Sokrates ist ein Moment der <em>tiefsten Perversität</em> in
-der Geschichte der Werte.</p>
-
-
-<h5>186.</h5>
-
-<p>Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so
-nach Aristoteles. <em>Dagegen</em> die Epikuräer, die sich die <em>sensualistische</em>
-Theorie der Erkenntnis des Aristoteles zunutze
-machten: gegen das Suchen der Wahrheit ganz ironisch und
-ablehnend; „Philosophie als eine Kunst des <em>Lebens</em>“.</p>
-
-
-<h5>187.</h5>
-
-<p><em>Hegel</em>: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und
-den großen Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen:
-er stellt den Fortschritt der Menschheit dar. Versuch, die
-Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu beweisen.</p>
-
-<p>Kant: ein Reich der moralischen Werte, uns entzogen, unsichtbar,
-wirklich.</p>
-
-<p>Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung
-des moralischen Reichs.</p>
-
-<p>Wir wollen uns weder auf die Kantsche noch Hegelsche
-Manier betrügen lassen: &ndash; wir <em>glauben</em> nicht mehr, wie
-sie, an die Moral und haben folglich auch keine Philosophien
-zu gründen, <em>damit</em> die Moral recht behalte. Sowohl der
-Kritizismus als der Historizismus hat für uns nicht <em>darin</em>
-seinen Reiz: &ndash; nun, welchen hat er denn? &ndash;</p>
-
-
-<h5>188.</h5>
-
-<p><em>Moral als höchste Abwertung.</em> &ndash; <em>Entweder</em> ist unsre
-Welt das Werk und der Ausdruck (der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">modus</span>) Gottes: dann<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[Pg 107]</a></span>
-muß sie <em>höchst vollkommen</em> sein (Schluß Leibnizens....)
-&ndash; und man zweifelte nicht, was zur Vollkommenheit gehöre,
-zu wissen &ndash;, dann kann das Böse, das Übel nur
-<em>scheinbar</em> sein (<em>radikaler</em> bei Spinoza die Begriffe Gut
-<em>und</em> Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet
-sein (&ndash; etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung
-Gottes, der zwischen Gut und Böse zu wählen erlaubt:
-das Privilegium, kein Automat zu sein; „Freiheit“
-auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen....
-zum Beispiel bei Simplicius im Kommentar zu Epiktet).</p>
-
-<p><em>Oder</em> unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die
-Schuld sind real, sind determiniert, sind absolut ihrem Wesen
-inhärent; dann kann sie nicht die <em>wahre</em> Welt sein:
-dann ist Erkenntnis eben nur der Weg, sie zu verneinen,
-dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt
-werden kann. Dies ist die Meinung Schopenhauers auf
-Grund Kantischer Voraussetzungen. Noch desperater Pascal:
-er begriff, daß dann auch die Erkenntnis korrupt, gefälscht
-sein müsse, &ndash; daß <em>Offenbarung</em> not tue, um
-die Welt auch nur als verneinenswert zu begreifen....</p>
-
-
-<h5>189.</h5>
-
-<p>Nichts ist seltener unter den Philosophen als <em>intellektuelle
-Rechtschaffenheit</em>: vielleicht sagen sie das Gegenteil,
-vielleicht glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk
-bringt es mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen;
-sie wissen, was sie beweisen <em>müssen</em>, sie erkennen
-sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese „Wahrheiten“
-einig sind. Da sind zum Beispiel die moralischen
-Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis
-von Moralität: es gibt Fälle &ndash; und der Fall der
-Philosophen gehört hierher &ndash;, wo ein solcher Glaube einfach
-eine <em>Unmoralität</em> ist.</p>
-
-
-<h4>4. Philosophie und Wissenschaft.</h4>
-
-
-<h5>190.</h5>
-
-<p>Ich muß das <em>schwierigste Ideal</em> des <em>Philosophen
-aufstellen</em>. Das Lernen tut's nicht! Der Gelehrte ist das<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[Pg 108]</a></span>
-Herdentier im Reiche der Erkenntnis, &ndash; welcher forscht,
-weil es ihm befohlen und vorgemacht worden ist. &ndash;</p>
-
-
-<h5>191.</h5>
-
-<p>Aberglaube über den <em>Philosophen</em>: Verwechslung mit
-dem <em>wissenschaftlichen</em> Menschen. Als ob die Werte in
-den Dingen steckten und man sie nur festzuhalten hätte!
-Inwiefern sie unter der Einflüsterung gegebener Werte forschen
-(ihr Haß auf Schein, Leib usw.). Schopenhauer in
-betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus). Zuletzt
-geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus
-als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den
-<em>wissenschaftlichen</em> Menschen. Auch die Franzosen wie
-Taine suchen oder meinen zu suchen, <em>ohne</em> die Wertmaße
-schon zu haben. Die Niederwerfung vor den „Facten“, eine
-Art Kultus. Tatsächlich <em>vernichten</em> sie die bestehenden
-Wertschätzungen.</p>
-
-<p><em>Erklärung</em> dieses Mißverständnisses. Der Befehlende
-entsteht selten; er mißdeutet sich selber. Man <em>will</em> durchaus
-die Autorität von sich ablehnen und in die <em>Umstände</em>
-setzen. &ndash; In Deutschland gehört die Schätzung des Kritikers
-in die Geschichte der erwachenden <em>Männlichkeit</em>. Lessing
-usw. (Napoleon über Goethe). Tatsächlich ist diese Bewegung
-durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht:
-und der <em>Ruf</em> der deutschen Philosophie bezieht sich
-auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt
-sei und der <em>Glaube bewiesen</em> werden könne. In Hegel
-kulminieren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinert
-er die Tatsache der deutschen Kritik und die Tatsache der
-deutschen Romantik, &ndash; eine Art von dialektischem Fatalismus,
-aber zu Ehren des Geistes, tatsächlich mit Unterwerfung
-des Philosophen <em>unter</em> die Wirklichkeit. <em>Der Kritiker
-bereitet vor</em>: nicht mehr!</p>
-
-<p>Mit Schopenhauer dämmerte die Aufgabe des Philosophen:
-daß es sich um eine Bestimmung des <em>Wertes</em>
-handle: immer noch unter der Herrschaft des Eudämonismus.
-Das Ideal des Pessimismus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[Pg 109]</a></span></p>
-
-
-<h5>192.</h5>
-
-<p>Problem des <em>Philosophen</em> und des <em>wissenschaftlichen</em>
-Menschen. &ndash; Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten
-(Stubenhocken <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Kant; Überarbeitung; unzureichende
-Ernährung des Gehirns; Lesen). Wesentlicher:
-ob nicht ein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-<em>Symptom</em> schon in der Richtung
-auf solche <em>Allgemeinheit</em> gegeben ist; <em>Objektivität als
-Willensdisgregation</em> (&ndash; <em>so fern</em> bleiben <em>können</em>....).
-Dies setzt eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe
-voraus: eine Art Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand
-gegen die Normaltriebe.</p>
-
-<p>Typus: die Loslösung von der <em>Heimat</em>; in immer weitere
-Kreise; der wachsende Exotismus; das Stummwerden
-der alten Imperative &ndash; &ndash;; gar dieses beständige Fragen
-„wohin?“ („Glück“) ist ein Zeichen der <em>Herauslösung</em>
-aus Organisationsformen, Herausbruch.</p>
-
-<p>Problem: ob der <em>wissenschaftliche</em> Mensch eher noch
-ein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Symptom ist, als der Philosoph: &ndash; er ist
-als <em>Ganzes</em> nicht losgelöst, nur ein <em>Teil</em> von ihm ist absolut
-der Erkenntnis geweiht, dressiert für eine Ecke und
-Optik &ndash;, er hat hier <em>alle</em> Tugenden einer starken Rasse
-und Gesundheit nötig, große Strenge, Männlichkeit, Klugheit.
-Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit der
-Kultur, als von deren Müdigkeit. Der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Gelehrte
-ist ein <em>schlechter</em> Gelehrter. Während der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Philosoph,
-bisher wenigstens, als der typische Philosoph galt.</p>
-
-
-<h5>193.</h5>
-
-<p>Die psychologischen <em>Verwechslungen</em>: &ndash; <em>das Verlangen
-nach Glauben</em> &ndash; verwechselt mit dem „Willen
-zur Wahrheit“ (zum Beispiel bei Carlyle). Aber ebenso ist
-<em>das Verlangen nach Unglauben</em> verwechselt worden mit
-dem „Willen zur Wahrheit“ (&ndash; ein Bedürfnis, loszukommen
-von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu
-bekommen gegen irgend welche „Gläubigen“). <em>Was inspiriert
-die Skeptiker?</em> Der <em>Haß</em> gegen die Dogmatiker
-&ndash; oder ein Ruhebedürfnis, eine Müdigkeit, wie bei
-Pyrrho.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[Pg 110]</a></span></p>
-
-<p>Die <em>Vorteile</em>, welche man von der Wahrheit erwartete,
-waren die Vorteile des Glaubens an sie: &ndash; <em>an sich</em> nämlich
-könnte ja die Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnisvoll
-sein &ndash;. Man hat die „Wahrheit“ auch nur
-wieder bekämpft, als man Vorteile sich vom Siege versprach,
-&ndash; zum Beispiel Freiheit von den herrschenden Gewalten.</p>
-
-<p>Die Methodik der Wahrheit ist <em>nicht</em> aus Motiven der
-Wahrheit gefunden worden, sondern aus <em>Motiven der
-Macht, des Überlegen-sein-wollens</em>.</p>
-
-<p><em>Womit beweist</em> sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl
-der erhöhten Macht &ndash; mit der Nützlichkeit, &ndash; mit der Unentbehrlichkeit,
-&ndash; <em>kurz, mit Vorteilen</em> (nämlich Voraussetzungen,
-welcher Art die Wahrheit beschaffen sein <em>sollte</em>,
-um von uns anerkannt zu werden). Aber das ist ein <em>Vorurteil</em>:
-ein Zeichen, daß es sich gar nicht um <em>Wahrheit</em>
-handelt....</p>
-
-<p>Was bedeutet zum Beispiel der „Wille zur Wahrheit“ bei
-den Goncourts? bei den <em>Naturalisten</em>? &ndash; Kritik der
-„Objektivität“.</p>
-
-<p><em>Warum</em> erkennen: warum nicht lieber sich täuschen?....
-Was man wollte, war immer der Glaube, &ndash; und <em>nicht</em> die
-Wahrheit.... Der Glaube wird durch <em>entgegengesetzte</em>
-Mittel geschaffen als die Methodik der Forschung &ndash;&nbsp;: <em>er
-schließt letztere selbst aus</em> &ndash;</p>
-
-
-<h5>194.</h5>
-
-<p><em>Das Problem des Sokrates.</em> &ndash; Die beiden Gegensätze:
-die <em>tragische</em> Gesinnung, die <em>sokratische</em> Gesinnung,
-&ndash; gemessen an dem Gesetz des Lebens.</p>
-
-<p>Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen der
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> ist: inwiefern aber noch eine starke Gesundheit
-und Kraft im ganzen Habitus, in der Dialektik und Tüchtigkeit,
-Straffheit des wissenschaftlichen Menschen sich zeigt
-(&ndash; die Gesundheit des <em>Plebejers</em>; dessen Bosheit, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">esprit
-frondeur</span>, dessen Scharfsinn, dessen <em>Kanaille <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span></em>, im
-Zaum gehalten durch die <em>Klugheit</em>; „häßlich“).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[Pg 111]</a></span></p>
-
-<p><em>Verhäßlichung</em>: Die Selbstverhöhnung, die dialektische
-Dürre, die Klugheit als <em>Tyrann</em> gegen den „Tyrannen“
-(den Instinkt). Es ist alles übertrieben, exzentrisch, Karikatur
-an Sokrates, ein <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">buffo</span> mit den Instinkten Voltaires
-im Leibe. Er entdeckt eine neue Art <em>Agon</em>; er ist der erste
-Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt
-nichts als die <em>höchste Klugheit</em>: er nennt sie „Tugend“
-(&ndash; er erriet sie als <em>Rettung</em>: es stand ihm nicht frei, <em>klug</em>
-zu sein, er war es <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de rigueur</span></em>); sich in Gewalt haben, um
-mit Gründen und <em>nicht</em> mit Affekten in den Kampf zu treten
-(&ndash; die <em>List</em> des Spinoza, &ndash; das Aufdröseln der Affektirrtümer);
-&ndash; entdecken, daß der Affekt unlogisch prozediert;
-Übung in der Selbstverspottung, um das <em>Rankünegefühl</em>
-in der Wurzel zu schädigen.</p>
-
-<p>Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkrasischen
-Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist:
-seine Gleichsetzung von Vernunft = Tugend = Glück. Mit
-diesem Absurdum von Identitätslehre hat <em>er bezaubert</em>:
-die antike Philosophie kam nicht wieder davon los....</p>
-
-<p>Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen
-die Wissenschaft: Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu
-fühlen. Akustische Halluzinationen bei Sokrates: morbides
-Element. Mit Moral sich abgeben, widersteht am meisten,
-wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt es, daß
-Sokrates <em>Moral-Monoman</em> ist? &ndash; Alle „praktische“ Philosophie
-tritt in Notlagen sofort in den Vordergrund. Moral
-und Religion als Hauptinteressen sind Notstandszeichen.</p>
-
-
-<h5>195.</h5>
-
-<p>&ndash; Die Klugheit, Helle, Härte und Logizität als Waffe
-wider die <em>Wildheit der Triebe</em>. Letztere müssen gefährlich
-und untergangdrohend sein: sonst hat es keinen Sinn,
-die <em>Klugheit</em> bis zu dieser Tyrannei auszubilden. Aus der
-Klugheit <em>einen Tyrannen machen</em>: &ndash; aber <em>dazu</em> müssen
-die Triebe Tyrannen sein. Dies das Problem. &ndash; Es war
-sehr zeitgemäß damals. Vernunft wurde = Tugend =
-Glück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[Pg 112]</a></span></p>
-
-<p><em>Lösung</em>: Die griechischen Philosophen stehen auf der
-gleichen Grundtatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates:
-fünf Schritt weit vom Exzeß, von der Anarchie, von
-der Ausschweifung, &ndash; alles <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Menschen. Sie
-empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille zur Macht, zur
-Selbstherrschaft, zum „Glück“. Die Wildheit und Anarchie
-der Instinkte bei Sokrates ist ein <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Symptom</em>.
-Die Superfötation der Logik und der Vernunfthelligkeit insgleichen.
-Beide sind Abnormitäten, beide gehören zueinander.</p>
-
-<p><em>Kritik.</em> Die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> verrät sich in dieser Präokkupation
-des „Glücks“ (das heißt des „Heils der Seele“, das
-heißt, <em>seinen Zustand</em> als <em>Gefahr</em> empfinden). Ihr Fanatismus
-des Interesses für „Glück“ zeigt die Pathologie des
-Untergrundes: es war ein Lebensinteresse. Vernünftig sein
-<em>oder</em> zugrunde gehen war die <em>Alternative</em>, vor der sie alle
-standen. Der Moralismus der griechischen Philosophen zeigt,
-daß sie sich <em>in Gefahr</em> fühlten....</p>
-
-
-<h5>196.</h5>
-
-<p>Die eigentlichen <em>Philosophen der Griechen</em> sind die
-vor Sokrates (&ndash; mit Sokrates verändert sich etwas). Das
-sind alles vornehme Personnagen, abseits sich stellend von
-Volk und Sitte, gereist, ernst bis zur Düsterkeit, mit langsamem
-Auge, den Staatsgeschäften und der Diplomatie
-nicht fremd. Sie nehmen den Weisen alle großen Konzeptionen
-der Dinge vorweg: sie stellen sie selber dar, sie
-bringen sich in System. Nichts gibt einen höheren Begriff
-vom griechischen Geist, als diese plötzliche Fruchtbarkeit an
-Typen, als diese ungewollte Vollständigkeit in der Aufstellung
-der großen Möglichkeiten des philosophischen Ideals.
-&ndash; Ich sehe nur noch eine originale Figur in dem Kommenden:
-einen Spätling, aber notwendig den letzten, &ndash; den
-Nihilisten <em>Pyrrho</em>: &ndash; er hat den Instinkt <em>gegen</em> alles das,
-was inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker,
-Plato, den Artistenoptimismus Heraklits. (Pyrrho greift
-über Protagoras zu Demokrit zurück....)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[Pg 113]</a></span></p>
-
-<p>Die <em>weise</em> Müdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben,
-niedrig. Kein Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren
-und glauben, was alle glauben. Auf der Hut gegen Wissenschaft
-und Geist, auch alles, was <em>bläht</em>.... Einfach: unbeschreiblich
-geduldig, unbekümmert, mild. ἀπάθεια, mehr
-noch πραἴτης. Ein Buddhist für Griechenland, zwischen
-dem Tumult der Schulen aufgewachsen; spät gekommen;
-ermüdet; der Protest des Müden gegen den Eifer der Dialektiker;
-der Unglaube des Müden an die Wichtigkeit aller
-Dinge. Er hat <em>Alexander</em> gesehen, er hat die <em>indischen
-Büßer</em> gesehen. Auf solche Späte und Raffinierte wirkt
-alles Niedrige, alles Arme, alles Idiotische selbst verführerisch.
-Das narkotisiert: das macht ausstrecken (Pascal).
-Sie empfinden andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt
-mit jedermann, ein wenig Wärme: sie haben
-<em>Wärme</em> nötig, diese Müden.... Den Widerspruch überwinden;
-kein Wettkampf, kein Wille zur Auszeichnung: die
-<em>griechischen</em> Instinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit seiner
-Schwester zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit
-verkleiden, daß sie nicht mehr auszeichnet; ihr einen Mantel
-von Armut und Lumpen geben; die niedrigsten Verrichtungen
-tun: auf den Markt gehen und Milchschweine verkaufen....
-Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine Tugenden,
-die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen:
-letzte Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit.</p>
-
-<p>Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>:
-verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen
-alle <em>schauspielerischen</em> Tugenden &ndash; beides zusammen hieß
-damals Philosophie &ndash;; absichtlich das, was sie lieben, niedrig
-achtend; die gewöhnlichen, selbst verachteten Namen dafür
-wählend; einen Zustand darstellend, wo man weder
-krank, noch gesund, noch lebendig, noch tot ist.... Epikur
-naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter,
-nihilistischer.... Sein Leben war ein Protest gegen die große
-<em>Identitätslehre</em> (<em>Glück</em> = <em>Tugend</em> = <em>Erkenntnis</em>).
-Das rechte Leben fördert man nicht durch Wissenschaft:<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[Pg 114]</a></span>
-Weisheit macht nicht „weise“.... Das rechte Leben will
-nicht Glück, sieht ab von Glück....</p>
-
-
-<h5>197.</h5>
-
-<p><em>Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt.</em>
-&ndash; Bei den griechischen Philosophen sehe ich einen <em>Niedergang
-der Instinkte</em>: sonst hätten sie nicht dermaßen fehlgreifen
-können, den <em>bewußten</em> Zustand als den <em>wertvolleren</em>
-anzusetzen. Die <em>Intensität des Bewußtseins</em> steht
-im <em>umgekehrten</em> Verhältnis zur Leichtigkeit und Schnelligkeit
-der zerebralen Übermittlung. Dort regierte die <em>umgekehrte
-Meinung</em> über den Instinkt: was immer das Zeichen
-<em>geschwächter</em> Instinkte ist.</p>
-
-<p>Wir müssen in der Tat das <em>vollkommene Leben</em> dort
-suchen, wo es am wenigsten mehr bewußt wird (das heißt,
-seine Logik, seine Gründe, seine Mittel und Absichten, seine
-<em>Nützlichkeit</em> sich vorführt). Die Rückkehr zur Tatsache des
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bon sens</span>, des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bon homme</span>, der „kleinen Leute“ aller Art.
-<em>Einmagazinierte Rechtschaffenheit und Klugheit</em> seit
-Geschlechtern, die sich niemals ihrer Prinzipien bewußt wird
-und selbst einen kleinen Schauder vor Prinzipien hat. Das
-Verlangen nach einer <em>räsonnierenden Tugend</em> ist nicht
-räsonnabel.... Ein Philosoph ist mit einem solchen Verlangen
-kompromittiert.</p>
-
-
-<h5>198.</h5>
-
-<p>Tartüfferie der <em>Wissenschaftlichkeit</em>. &ndash; Man muß
-nicht Wissenschaftlichkeit affektieren, wo es noch nicht Zeit
-ist, wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher
-hat die Eitelkeit von sich zu tun, eine Art von Methode zu
-affektieren, welche im Grunde noch nicht an der Zeit ist.
-Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen
-ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion
-und Dialektik zu „fälschen“. So fälscht Kant in seiner
-„Moral“ seinen inwendigen psychologischen Hang; ein neuerliches
-Beispiel ist Herbert Spencers Ethik. &ndash; Man soll
-die <em>Tatsache</em>, wie uns unsre Gedanken gekommen sind,
-nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpf<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[Pg 115]</a></span>testen
-Bücher werden wohl immer etwas von dem aphoristischen
-und plötzlichen Charakter von Pascals <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Pensées</span> haben.
-Die treibenden Kräfte und Wertschätzungen sind lange unter
-der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.</p>
-
-<p>Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:</p>
-
-<p>1. in bezug auf die <em>Darlegung</em>, wenn sie nicht der <em>Genesis</em>
-der Gedanken entspricht;</p>
-
-<p>2. in den Ansprüchen auf <em>Methoden</em>, welche vielleicht
-zu einer bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht
-möglich sind;</p>
-
-<p>3. in den Ansprüchen auf <em>Objektivität</em>, auf kalte Unpersönlichkeit,
-wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit
-zwei Worten von uns und unsren inneren Erlebnissen erzählen.
-Es gibt lächerliche Arten von Eitelkeit, zum Beispiel
-Saint-Beuves, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da
-wirklich Wärme und Leidenschaft im „Für“ und „Wider“
-gehabt zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen
-hätte.</p>
-
-
-<h5>199.</h5>
-
-<p>Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern
-die Moral gleichsam einmagaziniert worden ist &ndash; also
-die Feinheit, die Vorsicht, die Tapferkeit, die Billigkeit &ndash;,
-so strahlt die Gesamtkraft dieser aufgehäuften Tugend selbst
-noch in die Sphäre aus, wo die Rechtschaffenheit am seltensten,
-in die <em>geistige</em> Sphäre. In allem Bewußtwerden
-drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll etwas
-Neues versucht werden, es ist nichts genügend zurecht
-dafür, es gibt Mühsal, Spannung, Überreiz, &ndash; das alles
-ist eben Bewußtwerden.... Das Genie sitzt im Instinkt;
-die Güte ebenfalls. Man handelt nur vollkommen, sofern
-man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet ist alles
-Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist
-das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit
-ist immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu
-räsonnieren: man mache die Probe, man lege die Weisesten
-auf die Goldwage, indem man sie Moral reden macht....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[Pg 116]</a></span></p>
-
-<p>Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das <em>bewußt</em>
-verläuft, auch einen viel niedrigeren Grad von Moralität
-darstellen wird als das Denken desselben, sofern es von
-seinen <em>Instinkten</em> geführt wird.</p>
-
-
-<h5>200.</h5>
-
-<p>Der Philosoph gegen die <em>Rivalen</em>, zum Beispiel gegen
-die Wissenschaft: da wird er Skeptiker; da behält er sich
-eine <em>Form der Erkenntnis</em> vor, die er dem wissenschaftlichen
-Menschen abstreitet; da geht er mit dem Priester
-Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, Materialismus
-zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich
-als einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion,
-die Ordnung, &ndash; er weiß seine Gegner als „Verführer“ und
-„Unterminierer“ in Verruf zu bringen: da geht er mit der
-Macht Hand in Hand.</p>
-
-<p>Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: &ndash;
-er sucht sie dahin zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige,
-Gegner der Autorität zu erscheinen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: soweit er
-<em>kämpft</em>, kämpft er ganz wie ein Priester, wie eine Priesterschaft.</p>
-
-
-<h4>5. Freie Philosophie.</h4>
-
-
-<h5>201.</h5>
-
-<p>Man sucht das Bild der Welt in <em>der</em> Philosophie, bei der
-es uns am freiesten zumute wird; das heißt, bei der unser
-mächtigster Trieb sich frei fühlt zu seiner Tätigkeit. So wird
-es auch bei mir stehen!</p>
-
-
-<h5>202.</h5>
-
-<p><em>Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust
-an der Vernichtung des Edelsten</em> und am Anblick, wie
-er schrittweise ins Verderben gerät: als Lust am <em>Kommenden,
-Zukünftigen</em>, welches triumphiert über das <em>vorhandene
-noch so Gute</em>. Dionysisch: zeitweilige Identifikation
-mit dem Prinzip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen).</p>
-
-<p><em>Meine Neuerungen.</em> &ndash; Weiterentwicklung des Pessimismus:
-der Pessimismus des Intellekts; die <em>moralische</em><span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[Pg 117]</a></span>
-Kritik, Auflösung des letzten Trostes. Erkenntnis der Zeichen
-des <em>Verfalls</em>: umschleiert durch Wahn jedes starke
-Handeln; die Kultur isoliert, ist ungerecht und dadurch stark.</p>
-
-<p>1. Mein <em>Anstreben</em> gegen den Verfall und die zunehmende
-Schwäche der Persönlichkeit. Ich suchte ein neues
-<em>Zentrum</em>.</p>
-
-<p>2. Unmöglichkeit dieses Strebens <em>erkannt</em>.</p>
-
-<p>3. <em>Darauf ging ich weiter in der Bahn der Auflösung,
-&ndash; darin fand ich für Einzelne neue Kraftquellen.
-Wir müssen Zerstörer sein!</em> &ndash; &ndash; Ich erkannte,
-daß der Zustand der <em>Auflösung</em>, in der <em>einzelne</em>
-Wesen sich vollenden <em>können wie nie</em> &ndash; ein Abbild und
-<em>Einzelfall des allgemeinen Daseins ist</em>. Gegen die lähmende
-Erfindung der allgemeinen Auflösung und Unvollendung
-hielt ich die <em>ewige Wiederkunft</em>.</p>
-
-
-<h5>203.</h5>
-
-<p>Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den
-Pessimismus vertiefte und durch Erfindung seines höchsten
-Gegensatzes erst ganz mir zum Gefühl brachte.</p>
-
-<p>Sodann: die idealen Künstler, jener Nachwuchs der Napoleonischen
-Bewegung.</p>
-
-<p>Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der <em>großen
-Politik</em>.</p>
-
-<p>Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.</p>
-
-
-<h5>204.</h5>
-
-<p>Die Bedeutung der deutschen Philosophie (<em>Hegel</em>): einen
-<em>Pantheismus</em> auszudenken, bei dem das Böse, der Irrtum
-und das Leid <em>nicht</em> als Argumente gegen Göttlichkeit
-empfunden werden. <em>Diese grandiose Initiative</em> ist mißbraucht
-worden von den vorhandenen Mächten (Staat usw.),
-als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden
-sanktioniert.</p>
-
-<p><em>Schopenhauer</em> erscheint dagegen als hartnäckiger Moralmensch,
-welcher endlich, um mit seiner moralischen Schätzung
-recht zu behalten, zum <em>Weltverneiner</em> wird. Endlich
-zum „Mystiker“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[Pg 118]</a></span></p>
-
-<p>Ich selbst habe eine <em>ästhetische</em> Rechtfertigung versucht:
-wie ist die Häßlichkeit der Welt möglich? &ndash; Ich nahm den
-Willen zur Schönheit, zum Verharren in <em>gleichen</em> Formen,
-als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental
-aber schien mir das ewig-Schaffende als das <em>ewig-Zerstören-Müssende</em>
-gebunden an den Schmerz. Das
-Häßliche ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem
-Willen, einen Sinn, einen <em>neuen</em> Sinn in das Sinnlos-gewordene
-zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden
-zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißraten, verneinungswürdig,
-als häßlich zu fühlen! &ndash;</p>
-
-
-<h5>205.</h5>
-
-<p>Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter.
-Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art
-von Philosophen selber, zum mindesten nach <em>meinem Bedürfnis
-neuer Philosophen</em> suchen? Dort allein, wo
-eine <em>vornehme</em> Denkweise herrscht, eine solche, welche an
-Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung
-jeder höheren Kultur glaubt; wo eine <em>schöpferische</em>
-Denkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück
-der Ruhe, den „Sabbat aller Sabbate“ als Ziel setzt und
-selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine
-der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um
-der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart
-und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, „unmoralische“
-Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften
-des Menschen gleichermaßen ins Große züchten will,
-weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu
-setzen, &ndash; an die Stelle, wo sie beide einander noch nottun.
-Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht
-hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich,
-daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst
-tags und nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat
-die <em>umgekehrten</em> Instinkte: es will vor allem und zuerst
-Bequemlichkeit; es will zu zweit Öffentlichkeit und jenen
-großen Schauspielerlärm, jenes große Bumbum, welches<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[Pg 119]</a></span>
-seinem Jahrmarktsgeschmacke entspricht; es will zu dritt,
-daß jeder mit tiefster Untertänigkeit vor der größten aller
-Lügen &ndash; diese Lüge heißt „Gleichheit der Menschen“ &ndash;
-auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die <em>gleichmachenden,
-gleichstellenden</em> Tugenden. Damit aber ist
-es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe,
-von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld
-sich ihm förderlich glaubt. In der Tat, alle Welt
-jammert heute darüber, wie schlimm es <em>früher</em> die Philosophen
-gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen,
-schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväterweisheit:
-die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch <em>günstigere</em>
-Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen,
-verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben
-waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens.
-Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogengeist,
-der Schauspielergeist, vielleicht auch der Biber-
-und Ameisengeist des Gelehrten für seine Entstehung günstige
-Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon
-mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an
-innerer Zuchtlosigkeit zugrunde? Sie werden nicht mehr von
-außen her, durch die absoluten Werttafeln einer Kirche oder
-eines Hofes, tyrannisiert: so lernen sie auch nicht mehr ihren
-„inneren Tyrannen“ großziehen, ihren <em>Willen</em>. Und was
-von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnisvolleren
-Sinne von den Philosophen. Wo <em>sind</em> denn
-heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien
-Geist! &ndash;</p>
-
-
-<h5>206.</h5>
-
-<p>Ich verstehe unter „<em>Freiheit des Geistes</em>“ etwas sehr
-Bestimmtes: hundertmal den Philosophen und andern Jüngern
-der „Wahrheit“ durch Strenge gegen sich überlegen
-sein, durch Lauterkeit und Mut, durch den unbedingten Willen,
-nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, &ndash; ich behandle
-die bisherigen Philosophen als <em>verächtliche <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">libertins</span></em>
-unter der Kapuze des Weibes „Wahrheit“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[Pg 120]</a></span></p>
-
-
-<h5>207.</h5>
-
-<p>Ich will niemanden zur Philosophie überreden: es ist notwendig,
-es ist vielleicht auch wünschenswert, daß der Philosoph
-eine <em>seltene</em> Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher
-als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie bei Seneca
-oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend
-zu tun. Es sei mir erlaubt, zu sagen, daß auch der wissenschaftliche
-Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen
-ist. &ndash; Was ich wünsche, ist: daß der echte Begriff
-des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zugrunde
-gehe. Es gibt so viele halbe Wesen aller Art in
-Deutschland, welche ihr Mißratensein gern unter einem so
-vornehmen Namen verstecken möchten.</p>
-
-
-
-
-<h3 class="gesperrt">II. Religion.</h3>
-
-
-<h4>1. Entstehung.</h4>
-
-
-<h5>208.</h5>
-
-<p>All die Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen
-und eingebildeten Dingen geliehen haben, will ich zurückfordern
-als Eigentum und Erzeugnis des Menschen: als
-seine schönste Apologie. Der Mensch als Dichter, als Denker,
-als Gott, als Liebe, als Macht &ndash; o über seine königliche
-Freigebigkeit, mit der er die Dinge beschenkt hat, um
-sich zu <em>verarmen</em> und <em>sich</em> elend zu fühlen! Das war bisher
-seine größte Selbstlosigkeit, daß er bewunderte und anbetete
-und sich zu verbergen wußte, daß <em>er</em> es war, der das
-geschaffen hat, was er bewunderte. &ndash;</p>
-
-
-<h5>209.</h5>
-
-<p>Die <em>Moralen</em> und <em>Religionen</em> sind die Hauptmittel,
-mit denen man aus dem Menschen gestalten kann, was
-einem beliebt: vorausgesetzt, daß man einen Überschuß von
-schaffenden Kräften hat und seinen Willen über lange Zeiträume
-durchsetzen kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[Pg 121]</a></span></p>
-
-
-<h5>210.</h5>
-
-<p><em>Vom Ursprung der Religion.</em> &ndash; In derselben Weise,
-in der jetzt noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der
-Zorn sei die Ursache davon, wenn er zürnt, der Geist davon,
-daß er denkt, die Seele davon, daß er fühlt, kurz, so wie
-auch jetzt noch unbedenklich eine Masse von psychologischen
-Entitäten angesetzt wird, welche Ursachen sein sollen: so
-hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben
-Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personalentitäten
-erklärt. Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend,
-überwältigend schienen, legte er sich als Obsession
-und Verzauberung unter der Macht einer Person zurecht.
-So führt der Christ, die heute am meisten naive und zurückgebildete
-Art Mensch, die Hoffnung, die Ruhe, das
-Gefühl der „Erlösung“ auf ein psychologisches Inspirieren
-Gottes zurück: bei ihm, als einem wesentlich leidenden und
-beunruhigten Typus, erscheinen billigerweise die Glücks-,
-Ergebungs- und Ruhegefühle als das <em>Fremde</em>, als das der
-Erklärung Bedürftige. Unter klugen, starken und lebensvollen
-Rassen erregt am meisten der Epileptische die Überzeugung,
-daß hier eine <em>fremde Macht</em> im Spiele ist; aber
-auch jede verwandte Unfreiheit, zum Beispiel die des Begeisterten,
-des Dichters, des großen Verbrechers, der Passionen
-wie Liebe und Rache dient zur Erfindung von außermenschlichen
-Mächten. Man konkresziert einen Zustand in
-eine Person: und behauptet, dieser Zustand, wenn er an
-uns auftritt, sei die Wirkung jener Person. Mit anderen
-Worten: in der psychologischen Gottbildung wird ein Zustand,
-um Wirkung zu sein, als Ursache personifiziert.</p>
-
-<p>Die psychologische Logik ist die: das <em>Gefühl der Macht</em>,
-wenn es plötzlich und überwältigend den Menschen überzieht
-&ndash; und das ist in allen großen Affekten der Fall &ndash;, erregt
-ihm einen Zweifel an seiner Person: er wagt sich nicht als
-Ursache dieses erstaunlichen Gefühls zu denken &ndash; und so setzt
-er eine <em>stärkere</em> Person, eine Gottheit, für diesen Fall an.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: der Ursprung der Religion liegt in den extremen
-Gefühlen der Macht, welche, als <em>fremd</em>, den Menschen<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[Pg 122]</a></span>
-überraschen: und dem Kranken gleich, der ein Glied zu
-schwer und seltsam fühlt und zum Schlusse kommt, daß ein
-anderer Mensch über ihm liege, legt sich der naive <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">homo religiosus</span>
-in <em>mehrere Personen</em> auseinander. Die Religion
-ist ein Fall der „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">altération de la personnalité</span>“. Eine
-Art <em>Furcht-</em> und <em>Schreckgefühl</em> vor sich selbst.... Aber
-ebenso ein außerordentliches <em>Glücks-</em> und <em>Höhengefühl</em>...
-Unter Kranken genügt das <em>Gesundheitsgefühl</em>, um an
-Gott, an die Nähe Gottes zu glauben.</p>
-
-
-<h5>211.</h5>
-
-<p><em>Rudimentäre Psychologie des religiösen Menschen</em>:
-&ndash; Alle Veränderungen sind Wirkungen; alle Wirkungen
-sind Willenswirkungen (&ndash; der Begriff „Natur“,
-„Naturgesetz“ fehlt); zu allen Wirkungen gehört ein Täter.
-Rudimentäre Psychologie: man ist selber nur in dem Falle
-Ursache, wo man weiß, daß man gewollt hat.</p>
-
-<p>Folge: die Zustände der Macht imputieren dem Menschen
-das Gefühl, <em>nicht</em> die Ursache zu sein, <em>unverantwortlich</em>
-dafür zu sein &ndash;&nbsp;: sie kommen, ohne gewollt zu sein: folglich
-sind wir nicht die Urheber &ndash;&nbsp;: der unfreie Wille (das
-heißt das Bewußtsein einer Veränderung mit uns, ohne daß
-wir sie gewollt haben) bedarf eines <em>fremden</em> Willens.</p>
-
-<p>Konsequenz: der Mensch hat alle seine starken und erstaunlichen
-Momente nicht gewagt, <em>sich</em> zuzurechnen, &ndash; er
-hat sie als „passiv“, als „erlitten“, als Überwältigungen
-konzipiert &ndash;&nbsp;: die Religion ist eine Ausgeburt eines <em>Zweifels</em>
-an der Einheit der Person, eine <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">altération</span> der Persönlichkeit
-&ndash;&nbsp;: insofern alles Große und Starke vom Menschen
-als <em>übermenschlich</em>, als <em>fremd</em> konzipiert wurde, verkleinerte
-sich der Mensch, &ndash; er legte die zwei Seiten, eine sehr
-erbärmliche und schwache und eine sehr starke und erstaunliche,
-in zwei Sphären auseinander, hieß die erste „Mensch“,
-die zweite „Gott“.</p>
-
-<p>Er hat das immer fortgesetzt; er hat in der Periode der
-<em>moralischen Idiosynkrasie</em> seine hohen und sublimen
-Moralzustände nicht als „gewollt“, als „Werk“ der Person<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[Pg 123]</a></span>
-ausgelegt. Auch der Christ legt seine Person in eine mesquine
-und schwache Fiktion, die er Mensch nennt, und eine
-andere, die er Gott (Erlöser, Heiland) nennt, auseinander &ndash;</p>
-
-<p>Die Religion hat den Begriff „Mensch“ erniedrigt; ihre
-extreme Konsequenz ist, daß alles Gute, Große, Wahre
-übermenschlich ist und nur durch eine Gnade geschenkt....</p>
-
-
-<h5>212.</h5>
-
-<p>Zur Psychologie des <em>Paulus</em>. &ndash; Das Faktum ist der Tod
-Jesu. Dies bleibt <em>auszulegen</em>.... Daß es eine Wahrheit
-und einen Irrtum in der Auslegung gibt, ist solchen Leuten
-gar nicht in den Sinn gekommen: eines Tages steigt ihnen
-eine sublime Möglichkeit in den Kopf, „es <em>könnte</em> dieser
-Tod das und das bedeuten“ &ndash; und sofort <em>ist</em> er das! Eine
-Hypothese beweist sich durch den sublimen <em>Schwung</em>, welchen
-sie ihrem Urheber gibt....</p>
-
-<p>„Der Beweis der Kraft“: das heißt, ein Gedanke wird
-durch seine <em>Wirkung</em> bewiesen, &ndash; („an seinen Früchten“,
-wie die Bibel naiv sagt); was begeistert, muß <em>wahr</em> sein,
-&ndash; wofür man sein Blut läßt, muß <em>wahr</em> sein &ndash;</p>
-
-<p>Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke
-in seinem Urheber erregt, diesem Gedanken als <em>Wert</em>
-zugerechnet: &ndash; und da man einen Gedanken gar nicht anders
-zu ehren weiß, als indem man ihn als wahr bezeichnet,
-so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre bekommt,
-er sei <em>wahr</em>.... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von
-einer Macht imaginiert: gesetzt, sie wäre nicht real, so
-könnte sie nicht wirken.... Er wird als <em>inspiriert</em> aufgefaßt:
-die Wirkung, die er ausübt, hat etwas von der
-Übergewalt eines dämonischen Einflusses &ndash;</p>
-
-<p>Ein Gedanke, dem ein solcher <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadent</span> nicht Widerstand
-zu leisten vermag, dem er vollends verfällt, ist <em>als wahr</em>
-„bewiesen“!!!</p>
-
-<p>Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichteseher besaßen
-nicht ein Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik,
-mit der heute ein Philologe einen Text liest oder ein
-historisches Ereignis auf seine Wahrheit prüft.... Es sind,
-im Vergleich zu uns, moralische Kretins....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[Pg 124]</a></span></p>
-
-
-<h5>213.</h5>
-
-<p>Ein andrer Weg, den Menschen aus seiner Erniedrigung
-zu ziehen, welche der Abgang der hohen und starken Zustände,
-wie als fremder Zustände, mit sich brachte, war die
-Verwandtschaftstheorie. Diese hohen und starken Zustände
-konnten wenigstens als Einwirkungen unsrer <em>Vorfahren</em>
-ausgelegt werden, wir gehörten zueinander, solidarisch, wir
-wachsen in unsern eignen Augen, indem wir nach uns bekannter
-Norm handeln.</p>
-
-<p>Versuch vornehmer Familien, die Religion mit ihrem
-Selbstgefühl auszugleichen. &ndash; Dasselbe tun die Dichter
-und Seher; sie fühlen sich stolz, gewürdigt und <em>auserwählt</em>
-zu sein zu solchem Verkehre, &ndash; sie legen Wert darauf,
-als Individuum gar nicht in Betracht zu kommen, bloße
-Mundstücke zu sein (Homer).</p>
-
-<p>Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen
-Zuständen, Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken.
-Ehedem glaubte man sich zu ehren, wenn man für die
-höchsten Dinge, die man tat, sich nicht verantwortlich wußte,
-sondern &ndash; Gott. Die Unfreiheit des Willens galt als das,
-was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals
-war ein Gott zu ihrem Urheber gemacht....</p>
-
-
-<h5>214.</h5>
-
-<p>Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der <em>physiologischen
-Erschöpfung</em>, weil sie reich an Plötzlichem,
-Schrecklichem, Unerklärlichem und Unberechenbarem sind,
-für wichtiger genommen als die gesunden Zustände und
-deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte hier eine <em>höhere</em>
-Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat
-den Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich
-gemacht für das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte
-man die Symptome der physiologischen Erschöpfung daraufhin
-betrachten. Die alten Religionen disziplinieren ganz
-eigentlich den Frommen zu einem Zustande der Erschöpfung,
-wo er solche Dinge erleben <em>muß</em>.... Man glaubte in eine
-höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt
-zu sein. &ndash; Der <em>Schein</em> einer höheren Macht....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[Pg 125]</a></span></p>
-
-
-<h5>215.</h5>
-
-<p>Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung
-als Folge jeder übermäßigen Reizung....</p>
-
-<p>Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration
-des Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen
-und Philosophien &ndash;</p>
-
-<p>Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung;
-der Schlaf, psychologisch genommen, nur ein Gleichnis
-eines viel tieferen und längeren <em>Ruhenmüssens</em>....
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span> ist es der Tod, der hier unter dem Bilde seines
-Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt....</p>
-
-
-<h5>216.</h5>
-
-<p><em>Kritik der heiligen Lüge.</em> &ndash; Daß zu frommen
-Zwecken die Lüge erlaubt ist, das gehört zur Theorie aller
-Priesterschaften, &ndash; wie weit es zu ihrer Praxis gehört, soll
-der Gegenstand dieser Untersuchung sein.</p>
-
-<p>Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen
-Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu
-nehmen beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur
-Lüge zurecht gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist
-die doppelte durch die typisch-arischen Philosophen des Vedânta
-entwickelte: zwei Systeme, in allen Hauptpunkten
-widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich ablösend,
-ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand
-schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupt
-<em>hörbar</em> wird....</p>
-
-<p><em>Wie weit</em> geht die fromme Lüge der Priester und der
-Philosophen? &ndash; Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen
-zur Erziehung sie haben, welche Dogmen sie <em>erfinden</em>
-müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu tun?</p>
-
-<p>Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte
-Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.</p>
-
-<p>Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen
-haben, so daß alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt
-durch ihr Gesetz erscheint.</p>
-
-<p>Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Macht<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[Pg 126]</a></span>bereich
-haben, dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen
-entzieht: das Strafmaß für das Jenseits, das
-„Nach-dem-Tode“, &ndash; wie billig auch die Mittel, zur Seligkeit
-den Weg zu wissen.</p>
-
-<p>Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen:
-da sie aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so
-können sie eine Menge Wirkungen <em>versprechen</em>, natürlich
-als bedingt durch Gebete oder durch strikte Befolgung
-ihres Gesetzes. &ndash; Sie können insgleichen eine Menge Dinge
-<em>verordnen</em>, die absolut vernünftig sind, &ndash; nur daß sie
-nicht die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit
-nennen dürfen, sondern eine Offenbarung oder die
-Folge „härtester Bußübungen“.</p>
-
-<p>Die <em>heilige Lüge</em> bezieht sich also prinzipiell: auf den
-<em>Zweck</em> der Handlung (&ndash; der Naturzweck, die Vernunft
-wird unsichtbar gemacht: ein Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung,
-eine Gottesdienstlichkeit erscheint als Zweck &ndash;):
-auf die <em>Folge</em> der Handlung (&ndash; die natürliche Folge wird
-als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es
-werden unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in
-Aussicht gestellt).</p>
-
-<p>Auf diese Weise wird ein Begriff von <em>Gut</em> und <em>Böse</em> geschaffen,
-der ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff
-„nützlich“, „schädlich“, „lebenfördernd“, „lebenvermindernd“
-erscheint, &ndash; er kann, insofern ein <em>anderes</em> Leben
-erdacht ist, sogar direkt <em>feindselig</em> dem Naturbegriff von
-Gut und Böse werden.</p>
-
-<p>Auf diese Weise wird endlich das berühmte „<em>Gewissen</em>“
-geschaffen: eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung
-<em>nicht</em> den Wert der Handlung an ihren Folgen mißt, sondern
-in Hinsicht auf die Absicht und Konformität dieser
-Absicht mit dem „Gesetz“.</p>
-
-<p>Die heilige Lüge hat also 1. einen <em>strafenden</em> und <em>belohnenden
-Gott</em> erfunden, der exakt das Gesetzbuch der
-Priester anerkennt und exakt sie als seine Mundstücke und
-Bevollmächtigten in die Welt schickt; &ndash; 2. ein <em>Jenseits
-des Lebens</em>, in dem die große Strafmaschine erst wirk<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[Pg 127]</a></span>sam
-gedacht wird, &ndash; zu diesem Zwecke die <em>Unsterblichkeit
-der Seele</em>; &ndash; 3. das <em>Gewissen</em> im Menschen, als
-das Bewußtsein davon, daß Gut und Böse feststeht, &ndash; daß
-Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität mit der priesterlichen
-Vorschrift anrät; &ndash; 4. die <em>Moral</em> als <em>Leugnung</em>
-alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens
-auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung
-(das heißt die Straf- und Lohnidee) als die Welt
-durchdringend, als einzige Gewalt, als <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">creator</span> von allem
-Wechsel; &ndash; 5. die <em>Wahrheit</em> als gegeben, als geoffenbart,
-als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als
-Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem
-Leben.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: womit ist die moralische <em>Besserung</em> bezahlt?
-&ndash; Aushängung der <em>Vernunft</em>, Reduktion aller Motive
-auf Furcht und Hoffnung (Strafe und Lohn); <em>Abhängigkeit</em>
-von einer priesterlichen Vormundschaft, von einer Formaliengenauigkeit,
-welche den Anspruch macht, einen göttlichen
-Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“,
-welches ein falsches <em>Wissen</em> an Stelle der Prüfung
-und des Versuchs setzt: wie als ob es bereits feststünde,
-was zu tun und was zu lassen wäre, &ndash; eine Art
-Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes;
-&ndash; <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in summa</span>: die ärgste <em>Verstümmelung</em> des Menschen,
-die man sich vorstellen kann, angeblich als der „gute
-Mensch“.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span> ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von
-Klugheit, Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des
-priesterlichen Kanons ist, willkürlich hinterdrein auf eine
-bloße <em>Mechanik</em> reduziert: die Konformität mit dem Gesetz
-gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, &ndash; <em>das Leben
-hat keine Probleme mehr</em>; &ndash; die ganze Weltkonzeption
-ist beschmutzt mit der <em>Strafidee</em>; &ndash; das Leben selbst ist,
-mit Hinsicht darauf, das <em>priesterliche</em> Leben als das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non
-plus ultra</span> der Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung
-und Beschmutzung des Lebens umgedacht; &ndash;
-der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben, eine Kri<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[Pg 128]</a></span>tik,
-eine Verachtung selbst des Lebens dar; &ndash; die Wahrheit
-ist umgedacht als die <em>priesterliche Lüge</em>, das Streben nach
-Wahrheit als <em>Studium der Schrift</em>, als Mittel, <em>Theolog
-zu werden</em>....</p>
-
-
-<h5>217.</h5>
-
-<p>Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem,
-dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es
-von Idealen, sei es von Göttern oder von Heilanden: darin
-finden sie ihren Beruf, dafür haben sie ihre Instinkte; um
-es so glaubwürdig wie möglich zu machen, müssen sie in
-der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre Schauspielerklugheit
-muß vor allem <em>das gute Gewissen</em> bei
-ihnen erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet
-werden kann.</p>
-
-
-<h5>218.</h5>
-
-<p>Der Priester will durchsetzen, daß er als <em>höchster Typus</em>
-des Menschen gilt, daß er herrscht, &ndash; auch noch über die,
-welche die <em>Macht</em> in den Händen haben, daß er unverletzlich
-ist, unangreifbar &ndash;, daß er die <em>stärkste Macht</em> in der
-Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu unterschätzen.</p>
-
-<p><em>Mittel</em>: er allein ist der <em>Wissende</em>; er allein ist der
-<em>Tugendhafte</em>; er allein hat die höchste <em>Herrschaft über
-sich</em>; er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht
-zurück in die Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen
-Gott und den <em>andern</em>; die Gottheit straft jeden Nachteil,
-jeden Gedanken, wider einen Priester gerichtet.</p>
-
-<p><em>Mittel</em>: die <em>Wahrheit</em> existiert. Es gibt nur eine Form,
-sie zu erlangen, Priester werden. Alles, was <em>gut</em> ist, in
-der Ordnung, in der Natur, in dem Herkommen, geht auf
-die Weisheit der Priester zurück. Das heilige Buch ist ihr
-Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung der Satzungen
-darin. Es gibt keine andere Quelle des <em>Guten</em>, als
-den Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist <em>rang</em>verschieden
-von der des Priesters, zum Beispiel die des
-<em>Kriegers</em>.</p>
-
-<p><em>Konsequenz</em>: wenn der Priester der <em>höchste</em> Typus sein
-soll, so muß die <em>Gradation</em> zu seinen <em>Tugenden</em> die<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[Pg 129]</a></span>
-Wertgradation der Menschen ausmachen. Das <em>Studium</em>,
-die <em>Entsinnlichung</em>, das <em>Nichtaktive</em>, das <em>Impassible</em>,
-<em>Affektlose</em>, das <em>Feierliche</em>; &ndash; Gegensatz: die <em>tiefste</em>
-Gattung Mensch.</p>
-
-<p>Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als
-<em>höchster Typus</em> empfunden zu werden. Er konzipiert einen
-<em>Gegensatz</em>typus: den Tschandala. <em>Diesen</em> mit allen Mitteln
-verächtlich zu machen, gibt die <em>Folie</em> ab für die Kastenordnung.
-&ndash; Die extreme Angst des Priesters vor der <em>Sinnlichkeit</em>
-ist zugleich bedingt durch die <em>Einsicht</em>, daß hier
-die <em>Kastenordnung</em> (das heißt die <em>Ordnung</em> überhaupt)
-am schlimmsten bedroht ist.... Jede „freiere Tendenz“ in
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">puncto puncti</span> wirft die Ehegesetzgebung <em>über den Haufen</em>
-&ndash;</p>
-
-
-<h5>219.</h5>
-
-<p><em>Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches.</em> &ndash; Das ganze
-Buch ruht auf der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der
-Menschheit, welches dieses ganze System inspiriert hat?
-Diese Art Mensch, welche an die <em>Interessiertheit</em> jeder
-Handlung glaubt, war sie interessiert oder nicht, dieses System
-durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern &ndash; woher
-ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des
-Bessern genommen?</p>
-
-<p>Wir finden eine Art Mensch, die <em>priesterliche</em>, die sich
-als Norm, als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus
-Mensch fühlt: von sich aus nimmt sie den Begriff des
-„Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit, sie <em>will</em> sie
-auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der
-<em>Wille zur Macht</em>....</p>
-
-<p>Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft
-von Begriffen, welche in der Priesterschaft ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non
-plus ultra</span> von Macht ansetzen. Die Macht durch die Lüge
-&ndash; in Einsicht darüber, daß man sie nicht physisch, militärisch
-besitzt.... Die Lüge als Supplement der Macht, &ndash;
-ein neuer Begriff der „Wahrheit“.</p>
-
-<p>Man irrt sich, wenn man hier <em>unbewußte</em> und <em>naive</em>
-Entwicklung voraussetzt, eine Art Selbstbetrug.... Die Fa<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[Pg 130]</a></span>natiker
-sind nicht die Erfinder solcher durchdachten Systeme
-der Unterdrückung.... Hier hat die kaltblütigste Besonnenheit
-gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, wie sie ein
-Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. &ndash; „Man
-muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ &ndash; über
-diese Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.</p>
-
-<p>Wir haben das klassische Muster als spezifisch <em>arisch</em>:
-wir dürfen also die bestausgestattete und besonnenste Art
-Mensch verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge,
-die je gemacht worden ist.... Man hat das nachgemacht,
-überall beinahe: der <em>arische Einfluß</em> hat alle Welt verdorben....</p>
-
-
-<h5>220.</h5>
-
-<p>Der <em>Philosoph</em> als Weiterentwicklung des <em>priesterlichen</em>
-Typus: &ndash; hat dessen Erbschaft im Leibe; &ndash; ist,
-selbst noch als Rival, genötigt, um dasselbe mit denselben
-Mitteln zu ringen wie der Priester seiner Zeit; &ndash; er aspiriert
-zur <em>höchsten Autorität</em>.</p>
-
-<p>Was gibt <em>Autorität</em>, wenn man nicht die physische Macht
-in den Händen hat (keine Heere, keine <em>Waffen</em> überhaupt....)?
-Wie gewinnt man namentlich die Autorität
-<em>über die</em>, welche die physische Gewalt und die Autorität
-besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten,
-vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)</p>
-
-<p>Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere
-Gewalt in den Händen zu haben, &ndash; <em>Gott</em> &ndash;. Es ist
-nichts stark genug: man hat die Vermittlung und die Dienste
-der Priester <em>nötig</em>. Sie stellen sich als unentbehrlich <em>dazwischen</em>:
-&ndash; sie haben als Existenzbedingung nötig, 1. daß
-an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß <em>an ihren
-Gott</em> geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten
-Zugänge zu Gott gibt. Die <em>zweite</em> Forderung allein schafft
-den Begriff der „Heterodoxie“; die <em>erste</em> den des „Ungläubigen“
-(das heißt, der an einen <em>andern</em> Gott glaubt &ndash;).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[Pg 131]</a></span></p>
-
-
-<h4>2. Christentum.</h4>
-
-
-<h5>221.</h5>
-
-<p>&ndash; Die <em>Kirche</em> ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt
-hat &ndash; und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte &ndash;</p>
-
-
-<h5>222.</h5>
-
-<p>Man soll das Christentum als <em>historische Realität</em>
-nicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit
-seinem Namen erinnert: die <em>andern</em> Wurzeln, aus denen
-es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist
-ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde und
-Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“
-und „christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen
-Namen abzeichnen. Was hat Christus <em>verneint</em>? &ndash; Alles,
-was heute christlich heißt.</p>
-
-
-<h5>223.</h5>
-
-<p>Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden
-<em>soll</em>, die ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und
-Trug: und genau das Gegenstück von dem, was den Anfang
-der christlichen Bewegung gegeben hat.</p>
-
-<p>Das gerade, was im <em>kirchlichen</em> Sinn das Christliche
-ist, ist das <em>Antichristliche</em> von vornherein: lauter Sachen
-und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der
-ewigen Tatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt
-einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene
-Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche,
-Theologie.</p>
-
-<p>Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so
-wenig die Praxis des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel,
-glücklich zu sein....</p>
-
-
-<h5>224.</h5>
-
-<p>Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“
-im Herzen, und findet die Mittel <em>nicht</em> in der Observanz
-der jüdischen Kirche &ndash;; er rechnet selbst die Realität
-des Judentums (seine Nötigung, sich zu erhalten) für
-nichts; er ist rein <em>innerlich</em>. &ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[Pg 132]</a></span></p>
-
-<p>Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben
-Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die
-ganze Buß- und Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben
-muß, um sich als „vergöttlicht“ zu fühlen &ndash; und wie man
-nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu
-kommt: „<em>es liegt nichts an Sünde</em>“ ist sein Haupturteil.</p>
-
-<p>Sünde, Buße, Vergebung, &ndash; das gehört alles nicht hierher....
-das ist ein eingemischtes Judentum, oder es ist
-heidnisch.</p>
-
-
-<h5>225.</h5>
-
-<p>Das <em>Himmelreich</em> ist ein Zustand des Herzens (&ndash; von
-den Kindern wird gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“),
-nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes
-„kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender,
-etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher
-nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“,
-etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...</p>
-
-
-<h5>226.</h5>
-
-<p>Der <em>Schächer am Kreuz</em>: &ndash; wenn der Verbrecher selbst,
-der einen schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser
-Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet
-und stirbt, so allein ist es das Rechte“, hat er das Evangelium
-bejaht: und damit <em>ist er im Paradiese</em>....</p>
-
-
-<h5>227.</h5>
-
-<p>Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit
-jenem göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner,
-als der plumpe Unsinn eines „verewigten Petrus“,
-einer ewigen Personalfortdauer. Was er bekämpft, das ist
-die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade <em>die</em> verewigen
-wollen?</p>
-
-<p>Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde:
-er verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn
-je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits
-gemeint haben!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[Pg 133]</a></span></p>
-
-
-<h5>228.</h5>
-
-<p>Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre
-hineingemengt: es ist alles damit verdorben.</p>
-
-<p>Insgleichen ist die <em>Praxis</em> der ersten <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ecclesia militans</span></em>,
-des Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine
-ganz verfälschende Weise als <em>geboten</em>, als <em>voraus</em> festgesetzt
-dargestellt....</p>
-
-<p>Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen <em>Lebens</em>
-und <em>Lehrens</em> der ersten Christen: wie als ob alles <em>so vorgeschrieben</em>
-.... bloß <em>befolgt</em> wäre....</p>
-
-<p>Nun gar die <em>Erfüllung</em> der <em>Weissagungen</em>: was ist
-da alles gefälscht und zurecht gemacht worden!</p>
-
-
-<h5>229.</h5>
-
-<p>Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung
-durch den Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem
-Tode &ndash; das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen
-Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf
-(Paulus) verantwortlich machen muß.</p>
-
-<p>Das <em>vorbildliche Leben</em> besteht in der Liebe und Demut;
-in der Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht
-ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen,
-auf Verteidigung, auf Sieg im Sinne des
-persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier,
-auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit,
-in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung;
-nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden
-haben: die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes
-Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.</p>
-
-<p>Nachdem die Kirche die <em>ganze christliche Praxis</em> sich
-hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate,
-jene Art Leben, welches Jesus bekämpft und verurteilt hatte,
-sanktioniert hatte, mußte sie den Sinn des Christentums
-irgendwo anders hinlegen: in den <em>Glauben</em> an unglaubwürdige
-Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung,
-Festen usw. Der Begriff „Sünde“, „Vergebung“, „Strafe“,
-„Belohnung“ &ndash; alles ganz unbeträchtlich und fast<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[Pg 134]</a></span>
-<em>ausgeschlossen</em> vom ersten Christentum &ndash; kommt jetzt in
-den Vordergrund.</p>
-
-<p>Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie
-und Judentum; der Asketismus; das beständige Richten
-und Verurteilen, die Rangordnung usw.</p>
-
-
-<h5>230.</h5>
-
-<p>Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in
-Kruditäten umgesetzt:</p>
-
-<p>1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben:
-mißverstanden als „Leben diesseits“ und „Leben jenseits“;</p>
-
-<p>2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben
-der Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“;</p>
-
-<p>3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von
-Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als
-„Wunder der Transsubstantiation“;</p>
-
-<p>4. die „Auferstehung &ndash;“ als Eintritt in das „wahre
-Leben“, als „wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität,
-die irgendwann nach dem Tode eintritt;</p>
-
-<p>5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“,
-das Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus:
-die „zweite Person der Gottheit“ &ndash; gerade das <em>weggeschafft</em>:
-das Sohnverhältnis jedes Menschen zu Gott, auch
-des niedrigsten;</p>
-
-<p>6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es
-keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes gibt als die
-von Christus gelehrte <em>Praxis des Lebens</em>) umgekehrt in
-den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare <em>Abzahlung</em>
-der <em>Sünde</em> zu glauben habe, welche nicht durch den
-Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist:</p>
-
-<p>Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden.
-Dieser Tod war an sich durchaus <em>nicht</em> die Hauptsache....
-er war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen
-die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe &ndash;
-<em>nicht sich wehren</em>.... <em>Darin lag das Vorbild.</em></p>
-
-
-<h5>231.</h5>
-
-<p>Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches
-zu verdanken, und schließen folglich, daß dessen Ur<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[Pg 135]</a></span>heber
-eine Personnage ersten Ranges sei.... Dieser Schluß
-ist falsch, aber er ist der typische Schluß der Verehrenden.
-Objektiv angesehen, wäre möglich, <em>erstens</em>, daß sie sich
-irrten über den Wert dessen, was sie dem Christentum verdanken:
-Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon
-man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch
-einen Verdacht dagegen.... Es wäre <em>zweitens</em> möglich,
-daß, was dem Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber
-zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen
-Gebilde, dem Ganzen, der Kirche usw. Der Begriff
-„Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheitsursache
-für eine Bewegung bedeuten kann: man
-hat die Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als
-die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt
-den Schluß, daß irgendwann dieser Gründer etwas
-sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, &ndash; am Anfang...
-Man denke, mit welcher <em>Freiheit</em> Paulus das Personalproblem
-Jesus behandelt, beinahe eskamotiert &ndash; jemand,
-der gestorben ist, den man nach seinem Tode wiedergesehen
-hat, jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet
-wurde.... Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht <em>er</em> dann
-dazu....</p>
-
-
-<h5>232.</h5>
-
-<p>Ein Religionsstifter <em>kann</em> unbedeutend sein, &ndash; ein
-Streichholz, nichts <em>mehr</em>!</p>
-
-
-<h5>233.</h5>
-
-<p>Wie eine <em>Ja-sagende</em> arische Religion, die Ausgeburt der
-<em>herrschenden</em> Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus.
-(Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant,
-daß es in der Kriegerkaste entstanden und erst
-übergegangen ist auf die Priester.)</p>
-
-<p>Wie eine <em>Ja-sagende</em> semitische Religion, die Ausgeburt
-der <em>herrschenden</em> Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds,
-das alte Testament in den älteren Teilen. (Der
-<em>Muhammedanismus</em>, als eine Religion für <em>Männer</em>,
-hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und Ver<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[Pg 136]</a></span>logenheit
-des Christentums ... einer Weibsreligion, als welche
-er sie fühlt &ndash;.)</p>
-
-<p>Wie eine <em>Nein-sagende</em> semitische Religion, die Ausgeburt
-der <em>unterdrückten</em> Klasse, aussieht: das Neue Testament
-(&ndash; nach indisch-arischen Begriffen: eine <em>Tschandala-Religion</em>).</p>
-
-<p>Wie eine <em>Nein-sagende</em> arische Religion aussieht, gewachsen
-unter den <em>herrschenden</em> Ständen: der Buddhismus.</p>
-
-<p>Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion
-<em>unterdrückter</em> arischer Rassen haben: denn das ist ein
-Widerspruch: eine Herrenrasse ist obenauf oder geht zugrunde.</p>
-
-
-<h5>234.</h5>
-
-<p><em>Heidnisch &ndash; christlich</em>. &ndash; <em>Heidnisch</em> ist das Jasagen
-zum Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die
-Natürlichkeit“. <em>Christlich</em> ist das Neinsagen zum Natürlichen,
-das Unwürdigkeitsgefühl im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.</p>
-
-<p>„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat
-im Vergleich mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld
-verloren. Da aber zuletzt auch der <em>christliche</em> <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">status</span>
-bloß ein Naturzustand sein muß, sich aber nicht als solchen
-begreifen darf, so bedeutet „<em>christlich</em>“ eine zum Prinzip
-erhobene <em>Falschmünzerei der psychologischen Interpretation</em>....</p>
-
-
-<h5>235.</h5>
-
-<p>Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind
-der Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz
-denken, als die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung,
-mit der zum Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten
-Athens die Gegenwart der geschlechtlichen Symbole
-empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das Geheimnis
-an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art
-Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht
-der Zukunft: der Wiedergeburt, Unsterblichkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[Pg 137]</a></span></p>
-
-
-<h5>236.</h5>
-
-<p><em>Buddha gegen den „Gekreuzigten“.</em> &ndash; Innerhalb
-der nihilistischen Religionen darf man immer noch die <em>christliche</em>
-und die <em>buddhistische</em> scharf auseinanderhalten. Die
-<em>buddhistische</em> drückt einen <em>schönen Abend</em> aus, eine vollendete
-Süßigkeit und Milde, &ndash; es ist Dankbarkeit gegen
-alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was fehlt: die Bitterkeit,
-die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe
-geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs
-ist hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von
-diesem hat es noch seine geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut.
-(&ndash; Herkunft aus den obersten Kasten &ndash;.)</p>
-
-<p>Die <em>christliche</em> Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung
-aus Abfalls- und Ausschußelementen aller Art: sie
-drückt <em>nicht</em> den Niedergang einer Rasse aus, sie ist von Anfang
-an eine Aggregatbildung aus sich zusammendrängenden
-und sich suchenden Krankheitsgebilden.... Sie ist deshalb
-<em>nicht</em> national, <em>nicht</em> rassebedingt: sie wendet sich an
-die Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem
-Grunde gegen alles Wohlgeratene und Herrschende: sie
-braucht ein <em>Symbol</em>, welches den Fluch auf die Wohlgeratenen
-und Herrschenden darstellt.... Sie steht im Gegensatz
-auch zu aller <em>geistigen</em> Bewegung, zu aller Philosophie:
-sie nimmt die Partei der Idioten und spricht einen
-Fluch gegen den Geist aus. Ranküne gegen die Begabten,
-Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie errät in ihnen das
-<em>Wohlgeratene</em>, das <em>Herrschaftliche</em>.</p>
-
-
-<h5>237.</h5>
-
-<p>Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden,
-alles, was Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen
-fort“ &ndash; nur insofern wird <em>gewarnt</em> vor dem Bösen.
-Denn Handeln &ndash; das hat keinen Sinn, Handeln hält
-im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie
-sehen im Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur
-Bejahung von Mitteln, deren Zweck man verneint. Sie
-suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und <em>deshalb</em> per<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[Pg 138]</a></span>horreszieren
-sie <em>alle</em> Antriebe seitens der Affekte. Zum Beispiel
-ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! &ndash; Der Hedonismus
-der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab.
-Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische Fanatismus
-eines Paulus: Nichts würde mehr seinem Instinkt
-widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen
-Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit,
-welche das Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt
-hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar übergeistigten
-Stände, die im Buddhismus ihre Rechnung finden:
-eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophenkampf
-abgesotten und müde gemacht, nicht aber <em>unterhalb
-aller Kultur</em> wie die Schichten, aus denen das
-Christentum entsteht.... Im Ideal des Buddhismus erscheint
-das Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich:
-es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral ausgedacht,
-die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt,
-unter der Voraussetzung, daß man auch die guten
-Handlungen bloß <em>zeitweilig</em> nötig hat, bloß als <em>Mittel</em>,
-&ndash; nämlich, um von <em>allem</em> Handeln loszukommen.</p>
-
-
-<h5>238.</h5>
-
-<p>Eine <em>nihilistische</em> Religion wie das Christentum, einem
-greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden
-Volke entsprungen und gemäß &ndash; Schritt für Schritt in
-andre Milieus übertragen, endlich in die jungen, <em>noch gar
-nicht gelebt habenden</em> Völker eintretend &ndash; <em>sehr seltsam</em>!
-Eine Schluß-, Hirten-, Abendglückseligkeit Barbaren,
-Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisiert,
-barbarisiert werden! <em>Solchen</em>, die ein <em>Walhall</em> geträumt
-hatten &ndash;&nbsp;: die alles Glück im Kriege fanden! &ndash;
-Eine <em>über</em>nationale Religion in ein Chaos hineingepredigt,
-wo <em>noch nicht einmal</em> Nationen da waren &ndash;.</p>
-
-
-<h5>239.</h5>
-
-<p>Diese <em>nihilistische</em> Religion sucht sich die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-<em>Elemente</em>
-und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[Pg 139]</a></span></p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) die Partei der <em>Schwachen</em> und <em>Mißratenen</em> (den
-Ausschuß der antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten
-von sich stieß....);</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) die Partei der <em>Vermoralisierten</em> und <em>Antiheidnischen</em>;</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) die Partei der <em>Politisch-Ermüdeten</em> und Indifferenten
-(blasierte Römer....), der <em>Entnationalisierten</em>,
-denen eine Leere geblieben war;</p>
-
-<p><span class="antiqua">d</span>) die Partei derer, die sich satt haben, &ndash; die gern an
-einer <em>unterirdischen</em> Verschwörung mitarbeiten &ndash;</p>
-
-
-<h5>240.</h5>
-
-<p><span class="antiqua">A.</span> In dem Maße, in dem heute das Christentum noch
-nötig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....</p>
-
-<p><span class="antiqua">B.</span> In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem
-schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil
-es dem <em>morbiden</em> Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen
-der jetzigen Menschheit entspricht.... sie geben ihrem
-Hange nach, indem sie christlich aspirieren &ndash; die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span>
-aller Art &ndash;</p>
-
-<p>Man hat hier zwischen <span class="antiqua">A</span> und <span class="antiqua">B</span> streng zu scheiden. Im
-<em>Fall</em> <span class="antiqua">A</span> ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel
-(&ndash; es dient unter Umständen, krank zu
-machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Rohheit
-zu brechen). Im <em>Fall</em> <span class="antiqua">B</span> ist es ein Symptom der
-Krankheit selbst, <em>vermehrt</em> die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>; hier wirkt es
-einem <em>korroborierenden</em> System der Behandlung entgegen,
-hier ist es der Krankeninstinkt <em>gegen</em> das, was ihm
-heilsam ist &ndash;</p>
-
-
-<h5>241.</h5>
-
-<p>Das <em>christlich-jüdische Leben</em>: hier überwog <em>nicht</em> das
-Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die
-Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben &ndash; sowohl die
-<em>Glut</em> der <em>Liebe</em>, als die des <em>Hasses</em>.</p>
-
-<p>Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert
-sieht, dann wird man <em>aggressiv</em>; man verdankt den Sieg
-des Christentums seinen Verfolgern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[Pg 140]</a></span></p>
-
-<p>Die <em>Asketik</em> im Christentum ist nicht spezifisch: das hat
-Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum
-hinein: überall dort, wo es auch ohne Christentum
-Asketik gibt.</p>
-
-<p>Das <em>hypochondrische</em> Christentum, die Gewissenstierquälerei
-und -folterung ist insgleichen nur einem gewissen
-Boden zugehörig, auf dem christliche Werte Wurzel geschlagen
-haben: es ist nicht das Christentum selbst. Das
-Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in
-sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf
-machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren
-wußte. Aber eben <em>das</em> ist sein Wesen: Christentum ist ein
-Typus der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>.</p>
-
-
-<h5>242.</h5>
-
-<p>Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen
-konnte, war die kleine <em>jüdische Familie</em> der Diaspora, mit
-ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen
-Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft
-zum Helfen, Einstehen füreinander, mit ihrem
-verborgenen und in Demut verkleideten Stolz der „Auserwählten“,
-mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid
-zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für
-sich hat. <em>Das als Macht erkannt zu haben</em>, diesen <em>seligen</em>
-Zustand als mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch
-für Heiden erkannt zu haben &ndash; ist das <em>Genie</em> des Paulus:
-den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen
-zu einer „jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses“,
-die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der <em>Gemeindeselbsterhaltung</em>
-unter der Fremdherrschaft, auch
-die jüdische Propaganda &ndash; das erriet er als seine Aufgabe.
-Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und
-abseits gestellte Art <em>kleiner Leute</em>: ihre Kunst, sich zu behaupten
-und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet,
-welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten
-(„Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten
-Art Mensch“).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[Pg 141]</a></span></p>
-
-<p>Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip
-der <em>Liebe</em> her: es ist eine <em>leidenschaftlichere</em> Seele, die
-hier unter der Asche von Demut und Armseligkeit glüht: so
-war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch.
-Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat,
-ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der
-ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum
-etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so
-ist es eine <em>Erhöhung der Temperatur der Seele</em> bei
-jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf
-waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben
-reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperaturerhöhung....</p>
-
-<p>Es versteht sich, daß eine solche Übertragung <em>nicht</em> stattfinden
-konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die
-Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen
-sich, &ndash; und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei
-schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe
-ekelerregend (&ndash; ich <em>sehe</em> diese schlechten Manieren, wenn
-ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit
-und Not mit dem hier redenden Typus des niederen
-Volkes verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden...
-Es ist eine Probe davon, ob man etwas <em>klassischen Geschmack</em>
-im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament
-steht (vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist,
-wer dabei nicht ehrlich und gründlich etwas von <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">foeda superstitio</span>
-empfindet, etwas, wovon man die Hand zurückzieht,
-wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht,
-was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie
-Goethe &ndash;</p>
-
-
-<h5>243.</h5>
-
-<p><em>Reaktion der kleinen Leute</em>: &ndash; Das höchste Gefühl
-der Macht gibt die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht
-der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet.</p>
-
-<p>„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘,
-Gott liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“;
-das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[Pg 142]</a></span>
-jenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die
-Liebe hervorbringt; &ndash; aus Liebe tut man nichts Schlimmes,
-man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend
-täte.</p>
-
-<p>Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im
-Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als <em>Summe
-des Lebensgefühls</em> empfunden. Das Helfen und
-Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der
-Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht
-das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde,
-als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.</p>
-
-<p>Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine <em>Alteration
-der Persönlichkeit</em> erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl
-Gott. Man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls
-sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein
-„Evangelium“, &ndash; diese Neuheit war es, welche ihm nicht
-erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen &ndash;&nbsp;: er meinte, daß Gott
-vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. &ndash;
-„Gott kommt zu den Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert,
-in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der
-Liebe sich auslöst). <em>Jesus ist der Nächste</em>, so wie dieser
-zur Gottheit, zur <em>Machtgefühl erregenden</em> Ursache umgedacht
-wurde.</p>
-
-
-<h5>244.</h5>
-
-<p>Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und
-Armen ein Zugang zum Glück offen steht, &ndash; daß man
-nichts zu tun hat, als sich von der Institution, der Tradition,
-der Bevormundung der oberen Stände loszumachen:
-insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts weiter,
-als die <em>typische Sozialistenlehre</em>.</p>
-
-<p>Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale,
-Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen:
-alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrtümer,
-Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium
-das Gericht ankündigt.... Alles typisch für die Sozialistenlehre.</p>
-
-<p>Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines auf<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[Pg 143]</a></span>gestauten
-Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt
-dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im
-Frei-sich-fühlen liegen könnte.... (Meistens ein Symptom
-davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt
-worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits
-auf der Zunge schmecken.... Nicht der Hunger erzeugt
-Revolutionen, sondern daß das Volk <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en mangeant</span>
-Appetit bekommen hat....)</p>
-
-
-<h5>245.</h5>
-
-<p>Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine
-friedliche Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele,
-welche nicht die großen Antriebe der großen Krafthäufungen
-kennt, als etwas Hohes nimmt, womöglich gar als <em>Maß
-des Menschen</em>.</p>
-
-<p><em>Bacon von Verulam</em> sagt: <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Infimarum virtutum apud
-vulgus laus est, mediarum admiratio, supremarum sensus
-nullus.</span> Das Christentum aber gehört, als Religion,
-zum <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vulgus</span>; es hat für die höchste Gattung <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">virtus</span> keinen
-Sinn.</p>
-
-
-<h5>246.</h5>
-
-<p>Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth
-oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den <em>kleinen Leuten
-so viel in den Kopf gesetzt haben</em>, als ob es etwas
-auf sich habe mit ihren bescheidenen Tugenden. Man hat
-es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die wertvolleren
-Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie
-haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen
-Seele gegeneinander gesetzt, sie haben die <em>tapfern</em>,
-<em>großmütigen</em>, <em>verwegenen</em>, <em>exzessiven</em> Neigungen der
-starken Seele irregeleitet, bis zur Selbstzerstörung....</p>
-
-
-<h5>247.</h5>
-
-<p>Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem
-ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer,
-verloren gegangen sind;</p>
-
-<p>sie sind in diesem Sinne die „Verschnittenen“: sie haben
-den Priester &ndash; und dann sofort den Tschandala....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[Pg 144]</a></span></p>
-
-<p>Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem
-Aufstand des Tschandala: der Ursprung des <em>Christentums</em>.</p>
-
-<p>Damit, daß sie den <em>Krieger</em> nur als ihren Herrn kannten,
-brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den
-<em>Vornehmen</em>, gegen den Edlen, Stolzen, gegen die Macht,
-gegen die <em>herrschenden</em> Stände &ndash;&nbsp;: sie sind <em>Entrüstungs</em>pessimisten....</p>
-
-<p>Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester
-an der Spitze der Tschandalas, &ndash; gegen die <em>vornehmen
-Stände</em>....</p>
-
-<p>Das Christentum zog die letzte Konsequenz dieser Bewegung:
-auch im jüdischen Priestertum empfand es noch die
-Kaste, den Privilegierten, den Vornehmen &ndash; <em>es strich den
-Priester aus</em> &ndash;</p>
-
-<p>Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt....
-der Tschandala, der sich selbst erlöst....</p>
-
-<p>Deshalb ist die <em>französische</em> Revolution die Tochter und
-Fortsetzerin des <em>Christentums</em>.... sie hat den Instinkt
-gegen die Kaste, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien
-&ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h5>248.</h5>
-
-<p><em>Die tiefe Verachtung</em>, mit der der Christ in der vornehm
-gebliebenen antiken Welt behandelt wurde, gehört
-ebendahin, wohin heute noch die Instinktabneigung gegen
-den Juden gehört: es ist der Haß der freien und selbstbewußten
-Stände gegen die, <em>welche sich durchdrücken</em> und
-schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl
-verbinden.</p>
-
-<p>Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich
-<em>unvornehmen</em> Art Mensch; ihr Anspruch, mehr Wert zu
-haben, ja <em>allen</em> Wert zu haben, hat in der Tat etwas Empörendes,
-&ndash; auch heute noch.</p>
-
-
-<h5>249.</h5>
-
-<p>Das ursprüngliche Christentum ist <em>Abolition des Staates</em>:
-es verbietet den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichts<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[Pg 145]</a></span>höfe,
-die Selbstverteidigung und Verteidigung irgendeines
-Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden;
-insgleichen die <em>Stände</em>ordnung.</p>
-
-<p>Das <em>Vorbild Christi</em>: er widerstrebt nicht denen, die
-ihm Übles tun; er verteidigt sich nicht; er tut mehr: er
-„reicht die linke Wange“ (auf die Frage „bist du Christus?“
-antwortet er, „und von nun an werdet ihr sehen des Menschen
-Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in
-den Wolken des Himmels“). Er verbietet, daß seine Jünger
-ihn verteidigen; er macht aufmerksam, daß er Hilfe haben
-könnte, aber nicht will.</p>
-
-<p>Das Christentum ist auch <em>Abolition der Gesellschaft</em>:
-es bevorzugt alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus
-aus den Verrufenen und Verurteilten, den Aussätzigen
-jeder Art, den „Sündern“, den „Zöllnern“, den Prostituierten,
-dem dümmsten Volk (den „Fischern“); es verschmäht
-die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften,
-die „Korrekten“....</p>
-
-
-<h5>250.</h5>
-
-<p><em>Zur Geschichte des Christentums.</em> &ndash; Fortwährende
-Veränderung des Milieus: die christliche Lehre verändert damit
-fortwährend ihr <em>Schwergewicht</em>.... Die Begünstigung
-der <em>Niederen</em> und <em>kleinen Leute</em>.... Die Entwicklung
-der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">caritas</span>.... Der Typus „Christ“ nimmt schrittweise
-alles wieder an, was er ursprünglich negierte (<em>in dessen
-Negation er bestand</em> &ndash;). Der Christ wird Bürger,
-Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter,
-Theolog, Priester, Philosoph, Landwirt, Künstler, Patriot,
-Politiker, „Fürst“.... er nimmt alle <em>Tätigkeiten</em> wieder
-auf, die er abgeschworen hat (&ndash; die Selbstverteidigung, das
-Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden
-zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen....).
-Das ganze Leben des Christen ist endlich genau
-das Leben, <em>von dem Christus die Loslösung predigte</em>...</p>
-
-<p>Die <em>Kirche</em> gehört so gut zum <em>Triumph</em> des Antichristlichen,
-wie der moderne Staat, der moderne Nationalis<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[Pg 146]</a></span>mus....
-Die Kirche ist die Barbarisierung des Christentums.</p>
-
-
-<h5>251.</h5>
-
-<p>Das Christentum ist möglich als <em>privateste</em> Daseinsform;
-es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische
-Gesellschaft voraus, &ndash; es gehört ins Konventikel.
-Ein „christlicher <em>Staat</em>“, eine „christliche Politik“ dagegen
-ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche
-Heerführung, welche zuletzt den „Gott der Heerscharen“ als
-Generalstabschef behandelt. Auch das Papsttum ist niemals
-imstande gewesen, christliche Politik zu machen....; und
-wenn Reformatoren Politik treiben, wie Luther, so weiß
-man, daß sie eben solche Anhänger Macchiavells sind wie
-irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.</p>
-
-
-<h5>252.</h5>
-
-<p><em>Wann auch die „Herren“ Christen werden können.</em>
-&ndash; Es liegt in dem Instinkt einer <em>Gemeinschaft</em> (Stamm,
-Geschlecht, Herde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen,
-denen sie ihre Erhaltung verdankt, als <em>an sich
-wertvoll</em> zu empfinden, zum Beispiel Gehorsam, Gegenseitigkeit,
-Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, &ndash; somit alles,
-was denselben im Wege steht oder widerspricht, <em>herabzudrücken</em>.</p>
-
-<p>Es liegt insgleichen in dem Instinkt der <em>Herrschenden</em>
-(seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf
-welche hin die Unterworfenen <em>handlich</em> und <em>ergeben</em> sind,
-zu patronisieren und auszuzeichnen (&ndash; Zustände und Affekte,
-die den eignen so fremd wie möglich sein können).</p>
-
-<p>Der <em>Herdeninstinkt</em> und der <em>Instinkt</em> der <em>Herrschenden</em>
-kommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften
-und Zuständen <em>überein</em>, &ndash; aber aus verschiedenen
-Gründen: der erste aus unmittelbarem Egoismus, der
-zweite aus mittelbarem Egoismus.</p>
-
-<p><em>Die Unterwerfung der Herrenrassen</em> unter das Christentum
-ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christentum
-eine <em>Herdenreligion</em> ist, daß es <em>Gehorsam</em> lehrt:<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[Pg 147]</a></span>
-kurz, daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen.
-Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser
-von China die christliche Propaganda.</p>
-
-<p>Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen
-Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt,
-welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche
-lieben, welche alles lieben, <em>wobei sie sich riskieren</em>, wobei
-aber ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</span> von Machtgefühl erreicht werden
-kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der
-heroischen Instinkte ihrer Brüder: &ndash; das Christentum erscheint
-da als eine Form der Willensausschweifung, der
-Willensstärke, als eine Donquixoterie des Heroismus....</p>
-
-
-<h5>253.</h5>
-
-<p>Das „Christentum“ ist etwas Grundverschiedenes von
-dem geworden, was sein Stifter tat und wollte. Es ist die
-große <em>antiheidnische Bewegung</em> des Altertums, formuliert
-mit Benutzung von Leben, Lehre und „Worten“ des
-Stifters des Christentums, aber in einer absolut <em>willkürlichen</em>
-Interpretation nach dem Schema <em>grundverschiedener
-Bedürfnisse</em>: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden
-<em>unterirdischen Religionen</em> &ndash;</p>
-
-<p>Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (&ndash; während
-Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen
-wollte): und zwar des Pessimismus der Schwachen, der
-Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.</p>
-
-<p>Ihr Todfeind ist 1. die Macht in Charakter, Geist und
-Geschmack; die „Weltlichkeit“; 2. das klassische „Glück“,
-die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz,
-die exzentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit
-des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde,
-Wort und Form. Ihr Todfeind ist der <em>Römer</em> ebensosehr
-als der <em>Grieche</em>.</p>
-
-<p>Versuch des <em>Antiheidentums</em>, sich philosophisch zu begründen
-und möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen
-Figuren der alten Kultur, vor allem für Plato, diesen
-Antihellenen und Semiten von Instinkt.... Insgleichen<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[Pg 148]</a></span>
-für den Stoizismus, der wesentlich das Werk von Semiten
-ist (&ndash; die „Würde“ als Strenge, Gesetz, die Tugend als
-Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personalsouveränität
-&ndash; das ist semitisch. Der Stoiker ist ein
-arabischer Scheich in griechische Windeln und Begriffe gewickelt).</p>
-
-
-<h5>254.</h5>
-
-<p>Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch
-auf intellektuelle Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern,
-bei der Berührung mit dem Neuen Testament etwas wie
-ein unaussprechliches Mißbehagen zu empfinden: denn die
-zügellose Frechheit des Mitredenwollens Unberufenster über
-die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf Richtertum in
-solchen Dingen übersteigt jedes Maß. Die unverschämte
-Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen
-(Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird,
-wie als ob sie keine Probleme wären, sondern einfach Sachen,
-die diese kleinen Mucker <em>wissen</em>!</p>
-
-
-<h5>255.</h5>
-
-<p>Dies war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher
-auf Erden dagewesen ist: &ndash; wenn diese verlogenen
-kleinen Mißgeburten von Muckern anfangen, die Worte
-„Gott“, „jüngstes Gericht“, „Wahrheit“, „Liebe“, „Weisheit“,
-„heiliger Geist“ für sich in Anspruch zu nehmen
-und sich damit gegen „die Welt“ abzugrenzen, wenn diese
-Art Mensch anfängt, die <em>Werte nach sich umzudrehen</em>,
-wie als ob <em>sie</em> der Sinn, das Salz, das Maß und <em>Gewicht</em>
-vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen Irrenhäuser
-bauen und nichts weiter tun. Daß man sie <em>verfolgte</em>,
-das war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm
-man sie zu ernst, damit machte man aus ihnen einen Ernst.</p>
-
-<p>Das ganze Verhängnis war dadurch ermöglicht, daß schon
-eine verwandte Art von Größenwahn <em>in der Welt war</em>,
-der <em>jüdische</em> (&ndash; nachdem einmal die Kluft zwischen den
-Juden und den Christen-Juden aufgerissen, <em>mußten</em> die
-Christen-Juden die Prozedur der Selbsterhaltung, welche<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[Pg 149]</a></span>
-der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer
-letzten Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden &ndash;);
-andererseits dadurch, daß die griechische Philosophie der
-Moral alles getan hatte, um einen <em>Moralfanatismus</em>
-selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten und schmackhaft
-zu machen.... Plato, die große Zwischenbrücke der
-Verderbnis, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen
-wollte, der bereits die griechischen Götter mit seinem
-Begriff „<em>gut</em>“ entwertet hatte, der bereits <em>jüdisch-angemuckert</em>
-war (&ndash; in Ägypten?).</p>
-
-
-<h5>256.</h5>
-
-<p>Was ist denn das, dieser Kampf des Christen „wider die
-Natur“? Wir werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen
-nicht täuschen lassen! Es ist Natur wider etwas,
-das auch Natur ist. Furcht bei vielen, Ekel bei manchen,
-eine gewisse Geistigkeit bei anderen, die Liebe zu einem
-Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem „Auszug der
-Natur“ bei den Höchsten &ndash; diese wollen es ihrem Ideale
-gleichtun. Es versteht sich, daß Demütigung an Stelle des
-Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht vor den Begierden, die
-Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten (wodurch wieder
-ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung
-eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit
-der Gefühlseffusion &ndash; alles einen Typus zusammensetzt:
-in ihm überwiegt die <em>Reizbarkeit</em> eines verkümmernden
-Leibes, aber die Nervosität und ihre Inspiration
-wird anders <em>interpretiert</em>. Der <em>Geschmack</em> dieser
-Art Naturen geht einmal 1. auf das Spitzfindige, 2. auf das
-Blumige, 3. auf die extremen Gefühle. &ndash; Die natürlichen
-Hänge befriedigen sich <em>doch</em>, aber unter einer neuen Form
-der Interpretation, zum Beispiel als „Rechtfertigung vor
-Gott“, „Erlösungsgefühl in der Gnade“ (&ndash; jedes unabweisbare
-<em>Wohlgefühl</em> wird interpretiert! &ndash;), der Stolz,
-die Wollust usw. &ndash; Allgemeines Problem: was wird aus
-dem Menschen, der sich das Natürliche verlästert und praktisch
-verleugnet und verkümmert? Tatsächlich erweist sich<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[Pg 150]</a></span>
-der Christ als eine <em>übertreibende</em> Form der Selbstbeherrschung:
-um seine Begierden zu bändigen, scheint er
-nötig zu haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.</p>
-
-
-<h5>257.</h5>
-
-<p>Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und
-unsterblich: unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes,
-sündhaftes Dasein, eine Strafexistenz.... Das
-Leiden, der Kampf, die Arbeit, der Tod werden als Einwände
-und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, als
-etwas Unnatürliches, etwas, das nicht dauern soll; gegen
-das man Heilmittel braucht &ndash; und <em>hat</em>!....</p>
-
-<p>Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem
-unnormalen Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn
-für die Schuld Adams hergegeben, um diesem unnormalen
-Zustande ein Ende zu machen: der natürliche Charakter des
-Lebens ist ein <em>Fluch</em>; Christus gibt dem, der an ihn glaubt,
-den Normalzustand zurück: er macht ihn glücklich, müßig
-und unschuldig. &ndash; Aber die Erde hat nicht angefangen,
-fruchtbar zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne
-Schmerzen Kinder, die Krankheit hat nicht aufgehört; die
-Gläubigsten befinden sich hier so schlecht wie die Ungläubigsten.
-Nur daß der Mensch vom <em>Tode</em> und von der
-<em>Sünde</em> befreit ist &ndash; Behauptungen, die keine Kontrolle
-zulassen &ndash;, das hat die Kirche um so bestimmter behauptet.
-„Er ist frei von Sünde“ &ndash; nicht durch sein Tun, nicht
-durch einen rigorosen Kampf seinerseits, sondern durch die
-<em>Tat der Erlösung freigekauft</em> &ndash; folglich vollkommen,
-unschuldig, paradiesisch....</p>
-
-<p>Das <em>wahre</em> Leben nur ein Glaube (das heißt ein Selbstbetrug,
-ein Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende,
-wirkliche Dasein voll Glanz und Finsternis nur ein schlechtes,
-falsches Dasein: von ihm <em>erlöst</em> werden ist die Aufgabe.</p>
-
-<p>„Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich“
-&ndash; diese Konzeption der „höchsten Wünschbarkeit“ ist vor
-allem zu kritisieren. Warum ist die Schuld, die Arbeit, der<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[Pg 151]</a></span>
-Tod, das Leiden (<em>und</em>, christlich geredet, die <em>Erkenntnis</em>....)
-<em>wider</em> die höchste Wünschbarkeit? &ndash; Die faulen
-christlichen Begriffe „Seligkeit“, „Unschuld“, „Unsterblichkeit“ &ndash; &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h5>258.</h5>
-
-<p>Krieg gegen das <em>christliche Ideal</em>, gegen die Lehre von
-der „Seligkeit“ und dem „Heil“ als Ziel des Lebens, gegen
-die Suprematie der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden
-und Mißglückten.</p>
-
-<p>Wann und wo hat je ein Mensch, <em>der in Betracht
-kommt</em>, jenem christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens
-für solche Augen, wie sie ein Psycholog und Nierenprüfer
-haben muß! &ndash; man blättere alle Helden Plutarchs
-durch.</p>
-
-
-<h5>259.</h5>
-
-<p>Der <em>höhere</em> Mensch unterscheidet sich von dem <em>niederen</em>
-in Hinsicht auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung
-des Unglücks: es ist ein Zeichen von <em>Rückgang</em>, wenn
-eudämonistische Wertmaße als oberste zu gelten anfangen
-(&ndash; physiologische Ermüdung, Willensverarmung &ndash;). Das
-Christentum mit seiner Perspektive auf „Seligkeit“ ist eine
-typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung
-Mensch. Eine volle Kraft will schaffen, leiden, untergehen:
-ihr ist das christliche Muckerheil eine schlechte Musik und
-hieratische Gebärden ein Verdruß.</p>
-
-
-<h5>260.</h5>
-
-<p>Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der <em>Vergleichung</em>,
-wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden
-ist: wir sind das Selbstbewußtsein der Historie überhaupt.
-Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung
-eines unerhört Vielfachen ist unsre instinktivste
-Tätigkeit. Wir verstehen alles, wir leben alles, wir haben
-kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei
-schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe
-liebevolle Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten
-Dinge los....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[Pg 152]</a></span></p>
-
-<p>„Alles ist gut“ &ndash; es kostet uns Mühe, zu verneinen.
-Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei
-gegen etwas zu nehmen.... Im Grunde erfüllen wir
-Gelehrten heute am besten die Lehre Christi &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h5>261.</h5>
-
-<p>Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher
-Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben. Daß
-man hat glauben können, das „Heil der Seele“ hänge an
-einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das heute
-noch.</p>
-
-<p>Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und
-Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung,
-wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die
-Schamröte zur Leibfarbe gemacht hat?</p>
-
-
-<h5>262.</h5>
-
-<p>Der Humor der europäischen Kultur: man hält <em>das</em> für
-wahr, aber tut <em>jenes</em>. Zum Beispiel was hilft alle Kunst
-des Lesens und der Kritik, wenn die kirchliche Interpretation
-der Bibel, die protestantische so gut wie die katholische, nach
-wie vor aufrecht erhalten wird!</p>
-
-
-<h5>263.</h5>
-
-<p><em>Nachzudenken</em>: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle
-Glaube an die <em>göttliche Providenz</em> &ndash; dieser für
-Hand und Vernunft <em>lähmendste</em> Glaube, den es gegeben
-hat &ndash; fortbesteht; inwiefern unter den Formeln „Natur“,
-„Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter
-dem Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit
-von Glück und Tugend, von Unglück und Schuld immer
-noch die christliche Voraussetzung und Interpretation ihr
-Nachleben hat. Jenes absurde <em>Vertrauen</em> zum Gang der
-Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische
-<em>Resignation</em>, die des Glaubens ist, jedermann
-habe nur seine Pflicht zu tun, damit <em>alles</em> gut gehe &ndash;
-dergleichen hat nur Sinn unter der Annahme einer Leitung
-der Dinge <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sub specie boni</span>. Selbst noch der <em>Fatalismus</em>,<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[Pg 153]</a></span>
-unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, ist eine
-Folge jenes <em>längsten</em> Glaubens an göttliche Fügung, eine
-unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf <em>uns</em> ankomme,
-wie alles geht (&ndash; als ob wir es laufen lassen <em>dürften</em>,
-wie es läuft: jeder Einzelne selbst nur ein Modus der
-absoluten Realität &ndash;).</p>
-
-
-<h5>264.</h5>
-
-<p>Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein konsequenter
-<em>Nihilismus der Tat</em>. &ndash; So wie ich alle die
-Phänomene des Christentums, des Pessimismus verstehe,
-so drücken sie aus: „wir sind reif, nicht zu sein; für uns ist
-es vernünftig, nicht zu sein“. Diese Sprache der „Vernunft“
-wäre in diesem Falle auch die Sprache der <em>selektiven
-Natur</em>.</p>
-
-<p>Was über alle Begriffe dagegen zu verurteilen ist, das ist
-die zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die
-des <em>Christentums</em>: deutlicher, der <em>Kirche</em>: welche, statt
-zum Tode und zur Selbstvernichtung zu ermutigen, alles
-Mißratene und Kranke schützt und sich selbst fortpflanzen
-macht &ndash;</p>
-
-<p>Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form
-des großen kontagiösen Nihilismus erzielt werden: eine
-solche, welche mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit den
-freiwilligen Tod lehrt und übt (&ndash; und <em>nicht</em> das schwächliche
-Fortvegetieren mit Hinsicht auf eine falsche Postexistenz
-&ndash;)?</p>
-
-<p>Man kann das Christentum nicht genug verurteilen, weil
-es den <em>Wert</em> einer solchen <em>reinigenden</em> großen Nihilismusbewegung,
-wie sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken
-der unsterblichen Privatperson entwertet hat: insgleichen
-durch die Hoffnung auf Auferstehung: kurz, immer
-durch ein Abhalten von der <em>Tat des Nihilismus</em>, dem
-Selbstmord ... Es substituierte den langsamen Selbstmord;
-allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben; allmählich
-ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges
-Leben usw.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[Pg 154]</a></span></p>
-
-
-<h5>265.</h5>
-
-<p>Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche
-Menschen wie Pascal zugrunde gerichtet hat. Man soll nie
-aufhören, eben dies am Christentum zu bekämpfen, daß es
-den Willen dazu hat, gerade die stärksten und vornehmsten
-Seelen zu zerbrechen. Man soll sich nie Frieden geben, solange
-dies Eine noch nicht in Grund und Boden zerstört ist:
-das Ideal vom Menschen, welches vom Christentum erfunden
-worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein
-Nein und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze
-absurde Rest von christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei
-und Theologie geht uns nichts an; er könnte noch tausendmal
-absurder sein, und wir würden nicht einen Finger gegen
-ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen wir, das mit
-seiner krankhaften Schönheit und Weibsverführung, mit
-seiner heimlichen Verleumderberedsamkeit allen Feigheiten
-und Eitelkeiten müdgewordener Seelen zuredet &ndash; und die
-Stärksten haben müde Stunden &ndash;, wie als ob alles das,
-was in solchen Zuständen am nützlichsten und wünschbarsten
-scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit, Anspruchslosigkeit,
-Geduld, Liebe zu seinesgleichen, Ergebung, Hingebung an
-Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen
-Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei;
-wie als ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das
-tugendhafte Durchschnittstier und Herdenschaf Mensch nicht
-nur den Vorrang vor der stärkeren, böseren, begehrlicheren,
-trotzigeren, verschwenderischeren und darum hundertfach gefährdeteren
-Art Mensch habe, sondern geradezu für den
-Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maß, die
-höchste Wünschbarkeit abgebe. <em>Diese</em> Aufrichtung eines
-Ideals war bisher die unheimlichste Versuchung, welcher der
-Mensch ausgesetzt war: denn mit ihm drohte den stärker geratenen
-Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch, in denen
-der Wille zur Macht und zum Wachstum des ganzen Typus
-Mensch einen Schritt vorwärts tut, der Untergang; mit
-seinen Werten sollte das Wachstum jener Mehr-Menschen
-an der Wurzel angegraben werden, welche um ihrer höheren<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[Pg 155]</a></span>
-Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig auch ein gefährlicheres
-Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung der Unternehmerkosten
-ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des
-Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christentum
-bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es
-ihren Mut entmutigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten
-ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnot
-verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte
-giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr
-Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, &ndash;
-bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung
-und der Selbstmißhandlung zugrunde gehen: jene
-schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes
-Beispiel <em>Pascal</em> abgibt.</p>
-
-
-<h5>266.</h5>
-
-<p>Das Christentum ist jeden Augenblick noch möglich. Es
-ist an keines der unverschämten Dogmen gebunden, welche
-sich mit seinem Namen geschmückt haben: es braucht weder
-die Lehre vom <em>persönlichen Gott</em>, noch von der <em>Sünde</em>,
-noch von der <em>Unsterblichkeit</em>, noch von der <em>Erlösung</em>,
-noch vom <em>Glauben</em>; es hat schlechterdings keine Metaphysik
-nötig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine
-christliche „Naturwissenschaft“.... Das Christentum ist eine
-<em>Praxis</em>, keine Glaubenslehre. Es sagt uns, wie wir handeln,
-nicht, was wir glauben sollen.</p>
-
-<p>Wer jetzt sagte, „ich will nicht Soldat sein“, „ich kümmere
-mich nicht um die Gerichte“, „die Dienste der Polizei
-werden von mir nicht in Anspruch genommen“, „ich will
-nichts tun, was den Frieden in mir selbst stört: und wenn
-ich daran leiden muß, nichts wird mir den Frieden erhalten
-als Leiden“ &ndash; der wäre Christ.</p>
-
-
-<h5>267.</h5>
-
-<p>Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen
-Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen
-Werturteile sind damit absolut nicht überwunden.
-„Christus am Kreuze“ ist das erhabenste Symbol &ndash; immer
-noch. &ndash;</p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[Pg 156]</a></span></p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-
-<h2>Drittes Buch.<br />
-
-<span class="subh2">Prinzip einer neuen Wertsetzung.</span></h2>
-</div>
-
-
-
-<h3>I. Die neue Deutung der Welt.</h3>
-
-
-<h4>268.</h4>
-
-<p><em>Wahrheit ist die Art von Irrtum</em>, ohne welche eine
-bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der
-Wert für das <em>Leben</em> entscheidet zuletzt.</p>
-
-
-<h4>269.</h4>
-
-<p>Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des
-Machtgefühls.</p>
-
-
-<h4>270.</h4>
-
-<p>Der Glaube „so und so <em>ist</em> es“ zu verwandeln in den
-Willen „so und so <em>soll es werden</em>“.</p>
-
-
-<h4>271.</h4>
-
-<p>Die Frage der Werte ist <em>fundamentaler</em> als die Frage
-der Gewißheit: letztere erlangt ihren Ernst erst unter der
-Voraussetzung, daß die Wertfrage beantwortet ist.</p>
-
-<p>Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergibt kein
-„Sein an sich“, keine Kriterien für „Realität“, sondern nur
-für Grade der Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des
-<em>Anteils</em>, den wir einem Schein geben.</p>
-
-<p>Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen
-und Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft:
-&ndash; <em>vernichtet</em> wird die überwundene Vorstellung
-<em>nicht</em>, nur <em>zurückgedrängt</em> oder <em>subordiniert</em>. <em>Es gibt
-im Geistigen keine Vernichtung</em>....</p>
-
-
-<h4>272.</h4>
-
-<p>Die <em>Wertschätzung</em>, „ich glaube, daß das und das so
-ist“ als <em>Wesen</em> der „<em>Wahrheit</em>“. In den Wertschätzungen
-drücken sich <em>Erhaltungs-</em> und <em>Wachstumsbedingungen</em>
-aus. Alle unsre <em>Erkenntnisorgane und Sinne</em> sind nur
-entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und Wachstumsbedingungen.
-Das <em>Vertrauen</em> zur Vernunft und ihren Kate<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[Pg 157]</a></span>gorien,
-zur Dialektik, also die <em>Wertschätzung</em> der Logik, beweist
-nur die durch Erfahrung bewiesene <em>Nützlichkeit</em> derselben
-für das Leben: <em>nicht</em> deren „Wahrheit“.</p>
-
-<p>Daß eine Menge <em>Glauben</em> da sein muß; daß <em>geurteilt</em>
-werden darf; daß der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen
-Werte <em>fehlt</em>: &ndash; das ist Voraussetzung alles Lebendigen
-und seines Lebens. Also daß etwas für wahr gehalten
-werden <em>muß</em>, ist notwendig, &ndash; <em>nicht</em>, daß etwas wahr ist.</p>
-
-<p>„Die <em>wahre</em> und die <em>scheinbare</em> Welt“ &ndash; dieser Gegensatz
-wird von mir zurückgeführt auf <em>Wertverhältnisse</em>.
-Wir haben <em>unsere</em> Erhaltungsbedingungen projiziert als
-<em>Prädikate des Seins</em> überhaupt. Daß wir in unserm
-Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus haben
-wir gemacht, daß die „wahre“ Welt keine wandelbare und
-werdende, sondern eine <em>seiende</em> ist.</p>
-
-
-<h4>273.</h4>
-
-<p>„Wahrheit“: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise
-nicht notwendig einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in
-den grundsätzlichsten Fällen nur eine Stellung verschiedener
-Irrtümer zueinander: etwa, daß der eine älter, tiefer als
-der andre ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein organisches
-Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte;
-während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen
-tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen
-„Tyrannen“, beseitigt und „widerlegt“ werden können.</p>
-
-<p>Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, &ndash; warum sollte
-sie deshalb schon „<em>wahr</em>“ sein? Dieser Satz empört vielleicht
-die Logiker, welche <em>ihre</em> Grenzen als Grenzen der
-<em>Dinge</em> ansetzen: aber diesem Logikeroptimismus habe ich
-schon lange den Krieg erklärt.</p>
-
-
-<h4>274.</h4>
-
-<p>Das <em>Feststellen</em> zwischen „wahr“ und „unwahr“, das
-<em>Feststellen</em> überhaupt von Tatbeständen ist grundverschieden
-von dem schöpferischen <em>Setzen</em>, vom Bilden, Gestalten,
-Überwältigen, <em>Wollen</em>, wie es im Wesen der <em>Philosophie</em>
-liegt. <em>Einen Sinn hineinlegen</em> &ndash; diese Aufgabe bleibt<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[Pg 158]</a></span>
-unbedingt immer noch <em>übrig</em>, gesetzt, daß <em>kein Sinn darin
-liegt</em>. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volksschicksalen:
-sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung
-zu <em>verschiedenen Zielen fähig</em>.</p>
-
-<p>Die noch höhere Stufe ist ein <em>Ziel setzen</em> und daraufhin
-das Tatsächliche einformen: also die <em>Ausdeutung der
-Tat</em>, und nicht bloß die begriffliche <em>Umdichtung</em>.</p>
-
-
-<h4>275.</h4>
-
-<p>Es gibt weder „Geist“, noch Vernunft, noch Denken,
-noch Bewußtsein, noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit:
-alles Fiktionen, die unbrauchbar sind. Es handelt sich nicht
-um „Subjekt und Objekt“, sondern um eine bestimmte
-Tierart, welche nur unter einer gewissen relativen <em>Richtigkeit</em>,
-vor allem <em>Regelmäßigkeit</em> ihrer Wahrnehmungen
-(so daß sie Erfahrung kapitalisieren kann) gedeiht....</p>
-
-<p>Die Erkenntnis arbeitet als <em>Werkzeug</em> der Macht. So
-liegt es auf der Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von
-Macht....</p>
-
-<p>Sinn der „Erkenntnis“: hier ist, wie bei „gut“ oder
-„schön“, der Begriff streng und eng anthropozentrisch und
-biologisch zu nehmen. Damit eine bestimmte Art sich erhält
-und wächst in ihrer Macht, muß sie in ihrer Konzeption
-der Realität so viel Berechenbares und Gleichbleibendes erfassen,
-daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens konstruiert
-werden kann. <em>Die Nützlichkeit der Erhaltung</em>
-&ndash; <em>nicht</em> irgendein abstrakt-theoretisches Bedürfnis, nicht
-betrogen zu werden &ndash; steht als Motiv hinter der Entwicklung
-der Erkenntnisorgane...., sie entwickeln sich so, daß
-ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten. Anders: das
-<em>Maß</em> des Erkennenwollens hängt ab von dem Maß des
-Wachsens des <em>Willens zur Macht</em> der Art: eine Art ergreift
-so viel Realität, <em>um über sie Herr zu werden, um
-sie in Dienst zu nehmen</em>.</p>
-
-
-<h4>276.</h4>
-
-<p>Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen
-stehen bleibt, „es gibt nur <em>Tatsachen</em>“, würde ich sagen:<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[Pg 159]</a></span>
-nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur <em>Interpretationen</em>.
-Wir können kein Faktum „an sich“ feststellen: vielleicht
-ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.</p>
-
-<p>„Es ist alles <em>subjektiv</em>“, sagt ihr: aber schon das ist
-<em>Auslegung</em>. Das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern
-etwas Hinzuerdichtetes, Dahintergestecktes. &ndash; Ist es zuletzt
-nötig, den Interpreten noch hinter die Interpretation
-zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese.</p>
-
-<p>Soweit überhaupt das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, ist
-die Welt erkennbar: aber sie ist anders <em>deutbar</em>, sie hat
-keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne. &ndash; „Perspektivismus“.</p>
-
-<p>Unsere Bedürfnisse sind es, <em>die die Welt auslegen</em>;
-unsere Triebe und deren Für und Wider. Jeder Trieb ist
-eine Art Herrschsucht, jeder hat seine Perspektive, welche er
-als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.</p>
-
-
-<h4>277.</h4>
-
-<p>Das Verlangen nach „festen Tatsachen“ &ndash; Erkenntnistheorie:
-wie viel Pessimismus ist darin!</p>
-
-
-<h4>278.</h4>
-
-<table summary="section 278">
-<tr>
- <td>„Zweck und Mittel“</td>
- <td rowspan="5" class="vmiddle"><span class="bracket">}</span></td>
- <td rowspan="5" class="vmiddle">als Ausdeutungen (<em>nicht</em> als Tatbestand) und inwiefern vielleicht <em>notwendige</em> Ausdeutungen? (als „erhaltende“) &ndash; alle im Sinne eines Willens zur Macht.</td>
-</tr>
-<tr>
- <td>„Ursache und Wirkung“</td></tr>
-<tr>
- <td>„Subjekt und Objekt“</td></tr>
-<tr>
- <td>„Tun und Leiden“</td></tr>
-<tr>
- <td>„Ding an sich und Erscheinung“</td></tr>
-</table>
-
-<h4>279.</h4>
-
-<p>Es ist unwahrscheinlich, daß unser „Erkennen“ weiter
-reichen sollte, als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht.
-Die Morphologie zeigt uns, wie die Sinne und die
-Nerven sowie das Gehirn sich entwickeln im Verhältnis zur
-Schwierigkeit der Ernährung.</p>
-
-
-<h4>280.</h4>
-
-<p>Die Erkenntnis wird bei höherer Art von Wesen auch neue
-Formen haben, welche jetzt noch nicht nötig sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[Pg 160]</a></span></p>
-
-
-<h4>281.</h4>
-
-<p>Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder,
-als was er selbst in sie hineingesteckt hat: &ndash; das Wiederfinden
-heißt sich Wissenschaft, das Hineinstecken &ndash; Kunst,
-Religion, Liebe, Stolz. In beidem, wenn es selbst Kinderspiel
-sein sollte, sollte man fortfahren und guten Mut zu
-beidem haben &ndash; die einen zum Wiederfinden, die andern
-&ndash; <em>wir</em> andern! &ndash; zum Hineinstecken!</p>
-
-
-<h4>282.</h4>
-
-<p>„Der Sinn für Wahrheit“ muß, wenn die Moralität des
-„Du sollst nicht lügen“ abgewiesen ist, sich <em>vor</em> einem andern
-Forum legitimieren: &ndash; als Mittel der Erhaltung von
-Mensch, als <em>Machtwille</em>.</p>
-
-<p>Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der <em>gestaltende
-Wille</em>. Beide Sinne stehen beieinander; der
-Sinn für das Wirkliche ist das Mittel, die Macht in die
-Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben
-zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten &ndash;
-eine Urlust! Wir können nur eine Welt <em>begreifen</em>, die wir
-selber <em>gemacht</em> haben.</p>
-
-
-<h4>283.</h4>
-
-<p>Die Welt „vermenschlichen“, das heißt immer mehr uns
-in ihr als Herren fühlen &ndash;</p>
-
-
-<h4>284.</h4>
-
-<p>Unsre Werte sind in die Dinge <em>hineininterpretiert</em>.</p>
-
-<p>Gibt es denn einen Sinn im An-sich!?</p>
-
-<p>Ist nicht notwendig Sinn eben <em>Beziehungs</em>sinn und
-Perspektive?</p>
-
-<p>Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungssinne
-lassen sich in ihm auflösen).</p>
-
-
-<h4>285.</h4>
-
-<p>Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht
-ist, wenn Lust alles Wachstum der Macht, Unlust alles Gefühl,
-nicht widerstehen, nicht Herr werden zu können, ist:
-dürfen wir dann nicht Lust und Unlust als Kardinaltatsachen
-ansetzen? Ist Wille möglich ohne diese beiden Os<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[Pg 161]</a></span>zillationen
-des Ja und des Nein? &ndash; Aber <em>wer</em> fühlt
-Lust?.... Aber <em>wer</em> will Macht?.... Absurde Frage! wenn
-das Wesen selbst Machtwille und folglich Lust- und Unlustfühlen
-ist! Trotzdem: es bedarf der Gegensätze, der Widerstände,
-also, relativ, der <em>übergreifenden Einheiten</em>....</p>
-
-
-<h4>286.</h4>
-
-<p>1. Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den
-Grundwillen, den Willen zur Macht, &ndash; und aus ihm abgespaltet.</p>
-
-<p>2. Der Wille zur Macht sich spezialisierend als Wille zur
-Nahrung, nach Eigentum, nach <em>Werkzeugen</em>, nach Dienern
-(Gehorchern) und Herrschern: der Leib als Beispiel. &ndash; Der
-stärkere Wille dirigiert den schwächeren. Es gibt gar keine
-andere Kausalität als die von Wille zu Wille. Mechanistisch
-nicht erklärt.</p>
-
-<p>3. Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist
-eine Lust anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch
-ein Hemmnis (noch stärker durch rhythmische Hemmungen
-und Widerstände) &ndash; so daß es dadurch anschwillt. Also in
-aller Lust ist Schmerz inbegriffen. &ndash; Wenn die Lust sehr
-groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die
-Spannung des Bogens ungeheuer werden.</p>
-
-<p>4. Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur
-Anähnlichung usw.</p>
-
-
-<h4>287.</h4>
-
-<p>Der Wille zur Macht kann sich nur <em>an Widerständen</em>
-äußern; er sucht also nach dem, was ihm widersteht, &ndash;
-dies die ursprüngliche Tendenz des Protoplasmas, wenn es
-Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet. Die Aneignung
-und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigenwollen, ein
-Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte
-ganz in den Machtbereich des Angreifers übergegangen ist
-und denselben vermehrt hat. &ndash; Gelingt diese Einverleibung
-nicht, so zerfällt wohl das Gebilde; und die <em>Zweiheit</em> erscheint
-als Folge des Willens zur Macht: um nicht fahren
-zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht in zwei<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[Pg 162]</a></span>
-Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung
-untereinander völlig aufzugeben).</p>
-
-<p>„Hunger“ ist nur eine engere Anpassung, nachdem der
-Grundtrieb nach Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.</p>
-
-
-<h4>288.</h4>
-
-<p>Man kann das, was die Ursache dafür ist, <em>daß</em> es überhaupt
-Entwicklung gibt, nicht selbst wieder auf dem Wege
-der Forschung über Entwicklung finden; man soll es nicht
-als „werdend“ verstehen wollen, noch weniger als geworden....
-Der „Wille zur Macht“ kann nicht geworden sein.</p>
-
-
-<h4>289.</h4>
-
-<p>Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die <em>Absicht
-der Mehrung von Macht</em>.</p>
-
-
-<h4>290.</h4>
-
-<p>Was ist „passiv“? &ndash; <em>Gehemmt</em> sein in der vorwärtsgreifenden
-Bewegung: also ein Handeln des Widerstandes
-und der Reaktion.</p>
-
-<p>Was ist „aktiv“? &ndash; nach Macht ausgreifend.</p>
-
-<p>„Ernährung“ &ndash; ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche
-ist: alles in sich einschließen wollen.</p>
-
-<p>„Zeugung“ &ndash; nur abgeleitet; ursprünglich: wo ein Wille
-nicht ausreicht, das gesamte Angeeignete zu organisieren, tritt
-ein <em>Gegenwille</em> in Kraft, der die Loslösung vornimmt,
-ein neues Organisationszentrum, nach einem Kampfe mit
-dem ursprünglichen Willen.</p>
-
-<p>„Lust“ &ndash; als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend).</p>
-
-
-<h4>291.</h4>
-
-<p>Ist „Wille zur Macht“ eine Art „Wille“ oder identisch
-mit dem Begriff „Wille“? Heißt es so viel als begehren?
-oder <em>kommandieren</em>? Ist es der „Wille“, von dem Schopenhauer
-meint, er sei das „An sich der Dinge“?</p>
-
-<p>Mein Satz ist: daß <em>Wille</em> der bisherigen Psychologie eine
-ungerechtfertigte Verallgemeinerung ist, daß es diesen Willen
-<em>gar nicht gibt</em>, daß, statt die Ausgestaltung eines <em>bestimmten</em>
-Willens in viele Formen zu fassen, man den
-Charakter des Willens <em>weggestrichen</em> hat, indem man den<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[Pg 163]</a></span>
-Inhalt, das Wohin? heraussubtrahiert hat &ndash;&nbsp;: das ist im
-höchsten Grade bei <em>Schopenhauer</em> der Fall: das ist ein
-bloßes leeres Wort, was er „Wille“ nennt. Es handelt sich
-noch weniger um einen „Willen <em>zum Leben</em>“: denn das
-Leben ist bloß ein <em>Einzelfall</em> des Willens zur Macht; &ndash;
-es ist ganz willkürlich, zu behaupten, daß alles danach strebe,
-in <em>diese</em> Form des Willens zur Macht überzutreten.</p>
-
-
-
-
-<h3>II. Der Geist &ndash; ein Machtwille.</h3>
-
-
-<h4>1. Wahrnehmung.</h4>
-
-
-<h5>292.</h5>
-
-<p>Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen &ndash;&nbsp;:
-und folglich gibt es vielerlei „Wahrheiten“, und folglich
-gibt es keine Wahrheit.</p>
-
-
-<h5>293.</h5>
-
-<p>Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: das ist
-die Summe aller der Wahrnehmungen, deren <em>Bewußtwerden</em>
-uns und dem ganzen organischen Prozesse vor uns
-nützlich und wesentlich war: also nicht alle Wahrnehmungen
-überhaupt (zum Beispiel nicht die elektrischen); das heißt:
-wir haben <em>Sinne</em> nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen
-&ndash; solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu
-erhalten. <em>Bewußtsein ist so weit da, als Bewußtsein
-nützlich ist.</em> Es ist kein Zweifel, daß alle Sinneswahrnehmungen
-gänzlich durchsetzt sind mit <em>Werturteilen</em> (nützlich
-und schädlich &ndash; folglich angenehm oder unangenehm). Die
-einzelne Farbe drückt zugleich einen Wert für uns aus (obwohl
-wir es uns selten oder erst nach langem, ausschließlichem
-Einwirken derselben Farbe eingestehen, zum Beispiel
-Gefangene im Gefängnis oder Irre). Deshalb reagieren
-Insekten auf verschiedene Farben anders: einige lieben diese,
-andere jene, zum Beispiel Ameisen.</p>
-
-
-<h5>294.</h5>
-
-<p>Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast
-und Ohr ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[Pg 164]</a></span>
-viel feineren Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit,
-Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt
-<em>aufzuhören</em>, wenn wir unsre Sinne <em>verfeinern</em>: ebenso
-hört die Schönheit auf beim Durchdenken von Vorgängen
-der Geschichte; die Ordnung des <em>Zwecks</em> ist schon eine Illusion.
-Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend,
-um so <em>wertvoller</em>, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller
-<em>erscheint</em> die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so
-mehr verschwindet unsere Wertschätzung, &ndash; die <em>Bedeutungslosigkeit
-naht sich</em>! Wir haben die Welt, welche
-Wert hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch,
-daß die Verehrung der Wahrheit schon die <em>Folge</em> einer <em>Illusion</em>
-ist &ndash; und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende,
-gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen hat.</p>
-
-<p>„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“</p>
-
-<p>Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem
-Willen zur Einfachheit stellt sich das Schöne, das „Wertvolle“
-ein: an sich ist es, <em>ich weiß nicht was</em>.</p>
-
-
-<h5>295.</h5>
-
-<p>Erst <em>Bilder</em> &ndash; zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen.
-Dann <em>Worte</em>, angewendet auf Bilder. Endlich <em>Begriffe</em>,
-erst möglich, wenn es Worte gibt &ndash; ein Zusammenfassen
-vieler Bilder unter etwas Nicht-Anschauliches,
-sondern Hörbares (Wort). Das kleine bißchen Emotion,
-welches beim „Wort“ entsteht, also beim Anschauen ähnlicher
-Bilder, für die ein Wort da ist &ndash; diese schwache Emotion
-ist das Gemeinsame, die Grundlage des Begriffes. Daß
-schwache Empfindungen als gleich angesetzt werden, als <em>dieselben</em>
-empfunden werden, ist die Grundtatsache. Also die
-Verwechslung zweier ganz benachbarten Empfindungen in
-der <em>Konstatierung</em> dieser Empfindungen; &ndash; wer aber
-konstatiert? Das <em>Glauben</em> ist das Uranfängliche schon in
-jedem Sinneseindruck: eine Art Ja-sagen <em>erste</em> intellektuelle
-Tätigkeit! Ein „Für-wahr-halten“ im Anfange! Also zu erklären:
-wie ein „Für-wahr-halten“ entstanden ist! Was liegt
-für eine Sensation <em>hinter</em> „wahr“?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[Pg 165]</a></span></p>
-
-
-<h5>296.</h5>
-
-<p>Widerspruch gegen die angeblichen „Tatsachen des Bewußtseins“.
-Die Beobachtung ist tausendfach schwieriger,
-der Irrtum vielleicht <em>Bedingung</em> der Beobachtung überhaupt.</p>
-
-
-<h5>297.</h5>
-
-<p>Kritik der neuen Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt,
-als ob es „Tatsachen des Bewußtseins“ gäbe &ndash; und
-keinen <em>Phänomenalismus</em> in der <em>Selbstbeobachtung</em>.</p>
-
-
-<h5>298.</h5>
-
-<p>„Bewußtsein“ &ndash; inwiefern die vorgestellte Vorstellung,
-der vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (<em>das uns
-allein bekannte</em>) ganz oberflächlich ist! „Erscheinung“
-auch unsre <em>innere</em> Welt!</p>
-
-
-<h5>299.</h5>
-
-<p><em>Der Phänomenalismus der „inneren Welt“.</em> Die
-<em>chronologische Umdrehung</em>, so daß die Ursache später
-ins Bewußtsein tritt als die Wirkung. &ndash; Wir haben gelernt,
-daß der Schmerz an eine Stelle des Leibes projiziert
-wird, ohne dort seinen Sitz zu haben &ndash;&nbsp;: wir haben gelernt,
-daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt
-durch die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt
-bedingt ist: daß die eigentliche Aktion der Außenwelt
-immer <em>unbewußt</em> verläuft..... Das Stück Außenwelt,
-das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung,
-die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projiziert
-als deren „Ursache“....</p>
-
-<p>In dem Phänomenalismus der „innern Welt“ kehren
-wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um. Die
-Grundtatsache der „inneren Erfahrung“ ist, daß die Ursache
-imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist....
-Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: &ndash; wir
-suchen den Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch
-bewußt ist: und dann tritt zuerst der Grund und dann
-dessen Folge ins Bewußtsein.... Unser ganzes Träumen
-ist die Auslegung von Gesamtgefühlen auf mögliche Ur<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[Pg 166]</a></span>sachen:
-und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird,
-wenn die dazu erfundene Kausalitätskette ins Bewußtsein
-getreten ist.</p>
-
-<p>Die ganze „innere Erfahrung“ beruht darauf, daß zu
-einer Erregung der Nervenzentren eine Ursache gesucht und
-vorgestellt wird &ndash; und daß erst die gefundene Ursache ins
-Bewußtsein tritt: diese Ursache ist schlechterdings nicht adäquat
-der wirklichen Ursache, &ndash; es ist ein Tasten auf Grund
-der ehemaligen „inneren Erfahrungen“, das heißt des Gedächtnisses.
-Das Gedächtnis erhält aber auch die Gewohnheit
-der alten Interpretationen, das heißt der irrtümlichen
-Ursächlichkeit, &ndash; so daß die „innere Erfahrung“ in sich noch
-die Folgen aller ehemaligen falschen Kausalfiktionen zu tragen
-hat. Unsere „Außenwelt“, wie wir sie jeden Augenblick
-projizieren, ist unauflöslich gebunden an den alten
-Irrtum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus
-des „Dings“ usw.</p>
-
-<p>Die „innere Erfahrung“ tritt uns ins Bewußtsein erst
-nachdem sie eine Sprache gefunden hat, die das Individuum
-<em>versteht</em> &ndash; das heißt eine Übersetzung eines Zustandes in
-ihm <em>bekanntere</em> Zustände &ndash;&nbsp;: „verstehen“ das heißt naiv
-bloß: etwas Neues ausdrücken können in der Sprache von
-etwas Altem, Bekanntem. Zum Beispiel „ich befinde mich
-schlecht“ &ndash; ein solches Urteil setzt eine <em>große und späte
-Neutralität des Beobachtenden</em> voraus &ndash;&nbsp;: der naive
-Mensch sagt immer: das und das macht, daß ich mich schlecht
-befinde, &ndash; er wird über sein Schlechtbefinden erst klar,
-wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu befinden....
-Das nenne ich den <em>Mangel an Philologie</em>; einen Text
-<em>als Text</em> ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen
-zu mengen, ist die späteste Form der „inneren Erfahrung“,
-&ndash; vielleicht eine kaum mögliche....</p>
-
-
-<h5>300.</h5>
-
-<p>Das <em>Bewußtsein</em>, &ndash; ganz äußerlich beginnend, als Koordination
-und Bewußtwerden der „Eindrücke“ &ndash; anfänglich
-am weitesten entfernt vom biologischen Zentrum des<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[Pg 167]</a></span>
-Individuums; aber ein Prozeß, der sich vertieft, verinnerlicht,
-jenem Zentrum beständig annähert.</p>
-
-
-<h5>301.</h5>
-
-<p>Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen,
-die sich miteinander vertrugen, blieben übrig, die größte
-Zahl ging zugrunde &ndash; und geht zugrunde.</p>
-
-
-<h5>302.</h5>
-
-<p><em>Rolle des „Bewußtseins“.</em> &ndash; Es ist wesentlich, daß
-man sich über die Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift:
-es ist unsere <em>Relation mit der „Außenwelt“, welche
-es entwickelt hat</em>. Dagegen die <em>Direktion</em>, respektive die
-Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf das Zusammenspiel
-der leiblichen Funktionen tritt uns <em>nicht</em> ins Bewußtsein;
-ebensowenig als die geistige <em>Einmagazinierung</em>: daß
-es dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln:
-eine Art leitendes Komitee, wo die verschiedenen
-<em>Hauptbegierden</em> ihre Stimme und Macht geltend machen.
-„Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre her: der
-<em>Willensakt</em> insgleichen: die <em>Ideen</em> insgleichen.</p>
-
-<p><em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span></em>: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen
-Beziehungen, die uns ganz und gar vorenthalten sind,
-&ndash; die Aufeinanderfolge von Gedanken, Gefühlen, Ideen im
-Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß diese Folge eine
-kausale Folge ist: es ist aber <em>scheinbar so</em>, im höchsten
-Grade. Auf diese <em>Scheinbarkeit</em> hin haben wir unsere
-ganze Vorstellung von <em>Geist</em>, <em>Vernunft</em>, <em>Logik</em> usw. <em>gegründet</em>
-(&ndash; das gibt es alles nicht: es sind fingierte Synthesen
-und Einheiten) und diese wieder in die Dinge, <em>hinter</em>
-die Dinge projiziert!</p>
-
-<p>Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesamtsensorium
-und oberste Instanz; indessen, es ist nur
-ein <em>Mittel</em> der <em>Mitteilbarkeit</em>: es ist im Verkehr entwickelt,
-und in Hinsicht auf Verkehrsinteressen.... „Verkehr“
-hier verstanden auch von den Einwirkungen der Außenwelt
-und den unsererseits dabei nötigen Reaktionen; ebenso<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[Pg 168]</a></span>
-wie von unseren Wirkungen nach außen. Es ist nicht die
-Leitung, sondern ein <em>Organ der Leitung</em>.</p>
-
-
-<h5>303.</h5>
-
-<p>Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projiziert:
-„innen“ und „außen“ &ndash; da kommandiert der <em>Leib</em> &ndash;?</p>
-
-<p>Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im
-Idioplasma waltet, waltet auch beim Einverleiben der
-Außenwelt: unsere Sinneswahrnehmungen sind bereits das
-<em>Resultat</em> dieser <em>Anähnlichung</em> und <em>Gleichsetzung</em> in bezug
-auf <em>alle</em> Vergangenheit in uns; sie folgen nicht sofort
-auf den „Eindruck“ &ndash;</p>
-
-
-<h5>304.</h5>
-
-<p>In betreff des <em>Gedächtnisses</em> muß man umlernen: hier
-steckt die Hauptverführung, eine „Seele“ anzunehmen,
-welche zeitlos reproduziert, wiedererkennt usw. Aber das
-Erlebte lebt fort „im Gedächtnis“; daß es „kommt“, dafür
-kann ich nichts, der Wille ist dafür untätig, wie beim
-Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich
-mir bewußt werde: jetzt kommt etwas Ähnliches &ndash; wer
-ruft es? weckt es?</p>
-
-
-<h5>305.</h5>
-
-<p>Alles Denken, Urteilen, Wahrnehmen als <em>Vergleichen</em>
-hat als Voraussetzung ein „Gleich<em>setzen</em>“, noch früher ein
-„Gleich<em>machen</em>“. Das Gleichmachen ist dasselbe, was die
-Einverleibung der angeeigneten Materie in die Amöbe ist.</p>
-
-<p>„Erinnerung“ spät, insofern hier der gleichmachende Trieb
-bereits <em>gebändigt</em> erscheint: die Differenz wird bewahrt.
-Erinnern als ein Einrubrizieren und Einschachteln; aktiv &ndash;
-wer?</p>
-
-
-<h5>306.</h5>
-
-<p>Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube
-an die <em>Seele</em>: letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen
-Betrachtung der Agonien des Leibes (etwas, das ihn
-verläßt. Glaube an die <em>Wahrheit</em> des <em>Traumes</em> &ndash;).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[Pg 169]</a></span></p>
-
-
-<h5>307.</h5>
-
-<p>Ausgangspunkt vom <em>Leibe</em> und der Physiologie: warum?
-&ndash; Wir gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer
-Subjekteinheit, nämlich als Regenten an der Spitze eines
-Gemeinwesens (nicht als „Seelen“ oder „Lebenskräfte“),
-insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von den
-Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitsteilung
-als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und
-des Ganzen. Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten
-entstehen und sterben und wie zum „Subjekt“ nicht
-Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen
-und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-Bestimmen
-zum Leben gehört. Die gewisse <em>Unwissenheit</em>,
-in der der Regent gehalten wird über die einzelnen
-Verrichtungen und selbst Störungen des Gemeinwesens,
-gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regiert werden
-kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das
-<em>Nichtwissen</em>, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das
-Vereinfachen und Fälschen, das Perspektivische. Das Wichtigste
-ist aber: daß wir den Beherrscher und seine Untertanen
-als <em>gleicher Art</em> verstehen, alle fühlend, wollend,
-denkend &ndash; und daß wir überall, wo wir Bewegung im
-Leibe sehen oder erraten, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares
-Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine
-Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt,
-gewollt, gedacht worden ist.</p>
-
-<p>Das direkte Befragen des Subjekts <em>über</em> das Subjekt
-und alle Selbstbespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren,
-daß es für seine Tätigkeit nützlich und wichtig sein
-könnte, sich <em>falsch</em> zu interpretieren. Deshalb fragen wir
-den Leib und lehnen das Zeugnis der verschärften Sinne ab:
-wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber
-mit uns in Verkehr treten können.</p>
-
-
-<h5>308.</h5>
-
-<p>Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht „wahr“.
-Was aber wirklich, was wahr ist, ist weder eins, noch auch
-nur reduzierbar auf eins.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[Pg 170]</a></span></p>
-
-
-<h5>309.</h5>
-
-<p>Ich halte die Phänomenalität auch der <em>inneren</em> Welt
-fest: Alles, was uns <em>bewußt</em> wird, ist durch und durch erst
-zurechtgemacht, vereinfacht, schematisiert, ausgelegt, &ndash; der
-<em>wirkliche</em> Vorgang der inneren „Wahrnehmung“, die
-<em>Kausalvereinigung</em> zwischen Gedanken, Gefühlen, Begehrungen,
-zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut
-verborgen &ndash; und vielleicht eine reine Einbildung. Diese
-„scheinbare <em>innere</em> Welt“ ist mit ganz denselben Formen
-und Prozeduren behandelt, wie die „äußere“ Welt. Wir
-stoßen nie auf „Tatsachen“: Lust und Unlust sind späte und
-abgeleitete Intellektphänomene....</p>
-
-<p>Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken
-ein unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es
-die Logik tut &ndash; das ist Folge der allergröbsten und plumpsten
-Beobachtung. <em>Zwischen</em> zwei Gedanken spielen <em>noch
-alle möglichen Affekte</em> ihr Spiel: aber die Bewegungen
-sind zu rasch, deshalb <em>verkennen</em> wir sie, <em>leugnen</em> wir sie..</p>
-
-<p>„Denken“, wie es die Erkenntnistheoretiker ansetzen,
-kommt gar nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion,
-erreicht durch Heraushebung eines Elementes aus dem Prozeß
-und Subtraktion aller übrigen, eine künftige Zurechtmachung
-zum Zwecke der Verständlichung....</p>
-
-<p>Der „Geist“, <em>etwas, das denkt</em>: womöglich gar „der
-Geist absolut, rein, pur“ &ndash; diese Konzeption ist eine abgeleitete
-zweite Folge der falschen Selbstbeobachtung, welche
-an „Denken“ glaubt: hier ist <em>erst</em> ein Akt imaginiert, der
-gar nicht vorkommt, „das Denken“, und <em>zweitens</em> ein
-Subjektsubstrat imaginiert, in dem jeder Akt dieses Denkens
-und sonst nichts anderes seinen Ursprung hat: das
-heißt, <em>sowohl das Tun, als der Täter sind fingiert</em>.</p>
-
-
-<h5>310.</h5>
-
-<p>Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen
-Phänomenen die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen
-einer und derselben Substanz zu machen. Damit erklärt man
-nichts: der Begriff „<em>Substanz</em>“ ist vollkommen unbrauch<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[Pg 171]</a></span>bar,
-wenn man erklären will. Das <em>Bewußtsein</em>, in zweiter
-Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht, zu
-verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz
-zu machen &ndash;</p>
-
-<p>Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so
-sind wir vergleichbar den Taubstummen, die aus der Bewegung
-der Lippen die Worte erraten, die sie nicht hören.
-Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns auf
-unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen
-würden, wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären,
-und welche man den Nervenstrom nennt.</p>
-
-<p>Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab,
-so daß wir eine <em>tausendfache Komplexität</em> noch als Einheit
-empfinden, so daß wir eine Kausalität hineinerfinden,
-wo jeder Grund der Bewegung und Veränderung uns unsichtbar
-bleibt, &ndash; die Aufeinanderfolge von Gedanken, von
-Gefühlen ist ja nur das Sichtbarwerden derselben im Bewußtsein.
-Daß diese Reihenfolge irgend etwas mit einer
-Kausalverkettung zu tun habe, ist völlig unglaubwürdig: das
-Bewußtsein liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und
-Wirkung.</p>
-
-
-<h5>311.</h5>
-
-<p>Alles, was als „Einheit“ ins Bewußtsein tritt, ist bereits
-ungeheuer kompliziert: wir haben immer nur einen <em>Anschein
-von Einheit</em>.</p>
-
-<p>Das Phänomen des <em>Leibes</em> ist das reichere, deutlichere,
-faßbarere Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas
-auszumachen über seine letzte Bedeutung.</p>
-
-
-<h5>312.</h5>
-
-<p>Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat
-man immer den <em>Geist</em> als Ursache dieser Koordination gesetzt:
-wozu jeder Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines
-komplexen Faktums eine der Bedingungen dieses Faktums
-sein? oder warum müßte einem komplexen Faktum die
-<em>Vorstellung</em> als Ursache davon präzedieren? &ndash;</p>
-
-<p>Wir werden uns hüten, die <em>Zweckmäßigkeit</em> durch den<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[Pg 172]</a></span>
-Geist zu erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die
-Eigentümlichkeit, zu organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben.
-Das Nervensystem hat ein viel ausgedehnteres
-Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt. Im Gesamtprozeß
-der Adaptation und Systematisation spielt das Bewußtsein
-keine Rolle.</p>
-
-
-<h5>313.</h5>
-
-<p>Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das <em>Bewußtsein</em>,
-im Maße es an Helligkeit <em>zunimmt</em>, wachse
-im <em>Werte</em>: das hellste Bewußtsein, das logischste, kälteste
-Denken sei <em>ersten</em> Ranges. Indessen &ndash; wonach ist dieser
-Wert bestimmt? &ndash; In Hinsicht auf <em>Auslösung des Willens</em>
-ist das oberflächlichste, <em>vereinfachteste</em> Denken das
-am meisten nützliche, &ndash; es könnte deshalb das &ndash; usw.
-(weil es wenig Motive übrig läßt).</p>
-
-<p>Die <em>Präzision</em> des <em>Handelns</em> steht im Antagonismus
-mit der <em>weitblickenden</em> und oft ungewiß urteilenden <em>Vorsorglichkeit</em>:
-letztere durch den <em>tieferen</em> Instinkt geführt.</p>
-
-
-<h5>314.</h5>
-
-<p><em>Hauptirrtum der Psychologen</em>: sie nehmen die undeutliche
-Vorstellung als eine niedrigere <em>Art</em> der Vorstellung
-gegen die helle gerechnet: aber was aus unserm Bewußtsein
-sich entfernt und deshalb <em>dunkel wird</em>, <em>kann</em> deshalb an
-sich vollkommen klar sein. <em>Das Dunkelwerden ist Sache
-der Bewußtseinsperspektive.</em></p>
-
-
-<h5>315.</h5>
-
-<p>Die ungeheuren Fehlgriffe:</p>
-
-<p>1. die unsinnige <em>Überschätzung des Bewußtseins</em>, aus
-ihm eine Einheit, ein Wesen gemacht: „der Geist“, „die
-Seele“, etwas, das fühlt, denkt, will &ndash;</p>
-
-<p>2. der Geist als <em>Ursache</em>, namentlich überall, wo Zweckmäßigkeit,
-System, Koordination erscheinen;</p>
-
-<p>3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als
-oberste Art Sein, als „Gott“;</p>
-
-<p>4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[Pg 173]</a></span></p>
-
-<p>5. die „wahre Welt“ als geistige Welt, als zugänglich
-durch die Bewußtseinstatsachen;</p>
-
-<p>6. die <em>Erkenntnis</em> absolut als Fähigkeit des Bewußtseins,
-wo überhaupt es Erkenntnis gibt.</p>
-
-<p><em>Folgerungen</em>:</p>
-
-<p>jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden;
-jeder Rückschritt im Unbewußtwerden; (&ndash; das
-Unbewußtwerden galt als Verfallensein an die <em>Begierden</em>
-und <em>Sinne</em>, &ndash; als <em>Vertierung</em>....)</p>
-
-<p>man nähert sich der Realität, dem „wahren Sein“ durch
-Dialektik; man <em>entfernt</em> sich von ihm durch Instinkte,
-Sinne, Mechanismus....</p>
-
-<p>den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott
-machen: Geist, Wille, Güte &ndash; Eins;</p>
-
-<p>alles <em>Gute</em> muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache
-sein;</p>
-
-<p>der Fortschritt zum <em>Besseren</em> kann nur ein Fortschritt
-im <em>Bewußt</em>werden sein.</p>
-
-
-<h5>316.<br />
-
-<span class="normal3 gesperrt">Über die Herkunft unsrer Wertschätzungen.</span></h5>
-
-<p>Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen,
-und dann erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie
-vom Sternensystem, und der Unterschied von organisch und
-unorganisch fällt nicht mehr in die Augen. Ehemals erklärte
-man die Sternbewegungen als Wirkungen zweckbewußter
-Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in
-betreff des leiblichen Bewegens und Sichveränderns glaubt
-man lange nicht mehr mit dem zwecksetzenden Bewußtsein
-auszukommen. Die allergrößte Menge der Bewegungen hat
-gar nichts mit Bewußtsein zu tun: <em>auch nicht mit Empfindung</em>.
-Die Empfindungen und Gedanken sind etwas
-<em>äußerst Geringes und Seltenes</em> im Verhältnis zu dem
-zahllosen Geschehen in jedem Augenblick.</p>
-
-<p>Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit
-im kleinsten Geschehen herrscht, der unser bestes Wissen
-nicht gewachsen ist: eine Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[Pg 174]</a></span>
-Zusammenbringen, Wiedergutmachen usw. Kurz, wir finden
-eine Tätigkeit vor, die einem <em>ungeheuer viel höheren
-und überschauenden Intellekt</em> zuzuschreiben wäre, als
-der uns bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten <em>geringer
-denken</em>: wir verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich
-zu machen, da <em>wir</em> als bewußte, zwecksetzende
-Wesen nur der kleinste Teil davon sind. Von den zahlreichen
-Einwirkungen in jedem Augenblick, zum Beispiel
-Luft, Elektrizität, empfinden wir fast nichts: es könnte genug
-Kräfte geben, welche, obschon sie uns nie zur Empfindung
-kommen, uns fortwährend beeinflussen. Lust und
-Schmerz sind ganz seltene und spärliche Erscheinungen
-gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ
-auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt.</p>
-
-<p>Es ist die Phase der <em>Bescheidenheit des Bewußtseins</em>.
-Zuletzt verstehen wir das bewußte Ich selber nur
-als ein Werkzeug im Dienste jenes höheren, überschauenden
-Intellekts: und da können wir fragen, ob nicht alles bewußte
-<em>Wollen</em>, alle <em>bewußten Zwecke</em>, alle <em>Wertschätzungen</em>
-vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas wesentlich
-<em>Verschiedenes erreicht werden soll</em>, als es innerhalb
-des Bewußtseins scheint. Wir <em>meinen</em>: es handle
-sich um unsre <em>Lust</em> und <em>Unlust</em> &ndash; &ndash; &ndash; aber Lust und
-Unlust könnten Mittel sein, vermöge deren wir etwas zu
-<em>leisten hätten</em>, was außerhalb unseres Bewußtseins liegt
-&ndash; &ndash; &ndash; Es ist zu zeigen, wie sehr alles Bewußte <em>auf der
-Oberfläche</em> bleibt: wie Handlung und Bild der Handlung
-<em>verschieden</em> ist, wie <em>wenig</em> man von dem weiß, was einer
-Handlung <em>vorher</em>geht: wie phantastisch unsere Gefühle
-„Freiheit des Willens“, „Ursache und Wirkung“ sind: wie
-Gedanken und Bilder, wie Worte nur Zeichen von Gedanken
-sind: die Unergründlichkeit jeder Handlung: die
-Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie <em>wesentlich
-Erfindung</em> und <em>Einbildung</em> ist, worin wir bewußt
-leben: wie wir in allen unsern Worten von Erfindungen
-reden (Affekte auch), und wie die <em>Verbindung der
-Menschheit</em> auf einem Überleiten und Fortdichten dieser Er<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[Pg 175]</a></span>findungen
-beruht: während im Grunde die wirkliche Verbindung
-(durch Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. <em>Verändert</em>
-wirklich dieser Glaube an die gemeinsamen Erfindungen
-die Menschen? Oder ist das ganze Ideen- und
-Wertschätzungswesen nur ein <em>Ausdruck selber</em> von unbekannten
-Veränderungen? <em>Gibt</em> es denn Willen, Zwecke,
-Gedanken, Werte wirklich? Ist vielleicht das ganze bewußte
-Leben nur ein <em>Spiegelbild</em>? Und auch wenn die Wertschätzung
-einen Menschen zu <em>bestimmen</em> scheint, geschieht
-im Grunde etwas ganz anderes! Kurz: gesetzt, es gelänge,
-das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären ohne die
-Annahme eines zweckesetzenden Ichs: könnte zuletzt vielleicht
-auch <em>unser</em> Zweckesetzen, unser Wollen usw. nur eine
-<em>Zeichensprache</em> sein für etwas Wesentlich-Anderes, nämlich
-Nicht-Wollendes und Unbewußtes? nur der <em>feinste Anschein</em>
-jener natürlichen Zweckmäßigkeit des Organischen,
-aber nichts Verschiedenes davon?</p>
-
-<p>Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen
-Entwicklung des Geistes um den <em>Leib</em>: es ist die <em>fühlbar</em>
-werdende <em>Geschichte</em> davon, daß ein <em>höherer Leib sich
-bildet</em>. Das Organische steigt noch auf höhere Stufen.
-Unsere Gier nach Erkenntnis der Natur ist ein Mittel, wodurch
-der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr:
-es werden Hunderttausende von Experimenten gemacht, die
-Ernährung, Wohnart, Lebensweise des <em>Leibes</em> zu verändern:
-das Bewußtsein und die Wertschätzungen in ihm, alle
-Arten von Lust und Unlust sind <em>Anzeichen dieser Veränderungen
-und Experimente</em>. Zuletzt <em>handelt es sich
-gar nicht um den Menschen: er soll überwunden werden</em>.</p>
-
-
-<h5>317.</h5>
-
-<p>Warum alle <em>Tätigkeit</em>, auch die eines <em>Sinnes</em>, mit Lust
-verknüpft ist? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand?
-Oder vielmehr, weil alles Tun ein Überwinden, ein
-Herrwerden ist und <em>Vermehrung</em> des <em>Machtgefühls</em>
-gibt? &ndash; Die Lust im Denken. &ndash; Zuletzt ist es nicht nur
-das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[Pg 176]</a></span>
-und am <em>Geschaffenen</em>: denn alle Tätigkeit kommt uns ins
-Bewußtsein als Bewußtsein eines „Werks“.</p>
-
-
-<h5>318.</h5>
-
-<p>„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten <em>Ausdrucksmittel</em>
-von Urteilen: womit natürlich nicht gesagt
-ist, daß die Urteile, welche hier auf diese Art lauten werden,
-dumm sein müßten. Das Weglassen aller Begründung und
-Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein leidenschaftliches
-Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische
-Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust
-und Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts;
-ihre Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes
-Wahrnehmen, Ordnen, Subsummieren, Nachrechnen, Folgern:
-Lust und Unlust sind immer Schlußphänomene, keine
-„Ursachen“.</p>
-
-<p>Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen
-soll, ist vom <em>Grade der Macht</em> abhängig: dasselbe, was
-in Hinsicht auf ein geringes Quantum Macht als Gefahr
-und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint, kann bei
-einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung,
-ein Lustgefühl als Folge haben.</p>
-
-<p>Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein <em>Messen
-nach Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit</em> voraus:
-also eine Sphäre, wo das Wollen eines Ziels (Zustandes)
-und ein Auswählen der Mittel dazu stattfindet. Lust und
-Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“.</p>
-
-<p>Lust- und Unlustgefühle sind <em>Willensreaktionen</em> (<em>Affekte</em>),
-in denen das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser
-eingetretener Veränderungen zum Gesamtwert fixiert,
-zugleich als Einleitung von Gegenaktionen.</p>
-
-
-<h5>319.</h5>
-
-<p>Wie weit unser <em>Intellekt</em> eine Folge von Existenzbedingungen
-ist &ndash;&nbsp;: wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht <em>nötig</em>
-hätten, und hätten ihn nicht <em>so</em>, wenn wir ihn nicht <em>so</em>
-nötig hätten, wenn wir auch <em>anders</em> leben könnten.</p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[Pg 177]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h4>2. Erkenntnis.</h4>
-
-
-<h5 class="gesperrt">a. Allgemeines.</h5>
-
-
-<h6>320.</h6>
-
-<p>Man müßte <em>wissen</em>, was <em>Sein</em> ist, um zu <em>entscheiden</em>,
-ob dies und jenes real <em>ist</em> (zum Beispiel „die Tatsachen des
-Bewußtseins“); ebenso was <em>Gewißheit</em> ist, was <em>Erkenntnis</em>
-ist und dergleichen. &ndash; Da wir das aber nicht wissen, so
-ist eine Kritik des Erkenntnisvermögens unsinnig: wie sollte
-das Werkzeug sich selbst kritisieren können, wenn es eben
-nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal
-sich selbst definieren!</p>
-
-
-<h6>321.</h6>
-
-<p>Was kann allein <em>Erkenntnis</em> sein? &ndash; „Auslegung“,
-Sinnhineinlegen, &ndash; <em>nicht</em> „Erklärung“ (in den meisten
-Fällen eine neue Auslegung über eine alte unverständlich
-gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur Zeichen ist). Es
-gibt keinen Tatbestand; alles ist flüssig, unfaßbar, zurückweichend;
-das Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen.</p>
-
-
-<h6>322.</h6>
-
-<p>Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so
-moralisch zugeht, daß die <em>menschliche Vernunft recht
-behält</em>, &ndash; ist eine Treuherzigkeit und Biedermannsvoraussetzung,
-die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche
-Wahrhaftigkeit &ndash; Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. &ndash;
-Die Begriffe eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz
-&ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h6>323.</h6>
-
-<p>Erster Satz. Die <em>leichtere</em> Denkweise siegt über die
-schwierigere; &ndash; als <em>Dogma</em>: <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">simplex sigillum veri</span>. &ndash;
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Dico</span>: daß die <em>Deutlichkeit</em> etwas für Wahrheit ausweisen
-soll, ist eine vollkommene Kinderei....</p>
-
-<p>Zweiter Satz. Die Lehre vom <em>Sein</em>, vom Ding, von
-lauter festen Einheiten ist <em>hundertmal leichter</em> als die
-Lehre vom <em>Werden</em>, von der Entwicklung....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[Pg 178]</a></span></p>
-
-<p>Dritter Satz. Die Logik war als <em>Erleichterung</em> gemeint:
-als <em>Ausdrucksmittel</em>, &ndash; <em>nicht</em> als Wahrheit....
-Später <em>wirkte</em> sie als <em>Wahrheit</em>....</p>
-
-
-<h6>324.</h6>
-
-<p><em>Was ist Wahrheit?</em> &ndash; <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Inertia</span>; <em>die</em> Hypothese, bei
-welcher Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von
-geistiger Kraft usw.</p>
-
-
-<h6>325.</h6>
-
-<p>Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung
-erprobte, <em>bewiesene</em> Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz
-zum Bewußtsein, als <em>dominierend</em>.... Und damit tritt
-die ganze Gruppe verwandter Werte und Zustände in sie
-hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig, wahrhaft;
-es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft <em>vergessen</em>
-wird.... Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden
-ist....</p>
-
-<p>Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den <em>Kategorien
-der Vernunft</em>: dieselben könnten, unter vielem Tasten
-und Herumgreifen, sich bewährt haben durch relative Nützlichkeit....
-Es kam ein Punkt, wo man sich zusammenfaßte,
-sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte &ndash; und wo man
-sie <em>befahl</em>, das heißt, wo sie wirkten als <em>befehlend</em>....
-Von jetzt ab galten sie als <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a priori</span>, als jenseits der Erfahrung,
-als unabweisbar. Und doch drücken sie vielleicht
-nichts aus, als eine bestimmte Rassen- und Gattungszweckmäßigkeit,
-&ndash; bloß ihre Nützlichkeit ist ihre „Wahrheit“ &ndash;</p>
-
-
-<h6>326.</h6>
-
-<p>Daß der <em>Wert der Welt</em> in unserer Interpretation liegt
-(&ndash; daß vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen
-möglich sind, als bloß menschliche &ndash;), daß die bisherigen
-Interpretationen perspektivische Schätzungen sind, vermöge
-deren wir uns im Leben, das heißt im Willen zur Macht,
-zum Wachstum der Macht, erhalten, daß jede <em>Erhöhung
-des Menschen</em> die Überwindung engerer Interpretationen
-mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung
-neue Perspektiven auftut und an neue Hori<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[Pg 179]</a></span>zonte
-glauben heißt &ndash; das geht durch meine Schriften. Die
-Welt, die <em>uns etwas angeht</em>, ist falsch, das heißt, ist kein
-Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über
-einer mageren Summe von Beobachtungen; sie ist „im
-Flusse“, als etwas Werdendes, als eine sich immer neu
-verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert:
-denn &ndash; es gibt keine „Wahrheit“.</p>
-
-
-<h6>327.</h6>
-
-<p>Die bestgeglaubten apriorischen „Wahrheiten“ sind für
-mich &ndash; <em>Annahmen bis auf weiteres</em>, zum Beispiel das
-Gesetz der Kausalität, sehr gut eingeübte Gewöhnungen des
-Glaubens, so einverleibt, daß <em>nicht daran</em> glauben das
-Geschlecht zugrunde richten würde. Aber sind es deswegen
-Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit
-bewiesen würde, daß der Mensch bestehen bleibt!</p>
-
-
-<h6>328.</h6>
-
-<p>Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man,
-statt in der Logik und den Vernunftkategorien Mittel zu
-sehen zum Zurechtmachen der Welt zu Nützlichkeitszwecken
-(also „prinzipiell“ zu einer nützlichen <em>Fälschung</em>), man in
-ihnen das Kriterium der Wahrheit, respektive der <em>Realität</em>
-zu haben glaubte. Das „Kriterium der Wahrheit“ war in
-der Tat bloß die <em>biologische Nützlichkeit eines solchen
-Systems prinzipieller Fälschung</em>: und da eine Gattung
-Tier nichts Wichtigeres kennt, als sich zu erhalten, so dürfte
-man in der Tat hier von „Wahrheit“ reden. Die Naivität
-war nur die, die anthropozentrische Idiosynkrasie als <em>Maß
-der Dinge</em>, als Richtschnur über „real“ und „unreal“ zu
-nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisieren. Und
-siehe da, jetzt fiel mit einem Mal die Welt auseinander in
-eine „wahre“ Welt und eine „scheinbare“: und genau die
-Welt, in der der Mensch zu wohnen und sich einzurichten
-seine Vernunft erfunden hatte, genau dieselbe wurde ihm
-diskreditiert. Statt die Formen als Handhabe zu benutzen,
-sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam der
-Wahnsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kate<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[Pg 180]</a></span>gorien
-der Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere
-Welt, die, in der man lebt, nicht entspricht.... Die Mittel
-wurden mißverstanden als Wertmaß, selbst als Verurteilung
-der Absicht....</p>
-
-<p>Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen:
-die Mittel dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen,
-mit deren Hilfe man die verwirrende Vielheit auf ein
-zweckmäßiges und handliches Schema reduzierte.</p>
-
-<p>Aber wehe! jetzt brachte man eine <em>Moralkategorie</em> ins
-Spiel: kein Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen,
-&ndash; folglich gibt es nur einen Willen zur Wahrheit.
-Was ist „Wahrheit“?</p>
-
-<p>Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre
-Welt, zu der man den Weg sucht, kann nicht mit sich in
-Widerspruch sein, kann nicht wechseln, kann nicht werden,
-hat keinen Ursprung und kein Ende.</p>
-
-<p>Das ist der größte Irrtum, der begangen worden ist,
-das eigentliche Verhängnis des Irrtums auf Erden: man
-glaubte ein Kriterium der Realität in den Vernunftformen
-zu haben, &ndash; während man sie hatte, um Herr zu werden
-über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität
-<em>mißzuverstehen</em>....</p>
-
-<p>Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der
-Eigenschaften wegen, <em>die ihre Realität ausmachen</em>,
-Wechsel, Werden, Vielheit, Gegensatz, Widerspruch, Krieg.</p>
-
-<p>Und nun war das ganze Verhängnis da:</p>
-
-<p>1. Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren
-Welt? (&ndash; es war die wirkliche, die einzige);</p>
-
-<p>2. wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem
-Charakter der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen
-Wesens als eines Gegensatzes zu jedem realen Wesen,
-deutlicher, als <em>Widerspruch zum Leben</em>....)</p>
-
-<p>Die ganze Richtung der Werte war auf <em>Verleumdung
-des Lebens</em> aus; man schuf eine Verwechslung des Idealdogmatismus
-mit der Erkenntnis überhaupt: so daß die
-Gegenpartei immer nun auch die <em>Wissenschaft</em> perhorreszierte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[Pg 181]</a></span></p>
-
-<p>Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt <em>doppelt</em> versperrt:
-einmal durch den Glauben an die „wahre“ Welt,
-und dann durch die Gegner dieses Glaubens. Die Naturwissenschaft,
-Psychologie war 1. in ihren Objekten verurteilt,
-2. um ihre Unschuld gebracht....</p>
-
-<p>In der wirklichen Welt, wo schlechterdings alles verkettet
-und bedingt ist, heißt irgend etwas verurteilen und
-<em>wegdenken</em>, alles wegdenken und verurteilen. Das Wort
-„das sollte nicht sein“, „das hätte nicht sein sollen“ ist eine
-Farce.... Denkt man die Konsequenzen aus, so ruinierte
-man den Quell des Lebens, wenn man das abschaffen wollte,
-was in irgendeinem Sinne <em>schädlich</em>, <em>zerstörerisch</em> ist.
-Die Physiologie demonstriert es ja <em>besser</em>!</p>
-
-<p>&ndash; Wir sehen, wie die Moral <span class="antiqua">a</span>) die ganze Weltauffassung
-<em>vergiftet</em>, <span class="antiqua">b</span>) den Weg zur Erkenntnis, zur <em>Wissenschaft</em>
-abschneidet, <span class="antiqua">c</span>) alle wirklichen Instinkte auflöst und
-untergräbt (indem sie deren Wurzeln als <em>unmoralisch</em>
-empfinden lehrt).</p>
-
-<p>Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> vor
-uns arbeiten, das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden
-aufrecht hält.</p>
-
-
-<h6>329.</h6>
-
-<p><em>Zur „logischen Scheinbarkeit“.</em> &ndash; Der Begriff „Individuum“
-und „Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß
-augenscheinlich. „<em>Gattung</em>“ drückt nur die Tatsache aus,
-daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher Zeit hervortreten,
-und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sichverändern
-eine lange Zeit verlangsamt ist: so daß die tatsächlichen
-kleinen Fortsetzungen und Zuwachse nicht sehr in Betracht
-kommen (&ndash; eine Entwicklungsphase, bei der das Sichentwickeln
-nicht in die Sichtbarkeit tritt, so daß ein Gleichgewicht
-erreicht <em>scheint</em>, und die falsche Vorstellung ermöglicht
-wird, <em>hier sei ein Ziel erreicht</em> &ndash; und es habe
-ein Ziel in der Entwicklung gegeben....).</p>
-
-<p>Die <em>Form</em> gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres;
-aber die Form ist bloß von uns erfunden; und
-wenn noch so oft „dieselbe Form erreicht wird“, so be<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[Pg 182]</a></span>deutet
-das nicht, daß es <em>dieselbe Form ist</em>, &ndash; sondern es
-<em>erscheint immer etwas Neues</em> &ndash; und nur wir, die wir
-vergleichen, rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht,
-zusammen in die Einheit der „Form“. Als ob ein <em>Typus</em>
-erreicht werden sollte und gleichsam der Bildung vorschwebe
-und innewohne.</p>
-
-<p>Die <em>Form</em>, die <em>Gattung</em>, das <em>Gesetz</em>, die <em>Idee</em>, der
-<em>Zweck</em> &ndash; hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß
-einer Fiktion eine falsche Realität untergeschoben wird: wie
-als ob das Geschehen irgendwelchen Gehorsam in sich trage,
-&ndash; eine künstliche Scheidung im Geschehen wird da gemacht
-zwischen dem, <em>was</em> tut, und dem, <em>wonach</em> das Tun sich
-richtet (aber das <em>was</em> und das <em>wonach</em> sind nur angesetzt
-aus einem Gehorsam gegen unsre metaphysisch-logische Dogmatik:
-kein „Tatbestand“).</p>
-
-<p>Man soll diese <em>Nötigung</em>, Begriffe, Gattungen, Formen,
-Zwecke, Gesetze zu bilden („<em>eine Welt der identischen
-Fälle</em>“) nicht so verstehen, als ob wir damit die
-<em>wahre Welt</em> zu fixieren imstande wären; sondern als
-Nötigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der <em>unsre
-Existenz</em> ermöglicht wird: &ndash; wir schaffen damit eine Welt,
-die berechenbar, vereinfacht, verständlich usw. für uns ist.</p>
-
-<p>Diese selbe Nötigung besteht in der <em>Sinnenaktivität</em>,
-welche der Verstand unterstützt &ndash; durch Vereinfachen, Vergröbern,
-Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“,
-alles Sich-verständlich-machen-können beruht.
-Unsre <em>Bedürfnisse</em> haben unsre Sinne so präzisiert,
-daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer wiederkehrt und
-dadurch den Anschein der <em>Wirklichkeit</em> bekommen hat.</p>
-
-<p>Unsre subjektive Nötigung, an die Logik zu glauben, drückt
-nur aus, daß wir, längst, bevor uns die Logik selber zum
-Bewußtsein kam, nichts getan haben <em>als ihre Postulate in
-das Geschehen hineinlegen</em>: jetzt finden wir sie in dem
-Geschehen vor &ndash;, wir können nicht mehr anders &ndash; und
-vermeinen nun, diese Nötigung verbürge etwas über die
-„Wahrheit“. Wir sind es, die das „Ding“, das „gleiche
-Ding“, das Subjekt, das Prädikat, das Tun, das Objekt,<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[Pg 183]</a></span>
-die Substanz, die Form geschaffen haben, nachdem wir das
-Gleichmachen, das Grob- und Einfach<em>machen</em> am längsten
-getrieben haben. Die Welt <em>erscheint</em> uns logisch, weil <em>wir</em>
-sie erst logisiert <em>haben</em>.</p>
-
-
-<h6>330.</h6>
-
-<p>Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von „Individuum“
-usw. zu reden; die „Zahl“ der Wesen ist selber
-im Fluß. Wir würden nichts von Zeit und nichts von Bewegung
-wissen, wenn wir nicht, in grober Weise, „Ruhendes“
-neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von
-Ursache und Wirkung, und ohne die irrtümliche Konzeption
-des „leeren Raumes“ wären wir gar nicht zur Konzeption
-des Raums gekommen. Der Satz von der Identität
-hat als Hintergrund den „Augenschein“, daß es
-gleiche Dinge gibt. Eine werdende Welt könnte im strengen
-Sinne nicht „begriffen“, nicht „erkannt“ werden; nur insofern
-der „begreifende“ und „erkennende“ Intellekt eine
-schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus lauter
-Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art
-Schein das Leben erhalten hat &ndash; nur insofern gibt es etwas
-wie „Erkenntnis“: das heißt ein Messen der früheren
-und der jüngeren Irrtümer aneinander.</p>
-
-
-<h6>331.</h6>
-
-<p>In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit
-eine <em>widernatürliche Tendenz</em>: eine solche könnte
-nur Sinn haben als Mittel zu einer besonderen <em>höheren
-Potenz von Falschheit</em>. Damit eine Welt des Wahren,
-Seienden fingiert werden konnte, mußte zuerst der Wahrhaftige
-geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich
-„wahrhaftig“ glaubt).</p>
-
-<p>Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft,
-sich gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form:
-ein Mensch derart konzipiert eine Welt des Seins als
-„<em>Gott</em>“ nach seinem Bilde.</p>
-
-<p>Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre
-des Menschen sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[Pg 184]</a></span>
-der Vorteil in jedem Sinne auf Seiten des Wahrhaftigen
-sein. &ndash; Lüge, Tücke, Verstellung müssen Erstaunen erregen....</p>
-
-
-<h6>332.</h6>
-
-<p>Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte &ndash;
-das wäre nämlich möglich &ndash;, was wäre dann die Wahrheit,
-alle unsere Wahrheit?... Eine gewissenlose Umfälschung
-des Falschen? Eine höhere Potenz des Falschen?....</p>
-
-
-<h6>333.</h6>
-
-<p>Von der <em>Vielartigkeit</em> der Erkenntnis. <em>Seine</em> Relation
-zu vielem anderen spüren (oder die Relation der Art)
-&ndash; wie sollte das „Erkenntnis“ des <em>andern</em> sein! Die Art
-zu kennen und zu erkennen ist selber schon unter den Existenzbedingungen:
-dabei ist der Schluß, daß es keine anderen
-Intellektarten geben könne (für uns selber) als die,
-welche uns erhält, eine Übereilung: diese <em>tatsächliche</em> Existenzbedingung
-ist vielleicht nur zufällig und vielleicht keineswegs
-notwendig.</p>
-
-<p>Unser Erkenntnisapparat nicht auf „Erkenntnis“ <em>eingerichtet</em>.</p>
-
-
-<h6>334.<br />
-
-<span class="normal3 gesperrt">Überschriften über einem modernen Narrenhaus.</span></h6>
-
-<p>„Denknotwendigkeiten sind Moralnotwendigkeiten.“</p>
-
-<p class="gesperrt right">Herbert Spencer.</p>
-
-<p>„Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die
-Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung.“</p>
-
-<p class="gesperrt right">Herbert Spencer.</p>
-
-
-<h6>335.</h6>
-
-<p>Es könnte scheinen, als ob ich der Frage nach der „Gewißheit“
-ausgewichen sei. Das Gegenteil ist wahr: aber indem
-ich nach dem Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte
-ich, nach welchem Schwergewichte überhaupt bisher gewogen
-worden ist &ndash; und daß die Frage nach der Gewißheit selbst
-schon eine <em>abhängige</em> Frage sei, eine Frage <em>zweiten</em>
-Ranges.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[Pg 185]</a></span></p>
-
-
-<h5 class="gesperrt">b. Logik und Wissenschaft.</h5>
-
-
-<h6>336.</h6>
-
-<p>Das Begierdenerdreich, aus dem die <em>Logik</em> herausgewachsen
-ist: Herdeninstinkt im Hintergrunde. Die Annahme
-der gleichen Fälle setzt die „gleiche Seele“ voraus.
-<em>Zum Zweck der Verständigung und Herrschaft.</em></p>
-
-
-<h6>337.</h6>
-
-<p>Zur <em>Entstehung der Logik</em>. Der fundamentale Hang,
-<em>gleichzusetzen</em>, <em>gleichzusehen</em> wird modifiziert, im Zaum
-gehalten durch Nutzen und Schaden, durch den <em>Erfolg</em>: es
-bildet sich eine Anpassung aus, ein milderer Grad, in dem
-er sich befriedigen kann, ohne zugleich das Leben zu verneinen
-und in Gefahr zu bringen. Dieser ganze Prozeß ist
-ganz entsprechend jenem äußeren, mechanischen (der sein
-Symbol ist), daß das <em>Plasma</em> fortwährend, was es sich
-aneignet, sich gleich macht und in seine Formen und Reihen
-einordnet.</p>
-
-
-<h6>338.</h6>
-
-<p>Die <em>Annahme des Seienden</em> ist nötig, um denken und
-schließen zu können: die Logik handhabt nur Formeln für
-Gleichbleibendes. Deshalb wäre diese Annahme noch ohne
-Beweiskraft für die Realität: „das Seiende“ gehört zu
-unsrer Optik. Das „Ich“ als seiend (&ndash; durch Werden und
-Entwicklung nicht berührt).</p>
-
-<p>Die <em>fingierte</em> Welt von Subjekt, Substanz, „Vernunft“
-usw. ist <em>nötig</em> &ndash;&nbsp;: eine ordnende, vereinfachende, fälschende,
-künstlich-trennende Macht ist in uns. „Wahrheit“ ist
-Wille, Herr zu werden über das Vielerlei der Sensationen:
-&ndash; die Phänomene <em>aufreihen</em> auf bestimmte Kategorien.
-Hierbei gehen wir vom Glauben an das „An-sich“ der
-Dinge aus (wir nehmen die Phänomene als <em>wirklich</em>).</p>
-
-<p>Der Charakter der werdenden Welt als <em>unformulierbar</em>,
-als „falsch“, als „sich-widersprechend“. <em>Erkenntnis</em>
-und <em>Werden</em> schließen sich aus. <em>Folglich</em> muß „<em>Erkenntnis</em>“
-etwas anderes sein: es muß ein Wille zum Erkennbar<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[Pg 186]</a></span>machen
-vorangehen, eine Art Werden selbst muß die <em>Täuschung
-des Seienden</em> schaffen.</p>
-
-
-<h6>339.</h6>
-
-<p>Ein- und dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt
-uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich
-keine „Notwendigkeit“ aus, <em>sondern nur ein Nichtvermögen</em>.</p>
-
-<p>Wenn, nach Aristoteles, der <em>Satz vom Widerspruch</em> der
-gewisseste aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste
-ist, auf den alle Beweisführungen zurückgehen, wenn in ihm
-das Prinzip aller anderen Axiome liegt: um so strenger
-sollte man erwägen, was er im Grunde schon an Behauptungen
-<em>voraussetzt</em>. Entweder wird mit ihm etwas in
-betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob man
-es anderswoher bereits kennte; nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte
-Prädikate zugesprochen werden <em>können</em>. Oder
-der Satz will sagen: daß ihm entgegengesetzte Prädikate
-nicht zugesprochen werden <em>sollen</em>. Dann wäre Logik ein
-Imperativ, nicht zur Erkenntnis des Wahren, sondern zur
-Setzung und Zurechtmachung einer Welt, <em>die uns wahr
-heißen soll</em>.</p>
-
-<p>Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome
-dem Wirklichen adäquat, oder sind sie Maßstäbe und Mittel,
-um Wirkliches, den Begriff „Wirklichkeit“, für uns erst zu
-<em>schaffen</em>?.... Um das Erste bejahen zu können, müßte
-man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; was
-schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein
-<em>Kriterium der Wahrheit</em>, sondern einen <em>Imperativ</em>
-über das, was als wahr gelten <em>soll</em>.</p>
-
-<p>Gesetzt, es gäbe ein solches sich-selbst-identisches <span class="antiqua">A</span> gar
-nicht, wie es jeder Satz der Logik (auch der Mathematik)
-voraussetzt, das <span class="antiqua">A</span> wäre bereits eine <em>Scheinbarkeit</em>, so
-hätte die Logik eine bloß <em>scheinbare</em> Welt zur Voraussetzung.
-In der Tat glauben wir an jenen Satz unter dem
-Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend
-zu <em>bestätigen</em> scheint. Das „Ding“ &ndash; das ist das eigentliche
-Substrat zu <span class="antiqua">A</span>; <em>unser Glaube an Dinge</em> ist die Vor<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[Pg 187]</a></span>aussetzung
-für den Glauben an die Logik. Das <span class="antiqua">A</span> der Logik
-ist wie das Atom eine Nachkonstruktion des „Dinges“....
-Indem wir das nicht begreifen und aus der Logik ein Kriterium
-des <em>wahren Seins</em> machen, sind wir bereits auf
-dem Wege, alle jene Hypostasen: Substanz, Prädikat, Objekt,
-Subjekt, Aktion usw. als Realitäten zu setzen: das heißt
-eine metaphysische Welt zu konzipieren, das heißt eine „wahre
-Welt“ (&ndash; <em>diese ist aber die scheinbare Welt noch
-einmal</em>....).</p>
-
-<p>Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen,
-das Für-wahr-halten und das Nicht-für-wahr-halten,
-sind, insofern sie nicht nur eine Gewohnheit, sondern ein
-Recht voraussetzen, überhaupt für wahr zu halten oder für
-unwahr zu halten, bereits von einem Glauben beherrscht,
-<em>daß es für uns Erkenntnis gibt</em>, daß <em>Urteilen wirklich
-die Wahrheit treffen könne</em>: &ndash; kurz, die Logik
-zweifelt nicht, etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können
-(nämlich, daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zukommen
-<em>können</em>).</p>
-
-<p>Hier <em>regiert</em> das sensualistische grobe Vorurteil, daß die
-Empfindungen uns <em>Wahrheiten</em> über die Dinge lehren, &ndash;
-daß ich nicht zu gleicher Zeit von ein und demselben Ding
-sagen kann, es ist <em>hart</em> und es ist <em>weich</em>. (Der instinktive
-Beweis, „ich kann nicht zwei entgegengesetzte Empfindungen
-zugleich haben“ &ndash; <em>ganz grob</em> und <em>falsch</em>.)</p>
-
-<p>Das begriffliche Widerspruchsverbot geht von dem Glauben
-aus, daß wir Begriffe bilden <em>können</em>, daß ein Begriff
-das Wesen eines Dinges nicht nur bezeichnet, sondern <em>faßt</em>..
-Tatsächlich gilt die <em>Logik</em> (wie die Geometrie und Arithmetik)
-nur von <em>fingierten Wesenheiten, die wir geschaffen
-haben</em>. Logik ist der Versuch, <em>nach einem von
-uns gesetzten Seinsschema die wirkliche Welt zu begreifen,
-richtiger: uns formulierbar, berechenbar zu
-machen</em>....</p>
-
-
-<h6>340.</h6>
-
-<p>Gleichheit und Ähnlichkeit.</p>
-
-<p>1. Das gröbere Organ sieht viel scheinbare Gleichheit;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[Pg 188]</a></span></p>
-
-<p>2. der Geist <em>will</em> Gleichheit, das heißt einen Sinneneindruck
-subsummieren unter eine vorhandene Reihe: ebenso
-wie der Körper Unorganisches sich <em>assimiliert</em>.</p>
-
-<p>Zum Verständnis der <em>Logik</em>:</p>
-
-<p><em>der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht</em> &ndash;
-der Glaube, daß etwas so und so <em>sei</em> (das Wesen des <em>Urteils</em>),
-ist die Folge eines Willens, es <em>soll</em> so viel als möglich
-gleich sein.</p>
-
-
-<h6>341.</h6>
-
-<p>Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: <em>gesetzt, es
-gibt identische Fälle</em>. Tatsächlich, damit logisch gedacht
-und geschlossen werde, <em>muß diese</em> Bedingung erst als erfüllt
-fingiert werden. Das heißt: der Wille zur <em>logischen
-Wahrheit</em> kann erst sich vollziehen, nachdem eine grundsätzliche
-<em>Fälschung</em> alles Geschehens angenommen ist. Woraus
-sich ergibt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig
-ist, zuerst der Fälschung und dann der Durchführung seines
-Gesichtspunktes: die Logik stammt nicht aus dem Willen
-zur Wahrheit.</p>
-
-
-<h6>342.</h6>
-
-<p>Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium
-der Wahrheit („<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">omne illud verum est, quod clare et distincte
-percipitur</span>“ Descartes): damit ist die mechanische
-Welthypothese erwünscht und glaublich.</p>
-
-<p>Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">simplex sigillum
-veri</span>. Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit
-der Dinge in <em>diesem</em> Verhältnis zu unserm Intellekt
-steht? &ndash; Wäre es nicht anders? daß die ihm am meisten
-das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese
-am meisten von ihm <em>bevorzugt, geschätzt und folglich</em>
-als <em>wahr</em> bezeichnet wird? &ndash; Der Intellekt setzt sein <em>freiestes</em>
-und <em>stärkstes Vermögen</em> und <em>Können</em> als Kriterium
-der Wertvollsten, folglich <em>Wahren</em>....</p>
-
-<p>„Wahr“: von seiten des Gefühls aus &ndash;&nbsp;: was das Gefühl
-am stärksten erregt („Ich“);</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[Pg 189]</a></span></p>
-
-<p>von seiten des Denkens aus &ndash;&nbsp;: was dem Denken das
-größte Gefühl von Kraft gibt;</p>
-
-<p>von seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus &ndash;&nbsp;: wobei
-am stärksten Widerstand zu leisten ist.</p>
-
-<p>Also die <em>höchsten Grade in der Leistung</em> erwecken für
-das <em>Objekt</em> den Glauben an dessen „Wahrheit“, das heißt
-<em>Wirklichkeit</em>. Das Gefühl der Kraft, des Kampfes, des
-Widerstandes überredet dazu, daß es etwas <em>gibt</em>, dem hier
-widerstanden wird.</p>
-
-
-<h6>343.</h6>
-
-<p>Das <em>Urteil</em> &ndash; das ist der Glaube: „dies und dies ist so.“
-Also steckt im Urteil das Geständnis, einem „identischen
-Fall“ begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus,
-mit Hilfe des Gedächtnisses. Das Urteil schafft es <em>nicht</em>,
-daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es
-glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der
-Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle gibt. Wie
-heißt nun jene Funktion, die viel <em>älter</em>, früher arbeitend sein
-muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und verähnlicht?
-Wie heißt jene zweite, welche auf Grund dieser ersten
-usw. „Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich“: wie
-aber heißt das, was Empfindungen gleich macht, als gleich
-„nimmt“? &ndash; Es könnte gar keine Urteile geben, wenn nicht
-erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt
-wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem beständigen
-Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten. &ndash; <em>Bevor</em>
-geurteilt wird, <em>muß der Prozeß der Assimilation schon
-getan sein</em>: also liegt auch hier eine intellektuelle Tätigkeit
-vor, die nicht ins Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge
-einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen
-Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimilieren,
-Ausscheiden, Wachsen usw.</p>
-
-<p>Wesentlich: vom <em>Leib</em> ausgehen und ihn als Leitfaden zu
-benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere
-Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist
-besser festgestellt, als der Glaube an den Geist.</p>
-
-<p>„Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[Pg 190]</a></span>
-liegt kein Kriterium der Wahrheit.“ Aber was ist Wahrheit?
-Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung
-geworden ist? Dann freilich wäre die <em>Stärke</em> ein
-Kriterium, zum Beispiel in betreff der Kausalität.</p>
-
-
-<h6>344.</h6>
-
-<p><em>Grundlösung.</em> &ndash; Wir glauben an die Vernunft: diese
-aber ist die Philosophie der grauen <em>Begriffe</em>. Die Sprache
-ist auf die allernaivsten Vorurteile hin gebaut.</p>
-
-<p>Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge
-hinein, weil wir <em>nur</em> in der sprachlichen Form <em>denken</em>, &ndash;
-somit die „ewige Wahrheit“ der „Vernunft“ glauben (zum
-Beispiel Subjekt, Prädikat usw.).</p>
-
-<p><em>Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem
-sprachlichen Zwange tun wollen</em>, wir langen gerade noch
-bei dem Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehen.</p>
-
-<p><em>Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach
-einem Schema, welches wir nicht abwerfen können.</em></p>
-
-
-<h6>345.</h6>
-
-<p>Der ganze Erkenntnisapparat ist ein Abstraktions- und
-Simplifikationsapparat &ndash; nicht auf Erkenntnis gerichtet,
-sondern auf <em>Bemächtigung</em> der Dinge: „Zweck“ und
-„Mittel“ sind so fern vom Wesen wie die „Begriffe“. Mit
-„Zweck“ und „Mittel“ bemächtigt man sich des Prozesses
-(&ndash; man <em>erfindet</em> einen Prozeß, der faßbar ist), mit „Begriffen“
-aber der „Dinge“, welche den Prozeß machen.</p>
-
-
-<h6>346.</h6>
-
-<p>Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat,
-arbeitete im Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit,
-von schneller Verständlichkeit auf Grund von Zeichen
-und Klängen, von Abkürzungsmitteln: &ndash; es handelt sich
-nicht um metaphysische Wahrheiten bei „Substanz“, „Subjekt“,
-„Objekt“, „Sein“, „Werden“. &ndash; Die Mächtigen
-sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht
-haben, und unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktionskünstler,
-die die Kategorien geschaffen haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[Pg 191]</a></span></p>
-
-
-<h6>347.</h6>
-
-<p>Nicht „erkennen“, sondern schematisieren, &ndash; dem Chaos
-so viel Regularität und Formen auflegen, als es unserm
-praktischen Bedürfnis genugtut.</p>
-
-<p>In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien
-ist das <em>Bedürfnis</em> maßgebend gewesen: das Bedürfnis,
-nicht zu „erkennen“, sondern zu subsummieren, zu schematisieren,
-zum Zweck der Verständigung, der Berechnung....
-(Das Zurechtmachen, das Ausdichten zum Ähnlichen, Gleichen,
-&ndash; derselbe Prozeß, den jeder Sinneseindruck durchmacht,
-ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht
-eine präexistente „Idee“ gearbeitet: sondern die Nützlichkeit,
-daß nur, wenn wir grob und gleichgemacht die Dinge sehen,
-sie für uns berechenbar und handlich werden.... Die <em>Finalität</em>
-in der Vernunft ist eine Wirkung, keine Ursache: bei
-jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend Ansätze
-gibt, mißrät das Leben, &ndash; es wird unübersichtlich &ndash;, zu ungleich &ndash;</p>
-
-<p>Die Kategorien sind „Wahrheiten“ nur in dem Sinne,
-als sie lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische
-Raum eine solche bedingte „Wahrheit“ ist. (An sich geredet:
-da niemand die Notwendigkeit, daß es gerade Menschen
-gibt, aufrecht erhalten wird, ist die Vernunft, so wie
-der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie bestimmter
-Tierarten, und eine neben vielen anderen....)</p>
-
-<p>Die subjektive Nötigung, hier nicht widersprechen zu können,
-ist eine biologische Nötigung: der Instinkt der Nützlichkeit,
-so zu schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe,
-wir sind beinahe dieser Instinkt.... Welche Naivität aber,
-daraus einen Beweis zu ziehen, daß wir damit eine „Wahrheit
-an sich“ besäßen!.... Das Nicht-widersprechen-können
-beweist ein Unvermögen, nicht eine „Wahrheit“.</p>
-
-
-<h6>348.</h6>
-
-<p>„Erkennen“ ist ein <em>Zurückbeziehen</em>: seinem Wesen nach
-ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">regressus in infinitum</span>. Was Halt macht (bei einer angeblichen
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa prima</span>, bei einem Unbedingten usw.) ist die
-<em>Faulheit</em>, die Ermüdung &ndash; &ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[Pg 192]</a></span></p>
-
-
-<h6>349.</h6>
-
-<p>Wissenschaft &ndash; Umwandlung der Natur in Begriffe zum
-Zweck der Beherrschung der Natur &ndash; das gehört in die
-Rubrik „<em>Mittel</em>“.</p>
-
-<p>Aber der <em>Zweck</em> und <em>Wille</em> des Menschen muß ebenso
-<em>wachsen</em>, die Absicht in Hinsicht auf das Ganze.</p>
-
-
-<h6>350.</h6>
-
-<p>Die Wissenschaft &ndash; das war bisher die Beseitigung der
-vollkommenen Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen,
-welche alles „erklären“, &ndash; also aus dem Widerwillen des
-Intellekts an dem Chaos. &ndash; Dieser selbe Widerwille ergreift
-mich bei der Betrachtung <em>meiner selber</em>: die innere
-Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen
-und über die intellektuelle Verworrenheit hinauskommen.
-Die Moral war eine solche <em>Vereinfachung</em>: sie
-lehrte den Menschen als <em>erkannt</em>, als <em>bekannt</em>. &ndash; Nun
-haben wir die Moral vernichtet &ndash; wir selber sind uns wieder
-<em>völlig dunkel</em> geworden! Ich weiß, daß ich <em>von mir</em> nichts
-weiß. Die <em>Physik</em> ergibt sich als eine <em>Wohltat</em> für das
-Gemüt: die Wissenschaft (als der Weg zur <em>Kenntnis</em>) bekommt
-einen neuen Zauber nach der Beseitigung der Moral
-&ndash; und <em>weil</em> wir hier <em>allein</em> Konsequenz finden, so müssen
-wir unser Leben darauf <em>einrichten</em>, sie uns zu <em>erhalten</em>.
-Dies ergibt eine Art <em>praktischen Nachdenkens</em> über <em>unsre
-Existenzbedingungen</em> als Erkennenden.</p>
-
-
-<h6>351.</h6>
-
-<p>Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf
-allen Stufen des Lebens das <em>Denken</em>, &ndash; in jedem Perzipieren
-und scheinbaren Erleiden auch noch! Offenbar wird
-es dadurch am <em>mächtigsten</em> und <em>anspruchsvollsten</em>, und
-auf die Dauer tyrannisiert es alle anderen Kräfte. Es wird
-endlich die „Leidenschaft an sich“.</p>
-
-
-<h6>352.</h6>
-
-<p>Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit
-Mensch und Tier lebt: du mußt auch noch den <em>Willen</em>
-zur Unwissenheit haben und hinzulernen. Es ist dir nötig,<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[Pg 193]</a></span>
-zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben
-selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter
-welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine
-große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehen.</p>
-
-
-<h6>353.</h6>
-
-<p>Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine
-Wahrheit ergibt, sondern nur ein <em>Stück Unwissenheit</em>
-mehr, eine Erweiterung unseres „leeren Raumes“, einen
-Zuwachs unserer „Öde“ &ndash;</p>
-
-
-<h6>354.</h6>
-
-<p>Die Entwicklung der Wissenschaft löst das „Bekannte“
-immer mehr in ein Unbekanntes auf: &ndash; sie <em>will</em> aber gerade
-das <em>Umgekehrte</em> und geht von dem Instinkt aus,
-das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span> bereitet die Wissenschaft eine <em>souveräne Unwissenheit</em>
-vor, ein Gefühl, daß „Erkennen“ gar nicht vorkommt,
-daß es eine Art Hochmut war, davon zu träumen,
-mehr noch, daß wir nicht den geringsten Begriff übrig behalten,
-um auch nur „Erkennen“ als eine <em>Möglichkeit</em> gelten
-zu lassen, &ndash; daß „Erkennen“ selbst eine widerspruchsvolle
-Vorstellung ist. Wir <em>übersetzen</em> eine uralte Mythologie
-und Eitelkeit des Menschen in die harte Tatsache: so
-wenig „Ding an sich“, so wenig ist „Erkenntnis an sich“
-noch <em>erlaubt</em> als Begriff. Die Verführung durch „Zahl und
-Logik“, die Verführung durch die „Gesetze“.</p>
-
-<p>„<em>Weisheit</em>“ als Versuch, über die perspektivischen
-Schätzungen (das heißt über den „Willen zur Macht“) <em>hinweg</em>
-zu kommen: ein lebensfeindliches und auflösendes
-Prinzip, Symptom wie bei den Indern usw., <em>Schwächung</em>
-der Aneignungskraft.</p>
-
-
-<h6>355.</h6>
-
-<p>Das Recht auf den großen <em>Affekt</em> &ndash; für den Erkennenden
-wieder zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung
-und der Kultus des „Objektiven“ eine falsche Rangordnung
-auch in dieser Sphäre geschaffen haben. Der Irrtum kam
-auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: <em>eben im Loskom<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[Pg 194]</a></span>men
-vom Affekt</em>, vom Willen liege der einzige Zugang
-zum „Wahren“, zur Erkenntnis; der willensfreie Intellekt
-<em>könne gar nicht anders</em>, als das wahre, eigentliche Wesen
-der Dinge sehen.</p>
-
-<p>Derselbe Irrtum <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in arte</span>: als ob alles <em>schön</em> wäre, sobald
-es ohne Willen angeschaut wird.</p>
-
-
-<h6>356.</h6>
-
-<p>Keine „<em>moralische</em> Erziehung“ des Menschengeschlechts:
-sondern die <em>Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrtümer</em>
-ist nötig, weil die „Wahrheit“ degoutiert und das
-Leben verleidet, &ndash; vorausgesetzt, daß der Mensch nicht schon
-unentrinnbar in seine <em>Bahn</em> gestoßen ist und seine redliche
-<em>Einsicht</em> mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt.</p>
-
-
-<h6>357.</h6>
-
-<p>Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden:
-aber die wertvollsten Einsichten sind die <em>Methoden</em>.</p>
-
-<p>Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft
-haben jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen
-sich gehabt: auf sie hin ist man aus dem Verkehr mit
-<em>honetten</em> Menschen ausgeschlossen worden, &ndash; man galt
-als „<em>Feind Gottes</em>“, als Verächter des höchsten Ideals,
-als „Besessener“.</p>
-
-<p>Wir haben das ganze <em>Pathos</em> der Menschheit gegen uns
-gehabt, &ndash; unser Begriff von dem, was die „Wahrheit“
-sein soll, was der Dienst der Wahrheit sein soll, unsre Objektivität,
-unsre Methode, unsre stille, vorsichtige, mißtrauische
-Art war vollkommen <em>verächtlich</em>.... Im Grunde
-war es ein ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am
-längsten gehindert hat: sie glaubte an den pittoresken Effekt
-der Wahrheit, sie verlangte vom Erkennenden, daß er stark
-auf die Phantasie wirke.</p>
-
-<p>Das sieht aus, als ob ein <em>Gegensatz</em> erreicht, ein <em>Sprung</em>
-gemacht worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch
-die Moralhyperbeln Schritt für Schritt jenes <em>Pathos milderer
-Art</em> vorbereitet, das als wissenschaftlicher Charakter
-leibhaft wurde....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[Pg 195]</a></span></p>
-
-<p>Die <em>Gewissenhaftigkeit im Kleinen</em>, die Selbstkontrolle
-des religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen
-Charakter: vor allem die Gesinnung, welche
-<em>Probleme ernst nimmt</em>, noch abgesehen davon, was persönlich
-dabei für einen herauskommt....</p>
-
-
-<h6>358.</h6>
-
-<p>Nicht der Sieg der <em>Wissenschaft</em> ist das, was unser
-19. Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen
-<em>Methode</em> über die Wissenschaft.</p>
-
-
-<h5 class="gesperrt">c. Ursache und Wirkung.</h5>
-
-
-<h6>359.</h6>
-
-<p><em>Kritik des Begriffs „Ursache“.</em> &ndash; Wir haben absolut
-keine Erfahrung über eine <em>Ursache</em>; psychologisch nachgerechnet,
-kommt uns der ganze Begriff aus der subjektiven
-Überzeugung, daß <em>wir</em> Ursache sind, nämlich, daß der Arm
-sich bewegt.... <em>Aber das ist ein Irrtum.</em> Wir unterscheiden
-uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema
-machen wir überall Gebrauch, &ndash; wir suchen nach einem
-Täter zu jedem Geschehen. Was haben wir gemacht? Wir
-haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung, Widerstand, ein
-Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, als
-Ursache <em>mißverstanden</em>, oder den <em>Willen</em>, das und das
-zu tun, weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.</p>
-
-<p>„Ursache“ kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo
-sie uns gegeben schien, und wo wir aus uns sie projiziert
-haben zum <em>Verständnis des Geschehens</em>, ist die Selbsttäuschung
-nachgewiesen. Unser „Verständnis eines Geschehens“
-bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches
-verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah, und wie es
-geschah. Wir haben unser Willensgefühl, unser „Freiheits“-gefühl,
-unser Verantwortlichkeitsgefühl und unsre Absicht
-zu einem Tun in den Begriff „Ursache“ zusammengefaßt:
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa efficiens</span> und <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa finalis</span> ist in der Grundkonzeption
-eins.</p>
-
-<p>Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[Pg 196]</a></span>
-aufgezeigt würde, dem sie bereits inhäriert. Tatsächlich erfinden
-wir alle Ursachen nach dem Schema der Wirkung:
-letztere ist uns bekannt.... Umgekehrt sind wir außerstande,
-von irgendeinem Dinge vorauszusagen, was es „wirkt“.
-Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht &ndash; alles inhäriert
-der Konzeption „Ursache“. Wir suchen nach Dingen,
-um zu erklären, weshalb sich etwas verändert hat. Selbst
-noch das Atom ist ein solches hinzugedachtes „Ding“ und
-„Ursubjekt“....</p>
-
-<p>Endlich begreifen wir, daß Dinge &ndash; folglich auch Atome
-&ndash; nichts wirken: <em>weil sie gar nicht da sind</em>, &ndash; daß der
-Begriff Kausalität vollkommen unbrauchbar ist. &ndash; Aus
-einer notwendigen Reihenfolge von Zuständen folgt <em>nicht</em>
-deren Kausalverhältnis (&ndash; das hieße deren <em>wirkende Vermögen</em>
-von eins auf zwei, auf drei, auf vier, auf fünf springen
-machen). <em>Es gibt weder Ursachen noch Wirkungen.</em>
-Sprachlich wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran
-liegt nichts. Wenn ich den <em>Muskel</em> von seinen „Wirkungen“
-getrennt denke, so habe ich ihn negiert....</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: <em>ein Geschehen ist weder bewirkt</em>, noch <em>bewirkend</em>.
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Causa</span> ist ein <em>Vermögen zu wirken</em>, hinzu erfunden
-zum Geschehen....</p>
-
-<p><em>Die Kausalitätsinterpretation eine Täuschung</em>....
-Ein „Ding“ ist die Summe seiner Wirkungen, synthetisch
-gebunden durch einen Begriff, Bild. Tatsächlich hat die
-Wissenschaft den Begriff Kausalität seines Inhalts entleert
-und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel, bei der es
-im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite Ursache
-oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei
-Komplexzuständen (Kraftkonstellationen) die Quanten Kraft
-gleich blieben.</p>
-
-<p>Die <em>Berechenbarkeit eines Geschehens</em> liegt nicht darin,
-daß eine Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit
-gehorcht wurde, oder ein Gesetz von Kausalität von uns in
-jedes Geschehen projiziert wurde &ndash;&nbsp;: sie liegt in der <em>Wiederkehr
-„identischer Fälle“</em>.</p>
-
-<p>Es gibt nicht, wie Kant meint, einen <em>Kausalitätssinn</em>.<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[Pg 197]</a></span>
-Man wundert sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes,
-woran man sich halten kann.... Sobald im Neuen
-uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind wir beruhigt. Der
-angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die <em>Furcht vor dem
-Ungewohnten</em> und der Versuch, in ihm etwas <em>Bekanntes</em>
-zu entdecken, &ndash; ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern
-nach Bekanntem.</p>
-
-
-<h6>360.</h6>
-
-<p>In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an
-Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich
-als die Behauptung, daß jede Wirkung Tätigkeit sei und
-daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetze); und dieser letztere
-Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, so daß
-als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt Subjekte;
-alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem
-Subjekte.</p>
-
-<p>Ich bemerke etwas und suche nach einem <em>Grund</em> dafür:
-das heißt ursprünglich: ich suche nach einer <em>Absicht</em> darin,
-und vor allem nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt,
-einem Täter: alles Geschehen ein Tun, &ndash; ehemals
-sah man in <em>allem</em> Geschehen Absichten, dies ist unsere älteste
-Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist es, als Lebendiges,
-nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen?
-Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach
-der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa finalis</span>, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn
-der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa efficiens</span>“ haben wir nichts: hier hat <em>Hume</em>
-recht, die Gewohnheit (aber <em>nicht</em> nur die des Individuums!)
-läßt uns erwarten, daß ein gewisser, oft beobachteter
-Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was
-uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität
-gibt, ist <em>nicht</em> die große Gewohnheit des Hintereinanders
-von Vorgängen, sondern unsre <em>Unfähigkeit</em>, ein
-Geschehen anders <em>interpretieren</em> zu können denn als ein
-Geschehen aus <em>Absichten</em>. Es ist der <em>Glaube</em> an das Lebendige
-und Denkende als an das einzig <em>Wirkende</em> &ndash; an
-den Willen, die Absicht &ndash;, es ist der Glaube, daß alles Geschehen
-ein Tun sei, daß alles Tun einen Täter voraussetze,<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[Pg 198]</a></span>
-es ist der Glaube an das „Subjekt“. Sollte dieser Glaube
-an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine große
-Dummheit sein?</p>
-
-<p>Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder
-ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?</p>
-
-
-<h6>361.</h6>
-
-<p><em>Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie.</em>
-&ndash; Daraus, daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar
-erfolgt, ergibt sich nicht, daß es <em>notwendig</em> erfolgt.
-Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten
-Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt,
-macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische
-Notwendigkeit“ ist kein Tatbestand: <em>wir</em> erst haben sie in das
-Geschehen hineininterpretiert. Wir haben die <em>Formulierbarkeit</em>
-des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über
-dem Geschehen waltenden Nezessität. Aber daraus, daß ich
-etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen
-tue. Der <em>Zwang</em> ist in den Dingen gar nicht nachweisbar:
-die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen
-nicht auch ein anderes Geschehen ist. Erst dadurch,
-daß wir Subjekte, „<em>Täter</em>“ in die Dinge hineingedeutet
-haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen die Folge
-von einem auf Subjekte ausgeübten <em>Zwange</em> ist, &ndash; ausgeübt
-von wem? wiederum von einem „Täter“. Ursache und
-Wirkung &ndash; ein gefährlicher Begriff, solange man ein <em>Etwas</em>
-denkt, das <em>verursacht</em>, und ein Etwas, auf das <em>gewirkt</em>
-wird.</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine
-Interpretation.</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist,
-was <em>wirkt</em>, sondern nur eine Fiktion, so folgt vielerlei.</p>
-
-<p>Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die
-<em>Dinglichkeit</em> erfunden und in den Sensationenwirrwarr
-hineininterpretiert. Glauben wir nicht mehr an das <em>wirkende</em>
-Subjekt, so fällt auch der Glaube an <em>wirkende</em><span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[Pg 199]</a></span>
-Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen
-jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.</p>
-
-<p>Es fällt damit natürlich auch die Welt der <em>wirkenden
-Atome</em>: deren Annahme immer unter der Voraussetzung
-gemacht ist, daß man Subjekte braucht.</p>
-
-<p>Es fällt endlich auch das „<em>Ding an sich</em>“: weil das im
-Grunde die Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber
-wir begriffen, daß das Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz
-„Ding an sich“ und „Erscheinung“ ist unhaltbar; damit
-aber fällt auch der Begriff „<em>Erscheinung</em>“ dahin.</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) Geben wir das wirkende <em>Subjekt</em> auf, so auch das
-<em>Objekt</em>, auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit
-mit sich selbst, das Sein inhäriert weder dem, was Subjekt,
-noch dem, was Objekt genannt wird: es sind Komplexe
-des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe scheinbar
-dauerhaft, &ndash; also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit
-im Tempo des Geschehens (Ruhe &ndash; Bewegung, fest &ndash;
-locker: alles Gegensätze, die nicht an sich existieren und mit
-denen tatsächlich nur <em>Gradverschiedenheiten</em> ausgedrückt
-werden, die für ein gewisses Maß von Optik sich als Gegensätze
-ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur von denen
-der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes &ndash; und
-von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).</p>
-
-<p><span class="antiqua">d</span>) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf,
-dann auch den Begriff „<em>Substanz</em>“ &ndash; und folglich auch
-dessen verschiedene Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“,
-„Geist“ und andere hypothetische Wesen, „Ewigkeit und
-Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw. Wir sind die <em>Stofflichkeit</em>
-los.</p>
-
-<p>Moralisch ausgedrückt, <em>ist die Welt falsch</em>. Aber insofern
-die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die
-Moral falsch.</p>
-
-<p>Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest<em>machen</em>, ein Wahr-,
-Dauerhaft<em>machen</em>, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes <em>falschen</em>
-Charakters, eine Umdeutung desselben ins <em>Seiende</em>.
-„Wahrheit“ ist somit nicht etwas, das da wäre und das auf<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[Pg 200]</a></span>zufinden,
-zu entdecken wäre, &ndash; sondern etwas, <em>das zu
-schaffen ist</em> und das den Namen für einen <em>Prozeß abgibt</em>,
-mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der
-an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">processus
-in infinitum</span>, ein <em>aktives Bestimmen</em>, &ndash; <em>nicht</em>
-ein Bewußtwerden von etwas, das an sich fest und bestimmt
-wäre. Es ist ein Wort für den „Willen zur Macht“.</p>
-
-<p>Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an
-Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je
-mächtiger das Leben, um so breiter muß die erratbare, gleichsam
-<em>seiend gemachte</em> Welt sein. Logisierung, Rationalisierung,
-Systematisierung als Hilfsmittel des Lebens.</p>
-
-<p>Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein
-„Ziel“ in einem gewissen Sinne außer sich als <em>seiende</em>
-Welt, als metaphysische Welt, als „Ding an sich“, als bereits
-vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als Schaffender
-<em>erdichtet</em> bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg;
-diese Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit)
-ist seine Stütze.</p>
-
-<p>Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein
-Feststellen von Grad- und Kraftverhältnissen, als ein
-<em>Kampf</em>....</p>
-
-<p>Sobald wir uns jemanden <em>imaginieren</em>, der verantwortlich
-ist dafür, daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur),
-ihm also unsre Existenz, unser Glück und Elend als <em>Absicht</em>
-zulegen, verderben wir uns die <em>Unschuld des Werdens</em>.
-Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit
-uns etwas erreichen will.</p>
-
-<p>Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als
-das „Wohl der Gattung“: das erstere wird nicht dem
-letzteren geopfert, Gattung ist, aus der Ferne betrachtet,
-etwas ebenso Flüssiges wie Individuum. „<em>Erhaltung</em> der
-Gattung“ ist nur eine Folge des <em>Wachstums</em> der Gattung,
-das heißt der <em>Überwindung der Gattung</em> auf dem Wege
-zu einer stärkeren Art.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[Pg 201]</a></span></p>
-
-<p>Thesen. &ndash; Daß die anscheinende „<em>Zweckmäßigkeit</em>“
-(„die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“)
-bloß die Folge jenes in allem Geschehen sich
-abspielenden <em>Willens zur Macht</em> ist &ndash;&nbsp;: daß das <em>Stärkerwerden</em>
-Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeitsentwurf
-ähnlich sehen &ndash;&nbsp;: daß die anscheinenden
-<em>Zwecke</em> nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht
-über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion
-der größeren arbeitet, eine Ordnung des <em>Ranges</em>, der
-Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und
-Zweck erwecken muß.</p>
-
-<p>Gegen die anscheinende „<em>Notwendigkeit</em>“:</p>
-
-<p>&ndash; diese nur ein <em>Ausdruck</em> dafür, daß eine Kraft nicht
-auch etwas anderes ist.</p>
-
-<p>Gegen die anscheinende „<em>Zweckmäßigkeit</em>“:</p>
-
-<p>&ndash; letztere nur ein <em>Ausdruck</em> für eine Ordnung von
-Machtsphären und deren Zusammenspiel.</p>
-
-
-<h6>362.</h6>
-
-<p>„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt
-eintreten, wo es zum Bewußtsein kam, daß das, was man
-als <em>Eigenschaften der Dinge</em> bezeichnete, Empfindungen
-des empfindenden Subjekts seien: damit hörten die Eigenschaften
-auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das Ding
-an sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich
-und des Dinges für uns basiert auf der älteren, naiven
-Wahrnehmung, die dem Dinge Energie beilegte: aber die
-Analyse ergab, daß auch die Kraft hineingedichtet worden
-ist, und ebenso &ndash; die Substanz. „Das Ding affiziert ein
-Subjekt“? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache,
-nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar
-kein Problem!</p>
-
-<p>Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher
-nichts Empfindungsloses mehr zugrunde liegt.</p>
-
-<p>In der Bewegung ist kein neuer <em>Inhalt</em> der Empfindung
-gegeben. Das Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein:
-also <em>Form</em> des Seins.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[Pg 202]</a></span></p>
-
-<p>Nebenbei: Die <em>Erklärung</em> des Geschehens kann versucht
-werden einmal: durch Vorstellung von Bildern des Geschehens,
-die ihm <em>voranlaufen</em> (Zwecke);</p>
-
-<p>zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm <em>nachlaufen</em>
-(die mathematisch-physikalische Erklärung).</p>
-
-<p>Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische
-Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus
-Empfindung und Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden
-und Denken ableiten und entstehen machen: vielmehr
-muß die Physik auch die empfindende Welt <em>konsequent
-als ohne Empfindung und Zweck</em> konstruieren &ndash; bis
-hinauf zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur
-eine <em>Geschichte der Zwecke</em> und <em>nie</em> physikalisch!</p>
-
-
-<h6>363.</h6>
-
-<p>Die Auslegung eines Geschehens als <em>entweder</em> Tun <em>oder</em>
-Leiden (&ndash; also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung,
-jedes Anderswerden setzt einen Urheber voraus und
-einen, <em>an dem</em> „verändert“ wird.</p>
-
-
-<h6>364.</h6>
-
-<p>Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel
-als Wesen zu nehmen, schließlich als <em>Ursache</em>, zum
-Beispiel vom Blitz zu sagen: „er leuchtet“. Oder gar das
-Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive im Sehen wieder
-als <em>Ursache des Sehens selbst</em> zu setzen: das war das
-Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!</p>
-
-
-<h6>365.</h6>
-
-<p>Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der
-Kraft: diese begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an
-sich gibt es nicht Raum, noch Zeit. „Veränderungen“ sind
-nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge für uns); wenn
-wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen,
-so ist damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß es
-immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">post hoc</span> ein
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">propter hoc</span> ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten;
-es ist begreiflich. Aber Erscheinungen können nicht „Ursachen“
-sein!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[Pg 203]</a></span></p>
-
-
-<h6>366.</h6>
-
-<p><em>„Wille zur Macht“ und Kausalismus.</em> &ndash; Psychologisch
-nachgerechnet, ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl
-vom sogenannten Wollen, &ndash; unser Begriff „Wirkung“
-der Aberglaube, daß dies Machtgefühl die Macht
-selbst sei, welche bewegt....</p>
-
-<p>Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine
-Wirkung des Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender
-Grund“ desselben; &ndash; das Spannungsverhältnis unsres
-Machtgefühls (die Lust als Gefühl der Macht), des überwundenen
-Widerstandes &ndash; sind das Illusionen? &ndash;</p>
-
-<p>Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in
-die uns einzig bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen
-haben: so ist uns keine <em>Veränderung</em> vorstellbar, bei der
-es nicht einen Willen zur Macht gibt. Wir wissen eine Veränderung
-nicht abzuleiten, wenn nicht ein <em>Übergreifen</em> von
-Macht <em>über andere Macht</em> statthat.</p>
-
-<p>Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im
-Bilde (Bewegung ist eine Bilderrede). Die Gravitation selbst
-hat keine mechanische Ursache, da sie der Grund erst für mechanische
-Folgen ist.</p>
-
-<p>Der Wille zur <em>Akkumulation von Kraft</em> ist spezifisch
-für das Phänomen des Lebens, für Ernährung, Zeugung,
-Vererbung, &ndash; für Gesellschaft, Staat, Sitte, Autorität.
-Sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch
-in der Chemie annehmen dürfen? &ndash; und in der kosmischen
-Ordnung?</p>
-
-<p>Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie
-des Verbrauchs: so daß das <em>Stärkerwerdenwollen
-von jedem Kraftzentrum aus</em> die einzige Realität ist, &ndash;
-nicht Selbstbewahrung, sondern Aneignen-, Herrwerden-,
-Mehrwerden-, Stärkerwerdenwollen.</p>
-
-<p>Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip
-<em>beweisen</em>? „Aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen“
-&ndash; „Ein permanentes Gesetz der Dinge“ &ndash; „Eine
-invariable Ordnung“? &ndash; Weil etwas berechenbar ist, ist es
-deshalb schon notwendig?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[Pg 204]</a></span></p>
-
-<p>Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin
-kein „Prinzip“, kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern
-es wirken Kraftquanta, deren Wesen darin besteht, auf alle
-anderen Kraftquanta Macht auszuüben.</p>
-
-<p>Können wir ein <em>Streben nach Macht</em> annehmen, ohne
-eine Lust- und Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl
-von der Steigerung und Verminderung der Macht? Der
-Mechanismus ist nur eine Zeichensprache für die <em>interne</em>
-Tatsachenwelt kämpfender und überwindender Willensquanta?
-Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom,
-Schwere, Druck und Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“,
-sondern Interpretationen mit Hilfe <em>psychischer</em> Fiktionen.</p>
-
-<p>Das <em>Leben</em> als die uns bekannteste Form des Seins ist
-spezifisch ein Wille zur Akkumulation der Kraft &ndash;&nbsp;: alle
-Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: nichts will sich
-erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden.</p>
-
-<p>Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf
-den Gesamtcharakter des Daseins &ndash;) strebt nach einem
-<em>Maximalgefühl von Macht</em>; ist essentiell ein Streben
-nach Mehr von Macht; Streben ist nichts anderes als
-Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt dieser
-Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.)</p>
-
-
-<h5 class="gesperrt">d. Ich und Außenwelt.</h5>
-
-
-<h6>367.</h6>
-
-<p>Der <em>Substanz</em>begriff eine Folge des <em>Subjekt</em>begriffs:
-<em>nicht</em> umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“,
-preis, so fehlt die Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt.
-Man bekommt <em>Grade des Seienden</em>, man verliert
-<em>das</em> Seiende.</p>
-
-<p>Kritik der „<em>Wirklichkeit</em>“: worauf führt die „<em>Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit</em>“,
-die Gradation des Seins,
-an die wir glauben? &ndash;</p>
-
-<p>Unser Grad von <em>Lebens-</em> und <em>Machtgefühl</em> (Logik und
-Zusammenhang des Erlebten) gibt uns das Maß von
-„Sein“, „Realität“, „Nicht-Schein“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[Pg 205]</a></span></p>
-
-<p><em>Subjekt</em>: das ist die Terminologie unsres Glaubens an
-eine <em>Einheit</em> unter allen den verschiedenen Momenten höchsten
-Realitätsgefühls: wir verstehen diesen Glauben als
-<em>Wirkung</em> Einer Ursache, &ndash; wir glauben an unseren Glauben
-so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“,
-„Wirklichkeit“, „Substanzialität“ überhaupt imaginieren.
-&ndash; „Subjekt“ ist die Fiktion, als ob viele <em>gleiche</em> Zustände
-an uns die Wirkung eines Substrats wären: aber <em>wir</em>
-haben erst die „Gleichheit“ dieser Zustände <em>geschaffen</em>; das
-Gleich<em>setzen</em> und <em>Zurecht</em>machen derselben ist der <em>Tatbestand</em>,
-<em>nicht</em> die Gleichheit (&ndash; diese ist vielmehr zu <em>leugnen</em>
-&ndash;).</p>
-
-
-<h6>368.</h6>
-
-<p>Psychologische Geschichte des Begriffs „<em>Subjekt</em>“. Der
-Leib, das Ding, das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt
-die Unterscheidung von einem Tun und einem Tuenden; der
-Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner gefaßt, hat
-zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.</p>
-
-
-<h6>369.</h6>
-
-<p>„Subjekt“, „Objekt“, „Prädikat“ &ndash; diese Trennungen
-sind <em>gemacht</em> und werden jetzt wie Schemata übergestülpt
-über alle anscheinenden Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung
-ist, daß ich glaube, ich bin's, der etwas tut, etwas
-leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft „hat“.</p>
-
-
-<h6>370.</h6>
-
-<p>„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf
-läuft die Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das
-heißt unsern Glauben an den <em>Substanz</em>begriff schon als
-„wahr <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">a priori</span>“ ansetzen: &ndash; daß, wenn gedacht wird, es
-etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine Formulierung
-unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem
-Tun einen Täter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches
-Postulat gemacht &ndash; und <em>nicht nur
-konstatiert</em>.... Auf dem Wege des Cartesius kommt man
-<em>nicht</em> zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu einem
-Faktum eines sehr starken Glaubens.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[Pg 206]</a></span></p>
-
-<p>Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich
-gibt es Gedanken“, so hat man eine bloße Tautologie: und
-gerade das, was in Frage steht, die „<em>Realität</em> des Gedankens“,
-ist nicht berührt, &ndash; nämlich in dieser Form ist
-die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht abzuweisen. Was
-aber Cartesius <em>wollte</em>, ist, daß der Gedanke nicht nur eine
-<em>scheinbare Realität</em> hat, sondern eine <em>an sich</em>.</p>
-
-
-<h6>371.</h6>
-
-<p>Daß zwischen <em>Subjekt</em> und <em>Objekt</em> eine Art adäquater
-Relation stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das <em>von
-innen gesehen</em> Subjekt wäre, ist eine gutmütige Erfindung,
-die, wie ich denke, ihre Zeit gehabt hat. Das Maß
-dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz und
-gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens:
-wie erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins
-irgendwie über „Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen,
-mit denen die Realität berührt würde! &ndash;</p>
-
-
-<h6>372.</h6>
-
-<p>Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht
-ist“; &ndash; wir sind am andern Ende und sagen, „was gedacht
-werden kann, muß sicherlich eine Fiktion sein.“</p>
-
-
-<h6>373.</h6>
-
-<p>Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt
-sich zum Beispiel im Nihilismus. Der Glaube, <em>daß es gar
-keine Wahrheit gibt</em>, der Nihilistenglaube, ist ein großes
-Gliederstrecken für einen, der als Kriegsmann der Erkenntnis
-unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im Kampfe
-liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.</p>
-
-
-<h4>3. Metaphysik.<br />
-
-<span class="normal2">Die „wahre“ Welt.</span></h4>
-
-
-<h5>374.</h5>
-
-<p>Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der
-Welt ein für allemal auszuruhen. Zauber der entgegenge<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[Pg 207]</a></span>setzten
-Denkweise: sich den Anreiz des änigmatischen Charakters
-nicht nehmen lassen.</p>
-
-
-<h5>375.</h5>
-
-<p>Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche
-Kraft. Wir wollen uns <em>hüten</em>, den Niedrigen die <em>ihnen</em>
-nötige Denkweise auszudenken und vorzuschreiben!!</p>
-
-
-<h5>376.</h5>
-
-<p>Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein
-Symptom des Wachstums oder des Untergehens.</p>
-
-<p>Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inertia</span>;
-die Mehrheit der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt
-ihren beunruhigenden und änigmatischen Charakter <em>nicht
-abstreiten wollen</em>!</p>
-
-
-<h5>377.</h5>
-
-<p><em>Gegen</em> das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu
-gehört auch jeder Versuch von Monismus.</p>
-
-
-<h5>378.</h5>
-
-<p>Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran
-ist die Folge einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen
-Interpretationen, eine Verallgemeinerung der Mutlosigkeit
-und Schwäche, &ndash; kein <em>notwendiger</em> Glaube.</p>
-
-<p>Unbescheidenheit des Menschen &ndash;&nbsp;: wo er den Sinn nicht
-sieht, ihn zu <em>leugnen</em>!</p>
-
-
-<h5>379.</h5>
-
-<p>Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so
-hat man kein Auge für das, was war, und das, was wird:
-&ndash; man sieht nur das <em>Seiende</em>. Da es aber nichts Seiendes
-gibt, so blieb dem Philosophen nur das <em>Imaginäre</em>
-aufgespart, als seine „Welt“.</p>
-
-
-<h5>380.</h5>
-
-<p>Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert
-hat, &ndash; sie war immer die scheinbare Welt <em>noch einmal</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[Pg 208]</a></span></p>
-
-
-<h5>381.<br />
-Die „<em>wahre</em>“ und die „<em>scheinbare Welt</em>“.</h5>
-
-
-<h6>A.</h6>
-
-<p>Die <em>Verführungen</em>, die von diesem Begriff ausgehen,
-sind dreierlei Art:</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) eine <em>unbekannte</em> Welt: &ndash; wir sind Abenteurer, neugierig,
-&ndash; das Bekannte scheint uns müde zu machen (&ndash;
-die Gefahr des Begriffs liegt darin, uns „diese“ Welt als
-<em>bekannt</em> zu insinuieren....);</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) eine <em>andre</em> Welt, wo es anders ist: &ndash; es rechnet etwas
-in uns nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren
-dabei ihren Wert, &ndash; vielleicht wird alles gut, wir
-haben nicht umsonst gehofft.... Die Welt, wo es anders,
-wo wir selbst &ndash; wer weiß? &ndash; anders sind....</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) eine <em>wahre</em> Welt: &ndash; das ist der wunderlichste Streich
-und Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so vieles an
-das Wort „wahr“ ankrustiert, unwillkürlich machen wir's
-auch der „wahren Welt“ zum Geschenk: die <em>wahre</em> Welt
-muß auch eine <em>wahrhaftige</em> sein, eine solche, die uns nicht
-betrügt, nicht zu Narren hat: an sie glauben ist beinahe glauben
-<em>müssen</em> (&ndash; aus Anstand, wie es unter zutrauenswürdigen
-Wesen geschieht &ndash;).</p>
-
-<p>Der Begriff „die <em>unbekannte</em> Welt“ insinuiert uns
-<em>diese</em> Welt als „bekannt“ (als langweilig &ndash;);</p>
-
-<p>der Begriff „die <em>andre</em> Welt“ insinuiert, als ob die Welt
-<em>anders sein könnte</em>, &ndash; hebt die Notwendigkeit und das Fatum
-auf (&ndash; unnütz, sich zu <em>ergeben</em>, sich <em>anzupassen</em> &ndash;);</p>
-
-<p>der Begriff „die <em>wahre</em> Welt“ insinuiert diese Welt als
-eine unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche,
-&ndash; und <em>folglich</em> auch nicht unserm Nutzen zugetane
-Welt (&ndash; unratsam, sich ihr anzupassen; <em>besser</em>: ihr
-widerstreben).</p>
-
-<p>Wir <em>entziehen</em> uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt:</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) mit unsrer <em>Neugierde</em>, &ndash; wie als ob der interessantere
-Teil wo anders wäre;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[Pg 209]</a></span></p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) mit unsrer <em>Ergebung</em>, &ndash; wie als ob es nicht nötig sei,
-sich zu ergeben, &ndash; wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit
-letzten Ranges sei;</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) mit unsrer <em>Sympathie</em> und Achtung, &ndash; wie als ob
-diese Welt sie nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns
-nicht redlich....</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: wir sind auf eine dreifache Weise <em>revoltiert</em>:
-wir haben ein <span class="antiqua">x</span> zur <em>Kritik</em> der „bekannten Welt“ gemacht.</p>
-
-
-<h6>B.</h6>
-
-<p><em>Erster Schritt der Besonnenheit</em>: zu begreifen, inwiefern
-wir <em>verführt</em> sind, &ndash; nämlich es könnte an sich
-exakt <em>umgekehrt</em> sein:</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) die <em>unbekannte</em> Welt könnte derartig beschaffen sein,
-um uns Lust zu machen zu „dieser“ Welt, &ndash; als eine vielleicht
-stupide und geringere Form des Daseins;</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) die <em>andere</em> Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen,
-die hier keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit
-unter der Masse dessen sein, was uns <em>diese</em> Welt möglich
-macht: sie kennen lernen wäre ein Mittel, uns zufrieden zu
-machen;</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) die <em>wahre</em> Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die
-scheinbare Welt weniger wert sein muß, als die wahre?
-Widerspricht nicht unser Instinkt diesem Urteile? Schafft
-sich nicht ewig der Mensch eine fingierte Welt, weil er eine
-bessere Welt haben will als die Realität? Vor <em>allem</em>: wie
-kommen wir darauf, daß <em>nicht unsre</em> Welt die wahre
-ist?.... zunächst könnte doch die andre Welt die „scheinbare“
-sein (in der Tat haben sich die Griechen zum Beispiel
-ein <em>Schattenreich</em>, eine <em>Scheinexistenz</em> neben der <em>wahren</em>
-Existenz gedacht &ndash;). Und endlich: was gibt uns ein
-Recht, gleichsam <em>Grade der Realität</em> anzusetzen? Das ist
-etwas anderes als eine unbekannte Welt, &ndash; das ist bereits
-<em>Etwas-wissen-wollen von der unbekannten</em>. Die „andere“,
-die „unbekannte“ Welt &ndash; gut! aber sagen „wahre
-Welt“, das heißt „etwas <em>wissen</em> von ihr“, &ndash; das ist der
-<em>Gegensatz</em> zur Annahme einer <span class="antiqua">x</span>-Welt....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[Pg 210]</a></span></p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: die Welt <span class="antiqua">x</span> könnte in jedem Sinne langweiliger,
-unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.</p>
-
-<p>Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe <span class="antiqua">x</span>
-Welten, das heißt jede mögliche Welt noch außer dieser.
-Aber das ist <em>nie behauptet worden</em>....</p>
-
-
-<h6>C.</h6>
-
-<p>Problem: warum die <em>Vorstellung von der andern
-Welt</em> immer zum Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“
-Welt ausgefallen ist, &ndash; worauf das weist? &ndash;</p>
-
-<p>Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange
-des Lebens ist, denkt das <em>Anders</em>sein immer als
-Niedriger-, Wertlosersein; es betrachtet die fremde, die unbekannte
-Welt als seinen Feind, als seinen Gegensatz, es
-fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen das
-Fremde.... Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes
-Volk das „wahre Volk“ wäre....</p>
-
-<p>Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, &ndash; daß
-man diese Welt für die „scheinbare“ und <em>jene</em> für die
-„wahre“ nimmt, ist symptomatisch.</p>
-
-<p>Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“:</p>
-
-<p>der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die
-<em>Vernunft</em> und die <em>logischen</em> Funktionen adäquat sind:
-&ndash; daher stammt die „wahre“ Welt;</p>
-
-<p>der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet:
-&ndash; daher stammt die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt;</p>
-
-<p>der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert:
-&ndash; daher stammt die „gute, vollkommene, gerechte, heilige“
-Welt.</p>
-
-<p>Das <em>Gemeinsame</em> der drei Entstehungsherde: der <em>psychologische</em>
-Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.</p>
-
-<p>Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte
-erscheint, mit welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den
-Stigmaten des philosophischen, des religiösen, des moralischen
-Vorurteils.</p>
-
-<p>Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt,
-als <em>ein Synonym des Nichtseins</em>, des Nichtlebens, des
-Nichtleben<em>wollens</em>....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[Pg 211]</a></span></p>
-
-<p><em>Gesamteinsicht</em>: der Instinkt der <em>Lebensmüdigkeit</em>,
-und nicht der des Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen.</p>
-
-<p><em>Konsequenz</em>: Philosophie, Religion und Moral sind
-<em>Symptome der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span></em>.</p>
-
-
-<h5>382.</h5>
-
-<p><em>Zur Psychologie der Metaphysik.</em> &ndash; Diese Welt ist
-scheinbar: <em>folglich</em> gibt es eine wahre Welt; &ndash; diese Welt
-ist bedingt: <em>folglich</em> gibt es eine unbedingte Welt; &ndash; diese
-Welt ist widerspruchsvoll: <em>folglich</em> gibt es eine widerspruchslose
-Welt; &ndash; diese Welt ist werdend: <em>folglich</em> gibt
-es eine seiende Welt: &ndash; lauter falsche Schlüsse (blindes
-Vertrauen in die Vernunft: wenn <span class="antiqua">A</span> <em>ist</em>, so muß auch sein
-Gegensatzbegriff <span class="antiqua">B</span> <em>sein</em>). Zu diesen Schlüssen <em>inspiriert
-das Leiden</em>: im Grunde sind es <em>Wünsche</em>, es möchte eine
-solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine
-Welt, die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert
-wird, eine <em>wertvollere</em>: das <em>Ressentiment</em> der Metaphysiker
-gegen das Wirkliche ist hier schöpferisch.</p>
-
-<p><em>Zweite</em> Reihe von Fragen: <em>wozu</em> Leiden?.... und hier
-ergibt sich ein Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt
-zu unsrer scheinbaren, wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen:
-1. Leiden als Folge des Irrtums: wie ist Irrtum
-möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie ist Schuld
-möglich? (&ndash; lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder
-der Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert).
-Wenn aber die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten
-bedingt ist, so muß die <em>Freiheit zum Irrtum und zur
-Schuld</em> mit von ihr bedingt sein: und wieder fragt man
-<em>wozu</em>?.... Die Welt des Scheins, des Werdens, des Widerspruchs,
-des Leidens ist also <em>gewollt</em>: <em>wozu</em>?</p>
-
-<p>Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe
-sind gebildet, &ndash; <em>weil</em> dem einen von ihnen eine Realität
-entspricht, „<em>muß</em>“ auch dem andern eine Realität entsprechen.
-„<em>Woher</em> sollte man sonst dessen Gegenbegriff
-haben?“ &ndash; <em>Vernunft</em> somit als eine Offenbarungsquelle
-über An-sich-Seiendes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[Pg 212]</a></span></p>
-
-<p>Aber die <em>Herkunft</em> jener Gegensätze <em>braucht nicht notwendig</em>
-auf eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen:
-es genügt, die <em>wahre Genesis</em> der Begriffe dagegenzustellen:
-&ndash; diese stammt aus der praktischen Sphäre,
-aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher ihren <em>starken
-Glauben</em> (man <em>geht daran zugrunde</em>, wenn man
-nicht gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das
-nicht „bewiesen“, was sie behauptet).</p>
-
-<p><em>Die Präokkupation durch das Leiden</em> bei den Metaphysikern:
-ist ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer
-Unsinn. Tapfere und schöpferische Menschen fassen Lust und
-Leid <em>nie</em> als letzte Wertfragen, &ndash; es sind Begleitzustände:
-man muß beides <em>wollen</em>, wenn man etwas <em>erreichen</em> will
-&ndash; darin drückt sich etwas Müdes und Krankes an den Metaphysikern
-und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme
-im Vordergrunde sehen. Auch die <em>Moral</em> hat <em>nur</em>
-deshalb für sie solche <em>Wichtigkeit</em>, weil sie als wesentliche
-Bedingung in Hinsicht auf Abschaffung des Leidens gilt.</p>
-
-<p><em>Insgleichen die Präokkupation durch Schein und
-Irrtum</em>: Ursache von Leiden, Aberglaube, daß das Glück
-mit der Wahrheit verbunden sei (Verwechslung: das Glück
-in der „Gewißheit“, im „Glauben“).</p>
-
-
-<h5>383.</h5>
-
-<p><em>Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“.</em>
-&ndash; Von diesen ist die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten
-Dingen gebildet.</p>
-
-<p>Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist
-eine Form ihres Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein
-Sein gibt, muß durch den Schein erst eine gewisse berechenbare
-Welt <em>identischer</em> Fälle geschaffen werden: ein
-Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung möglich
-ist, usw.</p>
-
-<p>: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte
-Welt, an der unsre <em>praktischen</em> Instinkte gearbeitet
-haben: sie ist für <em>uns</em> vollkommen wahr: nämlich wir <em>leben</em>,
-wir können in ihr leben: <em>Beweis</em> ihrer Wahrheit für
-uns....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[Pg 213]</a></span></p>
-
-<p>: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu
-leben, die Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik
-und psychologischen Vorurteile reduziert haben, existiert <em>nicht</em>
-als Welt „an sich“; sie ist essentiell Relationswelt: sie hat
-unter Umständen von jedem Punkt aus ihr <em>verschiedenes
-Gesicht</em>: ihr Sein ist essentiell an jedem Punkte anders:
-sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt &ndash;
-und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich <em>inkongruent</em>.</p>
-
-<p>Das <em>Maß von Macht</em> bestimmt, welches Wesen das
-andre Maß von Macht hat: unter welcher Form, Gewalt,
-Nötigung es wirkt oder widersteht.</p>
-
-<p>Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine
-Konzeption gemacht, um in einer Welt leben zu können,
-um gerade genug zu perzipieren, daß wir noch es <em>aushalten</em>....</p>
-
-
-<h5>384.</h5>
-
-<p>Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten
-angesehen; geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt
-in diesem Falle nach dem Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht
-auf die Erhaltung und Machtsteigerung einer bestimmten
-Gattung von Animal.</p>
-
-<p>Das <em>Perspektivische</em> also gibt den Charakter der
-„Scheinbarkeit“ ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe,
-wenn man das Perspektivische abrechnet! Damit hätte man
-ja die <em>Relativität</em> abgerechnet!</p>
-
-<p>Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen <em>Rest</em> seine <em>Perspektive</em>,
-das heißt seine ganz bestimmte <em>Wertung</em>, seine
-Aktionsart, seine Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“
-reduziert sich also auf eine spezifische Art von Aktion auf
-die Welt, ausgehend von einem Zentrum.</p>
-
-<p>Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“
-ist nur ein Wort für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die
-<em>Realität</em> besteht exakt in dieser Partikularaktion und -Reaktion
-jedes Einzelnen gegen das Ganze....</p>
-
-<p>Es bleibt kein Schatten von <em>Recht</em> mehr übrig, hier von
-<em>Schein</em> zu reden....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[Pg 214]</a></span></p>
-
-<p>Die <em>spezifische Art zu reagieren</em> ist die einzige Art
-des Reagierens: wir wissen nicht, wie viele und was für
-Arten es alles gibt.</p>
-
-<p>Aber es gibt kein „<em>anderes</em>“, kein „wahres“, kein wesentliches
-Sein, &ndash; damit würde eine Welt <em>ohne</em> Aktion und
-Reaktion ausgedrückt sein....</p>
-
-<p>Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt
-reduziert sich auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ &ndash;</p>
-
-
-<h5>385.</h5>
-
-
-<h6>A.</h6>
-
-<p>Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute
-resigniert, auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine
-wahre Welt &ndash; sie mag sein, wie sie will &ndash;, gewiß haben
-wir kein Organ der Erkenntnis für sie.</p>
-
-<p>Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ
-der Erkenntnis setzt man auch diesen Gegensatz nur an?....</p>
-
-<p>Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich
-ist, auch als abhängig von diesen Organen verstanden wird,
-damit, daß wir eine Welt als subjektiv bedingt verstehen,
-damit ist nicht ausgedrückt, daß eine objektive Welt überhaupt
-möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß die
-Subjektivität real, essentiell ist?</p>
-
-<p>Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption:
-eine „Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den
-Begriff „Sein“, „Ding“ immer nur als <em>Relations</em>begriff....</p>
-
-<p>Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“
-und „wahr“ sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt
-hat: „gering an Wert“ und „absolut wertvoll“.</p>
-
-<p>Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“
-Welt; der Schein soll eine Instanz gegen den obersten Wert
-sein. Wertvoll an sich kann nur eine „wahre“ Welt sein....</p>
-
-<p><em>Vorurteil der Vorurteile!</em> Erstens wäre an sich möglich,
-daß die wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den
-Voraussetzungen des Lebens schädlich wäre, entgegengesetzt
-wäre, daß eben der Schein not täte, um leben zu können....<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[Pg 215]</a></span>
-Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum Beispiel in der
-Ehe.</p>
-
-<p>Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung
-auch in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten
-für wahr, für gut, für wertvoll, was der Erhaltung der
-Gattung frommt....</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine
-wahre und eine scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte
-eben <em>bloß</em> eine scheinbare Welt geben, aber nicht nur <em>unsere</em>
-scheinbare Welt....)</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) Die <em>wahre</em> Welt angenommen, so könnte sie immer
-noch die <em>geringere an Wert</em> für uns sein: gerade das
-Quantum Illusion möchte, in seinem Erhaltungswert für
-uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der <em>Schein</em>
-an sich ein Verwerfungsurteil begründete?)</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den <em>Graden
-der Werte</em> und den <em>Graden der Realität</em> (so daß die
-obersten Werte auch die oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches
-Postulat, von der Voraussetzung ausgehend,
-daß wir die Rangordnung der Werte <em>kennen</em>: nämlich, daß
-diese Rangordnung eine <em>moralische</em> ist.... Nur in dieser
-Voraussetzung ist die <em>Wahrheit</em> notwendig für die Definition
-alles Höchstwertigen.</p>
-
-
-<h6>B.</h6>
-
-<p>Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die <em>wahre
-Welt</em> abschafft. Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung
-der <em>Welt, die wir sind</em>: sie war bisher
-unser gefährlichstes <em>Attentat</em> auf das Leben.</p>
-
-<p><em>Krieg</em> gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man
-eine wahre Welt fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört,
-daß die <em>moralischen Werte die obersten</em> seien.</p>
-
-<p>Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn
-sie bewiesen werden könnte als die Folge einer <em>unmoralischen</em>
-Wertung: als ein Spezialfall der realen Unmoralität:
-sie reduzierte sich damit selbst auf einen <em>Anschein</em>,
-und als <em>Anschein</em> hätte sie, von sich aus, kein Recht mehr,
-den Schein zu verurteilen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[Pg 216]</a></span></p>
-
-
-<h6>C.</h6>
-
-<p>Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu
-untersuchen: er ist keine moralische Gewalt, sondern eine
-Form des Willens zur Macht. Dies wäre damit zu beweisen,
-daß er sich aller <em>unmoralischen</em> Mittel bedient: die Metaphysiker
-voran &ndash;</p>
-
-<p>Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt,
-daß die moralischen Werte die obersten Werte seien.
-Die <em>Methodik der Forschung</em> ist erst erreicht, wenn alle
-<em>moralischen Vorurteile</em> überwunden sind: &ndash; sie stellte
-einen Sieg über die Moral dar....</p>
-
-
-<h5>386.</h5>
-
-<p>Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man
-möchte wissen, wie die <em>Dinge an sich</em> beschaffen sind: aber
-siehe da, es gibt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es
-<em>gäbe</em> ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum
-<em>nicht erkannt werden</em>! Etwas Unbedingtes kann nicht
-erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen
-ist aber immer „sich irgendwozu in Bedingung
-setzen“ &ndash; &ndash;; ein solch Erkennender will, daß das, was er
-erkennen will, ihn nichts angeht, und daß dasselbe Etwas
-überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch
-gegeben ist, im Erkennen<em>wollen</em> und dem Verlangen,
-daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?),
-und zweitens, weil etwas, das niemanden nichts
-angeht, gar nicht <em>ist</em>, also auch gar nicht erkannt werden
-kann. &ndash; Erkennen heißt „sich in Bedingung setzen zu etwas“:
-sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst
-unsrerseits bedingen &ndash; &ndash; es ist also unter allen Umständen
-ein <em>Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen</em>
-(<em>nicht</em> ein <em>Ergründen</em> von Wesen, Dingen,
-„An-sichs“).</p>
-
-
-<h5>387.</h5>
-
-<p>Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre
-„Dinge“:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[Pg 217]</a></span></p>
-
-<p>denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine
-Eigenschaften,</p>
-
-<p>das heißt, <em>es gibt kein Ding ohne andre Dinge</em>,</p>
-
-<p>das heißt, es gibt kein „Ding an sich“.</p>
-
-
-<h5>388.</h5>
-
-<p>Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen,
-alle „Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges
-wegdenke, so bleibt nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst
-von uns <em>hinzufingiert</em> ist, aus logischen Bedürfnissen,
-also zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung (zur
-Bindung jener Vielheit von Relationen, Eigenschaften, Tätigkeiten).</p>
-
-
-<h5>389.</h5>
-
-<p>„Dinge, die eine Beschaffenheit <em>an sich</em> haben“ &ndash; eine
-dogmatische Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.</p>
-
-
-<h5>390.</h5>
-
-<p>Daß die Dinge eine <em>Beschaffenheit an sich</em> hätten,
-ganz abgesehen von der Interpretation und Subjektivität, ist
-<em>eine ganz müßige Hypothese</em>: es würde voraussetzen,
-daß das <em>Interpretieren</em> und <em>Subjektsein</em> <em>nicht</em> wesentlich
-sei, daß ein Ding, aus allen Relationen gelöst, noch
-Ding sei.</p>
-
-<p>Umgekehrt: der anscheinende <em>objektive</em> Charakter der
-Dinge: könnte er nicht bloß auf eine <em>Graddifferenz</em> innerhalb
-des Subjektiven hinauslaufen? &ndash; daß etwa das Langsam-Wechselnde
-uns als „objektiv“ dauernd, seiend, „an
-sich“ sich herausstellte, &ndash; daß das Objektive nur ein falscher
-Artbegriff und Gegensatz wäre <em>innerhalb</em> des Subjektiven?</p>
-
-
-<h5>391.</h5>
-
-<p>Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an
-sich“, eine „Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand
-an sich“, sondern <em>ein Sinn muß immer erst hineingelegt
-werden, damit es einen Tatbestand geben
-kann</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[Pg 218]</a></span></p>
-
-<p>Das „was ist das?“ ist eine <em>Sinnsetzung</em> von etwas
-anderem aus gesehen. Die „<em>Essenz</em>“, die „<em>Wesenheit</em>“
-ist etwas Perspektivisches und setzt eine Vielheit schon voraus.
-Zugrunde liegt immer „was ist das für <em>mich</em>?“ (für
-uns, für alles, was lebt usw.).</p>
-
-<p>Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen
-ihr „was ist das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt,
-ein einziges Wesen, mit seinen eignen Relationen und
-Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so ist das Ding immer
-noch nicht „definiert“.</p>
-
-<p>Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine <em>Meinung</em>
-über das „Ding“. Oder vielmehr: das „<em>es gilt</em>“ ist das
-eigentliche „<em>es ist</em>“, das einzige „das ist“.</p>
-
-<p>Man darf nicht fragen: „<em>wer</em> interpretiert denn?“ sondern
-das Interpretieren selbst, als eine Form des Willens
-zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein „Sein“, sondern
-als ein <em>Prozeß</em>, ein <em>Werden</em>) als ein Affekt.</p>
-
-<p>Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk
-der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Empfindenden.
-Der Begriff „Ding“ selbst ebenso als alle Eigenschaften. &ndash;
-Selbst „das Subjekt“ ist ein solches Geschaffenes, ein
-„Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die
-<em>Kraft</em>, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen,
-im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden,
-Denken selbst. Also das <em>Vermögen</em> im Unterschiede von
-allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Tun in Hinsicht
-auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und die Wahrscheinlichkeit
-ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.</p>
-
-
-<h5>392.</h5>
-
-<p>Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich
-auch den gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte
-kein Recht mehr zu seiner Unterscheidung „<em>Erscheinung</em>“
-und „<em>Ding an sich</em>“, &ndash; er hatte sich selbst das Recht abgeschnitten,
-noch fernerhin in dieser alten üblichen Weise zu
-unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung
-auf eine <em>Ursache</em> der Erscheinung als unerlaubt ablehnte &ndash;<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[Pg 219]</a></span>
-gemäß seiner Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen
-<em>rein intraphänomenaler</em> Gültigkeit: welche Fassung andrerseits
-jene Unterscheidung schon vorwegnimmt, wie als ob
-das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen, sondern <em>gegeben</em>
-sei.</p>
-
-
-<h5>393.</h5>
-
-<p>Es liegt auf der Hand, daß <em>weder</em> Dinge an sich miteinander
-im Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen
-können, <em>noch</em> Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergibt,
-daß der Begriff „Ursache und Wirkung“ innerhalb
-einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen
-glaubt, <em>nicht anwendbar</em> ist. Die Fehler Kants &ndash;....
-Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“,
-psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die
-immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt, &ndash; die
-nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an „<em>Seelen</em>“
-(und <em>nicht</em> an Dinge). Innerhalb der mechanischen Weltbetrachtung
-(welche Logik ist und deren Anwendung auf
-Raum und Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische
-Formel &ndash; mit der, wie man immer wieder unterstreichen
-muß, niemals etwas begriffen, wohl aber etwas
-bezeichnet, <em>verzeichnet</em> wird.</p>
-
-
-<h5>394.</h5>
-
-<p>Gegen den <em>Wert</em> des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas
-Naivität, Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten
-und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen
-am Bauch der Schlange <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vita</span> &ndash;</p>
-
-
-
-
-<h3>III. Die Natur &ndash; ein Machtwille.</h3>
-
-
-<h4>1. Die anorganische Natur.</h4>
-
-
-<h5>395.</h5>
-
-<p>Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken;
-wir können durch nichts verhindern, bloße <em>Quantitätsdifferenzen</em>
-als etwas von Quantität Grundverschiedenes
-zu empfinden, nämlich als <em>Qualitäten</em>, die nicht mehr auf<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[Pg 220]</a></span>einander
-reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das Wort
-„Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt,
-gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität:
-während umgekehrt alle unsre Wertempfindungen (das heißt
-eben unsre Empfindungen) gerade an den Qualitäten haften,
-das heißt an unsren, nur uns allein zugehörigen perspektivischen
-„Wahrheiten“, die schlechterdings nicht „erkannt“
-werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von uns
-verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich
-in einer anderen Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten
-sind unsre eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu
-verlangen, daß diese unsre menschlichen Auslegungen und
-Werte allgemeine und vielleicht konstitutive Werte sind, gehört
-zu den erblichen Verrücktheiten des menschlichen Stolzes.</p>
-
-
-<h5>396.</h5>
-
-<p>Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, <em>Quantitäten</em>
-festzustellen; aber wir können durch nichts hindern, diese
-Quantitätsdifferenzen als <em>Qualitäten</em> zu empfinden. Die
-Qualität ist eine <em>perspektivische</em> Wahrheit für <em>uns</em>; kein
-„An sich“.</p>
-
-<p>Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte,
-innerhalb deren sie funktionieren, das heißt, wir empfinden
-groß und klein im Verhältnis zu den Bedingungen unsrer
-Existenz. Wenn wir unsre Sinne um das Zehnfache verschärften
-oder verstumpften, würden wir zugrunde gehen:
-&ndash; das heißt, wir empfinden auch <em>Größenverhältnisse</em> in
-bezug auf unsre Existenzermöglichung als <em>Qualitäten</em>.</p>
-
-
-<h5>397.</h5>
-
-<p>Von den <em>Weltauslegungen</em>, welche bisher versucht worden
-sind, scheint heutzutage die <em>mechanistische</em> siegreich im
-Vordergrund zu stehen. Ersichtlich hat sie das gute Gewissen
-auf ihrer Seite; und keine Wissenschaft glaubt bei sich
-selber an einen Fortschritt und Erfolg, es sei denn, wenn er
-mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen ist. Jedermann
-kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“
-und die „Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele,<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[Pg 221]</a></span>
-man zeigt, daß bei gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden
-kann; man verbirgt ein schadenfrohes Schmunzeln nicht,
-wenn wieder einmal die „anscheinende Absichtlichkeit im
-Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck und
-Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen,
-wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter
-Ausdruck erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen
-Dummheit. Inzwischen gibt sich gerade bei den ausgesuchten
-Geistern, welche in dieser Beziehung stehen, ein Vorgefühl,
-eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die Theorie ein
-Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten Loche
-werden könne: ich meine zu jenem, auf dem man pfeift,
-wenn man in höchsten Nöten ist. Man kann Druck und
-Stoß selber nicht „erklären“, man wird die <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">actio in distans</span>
-nicht los: &ndash; man hat den Glauben an das Erklären-können
-selber verloren und gibt mit sauertöpfischer Miene zu, daß
-Beschreiben und nicht Erklären möglich ist, daß die dynamische
-Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes“,
-den Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker
-Gewalt haben wird: wobei man freilich zur Dynamis noch
-eine innere Qualität &ndash;</p>
-
-
-<h5>398.</h5>
-
-<p>Der mechanistische Begriff der „<em>Bewegung</em>“ ist bereits
-eine Übersetzung des Originalvorgangs in die <em>Zeichensprache
-von Auge und Getast</em>.</p>
-
-<p>Der Begriff „<em>Atom</em>“, die Unterscheidung zwischen einem
-„Sitz der treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine <em>Zeichensprache
-aus unsrer logisch-psychischen Welt her</em>.</p>
-
-<p>Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel
-zu verändern: es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße
-Semiotik ist. Die Forderung einer <em>adäquaten Ausdrucksweise</em>
-ist <em>unsinnig</em>: es liegt im Wesen einer Sprache, eines
-Ausdrucksmittels, eine bloße <em>Relation</em> auszudrücken....
-Der Begriff „Wahrheit“ ist <em>widersinnig</em>. Das ganze
-Reich von „wahr &ndash; falsch“ bezieht sich nur auf Relationen
-zwischen Wesen, nicht auf das „An sich“.... Es gibt kein<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[Pg 222]</a></span>
-„Wesen an sich“ (die <em>Relationen</em> konstituieren erst Wesen
-&ndash;), so wenig es eine „Erkenntnis an sich“ geben kann.</p>
-
-
-<h5>399.</h5>
-
-<p><em>Druck</em> und <em>Stoß</em> etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes,
-Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das <em>zusammenhält</em>
-und drücken und stoßen <em>kann</em>! Aber woher
-hielte es zusammen?</p>
-
-
-<h5>400.</h5>
-
-<p><em>Gegen</em> das physikalische <em>Atom</em>. &ndash; Um die Welt zu begreifen,
-müssen wir sie berechnen können; um sie berechnen
-zu können, müssen wir konstante Ursachen haben; weil wir
-in der Wirklichkeit keine solchen konstanten Ursachen finden,
-<em>erdichten</em> wir uns welche &ndash; die Atome. Dies ist die Herkunft
-der Atomistik.</p>
-
-<p>Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles
-Geschehens in Formeln &ndash; ist das wirklich ein „Begreifen“?
-Was wäre wohl an einer Musik begriffen, wenn alles, was
-an ihr berechenbar ist und in Formeln abgekürzt werden
-kann, berechnet wäre? &ndash; Sodann die „konstanten Ursachen“,
-Dinge, Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also;
-<em>erdichtet</em> &ndash; was hat man erreicht?</p>
-
-
-<h5>401.</h5>
-
-<p>„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne
-ist eine vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns
-ohne eine <em>Absicht</em> ein Anziehen nicht denken. &ndash; Den Willen,
-sich einer Sache zu bemächtigen oder gegen ihre Macht
-sich zu wehren und sie zurückzustoßen &ndash; <em>das</em> „verstehen“
-wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.</p>
-
-<p>Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben
-an Kausalität liegt in der <em>Unvorstellbarkeit</em> eines <em>Geschehens
-ohne Absichten</em>: womit natürlich über Wahrheit
-oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen Glaubens)
-nichts gesagt ist! Der Glaube an <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causae</span> fällt mit dem
-Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[Pg 223]</a></span></p>
-
-
-<h5>402.</h5>
-
-<p>Wir haben „Einheiten“ nötig, um <em>rechnen</em> zu können:
-deshalb ist nicht anzunehmen, daß es solche Einheiten <em>gibt</em>.
-Wir haben den Begriff der Einheit entlehnt von unserm
-„Ich“-Begriff, &ndash; unserm ältesten Glaubensartikel. Wenn
-wir uns nicht für Einheiten hielten, hätten wir nie den Begriff
-„Ding“ gebildet. Jetzt, ziemlich spät, sind wir reichlich
-davon überzeugt, daß unsre Konzeption des Ich-Begriffs
-nichts für eine reale Einheit verbürgt. Wir haben also, um
-die mechanistische Welt theoretisch aufrecht zu erhalten, immer
-die Klausel zu machen, inwiefern wir sie mit zwei Fiktionen
-durchführen: dem Begriff der <em>Bewegung</em> (aus
-unsrer Sinnensprache genommen) und dem Begriff des
-<em>Atoms</em> (= Einheit, aus unsrer psychischen „Erfahrung“
-herstammend): &ndash; sie hat ein <em>Sinnenvorurteil</em> und ein
-<em>psychologisches Vorurteil</em> zu ihrer Voraussetzung.</p>
-
-<p>Die Mechanik formuliert Folgeerscheinungen, noch dazu
-semiotisch, in sinnlichen und psychologischen Ausdrucksmitteln
-(daß alle Wirkung <em>Bewegung</em> ist; daß, wo Bewegung
-ist, <em>etwas</em> bewegt wird): sie berührt die ursächliche Kraft
-nicht.</p>
-
-<p>Die <em>mechanistische</em> Welt ist so imaginiert, wie das Auge
-und das Getast sich allein eine Welt vorstellen (als „bewegt“),
-&ndash; so, daß sie berechnet werden kann, &ndash; daß
-ursächliche Einheiten fingiert sind, „Dinge“ (Atome), deren
-Wirkung konstant bleibt (&ndash; Übertragung des falschen Subjektsbegriffs
-auf den Atombegriff).</p>
-
-<p><em>Phänomenal</em> ist also: die Einmischung des Zahlbegriffs,
-des Dingbegriffs (Subjektbegriffs), des Tätigkeitsbegriffs
-(Trennung von Ursachesein und Wirken), des Bewegungsbegriffs
-(Auge und Getast): wir haben unser <em>Auge</em>, unsre
-<em>Psychologie</em> immer noch darin.</p>
-
-<p>Eliminieren wir diese Zutaten, so bleiben keine Dinge
-übrig, sondern dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis
-zu allen andern dynamischen Quanten: deren
-Wesen in ihrem Verhältnis zu allen andern Quanten besteht,
-in ihrem „Wirken“ auf dieselben. Der Wille zur<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[Pg 224]</a></span>
-Macht nicht ein Sein, nicht ein Werden, sondern ein <em>Pathos</em>
-&ndash; ist die elementarste Tatsache, aus der sich erst ein
-Werden, ein Wirken ergibt....</p>
-
-
-<h5>403.</h5>
-
-<p>Der siegreiche Begriff „<em>Kraft</em>“, mit dem unsere Physiker
-Gott und die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer
-Ergänzung: es muß ihm ein innerer Wille zugesprochen
-werden, welchen ich bezeichne als „<em>Willen zur Macht</em>“,
-das heißt als unersättliches Verlangen nach Bezeigung der
-Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als schöpferischen
-Trieb usw. Die Physiker werden die „Wirkung
-in die Ferne“ aus ihren Prinzipien nicht los; ebensowenig
-eine abstoßende Kraft (oder anziehende). Es hilft nichts:
-man muß alle Bewegungen, alle „Erscheinungen“, alle
-„Gesetze“ nur als <em>Symptome</em> eines <em>innerlichen</em> Geschehens
-fassen und sich der Analogie des Menschen zu diesem
-Ende bedienen. Am Tier ist es möglich, aus dem Willen
-zur Macht alle seine Triebe abzuleiten; ebenso alle Funktionen
-des organischen Lebens aus dieser einen Quelle.</p>
-
-
-<h5>404.</h5>
-
-<p>Unsre Erkenntnis ist in dem Maße wissenschaftlich geworden,
-als sie Zahl und Maß anwenden kann. Der Versuch
-wäre zu machen, ob nicht eine wissenschaftliche Ordnung
-der Werte einfach auf einer <em>Zahl-</em> und <em>Maßskala
-der Kraft</em> aufzubauen wäre.... Alle sonstigen „Werte“
-sind Vorurteile, Naivitäten, Mißverständnisse. &ndash; Sie sind
-überall <em>reduzierbar</em> auf jene Zahl- und Maßskala der
-Kraft. Das <em>Aufwärts</em> in dieser Skala bedeutet jedes
-<em>Wachsen an Wert</em>: das Abwärts in dieser Skala bedeutet
-<em>Verminderung des Wertes</em>.</p>
-
-<p>Hier hat man den Schein und das Vorurteil wider sich.
-(Die Moralwerte sind ja nur <em>Scheinwerte</em>, verglichen mit
-den <em>physiologischen</em>.)</p>
-
-
-<h5>405.</h5>
-
-<p>„Die <em>Kraftempfindung</em> kann nicht aus Bewegung hervorgehen:
-Empfindung überhaupt kann nicht aus Bewegung
-hervorgehen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[Pg 225]</a></span></p>
-
-<p>„Auch dafür spricht nur eine scheinbare Erfahrung: in
-einer Substanz (Gehirn) wird durch übertragene Bewegung
-(Reize) Empfindung erzeugt. Aber erzeugt? Wäre denn
-bewiesen, daß die Empfindung dort noch gar nicht existiert?
-so daß ihr Auftreten als <em>Schöpfungsakt</em> der eingetretenen
-Bewegung aufgefaßt werden <em>müßte</em>? Der empfindungslose
-Zustand dieser Substanz ist nur eine Hypothese! keine
-Erfahrung! &ndash; Empfindung also <em>Eigenschaft</em> der Substanz:
-es gibt empfindende Substanzen.“</p>
-
-<p>„Erfahren wir von gewissen Substanzen, daß sie Empfindung
-<em>nicht</em> haben? Nein, wir erfahren nur nicht, <em>daß</em> sie
-welche haben. Es ist unmöglich, die Empfindung aus der
-nicht empfindenden Substanz abzuleiten.“ &ndash; <em>O der Übereilung!</em></p>
-
-
-<h5>406.</h5>
-
-<p>Ist jemals schon eine <em>Kraft</em> konstatiert? Nein, sondern
-<em>Wirkungen</em>, übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das
-Regelmäßige im Hintereinander hat uns aber so verwöhnt,
-daß wir uns <em>über das Wunderliche daran nicht wundern</em>.</p>
-
-
-<h5>407.</h5>
-
-<p>Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können, ist ein
-leeres Wort und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft
-haben: wie die sogenannte rein mechanische Anziehungs-
-und Abstoßungskraft, welche uns die Welt <em>vorstellbar
-machen will</em>, nichts weiter!</p>
-
-
-<h5>408.</h5>
-
-<p>Illusion, daß etwas <em>erkannt</em> sei, wo wir eine mathematische
-Formel für das Geschehene haben: es ist nur <em>bezeichnet,
-beschrieben</em>: nichts mehr!</p>
-
-
-<h5>409.</h5>
-
-<p>Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine <em>Formel</em>
-bringe, so habe ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens
-erleichtert, abgekürzt usw. Aber ich habe kein „Gesetz“
-konstatiert, sondern die Frage aufgestellt, woher es
-kommt, daß hier etwas sich wiederholt: es ist eine Vermu<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[Pg 226]</a></span>tung,
-daß der Formel ein Komplex von zunächst unbekannten
-Kräften und Kraftauslösungen entspricht: es ist Mythologie,
-zu denken, daß hier Kräfte einem Gesetz gehorchen, so
-daß infolge ihres Gehorsams wir jedesmal das gleiche Phänomen
-haben.</p>
-
-
-<h5>410.</h5>
-
-<p>Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen
-beweist kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältnis zwischen
-zwei oder mehreren Kräften. Zu sagen, „aber gerade
-dies Verhältnis bleibt sich gleich!“ heißt nichts anderes als:
-„ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine andere Kraft
-sein.“ &ndash; Es handelt sich nicht um ein <em>Nacheinander</em>, &ndash;
-sondern um ein <em>Ineinander</em>, einen Prozeß, in dem die
-einzelnen sich folgenden Momente <em>nicht</em> als Ursachen und
-Wirkungen sich bedingen....</p>
-
-<p>Die Trennung des „Tuns“ vom „Tuenden“, des Geschehens
-von einem, der geschehen <em>macht</em>, des Prozesses
-von einem etwas, das nicht Prozeß, sondern dauernd, <em>Substanz</em>,
-Ding, Körper, Seele usw. ist, &ndash; der Versuch, das
-Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und Stellungswechsel
-von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte
-Mythologie hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“
-festgestellt, nachdem er in den sprachlich-grammatischen
-Funktionen eine feste Form gefunden hatte.</p>
-
-
-<h5>411.</h5>
-
-<p><em>Kritik des Mechanismus.</em> &ndash; Entfernen wir hier die
-zwei populären Begriffe „Notwendigkeit“ und „Gesetz“:
-das erste legt einen falschen Zwang, das zweite eine falsche
-Freiheit in die Welt. „Die Dinge“ betragen sich nicht regelmäßig,
-nicht nach einer <em>Regel</em>: es gibt keine Dinge (&ndash; das
-ist unsre Fiktion); sie betragen sich ebensowenig unter einem
-Zwang von Notwendigkeit. Hier wird nicht gehorcht: denn
-<em>daß etwas so ist, wie es ist</em>, so stark, so schwach, das ist
-nicht die Folge eines Gehorchens oder einer Regel oder eines
-Zwanges....</p>
-
-<p>Der Grad von Widerstand und der Grad von Übermacht
-<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[Pg 227]</a></span>&ndash; darum handelt es sich bei allem Geschehen: wenn <em>wir</em>,
-zu unserm Handgebrauch der Berechnung, das in Formeln
-und „Gesetzen“ auszudrücken wissen, um so besser für uns!
-Aber wir haben damit keine „Moralität“ in die Welt gelegt,
-daß wir sie als gehorsam fingieren &ndash;</p>
-
-<p>Es gibt kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick
-ihre letzte Konsequenz. Gerade, daß es kein Anderskönnen
-gibt, darauf beruht die Berechenbarkeit.</p>
-
-<p>Ein Machtquantum ist durch die Wirkung, die es übt,
-und die, der es widersteht, bezeichnet. Es fehlt die Adiaphorie:
-die an sich denkbar wäre. Es ist essentiell ein Wille
-zur Vergewaltigung und sich gegen Vergewaltigung zu
-wehren. Nicht Selbsterhaltung: jedes Atom wirkt in das
-ganze Sein hinaus, &ndash; es ist weggedacht, wenn man diese
-Strahlung von Machtwillen wegdenkt. Deshalb nenne ich
-es ein Quantum „<em>Wille zur Macht</em>“: damit ist der Charakter
-ausgedrückt, der aus der mechanischen Ordnung nicht
-weggedacht werden kann, ohne sie selbst wegzudenken.</p>
-
-<p>Eine Übersetzung dieser Welt von Wirkung in eine <em>sichtbare</em>
-Welt &ndash; eine Welt fürs Auge &ndash; ist der Begriff
-„Bewegung“. Hier ist immer subintelligiert, daß <em>etwas</em>
-bewegt wird, &ndash; hierbei wird, sei es nun in der Fiktion
-eines Klümpchenatoms oder selbst von dessen Abstraktion,
-dem dynamischen Atom, immer noch ein Ding gedacht,
-welches wirkt, &ndash; das heißt, wir sind aus der Gewohnheit
-nicht herausgetreten, zu der uns Sinne und Sprache verleiten.
-Subjekt, Objekt, ein Täter zum Tun, das Tun und
-das, was es tut, gesondert: vergessen wir nicht, daß dies
-eine bloße Semiotik und nichts Reales bezeichnet. Die Mechanik
-als eine Lehre der <em>Bewegung</em> ist bereits eine Übersetzung
-in die Sinnensprache des Menschen.</p>
-
-
-<h5>412.</h5>
-
-<p>Die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein
-bildlicher Ausdruck, <em>wie als ob</em> hier eine Regel befolgt
-werde, kein Tatbestand. Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir
-finden eine Formel, um eine immer wiederkehrende Art der<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[Pg 228]</a></span>
-Folge auszudrücken: damit haben wir <em>kein „Gesetz“ entdeckt</em>,
-noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur
-Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und so
-geschieht, wird hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge
-eines Gehorsams gegen ein Gesetz oder einen Gesetzgeber
-immer so und so handelte: während es, abgesehen vom
-„Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber gerade
-jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst
-stammen, das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so
-und so verhielte, sondern als so und so beschaffen. Es heißt
-nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann nicht
-bald dies, bald anderes tun, ist weder frei noch unfrei, sondern
-eben so und so. <em>Der Fehler steckt in der Hineindichtung
-eines Subjekts.</em></p>
-
-
-<h5>413.</h5>
-
-<p>Zwei aufeinanderfolgende Zustände, der <em>eine</em> „Ursache“,
-der andere „Wirkung“ &ndash;&nbsp;: ist falsch. Der erste Zustand
-hat nichts zu bewirken, den zweiten hat nichts bewirkt.</p>
-
-<p>Es handelt sich um einen Kampf zweier an Macht ungleichen
-Elemente: es wird ein Neuarrangement der Kräfte
-erreicht, je nach dem Maß von Macht eines jeden. Der
-zweite Zustand ist etwas Grundverschiedenes vom ersten
-(<em>nicht</em> dessen Wirkung): das Wesentliche ist, daß die im
-Kampf befindlichen Faktoren mit anderen Machtquanten
-herauskommen.</p>
-
-
-<h5>414.</h5>
-
-<p>Ich hüte mich, von chemischen „<em>Gesetzen</em>“ zu sprechen:
-das hat einen moralischen Beigeschmack. Es handelt sich
-vielmehr um eine absolute Feststellung von Machtverhältnissen:
-das Stärkere wird über das Schwächere Herr, soweit
-dies eben seinen Grad von Selbständigkeit nicht durchsetzen
-kann, &ndash; hier gibt es kein Erbarmen, keine Schonung,
-noch weniger eine Achtung vor „Gesetzen“!</p>
-
-
-<h5>415.</h5>
-
-<p>Es gibt nichts <em>Unveränderliches</em> in der Chemie: das
-ist nur Schein, ein bloßes Schulvorurteil. Wir haben das<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[Pg 229]</a></span>
-Unveränderliche <em>eingeschleppt</em>, immer noch aus der Metaphysik,
-meine Herren Physiker. Es ist ganz naiv von der
-Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der Diamant, der
-Graphit und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil
-man keinen Substanzverlust durch die Wage konstatieren
-kann! Nun gut, damit haben sie noch etwas gemein; aber
-die Molekülarbeit bei der Verwandlung, die wir nicht sehen
-und wägen können, macht eben aus dem einen Stoff etwas
-andres, &ndash; mit spezifisch anderen Eigenschaften.</p>
-
-
-<h5>416.</h5>
-
-<p>Das „Sein“ &ndash; wir haben keine andere Vorstellung davon
-als „<em>leben</em>“. &ndash; Wie kann also etwas Totes „sein“?</p>
-
-
-<h4>2. Die organische Natur.</h4>
-
-
-<h5>417.</h5>
-
-<p>Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen
-Ernährungsvorgang, heißen wir „<em>Leben</em>“. Zu diesem
-Ernährungsvorgang, als Mittel seiner Ermöglichung,
-gehört alles sogenannte Fühlen, Vorstellen, Denken, das
-heißt 1. ein Widerstreben gegen alle anderen Kräfte; 2. ein
-Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3. ein
-Abschätzen in bezug auf Einverleibung oder Abscheidung.</p>
-
-
-<h5>418.</h5>
-
-<p>Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß
-in der abstoßenden Kraft liegen, welche jedes Kraftatom
-ausübt. „Leben“ wäre zu definieren als eine dauernde Form
-von <em>Prozessen</em> der <em>Kraftfeststellungen</em>, wo die verschiedenen
-Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. Inwiefern
-auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die
-Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen
-ein Zugestehen, daß die absolute Macht des Gegners
-nicht besiegt ist, nicht einverleibt, aufgelöst. „Gehorchen“
-und „Befehlen“ sind Formen des Kampfspiels.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[Pg 230]</a></span></p>
-
-
-<h5>419.</h5>
-
-<p>Bei der Entstehung der Organismen denkt sich der Mensch
-<em>zugegen</em>: was ist bei diesem Vorgange mit Augen und
-Getast wahrzunehmen gewesen? Was ist in Zahlen zu bringen?
-Welche Regeln zeigen sich in den Bewegungen? Also:
-der Mensch will alles Geschehen sich als ein <em>Geschehen für
-Auge und Getast</em> zurechtlegen, folglich als Bewegungen:
-er will <em>Formeln</em> finden, die ungeheure Masse dieser Erfahrungen
-zu <em>vereinfachen</em>. <em>Reduktion alles Geschehens</em>
-auf den Sinnenmenschen und Mathematiker. Es handelt sich
-um ein <em>Inventarium der menschlichen Erfahrungen</em>:
-gesetzt, daß der Mensch, oder vielmehr das <em>menschliche
-Auge und Begriffsvermögen</em>, der ewige Zeuge aller
-Dinge gewesen sei.</p>
-
-
-<h5>420.</h5>
-
-<p>Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen
-muß, &ndash; daß es seine Macht erweitern und folglich fremde
-Kräfte in sich hineinnehmen muß. Man redet, unter der
-Benebelung durch die Moralnarkose, von einem Recht des
-Individuums, sich zu <em>verteidigen</em>; im gleichen Sinne
-dürfte man auch von seinem Rechte <em>anzugreifen</em> reden:
-denn <em>beides</em> &ndash; und das Zweite noch mehr als das Erste &ndash;
-sind Nezessitäten für jedes Lebendige: &ndash; der aggressive und
-der defensive Egoismus sind nicht Sache der Wahl oder
-gar des „freien Willens“, sondern die <em>Fatalität</em> des Lebens
-selbst.</p>
-
-<p>Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen
-lebendigen Körper, eine aufwärtsstrebende „Gesellschaft“
-ins Auge faßt. Das Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche
-Selbstverteidigung) ist im Grunde nur durch einen
-Mißbrauch zum Worte „Recht“ gelangt: ein Recht wird
-durch Verträge erworben, &ndash; aber das Sich-wehren und
-Sich-verteidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags.
-Wenigstens dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein
-Eroberungsbedürfnis, sein Machtgelüst, sei es mit Waffen,
-sei es durch Handel, Verkehr und Kolonisation, als Recht
-bezeichnen, &ndash; Wachstumsrecht etwa. Eine Gesellschaft, die,<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[Pg 231]</a></span>
-endgültig und ihrem <em>Instinkt</em> nach, den Krieg und die Eroberung
-abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie
-und Krämerregiment.... In den meisten Fällen freilich
-sind die Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel.</p>
-
-
-<h5>421.</h5>
-
-<p>Die Physiologen sollten sich besinnen, den „<em>Erhaltungstrieb</em>“
-als einen kardinalen Trieb eines organischen Wesens
-anzusetzen. Vor allem will etwas Lebendiges seine Kraft
-<em>auslassen</em>: die „Erhaltung“ ist nur eine der Konsequenzen
-davon. &ndash; Vorsicht vor <em>überflüssigen</em> teleologischen
-Prinzipien! Und dahin gehört der ganze Begriff „Erhaltungstrieb“.</p>
-
-
-<h5>422.</h5>
-
-<p>„Der Wert des Lebens.“ &ndash; Das Leben ist ein Einzelfall;
-man muß <em>alles</em> Dasein rechtfertigen und <em>nicht</em> nur
-das Leben, &ndash; das rechtfertigende Prinzip ist ein solches, aus
-dem sich das Leben erklärt.</p>
-
-<p>Das Leben ist nur <em>Mittel</em> zu etwas: es ist der Ausdruck
-von Wachstumsformen der Macht.</p>
-
-
-<h5>423.</h5>
-
-<p>Man kann die unterste und ursprünglichste Tätigkeit im
-Protoplasma nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung
-ableiten, denn es nimmt auf eine unsinnige Art mehr in
-sich hinein, als die Erhaltung bedingen würde: und vor
-allem, es „erhält sich“ damit nicht, sondern <em>zerfällt</em>....
-Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses Sich-<em>nicht</em>-erhalten-wollen
-zu erklären: „Hunger“ ist schon eine Ausdeutung
-nach ungleich komplizierteren Organismen (&ndash;
-Hunger ist eine spezialisierte und spätere Form des Triebes,
-ein Ausdruck der Arbeitsteilung, im Dienst eines darüber
-waltenden höheren Triebes).</p>
-
-
-<h5>424.</h5>
-
-<p>Die Teilung eines Protoplasmas in zwei tritt ein, wenn
-die Macht nicht mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu
-bewältigen: Zeugung ist Folge einer Ohnmacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[Pg 232]</a></span></p>
-
-<p>Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen
-und in ihnen aufgehen, ist Zeugung die Folge eines Hungers.</p>
-
-
-<h5>425.</h5>
-
-<p>Spott über den falschen „<em>Altruismus</em>“ bei den Biologen:
-die Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als
-Abwerfen des Ballastes, als purer Vorteil. Die Ausstoßung
-der unbrauchbaren Stoffe.</p>
-
-
-<h5>426.</h5>
-
-<p>„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie &ndash; das
-heißt: im Kampf mit anderen sich als begünstigend erweisend.
-Aber mir scheint schon das <em>Mehrgefühl</em>, das Gefühl
-des <em>Stärkerwerdens</em>, ganz abgesehen vom Nutzen
-im Kampf, der eigentliche <em>Fortschritt</em>: aus diesem Gefühle
-entspringt erst der Wille zum Kampf, &ndash;</p>
-
-
-<h5>427.</h5>
-
-<p>„Nützlich“ in bezug auf die Beschleunigung des Tempos
-der Entwicklung ist ein anderes „Nützlich“ als das in bezug
-auf möglichste Feststellung und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.</p>
-
-
-<h5>428.</h5>
-
-<p><em>Gegen den Darwinismus.</em> &ndash; Der Nutzen eines Organs
-erklärt <em>nicht</em> seine Entstehung, im Gegenteil! Die
-längste Zeit, während deren eine Eigenschaft sich bildet, erhält
-sie das Individuum nicht und nützt ihm nicht, am wenigsten
-im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.</p>
-
-<p>Was ist zuletzt „nützlich“? Man muß fragen „in bezug
-<em>worauf</em> nützlich?“ Zum Beispiel was der <em>Dauer</em> des Individuums
-nützt, könnte seiner Stärke und Pracht ungünstig
-sein; was das Individuum erhält, könnte es zugleich
-festhalten und stillstellen in der Entwicklung. Andererseits
-kann ein <em>Mangel</em>, eine <em>Entartung</em> vom höchsten Nutzen
-sein, insofern sie als Stimulans anderer Organe wirkt.
-Ebenso kann eine <em>Notlage</em> Existenzbedingung sein, insofern
-sie ein Individuum auf das Maß herunterschraubt, bei dem
-es <em>zusammenhält</em> und sich nicht vergeudet. &ndash; Das Individuum
-selbst als Kampf der Teile (um Nahrung, Raum<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[Pg 233]</a></span>
-usw.): seine Entwicklung geknüpft an ein <em>Siegen</em>, <em>Vorherrschen</em>
-einzelner Teile, an ein <em>Verkümmern</em>, „Organwerden“
-anderer Teile.</p>
-
-<p>Der Einfluß der „äußeren Umstände“ ist bei Darwin ins
-Unsinnige <em>überschätzt</em>: das Wesentliche am Lebensprozeß
-ist gerade die ungeheure gestaltende, von innen her formenschaffende
-Gewalt, welche die „äußeren Umstände“ <em>ausnützt,
-ausbeutet</em>.... Die von innen her gebildeten <em>neuen</em>
-Formen sind <em>nicht</em> auf einen Zweck hin geformt; aber im
-Kampf der Teile wird eine neue Form nicht lange <em>ohne</em> Beziehung
-zu einem partiellen Nutzen stehen und dann, dem
-<em>Gebrauche</em> nach, sich immer vollkommener ausgestalten.</p>
-
-
-<h5>429.</h5>
-
-<p><em>Anti-Darwin.</em> &ndash; Was mich beim Überblick über die
-großen Schicksale des Menschen am meisten überrascht, ist,
-immer das Gegenteil vor Augen zu sehen von dem, was
-heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen <em>will</em>: die
-Selektion zugunsten der Stärkeren, Besserweggekommenen,
-den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegenteil greift
-sich mit Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die
-Unnützlichkeit der höher geratenen Typen, das unvermeidliche
-Herrwerden der mittleren, selbst der <em>unter-mittleren</em>
-Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den Grund aufzeigt,
-warum der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen
-ist, neige ich zum Vorurteil, daß die Schule Darwins
-sich überall getäuscht hat. Jener Wille zur Macht, in dem
-ich den letzten Grund und Charakter aller Veränderung wiedererkenne,
-gibt uns das Mittel an die Hand, warum gerade
-die Selektion zugunsten der Ausnahmen und Glücksfälle
-nicht statthat: die Stärksten und Glücklichsten sind
-schwach, wenn sie organisierte Herdeninstinkte, wenn sie
-die Furchtsamkeit der Schwachen, die Überzahl gegen sich
-haben. Mein Gesamtaspekt der Welt der Werte zeigt, daß
-in den obersten Werten, die über der Menschheit heute aufgehängt
-sind, nicht die Glücksfälle, die Selektionstypen, die
-Oberhand haben: vielmehr die Typen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, &ndash;<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[Pg 234]</a></span>
-vielleicht gibt es nichts Interessanteres in der Welt als dieses
-<em>unerwünschte</em> Schauspiel....</p>
-
-<p>So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu
-beweisen gegen die Schwachen; die Glücklichen gegen die
-Mißglückten; die Gesunden gegen die Verkommenden und
-Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur <em>Moral</em> formulieren,
-so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr
-wert als die Ausnahmen; die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Gebilde mehr als
-die Mittleren; der Wille zum Nichts hat die Oberhand über
-den Willen zum Leben &ndash; und das Gesamtziel ist, nun,
-christlich, buddhistisch, schopenhauerisch ausgedrückt: „besser
-<em>nicht</em> sein, als sein“.</p>
-
-<p>Gegen die Formulierung der Realität zur Moral <em>empöre</em>
-ich mich: deshalb perhorresziere ich das Christentum mit
-einem tödlichen Haß, weil es die sublimen Worte und Gebärden
-schuf, um einer schauderhaften Wirklichkeit den Mantel
-des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu geben....</p>
-
-<p>Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf
-den Knien vor der Realität vom <em>umgekehrten</em> Kampf
-ums Dasein, als ihn die Schule Darwins lehrt, &ndash; nämlich
-ich sehe überall die obenauf, die übrigbleibend, die das Leben,
-den Wert des Lebens kompromittieren. &ndash; Der Irrtum der
-Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man
-blind sein, um gerade <em>hier</em> falsch zu sehen?</p>
-
-<p>Daß die <em>Gattungen</em> einen Fortschritt darstellen, ist die
-unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen
-sie ein <em>Niveau</em> dar. Daß die höheren Organismen aus
-den niederen sich entwickelt hätten, ist durch keinen Fall bisher
-bezeugt. Ich sehe, daß die niederen durch die Menge,
-durch die Klugheit, durch die List im Übergewicht sind, &ndash;
-ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung einen Vorteil
-abgibt, zum mindesten nicht für eine so lange Zeit: diese
-wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären, warum eine zufällige
-Veränderung derartig stark geworden ist.</p>
-
-<p>Ich finde die „Grausamkeit der Natur“, von der man
-so viel redet, an einer andern Stelle: sie ist grausam gegen<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[Pg 235]</a></span>
-ihre Glückskinder, sie schont und schützt und liebt <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">les
-humbles</span>.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: das Wachstum der <em>Macht</em> einer Gattung ist
-durch die Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken
-vielleicht weniger garantiert als durch die Präponderanz
-der mittleren und niederen Typen.... In letzteren ist die
-große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit ersteren wächst die Gefahr,
-die rasche Verwüstung, die schnelle Zahlverminderung.</p>
-
-
-<h5>430.</h5>
-
-<p><em>Anti-Darwin.</em> &ndash; Die <em>Domestikation des Menschen</em>:
-welchen definitiven Wert kann sie haben? oder hat
-überhaupt eine Domestikation einen definitiven Wert? &ndash;
-Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.</p>
-
-<p>Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns
-zum Gegenteil zu überreden: sie will, daß die <em>Wirkung der
-Domestikation</em> tief, ja fundamental werden kann. Einstweilen
-halten wir am Alten fest: es hat sich nichts bisher bewiesen,
-als eine ganz oberflächliche Wirkung durch Domestikation
-&ndash; oder aber die Degenereszenz. Und alles, was der
-menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort
-wieder in seinen Naturzustand zurück. Der Typus bleibt
-konstant: man kann nicht „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">dénaturer la nature</span>“.</p>
-
-<p>Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod
-der schwächlichen Wesen und das Überleben der Robustesten
-und Bestbegabten; folglich imaginiert man ein <em>beständiges
-Wachstum der Vollkommenheit für die Wesen</em>. Wir
-haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um das
-Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient wie den Starken;
-daß die List die Kraft oft mit Vorteil sich suppliert;
-daß die <em>Fruchtbarkeit</em> der Gattungen in einem merkwürdigen
-Rapport zu den <em>Chancen der Zerstörung</em> steht....</p>
-
-<p>Man teilt der <em>natürlichen Selektion</em> zugleich langsame
-und unendliche Metamorphosen zu: man will glauben,
-daß jeder Vorteil sich vererbt und sich in abfolgenden
-Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während die Erblichkeit
-so kapriziös ist....); man betrachtet die glücklichen
-Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedin<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[Pg 236]</a></span>gungen,
-und man erklärt, daß sie durch den <em>Einfluß des
-Milieus</em> erlangt seien.</p>
-
-<p>Man findet aber Beispiele <em>der unbewußten Selektion</em>
-nirgendswo (ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen
-einigen sich, die extremen mischen sich in die Masse.
-Alles konkurriert, seinen Typus aufrechtzuerhalten; Wesen,
-die äußere Zeichen haben, die sie gegen gewisse Gefahren
-schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter Umstände
-kommen, wo sie ohne Gefahr leben.... Wenn sie Orte bewohnen,
-wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern
-sie sich keineswegs dem Milieu an.</p>
-
-<p>Man hat die <em>Auslese der Schönsten</em> in einer Weise
-übertrieben, wie sie weit über den Schönheitstrieb unsrer
-eignen Rasse hinausgeht! Tatsächlich paart sich das Schönste
-mit sehr enterbten Kreaturen, das Größte mit dem Kleinsten.
-Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen von
-jeder zufälligen Begegnung profitieren und sich ganz und
-gar nicht wählerisch zeigen. &ndash; Modifikation durch Klima
-und Nahrung: &ndash; aber in Wahrheit absolut gleichgültig.</p>
-
-<p>Es gibt keine <em>Übergangsformen</em>. &ndash;</p>
-
-<p>Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen.
-Es fehlt jedes Fundament. Jeder Typus hat seine <em>Grenze</em>:
-über diese hinaus gibt es keine Entwicklung. Bis dahin absolute
-Regelmäßigkeit.</p>
-
-<p><em>Meine Gesamtansicht.</em> &ndash; <em>Erster Satz</em>: der Mensch
-als Gattung ist <em>nicht</em> im Fortschritt. Höhere Typen werden
-wohl erreicht, aber sie halten sich nicht. Das Niveau der
-Gattung wird <em>nicht</em> gehoben.</p>
-
-<p><em>Zweiter Satz</em>: der Mensch als Gattung stellt keinen
-Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem andern Tier dar.
-Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht
-vom Niederen zum Höheren.... Sondern alles zugleich
-und übereinander und durcheinander und gegeneinander.
-Die reichsten und komplexesten Formen &ndash; denn mehr besagt
-das Wort „höherer Typus“ nicht &ndash; gehen leichter zugrunde:
-nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unver<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[Pg 237]</a></span>gänglichkeit
-fest. Erstere werden selten erreicht und halten
-sich mit Not oben: letztere haben eine kompromittierende
-Fruchtbarkeit für sich. &ndash; Auch in der Menschheit gehen
-unter wechselnder Gunst und Ungunst die <em>höheren Typen</em>,
-die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zugrunde.
-Sie sind jeder Art von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> ausgesetzt: sie sind extrem,
-und damit selbst beinahe schon <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span>.... Die
-kurze Dauer der Schönheit, des Genies, des Cäsar ist <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sui
-generis</span>: dergleichen vererbt sich nicht. Der <em>Typus</em> vererbt
-sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein „Glücksfall“....
-Das liegt an keinem besonderen Verhängnis und „bösen
-Willen“ der Natur, sondern einfach am Begriff „höherer
-Typus“: der höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere
-Komplexität, &ndash; eine größere Summe koordinierter Elemente
-dar: damit wird auch die Disgregation unvergleichlich
-wahrscheinlicher. Das „Genie“ ist die sublimste Maschine,
-die es gibt, &ndash; folglich die zerbrechlichste.</p>
-
-<p><em>Dritter Satz</em>: die Domestikation (die „Kultur“) des
-Menschen geht nicht tief.... Wo sie tief geht, ist sie sofort
-die Degenereszenz (Typus: der Christ). Der „wilde“ Mensch
-(oder, moralisch ausgedrückt: der <em>böse</em> Mensch) ist eine
-Rückkehr zur Natur &ndash; und, in gewissem Sinne, seine Wiederherstellung,
-seine <em>Heilung</em> von der „Kultur“....</p>
-
-
-<h5>431.</h5>
-
-<p><em>Grundirrtümer</em> der bisherigen Biologen: es handelt
-sich <em>nicht</em> um die Gattung, sondern um <em>stärker auszuwirkende</em>
-Individuen. (Die vielen sind nur Mittel.)</p>
-
-<p>Das Leben ist <em>nicht</em> Anpassung innerer Bedingungen an
-äußere, sondern Wille zur Macht, der von innen her immer
-mehr „Äußeres“ sich unterwirft und einverleibt.</p>
-
-<p>Diese Biologen <em>setzen</em> die moralischen Wertschätzungen
-<em>fort</em> (&ndash; der „an sich höhere Wert des Altruismus“, die
-Feindschaft gegen die Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen
-die Unnützlichkeit, gegen die Rang- und Ständeordnung).</p>
-
-
-<h5>432.</h5>
-
-<p>Die <em>Individuation</em>, vom Standpunkt der Abstammungstheorie
-beurteilt, zeigt das beständige Zerfallen von<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[Pg 238]</a></span>
-eins in zwei und das ebenso beständige Vergehen der Individuen
-<em>auf den Gewinn von wenig</em> Individuen, die die
-Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt jedesmal
-ab („der Leib“).</p>
-
-<p>Das Grundphänomen: <em>unzählige Individuen geopfert
-um weniger willen</em>: als deren Ermöglichung. &ndash;
-Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz so steht es mit
-den <em>Völkern</em> und <em>Rassen</em>: sie bilden den „Leib“ zur Erzeugung
-von einzelnen <em>wertvollen Individuen</em>, die den
-großen Prozeß fortsetzen.</p>
-
-
-<h5>433.</h5>
-
-<p>Mit der moralischen Herabwürdigung des <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> geht auch
-noch, in der Naturwissenschaft, eine Überschätzung der <em>Gattung</em>
-Hand in Hand. Aber die Gattung ist etwas ebenso
-Illusorisches wie das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>: man hat eine falsche Distinktion
-gemacht. Das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> ist hundertmal <em>mehr</em> als bloß eine Einheit
-in der Kette von Gliedern; es ist die <em>Kette selbst</em>,
-ganz und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion
-aus der Vielheit dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit.
-Daß, wie so oft behauptet worden ist, das Individuum
-der Gattung <em>geopfert</em> wird, ist durchaus kein Tatbestand:
-vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften Interpretation.</p>
-
-
-<h5>434.</h5>
-
-<p>Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vorteil
-der <em>Gattung</em>, seiner Nachkommenschaft im Auge hat,
-auf Unkosten des eigenen Vorteils: das ist nur <em>Schein</em>.</p>
-
-<p>Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den
-<em>geschlechtlichen Instinkt</em> nimmt, ist nicht eine <em>Folge</em> von
-dessen Wichtigkeit für die Gattung, sondern das Zeugen ist
-die eigentliche Leistung des Individuums und sein höchstes
-Interesse folglich, <em>seine höchste Machtäußerung</em> (natürlich
-nicht vom Bewußtsein aus beurteilt, sondern von dem
-Zentrum der ganzen Individuation).</p>
-
-
-<h5>435.</h5>
-
-<p>Der Gesichtspunkt des „Werts“ ist der Gesichtspunkt von
-<em>Erhaltungs-, Steigerungsbedingungen</em> in Hinsicht<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[Pg 239]</a></span>
-auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb
-des Werdens.</p>
-
-<p>Es gibt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome,
-keine Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns
-<em>hineingelegt</em> (aus praktischen, nützlichen, perspektivischen
-Gründen).</p>
-
-<p>„<em>Herrschaftsgebilde</em>“; die Sphäre des Beherrschenden
-fortwährend wachsend oder unter der Gunst und Ungunst
-der Umstände (der Ernährung &ndash;) periodisch abnehmend,
-zunehmend.</p>
-
-<p>„Wert“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen
-oder Abnehmen dieser herrschaftlichen Zentren
-(„Vielheiten“ jedenfalls; aber die „Einheit“ ist in der Natur
-des Werdens gar nicht vorhanden).</p>
-
-<p>Die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um
-das „Werden“ auszudrücken: es gehört zu unserm <em>unablöslichen
-Bedürfnis der Erhaltung</em>, beständig eine gröbere
-Welt von Bleibendem, von „Dingen“ usw. zu setzen.
-Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und
-gewiß ist, daß die <em>kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste
-ist</em>.... Es gibt keinen Willen: es gibt Willenspunktationen,
-die beständig ihre Macht mehren oder verlieren.</p>
-
-
-<h4>3. Der Mensch als Naturwesen.</h4>
-
-
-<h5>436.<br />
-<span class="normal3 gesperrt">Der Mensch.</span></h5>
-
-<p>Am <em>Leitfaden des Leibes</em>. &ndash; Gesetzt, daß die
-„<em>Seele</em>“ ein anziehender und geheimnisvoller Gedanke war,
-von dem sich die Philosophen mit Recht nur widerstrebend
-getrennt haben &ndash; vielleicht ist das, was sie nunmehr dagegen
-einzutauschen lernen, noch anziehender, noch geheimnisvoller.
-Der menschliche <em>Leib</em>, an dem die ganze fernste
-und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens wieder
-lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den
-hinweg und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[Pg 240]</a></span>
-fließen scheint: der Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als
-die alte „Seele“. Es ist zu allen Zeiten besser an den Leib
-als an unseren eigentlichsten Besitz, unser gewissestes Sein,
-kurz, unser <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span> geglaubt worden als an den Geist (oder die
-„Seele“ oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt statt
-Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen
-als einen fremden, etwa einen göttlichen Magen zu verstehen:
-aber seine Gedanken als „eingegeben“, seine Wertschätzungen
-als „von einem Gott eingeblasen“, seine Instinkte
-als Tätigkeit im Dämmern zu fassen &ndash; für diesen
-Hang und Geschmack des Menschen gibt es aus allen Altern
-der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter
-Künstlern, eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen
-der Entscheidung reichlich vorzufinden, wenn sich
-ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen der beste Wurf gelungen
-und aus welcher Welt ihnen der schöpferische Gedanke
-gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen,
-etwas wie Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen
-es kaum zu sagen, „das kam von mir, das war meine Hand,
-die die Würfel warf“. &ndash; Umgekehrt haben selbst jene Philosophen
-und Religiösen, welche den zwingendsten Grund in
-ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als Täuschung
-(und zwar als überwundene und abgetane Täuschung)
-zu nehmen, nicht umhin gekonnt, die dumme Tatsächlichkeit
-anzuerkennen, daß der Leib nicht davon gegangen ist:
-worüber die seltsamsten Zeugnisse teils bei Paulus, teils
-in der Vedânta-Philosophie zu finden sind. Aber was bedeutet
-zuletzt <em>Stärke des Glaubens</em>? Deshalb könnte es
-immer noch ein sehr dummer Glaube sein! &ndash; Hier ist nachzudenken:
-&ndash;</p>
-
-<p>Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge
-eines Schlusses ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß,
-wie die Idealisten behaupten, ist es nicht ein Fragezeichen
-an der Glaubwürdigkeit des Geistes selber, daß er dergestalt
-die Ursache falscher Schlüsse ist? Gesetzt, die Vielheit
-und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles die
-Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen)<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[Pg 241]</a></span>
-wären Irrtümer &ndash; welches Mißtrauen würde dies gegen
-den Geist erregen, der uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt
-hat? Genug, der Glaube an den Leib ist einstweilen
-immer noch ein stärkerer Glaube als der Glaube an den
-Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit
-am gründlichsten auch den Glauben an die Autorität
-des Geistes!</p>
-
-
-<h5>437.<br />
-<span class="normal3 gesperrt">Der Leib als Herrschaftsgebilde.</span></h5>
-
-<p>Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden
-(Kampf der Zellen und Gewebe).</p>
-
-<p>Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus
-nur möglich durch <em>Herunterdrückung</em> eines niederen auf
-eine Funktion.</p>
-
-<p>Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.</p>
-
-<p>„Ernährung“ nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung,
-des Willens zur Macht.</p>
-
-<p>Die „Zeugung“, der Zerfall, eintretend bei der Ohnmacht
-der herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisieren.</p>
-
-<p>Die <em>gestaltende</em> Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“
-(noch mehr „Kraft“) vorrätig haben will. Das Meisterstück
-des Aufbaus eines Organismus aus dem Ei.</p>
-
-<p>„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten:
-aber die Kraft steckt in der Qualität. Die Mechanistik
-kann also nur Vorgänge beschreiben, nicht erklären.</p>
-
-<p>Der „Zweck“. Auszugehen von der „Sagazität“ der
-Pflanzen.</p>
-
-<p>Begriff der „Vervollkommnung“: <em>nicht</em> nur größere
-Kompliziertheit, sondern größere <em>Macht</em> (&ndash; braucht nicht
-nur größere Masse zu sein &ndash;).</p>
-
-<p>Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung
-besteht in der Hervorbringung der mächtigsten
-Individuen, zu deren Werkzeug die größte Menge gemacht
-wird (und zwar als intelligentestes und beweglichstes
-Werkzeug).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[Pg 242]</a></span></p>
-
-
-<h5>438.</h5>
-
-<p>In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb
-eines Organismus ist der uns <em>bewußt</em> werdende Teil ein
-bloßes Mittel: und das bißchen „Tugend“, „Selbstlosigkeit“
-und ähnliche Fiktionen werden auf eine vollkommen
-radikale Weise vom übrigen Gesamtgeschehen aus Lügen
-gestraft. Wir tun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen
-Unmoralität zu studieren....</p>
-
-<p>Die animalischen Funktionen sind ja prinzipiell millionenfach
-wichtiger als alle schönen Zustände und Bewußtseinshöhen:
-letztere sind ein Überschuß, soweit sie nicht
-Werkzeuge sein müssen für jene animalischen Funktionen.
-Das ganze <em>bewußte</em> Leben, der Geist samt der Seele, samt
-dem Herzen, samt der Güte, samt der Tugend: in wessen
-Dienst arbeitet es denn? In dem möglichster Vervollkommnung
-der Mittel (Ernährungs-, Steigerungsmittel) der animalischen
-Grundfunktionen: vor allem der <em>Lebenssteigerung</em>.</p>
-
-<p>Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“
-und „Fleisch“ nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die
-Aufgabe, die ganze Kette des Lebens fortzuspinnen, und so,
-<em>daß der Faden immer mächtiger wird</em> &ndash; das ist die
-Aufgabe.</p>
-
-<p>Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist
-förmlich sich verschwören, diese prinzipielle Aufgabe zu <em>verkehren</em>:
-wie als ob <em>sie</em> die Ziele wären!.... Die <em>Entartung
-des Lebens</em> ist wesentlich bedingt durch die außerordentliche
-<em>Irrtumsfähigkeit des Bewußtseins</em>: es wird
-am wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und <em>vergreift</em>
-sich deshalb am längsten und gründlichsten.</p>
-
-<p>Nach den <em>angenehmen</em> und <em>unangenehmen Gefühlen
-dieses Bewußtseins</em> abmessen, ob das Dasein <em>Wert</em>
-hat: kann man sich eine tollere Ausschweifung der Eitelkeit
-denken? Es ist ja nur ein Mittel: &ndash; und angenehme oder
-unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel!</p>
-
-<p>Woran mißt sich objektiv der <em>Wert</em>? Allein an dem
-Quantum <em>gesteigerter</em> und <em>organisierter</em> Macht....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[Pg 243]</a></span></p>
-
-
-<h5>439.</h5>
-
-<p>Die normale <em>Unbefriedigung</em> unsrer Triebe, zum Beispiel
-des Hungers, des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs,
-enthält in sich durchaus noch nichts Herabstimmendes;
-sie wirkt vielmehr agazierend auf das Lebensgefühl,
-wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen es
-<em>stärkt</em>, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese
-Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große
-<em>Stimulans</em> des Lebens.</p>
-
-<p>(Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als
-einen Rhythmus kleiner Unlustreize.)</p>
-
-
-<h5>440.</h5>
-
-<p>Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust, &ndash; ich will
-sagen, er ist <em>nicht</em> deren Gegenteil.</p>
-
-<p>Wenn das Wesen der „Lust“ zutreffend bezeichnet worden
-ist als ein <em>Plusgefühl</em> von Macht (somit als ein
-Differenzgefühl, das die Vergleichung voraussetzt), so ist
-damit das Wesen der „Unlust“ noch nicht definiert. Die
-falschen Gegensätze, an die das Volk und <em>folglich</em> die
-Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln für den
-Gang der Wahrheit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine
-Art Lust bedingt ist durch eine gewisse <em>rhythmische Abfolge</em>
-kleiner Unlustreize: damit wird ein sehr schnelles Anwachsen
-des Machtgefühls, des Lustgefühls erreicht. Dies ist
-der Fall zum Beispiel beim Kitzel, auch beim geschlechtlichen
-Kitzel im Akt des Coitus: wir sehen dergestalt die Unlust als
-Ingrediens der Lust tätig. Es scheint, eine kleine Hemmung,
-die überwunden wird und der sofort wieder eine kleine Hemmung
-folgt, die wieder überwunden wird &ndash; dieses Spiel
-von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von
-überschüssiger, überflüssiger Macht am stärksten an, das das
-Wesen der Lust ausmacht.</p>
-
-<p>Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung
-durch kleine eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und
-Schmerz sind eben nichts Umgekehrtes.</p>
-
-<p>Der Schmerz ist ein <em>intellektueller</em> Vorgang, in dem<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[Pg 244]</a></span>
-entschieden ein Urteil laut wird, &ndash; das Urteil „<em>schädlich</em>“,
-in dem sich lange Erfahrung aufsummiert hat. An sich gibt
-es keinen Schmerz. Es ist <em>nicht</em> die Verwundung, die weh
-tut; es ist die Erfahrung, von welchen schlimmen Folgen
-eine Verwundung für den Gesamtorganismus sein kann,
-welche in Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust
-heißt (bei schädigenden Einflüssen, welche der älteren
-Menschheit unbekannt geblieben sind, zum Beispiel von seiten
-neu kombinierter giftiger Chemikalien, fehlt auch die Aussage
-des Schmerzes, &ndash; und wir sind verloren).</p>
-
-<p>Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die
-lange Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden
-Choks im zerebralen Herde des Nervensystems: &ndash; man
-leidet eigentlich <em>nicht</em> an der Ursache des Schmerzes (irgendeiner
-Verletzung zum Beispiel), sondern an der langen
-Gleichgewichtsstörung, welche infolge jenes Choks eintritt.
-Der Schmerz ist eine Krankheit der zerebralen Nervenherde,
-die Lust ist durchaus keine Krankheit.</p>
-
-<p>Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen hat
-zwar den Augenschein und sogar das Philosophenvorurteil
-für sich; aber in plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau
-beobachtet, die Gegenbewegung ersichtlich früher als die
-Schmerzempfindung. Es stünde schlimm um mich, wenn
-ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das Faktum an
-die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was
-zu tun ist, zurücktelegraphiert würde. Vielmehr unterscheide
-ich so deutlich als möglich, daß erst die Gegenbewegung des
-Fußes, um den Fall zu verhüten, folgt und dann in einer
-meßbaren Zeitdistanz eine Art schmerzhafter Welle plötzlich
-im vordern Kopf fühlbar wird. Man reagiert also <em>nicht</em> auf
-den Schmerz. Der Schmerz wird nachher projiziert in die
-verwundete Stelle: &ndash; aber das Wesen dieses Lokalschmerzes
-ist trotzdem nicht der Ausdruck der Art der Lokalverwundung;
-er ist ein bloßes Ortszeichen, dessen Stärke und Tonart
-der Verwundung gemäß ist, welche die Nervenzentren
-davon empfangen haben. Daß infolge jenes Choks die Muskelkraft
-des Organismus meßbar heruntergeht, gibt durch<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[Pg 245]</a></span>aus
-noch keinen Anhalt dafür, das <em>Wesen</em> des Schmerzes
-in einer Verminderung des Machtgefühls zu suchen.</p>
-
-<p>Man reagiert, nochmals gesagt, <em>nicht</em> auf den Schmerz:
-die Unlust ist keine „Ursache“ von Handlungen. Der
-Schmerz selbst ist eine Reaktion, die Gegenbewegung ist eine
-andre und <em>frühere</em> Reaktion, &ndash; beide nehmen von verschiedenen
-Stellen ihren Ausgangspunkt....</p>
-
-
-<h5>441.</h5>
-
-<p>Man hat die Unlust verwechselt mit einer <em>Art</em> der Unlust,
-mit der der Erschöpfung; letztere stellt in der Tat eine
-tiefe Verminderung und Herabstimmung des Willens zur
-Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar. Das will
-sagen: es gibt <span class="antiqua">a</span>) Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der
-Macht, und <span class="antiqua">b</span>) Unlust nach einer Vergeudung von Macht;
-im ersteren Falle ein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">stimulus</span>, im letztern die Folge einer
-übermäßigen Reizung.... Die Unfähigkeit zum Widerstand
-ist der letzteren Unlust zu eigen: die Herausforderung des
-Widerstehenden gehört zur ersteren.... Die Lust, welche im
-Zustand der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist
-das Einschlafen; die Lust im andern Falle ist der Sieg....</p>
-
-<p>Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin,
-daß sie diese beiden <em>Lustarten</em> &ndash; die des <em>Einschlafens</em>
-und die des <em>Sieges</em> &ndash; nicht auseinanderhielten. Die Erschöpften
-wollen Ruhe, Gliederausstrecken, Frieden, Stille,
-&ndash; es ist das <em>Glück</em> der nihilistischen Religionen und Philosophien;
-die Reichen und Lebendigen wollen Sieg, überwundene
-Gegner, Überströmen des Machtgefühls über weitere
-Bereiche als bisher. Alle gesunden Funktionen des Organismus
-haben dies Bedürfnis, &ndash; und der ganze Organismus
-ist ein solcher nach Wachstum von Machtgefühlen
-ringender Komplex von Systemen &ndash; &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h5>442.</h5>
-
-<p>Intellektualität des <em>Schmerzes</em>: er bezeichnet nicht an
-sich, was augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen <em>Wert</em>
-die Schädigung hat in Hinsicht auf das allgemeine Individuum.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[Pg 246]</a></span></p>
-
-<p>Ob es Schmerzen gibt, in denen „die Gattung“ und <em>nicht</em>
-das Individuum leidet &ndash;?</p>
-
-
-<h5>443.</h5>
-
-<p>„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust:
-folglich wäre das Nichtsein der Welt besser als deren Sein“
-&ndash; „Die Welt ist etwas, das vernünftigerweise nicht wäre,
-weil sie dem empfindenden Subjekt mehr Unlust als Lust
-verursacht“ &ndash; dergleichen Geschwätz heißt sich heute Pessimismus!</p>
-
-<p>Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind
-Werturteile <em>zweiten Ranges</em>, die sich erst ableiten von
-einem regierenden Wert, &ndash; ein in Form des Gefühls redendes
-„nützlich“, „schädlich“, und folglich absolut flüchtig
-und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“, „schädlich“ sind
-immer noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen.</p>
-
-<p>Ich verachte diesen <em>Pessimismus der Sensibilität</em>: er
-ist selbst ein Zeichen tiefer Verarmung am Leben.</p>
-
-
-<h5>444.</h5>
-
-<p>Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der
-Psychologie allesamt die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien
-sind? „<em>Der Mensch strebt nach Glück</em>“ zum
-Beispiel &ndash; was ist daran wahr? Um zu verstehen, was
-„Leben“ ist, welche Art Streben und Spannung Leben ist,
-muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom
-Tier gelten. „Wonach strebt die Pflanze?“ &ndash; aber hier
-haben wir bereits eine falsche Einheit erdichtet, die es nicht
-gibt: die Tatsache eines millionenfachen Wachstums mit
-eigenen und halbeigenen Initiativen ist versteckt und verleugnet,
-wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“ voranstellen.
-Daß die letzten kleinsten „Individuen“ <em>nicht</em> in dem
-Sinn eines „metaphysischen Individuums“ und Atoms verständlich
-sind, daß ihre Machtsphäre fortwährend sich verschiebt
-&ndash; das ist zu allererst sichtbar: aber strebt ein jedes
-von ihnen, wenn es sich dergestalt verändert, <em>nach Glück</em>?
-&ndash; Aber alles Sichausbreiten, Einverleiben, Wachsen ist ein
-Anstreben gegen Widerstehendes; Bewegung ist essentiell<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[Pg 247]</a></span>
-etwas mit Unlustzuständen Verbundenes: es muß das, was
-hier treibt, jedenfalls etwas anderes wollen, wenn es dergestalt
-die Unlust will und fortwährend aufsucht. &ndash; Worum
-kämpfen die Bäume eines Urwaldes miteinander? Um
-„Glück“? &ndash; Um <em>Macht</em>!....</p>
-
-<p>Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden,
-Herr über seine eigene Wildheit und Zügellosigkeit (die Begierden
-haben folgen, haben nützlich sein gelernt) &ndash; der
-Mensch, im Vergleich zu einem Vormenschen, stellt ein ungeheures
-Quantum <em>Macht</em> dar, &ndash; nicht ein Plus von
-„Glück“! Wie kann man behaupten, daß er nach Glück
-<em>gestrebt</em> habe?....</p>
-
-
-<h5>445.</h5>
-
-<p><em>Der Glaube an „Affekte“.</em> &ndash; Affekte sind eine Konstruktion
-des Intellekts, eine <em>Erdichtung von Ursachen</em>,
-die es nicht gibt. Alle körperlichen <em>Gemeingefühle</em>, die
-wir nicht verstehen, werden intellektuell ausgedeutet, das
-heißt ein <em>Grund</em> gesucht, um sich so oder so zu fühlen, in
-Personen, Erlebnissen usw. Also etwas Nachteiliges, Gefährliches,
-Fremdes wird <em>gesetzt</em>, als wäre es die Ursache
-unserer Verstimmung; tatsächlich wird es zu der Verstimmung
-<em>hinzugesucht</em>, um der <em>Denkbarkeit</em> unseres Zustandes
-willen. &ndash; Häufige Blutzuströmungen zum Gehirn
-mit dem Gefühl des Erstickens werden als „Zorn“ <em>interpretiert</em>:
-die Personen und Sachen, die uns zum Zorn
-reizen, sind Auslösungen für den physiologischen Zustand. &ndash;
-Nachträglich, in langer Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge
-und Gemeingefühle sich so regelmäßig verbunden, daß der
-Anblick gewisser Vorgänge jenen Zustand des Gemeingefühls
-hervorbringt und speziell irgend jene Blutstauung, Samenerzeugung
-usw. mit sich bringt: also durch die Nachbarschaft.
-„Der Affekt wird erregt“, sagen wir dann.</p>
-
-<p>In „Lust“ und „Unlust“ stecken bereits <em>Urteile</em>: die
-Reize werden unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich
-sind oder nicht.</p>
-
-<p><em>Der Glaube an das Wollen.</em> Es ist Wunderglaube,
-einen Gedanken als Ursache einer mechanischen Bewegung<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[Pg 248]</a></span>
-zu setzen. Die <em>Konsequenz der Wissenschaft</em> verlangt,
-daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns <em>denkbar</em> gemacht
-haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen usw. uns
-<em>denkbar</em> machen, das heißt sie <em>leugnen</em> und als <em>Irrtümer
-des Intellekts</em> behandeln.</p>
-
-
-<h5>446.</h5>
-
-<p>Wenn wir etwas tun, so entsteht ein <em>Kraftgefühl</em>, oft
-schon vor dem Tun, bei der Vorstellung des zu Tuenden
-(wie beim Anblick eines Feindes, eines Hemmnisses, dem
-wir uns <em>gewachsen</em> glauben): immer begleitend. Wir
-meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der Handlung,
-es sei „die Kraft“. Unser Glaube an Kausalität ist
-der Glaube an Kraft und deren Wirkung; eine Übertragung
-unsres Erlebnisses: wobei wir Kraft und Kraftgefühl identifizieren.
-&ndash; Nirgends aber bewegt die Kraft die Dinge;
-die empfundene Kraft „setzt nicht die Muskeln in Bewegung“.
-„Wir haben von einem solchen Prozeß keine Vorstellung,
-keine Erfahrung.“ „Wir erfahren ebensowenig
-wie die Kraft als Bewegendes die <em>Notwendigkeit</em> einer
-Bewegung.“ Die Kraft soll das Zwingende sein! „Wir erfahren
-nur, daß eins auf das andre folgt, &ndash; weder Zwang
-erfahren wir, noch Willkür, daß eins auf das andre folgt.“
-Die Kausalität wird erst durch die Hineindenkung des Zwanges
-in den Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses „Begreifen“
-entsteht dadurch, das heißt, wir haben uns den
-Vorgang angemenschlicht, „bekannter“ gemacht: das Bekannte
-ist das Gewohnheitsbekannte des mit <em>Kraftgefühl
-verbundenen menschlichen Erzwingens</em>.</p>
-
-
-<h5>447.</h5>
-
-<p>Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen,
-ich weiß so wenig von Physiologie des menschlichen
-Leibes und von den mechanischen Gesetzen seiner Bewegung
-als ein Mann aus dem Volke, was gibt es eigentlich
-Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht im
-Vergleich zu dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich
-sei der scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die For<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[Pg 249]</a></span>meln
-unterrichtet, die hierbei angewendet werden, so würde
-ich um keinen Deut besser oder schlechter meinen Arm ausstrecken.
-Unser „Wissen“ und unser „Tun“ in diesem Falle
-liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen Reichen.
-&ndash; Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges
-durch &ndash; was heißt das? Hier ist alles <em>gewußt</em>, was zur
-Durchführung des Planes gehört, weil alles befohlen werden
-muß: aber auch hier sind Untergebene vorausgesetzt, welche
-das Allgemeine auslegen, anpassen an die Not des Augenblicks,
-Maß der Kraft usw.</p>
-
-
-<h5>448.</h5>
-
-<p>Die Wissenschaft fragt <em>nicht</em>, was uns zum Wollen trieb:
-sie <em>leugnet</em> vielmehr, daß <em>gewollt</em> worden ist, und meint,
-daß etwas ganz anderes geschehen sei &ndash; kurz, daß der
-Glaube an „Wille“ und „Zweck“ eine Illusion sei. Sie
-fragt nicht nach den <em>Motiven</em> der Handlung, als ob diese
-uns vor der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern
-sie zerlegt erst die Handlung in eine mechanische
-Gruppe von Erscheinungen und sucht die Vorgeschichte dieser
-mechanischen Bewegung &ndash; aber nicht im Fühlen, Empfinden,
-Denken. <em>Daher</em> kann sie nie die Erklärung geben:
-die Empfindung ist ja eben ihr Material, <em>das erklärt werden
-soll</em>. &ndash; Ihr Problem ist eben: die Welt zu erklären,
-<em>ohne</em> zu Empfindungen als Ursache zu greifen: denn das
-hieße ja: <em>als Ursache</em> der Empfindungen die <em>Empfindungen</em>
-ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht
-gelöst.</p>
-
-<p>Also: entweder <em>kein</em> Wille &ndash; die Hypothese der Wissenschaft
-&ndash;, oder <em>freier</em> Wille. Letztere Annahme das herrschende
-Gefühl, von dem wir uns nicht losmachen können,
-auch wenn die Hypothese <em>bewiesen</em> wäre.</p>
-
-<p>Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die
-Voraussetzung gebaut, daß der freie Wille <em>Ursache sei von
-jeder Wirkung</em>: erst daher haben wir das Gefühl der Kausalität.
-Also darin liegt auch das Gefühl, daß jede Ursache
-nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache &ndash; wenn der<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[Pg 250]</a></span>
-Wille die Ursache ist. „Unsre Willensakte sind <em>nicht notwendig</em>“
-&ndash; das <em>liegt</em> im Begriff „<em>Wille</em>“. Notwendig ist
-die Wirkung nach der Ursache &ndash; so fühlen wir. Es ist eine
-<em>Hypothese</em>, daß auch unser Wollen in jedem Falle ein
-Müssen sei.</p>
-
-
-<h5>449.</h5>
-
-<p>Unfreiheit oder Freiheit des Willens? &ndash; Es gibt <em>keinen</em>
-„<em>Willen</em>“: das ist nur eine vereinfachende Konzeption des
-Verstandes, wie „Materie“.</p>
-
-<p><em>Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich
-vorbereitet sein, bevor sie gewollt werden.</em> Oder:
-der „Zweck“ tritt im Gehirn <em>zumeist</em> erst auf, wenn alles
-vorbereitet ist zu seiner Ausführung. Der Zweck ein „innerer“
-„Reiz“ &ndash; nicht <em>mehr</em>.</p>
-
-
-<h5>450.</h5>
-
-<p>Wir haben von alters her den Wert einer Handlung,
-eines Charakters, eines Daseins in die <em>Absicht</em> gelegt, in
-den Zweck, um dessentwillen getan, gehandelt, gelebt worden
-ist: diese uralte Idiosynkrasie des Geschmacks nimmt
-endlich eine gefährliche Wendung, &ndash; gesetzt nämlich, daß die
-Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in
-den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine
-allgemeine Entwertung sich vorzubereiten: „Alles hat keinen
-Sinn“, &ndash; diese melancholische Sentenz heißt „aller Sinn
-liegt in der Absicht, und gesetzt, daß die Absicht ganz und
-gar fehlt, so fehlt auch ganz und gar der Sinn“. Man war
-jener Schätzung gemäß genötigt gewesen, den Wert des Lebens
-in ein „Leben nach dem Tode“ zu verlegen, oder in
-die fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit
-oder des Volkes oder über den Menschen weg; aber
-damit war man in den Zweck &ndash; <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">progressus in infinitum</span>
-gekommen: man hatte endlich nötig, sich einen Platz in dem
-„Weltprozeß“ auszumachen (mit der dysdämonistischen Perspektive
-vielleicht, daß es der Prozeß ins Nichts sei).</p>
-
-<p>Dem gegenüber bedarf der „<em>Zweck</em>“ einer strengeren
-Kritik: man muß einsehen, daß eine Handlung <em>niemals<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[Pg 251]</a></span>
-verursacht wird durch einen Zweck</em>; daß Zweck und
-Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte eines Geschehens
-unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten
-anderer, und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn
-etwas auf einen Zweck hin getan wird, etwas Grundverschiedenes
-und andres geschieht; daß in bezug auf jede Zweckhandlung
-es so steht, wie mit der angeblichen Zweckmäßigkeit
-der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße Masse
-ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Teil hat
-„Zweck“, hat „Sinn“ &ndash;; daß ein „Zweck“ mit seinen
-„Mitteln“ eine unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist,
-welche als Vorschrift, als „<em>Wille</em>“ zwar kommandieren
-kann, aber ein System von gehorchenden und eingeschulten
-Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten
-lauter feste Größen setzen (das heißt, wir imaginieren ein
-System von zweck- und mittelsetzenden <em>klügeren</em>, aber
-engeren Intellekten, um unserm einzig bekannten „Zweck“
-die Rolle der „Ursache einer Handlung“ zumessen zu können,
-wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße, um ein
-Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer
-Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen &ndash;).</p>
-
-<p>Zuletzt: warum könnte nicht „ein Zweck“ eine <em>Begleiterscheinung</em>
-sein, in der Reihe von Veränderungen wirkender
-Kräfte, welche die zweckmäßige Handlung hervorrufen
-&ndash; ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses
-Zeichenbild, das uns zur Orientierung dient dessen, was
-geschieht, als ein Symptom selbst vom Geschehen, <em>nicht</em> als
-dessen Ursache? &ndash; Aber damit haben wir den <em>Willen selbst</em>
-kritisiert: ist es nicht eine Illusion, das, was im Bewußtsein
-als Willensakt auftaucht, als Ursache zu nehmen? Sind
-nicht alle Bewußtseinserscheinungen nur Enderscheinungen,
-letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem Hintereinander
-innerhalb einer Bewußtseinsfläche sich bedingend?
-Dies könnte eine Illusion sein. &ndash;</p>
-
-
-<h5>451.</h5>
-
-<p>Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf
-diese: aber <em>weiter zurück</em> liegt eine Vorgeschichte, die<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[Pg 252]</a></span>
-<em>weiter hinaus</em> deutet: die einzelne Handlung ist zugleich
-ein Glied einer viel umfänglicheren <em>späteren</em> Tatsache.
-Die <em>kürzeren</em> und die <em>längeren</em> Prozesse sind nicht getrennt
-&ndash;</p>
-
-
-<h5>452.</h5>
-
-<p>Theorie des <em>Zufalls</em>. Die Seele ein auslesendes und sich
-nährendes Wesen äußerst klug und schöpferisch <em>fortwährend</em>
-(diese <em>schaffende</em> Kraft gewöhnlich übersehen! nur
-als „<em>passiv</em>“ begriffen).</p>
-
-<p>Ich erkannte die <em>aktive Kraft</em>, das Schaffende inmitten
-des Zufälligen: &ndash; Zufall ist selber nur <em>das Aufeinanderstoßen
-der schaffenden Impulse</em>.</p>
-
-
-<h5>453.</h5>
-
-<p>Die <em>überschüssige</em> Kraft in der <em>Geistigkeit</em>, <em>sich selbst</em>
-neue Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und
-führend für die niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus,
-des „Individuums“.</p>
-
-<p>Wir sind <em>mehr</em> als das Individuum: wir sind die ganze
-Kette noch, mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.</p>
-
-
-<h5>454.</h5>
-
-<p>Der bisherige Mensch &ndash; gleichsam ein Embryo des Menschen
-der Zukunft; &ndash; <em>alle</em> gestaltenden Kräfte, die auf <em>diesen</em>
-hinzielen, sind in ihm: und weil sie ungeheuer sind,
-so entsteht für das jetzige Individuum, <em>je mehr es zukunftsbestimmend
-ist, Leiden</em>. Dies ist die tiefste Auffassung
-des <em>Leidens</em>: die gestaltenden Kräfte stoßen sich.
-&ndash; Die Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen
-&ndash; in Wahrheit fließt etwas fort <em>unter</em> den Individuen.
-<em>Daß</em> es sich einzeln fühlt, ist der <em>mächtigste Stachel</em> im
-Prozesse selber nach fernsten Zielen hin: sein Suchen für
-<em>sein</em> Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden Kräfte
-andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht
-selber zerstören.</p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[Pg 253]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h3>IV. Die Gesellschaft &ndash; ein Machtwille.</h3>
-
-
-<h4>1. Der Mensch als geselliges Wesen.</h4>
-
-
-<h5>455.</h5>
-
-<p>Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine
-organische Zelle: es raubt und ist gewalttätig. Es will sich
-regenerieren &ndash; Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären
-und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen.</p>
-
-
-<h5>456.</h5>
-
-<p>Das Individuum ist etwas ganz <em>Neues</em> und <em>Neuschaffendes</em>,
-etwas Absolutes, alle Handlungen ganz <em>sein</em> eigen.</p>
-
-<p>Die Werte für seine Handlungen entnimmt der Einzelne
-zuletzt doch sich selber: weil er auch die überlieferten Worte
-sich <em>ganz individuell deuten</em> muß. Die <em>Auslegung</em> der
-Formel ist mindestens persönlich, wenn er auch keine Formel
-schafft: als <em>Ausleger</em> ist er immer noch schaffend.</p>
-
-
-<h5>457.</h5>
-
-<p>Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft,
-als es kann und unterwirft sich das Schwächere: so hat es
-seinen Genuß an sich. Die <em>zunehmende „Vermenschlichung“</em>
-in dieser Tendenz besteht darin, daß immer <em>feiner</em>
-empfunden wird, wie schwer der andere wirklich <em>einzuverleiben</em>
-ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre
-Macht über ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch
-mehr <em>entfremdet</em>, &ndash; also ihn weniger unterwerfbar
-macht.</p>
-
-
-<h5>458.</h5>
-
-<p>Der <em>Individualismus</em> ist eine bescheidene und noch
-unbewußte Art des „Willens zur Macht“; hier scheint es
-dem Einzelnen schon genug, <em>freizukommen</em> von einer
-Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates oder der
-Kirche). Er setzt sich <em>nicht als Person</em> in Gegensatz, sondern
-bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die
-Gesamtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv <em>gleich</em> an<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[Pg 254]</a></span>
-<em>mit jedem Einzelnen</em>; was er erkämpft, das erkämpft er
-nicht sich als Person, sondern sich als Vertreter Einzelner
-gegen die Gesamtheit.</p>
-
-<p>Der <em>Sozialismus</em> ist bloß ein <em>Agitationsmittel des
-Individualismus</em>: er begreift, daß man sich, um etwas
-zu erreichen, zu einer Gesamtaktion organisieren muß, zu
-einer „Macht“. Aber was er will, ist nicht die Sozietät als
-Zweck des Einzelnen, sondern die Sozietät als <em>Mittel zur
-Ermöglichung vieler Einzelnen</em>: &ndash; das ist der Instinkt
-der Sozialisten, über den sie sich häufig betrügen (&ndash;
-abgesehen, daß sie, um sich durchzusetzen, häufig betrügen
-müssen). Die altruistische Moralpredigt im Dienste des Individualegoismus:
-eine der gewöhnlichsten Falschheiten des
-<em>neunzehnten</em> Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Der <em>Anarchismus</em> ist wiederum bloß ein <em>Agitationsmittel
-des Sozialismus</em>; mit ihm erregt er Furcht, mit
-der Furcht beginnt er zu faszinieren und zu terrorisieren:
-vor allem &ndash; er zieht die Mutigen, die Gewagten auf seine
-Seite, selbst noch im Geistigsten.</p>
-
-<p>Trotz alledem: der <em>Individualismus</em> ist die <em>bescheidenste</em>
-Stufe des Willens zur Macht.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will
-man mehr: es tritt die <em>Sonderung</em> heraus nach dem Grade
-der Kraft: der Einzelne setzt sich nicht ohne weiteres mehr
-gleich, sondern er <em>sucht nach seinesgleichen</em>, &ndash; er hebt
-andere von sich ab. Auf den Individualismus folgt die
-<em>Glieder-</em> und <em>Organbildung</em>: die verwandten Tendenzen
-sich zusammenstellend und sich als Macht betätigend: zwischen
-diesen Machtzentren Reibung, Krieg, Erkenntnis beiderseitiger
-Kräfte, Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung
-von <em>Austausch der Leistungen</em>. Am Schluß: eine <em>Rangordnung</em>.</p>
-
-<p>Rekapitulation:</p>
-
-<p>1. Die Individuen machen sich frei;</p>
-
-<p>2. sie treten in Kampf, sie kommen über „Gleichheit der
-Rechte“ überein (&ndash; „Gerechtigkeit“ als Ziel &ndash;);</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[Pg 255]</a></span></p>
-
-<p>3. ist das erreicht, so treten die tatsächlichen <em>Ungleichheiten
-der Kraft</em> in eine <em>vergrößerte Wirkung</em> (weil im
-großen ganzen der Friede herrscht und viele kleine Kraftquanta
-schon Differenzen ausmachen, solche, die früher fast
-gleich null waren). Jetzt organisieren sich die Einzelnen zu
-<em>Gruppen</em>; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach
-Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von
-neuem.</p>
-
-<p>Man will <em>Freiheit</em>, solange man noch nicht die Macht
-hat. Hat man sie, will man Übermacht; erringt man sie
-nicht (ist man noch zu schwach zu ihr), will man „<em>Gerechtigkeit</em>“,
-das heißt <em>gleiche Macht</em>.</p>
-
-
-<h5>459.</h5>
-
-<p>Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden
-muß, um <em>obenauf</em> zu bleiben, das ist das Maß der
-<em>Freiheit</em>, sei es für Einzelne, sei es für Gesellschaften:
-Freiheit nämlich als positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt.
-Die höchste Form der Individualfreiheit, der Souveränität
-wüchse demnach mit großer Wahrscheinlichkeit
-nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf, dort wo
-die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern
-über dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die
-Geschichte: die Zeiten, wo das „Individuum“ bis zu jener
-Vollkommenheit <em>reif</em>, das heißt <em>frei</em> wird, wo der klassische
-Typus des <em>souveränen Menschen</em> erreicht ist: o nein!
-das waren niemals humane Zeiten!</p>
-
-<p>Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf &ndash; oder
-unten, wie ein Wurm, verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man
-muß Tyrannen gegen sich haben, um Tyrann, das heißt <em>frei</em>
-zu werden. Es ist kein kleiner Vorteil, hundert Damoklesschwerter
-über sich zu haben: damit lernt man tanzen, damit
-kommt man zur „Freiheit der Bewegung“.</p>
-
-
-<h5>460.</h5>
-
-<p>Unsre neue „Freiheit“. &ndash; Welches Freiheitsgefühl liegt
-darin, zu empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden,
-daß wir <em>nicht</em> in ein System von „Zwecken“ eingespannt<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[Pg 256]</a></span>
-sind! Insgleichen, daß der Begriff „Lohn“ und „Strafe“
-nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz hat! Insgleichen,
-daß die gute und die böse Handlung nicht an sich, sondern
-nur in der Perspektive der Erhaltungstendenzen gewisser
-Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse
-zu nennen ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über
-Lust und Schmerz keine kosmische, geschweige denn eine
-metaphysische Bedeutung haben! (&ndash; jener Pessimismus,
-der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und
-Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich
-anheischig macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das
-vorkopernikanische Gefängnis und Gesichtsfeld, würde etwas
-Rückständiges und Rückfälliges sein, falls er nicht nur
-ein schlechter Witz eines Berliners ist.)</p>
-
-
-<h5>461.</h5>
-
-<p>Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon
-reden diese Pariser Philosophen, wie Fouillée: sie sollten
-doch nur die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">race moutonnière</span> ansehen, die sie selber
-sind!.... Macht doch die Augen auf, ihr Herren Zukunftssoziologen!
-Das Individuum ist stark geworden unter <em>umgekehrten</em>
-Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung
-und Verkümmerung des Menschen, ihr <em>wollt</em> sie
-selbst und braucht den ganzen Lügenapparat des alten Ideals
-dazu! ihr seid <em>derart</em>, daß ihr eure Herdentierbedürfnisse
-wirklich als <em>Ideal</em> empfindet!</p>
-
-<p>Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!</p>
-
-
-<h5>462.</h5>
-
-<p>Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen
-Europäer kennzeichnen: das <em>Individualistische</em>
-und die <em>Forderung gleicher Rechte</em>: das verstehe ich
-endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare
-Eitelkeit: &ndash; diese fordert, bei ihrem Bewußtsein,
-wie schnell sie leidet, daß jeder andere ihm gleichgestellt
-gelte, daß er nur <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter pares</span> sei. Damit ist eine gesellschaftliche
-Rasse charakterisiert, in welcher tatsächlich die Be<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[Pg 257]</a></span>gabungen
-und Kräfte nicht erheblich auseinandergehen. Der
-Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz
-außer Verständnis; die ganz „großen“ Erfolge gibt es nur
-durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massenerfolg
-immer eigentlich ein <em>kleiner</em> Erfolg ist: weil <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">pulchrum
-est paucorum hominum</span>.</p>
-
-<p>Alle Moralen wissen nichts von „Rangordnung“ der
-Menschen; die Rechtslehrer nichts vom Gemeindegewissen.
-Das Individualprinzip lehnt die <em>ganz großen</em> Menschen
-ab und verlangt unter ungefähr gleichen das feinste Auge
-und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und
-weil jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und zivilisierten
-Kulturen &ndash; also erwarten kann, sein Teil Ehre
-zurückzubekommen &ndash;, deshalb findet heute ein Herausstreichen
-der kleinen Verdienste statt wie niemals noch: es
-gibt dem Zeitalter einen Anstrich von <em>grenzenloser Billigkeit</em>.
-Seine Unbilligkeit besteht in einer Wut ohne Grenzen
-<em>nicht</em> gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch
-in den Künsten, sondern gegen die <em>vornehmen</em> Menschen,
-welche das Lob der Vielen verachten. Die Forderung gleicher
-Rechte (zum Beispiel über alles und jeden zu Gericht sitzen
-zu dürfen) ist <em>antiaristokratisch</em>.</p>
-
-<p>Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum,
-das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen:
-worin die Auszeichnung und der Eifer vieler
-hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter);
-oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland; Jesuitismus,
-preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder
-Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche
-Zustände und der Mangel der <em>kleinen Eitelkeit</em>
-nötig ist.</p>
-
-
-<h5>463.<br />
-
-<span class="normal3 gesperrt">Morphologie der Selbstgefühle.</span></h5>
-
-<p><em>Erster Gesichtspunkt</em>: inwiefern die <em>Mitgefühls-</em>
-und <em>Gemeinschaftsgefühle</em> die niedrigere, die vorbereitende
-Stufe sind, zur Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[Pg 258]</a></span>
-Initiative der Wertsetzung im einzelnen noch gar nicht möglich
-ist.</p>
-
-<p><em>Zweiter Gesichtspunkt</em>: inwiefern die <em>Höhe des Kollektivselbstgefühls</em>,
-der Stolz auf die Distanz des Clans,
-das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittlung,
-Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des <em>Individualselbstgefühls</em>
-ist: namentlich insofern sie den Einzelnen
-zwingt, den Stolz des Ganzen zu <em>repräsentieren</em>:
-&ndash; er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung
-vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt.
-Insgleichen: wenn das Individuum sich als <em>Werkzeug
-und Sprachrohr der Gottheit</em> fühlt.</p>
-
-<p><em>Dritter Gesichtspunkt</em>: inwiefern diese Formen der
-<em>Entselbstung</em> tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit
-geben: insofern höhere Gewalten sich ihrer bedienen:
-religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des Propheten, Dichters.</p>
-
-<p><em>Vierter Gesichtspunkt</em>: inwiefern die Verantwortlichkeit
-für das Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine
-strenge und furchtbare Hand, eine Besonnenheit und Kälte,
-eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde <em>anerzieht</em>
-und <em>erlaubt</em>, welche er nicht um seiner selbst willen sich
-zugestehen würde.</p>
-
-<p><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span>: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule
-der Personal<em>souveränität</em>. Der vornehme Stand
-ist der, welcher die Erbschaft dieser Übung macht.</p>
-
-
-<h5>464.<br />
-
-<span class="normal3">Die <em>maskierten</em> Arten des Willens zur Macht:</span></h5>
-
-<p>1. Verlangen nach <em>Freiheit</em>, Unabhängigkeit, auch nach
-Gleichgewicht, Frieden, <em>Koordination</em>. Auch der Einsiedler,
-die „Geistesfreiheit“. In niedrigster Form: Wille
-überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“.</p>
-
-<p>2. Die <em>Einordnung</em>, um im größeren Ganzen dessen
-Willen zur Macht zu befriedigen: die <em>Unterwerfung</em>, das
-Sich-unentbehrlich-machen, -nützlich-machen bei dem, der die<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[Pg 259]</a></span>
-Gewalt hat; die <em>Liebe</em>, als ein Schleichweg zum Herzen des
-Mächtigeren, &ndash; um über ihn zu herrschen.</p>
-
-<p>3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost,
-zu einem <em>höheren</em> Rang zu gehören als die tatsächlich Gewalthabenden;
-die Anerkennung einer Rangordnung, die
-das <em>Richten</em> erlaubt, auch über die Mächtigeren; die Selbstverurteilung;
-die Erfindung <em>neuer Werttafeln</em> (Juden:
-klassisches Beispiel).</p>
-
-
-<h5>465.<br />
-<span class="normal3">Zum „Macchiavellismus“ der Macht.</span></h5>
-
-<p>Der <em>Wille zur Macht</em> erscheint</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als
-Wille zur „<em>Freiheit</em>“: bloß das <em>Loskommen</em> scheint das
-Ziel (moralisch-religiös: „nur seinem eignen Gewissen verantwortlich“;
-„evangelische Freiheit“ usw.);</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden
-Art als Wille zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos,
-dann sich einschränkend auf den Willen zur „<em>Gerechtigkeit</em>“,
-das heißt zu dem <em>gleichen Maß von Rechten</em>, wie
-die herrschende Art sie hat;</p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Mutigsten
-als „<em>Liebe</em> zur Menschheit“, zum „Volk“, zum Evangelium,
-zur Wahrheit, Gott; als Mitleid; „Selbstopferung“
-usw.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, In-seinen-Dienst-nehmen,
-als instinktives Sich-in-Eins-rechnen
-mit einem großen Quantum Macht, dem man <em>Richtung
-zu geben vermag</em>: der Held, der Prophet, der Cäsar, der
-Heiland, der Hirt; (&ndash; auch die Geschlechtsliebe gehört
-hierher: sie <em>will</em> die Überwältigung, das In-Besitz-nehmen,
-und sie <em>erscheint</em> als Sich-hingeben. Im Grunde ist es nur
-die Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“, &ndash;
-seine Überzeugung davon, daß ihm das und das <em>zugehört</em>,
-als einem, der imstande ist, <em>es zu benutzen</em>).</p>
-
-<p>„<em>Freiheit</em>“, „<em>Gerechtigkeit</em>“ und „<em>Liebe</em>“!!! &ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[Pg 260]</a></span></p>
-
-
-<h5>466.</h5>
-
-<p><em>Berichtigung des Begriffs „Egoismus“.</em> &ndash; Hat
-man begriffen, inwiefern „Individuum“ ein Irrtum ist, sondern
-jedes Einzelwesen eben der <em>ganze Prozeß</em> in gerader
-Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst &ndash;), so hat
-das Einzelwesen eine <em>ungeheuer große Bedeutung</em>. Der
-Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt <em>nachläßt</em>,
-&ndash; wo das Individuum sich einen Wert erst im Dienst
-für andere sucht, kann man sicher auf Ermüdung und <em>Entartung</em>
-schließen. Der Altruismus der Gesinnung, gründlich
-und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich wenigstens
-einen <em>zweiten</em> Wert zu schaffen, im Dienste <em>anderer</em>
-Egoismen. Meistens aber ist er nur <em>scheinbar</em>: ein <em>Umweg</em>
-zur Erhaltung des <em>eigenen Lebensgefühls, Wertgefühls</em>. &ndash;</p>
-
-
-<h5>467.</h5>
-
-<p>Die <em>Kunstgriffe</em>, um Handlungen, Maßregeln, Affekte
-zu ermöglichen, welche, individuell gemessen, nicht mehr
-„statthaft“, &ndash; auch nicht mehr „schmackhaft“ sind:</p>
-
-<p>die <em>Kunst</em> „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche
-„entfremdete“ Welten eintreten läßt;</p>
-
-<p>der <em>Historiker</em> zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die
-Reisen; der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus;
-Verbrecher; Soziologie;</p>
-
-<p>die „<em>Unpersönlichkeit</em>“ (so daß wir als <em>Media</em> eines
-Kollektivwesens uns diese Affekte und Handlungen gestatten
-&ndash; Richterkollegien, Jury, Bürger, Soldat, Minister, Fürst,
-Sozietät, „Kritiker“ &ndash;) gibt uns das Gefühl, <em>als ob wir
-ein Opfer brächten</em>....</p>
-
-
-<h5>468.</h5>
-
-<p><em>Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben</em>
-&ndash; ist das mein unwillkürliches Bemühen gewesen?
-und zwar dem bösen Menschen, insofern er der <em>starke
-Mensch</em> ist? (Das Urteil <em>Dostoiewskys</em> über die Verbrecher
-der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[Pg 261]</a></span></p>
-
-
-<h5>469.</h5>
-
-<p>Wir lernen in unsrer zivilisierten Welt fast nur den verkümmerten
-Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch
-und der Verachtung der Gesellschaft, sich selbst mißtrauend,
-oftmals seine Tat verkleinernd und verleumdend, einen
-<em>mißglückten Typus von Verbrecher</em>; und wir widerstreben
-der Vorstellung, daß <em>alle großen Menschen Verbrecher
-waren</em> (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen),
-daß das Verbrechen zur Größe gehört (&ndash; so
-nämlich geredet aus dem Bewußtsein der Nierenprüfer und
-aller derer, die am tiefsten in große Seelen <em>hinuntergestiegen</em>
-sind &ndash;). Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen,
-dem Gewissen, der Pflicht &ndash; jeder große Mensch
-kennt diese seine Gefahr. Aber er <em>will</em> sie auch: er <em>will</em>
-das große Ziel und darum auch dessen Mittel.</p>
-
-
-<h5>470.</h5>
-
-<p>Das <em>Verbrechen</em> gehört unter den Begriff „Aufstand
-wider die gesellschaftliche Ordnung“. Man „bestraft“ einen
-Aufständischen nicht: man <em>unterdrückt</em> ihn. Ein Aufständischer
-kann ein erbärmlicher und verächtlicher Mensch sein:
-an sich ist an einem Aufstande nichts zu verachten, &ndash; und in
-Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch zu sein,
-erniedrigt an sich noch nicht den Wert eines Menschen. Es
-gibt Fälle, wo man einen solchen Aufständischen darum selbst
-zu ehren hätte, weil er an unsrer Gesellschaft etwas empfindet,
-gegen das der Krieg not tut: &ndash; wo er uns aus dem
-Schlummer weckt.</p>
-
-<p>Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes tut an einem
-Einzelnen, ist nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen
-die ganze Ordnung im Kriegszustand ist: die Tat als bloßes
-Symptom.</p>
-
-<p>Man soll den Begriff „Strafe“ reduzieren auf den Begriff:
-Niederwerfung eines Aufstandes, Sicherheitsmaßregel
-gegen den Niedergeworfenen (ganze oder halbe Gefangenschaft).
-Aber man soll nicht <em>Verachtung</em> durch die
-Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch,<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[Pg 262]</a></span>
-der sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskiert, &ndash; ein
-Mann des Muts. Man soll insgleichen die Strafe nicht als
-Buße nehmen; oder als eine Abzahlung, wie als ob es ein
-Tauschverhältnis gebe zwischen Schuld und Strafe, &ndash; die
-Strafe reinigt nicht, <em>denn</em> das Verbrechen beschmutzt nicht.</p>
-
-<p>Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen,
-seinen Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß
-er nicht zur <em>Rasse des Verbrechertums</em> gehört. In letzterem
-Falle soll man ihm den Krieg machen, noch bevor er
-etwas Feindseliges getan hat (erste Operation, sobald man
-ihn in der Gewalt hat: ihn kastrieren).</p>
-
-<p>Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren
-noch den niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachteil
-anrechnen. Nichts ist gewöhnlicher, als daß er sich selbst
-mißversteht (namentlich ist sein revoltierter Instinkt, die
-Ranküne des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">déclassé</span> oft nicht sich zum Bewußtsein gelangt,
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faute de lecture</span>), daß er unter dem Eindruck der
-Furcht, des Mißerfolgs seine Tat verleumdet und verunehrt:
-von jenen Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch
-nachgerechnet, der Verbrecher einem unverstandnen Triebe
-nachgibt und seiner Tat durch eine Nebenhandlung ein falsches
-Motiv unterschiebt (etwa durch eine Beraubung, während
-es ihm am Blute lag).</p>
-
-<p>Man soll sich hüten, den Wert eines Menschen nach
-einer einzelnen Tat zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt.
-Namentlich sind die Hautrelieftaten ganz besonders
-insignifikant. Wenn unsereiner kein Verbrechen, zum Beispiel
-keinen Mord, auf dem Gewissen hat &ndash; woran liegt
-es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt
-haben. Und täten wir es, was wäre damit an unserm
-Werte bezeichnet? An sich würde man uns verachten, wenn
-man uns nicht die Kraft zutraute, unter Umständen einen
-Menschen zu töten. Fast in allen Verbrechen drücken
-sich zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne
-nicht fehlen sollen. Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von
-den Insassen jener sibirischen Zuchthäuser gesagt, sie bildeten
-den stärksten und wertvollsten Bestandteil des russi<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[Pg 263]</a></span>schen
-Volkes. Wenn bei uns der Verbrecher eine schlecht
-ernährte und verkümmerte Pflanze ist, so gereicht dies unseren
-gesellschaftlichen Verhältnissen zur Unehre; in der Zeit
-der Renaissance gedieh der Verbrecher und erwarb sich seine
-eigne Art von Tugend, &ndash; Tugend im Renaissancestile freilich,
-<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">virtù</span>, moralinfreie Tugend.</p>
-
-<p>Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen,
-die man nicht mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung
-ist eine größere Entwürdigung und Schädigung
-als irgendein Verbrechen.</p>
-
-
-<h5>471.</h5>
-
-<p>Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen,
-daß gewisse Bußen an verächtliche Menschen (Sklaven zum
-Beispiel) geknüpft wurden. Die, welche am meisten bestraft
-wurden, waren verächtliche Menschen, und schließlich lag
-im Strafen etwas Beschimpfendes.</p>
-
-
-<h5>472.</h5>
-
-<p>Im alten Strafrecht war ein <em>religiöser</em> Begriff mächtig:
-der der sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt:
-in der modernen Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine
-Abzahlung: man ist wirklich das <em>los</em>, für was man so viel
-hat leiden <em>wollen</em>. Gesetzt, daß an diese Kraft der Strafe
-geglaubt wird, so gibt es hinterdrein eine <em>Erleichterung</em>
-und ein <em>Aufatmen</em>, das wirklich einer neuen Gesundheit,
-einer Wiederherstellung nahekommt. Man hat nicht nur
-seinen Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist
-vor sich selbst auch wieder achtungswürdig geworden, &ndash;
-„rein“.... Heute isoliert die Strafe noch mehr als das Vergehen;
-das <em>Verhängnis</em> hinter einem Vergehen ist dergestalt
-gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man kommt
-als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus.... Von
-jetzt ab gibt es einen Feind mehr.</p>
-
-<p>Das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">jus talionis</span> <em>kann</em> diktiert sein durch den Geist
-der Vergeltung (das heißt durch eine Art Mäßigung des
-Racheinstinktes); aber bei <em>Manu</em> zum Beispiel ist es das<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[Pg 264]</a></span>
-Bedürfnis, ein Äquivalent zu haben, um zu <em>sühnen</em>, um
-religiös wieder „frei“ zu sein.</p>
-
-
-<h5>473.</h5>
-
-<p>Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren
-Strafgesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional
-wehe tun sollen gemäß der Größe des Verbrechens &ndash;
-und so wollt ihr's ja alle im Grunde! &ndash; nun, so müßten
-sie jedem Verbrecher proportional seiner Empfindlichkeit für
-Schmerz zugemessen werden: &ndash; das heißt, es dürfte eine
-<em>vorherige</em> Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es
-dürfte einen Strafkodex <em>gar nicht geben</em>? Aber in Anbetracht,
-daß es nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher
-die Gradskala seiner Lust und Unlust festzustellen,
-so würde man <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in praxi</span> wohl auf das Strafen verzichten
-müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h5>474.</h5>
-
-<p>Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft,
-welche, wie alle moralische Wissenschaft, noch nicht
-einmal in der Windel liegt!</p>
-
-<p>Man verkennt zum Beispiel immer noch, auch unter frei
-sich dünkenden Juristen, die älteste und wertvollste <em>Bedeutung</em>
-der Strafe &ndash; man kennt sie gar nicht: und solange
-die Rechtswissenschaft sich nicht auf einen neuen Boden
-stellt, nämlich auf die Historien- und die Völkervergleichung,
-wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen Abstraktionen
-verbleiben, welche heute sich als „Philosophie
-des Rechtes“ vorstellen, und die sämtlich vom gegenwärtigen
-Menschen abgezogen sind. Dieser gegenwärtige Mensch ist
-aber ein so verwickeltes Geflecht, auch in bezug auf seine
-rechtlichen Wertschätzungen, daß er die verschiedensten <em>Ausdeutungen</em>
-erlaubt.</p>
-
-
-<h5>475.</h5>
-
-<p>Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zugrunde
-gehen sollen, so hätten sie viele Gesetze.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[Pg 265]</a></span></p>
-
-
-<h5>476.</h5>
-
-<p>„Lohn und Strafe“. &ndash; Das lebt miteinander, das verfällt
-miteinander. Heute will man nicht belohnt sein, man
-will niemanden <em>anerkennen</em>, der straft.... Man hat den
-Kriegsfuß hergestellt: man <em>will</em> etwas, man hat Gegner
-dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, <em>wenn
-man sich verträgt</em>, &ndash; wenn man einen <em>Vertrag</em> macht.</p>
-
-<p>Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen
-„Vertrag“ gemacht hat: &ndash; der Verbrecher ist ein <em>Vertragsbrüchiger</em>....
-Das wäre ein klarer Begriff. Aber
-dann könnte man nicht Anarchisten und <em>prinzipielle</em> Gegner
-einer Gesellschaftsform innerhalb derselben dulden....</p>
-
-
-<h5>477.</h5>
-
-<p>Die <em>Gegenseitigkeit</em>, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen:
-eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung
-des Menschen. Sie bringt jene „Gleichheit“
-mit sich, welche die Kluft der Distanz als <em>unmoralisch</em>
-abwertet....</p>
-
-
-<h5>478.</h5>
-
-<p>Die Zeiten, wo man mit <em>Lohn</em> und <em>Strafe</em> den Menschen
-<em>lenkt</em>, haben eine niedere, noch primitive Art Mensch
-im Auge: das ist wie bei <em>Kindern</em>....</p>
-
-<p>Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die
-Degenereszenz etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn
-und Strafe <em>aufhebt</em>.... Es setzt junge, starke, kräftige
-Rassen voraus, dieses wirkliche <em>Bestimmen</em> der Handlung
-durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen sind die
-Impulse so <em>unwiderstehlich</em>, daß eine bloße Vorstellung
-ganz ohnmächtig ist; &ndash; nicht Widerstand leisten können,
-wo ein Reiz gegeben ist, sondern ihm folgen <em>müssen</em>: diese
-extreme Irritabilität der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span> macht solche Straf- und
-<em>Besserungs</em>systeme vollkommen sinnlos.</p>
-
-<p>Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung
-eines normalen und starken Menschen, dessen Einzelhandlung
-irgendwie wieder <em>ausgeglichen</em> werden soll, um ihn<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[Pg 266]</a></span>
-<em>nicht</em> für die Gemeinde zu <em>verlieren</em>, um ihn nicht als
-<em>Feind</em> zu haben.</p>
-
-
-<h4>2. Der Staat.</h4>
-
-
-<h5>479.</h5>
-
-<p>Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich <em>verantwortlich</em>.
-Die Vielheiten sind erfunden, um Dinge zu tun, zu denen
-der Einzelne nicht den Mut hat. Eben deshalb sind alle
-Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal <em>aufrichtiger</em> und
-<em>belehrender</em> über das Wesen des Menschen als das Individuum,
-welches zu schwach ist, um den Mut zu seinen
-Begierden zu haben....</p>
-
-<p>Der ganze „Altruismus“ ergibt sich als <em>Privatmannklugheit</em>:
-die Gesellschaften sind nicht „altruistisch“ gegen
-einander.... Das Gebot der Nächstenliebe ist noch niemals
-zu einem Gebot der Nachbarliebe erweitert worden. Vielmehr
-gilt da noch, was bei Manu steht: „Alle uns angrenzenden
-Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns
-feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum
-müssen uns <em>deren</em> Nachbarn als uns freundlich gesinnt
-gelten.“</p>
-
-<p>Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar,
-weil der Mensch als Gesellschaft viel <em>naiver</em> ist als der
-Mensch als „Einheit“. Die „Gesellschaft“ hat die <em>Tugend</em>
-nie anders gesehen, denn als Mittel der Stärke, der Macht,
-der Ordnung.</p>
-
-<p>Wie einfältig und würdig sagt es Manu: „Aus eigner
-Kraft würde die Tugend sich schwerlich behaupten können.
-Im Grunde ist es nur die Furcht vor Strafe, was die Menschen
-in Schranken hält und jeden im ruhigen Besitz des
-Seinen läßt.“</p>
-
-
-<h5>480.</h5>
-
-<p>Ihr habt alle nicht den Mut, einen Menschen zu töten
-oder auch nur zu peitschen oder auch nur zu &ndash;, aber die ungeheure
-Maschine von <em>Staat</em> überwältigt den Einzelnen,
-so daß er die Verantwortlichkeit für das, was er tut, ablehnt
-(Gehorsam, Eid usw.).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[Pg 267]</a></span></p>
-
-<p>&ndash; Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates <em>tut</em>,
-geht wider seine Natur.</p>
-
-<p>&ndash; insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen
-Dienst im Staate <em>lernt</em>, geht wider seine Natur.</p>
-
-<p>Das wird erreicht durch die <em>Arbeitsteilung</em> (so daß
-niemand die ganze Verantwortlichkeit mehr hat):</p>
-
-<p>der Gesetzgeber &ndash; und der, der das Gesetz ausführt;</p>
-
-<p>der Disziplinlehrer &ndash; und die, welche in der Disziplin hart
-und streng geworden sind.</p>
-
-
-<h5>481.</h5>
-
-<p>Der <em>Staat</em> oder die organisierte <em>Unmoralität</em>, &ndash; <em>inwendig</em>:
-als Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie;
-<em>auswendig</em>: als Wille zur Macht, zum Kriege, zur
-Eroberung, zur Rache.</p>
-
-<p>Wie wird es erreicht, daß er eine <em>große Menge</em> Dinge
-tut, zu denen der <em>Einzelne</em> sich nie verstehen würde? &ndash;
-Durch Zerteilung der Verantwortlichkeit, des Befehlens und
-der Ausführung. Durch <em>Zwischenlegung</em> der Tugenden
-des Gehorsams, der Pflicht, der Vaterlands- und Fürstenliebe.
-Durch Aufrechterhaltung des Stolzes, der Strenge,
-der Stärke, des Hasses, der Rache, &ndash; kurz aller typischen
-Züge, welche dem Herdentypus <em>widersprechen</em>.</p>
-
-
-<h5>482.</h5>
-
-<p>Versuch meinerseits, die <em>absolute Vernünftigkeit</em> des
-gesellschaftlichen Urteilens und Wertschätzens zu begreifen
-(natürlich frei von dem Willen, dabei moralische Resultate
-herauszurechnen).</p>
-
-<p>: den Grad von <em>psychologischer Falschheit</em> und Undurchsichtigkeit,
-um die zur Erhaltung und Machtsteigerung
-wesentlichen Affekte zu <em>heiligen</em> (um sich für sie das <em>gute
-Gewissen</em> zu schaffen).</p>
-
-<p>: den Grad von <em>Dummheit</em>, damit eine gemeinsame Regulierung
-und Wertung möglich bleibt (dazu Erziehung,
-Überwachung der Bildungselemente, Dressur).</p>
-
-<p>: den Grad von <em>Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit</em>,
-um die Ausnahmen als Verbrecher zu be<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[Pg 268]</a></span>handeln
-und zu unterdrücken, &ndash; um ihnen selbst das
-schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an ihrer
-Ausnahmehaftigkeit krank sind.</p>
-
-
-<h5>483.</h5>
-
-<p>Damit etwas bestehen soll, das länger ist als ein Einzelner,
-damit also ein <em>Werk</em> bestehen bleibt, das vielleicht ein
-Einzelner geschaffen hat: dazu muß dem Einzelnen alle
-mögliche Art von Beschränkung, von Einseitigkeit usw. auferlegt
-werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe, Verehrung,
-Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine
-Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft
-haben: oder daß meine Nachkommen nur so garantiert sind,
-wenn ich jenes <em>Werk</em> (zum Beispiel die πόλις) garantiere.
-<em>Moral</em> ist wesentlich das Mittel, über die Einzelnen hinweg,
-oder vielmehr durch eine <em>Versklavung</em> der Einzelnen etwas
-zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die Perspektive
-von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird als
-die von oben nach unten.</p>
-
-<p>Ein Machtkomplex: wie wird er <em>erhalten</em>? Dadurch,
-daß viele Geschlechter sich ihm opfern.</p>
-
-
-<h5>484.</h5>
-
-<p>Das <em>Kontinuum</em>: „Ehe, Eigentum, Sprache, Tradition,
-Stamm, Familie, Volk, Staat“ sind Kontinuen niederer
-und höherer Ordnung. Die Ökonomik derselben besteht
-in dem <em>Überschusse</em> der <em>Vorteile</em> der ununterbrochenen
-Arbeit, sowie der Vervielfachung über die <em>Nachteile</em>: die
-größeren Kosten der Auswechslung der Teile oder der
-Dauerbarmachung derselben. (Vervielfältigung der wirkenden
-Teile, welche doch vielfach unbeschäftigt bleiben, also
-größere Anschaffungskosten und nicht unbedeutende Kosten
-der Erhaltung.) Der Vorteil besteht darin, daß die Unterbrechungen
-vermieden und die aus ihnen entspringenden
-Verluste gespart werden. <em>Nichts ist kostspieliger als ein
-Anfang.</em></p>
-
-<p>„Je größer die Daseinsvorteile, desto größer auch die Erhaltungs-
-und Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflan<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[Pg 269]</a></span>zung);
-desto größer auch die Gefahren und die Wahrscheinlichkeit,
-vor der erreichten Höhe zugrunde zu gehen.“</p>
-
-
-<h5>485.</h5>
-
-<p>Kritik der „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor dem Gesetz“:
-was eigentlich damit <em>weggeschafft</em> werden soll?
-Die Spannung, die Feindschaft, der Haß. &ndash; Aber ein
-Irrtum ist es, daß dergestalt „<em>das Glück</em>“ <em>gemehrt</em> wird:
-die Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als die Kontinentalen.</p>
-
-
-<h5>486.</h5>
-
-<p>Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des
-Herrschenden verdorben. Der „Staat“, als Gericht übend,
-ist eine Feigheit, weil der <em>große Mensch</em> fehlt, an dem gemessen
-werden kann. Zuletzt wird die Unsicherheit so groß,
-daß die Menschen vor <em>jeder</em> Willenskraft, die befiehlt, in
-den Staub fallen.</p>
-
-
-<h5>487.</h5>
-
-<p>Man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit,
-noch gar auf „Glück“: es steht mit dem einzelnen Menschen
-nicht anders als mit dem niedrigsten Wurm.</p>
-
-
-<h5>488.<br />
-
-<span class="gesperrt normal3">„Die Erlösung von aller Schuld.“</span></h5>
-
-<p>Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des sozialen
-Pakts: wie als ob die Tatsache, daß dieser unter günstigen,
-jener unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von
-vornherein eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß
-dieser mit diesen Eigenschaften, jener mit jenen geboren
-wird. Von seiten der Aufrichtigsten unter diesen Gegnern
-der Gesellschaft wird dekretiert: „Wir selber sind mit allen
-unseren schlechten, krankhaften, verbrecherischen Eigenschaften,
-die wir eingestehen, nur die unvermeidlichen <em>Folgen</em>
-einer sekulären Unterdrückung der Schwachen durch die
-Starken“; sie schieben ihren Charakter den herrschenden
-Ständen ins Gewissen. Und man droht, man zürnt, man
-verflucht; man wird tugendhaft vor Entrüstung &ndash;, man<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[Pg 270]</a></span>
-will nicht umsonst ein schlechter Mensch, eine Kanaille geworden
-sein.</p>
-
-<p>Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte,
-heißt sich, soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungspessimismus.
-Hier wird der Anspruch gemacht,
-die Geschichte zu richten, sie ihrer Fatalität zu entkleiden,
-eine Verantwortlichkeit hinter ihr, <em>Schuldige</em> in ihr zu
-finden. Denn darum handelt es sich: man braucht Schuldige.
-Die Schlechtweggekommenen, die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadents</span> jeder
-Art, sind in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht
-an sich selbst ihren Vernichtungsdurst zu löschen (&ndash; was
-an sich vielleicht die Vernunft für sich hätte). Dazu haben
-sie einen Schein von Recht nötig, das heißt eine Theorie,
-auf welche hin sie die Tatsache ihrer Existenz, ihres So-und-so-seins
-auf irgendeinen Sündenbock <em>abwälzen</em> können.
-Dieser Sündenbock kann Gott sein &ndash; es fehlt in Rußland
-nicht an solchen Atheisten aus Ressentiment &ndash;, oder die
-gesellschaftliche Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht,
-oder die Juden, oder die Vornehmen, oder überhaupt
-<em>Gutweggekommene</em> irgendwelcher Art. „Es ist ein Verbrechen,
-unter günstigen Bedingungen geboren zu werden:
-denn damit hat man die andern enterbt, beiseite gedrückt,
-zum Laster, selbst zur <em>Arbeit</em> verdammt.... Was kann
-ich dafür, miserabel zu sein! Aber irgendwer muß etwas
-dafür können, <em>sonst wäre es nicht auszuhalten</em>!“....
-Kurz, der Entrüstungspessimismus <em>erfindet</em> Verantwortlichkeiten,
-um sich ein <em>angenehmes</em> Gefühl zu schaffen &ndash;
-Rache.... „Süßer als Honig“ nennt sie schon der alte
-Homer. &ndash;</p>
-
-<p>Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständnis, will
-sagen Verachtung, findet, das macht das Stück <em>Christentum</em>,
-das uns allen noch im Blute steckt: so daß wir tolerant
-gegen Dinge sind, bloß weil sie von fern etwas christlich
-riechen.... Die Sozialisten appellieren an die christlichen
-Instinkte; das ist noch ihre feinste Klugheit.... Vom Christentum
-her sind wir an den abergläubischen Begriff der
-„Seele“ gewöhnt, an die „unsterbliche Seele“, an die<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[Pg 271]</a></span>
-Seelen-Monade, die eigentlich ganz wo anders zu Hause ist
-und nur zufällig in diese oder jene Umstände, ins „Irdische“
-gleichsam hineingefallen ist, „Fleisch“ geworden ist: doch
-ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige denn <em>bedingt</em>
-wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen, historischen
-Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten,
-Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren <em>Werk</em>.
-Mit dieser Vorstellung ist das Individuum transzendent gemacht;
-es darf auf sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit
-beilegen.</p>
-
-<p>In der Tat hat erst das Christentum das Individuum
-herausgefordert, sich zum Richter über alles und jedes aufzuwerfen;
-der Größenwahn ist ihm beinahe zur Pflicht gemacht:
-es hat ja <em>ewige</em> Rechte gegen alles Zeitliche und
-Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft!
-Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier
-redet ein Jenseits des Werdens, ein Unwandelbares in aller
-Historie, hier redet etwas Unsterbliches, etwas Göttliches:
-eine <em>Seele</em>!</p>
-
-<p>Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff
-hat sich noch weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt:
-der Begriff von der „<em>Gleichheit der Seelen vor Gott</em>“.
-In ihm ist das Prototyp aller Theorien der <em>gleichen Rechte</em>
-gegeben: man hat die Menschheit den Satz von der Gleichheit
-erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine
-Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit
-endet, ihn ernst zu nehmen, ihn <em>praktisch</em> zu nehmen!
-&ndash; will sagen politisch, demokratisch, sozialistisch, entrüstungspessimistisch.</p>
-
-<p>Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind,
-ist es der <em>Instinkt der Rache</em> gewesen, der da suchte.
-Dieser Instinkt der Rache wurde in Jahrtausenden dermaßen
-über die Menschheit Herr, daß die ganze Metaphysik,
-Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor allem aber die <em>Moral</em>
-mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch
-gedacht hat, so weit hat er den Bazillus der Rache in die<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[Pg 272]</a></span>
-Dinge geschleppt. Er hat Gott selbst damit krank gemacht,
-er hat <em>das Dasein</em> überhaupt <em>um seine Unschuld gebracht</em>:
-nämlich dadurch, daß er jedes So-und-so-sein auf
-Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückführte.
-Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnisvollste
-<em>Fälschung</em> in der bisherigen Psychologie, wurde
-wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe. Es war die gesellschaftliche
-<em>Nützlichkeit</em> der Strafe, die diesem Begriff
-seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit verbürgte. Die
-Urheber jener Psychologie &ndash; der Willenspsychologie &ndash; hat
-man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den
-Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze
-der ältesten Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht
-schaffen, Rache zu nehmen, &ndash; sie wollten <em>Gott</em> ein Recht
-zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke wurde der Mensch
-„frei“ gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung
-als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im
-Bewußtsein liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen
-ist die alte Psychologie widerlegt.</p>
-
-<p>Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten
-scheint, wo wir Halkyonier zumal mit aller Kraft
-den <em>Schuldbegriff</em> und <em>Strafbegriff</em> aus der Welt wieder
-zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen suchen,
-wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie, die
-Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen Institutionen
-und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz
-zu reinigen, &ndash; in wem müssen wir unsere natürlichsten
-Antagonisten sehen? Eben in jenen Aposteln der Rache und
-des Ressentiments, in jenen Entrüstungspessimisten <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par
-excellence</span>, welche eine Mission daraus machen, ihren
-Schmutz unter dem Namen „Entrüstung“ zu heiligen....
-Wir andern, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen
-wünschen, möchten die Missionare eines reinlicheren
-Gedankens sein: daß niemand dem Menschen seine
-Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die Gesellschaft,
-noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, &ndash; daß niemand
-<em>schuld</em> an ihm ist.... Es fehlt ein Wesen, das dafür<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[Pg 273]</a></span>
-verantwortlich gemacht werden könnte, daß jemand überhaupt
-da ist, daß jemand so und so ist, daß jemand unter
-diesen Umständen, in dieser Umgebung geboren ist. &ndash; <em>Es
-ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen fehlt</em>....
-Wir sind <em>nicht</em> das Resultat einer ewigen Absicht, eines
-Willens, eines Wunsches: mit uns wird <em>nicht</em> der Versuch
-gemacht, ein „Ideal von Vollkommenheit“ oder ein „Ideal
-von Glück“ oder ein „Ideal von Tugend“ zu erreichen, &ndash;
-wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes, vor dem ihm
-selber angst werden müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich
-das Alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort,
-jeder Zweck, jeder Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein
-abwälzen könnten. Vor allem: niemand <em>könnte</em>
-es: man <em>kann</em> das Ganze nicht richten, messen, vergleichen
-oder gar verneinen! Warum nicht? &ndash; Aus fünf Gründen,
-allesamt selbst bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum
-Beispiel, <em>weil es nichts gibt außer dem Ganzen</em>....
-Und nochmals gesagt, das ist ein großes Labsal, darin liegt
-die Unschuld alles Daseins.</p>
-
-
-<h5>489.</h5>
-
-<p>Wie mir die Sozialisten lächerlich sind mit ihrem albernen
-Optimismus vom „guten Menschen“, der hinter dem Busche
-wartet, wenn man nur erst die bisherige „Ordnung“ abgeschafft
-hat und alle „natürlichen Triebe“ losläßt.</p>
-
-<p>Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die
-Gewalttat in dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in
-jeder Art Autorität nicht zugesteht. „‚Ich und meine Art‘
-will herrschen und übrigbleiben: wer entartet, wird ausgestoßen
-oder vernichtet“ &ndash; ist Grundgefühl jeder alten
-Gesetzgebung.</p>
-
-<p>Man haßt die Vorstellung einer <em>höheren Art</em> Menschen
-mehr als die Monarchen. Antiaristokratisch: das nimmt
-den Monarchenhaß nur als Maske &ndash;</p>
-
-
-<h5>490.</h5>
-
-<p>Ich bin abgeneigt 1. dem Sozialismus, weil er ganz naiv
-vom „Guten, Wahren, Schönen“ und von „gleichen Rech<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[Pg 274]</a></span>ten“
-träumt (&ndash; auch der Anarchismus will, nur auf brutalere
-Weise, das gleiche Ideal);</p>
-
-<p>2. dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das
-die Mittel sind, wodurch das Herdentier sich zum Herrn
-macht.</p>
-
-
-<h5>491.</h5>
-
-<p>Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine
-Entfesselung von Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung
-von Faulheiten, von Müdigkeiten, von <em>Schwächen</em>.</p>
-
-
-<h5>492.</h5>
-
-<p>„Der Wille zur Macht“ wird in demokratischen Zeitaltern
-dermaßen gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf
-seine Verkleinerung und Verleumdung gerichtet scheint. Der
-Typus des großen Ehrgeizigen: das soll Napoleon sein! Und
-Cäsar! Und Alexander! &ndash; Als ob das nicht gerade die
-größten <em>Verächter</em> der Ehre wären!....</p>
-
-<p>Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht
-strebt, um die Genüsse zu haben, welche dem Mächtigen zu
-Gebote stehen: &ndash; er versteht dieses Streben nach Macht als
-Willen zum Genuß! als Hedonismus!</p>
-
-
-<h5>493.</h5>
-
-<p>Der moderne Sozialismus will die weltliche Nebenform
-des Jesuitismus schaffen: <em>Jeder</em> absolutes Werkzeug. Aber
-der Zweck, das Wozu? ist nicht aufgefunden bisher.</p>
-
-
-<h5>494.</h5>
-
-<p>Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das
-Recht, die Einsicht, die Gabe der Führung usw.“ oder „bei
-den Vielen“ &ndash; gibt es ein <em>oligarchisches</em> Regiment oder
-ein <em>demokratisches</em>.</p>
-
-<p>Das <em>Königtum</em> repräsentiert den Glauben an einen ganz
-Überlegenen, einen Führer, Retter, Halbgott.</p>
-
-<p>Die <em>Aristokratie</em> repräsentiert den Glauben an eine
-Elite-Menschheit und höhere Kaste.</p>
-
-<p>Die <em>Demokratie</em> repräsentiert den <em>Unglauben</em> an große
-Menschen und an Elite-Gesellschaft: „Jeder ist jedem<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[Pg 275]</a></span>
-gleich“. „Im Grunde sind wir allesamt eigennütziges Vieh
-und Pöbel.“</p>
-
-
-<h5>495.</h5>
-
-<p><em>Aus der Zukunft des Arbeiters.</em> &ndash; Arbeiter sollten
-wie <em>Soldaten</em> empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt,
-aber keine Bezahlung!</p>
-
-<p>Kein Verhältnis zwischen Abzahlung und <em>Leistung</em>! Sondern
-das Individuum, <em>je nach seiner Art</em>, so stellen, daß
-es das <em>Höchste leisten</em> kann, was in seinem Bereich liegt.</p>
-
-
-<h5>496.</h5>
-
-<p>Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger;
-&ndash; aber <em>über</em> ihnen, sich durch Bedürfnislosigkeit auszeichnend,
-die <em>höhere Kaste</em>: also ärmer und einfacher, doch
-im Besitz der Macht.</p>
-
-<p>Für die <em>niederen</em> Menschen gelten die umgekehrten Wertschätzungen;
-es kommt darauf an, in sie die „Tugenden“
-zu pflanzen. Die absoluten Befehle; furchtbare Zwingmeister;
-sie dem leichten Leben entreißen. Die übrigen dürfen
-<em>gehorchen</em>: und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht
-abhängig von großen Menschen, sondern von „<em>Prinzipien</em>“
-erscheinen.</p>
-
-
-<h5>497.</h5>
-
-<p><em>Meine „Zukunft“</em>: &ndash; eine stramme Polytechnikerbildung.
-Militärdienst: so daß durchschnittlich jeder Mann der
-höheren Stände Offizier ist, er sei sonst, wer er sei.</p>
-
-
-<h5>498.</h5>
-
-<p>Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europas
-soll nicht mehr lange dauern! Gibt es irgendeinen Gedanken
-hinter diesem Hornvieh-Nationalismus? Welchen
-Wert könnte es haben, jetzt, wo alles auf größere und gemeinsame
-Interessen hinweist, diese ruppigen Selbstgefühle
-aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die <em>geistige
-Unselbständigkeit</em> und Entnationalisierung in die
-Augen springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen
-und -Befruchten der eigentliche Wert und Sinn der jetzigen
-Kultur liegt!.... Und das „neue Reich“, wieder auf den<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[Pg 276]</a></span>
-verbrauchtesten und bestverachteten Gedanken gegründet: die
-Gleichheit der Rechte und der Stimmen.</p>
-
-<p>Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes,
-der nichts taugt; diese Kultur der Großstädte, der
-Zeitungen, des Fiebers und der „Zwecklosigkeit“ &ndash;!</p>
-
-<p>Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit
-&ndash; und ebenso, als Reaktion, die <em>Friedenspartei</em>....</p>
-
-<p>Eine Partei des <em>Friedens</em>, ohne Sentimentalität, welche
-sich und ihren Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet,
-sich der Gerichte zu bedienen; welche den Kampf, den
-Widerspruch, die Verfolgung gegen sich heraufbeschwört;
-eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine Zeit;
-alsbald die <em>große</em> Partei. Gegnerisch gegen die <em>Rach-</em> und
-<em>Nachgefühle</em>.</p>
-
-<p>Eine <em>Kriegspartei</em>, mit der gleichen Grundsätzlichkeit
-und Strenge gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend
-&ndash;</p>
-
-
-<h5>499.</h5>
-
-<p><em>Die Aufrechterhaltung des Militärstaates</em> ist das
-allerletzte Mittel, die <em>große Tradition</em> sei es aufzunehmen,
-sei es festzuhalten hinsichtlich des <em>obersten Typus</em> Mensch,
-des <em>starken Typus</em>. Und alle <em>Begriffe</em>, die die Feindschaft
-und Rangdistanz der Staaten verewigen, dürfen daraufhin
-sanktioniert erscheinen (zum Beispiel Nationalismus,
-Schutzzoll).</p>
-
-
-<h5>500.</h5>
-
-<p>Moral wesentlich als <em>Wehr</em>, als Verteidigungsmittel; insofern
-ein Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert;
-stoisch).</p>
-
-<p>Der ausgewachsene Mensch hat vor allem <em>Waffen</em>: er ist
-<em>angreifend</em>.</p>
-
-<p>Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt
-(aus Schuppen und Platten Federn und Haare).</p>
-
-
-<h5>501.</h5>
-
-<p><em>Grundfehler</em>: die Ziele in die Herde und <em>nicht</em> in einzelne
-Individuen zu legen! Die Herde ist Mittel, nicht<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[Pg 277]</a></span>
-<em>mehr</em>! Aber jetzt versucht man, <em>die Herde als Individuum</em>
-zu verstehen und ihr einen höheren Rang als dem
-Einzelnen zuzuschreiben, &ndash; tiefstes Mißverständnis!!! Insgleichen
-das, was herdenhaft macht, die Mitgefühle, als die
-<em>wertvollere</em> Seite unsrer Natur zu charakterisieren!</p>
-
-
-
-
-<h3>V. Kunst &ndash; ein Machtwille.</h3>
-
-
-<h4>502.</h4>
-
-<p>„Schönheit“ ist deshalb für den Künstler etwas außer
-aller Rangordnung, weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt
-sind, das höchste Zeichen von Macht, nämlich über
-Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: &ndash; daß keine
-Gewalt mehr not tut, daß alles so leicht <em>folgt, gehorcht</em>,
-und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht &ndash;
-das ergötzt den Machtwillen des Künstlers.</p>
-
-
-<h4>503.<br />
-
-<span class="gesperrt normal3">Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“.</span></h4>
-
-
-<h5>I.</h5>
-
-<p>Die Konzeption des Werkes, auf welche man in dem
-Hintergrunde dieses Buches stößt, ist absonderlich düster und
-unangenehm: unter den bisher bekannt gewordnen Typen
-des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von Bösartigkeit
-erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren
-und einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und
-diese ist falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne
-Sinn.... Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt.
-<em>Wir haben Lüge nötig</em>, um über diese Realität, diese
-„Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu
-<em>leben</em>.... Daß die Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört
-selbst noch mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen
-Charakter des Daseins.</p>
-
-<p>Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft
-&ndash; sie werden in diesem Buche nur als verschiedne
-Formen der Lüge in Betracht gezogen: mit ihrer Hilfe
-wird ans Leben <em>geglaubt</em>. „Das Leben <em>soll</em> Vertrauen<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[Pg 278]</a></span>
-einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie
-zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er
-muß mehr als alles andere <em>Künstler</em> sein. Und er <em>ist</em> es
-auch: Metaphysik, Religion, Moral, Wissenschaft &ndash; alles
-nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge, zur
-Flucht vor der „Wahrheit“, zur <em>Verneinung</em> der „Wahrheit“.
-Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität
-durch die Lüge vergewaltigt, dieses Künstlervermögen des
-Menschen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span> &ndash; er hat es noch mit allem, was
-ist, gemein. Er selbst ist ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit,
-Natur: wie sollte er nicht auch ein Stück <em>Genie der
-Lüge</em> sein!</p>
-
-<p>Daß der Charakter des Daseins <em>verkannt</em> werde &ndash;
-und höchste Geheimabsicht hinter allem, was Tugend,
-Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlertum ist. Vieles niemals
-sehen, vieles falsch sehen, vieles hinzusehen: o wie
-klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten davon
-ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung,
-„Gott“ &ndash; lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs,
-lauter Verführungen zum Leben, lauter Glaube an das
-Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum Betrognen
-ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o
-wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches
-Gefühl von Macht! Wieviel Künstlertriumph im Gefühl
-der Macht!.... Der Mensch ward wieder einmal Herr über
-den „<em>Stoff</em>“, &ndash; Herr über die Wahrheit!.... Und wann
-immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in
-seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich
-als Macht, er genießt die Lüge als seine Macht....</p>
-
-
-<h5>II.</h5>
-
-<p>Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große
-Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben,
-das große Stimulans des Lebens.</p>
-
-<p>Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen
-Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche,
-Antibuddhistische, Antinihilistische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par excellence</span>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[Pg 279]</a></span></p>
-
-<p>Die Kunst als die <em>Erlösung des Erkennenden</em>, &ndash;
-dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter
-des Daseins sieht, sehen will, des Tragisch-Erkennenden.</p>
-
-<p>Die Kunst als die <em>Erlösung des Handelnden</em>, &ndash;
-dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter
-des Daseins nicht nur sieht, sondern lebt, leben will, des
-tragisch-kriegerischen Menschen, des Helden.</p>
-
-<p>Die Kunst als die <em>Erlösung des Leidenden</em>, &ndash; als
-Weg zu Zuständen, wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht
-wird, wo das Leiden eine Form der großen Entzückung
-ist.</p>
-
-
-<h5>III.</h5>
-
-<p>Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen
-wir deutlicher der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt.
-Aber die Wahrheit gilt nicht als oberstes Wertmaß, noch
-weniger als oberste Macht. Der Wille zum Schein, zur
-Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur
-objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher,
-„metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur
-Wirklichkeit, zum Schein: &ndash; letzterer ist selbst bloß eine
-Form des Willens zur Illusion. Ebenso gilt die Lust als
-ursprünglicher als der Schmerz: der Schmerz erst als bedingt,
-als eine Folgeerscheinung des Willens zur Lust (des
-Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, das heißt <em>zum
-Schaffen</em>: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet).
-Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins
-konzipiert, aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet
-werden kann: der <em>tragisch-dionysische</em> Zustand.</p>
-
-
-<h5>IV.</h5>
-
-<p>Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich
-in dem Sinne, daß es etwas lehrt, das stärker ist als der
-Pessimismus, das „göttlicher“ ist als die Wahrheit: die
-<em>Kunst</em>. Niemand würde, wie es scheint, einer radikalen
-Verneinung des Lebens, einem wirklichen Nein<em>tun</em> noch
-mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das Wort
-reden als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er &ndash; er<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[Pg 280]</a></span>
-hat es erlebt, er hat vielleicht nichts anderes erlebt! &ndash; daß
-die Kunst <em>mehr wert</em> ist als die Wahrheit.</p>
-
-<p>In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie
-zu einem Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis,
-dies Artistenevangelium: „die Kunst als
-die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen
-<em>metaphysische</em> Tätigkeit....“</p>
-
-
-<h4>504.</h4>
-
-<p>Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten <em>durchsichtig</em>:
-&ndash; von da aus hinzublicken auf die <em>Grundinstinkte
-der Macht</em> usw.! Auch der Religion und Moral!</p>
-
-<p>„Das Spiel“, das Unnützliche &ndash; als Ideal des mit Kraft
-Überhäuften, als „kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes,
-παῖς παίζων.</p>
-
-
-<h4>505.</h4>
-
-<p>Unsre Religion, Moral und Philosophie sind <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Formen
-des Menschen.</p>
-
-<p>&ndash; Die <em>Gegenbewegung</em>: die <em>Kunst</em>.</p>
-
-
-<h4>506.</h4>
-
-<p>In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr recht
-als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur
-nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge „dieser
-Welt“, &ndash; sie liebten ihre Sinne. „Entsinnlichung“ zu
-erstreben: das scheint mir ein Mißverständnis oder eine
-Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei
-oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen
-denen, welche ohne die Ängste eines Puritanergewissens
-leben &ndash; leben <em>dürfen</em>, eine immer größere Vergeistigung
-und Vervielfältigung ihrer Sinne; ja wir wollen den Sinnen
-dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und
-ihnen das Beste von Geist, was wir haben, dagegen bieten.
-Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen
-der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung
-nicht mehr nötig: es ist ein Merkmal der Wohlgeratenheit,
-wenn einer gleich Goethe mit immer größerer Lust und<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[Pg 281]</a></span>
-Herzlichkeit an „den Dingen der Welt“ hängt: &ndash; dergestalt
-nämlich hält er die große Auffassung des Menschen fest,
-daß der Mensch <em>der Verklärer des Daseins</em> wird, wenn
-er sich selbst verklären lernt.</p>
-
-
-<h4>507.</h4>
-
-<p>Biologischer Wert des <em>Schönen</em> und des <em>Häßlichen</em>. &ndash;
-Was uns instinktiv <em>widersteht</em>, ästhetisch, ist aus allerlängster
-Erfahrung dem Menschen als schädlich, gefährlich,
-Mißtrauen verdienend bewiesen: der plötzlich redende ästhetische
-Instinkt (im Ekel zum Beispiel) enthält ein <em>Urteil</em>.
-Insofern steht das <em>Schöne</em> innerhalb der allgemeinen Kategorie
-der biologischen Werte des Nützlichen, Wohltätigen,
-Leben-steigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz
-von fern an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen,
-uns das Gefühl des Schönen, das heißt der Vermehrung
-von Machtgefühl, geben (&ndash; nicht also bloß Dinge,
-sondern auch die Begleitempfindungen solcher Dinge oder
-ihre Symbole).</p>
-
-<p>Hiermit ist das Schöne und Häßliche als <em>bedingt</em> erkannt;
-nämlich in Hinsicht auf unsre untersten <em>Erhaltungswerte</em>.
-Davon abgesehen ein Schönes und ein Häßliches
-ansetzen wollen, ist sinnlos. <em>Das</em> Schöne existiert so
-wenig als <em>das</em> Gute, <em>das</em> Wahre. Im Einzelnen handelt
-es sich wieder um die <em>Erhaltungsbedingungen</em> einer bestimmten
-Art von Mensch: so wird der <em>Herdenmensch</em> bei
-anderen Dingen das <em>Wertgefühl des Schönen</em> haben, als
-der <em>Ausnahme</em>- und Übermensch.</p>
-
-<p>Es ist die <em>Vordergrundsoptik</em>, welche nur die <em>nächsten
-Folgen</em> in Betracht zieht, aus der der Wert des
-Schönen (auch des Guten, auch des Wahren) stammt.</p>
-
-<p>Alle Instinkturteile sind <em>kurzsichtig</em> in Hinsicht auf die
-Kette der Folgen: sie raten an, was <em>zunächst</em> zu tun ist. Der
-Verstand ist wesentlich ein <em>Hemmungsapparat</em> gegen das
-Sofort-Reagieren auf das Instinkturteil: er hält auf, er
-überlegt weiter, er sieht die Folgenkette ferner und länger.</p>
-
-<p>Die <em>Schönheits-</em> und <em>Häßlichkeitsurteile</em> sind <em>kurzsichtig</em>
-(&ndash; sie haben immer den Verstand <em>gegen</em> sich &ndash;):<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[Pg 282]</a></span>
-aber im <em>höchsten Grade überredend</em>; sie appellieren an
-unsre Instinkte, dort, wo sie am schnellsten sich entscheiden
-und ihr Ja und Nein sagen, <em>bevor</em> noch der Verstand zu
-Worte kommt.</p>
-
-<p>Die gewohntesten Schönheitsbejahungen <em>regen sich
-gegenseitig auf und an</em>; wenn der ästhetische Trieb einmal
-in Arbeit ist, kristallisiert sich um „das einzelne Schöne“
-noch eine ganze Fülle anderer und anderswoher stammender
-Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich, <em>objektiv</em> zu bleiben,
-respektive die interpretierende, hinzugebende, ausfüllende,
-dichtende Kraft auszuhängen (&ndash; letztere ist jene Verkettung
-der Schönheitsbejahungen selber). Der Anblick eines
-„schönen Weibes“....</p>
-
-<p>Also 1. das Schönheitsurteil ist <em>kurzsichtig</em>, es sieht
-nur die nächsten Folgen;</p>
-
-<p>2. es <em>überhäuft</em> den Gegenstand, der es erregt, mit
-einem <em>Zauber</em>, der durch die Assoziation verschiedener
-Schönheitsurteile bedingt ist, &ndash; der aber dem <em>Wesen jenes
-Gegenstandes ganz fremd ist</em>. Ein Ding als schön empfinden
-heißt: es notwendig falsch empfinden &ndash; (weshalb,
-beiläufig gesagt, die Liebesheirat die gesellschaftlich unvernünftigste
-Art der Heirat ist).</p>
-
-
-<h4>508.</h4>
-
-<p><em>Der tragische Künstler.</em> &ndash; Es ist die Frage der <em>Kraft</em>
-(eines Einzelnen oder eines Volkes), <em>ob</em> und <em>wo</em> das Urteil
-„schön“ angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der <em>aufgestauten
-Kraft</em> (aus dem es erlaubt ist, vieles mutig
-und wohlgemut entgegenzunehmen, vor dem der Schwächling
-<em>schaudert</em>) &ndash; das <em>Macht</em>gefühl spricht das Urteil
-„schön“ noch über Dinge und Zustände aus, welche der
-Instinkt der Ohnmacht nur als <em>hassenswert</em>, als „häßlich“
-abschätzen kann. Die Witterung dafür, womit wir ungefähr
-fertig werden würden, wenn es leibhaft entgegenträte
-als Gefahr, Problem, Versuchung, &ndash; diese Witterung
-bestimmt auch noch unser ästhetisches Ja. („Das ist
-schön“ ist eine <em>Bejahung</em>).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[Pg 283]</a></span></p>
-
-<p>Daraus ergibt sich, ins Große gerechnet, daß die <em>Vorliebe
-für fragwürdige und furchtbare Dinge</em> ein
-Symptom für <em>Stärke</em> ist: während der Geschmack am
-<em>Hübschen und Zierlichen</em> den Schwachen, den Delikaten
-zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet <em>starke</em>
-Zeitalter und Charaktere: ihr <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</span> ist vielleicht die
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">divina commedia</span>. Es sind die <em>heroischen</em> Geister, welche
-zu sich selbst in der tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie
-sind hart genug, um das Leiden als <em>Lust</em> zu empfinden.</p>
-
-<p>Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß
-begehren, welche für sie nicht erdacht ist, was werden
-sie tun, um die Tragödie sich schmackhaft zu machen? Sie
-werden ihre <em>eignen Wertgefühle</em> in sie hinein interpretieren:
-zum Beispiel den „Triumph der sittlichen Weltordnung“
-oder die Lehre vom „Unwert des Daseins“ oder
-die Aufforderung zur „Resignation“ (&ndash; oder auch halb
-medizinische, halb moralische Affektausladungen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Aristoteles).
-Endlich: die <em>Kunst des Furchtbaren</em>, insofern
-sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans bei den Schwachen
-und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute
-zum Beispiel der Grund für die <em>Schätzung</em> der Wagnerschen
-Kunst. Es ist ein Zeichen von <em>Wohl-</em> und <em>Machtgefühl</em>,
-wie weit einer den Dingen ihren furchtbaren und
-fragwürdigen Charakter zugestehen darf; und <em>ob</em> er überhaupt
-„Lösungen“ am Schluß braucht.</p>
-
-<p>Diese Art <em>Künstlerpessimismus</em> ist genau das <em>Gegenstück
-zum moralisch-religiösen Pessimismus</em>, welcher
-an der „Verderbnis“ des Menschen, am Rätsel des Daseins
-leidet: dieser will durchaus eine Lösung, wenigstens
-eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden, Verzweifelten,
-An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit einem Wort, haben
-zu allen Zeiten die entzückenden <em>Visionen</em> nötig gehabt,
-um es auszuhalten (der Begriff „Seligkeit“ ist <em>dieses</em> Ursprungs).
-Ein verwandter Fall: die Künstler der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>,
-welche im Grunde <em>nihilistisch</em> zum Leben stehen,
-<em>flüchten</em> in die <em>Schönheit der Form</em>, &ndash; in die <em>ausgewählten</em>
-Dinge, wo die Natur vollkommen ward, wo sie<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[Pg 284]</a></span>
-indifferent <em>groß</em> und <em>schön</em> ist.... (&ndash; Die „Liebe zum
-Schönen“ kann somit etwas anderes als das <em>Vermögen</em>
-sein, ein Schönes zu <em>sehen</em>, das Schöne zu <em>schaffen</em>: sie
-kann gerade der Ausdruck von <em>Unvermögen</em> dazu sein.)</p>
-
-<p>Die überwältigenden Künstler, welche einen <em>Konsonanzton</em>
-aus jedem Konflikte erklingen lassen, sind die, welche
-ihre eigene Mächtigkeit und Selbsterlösung noch den Dingen
-zugute kommen lassen: sie sprechen ihre innerste Erfahrung
-in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, &ndash; ihr Schaffen
-ist Dankbarkeit für ihr Sein.</p>
-
-<p>Die <em>Tiefe des tragischen Künstlers</em> liegt darin, daß
-sein ästhetischer Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß
-er nicht kurzsichtig beim Nächsten stehen bleibt, daß er die
-<em>Ökonomie im großen</em> bejaht, welche das <em>Furchtbare</em>,
-<em>Böse</em>, <em>Fragwürdige</em> rechtfertigt, und nicht nur &ndash; rechtfertigt.</p>
-
-
-<h4>509.</h4>
-
-<p>Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind,
-daß auch „der Gute“ im großen Gesamtschauspiel des Lebens
-eine Form der <em>Erschöpfung</em> darstellt: so werden
-sie der Konsequenz des Christentums die Ehre geben, welche
-den Guten als den <em>Häßlichen</em> konzipierte. Das Christentum
-hatte damit recht.</p>
-
-<p>An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit, zu
-sagen, „das Gute und das Schöne sind eins“; fügt er gar
-noch hinzu, „auch das Wahre“, so soll man ihn prügeln.
-Die Wahrheit ist häßlich.</p>
-
-<p>Wir haben die <em>Kunst</em>, damit wir <em>nicht an der Wahrheit
-zugrunde gehen</em>.</p>
-
-
-<h4>510.</h4>
-
-<p><em>Was ist tragisch?</em> &ndash; Ich habe zu wiederholten Malen
-den Finger auf das große Mißverständnis des Aristoteles
-gelegt, als er in zwei <em>deprimierenden</em> Affekten, im
-Schrecken und im Mitleiden, die tragischen Affekte zu erkennen
-glaubte. Hätte er recht, so wäre die Tragödie eine
-lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[Pg 285]</a></span>
-Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst,
-sonst das große Stimulans des Lebens, ein Rausch am
-Leben, ein Wille zum Leben, würde hier, im Dienste einer
-Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des Pessimismus
-<em>gesundheitsschädlich</em> (&ndash; denn daß man durch Erregung
-dieser Affekte sich von ihnen „purgiert“, wie Aristoteles
-zu glauben scheint, ist einfach nicht wahr). Etwas, das
-habituell Schrecken oder Mitleid erregt, desorganisiert,
-schwächt, entmutigt: &ndash; und gesetzt, Schopenhauer behielte
-recht, daß man der Tragödie die Resignation zu entnehmen
-habe (das heißt eine sanfte Verzichtleistung auf Glück, auf
-Hoffnung, auf Willen zum Leben), so wäre hiermit eine
-Kunst konzipiert, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie
-bedeutete dann einen Auflösungsprozeß: der Instinkt
-des Lebens sich im Instinkt der Kunst selbst zerstörend.
-Christentum, Nihilismus, tragische Kunst, physiologische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>:
-das hielte sich an den Händen, das käme zur
-selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig
-vorwärts &ndash; <em>abwärts</em>.... Tragödie wäre ein Symptom
-des Verfalls.</p>
-
-<p>Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen:
-nämlich, indem man vermöge des Dynamometers
-die Wirkung einer tragischen Emotion mißt. Und man bekommt
-als Ergebnis, was zuletzt nur die absolute Verlogenheit
-eines Systematikers verkennen kann: &ndash; daß die Tragödie
-ein <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">tonicum</span></em> ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen
-<em>wollte</em>, wenn er die Gesamtdepression als tragischen
-Zustand ansetzt, wenn er den Griechen (&ndash; die zu seinem
-Verdruß nicht „resignierten“....) zu verstehen gab, sie
-hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung befunden:
-so ist das <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">parti pris</span>, Logik des Systems, Falschmünzerei
-des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien,
-welche Schopenhauern Schritt für Schritt seine
-ganze Psychologie verdorben hat (: er, der das Genie, die
-Kunst selbst, die Moral, die heidnische Religion, die Schönheit,
-die Erkenntnis und ungefähr alles willkürlich-gewaltsam
-mißverstanden hat).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[Pg 286]</a></span></p>
-
-
-<h4>511.</h4>
-
-<p>Das Kunstwerk, wo es <em>ohne</em> Künstler erscheint, zum
-Beispiel als Leib, als Organisation (preußisches Offizierkorps,
-Jesuitenorden). Inwiefern der Künstler nur eine
-Vorstufe ist.</p>
-
-<p>Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h4>512.</h4>
-
-<p><em>Der Nihilismus der Artisten.</em> &ndash; Die Natur grausam
-durch ihre Heiterkeit; zynisch mit ihren Sonnenaufgängen.
-Wir sind feindselig gegen <em>Rührungen</em>. Wir
-flüchten dorthin, wo die Natur unsre Sinne und unsre Einbildungskraft
-bewegt; wo wir nichts zu lieben haben, wo
-wir nicht an die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen
-dieser nordischen Natur erinnert werden; &ndash; und so
-auch in den Künsten. Wir ziehen vor, was nicht mehr uns
-an „Gut und Böse“ erinnert. Unsre moralistische Reizbarkeit
-und Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer furchtbaren
-und glücklichen Natur, im Fatalismus der Sinne und
-der Kräfte. Das Leben ohne Güte.</p>
-
-<p>Die Wohltat besteht im Anblick der großartigen <em>Indifferenz</em>
-der Natur gegen Gut und Böse.</p>
-
-<p>Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der
-Natur: deshalb geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in historicis</span>, wo die Absenz der Gerechtigkeit selber
-noch mit großartiger Naivität sich zeigt, wo gerade die <em>Vollkommenheit</em>
-zum Ausdruck kommt &ndash;, und insgleichen
-in der <em>Natur</em> dorthin, wo der böse und indifferente Charakter
-sich nicht verhehlt, wo sie den Charakter der <em>Vollkommenheit</em>
-darstellt.... Der nihilistische Künstler verrät
-sich im Wollen und Bevorzugen der <em>zynischen Geschichte,
-der zynischen Natur</em>.</p>
-
-
-<h4>513.</h4>
-
-<p>Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als
-Zeichen vollen und blühenden Lebens hin, welche man heute
-gewohnt ist, als <em>krankhaft</em> zu beurteilen. Nun haben wir<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[Pg 287]</a></span>
-inzwischen verlernt, zwischen gesund und krank von einem
-Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, &ndash; meine
-Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“
-genannt wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was
-unter günstigen Verhältnissen gesund <em>wäre</em> &ndash;, daß wir
-relativ krank sind.... Der Künstler gehört zu einer noch
-stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, was bei uns
-krankhaft wäre, ist bei ihm Natur &ndash; &ndash; Aber man wendet
-uns ein, daß gerade die <em>Verarmung</em> der Maschine die
-extravagante Verständniskraft über jedwede Suggestion ermögliche:
-Zeugnis unsre hysterischen Weiblein.</p>
-
-<p>Die <em>Überfülle</em> an Säften und Kräften kann so gut
-Symptome der partiellen Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen,
-von Suggestionsraffinements mit sich bringen wie
-eine Verarmung an Leben &ndash;, der Reiz ist anders bedingt,
-die Wirkung bleibt sich gleich.... Vor allem ist die <em>Nach</em>wirkung
-nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung aller morbiden
-Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts
-mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten
-Zeiten nicht <em>abzubüßen</em> hat.... Er ist reich genug dazu:
-er kann verschwenden, ohne arm zu werden.</p>
-
-<p>Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen
-dürfte, so vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft,
-&ndash; und unsre <em>Artisten</em> sind in der Tat den hysterischen
-Weiblein nur zu verwandt!!! Das aber spricht gegen
-„heute“, und nicht gegen die „Künstler“.</p>
-
-<p>Die unkünstlerischen Zustände: die der <em>Objektivität</em>, der
-Spiegelung, des ausgehängten Willens.... (das skandalöse
-Mißverständnis <em>Schopenhauers</em>, der die Kunst als Brücke
-zur Verneinung des Lebens nimmt).... Die unkünstlerischen
-Zustände: der Verarmenden, Abziehenden, Abblassenden,
-unter deren Blick das Leben leidet: &ndash; der Christ.</p>
-
-
-<h4>514.</h4>
-
-<p>Der <em>moderne</em> Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus
-nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese
-Krankhaftigkeit hin abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch,<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[Pg 288]</a></span>
-&ndash; er lügt aus Lust an der Lüge, er ist bewunderungswürdig
-in jeder Kunst der Verstellung &ndash;, es sei denn, daß seine
-krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. Diese Eitelkeit
-ist ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel
-nötig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt,
-die eine augenblickliche Linderung verspricht.
-(<em>Unfähigkeit</em> zum Stolz und beständig Rache für eine
-tief eingenistete Selbstverachtung nötig zu haben &ndash; das ist
-beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.)</p>
-
-<p>Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen
-Erlebnissen Krisen macht und das „Dramatische“ in die
-geringsten Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles
-Berechenbare: er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous
-von Personen, von denen bald diese, bald jene mit
-unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er
-groß als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche
-die Ärzte in der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch
-ihre Virtuosität der Mimik, der Transfiguration, des Eintretens
-in fast jeden <em>verlangten</em> Charakter.</p>
-
-
-<h4>515.</h4>
-
-<p>Künstler sind <em>nicht</em> die Menschen der <em>großen</em> Leidenschaft,
-was sie uns und sich auch vorreden mögen. Und das
-aus zwei Gründen: es fehlt ihnen die Scham vor sich selber
-(sie sehen sich zu, <em>indem sie leben</em>; sie lauern sich auf,
-sie sind zu neugierig), und es fehlt ihnen auch die Scham
-vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten
-aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt
-ihnen meist solche Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft
-heißt. &ndash; Mit einem Talent ist man auch das Opfer
-seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus seines
-Talents.</p>
-
-<p>Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig,
-daß man sie darstellt: vielmehr, man <em>ist</em> mit ihr fertig,
-<em>wenn</em> man sie darstellt. (Goethe lehrt es anders; aber es
-scheint, daß er hier sich selbst mißverstehen wollte, &ndash; aus
-<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">delicatezza</span>.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[Pg 289]</a></span></p>
-
-
-<h4>516.</h4>
-
-<p>Verglichen mit dem <em>Künstler</em>, ist das Erscheinen des
-<em>wissenschaftlichen</em> Menschen in der Tat ein Zeichen einer
-gewissen Eindämmung und Niveauerniedrigung des Lebens
-(&ndash; aber auch einer <em>Verstärkung</em>, <em>Strenge</em>, <em>Härte</em>,
-<em>Willenskraft</em>).</p>
-
-<p>Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen <em>Wahr</em>
-und <em>Nützlich</em> beim Künstler Zeichen von Jugend, von
-„<em>Kinderei</em>“ sein mögen.... Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit,
-ihre Ignoranz über sich, ihre Gleichgültigkeit
-gegen „ewige Werte“, ihr Ernst im „Spiele“, &ndash; ihr Mangel
-an Würde; Hanswurst und Gott benachbart; der Heilige
-und die Kanaille.... Das <em>Nachmachen</em> als Instinkt,
-kommandierend. &ndash; <em>Aufgangskünstler</em> &ndash; <em>Niedergangskünstler</em>:
-ob sie nicht allen Phasen zugehören?....
-Ja!</p>
-
-
-<h4>517.</h4>
-
-<p>Würde irgendein Ring in der ganzen Kette von Kunst und
-Wissenschaft fehlen, wenn das Weib, wenn das <em>Werk des
-Weibes</em> darin fehlte? Geben wir die Ausnahme zu &ndash; sie
-beweist die Regel &ndash; das Weib bringt es in allem zur Vollkommenheit,
-was nicht ein Werk ist, in Brief, in Memoiren,
-selbst in der delikatesten Handarbeit, die es gibt,
-kurz, in allem, was nicht ein Metier ist, genau deshalb, weil
-es darin sich selbst vollendet, weil es damit seinem einzigen
-Kunstantrieb gehorcht, den es besitzt, &ndash; es will <em>gefallen</em>...
-Aber was hat das Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz
-des echten Künstlers zu schaffen, der einem Klang,
-einem Hauch, einem Hopsasa mehr Wichtigkeit zugesteht
-als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach seinem Geheimsten
-und Innersten greift? der keinem Dinge einen
-Wert zugesteht, es sei denn, daß es Form zu werden weiß
-(&ndash; daß es sich preisgibt, daß es sich öffentlich macht &ndash;).
-Die Kunst, so wie der Künstler sie übt &ndash; begreift ihr's denn
-nicht, was sie ist: ein Attentat auf alle <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">pudeurs</span>?.... Erst
-mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene Schwenkung<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[Pg 290]</a></span>
-zur Literatur gewagt (&ndash; <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">vers la canaille plumière écrivassière</span>,
-mit dem alten Mirabeau zu reden): es schriftstellert,
-es künstlert, es verliert an Instinkt. <em>Wozu doch?</em>
-wenn man fragen darf?</p>
-
-
-<h4>518.</h4>
-
-<p>Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle
-Nichtkünstler „Form“ nennen, als <em>Inhalt</em>, als „die Sache
-selbst“ empfindet. Damit gehört man freilich in eine <em>verkehrte
-Welt</em>: denn nunmehr wird einem der Inhalt zu
-etwas bloß Formalem, &ndash; unser Leben eingerechnet.</p>
-
-
-<h4>519.</h4>
-
-<p>Zur Charakteristik des <em>nationalen Genius</em> in Hinsicht
-auf Fremdes und Entlehntes. &ndash;</p>
-
-<p>Der <em>englische</em> Genius vergröbert und vernatürlicht alles,
-was er empfängt;</p>
-
-<p>der <em>französische</em> verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt
-auf;</p>
-
-<p>der <em>deutsche</em> vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert;</p>
-
-<p>der <em>italienische</em> hat bei weitem den freiesten und feinsten
-Gebrauch vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr
-hineingesteckt als herausgezogen: als der <em>reichste</em> Genius,
-der am meisten zu verschenken hatte.</p>
-
-
-<h4>520.</h4>
-
-<p>Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit
-unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit
-im schwersten versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht
-auf den Namen „Genie“ als Wagner. Wagner ist
-schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als Augenblicke
-übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst
-Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bouffonneries</span>
-erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes
-verstehen. &ndash;</p>
-
-
-<h4>521.</h4>
-
-<p><em>Pessimismus in der Kunst?</em> &ndash; Der Künstler liebt
-allmählich die Mittel um ihrer selber willen, in denen sich der<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[Pg 291]</a></span>
-Rauschzustand zu erkennen gibt: die extreme Feinheit und
-Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der Linie, die Nuance
-des Tons: das <em>Distinkte</em>, wo sonst, im Normalen, alle
-Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern
-sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche
-der Rausch erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des
-Rausches; &ndash; die Wirkung der Kunstwerke ist die <em>Erregung
-des kunstschaffenden Zustands</em>, des Rausches.</p>
-
-<p>Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre <em>Daseinsvollendung</em>,
-ihr Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle;
-Kunst ist wesentlich <em>Bejahung, Segnung, Vergöttlichung
-des Daseins</em>.... Was bedeutet eine <em>pessimistische
-Kunst</em>? Ist das nicht eine <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">contradictio</span>? &ndash; Ja.
-&ndash; Schopenhauer <em>irrt</em>, wenn er gewisse Werke der Kunst
-in den Dienst des Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt
-<em>nicht</em> „Resignation“.... Die furchtbaren und fragwürdigen
-Dinge darstellen, ist selbst schon ein Instinkt der Macht
-und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht.... Es
-gibt keine pessimistische Kunst.... Die Kunst bejaht. Hiob
-bejaht. &ndash; Aber Zola? Aber die Goncourts? &ndash; Die Dinge
-sind häßlich, die sie zeigen: aber <em>daß</em> sie dieselben zeigen,
-ist aus <em>Lust an diesem Häßlichen</em>.... Hilft nichts! ihr
-betrügt euch, wenn ihr's anders behauptet. &ndash; Wie erlösend
-ist Dostoiewsky!</p>
-
-
-<h4>522.</h4>
-
-<p>Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen:
-alle, die mit krankhaften Erscheinungen tief verwandt
-und verwachsen sind: so daß es nicht möglich scheint,
-Künstler zu sein und nicht krank zu sein.</p>
-
-<p>Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam
-zur „Person“ gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem
-Grade dem Menschen überhaupt anhaften:</p>
-
-<p>1. der <em>Rausch</em>: das erhöhte Machtgefühl; die innere
-Nötigung, aus den Dingen einen Reflex der eignen Fülle
-und Vollkommenheit zu machen;</p>
-
-<p>2. die <em>extreme Schärfe</em> gewisser Sinne: so daß sie eine<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[Pg 292]</a></span>
-ganz andre Zeichensprache verstehen &ndash; und schaffen, &ndash;
-dieselbe, die mit manchen Nervenkrankheiten verbunden erscheint
-&ndash;; die extreme Beweglichkeit, aus der eine extreme
-Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles dessen, was
-Zeichen zu geben weiß &ndash;; ein Bedürfnis, sich gleichsam
-loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von
-sich durch hundert Sprachmittel zu reden, &ndash; ein <em>explosiver</em>
-Zustand. Man muß sich diesen Zustand zunächst als Zwang
-und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und Beweglichkeit
-die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden:
-sodann als unfreiwillige <em>Koordination dieser
-Bewegung</em> zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken,
-Begierden), &ndash; als eine Art Automatismus des ganzen
-Muskelsystems unter dem Impuls von innen wirkender
-starker Reize &ndash;; Unfähigkeit, die Reaktion zu <em>verhindern</em>;
-der Hemmungsapparat gleichsam <em>ausgehängt</em>. Jede
-innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet
-von <em>Vaskularveränderungen</em> und folglich von Veränderungen
-der Farbe, der Temperatur, der Sekretion. Die <em>suggestive</em>
-Kraft der Musik, ihre „<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suggestion mentale</span>“; &ndash;</p>
-
-<p>3. das <em>Nachmachen-müssen</em>: eine extreme Irritabilität,
-bei der sich ein gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, &ndash;
-ein Zustand wird nach Zeichen schon erraten und <em>dargestellt</em>....
-Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt schon als
-Bewegung der Glieder &ndash;, eine gewisse <em>Willens</em>aushängung....
-(Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein
-nach außen hin, &ndash; das Reich der <em>zugelassenen</em>
-Reize ist scharf umgrenzt.</p>
-
-<p>Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch
-Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen
-Höhepunkt von Reizbarkeit; ersterer im Geben, &ndash; dergestalt,
-daß ein Antagonismus dieser beiden Begabungen nicht
-nur natürlich, sondern wünschenswert ist. Jeder dieser Zustände
-hat eine umgekehrte Optik, &ndash; vom Künstler verlangen,
-daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker &ndash;)
-einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische
-Kraft <em>verarme</em>.... Es ist hier wie bei der Differenz der<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[Pg 293]</a></span>
-Geschlechter: man soll vom Künstler, der <em>gibt</em>, nicht verlangen,
-daß er Weib wird, &ndash; daß er „<em>empfängt</em>“.</p>
-
-<p>Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik,
-als nur die Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen
-„was ist schön?“ formuliert haben. In der ganzen Philosophie
-bis heute fehlt der Künstler.... Das ist, wie das
-Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler: denn der
-Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit
-<em>vergreifen</em>, &ndash; er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt
-nicht zu sehen, er hat zu geben. &ndash; Es ehrt einen
-Künstler, der Kritik unfähig zu sein, &ndash; andernfalls ist er
-halb und halb, ist er „modern“.</p>
-
-
-<h4>523.</h4>
-
-<p>Das Rauschgefühl, tatsächlich einem <em>Mehr von Kraft</em>
-entsprechend: am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter:
-neue Organe, neue Fertigkeiten, Farben, Formen;
-&ndash; die „Verschönerung“ ist eine Folge der <em>erhöhten</em> Kraft.
-Verschönerung als Ausdruck eines <em>siegreichen</em> Willens,
-einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller
-starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären
-Schwergewichts. Die logische und geometrische Vereinfachung
-ist eine Folge der Krafterhöhung: umgekehrt erhöht
-wieder das <em>Wahrnehmen</em> solcher Vereinfachung das
-Kraftgefühl.... Spitze der Entwicklung: der große Stil.</p>
-
-<p>Die Häßlichkeit bedeutet <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span> eines Typus</em>,
-Widerspruch und mangelnde Koordination der inneren Begehrungen,
-&ndash; bedeutet einen Niedergang an <em>organisierender</em>
-Kraft, an „Willen“, psychologisch geredet.</p>
-
-<p>Der Lustzustand, den man <em>Rausch</em> nennt, ist exakt ein
-hohes Machtgefühl.... Die Raum- und Zeitempfindungen
-sind verändert: ungeheure Fernen werden überschaut und
-gleichsam erst <em>wahrnehmbar</em>; die <em>Ausdehnung</em> des Blicks
-über größere Mengen und Weiten; die <em>Verfeinerung des
-Organs</em> für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und Flüchtigsten;
-die <em>Divination</em>, die Kraft des Verstehens auf die
-leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[Pg 294]</a></span>
-<em>Sinnlichkeit</em> &ndash;; die <em>Stärke</em> als Herrschaftsgefühl in
-den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung,
-als Tanz, als Leichtigkeit und Presto; die Stärke als
-Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer,
-Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod....
-Alle diese Höhenmomente des Lebens regen sich gegenseitig
-an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt als
-Suggestion für den andern: &ndash; dergestalt sind schließlich Zustände
-ineinander verwachsen, die vielleicht Grund hätten,
-sich fremd zu bleiben. Zum Beispiel: das religiöse Rauschgefühl
-und die Geschlechtserregung (&ndash; zwei tiefe Gefühle,
-nachgerade fast verwunderlich koordiniert. Was gefällt allen
-frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger
-mit schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit
-in der Tragödie und das Mitleid (&ndash; ebenfalls normal
-koordiniert....). Frühling, Tanz, Musik: &ndash; alles Wettbewerb
-der Geschlechter, &ndash; und auch noch jene Faustische
-„Unendlichkeit im Busen“.</p>
-
-<p>Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich)
-stark angelegt, überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine
-gewisse Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein
-Raffael zu denken.... Musik machen ist auch noch eine Art
-Kindermachen; Keuschheit ist bloß die Ökonomie eines
-Künstlers, &ndash; und jedenfalls hört auch bei Künstlern die
-Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf.... Die Künstler
-sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher,
-sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend
-und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leben eigen
-sein.</p>
-
-
-<h4>524.</h4>
-
-<p>Die Zustände, in denen wir eine <em>Verklärung</em> und <em>Fülle</em>
-in die Dinge legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne
-Fülle und Lebenslust zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb;
-der Rausch; die Mahlzeit; der Frühling; der Sieg über
-den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die Grausamkeit;
-die Ekstase des religiösen Gefühls. <em>Drei</em> Elemente vornehmlich:
-der <em>Geschlechtstrieb</em>, der <em>Rausch</em>, die <em>Grau<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[Pg 295]</a></span>samkeit</em>,
-&ndash; alle zur ältesten <em>Festfreude</em> des Menschen
-gehörend, alle insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend.</p>
-
-<p>Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung
-und Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein
-mit einer <em>Erregung jener Sphären</em>, wo alle jene
-Lustzustände ihren Sitz haben: &ndash; und eine Mischung dieser
-sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen
-und Begierden ist der <em>ästhetische Zustand</em>. Letzterer tritt
-nur bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und
-überströmenden Fülle des leiblichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vigor</span> überhaupt fähig
-sind; in ihm ist immer das <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">primum mobile</span>. Der Nüchterne,
-der Müde, der Erschöpfte, der Vertrocknende (zum
-Beispiel ein Gelehrter) kann absolut nichts von der Kunst
-empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nötigung
-des Reichtums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt
-auch nichts.</p>
-
-<p>„<em>Vollkommenheit</em>“: &ndash; in jenen Zuständen (bei der
-Geschlechtsliebe insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste
-Instinkt als das Höhere, Wünschbarere, Wertvollere überhaupt
-anerkennt, die Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen
-<em>nach welchem</em> Status er eigentlich <em>strebt</em>. Die
-Vollkommenheit: das ist die außerordentliche Erweiterung
-seines Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige Überschäumen
-über alle Ränder....</p>
-
-
-<h4>525.</h4>
-
-<p>Die <em>Sinnlichkeit</em> in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus
-„Plato“), der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild
-schaffend, wie die Geliebte im speziellen erscheint,
-eine Inkrustation, Vergrößerung, Verklärung, Unendlichkeit
-um jedes Ding legend &ndash;&nbsp;: 2. in der Religion der Liebe: „ein
-schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie göttlich,
-ein Bräutigam, eine Braut der Seele &ndash;&nbsp;: 3. in der
-<em>Kunst</em>, als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das
-Weib sieht, indem er ihr gleichsam alles zum Präsent macht,
-was es von Vorzügen gibt, so legt die Sinnlichkeit des<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[Pg 296]</a></span>
-Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält
-&ndash; dergestalt <em>vollendet</em> er ein Objekt („idealisiert“
-es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann
-in bezug auf das Weib empfindet, <em>kommt dessen Bemühen
-nach Idealisierung entgegen</em>, indem es sich
-schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichen
-<em>übt sie Scham</em>, Zurückhaltung, Distanz &ndash; mit
-dem Instinkt dafür, daß damit das idealisierende Vermögen
-des Mannes <em>wächst</em>. (&ndash; Bei der ungeheuren Feinheit des
-weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte
-Heuchelei: sie errät, daß gerade die <em>naive wirkliche
-Schamhaftigkeit</em> den Mann am meisten verführt und zur
-Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv &ndash; aus
-Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins
-anrät. Ein willentliches <em>die-Augen-über-sich-geschlossen-halten</em>....
-Überall, wo die Verstellung
-stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, <em>wird</em> sie unbewußt.)</p>
-
-
-<h4>526.</h4>
-
-<p>Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und
-der noch etwas anderes ist als Liebe! &ndash; Doch darüber hat
-jedermann seine Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens
-<em>wächst</em>, sobald nur ein Mann in seine Nähe kommt;
-es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei einer noch näheren
-Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der Tanz
-und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen,
-nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen
-<em>Kraftstücken</em> zu befähigen: man traut endlich seinen Augen
-nicht &ndash; und seiner Uhr! Hier ist allerdings einzurechnen,
-daß der Tanz an sich schon, gleich jeder sehr geschwinden
-Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-, Nerven-
-und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem
-Falle mit den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches
-zu rechnen. &ndash; Und wie weise es mitunter ist, einen
-kleinen Stich zu haben!.... Es gibt Realitäten, die man
-nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, dafür hat
-man alle weiblichen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">pudeurs</span>.... Diese jungen Geschöpfe,<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[Pg 297]</a></span>
-die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie
-tanzen nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar,
-was mehr ist, noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!....
-Gelegenheit, Faust zu zitieren.... Sie sehen unvergleichlich
-besser aus, wenn sie dergestalt ihren kleinen
-Stich haben, diese hübschen Kreaturen, &ndash; o wie gut sie
-das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, <em>weil</em> sie
-das wissen! &ndash; Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz;
-ihr Putz ist ihr <em>dritter</em> kleiner Rausch: sie glauben an ihren
-Schneider, wie sie an ihren Gott glauben: &ndash; und wer widerriete
-ihnen diesen Glauben! Dieser Glaube macht selig!
-Und die Selbstbewunderung ist gesund! &ndash; Selbstbewunderung
-schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib
-erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr!
-Ich setze selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.</p>
-
-
-<h4>527.</h4>
-
-<p>Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die
-Transfigurationskraft des Rausches geht? &ndash; Die „Liebe“
-ist dieser Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen
-und Stummheiten der Welt. Der Rausch wird hier mit
-der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein des
-Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes sich an
-ihrer Stelle zu finden scheint, &ndash; ein Zittern und Aufglänzen
-aller Zauberspiegel der Circe.... Hier macht Mensch und
-Tier keinen Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit.
-Man wird fein genarrt, wenn man fein ist;
-man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe,
-und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe „erlöster
-Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe
-hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über
-sich zu lügen.... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man
-liebt, vor sich und über sich: man scheint sich transfiguriert,
-stärker, reicher, vollkommener, man <em>ist</em> vollkommener....
-Wir finden hier die <em>Kunst</em> als organische Funktion: wir
-finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt „Liebe“:
-wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, &ndash; Kunst<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[Pg 298]</a></span>
-somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie
-lügt.... Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen,
-stehenzubleiben: sie tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt
-selbst die Werte. Und nicht nur, daß sie das <em>Gefühl</em>
-der Werte verschiebt: der Liebende <em>ist</em> mehr wert, ist
-stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue Waffen,
-Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen,
-neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen.
-Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesamthaushalt
-ist reicher als je, mächtiger, <em>ganzer</em> als im
-Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er ist reich
-genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel
-an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er
-glaubt an die Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits
-wachsen diesem Idioten des Glücks Flügel und
-neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst tut sich ihm die Tür
-auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion
-jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der
-Lyrik und Musik übrig?.... <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">L'art pour l'art</span> vielleicht: das
-virtuose Gequak kaltgestellter <em>Frösche</em>, die in ihrem Sumpfe
-desperieren.... Den ganzen <em>Rest</em> schuf die Liebe....</p>
-
-
-<h4>528.</h4>
-
-<p>Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und
-Sinne, welche ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen
-tätig sind: sie redet immer nur zu Künstlern, &ndash; sie
-redet zu dieser Art von feiner Beweglichkeit des Leibes.
-Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine
-Spezies des Guthörigen.</p>
-
-<p>Alle Kunst wirkt <em>tonisch</em>, mehrt die Kraft, entzündet die
-Lust (das heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren
-Erinnerungen des Rausches an, &ndash; es gibt ein eigenes Gedächtnis,
-das in solche Zustände hinunterkommt: eine ferne
-und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück.</p>
-
-<p>Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das,
-was <em>ausgeschlossen</em> wird von der Kunst, ihr <em>Nein</em>: &ndash;
-jedesmal, wenn der Niedergang, die Verarmung an Leben,<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[Pg 299]</a></span>
-die Ohnmacht, die Auflösung, die Verwesung von fern nur
-angeregt wird, reagiert der ästhetische Mensch mit seinem
-<em>Nein</em>. Das Häßliche wirkt <em>depressiv</em>: es ist der Ausdruck
-einer Depression. Es <em>nimmt</em> Kraft, es verarmt, es drückt..
-Das Häßliche <em>suggeriert</em> Häßliches; man kann an seinen
-Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das
-Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen
-steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen, Interessen,
-Fragen. Es gibt einen dem Häßlichen nächstverwandten
-Zustand auch im Logischen: &ndash; Schwere, Dumpfheit.
-Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche
-hinkt, das Häßliche stolpert: &ndash; Gegensatz einer göttlichen
-Leichtfertigkeit des Tanzenden.</p>
-
-<p>Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum von <em>Mitteilungsmitteln</em>
-zugleich mit einer extremen <em>Empfänglichkeit</em>
-für Reize und Zeichen. Er ist der Höhepunkt der
-Mitteilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen,
-&ndash; er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben
-hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als die
-Gebärden- und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist
-immer der Anfang: unsere Vermögen sind subtilisiert aus
-volleren Vermögen. Aber auch heute hört man noch mit den
-Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln.</p>
-
-<p>Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage:
-insofern sie Sprache ist. Die Konvention ist die Bedingung
-der großen Kunst, <em>nicht</em> deren Verhinderung....
-Jede Erhöhung des Lebens steigert die Mitteilungskraft, insgleichen
-die Verständniskraft des Menschen. Das <em>Sichhineinleben
-in andere Seelen</em> ist ursprünglich nichts
-Moralisches, sondern eine physiologische Reizbarkeit der
-Suggestion: die „Sympathie“ oder was man „Altruismus“
-nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes zur Geistigkeit
-gerechneten psycho-motorischen Rapports (<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">induction
-psycho-motrice</span> meint Ch. Féré). Man teilt sich nie Gedanken
-mit: man teilt sich Bewegungen mit, mimische
-Zeichen, welche von uns auf Gedanken hin <em>zurückgelesen</em>
-werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[Pg 300]</a></span></p>
-
-
-<h4>529.</h4>
-
-<p>Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen
-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vigor</span>; sie ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von
-blühender Leiblichkeit in die Welt der Bilder und Wünsche;
-andrerseits eine Anreizung der animalischen Funktionen
-durch Bilder und Wünsche des gesteigerten Lebens; &ndash; eine
-Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben.</p>
-
-<p>Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt
-haben? Insofern es noch von der siegreichen Energie des
-Künstlers etwas mitteilt, der über dies Häßliche und Furchtbare
-Herr geworden ist; oder insofern es die Lust der Grausamkeit
-in uns leise anregt (unter Umständen selbst die Lust,
-<em>uns</em> wehe zu tun, die Selbstvergewaltigung: und damit
-das Gefühl der Macht über uns).</p>
-
-
-<h4>530.</h4>
-
-<p><em>Zur Genesis der Kunst.</em> &ndash; Jenes <em>Vollkommenmachen,
-Vollkommensehen</em>, welches dem mit geschlechtlichen
-Kräften überladenen zerebralen System zu eigen ist
-(der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten Zufälligkeiten
-verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge,
-„das Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr wert als irgend
-etwas“): andrerseits wirkt jedes <em>Vollkommene</em> und
-<em>Schöne</em> als unbewußte Erinnerung jenes verliebten Zustandes
-und seiner Art, zu sehen &ndash; jede <em>Vollkommenheit</em>, die
-ganze <em>Schönheit</em> der Dinge erweckt durch <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">contiguity</span> die
-aphrodisische Seligkeit wieder. (<em>Physiologisch</em>: der schaffende
-Instinkt des Künstlers und die Verteilung des <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">semen</span>
-ins Blut....) Das <em>Verlangen nach Kunst</em> und <em>Schönheit</em>
-ist ein indirektes Verlangen nach den Entzückungen des
-Geschlechtstriebes, welche er dem Zerebrum mitteilt. Die
-<em>vollkommen gewordne Welt</em>, durch „Liebe“....</p>
-
-
-<h4>531.</h4>
-
-<p><em>Die Vermoralisierung der Künste.</em> &ndash; Kunst als
-Freiheit von der moralischen Verengung und Winkeloptik;
-oder als Spott über sie. Die Flucht in die Natur, wo ihre<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[Pg 301]</a></span>
-<em>Schönheit</em> mit der <em>Furchtbarkeit</em> sich paart. Konzeption
-des <em>großen</em> Menschen.</p>
-
-<p>&ndash; Zerbrechliche, unnütze Luxusseelen, welche ein Hauch
-schon trübe macht, „die <em>schönen Seelen</em>“.</p>
-
-<p>&ndash; Die <em>verblichenen Ideale</em> aufwecken in ihrer schonungslosen
-Härte und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer,
-die sie sind.</p>
-
-<p>&ndash; Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht
-in die Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei
-allen vermoralisierten Künstlern.</p>
-
-<p>&ndash; Die <em>Falschheit</em> der Kunst, &ndash; ihre Immoralität ans
-Licht ziehen.</p>
-
-<p>&ndash; Die „idealisierenden Grundmächte“ (Sinnlichkeit,
-Rausch, überreiche Animalität) ans Licht ziehen.</p>
-
-
-<h4>532.</h4>
-
-<p>Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die
-Wollust; sie fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine
-Tempoverschiedenheit in beiden Zuständen geben.... Die
-<em>extreme Ruhe gewisser Rauschempfindungen</em> (strenger:
-die Verlangsamung des Zeit- und Raumgefühls) spiegelt
-sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden und Seelenarten.
-Der klassische Stil stellt wesentlich diese Ruhe,
-Vereinfachung, Abkürzung, Konzentration dar, &ndash; <em>das
-höchste Gefühl der Macht</em> ist konzentriert im klassischen
-Typus. Schwer reagieren: ein großes Bewußtsein: kein
-Gefühl von Kampf.</p>
-
-
-<h4>533.</h4>
-
-<p><em>Apollinisch &ndash; dionysisch.</em> &ndash; Es gibt zwei Zustände,
-in denen die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen
-auftritt, über ihn verfügend, ob er will oder nicht: einmal
-als Zwang zur Vision, andrerseits als Zwang zum Orgiasmus.
-Beide Zustände sind auch im normalen Leben vorgespiegelt,
-nur schwächer: im Traum und im Rausch.</p>
-
-<p>Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und
-Rausch: beide entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede
-aber verschieden: der Traum die des Sehens, Verknüpfens,<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[Pg 302]</a></span>
-Dichtens; der Rausch die der Gebärde, der Leidenschaft, des
-Gesangs, des Tanzes.</p>
-
-
-<h4>534.</h4>
-
-<p>Der Sinn und die Lust an der <em>Nuance</em> (&ndash; die eigentliche
-Modernität), an dem, was <em>nicht</em> generell ist, läuft
-dem Triebe entgegen, welcher seine Lust und Kraft im Erfassen
-des <em>Typischen</em> hat: gleich dem griechischen Geschmack
-der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des
-Lebendigen ist darin, das <em>Maß</em> wird Herr, jene <em>Ruhe</em> der
-starken Seele liegt zugrunde, welche sich langsam bewegt und
-einen Widerwillen vor dem Allzulebendigen hat. Der allgemeine
-Fall, das Gesetz wird <em>verehrt</em> und <em>herausgehoben</em>;
-die Ausnahme wird umgekehrt beiseite gestellt, die Nuance
-weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das Leben, das
-breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt &ndash; das „<em>gefällt</em>“:
-das heißt, das korrespondiert mit dem, was man
-von sich hält.</p>
-
-
-<h4>535.</h4>
-
-<p><em>„Musik“ &ndash; und der große Stil.</em> &ndash; Die Größe eines
-Künstlers bemißt sich nicht nach den „schönen Gefühlen“,
-die er erregt: das mögen die Weiblein glauben. Sondern
-nach dem Grade, in dem er sich dem großen Stile nähert,
-in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat das
-mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht,
-zu gefallen; daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt;
-daß er <em>will</em>.... Über das Chaos Herr werden, das man
-ist; sein Chaos zwingen, Form zu werden: logisch, einfach,
-unzweideutig, Mathematik, <em>Gesetz</em> werden &ndash; das ist hier
-die große Ambition. &ndash; Mit ihr stößt man zurück; nichts
-reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, &ndash; eine
-Einöde legt sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor
-einem großen Frevel.... Alle Künste kennen solche Ambitiöse
-des großen Stils: warum fehlen sie in der Musik?
-Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister,
-der den Palazzo Pitti schuf.... Hier liegt ein Problem.
-Gehört die Musik vielleicht in jene Kultur, wo das Reich
-aller Art Gewaltmenschen schon zu Ende ging? Wider<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[Pg 303]</a></span>spräche
-zuletzt der Begriff großer Stil schon der Seele der
-Musik, &ndash; dem „Weibe“ in unsrer Musik?....</p>
-
-<p>Ich berühre hier eine Kardinalfrage: wohin gehört unsre
-ganze Musik? Die Zeitalter des klassischen Geschmacks kennen
-nichts ihr Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die
-Renaissancewelt ihren Abend erreichte, als die „Freiheit“
-aus den Sitten und selbst aus den Menschen davon war: &ndash;
-gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance zu sein?
-Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine
-Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schon
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>?....</p>
-
-<p>Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage
-gelegt: ob unsre Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance
-in der Kunst ist? ob sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils
-ist? ob sie nicht im Widerspruch zu allem klassischen
-Geschmack gewachsen ist, so daß sich in ihr jede Ambition
-der Klassizität von selbst verböte?</p>
-
-<p>Auf diese Wertfrage ersten Ranges würde die Antwort
-nicht zweifelhaft sein dürfen, wenn die Tatsache richtig abgeschätzt
-worden wäre, daß die Musik ihre höchste Reife
-und Fülle als <em>Romantik</em> erlangt &ndash;, noch einmal als Reaktionsbewegung
-gegen die Klassizität.</p>
-
-<p>Mozart &ndash; eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz
-achtzehntes Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste....
-Beethoven der erste große Romantiker im Sinne des <em>französischen</em>
-Begriffs Romantik, wie Wagner der letzte große
-Romantiker ist.... beides instinktive Widersacher des klassischen
-Geschmacks, des strengen Stils, &ndash; um vom „großen“
-hier nicht zu reden.</p>
-
-
-<h4>536.</h4>
-
-<p>Die <em>Romantik</em>: eine zweideutige Frage, wie alles Moderne.</p>
-
-<p>Die ästhetischen Zustände zwiefach.</p>
-
-<p>Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den
-Suchenden, Begehrenden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[Pg 304]</a></span></p>
-
-
-<h4>537.</h4>
-
-<p>Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen
-an sich schöpferisch macht &ndash; der von sich und
-seiner Mitwelt wegblickt, zurückblickt.</p>
-
-
-<h4>538.</h4>
-
-<p>Ist die Kunst eine Folge des <em>Ungenügens am Wirklichen</em>?
-Oder ein Ausdruck der <em>Dankbarkeit über genossenes
-Glück</em>? Im ersten Falle <em>Romantik</em>, im zweiten
-Glorienschein und Dithyrambus (kurz <em>Apotheosenkunst</em>):
-auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene Falschheit hatte,
-den <em>Anschein</em> der christlichen Weltauslegung zu vergöttern.
-Er war dankbar für das Dasein, wo es <em>nicht</em> spezifisch
-christlich sich zeigte.</p>
-
-<p>Mit der <em>moralischen</em> Interpretation ist die Welt unerträglich.
-Das Christentum war der Versuch, die Welt
-damit zu „überwinden“: das heißt zu verneinen. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In praxi</span>
-lief ein solches Attentat des Wahnsinns &ndash; einer wahnsinnigen
-Selbstüberhebung des Menschen angesichts der
-Welt &ndash; auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung
-des Menschen hinaus: die mittelmäßigste und unschädlichste
-Art, die herdenhafte Art Mensch, fand allein dabei ihre
-Rechnung, ihre <em>Förderung</em>, wenn man will.</p>
-
-<p><em>Homer</em> als <em>Apotheosenkünstler</em>; auch Rubens. Die
-Musik hat noch keinen gehabt.</p>
-
-<p>Die Idealisierung des <em>großen Frevlers</em> (der Sinn für
-seine <em>Größe</em>) ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden,
-Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch-christlich.</p>
-
-
-<h4>539.</h4>
-
-<p><em>Was ist Romantik?</em> &ndash; In Hinsicht auf alle ästhetischen
-Werte bediene ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung:
-ich frage in jedem einzelnen Falle, „ist hier der
-Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“ Von
-vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu
-empfehlen scheinen &ndash; sie ist bei weitem augenscheinlicher &ndash;
-nämlich die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starr<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[Pg 305]</a></span>werden,
-Ewigwerden, nach „<em>Sein</em>“ die Ursache des Schaffens
-ist, oder aber das Verlangen nach Zerstörung, nach
-Wechsel, nach <em>Werden</em>. Aber beide Arten des Verlangens
-erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und
-zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht,
-wie mich dünkt, <em>vorgezogenen</em> Schema.</p>
-
-<p>Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden <em>kann</em>
-der Ausdruck der übervollen, zukunftsschwangern Kraft
-sein (mein Terminus dafür ist, wie man weiß, das Wort
-„dionysisch“); es kann aber auch der <em>Haß</em> der Mißratnen,
-Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört,
-zerstören <em>muß</em>, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen,
-alles Sein selbst empört und aufreizt.</p>
-
-<p>„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit
-und Liebe kommen: &ndash; eine Kunst dieses Ursprungs wird
-immer eine Apotheosenkunst sein, dithyrambisch vielleicht
-mit Rubens, selig mit Hafis, hell und gütig mit Goethe,
-und einen homerischen Glorienschein über alle Dinge breitend;
-&ndash; es kann aber auch jener tyrannische Wille eines
-Schwerleidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste,
-Engste, die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch
-zum verbindlichen <em>Gesetz</em> und Zwang stempeln möchte, und
-der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch, daß
-er ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur aufdrückt, einzwängt,
-einbrennt. Letzteres ist romantischer Pessimismus
-in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauersche
-Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik.</p>
-
-
-<h4>540.</h4>
-
-<p>Ob nicht hinter dem Gegensatz von <em>Klassisch</em> und <em>Romantisch</em>
-der Gegensatz des Aktiven und Reaktiven verborgen
-liegt? &ndash;</p>
-
-
-<h4>541.</h4>
-
-<p>Um <em>Klassiker</em> zu sein, muß man <em>alle</em> starken, anscheinend
-widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber
-so, daß sie miteinander unter einem Joche gehen, zur <em>rechten</em>
-Zeit kommen, um ein <em>Genus</em> von Literatur oder Kunst<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[Pg 306]</a></span>
-oder Politik auf seine Höhe und Spitze zu bringen (: nicht
-<em>nachdem</em> dies schon geschehen ist....): einen <em>Gesamtzustand</em>
-(sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in seiner
-tiefsten und innersten Seele widerspiegeln zu einer Zeit, wo
-er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung
-des Fremden (oder noch abhängig ist....); kein
-reaktiver, sondern ein <em>schließender</em> und vorwärts führender
-Geist sein, <em>Ja</em> sagend in allen Fällen, selbst mit seinem
-Haß.</p>
-
-<p>„Es gehört dazu <em>nicht</em> der höchste persönliche Wert?“...
-Vielleicht zu erwägen, ob die moralischen Vorurteile hier
-nicht ihr Spiel spielen, und ob große <em>moralische</em> Höhe nicht
-vielleicht an sich ein <em>Widerspruch</em> gegen das <em>Klassische</em>
-ist?.... Ob nicht die moralischen Monstra notwendig <em>Romantiker</em>
-sein müssen in Wort und Tat?.... Ein solches
-Übergewicht einer Tugend über die andern (wie beim moralischen
-Monstrum) steht eben der klassischen Macht im
-Gleichgewicht feindlich entgegen: gesetzt, man hätte diese
-Höhe und wäre trotzdem Klassiker, so dürfte dreist geschlossen
-werden, man besitze auch die Immoralität auf
-gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt,
-daß es wirklich Lord Bacon ist).</p>
-
-
-<h4>542.</h4>
-
-<p><em>Zukünftiges.</em> &ndash; <em>Gegen die Romantik der großen
-„Passion“.</em> &ndash; Zu begreifen, wie zu jedem „klassischen“
-Geschmack ein Quantum Kälte, Luzidität, Härte hinzugehört:
-Logik vor allem, Glück in der Geistigkeit, „drei Einheiten“,
-Konzentration, Haß gegen Gefühl, Gemüt, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">esprit</span>,
-Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende
-so gut als gegen das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man
-soll nicht mit künstlerischen Formeln spielen: man soll das
-Leben umschaffen, daß es sich nachher formulieren <em>muß</em>.</p>
-
-<p>Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen
-lernen, die wir jetzt erst <em>sehen</em>: daß die Zeitgenossen Herders,
-Winckelmanns, Goethes und Hegels in Anspruch nahmen,
-das <em>klassische Ideal wieder entdeckt zu haben</em>....<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[Pg 307]</a></span>
-und zu gleicher Zeit Shakespeare. &ndash; Und dasselbe Geschlecht
-hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen auf
-schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut
-hier- wie dorther hätte gelernt werden können!.... Aber
-man wollte die „Natur“, die „Natürlichkeit“: o Stumpfsinn!
-Man glaubte, die Klassizität sei eine Art Natürlichkeit!</p>
-
-<p>Ohne Vorurteil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf
-welchem Boden ein klassischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung,
-Vereinfachung, Verstärkung, Verböserung des
-Menschen: so gehört es zusammen. Die logisch-psychologische
-Vereinfachung. Die Verachtung des Details, des Komplexen,
-des Ungewissen.</p>
-
-<p>Die Romantiker in Deutschland protestierten <em>nicht</em> gegen
-den Klassizismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung,
-Geschmack, achtzehntes Jahrhundert.</p>
-
-<p>Die Sensibilität der romantisch-Wagnerschen Musik:
-Gegensatz der <em>klassischen Sensibilität</em>.</p>
-
-<p>Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisiert: nämlich
-die Zuhörer, Zuschauer), aber die Unfähigkeit, <em>sich</em> in
-der Hauptsache zu tyrannisieren: nämlich in Hinsicht auf
-das Werk selbst (auf Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen).
-Die Überwältigung durch Massen (Wagner,
-Victor Hugo, Zola, Taine).</p>
-
-
-<h4>543.</h4>
-
-<p>Der <em>Künstler</em>philosoph. Höherer Begriff der <em>Kunst</em>.
-Ob der Mensch sich so fern stellen kann von den andern
-Menschen, um <em>an ihnen zu gestalten</em>? (&ndash; Vorübungen:
-1. der Sich-selbst-Gestaltende, der Einsiedler; 2. der <em>bisherige</em>
-Künstler als der kleine Vollender an einem Stoffe.)</p>
-
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[Pg 308]</a></span></p>
-
-
-
-<div class="chapter">
-
-<h2>Viertes Buch.<br />
-
-<span class="subh2">Zucht und Züchtung.</span></h2>
-</div>
-
-<h3>1. Rangordnung.</h3>
-
-
-<h4>544.</h4>
-
-<p>Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span>,
-das heißt, wo jeder über jeden und jedes zu Gericht
-sitzen darf, die <em>Rangordnung</em> wiederherzustellen.</p>
-
-
-<h4>545.</h4>
-
-<p>Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen gibt, und
-daß ein Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen
-ihre Existenz rechtfertigen kann &ndash; das heißt ein voller,
-reicher, großer, ganzer Mensch in Hinsicht auf zahllose unvollständige
-Bruchstück-Menschen.</p>
-
-
-<h4>546.</h4>
-
-<p>Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens
-und einen andern des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche.
-Sollte man glauben, daß die Rangfrage zwischen beiden
-Typen überhaupt noch zu stellen ist?....</p>
-
-
-<h4>547.</h4>
-
-<p><em>Die Rangordnung der Menschenwerte.</em> &ndash;</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken
-abschätzen. <em>Epidermalhandlungen.</em> Nichts ist seltener
-als eine <em>Personal</em>handlung. Ein Stand, ein Rang, eine
-Volksrasse, eine Umgebung, ein Zufall &ndash; alles drückt sich
-eher noch in einem Werke oder Tun aus als eine „Person“.</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen
-„Personen“ sind. Und dann sind manche auch <em>mehrere</em>
-Personen, die meisten sind <em>keine</em>. Überall, wo die
-durchschnittlichen Eigenschaften überwiegen, auf die es ankommt,
-daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-Sein eine
-Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach
-einer „Person“ zu verlangen. Es sind Träger, Transmissionswerkzeuge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[Pg 309]</a></span></p>
-
-<p><span class="antiqua">c</span>) Die „Person“ ein relativ <em>isoliertes</em> Faktum; in Hinsicht
-auf die weit größere Wichtigkeit des Fortflusses und
-der Durchschnittlichkeit, somit beinahe etwas <em>Widernatürliches</em>.
-Zur Entstehung der Person gehört eine zeitige Isolierung,
-ein Zwang zu einer Wehr- und Waffenexistenz, etwas
-wie Einmauerung, eine größere Kraft des Abschlusses;
-und vor allem eine viel <em>geringere Impressionabilität</em>,
-als sie der mittlere Mensch, dessen Menschlichkeit <em>kontagiös</em>
-ist, hat.</p>
-
-<p><em>Erste Frage</em> in betreff <em>der Rangordnung</em>: wie <em>solitär</em>
-oder wie <em>herdenhaft</em> jemand ist. (Im letztern Falle
-liegt sein Wert in den Eigenschaften, die den Bestand seiner
-Herde, seines Typus sichern; im andern Falle in dem, was
-ihn abhebt, isoliert, verteidigt und <em>solitär ermöglicht</em>.)</p>
-
-<p><em>Folgerung</em>: man soll den solitären Typus nicht abschätzen
-nach dem herdenhaften, und den herdenhaften <em>nicht</em>
-nach dem solitären.</p>
-
-<p>Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen
-ist ihr Antagonismus notwendig, &ndash; und nichts
-ist <em>mehr</em> zu verbannen als jene „Wünschbarkeit“, es möchte
-sich etwas <em>Drittes</em> aus beiden entwickeln („Tugend“ als
-Hermaphroditismus). Das ist so wenig „wünschbar“ als
-die Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das
-<em>Typische fortentwickeln</em>, die <em>Kluft</em> immer <em>tiefer aufreißen</em>....</p>
-
-<p>Begriff der <em>Entartung</em> in beiden Fällen: wenn die Herde
-den Eigenschaften der solitären Wesen sich nähert und diese
-den Eigenschaften der Herde, &ndash; kurz, wenn sie sich <em>annähern</em>.
-Dieser Begriff der Entartung ist abseits von der
-moralischen Beurteilung.</p>
-
-
-<h4>548.</h4>
-
-<p><em>Vom Range.</em> Die schreckliche Konsequenz der „Gleichheit“
-&ndash; schließlich glaubt jeder das Recht zu haben zu jedem
-Problem. Es ist alle Rangordnung verlorengegangen.</p>
-
-
-<h4>549.</h4>
-
-<p>Vorteil eines Abseits von seiner Zeit. &ndash; Abseits gestellt
-gegen die beiden Bewegungen, die individualistische und die<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[Pg 310]</a></span>
-kollektivistische Moral, &ndash; denn auch die erste kennt die
-Rangordnung nicht und will dem einen die gleiche Freiheit
-geben wie allen. Meine Gedanken drehen sich nicht um
-den Grad von Freiheit, der dem einen oder dem andern
-oder allen zu gönnen ist, sondern um den Grad von <em>Macht</em>,
-den einer oder der andere über andere oder alle üben soll,
-respektive inwiefern eine Opferung von Freiheit, eine Versklavung
-selbst, zur Hervorbringung eines <em>höheren Typus</em>
-die Basis gibt. In gröbster Form gedacht: <em>wie könnte
-man die Entwicklung der Menschheit opfern</em>, um einer
-höheren Art, als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? &ndash;</p>
-
-
-<h4>550.</h4>
-
-<p>Rangbestimmend, rangabhebend sind allein Machtquantitäten:
-und nichts sonst.</p>
-
-
-<h4>551.</h4>
-
-<p>Über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du
-bist; der Rest ist Feigheit.</p>
-
-
-<h4>552.</h4>
-
-<p>Der Wille zur Macht. &ndash; Wie die Menschen beschaffen
-sein müßten, welche diese Umwertung an sich vornehmen.
-Die Rangordnung als Machtordnung: Krieg und Gefahr die
-Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen festhält.
-Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur &ndash; das
-schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren
-Gewalten sich unterjochend.</p>
-
-
-<h4>553.</h4>
-
-<p>Neue Rangordnung der Geister: nicht mehr die tragischen
-Naturen voran.</p>
-
-
-<h4>554.</h4>
-
-<p>Den <em>Wert</em> eines Menschen danach abschätzen, was er den
-Menschen <em>nützt</em> oder <em>kostet</em> oder <em>schadet</em>: das bedeutet
-ebensoviel und ebensowenig als ein Kunstwerk abschätzen je
-nach den <em>Wirkungen</em>, die es tut. Aber damit ist der
-Wert des Menschen <em>im Vergleich mit anderen Menschen</em>
-gar nicht berührt. Die „moralische Wertschätzung“,<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[Pg 311]</a></span>
-soweit sie eine <em>soziale</em> ist, mißt durchaus den Menschen
-nach seinen Wirkungen. Ein Mensch mit seinem eigenen
-Geschmack auf der Zunge, umschlossen und versteckt durch
-seine Einsamkeit, unmitteilbar, unmitteilsam, &ndash; ein <em>unausgerechneter</em>
-Mensch, also ein Mensch einer höheren,
-jedenfalls <em>anderen</em> Spezies: wie wollt ihr den abwerten
-können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen
-könnt?</p>
-
-<p>Die <em>moralische Abwertung</em> hat die größte Urteilsstumpfheit
-im Gefolge gehabt: der Wert eines Menschen
-an sich ist <em>unterschätzt</em>, fast <em>übersehen</em>, fast <em>geleugnet</em>.
-Rest der naiven <em>Teleologie</em>: der <em>Wert</em> des Menschen <em>nur
-in Hinsicht auf die Menschen</em>.</p>
-
-
-<h4>555.</h4>
-
-<p>Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung.
-Um einen ähnlichen Preis würde man den
-anarchistischen Einsturz unsrer ganzen Zivilisation wünschen
-müssen. Napoleon ermöglichte den Nationalismus: das ist
-dessen Entschuldigung.</p>
-
-<p>Der Wert eines Menschen (abgesehen, wie billig, von
-Moralität und Unmoralität: denn mit diesen Begriffen
-wird der <em>Wert</em> eines Menschen noch nicht einmal berührt)
-liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er bestünde fort, selbst
-wenn es niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte. Und
-warum könnte nicht gerade der Mensch, von dem die verderblichsten
-Wirkungen ausgingen, die Spitze der ganzen
-Spezies Mensch sein: so hoch, so überlegen, daß an ihm alles
-vor Neid zugrunde ginge?</p>
-
-
-<h4>556.</h4>
-
-<p><em>Mißverständnis des Egoismus</em>: von seiten der <em>gemeinen</em>
-Naturen, welche gar nichts von der Eroberungslust
-und Unersättlichkeit der großen Liebe wissen, ebenso
-von den ausströmenden Kraftgefühlen, welche überwältigen,
-zu sich zwingen, sich ans Herz legen wollen, &ndash; der Trieb
-des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht
-der Tätigkeitssinn nach einem Terrain. &ndash; Im gewöhn<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[Pg 312]</a></span>lichen
-„Egoismus“ will gerade das „Nicht-<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>“, das <em>tiefe
-Durchschnittswesen</em>, der Gattungsmensch seine Erhaltung
-&ndash; <em>das</em> empört, falls es von den Seltneren, Feineren
-und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird. Denn
-diese urteilen: „wir sind die <em>Edleren</em>! Es liegt <em>mehr</em> an
-<em>unserer</em> Erhaltung als an der jenes Viehs!“</p>
-
-
-<h4>557.</h4>
-
-<p><em>Gegen John Stuart Mill.</em> &ndash; Ich perhorresziere seine
-Gemeinheit, welche sagt, „was dem einen recht ist, ist dem
-andern billig“; „was du nicht willst usw., das füg' auch
-keinem andern zu“; welche den ganzen menschlichen Verkehr
-auf <em>Gegenseitigkeit der Leistung</em> begründen will,
-so daß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für
-etwas, das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung <em>unvornehm</em>
-im untersten Sinne: hier wird die <em>Äquivalenz
-der Werte von Handlungen</em> vorausgesetzt bei mir
-und dir; hier ist der persönlichste Wert einer Handlung
-einfach annulliert (das, was durch nichts ausgeglichen und
-bezahlt werden kann &ndash;). Die „Gegenseitigkeit“ ist eine
-große Gemeinheit; gerade daß etwas, das <em>ich</em> tue, <em>nicht</em>
-von einem andern getan werden <em>dürfte</em> und <em>könnte</em>, daß
-<em>es keinen Ausgleich</em> geben darf (&ndash; außer in der <em>ausgewähltesten
-Sphäre</em> der „meinesgleichen“, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter pares</span>
-&ndash;), daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgibt, weil
-man etwas <em>Einmaliges ist</em> und nur <em>Einmaliges tut</em>,
-&ndash; diese Grundüberzeugung enthält die Ursache der <em>aristokratischen
-Absonderung von der Menge</em>, weil die
-Menge an „Gleichheit“ und <em>folglich</em> Ausgleichbarkeit und
-„Gegenseitigkeit“ glaubt.</p>
-
-
-<h4>558.</h4>
-
-<p><em>Randbemerkung zu einer</em> <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">niaiserie anglaise</span>. &ndash;
-„Was du nicht willst, das dir die Leute tun, das tue ihnen
-auch nicht.“ Das gilt als Weisheit; das gilt als Klugheit;
-das gilt als Grund der Moral, &ndash; als „güldener
-Spruch“. John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?)
-glaubt daran!.... Aber der Spruch hält nicht<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[Pg 313]</a></span>
-den leichtesten Angriff aus. Der Kalkul: „tue nichts, was
-dir selber nicht angetan werden soll“ verbietet Handlungen
-um ihrer schädlichen Folgen willen: der Hintergedanke ist,
-daß eine Handlung immer <em>vergolten</em> wird. Wie nun,
-wenn jemand, mit dem „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Principe</span>“ in der Hand, sagte:
-„gerade solche Handlungen <em>muß</em> man tun, damit andere
-uns nicht zuvorkommen, damit wir andere außer Stand
-setzen, sie <em>uns</em> anzutun“? &ndash; Andrerseits: denken wir uns
-einen Korsen, dem seine Ehre die <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">vendetta</span> gebietet. Auch
-er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht
-auf eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel hält
-ihn <em>nicht</em> ab, seiner Ehre zu genügen.... Und sind wir nicht
-in allen <em>anständigen</em> Handlungen eben absichtlich gleichgültig
-gegen das, was daraus für uns kommt? Eine Handlung
-zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte, &ndash;
-das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt.</p>
-
-<p>Dagegen ist der Spruch wertvoll, weil er einen <em>Typus
-Mensch</em> verrät: es ist der <em>Instinkt der Herde</em>, der sich
-mit ihm formuliert, &ndash; man ist gleich, man nimmt sich
-gleich: wie ich dir, so du mir. &ndash; Hier wird wirklich an eine
-<em>Äquivalenz der Handlungen</em> geglaubt, die, in allen
-realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es <em>kann</em>
-nicht jede Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen
-„Individuen“ <em>gibt es keine gleichen Handlungen</em>,
-folglich auch keine „Vergeltung“.... Wenn ich etwas
-tue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß überhaupt
-dergleichen irgendeinem Menschen möglich sei: es
-gehört mir.... Man kann mir nichts zurückzahlen, man
-würde immer eine „<em>andere</em>“ Handlung gegen mich begehen.
-&ndash;</p>
-
-
-<h4>559.</h4>
-
-<p>Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches
-Wesen gibt es die Gefahr des Barbaren, aber
-man sucht sie nur in der Tiefe. Es gibt auch eine <em>andere
-Art Barbaren</em>, die kommen aus der Höhe: eine Art von
-erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[Pg 314]</a></span>
-Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war
-ein solcher Barbar.</p>
-
-
-<h4>560.</h4>
-
-<p><em>Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht
-Hauptfragen.</em></p>
-
-<p>1. Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher?</p>
-
-<p>2. Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger
-gegen Glück und Unglück?</p>
-
-<p>3. Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller
-und unerbittlicher?</p>
-
-<p>4. Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden
-will oder „unmenschlicher“?</p>
-
-<p>5. Ob man klüger werden will oder rücksichtsloser?</p>
-
-<p>6. Ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen
-(wie es zum Beispiel der Philosoph tut, der in
-jedem Ziel eine Grenze, einen Winkel, ein Gefängnis, eine
-Dummheit riecht)?</p>
-
-<p>7. Ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder
-<em>verachteter</em>?</p>
-
-<p>8. Ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Herdentier
-werden will?</p>
-
-
-<h4>561.</h4>
-
-<p>Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehen im Verhältnis
-zu den Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben,
-denen er sich <em>gewachsen fühlt</em>. Die allermeisten Menschen
-sind ohne Recht zum Dasein, sondern ein Unglück für die
-höheren.</p>
-
-
-<h4>562.</h4>
-
-<p>Die <em>Lasterhaften</em> und <em>Zügellosen</em>: ihr deprimierender
-Einfluß auf den <em>Wert der Begierden</em>. Es ist die schauerliche
-Barbarei der Sitte, welche, im Mittelalter vornehmlich,
-zu einem wahren „Bund der Tugend“ zwingt &ndash; nebst
-ebenso schauerlichen Übertreibungen über das, was den
-<em>Wert</em> des Menschen ausmacht. Die kämpfende „Zivilisation“
-(Zähmung) braucht alle Art Eisen und Tortur, um
-sich gegen die Furchtbarkeit und Raubtiernatur aufrechtzuerhalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[Pg 315]</a></span></p>
-
-<p>Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom
-schlimmsten Einfluß: Das, was <em>Menschen der Macht
-und des Willens von sich</em> verlangen können, gibt ein Maß
-auch für das, was sie sich zugestehen dürfen. Solche Naturen
-sind der <em>Gegensatz</em> der Lasterhaften und Zügellosen:
-obwohl sie unter Umständen Dinge tun, deretwegen ein geringerer
-Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt
-wäre.</p>
-
-<p>Hier schadet der Begriff der „<em>Gleichwertigkeit</em> der
-Menschen <em>vor Gott</em>“ außerordentlich; man verbot Handlungen
-und Gesinnungen, welche an sich zu den Prärogativen
-der Starkgeratenen gehören, &ndash; wie als ob sie an
-sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze
-Tendenz der starken Menschen in Verruf, indem man die
-Schutzmittel der Schwächsten (auch gegen sich Schwächsten)
-als Wertnorm aufstellte.</p>
-
-<p>Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die
-großen <em>Virtuosen</em> des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den
-schärfsten Gegensatz zum Lasterhaften und Zügellosen abgibt)
-mit den schimpflichsten Namen brandmarkte. Noch
-jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu müssen;
-das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche
-Kaiser auf Grund ihrer Laster in Bann getan: als ob ein
-Mönch oder Priester über das mitreden dürfte, was ein
-Friedrich der Zweite von sich fordern darf. Ein Don Juan
-wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat man
-bemerkt, daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?....
-Nur ein Wink für die Weiblein, wo sie ihr Heil
-am besten finden. &ndash; Denkt man ein wenig konsequent und
-außerdem mit einer vertieften Einsicht in das, was ein
-„großer Mensch“ ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß
-die Kirche alle „großen Menschen“ in die Hölle schickt &ndash;,
-sie kämpft <em>gegen</em> alle „Größe des Menschen“.</p>
-
-
-<h4>563.</h4>
-
-<p>Die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des
-Menschen, an denen er am leichtesten zugrunde geht, sind so<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[Pg 316]</a></span>
-gründlich in Acht getan, daß damit die mächtigsten Menschen
-selber unmöglich geworden sind oder sich als <em>böse</em>, als
-„schädlich und unerlaubt“ fühlen mußten. Diese Einbuße
-ist groß, aber notwendig bisher gewesen: jetzt, wo eine
-Menge Gegenkräfte großgezüchtet sind durch zeitweilige Unterdrückung
-jener Leidenschaften (von Herrschsucht, Lust an
-der Verwandlung und Täuschung), ist deren Entfesselung
-wieder möglich: sie werden nicht mehr die alte Wildheit
-haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man sehe
-unsre Künstler und Staatsmänner an.</p>
-
-
-<h4>564.</h4>
-
-<p>Ich sehe durchaus nicht ab, wie einer es wieder gut
-machen kann, der versäumt hat, zur rechten Zeit in eine
-<em>gute Schule</em> zu gehen. Ein solcher kennt sich nicht; er
-geht durchs Leben, ohne gehen gelernt zu haben; der schlaffe
-Muskel verrät sich bei jedem Schritt noch. Mitunter ist
-das Leben so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen:
-jahrelanges Siechtum vielleicht, das die äußerste Willenskraft
-und Selbstgenügsamkeit herausfordert; oder eine plötzlich
-hereinbrechende Notlage, zugleich noch für Weib und
-Kind, welche eine Tätigkeit erzwingt, die den erschlafften
-Fasern wieder Energie gibt und dem Willen zum Leben die
-<em>Zähigkeit zurückgewinnt</em>. Das Wünschenswerteste bleibt
-unter allen Umständen eine harte Disziplin <em>zur rechten
-Zeit</em>, das heißt in jenem Alter noch, wo es stolz macht, viel
-von sich verlangt zu sehen. Denn dies unterscheidet die
-harte Schule als gute Schule von jeder anderen: daß viel
-verlangt wird; daß streng verlangt wird; daß das Gute,
-das Ausgezeichnete selbst als normal verlangt wird; daß das
-Lob selten ist; daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel scharf,
-sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird.
-Eine solche Schule hat man in jedem Betracht nötig: das
-gilt vom Leiblichsten wie vom Geistigsten: es wäre verhängnisvoll,
-hier trennen zu wollen! Die gleiche Disziplin
-macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und, näher
-besehen, es gibt keinen tüchtigen Gelehrten, der nicht die<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[Pg 317]</a></span>
-Instinkte eines tüchtigen Militärs im Leibe hat. Befehlen
-können und wieder auf eine stolze Weise gehorchen; in Reih
-und Glied stehen, aber fähig jederzeit, auch zu führen; die
-Gefahr dem Behagen vorziehen; das Erlaubte und Unerlaubte
-nicht in einer Krämerwage wiegen; dem Mesquinen,
-Schlauen, Parasitischen mehr feind sein als dem Bösen. &ndash;
-Was <em>lernt</em> man in einer harten Schule? <em>Gehorchen</em> und
-<em>Befehlen</em>.</p>
-
-
-<h4>565.</h4>
-
-<p>Das Verdienst <em>leugnen</em>: aber das tun, was über allem
-Loben, ja über allem Verstehen ist.</p>
-
-
-<h4>566.</h4>
-
-<p><em>Nützlich</em> sind die Affekte allesamt, die einen direkt, die
-andern indirekt; in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings
-unmöglich, irgendeine Wertabfolge festzusetzen, &ndash;
-so gewiß, ökonomisch gemessen, die Kräfte in der Natur
-allesamt gut, das heißt nützlich sind, so viel furchtbares und
-unwiderrufliches Verhängnis auch von ihnen ausgeht. Höchstens
-könnte man sagen, daß die mächtigsten Affekte die
-wertvollsten sind: insofern es keine größeren Kraftquellen
-gibt.</p>
-
-
-<h4>567.</h4>
-
-<p>Wieviel <em>Vorteil</em> opfert der Mensch, wie wenig „eigennützig“
-ist er! Alle seine Affekte und Leidenschaften wollen
-ihr Recht haben &ndash; und wie <em>fern</em> vom klugen Nutzen des
-Eigennutzes ist der Affekt!</p>
-
-<p>Man will <em>nicht</em> sein „Glück“; man muß Engländer sein,
-um glauben zu können, daß der Mensch immer seinen Vorteil
-sucht. Unsre Begierden wollen sich in langer Leidenschaft
-an den Dingen vergreifen &ndash;, ihre aufgestaute Kraft
-sucht die Widerstände.</p>
-
-
-<h4>568.</h4>
-
-<p>Die <em>Erziehung</em> zu jenen <em>Herrscher</em>tugenden, welche
-auch über sein Wohlwollen und Mitleiden Herr werden: die
-großen Züchtertugenden („seinen Feinden vergeben“ ist dagegen
-Spielerei), den <em>Affekt des Schaffenden</em> auf die<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[Pg 318]</a></span>
-<em>Höhe bringen</em> &ndash; nicht mehr Marmor behauen! &ndash; Die
-Ausnahme- und Machtstellung jener Wesen (verglichen mit
-der der bisherigen Fürsten): der römische Cäsar mit Christi
-Seele.</p>
-
-
-<h4>569.</h4>
-
-<p><em>Der höhere Mensch und der Herdenmensch.</em> Wenn
-die großen Menschen <em>fehlen</em>, so macht man aus den vergangenen
-großen Menschen Halbgötter oder ganze Götter:
-das Ausbrechen von Religion beweist, daß der Mensch nicht
-mehr am Menschen <em>Lust</em> hat (&ndash; „und am Weibe auch
-nicht“ mit Hamlet). Oder: man bringt viele Menschen
-auf einen Haufen als Parlamente und wünscht, daß sie
-gleich tyrannisch wirken.</p>
-
-<p>Das „Tyrannisierende“ ist die Tatsache großer Menschen:
-sie machen den Geringeren dumm.</p>
-
-
-<h4>570.</h4>
-
-<p>Der Hammer. <em>Wie</em> müssen Menschen beschaffen sein, die
-umgekehrt wertschätzen? &ndash; Menschen, die <em>alle</em> Eigenschaften
-der modernen Seele haben, aber stark genug sind,
-sie in lauter Gesundheit umzuwandeln? &ndash; Ihr Mittel zu
-ihrer Aufgabe.</p>
-
-
-<h4>571.</h4>
-
-<p>Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken
-Gesundheit, verdaut seine Taten ganz ebenso, wie er
-die Mahlzeiten verdaut; er wird mit schwerer Kost selbst
-fertig: in der Hauptsache aber führt ihn ein unversehrter
-und strenger Instinkt, daß er nichts tut, was ihm widersteht,
-so wenig, als er etwas ißt, das ihm nicht schmeckt.</p>
-
-
-<h4>572.</h4>
-
-<p>Die wohlwollenden, hilfreichen, gütigen Gesinnungen sind
-schlechterdings <em>nicht</em> um des Nutzens willen, der von ihnen
-ausgeht, zu Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände
-<em>reicher Seelen</em> sind, welche abgeben können und ihren
-Wert als Füllegefühl des Lebens tragen. Man sehe die
-Augen des Wohltäters an! Das ist das Gegenstück der<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[Pg 319]</a></span>
-Selbstverneinung, des Hasses auf das <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">moi</span>, des „Pascalismus“.</p>
-
-
-<h4>573.</h4>
-
-<p>Zu den herrschaftlichen Typen. &ndash; Der „Hirt“ im Gegensatz
-zum „Herrn“ (&ndash; ersterer <em>Mittel</em> zur Erhaltung der
-Herde; letzterer <em>Zweck</em>, weshalb die Herde da ist).</p>
-
-
-<h4>574.</h4>
-
-<p><em>Hauptgesichtspunkt</em>: daß man nicht die <em>Aufgabe</em> der
-höheren Spezies in der <em>Leitung</em> der niederen sieht (wie es
-zum Beispiel Comte macht &ndash;), sondern die niedere als
-<em>Basis</em>, auf der eine höhere Spezies ihrer <em>eigenen</em> Aufgabe
-lebt, &ndash; auf der sie erst <em>stehen kann</em>.</p>
-
-<p>Die Bedingungen, unter denen eine <em>starke</em> und <em>vornehme</em>
-Spezies sich erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht),
-sind die umgekehrten von denen, unter welchen die „industriellen
-Massen“, die Krämer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Spencer stehen.</p>
-
-<p>Das, was nur den <em>stärksten</em> und <em>fruchtbarsten</em> Naturen
-freisteht zur Ermöglichung <em>ihrer</em> Existenz &ndash; Muße,
-Abenteuer, Unglaube, Ausschweifung selbst &ndash;, das würde,
-wenn es den <em>mittleren</em> Nationen freistünde, diese notwendig
-zugrunde richten &ndash; und tut es auch. Hier ist die
-Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste „Überzeugung“
-am Platze, &ndash; kurz die „Herdentugenden“: unter
-ihnen wird diese mittlere Art Mensch vollkommen.</p>
-
-
-<h4>575.</h4>
-
-<p>Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre aufs
-Spiel setzt, das ist die Folge des Übermutes und eines überströmenden,
-verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe,
-sondern weil jede große Gefahr unsre Neugierde
-in bezug auf das Maß unsrer Kraft, unsres Mutes herausfordert.</p>
-
-
-<h4>576.</h4>
-
-<p>„Sein Leben lassen für eine Sache“ &ndash; großer Effekt.
-Aber man läßt für vieles sein Leben: die Affekte samt und
-sonders wollen ihre Befriedigung. Ob es das Mitleid ist<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[Pg 320]</a></span>
-oder der Zorn oder die Rache &ndash; daß das Leben daran gesetzt
-wird, verändert nichts am Werte. Wie viele haben ihr
-Leben für die hübschen Weiblein geopfert &ndash; und selbst,
-was schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament
-hat, so wählt man instinktiv die gefährlichen
-Dinge: zum Beispiel die Abenteuer der Spekulation, wenn
-man Philosoph, oder der Immoralität, wenn man tugendhaft
-ist. Die eine Art Mensch will nichts riskieren, die andre
-will riskieren. Sind wir anderen Verächter des Lebens?
-Im Gegenteil, wir suchen instinktiv ein <em>potenziertes</em> Leben,
-das Leben in der Gefahr.... Damit, nochmals gesagt,
-wollen wir nicht tugendhafter sein als die anderen. Pascal
-zum Beispiel wollte nichts riskieren und blieb Christ: das
-war vielleicht tugendhaft. &ndash; <em>Man opfert immer.</em></p>
-
-
-<h4>577.</h4>
-
-<p>„<em>Seinem Gefühle folgen?</em>“ &ndash; Daß man, einem
-generösen Gefühle <em>nachgebend</em>, sein Leben in Gefahr
-bringt, und unter dem Impuls eines Augenblicks: das ist
-wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In der Fähigkeit
-dazu sind sich alle gleich &ndash; und in der Entschlossenheit
-dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen
-honetten Menschen gewiß.</p>
-
-<p>Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu
-überwinden und die heroische Tat nicht auf Impulse hin
-zu tun, &ndash; sondern kalt, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">raisonnable</span>, ohne das stürmische
-Überwallen von Lustgefühlen dabei.... Dasselbe gilt vom
-Mitleid: es muß erst habituell durch die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">raison</span> <em>durchgesiebt</em>
-sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie irgendein
-Affekt.</p>
-
-<p>Die <em>blinde Nachgiebigkeit</em> gegen einen Affekt, sehr
-gleichgültig, ob es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger
-ist, ist die Ursache der <em>größten Übel</em>.</p>
-
-<p>Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man
-diese Affekte nicht besitzt, &ndash; im Gegenteil, man hat sie
-im furchtbarsten Grade: aber daß man sie am Zügel
-führt.... und auch das noch ohne Lust an dieser Bändigung,
-sondern bloß, weil....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[Pg 321]</a></span></p>
-
-
-<h4>578.</h4>
-
-<p>Wo man die <em>stärkeren Naturen</em> zu suchen hat. &ndash; Das
-Zugrundegehen und Entarten der <em>solitären</em> Spezies ist
-viel <em>größer</em> und furchtbarer: sie haben die Instinkte der
-Herde, die Tradition der Werte gegen sich; ihre Werkzeuge
-zur Verteidigung, ihre Schutzinstinkte sind von vornherein
-nicht stark, nicht sicher genug, &ndash; es gehört viel Gunst des
-Zufalls dazu, daß sie <em>gedeihen</em> (&ndash; sie gedeihen in den
-niedrigsten und gesellschaftlich preisgegebensten Elementen
-am häufigsten; wenn man nach <em>Person</em> sucht, dort findet
-man sie um wieviel sicherer als in den mittleren Klassen!).</p>
-
-<p>Der Stände- und Klassenkampf, der auf „Gleichheit der
-Rechte“ abzielt, &ndash; ist er ungefähr erledigt, so geht der
-<em>Kampf</em> los gegen die <em>Solitärperson</em>. (In einem gewissen
-Sinne <em>kann dieselbe sich am leichtesten in einer
-demokratischen Gesellschaft erhalten und entwickeln</em>:
-dann, wenn die gröberen Verteidigungsmittel nicht
-mehr nötig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung,
-Redlichkeit, Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen
-gehört.)</p>
-
-<p>Die <em>Stärksten</em> müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt,
-in Ketten gelegt und überwacht werden: so will es
-der Instinkt der Herde. Für sie ein Regime der Selbstüberwältigung,
-des asketischen Abseits oder der „Pflicht“ in abnützender
-Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber
-kommt.</p>
-
-
-<h4>579.</h4>
-
-<p>Wogegen <em>ich</em> kämpfe: daß eine Ausnahmeart der Regel
-den Krieg macht, &ndash; statt zu begreifen, daß die Fortexistenz
-der Regel die Voraussetzung für den Wert der Ausnahme
-ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche, statt die Auszeichnung
-ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu
-empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken
-möchten.</p>
-
-
-<h4>580.</h4>
-
-<p>Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen
-unwürdig: es ist fast ein Fragezeichen an seinem „<em>Recht</em><span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[Pg 322]</a></span>
-auf Philosophie“. Gerade deshalb, weil er die Ausnahme
-ist, hat er die Regel in Schutz zu nehmen, hat er allem
-Mittleren den guten Mut zu sich selber zu erhalten.</p>
-
-
-<h4>581.</h4>
-
-<p>Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit
-verleiden! Ich tue, man sieht es, das Gegenteil: jeder
-Schritt weg von ihr führt &ndash; so lehre ich &ndash; ins <em>Unmoralische</em>.</p>
-
-
-<h4>582.</h4>
-
-<p>Die <em>Verkleinerung</em> des Menschen muß lange als einziges
-Ziel gelten: weil erst ein breites Fundament zu schaffen
-ist, damit eine <em>stärkere</em> Art Mensch darauf stehen kann.
-(: Inwiefern bisher <em>jede verstärkte</em> Art Mensch auf
-einem <em>Niveau der niedrigeren stand</em> &ndash; &ndash; &ndash;)</p>
-
-
-<h4>583.</h4>
-
-<p>Zeitweiliges Überwiegen der sozialen Wertgefühle begreiflich
-und nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines
-<em>Unterbaus</em>, auf dem endlich eine <em>stärkere</em> Gattung möglich
-wird. &ndash; Maßstab der Stärke: unter den <em>umgekehrten</em>
-Wertschätzungen leben können und sie ewig wieder wollen.
-Staat und Gesellschaft als Unterbau: weltwirtschaftlicher
-Gesichtspunkt, Erziehung als <em>Züchtung</em>.</p>
-
-
-<h4>584.</h4>
-
-<p>Der Kampf gegen die <em>großen</em> Menschen, aus ökonomischen
-Gründen gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle,
-Ausnahmen, Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes
-und -Gegründetes in Frage zu stellen. Das Explosive
-nicht nur unschädlich entladen, sondern womöglich
-seiner Entladung <em>vorbeugen</em>: Grundinstinkt aller zivilisierten
-Gesellschaft.</p>
-
-
-<h4>585.</h4>
-
-<p>Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften
-Agitators der Menge geht, sich den Begriff „höhere Natur“
-klarzumachen, dafür gibt Buckle das beste Beispiel ab.
-Die Meinung, welche er so leidenschaftlich <em>bekämpft</em> &ndash;<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[Pg 323]</a></span>
-daß „große Männer“, Einzelne, Fürsten, Staatsmänner,
-Genies, Feldherren die Hebel und <em>Ursachen</em> aller großen
-Bewegungen sind &ndash; wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden,
-als ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche
-und Wertvolle an einem solchen „höheren Menschen“ liege
-eben in der Fähigkeit, Massen in Bewegung zu setzen: kurz,
-in ihrer Wirkung.... Aber die „höhere Natur“ des großen
-Mannes liegt im Anderssein, in der Unmitteilbarkeit, in
-der Rangdistanz, &ndash; nicht in irgendwelchen Wirkungen:
-und ob er auch den Erdball erschütterte. &ndash;</p>
-
-
-<h4>586.</h4>
-
-<p>Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die
-Mediokrität <em>nicht medioker</em> haben will und, statt an einem
-Ausnahmesein einen Triumph zu fühlen, <em>entrüstet</em> ist über
-Feigheit, Falschheit, Kleinheit und Miserabilität. <em>Man soll
-das nicht anders wollen!</em> und die Kluft <em>größer</em> aufreißen!
-&ndash; Man soll die höhere Art <em>zwingen</em>, sich <em>abzuscheiden</em>
-durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen
-hat.</p>
-
-<p><em>Hauptgesichtspunkt</em>: <em>Distanzen</em> aufreißen, aber
-<em>keine Gegensätze schaffen</em>. Die <em>Mittelgebilde</em> ablösen
-und im Einfluß verringern: Hauptmittel, um Distanzen zu
-erhalten.</p>
-
-
-<h4>587.</h4>
-
-<p>Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit
-der Darstellung der tatsächlichen Rangordnung und Wertverschiedenheit
-der Menschen, sondern wir wollen auch gerade
-das Gegenteil einer Anähnlichung, einer Ausgleichung:
-wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir reißen
-Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen,
-daß der Mensch böser werde, als er je war. Einstweilen
-leben wir noch selber einander fremd und verborgen. Es
-wird uns aus vielen Gründen nötig sein, Einsiedler zu
-sein und selbst Masken vorzunehmen, &ndash; wir werden folglich
-schlecht zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir
-werden allein leben und wahrscheinlich die Martern aller<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[Pg 324]</a></span>
-sieben Einsamkeiten kennen. Laufen wir uns aber über den
-Weg durch einen Zufall, so ist darauf zu wetten, daß wir
-uns verkennen oder wechselseitig betrügen.</p>
-
-
-<h4>588.</h4>
-
-<p>Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit
-hat, nicht weil er allein sein will, sondern weil er etwas
-ist, das nicht seinesgleichen findet: welche Gefahren und
-neuen Leiden sind ihm gerade heute aufgespart, wo man
-den Glauben an die Rangordnung verlernt hat und folglich
-diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen
-weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein
-solches Beiseitegehen für das Gewissen der Menge, &ndash; heute
-sieht sich der Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel
-und Verdächtigungen umringt. Und nicht etwa nur von
-seiten der Neidischen und Erbärmlichen: er muß Verkennung,
-Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem
-Wohlwollen herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene
-Heimtücke des beschränkten Mitleidens, welches sich selber
-gut und heilig fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere
-Lagen, durch geordnetere, zuverlässigere Gesellschaft, vor sich
-selber zu „retten“ sucht, &ndash; ja er wird den unbewußten
-Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem alle Mittelmäßigen
-des Geistes gegen ihn tätig sind, und zwar im
-besten Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen
-dieser unverständlichen Vereinsamung nötig, sich tüchtig und
-herzhaft auch in den Mantel der äußeren, der räumlichen
-Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer Klugheit. Selbst
-List und Verkleidung werden heute not tun, damit ein solcher
-Mensch sich selber erhalte, sich selber <em>oben</em> erhalte, inmitten
-der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit.
-Jeder Versuch, es <em>in</em> der Gegenwart, <em>mit</em> der Gegenwart
-auszuhalten, jede Annäherung an diese Menschen und Ziele
-von heute muß er wie seine eigentliche Sünde abbüßen:
-und er mag die verborgene Weisheit seiner Natur anstaunen,
-welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch Krankheit
-und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückzieht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[Pg 325]</a></span></p>
-
-
-<h4>589.</h4>
-
-<p>Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf
-und Schmutz der menschlichen Niederungen es eine <em>höhere,
-hellere Menschheit</em> gibt, die der Zahl nach eine sehr
-kleine sein wird (&ndash; denn alles, was hervorragt, ist seinem
-Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht weil man begabter
-oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller
-wäre als die Menschen da unten, sondern &ndash; weil man
-<em>kälter</em>, <em>heller</em>, <em>weitsichtiger</em>, <em>einsamer</em> ist, weil man
-die Einsamkeit erträgt, vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht,
-ja Bedingung des Daseins, weil man unter Wolken
-und Blitzen wie unter seinesgleichen lebt, aber ebenso unter
-Sonnenstrahlen, Tautropfen, Schneeflocken und allem, was
-notwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt,
-sich ewig nur in der Richtung <em>von oben nach unten</em> bewegt.
-Die Aspirationen <em>nach</em> der Höhe sind nicht die unsrigen.
-&ndash; Die Helden, Märtyrer, Genies und Begeisterten
-sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt, langsam genug.</p>
-
-
-<h4>590.</h4>
-
-<p>Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird
-am seltensten gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie
-eine Überfülle von Mißratenen, von Unglücksfällen
-und ein äußerst langsames Schreiten; ganze Jahrtausende
-fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war; der Zusammenhang
-hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche
-Geschichte &ndash; die Geschichte des höchsten Menschen, des
-<em>Weisen</em>. &ndash; Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtnis
-der Großen, denn die Halbgeratenen und Mißratenen
-verkennen sie und besiegen sie durch „Erfolge“. Jedesmal,
-wo „die Wirkung“ sich zeigt, tritt eine Masse Pöbel
-auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der
-Armen im Geiste ist eine fürchterliche Ohrenmarter für den,
-der mit Schauder weiß, <em>daß das Schicksal der Menschheit
-am Geraten ihres höchsten Typus liegt</em>. &ndash; Ich
-habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen des
-Weisen nachgedacht und will meine frohe Überzeugung nicht<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[Pg 326]</a></span>
-verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird
-&ndash; vielleicht nur für kurze Zeit.</p>
-
-
-<h4>591.</h4>
-
-<p><em>Rangordnung</em>: Der die Werte <em>bestimmt</em> und den Willen
-von Jahrtausenden lenkt, dadurch, daß er die höchsten
-Naturen lenkt, ist der <em>höchste Mensch</em>.</p>
-
-
-<h4>592.</h4>
-
-<p>Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden,
-leben die höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben
-sie ihre Werkzeuge.</p>
-
-
-<h4>593.</h4>
-
-<p>Absolute Überzeugung: daß die Wertgefühle oben und
-unten <em>verschieden</em> sind; daß zahllose <em>Erfahrungen</em> den
-Unteren <em>fehlen</em>, daß von unten nach oben das Mißverständnis
-<em>notwendig</em> ist.</p>
-
-
-<h4>594.</h4>
-
-<p>Der Mensch hat, im Gegensatz zum Tier, eine Fülle
-<em>gegensätzlicher</em> Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet:
-vermöge dieser Synthesis ist er der Herr der Erde. &ndash;
-Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter <em>Rangordnungen</em>
-in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an
-ihren <em>Widersprüchen</em> der Mensch nicht zugrunde geht.
-Also ein Trieb als Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert,
-als Impuls, der den <em>Reiz</em> für die Tätigkeit des
-Haupttriebes abgibt.</p>
-
-<p>Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe
-haben, und auch in der relativ größten Stärke, die sich
-noch ertragen läßt. In der Tat: wo die Pflanze Mensch
-sich stark zeigt, findet man die mächtig <em>gegen</em>einander
-treibenden Instinkte (zum Beispiel Shakespeare), aber gebändigt.</p>
-
-
-<h4>595.</h4>
-
-<p>Ein großer Mensch, &ndash; ein Mensch, welchen die Natur
-in großem Stile aufgebaut und erfunden hat &ndash; was ist
-das? <em>Erstens</em>: er hat in seinem gesamten Tun eine lange<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[Pg 327]</a></span>
-Logik, die ihrer Länge wegen schwer überschaubar, folglich
-irreführend ist, eine Fähigkeit, über große Flächen seines
-Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles kleine
-Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter
-auch die schönsten, „göttlichsten“ Dinge von der Welt.
-<em>Zweitens</em>: er ist <em>kälter</em>, <em>härter</em>, <em>unbedenklicher</em> und
-<em>ohne Furcht vor der „Meinung“</em>; es fehlen ihm die Tugenden,
-welche mit der „Achtung“ und dem Geachtetwerden
-zusammenhängen, überhaupt alles, was zur „Tugend der
-Herde“ gehört. Kann er nicht <em>führen</em>, so geht er allein;
-es kommt dann vor, daß er manches, was ihm auf dem
-Wege begegnet, angrunzt. <em>Drittens</em>: er will kein „teilnehmendes“
-Herz, sondern Diener, Werkzeuge; er ist im
-Verkehr mit Menschen immer darauf aus, etwas aus ihnen
-zu <em>machen</em>. Er weiß sich unmitteilbar: er findet es geschmacklos,
-wenn er vertraulich wird; und er ist es gewöhnlich
-nicht, wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich
-redet, hat er seine Maske. Er lügt lieber, als daß er die
-Wahrheit redet: es kostet mehr Geist und <em>Willen</em>. Es
-ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas Unerreichbares
-ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit, welche
-keine Instanz über sich hat.</p>
-
-
-<h4>596.</h4>
-
-<p>Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines
-Gedankens &ndash; das bringen die Künstler noch am besten zustande:
-wenn einer aber Menschen dazu nötig hat (wie
-Lehrer, Staatsmänner usw.), da geht die Ruhe und Kälte
-und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar
-und Napoleon etwas ahnen von einem „interesselosen“ Arbeiten
-an ihrem Marmor, mag dabei von Menschen geopfert
-werden, was nur möglich. Auf dieser Bahn liegt die Zukunft
-der höchsten Menschen: die <em>größte Verantwortlichkeit</em>
-tragen und <em>nicht</em> daran <em>zerbrechen</em>. &ndash; Bisher
-waren fast immer Inspirationstäuschungen nötig, um selbst
-den <em>Glauben an sein Recht und seine Hand</em> nicht zu
-verlieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[Pg 328]</a></span></p>
-
-
-<h4>597.</h4>
-
-<p>Die Revolution, Verwirrung und Not der Völker ist das
-Geringere in meiner Betrachtung, <em>gegen die Not der
-großen Einzelnen in ihrer Entwicklung</em>. Man muß
-sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöte aller dieser <em>Kleinen</em>
-bilden zusammen keine <em>Summe</em>, außer im Gefühle
-von <em>mächtigen</em> Menschen. &ndash; An sich denken, in Augenblicken
-großer Gefahr: seinen Nutzen ziehen aus dem Nachteile
-vieler: &ndash; das kann bei einem sehr hohen Grade von
-Abweichung ein Zeichen <em>großen</em> Charakters sein, der über
-seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird.</p>
-
-
-<h4>598.</h4>
-
-<p>Im <em>großen Menschen</em> sind die spezifischen Eigenschaften
-des Lebens &ndash; Unrecht, Lüge, Ausbeutung &ndash; am größten.
-Insofern sie aber <em>überwältigend</em> gewirkt haben, ist ihr
-Wesen am besten mißverstanden und ins Gute interpretiert
-worden. Typus Carlyle als Interpret.</p>
-
-
-<h4>599.</h4>
-
-<p>Ob man nicht ein Recht hat, alle <em>großen</em> Menschen unter
-die <em>bösen</em> zu rechnen? Im einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen.
-Oft ist ihnen ein meisterhaftes Versteckenspielen
-möglich gewesen, so daß sie die Gebärden und Äußerlichkeiten
-großer Tugenden annahmen. Oft verehrten sie die
-Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte
-gegen sich selber, aber aus Grausamkeit, &ndash; dergleichen
-täuscht, aus der Ferne gesehen. Manche verstanden sich
-selber falsch; nicht selten fordert eine große Aufgabe große
-Qualitäten heraus, zum Beispiel die Gerechtigkeit. Das
-Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch große
-Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich
-glaube, daß aus dem Vorhandensein der Gegensätze und
-aus deren Gefühl gerade der große Mensch, <em>der Bogen
-mit der großen Spannung</em>, entsteht.</p>
-
-
-<h4>600.</h4>
-
-<p>Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen,
-Schicksale tragen, die ganze Art der <em>heroischen</em> Lastträger:<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[Pg 329]</a></span>
-o wie gern möchten sie einmal von sich selber ausruhen!
-wie dürsten sie nach starken Herzen und Nacken, um für
-Stunden wenigstens loszuwerden, was sie drückt! Und wie
-umsonst dürsten sie!.... Sie warten; sie sehen sich alles
-an, was vorübergeht: niemand kommt ihnen auch nur mit
-dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, niemand
-errät, <em>inwiefern</em> sie warten.... Endlich, endlich lernen sie
-ihre erste Lebensklugheit &ndash; <em>nicht</em> mehr zu warten; und
-dann alsbald auch ihre zweite: leutselig zu sein, bescheiden
-zu sein, von nun an jedermann zu ertragen, jederlei zu ertragen
-&ndash; kurz, noch ein wenig <em>mehr zu ertragen</em>, als sie
-bisher schon getragen haben.</p>
-
-
-<h4>601.</h4>
-
-<p>Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn
-sie involviert <em>Unabhängigkeit</em>; aber ohne geistige Größe
-soll diese nicht erlaubt sein, sie richtet Unfug an, selbst noch
-durch Wohltunwollen und „Gerechtigkeit“üben. Die geringen
-Geister haben zu <em>gehorchen</em>, &ndash; können also nicht
-<em>Größe</em> haben.</p>
-
-
-<h4>602.</h4>
-
-<p>Die <em>Notwendigkeit</em> zu erweisen, daß zu einem immer
-ökonomischeren Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu
-einer immer fester ineinander verschlungenen „Maschinerie“
-der Interessen und Leistungen <em>eine Gegenbewegung gehört</em>.
-Ich bezeichne dieselbe als <em>Ausscheidung eines Luxusüberschusses
-der Menschheit</em>: in ihr soll eine <em>stärkere</em>
-Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs-
-und andre Erhaltungsbedingungen hat als der
-Durchschnittsmensch. Mein Begriff, mein <em>Gleichnis</em> für
-diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort „Übermensch“.</p>
-
-<p>Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar
-ist, entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere
-Chinesentum, die Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit
-in der Verkleinerung des Menschen, &ndash; eine Art <em>Stillstandsniveau
-des Menschen</em>. Haben wir erst jene unvermeidlich
-bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung der<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[Pg 330]</a></span>
-Erde, dann <em>kann</em> die Menschheit als Maschinerie in deren
-Diensten ihren besten Sinn finden: &ndash; als ein ungeheures
-Räderwerk von immer kleineren, immer feiner „anzupassenden“
-Rädern; als ein immer wachsendes Überflüssigwerden
-aller dominierenden und kommandierenden Elemente; als
-ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren
-<em>Minimalkräfte, Minimalwerte</em> darstellen.</p>
-
-<p>Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung
-der Menschen an eine spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es
-der umgekehrten Bewegung, &ndash; der Erzeugung des <em>synthetischen</em>,
-des <em>summierenden</em>, des <em>rechtfertigenden</em>
-Menschen, für den jene Machinalisierung der Menschheit eine
-Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf dem
-er seine <em>höhere Form, zu sein</em>, sich erfinden kann.</p>
-
-<p>Er braucht die <em>Gegnerschaft</em> der Menge, der „Nivellierten“,
-das Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht
-auf ihnen, er lebt von ihnen. Diese höhere Form des <em>Aristokratismus</em>
-ist die der Zukunft. &ndash; Moralisch geredet, stellt
-jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller Räder, ein
-Maximum in der <em>Ausbeutung des Menschen</em> dar: aber
-sie setzt solche voraus, deretwegen diese Ausbeutung <em>Sinn</em>
-hat. Im anderen Falle wäre sie tatsächlich bloß die Gesamtverringerung,
-<em>Wert</em>verringerung des Typus Mensch,
-&ndash; ein <em>Rückgangsphänomen</em> im größten Stile.</p>
-
-<p>&ndash; Man sieht, was ich bekämpfe, ist der <em>ökonomische</em>
-Optimismus: wie als ob mit den wachsenden Unkosten aller
-auch der Nutzen aller notwendig wachsen müßte. Das Gegenteil
-scheint mir der Fall: <em>die Unkosten aller summieren
-sich zu einem Gesamtverlust</em>: der Mensch wird <em>geringer</em>:
-&ndash; so daß man nicht mehr weiß, <em>wozu</em> überhaupt
-dieser ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein <em>neues</em>
-Wozu? &ndash; <em>das</em> ist es, was die Menschheit nötig hat.</p>
-
-
-<h4>603.</h4>
-
-<p><em>Zur Rangordnung.</em> &ndash; Was ist am typischen Menschen
-<em>mittelmäßig</em>? Daß er nicht die <em>Kehrseite der Dinge</em>
-als notwendig versteht: daß er die Übelstände bekämpft,<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[Pg 331]</a></span>
-wie als ob man ihrer entraten könne; daß er das eine nicht
-mit dem andern hinnehmen will, &ndash; daß er den <em>typischen
-Charakter eines Dinges</em>, eines Zustandes, einer Zeit,
-einer Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur
-einen Teil ihrer Eigenschaften gutheißt und die andern <em>abschaffen</em>
-möchte. Die „Wünschbarkeit“ der Mittelmäßigen
-ist das, was von uns andern bekämpft wird: das <em>Ideal</em>, gefaßt
-als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses, Gefährliches,
-Fragwürdiges, Vernichtendes übrigbleiben soll. Unsere
-Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachstum
-des Menschen auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der
-<em>höchste</em> Mensch, gesetzt, daß ein solcher Begriff erlaubt ist,
-<em>der</em> Mensch wäre, welcher <em>den Gegensatzcharakter des
-Daseins</em> am stärksten darstellte, als dessen Glorie und einzige
-Rechtfertigung.... Die gewöhnlichen Menschen dürfen
-nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters
-darstellen: sie gehen alsbald zugrunde, wenn die
-Vielfachheit der Elemente und die Spannung der Gegensätze
-wächst, das heißt die Vorbedingung für die <em>Größe des
-Menschen</em>. Daß der Mensch besser <em>und</em> böser werden muß,
-das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit....</p>
-
-<p>Die meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten
-dar: erst wenn man sie zusammenrechnet, so kommt
-ein Mensch heraus. Ganze Zeiten, ganze Völker haben in
-diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört vielleicht
-zur Ökonomie der Menschenentwicklung, daß der Mensch sich
-stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen,
-daß es sich trotzdem nur um das Zustandekommen
-des synthetischen Menschen handelt: daß die niedrigen Menschen,
-die ungeheure Mehrzahl, bloß Vorspiele und Einübungen
-sind, aus deren Zusammenspiel hier und da der
-<em>ganze</em> Mensch entsteht, der Meilensteinmensch, welcher anzeigt,
-wie weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen.
-Sie geht <em>nicht</em> in einem Striche vorwärts; oft geht der schon
-erreichte Typus wieder verloren (&ndash; wir haben zum Beispiel
-mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten noch nicht den
-<em>Menschen der Renaissance</em> wieder erreicht, und hinwie<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[Pg 332]</a></span>derum
-blieb der Mensch der Renaissance hinter dem <em>antiken
-Menschen</em> zurück).</p>
-
-
-<h4>604.</h4>
-
-<p>Die „<em>Reinigung des Geschmacks</em>“ kann nur die Folge
-einer <em>Verstärkung</em> des Typus sein. Unsre Gesellschaft von
-heute <em>repräsentiert</em> nur die Bildung; der Gebildete <em>fehlt</em>.
-Der große <em>synthetische Mensch</em> fehlt: in dem die verschiedenen
-Kräfte zu einem Ziele unbedenklich ins Joch gespannt
-sind. Was wir haben, ist der <em>vielfache</em> Mensch, das
-interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat:
-aber nicht das Chaos <em>vor</em> der Schöpfung der Welt, sondern
-hinter ihr: &ndash; <em>Goethe</em> als schönster Ausdruck des Typus
-(&ndash; <em>ganz und gar kein Olympier!</em>).</p>
-
-
-<h4>605.</h4>
-
-<p>Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck &ndash; für die <em>deutsche
-starke Art</em> charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen
-lebend, voll jener geschmeidigen Stärke, welche sich
-vor Überzeugungen und Doktrinen hütet, indem sie eine
-gegen die andere benutzt und sich selber die Freiheit vorbehält.</p>
-
-
-<h4>606.</h4>
-
-<p>(<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Revue des deux mondes</span>, 15. Februar 1887. <em>Taine</em>
-über Napoleon:) „Plötzlich entfaltet sich die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faculté maîtresse</span>:
-der <em>Künstler</em>, eingeschlossen in den Politiker, kommt
-heraus <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de sa gaine</span>; er schafft <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">dans l'idéal et l'impossible</span>.
-Man erkennt ihn wieder als das, was er ist: der posthume
-Bruder des Dante und des Michelangelo: und in Wahrheit,
-in Hinsicht auf die festen Konturen seiner Vision, die Intensität,
-Kohärenz und innere Logik seines Traums, die Tiefe
-seiner Meditation, die übermenschliche Größe seiner Konzeption,
-ist er ihnen gleich <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">et leur égal: son génie a la même
-taille et la même structure, il est un des trois sprits souverains
-de la renaissance italienne</span>.“</p>
-
-<p>Notabene &ndash; &ndash; Dante, Michelangelo, Napoleon.</p>
-
-
-<h4>607.</h4>
-
-<p>Einsicht, welche den „freien Geistern“ <em>fehlt</em>: dieselbe
-<em>Disziplin</em>, welche eine starke Natur noch verstärkt und zu<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[Pg 333]</a></span>
-großen Unternehmungen befähigt, <em>zerbricht und verkümmert
-die mittelmäßigen</em>: &ndash; der Zweifel, &ndash; <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la largeur
-de cœur</span>, &ndash; das Experiment.</p>
-
-
-<h4>608.</h4>
-
-<p>Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften,
-selbst furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen,
-Verachtungen fertig: sie kommt aus solchen Höllen
-mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus: und, um das
-Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachstum in der
-Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der, welcher etwas von
-den untersten Bedingungen jedes Wachstums in der Liebe
-erraten hat, wird Dante, als er über die Pforte seines Inferno
-schrieb: „auch mich schuf die ewige Liebe“, verstehen.</p>
-
-
-<h4>609.</h4>
-
-<p>Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts
-vormachen.</p>
-
-
-<h4>610.</h4>
-
-<p><em>Die Kriegerischen und die Friedlichen.</em> &ndash; Bist du
-ein Mensch, der die Instinkte des Kriegers im Leibe hat?
-Und in diesem Falle bliebe noch eine zweite Frage: Bist du ein
-Angriffskrieger oder ein Widerstandskrieger von Instinkt?
-Der Rest von Menschen, alles, was nicht kriegerisch von
-Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will „Freiheit“,
-will „gleiche Rechte“ &ndash;&nbsp;: das sind nur Namen und Stufen
-für ein und dasselbe. Dorthin gehen, wo man nicht nötig
-hat, sich zu wehren, &ndash; solche Menschen werden unzufrieden
-mit sich, wenn sie genötigt sind, Widerstand zu leisten: sie
-wollen Zustände schaffen, wo es überhaupt keinen Krieg
-mehr gibt. Schlimmstenfalls sich unterwerfen, gehorchen,
-einordnen: immer noch besser als Krieg führen, &ndash; so rät
-es zum Beispiel dem Christen sein Instinkt. Bei den geborenen
-Kriegern gibt es etwas wie Bewaffnung in Charakter,
-in Wahl der Zustände, in der Ausbildung jeder
-Eigenschaft: die „Waffe“ ist im ersten Typus, die Wehr
-im zweiten am besten entwickelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[Pg 334]</a></span></p>
-
-<p>Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hilfsmittel
-und Tugenden sie nötig haben, um es auszuhalten, &ndash; um
-selbst obzusiegen.</p>
-
-
-<h4>611.</h4>
-
-<p>Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr
-hat, sich zu wehren und anzugreifen? Was bleibt von seinen
-<em>Affekten</em> übrig, wenn die ihm abhanden kommen, in denen
-er seine Wehr und seine Waffe hat?</p>
-
-
-<h4>612.</h4>
-
-<p>Man muß von den Kriegen her lernen: 1. den Tod in die
-Nähe der Interessen zu bringen, für die man kämpft &ndash; das
-macht <em>uns</em> ehrwürdig; 2. man muß lernen, <em>viele</em> zum
-Opfer bringen und seine Sache wichtig genug nehmen, um
-die Menschen nicht zu schonen; 3. die starre Disziplin, und
-im Krieg Gewalt und List sich zugestehen.</p>
-
-
-<h4>613.</h4>
-
-<p>„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“
-&ndash; auch ein Symbolon und Kerbholzwort, an dem sich
-Seelen vornehmer und kriegerischer Abkunft verraten und
-erraten.</p>
-
-
-<h4>614.</h4>
-
-<p>Nicht „das Glück folgt der Tugend“, &ndash; sondern der
-Mächtigere bestimmt <em>seinen glücklichen Zustand erst als
-Tugend</em>.</p>
-
-<p>Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und
-Tugendhaften: die schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen.</p>
-
-<p>Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste
-sein, insofern er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt
-<em>gegen</em> alle ihre Ideale und sie zu seinem Bilde umschafft.
-Böse heißt hier: hart, schmerzhaft, aufgezwungen.</p>
-
-<p>Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wiederkommen
-und den Glauben an die Selbstherrlichkeit des
-Einzelnen befestigen: er selber aber war durch die Mittel,
-die er anwenden <em>mußte</em>, korrumpiert worden und hatte<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[Pg 335]</a></span>
-die Noblesse des Charakters <em>verloren</em>. Unter einer andern
-Art Menschen sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden
-können; und so wäre es nicht notwendig, daß ein
-Cäsar <em>schlecht werden müßte</em>.</p>
-
-
-<h4>615.</h4>
-
-<p>Der große Mensch ist notwendig Skeptiker (womit nicht
-gesagt ist, daß er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß
-dies die Größe ausmacht: etwas Großes <em>wollen</em> und die
-Mittel dazu. Die Freiheit von jeder Art Überzeugung gehört
-zur <em>Stärke seines Willens</em>. So ist es jenem „aufgeklärten
-Despotismus“ gemäß, den jede große Leidenschaft
-ausübt. Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst;
-sie hat den Mut auch zu unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich;
-sie gönnt sich Überzeugungen, sie <em>braucht</em> sie
-selbst, aber sie unterwirft sich ihnen nicht. Das Bedürfnis
-nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem in Ja und
-Nein ist ein Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist Willensschwäche.
-Der Mensch des Glaubens, der Gläubige ist
-notwendig eine kleine Art Mensch. Hieraus ergibt sich, daß
-„Freiheit des Geistes“, das heißt Unglaube als Instinkt,
-Vorbedingung der Größe ist.</p>
-
-
-<h4>616.</h4>
-
-<p>Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge
-des Jahrhunderts haben, aber ausgleichen in einer überreichen,
-plastischen, wiederherstellenden Kraft. <em>Der starke
-Mensch.</em></p>
-
-
-<h4>617.</h4>
-
-<p><em>Der Begriff „starker und schwacher Mensch“</em> reduziert
-sich darauf, daß im ersten Falle viel Kraft vererbt
-ist &ndash; er ist eine Summe: im andern <em>noch wenig</em> &ndash;
-(&ndash; unzureichende Vererbung, Zersplitterung des Ererbten).
-Die Schwäche kann ein <em>Anfangs</em>phänomen sein: „<em>noch
-wenig</em>“; oder ein <em>End</em>phänomen: „nicht <em>mehr</em>“.</p>
-
-<p>Der Ansatzpunkt ist der, <em>wo große Kraft ist</em>, wo Kraft
-<em>auszugeben</em> ist. Die Masse, als die Summe der <em>Schwa<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[Pg 336]</a></span>chen</em>,
-reagiert <em>langsam</em>; wehrt sich gegen vieles, für das sie
-zu schwach ist, &ndash; von dem sie keinen Nutzen haben kann;
-schafft <em>nicht</em>, geht nicht voran.</p>
-
-<p>Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum
-leugnet und meint, „die Masse tut's“. Es ist die Differenz
-wie zwischen getrennten Geschlechtern: es können vier,
-fünf Generationen zwischen dem Tätigen und der Masse
-liegen &ndash; eine <em>chronologische</em> Differenz.</p>
-
-<p>Die <em>Werte der Schwachen</em> sind obenan, weil die Starken
-sie übernommen haben, um damit zu <em>leiten</em>.</p>
-
-
-<h4>618.</h4>
-
-<p>Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der
-Maßstab bleibt die Effloreszenz des Leibes, die Sprungkraft,
-Mut und Lustigkeit des Geistes &ndash; aber natürlich
-auch, <em>wieviel von Krankhaftem er auf sich nehmen
-und überwinden kann</em>, &ndash; gesund <em>machen</em> kann. Das,
-woran die zarteren Menschen zugrunde gehen würden, gehört
-zu den Stimulansmitteln der <em>großen</em> Gesundheit.</p>
-
-
-<h4>619.</h4>
-
-<p>Die Lehre μηδὲν ἄγαν wendet sich an Menschen mit überströmender
-Kraft, &ndash; nicht an die Mittelmäßigen. Die
-ἐγκράτεια und ἄσκησις ist nur eine <em>Stufe</em> der Höhe:
-höher steht die „goldene Natur“.</p>
-
-<p>„<em>Du sollst</em>“ &ndash; unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in
-den Orden des Christentums und der Araber, in der Philosophie
-Kants (es ist gleichgültig, ob einem Oberen oder
-einem Begriff).</p>
-
-<p>Höher als „du sollst“ steht: „<em>Ich will</em>“ (die Heroen);
-höher als „ich will“ steht: „<em>Ich bin</em>“ (die Götter der
-Griechen).</p>
-
-<p>Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am
-<em>Maß</em> aus, &ndash; sind weder einfach, noch leicht, noch maßvoll.</p>
-
-
-<h4>620.</h4>
-
-<p>Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber
-schröpft und schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[Pg 337]</a></span>
-wirft sie ihre Vorrechte weg, und vermöge ihrer verfeinerten
-Überkultur interessiert sie sich für das Volk, die Schwachen,
-die Armen, die Poesie des Kleinen usw.</p>
-
-
-<h4>621.</h4>
-
-<p>Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede
-hier nicht vom Wörtchen „von“ und dem Gothaischen Kalender:
-Einschaltung für Esel.) Wo von „Aristokraten des
-Geistes“ geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen,
-etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein
-Leibwort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt
-nicht; vielmehr bedarf es erst etwas, <em>das den Geist adelt</em>.
-&ndash; Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.</p>
-
-
-<h4>622.</h4>
-
-<p>Eine Kriegserklärung der <em>höheren Menschen</em> an die
-Masse ist nötig! Überall geht das Mittelmäßige zusammen,
-um sich zum Herrn zu machen! Alles, was verweichlicht,
-sanft macht, das „Volk“ zur Geltung bringt oder das
-„Weibliche“, wirkt zugunsten des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span>, das
-heißt der Herrschaft der <em>niederen</em> Menschen. Aber wir
-wollen Repressalien üben und diese ganze Wirtschaft (die
-in Europa mit dem Christentum anhebt) ans Licht und vors
-Gericht bringen.</p>
-
-
-<h4>623.</h4>
-
-<p>Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer
-herrschenden Kaste entstehen als deren höchste Vergeistigung.
-Die große Politik, Erdregierung in der Nähe; vollständiger
-<em>Mangel</em> an <em>Prinzipien</em> dafür.</p>
-
-
-<h4>624.</h4>
-
-<p>Der eigentlich <em>königliche</em> Beruf des Philosophen (nach
-dem Ausdruck Alkuins des Angelsachsen): <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">prava corrigere,
-et recta corroborare, et sancta sublimare</span>.</p>
-
-
-<h4>625.</h4>
-
-<p><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les
-aigles ne volent point en compagnie. Il faut laisser cela<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[Pg 338]</a></span>
-aux perdrix, aux étourneaux.... Planer au-dessus et
-avoir des griffes, voilà le lot des grands génies.</span></p>
-
-<p class="antiqua right">Galiani.</p>
-
-
-<h4>626.</h4>
-
-<p>Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind,
-und daß sie gern in dem Abgrund eines vollkommen hellen
-Himmels sitzen: &ndash; sie haben andere Mittel nötig, das
-Leben zu ertragen, als andere Menschen; denn sie leiden
-anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschenverachtung
-als an ihrer Menschenliebe). &ndash; Das leidendste
-Tier auf Erden erfand sich &ndash; das <em>Lachen</em>.</p>
-
-
-<h4>627.</h4>
-
-<p>Weshalb der Philosoph <em>selten</em> gerät. Zu seinen Bedingungen
-gehören Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen
-zugrunde richten:</p>
-
-<p>1. eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften; er muß
-eine Abbreviatur des Menschen sein, aller seiner hohen und
-niedern Begierden: Gefahr der Gegensätze, auch des Ekels
-an sich;</p>
-
-<p>2. er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein:
-Gefahr der Zersplitterung;</p>
-
-<p>3. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber
-tief auch in Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit);</p>
-
-<p>4. er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein:
-Richter und Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der
-Welt ist);</p>
-
-<p>5. äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.</p>
-
-
-<h4>628.</h4>
-
-<p><em>Typus</em>: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der
-Seele, die aus dem Reichtum heraus: welche nicht gibt,
-um zu nehmen, &ndash; welche sich nicht damit <em>erheben</em> will, daß
-sie gütig ist; &ndash; die <em>Verschwendung</em> als Typus der wahren
-Güte, der Reichtum an <em>Person</em> als Voraussetzung.</p>
-
-
-<h4>629.</h4>
-
-<p>Was ist <em>vornehm</em>?</p>
-
-<p>&ndash; Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt
-abgrenzt, fernhält, vor Verwechslung schützt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[Pg 339]</a></span></p>
-
-<p>&ndash; Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung,
-mit dem eine stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor
-aller unbescheidenen Neugierde schützt.</p>
-
-<p>&ndash; Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es
-gibt nicht zu viel wertvolle Dinge: und diese kommen und
-wollen von selbst zu dem Wertvollen. Wir bewundern schwer.</p>
-
-<p>&ndash; Das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch
-der Krankheit.</p>
-
-<p>&ndash; Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen
-gegen jeden, welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt
-daran, daß er verstehe, was er lobe: verstehen aber &ndash; Balzac
-hat es verraten, dieser typisch Ehrgeizige &ndash; <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">comprendre
-c'est égaler</span>.</p>
-
-<p>&ndash; Unser Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens geht
-in die Tiefe; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als
-gegeben.</p>
-
-<p>&ndash; Die Überzeugung, daß man nur gegen seinesgleichen
-Pflichten hat, gegen die andern sich nach Gutdünken verhält:
-daß nur <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter pares</span> auf Gerechtigkeit zu hoffen
-(leider noch lange nicht zu rechnen) ist.</p>
-
-<p>&ndash; Die Ironie gegen die „Begabten“, der Glaube an
-den Geburtsadel auch im Sittlichen.</p>
-
-<p>&ndash; Immer sich als den fühlen, der Ehren zu <em>vergeben</em>
-hat: während nicht häufig sich jemand findet, der ihn ehren
-dürfte.</p>
-
-<p>&ndash; Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf
-der Mensch des Inkognitos. Gott, wenn es einen gäbe,
-dürfte schon aus Anstandsgründen sich nur als Mensch in
-der Welt bezeigen.</p>
-
-<p>&ndash; Die Fähigkeit zum <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">otium</span>, der unbedingten Überzeugung,
-daß ein Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet,
-aber sicherlich entadelt. Nicht „Fleiß“ im bürgerlichen
-Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und zu Geltung zu
-bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler,
-die es wie die Hühner machen, gackern und Eier legen
-und wieder gackern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[Pg 340]</a></span></p>
-
-<p>&ndash; Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend
-worin Meister ist: aber als Wesen, die höherer Art
-<em>sind</em> als diese, welche nur etwas <em>können</em>, als die bloß
-„produktiven Menschen“, verwechseln wir uns nicht mit
-ihnen.</p>
-
-<p>&ndash; Die Lust an den <em>Formen</em>; das In-Schutz-nehmen
-alles Förmlichen, die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der
-großen Tugenden ist; das Mißtrauen gegen alle Arten des
-Sich-gehen-lassens, eingerechnet alle Preß- und Denkfreiheit,
-weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und
-die Glieder streckt.</p>
-
-<p>&ndash; Das Wohlgefallen an den <em>Frauen</em>, als an einer
-vielleicht kleineren, aber feineren und leichteren Art von
-Wesen. Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer
-Tanz und Torheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind das
-Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen,
-deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert
-ist.</p>
-
-<p>&ndash; Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil
-sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen
-Werte selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum
-mindesten symbolisch und im ganzen und großen sogar tatsächlich
-aufrechterhalten.</p>
-
-<p>&ndash; Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor
-Hörern.</p>
-
-<p>&ndash; Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an
-der leichten Versöhnlichkeit.</p>
-
-<p>&ndash; Der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung“,
-an der „Gemütlichkeit“, an der pöbelhaften Vertraulichkeit.</p>
-
-<p>&ndash; Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer
-hohen und wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen.
-<em>Seine</em> Bücher, <em>seine</em> Landschaften.</p>
-
-<p>&ndash; Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen
-auf und verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall:
-wie ironisch sind wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den
-schlechten Geschmack hat, sich als Regel zu gebärden!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[Pg 341]</a></span></p>
-
-<p>&ndash; Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer
-und höhere Wesen; wir finden Faust ebenso naiv
-als sein Gretchen.</p>
-
-<p>&ndash; Wir schätzen die Guten gering, als Herdentiere: wir
-wissen, wie unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten
-Menschen oft ein unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich
-verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit der Milchseelen
-überwiegt.</p>
-
-<p>&ndash; Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt
-durch seine Laster, noch durch seine Torheiten. Wir
-wissen, daß wir schwer erkennbar sind, und daß wir alle
-Gründe haben, uns Vordergründe zu geben.</p>
-
-
-<h4>630.</h4>
-
-<p><em>Dem Wohlgeratenen</em>, der meinem Herzen wohltut,
-aus einem Holz geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend
-ist &ndash; an dem selbst die Nase noch ihre Freude hat
-&ndash;, sei dies Buch geweiht.</p>
-
-<p>Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist;</p>
-
-<p>sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen
-überschritten wird;</p>
-
-<p>er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er
-hat Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens;</p>
-
-<p>er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen;</p>
-
-<p>er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten
-drohen;</p>
-
-<p>er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt,
-zugunsten seiner Hauptsache, &ndash; er folgt einem <em>auswählenden</em>
-Prinzip, &ndash; er läßt viel durchfallen;</p>
-
-<p>er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht
-und ein gewollter <em>Stolz</em> angezüchtet haben, &ndash; er prüft
-den Reiz, woher er kommt, wohin er will, er unterwirft
-sich nicht;</p>
-
-<p>er ist immer in <em>seiner</em> Gesellschaft, ob er mit Büchern,
-Menschen oder Landschaften verkehrt;</p>
-
-<p>er ehrt, indem er <em>wählt</em>, indem er <em>zuläßt</em>, indem er
-<em>vertraut</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[Pg 342]</a></span></p>
-
-
-<h4>631.</h4>
-
-<p><em>Was ist vornehm</em>? &ndash; Daß man sich beständig zu repräsentieren
-hat. Daß man Lagen sucht, wo man beständig
-Gebärden nötig hat. Daß man das Glück der <em>großen
-Zahl</em> überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend, Komfort,
-englisch-engelhaftes Krämertum <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à la</span> Spencer. Daß
-man instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß
-man sich überall Feinde zu schaffen weiß, schlimmstenfalls
-noch aus sich selbst. Daß man der <em>großen Zahl</em> nicht durch
-Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.</p>
-
-
-<h4>632.</h4>
-
-<p>Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist
-oder was einem Vergnügen macht oder was man tun <em>muß</em>.</p>
-
-
-<h4>633.</h4>
-
-<p>Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack
-vornehm geblieben ist; daß er <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in eroticis</span> weder
-das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.</p>
-
-
-<h4>634.</h4>
-
-<p><em>Der „Ehrbegriff“</em>: beruhend auf dem Glauben an
-„gute Gesellschaft“, an ritterliche Hauptqualitäten, an die
-Verpflichtung, sich fortwährend zu repräsentieren. Wesentlich:
-daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß man
-unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller,
-mit denen man sich berührt (zum mindesten soweit sie
-nicht zu „<em>uns</em>“ gehören); daß man weder vertraulich,
-noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">inter
-pares</span>; daß man <em>sich immer repräsentiert</em>.</p>
-
-
-<h4>635.</h4>
-
-<p>Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch
-der Sinn alles Begehrens nach Reichtümern) ist: die <em>Unordnung
-und Gemeinheit aus dem Auge sich zu
-schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat zu
-bauen</em>.</p>
-
-<p>Die meisten freilich glauben, sie werden <em>höhere Naturen</em>,
-<em>wenn</em> jene schönen, ruhigen Gegenstände auf sie<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[Pg 343]</a></span>
-eingewirkt haben: daher die Jagd nach Italien und Reisen
-usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. <em>Sie wollen sich
-formen lassen</em> &ndash; das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit!
-Aber die Starken, Mächtigen wollen <em>formen und nichts
-Fremdes mehr um sich haben</em>!</p>
-
-<p>So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht,
-um <em>sich</em> zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und
-zu vergessen. Das „<em>Außer-sich-sein</em>“ als Wunsch aller
-Schwachen und Mit-sich-Unzufriedenen.</p>
-
-
-<h4>636.</h4>
-
-<p>„<em>Geradezu stoßen die Adler.</em>“ &ndash; Die Vornehmheit
-der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und
-stolzen Dummheit zu erkennen, mit der sie <em>angreift</em>, &ndash;
-„geradezu“.</p>
-
-
-<h4>637.</h4>
-
-<p>Krieg gegen die weichliche Auffassung der „<em>Vornehmheit</em>“!
-&ndash; ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen:
-so wenig als eine Nachbarschaft zum Verbrechen.
-Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht darin; man muß
-abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, verderberisch,
-&ndash; nichts von Schönseelensalbaderei &ndash;. Ich will einem
-<em>robusteren Ideale</em> Luft machen.</p>
-
-
-<h4>638.</h4>
-
-<p><em>Die zwei Wege.</em> &ndash; Es kommt ein Zeitpunkt, wo der
-Mensch <em>Kraft</em> im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft
-ist darauf aus, diese <em>Sklaverei der Natur</em> herbeizuführen.</p>
-
-<p>Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst <em>auszubilden</em>
-zu etwas Neuem, Höherem. <em>Neue Aristokratie.</em>
-Dann werden eine Menge <em>Tugenden überlebt</em>, die jetzt
-<em>Existenzbedingungen</em> waren. &ndash; Eigenschaften nicht mehr
-nötig haben, <em>folglich</em> sie verlieren. Wir haben die Tugenden
-nicht mehr <em>nötig</em>: <em>folglich</em> verlieren wir sie (&ndash; sowohl
-die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele,
-wie der Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[Pg 344]</a></span>
-eine ungeheure <em>Selbstbezwingung zu ermöglichen</em>,
-durch den Affekt einer ungeheuren Furcht :&nbsp;:&nbsp;:).</p>
-
-<p>Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der
-Mensch geformt ist: Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.</p>
-
-<p>Die <em>physiologische</em> Reinigung und Verstärkung. Die
-<em>neue Aristokratie</em> hat einen Gegensatz nötig, gegen den
-sie ankämpft: sie muß eine furchtbare Dringlichkeit haben,
-sich zu erhalten.</p>
-
-<p><em>Die zwei Zukünfte der Menschheit</em>: 1. die Konsequenz
-der Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben,
-Sich-Gestalten.</p>
-
-<p>Eine Lehre, die eine <em>Kluft</em> schafft: sie erhält die <em>oberste
-und die niedrigste Art</em> (sie zerstört die mittlere).</p>
-
-<p>Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen
-<em>nichts</em> gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.</p>
-
-
-<h4>639.</h4>
-
-<p>Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viele Hoffnung:
-es bildet sich da eine verwegene herrschende Rasse,
-auf der Breite einer äußerst intelligenten Herdenmasse. Es
-steht vor der Tür, daß die Bewegungen zur Bildung der
-letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen.</p>
-
-
-<h4>640.</h4>
-
-<p>Gesamtanblick des zukünftigen Europäers: derselbe als
-das intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde
-sehr bescheiden, bis zum Exzeß neugierig, vielfach, verzärtelt,
-willensschwach, &ndash; ein kosmopolitisches Affekt- und
-Intelligenzenchaos. Wie möchte sich aus ihm eine <em>stärkere</em>
-Art herausheben? Eine solche mit <em>klassischem</em> Geschmack?
-Der klassische Geschmack: das ist der Wille zur Vereinfachung,
-Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks, zur
-Furchtbarkeit, der Mut zur psychologischen <em>Nacktheit</em> (&ndash;
-Vereinfachung ist eine Konsequenz des Willens zur Verstärkung;
-das Sichtbar-werden-lassen des Glücks, insgleichen
-der Nacktheit, eine Konsequenz des Willens zur Furchtbarkeit....).
-<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[Pg 345]</a></span>
-Um sich aus jenem Chaos zu dieser <em>Gestaltung</em>
-emporzukämpfen &ndash; dazu bedarf es einer <em>Nötigung</em>:
-man muß die Wahl haben, entweder zugrunde zu gehen oder
-<em>sich durchzusetzen</em>. Eine herrschaftliche Rasse kann nur
-aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen.
-Problem: wo sind die <em>Barbaren</em> des zwanzigsten Jahrhunderts?
-Offenbar werden sie erst nach ungeheuren sozialistischen
-Krisen sichtbar werden und sich konsolidieren, &ndash;
-es werden die Elemente sein, die der <em>größten Härte gegen
-sich selber</em> fähig sind und den <em>längsten Willen</em> garantieren
-können.</p>
-
-
-<h4>641.</h4>
-
-<p>Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das
-Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde
-als Ganzes verwaltet werden? Und <em>wozu</em> soll „der Mensch“
-als Ganzes &ndash; und nicht mehr ein Volk, eine Rasse &ndash; gezogen
-und gezüchtet werden?</p>
-
-<p>Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit
-denen man aus dem Menschen gestalten kann, was einem
-schöpferischen und tiefen Willen beliebt: vorausgesetzt, daß
-ein solcher Künstlerwille höchsten Ranges die Gewalt in den
-Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume
-durchsetzen kann in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen
-und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens,
-den eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe,
-wird man heute und wahrscheinlich für lange noch umsonst
-nachgehen: sie <em>fehlen</em>; bis man endlich, nach vieler Enttäuschung,
-zu begreifen anfangen muß, <em>warum</em> sie fehlen,
-und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für
-lange nichts feindseliger im Wege steht als das, was man
-jetzt in Europa geradewegs „<em>die Moral</em>“ nennt: wie als
-ob es keine andere gäbe und geben dürfte, &ndash; jene vorhin
-bezeichnete Herdentiermoral, die mit allen Kräften das allgemeine
-grüne Weideglück auf Erden erstrebt, nämlich
-Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit des Lebens
-und zu guterletzt, „wenn alles gut geht“, sich auch noch
-aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre
-beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleich<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[Pg 346]</a></span>heit
-der Rechte“ und „Mitgefühl für alles Leidende“ &ndash;
-und das Leiden selber wird von ihnen als etwas genommen,
-das man schlechterdings <em>abschaffen</em> muß. Daß solche
-„Ideen“ immer noch modern sein können, gibt einen üblen
-Begriff von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber
-nachgedacht hat, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am
-kräftigsten emporgewachsen ist, muß vermeinen, daß dies
-unter den <em>umgekehrten</em> Bedingungen geschehen ist: daß
-dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen,
-seine Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck
-und Zwang sich emporkämpfen, sein Lebenswille bis zu
-einem unbedingten Willen zur Macht und zur Übermacht
-gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, Gewaltsamkeit,
-Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit
-der Rechte, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst,
-Teufelei jeder Art, kurz, der Gegensatz aller Herdenwünschbarkeiten
-zur Erhöhung des Typus Mensch notwendig ist.
-Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, welche den
-Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere züchten
-will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste
-zu züchten &ndash; die zukünftigen <em>Herren der Erde</em> &ndash; muß,
-um gelehrt werden zu können, sich in Anknüpfung an das
-bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Anscheine
-einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und Täuschungsmittel
-zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer
-eines Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die
-Durchführung so langwieriger Aufgaben und Absichten, vor
-allem erst <em>eine neue Art</em> angezüchtet werden muß, in der
-dem nämlichen Willen, dem nämlichen Instinkte Dauer
-durch viele Geschlechter verbürgt wird &ndash; eine neue Herrenart
-und -Kaste &ndash; dies begreift sich ebensogut als das lange
-und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens.
-Eine <em>Umkehrung der Werte</em> für eine bestimmte
-starke Art von Menschen höchster Geistigkeit und Willenskraft
-vorzubereiten und zu diesem Zweck bei ihnen eine Menge
-in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte langsam
-und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, ge<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[Pg 347]</a></span>hört
-zu uns, den freien Geistern &ndash; freilich wohl zu einer
-neueren Art von „freien Geistern“ als die bisherigen: denn
-diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher gehören,
-wie mir scheint, vor allem die Pessimisten Europas,
-die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, insofern
-ihre Unzufriedenheit mit dem gesamten Dasein sie auch
-zur Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens
-<em>logisch</em> nötigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige
-Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die
-Sonderrechte höherer Menschen und gegen das „Herdentier“
-kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst
-bei ausgesuchteren Geistern alle Herdeninstinkte und Herdenvorsichten
-einschläfern; zu dritt endlich alle jene Kritiker
-und Historiker, von denen die glücklich begonnene Entdeckung
-der alten Welt &ndash; es ist das Werk des <em>neuen</em> Kolumbus,
-des deutschen Geistes &ndash; mutig <em>fortgesetzt</em> wird (&ndash; denn
-wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung).
-In der alten Welt nämlich herrschte in der Tat eine andere,
-eine herrschaftlichere Moral als heute; und der antike
-Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war
-ein stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von heute,
-&ndash; er war bisher allein „der wohlgeratene Mensch“. Die
-Verführung aber, welche vom Altertum her auf wohlgeratene,
-das heißt auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt
-wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste
-aller antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon
-zur Zeit der Renaissance war.</p>
-
-
-<h3>2. Der züchtende Gedanke.</h3>
-
-
-<h4>642.</h4>
-
-<p>Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische
-und schlimme Frage vielleicht: sie sei denen ins Ohr gesagt,
-welche ein Recht auf solche fragwürdige Fragen haben, den
-stärksten Seelen von heute, welche sich selbst auch am besten
-in der Gewalt haben: wäre es nicht an der Zeit, je mehr der
-Typus „Herdentier“ jetzt in Europa entwickelt wird, mit<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[Pg 348]</a></span>
-einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten <em>Züchtung</em>
-des entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch
-zu machen? Und wäre es für die demokratische Bewegung
-nicht selber erst eine Art Ziel, Erlösung und Rechtfertigung,
-wenn jemand käme, der sich ihrer <em>bediente</em> &ndash;
-dadurch, daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen Ausgestaltung
-der Sklaverei (&ndash; das muß die europäische Demokratie
-am Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und
-cäsarischer Geister hinzufände, welche sich auf sie stellte,
-sich an ihr hielte, sich durch sie emporhübe? Zu neuen, bisher
-unmöglichen, zu <em>ihren</em> Fernsichten? Zu <em>ihren</em> Aufgaben?</p>
-
-
-<h4>643.</h4>
-
-<p>Ich glaube, ich habe einiges aus der Seele des höchsten
-Menschen <em>erraten</em>; &ndash; vielleicht geht jeder zugrunde, der
-ihn errät: aber wer ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu <em>ermöglichen</em>.</p>
-
-<p>Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als <em>maßgebend</em>
-nehmen für alle unsere Wertschätzung &ndash; und nicht <em>hinter</em>
-uns die Gesetze unseres Handelns suchen!</p>
-
-
-<h4>644.</h4>
-
-<p><em>Könnten</em> wir die günstigsten Bedingungen <em>voraussehen</em>,
-unter denen Wesen entstehen von höchstem Werte!
-Es ist tausendmal zu kompliziert und die Wahrscheinlichkeit
-des Mißratens <em>sehr groß</em>: so begeistert es nicht, danach
-zu streben! &ndash; Skepsis. &ndash; Dagegen: Mut, Einsicht, Härte,
-Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir
-steigern, die Feinheit der Wage verfeinern und erwarten,
-daß günstige Zufälle zu Hilfe kommen. &ndash;</p>
-
-
-<h4>645.</h4>
-
-<p>Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres
-vorwärtstreiben, treiben auch die Entwicklung des
-Führertiers.</p>
-
-
-<h4>646.</h4>
-
-<p>So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen
-großer und seltener Menschen abhängig gemacht hätte von<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[Pg 349]</a></span>
-der Zustimmung der vielen (einbegriffen, daß diese <em>wüßten</em>,
-welche Eigenschaften zur Größe gehören und insgleichen,
-auf wessen Unkosten alle Größe sich entwickelt) &ndash;
-nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! &ndash;</p>
-
-<p>Daß der Gang der Dinge <em>unabhängig</em> von der Zustimmung
-der allermeisten seinen Weg nimmt: daran liegt es,
-daß einiges Erstaunliche sich auf der Erde eingeschlichen hat.</p>
-
-
-<h4>647.</h4>
-
-<p><em>Nicht</em> die Menschen „besser“ machen, <em>nicht</em> zu ihnen
-auf irgendeine Art Moral reden, als ob „Moralität an sich“
-oder eine ideale Art Mensch überhaupt gegeben sei: sondern
-<em>Zustände schaffen</em>, unter denen <em>stärkere Menschen
-nötig sind</em>, welche ihrerseits eine Moral (deutlicher:
-eine <em>leiblich-geistige Disziplin</em>), <em>welche stark macht</em>,
-brauchen und folglich <em>haben</em> werden!</p>
-
-<p>Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen
-lassen: <em>die Größe der Seele hat nichts Romantisches
-an sich</em>. Und leider <em>gar nichts Liebenswürdiges</em>!</p>
-
-
-<h4>648.</h4>
-
-<p>Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus
-Mensch zu seiner größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert
-werden kann, der wird zu allererst begreifen, daß er
-sich außerhalb der Moral stellen muß: denn die Moral war
-im wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus, jene prachtvolle
-Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder
-zu vernichten. Denn in der Tat konsumiert eine derartige
-Entwicklung eine solche ungeheure Quantität von Menschen
-in ihrem Dienst, daß eine <em>umgekehrte</em> Bewegung nur zu
-natürlich ist: die schwächeren, zarteren, mittleren Existenzen
-haben nötig, Partei zu machen <em>gegen</em> jene Glorie von
-Leben und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue
-Schätzung bekommen, vermöge deren sie das Leben in dieser
-höchsten Fülle verurteilen und womöglich zerstören. Eine
-lebensfeindliche Tendenz ist daher der Moral zu eigen, insofern
-sie die Typen des Lebens überwältigen will.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[Pg 350]</a></span></p>
-
-
-<h4>649.</h4>
-
-<p>Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte
-die großen Menschen hervorspringen. Die Bedeutung
-langer <em>despotischer Moralen</em>: sie spannen den Bogen,
-wenn sie ihn nicht zerbrechen.</p>
-
-
-<h4>650.</h4>
-
-<p>Die Urwaldvegetation „Mensch“ erscheint immer, wo der
-Kampf um die Macht am längsten geführt worden ist. Die
-<em>großen</em> Menschen.</p>
-
-<p>Urwaldtiere die <em>Römer</em>.</p>
-
-
-<h4>651.</h4>
-
-<p><em>Aus der Kriegsschule der Seele.</em> (Den Tapfern, den
-Frohgemuten, den Enthaltsamen geweiht.)</p>
-
-<p>Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen;
-aber die Größe der Seele verträgt sich nicht mit
-ihnen. Auch in den Künsten schließt der große Stil das
-Gefällige aus.</p>
-
-<p>In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit
-wähle den Krieg: er härtet ab, er macht Muskel.</p>
-
-<p>Die tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man
-hat nur, was man nötig hat.</p>
-
-<p>Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr <em>erreicht</em>
-mich &ndash; ein Land ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit
-übrig haben, um in der <em>Dürre</em> nicht zu verschmachten.</p>
-
-
-<h4>652.</h4>
-
-<p><em>Ersatz</em> der Moral durch den <em>Willen</em> zu unserem Ziele,
-und <em>folglich</em> zu dessen <em>Mitteln</em>.</p>
-
-
-<h4>653.</h4>
-
-<p>Es bedarf einer Lehre, stark genug, um <em>züchtend</em> zu
-wirken: stärkend für die Starken, lähmend und zerbrechend
-für die Weltmüden.</p>
-
-<p>Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europas.
-&ndash; Die Vernichtung der sklavenhaften Wertschätzungen.
-&ndash; Die Herrschaft über die Erde als Mittel zur Erzeugung<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[Pg 351]</a></span>
-eines höheren Typus. &ndash; Die Vernichtung der Tartüfferie,
-welche „Moral“ heißt (das Christentum als eine hysterische
-Art von Ehrlichkeit hierin: Augustin). &ndash; Die Vernichtung
-des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">suffrage universel</span>: das heißt des Systems,
-vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz
-den höheren vorschreiben. &ndash; Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit
-und ihrer Geltung. (Die Einseitigen, Einzelne
-&ndash; Völker; Fülle der Natur zu erstreben durch Paarung von
-Gegensätzen: Rassenmischungen dazu.) &ndash; Der neue Mut
-&ndash; keine apriorischen Wahrheiten (<em>solche</em> suchten die an
-Glauben Gewöhnten!), sondern <em>freie</em> Unterordnung unter
-einen herrschenden Gedanken, der seine Zeit hat, zum Beispiel
-Zeit als Eigenschaft des Raumes usw.</p>
-
-
-<h4>654.</h4>
-
-<p>&ndash; Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir
-selber, in dem der religiöse, das heißt gott<em>bildende</em>, Instinkt
-mitunter zur Unzeit lebendig wird: wie anders, wie
-verschieden hat sich mir jedesmal das Göttliche offenbart!...
-So vieles Seltsame ging schon an mir vorüber in jenen
-zeitlosen Augenblicken, die ins Leben herein wie aus dem
-Monde fallen, wo man schlechterdings nicht mehr weiß,
-wie alt man schon ist und wie jung man noch sein wird....
-Ich würde nicht zweifeln, daß es viele Arten Götter gibt....
-Es fehlt nicht an solchen, aus denen man einen gewissen
-Halkyonismus und Leichtsinn nicht hinwegdenken darf....
-Die leichten Füße gehören vielleicht selbst zum Begriff
-„Gott“.... Ist es nötig, auszuführen, daß ein Gott sich
-mit Vorliebe jenseits alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen
-zu halten weiß? jenseits auch, unter uns gesagt,
-von Gut und Böse? Er hat die Aussicht <em>frei</em>, &ndash; mit
-Goethe zu reden. &ndash; Und um für diesen Fall die nicht genug
-zu schätzende Autorität Zarathustras anzurufen: Zarathustra
-geht so weit, von sich zu bezeugen, „ich würde nur an einen
-Gott glauben, der zu <em>tanzen</em> verstünde“....</p>
-
-<p>Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich!
-&ndash; Zarathustra selbst freilich ist bloß ein alter Atheist:<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[Pg 352]</a></span>
-der glaubt weder an alte noch neue Götter. Zarathustra
-sagt, er <em>würde</em> &ndash;; aber Zarathustra <em>wird</em> nicht.... Man
-verstehe ihn recht.</p>
-
-<p>Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister,
-der „großen Menschen“.</p>
-
-
-<h4>655.</h4>
-
-<p>Und wie viele neue <em>Ideale</em> sind im Grunde noch möglich!
-&ndash; Hier ein kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal
-auf einem wilden und einsamen Spaziergang erhasche, im
-azurnen Augenblick eines frevelhaften Glücks. Sein Leben
-zwischen zarten und absurden Dingen verbringen; der Realität
-fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus;
-ohne Ja und Nein für die Realität, es sei denn, daß man
-sie ab und zu in der Art eines guten Tänzers mit den Fußspitzen
-anerkennt; immer von irgendeinem Sonnenstrahl des
-Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermutigt selbst durch Trübsal
-&ndash; denn Trübsal <em>erhält</em> den Glücklichen &ndash;; einen
-kleinen Schwanz von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend:
-&ndash; dies, wie sich von selbst versteht, das Ideal
-eines schweren, zentnerschweren Geistes, eines <em>Geistes der
-Schwere</em>.</p>
-
-
-<h4>656.</h4>
-
-<p>Der große Mensch fühlt seine <em>Macht</em> über ein Volk,
-sein zeitweiliges Zusammenfallen mit einem Volk oder einem
-Jahrtausend: &ndash; diese <em>Vergrößerung</em> im Gefühl von sich
-als <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">causa</span></em> und <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">voluntas</span></em> wird <em>mißverstanden</em> als „Altruismus“
-&ndash;&nbsp;: es drängt ihn nach <em>Mitteln</em> der Mitteilung:
-alle großen Menschen sind <em>erfinderisch</em> in solchen
-<em>Mitteln</em>. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden,
-sie wollen eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten
-geben, es reizt sie, das Chaos zu sehen.</p>
-
-<p>Mißverständnis der Liebe. Es gibt eine <em>sklavische</em> Liebe,
-welche sich unterwirft und weggibt: welche idealisiert und
-sich täuscht, &ndash; es gibt eine <em>göttliche</em> Liebe, welche verachtet
-und liebt und das Geliebte <em>umschafft, hinaufträgt</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[Pg 353]</a></span></p>
-
-<p>Jene ungeheure <em>Energie der Größe</em> zu gewinnen, um
-durch Züchtung und andrerseits durch Vernichtung von Millionen
-Mißratener den zukünftigen Menschen zu gestalten
-und <em>nicht zugrunde</em> zu gehen an dem Leid, das man
-<em>schafft</em> und dessengleichen noch nie da war! &ndash;</p>
-
-
-<h4>657.</h4>
-
-<p>Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moralaufputzung
-der Affekte Widerwillen macht: <em>die nackte Natur</em>;
-wo die <em>Machtquantitäten</em> als <em>entscheidend</em> einfach
-zugestanden werden (als <em>rangbestimmend</em>); wo der
-<em>große Stil</em> wieder auftritt als Folge der <em>großen Leidenschaft</em>.</p>
-
-
-<h4>658.</h4>
-
-<p>Die <em>Lust</em> tritt auf, wo Gefühl der Macht.</p>
-
-<p>Das <em>Glück</em>: in dem herrschend gewordnen Bewußtsein
-der Macht und des Siegs.</p>
-
-<p>Der <em>Fortschritt</em>: die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit
-zum großen Wollen: alles andere ist Mißverständnis,
-Gefahr.</p>
-
-
-<h4>659.</h4>
-
-<p>Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu <em>achten</em>:
-alles andere folgt daraus. Freilich hört man eben damit
-für die andern auf: denn das gerade verzeihen sie am letzten.
-„Wie? Ein Mensch, der sich selbst achtet?“ &ndash;</p>
-
-<p>Das ist etwas anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu
-<em>lieben</em>: nichts ist gewöhnlicher in der Liebe der Geschlechter
-wie in der Zweiheit, welche „Ich“ genannt wird, als <em>Verachtung</em>
-gegen das, was man liebt: &ndash; der Fatalismus in
-der Liebe.</p>
-
-
-<h4>660.</h4>
-
-<p><em>Mein neuer Weg zum „Ja“.</em> &ndash; Philosophie, wie ich
-sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen
-auch der verabscheuten und verruchten Seiten des
-Daseins. Aus der langen Erfahrung, welche mir eine solche
-Wanderung durch Eis und Wüste gab, lernte ich alles, was
-bisher philosophiert hat, anders ansehen: &ndash; die <em>verbor<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[Pg 354]</a></span>gene</em>
-Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen
-Namen kam für mich ans Licht. „Wieviel Wahrheit <em>erträgt</em>,
-wieviel Wahrheit <em>wagt</em> ein Geist?“ &ndash; dies wurde
-für mich der eigentliche Wertmesser. Der Irrtum ist eine
-<em>Feigheit</em>.... jede Errungenschaft der Erkenntnis <em>folgt</em> aus
-dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit
-gegen sich.... Eine solche <em>Experimentalphilosophie</em>, wie
-ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeit des
-grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt
-wäre, daß sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem
-Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum
-Umgekehrten hindurch &ndash; bis zu einem <em>dionysischen Jasagen</em>
-zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und
-Auswahl &ndash;, sie will den ewigen Kreislauf: &ndash; dieselben
-Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster
-Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum
-Dasein stehen &ndash;&nbsp;: meine Formel dafür ist <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">amor fati</span></em>.</p>
-
-<p>Hierzu gehört, die bisher <em>verneinten</em> Seiten des Daseins
-nicht nur als <em>notwendig</em> zu begreifen, sondern als
-wünschenswert: und nicht nur als wünschenswert in Hinsicht
-auf die bisher bejahten Seiten (etwa als deren Komplemente
-oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber
-willen, als der mächtigeren, fruchtbareren, <em>wahreren</em> Seiten
-des Daseins, in denen sich sein Wille deutlicher ausspricht.</p>
-
-<p>Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein <em>bejahte</em> Seite
-des Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Wertung
-stammt und wie wenig sie verbindlich für eine dionysische
-Wertabmessung des Daseins ist: ich zog heraus und
-begriff, <em>was</em> hier eigentlich Ja sagt (der Instinkt der Leidenden
-einmal, der Instinkt der Herde andrerseits, und jener
-dritte, der <em>Instinkt der meisten</em> gegen die Ausnahmen
-&ndash;).</p>
-
-<p>Ich erriet damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch notwendig
-nach einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und
-Steigerung des Menschen ausdenken müßte: <em>höhere Wesen</em>,
-jenseits von Gut und Böse, jenseits von jenen Werten,<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[Pg 355]</a></span>
-die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens, der Herde
-und der meisten nicht verleugnen können, &ndash; ich suchte nach
-den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte
-(die Begriffe „heidnisch“, „klassisch“, „vornehm“
-neu entdeckt und hingestellt &ndash;).</p>
-
-
-<h4>661.</h4>
-
-<p><em>Der menschliche Horizont.</em> &ndash; Man kann die Philosophen
-auffassen als solche, welche die äußerste Anstrengung
-machen, zu <em>erproben</em>, wie weit sich der Mensch <em>erheben</em>
-könne, &ndash; besonders Plato: wie <em>weit</em> seine Kraft reicht.
-Aber sie tun es als Individuen; vielleicht war der Instinkt
-der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran
-denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne in
-der <em>Entwicklung</em> und unter „günstigen Umständen“. Aber
-sie begriffen nicht genug, was günstige Umstände sind.
-Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch“ am prachtvollsten
-gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium
-der Historie nötig.</p>
-
-
-<h4>662.</h4>
-
-<p>Grundgedanke: die neuen Werte müssen erst geschaffen
-werden &ndash; das bleibt uns nicht <em>erspart</em>! Der Philosoph
-muß uns ein Gesetzgeber sein. Neue Arten. (Wie bisher die
-höchsten Arten [zum Beispiel Griechen] gezüchtet wurden:
-diese Art „Zufall“ <em>bewußt wollen</em>.)</p>
-
-
-<h4>663.</h4>
-
-<p><em>Gesetzgeber der Zukunft.</em> &ndash; Nachdem ich lange und
-umsonst mit dem Worte „Philosoph“ einen bestimmten
-Begriff zu verbinden suchte &ndash; denn ich fand viele entgegengesetzte
-Merkmale &ndash;, erkannte ich endlich, daß es zwei
-unterschiedliche Arten von Philosophen gibt:</p>
-
-<p>1. solche, welche irgendeinen großen Tatbestand von Wertschätzungen
-(logisch oder moralisch) feststellen wollen;</p>
-
-<p>2. solche, welche <em>Gesetzgeber</em> solcher Wertschätzungen
-sind.</p>
-
-<p>Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen
-Welt zu bemächtigen, indem sie das mannigfach Geschehende<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[Pg 356]</a></span>
-durch Zeichen zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt
-daran, das bisherige Geschehen übersichtlich, überdenkbar,
-faßbar, handlich zu machen, &ndash; sie dienen der Aufgabe des
-Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner Zukunft
-zu verwenden.</p>
-
-<p>Die Zweiten aber sind <em>Befehlende</em>; sie sagen: „So soll
-es sein!“ Sie bestimmen erst das „Wohin“ und „Wozu“,
-den Nutzen, <em>was</em> Nutzen der Menschen ist; sie verfügen
-über die Vorarbeit der wissenschaftlichen Menschen, und alles
-Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese zweite
-Art von Philosophen gerät selten; und in der Tat ist ihre
-Lage und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich
-die Augen zugebunden, um nur den schmalen Raum
-nicht sehen zu müssen, der sie vom Abgrund und Absturz
-trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete, das
-„Gute“, wie <em>er</em> es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern
-das „Gute an sich“, der ewige Schatz, den nur irgendein
-Mensch namens Plato auf seinem Wege gefunden habe!
-In viel gröberen Formen waltet dieser selbe Wille zur Blindheit
-bei den Religionsstiftern: ihr „du sollst“ darf durchaus
-ihren Ohren nicht klingen wie „ich will“, &ndash; nur als
-dem Befehl eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen,
-nur als „Eingebung“ ist ihre Gesetzgebung der
-Werte eine <em>tragbare</em> Bürde, unter der ihr Gewissen <em>nicht</em>
-zerbricht.</p>
-
-<p>Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das
-Mohammeds, dahingefallen sind und kein Denker mehr an
-der Hypothese eines „Gottes“ oder „ewiger Werte“ sein
-Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der Anspruch des Gesetzgebers
-neuer Werte zu einer neuen und noch nicht erreichten
-Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen,
-vor denen die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern
-beginnt, den Versuch machen, ob sie ihr wie als ihrer größten
-Gefahr nicht noch „zur rechten Zeit“ durch irgendeinen Seitensprung
-entschlüpfen möchten: zum Beispiel, indem sie sich
-einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder sie sei unlösbar,
-oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten, oder<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[Pg 357]</a></span>
-sie seien schon mit andern, näheren Aufgaben überladen, oder
-selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung,
-eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit,
-eine Art Wahnsinn. Manchem mag es in der Tat
-gelingen, auszuweichen: es geht durch die ganze Geschichte
-hindurch die Spur solcher Ausweichenden und ihres schlechten
-Gewissens. Zumeist aber kam solchen Menschen des
-Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbststunde der
-Reife, wo sie <em>mußten</em>, was sie nicht einmal „wollten“:
-&ndash; und die Tat, vor der sie sich am meisten vorher gefürchtet
-hatten, fiel ihnen leicht und ungewollt vom Baume als
-eine Tat ohne Willkür, fast als Geschenk. &ndash;</p>
-
-
-<h4>664.</h4>
-
-<p>Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher,
-mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange
-Ketten von Geschlechtern zu sich heraufzuziehen: so muß
-man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers
-zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber
-denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis zum
-Nutzen dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In
-dieser Verstellung darf er nicht erraten werden; es gehört
-zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt.
-Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein:
-manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des
-Hohnes vorwärts, andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle,
-vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist
-jenseits von Gut und Böse; aber niemand darf es wissen.</p>
-
-
-<h4>665.</h4>
-
-<p>Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer
-Nihilismus kann unter Umständen gerade dem Philosophen
-unentbehrlich sein: als ein mächtiger Druck und Hammer,
-mit dem er entartende und absterbende Rassen zerbricht und
-aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des
-Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und
-absterben will, das Verlangen zum Ende einzugeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[Pg 358]</a></span></p>
-
-
-<h4>666.</h4>
-
-<p>Der <em>größte</em> Kampf: dazu braucht es einer neuen <em>Waffe</em>.</p>
-
-<p>Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören,
-Europa vor die <em>Konsequenz</em> stellen, ob sein
-Wille zum Untergang „will“.</p>
-
-<p>Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!</p>
-
-
-<h4>667.</h4>
-
-<p>Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu
-einer großen Aufgabe? Alle Tugend und Tüchtigkeit am
-Leib und an der Seele ist mühsam und im kleinen erworben
-worden durch viel Fleiß, Selbstbezwingung, Beschränkung
-auf weniges, durch viel zähe, treue Wiederholung der gleichen
-Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es gibt Menschen,
-welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen
-vielfachen Reichtums an Tugenden und Tüchtigkeiten
-sind &ndash; weil auf Grund glücklicher und vernünftiger
-Ehen und auch glücklicher Zufälle die erworbenen und gehäuften
-Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert und
-versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen
-zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein
-Mensch, ein Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer
-von Aufgabe verlangt. Denn unsere Kraft ist es,
-welche über uns verfügt: und das erbärmliche geistige Spiel
-von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein Vordergrund
-&ndash; mögen schwache Augen auch hierin die Sache
-selber sehen.</p>
-
-
-<h4>668.</h4>
-
-<p>Im allgemeinen ist jedes Ding <em>so viel wert, als man
-dafür bezahlt hat</em>. Dies gilt freilich nicht, wenn man
-das Individuum isoliert nimmt; die großen Fähigkeiten
-des Einzelnen stehen außer allem Verhältnis zu dem, was
-er selbst dafür getan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht
-man seine Geschlechtsvorgeschichte an, so entdeckt man da
-die Geschichte einer ungeheuren Aufsparung und Kapitalsammlung
-von Kraft durch alle Art Verzichtleisten, Rin<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[Pg 359]</a></span>gen,
-Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil der große Mensch
-soviel <em>gekostet</em> hat und <em>nicht</em>, weil er wie ein Wunder
-als Gabe des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er
-groß: &ndash; „Vererbung“ ein falscher Begriff. Für das, was
-einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten bezahlt.</p>
-
-
-<h4>669.</h4>
-
-<p><em>Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich
-erhält.</em></p>
-
-<p>Sich ein Recht auf Ausnahmehandlungen zugestehen; als
-Versuch der Selbstüberwindung und der Freiheit.</p>
-
-<p>Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht
-Barbar zu sein.</p>
-
-<p>Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit
-in Hinsicht auf seine Willensstärke verschaffen.</p>
-
-<p>Sich nicht mitteilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der
-Anmut.</p>
-
-<p>Gehorchen lernen in der Weise, daß es eine Probe für die
-Selbst-Aufrechterhaltung abgibt. Kasuistik des Ehrenpunktes
-ins feinste getrieben.</p>
-
-<p>Nie schließen, „was einem recht ist, ist dem andern billig“,
-&ndash; sondern umgekehrt!</p>
-
-<p>Die Vergeltung, das Zurückgeben<em>dürfen</em> als Vorrecht behandeln,
-als Auszeichnung zugestehen.</p>
-
-<p>Die Tugend der <em>anderen</em> nicht ambitionieren.</p>
-
-
-<h4>670.</h4>
-
-<p><em>Die Vermehrung der Kraft</em>, trotz des zeitweiligen
-Niedergehens des Individuums:</p>
-
-<p>Ein <em>neues Niveau</em> begründen.</p>
-
-<p>Eine Methodik der Sammlung von Kräften, zur Erhaltung
-kleiner Leistungen im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung.</p>
-
-<p>Die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum <em>Werkzeug</em>
-dieser Zukunftsökonomik.</p>
-
-<p>Die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse
-<em>kleiner</em> Arbeit getan werden muß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[Pg 360]</a></span></p>
-
-<p>Die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und
-Leidenden die Existenz noch <em>möglich</em> ist.</p>
-
-<p>Die <em>Solidarität</em> als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt
-der Furcht und der Servilität.</p>
-
-<p>Der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des
-„großen Menschen“.</p>
-
-
-<h4>671.</h4>
-
-<p><em>Warum die Schwachen siegen.</em> <em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">In summa</span></em>: die Kranken
-und Schwachen haben mehr <em>Mitgefühl</em>, sind „menschlicher“
-&ndash;&nbsp;: die Kranken und Schwachen haben mehr <em>Geist</em>,
-sind wechselnder, vielfacher, unterhaltender, &ndash; boshafter:
-die Kranken allein haben die <em>Bosheit</em> erfunden. (Eine
-krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen, Skrophulosen
-und Tuberkulosen &ndash;) <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Esprit</span>: Eigentum später Rassen:
-Juden, Franzosen, Chinesen. (Die Antisemiten vergeben es
-den Juden nicht, daß die Juden „Geist“ haben &ndash; und
-Geld. Die Antisemiten &ndash; ein Name der „Schlechtweggekommenen“.)</p>
-
-<p>Die Kranken und Schwachen haben die <em>Faszination</em>
-für sich gehabt: sie sind <em>interessanter</em> als die Gesunden:
-der Narr und der Heilige &ndash; die zwei interessantesten Arten
-Mensch.... in enger Verwandtschaft das „Genie“. Die
-großen „Abenteurer und Verbrecher“ und alle Menschen,
-die gesündesten voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens
-<em>krank</em>: &ndash; die großen Gemütsbewegungen, die Leidenschaft
-der Macht, die Liebe, die Rache sind von tiefen Störungen
-begleitet. Und was die <em><span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span></em> betrifft, so stellt sie
-jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt, in jedem Sinne beinahe
-dar: &ndash; er kennt also auch die Instinkte, welche zu ihr
-gehören, aus Erfahrung: &ndash; für die <em>Hälfte fast jedes
-Menschenlebens</em> ist der Mensch <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadent</span>.</p>
-
-<p>Endlich: das Weib! <em>Die eine Hälfte der Menschheit</em>
-ist schwach, typisch-krank, wechselnd, unbeständig, &ndash;
-das Weib braucht die Stärke, um sich an sie zu klammern,
-und eine Religion der Schwäche, welche es als göttlich verherrlicht,
-<em>schwach</em> zu sein, zu lieben, demütig zu sein &ndash;&nbsp;:
-oder besser, es macht die Starken schwach, &ndash; es <em>herrscht</em>,<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[Pg 361]</a></span>
-wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen. Das Weib
-hat immer mit den Typen der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>, den Priestern, zusammen
-konspiriert gegen die „Mächtigen“, die „Starken“,
-die <em>Männer</em> &ndash;. Das Weib bringt die Kinder beiseite
-für den Kultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe:
-&ndash; die <em>Mutter</em> repräsentiert den Altruismus <em>überzeugend</em>.</p>
-
-<p>Endlich: die zunehmende Zivilisation, die zugleich notwendig
-auch die Zunahme der morbiden Elemente, des <em>Neurotisch-Psychiatrischen</em>
-und des <em>Kriminalistischen</em> mit
-sich bringt. Eine <em>Zwischenspezies</em> entsteht, der <em>Artist</em>,
-von der Kriminalität der Tat durch Willensschwäche und
-soziale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif
-für das Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide
-Sphären neugierig hineingreifend: diese spezifische Kulturpflanze,
-der moderne Artist, Maler, Musiker, vor allem
-Romanzier, der für seine Art zu sein, das sehr uneigentliche
-Wort „Naturalismus“ handhabt.... Die Irren, die Verbrecher
-und die „Naturalisten“ nehmen zu: Zeichen einer
-wachsenden und jäh <em>vorwärts</em> eilenden Kultur, &ndash; das
-heißt, der Ausschuß, der Abfall, die Auswurfstoffe gewinnen
-Importanz, &ndash; das Abwärts <em>hält Schritt</em>....</p>
-
-<p>Endlich: <em>der soziale Mischmasch</em>, Folge der Revolution,
-die Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an
-„gleiche Menschen“. Dabei mischen sich die Träger der Niedergangsinstinkte
-(des Ressentiments, der Unzufriedenheit,
-des Zerstörertriebes, des Anarchismus und Nihilismus),
-eingerechnet der Sklaveninstinkte, der Feigheits-, Schlauheits-
-und Kanailleninstinkte der lange <em>unten</em> gehaltenen
-Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei Geschlechter
-darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen, &ndash;
-alles ist <em>verpöbelt</em>. Hieraus resultiert ein Gesamtinstinkt
-gegen die <em>Auswahl</em>, gegen das <em>Privilegium</em> jeder Art,
-von einer Macht und Sicherheit, Härte, Grausamkeit der
-Praxis, daß in der Tat sich alsbald selbst die <em>Privilegierten</em>
-unterwerfen: &ndash; was noch Macht festhalten will,
-schmeichelt dem Pöbel, arbeitet mit dem Pöbel, <em>muß</em> den
-Pöbel auf seiner Seite haben, &ndash; die „Genies“ voran: sie<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[Pg 362]</a></span>
-werden <em>Herolde</em> der Gefühle, mit denen man Massen begeistert,
-&ndash; die Note des Mitleids, der Ehrfurcht selbst vor
-allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt gelebt hat,
-klingt über alle andern Noten weg (Typen: Victor Hugo
-und Richard Wagner). &ndash; Die Heraufkunft des Pöbels bedeutet
-noch einmal die Heraufkunft der <em>alten Werte</em>....</p>
-
-<p>Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf
-Tempo und Mittel, wie sie unsre Zivilisation darstellt, verlegt
-sich das Schwergewicht der Menschen: <em>der</em> Menschen,
-auf die es am meisten ankommt, die es gleichsam auf sich
-haben, die ganze große Gefahr einer solchen krankhaften Bewegung
-zu kompensieren; &ndash; es werden die Verzögerer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">par
-excellence</span>, die Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden,
-die Relativ-Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren
-Wechselns und Mischens von Elementen sein. Das
-Schwergewicht fällt unter solchen Umständen notwendig den
-<em>Mediokren</em> zu: gegen die Herrschaft des Pöbels und der
-Exzentrischen (beide meist verbündet) konsolidiert sich die
-<em>Mediokrität</em>, als die Bürgschaft und die Trägerin der
-Zukunft. Daraus erwächst für die <em>Ausnahmemenschen</em>
-ein neuer Gegner &ndash; oder aber eine neue Verführung. Gesetzt,
-daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und dem Instinkt
-der „Enterbten“ zu Gefallen Lieder singen, werden sie nötig
-haben, „mittelmäßig“ und „gediegen“ zu sein. Sie
-wissen: die <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">mediocritas</span> ist auch <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">aurea</span>, &ndash; sie allein sogar
-verfügt über Geld und <em>Gold</em> (&ndash; über alles, was <em>glänzt</em>..).
-Und noch einmal gewinnt die alte Tugend, und überhaupt
-die ganze <em>verlebte</em> Welt des Ideals eine begabte Fürsprecherschaft....
-Resultat: die Mediokrität bekommt Geist,
-Witz, Genie, &ndash; sie wird unterhaltend, sie verführt....</p>
-
-<p><em>Resultat.</em> &ndash; Eine hohe Kultur kann nur stehen auf
-einem breiten Boden, auf einer stark und gesund konsolidierten
-Mittelmäßigkeit. In ihrem Dienste und von ihr bedient
-arbeitet die <em>Wissenschaft</em> &ndash; und selbst die Kunst. Die
-Wissenschaft kann es sich nicht besser wünschen: sie gehört
-als solche zu einer mittleren Art Mensch, &ndash; sie ist deplaziert
-unter Ausnahmen, &ndash; sie hat nichts Aristokratisches<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[Pg 363]</a></span>
-und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren Instinkten.
-&ndash; Die Macht der Mitte wird sodann aufrechtgehalten
-durch den Handel, vor allem den Geldhandel: der Instinkt
-der Großfinanziers geht gegen alles Extreme, &ndash; die Juden
-sind deshalb einstweilen die <em>konservierendste</em> Macht in
-unserm so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können
-weder Revolutionen brauchen noch Sozialismus noch Militarismus:
-wenn sie Macht haben wollen und brauchen, auch
-über die revolutionäre Partei, so ist dies nur eine Folge des
-Vorhergesagten und nicht im Widerspruch dazu. Sie haben
-nötig, gegen andere extreme Richtungen gelegentlich Furcht
-zu erregen &ndash; dadurch, daß sie zeigen, <em>was</em> alles in ihrer
-Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar konservativ
-&ndash; und „mittelmäßig“.... Sie wissen überall, wo
-es Macht gibt, mächtig zu sein: aber die Ausnützung ihrer
-Macht geht immer in einer Richtung. Das Ehrenwort für
-<em>mittelmäßig</em> ist bekanntlich das Wort „<em>liberal</em>“.</p>
-
-<p><em>Besinnung.</em> &ndash; Es ist unsinnig, vorauszusetzen, daß
-dieser ganze <em>Sieg der Werte</em> antibiologisch sei: man muß
-suchen, ihn zu erklären aus einem Interesse des <em>Lebens</em>,
-zur <em>Aufrechterhaltung</em> des Typus „Mensch“ selbst durch
-diese Methodik der <em>Über</em>herrschaft der Schwachen und
-Schlechtweggekommenen &ndash;&nbsp;: im andern Falle existierte der
-Mensch nicht mehr? &ndash; Problem &ndash; &ndash; &ndash;</p>
-
-<p>Die <em>Steigerung</em> des Typus verhängnisvoll für die <em>Erhaltung
-der Art</em>? Warum? &ndash;</p>
-
-<p>Es zeigen die Erfahrungen der Geschichte: die starken
-Rassen <em>dezimieren</em> sich <em>gegenseitig</em>: durch Krieg, Machtbegierde,
-Abenteuer; die starken Affekte: die <em>Vergeudung</em>
-&ndash; (es wird Kraft nicht mehr kapitalisiert, es entsteht die
-geistige Störung durch die übertriebene Spannung); ihre
-Existenz ist kostspielig, kurz &ndash; sie reiben sich <em>untereinander</em>
-auf &ndash;; es treten Perioden <em>tiefer Abspannung</em> und
-Schlaffheit ein: alle großen Zeiten werden <em>bezahlt</em>.... Die
-Starken sind hinterdrein schwächer, willenloser, absurder als
-die durchschnittlich Schwachen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[Pg 364]</a></span></p>
-
-<p>Es sind <em>verschwenderische</em> Rassen. Die „<em>Dauer</em>“ an
-sich hätte ja keinen Wert: man möchte wohl eine kürzere,
-aber wert<em>reichere</em> Existenz der Gattung vorziehen. &ndash; Es
-bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst so ein reicherer Wertertrag
-erzielt würde als im Fall der kürzeren Existenz; das
-heißt, der Mensch als Aufsummierung von Kraft gewinnt
-ein viel höheres Quantum von Herrschaft über die Dinge,
-wenn es so geht, wie es geht.... Wir stehen vor einem
-Problem der <em>Ökonomie</em> &ndash; &ndash; &ndash;</p>
-
-
-<h4>672.</h4>
-
-<p><em>Die Starken der Zukunft.</em> &ndash; Was teils die Not, teils
-der Zufall hier und da erreicht hat, die Bedingungen zur
-Hervorbringung einer <em>stärkeren</em> Art: das können wir jetzt
-begreifen und wissentlich <em>wollen</em>: wir können die Bedingungen
-schaffen, unter denen eine solche Erhöhung möglich
-ist.</p>
-
-<p>Bis jetzt hatte die „Erziehung“ den Nutzen der Gesellschaft
-im Auge: <em>nicht</em> den möglichsten Nutzen der Zukunft,
-sondern den Nutzen der gerade bestehenden Gesellschaft.
-„Werkzeuge“ für sie wollte man. Gesetzt, <em>der Reichtum
-an Kraft wäre größer</em>, so ließe sich ein <em>Abzug von Kräften</em>
-denken, dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft
-gälte, sondern einem zukünftigen Nutzen.</p>
-
-<p>Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe,
-inwiefern die gegenwärtige Form der Gesellschaft in
-einer starken Verwandlung wäre, um irgendwann einmal
-<em>nicht mehr um ihrer selber willen existieren zu können</em>:
-sondern nur noch als <em>Mittel</em> in den Händen einer
-stärkeren Rasse.</p>
-
-<p>Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade
-die treibende Kraft, um an die Züchtung einer <em>stärkeren
-Rasse</em> zu denken: welche gerade ihren Überschuß darin hätte,
-worin die verkleinerte Spezies schwach und schwächer würde
-(Wille, Verantwortlichkeit, Selbstgewißheit, Ziele-sich-setzen-können).</p>
-
-<p>Die <em>Mittel</em> wären die, welche die Geschichte lehrt: die<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[Pg 365]</a></span>
-<em>Isolation</em> durch umgekehrte Erhaltungsinteressen, als die
-durchschnittlichen heute sind; die Einübung in umgekehrten
-Wertschätzungen; die Distanz als Pathos; das freie Gewissen
-im heute Unterschätztesten und Verbotensten.</p>
-
-<p>Die <em>Ausgleichung</em> des europäischen Menschen ist der
-große Prozeß, der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn
-noch beschleunigen. Die Notwendigkeit für eine <em>Kluftaufreißung</em>,
-<em>Distanz</em>, <em>Rangordnung</em> ist damit gegeben:
-nicht die Notwendigkeit, jenen Prozeß zu verlangsamen.</p>
-
-<p>Diese <em>ausgeglichene</em> Spezies bedarf, sobald sie erreicht
-ist, einer <em>Rechtfertigung</em>: sie liegt im Dienste einer höheren
-souveränen Art, welche auf ihr steht und erst auf ihr
-sich zu ihrer Aufgabe erheben kann. Nicht nur eine Herrenrasse,
-deren Aufgabe sich damit erschöpfte, zu regieren:
-sondern eine Rasse mit <em>eigener Lebenssphäre</em>, mit einem
-Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Kultur,
-Manier bis ins Geistigste; eine <em>bejahende</em> Rasse, welche
-sich jeden großen Luxus gönnen darf &ndash;, stark genug, um
-die Tyrannei des Tugend-Imperativs nicht nötig zu haben,
-reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie nicht nötig
-zu haben, jenseits von Gut und Böse; ein Treibhaus für
-sonderbare und ausgesuchte Pflanzen.</p>
-
-
-<h4>673.</h4>
-
-<p><em><span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Summa</span></em>: die <em>Herrschaft</em> über die Leidenschaften, <em>nicht</em>
-deren Schwächung oder Ausrottung! &ndash; Je größer die Herrenkraft
-des Willens ist, um soviel mehr Freiheit darf den
-Leidenschaften gegeben werden.</p>
-
-<p>Der „große Mensch“ ist groß durch den Freiheitsspielraum
-seiner Begierden und durch die noch größere Macht,
-welche diese prachtvollen Untiere in Dienst zu nehmen weiß.</p>
-
-<p>Der „gute Mensch“ ist auf jeder Stufe der Zivilisation
-der <em>Ungefährliche und Nützliche zugleich</em>: eine Art
-<em>Mitte</em>; der Ausdruck im gemeinen Bewußtsein davon, <em>vor
-wem man sich nicht zu fürchten hat, und wen man
-trotzdem nicht verachten darf</em>.</p>
-
-<p>Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu <em>rui<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[Pg 366]</a></span>nieren</em>
-zugunsten der Regel. Bildung: wesentlich das Mittel,
-den Geschmack <em>gegen</em> die Ausnahme zu richten zugunsten
-des Mittleren.</p>
-
-<p>Erst wenn eine Kultur über einen Überschuß von Kräften
-zu gebieten hat, kann sie auch ein Treibhaus für den Luxuskultus
-der Ausnahme, des Versuchs, der Gefahr, der Nuance
-sein: &ndash; <em>jede</em> aristokratische Kultur tendiert <em>dahin</em>.</p>
-
-
-<h4>674.</h4>
-
-<p>Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn
-man ihn fragt: „Willst du tugendhaft werden?“ &ndash; aber
-er macht die Augen auf, wenn man ihn fragt: „Willst du
-stärker werden als deine Kameraden?“</p>
-
-<p>Wie wird man stärker? &ndash; Sich langsam entscheiden, und
-zähe festhalten an dem, was man entschieden hat. Alles
-andere folgt.</p>
-
-<p>Die <em>Plötzlichen</em> und die <em>Veränderlichen</em>: die beiden
-Arten der Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln;
-die Distanz fühlen &ndash; beizeiten!</p>
-
-<p>Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen
-erschlafft. Jeder Umgang ist gut, bei dem die Wehr und
-Waffen, die man in den Instinkten hat, geübt werden. Die
-ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft auf die Probe
-zu stellen.... <em>Hier</em> das Unterscheidende sehen, nicht im
-Wissen, Scharfsinn, Witz.</p>
-
-<p>Man muß befehlen lernen, beizeiten, &ndash; ebensogut als
-gehorchen. Man muß Bescheidenheit, <em>Takt</em> in der Bescheidenheit
-lernen: nämlich auszeichnen, ehren, wo man bescheiden
-ist; ebenso mit Vertrauen &ndash; auszeichnen, ehren.</p>
-
-<p>Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit;
-seinen eigensten Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben;
-sich verwechseln; sich niedrig nehmen; die Feinheit
-des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; &ndash; dieser <em>Mangel
-an Ehrerbietung</em> gegen sich rächt sich durch jede Art von
-<em>Einbuße</em>: Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz,
-Heiterkeit, Freiheit, Festigkeit, Mut. Man vergibt sich später<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[Pg 367]</a></span>
-diesen Mangel an echtem Egoismus nie: man nimmt ihn
-als Einwand, als Zweifel an einem wirklichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ego</span>.</p>
-
-
-<h4>675.</h4>
-
-<p>Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere
-Herrschaftsgebilde geben, dergleichen es noch
-nicht gegeben hat. Und dies ist noch nicht das Wichtigste;
-es ist die Entstehung von internationalen Geschlechtsverbänden
-möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzen, eine
-Herrenrasse heraufzuzüchten, die zukünftigen „Herren der
-Erde“; &ndash; eine neue, ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung
-aufgebaute Aristokratie, in der dem Willen philosophischer
-Gewaltmenschen und Künstlertyrannen Dauer
-über Jahrtausende gegeben wird: &ndash; eine höhere Art Menschen,
-die sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen,
-Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen
-als ihres gefügigsten und beweglichsten Werkzeugs, um die
-Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am
-„Menschen“ selbst als Künstler zu gestalten. Genug, die
-Zeit kommt, wo man über Politik umlernen wird.</p>
-
-
-<h4>676.</h4>
-
-<p>Wir wenigen oder vielen, die wir wieder in einer <em>entmoralisierten</em>
-Welt zu leben wagen, wir <em>Heiden</em> dem
-Glauben nach: wir sind wahrscheinlich auch die ersten, die
-es begreifen, was ein <em>heidnischer Glaube</em> ist: &ndash; sich
-höhere Wesen, als der Mensch ist, vorstellen müssen, aber
-diese <em>jenseits</em> von Gut und Böse; alles Höher-sein auch
-als <em>Unmoralisch-sein</em> abschätzen müssen. Wir glauben an
-den Olymp &ndash; und <em>nicht</em> an den „Gekreuzigten“.</p>
-
-
-<h4>677.</h4>
-
-<p>Die Täuschung <em>Apollos</em>: die <em>Ewigkeit</em> der schönen
-Form; die aristokratische Gesetzgebung „<em>so soll es immer
-sein</em>!“</p>
-
-<p><em>Dionysos</em>: Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit
-könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden
-und zerstörenden Kraft, als <em>beständige Schöpfung</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[Pg 368]</a></span></p>
-
-
-<h4>678.</h4>
-
-<p><em>Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte.</em>
-&ndash; Festzustellen: ob der typische <em>religiöse</em> Mensch eine
-<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">décadence</span>-Form ist (die großen Neuerer sind samt und sonders
-krankhaft und epileptisch); aber lassen wir nicht da
-einen Typus des religiösen Menschen aus, den <em>heidnischen</em>?
-Ist der heidnische Kult nicht eine Form der Danksagung
-und der Bejahung des Lebens? Müßte nicht sein
-höchster Repräsentant eine Apologie und Vergöttlichung des
-Lebens sein? Typus eines wohlgeratenen und entzückt-überströmenden
-Geistes! Typus eines die Widersprüche und
-Fragwürdigkeiten des Daseins in sich hineinnehmenden und
-<em>erlösenden</em> Geistes!</p>
-
-<p>Hierher stelle ich den <em>Dionysos</em> der Griechen: die religiöse
-Bejahung des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten
-und halbierten Lebens; (typisch &ndash; daß der Geschlechtsakt
-Tiefe, Geheimnis, Ehrfurcht erweckt).</p>
-
-<p>Dionysos gegen den „Gekreuzigten“: da habt ihr den
-Gegensatz. Es ist <em>nicht</em> eine Differenz hinsichtlich des Martyriums,
-&ndash; nur hat dasselbe einen anderen Sinn. Das
-Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit und Wiederkehr bedingt
-die Qual, die Zerstörung, den Willen zur Vernichtung.
-Im andern Falle gilt das Leiden, der „Gekreuzigte als der
-Unschuldige“, als Einwand gegen dieses Leben, als Formel
-seiner Verurteilung. &ndash; Man errät: das Problem ist das
-vom Sinn des Leidens: ob ein christlicher Sinn, ob ein tragischer
-Sinn. Im ersten Falle soll es der Weg sein zu
-einem heiligen Sein; im letzteren Falle gilt <em>das Sein als
-heilig genug</em>, um ein Ungeheures von Leid noch zu rechtfertigen.
-Der tragische Mensch bejaht noch das herbste Leiden:
-er ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu; der christliche
-verneint noch das glücklichste Los auf Erden: er ist
-schwach, arm, enterbt genug, um in jeder Form noch am
-Leben zu leiden. Der Gott am Kreuz ist ein Fluch auf das
-Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; &ndash; der in
-Stücke geschnittene Dionysos ist eine <em>Verheißung</em> des Le<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[Pg 369]</a></span>bens:
-es wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung
-heimkommen.</p>
-
-
-<h4>679.</h4>
-
-<p>Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an
-welchem zuletzt jede andere Denkweise zugrunde geht. Es
-ist der große, <em>züchtende</em> Gedanke: die Rassen, welche ihn
-nicht ertragen, sind verurteilt: die, welche ihn als größte
-Wohltat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehen.</p>
-
-
-<h4>680.</h4>
-
-<p>Ich will den Gedanken lehren, welcher vielen das Recht
-gibt, sich durchzustreichen, &ndash; den großen <em>züchtenden</em> Gedanken.</p>
-
-
-<h4>681.</h4>
-
-<p>Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller
-Dinge vor, um sie nicht <em>zu wichtig</em> zu nehmen und zwischen
-ihnen ruhig zu bleiben. Mir scheint umgekehrt alles viel
-zu viel wert zu sein, als daß es so flüchtig sein dürfte: ich
-suche nach einer Ewigkeit für jegliches: dürfte man die kostbarsten
-Salben und Weine ins Meer gießen? &ndash; Mein Trost
-ist, daß alles, was war, ewig ist: &ndash; das Meer spült es
-wieder her.</p>
-
-
-<h4>682.</h4>
-
-<p>Die beiden extremsten Denkweisen &ndash; die mechanistische
-und die platonische &ndash; kommen überein in der <em>ewigen Wiederkunft</em>:
-beide als Ideale.</p>
-
-
-<h4>683.</h4>
-
-<p>1. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft: seine Voraussetzungen,
-welche wahr sein müßten, wenn er wahr ist. Was
-aus ihm folgt.</p>
-
-<p>2. Als der <em>schwerste</em> Gedanke: seine mutmaßliche Wirkung,
-falls nicht vorgebeugt wird, das heißt, falls nicht alle
-Werte umgewertet werden.</p>
-
-<p>3. Mittel, ihn zu <em>ertragen</em>: die Umwertung aller Werte.
-Nicht mehr die Lust an der Gewißheit, sondern an der Ungewißheit;
-nicht mehr „Ursache und Wirkung“, sondern<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[Pg 370]</a></span>
-das beständig Schöpferische; nicht mehr Wille der Erhaltung,
-sondern der Macht; nicht mehr die demütige Wendung,
-„es ist alles <em>nur</em> subjektiv“, sondern „es ist auch
-<em>unser</em> Werk! &ndash; seien wir stolz darauf!“</p>
-
-
-<h4>684.</h4>
-
-<p><em>Die neue Weltkonzeption.</em> &ndash; Die Welt besteht; sie
-ist nichts, was wird, nichts, was vergeht. Oder vielmehr:
-sie wird, sie vergeht, aber sie hat nie angefangen zu werden
-und nie aufgehört zu vergehen, &ndash; sie <em>erhält</em> sich in beidem....
-Sie lebt von sich selber: ihre Exkremente sind ihre
-Nahrung.</p>
-
-<p>Die Hypothese einer <em>geschaffenen Welt</em> soll uns nicht
-einen Augenblick bekümmern. Der Begriff „schaffen“ ist
-heute vollkommen undefinierbar, unvollziehbar; bloß ein
-Wort noch, rudimentär aus Zeiten des Aberglaubens; mit
-einem Wort erklärt man nichts. Der letzte Versuch, eine
-Welt, die <em>anfängt</em>, zu konzipieren, ist neuerdings mehrfach
-mit Hilfe einer logischen Prozedur gemacht worden &ndash;
-zumeist, wie zu erraten ist, aus einer theologischen Hinterabsicht.</p>
-
-<p>Man hat neuerdings mehrfach dem Begriff „Zeitunendlichkeit
-der Welt <em>nach hinten</em>“ (<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">regressus in infinitum</span>)
-einen Widerspruch finden wollen: man hat ihn selbst gefunden,
-um den Preis freilich, dabei den Kopf mit dem
-Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern, von
-diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen, „ich
-werde nie dabei an ein Ende kommen“; wie ich vom gleichen
-Augenblick vorwärts rechnen kann, ins Unendliche hinaus.
-Erst wenn ich den Fehler machen wollte &ndash; ich werde mich
-hüten, es zu tun &ndash;, diesen korrekten Begriff eines <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">regressus
-in infinitum</span> gleichzusetzen mit einem <em>gar nicht vollziehbaren</em>
-Begriff eines endlichen <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">progressus</span> bis jetzt, erst
-wenn ich die <em>Richtung</em> (vorwärts oder rückwärts) als logisch
-indifferent setzte, würde ich den Kopf &ndash; diesen Augenblick
-&ndash; als Schwanz zu fassen bekommen....</p>
-
-<p>Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern ge<span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[Pg 371]</a></span>stoßen:
-jedesmal war er durch andere Hintergedanken bestimmt
-(&ndash; meistens theologische, zugunsten des <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">creator
-spiritus</span>). Wenn die Welt überhaupt erstarren, vertrocknen,
-absterben, nichts werden könnte, oder wenn sie einen Gleichgewichtszustand
-erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt
-irgendein Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit,
-das Ein-für-alle-Mal in sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet:
-wenn das Werden in das Sein oder ins Nichts münden
-<em>könnte</em>), so müßte dieser Zustand erreicht sein. Aber
-er ist nicht erreicht: woraus folgt.... Das ist unsre einzige
-Gewißheit, die wir in den Händen halten, um als Korrektiv
-gegen eine große Menge an sich möglicher Welthypothesen
-zu dienen. Kann zum Beispiel der Mechanismus der
-Konsequenz eines Finalzustandes nicht entgehen, welche William
-Thomson ihm gezogen hat, so ist damit der Mechanismus
-<em>widerlegt</em>.</p>
-
-<p>Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als
-bestimmte Zahl von Kraftzentren gedacht werden <em>darf</em> &ndash;
-und jede andre Vorstellung bleibt unbestimmt und folglich
-<em>unbrauchbar</em> &ndash;, so folgt daraus, daß sie eine berechenbare
-Zahl von Kombinationen im großen Würfelspiel ihres
-Daseins durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit
-würde jede mögliche Kombination irgendwann einmal erreicht
-sein; mehr noch: sie würde unendliche Male erreicht
-sein. Und da zwischen jeder Kombination und ihrer nächsten
-Wiederkehr alle überhaupt noch möglichen Kombinationen
-abgelaufen sein müßten, und jede dieser Kombinationen
-die ganze Folge der Kombinationen in derselben Reihe
-bedingt, so wäre damit ein Kreislauf von absolut identischen
-Reihen bewiesen: die Welt als Kreislauf, der sich unendlich
-oft bereits wiederholt hat und der sein Spiel <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in infinitum</span>
-spielt. &ndash; Diese Konzeption ist nicht ohne weiteres eine mechanistische:
-denn wäre sie das, so würde sie nicht eine unendliche
-Wiederkehr identischer Fälle bedingen, sondern einen
-Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat, muß
-der Mechanismus uns als unvollkommene und nur vorläufige
-Hypothese gelten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[Pg 372]</a></span></p>
-
-
-<h4>685.</h4>
-
-<p>Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe
-es für sie einen unbeabsichtigten Endzustand, so müßte er
-ebenfalls erreicht sein. Wäre sie überhaupt eines Verharrens
-und Starrwerdens, eines „Seins“ fähig, hätte sie
-in allem ihren Werden nur einen Augenblick diese Fähigkeit
-des „Seins“, so wäre es wiederum mit allem Werden
-längst zu Ende, also auch mit allem Denken, mit allem
-„Geiste“. Die Tatsache des „Geistes“ <em>als eines Werdens</em>
-beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen Endzustand
-hat und des Seins unfähig ist. &ndash; Die alte Gewohnheit aber,
-bei allem Geschehen an Ziele und bei der Welt an einen
-lenkenden, schöpferischen Gott zu denken, ist so mächtig,
-daß der Denker Mühe hat, sich selber die Ziellosigkeit der
-Welt nicht wieder als Absicht zu denken. Auf diesen Einfall
-&ndash; daß also die Welt absichtlich einem Ziel <em>ausweiche</em>
-und sogar das Hineingeraten in einen Kreislauf künstlich zu
-verhüten wisse &ndash; müssen alle die verfallen, welche der
-Welt das Vermögen zur <em>ewigen Neuheit</em> aufdekretieren
-möchten, das heißt einer endlichen, bestimmten, unveränderlich
-gleichgroßen Kraft, wie es „die Welt“ ist, die Wunderfähigkeit
-zur <em>unendlichen</em> Neugestaltung ihrer Formen und
-Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der
-göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungskraft
-fähig sein; sie soll es sich willkürlich <em>verwehren</em>,
-in eine ihrer alten Formen zurückzugeraten; sie soll nicht nur
-die Absicht, sondern auch die <em>Mittel</em> haben, sich selber vor
-jeder Wiederholung zu <em>bewahren</em>; sie soll somit in jedem
-Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung von
-Zielen, Endzuständen, Wiederholungen hin <em>kontrollieren</em>
-&ndash; und was alles die Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten
-Denk- und Wunschweise sein mögen. Das ist immer
-noch die alte religiöse Denk- und Wunschweise, eine Art
-Sehnsucht, zu glauben, daß <em>irgendworin</em> doch die Welt
-dem alten, geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen
-Gotte gleich sei &ndash; daß irgendworin doch „der alte
-Gott noch lebe“ &ndash;, jene Sehnsucht Spinozas, die sich in<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[Pg 373]</a></span>
-dem Worte „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">deus sive natura</span>“ (er empfand sogar „<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">natura
-sive deus</span>“ &ndash;) ausdrückt. Welches ist denn aber der Satz
-und Glaube, mit welchem sich die entscheidende Wendung,
-das jetzt erreichte <em>Übergewicht</em> des wissenschaftlichen Geistes
-über den religiösen, götter-erdichtenden Geist, am bestimmtesten
-formuliert? Heißt er nicht: die Welt als Kraft darf
-nicht unbegrenzt gedacht werden, denn sie <em>kann</em> nicht so gedacht
-werden, &ndash; wir verbieten uns den Begriff einer <em>unendlichen
-Kraft als mit dem Begriff „Kraft“ unverträglich</em>.
-Also &ndash; fehlt der Welt auch das Vermögen
-zur ewigen Neuheit.</p>
-
-
-<h4>686.</h4>
-
-<p>Daß eine Gleichgewichtslage nie erreicht ist, beweist, daß
-sie nicht möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum
-müßte sie erreicht sein. Ebenfalls in einem kugelförmigen
-Raum. Die <em>Gestalt</em> des Raumes muß die Ursache der
-ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller „Unvollkommenheit“.</p>
-
-<p>Daß „Kraft“ und „Ruhe“, „Sich-gleich-bleiben“ sich
-widerstreiten. Das Maß der Kraft (als Größe) fest, ihr
-Wesen aber flüssig.</p>
-
-<p>„Zeitlos“ abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick
-der Kraft ist die absolute Bedingtheit einer neuen Verteilung
-aller ihrer Kräfte gegeben: sie kann nicht stillstehen.
-„Veränderung“ gehört ins Wesen hinein, also auch die Zeitlichkeit:
-womit aber nur die Notwendigkeit der Veränderung
-noch einmal begrifflich gesetzt wird.</p>
-
-
-<h4>687.</h4>
-
-<p>Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die <em>ewige
-Wiederkehr</em>.</p>
-
-
-<h4>688.</h4>
-
-<p>Um den Gedanken der Wiederkunft zu <em>ertragen</em>, ist
-nötig: Freiheit von der Moral; &ndash; neue Mittel gegen die
-Tatsache des <em>Schmerzes</em> (Schmerz begreifen als Werkzeug,
-als Vater der Lust; es gibt kein <em>summierendes</em> Bewußtsein
-der Unlust); &ndash; der Genuß an aller Art Ungewiß<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[Pg 374]</a></span>heit,
-Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen
-Fatalismus; &ndash; Beseitigung des Notwendigkeitsbegriffs;
-&ndash; Beseitigung des „Willens“; &ndash; Beseitigung
-der „Erkenntnis an sich“.</p>
-
-<p><em>Größte Erhöhung des Kraftbewußtseins</em> des Menschen
-als dessen, der den Übermenschen schafft.</p>
-
-
-<h4>689.</h4>
-
-<p>Die beiden größten (von Deutschen gefundenen) philosophischen
-Gesichtspunkte:</p>
-
-<p><span class="antiqua">a</span>) der des <em>Werdens</em>, der <em>Entwicklung</em>;</p>
-
-<p><span class="antiqua">b</span>) der nach dem <em>Werte des Daseins</em> (aber die erbärmliche
-Form des deutschen Pessimismus erst zu überwinden!)
-&ndash;</p>
-
-<p>beide von mir in <em>entscheidender</em> Weise zusammengebracht.</p>
-
-<p>Alles wird und kehrt ewig wieder, &ndash; <em>entschlüpfen</em> ist
-nicht <em>möglich</em>! &ndash; Gesetzt, wir <em>könnten</em> den Wert beurteilen,
-was folgt daraus? Der Gedanke der Wiederkunft als
-<em>auswählendes</em> Prinzip im Dienste der <em>Kraft</em> (und Barbarei!!).</p>
-
-<p><em>Reife</em> der Menschheit für <em>diesen</em> Gedanken.</p>
-
-
-<h4>690.</h4>
-
-<p>Es ist ganz und gar nicht die erste Frage, ob wir mit uns
-zufrieden sind, sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden
-sind. Gesetzt, wir sagen ja zu einem einzigen Augenblick,
-so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern
-zu allem Dasein ja gesagt. Denn es steht nichts für sich,
-weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein
-einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert
-und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine
-Geschehen zu bedingen &ndash; und alle Ewigkeit war in diesem
-einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst,
-gerechtfertigt und bejaht.</p>
-
-
-<h4>691.</h4>
-
-<p>Es muß solche geben, die alle Verrichtungen heiligen,
-nicht nur Essen und Trinken: &ndash; und nicht nur im Gedächt<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[Pg 375]</a></span>nis
-an sie oder im Eins-werden mit ihnen, <em>sondern immer
-von neuem und auf neue Weise</em> soll diese Welt verklärt
-werden.</p>
-
-
-<h4>692.</h4>
-
-<p>Der Mensch ist das <em>Untier</em> und <em>Übertier</em>; der höhere
-Mensch ist der Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen.
-Mit jedem Wachstum des Menschen in die Größe
-und Höhe wächst er auch in das Tiefe und Furchtbare: man
-soll das eine nicht wollen ohne das andere, &ndash; oder vielmehr:
-je gründlicher man das eine will, um so gründlicher erreicht
-man gerade das andere.</p>
-
-
-<h4>693.</h4>
-
-<p>Nicht „Menschheit“, sondern <em>Übermensch</em> ist das Ziel!</p>
-
-
-<h4>694.</h4>
-
-<p><span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Come l'uom s'eterna</span>....</p>
-
-<p class="right"><span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Inf.</span> XV, 85.</p>
-
-
-<h4>695.</h4>
-
-<p>Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in
-jedem ihrer Winkel gesessen zu haben &ndash; mein Ehrgeiz,
-meine Tortur und mein Glück.</p>
-
-<p>Wirklich den Pessimismus <em>überwinden</em> &ndash;; ein Goethescher
-Blick voll Liebe und gutem Willen als Resultat.</p>
-
-
-<h4>696.</h4>
-
-<p>Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie
-euch in meinem Spiegel zeigen? Die Welt: ein Ungeheuer
-von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste, eherne
-Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die
-sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes
-unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen,
-aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom
-„Nichts“ umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes,
-Verschwendetes, nichts Unendlich-Ausgedehntes,
-sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten
-Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo
-„leer“ wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[Pg 376]</a></span>
-Kräften und Kraftwellen zugleich eins und vieles, hier sich
-häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich
-selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd,
-ewig zurücklaufend mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr,
-mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten
-in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten,
-Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste,
-Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus
-der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der
-Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber
-bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und
-Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen
-muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß,
-keine Müdigkeit kennt &ndash;&nbsp;: diese meine <em>dionysische</em>
-Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens,
-diese Geheimniswelt der doppelten Wollüste,
-dies mein „Jenseits von Gut und Böse“ ohne Ziel, wenn
-nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt ohne Willen, wenn
-nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat, &ndash; wollt ihr
-einen <em>Namen</em> für diese Welt? Eine <em>Lösung</em> für alle ihre
-Rätsel? Ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten,
-Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? &ndash; <em>Diese Welt
-ist der Wille zur Macht &ndash; und nichts außerdem!</em> Und
-auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht &ndash; und nichts
-außerdem!</p>
-
-<div class="tnote p4">
-<p>Bei der Transkription vorgenommene Änderungen:</p>
-<p>Im Satz "Man folgt, aber man folgert nicht mehr." war im Original nach dem ersten Halbsatz ein Absatz gebildet. Dieser wurde entfernt.</p>
-
-<p>Die Kapitelzählung "64." stand nicht über dem Absatz, sondern erst am Beginn der nächsten Seite. Dies wurde korrigiert.</p>
-
-<p>In "Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst mißverstehen wollte" stand "mistverstehen".</p>
-</div>
-
-<p>In
-"Das wäre der Fall, wenn etwas innerhalb jenes
-Prozesses in jedem Momente desselben <em>erreicht</em> würde &ndash;
-und immer das Gleiche.", "sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt &ndash;
-und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich <em>inkongruent</em>" sowie in "daß die Strafen proportional
-wehe tun sollen gemäß der Größe des Verbrechens &ndash;
-und so wollt ihr's ja alle im Grunde!" stand jeweils zweimal "und" nach dem Gedankenstrich.</p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Der Wille zur Macht, by Friedrich Nietzsche
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WILLE ZUR MACHT ***
-
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