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-The Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage im Mittelalter, by Karl Bücher
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Die Frauenfrage im Mittelalter
-
-Author: Karl Bücher
-
-Release Date: August 5, 2019 [EBook #60062]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE IM MITTELALTER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
- dem Original unverändert; fremdsprachliche Begriffe wurden nicht
- korrigiert.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden, abgesehen von der
- Titelseite, als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) wiedergegeben.
- Die Verwendung des ‚scharfen S‘ (ß) entspricht nicht in allen
- Fällen den heutigen Rechtschreibgewohnheiten.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
- den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- gesperrt: +Pluszeichen+
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- DIE FRAUENFRAGE
-
- IM
-
- MITTELALTER
-
- VON
-
- KARL BÜCHER.
-
- ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE.
-
- TÜBINGEN
-
- VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG
- 1910.
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
- Druck von H. Laupp jr in Tübingen.
-
-
-
-
- FRAU
-
- LINA LUDWIG
-
- GEWIDMET.
-
-
-
-
-Das Beste, was Frauen uns geben, können wir niemals wiedergeben, und
-wenn ich dieses Büchlein Dir, der lieben guten Mama, zueigne, so weiss
-ich, dass damit die Dankesschuld nicht abgetragen werden kann, zu der
-ich mich bekennen muss. Aber vielleicht ist es Dir doch eine Freude,
-dadurch an die Zeit erinnert zu werden, wo sich auf dem Frankfurter
-Stadtarchiv mir die Gedanken, die es enthält, zusammenfügten und ich an
-so manchem schönen Sonntag bei Euch in Heppenheim ausspannen durfte.
-
-Ausgesprochen wurden diese Gedanken zuerst in einem Vortrage, den ich
-am 28. März 1882 im Liebigschen Hörsaale zu München vor gebildeten
-Frauen und Männern gehalten habe. Aus dem Kreise der Zuhörer sahen
-damals zwei freundliche Augen zu mir empor, die seitdem meinen
-Lebensweg erhellten und die jetzt erloschen sind. Du wirst es vor
-allen verstehen, dass ich mich lange nicht entschliessen konnte, das
-Büchlein, das damals gedruckt wurde, zu erneuern, als es vergriffen
-war. Wenn ich es jetzt dennoch tue, so bin ich nicht der Versuchung
-erlegen, was ich einst in keckem Jugendmute hingestellt hatte, mit
-altem, bedächtigem Kopfe umzumodeln. Die Schrift scheint doch manchem
-so, wie sie ist, lieb geworden zu sein, und wenn ich heute vielleicht
-auch vieles anders sagen würde, in ihren tatsächlichen Feststellungen
-hat sie vor der Kritik bestehen können. Die Verbesserungen der
-neuen Auflage beschränken sich deshalb auf kleinere Berichtigungen
-und Zusätze und auf eine grössere Aenderung am Schlusse, zu der
-die Ergebnisse der Berufszählung von 1907 Anlass gaben. Ausserdem
-sind in den Anmerkungen einige genauere Belege gegeben, ohne dass
-Vollständigkeit der Literaturangaben erstrebt wurde. Eine gelehrte
-Abhandlung sollte mein Vortrag nicht werden.
-
-Eine neue Zugabe ist das Bildchen auf Umschlag und Einband. Es stellt
-eine der Hilfsarbeiterinnen des Frankfurter Wollenhandwerks, wenn nicht
-alles trügt, in Bekinentracht dar, entworfen von einem Frankfurter
-Schreiber, der das Bedebuch von 1405 mit lustigen Federzeichnungen
-versehen hat. Das Bildchen steht bei der Lindheimer Gasse, die
-im damaligen Weberviertel der Altstadt liegt. Bei der Härte der
-mittelalterlichen Bede ist eine amtlich illustrierte Steuerliste eine
-so seltsame Erscheinung, dass ihr Urheber wenigstens in einer kleinen
-Probe seiner Kunst dem steuergeplagten XX. Jahrhundert bekannt zu
-werden verdiente, stünde diese Probe auch nicht in so enger Beziehung
-zum Inhalt dieses Büchleins, als es tatsächlich der Fall ist.
-Vielleicht kann sie seinen Ernst um ein Weniges mildern und durch ihr
-Wirklichkeitsgepräge den Irrtümern, deren es immer noch genug enthalten
-wird, die freundliche Nachsicht erwirken, deren wir alle bedürfen.
-
- +Leipzig+, den 25. Oktober 1909.
-
- +Karl Bücher.+
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Die Frage 1. -- Ihr zwiespältiges Wesen 2. -- Ihre statistische
- Wurzel 3. -- Das Zahlenverhältnis der Geschlechter im Mittelalter
- 5. -- Ursachen des grossen Frauenüberschusses 7. Verschärfung
- durch Ehebeschränkungen 9. -- Wirtschaftliche Stellung der Frau im
- deutschen Altertum 10. -- Berufsbildung und Entlastung der Frauen
- 12. -- Angeblicher Ausschluss von zünftiger Erwerbstätigkeit 13.
- -- Tatsächliches Verhältnis 15, -- in der Textilindustrie 16, in
- der Schneiderei 18, -- in anderen zünftigen Gewerben 19, -- in
- nicht zünftigen Berufen 20. -- Versorgungsanstalten: a) Klöster 24;
- -- b) Leibrentenkauf 26; -- c) Samenungen 27; -- d) Gotteshäuser
- 32. Statistisches 34. Statuten 35. Tätigkeit der Bekinen 36.
- Aufnahmebedingungen 38. Lebensweise 38. Religiöse Stellung 40.
- Entartung 41. -- Soziale Stellung der Frauen im Mittelalter 43.
- -- Gegensätze 45. -- Fahrende Frauen 48. -- Die gemeinen Frauen
- in den Städten 55. Frauenhäuser 56. Sittenpolizei 60. Eingreifen
- der Kirche 61. Reuerinnen 62. Rettungshäuser 63. -- Rückblick 66.
- Wandlung seit der Reformation 67. -- Die heutige Frauenfrage 71. --
- Anmerkungen 76.
-
-
-
-
-Die »Frauenfrage« bildet nach allgemeiner Annahme eine Zeitfrage von
-so eigenartig modernem Charakter, dass es von vornherein fraglich
-erscheinen könnte, ob man berechtigt sei, diesen Ausdruck auch auf
-Erscheinungen der Vergangenheit anzuwenden. Wenn wir aber überall
-da von »Fragen« reden, wo wir die vorhandenen Zustände in einem
-auffälligen Widerspruche sehen zu dem, was Vernunft und Gerechtigkeit
-fordern, so wird es wohl kaum noch einem Zweifel unterliegen, dass
-wir auch von Fragen der Vergangenheit sprechen dürfen, wo wir immer
-derartige Widersprüche zwischen dem, was +war+, und dem, was hätte
-sein sollen, entdecken. Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob die
-tatsächlich vorhandenen Widersprüche als »Fragen« in das Bewusstsein
-der Zeitgenossen getreten sind; es genügt vollständig, wenn ein
-derartiger Widerspruch nachgewiesen werden kann, oder wenn sich
-Versuche und Anstalten zu seiner Beseitigung erkennen lassen. Oder
-wollte etwa jemand leugnen, dass die moderne Frauenfrage lange vor der
-Zeit schon existiert hat, wo sie anfing, in populären Vorträgen, auf
-»Frauentagen« oder bei ästhetischen Teegesellschaften verhandelt zu
-werden?
-
-Wenn ich in diesem Sinne von einer Frauenfrage im Mittelalter sprechen
-will, so bin ich weit davon entfernt, mich auf den Standpunkt
-derjenigen zu stellen, welche die gesamte rechtliche, politische und
-soziale Stellung der Frau im Widerspruch finden mit den Forderungen
-der Vernunft und Gerechtigkeit. Von diesem Standpunkte aus gab es
-sicherlich im Mittelalter weit, weit mehr zu »fragen« und zu wünschen
-als heutzutage. Ich denke mich vielmehr auf jenen engeren Teil
-der Frauenfrage zu beschränken, den man vielleicht richtiger als
-»Frauen+erwerbs+frage« bezeichnen würde. Freilich hat auch noch in
-diesem engeren Sinne heute die Frauenfrage eine doppelte Seite. Sie
-stellt sich dar einerseits als Frauenschutzfrage mit Bezug auf die
-zahlreichen weiblichen Arbeiter der Industrie, anderseits als Frage der
-Erweiterung des Erwerbsgebiets der Frauen für diejenigen weiblichen
-Glieder der gebildeten Klasse, welche aus irgend einem Grunde
-ausserhalb der natürlichen Tätigkeitssphäre ihres Geschlechtes in der
-Wirtschaft Verwendung suchen.
-
-Welche von diesen beiden Seiten der Frauenerwerbsfrage man nun
-auch ins Auge fassen mag, immer wird man darauf zurückgeführt, die
-+Wurzel+ derselben zu suchen in der Tatsache, dass gegenwärtig ein
-ansehnlicher Teil der Frauen innerhalb der Familie nicht diejenige
-Versorgungsgelegenheit findet, die wir ihm aus allgemeinen Gründen
-wünschen müssen. Diese Tatsache beruht in erster Linie auf einem
-statistischen Missverhältnis, welches obwaltet zwischen der Zahl der
-heiratsfähigen Frauen und Männer, sodann aber auf einer entweder
-notwendigen oder freiwilligen Enthaltung von der Ehe auf Seiten eines
-Teils der heiratsfähigen Männer.
-
-Was zunächst jenes statistische Missverhältnis betrifft, so ist es eine
-bekannte Tatsache, dass fast in allen europäischen Staaten unter den
-Neugeborenen die Zahl der Knaben überwiegt, dass aber durch rasches
-Absterben der männlichen Kinder das Zahlenverhältnis zwischen beiden
-Geschlechtern bis etwa zum 17. oder 18. Jahre sich ausgleicht. Wo nun
-eine Bevölkerung weiterhin nur natürlichen Einflüssen ausgesetzt ist,
-d. h. wo die Verminderung der Geschlechter nur durch Absterben erfolgt,
-da kann sich das Zahlenverhältnis derselben etwa vom 18. bis zum 30.
-Jahre, also dem eigentlichen Heiratsalter, im Gleichgewicht erhalten.
-Es würde bei rechtzeitiger Verheiratung jede Frau einen Mann bekommen
-können. Vom 30. Jahre ab gewinnt überall das weibliche Geschlecht ein
-Uebergewicht und steigert dasselbe von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, so dass
-in den höchsten Altersstufen auf 10 Männer durchschnittlich 14-20
-Frauen zu kommen pflegen.
-
-So gestaltet sich das Verhältnis der Geschlechter unter rein
-+natürlichen Einflüssen+. Allein diese natürlichen Einflüsse gelangen
-in vielen Staaten nicht zu ungestörter Wirksamkeit. Kriege und
-Auswanderung, sowie die nachteiligen Folgen mancher Berufstätigkeiten
-verringern die Zahl der Männer schon zwischen dem 18. und 30. Jahre
-so stark, dass fast plötzlich um das 20. Jahr das anfängliche
-Uebergewicht des männlichen Geschlechts in ein Uebergewicht des
-weiblichen Geschlechtes umschlägt. Insbesondere ungünstig prägen
-sich die Ergebnisse der angedeuteten nachteiligen Einwirkungen in
-der Geschlechtsgliederung der deutschen Bevölkerung aus. Von den
-Altersstufen zwischen 20 und 25 Jahren kommen im Deutschen Reiche
-nach der Zählung von 1900 auf 1000 Männer schon 1012 Frauen; im
-Alter von über 20 Jahren überhaupt auf 1000 Männer 1064 Frauen. Noch
-ungünstiger gestaltet sich diese Betrachtung, wenn wir berücksichtigen,
-dass normaler Weise das Heiratsalter des Mannes um etwa fünf Jahre
-höher ist, als das der Frau. Stellen wir demgemäß die Männer im Alter
-von 25-30 Jahren den Frauen im Alter von 20-25 Jahren gegenüber, so
-erhalten wir für die deutsche Bevölkerung auf je 1000 Männer 1105
-Frauen.
-
-Es kann demnach ein beträchtlicher Teil der heiratsfähigen Frauen
-unter keinen Umständen heute zur Verehelichung gelangen, selbst den
-Fall vorausgesetzt, dass alle Männer heiraten wollten und könnten.
-Dieser Fall trifft nun aber bekanntlich nicht zu. Ein ansehnlicher
-Teil der Männer (in ganz Deutschland gegen 10%) bleibt unvermählt. Es
-ist klar, dass beide Umstände, der statistische Frauenüberschuss und
-das soziale Uebel der männlichen Ehelosigkeit, in ihrem Zusammenwirken
-einen beträchtlichen Teil der unverheiratet bleibenden Frauen auf eine
-Existenz durch eigene Erwerbsarbeit hinweisen. Zu einem eigentlichen
-Erwerbs-Notstande führen dieselben indes nur in den sogen. höheren
-Klassen der Gesellschaft, für die es an passenden Frauenerwerbsgebieten
-fehlt.
-
-Aus ganz derselben Ursache, wie die moderne Frauenerwerbsfrage,
-entspringt die mittelalterliche Frauenfrage, von der im Folgenden die
-Rede sein soll. Wenn ich im allgemeinen von einer +mittelalterlichen+
-Frage spreche, so soll damit nicht gesagt sein, dass das ganze
-Mittelalter und alle Klassen der Bevölkerung in die Erörterung
-hereingezogen werden sollen. Ich muss mich vielmehr beschränken auf die
-Zeit und die Teile der Bevölkerung, für welche uns allein Quellen über
-diese Dinge fliessen, auf die deutschen Städte von der Mitte des XIII.
-bis zum Ausgange des XV. Jahrhunderts.
-
-Statistische Ermittelungen, welche über drei der bedeutendsten
-mittelalterlichen Städte Deutschlands angestellt werden konnten[1],
-haben übereinstimmend einen so bedeutenden Ueberschuss der erwachsenen
-weiblichen über die gleichalterige männliche Bevölkerung ergeben,
-dass man mit Notwendigkeit auf die Vermutung geführt wird, es müsse
-die Frauenfrage im städtischen Leben der beiden letzten Jahrhunderte
-des Mittelalters weit schärfer und brennender aufgetreten sein als
-heutzutage. Eine zuverlässige Zählung der Nürnberger Bevölkerung,
-welche am Ende des Jahres 1449 vorgenommen wurde, ergab unter der
-bürgerlichen Bevölkerung auf 1000 erwachsene Personen männlichen
-Geschlechts 1168 Personen weiblichen Geschlechts. Aber nicht bloss in
-den bürgerlichen Familien, sondern auch unter der dienenden Klasse
-(den Knechten, Handwerksgesellen und Mägden) überwog das weibliche
-Geschlecht. Rechnen wir diese mit der bürgerlichen Bevölkerung
-zusammen, so kamen gar auf 1000 männliche Personen 1207 weibliche. In
-Basel scheint um 1454 das Verhältnis ähnlich gewesen zu sein. In den
-beiden Kirchspielen St. Alban und St. Leonhard trafen damals auf 1000
-männliche Personen über 14 Jahren 1246 weibliche Personen der gleichen
-Altersstufen. Eine Zählung endlich, welche die grössere Hälfte der
-erwachsenen Bevölkerung von Frankfurt a. M. im Jahre 1385 umfasst,
-ergab 1536 männliche und 1689 weibliche Personen oder auf 1000 Männer
-rund 1100 Frauen. Diese letzte Ziffer ist eine Minimalziffer; es lässt
-sich mit guten Gründen wahrscheinlich machen, dass der Frauenüberschuss
-in Frankfurt a. M. im Jahre 1385 noch weit beträchtlicher gewesen ist.
-
-Diese Zahlen reden jedenfalls eine sehr deutliche Sprache; ihr Gewicht
-wird indess noch verstärkt durch eine Reihe von Beobachtungen, von
-denen ich hier nur +eine+ kurz mitteilen will. Das Frankfurter
-Stadtarchiv besitzt noch heute einen grossen Teil der Listen,
-welche über die Erhebung der Vermögenssteuer (Bede) im XIV. und XV.
-Jahrhundert geführt wurden. Diese Erhebung erfolgte ebenso wie die
-Einschätzung durch den Rundgang einer Kommission von Haus zu Haus.
-Das Vermögen wurde nach eidlicher Versicherung der Steuerpflichtigen
-zur Steuer veranlagt und die Hausbesitzer waren bei schwerer Strafe
-gehalten, alle in ihren Häusern wohnenden Personen mit eigenem Vermögen
-anzugeben. Dieses Verfahren bietet ohne Zweifel die Gewähr grosser
-Genauigkeit mit Bezug auf die Ermittlung der Steuerpflichtigen. Da
-ist es nun überaus auffallend, wie häufig unter den Steuerzahlern
-alleinstehende Frauen auftreten. Nach zahlreichen statistischen
-Ermittlungen[2], welche die Jahre 1354-1510 umfassen, machten in
-diesem Zeitraum die Frauen den +sechsten+ bis den +vierten+ Teil aller
-Steuerpflichtigen aus. Bedenkt man, dass es sich bei diesem Verhältnis
-grösstenteils um alleinstehende, selbständige Frauen handelt, dass
-die zahlreichen Nonnen, Pfründnerinnen und Bekinen meist nicht
-mitgerechnet sind und dass Frauen auch im Mittelalter viel schwerer
-zur Selbständigkeit gelangten als die Männer, so erhält man eine
-Ahnung davon, wie schneidend das Missverhältnis in der Zahl beider
-Geschlechter im bürgerlichen Leben der Städte hervorgetreten sein muss.
-
-Hier wirft sich zunächst die Frage auf: woher kommt dieser bedeutende
-Ueberschuss der erwachsenen weiblichen über die männliche Bevölkerung?
-Ich will versuchen, dieselbe mit ein paar kurzen Andeutungen zu
-beantworten. Drei Ursachen scheinen mir besonders in Betracht zu kommen:
-
-1. die zahlreichen Bedrohungen, welchen das männliche Leben in den
-mittelalterlichen Städten infolge der fortwährenden Fehden, der
-blutigen Bürgerzwiste und der gefahrvollen Handelsreisen ausgesetzt war;
-
-2. die grössere Sterblichkeit der Männer bei den oft sich
-wiederholenden pestartigen Krankheiten. Mindestens weisen auf eine
-derartige Vermutung hin die stärkeren Ziffern für die Frauen,
-welche regelmässig nach Pestjahren in den Frankfurter Steuerlisten
-auftreten[3];
-
-3. die Unmässigkeit der Männer in jeder Art von Genuss.
-
-Ausserdem ist wohl die Vermutung nicht abzuweisen, dass die städtische
-Berufsarbeit in engen, ungesunden Räumen, zwischen hohen, dicht
-zusammengerückten Häusermauern bei der Unvollkommenheit der technischen
-Hilfsmittel viel mehr aufreibende Muskelarbeit von den Männern
-erfordert habe, dass der Daseinskampf bei dem raschen Wechsel von guten
-und schlechten Jahren, von hohen und niederen Lebensmittelpreisen, von
-Ueberfluss und Mangel für sie, wenn auch vielleicht im ganzen nicht
-schwieriger, so doch unregelmässiger und wechselvoller sich gestaltet
-haben müsse als in Zeiten besserer Gesundheitspflege und ausgebildeten
-nationalen und internationalen Verkehrs.
-
-Welcher von diesen Entstehungsursachen nun auch der mittelalterliche
-Frauenüberschuss vorwiegend zuzuschreiben sein mag -- sicher ist, dass
-er vorhanden war und dass er in mancherlei Verhältnissen des sozialen
-Lebens seinen Ausdruck fand. Sicher ist auch, dass die dadurch für
-zahlreiche Frauen gegebene Unmöglichkeit einer Versorgung in der Ehe zu
-Uebelständen führte, die das Mittelalter klar erkannte und auf seine
-eigene Art zu heilen suchte.
-
-Ehe wir zur Betrachtung dieser Verhältnisse übergehen, müssen wir
-kurz die Frage berühren, wie weit Beschränkungen des Rechts zur
-Verehelichung das Uebel noch vermehrten.
-
-Hier tritt zunächst das Cölibat der Geistlichkeit uns entgegen. Ihre
-Zahl war allerwärts in den Städten unverhältnismässig gross. Sie lässt
-sich in Frankfurt a. M. für das XIV. und XV. Jahrhundert bei einer
-Einwohnerzahl von 8000-10000 auf 200-250 Personen berechnen[4]. Für
-Lübeck darf man in derselben Zeit 250-300 Weltgeistliche und gegen 100
-Klosterbrüder annehmen[5]. In Wismar belief sich um 1485 die Zahl der
-Weltgeistlichen auf 150; in Nürnberg wird 1449 der geistliche Stand auf
-446 (einschliesslich der Dienerschaft) angegeben. Wie ungünstig ihre
-Ehelosigkeit die Heiratsziffern des weiblichen Geschlechts in diesen
-kleinen Gemeinwesen beeinflussen musste, liegt auf der Hand.
-
-Sodann wirkte die zünftige Ordnung des Gewerbebetriebes nachteilig
-auf das Heiratsalter eines grossen Teiles der männlichen Bevölkerung
-ein. Die Verehelichung des Handwerkers hing von seiner Zulassung
-zur Meisterschaft ab, und diese wieder von Bedingungen, welche
-die Angehörigen der Zunftmitglieder begünstigten[6]. Der Geselle
-durfte als solcher im allgemeinen nicht heiraten[7]. Infolge der
-Schliessung vieler Zünfte, der Beschränkung der Betriebsstätten und
-Verkaufsbänke bildete sich deshalb im XIV. und XV. Jahrhundert ein
-eigener Gesellenstand, der keine Aussicht auf Selbständigmachung und
-Familiengründung hatte. Indessen zeugen doch die vielfachen Verbote der
-Zunftstatuten, verheiratete Gesellen anzunehmen, sowie viele Beispiele
-der Frankfurter Steuerlisten dafür, dass Gesellenheiraten nicht eben
-selten waren. Auf keinen Fall aber waren sie so leicht und häufig, wie
-heute die Ehen der Fabrikarbeiter.
-
-Wenn wir uns nun anschicken, die Frage zu beantworten: +was wurde im
-Mittelalter aus den zahlreichen Frauen, die ihren »natürlichen Beruf«
-zu erfüllen verhindert waren+? so müssen wir uns vor allen Dingen von
-der Anschauung los machen, welche den meisten von uns aus unseren
-frühesten Schuljahren anklebt. Wir hören da nach den Schilderungen in
-Tacitus’ »Germania« von der hohen Achtung, der fast göttergleichen
-Verehrung, welche dem Weibe bei den alten Germanen gezollt wurde;
-aber wir übersehen nur zu leicht, dass derselbe Tacitus die Stellung
-der Frau in der Wirtschaft so beschreibt, dass wir mit Notwendigkeit
-auf eine grosse Ueberlastung des weiblichen Geschlechts schliessen
-müssen. Der Mann achtet keine Tätigkeit ausser derjenigen mit dem
-Schwerte. Träge liegt er im Frieden auf der Bärenhaut; Schlaf, Trunk
-und Würfelspiel füllen seine Zeit. Die Sorge für Feld, Haus und Herd
-bleibt den Frauen, die mit den Kindern, den Schwachen und Unfreien die
-Wirtschaft führen. Neben der erhaltenden und verwaltenden Tätigkeit des
-Hauses, die heutzutage den Frauen hauptsächlich zufällt, hatten sie
-also auch die gesamte Gütererzeugung zu bewerkstelligen; oder, um einen
-geläufigen Ausdruck zu gebrauchen: die Frau ernährte die ganze Familie.
-Sie war Arbeiterin, Wirtschaftsführerin, Haushälterin und Erzieherin
-der Kinder zugleich. Die Germanen machten also in ihrer primitiven
-Periode keine Ausnahme von der Erwerbsordnung, die wir noch heute bei
-Naturvölkern finden.
-
-Dieser Zustand änderte sich nach den grossen Wanderungen, als in
-währenden Friedenszeiten und bei wachsender Bevölkerung die deutschen
-Männer sich herabliessen, auch den Acker zu bebauen. Immer aber blieb
-noch ein grosser Teil der Landwirtschaft, namentlich die Be- und
-Verarbeitung vegetabilischer Stoffe, den Frauen überlassen. Auch als
-mehr und mehr aus der alten geschlossenen Hauswirtschaft einzelne
-Tätigkeiten als Gewerbe sich absonderten, blieb das Arbeitsgebiet der
-Frau immer noch sehr gross, wie wir deutlich aus der Verteilung der
-Arbeiten in den grundherrlichen Grosswirtschaften erkennen. Da finden
-wir unter den männlichen Leibeigenen freilich schon Müller und Bäcker,
-Schneider und Schuster, Grobschmiede und Waffenschmiede; den Frauen lag
-aber nicht bloss die Arbeit in Küche und Keller, in Garten und Stall
-ob, sondern auch die Besorgung der Gewandung von der Schafschur und der
-Flachsbereitung bis zum Weben, Färben, Zuschneiden, Nähen und Sticken,
-ferner das Bierbrauen, Seifensieden, Lichterziehen und eine Menge
-von anderen Verrichtungen, die später nach und nach von besonderen
-Gewerbetreibenden übernommen wurden[8].
-
-So sehen wir bis in das XIII. Jahrhundert hinein in dem Masse, als die
-gewerbliche Berufsbildung fortschritt, eine immer weiter greifende
-Entlastung der Frau von schweren körperlichen Arbeiten eintreten; ihre
-Tätigkeit beginnt sich auf dasjenige Gebiet zu beschränken, welches wir
-als die Haushaltung zu bezeichnen pflegen. Aber immer war dieses Gebiet
-noch bedeutend umfangreicher als heutzutage. Das Spinnen und Bleichen,
-das Backen und Bierbrauen wurde auch in den Städten noch vielfach von
-den Frauen besorgt; der Schuster und Schneider, der Sattler und der
-Bauhandwerker arbeiteten im Hause auf der »Stör«; eine grosse Anzahl
-von Produkten, die wir heute fertig zum Verbrauche kaufen, bedurfte
-noch der Zurichtung durch die Frauen.
-
-Dies alles weist darauf hin, dass eine grössere Zahl von Frauen in
-den mittelalterlichen Haushaltungen verwendet werden konnte, als dies
-heute möglich wäre. So mögen vielfach elternlose Mädchen und verwitwete
-Frauen in den Familien ihrer näheren oder entfernteren Verwandten
-Unterkunft und Beschäftigung gefunden haben; der Familienzusammenhang
-war ohnehin damals noch viel stärker als gegenwärtig. Diejenigen
-alleinstehenden Frauen dagegen, welche keinen derartigen Rückhalt
-besassen, waren allem Anscheine nach in den Städten sehr übel gebettet.
-Auf dem Lande mochten Frauenhände immer in der Wirtschaft erwünscht
-sein; in den Städten war die Frau (abgesehen von der Eingehung eines
-Dienstbotenverhältnisses) nach der gewöhnlichen Annahme von der
-Erwerbsarbeit in den zünftigen Gewerben fast vollständig ausgeschlossen.
-
-In der Tat wird sich nicht leugnen lassen, dass die gesamte Stellung
-der Gewerbe im Mittelalter ein selbständiges Eingreifen der Frauen in
-dieses Gebiet grundsätzlich auszuschliessen scheint. Das Zunftwesen,
-welchem alle einigermassen entwickelten Gewerbe unterworfen waren, war
-seinem innersten Wesen nach auf die Familie gegründet. Die Zünfte waren
-nicht bloss gewerbliche Vereine, sondern Unterabteilungen der Gemeinde
-mit rechtlichen, politischen, militärischen und administrativen
-Aufgaben. Das Recht zum Gewerbebetrieb schloss die Verpflichtung zum
-Waffendienst und zu anderen Leistungen in sich, zu welchen Frauen nicht
-wohl herangezogen werden konnten. Bei der Teilnahme an den politischen
-Rechten, von der ja die Frauen ausgeschlossen waren, spielten die
-Zünfte wieder eine Rolle, welche die Zulassung weiblicher Mitglieder
-untunlich zu machen schien.
-
-Adrian Beier[9], der Verfasser des ältesten Kompendiums des
-Handwerksrechts, stellt denn auch den Satz auf: das männliche
-Geschlecht sei eine der unerlässlichen Grundbedingungen für die
-Aufnahme in eine Zunft gewesen. Die ganze gesellschaftliche Ordnung,
-meint er, beruhe darauf, dass jedes Geschlecht diejenigen Geschäfte
-übernehme, welche seiner Natur am angemessensten seien, der Mann die
-Erwerbsarbeit, die Frau die Küche, den Spinnrocken, die Nadel, die
-Wäsche; auch das Weben, Lichtergiessen und Seifensieden solle ihr noch
-gestattet sein. Das Mädchen sei zur Ehe bestimmt; man könne nicht
-wissen, wen es einmal heiraten werde; eine gelernte Schusterin sei aber
-dem Schmiede nichts nütze. Ausserdem könne man nicht allein in der
-Lehre lernen; von ungewanderten Junggesellen und gewanderten Jungfern
-werde aber beiderseits wenig gehalten. Der Umgang mit Männern in der
-Werkstätte sei in sittlicher Hinsicht nicht ungefährlich. Endlich
-sei die Zunft eine öffentliche Einrichtung; das Meisterrecht sei mit
-staatlichen Leistungen, als Wachen und Gaffen, verbunden, wozu Weiber
-nicht taugten.
-
-Trotz dieser anscheinend in der Natur der Sache liegenden
-grundsätzlichen Ausschliessung der Frauen wenigstens vom zünftigen
-Gewerbebetrieb sehen wir das ganze Mittelalter hindurch die Frauen
-vielfach im Gewerbe tätig -- ein Beweis, dass eine derartige
-Beschäftigung derselben durch die tatsächlichen Verhältnisse sich als
-notwendig aufdrängte. Ja wir finden sogar Frauenarbeit in einer Reihe
-von Berufsarten, von denen sie gegenwärtig tatsächlich ausgeschlossen
-ist.
-
-Ich will hier die Tatsache nicht weiter betonen, dass die Witwe eines
-Meisters das Geschäft ihres Mannes forttreiben durfte; das ist bekannt
-genug. Ueberdies ist dieses Vorrecht in manchen Gewerben und Städten
-zeitlich begrenzt oder an die Bedingung der Wiederverheiratung mit
-einem Gesellen des gleichen Handwerks geknüpft. Ich will auch kein
-grosses Gewicht darauf legen, dass Frauen und Töchter, oft auch die
-Magd eines Handwerkers demselben im Geschäfte helfen konnten; das
-liess sich bei aller Bevormundung, die dem Mittelalter eigen war, so
-leicht nicht verbieten. Viel wichtiger erscheint mir, dass Frauen und
-Mädchen innerhalb eigener oder fremder Gewerbebetriebe zahlreiche
-Verwendung fanden, bald als abhängige Lohnarbeiterinnen, bald sogar
-als selbständige Meisterinnen. War das betreffende Gewerbe zünftig,
-so konnten hier und da die Frauen in eigenem Namen den Zünften mit
-gleichem Rechte wie die Männer angehören; war es unzünftig, so waren
-sie selbstverständlich keinerlei Beschränkungen unterworfen. Endlich
-finden wir sogar Gewerbe mit zünftiger Ordnung, die ausschliesslich aus
-Frauen bestanden.
-
-Natürlich handelt es sich hier zunächst um Gebiete, in welchen die
-Frauen von Alters her tätig gewesen waren[10]. Dahin gehört das ganze
-Gebiet der +Textilindustrie+. Die Weberei war zwar seit dem XII.
-Jahrhundert ein eigenes Gewerbe in Männerhand; indessen blieben die
-Vorrichtungsarbeiten, das Wollkämmen, Spinnen, Garnziehen, Spulen, fast
-überall noch lange Zeit in den Händen der Frauen. Wir finden deshalb
-an vielen Orten ein zahlreiches weibliches Arbeiterpersonal in der
-+Wollweberei+: Kämmerinnen, Spinnerinnen, Spulerinnen, Garnzieherinnen,
-Nopperinnen -- meist abhängige Lohnarbeiterinnen nach Art unserer
-Heim- oder Fabrikarbeiterinnen. In Frankfurt a. M. standen sie unter
-der Aufsicht von zwei Mitgliedern des Rats. Ihre Tätigkeit war an sehr
-eingehende Vorschriften gebunden, und wir haben in der Frankfurter
-Weberordnung von 1377 wohl das älteste Beispiel einer Regulierung der
-Frauenarbeit durch die öffentliche Gewalt[11]. Auch als Weberinnen
-finden wir die Frauen nicht selten tätig, und hier nicht bloss im
-Lohndienst, sondern auch als selbständige Mitglieder der Zunft. So in
-Bremen, in Köln, in Dortmund, in Danzig, in den schlesischen Städten,
-in Speier, Strassburg, Ulm, München. »Wer Webermeister oder Meisterin
-ist«, heisst es in einer Münchener Ratsverordnung aus dem XIV.
-Jahrhundert, »der soll haben, ob er will, einen Lernknecht und eine
-Lerndirne und nicht mehr«.
-
-Was die +Leinenweberei+ betrifft, so ist hier eine vielseitige
-selbständige Beteiligung der Frauen am Handwerk um so weniger zu
-bezweifeln, als in einem grossen Teile von Deutschland auf dem
-Lande die Frauen bis ins XIX. Jahrhundert hinein Leinwand gewebt
-haben. In Hamburg konnten Frauen in der Leinenweberei beim sogen.
-»schmalen Werke« selbständig werden (1375); in Strassburg wurden die
-Schleier- und Leinenweberinnen (1430) zu den Zunftlasten herangezogen;
-in Frankfurt a. M. finden wir ebenfalls selbständig steuernde
-»Lineberssen« (1428), ohne dass es freilich ersichtlich wäre, ob
-dieselben als Meisterinnen oder als Lohnarbeiterinnen betrachtet
-werden müssen. Die Schleierweberei und Schleierwäscherei ist dort
-ganz in den Händen der Frauen; ebenso scheinen sie die +Schnur+- und
-+Borten+wirkerei im XIV. und XV. Jahrhundert allein betrieben zu haben.
-In den schlesischen Städten bildete das Garnziehen ein eigenes Gewerbe,
-an dem Männer und Frauen beteiligt waren. In Köln bestand eine eigene
-Zunft von Garnmacherinnen; sie mussten sechs Jahre lernen und keine
-Meisterin durfte mehr als drei Mägde oder Lohnwerkerinnen halten. In
-der zu Anfang des XV. Jahrhunderts aufgekommenen +Barchentweberei+
-haben dagegen weibliche Arbeitskräfte bis jetzt nicht nachgewiesen
-werden können.
-
-Etwas anders lagen die Verhältnisse im +Schneidergewerbe+. Hier
-konnten freilich die Frauen auch das Recht hergebrachten Besitzes für
-sich geltend machen, da sie in älterer Zeit nicht bloss die eigenen
-Kleider, sondern auch diejenigen der Männer gefertigt hatten. Lesen wir
-doch noch im Nibelungenliede, dass Chriemhilde mit ihren Mägden den
-ausziehenden Recken das Gewand bereitet. Aber beim ersten Auftreten
-der Schneiderzünfte arbeiteten die Schneider nicht bloss alle Arten
-von Männerkleidern, sondern auch die Frauengewänder, ja sie hatten
-selbst die ganze Weisszeugnäherei[12]. Indessen bemerken wir doch auch
-hier eine rege Frauentätigkeit. Nicht nur dass im Schneidergewerbe
-Frauen und Töchter der Zunftmeister in weiterem Masse als in anderen
-Handwerken mitarbeiteten; an nicht wenigen Orten konnten auch Frauen
-als selbständige Meisterinnen in die Zunft treten, ja sie durften
-selbst Arbeiterinnen haben und Lehrmädchen annehmen. In Frankfurt und
-Mainz, wie wohl in allen mittelrheinischen Städten, suchte man ihre
-Aufnahme in die Zunft durch Festsetzung geringerer Aufnahmegebühren
-für Frauen zu erleichtern[13]. Erst im XV. Jahrhundert entstanden in
-den rheinischen Städten sehr langwierige Streitigkeiten zwischen den
-Schneidern und den Näherinnen, die schliesslich damit endeten, dass das
-Gebiet der letzteren auf diejenigen Arten des Nadelwerks beschränkt
-wurde, welche noch heute den Frauen eigen sind.
-
-Noch eine Reihe von anderen Handwerken lässt sich nachweisen, die im
-Mittelalter Frauen im Amte hatten. Es würde indes zu weit führen,
-hier auf die Einzelheiten einzugehen. Ich begnüge mich deshalb
-damit, hier kurz die zünftigen Gewerbe zu nennen, bei welchen
-weibliche Arbeitskräfte Verwendung fanden. Es sind: die Kürschner
-(in Frankfurt und in den schlesischen Städten), die Bäcker (in den
-mittelrheinischen Städten), Wappensticker, Gürtler (Köln, Strassburg),
-die Riemenschneider (Bremen), die Paternostermacher (Lübeck), die
-Tuchscherer (Frankfurt), die Lohgerber (Nürnberg), die Goldspinner und
-Goldschläger (in Köln). In den Statuten der letzteren hiess es: »Kein
-Goldschläger, dessen Frau Goldspinnerin ist, darf mehr als drei Töchter
-zum Goldspinnen haben; die Goldspinnerin dagegen, deren Mann nicht
-Goldschläger ist, darf vier Töchter haben und nicht mehr, dass sie ihr
-Gold spinnen.« An der Spitze beider Gewerbe stand je ein Meister und
-eine Meisterin, welche das Werk des Amtes zu besehen und zu prüfen
-hatten. Natürlich konnte es sich hier überall nur um Gewerbe handeln,
-welche der Natur ihres Betriebes nach für das zarte Geschlecht geeignet
-waren; denn es war stehender Grundsatz des alten Handwerksrechtes, dass
-niemand in der Zunft sein solle, der das Gewerbe nicht mit eigener Hand
-treiben könne.
-
-Im ganzen können wir sonach behaupten, dass im Mittelalter die
-Frauen von keinem Gewerbe ausgeschlossen waren, für das ihre Kräfte
-ausreichten. Sie waren berechtigt, Handwerke ordnungsmässig zu lernen,
-sie als Gehilfinnen, ja selbst als Meisterinnen zu treiben[14].
-Indessen bemerken wir schon frühe die Tendenz, die Frauenarbeit mehr
-und mehr zurückzudrängen. Dieselbe wendet sich zunächst gegen die
-Meisterswitwen, deren Recht auf eine gewisse Zeit (Jahr und Tag)
-beschränkt oder an bestimmte Bedingungen geknüpft wird. Sodann gegen
-das Mitarbeiten der Mägde und der weiblichen Familienglieder, endlich
-auch gegen die selbständige Tätigkeit der Frauen in den Zünften. Die
-Gesellenverbände fangen an, sich zu weigern, neben den weiblichen
-Arbeitern zu dienen; die Meister klagen über Beeinträchtigung ihres
-Nahrungsstandes. Im XVI. Jahrhundert leistet noch die öffentliche
-Gewalt diesen engherzigen Bestrebungen Widerstand, im XVII. Jahrhundert
-erlahmt sie darin völlig, und so kommt es, dass nur in vereinzelten
-Fällen bis ins XVIII. Jahrhundert die Frauenarbeit im Handwerk sich
-erhalten hat[15].
-
-Was die nichtzünftigen Gewerbe betrifft, so unterlag in diesen
-die Frauenarbeit wohl nie irgend welchen Beschränkungen. Nur beim
-stehenden Kleinhandel, der jetzt so vielen Frauen Selbständigkeit und
-Unterhalt gewährt, scheint die Marktpolizei vielfach zu Ungunsten
-der Frauen eingegriffen zu haben, während sie beim Hausierhandel
-anscheinend stärker vertreten waren. So wird bei den Gewandschneidern
-und Fischhocken in Frankfurt der Verkauf durch die Frauen verboten,
-mit Ausnahme des Falles, wo der Mann abwesend ist; in München sollte
-keines Fleischhackers oder Metzgers Weib in der Bank stehen und
-Fleisch verkaufen[16]; in Passau durfte die Frau eines Salzhändlers
-nur wenn der Mann krank war dessen Geschäft versehen. Die Hocken und
-Viktualienhändler sind fast allerwärts Männer; nur in Ulm bilden die
-Käuflerinnen ein eigenes weibliches Gewerbe[17].
-
-Es wird vielleicht zur Veranschaulichung des Gesagten beitragen, wenn
-hier noch kurz die Berufsarten namhaft gemacht werden, bei welchen
-ich in Frankfurter Urkunden aus der Zeit zwischen 1320 und 1500
-Frauen beschäftigt gefunden habe. Sie lassen sich in vier Gruppen
-zerlegen. In der ersten, welche die Berufe umfasst, für die nur
-weibliche Namen vorkommen, ergaben sich 65 Beschäftigungsarten. Die
-zweite enthält die Berufe, in welchen die Frauen überwiegen; ihrer
-sind freilich nur 17. Aber ihnen stehen 38 Berufe gegenüber, in denen
-Männer und Frauen etwa gleich stark sich vertreten fanden und 81,
-in denen der Umfang ihrer Tätigkeit hinter derjenigen der Männer
-zurückblieb[18]. Das ergibt rund 200 Berufsarten mit Frauenarbeit.
-Unter ihnen treten allerdings die schon erwähnten Hilfsgewerbe der
-Textilindustrie am stärksten hervor. Die Verfertigung von Schnüren und
-Bändeln, Hüllen und Schleiern, Knöpfen und Quasten ist ganz in ihren
-Händen. Wie an der Schneiderei beteiligen sie sich an der Kürschnerei,
-Handschuh- und Hutmacherei, verfertigen Beutel und Taschen, lederne
-Brustflecke und Sporleder. Selbst bis in die kleine Holz- und
-Metallindustrie reicht ihre Tätigkeit: Nadeln und Schnallen, Ringe
-und Golddraht, Besen und Bürsten, Matten und Körbe, Rosenkränze und
-Holzschüsseln gehen aus ihren Händen hervor. Die Feinbäckerei scheint
-vorzugsweise ihnen obzuliegen; fast ausschliesslich beherrschen sie
-die Bierbrauerei und die Herstellung von Kerzen und Seife. In dem
-außerordentlich spezialisierten Kleinhandel überwiegen sie: Obst,
-Butter, Hühner, Eier, Häringe, Milch, Käse, Mehl, Salz, Oel, Senf,
-Essig, Federn, Garn, Sämereien werden fast nur von ihnen vertrieben.
-Das Hockenwerk und das Trödelgeschäft, ja selbst der sehr entwickelte
-Handel mit Hafer und Heu sind vielfach in den Händen von Frauen.
-Sie treiben sich unter den Abenteurern und Gauklern hausierend
-umher. In den Badstuben Frankfurts bedienten 30 bis 40 Bademägde;
-ja man konnte sich zuweilen selbst von zarten Händen rasieren und
-immer in den Weinschenken sich von weiblichen Musikanten, wie
-Lauten- und Zimbelschlägerinnen, Pfeiferinnen, Fiedlerinnen und
-Schellenträgerinnen, etwas vorspielen lassen. Abschreiberinnen und
-Briefdruckerinnen kommen wenigstens vereinzelt vor; schon 1346 wird
-eine Malerin und von 1484 ab häufig Juttchen die Puppenmalerin
-genannt. Ja selbst im städtischen Dienst werden Frauen verwendet,
-nicht bloss als Hebammen und Krankenpflegerinnen, sondern selbst als
-Schlaghüterinnen, Pförtnerinnen, Turmwächterinnen[19], Zöllnerinnen
-und beim Hüten des Viehs. Unter den 11 Personen, welchen 1368 der
-Rat das Geldwechselgeschäft übertragen hatte, werden nicht weniger
-als 6 Frauen genannt; wir begegnen einer Frau als Pächterin des
-Leinwandzolles und einer anderen als Aufseherin und Einnehmerin in der
-Stadtwage[20]. Im XIV. Jahrhundert findet sich häufig eine weltliche
-Schulmeisterin, _Lyse, die die Kinde leret_, auch kurz _lerern_ oder
-_kindelern_ -- vielleicht eine mittelalterliche Kindergärtnerin. Aber
-1361 wird zugleich mit ihr Katherine schulmeistern genannt -- ein
-Beweis, dass keine vereinzelte Erscheinung vorliegt. In Lübeck war es
-von alters üblich, dass ehrbare Frauen kleine Mädchen schreiben und
-lesen lehren durften. Ferner hat es während des ganzen XIV. und XV.
-Jahrhunderts in den meisten Städten weibliche Aerzte gegeben. Zwischen
-1389 und 1497 konnten in Frankfurt nicht weniger als 15 Aerztinnen
-mit Namen nachgewiesen werden, unter diesen 4 Judenärztinnen und 3
-Augenärztinnen[21]. Verschiedenen von ihnen werden sogar wegen Heilung
-städtischer Bediensteten Ehrungen und Steuererleichterungen vom Rate
-bewilligt. Endlich war es nichts seltenes, dass in unsicheren Zeiten,
-wenn raubende und plündernde Haufen in der Umgegend sich sammelten,
-Frauen im Kundschafterdienst verwendet wurden[22]. Einer der höchsten
-Träume unserer modernen Emanzipationsfreunde war somit im Mittelalter
-schon einmal volle Wirklichkeit.
-
- * * * * *
-
-Wie ausgedehnt man sich auch das Gebiet selbständiger Erwerbstätigkeit
-vorstellen mag, welches den Frauen im Mittelalter zugänglich war --
-auf keinen Fall reichte es hin, sämtliche des männlichen Schutzes
-entbehrenden Frauen zu beschäftigen. Für die jüngeren bot hier
-wohl der Gesindedienst, der im Mittelalter verhältnismässig mehr
-Kräfte erforderte als heute, Arbeit und Brot; auch gab es ausser
-der Weberei und der Bekleidungsindustrie noch andere Handwerke, die
-weibliche Arbeitskräfte beschäftigten. So in Lübeck die Nadler,
-Maler, Bernsteindreher und Bader. Aber die Weiberlöhne[23] waren auch
-im Mittelalter überaus niedrig, wohl wegen des grossen Zudrangs von
-Arbeiterinnen zu den erwähnten industriellen Beschäftigungen. Viele
-waren deshalb gezwungen, in anderer Weise ein Unterkommen zu suchen.
-
-Hier bot sich als nächste Zuflucht das +Kloster+, und es ist
-in der Tat auffallend, wie sehr in der zweiten Hälfte des XIII.
-und im XIV. Jahrhundert allerwärts in den deutschen Städten die
-Frauenklöster zunahmen. In diese Zeit fällt der kräftige Impuls, der
-von den Bettelorden ausging, in deren Klientel sich fast alle neu
-gegründeten Nonnenklöster begaben. Wenn die älteren Frauenklöster
-und Stifter Versorgungsanstalten für die Töchter des ärmeren Adels
-bildeten, so boten diese neueren eine Unterkunft für die überschüssige
-Frauenwelt des höheren Bürgerstandes und der Geschlechter, von denen
-manche Novizen auch an die Klöster einer näheren oder entfernteren
-Umgebung lieferten. Wen getäuschte Hoffnungen, überstandene Angst und
-Kümmernis, der Verlust von Gatten, Eltern, Geschwistern, die Furcht
-vor einer rohen, gewalttätigen Welt oder tiefinnerstes religiöses
-Bedürfnis trieben, den Schleier zu nehmen, der fand, wenn das nötige
-Einkaufsgeld vorhanden war, hier ein beschauliches Dasein, Gelegenheit
-zu geistiger Ausbildung und zu stiller Tätigkeit im Dienste der
-Erziehung und in weiblichen Handarbeiten, äussersten Falles wenigstens
-Unterhaltung und mancherlei Kurzweil. Sehr anschaulich schildert ein
-mittelalterliches Gedicht[24] die Tätigkeit in den Nonnenklöstern:
-
- »Da waren vrouwen inne, die dienten Got mit sinne:
- Die alten und die jungen lasen unde sungen
- Ze ieslicher im tage zit, si dienten Gote ze wider strit,
- So si aller beste kunden, und muosen under stunden,
- So si niht solden +singen+, +naen+ oder +borten dringen+
- Oder +würken+ an der +ram+; ieglichiu wold’ des haben scham,
- Die da muezik waere beliben; sie +entwurfen+ oder +schriben+.
- Es +lert+ die +schuolemeisterin+
- Die jungen +singen+ und +lesen+, wie sie mit zühten solden wesen,
- Beide +sprechen+ unde +gen+, ze kore +nigen+ unde +sten+.«
-
-Also Singen, Lesen, Schreiben, Sprachlehre, Anstandsunterricht -- das
-waren die Elemente der weiblichen Klostererziehung; der Gottesdienst,
-das Nähen, Weben, Bortenwirken füllte die übrige Zeit der Nonnen
-aus. Hier und da beschäftigten sie sich auch mit dem Abschreiben
-von Büchern[25]. Namentlich aber waren die Stickschulen[25] der
-Klosterfrauen berühmt, und die kunstfertigen Gebilde ihrer Hände
-auf Messgewändern, auf Decken und Wandbehängen erregen noch heute
-unsere Bewunderung. Für den Absatz ihrer Gewerbeprodukte hatten die
-Klöster hin und wieder in den Städten eigene Verkaufsstellen. Sie
-gerieten aber dabei mit dem freien Gewerbebetrieb der städtischen
-Handwerksmeister und Kaufleute in Konkurrenzstreitigkeiten, die meist
-damit endeten, dass den Klöstern die einzelnen Sorten von Webwaren
-genau vorgeschrieben wurden, die sie in den Handel bringen durften.
-
-Es leuchtet von selbst ein, dass immer nur ein kleiner Teil des
-vorhandenen Frauenüberschusses in den Klöstern unterkommen konnte. Für
-die vielen, welche aus inneren oder äusseren Gründen gehindert waren,
-die Klostergelübde auf sich zu nehmen, musste in anderer Weise gesorgt
-werden, und es gereicht unseren Vorfahren zu nicht geringer Ehre, dass
-sie für diesen Zweck in Anbetracht der Zeitverhältnisse vorzügliche
-Mittel zu finden und durchzuführen wussten. Diese Mittel waren
-verschieden, je nachdem die vom Familienverband ausgeschlossenen Frauen
-begütert oder arm waren.
-
-Besassen die alleinstehenden Jungfrauen und Witwen +Vermögen+, so
-kauften sie mit demselben im XIV. und XV. Jahrhundert wohl eine
-+Leibrente+, von der sie bis ans Ende ihrer Tage leben konnten,
-ähnlich wie man früher oft einem Kloster sein Gut übertrug, um sich
-einen sorgenfreien Lebensabend zu erkaufen. Manche Städte, die häufig
-in Geldverlegenheit waren, besserten damit ihre Finanzen auf, dass
-sie an Auswärtige unter gleichzeitiger Verleihung des Bürgerrechts
-Leibrenten verkauften. Sie erfüllten damit die Aufgabe einer modernen
-Lebensversicherungsgesellschaft, und nicht wenige Frauen vom Lande
-haben sich auf diesem Wege zugleich den städtischen Schutz und einen
-sorgenfreien Lebensabend gesichert[26].
-
-Auch ergab es sich leicht, dass vermögende Frauen, insbesondere solche,
-die miteinander verwandt waren, +sich zu drei oder vier zusammentaten+,
-um eine +gemeinsame Haushaltung+ zu führen. Solcher kleinen, freiwillig
-zusammenlebenden Frauengruppen begegnen uns viele in den Frankfurter
-Bedebüchern. Jede der Beteiligten behielt ihr abgesondertes Vermögen
-und versteuerte dasselbe. Zur Wirtschaft mag dann jede ihren Beitrag
-geleistet haben.
-
-Zu einer festen Organisation führten solche freiwillige Verbindungen in
-+Strassburg+. Hier bildeten sich eigene +Vereine+, sogen. Samenungen
-(Sammlungen) vermögender Frauen und Jungfrauen zu dem Zwecke eines
-gemeinsamen Lebens in stiller Zurückgezogenheit[27]. Solcher
-Samenungen gab es +drei+; alle waren in der zweiten Hälfte des XIII.
-Jahrhunderts gegründet worden. Die ihnen angehörigen Frauen hiessen
-Pfründenschwestern, Pfründnerinnen, auch wohl Mantelfräulein, weil sie
-eine eigene Tracht von geistlichem Zuschnitte trugen.
-
-Wie alle Vereinigungen des Mittelalters, mochten sie sonst zu
-gewerblichen, geselligen oder Unterstützungszwecken errichtet sein,
-standen auch die Samenungen von Anfang an in näherer Beziehung zur
-Kirche. Ein Dominikaner, Friedrich von Erstein, hatte ihre ersten
-Satzungen (von 1267) verfasst; sein Orden nahm auch fernerhin die
-Schwestern in seine sorgsame Obhut. Nach jenen Satzungen lebten
-im ersten Jahrhundert ihres Bestehens die Samenungen in voller
-Gütergemeinschaft. Zur Aufnahme war erforderlich, dass die Eintretende
-so viel eigenes Vermögen besass, um davon leben zu können. Schied sie
-aus, ehe sie das 14. Lebensjahr zurückgelegt hatte, so musste sie für
-jeden im Hause zugebrachten Monat 40 Pfennige Kostgeld bezahlen und
-zurückerstatten, was sie von den Schwestern an Kleidungsstücken u. dgl.
-erhalten hatte. Trat sie erst nach dem vierzehnten Jahre aus (etwa
-zum Zwecke der Verheiratung), so durfte sie nur Kleider und Bettwerk
-mitnehmen, musste aber ihr eingebrachtes Vermögen zurücklassen; wollte
-sie in ein Kloster gehen, so gab man ihr fünf Pfund von ihrem Vermögen
-wieder. Ungebührliche Reden, Streitsucht, das Anknüpfen von Beziehungen
-zu Männern zogen die Ausschliessung nach sich. Man darf daraufhin nicht
-etwa meinen, dass die Mantelfräulein das klösterliche Gelübde der
-Ehelosigkeit abgelegt hätten; es ist ja klar genug, dass auch heute
-noch die Mitgliedschaft einer derartigen Vereinigung mit der Anknüpfung
-eines Verhältnisses zu Männern oder der Brautschaft einer Beteiligten
-aufhören müsste. Bei einer etwaigen Auflösung der Samenung sollte das
-Vereinsvermögen unter die Schwestern gleichmässig verteilt werden.
-
-Bis zur Mitte des XIV. Jahrhunderts herrschte in diesen Frauenvereinen
-unter der Seelsorge der Dominikaner ein zwar stilles, beschauliches,
-aber auch geistig angeregtes Leben. Alles, was die Zeit auf religiösem
-Gebiete bewegte, fand hier eifrige Anteilnahme. Namentlich waren
-die strengen Mystiker Meister Eckart und Johann Tauler in ihnen
-gern gesehene Gäste. Die Schwestern lauschten ihren gefühlswarmen,
-tiefsinnigen Predigten und schrieben ihre Traktate ab. Kurz nachher
-(1355) schrieb Rulman Merswin von ihnen: »Sie waren also gar
-schweigsame, einfältige, gutherzige Frauen und hatten also gar grossen
-einfältigen inwendigen Ernst, dass ihnen Gott gar heimlich war mit
-seiner Gnade.«[28]
-
-Später änderte sich das. Der Geist der Eintracht und Schwesterliebe
-schwand mehr und mehr aus den Samenungen. Es wurden sehr eingehende
-Satzungen notwendig, welche die Vermögensgemeinschaft teilweise
-aufhoben und die Hausordnung bis in die kleinsten Einzelheiten
-vorschrieben. Die Schwestern behielten ihr Sondereigentum und konnten
-jederzeit aus der Vereinigung treten, wenn sich ihnen Gelegenheit
-zur Verehelichung bot. Während das Vermögen der Einzelnen vielleicht
-nicht zur Fortführung eines selbständigen standesgemässen Haushalts
-ausgereicht hätte, zeigte die gemeinsame Wirtschaft einen gewissen
-Luxus. Es fehlte nicht an einer ganz annehmbaren Speisekarte, an
-Silbergeschirr und Kleinodien; Dienerinnen wurden gehalten, Gäste
-zu Tische geladen; man wohnte den Turnieren und den Tanzfesten auf
-den Trinkstuben der adeligen Gesellschaften bei; ja man konnte sich
-den Besuch der damaligen Luxusbäder im Schwarzwald und in der Schweiz
-gestatten. Im Jahre 1414 wurde angeordnet, dass jede neu aufzunehmende
-Pfründnerin dem Hause 60 Pfund geben und dass die, welche in die Welt
-zurückkehrte, die Hälfte ihres Hausrats zurücklassen sollte.
-
-Durch solche Einrichtungen, sowie durch die ihnen zufallenden
-Schenkungen und Vermächtnisse bereicherten sich die Samenungen immer
-mehr; aber sie verfielen dadurch auch um so rascher. Ihr inwendiger
-Ernst sei erloschen, berichtet Rulman Merswin; statt zu beten und
-fromme Büchlein zu lesen, unterhielten sie sich mit allerlei weltlichem
-Klatsch; Missgunst, Eifersucht, gegenseitiges Misstrauen beherrschten
-das häusliche Leben. Die alte Tracht, ein wollenes Gewand und langer
-Schleier, die sie noch immer trugen, bewahrte sie nicht vor Weltlust
-und Hoffart; selbst vor dem Weihkessel, meint Geiler von Keisersberg,
-könnten sie nicht vorübergehen, ohne sich darin zu beschauen. In ihren
-Häusern lebten sie herrlich und in Freuden; in der Stadt wurden sie zu
-Gaste geladen; sie fehlten bei keiner Belustigung[29]. Kein Wunder,
-dass sie die Reformation, wie manche ähnliche Vereine, rasch vom
-Erdboden wegfegte.
-
-Viel härter war das Los der +armen+ Frauen, die ihres Ernährers
-beraubt waren und weder in der Erwerbswirtschaft noch in den Klöstern
-eine Stelle finden konnten. Zur Verheiratung bot sich ihnen meist
-nur dann sichere Gelegenheit, wenn sie dem Manne als Tochter oder
-Witwe eines Meisters das Zunftrecht in die Ehe brachten. Freilich gab
-es zahlreiche Stiftungen und Vermächtnisse, die auch ihnen zu Gute
-kamen -- Verteilungen von Geld und Brot, von Suppe und Fleisch, von
-Holz und Kleidern. Das Betteln war im Mittelalter keine Schande, das
-Almosengeben wurde als religiöse Pflicht angesehen; man brauchte sich
-um so weniger zu scheuen, Spenden und Geschenke zu heischen, als von
-den Almosenempfängern eine Gegenleistung, bestehend in Kirchenbesuch
-und Gebet für das Seelenheil des Spenders, gefordert wurde. Alte und
-gebrechliche Leute fanden wohl auch als Pfründnerinnen in Spitälern
-eine Aufnahme.
-
-Aber diese Mittel boten keine dauernde und ausgiebige Hilfe; sie
-versagten am meisten, wenn sie am nötigsten gewesen wären, in Zeiten
-allgemeiner Teuerung und Bedrängnis.
-
-Da ist es denn im höchsten Grade bemerkenswert und als Beweis für
-die Tatsache eines weitverbreiteten Frauennotstandes geradezu
-ausschlaggebend, dass seit der Mitte des XIII. Jahrhunderts überall
-in Deutschland sehr zahlreiche +Anstalten+ gegründet wurden, welche
-ausschliesslich zur Versorgung ärmerer alleinstehender Frauen
-bestimmt waren. Es sind dies die sogen. +Gotteshäuser+ oder
-+Bekinenanstalten+[30].
-
-Man pflegt die Institution der Bekinen und Bekarden gewöhnlich
-nur von ihrer religiösen Seite zu betrachten und sie da mit den
-Tertiariern zusammenzustellen, jenem ausgedehnten Anhang der
-Bettelorden aus dem Laienstande. Es ist ja bekannt, dass dieser von
-den Dominikanern und Franziskanern gestiftete »dritte Orden der Reue«
-aus Weltleuten beiderlei Geschlechts bestand, welche, ohne der Ehe
-und ihrem bürgerlichen Berufe zu entsagen, sich der Aufsicht der
-Orden unterworfen hatten, an ihren Uebungen und Gebeten teilnahmen,
-der Weltlust entsagten, ernste, einfache Kleidung trugen und sich
-verpflichteten, Barmherzigkeit zu üben, die Gebote Gottes und die
-Vorschriften der Kirche zu halten. In ähnlichen Beziehungen, wie diese
-Minoriten, standen allerdings auch die Bekinen und Bekarden zu den
-Bettelorden. Sie trugen ein dem geistlichen ähnliches schlichtes Gewand
-und nahmen gewisse religiöse Verpflichtungen auf sich. Allein sie
-hatten darum nicht mehr Verwandtschaft mit dem Nonnen- und Mönchswesen
-als etwa die Brüderschaften der Handwerksgesellen, der Aussätzigen, der
-Blinden und Lahmen. Ja wir können sogar beobachten, wie die städtischen
-Räte mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dahin strebten, den
-weltlichen Charakter der Bekinen (die Bekarden waren wenig zahlreich
-und stehen uns hier fern) aufrecht zu erhalten.
-
-Das Aufkommen der Bekinen knüpft sich -- wenigstens in den deutschen
-Städten -- überall an die Stiftung der Gotteshäuser. Unter letzteren
-versteht man Häuser, welche von reicheren Laien, Männern und Frauen,
-dem Zwecke gewidmet wurden, eine bestimmte Anzahl armer, verlassener
-Frauen und Mädchen aufzunehmen. Sie hiessen auch wohl +Einungen+
-(Frankfurt a. M.) oder +Sammlungen+ (Ulm), +Seelhäuser+ (Ulm, München),
-+Regelhäuser+ (München), +Maidehäuser+ (Mainz), +Konvente+ (Wesel),
-unter Umständen auch +Klausen+ -- das letztere namentlich auf Dörfern
-und in einsamen Gegenden. Oft begnügten sich die Stifter nicht mit der
-Gewährung der Wohnung; sie sorgten auch durch Verschreibung von Renten
-und sonstigen Gefällen für die Unterhaltung der Gebäude, für Holz und
-Licht, manchmal auch für einen Teil der Nahrung. Die Bewohnerinnen
-solcher Häuser nannte man allgemein +Schwestern+, in Strassburg auch
-+gewillige oder arme Schwestern+, in Frankfurt a. M. +geistliche
-Schwestern+, +Kinder+ oder +arme Kinder+, in München +Seelnonnen+, in
-Konstanz +Mäntlerinnen+; später wurde der Name Bekinen, Beguinen, hier
-und da auch Begutten, durchweg gebräuchlich.
-
-Die +Zahl+ der Frauen, welche in ein solches Gotteshaus Aufnahme
-finden konnten, war meist nicht sehr gross und wurde insgemein schon
-von dem Stifter festgesetzt. Sie schwankte in Worms zwischen 2 und 6,
-in Frankfurt zwischen 2 und 15, in Strassburg war die am häufigsten
-vorkommende Anzahl 20; aber es gab auch Häuser mit 3, 4, 6, 8, 10, 12,
-ja selbst mit 22 und 26 Schwestern. Sogenannte Bekinen+höfe+, d. h. mit
-Mauern umgebene Hofstätten, welche mehrere Wohn- und Wirtschaftsgebäude
-für eine grössere Zahl von Schwestern enthielten, finden wir
-vorzugsweise in den niederrheinischen Städten und in Belgien. In den
-+Klausen+ lebte meist nur je eine Bekine oder Klausnerin.
-
-Die meisten dieser Gotteshäuser wurden zwischen 1250 und 1350
-gestiftet. Es ist bezeichnend für ihren weltlichen Charakter, dass sie
-durchweg nach dem Namen ihres Gründers benannt werden. Ihre Zahl war in
-den einzelnen Städten und deren Umgebung sehr gross. In Frankfurt sind
-ihrer 57 (etwa 3 Prozent sämtlicher Wohnhäuser der Stadt) dem Namen
-nach bekannt, in Strassburg 60, in Basel über 30, in Speier 6; für
-München sind ihrer nur 7 nachgewiesen.
-
-Was die +Gesamtzahl der Bekinen+ betrifft, so lassen sich über diese
-für die einzelnen Städte keine sicheren Nachweise erbringen. Nach einer
-auf ziemlich zuverlässigen Anhaltspunkten beruhenden Schätzung waren
-zu Frankfurt a. M. am Ende des XIV. Jahrhunderts über 200 Bekinen
-vorhanden. Ueber 6 Prozent der erwachsenen weiblichen Bevölkerung
-(die Stadt hatte damals etwa 9000 Einwohner) befanden sich darnach
-in den Gotteshäusern. Hartwig hat berechnet, dass in den Lübecker
-Anstalten für alleinstehende Frauen, die freilich nicht ausschliesslich
-Gotteshäuser (Konvente) waren, 600 Personen versorgt werden konnten.
-Von den bis 1330 gestifteten Strassburger Gotteshäusern konnten 12
-allein 195 Schwestern aufnehmen; alle zusammen boten für mehr als
-600 Personen Raum. Noch weit zahlreicher scheinen die Bekinen am
-Niederrhein gewesen zu sein. Köln soll ihrer 2000 gehabt haben, Nivelle
-und Cantibri bei Cambrai 1300, und ein Bekinenhof bei Mecheln »bis in
-die 1400 oder mehr«[31]. Indessen wird man diesen letzteren Ziffern mit
-einigem Misstrauen begegnen müssen.
-
-Wie schon der Name Gotteshäuser andeutet, waren dieselben Stiftungen
-christlicher Barmherzigkeit, hervorgegangen aus dem religiösen
-Bedürfnisse derjenigen, welche ihr irdisch Hab und Gut -- gewiss mit
-Recht -- dem Dienste Gottes zu weihen meinten, indem sie für Unterkunft
-der von aller Welt verlassenen, jeder Gefahr ausgesetzten Frauen Sorge
-trugen. Vorzugsweise waren es verwaiste oder ledig gebliebene arme
-Mädchen, kinderlose Witwen, Töchter kinderreicher Handwerker, alte
-treue Dienstboten, welche hier Aufnahme fanden. Im XIII. Jahrhundert
-traten auch nicht selten alleinstehende Frauen aus dem wohlhabenden
-Bürgerstande, ja selbst solche aus den städtischen Geschlechtern und
-dem Adel bei den armen Schwestern ein, denen sie dann ihr Vermögen
-zubrachten.
-
-Die +Statuten+ der Gotteshäuser, welche gewöhnlich schon in dem
-Stiftungsbriefe gegeben wurden, waren in der ersten Zeit überaus
-einfach. Erst später, als sich Uebelstände herausstellten, wurden sehr
-eingehende Satzungen und Hausordnungen für die Schwestern aufgestellt.
-Diese sind natürlich je den besonderen Verhältnissen angepasst. Ich
-darf mich hier damit begnügen, die wichtigsten gemeinsamen Züge aus
-ihnen auszuheben.
-
-Die +Grundlage der Existenz+ der in einem Gotteshause vereinigten
-Schwestern bildete die Rente des Stiftungsvermögens. Wenn diese
-zum Leben nicht ausreichte, mussten sich die Frauen durch +Arbeit+
-ernähren, durch Stricken und Nähen, durch Spinnen und Weben. Die
-niederrheinischen Bekinenhöfe waren regelmässig mit Bleichplätzen
-verbunden. Die Konkurrenz mit dem freien Gewerbebetrieb, welche sie
-hier zu bestehen hatten, wurde ihnen nicht selten durch Privilegien
-der Stadtobrigkeiten und der Fürsten erleichtert. So erhielten 1293
-die Bekinen zu Würzburg das Recht, ihre selbstverfertigten Tücher
-ellenweise zu verkaufen[32]. Im Jahre 1310 gestatteten die Herzöge
-Boleslaw, Heinrich und Wendislaw den Bekinen zu Breslau, durch die
-Tuchmacher der Stadt weisses und graues Tuch weben zu lassen und in
-ganzen Stücken zu verkaufen[33]. In Konstanz hatten sich etliche
-Wollenweber geweigert, den »armen Schwestern in der Mäntlerinnen Haus«
-das Wollengarn zu weben, das sie spannen. Auf die Klage der Schwestern
-bestimmten die Zunftmeister, dass ihnen die Weber was sie spannen, um
-es an ihren Leib zu wenden, weben sollten; doch sollten die Schwestern
-dasselbe Tuch niemanden anders verschneiden oder zu kaufen geben,
-weder in noch vor ihrem Hause[34]. Weniger engherzig ist die II.
-württembergische Landesordnung von 1515[35]. In ihr wird »zugelassen,
-dass man in jedem Amt den Schwestern und Begynen in iren heusern ain
-genante zal der schwestern bestimmen mög, wie vil sie deren haben
-sollen und nit darüber, ..... das man auch denselben schwestern ain zal
-webstül bestimme zu haben vnd nit darüber, nemlich je vff vier swestern
-ain webstul vnd nit mehr, damit die innwoner daneben nit überladen
-werden vnd sich auch irnthalb one verhindert erneren mögen.«
-
-Ausserdem sollten die Bekinen Liebeswerke verrichten, Arme speisen,
-Kranke besuchen, Tote zur letzten Ruhestätte geleiten. In München
-war das Warten der Kranken und die Besorgung der Toten ihre
-ausschliessliche Aufgabe; in Augsburg hatten sie die Krankenpflege
-in den Spitälern; in anderen Städten pflegten sie, wie heute die
-barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen, vorzugsweise in den
-Häusern. In Frankfurt wurden ihnen wohl Findlinge, in Wesel auch andere
-arme Kinder zur Erziehung und Unterweisung im Lesen, Schreiben und in
-Handarbeiten übergeben. Ausserdem hatten sie den Todestag des Stifters
-und der Wohltäter ihres Hauses durch Gebet für deren Seelenheil in der
-Kirche zu begehen.
-
-Die +Aufnahme+ der Schwestern erfolgte bei der Gründung eines
-Gotteshauses durch den Stifter oder die Stifterin, später meist durch
-Abstimmung aller vorhandenen Schwestern. Brachte die Aufgenommene
-eigenes Vermögen mit, so behielt sie die Verfügung über dasselbe und
-wurde dafür auch zur Steuer herangezogen, wenn es einen bestimmten
-Betrag überstieg[36]; nach ihrem Tode wurde es in Strassburg den
-Erben übergeben; in Frankfurt fiel es an das Gotteshaus. In vielen
-niederländischen Beguinereien wurde ein Einkaufsfeld und der Bau des zu
-bewohnenden Häuschens gefordert; der Nachlass verstorbener Mitglieder
-fiel dem Gesellschaftsvermögen zu. Hier und da war ein Probejahr
-vor der endgültigen Aufnahme Vorschrift. Der Austritt zum Zwecke
-der Verehelichung oder aus anderen Gründen war jederzeit gestattet.
-Ausschliessung erfolgte wegen schlechter Aufführung, wegen Ungehorsams,
-wegen Störung der Eintracht, wegen Umhertreibens und wegen verbotenen
-Umgangs mit Männern. Meist musste dabei der weltliche Pfleger des
-Gotteshauses oder der Beichtvater der Schwestern zu Rate gezogen werden.
-
-Die +Leitung+ des gemeinsamen Haushalts der Bekinen war einer
-Meisterin, mitunter auch mehreren anvertraut. Im ersteren Falle
-erfolgte die Ernennung durch allgemeine Wahl, im letzteren durch
-Zuwahl. In Strassburg wechselten die Vorsteherinnen alle Jahre, in
-Frankfurt waren sie meist auf Lebenszeit eingesetzt. Die Schwestern
-waren zum Gehorsam gegen die Meisterin verpflichtet. Unbotmässige
-Elemente scheinen indessen nicht selten vorgekommen zu sein. Wenigstens
-sind zwei Fälle bekannt (aus Frankfurt a. M. und Ulm), wo in grösseren
-Bekinenhäusern Gefängnisse eingerichtet wurden, um die Widerspenstigen
-zu strafen.
-
-Die +Tracht+ der Bekinen schloss sich im Schnitt der Gewandung
-einfacher Bürgersfrauen an. Sie bestand aus einem Gewand von grauem,
-schwarzem oder blauem Wollenstoff mit einer weissleinenen Kaputze
-und weissem Schleier, über die sie beim Ausgehen noch ein schwarzes
-Wollentuch schlugen. Daher auch die Benennungen graue oder schwarze
-oder blaue Schwestern. Die +Kost+ war gewöhnlich sehr einfach. Reichere
-Gotteshäuser konnten auch in dieser Hinsicht einigen Aufwand gestatten.
-In manchen Strassburger Anstalten dieser Art erhielten die Schwestern
-täglich ihren Wein, und dies in gar nicht kleinen Quantitäten. An den
-Jahrestagen des Stifters und anderer Wohltäter pflegte der Tisch etwas
-reicher besetzt zu sein. Der +Hausrat+ nahm sich meist ärmlich genug
-aus; insgemein brachten die Schwestern nichts mit als ihr Bett und ihre
-Kleidung.
-
-Tagüber hielten sich die Schwestern in einer gemeinsamen Wohnstube auf,
-der einzigen, die im Winter geheizt wurde. In Strassburg war ihnen
-nicht erlaubt, in diesem Zimmer am Rade zu spinnen, damit diejenigen,
-welche gerade in frommer Betrachtung begriffen waren, nicht durch das
-Schnurren des Rades gestört würden[37]. In dem Konvent auf dem Sande
-zu Wesel war auch ein gemeinsames Schlafzimmer vorgeschrieben. Nur die
-»Kranken und die alten Glatzköpfe« konnten gesondert untergebracht
-werden[38]. In der Verfügung über ihre Zeit zum Arbeiten und Schlafen
-scheinen sie an keine besonderen Vorschriften gebunden gewesen zu sein.
-Aber keine Schwester sollte ohne Erlaubnis der Vorsteherin ausgehen,
-und nie allein, sondern stets zu zweien, auch nicht vor Sonnenaufgang
-und nicht nach Sonnenuntergang, es sei denn, dass um einer redlichen
-Ursache willen die Vorsteherin es gestattet habe[39].
-
-In +religiöser Beziehung+ hatten die Bekinen keine andern
-Verpflichtungen als alle ehrbaren Frauen; wohl aber wurden sie
-bezüglich der Einhaltung derselben durch den Stadtpfarrer oder die
-Ordensgeistlichkeit überwacht. Die Kirche musste natürlich darnach
-streben, so weit verbreitete Anstalten ganz unter ihre Aufsicht und
-Leitung zu bringen. Namentlich im XIII. Jahrhundert suchte sie die
-Bekinen wie einen geistlichen Orden zu behandeln, und eine Synode zu
-Fritzlar fasste 1244 den Beschluss, dass keine Schwester aufgenommen
-werden dürfe, die jünger als 40 Jahre sei. Allein soweit wir
-sehen, ist dieser Beschluss nirgends zur Durchführung gelangt. Die
-städtischen Räte boten vielmehr alles auf, um die Gotteshäuser nicht
-zu kirchlichen Anstalten werden zu lassen; sie setzten ihnen weltliche
-Pfleger und Provisoren zur Wahrnehmung der Vermögensverwaltung und
-zur Aufrechterhaltung der Ordnung; sie unterstellten sie in allen
-bürgerlichen Beziehungen dem gemeinen Recht. Vielleicht gab das mehr
-Grund für die Verfolgungen, welche im Anfang des XIV. Jahrhunderts von
-Seiten der Kirche über die armen Schwestern verhängt wurden, als die
-Ketzereien, deren man sie beschuldigte. Einzelne Gotteshäuser haben
-allerdings die Regeln des dritten Ordens angenommen[40], aber nur wo es
-die weltliche Gewalt gestattete; andere waren schon von ihren Stiftern
-unter die Aufsicht irgend einer geistlichen Behörde gestellt worden.
-Der Einfluss der Geistlichkeit erstreckte sich aber auch in diesen
-Fällen nur auf die religiös-sittliche Seite.
-
-Im XV. Jahrhundert ist an verschiedenen Orten das Bekinenwesen arg
-entartet. Viele Gotteshäuser waren durch die zahlreichen kleinen
-Schenkungen und Vermächtnisse, welche ihnen im Laufe der Zeit zuteil
-geworden waren, reich geworden, und ihr Renteneinkommen gestattete den
-Schwestern ein müssiges Leben. Die Arbeit an der Kunkel und am Webstuhl
-wurde eingestellt; mehr und mehr beschränkten sich die Schwestern auf
-das leichte und gewinnbringende Gewerbe der Leichenbitterinnen und
-Klageweiber. Der religiöse Sinn, welcher früher unter ihnen geherrscht
-hatte, erstarb zusehends. Man kann sich denken, welche Folgen das
-Zusammenleben solcher meist ungebildeten, jedes höhern Lebenszweckes
-entbehrenden, aber in ihrer Existenz gesicherten Frauenzimmer, die
-teilweise noch in jugendlichem Alter standen, nach sich zog. Männer
-durften zwar nicht in die Gotteshäuser kommen; aber man traf sich
-mit ihnen ausserhalb derselben. Dazu kam der verderbliche Einfluss
-der Bettelorden, die vielfach die Seelsorge der Schwestern übten
-und in ihre Anstalten freien Zutritt hatten. Schon 1372 klagten die
-Strassburger Nonnen von St. Marx, St. Katharinen und St. Nicolai
-in undis beim Papste Gregor XI. über die Dominikaner: »sie wollen
-uns ihren geistlichen Beistand nur gewähren, wenn wir ihnen Geld,
-Geschmeide und andere Dinge geben; sie kommen in unsere Klöster in
-kurzen Röcken, bebänderten Mützen, Stiefeln, wie weltliche Leute;
-sie haben vor uns getanzt und uns zu eitler Lust aufgefordert,
-ja einige von uns haben sie zur Sünde verführt«. Wenn das in den
-Klöstern geschehen konnte, was mochte erst in den weit zugänglicheren
-Gotteshäusern vorkommen! Sebastian Brant schildert die Strassburger
-Bekinen als ein nichtsnutziges Schmarotzervolk; sie taugten kaum mehr
-zu etwas anderem, als bei Prozessionen und Leichenbegängnissen bezahlte
-Gebete zu murmeln. In Frankfurt a. M. werden sie in öffentlichen
-Aktenstücken mit Dirnen der verworfensten Art in eine Linie gestellt.
-Kein Wunder, dass die Zeitgenossen sich keinen klaren Begriff mehr über
-den wahren Charakter der ganzen Einrichtung machen konnten und dass der
-Verfasser der Dunkelmännerbriefe die Frage aufwirft, ob die Lolharden
-und Begutten zu Köln geistliche oder weltliche Leute seien. Brant
-schliesst seine Schilderung der Bekinen mit dem ohne Zweifel ehrlich
-gemeinten Stossseufzer:
-
- »Ach werent sy zu Portugall,
- Ach werents an derselben statt,
- Do der pfeffer gewachsen hatt,
- Und nymmer möchten her gedenken!
- Ich wollt in gern das weggeld schenken.«
-
-Die Reformation hat denn auch sehr rasch mit der überlebten Einrichtung
-aufgeräumt; sie hat die Gotteshäuser gewöhnlichen Zwecken zurückgegeben
-oder sie in Krankenanstalten, Schulen u. dgl. verwandelt; nur in den
-Niederlanden haben sich die Bekinenhöfe bis auf die neueste Zeit
-erhalten.
-
-Es konnte nicht fehlen, dass die grosse Zahl der alleinstehenden Frauen
-im Mittelalter auch zu weit bedenklicheren Erscheinungen führte, dass
-namentlich das +Verhältnis der beiden Geschlechter zu einander+ davon
-ungünstig beeinflusst wurde. Ganz allgemein dürfte hier die Bemerkung
-am Platze sein, dass man zu einer durchaus schiefen Beurteilung der
-mittelalterlichen Gesellschaft gelangt, wenn man jenes Verhältnis
-immer nur in dem rosig schimmernden Lichte betrachtet, mit dem es
-der ritterliche Minnesang und Frauendienst verklärt hat. Dieser
-Idealzustand verfeinerter Sinnenlust beschränkte sich selbst im XII.
-Jahrhundert nur auf einen verhältnismässig sehr kleinen Kreis, und
-auch hier mag noch zwischen der Theorie und Praxis der Liebe ein sehr
-bedeutender Unterschied gewesen sein. Im XIV. und XV. Jahrhundert
-ist von der vielgepriesenen frommen Zucht und Sitte eben so wenig im
-städtischen Leben, das wir nach dieser Hinsicht genauer kennen, als bei
-dem in raschem Verfalle begriffenen Rittertum zu verspüren. Eheliche
-Treue ist in den höheren Ständen während des ganzen Mittelalters
-nicht sehr häufig; die Bastardkinder werden in der Vaterfamilie mit
-den ehelichen Söhnen und Töchtern zusammen erzogen; eine derbe, fast
-rohe Sinnlichkeit beherrscht die Beziehungen der Geschlechter in allen
-Klassen der Bevölkerung. Die Begriffe von Sitte und Anstand sind von
-den unseren weit verschieden, und die naive Offenheit, mit der wir
-überall auch die anstössigsten Dinge behandelt sehen, liegt weit ab von
-den Manieren der heutigen Zeit. Die Kirche hat nach dieser Richtung
-wenig Einfluss zu üben verstanden; sie war zufrieden, wenn ihre Regeln
-sonst streng beobachtet wurden. Trug sie doch selbst die Züge jenes
-übersinnlich-sinnlichen Doppelwesens, das der Zeit eigen war.
-
-Auf jenen derben Holzschnitten, welche uns aus dem Ende des XV. und
-dem Anfang des XVI. Jahrhunderts erhalten sind, erblicken wir nicht
-selten Frauen in Gesellschaft von Männern bei Wein und Würfelspiel,
-bei Schmausgelagen und ausgelassenen Tänzen. Sie sind neben andern ein
-Beweis dafür, dass die Frauen in Deutschland damals weit entfernt waren
-von jener strengen Abgeschlossenheit, die wir in südlichen Ländern
-treffen. Sie beteiligten sich in gleicher Weise an den gewöhnlich
-recht materiellen Vergnügungen wie die Männer. Im württembergischen
-Zabergau feierten sie allerorts jährlich auf Fastnacht ihre
-Weiberzechen -- Schmausereien, bei denen kein Mann zugegen sein
-durfte, ausser dem Schultheiss und dem Bürgermeister, welche die
-Dienste der Kellner und Aufwärter zu versehen hatten und bei welchen
-es sehr lustig herging[41]. Bei den Festen der Geschlechter, auf den
-Trinkstuben der Zünfte und Brüderschaften, bei Volksbelustigungen auf
-Märkten und Messen, auf freien Plätzen und in den Vorhallen der Kirchen
--- überall wo es etwas zu gaffen und zu geniessen, zu tanzen, zu
-springen und zu singen gab, erblicken wir die Frauen, und meist nicht
-eben als Wächterinnen des guten Tons und der strengen Sitte, sondern
-als Ausgelassene unter den Ausgelassenen, oft als Anführerinnen der
-Fröhlichen. Das schliesst nicht aus, dass sie anderwärts wieder als
-Trägerinnen des religiösen Lebens erscheinen, dass sie als Beterinnen
-und Büsserinnen zu Füssen des Gekreuzigten liegen und der gebenedeiten
-Gottesmutter Maria, dass sie als Nonnen die Klöster füllen und als
-Pilgerinnen die Lande durchziehen.
-
-Das Mittelalter, das schon den Wechsel der Jahreszeiten sehr viel
-lebhafter empfand als wir, war auch sonst reich an derartigen
-Gegensätzen. Wie hätte es auch anders sein können in einer
-Gesellschaft, die fortwährend den jähesten Wechselfällen ausgesetzt
-war? Fast nirgends erblicken wir das ruhige Behagen einer in festen
-Linien sich bewegenden stetigen Entwicklung, nirgends den heitern
-Lebensmut, der die Menschen einer rechts- und existenzsicheren Zeit
-beseelt. Selbst die Bevölkerung der Städte hielt sich im XIV. und XV.
-Jahrhundert meist nur mit Mühe auf ihrem frühern Bestand, und dies auch
-nur mittels einer massenhaften Einwanderung aus der nahen ländlichen
-Umgebung. Kriege, Missernten, Hungersnöte, der jähe Tod rafften alle
-paar Jahre ein Viertel, ein Drittel, manchmal gar die Hälfte der
-vorhandenen Menschen dahin. Von 1326 bis 1400 zählte man 32 Pestjahre,
-von 1400-1500 41, von 1500-1600 30. Wie ist es unter der Angst solch
-steter Lebensbedrohung auch nur denkbar, dass die Menschen ein heiteres
-Gleichgewicht ihres geistigen und sinnlichen Daseins hätten bewahren
-können!
-
-Hart neben einander lagen darum im täglichen Leben der
-mittelalterlichen Gesellschaft toller Lebensgenuss und büssende
-Entsagung; heute schlürfte man den Becher der Lust bis zur Neige,
-um morgen in bitterer Reue sich der Welt abzukehren, das Fleisch
-zu ertöten, mit Fasten und Beten, mit Geissel und Bussgürtel
-sich zu kasteien. Von der Kirche zum Tanzhaus, von der Kutte zur
-Fastnachtsmummerei, von der Büssergeissel zur Schellenkappe war oft nur
-ein kleiner Schritt.
-
- Himmelhoch jauchzend,
- Zu Tode betrübt --
-
-das ist die Stimmung des ausgehenden Mittelalters, welche mit
-ergreifender Naturwahrheit die Kunst in den Totentänzen mit ihrem
-schneidenden Sarkasmus und ihren packenden Kontrasten wiedergespiegelt
-hat.
-
-Es kann uns darum auch kaum Wunder nehmen, wenn wir in den Chroniken
-der Zeit unmittelbar neben der Schilderung des schwarzen Todes und der
-Geisslerfahrten, neben der Erzählung von grausigen Judenschlächtereien,
-blutigen Fehden und Hinrichtungen die Darstellung der Tanzwut lesen,
-welche im XIV. Jahrhundert die ganze Bevölkerung der rheinischen Städte
-ergriff[42], wenn wir sehen, dass während heute nicht Hände genug
-vorhanden sind, um die Toten zu begraben, morgen schon die Kirchen kaum
-die Zahl der Brautpaare zu fassen vermögen, welche sich zum Traualtar
-drängen[43], wenn wir in den städtischen Gesetzbüchern auf derselben
-Seite einen Ratsbeschluss gegen die allzuzahlreichen Widmungen an die
-Kirche finden, auf welcher auch ein Verbot des übermässigen Luxus
-bei Hochzeiten und Kindtaufen Platz gefunden hat, wenn wir in einer
-Epoche, die viele sich als das Urbild des Beharrens denken, die Moden
-fast über Nacht wechseln sehen. »In der zeit (um 1380) war der sitt
-von der kleidung verwandelt, also, wer heur ein meister war von den
-schneidern, der war über ein jahr ein knecht«[44]. Es gibt vielleicht
-keine Erscheinung dieser Zeit, die all diese scharfen Gegensätze so
-verkörpert, wie jener aussätzige Barfüssermönch, von welchem die
-Limburger Chronik erzählt, dass er bei all dem unsäglichen Elend seiner
-Krankheit »die besten lieder vnd reihen machte .... und was er sung,
-das sungen die leut alle gern, vnd alle meister pfiffen und andere
-spilleut furten den gesang und das Gedicht...., und war das alles
-lustiglich zu hören«[45].
-
-Erwägen wir dies alles, so wird uns auch das zahlreiche Auftreten und
-das wunderliche Gebaren der +fahrenden Leute+[46] verständlicher,
-unter denen wieder die Frauen massenweise vertreten waren. Diese
-fahrenden Frauen finden wir zunächst in der Gesellschaft jener
-Gaukler- und Possenreisserbanden, jener Spielleute und Bettler, die
-wir das ganze Mittelalter hindurch überall da erscheinen sehen, wo
-ein grosser Zusammenstrom von Menschen stattfand. Sie traten hier auf
-als Spielweiber und herumziehende Künstlerinnen, als Gauklerinnen
-und Tänzerinnen, als Leier- und Harfenmädchen. In mancher Hinsicht
-berühren sie sich mit dem leichten Volk der fahrenden Schüler und
-wandernden Kleriker, gegen welche die Konzilien vergeblich eiferten.
-Sie erscheinen in grossen Scharen am fürstlichen Hoflager, bei den
-Kaiserkrönungen, auf Reichstagen, Turnieren, Kirchenversammlungen, auf
-Messen und Märkten. »Man kann sich nichts Widerlicheres denken«, sagt
-Weinhold, »als diese entsittlichten hungernden und lungernden Banden,
-welche zu Hunderten durch das Land streiften, wo sich nur ein Fest
-zeigte, den Raben gleich sich sammelten und ihre durchlöcherte Hand
-frech fordernd hinhielten.«
-
-Scharen dieser fahrenden Weiber begleiteten schon die Kreuzfahrer
-nach Asien. Dem französischen Heere sollen ihrer i. J. 1180 nicht
-weniger als 1500 gefolgt sein, und noch Ludwig der Heilige vermochte
-den dadurch in seinem Heere entstandenen Unfug kaum zu dämpfen. Von
-Friedrich II., der 1229 im Gelobten Lande sich aufhielt, erzählt
-Matheus Parisiensis, der Mönch von St. Alban, dass er Sarazenen, die
-er zur Tafel gezogen hatte, durch die Künste christlicher Spielweiber
-unterhielt. Am französischen und englischen Hofe gab es im XIII. und
-XIV. Jahrhundert einen eigenen Marschall zur Beaufsichtigung dieser
-Personen. In Deutschland finden wir sie 1394 bei dem Reichstage zu
-Frankfurt a. M. in der ansehnlichen Zahl von 800, und die Menge
-der fahrenden Frauen, welche sich zu den Konzilien von Basel und
-Konstanz eingefunden hatten, soll 1500 betragen haben. In Basel hatte
-während des Konzils der Herzog von Sachsen in seiner Eigenschaft
-als Reichsmarschall die Aufsicht über die fahrenden Dirnen. Er war
-es auch, der eine Zählung derselben veranstaltete, die aber nur zur
-Hälfte durchgeführt wurde, weil der damit Beauftragte das widerwärtige
-Geschäft für zu gefährlich hielt[47].
-
-Wie im Gefolge des Adels und der Geistlichkeit, so erscheinen sie nicht
-minder zahlreich im Tross der in den französisch-englischen Kriegen
-aufgekommenen Söldnerheere. Schon aus dem XIV. Jahrhundert erzählt
-Königshofens Chronik, dass ihrer 800 mit den Landsknechten zu Felde
-gezogen seien und dass sie zu ihrer Beschirmung einen eigenen Amtmann
-gehabt, dem sie wöchentlich eine Abgabe entrichten mussten. Dieser
-Amtmann oder Weibel bildet eine stehende Charge in den Heeren bis zum
-dreissigjährigen Kriege. Dass aber jene Massen fahrender Weiber, welche
-gewöhnlich mit den Trossbuben zusammengenannt werden, den Zeitgenossen
-als integrierendes Glied der Heeresorganisation erschienen und dass sie
-auf Kriegszügen wichtige Dienste leisteten, lernen wir aus Leonhard
-Fronspergers Kriegsbuch[48], das sich über die Aufgaben besagten
-Weibels weitläufig vernehmen lässt. Aus seiner Darstellung erkennt man,
-wie leicht sich die zahlreiche weibliche Gefolgschaft der Landsknechte
-der damaligen Heeresordnung als nützliches und selbst notwendiges Glied
-einfügen liess, und wir werden uns deshalb nicht mehr wundern, wenn wir
-lesen, dass Herzog Albas Heer auf seinem Zuge nach den Niederlanden von
-400 Dirnen zu Pferd und 800 zu Fuss, »in Kompagnien geteilt und hinter
-ihren besonderen Fahnen in Reih und Glied geordnet«, begleitet war.
-»Jeder war nach Verhältnis ihrer Schönheit und ihres Anstandes der Rang
-ihrer Liebhaber bestimmt und keine durfte bei Strafe diese Schranken
-überschreiten«[49].
-
-So befremdlich und widerwärtig uns diese Erscheinung auch anmuten mag,
-so kann doch der Versuch nicht allzu schwer fallen, sie zu erklären und
-uns menschlich näher zu rücken.
-
-Eine sichere, sesshafte Existenz war im Mittelalter weit seltener
-möglich und wurde selbst weniger als Bedürfnis empfunden als
-heutzutage. Wie noch in unserer Zeit die Tataren der russischen Steppe
-leichten Muts ihre Zeltdörfer abbrechen, nachdem sie in einjähriger
-Brennwirtschaft dem Boden flüchtig eine Ernte abgewonnen, so haben
-im XIII. und XIV. Jahrhundert nicht selten ganze Dorfschaften in
-Deutschland ihre Sitze gewechselt. Hunger und Kriegsnot, Hagelschlag
-und Viehsterben, vielleicht auch bloss der lebendige Wandertrieb und
-das Bewusstsein, wenig zu verlieren zu haben -- wer weiss, welche
-Momente noch sonst hier jedesmal wirksam wurden! Ein grosser Teil
-der Bevölkerung lag beständig auf der Landstrasse, und die Weistümer
-der Dörfer wie die Ratsbeschlüsse der Städte gedenken dieser
-wandernden Leute gleichmässig mit Nachsicht, ja mit mildtätiger
-Fürsorge. Bei den oft wiederkehrenden allgemeinen Notständen bildeten
-sich ganze Bettlerheere von Männern und Weibern, überfielen wie
-Heuschreckenschwärme die Städte und erforderten nicht selten ernstliche
-Vorkehrungen[50]. Viele von ihnen mögen dann nie wieder zur dauernden
-Ansässigkeit gelangt sein. Die alleinstehenden Frauen namentlich,
-schutz- und hilflos in einer gewalttätigen Gesellschaft, mochten sich
-leicht entschliessen, ihren Wohnort zu verlassen und einem lockenden
-Rufe in die Ferne zu folgen. Die Frankfurter Steuerlisten des XIV. und
-XV. Jahrhunderts geben uns eine Vorstellung davon, wie entsetzlich
-verbreitet die Armut unter ihnen war. Im Jahre 1410 führt das Bedebuch
-2461 Steuerpflichtige auf, von denen 336 oder 13,7 Prozent ausdrücklich
-als arm bezeichnet werden. Von der Gesamtzahl waren 1888 Männer und 568
-Frauen; unter den Männern gab es 148 oder 7,8 Prozent Arme, unter den
-Frauen 188 oder 33,6 Prozent! Das Mittelalter kannte freilich keine
-Armenpolizei, die dem Bettel mit Gefängnisstrafen beikommen zu können
-meinte. Noch im Jahre 1489 beschloss der Frankfurter Rat -- wer weiss,
-zum wie vielten Male? -- _keynen frembden betteler nit vffnemen zu
-burger_. Auf freien Plätzen und an Strassenecken, vor den Kirchtüren
-und auf den Brücken lagen die Blinden, die Lahmen, die Aussätzigen,
-und nicht selten schlugen Bettler und Vagantenscharen hart unter den
-Stadtmauern ihre Barackenlager auf, wenn man ihnen die Tore verschloss.
-Bei Messen und Kaiserkrönungen sowie an den offiziellen Betteltagen
-ergossen sie sich dann unaufhaltsam in die Stadt.
-
-Was sollte diese Leute an der Scholle halten, wenn ihr Erwerb
-spärlicher floss und der Wettbewerb um die private Mildtätigkeit zu
-gross wurde? Auch hier geben die Frankfurter Steuerlisten erwünschten
-Aufschluss. Oft genug fanden die Bedemeister die Quartiere der
-steuerpflichtigen Frauen leer. »_Recessit_«, »_Ist enweg_«, »_Ist
-davon gelauffen_«, »_Ist gangen bedeln_«, wird dann wohl lakonisch
-hinter dem Namen bemerkt: niemand weiss, wohin sie gekommen. Dass
-sich aus derartigen Elementen die Schwärme der Fahrenden vielfach
-rekrutierten, unterliegt kaum einem Zweifel. Oft mag freilich auch
-die Scheu vor der Arbeit an der Spindel oder auf dem Felde, die Lust
-an einem ungebundenen Leben ausschlaggebend gewesen sein. In einem
-Volksliede[51] dieser Zeit fragt eine Mutter ihre Tochter:
-
- »Och metgen, wat hait dir der rocken gedain,
- dat du niet me machs spinnen?
- du suist in over die aesselen an
- recht wolstu mit eime kinge.«
-
-Und die Tochter antwortet:
-
- »Och moder, ich haven ein eit gesworn,
- dat ich niet me mach spinnen,
- ich haven ein lantsknecht lef und wert,
- licht mir in minen sinnen.
- Hi drinkt so gerne den kölen win,
- hi sluit mich in sin blanke armelin
- den awent zu dem morgen.«
-
-In einem andern[52] stellt die Mutter dem Mädchen die Wahl frei
-zwischen einem Ritter, einem Bauern und einem Landsknecht, und die
-Tochter antwortet:
-
- »Boeren, dat sijn boeren,
- si drinken so selden den wijn,
- so en doet die vrome lantsknecht niet,
- hi schencter so dapperlic in.«
-
-Manchmal mag auch die Verführung das ihrige getan haben, wie in dem
-bekannten Liede[53]:
-
- »Nun schürz dich, Gredlein, schürz dich!
- wolauf, mit mir darvon!
- das korn ist abgeschnitten,
- der wein ist eingeton« ...
-
- Do nam ers bei der hende,
- bei ir schneweissen hant,
- er fürets an ein ende,
- do er ein wirtshaus fand.
-
- »Nun wirtin, liebe wirtin,
- schaut uns umb külen wein!
- die kleider dises Gredlein
- müssen verschlemmet sein.«
-
-War einmal der verhängnisvolle Schritt getan, so gab es so leicht keine
-Rückkehr. Die Frauen fast aller Stände folgten nur zu leicht der eiteln
-Weltlust. Ueber die hohen Klostermauern, durch die Schlüssellöcher der
-eisenbeschlagenen Pforten hielt sie ihren Einzug:
-
- »Gott geb dem ein verdorben jar,
- der mich macht zu einer nunnen
- und mir den schwarzen mantel gab,
- den weissen rock darunden!«
-
-So sang und pfiff man um 1359 auf allen Strassen[54].
-
-Die fahrenden Leute waren im Mittelalter ehr- und rechtlos; um so
-lieber mochten sich die Frauen den Kriegsheeren anschliessen, wo sie
-mindestens geduldet und geschützt waren und wo sie in den wilden Ehen,
-die sie mit den Landsknechten und ihren Offizieren eingingen, einigen
-Rückhalt fanden. Endlich bleibt zu erwägen, dass die Art der damaligen
-Kriegsführung die Mitnahme zahlreicher Frauenzimmer, wenn auch
-vielleicht nicht unbedingt nötig machte, so doch sehr erleichterte.
-Durch viele Stellen der Landsknechtslieder wird bezeugt, dass nicht
-leicht einer ohne sein »Fräulein« auszog:
-
- »Der in den krieg wil ziehen
- der sol gerüstet sein;
- was sol er mit im füren?
- ein schönes frewelein,
- ein langen spiess, ein kurzen tegen;
- ein herren wöln wir suchen,
- der uns gelt und bscheid sol geben.«[55]
-
-Freilich wurden diese Ehen oft ebenso rasch gelöst als geschlossen. In
-einem andern Volkslied wird das Betragen der Frauen nach einer Schlacht
-geschildert:
-
- »Erst hebt sich an die klag der trewen frawen,
- ein iede tut nach irem man umb schawen;
- welcher der ir ist bliben tot,
- darf nit vor schanden lachen --
- biss sie ein andern hat.«
-
-Mag dieser Uebergang zu »einem Andern« die Regel gebildet haben,
-immerhin finden wir auch Beispiele unwandelbarer Treue, wie in dem
-schönen Liede[56] von den neun Landsknechten und einer jülich’schen
-Maid, die ihren in Gefangenschaft geratenen Geliebten zu retten
-sucht. So fällt auch auf dieses unserem Empfinden so wenig zusagende
-Verhältnis ein versöhnender Strahl der alles wagenden und alles
-duldenden Liebe.
-
- * * * * *
-
-Unstreitig die bedenklichste Erscheinung des Mittelalters bilden
-diejenigen +fahrenden Frauen+, welche +in den Städten sich dauernd
-niederliessen+ und hier nicht wenig zur Lockerung der Sitten
-beitrugen[57]. Dieselben kommen zwar auch noch unter mancherlei
-anderen Namen vor[58]; dass sie jedoch vorwiegend +Fremde+ waren,
-zeigen zahlreiche Bestimmungen der über sie erlassenen Ratsordnungen.
-Das Mittelalter war in Beziehung auf die öffentlichen Dirnen weit
-entfernt von jener übelangebrachten Prüderie, die heute noch so
-vielfach eine unbefangene Erörterung dieses ja immerhin sehr heikeln
-Gegenstandes verhindert. Es nahm ihr Bestehen als ein »zur Verhütung
-grösseren Unheils« notwendiges Uebel hin, dessen Beseitigung kaum
-je ernstlich in Erwägung gezogen wurde. In Frankfurt konnten sie
-das Bürgerrecht erlangen und wurden wie andere Neubürger in das
-Bürgerbuch eingetragen[59]. Die Frauen, welche sich dem elendesten
-aller Gewerbe hingaben, betrachtete man mehr als Unglückliche, Verirrte
-und Leichtsinnige[60] denn als Lasterhafte. Den Männern, welche ihren
-Umgang suchten, haftete ebensowenig ein Makel an als denjenigen, welche
-in »Unehe« (dem Konkubinat) lebten. Bildete doch selbst in den Zeiten
-des ritterlichen Frauendienstes der eheliche Stand eines von beiden
-Teilen oder beider für die »Minne« kein Hindernis.
-
-Oeffentliches Aergernis suchte freilich auch das Mittelalter in diesen
-Dingen zu vermeiden; aber es fasste diesen Begriff doch noch sehr
-eng. Die gemeinen Frauen wurden fast überall gezwungen, in bestimmten
-entlegenen Strassen oder in den Vorstädten zu wohnen; am häufigsten
-suchte man sie in +Frauenhäusern+ zu vereinigen. Die letzteren waren
-meist von den Stadträten selbst oder den Landesherren errichtet und
-bildeten dann oft eine vom Standpunkt der städtischen Finanzen nicht
-zu unterschätzende Einnahmequelle, welche selbst hohe kirchliche
-Würdenträger ohne Skrupel auspumpten und der Adel gern zu Lehen nahm.
-Sie wurden von den Städten entweder in eigenem Betrieb durch Beamte
-verwaltet oder an Privatunternehmer verpachtet. Die letzteren hiessen
-Frauenwirte und Wirtinnen oder Frauenmeister, bez. Meisterinnen,
-und waren durchweg an genaue Vorschriften gebunden. Sie unterlagen
-hierbei der Beaufsichtigung durch die städtischen Behörden. Meist war
-den Ratsknechten, oft auch dem Henker oder Stöcker die unmittelbare
-Ueberwachung der Dirnen anvertraut; die letzteren hatten diesen
-Bediensteten dafür gewisse wöchentliche Gebühren zu entrichten. Die
-Oberaufsicht lag gewöhnlich in den Händen des Bürgermeisters oder einer
-Ratsdeputation, deren Befugnisse fast unbeschränkt waren.
-
-Die Frauenhäuser standen als befriedete Orte unter einem ganz
-besonderen Schutz; Unfug, der dort verübt war, wurde doppelt hart
-bestraft. Die Insassen derselben genossen eines ausschliessenden
-Gewerberechts; wie die Zunftmeister gegen Störer und Bönhasen, so
-gingen sie gegen den unlauteren Wettbewerb der »heimlichen« Frauen
-vor, welche in Bürgerhäusern ihre Schlupfwinkel hatten, und mehr als
-einmal übten sie gegen diese gewalttätige Selbsthilfe. Eigentliche
-Korporationen, wie in Genf und Paris, scheinen sie in Deutschland nur
-vereinzelt gebildet zu haben; so hatten die öffentlichen Frauen in
-Leipzig eine Verbindung mit eigenen Satzungen, die ihre Vorsteherin
-selbst wählte und jährlich auf Mitfasten eine Prozession hielt.
-Ueberall aber waren sie bei öffentlichen Festlichkeiten, namentlich
-bei Fürstenempfängen, neben der körperschaftlich geordneten übrigen
-Bevölkerung als besondere Standesgruppe vertreten. Selbst bei den
-Schmäusen und Tänzen, mit welchen sich die ehrsame Bürgerschaft und
-der Rat vergnügten, war ihnen zu erscheinen erlaubt. Sie pflegten
-bei solchen Gelegenheiten wohl ihre Glückwünsche darzubringen und
-Blumensträusse zu überreichen, wogegen sie eine Ehrung, bestehend
-in Speise und Trank oder einem Geldgeschenke, empfingen. Bei der
-Durchreise hoher Herrschaften wurden ihre Häuser zu deren Empfang
-besonders geschmückt und beleuchtet; ja sie wurden bisweilen bei
-solchen Gelegenheiten auch auf städtische Kosten gekleidet. In
-Zürich herrschte noch 1516 der Brauch, dass der Bürgermeister, die
-Gerichtsdiener und die gemeinen Frauen mit den fremden Gesandten,
-welche in die Stadt kamen, zusammen speisten.
-
-Das Tun und Treiben in den Frauenhäusern war durch besondere Ordnungen
-geregelt, welche einen schlagenden Beweis für die eingehende Sorgfalt
-und die menschenfreundliche Gesinnung abgeben, mit denen das
-Mittelalter auch jene elendesten aller menschlichen Wesen behandelte.
-Jedenfalls stechen sie vorteilhaft ab gegen die Massregeln der
-modernen Sittenpolizei, welche in diesen Dingen noch immer zwischen
-weitherziger Duldung und radikaler Unterdrückung einen nicht sehr
-würdigen Eiertanz aufführt. Sie suchen die öffentlichen Frauen vor
-Uebervorteilung und roher Behandlung durch Wirte oder Wirtinnen zu
-schützen, ihnen die Freiheit der Bewegung, das Recht des Kirchenbesuchs
-und die Heilighaltung der Festtage zu gewährleisten und ihnen die
-Rückkehr zu einem geordneten Lebenswandel zu erleichtern. Früh finden
-wir eine gesundheitliche Ueberwachung derselben, und in Ulm gab es
-sogar eine besondere Badstube für ihren Gebrauch. In dem dortigen
-Frauenhause wurden die Weiber zur Arbeit angehalten; jede Insassin
-musste dem Wirte täglich zwei »Andrehen« Garn spinnen oder, wenn sie
-das nicht wollte, ihm für jede Andrehe 3 Heller zahlen. Dafür war
-der Wirt auch verpflichtet, in die Hilfskasse der Frauen, zu der
-jede wöchentlich einen Heller zahlte, jedesmal das Doppelte dieses
-Betrags zu legen. Das gesammelte Geld diente dazu, krank oder brotlos
-gewordene Frauenhauserinnen zu unterstützen. Es bestand also Kranken-
-und Arbeitslosen-Versicherung, zu der Unternehmer und Arbeiterinnen
-beitrugen. Ueber Kost und Lohn enthält die Frauenhausordnung von 1416
-die genauesten Vorschriften; überall leuchtet das Bestreben durch,
-die Gewalt des Wirtes in möglichst enge und fest bestimmte Grenzen
-einzuschliessen.
-
-Wie gross die Anzahl der feilen Frauen in den einzelnen Städten gewesen
-sei, lässt sich fast nirgends mehr bestimmen. In den meisten Städten
-finden wir mehrere (meist zwei oder drei) Frauenhäuser; die grösste
-Zahl von Frauen, welche wir in einem solchen Hause antreffen, beträgt
-fünfzehn. Indessen ist nicht zu übersehen, dass auch ausserhalb
-der Frauenhäuser die Lüderlichkeit eine Stätte fand. Nach allen
-Schilderungen muss im XV. Jahrhundert die Prostitution in den deutschen
-Städten eine furchtbare Ausdehnung gewonnen haben. Der zu gewissen
-Zeiten sehr starke Fremdenverkehr und die ständige Anwesenheit einer
-beträchtlichen Zahl von ehelosen Geistlichen, Handwerksgesellen und
-Kaufmannsdienern auf der einen Seite, die öffentliche Duldung des
-Unwesens in den Frauenhäusern auf der andern Seite wirkten mit der
-durch den wachsenden Reichtum geförderten Zuchtlosigkeit in den höheren
-Klassen zusammen, um eine geradezu schaudererregende Verwilderung und
-Verrohung hervorzubringen. In diesen Sumpf der Sittenlosigkeit wurde
-bald alles hineingerissen, die niederen wie die höheren Stände, die
-bürgerlichen Haushaltungen wie die Frauenklöster und Bekinenanstalten.
-
-Eine Reaktion gegen dieses Treiben konnte nicht ausbleiben. Sie ging
-von den Zünften und Gesellenverbänden aus, welche ihren Mitgliedern den
-Verkehr mit lüderlichen Dirnen seit dem Beginn des XV. Jahrhunderts
-untersagten. Weit später folgten Massregeln der öffentlichen
-Gewalt. Immer allgemeiner wurde den Dirnen, wie anderen Kategorien
-der »unehrlichen Leute«, eine besondere Tracht oder ein Abzeichen
-vorgeschrieben, damit sie von den ehrbaren Frauen geschieden und »nach
-ihrem wahren Werte angesehen« werden könnten. Man untersagte ihnen
-das Erscheinen bei Tänzen und Hochzeitsfesten; man wies ihnen in den
-Kirchen einen gesonderten Platz an; ja man schloss sie selbst nach
-ihrem Tode von dem allgemeinen Friedhof aus und liess ihre Leichen auf
-dem Schindanger verscharren. Dem XVI. Jahrhundert blieb es vorbehalten,
-zu diesen Unmenschlichkeiten noch die Strafen des Ausstellens
-am Pranger, des »Schnellens« und der öffentlichen Auspeitschung
-hinzuzufügen. Die Reformation bewirkte allerwärts, auch an katholisch
-gebliebenen Orten, die Aufhebung der Frauenhäuser, freilich nicht ohne
-gerade in diesem Punkte auf heftigen Widerstand zu stossen.
-
-Indessen würde man irren, wenn man wähnte, in jenen barbarischen
-Aechtungsmitteln des XV. Jahrhunderts habe die Weisheit des
-Mittelalters gegenüber den gefallenen Frauen ihr Ende gefunden. Die
-Kirche hatte es immer als eine wichtige Aufgabe christlicher Liebe
-bezeichnet, diese Tiefgesunkenen zu retten; das kanonische Recht
-empfahl die Ehelichung einer Gefallenen als ein Verdienst. Aber nur
-zu oft entsprachen dieser Theorie nicht die Taten des Klerus, der
-an vielen Orten den Gläubigen mit bösem Beispiele voranging. Der
-Ausdruck »Pfaffenmagd« wird im ganzen späteren Mittelalter den ärgsten
-Schimpfwörtern gleich geachtet. Ueber die sittliche Verwahrlosung,
-der manche Klöster zu Zeiten anheimgefallen waren, besitzen wir
-erschreckende Schilderungen[61].
-
-Aber die Kirche hat doch früh auf diesem Gebiete auch +positive
-Reformarbeit+ geleistet. Schon im Anfang des XIII. Jahrhunderts
-hatte ein Priester Rudolf in den rheinischen Städten den verlorenen
-Frauen seinen Bekehrungseifer zugewendet[62]. »Herr, wir sind arm und
-schwach«, war ihm einmal von solchen geantwortet worden; »wir können
-uns auf keine andere Weise ernähren; gebt uns Wasser und Brot, und
-wir werden euch gerne gehorchen.« In Worms und der Umgegend hatte er
-einige dieser Frauen bekehrt und in ein Haus aufgenommen; in Strassburg
-hatte er 1225 eine Klause für die Bussfertigen errichtet. Zwei Jahre
-später erhielt er ein päpstliches Breve, durch welches sämtliche von
-ihm bekehrten Frauen unter dem Namen der +Reuerinnen+ dem Orden
-der heiligen Magdalena angeschlossen wurden. Aus diesem kleinen Anfang
-ging in Strassburg das grosse Reuerinnenkloster hervor, nachdem durch
-eine Bulle Gregors IX. von 1246 die Büsserinnen der heiligen Magdalena
-in Deutschland ermächtigt worden waren, Klöster zu bauen. Solche
-Klöster der Büsserinnen, Reuerinnen oder weissen Frauen entstanden
-bald auch in andern Städten. Ihr nächster Zweck[63] war die Besserung
-der Verirrten und die Zurückführung derselben in die ehrbare weltliche
-Gesellschaft. Dies geschah durch ein unter strenger Klausur stehendes,
-sonst aber nicht allzuharten Regeln unterworfenes Leben in Gebet und
-Arbeit. Nur diejenigen, welche durch ihre Haltung bewiesen hatten, dass
-sie entschlossen seien, dauernd ein Dasein strengster Büssung und
-Kasteiung zu führen, wurden als eigentliche Klosterfrauen zur Ablegung
-des Gelübdes zugelassen und in die »Samenung zur heiligen Magdalena«
-aufgenommen.
-
-Dieses Vorgehen der Kirche fand unter den Bürgern lebhafte
-Nacheiferung. Hier und da wurden Vermächtnisse gestiftet, um
-denen, welche ein gefallenes Mädchen heirateten, eine Summe
-Geldes zu gewähren. Ausserdem wurden aus Privatmitteln zahlreiche
-+Rettungshäuser+ gegründet, die nach dem Muster der Bekinenhäuser
-eingerichtet waren und von diesen oft schwer zu unterscheiden sind.
-Schon im Jahre 1302 errichtete ein Speierer Bürger eine solche Anstalt,
-in welcher öffentliche Frauen aufgenommen, genährt und gekleidet
-wurden. Noch weiter ging 1303 Heinrich von Hohenberg, ein Scholar
-zu Colmar, der in verschiedenen Städten Rettungshäuser begründete,
-in welchen je 10 bis 25 Frauen Aufnahme, Ernährung und Bekleidung
-erhielten. Die Mittel brachte er durch Sammlung milder Beiträge auf.
-Auch in Strassburg stiftete er einen Bussschwesternverein, welchen der
-Bischof Johann von Dirpheim am 8. Oktober 1309 bestätigte. »Sklaven«,
-sagte er, »erlangen, wenn sie der Freiheit wiedergegeben werden,
-alle Rechte freier Männer; es wäre daher unbillig, wenn Frauen, die
-Sklavinnen der Sünde gewesen, nicht ähnlich behandelt würden, sobald
-sie sich zu einem besseren Lebenswandel bekehren.« Der Bischof nahm
-sie deshalb in seinen besonderen Schutz und erklärte sie von allem
-Makel frei; ihres früheren Standes sollte nie mehr gedacht werden. Die
-Bussschwestern oder bekehrten Frauen, wie Heinrich von Hohenberg sie
-selbst nannte, trugen Röcke und Mäntel von Sackleinwand, daher sie
-auch den Namen Sack-Bekinen erhielten. Die Gunst der Bürger wandte
-sich ihrer wohltätigen Anstalt in reichem Masse zu; indessen wurde sie
-schon 1315 infolge einer Pest zu einem Spital umgewandelt, in das die
-Schwestern als Pflegerinnen und Pfründnerinnen aufgenommen wurden.
-
-Eine ähnliche Anstalt schufen 1384 drei Bürger von Wien. Ratsherren
-waren die Vorsteher ihres Hauses und eine der Schwestern die Meisterin
-der übrigen. Der damalige Landesherzog gewährte nicht allein dem Hause
-Steuerfreiheit, sondern er verordnete auch, dass jeder, welcher eine
-der Insassinnen zum Weibe nehme, an seiner Ehre und seinen Zunftrechten
-keinen Eintrag erleiden dürfe. Schmähungen oder Kränkungen jener
-bussfertigen Frauen sollten strenge bestraft, aber auch diejenigen von
-ihnen, welche in ihr früheres Leben zurückfielen, ertränkt werden. Die
-Anstalt wurde sowohl aus der Stadtkasse als auch durch Vermächtnisse
-von Bürgern und Bürgerinnen bedeutend vergrössert und bestand in
-segensreichem Wirken bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts.
-
-Ueber Italien und Frankreich hatten sich diese Anstalten teilweise
-schon früher ausgebreitet. Nicht überall bewährten sie sich. Nicht
-wenige erlagen der allgemeinen Sittenverderbnis des XV. Jahrhunderts,
-ja manche boten gerade dem Uebel einen Schlupfwinkel, das sie bekämpfen
-wollten.
-
-Eine eigentümliche Beleuchtung des mittelalterlichen Frauenelends
-bieten die Statuten des 1497 gestifteten Hauses der Pariser Büsserinnen
-(filles pénitentes), welche der Bischof Simon von Champigny selbst
-aufgesetzt hatte. Nach diesen sollten nur solche Mädchen aufgenommen
-werden, die unter 30 Jahren alt wären und nachweisbar eine Zeit lang
-ein lüderliches Leben geführt hätten. »Um zu verhüten, dass junge
-Personen deswegen lüderlich werden, damit sie hernach hier eine Stelle
-bekommen, so sollen die, welche schon einmal abgewiesen sind, davon
-auf immer ausgeschlossen sein. Ueberdies sollen diejenigen, welche um
-die Aufnahme angehalten haben, in die Hände ihres Beichtvaters einen
-Eid ablegen, dass sie nicht selig werden wollen, wenn sie aus der
-Absicht lüderlich geworden wären, um mit der Zeit in diese Gesellschaft
-aufgenommen zu werden, und man soll ihnen sagen, dass, wenn man
-erfahren würde, sie hätten sich aus diesem Grunde verführen lassen, sie
-von dem Augenblicke an dieses Kloster meiden müssten, wären sie gleich
-schon eingekleidet und hätten ihre Gelübde getan.« Der Missbrauch,
-welchem durch diese Bestimmungen vorgebeugt werden sollte, muss nicht
-selten gewesen sein. In Deutschland liess man nach dieser Richtung
-Milde walten; ja viele Reuerinnenklöster gingen bald dazu über, auch
-unbescholtene Mädchen aufzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel,
-dass sie auf diesem Wege manche von dem Beginn eines schlechten
-Lebenswandels abhielten, dessen Entstehungsursache ja hauptsächlich die
-Verlassenheit und das Elend war.
-
- * * * * *
-
-Nach diesen Darlegungen wird es keinem Zweifel mehr unterliegen können:
-auch das Mittelalter hat seine +Frauenfrage+ gehabt; es hat sie auch
-zu +lösen+ versucht. Und diese mittelalterliche Frauenfrage war weit
-schwieriger; sie umfasste viel breitere Schichten der Bevölkerung als
-das, was heute unter jenem Schlagworte meist verstanden wird. Wie
-unbedeutend, wie winzig müssen uns neben dem Massenelend unter den
-Frauen des Mittelalters die Schmerzen erscheinen, denen die moderne
-Frauenbewegung Heilung bringen will!
-
-Und doch, wenn wir +unsere+ Verhältnisse mit denen des Mittelalters
-vergleichen, +unsere+ Hilfsmittel mit denen jener rauhen, an Behagen
-so armen Zeit -- haben wir dann gegründete Ursache, uns zu überheben?
-Ist das Dasein unserer Fabrikarbeiterinnen und Handlungsgehilfinnen
-etwa freundlicher gestaltet als das Los der Meistersfrauen und Töchter,
-die ihren Gatten und Vätern im Gewerbe halfen, ja selbst als das der
-Spinnmägde und Kämmerinnen, deren Arbeitsverhältnis durch Sitte und
-Gesetz geregelt wurde? Haben wir Anstalten, welche an Reinheit und
-Klarheit der Ziele sich mit den Bekinenstiftungen, den Samenungen,
-den Häusern der Bussschwestern und Reuerinnen vergleichen liessen? Ist
-die Stellung der Gesellschaft zu den »fahrenden Frauen« eine würdigere
-geworden?
-
-Gewiss hat das Mittelalter seine Frauenfrage nicht endgültig gelöst.
-Es hat sie nicht endgültig lösen +können+, weil es die Quellen nicht
-zu verstopfen vermochte, aus denen das Uebel sich in fortwährender
-Wiederkehr erneuerte. Aber die Anstalten, welche es geschaffen hat,
-genügten doch Jahrhunderte lang dem Bedürfnisse der Zeit, von der
-man mit Unrecht mehr verlangen würde, als ihre Mittel erlaubten[64].
-Absolute Lösungen für soziale Fragen sucht man nur im Lande Utopia.
-Wir Menschen der wirklichen Welt müssen zufrieden sein, wenn das, was
-wir schaffen, auch nur einer oder wenigen Generationen genügt. Mögen
-die Nachkommenden es mitleidlos einreissen, sobald sie Besseres an die
-Stelle setzen können!
-
-Die Reformation des XVI. Jahrhunderts hat die entarteten
-Frauenversorgungsanstalten des Mittelalters gewiss mit demselben
-Rechte beseitigt wie die Stätten der sündigen Lust. Aber sie ist
-hier revolutionär, nicht reformierend zu Werke gegangen; sie hat
-zunächst nichts Positives an die Stelle des Eingerissenen zu setzen
-vermocht, ausser einer Theorie, wenn man will, einem +Ideal+, dessen
-Verwirklichung erst im Laufe der Jahrhunderte erfolgen konnte. Um dies
-zu verstehen, muss man nicht vergessen, dass die Reformation das Weib
-in einer sittlichen Erniedrigung und Entwürdigung vorfand, wie sie
-brutaler kaum gedacht werden kann. Ihre erste Aufgabe musste darin
-bestehen, die Ehe wieder zu heiligen. Damit veränderte sich auf einen
-Schlag die ganze Stellung der Frau in der Gesellschaft. An die Stelle
-des Frauenideals der Ritterromantik, welches die Körperschönheit der
-Geliebten in den Vordergrund stellte, trat ein neues Frauenideal,
-welches auf die Seelenreinheit und die sittlichen Eigenschaften der
-deutschen Hausfrau und Hausmutter das Schwergewicht legte.
-
-Gewiss waren es altjüdische Gedanken[65], denen Luther in seinem »Lob
-eines frommen Weibes« in freier Uebertragung Ausdruck verliehen hat:
-»Ein fromm gottesfürchtig Weib ist ein seltsam Gut, viel edler und
-köstlicher denn eine Perle. Der Mann verlässt sich auf sie und vertraut
-ihr alles. Sie erfreuet den Mann und machet ihn fröhlich, betrübet ihn
-nicht, tut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang. Geht mit Flachs
-und Wolle um, schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist
-wie eines Kaufmanns Schiff, das aus fernen Ländern viel Ware und Gut
-bringt. Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und gibt den Mägden,
-was ihnen gebühret. Wartet und versorget mit Freuden, was ihr zusteht.
-Was sie nicht angeht, lässt sie unterwegen. Sie gürtet ihre Lenden
-fest und streckt ihre Arme, ist rüstig im Hause. Sie merkt, was frommt
-und verhütet Schaden. Ihre Leuchte verlischt nicht des Nachts. Sie
-streckt ihre Hand nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel;
-sie arbeitet gerne und fleissig. Sie breitet ihre Hände aus über die
-Armen und Dürftigen, gibt und hilfet gern. Ihr Schmuck ist Reinlichkeit
-und Fleiss. Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, auf ihrer Zunge ist
-holdselige Lehre; sie zieht ihre Kinder fein zu Gottes Wort. Ihr Mann
-lobet sie, ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig.«
-
-Aber diese Gedanken sind seit der Reformation in das deutsche
-Volksbewusstsein übergegangen, und sie beherrschen noch heute die
-Auffassung von der Ehe und der sozialen Stellung des Weibes in breiten
-Schichten der Bevölkerung. Nicht von oben herab, bei den Spitzen
-der Gesellschaft hat sich die Umwandlung zuerst vollzogen, sondern
-von unten herauf, aus dem deutschen Bürgerstande heraus, ist die
-Festigung und Kräftigung der Stellung der Frau in der Familie erfolgt.
-Während die vornehme Gemeinheit der französischen Galanterie das
-Hofleben und die adeligen Kreise des XVII. und XVIII. Jahrhunderts
-beherrschte, streifte die bürgerliche Familie allmählich die aus dem
-Mittelalter überkommenen Anschauungen ab und wies der Frau jene hohe
-sittigende Stellung an, welche die Dichter unserer klassischen Periode
-verherrlicht haben. Die anscheinend so engherzige Ausschliessung des
-weiblichen Geschlechtes vom Erwerbsleben, welche sich in dieser Zeit
-vollzog, musste mit zu diesem Ziele helfen. Dass sie sich aber ohne
-stärkeres Widerstreben der Gesellschaft und der öffentlichen Gewalt
-vollziehen +konnte+, scheint als Beweis dafür angesehen werden zu
-müssen, dass die eingetretenen friedlichern Zeiten eine Ausgleichung
-des im Mittelalter so bedeutenden Zahlenunterschiedes der Geschlechter
-mehr und mehr herbeigeführt hatten. Die für so hart und engherzig
-geltenden Zunftartikel, welche den in Unehe Erzeugten den Zutritt
-zum Handwerk versagten, und die Beschäftigung weiblicher Personen
-ausschlossen, wären dann, nach dieser Richtung wenigstens, nur Ausdruck
-der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft.
-
-Denn das muss vor allem festgehalten werden: durch die ganze
-Geschichte, und namentlich durch die Geschichte unseres Volkes geht
-ein mächtiger Zug, der darauf hinführte, die Frau mehr und mehr
-von der schweren, aufreibenden Mühsal des Erwerbs zu entlasten und
-diese auf die stärkeren Schultern des Mannes zu laden, dem Manne die
-schaffende, die werbende Arbeit der Gütererzeugung, der Frau die
-verwaltende und erhaltende Tätigkeit in der Hauswirtschaft, dem Manne
-den waglichen Kampf ums Dasein, der Frau die behagliche Gestaltung
-desselben zuzuweisen. Diesen Zug der Entwicklung nach Möglichkeit zu
-fördern, erschien den letztvergangenen Jahrhunderten als die Aufgabe
-einer gesunden, historisch aufbauenden Sozialpolitik. Als Gehilfin
-des Mannes im Rahmen der Familie mochte die Frau zum eigenen und
-allgemeinen Besten auch in der eigentlichen Erwerbswirtschaft tätig
-sein, nimmermehr jedoch als Konkurrentin des Mannes ausserhalb dieses
-Rahmens[66].
-
-Diese Entwicklung, die von der Urperiode unseres Volkes bis auf die
-neueste Zeit herab sich mächtig wirksam erwiesen hat und der wir
-unsere heutige Familienverfassung und unser in der Sitte begründetes
-Ideal der Ehe verdanken, hat im letzten Jahrhundert einen Rückschlag
-erlitten durch den gewerblichen Grossbetrieb mit seiner massenhaften
-Frauenarbeit. Von den Fabriken hat letztere immer mehr auf den Handel
-sich ausgedehnt und greift schon mächtig auf andere Berufsgebiete
-über. Sie macht die Frau vom Erwerbe des Mannes mehr oder minder
-unabhängig; aber sie macht sie nicht ökonomisch selbständig wie einst
-im Mittelalter. Vielmehr bedingt sie in der Regel Abhängigkeit von
-einem Unternehmer. Darin besteht ihre Gefahr. Ihre Folgen liegen klar
-zutage: Entwürdigung des weiblichen Geschlechts, Erschwerung der
-Familiengründung für die mit billiger Frauenarbeit konkurrierenden
-Männer, Auflösung der häuslichen Bande, Verkümmerung und Verwilderung
-der heranwachsenden Jugend. In vielen Arbeiterhaushalten ist die auf
-der Ehe und väterlichen Gewalt beruhende Familie verlassen und an
-ihre Stelle ein auf allerlei Vertragsverhältnissen beruhendes Gebilde
-getreten[67].
-
-Sollen wir -- das ist das verzweifelte Doppelproblem, welches uns
-die moderne Frauenerwerbsfrage stellt -- im Widerspruche mit der
-gesamten Kulturentwicklung das System der »billigen Hände« auf immer
-weitere Berufsarten ausdehnen, sollen wir damit auch in diesen
-Kreisen die Erschwerung der Familiengründung, die Auflösung der
-Gesellschaft in ihre Atome immer allgemeiner machen? Soll die Ehe als
-dauernde Lebensgemeinschaft temporären, jeder Willkür preisgegebenen
-Verbindungen weichen? Und soll das Vertragsprinzip, auf dem die
-Unternehmung beruht, allgemein auch für die Familie massgebend werden?
-Oder sollen wir nicht vielmehr mit allen Kräften darnach streben, dass
-allen Klassen der Bevölkerung der Friede und das Behagen des häuslichen
-Herdes gesichert, dass der Familiensinn gestärkt und dass der Frau
-dasjenige Gebiet erhalten werde, auf dem sie sich am glücklichsten
-fühlt und auf welchem sie Werte schafft, die für die Nation kostbarer
-sind als eine noch so grosse Steigerung der Produktion durch »billige
-Hände«? Sollten nicht die Frauen selbst dieses ihr eigenstes Gebiet mit
-allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln festhalten und mit den Männern
-dahin arbeiten, dass die gewiss nicht unvermeidbaren Ursachen beseitigt
-werden, welche in der modernen Gesellschaft so viele Männer an der
-Eheschliessung und so viele Frauen an der Erfüllung ihres natürlichen
-Berufes hindern?
-
-Es ist bekannt, für welchen Teil dieser Alternative sich die moderne
-Frauenbewegung und ihre Freunde entschieden haben. Sie wollen
-völlige soziale und rechtliche Gleichstellung und auf der Grundlage
-selbsteigenen Erwerbes von Mann und Weib eine Neuordnung der
-geschlechtlichen Beziehungen. Ihnen sei zum Schluss noch Folgendes zu
-bedenken gegeben.
-
-Am 12. Juni 1907 wurden im Deutschen Reiche 9½ Millionen erwerbstätige
-Frauen gezählt[68]. Dies bedeutet ziemlich genau ein Drittel aller
-erwerbstätigen Personen oder die Hälfte der Frauen im Alter zwischen
-dem 15. und dem 70. Lebensjahre. Von 1895 bis 1907 hat sich die Zahl
-der erwerbstätigen männlichen Personen um 20%, die der weiblichen aber
-um 44% vermehrt. Die Zunahme erstreckt sich auf alle Berufsgruppen,
-trifft aber die selbständig und die unselbständig Erwerbstätigen in
-sehr verschiedenem Masse. Die letzteren haben in allen Berufsgruppen
-am stärksten sich vermehrt, während die selbständig tätigen Frauen
-in der Urproduktion und in der Industrie eine Abnahme und nur im
-Handel ebenfalls eine Zunahme aufweisen. Zu gleicher Zeit hat die Zahl
-der weiblichen Dienstboten bei einer Volksvermehrung von 19% trotz
-wachsenden Wohlstandes sich um reichlich 5% vermindert, und die Zahl
-der berufslosen Angehörigen ist in ihrer Vermehrung hinter der Zunahme
-der Gesamtbevölkerung zurückgeblieben.
-
-Diese Zahlenverschiebungen werfen ein scharfes Schlaglicht auf
-die tatsächlichen Voraussetzungen, unter denen die Frauenfrage
-der Gegenwart steht. Nicht dass 1907 fast drei Millionen Frauen
-mehr im Erwerb tätig waren als 1895 ist das bedeutsame, sondern
-dass die Verkümmerung der Familienhaushaltung immer weniger Raum
-für Frauenarbeit lässt und dass von den 9½ Millionen einen Beruf
-ausübender weiblicher Personen mehr als 8 Millionen in abhängiger
-Erwerbsstellung sich befanden. Nicht bloss in der Produktion sondern
-auch im Handel, den persönlichen Diensten und selbst den liberalen
-Berufen vollzieht sich das Eindringen der Frauen in +dieser+ Weise.
-
-Darin liegt die ungeheure Schwierigkeit, darin der grosse Unterschied
-zwischen der modernen Frauenfrage und derjenigen des Mittelalters.
-Damals war sie eine Versorgungsfrage, heute ist sie Emanzipationsfrage.
-Die ökonomische Entwicklung drängt von selbst auf eine rechtliche
-Neuordnung, und auch die »Emanzipation vom Manne« mag sich in ihrem
-Gefolge vielleicht durchsetzen lassen, soweit die Natur sie erlaubt.
-Hinter ihr lauert aber ein neues, weit schwierigeres Problem: die
-Emanzipation von der ökonomischen und sozialen Abhängigkeit, der
-das Weib im Erwerbsleben immer mehr anheimfällt und mit jedem neuen
-Erwerbsgebiete, das es erobert, mehr anheimfallen muss. Nach einem
-Zeitalter des individuellen »Auslebens« von Weib und Mann sieht die
-Zukunft wahrlich nicht aus. Die Fortsetzung der jüngsten Entwicklung
-bedroht uns im Gegenteil mit einem Zustand, bei dem beide Geschlechter
-gleichmässig in das Joch der Unternehmung eingespannt sind. In dem
-Masse aber, als in dieser Arbeitsteilung uns technische Fortschritte
-weiteren Raum für Frauenarbeit schaffen, wird zwischen dieser und der
-Männerarbeit der Kampf heftiger werden, und schliesslich wird die
-billigere Frauenhand den Sieg davon tragen. Die Folge kann nur eine
-Umkehr des seitherigen Verhältnisses der Geschlechter in der Wirtschaft
-sein: erwerbende Frauen -- haushaltende Männer, wenn man sich nicht
-lieber vorstellen will, dass auch der Haushalt in seinen wichtigsten
-Bestandteilen zum Gegenstande kapitalistischer Unternehmung geworden
-sein wird[69].
-
-Sollte das wirklich das Endziel der Entwicklung unserer Kulturvölker
-sein, dass der Frau die Last der Produktion wieder aufgeladen würde,
-die ihr eine Entwicklung von zwei Jahrtausenden Stück für Stück
-abgenommen hat? Rückkehr zur Barbarei, Auflösung der Familienordnung,
-wie sie seit der Reformation sich gestaltet hat, Zersetzung des
-Haushalts, in welchem die Frau herrscht und Eingliederung derselben in
-eine Erwerbsordnung, in der sie nur als dienendes Glied Raum finden
-kann[70]: es wird schwer, an die Möglichkeit solchen Widersinns zu
-glauben, schwer, eine Kultur als solche zu verstehen, die eines ihrer
-kostbarsten Kleinode der Vernichtung preisgibt.
-
-
-
-
-Anmerkungen.
-
-
-[1] Vgl. meine »Bevölkerung von Frankfurt a. M. im XIV. und XV.
-Jahrhundert« I, S. 40 ff. 61 ff. »Die Entstehung der Volkswirtschaft«
-(7. Aufl.), S. 392 f. -- Möglicherweise lassen sich auf Grund der
-Dresdener Steuerlisten aus dem XV. Jahrhundert für diese Stadt ähnliche
-Ermittelungen anstellen. Vgl. +O. Richter+ im N. Archiv für sächs.
-Gesch. u. Altertumsk. II., S. 274 ff., insbes. S. 279, Anm. 10.
-
-[2] Nach diesen Ermittlungen, welche auf Grund der im Original
-erhaltenen Erhebungslisten ausgeführt sind, kommen
-
- im Jahre auf Steuerpflichtige Frauen Frauen in Prozent
- insgesamt überhaupt der Steuerpflichtigen
-
- 1354 2669 481 18,0
- 1359 3164 589 18,6
- 1365 3021 615 20,3
- 1370 2697 484 18,0
- 1375 3004 616 20,5
- 1380 3055 509 16,6
- 1385 3391 824 24,3
- 1389 3165 742 23,4
- 1394 2600 539 20,7
- 1399 2652 614 23,1
- 1406 2383 500 20,9
- 1410 2456 568 23,1
- 1420 2345 551 23,5
- 1428 2411 466 19,3
- 1463 2560 638 24,9
- 1475 2782 733 26,3
- 1484 2483 705 28,4
- 1495 2579 715 27,7
- 1510 2328 640 27,5
-
-[3] Solche Pestjahre waren in dem oben angegebenen Zeitraum 1356/7,
-1364/5, 1395/6, 1402, 1412, 1418-1420, 1461 und 1463; in das Jahr 1387
-fällt die Cronberger Schlacht. Man vergleiche damit die entsprechenden
-Ziffern in obiger Tabelle.
-
-[4] Vgl. meine Bevölkerung von Frkf. I, S. 507 ff.
-
-[5] +J. Hartwig+, Die Frauenfrage im mittelalterlichen Lübeck:
-Hansische Geschichtsblätter XXXV, S. 39 ff.
-
-[6] +Hartwig+ a. a. O. S. 57 ff.
-
-[7] +Schanz+, Zur Gesch. der deutschen Gesellenverbände, S. 5. +Stahl+,
-das deutsche Handwerk, S. 274.
-
-[8] Vgl. +Maurer+, Gesch. der Fronhöfe, I. 115. 135. 241 ff. II.
-387 ff. III. 325.
-
-[9] _Tyro. Prudentiae juris opificiariae praecursorum emissarius._ Der
-Lehrjunge. Jena 1717, S. 35 ff. -- Ueber das Folgende vgl. +Stahl+,
-das deutsche Handwerk, S. 42 ff. +Neuburg+, Zunftgerichtsbarkeit und
-Zunftverfassung, S. 49 ff.
-
-[10] Vgl. +Weinhold+ a. a. O., I. S. 191. +Schmoller+, Die Strassburger
-Tucher- und Weberzunft, S. 359 ff., 521. -- +Mone+, Zeitschr. f. Gesch.
-des Oberrheins, IX. S. 133 ff., 173 ff.; XV., S. 165.
-
-[11] Abgedruckt im Archiv f. Frankf. Gesch. III F. VI, S. 94 ff. --
-Aehnliche Vorschriften in +Goch+: Annalen des histor. Ver. für den
-Niederrhein, Heft VI., S. 45. 78. -- Noch 1620 gibt der Amtmann in
-Leerort den Weberknechten und Webermägden, »deren ein ziemlicher Anteil
-dort vorhanden« (auch Lehrknechte und Lehrmägde werden erwähnt), ein
-Kranken- und Sterbekassenstatut: Zeitschr. f. d. Kulturgeschichte,
-N. F., III. (1874), S. 128. -- Ueber +München+ vgl. +Sutner+ in den
-Histor. Abh. der k. bayer. Akademie d. W. II., S. 493.
-
-[12] Vgl. +Stahl+ a. a. O., S. 80.
-
-[13] In Frankfurt zahlte eine Frau, die das Handwerk treiben wollte, 30
-Schilling und ein halb Viertel Wein und hatte dann Zunftrecht, ein Mann
-3 Pfund und ein Viertel Wein. Schneiderordnung im II. Handwerkerbuch.
-+Stahl+ a. a. O. hat Unrecht, wenn er meint, an die Frau seien
-dieselben Anforderungen gestellt worden wie an einen Mann. Ueber Mainz:
-+Stahl+, S. 83.
-
-[14] Im Augsburger Stadtrecht von 1276 heisst es Art. 129 (S. 215 bei
-+Meyer+): _Swaer siniu chint ze antuaerken lat dur lerunge, ez si sun
-oder +tohter+, swaz lons man davon geheizzet, kumt daz ze clage, daz
-sol ein burggrafe rihten darnach als die schulde geschaffen ist._
-Dieselbe Formel noch in der Nürnberger Reformation von 1564 und im
-Stadtrecht von Mühlhausen i. Th.: +Stahl+, S. 47. Aehnlich in England:
-+Stahl+, S. 49. Ueber das ausgedehnte Arbeitsrecht der Frauen in den
-Pariser Gewerben vgl. _Boileau_, _Livre des métiers_ und +Stahl+, S.
-53-71.
-
-[15] +Stahl+ a. a. O., S. 90 ff.
-
-[16] +Westenrieder+, Beiträge zur vaterl. Gesch. etc. VI, S. 153. Vgl.
-indessen das Stadtrecht von München, herausg. v. Auer, Art. 45: _Ain
-frau, deu ze marcht stat und deu chauft und verchauft etc._
-
-[17] Vgl. +Jäger+, Ulms Verfassung, bürgerliches und kommerzielles
-Leben, S. 685. Dagegen sind die Viktualienhändler (Merzler) in Ulm,
-die Hucker in Augsburg (Stadtr. S. 201), die Käufler in München
-(Stadtrecht, Art. 440 f.) durchweg Männer. In Augsburg werden neben
-den _keufel_ auch _verkauferinne_ erwähnt (Stadtr. S. 271 ff.), in
-Danzig neben den _hoker_ auch _hokinnen_ (Hirsch, Danzigs Handels-
-und Gewerbegesch., S. 316). Nach zahlreichen Beobachtungen, die ich
-in dieser Hinsicht angestellt habe, ist überall im Mittelalter die
-Höckerei ein vorwiegend männliches Gewerbe.
-
-[18] Im Folgenden gebe ich das Verzeichnis sämtlicher in Frankfurter
-Akten und Urkunden bis zum Jahre 1500 vorkommenden weiblichen
-Berufsnamen. Dieselben sind einer seit vielen Jahren von mir angelegten
-Sammlung der Berufsbezeichnungen entnommen, die hauptsächlich auf
-fortlaufend über die Bevölkerung geführte Akten (Steuerlisten,
-Bürgerverzeichnisse, Bürgerbücher u. dergl.) zurückgeht und nicht bloss
-das Vorkommen eines Berufs, sondern auch die Zahl der Berufsangehörigen
-festzustellen versucht. Sie wird demnächst in den Abhandlungen
-der Kgl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften veröffentlicht
-werden. Bei den nachstehenden Listen sind vier leicht verständliche
-Kategorien weiblicher Berufsarbeiter unterschieden; zwischen den
-drei letztgenannten sind natürlich die Unterschiede fliessend. Denn
-obwohl wenig Berufstätige des XIV. und XV. Jahrhunderts mir bei meinen
-Sammlungen entgangen sein werden, so liegt es doch schon in der Natur
-des Quellenmaterials, dass die Männer vollständiger erfasst werden
-mussten. Weibliche Berufsnamen, die sich auf Ehefrauen und Witwen
-männlicher berufstätiger Personen beziehen (z. B. beckern, bendern,
-smiden) mussten natürlich ausgeschlossen bleiben, da das Verzeichnis
-nur Fälle selbständiger oder abhängiger weiblicher Berufstätigkeit
-enthalten sollte, nicht aber den Fortbetrieb eines Handwerks
-durch sie oder blosse Hilfeleistung beim Gewerbe des Mannes durch
-dessen weibliche Familienglieder. Natürlich ist bei einer solchen
-Aussonderungsarbeit manches dem Gefühl des Bearbeiters anheimgegeben;
-aber ich glaube keinen Beruf in die Listen aufgenommen zu haben, der
-nicht im Mittelalter nachweisbar von Frauen betrieben worden ist.
-Mehrfach kommen verschiedene Namen für dasselbe Gewerbe vor. Dass die
-weibliche Namensform auch bei solchen Gewerben angegeben ist, die
-vorzugsweise von Männern betrieben wurden, wird keiner Rechtfertigung
-bedürfen.
-
-
-I. +Berufe, für die nur weibliche Namen vorkommen.+
-
- Altartuchmacherin
- amme
- bortenmechern
- bendelern
- besenmechern
- besendregern
- bettebereidern
- bettemachern
- bettfegern
- brustleddern
- drollern
- federmechern
- filzern
- fronegertern
- garnfrauwe
- gilerhaltern
- goltspinnern
- harmedern
- hebeamme
- hemdenmechern
- hosenstrickern
- hudeferbern
- hudelferbern
- hudelstrickern
- hullenmechern
- hullenweschern
- hulleryhern
- huwenweschern
- kindeschuwern
- kleiderhocke
- kleidermeit (in einer Badstube)
- klunkenersen
- knaufelern, knaufelmechern
- lerfrouwe
- lichthocke
- lichtmechern
- linennewersen
- lutterdrengkern
- magit, meit, dinstmeit
- melmengern, melefeilern
- messemeit
- nedersen
- noppersen
- pelzmechern
- radspinnersen
- reubelern
- rinkengießern
- rufelern
- salzmengern
- samenfrau
- schonebeckern
- sleierweschern
- spinnersen
- sterkern
- strelemagit
- wachern
- wirkersen
- wollenbeslagern
- wollenbesnidern
- wollenlesersen
- wurzfrauwe
- ziedelmachern
- zimpelern
- zirkelern
- zwirnmechern
-
-
-II. +Berufe die vorzugsweise von Frauen ausgeübt wurden.+
-
- appelmengern
- boppenmalern
- bierbruwern
- daubeckern
- eiermengern
- essigmengern
- ganshirten
- gufenern
- gulichtern
- hafermengern
- heringmengern
- hullenkouffern
- hullenwobern
- kemmersen
- krudern
- mattenmechern
- snormechern
-
-
-III. +Berufe, in denen Männer und Frauen gleich häufig vorkommen.+
-
- altgewendern
- boternhocke
- bademeit
- fiedelern
- vigenhocke
- fladenbeckern
- hocke, hockin
- horneffen
- hunermengern
- hunerkeufern
- kelnern
- kerzenmechern
- kesemengern
- kindelerern
- klingenern
- lenegadern
- lerern
- lutenslehern
- mentelern
- milchern
- notschern
- obessern, obsern
- obismengern, obshockern
- oleiern
- oleihocke
- rubingrebern
- salzfrauwe
- schappelmechern
- scheppelern
- selzern
- senfmengern, senffrauwe
- sleiermengern, sleierfrauwe
- smersnidern
- spitzenmecherin
- spulersen
- stobenheissern
- strickern
- wennern
-
-
-IV. +Berufe, in denen Frauen seltener vorkommen als Männer.+
-
- abenturern
- augenerzten
- briefdragern
- briefdruckern
- budelern
- burstenmechern
- deckelechern
- deschenmechern
- torwechtern
- duchscherern
- duchspulern
- erzten
- essigfrauwe
- federmengern
- fehehirten
- flechtenmechern
- vorkeuffern
- fuderern
- gadenfrouwe
- gengelern
- geukelern
- gewendern
- haumengern
- hentschumechern
- hirten
- hudekouffern
- hudemechern
- huderuppern
- klaibersen
- kochin
- kolschebeckern
- copeyern
- korbern
- kremern, kremersen
- kursenern
- lantfarern
- lebekuchersen
- ledersmerern
- leistmechern
- leufern
- linwedern
- malern
- menkelern
- melbern, milwern
- mottersen
- naldenern, nadlern
- paternosterern
- piffern
- portenern
- pulern
- rosindragern
- rußen, leppern
- schekelern
- schellendregern
- scherensliffern
- scherern, bartscherern
- schiffrauwe
- schornsteinfegern
- schulmeistern
- schusselern
- seifenmechern
- senfmechern
- sidenstickern
- simelern
- slaghudern
- snidern
- snitzern
- sporleddern
- stazionerern
- suhirten, suern
- ulnern
- underkeufern
- wechtern
- welkern
- weschersen
- wesselern
- wollenslegern
- wurzelern
- wurzemengern
- ziechenern
- zehenern
- zolnerin
-
-Dass das vorstehende Verzeichnis vollständig sei, ist kaum
-anzunehmen. Nicht immer findet sich für eine Beschäftigung auch eine
-Berufsbezeichnung. Es treten dann wohl Umschreibungen auf. So findet
-sich in den Bedebüchern der Niederstadt von 1405 und 1406 Bl. 17 a,
-bez. 31 b: _Else mit den hunden_; sie wohnt in der Dieterichsgasse,
-wo allerlei armes Volk hauste, gab also wohl mit abgerichteten Hunden
-Vorstellungen. -- 1372 Bdb. der Oberstadt 12 a: _Else Leuben in dem
-kellerchen, die da kolen veyle hat_, also eine Kohlenhändlerin. -- 1359
-Bdb. Oberst. 20 b: _Katherine, dye daz crute hudet_; Bedeutung unklar.
--- 1399 Bdb. Niederst. 14 a: _Kedder, die die swebelkirzen dreit_, also
-einer Verfertigerin oder Verkäuferin einer bestimmten Art von Kerzen.
--- 1424 Bdb. Oberst. 19 b: _ein arm frauwe, dye der gefangen torin
-wartit umb gottis willen_, also eine Wärterin bei einer Geisteskranken.
--- 1397 Heiligenbuch 32 a: _eyne kolsche frauwe, die scheren feile hat
-vor dem Schrothuse_; 1472 im Marktrechtbuch 5 b: _die frauwe mit dem
-Colneschen zynwerg_ (beide als Verkäuferinnen auf der Messe). Dazu
-kommt eine Reihe unerklärbarer, aber auf Berufstätigkeit hinweisender
-Benennungen weiblicher Personen (z. B. _weibelern_, _ulselmechern_,
-_setzependin_, _muselern_).
-
-[19] Vgl. auch +Gengler+, Stadtrechts-Altertümer, S. 36.
-
-[20] +Kriegk+, Frankfurter Bürgerzwiste und Zustände im Mittelalter, S.
-334 f. Eine Wechslerin und eine Pächterin der Stadtwage auch in Lübeck:
-+Hartwig+ a. a. O. S. 51 f.
-
-[21] Vgl. das Verzeichnis der Frankfurter Aerzte bei +Kriegk+,
-Deutsches Bürgert., S. 34 ff. Eine Münchener Augenärztin aus der ersten
-Hälfte des XIV. Jahrhunderts: Monum. Boic. XXXV., 2, 94. +Weinhold+,
-Deutsche Frauen, I., S. 170 ff. Aehnliches in Lübeck: +Hartwig+
-a. a. O. S. 52 f.
-
-[22] Aus den Ausgaberegistern der Bürgermeister (»Botenbüchern«) habe
-ich mir folgende Fälle notiert: 1391 Bl. 2^a: _5 grosse zweien frauwen,
-dem folke nachzulauffen, daz vor der stad was, biz gein Rockingen._ --
-1392 Bl. 7^a: _6 ß junger h. einer frauwen zu lauffen gein Dippurg,
-gein Omstat und ubiral in dem Odenwalde, zu irfarn heymelich umb
-samenunge_. -- 1414 Bl. 4^b: _4 ß alder vier frauwen in den walt und
-darumbe zu virslahen, als man sunderlich gewarnt waz_.
-
-[23] Vgl. das Gedicht Iwein, V. 6186 ff. Jäger, Ulm, S. 634. +Mone+,
-Zeitschr. IX., S. 138. XIII., S. 141 ff. Ueber Lübeck: +Hartwig+
-a. a. O. S. 63 f.
-
-[24] Gesamtabenteuer II., 23 ff. Vgl. auch +Hartwig+, S. 64 ff.
-
-[25] Vgl. +Weinhold+, a. a. O., S. 132. +Norrenberg+, Frauenarbeit und
-Arbeiterinnen-Erziehung in deutscher Vorzeit, Köln 1880, besonders S.
-59 ff.
-
-[26] Vgl. meine Bevölkerung von Frankfurt I, S. 343 f., 389.
-
-[27] +C. Schmidt+ in der Alsatia, Jahrg. 1860, S. 187 ff.
-
-[28] +Norrenberg+ a. a. O., S. 63 ff.
-
-[29] +Schmidt+ a. a. O., S. 224.
-
-[30] Ueber die Bekinen (so wird das Wort durchweg in Frankfurter
-Urkunden geschrieben, +nicht+ Beginen, Beghinen oder Beguinen) vgl.
-Ersch und Gruber, Realenzykl. u. d. W. -- Realenzyklopädie für die
-protest. Theologie (3. Aufl.), II, S. 516 ff. -- +C. Schmidt+, Alsatia
-(1858-1861), S. 149 ff. -- +Kriegk+, Deutsches Bürgertum i. Ma., S.
-100 ff. -- +Arnold+, Verfassungsgesch. der deutschen Freistädte, II, S.
-173 ff. -- +Heidemann+, Zeitschrift des bergischen Geschichtsvereins,
-IV., S. 85 ff. -- +Jäger+, Ulm, S. 407 ff. -- +Lipowski+, Urgeschichte
-von München, II., S. 247, 274. +Hartwig+ a. a. O. S. 80 ff. --
-+Mosheim+, _De Beghardis et Beguinabus commentatio_ und +Hallmann+,
-Die Geschichte des Ursprungs der belgischen Beghinen, Berlin 1843,
-waren mir nicht zugänglich. -- Sehr gut ist in dem Aufsatze der
-Real-Enzyklopädie bemerkt: »In den Wirkungen der Kreuzzüge, die
-einen grossen Theil der männlichen Bevölkerung von Europa wegrafften
-und daher der Witwen und Waisen viel, die Ehen aber selten machten,
-und in dem Bedürfniss einer Freistätte für Jungfrauen gegen die
-damals fast trostlosen Gewaltthätigkeiten ritterlicher Wüstlinge
-entdeckt man die Ursachen dieses ausserordentlichen Anwachsens der
-Beguinengesellschaften durch eine Menge verlassener Frauenspersonen,
-die schon wegen Mangel an Aussteuer in den Nonnenklöstern nicht
-Aufnahme finden konnten.« -- Die Schilderung im Text basiert vorwiegend
-auf der Berücksichtigung der Frankfurter und Strassburger Verhältnisse,
-die von den niederländischen nicht unwesentlich abweichen. -- Wer an
-der Richtigkeit der im Texte vertretenen populationistischen Auffassung
-des Bekinenwesens zweifelt, der möge uns nur die Frage beantworten,
-woher es kommt, dass in Städten mit Hunderten von Bekinen die Bekarden
-immer nur in einzelnen Personen (selten mehr als 2 bis 4) vertreten
-erscheinen.
-
-[31] Nach +Hartwig+, Hans. Geschichtsblätter, XXXV, S. 94,
-+Biedenfeld+, Ursprung sämtlicher Mönchs- und Klosterfrauenorden, II.,
-S. 354, und +Spangenbergs+ Adelsspiegel, S. 380 b f.
-
-[32] +Lang+, reg. b. IV., 537 (bei +Mone+, Zeitschr., XIII., S. 140).
-
-[33] Cod. dipl. Siles. VIII., p. 7.
-
-[34] Urk. in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh., IX., S. 173 f.
-
-[35] +Reyscher+, Sammlung der württemb. Gesetze, XII., S. 25.
-
-[36] _Item von allen gotteshusen sal man bede geben und die darinne
-syn, sollen auch bede geben von iren gulten und guttern dartzu, obe
-sie uber zehen phunt heller hetten._ Frankf. Bedeordnung von 1475 §
-56, abgedruckt in »Kleinere Beiträge zur Geschichte«. Festschrift zum
-deutschen Historikertage. Leipzig 1894, S. 155. -- Aehnlich in Lübeck:
-+Hartwig+, Schossbuch, S. 53.
-
-[37] +Schmidt+ a. a. O., S. 154.
-
-[38] +Heidemann+ a. a. O., S. 94.
-
-[39] Um eine Vorstellung von dem Tenor derartiger Hausordnungen zu
-geben, teile ich hier einen gedrängten Auszug aus den Statuten des 1394
-für 6 Bekinen gestifteten +Frankfurter Gotteshauses zur Seligenstadt+
-in möglichstem Anschluss an den Wortlaut des Originals mit: Holz,
-Kohlen und Licht sollen die Schwestern aus den Erträgnissen des
-Stiftungsvermögens kaufen, und soll das Licht nicht länger brennen als
-bis Mitternacht. Wenn aber Eine länger aufsitzt, soll sie ihr eignes
-Licht brennen. Aber Holz und Kohlen sollen die Kinder nutzen, welche
-Zeit sie wollen. -- Auch sollen die Kinder Ausbesserungen ihres Hauses,
-die über 5 Pfund Heller betragen (soviel hatte der Stifter jährlich
-dafür ausgeworfen), aus Eigenem vornehmen und den Bau in gutem Stand
-halten. Wäre es aber, dass das Haus in Jahresfrist einer Ausbesserung
-nicht bedürfte, so sollen die Kinder was übrig wäre über die 5 Pfund
-Heller Gülte unter sich teilen und für sich verwenden. -- Auch sollen
-die Kinder unter einander lieblich, gütig und einträchtig leben zu
-aller Zeit mit Worten und Werken und sollen die fünf (übrigen) der
-ältesten und ehrbarsten unter ihnen gehorsam sein in allen guten
-zeitlichen Dingen. -- Auch soll ihrer durchaus keine des Nachts
-ausser dem Hause sein ohne Erlaubnis der andern oder der Aeltesten,
-und diese sollen auch wissen, wo sie des Nachts sein wolle. -- Lebte
-nun Eine unfriedlich und wollte nicht davon ablassen, so sollen sie
-die Andern, wer sie auch wäre, mit Rat und Hilfe eines Kämmerers des
-Bartholomäusstiftes aus dem Gotteshause treiben, ohne Widerrede ihrer
-und eines Jeglichen. Auch wenn Eine täte, was ihr und den Kindern im
-Gotteshause nicht zur Ehre gereichte, so mans mit Wahrheit vorbringen
-möchte, die sollte zustund des Hauses verwiesen sein und nimmermehr
-darin wohnen. -- Auch sollen die 6 Kinder allewege aus ihnen Eine
-nehmen, die des Hauses gewaltig sei und der Kinder. Wenn auch die
-Kinder wollten und es ihnen fügte, so möchten sie sie absetzen, doch
-in redlicher Weise, und eine andere an ihre Stelle setzen binnen einem
-Monate, so oft eine abgeht. Entzweiten sie sich aber unter einander,
-auf welche Seite dann drei (Stimmen) fielen, das sollte gelten. --
-Geschähe es auch, dass jemand Hausrat in das Haus gäbe oder setzte oder
-dass solcher gegenwärtig darinnen wäre, der sollte darin bleiben, für
-den Fall, dass ein armes Kind darein käme und solchen nicht hätte, den
-sollte man ihr dann leihen zu ihrer Notdurft. -- Wäre es aber, dass
-jemand hernach dem Hause eine Gülte setzte, die sollen die Kinder unter
-sich teilen in gleicher Weise wie die andern über die fünf Pfund Geld.
--- Wenn aber unter den Kindern Eine abginge von Tods wegen oder wie das
-sonst käme, so sollen die übrigen eine andere an deren Statt nehmen in
-Monatsfrist; würden sie aber unter sich uneins, wen dann drei unter
-ihnen nähmen, die sollte es sein. -- Statuten anderer Bekinenhäuser
-bei +Heidemann+ a. a. O., S. 91. 94. 104 ff. -- Alsatia, S. 229 ff.
--- +Böhmer+, Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt, S. 593 ff. --
-Lübecker Urk. B. VII, S. 760 ff. und +Hartwig+ a. a. O. S. 82 ff.
-
-[40] Die »Tertiarierinnen« in der Schweiz, über welche
-+Mone+, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XV., S. 164 ff. berichtet, sind
-lediglich Bekinen.
-
-[41] Zeitschr. für deutsche Kulturgeschichte, I (1856), S. 481 f.
-
-[42] Limburger Chronik, herausg. von +Rossel+, S. 56. 16 ff. 20.
-
-[43] Vgl. +Scheible+, Das Kloster, S. 916. 929 Anm. 11.
-
-[44] Limburger Chronik, S. 71.
-
-[45] Limburger Chronik, S. 65 f.
-
-[46] Vgl. im allgemeinen +Weinhold+, Die deutschen Frauen im
-Mittelalter II, S. 135-151. -- +Kriegk+, Deutsches Bürgertum, n. F., S.
-260 f. +Scheible+ a. a. O., S. 459 ff.
-
-[47] +Siebenkees+, Materialien, IV., S. 583.
-
-[48] I., 87 b III, 65. 66 bei +Scheible+ a. a. O., S. 459 ff. Ich hebe
-folgende Stellen hervor: »Derowegen ein solcher Weybel wissens soll
-haben, solche Hauffen zu regieren und zu führen, gleich wie man andre
-rechte Hauffen ordnen und führen soll. Item begiebt sich, dass ein
-Schlacht mit den Feinden geschehe, soll er seinen Tross also führen,
-dass keine Verhinderung dadurch entstehe. Auch soll er mit dem Tross
-auf einer Seiten nicht gar zu weit davon gehen oder stehen, dass der
-Feind ein Nachdenken davon habe und vermeyne, es seye wehrhaftigs Volk.
-Der Tross wird immer dem Heer nachgeführt, dass sie nicht voraus in
-das Läger kommen und alles das aufraumen, wie dann ir Gebrauch ist,
-wenn der Hauffen käme, dass keiner nichts fände, es sey Häuw, Stroh,
-Holz oder anders, was denn ein Lager erfordert«.... Weiter »streckt
-sich solch ihr Ampt dahin, dass sie getreuwlich auf ihre Herren
-warten, sie nach Notturft versehen, die gemeinen Weiber mit kochen,
-fegen, waschen, sonderlich der Kranken damit zu warten, sich dess
-nit wegern, sonst wo man zu Feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen,
-rennen, einschenken, Fütterung, essende und trinkende Speiss zu holen,
-neben anderer Notturft, sich bescheidenlich wissen zu halten, auf der
-Reyen oder sonst nach Ordnung wissen zu stehen, gelegener Märkt sich
-gebrauchen und halten. Wo etwan der viel in einer Herberg oder Losement
-beyeinander liegen, bleiben sie selten eins; da wirt ihnen des Orts
-etwan ein verständiger Kriegsman zu einem Rumormeister gesetzt, oder
-zum Obersten zugeordnet, welcher sich denn bescheidenlich unter ihnen
-soll wissen zu halten. Wo es aber nit stat haben wöllte, so hat er ein
-Vergleicher, ist ungeferlich eines Arms lang, damit hat er Gewalt von
-ihren Herrn, so ihm zuvor übergeben, sie zu straffen. Solche Huren und
-Buben werden alsdann sonst auch ohne das darneben für wol essen und
-trinken mechtig übel geschlagen, ehe sie solches ihres Ampts recht
-gewonnen; der Guthaten sie wenig geniessen, welche ihnen dann zuvor
-versprochen; man muss aber dem Thuch also thun, es verleuret sonst die
-Farb, würden der faulen Schwengel und Huren gar zu viel.«
-
-»Solcher Huren und Buben Ampt ist weiter, wo man im Läger eine Zeit
-lang verharret, dass sie mit Gunst zu melden die Mumplätz (Kloaken)
-sampt anderm wo es not ist, säubern und fegen; solches wird niemandts
-unter ihnen gefreyet, weder gross noch klein.... Dazu wo es von nöten
-Graben, Teich oder Gruben auszufüllen, darüber man etwan auch stürmet
-oder Weg auszubessern, oder wo Geschütz versinke und stecken bliebe; da
-werden die Huren und Buben neben verordneten Personen Reiss, Wellen,
-Büschel Holz zu machen, binden und tragen genötigt und ziehen helfen,
-wo es not thut, und was dem Haufen von nüzten durch sie geschaft mag
-werden, das keinswegs zu wiedern, bey ernstlicher straff so ihnen
-aufferlegt wirdt«.
-
-[49] +Hoyer+, Gesch. der Kriegskunst, I, S. 318. +Scheible+ a. a. O.,
-S. 463 f.
-
-[50] Vgl. +Mone+ in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh., I, S. 151. IV,
-S. 246 f., +Kriegk+, Deutsches Bürgertum, S. 140 ff. und im Allgemeinen
-meine Entstehung der Volkswirtschaft, S. 420 ff.
-
-[51] +Uhland+, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder Nr. 194.
-
-[52] A. a. O. Nr. 193.
-
-[53] +Uhland+ a. a. O. Nr. 256.
-
-[54] Limburger Chronik, S. 35 (Rossel).
-
-[55] +Uhland+, Nr. 189, vgl. 188 »Landsknechtorden«:
-
- »Erstlich muss er ein weib und flaschen haben,
- darbei ein hund und einen knaben:
- das weib und wein erfrewt den man,
- der knab und hund sol spüren,
- was in dem haus tut stan.«
-
-[56] +Uhland+ Nr. 199.
-
-[57] Ueber die +Prostitution+ im Mittelalter liegt eine Reihe sehr
-eingehender Arbeiten vor, auf die ich hier wegen der tatsächlichen
-Einzelheiten und der bezüglichen Quellenliteratur verweisen muss. Das
-wichtigste bieten: +Siebenkees+, Material. IV. +Scheible+ a. a. O., S.
-454-527 u. 952-981. +Schlager+, Wiener Skizzen, N. F., III., 345-470.
-+Kriegk+, Deutsches Bürgertum, N. F., 259 ff., 339 ff. +Maurer+, Gesch.
-der Städteverfassung in Deutschland, III., S. 103 ff. +Hüllmann+,
-Städtewesen im Ma., IV., S. 270 ff.
-
-[58] Vgl. +Maurer+ a. a. O., S. 103 f. und +Weinhold+ a. a. O., II., S.
-21, Anm. 1.
-
-[59] Vgl. meine Bevölkerung von Frankf. I, S. 390. Noch im Jahre
-1451, zu einer Zeit, in welcher der Rat mit äußerster Strenge gegen
-Personen vorging, die im Konkubinat lebten und die Prostituierten
-außerhalb des Frauenhauses verfolgte, finden wir folgenden Eintrag
-im Bürgermeisterbuch Bl. 37^a: _Welche hore mit dem stucker gedingt
-hat, gibt sie yme nichts, so mag er sie phenden, und obe sost ein gude
-dirne mit eym guden gesellen zuhielde, die sal er nit dringen mit yme
-zu dingen, sie ginge dan braden reyen, er mag iz dem obersten richter
-sagen._
-
-[60] Daher die Namen: arme, irre, leichte, schwache, wandelbare, wilde,
-freie Weiber, Fräulein, liebe Tochter, gute Tochter u. s. w. Vgl.
-+Weinhold+ a. a. O.
-
-[61] Die unerschöpfliche Skandalchronik der Klöster hier aufzurollen
-ist wohl nicht nötig. Der Kürze halber sei auf die Zimmersche
-Chronik verwiesen, aus der allein sich ein erschütterndes Bild
-der geschlechtlichen Verwilderung des ausgehenden Mittelalters
-zusammenstellen liesse.
-
-[62] Vgl. +C. Schmidt+ in der Alsatia 1858-1861, S. 202 ff., und über
-das Folgende +Kriegk+ a. a. O., S. 331 ff. +Maurer+ a. a. O., S. 114.
-
-[63] Vgl. +Biedenfeld+, Ursprung sämtlicher Mönchs- und
-Klosterfrauen-Orden, I., S. 140 ff.
-
-[64] Wie noch heute die Nonnenklöster in Italien und Spanien
-die Frauenerwerbsfrage viel weniger hervortreten lassen als in
-England und Deutschland, zeigt treffend v. +Holtzendorff+, Die
-Verbesserungen in der gesellsch. und wirtsch. Stellung der Frauen
-(Virchow-Holtzendorffsche Sammlung II., Heft 40), S. 25.
-
-[65] Sprüche Salomons Kap. 31.
-
-[66] Vgl. die schönen Ausführungen von +Schäffle+, Bau und Leben des
-sozialen Körpers, I, S. 192 und Gesellsch. System, § 46.
-
-[67] Vgl. meine »Wohnungs-Enquête in der Stadt Basel«, S. 179 f.
-
-[68] Die Zahl ergibt sich, wenn man die Berufsgruppen A-E zusammenfasst
-und dazu die Dienstboten addiert. Es waren dann 1907 vorhanden.
-
- erwerbstätige Zunahme seit 1895
-
- männliche Personen 18599236 19·8
- weibliche Personen 9492881 44·1
- zusammen 28092117 27·0
-
-Fasst man dagegen die Hauptergebnisse nach der Statistik des Deutschen
-Reichs Bd. 202, I, S. 4 f. für die gesamte Berufsbevölkerung
-einschliesslich der Berufslosen für 1907 zusammen, und stellt ihnen die
-entsprechenden Zahlen der beiden früheren Berufszählungen gegenüber, so
-erhält man folgendes Bild.
-
-+Die Bevölkerung nach dem Hauptberuf der Erwerbstätigen.+
-
- ----------+---------------------+---------+-----------+----------------
- Berufs- | Erwerbstätige |Dienst- | Angehörige| Erwerbstätige,
- und | Personen |boten | ohne | Dienstboten
- +----------+--------- +für | Haupt- | und
- Betriebs- | überhaupt| darunter |häusliche| beruf | Angehörige
- zählung | | weibliche|Dienste | | zus.
- ==========+==========+==========+=========+===========+================
- 1882 |18986494 | 4961228 |1324924 |24910695 |45222113
- 1895 |22913683 | 6379942 |1339316 |27517285 |51770284
- 1907 |30232345 |10035705 |1264755 |30223429 |61720529
- Zunahme | % | % | % | % | %
- 1882-1895 | 20.7 | 28.6 | 1.1 | 10.5 | 14.5
- 1895-1907 | 31.9 | 57.3 | -5.6 | 9.8 | 19.2
- 1882-1907 | 59.2 |102.03 | -4.8 | 21.3 | 36.5
-
-Natürlich verteilt sich die enorme Zunahme der Erwerbstätigen
-weiblichen Geschlechts nicht gleichmässig auf alle Berufsgruppen
-und Berufsstellungen. Es ist darum nötig, hier auf die Gliederung
-der Berufsstatistik etwas näher einzugehen, wobei der Vergleich der
-Einfachheit wegen auf die beiden letzten Berufszählungen beschränkt
-bleiben muss.
-
-Die Zunahme, bez. Abnahme (-) der Erwerbstätigen zwischen 1895 und 1907
-betrug:
-
- ======================================+=========+=========+============
- Berufsgruppen und Berufsstellungen |männliche|weibliche| Erwerbs-
- +-------------------+ tätige
- | Erwerbstätige | überhaupt
- ======================================+===================+============
- A. +Land- u. Forstwirtschaft, | |
- Gärtnerei, Tierzucht, Fischerei+ | 16.4 | 67.1 | 19.2
- a) Selbständige und Betriebsleiter | -2.2 | -5.4 | -2.6
- b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal| 5.7 | -10.2 | 2.7
- c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter) | -6.5 | 78.1 | 11.7
- | | |
- B. +Industrie einschliessl. des | | |
- Bergbaus+ | 35.4 | 38.3 | 35.9
- a) Selbständige und Betriebsleiter | 0.1 | -11.9 | -2.5
- afr) Hausindustrielle | -39.9 | -12.9 | -27.7
- b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal| 144.5 | 585.7 | 160.1
- c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter) | 42.6 | 61.4 | 45.9
- | | |
- C. +Handel, Verkehr, Gastwirtschaft+ | 44.8 | 60.7 | 48.7
- a) Selbständige und Betriebsleiter | 19.4 | 21.2 | 20.0
- b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal| 70.5 | 564.8 | 93.2
- c) Gehilfen, Lehrlinge | 56.0 | 65.8 | 58.9
- | | |
- D. +Häusliche Dienste und | | |
- wechselnde Lohnarbeit+ | -24.1 | 37.2 | 9.1
- | | |
- E. +Oeffentlicher Dienst und | | |
- freie Berufsarten+ | 16.1 | 63.2 | 21.9
- --------------+---------+---------+------------
- Zusammen A-E | 19.8 | 56.6 | 29.2
-
-Mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Frauen gehört der Berufsgruppe
-A an (1907: 4598986), in der die in der Landwirtschaft helfenden
-Familienangehörigen des Betriebsleiters sehr stark ins Gewicht fallen;
-auf die Berufsgruppe B kommen 2103924, C: 931373, D: 320904 und E:
-288311.
-
-[69] Das Einküchenhaus scheint schon bei dem ersten Versuche Fiasko
-erlitten zu haben. Dennoch hat ihm die »Neudeutsche Bauzeitung« vor
-kurzem eine Spezialnummer gewidmet, in welcher namhafte Architekten und
-Kunstschriftsteller sich über die »wirtschaftlichen und künstlerischen
-Möglichkeiten des Einküchenhauses« aussprechen. Von dem, was +van der
-Velde+ darüber schreibt, sei folgendes wiedergegeben: »Man muss sich
-für die soziale und kulturelle Seite des Problems begeistern, und für
-diejenigen, die sich aufregen und leiden, wenn sie sehen, +wieviele
-Frauen unter der Last tausend kleiner Haushaltungssorgen ihre besten
-Eigenschaften einbüssen+, ist die Idee direkt erlösend. Ausserdem trägt
-sie den Keim zu +einer noch vollständigeren Gemeinschaft zwischen in
-demselben Hause lebenden Menschen+ in sich. Denn wir werden uns nicht
-lange mit dem Haus begnügen, in dem +nur+ die Küche gemeinschaftlich
-ist, wir werden auch bald den gemeinsamen Raum verlangen, wo +für
-alle die Stiefel geputzt und die Kleider gebürstet werden+, wo das
-Geschirr abgewaschen und alle grobe Hausarbeit von Angestellten einer
-Zentralorganisation verrichtet wird, die wir weder sehen noch hören
-werden und die wir nur für ihre Dienste entlohnen müssen. Alles
-drängt uns zu dieser Entwicklung, der Mangel an Dienstboten und
-der Wunsch, sie so wenig wie möglich um uns zu sehen.« Die Frauen
-haben, wie man sieht, alle Ursache zu dem Wunsche: Gott schütze uns
-vor unsern Freunden! Grenzt es nicht fast an Wahnwitz, wenn die
-Zeitungen im Anschluss an obige Ausführungen folgende Expektoration
-einer Amerikanerin beifällig wiederholen: »Fünfzig Feuer da, wo ein
-einziges genügen würde. Sie können ja an ihrem Tisch im Familienkreis
-mit ihren Kindern essen, wenn sie wollen, aber warum sollen fünfzig
-Frauen ihre Morgenstunde verlieren, um ein paar Tassen Kaffee zu
-machen und das so einfache Frühstück zu bereiten? Warum fünfzig Feuer,
-wenn zwei Personen und ein einziges Feuer genügen würden, um all das
-Fleisch und Gemüse zu kochen? Warum ist der Wert der Frauenarbeit
-niemals anerkannt worden? Warum sind die Frauen in jeder Familie,
-wo oft drei bis vier Dienstboten gehalten werden, gezwungen, ihre
-ganze Zeit (!) den Küchenangelegenheiten zu widmen? Weil selbst
-diejenigen, die die Befreiung der Menschheit wollen, nicht die Frau
-in ihrem Befreiungstraum verstanden haben -- und weil sie es von
-ihrer hohen männlichen Würde herab für unwürdig halten, an diese
-»Küchenangelegenheiten« zu denken, die sie von sich abgewältzt haben
-auf die Schultern der grossen Dulderin Frau!«
-
-[70] Die im Oktober 1909 in Berlin abgehaltene Generalversammlung des
-Verbands fortschrittlicher Frauenvereine meinte den Schrecken über die
-Ergebnisse der Berufszählung von 1907 dadurch überwinden zu können,
-dass sie einem »Verband für handwerksmässige und fachgewerbliche
-Ausbildung der Frau« das Wort redete. Sie ging dabei von der durch
-nichts beweisbaren Annahme aus, dass der Zuwachs erwerbstätiger Frauen
-seit 1895 durchweg aus »ungelernter Arbeit« bestehe. Die Frauen
-leisteten in der neuen deutschen Volkswirtschaft in überwiegendem
-Masse nichts anderes als »Kuli-Arbeit«. Dem soll nun abgeholfen werden
-durch fachgewerbliche Ausbildung. (Vgl. »Soziale Praxis« XIX, S.
-55 f.) Ganz abgesehen von der Frage, ob hier von einer richtigen
-Annahme ausgegangen ist, wird man ernste Zweifel hegen dürfen, ob damit
-an der Tatsache etwas geändert werden kann, dass auch bei gleicher
-Leistung die Frauenlöhne niedriger sind als die Männerlöhne und dass
-die Erwerbsarbeit der Frauen -- einerlei, ob sie »gelernte« oder
-»ungelernte« Arbeit ist -- unter der heutigen Wirtschaftsorganisation
-in der Hauptsache nur abhängige Arbeit sein kann. -- Uebrigens scheinen
-die Fälle, in denen eine ordnungsmässige Ausbildung weiblicher
-Handwerkslehrlinge Platz greift, schon jetzt ziemlich häufig zu sein,
-wie die Ergebnisse einer von dem erwähnten Verbande veranstalteten
-Erhebung vermuten lassen. Vgl. darüber Volkswirtsch. Blätter VIII
-(1909) S. 397.
-
-
-
-
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- The Project Gutenberg eBook of Die Frauenfrage im Mittelalter, by Karl Bücher.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage im Mittelalter, by Karl Bücher
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Die Frauenfrage im Mittelalter
-
-Author: Karl Bücher
-
-Release Date: August 5, 2019 [EBook #60062]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE IM MITTELALTER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
-dem Original unverändert; fremdsprachliche Begriffe wurden nicht
-korrigiert.</p>
-
-<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden, abgesehen von
-der Titelseite, als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) wiedergegeben.
-Die Verwendung des ‚scharfen S‘ (ß) entspricht nicht in allen Fällen
-den heutigen Rechtschreibgewohnheiten.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
-Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<h1>DIE FRAUENFRAGE<br />
-
-<span class="s7">IM</span><br />
-
-<span class="s6">MITTELALTER</span></h1>
-
-<p class="s5 center mtop3 mbot3">VON</p>
-
-<p class="s3 center">KARL BÜCHER.</p>
-
-<p class="center padtop5">ZWEITE VERBESSERTE AUFLAGE.</p>
-
-<p class="s3 center padtop5"><span class="mleft0_1">T</span><span class="mleft0_1">Ü</span><span class="mleft0_1">B</span><span class="mleft0_1">I</span><span class="mleft0_1">N</span><span class="mleft0_1">G</span><span class="mleft0_1">E</span><span class="mleft0_1">N</span><br />
-VERLAG DER H.
-<span class="mleft0_1">L</span><span class="mleft0_1">A</span><span class="mleft0_1">U</span><span class="mleft0_1">P</span><span class="mleft0_1">P</span>’SCHEN
-BUCHHANDLUNG<br />
-<span class="s5">1910.</span></p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-<p class="s6 center padtop5">Druck von H. Laupp jr in Tübingen.</p>
-
-<p class="s2 center padtop5 break-before"><span class="s6">FRAU</span><br />
-LINA LUDWIG</p>
-
-<p class="s4 center mtop2">GEWIDMET.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span></p>
-
-</div>
-
-<p class="padtop5">Das Beste, was Frauen uns geben, können wir niemals wiedergeben, und
-wenn ich dieses Büchlein Dir, der lieben guten Mama, zueigne, so weiss
-ich, dass damit die Dankesschuld nicht abgetragen werden kann, zu der
-ich mich bekennen muss. Aber vielleicht ist es Dir doch eine Freude,
-dadurch an die Zeit erinnert zu werden, wo sich auf dem Frankfurter
-Stadtarchiv mir die Gedanken, die es enthält, zusammenfügten und ich an
-so manchem schönen Sonntag bei Euch in Heppenheim ausspannen durfte.</p>
-
-<p>Ausgesprochen wurden diese Gedanken zuerst in einem Vortrage, den ich
-am 28. März 1882 im Liebigschen Hörsaale zu München vor gebildeten
-Frauen und Männern gehalten habe. Aus dem Kreise der Zuhörer sahen
-damals zwei freundliche Augen zu mir empor, die seitdem meinen
-Lebensweg erhellten und die jetzt erloschen sind. Du wirst es vor
-allen verstehen, dass ich mich lange nicht entschliessen konnte, das
-Büchlein, das damals gedruckt wurde, zu erneuern, als es vergriffen
-war. Wenn ich es jetzt dennoch tue, so bin ich nicht der Versuchung
-erlegen, was ich einst in keckem Jugendmute hingestellt hatte, mit
-altem, bedächtigem Kopfe umzumodeln. Die Schrift scheint doch manchem
-so, wie sie ist, lieb geworden zu sein, und wenn ich heute vielleicht
-auch vieles anders sagen<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span> würde, in ihren tatsächlichen Feststellungen
-hat sie vor der Kritik bestehen können. Die Verbesserungen der
-neuen Auflage beschränken sich deshalb auf kleinere Berichtigungen
-und Zusätze und auf eine grössere Aenderung am Schlusse, zu der
-die Ergebnisse der Berufszählung von 1907 Anlass gaben. Ausserdem
-sind in den Anmerkungen einige genauere Belege gegeben, ohne dass
-Vollständigkeit der Literaturangaben erstrebt wurde. Eine gelehrte
-Abhandlung sollte mein Vortrag nicht werden.</p>
-
-<p>Eine neue Zugabe ist das Bildchen auf Umschlag und Einband. Es stellt
-eine der Hilfsarbeiterinnen des Frankfurter Wollenhandwerks, wenn nicht
-alles trügt, in Bekinentracht dar, entworfen von einem Frankfurter
-Schreiber, der das Bedebuch von 1405 mit lustigen Federzeichnungen
-versehen hat. Das Bildchen steht bei der Lindheimer Gasse, die
-im damaligen Weberviertel der Altstadt liegt. Bei der Härte der
-mittelalterlichen Bede ist eine amtlich illustrierte Steuerliste eine
-so seltsame Erscheinung, dass ihr Urheber wenigstens in einer kleinen
-Probe seiner Kunst dem steuergeplagten XX. Jahrhundert bekannt zu
-werden verdiente, stünde diese Probe auch nicht in so enger Beziehung
-zum Inhalt dieses Büchleins, als es tatsächlich der Fall ist.
-Vielleicht kann sie seinen Ernst um ein Weniges mildern und durch ihr
-Wirklichkeitsgepräge den Irrtümern, deren es immer noch genug enthalten
-wird, die freundliche Nachsicht erwirken, deren wir alle bedürfen.</p>
-
-<p class="mtop2"><span class="mleft0_2">L</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">p</span><span class="mleft0_2">z</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">g</span>,
-den 25. Oktober 1909.</p>
-
-<p class="right mtop1 mright2"><span class="mleft0_2">K</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span>
-<span class="mleft0_2">B</span><span class="mleft0_2">ü</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt"><b><span class="mleft0_2">I</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">t</span>.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Die Frage <a href="#Die_Frage">1.</a> &mdash; Ihr zwiespältiges Wesen <a href="#Ihr_zwiespaeltiges_Wesen">2.</a> &mdash; Ihre statistische
-Wurzel <a href="#Ihre_statistische_Wurzel">3.</a> &mdash; Das Zahlenverhältnis der Geschlechter im Mittelalter
-<a href="#Das_Zahlenverhaeltnis">5.</a> &mdash; Ursachen des grossen Frauenüberschusses <a href="#Ursache_des_Frauenueberschusses">7.</a> Verschärfung
-durch Ehebeschränkungen <a href="#Ehebeschraenkungen">9.</a> &mdash; Wirtschaftliche Stellung der Frau im
-deutschen Altertum <a href="#Wirtschaftliche_Stellung_der_Frau">10.</a> &mdash; Berufsbildung und Entlastung der Frauen
-<a href="#Berufsbildung_der_Frauen">12.</a> &mdash; Angeblicher Ausschluss von zünftiger Erwerbstätigkeit <a href="#Angeblicher_Ausschluss">13.</a>
-&mdash; Tatsächliches Verhältnis <a href="#Tatsaechliches_Verhaeltnis">15</a>, &mdash; in der Textilindustrie <a href="#in_der_Textilindustrie">16</a>, in
-der Schneiderei <a href="#in_der_Schneiderei">18</a>, &mdash; in anderen zünftigen Gewerben <a href="#in_anderen_zuenftigen_Gewerben">19</a>, &mdash; in
-nicht zünftigen Berufen <a href="#in_nicht_zuenftigen_Berufen">20.</a> &mdash; <a href="#Versorgungsanstalten">Versorgungsanstalten</a>: a) Klöster <a href="#Kloester">24</a>;
-&mdash; b) Leibrentenkauf <a href="#Leibrentenkauf">26</a>; &mdash; c) Samenungen <a href="#Samenungen">27</a>; &mdash; d) Gotteshäuser
-<a href="#Gotteshaeuser">32.</a> Statistisches <a href="#Statistisches">34.</a> Statuten <a href="#Statuten">35.</a> Tätigkeit der Bekinen <a href="#Taetigkeit_der_Bekinen">36.</a>
-Aufnahmebedingungen <a href="#Aufnahmebedingungen">38.</a> Lebensweise <a href="#Lebensweise">38.</a> Religiöse Stellung <a href="#Religioese_Stellung">40.</a>
-Entartung <a href="#Entartung">41.</a> &mdash; Soziale Stellung der Frauen im Mittelalter <a href="#Soziale_Stellung_der_Frauen">43.</a>
-&mdash; Gegensätze <a href="#Gegensaetze">45.</a> &mdash; Fahrende Frauen <a href="#Fahrende_Frauen">48.</a> &mdash; Die gemeinen Frauen
-in den Städten <a href="#Frauen_in_den_Staedten">55.</a> Frauenhäuser <a href="#Frauenhaeuser">56.</a> Sittenpolizei <a href="#Sittenpolizei">60.</a> Eingreifen
-der Kirche <a href="#Eingreifen_der_Kirche">61.</a> Reuerinnen <a href="#Reuerinnen">62.</a> Rettungshäuser <a href="#Rettungshaeuser">63.</a> &mdash; Rückblick <a href="#Rueckblick">66.</a>
-Wandlung seit der Reformation <a href="#Wandlung_seit_der_Reformation">67.</a> &mdash; Die heutige Frauenfrage <a href="#Die_heutige_Frauenfrage">71.</a> &mdash;
-Anmerkungen <a href="#Anmerkungen">76.</a></p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span><br/>
-
-<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p>
-
-</div>
-
-<h2 class="dummy" id="Die_Frage" title="Die Frage"></h2>
-
-<p class="p0 padtop5"><span class="initial">D</span>ie »Frauenfrage« bildet nach allgemeiner Annahme eine Zeitfrage von
-so eigenartig modernem Charakter, dass es von vornherein fraglich
-erscheinen könnte, ob man berechtigt sei, diesen Ausdruck auch auf
-Erscheinungen der Vergangenheit anzuwenden. Wenn wir aber überall
-da von »Fragen« reden, wo wir die vorhandenen Zustände in einem
-auffälligen Widerspruche sehen zu dem, was Vernunft und Gerechtigkeit
-fordern, so wird es wohl kaum noch einem Zweifel unterliegen, dass
-wir auch von Fragen der Vergangenheit sprechen dürfen, wo wir immer
-derartige Widersprüche zwischen dem, was <em class="gesperrt">war</em>, und dem, was
-hätte sein sollen, entdecken. Es ist dabei ziemlich gleichgültig,
-ob die tatsächlich vorhandenen Widersprüche als »Fragen« in das
-Bewusstsein der Zeitgenossen getreten sind; es genügt vollständig, wenn
-ein derartiger Widerspruch nachgewiesen werden kann, oder wenn sich
-Versuche und Anstalten zu seiner Beseitigung erkennen lassen. Oder
-wollte etwa jemand leugnen, dass die moderne Frauenfrage lange vor der
-Zeit schon existiert hat, wo sie anfing, in populären Vorträgen, auf
-»Frauentagen« oder bei ästhetischen Teegesellschaften verhandelt zu
-werden?</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Ihr_zwiespaeltiges_Wesen" title="Ihr zwiespältiges Wesen"></h2>
-
-<p>Wenn ich in diesem Sinne von einer Frauenfrage im Mittelalter sprechen
-will, so bin ich weit davon entfernt, mich auf den Standpunkt
-derjenigen zu stellen, welche die gesamte rechtliche, politische und
-soziale Stellung der Frau im Widerspruch finden mit den Forderungen
-der Vernunft und Gerechtigkeit. Von diesem Standpunkte aus gab es
-sicherlich im Mittelalter weit, weit mehr zu »fragen« und zu wünschen
-als heutzutage. Ich denke mich vielmehr auf jenen engeren Teil
-der Frauenfrage zu beschränken, den man vielleicht richtiger als
-»Frauen<em class="gesperrt">erwerbs</em>frage« bezeichnen würde. Freilich hat auch noch
-in diesem engeren Sinne heute die Frauenfrage eine doppelte Seite. Sie
-stellt sich dar einerseits als Frauenschutzfrage mit Bezug auf die
-zahlreichen weiblichen Arbeiter der Industrie, anderseits als Frage der
-Erweiterung des Erwerbsgebiets der Frauen für diejenigen weiblichen
-Glieder der gebildeten Klasse, welche aus irgend einem Grunde
-ausserhalb der natürlichen Tätigkeitssphäre ihres Geschlechtes in der
-Wirtschaft Verwendung suchen.</p>
-
-<p>Welche von diesen beiden Seiten der Frauenerwerbsfrage man nun
-auch ins Auge fassen mag, immer wird man darauf zurückgeführt, die
-<em class="gesperrt">Wurzel</em> derselben zu suchen in der Tatsache, dass gegenwärtig
-ein ansehnlicher Teil der Frauen innerhalb der Familie nicht diejenige
-Versorgungsgelegenheit findet, die wir ihm aus<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> allgemeinen Gründen
-wünschen müssen. Diese Tatsache beruht in erster Linie auf einem
-statistischen Missverhältnis, welches obwaltet zwischen der Zahl der
-heiratsfähigen Frauen und Männer, sodann aber auf einer entweder
-notwendigen oder freiwilligen Enthaltung von der Ehe auf Seiten eines
-Teils der heiratsfähigen Männer.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Ihre_statistische_Wurzel" title="Ihre statistische Wurzel"></h2>
-
-<p>Was zunächst jenes statistische Missverhältnis betrifft, so ist es eine
-bekannte Tatsache, dass fast in allen europäischen Staaten unter den
-Neugeborenen die Zahl der Knaben überwiegt, dass aber durch rasches
-Absterben der männlichen Kinder das Zahlenverhältnis zwischen beiden
-Geschlechtern bis etwa zum 17. oder 18. Jahre sich ausgleicht. Wo nun
-eine Bevölkerung weiterhin nur natürlichen Einflüssen ausgesetzt ist,
-d.&nbsp;h. wo die Verminderung der Geschlechter nur durch Absterben erfolgt,
-da kann sich das Zahlenverhältnis derselben etwa vom 18. bis zum 30.
-Jahre, also dem eigentlichen Heiratsalter, im Gleichgewicht erhalten.
-Es würde bei rechtzeitiger Verheiratung jede Frau einen Mann bekommen
-können. Vom 30. Jahre ab gewinnt überall das weibliche Geschlecht ein
-Uebergewicht und steigert dasselbe von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, so dass
-in den höchsten Altersstufen auf 10 Männer durchschnittlich 14&ndash;20
-Frauen zu kommen pflegen.</p>
-
-<p>So gestaltet sich das Verhältnis der Geschlechter unter rein
-<em class="gesperrt">natürlichen Einflüssen</em>. Allein diese natürlichen Einflüsse
-gelangen in vielen Staaten<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> nicht zu ungestörter Wirksamkeit.
-Kriege und Auswanderung, sowie die nachteiligen Folgen mancher
-Berufstätigkeiten verringern die Zahl der Männer schon zwischen dem
-18. und 30. Jahre so stark, dass fast plötzlich um das 20. Jahr das
-anfängliche Uebergewicht des männlichen Geschlechts in ein Uebergewicht
-des weiblichen Geschlechtes umschlägt. Insbesondere ungünstig prägen
-sich die Ergebnisse der angedeuteten nachteiligen Einwirkungen in
-der Geschlechtsgliederung der deutschen Bevölkerung aus. Von den
-Altersstufen zwischen 20 und 25 Jahren kommen im Deutschen Reiche
-nach der Zählung von 1900 auf 1000 Männer schon 1012 Frauen; im
-Alter von über 20 Jahren überhaupt auf 1000 Männer 1064 Frauen. Noch
-ungünstiger gestaltet sich diese Betrachtung, wenn wir berücksichtigen,
-dass normaler Weise das Heiratsalter des Mannes um etwa fünf Jahre
-höher ist, als das der Frau. Stellen wir demgemäß die Männer im Alter
-von 25&ndash;30 Jahren den Frauen im Alter von 20&ndash;25 Jahren gegenüber, so
-erhalten wir für die deutsche Bevölkerung auf je 1000 Männer 1105
-Frauen.</p>
-
-<p>Es kann demnach ein beträchtlicher Teil der heiratsfähigen Frauen
-unter keinen Umständen heute zur Verehelichung gelangen, selbst den
-Fall vorausgesetzt, dass alle Männer heiraten wollten und könnten.
-Dieser Fall trifft nun aber bekanntlich nicht zu. Ein ansehnlicher
-Teil der Männer (in ganz Deutschland gegen 10%) bleibt unvermählt. Es
-ist klar, dass beide<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> Umstände, der statistische Frauenüberschuss und
-das soziale Uebel der männlichen Ehelosigkeit, in ihrem Zusammenwirken
-einen beträchtlichen Teil der unverheiratet bleibenden Frauen auf eine
-Existenz durch eigene Erwerbsarbeit hinweisen. Zu einem eigentlichen
-Erwerbs-Notstande führen dieselben indes nur in den sogen. höheren
-Klassen der Gesellschaft, für die es an passenden Frauenerwerbsgebieten
-fehlt.</p>
-
-<p>Aus ganz derselben Ursache, wie die moderne Frauenerwerbsfrage,
-entspringt die mittelalterliche Frauenfrage, von der im
-Folgenden die Rede sein soll. Wenn ich im allgemeinen von einer
-<em class="gesperrt">mittelalterlichen</em> Frage spreche, so soll damit nicht gesagt
-sein, dass das ganze Mittelalter und alle Klassen der Bevölkerung in
-die Erörterung hereingezogen werden sollen. Ich muss mich vielmehr
-beschränken auf die Zeit und die Teile der Bevölkerung, für welche uns
-allein Quellen über diese Dinge fliessen, auf die deutschen Städte von
-der Mitte des XIII. bis zum Ausgange des XV. Jahrhunderts.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Das_Zahlenverhaeltnis" title="Das
-Zahlenverhältnis der Geschlechter im Mittelalter"></h2>
-
-<p>Statistische Ermittelungen, welche über drei der bedeutendsten
-mittelalterlichen Städte Deutschlands angestellt werden konnten<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>,
-haben übereinstimmend einen so bedeutenden Ueberschuss der erwachsenen
-weiblichen über die gleichalterige männliche Bevölkerung ergeben,
-dass man mit Notwendigkeit auf die Vermutung geführt wird, es müsse
-die Frauenfrage im städtischen Leben der beiden letzten Jahrhunderte
-des Mittelalters weit schärfer und brennender aufgetreten<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> sein als
-heutzutage. Eine zuverlässige Zählung der Nürnberger Bevölkerung,
-welche am Ende des Jahres 1449 vorgenommen wurde, ergab unter der
-bürgerlichen Bevölkerung auf 1000 erwachsene Personen männlichen
-Geschlechts 1168 Personen weiblichen Geschlechts. Aber nicht bloss in
-den bürgerlichen Familien, sondern auch unter der dienenden Klasse
-(den Knechten, Handwerksgesellen und Mägden) überwog das weibliche
-Geschlecht. Rechnen wir diese mit der bürgerlichen Bevölkerung
-zusammen, so kamen gar auf 1000 männliche Personen 1207 weibliche. In
-Basel scheint um 1454 das Verhältnis ähnlich gewesen zu sein. In den
-beiden Kirchspielen St. Alban und St. Leonhard trafen damals auf 1000
-männliche Personen über 14 Jahren 1246 weibliche Personen der gleichen
-Altersstufen. Eine Zählung endlich, welche die grössere Hälfte der
-erwachsenen Bevölkerung von Frankfurt a.&nbsp;M. im Jahre 1385 umfasst,
-ergab 1536 männliche und 1689 weibliche Personen oder auf 1000 Männer
-rund 1100 Frauen. Diese letzte Ziffer ist eine Minimalziffer; es lässt
-sich mit guten Gründen wahrscheinlich machen, dass der Frauenüberschuss
-in Frankfurt a.&nbsp;M. im Jahre 1385 noch weit beträchtlicher gewesen ist.</p>
-
-<p>Diese Zahlen reden jedenfalls eine sehr deutliche Sprache; ihr Gewicht
-wird indess noch verstärkt durch eine Reihe von Beobachtungen, von
-denen ich hier nur <em class="gesperrt">eine</em> kurz mitteilen will. Das Frankfurter
-Stadtarchiv besitzt noch heute einen grossen Teil der Listen,
-welche<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> über die Erhebung der Vermögenssteuer (Bede) im XIV. und XV.
-Jahrhundert geführt wurden. Diese Erhebung erfolgte ebenso wie die
-Einschätzung durch den Rundgang einer Kommission von Haus zu Haus.
-Das Vermögen wurde nach eidlicher Versicherung der Steuerpflichtigen
-zur Steuer veranlagt und die Hausbesitzer waren bei schwerer Strafe
-gehalten, alle in ihren Häusern wohnenden Personen mit eigenem Vermögen
-anzugeben. Dieses Verfahren bietet ohne Zweifel die Gewähr grosser
-Genauigkeit mit Bezug auf die Ermittlung der Steuerpflichtigen. Da
-ist es nun überaus auffallend, wie häufig unter den Steuerzahlern
-alleinstehende Frauen auftreten. Nach zahlreichen statistischen
-Ermittlungen<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, welche die Jahre 1354&ndash;1510 umfassen, machten in diesem
-Zeitraum die Frauen den <em class="gesperrt">sechsten</em> bis den <em class="gesperrt">vierten</em> Teil
-aller Steuerpflichtigen aus. Bedenkt man, dass es sich bei diesem
-Verhältnis grösstenteils um alleinstehende, selbständige Frauen
-handelt, dass die zahlreichen Nonnen, Pfründnerinnen und Bekinen meist
-nicht mitgerechnet sind und dass Frauen auch im Mittelalter viel
-schwerer zur Selbständigkeit gelangten als die Männer, so erhält man
-eine Ahnung davon, wie schneidend das Missverhältnis in der Zahl beider
-Geschlechter im bürgerlichen Leben der Städte hervorgetreten sein muss.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Ursache_des_Frauenueberschusses" title="Ursachen
-des grossen Frauenüberschusses"></h2>
-
-<p>Hier wirft sich zunächst die Frage auf: woher kommt dieser bedeutende
-Ueberschuss der erwachsenen weiblichen über die männliche Bevölkerung?
-Ich will ver<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>suchen, dieselbe mit ein paar kurzen Andeutungen zu
-beantworten. Drei Ursachen scheinen mir besonders in Betracht zu kommen:</p>
-
-<p>1. die zahlreichen Bedrohungen, welchen das männliche Leben in den
-mittelalterlichen Städten infolge der fortwährenden Fehden, der
-blutigen Bürgerzwiste und der gefahrvollen Handelsreisen ausgesetzt war;</p>
-
-<p>2. die grössere Sterblichkeit der Männer bei den oft sich
-wiederholenden pestartigen Krankheiten. Mindestens weisen auf eine
-derartige Vermutung hin die stärkeren Ziffern für die Frauen,
-welche regelmässig nach Pestjahren in den Frankfurter Steuerlisten
-auftreten<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>;</p>
-
-<p>3. die Unmässigkeit der Männer in jeder Art von Genuss.</p>
-
-<p>Ausserdem ist wohl die Vermutung nicht abzuweisen, dass die städtische
-Berufsarbeit in engen, ungesunden Räumen, zwischen hohen, dicht
-zusammengerückten Häusermauern bei der Unvollkommenheit der technischen
-Hilfsmittel viel mehr aufreibende Muskelarbeit von den Männern
-erfordert habe, dass der Daseinskampf bei dem raschen Wechsel von guten
-und schlechten Jahren, von hohen und niederen Lebensmittelpreisen, von
-Ueberfluss und Mangel für sie, wenn auch vielleicht im ganzen nicht
-schwieriger, so doch unregelmässiger und wechselvoller sich gestaltet
-haben müsse als in Zeiten besserer Gesundheitspflege und ausgebildeten
-nationalen und internationalen Verkehrs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>Welcher von diesen Entstehungsursachen nun auch der mittelalterliche
-Frauenüberschuss vorwiegend zuzuschreiben sein mag &mdash; sicher ist, dass
-er vorhanden war und dass er in mancherlei Verhältnissen des sozialen
-Lebens seinen Ausdruck fand. Sicher ist auch, dass die dadurch für
-zahlreiche Frauen gegebene Unmöglichkeit einer Versorgung in der Ehe zu
-Uebelständen führte, die das Mittelalter klar erkannte und auf seine
-eigene Art zu heilen suchte.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Ehebeschraenkungen" title="Verschärfung durch
-Ehebeschränkungen"></h2>
-
-<p>Ehe wir zur Betrachtung dieser Verhältnisse übergehen, müssen wir
-kurz die Frage berühren, wie weit Beschränkungen des Rechts zur
-Verehelichung das Uebel noch vermehrten.</p>
-
-<p>Hier tritt zunächst das Cölibat der Geistlichkeit uns entgegen. Ihre
-Zahl war allerwärts in den Städten unverhältnismässig gross. Sie lässt
-sich in Frankfurt a.&nbsp;M. für das XIV. und XV. Jahrhundert bei einer
-Einwohnerzahl von 8000&ndash;10000 auf 200&ndash;250 Personen berechnen<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>. Für
-Lübeck darf man in derselben Zeit 250&ndash;300 Weltgeistliche und gegen 100
-Klosterbrüder annehmen<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>. In Wismar belief sich um 1485 die Zahl der
-Weltgeistlichen auf 150; in Nürnberg wird 1449 der geistliche Stand auf
-446 (einschliesslich der Dienerschaft) angegeben. Wie ungünstig ihre
-Ehelosigkeit die Heiratsziffern des weiblichen Geschlechts in diesen
-kleinen Gemeinwesen beeinflussen musste, liegt auf der Hand.</p>
-
-<p>Sodann wirkte die zünftige Ordnung des Gewerbebetriebes nachteilig
-auf das Heiratsalter eines grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> Teiles der männlichen Bevölkerung
-ein. Die Verehelichung des Handwerkers hing von seiner Zulassung
-zur Meisterschaft ab, und diese wieder von Bedingungen, welche
-die Angehörigen der Zunftmitglieder begünstigten<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>. Der Geselle
-durfte als solcher im allgemeinen nicht heiraten<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>. Infolge der
-Schliessung vieler Zünfte, der Beschränkung der Betriebsstätten und
-Verkaufsbänke bildete sich deshalb im XIV. und XV. Jahrhundert ein
-eigener Gesellenstand, der keine Aussicht auf Selbständigmachung und
-Familiengründung hatte. Indessen zeugen doch die vielfachen Verbote der
-Zunftstatuten, verheiratete Gesellen anzunehmen, sowie viele Beispiele
-der Frankfurter Steuerlisten dafür, dass Gesellenheiraten nicht eben
-selten waren. Auf keinen Fall aber waren sie so leicht und häufig, wie
-heute die Ehen der Fabrikarbeiter.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Wirtschaftliche_Stellung_der_Frau" title="Wirtschaftliche
-Stellung der Frau im deutschen Altertum"></h2>
-
-<p>Wenn wir uns nun anschicken, die Frage zu beantworten: <em class="gesperrt">was wurde im
-Mittelalter aus den zahlreichen Frauen, die ihren »natürlichen Beruf«
-zu erfüllen verhindert waren</em>? so müssen wir uns vor allen Dingen
-von der Anschauung los machen, welche den meisten von uns aus unseren
-frühesten Schuljahren anklebt. Wir hören da nach den Schilderungen in
-Tacitus’ »Germania« von der hohen Achtung, der fast göttergleichen
-Verehrung, welche dem Weibe bei den alten Germanen gezollt wurde;
-aber wir übersehen nur zu leicht, dass derselbe Tacitus die Stellung
-der Frau in der Wirtschaft so beschreibt,<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> dass wir mit Notwendigkeit
-auf eine grosse Ueberlastung des weiblichen Geschlechts schliessen
-müssen. Der Mann achtet keine Tätigkeit ausser derjenigen mit dem
-Schwerte. Träge liegt er im Frieden auf der Bärenhaut; Schlaf, Trunk
-und Würfelspiel füllen seine Zeit. Die Sorge für Feld, Haus und Herd
-bleibt den Frauen, die mit den Kindern, den Schwachen und Unfreien die
-Wirtschaft führen. Neben der erhaltenden und verwaltenden Tätigkeit des
-Hauses, die heutzutage den Frauen hauptsächlich zufällt, hatten sie
-also auch die gesamte Gütererzeugung zu bewerkstelligen; oder, um einen
-geläufigen Ausdruck zu gebrauchen: die Frau ernährte die ganze Familie.
-Sie war Arbeiterin, Wirtschaftsführerin, Haushälterin und Erzieherin
-der Kinder zugleich. Die Germanen machten also in ihrer primitiven
-Periode keine Ausnahme von der Erwerbsordnung, die wir noch heute bei
-Naturvölkern finden.</p>
-
-<p>Dieser Zustand änderte sich nach den grossen Wanderungen, als in
-währenden Friedenszeiten und bei wachsender Bevölkerung die deutschen
-Männer sich herabliessen, auch den Acker zu bebauen. Immer aber blieb
-noch ein grosser Teil der Landwirtschaft, namentlich die Be- und
-Verarbeitung vegetabilischer Stoffe, den Frauen überlassen. Auch als
-mehr und mehr aus der alten geschlossenen Hauswirtschaft einzelne
-Tätigkeiten als Gewerbe sich absonderten, blieb das Arbeitsgebiet der
-Frau immer noch sehr gross, wie wir deutlich aus der Verteilung der
-Arbeiten in den grundherrlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> Grosswirtschaften erkennen. Da finden
-wir unter den männlichen Leibeigenen freilich schon Müller und Bäcker,
-Schneider und Schuster, Grobschmiede und Waffenschmiede; den Frauen lag
-aber nicht bloss die Arbeit in Küche und Keller, in Garten und Stall
-ob, sondern auch die Besorgung der Gewandung von der Schafschur und der
-Flachsbereitung bis zum Weben, Färben, Zuschneiden, Nähen und Sticken,
-ferner das Bierbrauen, Seifensieden, Lichterziehen und eine Menge
-von anderen Verrichtungen, die später nach und nach von besonderen
-Gewerbetreibenden übernommen wurden<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Berufsbildung_der_Frauen" title="Berufsbildung
-und Entlastung der Frauen"></h2>
-
-<p>So sehen wir bis in das XIII. Jahrhundert hinein in dem Masse, als die
-gewerbliche Berufsbildung fortschritt, eine immer weiter greifende
-Entlastung der Frau von schweren körperlichen Arbeiten eintreten; ihre
-Tätigkeit beginnt sich auf dasjenige Gebiet zu beschränken, welches wir
-als die Haushaltung zu bezeichnen pflegen. Aber immer war dieses Gebiet
-noch bedeutend umfangreicher als heutzutage. Das Spinnen und Bleichen,
-das Backen und Bierbrauen wurde auch in den Städten noch vielfach von
-den Frauen besorgt; der Schuster und Schneider, der Sattler und der
-Bauhandwerker arbeiteten im Hause auf der »Stör«; eine grosse Anzahl
-von Produkten, die wir heute fertig zum Verbrauche kaufen, bedurfte
-noch der Zurichtung durch die Frauen.</p>
-
-<p>Dies alles weist darauf hin, dass eine grössere Zahl<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> von Frauen in
-den mittelalterlichen Haushaltungen verwendet werden konnte, als dies
-heute möglich wäre. So mögen vielfach elternlose Mädchen und verwitwete
-Frauen in den Familien ihrer näheren oder entfernteren Verwandten
-Unterkunft und Beschäftigung gefunden haben; der Familienzusammenhang
-war ohnehin damals noch viel stärker als gegenwärtig. Diejenigen
-alleinstehenden Frauen dagegen, welche keinen derartigen Rückhalt
-besassen, waren allem Anscheine nach in den Städten sehr übel gebettet.
-Auf dem Lande mochten Frauenhände immer in der Wirtschaft erwünscht
-sein; in den Städten war die Frau (abgesehen von der Eingehung eines
-Dienstbotenverhältnisses) nach der gewöhnlichen Annahme von der
-Erwerbsarbeit in den zünftigen Gewerben fast vollständig ausgeschlossen.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Angeblicher_Ausschluss" title="Angeblicher
-Ausschluss von zünftiger Erwerbstätigkeit"></h2>
-
-<p>In der Tat wird sich nicht leugnen lassen, dass die gesamte Stellung
-der Gewerbe im Mittelalter ein selbständiges Eingreifen der Frauen in
-dieses Gebiet grundsätzlich auszuschliessen scheint. Das Zunftwesen,
-welchem alle einigermassen entwickelten Gewerbe unterworfen waren, war
-seinem innersten Wesen nach auf die Familie gegründet. Die Zünfte waren
-nicht bloss gewerbliche Vereine, sondern Unterabteilungen der Gemeinde
-mit rechtlichen, politischen, militärischen und administrativen
-Aufgaben. Das Recht zum Gewerbebetrieb schloss die Verpflichtung zum
-Waffendienst und zu anderen Leistungen in sich, zu welchen Frauen nicht
-wohl herangezogen werden konnten. Bei der Teil<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>nahme an den politischen
-Rechten, von der ja die Frauen ausgeschlossen waren, spielten die
-Zünfte wieder eine Rolle, welche die Zulassung weiblicher Mitglieder
-untunlich zu machen schien.</p>
-
-<p>Adrian Beier<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>, der Verfasser des ältesten Kompendiums des
-Handwerksrechts, stellt denn auch den Satz auf: das männliche
-Geschlecht sei eine der unerlässlichen Grundbedingungen für die
-Aufnahme in eine Zunft gewesen. Die ganze gesellschaftliche Ordnung,
-meint er, beruhe darauf, dass jedes Geschlecht diejenigen Geschäfte
-übernehme, welche seiner Natur am angemessensten seien, der Mann die
-Erwerbsarbeit, die Frau die Küche, den Spinnrocken, die Nadel, die
-Wäsche; auch das Weben, Lichtergiessen und Seifensieden solle ihr noch
-gestattet sein. Das Mädchen sei zur Ehe bestimmt; man könne nicht
-wissen, wen es einmal heiraten werde; eine gelernte Schusterin sei aber
-dem Schmiede nichts nütze. Ausserdem könne man nicht allein in der
-Lehre lernen; von ungewanderten Junggesellen und gewanderten Jungfern
-werde aber beiderseits wenig gehalten. Der Umgang mit Männern in der
-Werkstätte sei in sittlicher Hinsicht nicht ungefährlich. Endlich
-sei die Zunft eine öffentliche Einrichtung; das Meisterrecht sei mit
-staatlichen Leistungen, als Wachen und Gaffen, verbunden, wozu Weiber
-nicht taugten.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Tatsaechliches_Verhaeltnis" title="Tatsächliches
-Verhältnis"></h2>
-
-<p>Trotz dieser anscheinend in der Natur der Sache liegenden
-grundsätzlichen Ausschliessung der Frauen wenigstens vom zünftigen
-Gewerbebetrieb sehen wir<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> das ganze Mittelalter hindurch die Frauen
-vielfach im Gewerbe tätig &mdash; ein Beweis, dass eine derartige
-Beschäftigung derselben durch die tatsächlichen Verhältnisse sich als
-notwendig aufdrängte. Ja wir finden sogar Frauenarbeit in einer Reihe
-von Berufsarten, von denen sie gegenwärtig tatsächlich ausgeschlossen
-ist.</p>
-
-<p>Ich will hier die Tatsache nicht weiter betonen, dass die Witwe eines
-Meisters das Geschäft ihres Mannes forttreiben durfte; das ist bekannt
-genug. Ueberdies ist dieses Vorrecht in manchen Gewerben und Städten
-zeitlich begrenzt oder an die Bedingung der Wiederverheiratung mit
-einem Gesellen des gleichen Handwerks geknüpft. Ich will auch kein
-grosses Gewicht darauf legen, dass Frauen und Töchter, oft auch die
-Magd eines Handwerkers demselben im Geschäfte helfen konnten; das
-liess sich bei aller Bevormundung, die dem Mittelalter eigen war, so
-leicht nicht verbieten. Viel wichtiger erscheint mir, dass Frauen und
-Mädchen innerhalb eigener oder fremder Gewerbebetriebe zahlreiche
-Verwendung fanden, bald als abhängige Lohnarbeiterinnen, bald sogar
-als selbständige Meisterinnen. War das betreffende Gewerbe zünftig,
-so konnten hier und da die Frauen in eigenem Namen den Zünften mit
-gleichem Rechte wie die Männer angehören; war es unzünftig, so waren
-sie selbstverständlich keinerlei Beschränkungen unterworfen. Endlich
-finden wir sogar Gewerbe mit zünftiger Ordnung, die ausschliesslich aus
-Frauen bestanden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p>
-
-<h3 class="dummy" id="in_der_Textilindustrie" title="in der
-Textilindustrie"></h3>
-
-<p>Natürlich handelt es sich hier zunächst um Gebiete, in welchen die
-Frauen von Alters her tätig gewesen waren<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a>. Dahin gehört das ganze
-Gebiet der <em class="gesperrt">Textilindustrie</em>. Die Weberei war zwar seit dem XII.
-Jahrhundert ein eigenes Gewerbe in Männerhand; indessen blieben die
-Vorrichtungsarbeiten, das Wollkämmen, Spinnen, Garnziehen, Spulen,
-fast überall noch lange Zeit in den Händen der Frauen. Wir finden
-deshalb an vielen Orten ein zahlreiches weibliches Arbeiterpersonal
-in der <em class="gesperrt">Wollweberei</em>: Kämmerinnen, Spinnerinnen, Spulerinnen,
-Garnzieherinnen, Nopperinnen &mdash; meist abhängige Lohnarbeiterinnen
-nach Art unserer Heim- oder Fabrikarbeiterinnen. In Frankfurt a.&nbsp;M.
-standen sie unter der Aufsicht von zwei Mitgliedern des Rats. Ihre
-Tätigkeit war an sehr eingehende Vorschriften gebunden, und wir haben
-in der Frankfurter Weberordnung von 1377 wohl das älteste Beispiel
-einer Regulierung der Frauenarbeit durch die öffentliche Gewalt<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>.
-Auch als Weberinnen finden wir die Frauen nicht selten tätig, und
-hier nicht bloss im Lohndienst, sondern auch als selbständige
-Mitglieder der Zunft. So in Bremen, in Köln, in Dortmund, in Danzig,
-in den schlesischen Städten, in Speier, Strassburg, Ulm, München.
-»Wer Webermeister oder Meisterin ist«, heisst es in einer Münchener
-Ratsverordnung aus dem XIV. Jahrhundert, »der soll haben, ob er will,
-einen Lernknecht und eine Lerndirne und nicht mehr«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p>Was die <em class="gesperrt">Leinenweberei</em> betrifft, so ist hier eine vielseitige
-selbständige Beteiligung der Frauen am Handwerk um so weniger zu
-bezweifeln, als in einem grossen Teile von Deutschland auf dem
-Lande die Frauen bis ins XIX. Jahrhundert hinein Leinwand gewebt
-haben. In Hamburg konnten Frauen in der Leinenweberei beim sogen.
-»schmalen Werke« selbständig werden (1375); in Strassburg wurden die
-Schleier- und Leinenweberinnen (1430) zu den Zunftlasten herangezogen;
-in Frankfurt a.&nbsp;M. finden wir ebenfalls selbständig steuernde
-»Lineberssen« (1428), ohne dass es freilich ersichtlich wäre, ob
-dieselben als Meisterinnen oder als Lohnarbeiterinnen betrachtet
-werden müssen. Die Schleierweberei und Schleierwäscherei ist dort ganz
-in den Händen der Frauen; ebenso scheinen sie die <em class="gesperrt">Schnur</em>- und
-<em class="gesperrt">Borten</em>wirkerei im XIV. und XV. Jahrhundert allein betrieben zu
-haben. In den schlesischen Städten bildete das Garnziehen ein eigenes
-Gewerbe, an dem Männer und Frauen beteiligt waren. In Köln bestand
-eine eigene Zunft von Garnmacherinnen; sie mussten sechs Jahre lernen
-und keine Meisterin durfte mehr als drei Mägde oder Lohnwerkerinnen
-halten. In der zu Anfang des XV. Jahrhunderts aufgekommenen
-<em class="gesperrt">Barchentweberei</em> haben dagegen weibliche Arbeitskräfte bis jetzt
-nicht nachgewiesen werden können.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="in_der_Schneiderei" title="in der
-Schneiderei"></h3>
-
-<p>Etwas anders lagen die Verhältnisse im <em class="gesperrt">Schneidergewerbe</em>. Hier
-konnten freilich die Frauen<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> auch das Recht hergebrachten Besitzes für
-sich geltend machen, da sie in älterer Zeit nicht bloss die eigenen
-Kleider, sondern auch diejenigen der Männer gefertigt hatten. Lesen wir
-doch noch im Nibelungenliede, dass Chriemhilde mit ihren Mägden den
-ausziehenden Recken das Gewand bereitet. Aber beim ersten Auftreten
-der Schneiderzünfte arbeiteten die Schneider nicht bloss alle Arten
-von Männerkleidern, sondern auch die Frauengewänder, ja sie hatten
-selbst die ganze Weisszeugnäherei<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>. Indessen bemerken wir doch auch
-hier eine rege Frauentätigkeit. Nicht nur dass im Schneidergewerbe
-Frauen und Töchter der Zunftmeister in weiterem Masse als in anderen
-Handwerken mitarbeiteten; an nicht wenigen Orten konnten auch Frauen
-als selbständige Meisterinnen in die Zunft treten, ja sie durften
-selbst Arbeiterinnen haben und Lehrmädchen annehmen. In Frankfurt und
-Mainz, wie wohl in allen mittelrheinischen Städten, suchte man ihre
-Aufnahme in die Zunft durch Festsetzung geringerer Aufnahmegebühren
-für Frauen zu erleichtern<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a>. Erst im XV. Jahrhundert entstanden in
-den rheinischen Städten sehr langwierige Streitigkeiten zwischen den
-Schneidern und den Näherinnen, die schliesslich damit endeten, dass das
-Gebiet der letzteren auf diejenigen Arten des Nadelwerks beschränkt
-wurde, welche noch heute den Frauen eigen sind.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="in_anderen_zuenftigen_Gewerben" title="in
-anderen zünftigen Gewerben"></h3>
-
-<p>Noch eine Reihe von anderen Handwerken lässt sich nachweisen, die im
-Mittelalter Frauen im Amte hatten.<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> Es würde indes zu weit führen,
-hier auf die Einzelheiten einzugehen. Ich begnüge mich deshalb
-damit, hier kurz die zünftigen Gewerbe zu nennen, bei welchen
-weibliche Arbeitskräfte Verwendung fanden. Es sind: die Kürschner
-(in Frankfurt und in den schlesischen Städten), die Bäcker (in den
-mittelrheinischen Städten), Wappensticker, Gürtler (Köln, Strassburg),
-die Riemenschneider (Bremen), die Paternostermacher (Lübeck), die
-Tuchscherer (Frankfurt), die Lohgerber (Nürnberg), die Goldspinner und
-Goldschläger (in Köln). In den Statuten der letzteren hiess es: »Kein
-Goldschläger, dessen Frau Goldspinnerin ist, darf mehr als drei Töchter
-zum Goldspinnen haben; die Goldspinnerin dagegen, deren Mann nicht
-Goldschläger ist, darf vier Töchter haben und nicht mehr, dass sie ihr
-Gold spinnen.« An der Spitze beider Gewerbe stand je ein Meister und
-eine Meisterin, welche das Werk des Amtes zu besehen und zu prüfen
-hatten. Natürlich konnte es sich hier überall nur um Gewerbe handeln,
-welche der Natur ihres Betriebes nach für das zarte Geschlecht geeignet
-waren; denn es war stehender Grundsatz des alten Handwerksrechtes, dass
-niemand in der Zunft sein solle, der das Gewerbe nicht mit eigener Hand
-treiben könne.</p>
-
-<p>Im ganzen können wir sonach behaupten, dass im Mittelalter die
-Frauen von keinem Gewerbe ausgeschlossen waren, für das ihre Kräfte
-ausreichten. Sie waren berechtigt, Handwerke ordnungsmässig zu lernen,
-sie als Gehilfinnen, ja selbst als Meisterinnen zu treiben<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>.<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
-Indessen bemerken wir schon frühe die Tendenz, die Frauenarbeit mehr
-und mehr zurückzudrängen. Dieselbe wendet sich zunächst gegen die
-Meisterswitwen, deren Recht auf eine gewisse Zeit (Jahr und Tag)
-beschränkt oder an bestimmte Bedingungen geknüpft wird. Sodann gegen
-das Mitarbeiten der Mägde und der weiblichen Familienglieder, endlich
-auch gegen die selbständige Tätigkeit der Frauen in den Zünften. Die
-Gesellenverbände fangen an, sich zu weigern, neben den weiblichen
-Arbeitern zu dienen; die Meister klagen über Beeinträchtigung ihres
-Nahrungsstandes. Im XVI. Jahrhundert leistet noch die öffentliche
-Gewalt diesen engherzigen Bestrebungen Widerstand, im XVII. Jahrhundert
-erlahmt sie darin völlig, und so kommt es, dass nur in vereinzelten
-Fällen bis ins XVIII. Jahrhundert die Frauenarbeit im Handwerk sich
-erhalten hat<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="in_nicht_zuenftigen_Berufen" title="in
-nicht zünftigen Berufen"></h3>
-
-<p>Was die nichtzünftigen Gewerbe betrifft, so unterlag in diesen
-die Frauenarbeit wohl nie irgend welchen Beschränkungen. Nur beim
-stehenden Kleinhandel, der jetzt so vielen Frauen Selbständigkeit und
-Unterhalt gewährt, scheint die Marktpolizei vielfach zu Ungunsten
-der Frauen eingegriffen zu haben, während sie beim Hausierhandel
-anscheinend stärker vertreten waren. So wird bei den Gewandschneidern
-und Fischhocken in Frankfurt der Verkauf durch die Frauen verboten,
-mit Ausnahme des Falles, wo der Mann abwesend ist; in München sollte
-keines Fleischhackers oder Metzgers Weib in der Bank stehen und
-Fleisch verkaufen<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>; in<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> Passau durfte die Frau eines Salzhändlers
-nur wenn der Mann krank war dessen Geschäft versehen. Die Hocken und
-Viktualienhändler sind fast allerwärts Männer; nur in Ulm bilden die
-Käuflerinnen ein eigenes weibliches Gewerbe<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a>.</p>
-
-<p class="mbot2">Es wird vielleicht zur Veranschaulichung des Gesagten beitragen, wenn
-hier noch kurz die Berufsarten namhaft gemacht werden, bei welchen
-ich in Frankfurter Urkunden aus der Zeit zwischen 1320 und 1500
-Frauen beschäftigt gefunden habe. Sie lassen sich in vier Gruppen
-zerlegen. In der ersten, welche die Berufe umfasst, für die nur
-weibliche Namen vorkommen, ergaben sich 65 Beschäftigungsarten. Die
-zweite enthält die Berufe, in welchen die Frauen überwiegen; ihrer
-sind freilich nur 17. Aber ihnen stehen 38 Berufe gegenüber, in denen
-Männer und Frauen etwa gleich stark sich vertreten fanden und 81,
-in denen der Umfang ihrer Tätigkeit hinter derjenigen der Männer
-zurückblieb<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a>. Das ergibt rund 200 Berufsarten mit Frauenarbeit.
-Unter ihnen treten allerdings die schon erwähnten Hilfsgewerbe der
-Textilindustrie am stärksten hervor. Die Verfertigung von Schnüren und
-Bändeln, Hüllen und Schleiern, Knöpfen und Quasten ist ganz in ihren
-Händen. Wie an der Schneiderei beteiligen sie sich an der Kürschnerei,
-Handschuh- und Hutmacherei, verfertigen Beutel und Taschen, lederne
-Brustflecke und Sporleder. Selbst bis in die kleine Holz- und
-Metallindustrie reicht ihre Tätigkeit: Nadeln und Schnallen, Ringe
-und Golddraht,<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Besen und Bürsten, Matten und Körbe, Rosenkränze und
-Holzschüsseln gehen aus ihren Händen hervor. Die Feinbäckerei scheint
-vorzugsweise ihnen obzuliegen; fast ausschliesslich beherrschen sie
-die Bierbrauerei und die Herstellung von Kerzen und Seife. In dem
-außerordentlich spezialisierten Kleinhandel überwiegen sie: Obst,
-Butter, Hühner, Eier, Häringe, Milch, Käse, Mehl, Salz, Oel, Senf,
-Essig, Federn, Garn, Sämereien werden fast nur von ihnen vertrieben.
-Das Hockenwerk und das Trödelgeschäft, ja selbst der sehr entwickelte
-Handel mit Hafer und Heu sind vielfach in den Händen von Frauen.
-Sie treiben sich unter den Abenteurern und Gauklern hausierend
-umher. In den Badstuben Frankfurts bedienten 30 bis 40 Bademägde;
-ja man konnte sich zuweilen selbst von zarten Händen rasieren und
-immer in den Weinschenken sich von weiblichen Musikanten, wie
-Lauten- und Zimbelschlägerinnen, Pfeiferinnen, Fiedlerinnen und
-Schellenträgerinnen, etwas vorspielen lassen. Abschreiberinnen und
-Briefdruckerinnen kommen wenigstens vereinzelt vor; schon 1346 wird
-eine Malerin und von 1484 ab häufig Juttchen die Puppenmalerin
-genannt. Ja selbst im städtischen Dienst werden Frauen verwendet,
-nicht bloss als Hebammen und Krankenpflegerinnen, sondern selbst als
-Schlaghüterinnen, Pförtnerinnen, Turmwächterinnen<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>, Zöllnerinnen
-und beim Hüten des Viehs. Unter den 11 Personen, welchen 1368 der
-Rat das Geldwechselgeschäft übertragen hatte, werden nicht weniger
-als<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> 6 Frauen genannt; wir begegnen einer Frau als Pächterin des
-Leinwandzolles und einer anderen als Aufseherin und Einnehmerin in der
-Stadtwage<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>. Im XIV. Jahrhundert findet sich häufig eine weltliche
-Schulmeisterin, <i>Lyse, die die Kinde leret</i>, auch kurz <i>lerern</i> oder
-<i>kindelern</i> &mdash; vielleicht eine mittelalterliche Kindergärtnerin. Aber
-1361 wird zugleich mit ihr Katherine schulmeistern genannt &mdash; ein
-Beweis, dass keine vereinzelte Erscheinung vorliegt. In Lübeck war es
-von alters üblich, dass ehrbare Frauen kleine Mädchen schreiben und
-lesen lehren durften. Ferner hat es während des ganzen XIV. und XV.
-Jahrhunderts in den meisten Städten weibliche Aerzte gegeben. Zwischen
-1389 und 1497 konnten in Frankfurt nicht weniger als 15 Aerztinnen
-mit Namen nachgewiesen werden, unter diesen 4 Judenärztinnen und 3
-Augenärztinnen<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>. Verschiedenen von ihnen werden sogar wegen Heilung
-städtischer Bediensteten Ehrungen und Steuererleichterungen vom Rate
-bewilligt. Endlich war es nichts seltenes, dass in unsicheren Zeiten,
-wenn raubende und plündernde Haufen in der Umgegend sich sammelten,
-Frauen im Kundschafterdienst verwendet wurden<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>. Einer der höchsten
-Träume unserer modernen Emanzipationsfreunde war somit im Mittelalter
-schon einmal volle Wirklichkeit.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Versorgungsanstalten" title="Versorgungsanstalten"></h2>
-
-<p>Wie ausgedehnt man sich auch das Gebiet selbständiger Erwerbstätigkeit
-vorstellen mag, welches den<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> Frauen im Mittelalter zugänglich war &mdash;
-auf keinen Fall reichte es hin, sämtliche des männlichen Schutzes
-entbehrenden Frauen zu beschäftigen. Für die jüngeren bot hier
-wohl der Gesindedienst, der im Mittelalter verhältnismässig mehr
-Kräfte erforderte als heute, Arbeit und Brot; auch gab es ausser
-der Weberei und der Bekleidungsindustrie noch andere Handwerke, die
-weibliche Arbeitskräfte beschäftigten. So in Lübeck die Nadler,
-Maler, Bernsteindreher und Bader. Aber die Weiberlöhne<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> waren auch
-im Mittelalter überaus niedrig, wohl wegen des grossen Zudrangs von
-Arbeiterinnen zu den erwähnten industriellen Beschäftigungen. Viele
-waren deshalb gezwungen, in anderer Weise ein Unterkommen zu suchen.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Kloester" title="Klöster"></h3>
-
-<p>Hier bot sich als nächste Zuflucht das <em class="gesperrt">Kloster</em>, und es ist
-in der Tat auffallend, wie sehr in der zweiten Hälfte des XIII.
-und im XIV. Jahrhundert allerwärts in den deutschen Städten die
-Frauenklöster zunahmen. In diese Zeit fällt der kräftige Impuls, der
-von den Bettelorden ausging, in deren Klientel sich fast alle neu
-gegründeten Nonnenklöster begaben. Wenn die älteren Frauenklöster
-und Stifter Versorgungsanstalten für die Töchter des ärmeren Adels
-bildeten, so boten diese neueren eine Unterkunft für die überschüssige
-Frauenwelt des höheren Bürgerstandes und der Geschlechter, von denen
-manche Novizen auch an die Klöster einer näheren oder entfernteren
-Umgebung lieferten. Wen getäuschte Hoffnungen, überstandene Angst und
-Küm<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>mernis, der Verlust von Gatten, Eltern, Geschwistern, die Furcht
-vor einer rohen, gewalttätigen Welt oder tiefinnerstes religiöses
-Bedürfnis trieben, den Schleier zu nehmen, der fand, wenn das nötige
-Einkaufsgeld vorhanden war, hier ein beschauliches Dasein, Gelegenheit
-zu geistiger Ausbildung und zu stiller Tätigkeit im Dienste der
-Erziehung und in weiblichen Handarbeiten, äussersten Falles wenigstens
-Unterhaltung und mancherlei Kurzweil. Sehr anschaulich schildert ein
-mittelalterliches Gedicht<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> die Tätigkeit in den Nonnenklöstern:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Da waren vrouwen inne, die dienten Got mit sinne:</div>
- <div class="verse">Die alten und die jungen lasen unde sungen</div>
- <div class="verse">Ze ieslicher im tage zit, si dienten Gote ze wider strit,</div>
- <div class="verse">So si aller beste kunden, und muosen under stunden,</div>
- <div class="verse">So si niht solden <em class="gesperrt">singen</em>, <em class="gesperrt">naen</em> oder <em class="gesperrt">borten dringen</em></div>
- <div class="verse">Oder <em class="gesperrt">würken</em> an der <em class="gesperrt">ram</em>; ieglichiu wold’ des haben scham,</div>
- <div class="verse">Die da muezik waere beliben; sie <em class="gesperrt">entwurfen</em> oder <em class="gesperrt">schriben</em>.</div>
- <div class="verse">Es <em class="gesperrt">lert</em> die <em class="gesperrt">schuolemeisterin</em></div>
- <div class="verse">Die jungen <em class="gesperrt">singen</em> und <em class="gesperrt">lesen</em>, wie sie mit zühten solden wesen,</div>
- <div class="verse">Beide <em class="gesperrt">sprechen</em> unde <em class="gesperrt">gen</em>, ze kore <em class="gesperrt">nigen</em> unde <em class="gesperrt">sten</em>.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Also Singen, Lesen, Schreiben, Sprachlehre, Anstandsunterricht &mdash; das
-waren die Elemente der weiblichen Klostererziehung; der Gottesdienst,
-das Nähen, Weben, Bortenwirken füllte die übrige Zeit der Nonnen
-aus. Hier und da beschäftigten sie sich auch mit dem Abschreiben
-von Büchern[25]. Namentlich aber waren die Stickschulen<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> der
-Klosterfrauen berühmt, und die kunstfertigen Gebilde ihrer Hände
-auf Messgewändern, auf Decken und Wandbehängen erregen noch heute
-unsere Bewunderung. Für den Absatz ihrer Gewerbe<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>produkte hatten die
-Klöster hin und wieder in den Städten eigene Verkaufsstellen. Sie
-gerieten aber dabei mit dem freien Gewerbebetrieb der städtischen
-Handwerksmeister und Kaufleute in Konkurrenzstreitigkeiten, die meist
-damit endeten, dass den Klöstern die einzelnen Sorten von Webwaren
-genau vorgeschrieben wurden, die sie in den Handel bringen durften.</p>
-
-<p>Es leuchtet von selbst ein, dass immer nur ein kleiner Teil des
-vorhandenen Frauenüberschusses in den Klöstern unterkommen konnte. Für
-die vielen, welche aus inneren oder äusseren Gründen gehindert waren,
-die Klostergelübde auf sich zu nehmen, musste in anderer Weise gesorgt
-werden, und es gereicht unseren Vorfahren zu nicht geringer Ehre, dass
-sie für diesen Zweck in Anbetracht der Zeitverhältnisse vorzügliche
-Mittel zu finden und durchzuführen wussten. Diese Mittel waren
-verschieden, je nachdem die vom Familienverband ausgeschlossenen Frauen
-begütert oder arm waren.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Leibrentenkauf" title="Leibrentenkauf"></h3>
-
-<p>Besassen die alleinstehenden Jungfrauen und Witwen <em class="gesperrt">Vermögen</em>,
-so kauften sie mit demselben im XIV. und XV. Jahrhundert wohl eine
-<em class="gesperrt">Leibrente</em>, von der sie bis ans Ende ihrer Tage leben konnten,
-ähnlich wie man früher oft einem Kloster sein Gut übertrug, um sich
-einen sorgenfreien Lebensabend zu erkaufen. Manche Städte, die häufig
-in Geldverlegenheit waren, besserten damit ihre Finanzen auf, dass
-sie an Auswärtige unter gleichzeitiger Verleihung des Bürgerrechts
-Leibrenten verkauften. Sie erfüllten damit<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> die Aufgabe einer modernen
-Lebensversicherungsgesellschaft, und nicht wenige Frauen vom Lande
-haben sich auf diesem Wege zugleich den städtischen Schutz und einen
-sorgenfreien Lebensabend gesichert<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>.</p>
-
-<p>Auch ergab es sich leicht, dass vermögende Frauen, insbesondere
-solche, die miteinander verwandt waren, <em class="gesperrt">sich zu drei oder vier
-zusammentaten</em>, um eine <em class="gesperrt">gemeinsame Haushaltung</em> zu führen.
-Solcher kleinen, freiwillig zusammenlebenden Frauengruppen begegnen uns
-viele in den Frankfurter Bedebüchern. Jede der Beteiligten behielt ihr
-abgesondertes Vermögen und versteuerte dasselbe. Zur Wirtschaft mag
-dann jede ihren Beitrag geleistet haben.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Samenungen" title="Samenungen"></h3>
-
-<p>Zu einer festen Organisation führten solche freiwillige Verbindungen
-in <em class="gesperrt">Strassburg</em>. Hier bildeten sich eigene <em class="gesperrt">Vereine</em>, sogen.
-Samenungen (Sammlungen) vermögender Frauen und Jungfrauen zu dem Zwecke
-eines gemeinsamen Lebens in stiller Zurückgezogenheit<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>. Solcher
-Samenungen gab es <em class="gesperrt">drei</em>; alle waren in der zweiten Hälfte des
-XIII. Jahrhunderts gegründet worden. Die ihnen angehörigen Frauen
-hiessen Pfründenschwestern, Pfründnerinnen, auch wohl Mantelfräulein,
-weil sie eine eigene Tracht von geistlichem Zuschnitte trugen.</p>
-
-<p>Wie alle Vereinigungen des Mittelalters, mochten sie sonst zu
-gewerblichen, geselligen oder Unterstützungszwecken errichtet sein,
-standen auch die Samenungen von Anfang an in näherer Beziehung zur
-Kirche. Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> Dominikaner, Friedrich von Erstein, hatte ihre ersten
-Satzungen (von 1267) verfasst; sein Orden nahm auch fernerhin die
-Schwestern in seine sorgsame Obhut. Nach jenen Satzungen lebten
-im ersten Jahrhundert ihres Bestehens die Samenungen in voller
-Gütergemeinschaft. Zur Aufnahme war erforderlich, dass die Eintretende
-so viel eigenes Vermögen besass, um davon leben zu können. Schied sie
-aus, ehe sie das 14. Lebensjahr zurückgelegt hatte, so musste sie für
-jeden im Hause zugebrachten Monat 40 Pfennige Kostgeld bezahlen und
-zurückerstatten, was sie von den Schwestern an Kleidungsstücken u.&nbsp;dgl.
-erhalten hatte. Trat sie erst nach dem vierzehnten Jahre aus (etwa
-zum Zwecke der Verheiratung), so durfte sie nur Kleider und Bettwerk
-mitnehmen, musste aber ihr eingebrachtes Vermögen zurücklassen; wollte
-sie in ein Kloster gehen, so gab man ihr fünf Pfund von ihrem Vermögen
-wieder. Ungebührliche Reden, Streitsucht, das Anknüpfen von Beziehungen
-zu Männern zogen die Ausschliessung nach sich. Man darf daraufhin nicht
-etwa meinen, dass die Mantelfräulein das klösterliche Gelübde der
-Ehelosigkeit abgelegt hätten; es ist ja klar genug, dass auch heute
-noch die Mitgliedschaft einer derartigen Vereinigung mit der Anknüpfung
-eines Verhältnisses zu Männern oder der Brautschaft einer Beteiligten
-aufhören müsste. Bei einer etwaigen Auflösung der Samenung sollte das
-Vereinsvermögen unter die Schwestern gleichmässig verteilt werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p>Bis zur Mitte des XIV. Jahrhunderts herrschte in diesen Frauenvereinen
-unter der Seelsorge der Dominikaner ein zwar stilles, beschauliches,
-aber auch geistig angeregtes Leben. Alles, was die Zeit auf religiösem
-Gebiete bewegte, fand hier eifrige Anteilnahme. Namentlich waren
-die strengen Mystiker Meister Eckart und Johann Tauler in ihnen
-gern gesehene Gäste. Die Schwestern lauschten ihren gefühlswarmen,
-tiefsinnigen Predigten und schrieben ihre Traktate ab. Kurz nachher
-(1355) schrieb Rulman Merswin von ihnen: »Sie waren also gar
-schweigsame, einfältige, gutherzige Frauen und hatten also gar grossen
-einfältigen inwendigen Ernst, dass ihnen Gott gar heimlich war mit
-seiner Gnade.«<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a></p>
-
-<p>Später änderte sich das. Der Geist der Eintracht und Schwesterliebe
-schwand mehr und mehr aus den Samenungen. Es wurden sehr eingehende
-Satzungen notwendig, welche die Vermögensgemeinschaft teilweise
-aufhoben und die Hausordnung bis in die kleinsten Einzelheiten
-vorschrieben. Die Schwestern behielten ihr Sondereigentum und konnten
-jederzeit aus der Vereinigung treten, wenn sich ihnen Gelegenheit
-zur Verehelichung bot. Während das Vermögen der Einzelnen vielleicht
-nicht zur Fortführung eines selbständigen standesgemässen Haushalts
-ausgereicht hätte, zeigte die gemeinsame Wirtschaft einen gewissen
-Luxus. Es fehlte nicht an einer ganz annehmbaren Speisekarte, an
-Silbergeschirr und Kleinodien; Dienerinnen wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> gehalten, Gäste
-zu Tische geladen; man wohnte den Turnieren und den Tanzfesten auf
-den Trinkstuben der adeligen Gesellschaften bei; ja man konnte sich
-den Besuch der damaligen Luxusbäder im Schwarzwald und in der Schweiz
-gestatten. Im Jahre 1414 wurde angeordnet, dass jede neu aufzunehmende
-Pfründnerin dem Hause 60 Pfund geben und dass die, welche in die Welt
-zurückkehrte, die Hälfte ihres Hausrats zurücklassen sollte.</p>
-
-<p>Durch solche Einrichtungen, sowie durch die ihnen zufallenden
-Schenkungen und Vermächtnisse bereicherten sich die Samenungen immer
-mehr; aber sie verfielen dadurch auch um so rascher. Ihr inwendiger
-Ernst sei erloschen, berichtet Rulman Merswin; statt zu beten und
-fromme Büchlein zu lesen, unterhielten sie sich mit allerlei weltlichem
-Klatsch; Missgunst, Eifersucht, gegenseitiges Misstrauen beherrschten
-das häusliche Leben. Die alte Tracht, ein wollenes Gewand und langer
-Schleier, die sie noch immer trugen, bewahrte sie nicht vor Weltlust
-und Hoffart; selbst vor dem Weihkessel, meint Geiler von Keisersberg,
-könnten sie nicht vorübergehen, ohne sich darin zu beschauen. In ihren
-Häusern lebten sie herrlich und in Freuden; in der Stadt wurden sie zu
-Gaste geladen; sie fehlten bei keiner Belustigung<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>. Kein Wunder,
-dass sie die Reformation, wie manche ähnliche Vereine, rasch vom
-Erdboden wegfegte.</p>
-
-<p>Viel härter war das Los der <em class="gesperrt">armen</em> Frauen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> ihres Ernährers
-beraubt waren und weder in der Erwerbswirtschaft noch in den Klöstern
-eine Stelle finden konnten. Zur Verheiratung bot sich ihnen meist
-nur dann sichere Gelegenheit, wenn sie dem Manne als Tochter oder
-Witwe eines Meisters das Zunftrecht in die Ehe brachten. Freilich gab
-es zahlreiche Stiftungen und Vermächtnisse, die auch ihnen zu Gute
-kamen &mdash; Verteilungen von Geld und Brot, von Suppe und Fleisch, von
-Holz und Kleidern. Das Betteln war im Mittelalter keine Schande, das
-Almosengeben wurde als religiöse Pflicht angesehen; man brauchte sich
-um so weniger zu scheuen, Spenden und Geschenke zu heischen, als von
-den Almosenempfängern eine Gegenleistung, bestehend in Kirchenbesuch
-und Gebet für das Seelenheil des Spenders, gefordert wurde. Alte und
-gebrechliche Leute fanden wohl auch als Pfründnerinnen in Spitälern
-eine Aufnahme.</p>
-
-<p>Aber diese Mittel boten keine dauernde und ausgiebige Hilfe; sie
-versagten am meisten, wenn sie am nötigsten gewesen wären, in Zeiten
-allgemeiner Teuerung und Bedrängnis.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Gotteshaeuser" title="Gotteshäuser"></h3>
-
-<p>Da ist es denn im höchsten Grade bemerkenswert und als Beweis für
-die Tatsache eines weitverbreiteten Frauennotstandes geradezu
-ausschlaggebend, dass seit der Mitte des XIII. Jahrhunderts überall
-in Deutschland sehr zahlreiche <em class="gesperrt">Anstalten</em> gegründet wurden,
-welche ausschliesslich zur Versorgung ärmerer alleinstehender Frauen
-bestimmt waren. Es sind dies die<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> sogen. <em class="gesperrt">Gotteshäuser</em> oder
-<em class="gesperrt">Bekinenanstalten</em><a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a>.</p>
-
-<p>Man pflegt die Institution der Bekinen und Bekarden gewöhnlich
-nur von ihrer religiösen Seite zu betrachten und sie da mit den
-Tertiariern zusammenzustellen, jenem ausgedehnten Anhang der
-Bettelorden aus dem Laienstande. Es ist ja bekannt, dass dieser von
-den Dominikanern und Franziskanern gestiftete »dritte Orden der Reue«
-aus Weltleuten beiderlei Geschlechts bestand, welche, ohne der Ehe
-und ihrem bürgerlichen Berufe zu entsagen, sich der Aufsicht der
-Orden unterworfen hatten, an ihren Uebungen und Gebeten teilnahmen,
-der Weltlust entsagten, ernste, einfache Kleidung trugen und sich
-verpflichteten, Barmherzigkeit zu üben, die Gebote Gottes und die
-Vorschriften der Kirche zu halten. In ähnlichen Beziehungen, wie diese
-Minoriten, standen allerdings auch die Bekinen und Bekarden zu den
-Bettelorden. Sie trugen ein dem geistlichen ähnliches schlichtes Gewand
-und nahmen gewisse religiöse Verpflichtungen auf sich. Allein sie
-hatten darum nicht mehr Verwandtschaft mit dem Nonnen- und Mönchswesen
-als etwa die Brüderschaften der Handwerksgesellen, der Aussätzigen, der
-Blinden und Lahmen. Ja wir können sogar beobachten, wie die städtischen
-Räte mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dahin strebten, den
-weltlichen Charakter der Bekinen (die Bekarden waren wenig zahlreich
-und stehen uns hier fern) aufrecht zu erhalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<p>Das Aufkommen der Bekinen knüpft sich &mdash; wenigstens in den deutschen
-Städten &mdash; überall an die Stiftung der Gotteshäuser. Unter letzteren
-versteht man Häuser, welche von reicheren Laien, Männern und Frauen,
-dem Zwecke gewidmet wurden, eine bestimmte Anzahl armer, verlassener
-Frauen und Mädchen aufzunehmen. Sie hiessen auch wohl <em class="gesperrt">Einungen</em>
-(Frankfurt a.&nbsp;M.) oder <em class="gesperrt">Sammlungen</em> (Ulm), <em class="gesperrt">Seelhäuser</em>
-(Ulm, München), <em class="gesperrt">Regelhäuser</em> (München), <em class="gesperrt">Maidehäuser</em>
-(Mainz), <em class="gesperrt">Konvente</em> (Wesel), unter Umständen auch <em class="gesperrt">Klausen</em>
-&mdash; das letztere namentlich auf Dörfern und in einsamen Gegenden. Oft
-begnügten sich die Stifter nicht mit der Gewährung der Wohnung; sie
-sorgten auch durch Verschreibung von Renten und sonstigen Gefällen
-für die Unterhaltung der Gebäude, für Holz und Licht, manchmal auch
-für einen Teil der Nahrung. Die Bewohnerinnen solcher Häuser nannte
-man allgemein <em class="gesperrt">Schwestern</em>, in Strassburg auch <em class="gesperrt">gewillige oder
-arme Schwestern</em>, in Frankfurt a.&nbsp;M. <em class="gesperrt">geistliche Schwestern</em>,
-<em class="gesperrt">Kinder</em> oder <em class="gesperrt">arme Kinder</em>, in München <em class="gesperrt">Seelnonnen</em>, in
-Konstanz <em class="gesperrt">Mäntlerinnen</em>; später wurde der Name Bekinen, Beguinen,
-hier und da auch Begutten, durchweg gebräuchlich.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Statistisches" title="Statistisches"></h3>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Zahl</em> der Frauen, welche in ein solches Gotteshaus Aufnahme
-finden konnten, war meist nicht sehr gross und wurde insgemein schon
-von dem Stifter festgesetzt. Sie schwankte in Worms zwischen 2 und 6,<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-in Frankfurt zwischen 2 und 15, in Strassburg war die am häufigsten
-vorkommende Anzahl 20; aber es gab auch Häuser mit 3, 4, 6, 8, 10, 12,
-ja selbst mit 22 und 26 Schwestern. Sogenannte Bekinen<em class="gesperrt">höfe</em>,
-d.&nbsp;h. mit Mauern umgebene Hofstätten, welche mehrere Wohn- und
-Wirtschaftsgebäude für eine grössere Zahl von Schwestern enthielten,
-finden wir vorzugsweise in den niederrheinischen Städten und in
-Belgien. In den <em class="gesperrt">Klausen</em> lebte meist nur je eine Bekine oder
-Klausnerin.</p>
-
-<p>Die meisten dieser Gotteshäuser wurden zwischen 1250 und 1350
-gestiftet. Es ist bezeichnend für ihren weltlichen Charakter, dass sie
-durchweg nach dem Namen ihres Gründers benannt werden. Ihre Zahl war in
-den einzelnen Städten und deren Umgebung sehr gross. In Frankfurt sind
-ihrer 57 (etwa 3 Prozent sämtlicher Wohnhäuser der Stadt) dem Namen
-nach bekannt, in Strassburg 60, in Basel über 30, in Speier 6; für
-München sind ihrer nur 7 nachgewiesen.</p>
-
-<p>Was die <em class="gesperrt">Gesamtzahl der Bekinen</em> betrifft, so lassen sich über
-diese für die einzelnen Städte keine sicheren Nachweise erbringen. Nach
-einer auf ziemlich zuverlässigen Anhaltspunkten beruhenden Schätzung
-waren zu Frankfurt a.&nbsp;M. am Ende des XIV. Jahrhunderts über 200 Bekinen
-vorhanden. Ueber 6 Prozent der erwachsenen weiblichen Bevölkerung
-(die Stadt hatte damals etwa 9000 Einwohner) befanden sich darnach
-in den Gotteshäusern. Hartwig hat berechnet,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> dass in den Lübecker
-Anstalten für alleinstehende Frauen, die freilich nicht ausschliesslich
-Gotteshäuser (Konvente) waren, 600 Personen versorgt werden konnten.
-Von den bis 1330 gestifteten Strassburger Gotteshäusern konnten 12
-allein 195 Schwestern aufnehmen; alle zusammen boten für mehr als
-600 Personen Raum. Noch weit zahlreicher scheinen die Bekinen am
-Niederrhein gewesen zu sein. Köln soll ihrer 2000 gehabt haben, Nivelle
-und Cantibri bei Cambrai 1300, und ein Bekinenhof bei Mecheln »bis in
-die 1400 oder mehr«<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>. Indessen wird man diesen letzteren Ziffern mit
-einigem Misstrauen begegnen müssen.</p>
-
-<p>Wie schon der Name Gotteshäuser andeutet, waren dieselben Stiftungen
-christlicher Barmherzigkeit, hervorgegangen aus dem religiösen
-Bedürfnisse derjenigen, welche ihr irdisch Hab und Gut &mdash; gewiss mit
-Recht &mdash; dem Dienste Gottes zu weihen meinten, indem sie für Unterkunft
-der von aller Welt verlassenen, jeder Gefahr ausgesetzten Frauen Sorge
-trugen. Vorzugsweise waren es verwaiste oder ledig gebliebene arme
-Mädchen, kinderlose Witwen, Töchter kinderreicher Handwerker, alte
-treue Dienstboten, welche hier Aufnahme fanden. Im XIII. Jahrhundert
-traten auch nicht selten alleinstehende Frauen aus dem wohlhabenden
-Bürgerstande, ja selbst solche aus den städtischen Geschlechtern und
-dem Adel bei den armen Schwestern ein, denen sie dann ihr Vermögen
-zubrachten.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Statuten" title="Statuten"></h3>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Statuten</em> der Gotteshäuser, welche ge<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>wöhnlich schon in
-dem Stiftungsbriefe gegeben wurden, waren in der ersten Zeit überaus
-einfach. Erst später, als sich Uebelstände herausstellten, wurden sehr
-eingehende Satzungen und Hausordnungen für die Schwestern aufgestellt.
-Diese sind natürlich je den besonderen Verhältnissen angepasst. Ich
-darf mich hier damit begnügen, die wichtigsten gemeinsamen Züge aus
-ihnen auszuheben.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Taetigkeit_der_Bekinen" title="Tätigkeit
-der Bekinen"></h3>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Grundlage der Existenz</em> der in einem Gotteshause vereinigten
-Schwestern bildete die Rente des Stiftungsvermögens. Wenn diese zum
-Leben nicht ausreichte, mussten sich die Frauen durch <em class="gesperrt">Arbeit</em>
-ernähren, durch Stricken und Nähen, durch Spinnen und Weben. Die
-niederrheinischen Bekinenhöfe waren regelmässig mit Bleichplätzen
-verbunden. Die Konkurrenz mit dem freien Gewerbebetrieb, welche sie
-hier zu bestehen hatten, wurde ihnen nicht selten durch Privilegien
-der Stadtobrigkeiten und der Fürsten erleichtert. So erhielten 1293
-die Bekinen zu Würzburg das Recht, ihre selbstverfertigten Tücher
-ellenweise zu verkaufen<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a>. Im Jahre 1310 gestatteten die Herzöge
-Boleslaw, Heinrich und Wendislaw den Bekinen zu Breslau, durch die
-Tuchmacher der Stadt weisses und graues Tuch weben zu lassen und in
-ganzen Stücken zu verkaufen<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a>. In Konstanz hatten sich etliche
-Wollenweber geweigert, den »armen Schwestern in der Mäntlerinnen Haus«
-das Wollengarn zu weben, das sie spannen. Auf die Klage der Schwestern
-bestimmten die Zunftmeister, dass ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> die Weber was sie spannen, um
-es an ihren Leib zu wenden, weben sollten; doch sollten die Schwestern
-dasselbe Tuch niemanden anders verschneiden oder zu kaufen geben,
-weder in noch vor ihrem Hause<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a>. Weniger engherzig ist die II.
-württembergische Landesordnung von 1515<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a>. In ihr wird »zugelassen,
-dass man in jedem Amt den Schwestern und Begynen in iren heusern ain
-genante zal der schwestern bestimmen mög, wie vil sie deren haben
-sollen und nit darüber, ..... das man auch denselben schwestern ain zal
-webstül bestimme zu haben vnd nit darüber, nemlich je vff vier swestern
-ain webstul vnd nit mehr, damit die innwoner daneben nit überladen
-werden vnd sich auch irnthalb one verhindert erneren mögen.«</p>
-
-<p>Ausserdem sollten die Bekinen Liebeswerke verrichten, Arme speisen,
-Kranke besuchen, Tote zur letzten Ruhestätte geleiten. In München
-war das Warten der Kranken und die Besorgung der Toten ihre
-ausschliessliche Aufgabe; in Augsburg hatten sie die Krankenpflege
-in den Spitälern; in anderen Städten pflegten sie, wie heute die
-barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen, vorzugsweise in den
-Häusern. In Frankfurt wurden ihnen wohl Findlinge, in Wesel auch andere
-arme Kinder zur Erziehung und Unterweisung im Lesen, Schreiben und in
-Handarbeiten übergeben. Ausserdem hatten sie den Todestag des Stifters
-und der Wohltäter ihres Hauses durch Gebet für deren Seelenheil in der
-Kirche zu begehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<h3 class="dummy" id="Aufnahmebedingungen" title="Aufnahmebedingungen"></h3>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Aufnahme</em> der Schwestern erfolgte bei der Gründung eines
-Gotteshauses durch den Stifter oder die Stifterin, später meist durch
-Abstimmung aller vorhandenen Schwestern. Brachte die Aufgenommene
-eigenes Vermögen mit, so behielt sie die Verfügung über dasselbe und
-wurde dafür auch zur Steuer herangezogen, wenn es einen bestimmten
-Betrag überstieg<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>; nach ihrem Tode wurde es in Strassburg den
-Erben übergeben; in Frankfurt fiel es an das Gotteshaus. In vielen
-niederländischen Beguinereien wurde ein Einkaufsfeld und der Bau des zu
-bewohnenden Häuschens gefordert; der Nachlass verstorbener Mitglieder
-fiel dem Gesellschaftsvermögen zu. Hier und da war ein Probejahr
-vor der endgültigen Aufnahme Vorschrift. Der Austritt zum Zwecke
-der Verehelichung oder aus anderen Gründen war jederzeit gestattet.
-Ausschliessung erfolgte wegen schlechter Aufführung, wegen Ungehorsams,
-wegen Störung der Eintracht, wegen Umhertreibens und wegen verbotenen
-Umgangs mit Männern. Meist musste dabei der weltliche Pfleger des
-Gotteshauses oder der Beichtvater der Schwestern zu Rate gezogen werden.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Lebensweise" title="Lebensweise"></h3>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Leitung</em> des gemeinsamen Haushalts der Bekinen war einer
-Meisterin, mitunter auch mehreren anvertraut. Im ersteren Falle
-erfolgte die Ernennung durch allgemeine Wahl, im letzteren durch
-Zuwahl. In Strassburg wechselten die Vorsteherinnen alle Jahre, in
-Frankfurt waren sie meist auf Lebenszeit eingesetzt.<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Die Schwestern
-waren zum Gehorsam gegen die Meisterin verpflichtet. Unbotmässige
-Elemente scheinen indessen nicht selten vorgekommen zu sein. Wenigstens
-sind zwei Fälle bekannt (aus Frankfurt a.&nbsp;M. und Ulm), wo in grösseren
-Bekinenhäusern Gefängnisse eingerichtet wurden, um die Widerspenstigen
-zu strafen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Tracht</em> der Bekinen schloss sich im Schnitt der Gewandung
-einfacher Bürgersfrauen an. Sie bestand aus einem Gewand von grauem,
-schwarzem oder blauem Wollenstoff mit einer weissleinenen Kaputze
-und weissem Schleier, über die sie beim Ausgehen noch ein schwarzes
-Wollentuch schlugen. Daher auch die Benennungen graue oder schwarze
-oder blaue Schwestern. Die <em class="gesperrt">Kost</em> war gewöhnlich sehr einfach.
-Reichere Gotteshäuser konnten auch in dieser Hinsicht einigen Aufwand
-gestatten. In manchen Strassburger Anstalten dieser Art erhielten
-die Schwestern täglich ihren Wein, und dies in gar nicht kleinen
-Quantitäten. An den Jahrestagen des Stifters und anderer Wohltäter
-pflegte der Tisch etwas reicher besetzt zu sein. Der <em class="gesperrt">Hausrat</em>
-nahm sich meist ärmlich genug aus; insgemein brachten die Schwestern
-nichts mit als ihr Bett und ihre Kleidung.</p>
-
-<p>Tagüber hielten sich die Schwestern in einer gemeinsamen Wohnstube auf,
-der einzigen, die im Winter geheizt wurde. In Strassburg war ihnen
-nicht erlaubt, in diesem Zimmer am Rade zu spinnen, damit diejenigen,
-welche gerade in frommer Betrachtung begriffen waren, nicht durch das
-Schnurren des Rades gestört würden<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>.<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> In dem Konvent auf dem Sande
-zu Wesel war auch ein gemeinsames Schlafzimmer vorgeschrieben. Nur die
-»Kranken und die alten Glatzköpfe« konnten gesondert untergebracht
-werden<a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>. In der Verfügung über ihre Zeit zum Arbeiten und Schlafen
-scheinen sie an keine besonderen Vorschriften gebunden gewesen zu sein.
-Aber keine Schwester sollte ohne Erlaubnis der Vorsteherin ausgehen,
-und nie allein, sondern stets zu zweien, auch nicht vor Sonnenaufgang
-und nicht nach Sonnenuntergang, es sei denn, dass um einer redlichen
-Ursache willen die Vorsteherin es gestattet habe<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a>.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Religioese_Stellung" title="Religiöse
-Stellung"></h3>
-
-<p>In <em class="gesperrt">religiöser Beziehung</em> hatten die Bekinen keine andern
-Verpflichtungen als alle ehrbaren Frauen; wohl aber wurden sie
-bezüglich der Einhaltung derselben durch den Stadtpfarrer oder die
-Ordensgeistlichkeit überwacht. Die Kirche musste natürlich darnach
-streben, so weit verbreitete Anstalten ganz unter ihre Aufsicht und
-Leitung zu bringen. Namentlich im XIII. Jahrhundert suchte sie die
-Bekinen wie einen geistlichen Orden zu behandeln, und eine Synode zu
-Fritzlar fasste 1244 den Beschluss, dass keine Schwester aufgenommen
-werden dürfe, die jünger als 40 Jahre sei. Allein soweit wir
-sehen, ist dieser Beschluss nirgends zur Durchführung gelangt. Die
-städtischen Räte boten vielmehr alles auf, um die Gotteshäuser nicht
-zu kirchlichen Anstalten werden zu lassen; sie setzten ihnen weltliche
-Pfleger und Provisoren zur Wahrnehmung der Vermögensverwaltung und
-zur Aufrechterhaltung der<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> Ordnung; sie unterstellten sie in allen
-bürgerlichen Beziehungen dem gemeinen Recht. Vielleicht gab das mehr
-Grund für die Verfolgungen, welche im Anfang des XIV. Jahrhunderts von
-Seiten der Kirche über die armen Schwestern verhängt wurden, als die
-Ketzereien, deren man sie beschuldigte. Einzelne Gotteshäuser haben
-allerdings die Regeln des dritten Ordens angenommen<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>, aber nur wo es
-die weltliche Gewalt gestattete; andere waren schon von ihren Stiftern
-unter die Aufsicht irgend einer geistlichen Behörde gestellt worden.
-Der Einfluss der Geistlichkeit erstreckte sich aber auch in diesen
-Fällen nur auf die religiös-sittliche Seite.</p>
-
-<h3 class="dummy" id="Entartung" title="Entartung"></h3>
-
-<p>Im XV. Jahrhundert ist an verschiedenen Orten das Bekinenwesen arg
-entartet. Viele Gotteshäuser waren durch die zahlreichen kleinen
-Schenkungen und Vermächtnisse, welche ihnen im Laufe der Zeit zuteil
-geworden waren, reich geworden, und ihr Renteneinkommen gestattete den
-Schwestern ein müssiges Leben. Die Arbeit an der Kunkel und am Webstuhl
-wurde eingestellt; mehr und mehr beschränkten sich die Schwestern auf
-das leichte und gewinnbringende Gewerbe der Leichenbitterinnen und
-Klageweiber. Der religiöse Sinn, welcher früher unter ihnen geherrscht
-hatte, erstarb zusehends. Man kann sich denken, welche Folgen das
-Zusammenleben solcher meist ungebildeten, jedes höhern Lebenszweckes
-entbehrenden, aber in ihrer Existenz gesicherten Frauenzimmer, die
-teilweise noch in jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>lichem Alter standen, nach sich zog. Männer
-durften zwar nicht in die Gotteshäuser kommen; aber man traf sich
-mit ihnen ausserhalb derselben. Dazu kam der verderbliche Einfluss
-der Bettelorden, die vielfach die Seelsorge der Schwestern übten
-und in ihre Anstalten freien Zutritt hatten. Schon 1372 klagten die
-Strassburger Nonnen von St. Marx, St. Katharinen und St. Nicolai
-in undis beim Papste Gregor XI. über die Dominikaner: »sie wollen
-uns ihren geistlichen Beistand nur gewähren, wenn wir ihnen Geld,
-Geschmeide und andere Dinge geben; sie kommen in unsere Klöster in
-kurzen Röcken, bebänderten Mützen, Stiefeln, wie weltliche Leute;
-sie haben vor uns getanzt und uns zu eitler Lust aufgefordert,
-ja einige von uns haben sie zur Sünde verführt«. Wenn das in den
-Klöstern geschehen konnte, was mochte erst in den weit zugänglicheren
-Gotteshäusern vorkommen! Sebastian Brant schildert die Strassburger
-Bekinen als ein nichtsnutziges Schmarotzervolk; sie taugten kaum mehr
-zu etwas anderem, als bei Prozessionen und Leichenbegängnissen bezahlte
-Gebete zu murmeln. In Frankfurt a.&nbsp;M. werden sie in öffentlichen
-Aktenstücken mit Dirnen der verworfensten Art in eine Linie gestellt.
-Kein Wunder, dass die Zeitgenossen sich keinen klaren Begriff mehr über
-den wahren Charakter der ganzen Einrichtung machen konnten und dass der
-Verfasser der Dunkelmännerbriefe die Frage aufwirft, ob die Lolharden
-und Begutten zu Köln geistliche oder weltliche Leute seien. Brant<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-schliesst seine Schilderung der Bekinen mit dem ohne Zweifel ehrlich
-gemeinten Stossseufzer:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Ach werent sy zu Portugall,</div>
- <div class="verse">Ach werents an derselben statt,</div>
- <div class="verse">Do der pfeffer gewachsen hatt,</div>
- <div class="verse">Und nymmer möchten her gedenken!</div>
- <div class="verse">Ich wollt in gern das weggeld schenken.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Reformation hat denn auch sehr rasch mit der überlebten Einrichtung
-aufgeräumt; sie hat die Gotteshäuser gewöhnlichen Zwecken zurückgegeben
-oder sie in Krankenanstalten, Schulen u.&nbsp;dgl. verwandelt; nur in den
-Niederlanden haben sich die Bekinenhöfe bis auf die neueste Zeit
-erhalten.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Soziale_Stellung_der_Frauen" title="Soziale
-Stellung der Frauen im Mittelalter"></h2>
-
-<p>Es konnte nicht fehlen, dass die grosse Zahl der alleinstehenden
-Frauen im Mittelalter auch zu weit bedenklicheren Erscheinungen
-führte, dass namentlich das <em class="gesperrt">Verhältnis der beiden Geschlechter zu
-einander</em> davon ungünstig beeinflusst wurde. Ganz allgemein dürfte
-hier die Bemerkung am Platze sein, dass man zu einer durchaus schiefen
-Beurteilung der mittelalterlichen Gesellschaft gelangt, wenn man jenes
-Verhältnis immer nur in dem rosig schimmernden Lichte betrachtet, mit
-dem es der ritterliche Minnesang und Frauendienst verklärt hat. Dieser
-Idealzustand verfeinerter Sinnenlust beschränkte sich selbst im XII.
-Jahrhundert nur auf einen verhältnismässig sehr kleinen Kreis, und
-auch hier mag noch zwischen der Theorie und Praxis der Liebe ein sehr
-bedeutender Unterschied gewesen sein. Im XIV. und XV. Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>hundert
-ist von der vielgepriesenen frommen Zucht und Sitte eben so wenig im
-städtischen Leben, das wir nach dieser Hinsicht genauer kennen, als bei
-dem in raschem Verfalle begriffenen Rittertum zu verspüren. Eheliche
-Treue ist in den höheren Ständen während des ganzen Mittelalters
-nicht sehr häufig; die Bastardkinder werden in der Vaterfamilie mit
-den ehelichen Söhnen und Töchtern zusammen erzogen; eine derbe, fast
-rohe Sinnlichkeit beherrscht die Beziehungen der Geschlechter in allen
-Klassen der Bevölkerung. Die Begriffe von Sitte und Anstand sind von
-den unseren weit verschieden, und die naive Offenheit, mit der wir
-überall auch die anstössigsten Dinge behandelt sehen, liegt weit ab von
-den Manieren der heutigen Zeit. Die Kirche hat nach dieser Richtung
-wenig Einfluss zu üben verstanden; sie war zufrieden, wenn ihre Regeln
-sonst streng beobachtet wurden. Trug sie doch selbst die Züge jenes
-übersinnlich-sinnlichen Doppelwesens, das der Zeit eigen war.</p>
-
-<p>Auf jenen derben Holzschnitten, welche uns aus dem Ende des XV. und
-dem Anfang des XVI. Jahrhunderts erhalten sind, erblicken wir nicht
-selten Frauen in Gesellschaft von Männern bei Wein und Würfelspiel,
-bei Schmausgelagen und ausgelassenen Tänzen. Sie sind neben andern ein
-Beweis dafür, dass die Frauen in Deutschland damals weit entfernt waren
-von jener strengen Abgeschlossenheit, die wir in südlichen Ländern
-treffen. Sie beteiligten sich in gleicher Weise an den<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> gewöhnlich
-recht materiellen Vergnügungen wie die Männer. Im württembergischen
-Zabergau feierten sie allerorts jährlich auf Fastnacht ihre
-Weiberzechen &mdash; Schmausereien, bei denen kein Mann zugegen sein
-durfte, ausser dem Schultheiss und dem Bürgermeister, welche die
-Dienste der Kellner und Aufwärter zu versehen hatten und bei welchen
-es sehr lustig herging<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a>. Bei den Festen der Geschlechter, auf den
-Trinkstuben der Zünfte und Brüderschaften, bei Volksbelustigungen auf
-Märkten und Messen, auf freien Plätzen und in den Vorhallen der Kirchen
-&mdash; überall wo es etwas zu gaffen und zu geniessen, zu tanzen, zu
-springen und zu singen gab, erblicken wir die Frauen, und meist nicht
-eben als Wächterinnen des guten Tons und der strengen Sitte, sondern
-als Ausgelassene unter den Ausgelassenen, oft als Anführerinnen der
-Fröhlichen. Das schliesst nicht aus, dass sie anderwärts wieder als
-Trägerinnen des religiösen Lebens erscheinen, dass sie als Beterinnen
-und Büsserinnen zu Füssen des Gekreuzigten liegen und der gebenedeiten
-Gottesmutter Maria, dass sie als Nonnen die Klöster füllen und als
-Pilgerinnen die Lande durchziehen.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Gegensaetze" title="Gegensätze"></h2>
-
-<p>Das Mittelalter, das schon den Wechsel der Jahreszeiten sehr viel
-lebhafter empfand als wir, war auch sonst reich an derartigen
-Gegensätzen. Wie hätte es auch anders sein können in einer
-Gesellschaft, die fortwährend den jähesten Wechselfällen ausgesetzt
-war? Fast nirgends erblicken wir das ruhige Behagen einer<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> in festen
-Linien sich bewegenden stetigen Entwicklung, nirgends den heitern
-Lebensmut, der die Menschen einer rechts- und existenzsicheren Zeit
-beseelt. Selbst die Bevölkerung der Städte hielt sich im XIV. und XV.
-Jahrhundert meist nur mit Mühe auf ihrem frühern Bestand, und dies auch
-nur mittels einer massenhaften Einwanderung aus der nahen ländlichen
-Umgebung. Kriege, Missernten, Hungersnöte, der jähe Tod rafften alle
-paar Jahre ein Viertel, ein Drittel, manchmal gar die Hälfte der
-vorhandenen Menschen dahin. Von 1326 bis 1400 zählte man 32 Pestjahre,
-von 1400&ndash;1500 41, von 1500&ndash;1600 30. Wie ist es unter der Angst solch
-steter Lebensbedrohung auch nur denkbar, dass die Menschen ein heiteres
-Gleichgewicht ihres geistigen und sinnlichen Daseins hätten bewahren
-können!</p>
-
-<p>Hart neben einander lagen darum im täglichen Leben der
-mittelalterlichen Gesellschaft toller Lebensgenuss und büssende
-Entsagung; heute schlürfte man den Becher der Lust bis zur Neige,
-um morgen in bitterer Reue sich der Welt abzukehren, das Fleisch
-zu ertöten, mit Fasten und Beten, mit Geissel und Bussgürtel
-sich zu kasteien. Von der Kirche zum Tanzhaus, von der Kutte zur
-Fastnachtsmummerei, von der Büssergeissel zur Schellenkappe war oft nur
-ein kleiner Schritt.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Himmelhoch jauchzend,</div>
- <div class="verse">Zu Tode betrübt &mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>das ist die Stimmung des ausgehenden Mittelalters, welche mit
-ergreifender Naturwahrheit die Kunst in<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> den Totentänzen mit ihrem
-schneidenden Sarkasmus und ihren packenden Kontrasten wiedergespiegelt
-hat.</p>
-
-<p>Es kann uns darum auch kaum Wunder nehmen, wenn wir in den Chroniken
-der Zeit unmittelbar neben der Schilderung des schwarzen Todes und der
-Geisslerfahrten, neben der Erzählung von grausigen Judenschlächtereien,
-blutigen Fehden und Hinrichtungen die Darstellung der Tanzwut lesen,
-welche im XIV. Jahrhundert die ganze Bevölkerung der rheinischen Städte
-ergriff<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a>, wenn wir sehen, dass während heute nicht Hände genug
-vorhanden sind, um die Toten zu begraben, morgen schon die Kirchen kaum
-die Zahl der Brautpaare zu fassen vermögen, welche sich zum Traualtar
-drängen<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, wenn wir in den städtischen Gesetzbüchern auf derselben
-Seite einen Ratsbeschluss gegen die allzuzahlreichen Widmungen an die
-Kirche finden, auf welcher auch ein Verbot des übermässigen Luxus
-bei Hochzeiten und Kindtaufen Platz gefunden hat, wenn wir in einer
-Epoche, die viele sich als das Urbild des Beharrens denken, die Moden
-fast über Nacht wechseln sehen. »In der zeit (um 1380) war der sitt
-von der kleidung verwandelt, also, wer heur ein meister war von den
-schneidern, der war über ein jahr ein knecht«<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a>. Es gibt vielleicht
-keine Erscheinung dieser Zeit, die all diese scharfen Gegensätze so
-verkörpert, wie jener aussätzige Barfüssermönch, von welchem die
-Limburger Chronik erzählt, dass er bei all dem unsäglichen Elend seiner
-Krankheit »die besten lieder vnd reihen machte<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> .... und was er sung,
-das sungen die leut alle gern, vnd alle meister pfiffen und andere
-spilleut furten den gesang und das Gedicht...., und war das alles
-lustiglich zu hören«<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Fahrende_Frauen" title="Fahrende
-Frauen"></h2>
-
-<p>Erwägen wir dies alles, so wird uns auch das zahlreiche Auftreten und
-das wunderliche Gebaren der <em class="gesperrt">fahrenden Leute</em><a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> verständlicher,
-unter denen wieder die Frauen massenweise vertreten waren. Diese
-fahrenden Frauen finden wir zunächst in der Gesellschaft jener
-Gaukler- und Possenreisserbanden, jener Spielleute und Bettler, die
-wir das ganze Mittelalter hindurch überall da erscheinen sehen, wo
-ein grosser Zusammenstrom von Menschen stattfand. Sie traten hier auf
-als Spielweiber und herumziehende Künstlerinnen, als Gauklerinnen
-und Tänzerinnen, als Leier- und Harfenmädchen. In mancher Hinsicht
-berühren sie sich mit dem leichten Volk der fahrenden Schüler und
-wandernden Kleriker, gegen welche die Konzilien vergeblich eiferten.
-Sie erscheinen in grossen Scharen am fürstlichen Hoflager, bei den
-Kaiserkrönungen, auf Reichstagen, Turnieren, Kirchenversammlungen, auf
-Messen und Märkten. »Man kann sich nichts Widerlicheres denken«, sagt
-Weinhold, »als diese entsittlichten hungernden und lungernden Banden,
-welche zu Hunderten durch das Land streiften, wo sich nur ein Fest
-zeigte, den Raben gleich sich sammelten und ihre durchlöcherte Hand
-frech fordernd hinhielten.«</p>
-
-<p>Scharen dieser fahrenden Weiber begleiteten schon<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> die Kreuzfahrer
-nach Asien. Dem französischen Heere sollen ihrer i. J. 1180 nicht
-weniger als 1500 gefolgt sein, und noch Ludwig der Heilige vermochte
-den dadurch in seinem Heere entstandenen Unfug kaum zu dämpfen. Von
-Friedrich II., der 1229 im Gelobten Lande sich aufhielt, erzählt
-Matheus Parisiensis, der Mönch von St. Alban, dass er Sarazenen, die
-er zur Tafel gezogen hatte, durch die Künste christlicher Spielweiber
-unterhielt. Am französischen und englischen Hofe gab es im XIII. und
-XIV. Jahrhundert einen eigenen Marschall zur Beaufsichtigung dieser
-Personen. In Deutschland finden wir sie 1394 bei dem Reichstage zu
-Frankfurt a.&nbsp;M. in der ansehnlichen Zahl von 800, und die Menge
-der fahrenden Frauen, welche sich zu den Konzilien von Basel und
-Konstanz eingefunden hatten, soll 1500 betragen haben. In Basel hatte
-während des Konzils der Herzog von Sachsen in seiner Eigenschaft
-als Reichsmarschall die Aufsicht über die fahrenden Dirnen. Er war
-es auch, der eine Zählung derselben veranstaltete, die aber nur zur
-Hälfte durchgeführt wurde, weil der damit Beauftragte das widerwärtige
-Geschäft für zu gefährlich hielt<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>.</p>
-
-<p>Wie im Gefolge des Adels und der Geistlichkeit, so erscheinen sie nicht
-minder zahlreich im Tross der in den französisch-englischen Kriegen
-aufgekommenen Söldnerheere. Schon aus dem XIV. Jahrhundert erzählt
-Königshofens Chronik, dass ihrer 800 mit den Landsknechten zu Felde
-gezogen seien und dass sie zu<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> ihrer Beschirmung einen eigenen Amtmann
-gehabt, dem sie wöchentlich eine Abgabe entrichten mussten. Dieser
-Amtmann oder Weibel bildet eine stehende Charge in den Heeren bis zum
-dreissigjährigen Kriege. Dass aber jene Massen fahrender Weiber, welche
-gewöhnlich mit den Trossbuben zusammengenannt werden, den Zeitgenossen
-als integrierendes Glied der Heeresorganisation erschienen und dass sie
-auf Kriegszügen wichtige Dienste leisteten, lernen wir aus Leonhard
-Fronspergers Kriegsbuch<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>, das sich über die Aufgaben besagten
-Weibels weitläufig vernehmen lässt. Aus seiner Darstellung erkennt man,
-wie leicht sich die zahlreiche weibliche Gefolgschaft der Landsknechte
-der damaligen Heeresordnung als nützliches und selbst notwendiges Glied
-einfügen liess, und wir werden uns deshalb nicht mehr wundern, wenn wir
-lesen, dass Herzog Albas Heer auf seinem Zuge nach den Niederlanden von
-400 Dirnen zu Pferd und 800 zu Fuss, »in Kompagnien geteilt und hinter
-ihren besonderen Fahnen in Reih und Glied geordnet«, begleitet war.
-»Jeder war nach Verhältnis ihrer Schönheit und ihres Anstandes der Rang
-ihrer Liebhaber bestimmt und keine durfte bei Strafe diese Schranken
-überschreiten«<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>.</p>
-
-<p>So befremdlich und widerwärtig uns diese Erscheinung auch anmuten mag,
-so kann doch der Versuch nicht allzu schwer fallen, sie zu erklären und
-uns menschlich näher zu rücken.</p>
-
-<p>Eine sichere, sesshafte Existenz war im Mittelalter<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> weit seltener
-möglich und wurde selbst weniger als Bedürfnis empfunden als
-heutzutage. Wie noch in unserer Zeit die Tataren der russischen Steppe
-leichten Muts ihre Zeltdörfer abbrechen, nachdem sie in einjähriger
-Brennwirtschaft dem Boden flüchtig eine Ernte abgewonnen, so haben
-im XIII. und XIV. Jahrhundert nicht selten ganze Dorfschaften in
-Deutschland ihre Sitze gewechselt. Hunger und Kriegsnot, Hagelschlag
-und Viehsterben, vielleicht auch bloss der lebendige Wandertrieb und
-das Bewusstsein, wenig zu verlieren zu haben &mdash; wer weiss, welche
-Momente noch sonst hier jedesmal wirksam wurden! Ein grosser Teil
-der Bevölkerung lag beständig auf der Landstrasse, und die Weistümer
-der Dörfer wie die Ratsbeschlüsse der Städte gedenken dieser
-wandernden Leute gleichmässig mit Nachsicht, ja mit mildtätiger
-Fürsorge. Bei den oft wiederkehrenden allgemeinen Notständen bildeten
-sich ganze Bettlerheere von Männern und Weibern, überfielen wie
-Heuschreckenschwärme die Städte und erforderten nicht selten ernstliche
-Vorkehrungen<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a>. Viele von ihnen mögen dann nie wieder zur dauernden
-Ansässigkeit gelangt sein. Die alleinstehenden Frauen namentlich,
-schutz- und hilflos in einer gewalttätigen Gesellschaft, mochten sich
-leicht entschliessen, ihren Wohnort zu verlassen und einem lockenden
-Rufe in die Ferne zu folgen. Die Frankfurter Steuerlisten des XIV. und
-XV. Jahrhunderts geben uns eine Vorstellung davon, wie entsetzlich
-verbreitet die Armut unter ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> war. Im Jahre 1410 führt das Bedebuch
-2461 Steuerpflichtige auf, von denen 336 oder 13,7 Prozent ausdrücklich
-als arm bezeichnet werden. Von der Gesamtzahl waren 1888 Männer und 568
-Frauen; unter den Männern gab es 148 oder 7,8 Prozent Arme, unter den
-Frauen 188 oder 33,6 Prozent! Das Mittelalter kannte freilich keine
-Armenpolizei, die dem Bettel mit Gefängnisstrafen beikommen zu können
-meinte. Noch im Jahre 1489 beschloss der Frankfurter Rat &mdash; wer weiss,
-zum wie vielten Male? &mdash; <i>keynen frembden betteler nit vffnemen zu
-burger</i>. Auf freien Plätzen und an Strassenecken, vor den Kirchtüren
-und auf den Brücken lagen die Blinden, die Lahmen, die Aussätzigen,
-und nicht selten schlugen Bettler und Vagantenscharen hart unter den
-Stadtmauern ihre Barackenlager auf, wenn man ihnen die Tore verschloss.
-Bei Messen und Kaiserkrönungen sowie an den offiziellen Betteltagen
-ergossen sie sich dann unaufhaltsam in die Stadt.</p>
-
-<p>Was sollte diese Leute an der Scholle halten, wenn ihr Erwerb
-spärlicher floss und der Wettbewerb um die private Mildtätigkeit zu
-gross wurde? Auch hier geben die Frankfurter Steuerlisten erwünschten
-Aufschluss. Oft genug fanden die Bedemeister die Quartiere der
-steuerpflichtigen Frauen leer. »<i>Recessit</i>«, »<i>Ist enweg</i>«, »<i>Ist
-davon gelauffen</i>«, »<i>Ist gangen bedeln</i>«, wird dann wohl lakonisch
-hinter dem Namen bemerkt: niemand weiss, wohin sie gekommen. Dass
-sich aus derartigen Elementen die Schwärme der Fahrenden vielfach
-rekru<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>tierten, unterliegt kaum einem Zweifel. Oft mag freilich auch
-die Scheu vor der Arbeit an der Spindel oder auf dem Felde, die Lust
-an einem ungebundenen Leben ausschlaggebend gewesen sein. In einem
-Volksliede<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> dieser Zeit fragt eine Mutter ihre Tochter:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Och metgen, wat hait dir der rocken gedain,</div>
- <div class="verse">dat du niet me machs spinnen?</div>
- <div class="verse">du suist in over die aesselen an</div>
- <div class="verse">recht wolstu mit eime kinge.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Und die Tochter antwortet:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Och moder, ich haven ein eit gesworn,</div>
- <div class="verse">dat ich niet me mach spinnen,</div>
- <div class="verse">ich haven ein lantsknecht lef und wert,</div>
- <div class="verse">licht mir in minen sinnen.</div>
- <div class="verse">Hi drinkt so gerne den kölen win,</div>
- <div class="verse">hi sluit mich in sin blanke armelin</div>
- <div class="verse">den awent zu dem morgen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In einem andern<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> stellt die Mutter dem Mädchen die Wahl frei
-zwischen einem Ritter, einem Bauern und einem Landsknecht, und die
-Tochter antwortet:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Boeren, dat sijn boeren,</div>
- <div class="verse">si drinken so selden den wijn,</div>
- <div class="verse">so en doet die vrome lantsknecht niet,</div>
- <div class="verse">hi schencter so dapperlic in.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Manchmal mag auch die Verführung das ihrige getan haben, wie in dem
-bekannten Liede<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a>:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">»Nun schürz dich, Gredlein, schürz dich!</div>
- <div class="verse">wolauf, mit mir darvon!</div>
- <div class="verse">das korn ist abgeschnitten,</div>
- <div class="verse">der wein ist eingeton« ...</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Do nam ers bei der hende,</div>
- <div class="verse">bei ir schneweissen hant,</div>
- <div class="verse">er fürets an ein ende,</div>
- <div class="verse">do er ein wirtshaus fand.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54"><span class="s4">[S. 54]</span></a></span>
- <div class="verse mleft1">»Nun wirtin, liebe wirtin,</div>
- <div class="verse">schaut uns umb külen wein!</div>
- <div class="verse">die kleider dises Gredlein</div>
- <div class="verse">müssen verschlemmet sein.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>War einmal der verhängnisvolle Schritt getan, so gab es so leicht keine
-Rückkehr. Die Frauen fast aller Stände folgten nur zu leicht der eiteln
-Weltlust. Ueber die hohen Klostermauern, durch die Schlüssellöcher der
-eisenbeschlagenen Pforten hielt sie ihren Einzug:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Gott geb dem ein verdorben jar,</div>
- <div class="verse">der mich macht zu einer nunnen</div>
- <div class="verse">und mir den schwarzen mantel gab,</div>
- <div class="verse">den weissen rock darunden!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">So sang und pfiff man um 1359 auf allen Strassen<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>.</p>
-
-<p>Die fahrenden Leute waren im Mittelalter ehr- und rechtlos; um so
-lieber mochten sich die Frauen den Kriegsheeren anschliessen, wo sie
-mindestens geduldet und geschützt waren und wo sie in den wilden Ehen,
-die sie mit den Landsknechten und ihren Offizieren eingingen, einigen
-Rückhalt fanden. Endlich bleibt zu erwägen, dass die Art der damaligen
-Kriegsführung die Mitnahme zahlreicher Frauenzimmer, wenn auch
-vielleicht nicht unbedingt nötig machte, so doch sehr erleichterte.
-Durch viele Stellen der Landsknechtslieder wird bezeugt, dass nicht
-leicht einer ohne sein »Fräulein« auszog:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Der in den krieg wil ziehen</div>
- <div class="verse">der sol gerüstet sein;</div>
- <div class="verse">was sol er mit im füren?</div>
- <div class="verse">ein schönes frewelein,</div>
- <div class="verse">ein langen spiess, ein kurzen tegen;</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55"><span class="s4">[S. 55]</span></a></span>
- <div class="verse">ein herren wöln wir suchen,</div>
- <div class="verse">der uns gelt und bscheid sol geben.«<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">Freilich wurden diese Ehen oft ebenso rasch gelöst als geschlossen. In
-einem andern Volkslied wird das Betragen der Frauen nach einer Schlacht
-geschildert:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">»Erst hebt sich an die klag der trewen frawen,</div>
- <div class="verse">ein iede tut nach irem man umb schawen;</div>
- <div class="verse">welcher der ir ist bliben tot,</div>
- <div class="verse">darf nit vor schanden lachen &mdash;</div>
- <div class="verse">biss sie ein andern hat.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="mbot2">Mag dieser Uebergang zu »einem Andern« die Regel gebildet haben,
-immerhin finden wir auch Beispiele unwandelbarer Treue, wie in dem
-schönen Liede<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> von den neun Landsknechten und einer jülich’schen
-Maid, die ihren in Gefangenschaft geratenen Geliebten zu retten
-sucht. So fällt auch auf dieses unserem Empfinden so wenig zusagende
-Verhältnis ein versöhnender Strahl der alles wagenden und alles
-duldenden Liebe.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Frauen_in_den_Staedten" title="Die gemeinen
-Frauen in den Städten"></h2>
-
-<p>Unstreitig die bedenklichste Erscheinung des Mittelalters bilden
-diejenigen <em class="gesperrt">fahrenden Frauen</em>, welche <em class="gesperrt">in den Städten sich
-dauernd niederliessen</em> und hier nicht wenig zur Lockerung der
-Sitten beitrugen<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a>. Dieselben kommen zwar auch noch unter mancherlei
-anderen Namen vor<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a>; dass sie jedoch vorwiegend <em class="gesperrt">Fremde</em> waren,
-zeigen zahlreiche Bestimmungen der über sie erlassenen Ratsordnungen.
-Das Mittelalter war in Beziehung auf die<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> öffentlichen Dirnen weit
-entfernt von jener übelangebrachten Prüderie, die heute noch so
-vielfach eine unbefangene Erörterung dieses ja immerhin sehr heikeln
-Gegenstandes verhindert. Es nahm ihr Bestehen als ein »zur Verhütung
-grösseren Unheils« notwendiges Uebel hin, dessen Beseitigung kaum
-je ernstlich in Erwägung gezogen wurde. In Frankfurt konnten sie
-das Bürgerrecht erlangen und wurden wie andere Neubürger in das
-Bürgerbuch eingetragen<a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a>. Die Frauen, welche sich dem elendesten
-aller Gewerbe hingaben, betrachtete man mehr als Unglückliche, Verirrte
-und Leichtsinnige<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> denn als Lasterhafte. Den Männern, welche ihren
-Umgang suchten, haftete ebensowenig ein Makel an als denjenigen, welche
-in »Unehe« (dem Konkubinat) lebten. Bildete doch selbst in den Zeiten
-des ritterlichen Frauendienstes der eheliche Stand eines von beiden
-Teilen oder beider für die »Minne« kein Hindernis.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Frauenhaeuser" title="Frauenhäuser"></h2>
-
-<p>Oeffentliches Aergernis suchte freilich auch das Mittelalter in diesen
-Dingen zu vermeiden; aber es fasste diesen Begriff doch noch sehr
-eng. Die gemeinen Frauen wurden fast überall gezwungen, in bestimmten
-entlegenen Strassen oder in den Vorstädten zu wohnen; am häufigsten
-suchte man sie in <em class="gesperrt">Frauenhäusern</em> zu vereinigen. Die letzteren
-waren meist von den Stadträten selbst oder den Landesherren errichtet
-und bildeten dann oft eine vom Standpunkt der städtischen Finanzen
-nicht zu unterschätzende Einnahmequelle, welche selbst hohe kirchliche
-Würdenträger ohne Skrupel<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> auspumpten und der Adel gern zu Lehen nahm.
-Sie wurden von den Städten entweder in eigenem Betrieb durch Beamte
-verwaltet oder an Privatunternehmer verpachtet. Die letzteren hiessen
-Frauenwirte und Wirtinnen oder Frauenmeister, bez. Meisterinnen,
-und waren durchweg an genaue Vorschriften gebunden. Sie unterlagen
-hierbei der Beaufsichtigung durch die städtischen Behörden. Meist war
-den Ratsknechten, oft auch dem Henker oder Stöcker die unmittelbare
-Ueberwachung der Dirnen anvertraut; die letzteren hatten diesen
-Bediensteten dafür gewisse wöchentliche Gebühren zu entrichten. Die
-Oberaufsicht lag gewöhnlich in den Händen des Bürgermeisters oder einer
-Ratsdeputation, deren Befugnisse fast unbeschränkt waren.</p>
-
-<p>Die Frauenhäuser standen als befriedete Orte unter einem ganz
-besonderen Schutz; Unfug, der dort verübt war, wurde doppelt hart
-bestraft. Die Insassen derselben genossen eines ausschliessenden
-Gewerberechts; wie die Zunftmeister gegen Störer und Bönhasen, so
-gingen sie gegen den unlauteren Wettbewerb der »heimlichen« Frauen
-vor, welche in Bürgerhäusern ihre Schlupfwinkel hatten, und mehr als
-einmal übten sie gegen diese gewalttätige Selbsthilfe. Eigentliche
-Korporationen, wie in Genf und Paris, scheinen sie in Deutschland nur
-vereinzelt gebildet zu haben; so hatten die öffentlichen Frauen in
-Leipzig eine Verbindung mit eigenen Satzungen, die ihre Vorsteherin
-selbst wählte und jährlich auf Mitfasten eine Prozession hielt.
-Ueberall<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> aber waren sie bei öffentlichen Festlichkeiten, namentlich
-bei Fürstenempfängen, neben der körperschaftlich geordneten übrigen
-Bevölkerung als besondere Standesgruppe vertreten. Selbst bei den
-Schmäusen und Tänzen, mit welchen sich die ehrsame Bürgerschaft und
-der Rat vergnügten, war ihnen zu erscheinen erlaubt. Sie pflegten
-bei solchen Gelegenheiten wohl ihre Glückwünsche darzubringen und
-Blumensträusse zu überreichen, wogegen sie eine Ehrung, bestehend
-in Speise und Trank oder einem Geldgeschenke, empfingen. Bei der
-Durchreise hoher Herrschaften wurden ihre Häuser zu deren Empfang
-besonders geschmückt und beleuchtet; ja sie wurden bisweilen bei
-solchen Gelegenheiten auch auf städtische Kosten gekleidet. In
-Zürich herrschte noch 1516 der Brauch, dass der Bürgermeister, die
-Gerichtsdiener und die gemeinen Frauen mit den fremden Gesandten,
-welche in die Stadt kamen, zusammen speisten.</p>
-
-<p>Das Tun und Treiben in den Frauenhäusern war durch besondere Ordnungen
-geregelt, welche einen schlagenden Beweis für die eingehende Sorgfalt
-und die menschenfreundliche Gesinnung abgeben, mit denen das
-Mittelalter auch jene elendesten aller menschlichen Wesen behandelte.
-Jedenfalls stechen sie vorteilhaft ab gegen die Massregeln der
-modernen Sittenpolizei, welche in diesen Dingen noch immer zwischen
-weitherziger Duldung und radikaler Unterdrückung einen nicht sehr
-würdigen Eiertanz aufführt. Sie suchen die<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> öffentlichen Frauen vor
-Uebervorteilung und roher Behandlung durch Wirte oder Wirtinnen zu
-schützen, ihnen die Freiheit der Bewegung, das Recht des Kirchenbesuchs
-und die Heilighaltung der Festtage zu gewährleisten und ihnen die
-Rückkehr zu einem geordneten Lebenswandel zu erleichtern. Früh finden
-wir eine gesundheitliche Ueberwachung derselben, und in Ulm gab es
-sogar eine besondere Badstube für ihren Gebrauch. In dem dortigen
-Frauenhause wurden die Weiber zur Arbeit angehalten; jede Insassin
-musste dem Wirte täglich zwei »Andrehen« Garn spinnen oder, wenn sie
-das nicht wollte, ihm für jede Andrehe 3 Heller zahlen. Dafür war
-der Wirt auch verpflichtet, in die Hilfskasse der Frauen, zu der
-jede wöchentlich einen Heller zahlte, jedesmal das Doppelte dieses
-Betrags zu legen. Das gesammelte Geld diente dazu, krank oder brotlos
-gewordene Frauenhauserinnen zu unterstützen. Es bestand also Kranken-
-und Arbeitslosen-Versicherung, zu der Unternehmer und Arbeiterinnen
-beitrugen. Ueber Kost und Lohn enthält die Frauenhausordnung von 1416
-die genauesten Vorschriften; überall leuchtet das Bestreben durch,
-die Gewalt des Wirtes in möglichst enge und fest bestimmte Grenzen
-einzuschliessen.</p>
-
-<p>Wie gross die Anzahl der feilen Frauen in den einzelnen Städten gewesen
-sei, lässt sich fast nirgends mehr bestimmen. In den meisten Städten
-finden wir mehrere (meist zwei oder drei) Frauenhäuser; die grösste
-Zahl von Frauen, welche wir in einem solchen Hause antreffen,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> beträgt
-fünfzehn. Indessen ist nicht zu übersehen, dass auch ausserhalb
-der Frauenhäuser die Lüderlichkeit eine Stätte fand. Nach allen
-Schilderungen muss im XV. Jahrhundert die Prostitution in den deutschen
-Städten eine furchtbare Ausdehnung gewonnen haben. Der zu gewissen
-Zeiten sehr starke Fremdenverkehr und die ständige Anwesenheit einer
-beträchtlichen Zahl von ehelosen Geistlichen, Handwerksgesellen und
-Kaufmannsdienern auf der einen Seite, die öffentliche Duldung des
-Unwesens in den Frauenhäusern auf der andern Seite wirkten mit der
-durch den wachsenden Reichtum geförderten Zuchtlosigkeit in den höheren
-Klassen zusammen, um eine geradezu schaudererregende Verwilderung und
-Verrohung hervorzubringen. In diesen Sumpf der Sittenlosigkeit wurde
-bald alles hineingerissen, die niederen wie die höheren Stände, die
-bürgerlichen Haushaltungen wie die Frauenklöster und Bekinenanstalten.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Sittenpolizei" title="Sittenpolizei"></h2>
-
-<p>Eine Reaktion gegen dieses Treiben konnte nicht ausbleiben. Sie ging
-von den Zünften und Gesellenverbänden aus, welche ihren Mitgliedern den
-Verkehr mit lüderlichen Dirnen seit dem Beginn des XV. Jahrhunderts
-untersagten. Weit später folgten Massregeln der öffentlichen
-Gewalt. Immer allgemeiner wurde den Dirnen, wie anderen Kategorien
-der »unehrlichen Leute«, eine besondere Tracht oder ein Abzeichen
-vorgeschrieben, damit sie von den ehrbaren Frauen geschieden und »nach
-ihrem wahren Werte angesehen« werden könnten.<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> Man untersagte ihnen
-das Erscheinen bei Tänzen und Hochzeitsfesten; man wies ihnen in den
-Kirchen einen gesonderten Platz an; ja man schloss sie selbst nach
-ihrem Tode von dem allgemeinen Friedhof aus und liess ihre Leichen auf
-dem Schindanger verscharren. Dem XVI. Jahrhundert blieb es vorbehalten,
-zu diesen Unmenschlichkeiten noch die Strafen des Ausstellens
-am Pranger, des »Schnellens« und der öffentlichen Auspeitschung
-hinzuzufügen. Die Reformation bewirkte allerwärts, auch an katholisch
-gebliebenen Orten, die Aufhebung der Frauenhäuser, freilich nicht ohne
-gerade in diesem Punkte auf heftigen Widerstand zu stossen.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Eingreifen_der_Kirche" title="Eingreifen
-der Kirche"></h2>
-
-<p>Indessen würde man irren, wenn man wähnte, in jenen barbarischen
-Aechtungsmitteln des XV. Jahrhunderts habe die Weisheit des
-Mittelalters gegenüber den gefallenen Frauen ihr Ende gefunden. Die
-Kirche hatte es immer als eine wichtige Aufgabe christlicher Liebe
-bezeichnet, diese Tiefgesunkenen zu retten; das kanonische Recht
-empfahl die Ehelichung einer Gefallenen als ein Verdienst. Aber nur
-zu oft entsprachen dieser Theorie nicht die Taten des Klerus, der
-an vielen Orten den Gläubigen mit bösem Beispiele voranging. Der
-Ausdruck »Pfaffenmagd« wird im ganzen späteren Mittelalter den ärgsten
-Schimpfwörtern gleich geachtet. Ueber die sittliche Verwahrlosung,
-der manche Klöster zu Zeiten anheimgefallen waren, besitzen wir
-erschreckende Schilderungen<a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a>.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Reuerinnen" title="Reuerinnen"></h2>
-
-<p>Aber die Kirche hat doch früh auf diesem Gebiete<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> auch <em class="gesperrt">positive
-Reformarbeit</em> geleistet. Schon im Anfang des XIII. Jahrhunderts
-hatte ein Priester Rudolf in den rheinischen Städten den verlorenen
-Frauen seinen Bekehrungseifer zugewendet<a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a>. »Herr, wir sind arm und
-schwach«, war ihm einmal von solchen geantwortet worden; »wir können
-uns auf keine andere Weise ernähren; gebt uns Wasser und Brot, und
-wir werden euch gerne gehorchen.« In Worms und der Umgegend hatte er
-einige dieser Frauen bekehrt und in ein Haus aufgenommen; in Strassburg
-hatte er 1225 eine Klause für die Bussfertigen errichtet. Zwei Jahre
-später erhielt er ein päpstliches Breve, durch welches sämtliche von
-ihm bekehrten Frauen unter dem Namen der <em class="gesperrt">Reuerinnen</em> dem Orden
-der heiligen Magdalena angeschlossen wurden. Aus diesem kleinen Anfang
-ging in Strassburg das grosse Reuerinnenkloster hervor, nachdem durch
-eine Bulle Gregors IX. von 1246 die Büsserinnen der heiligen Magdalena
-in Deutschland ermächtigt worden waren, Klöster zu bauen. Solche
-Klöster der Büsserinnen, Reuerinnen oder weissen Frauen entstanden
-bald auch in andern Städten. Ihr nächster Zweck<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> war die Besserung
-der Verirrten und die Zurückführung derselben in die ehrbare weltliche
-Gesellschaft. Dies geschah durch ein unter strenger Klausur stehendes,
-sonst aber nicht allzuharten Regeln unterworfenes Leben in Gebet und
-Arbeit. Nur diejenigen, welche durch ihre Haltung bewiesen hatten, dass
-sie entschlossen seien, dauernd ein Dasein strengster<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Büssung und
-Kasteiung zu führen, wurden als eigentliche Klosterfrauen zur Ablegung
-des Gelübdes zugelassen und in die »Samenung zur heiligen Magdalena«
-aufgenommen.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Rettungshaeuser" title="Rettungshäuser"></h2>
-
-<p>Dieses Vorgehen der Kirche fand unter den Bürgern lebhafte
-Nacheiferung. Hier und da wurden Vermächtnisse gestiftet, um
-denen, welche ein gefallenes Mädchen heirateten, eine Summe
-Geldes zu gewähren. Ausserdem wurden aus Privatmitteln zahlreiche
-<em class="gesperrt">Rettungshäuser</em> gegründet, die nach dem Muster der Bekinenhäuser
-eingerichtet waren und von diesen oft schwer zu unterscheiden sind.
-Schon im Jahre 1302 errichtete ein Speierer Bürger eine solche Anstalt,
-in welcher öffentliche Frauen aufgenommen, genährt und gekleidet
-wurden. Noch weiter ging 1303 Heinrich von Hohenberg, ein Scholar
-zu Colmar, der in verschiedenen Städten Rettungshäuser begründete,
-in welchen je 10 bis 25 Frauen Aufnahme, Ernährung und Bekleidung
-erhielten. Die Mittel brachte er durch Sammlung milder Beiträge auf.
-Auch in Strassburg stiftete er einen Bussschwesternverein, welchen der
-Bischof Johann von Dirpheim am 8. Oktober 1309 bestätigte. »Sklaven«,
-sagte er, »erlangen, wenn sie der Freiheit wiedergegeben werden,
-alle Rechte freier Männer; es wäre daher unbillig, wenn Frauen, die
-Sklavinnen der Sünde gewesen, nicht ähnlich behandelt würden, sobald
-sie sich zu einem besseren Lebenswandel bekehren.« Der Bischof nahm
-sie deshalb in seinen besonderen Schutz und erklärte sie von allem<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-Makel frei; ihres früheren Standes sollte nie mehr gedacht werden. Die
-Bussschwestern oder bekehrten Frauen, wie Heinrich von Hohenberg sie
-selbst nannte, trugen Röcke und Mäntel von Sackleinwand, daher sie
-auch den Namen Sack-Bekinen erhielten. Die Gunst der Bürger wandte
-sich ihrer wohltätigen Anstalt in reichem Masse zu; indessen wurde sie
-schon 1315 infolge einer Pest zu einem Spital umgewandelt, in das die
-Schwestern als Pflegerinnen und Pfründnerinnen aufgenommen wurden.</p>
-
-<p>Eine ähnliche Anstalt schufen 1384 drei Bürger von Wien. Ratsherren
-waren die Vorsteher ihres Hauses und eine der Schwestern die Meisterin
-der übrigen. Der damalige Landesherzog gewährte nicht allein dem Hause
-Steuerfreiheit, sondern er verordnete auch, dass jeder, welcher eine
-der Insassinnen zum Weibe nehme, an seiner Ehre und seinen Zunftrechten
-keinen Eintrag erleiden dürfe. Schmähungen oder Kränkungen jener
-bussfertigen Frauen sollten strenge bestraft, aber auch diejenigen von
-ihnen, welche in ihr früheres Leben zurückfielen, ertränkt werden. Die
-Anstalt wurde sowohl aus der Stadtkasse als auch durch Vermächtnisse
-von Bürgern und Bürgerinnen bedeutend vergrössert und bestand in
-segensreichem Wirken bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Ueber Italien und Frankreich hatten sich diese Anstalten teilweise
-schon früher ausgebreitet. Nicht überall bewährten sie sich. Nicht
-wenige erlagen der allge<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>meinen Sittenverderbnis des XV. Jahrhunderts,
-ja manche boten gerade dem Uebel einen Schlupfwinkel, das sie bekämpfen
-wollten.</p>
-
-<p class="mbot2">Eine eigentümliche Beleuchtung des mittelalterlichen Frauenelends
-bieten die Statuten des 1497 gestifteten Hauses der Pariser Büsserinnen
-(filles pénitentes), welche der Bischof Simon von Champigny selbst
-aufgesetzt hatte. Nach diesen sollten nur solche Mädchen aufgenommen
-werden, die unter 30 Jahren alt wären und nachweisbar eine Zeit lang
-ein lüderliches Leben geführt hätten. »Um zu verhüten, dass junge
-Personen deswegen lüderlich werden, damit sie hernach hier eine Stelle
-bekommen, so sollen die, welche schon einmal abgewiesen sind, davon
-auf immer ausgeschlossen sein. Ueberdies sollen diejenigen, welche um
-die Aufnahme angehalten haben, in die Hände ihres Beichtvaters einen
-Eid ablegen, dass sie nicht selig werden wollen, wenn sie aus der
-Absicht lüderlich geworden wären, um mit der Zeit in diese Gesellschaft
-aufgenommen zu werden, und man soll ihnen sagen, dass, wenn man
-erfahren würde, sie hätten sich aus diesem Grunde verführen lassen, sie
-von dem Augenblicke an dieses Kloster meiden müssten, wären sie gleich
-schon eingekleidet und hätten ihre Gelübde getan.« Der Missbrauch,
-welchem durch diese Bestimmungen vorgebeugt werden sollte, muss nicht
-selten gewesen sein. In Deutschland liess man nach dieser Richtung
-Milde walten; ja viele Reuerinnenklöster gingen bald dazu über, auch
-unbe<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>scholtene Mädchen aufzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel,
-dass sie auf diesem Wege manche von dem Beginn eines schlechten
-Lebenswandels abhielten, dessen Entstehungsursache ja hauptsächlich die
-Verlassenheit und das Elend war.</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Rueckblick" title="Rückblick"></h2>
-
-<p>Nach diesen Darlegungen wird es keinem Zweifel mehr unterliegen können:
-auch das Mittelalter hat seine <em class="gesperrt">Frauenfrage</em> gehabt; es hat sie
-auch zu <em class="gesperrt">lösen</em> versucht. Und diese mittelalterliche Frauenfrage
-war weit schwieriger; sie umfasste viel breitere Schichten der
-Bevölkerung als das, was heute unter jenem Schlagworte meist verstanden
-wird. Wie unbedeutend, wie winzig müssen uns neben dem Massenelend
-unter den Frauen des Mittelalters die Schmerzen erscheinen, denen die
-moderne Frauenbewegung Heilung bringen will!</p>
-
-<p>Und doch, wenn wir <em class="gesperrt">unsere</em> Verhältnisse mit denen des
-Mittelalters vergleichen, <em class="gesperrt">unsere</em> Hilfsmittel mit denen jener
-rauhen, an Behagen so armen Zeit &mdash; haben wir dann gegründete Ursache,
-uns zu überheben? Ist das Dasein unserer Fabrikarbeiterinnen und
-Handlungsgehilfinnen etwa freundlicher gestaltet als das Los der
-Meistersfrauen und Töchter, die ihren Gatten und Vätern im Gewerbe
-halfen, ja selbst als das der Spinnmägde und Kämmerinnen, deren
-Arbeitsverhältnis durch Sitte und Gesetz geregelt wurde? Haben wir
-Anstalten, welche an Reinheit und Klarheit der Ziele sich mit den
-Bekinenstiftungen, den Samenun<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>gen, den Häusern der Bussschwestern und
-Reuerinnen vergleichen liessen? Ist die Stellung der Gesellschaft zu
-den »fahrenden Frauen« eine würdigere geworden?</p>
-
-<p>Gewiss hat das Mittelalter seine Frauenfrage nicht endgültig gelöst. Es
-hat sie nicht endgültig lösen <em class="gesperrt">können</em>, weil es die Quellen nicht
-zu verstopfen vermochte, aus denen das Uebel sich in fortwährender
-Wiederkehr erneuerte. Aber die Anstalten, welche es geschaffen hat,
-genügten doch Jahrhunderte lang dem Bedürfnisse der Zeit, von der
-man mit Unrecht mehr verlangen würde, als ihre Mittel erlaubten<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a>.
-Absolute Lösungen für soziale Fragen sucht man nur im Lande Utopia.
-Wir Menschen der wirklichen Welt müssen zufrieden sein, wenn das, was
-wir schaffen, auch nur einer oder wenigen Generationen genügt. Mögen
-die Nachkommenden es mitleidlos einreissen, sobald sie Besseres an die
-Stelle setzen können!</p>
-
-<h2 class="dummy" id="Wandlung_seit_der_Reformation" title="Wandlung
-seit der Reformation"></h2>
-
-<p>Die Reformation des XVI. Jahrhunderts hat die entarteten
-Frauenversorgungsanstalten des Mittelalters gewiss mit demselben
-Rechte beseitigt wie die Stätten der sündigen Lust. Aber sie ist hier
-revolutionär, nicht reformierend zu Werke gegangen; sie hat zunächst
-nichts Positives an die Stelle des Eingerissenen zu setzen vermocht,
-ausser einer Theorie, wenn man will, einem <em class="gesperrt">Ideal</em>, dessen
-Verwirklichung erst im Laufe der Jahrhunderte erfolgen konnte. Um dies
-zu verstehen, muss man nicht vergessen, dass die Reformation das Weib
-in einer sittlichen Erniedrigung und Entwürdigung vorfand, wie sie
-brutaler kaum gedacht werden<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> kann. Ihre erste Aufgabe musste darin
-bestehen, die Ehe wieder zu heiligen. Damit veränderte sich auf einen
-Schlag die ganze Stellung der Frau in der Gesellschaft. An die Stelle
-des Frauenideals der Ritterromantik, welches die Körperschönheit der
-Geliebten in den Vordergrund stellte, trat ein neues Frauenideal,
-welches auf die Seelenreinheit und die sittlichen Eigenschaften der
-deutschen Hausfrau und Hausmutter das Schwergewicht legte.</p>
-
-<p>Gewiss waren es altjüdische Gedanken<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a>, denen Luther in seinem »Lob
-eines frommen Weibes« in freier Uebertragung Ausdruck verliehen hat:
-»Ein fromm gottesfürchtig Weib ist ein seltsam Gut, viel edler und
-köstlicher denn eine Perle. Der Mann verlässt sich auf sie und vertraut
-ihr alles. Sie erfreuet den Mann und machet ihn fröhlich, betrübet ihn
-nicht, tut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang. Geht mit Flachs
-und Wolle um, schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist
-wie eines Kaufmanns Schiff, das aus fernen Ländern viel Ware und Gut
-bringt. Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und gibt den Mägden,
-was ihnen gebühret. Wartet und versorget mit Freuden, was ihr zusteht.
-Was sie nicht angeht, lässt sie unterwegen. Sie gürtet ihre Lenden
-fest und streckt ihre Arme, ist rüstig im Hause. Sie merkt, was frommt
-und verhütet Schaden. Ihre Leuchte verlischt nicht des Nachts. Sie
-streckt ihre Hand nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel;
-sie arbeitet gerne und fleissig. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> breitet ihre Hände aus über die
-Armen und Dürftigen, gibt und hilfet gern. Ihr Schmuck ist Reinlichkeit
-und Fleiss. Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, auf ihrer Zunge ist
-holdselige Lehre; sie zieht ihre Kinder fein zu Gottes Wort. Ihr Mann
-lobet sie, ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig.«</p>
-
-<p>Aber diese Gedanken sind seit der Reformation in das deutsche
-Volksbewusstsein übergegangen, und sie beherrschen noch heute die
-Auffassung von der Ehe und der sozialen Stellung des Weibes in breiten
-Schichten der Bevölkerung. Nicht von oben herab, bei den Spitzen
-der Gesellschaft hat sich die Umwandlung zuerst vollzogen, sondern
-von unten herauf, aus dem deutschen Bürgerstande heraus, ist die
-Festigung und Kräftigung der Stellung der Frau in der Familie erfolgt.
-Während die vornehme Gemeinheit der französischen Galanterie das
-Hofleben und die adeligen Kreise des XVII. und XVIII. Jahrhunderts
-beherrschte, streifte die bürgerliche Familie allmählich die aus dem
-Mittelalter überkommenen Anschauungen ab und wies der Frau jene hohe
-sittigende Stellung an, welche die Dichter unserer klassischen Periode
-verherrlicht haben. Die anscheinend so engherzige Ausschliessung des
-weiblichen Geschlechtes vom Erwerbsleben, welche sich in dieser Zeit
-vollzog, musste mit zu diesem Ziele helfen. Dass sie sich aber ohne
-stärkeres Widerstreben der Gesellschaft und der öffentlichen Gewalt
-vollziehen <em class="gesperrt">konnte</em>, scheint als Beweis dafür angesehen werden zu
-müssen, dass die<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> eingetretenen friedlichern Zeiten eine Ausgleichung
-des im Mittelalter so bedeutenden Zahlenunterschiedes der Geschlechter
-mehr und mehr herbeigeführt hatten. Die für so hart und engherzig
-geltenden Zunftartikel, welche den in Unehe Erzeugten den Zutritt
-zum Handwerk versagten, und die Beschäftigung weiblicher Personen
-ausschlossen, wären dann, nach dieser Richtung wenigstens, nur Ausdruck
-der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft.</p>
-
-<p>Denn das muss vor allem festgehalten werden: durch die ganze
-Geschichte, und namentlich durch die Geschichte unseres Volkes geht
-ein mächtiger Zug, der darauf hinführte, die Frau mehr und mehr
-von der schweren, aufreibenden Mühsal des Erwerbs zu entlasten und
-diese auf die stärkeren Schultern des Mannes zu laden, dem Manne die
-schaffende, die werbende Arbeit der Gütererzeugung, der Frau die
-verwaltende und erhaltende Tätigkeit in der Hauswirtschaft, dem Manne
-den waglichen Kampf ums Dasein, der Frau die behagliche Gestaltung
-desselben zuzuweisen. Diesen Zug der Entwicklung nach Möglichkeit zu
-fördern, erschien den letztvergangenen Jahrhunderten als die Aufgabe
-einer gesunden, historisch aufbauenden Sozialpolitik. Als Gehilfin
-des Mannes im Rahmen der Familie mochte die Frau zum eigenen und
-allgemeinen Besten auch in der eigentlichen Erwerbswirtschaft tätig
-sein, nimmermehr jedoch als Konkurrentin des Mannes ausserhalb dieses
-Rahmens<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-<h2 class="dummy" id="Die_heutige_Frauenfrage" title="Die heutige
-Frauenfrage"></h2>
-
-<p>Diese Entwicklung, die von der Urperiode unseres Volkes bis auf die
-neueste Zeit herab sich mächtig wirksam erwiesen hat und der wir
-unsere heutige Familienverfassung und unser in der Sitte begründetes
-Ideal der Ehe verdanken, hat im letzten Jahrhundert einen Rückschlag
-erlitten durch den gewerblichen Grossbetrieb mit seiner massenhaften
-Frauenarbeit. Von den Fabriken hat letztere immer mehr auf den Handel
-sich ausgedehnt und greift schon mächtig auf andere Berufsgebiete
-über. Sie macht die Frau vom Erwerbe des Mannes mehr oder minder
-unabhängig; aber sie macht sie nicht ökonomisch selbständig wie einst
-im Mittelalter. Vielmehr bedingt sie in der Regel Abhängigkeit von
-einem Unternehmer. Darin besteht ihre Gefahr. Ihre Folgen liegen klar
-zutage: Entwürdigung des weiblichen Geschlechts, Erschwerung der
-Familiengründung für die mit billiger Frauenarbeit konkurrierenden
-Männer, Auflösung der häuslichen Bande, Verkümmerung und Verwilderung
-der heranwachsenden Jugend. In vielen Arbeiterhaushalten ist die auf
-der Ehe und väterlichen Gewalt beruhende Familie verlassen und an
-ihre Stelle ein auf allerlei Vertragsverhältnissen beruhendes Gebilde
-getreten<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a>.</p>
-
-<p>Sollen wir &mdash; das ist das verzweifelte Doppelproblem, welches uns
-die moderne Frauenerwerbsfrage stellt &mdash; im Widerspruche mit der
-gesamten Kulturentwicklung das System der »billigen Hände« auf immer
-weitere Berufsarten ausdehnen, sollen wir damit auch in diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-Kreisen die Erschwerung der Familiengründung, die Auflösung der
-Gesellschaft in ihre Atome immer allgemeiner machen? Soll die Ehe als
-dauernde Lebensgemeinschaft temporären, jeder Willkür preisgegebenen
-Verbindungen weichen? Und soll das Vertragsprinzip, auf dem die
-Unternehmung beruht, allgemein auch für die Familie massgebend werden?
-Oder sollen wir nicht vielmehr mit allen Kräften darnach streben, dass
-allen Klassen der Bevölkerung der Friede und das Behagen des häuslichen
-Herdes gesichert, dass der Familiensinn gestärkt und dass der Frau
-dasjenige Gebiet erhalten werde, auf dem sie sich am glücklichsten
-fühlt und auf welchem sie Werte schafft, die für die Nation kostbarer
-sind als eine noch so grosse Steigerung der Produktion durch »billige
-Hände«? Sollten nicht die Frauen selbst dieses ihr eigenstes Gebiet mit
-allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln festhalten und mit den Männern
-dahin arbeiten, dass die gewiss nicht unvermeidbaren Ursachen beseitigt
-werden, welche in der modernen Gesellschaft so viele Männer an der
-Eheschliessung und so viele Frauen an der Erfüllung ihres natürlichen
-Berufes hindern?</p>
-
-<p>Es ist bekannt, für welchen Teil dieser Alternative sich die moderne
-Frauenbewegung und ihre Freunde entschieden haben. Sie wollen
-völlige soziale und rechtliche Gleichstellung und auf der Grundlage
-selbsteigenen Erwerbes von Mann und Weib eine Neuordnung der
-geschlechtlichen Beziehungen. Ihnen sei<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> zum Schluss noch Folgendes zu
-bedenken gegeben.</p>
-
-<p>Am 12. Juni 1907 wurden im Deutschen Reiche 9&frac12; Millionen
-erwerbstätige Frauen gezählt<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a>. Dies bedeutet ziemlich genau ein
-Drittel aller erwerbstätigen Personen oder die Hälfte der Frauen im
-Alter zwischen dem 15. und dem 70. Lebensjahre. Von 1895 bis 1907
-hat sich die Zahl der erwerbstätigen männlichen Personen um 20%, die
-der weiblichen aber um 44% vermehrt. Die Zunahme erstreckt sich auf
-alle Berufsgruppen, trifft aber die selbständig und die unselbständig
-Erwerbstätigen in sehr verschiedenem Masse. Die letzteren haben in
-allen Berufsgruppen am stärksten sich vermehrt, während die selbständig
-tätigen Frauen in der Urproduktion und in der Industrie eine Abnahme
-und nur im Handel ebenfalls eine Zunahme aufweisen. Zu gleicher Zeit
-hat die Zahl der weiblichen Dienstboten bei einer Volksvermehrung von
-19% trotz wachsenden Wohlstandes sich um reichlich 5% vermindert, und
-die Zahl der berufslosen Angehörigen ist in ihrer Vermehrung hinter der
-Zunahme der Gesamtbevölkerung zurückgeblieben.</p>
-
-<p>Diese Zahlenverschiebungen werfen ein scharfes Schlaglicht auf die
-tatsächlichen Voraussetzungen, unter denen die Frauenfrage der
-Gegenwart steht. Nicht dass 1907 fast drei Millionen Frauen mehr
-im Erwerb tätig waren als 1895 ist das bedeutsame, sondern dass
-die Verkümmerung der Familienhaushaltung immer weniger Raum für
-Frauenarbeit lässt und dass von den 9&frac12;<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> Millionen einen Beruf
-ausübender weiblicher Personen mehr als 8 Millionen in abhängiger
-Erwerbsstellung sich befanden. Nicht bloss in der Produktion sondern
-auch im Handel, den persönlichen Diensten und selbst den liberalen
-Berufen vollzieht sich das Eindringen der Frauen in <em class="gesperrt">dieser</em> Weise.</p>
-
-<p>Darin liegt die ungeheure Schwierigkeit, darin der grosse Unterschied
-zwischen der modernen Frauenfrage und derjenigen des Mittelalters.
-Damals war sie eine Versorgungsfrage, heute ist sie Emanzipationsfrage.
-Die ökonomische Entwicklung drängt von selbst auf eine rechtliche
-Neuordnung, und auch die »Emanzipation vom Manne« mag sich in ihrem
-Gefolge vielleicht durchsetzen lassen, soweit die Natur sie erlaubt.
-Hinter ihr lauert aber ein neues, weit schwierigeres Problem: die
-Emanzipation von der ökonomischen und sozialen Abhängigkeit, der
-das Weib im Erwerbsleben immer mehr anheimfällt und mit jedem neuen
-Erwerbsgebiete, das es erobert, mehr anheimfallen muss. Nach einem
-Zeitalter des individuellen »Auslebens« von Weib und Mann sieht die
-Zukunft wahrlich nicht aus. Die Fortsetzung der jüngsten Entwicklung
-bedroht uns im Gegenteil mit einem Zustand, bei dem beide Geschlechter
-gleichmässig in das Joch der Unternehmung eingespannt sind. In dem
-Masse aber, als in dieser Arbeitsteilung uns technische Fortschritte
-weiteren Raum für Frauenarbeit schaffen, wird zwischen dieser und der
-Männerarbeit der Kampf heftiger werden, und schliesslich<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> wird die
-billigere Frauenhand den Sieg davon tragen. Die Folge kann nur eine
-Umkehr des seitherigen Verhältnisses der Geschlechter in der Wirtschaft
-sein: erwerbende Frauen &mdash; haushaltende Männer, wenn man sich nicht
-lieber vorstellen will, dass auch der Haushalt in seinen wichtigsten
-Bestandteilen zum Gegenstande kapitalistischer Unternehmung geworden
-sein wird<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a>.</p>
-
-<p>Sollte das wirklich das Endziel der Entwicklung unserer Kulturvölker
-sein, dass der Frau die Last der Produktion wieder aufgeladen würde,
-die ihr eine Entwicklung von zwei Jahrtausenden Stück für Stück
-abgenommen hat? Rückkehr zur Barbarei, Auflösung der Familienordnung,
-wie sie seit der Reformation sich gestaltet hat, Zersetzung des
-Haushalts, in welchem die Frau herrscht und Eingliederung derselben in
-eine Erwerbsordnung, in der sie nur als dienendes Glied Raum finden
-kann<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a>: es wird schwer, an die Möglichkeit solchen Widersinns zu
-glauben, schwer, eine Kultur als solche zu verstehen, die eines ihrer
-kostbarsten Kleinode der Vernichtung preisgibt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Anmerkungen">Anmerkungen.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Vgl. meine »Bevölkerung von Frankfurt a.&nbsp;M. im XIV.
-und XV. Jahrhundert« I, S. 40&nbsp;ff. 61&nbsp;ff. »Die Entstehung der
-Volkswirtschaft« (7. Aufl.), S. 392&nbsp;f. &mdash; Möglicherweise lassen sich
-auf Grund der Dresdener Steuerlisten aus dem XV. Jahrhundert für diese
-Stadt ähnliche Ermittelungen anstellen. Vgl. <em class="gesperrt">O. Richter</em> im N.
-Archiv für sächs. Gesch. u. Altertumsk. II., S. 274&nbsp;ff., insbes. S.
-279, Anm. 10.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Nach diesen Ermittlungen, welche auf Grund der im Original
-erhaltenen Erhebungslisten ausgeführt sind, kommen</p>
-
-<table summary="Anteil der Frauen an den Steuerpflichtigen">
- <tr>
- <td class="vam padr1">
- <div class="center">im Jahre</div>
- </td>
- <td class="vam padr1">
- <div class="center">auf Steuer-<br />
- pflichtige<br />
- insgesamt</div>
- </td>
- <td class="vab padr1">
- <div class="center">Frauen<br />
- überhaupt</div>
- </td>
- <td class="vam padr1">
- <div class="center">Frauen in Pro-<br />
- zent der Steuer-<br />
- pflichtigen</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1354</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2669</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">481</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">18,<span class="s5">0</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1359</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">3164</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">589</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">18,<span class="s5">6</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1365</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">3021</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">615</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">20,<span class="s5">3</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1370</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2697</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">484</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">18,<span class="s5">0</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1375</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">3004</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">616</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">20,<span class="s5">5</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1380</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">3055</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">509</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">16,<span class="s5">6</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1385</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">3391</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">824</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">24,<span class="s5">3</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1389</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">3165</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">742</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">23,<span class="s5">4</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1394</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2600</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">539</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">20,<span class="s5">7</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1399</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2652</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">614</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">23,<span class="s5">1</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1406</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2383</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">500</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">20,<span class="s5">9</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1410</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2456</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">568</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">23,<span class="s5">1</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1420</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2345</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">551</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">23,<span class="s5">5</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1428</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2411</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">466</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">19,<span class="s5">3</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1463</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2560</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">638</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">24,<span class="s5">9</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1475</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2782</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">733</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">26,<span class="s5">3</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1484</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2483</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">705</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">28,<span class="s5">4</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1495</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2579</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">715</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">27,<span class="s5">7</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr1">
- <div class="center">1510</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">2328</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">640</div>
- </td>
- <td class="padr1">
- <div class="center">27,<span class="s5">5</span></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Solche Pestjahre waren in dem oben angegebenen Zeitraum
-1356/7, 1364/5, 1395/6, 1402, 1412, 1418&ndash;1420, 1461 und 1463; in das
-Jahr 1387 fällt die Cronberger Schlacht. Man vergleiche damit die
-entsprechenden Ziffern in obiger Tabelle.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Vgl. meine Bevölkerung von Frkf. I, S. 507&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> <em class="gesperrt">J. Hartwig</em>, Die Frauenfrage im mittelalterlichen
-Lübeck: Hansische Geschichtsblätter XXXV, S. 39&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> <em class="gesperrt">Hartwig</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 57&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <em class="gesperrt">Schanz</em>, Zur Gesch. der deutschen Gesellenverbände,
-S. 5. <em class="gesperrt">Stahl</em>, das deutsche Handwerk, S. 274.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Maurer</em>, Gesch. der Fronhöfe, I. 115. 135.
-241&nbsp;ff. II. 387&nbsp;ff. III. 325.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> <i>Tyro. Prudentiae juris opificiariae praecursorum
-emissarius.</i> Der Lehrjunge. Jena 1717, S. 35&nbsp;ff. &mdash; Ueber das Folgende
-vgl. <em class="gesperrt">Stahl</em>, das deutsche Handwerk, S. 42&nbsp;ff. <em class="gesperrt">Neuburg</em>,
-Zunftgerichtsbarkeit und Zunftverfassung, S. 49&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Weinhold</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., I. S. 191.
-<em class="gesperrt">Schmoller</em>, Die Strassburger Tucher- und Weberzunft, S. 359&nbsp;ff.,
-521. &mdash; <em class="gesperrt">Mone</em>, Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins, IX. S.
-133&nbsp;ff., 173&nbsp;ff.; XV., S. 165.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Abgedruckt im Archiv f. Frankf. Gesch. III F. VI, S.
-94&nbsp;ff. &mdash; Aehnliche Vorschriften in <em class="gesperrt">Goch</em>: Annalen des histor. Ver.
-für den Niederrhein, Heft VI., S. 45. 78. &mdash; Noch 1620 gibt der Amtmann
-in Leerort den Weberknechten und Webermägden, »deren ein ziemlicher
-Anteil dort vorhanden« (auch Lehrknechte und Lehrmägde werden erwähnt),
-ein Kranken- und Sterbekassenstatut: Zeitschr. f. d. Kulturgeschichte,
-N. F., III. (1874), S. 128. &mdash; Ueber <em class="gesperrt">München</em> vgl. <em class="gesperrt">Sutner</em>
-in den Histor. Abh. der k. bayer. Akademie d. W. II., S. 493.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Stahl</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 80.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> In Frankfurt zahlte eine Frau, die das Handwerk treiben
-wollte, 30 Schilling und ein halb Viertel Wein und hatte dann
-Zunftrecht, ein Mann 3 Pfund und ein Viertel Wein. Schneiderordnung im
-II. Handwerkerbuch. <em class="gesperrt">Stahl</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O. hat Unrecht, wenn er meint,
-an die Frau seien dieselben Anforderungen gestellt worden wie an einen
-Mann. Ueber Mainz: <em class="gesperrt">Stahl</em>, S. 83.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Im Augsburger Stadtrecht von 1276 heisst es Art. 129
-(S. 215 bei <em class="gesperrt">Meyer</em>): <i>Swaer siniu chint ze antuaerken lat dur
-lerunge, ez si sun oder <em class="gesperrt">tohter</em>, swaz lons man davon geheizzet,
-kumt daz ze clage, daz sol ein burggrafe rihten darnach als die schulde
-geschaffen ist.</i> Dieselbe Formel noch in der Nürnberger Reformation
-von 1564 und im Stadtrecht von Mühlhausen i. Th.: <em class="gesperrt">Stahl</em>, S.
-47. Aehnlich in England: <em class="gesperrt">Stahl</em>, S. 49. Ueber das ausgedehnte
-Arbeitsrecht der Frauen in den Pariser Gewerben vgl. <i>Boileau</i>, <i>Livre
-des métiers</i> und <em class="gesperrt">Stahl</em>, S. 53&ndash;71.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> <em class="gesperrt">Stahl</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 90&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> <em class="gesperrt">Westenrieder</em>, Beiträge zur vaterl. Gesch. etc. VI,
-S. 153. Vgl. indessen das Stadtrecht von München, herausg. v. Auer,
-Art. 45: <i>Ain frau, deu ze marcht stat und deu chauft und verchauft
-etc.</i></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Jäger</em>, Ulms Verfassung, bürgerliches und
-kommerzielles Leben, S. 685. Dagegen sind die Viktualienhändler
-(Merzler) in Ulm, die Hucker in Augsburg (Stadtr. S. 201), die Käufler
-in München (Stadtrecht, Art. 440&nbsp;f.) durchweg Männer. In Augsburg
-werden neben den <i>keufel</i> auch <i>verkauferinne</i> erwähnt (Stadtr. S.
-271&nbsp;ff.), in Danzig neben den <i>hoker</i> auch <i>hokinnen</i> (Hirsch, Danzigs
-Handels- und Gewerbegesch., S. 316). Nach zahlreichen Beobachtungen,
-die ich in dieser Hinsicht angestellt habe, ist überall im Mittelalter
-die Höckerei ein vorwiegend männliches Gewerbe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Im Folgenden gebe ich das Verzeichnis sämtlicher in
-Frankfurter Akten und Urkunden bis zum Jahre 1500 vorkommenden
-weiblichen Berufsnamen. Dieselben sind einer seit vielen Jahren
-von mir angelegten Sammlung der Berufsbezeichnungen entnommen, die
-hauptsächlich auf fortlaufend über die Bevölkerung geführte Akten
-(Steuerlisten, Bürgerverzeichnisse, Bürgerbücher u.&nbsp;dergl.) zurückgeht
-und nicht bloss das Vorkommen eines Berufs, sondern auch die Zahl
-der Berufsangehörigen festzustellen versucht. Sie wird demnächst in
-den Abhandlungen der Kgl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften
-veröffentlicht werden. Bei den nachstehenden Listen sind vier leicht
-verständliche Kategorien weiblicher Berufsarbeiter unterschieden;
-zwischen den drei letztgenannten sind natürlich die Unterschiede
-fliessend. Denn obwohl wenig Berufstätige des XIV. und XV. Jahrhunderts
-mir bei meinen Sammlungen entgangen sein werden, so liegt es doch
-schon in der Natur des Quellenmaterials, dass die Männer vollständiger
-erfasst werden mussten. Weibliche Berufsnamen, die sich auf Ehefrauen
-und Witwen männlicher berufstätiger Personen beziehen (z.&nbsp;B. beckern,
-bendern, smiden) mussten natürlich ausgeschlossen bleiben, da das
-Verzeichnis nur Fälle selbständiger oder abhängiger weiblicher
-Berufstätigkeit enthalten sollte, nicht aber den Fortbetrieb eines
-Handwerks durch sie oder blosse Hilfeleistung beim<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Gewerbe des Mannes
-durch dessen weibliche Familienglieder. Natürlich ist bei einer solchen
-Aussonderungsarbeit manches dem Gefühl des Bearbeiters anheimgegeben;
-aber ich glaube keinen Beruf in die Listen aufgenommen zu haben, der
-nicht im Mittelalter nachweisbar von Frauen betrieben worden ist.
-Mehrfach kommen verschiedene Namen für dasselbe Gewerbe vor. Dass die
-weibliche Namensform auch bei solchen Gewerben angegeben ist, die
-vorzugsweise von Männern betrieben wurden, wird keiner Rechtfertigung
-bedürfen.</p>
-
-<p class="center mtop1">I. <em class="gesperrt">Berufe, für die nur
-weibliche Namen vorkommen.</em></p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centre">
- <div class="item">Altartuchmacherin</div>
- <div class="item">amme</div>
- <div class="item">bortenmechern</div>
- <div class="item">bendelern</div>
- <div class="item">besenmechern</div>
- <div class="item">besendregern</div>
- <div class="item">bettebereidern</div>
- <div class="item">bettemachern</div>
- <div class="item">bettfegern</div>
- <div class="item">brustleddern</div>
- <div class="item">drollern</div>
- <div class="item">federmechern</div>
- <div class="item">filzern</div>
- <div class="item">fronegertern</div>
- <div class="item">garnfrauwe</div>
- <div class="item">gilerhaltern</div>
- <div class="item">goltspinnern</div>
- <div class="item">harmedern</div>
- <div class="item">hebeamme</div>
- <div class="item">hemdenmechern</div>
- <div class="item">hosenstrickern</div>
- <div class="item">hudeferbern</div>
- <div class="item">hudelferbern</div>
- <div class="item">hudelstrickern</div>
- <div class="item">hullenmechern</div>
- <div class="item">hullenweschern</div>
- <div class="item">hulleryhern</div>
- <div class="item">huwenweschern</div>
- <div class="item">kindeschuwern</div>
- <div class="item">kleiderhocke</div>
- <div class="item">kleidermeit (in einer Badstube)</div>
- <div class="item">klunkenersen</div>
- <div class="item">knaufelern, knaufelmechern</div>
- <div class="item">lerfrouwe</div>
- <div class="item">lichthocke</div>
- <div class="item">lichtmechern</div>
- <div class="item">linennewersen</div>
- <div class="item">lutterdrengkern</div>
- <div class="item">magit, meit, dinstmeit</div>
- <div class="item">melmengern, melefeilern</div>
- <div class="item">messemeit</div>
- <div class="item">nedersen</div>
- <div class="item">noppersen</div>
- <div class="item">pelzmechern</div>
- <div class="item">radspinnersen</div>
- <div class="item">reubelern</div>
- <div class="item">rinkengießern</div>
- <div class="item">rufelern</div>
- <div class="item">salzmengern</div>
- <div class="item">samenfrau</div>
- <div class="item">schonebeckern</div>
- <div class="item">sleierweschern</div>
- <div class="item">spinnersen</div>
- <div class="item">sterkern</div>
- <div class="item">strelemagit</div>
- <div class="item">wachern</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>
- <div class="item">wirkersen</div>
- <div class="item">wollenbeslagern</div>
- <div class="item">wollenbesnidern</div>
- <div class="item">wollenlesersen</div>
- <div class="item">wurzfrauwe</div>
- <div class="item">ziedelmachern</div>
- <div class="item">zimpelern</div>
- <div class="item">zirkelern</div>
- <div class="item">zwirnmechern</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="center mtop1">II. <em class="gesperrt">Berufe die
-vorzugsweise von Frauen ausgeübt wurden.</em></p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centre">
- <div class="item">appelmengern</div>
- <div class="item">boppenmalern</div>
- <div class="item">bierbruwern</div>
- <div class="item">daubeckern</div>
- <div class="item">eiermengern</div>
- <div class="item">essigmengern</div>
- <div class="item">ganshirten</div>
- <div class="item">gufenern</div>
- <div class="item">gulichtern</div>
- <div class="item">hafermengern</div>
- <div class="item">heringmengern</div>
- <div class="item">hullenkouffern</div>
- <div class="item">hullenwobern</div>
- <div class="item">kemmersen</div>
- <div class="item">krudern</div>
- <div class="item">mattenmechern</div>
- <div class="item">snormechern</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="center mtop1">III.
-<em class="gesperrt">Berufe, in denen Männer und Frauen gleich
-häufig vorkommen.</em></p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centre">
- <div class="item">altgewendern</div>
- <div class="item">boternhocke</div>
- <div class="item">bademeit</div>
- <div class="item">fiedelern</div>
- <div class="item">vigenhocke</div>
- <div class="item">fladenbeckern</div>
- <div class="item">hocke, hockin</div>
- <div class="item">horneffen</div>
- <div class="item">hunermengern</div>
- <div class="item">hunerkeufern</div>
- <div class="item">kelnern</div>
- <div class="item">kerzenmechern</div>
- <div class="item">kesemengern</div>
- <div class="item">kindelerern</div>
- <div class="item">klingenern</div>
- <div class="item">lenegadern</div>
- <div class="item">lerern</div>
- <div class="item">lutenslehern</div>
- <div class="item">mentelern</div>
- <div class="item">milchern</div>
- <div class="item">notschern</div>
- <div class="item">obessern, obsern</div>
- <div class="item">obismengern, obshockern</div>
- <div class="item">oleiern</div>
- <div class="item">oleihocke</div>
- <div class="item">rubingrebern</div>
- <div class="item">salzfrauwe</div>
- <div class="item">schappelmechern</div>
- <div class="item">scheppelern</div>
- <div class="item">selzern</div>
- <div class="item">senfmengern, senffrauwe</div>
- <div class="item">sleiermengern, sleierfrauwe</div>
- <div class="item">smersnidern</div>
- <div class="item">spitzenmecherin</div>
- <div class="item">spulersen</div>
- <div class="item">stobenheissern</div>
- <div class="item">strickern</div>
- <div class="item">wennern</div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p class="center mtop1">IV.
-<em class="gesperrt">Berufe, in denen Frauen seltener vorkommen
-als Männer.</em></p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centre">
- <div class="item">abenturern</div>
- <div class="item">augenerzten</div>
- <div class="item">briefdragern</div>
- <div class="item">briefdruckern</div>
- <div class="item">budelern</div>
- <div class="item">burstenmechern</div>
- <div class="item">deckelechern</div>
- <div class="item">deschenmechern</div>
- <div class="item">torwechtern</div>
- <div class="item">duchscherern</div>
- <div class="item">duchspulern</div>
- <div class="item">erzten</div>
- <div class="item">essigfrauwe</div>
- <div class="item">federmengern</div>
- <div class="item">fehehirten</div>
- <div class="item">flechtenmechern</div>
- <div class="item">vorkeuffern</div>
- <div class="item">fuderern</div>
- <div class="item">gadenfrouwe</div>
- <div class="item">gengelern</div>
- <div class="item">geukelern</div>
- <div class="item">gewendern</div>
- <div class="item">haumengern</div>
- <div class="item">hentschumechern</div>
- <div class="item">hirten</div>
- <div class="item">hudekouffern</div>
- <div class="item">hudemechern</div>
- <div class="item">huderuppern</div>
- <div class="item">klaibersen</div>
- <div class="item">kochin</div>
- <div class="item">kolschebeckern</div>
- <div class="item">copeyern</div>
- <div class="item">korbern</div>
- <div class="item">kremern, kremersen</div>
- <div class="item">kursenern</div>
- <div class="item">lantfarern</div>
- <div class="item">lebekuchersen</div>
- <div class="item">ledersmerern</div>
- <div class="item">leistmechern</div>
- <div class="item">leufern</div>
- <div class="item">linwedern</div>
- <div class="item">malern</div>
- <div class="item">menkelern</div>
- <div class="item">melbern, milwern</div>
- <div class="item">mottersen</div>
- <div class="item">naldenern, nadlern</div>
- <div class="item">paternosterern</div>
- <div class="item">piffern</div>
- <div class="item">portenern</div>
- <div class="item">pulern</div>
- <div class="item">rosindragern</div>
- <div class="item">rußen, leppern</div>
- <div class="item">schekelern</div>
- <div class="item">schellendregern</div>
- <div class="item">scherensliffern</div>
- <div class="item">scherern, bartscherern</div>
- <div class="item">schiffrauwe</div>
- <div class="item">schornsteinfegern</div>
- <div class="item">schulmeistern</div>
- <div class="item">schusselern</div>
- <div class="item">seifenmechern</div>
- <div class="item">senfmechern</div>
- <div class="item">sidenstickern</div>
- <div class="item">simelern</div>
- <div class="item">slaghudern</div>
- <div class="item">snidern</div>
- <div class="item">snitzern</div>
- <div class="item">sporleddern</div>
- <div class="item">stazionerern</div>
- <div class="item">suhirten, suern</div>
- <div class="item">ulnern</div>
- <div class="item">underkeufern</div>
- <div class="item">wechtern</div>
- <div class="item">welkern</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
- <div class="item">weschersen</div>
- <div class="item">wesselern</div>
- <div class="item">wollenslegern</div>
- <div class="item">wurzelern</div>
- <div class="item">wurzemengern</div>
- <div class="item">ziechenern</div>
- <div class="item">zehenern</div>
- <div class="item">zolnerin</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dass das vorstehende Verzeichnis vollständig sei, ist kaum
-anzunehmen. Nicht immer findet sich für eine Beschäftigung auch eine
-Berufsbezeichnung. Es treten dann wohl Umschreibungen auf. So findet
-sich in den Bedebüchern der Niederstadt von 1405 und 1406 Bl. 17 a,
-bez. 31 b: <i>Else mit den hunden</i>; sie wohnt in der Dieterichsgasse,
-wo allerlei armes Volk hauste, gab also wohl mit abgerichteten Hunden
-Vorstellungen. &mdash; 1372 Bdb. der Oberstadt 12 a: <i>Else Leuben in dem
-kellerchen, die da kolen veyle hat</i>, also eine Kohlenhändlerin. &mdash; 1359
-Bdb. Oberst. 20 b: <i>Katherine, dye daz crute hudet</i>; Bedeutung unklar.
-&mdash; 1399 Bdb. Niederst. 14 a: <i>Kedder, die die swebelkirzen dreit</i>, also
-einer Verfertigerin oder Verkäuferin einer bestimmten Art von Kerzen.
-&mdash; 1424 Bdb. Oberst. 19 b: <i>ein arm frauwe, dye der gefangen torin
-wartit umb gottis willen</i>, also eine Wärterin bei einer Geisteskranken.
-&mdash; 1397 Heiligenbuch 32 a: <i>eyne kolsche frauwe, die scheren feile hat
-vor dem Schrothuse</i>; 1472 im Marktrechtbuch 5 b: <i>die frauwe mit dem
-Colneschen zynwerg</i> (beide als Verkäuferinnen auf der Messe). Dazu
-kommt eine Reihe unerklärbarer, aber auf Berufstätigkeit hinweisender
-Benennungen weiblicher Personen (z.&nbsp;B. <i>weibelern</i>, <i>ulselmechern</i>,
-<i>setzependin</i>, <i>muselern</i>).</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Vgl. auch <em class="gesperrt">Gengler</em>, Stadtrechts-Altertümer, S. 36.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Frankfurter Bürgerzwiste und Zustände im
-Mittelalter, S. 334&nbsp;f. Eine Wechslerin und eine Pächterin der Stadtwage
-auch in Lübeck: <em class="gesperrt">Hartwig</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 51&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Vgl. das Verzeichnis der Frankfurter Aerzte bei
-<em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgert., S. 34&nbsp;ff. Eine Münchener Augenärztin
-aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts: Monum. Boic. XXXV., 2, 94.
-<em class="gesperrt">Weinhold</em>, Deutsche Frauen, I., S. 170&nbsp;ff. Aehnliches in Lübeck:
-<em class="gesperrt">Hartwig</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 52&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Aus den Ausgaberegistern der Bürgermeister
-(»Botenbüchern«) habe ich mir folgende Fälle notiert: 1391 Bl. 2<sup>a</sup>: <i>5
-grosse zweien frauwen, dem folke nachzulauffen, daz vor der stad was,
-biz gein Rockingen.</i> &mdash; 1392 Bl. 7<sup>a</sup>: <i>6 ß junger h. einer frauwen
-zu lauffen gein Dippurg, gein Omstat und ubiral in dem Odenwalde, zu
-irfarn heymelich umb samenunge</i>. &mdash; 1414 Bl. 4<sup>b</sup>: <i>4 ß alder vier
-frauwen in den walt und darumbe zu virslahen, als man sunderlich
-gewarnt waz</i>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Vgl. das Gedicht Iwein, V. 6186&nbsp;ff. Jäger, Ulm, S. 634.
-<em class="gesperrt">Mone</em>, Zeitschr. IX., S. 138. XIII., S. 141&nbsp;ff. Ueber Lübeck:
-<em class="gesperrt">Hartwig</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 63&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Gesamtabenteuer II., 23&nbsp;ff. Vgl. auch <em class="gesperrt">Hartwig</em>, S.
-64&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Weinhold</em>, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 132.
-<em class="gesperrt">Norrenberg</em>, Frauenarbeit und Arbeiterinnen-Erziehung in
-deutscher Vorzeit, Köln 1880, besonders S. 59&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Vgl. meine Bevölkerung von Frankfurt I, S. 343&nbsp;f., 389.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> <em class="gesperrt">C. Schmidt</em> in der Alsatia, Jahrg. 1860, S. 187&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> <em class="gesperrt">Norrenberg</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 63&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> <em class="gesperrt">Schmidt</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 224.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Ueber die Bekinen (so wird das Wort durchweg in
-Frankfurter Urkunden geschrieben, <em class="gesperrt">nicht</em> Beginen, Beghinen
-oder Beguinen) vgl. Ersch und Gruber, Realenzykl. u. d. W. &mdash;
-Realenzyklopädie für die protest. Theologie (3. Aufl.), II, S.
-516&nbsp;ff. &mdash; <em class="gesperrt">C. Schmidt</em>, Alsatia (1858&ndash;1861), S. 149&nbsp;ff. &mdash;
-<em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgertum i. Ma., S. 100&nbsp;ff. &mdash; <em class="gesperrt">Arnold</em>,
-Verfassungsgesch. der deutschen Freistädte, II, S. 173&nbsp;ff. &mdash;
-<em class="gesperrt">Heidemann</em>, Zeitschrift des bergischen Geschichtsvereins,
-IV., S. 85&nbsp;ff. &mdash; <em class="gesperrt">Jäger</em>, Ulm, S. 407&nbsp;ff. &mdash; <em class="gesperrt">Lipowski</em>,
-Urgeschichte von München, II., S. 247, 274. <em class="gesperrt">Hartwig</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O.
-S. 80&nbsp;ff. &mdash; <em class="gesperrt">Mosheim</em>, <i>De Beghardis et Beguinabus commentatio</i>
-und <em class="gesperrt">Hallmann</em>, Die Geschichte des Ursprungs der belgischen
-Beghinen, Berlin 1843, waren mir nicht zugänglich. &mdash; Sehr gut ist
-in dem Aufsatze der Real-Enzyklopädie bemerkt: »In den Wirkungen der
-Kreuzzüge, die einen grossen Theil der männlichen Bevölkerung von
-Europa wegrafften und daher der Witwen und Waisen viel, die Ehen aber
-selten machten, und in dem Bedürfniss einer Freistätte für Jungfrauen
-gegen die damals fast trostlosen Gewaltthätigkeiten ritterlicher
-Wüstlinge entdeckt man die Ursachen dieses ausserordentlichen
-Anwachsens der Beguinengesellschaften durch eine Menge verlassener
-Frauenspersonen, die schon wegen Mangel an Aussteuer in den
-Nonnenklöstern nicht Aufnahme finden konnten.« &mdash; Die Schilderung
-im Text basiert vorwiegend auf der Berücksichtigung der Frankfurter
-und Strassburger Verhältnisse, die von den niederländischen nicht
-unwesentlich abweichen. &mdash; Wer an der Richtigkeit der im Texte
-vertretenen populationistischen Auffassung des Bekinenwesens zweifelt,
-der möge uns nur die Frage beantworten, woher es kommt, dass in Städten
-mit Hunderten von Bekinen die Bekarden immer nur in einzelnen Personen
-(selten mehr als 2 bis 4) vertreten erscheinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Nach <em class="gesperrt">Hartwig</em>, Hans. Geschichtsblätter,
-XXXV, S. 94, <em class="gesperrt">Biedenfeld</em>, Ursprung sämtlicher Mönchs- und
-Klosterfrauenorden, II., S. 354, und <em class="gesperrt">Spangenbergs</em> Adelsspiegel,
-S. 380 b f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> <em class="gesperrt">Lang</em>, reg. b. IV., 537 (bei <em class="gesperrt">Mone</em>,
-Zeitschr., XIII., S. 140).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Cod. dipl. Siles. VIII., p. 7.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Urk. in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh., IX., S.
-173&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> <em class="gesperrt">Reyscher</em>, Sammlung der württemb. Gesetze, XII., S.
-25.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> <i>Item von allen gotteshusen sal man bede geben und die
-darinne syn, sollen auch bede geben von iren gulten und guttern dartzu,
-obe sie uber zehen phunt heller hetten.</i> Frankf. Bedeordnung von 1475 §
-56, abgedruckt in »Kleinere Beiträge zur Geschichte«. Festschrift zum
-deutschen Historikertage. Leipzig 1894, S. 155. &mdash; Aehnlich in Lübeck:
-<em class="gesperrt">Hartwig</em>, Schossbuch, S. 53.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> <em class="gesperrt">Schmidt</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 154.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> <em class="gesperrt">Heidemann</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 94.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Um eine Vorstellung von dem Tenor derartiger
-Hausordnungen zu geben, teile ich hier einen gedrängten Auszug aus den
-Statuten des 1394 für 6 Bekinen gestifteten <em class="gesperrt">Frankfurter Gotteshauses
-zur Seligenstadt</em> in möglichstem Anschluss an den Wortlaut des
-Originals mit: Holz, Kohlen und Licht sollen die Schwestern aus den
-Erträgnissen des Stiftungsvermögens kaufen, und soll das Licht nicht
-länger brennen als bis Mitternacht. Wenn aber Eine länger aufsitzt,
-soll sie ihr eignes Licht brennen. Aber Holz und Kohlen sollen die
-Kinder nutzen, welche Zeit sie wollen. &mdash; Auch sollen die Kinder
-Ausbesserungen ihres Hauses, die über 5 Pfund Heller betragen (soviel
-hatte der Stifter jährlich dafür ausgeworfen), aus Eigenem vornehmen
-und den Bau in gutem Stand halten. Wäre es aber, dass das Haus in
-Jahresfrist einer Ausbesserung nicht bedürfte, so sollen die Kinder was
-übrig wäre über die 5 Pfund Heller Gülte unter sich teilen und für sich
-verwenden. &mdash; Auch sollen die Kinder unter einander lieblich, gütig
-und einträchtig leben zu aller Zeit mit Worten und Werken und sollen
-die fünf (übrigen) der ältesten und ehrbarsten unter ihnen gehorsam
-sein in allen guten zeitlichen Dingen. &mdash; Auch soll ihrer durchaus
-keine des Nachts ausser dem Hause sein ohne Erlaubnis der andern oder
-der Aeltesten, und diese sollen auch wissen, wo sie des Nachts sein
-wolle. &mdash; Lebte nun Eine unfriedlich und wollte nicht davon ablassen,
-so sollen sie die Andern, wer sie auch wäre, mit Rat und Hilfe eines
-Kämmerers des Bartholomäusstiftes aus dem Gotteshause treiben, ohne
-Widerrede ihrer und eines Jeglichen. Auch wenn Eine täte, was ihr
-und den Kindern im Gotteshause nicht zur Ehre gereichte, so mans mit
-Wahrheit vorbringen möchte, die sollte zustund des Hauses verwiesen
-sein und nimmermehr darin wohnen. &mdash; Auch sollen die 6 Kinder allewege
-aus ihnen Eine nehmen, die des Hauses gewaltig sei und der Kinder.
-Wenn auch die Kinder wollten und es ihnen fügte, so möchten sie sie
-absetzen, doch in redlicher Weise, und eine andere an ihre Stelle
-setzen binnen einem Monate, so oft eine abgeht. Entzweiten sie sich
-aber unter einander, auf welche Seite dann drei (Stimmen) fielen, das
-sollte gelten. &mdash; Geschähe es auch, dass jemand Hausrat in das Haus
-gäbe oder setzte oder dass solcher gegenwärtig darinnen wäre, der
-sollte darin bleiben, für den Fall, dass ein armes Kind darein käme und
-solchen nicht hätte, den sollte man ihr dann leihen zu ihrer Notdurft.
-&mdash; Wäre es aber, dass jemand hernach dem Hause eine Gülte setzte, die
-sollen die Kinder unter sich teilen in gleicher Weise wie die andern
-über die fünf Pfund Geld. &mdash; Wenn aber unter den Kindern Eine abginge
-von Tods wegen oder wie das sonst käme, so sollen die übrigen eine
-andere an deren Statt nehmen in Monatsfrist; würden sie aber unter
-sich uneins, wen dann drei unter ihnen nähmen, die sollte es sein. &mdash;
-Statuten anderer Bekinenhäuser bei <em class="gesperrt">Heidemann</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 91.
-94. 104&nbsp;ff. &mdash; Alsatia, S. 229&nbsp;ff. &mdash; <em class="gesperrt">Böhmer</em>, Urkundenbuch der
-Reichsstadt Frankfurt, S. 593&nbsp;ff. &mdash; Lübecker Urk. B. VII, S. 760&nbsp;ff.
-und <em class="gesperrt">Hartwig</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 82&nbsp;ff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Die »Tertiarierinnen« in der Schweiz, über welche
-<em class="gesperrt">Mone</em>, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XV., S. 164&nbsp;ff. berichtet,
-sind lediglich Bekinen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Zeitschr. für deutsche Kulturgeschichte, I (1856), S.
-481&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Limburger Chronik, herausg. von <em class="gesperrt">Rossel</em>, S. 56.
-16&nbsp;ff. 20.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Scheible</em>, Das Kloster, S. 916. 929 Anm. 11.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Limburger Chronik, S. 71.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Limburger Chronik, S. 65&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Vgl. im allgemeinen <em class="gesperrt">Weinhold</em>, Die deutschen Frauen
-im Mittelalter II, S. 135&ndash;151. &mdash; <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgertum,
-n. F., S. 260&nbsp;f. <em class="gesperrt">Scheible</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 459&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> <em class="gesperrt">Siebenkees</em>, Materialien, IV., S. 583.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> I., 87 b III, 65. 66 bei <em class="gesperrt">Scheible</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S.
-459&nbsp;ff. Ich hebe folgende Stellen hervor: »Derowegen ein solcher Weybel
-wissens soll haben, solche Hauffen zu regieren und zu führen, gleich
-wie man andre rechte Hauffen ordnen und führen soll. Item begiebt
-sich, dass ein Schlacht mit den Feinden geschehe, soll er seinen Tross
-also führen, dass keine Verhinderung dadurch entstehe. Auch soll er
-mit dem Tross auf einer Seiten nicht gar zu weit davon gehen oder
-stehen, dass der Feind ein Nachdenken davon habe und vermeyne, es seye
-wehrhaftigs Volk. Der Tross wird immer dem Heer nachgeführt, dass sie
-nicht voraus in das Läger kommen und alles das aufraumen, wie dann
-ir Gebrauch ist, wenn der Hauffen käme, dass keiner nichts fände, es
-sey Häuw, Stroh, Holz oder anders, was denn ein Lager erfordert«....
-Weiter »streckt sich solch ihr Ampt dahin, dass sie getreuwlich auf
-ihre Herren warten, sie nach Notturft versehen, die gemeinen Weiber mit
-kochen, fegen, waschen, sonderlich der Kranken damit zu warten, sich
-dess nit wegern, sonst wo man zu Feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen,
-rennen, einschenken, Fütterung, essende und trinkende Speiss zu holen,
-neben anderer Notturft, sich bescheidenlich wissen zu halten, auf der
-Reyen oder sonst nach Ordnung wissen zu stehen, gelegener Märkt sich
-gebrauchen und halten. Wo etwan der viel in einer Herberg oder Losement
-beyeinander liegen, bleiben sie selten eins; da wirt ihnen des Orts
-etwan ein verständiger Kriegsman zu einem Rumormeister gesetzt, oder
-zum Obersten zugeordnet, welcher sich denn bescheidenlich unter ihnen
-soll wissen zu halten. Wo es aber nit stat haben wöllte, so hat er ein
-Vergleicher, ist ungeferlich eines Arms lang, damit hat er Gewalt von
-ihren Herrn, so ihm zuvor übergeben, sie zu straffen. Solche Huren und
-Buben werden alsdann sonst auch ohne das darneben für wol essen und
-trinken mechtig übel geschlagen, ehe sie solches ihres Ampts recht
-gewonnen; der Guthaten sie wenig geniessen, welche ihnen dann zuvor
-versprochen; man muss aber dem Thuch also thun, es verleuret sonst die
-Farb, würden der faulen Schwengel und Huren gar zu viel.«
-</p>
-<p>
-»Solcher Huren und Buben Ampt ist weiter, wo man im Läger eine Zeit
-lang verharret, dass sie mit Gunst zu melden die Mumplätz (Kloaken)
-sampt anderm wo es not ist, säubern und fegen; solches wird niemandts
-unter ihnen gefreyet, weder gross noch klein.... Dazu wo es von nöten
-Graben, Teich oder Gruben auszufüllen, darüber man etwan auch stürmet
-oder Weg auszubessern, oder wo Geschütz versinke und stecken bliebe; da
-werden die Huren und Buben neben verordneten Personen Reiss, Wellen,
-Büschel Holz zu machen, binden und tragen genötigt und ziehen helfen,
-wo es not thut, und was dem Haufen von nüzten durch sie geschaft mag
-werden, das keinswegs zu wiedern, bey ernstlicher straff so ihnen
-aufferlegt wirdt«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> <em class="gesperrt">Hoyer</em>, Gesch. der Kriegskunst, I, S. 318.
-<em class="gesperrt">Scheible</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 463&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Mone</em> in der Zeitschr. f. Gesch. des Oberrh.,
-I, S. 151. IV, S. 246&nbsp;f., <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches Bürgertum, S.
-140&nbsp;ff. und im Allgemeinen meine Entstehung der Volkswirtschaft, S. 420&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em>, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder
-Nr. 194.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> A.&nbsp;a.&nbsp;O. Nr. 193.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O. Nr. 256.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Limburger Chronik, S. 35 (Rossel).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em>, Nr. 189, vgl. 188 »Landsknechtorden«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">»Erstlich muss er ein weib und flaschen haben,</div>
- <div class="verse">darbei ein hund und einen knaben:</div>
- <div class="verse">das weib und wein erfrewt den man,</div>
- <div class="verse">der knab und hund sol spüren,</div>
- <div class="verse">was in dem haus tut stan.«</div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> <em class="gesperrt">Uhland</em> Nr. 199.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Ueber die <em class="gesperrt">Prostitution</em> im Mittelalter liegt
-eine Reihe sehr eingehender Arbeiten vor, auf die ich hier wegen
-der tatsächlichen Einzelheiten und der bezüglichen Quellenliteratur
-verweisen muss. Das wichtigste bieten: <em class="gesperrt">Siebenkees</em>, Material.
-IV. <em class="gesperrt">Scheible</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 454&ndash;527 u. 952&ndash;981. <em class="gesperrt">Schlager</em>,
-Wiener Skizzen, N. F., III., 345&ndash;470. <em class="gesperrt">Kriegk</em>, Deutsches
-Bürgertum, N. F., 259&nbsp;ff., 339&nbsp;ff. <em class="gesperrt">Maurer</em>, Gesch. der
-Städteverfassung in Deutschland, III., S. 103&nbsp;ff. <em class="gesperrt">Hüllmann</em>,
-Städtewesen im Ma., IV., S. 270&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Maurer</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 103&nbsp;f. und
-<em class="gesperrt">Weinhold</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., II., S. 21, Anm. 1.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Vgl. meine Bevölkerung von Frankf. I, S. 390. Noch im
-Jahre 1451, zu einer Zeit, in welcher der Rat mit äußerster Strenge
-gegen Personen vorging, die im Konkubinat lebten und die Prostituierten
-außerhalb des Frauenhauses verfolgte, finden wir folgenden Eintrag
-im Bürgermeisterbuch Bl. 37<sup>a</sup>: <i>Welche hore mit dem stucker gedingt
-hat, gibt sie yme nichts, so mag er sie phenden, und obe sost ein gude
-dirne mit eym guden gesellen zuhielde, die sal er nit dringen mit yme
-zu dingen, sie ginge dan braden reyen, er mag iz dem obersten richter
-sagen.</i></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Daher die Namen: arme, irre, leichte, schwache,
-wandelbare, wilde, freie Weiber, Fräulein, liebe Tochter, gute Tochter
-u.&nbsp;s.&nbsp;w. Vgl. <em class="gesperrt">Weinhold</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Die unerschöpfliche Skandalchronik der Klöster hier
-aufzurollen ist wohl nicht nötig. Der Kürze halber sei auf die
-Zimmersche Chronik verwiesen, aus der allein sich ein erschütterndes
-Bild der geschlechtlichen Verwilderung des ausgehenden Mittelalters
-zusammenstellen liesse.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">C. Schmidt</em> in der Alsatia 1858&ndash;1861, S.
-202&nbsp;ff., und über das Folgende <em class="gesperrt">Kriegk</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 331&nbsp;ff.
-<em class="gesperrt">Maurer</em> a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 114.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Vgl. <em class="gesperrt">Biedenfeld</em>, Ursprung sämtlicher Mönchs- und
-Klosterfrauen-Orden, I., S. 140&nbsp;ff.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Wie noch heute die Nonnenklöster in Italien und Spanien
-die Frauenerwerbsfrage viel weniger hervortreten lassen als in
-England und Deutschland, zeigt treffend v. <em class="gesperrt">Holtzendorff</em>, Die
-Verbesserungen in der gesellsch. und wirtsch. Stellung der Frauen
-(Virchow-Holtzendorffsche Sammlung II., Heft 40), S. 25.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Sprüche Salomons Kap. 31.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Vgl. die schönen Ausführungen von <em class="gesperrt">Schäffle</em>, Bau
-und Leben des sozialen Körpers, I, S. 192 und Gesellsch. System, § 46.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Vgl. meine »Wohnungs-Enquête in der Stadt Basel«, S.
-179&nbsp;f.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> Die Zahl ergibt sich, wenn man die Berufsgruppen A&ndash;E
-zusammenfasst und dazu die Dienstboten addiert. Es waren dann 1907
-vorhanden.</p>
-
-<table summary="Erwerbstätige 1907">
- <tr>
- <td class="padr0_5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">erwerbstätige</div>
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">Zunahme seit 1895</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr0_5">
- männliche Personen
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">18599236</div>
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">19.<span class="dezimal">8</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr0_5">
- weibliche Personen
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">&#8199;9492881</div>
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">44.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padr0_5">
- zusammen
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">28092117</div>
- </td>
- <td class="padr0_5">
- <div class="center">27.<span class="dezimal">0</span></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Fasst man dagegen die Hauptergebnisse nach der Statistik des Deutschen
-Reichs Bd. 202, I, S. 4&nbsp;f. für die gesamte Berufsbevölkerung
-einschliesslich der Berufslosen für 1907 zusammen, und stellt ihnen die
-entsprechenden Zahlen der beiden früheren Berufszählungen gegenüber, so
-erhält man folgendes Bild.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Die Bevölkerung nach
-dem Hauptberuf der Erwerbstätigen.</em></p>
-
-<table class="collapse" summary="Hauptberuf der Erwerbstätigen">
- <tr>
- <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2">
- <div class="center">Berufs-<br />
- und<br />
- Betriebs-<br />
- zählung</div>
- </td>
- <td class="btd bb br pad0_3 vam" colspan="2">
- <div class="center">Erwerbstätige<br />
- Personen</div>
- </td>
- <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2">
- <div class="center">Dienst-<br />
- boten für<br />
- häusliche<br />
- Dienste</div>
- </td>
- <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2">
- <div class="center">Angehörige<br />
- ohne<br />
- Haupt-<br />
- beruf</div>
- </td>
- <td class="s5 btd bbd pad0_3 vam" rowspan="2">
- <div class="center">Erwerbs-<br />
- tätige, Dienst-<br />
- boten und<br />
- Angehörige<br />
- zus.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bbd br pad0_3 vam">
- <div class="center">überhaupt</div>
- </td>
- <td class="bbd br pad0_3 vam">
- <div class="center">darunter<br />
- weibliche</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br">
- <div class="center">1882</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">18986494</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;4961228</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">1324924</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">24910695</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">45222113</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br">
- <div class="center">1895</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">22913683</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;6379942</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">1339316</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">27517285</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">51770284</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br">
- <div class="center">1907</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">30232345</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">10035705</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">1264755</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">30223429</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">61720529</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br">
- <div class="center">Zunahme</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">%</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">%</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">%</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">%</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">%</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br">
- <div class="center">1882&ndash;1895</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">20.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;28.<span class="dezimal">6&#8199;</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&ensp;1.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">10.<span class="dezimal">5</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">14.<span class="dezimal">5</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br">
- <div class="center">1895&ndash;1907</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">31.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;57.<span class="dezimal">3&#8199;</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&ndash;5.<span class="dezimal">6</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;9.<span class="dezimal">8</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">19.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br">
- <div class="center">1882&ndash;1907</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">59.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">102.<span class="dezimal">03</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&ndash;4.<span class="dezimal">8</span></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">21.<span class="dezimal">3</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">36.<span class="dezimal">5</span></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Natürlich verteilt sich die enorme Zunahme der Erwerbstätigen
-weiblichen Geschlechts nicht gleichmässig auf alle Berufsgruppen
-und Berufsstellungen. Es ist darum nötig, hier auf die Gliederung
-der Berufsstatistik etwas näher einzugehen, wobei der Vergleich der
-Einfachheit wegen auf die beiden letzten Berufszählungen beschränkt
-bleiben muss.</p>
-
-<p>Die Zunahme, bez. Abnahme (&ndash;) der Erwerbstätigen zwischen
-1895 und 1907 betrug:</p>
-
-<table class="collapse" summary="Hauptberuf der Erwerbstätigen">
- <tr>
- <td class="btd bbd br pad0_3 vam" rowspan="2" colspan="2">
- <div class="center">Berufsgruppen und Berufsstellungen</div>
- </td>
- <td class="btd bb br pad0_3 vam">
- <div class="center">männliche</div>
- </td>
- <td class="btd bb br pad0_3 vam">
- <div class="center">weibliche</div>
- </td>
- <td class="btd bbd pad0_3 vam" rowspan="2">
- <div class="center">Erwerbs-<br />
- tätige<br />
- überhaupt</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bbd br pad0_3 vam" colspan="2">
- <div class="center">Erwerbstätige</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" rowspan="4">
- A.&nbsp;
- </td>
- <td class="br vat">
- <em class="gesperrt">Land- u. Forstwirtschaft,<br />
- Gärtnerei, Tierzucht,<br />
- Fischerei</em>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;16.<span class="dezimal">4</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;67.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;19.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- a) Selbständige und Betriebsleiter
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;&#8199;2.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;&#8199;5.<span class="dezimal">4</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;&#8199;2.<span class="dezimal">6</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;&#8199;5.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;10.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;&#8199;2.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter)
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;&#8199;6.<span class="dezimal">5</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;78.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;11.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" rowspan="5">
- B.&nbsp;
- </td>
- <td class="br vat">
- <em class="gesperrt">Industrie einschliessl. des<br />
- Bergbaus</em>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;35.<span class="dezimal">4</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;38.<span class="dezimal">3</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;35.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- a) Selbständige und Betriebsleiter
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;&#8199;0.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;11.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;&#8199;2.<span class="dezimal">5</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- afr) Hausindustrielle
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;39.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;12.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&#8199;&ndash;27.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;144.<span class="dezimal">5</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;585.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&ensp;160.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- c) Gehilfen, Lehrlinge (Arbeiter)
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;42.<span class="dezimal">6</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;61.<span class="dezimal">4</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;45.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" rowspan="4">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
- C.&nbsp;
- </td>
- <td class="br vat">
- <em class="gesperrt">Handel, Verkehr,<br />
- Gastwirtschaft</em>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;44.<span class="dezimal">8</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;60.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;48.<span class="dezimal">7</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- a) Selbständige und Betriebsleiter
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;19.<span class="dezimal">4</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;21.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;20.<span class="dezimal">0</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- b) Verwaltungs- u. Aufsichtspersonal
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;70.<span class="dezimal">5</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;564.<span class="dezimal">8</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;93.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br vat">
- c) Gehilfen, Lehrlinge
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;56.<span class="dezimal">0</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;65.<span class="dezimal">8</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">&ensp;&#8199;58.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- D.&nbsp;
- </td>
- <td class="br vat">
- <em class="gesperrt">Häusliche Dienste und<br />
- wechselnde Lohnarbeit</em>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&#8199;&ndash;24.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;37.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;&#8199;9.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat bbb">
- E.&nbsp;
- </td>
- <td class="br vat bbb">
- <em class="gesperrt">Oeffentlicher Dienst und<br />
- freie Berufsarten</em>
- </td>
- <td class="br vab bbb">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;16.<span class="dezimal">1</span></div>
- </td>
- <td class="br vab bbb">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;63.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- <td class="vab bbb">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;21.<span class="dezimal">9</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="br" colspan="2">
- <div class="right">Zusammen A&ndash;E&emsp;</div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;19.<span class="dezimal">8</span></div>
- </td>
- <td class="br vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;56.<span class="dezimal">6</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center bold">&ensp;&#8199;29.<span class="dezimal">2</span></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Frauen gehört der Berufsgruppe
-A an (1907: 4598986), in der die in der Landwirtschaft helfenden
-Familienangehörigen des Betriebsleiters sehr stark ins Gewicht fallen;
-auf die Berufsgruppe B kommen 2103924, C: 931373, D: 320904 und E:
-288311.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Das Einküchenhaus scheint schon bei dem ersten
-Versuche Fiasko erlitten zu haben. Dennoch hat ihm die »Neudeutsche
-Bauzeitung« vor kurzem eine Spezialnummer gewidmet, in welcher namhafte
-Architekten und Kunstschriftsteller sich über die »wirtschaftlichen
-und künstlerischen Möglichkeiten des Einküchenhauses« aussprechen.
-Von dem, was <em class="gesperrt">van der Velde</em> darüber schreibt, sei folgendes
-wiedergegeben: »Man muss sich für die soziale und kulturelle Seite
-des Problems begeistern, und für diejenigen, die sich aufregen und
-leiden, wenn sie sehen, <em class="gesperrt">wieviele Frauen unter der Last tausend
-kleiner Haushaltungssorgen ihre besten Eigenschaften einbüssen</em>,
-ist die Idee direkt erlösend. Ausserdem trägt sie den Keim zu
-<em class="gesperrt">einer noch vollständigeren Gemeinschaft zwischen in demselben
-Hause lebenden Menschen</em> in sich. Denn wir werden uns nicht lange
-mit dem Haus begnügen, in dem <em class="gesperrt">nur</em> die Küche gemeinschaftlich
-ist, wir werden auch bald den gemeinsamen Raum verlangen, wo <em class="gesperrt">für
-alle die Stiefel geputzt und die Kleider gebürstet werden</em>, wo
-das Geschirr abgewaschen und alle grobe Hausarbeit von Angestellten
-einer Zentralorganisation<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> verrichtet wird, die wir weder sehen noch
-hören werden und die wir nur für ihre Dienste entlohnen müssen. Alles
-drängt uns zu dieser Entwicklung, der Mangel an Dienstboten und
-der Wunsch, sie so wenig wie möglich um uns zu sehen.« Die Frauen
-haben, wie man sieht, alle Ursache zu dem Wunsche: Gott schütze uns
-vor unsern Freunden! Grenzt es nicht fast an Wahnwitz, wenn die
-Zeitungen im Anschluss an obige Ausführungen folgende Expektoration
-einer Amerikanerin beifällig wiederholen: »Fünfzig Feuer da, wo ein
-einziges genügen würde. Sie können ja an ihrem Tisch im Familienkreis
-mit ihren Kindern essen, wenn sie wollen, aber warum sollen fünfzig
-Frauen ihre Morgenstunde verlieren, um ein paar Tassen Kaffee zu
-machen und das so einfache Frühstück zu bereiten? Warum fünfzig Feuer,
-wenn zwei Personen und ein einziges Feuer genügen würden, um all das
-Fleisch und Gemüse zu kochen? Warum ist der Wert der Frauenarbeit
-niemals anerkannt worden? Warum sind die Frauen in jeder Familie,
-wo oft drei bis vier Dienstboten gehalten werden, gezwungen, ihre
-ganze Zeit (!) den Küchenangelegenheiten zu widmen? Weil selbst
-diejenigen, die die Befreiung der Menschheit wollen, nicht die Frau
-in ihrem Befreiungstraum verstanden haben &mdash; und weil sie es von
-ihrer hohen männlichen Würde herab für unwürdig halten, an diese
-»Küchenangelegenheiten« zu denken, die sie von sich abgewältzt haben
-auf die Schultern der grossen Dulderin Frau!«</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Die im Oktober 1909 in Berlin abgehaltene
-Generalversammlung des Verbands fortschrittlicher Frauenvereine meinte
-den Schrecken über die Ergebnisse der Berufszählung von 1907 dadurch
-überwinden zu können, dass sie einem »Verband für handwerksmässige
-und fachgewerbliche Ausbildung der Frau« das Wort redete. Sie ging
-dabei von der durch nichts beweisbaren Annahme aus, dass der Zuwachs
-erwerbstätiger Frauen seit 1895 durchweg aus »ungelernter Arbeit«
-bestehe. Die Frauen leisteten in der neuen deutschen Volkswirtschaft
-in überwiegendem Masse nichts anderes als »Kuli-Arbeit«. Dem soll nun
-abgeholfen werden durch fachgewerbliche Ausbildung. (Vgl. »Soziale
-Praxis« XIX, S. 55&nbsp;f.) Ganz abgesehen von der Frage, ob hier von
-einer richtigen Annahme ausgegangen ist, wird man ernste Zweifel
-hegen dürfen, ob damit an der Tatsache etwas geändert werden kann,
-dass auch bei gleicher Leistung die Frauenlöhne niedriger sind als
-die Männerlöhne und dass die Erwerbsarbeit der Frauen &mdash; einerlei,
-ob sie<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> »gelernte« oder »ungelernte« Arbeit ist &mdash; unter der heutigen
-Wirtschaftsorganisation in der Hauptsache nur abhängige Arbeit sein
-kann. &mdash; Uebrigens scheinen die Fälle, in denen eine ordnungsmässige
-Ausbildung weiblicher Handwerkslehrlinge Platz greift, schon jetzt
-ziemlich häufig zu sein, wie die Ergebnisse einer von dem erwähnten
-Verbande veranstalteten Erhebung vermuten lassen. Vgl. darüber
-Volkswirtsch. Blätter VIII (1909) S. 397.</p>
-
-</div>
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-<hr class="r25" />
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-<pre>
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-End of Project Gutenberg's Die Frauenfrage im Mittelalter, by Karl Bücher
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE IM MITTELALTER ***
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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