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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 07:53:46 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Die Frauenfrage im Mittelalter - -Author: Karl Bücher - -Release Date: August 5, 2019 [EBook #60062] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE IM MITTELALTER *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber - dem Original unverändert; fremdsprachliche Begriffe wurden nicht - korrigiert. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden, abgesehen von der - Titelseite, als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) wiedergegeben. - Die Verwendung des ‚scharfen S‘ (ß) entspricht nicht in allen - Fällen den heutigen Rechtschreibgewohnheiten. - - Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit - den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - - #################################################################### - - - - - DIE FRAUENFRAGE - - IM - - MITTELALTER - - VON - - KARL BÜCHER. - - ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE. - - TÜBINGEN - - VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG - 1910. - - - - - Alle Rechte vorbehalten. - - Druck von H. Laupp jr in Tübingen. - - - - - FRAU - - LINA LUDWIG - - GEWIDMET. - - - - -Das Beste, was Frauen uns geben, können wir niemals wiedergeben, und -wenn ich dieses Büchlein Dir, der lieben guten Mama, zueigne, so weiss -ich, dass damit die Dankesschuld nicht abgetragen werden kann, zu der -ich mich bekennen muss. Aber vielleicht ist es Dir doch eine Freude, -dadurch an die Zeit erinnert zu werden, wo sich auf dem Frankfurter -Stadtarchiv mir die Gedanken, die es enthält, zusammenfügten und ich an -so manchem schönen Sonntag bei Euch in Heppenheim ausspannen durfte. - -Ausgesprochen wurden diese Gedanken zuerst in einem Vortrage, den ich -am 28. März 1882 im Liebigschen Hörsaale zu München vor gebildeten -Frauen und Männern gehalten habe. Aus dem Kreise der Zuhörer sahen -damals zwei freundliche Augen zu mir empor, die seitdem meinen -Lebensweg erhellten und die jetzt erloschen sind. Du wirst es vor -allen verstehen, dass ich mich lange nicht entschliessen konnte, das -Büchlein, das damals gedruckt wurde, zu erneuern, als es vergriffen -war. Wenn ich es jetzt dennoch tue, so bin ich nicht der Versuchung -erlegen, was ich einst in keckem Jugendmute hingestellt hatte, mit -altem, bedächtigem Kopfe umzumodeln. Die Schrift scheint doch manchem -so, wie sie ist, lieb geworden zu sein, und wenn ich heute vielleicht -auch vieles anders sagen würde, in ihren tatsächlichen Feststellungen -hat sie vor der Kritik bestehen können. Die Verbesserungen der -neuen Auflage beschränken sich deshalb auf kleinere Berichtigungen -und Zusätze und auf eine grössere Aenderung am Schlusse, zu der -die Ergebnisse der Berufszählung von 1907 Anlass gaben. Ausserdem -sind in den Anmerkungen einige genauere Belege gegeben, ohne dass -Vollständigkeit der Literaturangaben erstrebt wurde. Eine gelehrte -Abhandlung sollte mein Vortrag nicht werden. - -Eine neue Zugabe ist das Bildchen auf Umschlag und Einband. Es stellt -eine der Hilfsarbeiterinnen des Frankfurter Wollenhandwerks, wenn nicht -alles trügt, in Bekinentracht dar, entworfen von einem Frankfurter -Schreiber, der das Bedebuch von 1405 mit lustigen Federzeichnungen -versehen hat. Das Bildchen steht bei der Lindheimer Gasse, die -im damaligen Weberviertel der Altstadt liegt. Bei der Härte der -mittelalterlichen Bede ist eine amtlich illustrierte Steuerliste eine -so seltsame Erscheinung, dass ihr Urheber wenigstens in einer kleinen -Probe seiner Kunst dem steuergeplagten XX. Jahrhundert bekannt zu -werden verdiente, stünde diese Probe auch nicht in so enger Beziehung -zum Inhalt dieses Büchleins, als es tatsächlich der Fall ist. -Vielleicht kann sie seinen Ernst um ein Weniges mildern und durch ihr -Wirklichkeitsgepräge den Irrtümern, deren es immer noch genug enthalten -wird, die freundliche Nachsicht erwirken, deren wir alle bedürfen. - - +Leipzig+, den 25. Oktober 1909. - - +Karl Bücher.+ - - - - -Inhalt. - - - Die Frage 1. -- Ihr zwiespältiges Wesen 2. -- Ihre statistische - Wurzel 3. -- Das Zahlenverhältnis der Geschlechter im Mittelalter - 5. -- Ursachen des grossen Frauenüberschusses 7. Verschärfung - durch Ehebeschränkungen 9. -- Wirtschaftliche Stellung der Frau im - deutschen Altertum 10. -- Berufsbildung und Entlastung der Frauen - 12. -- Angeblicher Ausschluss von zünftiger Erwerbstätigkeit 13. - -- Tatsächliches Verhältnis 15, -- in der Textilindustrie 16, in - der Schneiderei 18, -- in anderen zünftigen Gewerben 19, -- in - nicht zünftigen Berufen 20. -- Versorgungsanstalten: a) Klöster 24; - -- b) Leibrentenkauf 26; -- c) Samenungen 27; -- d) Gotteshäuser - 32. Statistisches 34. Statuten 35. Tätigkeit der Bekinen 36. - Aufnahmebedingungen 38. Lebensweise 38. Religiöse Stellung 40. - Entartung 41. -- Soziale Stellung der Frauen im Mittelalter 43. - -- Gegensätze 45. -- Fahrende Frauen 48. -- Die gemeinen Frauen - in den Städten 55. Frauenhäuser 56. Sittenpolizei 60. Eingreifen - der Kirche 61. Reuerinnen 62. Rettungshäuser 63. -- Rückblick 66. - Wandlung seit der Reformation 67. -- Die heutige Frauenfrage 71. -- - Anmerkungen 76. - - - - -Die »Frauenfrage« bildet nach allgemeiner Annahme eine Zeitfrage von -so eigenartig modernem Charakter, dass es von vornherein fraglich -erscheinen könnte, ob man berechtigt sei, diesen Ausdruck auch auf -Erscheinungen der Vergangenheit anzuwenden. Wenn wir aber überall -da von »Fragen« reden, wo wir die vorhandenen Zustände in einem -auffälligen Widerspruche sehen zu dem, was Vernunft und Gerechtigkeit -fordern, so wird es wohl kaum noch einem Zweifel unterliegen, dass -wir auch von Fragen der Vergangenheit sprechen dürfen, wo wir immer -derartige Widersprüche zwischen dem, was +war+, und dem, was hätte -sein sollen, entdecken. Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob die -tatsächlich vorhandenen Widersprüche als »Fragen« in das Bewusstsein -der Zeitgenossen getreten sind; es genügt vollständig, wenn ein -derartiger Widerspruch nachgewiesen werden kann, oder wenn sich -Versuche und Anstalten zu seiner Beseitigung erkennen lassen. Oder -wollte etwa jemand leugnen, dass die moderne Frauenfrage lange vor der -Zeit schon existiert hat, wo sie anfing, in populären Vorträgen, auf -»Frauentagen« oder bei ästhetischen Teegesellschaften verhandelt zu -werden? - -Wenn ich in diesem Sinne von einer Frauenfrage im Mittelalter sprechen -will, so bin ich weit davon entfernt, mich auf den Standpunkt -derjenigen zu stellen, welche die gesamte rechtliche, politische und -soziale Stellung der Frau im Widerspruch finden mit den Forderungen -der Vernunft und Gerechtigkeit. Von diesem Standpunkte aus gab es -sicherlich im Mittelalter weit, weit mehr zu »fragen« und zu wünschen -als heutzutage. Ich denke mich vielmehr auf jenen engeren Teil -der Frauenfrage zu beschränken, den man vielleicht richtiger als -»Frauen+erwerbs+frage« bezeichnen würde. Freilich hat auch noch in -diesem engeren Sinne heute die Frauenfrage eine doppelte Seite. Sie -stellt sich dar einerseits als Frauenschutzfrage mit Bezug auf die -zahlreichen weiblichen Arbeiter der Industrie, anderseits als Frage der -Erweiterung des Erwerbsgebiets der Frauen für diejenigen weiblichen -Glieder der gebildeten Klasse, welche aus irgend einem Grunde -ausserhalb der natürlichen Tätigkeitssphäre ihres Geschlechtes in der -Wirtschaft Verwendung suchen. - -Welche von diesen beiden Seiten der Frauenerwerbsfrage man nun -auch ins Auge fassen mag, immer wird man darauf zurückgeführt, die -+Wurzel+ derselben zu suchen in der Tatsache, dass gegenwärtig ein -ansehnlicher Teil der Frauen innerhalb der Familie nicht diejenige -Versorgungsgelegenheit findet, die wir ihm aus allgemeinen Gründen -wünschen müssen. Diese Tatsache beruht in erster Linie auf einem -statistischen Missverhältnis, welches obwaltet zwischen der Zahl der -heiratsfähigen Frauen und Männer, sodann aber auf einer entweder -notwendigen oder freiwilligen Enthaltung von der Ehe auf Seiten eines -Teils der heiratsfähigen Männer. - -Was zunächst jenes statistische Missverhältnis betrifft, so ist es eine -bekannte Tatsache, dass fast in allen europäischen Staaten unter den -Neugeborenen die Zahl der Knaben überwiegt, dass aber durch rasches -Absterben der männlichen Kinder das Zahlenverhältnis zwischen beiden -Geschlechtern bis etwa zum 17. oder 18. Jahre sich ausgleicht. Wo nun -eine Bevölkerung weiterhin nur natürlichen Einflüssen ausgesetzt ist, -d. h. wo die Verminderung der Geschlechter nur durch Absterben erfolgt, -da kann sich das Zahlenverhältnis derselben etwa vom 18. bis zum 30. -Jahre, also dem eigentlichen Heiratsalter, im Gleichgewicht erhalten. -Es würde bei rechtzeitiger Verheiratung jede Frau einen Mann bekommen -können. Vom 30. Jahre ab gewinnt überall das weibliche Geschlecht ein -Uebergewicht und steigert dasselbe von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, so dass -in den höchsten Altersstufen auf 10 Männer durchschnittlich 14-20 -Frauen zu kommen pflegen. - -So gestaltet sich das Verhältnis der Geschlechter unter rein -+natürlichen Einflüssen+. Allein diese natürlichen Einflüsse gelangen -in vielen Staaten nicht zu ungestörter Wirksamkeit. Kriege und -Auswanderung, sowie die nachteiligen Folgen mancher Berufstätigkeiten -verringern die Zahl der Männer schon zwischen dem 18. und 30. Jahre -so stark, dass fast plötzlich um das 20. Jahr das anfängliche -Uebergewicht des männlichen Geschlechts in ein Uebergewicht des -weiblichen Geschlechtes umschlägt. Insbesondere ungünstig prägen -sich die Ergebnisse der angedeuteten nachteiligen Einwirkungen in -der Geschlechtsgliederung der deutschen Bevölkerung aus. Von den -Altersstufen zwischen 20 und 25 Jahren kommen im Deutschen Reiche -nach der Zählung von 1900 auf 1000 Männer schon 1012 Frauen; im -Alter von über 20 Jahren überhaupt auf 1000 Männer 1064 Frauen. Noch -ungünstiger gestaltet sich diese Betrachtung, wenn wir berücksichtigen, -dass normaler Weise das Heiratsalter des Mannes um etwa fünf Jahre -höher ist, als das der Frau. Stellen wir demgemäß die Männer im Alter -von 25-30 Jahren den Frauen im Alter von 20-25 Jahren gegenüber, so -erhalten wir für die deutsche Bevölkerung auf je 1000 Männer 1105 -Frauen. - -Es kann demnach ein beträchtlicher Teil der heiratsfähigen Frauen -unter keinen Umständen heute zur Verehelichung gelangen, selbst den -Fall vorausgesetzt, dass alle Männer heiraten wollten und könnten. -Dieser Fall trifft nun aber bekanntlich nicht zu. Ein ansehnlicher -Teil der Männer (in ganz Deutschland gegen 10%) bleibt unvermählt. Es -ist klar, dass beide Umstände, der statistische Frauenüberschuss und -das soziale Uebel der männlichen Ehelosigkeit, in ihrem Zusammenwirken -einen beträchtlichen Teil der unverheiratet bleibenden Frauen auf eine -Existenz durch eigene Erwerbsarbeit hinweisen. Zu einem eigentlichen -Erwerbs-Notstande führen dieselben indes nur in den sogen. höheren -Klassen der Gesellschaft, für die es an passenden Frauenerwerbsgebieten -fehlt. - -Aus ganz derselben Ursache, wie die moderne Frauenerwerbsfrage, -entspringt die mittelalterliche Frauenfrage, von der im Folgenden die -Rede sein soll. Wenn ich im allgemeinen von einer +mittelalterlichen+ -Frage spreche, so soll damit nicht gesagt sein, dass das ganze -Mittelalter und alle Klassen der Bevölkerung in die Erörterung -hereingezogen werden sollen. Ich muss mich vielmehr beschränken auf die -Zeit und die Teile der Bevölkerung, für welche uns allein Quellen über -diese Dinge fliessen, auf die deutschen Städte von der Mitte des XIII. -bis zum Ausgange des XV. Jahrhunderts. - -Statistische Ermittelungen, welche über drei der bedeutendsten -mittelalterlichen Städte Deutschlands angestellt werden konnten[1], -haben übereinstimmend einen so bedeutenden Ueberschuss der erwachsenen -weiblichen über die gleichalterige männliche Bevölkerung ergeben, -dass man mit Notwendigkeit auf die Vermutung geführt wird, es müsse -die Frauenfrage im städtischen Leben der beiden letzten Jahrhunderte -des Mittelalters weit schärfer und brennender aufgetreten sein als -heutzutage. Eine zuverlässige Zählung der Nürnberger Bevölkerung, -welche am Ende des Jahres 1449 vorgenommen wurde, ergab unter der -bürgerlichen Bevölkerung auf 1000 erwachsene Personen männlichen -Geschlechts 1168 Personen weiblichen Geschlechts. Aber nicht bloss in -den bürgerlichen Familien, sondern auch unter der dienenden Klasse -(den Knechten, Handwerksgesellen und Mägden) überwog das weibliche -Geschlecht. Rechnen wir diese mit der bürgerlichen Bevölkerung -zusammen, so kamen gar auf 1000 männliche Personen 1207 weibliche. In -Basel scheint um 1454 das Verhältnis ähnlich gewesen zu sein. In den -beiden Kirchspielen St. Alban und St. Leonhard trafen damals auf 1000 -männliche Personen über 14 Jahren 1246 weibliche Personen der gleichen -Altersstufen. Eine Zählung endlich, welche die grössere Hälfte der -erwachsenen Bevölkerung von Frankfurt a. M. im Jahre 1385 umfasst, -ergab 1536 männliche und 1689 weibliche Personen oder auf 1000 Männer -rund 1100 Frauen. Diese letzte Ziffer ist eine Minimalziffer; es lässt -sich mit guten Gründen wahrscheinlich machen, dass der Frauenüberschuss -in Frankfurt a. M. im Jahre 1385 noch weit beträchtlicher gewesen ist. - -Diese Zahlen reden jedenfalls eine sehr deutliche Sprache; ihr Gewicht -wird indess noch verstärkt durch eine Reihe von Beobachtungen, von -denen ich hier nur +eine+ kurz mitteilen will. Das Frankfurter -Stadtarchiv besitzt noch heute einen grossen Teil der Listen, -welche über die Erhebung der Vermögenssteuer (Bede) im XIV. und XV. -Jahrhundert geführt wurden. Diese Erhebung erfolgte ebenso wie die -Einschätzung durch den Rundgang einer Kommission von Haus zu Haus. -Das Vermögen wurde nach eidlicher Versicherung der Steuerpflichtigen -zur Steuer veranlagt und die Hausbesitzer waren bei schwerer Strafe -gehalten, alle in ihren Häusern wohnenden Personen mit eigenem Vermögen -anzugeben. Dieses Verfahren bietet ohne Zweifel die Gewähr grosser -Genauigkeit mit Bezug auf die Ermittlung der Steuerpflichtigen. Da -ist es nun überaus auffallend, wie häufig unter den Steuerzahlern -alleinstehende Frauen auftreten. Nach zahlreichen statistischen -Ermittlungen[2], welche die Jahre 1354-1510 umfassen, machten in -diesem Zeitraum die Frauen den +sechsten+ bis den +vierten+ Teil aller -Steuerpflichtigen aus. Bedenkt man, dass es sich bei diesem Verhältnis -grösstenteils um alleinstehende, selbständige Frauen handelt, dass -die zahlreichen Nonnen, Pfründnerinnen und Bekinen meist nicht -mitgerechnet sind und dass Frauen auch im Mittelalter viel schwerer -zur Selbständigkeit gelangten als die Männer, so erhält man eine -Ahnung davon, wie schneidend das Missverhältnis in der Zahl beider -Geschlechter im bürgerlichen Leben der Städte hervorgetreten sein muss. - -Hier wirft sich zunächst die Frage auf: woher kommt dieser bedeutende -Ueberschuss der erwachsenen weiblichen über die männliche Bevölkerung? -Ich will versuchen, dieselbe mit ein paar kurzen Andeutungen zu -beantworten. Drei Ursachen scheinen mir besonders in Betracht zu kommen: - -1. die zahlreichen Bedrohungen, welchen das männliche Leben in den -mittelalterlichen Städten infolge der fortwährenden Fehden, der -blutigen Bürgerzwiste und der gefahrvollen Handelsreisen ausgesetzt war; - -2. die grössere Sterblichkeit der Männer bei den oft sich -wiederholenden pestartigen Krankheiten. Mindestens weisen auf eine -derartige Vermutung hin die stärkeren Ziffern für die Frauen, -welche regelmässig nach Pestjahren in den Frankfurter Steuerlisten -auftreten[3]; - -3. die Unmässigkeit der Männer in jeder Art von Genuss. - -Ausserdem ist wohl die Vermutung nicht abzuweisen, dass die städtische -Berufsarbeit in engen, ungesunden Räumen, zwischen hohen, dicht -zusammengerückten Häusermauern bei der Unvollkommenheit der technischen -Hilfsmittel viel mehr aufreibende Muskelarbeit von den Männern -erfordert habe, dass der Daseinskampf bei dem raschen Wechsel von guten -und schlechten Jahren, von hohen und niederen Lebensmittelpreisen, von -Ueberfluss und Mangel für sie, wenn auch vielleicht im ganzen nicht -schwieriger, so doch unregelmässiger und wechselvoller sich gestaltet -haben müsse als in Zeiten besserer Gesundheitspflege und ausgebildeten -nationalen und internationalen Verkehrs. - -Welcher von diesen Entstehungsursachen nun auch der mittelalterliche -Frauenüberschuss vorwiegend zuzuschreiben sein mag -- sicher ist, dass -er vorhanden war und dass er in mancherlei Verhältnissen des sozialen -Lebens seinen Ausdruck fand. Sicher ist auch, dass die dadurch für -zahlreiche Frauen gegebene Unmöglichkeit einer Versorgung in der Ehe zu -Uebelständen führte, die das Mittelalter klar erkannte und auf seine -eigene Art zu heilen suchte. - -Ehe wir zur Betrachtung dieser Verhältnisse übergehen, müssen wir -kurz die Frage berühren, wie weit Beschränkungen des Rechts zur -Verehelichung das Uebel noch vermehrten. - -Hier tritt zunächst das Cölibat der Geistlichkeit uns entgegen. Ihre -Zahl war allerwärts in den Städten unverhältnismässig gross. Sie lässt -sich in Frankfurt a. M. für das XIV. und XV. Jahrhundert bei einer -Einwohnerzahl von 8000-10000 auf 200-250 Personen berechnen[4]. Für -Lübeck darf man in derselben Zeit 250-300 Weltgeistliche und gegen 100 -Klosterbrüder annehmen[5]. In Wismar belief sich um 1485 die Zahl der -Weltgeistlichen auf 150; in Nürnberg wird 1449 der geistliche Stand auf -446 (einschliesslich der Dienerschaft) angegeben. Wie ungünstig ihre -Ehelosigkeit die Heiratsziffern des weiblichen Geschlechts in diesen -kleinen Gemeinwesen beeinflussen musste, liegt auf der Hand. - -Sodann wirkte die zünftige Ordnung des Gewerbebetriebes nachteilig -auf das Heiratsalter eines grossen Teiles der männlichen Bevölkerung -ein. Die Verehelichung des Handwerkers hing von seiner Zulassung -zur Meisterschaft ab, und diese wieder von Bedingungen, welche -die Angehörigen der Zunftmitglieder begünstigten[6]. Der Geselle -durfte als solcher im allgemeinen nicht heiraten[7]. Infolge der -Schliessung vieler Zünfte, der Beschränkung der Betriebsstätten und -Verkaufsbänke bildete sich deshalb im XIV. und XV. Jahrhundert ein -eigener Gesellenstand, der keine Aussicht auf Selbständigmachung und -Familiengründung hatte. Indessen zeugen doch die vielfachen Verbote der -Zunftstatuten, verheiratete Gesellen anzunehmen, sowie viele Beispiele -der Frankfurter Steuerlisten dafür, dass Gesellenheiraten nicht eben -selten waren. Auf keinen Fall aber waren sie so leicht und häufig, wie -heute die Ehen der Fabrikarbeiter. - -Wenn wir uns nun anschicken, die Frage zu beantworten: +was wurde im -Mittelalter aus den zahlreichen Frauen, die ihren »natürlichen Beruf« -zu erfüllen verhindert waren+? so müssen wir uns vor allen Dingen von -der Anschauung los machen, welche den meisten von uns aus unseren -frühesten Schuljahren anklebt. Wir hören da nach den Schilderungen in -Tacitus’ »Germania« von der hohen Achtung, der fast göttergleichen -Verehrung, welche dem Weibe bei den alten Germanen gezollt wurde; -aber wir übersehen nur zu leicht, dass derselbe Tacitus die Stellung -der Frau in der Wirtschaft so beschreibt, dass wir mit Notwendigkeit -auf eine grosse Ueberlastung des weiblichen Geschlechts schliessen -müssen. Der Mann achtet keine Tätigkeit ausser derjenigen mit dem -Schwerte. Träge liegt er im Frieden auf der Bärenhaut; Schlaf, Trunk -und Würfelspiel füllen seine Zeit. Die Sorge für Feld, Haus und Herd -bleibt den Frauen, die mit den Kindern, den Schwachen und Unfreien die -Wirtschaft führen. Neben der erhaltenden und verwaltenden Tätigkeit des -Hauses, die heutzutage den Frauen hauptsächlich zufällt, hatten sie -also auch die gesamte Gütererzeugung zu bewerkstelligen; oder, um einen -geläufigen Ausdruck zu gebrauchen: die Frau ernährte die ganze Familie. -Sie war Arbeiterin, Wirtschaftsführerin, Haushälterin und Erzieherin -der Kinder zugleich. Die Germanen machten also in ihrer primitiven -Periode keine Ausnahme von der Erwerbsordnung, die wir noch heute bei -Naturvölkern finden. - -Dieser Zustand änderte sich nach den grossen Wanderungen, als in -währenden Friedenszeiten und bei wachsender Bevölkerung die deutschen -Männer sich herabliessen, auch den Acker zu bebauen. Immer aber blieb -noch ein grosser Teil der Landwirtschaft, namentlich die Be- und -Verarbeitung vegetabilischer Stoffe, den Frauen überlassen. Auch als -mehr und mehr aus der alten geschlossenen Hauswirtschaft einzelne -Tätigkeiten als Gewerbe sich absonderten, blieb das Arbeitsgebiet der -Frau immer noch sehr gross, wie wir deutlich aus der Verteilung der -Arbeiten in den grundherrlichen Grosswirtschaften erkennen. Da finden -wir unter den männlichen Leibeigenen freilich schon Müller und Bäcker, -Schneider und Schuster, Grobschmiede und Waffenschmiede; den Frauen lag -aber nicht bloss die Arbeit in Küche und Keller, in Garten und Stall -ob, sondern auch die Besorgung der Gewandung von der Schafschur und der -Flachsbereitung bis zum Weben, Färben, Zuschneiden, Nähen und Sticken, -ferner das Bierbrauen, Seifensieden, Lichterziehen und eine Menge -von anderen Verrichtungen, die später nach und nach von besonderen -Gewerbetreibenden übernommen wurden[8]. - -So sehen wir bis in das XIII. Jahrhundert hinein in dem Masse, als die -gewerbliche Berufsbildung fortschritt, eine immer weiter greifende -Entlastung der Frau von schweren körperlichen Arbeiten eintreten; ihre -Tätigkeit beginnt sich auf dasjenige Gebiet zu beschränken, welches wir -als die Haushaltung zu bezeichnen pflegen. Aber immer war dieses Gebiet -noch bedeutend umfangreicher als heutzutage. Das Spinnen und Bleichen, -das Backen und Bierbrauen wurde auch in den Städten noch vielfach von -den Frauen besorgt; der Schuster und Schneider, der Sattler und der -Bauhandwerker arbeiteten im Hause auf der »Stör«; eine grosse Anzahl -von Produkten, die wir heute fertig zum Verbrauche kaufen, bedurfte -noch der Zurichtung durch die Frauen. - -Dies alles weist darauf hin, dass eine grössere Zahl von Frauen in -den mittelalterlichen Haushaltungen verwendet werden konnte, als dies -heute möglich wäre. So mögen vielfach elternlose Mädchen und verwitwete -Frauen in den Familien ihrer näheren oder entfernteren Verwandten -Unterkunft und Beschäftigung gefunden haben; der Familienzusammenhang -war ohnehin damals noch viel stärker als gegenwärtig. Diejenigen -alleinstehenden Frauen dagegen, welche keinen derartigen Rückhalt -besassen, waren allem Anscheine nach in den Städten sehr übel gebettet. -Auf dem Lande mochten Frauenhände immer in der Wirtschaft erwünscht -sein; in den Städten war die Frau (abgesehen von der Eingehung eines -Dienstbotenverhältnisses) nach der gewöhnlichen Annahme von der -Erwerbsarbeit in den zünftigen Gewerben fast vollständig ausgeschlossen. - -In der Tat wird sich nicht leugnen lassen, dass die gesamte Stellung -der Gewerbe im Mittelalter ein selbständiges Eingreifen der Frauen in -dieses Gebiet grundsätzlich auszuschliessen scheint. Das Zunftwesen, -welchem alle einigermassen entwickelten Gewerbe unterworfen waren, war -seinem innersten Wesen nach auf die Familie gegründet. Die Zünfte waren -nicht bloss gewerbliche Vereine, sondern Unterabteilungen der Gemeinde -mit rechtlichen, politischen, militärischen und administrativen -Aufgaben. Das Recht zum Gewerbebetrieb schloss die Verpflichtung zum -Waffendienst und zu anderen Leistungen in sich, zu welchen Frauen nicht -wohl herangezogen werden konnten. Bei der Teilnahme an den politischen -Rechten, von der ja die Frauen ausgeschlossen waren, spielten die -Zünfte wieder eine Rolle, welche die Zulassung weiblicher Mitglieder -untunlich zu machen schien. - -Adrian Beier[9], der Verfasser des ältesten Kompendiums des -Handwerksrechts, stellt denn auch den Satz auf: das männliche -Geschlecht sei eine der unerlässlichen Grundbedingungen für die -Aufnahme in eine Zunft gewesen. Die ganze gesellschaftliche Ordnung, -meint er, beruhe darauf, dass jedes Geschlecht diejenigen Geschäfte -übernehme, welche seiner Natur am angemessensten seien, der Mann die -Erwerbsarbeit, die Frau die Küche, den Spinnrocken, die Nadel, die -Wäsche; auch das Weben, Lichtergiessen und Seifensieden solle ihr noch -gestattet sein. Das Mädchen sei zur Ehe bestimmt; man könne nicht -wissen, wen es einmal heiraten werde; eine gelernte Schusterin sei aber -dem Schmiede nichts nütze. Ausserdem könne man nicht allein in der -Lehre lernen; von ungewanderten Junggesellen und gewanderten Jungfern -werde aber beiderseits wenig gehalten. Der Umgang mit Männern in der -Werkstätte sei in sittlicher Hinsicht nicht ungefährlich. Endlich -sei die Zunft eine öffentliche Einrichtung; das Meisterrecht sei mit -staatlichen Leistungen, als Wachen und Gaffen, verbunden, wozu Weiber -nicht taugten. - -Trotz dieser anscheinend in der Natur der Sache liegenden -grundsätzlichen Ausschliessung der Frauen wenigstens vom zünftigen -Gewerbebetrieb sehen wir das ganze Mittelalter hindurch die Frauen -vielfach im Gewerbe tätig -- ein Beweis, dass eine derartige -Beschäftigung derselben durch die tatsächlichen Verhältnisse sich als -notwendig aufdrängte. Ja wir finden sogar Frauenarbeit in einer Reihe -von Berufsarten, von denen sie gegenwärtig tatsächlich ausgeschlossen -ist. - -Ich will hier die Tatsache nicht weiter betonen, dass die Witwe eines -Meisters das Geschäft ihres Mannes forttreiben durfte; das ist bekannt -genug. Ueberdies ist dieses Vorrecht in manchen Gewerben und Städten -zeitlich begrenzt oder an die Bedingung der Wiederverheiratung mit -einem Gesellen des gleichen Handwerks geknüpft. Ich will auch kein -grosses Gewicht darauf legen, dass Frauen und Töchter, oft auch die -Magd eines Handwerkers demselben im Geschäfte helfen konnten; das -liess sich bei aller Bevormundung, die dem Mittelalter eigen war, so -leicht nicht verbieten. Viel wichtiger erscheint mir, dass Frauen und -Mädchen innerhalb eigener oder fremder Gewerbebetriebe zahlreiche -Verwendung fanden, bald als abhängige Lohnarbeiterinnen, bald sogar -als selbständige Meisterinnen. War das betreffende Gewerbe zünftig, -so konnten hier und da die Frauen in eigenem Namen den Zünften mit -gleichem Rechte wie die Männer angehören; war es unzünftig, so waren -sie selbstverständlich keinerlei Beschränkungen unterworfen. Endlich -finden wir sogar Gewerbe mit zünftiger Ordnung, die ausschliesslich aus -Frauen bestanden. - -Natürlich handelt es sich hier zunächst um Gebiete, in welchen die -Frauen von Alters her tätig gewesen waren[10]. Dahin gehört das ganze -Gebiet der +Textilindustrie+. Die Weberei war zwar seit dem XII. -Jahrhundert ein eigenes Gewerbe in Männerhand; indessen blieben die -Vorrichtungsarbeiten, das Wollkämmen, Spinnen, Garnziehen, Spulen, fast -überall noch lange Zeit in den Händen der Frauen. Wir finden deshalb -an vielen Orten ein zahlreiches weibliches Arbeiterpersonal in der -+Wollweberei+: Kämmerinnen, Spinnerinnen, Spulerinnen, Garnzieherinnen, -Nopperinnen -- meist abhängige Lohnarbeiterinnen nach Art unserer -Heim- oder Fabrikarbeiterinnen. In Frankfurt a. M. standen sie unter -der Aufsicht von zwei Mitgliedern des Rats. Ihre Tätigkeit war an sehr -eingehende Vorschriften gebunden, und wir haben in der Frankfurter -Weberordnung von 1377 wohl das älteste Beispiel einer Regulierung der -Frauenarbeit durch die öffentliche Gewalt[11]. Auch als Weberinnen -finden wir die Frauen nicht selten tätig, und hier nicht bloss im -Lohndienst, sondern auch als selbständige Mitglieder der Zunft. So in -Bremen, in Köln, in Dortmund, in Danzig, in den schlesischen Städten, -in Speier, Strassburg, Ulm, München. »Wer Webermeister oder Meisterin -ist«, heisst es in einer Münchener Ratsverordnung aus dem XIV. -Jahrhundert, »der soll haben, ob er will, einen Lernknecht und eine -Lerndirne und nicht mehr«. - -Was die +Leinenweberei+ betrifft, so ist hier eine vielseitige -selbständige Beteiligung der Frauen am Handwerk um so weniger zu -bezweifeln, als in einem grossen Teile von Deutschland auf dem -Lande die Frauen bis ins XIX. Jahrhundert hinein Leinwand gewebt -haben. In Hamburg konnten Frauen in der Leinenweberei beim sogen. -»schmalen Werke« selbständig werden (1375); in Strassburg wurden die -Schleier- und Leinenweberinnen (1430) zu den Zunftlasten herangezogen; -in Frankfurt a. M. finden wir ebenfalls selbständig steuernde -»Lineberssen« (1428), ohne dass es freilich ersichtlich wäre, ob -dieselben als Meisterinnen oder als Lohnarbeiterinnen betrachtet -werden müssen. Die Schleierweberei und Schleierwäscherei ist dort -ganz in den Händen der Frauen; ebenso scheinen sie die +Schnur+- und -+Borten+wirkerei im XIV. und XV. Jahrhundert allein betrieben zu haben. -In den schlesischen Städten bildete das Garnziehen ein eigenes Gewerbe, -an dem Männer und Frauen beteiligt waren. In Köln bestand eine eigene -Zunft von Garnmacherinnen; sie mussten sechs Jahre lernen und keine -Meisterin durfte mehr als drei Mägde oder Lohnwerkerinnen halten. In -der zu Anfang des XV. Jahrhunderts aufgekommenen +Barchentweberei+ -haben dagegen weibliche Arbeitskräfte bis jetzt nicht nachgewiesen -werden können. - -Etwas anders lagen die Verhältnisse im +Schneidergewerbe+. Hier -konnten freilich die Frauen auch das Recht hergebrachten Besitzes für -sich geltend machen, da sie in älterer Zeit nicht bloss die eigenen -Kleider, sondern auch diejenigen der Männer gefertigt hatten. Lesen wir -doch noch im Nibelungenliede, dass Chriemhilde mit ihren Mägden den -ausziehenden Recken das Gewand bereitet. Aber beim ersten Auftreten -der Schneiderzünfte arbeiteten die Schneider nicht bloss alle Arten -von Männerkleidern, sondern auch die Frauengewänder, ja sie hatten -selbst die ganze Weisszeugnäherei[12]. Indessen bemerken wir doch auch -hier eine rege Frauentätigkeit. Nicht nur dass im Schneidergewerbe -Frauen und Töchter der Zunftmeister in weiterem Masse als in anderen -Handwerken mitarbeiteten; an nicht wenigen Orten konnten auch Frauen -als selbständige Meisterinnen in die Zunft treten, ja sie durften -selbst Arbeiterinnen haben und Lehrmädchen annehmen. In Frankfurt und -Mainz, wie wohl in allen mittelrheinischen Städten, suchte man ihre -Aufnahme in die Zunft durch Festsetzung geringerer Aufnahmegebühren -für Frauen zu erleichtern[13]. Erst im XV. Jahrhundert entstanden in -den rheinischen Städten sehr langwierige Streitigkeiten zwischen den -Schneidern und den Näherinnen, die schliesslich damit endeten, dass das -Gebiet der letzteren auf diejenigen Arten des Nadelwerks beschränkt -wurde, welche noch heute den Frauen eigen sind. - -Noch eine Reihe von anderen Handwerken lässt sich nachweisen, die im -Mittelalter Frauen im Amte hatten. Es würde indes zu weit führen, -hier auf die Einzelheiten einzugehen. Ich begnüge mich deshalb -damit, hier kurz die zünftigen Gewerbe zu nennen, bei welchen -weibliche Arbeitskräfte Verwendung fanden. Es sind: die Kürschner -(in Frankfurt und in den schlesischen Städten), die Bäcker (in den -mittelrheinischen Städten), Wappensticker, Gürtler (Köln, Strassburg), -die Riemenschneider (Bremen), die Paternostermacher (Lübeck), die -Tuchscherer (Frankfurt), die Lohgerber (Nürnberg), die Goldspinner und -Goldschläger (in Köln). In den Statuten der letzteren hiess es: »Kein -Goldschläger, dessen Frau Goldspinnerin ist, darf mehr als drei Töchter -zum Goldspinnen haben; die Goldspinnerin dagegen, deren Mann nicht -Goldschläger ist, darf vier Töchter haben und nicht mehr, dass sie ihr -Gold spinnen.« An der Spitze beider Gewerbe stand je ein Meister und -eine Meisterin, welche das Werk des Amtes zu besehen und zu prüfen -hatten. Natürlich konnte es sich hier überall nur um Gewerbe handeln, -welche der Natur ihres Betriebes nach für das zarte Geschlecht geeignet -waren; denn es war stehender Grundsatz des alten Handwerksrechtes, dass -niemand in der Zunft sein solle, der das Gewerbe nicht mit eigener Hand -treiben könne. - -Im ganzen können wir sonach behaupten, dass im Mittelalter die -Frauen von keinem Gewerbe ausgeschlossen waren, für das ihre Kräfte -ausreichten. Sie waren berechtigt, Handwerke ordnungsmässig zu lernen, -sie als Gehilfinnen, ja selbst als Meisterinnen zu treiben[14]. -Indessen bemerken wir schon frühe die Tendenz, die Frauenarbeit mehr -und mehr zurückzudrängen. Dieselbe wendet sich zunächst gegen die -Meisterswitwen, deren Recht auf eine gewisse Zeit (Jahr und Tag) -beschränkt oder an bestimmte Bedingungen geknüpft wird. Sodann gegen -das Mitarbeiten der Mägde und der weiblichen Familienglieder, endlich -auch gegen die selbständige Tätigkeit der Frauen in den Zünften. Die -Gesellenverbände fangen an, sich zu weigern, neben den weiblichen -Arbeitern zu dienen; die Meister klagen über Beeinträchtigung ihres -Nahrungsstandes. Im XVI. Jahrhundert leistet noch die öffentliche -Gewalt diesen engherzigen Bestrebungen Widerstand, im XVII. Jahrhundert -erlahmt sie darin völlig, und so kommt es, dass nur in vereinzelten -Fällen bis ins XVIII. Jahrhundert die Frauenarbeit im Handwerk sich -erhalten hat[15]. - -Was die nichtzünftigen Gewerbe betrifft, so unterlag in diesen -die Frauenarbeit wohl nie irgend welchen Beschränkungen. Nur beim -stehenden Kleinhandel, der jetzt so vielen Frauen Selbständigkeit und -Unterhalt gewährt, scheint die Marktpolizei vielfach zu Ungunsten -der Frauen eingegriffen zu haben, während sie beim Hausierhandel -anscheinend stärker vertreten waren. So wird bei den Gewandschneidern -und Fischhocken in Frankfurt der Verkauf durch die Frauen verboten, -mit Ausnahme des Falles, wo der Mann abwesend ist; in München sollte -keines Fleischhackers oder Metzgers Weib in der Bank stehen und -Fleisch verkaufen[16]; in Passau durfte die Frau eines Salzhändlers -nur wenn der Mann krank war dessen Geschäft versehen. Die Hocken und -Viktualienhändler sind fast allerwärts Männer; nur in Ulm bilden die -Käuflerinnen ein eigenes weibliches Gewerbe[17]. - -Es wird vielleicht zur Veranschaulichung des Gesagten beitragen, wenn -hier noch kurz die Berufsarten namhaft gemacht werden, bei welchen -ich in Frankfurter Urkunden aus der Zeit zwischen 1320 und 1500 -Frauen beschäftigt gefunden habe. Sie lassen sich in vier Gruppen -zerlegen. In der ersten, welche die Berufe umfasst, für die nur -weibliche Namen vorkommen, ergaben sich 65 Beschäftigungsarten. Die -zweite enthält die Berufe, in welchen die Frauen überwiegen; ihrer -sind freilich nur 17. Aber ihnen stehen 38 Berufe gegenüber, in denen -Männer und Frauen etwa gleich stark sich vertreten fanden und 81, -in denen der Umfang ihrer Tätigkeit hinter derjenigen der Männer -zurückblieb[18]. Das ergibt rund 200 Berufsarten mit Frauenarbeit. -Unter ihnen treten allerdings die schon erwähnten Hilfsgewerbe der -Textilindustrie am stärksten hervor. Die Verfertigung von Schnüren und -Bändeln, Hüllen und Schleiern, Knöpfen und Quasten ist ganz in ihren -Händen. Wie an der Schneiderei beteiligen sie sich an der Kürschnerei, -Handschuh- und Hutmacherei, verfertigen Beutel und Taschen, lederne -Brustflecke und Sporleder. Selbst bis in die kleine Holz- und -Metallindustrie reicht ihre Tätigkeit: Nadeln und Schnallen, Ringe -und Golddraht, Besen und Bürsten, Matten und Körbe, Rosenkränze und -Holzschüsseln gehen aus ihren Händen hervor. Die Feinbäckerei scheint -vorzugsweise ihnen obzuliegen; fast ausschliesslich beherrschen sie -die Bierbrauerei und die Herstellung von Kerzen und Seife. In dem -außerordentlich spezialisierten Kleinhandel überwiegen sie: Obst, -Butter, Hühner, Eier, Häringe, Milch, Käse, Mehl, Salz, Oel, Senf, -Essig, Federn, Garn, Sämereien werden fast nur von ihnen vertrieben. -Das Hockenwerk und das Trödelgeschäft, ja selbst der sehr entwickelte -Handel mit Hafer und Heu sind vielfach in den Händen von Frauen. -Sie treiben sich unter den Abenteurern und Gauklern hausierend -umher. In den Badstuben Frankfurts bedienten 30 bis 40 Bademägde; -ja man konnte sich zuweilen selbst von zarten Händen rasieren und -immer in den Weinschenken sich von weiblichen Musikanten, wie -Lauten- und Zimbelschlägerinnen, Pfeiferinnen, Fiedlerinnen und -Schellenträgerinnen, etwas vorspielen lassen. Abschreiberinnen und -Briefdruckerinnen kommen wenigstens vereinzelt vor; schon 1346 wird -eine Malerin und von 1484 ab häufig Juttchen die Puppenmalerin -genannt. Ja selbst im städtischen Dienst werden Frauen verwendet, -nicht bloss als Hebammen und Krankenpflegerinnen, sondern selbst als -Schlaghüterinnen, Pförtnerinnen, Turmwächterinnen[19], Zöllnerinnen -und beim Hüten des Viehs. Unter den 11 Personen, welchen 1368 der -Rat das Geldwechselgeschäft übertragen hatte, werden nicht weniger -als 6 Frauen genannt; wir begegnen einer Frau als Pächterin des -Leinwandzolles und einer anderen als Aufseherin und Einnehmerin in der -Stadtwage[20]. Im XIV. Jahrhundert findet sich häufig eine weltliche -Schulmeisterin, _Lyse, die die Kinde leret_, auch kurz _lerern_ oder -_kindelern_ -- vielleicht eine mittelalterliche Kindergärtnerin. Aber -1361 wird zugleich mit ihr Katherine schulmeistern genannt -- ein -Beweis, dass keine vereinzelte Erscheinung vorliegt. In Lübeck war es -von alters üblich, dass ehrbare Frauen kleine Mädchen schreiben und -lesen lehren durften. Ferner hat es während des ganzen XIV. und XV. -Jahrhunderts in den meisten Städten weibliche Aerzte gegeben. Zwischen -1389 und 1497 konnten in Frankfurt nicht weniger als 15 Aerztinnen -mit Namen nachgewiesen werden, unter diesen 4 Judenärztinnen und 3 -Augenärztinnen[21]. Verschiedenen von ihnen werden sogar wegen Heilung -städtischer Bediensteten Ehrungen und Steuererleichterungen vom Rate -bewilligt. Endlich war es nichts seltenes, dass in unsicheren Zeiten, -wenn raubende und plündernde Haufen in der Umgegend sich sammelten, -Frauen im Kundschafterdienst verwendet wurden[22]. Einer der höchsten -Träume unserer modernen Emanzipationsfreunde war somit im Mittelalter -schon einmal volle Wirklichkeit. - - * * * * * - -Wie ausgedehnt man sich auch das Gebiet selbständiger Erwerbstätigkeit -vorstellen mag, welches den Frauen im Mittelalter zugänglich war -- -auf keinen Fall reichte es hin, sämtliche des männlichen Schutzes -entbehrenden Frauen zu beschäftigen. Für die jüngeren bot hier -wohl der Gesindedienst, der im Mittelalter verhältnismässig mehr -Kräfte erforderte als heute, Arbeit und Brot; auch gab es ausser -der Weberei und der Bekleidungsindustrie noch andere Handwerke, die -weibliche Arbeitskräfte beschäftigten. So in Lübeck die Nadler, -Maler, Bernsteindreher und Bader. Aber die Weiberlöhne[23] waren auch -im Mittelalter überaus niedrig, wohl wegen des grossen Zudrangs von -Arbeiterinnen zu den erwähnten industriellen Beschäftigungen. Viele -waren deshalb gezwungen, in anderer Weise ein Unterkommen zu suchen. - -Hier bot sich als nächste Zuflucht das +Kloster+, und es ist -in der Tat auffallend, wie sehr in der zweiten Hälfte des XIII. -und im XIV. Jahrhundert allerwärts in den deutschen Städten die -Frauenklöster zunahmen. In diese Zeit fällt der kräftige Impuls, der -von den Bettelorden ausging, in deren Klientel sich fast alle neu -gegründeten Nonnenklöster begaben. Wenn die älteren Frauenklöster -und Stifter Versorgungsanstalten für die Töchter des ärmeren Adels -bildeten, so boten diese neueren eine Unterkunft für die überschüssige -Frauenwelt des höheren Bürgerstandes und der Geschlechter, von denen -manche Novizen auch an die Klöster einer näheren oder entfernteren -Umgebung lieferten. Wen getäuschte Hoffnungen, überstandene Angst und -Kümmernis, der Verlust von Gatten, Eltern, Geschwistern, die Furcht -vor einer rohen, gewalttätigen Welt oder tiefinnerstes religiöses -Bedürfnis trieben, den Schleier zu nehmen, der fand, wenn das nötige -Einkaufsgeld vorhanden war, hier ein beschauliches Dasein, Gelegenheit -zu geistiger Ausbildung und zu stiller Tätigkeit im Dienste der -Erziehung und in weiblichen Handarbeiten, äussersten Falles wenigstens -Unterhaltung und mancherlei Kurzweil. Sehr anschaulich schildert ein -mittelalterliches Gedicht[24] die Tätigkeit in den Nonnenklöstern: - - »Da waren vrouwen inne, die dienten Got mit sinne: - Die alten und die jungen lasen unde sungen - Ze ieslicher im tage zit, si dienten Gote ze wider strit, - So si aller beste kunden, und muosen under stunden, - So si niht solden +singen+, +naen+ oder +borten dringen+ - Oder +würken+ an der +ram+; ieglichiu wold’ des haben scham, - Die da muezik waere beliben; sie +entwurfen+ oder +schriben+. - Es +lert+ die +schuolemeisterin+ - Die jungen +singen+ und +lesen+, wie sie mit zühten solden wesen, - Beide +sprechen+ unde +gen+, ze kore +nigen+ unde +sten+.« - -Also Singen, Lesen, Schreiben, Sprachlehre, Anstandsunterricht -- das -waren die Elemente der weiblichen Klostererziehung; der Gottesdienst, -das Nähen, Weben, Bortenwirken füllte die übrige Zeit der Nonnen -aus. Hier und da beschäftigten sie sich auch mit dem Abschreiben -von Büchern[25]. Namentlich aber waren die Stickschulen[25] der -Klosterfrauen berühmt, und die kunstfertigen Gebilde ihrer Hände -auf Messgewändern, auf Decken und Wandbehängen erregen noch heute -unsere Bewunderung. Für den Absatz ihrer Gewerbeprodukte hatten die -Klöster hin und wieder in den Städten eigene Verkaufsstellen. Sie -gerieten aber dabei mit dem freien Gewerbebetrieb der städtischen -Handwerksmeister und Kaufleute in Konkurrenzstreitigkeiten, die meist -damit endeten, dass den Klöstern die einzelnen Sorten von Webwaren -genau vorgeschrieben wurden, die sie in den Handel bringen durften. - -Es leuchtet von selbst ein, dass immer nur ein kleiner Teil des -vorhandenen Frauenüberschusses in den Klöstern unterkommen konnte. Für -die vielen, welche aus inneren oder äusseren Gründen gehindert waren, -die Klostergelübde auf sich zu nehmen, musste in anderer Weise gesorgt -werden, und es gereicht unseren Vorfahren zu nicht geringer Ehre, dass -sie für diesen Zweck in Anbetracht der Zeitverhältnisse vorzügliche -Mittel zu finden und durchzuführen wussten. Diese Mittel waren -verschieden, je nachdem die vom Familienverband ausgeschlossenen Frauen -begütert oder arm waren. - -Besassen die alleinstehenden Jungfrauen und Witwen +Vermögen+, so -kauften sie mit demselben im XIV. und XV. Jahrhundert wohl eine -+Leibrente+, von der sie bis ans Ende ihrer Tage leben konnten, -ähnlich wie man früher oft einem Kloster sein Gut übertrug, um sich -einen sorgenfreien Lebensabend zu erkaufen. Manche Städte, die häufig -in Geldverlegenheit waren, besserten damit ihre Finanzen auf, dass -sie an Auswärtige unter gleichzeitiger Verleihung des Bürgerrechts -Leibrenten verkauften. Sie erfüllten damit die Aufgabe einer modernen -Lebensversicherungsgesellschaft, und nicht wenige Frauen vom Lande -haben sich auf diesem Wege zugleich den städtischen Schutz und einen -sorgenfreien Lebensabend gesichert[26]. - -Auch ergab es sich leicht, dass vermögende Frauen, insbesondere solche, -die miteinander verwandt waren, +sich zu drei oder vier zusammentaten+, -um eine +gemeinsame Haushaltung+ zu führen. Solcher kleinen, freiwillig -zusammenlebenden Frauengruppen begegnen uns viele in den Frankfurter -Bedebüchern. Jede der Beteiligten behielt ihr abgesondertes Vermögen -und versteuerte dasselbe. Zur Wirtschaft mag dann jede ihren Beitrag -geleistet haben. - -Zu einer festen Organisation führten solche freiwillige Verbindungen in -+Strassburg+. Hier bildeten sich eigene +Vereine+, sogen. Samenungen -(Sammlungen) vermögender Frauen und Jungfrauen zu dem Zwecke eines -gemeinsamen Lebens in stiller Zurückgezogenheit[27]. Solcher -Samenungen gab es +drei+; alle waren in der zweiten Hälfte des XIII. -Jahrhunderts gegründet worden. Die ihnen angehörigen Frauen hiessen -Pfründenschwestern, Pfründnerinnen, auch wohl Mantelfräulein, weil sie -eine eigene Tracht von geistlichem Zuschnitte trugen. - -Wie alle Vereinigungen des Mittelalters, mochten sie sonst zu -gewerblichen, geselligen oder Unterstützungszwecken errichtet sein, -standen auch die Samenungen von Anfang an in näherer Beziehung zur -Kirche. Ein Dominikaner, Friedrich von Erstein, hatte ihre ersten -Satzungen (von 1267) verfasst; sein Orden nahm auch fernerhin die -Schwestern in seine sorgsame Obhut. Nach jenen Satzungen lebten -im ersten Jahrhundert ihres Bestehens die Samenungen in voller -Gütergemeinschaft. Zur Aufnahme war erforderlich, dass die Eintretende -so viel eigenes Vermögen besass, um davon leben zu können. Schied sie -aus, ehe sie das 14. Lebensjahr zurückgelegt hatte, so musste sie für -jeden im Hause zugebrachten Monat 40 Pfennige Kostgeld bezahlen und -zurückerstatten, was sie von den Schwestern an Kleidungsstücken u. dgl. -erhalten hatte. Trat sie erst nach dem vierzehnten Jahre aus (etwa -zum Zwecke der Verheiratung), so durfte sie nur Kleider und Bettwerk -mitnehmen, musste aber ihr eingebrachtes Vermögen zurücklassen; wollte -sie in ein Kloster gehen, so gab man ihr fünf Pfund von ihrem Vermögen -wieder. Ungebührliche Reden, Streitsucht, das Anknüpfen von Beziehungen -zu Männern zogen die Ausschliessung nach sich. Man darf daraufhin nicht -etwa meinen, dass die Mantelfräulein das klösterliche Gelübde der -Ehelosigkeit abgelegt hätten; es ist ja klar genug, dass auch heute -noch die Mitgliedschaft einer derartigen Vereinigung mit der Anknüpfung -eines Verhältnisses zu Männern oder der Brautschaft einer Beteiligten -aufhören müsste. Bei einer etwaigen Auflösung der Samenung sollte das -Vereinsvermögen unter die Schwestern gleichmässig verteilt werden. - -Bis zur Mitte des XIV. Jahrhunderts herrschte in diesen Frauenvereinen -unter der Seelsorge der Dominikaner ein zwar stilles, beschauliches, -aber auch geistig angeregtes Leben. Alles, was die Zeit auf religiösem -Gebiete bewegte, fand hier eifrige Anteilnahme. Namentlich waren -die strengen Mystiker Meister Eckart und Johann Tauler in ihnen -gern gesehene Gäste. Die Schwestern lauschten ihren gefühlswarmen, -tiefsinnigen Predigten und schrieben ihre Traktate ab. Kurz nachher -(1355) schrieb Rulman Merswin von ihnen: »Sie waren also gar -schweigsame, einfältige, gutherzige Frauen und hatten also gar grossen -einfältigen inwendigen Ernst, dass ihnen Gott gar heimlich war mit -seiner Gnade.«[28] - -Später änderte sich das. Der Geist der Eintracht und Schwesterliebe -schwand mehr und mehr aus den Samenungen. Es wurden sehr eingehende -Satzungen notwendig, welche die Vermögensgemeinschaft teilweise -aufhoben und die Hausordnung bis in die kleinsten Einzelheiten -vorschrieben. Die Schwestern behielten ihr Sondereigentum und konnten -jederzeit aus der Vereinigung treten, wenn sich ihnen Gelegenheit -zur Verehelichung bot. Während das Vermögen der Einzelnen vielleicht -nicht zur Fortführung eines selbständigen standesgemässen Haushalts -ausgereicht hätte, zeigte die gemeinsame Wirtschaft einen gewissen -Luxus. Es fehlte nicht an einer ganz annehmbaren Speisekarte, an -Silbergeschirr und Kleinodien; Dienerinnen wurden gehalten, Gäste -zu Tische geladen; man wohnte den Turnieren und den Tanzfesten auf -den Trinkstuben der adeligen Gesellschaften bei; ja man konnte sich -den Besuch der damaligen Luxusbäder im Schwarzwald und in der Schweiz -gestatten. Im Jahre 1414 wurde angeordnet, dass jede neu aufzunehmende -Pfründnerin dem Hause 60 Pfund geben und dass die, welche in die Welt -zurückkehrte, die Hälfte ihres Hausrats zurücklassen sollte. - -Durch solche Einrichtungen, sowie durch die ihnen zufallenden -Schenkungen und Vermächtnisse bereicherten sich die Samenungen immer -mehr; aber sie verfielen dadurch auch um so rascher. Ihr inwendiger -Ernst sei erloschen, berichtet Rulman Merswin; statt zu beten und -fromme Büchlein zu lesen, unterhielten sie sich mit allerlei weltlichem -Klatsch; Missgunst, Eifersucht, gegenseitiges Misstrauen beherrschten -das häusliche Leben. Die alte Tracht, ein wollenes Gewand und langer -Schleier, die sie noch immer trugen, bewahrte sie nicht vor Weltlust -und Hoffart; selbst vor dem Weihkessel, meint Geiler von Keisersberg, -könnten sie nicht vorübergehen, ohne sich darin zu beschauen. In ihren -Häusern lebten sie herrlich und in Freuden; in der Stadt wurden sie zu -Gaste geladen; sie fehlten bei keiner Belustigung[29]. Kein Wunder, -dass sie die Reformation, wie manche ähnliche Vereine, rasch vom -Erdboden wegfegte. - -Viel härter war das Los der +armen+ Frauen, die ihres Ernährers -beraubt waren und weder in der Erwerbswirtschaft noch in den Klöstern -eine Stelle finden konnten. Zur Verheiratung bot sich ihnen meist -nur dann sichere Gelegenheit, wenn sie dem Manne als Tochter oder -Witwe eines Meisters das Zunftrecht in die Ehe brachten. Freilich gab -es zahlreiche Stiftungen und Vermächtnisse, die auch ihnen zu Gute -kamen -- Verteilungen von Geld und Brot, von Suppe und Fleisch, von -Holz und Kleidern. Das Betteln war im Mittelalter keine Schande, das -Almosengeben wurde als religiöse Pflicht angesehen; man brauchte sich -um so weniger zu scheuen, Spenden und Geschenke zu heischen, als von -den Almosenempfängern eine Gegenleistung, bestehend in Kirchenbesuch -und Gebet für das Seelenheil des Spenders, gefordert wurde. Alte und -gebrechliche Leute fanden wohl auch als Pfründnerinnen in Spitälern -eine Aufnahme. - -Aber diese Mittel boten keine dauernde und ausgiebige Hilfe; sie -versagten am meisten, wenn sie am nötigsten gewesen wären, in Zeiten -allgemeiner Teuerung und Bedrängnis. - -Da ist es denn im höchsten Grade bemerkenswert und als Beweis für -die Tatsache eines weitverbreiteten Frauennotstandes geradezu -ausschlaggebend, dass seit der Mitte des XIII. Jahrhunderts überall -in Deutschland sehr zahlreiche +Anstalten+ gegründet wurden, welche -ausschliesslich zur Versorgung ärmerer alleinstehender Frauen -bestimmt waren. Es sind dies die sogen. +Gotteshäuser+ oder -+Bekinenanstalten+[30]. - -Man pflegt die Institution der Bekinen und Bekarden gewöhnlich -nur von ihrer religiösen Seite zu betrachten und sie da mit den -Tertiariern zusammenzustellen, jenem ausgedehnten Anhang der -Bettelorden aus dem Laienstande. Es ist ja bekannt, dass dieser von -den Dominikanern und Franziskanern gestiftete »dritte Orden der Reue« -aus Weltleuten beiderlei Geschlechts bestand, welche, ohne der Ehe -und ihrem bürgerlichen Berufe zu entsagen, sich der Aufsicht der -Orden unterworfen hatten, an ihren Uebungen und Gebeten teilnahmen, -der Weltlust entsagten, ernste, einfache Kleidung trugen und sich -verpflichteten, Barmherzigkeit zu üben, die Gebote Gottes und die -Vorschriften der Kirche zu halten. In ähnlichen Beziehungen, wie diese -Minoriten, standen allerdings auch die Bekinen und Bekarden zu den -Bettelorden. Sie trugen ein dem geistlichen ähnliches schlichtes Gewand -und nahmen gewisse religiöse Verpflichtungen auf sich. Allein sie -hatten darum nicht mehr Verwandtschaft mit dem Nonnen- und Mönchswesen -als etwa die Brüderschaften der Handwerksgesellen, der Aussätzigen, der -Blinden und Lahmen. Ja wir können sogar beobachten, wie die städtischen -Räte mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dahin strebten, den -weltlichen Charakter der Bekinen (die Bekarden waren wenig zahlreich -und stehen uns hier fern) aufrecht zu erhalten. - -Das Aufkommen der Bekinen knüpft sich -- wenigstens in den deutschen -Städten -- überall an die Stiftung der Gotteshäuser. Unter letzteren -versteht man Häuser, welche von reicheren Laien, Männern und Frauen, -dem Zwecke gewidmet wurden, eine bestimmte Anzahl armer, verlassener -Frauen und Mädchen aufzunehmen. Sie hiessen auch wohl +Einungen+ -(Frankfurt a. M.) oder +Sammlungen+ (Ulm), +Seelhäuser+ (Ulm, München), -+Regelhäuser+ (München), +Maidehäuser+ (Mainz), +Konvente+ (Wesel), -unter Umständen auch +Klausen+ -- das letztere namentlich auf Dörfern -und in einsamen Gegenden. Oft begnügten sich die Stifter nicht mit der -Gewährung der Wohnung; sie sorgten auch durch Verschreibung von Renten -und sonstigen Gefällen für die Unterhaltung der Gebäude, für Holz und -Licht, manchmal auch für einen Teil der Nahrung. Die Bewohnerinnen -solcher Häuser nannte man allgemein +Schwestern+, in Strassburg auch -+gewillige oder arme Schwestern+, in Frankfurt a. M. +geistliche -Schwestern+, +Kinder+ oder +arme Kinder+, in München +Seelnonnen+, in -Konstanz +Mäntlerinnen+; später wurde der Name Bekinen, Beguinen, hier -und da auch Begutten, durchweg gebräuchlich. - -Die +Zahl+ der Frauen, welche in ein solches Gotteshaus Aufnahme -finden konnten, war meist nicht sehr gross und wurde insgemein schon -von dem Stifter festgesetzt. Sie schwankte in Worms zwischen 2 und 6, -in Frankfurt zwischen 2 und 15, in Strassburg war die am häufigsten -vorkommende Anzahl 20; aber es gab auch Häuser mit 3, 4, 6, 8, 10, 12, -ja selbst mit 22 und 26 Schwestern. Sogenannte Bekinen+höfe+, d. h. mit -Mauern umgebene Hofstätten, welche mehrere Wohn- und Wirtschaftsgebäude -für eine grössere Zahl von Schwestern enthielten, finden wir -vorzugsweise in den niederrheinischen Städten und in Belgien. In den -+Klausen+ lebte meist nur je eine Bekine oder Klausnerin. - -Die meisten dieser Gotteshäuser wurden zwischen 1250 und 1350 -gestiftet. Es ist bezeichnend für ihren weltlichen Charakter, dass sie -durchweg nach dem Namen ihres Gründers benannt werden. Ihre Zahl war in -den einzelnen Städten und deren Umgebung sehr gross. In Frankfurt sind -ihrer 57 (etwa 3 Prozent sämtlicher Wohnhäuser der Stadt) dem Namen -nach bekannt, in Strassburg 60, in Basel über 30, in Speier 6; für -München sind ihrer nur 7 nachgewiesen. - -Was die +Gesamtzahl der Bekinen+ betrifft, so lassen sich über diese -für die einzelnen Städte keine sicheren Nachweise erbringen. Nach einer -auf ziemlich zuverlässigen Anhaltspunkten beruhenden Schätzung waren -zu Frankfurt a. M. am Ende des XIV. Jahrhunderts über 200 Bekinen -vorhanden. Ueber 6 Prozent der erwachsenen weiblichen Bevölkerung -(die Stadt hatte damals etwa 9000 Einwohner) befanden sich darnach -in den Gotteshäusern. Hartwig hat berechnet, dass in den Lübecker -Anstalten für alleinstehende Frauen, die freilich nicht ausschliesslich -Gotteshäuser (Konvente) waren, 600 Personen versorgt werden konnten. -Von den bis 1330 gestifteten Strassburger Gotteshäusern konnten 12 -allein 195 Schwestern aufnehmen; alle zusammen boten für mehr als -600 Personen Raum. Noch weit zahlreicher scheinen die Bekinen am -Niederrhein gewesen zu sein. Köln soll ihrer 2000 gehabt haben, Nivelle -und Cantibri bei Cambrai 1300, und ein Bekinenhof bei Mecheln »bis in -die 1400 oder mehr«[31]. Indessen wird man diesen letzteren Ziffern mit -einigem Misstrauen begegnen müssen. - -Wie schon der Name Gotteshäuser andeutet, waren dieselben Stiftungen -christlicher Barmherzigkeit, hervorgegangen aus dem religiösen -Bedürfnisse derjenigen, welche ihr irdisch Hab und Gut -- gewiss mit -Recht -- dem Dienste Gottes zu weihen meinten, indem sie für Unterkunft -der von aller Welt verlassenen, jeder Gefahr ausgesetzten Frauen Sorge -trugen. Vorzugsweise waren es verwaiste oder ledig gebliebene arme -Mädchen, kinderlose Witwen, Töchter kinderreicher Handwerker, alte -treue Dienstboten, welche hier Aufnahme fanden. Im XIII. Jahrhundert -traten auch nicht selten alleinstehende Frauen aus dem wohlhabenden -Bürgerstande, ja selbst solche aus den städtischen Geschlechtern und -dem Adel bei den armen Schwestern ein, denen sie dann ihr Vermögen -zubrachten. - -Die +Statuten+ der Gotteshäuser, welche gewöhnlich schon in dem -Stiftungsbriefe gegeben wurden, waren in der ersten Zeit überaus -einfach. Erst später, als sich Uebelstände herausstellten, wurden sehr -eingehende Satzungen und Hausordnungen für die Schwestern aufgestellt. -Diese sind natürlich je den besonderen Verhältnissen angepasst. Ich -darf mich hier damit begnügen, die wichtigsten gemeinsamen Züge aus -ihnen auszuheben. - -Die +Grundlage der Existenz+ der in einem Gotteshause vereinigten -Schwestern bildete die Rente des Stiftungsvermögens. Wenn diese -zum Leben nicht ausreichte, mussten sich die Frauen durch +Arbeit+ -ernähren, durch Stricken und Nähen, durch Spinnen und Weben. Die -niederrheinischen Bekinenhöfe waren regelmässig mit Bleichplätzen -verbunden. Die Konkurrenz mit dem freien Gewerbebetrieb, welche sie -hier zu bestehen hatten, wurde ihnen nicht selten durch Privilegien -der Stadtobrigkeiten und der Fürsten erleichtert. So erhielten 1293 -die Bekinen zu Würzburg das Recht, ihre selbstverfertigten Tücher -ellenweise zu verkaufen[32]. Im Jahre 1310 gestatteten die Herzöge -Boleslaw, Heinrich und Wendislaw den Bekinen zu Breslau, durch die -Tuchmacher der Stadt weisses und graues Tuch weben zu lassen und in -ganzen Stücken zu verkaufen[33]. In Konstanz hatten sich etliche -Wollenweber geweigert, den »armen Schwestern in der Mäntlerinnen Haus« -das Wollengarn zu weben, das sie spannen. Auf die Klage der Schwestern -bestimmten die Zunftmeister, dass ihnen die Weber was sie spannen, um -es an ihren Leib zu wenden, weben sollten; doch sollten die Schwestern -dasselbe Tuch niemanden anders verschneiden oder zu kaufen geben, -weder in noch vor ihrem Hause[34]. Weniger engherzig ist die II. -württembergische Landesordnung von 1515[35]. In ihr wird »zugelassen, -dass man in jedem Amt den Schwestern und Begynen in iren heusern ain -genante zal der schwestern bestimmen mög, wie vil sie deren haben -sollen und nit darüber, ..... das man auch denselben schwestern ain zal -webstül bestimme zu haben vnd nit darüber, nemlich je vff vier swestern -ain webstul vnd nit mehr, damit die innwoner daneben nit überladen -werden vnd sich auch irnthalb one verhindert erneren mögen.« - -Ausserdem sollten die Bekinen Liebeswerke verrichten, Arme speisen, -Kranke besuchen, Tote zur letzten Ruhestätte geleiten. In München -war das Warten der Kranken und die Besorgung der Toten ihre -ausschliessliche Aufgabe; in Augsburg hatten sie die Krankenpflege -in den Spitälern; in anderen Städten pflegten sie, wie heute die -barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen, vorzugsweise in den -Häusern. In Frankfurt wurden ihnen wohl Findlinge, in Wesel auch andere -arme Kinder zur Erziehung und Unterweisung im Lesen, Schreiben und in -Handarbeiten übergeben. Ausserdem hatten sie den Todestag des Stifters -und der Wohltäter ihres Hauses durch Gebet für deren Seelenheil in der -Kirche zu begehen. - -Die +Aufnahme+ der Schwestern erfolgte bei der Gründung eines -Gotteshauses durch den Stifter oder die Stifterin, später meist durch -Abstimmung aller vorhandenen Schwestern. Brachte die Aufgenommene -eigenes Vermögen mit, so behielt sie die Verfügung über dasselbe und -wurde dafür auch zur Steuer herangezogen, wenn es einen bestimmten -Betrag überstieg[36]; nach ihrem Tode wurde es in Strassburg den -Erben übergeben; in Frankfurt fiel es an das Gotteshaus. In vielen -niederländischen Beguinereien wurde ein Einkaufsfeld und der Bau des zu -bewohnenden Häuschens gefordert; der Nachlass verstorbener Mitglieder -fiel dem Gesellschaftsvermögen zu. Hier und da war ein Probejahr -vor der endgültigen Aufnahme Vorschrift. Der Austritt zum Zwecke -der Verehelichung oder aus anderen Gründen war jederzeit gestattet. -Ausschliessung erfolgte wegen schlechter Aufführung, wegen Ungehorsams, -wegen Störung der Eintracht, wegen Umhertreibens und wegen verbotenen -Umgangs mit Männern. Meist musste dabei der weltliche Pfleger des -Gotteshauses oder der Beichtvater der Schwestern zu Rate gezogen werden. - -Die +Leitung+ des gemeinsamen Haushalts der Bekinen war einer -Meisterin, mitunter auch mehreren anvertraut. Im ersteren Falle -erfolgte die Ernennung durch allgemeine Wahl, im letzteren durch -Zuwahl. In Strassburg wechselten die Vorsteherinnen alle Jahre, in -Frankfurt waren sie meist auf Lebenszeit eingesetzt. Die Schwestern -waren zum Gehorsam gegen die Meisterin verpflichtet. Unbotmässige -Elemente scheinen indessen nicht selten vorgekommen zu sein. Wenigstens -sind zwei Fälle bekannt (aus Frankfurt a. M. und Ulm), wo in grösseren -Bekinenhäusern Gefängnisse eingerichtet wurden, um die Widerspenstigen -zu strafen. - -Die +Tracht+ der Bekinen schloss sich im Schnitt der Gewandung -einfacher Bürgersfrauen an. Sie bestand aus einem Gewand von grauem, -schwarzem oder blauem Wollenstoff mit einer weissleinenen Kaputze -und weissem Schleier, über die sie beim Ausgehen noch ein schwarzes -Wollentuch schlugen. Daher auch die Benennungen graue oder schwarze -oder blaue Schwestern. Die +Kost+ war gewöhnlich sehr einfach. Reichere -Gotteshäuser konnten auch in dieser Hinsicht einigen Aufwand gestatten. -In manchen Strassburger Anstalten dieser Art erhielten die Schwestern -täglich ihren Wein, und dies in gar nicht kleinen Quantitäten. An den -Jahrestagen des Stifters und anderer Wohltäter pflegte der Tisch etwas -reicher besetzt zu sein. Der +Hausrat+ nahm sich meist ärmlich genug -aus; insgemein brachten die Schwestern nichts mit als ihr Bett und ihre -Kleidung. - -Tagüber hielten sich die Schwestern in einer gemeinsamen Wohnstube auf, -der einzigen, die im Winter geheizt wurde. In Strassburg war ihnen -nicht erlaubt, in diesem Zimmer am Rade zu spinnen, damit diejenigen, -welche gerade in frommer Betrachtung begriffen waren, nicht durch das -Schnurren des Rades gestört würden[37]. In dem Konvent auf dem Sande -zu Wesel war auch ein gemeinsames Schlafzimmer vorgeschrieben. Nur die -»Kranken und die alten Glatzköpfe« konnten gesondert untergebracht -werden[38]. In der Verfügung über ihre Zeit zum Arbeiten und Schlafen -scheinen sie an keine besonderen Vorschriften gebunden gewesen zu sein. -Aber keine Schwester sollte ohne Erlaubnis der Vorsteherin ausgehen, -und nie allein, sondern stets zu zweien, auch nicht vor Sonnenaufgang -und nicht nach Sonnenuntergang, es sei denn, dass um einer redlichen -Ursache willen die Vorsteherin es gestattet habe[39]. - -In +religiöser Beziehung+ hatten die Bekinen keine andern -Verpflichtungen als alle ehrbaren Frauen; wohl aber wurden sie -bezüglich der Einhaltung derselben durch den Stadtpfarrer oder die -Ordensgeistlichkeit überwacht. Die Kirche musste natürlich darnach -streben, so weit verbreitete Anstalten ganz unter ihre Aufsicht und -Leitung zu bringen. Namentlich im XIII. Jahrhundert suchte sie die -Bekinen wie einen geistlichen Orden zu behandeln, und eine Synode zu -Fritzlar fasste 1244 den Beschluss, dass keine Schwester aufgenommen -werden dürfe, die jünger als 40 Jahre sei. Allein soweit wir -sehen, ist dieser Beschluss nirgends zur Durchführung gelangt. Die -städtischen Räte boten vielmehr alles auf, um die Gotteshäuser nicht -zu kirchlichen Anstalten werden zu lassen; sie setzten ihnen weltliche -Pfleger und Provisoren zur Wahrnehmung der Vermögensverwaltung und -zur Aufrechterhaltung der Ordnung; sie unterstellten sie in allen -bürgerlichen Beziehungen dem gemeinen Recht. Vielleicht gab das mehr -Grund für die Verfolgungen, welche im Anfang des XIV. Jahrhunderts von -Seiten der Kirche über die armen Schwestern verhängt wurden, als die -Ketzereien, deren man sie beschuldigte. Einzelne Gotteshäuser haben -allerdings die Regeln des dritten Ordens angenommen[40], aber nur wo es -die weltliche Gewalt gestattete; andere waren schon von ihren Stiftern -unter die Aufsicht irgend einer geistlichen Behörde gestellt worden. -Der Einfluss der Geistlichkeit erstreckte sich aber auch in diesen -Fällen nur auf die religiös-sittliche Seite. - -Im XV. Jahrhundert ist an verschiedenen Orten das Bekinenwesen arg -entartet. Viele Gotteshäuser waren durch die zahlreichen kleinen -Schenkungen und Vermächtnisse, welche ihnen im Laufe der Zeit zuteil -geworden waren, reich geworden, und ihr Renteneinkommen gestattete den -Schwestern ein müssiges Leben. Die Arbeit an der Kunkel und am Webstuhl -wurde eingestellt; mehr und mehr beschränkten sich die Schwestern auf -das leichte und gewinnbringende Gewerbe der Leichenbitterinnen und -Klageweiber. Der religiöse Sinn, welcher früher unter ihnen geherrscht -hatte, erstarb zusehends. Man kann sich denken, welche Folgen das -Zusammenleben solcher meist ungebildeten, jedes höhern Lebenszweckes -entbehrenden, aber in ihrer Existenz gesicherten Frauenzimmer, die -teilweise noch in jugendlichem Alter standen, nach sich zog. Männer -durften zwar nicht in die Gotteshäuser kommen; aber man traf sich -mit ihnen ausserhalb derselben. Dazu kam der verderbliche Einfluss -der Bettelorden, die vielfach die Seelsorge der Schwestern übten -und in ihre Anstalten freien Zutritt hatten. Schon 1372 klagten die -Strassburger Nonnen von St. Marx, St. Katharinen und St. Nicolai -in undis beim Papste Gregor XI. über die Dominikaner: »sie wollen -uns ihren geistlichen Beistand nur gewähren, wenn wir ihnen Geld, -Geschmeide und andere Dinge geben; sie kommen in unsere Klöster in -kurzen Röcken, bebänderten Mützen, Stiefeln, wie weltliche Leute; -sie haben vor uns getanzt und uns zu eitler Lust aufgefordert, -ja einige von uns haben sie zur Sünde verführt«. Wenn das in den -Klöstern geschehen konnte, was mochte erst in den weit zugänglicheren -Gotteshäusern vorkommen! Sebastian Brant schildert die Strassburger -Bekinen als ein nichtsnutziges Schmarotzervolk; sie taugten kaum mehr -zu etwas anderem, als bei Prozessionen und Leichenbegängnissen bezahlte -Gebete zu murmeln. In Frankfurt a. M. werden sie in öffentlichen -Aktenstücken mit Dirnen der verworfensten Art in eine Linie gestellt. -Kein Wunder, dass die Zeitgenossen sich keinen klaren Begriff mehr über -den wahren Charakter der ganzen Einrichtung machen konnten und dass der -Verfasser der Dunkelmännerbriefe die Frage aufwirft, ob die Lolharden -und Begutten zu Köln geistliche oder weltliche Leute seien. Brant -schliesst seine Schilderung der Bekinen mit dem ohne Zweifel ehrlich -gemeinten Stossseufzer: - - »Ach werent sy zu Portugall, - Ach werents an derselben statt, - Do der pfeffer gewachsen hatt, - Und nymmer möchten her gedenken! - Ich wollt in gern das weggeld schenken.« - -Die Reformation hat denn auch sehr rasch mit der überlebten Einrichtung -aufgeräumt; sie hat die Gotteshäuser gewöhnlichen Zwecken zurückgegeben -oder sie in Krankenanstalten, Schulen u. dgl. verwandelt; nur in den -Niederlanden haben sich die Bekinenhöfe bis auf die neueste Zeit -erhalten. - -Es konnte nicht fehlen, dass die grosse Zahl der alleinstehenden Frauen -im Mittelalter auch zu weit bedenklicheren Erscheinungen führte, dass -namentlich das +Verhältnis der beiden Geschlechter zu einander+ davon -ungünstig beeinflusst wurde. Ganz allgemein dürfte hier die Bemerkung -am Platze sein, dass man zu einer durchaus schiefen Beurteilung der -mittelalterlichen Gesellschaft gelangt, wenn man jenes Verhältnis -immer nur in dem rosig schimmernden Lichte betrachtet, mit dem es -der ritterliche Minnesang und Frauendienst verklärt hat. Dieser -Idealzustand verfeinerter Sinnenlust beschränkte sich selbst im XII. -Jahrhundert nur auf einen verhältnismässig sehr kleinen Kreis, und -auch hier mag noch zwischen der Theorie und Praxis der Liebe ein sehr -bedeutender Unterschied gewesen sein. Im XIV. und XV. Jahrhundert -ist von der vielgepriesenen frommen Zucht und Sitte eben so wenig im -städtischen Leben, das wir nach dieser Hinsicht genauer kennen, als bei -dem in raschem Verfalle begriffenen Rittertum zu verspüren. Eheliche -Treue ist in den höheren Ständen während des ganzen Mittelalters -nicht sehr häufig; die Bastardkinder werden in der Vaterfamilie mit -den ehelichen Söhnen und Töchtern zusammen erzogen; eine derbe, fast -rohe Sinnlichkeit beherrscht die Beziehungen der Geschlechter in allen -Klassen der Bevölkerung. Die Begriffe von Sitte und Anstand sind von -den unseren weit verschieden, und die naive Offenheit, mit der wir -überall auch die anstössigsten Dinge behandelt sehen, liegt weit ab von -den Manieren der heutigen Zeit. Die Kirche hat nach dieser Richtung -wenig Einfluss zu üben verstanden; sie war zufrieden, wenn ihre Regeln -sonst streng beobachtet wurden. Trug sie doch selbst die Züge jenes -übersinnlich-sinnlichen Doppelwesens, das der Zeit eigen war. - -Auf jenen derben Holzschnitten, welche uns aus dem Ende des XV. und -dem Anfang des XVI. Jahrhunderts erhalten sind, erblicken wir nicht -selten Frauen in Gesellschaft von Männern bei Wein und Würfelspiel, -bei Schmausgelagen und ausgelassenen Tänzen. Sie sind neben andern ein -Beweis dafür, dass die Frauen in Deutschland damals weit entfernt waren -von jener strengen Abgeschlossenheit, die wir in südlichen Ländern -treffen. Sie beteiligten sich in gleicher Weise an den gewöhnlich -recht materiellen Vergnügungen wie die Männer. Im württembergischen -Zabergau feierten sie allerorts jährlich auf Fastnacht ihre -Weiberzechen -- Schmausereien, bei denen kein Mann zugegen sein -durfte, ausser dem Schultheiss und dem Bürgermeister, welche die -Dienste der Kellner und Aufwärter zu versehen hatten und bei welchen -es sehr lustig herging[41]. Bei den Festen der Geschlechter, auf den -Trinkstuben der Zünfte und Brüderschaften, bei Volksbelustigungen auf -Märkten und Messen, auf freien Plätzen und in den Vorhallen der Kirchen --- überall wo es etwas zu gaffen und zu geniessen, zu tanzen, zu -springen und zu singen gab, erblicken wir die Frauen, und meist nicht -eben als Wächterinnen des guten Tons und der strengen Sitte, sondern -als Ausgelassene unter den Ausgelassenen, oft als Anführerinnen der -Fröhlichen. Das schliesst nicht aus, dass sie anderwärts wieder als -Trägerinnen des religiösen Lebens erscheinen, dass sie als Beterinnen -und Büsserinnen zu Füssen des Gekreuzigten liegen und der gebenedeiten -Gottesmutter Maria, dass sie als Nonnen die Klöster füllen und als -Pilgerinnen die Lande durchziehen. - -Das Mittelalter, das schon den Wechsel der Jahreszeiten sehr viel -lebhafter empfand als wir, war auch sonst reich an derartigen -Gegensätzen. Wie hätte es auch anders sein können in einer -Gesellschaft, die fortwährend den jähesten Wechselfällen ausgesetzt -war? Fast nirgends erblicken wir das ruhige Behagen einer in festen -Linien sich bewegenden stetigen Entwicklung, nirgends den heitern -Lebensmut, der die Menschen einer rechts- und existenzsicheren Zeit -beseelt. Selbst die Bevölkerung der Städte hielt sich im XIV. und XV. -Jahrhundert meist nur mit Mühe auf ihrem frühern Bestand, und dies auch -nur mittels einer massenhaften Einwanderung aus der nahen ländlichen -Umgebung. Kriege, Missernten, Hungersnöte, der jähe Tod rafften alle -paar Jahre ein Viertel, ein Drittel, manchmal gar die Hälfte der -vorhandenen Menschen dahin. Von 1326 bis 1400 zählte man 32 Pestjahre, -von 1400-1500 41, von 1500-1600 30. Wie ist es unter der Angst solch -steter Lebensbedrohung auch nur denkbar, dass die Menschen ein heiteres -Gleichgewicht ihres geistigen und sinnlichen Daseins hätten bewahren -können! - -Hart neben einander lagen darum im täglichen Leben der -mittelalterlichen Gesellschaft toller Lebensgenuss und büssende -Entsagung; heute schlürfte man den Becher der Lust bis zur Neige, -um morgen in bitterer Reue sich der Welt abzukehren, das Fleisch -zu ertöten, mit Fasten und Beten, mit Geissel und Bussgürtel -sich zu kasteien. Von der Kirche zum Tanzhaus, von der Kutte zur -Fastnachtsmummerei, von der Büssergeissel zur Schellenkappe war oft nur -ein kleiner Schritt. - - Himmelhoch jauchzend, - Zu Tode betrübt -- - -das ist die Stimmung des ausgehenden Mittelalters, welche mit -ergreifender Naturwahrheit die Kunst in den Totentänzen mit ihrem -schneidenden Sarkasmus und ihren packenden Kontrasten wiedergespiegelt -hat. - -Es kann uns darum auch kaum Wunder nehmen, wenn wir in den Chroniken -der Zeit unmittelbar neben der Schilderung des schwarzen Todes und der -Geisslerfahrten, neben der Erzählung von grausigen Judenschlächtereien, -blutigen Fehden und Hinrichtungen die Darstellung der Tanzwut lesen, -welche im XIV. Jahrhundert die ganze Bevölkerung der rheinischen Städte -ergriff[42], wenn wir sehen, dass während heute nicht Hände genug -vorhanden sind, um die Toten zu begraben, morgen schon die Kirchen kaum -die Zahl der Brautpaare zu fassen vermögen, welche sich zum Traualtar -drängen[43], wenn wir in den städtischen Gesetzbüchern auf derselben -Seite einen Ratsbeschluss gegen die allzuzahlreichen Widmungen an die -Kirche finden, auf welcher auch ein Verbot des übermässigen Luxus -bei Hochzeiten und Kindtaufen Platz gefunden hat, wenn wir in einer -Epoche, die viele sich als das Urbild des Beharrens denken, die Moden -fast über Nacht wechseln sehen. »In der zeit (um 1380) war der sitt -von der kleidung verwandelt, also, wer heur ein meister war von den -schneidern, der war über ein jahr ein knecht«[44]. Es gibt vielleicht -keine Erscheinung dieser Zeit, die all diese scharfen Gegensätze so -verkörpert, wie jener aussätzige Barfüssermönch, von welchem die -Limburger Chronik erzählt, dass er bei all dem unsäglichen Elend seiner -Krankheit »die besten lieder vnd reihen machte .... und was er sung, -das sungen die leut alle gern, vnd alle meister pfiffen und andere -spilleut furten den gesang und das Gedicht...., und war das alles -lustiglich zu hören«[45]. - -Erwägen wir dies alles, so wird uns auch das zahlreiche Auftreten und -das wunderliche Gebaren der +fahrenden Leute+[46] verständlicher, -unter denen wieder die Frauen massenweise vertreten waren. Diese -fahrenden Frauen finden wir zunächst in der Gesellschaft jener -Gaukler- und Possenreisserbanden, jener Spielleute und Bettler, die -wir das ganze Mittelalter hindurch überall da erscheinen sehen, wo -ein grosser Zusammenstrom von Menschen stattfand. Sie traten hier auf -als Spielweiber und herumziehende Künstlerinnen, als Gauklerinnen -und Tänzerinnen, als Leier- und Harfenmädchen. In mancher Hinsicht -berühren sie sich mit dem leichten Volk der fahrenden Schüler und -wandernden Kleriker, gegen welche die Konzilien vergeblich eiferten. -Sie erscheinen in grossen Scharen am fürstlichen Hoflager, bei den -Kaiserkrönungen, auf Reichstagen, Turnieren, Kirchenversammlungen, auf -Messen und Märkten. »Man kann sich nichts Widerlicheres denken«, sagt -Weinhold, »als diese entsittlichten hungernden und lungernden Banden, -welche zu Hunderten durch das Land streiften, wo sich nur ein Fest -zeigte, den Raben gleich sich sammelten und ihre durchlöcherte Hand -frech fordernd hinhielten.« - -Scharen dieser fahrenden Weiber begleiteten schon die Kreuzfahrer -nach Asien. Dem französischen Heere sollen ihrer i. J. 1180 nicht -weniger als 1500 gefolgt sein, und noch Ludwig der Heilige vermochte -den dadurch in seinem Heere entstandenen Unfug kaum zu dämpfen. Von -Friedrich II., der 1229 im Gelobten Lande sich aufhielt, erzählt -Matheus Parisiensis, der Mönch von St. Alban, dass er Sarazenen, die -er zur Tafel gezogen hatte, durch die Künste christlicher Spielweiber -unterhielt. Am französischen und englischen Hofe gab es im XIII. und -XIV. Jahrhundert einen eigenen Marschall zur Beaufsichtigung dieser -Personen. In Deutschland finden wir sie 1394 bei dem Reichstage zu -Frankfurt a. M. in der ansehnlichen Zahl von 800, und die Menge -der fahrenden Frauen, welche sich zu den Konzilien von Basel und -Konstanz eingefunden hatten, soll 1500 betragen haben. In Basel hatte -während des Konzils der Herzog von Sachsen in seiner Eigenschaft -als Reichsmarschall die Aufsicht über die fahrenden Dirnen. Er war -es auch, der eine Zählung derselben veranstaltete, die aber nur zur -Hälfte durchgeführt wurde, weil der damit Beauftragte das widerwärtige -Geschäft für zu gefährlich hielt[47]. - -Wie im Gefolge des Adels und der Geistlichkeit, so erscheinen sie nicht -minder zahlreich im Tross der in den französisch-englischen Kriegen -aufgekommenen Söldnerheere. Schon aus dem XIV. Jahrhundert erzählt -Königshofens Chronik, dass ihrer 800 mit den Landsknechten zu Felde -gezogen seien und dass sie zu ihrer Beschirmung einen eigenen Amtmann -gehabt, dem sie wöchentlich eine Abgabe entrichten mussten. Dieser -Amtmann oder Weibel bildet eine stehende Charge in den Heeren bis zum -dreissigjährigen Kriege. Dass aber jene Massen fahrender Weiber, welche -gewöhnlich mit den Trossbuben zusammengenannt werden, den Zeitgenossen -als integrierendes Glied der Heeresorganisation erschienen und dass sie -auf Kriegszügen wichtige Dienste leisteten, lernen wir aus Leonhard -Fronspergers Kriegsbuch[48], das sich über die Aufgaben besagten -Weibels weitläufig vernehmen lässt. Aus seiner Darstellung erkennt man, -wie leicht sich die zahlreiche weibliche Gefolgschaft der Landsknechte -der damaligen Heeresordnung als nützliches und selbst notwendiges Glied -einfügen liess, und wir werden uns deshalb nicht mehr wundern, wenn wir -lesen, dass Herzog Albas Heer auf seinem Zuge nach den Niederlanden von -400 Dirnen zu Pferd und 800 zu Fuss, »in Kompagnien geteilt und hinter -ihren besonderen Fahnen in Reih und Glied geordnet«, begleitet war. -»Jeder war nach Verhältnis ihrer Schönheit und ihres Anstandes der Rang -ihrer Liebhaber bestimmt und keine durfte bei Strafe diese Schranken -überschreiten«[49]. - -So befremdlich und widerwärtig uns diese Erscheinung auch anmuten mag, -so kann doch der Versuch nicht allzu schwer fallen, sie zu erklären und -uns menschlich näher zu rücken. - -Eine sichere, sesshafte Existenz war im Mittelalter weit seltener -möglich und wurde selbst weniger als Bedürfnis empfunden als -heutzutage. Wie noch in unserer Zeit die Tataren der russischen Steppe -leichten Muts ihre Zeltdörfer abbrechen, nachdem sie in einjähriger -Brennwirtschaft dem Boden flüchtig eine Ernte abgewonnen, so haben -im XIII. und XIV. Jahrhundert nicht selten ganze Dorfschaften in -Deutschland ihre Sitze gewechselt. Hunger und Kriegsnot, Hagelschlag -und Viehsterben, vielleicht auch bloss der lebendige Wandertrieb und -das Bewusstsein, wenig zu verlieren zu haben -- wer weiss, welche -Momente noch sonst hier jedesmal wirksam wurden! Ein grosser Teil -der Bevölkerung lag beständig auf der Landstrasse, und die Weistümer -der Dörfer wie die Ratsbeschlüsse der Städte gedenken dieser -wandernden Leute gleichmässig mit Nachsicht, ja mit mildtätiger -Fürsorge. Bei den oft wiederkehrenden allgemeinen Notständen bildeten -sich ganze Bettlerheere von Männern und Weibern, überfielen wie -Heuschreckenschwärme die Städte und erforderten nicht selten ernstliche -Vorkehrungen[50]. Viele von ihnen mögen dann nie wieder zur dauernden -Ansässigkeit gelangt sein. Die alleinstehenden Frauen namentlich, -schutz- und hilflos in einer gewalttätigen Gesellschaft, mochten sich -leicht entschliessen, ihren Wohnort zu verlassen und einem lockenden -Rufe in die Ferne zu folgen. Die Frankfurter Steuerlisten des XIV. und -XV. Jahrhunderts geben uns eine Vorstellung davon, wie entsetzlich -verbreitet die Armut unter ihnen war. Im Jahre 1410 führt das Bedebuch -2461 Steuerpflichtige auf, von denen 336 oder 13,7 Prozent ausdrücklich -als arm bezeichnet werden. Von der Gesamtzahl waren 1888 Männer und 568 -Frauen; unter den Männern gab es 148 oder 7,8 Prozent Arme, unter den -Frauen 188 oder 33,6 Prozent! Das Mittelalter kannte freilich keine -Armenpolizei, die dem Bettel mit Gefängnisstrafen beikommen zu können -meinte. Noch im Jahre 1489 beschloss der Frankfurter Rat -- wer weiss, -zum wie vielten Male? -- _keynen frembden betteler nit vffnemen zu -burger_. Auf freien Plätzen und an Strassenecken, vor den Kirchtüren -und auf den Brücken lagen die Blinden, die Lahmen, die Aussätzigen, -und nicht selten schlugen Bettler und Vagantenscharen hart unter den -Stadtmauern ihre Barackenlager auf, wenn man ihnen die Tore verschloss. -Bei Messen und Kaiserkrönungen sowie an den offiziellen Betteltagen -ergossen sie sich dann unaufhaltsam in die Stadt. - -Was sollte diese Leute an der Scholle halten, wenn ihr Erwerb -spärlicher floss und der Wettbewerb um die private Mildtätigkeit zu -gross wurde? Auch hier geben die Frankfurter Steuerlisten erwünschten -Aufschluss. Oft genug fanden die Bedemeister die Quartiere der -steuerpflichtigen Frauen leer. »_Recessit_«, »_Ist enweg_«, »_Ist -davon gelauffen_«, »_Ist gangen bedeln_«, wird dann wohl lakonisch -hinter dem Namen bemerkt: niemand weiss, wohin sie gekommen. Dass -sich aus derartigen Elementen die Schwärme der Fahrenden vielfach -rekrutierten, unterliegt kaum einem Zweifel. Oft mag freilich auch -die Scheu vor der Arbeit an der Spindel oder auf dem Felde, die Lust -an einem ungebundenen Leben ausschlaggebend gewesen sein. In einem -Volksliede[51] dieser Zeit fragt eine Mutter ihre Tochter: - - »Och metgen, wat hait dir der rocken gedain, - dat du niet me machs spinnen? - du suist in over die aesselen an - recht wolstu mit eime kinge.« - -Und die Tochter antwortet: - - »Och moder, ich haven ein eit gesworn, - dat ich niet me mach spinnen, - ich haven ein lantsknecht lef und wert, - licht mir in minen sinnen. - Hi drinkt so gerne den kölen win, - hi sluit mich in sin blanke armelin - den awent zu dem morgen.« - -In einem andern[52] stellt die Mutter dem Mädchen die Wahl frei -zwischen einem Ritter, einem Bauern und einem Landsknecht, und die -Tochter antwortet: - - »Boeren, dat sijn boeren, - si drinken so selden den wijn, - so en doet die vrome lantsknecht niet, - hi schencter so dapperlic in.« - -Manchmal mag auch die Verführung das ihrige getan haben, wie in dem -bekannten Liede[53]: - - »Nun schürz dich, Gredlein, schürz dich! - wolauf, mit mir darvon! - das korn ist abgeschnitten, - der wein ist eingeton« ... - - Do nam ers bei der hende, - bei ir schneweissen hant, - er fürets an ein ende, - do er ein wirtshaus fand. - - »Nun wirtin, liebe wirtin, - schaut uns umb külen wein! - die kleider dises Gredlein - müssen verschlemmet sein.« - -War einmal der verhängnisvolle Schritt getan, so gab es so leicht keine -Rückkehr. Die Frauen fast aller Stände folgten nur zu leicht der eiteln -Weltlust. Ueber die hohen Klostermauern, durch die Schlüssellöcher der -eisenbeschlagenen Pforten hielt sie ihren Einzug: - - »Gott geb dem ein verdorben jar, - der mich macht zu einer nunnen - und mir den schwarzen mantel gab, - den weissen rock darunden!« - -So sang und pfiff man um 1359 auf allen Strassen[54]. - -Die fahrenden Leute waren im Mittelalter ehr- und rechtlos; um so -lieber mochten sich die Frauen den Kriegsheeren anschliessen, wo sie -mindestens geduldet und geschützt waren und wo sie in den wilden Ehen, -die sie mit den Landsknechten und ihren Offizieren eingingen, einigen -Rückhalt fanden. Endlich bleibt zu erwägen, dass die Art der damaligen -Kriegsführung die Mitnahme zahlreicher Frauenzimmer, wenn auch -vielleicht nicht unbedingt nötig machte, so doch sehr erleichterte. -Durch viele Stellen der Landsknechtslieder wird bezeugt, dass nicht -leicht einer ohne sein »Fräulein« auszog: - - »Der in den krieg wil ziehen - der sol gerüstet sein; - was sol er mit im füren? - ein schönes frewelein, - ein langen spiess, ein kurzen tegen; - ein herren wöln wir suchen, - der uns gelt und bscheid sol geben.«[55] - -Freilich wurden diese Ehen oft ebenso rasch gelöst als geschlossen. In -einem andern Volkslied wird das Betragen der Frauen nach einer Schlacht -geschildert: - - »Erst hebt sich an die klag der trewen frawen, - ein iede tut nach irem man umb schawen; - welcher der ir ist bliben tot, - darf nit vor schanden lachen -- - biss sie ein andern hat.« - -Mag dieser Uebergang zu »einem Andern« die Regel gebildet haben, -immerhin finden wir auch Beispiele unwandelbarer Treue, wie in dem -schönen Liede[56] von den neun Landsknechten und einer jülich’schen -Maid, die ihren in Gefangenschaft geratenen Geliebten zu retten -sucht. So fällt auch auf dieses unserem Empfinden so wenig zusagende -Verhältnis ein versöhnender Strahl der alles wagenden und alles -duldenden Liebe. - - * * * * * - -Unstreitig die bedenklichste Erscheinung des Mittelalters bilden -diejenigen +fahrenden Frauen+, welche +in den Städten sich dauernd -niederliessen+ und hier nicht wenig zur Lockerung der Sitten -beitrugen[57]. Dieselben kommen zwar auch noch unter mancherlei -anderen Namen vor[58]; dass sie jedoch vorwiegend +Fremde+ waren, -zeigen zahlreiche Bestimmungen der über sie erlassenen Ratsordnungen. -Das Mittelalter war in Beziehung auf die öffentlichen Dirnen weit -entfernt von jener übelangebrachten Prüderie, die heute noch so -vielfach eine unbefangene Erörterung dieses ja immerhin sehr heikeln -Gegenstandes verhindert. Es nahm ihr Bestehen als ein »zur Verhütung -grösseren Unheils« notwendiges Uebel hin, dessen Beseitigung kaum -je ernstlich in Erwägung gezogen wurde. In Frankfurt konnten sie -das Bürgerrecht erlangen und wurden wie andere Neubürger in das -Bürgerbuch eingetragen[59]. Die Frauen, welche sich dem elendesten -aller Gewerbe hingaben, betrachtete man mehr als Unglückliche, Verirrte -und Leichtsinnige[60] denn als Lasterhafte. Den Männern, welche ihren -Umgang suchten, haftete ebensowenig ein Makel an als denjenigen, welche -in »Unehe« (dem Konkubinat) lebten. Bildete doch selbst in den Zeiten -des ritterlichen Frauendienstes der eheliche Stand eines von beiden -Teilen oder beider für die »Minne« kein Hindernis. - -Oeffentliches Aergernis suchte freilich auch das Mittelalter in diesen -Dingen zu vermeiden; aber es fasste diesen Begriff doch noch sehr -eng. Die gemeinen Frauen wurden fast überall gezwungen, in bestimmten -entlegenen Strassen oder in den Vorstädten zu wohnen; am häufigsten -suchte man sie in +Frauenhäusern+ zu vereinigen. Die letzteren waren -meist von den Stadträten selbst oder den Landesherren errichtet und -bildeten dann oft eine vom Standpunkt der städtischen Finanzen nicht -zu unterschätzende Einnahmequelle, welche selbst hohe kirchliche -Würdenträger ohne Skrupel auspumpten und der Adel gern zu Lehen nahm. -Sie wurden von den Städten entweder in eigenem Betrieb durch Beamte -verwaltet oder an Privatunternehmer verpachtet. Die letzteren hiessen -Frauenwirte und Wirtinnen oder Frauenmeister, bez. Meisterinnen, -und waren durchweg an genaue Vorschriften gebunden. Sie unterlagen -hierbei der Beaufsichtigung durch die städtischen Behörden. Meist war -den Ratsknechten, oft auch dem Henker oder Stöcker die unmittelbare -Ueberwachung der Dirnen anvertraut; die letzteren hatten diesen -Bediensteten dafür gewisse wöchentliche Gebühren zu entrichten. Die -Oberaufsicht lag gewöhnlich in den Händen des Bürgermeisters oder einer -Ratsdeputation, deren Befugnisse fast unbeschränkt waren. - -Die Frauenhäuser standen als befriedete Orte unter einem ganz -besonderen Schutz; Unfug, der dort verübt war, wurde doppelt hart -bestraft. Die Insassen derselben genossen eines ausschliessenden -Gewerberechts; wie die Zunftmeister gegen Störer und Bönhasen, so -gingen sie gegen den unlauteren Wettbewerb der »heimlichen« Frauen -vor, welche in Bürgerhäusern ihre Schlupfwinkel hatten, und mehr als -einmal übten sie gegen diese gewalttätige Selbsthilfe. Eigentliche -Korporationen, wie in Genf und Paris, scheinen sie in Deutschland nur -vereinzelt gebildet zu haben; so hatten die öffentlichen Frauen in -Leipzig eine Verbindung mit eigenen Satzungen, die ihre Vorsteherin -selbst wählte und jährlich auf Mitfasten eine Prozession hielt. -Ueberall aber waren sie bei öffentlichen Festlichkeiten, namentlich -bei Fürstenempfängen, neben der körperschaftlich geordneten übrigen -Bevölkerung als besondere Standesgruppe vertreten. Selbst bei den -Schmäusen und Tänzen, mit welchen sich die ehrsame Bürgerschaft und -der Rat vergnügten, war ihnen zu erscheinen erlaubt. Sie pflegten -bei solchen Gelegenheiten wohl ihre Glückwünsche darzubringen und -Blumensträusse zu überreichen, wogegen sie eine Ehrung, bestehend -in Speise und Trank oder einem Geldgeschenke, empfingen. Bei der -Durchreise hoher Herrschaften wurden ihre Häuser zu deren Empfang -besonders geschmückt und beleuchtet; ja sie wurden bisweilen bei -solchen Gelegenheiten auch auf städtische Kosten gekleidet. In -Zürich herrschte noch 1516 der Brauch, dass der Bürgermeister, die -Gerichtsdiener und die gemeinen Frauen mit den fremden Gesandten, -welche in die Stadt kamen, zusammen speisten. - -Das Tun und Treiben in den Frauenhäusern war durch besondere Ordnungen -geregelt, welche einen schlagenden Beweis für die eingehende Sorgfalt -und die menschenfreundliche Gesinnung abgeben, mit denen das -Mittelalter auch jene elendesten aller menschlichen Wesen behandelte. -Jedenfalls stechen sie vorteilhaft ab gegen die Massregeln der -modernen Sittenpolizei, welche in diesen Dingen noch immer zwischen -weitherziger Duldung und radikaler Unterdrückung einen nicht sehr -würdigen Eiertanz aufführt. Sie suchen die öffentlichen Frauen vor -Uebervorteilung und roher Behandlung durch Wirte oder Wirtinnen zu -schützen, ihnen die Freiheit der Bewegung, das Recht des Kirchenbesuchs -und die Heilighaltung der Festtage zu gewährleisten und ihnen die -Rückkehr zu einem geordneten Lebenswandel zu erleichtern. Früh finden -wir eine gesundheitliche Ueberwachung derselben, und in Ulm gab es -sogar eine besondere Badstube für ihren Gebrauch. In dem dortigen -Frauenhause wurden die Weiber zur Arbeit angehalten; jede Insassin -musste dem Wirte täglich zwei »Andrehen« Garn spinnen oder, wenn sie -das nicht wollte, ihm für jede Andrehe 3 Heller zahlen. Dafür war -der Wirt auch verpflichtet, in die Hilfskasse der Frauen, zu der -jede wöchentlich einen Heller zahlte, jedesmal das Doppelte dieses -Betrags zu legen. Das gesammelte Geld diente dazu, krank oder brotlos -gewordene Frauenhauserinnen zu unterstützen. Es bestand also Kranken- -und Arbeitslosen-Versicherung, zu der Unternehmer und Arbeiterinnen -beitrugen. Ueber Kost und Lohn enthält die Frauenhausordnung von 1416 -die genauesten Vorschriften; überall leuchtet das Bestreben durch, -die Gewalt des Wirtes in möglichst enge und fest bestimmte Grenzen -einzuschliessen. - -Wie gross die Anzahl der feilen Frauen in den einzelnen Städten gewesen -sei, lässt sich fast nirgends mehr bestimmen. In den meisten Städten -finden wir mehrere (meist zwei oder drei) Frauenhäuser; die grösste -Zahl von Frauen, welche wir in einem solchen Hause antreffen, beträgt -fünfzehn. Indessen ist nicht zu übersehen, dass auch ausserhalb -der Frauenhäuser die Lüderlichkeit eine Stätte fand. Nach allen -Schilderungen muss im XV. Jahrhundert die Prostitution in den deutschen -Städten eine furchtbare Ausdehnung gewonnen haben. Der zu gewissen -Zeiten sehr starke Fremdenverkehr und die ständige Anwesenheit einer -beträchtlichen Zahl von ehelosen Geistlichen, Handwerksgesellen und -Kaufmannsdienern auf der einen Seite, die öffentliche Duldung des -Unwesens in den Frauenhäusern auf der andern Seite wirkten mit der -durch den wachsenden Reichtum geförderten Zuchtlosigkeit in den höheren -Klassen zusammen, um eine geradezu schaudererregende Verwilderung und -Verrohung hervorzubringen. In diesen Sumpf der Sittenlosigkeit wurde -bald alles hineingerissen, die niederen wie die höheren Stände, die -bürgerlichen Haushaltungen wie die Frauenklöster und Bekinenanstalten. - -Eine Reaktion gegen dieses Treiben konnte nicht ausbleiben. Sie ging -von den Zünften und Gesellenverbänden aus, welche ihren Mitgliedern den -Verkehr mit lüderlichen Dirnen seit dem Beginn des XV. Jahrhunderts -untersagten. Weit später folgten Massregeln der öffentlichen -Gewalt. Immer allgemeiner wurde den Dirnen, wie anderen Kategorien -der »unehrlichen Leute«, eine besondere Tracht oder ein Abzeichen -vorgeschrieben, damit sie von den ehrbaren Frauen geschieden und »nach -ihrem wahren Werte angesehen« werden könnten. Man untersagte ihnen -das Erscheinen bei Tänzen und Hochzeitsfesten; man wies ihnen in den -Kirchen einen gesonderten Platz an; ja man schloss sie selbst nach -ihrem Tode von dem allgemeinen Friedhof aus und liess ihre Leichen auf -dem Schindanger verscharren. Dem XVI. Jahrhundert blieb es vorbehalten, -zu diesen Unmenschlichkeiten noch die Strafen des Ausstellens -am Pranger, des »Schnellens« und der öffentlichen Auspeitschung -hinzuzufügen. Die Reformation bewirkte allerwärts, auch an katholisch -gebliebenen Orten, die Aufhebung der Frauenhäuser, freilich nicht ohne -gerade in diesem Punkte auf heftigen Widerstand zu stossen. - -Indessen würde man irren, wenn man wähnte, in jenen barbarischen -Aechtungsmitteln des XV. Jahrhunderts habe die Weisheit des -Mittelalters gegenüber den gefallenen Frauen ihr Ende gefunden. Die -Kirche hatte es immer als eine wichtige Aufgabe christlicher Liebe -bezeichnet, diese Tiefgesunkenen zu retten; das kanonische Recht -empfahl die Ehelichung einer Gefallenen als ein Verdienst. Aber nur -zu oft entsprachen dieser Theorie nicht die Taten des Klerus, der -an vielen Orten den Gläubigen mit bösem Beispiele voranging. Der -Ausdruck »Pfaffenmagd« wird im ganzen späteren Mittelalter den ärgsten -Schimpfwörtern gleich geachtet. Ueber die sittliche Verwahrlosung, -der manche Klöster zu Zeiten anheimgefallen waren, besitzen wir -erschreckende Schilderungen[61]. - -Aber die Kirche hat doch früh auf diesem Gebiete auch +positive -Reformarbeit+ geleistet. Schon im Anfang des XIII. Jahrhunderts -hatte ein Priester Rudolf in den rheinischen Städten den verlorenen -Frauen seinen Bekehrungseifer zugewendet[62]. »Herr, wir sind arm und -schwach«, war ihm einmal von solchen geantwortet worden; »wir können -uns auf keine andere Weise ernähren; gebt uns Wasser und Brot, und -wir werden euch gerne gehorchen.« In Worms und der Umgegend hatte er -einige dieser Frauen bekehrt und in ein Haus aufgenommen; in Strassburg -hatte er 1225 eine Klause für die Bussfertigen errichtet. Zwei Jahre -später erhielt er ein päpstliches Breve, durch welches sämtliche von -ihm bekehrten Frauen unter dem Namen der +Reuerinnen+ dem Orden -der heiligen Magdalena angeschlossen wurden. Aus diesem kleinen Anfang -ging in Strassburg das grosse Reuerinnenkloster hervor, nachdem durch -eine Bulle Gregors IX. von 1246 die Büsserinnen der heiligen Magdalena -in Deutschland ermächtigt worden waren, Klöster zu bauen. Solche -Klöster der Büsserinnen, Reuerinnen oder weissen Frauen entstanden -bald auch in andern Städten. Ihr nächster Zweck[63] war die Besserung -der Verirrten und die Zurückführung derselben in die ehrbare weltliche -Gesellschaft. Dies geschah durch ein unter strenger Klausur stehendes, -sonst aber nicht allzuharten Regeln unterworfenes Leben in Gebet und -Arbeit. Nur diejenigen, welche durch ihre Haltung bewiesen hatten, dass -sie entschlossen seien, dauernd ein Dasein strengster Büssung und -Kasteiung zu führen, wurden als eigentliche Klosterfrauen zur Ablegung -des Gelübdes zugelassen und in die »Samenung zur heiligen Magdalena« -aufgenommen. - -Dieses Vorgehen der Kirche fand unter den Bürgern lebhafte -Nacheiferung. Hier und da wurden Vermächtnisse gestiftet, um -denen, welche ein gefallenes Mädchen heirateten, eine Summe -Geldes zu gewähren. Ausserdem wurden aus Privatmitteln zahlreiche -+Rettungshäuser+ gegründet, die nach dem Muster der Bekinenhäuser -eingerichtet waren und von diesen oft schwer zu unterscheiden sind. -Schon im Jahre 1302 errichtete ein Speierer Bürger eine solche Anstalt, -in welcher öffentliche Frauen aufgenommen, genährt und gekleidet -wurden. Noch weiter ging 1303 Heinrich von Hohenberg, ein Scholar -zu Colmar, der in verschiedenen Städten Rettungshäuser begründete, -in welchen je 10 bis 25 Frauen Aufnahme, Ernährung und Bekleidung -erhielten. Die Mittel brachte er durch Sammlung milder Beiträge auf. -Auch in Strassburg stiftete er einen Bussschwesternverein, welchen der -Bischof Johann von Dirpheim am 8. Oktober 1309 bestätigte. »Sklaven«, -sagte er, »erlangen, wenn sie der Freiheit wiedergegeben werden, -alle Rechte freier Männer; es wäre daher unbillig, wenn Frauen, die -Sklavinnen der Sünde gewesen, nicht ähnlich behandelt würden, sobald -sie sich zu einem besseren Lebenswandel bekehren.« Der Bischof nahm -sie deshalb in seinen besonderen Schutz und erklärte sie von allem -Makel frei; ihres früheren Standes sollte nie mehr gedacht werden. Die -Bussschwestern oder bekehrten Frauen, wie Heinrich von Hohenberg sie -selbst nannte, trugen Röcke und Mäntel von Sackleinwand, daher sie -auch den Namen Sack-Bekinen erhielten. Die Gunst der Bürger wandte -sich ihrer wohltätigen Anstalt in reichem Masse zu; indessen wurde sie -schon 1315 infolge einer Pest zu einem Spital umgewandelt, in das die -Schwestern als Pflegerinnen und Pfründnerinnen aufgenommen wurden. - -Eine ähnliche Anstalt schufen 1384 drei Bürger von Wien. Ratsherren -waren die Vorsteher ihres Hauses und eine der Schwestern die Meisterin -der übrigen. Der damalige Landesherzog gewährte nicht allein dem Hause -Steuerfreiheit, sondern er verordnete auch, dass jeder, welcher eine -der Insassinnen zum Weibe nehme, an seiner Ehre und seinen Zunftrechten -keinen Eintrag erleiden dürfe. Schmähungen oder Kränkungen jener -bussfertigen Frauen sollten strenge bestraft, aber auch diejenigen von -ihnen, welche in ihr früheres Leben zurückfielen, ertränkt werden. Die -Anstalt wurde sowohl aus der Stadtkasse als auch durch Vermächtnisse -von Bürgern und Bürgerinnen bedeutend vergrössert und bestand in -segensreichem Wirken bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts. - -Ueber Italien und Frankreich hatten sich diese Anstalten teilweise -schon früher ausgebreitet. Nicht überall bewährten sie sich. Nicht -wenige erlagen der allgemeinen Sittenverderbnis des XV. Jahrhunderts, -ja manche boten gerade dem Uebel einen Schlupfwinkel, das sie bekämpfen -wollten. - -Eine eigentümliche Beleuchtung des mittelalterlichen Frauenelends -bieten die Statuten des 1497 gestifteten Hauses der Pariser Büsserinnen -(filles pénitentes), welche der Bischof Simon von Champigny selbst -aufgesetzt hatte. Nach diesen sollten nur solche Mädchen aufgenommen -werden, die unter 30 Jahren alt wären und nachweisbar eine Zeit lang -ein lüderliches Leben geführt hätten. »Um zu verhüten, dass junge -Personen deswegen lüderlich werden, damit sie hernach hier eine Stelle -bekommen, so sollen die, welche schon einmal abgewiesen sind, davon -auf immer ausgeschlossen sein. Ueberdies sollen diejenigen, welche um -die Aufnahme angehalten haben, in die Hände ihres Beichtvaters einen -Eid ablegen, dass sie nicht selig werden wollen, wenn sie aus der -Absicht lüderlich geworden wären, um mit der Zeit in diese Gesellschaft -aufgenommen zu werden, und man soll ihnen sagen, dass, wenn man -erfahren würde, sie hätten sich aus diesem Grunde verführen lassen, sie -von dem Augenblicke an dieses Kloster meiden müssten, wären sie gleich -schon eingekleidet und hätten ihre Gelübde getan.« Der Missbrauch, -welchem durch diese Bestimmungen vorgebeugt werden sollte, muss nicht -selten gewesen sein. In Deutschland liess man nach dieser Richtung -Milde walten; ja viele Reuerinnenklöster gingen bald dazu über, auch -unbescholtene Mädchen aufzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, -dass sie auf diesem Wege manche von dem Beginn eines schlechten -Lebenswandels abhielten, dessen Entstehungsursache ja hauptsächlich die -Verlassenheit und das Elend war. - - * * * * * - -Nach diesen Darlegungen wird es keinem Zweifel mehr unterliegen können: -auch das Mittelalter hat seine +Frauenfrage+ gehabt; es hat sie auch -zu +lösen+ versucht. Und diese mittelalterliche Frauenfrage war weit -schwieriger; sie umfasste viel breitere Schichten der Bevölkerung als -das, was heute unter jenem Schlagworte meist verstanden wird. Wie -unbedeutend, wie winzig müssen uns neben dem Massenelend unter den -Frauen des Mittelalters die Schmerzen erscheinen, denen die moderne -Frauenbewegung Heilung bringen will! - -Und doch, wenn wir +unsere+ Verhältnisse mit denen des Mittelalters -vergleichen, +unsere+ Hilfsmittel mit denen jener rauhen, an Behagen -so armen Zeit -- haben wir dann gegründete Ursache, uns zu überheben? -Ist das Dasein unserer Fabrikarbeiterinnen und Handlungsgehilfinnen -etwa freundlicher gestaltet als das Los der Meistersfrauen und Töchter, -die ihren Gatten und Vätern im Gewerbe halfen, ja selbst als das der -Spinnmägde und Kämmerinnen, deren Arbeitsverhältnis durch Sitte und -Gesetz geregelt wurde? Haben wir Anstalten, welche an Reinheit und -Klarheit der Ziele sich mit den Bekinenstiftungen, den Samenungen, -den Häusern der Bussschwestern und Reuerinnen vergleichen liessen? Ist -die Stellung der Gesellschaft zu den »fahrenden Frauen« eine würdigere -geworden? - -Gewiss hat das Mittelalter seine Frauenfrage nicht endgültig gelöst. -Es hat sie nicht endgültig lösen +können+, weil es die Quellen nicht -zu verstopfen vermochte, aus denen das Uebel sich in fortwährender -Wiederkehr erneuerte. Aber die Anstalten, welche es geschaffen hat, -genügten doch Jahrhunderte lang dem Bedürfnisse der Zeit, von der -man mit Unrecht mehr verlangen würde, als ihre Mittel erlaubten[64]. -Absolute Lösungen für soziale Fragen sucht man nur im Lande Utopia. -Wir Menschen der wirklichen Welt müssen zufrieden sein, wenn das, was -wir schaffen, auch nur einer oder wenigen Generationen genügt. Mögen -die Nachkommenden es mitleidlos einreissen, sobald sie Besseres an die -Stelle setzen können! - -Die Reformation des XVI. Jahrhunderts hat die entarteten -Frauenversorgungsanstalten des Mittelalters gewiss mit demselben -Rechte beseitigt wie die Stätten der sündigen Lust. Aber sie ist -hier revolutionär, nicht reformierend zu Werke gegangen; sie hat -zunächst nichts Positives an die Stelle des Eingerissenen zu setzen -vermocht, ausser einer Theorie, wenn man will, einem +Ideal+, dessen -Verwirklichung erst im Laufe der Jahrhunderte erfolgen konnte. Um dies -zu verstehen, muss man nicht vergessen, dass die Reformation das Weib -in einer sittlichen Erniedrigung und Entwürdigung vorfand, wie sie -brutaler kaum gedacht werden kann. Ihre erste Aufgabe musste darin -bestehen, die Ehe wieder zu heiligen. Damit veränderte sich auf einen -Schlag die ganze Stellung der Frau in der Gesellschaft. An die Stelle -des Frauenideals der Ritterromantik, welches die Körperschönheit der -Geliebten in den Vordergrund stellte, trat ein neues Frauenideal, -welches auf die Seelenreinheit und die sittlichen Eigenschaften der -deutschen Hausfrau und Hausmutter das Schwergewicht legte. - -Gewiss waren es altjüdische Gedanken[65], denen Luther in seinem »Lob -eines frommen Weibes« in freier Uebertragung Ausdruck verliehen hat: -»Ein fromm gottesfürchtig Weib ist ein seltsam Gut, viel edler und -köstlicher denn eine Perle. Der Mann verlässt sich auf sie und vertraut -ihr alles. Sie erfreuet den Mann und machet ihn fröhlich, betrübet ihn -nicht, tut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang. Geht mit Flachs -und Wolle um, schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist -wie eines Kaufmanns Schiff, das aus fernen Ländern viel Ware und Gut -bringt. Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und gibt den Mägden, -was ihnen gebühret. Wartet und versorget mit Freuden, was ihr zusteht. -Was sie nicht angeht, lässt sie unterwegen. Sie gürtet ihre Lenden -fest und streckt ihre Arme, ist rüstig im Hause. Sie merkt, was frommt -und verhütet Schaden. Ihre Leuchte verlischt nicht des Nachts. Sie -streckt ihre Hand nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel; -sie arbeitet gerne und fleissig. Sie breitet ihre Hände aus über die -Armen und Dürftigen, gibt und hilfet gern. Ihr Schmuck ist Reinlichkeit -und Fleiss. Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, auf ihrer Zunge ist -holdselige Lehre; sie zieht ihre Kinder fein zu Gottes Wort. Ihr Mann -lobet sie, ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig.« - -Aber diese Gedanken sind seit der Reformation in das deutsche -Volksbewusstsein übergegangen, und sie beherrschen noch heute die -Auffassung von der Ehe und der sozialen Stellung des Weibes in breiten -Schichten der Bevölkerung. Nicht von oben herab, bei den Spitzen -der Gesellschaft hat sich die Umwandlung zuerst vollzogen, sondern -von unten herauf, aus dem deutschen Bürgerstande heraus, ist die -Festigung und Kräftigung der Stellung der Frau in der Familie erfolgt. -Während die vornehme Gemeinheit der französischen Galanterie das -Hofleben und die adeligen Kreise des XVII. und XVIII. Jahrhunderts -beherrschte, streifte die bürgerliche Familie allmählich die aus dem -Mittelalter überkommenen Anschauungen ab und wies der Frau jene hohe -sittigende Stellung an, welche die Dichter unserer klassischen Periode -verherrlicht haben. Die anscheinend so engherzige Ausschliessung des -weiblichen Geschlechtes vom Erwerbsleben, welche sich in dieser Zeit -vollzog, musste mit zu diesem Ziele helfen. Dass sie sich aber ohne -stärkeres Widerstreben der Gesellschaft und der öffentlichen Gewalt -vollziehen +konnte+, scheint als Beweis dafür angesehen werden zu -müssen, dass die eingetretenen friedlichern Zeiten eine Ausgleichung -des im Mittelalter so bedeutenden Zahlenunterschiedes der Geschlechter -mehr und mehr herbeigeführt hatten. Die für so hart und engherzig -geltenden Zunftartikel, welche den in Unehe Erzeugten den Zutritt -zum Handwerk versagten, und die Beschäftigung weiblicher Personen -ausschlossen, wären dann, nach dieser Richtung wenigstens, nur Ausdruck -der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft. - -Denn das muss vor allem festgehalten werden: durch die ganze -Geschichte, und namentlich durch die Geschichte unseres Volkes geht -ein mächtiger Zug, der darauf hinführte, die Frau mehr und mehr -von der schweren, aufreibenden Mühsal des Erwerbs zu entlasten und -diese auf die stärkeren Schultern des Mannes zu laden, dem Manne die -schaffende, die werbende Arbeit der Gütererzeugung, der Frau die -verwaltende und erhaltende Tätigkeit in der Hauswirtschaft, dem Manne -den waglichen Kampf ums Dasein, der Frau die behagliche Gestaltung -desselben zuzuweisen. Diesen Zug der Entwicklung nach Möglichkeit zu -fördern, erschien den letztvergangenen Jahrhunderten als die Aufgabe -einer gesunden, historisch aufbauenden Sozialpolitik. Als Gehilfin -des Mannes im Rahmen der Familie mochte die Frau zum eigenen und -allgemeinen Besten auch in der eigentlichen Erwerbswirtschaft tätig -sein, nimmermehr jedoch als Konkurrentin des Mannes ausserhalb dieses -Rahmens[66]. - -Diese Entwicklung, die von der Urperiode unseres Volkes bis auf die -neueste Zeit herab sich mächtig wirksam erwiesen hat und der wir -unsere heutige Familienverfassung und unser in der Sitte begründetes -Ideal der Ehe verdanken, hat im letzten Jahrhundert einen Rückschlag -erlitten durch den gewerblichen Grossbetrieb mit seiner massenhaften -Frauenarbeit. Von den Fabriken hat letztere immer mehr auf den Handel -sich ausgedehnt und greift schon mächtig auf andere Berufsgebiete -über. Sie macht die Frau vom Erwerbe des Mannes mehr oder minder -unabhängig; aber sie macht sie nicht ökonomisch selbständig wie einst -im Mittelalter. Vielmehr bedingt sie in der Regel Abhängigkeit von -einem Unternehmer. Darin besteht ihre Gefahr. Ihre Folgen liegen klar -zutage: Entwürdigung des weiblichen Geschlechts, Erschwerung der -Familiengründung für die mit billiger Frauenarbeit konkurrierenden -Männer, Auflösung der häuslichen Bande, Verkümmerung und Verwilderung -der heranwachsenden Jugend. In vielen Arbeiterhaushalten ist die auf -der Ehe und väterlichen Gewalt beruhende Familie verlassen und an -ihre Stelle ein auf allerlei Vertragsverhältnissen beruhendes Gebilde -getreten[67]. - -Sollen wir -- das ist das verzweifelte Doppelproblem, welches uns -die moderne Frauenerwerbsfrage stellt -- im Widerspruche mit der -gesamten Kulturentwicklung das System der »billigen Hände« auf immer -weitere Berufsarten ausdehnen, sollen wir damit auch in diesen -Kreisen die Erschwerung der Familiengründung, die Auflösung der -Gesellschaft in ihre Atome immer allgemeiner machen? Soll die Ehe als -dauernde Lebensgemeinschaft temporären, jeder Willkür preisgegebenen -Verbindungen weichen? Und soll das Vertragsprinzip, auf dem die -Unternehmung beruht, allgemein auch für die Familie massgebend werden? -Oder sollen wir nicht vielmehr mit allen Kräften darnach streben, dass -allen Klassen der Bevölkerung der Friede und das Behagen des häuslichen -Herdes gesichert, dass der Familiensinn gestärkt und dass der Frau -dasjenige Gebiet erhalten werde, auf dem sie sich am glücklichsten -fühlt und auf welchem sie Werte schafft, die für die Nation kostbarer -sind als eine noch so grosse Steigerung der Produktion durch »billige -Hände«? Sollten nicht die Frauen selbst dieses ihr eigenstes Gebiet mit -allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln festhalten und mit den Männern -dahin arbeiten, dass die gewiss nicht unvermeidbaren Ursachen beseitigt -werden, welche in der modernen Gesellschaft so viele Männer an der -Eheschliessung und so viele Frauen an der Erfüllung ihres natürlichen -Berufes hindern? - -Es ist bekannt, für welchen Teil dieser Alternative sich die moderne -Frauenbewegung und ihre Freunde entschieden haben. Sie wollen -völlige soziale und rechtliche Gleichstellung und auf der Grundlage -selbsteigenen Erwerbes von Mann und Weib eine Neuordnung der -geschlechtlichen Beziehungen. Ihnen sei zum Schluss noch Folgendes zu -bedenken gegeben. - -Am 12. Juni 1907 wurden im Deutschen Reiche 9½ Millionen erwerbstätige -Frauen gezählt[68]. Dies bedeutet ziemlich genau ein Drittel aller -erwerbstätigen Personen oder die Hälfte der Frauen im Alter zwischen -dem 15. und dem 70. Lebensjahre. Von 1895 bis 1907 hat sich die Zahl -der erwerbstätigen männlichen Personen um 20%, die der weiblichen aber -um 44% vermehrt. Die Zunahme erstreckt sich auf alle Berufsgruppen, -trifft aber die selbständig und die unselbständig Erwerbstätigen in -sehr verschiedenem Masse. Die letzteren haben in allen Berufsgruppen -am stärksten sich vermehrt, während die selbständig tätigen Frauen -in der Urproduktion und in der Industrie eine Abnahme und nur im -Handel ebenfalls eine Zunahme aufweisen. Zu gleicher Zeit hat die Zahl -der weiblichen Dienstboten bei einer Volksvermehrung von 19% trotz -wachsenden Wohlstandes sich um reichlich 5% vermindert, und die Zahl -der berufslosen Angehörigen ist in ihrer Vermehrung hinter der Zunahme -der Gesamtbevölkerung zurückgeblieben. - -Diese Zahlenverschiebungen werfen ein scharfes Schlaglicht auf -die tatsächlichen Voraussetzungen, unter denen die Frauenfrage -der Gegenwart steht. Nicht dass 1907 fast drei Millionen Frauen -mehr im Erwerb tätig waren als 1895 ist das bedeutsame, sondern -dass die Verkümmerung der Familienhaushaltung immer weniger Raum -für Frauenarbeit lässt und dass von den 9½ Millionen einen Beruf -ausübender weiblicher Personen mehr als 8 Millionen in abhängiger -Erwerbsstellung sich befanden. Nicht bloss in der Produktion sondern -auch im Handel, den persönlichen Diensten und selbst den liberalen -Berufen vollzieht sich das Eindringen der Frauen in +dieser+ Weise. - -Darin liegt die ungeheure Schwierigkeit, darin der grosse Unterschied -zwischen der modernen Frauenfrage und derjenigen des Mittelalters. -Damals war sie eine Versorgungsfrage, heute ist sie Emanzipationsfrage. -Die ökonomische Entwicklung drängt von selbst auf eine rechtliche -Neuordnung, und auch die »Emanzipation vom Manne« mag sich in ihrem -Gefolge vielleicht durchsetzen lassen, soweit die Natur sie erlaubt. -Hinter ihr lauert aber ein neues, weit schwierigeres Problem: die -Emanzipation von der ökonomischen und sozialen Abhängigkeit, der -das Weib im Erwerbsleben immer mehr anheimfällt und mit jedem neuen -Erwerbsgebiete, das es erobert, mehr anheimfallen muss. Nach einem -Zeitalter des individuellen »Auslebens« von Weib und Mann sieht die -Zukunft wahrlich nicht aus. Die Fortsetzung der jüngsten Entwicklung -bedroht uns im Gegenteil mit einem Zustand, bei dem beide Geschlechter -gleichmässig in das Joch der Unternehmung eingespannt sind. In dem -Masse aber, als in dieser Arbeitsteilung uns technische Fortschritte -weiteren Raum für Frauenarbeit schaffen, wird zwischen dieser und der -Männerarbeit der Kampf heftiger werden, und schliesslich wird die -billigere Frauenhand den Sieg davon tragen. Die Folge kann nur eine -Umkehr des seitherigen Verhältnisses der Geschlechter in der Wirtschaft -sein: erwerbende Frauen -- haushaltende Männer, wenn man sich nicht -lieber vorstellen will, dass auch der Haushalt in seinen wichtigsten -Bestandteilen zum Gegenstande kapitalistischer Unternehmung geworden -sein wird[69]. - -Sollte das wirklich das Endziel der Entwicklung unserer Kulturvölker -sein, dass der Frau die Last der Produktion wieder aufgeladen würde, -die ihr eine Entwicklung von zwei Jahrtausenden Stück für Stück -abgenommen hat? Rückkehr zur Barbarei, Auflösung der Familienordnung, -wie sie seit der Reformation sich gestaltet hat, Zersetzung des -Haushalts, in welchem die Frau herrscht und Eingliederung derselben in -eine Erwerbsordnung, in der sie nur als dienendes Glied Raum finden -kann[70]: es wird schwer, an die Möglichkeit solchen Widersinns zu -glauben, schwer, eine Kultur als solche zu verstehen, die eines ihrer -kostbarsten Kleinode der Vernichtung preisgibt. - - - - -Anmerkungen. - - -[1] Vgl. meine »Bevölkerung von Frankfurt a. M. im XIV. und XV. -Jahrhundert« I, S. 40 ff. 61 ff. »Die Entstehung der Volkswirtschaft« -(7. Aufl.), S. 392 f. -- Möglicherweise lassen sich auf Grund der -Dresdener Steuerlisten aus dem XV. Jahrhundert für diese Stadt ähnliche -Ermittelungen anstellen. Vgl. +O. Richter+ im N. Archiv für sächs. -Gesch. u. Altertumsk. II., S. 274 ff., insbes. S. 279, Anm. 10. - -[2] Nach diesen Ermittlungen, welche auf Grund der im Original -erhaltenen Erhebungslisten ausgeführt sind, kommen - - im Jahre auf Steuerpflichtige Frauen Frauen in Prozent - insgesamt überhaupt der Steuerpflichtigen - - 1354 2669 481 18,0 - 1359 3164 589 18,6 - 1365 3021 615 20,3 - 1370 2697 484 18,0 - 1375 3004 616 20,5 - 1380 3055 509 16,6 - 1385 3391 824 24,3 - 1389 3165 742 23,4 - 1394 2600 539 20,7 - 1399 2652 614 23,1 - 1406 2383 500 20,9 - 1410 2456 568 23,1 - 1420 2345 551 23,5 - 1428 2411 466 19,3 - 1463 2560 638 24,9 - 1475 2782 733 26,3 - 1484 2483 705 28,4 - 1495 2579 715 27,7 - 1510 2328 640 27,5 - -[3] Solche Pestjahre waren in dem oben angegebenen Zeitraum 1356/7, -1364/5, 1395/6, 1402, 1412, 1418-1420, 1461 und 1463; in das Jahr 1387 -fällt die Cronberger Schlacht. Man vergleiche damit die entsprechenden -Ziffern in obiger Tabelle. - -[4] Vgl. meine Bevölkerung von Frkf. I, S. 507 ff. - -[5] +J. Hartwig+, Die Frauenfrage im mittelalterlichen Lübeck: -Hansische Geschichtsblätter XXXV, S. 39 ff. - -[6] +Hartwig+ a. a. O. S. 57 ff. - -[7] +Schanz+, Zur Gesch. der deutschen Gesellenverbände, S. 5. +Stahl+, -das deutsche Handwerk, S. 274. - -[8] Vgl. +Maurer+, Gesch. der Fronhöfe, I. 115. 135. 241 ff. II. -387 ff. III. 325. - -[9] _Tyro. Prudentiae juris opificiariae praecursorum emissarius._ Der -Lehrjunge. Jena 1717, S. 35 ff. -- Ueber das Folgende vgl. +Stahl+, -das deutsche Handwerk, S. 42 ff. +Neuburg+, Zunftgerichtsbarkeit und -Zunftverfassung, S. 49 ff. - -[10] Vgl. +Weinhold+ a. a. O., I. S. 191. +Schmoller+, Die Strassburger -Tucher- und Weberzunft, S. 359 ff., 521. -- +Mone+, Zeitschr. f. Gesch. -des Oberrheins, IX. S. 133 ff., 173 ff.; XV., S. 165. - -[11] Abgedruckt im Archiv f. Frankf. Gesch. III F. VI, S. 94 ff. -- -Aehnliche Vorschriften in +Goch+: Annalen des histor. Ver. für den -Niederrhein, Heft VI., S. 45. 78. -- Noch 1620 gibt der Amtmann in -Leerort den Weberknechten und Webermägden, »deren ein ziemlicher Anteil -dort vorhanden« (auch Lehrknechte und Lehrmägde werden erwähnt), ein -Kranken- und Sterbekassenstatut: Zeitschr. f. d. Kulturgeschichte, -N. F., III. (1874), S. 128. -- Ueber +München+ vgl. +Sutner+ in den -Histor. Abh. der k. bayer. Akademie d. W. II., S. 493. - -[12] Vgl. +Stahl+ a. a. O., S. 80. - -[13] In Frankfurt zahlte eine Frau, die das Handwerk treiben wollte, 30 -Schilling und ein halb Viertel Wein und hatte dann Zunftrecht, ein Mann -3 Pfund und ein Viertel Wein. Schneiderordnung im II. Handwerkerbuch. -+Stahl+ a. a. O. hat Unrecht, wenn er meint, an die Frau seien -dieselben Anforderungen gestellt worden wie an einen Mann. Ueber Mainz: -+Stahl+, S. 83. - -[14] Im Augsburger Stadtrecht von 1276 heisst es Art. 129 (S. 215 bei -+Meyer+): _Swaer siniu chint ze antuaerken lat dur lerunge, ez si sun -oder +tohter+, swaz lons man davon geheizzet, kumt daz ze clage, daz -sol ein burggrafe rihten darnach als die schulde geschaffen ist._ -Dieselbe Formel noch in der Nürnberger Reformation von 1564 und im -Stadtrecht von Mühlhausen i. Th.: +Stahl+, S. 47. Aehnlich in England: -+Stahl+, S. 49. Ueber das ausgedehnte Arbeitsrecht der Frauen in den -Pariser Gewerben vgl. _Boileau_, _Livre des métiers_ und +Stahl+, S. -53-71. - -[15] +Stahl+ a. a. O., S. 90 ff. - -[16] +Westenrieder+, Beiträge zur vaterl. Gesch. etc. VI, S. 153. Vgl. -indessen das Stadtrecht von München, herausg. v. Auer, Art. 45: _Ain -frau, deu ze marcht stat und deu chauft und verchauft etc._ - -[17] Vgl. +Jäger+, Ulms Verfassung, bürgerliches und kommerzielles -Leben, S. 685. Dagegen sind die Viktualienhändler (Merzler) in Ulm, -die Hucker in Augsburg (Stadtr. S. 201), die Käufler in München -(Stadtrecht, Art. 440 f.) durchweg Männer. In Augsburg werden neben -den _keufel_ auch _verkauferinne_ erwähnt (Stadtr. S. 271 ff.), in -Danzig neben den _hoker_ auch _hokinnen_ (Hirsch, Danzigs Handels- -und Gewerbegesch., S. 316). Nach zahlreichen Beobachtungen, die ich -in dieser Hinsicht angestellt habe, ist überall im Mittelalter die -Höckerei ein vorwiegend männliches Gewerbe. - -[18] Im Folgenden gebe ich das Verzeichnis sämtlicher in Frankfurter -Akten und Urkunden bis zum Jahre 1500 vorkommenden weiblichen -Berufsnamen. Dieselben sind einer seit vielen Jahren von mir angelegten -Sammlung der Berufsbezeichnungen entnommen, die hauptsächlich auf -fortlaufend über die Bevölkerung geführte Akten (Steuerlisten, -Bürgerverzeichnisse, Bürgerbücher u. dergl.) zurückgeht und nicht bloss -das Vorkommen eines Berufs, sondern auch die Zahl der Berufsangehörigen -festzustellen versucht. Sie wird demnächst in den Abhandlungen -der Kgl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften veröffentlicht -werden. Bei den nachstehenden Listen sind vier leicht verständliche -Kategorien weiblicher Berufsarbeiter unterschieden; zwischen den -drei letztgenannten sind natürlich die Unterschiede fliessend. Denn -obwohl wenig Berufstätige des XIV. und XV. Jahrhunderts mir bei meinen -Sammlungen entgangen sein werden, so liegt es doch schon in der Natur -des Quellenmaterials, dass die Männer vollständiger erfasst werden -mussten. Weibliche Berufsnamen, die sich auf Ehefrauen und Witwen -männlicher berufstätiger Personen beziehen (z. B. beckern, bendern, -smiden) mussten natürlich ausgeschlossen bleiben, da das Verzeichnis -nur Fälle selbständiger oder abhängiger weiblicher Berufstätigkeit -enthalten sollte, nicht aber den Fortbetrieb eines Handwerks -durch sie oder blosse Hilfeleistung beim Gewerbe des Mannes durch -dessen weibliche Familienglieder. Natürlich ist bei einer solchen -Aussonderungsarbeit manches dem Gefühl des Bearbeiters anheimgegeben; -aber ich glaube keinen Beruf in die Listen aufgenommen zu haben, der -nicht im Mittelalter nachweisbar von Frauen betrieben worden ist. -Mehrfach kommen verschiedene Namen für dasselbe Gewerbe vor. Dass die -weibliche Namensform auch bei solchen Gewerben angegeben ist, die -vorzugsweise von Männern betrieben wurden, wird keiner Rechtfertigung -bedürfen. - - -I. +Berufe, für die nur weibliche Namen vorkommen.+ - - Altartuchmacherin - amme - bortenmechern - bendelern - besenmechern - besendregern - bettebereidern - bettemachern - bettfegern - brustleddern - drollern - federmechern - filzern - fronegertern - garnfrauwe - gilerhaltern - goltspinnern - harmedern - hebeamme - hemdenmechern - hosenstrickern - hudeferbern - hudelferbern - hudelstrickern - hullenmechern - hullenweschern - hulleryhern - huwenweschern - kindeschuwern - kleiderhocke - kleidermeit (in einer Badstube) - klunkenersen - knaufelern, knaufelmechern - lerfrouwe - lichthocke - lichtmechern - linennewersen - lutterdrengkern - magit, meit, dinstmeit - melmengern, melefeilern - messemeit - nedersen - noppersen - pelzmechern - radspinnersen - reubelern - rinkengießern - rufelern - salzmengern - samenfrau - schonebeckern - sleierweschern - spinnersen - sterkern - strelemagit - wachern - wirkersen - wollenbeslagern - wollenbesnidern - wollenlesersen - wurzfrauwe - ziedelmachern - zimpelern - zirkelern - zwirnmechern - - -II. +Berufe die vorzugsweise von Frauen ausgeübt wurden.+ - - appelmengern - boppenmalern - bierbruwern - daubeckern - eiermengern - essigmengern - ganshirten - gufenern - gulichtern - hafermengern - heringmengern - hullenkouffern - hullenwobern - kemmersen - krudern - mattenmechern - snormechern - - -III. +Berufe, in denen Männer und Frauen gleich häufig vorkommen.+ - - altgewendern - boternhocke - bademeit - fiedelern - vigenhocke - fladenbeckern - hocke, hockin - horneffen - hunermengern - hunerkeufern - kelnern - kerzenmechern - kesemengern - kindelerern - klingenern - lenegadern - lerern - lutenslehern - mentelern - milchern - notschern - obessern, obsern - obismengern, obshockern - oleiern - oleihocke - rubingrebern - salzfrauwe - schappelmechern - scheppelern - selzern - senfmengern, senffrauwe - sleiermengern, sleierfrauwe - smersnidern - spitzenmecherin - spulersen - stobenheissern - strickern - wennern - - -IV. +Berufe, in denen Frauen seltener vorkommen als Männer.+ - - abenturern - augenerzten - briefdragern - briefdruckern - budelern - burstenmechern - deckelechern - deschenmechern - torwechtern - duchscherern - duchspulern - erzten - essigfrauwe - federmengern - fehehirten - flechtenmechern - vorkeuffern - fuderern - gadenfrouwe - gengelern - geukelern - gewendern - haumengern - hentschumechern - hirten - hudekouffern - hudemechern - huderuppern - klaibersen - kochin - kolschebeckern - copeyern - korbern - kremern, kremersen - kursenern - lantfarern - lebekuchersen - ledersmerern - leistmechern - leufern - linwedern - malern - menkelern - melbern, milwern - mottersen - naldenern, nadlern - paternosterern - piffern - portenern - pulern - rosindragern - rußen, leppern - schekelern - schellendregern - scherensliffern - scherern, bartscherern - schiffrauwe - schornsteinfegern - schulmeistern - schusselern - seifenmechern - senfmechern - sidenstickern - simelern - slaghudern - snidern - snitzern - sporleddern - stazionerern - suhirten, suern - ulnern - underkeufern - wechtern - welkern - weschersen - wesselern - wollenslegern - wurzelern - wurzemengern - ziechenern - zehenern - zolnerin - -Dass das vorstehende Verzeichnis vollständig sei, ist kaum -anzunehmen. Nicht immer findet sich für eine Beschäftigung auch eine -Berufsbezeichnung. Es treten dann wohl Umschreibungen auf. So findet -sich in den Bedebüchern der Niederstadt von 1405 und 1406 Bl. 17 a, -bez. 31 b: _Else mit den hunden_; sie wohnt in der Dieterichsgasse, -wo allerlei armes Volk hauste, gab also wohl mit abgerichteten Hunden -Vorstellungen. -- 1372 Bdb. der Oberstadt 12 a: _Else Leuben in dem -kellerchen, die da kolen veyle hat_, also eine Kohlenhändlerin. -- 1359 -Bdb. Oberst. 20 b: _Katherine, dye daz crute hudet_; Bedeutung unklar. --- 1399 Bdb. Niederst. 14 a: _Kedder, die die swebelkirzen dreit_, also -einer Verfertigerin oder Verkäuferin einer bestimmten Art von Kerzen. --- 1424 Bdb. Oberst. 19 b: _ein arm frauwe, dye der gefangen torin -wartit umb gottis willen_, also eine Wärterin bei einer Geisteskranken. --- 1397 Heiligenbuch 32 a: _eyne kolsche frauwe, die scheren feile hat -vor dem Schrothuse_; 1472 im Marktrechtbuch 5 b: _die frauwe mit dem -Colneschen zynwerg_ (beide als Verkäuferinnen auf der Messe). Dazu -kommt eine Reihe unerklärbarer, aber auf Berufstätigkeit hinweisender -Benennungen weiblicher Personen (z. B. _weibelern_, _ulselmechern_, -_setzependin_, _muselern_). - -[19] Vgl. auch +Gengler+, Stadtrechts-Altertümer, S. 36. - -[20] +Kriegk+, Frankfurter Bürgerzwiste und Zustände im Mittelalter, S. -334 f. Eine Wechslerin und eine Pächterin der Stadtwage auch in Lübeck: -+Hartwig+ a. a. O. S. 51 f. - -[21] Vgl. das Verzeichnis der Frankfurter Aerzte bei +Kriegk+, -Deutsches Bürgert., S. 34 ff. Eine Münchener Augenärztin aus der ersten -Hälfte des XIV. Jahrhunderts: Monum. Boic. XXXV., 2, 94. +Weinhold+, -Deutsche Frauen, I., S. 170 ff. Aehnliches in Lübeck: +Hartwig+ -a. a. O. S. 52 f. - -[22] Aus den Ausgaberegistern der Bürgermeister (»Botenbüchern«) habe -ich mir folgende Fälle notiert: 1391 Bl. 2^a: _5 grosse zweien frauwen, -dem folke nachzulauffen, daz vor der stad was, biz gein Rockingen._ -- -1392 Bl. 7^a: _6 ß junger h. einer frauwen zu lauffen gein Dippurg, -gein Omstat und ubiral in dem Odenwalde, zu irfarn heymelich umb -samenunge_. -- 1414 Bl. 4^b: _4 ß alder vier frauwen in den walt und -darumbe zu virslahen, als man sunderlich gewarnt waz_. - -[23] Vgl. das Gedicht Iwein, V. 6186 ff. Jäger, Ulm, S. 634. +Mone+, -Zeitschr. IX., S. 138. XIII., S. 141 ff. Ueber Lübeck: +Hartwig+ -a. a. O. S. 63 f. - -[24] Gesamtabenteuer II., 23 ff. Vgl. auch +Hartwig+, S. 64 ff. - -[25] Vgl. +Weinhold+, a. a. O., S. 132. +Norrenberg+, Frauenarbeit und -Arbeiterinnen-Erziehung in deutscher Vorzeit, Köln 1880, besonders S. -59 ff. - -[26] Vgl. meine Bevölkerung von Frankfurt I, S. 343 f., 389. - -[27] +C. Schmidt+ in der Alsatia, Jahrg. 1860, S. 187 ff. - -[28] +Norrenberg+ a. a. O., S. 63 ff. - -[29] +Schmidt+ a. a. O., S. 224. - -[30] Ueber die Bekinen (so wird das Wort durchweg in Frankfurter -Urkunden geschrieben, +nicht+ Beginen, Beghinen oder Beguinen) vgl. -Ersch und Gruber, Realenzykl. u. d. W. -- Realenzyklopädie für die -protest. Theologie (3. Aufl.), II, S. 516 ff. -- +C. Schmidt+, Alsatia -(1858-1861), S. 149 ff. -- +Kriegk+, Deutsches Bürgertum i. Ma., S. -100 ff. -- +Arnold+, Verfassungsgesch. der deutschen Freistädte, II, S. -173 ff. -- +Heidemann+, Zeitschrift des bergischen Geschichtsvereins, -IV., S. 85 ff. -- +Jäger+, Ulm, S. 407 ff. -- +Lipowski+, Urgeschichte -von München, II., S. 247, 274. +Hartwig+ a. a. O. S. 80 ff. -- -+Mosheim+, _De Beghardis et Beguinabus commentatio_ und +Hallmann+, -Die Geschichte des Ursprungs der belgischen Beghinen, Berlin 1843, -waren mir nicht zugänglich. -- Sehr gut ist in dem Aufsatze der -Real-Enzyklopädie bemerkt: »In den Wirkungen der Kreuzzüge, die -einen grossen Theil der männlichen Bevölkerung von Europa wegrafften -und daher der Witwen und Waisen viel, die Ehen aber selten machten, -und in dem Bedürfniss einer Freistätte für Jungfrauen gegen die -damals fast trostlosen Gewaltthätigkeiten ritterlicher Wüstlinge -entdeckt man die Ursachen dieses ausserordentlichen Anwachsens der -Beguinengesellschaften durch eine Menge verlassener Frauenspersonen, -die schon wegen Mangel an Aussteuer in den Nonnenklöstern nicht -Aufnahme finden konnten.« -- Die Schilderung im Text basiert vorwiegend -auf der Berücksichtigung der Frankfurter und Strassburger Verhältnisse, -die von den niederländischen nicht unwesentlich abweichen. -- Wer an -der Richtigkeit der im Texte vertretenen populationistischen Auffassung -des Bekinenwesens zweifelt, der möge uns nur die Frage beantworten, -woher es kommt, dass in Städten mit Hunderten von Bekinen die Bekarden -immer nur in einzelnen Personen (selten mehr als 2 bis 4) vertreten -erscheinen. - -[31] Nach +Hartwig+, Hans. Geschichtsblätter, XXXV, S. 94, -+Biedenfeld+, Ursprung sämtlicher Mönchs- und Klosterfrauenorden, II., -S. 354, und +Spangenbergs+ Adelsspiegel, S. 380 b f. - -[32] +Lang+, reg. b. IV., 537 (bei +Mone+, Zeitschr., XIII., S. 140). - -[33] Cod. dipl. Siles. VIII., p. 7. - -[34] Urk. in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh., IX., S. 173 f. - -[35] +Reyscher+, Sammlung der württemb. Gesetze, XII., S. 25. - -[36] _Item von allen gotteshusen sal man bede geben und die darinne -syn, sollen auch bede geben von iren gulten und guttern dartzu, obe -sie uber zehen phunt heller hetten._ Frankf. Bedeordnung von 1475 § -56, abgedruckt in »Kleinere Beiträge zur Geschichte«. Festschrift zum -deutschen Historikertage. Leipzig 1894, S. 155. -- Aehnlich in Lübeck: -+Hartwig+, Schossbuch, S. 53. - -[37] +Schmidt+ a. a. O., S. 154. - -[38] +Heidemann+ a. a. O., S. 94. - -[39] Um eine Vorstellung von dem Tenor derartiger Hausordnungen zu -geben, teile ich hier einen gedrängten Auszug aus den Statuten des 1394 -für 6 Bekinen gestifteten +Frankfurter Gotteshauses zur Seligenstadt+ -in möglichstem Anschluss an den Wortlaut des Originals mit: Holz, -Kohlen und Licht sollen die Schwestern aus den Erträgnissen des -Stiftungsvermögens kaufen, und soll das Licht nicht länger brennen als -bis Mitternacht. Wenn aber Eine länger aufsitzt, soll sie ihr eignes -Licht brennen. Aber Holz und Kohlen sollen die Kinder nutzen, welche -Zeit sie wollen. -- Auch sollen die Kinder Ausbesserungen ihres Hauses, -die über 5 Pfund Heller betragen (soviel hatte der Stifter jährlich -dafür ausgeworfen), aus Eigenem vornehmen und den Bau in gutem Stand -halten. Wäre es aber, dass das Haus in Jahresfrist einer Ausbesserung -nicht bedürfte, so sollen die Kinder was übrig wäre über die 5 Pfund -Heller Gülte unter sich teilen und für sich verwenden. -- Auch sollen -die Kinder unter einander lieblich, gütig und einträchtig leben zu -aller Zeit mit Worten und Werken und sollen die fünf (übrigen) der -ältesten und ehrbarsten unter ihnen gehorsam sein in allen guten -zeitlichen Dingen. -- Auch soll ihrer durchaus keine des Nachts -ausser dem Hause sein ohne Erlaubnis der andern oder der Aeltesten, -und diese sollen auch wissen, wo sie des Nachts sein wolle. -- Lebte -nun Eine unfriedlich und wollte nicht davon ablassen, so sollen sie -die Andern, wer sie auch wäre, mit Rat und Hilfe eines Kämmerers des -Bartholomäusstiftes aus dem Gotteshause treiben, ohne Widerrede ihrer -und eines Jeglichen. Auch wenn Eine täte, was ihr und den Kindern im -Gotteshause nicht zur Ehre gereichte, so mans mit Wahrheit vorbringen -möchte, die sollte zustund des Hauses verwiesen sein und nimmermehr -darin wohnen. -- Auch sollen die 6 Kinder allewege aus ihnen Eine -nehmen, die des Hauses gewaltig sei und der Kinder. Wenn auch die -Kinder wollten und es ihnen fügte, so möchten sie sie absetzen, doch -in redlicher Weise, und eine andere an ihre Stelle setzen binnen einem -Monate, so oft eine abgeht. Entzweiten sie sich aber unter einander, -auf welche Seite dann drei (Stimmen) fielen, das sollte gelten. -- -Geschähe es auch, dass jemand Hausrat in das Haus gäbe oder setzte oder -dass solcher gegenwärtig darinnen wäre, der sollte darin bleiben, für -den Fall, dass ein armes Kind darein käme und solchen nicht hätte, den -sollte man ihr dann leihen zu ihrer Notdurft. -- Wäre es aber, dass -jemand hernach dem Hause eine Gülte setzte, die sollen die Kinder unter -sich teilen in gleicher Weise wie die andern über die fünf Pfund Geld. --- Wenn aber unter den Kindern Eine abginge von Tods wegen oder wie das -sonst käme, so sollen die übrigen eine andere an deren Statt nehmen in -Monatsfrist; würden sie aber unter sich uneins, wen dann drei unter -ihnen nähmen, die sollte es sein. -- Statuten anderer Bekinenhäuser -bei +Heidemann+ a. a. O., S. 91. 94. 104 ff. -- Alsatia, S. 229 ff. --- +Böhmer+, Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt, S. 593 ff. -- -Lübecker Urk. B. VII, S. 760 ff. und +Hartwig+ a. a. O. S. 82 ff. - -[40] Die »Tertiarierinnen« in der Schweiz, über welche -+Mone+, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XV., S. 164 ff. berichtet, sind -lediglich Bekinen. - -[41] Zeitschr. für deutsche Kulturgeschichte, I (1856), S. 481 f. - -[42] Limburger Chronik, herausg. von +Rossel+, S. 56. 16 ff. 20. - -[43] Vgl. +Scheible+, Das Kloster, S. 916. 929 Anm. 11. - -[44] Limburger Chronik, S. 71. - -[45] Limburger Chronik, S. 65 f. - -[46] Vgl. im allgemeinen +Weinhold+, Die deutschen Frauen im -Mittelalter II, S. 135-151. -- +Kriegk+, Deutsches Bürgertum, n. F., S. -260 f. +Scheible+ a. a. O., S. 459 ff. - -[47] +Siebenkees+, Materialien, IV., S. 583. - -[48] I., 87 b III, 65. 66 bei +Scheible+ a. a. O., S. 459 ff. Ich hebe -folgende Stellen hervor: »Derowegen ein solcher Weybel wissens soll -haben, solche Hauffen zu regieren und zu führen, gleich wie man andre -rechte Hauffen ordnen und führen soll. Item begiebt sich, dass ein -Schlacht mit den Feinden geschehe, soll er seinen Tross also führen, -dass keine Verhinderung dadurch entstehe. Auch soll er mit dem Tross -auf einer Seiten nicht gar zu weit davon gehen oder stehen, dass der -Feind ein Nachdenken davon habe und vermeyne, es seye wehrhaftigs Volk. -Der Tross wird immer dem Heer nachgeführt, dass sie nicht voraus in -das Läger kommen und alles das aufraumen, wie dann ir Gebrauch ist, -wenn der Hauffen käme, dass keiner nichts fände, es sey Häuw, Stroh, -Holz oder anders, was denn ein Lager erfordert«.... Weiter »streckt -sich solch ihr Ampt dahin, dass sie getreuwlich auf ihre Herren -warten, sie nach Notturft versehen, die gemeinen Weiber mit kochen, -fegen, waschen, sonderlich der Kranken damit zu warten, sich dess -nit wegern, sonst wo man zu Feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, -rennen, einschenken, Fütterung, essende und trinkende Speiss zu holen, -neben anderer Notturft, sich bescheidenlich wissen zu halten, auf der -Reyen oder sonst nach Ordnung wissen zu stehen, gelegener Märkt sich -gebrauchen und halten. Wo etwan der viel in einer Herberg oder Losement -beyeinander liegen, bleiben sie selten eins; da wirt ihnen des Orts -etwan ein verständiger Kriegsman zu einem Rumormeister gesetzt, oder -zum Obersten zugeordnet, welcher sich denn bescheidenlich unter ihnen -soll wissen zu halten. Wo es aber nit stat haben wöllte, so hat er ein -Vergleicher, ist ungeferlich eines Arms lang, damit hat er Gewalt von -ihren Herrn, so ihm zuvor übergeben, sie zu straffen. Solche Huren und -Buben werden alsdann sonst auch ohne das darneben für wol essen und -trinken mechtig übel geschlagen, ehe sie solches ihres Ampts recht -gewonnen; der Guthaten sie wenig geniessen, welche ihnen dann zuvor -versprochen; man muss aber dem Thuch also thun, es verleuret sonst die -Farb, würden der faulen Schwengel und Huren gar zu viel.« - -»Solcher Huren und Buben Ampt ist weiter, wo man im Läger eine Zeit -lang verharret, dass sie mit Gunst zu melden die Mumplätz (Kloaken) -sampt anderm wo es not ist, säubern und fegen; solches wird niemandts -unter ihnen gefreyet, weder gross noch klein.... Dazu wo es von nöten -Graben, Teich oder Gruben auszufüllen, darüber man etwan auch stürmet -oder Weg auszubessern, oder wo Geschütz versinke und stecken bliebe; da -werden die Huren und Buben neben verordneten Personen Reiss, Wellen, -Büschel Holz zu machen, binden und tragen genötigt und ziehen helfen, -wo es not thut, und was dem Haufen von nüzten durch sie geschaft mag -werden, das keinswegs zu wiedern, bey ernstlicher straff so ihnen -aufferlegt wirdt«. - -[49] +Hoyer+, Gesch. der Kriegskunst, I, S. 318. +Scheible+ a. a. O., -S. 463 f. - -[50] Vgl. +Mone+ in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh., I, S. 151. IV, -S. 246 f., +Kriegk+, Deutsches Bürgertum, S. 140 ff. und im Allgemeinen -meine Entstehung der Volkswirtschaft, S. 420 ff. - -[51] +Uhland+, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder Nr. 194. - -[52] A. a. O. Nr. 193. - -[53] +Uhland+ a. a. O. Nr. 256. - -[54] Limburger Chronik, S. 35 (Rossel). - -[55] +Uhland+, Nr. 189, vgl. 188 »Landsknechtorden«: - - »Erstlich muss er ein weib und flaschen haben, - darbei ein hund und einen knaben: - das weib und wein erfrewt den man, - der knab und hund sol spüren, - was in dem haus tut stan.« - -[56] +Uhland+ Nr. 199. - -[57] Ueber die +Prostitution+ im Mittelalter liegt eine Reihe sehr -eingehender Arbeiten vor, auf die ich hier wegen der tatsächlichen -Einzelheiten und der bezüglichen Quellenliteratur verweisen muss. Das -wichtigste bieten: +Siebenkees+, Material. IV. +Scheible+ a. a. O., S. -454-527 u. 952-981. +Schlager+, Wiener Skizzen, N. F., III., 345-470. -+Kriegk+, Deutsches Bürgertum, N. F., 259 ff., 339 ff. +Maurer+, Gesch. -der Städteverfassung in Deutschland, III., S. 103 ff. +Hüllmann+, -Städtewesen im Ma., IV., S. 270 ff. - -[58] Vgl. +Maurer+ a. a. O., S. 103 f. und +Weinhold+ a. a. O., II., S. -21, Anm. 1. - -[59] Vgl. meine Bevölkerung von Frankf. I, S. 390. Noch im Jahre -1451, zu einer Zeit, in welcher der Rat mit äußerster Strenge gegen -Personen vorging, die im Konkubinat lebten und die Prostituierten -außerhalb des Frauenhauses verfolgte, finden wir folgenden Eintrag -im Bürgermeisterbuch Bl. 37^a: _Welche hore mit dem stucker gedingt -hat, gibt sie yme nichts, so mag er sie phenden, und obe sost ein gude -dirne mit eym guden gesellen zuhielde, die sal er nit dringen mit yme -zu dingen, sie ginge dan braden reyen, er mag iz dem obersten richter -sagen._ - -[60] Daher die Namen: arme, irre, leichte, schwache, wandelbare, wilde, -freie Weiber, Fräulein, liebe Tochter, gute Tochter u. s. w. Vgl. -+Weinhold+ a. a. O. - -[61] Die unerschöpfliche Skandalchronik der Klöster hier aufzurollen -ist wohl nicht nötig. Der Kürze halber sei auf die Zimmersche -Chronik verwiesen, aus der allein sich ein erschütterndes Bild -der geschlechtlichen Verwilderung des ausgehenden Mittelalters -zusammenstellen liesse. - -[62] Vgl. +C. Schmidt+ in der Alsatia 1858-1861, S. 202 ff., und über -das Folgende +Kriegk+ a. a. O., S. 331 ff. +Maurer+ a. a. O., S. 114. - -[63] Vgl. +Biedenfeld+, Ursprung sämtlicher Mönchs- und -Klosterfrauen-Orden, I., S. 140 ff. - -[64] Wie noch heute die Nonnenklöster in Italien und Spanien -die Frauenerwerbsfrage viel weniger hervortreten lassen als in -England und Deutschland, zeigt treffend v. +Holtzendorff+, Die -Verbesserungen in der gesellsch. und wirtsch. Stellung der Frauen -(Virchow-Holtzendorffsche Sammlung II., Heft 40), S. 25. - -[65] Sprüche Salomons Kap. 31. - -[66] Vgl. die schönen Ausführungen von +Schäffle+, Bau und Leben des -sozialen Körpers, I, S. 192 und Gesellsch. System, § 46. - -[67] Vgl. meine »Wohnungs-Enquête in der Stadt Basel«, S. 179 f. - -[68] Die Zahl ergibt sich, wenn man die Berufsgruppen A-E zusammenfasst -und dazu die Dienstboten addiert. Es waren dann 1907 vorhanden. - - erwerbstätige Zunahme seit 1895 - - männliche Personen 18599236 19·8 - weibliche Personen 9492881 44·1 - zusammen 28092117 27·0 - -Fasst man dagegen die Hauptergebnisse nach der Statistik des Deutschen -Reichs Bd. 202, I, S. 4 f. für die gesamte Berufsbevölkerung -einschliesslich der Berufslosen für 1907 zusammen, und stellt ihnen die -entsprechenden Zahlen der beiden früheren Berufszählungen gegenüber, so -erhält man folgendes Bild. - -+Die Bevölkerung nach dem Hauptberuf der Erwerbstätigen.+ - - ----------+---------------------+---------+-----------+---------------- - Berufs- | Erwerbstätige |Dienst- | Angehörige| Erwerbstätige, - und | Personen |boten | ohne | Dienstboten - +----------+--------- +für | Haupt- | und - Betriebs- | überhaupt| darunter |häusliche| beruf | Angehörige - zählung | | weibliche|Dienste | | zus. - ==========+==========+==========+=========+===========+================ - 1882 |18986494 | 4961228 |1324924 |24910695 |45222113 - 1895 |22913683 | 6379942 |1339316 |27517285 |51770284 - 1907 |30232345 |10035705 |1264755 |30223429 |61720529 - Zunahme | % | % | % | % | % - 1882-1895 | 20.7 | 28.6 | 1.1 | 10.5 | 14.5 - 1895-1907 | 31.9 | 57.3 | -5.6 | 9.8 | 19.2 - 1882-1907 | 59.2 |102.03 | -4.8 | 21.3 | 36.5 - -Natürlich verteilt sich die enorme Zunahme der Erwerbstätigen -weiblichen Geschlechts nicht gleichmässig auf alle Berufsgruppen -und Berufsstellungen. Es ist darum nötig, hier auf die Gliederung -der Berufsstatistik etwas näher einzugehen, wobei der Vergleich der -Einfachheit wegen auf die beiden letzten Berufszählungen beschränkt -bleiben muss. - -Die Zunahme, bez. Abnahme (-) der Erwerbstätigen zwischen 1895 und 1907 -betrug: - - ======================================+=========+=========+============ - Berufsgruppen und Berufsstellungen |männliche|weibliche| Erwerbs- - +-------------------+ tätige - | Erwerbstätige | überhaupt - ======================================+===================+============ - A. +Land- u. Forstwirtschaft, | | - Gärtnerei, Tierzucht, Fischerei+ | 16.4 | 67.1 | 19.2 - a) Selbständige und Betriebsleiter | -2.2 | -5.4 | -2.6 - b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal| 5.7 | -10.2 | 2.7 - c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter) | -6.5 | 78.1 | 11.7 - | | | - B. +Industrie einschliessl. des | | | - Bergbaus+ | 35.4 | 38.3 | 35.9 - a) Selbständige und Betriebsleiter | 0.1 | -11.9 | -2.5 - afr) Hausindustrielle | -39.9 | -12.9 | -27.7 - b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal| 144.5 | 585.7 | 160.1 - c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter) | 42.6 | 61.4 | 45.9 - | | | - C. +Handel, Verkehr, Gastwirtschaft+ | 44.8 | 60.7 | 48.7 - a) Selbständige und Betriebsleiter | 19.4 | 21.2 | 20.0 - b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal| 70.5 | 564.8 | 93.2 - c) Gehilfen, Lehrlinge | 56.0 | 65.8 | 58.9 - | | | - D. +Häusliche Dienste und | | | - wechselnde Lohnarbeit+ | -24.1 | 37.2 | 9.1 - | | | - E. +Oeffentlicher Dienst und | | | - freie Berufsarten+ | 16.1 | 63.2 | 21.9 - --------------+---------+---------+------------ - Zusammen A-E | 19.8 | 56.6 | 29.2 - -Mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Frauen gehört der Berufsgruppe -A an (1907: 4598986), in der die in der Landwirtschaft helfenden -Familienangehörigen des Betriebsleiters sehr stark ins Gewicht fallen; -auf die Berufsgruppe B kommen 2103924, C: 931373, D: 320904 und E: -288311. - -[69] Das Einküchenhaus scheint schon bei dem ersten Versuche Fiasko -erlitten zu haben. Dennoch hat ihm die »Neudeutsche Bauzeitung« vor -kurzem eine Spezialnummer gewidmet, in welcher namhafte Architekten und -Kunstschriftsteller sich über die »wirtschaftlichen und künstlerischen -Möglichkeiten des Einküchenhauses« aussprechen. Von dem, was +van der -Velde+ darüber schreibt, sei folgendes wiedergegeben: »Man muss sich -für die soziale und kulturelle Seite des Problems begeistern, und für -diejenigen, die sich aufregen und leiden, wenn sie sehen, +wieviele -Frauen unter der Last tausend kleiner Haushaltungssorgen ihre besten -Eigenschaften einbüssen+, ist die Idee direkt erlösend. Ausserdem trägt -sie den Keim zu +einer noch vollständigeren Gemeinschaft zwischen in -demselben Hause lebenden Menschen+ in sich. Denn wir werden uns nicht -lange mit dem Haus begnügen, in dem +nur+ die Küche gemeinschaftlich -ist, wir werden auch bald den gemeinsamen Raum verlangen, wo +für -alle die Stiefel geputzt und die Kleider gebürstet werden+, wo das -Geschirr abgewaschen und alle grobe Hausarbeit von Angestellten einer -Zentralorganisation verrichtet wird, die wir weder sehen noch hören -werden und die wir nur für ihre Dienste entlohnen müssen. Alles -drängt uns zu dieser Entwicklung, der Mangel an Dienstboten und -der Wunsch, sie so wenig wie möglich um uns zu sehen.« Die Frauen -haben, wie man sieht, alle Ursache zu dem Wunsche: Gott schütze uns -vor unsern Freunden! Grenzt es nicht fast an Wahnwitz, wenn die -Zeitungen im Anschluss an obige Ausführungen folgende Expektoration -einer Amerikanerin beifällig wiederholen: »Fünfzig Feuer da, wo ein -einziges genügen würde. Sie können ja an ihrem Tisch im Familienkreis -mit ihren Kindern essen, wenn sie wollen, aber warum sollen fünfzig -Frauen ihre Morgenstunde verlieren, um ein paar Tassen Kaffee zu -machen und das so einfache Frühstück zu bereiten? Warum fünfzig Feuer, -wenn zwei Personen und ein einziges Feuer genügen würden, um all das -Fleisch und Gemüse zu kochen? Warum ist der Wert der Frauenarbeit -niemals anerkannt worden? Warum sind die Frauen in jeder Familie, -wo oft drei bis vier Dienstboten gehalten werden, gezwungen, ihre -ganze Zeit (!) den Küchenangelegenheiten zu widmen? Weil selbst -diejenigen, die die Befreiung der Menschheit wollen, nicht die Frau -in ihrem Befreiungstraum verstanden haben -- und weil sie es von -ihrer hohen männlichen Würde herab für unwürdig halten, an diese -»Küchenangelegenheiten« zu denken, die sie von sich abgewältzt haben -auf die Schultern der grossen Dulderin Frau!« - -[70] Die im Oktober 1909 in Berlin abgehaltene Generalversammlung des -Verbands fortschrittlicher Frauenvereine meinte den Schrecken über die -Ergebnisse der Berufszählung von 1907 dadurch überwinden zu können, -dass sie einem »Verband für handwerksmässige und fachgewerbliche -Ausbildung der Frau« das Wort redete. Sie ging dabei von der durch -nichts beweisbaren Annahme aus, dass der Zuwachs erwerbstätiger Frauen -seit 1895 durchweg aus »ungelernter Arbeit« bestehe. Die Frauen -leisteten in der neuen deutschen Volkswirtschaft in überwiegendem -Masse nichts anderes als »Kuli-Arbeit«. Dem soll nun abgeholfen werden -durch fachgewerbliche Ausbildung. (Vgl. »Soziale Praxis« XIX, S. -55 f.) Ganz abgesehen von der Frage, ob hier von einer richtigen -Annahme ausgegangen ist, wird man ernste Zweifel hegen dürfen, ob damit -an der Tatsache etwas geändert werden kann, dass auch bei gleicher -Leistung die Frauenlöhne niedriger sind als die Männerlöhne und dass -die Erwerbsarbeit der Frauen -- einerlei, ob sie »gelernte« oder -»ungelernte« Arbeit ist -- unter der heutigen Wirtschaftsorganisation -in der Hauptsache nur abhängige Arbeit sein kann. -- Uebrigens scheinen -die Fälle, in denen eine ordnungsmässige Ausbildung weiblicher -Handwerkslehrlinge Platz greift, schon jetzt ziemlich häufig zu sein, -wie die Ergebnisse einer von dem erwähnten Verbande veranstalteten -Erhebung vermuten lassen. Vgl. darüber Volkswirtsch. Blätter VIII -(1909) S. 397. - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Frauenfrage im Mittelalter, by Karl Bücher - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE IM MITTELALTER *** - -***** This file should be named 60062-0.txt or 60062-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/0/6/60062/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Die Frauenfrage im Mittelalter - -Author: Karl Bücher - -Release Date: August 5, 2019 [EBook #60062] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE IM MITTELALTER *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber -dem Original unverändert; fremdsprachliche Begriffe wurden nicht -korrigiert.</p> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden, abgesehen von -der Titelseite, als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) wiedergegeben. -Die Verwendung des ‚scharfen S‘ (ß) entspricht nicht in allen Fällen -den heutigen Rechtschreibgewohnheiten.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<h1>DIE FRAUENFRAGE<br /> - -<span class="s7">IM</span><br /> - -<span class="s6">MITTELALTER</span></h1> - -<p class="s5 center mtop3 mbot3">VON</p> - -<p class="s3 center">KARL BÜCHER.</p> - -<p class="center padtop5">ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE.</p> - -<p class="s3 center padtop5"><span class="mleft0_1">T</span><span class="mleft0_1">Ü</span><span class="mleft0_1">B</span><span class="mleft0_1">I</span><span class="mleft0_1">N</span><span class="mleft0_1">G</span><span class="mleft0_1">E</span><span class="mleft0_1">N</span><br /> -VERLAG DER H. -<span class="mleft0_1">L</span><span class="mleft0_1">A</span><span class="mleft0_1">U</span><span class="mleft0_1">P</span><span class="mleft0_1">P</span>’SCHEN -BUCHHANDLUNG<br /> -<span class="s5">1910.</span></p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="s6 center padtop5">Druck von H. Laupp jr in Tübingen.</p> - -<p class="s2 center padtop5 break-before"><span class="s6">FRAU</span><br /> -LINA LUDWIG</p> - -<p class="s4 center mtop2">GEWIDMET.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span></p> - -</div> - -<p class="padtop5">Das Beste, was Frauen uns geben, können wir niemals wiedergeben, und -wenn ich dieses Büchlein Dir, der lieben guten Mama, zueigne, so weiss -ich, dass damit die Dankesschuld nicht abgetragen werden kann, zu der -ich mich bekennen muss. Aber vielleicht ist es Dir doch eine Freude, -dadurch an die Zeit erinnert zu werden, wo sich auf dem Frankfurter -Stadtarchiv mir die Gedanken, die es enthält, zusammenfügten und ich an -so manchem schönen Sonntag bei Euch in Heppenheim ausspannen durfte.</p> - -<p>Ausgesprochen wurden diese Gedanken zuerst in einem Vortrage, den ich -am 28. März 1882 im Liebigschen Hörsaale zu München vor gebildeten -Frauen und Männern gehalten habe. Aus dem Kreise der Zuhörer sahen -damals zwei freundliche Augen zu mir empor, die seitdem meinen -Lebensweg erhellten und die jetzt erloschen sind. Du wirst es vor -allen verstehen, dass ich mich lange nicht entschliessen konnte, das -Büchlein, das damals gedruckt wurde, zu erneuern, als es vergriffen -war. Wenn ich es jetzt dennoch tue, so bin ich nicht der Versuchung -erlegen, was ich einst in keckem Jugendmute hingestellt hatte, mit -altem, bedächtigem Kopfe umzumodeln. Die Schrift scheint doch manchem -so, wie sie ist, lieb geworden zu sein, und wenn ich heute vielleicht -auch vieles anders sagen<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span> würde, in ihren tatsächlichen Feststellungen -hat sie vor der Kritik bestehen können. Die Verbesserungen der -neuen Auflage beschränken sich deshalb auf kleinere Berichtigungen -und Zusätze und auf eine grössere Aenderung am Schlusse, zu der -die Ergebnisse der Berufszählung von 1907 Anlass gaben. Ausserdem -sind in den Anmerkungen einige genauere Belege gegeben, ohne dass -Vollständigkeit der Literaturangaben erstrebt wurde. Eine gelehrte -Abhandlung sollte mein Vortrag nicht werden.</p> - -<p>Eine neue Zugabe ist das Bildchen auf Umschlag und Einband. Es stellt -eine der Hilfsarbeiterinnen des Frankfurter Wollenhandwerks, wenn nicht -alles trügt, in Bekinentracht dar, entworfen von einem Frankfurter -Schreiber, der das Bedebuch von 1405 mit lustigen Federzeichnungen -versehen hat. Das Bildchen steht bei der Lindheimer Gasse, die -im damaligen Weberviertel der Altstadt liegt. Bei der Härte der -mittelalterlichen Bede ist eine amtlich illustrierte Steuerliste eine -so seltsame Erscheinung, dass ihr Urheber wenigstens in einer kleinen -Probe seiner Kunst dem steuergeplagten XX. Jahrhundert bekannt zu -werden verdiente, stünde diese Probe auch nicht in so enger Beziehung -zum Inhalt dieses Büchleins, als es tatsächlich der Fall ist. -Vielleicht kann sie seinen Ernst um ein Weniges mildern und durch ihr -Wirklichkeitsgepräge den Irrtümern, deren es immer noch genug enthalten -wird, die freundliche Nachsicht erwirken, deren wir alle bedürfen.</p> - -<p class="mtop2"><span class="mleft0_2">L</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">p</span><span class="mleft0_2">z</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">g</span>, -den 25. Oktober 1909.</p> - -<p class="right mtop1 mright2"><span class="mleft0_2">K</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span> -<span class="mleft0_2">B</span><span class="mleft0_2">ü</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt"><b><span class="mleft0_2">I</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">t</span>.</b></h2> - -</div> - -<div class="blockquot"> - -<p>Die Frage <a href="#Die_Frage">1.</a> — Ihr zwiespältiges Wesen <a href="#Ihr_zwiespaeltiges_Wesen">2.</a> — Ihre statistische -Wurzel <a href="#Ihre_statistische_Wurzel">3.</a> — Das Zahlenverhältnis der Geschlechter im Mittelalter -<a href="#Das_Zahlenverhaeltnis">5.</a> — Ursachen des grossen Frauenüberschusses <a href="#Ursache_des_Frauenueberschusses">7.</a> Verschärfung -durch Ehebeschränkungen <a href="#Ehebeschraenkungen">9.</a> — Wirtschaftliche Stellung der Frau im -deutschen Altertum <a href="#Wirtschaftliche_Stellung_der_Frau">10.</a> — Berufsbildung und Entlastung der Frauen -<a href="#Berufsbildung_der_Frauen">12.</a> — Angeblicher Ausschluss von zünftiger Erwerbstätigkeit <a href="#Angeblicher_Ausschluss">13.</a> -— Tatsächliches Verhältnis <a href="#Tatsaechliches_Verhaeltnis">15</a>, — in der Textilindustrie <a href="#in_der_Textilindustrie">16</a>, in -der Schneiderei <a href="#in_der_Schneiderei">18</a>, — in anderen zünftigen Gewerben <a href="#in_anderen_zuenftigen_Gewerben">19</a>, — in -nicht zünftigen Berufen <a href="#in_nicht_zuenftigen_Berufen">20.</a> — <a href="#Versorgungsanstalten">Versorgungsanstalten</a>: a) Klöster <a href="#Kloester">24</a>; -— b) Leibrentenkauf <a href="#Leibrentenkauf">26</a>; — c) Samenungen <a href="#Samenungen">27</a>; — d) Gotteshäuser -<a href="#Gotteshaeuser">32.</a> Statistisches <a href="#Statistisches">34.</a> Statuten <a href="#Statuten">35.</a> Tätigkeit der Bekinen <a href="#Taetigkeit_der_Bekinen">36.</a> -Aufnahmebedingungen <a href="#Aufnahmebedingungen">38.</a> Lebensweise <a href="#Lebensweise">38.</a> Religiöse Stellung <a href="#Religioese_Stellung">40.</a> -Entartung <a href="#Entartung">41.</a> — Soziale Stellung der Frauen im Mittelalter <a href="#Soziale_Stellung_der_Frauen">43.</a> -— Gegensätze <a href="#Gegensaetze">45.</a> — Fahrende Frauen <a href="#Fahrende_Frauen">48.</a> — Die gemeinen Frauen -in den Städten <a href="#Frauen_in_den_Staedten">55.</a> Frauenhäuser <a href="#Frauenhaeuser">56.</a> Sittenpolizei <a href="#Sittenpolizei">60.</a> Eingreifen -der Kirche <a href="#Eingreifen_der_Kirche">61.</a> Reuerinnen <a href="#Reuerinnen">62.</a> Rettungshäuser <a href="#Rettungshaeuser">63.</a> — Rückblick <a href="#Rueckblick">66.</a> -Wandlung seit der Reformation <a href="#Wandlung_seit_der_Reformation">67.</a> — Die heutige Frauenfrage <a href="#Die_heutige_Frauenfrage">71.</a> — -Anmerkungen <a href="#Anmerkungen">76.</a></p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span><br/> - -<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p> - -</div> - -<h2 class="dummy" id="Die_Frage" title="Die Frage"></h2> - -<p class="p0 padtop5"><span class="initial">D</span>ie »Frauenfrage« bildet nach allgemeiner Annahme eine Zeitfrage von -so eigenartig modernem Charakter, dass es von vornherein fraglich -erscheinen könnte, ob man berechtigt sei, diesen Ausdruck auch auf -Erscheinungen der Vergangenheit anzuwenden. Wenn wir aber überall -da von »Fragen« reden, wo wir die vorhandenen Zustände in einem -auffälligen Widerspruche sehen zu dem, was Vernunft und Gerechtigkeit -fordern, so wird es wohl kaum noch einem Zweifel unterliegen, dass -wir auch von Fragen der Vergangenheit sprechen dürfen, wo wir immer -derartige Widersprüche zwischen dem, was <em class="gesperrt">war</em>, und dem, was -hätte sein sollen, entdecken. Es ist dabei ziemlich gleichgültig, -ob die tatsächlich vorhandenen Widersprüche als »Fragen« in das -Bewusstsein der Zeitgenossen getreten sind; es genügt vollständig, wenn -ein derartiger Widerspruch nachgewiesen werden kann, oder wenn sich -Versuche und Anstalten zu seiner Beseitigung erkennen lassen. Oder -wollte etwa jemand leugnen, dass die moderne Frauenfrage lange vor der -Zeit schon existiert hat, wo sie anfing, in populären Vorträgen, auf -»Frauentagen« oder bei ästhetischen Teegesellschaften verhandelt zu -werden?</p> - -<h2 class="dummy" id="Ihr_zwiespaeltiges_Wesen" title="Ihr zwiespältiges Wesen"></h2> - -<p>Wenn ich in diesem Sinne von einer Frauenfrage im Mittelalter sprechen -will, so bin ich weit davon entfernt, mich auf den Standpunkt -derjenigen zu stellen, welche die gesamte rechtliche, politische und -soziale Stellung der Frau im Widerspruch finden mit den Forderungen -der Vernunft und Gerechtigkeit. Von diesem Standpunkte aus gab es -sicherlich im Mittelalter weit, weit mehr zu »fragen« und zu wünschen -als heutzutage. Ich denke mich vielmehr auf jenen engeren Teil -der Frauenfrage zu beschränken, den man vielleicht richtiger als -»Frauen<em class="gesperrt">erwerbs</em>frage« bezeichnen würde. Freilich hat auch noch -in diesem engeren Sinne heute die Frauenfrage eine doppelte Seite. Sie -stellt sich dar einerseits als Frauenschutzfrage mit Bezug auf die -zahlreichen weiblichen Arbeiter der Industrie, anderseits als Frage der -Erweiterung des Erwerbsgebiets der Frauen für diejenigen weiblichen -Glieder der gebildeten Klasse, welche aus irgend einem Grunde -ausserhalb der natürlichen Tätigkeitssphäre ihres Geschlechtes in der -Wirtschaft Verwendung suchen.</p> - -<p>Welche von diesen beiden Seiten der Frauenerwerbsfrage man nun -auch ins Auge fassen mag, immer wird man darauf zurückgeführt, die -<em class="gesperrt">Wurzel</em> derselben zu suchen in der Tatsache, dass gegenwärtig -ein ansehnlicher Teil der Frauen innerhalb der Familie nicht diejenige -Versorgungsgelegenheit findet, die wir ihm aus<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> allgemeinen Gründen -wünschen müssen. Diese Tatsache beruht in erster Linie auf einem -statistischen Missverhältnis, welches obwaltet zwischen der Zahl der -heiratsfähigen Frauen und Männer, sodann aber auf einer entweder -notwendigen oder freiwilligen Enthaltung von der Ehe auf Seiten eines -Teils der heiratsfähigen Männer.</p> - -<h2 class="dummy" id="Ihre_statistische_Wurzel" title="Ihre statistische Wurzel"></h2> - -<p>Was zunächst jenes statistische Missverhältnis betrifft, so ist es eine -bekannte Tatsache, dass fast in allen europäischen Staaten unter den -Neugeborenen die Zahl der Knaben überwiegt, dass aber durch rasches -Absterben der männlichen Kinder das Zahlenverhältnis zwischen beiden -Geschlechtern bis etwa zum 17. oder 18. Jahre sich ausgleicht. Wo nun -eine Bevölkerung weiterhin nur natürlichen Einflüssen ausgesetzt ist, -d. h. wo die Verminderung der Geschlechter nur durch Absterben erfolgt, -da kann sich das Zahlenverhältnis derselben etwa vom 18. bis zum 30. -Jahre, also dem eigentlichen Heiratsalter, im Gleichgewicht erhalten. -Es würde bei rechtzeitiger Verheiratung jede Frau einen Mann bekommen -können. Vom 30. Jahre ab gewinnt überall das weibliche Geschlecht ein -Uebergewicht und steigert dasselbe von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, so dass -in den höchsten Altersstufen auf 10 Männer durchschnittlich 14–20 -Frauen zu kommen pflegen.</p> - -<p>So gestaltet sich das Verhältnis der Geschlechter unter rein -<em class="gesperrt">natürlichen Einflüssen</em>. Allein diese natürlichen Einflüsse -gelangen in vielen Staaten<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> nicht zu ungestörter Wirksamkeit. -Kriege und Auswanderung, sowie die nachteiligen Folgen mancher -Berufstätigkeiten verringern die Zahl der Männer schon zwischen dem -18. und 30. Jahre so stark, dass fast plötzlich um das 20. Jahr das -anfängliche Uebergewicht des männlichen Geschlechts in ein Uebergewicht -des weiblichen Geschlechtes umschlägt. Insbesondere ungünstig prägen -sich die Ergebnisse der angedeuteten nachteiligen Einwirkungen in -der Geschlechtsgliederung der deutschen Bevölkerung aus. Von den -Altersstufen zwischen 20 und 25 Jahren kommen im Deutschen Reiche -nach der Zählung von 1900 auf 1000 Männer schon 1012 Frauen; im -Alter von über 20 Jahren überhaupt auf 1000 Männer 1064 Frauen. Noch -ungünstiger gestaltet sich diese Betrachtung, wenn wir berücksichtigen, -dass normaler Weise das Heiratsalter des Mannes um etwa fünf Jahre -höher ist, als das der Frau. Stellen wir demgemäß die Männer im Alter -von 25–30 Jahren den Frauen im Alter von 20–25 Jahren gegenüber, so -erhalten wir für die deutsche Bevölkerung auf je 1000 Männer 1105 -Frauen.</p> - -<p>Es kann demnach ein beträchtlicher Teil der heiratsfähigen Frauen -unter keinen Umständen heute zur Verehelichung gelangen, selbst den -Fall vorausgesetzt, dass alle Männer heiraten wollten und könnten. -Dieser Fall trifft nun aber bekanntlich nicht zu. Ein ansehnlicher -Teil der Männer (in ganz Deutschland gegen 10%) bleibt unvermählt. Es -ist klar, dass beide<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> Umstände, der statistische Frauenüberschuss und -das soziale Uebel der männlichen Ehelosigkeit, in ihrem Zusammenwirken -einen beträchtlichen Teil der unverheiratet bleibenden Frauen auf eine -Existenz durch eigene Erwerbsarbeit hinweisen. Zu einem eigentlichen -Erwerbs-Notstande führen dieselben indes nur in den sogen. höheren -Klassen der Gesellschaft, für die es an passenden Frauenerwerbsgebieten -fehlt.</p> - -<p>Aus ganz derselben Ursache, wie die moderne Frauenerwerbsfrage, -entspringt die mittelalterliche Frauenfrage, von der im -Folgenden die Rede sein soll. Wenn ich im allgemeinen von einer -<em class="gesperrt">mittelalterlichen</em> Frage spreche, so soll damit nicht gesagt -sein, dass das ganze Mittelalter und alle Klassen der Bevölkerung in -die Erörterung hereingezogen werden sollen. Ich muss mich vielmehr -beschränken auf die Zeit und die Teile der Bevölkerung, für welche uns -allein Quellen über diese Dinge fliessen, auf die deutschen Städte von -der Mitte des XIII. bis zum Ausgange des XV. Jahrhunderts.</p> - -<h2 class="dummy" id="Das_Zahlenverhaeltnis" title="Das -Zahlenverhältnis der Geschlechter im Mittelalter"></h2> - -<p>Statistische Ermittelungen, welche über drei der bedeutendsten -mittelalterlichen Städte Deutschlands angestellt werden konnten<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, -haben übereinstimmend einen so bedeutenden Ueberschuss der erwachsenen -weiblichen über die gleichalterige männliche Bevölkerung ergeben, -dass man mit Notwendigkeit auf die Vermutung geführt wird, es müsse -die Frauenfrage im städtischen Leben der beiden letzten Jahrhunderte -des Mittelalters weit schärfer und brennender aufgetreten<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> sein als -heutzutage. Eine zuverlässige Zählung der Nürnberger Bevölkerung, -welche am Ende des Jahres 1449 vorgenommen wurde, ergab unter der -bürgerlichen Bevölkerung auf 1000 erwachsene Personen männlichen -Geschlechts 1168 Personen weiblichen Geschlechts. Aber nicht bloss in -den bürgerlichen Familien, sondern auch unter der dienenden Klasse -(den Knechten, Handwerksgesellen und Mägden) überwog das weibliche -Geschlecht. Rechnen wir diese mit der bürgerlichen Bevölkerung -zusammen, so kamen gar auf 1000 männliche Personen 1207 weibliche. In -Basel scheint um 1454 das Verhältnis ähnlich gewesen zu sein. In den -beiden Kirchspielen St. Alban und St. Leonhard trafen damals auf 1000 -männliche Personen über 14 Jahren 1246 weibliche Personen der gleichen -Altersstufen. Eine Zählung endlich, welche die grössere Hälfte der -erwachsenen Bevölkerung von Frankfurt a. M. im Jahre 1385 umfasst, -ergab 1536 männliche und 1689 weibliche Personen oder auf 1000 Männer -rund 1100 Frauen. Diese letzte Ziffer ist eine Minimalziffer; es lässt -sich mit guten Gründen wahrscheinlich machen, dass der Frauenüberschuss -in Frankfurt a. M. im Jahre 1385 noch weit beträchtlicher gewesen ist.</p> - -<p>Diese Zahlen reden jedenfalls eine sehr deutliche Sprache; ihr Gewicht -wird indess noch verstärkt durch eine Reihe von Beobachtungen, von -denen ich hier nur <em class="gesperrt">eine</em> kurz mitteilen will. Das Frankfurter -Stadtarchiv besitzt noch heute einen grossen Teil der Listen, -welche<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> über die Erhebung der Vermögenssteuer (Bede) im XIV. und XV. -Jahrhundert geführt wurden. Diese Erhebung erfolgte ebenso wie die -Einschätzung durch den Rundgang einer Kommission von Haus zu Haus. -Das Vermögen wurde nach eidlicher Versicherung der Steuerpflichtigen -zur Steuer veranlagt und die Hausbesitzer waren bei schwerer Strafe -gehalten, alle in ihren Häusern wohnenden Personen mit eigenem Vermögen -anzugeben. Dieses Verfahren bietet ohne Zweifel die Gewähr grosser -Genauigkeit mit Bezug auf die Ermittlung der Steuerpflichtigen. Da -ist es nun überaus auffallend, wie häufig unter den Steuerzahlern -alleinstehende Frauen auftreten. Nach zahlreichen statistischen -Ermittlungen<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, welche die Jahre 1354–1510 umfassen, machten in diesem -Zeitraum die Frauen den <em class="gesperrt">sechsten</em> bis den <em class="gesperrt">vierten</em> Teil -aller Steuerpflichtigen aus. Bedenkt man, dass es sich bei diesem -Verhältnis grösstenteils um alleinstehende, selbständige Frauen -handelt, dass die zahlreichen Nonnen, Pfründnerinnen und Bekinen meist -nicht mitgerechnet sind und dass Frauen auch im Mittelalter viel -schwerer zur Selbständigkeit gelangten als die Männer, so erhält man -eine Ahnung davon, wie schneidend das Missverhältnis in der Zahl beider -Geschlechter im bürgerlichen Leben der Städte hervorgetreten sein muss.</p> - -<h2 class="dummy" id="Ursache_des_Frauenueberschusses" title="Ursachen -des grossen Frauenüberschusses"></h2> - -<p>Hier wirft sich zunächst die Frage auf: woher kommt dieser bedeutende -Ueberschuss der erwachsenen weiblichen über die männliche Bevölkerung? -Ich will ver<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>suchen, dieselbe mit ein paar kurzen Andeutungen zu -beantworten. Drei Ursachen scheinen mir besonders in Betracht zu kommen:</p> - -<p>1. die zahlreichen Bedrohungen, welchen das männliche Leben in den -mittelalterlichen Städten infolge der fortwährenden Fehden, der -blutigen Bürgerzwiste und der gefahrvollen Handelsreisen ausgesetzt war;</p> - -<p>2. die grössere Sterblichkeit der Männer bei den oft sich -wiederholenden pestartigen Krankheiten. Mindestens weisen auf eine -derartige Vermutung hin die stärkeren Ziffern für die Frauen, -welche regelmässig nach Pestjahren in den Frankfurter Steuerlisten -auftreten<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>;</p> - -<p>3. die Unmässigkeit der Männer in jeder Art von Genuss.</p> - -<p>Ausserdem ist wohl die Vermutung nicht abzuweisen, dass die städtische -Berufsarbeit in engen, ungesunden Räumen, zwischen hohen, dicht -zusammengerückten Häusermauern bei der Unvollkommenheit der technischen -Hilfsmittel viel mehr aufreibende Muskelarbeit von den Männern -erfordert habe, dass der Daseinskampf bei dem raschen Wechsel von guten -und schlechten Jahren, von hohen und niederen Lebensmittelpreisen, von -Ueberfluss und Mangel für sie, wenn auch vielleicht im ganzen nicht -schwieriger, so doch unregelmässiger und wechselvoller sich gestaltet -haben müsse als in Zeiten besserer Gesundheitspflege und ausgebildeten -nationalen und internationalen Verkehrs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>Welcher von diesen Entstehungsursachen nun auch der mittelalterliche -Frauenüberschuss vorwiegend zuzuschreiben sein mag — sicher ist, dass -er vorhanden war und dass er in mancherlei Verhältnissen des sozialen -Lebens seinen Ausdruck fand. Sicher ist auch, dass die dadurch für -zahlreiche Frauen gegebene Unmöglichkeit einer Versorgung in der Ehe zu -Uebelständen führte, die das Mittelalter klar erkannte und auf seine -eigene Art zu heilen suchte.</p> - -<h2 class="dummy" id="Ehebeschraenkungen" title="Verschärfung durch -Ehebeschränkungen"></h2> - -<p>Ehe wir zur Betrachtung dieser Verhältnisse übergehen, müssen wir -kurz die Frage berühren, wie weit Beschränkungen des Rechts zur -Verehelichung das Uebel noch vermehrten.</p> - -<p>Hier tritt zunächst das Cölibat der Geistlichkeit uns entgegen. Ihre -Zahl war allerwärts in den Städten unverhältnismässig gross. Sie lässt -sich in Frankfurt a. M. für das XIV. und XV. Jahrhundert bei einer -Einwohnerzahl von 8000–10000 auf 200–250 Personen berechnen<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>. Für -Lübeck darf man in derselben Zeit 250–300 Weltgeistliche und gegen 100 -Klosterbrüder annehmen<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>. In Wismar belief sich um 1485 die Zahl der -Weltgeistlichen auf 150; in Nürnberg wird 1449 der geistliche Stand auf -446 (einschliesslich der Dienerschaft) angegeben. Wie ungünstig ihre -Ehelosigkeit die Heiratsziffern des weiblichen Geschlechts in diesen -kleinen Gemeinwesen beeinflussen musste, liegt auf der Hand.</p> - -<p>Sodann wirkte die zünftige Ordnung des Gewerbebetriebes nachteilig -auf das Heiratsalter eines grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> Teiles der männlichen Bevölkerung -ein. Die Verehelichung des Handwerkers hing von seiner Zulassung -zur Meisterschaft ab, und diese wieder von Bedingungen, welche -die Angehörigen der Zunftmitglieder begünstigten<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>. Der Geselle -durfte als solcher im allgemeinen nicht heiraten<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>. Infolge der -Schliessung vieler Zünfte, der Beschränkung der Betriebsstätten und -Verkaufsbänke bildete sich deshalb im XIV. und XV. Jahrhundert ein -eigener Gesellenstand, der keine Aussicht auf Selbständigmachung und -Familiengründung hatte. Indessen zeugen doch die vielfachen Verbote der -Zunftstatuten, verheiratete Gesellen anzunehmen, sowie viele Beispiele -der Frankfurter Steuerlisten dafür, dass Gesellenheiraten nicht eben -selten waren. Auf keinen Fall aber waren sie so leicht und häufig, wie -heute die Ehen der Fabrikarbeiter.</p> - -<h2 class="dummy" id="Wirtschaftliche_Stellung_der_Frau" title="Wirtschaftliche -Stellung der Frau im deutschen Altertum"></h2> - -<p>Wenn wir uns nun anschicken, die Frage zu beantworten: <em class="gesperrt">was wurde im -Mittelalter aus den zahlreichen Frauen, die ihren »natürlichen Beruf« -zu erfüllen verhindert waren</em>? so müssen wir uns vor allen Dingen -von der Anschauung los machen, welche den meisten von uns aus unseren -frühesten Schuljahren anklebt. Wir hören da nach den Schilderungen in -Tacitus’ »Germania« von der hohen Achtung, der fast göttergleichen -Verehrung, welche dem Weibe bei den alten Germanen gezollt wurde; -aber wir übersehen nur zu leicht, dass derselbe Tacitus die Stellung -der Frau in der Wirtschaft so beschreibt,<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> dass wir mit Notwendigkeit -auf eine grosse Ueberlastung des weiblichen Geschlechts schliessen -müssen. Der Mann achtet keine Tätigkeit ausser derjenigen mit dem -Schwerte. Träge liegt er im Frieden auf der Bärenhaut; Schlaf, Trunk -und Würfelspiel füllen seine Zeit. Die Sorge für Feld, Haus und Herd -bleibt den Frauen, die mit den Kindern, den Schwachen und Unfreien die -Wirtschaft führen. Neben der erhaltenden und verwaltenden Tätigkeit des -Hauses, die heutzutage den Frauen hauptsächlich zufällt, hatten sie -also auch die gesamte Gütererzeugung zu bewerkstelligen; oder, um einen -geläufigen Ausdruck zu gebrauchen: die Frau ernährte die ganze Familie. -Sie war Arbeiterin, Wirtschaftsführerin, Haushälterin und Erzieherin -der Kinder zugleich. Die Germanen machten also in ihrer primitiven -Periode keine Ausnahme von der Erwerbsordnung, die wir noch heute bei -Naturvölkern finden.</p> - -<p>Dieser Zustand änderte sich nach den grossen Wanderungen, als in -währenden Friedenszeiten und bei wachsender Bevölkerung die deutschen -Männer sich herabliessen, auch den Acker zu bebauen. Immer aber blieb -noch ein grosser Teil der Landwirtschaft, namentlich die Be- und -Verarbeitung vegetabilischer Stoffe, den Frauen überlassen. Auch als -mehr und mehr aus der alten geschlossenen Hauswirtschaft einzelne -Tätigkeiten als Gewerbe sich absonderten, blieb das Arbeitsgebiet der -Frau immer noch sehr gross, wie wir deutlich aus der Verteilung der -Arbeiten in den grundherrlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> Grosswirtschaften erkennen. Da finden -wir unter den männlichen Leibeigenen freilich schon Müller und Bäcker, -Schneider und Schuster, Grobschmiede und Waffenschmiede; den Frauen lag -aber nicht bloss die Arbeit in Küche und Keller, in Garten und Stall -ob, sondern auch die Besorgung der Gewandung von der Schafschur und der -Flachsbereitung bis zum Weben, Färben, Zuschneiden, Nähen und Sticken, -ferner das Bierbrauen, Seifensieden, Lichterziehen und eine Menge -von anderen Verrichtungen, die später nach und nach von besonderen -Gewerbetreibenden übernommen wurden<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>.</p> - -<h2 class="dummy" id="Berufsbildung_der_Frauen" title="Berufsbildung -und Entlastung der Frauen"></h2> - -<p>So sehen wir bis in das XIII. Jahrhundert hinein in dem Masse, als die -gewerbliche Berufsbildung fortschritt, eine immer weiter greifende -Entlastung der Frau von schweren körperlichen Arbeiten eintreten; ihre -Tätigkeit beginnt sich auf dasjenige Gebiet zu beschränken, welches wir -als die Haushaltung zu bezeichnen pflegen. Aber immer war dieses Gebiet -noch bedeutend umfangreicher als heutzutage. Das Spinnen und Bleichen, -das Backen und Bierbrauen wurde auch in den Städten noch vielfach von -den Frauen besorgt; der Schuster und Schneider, der Sattler und der -Bauhandwerker arbeiteten im Hause auf der »Stör«; eine grosse Anzahl -von Produkten, die wir heute fertig zum Verbrauche kaufen, bedurfte -noch der Zurichtung durch die Frauen.</p> - -<p>Dies alles weist darauf hin, dass eine grössere Zahl<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> von Frauen in -den mittelalterlichen Haushaltungen verwendet werden konnte, als dies -heute möglich wäre. So mögen vielfach elternlose Mädchen und verwitwete -Frauen in den Familien ihrer näheren oder entfernteren Verwandten -Unterkunft und Beschäftigung gefunden haben; der Familienzusammenhang -war ohnehin damals noch viel stärker als gegenwärtig. Diejenigen -alleinstehenden Frauen dagegen, welche keinen derartigen Rückhalt -besassen, waren allem Anscheine nach in den Städten sehr übel gebettet. -Auf dem Lande mochten Frauenhände immer in der Wirtschaft erwünscht -sein; in den Städten war die Frau (abgesehen von der Eingehung eines -Dienstbotenverhältnisses) nach der gewöhnlichen Annahme von der -Erwerbsarbeit in den zünftigen Gewerben fast vollständig ausgeschlossen.</p> - -<h2 class="dummy" id="Angeblicher_Ausschluss" title="Angeblicher -Ausschluss von zünftiger Erwerbstätigkeit"></h2> - -<p>In der Tat wird sich nicht leugnen lassen, dass die gesamte Stellung -der Gewerbe im Mittelalter ein selbständiges Eingreifen der Frauen in -dieses Gebiet grundsätzlich auszuschliessen scheint. Das Zunftwesen, -welchem alle einigermassen entwickelten Gewerbe unterworfen waren, war -seinem innersten Wesen nach auf die Familie gegründet. Die Zünfte waren -nicht bloss gewerbliche Vereine, sondern Unterabteilungen der Gemeinde -mit rechtlichen, politischen, militärischen und administrativen -Aufgaben. Das Recht zum Gewerbebetrieb schloss die Verpflichtung zum -Waffendienst und zu anderen Leistungen in sich, zu welchen Frauen nicht -wohl herangezogen werden konnten. Bei der Teil<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>nahme an den politischen -Rechten, von der ja die Frauen ausgeschlossen waren, spielten die -Zünfte wieder eine Rolle, welche die Zulassung weiblicher Mitglieder -untunlich zu machen schien.</p> - -<p>Adrian Beier<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>, der Verfasser des ältesten Kompendiums des -Handwerksrechts, stellt denn auch den Satz auf: das männliche -Geschlecht sei eine der unerlässlichen Grundbedingungen für die -Aufnahme in eine Zunft gewesen. Die ganze gesellschaftliche Ordnung, -meint er, beruhe darauf, dass jedes Geschlecht diejenigen Geschäfte -übernehme, welche seiner Natur am angemessensten seien, der Mann die -Erwerbsarbeit, die Frau die Küche, den Spinnrocken, die Nadel, die -Wäsche; auch das Weben, Lichtergiessen und Seifensieden solle ihr noch -gestattet sein. Das Mädchen sei zur Ehe bestimmt; man könne nicht -wissen, wen es einmal heiraten werde; eine gelernte Schusterin sei aber -dem Schmiede nichts nütze. Ausserdem könne man nicht allein in der -Lehre lernen; von ungewanderten Junggesellen und gewanderten Jungfern -werde aber beiderseits wenig gehalten. Der Umgang mit Männern in der -Werkstätte sei in sittlicher Hinsicht nicht ungefährlich. Endlich -sei die Zunft eine öffentliche Einrichtung; das Meisterrecht sei mit -staatlichen Leistungen, als Wachen und Gaffen, verbunden, wozu Weiber -nicht taugten.</p> - -<h2 class="dummy" id="Tatsaechliches_Verhaeltnis" title="Tatsächliches -Verhältnis"></h2> - -<p>Trotz dieser anscheinend in der Natur der Sache liegenden -grundsätzlichen Ausschliessung der Frauen wenigstens vom zünftigen -Gewerbebetrieb sehen wir<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> das ganze Mittelalter hindurch die Frauen -vielfach im Gewerbe tätig — ein Beweis, dass eine derartige -Beschäftigung derselben durch die tatsächlichen Verhältnisse sich als -notwendig aufdrängte. Ja wir finden sogar Frauenarbeit in einer Reihe -von Berufsarten, von denen sie gegenwärtig tatsächlich ausgeschlossen -ist.</p> - -<p>Ich will hier die Tatsache nicht weiter betonen, dass die Witwe eines -Meisters das Geschäft ihres Mannes forttreiben durfte; das ist bekannt -genug. Ueberdies ist dieses Vorrecht in manchen Gewerben und Städten -zeitlich begrenzt oder an die Bedingung der Wiederverheiratung mit -einem Gesellen des gleichen Handwerks geknüpft. Ich will auch kein -grosses Gewicht darauf legen, dass Frauen und Töchter, oft auch die -Magd eines Handwerkers demselben im Geschäfte helfen konnten; das -liess sich bei aller Bevormundung, die dem Mittelalter eigen war, so -leicht nicht verbieten. Viel wichtiger erscheint mir, dass Frauen und -Mädchen innerhalb eigener oder fremder Gewerbebetriebe zahlreiche -Verwendung fanden, bald als abhängige Lohnarbeiterinnen, bald sogar -als selbständige Meisterinnen. War das betreffende Gewerbe zünftig, -so konnten hier und da die Frauen in eigenem Namen den Zünften mit -gleichem Rechte wie die Männer angehören; war es unzünftig, so waren -sie selbstverständlich keinerlei Beschränkungen unterworfen. Endlich -finden wir sogar Gewerbe mit zünftiger Ordnung, die ausschliesslich aus -Frauen bestanden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p> - -<h3 class="dummy" id="in_der_Textilindustrie" title="in der -Textilindustrie"></h3> - -<p>Natürlich handelt es sich hier zunächst um Gebiete, in welchen die -Frauen von Alters her tätig gewesen waren<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a>. Dahin gehört das ganze -Gebiet der <em class="gesperrt">Textilindustrie</em>. Die Weberei war zwar seit dem XII. -Jahrhundert ein eigenes Gewerbe in Männerhand; indessen blieben die -Vorrichtungsarbeiten, das Wollkämmen, Spinnen, Garnziehen, Spulen, -fast überall noch lange Zeit in den Händen der Frauen. Wir finden -deshalb an vielen Orten ein zahlreiches weibliches Arbeiterpersonal -in der <em class="gesperrt">Wollweberei</em>: Kämmerinnen, Spinnerinnen, Spulerinnen, -Garnzieherinnen, Nopperinnen — meist abhängige Lohnarbeiterinnen -nach Art unserer Heim- oder Fabrikarbeiterinnen. In Frankfurt a. M. -standen sie unter der Aufsicht von zwei Mitgliedern des Rats. Ihre -Tätigkeit war an sehr eingehende Vorschriften gebunden, und wir haben -in der Frankfurter Weberordnung von 1377 wohl das älteste Beispiel -einer Regulierung der Frauenarbeit durch die öffentliche Gewalt<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>. -Auch als Weberinnen finden wir die Frauen nicht selten tätig, und -hier nicht bloss im Lohndienst, sondern auch als selbständige -Mitglieder der Zunft. So in Bremen, in Köln, in Dortmund, in Danzig, -in den schlesischen Städten, in Speier, Strassburg, Ulm, München. -»Wer Webermeister oder Meisterin ist«, heisst es in einer Münchener -Ratsverordnung aus dem XIV. Jahrhundert, »der soll haben, ob er will, -einen Lernknecht und eine Lerndirne und nicht mehr«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<p>Was die <em class="gesperrt">Leinenweberei</em> betrifft, so ist hier eine vielseitige -selbständige Beteiligung der Frauen am Handwerk um so weniger zu -bezweifeln, als in einem grossen Teile von Deutschland auf dem -Lande die Frauen bis ins XIX. Jahrhundert hinein Leinwand gewebt -haben. In Hamburg konnten Frauen in der Leinenweberei beim sogen. -»schmalen Werke« selbständig werden (1375); in Strassburg wurden die -Schleier- und Leinenweberinnen (1430) zu den Zunftlasten herangezogen; -in Frankfurt a. M. finden wir ebenfalls selbständig steuernde -»Lineberssen« (1428), ohne dass es freilich ersichtlich wäre, ob -dieselben als Meisterinnen oder als Lohnarbeiterinnen betrachtet -werden müssen. Die Schleierweberei und Schleierwäscherei ist dort ganz -in den Händen der Frauen; ebenso scheinen sie die <em class="gesperrt">Schnur</em>- und -<em class="gesperrt">Borten</em>wirkerei im XIV. und XV. Jahrhundert allein betrieben zu -haben. In den schlesischen Städten bildete das Garnziehen ein eigenes -Gewerbe, an dem Männer und Frauen beteiligt waren. In Köln bestand -eine eigene Zunft von Garnmacherinnen; sie mussten sechs Jahre lernen -und keine Meisterin durfte mehr als drei Mägde oder Lohnwerkerinnen -halten. In der zu Anfang des XV. Jahrhunderts aufgekommenen -<em class="gesperrt">Barchentweberei</em> haben dagegen weibliche Arbeitskräfte bis jetzt -nicht nachgewiesen werden können.</p> - -<h3 class="dummy" id="in_der_Schneiderei" title="in der -Schneiderei"></h3> - -<p>Etwas anders lagen die Verhältnisse im <em class="gesperrt">Schneidergewerbe</em>. Hier -konnten freilich die Frauen<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> auch das Recht hergebrachten Besitzes für -sich geltend machen, da sie in älterer Zeit nicht bloss die eigenen -Kleider, sondern auch diejenigen der Männer gefertigt hatten. Lesen wir -doch noch im Nibelungenliede, dass Chriemhilde mit ihren Mägden den -ausziehenden Recken das Gewand bereitet. Aber beim ersten Auftreten -der Schneiderzünfte arbeiteten die Schneider nicht bloss alle Arten -von Männerkleidern, sondern auch die Frauengewänder, ja sie hatten -selbst die ganze Weisszeugnäherei<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>. Indessen bemerken wir doch auch -hier eine rege Frauentätigkeit. Nicht nur dass im Schneidergewerbe -Frauen und Töchter der Zunftmeister in weiterem Masse als in anderen -Handwerken mitarbeiteten; an nicht wenigen Orten konnten auch Frauen -als selbständige Meisterinnen in die Zunft treten, ja sie durften -selbst Arbeiterinnen haben und Lehrmädchen annehmen. In Frankfurt und -Mainz, wie wohl in allen mittelrheinischen Städten, suchte man ihre -Aufnahme in die Zunft durch Festsetzung geringerer Aufnahmegebühren -für Frauen zu erleichtern<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a>. Erst im XV. Jahrhundert entstanden in -den rheinischen Städten sehr langwierige Streitigkeiten zwischen den -Schneidern und den Näherinnen, die schliesslich damit endeten, dass das -Gebiet der letzteren auf diejenigen Arten des Nadelwerks beschränkt -wurde, welche noch heute den Frauen eigen sind.</p> - -<h3 class="dummy" id="in_anderen_zuenftigen_Gewerben" title="in -anderen zünftigen Gewerben"></h3> - -<p>Noch eine Reihe von anderen Handwerken lässt sich nachweisen, die im -Mittelalter Frauen im Amte hatten.<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> Es würde indes zu weit führen, -hier auf die Einzelheiten einzugehen. Ich begnüge mich deshalb -damit, hier kurz die zünftigen Gewerbe zu nennen, bei welchen -weibliche Arbeitskräfte Verwendung fanden. Es sind: die Kürschner -(in Frankfurt und in den schlesischen Städten), die Bäcker (in den -mittelrheinischen Städten), Wappensticker, Gürtler (Köln, Strassburg), -die Riemenschneider (Bremen), die Paternostermacher (Lübeck), die -Tuchscherer (Frankfurt), die Lohgerber (Nürnberg), die Goldspinner und -Goldschläger (in Köln). In den Statuten der letzteren hiess es: »Kein -Goldschläger, dessen Frau Goldspinnerin ist, darf mehr als drei Töchter -zum Goldspinnen haben; die Goldspinnerin dagegen, deren Mann nicht -Goldschläger ist, darf vier Töchter haben und nicht mehr, dass sie ihr -Gold spinnen.« An der Spitze beider Gewerbe stand je ein Meister und -eine Meisterin, welche das Werk des Amtes zu besehen und zu prüfen -hatten. Natürlich konnte es sich hier überall nur um Gewerbe handeln, -welche der Natur ihres Betriebes nach für das zarte Geschlecht geeignet -waren; denn es war stehender Grundsatz des alten Handwerksrechtes, dass -niemand in der Zunft sein solle, der das Gewerbe nicht mit eigener Hand -treiben könne.</p> - -<p>Im ganzen können wir sonach behaupten, dass im Mittelalter die -Frauen von keinem Gewerbe ausgeschlossen waren, für das ihre Kräfte -ausreichten. Sie waren berechtigt, Handwerke ordnungsmässig zu lernen, -sie als Gehilfinnen, ja selbst als Meisterinnen zu treiben<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>.<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> -Indessen bemerken wir schon frühe die Tendenz, die Frauenarbeit mehr -und mehr zurückzudrängen. Dieselbe wendet sich zunächst gegen die -Meisterswitwen, deren Recht auf eine gewisse Zeit (Jahr und Tag) -beschränkt oder an bestimmte Bedingungen geknüpft wird. Sodann gegen -das Mitarbeiten der Mägde und der weiblichen Familienglieder, endlich -auch gegen die selbständige Tätigkeit der Frauen in den Zünften. Die -Gesellenverbände fangen an, sich zu weigern, neben den weiblichen -Arbeitern zu dienen; die Meister klagen über Beeinträchtigung ihres -Nahrungsstandes. Im XVI. Jahrhundert leistet noch die öffentliche -Gewalt diesen engherzigen Bestrebungen Widerstand, im XVII. Jahrhundert -erlahmt sie darin völlig, und so kommt es, dass nur in vereinzelten -Fällen bis ins XVIII. Jahrhundert die Frauenarbeit im Handwerk sich -erhalten hat<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p> - -<h3 class="dummy" id="in_nicht_zuenftigen_Berufen" title="in -nicht zünftigen Berufen"></h3> - -<p>Was die nichtzünftigen Gewerbe betrifft, so unterlag in diesen -die Frauenarbeit wohl nie irgend welchen Beschränkungen. Nur beim -stehenden Kleinhandel, der jetzt so vielen Frauen Selbständigkeit und -Unterhalt gewährt, scheint die Marktpolizei vielfach zu Ungunsten -der Frauen eingegriffen zu haben, während sie beim Hausierhandel -anscheinend stärker vertreten waren. So wird bei den Gewandschneidern -und Fischhocken in Frankfurt der Verkauf durch die Frauen verboten, -mit Ausnahme des Falles, wo der Mann abwesend ist; in München sollte -keines Fleischhackers oder Metzgers Weib in der Bank stehen und -Fleisch verkaufen<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>; in<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> Passau durfte die Frau eines Salzhändlers -nur wenn der Mann krank war dessen Geschäft versehen. Die Hocken und -Viktualienhändler sind fast allerwärts Männer; nur in Ulm bilden die -Käuflerinnen ein eigenes weibliches Gewerbe<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a>.</p> - -<p class="mbot2">Es wird vielleicht zur Veranschaulichung des Gesagten beitragen, wenn -hier noch kurz die Berufsarten namhaft gemacht werden, bei welchen -ich in Frankfurter Urkunden aus der Zeit zwischen 1320 und 1500 -Frauen beschäftigt gefunden habe. Sie lassen sich in vier Gruppen -zerlegen. In der ersten, welche die Berufe umfasst, für die nur -weibliche Namen vorkommen, ergaben sich 65 Beschäftigungsarten. Die -zweite enthält die Berufe, in welchen die Frauen überwiegen; ihrer -sind freilich nur 17. Aber ihnen stehen 38 Berufe gegenüber, in denen -Männer und Frauen etwa gleich stark sich vertreten fanden und 81, -in denen der Umfang ihrer Tätigkeit hinter derjenigen der Männer -zurückblieb<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a>. Das ergibt rund 200 Berufsarten mit Frauenarbeit. -Unter ihnen treten allerdings die schon erwähnten Hilfsgewerbe der -Textilindustrie am stärksten hervor. Die Verfertigung von Schnüren und -Bändeln, Hüllen und Schleiern, Knöpfen und Quasten ist ganz in ihren -Händen. Wie an der Schneiderei beteiligen sie sich an der Kürschnerei, -Handschuh- und Hutmacherei, verfertigen Beutel und Taschen, lederne -Brustflecke und Sporleder. Selbst bis in die kleine Holz- und -Metallindustrie reicht ihre Tätigkeit: Nadeln und Schnallen, Ringe -und Golddraht,<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Besen und Bürsten, Matten und Körbe, Rosenkränze und -Holzschüsseln gehen aus ihren Händen hervor. Die Feinbäckerei scheint -vorzugsweise ihnen obzuliegen; fast ausschliesslich beherrschen sie -die Bierbrauerei und die Herstellung von Kerzen und Seife. In dem -außerordentlich spezialisierten Kleinhandel überwiegen sie: Obst, -Butter, Hühner, Eier, Häringe, Milch, Käse, Mehl, Salz, Oel, Senf, -Essig, Federn, Garn, Sämereien werden fast nur von ihnen vertrieben. -Das Hockenwerk und das Trödelgeschäft, ja selbst der sehr entwickelte -Handel mit Hafer und Heu sind vielfach in den Händen von Frauen. -Sie treiben sich unter den Abenteurern und Gauklern hausierend -umher. In den Badstuben Frankfurts bedienten 30 bis 40 Bademägde; -ja man konnte sich zuweilen selbst von zarten Händen rasieren und -immer in den Weinschenken sich von weiblichen Musikanten, wie -Lauten- und Zimbelschlägerinnen, Pfeiferinnen, Fiedlerinnen und -Schellenträgerinnen, etwas vorspielen lassen. Abschreiberinnen und -Briefdruckerinnen kommen wenigstens vereinzelt vor; schon 1346 wird -eine Malerin und von 1484 ab häufig Juttchen die Puppenmalerin -genannt. Ja selbst im städtischen Dienst werden Frauen verwendet, -nicht bloss als Hebammen und Krankenpflegerinnen, sondern selbst als -Schlaghüterinnen, Pförtnerinnen, Turmwächterinnen<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>, Zöllnerinnen -und beim Hüten des Viehs. Unter den 11 Personen, welchen 1368 der -Rat das Geldwechselgeschäft übertragen hatte, werden nicht weniger -als<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> 6 Frauen genannt; wir begegnen einer Frau als Pächterin des -Leinwandzolles und einer anderen als Aufseherin und Einnehmerin in der -Stadtwage<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>. Im XIV. Jahrhundert findet sich häufig eine weltliche -Schulmeisterin, <i>Lyse, die die Kinde leret</i>, auch kurz <i>lerern</i> oder -<i>kindelern</i> — vielleicht eine mittelalterliche Kindergärtnerin. Aber -1361 wird zugleich mit ihr Katherine schulmeistern genannt — ein -Beweis, dass keine vereinzelte Erscheinung vorliegt. In Lübeck war es -von alters üblich, dass ehrbare Frauen kleine Mädchen schreiben und -lesen lehren durften. Ferner hat es während des ganzen XIV. und XV. -Jahrhunderts in den meisten Städten weibliche Aerzte gegeben. Zwischen -1389 und 1497 konnten in Frankfurt nicht weniger als 15 Aerztinnen -mit Namen nachgewiesen werden, unter diesen 4 Judenärztinnen und 3 -Augenärztinnen<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>. Verschiedenen von ihnen werden sogar wegen Heilung -städtischer Bediensteten Ehrungen und Steuererleichterungen vom Rate -bewilligt. Endlich war es nichts seltenes, dass in unsicheren Zeiten, -wenn raubende und plündernde Haufen in der Umgegend sich sammelten, -Frauen im Kundschafterdienst verwendet wurden<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>. Einer der höchsten -Träume unserer modernen Emanzipationsfreunde war somit im Mittelalter -schon einmal volle Wirklichkeit.</p> - -<h2 class="dummy" id="Versorgungsanstalten" title="Versorgungsanstalten"></h2> - -<p>Wie ausgedehnt man sich auch das Gebiet selbständiger Erwerbstätigkeit -vorstellen mag, welches den<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> Frauen im Mittelalter zugänglich war — -auf keinen Fall reichte es hin, sämtliche des männlichen Schutzes -entbehrenden Frauen zu beschäftigen. Für die jüngeren bot hier -wohl der Gesindedienst, der im Mittelalter verhältnismässig mehr -Kräfte erforderte als heute, Arbeit und Brot; auch gab es ausser -der Weberei und der Bekleidungsindustrie noch andere Handwerke, die -weibliche Arbeitskräfte beschäftigten. So in Lübeck die Nadler, -Maler, Bernsteindreher und Bader. Aber die Weiberlöhne<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> waren auch -im Mittelalter überaus niedrig, wohl wegen des grossen Zudrangs von -Arbeiterinnen zu den erwähnten industriellen Beschäftigungen. Viele -waren deshalb gezwungen, in anderer Weise ein Unterkommen zu suchen.</p> - -<h3 class="dummy" id="Kloester" title="Klöster"></h3> - -<p>Hier bot sich als nächste Zuflucht das <em class="gesperrt">Kloster</em>, und es ist -in der Tat auffallend, wie sehr in der zweiten Hälfte des XIII. -und im XIV. Jahrhundert allerwärts in den deutschen Städten die -Frauenklöster zunahmen. In diese Zeit fällt der kräftige Impuls, der -von den Bettelorden ausging, in deren Klientel sich fast alle neu -gegründeten Nonnenklöster begaben. Wenn die älteren Frauenklöster -und Stifter Versorgungsanstalten für die Töchter des ärmeren Adels -bildeten, so boten diese neueren eine Unterkunft für die überschüssige -Frauenwelt des höheren Bürgerstandes und der Geschlechter, von denen -manche Novizen auch an die Klöster einer näheren oder entfernteren -Umgebung lieferten. Wen getäuschte Hoffnungen, überstandene Angst und -Küm<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>mernis, der Verlust von Gatten, Eltern, Geschwistern, die Furcht -vor einer rohen, gewalttätigen Welt oder tiefinnerstes religiöses -Bedürfnis trieben, den Schleier zu nehmen, der fand, wenn das nötige -Einkaufsgeld vorhanden war, hier ein beschauliches Dasein, Gelegenheit -zu geistiger Ausbildung und zu stiller Tätigkeit im Dienste der -Erziehung und in weiblichen Handarbeiten, äussersten Falles wenigstens -Unterhaltung und mancherlei Kurzweil. Sehr anschaulich schildert ein -mittelalterliches Gedicht<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> die Tätigkeit in den Nonnenklöstern:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Da waren vrouwen inne, die dienten Got mit sinne:</div> - <div class="verse">Die alten und die jungen lasen unde sungen</div> - <div class="verse">Ze ieslicher im tage zit, si dienten Gote ze wider strit,</div> - <div class="verse">So si aller beste kunden, und muosen under stunden,</div> - <div class="verse">So si niht solden <em class="gesperrt">singen</em>, <em class="gesperrt">naen</em> oder <em class="gesperrt">borten dringen</em></div> - <div class="verse">Oder <em class="gesperrt">würken</em> an der <em class="gesperrt">ram</em>; ieglichiu wold’ des haben scham,</div> - <div class="verse">Die da muezik waere beliben; sie <em class="gesperrt">entwurfen</em> oder <em class="gesperrt">schriben</em>.</div> - <div class="verse">Es <em class="gesperrt">lert</em> die <em class="gesperrt">schuolemeisterin</em></div> - <div class="verse">Die jungen <em class="gesperrt">singen</em> und <em class="gesperrt">lesen</em>, wie sie mit zühten solden wesen,</div> - <div class="verse">Beide <em class="gesperrt">sprechen</em> unde <em class="gesperrt">gen</em>, ze kore <em class="gesperrt">nigen</em> unde <em class="gesperrt">sten</em>.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Also Singen, Lesen, Schreiben, Sprachlehre, Anstandsunterricht — das -waren die Elemente der weiblichen Klostererziehung; der Gottesdienst, -das Nähen, Weben, Bortenwirken füllte die übrige Zeit der Nonnen -aus. Hier und da beschäftigten sie sich auch mit dem Abschreiben -von Büchern[25]. Namentlich aber waren die Stickschulen<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> der -Klosterfrauen berühmt, und die kunstfertigen Gebilde ihrer Hände -auf Messgewändern, auf Decken und Wandbehängen erregen noch heute -unsere Bewunderung. Für den Absatz ihrer Gewerbe<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>produkte hatten die -Klöster hin und wieder in den Städten eigene Verkaufsstellen. Sie -gerieten aber dabei mit dem freien Gewerbebetrieb der städtischen -Handwerksmeister und Kaufleute in Konkurrenzstreitigkeiten, die meist -damit endeten, dass den Klöstern die einzelnen Sorten von Webwaren -genau vorgeschrieben wurden, die sie in den Handel bringen durften.</p> - -<p>Es leuchtet von selbst ein, dass immer nur ein kleiner Teil des -vorhandenen Frauenüberschusses in den Klöstern unterkommen konnte. Für -die vielen, welche aus inneren oder äusseren Gründen gehindert waren, -die Klostergelübde auf sich zu nehmen, musste in anderer Weise gesorgt -werden, und es gereicht unseren Vorfahren zu nicht geringer Ehre, dass -sie für diesen Zweck in Anbetracht der Zeitverhältnisse vorzügliche -Mittel zu finden und durchzuführen wussten. Diese Mittel waren -verschieden, je nachdem die vom Familienverband ausgeschlossenen Frauen -begütert oder arm waren.</p> - -<h3 class="dummy" id="Leibrentenkauf" title="Leibrentenkauf"></h3> - -<p>Besassen die alleinstehenden Jungfrauen und Witwen <em class="gesperrt">Vermögen</em>, -so kauften sie mit demselben im XIV. und XV. Jahrhundert wohl eine -<em class="gesperrt">Leibrente</em>, von der sie bis ans Ende ihrer Tage leben konnten, -ähnlich wie man früher oft einem Kloster sein Gut übertrug, um sich -einen sorgenfreien Lebensabend zu erkaufen. Manche Städte, die häufig -in Geldverlegenheit waren, besserten damit ihre Finanzen auf, dass -sie an Auswärtige unter gleichzeitiger Verleihung des Bürgerrechts -Leibrenten verkauften. Sie erfüllten damit<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> die Aufgabe einer modernen -Lebensversicherungsgesellschaft, und nicht wenige Frauen vom Lande -haben sich auf diesem Wege zugleich den städtischen Schutz und einen -sorgenfreien Lebensabend gesichert<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>.</p> - -<p>Auch ergab es sich leicht, dass vermögende Frauen, insbesondere -solche, die miteinander verwandt waren, <em class="gesperrt">sich zu drei oder vier -zusammentaten</em>, um eine <em class="gesperrt">gemeinsame Haushaltung</em> zu führen. -Solcher kleinen, freiwillig zusammenlebenden Frauengruppen begegnen uns -viele in den Frankfurter Bedebüchern. Jede der Beteiligten behielt ihr -abgesondertes Vermögen und versteuerte dasselbe. Zur Wirtschaft mag -dann jede ihren Beitrag geleistet haben.</p> - -<h3 class="dummy" id="Samenungen" title="Samenungen"></h3> - -<p>Zu einer festen Organisation führten solche freiwillige Verbindungen -in <em class="gesperrt">Strassburg</em>. Hier bildeten sich eigene <em class="gesperrt">Vereine</em>, sogen. -Samenungen (Sammlungen) vermögender Frauen und Jungfrauen zu dem Zwecke -eines gemeinsamen Lebens in stiller Zurückgezogenheit<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>. Solcher -Samenungen gab es <em class="gesperrt">drei</em>; alle waren in der zweiten Hälfte des -XIII. Jahrhunderts gegründet worden. Die ihnen angehörigen Frauen -hiessen Pfründenschwestern, Pfründnerinnen, auch wohl Mantelfräulein, -weil sie eine eigene Tracht von geistlichem Zuschnitte trugen.</p> - -<p>Wie alle Vereinigungen des Mittelalters, mochten sie sonst zu -gewerblichen, geselligen oder Unterstützungszwecken errichtet sein, -standen auch die Samenungen von Anfang an in näherer Beziehung zur -Kirche. Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> Dominikaner, Friedrich von Erstein, hatte ihre ersten -Satzungen (von 1267) verfasst; sein Orden nahm auch fernerhin die -Schwestern in seine sorgsame Obhut. Nach jenen Satzungen lebten -im ersten Jahrhundert ihres Bestehens die Samenungen in voller -Gütergemeinschaft. Zur Aufnahme war erforderlich, dass die Eintretende -so viel eigenes Vermögen besass, um davon leben zu können. Schied sie -aus, ehe sie das 14. Lebensjahr zurückgelegt hatte, so musste sie für -jeden im Hause zugebrachten Monat 40 Pfennige Kostgeld bezahlen und -zurückerstatten, was sie von den Schwestern an Kleidungsstücken u. dgl. -erhalten hatte. Trat sie erst nach dem vierzehnten Jahre aus (etwa -zum Zwecke der Verheiratung), so durfte sie nur Kleider und Bettwerk -mitnehmen, musste aber ihr eingebrachtes Vermögen zurücklassen; wollte -sie in ein Kloster gehen, so gab man ihr fünf Pfund von ihrem Vermögen -wieder. Ungebührliche Reden, Streitsucht, das Anknüpfen von Beziehungen -zu Männern zogen die Ausschliessung nach sich. Man darf daraufhin nicht -etwa meinen, dass die Mantelfräulein das klösterliche Gelübde der -Ehelosigkeit abgelegt hätten; es ist ja klar genug, dass auch heute -noch die Mitgliedschaft einer derartigen Vereinigung mit der Anknüpfung -eines Verhältnisses zu Männern oder der Brautschaft einer Beteiligten -aufhören müsste. Bei einer etwaigen Auflösung der Samenung sollte das -Vereinsvermögen unter die Schwestern gleichmässig verteilt werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> - -<p>Bis zur Mitte des XIV. Jahrhunderts herrschte in diesen Frauenvereinen -unter der Seelsorge der Dominikaner ein zwar stilles, beschauliches, -aber auch geistig angeregtes Leben. Alles, was die Zeit auf religiösem -Gebiete bewegte, fand hier eifrige Anteilnahme. Namentlich waren -die strengen Mystiker Meister Eckart und Johann Tauler in ihnen -gern gesehene Gäste. Die Schwestern lauschten ihren gefühlswarmen, -tiefsinnigen Predigten und schrieben ihre Traktate ab. Kurz nachher -(1355) schrieb Rulman Merswin von ihnen: »Sie waren also gar -schweigsame, einfältige, gutherzige Frauen und hatten also gar grossen -einfältigen inwendigen Ernst, dass ihnen Gott gar heimlich war mit -seiner Gnade.«<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a></p> - -<p>Später änderte sich das. Der Geist der Eintracht und Schwesterliebe -schwand mehr und mehr aus den Samenungen. Es wurden sehr eingehende -Satzungen notwendig, welche die Vermögensgemeinschaft teilweise -aufhoben und die Hausordnung bis in die kleinsten Einzelheiten -vorschrieben. Die Schwestern behielten ihr Sondereigentum und konnten -jederzeit aus der Vereinigung treten, wenn sich ihnen Gelegenheit -zur Verehelichung bot. Während das Vermögen der Einzelnen vielleicht -nicht zur Fortführung eines selbständigen standesgemässen Haushalts -ausgereicht hätte, zeigte die gemeinsame Wirtschaft einen gewissen -Luxus. Es fehlte nicht an einer ganz annehmbaren Speisekarte, an -Silbergeschirr und Kleinodien; Dienerinnen wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> gehalten, Gäste -zu Tische geladen; man wohnte den Turnieren und den Tanzfesten auf -den Trinkstuben der adeligen Gesellschaften bei; ja man konnte sich -den Besuch der damaligen Luxusbäder im Schwarzwald und in der Schweiz -gestatten. Im Jahre 1414 wurde angeordnet, dass jede neu aufzunehmende -Pfründnerin dem Hause 60 Pfund geben und dass die, welche in die Welt -zurückkehrte, die Hälfte ihres Hausrats zurücklassen sollte.</p> - -<p>Durch solche Einrichtungen, sowie durch die ihnen zufallenden -Schenkungen und Vermächtnisse bereicherten sich die Samenungen immer -mehr; aber sie verfielen dadurch auch um so rascher. Ihr inwendiger -Ernst sei erloschen, berichtet Rulman Merswin; statt zu beten und -fromme Büchlein zu lesen, unterhielten sie sich mit allerlei weltlichem -Klatsch; Missgunst, Eifersucht, gegenseitiges Misstrauen beherrschten -das häusliche Leben. Die alte Tracht, ein wollenes Gewand und langer -Schleier, die sie noch immer trugen, bewahrte sie nicht vor Weltlust -und Hoffart; selbst vor dem Weihkessel, meint Geiler von Keisersberg, -könnten sie nicht vorübergehen, ohne sich darin zu beschauen. In ihren -Häusern lebten sie herrlich und in Freuden; in der Stadt wurden sie zu -Gaste geladen; sie fehlten bei keiner Belustigung<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>. Kein Wunder, -dass sie die Reformation, wie manche ähnliche Vereine, rasch vom -Erdboden wegfegte.</p> - -<p>Viel härter war das Los der <em class="gesperrt">armen</em> Frauen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> ihres Ernährers -beraubt waren und weder in der Erwerbswirtschaft noch in den Klöstern -eine Stelle finden konnten. Zur Verheiratung bot sich ihnen meist -nur dann sichere Gelegenheit, wenn sie dem Manne als Tochter oder -Witwe eines Meisters das Zunftrecht in die Ehe brachten. Freilich gab -es zahlreiche Stiftungen und Vermächtnisse, die auch ihnen zu Gute -kamen — Verteilungen von Geld und Brot, von Suppe und Fleisch, von -Holz und Kleidern. Das Betteln war im Mittelalter keine Schande, das -Almosengeben wurde als religiöse Pflicht angesehen; man brauchte sich -um so weniger zu scheuen, Spenden und Geschenke zu heischen, als von -den Almosenempfängern eine Gegenleistung, bestehend in Kirchenbesuch -und Gebet für das Seelenheil des Spenders, gefordert wurde. Alte und -gebrechliche Leute fanden wohl auch als Pfründnerinnen in Spitälern -eine Aufnahme.</p> - -<p>Aber diese Mittel boten keine dauernde und ausgiebige Hilfe; sie -versagten am meisten, wenn sie am nötigsten gewesen wären, in Zeiten -allgemeiner Teuerung und Bedrängnis.</p> - -<h3 class="dummy" id="Gotteshaeuser" title="Gotteshäuser"></h3> - -<p>Da ist es denn im höchsten Grade bemerkenswert und als Beweis für -die Tatsache eines weitverbreiteten Frauennotstandes geradezu -ausschlaggebend, dass seit der Mitte des XIII. Jahrhunderts überall -in Deutschland sehr zahlreiche <em class="gesperrt">Anstalten</em> gegründet wurden, -welche ausschliesslich zur Versorgung ärmerer alleinstehender Frauen -bestimmt waren. Es sind dies die<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> sogen. <em class="gesperrt">Gotteshäuser</em> oder -<em class="gesperrt">Bekinenanstalten</em><a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a>.</p> - -<p>Man pflegt die Institution der Bekinen und Bekarden gewöhnlich -nur von ihrer religiösen Seite zu betrachten und sie da mit den -Tertiariern zusammenzustellen, jenem ausgedehnten Anhang der -Bettelorden aus dem Laienstande. Es ist ja bekannt, dass dieser von -den Dominikanern und Franziskanern gestiftete »dritte Orden der Reue« -aus Weltleuten beiderlei Geschlechts bestand, welche, ohne der Ehe -und ihrem bürgerlichen Berufe zu entsagen, sich der Aufsicht der -Orden unterworfen hatten, an ihren Uebungen und Gebeten teilnahmen, -der Weltlust entsagten, ernste, einfache Kleidung trugen und sich -verpflichteten, Barmherzigkeit zu üben, die Gebote Gottes und die -Vorschriften der Kirche zu halten. In ähnlichen Beziehungen, wie diese -Minoriten, standen allerdings auch die Bekinen und Bekarden zu den -Bettelorden. Sie trugen ein dem geistlichen ähnliches schlichtes Gewand -und nahmen gewisse religiöse Verpflichtungen auf sich. Allein sie -hatten darum nicht mehr Verwandtschaft mit dem Nonnen- und Mönchswesen -als etwa die Brüderschaften der Handwerksgesellen, der Aussätzigen, der -Blinden und Lahmen. Ja wir können sogar beobachten, wie die städtischen -Räte mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dahin strebten, den -weltlichen Charakter der Bekinen (die Bekarden waren wenig zahlreich -und stehen uns hier fern) aufrecht zu erhalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - -<p>Das Aufkommen der Bekinen knüpft sich — wenigstens in den deutschen -Städten — überall an die Stiftung der Gotteshäuser. Unter letzteren -versteht man Häuser, welche von reicheren Laien, Männern und Frauen, -dem Zwecke gewidmet wurden, eine bestimmte Anzahl armer, verlassener -Frauen und Mädchen aufzunehmen. Sie hiessen auch wohl <em class="gesperrt">Einungen</em> -(Frankfurt a. M.) oder <em class="gesperrt">Sammlungen</em> (Ulm), <em class="gesperrt">Seelhäuser</em> -(Ulm, München), <em class="gesperrt">Regelhäuser</em> (München), <em class="gesperrt">Maidehäuser</em> -(Mainz), <em class="gesperrt">Konvente</em> (Wesel), unter Umständen auch <em class="gesperrt">Klausen</em> -— das letztere namentlich auf Dörfern und in einsamen Gegenden. Oft -begnügten sich die Stifter nicht mit der Gewährung der Wohnung; sie -sorgten auch durch Verschreibung von Renten und sonstigen Gefällen -für die Unterhaltung der Gebäude, für Holz und Licht, manchmal auch -für einen Teil der Nahrung. Die Bewohnerinnen solcher Häuser nannte -man allgemein <em class="gesperrt">Schwestern</em>, in Strassburg auch <em class="gesperrt">gewillige oder -arme Schwestern</em>, in Frankfurt a. M. <em class="gesperrt">geistliche Schwestern</em>, -<em class="gesperrt">Kinder</em> oder <em class="gesperrt">arme Kinder</em>, in München <em class="gesperrt">Seelnonnen</em>, in -Konstanz <em class="gesperrt">Mäntlerinnen</em>; später wurde der Name Bekinen, Beguinen, -hier und da auch Begutten, durchweg gebräuchlich.</p> - -<h3 class="dummy" id="Statistisches" title="Statistisches"></h3> - -<p>Die <em class="gesperrt">Zahl</em> der Frauen, welche in ein solches Gotteshaus Aufnahme -finden konnten, war meist nicht sehr gross und wurde insgemein schon -von dem Stifter festgesetzt. Sie schwankte in Worms zwischen 2 und 6,<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -in Frankfurt zwischen 2 und 15, in Strassburg war die am häufigsten -vorkommende Anzahl 20; aber es gab auch Häuser mit 3, 4, 6, 8, 10, 12, -ja selbst mit 22 und 26 Schwestern. Sogenannte Bekinen<em class="gesperrt">höfe</em>, -d. h. mit Mauern umgebene Hofstätten, welche mehrere Wohn- und -Wirtschaftsgebäude für eine grössere Zahl von Schwestern enthielten, -finden wir vorzugsweise in den niederrheinischen Städten und in -Belgien. In den <em class="gesperrt">Klausen</em> lebte meist nur je eine Bekine oder -Klausnerin.</p> - -<p>Die meisten dieser Gotteshäuser wurden zwischen 1250 und 1350 -gestiftet. Es ist bezeichnend für ihren weltlichen Charakter, dass sie -durchweg nach dem Namen ihres Gründers benannt werden. Ihre Zahl war in -den einzelnen Städten und deren Umgebung sehr gross. In Frankfurt sind -ihrer 57 (etwa 3 Prozent sämtlicher Wohnhäuser der Stadt) dem Namen -nach bekannt, in Strassburg 60, in Basel über 30, in Speier 6; für -München sind ihrer nur 7 nachgewiesen.</p> - -<p>Was die <em class="gesperrt">Gesamtzahl der Bekinen</em> betrifft, so lassen sich über -diese für die einzelnen Städte keine sicheren Nachweise erbringen. Nach -einer auf ziemlich zuverlässigen Anhaltspunkten beruhenden Schätzung -waren zu Frankfurt a. M. am Ende des XIV. Jahrhunderts über 200 Bekinen -vorhanden. Ueber 6 Prozent der erwachsenen weiblichen Bevölkerung -(die Stadt hatte damals etwa 9000 Einwohner) befanden sich darnach -in den Gotteshäusern. Hartwig hat berechnet,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> dass in den Lübecker -Anstalten für alleinstehende Frauen, die freilich nicht ausschliesslich -Gotteshäuser (Konvente) waren, 600 Personen versorgt werden konnten. -Von den bis 1330 gestifteten Strassburger Gotteshäusern konnten 12 -allein 195 Schwestern aufnehmen; alle zusammen boten für mehr als -600 Personen Raum. Noch weit zahlreicher scheinen die Bekinen am -Niederrhein gewesen zu sein. Köln soll ihrer 2000 gehabt haben, Nivelle -und Cantibri bei Cambrai 1300, und ein Bekinenhof bei Mecheln »bis in -die 1400 oder mehr«<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>. Indessen wird man diesen letzteren Ziffern mit -einigem Misstrauen begegnen müssen.</p> - -<p>Wie schon der Name Gotteshäuser andeutet, waren dieselben Stiftungen -christlicher Barmherzigkeit, hervorgegangen aus dem religiösen -Bedürfnisse derjenigen, welche ihr irdisch Hab und Gut — gewiss mit -Recht — dem Dienste Gottes zu weihen meinten, indem sie für Unterkunft -der von aller Welt verlassenen, jeder Gefahr ausgesetzten Frauen Sorge -trugen. Vorzugsweise waren es verwaiste oder ledig gebliebene arme -Mädchen, kinderlose Witwen, Töchter kinderreicher Handwerker, alte -treue Dienstboten, welche hier Aufnahme fanden. Im XIII. Jahrhundert -traten auch nicht selten alleinstehende Frauen aus dem wohlhabenden -Bürgerstande, ja selbst solche aus den städtischen Geschlechtern und -dem Adel bei den armen Schwestern ein, denen sie dann ihr Vermögen -zubrachten.</p> - -<h3 class="dummy" id="Statuten" title="Statuten"></h3> - -<p>Die <em class="gesperrt">Statuten</em> der Gotteshäuser, welche ge<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>wöhnlich schon in -dem Stiftungsbriefe gegeben wurden, waren in der ersten Zeit überaus -einfach. Erst später, als sich Uebelstände herausstellten, wurden sehr -eingehende Satzungen und Hausordnungen für die Schwestern aufgestellt. -Diese sind natürlich je den besonderen Verhältnissen angepasst. Ich -darf mich hier damit begnügen, die wichtigsten gemeinsamen Züge aus -ihnen auszuheben.</p> - -<h3 class="dummy" id="Taetigkeit_der_Bekinen" title="Tätigkeit -der Bekinen"></h3> - -<p>Die <em class="gesperrt">Grundlage der Existenz</em> der in einem Gotteshause vereinigten -Schwestern bildete die Rente des Stiftungsvermögens. Wenn diese zum -Leben nicht ausreichte, mussten sich die Frauen durch <em class="gesperrt">Arbeit</em> -ernähren, durch Stricken und Nähen, durch Spinnen und Weben. Die -niederrheinischen Bekinenhöfe waren regelmässig mit Bleichplätzen -verbunden. Die Konkurrenz mit dem freien Gewerbebetrieb, welche sie -hier zu bestehen hatten, wurde ihnen nicht selten durch Privilegien -der Stadtobrigkeiten und der Fürsten erleichtert. So erhielten 1293 -die Bekinen zu Würzburg das Recht, ihre selbstverfertigten Tücher -ellenweise zu verkaufen<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a>. Im Jahre 1310 gestatteten die Herzöge -Boleslaw, Heinrich und Wendislaw den Bekinen zu Breslau, durch die -Tuchmacher der Stadt weisses und graues Tuch weben zu lassen und in -ganzen Stücken zu verkaufen<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a>. In Konstanz hatten sich etliche -Wollenweber geweigert, den »armen Schwestern in der Mäntlerinnen Haus« -das Wollengarn zu weben, das sie spannen. Auf die Klage der Schwestern -bestimmten die Zunftmeister, dass ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> die Weber was sie spannen, um -es an ihren Leib zu wenden, weben sollten; doch sollten die Schwestern -dasselbe Tuch niemanden anders verschneiden oder zu kaufen geben, -weder in noch vor ihrem Hause<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a>. Weniger engherzig ist die II. -württembergische Landesordnung von 1515<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a>. In ihr wird »zugelassen, -dass man in jedem Amt den Schwestern und Begynen in iren heusern ain -genante zal der schwestern bestimmen mög, wie vil sie deren haben -sollen und nit darüber, ..... das man auch denselben schwestern ain zal -webstül bestimme zu haben vnd nit darüber, nemlich je vff vier swestern -ain webstul vnd nit mehr, damit die innwoner daneben nit überladen -werden vnd sich auch irnthalb one verhindert erneren mögen.«</p> - -<p>Ausserdem sollten die Bekinen Liebeswerke verrichten, Arme speisen, -Kranke besuchen, Tote zur letzten Ruhestätte geleiten. In München -war das Warten der Kranken und die Besorgung der Toten ihre -ausschliessliche Aufgabe; in Augsburg hatten sie die Krankenpflege -in den Spitälern; in anderen Städten pflegten sie, wie heute die -barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen, vorzugsweise in den -Häusern. In Frankfurt wurden ihnen wohl Findlinge, in Wesel auch andere -arme Kinder zur Erziehung und Unterweisung im Lesen, Schreiben und in -Handarbeiten übergeben. Ausserdem hatten sie den Todestag des Stifters -und der Wohltäter ihres Hauses durch Gebet für deren Seelenheil in der -Kirche zu begehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<h3 class="dummy" id="Aufnahmebedingungen" title="Aufnahmebedingungen"></h3> - -<p>Die <em class="gesperrt">Aufnahme</em> der Schwestern erfolgte bei der Gründung eines -Gotteshauses durch den Stifter oder die Stifterin, später meist durch -Abstimmung aller vorhandenen Schwestern. Brachte die Aufgenommene -eigenes Vermögen mit, so behielt sie die Verfügung über dasselbe und -wurde dafür auch zur Steuer herangezogen, wenn es einen bestimmten -Betrag überstieg<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>; nach ihrem Tode wurde es in Strassburg den -Erben übergeben; in Frankfurt fiel es an das Gotteshaus. In vielen -niederländischen Beguinereien wurde ein Einkaufsfeld und der Bau des zu -bewohnenden Häuschens gefordert; der Nachlass verstorbener Mitglieder -fiel dem Gesellschaftsvermögen zu. Hier und da war ein Probejahr -vor der endgültigen Aufnahme Vorschrift. Der Austritt zum Zwecke -der Verehelichung oder aus anderen Gründen war jederzeit gestattet. -Ausschliessung erfolgte wegen schlechter Aufführung, wegen Ungehorsams, -wegen Störung der Eintracht, wegen Umhertreibens und wegen verbotenen -Umgangs mit Männern. Meist musste dabei der weltliche Pfleger des -Gotteshauses oder der Beichtvater der Schwestern zu Rate gezogen werden.</p> - -<h3 class="dummy" id="Lebensweise" title="Lebensweise"></h3> - -<p>Die <em class="gesperrt">Leitung</em> des gemeinsamen Haushalts der Bekinen war einer -Meisterin, mitunter auch mehreren anvertraut. Im ersteren Falle -erfolgte die Ernennung durch allgemeine Wahl, im letzteren durch -Zuwahl. In Strassburg wechselten die Vorsteherinnen alle Jahre, in -Frankfurt waren sie meist auf Lebenszeit eingesetzt.<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Die Schwestern -waren zum Gehorsam gegen die Meisterin verpflichtet. Unbotmässige -Elemente scheinen indessen nicht selten vorgekommen zu sein. Wenigstens -sind zwei Fälle bekannt (aus Frankfurt a. M. und Ulm), wo in grösseren -Bekinenhäusern Gefängnisse eingerichtet wurden, um die Widerspenstigen -zu strafen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Tracht</em> der Bekinen schloss sich im Schnitt der Gewandung -einfacher Bürgersfrauen an. Sie bestand aus einem Gewand von grauem, -schwarzem oder blauem Wollenstoff mit einer weissleinenen Kaputze -und weissem Schleier, über die sie beim Ausgehen noch ein schwarzes -Wollentuch schlugen. Daher auch die Benennungen graue oder schwarze -oder blaue Schwestern. Die <em class="gesperrt">Kost</em> war gewöhnlich sehr einfach. -Reichere Gotteshäuser konnten auch in dieser Hinsicht einigen Aufwand -gestatten. In manchen Strassburger Anstalten dieser Art erhielten -die Schwestern täglich ihren Wein, und dies in gar nicht kleinen -Quantitäten. An den Jahrestagen des Stifters und anderer Wohltäter -pflegte der Tisch etwas reicher besetzt zu sein. Der <em class="gesperrt">Hausrat</em> -nahm sich meist ärmlich genug aus; insgemein brachten die Schwestern -nichts mit als ihr Bett und ihre Kleidung.</p> - -<p>Tagüber hielten sich die Schwestern in einer gemeinsamen Wohnstube auf, -der einzigen, die im Winter geheizt wurde. In Strassburg war ihnen -nicht erlaubt, in diesem Zimmer am Rade zu spinnen, damit diejenigen, -welche gerade in frommer Betrachtung begriffen waren, nicht durch das -Schnurren des Rades gestört würden<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>.<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> In dem Konvent auf dem Sande -zu Wesel war auch ein gemeinsames Schlafzimmer vorgeschrieben. Nur die -»Kranken und die alten Glatzköpfe« konnten gesondert untergebracht -werden<a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>. In der Verfügung über ihre Zeit zum Arbeiten und Schlafen -scheinen sie an keine besonderen Vorschriften gebunden gewesen zu sein. -Aber keine Schwester sollte ohne Erlaubnis der Vorsteherin ausgehen, -und nie allein, sondern stets zu zweien, auch nicht vor Sonnenaufgang -und nicht nach Sonnenuntergang, es sei denn, dass um einer redlichen -Ursache willen die Vorsteherin es gestattet habe<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a>.</p> - -<h3 class="dummy" id="Religioese_Stellung" title="Religiöse -Stellung"></h3> - -<p>In <em class="gesperrt">religiöser Beziehung</em> hatten die Bekinen keine andern -Verpflichtungen als alle ehrbaren Frauen; wohl aber wurden sie -bezüglich der Einhaltung derselben durch den Stadtpfarrer oder die -Ordensgeistlichkeit überwacht. Die Kirche musste natürlich darnach -streben, so weit verbreitete Anstalten ganz unter ihre Aufsicht und -Leitung zu bringen. Namentlich im XIII. Jahrhundert suchte sie die -Bekinen wie einen geistlichen Orden zu behandeln, und eine Synode zu -Fritzlar fasste 1244 den Beschluss, dass keine Schwester aufgenommen -werden dürfe, die jünger als 40 Jahre sei. Allein soweit wir -sehen, ist dieser Beschluss nirgends zur Durchführung gelangt. Die -städtischen Räte boten vielmehr alles auf, um die Gotteshäuser nicht -zu kirchlichen Anstalten werden zu lassen; sie setzten ihnen weltliche -Pfleger und Provisoren zur Wahrnehmung der Vermögensverwaltung und -zur Aufrechterhaltung der<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> Ordnung; sie unterstellten sie in allen -bürgerlichen Beziehungen dem gemeinen Recht. Vielleicht gab das mehr -Grund für die Verfolgungen, welche im Anfang des XIV. Jahrhunderts von -Seiten der Kirche über die armen Schwestern verhängt wurden, als die -Ketzereien, deren man sie beschuldigte. Einzelne Gotteshäuser haben -allerdings die Regeln des dritten Ordens angenommen<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>, aber nur wo es -die weltliche Gewalt gestattete; andere waren schon von ihren Stiftern -unter die Aufsicht irgend einer geistlichen Behörde gestellt worden. -Der Einfluss der Geistlichkeit erstreckte sich aber auch in diesen -Fällen nur auf die religiös-sittliche Seite.</p> - -<h3 class="dummy" id="Entartung" title="Entartung"></h3> - -<p>Im XV. Jahrhundert ist an verschiedenen Orten das Bekinenwesen arg -entartet. Viele Gotteshäuser waren durch die zahlreichen kleinen -Schenkungen und Vermächtnisse, welche ihnen im Laufe der Zeit zuteil -geworden waren, reich geworden, und ihr Renteneinkommen gestattete den -Schwestern ein müssiges Leben. Die Arbeit an der Kunkel und am Webstuhl -wurde eingestellt; mehr und mehr beschränkten sich die Schwestern auf -das leichte und gewinnbringende Gewerbe der Leichenbitterinnen und -Klageweiber. Der religiöse Sinn, welcher früher unter ihnen geherrscht -hatte, erstarb zusehends. Man kann sich denken, welche Folgen das -Zusammenleben solcher meist ungebildeten, jedes höhern Lebenszweckes -entbehrenden, aber in ihrer Existenz gesicherten Frauenzimmer, die -teilweise noch in jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>lichem Alter standen, nach sich zog. Männer -durften zwar nicht in die Gotteshäuser kommen; aber man traf sich -mit ihnen ausserhalb derselben. Dazu kam der verderbliche Einfluss -der Bettelorden, die vielfach die Seelsorge der Schwestern übten -und in ihre Anstalten freien Zutritt hatten. Schon 1372 klagten die -Strassburger Nonnen von St. Marx, St. Katharinen und St. Nicolai -in undis beim Papste Gregor XI. über die Dominikaner: »sie wollen -uns ihren geistlichen Beistand nur gewähren, wenn wir ihnen Geld, -Geschmeide und andere Dinge geben; sie kommen in unsere Klöster in -kurzen Röcken, bebänderten Mützen, Stiefeln, wie weltliche Leute; -sie haben vor uns getanzt und uns zu eitler Lust aufgefordert, -ja einige von uns haben sie zur Sünde verführt«. Wenn das in den -Klöstern geschehen konnte, was mochte erst in den weit zugänglicheren -Gotteshäusern vorkommen! Sebastian Brant schildert die Strassburger -Bekinen als ein nichtsnutziges Schmarotzervolk; sie taugten kaum mehr -zu etwas anderem, als bei Prozessionen und Leichenbegängnissen bezahlte -Gebete zu murmeln. In Frankfurt a. M. werden sie in öffentlichen -Aktenstücken mit Dirnen der verworfensten Art in eine Linie gestellt. -Kein Wunder, dass die Zeitgenossen sich keinen klaren Begriff mehr über -den wahren Charakter der ganzen Einrichtung machen konnten und dass der -Verfasser der Dunkelmännerbriefe die Frage aufwirft, ob die Lolharden -und Begutten zu Köln geistliche oder weltliche Leute seien. Brant<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -schliesst seine Schilderung der Bekinen mit dem ohne Zweifel ehrlich -gemeinten Stossseufzer:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Ach werent sy zu Portugall,</div> - <div class="verse">Ach werents an derselben statt,</div> - <div class="verse">Do der pfeffer gewachsen hatt,</div> - <div class="verse">Und nymmer möchten her gedenken!</div> - <div class="verse">Ich wollt in gern das weggeld schenken.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Reformation hat denn auch sehr rasch mit der überlebten Einrichtung -aufgeräumt; sie hat die Gotteshäuser gewöhnlichen Zwecken zurückgegeben -oder sie in Krankenanstalten, Schulen u. dgl. verwandelt; nur in den -Niederlanden haben sich die Bekinenhöfe bis auf die neueste Zeit -erhalten.</p> - -<h2 class="dummy" id="Soziale_Stellung_der_Frauen" title="Soziale -Stellung der Frauen im Mittelalter"></h2> - -<p>Es konnte nicht fehlen, dass die grosse Zahl der alleinstehenden -Frauen im Mittelalter auch zu weit bedenklicheren Erscheinungen -führte, dass namentlich das <em class="gesperrt">Verhältnis der beiden Geschlechter zu -einander</em> davon ungünstig beeinflusst wurde. Ganz allgemein dürfte -hier die Bemerkung am Platze sein, dass man zu einer durchaus schiefen -Beurteilung der mittelalterlichen Gesellschaft gelangt, wenn man jenes -Verhältnis immer nur in dem rosig schimmernden Lichte betrachtet, mit -dem es der ritterliche Minnesang und Frauendienst verklärt hat. Dieser -Idealzustand verfeinerter Sinnenlust beschränkte sich selbst im XII. -Jahrhundert nur auf einen verhältnismässig sehr kleinen Kreis, und -auch hier mag noch zwischen der Theorie und Praxis der Liebe ein sehr -bedeutender Unterschied gewesen sein. Im XIV. und XV. Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>hundert -ist von der vielgepriesenen frommen Zucht und Sitte eben so wenig im -städtischen Leben, das wir nach dieser Hinsicht genauer kennen, als bei -dem in raschem Verfalle begriffenen Rittertum zu verspüren. Eheliche -Treue ist in den höheren Ständen während des ganzen Mittelalters -nicht sehr häufig; die Bastardkinder werden in der Vaterfamilie mit -den ehelichen Söhnen und Töchtern zusammen erzogen; eine derbe, fast -rohe Sinnlichkeit beherrscht die Beziehungen der Geschlechter in allen -Klassen der Bevölkerung. Die Begriffe von Sitte und Anstand sind von -den unseren weit verschieden, und die naive Offenheit, mit der wir -überall auch die anstössigsten Dinge behandelt sehen, liegt weit ab von -den Manieren der heutigen Zeit. Die Kirche hat nach dieser Richtung -wenig Einfluss zu üben verstanden; sie war zufrieden, wenn ihre Regeln -sonst streng beobachtet wurden. Trug sie doch selbst die Züge jenes -übersinnlich-sinnlichen Doppelwesens, das der Zeit eigen war.</p> - -<p>Auf jenen derben Holzschnitten, welche uns aus dem Ende des XV. und -dem Anfang des XVI. Jahrhunderts erhalten sind, erblicken wir nicht -selten Frauen in Gesellschaft von Männern bei Wein und Würfelspiel, -bei Schmausgelagen und ausgelassenen Tänzen. Sie sind neben andern ein -Beweis dafür, dass die Frauen in Deutschland damals weit entfernt waren -von jener strengen Abgeschlossenheit, die wir in südlichen Ländern -treffen. Sie beteiligten sich in gleicher Weise an den<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> gewöhnlich -recht materiellen Vergnügungen wie die Männer. Im württembergischen -Zabergau feierten sie allerorts jährlich auf Fastnacht ihre -Weiberzechen — Schmausereien, bei denen kein Mann zugegen sein -durfte, ausser dem Schultheiss und dem Bürgermeister, welche die -Dienste der Kellner und Aufwärter zu versehen hatten und bei welchen -es sehr lustig herging<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a>. Bei den Festen der Geschlechter, auf den -Trinkstuben der Zünfte und Brüderschaften, bei Volksbelustigungen auf -Märkten und Messen, auf freien Plätzen und in den Vorhallen der Kirchen -— überall wo es etwas zu gaffen und zu geniessen, zu tanzen, zu -springen und zu singen gab, erblicken wir die Frauen, und meist nicht -eben als Wächterinnen des guten Tons und der strengen Sitte, sondern -als Ausgelassene unter den Ausgelassenen, oft als Anführerinnen der -Fröhlichen. Das schliesst nicht aus, dass sie anderwärts wieder als -Trägerinnen des religiösen Lebens erscheinen, dass sie als Beterinnen -und Büsserinnen zu Füssen des Gekreuzigten liegen und der gebenedeiten -Gottesmutter Maria, dass sie als Nonnen die Klöster füllen und als -Pilgerinnen die Lande durchziehen.</p> - -<h2 class="dummy" id="Gegensaetze" title="Gegensätze"></h2> - -<p>Das Mittelalter, das schon den Wechsel der Jahreszeiten sehr viel -lebhafter empfand als wir, war auch sonst reich an derartigen -Gegensätzen. Wie hätte es auch anders sein können in einer -Gesellschaft, die fortwährend den jähesten Wechselfällen ausgesetzt -war? Fast nirgends erblicken wir das ruhige Behagen einer<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> in festen -Linien sich bewegenden stetigen Entwicklung, nirgends den heitern -Lebensmut, der die Menschen einer rechts- und existenzsicheren Zeit -beseelt. Selbst die Bevölkerung der Städte hielt sich im XIV. und XV. -Jahrhundert meist nur mit Mühe auf ihrem frühern Bestand, und dies auch -nur mittels einer massenhaften Einwanderung aus der nahen ländlichen -Umgebung. Kriege, Missernten, Hungersnöte, der jähe Tod rafften alle -paar Jahre ein Viertel, ein Drittel, manchmal gar die Hälfte der -vorhandenen Menschen dahin. Von 1326 bis 1400 zählte man 32 Pestjahre, -von 1400–1500 41, von 1500–1600 30. Wie ist es unter der Angst solch -steter Lebensbedrohung auch nur denkbar, dass die Menschen ein heiteres -Gleichgewicht ihres geistigen und sinnlichen Daseins hätten bewahren -können!</p> - -<p>Hart neben einander lagen darum im täglichen Leben der -mittelalterlichen Gesellschaft toller Lebensgenuss und büssende -Entsagung; heute schlürfte man den Becher der Lust bis zur Neige, -um morgen in bitterer Reue sich der Welt abzukehren, das Fleisch -zu ertöten, mit Fasten und Beten, mit Geissel und Bussgürtel -sich zu kasteien. Von der Kirche zum Tanzhaus, von der Kutte zur -Fastnachtsmummerei, von der Büssergeissel zur Schellenkappe war oft nur -ein kleiner Schritt.</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Himmelhoch jauchzend,</div> - <div class="verse">Zu Tode betrübt —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>das ist die Stimmung des ausgehenden Mittelalters, welche mit -ergreifender Naturwahrheit die Kunst in<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> den Totentänzen mit ihrem -schneidenden Sarkasmus und ihren packenden Kontrasten wiedergespiegelt -hat.</p> - -<p>Es kann uns darum auch kaum Wunder nehmen, wenn wir in den Chroniken -der Zeit unmittelbar neben der Schilderung des schwarzen Todes und der -Geisslerfahrten, neben der Erzählung von grausigen Judenschlächtereien, -blutigen Fehden und Hinrichtungen die Darstellung der Tanzwut lesen, -welche im XIV. Jahrhundert die ganze Bevölkerung der rheinischen Städte -ergriff<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a>, wenn wir sehen, dass während heute nicht Hände genug -vorhanden sind, um die Toten zu begraben, morgen schon die Kirchen kaum -die Zahl der Brautpaare zu fassen vermögen, welche sich zum Traualtar -drängen<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, wenn wir in den städtischen Gesetzbüchern auf derselben -Seite einen Ratsbeschluss gegen die allzuzahlreichen Widmungen an die -Kirche finden, auf welcher auch ein Verbot des übermässigen Luxus -bei Hochzeiten und Kindtaufen Platz gefunden hat, wenn wir in einer -Epoche, die viele sich als das Urbild des Beharrens denken, die Moden -fast über Nacht wechseln sehen. »In der zeit (um 1380) war der sitt -von der kleidung verwandelt, also, wer heur ein meister war von den -schneidern, der war über ein jahr ein knecht«<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a>. Es gibt vielleicht -keine Erscheinung dieser Zeit, die all diese scharfen Gegensätze so -verkörpert, wie jener aussätzige Barfüssermönch, von welchem die -Limburger Chronik erzählt, dass er bei all dem unsäglichen Elend seiner -Krankheit »die besten lieder vnd reihen machte<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> .... und was er sung, -das sungen die leut alle gern, vnd alle meister pfiffen und andere -spilleut furten den gesang und das Gedicht...., und war das alles -lustiglich zu hören«<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>.</p> - -<h2 class="dummy" id="Fahrende_Frauen" title="Fahrende -Frauen"></h2> - -<p>Erwägen wir dies alles, so wird uns auch das zahlreiche Auftreten und -das wunderliche Gebaren der <em class="gesperrt">fahrenden Leute</em><a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> verständlicher, -unter denen wieder die Frauen massenweise vertreten waren. Diese -fahrenden Frauen finden wir zunächst in der Gesellschaft jener -Gaukler- und Possenreisserbanden, jener Spielleute und Bettler, die -wir das ganze Mittelalter hindurch überall da erscheinen sehen, wo -ein grosser Zusammenstrom von Menschen stattfand. Sie traten hier auf -als Spielweiber und herumziehende Künstlerinnen, als Gauklerinnen -und Tänzerinnen, als Leier- und Harfenmädchen. In mancher Hinsicht -berühren sie sich mit dem leichten Volk der fahrenden Schüler und -wandernden Kleriker, gegen welche die Konzilien vergeblich eiferten. -Sie erscheinen in grossen Scharen am fürstlichen Hoflager, bei den -Kaiserkrönungen, auf Reichstagen, Turnieren, Kirchenversammlungen, auf -Messen und Märkten. »Man kann sich nichts Widerlicheres denken«, sagt -Weinhold, »als diese entsittlichten hungernden und lungernden Banden, -welche zu Hunderten durch das Land streiften, wo sich nur ein Fest -zeigte, den Raben gleich sich sammelten und ihre durchlöcherte Hand -frech fordernd hinhielten.«</p> - -<p>Scharen dieser fahrenden Weiber begleiteten schon<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> die Kreuzfahrer -nach Asien. Dem französischen Heere sollen ihrer i. J. 1180 nicht -weniger als 1500 gefolgt sein, und noch Ludwig der Heilige vermochte -den dadurch in seinem Heere entstandenen Unfug kaum zu dämpfen. Von -Friedrich II., der 1229 im Gelobten Lande sich aufhielt, erzählt -Matheus Parisiensis, der Mönch von St. Alban, dass er Sarazenen, die -er zur Tafel gezogen hatte, durch die Künste christlicher Spielweiber -unterhielt. Am französischen und englischen Hofe gab es im XIII. und -XIV. Jahrhundert einen eigenen Marschall zur Beaufsichtigung dieser -Personen. In Deutschland finden wir sie 1394 bei dem Reichstage zu -Frankfurt a. M. in der ansehnlichen Zahl von 800, und die Menge -der fahrenden Frauen, welche sich zu den Konzilien von Basel und -Konstanz eingefunden hatten, soll 1500 betragen haben. In Basel hatte -während des Konzils der Herzog von Sachsen in seiner Eigenschaft -als Reichsmarschall die Aufsicht über die fahrenden Dirnen. Er war -es auch, der eine Zählung derselben veranstaltete, die aber nur zur -Hälfte durchgeführt wurde, weil der damit Beauftragte das widerwärtige -Geschäft für zu gefährlich hielt<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>.</p> - -<p>Wie im Gefolge des Adels und der Geistlichkeit, so erscheinen sie nicht -minder zahlreich im Tross der in den französisch-englischen Kriegen -aufgekommenen Söldnerheere. Schon aus dem XIV. Jahrhundert erzählt -Königshofens Chronik, dass ihrer 800 mit den Landsknechten zu Felde -gezogen seien und dass sie zu<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> ihrer Beschirmung einen eigenen Amtmann -gehabt, dem sie wöchentlich eine Abgabe entrichten mussten. Dieser -Amtmann oder Weibel bildet eine stehende Charge in den Heeren bis zum -dreissigjährigen Kriege. Dass aber jene Massen fahrender Weiber, welche -gewöhnlich mit den Trossbuben zusammengenannt werden, den Zeitgenossen -als integrierendes Glied der Heeresorganisation erschienen und dass sie -auf Kriegszügen wichtige Dienste leisteten, lernen wir aus Leonhard -Fronspergers Kriegsbuch<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>, das sich über die Aufgaben besagten -Weibels weitläufig vernehmen lässt. Aus seiner Darstellung erkennt man, -wie leicht sich die zahlreiche weibliche Gefolgschaft der Landsknechte -der damaligen Heeresordnung als nützliches und selbst notwendiges Glied -einfügen liess, und wir werden uns deshalb nicht mehr wundern, wenn wir -lesen, dass Herzog Albas Heer auf seinem Zuge nach den Niederlanden von -400 Dirnen zu Pferd und 800 zu Fuss, »in Kompagnien geteilt und hinter -ihren besonderen Fahnen in Reih und Glied geordnet«, begleitet war. -»Jeder war nach Verhältnis ihrer Schönheit und ihres Anstandes der Rang -ihrer Liebhaber bestimmt und keine durfte bei Strafe diese Schranken -überschreiten«<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>.</p> - -<p>So befremdlich und widerwärtig uns diese Erscheinung auch anmuten mag, -so kann doch der Versuch nicht allzu schwer fallen, sie zu erklären und -uns menschlich näher zu rücken.</p> - -<p>Eine sichere, sesshafte Existenz war im Mittelalter<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> weit seltener -möglich und wurde selbst weniger als Bedürfnis empfunden als -heutzutage. Wie noch in unserer Zeit die Tataren der russischen Steppe -leichten Muts ihre Zeltdörfer abbrechen, nachdem sie in einjähriger -Brennwirtschaft dem Boden flüchtig eine Ernte abgewonnen, so haben -im XIII. und XIV. Jahrhundert nicht selten ganze Dorfschaften in -Deutschland ihre Sitze gewechselt. Hunger und Kriegsnot, Hagelschlag -und Viehsterben, vielleicht auch bloss der lebendige Wandertrieb und -das Bewusstsein, wenig zu verlieren zu haben — wer weiss, welche -Momente noch sonst hier jedesmal wirksam wurden! Ein grosser Teil -der Bevölkerung lag beständig auf der Landstrasse, und die Weistümer -der Dörfer wie die Ratsbeschlüsse der Städte gedenken dieser -wandernden Leute gleichmässig mit Nachsicht, ja mit mildtätiger -Fürsorge. Bei den oft wiederkehrenden allgemeinen Notständen bildeten -sich ganze Bettlerheere von Männern und Weibern, überfielen wie -Heuschreckenschwärme die Städte und erforderten nicht selten ernstliche -Vorkehrungen<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a>. Viele von ihnen mögen dann nie wieder zur dauernden -Ansässigkeit gelangt sein. Die alleinstehenden Frauen namentlich, -schutz- und hilflos in einer gewalttätigen Gesellschaft, mochten sich -leicht entschliessen, ihren Wohnort zu verlassen und einem lockenden -Rufe in die Ferne zu folgen. Die Frankfurter Steuerlisten des XIV. und -XV. Jahrhunderts geben uns eine Vorstellung davon, wie entsetzlich -verbreitet die Armut unter ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> war. Im Jahre 1410 führt das Bedebuch -2461 Steuerpflichtige auf, von denen 336 oder 13,7 Prozent ausdrücklich -als arm bezeichnet werden. Von der Gesamtzahl waren 1888 Männer und 568 -Frauen; unter den Männern gab es 148 oder 7,8 Prozent Arme, unter den -Frauen 188 oder 33,6 Prozent! Das Mittelalter kannte freilich keine -Armenpolizei, die dem Bettel mit Gefängnisstrafen beikommen zu können -meinte. Noch im Jahre 1489 beschloss der Frankfurter Rat — wer weiss, -zum wie vielten Male? — <i>keynen frembden betteler nit vffnemen zu -burger</i>. Auf freien Plätzen und an Strassenecken, vor den Kirchtüren -und auf den Brücken lagen die Blinden, die Lahmen, die Aussätzigen, -und nicht selten schlugen Bettler und Vagantenscharen hart unter den -Stadtmauern ihre Barackenlager auf, wenn man ihnen die Tore verschloss. -Bei Messen und Kaiserkrönungen sowie an den offiziellen Betteltagen -ergossen sie sich dann unaufhaltsam in die Stadt.</p> - -<p>Was sollte diese Leute an der Scholle halten, wenn ihr Erwerb -spärlicher floss und der Wettbewerb um die private Mildtätigkeit zu -gross wurde? Auch hier geben die Frankfurter Steuerlisten erwünschten -Aufschluss. Oft genug fanden die Bedemeister die Quartiere der -steuerpflichtigen Frauen leer. »<i>Recessit</i>«, »<i>Ist enweg</i>«, »<i>Ist -davon gelauffen</i>«, »<i>Ist gangen bedeln</i>«, wird dann wohl lakonisch -hinter dem Namen bemerkt: niemand weiss, wohin sie gekommen. Dass -sich aus derartigen Elementen die Schwärme der Fahrenden vielfach -rekru<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>tierten, unterliegt kaum einem Zweifel. Oft mag freilich auch -die Scheu vor der Arbeit an der Spindel oder auf dem Felde, die Lust -an einem ungebundenen Leben ausschlaggebend gewesen sein. In einem -Volksliede<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> dieser Zeit fragt eine Mutter ihre Tochter:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Och metgen, wat hait dir der rocken gedain,</div> - <div class="verse">dat du niet me machs spinnen?</div> - <div class="verse">du suist in over die aesselen an</div> - <div class="verse">recht wolstu mit eime kinge.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Und die Tochter antwortet:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Och moder, ich haven ein eit gesworn,</div> - <div class="verse">dat ich niet me mach spinnen,</div> - <div class="verse">ich haven ein lantsknecht lef und wert,</div> - <div class="verse">licht mir in minen sinnen.</div> - <div class="verse">Hi drinkt so gerne den kölen win,</div> - <div class="verse">hi sluit mich in sin blanke armelin</div> - <div class="verse">den awent zu dem morgen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>In einem andern<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> stellt die Mutter dem Mädchen die Wahl frei -zwischen einem Ritter, einem Bauern und einem Landsknecht, und die -Tochter antwortet:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Boeren, dat sijn boeren,</div> - <div class="verse">si drinken so selden den wijn,</div> - <div class="verse">so en doet die vrome lantsknecht niet,</div> - <div class="verse">hi schencter so dapperlic in.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Manchmal mag auch die Verführung das ihrige getan haben, wie in dem -bekannten Liede<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a>:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">»Nun schürz dich, Gredlein, schürz dich!</div> - <div class="verse">wolauf, mit mir darvon!</div> - <div class="verse">das korn ist abgeschnitten,</div> - <div class="verse">der wein ist eingeton« ...</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">Do nam ers bei der hende,</div> - <div class="verse">bei ir schneweissen hant,</div> - <div class="verse">er fürets an ein ende,</div> - <div class="verse">do er ein wirtshaus fand.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54"><span class="s4">[S. 54]</span></a></span> - <div class="verse mleft1">»Nun wirtin, liebe wirtin,</div> - <div class="verse">schaut uns umb külen wein!</div> - <div class="verse">die kleider dises Gredlein</div> - <div class="verse">müssen verschlemmet sein.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>War einmal der verhängnisvolle Schritt getan, so gab es so leicht keine -Rückkehr. Die Frauen fast aller Stände folgten nur zu leicht der eiteln -Weltlust. Ueber die hohen Klostermauern, durch die Schlüssellöcher der -eisenbeschlagenen Pforten hielt sie ihren Einzug:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Gott geb dem ein verdorben jar,</div> - <div class="verse">der mich macht zu einer nunnen</div> - <div class="verse">und mir den schwarzen mantel gab,</div> - <div class="verse">den weissen rock darunden!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">So sang und pfiff man um 1359 auf allen Strassen<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>.</p> - -<p>Die fahrenden Leute waren im Mittelalter ehr- und rechtlos; um so -lieber mochten sich die Frauen den Kriegsheeren anschliessen, wo sie -mindestens geduldet und geschützt waren und wo sie in den wilden Ehen, -die sie mit den Landsknechten und ihren Offizieren eingingen, einigen -Rückhalt fanden. Endlich bleibt zu erwägen, dass die Art der damaligen -Kriegsführung die Mitnahme zahlreicher Frauenzimmer, wenn auch -vielleicht nicht unbedingt nötig machte, so doch sehr erleichterte. -Durch viele Stellen der Landsknechtslieder wird bezeugt, dass nicht -leicht einer ohne sein »Fräulein« auszog:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Der in den krieg wil ziehen</div> - <div class="verse">der sol gerüstet sein;</div> - <div class="verse">was sol er mit im füren?</div> - <div class="verse">ein schönes frewelein,</div> - <div class="verse">ein langen spiess, ein kurzen tegen;</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55"><span class="s4">[S. 55]</span></a></span> - <div class="verse">ein herren wöln wir suchen,</div> - <div class="verse">der uns gelt und bscheid sol geben.«<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Freilich wurden diese Ehen oft ebenso rasch gelöst als geschlossen. In -einem andern Volkslied wird das Betragen der Frauen nach einer Schlacht -geschildert:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Erst hebt sich an die klag der trewen frawen,</div> - <div class="verse">ein iede tut nach irem man umb schawen;</div> - <div class="verse">welcher der ir ist bliben tot,</div> - <div class="verse">darf nit vor schanden lachen —</div> - <div class="verse">biss sie ein andern hat.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="mbot2">Mag dieser Uebergang zu »einem Andern« die Regel gebildet haben, -immerhin finden wir auch Beispiele unwandelbarer Treue, wie in dem -schönen Liede<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> von den neun Landsknechten und einer jülich’schen -Maid, die ihren in Gefangenschaft geratenen Geliebten zu retten -sucht. So fällt auch auf dieses unserem Empfinden so wenig zusagende -Verhältnis ein versöhnender Strahl der alles wagenden und alles -duldenden Liebe.</p> - -<h2 class="dummy" id="Frauen_in_den_Staedten" title="Die gemeinen -Frauen in den Städten"></h2> - -<p>Unstreitig die bedenklichste Erscheinung des Mittelalters bilden -diejenigen <em class="gesperrt">fahrenden Frauen</em>, welche <em class="gesperrt">in den Städten sich -dauernd niederliessen</em> und hier nicht wenig zur Lockerung der -Sitten beitrugen<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a>. Dieselben kommen zwar auch noch unter mancherlei -anderen Namen vor<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a>; dass sie jedoch vorwiegend <em class="gesperrt">Fremde</em> waren, -zeigen zahlreiche Bestimmungen der über sie erlassenen Ratsordnungen. -Das Mittelalter war in Beziehung auf die<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> öffentlichen Dirnen weit -entfernt von jener übelangebrachten Prüderie, die heute noch so -vielfach eine unbefangene Erörterung dieses ja immerhin sehr heikeln -Gegenstandes verhindert. Es nahm ihr Bestehen als ein »zur Verhütung -grösseren Unheils« notwendiges Uebel hin, dessen Beseitigung kaum -je ernstlich in Erwägung gezogen wurde. In Frankfurt konnten sie -das Bürgerrecht erlangen und wurden wie andere Neubürger in das -Bürgerbuch eingetragen<a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a>. Die Frauen, welche sich dem elendesten -aller Gewerbe hingaben, betrachtete man mehr als Unglückliche, Verirrte -und Leichtsinnige<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> denn als Lasterhafte. Den Männern, welche ihren -Umgang suchten, haftete ebensowenig ein Makel an als denjenigen, welche -in »Unehe« (dem Konkubinat) lebten. Bildete doch selbst in den Zeiten -des ritterlichen Frauendienstes der eheliche Stand eines von beiden -Teilen oder beider für die »Minne« kein Hindernis.</p> - -<h2 class="dummy" id="Frauenhaeuser" title="Frauenhäuser"></h2> - -<p>Oeffentliches Aergernis suchte freilich auch das Mittelalter in diesen -Dingen zu vermeiden; aber es fasste diesen Begriff doch noch sehr -eng. Die gemeinen Frauen wurden fast überall gezwungen, in bestimmten -entlegenen Strassen oder in den Vorstädten zu wohnen; am häufigsten -suchte man sie in <em class="gesperrt">Frauenhäusern</em> zu vereinigen. Die letzteren -waren meist von den Stadträten selbst oder den Landesherren errichtet -und bildeten dann oft eine vom Standpunkt der städtischen Finanzen -nicht zu unterschätzende Einnahmequelle, welche selbst hohe kirchliche -Würdenträger ohne Skrupel<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> auspumpten und der Adel gern zu Lehen nahm. -Sie wurden von den Städten entweder in eigenem Betrieb durch Beamte -verwaltet oder an Privatunternehmer verpachtet. Die letzteren hiessen -Frauenwirte und Wirtinnen oder Frauenmeister, bez. Meisterinnen, -und waren durchweg an genaue Vorschriften gebunden. Sie unterlagen -hierbei der Beaufsichtigung durch die städtischen Behörden. Meist war -den Ratsknechten, oft auch dem Henker oder Stöcker die unmittelbare -Ueberwachung der Dirnen anvertraut; die letzteren hatten diesen -Bediensteten dafür gewisse wöchentliche Gebühren zu entrichten. Die -Oberaufsicht lag gewöhnlich in den Händen des Bürgermeisters oder einer -Ratsdeputation, deren Befugnisse fast unbeschränkt waren.</p> - -<p>Die Frauenhäuser standen als befriedete Orte unter einem ganz -besonderen Schutz; Unfug, der dort verübt war, wurde doppelt hart -bestraft. Die Insassen derselben genossen eines ausschliessenden -Gewerberechts; wie die Zunftmeister gegen Störer und Bönhasen, so -gingen sie gegen den unlauteren Wettbewerb der »heimlichen« Frauen -vor, welche in Bürgerhäusern ihre Schlupfwinkel hatten, und mehr als -einmal übten sie gegen diese gewalttätige Selbsthilfe. Eigentliche -Korporationen, wie in Genf und Paris, scheinen sie in Deutschland nur -vereinzelt gebildet zu haben; so hatten die öffentlichen Frauen in -Leipzig eine Verbindung mit eigenen Satzungen, die ihre Vorsteherin -selbst wählte und jährlich auf Mitfasten eine Prozession hielt. -Ueberall<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> aber waren sie bei öffentlichen Festlichkeiten, namentlich -bei Fürstenempfängen, neben der körperschaftlich geordneten übrigen -Bevölkerung als besondere Standesgruppe vertreten. Selbst bei den -Schmäusen und Tänzen, mit welchen sich die ehrsame Bürgerschaft und -der Rat vergnügten, war ihnen zu erscheinen erlaubt. Sie pflegten -bei solchen Gelegenheiten wohl ihre Glückwünsche darzubringen und -Blumensträusse zu überreichen, wogegen sie eine Ehrung, bestehend -in Speise und Trank oder einem Geldgeschenke, empfingen. Bei der -Durchreise hoher Herrschaften wurden ihre Häuser zu deren Empfang -besonders geschmückt und beleuchtet; ja sie wurden bisweilen bei -solchen Gelegenheiten auch auf städtische Kosten gekleidet. In -Zürich herrschte noch 1516 der Brauch, dass der Bürgermeister, die -Gerichtsdiener und die gemeinen Frauen mit den fremden Gesandten, -welche in die Stadt kamen, zusammen speisten.</p> - -<p>Das Tun und Treiben in den Frauenhäusern war durch besondere Ordnungen -geregelt, welche einen schlagenden Beweis für die eingehende Sorgfalt -und die menschenfreundliche Gesinnung abgeben, mit denen das -Mittelalter auch jene elendesten aller menschlichen Wesen behandelte. -Jedenfalls stechen sie vorteilhaft ab gegen die Massregeln der -modernen Sittenpolizei, welche in diesen Dingen noch immer zwischen -weitherziger Duldung und radikaler Unterdrückung einen nicht sehr -würdigen Eiertanz aufführt. Sie suchen die<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> öffentlichen Frauen vor -Uebervorteilung und roher Behandlung durch Wirte oder Wirtinnen zu -schützen, ihnen die Freiheit der Bewegung, das Recht des Kirchenbesuchs -und die Heilighaltung der Festtage zu gewährleisten und ihnen die -Rückkehr zu einem geordneten Lebenswandel zu erleichtern. Früh finden -wir eine gesundheitliche Ueberwachung derselben, und in Ulm gab es -sogar eine besondere Badstube für ihren Gebrauch. In dem dortigen -Frauenhause wurden die Weiber zur Arbeit angehalten; jede Insassin -musste dem Wirte täglich zwei »Andrehen« Garn spinnen oder, wenn sie -das nicht wollte, ihm für jede Andrehe 3 Heller zahlen. Dafür war -der Wirt auch verpflichtet, in die Hilfskasse der Frauen, zu der -jede wöchentlich einen Heller zahlte, jedesmal das Doppelte dieses -Betrags zu legen. Das gesammelte Geld diente dazu, krank oder brotlos -gewordene Frauenhauserinnen zu unterstützen. Es bestand also Kranken- -und Arbeitslosen-Versicherung, zu der Unternehmer und Arbeiterinnen -beitrugen. Ueber Kost und Lohn enthält die Frauenhausordnung von 1416 -die genauesten Vorschriften; überall leuchtet das Bestreben durch, -die Gewalt des Wirtes in möglichst enge und fest bestimmte Grenzen -einzuschliessen.</p> - -<p>Wie gross die Anzahl der feilen Frauen in den einzelnen Städten gewesen -sei, lässt sich fast nirgends mehr bestimmen. In den meisten Städten -finden wir mehrere (meist zwei oder drei) Frauenhäuser; die grösste -Zahl von Frauen, welche wir in einem solchen Hause antreffen,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> beträgt -fünfzehn. Indessen ist nicht zu übersehen, dass auch ausserhalb -der Frauenhäuser die Lüderlichkeit eine Stätte fand. Nach allen -Schilderungen muss im XV. Jahrhundert die Prostitution in den deutschen -Städten eine furchtbare Ausdehnung gewonnen haben. Der zu gewissen -Zeiten sehr starke Fremdenverkehr und die ständige Anwesenheit einer -beträchtlichen Zahl von ehelosen Geistlichen, Handwerksgesellen und -Kaufmannsdienern auf der einen Seite, die öffentliche Duldung des -Unwesens in den Frauenhäusern auf der andern Seite wirkten mit der -durch den wachsenden Reichtum geförderten Zuchtlosigkeit in den höheren -Klassen zusammen, um eine geradezu schaudererregende Verwilderung und -Verrohung hervorzubringen. In diesen Sumpf der Sittenlosigkeit wurde -bald alles hineingerissen, die niederen wie die höheren Stände, die -bürgerlichen Haushaltungen wie die Frauenklöster und Bekinenanstalten.</p> - -<h2 class="dummy" id="Sittenpolizei" title="Sittenpolizei"></h2> - -<p>Eine Reaktion gegen dieses Treiben konnte nicht ausbleiben. Sie ging -von den Zünften und Gesellenverbänden aus, welche ihren Mitgliedern den -Verkehr mit lüderlichen Dirnen seit dem Beginn des XV. Jahrhunderts -untersagten. Weit später folgten Massregeln der öffentlichen -Gewalt. Immer allgemeiner wurde den Dirnen, wie anderen Kategorien -der »unehrlichen Leute«, eine besondere Tracht oder ein Abzeichen -vorgeschrieben, damit sie von den ehrbaren Frauen geschieden und »nach -ihrem wahren Werte angesehen« werden könnten.<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> Man untersagte ihnen -das Erscheinen bei Tänzen und Hochzeitsfesten; man wies ihnen in den -Kirchen einen gesonderten Platz an; ja man schloss sie selbst nach -ihrem Tode von dem allgemeinen Friedhof aus und liess ihre Leichen auf -dem Schindanger verscharren. Dem XVI. Jahrhundert blieb es vorbehalten, -zu diesen Unmenschlichkeiten noch die Strafen des Ausstellens -am Pranger, des »Schnellens« und der öffentlichen Auspeitschung -hinzuzufügen. Die Reformation bewirkte allerwärts, auch an katholisch -gebliebenen Orten, die Aufhebung der Frauenhäuser, freilich nicht ohne -gerade in diesem Punkte auf heftigen Widerstand zu stossen.</p> - -<h2 class="dummy" id="Eingreifen_der_Kirche" title="Eingreifen -der Kirche"></h2> - -<p>Indessen würde man irren, wenn man wähnte, in jenen barbarischen -Aechtungsmitteln des XV. Jahrhunderts habe die Weisheit des -Mittelalters gegenüber den gefallenen Frauen ihr Ende gefunden. Die -Kirche hatte es immer als eine wichtige Aufgabe christlicher Liebe -bezeichnet, diese Tiefgesunkenen zu retten; das kanonische Recht -empfahl die Ehelichung einer Gefallenen als ein Verdienst. Aber nur -zu oft entsprachen dieser Theorie nicht die Taten des Klerus, der -an vielen Orten den Gläubigen mit bösem Beispiele voranging. Der -Ausdruck »Pfaffenmagd« wird im ganzen späteren Mittelalter den ärgsten -Schimpfwörtern gleich geachtet. Ueber die sittliche Verwahrlosung, -der manche Klöster zu Zeiten anheimgefallen waren, besitzen wir -erschreckende Schilderungen<a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a>.</p> - -<h2 class="dummy" id="Reuerinnen" title="Reuerinnen"></h2> - -<p>Aber die Kirche hat doch früh auf diesem Gebiete<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> auch <em class="gesperrt">positive -Reformarbeit</em> geleistet. Schon im Anfang des XIII. Jahrhunderts -hatte ein Priester Rudolf in den rheinischen Städten den verlorenen -Frauen seinen Bekehrungseifer zugewendet<a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a>. »Herr, wir sind arm und -schwach«, war ihm einmal von solchen geantwortet worden; »wir können -uns auf keine andere Weise ernähren; gebt uns Wasser und Brot, und -wir werden euch gerne gehorchen.« In Worms und der Umgegend hatte er -einige dieser Frauen bekehrt und in ein Haus aufgenommen; in Strassburg -hatte er 1225 eine Klause für die Bussfertigen errichtet. Zwei Jahre -später erhielt er ein päpstliches Breve, durch welches sämtliche von -ihm bekehrten Frauen unter dem Namen der <em class="gesperrt">Reuerinnen</em> dem Orden -der heiligen Magdalena angeschlossen wurden. Aus diesem kleinen Anfang -ging in Strassburg das grosse Reuerinnenkloster hervor, nachdem durch -eine Bulle Gregors IX. von 1246 die Büsserinnen der heiligen Magdalena -in Deutschland ermächtigt worden waren, Klöster zu bauen. Solche -Klöster der Büsserinnen, Reuerinnen oder weissen Frauen entstanden -bald auch in andern Städten. Ihr nächster Zweck<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> war die Besserung -der Verirrten und die Zurückführung derselben in die ehrbare weltliche -Gesellschaft. Dies geschah durch ein unter strenger Klausur stehendes, -sonst aber nicht allzuharten Regeln unterworfenes Leben in Gebet und -Arbeit. Nur diejenigen, welche durch ihre Haltung bewiesen hatten, dass -sie entschlossen seien, dauernd ein Dasein strengster<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Büssung und -Kasteiung zu führen, wurden als eigentliche Klosterfrauen zur Ablegung -des Gelübdes zugelassen und in die »Samenung zur heiligen Magdalena« -aufgenommen.</p> - -<h2 class="dummy" id="Rettungshaeuser" title="Rettungshäuser"></h2> - -<p>Dieses Vorgehen der Kirche fand unter den Bürgern lebhafte -Nacheiferung. Hier und da wurden Vermächtnisse gestiftet, um -denen, welche ein gefallenes Mädchen heirateten, eine Summe -Geldes zu gewähren. Ausserdem wurden aus Privatmitteln zahlreiche -<em class="gesperrt">Rettungshäuser</em> gegründet, die nach dem Muster der Bekinenhäuser -eingerichtet waren und von diesen oft schwer zu unterscheiden sind. -Schon im Jahre 1302 errichtete ein Speierer Bürger eine solche Anstalt, -in welcher öffentliche Frauen aufgenommen, genährt und gekleidet -wurden. Noch weiter ging 1303 Heinrich von Hohenberg, ein Scholar -zu Colmar, der in verschiedenen Städten Rettungshäuser begründete, -in welchen je 10 bis 25 Frauen Aufnahme, Ernährung und Bekleidung -erhielten. Die Mittel brachte er durch Sammlung milder Beiträge auf. -Auch in Strassburg stiftete er einen Bussschwesternverein, welchen der -Bischof Johann von Dirpheim am 8. Oktober 1309 bestätigte. »Sklaven«, -sagte er, »erlangen, wenn sie der Freiheit wiedergegeben werden, -alle Rechte freier Männer; es wäre daher unbillig, wenn Frauen, die -Sklavinnen der Sünde gewesen, nicht ähnlich behandelt würden, sobald -sie sich zu einem besseren Lebenswandel bekehren.« Der Bischof nahm -sie deshalb in seinen besonderen Schutz und erklärte sie von allem<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> -Makel frei; ihres früheren Standes sollte nie mehr gedacht werden. Die -Bussschwestern oder bekehrten Frauen, wie Heinrich von Hohenberg sie -selbst nannte, trugen Röcke und Mäntel von Sackleinwand, daher sie -auch den Namen Sack-Bekinen erhielten. Die Gunst der Bürger wandte -sich ihrer wohltätigen Anstalt in reichem Masse zu; indessen wurde sie -schon 1315 infolge einer Pest zu einem Spital umgewandelt, in das die -Schwestern als Pflegerinnen und Pfründnerinnen aufgenommen wurden.</p> - -<p>Eine ähnliche Anstalt schufen 1384 drei Bürger von Wien. Ratsherren -waren die Vorsteher ihres Hauses und eine der Schwestern die Meisterin -der übrigen. Der damalige Landesherzog gewährte nicht allein dem Hause -Steuerfreiheit, sondern er verordnete auch, dass jeder, welcher eine -der Insassinnen zum Weibe nehme, an seiner Ehre und seinen Zunftrechten -keinen Eintrag erleiden dürfe. Schmähungen oder Kränkungen jener -bussfertigen Frauen sollten strenge bestraft, aber auch diejenigen von -ihnen, welche in ihr früheres Leben zurückfielen, ertränkt werden. Die -Anstalt wurde sowohl aus der Stadtkasse als auch durch Vermächtnisse -von Bürgern und Bürgerinnen bedeutend vergrössert und bestand in -segensreichem Wirken bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts.</p> - -<p>Ueber Italien und Frankreich hatten sich diese Anstalten teilweise -schon früher ausgebreitet. Nicht überall bewährten sie sich. Nicht -wenige erlagen der allge<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>meinen Sittenverderbnis des XV. Jahrhunderts, -ja manche boten gerade dem Uebel einen Schlupfwinkel, das sie bekämpfen -wollten.</p> - -<p class="mbot2">Eine eigentümliche Beleuchtung des mittelalterlichen Frauenelends -bieten die Statuten des 1497 gestifteten Hauses der Pariser Büsserinnen -(filles pénitentes), welche der Bischof Simon von Champigny selbst -aufgesetzt hatte. Nach diesen sollten nur solche Mädchen aufgenommen -werden, die unter 30 Jahren alt wären und nachweisbar eine Zeit lang -ein lüderliches Leben geführt hätten. »Um zu verhüten, dass junge -Personen deswegen lüderlich werden, damit sie hernach hier eine Stelle -bekommen, so sollen die, welche schon einmal abgewiesen sind, davon -auf immer ausgeschlossen sein. Ueberdies sollen diejenigen, welche um -die Aufnahme angehalten haben, in die Hände ihres Beichtvaters einen -Eid ablegen, dass sie nicht selig werden wollen, wenn sie aus der -Absicht lüderlich geworden wären, um mit der Zeit in diese Gesellschaft -aufgenommen zu werden, und man soll ihnen sagen, dass, wenn man -erfahren würde, sie hätten sich aus diesem Grunde verführen lassen, sie -von dem Augenblicke an dieses Kloster meiden müssten, wären sie gleich -schon eingekleidet und hätten ihre Gelübde getan.« Der Missbrauch, -welchem durch diese Bestimmungen vorgebeugt werden sollte, muss nicht -selten gewesen sein. In Deutschland liess man nach dieser Richtung -Milde walten; ja viele Reuerinnenklöster gingen bald dazu über, auch -unbe<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>scholtene Mädchen aufzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, -dass sie auf diesem Wege manche von dem Beginn eines schlechten -Lebenswandels abhielten, dessen Entstehungsursache ja hauptsächlich die -Verlassenheit und das Elend war.</p> - -<h2 class="dummy" id="Rueckblick" title="Rückblick"></h2> - -<p>Nach diesen Darlegungen wird es keinem Zweifel mehr unterliegen können: -auch das Mittelalter hat seine <em class="gesperrt">Frauenfrage</em> gehabt; es hat sie -auch zu <em class="gesperrt">lösen</em> versucht. Und diese mittelalterliche Frauenfrage -war weit schwieriger; sie umfasste viel breitere Schichten der -Bevölkerung als das, was heute unter jenem Schlagworte meist verstanden -wird. Wie unbedeutend, wie winzig müssen uns neben dem Massenelend -unter den Frauen des Mittelalters die Schmerzen erscheinen, denen die -moderne Frauenbewegung Heilung bringen will!</p> - -<p>Und doch, wenn wir <em class="gesperrt">unsere</em> Verhältnisse mit denen des -Mittelalters vergleichen, <em class="gesperrt">unsere</em> Hilfsmittel mit denen jener -rauhen, an Behagen so armen Zeit — haben wir dann gegründete Ursache, -uns zu überheben? Ist das Dasein unserer Fabrikarbeiterinnen und -Handlungsgehilfinnen etwa freundlicher gestaltet als das Los der -Meistersfrauen und Töchter, die ihren Gatten und Vätern im Gewerbe -halfen, ja selbst als das der Spinnmägde und Kämmerinnen, deren -Arbeitsverhältnis durch Sitte und Gesetz geregelt wurde? Haben wir -Anstalten, welche an Reinheit und Klarheit der Ziele sich mit den -Bekinenstiftungen, den Samenun<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>gen, den Häusern der Bussschwestern und -Reuerinnen vergleichen liessen? Ist die Stellung der Gesellschaft zu -den »fahrenden Frauen« eine würdigere geworden?</p> - -<p>Gewiss hat das Mittelalter seine Frauenfrage nicht endgültig gelöst. Es -hat sie nicht endgültig lösen <em class="gesperrt">können</em>, weil es die Quellen nicht -zu verstopfen vermochte, aus denen das Uebel sich in fortwährender -Wiederkehr erneuerte. Aber die Anstalten, welche es geschaffen hat, -genügten doch Jahrhunderte lang dem Bedürfnisse der Zeit, von der -man mit Unrecht mehr verlangen würde, als ihre Mittel erlaubten<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a>. -Absolute Lösungen für soziale Fragen sucht man nur im Lande Utopia. -Wir Menschen der wirklichen Welt müssen zufrieden sein, wenn das, was -wir schaffen, auch nur einer oder wenigen Generationen genügt. Mögen -die Nachkommenden es mitleidlos einreissen, sobald sie Besseres an die -Stelle setzen können!</p> - -<h2 class="dummy" id="Wandlung_seit_der_Reformation" title="Wandlung -seit der Reformation"></h2> - -<p>Die Reformation des XVI. Jahrhunderts hat die entarteten -Frauenversorgungsanstalten des Mittelalters gewiss mit demselben -Rechte beseitigt wie die Stätten der sündigen Lust. Aber sie ist hier -revolutionär, nicht reformierend zu Werke gegangen; sie hat zunächst -nichts Positives an die Stelle des Eingerissenen zu setzen vermocht, -ausser einer Theorie, wenn man will, einem <em class="gesperrt">Ideal</em>, dessen -Verwirklichung erst im Laufe der Jahrhunderte erfolgen konnte. Um dies -zu verstehen, muss man nicht vergessen, dass die Reformation das Weib -in einer sittlichen Erniedrigung und Entwürdigung vorfand, wie sie -brutaler kaum gedacht werden<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> kann. Ihre erste Aufgabe musste darin -bestehen, die Ehe wieder zu heiligen. Damit veränderte sich auf einen -Schlag die ganze Stellung der Frau in der Gesellschaft. An die Stelle -des Frauenideals der Ritterromantik, welches die Körperschönheit der -Geliebten in den Vordergrund stellte, trat ein neues Frauenideal, -welches auf die Seelenreinheit und die sittlichen Eigenschaften der -deutschen Hausfrau und Hausmutter das Schwergewicht legte.</p> - -<p>Gewiss waren es altjüdische Gedanken<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a>, denen Luther in seinem »Lob -eines frommen Weibes« in freier Uebertragung Ausdruck verliehen hat: -»Ein fromm gottesfürchtig Weib ist ein seltsam Gut, viel edler und -köstlicher denn eine Perle. Der Mann verlässt sich auf sie und vertraut -ihr alles. Sie erfreuet den Mann und machet ihn fröhlich, betrübet ihn -nicht, tut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang. Geht mit Flachs -und Wolle um, schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist -wie eines Kaufmanns Schiff, das aus fernen Ländern viel Ware und Gut -bringt. Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und gibt den Mägden, -was ihnen gebühret. Wartet und versorget mit Freuden, was ihr zusteht. -Was sie nicht angeht, lässt sie unterwegen. Sie gürtet ihre Lenden -fest und streckt ihre Arme, ist rüstig im Hause. Sie merkt, was frommt -und verhütet Schaden. Ihre Leuchte verlischt nicht des Nachts. Sie -streckt ihre Hand nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel; -sie arbeitet gerne und fleissig. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> breitet ihre Hände aus über die -Armen und Dürftigen, gibt und hilfet gern. Ihr Schmuck ist Reinlichkeit -und Fleiss. Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, auf ihrer Zunge ist -holdselige Lehre; sie zieht ihre Kinder fein zu Gottes Wort. Ihr Mann -lobet sie, ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig.«</p> - -<p>Aber diese Gedanken sind seit der Reformation in das deutsche -Volksbewusstsein übergegangen, und sie beherrschen noch heute die -Auffassung von der Ehe und der sozialen Stellung des Weibes in breiten -Schichten der Bevölkerung. Nicht von oben herab, bei den Spitzen -der Gesellschaft hat sich die Umwandlung zuerst vollzogen, sondern -von unten herauf, aus dem deutschen Bürgerstande heraus, ist die -Festigung und Kräftigung der Stellung der Frau in der Familie erfolgt. -Während die vornehme Gemeinheit der französischen Galanterie das -Hofleben und die adeligen Kreise des XVII. und XVIII. Jahrhunderts -beherrschte, streifte die bürgerliche Familie allmählich die aus dem -Mittelalter überkommenen Anschauungen ab und wies der Frau jene hohe -sittigende Stellung an, welche die Dichter unserer klassischen Periode -verherrlicht haben. Die anscheinend so engherzige Ausschliessung des -weiblichen Geschlechtes vom Erwerbsleben, welche sich in dieser Zeit -vollzog, musste mit zu diesem Ziele helfen. Dass sie sich aber ohne -stärkeres Widerstreben der Gesellschaft und der öffentlichen Gewalt -vollziehen <em class="gesperrt">konnte</em>, scheint als Beweis dafür angesehen werden zu -müssen, dass die<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> eingetretenen friedlichern Zeiten eine Ausgleichung -des im Mittelalter so bedeutenden Zahlenunterschiedes der Geschlechter -mehr und mehr herbeigeführt hatten. Die für so hart und engherzig -geltenden Zunftartikel, welche den in Unehe Erzeugten den Zutritt -zum Handwerk versagten, und die Beschäftigung weiblicher Personen -ausschlossen, wären dann, nach dieser Richtung wenigstens, nur Ausdruck -der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft.</p> - -<p>Denn das muss vor allem festgehalten werden: durch die ganze -Geschichte, und namentlich durch die Geschichte unseres Volkes geht -ein mächtiger Zug, der darauf hinführte, die Frau mehr und mehr -von der schweren, aufreibenden Mühsal des Erwerbs zu entlasten und -diese auf die stärkeren Schultern des Mannes zu laden, dem Manne die -schaffende, die werbende Arbeit der Gütererzeugung, der Frau die -verwaltende und erhaltende Tätigkeit in der Hauswirtschaft, dem Manne -den waglichen Kampf ums Dasein, der Frau die behagliche Gestaltung -desselben zuzuweisen. Diesen Zug der Entwicklung nach Möglichkeit zu -fördern, erschien den letztvergangenen Jahrhunderten als die Aufgabe -einer gesunden, historisch aufbauenden Sozialpolitik. Als Gehilfin -des Mannes im Rahmen der Familie mochte die Frau zum eigenen und -allgemeinen Besten auch in der eigentlichen Erwerbswirtschaft tätig -sein, nimmermehr jedoch als Konkurrentin des Mannes ausserhalb dieses -Rahmens<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p> - -<h2 class="dummy" id="Die_heutige_Frauenfrage" title="Die heutige -Frauenfrage"></h2> - -<p>Diese Entwicklung, die von der Urperiode unseres Volkes bis auf die -neueste Zeit herab sich mächtig wirksam erwiesen hat und der wir -unsere heutige Familienverfassung und unser in der Sitte begründetes -Ideal der Ehe verdanken, hat im letzten Jahrhundert einen Rückschlag -erlitten durch den gewerblichen Grossbetrieb mit seiner massenhaften -Frauenarbeit. Von den Fabriken hat letztere immer mehr auf den Handel -sich ausgedehnt und greift schon mächtig auf andere Berufsgebiete -über. Sie macht die Frau vom Erwerbe des Mannes mehr oder minder -unabhängig; aber sie macht sie nicht ökonomisch selbständig wie einst -im Mittelalter. Vielmehr bedingt sie in der Regel Abhängigkeit von -einem Unternehmer. Darin besteht ihre Gefahr. Ihre Folgen liegen klar -zutage: Entwürdigung des weiblichen Geschlechts, Erschwerung der -Familiengründung für die mit billiger Frauenarbeit konkurrierenden -Männer, Auflösung der häuslichen Bande, Verkümmerung und Verwilderung -der heranwachsenden Jugend. In vielen Arbeiterhaushalten ist die auf -der Ehe und väterlichen Gewalt beruhende Familie verlassen und an -ihre Stelle ein auf allerlei Vertragsverhältnissen beruhendes Gebilde -getreten<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a>.</p> - -<p>Sollen wir — das ist das verzweifelte Doppelproblem, welches uns -die moderne Frauenerwerbsfrage stellt — im Widerspruche mit der -gesamten Kulturentwicklung das System der »billigen Hände« auf immer -weitere Berufsarten ausdehnen, sollen wir damit auch in diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> -Kreisen die Erschwerung der Familiengründung, die Auflösung der -Gesellschaft in ihre Atome immer allgemeiner machen? Soll die Ehe als -dauernde Lebensgemeinschaft temporären, jeder Willkür preisgegebenen -Verbindungen weichen? Und soll das Vertragsprinzip, auf dem die -Unternehmung beruht, allgemein auch für die Familie massgebend werden? -Oder sollen wir nicht vielmehr mit allen Kräften darnach streben, dass -allen Klassen der Bevölkerung der Friede und das Behagen des häuslichen -Herdes gesichert, dass der Familiensinn gestärkt und dass der Frau -dasjenige Gebiet erhalten werde, auf dem sie sich am glücklichsten -fühlt und auf welchem sie Werte schafft, die für die Nation kostbarer -sind als eine noch so grosse Steigerung der Produktion durch »billige -Hände«? Sollten nicht die Frauen selbst dieses ihr eigenstes Gebiet mit -allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln festhalten und mit den Männern -dahin arbeiten, dass die gewiss nicht unvermeidbaren Ursachen beseitigt -werden, welche in der modernen Gesellschaft so viele Männer an der -Eheschliessung und so viele Frauen an der Erfüllung ihres natürlichen -Berufes hindern?</p> - -<p>Es ist bekannt, für welchen Teil dieser Alternative sich die moderne -Frauenbewegung und ihre Freunde entschieden haben. Sie wollen -völlige soziale und rechtliche Gleichstellung und auf der Grundlage -selbsteigenen Erwerbes von Mann und Weib eine Neuordnung der -geschlechtlichen Beziehungen. Ihnen sei<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> zum Schluss noch Folgendes zu -bedenken gegeben.</p> - -<p>Am 12. Juni 1907 wurden im Deutschen Reiche 9½ Millionen -erwerbstätige Frauen gezählt<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a>. Dies bedeutet ziemlich genau ein -Drittel aller erwerbstätigen Personen oder die Hälfte der Frauen im -Alter zwischen dem 15. und dem 70. Lebensjahre. Von 1895 bis 1907 -hat sich die Zahl der erwerbstätigen männlichen Personen um 20%, die -der weiblichen aber um 44% vermehrt. Die Zunahme erstreckt sich auf -alle Berufsgruppen, trifft aber die selbständig und die unselbständig -Erwerbstätigen in sehr verschiedenem Masse. Die letzteren haben in -allen Berufsgruppen am stärksten sich vermehrt, während die selbständig -tätigen Frauen in der Urproduktion und in der Industrie eine Abnahme -und nur im Handel ebenfalls eine Zunahme aufweisen. Zu gleicher Zeit -hat die Zahl der weiblichen Dienstboten bei einer Volksvermehrung von -19% trotz wachsenden Wohlstandes sich um reichlich 5% vermindert, und -die Zahl der berufslosen Angehörigen ist in ihrer Vermehrung hinter der -Zunahme der Gesamtbevölkerung zurückgeblieben.</p> - -<p>Diese Zahlenverschiebungen werfen ein scharfes Schlaglicht auf die -tatsächlichen Voraussetzungen, unter denen die Frauenfrage der -Gegenwart steht. Nicht dass 1907 fast drei Millionen Frauen mehr -im Erwerb tätig waren als 1895 ist das bedeutsame, sondern dass -die Verkümmerung der Familienhaushaltung immer weniger Raum für -Frauenarbeit lässt und dass von den 9½<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> Millionen einen Beruf -ausübender weiblicher Personen mehr als 8 Millionen in abhängiger -Erwerbsstellung sich befanden. Nicht bloss in der Produktion sondern -auch im Handel, den persönlichen Diensten und selbst den liberalen -Berufen vollzieht sich das Eindringen der Frauen in <em class="gesperrt">dieser</em> Weise.</p> - -<p>Darin liegt die ungeheure Schwierigkeit, darin der grosse Unterschied -zwischen der modernen Frauenfrage und derjenigen des Mittelalters. -Damals war sie eine Versorgungsfrage, heute ist sie Emanzipationsfrage. -Die ökonomische Entwicklung drängt von selbst auf eine rechtliche -Neuordnung, und auch die »Emanzipation vom Manne« mag sich in ihrem -Gefolge vielleicht durchsetzen lassen, soweit die Natur sie erlaubt. -Hinter ihr lauert aber ein neues, weit schwierigeres Problem: die -Emanzipation von der ökonomischen und sozialen Abhängigkeit, der -das Weib im Erwerbsleben immer mehr anheimfällt und mit jedem neuen -Erwerbsgebiete, das es erobert, mehr anheimfallen muss. Nach einem -Zeitalter des individuellen »Auslebens« von Weib und Mann sieht die -Zukunft wahrlich nicht aus. Die Fortsetzung der jüngsten Entwicklung -bedroht uns im Gegenteil mit einem Zustand, bei dem beide Geschlechter -gleichmässig in das Joch der Unternehmung eingespannt sind. In dem -Masse aber, als in dieser Arbeitsteilung uns technische Fortschritte -weiteren Raum für Frauenarbeit schaffen, wird zwischen dieser und der -Männerarbeit der Kampf heftiger werden, und schliesslich<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> wird die -billigere Frauenhand den Sieg davon tragen. Die Folge kann nur eine -Umkehr des seitherigen Verhältnisses der Geschlechter in der Wirtschaft -sein: erwerbende Frauen — haushaltende Männer, wenn man sich nicht -lieber vorstellen will, dass auch der Haushalt in seinen wichtigsten -Bestandteilen zum Gegenstande kapitalistischer Unternehmung geworden -sein wird<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a>.</p> - -<p>Sollte das wirklich das Endziel der Entwicklung unserer Kulturvölker -sein, dass der Frau die Last der Produktion wieder aufgeladen würde, -die ihr eine Entwicklung von zwei Jahrtausenden Stück für Stück -abgenommen hat? Rückkehr zur Barbarei, Auflösung der Familienordnung, -wie sie seit der Reformation sich gestaltet hat, Zersetzung des -Haushalts, in welchem die Frau herrscht und Eingliederung derselben in -eine Erwerbsordnung, in der sie nur als dienendes Glied Raum finden -kann<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a>: es wird schwer, an die Möglichkeit solchen Widersinns zu -glauben, schwer, eine Kultur als solche zu verstehen, die eines ihrer -kostbarsten Kleinode der Vernichtung preisgibt.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Anmerkungen">Anmerkungen.</h2> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Vgl. meine »Bevölkerung von Frankfurt a. M. im XIV. -und XV. Jahrhundert« I, S. 40 ff. 61 ff. »Die Entstehung der -Volkswirtschaft« (7. Aufl.), S. 392 f. — Möglicherweise lassen sich -auf Grund der Dresdener Steuerlisten aus dem XV. Jahrhundert für diese -Stadt ähnliche Ermittelungen anstellen. Vgl. <em class="gesperrt">O. Richter</em> im N. -Archiv für sächs. Gesch. u. Altertumsk. II., S. 274 ff., insbes. S. -279, Anm. 10.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Nach diesen Ermittlungen, welche auf Grund der im Original -erhaltenen Erhebungslisten ausgeführt sind, kommen</p> - -<table summary="Anteil der Frauen an den Steuerpflichtigen"> - <tr> - <td class="vam padr1"> - <div class="center">im Jahre</div> - </td> - <td class="vam padr1"> - <div class="center">auf Steuer-<br /> - pflichtige<br /> - insgesamt</div> - </td> - <td class="vab padr1"> - <div class="center">Frauen<br /> - überhaupt</div> - </td> - <td class="vam padr1"> - <div class="center">Frauen in Pro-<br /> - zent der Steuer-<br /> - pflichtigen</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1354</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2669</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">481</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">18,<span class="s5">0</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1359</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">3164</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">589</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">18,<span class="s5">6</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1365</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">3021</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">615</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">20,<span class="s5">3</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1370</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2697</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">484</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">18,<span class="s5">0</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1375</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">3004</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">616</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">20,<span class="s5">5</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1380</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">3055</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">509</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">16,<span class="s5">6</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1385</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">3391</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">824</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">24,<span class="s5">3</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1389</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">3165</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">742</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">23,<span class="s5">4</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1394</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2600</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">539</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">20,<span class="s5">7</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1399</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2652</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">614</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">23,<span class="s5">1</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1406</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2383</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">500</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">20,<span class="s5">9</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1410</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2456</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">568</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">23,<span class="s5">1</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1420</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2345</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">551</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">23,<span class="s5">5</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1428</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2411</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">466</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">19,<span class="s5">3</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1463</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2560</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">638</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">24,<span class="s5">9</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1475</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2782</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">733</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">26,<span class="s5">3</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1484</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2483</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">705</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">28,<span class="s5">4</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1495</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2579</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">715</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">27,<span class="s5">7</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr1"> - <div class="center">1510</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">2328</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">640</div> - </td> - <td class="padr1"> - <div class="center">27,<span class="s5">5</span></div> - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Solche Pestjahre waren in dem oben angegebenen Zeitraum -1356/7, 1364/5, 1395/6, 1402, 1412, 1418–1420, 1461 und 1463; in das -Jahr 1387 fällt die Cronberger Schlacht. Man vergleiche damit die -entsprechenden Ziffern in obiger Tabelle.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Vgl. meine Bevölkerung von Frkf. I, S. 507 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> <em class="gesperrt">J. Hartwig</em>, Die Frauenfrage im mittelalterlichen -Lübeck: Hansische Geschichtsblätter XXXV, S. 39 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> <em class="gesperrt">Hartwig</em> a. a. O. S. 57 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <em class="gesperrt">Schanz</em>, Zur Gesch. der deutschen Gesellenverbände, -S. 5. <em class="gesperrt">Stahl</em>, das deutsche Handwerk, S. 274.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Maurer</em>, Gesch. der Fronhöfe, I. 115. 135. -241 ff. II. 387 ff. III. 325.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> <i>Tyro. Prudentiae juris opificiariae praecursorum -emissarius.</i> Der Lehrjunge. Jena 1717, S. 35 ff. — Ueber das Folgende -vgl. <em class="gesperrt">Stahl</em>, das deutsche Handwerk, S. 42 ff. <em class="gesperrt">Neuburg</em>, -Zunftgerichtsbarkeit und Zunftverfassung, S. 49 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Weinhold</em> a. a. O., I. S. 191. -<em class="gesperrt">Schmoller</em>, Die Strassburger Tucher- und Weberzunft, S. 359 ff., -521. — <em class="gesperrt">Mone</em>, Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins, IX. S. -133 ff., 173 ff.; XV., S. 165.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Abgedruckt im Archiv f. Frankf. Gesch. III F. VI, S. -94 ff. — Aehnliche Vorschriften in <em class="gesperrt">Goch</em>: Annalen des histor. Ver. -für den Niederrhein, Heft VI., S. 45. 78. — Noch 1620 gibt der Amtmann -in Leerort den Weberknechten und Webermägden, »deren ein ziemlicher -Anteil dort vorhanden« (auch Lehrknechte und Lehrmägde werden erwähnt), -ein Kranken- und Sterbekassenstatut: Zeitschr. f. d. Kulturgeschichte, -N. F., III. (1874), S. 128. — Ueber <em class="gesperrt">München</em> vgl. <em class="gesperrt">Sutner</em> -in den Histor. Abh. der k. bayer. Akademie d. W. II., S. 493.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Stahl</em> a. a. O., S. 80.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> In Frankfurt zahlte eine Frau, die das Handwerk treiben -wollte, 30 Schilling und ein halb Viertel Wein und hatte dann -Zunftrecht, ein Mann 3 Pfund und ein Viertel Wein. Schneiderordnung im -II. Handwerkerbuch. <em class="gesperrt">Stahl</em> a. a. O. hat Unrecht, wenn er meint, -an die Frau seien dieselben Anforderungen gestellt worden wie an einen -Mann. Ueber Mainz: <em class="gesperrt">Stahl</em>, S. 83.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Im Augsburger Stadtrecht von 1276 heisst es Art. 129 -(S. 215 bei <em class="gesperrt">Meyer</em>): <i>Swaer siniu chint ze antuaerken lat dur -lerunge, ez si sun oder <em class="gesperrt">tohter</em>, swaz lons man davon geheizzet, -kumt daz ze clage, daz sol ein burggrafe rihten darnach als die schulde -geschaffen ist.</i> Dieselbe Formel noch in der Nürnberger Reformation -von 1564 und im Stadtrecht von Mühlhausen i. Th.: <em class="gesperrt">Stahl</em>, S. -47. Aehnlich in England: <em class="gesperrt">Stahl</em>, S. 49. Ueber das ausgedehnte -Arbeitsrecht der Frauen in den Pariser Gewerben vgl. <i>Boileau</i>, <i>Livre -des métiers</i> und <em class="gesperrt">Stahl</em>, S. 53–71.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> <em class="gesperrt">Stahl</em> a. a. O., S. 90 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> <em class="gesperrt">Westenrieder</em>, Beiträge zur vaterl. Gesch. etc. VI, -S. 153. Vgl. indessen das Stadtrecht von München, herausg. v. Auer, -Art. 45: <i>Ain frau, deu ze marcht stat und deu chauft und verchauft -etc.</i></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Jäger</em>, Ulms Verfassung, bürgerliches und -kommerzielles Leben, S. 685. Dagegen sind die Viktualienhändler -(Merzler) in Ulm, die Hucker in Augsburg (Stadtr. S. 201), die Käufler -in München (Stadtrecht, Art. 440 f.) durchweg Männer. In Augsburg -werden neben den <i>keufel</i> auch <i>verkauferinne</i> erwähnt (Stadtr. S. -271 ff.), in Danzig neben den <i>hoker</i> auch <i>hokinnen</i> (Hirsch, Danzigs -Handels- und Gewerbegesch., S. 316). Nach zahlreichen Beobachtungen, -die ich in dieser Hinsicht angestellt habe, ist überall im Mittelalter -die Höckerei ein vorwiegend männliches Gewerbe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Im Folgenden gebe ich das Verzeichnis sämtlicher in -Frankfurter Akten und Urkunden bis zum Jahre 1500 vorkommenden -weiblichen Berufsnamen. Dieselben sind einer seit vielen Jahren -von mir angelegten Sammlung der Berufsbezeichnungen entnommen, die -hauptsächlich auf fortlaufend über die Bevölkerung geführte Akten -(Steuerlisten, Bürgerverzeichnisse, Bürgerbücher u. dergl.) zurückgeht -und nicht bloss das Vorkommen eines Berufs, sondern auch die Zahl -der Berufsangehörigen festzustellen versucht. Sie wird demnächst in -den Abhandlungen der Kgl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften -veröffentlicht werden. Bei den nachstehenden Listen sind vier leicht -verständliche Kategorien weiblicher Berufsarbeiter unterschieden; -zwischen den drei letztgenannten sind natürlich die Unterschiede -fliessend. Denn obwohl wenig Berufstätige des XIV. und XV. Jahrhunderts -mir bei meinen Sammlungen entgangen sein werden, so liegt es doch -schon in der Natur des Quellenmaterials, dass die Männer vollständiger -erfasst werden mussten. Weibliche Berufsnamen, die sich auf Ehefrauen -und Witwen männlicher berufstätiger Personen beziehen (z. B. beckern, -bendern, smiden) mussten natürlich ausgeschlossen bleiben, da das -Verzeichnis nur Fälle selbständiger oder abhängiger weiblicher -Berufstätigkeit enthalten sollte, nicht aber den Fortbetrieb eines -Handwerks durch sie oder blosse Hilfeleistung beim<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Gewerbe des Mannes -durch dessen weibliche Familienglieder. Natürlich ist bei einer solchen -Aussonderungsarbeit manches dem Gefühl des Bearbeiters anheimgegeben; -aber ich glaube keinen Beruf in die Listen aufgenommen zu haben, der -nicht im Mittelalter nachweisbar von Frauen betrieben worden ist. -Mehrfach kommen verschiedene Namen für dasselbe Gewerbe vor. Dass die -weibliche Namensform auch bei solchen Gewerben angegeben ist, die -vorzugsweise von Männern betrieben wurden, wird keiner Rechtfertigung -bedürfen.</p> - -<p class="center mtop1">I. <em class="gesperrt">Berufe, für die nur -weibliche Namen vorkommen.</em></p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centre"> - <div class="item">Altartuchmacherin</div> - <div class="item">amme</div> - <div class="item">bortenmechern</div> - <div class="item">bendelern</div> - <div class="item">besenmechern</div> - <div class="item">besendregern</div> - <div class="item">bettebereidern</div> - <div class="item">bettemachern</div> - <div class="item">bettfegern</div> - <div class="item">brustleddern</div> - <div class="item">drollern</div> - <div class="item">federmechern</div> - <div class="item">filzern</div> - <div class="item">fronegertern</div> - <div class="item">garnfrauwe</div> - <div class="item">gilerhaltern</div> - <div class="item">goltspinnern</div> - <div class="item">harmedern</div> - <div class="item">hebeamme</div> - <div class="item">hemdenmechern</div> - <div class="item">hosenstrickern</div> - <div class="item">hudeferbern</div> - <div class="item">hudelferbern</div> - <div class="item">hudelstrickern</div> - <div class="item">hullenmechern</div> - <div class="item">hullenweschern</div> - <div class="item">hulleryhern</div> - <div class="item">huwenweschern</div> - <div class="item">kindeschuwern</div> - <div class="item">kleiderhocke</div> - <div class="item">kleidermeit (in einer Badstube)</div> - <div class="item">klunkenersen</div> - <div class="item">knaufelern, knaufelmechern</div> - <div class="item">lerfrouwe</div> - <div class="item">lichthocke</div> - <div class="item">lichtmechern</div> - <div class="item">linennewersen</div> - <div class="item">lutterdrengkern</div> - <div class="item">magit, meit, dinstmeit</div> - <div class="item">melmengern, melefeilern</div> - <div class="item">messemeit</div> - <div class="item">nedersen</div> - <div class="item">noppersen</div> - <div class="item">pelzmechern</div> - <div class="item">radspinnersen</div> - <div class="item">reubelern</div> - <div class="item">rinkengießern</div> - <div class="item">rufelern</div> - <div class="item">salzmengern</div> - <div class="item">samenfrau</div> - <div class="item">schonebeckern</div> - <div class="item">sleierweschern</div> - <div class="item">spinnersen</div> - <div class="item">sterkern</div> - <div class="item">strelemagit</div> - <div class="item">wachern</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> - <div class="item">wirkersen</div> - <div class="item">wollenbeslagern</div> - <div class="item">wollenbesnidern</div> - <div class="item">wollenlesersen</div> - <div class="item">wurzfrauwe</div> - <div class="item">ziedelmachern</div> - <div class="item">zimpelern</div> - <div class="item">zirkelern</div> - <div class="item">zwirnmechern</div> - </div> -</div> - -<p class="center mtop1">II. <em class="gesperrt">Berufe die -vorzugsweise von Frauen ausgeübt wurden.</em></p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centre"> - <div class="item">appelmengern</div> - <div class="item">boppenmalern</div> - <div class="item">bierbruwern</div> - <div class="item">daubeckern</div> - <div class="item">eiermengern</div> - <div class="item">essigmengern</div> - <div class="item">ganshirten</div> - <div class="item">gufenern</div> - <div class="item">gulichtern</div> - <div class="item">hafermengern</div> - <div class="item">heringmengern</div> - <div class="item">hullenkouffern</div> - <div class="item">hullenwobern</div> - <div class="item">kemmersen</div> - <div class="item">krudern</div> - <div class="item">mattenmechern</div> - <div class="item">snormechern</div> - </div> -</div> - -<p class="center mtop1">III. -<em class="gesperrt">Berufe, in denen Männer und Frauen gleich -häufig vorkommen.</em></p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centre"> - <div class="item">altgewendern</div> - <div class="item">boternhocke</div> - <div class="item">bademeit</div> - <div class="item">fiedelern</div> - <div class="item">vigenhocke</div> - <div class="item">fladenbeckern</div> - <div class="item">hocke, hockin</div> - <div class="item">horneffen</div> - <div class="item">hunermengern</div> - <div class="item">hunerkeufern</div> - <div class="item">kelnern</div> - <div class="item">kerzenmechern</div> - <div class="item">kesemengern</div> - <div class="item">kindelerern</div> - <div class="item">klingenern</div> - <div class="item">lenegadern</div> - <div class="item">lerern</div> - <div class="item">lutenslehern</div> - <div class="item">mentelern</div> - <div class="item">milchern</div> - <div class="item">notschern</div> - <div class="item">obessern, obsern</div> - <div class="item">obismengern, obshockern</div> - <div class="item">oleiern</div> - <div class="item">oleihocke</div> - <div class="item">rubingrebern</div> - <div class="item">salzfrauwe</div> - <div class="item">schappelmechern</div> - <div class="item">scheppelern</div> - <div class="item">selzern</div> - <div class="item">senfmengern, senffrauwe</div> - <div class="item">sleiermengern, sleierfrauwe</div> - <div class="item">smersnidern</div> - <div class="item">spitzenmecherin</div> - <div class="item">spulersen</div> - <div class="item">stobenheissern</div> - <div class="item">strickern</div> - <div class="item">wennern</div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p> - -<p class="center mtop1">IV. -<em class="gesperrt">Berufe, in denen Frauen seltener vorkommen -als Männer.</em></p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centre"> - <div class="item">abenturern</div> - <div class="item">augenerzten</div> - <div class="item">briefdragern</div> - <div class="item">briefdruckern</div> - <div class="item">budelern</div> - <div class="item">burstenmechern</div> - <div class="item">deckelechern</div> - <div class="item">deschenmechern</div> - <div class="item">torwechtern</div> - <div class="item">duchscherern</div> - <div class="item">duchspulern</div> - <div class="item">erzten</div> - <div class="item">essigfrauwe</div> - <div class="item">federmengern</div> - <div class="item">fehehirten</div> - <div class="item">flechtenmechern</div> - <div class="item">vorkeuffern</div> - <div class="item">fuderern</div> - <div class="item">gadenfrouwe</div> - <div class="item">gengelern</div> - <div class="item">geukelern</div> - <div class="item">gewendern</div> - <div class="item">haumengern</div> - <div class="item">hentschumechern</div> - <div class="item">hirten</div> - <div class="item">hudekouffern</div> - <div class="item">hudemechern</div> - <div class="item">huderuppern</div> - <div class="item">klaibersen</div> - <div class="item">kochin</div> - <div class="item">kolschebeckern</div> - <div class="item">copeyern</div> - <div class="item">korbern</div> - <div class="item">kremern, kremersen</div> - <div class="item">kursenern</div> - <div class="item">lantfarern</div> - <div class="item">lebekuchersen</div> - <div class="item">ledersmerern</div> - 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<div class="item">slaghudern</div> - <div class="item">snidern</div> - <div class="item">snitzern</div> - <div class="item">sporleddern</div> - <div class="item">stazionerern</div> - <div class="item">suhirten, suern</div> - <div class="item">ulnern</div> - <div class="item">underkeufern</div> - <div class="item">wechtern</div> - <div class="item">welkern</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> - <div class="item">weschersen</div> - <div class="item">wesselern</div> - <div class="item">wollenslegern</div> - <div class="item">wurzelern</div> - <div class="item">wurzemengern</div> - <div class="item">ziechenern</div> - <div class="item">zehenern</div> - <div class="item">zolnerin</div> - </div> -</div> - -<p>Dass das vorstehende Verzeichnis vollständig sei, ist kaum -anzunehmen. Nicht immer findet sich für eine Beschäftigung auch eine -Berufsbezeichnung. Es treten dann wohl Umschreibungen auf. So findet -sich in den Bedebüchern der Niederstadt von 1405 und 1406 Bl. 17 a, -bez. 31 b: <i>Else mit den hunden</i>; sie wohnt in der Dieterichsgasse, -wo allerlei armes Volk hauste, gab also wohl mit abgerichteten Hunden -Vorstellungen. — 1372 Bdb. der Oberstadt 12 a: <i>Else Leuben in dem -kellerchen, die da kolen veyle hat</i>, also eine Kohlenhändlerin. — 1359 -Bdb. Oberst. 20 b: <i>Katherine, dye daz crute hudet</i>; Bedeutung unklar. -— 1399 Bdb. Niederst. 14 a: <i>Kedder, die die swebelkirzen dreit</i>, also -einer Verfertigerin oder Verkäuferin einer bestimmten Art von Kerzen. -— 1424 Bdb. Oberst. 19 b: <i>ein arm frauwe, dye der gefangen torin -wartit umb gottis willen</i>, also eine Wärterin bei einer Geisteskranken. -— 1397 Heiligenbuch 32 a: <i>eyne kolsche frauwe, die scheren feile hat -vor dem Schrothuse</i>; 1472 im Marktrechtbuch 5 b: <i>die frauwe mit dem -Colneschen zynwerg</i> (beide als Verkäuferinnen auf der Messe). Dazu -kommt eine Reihe unerklärbarer, aber auf Berufstätigkeit hinweisender -Benennungen weiblicher Personen (z. B. <i>weibelern</i>, <i>ulselmechern</i>, -<i>setzependin</i>, <i>muselern</i>).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Vgl. auch <em class="gesperrt">Gengler</em>, Stadtrechts-Altertümer, S. 36.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Frankfurter Bürgerzwiste und Zustände im -Mittelalter, S. 334 f. Eine Wechslerin und eine Pächterin der Stadtwage -auch in Lübeck: <em class="gesperrt">Hartwig</em> a. a. O. S. 51 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Vgl. das Verzeichnis der Frankfurter Aerzte bei -<em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgert., S. 34 ff. Eine Münchener Augenärztin -aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts: Monum. Boic. XXXV., 2, 94. -<em class="gesperrt">Weinhold</em>, Deutsche Frauen, I., S. 170 ff. Aehnliches in Lübeck: -<em class="gesperrt">Hartwig</em> a. a. O. S. 52 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Aus den Ausgaberegistern der Bürgermeister -(»Botenbüchern«) habe ich mir folgende Fälle notiert: 1391 Bl. 2<sup>a</sup>: <i>5 -grosse zweien frauwen, dem folke nachzulauffen, daz vor der stad was, -biz gein Rockingen.</i> — 1392 Bl. 7<sup>a</sup>: <i>6 ß junger h. einer frauwen -zu lauffen gein Dippurg, gein Omstat und ubiral in dem Odenwalde, zu -irfarn heymelich umb samenunge</i>. — 1414 Bl. 4<sup>b</sup>: <i>4 ß alder vier -frauwen in den walt und darumbe zu virslahen, als man sunderlich -gewarnt waz</i>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Vgl. das Gedicht Iwein, V. 6186 ff. Jäger, Ulm, S. 634. -<em class="gesperrt">Mone</em>, Zeitschr. IX., S. 138. XIII., S. 141 ff. Ueber Lübeck: -<em class="gesperrt">Hartwig</em> a. a. O. S. 63 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Gesamtabenteuer II., 23 ff. Vgl. auch <em class="gesperrt">Hartwig</em>, S. -64 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Weinhold</em>, a. a. O., S. 132. -<em class="gesperrt">Norrenberg</em>, Frauenarbeit und Arbeiterinnen-Erziehung in -deutscher Vorzeit, Köln 1880, besonders S. 59 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Vgl. meine Bevölkerung von Frankfurt I, S. 343 f., 389.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> <em class="gesperrt">C. Schmidt</em> in der Alsatia, Jahrg. 1860, S. 187 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> <em class="gesperrt">Norrenberg</em> a. a. O., S. 63 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> <em class="gesperrt">Schmidt</em> a. a. O., S. 224.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Ueber die Bekinen (so wird das Wort durchweg in -Frankfurter Urkunden geschrieben, <em class="gesperrt">nicht</em> Beginen, Beghinen -oder Beguinen) vgl. Ersch und Gruber, Realenzykl. u. d. W. — -Realenzyklopädie für die protest. Theologie (3. Aufl.), II, S. -516 ff. — <em class="gesperrt">C. Schmidt</em>, Alsatia (1858–1861), S. 149 ff. — -<em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgertum i. Ma., S. 100 ff. — <em class="gesperrt">Arnold</em>, -Verfassungsgesch. der deutschen Freistädte, II, S. 173 ff. — -<em class="gesperrt">Heidemann</em>, Zeitschrift des bergischen Geschichtsvereins, -IV., S. 85 ff. — <em class="gesperrt">Jäger</em>, Ulm, S. 407 ff. — <em class="gesperrt">Lipowski</em>, -Urgeschichte von München, II., S. 247, 274. <em class="gesperrt">Hartwig</em> a. a. O. -S. 80 ff. — <em class="gesperrt">Mosheim</em>, <i>De Beghardis et Beguinabus commentatio</i> -und <em class="gesperrt">Hallmann</em>, Die Geschichte des Ursprungs der belgischen -Beghinen, Berlin 1843, waren mir nicht zugänglich. — Sehr gut ist -in dem Aufsatze der Real-Enzyklopädie bemerkt: »In den Wirkungen der -Kreuzzüge, die einen grossen Theil der männlichen Bevölkerung von -Europa wegrafften und daher der Witwen und Waisen viel, die Ehen aber -selten machten, und in dem Bedürfniss einer Freistätte für Jungfrauen -gegen die damals fast trostlosen Gewaltthätigkeiten ritterlicher -Wüstlinge entdeckt man die Ursachen dieses ausserordentlichen -Anwachsens der Beguinengesellschaften durch eine Menge verlassener -Frauenspersonen, die schon wegen Mangel an Aussteuer in den -Nonnenklöstern nicht Aufnahme finden konnten.« — Die Schilderung -im Text basiert vorwiegend auf der Berücksichtigung der Frankfurter -und Strassburger Verhältnisse, die von den niederländischen nicht -unwesentlich abweichen. — Wer an der Richtigkeit der im Texte -vertretenen populationistischen Auffassung des Bekinenwesens zweifelt, -der möge uns nur die Frage beantworten, woher es kommt, dass in Städten -mit Hunderten von Bekinen die Bekarden immer nur in einzelnen Personen -(selten mehr als 2 bis 4) vertreten erscheinen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Nach <em class="gesperrt">Hartwig</em>, Hans. Geschichtsblätter, -XXXV, S. 94, <em class="gesperrt">Biedenfeld</em>, Ursprung sämtlicher Mönchs- und -Klosterfrauenorden, II., S. 354, und <em class="gesperrt">Spangenbergs</em> Adelsspiegel, -S. 380 b f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> <em class="gesperrt">Lang</em>, reg. b. IV., 537 (bei <em class="gesperrt">Mone</em>, -Zeitschr., XIII., S. 140).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Cod. dipl. Siles. VIII., p. 7.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Urk. in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh., IX., S. -173 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> <em class="gesperrt">Reyscher</em>, Sammlung der württemb. Gesetze, XII., S. -25.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> <i>Item von allen gotteshusen sal man bede geben und die -darinne syn, sollen auch bede geben von iren gulten und guttern dartzu, -obe sie uber zehen phunt heller hetten.</i> Frankf. Bedeordnung von 1475 § -56, abgedruckt in »Kleinere Beiträge zur Geschichte«. Festschrift zum -deutschen Historikertage. Leipzig 1894, S. 155. — Aehnlich in Lübeck: -<em class="gesperrt">Hartwig</em>, Schossbuch, S. 53.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> <em class="gesperrt">Schmidt</em> a. a. O., S. 154.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> <em class="gesperrt">Heidemann</em> a. a. O., S. 94.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Um eine Vorstellung von dem Tenor derartiger -Hausordnungen zu geben, teile ich hier einen gedrängten Auszug aus den -Statuten des 1394 für 6 Bekinen gestifteten <em class="gesperrt">Frankfurter Gotteshauses -zur Seligenstadt</em> in möglichstem Anschluss an den Wortlaut des -Originals mit: Holz, Kohlen und Licht sollen die Schwestern aus den -Erträgnissen des Stiftungsvermögens kaufen, und soll das Licht nicht -länger brennen als bis Mitternacht. Wenn aber Eine länger aufsitzt, -soll sie ihr eignes Licht brennen. Aber Holz und Kohlen sollen die -Kinder nutzen, welche Zeit sie wollen. — Auch sollen die Kinder -Ausbesserungen ihres Hauses, die über 5 Pfund Heller betragen (soviel -hatte der Stifter jährlich dafür ausgeworfen), aus Eigenem vornehmen -und den Bau in gutem Stand halten. Wäre es aber, dass das Haus in -Jahresfrist einer Ausbesserung nicht bedürfte, so sollen die Kinder was -übrig wäre über die 5 Pfund Heller Gülte unter sich teilen und für sich -verwenden. — Auch sollen die Kinder unter einander lieblich, gütig -und einträchtig leben zu aller Zeit mit Worten und Werken und sollen -die fünf (übrigen) der ältesten und ehrbarsten unter ihnen gehorsam -sein in allen guten zeitlichen Dingen. — Auch soll ihrer durchaus -keine des Nachts ausser dem Hause sein ohne Erlaubnis der andern oder -der Aeltesten, und diese sollen auch wissen, wo sie des Nachts sein -wolle. — Lebte nun Eine unfriedlich und wollte nicht davon ablassen, -so sollen sie die Andern, wer sie auch wäre, mit Rat und Hilfe eines -Kämmerers des Bartholomäusstiftes aus dem Gotteshause treiben, ohne -Widerrede ihrer und eines Jeglichen. Auch wenn Eine täte, was ihr -und den Kindern im Gotteshause nicht zur Ehre gereichte, so mans mit -Wahrheit vorbringen möchte, die sollte zustund des Hauses verwiesen -sein und nimmermehr darin wohnen. — Auch sollen die 6 Kinder allewege -aus ihnen Eine nehmen, die des Hauses gewaltig sei und der Kinder. -Wenn auch die Kinder wollten und es ihnen fügte, so möchten sie sie -absetzen, doch in redlicher Weise, und eine andere an ihre Stelle -setzen binnen einem Monate, so oft eine abgeht. Entzweiten sie sich -aber unter einander, auf welche Seite dann drei (Stimmen) fielen, das -sollte gelten. — Geschähe es auch, dass jemand Hausrat in das Haus -gäbe oder setzte oder dass solcher gegenwärtig darinnen wäre, der -sollte darin bleiben, für den Fall, dass ein armes Kind darein käme und -solchen nicht hätte, den sollte man ihr dann leihen zu ihrer Notdurft. -— Wäre es aber, dass jemand hernach dem Hause eine Gülte setzte, die -sollen die Kinder unter sich teilen in gleicher Weise wie die andern -über die fünf Pfund Geld. — Wenn aber unter den Kindern Eine abginge -von Tods wegen oder wie das sonst käme, so sollen die übrigen eine -andere an deren Statt nehmen in Monatsfrist; würden sie aber unter -sich uneins, wen dann drei unter ihnen nähmen, die sollte es sein. — -Statuten anderer Bekinenhäuser bei <em class="gesperrt">Heidemann</em> a. a. O., S. 91. -94. 104 ff. — Alsatia, S. 229 ff. — <em class="gesperrt">Böhmer</em>, Urkundenbuch der -Reichsstadt Frankfurt, S. 593 ff. — Lübecker Urk. B. VII, S. 760 ff. -und <em class="gesperrt">Hartwig</em> a. a. O. S. 82 ff.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Die »Tertiarierinnen« in der Schweiz, über welche -<em class="gesperrt">Mone</em>, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XV., S. 164 ff. berichtet, -sind lediglich Bekinen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Zeitschr. für deutsche Kulturgeschichte, I (1856), S. -481 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Limburger Chronik, herausg. von <em class="gesperrt">Rossel</em>, S. 56. -16 ff. 20.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Scheible</em>, Das Kloster, S. 916. 929 Anm. 11.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Limburger Chronik, S. 71.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Limburger Chronik, S. 65 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Vgl. im allgemeinen <em class="gesperrt">Weinhold</em>, Die deutschen Frauen -im Mittelalter II, S. 135–151. — <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgertum, -n. F., S. 260 f. <em class="gesperrt">Scheible</em> a. a. O., S. 459 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> <em class="gesperrt">Siebenkees</em>, Materialien, IV., S. 583.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> I., 87 b III, 65. 66 bei <em class="gesperrt">Scheible</em> a. a. O., S. -459 ff. Ich hebe folgende Stellen hervor: »Derowegen ein solcher Weybel -wissens soll haben, solche Hauffen zu regieren und zu führen, gleich -wie man andre rechte Hauffen ordnen und führen soll. Item begiebt -sich, dass ein Schlacht mit den Feinden geschehe, soll er seinen Tross -also führen, dass keine Verhinderung dadurch entstehe. Auch soll er -mit dem Tross auf einer Seiten nicht gar zu weit davon gehen oder -stehen, dass der Feind ein Nachdenken davon habe und vermeyne, es seye -wehrhaftigs Volk. Der Tross wird immer dem Heer nachgeführt, dass sie -nicht voraus in das Läger kommen und alles das aufraumen, wie dann -ir Gebrauch ist, wenn der Hauffen käme, dass keiner nichts fände, es -sey Häuw, Stroh, Holz oder anders, was denn ein Lager erfordert«.... -Weiter »streckt sich solch ihr Ampt dahin, dass sie getreuwlich auf -ihre Herren warten, sie nach Notturft versehen, die gemeinen Weiber mit -kochen, fegen, waschen, sonderlich der Kranken damit zu warten, sich -dess nit wegern, sonst wo man zu Feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, -rennen, einschenken, Fütterung, essende und trinkende Speiss zu holen, -neben anderer Notturft, sich bescheidenlich wissen zu halten, auf der -Reyen oder sonst nach Ordnung wissen zu stehen, gelegener Märkt sich -gebrauchen und halten. Wo etwan der viel in einer Herberg oder Losement -beyeinander liegen, bleiben sie selten eins; da wirt ihnen des Orts -etwan ein verständiger Kriegsman zu einem Rumormeister gesetzt, oder -zum Obersten zugeordnet, welcher sich denn bescheidenlich unter ihnen -soll wissen zu halten. Wo es aber nit stat haben wöllte, so hat er ein -Vergleicher, ist ungeferlich eines Arms lang, damit hat er Gewalt von -ihren Herrn, so ihm zuvor übergeben, sie zu straffen. Solche Huren und -Buben werden alsdann sonst auch ohne das darneben für wol essen und -trinken mechtig übel geschlagen, ehe sie solches ihres Ampts recht -gewonnen; der Guthaten sie wenig geniessen, welche ihnen dann zuvor -versprochen; man muss aber dem Thuch also thun, es verleuret sonst die -Farb, würden der faulen Schwengel und Huren gar zu viel.« -</p> -<p> -»Solcher Huren und Buben Ampt ist weiter, wo man im Läger eine Zeit -lang verharret, dass sie mit Gunst zu melden die Mumplätz (Kloaken) -sampt anderm wo es not ist, säubern und fegen; solches wird niemandts -unter ihnen gefreyet, weder gross noch klein.... Dazu wo es von nöten -Graben, Teich oder Gruben auszufüllen, darüber man etwan auch stürmet -oder Weg auszubessern, oder wo Geschütz versinke und stecken bliebe; da -werden die Huren und Buben neben verordneten Personen Reiss, Wellen, -Büschel Holz zu machen, binden und tragen genötigt und ziehen helfen, -wo es not thut, und was dem Haufen von nüzten durch sie geschaft mag -werden, das keinswegs zu wiedern, bey ernstlicher straff so ihnen -aufferlegt wirdt«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> <em class="gesperrt">Hoyer</em>, Gesch. der Kriegskunst, I, S. 318. -<em class="gesperrt">Scheible</em> a. a. O., S. 463 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Mone</em> in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh., -I, S. 151. IV, S. 246 f., <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgertum, S. -140 ff. und im Allgemeinen meine Entstehung der Volkswirtschaft, S. 420 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em>, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder -Nr. 194.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> A. a. O. Nr. 193.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em> a. a. O. Nr. 256.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Limburger Chronik, S. 35 (Rossel).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em>, Nr. 189, vgl. 188 »Landsknechtorden«:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">»Erstlich muss er ein weib und flaschen haben,</div> - <div class="verse">darbei ein hund und einen knaben:</div> - <div class="verse">das weib und wein erfrewt den man,</div> - <div class="verse">der knab und hund sol spüren,</div> - <div class="verse">was in dem haus tut stan.«</div> - </div> -</div> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em> Nr. 199.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Ueber die <em class="gesperrt">Prostitution</em> im Mittelalter liegt -eine Reihe sehr eingehender Arbeiten vor, auf die ich hier wegen -der tatsächlichen Einzelheiten und der bezüglichen Quellenliteratur -verweisen muss. Das wichtigste bieten: <em class="gesperrt">Siebenkees</em>, Material. -IV. <em class="gesperrt">Scheible</em> a. a. O., S. 454–527 u. 952–981. <em class="gesperrt">Schlager</em>, -Wiener Skizzen, N. F., III., 345–470. <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches -Bürgertum, N. F., 259 ff., 339 ff. <em class="gesperrt">Maurer</em>, Gesch. der -Städteverfassung in Deutschland, III., S. 103 ff. <em class="gesperrt">Hüllmann</em>, -Städtewesen im Ma., IV., S. 270 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Maurer</em> a. a. O., S. 103 f. und -<em class="gesperrt">Weinhold</em> a. a. O., II., S. 21, Anm. 1.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Vgl. meine Bevölkerung von Frankf. I, S. 390. Noch im -Jahre 1451, zu einer Zeit, in welcher der Rat mit äußerster Strenge -gegen Personen vorging, die im Konkubinat lebten und die Prostituierten -außerhalb des Frauenhauses verfolgte, finden wir folgenden Eintrag -im Bürgermeisterbuch Bl. 37<sup>a</sup>: <i>Welche hore mit dem stucker gedingt -hat, gibt sie yme nichts, so mag er sie phenden, und obe sost ein gude -dirne mit eym guden gesellen zuhielde, die sal er nit dringen mit yme -zu dingen, sie ginge dan braden reyen, er mag iz dem obersten richter -sagen.</i></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Daher die Namen: arme, irre, leichte, schwache, -wandelbare, wilde, freie Weiber, Fräulein, liebe Tochter, gute Tochter -u. s. w. Vgl. <em class="gesperrt">Weinhold</em> a. a. O.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Die unerschöpfliche Skandalchronik der Klöster hier -aufzurollen ist wohl nicht nötig. Der Kürze halber sei auf die -Zimmersche Chronik verwiesen, aus der allein sich ein erschütterndes -Bild der geschlechtlichen Verwilderung des ausgehenden Mittelalters -zusammenstellen liesse.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">C. Schmidt</em> in der Alsatia 1858–1861, S. -202 ff., und über das Folgende <em class="gesperrt">Kriegk</em> a. a. O., S. 331 ff. -<em class="gesperrt">Maurer</em> a. a. O., S. 114.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Biedenfeld</em>, Ursprung sämtlicher Mönchs- und -Klosterfrauen-Orden, I., S. 140 ff.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Wie noch heute die Nonnenklöster in Italien und Spanien -die Frauenerwerbsfrage viel weniger hervortreten lassen als in -England und Deutschland, zeigt treffend v. <em class="gesperrt">Holtzendorff</em>, Die -Verbesserungen in der gesellsch. und wirtsch. Stellung der Frauen -(Virchow-Holtzendorffsche Sammlung II., Heft 40), S. 25.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Sprüche Salomons Kap. 31.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Vgl. die schönen Ausführungen von <em class="gesperrt">Schäffle</em>, Bau -und Leben des sozialen Körpers, I, S. 192 und Gesellsch. System, § 46.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Vgl. meine »Wohnungs-Enquête in der Stadt Basel«, S. -179 f.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> Die Zahl ergibt sich, wenn man die Berufsgruppen A–E -zusammenfasst und dazu die Dienstboten addiert. Es waren dann 1907 -vorhanden.</p> - -<table summary="Erwerbstätige 1907"> - <tr> - <td class="padr0_5"> - - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center">erwerbstätige</div> - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center">Zunahme seit 1895</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr0_5"> - männliche Personen - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center">18599236</div> - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center">19.<span class="dezimal">8</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr0_5"> - weibliche Personen - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center"> 9492881</div> - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center">44.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="padr0_5"> - zusammen - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center">28092117</div> - </td> - <td class="padr0_5"> - <div class="center">27.<span class="dezimal">0</span></div> - </td> - </tr> -</table> - -<p>Fasst man dagegen die Hauptergebnisse nach der Statistik des Deutschen -Reichs Bd. 202, I, S. 4 f. für die gesamte Berufsbevölkerung -einschliesslich der Berufslosen für 1907 zusammen, und stellt ihnen die -entsprechenden Zahlen der beiden früheren Berufszählungen gegenüber, so -erhält man folgendes Bild.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Die Bevölkerung nach -dem Hauptberuf der Erwerbstätigen.</em></p> - -<table class="collapse" summary="Hauptberuf der Erwerbstätigen"> - <tr> - <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2"> - <div class="center">Berufs-<br /> - und<br /> - Betriebs-<br /> - zählung</div> - </td> - <td class="btd bb br pad0_3 vam" colspan="2"> - <div class="center">Erwerbstätige<br /> - Personen</div> - </td> - <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2"> - <div class="center">Dienst-<br /> - boten für<br /> - häusliche<br /> - Dienste</div> - </td> - <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2"> - <div class="center">Angehörige<br /> - ohne<br /> - Haupt-<br /> - beruf</div> - </td> - <td class="s5 btd bbd pad0_3 vam" rowspan="2"> - <div class="center">Erwerbs-<br /> - tätige, Dienst-<br /> - boten und<br /> - Angehörige<br /> - zus.</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bbd br pad0_3 vam"> - <div class="center">überhaupt</div> - </td> - <td class="bbd br pad0_3 vam"> - <div class="center">darunter<br /> - weibliche</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br"> - <div class="center">1882</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">18986494</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center"> 4961228</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">1324924</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">24910695</div> - </td> - <td> - <div class="center">45222113</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br"> - <div class="center">1895</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">22913683</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center"> 6379942</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">1339316</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">27517285</div> - </td> - <td> - <div class="center">51770284</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br"> - <div class="center">1907</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">30232345</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">10035705</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">1264755</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">30223429</div> - </td> - <td> - <div class="center">61720529</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br"> - <div class="center">Zunahme</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">%</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">%</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">%</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">%</div> - </td> - <td> - <div class="center">%</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br"> - <div class="center">1882–1895</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">20.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center"> 28.<span class="dezimal">6 </span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center"> 1.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">10.<span class="dezimal">5</span></div> - </td> - <td> - <div class="center">14.<span class="dezimal">5</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br"> - <div class="center">1895–1907</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">31.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center"> 57.<span class="dezimal">3 </span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">–5.<span class="dezimal">6</span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center"> 9.<span class="dezimal">8</span></div> - </td> - <td> - <div class="center">19.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br"> - <div class="center">1882–1907</div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">59.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">102.<span class="dezimal">03</span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">–4.<span class="dezimal">8</span></div> - </td> - <td class="br"> - <div class="center">21.<span class="dezimal">3</span></div> - </td> - <td> - <div class="center">36.<span class="dezimal">5</span></div> - </td> - </tr> -</table> - -<p>Natürlich verteilt sich die enorme Zunahme der Erwerbstätigen -weiblichen Geschlechts nicht gleichmässig auf alle Berufsgruppen -und Berufsstellungen. Es ist darum nötig, hier auf die Gliederung -der Berufsstatistik etwas näher einzugehen, wobei der Vergleich der -Einfachheit wegen auf die beiden letzten Berufszählungen beschränkt -bleiben muss.</p> - -<p>Die Zunahme, bez. Abnahme (–) der Erwerbstätigen zwischen -1895 und 1907 betrug:</p> - -<table class="collapse" summary="Hauptberuf der Erwerbstätigen"> - <tr> - <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2" colspan="2"> - <div class="center">Berufsgruppen und Berufsstellungen</div> - </td> - <td class="btd bb br pad0_3 vam"> - <div class="center">männliche</div> - </td> - <td class="btd bb br pad0_3 vam"> - <div class="center">weibliche</div> - </td> - <td class="btd bbd pad0_3 vam" rowspan="2"> - <div class="center">Erwerbs-<br /> - tätige<br /> - überhaupt</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bbd br pad0_3 vam" colspan="2"> - <div class="center">Erwerbstätige</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" rowspan="4"> - A. - </td> - <td class="br vat"> - <em class="gesperrt">Land- u. Forstwirtschaft,<br /> - Gärtnerei, Tierzucht,<br /> - Fischerei</em> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  16.<span class="dezimal">4</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  67.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center bold">  19.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - a) Selbständige und Betriebsleiter - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> – 2.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> – 5.<span class="dezimal">4</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center"> – 2.<span class="dezimal">6</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">   5.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> –10.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">   2.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter) - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> – 6.<span class="dezimal">5</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  78.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">  11.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" rowspan="5"> - B. - </td> - <td class="br vat"> - <em class="gesperrt">Industrie einschliessl. des<br /> - Bergbaus</em> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  35.<span class="dezimal">4</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  38.<span class="dezimal">3</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center bold">  35.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - a) Selbständige und Betriebsleiter - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">   0.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> –11.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center"> – 2.<span class="dezimal">5</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - afr) Hausindustrielle - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> –39.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> –12.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center"> –27.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> 144.<span class="dezimal">5</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> 585.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center"> 160.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter) - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  42.<span class="dezimal">6</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  61.<span class="dezimal">4</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">  45.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" rowspan="4"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> - C. - </td> - <td class="br vat"> - <em class="gesperrt">Handel, Verkehr,<br /> - Gastwirtschaft</em> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  44.<span class="dezimal">8</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  60.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center bold">  48.<span class="dezimal">7</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - a) Selbständige und Betriebsleiter - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  19.<span class="dezimal">4</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  21.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">  20.<span class="dezimal">0</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  70.<span class="dezimal">5</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center"> 564.<span class="dezimal">8</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">  93.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br vat"> - c) Gehilfen, Lehrlinge - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  56.<span class="dezimal">0</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center">  65.<span class="dezimal">8</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">  58.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - D. - </td> - <td class="br vat"> - <em class="gesperrt">Häusliche Dienste und<br /> - wechselnde Lohnarbeit</em> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold"> –24.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  37.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center bold">   9.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat bbb"> - E. - </td> - <td class="br vat bbb"> - <em class="gesperrt">Oeffentlicher Dienst und<br /> - freie Berufsarten</em> - </td> - <td class="br vab bbb"> - <div class="center bold">  16.<span class="dezimal">1</span></div> - </td> - <td class="br vab bbb"> - <div class="center bold">  63.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - <td class="vab bbb"> - <div class="center bold">  21.<span class="dezimal">9</span></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="br" colspan="2"> - <div class="right">Zusammen A–E </div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  19.<span class="dezimal">8</span></div> - </td> - <td class="br vab"> - <div class="center bold">  56.<span class="dezimal">6</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center bold">  29.<span class="dezimal">2</span></div> - </td> - </tr> -</table> - -<p>Mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Frauen gehört der Berufsgruppe -A an (1907: 4598986), in der die in der Landwirtschaft helfenden -Familienangehörigen des Betriebsleiters sehr stark ins Gewicht fallen; -auf die Berufsgruppe B kommen 2103924, C: 931373, D: 320904 und E: -288311.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Das Einküchenhaus scheint schon bei dem ersten -Versuche Fiasko erlitten zu haben. Dennoch hat ihm die »Neudeutsche -Bauzeitung« vor kurzem eine Spezialnummer gewidmet, in welcher namhafte -Architekten und Kunstschriftsteller sich über die »wirtschaftlichen -und künstlerischen Möglichkeiten des Einküchenhauses« aussprechen. -Von dem, was <em class="gesperrt">van der Velde</em> darüber schreibt, sei folgendes -wiedergegeben: »Man muss sich für die soziale und kulturelle Seite -des Problems begeistern, und für diejenigen, die sich aufregen und -leiden, wenn sie sehen, <em class="gesperrt">wieviele Frauen unter der Last tausend -kleiner Haushaltungssorgen ihre besten Eigenschaften einbüssen</em>, -ist die Idee direkt erlösend. Ausserdem trägt sie den Keim zu -<em class="gesperrt">einer noch vollständigeren Gemeinschaft zwischen in demselben -Hause lebenden Menschen</em> in sich. Denn wir werden uns nicht lange -mit dem Haus begnügen, in dem <em class="gesperrt">nur</em> die Küche gemeinschaftlich -ist, wir werden auch bald den gemeinsamen Raum verlangen, wo <em class="gesperrt">für -alle die Stiefel geputzt und die Kleider gebürstet werden</em>, wo -das Geschirr abgewaschen und alle grobe Hausarbeit von Angestellten -einer Zentralorganisation<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> verrichtet wird, die wir weder sehen noch -hören werden und die wir nur für ihre Dienste entlohnen müssen. Alles -drängt uns zu dieser Entwicklung, der Mangel an Dienstboten und -der Wunsch, sie so wenig wie möglich um uns zu sehen.« Die Frauen -haben, wie man sieht, alle Ursache zu dem Wunsche: Gott schütze uns -vor unsern Freunden! Grenzt es nicht fast an Wahnwitz, wenn die -Zeitungen im Anschluss an obige Ausführungen folgende Expektoration -einer Amerikanerin beifällig wiederholen: »Fünfzig Feuer da, wo ein -einziges genügen würde. Sie können ja an ihrem Tisch im Familienkreis -mit ihren Kindern essen, wenn sie wollen, aber warum sollen fünfzig -Frauen ihre Morgenstunde verlieren, um ein paar Tassen Kaffee zu -machen und das so einfache Frühstück zu bereiten? Warum fünfzig Feuer, -wenn zwei Personen und ein einziges Feuer genügen würden, um all das -Fleisch und Gemüse zu kochen? Warum ist der Wert der Frauenarbeit -niemals anerkannt worden? Warum sind die Frauen in jeder Familie, -wo oft drei bis vier Dienstboten gehalten werden, gezwungen, ihre -ganze Zeit (!) den Küchenangelegenheiten zu widmen? Weil selbst -diejenigen, die die Befreiung der Menschheit wollen, nicht die Frau -in ihrem Befreiungstraum verstanden haben — und weil sie es von -ihrer hohen männlichen Würde herab für unwürdig halten, an diese -»Küchenangelegenheiten« zu denken, die sie von sich abgewältzt haben -auf die Schultern der grossen Dulderin Frau!«</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Die im Oktober 1909 in Berlin abgehaltene -Generalversammlung des Verbands fortschrittlicher Frauenvereine meinte -den Schrecken über die Ergebnisse der Berufszählung von 1907 dadurch -überwinden zu können, dass sie einem »Verband für handwerksmässige -und fachgewerbliche Ausbildung der Frau« das Wort redete. Sie ging -dabei von der durch nichts beweisbaren Annahme aus, dass der Zuwachs -erwerbstätiger Frauen seit 1895 durchweg aus »ungelernter Arbeit« -bestehe. Die Frauen leisteten in der neuen deutschen Volkswirtschaft -in überwiegendem Masse nichts anderes als »Kuli-Arbeit«. Dem soll nun -abgeholfen werden durch fachgewerbliche Ausbildung. (Vgl. »Soziale -Praxis« XIX, S. 55 f.) Ganz abgesehen von der Frage, ob hier von -einer richtigen Annahme ausgegangen ist, wird man ernste Zweifel -hegen dürfen, ob damit an der Tatsache etwas geändert werden kann, -dass auch bei gleicher Leistung die Frauenlöhne niedriger sind als -die Männerlöhne und dass die Erwerbsarbeit der Frauen — einerlei, -ob sie<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> »gelernte« oder »ungelernte« Arbeit ist — unter der heutigen -Wirtschaftsorganisation in der Hauptsache nur abhängige Arbeit sein -kann. — Uebrigens scheinen die Fälle, in denen eine ordnungsmässige -Ausbildung weiblicher Handwerkslehrlinge Platz greift, schon jetzt -ziemlich häufig zu sein, wie die Ergebnisse einer von dem erwähnten -Verbande veranstalteten Erhebung vermuten lassen. Vgl. darüber -Volkswirtsch. Blätter VIII (1909) S. 397.</p> - -</div> - -<hr class="r25" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Frauenfrage im Mittelalter, by Karl Bücher - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE IM MITTELALTER *** - -***** This file should be named 60062-h.htm or 60062-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/0/6/60062/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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