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diff --git a/59464-0.txt b/59464-0.txt new file mode 100644 index 0000000..dce69e6 --- /dev/null +++ b/59464-0.txt @@ -0,0 +1,8850 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59464 *** + + + + + + + + + + Lion Feuchtwanger + Die häßliche Herzogin + + + Dieses Buch wurde als zweiter Band + der fünften Jahresreihe für die + Mitglieder des Volksverbandes der + Bücherfreunde hergestellt und wird + nur an diese abgegeben. Den Einband + zeichnete Walter Wellenstein + + + Nachdruck verboten + Copyright 1923 by Volksverband der Bücherfreunde, + Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin + + + + + Die häßliche Herzogin + + + Roman + von + Lion Feuchtwanger + + + Volksverband der Bücherfreunde + Wegweiser-Verlag G. m. b. H. + Berlin 1923 + + + + + Erstes Buch + + + + +Zwischen der Stadt Innsbruck und dem Kloster Wilten auf weitem, freiem +Blachfeld hoben sich Gezelte, Fahnenstangen; Tribünen waren +aufgerichtet, eine Art Rennbahn abgesteckt für Turniere und andere +sportliche Spiele des Adels. Für viele tausend Menschen war Raum +geschaffen, Bequemlichkeit, Vorbereitung zur Kurzweil. Schon das zweite +Jahr bedeckten diese Zelte die Felder von Wilten, wartend auf die große, +prächtige Hochzeit, die Heinrich, Herzog von Kärnten, Graf von Tirol, +König von Böhmen, ausrichten wollte. Die Klosterbrüder sorgten dafür, +daß der Wind die Zelte nicht schädige, daß die Arena für die sportlichen +Spiele nicht zuwachse, daß die Tribünen nicht zusammenmorschten. Aber +das Fest zögerte sich hinaus, der zweite Hochzeitsplan schien sich +ebenso zerschlagen zu haben wie der erste. Die Bürger von Innsbruck, die +Mönche von Wilten schmunzelten, die Berge schauten gleichmütig herunter. +Die Frauen der Innsbrucker spazierten zwischen den feinen, bunten +Leinwänden, die Kinder spielten Haschen über die Tribünen hin, +Liebespaare benutzten die Zelte zu willkommenem Versteck. + +Der alternde König Heinrich -- ganz Europa ließ ihm gutmütig und ohne +Spott den Königstitel, trotzdem er sein Königreich Böhmen längst +verloren hatte und nur mehr die Grafschaft Tirol und das Herzogtum +Kärnten besaß --, ritt mißmutig zwischen den Zelten. Er hatte in der +Abtei Wilten ein kleines Frühstück genommen, gebackene Forellen in +Ingwer gesotten, Hühner in Mandelmilch, zum Nachtisch Gratias und +Konfekt. Aber sie verstanden sich in Wilten nicht auf wirklich erlesene +Küche: die Nuancen fehlten. Der Abt war ein wackerer, beflissener, +gescheiter Herr und ein guter, verwendbarer Diplomat, aber von den +Nuancen der Küche verstand er nichts. Ihm jedenfalls, dem König, hatte +es nicht geschmeckt, und während sonst nach dem Essen seine Laune sich +zu heben pflegte, war sie jetzt noch trüber als zuvor. Er ritt das +kleine Stück Weges nach Innsbruck ohne Rüstung. Die knappe, modische +Kleidung beengte ihn; es war nicht zu leugnen, er wurde jetzt von Monat +zu Monat fetter. Aber er war ein weltmännischer, ritterlicher Herr; er +saß prächtig auf seinem edlen, geschmückten Pferd und ließ sich von den +unmäßig langen, weiten Ärmeln nicht behindern. + +Leichter Wind ging, flockte den Schnee auf, bauschte die Zeltwände, ließ +sie flattern, klatschen. Das kleine Gefolge war zurückgeblieben, der +König ritt allein, langsam, lässig. Beschaute verdrießlich die +weitläufigen, festlichen Anstalten. Seine glattrasierten Backen hingen +schlaff, träg und fett, der Mund baute sich vor, groß, häßlich, mit +gewulsteter, mächtiger Unterlippe. Seine hellen, wässerigen Augen gingen +verärgert über die Stadt aus Leinen, über die Tribünen, die Schranken +der Arena. Er war gewiß ein gutmütiger, verträglicher Herr. Aber +schließlich hatte auch seine Langmut Grenzen. Nun hatte Johann, der +Luxemburger, ihn zum zweitenmal zum Narren gehabt: ihm zum zweitenmal +die Braut zugesagt, alles feierlich abgesprochen -- ihn zum zweitenmal +sitzen lassen. + +Er schnaubte, sein Atem blies durch die kleine, platte Nase, stand in +starken Dunstwolken in der kalten, nebligen Schneeluft. Eigentlich war +er Johann, dem Luxemburger, trotz allem nicht böse; es fiel ihm +überhaupt schwer, jemandem böse zu sein. Johann hatte ihn schmählich aus +Böhmen hinausgejagt, so daß von seinem Königtum nur der leere Titel +blieb; aber er hatte sich von dem liebenswürdigen, eleganten Mann +mühelos wieder versöhnen lassen, als der ihm finanzielle Entschädigung +und die Hand seiner schönen, jungen Schwester Maria bot. Auch als der +Luxemburger sein Versprechen nicht halten und seine Schwester nicht zu +der Heirat überreden konnte, hatte er weiter kein großes Gewese gemacht +und sich bereit erklärt, mit der andern Braut vorliebzunehmen, die der +Luxemburger ihm vorschlug, mit Johanns Kusine Beatrix von Brabant. Doch +daß jetzt auch die ausblieb, das war zuviel. Der Bartholomäustag, an dem +sie hatte eintreffen sollen, war längst vorbei; Johanns liebe Muhme von +Brabant war nicht gekommen, die schönen Zelte auf den Wiltener Feldern +warteten vergebens. Der Luxemburger wird gewiß wieder eine zierlich +gedrechselte Ausrede wissen. Allein diesmal wird sich König Heinrich +nicht so glatt beschwichtigen lassen. Auch die Langmut eines +vielgeprüften christlichen Königs hat ihr Maß und Ziel. + +Er wippte ärgerlich mit der kostbar verzierten Reitgerte. Er erinnerte +sich sehr deutlich, wie er zuletzt mit Johann zusammengewesen war, im +Mai, und alles abgesprochen hatte. Der Luxemburger, das mußte man +zugeben, war in fabelhaft eleganter Aufmachung erschienen. Er trug, +ebenso wie alle Herren seines Gefolges, die neueste Tracht, die eben in +Katalonien und Burgund aufgekommen war, und die man in Deutschland noch +nie gesehen hatte: ungeheuer enge, knappe Kleider -- man brauchte zwei +Diener, um sie über die Glieder zu zerren -- aus vielfarbigem Stoff, mit +Schachbrettflicken besetzt, weite Ärmel, fast bis zu den Knien +herabhängend. Er selber, König Heinrich, legte größtes Gewicht auf +modisches Auftreten; doch der Luxemburger -- es war nicht zu bestreiten +-- war ihm über. Alle die böhmisch-luxemburgischen Herren -- wie sie es +nur in der kurzen Zeit hatten fertigbringen können! -- hatten auch +bereits die neue Haartracht getragen: Vollbart und langes Haar an Stelle +des glattrasierten Gesichts und des kurzen Haarschnitts, wie es seit +seinem frühesten Erinnern, ja wohl seit der Stauferzeit, Kavaliersitte +gewesen war. Es hatte ihn wirklich überrascht und ihm imponiert, wie +sicher und selbstverständlich der Luxemburger über Nacht in die neue +Mode hineingewachsen war. Er hatte denn auch voll heimlicher Bewunderung +mit Johann nur über Fragen der Mode gesprochen, dazu über Frauen, +Pferde, Sport, und die Politik und die zu erledigenden geschäftlichen +Fragen der Hochzeit seinen Räten überlassen. Seine Herren, der +behutsame, ergebene Abt von Wilten, der vielbelesene, beredte Abt +Johannes von Viktring, sein stattlicher Burggraf Volkmar, seine lieben, +klugen Herren von Villanders, von Schenna verstanden diese peinlichen, +langweiligen Gelddinge ja wirklich viel besser als er selber, in ihren +treuen und gewandten Händen lag die Abfassung des Vorvertrags viel +sicherer. Er hatte sich darum auch auf das Gesellschaftliche beschränkt, +und wenn König Johann die Vorzüge der Pariser und Burgunder Damen pries, +mit denen er zu abenteuern liebte, so hatte er dem die festen Reize der +Tirolerinnen entgegengehalten, die er sehr, aber sehr genau und aus +immer neuer Anschauung kannte. Schließlich hatte ihm dann sein lieber +Sekretär, der Abt Johannes von Viktring, den fertigen Vorvertrag +vorgelegt, hatte einen lateinischen Vers zitiert: »Und so wäre denn +dieses zum schönen Ende beschlossen,« hatte versichert, jetzt sei alles +gut und erledigt, er werde bestimmt zu Bartelemi die Braut und +dreißigtausend Mark Veroneser Silbers bekommen. Und da war er nun und +ritt herum auf seinem Festplatz. Die Zelte waren da, die Fahnenstangen, +der Turnierplatz -- aber keine Braut und kein Geld. + +Am Wege des Königs stand ein kleiner Knabe. Er hatte das Pferd nicht +kommen hören; er hockte eifrig und angestrengt im Winkel eines Zeltes, +hatte den Rock hochgehoben, verrichtete seine Notdurft. Der König +ergrimmte über solche Besudelung seines Hochzeitsplatzes, schlug nach +dem Knaben. Gleich aber, wie der losheulte, hatte er Mitleid, bereute, +warf ihm eine Münze zu. + +Nein, es ging wirklich so nicht länger. Wie da die Zelte standen und +warteten, das war seiner Majestät unwürdig. Er wird Schluß machen mit +dem Luxemburger und seinen windigen Projekten. In Innsbruck trifft er +den Österreicher, den Herzog, den lahmen Albrecht. Mit dem wird er +Kontrakt schließen, sich von dem Österreicher die Braut verschreiben. +Ist er auf Luxemburg angewiesen? Gotts Marter! Was ihm Luxemburg nicht +schaffen kann oder will, das wird ihm Habsburg schaffen. + +Er war nicht geneigt, Verdruß lang in sich zu halten. Sowie er seinen +Entschluß gefaßt hatte, ließ er den Ärger in die freie, kalte, fröhliche +Gottesluft hinaus. Er sah mit ganz anderen, lustigen Augen auf den +festlichen Aufbau ringsum. Lacht ihr nur! Der wird jetzt bald seinen +guten Sinn haben. Er richtete sich höher, pfiff ein kleines, keckes +Lied, spornte sein Pferd, daß seine Herren sich beeilten, ihm +nachzukommen. + + * * * * * + +Die fünf Herren des engsten Gefolges hatten, die weitläufige Zeltstadt +durchreitend, halbe, andeutende, lächelnde Sätze über die verzögerte +Hochzeit des Königs getauscht. Sie waren alle fünf weit begabter als ihr +Herr, sie quetschten ihn, vor allem der brutale Burggraf Volkmar, nach +Kräften aus, preßten ihm immer neue Belehnungen, Herrschaften, +Steuerverpachtungen ab. Aber bei alledem hingen sie in ihrer Art an dem +gutmütigen, sanguinischen, bequemen Fürsten. Er war ein freigebiger +Herr, fromm, ein guter Kumpan, geneigt zu Festen und Sport, den Frauen +zugetan; er liebte modische Kleider, jegliches Behagen, er hatte auch +Phantasie, war für jedes Unternehmen leicht zu haben; nur pflegte er +rasch zu erlahmen, hielt nicht durch. In einer Zeit, in der alle Politik +so ganz von der Persönlichkeit des Fürsten abhing, hatte ein solcher +Herr nicht gerade die besten Aussichten, und seit dem böhmischen +Abenteuer war er für die große europäische Politik auf alle Zeit +erledigt. So wenig er das ahnte, so genau wußten das die Herren. Sie +wußten: mit ihm wurde Politik gemacht -- nicht er machte sie. + +Aus diesem Wissen heraus überschauten sie auch die Heiratspläne +Heinrichs, und die wartenden Zelte hatten für sie einen sehr anderen, +ironischeren Sinn als für den guten König. + +Am Hebel der Geschicke des Römischen Reichs saßen drei Fürsten. Der +rasche, glänzende, schillernde Johann von Luxemburg-Böhmen, der schwere, +schwankende Ludwig von Wittelsbach, der zähe, weitsichtige Albrecht von +Habsburg, den seine Lähmung hart und zum Lenker seiner mitregierenden +Brüder gemacht hatte. Die drei Fürsten waren gleich an Macht, streckten +die Hand nach der Herrschaft über das Reich und die Christenheit, saßen +gespannt, belauerten sich. Äugten nach dem Land in den Bergen, nach +Kärnten und Tirol, wo Heinrich saß, der alternde Witwer ohne männlichen +Erben. Hier war eine Möglichkeit, die einzige, Macht und Besitz +entscheidend zu mehren. Das Land in den Bergen, das reiche, schöne, +fruchtbare berühmte Land, dehnte sich von den burgundischen Grenzen bis +zur Adria, von der Bayerischen Hochebene in die Lombardei. War die +Brücke von den österreichischen Besitzungen der Habsburger zu ihren +schwäbischen, von Deutschland nach Italien, der Schlüssel zum Imperium. +Seinen Herrn, den gutmütigen, alternden Lebemann zu gewinnen, zu +beerben, schien jedem der drei Fürsten erreichbar. Sie stellten seine +Sehnsucht, zu seinen vielen unehelichen Söhnen und seinen beiden +ehelichen Töchtern einen echten männlichen Erben zu haben, in ihre +Rechnung, lockten ihn mit seinen Heiratsplänen. + +Die fünf Herren, die drei Ritter in ihren Rüstungen, die beiden Äbte in +Reisekleidern von sehr weltlichem Schnitt, lächelten, wenn sie daran +dachten, wie König Heinrich diese Zusammenhänge nicht sehen, wie er sie +vor sich selber verstecken wollte. Er tat, als mühten sich der +Luxemburger, der Wittelsbacher, der Habsburger nur aus fürstlicher Lieb' +und Treue, aus Freundschaft, ihm die rechte Braut zu finden. + +Am unbedenklichsten war dabei Johann vorgegangen, der Luxemburger. Erst +hatte er Heinrich seine junge, schöne Schwester Maria angetragen und +zwanzigtausend Mark Veroneser Silbers, als Gegengabe die Vermählung +einer der Töchter Heinrichs mit einem der kleinen luxemburgischen +Prinzen verlangend. Er hatte den alten, lüsternen Witwer mit Bildern +Marias gereizt, ohne die zarte, feine, strahlende Prinzessin auch nur +mit einem leisen Wort um ihre Zustimmung gefragt zu haben. Es war +unschwer zu verstehen, daß die junge, liebliche Luxemburgerin, die +Kaiserstochter, sich mit allen Mitteln gegen die Heirat mit dem alten, +schlaffen Lebemann sträubte. Sie hatte ein Gelübde ewiger +Jungfräulichkeit getan, aber dies Gelübde -- die Herren feixten, als sie +in schleierigen Worten davon sprachen -- hatte sie nicht gehindert, +wenige Monate später sich dem König von Frankreich zu vermählen. + +Wahrscheinlich hatte Johann, von vornherein wissend, daß er seine +Schwester niemals zu der Heirat mit dem Kärntner vermögen werde, den +alten König, der sich kindisch auf einen wohlgestalten Prinzen aus +dieser Ehe freute, nur hinhalten wollen. Gewiß war, daß er das +zweitemal, im Fall der Beatrix von Brabant, ein leichtfertiges Spiel mit +dem alten Fürsten trieb. Durch das Versprechen einer noch weit reicheren +Mitgift hatte er Heinrich einen Vertrag abgelistet, demzufolge Heinrichs +kleine Tochter Margarete einen von Johanns kleinen Söhnen heiraten und, +falls Heinrich ohne männliche Nachkommen mit Tod abginge, seine Länder +erben sollte. Damit hatte er die Handhabe, sowie der alte Fürst ohne +Sohn starb, seine Hand auf Kärnten, Görz, Tirol zu legen. Nun hatte er +zwar durch sorgfältige Prüfung der mannigfachen Liebesabenteuer +Heinrichs festgestellt, daß der rasch abgeblühte König in den letzten +vier, fünf Jahren von keiner seiner Geliebten mehr ein Kind bekommen +hatte. Immerhin, hier konnte kein Arzt und kein noch so erfahrener +Lebemann mit Sicherheit voraussagen; je länger der Luxemburger die +Heirat des Königs hinauszog, desto mehr schwand dessen Aussicht auf +männliche Nachkommen, desto größer wurde die eigene Hoffnung, durch +seinen kleinen Sohn das Land in den Bergen und damit das römische +Imperium in die Hand zu kriegen. + +Sehr genau sahen die Herren diese Verknüpfungen, sehr genau wußten sie, +daß hier der letzte Grund war, aus dem die festlichen Zelte so leer und +betrübt dastanden. Wenn des Luxemburgers liebe Muhme von Brabant, +Tochter des Sire von Louvain und Gaesbecke, Nichte des verstorbenen +Kaisers, des siebenten Heinrich, zögerte, wenn sie vorgab, sie sei die +einzige Stütze ihrer Eltern, sie wolle ihr schönes Flandern nicht mit +dem fremden, beängstigenden Bergland vertauschen -- ei, sehr dringlich +hatte ihr das der Luxemburger wohl nicht auszureden versucht. + +Die Herren standen dem ganzen Heiratsplan, der recht eigentlich der Kern +aller alpenländischen Politik war, im Grund unbehaglich und zwiespältig +gegenüber. Der Burggraf Volkmar zwar, wuchtig und brutal in seiner +gewaltigen Rüstung, sagte mit seiner harten, knarrenden Stimme, ob +Luxemburg, ob Habsburg, es sei gut, wenn der König endlich die Braut im +Bett habe; die Majestät und mit ihr sie selber, seine Räte und Herren, +machten sich lächerlich von Sizilien bis in die fernste Nordmark mit +diesem endlos verhinderten Beilager. Allein das klang ein wenig krampfig +und unecht, und sowohl der schlaue, wortkarge Tägen von Villanders wie +Jakob von Schenna, der feine, hagere Herr, der jüngste der Räte, zu +dessen müdem Skeptikergesicht die Rüstung schlecht stand, machten +zweifelnde Mienen. Der König Heinrich verstand so angenehm wenig von +Finanzen; er überließ die Verwaltung ganz seinen Räten, und wenn die bei +Rechnungsablage klagten, was für Mühe sie gehabt und wie sehr sie +daraufgezahlt hätten, so bedankte er sich mit vielen freundlichen Worten +und hielt trotz seiner immer leeren Kassen nicht zurück mit Belehnung, +Privilegien, Steuerpachten. Man wurde auf schöne, leichte, behagliche +Art fett bei ihm, rundete, mästete Gut und Truhe. Wenn sich jetzt -- die +Herren seufzten -- ein Fremder in diesen bequemen Pfuhl hineinlegt, wird +man es, trifft man noch so viel Vorkehrungen, auf keinen Fall mehr so +leicht haben. + +Wirklich vergnügt waren die beiden Prälaten, der schlaue, kleine, magere +Abt von Wilten und der betuliche, redselige, behagliche Johannes von +Viktring. »Lehrreich ist es und schön, das Treiben der Großen zu sehen,« +zitierte dieser einen antiken Klassiker, und beide hatten sie ihre +große, stille, sportliche Freude an der Diplomatie des Luxemburgers. Sie +waren nicht unbescheiden; ob Heinrich, ob der Luxemburger, ob der +Habsburger, sie werden von jedem herauszubekommen wissen, was sie für +ihre freundlichen, sauberen, fetten Abteien brauchten. So warteten sie +mit fast unparteiischer Neugier, wie der Kampf zwischen Albrecht von +Österreich und Johann von Böhmen ausgehen werde, und beschauten mit +Wohlwollen die dicke, fromme, gutmütige, lebenslustige Schachfigur, die +König Heinrich in dem hohen Spiel der drei mächtigsten Deutschen +darstellte. + +Die Herren holten den König ein, der straffer auf seinem Pferd saß, +sahen, wie er sich aufgehellt hatte, errieten seinen Entschluß, sich von +dem Habsburger unter allen Umständen die Braut verschreiben zu lassen. +Nun ja, so oder so, einmal mußte die Angelegenheit zum Streich kommen. +Gut, man wird sich also auf den Habsburger einstellen. + +Doch als nach wenigen Monaten die Zelte von Wilten sich endlich wirklich +mit den Festgästen bevölkerten, war freilich eine andere Beatrix die +Braut, jene, die Albrecht von Österreich vorgeschlagen hatte, Beatrix +von Savoyen; allein Johann von Luxemburg hatte sich eingeschoben, Johann +von Luxemburg hatte die Hochzeit vermittelt, den Vorvertrag +unterzeichnet und garantiert, Johann von Luxemburg zahlte die Mitgift +oder versprach wenigstens, sie zu zahlen, und sein kleiner Sohn Johann +war der Bräutigam Margaretes von Kärnten und Erbe des Landes in den +Bergen. + + + + +Die zwölfjährige Margarete, Prinzessin von Kärnten und Tirol, reiste von +ihrem Stammschloß bei Meran nach Innsbruck zur Hochzeit mit dem +zehnjährigen Prinzen Johann von Böhmen. Ihr Vater, König Heinrich, hatte +ihr vorgeschlagen, sie solle die nahe Straße über den Jaufenpaß nehmen. +Aber sie zog den riesigen Umweg über Bozen und Brixen vor, denn sie +wollte sich weiden an den Huldigungen der menschenvollen Siedlungen an +dieser Straße. + +Sie reiste mit großem Gefolg. Die Herren ritten langsam, die +schöngeschmückten, kostbaren Planwagen der Damen knarrten holpernd die +bergigen Straßen hinauf, hinab, stießen erbärmlich. Viele Damen zogen +Maultiere vor, trotzdem sich das eigentlich nicht schickte, oder sie +ließen sich auch für eine kurze Strecke von den Herren aufs Pferd +nehmen. + +Die kleine Prinzessin saß in einer prunkvollen Roßsänfte mit ihrer +Hofmeisterin, einer Frau von Lodrone, und ihrem Kammerfräulein Hildegard +von Rottenburg, einem dürren, unansehnlichen, ungeheuer dienstwilligen +Geschöpf. Die beiden Damen seufzten und lamentierten immerzu über den +Staub der schlechten Straße, den Gestank der Pferde, das endlose +Geschaukel; aber die Prinzessin ertrug die Strapazen ohne leiseste +Klage. + +Still und ernsthaft saß sie, aufgeputzt, pomphaft. Die Taille war so +eng, daß sie sie schnürte; die Ärmel aus schwerem, grünem Atlas hingen +übertrieben modisch zum Boden; ein Eilkurier hatte ihr aus Flandern +eines der neuartigen, kostbaren Haarnetze bringen müssen, wie sie eben +dort aufgekommen waren. Eine schwere Halskette prahlte über dem +Ausschnitt, große Ringe an den Fingern. So saß sie, ernsthaft, +schwitzend, überladen, prunkvoll zwischen den verdrießlichen, ewig +jammernden Frauen. + +Sie sah älter aus als ihre zwölf Jahre. Über einem dicklichen Körper mit +kurzen Gliedmaßen saß ein großer, unförmiger Kopf. Wohl war die Stirne +klar und rein, und die Augen schauten klug, rasch, urteilend, spürend; +aber unter einer kleinen, breiten, platten Nase sprang der Mund äffisch +vor mit ungeheuren Kiefern, wulstiger Unterlippe. Das kupferfarbene Haar +war hart, spröde, stumpf, ohne Glanz, die Haut kalkig grau, bläßlich, +unrein, lappig. + +So fuhr das Kind von Kärnten durchs Land unter einem strahlenden +Septemberhimmel. Wo sie hinkam, grüßten Zinken und Trompeten, Glocken +läuteten, Fahnen wehten. In Brixen holten Bischof und Kapitel +feierlich die Tochter und Erbin ihres Schirmvogts ein. Die +großen Feudalaristokraten empfingen sie an den Grenzen ihrer +Lehensherrschaften. Am Weichbild der Städte erwarteten sie mit +festlichem Gruß die Behörden. + +In klarer, kluger, lateinischer Rede, herrisch und sehr erwachsen +erwiderte Margarete die unterwürfigen Worte der Huldigenden. Ehrfürchtig +starrte das Volk sie an, grüßte sie wie das Sanktissimum, hob die Kinder +hoch, daß sie ihre künftige Fürstin sähen. + +War sie vorbei, schaute man sich an, feixte. »Das überworfene Maul! Wie +eine Äffin!« höhnten Frauen, die unansehnlich waren und dürftig von +Gestalt. Schöne hatten Mitleid. »Die Arme! Wie sie häßlich ist!« + +So zog das Kind durch das Land, kalkig, blaß, dicklich, ernsthaft, +schwer von Pomp wie ein Götzenbild. + + * * * * * + +In dem großen Empfangszelt der leinenen Stadt vor Wilten prunkten die +kostbaren Gobelins und Teppiche, rauschten feierlich die Banner, standen +gravitätisch die Wappen von Luxemburg, Kärnten, Krain, Görz, Tirol. Der +zehnjährige Prinz Johann erwartete die Braut, die ihm vermählt werden +sollte. Mager, knochig, sehr groß für seine Jahre, stand der Prinz, der +dünne, lange Kopf leidlich hübsch, doch versteckten sich tief in den +Höhlen bösartige, kleine Augen. Unbehaglich rieb er sich in seinen +engen, modischen Kleidern, die schmale Brust peinlich zerstoßen in einer +rein dekorativen Halbrüstung, die er bei diesem Anlaß zum erstenmal +trug. So drückte er sich, schwitzend, sonderbar unsicher, zwischen den +fünfzehn böhmischen und luxemburgischen Herren herum, die ihm das +Geleite gegeben. + +Trompeten, sich senkende Fahnen. Die Prinzessin kam. Der Erzbischof von +Olmütz trat vor, begrüßte sie im Namen des Prinzen mit tönenden, geübten +Worten. Dann standen sich die beiden Kinder gegenüber, der geschmückte +Knabe in seiner Zierrüstung und das prunkschwere Mädchen. Prüfend +beschauten sie sich. Unbehaglich blinzelte, scheu und trotzig aus +kleinen, bösartigen Augen Johann nach seiner häßlichen Braut; kühl, fast +verächtlich sah Margarete auf den langen, stakigen, unsicheren Knaben. +Dann, zögernd, zeremoniös, reichten sie sich die Hände. + +Die Väter kamen. Bewundernd sah Margarete den riesigen, strahlenden +König Johann. Welch ein Mann! Und der Luxemburger, der ein sehr geübter +Politiker war, überwand sich. Zuckte nicht zurück. Hoch hob er in seinen +starken Armen das häßliche, dickliche, prunkende Kind, das seinem Sohn +Kärnten, Krain, Tirol, Görz zubrachte, und vor aller Augen küßte er die +Zitternde, ihm dringlich in die Augen Starrende, glückselig +Erschlaffende auf den breiten, äffisch vorgebauten Mund. Der alternde +König Heinrich stand froh und gerührt, die hellen Augen noch wässeriger +als sonst. Mit seiner fleischigen, immer etwas zitternden Lebemannshand +schüttelte er die kalt schwitzende, kraftlose, knochige seines kleinen +Schwiegersohns, redete zu ihm wie zu einem Erwachsenen. + +Und es klangen die Hörner, dröhnten die Pauken, das Festmahl begann. In +Scharlach und Gold glänzte das Zelt, in dem die Kinder Galatafel +hielten. Drei strotzende Tische bogen sich unter den Schaugerichten. Die +Bistümer Trient und Brixen hatten ihr kostbares Tischzeug geliehen, die +Städte Bozen, Meran, Sterzing, Innsbruck, Hall ihr Prunkgeschirr. Schwer +zu Häupten des Brautpaars prahlten die Standarten mit den ungefügen +Wappentieren. Hoch auf ihren wuchtigen, geschmückten Streitrossen trugen +die ersten Herren Böhmens, Kärntens, Tirols die Speisen herbei für die +fürstlichen Kinder, unter Vortritt der Musik. Ritter reichten Wasser, +Handtücher nach jedem Gang, schenkten Wein, schnitten Speisen vor. +Ernsthaft unter Scharlach und Gold mit alten Gesichtern thronten die +Kinder. + +Der gute König Heinrich schwamm in Glück. Er ging hinüber zu seiner +neuen Gemahlin, der jungen, schüchternen, bleichsüchtigen, immer +fröstelnden Beatrix von Savoyen, die am Tisch der fürstlichen Damen +präsidierte, tätschelte ihre Hand, trank ihr zu. Schlenderte wieder +zurück zu dem Luxemburger, dem ersten Ritter, dem galantesten Weltmann +der Christenheit. Es tat wohl, sich Seite an Seite mit diesem zu fühlen, +eins mit ihm. Der war anders als der ernsthafte, fade Bayer, der Kaiser +Ludwig, der immer nur von Politik sprach und von Militär. Der gehörte zu +ihm, war von seiner Art. Er, Heinrich, lebte und liebte herum auf seinen +Schlössern Zenoberg, Gries, Trient, auf den Burgen seiner Edelleute, und +ihre Damen waren geehrt und erfreut, wenn sie ihrem Fürsten ihre +Ergebenheit zeigen konnten. Auch auf Reisen ging er keinem Erlebnis aus +dem Weg, sah es gern, wenn etwa der Magistrat einer Stadt ihn feierlich +einlud, das Frauenhaus zu besuchen. Doch dieser Johann war ihm -- +Sakrament und neungeschwänzter Teufel! -- noch über. Es gab keine Stadt +von der spanischen Grenze bis tief ins Ungarische, von Sizilien bis ins +Schwedische, wo der nicht sein Wesen getrieben hätte. Durch die Straßen, +nachts, strich er, verkleidet, lüstern wie ein Kater, scharmutzierte mit +den Bürgersfrauen, prügelte sich herum mit gekränkten Liebhabern. Ganz +Europa war voll von seinen merkwürdigen, frechen, süßen, glänzenden +Abenteuern. Selig, schon sehr stark unter Wein, rückte Heinrich ganz +nahe an den Luxemburger; er war ihm ehrlich zugetan, ganz ohne Neid. +Gewiß, er war etwas älter, ein wenig reifer; aber alles in allem +erblickte er in diesem Johann nur sein eigenes Widerspiel, so etwas wie +einen gleichgearteten jüngeren Bruder. In fröhlicher Ahnungslosigkeit +glaubte er, die Welt müsse in ihm selber das gleiche sehen wie er in +jenem. + +Er trank stark, gluckste, stieß mit schwimmenden Augen, in kichernder +Kollegialität, den Luxemburger in die Seite, lallte ihm flüsternd +anstößige Geheimnisse zu. Der kluge, glänzende Johann ging freundlich +auf die greisenhaft geschwätzige Vertraulichkeit des Kärntners ein, ließ +durch keine leiseste Geste merken, daß er ihn für einen alten Trottel +hielt. Die beiden Könige steckten die Köpfe zusammen, legten sich die +Arme um die Schultern, wisperten Lebemännisches, pruschten heraus. + +Auch die übrigen Herren belebten sich, röteten sich. Die Böhmen, die +Luxemburger, die Tiroler verstanden einander nur schwer oder überhaupt +nicht. Das war Anlaß mancherlei Spaßes. Immer wieder vor allem hörte man +das dröhnende Gelächter der beiden natürlichen Brüder des Königs, +Heinrichs von Eschenloh und Albrechts von Camian. + +Das Kind Margarete schaute mit großen, klugen Augen zu ihren lustigen +Oheimen hinüber. Ihre Damen, die Frau von Lodrone, das Fräulein von +Rottenburg, baten verschämt, die Herren möchten ihre gefährlichen +Historien vor den Kindern nicht so laut erzählen. Die beiden welkenden +Hofdamen hatten von dem süßen Wein getrunken, sie hatten fleckige +Backen, lächelten säuerlich, angeregt, gelockt. + +An der Tafel der Damen saß auch die jüngere Schwester Margaretes, die +kränkliche, verkrüppelte Adelheid. Das menschenscheue Kind wäre viel +lieber im Kloster geblieben bei den Nonnen von Frauenchiemsee. Doch +Margarete hatte darauf bestanden, daß die Schwester bei ihrer Hochzeit +erscheine. Da saß sie denn in dem festlichen Lärm zwischen den +dröhnenden Rittern unter den Bannern und Schaugerichten, die Enkelin der +kraftvollen Eroberer des Landes, fahl, verwachsen, leidend, den +Hofzwergen sehr ähnlich, die vor ihr herumzappelten, krampfige, grobe +Späße machten. Die sanfte Beatrix von Savoyen, ihre Stiefmutter, +lächelte ihr zu, streichelte ihre Hand. + +Der kleine Prinz Johann, der Bräutigam, saß finster, steif, beengt auf +seinem Ehrenplatz. Die Kinder hatten noch fast nichts miteinander +gesprochen. Zuweilen, mit einem schrägen Blick, streifte er seine Braut, +die ganz sicher und ohne Scheu dasaß. Um sich über seine Verlegenheit +hinwegzuhelfen, aß er viel und hastig durcheinander, trank auch von dem +gewürzten Wein. Schließlich befiel ihn Übelkeit; er machte zunächst ein +grimmiges Gesicht, verbiß es, aber zuletzt konnte er es nicht mehr. Der +Erzbischof von Olmütz mußte ihn hinausführen. Man lächelte ringsum, +wohlwollend, freute sich, machte gutmütige Scherze. Margarete schaute +kühl, verächtlich geradeaus. + +Als er zurückkam, hatte er die Rüstung abgelegt, fühlte sich leichter. +Düsteren, trotzigen Gesichts machte er sich über die Pistazien, Feigen, +Lebkuchen, Latwerge, Bonbons her. Diese Reise, das häßliche, stolze +Mädchen, seine Braut, das Fest, sein Vater, der alte, dicke Mann, der +jetzt sein Schwiegervater war -- alles war ihm tief zuwider. Er hätte in +dem schmutzigen böhmischen Dorf sein mögen, das zum Schloß seiner Mutter +gehörte, hätte sich herumraufen mögen mit den Bauernkindern, den +Wenzeslaus, Bogislaw, Prokop. Er war lang, kräftig und feig. Er pflegte +seine Spielkameraden rücksichtslos zu hauen, zu beißen. Wehrten sie +sich, so nahm er es zunächst hin. Drohten sie aber, ihn zu überwältigen, +so kehrte er plötzlich den Königssohn heraus, schäumte, verklagte, ließ +hart bestrafen. Er war bei seiner Mutter erzogen, der böhmischen +Elisabeth, die dem Luxemburger das Königreich zugebracht hatte. Sie war +eine hysterische Dame, grell verliebt in ihren strahlenden Gemahl, wild +eifersüchtig auf seine zahllosen Frauen. Vor allem haßte sie glühend die +Witwe des verstorbenen Königs Rudolf, die Gräzer Königin, deren +anstößige Beziehungen zu Johann das Land in Bürgerkrieg stürzten und +verelendeten. In solchen jäh wechselnden Gefühlen, ihrem Gatten bald +ekstatisch anhangend, bald ihn wild hassend und verfluchend, erzog sie +auch den kleinen Johann. Er konnte sich mit seinem Vater kaum +verständigen; der sprach kein Böhmisch, er kein Französisch; sie mußten +Deutsch miteinander reden, das sie beide nur schlecht beherrschten. Auch +sah der Knabe den Vater nur selten, wenn der für eine kurze Zeit +rauschender Feste in sein Königreich zurückbrauste, das er nicht leiden +mochte, dem er nur Geld ausquetschte, dem er sein Luxemburg, seine +schönen rheinischen Besitzungen weit vorzog. Die Mutter zwang ihn dann, +dem Vater je nach ihrer Laune Haß oder Liebe vorzuheucheln. So wurde das +Kind sehr früh hinterhältig, verdrückt, trotzig, scheu. + +Das helle, bergige Land Tirol, in dem alles so klar und scharf im Licht +stand, war ihm unangenehm. Er sehnte sich zurück in sein wolkiges, +dunstiges Böhmen. Er blinzelte, er fühlte sich satt. Der Wein regte ihn +auf, er wollte jetzt etwas tun, befehlen, quälen. + +Sein Kämmerling stand hinter ihm, goß ihm aus goldenem Krug Wasser über +die Hände. Johann herrschte ihn an, er solle besser achthaben, er gieße +ihm das Wasser über die Ärmel. Der Kämmerling rötete sich, zuckte mit +den kurzen Lippen, wollte erwidern, bezwang sich, schwieg. + +Margarete wandte den Kopf, ließ ihre klugen, raschen Augen über den +Kämmerling gehen. Der Knabe war drei, vier Jahre älter als Johann, +schlank, kühnes, mageres, gebräuntes Gesicht mit starker Nase und +kurzen, vollen Lippen; langes, unbekümmertes, kastanienfarbenes Haar. + +»Wie heißt Ihr Knabe Kämmerling, Liebden?« sagte sie mit ihrer warmen, +klaren Stimme. + +Johann sah schräg zu ihr herüber, mißtrauisch. »Chretien de Laferte,« +erwiderte er mürrisch. + +Chretien war ihm seit etwa einem Jahr vom Hof seines Vaters beigegeben +worden als älterer Spielgefährte und Kamerad, der ihm höfische Dienste +leisten und vornehmlich französische und burgundische Sitte beibringen +sollte. + +»Geben Sie mir von dem Konfekt, Chretien!« sagte langsam, gleichmütig +Margarete und sah ihn an. + +Chretien, beflissen, reichte ihr die Schale mit Süßigkeiten. Sie brach +mit großer Selbstverständlichkeit ein Stück in drei Teile, behielt den +einen, reichte Johann den zweiten, den dritten dem befangenen Chretien. + +Am Tisch der Herren beobachtete man den Vorgang, scherzte über die +kindliche Nachahmung erwachsener Galanterie. Allmählich wurden die +Scherze bösartiger. Man spöttelte über die ungewöhnliche Häßlichkeit der +Braut. »Armer Junge!« sagte einer der Böhmen. »Der muß sich seine Länder +sauer verdienen.« -- »Da erobere ich lieber mit dem Schwert als so,« +sagte ein anderer. -- »Bis so ein Maul einem schmackhaft wird,« sagte +ein dritter, »muß es dick geschmiert sein.« Die tirolischen Barone +hielten sich zuerst zurück; aber schließlich, halb widerwillig, stimmten +auch sie ein. Das Kind Margarete schaute herüber. Sie konnte unmöglich +gehört haben; doch ihre großen, ernsthaften Augen schienen so wissend, +daß die Herren fast betreten abbrachen. + +Jakob von Schenna saß unter ihnen, der jüngste unter den Räten und +Vertrauten König Heinrichs. Er war oft zu Gast auf den Schlössern des +Königs. Das Kind Margarete sah ihn häufig. Er war der einzige, den sie +mochte, dem sie vertraute. Er sprach nicht zu ihr mit jener törichten +Herablassung, mit jener krampfigen Kindlichkeit, die sonst wohl +Erwachsene annahmen, wenn sie mit ihr sprachen, und die sie bitter +verdroß. Er nahm sie und behandelte sie wie eine Große. + +Er sah, wie sie prunkvoll feierlich dasaß, er sah den kleinen, rohen, +bösen böhmischen Prinzen, von dem kein Weg zu ihr führte, er sah, wie +sie mit dem Kämmerling Chretien anzuknüpfen versuchte. Er hörte die +schlimmen, verständnislosen Witzeleien über ihren armen Körper. Da stand +er auf, schlenderte hinüber, stand vor ihr in seiner schlechten, +nachlässigen Haltung, schaute sie höflich an aus seinen grauen, +wohlwollenden, sehr alten Augen, machte gelassene, ernsthafte +Konversation mit ihr. Wie ihr Herr Schwiegervater, die böhmische +Majestät, glänzend aussehe, und wie man ihm die vielen Strapazen so gar +nicht anmerke. Und daß der geplante Aufenthalt des Königs in Südtirol +ihr selber, Margarete, wohl auch viele Mühe machen werde; denn der König +werde wohl alle ihre Schlösser mit Gefolge und Mannschaft belegen. Und +wieviel Geld ein allenfallsiger lombardischer Feldzug kosten werde. Der +kleine Johann schielte herüber, verblüfft, wie gescheit Margarete +redete. + +Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Margarete führte noch ein +kleines, formvolles Abschiedsgespräch mit ihrem Gemahl, bevor sie sich +zurückzog. Sie fragte ihn nach den Eindrücken, die er von Tirol, von dem +Hof ihres Vaters habe; ob er sich auf das bevorstehende Turnier freue; +wünschte ihm, er möge sich bald heimisch fühlen. Ungeschickt, blöde +erwiderte der Knabe, Widerwillen und eine gewisse trotzige Stumpfheit +auf seinem nicht unschönen Gesicht. Als sie ging, stand der Kämmerling +Chretien an ihrem Wege, riß die Zeltvorhänge auf vor ihr. Sie dankte +gemessen, kühl, fremd, fürstlich. + +Dann ließ sie sich in ihr Zelt tragen; sie war nun doch herzlich müde. +Ihre Frauen kleideten sie aus, viel schwatzend, kichernd, einzelne +Teilnehmer, einzelne Begebenheiten des Festmahls breitkauend. Sie lag +bereits in ihrem Bett, die Frauen schwatzten noch immer. Endlich gingen +sie. Sie streckte sich, die Glieder erlöst aus dem schweren, engen +Prunk. Nun wird sie aber gut schlafen. Sie hat es sich verdient. Sie war +mit sich zufrieden. Sie hat sich gut gehalten, durchaus als Erwachsene, +sehr fürstlich, hat sich vor den luxemburgischen und böhmischen Herren +keine Blöße gegeben. Mit dem Johann freilich war nicht viel Staat zu +machen. + +»Mit euerm Prinzen ist aber auch nicht viel Staat zu machen,« bemerkte +draußen mit grober, kichernder, mühsam gedämpfter Stimme die +zusammenräumende Magd. + +»Gegen eure Prinzessin,« höhnte der böhmische Knecht zurück, der ihr +half und mit ihr sponsierte, »ist er immer noch ein lichter Engel. So +was! Das Maul! Die Zähne! Bei uns würde man so was gleich nach der +Geburt ersäufen wie eine Katze.« + +Der König Heinrich unterdes bezahlte die Zeche der Hochzeit. Es war eine +sehr schöne Hochzeit. Es war begreiflich, daß sie viel kostete; er war +kein Knauser. Bereitwillig streckten seine Herren ihm die großen Summen +vor, bereitwillig, in fröhlichster Gebelaune, entlohnte er diese +Gefälligkeit mit der Verpfändung von reichen Dörfern, Pflegen, +Herrschaften, Zöllen und Gefällen. Warum sollte er seinem lieben +Burggrafen Volkmar nicht Visiaun und Möltern überlassen? Er gab ihm noch +Rattenberg dazu. Und es war nicht mehr als billig, daß der Abt von +Wilten, der so lange für die schöne, leinene Hochzeitsstadt hatte sorgen +müssen, den See zwischen Igls und Vill erhielt. Dann aber mußte man auch +dem Kloster Viktring etwas geben. Denn wenn nur Wilten was erhielt, war +sein guter Sekretär Johannes mit Recht gekränkt. Also bekam auch +Viktring etliche Höfe und Gülten. »Keine schönere Freude als guten +Freunden zu spenden,« zitierte dankend der beredte Abt einen antiken +Klassiker. + +Der Luxemburger war dabei, als König Heinrich sorglos, formlos, gnädig, +fröhlich und stark unter Wein, diese riesigen Schenkungen und +Verpfändungen unterzeichnete. Auch er war freigebig; aber so bieder +unverschämt hätten ihm seine Barone nicht kommen dürfen. Es wird gut +sein, wenn man da dem alten, fröhlichen Herrn ein bißchen den Riegel +vorschiebt. Sonst verschenkt er das ganze Land, sagt noch merci, wenn +man es annimmt, und zum Schluß hat sein kleiner Sohn nur die +Prinzessinbraut und kann Sonntag davon machen! Auch die blasse, sanfte +Beatrix, König Heinrichs junge Frau, sah erschreckt und verängstigt zu, +wie ihr Gatte mit den reichen Besitzungen um sich warf. Sie war von Haus +aus an enges, ängstliches Wirtschaften gewöhnt; auf die Art Heinrichs, +fürchtete sie, würden bald selbst die Hemden ihrer Mägde verpfändet +sein. Sie beschloß, die Finanzen selber in die Hand zu nehmen; ihr +blasses, scheues Gesicht bekam auf einmal etwas Verbissenes. + +Für die nächsten Tage war Turnier angesagt. Bei diesem Anlaß sollten +mehrere junge Herren zu Rittern geschlagen werden. Margarete ersuchte +unvermittelt ihren kleinen Gemahl, er solle dabei auch seinen Kämmerling +Chretien de Laferte zum Ritter machen lassen. Die Augen Johanns wurden +noch kleiner, trotziger; er knurrte irgend was. Margarete wiederholte +ihren Wunsch herrischer, dringlicher. Prinz Johann sagte verdrückt, +bissig, er wolle nicht. Er knuffte den Kämmerling in die Seite mit aller +Kraft seiner kleinen, knochigen Faust. »Da hat er seinen Ritterschlag!« +höhnte er, verzog hämisch sein langes Gesicht. + +»Ich danke Euer Hoheit tausendmal für die Gnade,« sagte Chretien blutrot +zu der Prinzessin; »aber wenn er doch nicht will.« + +»_Ich_ will, _ich_ will!« sagte Margarete heftig mit ihrer vollen, +dunklen Stimme. Sie lief zu ihrem Vater, zu dem König Johann. Lachend +sagte man ihr zu. Chretien dankte der Prinzessin, hin und her gerissen. +Schon hatten ihn die Kameraden derb gehänselt wegen seines ziervollen +Liebchens. + +Am vorgesehenen Tag fand dann das glänzende Turnier statt, auf das ganz +Tirol sich schon seit Jahren freute. Es war eine große Lustbarkeit. Vier +Ritter wurden erstochen, sieben tödlich verletzt. Alle Welt fand, es sei +das bestgeglückte Vergnügen seit langer Zeit. + +Auch König Johann nahm an dem Stechen teil. Da er aber hatte erfahren +müssen, daß man häufig aus Furcht, ihn, den König, zu besiegen, nur zum +Schein mit ihm focht, ritt er unter dem Wappen eines gewissen Schilthart +von Rechberg. Es hatte nun zwischen den Alpenländlern und den Fremden +schon mancherlei Eifersüchteleien gegeben; auch fürchteten die +tirolischen und kärntnischen Herren, der Einfluß der Luxemburger könnte +ihre finanzielle Stellung bei dem guten König Heinrich gefährden. Unter +dem fröhlichen Spiel stak also eine sehr ernsthafte, grimmige +Eifersucht, und man sah es durchaus nicht ungern, brach von den Gegnern +der eine oder andere die Rippen. Sei es nun Zufall, sei es, daß man sein +Deckwappen verraten hatte -- jedenfalls sah sich Johann bald im Kampf +mit dem wuchtigsten und gefährlichsten aller tirolischen Ritter, dem +ungeschlachten Burggrafen Volkmar. Sie rannten sich wild und +rücksichtslos an, schließlich fiel der König, der eine bewegte Nacht +hinter sich hatte, vom Pferd, wurde im Kot herumgewälzt, übel getreten +und arg zerschunden aus dem Haufen herausgezogen. Er mußte sein Pferd um +sechzig Mark Veroneser Silbers von dem Burggrafen lösen. Er verbiß den +Ärger, daß gerade dieser plumpe, habgierige, widerwärtige Mann ihn +abgestochen hatte, trug lachend, lässig, mit Haltung Lahmheit und +Verdruß, rühmte mit vielen liebenswürdigen, sachkundigen Worten, wie gut +vorbereitet und in jeder Hinsicht geglückt diese Tiroler sportlichen +Spiele seien. + +König Heinrich saß des Abends müde in seinem Zelt. Die Freude über das +schöne Fest wurde geschwärzt; Rechnungen kamen, Rechnungen über +Rechnungen. Die Fleischhauer von Bozen wollten Geld, die Bürger von +Innsbruck präsentierten große Forderungen, der gute, gelehrte Abt von +Marienberg wußte sich nicht mehr zu helfen vor seinen Gläubigern, die er +mühelos hätte befriedigen können, zahlte ihm der König nur einen Teil +dessen zurück, was er ihm geliehen. Heinrich hätte, wie gern, gezahlt +und gezahlt; aber seine Kassen waren leer. Der König Johann schuldete +ihm freilich die vierzigtausend Mark Veroneser Silbers Heiratsgut; mit +der ungeheueren Summe hätte er alle seine Verpflichtungen decken können. +Aber es ging doch nicht an, den König zu mahnen. Heute schon gar nicht. +Spürte er doch am eigenen Leib, wie peinlich ein Fest durch so etwas +gestört wurde. + +So saß er denn in dicker Verlegenheit. Da stellten seine Herren vor ihn +drei schmächtige, schattenhafte Männer. Sie waren sehr still, sehr +demütig, sehr unscheinbar. Hatten rasche Augen, die aber sehr ergeben +blicken konnten. Schauten einander sehr ähnlich. Der König erinnerte +sich, sie gesehen zu haben, wußte aber nicht mehr, wo er sie hintun +sollte. Das war natürlich. Sie waren ja so klein, so gering. Sie +verneigten sich viele Male, sprachen mit leiser Stimme. + +Es waren Messer Artese aus Florenz, der Pächter der Münze von Meran, und +seine beiden Brüder. Die Herren waren auch diesmal gern bereit, einem so +gütigen christlichen König mit ihrem bißchen Kapital beispringen zu +dürfen. Sie hatten eine einzige kleine Bedingnis: die Majestät solle +ihnen die Einkünfte des Salzwerks von Hall überlassen. Das nette, kleine +Salzbergwerk. + +König Heinrich schrak zurück. Das Salzamt von Hall! Die erste +Einnahmequelle des Landes! Das war ein teures Hochzeitsfest, das er da +seiner Tochter gerüstet hatte. Selbst seine leichtherzigen Räte machten, +als sie von dieser Bedingung hörten, bedenkliche Gesichter. Schickten +schließlich seine junge Frau vor, die erwirkte, daß das Bergwerk +wenigstens nur für zwei Jahre verpachtet wurde. Die Florentiner +verneigten sich viele Male. Zahlten das Geld, nahmen die Dokumente an +sich. Glitten fort, schattenhaft, grau, unscheinbar, einer dem andern +sehr ähnlich. + +Zu Herrn von Schenna sagte Margarete: »Glauben Sie, daß Chretien de +Laferte Schlechtes von mir spricht? Sagen Sie ehrlich, Herr von Schenna, +glauben Sie, daß er mit den andern lacht, weil ich häßlich bin?« + +Jakob von Schenna hatte mit eigenen Ohren gehört, wie der junge +Chretien, von den andern gehänselt als Ritter der häßlichsten Dame der +Christenheit, erst an sich hielt, dann die Kameraden überbot an übeln +Schmähungen Margaretes. Jakob von Schenna sah die großen, erfüllten +Augen des Kindes in dringlichem, angstvollem Fragen auf sich. »Ich weiß +es nicht, Prinzessin Margarete,« erwiderte er. »Ich kenne den jungen +Chretien zu wenig. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, daß er übel +von Ihnen redet.« Und er legte ihr seine große, dünne, kraftlose Hand +auf den Kopf wie einem Kind, und sie litt es gern, daß er diesmal zu ihr +war wie zu einem Kind. + + + + +Auf Schloß Zenoberg verhandelte König Johann mit den tirolischen +Baronen. Er verlangte jetzt schon, als Vormund seines kleinen Sohnes, +Huldigung für den Fall von Heinrichs Tod. Die Herren waren grundsätzlich +bereit, forderten aber Sicherstellung ihrer Privilegien, Bürgschaften, +daß ihnen der Luxemburger keine Landfremden in die maßgebenden Ämter +setze. Außerdem verlangte jeder für sich, verblümt oder geradezu, Geld, +Verschreibungen, Landbesitz, Handelsmonopole, Zölle. + +Mit den Versprechungen und Bürgschaften war Johann sehr freigebig. Er +unterzeichnete und ließ siegeln, was man wollte. Er hatte in Böhmen +Erfahrungen gemacht; er wußte, das war letzten Endes eine Machtfrage. +Konnte er Geld und Soldaten auftreiben, dann setzte er diesen frechen +Gebirglern Franzosen, Burgunder, Rheinländer als Statthalter in den Pelz +nach seinem Belieben. Brachte er kein Kapital und keine Armee auf, dann +wird er in Gottes Namen seine Versprechungen halten. Vorläufig schrieben +seine Notare sich die Finger wund: »Wir, Johannes, von Gottes Gnaden +König von Böhmen und Polen, Markgraf von Mähren, Graf von Luxemburg, +erklären hiemit und tun kund und zu wissen und verpflichten Uns mit +Brief und Siegel.« Mit Geld war Johann etwas vorsichtiger. Er ließ +zumindest die habgierigen, unersättlich feilschenden Herren merken, daß +er sie durchschaue. Schließlich schmiß er ihnen dann das Verlangte +ritterlich und verächtlich hin. Bargeld freilich nicht, das hatte er +nicht, sondern langfristige Wechsel. + +Auch der gute König Heinrich mußte betrübt erkennen, daß er seine +vierzigtausend Veroneser Silbermark nicht so bald bekommen werde. Flott, +gemütlich, vertraulich faßte ihn der Luxemburger um die Schulter, +verpfändete ihm beiläufig die Gerichte Kufstein und Kitzbühel -- die +hatte er von seinem Schwiegersohn, dem Herzog von Niederbayern, dem er +anderes dafür verpfändet --, vertröstete ihn auf das Frühjahr, rühmte +seine langen, modischen Schuhe, die hübsche, dralle Frau, mit der er +getanzt hatte. Heinrich brachte es nicht mehr über sich, wieder von den +Finanzen anzufangen. + +Des Abends spielte König Johann Würfel mit den Kärntner und den Tiroler +Herren. Er setzte ungeheure Summen. Schließlich hielt ihm niemand mehr +Widerpart als der brutale, stiernackige Burggraf Volkmar. Der +Luxemburger haßte den wuchtigen, rohen Mann, der ihn schon im Turnier +besiegt hatte. Er steigerte seine Einsätze so, daß selbst König Heinrich +den Atem anhielt. Verlor. Erklärte zum Schluß leichthin, über die +Achsel, er bleibe die verlorenen Summen schuldig. Der Burggraf knurrte, +wurde gefährlich; mit geschmeidiger Schärfe funkelte Johann ihn nieder. + + * * * * * + +Merkwürdigerweise kehrte Johann, trotzdem Unruhen ausgebrochen waren, +nicht nach Böhmen zurück. Sein Land atmete auf. Es erschrak, wenn er +kam. Sein Aufenthalt dauerte immer nur kurz, diente ihm nur, Geld +auszuquetschen. Gut, daß er wegblieb. + +Ja, er blieb in Tirol. Ging in das Gebiet des Bischofs von Trient. Saß, +der strahlende Herr, der erste Ritter der Christenheit, untätig lauernd, +zwielichtig schillernd; kein Mensch wußte, was er plante. + +Der Bischof Heinrich von Trient fand sich durch diesen Gast sehr +beschwert. Wie weit durfte er ihm entgegenkommen, ohne bei dem Papst +oder dem Kaiser anzustoßen? Immer war ein so verwirrendes Zwielicht um +diesen Böhmenkönig. Wo er hinkam, war wildes Gehetze, Getriebe. Kuriere +jagten nach ihm von allen Höfen Europas, fanden ihn nicht. Denn der +König verweilte selten lang an einem Ort; es trieb ihn über die Erde +rastlos wie fließendes Wasser. Man wußte nicht, wohin, wie, warum. Ach, +ginge er doch zurück in sein Land, der Verfluchte! Aber natürlich, das +ließ er verkommen. Das liebte er nicht, das trübe, dumpfe Land. Spaß, +daß er den helleren Westen vorzog, den Rhein, seine Grafschaft +Luxemburg, Paris. + +Der Bischof saß, ein großer, beleibter Herr, starkes, gebräuntes, +italienisches Gesicht, sorgenvoll auf seinem Schloß Bonconsil, schüttete +sich aus vor seinem Freund, dem Abt von Viktring, dem betulichen, +klugen. Die beiden geistlichen Herren schimpften weidlich. Der Heide, +der! Der Jerobeam! Grausam brandschatzte er seine Kirchen und Klöster. +Hatte selbst vor dem Grab des heiligen Albert nicht haltgemacht, es nach +Schätzen durchwühlen lassen. Kirchenschänder! Herodes! »Aber einst wird +erstehen aus unsern Gebeinen ein Rächer!« zitierte der gelehrte Abt +einen antiken Klassiker. + +Ja, dies war entschieden der gefährlichste, beschwerlichste Gast, den +der Bischof seit Jahren gehabt hatte. Ein gesalbter König, aber -- der +Bischof sagte es geradezu -- ein Lump und Verbrecher. Ohne seine Krone +wäre er schon hundertmal gehenkt worden. Er spielte falsch; der Abt +bestätigte es; jetzt erst hatte er es wieder in Innsbruck getan. Er war +der wüsteste Verschwender und Schuldenmacher des Säkulums. Dazu seine +anstößigen Beziehungen zu den beiden böhmischen Königinnen. Recht hatte +man gehabt vor zwei Jahren in Prag. Da hatte er das große Turnier +gerüstet, die umständlichsten Vorbereitungen getroffen, die Häuser auf +dem Markt niederlegen lassen, um Zelte und Tribünen zu errichten. Dann +kamen von zweitausend Geladenen, von Kaiser und König und Fürsten und +Herren, sieben schäbige, zweifelhafte Ritter und ein Genueser Bankier. + +Leider aber war es zur Zeit durchaus nicht möglich, ihn so zu behandeln. +Das war ja das Verzweifelte. Sein Ruf und Name wechselte wie der Mond. +War man ihm vor wenigen Wochen ausgewichen wie einem Aussätzigen, so +feierte man ihn heute als den leuchtendsten Helden der Christenheit, und +selbst sein kahles, ausgeplündertes Böhmen ließ sich blenden, wenn er +von strahlenden Siegen zurückkam. + +Dringend warnte der Abt den Bischof, er solle sich ja nicht im +geringsten mit dem Luxemburger einlassen. Seine Politik sei letzten +Endes sinnloses Spiel. »Kühlende Wellen locken mit Schillern und +Glitzern den Wandrer; wirft er sich arglos ins Meer, ziehn sie ihn +tückisch hinab,« zitierte er. Behaglich, mit literarischer Freude an der +Zerlegung, sezierte er den Luxemburger und sein Gewese. Sein +verfeinertes Rittertum begnüge sich nicht damit, in dickem Forst Riesen +und geharnischte Männer aufzusuchen. Er liebe die viel bunteren +Abenteuer der Politik. Nicht der Erfolg locke, ihn locke die gefährliche +Freude an der Wirrung, am Getriebe. Wo immer in dem wirrseligen Europa +ein Zwist sei, wo Kaiser und Papst sich stritten, König und Gegenkönig, +Frankreich und England, lombardische Städte, Maure und Kastilier, +überall müsse der Luxemburger seine gepflegte, spielerische Hand drin +haben. Verträge, Bündnisse stiften, Ehen kuppeln, Fäden anknüpfen, +zerreißen, Krieg führen, Frieden schließen, Schlachten schlagen, +verhindern, immer im dicksten Getümmel stehen, Freunde, Feinde machen, +Soldaten, Länder nehmen, geben. + +»Nur kein Geld,« seufzte der Bischof. + +Der Abt schloß, sich freuend an der eigenen eleganten Beredsamkeit. +Dieser geniale Projektenmacher sehe alle entferntesten Möglichkeiten, +strecke seine Hand über das ganze Abendland, raffe an sich, lasse +fallen. Und während Böhmen innerlich immer kränker werde, schlucke er +immer neue Besitzanrechte, Länder, Städte, verstreut durch alle Grenzen, +blase sich gigantisch auf. Der behagliche, betuliche Abt streckte sich, +sprach rednerisch wie auf der Kanzel: »Aber wenn auch dieser Herr Johann +noch so hastig über die Erde hinfährt, lachend, stattlich, strahlend, +elegant, modisch, immer eidbrüchig, immer ohne Geld, immer von +stürmischer, sieghafter Liebenswürdigkeit -- es ist ihm ein Ziel +gesetzt. Sein Gewese wird keine Frucht tragen, es ist sinnlos, es ist +ohne Gott. Manchmal kommt mir der Böhme vor wie eine Puppe, wie ein +Gespenst. -- Maß ist in allen Dingen, gesetzt ist ihnen die Grenze,« +zitierte er einen alten Schriftsteller. + +Der Bischof glaubte das auch. Aber bis dahin konnte es noch gute Weile +haben. Vorläufig jedenfalls hatte Gott dem Böhmen kein Ziel gesetzt, und +er, der arme Bischof, hatte ihn auf dem Hals. Der beredte Abt wußte auch +nichts weiter zu sagen, und die beiden Prälaten schauten schweigend, +nachdenklich hinaus auf das rötliche, üppige Land, die geschwungenen, +bräunlichvioletten Berge, schwer von Frucht und Wein. + + * * * * * + +Nein, vorläufig war dem Böhmen kein Ziel gesetzt. Vielmehr saß dieser +Herr Johann heiter und fest in dem besonnten Trient, dehnte sich, +rekelte sich. Überließ sein langes Haar, den schönen, vollen Bart den +wohligen Winden des südlichen Herbstes. Hofierte die deutschen und die +welschen Damen Tirols. Durch die Lombardei flog es, durch die reichen, +mächtigen Städte, durch die Schlösser der überstolzen Barone: Johann von +Böhmen ist da, König Johann, der Sohn des siebenten Heinrich, Römischen +Kaisers, Johann, der ritterlichste Mann des Abendlandes, Stern der +Ghibellinen. Burgundische, böhmische, rheinische Ritter und Hauptleute +zogen mit ihren Fähnlein in diesem herrlichen, gesegneten Herbst über +den Brenner. Aus München der Kaiser Ludwig äugte mißtrauisch her. In +Avignon der Papst, der zweiundzwanzigste Johann, ward unruhig. Wieder +schaute das ganze Abendland auf den strahlenden, unberechenbaren Mann. + +Die Parteiführer und Herren der Po-Ebene wetteiferten, ihn für sich zu +gewinnen, schickten ihm Gesandte, Geschenke. Zwei prächtige Araberpferde +kamen von Mastino della Scala und seinem Bruder, Herrn von Verona. Aber +Brescia bot ihm durch seinen Vikar, Friedrich von Castelbarco, nicht nur +Pferde, es bot ihm sich selbst an und lebenslängliche Herrschaft. +Aldrigeto von Lizzana ließ dem Vermögensverwalter Johanns viertausend +Veroneser Silbermark auszahlen, bat den König -- als Schutzherrn +Toscanas und der Lombardei --, ihn mit dem brescianischen Ufer des +Gardasees zu belehnen. Und plötzlich war auch Messer Artese aus Florenz +da, der Bankier, grau, unscheinbar, schattenhaft, mit zwei Brüdern, die +ihm sehr ähnlich sahen, und sehr viel Geld. + +Und dann, ohne lange Ankündigung, sachte, setzte sich Johann in +Bewegung. Nur wenige tausend Reiter folgten ihm. Aber glänzend gerüstet +alle, erlesenste Soldaten. Rauschend strahlte der helle Zug durch das +satte, reife Bergland. Süßer, schwerer, besonnter Herbst. Dicke Trauben, +strotzende Früchte. Aus den violetten, rötlichen, bräunlichen Bergen goß +sich die silberne, eiserne Flut in die Lombardische Ebene. Wie eine +Braut glitt sie den Kömmlingen unter die Füße. Bergamo, Pavia, Cremona +in seinem Besitz ohne Schwertstreich. Fahnen, Glocken, Behörden auf +Knien, die Schlüssel ihrer Städte darbietend. Die großen Barone demütig +um Bestätigung ihrer Lehen flehend. Novara, Vercelli, Modena, Reggio von +seinen Rittern besetzt. Feierlicher Einzug. Auf den Balkonen der +herrlichen, bunten Häuser geschmückte Frauen, mit großen, gebannten +Augen auf den Sieger schauend, der so gar nicht mühselig, schwitzend und +bestaubt, der festlich wie im Tanz das weite, reiche Land besiegt. Der +Kaiser, tief beunruhigt, schickt Sondergesandte, den Burggrafen von +Nürnberg erst, den Grafen von Neiffen dann, was denn der Böhme in +Italien wolle. Harmlos Johann; er plane durchaus nichts gegen Ludwig, +nehme, was er erwerbe, für das Reich in Besitz; er wolle nur die Gräber +seiner Eltern besuchen, des Römischen Kaisers, des siebenten Heinrich, +Grab in Pisa, seiner Mutter Grab in Genua, die Leichen, wenn möglich, in +die Heimat schaffen. Während zu Weihnachten in München alle Glocken +unter dem päpstlichen Interdikt stumm bleiben, Kaiser Ludwig in seiner +Hauskapelle vor kleinem Gefolg, das blanke Schwert hoch in der Hand, als +Schirmvogt der Christenheit das Weihnachtsevangelium vorliest, hält +Johann leuchtenden Einzug in Brescia. Kommt er für den Kaiser? Für den +Papst? Nur für sich? Niemand weiß es. Weiß er es selber? Er schreibt +sich Nachfolger des Kaisers, Friedensstifter. Die Gonzaga in Mantua, die +Visconti in Mailand beugen sich ihm. Ein Königreich Lombardei rundet +sich ihm, fällt ihm zu wie eine Frucht, die man sich vom Zweig langt. + +An beiden Ufern des Po residiert er; nie hat ein Römischer König stolzer +Hof gehalten. Er läßt sich huldigen von der Adria bis ins Ligurische. +Lächelt tief, satt, fern. Stieg er mit festem Plan in die Ebene hinab? +Heute ist er der mächtigste Mann der Christenheit. Hat den Rhein hinauf, +hinunter, tief ins Frankreich hinein Land und Herrschaft. Hat Böhmen, +Mähren, Schlesien, streckt sich weit ins Polnische. Hat Niederbayern +durch seine Tochter, Kärnten, Krain, Tirol durch seinen Sohn. Hält den +Wittelsbacher umklammert, liegt rings um den Habsburger. Hat jetzt das +reiche, süße, oberitalienische Königreich. Reckt sich. Atmet. Hält +Feste. Zieht die schönsten Frauen an seinen Hof. Manchmal auch, +schattenhaft, unscheinbar, kommt mit seinen Brüdern Messer Artese aus +Florenz, steht ferne, bescheiden, neigt sich viel Male. + + + + +Das Kind Margarete wuchs heran auf den Schlössern Zenoberg, Gries, +Tirol. Lernte gern und viel. Fragte den klugen, redseligen, betulichen +Abt Johannes von Viktring bei allem, was sie sah und hörte, warum, +wieso. Trieb mit den Äbtissinnen der Klöster Stams und Sonnenberg +Theologie. Der Prunk, die feierliche Ordnung der Liturgie zwangen ihr +Bewunderung ab. Sie sprach und schrieb fließend Latein und Welsch. +Interessierte sich brennend für politische und nationalökonomische +Dinge. Hörte aufmerksam den historischen Vorträgen des gelehrten Abtes +zu, und während die anderen seine begrifflichen politischen Theorien +gelangweilt belächelten, konnte sie nicht genug davon kriegen. Gründlich +unterrichtete sie sich bei den vielen fremden Gästen ihres Vaters über +die Verhältnisse der andern Höfe und Länder. Verächtlich schnupperte +sie, als sie hörte, Ludwig von Wittelsbach, der Bayer, erwählter +Römischer Kaiser, der Vierte seines Namens, spreche nicht Latein. + +Sie streifte durch das Land. Zu Wagen, in der Pferdesänfte. Die Passer +hinauf, hinab, durch die Rebenterrassen, Obstgärten. Ging mit wachen, +klugen Augen durch die farbigen Städte Meran, Bozen. Beschaute die +Bürger, ihre steinernen Häuser, Rathaus, Markt, Mauern, Pranger, Stock, +Herbergen, Badehäuser, die Leichen der Gerichteten vor den Toren. Hielt +rasche, herrische Einkehr in den Höfen der Bauern, den Wachhütten der +Winzer. + +Der gutmütige König Heinrich kümmerte sich wenig um sie. Er ließ sie +treiben, was sie wollte. Erkundigte sich zuweilen zärtlich, ob sie denn +mit ihren Kleidern hinausreiche, ob sie nicht mehr Schmuck, Pferde, +Dienerschaft brauche. Fragte allenfalls, was sie von dem neuen +flandrischen Koch halte, oder wie der genuesische Mantel stehe, den er +sich eben habe machen lassen. Er ging ganz auf in Kleidersorgen, +Stiftungen für Klöster, Festlichkeiten, Gastereien, Turnieren, Frauen. +Wenn sie sich mit seinem klugen Sekretär unterhielt, dem Abt von +Viktring, dann schaute er wohl gerührt auf sie, sagte zu Beatrix, seiner +Frau, zu seinen Gästen: »Mein gutes Kind! Wie gescheit sie ist!« + +Von den Klosterfrauen lernte sie singen. Es war erstaunlich, wenn unter +der platten, breiten Nase aus dem äffisch sich verwulstenden Mund die +Stimme herausdrang, schön, warm, erfüllt. Während sie sonst mit ihren +Kenntnissen nicht zurückhielt und ohne Scheu redete, sang sie fast nie +vor Fremden. Des Abends, unter Obstbäumen, allein, sang sie ihre Lieder, +kunstvolle aus Italien, aus der Provence oder auch einfache deutsche, +wie sie sie rings vom Volk hörte. Manchmal, selbst wenn sie allein war, +brach sie mitteninne ab. Die Zwerge konnten sie hören. Die Zwerge +wohnten in allen Berghöhlen. Sie aßen und tranken, spielten und tanzten +mit den Menschen. Aber unsichtbar. Nur der regierende Fürst kann sie +sehen, der zu Recht das Land beherrscht, in dem sie gerade verweilen. +Ihr Vater hat die Zwerge gesehen, auch der Bischof von Brixen, in dessen +Gebiet sie zuweilen kamen. Jakob von Schenna hat ihr Genaues von den +Zwergen erzählt. Sie schrieben Briefe, bildeten unter sich einen Staat, +hatten Gesetze und einen Fürsten, bekannten den katholischen Glauben, +kamen heimlich in die Wohnungen der Menschen, waren ihnen hold. Sie +führten Edelsteine mit sich, mit denen sie sich unsichtbar machen +konnten. Sie fragte Herrn von Schenna, warum sie sich unsichtbar +machten. Herr von Schenna wich aus. Durch Zufall, von einer Magd, erfuhr +sie den Grund. Weil sie sich ihrer Häßlichkeit schämten. Sie ward noch +fahler als sonst. Schluckte. + +Mit peinlichster Sorge pflegte sie ihren Körper. Sie nahm täglich ein +Dampfbad, wusch sich mit Kleienwasser, französischer Seife. Sie wickelte +das Zahnpulver in frisch geschorene Wolle, ehe sie ihre großen, schräg +vorstehenden Zähne reinigte. Sie pflegte ihre Haut mit Weinsteinöl, +gebrauchte rote Schminke aus Brasilholz, weiße aus gepulverten +Zyklamenknollen. Des Nachts legte sie eine Wachsmaske auf, ihren +unreinen Teint zu bessern. Sorglich, mit Opfern, gehorchte sie jeder +neuen Modevorschrift. + +Mußte sie dann sehen, wie gleichwohl jeder drallen, ungewaschenen +Bäuerin mehr wohlgefällige Männerblicke folgten als ihr, dann wandte sie +mit einem Ruck ihre Gedanken von diesen Dingen, stürzte sich mit +hitziger Energie in Studium und Politik. Wog zum hundertstenmal Macht, +Möglichkeiten, Einflußkreise der Habsburger, Wittelsbacher, Luxemburger +gegeneinander ab. Habsburg, Luxemburg, Wittelsbach, das waren keine +kahlen, politischen Begriffe für sie. Die Menschen, die diese Namen +trugen, ihre Farben, ihre Länder, die Tiere ihrer Wappen, ihre Berge, +Flüsse, Kirchen mischten sich ihr zu geheimnisvollen Einheiten. Albrecht +von Habsburg etwa war verteufelt klug, energisch, bitter, aber er +lahmte. Mit ihm lahmten seine Länder, die Donau, die Stadt Wien, die +Pranke seines Wappenlöwen. König Johann, der Luxemburger, das war nicht +nur ein weltläufiger, galanter Herr. Seine Füße waren Toskana und die +Lombardei, Rhein und Elbe seine Adern, das helle Luxemburg sein Herz. +Und Bayern konnte sie sich nicht vorstellen ohne die lange, bedächtige +Nase Kaiser Ludwigs und ohne seine riesigen, sonderbar toten blauen +Augen. Wenn die drei Fürsten sich belauerten, sich umschlichen, sich +vertrugen, sich bekriegten, bekriegte und verhöhnte sich die Welt in +ihnen, und in den Wolken führten die Tiere ihrer Banner einen mystisch +gewaltigen Kampf. + +Ihren Gemahl, den Prinzen Johann, sah sie nicht sehr oft. Trotz seiner +Länge und Aufgeschossenheit wirkte er hinter seinen Jahren +zurückgeblieben. Sein mageres Gesicht, an sich nicht unschön, schien +immer roher, stumpfer und, durch die kleinen, versteckten Augen, +bösartiger. Er haßte die Bücher, lernte nur notdürftig schreiben. Gern +trieb er körperliche Übungen. Schlug sich mit den Jungen herum, mit +denen der Bedienten lieber als mit seinen adeligen Kameraden, jagte, +ritt. Betätigte sich als Vogelsteller, trieb, nicht ohne Geschick, +Falkenbeize, fing Wild in Schlingen. Quälte Tiere. Spielte den Bauern +üble Streiche. Ein Bauernbursch, der ihn nicht kannte, verprügelte ihn. +Wurde gefangen, in den Stock gesetzt, gepeitscht. Der Prinz schaute +gierig zu, hetzte die Büttel. + +Margarete lachte er aus wegen ihrer blöden, pfäffischen Gelehrsamkeit, +riß ihr gelegentlich ihre Schriften weg, zerraufte ihre Frisur. Sie trug +es. Es war notwendig, daß ihr Mann ein Luxemburger war. Seine Roheit +mußte hingenommen werden. Aber schweigend stapelte sie Wut und +Verachtung. Auch Chretien de Laferte, des Prinzen Adjutant und +Kämmerling, verwünschte seinen jungen Herrn in die tiefste Hölle. +Margarete sah den schlanken jungen Menschen sehr selten. Beachtete ihn +wenig. Der betuliche, skeptische, redselige Abt von Viktring, der alle +Dinge bereden mußte, neckte sie gelegentlich wegen des Jungen. Sie +schlug, gegen ihre Gewohnheit heftig, zurück. + +Am liebsten war sie mit Jakob von Schenna zusammen. Der junge, hagere, +schlecht sich haltende Herr mit dem feinen, alten Gesicht freute sich +immer, wenn er sie sah. Sie war nun vierzehn, er an die dreißig. Aber es +ging eine willkommene Bindung von ihm zu ihr. Was er sprach und tat, +klang, als wäre es in ihr gewachsen. Sie fühlte sich wohl in seiner +Welt. Zwischen ihr und den andern Menschen war Kälte. Sie lachten sie +aus, sahen sie mit Widerwillen an, bestenfalls mit Mitleid, weil sie +häßlich war. Weil sie Prinzessin war, zeigten sie das nicht im Licht. +Aber sie sah weit ins Dunkle hinein, oh, sie hatte scharfe Augen, sie +wußte, wie man mit ihr stand. Doch von Schenna zu ihr ging es warm und +freundlich herüber. Seine großen, weichen Hände, seine grauen, +gescheiten, wohlwollenden Augen waren voll Achtung für sie, voll +Herzlichkeit und Kameradschaft. + +Jakob von Schenna war reicher und mächtiger als seine Brüder Estlein und +Petermann. Er hatte sieben feste Schlösser, neun Gerichte und Pflegen, +weiten Besitz an Weingütern, Gerechtsamen, Zöllen, Geld. Er pflegte von +diesem Besitz wegwerfend und mit einer gewissen Ironie zu sprechen. Aber +er hing daran, streichelte liebkosend das Laub seiner Reben, den +besonnten Stein seiner Schlösser. Dies waren _seine_ Reben, _seine_ +Burgen. Zwar war Besitz und Geltung an sich verächtlich; aber leider +machten einem die Menschen das Leben zu unbequem, hatte man die beiden +nicht. Oft sprach er dem Kind davon, wie übel der tirolische und +kärntnische Adel den guten König Heinrich ausbeute. Leider mußte er +mittun, sonst hätte eben seinen Teil ein anderer, weniger Würdiger an +sich gerafft. So beutete denn auch er aus, skeptisch, mit gelassenem +Bedauern und voll von Mitleid mit der gerupften Majestät. + +Seine Schlösser waren die schönsten und gepflegtesten des Landes in den +Bergen. Die Schlösser der andern waren nur auf Sicherheit und Festigkeit +gebaut; innen waren sie ungemütlich, ihre Gelasse klein, feucht, dunkel, +ohne Luft, kellerig, überall stand der Stank der Ställe. Seine Burgen, +vor allem seine Lieblingssitze Schenna und Runkelstein, waren hell und +voll Sonne. Italienische Architekten hatten sie gebaut; sie waren +angefüllt mit schönen Dingen, Teppichen und Zierat. Während die Mauern +der andern notdürftig geweißt waren und höchstens die Wände der Kapelle +Heiligenbilder trugen, hatte er seine Säle von deutschen und +italienischen Meistern mit Fresken ausmalen lassen. Ja selbst die äußere +Südwand seiner Lieblingsschlösser trug solche Malerei. Bunt und hell +schritt der Ritter mit dem Löwen, Tristan fuhr auf seinem Schiff, Garel +vom blühenden Tal erlebte seine Abenteuer. + +Herr von Schenna liebte sehr die Verse, die diese Geschichten erzählten. +Margarete wußte nichts damit anzufangen. Sie begriff die lateinischen +Verse, die der redselige Abt von Viktring so gern zitierte, verstand +Horaz, die Äneis. Das war Sinn, Gesetz, Würde, strenge Bindung. Aber +diese deutschen Verse schienen ihr Tollheit, nicht besser als die wüsten +Einfälle ihrer Hofnarren und Hofzwerge. War es eines ernsthaften +Menschen würdig, Dinge, die niemals waren und nie sein werden, in +verrenkten Worten zu erzählen? Herr von Schenna suchte ihr begreiflich +zu machen, daß diese Menschen, die Tristan und Parzival und Kriemhild, +lebten und wirklich waren, so oft einer sie las und spürte. Aber dies +wollte sie nicht wahr haben. Seine Geschichten blieben für sie bunte, +widerwärtige Lügen; sie begriff nicht, daß der gescheite, ernsthafte +Mann an solchen Windbeuteleien Freude haben konnte. + + + + +Den Kaiser hatten die raschen Fortschritte Johanns in Italien tief +beunruhigt. Auch der führende Habsburger, der lahme, kluge, verbitterte +Albrecht, sah mit wachsendem, knirschendem Ingrimm das leuchtende +Lombardische Reich Johanns aus dem Nichts sich heben. Wie, sollte durch +eine freche Wendung der leichtsinnige, unernste Luxemburger sie, die +Ernsthaften, Gewichtigen, von der Macht drängen, sich über sie +hinausheben? Sie blinzelten einander zu, der schwerfällige, langsame +Bayer, der zähe, bittere Habsburger. Sie hatten sich immer gehaßt. Aber +sowie der Dritte sie überflügeln wollte, einte sie das gegen ihn. Sie +schlichen zusammen, Ludwig, der große, langnäsige Wittelsbacher mit dem +massigen Nacken und den riesigen blauen Augen, Albrecht der Lahme mit +den verkniffenen Lippen. Sie berochen sich, nickten sich zu, schlossen +Übereinkunft. + +Legten fest, das südliche Reich müsse den Luxemburgern entrissen werden. +Sterbe König Heinrich, so solle Kärnten an die Habsburger, Tirol an die +Wittelsbacher fallen. Kaiser Ludwig sicherte ebenso feierlich wie ein +Jahr zuvor den Luxemburgern jetzt den Habsburgern die Erbfolge in +Kärnten zu. Was die Lombardei betraf, so verbanden sie sich mit anderen, +gemeinsam herzufallen über den Luxemburger. Der Kaiser berief seine +pfälzischen Vettern, Johann am Rhein zu beunruhigen, seinen Eidam von +Meißen, seine Söhne Ludwig den Brandenburger, Stephan. Der Herzog von +Österreich mit den Königen von Ungarn und Polen sollte in Mähren +einfallen. + +Der Luxemburger unterdes regierte königlich im toskanischen Frühling. Er +ließ seine Söhne kommen, den älteren, Karl, den jüngeren, Johann. Der +hatte keine Lust. Margarete erbot sich, ihn zu vertreten. + +Sie fuhr mit kleinem Gefolge -- Chretien de Laferte führte es -- in den +lombardischen März hinein. Am Ufer satt leuchtender Seen, Oliven silbern +die Hänge hinauf, dunkle Haine von Zitronen und Orangen. +Narzissenfelder. Rosige, helle Mandelblüten. Bunte, lärmende Städte, +Paläste, rasche, laute Menschen. Vor der Stadt des Bischofs von +Aquileja, dessen Schirmvogt ihr Vater war, das Meer, die schaukelnden, +kühnen Schiffe, die Ferne, endlos, abenteuerlich. + +Der strahlende Triumph Johanns. Seine Feste, unter dem hellen Himmel +doppelt freudig und sinnvoll. Die prunkenden, blühenden, überstolzen +Frauen. Sie kam sich sehr allein und elend vor, hielt sich fern von den +jungen Frauen, zeigte sich nur in der Gesellschaft alter, reizloser. +Doch auch von diesen fühlte sie sich verachtet, bestenfalls bemitleidet. +Sie waren nun welk und dürr; aber sie hatten doch einmal geblüht. Sie +war in ihrer Blüte kahl und ohne Reiz. Unter diesem Himmel galt es noch +weniger, daß sie klug war und von edelstem Blut und wissend. Unter +diesem Himmel sah man nur das eine, immer nur dies: daß sie häßlich war. + +Sie war nicht feig, verkroch sich nicht, schluckte die ganze Bitterkeit +solcher Erfahrung. Erschien bei Tafel, in der Loge beim Turnier, beim +Tanz. Sah, wie beim Anblick des jungen adeligen Chretien, der hinter ihr +schritt, die Lippen der Frauen sich öffneten, ihre Blicke voller wurden, +verlangender, gewährender; wie sie dann abschätzig, höhnisch über sie +selber glitten, den äffisch sich vorwulstenden Mund, die fahle, +widerwärtige Haut. Sie wandte den Blick nicht ab vor solchem Hohn; kühl +und so wissend begegneten ihre Augen den Höhnischen, daß die, fast +beschämt manchmal, abließen. + +In Brescia traf Margarete zum erstenmal den Prinzen Karl, Johanns +ältesten Sohn. Der Sechzehnjährige sah sehr erwachsen aus. Er hatte in +Böhmen schon Regierungsgeschäfte selbständig erledigt, war beherrscht +und gemessen. Von der Mutter hatte er gelernt, sich von dem Glanz des +Vaters nicht blenden zu lassen. Mit seinen kühlen braunen Augen sah er +Margarete, sah, daß sie häßlich war und gescheit. Man konnte mit ihr +reden. Und während Johann im Palast der Signoria mit der wunderschönen +Giuditta von Castelbarco den Tanz anführte, während festliche Kerzen +brannten, so schwer, daß drei Männer nur mit Mühe sie hatten heben +können, sprachen die beiden Kinder, des Königs Sohn und des Königs +Schwiegertochter, unter Musik, Fahnen, silbernen Rittern, huldigenden +Unterworfenen, nüchtern, sachlich von der Rückwirkung der lombardischen +Ereignisse auf die Souveränität des Bischofs von Trient, von der +schwierigen Finanzlage. + +Bis in den Juni hinein dauerte Johanns festliche Herrschaft in Italien. +Margarete, trotz aller Kritik, konnte sich der theatralischen Blendung +dieses Triumphzugs nicht entziehen. Dann wurden die Nachrichten aus +Deutschland und Böhmen so bedrohlich, daß Johann jäh aufbrach, seinen +Sohn Karl zurückließ, sich nach Böhmen warf. Hinter ihm, sofort und +unvermittelt, brach sein abenteuerliches Italienisches Reich zusammen. +Mit großen, erschreckten Augen sah Margarete, wie die lombardischen +Herren, kaum war der König fort, aufwachten wie aus einem Rausch, sich +zusammenschlossen, mit Robert von Apulien zettelten, trotz tapfern und +geschickten Widerstands des Prinzen Karl die Luxemburger in wenigen +Wochen aus dem Land warfen. Zersprengt, trist, schmachvoll, schwitzend +flohen die silbernen Ritter aus der Lombardei, über der glühender Sommer +braute. Johann verpfändete in aller Eile noch während des +Zusammenbruchs, übel feilschend, an einzelne leichtgläubige deutsche +Herren italienische Städte, die er längst verloren hatte. Aber er konnte +mit diesen Summen nur einen ganz kleinen Teil decken von den riesigen +Beträgen, die der toskanische Feldzug ihn gekostet hatte. Und nach +langen Jahren noch, in Paris, in Prag, in Trier, wo er gerade +residierte, erschien schattenhaft, unscheinbar, oftmals sich neigend, +Messer Artese, der Florentiner, mit seinen beiden Brüdern und zeigte +Verschreibungen vor, Wechsel, die einzigen Bleibsel des lombardischen +Königreichs. + + * * * * * + +Seltsamerweise gewann Johanns italienisches Abenteuer gerade durch +seinen Zusammenbruch für Margarete an Gewinn und Wirklichkeit. Nun war +es vergangen und abgeschlossen, nun war es Geschichte, nun war es da. +Ja, sogar die Verse des Herrn von Schenna, seine unglaubhaften Historien +wurden dadurch leibhafter, wirklicher. Was König Johann in der Lombardei +getan und erlebt hatte, das klang wie eine jener Fabeln. Und war doch +wirklich, sie hatte es mit eigenen Augen gesehen. + +Praktisch galt es, sich nicht verwirren zu lassen. Nahm man die Dinge +nüchtern und klar, so war Johann an seinem Geldmangel gescheitert. Geld +war nicht alles; aber es war ungeheuer wichtig. Schade, daß ihr Vater +das ebensowenig einsah, wie ihr Schwiegervater. Sie sprach oft mit +Johann von Viktring darüber. Da war der Heilige Vater ein anderer. Der +saß, der zweiundzwanzigste Johann, zwerghaft, uralt, in seinem Palast in +Avignon und häufte Geld. Schichtete es in Münzen, in Barren, in Silber +und Gold, in Wechseln und Verschreibungen. Ei, wie luchste er scharfen +Auges, daß auch jeder pünktlich Zehnten und Abgaben zahle. War ein +Bischof im Rückstand, gleich kam der Papst mit dem Bann. Der arme +Bischof Heinrich von Trient! Was nützte ihm sein eifriger Kampf für das +rechtmäßige Papsttum! Weil er die sechshundertvierzig Dukaten nicht +aufbringen konnte, die Avignon von ihm verlangte, flog der Bannstrahl +gegen ihn. Und wie geschickt wußte der Papst die hohen Kirchenstellen zu +besetzen! Jeder neue Bischof hatte die Gesamteinkünfte eines ganzen +Jahres an die Kurie zu verabfolgen. Starb nun ein Bischof, so ward nicht +etwa ein neuer Prälat an seine Stelle gesetzt, nein, der Papst berief +den Inhaber eines andern Bistums in das erledigte, so daß mit dem Tod +jedes Bischofs eine ganze Reihe päpstlicher Lehen frei ward. So war ein +ewiger Wechsel in der hohen Hierarchie, ein Kommen und Gehen wie in +einer Herberge, und der Heilige Stuhl bezog die fettesten Annaten. +»Umsatz! Umsatz!« sagten der Papst und seine Kassiere. Ja, Papst Johann +verstand es. Kein Wunder, stammte er doch aus Cahors, der Stadt der +Bankiers und Börsenleute. Der größte Teil des abendländischen Goldes +floß in seine Kassen. Der Papst hing an dem Geld; er brachte es nicht +über sich, es weiterzuverwerten. Er hätte Rom und Italien damit +wiedererobern können. Aber er liebte sein Geld zu sehr, er konnte sich +nicht davon trennen. Er saß in seinem Avignon, uralt, gnomenhaft klein, +über seinen Schätzen, streichelte die Wechsel und Verschreibungen, ließ +das Gold rieseln durch seine dürren Zwergenfinger. + +Verdarb sich der kluge, energische, rastlose Papst seine Politik durch +seine Habgier, so litt die Diplomatie des Kaisers sowohl wie des +Luxemburgers und des Kärntners an ihrer Leichtherzigkeit in +Finanzdingen. Aufmerksam hörte Margarete zu, wenn ihr der Abt +auseinandersetzte, wie klar und sicher ihr Großvater Meinhard seine +Geldwirtschaft fundiert hatte. Trüb und stirnrunzelnd sah sie zu, wie +ihrem gutmütigen Vater alle Einkünfte in der Hand zerrannen. Wie er, um +ein Pfand vor dem Verfall zu retten, immer größere und wichtigere +hingab. + +Auch ihre Stiefmutter, die blasse, scheue Beatrix von Savoyen, litt sehr +unter der wilden Finanzwirtschaft König Heinrichs. Sie war von ihren +tüchtigen Eltern her ein sparsames Haushalten gewöhnt, und so scheu und +bescheiden sie sich sonst im Schatten hielt, lag sie schließlich ihrem +Gatten ständig in den Ohren wegen seiner Verschwendung. Sie war +kränklich; König Heinrich sah ergeben und voll wässerigen Kummers, daß +er auch von ihr keinen Erben zu erwarten habe. Sie aber gab die Hoffnung +nicht auf. Sie rechnete, sie sparte, ließ sich von ihrem Mann Zölle und +Gefälle verschreiben, erreichte es sogar, zäh kämpfend, daß nach +Abfindung des Messer Artese von Florenz die Einkünfte des Haller +Salzbergwerks ihr übertragen wurden. Sie wurde hart, habgierig, +knauserig, alles für ihren Sohn, auf den niemand mehr hoffte, nur sie. + +Oft beriet sie mit Margarete, wie man da und dort den übeln Finanzen +aufhelfen könne. Trotzdem Margarete solches Bestreben willkommen war, +sah sie säuerlich und mit Widerwillen auf ihre Stiefmutter. Wie dürftig +sie war, wie unfürstlich verstaubt und trocken bei aller Jugend! +Margarete gestand sich nicht ein, daß dies nicht der Hauptgrund war, aus +dem sie ihre Stiefmutter nicht leiden mochte. Die war sanft und +freundlich zu ihr, fühlte sich ihr schicksalhaft verwandt. Sie hatte +keinen Sohn, jene, die Ärmste, war so häßlich. Beide hatte sie Gott in +ihrem Weiblichsten gekränkt und verkümmert. Aber Margarete wollte nicht +hinüber zu ihr, drückte ihre streichelnde Hand nicht wieder. Denn +Beatrix stand zwischen ihr und der Herrschaft. Was sonst blieb ihr, der +Häßlichen, als die Hoffnung auf Herrschaft? Genas aber Beatrix trotz +allem eines Knaben, dann war auch dies Letzte dahin. + +König Heinrich duldete die Bevormundung durch seine Gattin lächelnd und +mit scherzhaft sich auflehnendem Raunzen. Nur in einem duldete er keine +Einrede, und dahin wagte sich auch Beatrix niemals: seine Freigebigkeit +gegen die zahlreichen Frauen, die ihm gefielen, und gegen ihre Kinder +blieb ohne Grenzen. + +Wie er seine natürlichen Brüder, Albrecht von Camian und Heinrich von +Eschenloh, in hohen Ehren hielt und sie mit Titeln, Würden, Herrschaften +reich begabte, so wuchsen auch auf allen seinen Schlössern und Gütern +Kinder von ihm heran. Er war viel zu gutmütig, Beatrix einen Vorwurf zu +machen. Immerhin tat es ihm wohl, sich zu sagen: es lag nicht an ihm, +wenn er keinen Erben hatte; es war Pech, schlechter Stern. So ging der +alte Lebemann stolz und gehoben durch das blonde, schwarze kleine +Gewimmel seiner Kinder. Er tätschelte sie gerührt: »Das da hat meine +Augen! Und der da meine Nase.« Von einem Großen: »Er geht gerade wie +ich. Der holt sich noch viele Preise im Turnier!« Einen ganz kleinen +Matz, der noch kaum aussah wie ein Mensch, hob er hoch: »Er hat ganz +genau mein Gesicht.« Und er verhätschelte die Kinder, schenkte ihnen +Spielzeug, Zuckerwerk, auch Wiesen, Wälder, Berge, Schlösser. + +Margarete sah mit Sympathie auf ihre Halbgeschwister. Vor allem mochte +sie den schon fast erwachsenen Albert gerne leiden, den König Heinrich +zum Ritter geschlagen und mit dem Gericht Andrion belehnt hatte. Der +blonde junge Herr hatte die ganze Gutmütigkeit seines Vaters, dazu eine +starke, fröhliche Sicherheit in allem Gehabe, eine federnde, immer +gleiche Heiterkeit. Er hatte nie den leisesten Spott für Margarete. Er +selber war durchaus ohne Sinn für Bücher und Theorie und bewunderte +ungeheuchelt ihre Gescheitheit und Wissenschaftlichkeit. Sie dankte es +ihm, daß seine Achtung nicht durch ihre Häßlichkeit gemindert wurde. + +Auf die Frauen, denen sie begegnete, stets neuen, wo immer ihr Vater +war, schaute sie mit langen Blicken, nicht übelwollend, fremd und voll +neidischer Sehnsucht. Es waren Frauen jedes Standes, jedes Temperaments, +deutsche und welsche; einige raschelten durch die Gänge, andere gingen +schwer und lässig, wie hohe Glocken lachten die einen, die andern +sprachen tief und langsam: alle aber, wenn sie der Prinzessin +begegneten, wurden scheu, befangen, verkrusteten sich in einer Art +feindseligen Mitleids. Ach, wer leben dürfte wie diese, so leicht und +lässig! Ihr war es nicht erlaubt, sie war häßlich und war Prinzessin. +Sie mußte streng sein mit sich. Sie durfte nicht rascheln wie die +Eidechsen, sie mußte ihre harte, steile Straße gehen, geradeaus und +immerzu, wie ein geschmücktes Saumtier, das, mit Prunk und Schätzen +schwer bepackt, einem großen Herrn Geschenke bringt. + +Sie grübelte. Sie sprach mit dem Abt von Viktring darüber. War es eine +Strafe Gottes, daß sie so häßlich war? Was wollte Gott mit ihr? Der Abt +zitierte Anselmus: »Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der +Anblick der Dinge. Diesseits und für nichts ist irdische Zierde zu +achten.« Da er sah, daß solcher Trost nicht verfing, fragte er, ob sie +es vorzöge, niedrig zu sein, eine Bauerstochter und den Männern +wohlgefällig. »Nein,« erwiderte sie hastig, »das nicht! Das nicht!« Aber +allein brach sie aus: »Ja, ja, ja! Mistfahren lieber den langen Tag, +aber wohlgeschaffen, als so im Schloß, als mit diesem Mund, mit diesen +Zähnen, diesen Backen!« + +Sie sprach mit der Äbtissin von Frauenchiemsee. Sie hatte ihre jüngere +Schwester besucht, die kränkelnde, verkrüppelte Adelheid. Nun saß sie +mit der feinen, welken, milden Äbtissin am Ufer der winzigen Insel. +»Meine Mutter war nicht schön,« sagte das Kind, »doch sie war auch nicht +häßlich.« + +Die alte Dame legte ihr die kleine, leichte Hand auf das kupferfarbene, +harte Haar. »Ich will nicht von Gott reden und vom Jenseits,« lächelte +sie, »wo nicht die Gestalt gilt. Aber wie rasch verfaltet auch diesseits +das glatteste Gesicht! Noch fünfzehn Jahre, noch zwanzig hättest du es. +Ich bin heute sehr zufrieden,« schloß sie, »daß ich niemals schön war.« + +Die beiden Frauen schauten auf den blassen, weiten See hinaus, matte +Sonne schien, eine Möwe schrie. + +Das Jahr darauf, unvermittelt, legte sich ihre Stiefmutter Beatrix hin +und stand nicht mehr auf. Sie war immer eine schwache Frau gewesen, nun +war die Enttäuschung dazugekommen, daß sie ohne Kinder blieb. Als sie +schon die Sterbesakramente empfangen hatte, sagte sie noch ihrem Mann, +er solle ja seinen Leibschneider stäupen lassen und mit Schimpf +davonjagen. Er unterschlage gemein viel von den kostbaren Stoffen, die +er für des Königs Garderobe benötige. Auch solle sich Heinrich einen +neuen Lederbehälter anschaffen für seine schöne Rüstung. Dann empfahl +sie ihre Seele Gott und starb. + +Nun waren Johann und Margarete die unbestrittenen Erben des Landes in +den Bergen; denn niemand ahnte von dem Geheimvertrag zwischen den +Habsburgern und den Wittelsbachern. Selbst der Knabe Johann wurde +beschwingter durch sein Erbprinzentum. Er sagte sich die Titel vor, die +er haben wird: Herzog von Kärnten, Görz, Krain, Graf von Tirol, +Schirmvogt der Bistümer Chur, Brixen, Trient, Gurk, Aquileja. Er malte +sich die merkwürdigen alten Zeremonien der Thronübernahme in Kärnten +aus, die ihm sehr gefielen. Wie da der Fürst in Bauerntracht kommt und +einen freien Bauern von dem Stein vertreibt, auf dem dieser sitzt. Wie +er, auf dem Stein stehend, das blanke Schwert nach allen Richtungen +schwingt. Wie er aus einem Bauernhut einen Trunk frischen Wassers +trinkt. Und der Knabe Johann kam sich sehr wichtig vor. + +Margarete, bewegt von dem Tod ihrer Stiefmutter, gelöst durch das +Gefühl, nun sichere Erbin des Landes zu sein, fand Chretien de Laferte +an ihrem Weg. Sie sprach zu ihm wärmer als sonst, ein erregtes Mädchen. +Sie hätte, wie gern! ein sanftes, menschliches Wort von ihm gehört. Er +aber neigte sich zeremoniös, sprach zu ihr gehalten und voll Ehrfurcht +als zu seiner Fürstin. + +Der gute König Heinrich wurde durch den Tod seiner Gattin noch frömmer. +Er aß und trank zwar noch reichlicher, hielt sich auch noch mehr Frauen. +Aber er betete auch noch mehr als früher, beichtete viel, war immerfort +zerknirscht und machte noch größere Stiftungen als bisher für Klöster +und Kirchen. + + + + +Im Bistum Chur war ein gewisser Peter von Flavon begütert, Lehensmann +des Bischofs von Chur. Herr von Flavon fiel in einem der italienischen +Feldzüge König Heinrichs in jungen Jahren. Er hinterließ eine Witwe, die +anfangs der Dreißig war, und drei Töchter. Es war strittig, ob die +hinterlassenen Besitzungen nur in männlicher Linie vererbten, oder ob +sie Weiberlehen waren. Bischof Johannes von Chur und sein Kapitel gingen +daran, die Güter einzuziehen. Frau von Flavon kam hilfesuchend mit ihren +drei unmündigen Kindern zu König Heinrich. Kniete vor ihm, weinte. Ihr +guter, junger, tapferer Mann! Und in Diensten König Heinrichs war er +gefallen. Und nun wollte sie der gewalttätige Bischof von Chur ihres +Wittums berauben und sie und die armen Waisen in Not und Elend stoßen. +Die drei hübschen, rundlichen, kleinen Töchter, rosig und appetitlich in +ihren schwarzen Kleidern, knieten neben ihr, flennten. Der gute König +Heinrich war sehr gerührt. + +Schrieb dem Bischof von Chur. Trat heftig für Frau von Flavon ein. Der +Bischof schrieb kurz und gekränkt zurück. Gab kein Zipfelchen seines +Anspruchs auf. Die Witwe, die inzwischen mit ihren Töchtern gastlich auf +Schloß Zenoberg aufgenommen war, gefiel dem König Heinrich von Tag zu +Tag besser. Es kam zu bösen Streitigkeiten mit dem Bischof, ja zu Fehden +und Gewalttaten. Schließlich erreichte der König für Frau von Flavon +einen mageren Vergleich. + +Inzwischen war die Dame seine erklärte Freundin geworden. Es ging nicht +an, sie mit kärglichen Bissen abzuspeisen. Sollten die armen Würmer, +deren Vater für ihn gestorben war, als kleine Landedelfräulein +heranwachsen? Nein, so knauserig war König Heinrich nicht. Er verlieh +ihnen die Herrschaften Taufers und Velturns. Darüber geriet er zwar in +Händel mit dem Bischof von Brixen, der diese erledigten Lehen für sich +in Anspruch nahm. Aber König Heinrich hielt zäh fest. Zahlte schließlich +dem Bischof Geld heraus; aber die Dame blieb im Besitz der beiden +Gerichte. + +Sie machte mit ihren drei Töchtern viel Gewese von sich. Sie fühlte sich +sicher im Schutz des Königs. Sie war eine hübsche Frau, sehr weiß von +Haut, sehr blond von Haar, fest und rundlich. Sie lachte gern und viel, +fehlte bei keinem Tanz und Turnier. Auf ihren Schlössern hörte das +festliche Gelärm nicht auf. Sie mußte immer zu tun haben, mengte sich in +alles, erzählte wichtig belanglose Nebenumstände, warf alles +durcheinander. Plötzlich kam sie auf den Einfall, ihren Gatten in der +Kapelle ihrer Burg Taufers beizusetzen. Durch Jahre betrieb sie diese +Angelegenheit, reiste schließlich in die Lombardei. Der dort formlos +bestattete Tote wurde ausgegraben, die Leiche, wie üblich in siedendes +Wasser geworfen, daß das Fleisch sich von den Knochen löse, die Gebeine +nach Taufers gebracht, feierlich unter großem Lamento der Damen von +Flavon beigesetzt. Es war aber keineswegs gewiß, ob es auch die Reste +des Herrn von Flavon waren. + +Die drei Mädchen wuchsen ohne viel Erziehung heran, wild und sehr +verwöhnt. Stets balgten sie sich untereinander, wegen jeder Kleinigkeit +gab es, häufig bösartigen, Zank. So oft der gute König kam, mußte er +schlichten, besänftigen. Auch lehnten sie sich gegen die Mutter auf, +standen oft zusammen gegen sie. Die Mutter klagte dem König über die +Töchter vor, die über die Mutter. Ebenso sinnlos waren sie dann alle +wieder versöhnt, betonten lärmend ihr trauliches Familienleben. Die +Kinder tollten in ihren weiten Besitzungen herum, störten die Amtleute, +quälten die Bauern, plackten Mensch und Tier. + +Sie waren alle drei sehr hübsch, weiß, glatt, rosig, fleischig, blond. +Die schönste war die mittlere, Agnes von Flavon. Größer als die +Schwestern, die Haare dunkler, leuchtender, das Gesicht länger, nicht so +rund, auch die Nase nicht so puppig klein und die Lippen kühner. Alle +drei waren die Schwestern sehr eitel. Agnes, so jung sie war, gute zwei +Jahre älter als die Prinzessin Margarete, galt unbestritten als die +schönste Dame zwischen Etsch und Inn. Bei allen Turnieren ritt man für +sie; sie erteilte die Preise. Rühmte man die welschen Damen, so riefen +die deutschen Herren wie aus einem Mund: Agnes von Flavon, und die +Italiener verstummten. In Trient, als ihre Mutter sie in einer +Lehensangelegenheit mit an den Hof des Bischofs nahm, stand das Volk vor +dem Palast, wartete, rief begeistert: »Ein Engel ist herabgestiegen! +Segne uns, schöner Engel!« + +Agnes war sich ihrer Schönheit sehr bewußt. Es war ihr +selbstverständlich, daß der König, die Ritter, das Volk ihr jeden Wunsch +erfüllten. Sie betrachtete sich als die Herrin von Tirol. + +König Heinrich, in einer Art gutmütigen Taktes, vermied es, die schönen +Schwestern mit seiner Tochter Margarete zusammenzubringen. Manchmal +freilich ließ es sich nicht umgehen. Agnes behandelte Margarete bei +aller äußeren Wahrung der Form mit einer gewissen spöttischen +Herablassung, die die Prinzessin bis aufs Blut reizte. Einmal, als die +beiden Mädchen allein waren und nur Chretien de Laferte bei ihnen, und +als fast eine halbe Stunde lang Stichelreden zwischen den beiden Mädchen +hin und her gegangen waren, bat Agnes, sich verabschiedend: »Begleiten +Sie mich, Herr Chretien!« + +»Herr Chretien bleibt!« sagte Margarete, die Stimme ungewohnt trocken +und hart. Dann aber, als Agnes achselzuckend mit einem bösartigen, +spöttischen Lächeln gegangen war: »Gehen Sie, Chretien! Gehen Sie!« +Ratlos, bestürzt, folgte der junge Mensch dem Fräulein von Flavon. Die +Prinzessin, allein, verzerrt, atmete, fauchte. + +Mit Herrn von Schenna saß sie über einer bebilderten Vershandschrift. +Blanscheflur sah aus wie Agnes. Herr von Schenna und die Prinzessin +schauten auf das bunte Bild. »Ja,« sagte Herr von Schenna nach einer +Weile, »sie sieht aus wie Agnes.« + +»Sie ist wunderschön,« sagte Margarete mit einer gepreßten, seltsam +erloschenen Stimme. + +»Aber Fräulein von Flavon hat viel dümmere Augen,« sagte Herr von +Schenna. + +»Lesen wir weiter!« sagte Margarete, und ihre Stimme klang dunkel, voll +und warm wie vorher. + + * * * * * + +König Heinrich alterte sehr früh, verfiel zusehends. Seine Hände +zitterten, oft verlor er die Sprache, lallte. Wilde, atemlose Furcht vor +Strafe im Jenseits befiel ihn. Er hatte so oft an Kirchenportalen, auf +Gemälden das Jüngste Gericht dargestellt gesehen, den Höllenrachen, +scheußliche Teufel aus dem Schwefelpfuhl grinsend. Dies alles rückte ihm +jetzt in schreckhafte Nähe. Er verdoppelte seine frommen Schenkungen, +bedachte Marienberg, Stams, Rotenbuch, Benediktbeuern mit reichen +Stiftungen. Aber dies vermochte ihn so wenig zu beruhigen wie die +tröstlichen Versicherungen des Abtes von Viktring. Um sich zu kasteien, +ließ er in der Kapelle von Zenoberg eine Bahre aufstellen und legte sich +eine ganze lange Winternacht hinein. Da kamen die Menschen, die er hatte +berauben lassen, foltern, umbringen; er war ein gutmütiger Herr, aber es +waren doch sehr viele. Da kamen Frauen, mit denen er Unzucht getrieben +hatte; sie wiesen ihm lächelnde Gesichter, aber drehten sie sich um, so +war ihr Rücken tief in die Eingeweide hinein zerfressen von ekelm, +eitrigem Gewürm. Die ganze Kapelle war voll von scheußlichen Teufeln, +die nach ihm krallten, ihn hetzten. Er schrie. Aber er hatte die Kapelle +versperren lassen und befohlen, daß niemand in ihrer Nähe sei, auf daß +er müsse bis zur Frühmesse allein bleiben mit seinen Sünden und seiner +Reue. Schließlich ertrug er es nicht mehr. Er kletterte -- die Angst +machte ihn geschickt -- die Wand hinauf, sprang durch das Fenster. +Verkroch sich zähneklappernd, kalt schwitzend in sein Bett. + +Von da an siechte er hin. Er sprach oft für sich allein, hustete hohl +und hilflos. Margarete war viel um ihn, doch ohne große Teilnahme. Nun +wird er also sterben. Er kann nicht klagen, er hat sein Leben weidlich +genützt. + +Sehr gerne hatte er seine Kinder um sich, besonders die ganz kleinen. Er +schlurfte herum zwischen dem winzigen, lallenden, auf krummen Beinchen +trippelnden, purzelnden Volk, schneuzte dort eine kleine Rotznase, +sänftigte hier einen sinn- und atemlos schreienden, rutschenden, dicken, +rosigen Balg. Er hob die Kinder hoch, setzte sich ganz nahe zu ihnen, +erzählte den ernsthaft und verständnislos Lauschenden mit vielem Seufzen +von Geld, von Kirchenbuße, von hoher Politik. + +April kam. Das Land stäubte unter einem azurnen Himmel von Mandel- und +Pfirsichblüten. Da spürte er, daß es aus war. Er ließ sich in die +Kapelle des heiligen Pankratius bringen. Eine milde, blaue Maria +lächelte ihm zu. Das bunte, bemalte Kirchenfenster leuchtete freundlich +in der starken Sonne. Kleine Kinder standen großäugig um ihn herum und +der sanfte, betuliche Abt von Viktring. So ereilte ihn ein letzter +Blutsturz, erstickte ihn. + +Der Leichnam wurde ausgeweidet, einbalsamiert, Herz und Eingeweide +sollten auf Schloß Tirol, die übrigen Reste sollten später unter größten +Feierlichkeiten in der Fürstengruft des Klosters Sankt Johannis zu Stams +bestattet werden. + +Der Bischof von Brixen, der auf die Nachricht vom Ableben König +Heinrichs sich sofort nach Schloß Tirol aufmachte, noch bei Nacht +reitend, hörte auf der Straße das Getrappel von vielen kleinen +Schritten. Er fragte seine Leute, ob sie nichts sähen. Die hörten wohl +auch das Geräusch, aber sie gewahrten nichts. Wie nun der Bischof +schärfer durch die Nacht blickte, sah er, daß es die Zwerge waren, die +eilig in dickem Zug nach Norden wanderten. Sie hatten aber ihre +Edelsteine an den Fingern, so daß nur er sie sehen konnte. Er hielt +einen an und fragte. Der erwiderte, nun der gute König Heinrich tot sei, +fühlten sie sich nicht mehr sicher und müßten das Land verlassen. + + * * * * * + +Noch am gleichen Tag ritten die Kuriere, die die Todesnachricht ins Land +trugen. Einer über die Berge in die welsche Ebene nach Verona. Da +freuten sich die Brüder della Scala. Nun wird es Verwirrung geben in den +Bergen. Nun wird man wieder die Hand ausstrecken können nach Norden, +sich ein Stück Land erraffen. Einer ritt nach Wien. Da saß der lahme +Herzog Albrecht, immer fröstelnd, am Kamin, schlecht rasiert, mager, +kränkelnd. Er horchte hoch auf, beschickte seinen Bruder, berief +Sekretäre, diktierte, vergaß zu essen über Plänen und Arbeit. Einer ritt +nach München zum Kaiser Ludwig. Der schaute ihn an aus seinen großen, +treuherzigen, blauen Augen über der langen Nase, und während er in +umständlichen, biederen Worten seine Trauer bekundete über den Hingang +des vielgeliebten Oheims, bedachte er schwerfällig die Vorwände, unter +denen er am bequemsten seine kleine Kusine um ihre Länder bringen +könnte. + +Margarete beschaute sich im Spiegel. In die Elfenbeinkapsel, in die das +Glas eingelassen war, schnitt sich ein Relief, auf dem die Burg der Frau +Minne erobert wurde. Nun ja, so wie die Frau Minne war sie, Margarete, +eben nicht von Antlitz und Figur. Dafür war sie Herzogin von Kärnten und +Gräfin von Tirol. So also schaute eine Herzogin aus. Sie prüfte sich mit +bitterem Scherz. Laß sehen! Augen und Stirn gingen an. Das Schlimmste +war der Mund, dies überworfene Affenmaul. Nun, dafür hatte sie Kärnten. +Dann waren die schlaffen Hängebacken ein arges Übel. Aber wurde es nicht +aufgewogen durch die Grafschaft Tirol? Und der graue, fleckige Teint? +Legt Trient darauf, Brixen, Chur, Friaul. Ist er dann nicht glatt und +rein? + +Johann, ihr Gemahl, war geschwellt. Nun war er Fürst und Herr. Er wurde +geradezu liebenswürdig in seiner gehobenen Laune. Margarete betrachtete +ihn. Eigentlich war er ein hübscher Junge: das lange, herrische Gesicht, +das schöne Haar. Auch seine Augen schienen ihr heute freier, kühner. Er +dachte: Schön ist sie nicht. Aber die Länder sind schön, die sie mir +zubringt. Er sagte zu ihr: »Na? Gretl?« und küßte sie herzhaft auf ihren +häßlichen Mund. Er tat ein übriges und sagte, jetzt müsse sie auch +einmal auf die Falkenbeize mit ihm gehen. + +Dann saßen die beiden Kinder zusammen, sehr ernsthaft, und berieten ihre +ersten Regierungsmaßnahmen. Die Lage war nicht einfach. Die Feudalbarone +waren schwierig, würden gewiß die Lage ausbeuten wollen. Der Knabe +Johann setzte sein hochmütiges Gesicht auf. Er wird sie schon +kleinkriegen. Er ist auch wilder Pferde schon Herr geworden. Vor allem +muß man seinen Vater beschicken, den König Johann; der ist wohl noch in +Paris, beim Turnier, bei seinem Schwager, dem König von Frankreich. Dann +müssen Boten an den Kaiser, an die Herzoge von Österreich. Die Kinder +befahlen den Abt von Viktring zu sich, betrauten ihn mit der Botschaft, +gravitätisch und doch mit gespielter Leichtigkeit. Sie setzten ihre +Namen unter die Vollmacht: Johann von Gottes Gnaden Graf von Tirol, +Margareta, _Dei gratia Carinthiae dux, Tyrolis et Goritiae comes et +ecclesiarum Aquilensis Tridentinae et Brixensis advocata_. + +Doch als der Abt von Viktring diesen Brief übergab, hatten seine +Auftraggeber die meisten dieser Länder schon verloren. In Linz saß der +Kaiser mit dem lahmen Habsburger, beriet die Ausführung jenes Vertrags, +der das Land in den Bergen zwischen Habsburg und Wittelsbach teilte. +Ungeschlacht, wuchtig saß der Bayer, wollte alles für sich haben, von +keinem kleinsten Dorf die Finger lösen. Zäh und hartnäckig zerrte der +lahme Herzog, wählte scharfe, bittere Worte, gab nichts preis. Sie +saßen, schauten, die Gedanken nur bei ihren Karten und Registern, auf +die hochgehende Donau, Regen rann, die beiden Männer lagen über dem +fetten Besitz, rissen hin und her. Hart feilschend kamen sie endlich +überein: Kärnten, Krain, Südtirol an den Österreicher, Nordtirol an den +Bayern. Als sie so weit waren, kam der Abt von Viktring mit den Briefen +und Empfehlungen der Kinder. Sehr höflich empfingen ihn die beiden +Fürsten. Lasen aufmerksam die Briefe. Mit undurchdringlichem Spott +erwiderte zunächst der Österreicher, wie sehr der Tod seines Oheims, des +edeln und hocherlauchten Fürsten, Seniors ihres ganzen Geschlechts und +Vaters ihrer aller, ihm ans Herz gehe. Wie tief er seine kleine Base und +ihren jugendlichen Mann bedaure. Krain gehöre nun ihm. Kärnten habe ihm +die Freigebigkeit des Kaisers verliehen, Truppen seien schon unterwegs, +das Land für ihn zu besetzen. Wenn er sich aber sonstwie seiner kleinen +Base gefällig und behilflich erweisen könne, wolle er es gerne tun. +Ähnlich sprach der Kaiser selbst, den Abt mit seinen großen blauen Augen +treuherzig und unverwandt anstarrend. Nur sprach er feierlicher, +tönender, weil er eben der Kaiser war. Leider seien die Kinder mit ihren +Bitten zu spät gekommen; er habe mit seinen lieben Oheimen von +Österreich schon alles abgemacht. Im übrigen wolle er sich die Sache in +Gnaden angelegen sein lassen. + +Die beiden Kinder auf Schloß Tirol, sowie sie sahen, wie schlecht ihre +Angelegenheit stand, schickten Eilboten auf Eilboten nach Paris zu ihrem +Vater und Vormund, dem König Johann. Aber der war im Turnier übel +verwundet worden. Er lag zerschlagen und zerschunden, des Augenlichtes +fast beraubt, in Verbänden und Umschlägen und konnte nach Tirol nur den +matten Trost schicken, die Kinder sollten guten Mutes sein; sowie seine +Kräfte es erlaubten, werde er selbst kommen und sie und ihre Länder +schützen. Es war ein besonderer Unstern, daß er hilflos im Bett liegen +mußte, während der Kaiser und Habsburg die reichen Länder, die er sich +durch so langwierige und geschickte Diplomatie gesichert hatte, unter +sich verteilten. Allein Spieler und Fatalist, der er war, ging ihm auch +dies Unglück nicht sehr tief. Er war an jähen Wechsel gewohnt, riß in +aller Ohnmacht und Erbärmlichkeit leichtfertige Witze über die Frauen +und die Länder, die ihm auf diese Art entgingen, rechnete mit dem +Gleichmut des Spielers auf eine glückliche Wendung. + + * * * * * + +Unterdes wurde Kärnten und Krain ohne Widerstand von den Habsburgern +besetzt. Die Städte huldigten ihnen, die Lehensurkunde des Kaisers wurde +überall feierlich verlesen, die Feudalbarone und Beamten stellten sich +auf den Boden der Tatsachen, ließen sich auf die neuen Herren +vereidigen. Die führenden Herren, an ihrer Spitze der gravitätische +Konrad von Auffenstein, der Statthalter des verstorbenen Königs, von ihm +mit reichstem Gut und allem Vertrauen bedacht, spielten dabei eine sehr +zwielichtige Rolle. Die Bevölkerung wurde mit dem Verrat an den beiden +Kindern dadurch ausgesöhnt, daß sich in Vertretung seines lahmen Bruders +der Herzog Otto von Österreich den alten, umständlichen, +patriarchalischen Bräuchen unterzog, die in Kärnten bei der +Inthronisation üblich waren und auf die sich der kleine Prinz Johann so +gefreut hatte. Er zog also Bauerntracht an, hieß den dazu bestellten +Bauern von dem Stein aufstehen, trank Wasser aus einem Bauernhut und +übte mehr dergleichen überkommene Zeremonien. Der Bevölkerung gefiel +dieses Festhalten an den väterlichen Bräuchen außerordentlich, die Leute +waren gerührt, bekannten sich überzeugt zu dem neuen Fürsten. Herzog +Otto war übrigens ein feiner, modischer junger Herr; er kam sich in der +Bauerntracht sehr komisch vor, er und seine Herren machten noch lange +Witze darüber. Das umständliche Zeremoniell war trotz allem da und dort +nicht eingehalten worden, es gab Leute, die darüber murrten; auf Schloß +Tirol bemerkte der Herzog Johann mit grimmiger Befriedigung, daß ihm das +nicht passiert wäre. Allein wie immer, Kärnten und Krain, die Hälfte +ihrer Länder, waren vorläufig für Margarete und ihren Gemahl verloren. + +Margarete war nie eine pathetische Natur gewesen. Sie hatte nicht +erwartet, daß Kärnten aus Treue zu dem angestammten Herrscherhaus sich +nun flammend vor sie hinstellen und schützen werde. Aber die schnöde +Art, wie man mit der größten Selbstverständlichkeit das Recht preisgab +und sich auf die Seite der Macht schlug, in aller Hast noch kleine +Vorteile für sich erschachernd, füllte sie dennoch an mit Ekel und +Empörung. Sie hatte keinen Einwand, als Herzog Johann, schäumend, mit +überschlagender Stimme, fußstampfend, Order gab, Burg Auffenstein bei +Matrei, das Stammschloß des treulosen Kärntner Gouverneurs, zu +zerstören. Der kluge Herr von Schenna meinte freilich, es wäre +gescheiter gewesen, es einfach zu beschlagnahmen. + +Blieb Kärnten verloren, so entwickelten sich in Tirol die Dinge für die +Kinder sehr günstig. Die tirolischen Barone hatten von dem Luxemburger +weitgehende Versicherungen, daß er ihnen in die maßgebenden Ämter keine +fremden Vögte hineinsetzte; jedenfalls war mit den beiden Kindern +leichter auszukommen als mit dem in Gelddingen durchaus nicht +gemütlichen Wittelsbacher. Die Tiroler Herren blinzelten also einander +zu, verständigten sich, beschlossen, in bewährter tirolischer Treue zu +ihrer angestammten Herrin zu stehen, rüsteten bewaffneten Widerstand, +schürten die gute Gesinnung im Land. + +So fand Herzog Johanns älterer Bruder, Markgraf Karl, den König Johann +vorläufig in seiner Vertretung nach Tirol schickte, die Grafschaft in +gutem Stand zur Verteidigung, und die drei Kinder konnten in einem +kurzen Krieg, der äußerst sachlich, gründlich und grausam geführt wurde, +Tirol halten. Der kleine Herzog Johann zeigte sich übrigens in diesem +Krieg von einer persönlichen, verbissenen, krampfhaften Tapferkeit, die +nicht ohne Eindruck auf Margarete blieb. + +Mittlerweile konnte auch König Johann wieder vom Krankenlager aufstehen. +Seine Augen freilich waren nicht mehr zu retten. Er sah von der Welt nur +mehr einen schwachen Schimmer und wußte, daß er bald gar nichts mehr +werde sehen können. Dies machte ihn etwas müde, geneigt zu Philosophie +und Pazifismus. Auch der Habsburger, der lahme Albrecht, war des Kampfes +müde; er sah, daß außer Kärnten vorläufig für ihn nichts zu holen sei +und daß er, führe er den Krieg weiter, sich lediglich für den Kaiser +schlage, der sich, ging es ans Zahlen, diesmal wie stets einsilbig, +hochmütig und schofel hinter seine Kaiserwürde zurückzog. Albrecht kam +unter diesen Umständen mit Johann bald überein, erkannte die Luxemburger +als rechtmäßige Herren von Tirol an, wogegen Johann sich mit der +Habsburger Herrschaft in Kärnten einverstanden erklärte; natürlich +verlangte er noch einen finanziellen Ersatz: zehntausend Veroneser +Silbermark. + +Da er gerade im Verträgeschließen war, schlug er auch dem Kaiser einen +Handel vor: Brandenburg gegen Tirol. Ludwig, der mit Leidenschaft solche +Geschäfte betrieb, war sogleich dabei, und die beiden Fürsten erwogen +stark angeregt die Einzelheiten des Projekts. Da aber schlug die Treue +der Tiroler zu ihrer Fürstin in lohen Flammen empor -- die Feudalbarone +wären ja durch die Herrschaft der Wittelsbacher finanziell schwer +beeinträchtigt gewesen; es kam zu den heftigsten Resolutionen, und die +Volksbewegung war so stark, daß König Johann feierlich bezeugen mußte, +er habe nie an eine derartige Vertauschung gedacht. Ja, sein Sohn und +Statthalter, der Markgraf Karl, hielt die Stimmung für so bedenklich, +daß er in den Vater drang, sich mit den höchsten Eiden zu verpflichten, +Tirol niemals zu veräußern. Was dieser achselzuckend und liebenswürdig +lächelnd tat. + +Das junge Ehepaar dachte übrigens nicht daran, die Abmachungen Johanns +über Kärnten zu vollziehen. Margarete erging sich in den heftigsten +Worten, wie ihr Vormund ihre Interessen schnöde verschachere; sie und +ihr junger Gemahl hielten ihre Ansprüche auf Kärnten und Krain voll +aufrecht. Der junge Herzog Johann fand hierbei willkommenen Anlaß zur +Entfaltung einer großen, pathetischen Zeremonie. Er sammelte den Adel +Tirols um sich und ließ die Herren, malerisch angeordnet, die Schwerter +gezogen, auf das Kreuz schwören, nicht zu ruhen und zu rasten, bis +Kärnten wieder in seinem und Margaretens Besitz sei. + +Der blinde König Johann fand, sein Sohn sei ein kleiner Esel. Denn die +einzige Folge dieses großen Auftritts war, daß Österreich die +zehntausend Mark Veroneser Silbers nicht zahlte. Tatsächlich blieben die +Österreicher im Besitz Kärntens, die feierlichen Tiroler Herren steckten +trotz des Schwurs ihre Schwerter wieder in die Scheide, und durch die +Räume König Johanns glitt schattenhaft, unscheinbar und mit vielen +Verneigungen Messer Artese aus Florenz. + + + + +Der Herzog Johann wurde reifer, männlicher. Sein Gesicht blieb trotzig, +hinterhältig, verbissen; aber sein Körper verlor das Stakige, +Überlang-Magere, ward fest, stattlich, nicht sehr gelenk, doch sicher. +Er war ein guter Jäger, verstand sich ausgezeichnet auf die Falkenbeize, +bewährte auch im Krieg persönliche Tapferkeit. Margarete gefiel er. Es +gab schönere Männer, klügere, glänzendere. Aber er hatte sich bei den +schwierigen Kämpfen um den Besitz des Landes nicht schlecht gehalten, +war kein Knabe mehr, war sehr jung zum Mann geworden, war ihr Mann. Er +vermied sie. Je nun, er war wohl überhaupt scheu; gesprächig, +vertraulich war er nur mit seinen Jägern; man mußte um ihn werben. Sie +stellte sich in seinen Weg. Es nutzte nichts; er ging ihr, abweisend, +vorbei. + +Sie füllte ihren Tag mit tausend Beschäftigungen, Putz, Repräsentation, +Politik, Studien. Aber ihre Gedanken hakten sich immer wieder an ihn. +Warum konnte sie nicht zu ihm gelangen? Ihre Nächte waren voll von ihm. +Aufdringlich fast suchte sie seine Gesellschaft. Fand alle möglichen +Vorwände, sowie sie ihn nur in der Nähe wußte, bei ihm einzudringen. +Aber er war immer eilig, bog mürrisch jedem vertraulichen Wort aus. Sie +suchte nie den Grund in seinem schlechten Willen, war ihm für +keinen Augenblick böse. Suchte alle Schuld in sich, in ihrer +Ungeschicklichkeit. + +Sie mußte sich anvertrauen, sich Rats holen. Aber bei wem? Ihre Frauen +waren dürr und albern, der gutmütige Abt von Viktring würde mit +erbaulichen Sprüchen und Zitaten kommen. Nach einer schlaflosen Nacht +sprach sie mit Herrn von Schenna. + +Der lange Herr saß in schlechter Haltung vor ihr, ein Bein über das +andere geschlagen, das etwas welke Gesicht in die große Hand gestützt. +Durch die feinen Pfeiler der Loggia sah man weit in die Berge hinein +über das starkfarbene, üppige, besonnte Land. An den Wänden der Loggia +schritt sehr bunt und überschlank Tristan. Isolde stand, die eine Hand +gehoben, hoch und abweisend. Zu Füßen der Herzogin Margarete spreizte +sich der Hauspfau. Margarete, in einem malvenfarbenen Kleid, das +kupferne Haar schillernd in dem hellen Tag, aber alle Häßlichkeit auch +des Gesichts in dem klaren Licht grob und mitleidlos enthüllt, sprach +stockend, in halben Worten. Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen +wollte; dennoch kam jetzt ihre sonst so gewandte Rede nicht recht +vorwärts, und sie sprach in Andeutungen. Schließlich war Johann doch ihr +Mann. Irgend jemand müsse ihm das doch sagen. Sie selber, das gehe doch +nicht gut. + +Sie sah Herrn von Schenna an. Aber der saß ganz still, blinzelte in der +Sonne, schwieg. Mutloser noch fuhr sie fort. Es war früher manchmal +dagewesen, daß Fürsten, die als Kinder waren verheiratet worden, später +feierlich Beilager hielten. Johann hänge so an Zeremonien. Ob Herr von +Schenna es für angängig halte, daß sie Johann ein solches Fest +vorschlage. + +Herr von Schenna ließ eine Weile verstreichen, ehe er antwortete. In die +besonnte Stille hinein schrie der Pfau, von unten her aus den tieferen +Reben, sehr fern, klang das Geschrei spielender Kinder. Herr von Schenna +wußte, daß der junge Herzog anderen Frauen gegenüber durchaus nicht so +scheu und blöde war wie Margareten. Behutsam, langsam, merkwürdig sacht +hub er endlich an. Wie er den jungen, eigenwilligen, herrschsüchtigen +Fürsten kenne, glaube er nicht, daß er einen Gedanken ausführen werde, +den ein anderer ihm eingebe. Vielleicht daß sich einmal Gelegenheit +biete, ihm den Gedanken so unmerklich beizubringen, daß er ihn für einen +eigenen halte. Aber man müsse sehr, sehr vorsichtig sein. Und abwarten. + +Dann, froh, abbiegen zu können, wies er auf einen Herrn, der langsam in +der prallen Sonne den Weg heraufritt: »Da kommt Berchtold.« + +Die Herzogin sehr ehrerbietig grüßend, kam Berchtold von Gufidaun heran. +Der stattliche Herr, bräunlich kühnes Gesicht, blaue Augen merkwürdig zu +dem dunkeln Haar, war Jakob von Schennas bester Freund. Herr von Schenna +pflegte zu sagen: »Er ist zweimal so dumm wie ich, aber zehnmal so +anständig.« Margarete mochte den festen, biederen, sehr ergebenen Mann +gern leiden. + +Herr von Schenna ließ Wein und Früchte bringen. Es ging gegen Abend, man +hielt ein geruhsames Gespräch. In eine Stille hinein fragte plötzlich +Margarete: »Sagen Sie, Herr von Gufidaun, Sie kommen doch mit vielen +Leuten zusammen, mit Aristokraten, Stadtbürgern, Bauern: wie denkt +eigentlich das Volk über mich?« Der ehrliche Mann, überrumpelt, drückte +unbehaglich herum, das Volk liebe und ehre sie geziemend. Schwitzte +unter dem klaren, ernsten Blick des Mädchens. Schenna kam dem Verlegenen +zu Hilfe. Überall wisse man, wie klug und gewandt sie sei und daß sie +das Land vor Habsburg und Wittelsbach gerettet habe. + +Margarete fühlte sehr wohl, daß die Vorsicht, die Herr von Schenna ihr +riet, sehr am Platz war, mehr als seine Höflichkeit ihr sagte. Aber sie +wollte sich das nicht eingestehen. Sie konnte nun nicht länger untätig +bleiben und zusehen, wie Johann an ihr vorbeiging. Gut, ihr Gesicht war +häßlich, ihre Figur breit, unedel, ohne Reiz. Aber sie war gesund, sie +hatte Blut, sie war bereit, tüchtig und berechtigt, Fürstenkinder zu +empfangen, zu gebären. Die Männer waren blöde, sie wollten gestoßen +sein; sicher war es so. Der Junge kam auf nichts, stieß man ihn nicht +an. + +Sie fragte ihn, ihre Erregung mühsam bändigend, so beiläufig wie +möglich, wann er eigentlich und wo die Feier ihres Beilagers abzuhalten +für ratsam halte. Das Kloster Wilten, die Stadt Innsbruck warte darauf. +Er schaute sie auf und ab, sein Gesicht verzog sich wütend, spöttisch, +gehässig, die Augen wurden ganz klein. Eine Feier auch noch? Er habe sie +doch geheiratet. Das sei Feier genug gewesen. Er denke nicht daran, ihr +Beilager gar noch feierlich zu begehen. Sie möge gefälligst warten, ihn +in Frieden lassen. Er schrie. Die Stimme schlug ihm um. Er lachte +knurrend, höhnisch, bösartig. Seine Augen glitten von ihrem harten, +kupfernen Haar über den kurzen, plumpen Leib bis zu den Füßen. Er sah +aus wie ein tückischer kleiner Affe. Margarete schluckte, wandte sich, +ging. + +Allein, raste sie, schäumte. Wer war er denn? Wie ein bissiger, +häßlicher Köter sah er aus. Wer hätte ihn angeschaut, wäre er nicht +Herzog? Und sie hat ihn dazu gemacht. Und muß sich nun -- wer hilft ihr? +-- diese frechste Verhöhnung gefallen lassen. Ist sie darum Herzogin? +Wann je war eine Frau so verschmäht und gekränkt wie sie? Sie zerkratzte +sich die Brust, ihr armes, häßliches Gesicht. Schäumte, knirschte, +knurrte, stöhnte, daß ihre Frauen bestürzt hereinkamen. + +Andern Tages war sie eisig umkrustet. Warf sich auf die Politik. Beriet +mit Volkmar von Burgstall, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun. +Markgraf Karl, Johanns älterer Bruder, war auf Reisen am Rhein. +Eigentlicher Regent des Landes war, den Herzog Johann klug lenkend, der +Bischof Nikolaus von Trient, ehedem Kanzler des Markgrafen in Brünn, +Domherr von Olmütz, ein energischer, rasch denkender Herr, den +Luxemburgern unbedingt ergeben. Jetzt mischte sich Margarete in jede +kleinste Angelegenheit, zwang den Bischof, verbindlich in der Form, aber +unnachgiebig, sie an allen Regierungsgeschäften teilnehmen zu lassen. Da +sie die eingesessenen Feudalbarone, die dem Luxemburger Prälaten nicht +zu großen Einfluß einräumen wollten, auf ihrer Seite hatte, fügte sich +der geschmeidige Bischof, Schritt für Schritt weichend. + +Den Herzog Johann behandelte sie mit eisiger Höflichkeit, nannte ihn +Herr Herzog und mit allen Titeln. Niemals mehr war von Persönlichem +zwischen ihnen die Rede. In allen politischen Dingen wurde er +beigezogen, aber sie wußte ihn bei aller umständlichen Höflichkeit immer +wieder vor den tirolischen Herren als dummen, launischen, kleinen Jungen +hinzustellen. Er verzerrte sich vor Zorn; aber wenn er losbrechen +wollte, fand er, denn sie hatte sehr klug jede Form gewahrt, erstaunte, +mißbilligende Gesichter. Häufig auch traf sie wichtige Maßnahmen +selbständig und holte im letzten Augenblick erst seine Zustimmung ein. +Sehr geschickt verstand sie seine Einwilligung zu einer leeren Formsache +herabzudrücken, ohne daß er, bis aufs Blut gereizt und verärgert, der +erstaunt und unschuldig sich Habenden solche Nichtachtung nachweisen +konnte. + +Die Finanzen des Landes waren besser als unter König Heinrich, aber noch +keineswegs gesund. Sie verlangten ein ewiges, vorsichtiges Lavieren und +viel Hin und Her. Herzog Johann, der anstrengenden Kleinarbeit müde, +berief den Alleshelfer, den er von seinem Vater her kannte, Messer +Artese aus Florenz. Unscheinbar, schattenhaft, ungeheuer dienstwillig +war der mächtige Bankier mit einemmal auf Schloß Tirol. +Selbstverständlich und mit tausend Freuden wird er aushelfen. Er +verlangte dafür nur einen ganz, ganz winzigen Gegendienst: die +Verpfändung der eben erschlossenen Silberbergwerke. + +Herzog Johann war sofort dabei. Margarete, in kluger Berechnung, +widersprach nur flüchtig und ohne Nachdruck, ließ ihn ganz sich in den +Plan verstricken. Erst als der Plan in allen Einzelheiten ausgearbeitet +war, protestierte sie unvermittelt mit größter Entschiedenheit, +verweigerte ihre Unterschrift. Johann schwoll an, seine Adern wurden +dicke Schlangen. »Der Welsche kriegt die Silberrechte!« gellte er. + +Margarete, bebend vor Triumph: »Er kriegt sie nicht!« + +Der Herzog sah rot. Was? Er hat dem Bankier die Silberrechte versprochen +und soll es nun nicht halten können? Bloß weil die Hexe, die +widerwärtige, scheuselige, die Vettel, nicht mag? »Er kriegt sie! Er +kriegt sie!« und stürzte sich auf sie, schlug sie ins Gesicht, verbiß +sich in sie. + +Sie, selig, weil sie ihn so tief traf, jubelte, ihre volle Stimme in +seine japsende: »Er kriegt sie nicht! Nie kriegt er sie! Nie!« + +Keuchend, ohnmächtig sich verzehrend, ließ er von ihr ab. + +Margarete schickte Eilboten an den Markgrafen Karl. Mißmutig kam der aus +wichtigen Geschäften zurück nach Tirol, als Schiedsrichter. Es war klar, +daß Margarete recht hatte; selbstverständlich konnte man die +Silberbergwerke dem Florentiner nicht preisgeben. Margarete lenkte klug +ein, sparte ihrem Gemahl die offene Niederlage. Aber als sie allein +waren, schalt der ältere Bruder den Herzog, daß dem das Mark in den +Knochen sich empörte vor Wut. + +Der nüchterne, sachliche Markgraf konnte nicht umhin, die Staatsklugheit +seiner jungen Schwägerin anzuerkennen. Von Böhmen und Luxemburg aus +verbreitete sich der Ruf ihrer diplomatischen Überlegenheit an den +europäischen Höfen. Wohl verhandelte man offiziell mit dem Herzog +Johann; aber in allen Staatskanzleien wußte man, daß in Wahrheit allein +die häßliche junge Herzogin das Land in den Bergen regierte. + + + + +Bald nach dem Tod des Königs Heinrich starb auch sehr plötzlich Frau von +Flavon, Herrin von Taufers und Velturns. Bei einem Spaziergang mit ihrer +jüngsten Tochter, als sie unter Jauchzen und Geschrei Alpenblumen +pflückte, stürzte die hübsche, rundliche Dame zu Tod. Die Töchter +bestatteten sie unter großer Anteilnahme sehr prunkvoll neben den etwas +zweifelhaften Gebeinen, die sie als die Peters von Flavon aus Italien +zurückgebracht hatten. Die drei hübschen Fräulein waren in recht +bedenklicher Lage. Jetzt, nachdem ihr Protektor, der gute König +Heinrich, tot war, erhob der Bischof von Chur seine alten Ansprüche auf +ihre westlichen Besitzungen, der Bischof von Brixen forderte mit vielem +Grund die Schlösser und Gerichte Taufers und Velturns zurück. + +Die drei jungen Damen, blond, lieblich und hilflos, verhandelten hin und +her mit den Finanzräten der Bischöfe. Es fanden sich viele, die sich +ihrer annahmen; aber gegen die guten, berechtigten Ansprüche der +mächtigen Bistümer war schwer aufzukommen. Schließlich gelangte die +Sache als an die letzte Instanz an den Hof des Herzogs. + +Agnes von Flavon erschien auf Schloß Tirol, tat einen Kniefall vor dem +jungen Herzog. Der stand knabenhaft und sehr wichtig vor der Knienden, +in dem langen, schmalen Gesicht die Lippen ernsthaft zusammengepreßt. Es +streichelte seine Herrschgier, wie das zarte Geschöpf, leicht und schön +und wehend unter dem schwarzen Gewand, so ganz verströmend und ergeben +vor ihm lag, aus tiefen, blauen Augen fromm und bittend zu ihm +aufblickte. So gehörte es sich. So hatte es Gott bestimmt, daß es sei. +Mochte die andere, die Häßliche, gegen ihn anbellen. Die da, die Zarte, +Liebliche, schönste Frau des Landes, lag vor ihm auf Knien, sah fromm, +hingegeben, voll Vertrauen zu ihm auf. Er war sehr gnädig zu ihr. + +Agnes machte auch der Herzogin ihre Aufwartung. Margarete widerstand +tapfer der Versuchung, über die Schöne zu triumphieren. War huldvoll. +Kondolierte in warmen Worten zum Tod der Frau von Flavon. Ihr Vater, +König Heinrich, habe ja immer der Familie besonders wohlgewollt, fügte +sie undurchdringlich hinzu. Ja, und es sei sehr traurig, daß die +Rechtslage, soviel sie höre, so ungünstig sei für die Fräulein. Sie +persönlich sei natürlich jederzeit erbötig, aus ihrer Privatschatulle zu +helfen. + +Agnes hatte sich vorgenommen, Margarete nicht zu reizen. Aber vor diesem +undurchsichtigen, doppelt empfindlichen Hohn ging sie durch. Was? Ein +Mädchen mit so einem Gesicht und so einem Maul wagte, gegen sie zu +sticheln? Und wenn jene die Kaiserin von Rom wäre und sie selber +leibeigen, hätte sie dagegen aufbegehrt. Sie schaute sie lange und +abschätzig an. Sagte dann, so gar ungünstig scheine es um ihre Sache +doch nicht zu stehen. Der Herr Herzog wenigstens habe sich sehr gnädig +und tröstlich zu ihr geäußert. Etwas kahl schloß Margarete: nun ja, man +werde das Urteil der sachverständigen Herren hören und die Angelegenheit +in gnädige Erwägung ziehen. + +Bevor Agnes das Schloß verließ, traf sie noch Chretien de Laferte, der +ihr in gesetzten Worten kondolierte. Agnes hörte ihn ernst an und +erwiderte ihm würdevoll. Er bat, sie auf der Rückreise begleiten zu +dürfen. Sie war auch da geziemend melancholisch, unterbrach aber +gelegentlich ihre Trauerwürde durch ein spitzbübisch kokettes +Scherzwort, den jungen Herrn durch solchen Wechsel tief verwirrend. + +Chretiens Stellung am Tiroler Hof war nicht angenehm. Solange der Prinz +Johann noch Knabe war, hatte er als ergebener, dienstwilliger Kamerad, +der die vielen Verstöße des schwierigen kleinen Prinzen gegen höfische +Zucht und Sitte unmerklich besserte und einrenkte, seinen klar +umgrenzten Bezirk gehabt. König Johann war überzeugt, man könne keinen +taktvolleren Adjutanten für seinen ungezogenen Sohn finden als den +hübschen, schlanken, ritterlichen, formvollen und doch so bescheidenen +Jungen. Auch Markgraf Karl hielt ihn für den rechten Erzkämmerling +seines jüngeren Bruders. Prinz Johann selbst aber hatte seinen offenen, +hübschen Kameraden nie recht leiden mögen. Hatte ihn geknufft, +mißhandelt, gedemütigt, mit seinen kleinen Wolfsaugen darauf lauernd, ob +der geduldige Begleiter nicht einmal rebellieren und Anlaß geben werde, +ihn wegzuschicken. Jetzt, seitdem er Herzog war, selbständig und +erwachsener, war die Stellung Chretiens noch viel schwieriger geworden. +Er hielt sich sehr bescheiden im Hintergrund; wagte er nur den leisesten +Rat an den jungen Herzog, so wurde er bösartig und verächtlich +zurückgewiesen. + +Chretien war jüngerer Sohn eines edlen französischen Hauses, ohne +Vermögen, darauf angewiesen, bei Hof sein Glück zu machen. Es hatte für +ihn keinen Zweck, seine besten Jahre in Tirol aussichtslos zu versitzen. +In den Feldzügen König Johanns hatte er sich brav und tapfer bewährt. +Eine Gelegenheit, sich besonders auszuzeichnen, hatte sich ihm nicht +geboten. Was sollte er bei diesem jungen, bösartigen Herzog, der ihn +immerzu demütigte, ihm jedenfalls nicht gewogen war? Er trug sich mit +dem Gedanken, an den Hof König Johanns zurückzukehren oder nach +Frankreich zu gehen oder besser noch zum König von Kastilien. In den +Kämpfen mit den Mauren war Geld und Ehre zu erwarten. + +Margarete hatte dem jungen Ritter lange Zeit keine besonderen +Gnadenbeweise mehr gegeben. Erst als sie sah, daß kein Weg mehr war von +ihr zu Herzog Johann, begann sie wieder, Chretien zu locken. Übertrug +ihm kleine, vertrauliche, diplomatische Sendungen, fragte ihn +Unverfängliches, das sie aber durch ihre Betonung bedeutsam machte. Er +war zurückhaltend, war voll von Zweifeln, wollte nicht verstehen. Es war +ein großer Glücksfall, bei einer Dame von solchem Rang in Gunst zu +stehen; aber es war ein zweigesichtiges Glück: man konnte unmöglich für +eine so häßliche Frau in die Schranken reiten. Zwar wird niemand wagen, +ihm ins Gesicht zu höhnen wie früher; doch er bäumte hoch, wenn er an +die feixenden Mienen, die zotigen Bemerkungen in seinem Rücken dachte. +Dann wieder hörte er, wie man an allen Höfen voll großer Achtung von +ihrer Umsicht und Gescheitheit sprach. Es schmeichelte ihm, daß eine +Dame von solchem Urteil gerade ihn erwählte. Sie imponierte ihm, er war +ihr dankbar, entzog sich ihr nicht mehr. Er ging auf ihren Ton ein, +seine Augen schleierten sich leise, wenn er sie sah, seine Stimme +bedeckte sich, wenn er zu ihr sprach. + +Einmal -- er war nach längerer Abwesenheit zurückgekehrt -- meldete er +sich bei der Herzogin. Sie war nicht in ihren Zimmern, das dürre +Fräulein von Rottenburg führte ihn in einen abgelegenen Teil des +abendlichen Gartens. Aus einer Baumgruppe her drang Gesang. Das +Hoffräulein legte die Finger an die Lippen, bedeutete ihm, +stillezustehen, zu schweigen. Eine warme, volle Stimme sang ein +einfaches Lied, jubelte in alle Höhen, schluchzte durch alle +Kümmernisse, sehnte sich, dankte, ging durch alle Irrsale. Den jungen +Menschen überkam es wie in der Kirche bei einem hohen Fest. Er nahm die +Mütze ab. »Die Herzogin?« flüsterte er, ungläubig. Da kam sie schon den +Baumgang herunter. Sie sah das große, bewegte Staunen in seinem offenen +Gesicht. Reichte ihm langsam die Hand. Er küßte sie. + + * * * * * + +Unterdes war die Angelegenheit der Hinterlassenschaft der Frau von +Flavon so weit gefördert worden, daß man die Entscheidung nicht gut +weiter hinauszögern konnte. Juristische wie politische Gründe sprachen +dafür, die erledigten Lehen den um die luxemburgische Sache sehr +verdienten Bischöfen zurückzugeben. Gleichwohl fanden die Räte allerlei +fadenscheinige Gründe, die für die Damen von Flavon sprachen. Es war +nämlich Agnes bei jedem einzelnen gewesen und hatte so lange Trauer, +Jugend, List, Hilflosigkeit spielen lassen, bis sie die Räte +eingewickelt hatte. Johann entschied also herrisch, daß die Güter den +Fräulein verbleiben sollten. Doch Margarete widersetzte sich. Mit so +guten Gründen und so beharrlich, daß dagegen nicht aufzukommen war. Man +einigte sich schließlich auf einen Vergleich. Schloß und Gericht +Velturns sollte den Schwestern verbleiben, die westlichen Besitzungen an +Chur, Taufers an Brixen zurückfallen; doch mit dem Beding, daß der +Bischof von Brixen nur einen von Schloß Tirol vorgeschlagenen Anwärter +damit belehnen dürfte. + +Die Schwestern, die schon den weiten Besitz unter sich geteilt hatten, +mußten sich also mit dem einen Velturns begnügen. Sie waren lärmend, +beweglich, eigenwillig, streitsüchtig. Immerzu herrschte giftiges +Geplänkel auf Burg Velturns. Auffallend war, daß die angenehmen Stimmen +der jungen Damen im Streit eine unerhört harte, pfauenhaft scharfe +Tönung bekamen. In der Öffentlichkeit erschienen die Schwestern übrigens +immer traulich vereint, umschlungen, lieblich, blumenhaft lächelnd. + +Als Kandidaten für das erledigte Taufers schlug Margarete Chretien de +Laferte vor. Der Herzog geiferte empört dagegen. Was? In diesen fetten +Besitz soll man den Schlucker setzen, den kahlen Mucker, der sich immer +so falsch bescheiden an die Wand drückt und sicher nach einem stechen +wird, sowie er nur die Macht dazu hat? Doch Margarete blieb fest. Der +Herzog von Kärnten und Graf von Tirol könne sich nicht lumpen lassen. +Könne nicht so lange jemandes Dienste annehmen und dann knausern und +filzig sein. Wenn Chretien jetzt ohne Lohn und Dank an einen andern Hof +gehe, so sei sie selber beschimpft durch solchen schmutzigen Geiz. Als +Johann sich weitersträubte, drohte sie, die Entscheidung des Markgrafen +Karl anzurufen, bis er sich knurrend fügte. + +Margarete selbst teilte Chretien diese Entscheidung mit. »Der Bischof +von Brixen wird Sie mit Schloß und Gericht Taufers belehnen. Bewähren +Sie sich, Herr von Taufers! Es ist mein Ruhm, wenn Sie Ehre einlegen, +meine Schande, wenn Sie versagen.« + +Chretiens mageres, kühnes, gebräuntes Gesicht rötete sich bis unter das +eigenwillige Haar. Langsam ging er ins Knie. Er sah nicht mehr, daß ihr +Mund sich äffisch vorwulstete, daß ihre Haut grau und lappig war. »Frau +Herzogin!« stammelte er. »Allergnädigste, herzliebste Frau Herzogin!« +Und es war mehr als die übliche Formel, wie er ihr dankte: »_Pour toi +mon âme, pour toi ma vie!_« + + * * * * * + +In der klobigen, altväterlichen Burg des Tiroler Landeshauptmanns +Volkmar von Burgstall saßen sieben, acht von den einflußreichsten +tirolischen Baronen beim Wein. Es kam selten vor, daß der wuchtige, +massige Herr Gäste zu sich bat, und dann in knurriger, barscher Weise, +die wie ein Befehl klang. Die Halle, in der man saß, war dumpf und +niedrig, die Wände überhaupt nicht, der Boden mit wenigen Tüchern +belegt. Glasfenster, das modische Zeug, verschmähte der konservative +Hausherr. Der junge, fröhliche Albert von Andrion, Margaretes +natürlicher Bruder, machte sich lustig über die Bretter, mit denen jetzt +in der kalten Jahreszeit die Lichtöffnungen vernagelt waren. Man saß wie +in einem Keller. Alles war rauchig, rußig vom Kamin, von den Kerzen und +Pechfackeln. Dabei war der Raum nicht zu durchwärmen; die Herren rückten +unbehaglich hin und her; man briet auf der einen Seite, fror auf der +andern. Der nervöse Herr von Schenna hüstelte, schnupperte, bekam +Kopfweh in dieser ungemütlichen, dumpfen, stinkenden Höhle, in der kalt +und widerwärtig der Geruch der Ställe stand. Aber die Speisen, Wildbret +und Fisch, waren mit Liebe und in ungeheuren Massen zubereitet und +gereicht, und der Wein, das war nicht zu leugnen, war ausgezeichnet. + +Wie die Herren den Landeshauptmann kannten, hatte er sie nicht der +bloßen Geselligkeit wegen zu sich gebeten. Aber er war karg und rauh von +Wort; es war nicht geraten, ihn zu fragen, bevor er selbst anfing. Man +trank also, redete Gleichgültiges, wartete. + +Langsam, in brummigen, unvollendeten Sätzen lenkte Volkmar das Gespräch +auf die Politik. Stieß die Herren unwirsch dahin, wo er sie haben +wollte. Ja, man war unzufrieden mit den Luxemburgern. Der erste, der es +deutlich aussprach, war Heinrich von Rottenburg. Der kleine Herr, breit, +rauhes, rotes Gesicht, schwarzer Stoppelbart, erregte sich, schlug mit +der Faust auf den Tisch, stieß Drohungen aus. Hatte man nicht, weil er +gewisse Abgaben verweigerte, sein Schloß Laimburg zerstört, sein gutes +Schloß bei Kaltern, an dem Vater, Großvater, Ahn gebaut hatten? Der +junge Herzog hatte es gewollt, der kleine, tückische Wolf. Und der +Bischof von Trient hatte den Befehl gegeben, der finstere Böhme, der +immer »Autorität!« sagte, »Gehorsam!« Hätte man ihm Felder gepfändet, +Weinberge, ein Dorf, eine Pflege. Aber, nur um ihn zu ärgern, ein Schloß +zu zerstören, eine gute Burg aus festem Stein, in eigenem, nicht in +Feindesland, das war sinnlos, das war wüstes Heidentum. Auch Frau +Margarete hatte es nicht gebilligt, die kleine Herzogin. Das kam, weil +sie die angestammte Fürstin war und mit dem Land fühlte. Aber die +Fremden, die Böhmen, die Luxemburger, was fühlten denn die? Die wollten +Geld herauspressen aus Tirol, nichts weiter, genau wie es der +Luxemburger mit Böhmen machte. Und er, Heinrich von Rottenburg, ließ es +sich nicht nehmen, daß König Johann damals doch Tirol habe verschachern +wollen gegen Brandenburg, möge er abschwören was immer. + +Schweigend hörten die andern diese gefährlichen Reden an. Behutsam +begann dann der vorsichtige, gepflegte Tägen von Villanders. Rein formal +hätten die Luxemburger den Vertrag ja schließlich eingehalten und keine +Fremden in die wichtigsten Verwaltungsämter berufen. Es sei doch nicht +zu bestreiten, daß Herr von Rottenburg Landeshofmeister sei, Herr von +Volkmar Landeshauptmann. Oder? Der gepflegte, bartlose, etwas +altmodische Herr sah die beiden so ernsthaft an, daß sie nicht wußten: +höhnte er oder was eigentlich wollte er? + +Der kleine Rottenburg brach los: Ob der gestrenge Herr ihn zum Narren +habe. Solche Würde habe unter dem guten König Heinrich was bedeutet. +Heute habe der dümmste Bauer lange schon geschmeckt, daß es kahle Titel +seien, und wer in Wahrheit regiere! Es sei ja höllisch schlau, wie die +Luxemburger das gedreht hätten; daß sie die weltlichen Ämter arm und +leer machten und die geistlichen stark und in die geistlichen ihre +Kreaturen hineindrückten. Nein, formal hätten sie dem Land keine fremden +Beamten aufgedrängt. Aber wer regiere denn? Der plattnasige Bischof +Nikolaus von Trient, der Böhme, der kein Wort Tirolisch versteht. + +Herr Konrad Botsch von Bozen erzählte Einzelheiten, wie die Bozener +Bürger voll seien von tiefem Verdruß, daß die Luxemburger dem Bischof +wieder alle alten, längst abgeschafften Rechte eingeräumt hätten. Und +wie der Bischof die Welschen begünstige vor den Deutschen. Herr Albert +von Andrion ahmte den Bischof nach, seinen unbeherrschten, heftigen +Gang, der plötzlich wieder durch das Streben nach geistlicher Würde und +Gravität gezügelt werde, seine zischende, sprudelnde, slawische +Aussprache. Dem jungen, fröhlichen Herrn war die Stimmung hier in der +Halle zuwider, auch die Politik war ihm zuwider; er wollte einen +unterhaltlicheren Ton in die Gesellschaft bringen. Mit dem Talg der +Kerzen klebte er sich die Nase platt, stieg auf den Tisch, parodierte +eine Predigt des Bischofs in seiner slawischen Mundart. Dröhnendes +Gelächter. + +Aber mit dieser Wendung ins Harmlose war der massige, wuchtige Gastgeber +durchaus nicht einverstanden. »Wissen die gestrengen Herren, was der +Pfarrer von Matrei Strafe zahlen muß, weil er dem Markgrafen Karl nicht +mehr Umsatzsteuer zahlt als dem König Heinrich?« Alle waren gespannt. +Ging man die Steuern und Abgaben genau durch, dann hätte man wohl die +meisten Tiroler Edeln der Hinterziehung beschuldigen können. +»Neunhundertvierundachtzig Veroneser Silbermark!« dröhnte Herr von +Burgstall. Man sprang auf, ging durcheinander wütend hin und her. Ei, +wenn die Luxemburger so kamen, da wird bald keiner mehr von den Tiroler +Landherren ein Dach überm Kopf haben. Das Land war reich. Das Land +nährte den Fürsten so gut wie die Ritter. Da brauchte der Fürst kein +Filz zu sein und auf den Pfennig zu schauen. Aber dieser Markgraf Karl +war von Natur geizig, das Gegenteil seines Vaters, der reinste +Schacherer und Jud. Daß dich Gottes Marter schände! So jung und schon +solcher Knauser. + +Der ehrliche Berchtold von Gufidaun saß schwitzend, mit hohen, +unbehaglichen Brauen. Die starken, blauen Augen schauten mißbilligend +auf die aufsässigen, widerspenstigen Barone. Solche Reden waren +unziemlich gegen das von Gott eingesetzte Fürstenhaus. Auch der junge +Albert von Andrion wurde bedenklich. Die Luxemburger hatten ihm zwar +übel mitgespielt und gerade die reichen Legate des guten Königs Heinrich +für seine vielen unehelichen Kinder arg beschnitten. Aber der junge, +offene Albert war ein gutmütiger Junge, illoyalen Ideen keineswegs +geneigt und voll Verehrung für seine kleine Schwester, die Herzogin. Nun +war wirklich Aufrührerisches kaum gesprochen worden, Herr von Burgstall +hatte nichts Greifbares gesagt, der kluge Herr von Villanders schon gar +nicht; eigentliche Drohungen, die man nicht dulden durfte, hatte nur der +kleine Rottenburg ausgestoßen, und der war stark unter Wein. Immerhin +schmeckte die ganze Angelegenheit leicht nach Rebellion. + +Der feine Schenna merkte die Verstimmung, renkte ein. Worüber man klage, +mit alldem habe die Fürstin selbst nichts zu tun. Margarete sei fernab +von Knauserei und Schikanen. Sei die rechte Enkelin ihres erhabenen +Großvaters Meinhard. Sei klug, sicher, spüre mit dem Land. Das wüßten +auch alle, vom letzten Leibeigenen bis zum Landeshauptmann. + +Gewichtig stimmte Volkmar zu, befreit und überzeugt Albert und Berchtold +von Gufidaun. + +Der behutsame Tägen von Villanders streckte wieder die Fühler vor. Ja, +man habe schon das rechte Gefühl. Das angestammte Fürstenhaus, auf dem +Boden des Landes, in seiner Luft gewachsen, sei von Gott bestimmt, in +Tirol zu herrschen. Hier schwieg er. Der kleine, heftige, wildumbartete +Rottenburg nahm den Faden auf. Die Luxemburger sollten dort regieren, wo +Gott oder der Teufel sie hingesetzt. In Luxemburg; wenn es die Böhmen +sich gefallen ließen, in Böhmen. Aber daß sie in Tirol säßen und +regierten, das sei durch Menschenwerk so, nicht durch Gottessatzung, und +das sei eben Irrtum gewesen. An ihnen, an den Herren selber, habe es +gelegen, wen man nach König Heinrichs Tod ins Land gelassen habe. Den +Habsburger, den Wittelsbacher, den Luxemburger. Es habe sich +sichtbarlich erwiesen, daß in Tirol nur der regieren könne, den die +Tiroler selber wollten. Gott habe es durch Berge und Täler und Pässe so +gefügt, daß ein Fremder nicht mit Gewalt könne über sie herfallen. Man +sei treu, man halte zu Margarete. Aber dem Luxemburger sei man nicht von +Gott, sondern nur durch Vertrag verpflichtet. Herzog Johann und die +andern Böhmen hätten den Vertrag schlecht gehalten. Er sei zerrissen, +gelte nicht mehr. + +Die Herren starrten ihm auf den Mund, schnauften. Das war klar. Das war +Meuterei. Hier war nichts zu deuteln. + +Wie man sich das denn denke, fragte tastend Herr von Villanders. Wie man +denn Margarete und die gottgewollte Untertanenpflicht trennen wolle von +den Luxemburgern. + +Schenna, vor sich hinblickend, mit halben, unbestimmten Worten, äußerte: +Sehr glücklich sei die Herzogin nicht gerade, soviel er wisse. Einen +Erben habe sie und das Land von dem Herzog Johann nicht zu erwarten, +soviel ihm bekannt sei. An ihr liege es nicht, sei zu vermuten. Wobei er +mit lächelnder Kopfneigung auf den Zeugen der Fruchtbarkeit König +Heinrichs wies, der rot, frisch, lachend und geschmeichelt unter ihnen +saß, auf Albert von Andrion. + +Herr von Villanders faßte zusammen: Man habe nichts gesagt, nichts +beschlossen. Man könne sich eine bessere, volkstümlichere Verwaltung des +Landes denken als die der landfremden Luxemburger. Man hänge mit +unbedingter Treue an der von Gott eingesetzten Herzogin Margarete. +Vielleicht sei es opportun, sie um ihre Meinung und ihren Willen zu +befragen. Seines Bedünkens sei Herr Albert von Andrion dazu der rechte +Mann. + +Lärmend stimmte man zu. Nur der redliche Berchtold von Gufidaun schwieg, +in Zweifeln hin und her gerissen. Der junge Albert, bedenklich zuerst, +aber stark unter Wein und geschmeichelt von dem Zureden der andern, nahm +an, verpflichtete sich, seiner Schwester die Meinung der Herren zu +unterbreiten, mit ihr Fühlung zu nehmen. + + * * * * * + +Margarete liebte es jetzt, viel allein zu sein. Oft hatte sie ein +stilles, sattes, ihren Frauen unbegreifliches Lächeln. Auf dem schmalen +Sockel der kargen Liebeserlebnisse ihrer Wirklichkeit baute ihre +Phantasie einen gigantischen Traum. Aus dem kleinen, ungezogenen, +hinterhältigen Jungen, der ihr Gemahl in Wirklichkeit war, machte sie +einen finster gewalttätigen, großen Tyrannen, der sie nicht verstand und +aus der Finsternis seines herrschsüchtigen Gemüts heraus sie quälte. Den +jungen Chretien schmückte sie mit allen Tugenden des Leibes und der +Seele. Er war Erec und Parzival und Tristan und Lanzelot und der +Löwenritter. Alle hellen, strahlenden Taten, die jemals in Geschichte +und Gedicht ein Held getan hat, er hat sie getan oder, wenigstens, +könnte sie tun. + +Es war Glück und Gnade, daß der Himmel streng zu ihr gewesen war und ihr +banale Anmut des Gesichts und der Gestalt versagt hatte. Die Frauen +rings um sie, die Frauen des Alltags, hatten ihre Männer, ihre +Geliebten, vergnügten sich mit ihnen in dumpfer, tierischer Lust in +ihren Kammern, hinter Büschen. Ihre Liebe war ganz rein und hoch, das +Schmutzige, Erdhafte war ihr von Anfang an verboten und versperrt. Sie +schwebte gelöst, hell und sehr anders über den kleinlichen, ärmlich +dumpfigen Lüsteleien und widerlich körperhaftem Getriebe der andern. Süß +war es, streng und rein zu sein vor sich und den andern. Süß war es, +nicht verstrickt zu sein in tierische, unsaubere Verschlingung von Haut +und Fleisch. + +Sie wurde krankhaft empfindsam gegen Lautheit, Massigkeit, +Körperlichkeit, Schmutz. Es ekelte sie vor fremder Berührung, die +Ausdünstung anderer Menschen machte ihr Pein. + +März war, von Italien her kam in warmen, linden Stößen Wind, der +sehnsüchtig ins Blut ging. Oben lagen die Berge dick in Schnee, aber die +unteren Hänge waren voll vom zarten Geflock der Mandel- und +Pfirsichblüten. Sie schaute hinaus von der Loggia des Schennaschen +Schlosses in das wellige, starkfarbige Land. Über ihr schritten bunt und +überschlank Lanzelot und Ginevra, Tristan fuhr übers Meer, Dido stürzte +sich in die Flammen. Sie gehörte nun zu diesen. Die Verse, die ihr so +lange hohl, versperrt, ohne Sinn gewesen waren, hatten sich aufgetan, +sie hatte trinken dürfen aus ihrer dunkeln, wohligen Fülle. + +Willkommen, großes, strenges Schicksal! Willkommen, Häßlichkeit! +Willkommen, fürstlicher Reif und Zepter! + +Fast dankbar war sie ihrem harten, tyrannischen Gemahl, denn seine Härte +hatte sie ihren Geliebten finden lassen. Süßer Freund! Er kannte sie. Er +wußte, daß diese graue, lappige, körnige Haut, dieser scheußliche Mund, +dieses tote Haar ein Außen war, und daß sie innen zart war und schlank +und voll Reichtum und Lieblichkeit. Sie sah ihn selten, sprach ihn fast +niemals, nie war ein Wort zwischen ihnen gefallen, das nicht jeder hätte +hören dürfen. + +Dennoch zweifelte sie keinen kleinsten Augenblick, daß er sie liebe. Sie +hatte seinen hingegeben dunkeln Blick nicht vergessen damals, als sie +gesungen hatte und aus der Vigne zu ihm trat. Und seine Stimme nicht, +und wie er verströmt war, als sie ihm von seiner Belehnung mit der +Herrschaft Taufers gesprochen hatte. Freilich war dies eine andere +Liebe, als die sie so gemeinhin um sich sah mit Küssen und süßlichen +Alltagsworten und Firlefanz. Sie, Margarete, hatte ihn durch jene Augen +von damals, durch seine Verströmtheit, ganz anders, viel tiefer zu eigen +als sonst eine Dame ihren noch so verliebten Galan. Mochten die andern +ihre Männer leiblich besitzen. Das war wohlfeil und wie Essen und +Trinken gemein. Ihr, der Fürstin, stand eine höhere, strengere Liebe an. +Es war wohl auch leicht, so niedrige, wohlfeile Liebe wie der andern +immer neu anzufachen, aufzuwärmen durch den Anblick, durch den Genuß +tierisch dumpfer Lust. Sie mußte immer wieder gegen ihre Gestalt +kämpfen, die Liebe ihres Freundes immer von neuem seinem Widerwillen +gegen ihr häßliches Außen abringen. + +Selige Bitterkeit solchen Kampfes! Sie dankte Gott und der Jungfrau für +so herbe, verschlungene, harte, reine, wahrhaft fürstliche Liebe. + +Sie ließ nicht ab, Chretien mit immer mehr Schein und Strahlen zu +verklären. Chretien war ohne Ehrgeiz. Sie war ehrgeizig für ihn. Daß +sich seine strahlende Begabung nicht auch den andern offenbarte, war +nur, weil sie ihn in Tirol zurückhielt, weil ihm hier die Gelegenheit +fehlte. Sie, Margarete, war schuld, daß er vor der Welt unscheinbar und +ohne Größe war. Sie war ihm verschuldet, sie schuldete ihm die +Gelegenheit zur Größe. + + + + +Chretien hatte mittlerweile die Herrschaft Taufers übernommen. Er besaß +die Dörfer Luttach, Sand, Kematen, das Nevestal, das Reintal. Das alles +war unter dem Regiment der Damen von Flavon ein wenig heruntergekommen. +Er freute sich darauf, es wieder hochzubringen. + +Eine große, unbändige Lust füllte ihn an, nach den langen Jahren bei +Hofe sein eigener Herr zu sein. Leer, bunt und widerwärtig lag die Zeit +bei Herzog Johann hinter ihm. Die vielen, zwangvollen Zeremonien, das +ewige Geknufftwerden, das Nichtsprechendürfen, die tiefen Neigungen und +Kniefälle, die frechen Anmerkungen hinterher, das verlogene Gefeilsche +bei den Turnieren, das glänzende und dabei so drangvoll bettelhafte +Leben, ständig in Angst vor dem Gläubiger. Er reckte das magere, +gebräunte Gesicht mit der starken Nase und dem unbekümmerten, langen +Haar in die Luft, in seine Luft. Er ritt herum auf seinen Höfen, die +Bauern schauten wohlgefällig, voll Verehrung auf den schlanken, +sicheren, hurtigen Herrn, die Weiber und Mädchen starrten ihn andächtig +an wie in der Kirche. + +Am Tiroler Hof hätte er es nicht länger ausgehalten. Er wäre gern und +mit Überzeugung irgendwohin geritten ins Abenteuerliche. Jetzt, so war +alles anders, und er fühlte sich sehr wohl. Es genügte seiner +Unternehmungslust vollauf, sein Leben heraufzuwirtschaften. Natürlich +wird er auch zu Hofe reiten, Kriegszüge mitmachen, bei Turnieren nicht +fehlen. Aber etwa nach Afrika zu ziehen und Mauren zu erschlagen oder +sich mit Türk' und Sarazen um das Heilige Grab herumzuhauen, danke sehr! +Dazu verspürte er vorläufig durchaus kein Verlangen. Er ritt männlich +und zufrieden auf seinem Boden herum und genoß seine junge Herrschaft. + +Eines Tages besuchte ihn die Herzogin. Er war Margarete tief und +untertänig zugetan. Er dachte keinen Augenblick daran, seine flüchtigen +und sehr wirklichen Beziehungen zu der und jener Frau mit den Gefühlen +für sie zu vermengen. Margarete war ihm ein Begriff, in den sich auch +Vorstellungen eindrängten, die er von den Sängern und Spielleuten her +kannte. War ihm eine poetische und lustige Angelegenheit, die in der +Belehnung mit Taufers eine unerwartete, glückhafte, reale Auswirkung +gefunden hatte, die er aber mit seiner übrigen Wirklichkeit nicht in den +losesten Zusammenhang brachte. Er ahnte nicht, was er für Margarete war, +welche Rolle er in ihrem Leben spielte. + +Er empfing die Herzogin freudig und mit ergebener Herzlichkeit. Seine +Stimme hatte jene schleierige, vieldeutige Befangenheit, die Margarete +erbeben machte. Was er sagte freilich, war nüchtern und sachlich. Er +sprach ihr von den Veränderungen, die er für seine Güter plante, von +einer mehr rationellen Bodenbewirtschaftung, strafferen Zucht der +Bauern. Sie unterbrach ihn unvermittelt, auf die Gletscher weisend, die +einsam, klar und höhnisch fern in ein helles Blau zackten: »Haben Sie +nie Lust, Chretien, einen von diesen Gletschern zu betreten?« + +Chretien sah sie verblüfft und etwas töricht an. Er sagte, und jetzt +klang auch seine Stimme ganz klar und ohne Geheimnis: »Nein. Warum +sollte ich da hinaufsteigen?« Dann sprach er wieder davon, wie angenehm +und ertragreich die unteren Hänge seien. + +Einige Tage später kam Agnes von Flavon. Sie war schon mehrmals bei +Chretien auf Schloß Taufers gewesen. Es ergab sich immer wieder eine +Kleinigkeit, die noch zu regeln war; auch Chretien fand nicht ohne +Geschicklichkeit immer neue Fragen, die Auskunft und persönliche +Besprechung erforderten. Agnes war blond, rührend, hilflos und nahm +stets von neuem mit verlorenen Blicken Abschied von dem Schloß und den +Bergen ringsum. + +Unterdes heiratete die ältere Schwester Maria von Flavon einen +bayrischen Herrn und überließ den beiden anderen Schwestern Schloß +Velturns. Es mußte aber dem Bayern eine ansehnliche Mitgift ausgezahlt +werden; die Herrschaft Velturns war an sich schon überlastet; Agnes bat +mit großen, treuherzigen Augen Chretien um Rat. Chretien kam nach +Velturns, sah die schlampige, elegante Wirtschaft der Schwestern, +empfahl Einsparungen da und dort, die sehr praktisch waren, aber die +Herrschaft aus einem Fürstensitz zu einem ertragreichen Bauernsitz +machen mußten. Agnes beneidete die Schwester. Die habe es gut, sei aus +der Misere heraus. Freilich sei der Bayer ein grober, tölpischer Bursch, +auch sei es übel, das schöne Tirol mit der faden bayerischen Ebene zu +vertauschen. Aber am Ende werde ihr wohl auch nur Ähnliches +übrigbleiben. Sie richtete ernst und lange das zarte und doch kühne +Gesicht mit den starken blauen Augen auf Chretien, der schlank, +gebräunt, befangen und ein bißchen dumm vor ihr stand. + +Das Projekt gegen die Luxemburger war gereift. Volkmar von Burgstall, +Tägen von Villanders, Jakob von Schenna hatten sich unmerklich, nachdem +sie die Sache gesät, mehr und mehr ins Dunkle gedrückt. Vornean stand +jetzt der kleine, heftige Heinrich von Rottenburg und, halb gegen seinen +Willen, der muntere, harmlose Albert von Andrion, Margaretes Bruder. +Margarete selbst wob und zettelte mit leidenschaftlicher, fiebriger +Beflissenheit die Fäden. Endlich sah sie, endlich, hier die Gelegenheit, +Chretien auf den Platz zu stellen, der ihm gebührte, ihm die Möglichkeit +großer Taten zu schaffen, die sie ihm schuldete. + +Die andern Herren zögerten, Chretien einzuweihen oder gar ihm eine +wichtige Stelle anzuvertrauen. Er war kein Einheimischer, er war ein +Welscher, Johanns vertrautester Kämmerling. Margarete mußte umständlich +darauf hinweisen, wie gemein der hämische, bösartige Johann ihn immer +behandelt habe, und daß von allen Chretien am meisten unter den giftigen +Launen ihres tyrannischen Gemahls habe leiden müssen. + +Chretien selber war ziemlich verwundert, als Margarete ihm von dem +Projekt sprach. Selbstverständlich war er Ritters genug, sofort +mitzutun, wenn es galt, die Dame, die er so tief verehrte und der er so +sehr verpflichtet war, aus der Hand ihrer Bedränger zu befreien. Aber +sehr begeistert schien er nicht gerade. Er war beschäftigt mit der +Arbeit für seine Güter, es wäre ihm lieber gewesen, wäre das +Abenteuer ein wenig später gekommen. Er sah, abgesehen von der +selbstverständlichen, aber im Augenblick lästigen Erfüllung seiner +Ritterpflicht, einen einzigen, etwas mageren Vorteil in der +Angelegenheit. Er festigte dadurch seine Stellung unter dem +einheimischen Adel; der Herr von Taufers-Laferte konnte fortan, hatte er +sich an diesem tirolisch bodenständigen Unternehmen beteiligt, kaum mehr +als landfremd angesehen werden. + +Margarete brannte in Erwartung, schürte, hetzte, spähte mit ihren +klugen, raschen Augen alle Möglichkeiten aus. Wußte es einzurichten, daß +neben Albert von Andrion und Heinrich von Rottenburg Chretien als das +eigentliche Haupt der Unternehmung galt. + +Auf Schloß Velturns war mittlerweile ein gewisser Herr Giulio aus Padua +eingekehrt, ein unansehnlicher Mensch, langsam, schweigsam, immer +lächelnd, eigentlich ein bißchen idiotisch. Allein sein Oheim hatte das +Kapitanat von Padua inne, er selber war am Comer See reich begütert. Er +schien Agnes hündisch ergeben, und Chretien überfiel jähe Angst, sie +könnte sich entschließen, ihm in die Lombardei zu folgen wie das Jahr +zuvor ihre Schwester dem Bayern. Seine Burg Taufers, seine Dörfer und +Täler schienen ihm auf einmal wertlos und ohne Licht, wenn er das +dachte. + +Man konnte mit Agnes nicht wohl reden wie mit anderen Frauen. Man konnte +sie nicht einfach nehmen. Sie war so zart. Sie wäre einem vor Schreck im +Arm vergangen. Ganz behutsam sprach er zu ihr. Wenn es ihr in dem +überlasteten Velturns nicht mehr gefalle, ob sie nicht wolle mit ihm in +Taufers hausen. + +Ei, wie konnte sie erstaunt sein! Sie hieß ihre Augen sich schleiern, +ihre Lippen befangen lächeln, ihre Hand scheu und lockend abwehren. +Antwortete halbe Sätze voll von Sträuben und Versprechen. + +Er war ein hübscher Junge, unleugbar, sehr anders als die plumpen +Tiroler Herren. Das kühne, magere Gesicht mit der starken Nase, die +kurzen, vollen Lippen. Mit seinem unbekümmerten, langen, +kastanienfarbenen Haar mußte sich gut spielen lassen. Auch war Taufers +ein reicher Besitz. Aber schließlich, ihr Haar, ihre Augen, ihre Haut, +ihre kostbare Zartheit und Lieblichkeit war, Gotts Donner und Blitz, +zehn solche Herrschaften wert. Wenn sie dachte, wie die Welschen +hingerissen auf ihre Blondheit starrten, wie sie blaß wurden bei ihrem +Anblick, dann war sie überzeugt, sie hätte können in der Lombardei einen +ganz andern Ritter und Herrn finden. Als Gattin eines Visconti in +Mailand, eines Scala in Verona zu herrschen, umrauscht von der +Bewunderung der glänzenden Städte, wäre Triumph gewesen, viel +offenkundiger, als am Tiroler Hof die Gattin des Herrn von +Taufers-Laferte zu sein. + +Chretien sah, daß sie zögerte, ihn hinhielt. Er spürte, er müsse sich +größer machen, wichtiger. Er weihte sie ein in den Plan gegen die +Luxemburger. + +Agnes hörte zu mit einem merkwürdigen, dummen, sonderbar befriedigten +Lächeln. Sie wußte plötzlich, es war ein viel größerer Triumph, die +Gattin Chretiens zu sein als die des Mastino della Scala oder des +Visconti von Mailand. War es Sieg, der häßlichen Herzogin, der +wüstmäuligen, lapphäutigen, den Mann zu entreißen? Ja, ja! Es war Sieg! +Plötzlich wußte sie, daß sie seit langem auf diesen Sieg gewartet, +diesen Augenblick mit allen Mitteln herbeigekitzelt hatte. Es floß _ein_ +Strom von ihr zu der Häßlichen, sie schaukelten auf _einem_ Brett. Jene +war häßlich, gewiß; aber auf ihrem häßlichen Haar saß ein Fürstenreif, +und aus ihrem häßlichen Gesicht schauten ein paar höllisch kluge, +brennend energische Augen. Sie zu besiegen war viel schwerer als eine +andere, Schöne. Der Haß zwischen ihr und jener war ein sehr Lebendiges, +war das wichtigste Stück Leben, ihres sowohl wie jener. Wie hatte jene +gekämpft um den Mann! Hatte sie beraubt und den Raub dem Manne +geschenkt, hatte große Ereignisse künstlich gehäuft, den Mann darauf zu +stellen und zu erhöhen. Sie, Agnes, die arm war und bloß und nichts +besaß als sich selbst, hatte nur gewinkt und der Mann war sogleich +heruntergesprungen von dem riesigen Sockel, den jene so mühsam getürmt, +und ihr zu Füßen. Sie kostete ganz diese Erfüllung, schwoll an, schwamm +in ihr. Nein, sie wird in Tirol bleiben, wird sich messen mit der +Herzogin, die sie haßt, wird ihr mehr noch nehmen als den Mann. Es war +herrlich, oben zu schweben auf der Schaukel, selig und schwebend hoch, +und die andere ganz tief zu sehen und ganz vernichtet. + +Chretien ging in den gefährlichen Handel mit den Luxemburgern wie in ein +Turnier. Er war glücklich, Agnes vorher für sich geborgen zu haben. Er +dachte nicht einen Augenblick daran, daß durch seine Verbindung mit ihr +die Herzogin geschmälert werden könnte. Margarete war hier, Agnes dort, +seine Beziehung zu jener, seine Neigung für diese war aus sehr +verschiedenem Stoff. Er rüstete die Hochzeit in aller Eile, denn die +Ereignisse drängten. Agnes war sehr damit einverstanden; es war +kitzelnde Lust für sie, daß Margarete die Befreiung ihrem, ihrem Manne +zu danken haben würde. + +Zu Ende der Woche wollte Herzog Johann mit dem Markgrafen Karl und dem +größern Teil der luxemburgisch-böhmischen Truppen das Land auf mehrere +Monate verlassen, um seinem Vater in dem polnischen Krieg Hilfe zu +bringen. Agnes fragte Chretien, wann und wie man die Herzogin von ihrer +Vermählung unterrichten solle. Chretien hatte geplant, Margarete zur +Hochzeit zu bitten. Unter dem unverwandten, tiefblauen, spöttisch +unschuldigen Blick des Fräuleins von Flavon wurde er unsicher, verschob +die Mitteilung an Margarete, die mit allen Gedanken in ihrer Revolution +stecke, erst bis nach vollzogener Vermählung, dann bis zu seiner letzten +Unterredung mit der Herzogin. Als er indes die letzten Einzelheiten der +Unternehmung mit ihr besprach, schien es ihm richtiger, ihr seine Ehe +erst dann zu melden, wenn die luxemburgischen Truppen und Beamten +vertrieben und sie die alleinige Herrin ihres Landes sei. Es war +übrigens, als er sich von ihr verabschiedete, um sie erst nach +geglücktem Staatsstreich wiederzusehen, in seiner Stimme die gleiche +vertrauliche, vieldeutige Schleierung, die sie auf den Scheitelpunkten +ihrer Neigung so beglückt hatte. + +Kurz nachdem Chretien gegangen war, stand Herzog Johann in Rüstung vor +Margarete, um nun, auch er, sich zu verabschieden. Markgraf Karl war mit +der Masse der luxemburgischen Garde vorausgezogen. Kühl, verächtlich +hörte Margarete auf Johanns grimmige Sätze. Bissig schloß er: »Jetzt +wird hier ein gescheites Regiment anfangen, wenn Sie ohne mich regieren. +Man sieht ja an Taufers, was dabei herauskommt, wenn man meine Maßnahmen +kreuzt.« + +»An Taufers?« konnte sie sich nicht enthalten zu fragen. + +»Nun ja, jetzt hat sich die Agnes das Schloß eben auf diese Art +zurückgeholt. Da hätten wir es ihr gleich lassen können.« + +Margarete fragte nicht weiter. Sie wußte plötzlich alles. Sie +beherrschte sich, bis der Herzog fort war. Sie fiel nicht um, die Stimme +versagte ihr nicht, ihr Blick hielt seinen kleinen, bösartigen, +lauersamen Wolfsaugen ruhvoll höhnisch stand. + + * * * * * + +Allein, brach sie furchtbar aus. Wer jemals war so verraten worden? +Geschleiert hatte er die Stimme, beredt gemacht und voll letzter +Ergebenheit den Blick, jede Geste voll Einverständnis. Hatte sie in den +Glauben geschläfert, er sehe durch ihre wüste Haut in die strenge, harte +Schönheit dahinter im Innern. Hatte getan, als verzichte er ihre +Resignation mit, als kämpfe er ihre Kämpfe, ihre leidvollen Siege mit, +ziehe sich mit ihr zurück aus den bequemen Tälern der Alltagslust auf +ihre kalte, einsame, wild strenge Erhöhtheit. Und hatte sie sogleich +preisgegeben an die glatte, leere Larve. Wer weiß, vielleicht saßen sie +jetzt zusammen, Agnes und er, und lachten sie aus! + +Schlau hatte er es angestellt, ei ja! Hatte sich seine Gaukelei, die +verzückten Mienen, das ergebene Getue verflucht teuer bezahlen lassen. +Mit solchem Preis, mit der Herrschaft Taufers, hätte man sich sämtliche +Hofzwerge, Sänger, Gaukler, Spielleute des Römischen Reichs erkaufen +können. Und jetzt hatte er es gnädig zugelassen, daß sie ihn dem Projekt +gegen die Luxemburger an die Spitze stellte. Hatte wohl erwartet, er +werde nun Burggraf werden, Landeshauptmann, der eigentliche Regent von +Tirol. Darum wohl auch hatte er ihr bis jetzt nichts mitgeteilt von +seiner Verbindung mit Agnes. War der Streich einmal geglückt, dann hatte +er die Macht in der Hand. Brauchte ihren Zorn nicht mehr zu fürchten. +Konnte im Land schalten, als der Retter von der Fremdherrschaft, auch +gegen ihren Willen. + +Wie sie sich lustig machen mußten, er und jene, über die dumme, häßliche +Herzogin, die Gans, die glaubte, sie könne durch Geschenke, durch +Gefühle über ihre Wüstheit hinwegtäuschen! Als wiege dem Mann die +strahlendste Seele einen plumpen Mund auf und hängende Backen. Sie +raste. Sie wütete gegen sich. Mit _einem_ Krach stürzte der ganze +künstliche Bau ein, in den sie sich geflüchtet hatte. Oh, wie verlogen +waren alle diese Phantasien gewesen von ihrer strengen, hohen Sendung, +ihr Willkommgruß an die Häßlichkeit! Lächerlich war sie, lächerlich im +Putz ihrer modischen Kleider und weltumströmenden Gefühle, sie, die Gott +verworfen hatte durch ihre widerwärtige Gestalt und doppelt verhöhnt +durch den Platz, auf den er sie gestellt. + +Wie hatte sie herabgeblickt aus ihrer kristallenen Höhe auf Agnes, das +kleine, bunte, dumme Insekt. Und jetzt lag sie im Dreck, wo sie +hingehörte, ekles Geziefer, das sie war, und Agnes lächelte aus dem Blau +auf sie herunter mit ihren feinen, roten, ach, so zierhaft geschwungenen +Lippen. + +Haßte sie Agnes? Nein, sie haßte sie nicht. Die war nun, wie sie war. +Wer so schön war, hatte gut herunterlächeln -- warum sollte sie nicht? +-- auf die Häßliche. Aber er, Chretien! Wie er gelogen hatte! Wie er sie +angeschaut hatte aus seinem kühnen, gebräunten, offenen Gesicht, +hündisch ergebene Andacht in den Augen! Wie sich ihm die Stimme gepreßt +hatte aus Bewegtheit und Neigung! Daß einer mit so offenem, treuherzigem +Gesicht so lügen konnte! Daß Gott das zuließ! Daß die Erde nicht aufriß +unter ihm! Der Hund! Der Betrüger! Der schmutzige Lügner! + +Sie häufte, in ungehemmter Raserei, alle Flüche und Schimpfworte, die +unflätigsten, die sie kannte, sinnlose, irgendwo aufgeschnappte. Sie +tobte durch das Zimmer, bis sie kraftlos auf den Teppich fiel. Da lag +sie, die plumpen, geschminkten Hände von sich gestreckt, unfähig, sich +zu regen, heiser, das zarte, kupferfarbene Haar gelöst in spröden +Strähnen. + +Als sie sich erhob, war sie sehr verändert. Ging an ihre Geschäfte, +eisig starr, rasch, ohne Schwanken, zielklar, mit einer kalten, +besessenen Energie. Diktierte, schrieb selber Briefe, fertigte Kuriere +ab. Neue Briefe, neue Siegel, neue Kuriere. So ging das durch zwei Tage. +Dann versank sie in ebensolche Untätigkeit, wie sie vorher rastlos +gewesen war. Niemand wurde vorgelassen. Sie schleifte sich auf und ab +durch ihre Zimmer. Schaute stundenlang über das Land hin, die dicken, +plumpen Lippen halboffen in einem merkwürdig lüsternen, bösartigen +Lächeln. Wartete. Aß nicht. Sprach nicht. Wartete. + + + + +Bevor Markgraf Karl und Herzog Johann die böhmische Grenze erreicht +hatten, erhielten sie einen Eilbrief des Bischofs Nikolaus von Trient, +des der luxemburgischen Sache blind Ergebenen. Er habe von den +verschiedensten Gegenden des Landes anonyme Warnungen erhalten. Es gäre +im Land. An der Spitze der Aufruhrbewegung stünden Chretien von Taufers, +Heinrich von Rottenburg, Albert von Andrion. Er rate den Fürsten +dringend, mit ihren Truppen zurückzukehren. + +In Eilmärschen kehrten die Luxemburger um. Fingen Albert von Andrion und +Chretien von Taufers in einem Hinterhalt. Der Aufstand war mißglückt, +ehe er ausgebrochen war. Die revolutionären Feudalherren krochen in ihre +Burgen zurück; keiner hatte von einem Protest gegen das luxemburgische +Regiment etwas gewußt, geschweige denn von bewaffnetem Widerstand. Die +eigentlichen Anstifter, Burgstall, Villanders, Schenna, waren von Anfang +an zu klug gewesen, sich bloßzustellen. Wie Schnee im Sommer +verschwanden die Aufständischen vor den luxemburgischen Truppen. +Heinrich von Rottenburg entkam; gute Freunde, um sich zu halten, +lieferten ihn aus. + +Nachdem der Aufstand so rasch und mühelos erstickt war, hielt Markgraf +Karl seinen weiteren Aufenthalt in Tirol für überflüssig. Er empfahl +seinem Bruder und dem Bischof von Trient, die Mitläufer nicht zu +verfolgen, aber die Führer rücksichtslos zu bestrafen. Legte verstärkte +Besatzung nach Schloß Tirol, in die wichtigsten Festungen, zog mit dem +Rest der Truppen seinem Vater zu Hilfe nach Polen. + + * * * * * + +Auf Schloß Sonnenburg bei Innsbruck saß der Bischof Nikolaus von Trient, +hörte mit finsterer, beflissener Aufmerksamkeit das Protokoll, das der +Sekretär des Herzogs Johann vorlas. Johann selber lehnte am Tisch, +schaute mit kleinem, bösem, triumphierendem Lächeln auf den sitzenden, +finstern Prälaten. + +Ja, nun zeigte es sich, daß er recht gehabt hatte. Der Bischof hatte es +für unpolitisch gehalten und, wenn dann doch nichts herauskommen sollte, +für geradezu schädlich. Aber er, Johann, hatte darauf bestanden, hatte +sich kühn hinweggesetzt über so umständliche Bedenken. Was Bruder der +Herzogin! Was Blut vom angestammten Fürstenhaus! Ein Hochverräter war +er, ein meineidiger Rebell. Und er hatte über Albert von Andrion die +Tortur verhängt. + +Der blonde, nette, fröhliche Mensch war ihm von je zuwider gewesen. Ei, +er hatte ihn immer angehaßt, mit Margarete gegen ihn gezettelt. Nur +hatte man ihm nichts nachweisen können. Jetzt endlich konnte man ihn, +Gott sei Dank, überführen, unschädlich machen. + +Der Herzog selber war dabei gestanden, als man den Gefangenen peinlich +befragte. Den ersten Grad überstand er stumm und trotzig. Man zog ihn, +die Füße mit Bleikugeln beschwert, an den nach rückwärts gebundenen +Händen hoch, ließ nieder, zog wieder hoch. Seine weiße, rosige Haut lief +an, schwitzte. Aber er schwieg. Auch die Daumenschrauben überstand er. +Es knirschte, Blut spritzte, er erbrach sich. Aber seine Heimlichkeit +nicht mit. Erst als man ihn mit glühenden Zangen zwickte und mit +Feuerbränden unter den Achseln kitzelte, bequemte er sich und wurde +gesprächig. + +Und nun also hatte man das Protokoll. Ein gutes, kostbares Protokoll. +Der Bischof zwar meinte, der Rottenburger sei ein sprudelnder Narr, +Chretien und Albert dumme Jungen, es müßten bessere Köpfe +dahinterstecken, und an die könne man trotz des Protokolls nicht heran. +Aber jedenfalls hatte man es jetzt schwarz auf weiß, daß die +Revolutionäre Margarete verständigt hatten, daß die Herzogin mit im +Komplott war. + +Der finstere Bischof fragte ironisch, ob Johann je daran gezweifelt +habe. Der erwiderte: nein, aber er freue sich, den Beweis in der Hand zu +haben; er werde Margarete das Schriftstück ums Gesicht schlagen. Der +Bischof fragte, ob er glaube, daß dadurch dem Haus Luxemburg großer +Machtzuwachs erreicht sei. + +Bevor er nach Schloß Tirol ging, urteilte Johann die Führer der +Verschwörung ab. Albert, verrenkt, siech durch die Folterung, wurde +seiner Lehen für verlustig erklärt; nachdem ihn die Mönche von Wilten +einigermaßen transportfähig gepflegt hätten, sollte er in ewige Haft +nach Böhmen gebracht werden. Den kleinen Heinrich von Rottenburg ließ +Johann in Lumpen vor sich bringen, zerrte den Gebundenen, Geknebelten am +Bart, schlug ihn auf beide Wangen, eröffnete dem unter seinem Knebel +Fauchenden, Augenrollenden, daß nun auch seine beiden anderen Burgen +zerstört, verbrannt, dem Erdboden gleichgemacht werden würden. Der +Rottenburger selber wurde in einen Kerker nach Luxemburg geschafft, +Chretien nach Schloß Tirol mitgeführt. + +Der Herzog fand Margarete durchaus nicht so verzweifelt und zerknirscht, +wie er erwartet hatte. Sie hockte in einer Ecke, in einer seltsamen, +toten Müdigkeit. Johann hatte ein Gefühl wie vor einer Schlange, die +sattgefressen ist und sich nicht regt und keine Hoffnung und keine +Furcht mehr kennt in ihrer gelähmten, apathischen Sattheit. Er klirrte +auf und ab vor ihr, machte sich knabenhaft wichtig in seiner Rüstung, +stieß Drohungen aus, unflätige Beschimpfungen. Sie solle sich nicht +beifallen lassen, zu fliehen, alle Gänge seien bewacht, Gräben, Tore, +Mauern dreifach besetzt. Sie dürfe ihr Zimmer nicht verlassen, auf +Monate; er werde sich sehr überlegen, wem er Zutritt zu ihr gestatte. +Aber er kam mit all seinen großen, bedrohlichen Worten durchaus nicht +auf seine Rechnung. Sie fielen leer, ungeflügelt zu Boden. Margarete +hörte mit lässiger, stumpfer Neugier zu, man konnte ihr nicht beikommen, +es hätte durchaus keinen Sinn gehabt, sie zu schlagen und anzuspeien, +wie er es sich ausgemalt hatte. Er funkelte sie an mit seinen kleinen +Wolfsaugen; aber er merkte, daß sein Toben und Wüten ziemlich künstlich +blieb und ohne Eindruck. Enttäuscht zog er schließlich ab. + +Sie lag lange allein. Wie war sie leer und ausgehöhlt! Es war trüber, +feuchter Tag. Sie fröstelte. Wollte heizen lassen. Schellte. Niemand +kam. Sie schleppte sich zur Tür. Zwei Geharnischte traten ihr entgegen, +streckten ohne Wort die Lanzen vor. + +Abend fahlte herein. Ein Mensch glitt in den Raum, stellte eine große, +brennende Kerze auf den Tisch, still, merkwürdig lautlos, ein Verhülltes +daneben und eine Buchrolle, glitt ebenso stumm wieder hinaus. + +Margarete fröstelte stärker, blinzelte in die flackernde Kerze. +Schleifte sich schließlich heran an das Licht, wärmte die klammen Hände +an der Kerze. Die Buchrolle waren Kapitel aus der Schrift. Aus dem +Verhüllten stieg ein fauliger, süßlicher Geruch auf. Gezogen fast und +wider Willen zerrte sie an dem Tuch, es öffnete sich. Fäden, braune +Fäden. Nein, das war Menschenhaar. Langes, kastanienbraunes. Eine Stirn +darunter. Dies war ein abgeschlagener Kopf. Vergraust warf es sie +zurück. Chretiens Kopf starrte sie an aus verglasten Augen. Er lag +schräg da, die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn waren +noch verhüllt. + +Der Gaumen wurde ihr trocken. Sie atmete wild, in kaltem Schweiß, +drückte sich in den Winkel, röchelnd. Stierte auf den Kopf, den das +Licht flackerig, willkürlich und lächerlich verzerrte. Schloß die Augen. +Rötlich tanzte vor ihr die Nacht. + +Es zwang sie, wieder auf den Kopf zu stieren. Gut wäre es, wenn diese +Kerze tot wäre und ihr irrsinniges Geflacker. Man müßte sie auslöschen. +Aber sie konnte nicht auf. Hatte sie denn Angst? Nein, sie hat nicht +Angst. Sie ist die Herzogin. Wenn man sie belauert, durch ein Loch in +der Tür? Sie steht auf; Kopf starr geradeaus, mit seltsam gespreizten +Gliedern stelzt sie zu dem Tisch, schlägt die Kerze aus. Sackt hin. + +Liegt eine lange Weile steif. Spürt, wohlig fast, die Kälte und nichts +sonst. Dann fängt die Nacht wieder an zu tanzen und zu zucken. Der Kopf +zuckt in ihr hin und her. Wird endlos lang und schmal. Die mageren, +bräunlichen Wangen schillern giftig, bläulichgelb, und jedes dieser +schmutzigen, schwärzlichen Flaumhaare sticht nach ihr. Die toten Augen +klappen auf und zu in der Nacht. Sie sind ganz ohne Ausdruck, wie von +einem toten Tier. Oh, wenn es Tag wäre! Es wäre besser gewesen, die +Kerze nicht totzumachen. Jetzt liegt die Nacht so schwer und plump auf +ihr wie eine grobe, erstickende Decke. Man liegt in dieser Nacht wie in +einem Sarg, und der tote Chretien klappt seine sinnlosen Augen auf und +zu. + +Er ist häßlich. Das häßlichste Lebendige ist nicht so häßlich wie ein +Totes. + +Nein, es ist ihm nicht gut bekommen, daß er sie hat betrügen wollen. Die +Schöne hat jetzt auch nicht viel von ihm. Mit einem Mann ohne Kopf läßt +sich kein Staat machen. + +Er hat andere mitgerissen. Armer Albert! Lieber, gutmütiger, +freundhafter Bruder! Er war so harmlos und kameradschaftlich. Sicher hat +er nur mitgetan, um kein Spaßverderber zu sein. Jetzt ist er kahl und +bloß und verrenkt und im Kerker. Der frische, lustige Junge, der er war. + +Aber Chretien war doch anders. Das kühne, magere, bräunliche Gesicht. +Sie wird keine Furcht mehr haben vor dem toten Kopf. Sie wird ihn lang +und genau anschauen, und Chretien wird ihr gehören, nicht der Schönen. +Tag sollte es sein, Tag, daß sie ihn sehen kann. Die dummen Gedichte des +Herrn von Schenna singen immer von den Herrlichkeiten der Nacht und daß +die Nacht der Liebe gehöre und verwünschen den Tag, daß er fernbleiben +möge. Unsinn. Ihre Zeit ist der Tag. Herauf, Tag! Schenk' mir meinen +toten Freund, der mir gehört, Tag! + +Doch als der Tag heraufkroch und um den toten Kopf das erste graue Licht +war, lag sie überschauert, mit geschlossenen Augen, im Fieber. + + * * * * * + +Nach zwei Monaten strenger Überwachung erhielt sie Erlaubnis, für einige +Tage nach dem Kloster Frauenchiemsee zu reisen, zu ihrer kranken +Schwester Adelheid. Sie fand das sieche, krüppelhafte Mädchen scheu und +unzugänglich wie immer. + +Margarete war vollkommen leer und ausgeschöpft. Sie aß, trank, ging +herum. Beugte in der Klosterkirche das Knie wie die Nonnen, nahm und gab +Gruß und Rede und Gegenrede. Sie war jung und alt wie die Welt. Sie war +viel älter und erfahrener als die welke, milde Äbtissin, wußte viel +besser als diese, daß alles eitel war und Haschen nach Wind. + +Der betuliche Abt von Viktring kam zu Besuch. Er war den Luxemburgern +nie sehr freund gewesen, König Johann galt ihm als Spötter und Freigeist +-- darum auch hatte ihn der Herr mit Blindheit geschlagen -- und er +freute sich, daß Margarete sich gegen sie erhoben hatte. Er sprach in +seiner redseligen Manier viel in sie hinein; doch sie blieb wortkarg. Er +häufte Zitate, führte tröstlich Anselmus an: »Schneller vergeht nicht +die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits ist und für +nichts alle irdische Zierde zu achten.« Aber es schien auf Margarete +nicht viel Eindruck zu machen. + +Sie saß mit der Äbtissin lange Stunden am Ufer der winzigen Insel, +schaute über den blassen, hellen See. Das Wasser gluckste träg im +Schilf, stille, fahle Sonne war, weit draußen lag ein Fischer in seinem +plumpen, altertümlichen Kahn. Die Äbtissin schaute sie aufmerksam an, +streichelte ihre dicklichen, jetzt nicht geschminkten Hände. »Junge +Herzogin!« sagte sie mit ihrer welken, milden, wissenden Stimme. »Junge +Herzogin!« + +»Jung?« fragte Margarete zurück, so müde, daß es nicht einmal bitter +klang. »Jung? Sie sind zehnmal jünger als ich, hochwürdige Frau.« + +Die Äbtissin sagte: »Ein Baum ist nicht tot, auch wenn er im Winter kahl +steht.« Ferner sagte sie: »Es gibt nichts Schmerzhafteres, aber auch +nichts Wohligeres, als wenn man, erstarrt, wieder ins Leben +zurückkehrt.« Auch sagte sie: »Sie sollten mit den Nonnen singen, junge +Herzogin.« + + + + +Als Margarete nach Schloß Tirol zurückkehrte, ließ ihr Ludwig der Bayer +von einer prunkvollen kaiserlichen Bedeckung bis an die Grenzen seines +Gebiets das Geleite geben. Die ersten Herren des Münchner Hofs führten +den glänzenden Zug, die Fahne mit dem wittelsbachischen Löwen wehte ihm +voran, Feudalbarone und Behörden standen feierlich an seinem Weg. + +Die Herzogin dankte den Herren automatisch, nicht mit der gewohnten +pomphaften Sicherheit. Sie war schlaff, gleichgültig, viel zu müde, sich +Gedanken zu machen über die Gründe, die den Kaiser zu so auffallender +Ehrung veranlaßten. + +Ja, der Wittelsbacher hatte seine guten Gründe. Er war erst jetzt wieder +peinlich daran erinnert worden, wie sehr die luxemburgische Herrschaft +in Tirol ihn behinderte. Seine Absicht, gewisse lombardische Händel +durch einen Kriegszug zu beendigen, hatte der Bischof von Trient +vereitelt, der ihm kühl und ohne Umschweife den Durchzug durch sein +Gebiet verbot. Diese Verärgerung des Kaisers hatten die Tiroler +Feudalherren klug genutzt. Die Burgstall, Villanders, Schenna, die sich +bei der ersten Revolution gegen die Luxemburger schlau im Hintergrund +gehalten, hatten ihre Pläne keineswegs aufgegeben. Das mißglückte +Unternehmen hatte sie gelehrt, daß es nötig sei, eine Großmacht als +Rückendeckung zu gewinnen. Was lag näher, als sich an den Feind der +Luxemburger zu wenden, den Kaiser, den Wittelsbacher? Margarete hatte in +dem letzten Unternehmen keine glückliche Hand gezeigt. Es war nicht ganz +klar, was der unmittelbare Grund war, über den jener Aufstand +strauchelte. Aber so viel war gewiß, daß vornehmlich ihre seltsame +Laune, ausgerechnet den Chretien von Taufers zu berufen, die klug +gezettelten Fäden verwirrt und zerrissen hatte. Jedenfalls war es +geratener, diesmal über ihren Kopf hinweg zu handeln und sie erst im +letzten Augenblick beizuziehen. Die Befreiung von Herzog Johann mußte +sie, wie immer sie ins Werk gesetzt wurde, so wie die Dinge jetzt lagen, +als Erlösung empfinden. + +Man schickte also in aller Heimlichkeit Botschaft an den Kaiser. Stellte +ihm vor, wie die Erbitterung im Land gegen die Luxemburger steige; wie +man bedaure, daß sein italienischer Feldzug an dem steifnackigen +Widerstand des Bischofs von Trient, des Böhmen, gescheitert sei. Fragte +unverbindlich an, ob er allenfalls einwilligen würde, seinen Sohn, den +Markgrafen von Brandenburg, mit der Herzogin von Tirol zu vermählen. Der +ländersüchtige Wittelsbacher, ungeheuer gelockt durch die Aussicht, +Tirol zu gewinnen, erwiderte ebenso unverbindlich, er werde mit seinem +Sohn, dem Markgrafen, den Plan durchsprechen; solange die Luxemburger +noch im Land säßen, sei das Ganze ein blaues Projekt. + +Den tirolischen Herren genügte solche Antwort vollauf. Sie wußten, es +ging nicht an, daß der vorsichtige Wittelsbacher sich mehr exponiere. +Seine Antwort war verklausuliert, doch ihr Kern ein deutliches Ja. Die +prunkvolle Bedeckung, die er jetzt ihrer Herzogin stellte, wäre Bescheid +genug gewesen. Die Zerstörung der Rottenburgischen Festen, die Folterung +Alberts, des Sohnes des guten Königs Heinrich, die Hinrichtung des Herrn +von Taufers hatten die Luxemburger der letzten Sympathien beraubt. Die +Barone schürten weiter, hetzten. Immer ohne Margarete zu verständigen. + + * * * * * + +Agnes von Flavon stand vereist, als sie von dem Niederbruch der +Revolution erfuhr. Sie durchschaute sofort die Zusammenhänge. So +schreckbar wuchtig also hatte die Häßliche zurückgeschlagen. Sie stand +vergraust, kroch in tierischer Angst für ihr Leben in sich zusammen, +dachte an Flucht. + +Als sie sah, daß gegen sie nichts unternommen wurde, tauchte sie dann +langsam aus ihrem Schrecken hoch, äugte um sich. Sah die strengen +Maßnahmen gegen Margarete, verwirrte sich. War jene so ungeschickt, daß +sich das Unternehmen zuletzt gegen sie kehrte? Sicher nicht. Dazu war +sie viel zu klug. Es mußte mit ihrem Willen so gekommen sein. Agnes +begriff die Feindin nicht mehr. Ihr Haß wuchs mit ihrer Angst. Sicher +plante sie einen noch ärgeren Schlag, sich an ihrer Vernichtung zu +weiden. + +Es geschah nichts. Man kümmerte sich nicht um sie. Es war verständlich, +daß man sich von ihr, der Frau des schmählich Hingerichteten, fernhielt. +Aber warum beschlagnahmte man ihre Güter nicht? Sie ertrug nicht die +Stille und Gleichgültigkeit um sich herum. Dazu die Angst, dies alles +sei nur Vorbereitung tieferer Vernichtung. Sie beschloß, nach Schloß +Tirol zu reisen. + +Auf dem Stadttor von Meran sah sie auf eine Stange gesteckt den Kopf +ihres Mannes Chretien von Taufers. Er glotzte auf sie her, bläulichgelb; +in verfilzten Strähnen wehte sein langes, unbekümmertes, +kastanienfarbenes Haar in dem lauen Wind. Sie zuckte zurück. Dann +schaukelte, von den Pferden getragen, ihre Sänfte unter dem Kopf des +Gerichteten in die Stadt Meran. War es eine schlechte Vorbedeutung? Sie +hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Sie mußte sich sammeln für die +Unterredung mit Herzog Johann. Die war nicht leicht diesmal. Sie war +schon einmal in schwarzer Trauerkleidung vor ihm auf der Erde gelegen. +Wiederholungen wirken matt. Und diesmal ist die Situation gegen sie. + +Johann empfing sie denn auch gereizt, bösartig, höhnisch. Fragte giftig, +ob sie auch keine Waffen bei sich habe. Er tue wohl gut daran, sich +vorzusehen. Mit großen, traurigen, ob solcher Kränkung vorwurfsvollen +Augen sah sie ihn an. Weinte sehr, daß der großmütige, junge Herzog, der +ihr huldvoll entgegengekommen, nun Ursach' habe zu solchem Mißtrauen. +Beteuerte, wie sie von den Plänen ihres hochverräterischen Mannes keine +Ahnung gehabt. Sagte, es sei gut, daß er tot sei; denn wer so +hinterlistig seinen Fürsten verrate, trage gewiß nicht lange Bedenken, +auch sein Weib zu verraten. Gestand mit unschuldiger Verruchtheit, sie +habe Chretien nie geliebt; ihn nur geheiratet, um Taufers behalten und +in der Nähe des Fürsten bleiben zu können. Johann hörte zu, mißtrauisch +und geschmeichelt. Sie trat näher an ihn, daß er ihr Fleisch atmete. Er +knurrte, er glaube ihr kein Wort, aber er kämpfe nicht gegen Weiber, +vorläufig könne sie Taufers behalten. Dann klatschte er ihr, die sich +geduldig und lauernd duckte, verächtlich, derb und lüstern den Nacken, +kehrte sich grob ab, warf ihr hin, er werde nächstens nach Taufers +kommen, nachschauen, ob man dort Rebellion treibe; aber allein, er habe +keine Angst. Damit lachte er laut und eindeutig auf, ließ sie stehen, +ging auf die Jagd. + + * * * * * + +Mittlerweile war die Verschwörung des Adels reif geworden. Schloß Tirol +sollte in Abwesenheit Johanns besetzt werden. Man konnte nicht länger +umhin, Margarete zu verständigen. Auch mußte man ihre Einwilligung in +eine eheliche Verbindung mit dem Wittelsbacher einholen. Herr von +Schenna übernahm es. + +Er saß vor ihr, dürr, in lässiger, uneleganter Haltung, sprach ihr mit +seiner welken, brüchigen Stimme von allerlei Kleinzeug. Glitt mit seinen +alten, klugen, skeptischen Augen auf und ab an ihr. Er als einziger +ahnte die Zusammenhänge. Behutsam, beiläufig warf er ihr hin, sie möge +nicht erschrecken, wenn nächster Tage einmal andere Besatzung das Schloß +beziehe, verstärkte Besatzung. Sie möge, auch wenn geschrien, rumort, +mit Waffen geklirrt werde, sich nur ja in ihrem Zimmer halten, für sie +sei keine Gefahr. Er hielt ein, wartete. Sie reagierte nicht. Nach einer +Weile, sacht, holte er aus, ob sie denn nicht frage, warum das alles. +Nein, sie fragte nicht. + +Er wechselte. Sprach von Agnes. Jeder neue Trauerfall bekomme ihr +besser. Jetzt wieder, als sie hier im Schloß war, habe jeder sehen +müssen, Schwarz stehe ihr am besten. Margarete horchte auf, der kluge +Schenna sah: jetzt war ihre Gleichgültigkeit Maske. Er lenkte ab, kehrte +dann wieder zurück. Ja, nun werde Agnes wohl bald auf längere Zeit als +Gast hier einziehen; in diesem Stück sei Herzog Johann dem guten König +Heinrich ähnlich. Margarete schnellte hoch. Schenna habe sich bisher +immer als ihr Freund gezeigt. Ob dies wahr sei? Sie als Gefangene und +die andere als Herrin: hier, in den gleichen Wänden, in der gleichen +Luft -- unausdenkbar sei das. Und er solle jetzt um Christi willen die +Wahrheit sagen. + +Schenna erwiderte schlicht: Ja, Johann habe Agnes von Flavon eingeladen; +und wie er die Dame kenne, werde sie wohl annehmen. Da Margarete die +Augen schloß, das Gesicht verzerrte: Es gebe ja noch Mittel, tröstete +er, fing an von seinen Plänen. Sie winkte ab, wollte nicht hören. + +Bat Herzog Johann dringlich zu sich. Ob das wahr sei? Ob er das wirklich +tun wolle? Sie flammte. Das Schloß hier zu einer Hurenherberge machen? +Er: Ja er werde machen. Er werde sich erlauben. Er sah, daß er endlich, +auf solche Art sie treffen, ihre Starrheit durchstoßen, sie anbohren, +wund machen konnte. Er beschaute sie mit seinen kleinen, hassenden, +gierigen Wolfsaugen, schwoll an. Was sie sich erfreche? Ob sie ihm das +Weib verbieten wolle? Sie ihm? Sie, so wie sie ausschaue? Margarete +schluckte, sagte beherrscht: Sie bitte ihn nicht, zu bedenken, was man +im Volk, was an andern Höfen sagen werde, wenn er hier, im Schloß ihres +Vaters, das sie ihm zugebracht, sie im Kerker und die andere in Glanz +halten wolle. Aber daran müsse sie ihn erinnern, daß der Mann seiner +Mätresse die Revolutionäre geführt habe, daß jene mit im Komplott, +vielleicht die Anstifterin gewesen sei, daß es undenkbar sei, jene habe +den schmählichen Tod ihres Mannes so schnell vergessen. Er solle sich +hüten vor ihr! Er lachte hämisch: Mit solchen Faxen solle sie ihm nicht +kommen. Sie sei eine eifersüchtige Gans. Prahlerisch fügte er hinzu: +Wie, wenn etwa gar Agnes ihn gewarnt, ihre Intrigen vereitelt hätte? + +»_Ich_ habe dich doch gewarnt!« rief sie. »Ich! Ich!« + +Ihm, für einen Augenblick, stieg ein unbehagliches Gefühl auf: er sah +sie wieder wie damals, als sie vor ihm lag wie eine satte Schlange, er +fühlte sich gedemütigt durch seine widerlegte Prahlerei. Aber sogleich +war er wieder oben. Dies war ja eine offensichtliche, schlaue, freche +Lüge, durch die sie ihn verblüffen wollte. + +»In einer so plumpen Schlinge kannst du vielleicht deine Tiroler Bauern +fangen, nicht mich!« sagte er mit gespielter, verächtlicher Trockenheit. +Und, sich weiter hineinsteigernd: »Also das endlich spürt man? Das geht +an die Nieren? Die Schöne soll aus dem Haus? Das stachelt, daß sie da +ist? Just erst recht kommt sie! Just erst recht bleibt sie! Ausreit' ich +mit ihr! Auf die Jagd reit' ich mit ihr! Nach Meran, Bozen, Trient reit' +ich mit ihr! Dir zeig' ich es, Kröte! Häßliche! Giftige! Schmutzige!« + +Sie hockte starr entschlossen, als er fort war. So schlicht und ehrlich +hatte sie gesprochen, ihm noch einmal breit den Weg aufgetan zu ihr. Wer +nicht taub und verworfen war, mußte hören. Er selber hatte entschieden. + +Andern Tages kam wieder Herr von Schenna. Unterbreitete ihr einen kurzen +Brief an den Kaiser, dessen Schutz sie sich empfahl, die Abmachung ihrer +Barone billigend. Ohne Zögern unterschrieb sie. Schenna eröffnete ihr +ferner knapp, sachlich, andern Tags, wenn Johann auf der Jagd sei, werde +das Schloß von den Truppen der Barone besetzt, Johann der Eintritt +verweigert werden. Sie selber könne ihm das, begehre er bei seiner +Rückkehr Einlaß, mitteilen. Man werde sich hüten, sich ins Unrecht zu +setzen, Hand an ihn zu legen. Man werde ihm nur in der Grafschaft jede +Herberge versagen. Verlasse daraufhin Johann das Land, schloß Schenna +lächelnd, werde niemand ihn hindern. Im übrigen, fügte er freundlich und +sehr ergeben hinzu, sei diesmal vorgesorgt. Selbst wenn der Herzog +gewarnt werde, könne nichts mehr mißglücken. Er nahm den unterzeichneten +Brief an sich, neigte sich, ging mit seinen unbehilflichen, +ungleichmäßigen, schlendernden Schritten. + + * * * * * + +Am andern Tag, einem Freitag, zog Johann mit kleinem Gefolge auf die +Jagd. Das Wetter -- es war Anfang November -- hatte sich klar und blau +angelassen, bald aber war Nebel eingefallen und feuchter, widriger Wind. +Der Herzog war verdrießlich; was ihm Margarete über Agnes gesagt hatte, +war doch nicht so leicht zu verdauen. Auch hatte sich sein +Lieblingsfalke, ein schöner, grauweißer, norwegischer Gerfalke, +verscheucht von einem größeren Raubvogel, verflogen. Jetzt zankte der +Herzog mit dem Falkner herum, keifte, schrie. + +So brach er frühzeitig die Jagd ab, kehrte gegen Abend nach Hause. Fand +die Zugbrücke aufgezogen, das Tor versperrt. Stand verwundert, dann +verärgert, fluchend. Stieß ins Horn. Der Turmwächter erschien, sagte, er +habe keinen Auftrag, den Herrn einzulassen. Der Herzog lief rot an, +bellte dem Mann unflätige Schimpfworte zu. In der Zinne des einen +Torturms war auf einmal Margarete, rief mit ihrer warmen, dunkeln +Stimme, der Prinz von Luxemburg möge nicht weiterschreien, hier sei kein +Platz für ihn, er möge sich andere Herberge suchen. Vielleicht in +Taufers. Johann legte an auf sie. Sie war fort vor seinem Pfeil. + +Da stand er nun, schäumend und lächerlich, in seinem Jagdanzug vor dem +versperrten Tor. Seine Begleiter tuschelten. Kalter Wind blies, es +regnete. Ein paar seiner böhmischen Leute aus der Burg machten sich +heran, erzählten kleinlaut, betreten, wie eine riesige Anzahl +gutbewaffneter Tiroler das Schloß besetzt, sie hinausgeworfen habe. + +Der Herzog hielt noch eine Weile, kotig schimpfend auf die Feigheit +seiner Leute, vor der hochgezogenen Zugbrücke. Aus der Burg kam +Gelächter, Spottverse: + + »Wer steht vorm Tor? Wer schlottert im Wind? + Ein Bettler? Ein Jud'? Etwer vom Gesind? + Es ist bloß der Graf von Tirol.« + +Fluchend zog Johann schließlich ab, nach Zenoberg. Das gleiche. Nach +Greifenstein. Das gleiche. Es ging schon auf Mitternacht. Er war +todmüde, heiser vom Schreien und Toben, zerschlagen. Fröstelnd, +jämmerlich, nächtigte er im Freien. + +Morgen fahlte herauf. Der Herzog stieg auf sein Pferd, schmutzig, +überwacht, die Glieder schmerzten ihn, der Magen war ihm hohl von +Hunger. Er hatte nur mehr sechs von seinen Leuten um sich, die andern +hatten sich sacht verlaufen. + +Es regnete unaufhörlich. Seine Begleiter sagten ihm, das Volk sei sehr +einverstanden mit dem Geschehenen, lache, juble, feiere, höhne. Jene +Verse brummten, lästige Insekten, um seine Ohren: »Ein Bettler? Ein +Jud'? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Auf Nebenpfaden +schlich er sich in die Burgen etlicher Adeliger, die er sich besonders +verpflichtet hatte. Die Herren waren nicht da, die Kastellane hatten +keine Weisung, verschlossene Tore. Es waren nur mehr vier von seinen +Leuten bei ihm. + +Er irrte ziellos durch Weinberge, Forst. Regen, Regen. Er glaubte sich +verfolgt, umstellt. Er kannte keine Furcht in der Schlacht; jetzt kroch +es ihm ekel herauf. Er wollte nicht gehetzt und geschlagen sein wie ein +toller Hund von einem Bauern, einem stinkenden Bürger. Er schlug sich +höher in die Berge. Kam endlich zu einer abgelegenen Burg des Tägen von +Villanders. Der kluge, vorsichtige Baron, er wollte sich, wenn möglich, +auch mit den Luxemburgern verhalten, nahm ihn auf. Allein er wagte nur, +ihm sehr heimliche, auf ganz kurze Zeit befristete Unterkunft zu geben. +Johann lebte die wenigen Tage als ein unbekannter Ritter Ekkehard, ließ +sich nicht sehen. Da klatschten ihm auch hier Fetzen jenes Liedes um die +Ohren: »Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Er machte +sich fort, des Nachts, schlotterig, nur mehr zwei Knechte folgten ihm. +Er war noch immer im Jagdkleid. Schmutzig, verschwitzt, stinkend, auf +abgetriebenem, versagendem Roß, das auf den versumpften Nebenpfaden +nicht mehr weiterkam, schlich er sich die Kreuz und die Quer durch sein +Land. Wenn nur wenigstens dieser verfluchte Regen aufhörte! Er verkaufte +den Schmuck, den er bei sich trug, Waffen, Jagdhorn, zuletzt auch das +Pferd. + +Fiebernd, erschöpft, ganz allein erreichte er das Gebiet des Patriarchen +von Aquileja. Kam nach Friaul. In den Palast des Patriarchen. Die +Knechte grölten, wieherten, als der lausige, verlumpte Mensch +behauptete, er sei der Herzog von Kärnten, Graf von Tirol, Enkel der +Römischen Majestät. Der Patriarch, Feind der tirolischen Feudalherren, +von Luxemburg allezeit sehr gefördert, nahm ihn ehrerbietig auf, schloß +ihn in seine Arme. Langsam kam, nach Tagen, der erschöpfte, verstörte +Fürst wieder zu sich. Knirschte, wob bösartige Pläne, sott Gift, spie +Flüche und Drohungen in das Land, aus dem ihn seine Frau vertrieben. + + + + + Zweites Buch + + + + +In München der Kaiser Ludwig hatte seinen Sohn, den Markgrafen, den +Brandenburger, um die Schulter gefaßt. Ging auf und ab mit ihm. Redete +gütlich auf den Finsteren, Verdrießlichen ein. Der Brandenburger sah, +trotzdem er erst fünfundzwanzig Jahre war, sehr männlich aus. Blonder, +kleiner Schnurrbart, harte, graublaue, etwas stechende Augen in +gebräuntem, magerem Gesicht. Er hatte den massigen Nacken der +Wittelsbacher, war groß, sehnig. Aber der wuchtige, ungeschlachte Kaiser +überragte ihn doch um ein beträchtliches. Durch die gemalten Scheiben +kam das helle, fahle Licht des Schneetags. Wie sie so auf und nieder +gingen, der Kaiser den Arm um die Schulter des Sohnes, schien es, als +schleifte er den Zögernden, sich Sperrenden. + +Nein, nein! Er konnte es nicht und konnte es nicht. Er brachte es +einfach nicht über sich, die Herzogin Margarete zu heiraten. Er hatte +jetzt eine fünfjährige Ehe hinter sich mit Elisabeth, der dänischen +Prinzessin. Sie war ein bescheidenes Geschöpf gewesen, etwas dürr, ja. +Nun war sie tot, Gott gebe ihr die ewige Ruh'. Jetzt will er drei, vier +Jahre ohne Frau sein. In Brandenburg seine Staatsgeschäfte betreiben, +Ackerbau, Städtewesen hinaufbringen, die Wenden kleinkriegen. Die +tirolische Margarete heiraten, die ihren Mann auf so sonderbare Weise +davongejagt hat? Die extravagante Person? Nein, danke! Sein kaiserlicher +Vater werde ihn stets dienstwillig finden. Aber die Margarete heiraten, +nein! + +Der Kaiser richtete die riesigen, starren, blauen Augen auf den Sohn. +Sein Widerspruch überraschte ihn nicht, erregte ihn nicht. Es war kein +Vergnügen, die Tirolerin zu heiraten. Er an seiner Stelle hätte sich +auch gesträubt. Aber er wußte, sein Ludwig war ein guter Sohn, ein +einsichtiger Fürst, der begriff, daß Heirat das wichtigste politische +Mittel war. Eine Gelegenheit wie diese kam nicht wieder. Hatte +Wittelsbach Tirol, so war die Ländermasse geschlossen, so regierte +Wittelsbach vom Nordmeer bis zur Adria. Er verstand durchaus, daß Ludwig +es vorgezogen hätte, auszuschnaufen, etliche Jahre Witwer zu bleiben. +Aber dafür war er Fürst und Wittelsbacher. Er konnte sich solche +Bequemlichkeit nicht gönnen. + +Der mürrische Markgraf häufte weiter seine verdrossenen Einwände. +Abgesehen davon, daß ihm diese Margarete und alles um sie tief zu +innerst gegen den Strich gehe, sei es gewiß, daß der Papst die Ehe der +Tirolerin mit dem Luxemburger nicht lösen werde. Die ganze Christenheit +werde wie ein Mann Skandal schreien, wenn er sich jetzt mit der Frau +eines andern vermähle. Der Kaiser erwiderte gelassen, er habe sein Leben +lang Bann und Interdikt tragen müssen; er könne es seinem Sohn nicht +sparen. Ein Wittelsbacher komme leider anders nicht voran. + +Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in +unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart. +Die dänische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Fürst könne nicht +nach Schönheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die +plumpe Taille! »Kärnten!« sagte der Kaiser. Das überworfene Maul! +»Tirol!« sagte der Kaiser. Die Hängebacken! Die schrägen, vorstehenden +Zähne! »Trient! Brixen!« sagte der Kaiser. + +Durch München ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen +führten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die +ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von +Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten +anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch +hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die +Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mußte nur, damit sie +einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten +die Tiroler denn auch. Ließen sich alle ihre Handfesten, Urkunden, +Privilegien bestätigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich +Vetorecht und Kontrolle über alle Regierungsmaßnahmen. Verärgert, +verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer +Herrschaft solle, die überall so geengt, gepreßt, gehemmt sei. Voll und +bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: »Hab' du den Mantel erst an! +Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.« + +Nach Lichtmeß, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen +Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prächtige Zug der Wittelsbacher durch +die grellweißen Berge nach Schloß Tirol. Schnee knirschte, Rüstungen +klirrten, Gehänge, Gold und Silber läuteten. Weich in der dämpfenden +Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Sänften, +Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der +Markgraf, der Brandenburger, mißmutig, zögernd, aber halb schon durch +die Größe und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder +Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwäbische Herr, der +intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder +Arbeiter, ein unbedingter Anhänger der Wittelsbacher. Die tirolischen +Barone. Zahllose bayrische, schwäbische, flandrische, brandenburgische +Edle. Die Bischöfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden großen +Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam +und Marsilius von Padua. + +Der Kaiser hielt während der ganzen Reise vor allem diese geistlichen +Herren in seiner Nähe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermählung +des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht +nur, daß Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer +Großmutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade +verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem +Ehehindernis zu lösen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt +gedroht. Ängstlich hörte, tief beunruhigt, die Bevölkerung diese +Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie +zurückzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der +Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er +hatte eine tiefe, abgründige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er +bedauerte aufrichtig, daß seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich +zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, überall in der Welt fanden die +großen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und +Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern. + +Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von +Herzen, glaubte an sie, war überzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte +also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen +anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwände des Papstes zu Recht +bestünden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die +Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des +Gatten nie _de facto_ vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei +ungültig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der +Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklärt, die +Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem +Grund also zogen die bayrischen Bischöfe mit über die Alpen. Ihre +Mission kam ihnen sehr gefährlich, sie selber sich sehr kühn und wichtig +vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten. + +Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr +interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung. +Leidenschaftlicher Nationalökonom, der er war, hatte er keinen Blick für +die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen +Stimme nur von Ackerbauflächen, Siedlungsmöglichkeiten, Handelsstraßen, +Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol -- ihm war +das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war überall +Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tüchtiger, wohlmeinender +Hand zupacken. + +Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige, +gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universität Paris +doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhänge von Westen +nach Osten. Vor ihnen -- die Straße stieg sacht an -- hob sich hoch der +wuchtige Rücken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren +sprachen über ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse +Leidenschaftlichkeit, rühmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine +Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt München, die +Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen +Parzival. Der schärfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten +lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der +Kaiser liebte die Städte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den +Kriegsmann, Verträge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf +Ritterlichkeit. Gewiß hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die +waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. König Johann, der +Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein +Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich +vielmehr den Stadtbürgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum +auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten +können, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein +Kind seiner Zeit. Der Theolog hörte den klugen, richtigen und +literarischen Ausführungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen +den breiten, wuchtigen Rücken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten +beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und +nur nach ihm, wird immer bieder und aus großen Augen sich, die andern, +die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und überzeugt, Gerechtigkeit, +Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen. + +Man nächtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender, +fröhlicher Kälte den Jaufenpaß hinan. Man hatte schon die Höhe hinter +sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von +Freising, scheute, warf den Reiter vornüber ab. Der Bischof flog sehr +unglücklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine, +bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem fröhlichen, hellen +Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von +Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige +Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot. +Der bunte, laute, klingende Zug stockte. »Gottesgericht!« raunte es; +übergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in +Decken, führte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte +der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die kühne, gefährliche Tat +seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischöfe von Augsburg +und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, daß nun sie +Margaretes erste Ehe lösen sollten. + +Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das +Schloß Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmächtige +Flüche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war +ein Fürst der Christenheit mächtig wie er? Er hatte beide Bayern +vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland, +Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das +schöne, alte, reiche, berühmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen, +machtlos. Er hatte es, nun er die Höhen der Alpen beherrschte, fest in +der Hand. Schönes Schloß Tirol! Gutes, festes Schloß Tirol! + +Erstaunt hörten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit +heller, lauter Stimme sang. »Er singt Lieder wie König David vor der +Bundeslade!« sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem +Gemach, allein, schaute in das weiße, helle Land, schlug sich auf die +Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den +Kneipen seiner bayrischen Dörfer sang. + + * * * * * + +Zwei Tage später vollzog der Kaiser selber die Vermählung des Markgrafen +Ludwig mit der Herzogin Margarete. Zum großen Ärgernis des Landes und +ganz Europas. Wieder den Tag darauf belehnte er in der Stadt Meran die +Neuvermählten mit Kärnten und Tirol. Er war angetan mit dem kaiserlichen +Ornat. Konrad von Teck hielt das Reichsschwert, Arnold von Maßenhausen +das Zepter, Herr von Krauß den Reichsapfel. Margarete strotzte von +Prunk, steif, übersät mit Edelsteinen standen die schweren Kleider um +sie herum, sie sah starr und reglos geradeaus. + + * * * * * + +Im Wiener Schloß saßen Albrecht der Lahme und Johann von Böhmen in +langer Unterredung. Der Griff des Wittelsbachers nach Tirol hatte den +Luxemburger und den Habsburger wieder ganz zusammengetrieben. Der +Kaiser, dieser Schamlose, hatte nicht nur Tirol gestohlen, er hatte +seinen Sohn auch mit Kärnten belehnt, in dem der Habsburger festsaß, das +der Kaiser selber ihm hatte erobern helfen. Weniger über die Frechheit, +als über solche Torheit des Wittelsbachers waren die Fürsten erstaunt +und empört. + +Albrecht hatte alle Vorsorge getroffen, sein Kärnten gut zu verteidigen. +Der gelähmte Fürst hatte noch einmal, nun auch er, die umständlichen, +ihm doppelt beschwerlichen Zeremonien der Kärntner Thronübernahme auf +sich genommen; es lag ihm daran, nur ja seine Volkstümlichkeit zu +sichern. + +Der blinde Luxemburger hatte mehr Phantasie und weiterschauende Pläne. +Dieses Tirol, die schönste Frucht, die der dreiste, plumpe Wittelsbacher +sich gepflückt, trug den Wurm in sich. Der lahme, in Kleidung und Frisur +etwas verwahrloste Albrecht sah mit Interesse, mit einer leisen, +widerstrebenden Bewunderung auf den blinden König, der straff, elegant +und sehr gepflegt vor ihm saß und leicht und behutsam seine blauen, +kühnen Pläne andeutete. Nein, der Kaiser wird an seinem neuen Land nicht +viel Freude haben. Er, Johann, ist im Grund verträglich. Er trat bisher +Ludwig entgegen, wenn er mußte, wenn es sein Nutzen verlangte, aber ohne +Haß und Leidenschaft. Von nun an wird es anders sein. Er ist randvoll +von Ekel und Zorn über diesen letzten plumpen, schoflen Streich, über +solche dumm anmaßliche, vor sich und andern heuchelnde Habgier und +Frechheit. Der Grimm des Ritters und Abenteurers gegen den Kleinbürger +brannte auf. + +Der neue Papst, der sechste Klemens, kein Theoretiker wie der +verstorbene Benedikt, nein, ein weltkundiger, glänzender Fürst und Herr +und Politiker, ist ihm und seinem Sohn Karl eng befreundet, der Lehrer +und nächste Vertraute seines Karl. Die Vermählung des Brandenburgers hat +dem Kaiser überall Unwillen erregt. Wenn jetzt der neue Papst von allen +Kanzeln Bann und Interdikt gegen den Kaiser verkünden läßt, wird solche +Verfluchung nicht als Politik aufgefaßt werden, sondern bei aller +Christenheit Billigung und herzlichen Beifall finden. Kurfürsten, +Städte, Volk werden dem Wittelsbacher sich weigern, haben ihm schon ihre +Gefolgschaft aufgesagt. Wenn dann mit Unterstützung Avignons sein Sohn +Karl zum Römischen König erwählt wird, kann er, Johann, ihm eine +unüberwindliche Liga gegen Ludwig schaffen. + +Albrecht rieb sich mechanisch das schlechtrasierte Gesicht, hörte +besonnen den Ausführungen des andern zu. Dies waren Pläne, die solider +gegründet waren als gewöhnlich die Pläne des Luxemburgers; aber sie +bedeuteten Angriff, unvermeidlichen Kampf. Er, Albrecht, war nicht +willens, sich hineinzumengen. Er war nicht mehr jung, war gewitzt, zog +das Schwert nur im äußersten Fall. + +So saßen sie beisammen, die beiden mächtigen Fürsten, die mehr als die +Hälfte Mitteleuropas regierten; der Blinde zerrte an dem Lahmen, aber er +konnte ihm nur ein Defensivbündnis abringen. + +Dann, als die Unterhandlung zu Ende war, reckte sich Johann, erhob sich, +um zu gehen, tastete sich, der Blinde, an der Wand entlang, fand aber +die Türe nicht. Albrecht konnte ihm zwar sagen, wo sie sei, vermochte +aber, der Lahme, dem Tappenden nicht zu Hilfe zu kommen. Da lachten sie +beide lang und herzhaft, bis endlich einer aus dem Gefolge draußen die +Tür öffnete. + + * * * * * + +Schlimmes Unglück brach über das Land in den Bergen herein, die Strafe +Gottes, weil die Herzogin das Sakrament der Ehe so grob verletzt hatte. +»Die Plagen Ägyptens!« schrien die Anhänger des Papstes durch ganz +Europa. »Die Plagen Ägyptens!« erblaßte das Volk, seufzte, schlug sich +die Brust, fastete. + +Zuerst taten zu erneuter Bestrafung der Sünden der Menschen die +Schleusen des Himmels sich auf, eine zweite Sintflut. + +»Wehe! Der Wassermann ergießt deukalionischen Regen,« zitierte der Abt +Johannes von Viktring einen alten Lateiner. Als hätten sämtliche Flüsse +Europas sich über das Land ergossen, wurden Bäume, Wiesen, Dörfer, +Menschen von Grund auf weggerissen, der Inn führte Brücken, Türme, +Häuser mit sich, das untere Etschland glich einem See, von Neumarkt fuhr +man zu Schiff nach den unter Tramin gelegenen Gütern. + +Im gleichen Jahr rasch nacheinander vernichteten wilde Feuersbrünste die +Städte Meran, Innsbruck, Neumarkt. + +Aber das Grauenvollste und Seltsamste, was das Volk erstarren ließ, +waren die riesigen Heuschreckenschwärme, die in diesem Sommer das Land +verheerten. Sie kamen von Osten. + +Nachdem sie Ungarn, Polen, Böhmen, Mähren, Österreich, Bayern, die +Lombardei kahl gefressen hatten, lagerten sie sich über dem blühenden +Tirol. Man sah die Sonne nicht, so dicht flogen sie. Sie flogen bei Tag +und bei Nacht, und doch brauchten sie siebenundzwanzig Tage die +Etschufer hinab. + +Das erschreckte Volk schleppte in Prozessionen die Heiligenbilder, +betete, streckte die Hände zum Himmel. Der Pfarrer von Kaltern ließ das +Geziefer durch ein förmliches Rechtserkenntnis von Geschworenen +verurteilen, bannte es von der Kanzel herab. Es waren riesige Tiere, sie +hatten Zähne wie leuchtende, edle Steine, so daß die Frauen ihre +Gewänder damit besetzten. Die Schwärme, die die Inngegenden verheerten, +waren zwiefach merkwürdig. Die Führer flogen mit wenigen anderen dem +Heer um eine Tagesreise voraus, suchten die Orte, die der Masse des +Schwarmes geeignet waren. In Geschwadern brachen sie wieder auf, mit +militärischer Disziplin. Sie fraßen Busch und Baum, sie fraßen alles +Grün, sie fraßen den Halm, das Korn, die Hirse, Stumpf und Stiel. Die +Erde war schwarz und grau und wie ausgedorrt, wenn sie endlich +fortzogen. + + + + +Die Herzogin Margarete fuhr über den Arlberg. In Sankt Anton stand unter +dem gaffenden Volk ein Mädchen von elf, zwölf Jahren mit seiner Mutter. +Wie der Zug vorbeikam, rief eifrig, wichtig das Kind: »Mutter! Mutter! +Welche ist die gnädige Frau Herzogin? Die Lange, Dürre oder die andere, +die Maultasch?« + +Die Mutter, eine derbe, wackere, behagliche, junge Frau, grinste, wurde +rot, schlug nach dem Kind: »Wirst du den Brotladen halten, Saufratz!« + +Die Leute ringsum lachten, das Kind plärrte, das Wort wurde aufgenommen. +Es flog durch das Land, flog weiter, bald nannte alle Christenheit die +häßliche Herzogin nur mehr die Maultasche. Margarete hörte davon, trug +den Beinamen mit einer gewissen stillen, bitteren Absichtlichkeit. Wie +sollte ihr neues Schloß heißen? Bruneck? Neugrafenburg? Sie nannte es +Schloß Maultasch. + + * * * * * + +Markgraf Ludwig saß zusammen mit seinem Freund, dem Herzog Konrad von +Teck, über Rechnungen und Belegen. Der junge, straffe Markgraf stellte +nüchtern, klar Ziffern und Tatsachen zusammen; der massige, soldatische, +etwas ältere Herzog von Teck hörte aufmerksam zu. Er war in Rüstung, +unbeweglich, während der Markgraf bei aller Sachlichkeit sich nicht +enthalten konnte, auf den Tisch zu schlagen, auf die raschelnden +Papiere. + +Sein festes, mageres Gesicht, harte, glanzlose, blaue Augen, bräunliche, +verwitterte Haut, etwas spärliches, blondes Haar, gegen die Mode kurzer, +blonder Schnurrbart, war böse und sehr erregt. Er hatte die Tiroler +Barone immer für tückische, betrügerische Raffer gehalten. Doch daß sie +auch unter seinem Regiment so frechen, offenkundigen Unterschleif wagen +würden, daß sie bieder und traulich nicht etwa die Hälfte, sondern neun +Zehntel seiner Einkünfte in ihre Tasche steckten und sich in ihren +Schlußrechnungen kaum bemühten, das zu verschleiern, das war denn doch +ein Gipfel frecher Habsucht, den er nicht erwartet. + +Der junge Fürst liebte sachliches, rasches, sauberes Arbeiten. So hatte +er sich in Brandenburg bewährt; es war dem Land gut bekommen. Hier in +Tirol fand er überall Schlamperei, die ganze Verwaltung war ein +Ungefähr, alle Grenzen und Befugnisse verwischt, Betrug und Unterschleif +üppig in Schuß und Wucher. Dabei hatten die Barone gut vorgesorgt. +Amnestie für ihre Verwaltungssünden war ihnen zugesichert, auch konnten +sie fürderhin nur durch Einheimische kontrolliert werden, und da sie +alle versippt waren, blieb solche Kontrolle Formsache. + +Der massige, bartlose, soldatische Konrad von Teck ließ den Markgrafen +zu Ende reden. Dann sagte er: »Durchgreifen! Verträge, Amnestie: einen +Schmarren! Pack' einen von ihnen am Kopf! Laß die andern reklamieren, +protestieren! Wenn sie sehen, es nützt nichts, werden sie rasch kirre.« + +Mit einem halben Lächeln schob der Markgraf dem Freund ein Schriftstück +hin: einen Haftbefehl für Volkmar von Burgstall. Aber er war nicht +unterzeichnet. »Mein Vater täte es bestimmt nicht,« sagte er. »Es kann +verteufelt schief gehen. Ich hab' keine Rückendeckung.« + +Konrad von Teck schaute ihn aus seinen stumpfen, braunen Augen an, sagte +knarrend: »Schaff' dir Rückendeckung.« + +Ludwig gab den Blick zurück, schellte, befahl: »Die Frau Herzogin.« + +Bis Margarete kam, schwiegen die beiden Männer. Ludwig hatte keine +Heimlichkeit vor dem Freund; so wußte der genau, wie es zwischen ihm und +Margarete stand. Es stand aber so, daß aus Mißtrauen und Abneigung +langsam eine kühle, geschäftsmäßige, wohlwollende Kameradschaftlichkeit +gewachsen war. Margarete war ruhig, klug, nicht zudringlich, gab und +verlangte keine Sentimentalität. Dies war dem Wittelsbacher sehr recht; +seine saubere, straffe, nüchterne Art war die einzige an einem Manne, +die Margarete in diesen Jahren nicht reizte. An ihre seltsame Erstarrung +und Verkrustung gewöhnte er sich langsam ebenso wie an ihre Häßlichkeit, +und es geschah ohne jeden verächtlichen Unterton, wenn er etwa im +Gespräch mit Konrad ebenso wie das ganze Land Margarete die Maultasche +nannte. + +Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sie kam. Denn nie erschien sie +anders als in herzoglichem Prunk. Sie trug ein Kleid aus schwerem, +braunem Stoff, mit vielem Gold besetzt, das Gesicht maskenhaft steif von +Schminke und Puder, auch die Hände geschminkt. Der Markgraf legte ihr +die Dokumente vor, wies in kurzen Worten darauf hin, wie lückenlos vor +allem das Material gegen Volkmar von Burgstall sei. Margarete sah vor +sich den dumpfen, dröhnenden, wuchtigen Volkmar, die nackte, brutale +Gier seines Gesichts. Er hatte mit seiner plumpen, grausamen Hand +zugeschlagen, wo er konnte, er hatte im Kampf gegen die Luxemburger den +jungen Rottenburg, den lustigen, harmlosen Albert vorgeschickt und sich +selber feig, schwer, tückisch in den kellerigen, widerwärtigen Winkeln +seiner Burg versteckt. Ihr Gesicht unter der Schminke blieb steif und +ohne Ausdruck. »Verhaften Sie ihn!« sagte sie. + +Selbst der starre Konrad von Teck sah überrascht auf. »Sie sind eine +tapfere Dame, Frau Herzogin!« sagte er. + +»Nachdem das Ihr Rat ist, Margarete,« sagte der Brandenburger, »werden +sich Ihre Landsleute wohl beruhigen müssen, wenn ich ihn befolge.« Er +bat, auch sie möge den Verhaftsbefehl unterzeichnen. Sie tat es. + +Der Burggraf Volkmar wurde verhaftet, prozessiert. Solches Vorgehen +gegen den ersten Aristokraten des Landes machte ungeheures Aufsehen. Die +Barone, zitternd jeder für sich selbst, schlossen sich zusammen; vom +Süden her wühlte Bischof Nikolaus von Trient, von Westen der Bischof von +Chur. Konrad von Teck, dem der Gefangene unterstellt war, wich keinen +Schritt. Anklage, Vermögenskonfiskation, Verhör, Tortur. Zum Urteil kam +es nicht. Der Burggraf starb vorher, im Kerker, unversehens. Das Land +raunte, übergraust, wollte sich empören, wagte es nicht, duckte sich, +schwieg. + +Margarete saß am Putztisch, als sie die Nachricht von dem plötzlichen +Tod Volkmars erhielt. Das Fräulein von Rottenburg, das ihr Haar kämmte, +schnaufte, zitterte, ließ den Kamm fallen. »Mach' doch weiter!« sagte +Margarete, und ihre volle, dunkle Stimme war gleichmütig und ohne +Schwanken. + + * * * * * + +Die Herzogin schaute von der Loggia der Burg Schenna aus in das besonnte +Land. Jakob von Schenna saß ihr gegenüber. Zu ihren Häupten an den +Wänden schritten die bunten Ritter. + +Es tat wohl, die müde, gescheite Stimme Schennas zu hören. Seine hellen, +klugen, reinlichen, phrasenlosen Sätze waren wie ein laues Bad. Der +Markgraf hatte ihn in seine Dienste ziehen wollen. Doch Herr von Schenna +hatte die diplomatischen Würden, die goldenen Ehrenketten seinen Brüdern +Petermann und Estlein überlassen, er selber war wohl bereit zu raten; +doch ein Amt nahm er nicht an. + +Er sprach vom Markgrafen, wie häufig. »Nein,« sagte er, auf die gemalten +Ritter weisend, »von diesen hat er nichts. Wenn er einen Wald sieht, +denkt er nicht an ein Ungeheuer, das darin sein könnte, auch nicht an +eine Dame, die ein Riese hütet und die zu befreien wäre. Er überlegt, +wie groß der Holzwert des Waldes ist, ob es lohnt, das Holz in die +nächste Stadt zu schaffen, dort den Wohnungsbau zu fördern. Die Zwerge +hat der Markgraf nie gesehen; sie werden auch nicht zurückkehren, +solange er regiert. Auch wird er mit König Johann nie konkurrieren. Es +wird ihm nichts daran liegen, achtzehn oder zwanzig Turniersiege im Jahr +zu behaupten, die modischste Rüstung zu haben, möglichst oft in Paris zu +sein. Aber darauf sehen wird er, daß sein Name selten in der +Korrespondenz des Messer Artese aus Florenz vorkommt, daß die Kaufleute +ihre Transporte in Sicherheit führen können, daß in den Städten feste, +redliche Behörden sitzen.« + +Margarete schwieg. Ähnliches hatte Schenna schon oft geäußert. Es fiel +ihr auf, daß früher die gleichen Dinge in seinem Munde ironisch +geklungen hatten, ablehnend, während er jetzt fast mit Anerkennung von +diesen bürgerlichen Eigenschaften des Fürsten sprach. + +Herr von Schenna blieb bei seinem Lieblingsthema. Die alte Zeit war +vorbei. Rittertum und Rittersitte war wohlfeil geworden und Attrappe. +Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen +und darauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt, +in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Es war +vielleicht schöner gewesen früher, bunter, ehrlicher. Aber die Welt war +verwickelter geworden. An Stelle der Burg trat die Stadt, an Stelle des +kräftigen Einzelnen die Organisation. Wenn der fahrende Ritter Herberge +verlangte, Speis' und Trank, forderte man von ihm -- Gotts Marter! -- +Bezahlung. Nicht ihm gehörte die Zukunft, sondern dem Bürger, nicht der +Waffe, sondern der Ware, dem Geld. Mochten Herren wie König Johann noch +so herrlich herfahren über die Erde; was sie taten, blieb ohne Bestand. +Bestand hatte das kleine, langsame, sorgfältige, rechenhafte Gewerk der +Städte; sie bauten winzig, sie bauten ängstlich, aber sie bauten Zelle +an Zelle, schichteten Stein um Stein, unablässig. + +Margarete war überzeugt von der Richtigkeit solcher Grundsätze. Hatte +sie es nicht an sich selber tief und grauenvoll erlebt? Was war Liebe? +Was waren Abenteuer? Das höhlte einen aus, zerrieb, machte wund und +leer. Gedanken, die sie früher schon gedacht, setzten sich tiefer, +wurden wesenhaft, mischten sich ihr ins Blut. Ihre Häßlichkeit war +Geschenk, der Wegweiser, mit dem Gott ihr den rechten Weg zeigte. +Rittertum, Abenteuer, das war bunter Schaum und Schein. Ihr Amt war, in +die Zukunft zu bauen. Städte, Handel und Handwerk, gute Straßen, Ordnung +und Gesetz. Ihr Amt waren nicht Feste und Fahrten und Liebe; ihr Amt war +nüchterne, ruhvolle Politik. + +Sehr kam solchen Grundsätzen das Wesen des Markgrafen entgegen. Sie +erkannte genau, wußte, spürte, wie eng und pedantisch er war. Aber sie +achtete seine Tüchtigkeit und Verlässigkeit, gewöhnte sich daran als an +etwas Freundhaftes, schwer zu Entbehrendes. Die Gatten waren viel +zusammen, aßen zusammen, schliefen zusammen. Arbeiteten zusammen. Gutes +Einverständnis war von ihm zu ihr. Ihre Gedanken schmiegten sich +ineinander. Margarete regte an; aber so unmerklich, daß nicht zu +unterscheiden war: wer war Führer, wer geführt? Oft, im Gespräch mit +Konrad von Teck, sagte der Markgraf anerkennend: »Ja, meine Frau, die +Maultasche.« Bei alledem blieb Margarete im Innersten zugesperrt, ihre +Umkrustung war nicht zu durchbrechen, es blieb bei einer freilich großen +und ehrlichen Höflichkeit. + +Im zweiten Jahr ihrer Ehe wurde Margarete schwanger. Ihr Wesen wurde +gelöster dadurch, ihre volle, dunkle Stimme klang wärmer; aber jene +Fremdheit und Starrheit fiel nie ganz von ihr ab. Sie blieb frei von +heftigen, überschwenglichen Begierden, gleichmäßig, ohne stärkeres +Gefühl. Sie sah, daß das Kind, ein Mädchen, weder schön noch häßlich +war. Es hatte die harte, eckige Stirn des Vaters und, Gott sei Dank, +seinen, nicht ihren Mund. Sie betreute das Kind sorglich, mütterlich, +pflichtbewußt, ohne Herzlichkeit. + + * * * * * + +Der Papst zog den Arm des jungen Markgrafen Karl von Mähren-Luxemburg in +den seinen, führte den Fürsten, eifrig auf ihn einredend, in dem +behaglichen Zimmer auf und ab. Draußen, über der weißen Stadt Avignon, +brannte helle, starke Sonne. Im päpstlichen Palast war es angenehm +dämmerig, nicht zu heiß. Der sechste Klemens, dunkles, starkes, sehr +repräsentatives Gesicht, die Konturen gehoben durch die bläulichen +Schatten des Rasierens, hatte ein zärtliches, pflegliches Gefühl für den +jungen Fürsten, seinen lieben, verständnisvollen, empfänglichen Zögling. +Der hatte ihm die Tiara, er jenem die römische Kaiserkrone vorausgesagt. + +Ja, und nun war es an dem. Der Wittelsbacher, der tölpische Bär, hatte +zu gierig nach jeder Beute getappt. An dem letzten, übergroßen Bissen, +an Tirol, sollte er erwürgen und ersticken. Mochten die Kurfürsten, die +Städte des Römischen Reichs sich noch so vorsichtig und unbehaglich +gegen die Kontrolle der Kurie sperren; der üble Geruch, der von den +tirolischen Händeln ausging, stank allen so in die Nase, daß sie an der +Person dieses Usurpators Ludwig von Bayern doch wohl nicht festhalten +konnten. Ja, jetzt kam er angekrochen, der Wittelsbacher. Demütig +winselte er vor dem päpstlichen Stuhl, erkannte das lange Verzeichnis +seiner Verbrechen an, bot Unterschrift und Unterwerfung. Klemens +lächelte, faßte seinen jungen Schüler fester um die Schulter. Der Bayer +kam zu spät. Schon hatte er, Klemens, in feierlichem Konsistorium den +großen Kirchenbann über ihn ausgesprochen, schon das Kurfürstenkollegium +aufgefordert, zur Wahl eines neuen Königs zu schreiten. Wenn morgen sein +lieber Schüler Karl von Luxemburg an den Rhein fährt, nach Rhense, zur +Wahl, kann er die Gewißheit mitnehmen: der Papst hat alles getan, durch +Segen und Verdammung, seine Prophezeiung von der Kaiserkrone wahr zu +machen. + +Wenige Tage später gab denn auch die Majorität der Kurfürsten dem +Luxemburger ihre Stimmen. Von den fünf Fürsten, die für ihn stimmten, +war der erste sein Vater, der zweite sein Oheim, der dritte ein +Erzbischof ohne Stift und Land, der vierte und fünfte durch viel Gold +erkauft. + +Karl, nachdem ihm der Vorsitzende des Kollegiums, der Erzbischof Balduin +von Trier, das Ergebnis der Wahl verkündet hatte, nahm die Umarmung +seines Vaters, die Glückwünsche der Kurfürsten entgegen. Sandte einen +Eilkurier an den Papst. Dann, allein, breitete der lange, hagere Mann +die Arme, atmete. Erwählter Deutscher König, Römischer Kaiser bald. Er +war nicht wie sein Vater, der Blinde, der Ritter. Er wird nicht glänzen, +alles, wie er es an sich gerafft, verstreuen. Er wird haben, halten, +besitzen. Er war aber auch nicht wie der Bayer, der Langsame, +Pedantische, Bürgerliche. Burg _und_ Stadt, das war es, Militär _und_ +Verwaltung. Nicht Territorien allein erraffen, was ist das groß? Sie +beackern, sie durchkneten. Kirche, Kunst, Wissenschaft, Städtebau. +Sammeln, häufen, pflegen. Alles sammeln und pflegen: Länder, Städte, +Titel, Schlösser, Gelehrte, Reliquien, Kunstdinge. War er eitel? War er +habgierig? Nein, dies war wohldurchdachte, wohlerkannte Fürstenpflicht. +Der hagere, sehnige Herr setzte sich an den Schreibtisch. Notierte sich +Richtlinien, entwarf ein Schema, einen Kanon seiner Regierung. +Disponierte wissenschaftlich Tugenden, Erfordernisse, Pläne. Teilte sie +ein: Ziffer eins, zwei, drei. Arbeitete viele Stunden, tief in die Nacht +hinein. + +Überlas das Geschriebene. Stak in all dem nicht doch ein bißchen +Eitelkeit? Er war fromm, Eitelkeit war Sünde. Er wird büßen. Er sammelte +leidenschaftlich Reliquien: Dornen aus der Krone Christi, Kleider, +Schädel, Arme von Heiligen. Aus Pavia hat man ihm die Überreste des +heiligen Veit angeboten. Der Heilige war viel zu teuer. Er wird, zur +Buße, diese Reliquien trotz der Übervorteilung erstehen. + + * * * * * + +Vor Margarete stand ein kleiner, fetter, zappeliger Mensch, war sehr +unterwürfig, sprach gaumig glucksend. Nannte sich Mendel Hirsch. War +Jude. War während der Verfolgungen durch die Brüder Armleder aus dem +Bayrischen nach Regensburg geflohen, dort von der Bürgerschaft geschützt +worden. War aus den hundertundsiebenundzwanzig Gemeinden, in denen +damals die Juden erschlagen worden waren, einer der wenigen Entkommenen. +Jetzt hatte er einen Schutzbrief des Kaisers, vorsichtshalber auch einen +des Gegenkönigs Karl. + +Die Herzogin hatte niemals einen lebendigen Juden aus der Nähe gesehen. +Aufmerksam, mißtrauisch, leicht angewidert, beschaute sie den dicken +Mann, der in braunem Rock und spitzem Hut vor ihr herumagierte, rasch +sprudelnd, gurgelnd, possierlich zappelnd. So also schauen die aus, die +Hostien schändeten, unschuldige Kinder gräßlich marterten, das von Gott +verfluchte Geschlecht, das Gott gemordet hat. Sie hat oft von den +fremden, unheimlichen Menschen gehört, erst unlängst, anläßlich der +letzten Judenmetzeleien, mit dem Abt Johannes von Viktring eingehend +darüber gesprochen. Der hatte die Verfolgungen weder gutgeheißen noch +sie mißbilligt. Es erfüllte sich eben an dem geschlagenen Volk die +uralte Verwünschung, die es sich mit eigenen Lippen herabgeflucht: »Sein +Blut über uns und unsere Kinder!« Der Abt zuckte die Achseln, zitierte +einen antiken Klassiker: »Weh Unseligem mir! Viel fürcht' ich, weil viel +ich verbrochen.« + +Margarete fand diese Lösung ein bißchen zu einfach. Gewiß, ein Mann, der +so eine Judenverfolgung anfachte, mochte aus Eifer für die Sache Gottes +handeln. Vielleicht. Sicher war, daß er viel daran verdiente. Denn gab +es ein probateres Mittel, den jüdischen Gläubiger loszuwerden, als ihn +totzuschlagen? Warum, wenn es nützlich und gemäß war, sie zu vertilgen, +setzten sich just die weisesten geistlichen und weltlichen Herrscher für +sie ein? Die Gesetze des zweiten Hohenstaufenfriedrich, die Bullen des +vierten Innozenz bewiesen eine sehr andere Auffassung als die ihres +wackeren Abtes. Und der jetzt regierende Klemens -- er war ihr Feind, +aber verflucht gescheit -- warum stellte sich der so breit und schützend +mit Bullen und strengen Gesetzen vor sie hin? + +Sie schaute auf den kleinen Mann, der sich vor ihr abarbeitete. Er +erzählte von dem Jämmerlichen, was er durchgemacht. Wie man seine Leute +in ihre Bethäuser zusammengetrieben und verbrannt habe, andere in Säcke +gesteckt, mit Steinen darin, und elendiglich im Rhein ersäuft, wie man +sie verstümmelt, gemartert, erwürgt, Frauen vor den Augen ihrer +angepflockten Männer geschändet, aufgespießte Kinder wie Fahnen aus den +Fenstern brennender Häuser gehängt habe. Er erzählte das hastig, mit +vielen saftigen Einzelzügen, gestikulierend, seine bunten, gurgelnden +Worte überkugelten sich, er lächelte entschuldigend, anklagend, +resignierend, streute spaßige Sätze in seine Erzählung, rief Gott an, +strähnte nervös seinen mißfarbenen Bart, wiegte den Kopf. Die Herzogin +hörte ihm schweigend zu; in einer Ecke hockte Herr von Schenna, in +schlechter Haltung, betrachtete aufmerksam den kleinen, eifrigen, +possierlichen Mann. + +Mendel Hirsch bat, sich in Bozen niederlassen zu dürfen. Er war auf dem +Weg nach Livorno zu Glaubensgenossen. Aber jetzt, beim Anblick der +aufblühenden Städte und Märkte Tirols, war ihm beigefallen, hier sei +besserer Boden, neuerer. »Transithandel, gnädigste Frau Herzogin!« sagte +er. »Transithandel! Messen! Märkte! Hier führten die großen Straßen von +der Lombardei nach Deutschland, von den slawischen Ländern in die +romanischen. Warum sollten Trient, Bozen, Riva, Hall, Innsbruck, +Sterzing, Meran schlechter sein als Augsburg, Straßburg?« Schon seien +die Bischöfe von Brixen und Trient geneigt, Juden in Schutz und Privileg +aufzunehmen. Er werde mit gnädiger fürstlicher Erlaubnis den Handel hier +rasch hochbringen. Geld ins Land, viel Geld, großes Geld. Er verfüge +über Kapital in beliebiger Höhe. Bediene kulanter als die Herren in +Venedig und Florenz. Er werde Wein, Öl, Holz exportieren; Seide, +Pelzwerk, Schwerter einführen, spanische Wolle, Juwelen, maurische +Goldarbeit; aus dem slawischen Osten Felle, vor allem auch Sklaven. Die +brauche man hierzulande nicht? Man habe genügend leibeigene Bauern? +Nicht? Also nicht. Aber Glas, das brauche man doch, sizilianisches Glas, +er habe ausgezeichnete Verbindungen. Und gefärbtes Tuch brauche man +auch. Und Zimt, Pfeffer, Gewürz. Er werde schon machen. Man möge ihn nur +machen lassen. + +Margarete sagte, sie werde seine Bitte in Erwägung ziehen. Als er fort +war, überlegte sie mit Schenna. Dem gefielen die Projekte des Juden +sehr. Gewiß solle man ihn hereinlassen, ihn zu halten suchen. Das sei +die neue Zeit, das bringe Leben ins Land. Beim Turnier freilich werde +Herr Mendel Hirsch keine gute Figur machen, die Barone, wohl auch die +Bürger, würden die Stirn runzeln. Aber just wegen dieser faulen +Überheblichkeit solle man dem trägen Volk den raschen, beweglichen Mann +in den Pelz setzen. + +So kam also der Jude Mendel Hirsch nach Bozen. Er kam mit einem Gewimmel +von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Schwiegertöchtern, Enkeln; auch +drei Säuglinge waren dabei und eine uralte, mummelnde Großmutter. Das +kribbelte mandeläugig, flinkfüßig, vielwortig durch die Straßen Bozens, +beschaute die bunten, stattlichen Häuser, Mauern, Tore, Plätze, +Menschen, schätzte ab, urteilte mit raschen, lauten Worten und Gesten. + +Man kann nicht sagen, daß die Bozener Bürger den Juden Mendel Hirsch +gerade begeistert aufgenommen hätten. Es bedurfte vielmehr erst der +strengen Vermahnung des Markgrafen -- der wie sein Vater, der Kaiser, +die Juden als städteförderndes Volk schätzte und begünstigte --, bis sie +ihm überhaupt nur Unterkunft gewährten. Und auch dann behandelten sie +ihn denkbar grob und mißtrauisch, riefen die Kinder von den Straßen, wo +er ging, wischten sich die Ärmel, wenn sie ihn angestreift, riefen ihm +Schimpf- und Spottworte nach, bewarfen ihn hinterrücks mit Kot. Der +kleine, fette, bewegliche Mann tat, als sehe und höre er nichts, putzte +sich ab, wenn man ihn besudelte, lächelte, strähnte sich den verfärbten +Bart. Trieb man es zu arg, wiegte er den Kopf, machte: »Nu, nu!« Er +blieb immer gleich unterwürfig, kam wieder, wenn man ihn davongejagt +hatte. Kaufte sich ein Haus, noch eines, ein drittes. Waren kamen für +ihn, stapelten sich, fremdartige, schöne, in einer Fülle, wie man sie +nie gesehen, nicht zu teuer. Er kaufte, was man ihm anbot, prüfte rasch, +sicher, hatte immer Geld, zahlte bar. Die eingesessenen Kaufleute +machten scheele Gesichter, die übrigen Bürger gewöhnten sich an den +Juden, schimpften wohl noch, aber mehr aus Gewohnheit, ohne Überzeugung. + +Wenn Mendel Hirsch besonders schöne neue Waren hatte, Tücher, Pelze, +Juwelen, brachte er sie zuerst der Herzogin und Herrn von Schenna. Beide +unterhielten sich gern mit dem flinken, weltbefahrenen Mann, der Wege, +Waren, Menschen, Zusammenhänge gut kannte und aus sehr anderem, +ungewohntem Gesichtswinkel sah. Er schnitt, kam man ihm in ernsthaftem +Gespräch mit großen Worten, ein bitteres Gesicht; für Ritterlichkeit, +Turnier, Fahnen und dergleichen Dinge hatte er eine gutmütige, +schmunzelnde Verachtung, die Schenna ergriff und erheiterte. Er sagte: +»Wozu immer klirren und recht haben? Ein bißchen Billigkeit, und allen +ist geholfen.« Er wurde nervös und ängstlich vor Lanzen, Spießen, +Rüstungen. Einmal, als er bei der Herzogin angesagt war, kam er nicht, +weil viel Kriegsvolk unterwegs war. »Er ist feig,« sagte Margarete. + +»Gewiß,« sagte Herr von Schenna. »Mit einem Schwert tut er höchstens +sich selber weh. Aber er geht allein und ohne Waffen herum unter einem +Volk, das ihn anhaßt, und seine ganze Rüstung ist der Schutzbrief des +Markgrafen.« + +Margarete erfuhr, daß er Abend für Abend in seinen krausen, hebräischen +Büchern las, seine Kinder darin unterrichtete. Sie hörte von seinen +seltsamen Gebräuchen, Gebetmantel, Gebetriemen, anderer Kost. Sie fragte +ihn nach Einzelheiten. Er wich höflich und entschieden aus. Dies gefiel +Margarete. Er war häßlich und besonders. Er war umkrustet. Sie war die +Maultasch, er der Jud. + +Allmählich kamen mehr Juden ins Land. Nach Innsbruck, Hall, Meran, +Brixen, Trient, Rovereto. Alle mit vielen mandeläugigen Kindern. An die +zwanzig Familien. Geld floß herein, die Städte wurden größer, üppiger, +die Straßen besser, neue, fremde Stoffe, Früchte, Gewürze, Waren drangen +ein. Das Land in den Bergen lebte reicher, behaglicher. + +Die Woche über trieben die Juden vom frühen Morgen bis in die tiefe +Nacht hinein ihren Handel. Kein Geschäft war ihnen zu gering, sie +warteten stundenlang, unermüdlich, für jeden. Sie nahmen alle +Demütigungen hin, bückten sich, wehrten sich nicht, trat man nach ihnen, +spie man sie an. Aber am Freitagabend schlossen sie sich ein in ihren +Häusern, waren ihren Sabbat über für niemand, auch für den größten Herrn +nicht und für den wichtigsten Handel nicht zu sprechen. Das Volk stand +vor ihren versperrten Türen, drohend: »Da treiben sie ihre Hexerei und +verfluchte Hantierung. Zauberwerk, ruchlose, gottverdammte Kunst.« Doch +die Juden ließen sich die Drohungen nicht kümmern, hielten Türen und +Fenster gut zu. + +Mendel Hirsch pflegte an solchen Tagen viele festliche Lichter +anzuzünden, den braunen Rock und den spitzen Hut mit schönen Kleidern +aus alten Stoffen und prächtigen Mützen zu vertauschen, auch seine Frau, +seine Töchter und Schwiegertöchter zogen sich prächtig an. Dann sang er +mit seiner häßlichen, gaumigen Stimme Psalmen und Gebete, und seine +Kinder sangen mit. Er ging und saß in seiner Wohnung herum, aß gut, +trank gut, freute sich seiner Kinder und seines Reichtums. Las einen +Abschnitt aus der Schrift vor, begleitete ihn mit kunstvollen +Auslegungen, bezog ihn auf Ereignisse des Tages. Das Haus strahlte +geschmückt, duftete von kostbaren Essenzen. Er legte den Kindern die +Hand aufs Haupt, segnete sie, daß sie werden möchten wie Manasse und +Ephraim. Er ging behäbig herum in seinem Haus, strähnte sich den Bart, +wiegte sich, sagte: »Am Sabbat sind alle Kinder Israels Fürstenkinder.« + +Der Markgraf sagte zu Margarete: »Es war gut, daß man die Juden ins Land +gesetzt hat. Sie bringen Geld herein, Bewegung, treiben an. Aber es hat +schon seinen guten Grund, daß das Volk sie nicht riechen mag. Da lebt so +was wie dieser Jud Mendel Hirsch. Hat keine Kirche, keine Spur Religion. +Ist ärger als ein Heide und das liebe Vieh.« + +Herr von Teck mit seiner knarrenden Stimme sagte: »Das widerwärtigste +ist, daß so ein Mensch nicht den leisesten Sinn hat für Würde. Wie sich +das bückt! Wie das hündisch kriecht! Gewanz! Lausepack!« + +Margarete schwieg. »Er ist der Jud,« dachte sie, »ich bin die +Maultasch.« + + + + +Der blinde König Johann saß in der kahlen, niedrigen Bauernstube, sein +Friseur kämmte ihm Haar und Bart. Der gestrige Tag war drückend heiß +gewesen, aber jetzt kam, von Nordwest her, ein frischer Wind. Es war +halb vier Uhr morgens, die Sonne war noch nicht da, der Himmel hell. Um +den König waren zwei seiner Offiziere, fertig in Rüstung, sein +Erzkämmerling und Adjutant, zwei Pagen. Der Luxemburger legte trotz +seiner sechzig Jahre und seiner Blindheit größtes Gewicht auf +einwandfreie Wappnung und Kleidung. Der Kämmerling und die Pagen rieben +seine weiße, körnige Haut mit Essenzen, legten ihm umständlich Hemd, +Unterkleid, die silberne Rüstung an. + +Der König hatte nur wenige Stunden geschlafen, aber er war frisch und in +strahlender Laune. Vor ihnen war ein großes Gehölz, dahinter standen die +Engländer. Heute also, endlich, wird man sich schlagen. Es wird kein +Geplänkel, es wird eine heiße, große Schlacht sein. Es geht für den +Engländer um alles. + +Wie der elegante, blinde Mann jetzt dasteht, gewaschen, gerüstet, den +Sommermorgen schnuppernd, hat er alle die leisen, melancholischen +Anwandlungen vergessen, die sonst manchmal in letzter Zeit aus seinem +zerronnenen und zerdunsteten Leben in seine Nacht steigen. Wie ein Tier, +das nach langem winterlichem Stall den Frühling wittert, sog er gierig +den Geruch der Schlacht, der rings in der Luft war. + +Trat vor das Haus, frühstückte, scherzte mit seinen Herren. Kleiner, +reiner Wind ging. Nun wird gleich die erste Sonne kommen. + +Sein Vater war Römischer Kaiser gewesen, mächtig über alle Christenheit. +Er, Johann, kämpfte jetzt in französischem Sold; es hat eigentlich gar +keinen Sinn gehabt, daß er sich in den großen Zwist zwischen England und +Frankreich gemengt, er hat es aus bloßer Freude am Kampf getan. Zudem +hat er das Geld verschleudert, das er von Frankreich für die +Truppenwerbung erhalten, und muß jetzt ziemlich kläglich Ausflüchte +suchen. Genau gesehen, hat sich ihm nichts, gar nichts gefügt. Wenn +auch! Das geht ihn jetzt nichts an. Jetzt wird er kämpfen. Er ist sehr +vergnügt. + +Man reichte ihm weiße Scheiben Brotes, Butter, Honig, einen Trank Met. +Bienen summten um ihn. Er tätschelte die weichen Haare der Pagen. + +Er hat das Geld für die Söldner vertan. Er lächelte. Nun ja, wenn heute +sein Sohn Karl Deutscher König ist, so hat jener Sold sein gut Teil dazu +beigetragen. Karl darf es nicht wissen. Er ahnt es wahrscheinlich, aber +wissen darf er es nicht. Er ist so korrekt. Gleichviel, gleichviel. Er +liebt Frankreich, er hat Frankreich viele gute Dienste getan, er wird +auch heute, er spürt es, das vertane Geld reichlich hereinbringen. Er +schüttelte sich, reckte sich, fragte, ob die Sonne schon da sei. + +Man stieg zu Pferde, brach auf. Es ging durch ein großes Gehölz, +dahinter stand auf dem weiten, staubigen Feld der Feind. Man hatte die +Visiere noch nicht heruntergelassen; Vögel sangen, Zweige streichelten +das Gesicht, man roch das Laub. Es war schön, zu leben, es war schön, im +Morgen durch den Wald zu reiten, und dahinter stand der Feind. + +Ah, jetzt verstummten die Vögel. Klirren, Schreien, Dröhnen, stampfende, +trappelnde Pferde, helle Trompeten, Staub, viel Staub. Man war am Ende +des Waldes. Der König hielt mit seinen Herren. »Wie steht die Schlacht?« +fragte er mit der Erregung des leidenschaftlichen Spielers. Seine Herren +mußten ihm alle Wechsel des Kampfes schildern. Er kommandierte, warf +Truppen hierhin, dorthin. Aber die Strategie des Blinden blieb +notgedrungen theoretisch, die Offiziere korrigierten, ohne viel Worte zu +machen, seine Befehle nach Belieben oder führten sie überhaupt nicht +aus. Staub lag dicht auf dem Feld, legte sich grau, dick auf Halme, +Gräser, Ähren, auf die Pferde, die Rüstungen. Die Schlacht hatte sich in +zahllose, verbissene Gruppenkämpfe aufgelöst. Da hielt es den alten +Herrn nicht mehr. Spürte er, daß seine Befehle leerer Schall waren, +demütig entgegengenommen, unbeachtet weggeworfen wurden? Er reckte sich +plötzlich hoch auf, sein braunes, gutes Pferd stieg, wieherte, er warf +einen hellen, fröhlichen Schrei in das Gewieher, brach los. Seine +Offiziere suchten ihn zu halten, die Pagen drängten brennend, hitzig +vor. So kam er trotz allen Hemmungen ins dickste Getümmel, sein Schmuck, +seine wertvolle Rüstung reizten Gegner. Er wurde umzingelt, +herausgehauen, nochmals umzingelt. Vor allem zwei schottische Ritter, +jüngere Söhne, Habenichtse, hatten es auf seinen Schmuck und den +prachtvollen Brustpanzer abgesehen. Der blinde alte Herr sprach, schrie, +lachte, stach um sich. Er war von seinen Offizieren getrennt, die Pagen +hatten sich bei ihm gehalten. Er sprach, scherzend, grimmig, anfeuernd, +zynisch, zu dem einen, dem blonden, feinen Jehan, seinem Liebling. Der +war schon zusammengehauen, tot, aber der blinde König wußte es nicht. +Endlich warf sein verwundetes Pferd ihn ab, begrub ihn. Man drang ein +auf ihn, riß ihm Helm und Visier herunter, schlug ihm den Schädel ein. +Da lag er still und jämmerlich im Staub, der rastloseste Mann und Fürst +der Zeit, sein eleganter Bart war übel zerrauft und mit Blut verklebt, +die schäbigen Ritter zerrten ihm den silbernen Panzer von der Brust, der +Ring wollte nicht los von der steifen, im Staub verkrampften Hand, so +hackten sie den ganzen Finger ab. Dann zog sich der Kampf weg, und die +Franzosen, für die der Blinde ohne Sinn und ohne Zweck gekämpft hatte, +wurden zersprengt und besiegt. + +Der tote König lag allein. Krähen und Raben kreisten. + + * * * * * + +Karl von Luxemburg, der Deutsche König, hatte sich, verwundet, aus jener +Schlacht gerettet. Der König von England, der immer gern und stolz +betonte, wie ritterlich seine Kriegführung sei, hatte ihm die Leiche des +Vaters mit ehrenvollem Geleite übersandt. Nun stand Karl vor den +scheußlich verstümmelten Resten. Er hatte den Vater nie geliebt. Der +alte Verschwender, der in so launischem Zickzack über die Erde gefahren +war, der so toll und übermütig mit seinen Kronen gespielt hatte, statt +sie zu wahren und zu festigen, hatte sein Erbe schwer gefährdet. +Immerhin, es waren Rechte, Titel, Länder auf allen Seiten erworben. Er +wird sich nicht verzetteln, er wird nicht überflüssig prahlerisch alles +zu halten suchen; er wird zusammenstücken, runden. Nur auf die Sache +sehen, nicht auf äußeren Glanz. + +Da lag nun dieser König Johann, sein Vater. Er war ein Ritter gewesen, +der erste Ritter der Christenheit; er hatte groß geglänzt, nun lag er +da, ein Haufe scheußlich verstümmelten, verwesenden Fleisches. Er hatte +gelebt für nichts, er war gestorben für nichts. Er hatte über Kirche, +Priester, Heilige gelacht und die Welt nicht unter seine Sohle +gezwungen, hatte weder den Himmel erworben, noch die Erde. »Schlaf' in +Frieden, Vater! Ich werde anders sein wie du.« + +König Karl ließ das Herz ausnehmen, die Fleischteile in siedendem Wasser +von den Knochen lösen. Überführte die Gebeine in das heimatliche +Luxemburg, ließ sie feierlich neben tiefverehrten Reliquien beisetzen. +Dann ließ er -- Aachen hatte seine Tore gesperrt -- sich in Bonn als +Deutscher König krönen, in Prag als Böhmischer. Kaiser Ludwig hielt +jetzt, nach der Niederlage der Franzosen, die richtige Zeit für +gekommen, an den Gegenkönig eine schwungvolle Protestnote zu richten. Er +forderte ihn in großen Worten auf, von seinem Gebaren abzustehen und +sich ihm, dem Stärkeren, zu unterwerfen. Karl antwortete im gleichen +Stil, seine Stärke bestehe nicht in Kriegsheeren, sondern in dem großen +Alliierten: Gott. + +Fürs erste aber sah er sich nach irdischen Alliierten um. Unterhandelte +mit Ungarn, mit dem lahmen Albrecht. Karl hatte für sich Legitimität, +Titel, Kirche, Religion, Sympathien, Ludwig die Macht. Ihre Länder +grenzten aneinander; beide aber waren sie wägend und bedacht und +verhüteten, daß hier Krieg losbrach. Der findige, anschlägige Karl +glaubte vielmehr, die schwache Stelle des Wittelsbachers ganz woanders +herausgefunden zu haben: in Tirol. + +Hier hatten die Bischöfe von Trient und Chur, denen Markgraf Ludwig +verhaßt war, unablässig gewühlt und gezettelt. Die Feudalbarone, +knirschend gegen die Brutalität und die Rechenhaftigkeit der +Wittelsbacher, warteten nur darauf, die Luxemburger zurückzurufen. Auch +die großen lombardischen Stadtherren, die Carrara, Visconti, della +Scala, Gonzaga, sahen die bedrohliche Nachbarschaft Kaiser Ludwigs mit +tiefer Besorgnis. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders vereinigte +geschickt die Interessen dieser drei Oppositionsparteien. Er selber war +Landeshauptmann von Tirol, der Markgraf begünstigte ihn, hielt ihn für +zu gefährlich und zu einflußreich, mit ihm anzubinden. Allein der +elegante Herr hatte feine Witterung; er spürte sehr gut, wie +unsympathisch er dem Markgrafen war, wie der immer mehr Befugnisse +seinem brutalen Freund, dem Konrad von Teck, und den anderen +schwäbischen und bayrischen Herren übertrug. + +Er sandte Botschaft an König Karl. Kuriere, immer dringendere. Die +Truppen der Bischöfe stünden zu seiner Verfügung, die lombardischen +Söldner, die Kontingente der Barone. Karl entschloß sich. Die +Gelegenheit konnte nicht besser kommen. Markgraf Ludwig kämpfte hoch im +Norden, in Preußen. Möge er sich Ruhm gegen die Heiden erwerben. Tirol +jedenfalls hatte weder Truppen, noch seinen Herrn. + +Es kam über Karl etwas von dem abenteuerlichen Geist seines Vaters. +Heimlich brach er auf, von drei Vertrauten begleitet, alle vermummt, als +Kaufleute reisend mit lombardischen Pässen. Reiste im schärfsten Frost, +auf verschneiten Bergpfaden. Stand unerwartet in Trient. Feierliches +Hochamt im Dom. Karl in kaiserlichem Ornat. Die Insignien freilich, +Reichsapfel, Zepter, Schwert, leider nur Ersatz; die echten hielt der +Wittelsbacher in strenger Hut. Glocken, Weihrauch. »_Gloria in +excelsis_,« sang mit seiner fanatischen Stimme der finstere Bischof +Nikolaus, sangen die Knaben. Karl hielt Parade ab: die Truppen des +Bischofs Nikolaus, der italienischen Städte, des Bischofs von Chur, des +Patriarchen von Aquileja, zahlreicher südtirolischer Barone, seines +Bruders Johann, des rachgierigen. Mächtig brach er auf, nahm Bozen, nahm +Meran. Lagerte dick und gewaltig vor Schloß Tirol. + +Hier war Margarete allein auf sich angewiesen. Der Markgraf und Konrad +von Teck waren fern in Preußen, der Landeshauptmann Tägen von Villanders +ließ sich nicht auffinden. Die Unterführer zögerten, verwiesen, fragte +man sie: Ist die Burg zu halten? auf Gott, wälzten alle Entscheidung +stets wieder auf Margarete zurück. Immer dichter und enger schloß sich +der Kreis der Belagerer. + +Margarete ging herum in grimmiger Ruhe. Ihr Gatte Johann, der kleine, +tückische Wolf, war vor dem versperrten Tor gestanden, und sie hatte ihn +nicht hereingelassen. Jetzt kam er mit Gewappneten und Geschwadern und +allem Pomp des Kriegs, sich den Eingang zu erzwingen. Sie hatte aus +ihrer Vernichtung die Trümmer leidlich wiederzusammengestückt, hatte +sich eine Ehe aufgebaut, hatte ihr Land und ihr Leben einigermaßen +wieder in Ordnung und Fug gebracht. Es war nichts Großes, Schönes, +Leuchtendes. Es war ein armseliges, mitgenommenes Stück Leben, Flickwerk +hier, hier Ersatz, dort Lücke und Verzicht. Aber es war wohlerworben, +war gerettet aus Schlamm und Nichts, war umzäunter, gesicherter Besitz. +Und nun kamen jene Erbärmlichen ein zweites Mal und wollten es ihr +entreißen! Oh, sie wird es dem geduckten, hintertückischen Karl zeigen +und dem Johann, dem boshaften, lauersamen Wolf. + +Sie wußte, es kam darauf an, die ersten Tage auszuhalten. Sie hatte +nicht viele, aber zuverlässige Truppen. Organisierte selber den +Widerstand. Sie war nicht feig, trug -- alle sahen das -- keinen +Augenblick Bedenken, sich zu exponieren. Ihr Wille, ihre hinreißende, +umsichtige Energie ging über auf die Besatzung. Die ersten Stürme wurden +sachlich und ohne große Opfer abgeschlagen; unter den Truppen des +Schlosses herrschte eine gewisse grimmige Scherzhaftigkeit; die +Markgräfin wurde vertraulich verehrt und bewundert. »Unsere Maultasch!« +sagten die Soldaten. + +Ein Bayer war unter ihren Offizieren, ein junger, häßlicher Mensch, ein +Albino, Konrad von Frauenberg. Die andern mieden ihn wegen seines +abstoßenden, frechen, mürrischen Geweses. Margarete fiel er gerade +dadurch auf. Sie übertrug ihm das Kommando der Verteidigung, verstand +sich gut mit ihm. Fand ihn kurz und energisch von Wort und Sitte, wo die +andern nichts sahen als mürrische Anmaßung. Er wiederum rühmte mit +dreister, karger, quäkender Anerkennung ihre Tatkraft, ihre Anordnungen. + +Die Belagerer wurden von Tag zu Tag verdrossener. Es war klar: das Land +konnte nur im Flug genommen werden oder gar nicht. Jetzt lag man da, vor +unerwartetem Hemmnis, belagerte eine Frau, die häßliche, verachtete +Herzogin, die Maultasch, kam nicht vorwärts. Unflätig schimpfte, fluchte +Johann. Herr von Schenna hatte das Gerücht verbreitet, die Luxemburger +wollten Tirol nur, um es an die Visconti zu verschachern, an die +Mailänder; sie hätten bereits heimlichen Vertrag gemacht. Die +tirolischen Hilfstruppen faßten Mißtrauen, murrten auf, hielten keine +Zucht mehr, verliefen sich. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders +zog sich von den Luxemburgern zurück, wurde unauffindbar auch für sie. +Schon stand der Markgraf, in Eilmärschen von Norden kommend, in Bayern, +wo der Kaiser ihn mit vielen Regimentern verstärkte. Als er in Innsbruck +eintraf, war plötzlich Herr von Villanders in seinem Lager, sagte, ja, +er habe mit dem Gedanken gespielt, zu König Karl überzugehen, habe sich +aber jetzt reuig eines Besseren besonnen, ehe noch ein entscheidender +Schritt geschehen. Bat um Verzeihung, führte dem Markgrafen, dem hart +und steif blickenden Konrad von Teck, seine Truppen zu. + + * * * * * + +Karl schluckte an dem unvorhergesehenen Hemmnis, preßte die Lippen, +würgte. Es war unbegreiflich, daß seine wohlgerüstete Armee vor diesen +Mauern scheitern sollte. Woher nahm die Frau, diese im Grunde doch +lächerliche Maultasch, die Kraft? Er war tief beunruhigt, betete, +erforschte sein Gewissen. In Trient hatte man ihm einen Finger des +heiligen Nikolaus vorgezeigt. Er hatte die kostbare Reliquie erwerben +wollen -- eine Hand des Heiligen besaß er bereits --, aber man gab den +Finger nicht her. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, zog kurz +entschlossen sein Messer heraus, schnitt ein Glied des Fingers ab, nahm +es mit sich. Vielleicht hatte das den Heiligen verdrossen, vielleicht +hielt der das Glück von seinen Fahnen ab und wog es der Feindin zu. Karl +schickte mit einem weitschweifigen Entschuldigungsschreiben den Knochen +zurück. + +Allein, es half nicht mehr, seine Reue kam zu spät. Der Markgraf war +nahe. Nahm man den Kampf erst an, so war große Gefahr, daß der Rückweg +nach Italien abgeschnitten würde. Karl hob sich weg von Schloß Tirol. +Trat den Rückzug nach Süden an, in verbissener Wut. Es kläffte Johann, +es schäumten die italienischen Barone. Karls Straße war Raub, Brand, +Verwüstung. In Asche Meran, in Asche Bozen, überall im Etschland die +Äcker verwüstet, die Reben abgeschnitten, die Häuser zerstört. + +Klirrend unterdes ritt der Markgraf in Schloß Tirol ein. Umarmte +Margarete stürmisch, ehrlich. Nie hatte man ihn so herzlich gesehen. Sie +hatte, sie allein, Tirol gerettet. »Unsere Maultasch!« sagte der +Markgraf zu Konrad von Teck, ihr die Schulter klopfend. »Unsere +Maultasch!« + + * * * * * + +Konrad von Teck nützte die Gelegenheit, den einheimischen Adel bis zur +völligen Machtlosigkeit zu demütigen. Margarete spürte die ganze, +überlegte Grausamkeit seiner Maßnahmen. Doch sie ließ ihn gewähren, +hatte nie Einwände. Seitdem sie Tirol für die Wittelsbacher gerettet, +fühlte sie sich ihrem Gatten herzlich und von innen her verbunden. Sie +fühlte sich eins mit dem Land, ihr eigenes, leibliches Wohlbefinden +verlangte, daß das Land nach wittelsbachischen Grundsätzen verwaltet +werde: der Adel geduckt, Städte und Bürger gehoben. Langsam richtete sie +sich auf, zusammen mit dem Land, befreit von dem Druck der Barone. + +Sie saß auf ihrem Schloß Maultasch. Sie bohrte sich, wühlte sich in das +Land hinein. Sie hatte nun drei Kinder, zwei Mädchen und den Knaben +Meinhard. Sie besorgte sie treulich; aber sie hatte nichts mit ihnen +gemein. Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flüsse, Täler, Städte, +Schlösser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die +Flüsse ihre Adern. + +Einmal ging sie im Mittag allein spazieren, am Ufer der Passer, legte +sich unter Felsen, ruhte, nickte ein. Da weckte sie eine hohle, feine +Stimme. »Grüß' Gott, Frau Herzogin!« Sie fuhr auf, sah ein winziges, +kleines, behaartes, bebartetes Wesen im Geklüfte stehen, sich mit +raschen, zutraulichen, possierlichen Bewegungen viele Male neigen, +verschwinden. Ein Zwerg! Die Zwerge waren wieder im Land! Die Zwerge, +die nur kamen, wenn sie sich sicher fühlten, die nur dem wirklichen +Fürsten sich zeigten, waren ihr sichtbar. Jetzt war sie in Wahrheit die +Herrin des Landes in den Bergen. + + + + +König Karl verließ bald, nachdem er die Belagerung von Schloß Tirol +aufgegeben hatte, das Land in den Bergen. Mit mancherlei Reliquien, aber +sonst geringem Gewinn. Er verfehlte nicht, auf seinem Rückzug vor allem +noch die Grafen von Görz gegen den Brandenburger aufzustacheln; auch +verlieh er, dem Beispiel seines Vaters folgend, an Fürsten und Herren +viele tirolische Städte und Gerichte, die er nicht besaß, so dem +Wittelsbacher immer neue Feinde aufwühlend. + +Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er für die Mißerfolge in Tirol +bald reichlich entschädigt durch eine unerwartete Wendung im Kampf um +das Reich. Ganz plötzlich, auf einer Bärenhatz, in der Nähe seiner +Hauptstadt München, starb Kaiser Ludwig, der Wittelsbacher. Ein +Schlaganfall warf den vollblütigen Mann vom Pferd, eine alte Bäuerin +drückte ihm die riesigen, treuherzigen, blauen Augen zu, Mönche führten +die Leiche heimlich fort, sie trotz Bann und Interdikt geweiht und +heilig zu bestatten. + +Da stand nun Karl von Böhmen, und sein Feind, der die weiten Länder +unter sich hatte und dem die Städte anhingen, war tot. Die Heiligen +hatten geholfen. Er, Karl, stand jetzt, da das Jahrhundert sich +scheitelte, als unbestrittener Deutscher König ohne Nebenbuhler. + +Er war des Streites mit den Wittelsbachern müde, sie des Streites mit +ihm. Der lahme Albrecht vermittelte. Karl verzichtete gleichwie sein +Bruder Johann auf Tirol und Kärnten, belehnte den Markgrafen mit diesen +Ländern, versprach, die Kurie mit ihm auszusöhnen. Die Wittelsbacher +dagegen erkannten ihn als Deutschen König an, leisteten ihm Huldigung, +lieferten ihm die Reichskleinode aus. + +Die Reichskleinode! Karl hatte sich schmerzhaft danach gesehnt. Er besaß +so viele teure Reliquien, nicht diese kostbarsten Zeichen der Macht, die +ihm gehörte. Er hatte sich und seine Würde nackt und bloß gefühlt, +solange er sie nicht besaß und sich mit nachgemachtem Zeug begnügen +mußte. Jetzt führte er die süßen, werten Dinge in feierlichem Zug nach +Prag in seine Schatzkammer. Die heilige Lanze war darunter, auch ein +Nagel von der Kreuzigung, sowie ein Arm der heiligen Anna. Vor allem +aber das altertümliche Zepter, der Reichsapfel von hellem, blassem Gold, +die zackige Krone, das Schwert, das Karl dem Großen durch einen Engel +gegen die Heiden geschickt worden war. Im Dom von Prag ließ der König +die Kleinode weihen. Dann brachte er sie selbst in das Schatzgewölbe. Da +lagen sie nun unter den bleichen Knochen der Märtyrer, unter Juwelen, +unter kostbaren Büchern und Bildern, unter Akten und Verträgen, unter +heiligen Spießen, Dornen von Christi Krone, Splittern von Christi Kreuz. +Der hagere König stand davor, lächelte mit schmalen Lippen, streichelte +mit der mageren, knochigen, bräunlichen Hand die Zinken der Krone, die +merkwürdigen Kanten des unregelmäßigen, keineswegs runden Reichsapfels, +das stumpfe, rostige Schwert des großen Karl, des Ersten seines Namens. + + * * * * * + +Agnes von Taufers-Flavon kam selten auf ihre tirolischen Güter. Auch +ihre jüngere Schwester hatte sich mittlerweile vermählt, mit einem Herrn +von Castelbarco, der politisch sehr zweideutig war, zwischen dem Bischof +von Trient, gewissen italienischen Stadtherren und dem tirolischen Hof +hin und her pendelte, im übrigen außerordentlich reiche Pflegen und +Privilegien besaß. Agnes reiste viel, lebte häufig bei ihrer älteren +Schwester in Bayern, bei ihrer jüngeren in Italien. Man hatte sie nach +der Austreibung Herzog Johanns nicht weiter behelligt; in allen Fragen, +die zwischen ihr und der markgräflichen Verwaltung strittig sein +konnten, gaben auf ihre kluge Weisung ihre Amtsleute nach, ehe es zu +Streitigkeiten kam. Sie ging zu Hofe nicht öfter, als es der Anstand +erforderte, vermied es peinlich, aufdringlich zu erscheinen. + +Sie war jetzt von erregender, bewußter, fast beängstigender Schönheit. +In Italien legte man ihr Städte und Fürstentümer zu Füßen, schlug sich +tot für sie. Selbst die plumpen Bayern schnalzten mit der Zunge, +klatschten sich die Schenkel, erklärten: ah, da lege man sich nieder, +begingen Dummheiten für sie. Sie schritt liebenswürdig mit kleinem, +vieldeutigem Lächeln durch die Huldigungen, Kämpfe, Selbstmorde. + +Erschien sie selten am tirolischen Hof, so zeigte sie, wo immer sie war, +das brennendste Interesse für die tirolischen Dinge. Gierig hörte sie, +mit halbgeöffneten Lippen, von Margaretes Tätigkeit. Ihre Maßnahmen +gegen den Adel, für die Städte, für die Juden, ihre Verteidigung gegen +die Luxemburger, jeden kleinsten Zug aus Margaretes Leben ließ sie sich +berichten, wieder und wieder erzählen. Niemals indes griff sie mit einem +Wort oder gar mit einer Tat ein. Forderte man ein Urteil von ihr, so bog +sie aus, sagte Belangloses, lächelte. + +Sehr gern zeigte sie sich dem Volk. Sie war hochmütig, sie erwiderte +keinen Gruß. Niemals stiftete sie Geld für die wohltätigen Anstalten der +Dörfer und Städte; auch die Bauern ihrer Güter wurden schlecht +behandelt. Dennoch sah das Volk sie gern. Man stand an ihrer Straße, +wenn sie kam, bewunderte sie, schrie hoch, liebte sie. + +Häufig erhielt sie den Besuch des Messer Artese aus Florenz. Agnes lebte +sehr verschwenderisch, sie brauchte immer von neuem die Hilfe des +unscheinbaren, oft sich neigenden Florentiner Bankiers, der Pfandrecht +bereits auf alle Güter hatte. Messer Artese erzählte ihr viel vom +Tiroler Hof. Er war gar nicht gut auf den Markgrafen und die Maultasche +zu sprechen. Wohl war Ludwig immer in finanziellen Nöten; denn seine +Kriege verschlangen gewaltige Summen. Aber er lieh sich von seinen +bayrischen und schwäbischen Herren, vermied ängstlich die Hilfe des +guten, dienstbereiten Messer Artese; ja, er löste sogar mit Opfern die +Pfänder aus, die dieser noch in Händen hatte. Auch die gewalttätige Art, +mit der des Markgrafen Statthalter Konrad von Teck Geld und Gut an sich +zu bringen pflegte, diese Konfiskationen und Hinrichtungen gingen dem +stillen, höflichen Florentiner sehr wider den Strich. Geld verdienen, +gewiß; Geld, wenn es nicht gestohlen ist, kommt von Gott. Säumige +Schuldner nicht schonen, verfallene Pfänder eintreiben, +selbstverständlich. Aber alles mit Manier, höflich, in guten Formen. +Gefängnis, Kopf ab -- pfui, das tut man nicht, das schickt sich nicht. + +Am meisten aber war Messer Artese erbittert über die Bevorzugung des +Juden Mendel Hirsch. Was? Ihm, dem stillen, bescheidenen, gebildeten +lateinischen Herrn und guten Christen zog man den stinkenden, +zappelnden, gurgelnden, frechen, aufdringlichen Juden vor, den +widerwärtigen Höllenbraten? War es nicht genug, daß dieses +pestilenzialische, gottverfluchte Volk, das unsern lieben Herrn und +Heiland gemartert und gekreuzigt hat, die deutschen und die +italienischen Städte verseuchte? Mußte ihnen die unselige Maultasch auch +noch das Land in den Bergen hinwerfen, daß sie hineinkrochen wie Würmer, +alles anfraßen, nicht mehr wegzubringen waren? Da saßen sie nun, das +ekle Geziefer, waren überall zur Stelle, drängten jedermann ungerufen +ihr Geld auf und erdreisteten sich, das elende, erbärmliche Gesindel, +niedrigere Zinsen zu verlangen als er, der hochangesehene, ehrsame, bei +allen Fürsten und Herren wohlgelittene Florentiner Bürger! Das Gesicht +des sonst so sanften, gesitteten, beherrschten Mannes verzog sich zu +einer Fratze maßlosen Wütens. + +Agnes hörte ihm still zu. Sie hörte alles, schrieb es in ihr Gedächtnis, +bewahrte es wohl auf, war außerordentlich liebenswürdig zu Messer +Artese. Der fing sich wieder ein, entschuldigte sich viele Male, glitt +ins Dunkle. + + * * * * * + +Nach dem Abkommen mit König Karl bestritt niemand mehr Margarete und dem +Markgrafen den sicheren Besitz von Tirol. Durch den Tod seines Vaters, +des Kaisers, war Ludwig in mannigfache, schwierige Erbstreitigkeiten mit +seinen Brüdern gekommen. Schließlich einigte er sich dahin, daß er aus +diesem Erbe Oberbayern tatsächlich, von der Markgrafschaft Brandenburg +aber nur den Titel und die Kurwürde behielt. Der Sorge um Brandenburg +ledig, regierte er in seinem gesicherten Tirol; seine Macht reichte von +Görz bis ins Burgundische, von der Lombardei bis an die Donau. Er nannte +sich Markgraf zu Brandenburg und zu Lausitz, des Heiligen Römischen +Reichs Oberster Kämmerer, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Bayern und in +Kärnten, Graf zu Tirol und zu Görz, Vogt der Gotteshäuser Agley, Trient +und Brixen. + +Margarete war zu ihm von herzlichem, fast mütterlichem Einverständnis. +Es war ihr Gewißheit geworden, Gott hatte ihr alle fraulichen Reize +genommen, daß sie all ihre Fraulichkeit in ihre Regentschaft senken +müsse. Solche Erkenntnis hatte sie befriedet. Sie lag ganz in Ruhe wie +windstilles Wasser. In ihren Entscheidungen war eine große, gerade +Selbstverständlichkeit. Die Frau und die Regentin war eines. Was sie +riet, was sie tat, war nie erklügelt, umwegig. Es war von einer geraden, +gewachsenen, warmen Mütterlichkeit, die oft nicht dem Buchstaben, der +Regel entsprach, aber stets ihren inneren, wohltätigen Sinn hatte. + +Es war ein schwieriges, steiniges Regiment, das sie zu führen hatte. +Immer wieder Krieg: mit dem Luxemburger, den Bischöfen, den +lombardischen Städten, den aufsässigen Baronen. Immer wieder das +sorglich Aufgebaute niedergerissen, verheert. Dazu Erdbeben, +Überschwemmungen, Feuersbrünste, Seuchen, die Heuschreckenplage. Die +Finanzen durch die ständigen militärischen Ausgaben übel zerrüttet. Es +war nicht leicht, unter diesen Widernissen das Land blühen zu machen. +Aber ihre starke, Vertrauen atmende und gebende Fraulichkeit strömte ein +in das Land, hielt es hoch, gab ihm immer neuen Schuß und Saft. Sie +schuf Ausgleich, befreite Städte, die durch Krieg und Brand gelitten +hatten, von den Abgaben, zwang trotz ihrem Murren die störrischen +Barone, wenigstens einen Teil ihrer Steuern zu zahlen. Dies alles +geschah mit einer gewissen natürlichen Gesetzmäßigkeit, ohne Geschrei +und Gewalt. + +Hatte sie schwierigere Finanzfragen zu regeln, so zog sie den Juden +Mendel Hirsch zu Rate. Flink erschien er in seinem braunen Rock, dick, +zappelnd, betulich, hörte Margarete zu, wiegte den Kopf, lächelte, +sagte, das sei ganz einfach, gurgelte in vielen umwegigen Worten eine +überraschende Lösung. Der kleine, umgetriebene, über die Erde gehetzte +Mann war der Herzogin sehr dankbar für ihr Wohlwollen, das ihm eine +einigermaßen sichere Ruhestätte und ein Dach über dem Kopf gönnte. Er +liebte sie, er spürte sich ein in sie, er strengte alle seine Findigkeit +an für sie. + +Denn es war schwer, sich in der ökonomischen Wirrnis der tirolischen +Verwaltung oben zu halten. Zwar hatte man die Willkür der einheimischen +Feudalherren gedämmt, auch den unheilvollen Messer Artese ausgeschaltet. +Aber der Markgraf trug kein Bedenken, die großen Gelder, die er +brauchte, von seinen schwäbischen und bayerischen Herren zu entleihen. +Die ließen sich als Entgelt skrupellos Verpfändungen und Verschreibungen +geben, rafften immer mehr an sich, so daß schließlich nichts gewonnen +war. Im Gegenteil: hatten früher wenigstens Einheimische das Land +ausgesogen, so mästeten sich jetzt Fremde, Bayern und Schwaben. Sie +saßen in allen wichtigen Landesämtern, der habgierige, gewalttätige +Konrad von Teck hatte ungeheuern Besitz an sich gerissen, Hadmar von +Dürrenberg die Salzrechte von Hall, etliche Münchner, Jakob Freimann, +Grimoald Drexler und andere Bürger, die Bergwerke im Gericht Landeck. +Auch sonst die wichtigsten Zölle und Gefälle waren an Bayern, Schwaben, +Österreicher verpachtet. Der Markgraf ließ sich hier nichts einreden. Er +vertraute seinen Bayern und Schwaben, die nutzten das aus. Immerhin +gelang es Mendel Hirsch, der sich vorsichtig, gedeckt von Margarete, im +Hintergrund hielt, in die Verträge mit diesen Herren Klauseln +einzuflechten, die den Fürsten nicht ganz wehrlos ihrer Willkür +auslieferten. + +Margarete blieb den bayrischen Freunden ihres Gatten gegenüber stets +sehr zurückhaltend. Nur mit einem wurde sie vertrauter, mit jenem +Offizier, durch dessen Hilfe sie damals Schloß Tirol gegen die +Luxemburger gehalten hatte, mit dem Weißblonden, Häßlichen, Gedrungenen, +Rotäugigen, mit Konrad von Frauenberg. Er war so häßlich, so unbeliebt, +so einsam. Sie spürte Verwandtschaft zwischen sich und ihm, sie sprach +vertraulicher zu ihm als zu den andern, zeichnete ihn aus. Der quäkende, +unwirsche Mann kam rasch vorwärts, bekam Pflegen und Herrschaften. Ja, +sie setzte es durch, daß er die Landeshofmeisterstelle erhielt. + +Auch ein anderes erreichte sie: den Erlaß einer Landesordnung. Tarife +wurden festgesetzt, Willkür und Gerichtsbarkeit der Feudalherren weiter +eingeschränkt, die Zentralgewalt gestärkt, Bürger, Handel, Handwerk +gefördert. Aufblühten da die bunten, farbigen Städte, dehnten sich, +wurden breit, üppig. Nicht mehr die Burgen der Barone machten das +Schicksal des Landes; die Magistrate entschieden, die stolzen Messen der +Städte. Selbst die Kleinen regten sich: Bruneck, Glurns, Klausen, Arco, +Ala, Rattenberg, Kitzbühel, Lienz. Von den großen Börsen und Märkten, +von Trient, Bozen, Riva, Brixen zweigten Straßen und Geschäft über alle +Welt. Was Mendel Hirsch gesät hatte, ging reich und blühend auf. + +Die Herzogin liebte die bunten, lauten, lärmvollen Städte; die schönen, +lebendigen, sinnvollen Siedlungen waren recht eigentlich ihr Werk. Was +Männer! Was Liebe! Konnte man reicher leben, strömen, blühen, sich +zweigen als so? War dieses Auf und Nieder, dieses lebendige, zweckvolle +Fluten nicht ein Teil von ihr? Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein. +Mußte das Land das nicht spüren, so viel Liebe zurückgeben, sie in sich +hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! Die Häuser der Städte schauten mit +lebendigen, verständnisvollen Augen auf sie, die Straßen klangen anders, +vertrauter unter den Hufen ihrer Pferde. Ihre Verkrustung löste sich, +sie gab sich hin, verströmte im andern, war befriedet, glücklich. + + * * * * * + +Herr von Schenna und Berchtold von Gufidaun ritten gemächlich im lauen +Abend den gepflegten Pfad nach Burg Schenna. Sie kamen von Meran, wo die +Herzogin in prunkender Zeremonie dem Großen Rat einen Kleinen +beigegeben, die Rechte der Bürgerschaft wirksam erweitert hatte. Dies +war ein Geschenk von großem Wert, für die Herzogin verbunden mit Opfern +an Geld und Einfluß. Das Volk hatte geziemend und ehrerbietig gedankt, +hatte hoch gerufen, respektvoll »Unsere Maultasch!« gesagt. + +Die Herren mußten absteigen, Platz machen vor einem kleinen, eleganten +Zug. Sie grüßten sehr höflich. Agnes von Flavon saß in der Sänfte. Volk +drängte zu: »Wie schön sie ist! Ein Engel vom Himmel!« Man schrie hoch, +es klang sehr anders als vorher bei der Zeremonie, hingerissen, +begeistert. + +Herr von Schenna pfiff ein italienisches Liedchen. Berchtold von +Gufidaun schaute nachdenklich vor sich hin; die blauen Augen in dem +männlich kühnen, bräunlichen Gesicht starrten angestrengt. Er war nicht +sehr schnell im Überlegen. + +An ihrem Wege, kurz vor der Stadt, zeigte eine kleine +Seiltänzergesellschaft einem Häuflein Volkes ihre Kunststücke. Ein +feuerfarbener Gaukler präsentierte einen großen Affen. Der hockte +melancholisch und grotesk im Reifen, sprang nach dem Apfel. Dann +produzierte sich ein Mädchen, tanzte, jonglierte mit Bällen. Dann kam +wieder der Affe. Man hatte ihn jetzt in blaue Seide gesteckt, ihm +goldenen Flitter auf den Schädel gesetzt. Er saß da, langarmig, plump, +sehr häßlich, traurig, böse, fletschte gelbe Zähne in dem mächtig +vorgewulsteten Maul. Das Volk starrte einen Augenblick. Dann brach es +los, von allen Seiten, wiehernd, sich biegend, schenkelschlagend, +Zwerchfell und alle Eingeweide schütternd, endlos, atemlos: »Die +Maultasch! Das ist ja die Herzogin! Die Maultasch!« + +Die Herren ritten weiter. Berchtold stieß tief verdrossen die Luft durch +die Zähne. Ein Winzermädchen kam ihnen entgegen, bloßfüßig, braun, +hübsch. Sie grüßte lächelnd, demütig. Berchtold sah sie nicht an, +Schenna warf ihr ein paar Scherzworte zu. Doch seine Munterkeit klang +nicht ganz echt. Bald versank auch er; schweigend wie Berchtold ritt er +weiter, in schlechter Haltung auf seinem Pferd hockend, das lange, +gescheite, welke Gesicht verzogen in etwas säuerlicher Überlegenheit. + + + + +In Ala, während die Barone Azzo und Marcabrun von Lizzana mit einem +Kapitelherrn von Trient verhandelten, mitten im Satz schwankte der +Ältere der Brüder, Herr Azzo; sein Gesicht wurde gelblich, lief +blauschwarz an, er fiel um. In den Achselhöhlen, in den Weichen, an den +Schenkeln beulte es sich schwarz, eiterig, eigroß. Er röchelte, kam +nicht mehr zu Bewußtsein, starb nach wenigen Stunden. Der Tridentiner, +vergraust, ritt auf gehetztem Pferd in seine Stadt zurück. Nun war sie +also da, die Seuche. Nun war sie in das Land in den Bergen eingedrungen. +Daß in Verona schon viere, fünfe umgefallen seien, war keine Lüge +gewesen. Und jetzt war also der Schwarze Tod in den Bergen. Und jetzt +gnade uns allen Gott! + +Die Pest war gekommen von Osten her. Sie raste vor allem an den Küsten +der See, drang dann ins Binnenland. Sie tötete in wenigen Tagen, oft in +Stunden. In Neapel, in Montpellier starben zwei Drittel des Volkes. In +Marseille starb der Bischof mit dem ganzen Kapitel, alle Predigermönche +und Minoriten. Weite Gegenden waren ohne Menschen. Große, dreiruderige +Schiffe trieben führerlos auf dem Meer, mit allen ihren Waren, die ganze +Bemannung war gestorben. Gräßlich wütete die Seuche in Avignon. Die +Kardinäle fielen um, der Eiter der zerdrückten Beulen besudelte ihre +prunkenden Gewänder. Der Papst schloß sich in sein innerstes Gemach, +ließ niemand vor, unterhielt den ganzen Tag ein großes Feuer, in dem +Würzkräuter verbrannten und die Luft reinigendes Räucherwerk. In Prag in +dem Schatzgewölbe seiner Burg zwischen Gold, Kuriositäten, Reliquien +hockte Karl, der Deutsche König, fastete, betete. + +Schaurig in die Täler Tirols brach die Pestilenz. Von den Bewohnern des +Wipptals blieb nur ein Drittel am Leben, von dem menschenreichen Kloster +Marienberg nur Wyso der Abt, der Priester Rudolf, ein Laienbruder und +der Bruder Goswin, der Chronist. Es gab Täler, in denen von sechs Leuten +nur je einer die Seuche überdauerte. Da der Atem und der Dunst, Kleider +und Gerät die Krankheit übertrugen, floh jeder feindselig und voll +Mißtrauen den andern, Freund den Freund, Braut den Geliebten, Kinder die +Eltern. Die Menschen verröchelten ohne Sakrament, in den Städten standen +viele Häuser leer mit allem Hausrat, und niemand traute sich hinein; +Messen wurden nicht gelesen, Prozesse nicht verhandelt. Die Ärzte +brachten vielerlei vor, vermochten aber schließlich keinen andern Grund +anzugeben, als daß es Gottes Wille sei. Helfen konnten sie nicht. Die +Menschen, irr vor Angst, kasteiten sich, geißelten sich, Frauen taten +sich zu Schwesterbünden zusammen. Flagellantenprozessionen, Schwärmer +und Propheten. Andere fraßen sich toll und voll, trieben jede Völlerei, +Schwelgerei, Ausschweifung. Den blutrünstigen abgezehrten Geißelbrüdern +begegneten Züge besoffener, bunter Fastnachtsnarren. + +Von den drei Kindern der Margarete blieb der Sohn Meinhard leben, die +beiden Mädchen starben. Sie lagen scheußlich gedunsen, mit riesigen, +schwarzen Geschwüren. Margarete dachte: »Nun sind sie häßlich wie ich.« + +Sie hatte nicht Zeit, sich lange zu grämen, lange darüber zu sinnieren. +Sie arbeitete, ging herum, furchtlos, klar, ruhevoll. In der ungeheuern +Wirrnis wurden von ihren Befehlen nur wenige und schlecht befolgt; +immerhin hielt sie ihr Land fester in Ordnung und Fug, als es anderen +Regierungen in der allgemeinen Auflösung möglich war. Wie dann die Pest +abflaute, straffte sie sogleich die Zügel, paßte die Gesamtverwaltung +des Landes den neuen, durch die Entvölkerung viel weiteren und loseren +Verhältnissen an. Auch baute sie der Verschleuderung der zahlreichen +erledigten Güter vor, wußte übrigens bei dieser Gelegenheit auf +wohlfeile, doch nicht unanständige Art viel Boden und Besitz in ihre +Hand zu bringen. + +Messer Artese war sehr geschäftig, es war gute Zeit für ihn. Überall in +der Welt waren Häuser und Liegenschaften, Rechte und Privilegien an +Erben gefallen, die nichts damit anzufangen wußten. Er erwarb, raffte. +Doch in Tirol fand er Widerstand. Gesetze, die ihn hemmten, +Vorkaufsrechte des Hofs, der Behörden, zähe Klauseln. In Schloß Taufers, +vor Agnes, ließ er sich gehen, brach aus, schäumte. Der Jude war, der +schlaue Mendel Hirsch, an allem schuld! Der hinderte ihn, den guten +christlichen Finanzmann, am Geschäft. Der hatte, nur um ihm den Knüppel +zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, höllisch schlauen +Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt. + +Agnes ließ den Florentiner sich austoben, hörte still zu, sah ihn mit +ihren tiefen blauen Augen unverwandt an. Begann dann mit ihrer +gleichmütigen und erregenden Stimme zu erzählen. Sie war am Rhein +gewesen. Dort hatte man in zahlreichen Städten die Juden gefangen und +verbrannt. Denn die Juden hatten die Pest gemacht, sie hatten Gift in +die Brunnen geworfen. Sie wußte es genau. In Zofingen hatte man Gift +gefunden. In Basel war sie selbst dabei gewesen, wie man die Juden auf +eine Rheininsel getrieben hatte, in ein Holzhaus, und sie darin +verbrannt. Sie hatten schrecklich geschrien, der Gestank war noch lange +in der Luft geblieben. Recht hatte man getan. Sie, die Verfluchten, +waren wirklich schuld an der Pest. Der lahme Albrecht von Österreich +freilich, der Mainzer Bischof und die Maultasch schützten ihre Juden. +Agnes sagte langsam, gleichmütig, immer ihre Augen auf den Florentiner: +»Die Herrschaften werden wohl ihre guten Gründe haben.« + +Messer Artese hörte zu, erwiderte nicht. Kehrte unverrichteter Dinge +zurück nach seinem Florenz. + +Von Italien dann kroch es herauf in die Täler Tirols, schleimig, immer +weiter, Geraune erst, dann immer festere Gewißheit: die Juden machen die +Pest. Die Pest hört nicht auf, solang man die Juden im Land läßt. Es +ballte sich zusammen. Hetze, Anschläge. + +Die Juden indes gingen herum, trieben ihre Geschäfte. Es gab viele +Geschäfte, große Geschäfte, sie hatten es sehr wichtig. Der kleine +Mendel Hirsch lief, zappelte, gluckste gaumig, seine zahlreichen Kinder +liefen mandeläugig, wichtig, selbst die uralte, mummelnde Großmutter +lebte auf, fragte mühsam, lallend: »Wie gehen die Geschäfte?« Sie gingen +ausgezeichnet, Gott sei Dank. Die Pest war im Abflauen, unberufen. Es +gab viel zu tun, zu handeln, zu kaufen, zu vermitteln, Verträge zu +machen. Schon in wenigen Wochen wird man, so Gott will, in Bozen wieder +den ersten großen Markt halten können. Die gnädige Frau Herzogin -- Gott +schütze sie! -- brauchte Mendel an allen Ecken und Enden. + +Unterdes zog es heran, gefährlich, fletschend, sinnlos, immer schwärzer. +Die Juden kannten das. So war es vor zwölf Jahren gewesen bei den großen +Metzeleien der Brüder Armleder. Jetzt kam es von Südwesten her. +Vergebens stellte der Papst, der weise, gütige, weltkundige Klemens, +sich mit seiner Person und mit Bullen entgegen, wies darauf hin, daß die +Juden ebenso von der Seuche getroffen wurden wie die andern: wie also +sollten sie sie fördern? Es waren nicht die vergifteten Brunnen, es war +ihr bares Gut und die Verschreibungen ihrer Schuldner, daran sie +verdarben. Gemordet und geplündert die Juden in Burgund, am Rhein, in +Holland, in der Lombardei, in Polen. In zwölf, in zwanzig, in hundert, +in zweihundert Gemeinden. Die Tiroler Juden warteten ab. Fasteten, +beteten. Den Behörden hier große Geschenke zu machen, tat nicht not. Daß +die Herzogin sie nach Vermögen schützen werde, war gewiß. Auch daß der +Markgraf ihnen wohlwollte wie sein Vater, der Kaiser, der Städte und +Handel Fördernde, der immer seine Hand über sie gehalten. Aber es hatte +sich gezeigt, daß gegen rasendes, Blut und Geld witterndes Volk kein +Kaiser, kein Papst und kein Büttel half. Man konnte nur warten, beten, +seine Geschäfte betreiben. + +Und dann, plötzlich und am gleichen Tag, brach es los. In Riva, +Rovereto, Trient, Bozen. In Riva wurden die Juden im See ersäuft, in +Rovereto mußten sie unter großem Gaudium und Gelärm von einem Felsen zu +Tode springen, in Trient wurden sie verbrannt. In Bozen hatte man es +mehr aufs Plündern abgesehen und das Totschlagen schlecht eingefädelt. +Man besorgte es unmethodisch, so blieben die mummelnde Großmutter, eine +Schwiegertochter und eines von den kleinen Kindern am Leben. + +Der Markgraf hatte seine Juden in München nicht schützen können; in Hall +und Innsbruck trat er energisch zwischen sie und den gewalttätigen +Pöbel. Er war für Gerechtigkeit und Billigkeit. Nachdem er den Toten +nicht mehr helfen konnte, jagte er den Verfolgern wenigstens die Beute +ab. Die Mörder hatten wenig Freude. Die bayrischen und schwäbischen +Herren trieben nun an Stelle der Getöteten ihre Forderungen für den +Markgrafen ein und sehr viel härter, als die Juden es hätten tun können. +Schließlich mischte sich auch König Karl ein. Er wollte wie von allen +Behörden, deren Juden umgekommen waren, so auch von dem Markgrafen +seinen Teil an dem Nachlaß der Erschlagenen. Ein hartes Feilschen +begann. + +Margarete, sowie sie von den Gewalttaten hörte, fuhr in finsterer, +erschreckter Hast nach Bozen. Kam in der Nacht an. Sah bei wanderndem +Fackelschein das viehisch zerstörte Haus, die kleinen, liebevoll mit +allem Möglichen vollgestopften Zimmer kahl, verwüstet, besudelt. Sah die +Leichen der Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter, der vielen +wimmelnden Kinder mit den raschen, mandelförmigen Augen, gräßlich +verheert und verstümmelt die einen, die andern ohne sogleich sichtbare +Wunden. Da lagen sie, die Flinken, Beweglichen, sehr still, und sehr +still auch lag Mendel Hirsch. Er hatte einen Gebetmantel an und +Gebetriemen am Arm und an der Stirn; man sah keine Wunde; im Fackellicht +schien es, als lächle er demütig, wichtig, betulich, milde, gescheit. +Margarete glaubte, jetzt müsse er gleich den Kopf schütteln, gurgeln, +das sei gar nicht so schlimm, es sei ganz einfach; die Leute seien gar +nicht so böse, sie seien verhetzt, dazu ein wenig langsam und schwer von +Begriff; man müsse ihnen bloß gut zureden. Aber er sagte nichts, er +zappelte nicht und gurgelte nicht und lag ganz still. Er hatte es gut +gemeint, mit sich gewiß am meisten, aber auch mit ihr und dem Land, und +er war gescheit gewesen und sehr tüchtig und hätte dem Land, ihren +lieben Städten großen Nutzen gebracht. Nun hatten sie ihn erschlagen, +plump, sinnlos, viehisch. Warum eigentlich? Sie packte mit harter, +zufahrender Frage einen der Umstehenden. »Er hat doch die Pest gemacht!« +sagte der, scheu, blöde, ein wenig trotzig. + +Leise, in einem Winkel, quäkte das gerettete kleine Kind, die Frau, +sonderbar aufgeputzt, suchte es mit häßlicher, gebrochener Stimme in +Schlaf zu singen, die Großmutter mummelte. Margarete trat näher, hob die +Hand, das Kind zu streicheln. Sie fühlte sich müde, elend. Sie sah im +Fackellicht ihre Hand; sie war groß, unförmig, die Haut fahl, gelblich; +sie hatte vergessen, sie zu schminken. + + * * * * * + +In München, in einem der weiten Räume der neuen Residenz, die sein Vater +angelegt hatte und an der er eifrig weiterbaute, stand vor dem kühl +blickenden Markgrafen Ludwig die Baronin von Taufers, Agnes von Flavon. +Sie bat um die Erlaubnis, gewisse Bezirke ihrer Herrschaft veräußern zu +dürfen. Als Käufer trat ein Einheimischer auf. Doch im Hintergrund +lauerte Messer Artese. Dem Markgrafen war Agnes nicht sympathisch; er +hatte über ihre lotterige Zigeunerwirtschaft viel Abfälliges gehört; +sein mageres, bräunliches Gesicht mit dem kurzen, blonden Schnurrbart +blieb verschlossen, seine grauen, etwas stechenden Augen schauten +mißtrauisch. + +Agnes spürte sehr wohl seine feindliche Abwehr; aber sie gab sich +durchaus nicht gekränkt. Sie glitt auf und ab vor ihm, schaute ihn an +mit ihren tiefen, starkblauen Augen, lächelte mit den schmalen, kühnen, +sehr roten Lippen aus weißem Gesicht, war damenhaft, munter, gefällig, +nicht übertrieben liebenswürdig. Langsam, vorsichtig, geübt lockerte sie +ihn auf, ganz leicht sich über seine Bärbeißigkeit belustigend. + +Er schaute sie an. Man hat ihr doch wohl Unrecht getan. Seine Freunde +verlangten von jeder Frau, daß sie Tag und Nacht im Haushalt stecke, +hinter den Dienstboten herlaufe, Herd und Leinenkammer beaufsichtige. +Ein feines Stück Weib war sie, unleugbar. Zart und zier und gepflegt +jede Faser und doch sehnig und voll Kraft. Er verabschiedete sie +höflicher, als er sie empfangen hatte. Beschied sie für ein zweites Mal +zu sich. + +Sah ihr lange nach. Seufzte. Dachte an Margarete. Die war jetzt wieder +schwanger. Ja, schön war sie nicht. Wenn man die andere danebenhielt und +dann an sie dachte -- ein Grausen konnte einem ankommen. Klug war sie, +unsere Maultasch. Die Leute hatten Respekt vor ihr. Aber sie mochten sie +nicht. Wenn die andere kam, schrien sie Hoch. + +Jetzt waren die beiden Mädchen gestorben. Im Volk sagten sie: Die Strafe +Gottes. Er war schuld, natürlich! Weil der Papst lieber Tirol im Besitz +seines verhätschelten Karl gesehen hätte, war seine Ehe +Sakramentsschändung, waren seine Kinder Bastarde. Die Glocken läuteten +nicht, und an Feuer, Überschwemmung, Heuschrecken, Seuche war er schuld. + +Die Narren die! Die pergamentnen Esel! Die Stumpfsinnigen! War es ein so +großes Vergnügen, der Mann der Maultasch zu sein? Lange hatte er keinen +Blick mehr dafür gehabt, wie sie ausschaute. Heute fiel es ihn an. Das +Gespött Europas war er mit einer so wüsten Frau. Da war man ein großer +Fürst und Herr, der mächtigste Mann in Deutschland. Städte blühten auf +und fruchtbares Gelände, wo man streichelte; fielen in Schutt, trat man +zornig auf. Man hat es sich nicht leicht gemacht. Hat gearbeitet, Tag +und Nacht, nach bestem Gewissen. Keine Furcht gekannt außer der Gottes. +Hat seine Pflicht getan, hart und schwer, all die Tage. Was hatte man +nun davon? Das Gespött Europas. + +Drunten stieg Agnes in ihre Sänfte. Volk stand herum, barhaupt, +bewundernd. Wäre die an Stelle der Maultasch, sie würden nicht sagen: +Strafe Gottes, auch nicht bei Heuschrecken und Pestilenz. + +Sah sie nicht herauf? Rasch wandte er, ein ertappter Schuljunge, sich +ab. + + * * * * * + +Margarete genas wenige Wochen später eines toten Kindes. Der Markgraf +verfinsterte sich, wurde kälter zu ihr. Nein, seine Ehe war nicht +gesegnet. Nun war alle seine Hoffnung auf den einzigen Sohn gestellt, +Meinhard, einen harmlosen, fetten Burschen, unbegabt, gutmütig, +schwächlich, der gar nicht dem Großvater Ludwig, vielmehr dem +mütterlichen Großvater, dem guten König Heinrich, nachzuarten schien. + +Margarete ging schon nach einer Woche wieder an ihre Geschäfte. Sie +arbeitete mit der gleichen Emsigkeit und Gewissenhaftigkeit wie früher. +Doch die Lust war weg, die Städte waren nicht mehr ihr Geliebter. Der +kleine, betuliche Jude, der so geschickt Leben zugeleitet hatte von +überallher, war erschlagen, die Kinder, die sie geboren, waren tot. +Wohin sie trat, ging alles entzwei. Nichts fügte sich, nichts blühte. +Der Markgraf? Ein pflichtbewußter, kahler Herr. Ihr Sohn? Ein +dicklicher, dümmlicher Alltagsjunge. Was blieb ihr? + +Um diese Zeit kam Konrad von Frauenberg ihr immer näher. Der häßliche +Mann mit den roten Augen und dem weißblonden Haar war der fünfte von den +sechs Söhnen des Trautsam von Frauenberg, eines nicht sehr ansehnlichen +bayrischen Ritters, der sich aber in einer frühen Schlacht um den Kaiser +Ludwig verdient gemacht hatte. So kam der junge Konrad als Knabe +Kämmerling an den bayrischen Hof, dann im Gefolge des Markgrafen nach +Tirol, wo er als niederer Offizier lange Zeit im Hintergrund blieb. +Seine Häßlichkeit und seine rohe, mürrische, bittere Art sonderten ihn +ab; er hatte keine Aussicht, je was Besseres als ein untergeordneter +Soldat zu werden, bis seine dreiste, kühne Vordringlichkeit bei der +Belagerung des Schlosses Tirol ihn ins Licht hob. + +Alles, was in Margarete noch an Phantasie war, an Sehnsucht nach Farbe, +Buntheit, Abenteuer, alle Reste von dem, was Herr von Schenna die +frühere Zeit nannte, hängte sie an den harten, häßlichen Frauenberger. +Der Albino mit dem breiten Froschmaul, der knarrenden Stimme, den +kurzen, groben Händen kam ihr wie eine Art verwunschener Prinz vor. Es +war wie bei ihr; sicherlich war in dem plumpen Außen ein feines, zartes +Innen. Man mußte ja rauh und grob werden, stak man in solcher Haut. Der +Arme, Einsame, Unverstandene! Sie war besonders freundhaft zu ihm und +mütterlich. + +Der Frauenberger hatte sich in seiner harten, herumgestoßenen Jugend +kalte, harte Verschlagenheit angeeignet. Er wußte um seine Häßlichkeit; +er hielt es für ganz in der Ordnung, daß alle ihn stießen. Er hätte, +wäre er nur weiter oben, auch die anderen getreten. Er glaubte an nichts +auf der Welt. Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen, +Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht +Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne +Sinn. Es gab Geschickte und Tölpel, im übrigen Glück oder Unglück. Er +hielt es mit jenem Lied, das sachlich und überzeugt sieben Dinge als +erstrebens- und besingenswert preist. Fressen ist das erste, saufen das +zweite, sich entleeren des Gefressenen das dritte, des Gesoffenen das +vierte, bei einer Frau liegen ist das fünfte, baden das sechste, aber +das siebente und schönste ist schlafen. + +Als die Herzogin ihm offenkundig ihr Interesse zeigte, zweifelte er +keinen Augenblick, daß dieses Interesse nichts sei als sinnlicher +Kitzel. Es war im übrigen nicht weiter verwunderlich, daß die Häßliche +gerade auf ihn, den Häßlichen, verfiel. Er hatte sich beschieden; er war +nüchtern, sachlich. Er hatte sich gesagt, als fünfter Sohn und mit +solchem Gesicht könne man unmöglich vorwärtskommen. Er hatte aber nie +aufgehört, schlau, hart, sprungbereit, scharfäugig auf der Lauer zu +liegen. Jetzt lohnte sich das prächtig. Es war ein Mordsglück, daß die +häßliche Vettel an ihm Feuer fing. Er wird es nutzen. + +Vor seinem Burschen ließ er sich gehen, jubelte wüst, unter unflätigen +Lobpreisungen der Maultasch und ihrer Gier. Er schenkte, so geizig er +sonst war, dem Jungen einen Sonderkrug Weines, soff mit ihm. Bei einer +Kerze, einsam mit dem Jungen, soff er die ganze Nacht. Gröhlte sein Lied +von den sieben erstrebenswerten Dingen. Quäkte, aus dieser Maultasch +werde er sich zu bedienen wissen. Streckte sich dann wohlig zum +Schlafen. Ja, dies war das Schönste, was es gab. Er spürte seine vor +Übermüdung schmerzhaften Glieder. Knackte mit den Gelenken. Sperrte das +breite Maul auf. Wälzte sich, gähnte wollüstig. Schlief. + +Schlau und vorsichtig ging er, aber nie zu bedenklich, seine Straße. Der +Markgraf, das spürte er, mochte ihn nicht. Er blieb ihm aus dem Weg. +Drängte sich auch sonst nicht vor. War nur immer da und packte im +gegebenen Augenblick, wenn Margarete allein war, mit frecher +Vertraulichkeit zu. So sackte er Schlösser, Herrschaften, Pflegen, +Gerichte ein, wurde schließlich Landeshofmeister. Nie hätte ihm jemand, +er sich selber nicht, einen solchen Aufstieg vorausgesagt. Er steckte, +dreist grinsend und gefräßig, alles ein. Blieb als Landeshofmeister, was +er als kleiner Offizier gewesen war. Hatte vor nichts und niemand +Respekt, glaubte an nichts als an Macht, Geld, Lust. + +Margarete hängte nach wie vor alle ihre Träume an den Albino. Sein +scheuseliges Aussehen machte ihn zum Gezeichneten, machte ihn ihr +verwandt. Es mußte, mußte in diesem breiten, fleischigen, widerwärtigen +Kloß eine Seele stecken. Es kam nichts von ihm zu ihr; alle Bindung war +höchstens einmal ein arges, freches, gemeines Grinsen übler +Vertraulichkeit. Sie sah diese Ödnis nicht, oder sie deutete seine Leere +um in bittre Resignation, in gewollte Stummheit, die ihr Zartes, Edles +schamhaft versteckte und verschwieg. + +Mit Besorgnis schaute Herr von Schenna zu, wie eigentlich ohne tiefere +Ursache, mehr durch ein Geschehenlassen, Margarete immer weiter von dem +Markgrafen wegglitt und halb gegen ihren Willen zu dem Frauenberger +getrieben wurde. Der war ihm tief zuwider. Es kränkte ihn, störte ihn +zumindest, daß die wählerische Margarete sich neben ihm gerade diesen +Vertrauten auslas. Hatte er denn etwas gemein mit jenem? War es möglich, +daß sie seine feine, kultivierte, empfindsame Skepsis zusammenwarf mit +der rohen, niedrigen Leerheit und Glaubenslosigkeit des Bayern? Es +kratzte seine Eitelkeit, daß Margarete ihm diesen Genossen ihres +Vertrauens gab. + +Sonst ging es Herrn von Schenna jetzt sehr gut. Die Seuche war nicht an +ihn herangekommen. Er hatte geerbt, hatte auch sonst die Zeit nach der +Pest genutzt, seine herrlichen Besitzungen auszubauen und abzurunden. +Auf seinen Schlössern lebte er fein und behaglich, zwischen Bildern, +Büchern, Schmuck und Pfauen, lehnte nach wie vor jedes Amt ab, schaute +fröhlich und besinnlich über seine weiten Obstgärten, Äcker, Weinberge, +wurde täglich milder, weiser, ruhte ganz in sich wie eine gepflegte, +reifende Frucht. Der Abt Johannes von Viktring, der jetzt Sekretär des +Herzogs Albrecht war und übrigens nachgerade recht alt und wackelig +wurde, konnte beinahe den ganzen Horaz auf ihn zitieren. + +Er hätte, aus seiner Ruhe und Befriedigung heraus, Margarete gern +geholfen. Er versuchte, die Bindung zwischen ihr und dem Markgrafen +wieder fester zu ziehen. Solchen Versuchen war sehr förderlich, daß der +Druck leichter wurde, den der Kirchenbann auf Margaretes Ehe legte. + +Herzog Johann nämlich, der Luxemburger, war es längst müde, in Wahrheit +ledig, vor der Kirche aber ein verheirateter Mann zu sein. Seine +Stellung hatte sich durch die kluge Politik seines Bruders, des Königs +Karl, sehr gebessert; er gedachte sie durch eine neue geschickte Heirat +vollends zu festigen. Vorerst aber mußte er zu diesem Zweck legitim und +in aller Form von Margarete geschieden sein. Er bat sie um eine +Zusammenkunft. Er wolle gemeinsam mit ihr eine Formel finden, die, +beiden genehm, weder ihn noch sie demütige. Ihre Interessen seien die +gleichen. Dies lag auf der Hand, und Margarete war bereit, ihn zu +empfangen. + +So erschien Herzog Johann als Gast auf Schloß Tirol. Diesmal öffneten +sich die Tore vor ihm. Trommeln, Trompeten, Ehrenbezeigungen. Johanns +langes Gesicht sah immer noch knabenhaft aus. Er blinzelte aus seinen +kleinen, tiefliegenden Augen Margarete ohne jede Verlegenheit an. Fand +einen Ton grimmiger Schalkhaftigkeit, eine gewisse ironische +Kameradschaftlichkeit, die ihr nicht übel gefiel. Sie saßen beieinander, +heckten Gründe aus, drehten sie hin und her, eifrig, kneteten, +schmiedeten. Kamen, befriedigt, überein. Herzog Johann habe Margarete +geehelicht, trotzdem sie mit ihm im vierten Grad verwandt sei, aus +Unkenntnis solcher Verwandtschaft. Wiewohl sie beide sich redlichste +Mühe gegeben, die Ehe zu vollziehen, hätten sie, zweifellos infolge +Verhexung Johanns, dies nicht zustande gebracht. Da nun Johann mit +anderen Frauen die Ehe sehr wohl vollziehen könne und seinen erlauchten +Stamm fortzusetzen wünsche, ersuche er den Papst, die Heirat mit +Margarete für ungültig zu erklären. Der Papst, Freund des Hauses +Luxemburg-Böhmen, werde solchem Ansuchen zweifellos willfahren. + +Dies abgesprochen, frühstückte Johann noch mit Margarete. Beide waren +guter Laune. »Sie sind gar nicht älter geworden, kleiner Wolf,« sagte +Margarete. + +»Und Sie sind, Gotts Marter! trotz allem ein Staatsweib, Herzogin +Maultasch,« sagte Johann. Sie fühlten sich jeder dem andern sowohl wie +der Situation überlegen; alles hatte sich reinlich gelöst; sie fanden +auf dieser Basis ihre Beziehungen eigentlich ganz angenehm. Trennten +sich wohlgesinnt, mit grimmiger, verständnisvoller Vertraulichkeit. + + + + +Durch den Tod jener beiden Kinder Margaretes waren die Erbverhältnisse +des Landes in den Bergen wieder ähnlich geworden wie seinerzeit unter +dem guten König Heinrich. Einziger Erbe des Landes war der Knabe +Meinhard, dessen Gesundheit schwächlich stand und dessen Geschwister +alle in jungen Jahren gestorben waren. Wieder also schauten die +mächtigen deutschen Herrscher nach Tirol, streckten gierige Hände aus. +Die Luxemburger rundeten ihren Besitz am Rhein und an der Moldau, waren +aus dem Kampf um das südliche Land ausgeschieden. Doch Wittelsbach und +Habsburg saßen auf umständlichen, begründeten Ansprüchen, äugten, +lauerten. + +Der Habsburger vor allem, der lahme Albrecht, säte einen weiten, +folgerichtigen Plan. Er selber zwar hatte wenig Hoffnung, ihn reifen zu +sehen. Aber der Lahme, durch sein Siechtum bitter und weise geworden, +arbeitete längst nicht mehr für den Erfolg der nächsten Tage, sondern +auf weite Sicht. Für ihn galt es, Tirol zu kriegen, den Weg nach Westen, +die Brücke zu den schwäbischen Besitzungen, oder auf alle +Großmachtsträume zu verzichten. + +Er suchte vornächst die Herren der bischöflichen Territorien zu +gewinnen. Trient und Chur hatten mit den Wittelsbachern schlechte +Erfahrungen gemacht; sie waren gern geneigt, dem Habsburger anzuhangen, +der sie hätschelte. Auch sonst hatte Albrecht ein mildes Gesicht und +eine offene Hand für alle Herren, die in Tirol von Einfluß waren. Er +übertrug den Schennas, den Vögten von Matsch, dem Frauenberger Titel, +Würden, Ämter, die keine Mühe und viel Geld brachten. + +Dem Markgrafen selbst suchte er auf jede Weise Vertrauen und +Freundschaft abzugewinnen. Er fiel ihm bei dem Angriff des Luxemburgers +nicht in die Flanke, ja, er vermittelte zwischen ihm und diesem. Bald +war es soweit, daß der lahme Albrecht eine seiner Töchter dem Sohne +Ludwigs, dem kleinen, dicken, harmlosen, schwächlichen Meinhard, dem +Erben Tirols, vermählen konnte. Auch zeigte Albrecht, sonst ein sehr +genauer Rechner, dem finanziell immer bedrängten Markgrafen eine stets +offene Hand und brachte ihn dadurch in immer größere Abhängigkeit. + +Dann plötzlich, als Ludwig wieder einmal eine erhebliche Summe +benötigte, erklärten die Finanzräte des Österreichers, es sei diesmal +leider unmöglich. Ihre Kassen seien erschöpft; ja, sie müßten ihm sogar +demnächst zu ihrem größten Bedauern früher geliehene Beträge kündigen. +Der Markgraf, tief betroffen, in wütiger Verlegenheit, wollte mit +Blicken, mit Worten auf sie losfahren. Bezwang sich, biß sich die Lippe, +ging wortlos. + +Wollte sich persönlich an Albrecht wenden. Rang es seinem Stolz nicht +ab. Bei einer zweiten Zusammenkunft erklärten die habsburgischen +Finanzräte den seinen sehr harmlos, sie hätten einen vortrefflichen, +billigen Ausgleich gefunden. Der Markgraf solle doch als Pfand für die +alte und die neu geforderte Summe Österreich auf einige Jahre die +Verwaltung Oberbayerns übertragen. Durch Einsparungen infolge der +gemeinsamen, verbilligten Verwaltung werde Albrecht sicherlich binnen +kurzem den geschuldeten Betrag aus Oberbayern herauswirtschaften. + +Der Markgraf wurde blaß, als seine Räte ihm das österreichische +Anerbieten mitteilten. Überflog sie mit hartem, stechendem, blauem +Blick. Nein, sie lächelten nicht. Sie hatten nüchterne, ernsthafte +Beamtenmienen. Er schluckte, sagte, er werde überlegen, nickte, entließ +sie. + +Saß, allein, schwer nieder. Zog den massigen Nacken hoch. Das Ansinnen +war eine Unverschämtheit. Allein Albrecht war klug, ihm befreundet, +hatte gewiß nicht die Absicht, ihn zu beleidigen. Es war also an dem, +daß offenbar auf andere Art kein Geld mehr aufzutreiben war. Die +Einkünfte sollte er abtreten; die Einkünfte waren nicht das Land. +Immerhin, wenn das Haupt der Wittelsbacher einem Habsburger die +Verwaltung seines Stammlandes übertrug, war dies, trotz allen +Sicherungen, eine Einbuße, hart, hart, kaum zu ertragen. + +Als er die Angelegenheit in seinem Rat vorbrachte, saß er sachlich, +ruhig, behandelte das Ganze, als wäre es ohne viel Gewicht. Äugte +argwöhnisch, ob seine Herren wagen würden, ihr inneres Grinsen auf ihren +Gesichtern zu zeigen. Ach, lebte sein Freund noch, Konrad von Teck! Bei +dem hätte er solches Mißtrauen nicht nötig gehabt. Alles wäre leichter +zu ertragen gewesen. Keine Sentimentalität! Er sagte in zwei Worten, +worum es ging. Äußerte keine Meinung. Bat um ihre Ansicht. + +Als erster sprach der Frauenberger. Er sah natürlich wie alle andern, +daß der österreichische Vorschlag auf eine glatte Erpressung hinauslief. +Es lag ihm nicht das geringste weder an Ludwig noch an Albrecht, weder +an Bayern noch an Tirol noch an Österreich. Der Habsburger war der +Reichere und Klügere; er wird also vermutlich recht behalten. Da er +überdies ihn, den Frauenberger, durch Ehrenämter und riesige Summen +erkauft hat, muß er darauf sehen, daß Ludwig auf den Vorschlag eingeht. +Redet er zu, so wird Ludwig, der ihn ohnedies nicht leiden mag, +argwöhnisch. Umgekehrt bleibt dem Markgrafen, rät man nun zu oder ab, +nichts anderes übrig, als knirschend den demütigenden Vertrag zu +unterschreiben. Er, Konrad von Frauenberg, kann sich also ruhig, ohne +daß der Habsburger es am Ergebnis inne wird, die spaßhafte Geste +leisten, sich als patriotischer Bayer zu gebärden, dem Fürsten von den +erniedrigenden österreichischen Zumutungen abzuraten. + +Margarete war stürmisch begeistert von den habsburgischen Vorschlägen. +Man wird Geld in Fülle haben, wird die lastenden Verpflichtungen noch +aus der Zeit des guten Königs Heinrich endlich, endlich abtragen können. +Wie werden, ist dieser Druck erst fort, ihre lieben Städte aufatmen! +Bayern war ihr immer nur ein Anhängsel gewesen. Sie gab es gern preis +für Geld. Sie hatte von Schenna und Mendel Hirsch gelernt, was Geld ist. +Was nutzte es, einen großen Leib zu haben und zu wenig Blut? Jetzt wird +das Land genug Blut haben, jetzt wird es gesund werden. Ihr gutes Land! +Ihre lieben, blühenden Städte! + +Finster hörte der Markgraf zu. Nun erwies es sich gut, wie wenig sie ihn +von je verstanden hatte. Er war Bayer, Wittelsbacher, Kaisersohn, an +Weltmacht gewöhnt, gewöhnt, in Ländern zu denken. Sie war Tirolerin; wo +ihre Berge endeten, hörten ihre Gedanken auf. Sie dachte bis an die +Ebene, nicht weiter. Sie war die Tochter des kleinen Grafen von Tirol, +eng, rechenhaft, krämerhaft. Er war der Erstgeborene des Römischen +Kaisers, herrisch, weltweit, nur Gott und sich selber verantwortlich. +Nein, zwischen ihm und ihr stand mehr als nur ihre Häßlichkeit. + +Der feine Herr von Schenna sprach. Ludwig mochte ihn gar nicht in diesem +Augenblick. Er war natürlich Margaretes Meinung, er war ja Tiroler, kein +Bayer. Die Finanzen beider Länder aus eigenem großzupäppeln, sei nun +leider unmöglich. Da füge es sich gut, daß man den edlen Renner Bayern +dem befreundeten Habsburger auf kurze Zeit zur Dickfütterung in den +Stall geben könne. Bekomme man so endlich den nötigen Hafer für das gute +Pferd Tirol. Wo bleibe übrigens ein anderer Ausweg? + +Ja, wo blieb sonst ein Ausweg? Das war es. Es half nichts, die +Gegengründe noch so hell ins Licht zu stellen. Man mußte das Angebot des +Habsburgers schlucken. Der Markgraf duckte den Kopf auf den dicken, +gefährlichen Nacken. Dankte den Räten, unwirsch, kurz. Sagte, er werde +ihre Meinungen in Erwägung ziehen. Alle wußten, wie er entscheiden wird. + + * * * * * + +In dicker Verdrossenheit ritt Ludwig von Schloß Tirol ab, mit kleinem +Gefolge, nach Norden, nach München, die letzten nicht mehr wesentlichen +Fragen zu regeln, ehe er das Land der Verwaltung des Habsburgers +überstellte. + +Ein trister Oktobertag. Feiner, fader, rieselnder Regen. Was hatte man +vom Leben? Man regierte, man war ein großer Fürst. Aber das meiste, was +man zu tun hatte, die meisten dieser feierlichen Zeremonien, +Kundgebungen, Verschreibungen waren widerwärtig und beschwerten einem +den Sinn. Die Verwaltung des Stammlandes dem Habsburger überlassen, ein +freundlich Gesicht dazu machen, »Vergelt's Gott!« dazu sagen. Er +knirschte. Er sah die riesigen, stumpfen blauen Augen seines Vaters auf +sich. Was hätte der dazu gesagt? + +Zuhause, die freuten sich. Der ekelhafte Schenna, der neunmal Kluge, der +an allem seinen Spott hat, mit seinem frechen, faden, milden Lächeln. +Der Frauenberger, der unverschämte Hammel, der von wittelsbachischer +Würde quäkt, von der Bindung zwischen Wittelsbach und Bayern, und dabei +innerlich seine höhnische Freude hat; denn der Giftpilz weiß sehr gut, +er muß doch hineinbeißen. Die Maultasch, die an nichts denkt als an ihr +Tirol, der sein Bayern ein Handelsobjekt ist, das sie gern hinschmeißt, +kriegt sie nur die Gulden und Veroneser Mark. Die Häßliche, die ihn +aller Christenheit zum Gespött macht! Wie sie ihm zuwider ist! Wie sie +dasitzt und gespannt auf das Gequäk des Frauenbergers hört, des Albinos, +des Mißgeschaffenen! Seine Frau! Seine Fürstin! Pfui! Die Maultasch! + +Wirklich, in Christi Namen, was denn hatte man vom Leben? Konnte er +nicht, auf dem Weg nach München, ehe er den sauren Trank schluckte, was +tun, was weniger sauer einging? Wenn er etwa in Taufers zukehrte, sich +mit eigenen Augen überzeugte, wie dort die Dinge standen? Es war nicht +viel Zeit verloren; zudem, je länger er jenes hinausschob, so besser. + +In Taufers war Agnes keineswegs so überrascht, als er wohl erwartet +hatte. Ja, als der Pförtner ihr meldete, der Markgraf komme mit einigen +Herren, da hatte sie wohl geatmet, die Arme gestreckt, ein sattes +Lächeln um die sehr roten Lippen. Aber sie empfing den Fürsten mit +gelassener Höflichkeit, keineswegs besonders geehrt. Auch das Mahl, das +sie ihm vorsetzen ließ, die übrigen Zurüstungen waren zwar geschmackvoll +und nicht unwürdig, aber weit entfernt von jenem prahlerischen Luxus, +den man ihr nachsagte. Und mit dem sie auch weniger mächtige Herren, +kleine italienische Barone etwa, bewirtet hatte. + +Ludwig schaute sie an. Kerzen brannten, ein kleines Feuer im Kamin, +wohlriechende Hölzer. Diener reichten Obst und Konfekt. Eine ziere +Person, bei Gottes Marter und Tod! Kein Wunder, daß man viel über sie +schwatzte. Aber leicht machte sie es einem nicht. Das Gespräch, das sie +führte, war lau, ein bißchen spöttisch; sie ließ einen nicht heran. Der +ernsthafte, ungewandte Markgraf machte ein paar hilflose Versuche, ihr +etwas Galantes zu sagen. Sie schaute ihn ruhig und ohne Verständnis an. +Nein, sie war geradezu spröde. + +Um so unerwarteter kam andern Tages ihre gleichmütig vorgebrachte Bitte, +sich dem Markgrafen auf der Reise nach München anschließen zu dürfen. +Sie wolle ihre Schwester besuchen, habe auch sonst im Bayrischen +Geschäfte. + +Der Markgraf, zögernd, betreten, schwieg. Diese Bitte kam ihm ungelegen. +Es wird Geschwätz geben. Er war ein ernsthafter, fester Mann, zudem +nicht in den Jahren, derartige Historien zu machen; es paßte ihm +durchaus nicht, daß sich Geschwätz an ihn hängte. Aber er konnte der +Dame -- denn das war sie immerhin --, deren Gastfreundschaft er in +Anspruch genommen hatte, unmöglich die kleine Gefälligkeit abschlagen. +Leicht knurrend, schwerfällig, unwirsch sagte er, er freue sich. + +Auf der Reise war sie dann sehr sittsam, zurückhaltend, unauffällig. +Hielt sich die meiste Zeit in ihrer verschlossenen Sänfte. Einsam, +hinter den Vorhängen der Sänfte, kaute sie, schlang sie ihren Triumph. +Die andere, die Feindin, saß auf Schloß Tirol, nannte sich Markgräfin zu +Brandenburg, Herzogin zu Bayern, Gräfin zu Tirol. Hatte ihren soliden, +ehrenfesten Gatten. Hatte ihm Kinder geboren. Sich in ihn, ihn in sich +eingelebt. Aber jetzt zog sie, Agnes von Flavon, mit diesem Markgrafen +herum in dem angeerbten Land der Feindin. + +Ludwig erledigte in München hochmütig und unfrei seine verdrießlichen +Geschäfte. Agnes hatte sich bei der Ankunft sogleich mit höflichem, +nicht übertriebenem Dank verabschiedet. Jetzt hätte er seine unmutigen +Abende gern zuweilen durch ihre Gegenwart erhellt. Ein erstes Mal +versagte sie sich, ein zweites Mal kam sie. Er gewöhnte sich an sie. Sie +ging aufs Land zu ihrer Schwester. Er verzögerte seine Rückreise, bis +sie sich anschließen konnte. + +Auf dieser Rückreise durch strahlenden Spätherbst verschloß sich Agnes +nicht mehr in der Sänfte. Schimmernd ritt sie auf geschmücktem Pferd an +der Seite des Markgrafen, den Kopf hochmütig geradeaus. + + * * * * * + +Geld floß ins Land. Die riesigen Summen für die Verpfändung Bayerns. Die +Industrie holte Atem. Die Bergwerke, die Salzwerke. Die Straßen wurden +ausgebaut, der Handelsverkehr erleichtert, geregelt. Die Städte +streckten sich, weiteten sich. Die Bürger stolzierten breit, +gravitätisch. Ihre Häuser wurden höher, füllten sich mit edeln Möbeln, +Kunstwerken, Gerät. Mauern, Türme, Rathaus, Kirchen wuchsen. Geflügel, +Würzwein kam auch am Werktag auf den mit gutem Geschirr gedeckten Tisch +des Bürgers. Prächtiger als die Frau des kleinen Adeligen schritt in +Seide, stolzen Bändern, riesiger Haube, Schleppe, Schmuck die Frau der +Städte. + +Seit wann war diese glückliche Veränderung? Seitdem der Markgraf mit der +schönen Agnes von Flavon zusammen war. Agnes von Flavon, die Schöne, +Gesegnete. Sicher war sie es, die den glücklichen Plan gehabt hat, +Bayern abzustoßen, alle Kraft und alles Geld nach Tirol zu leiten. Alle +Gnade Gottes auf unsere schöne Agnes von Flavon! Man sah ja, wie sie +auserlesen war. Sichtbarlich von ihrem himmlisch schönen Antlitz +strahlte aller Segen der lieben Mutter Gottes. Die andere dagegen, die +Maultasch, war gezeichnet. Der Zorn des Himmels war auf ihr. Verflucht +war, was sie tat. Ihre Kinder starben. Seuchen fielen ein, Brand, +Wasser, Geziefer, wo sie die Hand anlegte. Alles, was sie rät, was sie +tut, ist verflucht. Hat sie nicht die Verbindung herbeigeführt mit +Bayern, den Keim alles Verderbens? Hat sie nicht die harten, habgierigen +bayrischen Herren herbeigerufen, die das Land aussogen? Hängt sie nicht +an dem Frauenberger, der scheußlichen Mißgeburt? Hat sie ihn nicht zum +Landeshofmeister gemacht? Ein Glück, daß sich der Fürst von ihr +abgewandt hat. Jetzt endlich hat er erkannt, wo das Rechte lag. Jetzt +ist gute Zeit. Gott segne unsere liebe, schöne Agnes von Flavon! + +Agnes sah das Volk an ihrer Straße, wie sie Bäume und Häuser sah, +brauchte seinen Zuruf, wie sie Schmuck brauchte. Lächelte. Schritt durch +die Gaffenden, sie Bewundernden, sah nicht rechts, nicht links, den Kopf +geradeaus, mit schmalen, kühnen, hochmütigen Lippen. Und das Volk +jubelte. + + + + +Margarete, sehr weit weg von ihrem Gatten, sehr weit weg von ihrem Sohn +Meinhard, ging herum, schwer, in sich versponnen. Wußte nichts als das +einzige: von Agnes und ihren Siegen. Sah Schenna, sah den Frauenberger. +Sah die Städte aufatmen, sich recken, sich weiten. Ihre Saat, ihr Werk. +Sie war ausgehöhlt, sie war leer und arm. Was einer jeden gegönnt war, +ihr war es versagt. Doch dies wenigstens war getan. Dies wenigstens, es +war ihr Einziges, blieb. + +Um so deutlicher sah Schenna. Sah, wie das Volk alles Gute, was die +Häßliche gewirkt, der Schönen zuschrieb. Dies Erkennen wollte er ihr, +dieses schmerzhafte Aufwachen, ersparen. Auch sah er, wie Ludwig immer +mehr in Taufers sich verstrickte. Noch wehrte sich erstaunt und schwer +atmend der dumpfe, hilflose Mann, der solche Wirrnis das erstemal +erlebte. Noch war es Abenteuer, vorübergehend, begrenzt. Aber bald wird +es, in wenigen Wochen vielleicht schon, zu spät sein, bald wird er +willentlich und unlösbar verknüpft sein. + +Er wollte ihn zurückhaben zu Margarete. Er wollte das Volk zurückhaben +zu Margarete. Das Volk war dumm, instinktlos. Es war an sich +gleichgültig, was es dachte. Jedes Tier war klüger und hatte mehr +Instinkt. Aber es sollte nicht sein, daß Margarete auch dies Letzte von +sich fortgleiten sah. + +Er mußte vor allem dahin wirken, daß endlich diese alberne kirchliche +Verfemung von ihr genommen wurde. Der Makel der kirchlich Ausgestoßenen +scheuchte das Volk von ihr, scheuchte den Gatten von ihr. Denn war auch +ihre Ehe mit Johann in aller Form gelöst, so daß sie der Kirche nicht +mehr als Ehebrecherin galt, so war gleichwohl ihr Zusammenleben mit +Ludwig vom Papste noch keineswegs sanktioniert. Die Kirche betrachtete +ihre Ehe als Konkubinat, ihren Sohn und Kronprinzen Meinhard als +Bastard. Belegte nach wie vor sie und ihren Mann mit dem Bann, ihr Land +mit dem Interdikt. Wohl hatte der Markgraf Gesandte nach Avignon +geschickt, jede Genugtuung angeboten, die der Heilige Vater fordern +konnte; allein der Papst, von Kaiser Karl gehetzt, weigerte sich. + +Jetzt war Klemens tot, sein Nachfolger, der sechste Innozenz, stand +stark unter dem Einfluß des Habsburgers. Der lahme Albrecht mußte selber +alles Interesse haben, daß seine Tochter nicht mit einem Bastard, +sondern mit dem von der Kirche anerkannten Erben Tirols vermählt sei. +Schenna arbeitete mit einer an ihm ungewohnten Rastlosigkeit. Fuhr von +Ludwig zu Albrecht, von Albrecht zu Margarete. Von München nach Wien, +von Wien nach Tirol. + +Albrecht stellte Bedingungen. Er säte, er säte für die Zukunft. Seine +Tochter wird durch die Vermählung mit Meinhard Anspruch haben auf das +Land in den Bergen. Aber der junge Meinhard war ein Wittelsbacher. Auch +die Wittelsbacher werden, in gewissen Fällen, Ansprüche machen. Es hatte +sich gezeigt, daß das schwierige Land am Schluß immer dem verblieb, dem +das Volk als seinem rechtmäßigen Herrscher anhing. Die Maultasch war +nicht beliebt, aber als der einzige legitime Nachfahr der alten Grafen +von Tirol vom Volk mit religiöser Selbstverständlichkeit als rechtmäßige +Eignerin des Landes angesehen. Sie hatte darüber zu verfügen; wem sie es +übermachte, der hatte das Volk auf seiner Seite. Albrecht verlangte +nichts von Ludwig, dem Wittelsbacher; aber er forderte ein bindendes +Testament von Margarete. Für den Fall, daß sie, ihr Gemahl Ludwig, ihr +Sohn Meinhard ohne Leibeserben abgingen, solle das Land an die Herzöge +von Österreich fallen. Eine Formsache. Eine reine Formsache, betonte er +dem Herrn von Schenna. Dazu noch für einen höchst unwahrscheinlichen und +unerwünschten Fall. Aber er war nun einmal ein Pedant; er verlangte +diese, Margaretes, Unterschrift. Dafür verbürgte er sich, vom Papst für +Ludwig und Margarete Lossprechung von Bann und Interdikt zu erwirken. + +Schenna hielt diesen Vorschlag für sehr vorteilhaft. Ihm waren die +heiteren, umgänglichen Österreicher von jeher lieber als die dumpfen, +gewalttätigen Bayern. + + * * * * * + +Margarete saß über dem Schriftstück, allein; es war später Abend. Also +den Habsburgern soll sie das Land übermachen. Nun ja, sie hat es dem +Luxemburger zugebracht, dann dem Wittelsbacher; warum nicht dem +Habsburger? Der lahme Albrecht war zweifellos der Klügste und Tüchtigste +unter den deutschen Fürsten. Und sein Sohn, der Rudolf, kühn, +entschlossen, gescheit. Tüchtige Leute, die Habsburger. Sie werden +sicher auch Tirol sehr tüchtig regieren. Sie hatten Österreich, Kärnten, +Krain, die schwäbischen Vorlande, Görz, verwalteten Oberbayern. Sie +werden Tirol nicht schlechter verwalten. + +Tirol! Ihr Tirol! Gerade erst hat sie es von Bayern losgeeist. Jetzt +dann soll es zu sechs Ländern ein siebentes sein. Ein Verwaltungsobjekt +für fremde Fürsten. Ihr Tirol! + +Nicht hitzig. Das alles zielt sehr ins Weite. Vorläufig ist ihr Sohn +noch da. Er ist nicht so gescheit und kühn wie Rudolf, wie Albrechts +Söhne. Er ist, zugegeben, ein etwas belangloser junger Mensch. Aber er +ist ihr Sohn. Der Urenkel des Grafen Meinhard. Was geht eigentlich jene +anderen Tirol an? Und wenn ihr Sohn vollkommen verblödet wäre; er ist +Tirol. + +Sachte, sachte. Es will ihm ja niemand an. Für den Fall, daß er ohne +Nachkommen -- Er zielt sehr ins Weite, der kluge Albrecht, der lahme, +bittere. Eigentlich seltsam, daß man gerade von ihr die Unterschrift +will. Ihr Mann, der Markgraf, der Kaisersohn, der Wittelsbacher: aber +der kluge Albrecht will ihre Unterschrift, nicht seine. + +Was Ludwig wohl darüber denkt? Tüchtig ist er auch. Er versteht sich gut +mit dem Habsburger. Seltsam, daß man ihn nicht darüber befragt hat. Weiß +der kluge Albrecht schon so genau, wie weit er von ihr weg ist? Früher +hätte er sich mit ihr darüber ausgesprochen. Jetzt ist er fort. In +Bayern. Mit Agnes. Sie schaut vor sich hin, ihr breiter, wüster Mund +verzieht sich, trüb, nicht sehr bitter. Warum soll Ludwig nicht an Agnes +von Flavon sein Pläsier haben? Sie ist sehr schön. Er ist nicht mehr der +Jüngste. Hat sich abgerackert. Jetzt ist er Bayern los. Kann ein wenig +ausschnaufen. Sie ist sehr schön. Warum soll er nicht sein Pläsier +haben? + +Sie erhob sich, schwer, ein wenig ächzend. Überlas noch einmal die +Urkunde. Sie war lang und umständlich. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden +Markgräfin zu Brandenburg, Herzogin zu Bayern und Gräfin zu Tirol, allen +Christenmenschen ewiglich, die diesen Brief je sehen, lesen oder hören +jetzt und später, Unsern Gruß und die Kenntnis nachgeschriebener Dinge. +Wenn es geschieht, was Gott in seiner Gnade nicht verhänge, daß Wir und +der durchlauchtige Fürst, Unser herzenslieber Gemahl, Markgraf Ludwig +von Brandenburg, abgehen ohne Leibeserben, die wir miteinander gewinnen, +und auch wenn Unser lieber Sohn, Herzog Meinhard, abginge, was Gott +nicht wolle, ohne Leibeserben, daß dann Unsere obgenannten Fürstentümer +und Grafschaften, Länder und Herrschaften mit der Burg zu Tirol und mit +allen andern Burgen, Klausen, Festen, Städten, Märkten, Dörfern, Leuten +und Gerichten soll fallen gänzlich zu rechtem Erb und Vermächtnis den +vorgenannten Unsern lieben Oheimen, den Herzögen von Österreich --« + +Sie ließ das Schriftstück zurückgleiten, unbehaglich, daß es sich +knisternd auf dem Tisch zusammenrollte. Sie verließ das Zimmer. Machte +mit ihren schweren, schleppenden Schritten den Rundgang, den sie jede +Nacht vor dem Schlafengehen zu tun gewohnt war. Einsam schleppte sich, +in ihrem prunkvollen Gewand, das sonderbar leblos an ihr niederfiel, die +häßliche Frau durch die Säle, Stuben, Korridore, der ungeschlachte +Schatten der Kerze ihr voraus. + +Sie kam an die Spinnstube. Die plumpe Tür öffnete sich ohne viel +Geräusch. Die Mägde waren fertig mit der Arbeit, ein paar Knechte waren +da. Alles drängte sich in einem Knäuel um eine junge, untersetzte Magd, +die breit, verlegen, amüsiert grinsend dastand. Um sie herum Gekreisch, +Stöße von Gelächter. Was? Sie begriff es wirklich nicht? Sie war die +einzige in Tirol, die es nicht kapierte. Nochmals also. Die Pechmarie +war schiech und wüst; wo sie hintrat, verdorrte alles, schrumpfte ein. +Die Goldmarie strahlte himmlisch schön. Was sie anrührte, blühte, Gold +klingelte unter jedem ihrer Schritte. Wer also war die Goldmarie? A-- +Ag-- Endlich ging es auf, breit, leuchtend, auf dem Gesicht der Magd. +Agnes von Flavon! Natürlich. Und die Pechmarie? Ah! Großes Staunen. Und +nun schütterte es auch sie in stürmischem Lachen. + +Unter dem Gekreisch und Gewieher hatte man die Herzogin nicht bemerkt. +Still war sie mit ihrer Kerze im Schatten der halbgeöffneten Türe +gestanden. Jetzt, langsam, zog sie die Türe zu. Ging. Schleppte sich +über die Korridore. Zurück vor das Dokument. + +Breitete die Urkunde vor sich hin. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden +Markgräfin --« Das Pergament knisterte. Sie tunkte die Feder ein, +umständlich, unterschrieb. + + * * * * * + +Der lahme Albrecht saß in seiner Burg in Wien, in Schlafrock und Decken. +Nebenan lag auf einem Tisch unter andern Papieren die Urkunde +Margaretes. Sein Sohn Rudolf war da, der Bischof von Gurk, der uralte +Abt Johannes von Viktring. Der betagte Herzog hatte die letzte Ölung +empfangen; er wußte, daß er in wenigen Stunden verlöschen werde. Er saß +in seinem Lehnstuhl, fror trotz der Decken in dem überheizten Zimmer, +fühlte mit fast wohligem Schmerz, wie langsam das Leben aus ihm +herausrann. Sah im übrigen wie stets klar, ruhig, mit einer gewissen +heiteren Bitterkeit. + +Rudolf fragte das drittemal, ob er nicht die anderen Brüder beschicken +solle. Sein festes Gesicht, blond, bräunlich, nicht hohe, eckige Stirn, +Hakennase, starke Unterlippe, blickte ernst, sachlich, selbstbewußt, +unsentimental. Der Lahme lehnte zum drittenmal ab. Die Jungen hatten zu +tun, sein Sterben sollte sie nicht stören. + +Er atmete still, die ungelähmte Hand öffnete sich, schloß sich, öffnete +sich. Er hatte ein gutes Leben gelebt, soweit ein menschliches Leben gut +sein kann. Es war Mühe und Arbeit gewesen. Es war Erfolg gewesen. Er +hatte sich gefördert und seine Länder gefördert. Er war mit sich in +Frieden, er war mit den Menschen in Frieden, er war mit Gott in Frieden. + +Sein Sohn Rudolf erbte ein gutes Erbe. Schön war es und eine Gnade +Gottes, daß er das Dokument noch zu sehen bekam, das ihm Tirol sicherte. +Jetzt war alles geschlossen, von Schwaben bis Ungarn geschlossenes +habsburgisches Land. Gut und christlich regiert, in Ordnung und Fug. +Seine Söhne gescheite, feste Männer. Er weiß schon, warum er sie nicht +mit seinem Sterben inkommodiert. + +Da fährt er also hin, der Letzte von den dreien. Der Luxemburger, der +Johann, ist einen albernen Tod gestorben, einen dummen, ritterlichen Tod +auf einem Schlachtfeld, das ihn nichts anging. Der Bayer, der Ludwig, +ist einen unvorbereiteten, leichtfertigen Tod gestorben, auf der Jagd, +mitten zwischen schwankenden, ungeordneten Geschäften, einen +unentschiedenen Tod ohne Richtlinien und Gesicht, einen Tod, so halb und +blöde und nichtssagend wie sein ganzes Leben. Er, Albrecht, hat sich +niemals Römischer Kaiser genannt, hat nie nach der Römischen Krone +gestrebt, hat sie nicht gehabt und hat sie nicht gewollt. Aber wenn man +es recht erwägt -- er lächelte ein mildes, listiges Lächeln -- war immer +er der Mächtigste gewesen von den dreien, der eigentliche Schiedsrichter +der Christenheit, und immer war geschehen, was er gewollt hatte. + +Er fühlte sich jetzt schrecklich müde. Rief -- es verwehte heiser -- +nach Rudolf. Der wandte sich schnell ihm zu. Der Lahme tastete mit der +gesunden Hand nach der des Sohnes. Sie fiel herunter, ehe sie den Sohn +erreichte. Auch der Kopf sank vornüber. + +Rudolf stand gerafft, fest. Jetzt war er das Haupt der Habsburger, der +mächtigste Mann unter den Deutschen. Der Bischof von Gurk betete. Der +uralte Abt Johannes von Viktring strich mit der dürren, braunen Hand +über das Pergament Margaretes. »Aufgerichtet hab' ich ein Denkmal +dauernder als Erz,« zitierte er murmelnd einen antiken Klassiker. Dann +schlurfte er zu Albrecht hinüber. Sah, daß er tot war. Riß sich +zusammen, streckte sich, schwankte, stand. Machte seine Stimme so fest +wie möglich. Setzte mehrmals an, verkündete: »_Defunctus est Albertus de +Habsburg, imperator Romanus._« Der Bischof und der Fürst sahen sich an; +nie hatte der Tote diese Würde gehabt, nie sie angestrebt. Der Uralte +wiederholte, mit Anstrengung, schwankend, feierlich: »Gestorben ist +Albrecht von Habsburg, Römischer Kaiser.« Dann sank er in sich zusammen, +schlurfte zurück zu dem Tisch, bekreuzte sich, mummelte. + + * * * * * + +Die kleine, der Heiligen Margarete geweihte Kapelle der Münchner Hofburg +ist dick voll von prunkenden Würdenträgern. Draußen ist klarer, +leuchtender, hellbrauner Herbst. Drinnen reiben sich die Rüstungen der +weltlichen Herren, die strotzenden Ornate der geistlichen; aneinander +gepreßt stehen sie. Die Herzöge von Österreich, Rudolf, Leopold, +Friedrich, ihre Kanzler und Marschälle, Johann von Platzheim, Pilgrim +Strein, die bayrischen und tirolischen Herren, die Marschälle, +Burggrafen, Oberjägermeister, Landeshofmeister des Markgrafen, die +Schenna, Frauenberger, Konrad Kummersbrucker, Dipold Häl. Violett und +lachsfarben die Ornate der geistlichen Fürsten. Die Bischöfe von +Salzburg, Regensburg, Würzburg, Augsburg, Dekane, Pröpste, Domherren. +Die Pfarrer zu Tirol, Teisendorf, Pyber. Fahnen, päpstliche, weltliche. +Weihrauch. Draußen, von Militär zurückgehalten, Volk. In allen Fenstern, +auf den besonnten herbstlichen Bäumen, auf allen Mauern, Vorsprüngen +Volk. + +Drinnen knieten Ludwig und Margarete vor den päpstlichen Kommissaren, +dem Bischof Paul von Freising und dem Abt Peter von Sankt Lamprecht. +Gestern war ihre Ehe formal geschieden und ihnen aufgegeben worden, +getrennt zu leben. Jetzt verlas der Bischof feierlich das päpstliche +Reinigungsdekret: Nachdem Ludwig von Bayern, Erstgeborener weiland +Ludwigs von Bayern, der sich als Römischer Kaiser führte, alles erfüllt +habe, was der Papst von ihm gefordert, nachdem er persönlich seine +Vergehen gegen die Kirche bekannt, gäben er und der Abt Peter als +päpstliche Kommissare diesem besagten Fürsten und der Fürstin Margarete +Dispens wegen zu naher Verwandtschaft, erlaubten ihnen, die Ehe neu +einzugehen, legitimierten den bereits geborenen Prinzen Meinhard. Lösten +von Ludwig und Margarete allen Makel und Infamie, machten sie fähig, +Privilegien, Lehen, Güter, Rechte zu besitzen. Nähmen sie wieder auf in +den Verband der Kirche. Befreiten ihre Länder vom Interdikt. + +Dann öffneten sich überall in Bayern und Tirol die Kirchentüren, die +viele Jahrzehnte durch geschlossen waren. Die Glocken, die so lange +stumm geblieben, schwangen an, tönten. Das Volk, ausgehungert nach +geistlicher Erhebung, strömte in die Kirchen. Männer, Frauen, +herangewachsen, ohne je Gottesdienst und Glockenklang erlebt zu haben, +hörten zum erstenmal eine Messe, trieben staunend und beglückt auf den +frommen Wellen der tönenden, blendenden, pomphaften Anbetung des +dreieinigen Gottes. + + + + +»Ich mache kein Geschäft mehr mit den Habsburgern!« rief heftig mit +seiner harten Offizierstimme Herzog Stephan von Niederbayern und warf +den Metallhandschuh klirrend auf den Tisch. Er stand auf, ging hin und +her. Aus dem eckigen Schädel schauten seine mißtrauischen, kalten Augen +bösartig und zürnend auf den Bruder, den Markgrafen, der sitzengeblieben +war, den Kopf müde zum Tisch geneigt, daß der Nacken noch massiger sich +wulstete. Der große Saal in der Münchner Hofburg war trotz allen Heizens +nicht recht warm geworden, draußen flockte ein widerwärtiges Gemengsel +von Schnee und Regen. + +»Also nicht,« sagte der Markgraf, und seine Stimme war mühsam und +gedrückt. »Ich lasse Ihnen dann, Herr Bruder, das andere Dokument +ausfertigen, wie wir es besprochen haben.« + +Herzog Stephan preßte die Lippen zusammen unter dem strammen, dicken, +schwarzbraunen Schnurrbart. Er trat näher, erklärte seine Heftigkeit. +»Wir sind in den vielen unangenehmen Erbfragen leidlich +auseinandergekommen. Wir haben einander nichts vorgemacht. Haben klar +und sachlich jeder sein Interesse gewahrt, ohne viel Worte und Flausen, +und einer dem andern nicht eingeredet. Es hat jeden von uns sechsen ins +Herz gebrannt, daß wir die Länder so haben zerstücken und zerteilen +müssen und Wittelsbach klein machen. Es war eben sonst kein Ausweg und +Auskommen, und wir haben nicht groß darüber geredet. Aber, Herr Bruder,« +und er hob die Stimme und knarrte anklägerisch, »daß Sie das tirolische +Testament für Habsburg zugelassen haben, Sie, der Chef der +Wittelsbacher, das zwingt mir den Mund auf. Es ist eine rein tirolische +Angelegenheit, ich weiß, und geht mich nichts an; ich hab' mich auch nie +in Ihre Angelegenheiten gemengt. Aber das beißt mich zu arg, es giftet +mir das Blut, ich muß es Ihnen sagen.« + +Der Markgraf antwortete nicht. Seine harten, stechenden blauen Augen +schauten stumpf vor sich hin; er sah sehr viel älter aus als der nur um +weniges jüngere Bruder. Wie er, der sonst zufuhr und keine Gegenrede +schuldig blieb, auch fürder geduckt und stumpf schwieg, sagte Herzog +Stephan etwas gesänftigt: »Sie können sagen, daß es Sache Ihrer Frau +war, nicht Ihre; Sie können auch sagen, daß die Lösung von Kirchenbann +und Interdikt eine gute Zahlung ist für das zweifelhafte Stück Papier, +und Sie haben recht. Aber ich hätte es doch nicht zugelassen an Ihrer +Stelle und von den andern Brüdern auch keiner und der Vater auch nicht, +wenn er noch lebte.« Der Markgraf hockte müde, sonderbar verloschen. +Solche Verlorenheit des sonst so harten und heftigen Mannes war dem +Bruder unbehaglich. Er sagte, und es klang fast wie eine Entschuldigung: +»Ich glaub's, es ist kein Leichtes, die Maultasch zum Weib zu haben und +den Frauenberg zum Landeshofmeister.« + +Den Markgrafen, wie er allein war, fiel ein dumpfer, lahmer, hilfloser +Zorn an, wie er ihn nie gespürt. Was war denn das gewesen? Da saß er in +seiner Hofburg und sein jüngerer Bruder stand vor ihm, der Stephan, der +Nichtige, der Mittelmäßige, der Wicht, mit seinem armseligen +Niederbayern, und schimpfte ihn zusammen wie einen Lausbuben. Und er -- +ja wie in aller Welt kam denn das? -- er saß und ließ es sich gefallen. +War es so weit mit ihm gekommen? War er so lahm? + +Der Stephan hatte recht, das war es. Die Habsburger regierten zusammen, +überließen dem klugen Rudolf die Führung. Er war ihr Haupt, sie waren +ein Ganzes, ihre ganze, große Ländermasse einheitlich gesteuert. +Wittelsbach war zersplittert und zerstückt, in sechs Fetzen zerrissen. +Er hatte es geschehen lassen, er, der Älteste. Und nicht nur das. Er +hatte den Habsburgern Vorschub getan. Mit dem Judenschlag war es +angegangen. Das war der erste Fehler gewesen. Hätte er seine Juden +geschützt wie der lahme Albrecht, niemals wäre sein Beutel so leer und +zerlöchert worden. Niemals hätte er sein Bayern den österreichischen +Finanzräten ausliefern müssen. Jetzt saßen sie dick und zahlreich im +Land, kontrollierten, schalteten nach Belieben. Überall, unter, neben, +über dem wittelsbachischen der rote Löwe Habsburgs. Er fühlte die +riesigen, starren Augen des Vaters auf sich. Er schnaufte. Der Bruder +hatte recht. + +Nicht darüber grübeln. Der Fehler war gemacht. Die Juden waren tot; die +am Leben geblieben waren, ließen sich durch keine Versprechungen mehr +zurücklocken. Das Land war kahl und ohne Geld, und der Habsburger +verwaltete es. + +Unsinn! Darum ging es ja gar nicht. Niemand hatte ihm das vorgeworfen. +Um das Testament ging es. Um das Testament, das sein Weib gemacht hat, +die Häßliche, die Maultasch. Daran mußte man sich klammern, das war +festzuhalten. Er war froh, vor sich selber alle Schuld ihr zuzuschieben. +Wie hatte der Bruder gesagt? Es ist kein Leichtes, die Maultasch zum +Weib zu haben. Nein, daß dich Gottes Marter schände, es ist kein +Leichtes! Er trieb sich hinein in eine dumpfe Wut gegen das Weib. Sie +war an allem schuld, auch an dem Verwaltungsvertrag mit den Habsburgern. +Da saß sie, die Häßliche, die Maultasch, mit ihrem lächerlichen +Liebhaber, dem Frauenberger, dem Mißgeschaffenen, Quäkenden. Da saßen +sie und machten ihm sein Bayern kaputt. Das Gespött Europas. Oh, er +hatte schon das rechte Gefühl gehabt damals, als sein Vater ihn auf und +ab schleifte und er sich weigerte, das Weib zu heiraten. Er starrte vor +sich hin. Schnaufte, knurrte, stöhnte. + +Ging zu Agnes. Die lag auf einem Ruhebett, der Falkenierer stand vor +ihr. Sie hatte den Handschuh an, spielte mit dem neuerworbenen Vogel. +Sie sah sogleich, der Markgraf brannte darauf, mit ihr zu sprechen. Aber +sie ließ ihn warten. Beschäftigte sich mit ihrem Falken, führte ihn vor, +dachte gar nicht daran, den Falkenierer wegzuschicken. + +Ludwig drückte heraus, er habe heute wenig übrig für Falkenbeize und +Sport. Oh, der Herr Markgraf sei verstimmt? Habe Ärger gehabt? Das tue +ihr leid. Mit dem Herzog Stephan? Sieh da! Der Herr Herzog sei doch ein +ganz umgänglicher Herr. Er habe vom Testament der Markgräfin gesprochen? +Und von dem bayrisch-habsburgischen Verwaltungsvertrag? Davon nicht? +Doch, auch, freilich nur nebenher. + +Wenn sie doch endlich den Kerl mit dem Falken wegschicken wollte! Aber +sie dachte gar nicht daran. Bedeutete es ihr so gar nichts, daß Stephan +das gewagt hatte? Und war es ihr so nebensächlich, daß er sogleich von +seinem Bruder weg zu ihr kam? Der Vogel öffnete die Flügel, schloß sie. +Sie streichelte ihn, gab ihm Hätschelnamen. Ein großer heimlicher +Triumph war in ihr. War es endlich an dem? Brach es endlich los? Stürzte +das Haus der Feindin, das mühsam errichtete, endlich zusammen? + +Also von dem bayrisch-habsburgischen Vertrag habe Herzog Stephan +gesprochen? Nun, sie verstehe ja nichts von Politik. Aber, ganz ehrlich, +gewundert habe sie sich immer. Ein so großer, weiser Fürst -- und läßt +die Verwaltung seines Landes einem andern! Ganz beiläufig warf sie es +hin, dem Falken die Haube abziehend, wieder aufsetzend. Stritt sogleich +wieder mit dem Falkenierer, wie lange man jetzt den Vogel hungern lassen +solle. Still jubelte sie: Allen Saft herausquetschen aus Tirol, ihn +fortleiten, nach Bayern, irgendwohin. Verdorren machen das Werk der +Feindin. + +Ludwig saß gepreßt in großer Bitternis. Ein Narr war er gewesen. Selbst +die Kinder sahen klarer, worauf es ankam. Niemals hätte er die +Verwaltung Bayerns weggeben dürfen. Und hätte er alle seine Städte und +Einkünfte dem Messer Artese verschreiben müssen. Das Testament +Margaretes, da war nun nichts zu machen. Aber den Verwaltungsvertrag, +der lief ab in wenigen Monaten: er wird ihn kündigen. Komme, was will! + +Agnes lag auf dem Ruhebett, kümmerte sich kaum um ihn. Der Falkenierer +war noch immer da. Wäre sie allein gewesen, er hätte sich auf sie +gestürzt, sie geschüttelt: »Höre, lach' nicht über mich! Ich sag' den +Vertrag auf! Ich schmeiß' die habsburgischen Beamten heraus! Lach' nicht +über mich, Luder!« Und er hätte sie gepackt, daß ihr das Lachen und die +Gedanken an den Falken vergangen wären. Aber der Falkenierer stand da +mit seinem dummen, respektvollen Gesicht, und Agnes sah gar nicht auf zu +ihm. + + * * * * * + +Konrad von Frauenberg verhandelte mit Räten des Bischofs von Brixen. Das +Bistum war ganz in Abhängigkeit des Markgrafen geraten, Konrad gab das +den Herren deutlich zu spüren. Vergnügt saß der quäkende Mann, beschaute +aus kleinen rötlichen Augen die schwitzenden Herren, schikanierte sie +breit, behaglich. Warf ihnen schließlich, den armen Schluckern, mit +verächtlicher, grausamer Jovialität ein paar Brocken hin. Sein Sekretär, +ein unscheinbarer Kleriker, protokollierte still, mit ängstlicher +Gewissenhaftigkeit. + +Als die Herren gegangen waren, gab der Frauenberger dem Sekretär Weisung +für etliche Briefe an Amtleute seiner eigenen Besitzungen. Immer wieder +mußte man diesen Herren das gleiche vorkauen. Sie sollen doch -- daß der +dreigeschwänzte Satan sie hole! -- nicht so schlapp sein. Nicht immer +Steuer nachlassen. Nicht immer die Termine für Fronleistungen und Robot +prolongieren. Und diese alberne Gefühlsduselei in der Verhängung von +Strafen. Einen Dieb nur mit Pranger und Gefängnis zu züchtigen, weil er +aus Not handelte. Blödsinn! Jeder handelt aus Not. Dem Schuft wird die +Hand abgehauen wie bisher. Einen Wilderer schonen, weil er Familie hat! +Sein Wild hat auch Familie; hat jener es geschont? Der Kerl wird zu Tod +gehetzt. Das ist guter alter Brauch. Mit der modernen Humanität wird auf +seinen Gütern nicht erst angefangen. Der Frauenberger quäkte, der stille +Sekretär schrieb. + +Allein dann, strich sich der häßliche Mensch das farblose Haar zurück, +dehnte sich, legte sich auf Polster, knackte mit den Gliedern, gähnte, +faul und vergnügt. Es war eine wohleingerichtete Welt, und er verstand +sich darauf. Er hat es, Gotts Marter, weit gebracht. Der Markgraf ist +fast immer auf Reisen, bei seiner Agnes, sonstwo. Warum auch nicht? +Warum soll er nicht der Maultasch die schöne Agnes vorziehen? Er, der +Frauenberger, hat freilich viel Arbeit, wenn der Markgraf außer Landes +ist: die Maultasch und Tirol. Viel Arbeit, wüste Arbeit. Aber +profitlich, das ist nicht zu leugnen. Auch könnte es ihm Ludwig nicht +leichter machen, mit ihm auszukommen. So spart ihm der Fürst die Mühe, +sich mit ihm auseinanderzusetzen. + +Er beschaute seine dicken, roten, fleischigen Hände. Er hat seine +Männlichkeit offenbar unterschätzt. Man muß nur selber daran glauben, +dann glauben auch die Weiber daran. Heute wird ihm jede kirr, die er +mag. Er rekelt sich, pfeift, grinst. Steht faul auf. Holt sich Tusche, +Pinsel, Pergament. Zeitvertreib für freie Stunden, wenn man nicht +schläft. Heute hat er Lust, ja. Der Schenna hält ihn für stumpf. Glaubt, +er habe kein Aug' für das, was schön ist. Der Schenna ist kein Esel; +aber wenn er meint, er habe allein den Sinn gepachtet für das, was +schmeckt und rund ist und sich glatt und wohlig anfaßt, dann irrt er +sich, der Geck, der Zierbold! Er legt sich das Pergament zurecht. Ho! Er +weiß sehr genau, worauf es ankommt bei der Schönheit. Er grinst, pfeift +sein Lieblingslied vor sich hin, das von den sieben Freuden des Lebens, +beginnt zu arbeiten. Sein breites Maul zieht sich wohlgefällig +auseinander, er schnalzt, schmatzt, gurgelt, quäkt, rülpst. Strichelt, +pinselt. Bunt, säuberlich. Frauenkleider, Brüste, Gesicht. Vertieft sich +in die Arbeit. + +Sieht auf. Margarete steht hinter ihm. Ihr wüstes Antlitz ist sonderbar +lächerlich verzerrt. Sie hat offenbar gesehen; es hat durchaus keinen +Sinn, zu verstecken, zu leugnen. Er schaut sie frech an, verzieht den +breiten Mund, quäkt, nachlässig: »Ein Amulett.« + +»Ein Amulett? Das? Das saubere, liebevolle Bild der Person?« Er, naiv, +dreist: Ja, natürlich. Er habe Grenzstreitigkeiten mit ihr, sie wisse +doch. Dazu ihr unheilvoller politischer Einfluß auf den Markgrafen. + +Sie schaut ihn finster an mit ihren starken, erfüllten Augen. Er hält +stand, kalt, gleichmütig. Er solle ihr das Bild geben, sagt sie +schließlich. + +»Warum nicht?« quäkte er. Es sei ein nicht gerade frommes Amulett. Man +könne seinen Willen, seine Wünsche hineinhexen. Ihre Wünsche für jene +seien vermutlich ebenso unangenehm wie seine eigenen. Er grinst, reicht +ihr mit einer tiefen, übertriebenen Verbeugung das Bild. + +Allein, beschaut sie es lange, prüft es. Die Haare sind gold, die Augen +starren, zwei blaue, dumme Flecke, aus der unbeholfenen Malerei. +Margarete zieht mit ihren geschminkten Fingern die Nadel aus ihrem Haar. +Langsam, sorgfältig zielend, stößt sie durch die blauen Flecke. Das +Pergament hält fest, sie bohrt, bohrt stärker, bohrt langsam durch. Das +Pergament knirscht. Dann sind zwei kleine, ausgefranste Löcher an Stelle +der Augen. + + * * * * * + +Der Markgraf erhob sich, die Besprechung hatte kaum zehn Minuten +gedauert. Es war nur Geschäftliches besprochen worden, Rede und Antwort +waren von eisiger Sachlichkeit gewesen. + +»Es bleibt noch die Angelegenheit mit Taufers,« sagte Margarete. + +»Auf später,« sagte Ludwig ablehnend. + +»Es ist jetzt schon fast ein Jahr, daß die Sache hinausgezögert wird,« +sagte Margarete. »Sie muß endlich erledigt sein.« + +»Was also wollen Sie?« sagte feindselig der Markgraf. + +Die Sache mit Taufers war so, daß Grenzstreitigkeiten entstanden waren +zwischen Agnes von Taufers und dem Frauenberger. Agnes versteckte sich +hinter dem Bistum Brixen, das sie belehnt hatte, nicht den Frauenberger. +Sachlich war dieser, formal sie im Recht. Der Markgraf brauchte nur zu +wollen, so ließ Brixen seine Einwände fallen, Agnes verlor die Güter. +Die Räte des Bischofs nahmen an, dies sei nicht in der Absicht Ludwigs; +so wagten sie, dem Frauenberger in diesem Punkt zäh zu opponieren. + +Margarete, in feindseliger Laune, brachte die Gründe vor, die gegen das +Bistum sprachen. Der Markgraf, ebenso verdrossen und vertrotzt wie sie, +zählte die politischen Motive her, aus denen er jetzt den Bischof nicht +verärgern wollte. Sie maßen sich, finster, entschlossen. Nie hätten sie +sich, wäre es um eigenen Besitz gegangen, mit solcher Erbitterung +widersprochen. + +Es war bisher, trotz zunehmender Entfremdung, noch nie zu ernsthaftem +Streit gekommen. Mit keinem Wort je hatte der Markgraf Margaretes +Testament erwähnt, mit keinem Wort ihre Beziehungen zu dem Frauenberger. +Sie hatte den Namen der Agnes in seiner Gegenwart niemals genannt. Jetzt +erhitzten sie sich, bekämpften sie sich, drohend, trotzig, viel +heftiger, als der geringfügigen Sache angemessen war. Sie standen sich +gegenüber, wütend. Das ruhige, männliche Gesicht des Markgrafen +verwilderte, verzerrte sich. Sie erwiderte mit erzwungener Ruhe, +bösartig, stachelig, höhnisch. + +Bis er schließlich nicht mehr an sich halten konnte und ihr hinwarf in +hellem, spöttischem Zorn: »Das ist ja alles nur für deinen Affen, den +Frauenberger.« + +Sie wurde ganz grau, schnappte, sah ihn haßerfüllt an. Sagte +schließlich, heiser: »Ja, ja, ja! Ich leid' es nicht, daß das Recht +kaputt geht für deine Hur'.« + +Er krampfte die Hand, sie nicht zu schlagen. Es war nicht seine Art, zu +schimpfen. Jetzt fiel er unflätig über sie her: »Hexe! Scheußliche! +Stinkende! Hockst du zusammen mit deinem Affen und spintisierst das aus? +Ist es nicht Schande genug, daß ich ein Weib haben muß, von Gott +gezeichnet wie dich? Willst du noch meinen Namen verschimpfieren? Bist +auf Männer aus, so wie du aussiehst? Paßt ja gut zusammen, die Maultasch +und der Aff'!« Er schlug plötzlich um, ging mit dicken Adern und so +verwildertem Gesicht auf sie los, daß sie hinter den Tisch zurückwich. +»Ich duld' es nicht!« schrie er. »Ich schlag' ihn tot! Ich lass' mich +nicht lächerlich machen!« + + + + +Unterdes saß der Frauenberger auf Schloß Taufers. Aus seinen rötlichen +Augen blinzelte er Agnes an. »Wir werden uns schon einigen,« quäkte er. +»Sie sind reich, ich bin nicht arm. Liegt Ihnen so viel an den Höfen? +Mir nicht. Mir sind sie ein Vorwand, Sie zu sehen.« Mit seiner roten, +kurzen Hand tätschelte er ihre weiße, lange. Agnes lächelte. Der war ein +Mann, der hatte Kraft, Willen, das nackte Geradezu. + +»Die Welt ist dumm,« quäkte er. »Immer noch dümmer, als man denkt.« Er +saß da, weites Maul in dem nackten, roten Gesicht, breit, fest, frech, +häßlich. »Mir ist, ringsherum sind wir die einzigen Vernünftigen.« Und +seine harten, kurzen, zupackenden Finger langten ihren Arm weiter +hinauf. + +Er dachte übrigens nicht daran, ihr in der strittigen Frage auch nur ein +Tipfelchen entgegenzukommen. + + * * * * * + +Agnes ging herum, ein leises, tänzerisches Lächeln um die Lippen. Sog +ihren Triumph über Margarete, schlürfte ihn, ließ ihn auf der Zunge +zergehen. Knüpfte den Markgrafen immer enger an sich, gleichmütig, +unmerklich. Höhlte ihn aus, glitt in ihn hinein, nahm Besitz von ihm. + +Er war ein sparsamer, nüchterner Herr, durchaus nicht geneigt, zu +verschwenden. Sie verlangte von ihm, nebenher, über die Achsel, +Ausgaben, die er sich sonst durch Jahre überlegt hätte. Machte er den +leisesten Einwand; so bestand sie nicht, ließ sofort ab. Allein sie +hatte eine Art, sich abzuwenden mit einer höhnischen, kaum greifbaren, +tief verächtlichen Verwunderung, die ihn mehr reizte, als Tränen, +Bitten, Beschimpfungen hätten tun können. So stülpte sie allmählich den +festen, sachlichen, rechenhaften Mann von Grund auf um, trieb ihn in +Prunk und Verschwendung, zermürbte, unterwühlte, was Margarete in der +Arbeit von Jahrzehnten geschaffen hatte. + +Plötzlich war auch Messer Artese wieder da. Überall war er, an zehn +Orten zugleich, mit drei Brüdern, die ihm sehr ähnlich sahen, +unscheinbar, überaus höflich. Ehe man es recht merkte, hatte er von +neuem die Hand auf Zöllen, Salzrechten, Bergwerken. Die eisige +Verachtung Margaretes erwiderte er mit zahllosen Verneigungen. Mit +größter Bereitwilligkeit löste er den Markgrafen aus den Verpfändungen +der Habsburger. Jetzt, wenn er wollte, konnte Ludwig jenes +Verwaltungsabkommen kündigen. Freilich war, was er dem Florentiner +zahlte, dreimal höher als die Forderung der Österreicher. Schattenhaft +dann, wie er kam, war Messer Artese wieder fort. + +Erschien auf Schloß Taufers. Wer, wenn er den kleinen, höflichen Mann +sah, hätte gedacht, daß er je so toben könnte, wie er es damals vor +Agnes getan? Sie saßen sich gegenüber, Agnes und er. Sie lächelten sich +zu, mit einem kleinen, wissenden Lächeln. Ei ja, schönes Land, reiches, +gesegnetes Land. Wein, Obst, Brotfrucht. Blühende, geordnete, werktätige +Städte. Er zerrte, sie stieß. Sie traf die Herzogin, die Häßliche, wenn +sie stieß. Ihm war es schon weniger die Freude am Gewinn, die lockte: es +trieb ihn, in dem Werk des Feindes zu stochern, zu wühlen, das Werk des +erlegten, erledigten Juden vollends zu zerfetzen. Sie stieß die +Häßliche, er zerrte an dem toten Feind. + +Prall im Fett saß Konrad der Frauenberger, mästete sich, sein nacktes, +breitmäuliges Gesicht glänzte rosig. Er lag auf Polstern in dem +eleganten kleinen Saal von Taufers, Agnes saß ihm gegenüber. Sonne kam +herein, er blinzelte, rekelte sich faul, gähnte, knackte mit den +Gliedern. Agnes bat, forderte, schmeichelte, drohte, er solle sie nach +Trient begleiten. Er sagte, er denke nicht daran. Soll der Markgraf ihr +den Narren machen. Sie kehrte sich ab mit jener leisen, gleitenden, +verwunderten Verächtlichkeit, die beim Markgrafen alles erreichte. Er +lachte schallend, derb vergnügt. Kehrte sich nach der andern Seite. Da +sie beharrlich schwieg, fing er an, zu gähnen. Streckte sich knackend, +schlief friedlich, behaglich ein, lärmvoll schnarchend. Nach einer +Stunde wachte er auf; es ging gegen Abend, sie saß noch immer im +entgegengesetzten Winkel, gekränkt. Er stand faul auf, ging zu ihr, +packte sie, grob, jovial, zog sie neben sich auf die Polster. Sie ließ +es geschehen. + +Er behandelte sie nach Laune. Ließ sie wie einen Hund nach einer +Liebkosung zappeln. Tätschelte sie mit Versprechungen, die er lachend +und selbstverständlich brach. Ihn davonjagen? Es ging nicht. Er hätte +gelacht. Und es wäre auch lächerlich gewesen. Wer war noch so häßlich? +So frech? So hart von Griff? So gab es keinen zweiten. + +Sie dehnte sich unter seinen groben Liebkosungen, schaute schräg zu ihm +auf. Sah sein sattes, schlaues, fleischiges, grinsendes Gesicht. Wie +häßlich es war! Wie voll Kraft und Gemeinheit es war! Sie war neugierig. +Konnte man ihm nicht bei, daß seine freche, selbstsichere Fratze klein +wurde und voll Angst? + +Sie begann den Markgrafen zu hetzen. Ganz unmerklich, mit Scherzworten. +Ihre Saat fand guten, lange vorbereiteten Boden. Sproßte, keimte, wuchs. +Wie hatte Herzog Stephan gesagt? Es ist kein Leichtes, zu diesem Weib +den Frauenberger zum Landeshofmeister zu haben. Er wird ein Ende machen. +Er hat es satt bis dahin. Das Gespött Europas. Er wird ein Ende machen. +In München. In _einem_ Aufwischen. Erst mit der habsburgischen +Schweinerei. Dann mit dem Frauenberger, dem Schandkerl, der Mißgeburt. + + * * * * * + +»Schau mich genau an,« sagte der Frauenberger zu Margarete und spreizte +sich mit grotesk unterstrichener Wichtigkeit. »Schau mich genau an. Du +wirst vielleicht nicht mehr lange Gelegenheit haben.« Da Margarete +erstaunt hoch blickte, quäkte er weiter: »Ich bin kein schöner Mann, ich +weiß, aber sehr einmalig. Wer Interesse an mir hat, wird guttun, mich +genau anzuschauen, daß er mich in Erinnerung behält. Ich werde nicht +mehr lange zu sehen sein. Es braut sich was zusammen gegen mich. Der +Markgraf schaut auf mich mit Blicken wie Lanzen. Leider stehen wirkliche +Lanzen zur Genüge dahinter. Er hat mich mit zur Begleitung nach München +befohlen. Dort tut er sich leichter. Der Gufidaun, der gute, ehrliche +Junge, der mich nicht leiden kann, und der Kummersbrucker haben den Rand +nicht halten können. Schau mich genau an, Margarete. Wenn ich nicht mehr +da bin, sauf dich voll und träum' von mir! Messen brauchst du keine +lesen zu lassen. Bist eine gute Haut, Herzogin Maultasch,« lachte er und +haute sie auf die Schulter. Er pfiff sein Lied von den sieben Freuden, +blinzelte sie an, ging fort mit gegrätschten Beinen. + +Margarete hatte kein Wort erwidert. Jetzt saß sie allein vor dem +massigen Tisch, prunkend in hellgrünem Damast, starr geschminkt. Vor ihr +lagen gehäufte Akten und Dokumente. Der Raum war schwer und düster, in +ihrem Ohr war das gepfiffene Lied des Frauenbergers. + +Ja, er hatte wohl recht. Was gab es sonst als die sieben Freuden seines +Liedes? + +Sie hatte nicht abgelassen. Sie war zerschlagen und zerstört worden ein +erstes Mal, aber sie hatte nicht abgelassen. Hatte sich aus Dreck und +Nichts ein Neues gebaut, das Land, die Städte, ihre bunten, lärmvollen, +menschenvollen, zweckvollen Städte, ihr Werk. Und jetzt sollte das Blut, +das sie ihnen mühsam zugeführt, abgezapft werden, weggeleitet, nach +Bayern, irgendwohin, für die Hure, planlos verströmt. Der Markgraf hatte +ihr nichts gesagt; aber es war ihr zugesickert aus vielen Mündern. +Gekündigt das Verwaltungsabkommen mit den Habsburgern. Ihre Städte, ihr +Tirol entblößt, leer, ausgesogen, hingeschmissen. + +Nicht genug. Das andere. Der Frauenberger. Der Häßliche, Einsame. Der zu +ihr gehörte. Den sie herangeholt hatte. Vielleicht war er schlecht, +niedrig, ein Lump. Aber er gehörte zu ihr. Vor allen Menschen er. Und +den wollte er ihr auch nehmen. Oh, sie hatte nicht vergessen, wie er +geschrien hatte in jener Unterredung: »Ich schlag' ihn tot! Ich lass' +mich nicht lächerlich machen!« Sie hörte seine Stimme, die heiser war +vor Haß, sah seine verwilderten Augen. Ja, der Konrad hatte schon die +rechte Witterung, es roch nach Mord. Ging er nach München, kam er nicht +zurück. + +Ihr dürres, altes Fräulein von Rottenburg war im Saal, räusperte sich. +Der welsche Händler war da, der Palermitaner, den sie herbestellt. Sie +war froh an der Ablenkung, ließ ihn kommen. Er stand vor ihr, dick, +olivfarbenes Gesicht, rasche, bräunliche Augen. Er hatte vielerlei. +Bunte Vögel, feine, glänzende Tücher und Gewebe, edle Steine, seltene +Essenzen, fremdartiges Konfekt. Mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen, +unterstützt von seinem Gehilfen, breitete er seine Dinge vor sie hin. +Sie verweilte da, dort. Ließ sich erklären, war nicht bei der Sache, +sprach dann lebhafter als sonst. Was war das? Ein Fläschchen, eine +kleine Vase aus mattfarbenem Halbedelstein, schönformig, fest +verschlossen und versiegelt. Das? Oh, die Frau Herzogin sei eine +Kennerin, die Frau Herzogin habe sichersten Geschmack. Das sei freilich +eine große Kostbarkeit. Aus _einem_ Stück, wie edel in der Form, in der +Rundung! Von einem großen Meister, ei ja. Und sie möge gnädigst die +Bilder beachten, die eingeschnitten seien. Hier der Hohenstaufenkaiser, +der zweite Friedrich, und hier der jüdische König Salomo, und da die +Königin von Saba, und auf der vierten Seite der Sultan Boabdil, ein +starker, grausamer Fürst der Berberei. Auch sei der Inhalt des +Fläschchens eine große Seltenheit: ein feiner Saft, ohne Geruch, ohne +Farbe, ohne Geschmack; wer auch nur einen Tropfen davon genießt, der +überlebt die Stunde nicht, der geht aus wie ein Docht ohne Öl. Ein +kostbares, edles Fläschchen. + +Die Herzogin kaufte viel und wahllos durcheinander, ohne Feilschen, +gegen ihre Gewohnheit. Tücher, Gewürz, viel Schmuck, zwei von den bunten +Vögeln, auch das Fläschchen. + +Dann setzte sie sich zu Tische. Aß. Aß ganz allein, prächtig geschmückt. +Auch die Tafel war prunkvoll bereitet, mit Schaugerichten, goldenen +Schüsseln und Tellern. Musik im Nebenraum. Diener, Kämmerlinge, +Vorschneider liefen. Sie aß mächtig. Der Frauenberger hatte recht. Dies +war eine der sieben Freuden des Lebens. Um sie herum waren die Dinge +gestapelt, die sie gekauft hatte, Schmuck, Tücher, auch das Fläschchen. +Sie führte mit ihren geschminkten Händen die Speisen zum Mund: Brühe, +Fische, Braten, von dem köstlichen, fremdartigen Konfekt, das sie heute +erstanden. Sie schlang, schüttete Wein hinunter. Dämmerung brach herein, +schwere, riesige Kerzen wurden entzündet. Sie saß allein, plump, starr, +pomphaft. Aß. + + * * * * * + +Da also lag es. Er hatte nicht gewagt, es ihr selber zu bringen. Er +hatte es durch einen Boten geschickt. Ein kurzes, höfliches Schreiben +lag bei, in dem er um ihre Unterschrift ersuchte. + +Sie hatte sogleich Schenna hergebeten. Vor dem ließ sie sich gehen, +verströmte. Wirklich gekündigt der habsburgische Vertrag! Eingerissen +und kaputt der schöne, kunstvolle Kanal, durch den sie ihren Städten +Saft und Gedeih zuführte. Und sie soll noch ihre Unterschrift dazu +geben! Der Boden unter ihren Füßen bröckelnd wie Sand. Das Werk ihres +Lebens fort, entgleitend, wie fließendes Wasser, nicht zu halten. Hin +alles, blöde, sinnlos vertan. + +Schenna hörte still zu, sein welkes, langes Gesicht sonderbar kraus +verzerrt; ihr Verströmen, ihr Zusammenbruch ging ihm näher, als er vor +sich selber wahr haben wollte. Arme Frau! Arme Herzogin Maultasch! Wäre +dein Mund einen Finger schmaler, die Sehnen deiner Backen ein weniges +straffer, du lebtest befriedet, glückhaft, und Tirol und das Römische +Reich sähe anders aus. Er raunzte mit sich selber. Alberne +Sentimentalität! + +Als er endlich antwortete, hatte er sich wieder ganz im Zaum. Mit seiner +hohen, müden, brüchigen Stimme legte er dar, es sei nichts zu gewinnen, +wenn sie nicht unterzeichne; formal sei ihre Unterschrift ohne Belang, +der Markgraf verlange sie nur aus Prestigegründen. Unterzeichne sie +aber, so könne man nicht umhin, sie zumindest bei der Liquidierung des +Vertrags miteinreden zu lassen. + +Wie sie aber schwieg, breit, plump, verloren und verfallen dahockte, +packte es ihn wieder. Er sagte, er wolle helfen, wo er helfen könne. Er +sei Tiroler; es kratzte ihn, daß das lebendige, wache, rege, kultivierte +Tirol den schläfrigen, dumpfen, trägen, gewalttätigen Bayern solle +ausgeliefert werden. Er gab sich einen Ruck, es war ein schwerer +Entschluß, man sollte eigentlich wirklich nicht so weichherzig sein. +Aber dann stand er und sagte, und in seiner Feierlichkeit war schon ein +bißchen Ironie: wenn sie also noch Wert darauf lege, sei er, um das +Mögliche zu retten, bereit, die Hauptmannschaft im Gebirg, das +Burggrafenamt zu übernehmen. Sie drückte seine lange, dürre, +schlaffknochige Hand mit ihrer dicken, geschminkten. + +Dann stand der Frauenberger vor ihr, sich zu verabschieden. Klirrend +stand er, aus dem hellen Eisen grinste rosig, glatt, nackt das freche, +weitmäulige Gesicht. Es bleibe ihm nur übrig, unterzutauchen, ins +Dunkle, ins Subalterne, wo der Markgraf ihn nicht finden könne; denn zu +sterben habe er durchaus nicht die Absicht. Er werde also unterwegs im +gegebenen Augenblick verschwinden. Man sei ein Mann, nehme das +Schaukeln, hinauf, hinunter, nicht zu schwer. Sie sei eine gute Haut, er +habe mehr Spaß an ihr gehabt als an so mancher mit einem zierlichen +Puppenmund. Interessanter sei es sicher gewesen. Somit Gott befohlen. + +Sie sagte, er habe ihr ein Amulett gegeben mit bösen Wünschen für eine +gewisse Person. Sie wolle sich revanchieren. Sie reichte ihm das +mattfarbene Fläschchen. Der Saft sei geruchlos, geschmacklos; wer davon +koste, sei in der gleichen Stunde in der Hölle, im Paradies. Bevor er +zurücktauche ins Dunkel, in die Niedrigkeit, solle er sich das +überlegen. + +Er griff danach, grinste, sie sei ein Teufelsweib. Geruchlos, +geschmacklos; hm, das sei wohl zu überlegen. + +Sie, rasch: sie habe nichts gesagt. So habe es ihr der Sizilianer +geschworen. Und da er vermeine, sie sehe ihn nicht wieder, gebe sie ihm +das. Alles stehe bei ihm, sie habe nichts gesagt. + +Er, ungeheuer massig in der Rüstung, quäkte aus dem vielen Eisen heraus, +er danke auch vielmals. Wie gesagt, ein Teufelsweib. Er hob beschwerlich +den eisernen Arm, klopfte sie, quäkte: »Unsere Maultasch.« Zog mühsam +ab, eisern, klirrend, froschmäulig grinsend. Pfiff sein Lied. + +Von unten klangen die Hörner und Trompeten der Abreitenden. Der Markgraf +hatte sich nicht verabschiedet. Sollte sie ans Fenster? Kein Glied +gehorchte ihr. Sie lehnte am Tisch, fahl, grau, eine geschminkte Tote. + + * * * * * + +Durch den braungoldenen September trabten der Markgraf und seine Herren. +Eine Weile ritten sie den blassen, weiten Chiemsee entlang. Starke Luft +ging, die Berge in sattem Blaugrau blieben zurück. + +Ludwig war bester Laune. Er trug einen leichten, dunkeln Brustpanzer, +den Helm hatte er einem Knaben gegeben, der Wind wehte angenehm um den +kurzhaarigen Schädel. Er fühlte sich sehr jung, seine harten, blauen +Augen blickten frischer als sonst aus dem bräunlichen, männlichen +Gesicht. Es war ein guter Entschluß gewesen, die Österreicher +hinauszuschmeißen. Jetzt ritt er als wirklicher Herr in seinem Land. +Fort mit dem frechen roten Löwen Habsburgs von dem blauen +wittelsbachischen! Er freute sich darauf, seine Beamten einzusetzen, +reinen Tisch zu machen. + +Ja, reinen Tisch. Auch die Sache mit dem Frauenberger hat er sich genau +zurechtgelegt. Heute nacht schon wird er ihn packen, es mit ihm +austragen, ritterlich, mit der Waffe. Am Ausgang zweifelte er nicht. +Dann wird er Luft haben, atmen können. Margarete wird er kaum mehr +sehen. Soll sie in ihrem Schloß Tirol sitzen; er wird in München, +Innsbruck, Bozen residieren, gubernieren, wie er es für gut hält. Stimmt +sie zu, schön; stimmt sie nicht zu, auch gut. Agnes wird keinen Grund +mehr finden, ihm die Schulter zu kehren mit jener frechen, leisen +Manier, die ihn so reizt. + +Daß er seine Dumpfheit hinter sich gelassen hatte, daß er so genau +wußte, was er vorhatte, kratzte ihn auf, machte ihn freier und lustiger +als seit Jahren. Er scherzte mit Berchtold von Gufidaun, mit seinem +getreuen Kummersbrucker. Ja, er schaute sogar mit einem gewissen +grimmigen Wohlwollen auf den Frauenberger. Der ritt daher, breit, +plärrend, rosig in seiner hellen Rüstung, blinzelte schlau und behaglich +aus seinen rötlichen Augen in die besonnte, vergnügte Welt -- und war +doch schon so gut wie tot. Der Markgraf rief ihn an, ritt neben ihm. Der +Frauenberger erzählte unflätige Witze, machte freche Anspielungen. +Ludwig lachte schallend, ging auf seinen Ton ein, sie führten ein +derbes, grobes Soldatengespräch, unterhielten sich ausgezeichnet. + +Dann machte man, sehr früh, Mittag. Man aß im Freien, reichlich, trank, +legte sich eine Weile nieder. Dann trank man nochmals, saß wieder zu +Pferde. Ludwig hatte jetzt auch den Helm auf, er wollte so durchreiten +bis München. Der Frauenberger hielt sich in der Nähe des Markgrafen, der +suchte ihn geradezu. Man ritt los. Man war jetzt in der Ebene, die Berge +verdämmerten rückwärts, die Ebene war weit, einförmig, zuweilen +flimmerte in der Sonne ein kleiner, unansehnlicher Rittersitz, ein Hof, +ein ziemlich armseliges Dorf. Man ritt frisch zu, man wird noch vor +Abend in München sein. + +Die Unterhaltung zwischen dem Markgrafen und dem Frauenberger wurde +lahmer, stockte. Er fühlte sich merkwürdig müde, der Atem ging ihm +schwer, die leichte Rüstung drückte ihn. Hatte er zuviel getrunken? +Rechts am Weg tauchte ein Dorf auf, die Häuser waren so sonderbar rund, +schmutzigblaß trotz der hellen Sonne, schichteten sich komisch +übereinander. Jemand sagte: »Der Ort heißt Zorneding.« War das die +Stimme Gufidauns oder des Kummersbruckers? + +Plötzlich nestelte er am Helm, am Panzer, fiel vornüber zur Seite vom +Pferd, der halb gelöste Helm schlug herunter. Der Kummersbrucker ritt +zu, ein Knabe, sie fingen ihn auf. Der Helm kollerte vollends in Staub, +das Gesicht war fahl, doch nicht weiter entstellt, der Unterkiefer hing +herab. Der massige Nacken des Leblosen sah gar nicht mehr gefährlich +aus, nur dumm und plump. Sie rieben ihn, beteten. In die dumpfe +Betretenheit der Herren hinein quarrte die helle, breite, gemeine Stimme +des Frauenbergers: »Seltsamer Zufall. Auf freiem Feld in der Nähe von +München. Genau wie sein Vater.« Berchtold von Gufidaun sah ihn auf und +ab, finster, drohend. Der Frauenberger, frech blinzelnd, hielt stand, +quäkte: »Wünschen der Herr etwas?« Gufidaun kehrte sich langsam ab, +schwieg. + +In der Margaretenkapelle der Münchner Hofburg wurde der Leichnam +aufgebahrt. Viele Kerzen brannten. Ulrich von Abensberg, Hippolt vom +Stein, fünf andere Barone hielten Totenwacht. Auch der Frauenberger war +darunter. Doch der begann bald zu gähnen, zog sich zurück. Streckte sich +auf sein Bett, pfiff sein Lied, knackte die Glieder, rülpste, schnalzte, +schlief friedsam ein. + + + + + Drittes Buch + + + + +In Landshut in seiner Hofburg hatte Herzog Stephan eben Weisung gegeben, +wer von seinen Herren ihn nach München begleiten solle. Er wollte seinen +ältesten Bruder begrüßen, den Markgrafen, der den glückhaften Entschluß +gefaßt hatte, die Habsburger aus seinem Land hinauszujagen. Herzog +Stephan freute sich stolz, daß recht eigentlich er diesen Entschluß +angestoßen hatte. Er reckte den Kopf mit dem kurzen, dicken, nußbraunen +Schnurrbart; sicher hatten seine kräftigen Worte jüngst Ludwig den +Rücken gesteift. Und jetzt wird er nach München gehen und zusehen, ob er +nicht einen engeren Zusammenschluß der Wittelsbacher erwirken kann. +Warum soll es -- Pest und geschwänzter Satan! --, wenn Ludwig und er +festen Willens sind, nicht glücken, Wittelsbach unter _ein_ Dach zu +bringen, so wie die Habsburger zusammengeschweißt sind? Sicherlich +streiten die sich wie Hähne, wenn sie ohne Zeugen untereinander Rats +pflegen: aber repräsentieren sie nach außen, dann stehen sie wie _ein_ +Mann, und es geht eitel Honig von einem zum andern. Es war gut, daß +Ludwig sich endlich aufgerafft hat. Er wird jetzt nicht locker lassen, +bis das zerfetzte Wittelsbach wieder zusammengeflickt ist. + +Man brachte die Rüstung, begann, ihn für die Reise zu wappnen. Da kam +ein Kurier aus München, meldete den Tod des Markgrafen. Herzog Stephan +stand starr, den Mund halb auf, die Finger merkwürdig gespreizt. Dann +mit einem heftigen, knarrenden Kommando schickte er seine Leute weg, +lief, der halb angekleidete Mann, hin und her, machte jähe, herrische +Gesten, sein Gesicht arbeitete, furchte sich drohend, glättete sich, der +kurze, dicke Schnurrbart stieg mit der zuckenden Lippe. + +Er sah Möglichkeiten, die mannigfachsten, schillernd. Hier winkten sie, +dort. Der junge Meinhard war ein Knabe, schwach, dümmlich, gutmütig; +hing zudem schwärmerisch an seinem, Stephans, Sohn, dem Friedrich. + +Ja, in Stephans Händen lag jetzt das Schicksal Wittelsbachs. Beide +Bayern vereinigen. Die Widerstrebenden, die Brüder, den Holländer, +Brandenburger, die Pfälzer zusammenzwingen. Sie mußten doch sehen, sie +mußten sich doch fügen. Wer waren sie denn, diese Ludwig, Albrecht, +Wilhelm, Ruprecht? Nichts waren sie; aber Wittelsbach war viel, war +alles. Es wird gute Kraft von ihm ausgehen, sein Glaube, sein ehrlicher, +frommer, reiner Wille wird in sie überströmen, sie werden sich +überzeugen lassen. + +Er setzte sich schwer nieder, sein Gesicht verlor die künstlich straffe, +soldatische Miene, die Schultern erschlafften. Ach, nichts von alledem +wird sein. Die Hoffnung war krampfhaft, verlogen. Er war nicht der Mann, +das durchzuwirken. Wohl, die Gelegenheit war gut; aber die Bürde war zu +schwer für ihn. Sein Vater schon, der Kaiser, der viel Robustere, war +ein Zauderer gewesen, hatte sein Werk halb fertig liegen lassen müssen: +wie sollte er, der Schwächere, das zerstückte, verstümmelte, zu Ende +bringen? + +Sein Bruder war am Wege gestorben. Ein schlechtes Zeichen. Er hatte +Ludwig nicht besonders gemocht, kein vertrauteres Wort mit ihm +gesprochen. Die Brüder hatten sich alle sechs nie enger aneinander +geschlossen, jeder schaute dem andern mißtrauisch auf die Finger, daß +der kein zu großes Stück des Erbes packe. Aber Ludwig war ein +anständiger Mensch gewesen, er hatte es nicht leicht gehabt, er hatte +die Maultasche geheiratet, dem Haus ein großes Opfer gebracht. Nun war +er tot, in guten Mannesjahren gestorben. Es verblaßte um die +Wittelsbacher, ihr Glanz ging aus. + +Er erinnerte sich, wie er jene päpstliche Bulle gehört hatte, die den +Bannfluch über den Vater verkündete: »Seine Söhne treffe dieser Fluch: +Aus ihren Wohnsitzen verjagt, sollen sie ihren Feinden in die Hand und +der Vernichtung anheimfallen.« Er war ein kleiner Junge gewesen damals, +er hatte unter den großen, drohenden, pathetischen Worten nichts Rechtes +verstanden, aber sie hatten ihn überschauert und nicht mehr losgelassen. +Es war nicht gut gegangen mit den Wittelsbachern seither. Ihre Länder +zerfallen. Die Brüder sich zerkrallend einer den andern. Im Nordwesten, +in den flandrischen Provinzen, hatte die Mutter geherrscht, die +Kaiserin, zusammen mit Wilhelm, dem begabtesten unter den Brüdern. Sie +waren in Streit geraten, Wilhelm hatte die Mutter in jener wilden, +blutigen Seeschlacht an der Mündung der Maas geschlagen, sie war zu +ihrem Schwager geflohen, dem König von England. Sie war eine hochmütige +Dame gewesen, schwermütig, ihren Kindern fremd; ja, man hatte sich +zusammennehmen müssen, war immer beklommen gewesen in ihrer Gegenwart. +Nun war sie gestorben, müde von Hoheit, Leid und Sorgen, und Wilhelm, +der lichteste, begabteste, liebenswürdigste der Brüder, war in Tobsucht +und Irrwahn gefallen, krank an dem Zwist mit der Mutter, krank an dem +fremden Land. Nein, es stand nicht gut um Wittelsbach; jener Fluch ging, +wenn nicht seine Worte, so doch sein Sinn, in bittere Erfüllung. Er +starrte vor sich hin. Der Tod des Bruders gab ihm die Möglichkeit und +die Pflicht, das Land in den Bergen fester zu klammern, die Südmark zu +halten. Er sah auf seine Hände; sie lagen schwer, schlaff, kraftlos. Wie +soll er mit diesen Händen --? + +Unsinn. Er hat zu viel schweren Würzwein zum Frühstück genommen, das ist +alles. Das macht das Blut dick, die Gedanken trüb. Waren seine +Aussichten nicht ausgezeichnet? Der Knabe Meinhard war schwach und +leicht zu lenken. Den wird er doch, Gotts Marter, von sich abhängig +machen können. Er straffte sich, fest über der gepreßten Lippe stand der +kurze, dicke, nußbraune Schnurrbart. Er wird Wittelsbach zusammenkneten +und groß machen in der Welt. + +Er ließ sich fertig wappnen. Er hatte jetzt doppelten Anlaß, nach +München zu reiten. Seine Stimme war die alte, soldatisch knarrende. Er +befahl seinen Sohn Friedrich zu sich. + +Prinz Friedrich hatte schon von dem Tod des Markgrafen gehört. Er barst +beinahe von Plänen, von Energie. Meinhard hing an ihm mit +schwärmerischer Bewunderung. Er war jetzt durch Meinhard mächtiger als +sein Vater. Der junge Mensch, schlank und elegant von Wuchs, dunkles +Haar tief ansetzend über der breiten, eckigen, eigenwilligen Stirn, +hatte von frühester Jugend an mit Verachtung auf seine Umgebung +geschaut. Er allein war der rechte Kaiserenkel. Knirschend hatte er +gesehen, wie Wittelsbach immer kleiner zersplitterte. Hochfahrend hatte +er sich gebäumt gegen alles Reden und Tun seines Vaters, der nicht Faust +und Schenkel hatte, dieses edle, nervenfeine, widerspenstige Roß +Wittelsbach zu zähmen. Oh, er, Prinz Friedrich, hatte Griff und Gefühl +dafür, er wird es zwingen. + +So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor +seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer, +zerspalteter Liebe. Er hielt ihn für begabter und begnadeter, als er +selber war, sah in ihm seine Erfüllung, liebte sogar seine Raschheit, +seinen Jähzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn +der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden +Ausbrüchen zwischen ihnen. + +Stephan eröffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend, +Markgraf Ludwig sei plötzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung +nach München reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben. +Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschäfte führen, in +wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach München schicken. Friedrich +überlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung überlassen: +was stak dahinter? Er maß ihn mißtrauisch. Ah, der Herzog fürchtete +seinen Einfluß auf Meinhard, wollte allein nach München, Meinhard von +ihm abdrängen, ihn dort ausschalten. + +Er warf den Kopf zurück, glitt mit raschen, braunen Augen über den +Vater, sagte hochmütig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde +seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverständlich auch +nach München reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch +ein Knabe Kämmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der +Junge verrückt sei. Die andern standen großäugig, gestreckt von +Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anständige +Fürst und Herr müsse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte +drohend auf ihn los. Der Junge stand zunächst, dann wandte er sich, +wischte hinaus. Warf sich -- niemand wagte ihn zu halten -- auf ein +Pferd, jagte davon, nach Süden, nach München. + +Der Herzog lachte, zuerst ärgerlich, dann wohlgefällig. Seine Herren, +froh über diese Lösung, lachten mit. »Ein Teufelsjunge, der Friedrich!« +sagte der Herzog. »Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!« +wiederholten seine Herren. + +Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn +kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bäumende Wittelsbach +kleinkriegen? + +Er stieg zu Pferde. Schwer mit großem Troß ritt er die Straße, die Prinz +Friedrich vorangejagt war. + + * * * * * + +Dem jungen Meinhard machte der Oberjägermeister, Herr von Kummersbruck, +Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig, +umwegig. Verlorene Mühe. Der Achtzehnjährige begriff durchaus nicht, so +daß Herr von Kummersbruck schließlich schlicht und geradezu erklären +mußte: Der Markgraf ist tot. + +Meinhard schaute ihn verblüfft aus großen, runden, treuherzigen Augen +an, wälzte die Nachricht in seinem gutmütigen, dicken Kopf, schwitzte. +Er wußte durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was +er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr +anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er hätte sich als kleiner +Landbaron viel behaglicher gefühlt. Eigentlich war es wohl traurig für +das Land und für alle, daß sein Vater tot war. Denn er war tüchtig und +energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz +Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwärtig war. +Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn +gekümmert. Dieser Tod war ihm gleichgültig, kostete ihn nur Ärger, +forderte Mühe, Nachdenken. + +Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu +führen pflegte, den kleinen, langgeschwänzten Siebenschläfer, den er in +geduldiger Arbeit dressiert hatte, so daß er auf den Namen Peter hörte +und auf seinen Pfiff mit ihm aß, mit ihm schlief. Er betrachtete das +Tier aus großen, verdrossenen, unglücklichen Augen, streichelte es. + +Sehr langsam nur löste er sich aus seiner blöden, verworrenen +Befangenheit, als er sah, daß man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als +vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und höchsten Beamten bis +hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies +langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu +erhärten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich +widersprechende, schaute amüsiert zu, wie man sie beflissen ausführte, +er ließ seine Leute springen, ergötzte sich, wie ihre Gesichter immer +gleich unterwürfig und ohne Widerspruch blieben. + +Nur _einer_ ließ sich offenbar von seiner neuen Würde durchaus nicht +imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann +sah, ein unbehagliches Gefühl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit +dem Froschmaul, dem weißlichen Haar, den rötlichen Augen, war ihm immer +gefährlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht. +Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, quäkte herablassend, +väterlich: »Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den +Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen.« Er nahm mit seiner +fleischigen, gefährlichen Hand die dicke, gutmütige des Jungen, +blinzelte ihn an, gar nicht ehrfürchtig, gar nicht untertänig, eher mit +einer scherzhaften, spöttischen Überlegenheit, drehte sich um, ging, +pfiff sein Liedchen. + +Da langte stürmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang +sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war +erlöst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzählte die Geschichte +mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke +Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strömte aus, +riß den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen +blauen, schlichten, runden Augen entzückt zu ihm aufschaute, sich +glücklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schloß sich ganz +auf, erzählte auch von der unbehaglichen, überheblichen Art des +Frauenbergers. Friedrich schäumte, stampfte. Erklärte, das werde er +gleich haben. Ließ den Frauenberger rufen. Sagte ihm über die Achsel, +hoffärtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in München nicht, +beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits +auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen +Herren an, langsam, lächelnd, frech, gutmütig-höhnisch, sagte, er hätte +gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier für den ihm so huldvollen +verewigten Markgrafen mitgeholfen, fühle sich aber sehr geehrt, daß man +ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Fürstin übertrage. Er hoffe +nur, fügte er väterlich besorgt hinzu, daß die jungen Herren hier in +München ohne ihn zurechtkommen würden. Er blinzelte vom einen zum +andern, ging. + +Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und +bemühte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger +dazwischentreten könnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus +nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen +Regierungsmethode, die den Bürger ausspielte gegen den Adligen, die +Städte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zögernde, vorsichtige +Händler- und Krämerpolitik, die den Nichtritter für einen vollen +Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt +stand -- dies galt ihm für ausgemacht -- auf dem christlichen Ritter, +auf dem Fürsten, der keine andere Schranke kannte als die +selbstgewählten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Fürsten +waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren +Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter +ist, ducken, daß es nur mehr der Schemel ist für den Fuß des Fürsten. +Was Geld! Was Handel! Was Städte! Die alten, lichten Gesetze der +Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen. + +Der junge Meinhard hörte schwärmerisch den überschwänglichen +Ausführungen des andern zu. Der kam jetzt mit praktischen Vorschlägen. +Meinhard solle diese Grundsätze in seinen Ländern verwirklichen. Noch +gebe es in Bayern Barone der alten Art, die das Bürgergeschmeiß +zeitlebens mit geziemender Verachtung traktiert hätten. Meinhard solle +mit ihm und einer Anzahl dieser Aristokraten eine Jagd- und +Turniergesellschaft aufbauen auf den strengen Statuten früherer +Rittergesellschaften wie der Artusrunde und ähnlicher hochadeliger +Klubs. Aber dieser Bund solle keineswegs nur sportlichen Spielen dienen, +es solle von ihm eine Erneuerung der ganzen Nation ausgehen. Vor allem +auch solle an Stelle eines Kabinetts alter, vertrockneter Theologen und +Beamten dieser Bund die eigentliche Regierung führen. + +Meinhard war mit ganzer Seele dabei. Er hatte Angst gehabt vor dem +Regieren; jetzt war er befreit und glücklich, daß sich das so angenehm +anließ, daß man es erledigen konnte in Gesellschaft sportfreudiger +Kavaliere und Kameraden, unter Führung des genialen, herzlichen, +freundhaften Friedrich. + +Sie setzten sich zusammen, machten die Liste der Barone, die in den Bund +aufgenommen werden sollten. Ulrich von Abensberg, Ulrich von Laber, +Hippolt vom Stein zuerst. Dann der Höhenrain, Freiberg, Pinzenau, der +Trautsam von Frauenhoffen, Hanns von Gumppenberg, Otto von Maxlrain. +Mancher Name klang nicht ganz unbedenklich, erforderte, daß man ein +Langes und Breites erwog. Der junge Herzog hatte sein Murmeltierchen aus +der Tasche genommen; es saß auf dem Tisch, äugte aus dickem Kopf auf die +Schreibenden, wischte mit dem Schwanz hin und her. Die beiden Jungen +arbeiteten, daß ihnen die Schädel rauchten. + +Als am Abend Herzog Stephan eintraf, war die Regierung Bayerns so gut +wie vergeben. Friedrich hatte den Vetter dringlich gewarnt, sich vor +Herzog Stephan bis ins Letzte vorzusehen. So fand der den Neffen scheu, +störrisch. Er wollte Unterschriften von ihm unter gewisse prinzipielle +Fragen, Grenzangelegenheiten, Zollsachen. Meinhard wich aus, sagte, auf +Rat Friedrichs, er wolle zunächst warten, bis sein Vater unter der Erde +sei. Herzog Stephan wußte sehr wohl, daß Friedrich hinter diesem +Widerstand stak. Wütete, freute sich. + +Dann kam Margarete und am gleichen Tag, sehr prunkvoll, Herzog Rudolf +von Österreich. Mit ungeheurem Gepräng wurde der Markgraf bestattet. +Wieder sah Agnes von Flavon, daß Schwarz sie am besten kleidete. Von dem +Katafalk des Toten weg, von der Markgräfinwitwe weg, von den Pfalzgrafen +bei Rhein, den Herzogen beider Bayern, Österreichs weg gingen alle Augen +immer wieder zu ihr. + +An dem jungen Meinhard zerrten Margarete von Tirol, Herzog Stephan von +Niederbayern, Herzog Rudolf von Österreich, wollten Regelungen, +Verträge, Anerkenntnisse, Unterschriften. Der gutmütige, leicht lenkbare +Junge, unter dem Einfluß Friedrichs, blieb fest. Am dritten Tag nach der +Bestattung des Markgrafen wurde der Artusbund bayrischer Ritterschaft +gegründet. Meister waren Meinhard und Friedrich, Obersten die Herren von +Abensberg, von Laber, vom Stein. Mitglieder zweiundfünfzig ober- und +niederbayrische Barone. Seiner Mutter, den Herzogen, die an ihm zerrten, +erwiderte Meinhard, er sei durch Rittereid gebunden, nichts Endgültiges +zu sagen und zu tun, ohne seine Freunde und Vertrauten, die Herren vom +Artusbund, zu befragen. Verblüfft standen Stephan, Margarete, Rudolf. +Wer war diese Adelssippschaft, die die Hand auf den Jungen gelegt hatte? +Mißtrauisch beschnüffelte einer den andern. Nur Stephan witterte +sogleich das Rechte. »Der Teufelsjunge!« wütete er, vergnügt. + +Ulrich von Abensberg war verheiratet mit der älteren Schwester der Agnes +von Flavon-Taufers. Durch ihn lernte Friedrich Agnes kennen. Schwärmte. +Agnes sah wohlgefällig auf den jungen, schlanken, trotzigen, +ungebärdigen Prinzen. Sie übernahm das Patronat des Artusbunds. War +zugegen, als die Fahne des Bundes geweiht wurde, die ihre Farben trug. +Sie sagte zu Friedrich: »Ihre Politik, Prinz Friedrich, kann man mit dem +Herzen mitmachen.« Er sprach die Formel vor, aus dem Innersten, als sich +die Fahne vor ihr senkte: »_Pour toi mon âme, pour toi ma vie._« Sie +ging unter den klirrenden Herren herum, hatte liebenswürdige Worte, für +jeden einzelnen persönlich zugeschnitten. Ihre länglichen, blauen Augen +waren oft und einverständnisvoll auf dem schlanken, schwarzen Friedrich, +ihre schmalen, kühnen Lippen lächelten dem Abensberger zu, mit den +langen, weißen Händen streichelte sie das Murmeltier Herzog Meinhards. +Alle waren begeistert und beglückt. + + + + +»Darf ich Eurer Durchlaucht Bericht erstatten,« sagte der Frauenberger +zu Margarete, »wie der Markgraf starb?« + +Margarete war sehr dick geworden. Schlaff hing, in wüsten Falten, von +dem äffisch sich wulstenden Maul die Haut herunter; weiter oben war sie +voll von Rissen und Warzen, die die Schminke nicht mehr verdecken +konnte. + +»Ja,« sagte der Frauenberger und feixte, »der Markgraf war vergnügt wie +selten, als wir aufbrachen. Wir hatten getrunken, er und ich. Ich hielt +mich immer bei ihm. Er fiel vom Pferd zur Seite. Er war nicht sehr +entstellt. Es ist sonderbar, daß ihn in der Nähe Münchens der Schlag +rührte. Ganz wie den Papa.« + +Margarete erwiderte nichts. Ihre sonst so erfüllten Augen blickten starr +und leer. »Na, na, Herzogin Maultasch,« quäkte Konrad, »wir werden es +mit dem Meinhard nicht schwer haben. Ein bißchen scheu, aber ein guter +Kerl. Der Niederbayer hetzt ihn auf, der Friedrich, der Schwarze, der +dumme Junge. Abwarten! Nicht bange werden. Einen Kuß hab' ich wohl +verdient,« grinste er. Aber wie der Atem seines breiten Mundes ihr näher +kam, zuckte sie zurück, überschauert. »Na, dann nicht,« sagte er +gemütlich. + +Mit Herzog Rudolf von Österreich war auch der uralte Abt Johannes von +Viktring nach München gekommen. Er war nun ganz wackelig geworden, +ausgehöhlt, zitterig, hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen, +mummelte gelegentlich Unverständliches vor sich hin. Er streichelte +Margarete, seine Haut war noch trockener als die ihre, er nannte sie: +»Mein gutes Mädchen.« + +Später ließ sie ihn zu sich bitten. Erzählte ihm von dem mattfarbenen +Fläschchen, ihr Gespräch mit dem Frauenberger, Wort um Wort. Es war +keine Beichte und mehr als eine Beichte. Er hockte da, verschrumpft, +erloschen, sie wußte nicht, ob er verstand. Dies war auch gleichgültig; +wichtig war nur, vor lebendigen Ohren zu reden. Doch als sie geendet, +zitierte er einen antiken Klassiker: »Viel Furchtbares ist in der Welt, +doch nichts furchtbarer als das menschliche Herz.« + +Agnes wich dem Frauenberger aus, war kalt zu ihm, spöttisch. Er sagte +behaglich: »Sie sind schlechter Laune, Gräfin? Mein Gesicht gefällt +Ihnen nicht mehr?« Dann klopfte er sie auf die Schulter, grinste, +quäkte: »Bist doch eine Gans, Agnes. Hältst dich an die Jungen, die +Gecken. Glaubst, das alte Schiff ist leck. Bist eine gute, dumme Gans, +Agnes.« Er tätschelte sie, tastete sie ab. Da sie sich ihm entzog, +lachte er gemütlich, streckte sich aufs Polster, drehte sich um, gähnte +lärmvoll. + + * * * * * + +Herzog Rudolf, der Habsburger, griff gierig nach den Dokumenten, die ihm +sein Kanzler, der kluge Bischof von Gurk, bedeutsam feierlich +überreichte. Er vertiefte sich in sie, las wiederholt, fieberisch glühte +der sonst so ruhige, beherrschte Mann. Er streichelte die Papiere. Hörte +auf die Erklärungen, die ihm der Kanzler, der juristisch ungewöhnlich +gebildete Bischof, vortrug. Von wie ungeheuern staatsrechtlichen Folgen +die Auffindung dieser Dokumente sei. Er las nochmals. Küßte feierlich +fromm die Pergamente, kniete nieder, betete. Drückte dem Bischof, der +gesammelt dastand und sich kein kleinstes Lächeln gestattete, voll +heftigen, erregten Dankes die Hände. + +Herzog Rudolf hatte von seinem Vater den harten Tatsachensinn geerbt, +den klaren Blick für Realitäten, Möglichkeiten. Er wußte, daß Habsburg +noch nicht stark genug war, die Verpflichtungen der Kaiserwürde zu +tragen, ohne im Innersten Schaden zu nehmen. Die Wahrung des +kaiserlichen Ansehens zwang zu Zersplitterung, sog am Mark. Wittelsbach +und Luxemburg hatten es spüren müssen. Es gab nur eines: vorläufig auf +diesen äußeren höchsten Glanz klug verzichten, sich aber im Innern so +festigen, daß die Kaiserkrone schließlich wie von selbst Habsburg als +dem Stärksten zufallen mußte. Dies war die Politik, die Albrecht mit so +großem Erfolg vorgelebt hatte. + +Rudolf sah klar und nüchtern, daß es für ihn einen andern Weg nicht gab. +Eisern zwang er sich, dieses Maß zu halten. Aber er besaß nicht den +ruhevollen Sinn seines Vaters, des Lahmen, der am Bewußtsein der realen +Macht sein Genüge hatte. Ihn brannte es, daß ein anderer da war, der vor +ihm saß, der sein Lehensherr war, der sich, und mit Recht, Römischer +Kaiser nannte. Wer war denn dieser Karl, der Duckmäuser, der hagere, +hohlwangige, mit seinem krausen, schmutzigen Vollbart? Er besaß Land wie +jener, hatte wie jener Universitäten gegründet, Kathedralen, Paläste, +die Universität Wien, den großen Dom. Jener hatte rechtzeitig die +glückliche Gelegenheit gepackt, sich die Krone zu sichern; jetzt wäre es +Unsinn gewesen, Kraft und Macht um dieses äußere Zeichen zu verzetteln. +Aber alle Vernunftgründe hinderten nicht, daß es Rudolf kratzte, nagte, +brannte, schnitt, den andern über sich zu wissen. + +Er war zu stolz, seinen Kanzler solche Gedanken merken zu lassen. Aber +der kluge Bischof erriet sie, erwog, wälzte in sich, wie er dem Fieber +seines Herrn die kühlende Salbe schaffen könnte. + +Plötzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von +Viktring, mit dem er gern zusammensaß, hatte ihm eben gute Nacht gesagt. +Der Abt schloß sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu +arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer +genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er +nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines +Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid +schwören müssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen +Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt +als letzte Wahrheit wie das Evangelium. + +Wie jetzt der Abt sich zurückgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: »Was +der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur +Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden +anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt +auf Papier. Der Böhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um +seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in +Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?« + +Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog +Albrechts. Wie da der Abt verkündet hatte: _Defunctus est Albertus de +Habsburg, imperator Romanus._ Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in +Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag +und Nacht brenne es. Der Uralte hörte zu mit erloschenen Augen. Der +Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte. + +Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei +seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestöbert. Verstaubt waren +sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die köstlichen Pergamente. +Unbegreiflich. + +Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit +mehr als bloß historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang +waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mächtigen Sockel +zu stellen, unmittelbar neben den Römischen Kaiser. + +Fieberisch erregt prüfte Rudolf die Papiere. Es waren fünf Urkunden. Sie +waren ausgestellt von Römischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem +Vierten Heinrich, gingen zurück bis auf Cäsar und Nero. Sie bestimmten, +daß Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen +Fürstengeschlechtern, befreiten es von lästigen Pflichten, begabten es +mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem, +oberstem und treuestem Fürsten. + +Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst, +feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurück. Da hob +Rudolf die Papiere vom Tisch, drückte sie an seine Brust, sagte fest, er +sei gewillt, die Würden und Verantwortungen, die Gott durch diese +Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen. + +Mit gewaltigem Schwung verkündete er aller Christenheit die Auffindung +dieser Hausprivilegien. Große Gesandtschaften an Papst, Kaiser, +sämtliche Höfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen +Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, ließ das Zimmer, in dem er geboren +war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese +Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln. + +In den Kanzleien der deutschen Fürsten gab es verblüffte Gesichter. Die +Juristen des Böhmen, des Brandenburgers, des Pfälzers schrieben sich, +kamen persönlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden, +schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es +auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist +Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es +geprägt, klar, unzweideutig: Die österreichischen Hausprivilegien sind +Schwindel, lahme Fälschungen. Allein man traute sich nicht, das +Gutachten des Welschen zu verwerten. + +Tief mißvergnügt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu. +Fast verleidete es ihm seine Reliquien, daß nun auch der Nebenbuhler +solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der +Schriftstücke, vor allem die Urkunden Cäsars und Neros schienen ihm +trotz ihrer einwandfreien Latinität bedenklich. Aber gleichwohl, sogar +nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber +nicht, die Pergamente schlechthin für Fälschungen zu halten. + +Herzog Rudolf saß über seinen köstlichen Dokumenten, las sie wieder und +wieder, vertiefte sich, prägte jeden Schnörkel, jede Faserung des +Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu. +Einverständnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der +Herzog die Privilegien in sein Credo einschloß. + + * * * * * + +Margarete blieb, nach Tirol zurückgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden +Erstarrung. Sie kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Die +Dekrete mußten durch Kuriere dem jungen Herzog nach München geschickt +werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die +Räte regierten auf eigene Faust, zögernd, mit halben Maßnahmen; denn man +wußte nicht: wer wird nun endgültig die Herrschaft an sich reißen, +Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Münchner Artusrunde? Die +wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt. + +Margarete war ausgeschöpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so +unerhörter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert +worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede +erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft, +Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und +Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben +Freuden, von denen sein unflätiges Lied grinste, und sonst nichts auf +der Welt. + +Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, häßliche Frau ihr +Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie saß viele +Stunden bei Tisch, in ihren Küchen wetteiferten burgundische, +sizilianische, böhmische Köche. Aus großen Bechern trank sie schwere, +hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mußte sie kosten. +Seltene Fische, Vögel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung, +gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Würzwein. Unersättlich +verlangte sie, daß man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst, +sie könne etwas übersehen, etwas versäumen. Sie ging früh zu Bett, stand +spät auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das +beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewöhnt, sich zu strecken, +lärmvoll zu gähnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke, +alternde Frau, grauenvoll häßlich, schnarchend. Ihr hartes, +kupferfarbenes Haar zottelte in spröden Strähnen. Über dem Gesicht trug +sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus +Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jünger. + +Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die +Maultasch war ein vernünftiges Weib, hatte sich überzeugen lassen, hatte +erkannt, daß seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr +anerkennend die Schulter. Übernahm die Organisation ihrer Freuden. + +Seltsame Gerüchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um +nächtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster +von Schloß Tirol so eingerichtet, daß er in den Hof niedergelassen, der +Besucher in ihm emporgewunden werden könne. Im Fällturm des Schlosses +faulten die Günstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man +rümpfte die Nase über die Privilegien des Passeier Tals, seine +Schildhöfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd- und Holzrechte. + +Die Herzogin ging tiefer nach Süden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz +weiß; unten, schwärzlichblau, dunstete in mittäglicher Sonne der +weite See. Verfallene Steinstufen führten hinunter, zwischen +Granatapfelbäumen. Festlich auf großer, bunter, geschmückter Barke glitt +die Häßliche über das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen +flirrende Fische, gleichmäßig schäumten die Ruder. Aus dem Bauch des +Schiffes, während sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik. + +An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige, +gewalttätige Junge, gelblichweißes, leidenschaftliches Gesicht, kurze +Nase unter raschen, großen, dunklen Augen, siebzehnjährig, hatte sie in +Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jüngere, der +mächtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerüstet. Der kleine +Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrünstigen Kämpfen der +Castelbarcer als einziger Träger seines stolzen, reichen Namens +übriggeblieben. Er selber hatte wütig in mehreren Scharmützeln +mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Güter in den +Händen der Gegner; er hatte sich an den Hof des großen Veronesers +geflüchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte +Nachfahr seines uralten Hauses. War maßlos verwöhnt, jeder Wallung bis +an die äußerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes, +gelblichweißes Knabengesicht. + +Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des großen della Scala die +Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfürchtigen Gerüsteten +und sich senkenden Fahnen, unter Glockengeläut, starr geschminkt, in +mächtigem, stein- und goldübersätem Prunkkleid, abenteuerlich häßlich. +Er spürte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte +natürlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehört, die um sie +gingen, wie sie, die Unersättliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren +zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in +grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hieß sie in Italien. Es +schmeichelte ihm, daß sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die +er, vielleicht, seine Gegner erdrücken konnte. Ihn reizte das +gefährliche Gerücht, das um sie ging. Er war jung, ein später Abkömmling +eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Häßlichkeit. + +Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem +Knaben Aldrigeto. Es war brütend heiß, sie waren auch die Nächte fast +immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen +Halbinsel am südöstlichen Ufer, unter den Trümmern lateinischer Villen, +zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hängematten, unter Moskitonetzen. +Schwärzlichblau, ehern lag der See. + +Es geschah das Seltsame, daß der wilde, gelblichweiße Knabe die Häßliche +zu lieben begann. Er war schön, schlank, gelblichweiß wie die +zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den Ölbäumen herumstanden. +Sie war ein großes, mächtiges, starres, zaubervolles, häßliches +Götzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heißen Mädchen, die +schwerer atmeten, wenn er in ihre Nähe kam? Gänse waren sie, leer und +dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas +ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des +Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rätselvollen, machtvollen, +einsamen Besonderheit. Er hängte alle seine Träume um sie herum. Längst +war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn +er ihr vorschwärmte von dem großen Reich, das er zusammenschweißen +wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige, +starre, unsäglich häßliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, daß er +mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn +panisch, überschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlöslich. So waren +sie zusammen in dem brütenden Mittag, die Herzogin, ein großes, tristes, +altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben +zahlloser Kämpfe, träge von endlosem Erleben, und der Knabe, +palmenschlank und biegsam, der letzte, späte Enkel der ungeschlachten +Eroberer, mit heißen, dunkeln Augen aus dem weißen Gesicht in eine +Zukunft schauend, die für jene Vergangenheit war. + +Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff über ihre +geschminkten Finger. Ihr weiter, wüster Mund nahm die glasklaren Kerne +auf, sie zerspritzten unter ihren schrägen, großen, malmenden Zähnen. +»Wie seltsam!« dachte sie. »Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht. +Es scheint fast, er hält sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt +geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich.« Sie +dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand über +Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jähen Bewegung warf der +Knabe den Kopf herum, biß sie in die Hand. Dann lachte er, nicht +bösartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die +stillen, trägen, seligen Ufer des Sees. + +In Tirol indes, während die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um +sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hieß es, sie sauge +den Männern nächtlich das Blut aus, sie könne an zwei Orten zugleich +sein; in Tramin hatten sie, während sie leibhaft in Verona war, ein Weib +auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer öfter mußte die +Obrigkeit Leute stäupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin +gesprochen hatten. + +Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag, +Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bäumen hin, dann war der See +plötzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, überfrostend aus dem +warmen Hindämmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank, +schön, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn +trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehöhlt, sich +daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist +das Beste. Mit einem matten Verlangen wünschte sie nur eines: immer so +bleiben, immer so dahindämmern in dem brütenden Sommer, schlaff, still +verdunsten wie das besonnte Wasser. + + * * * * * + +Die Münchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich +mittlerweile konstituiert. Mit großem Zeremoniell vollzog sich +Gründungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder, +Fahnenweihe, Krönung der Agnes von Flavon zur Königin des Bundes. Dann +ein großes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden. + +Den jungen und gewalttätigen Herren des Bundes behagten die Grundsätze +des Prinzen Friedrich außerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie +waren die Welt. Sie waren erfüllt von einem unbändigen Herrentum, +randvoll von dem Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben, +einen endlosen, lustigen Lärm zu machen. Die Welt anzufüllen mit ihrer +Jugend, die nicht wußte wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft, +ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich +diesem vagen, gewalttätigen Drang einen schönen, klingenden Namen +gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen, +übermütigen, rauflustigen Barone fühlten sich plötzlich als Träger einer +Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht für sich, waren glücklich. + +Wo soff und fraß man so gewaltig wie am Münchner Hof? Wo gab es größere +Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelärm? Die +Brocken für die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gäste +herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Fürsten. +Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, daß sie Wildfremde +anfielen: »Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon?« und wenn der +Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie +brannten nach ihren Jagden Bauernhäuser, ganze Forsten nieder zur +festlichen Beleuchtung ihrer nächtlichen Gelage im Freien. + +Die höfischen Tänze waren zu fein und zu umständlich. Die Sackpfeife +quäkte an Stelle der Flöte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel. +Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere +plumpe, ungeschlachte Tänze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend, +unflätige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bären, hob die Frauen hoch, +daß die Röcke über den Kopf flogen, streckte sie unter maßlosem +Gelächter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Würfel, sinnlos, +erhitzt, verspielte Höfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht +zurück, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten +Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe, +schmutzige Lieder, durch die nächtlichen Gassen Münchens grinste, +kreischte in gröhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den +sieben Freuden. + +Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmütig, dümmlich und vergnügt in +dem tosenden Getriebe herum, fühlte sich stolz als der Mittelpunkt +dieses festlichen und berühmten Geweses, das in seinem Namen +veranstaltet wurde. Lächelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei +alles wieder besonders gut geglückt. Blickte schwärmerisch zu dem +schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen +Siebenschläfer Peter, erzählte dem aufmerksam blickenden Tierchen, daß +er sich sehr wohl fühle, daß das Regieren eine leichte, einfache Sache +sei, viel angenehmer als er erwartet habe. + +Agnes ließ sich lässig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem +Überschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und +dort eine sprödere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges, +trockenes Fältchen in der Lippe, am Aug', ein gebleichtes Haar, spürte, +wie ihre Bewegungen um ein kleines mühsamer, träger, fetter wurden. Sie +brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als +Bestätigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geräuschvolle Anhimmelung, +sie schwamm darin, sie ließ sich von der hemmungslosen Anbetung des +Prinzen Friedrich wohlig überspülen. + +Der Prinz von Bayern-Landshut vergaß über dem Getümmel nicht seine +politischen Pläne. Er sah nicht Lärm und Roheit, er sah Macht; er sah +nicht Völlerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den +Führern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein riß er +die Leitung der ganzen Geschäfte an sich. Der junge Herzog vertraute +ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel, +auf der Jagd wurde regiert. Hochmütig, zwischen zwei Bechern Weins, +wurden Städten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron +auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des +Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die +Hofhaltung Meinhards, die Vergnügungen der Tafelrunde waren +außerordentlich kostspielig. Die Domänen wurden vergeudet, die Zölle, +Gefälle, Gelder der Städte den öffentlichen Bedürfnissen entzogen, für +die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhöht. Der +Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen +suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde +überfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz, +später willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die +Unsicherheit der Straßen. + +Die Städte murrten, die Bauern stöhnten. Die Tiroler Herren standen an +den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, untätig noch, aber mit +drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der +Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er +war indes keineswegs gekränkt, machte Späße, stachelte an; es war nicht +zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan +schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft +Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurück. Prinz +Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln. + +Auch der Habsburger, wiewohl er klüger und leiser sondierte, fuhr in +München nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bündnis mit dem König von +Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben +forderte er Meinhard auf, in dieses Bündnis einzutreten, den Kaiser für +den natürlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz +Friedrich, im Verfolg maßlos dünkelhafter Prestigepolitik, erachtete +keinen Reichsfürsten, sondern nur den Römischen Kaiser für Wittelsbach +gleichbürtig, alliierte sich nicht mit einem gewöhnlichen +Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmaßlichen Habsburger. Nein, +Wittelsbach stand, und mochten auch politische und ökonomische Gründe +dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen +ihm ebenbürtigen Deutschen, zum Römischen Kaiser. + +Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger +Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten, +Treuesten Fürsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte +Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das +geheime, bösartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des +Österreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den +durchlöcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden +Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag. + + + + +Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Südosten des Sees der uralte +Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrüdern und +führte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, »Das Buch +gewisser Geschichten,« das er nun endgültig abgeschlossen hatte. + +Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so +vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schönen Versen +begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch +geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er +geschildert. Zudem hatte er erfahren, daß ein Italiener, ein gewisser +Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und gründlich +angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt über +Wallungen und eitlen Erregungen des Gemüts stand, so hatte es ihn doch +verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfähigen +Männern sehr rühmen hörte. Der ehrsüchtige welsche Literat machte es +sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken +Effekt hinzielenden Schilderungen, während er, der verantwortungsvolle +Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk +als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den +großen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretär mit einem +wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: »Ich aber +überlasse es späteren, die zukünftigen Ereignisse besser zu berichten, +und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens +selbst gern möchte, in guter und der Geschichte würdiger Weise.« Er +mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretär die dürre Hand +auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten +Satz: »Sollte es aber weniger gut geraten sein, so möge es mir verziehen +werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren +Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle +Ewigkeit. Amen.« + +Und jetzt also saß der Uralte unter Oliven und tausendjährigem Gemäuer +und überreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schülerin +Verständnis erhoffend. Margarete lag in der Hängematte, schüttete +gekühlten Orangensaft in ihren großen Mund; faul, schlank, weiß dehnte +sich der Knabe Aldrigeto, träg sich moquierend über den zahnlosen Greis. + +Als der Abend kam und es kühler wurde, ließ sie sich von dem Bruder +Sekretär vorlesen. Die geübte, dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers +rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anführung vieler Zitate +sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts +bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte +Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von großen +Männern als ihr Gedächtnis, das gleich ist dem Duft, den mit Äpfeln +beladene Schiffe auf unserm Ufer zurücklassen, wenn die Schiffe schon +weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das +Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Kürze des +menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit der Natur, der Unbeständigkeit +des Glücks, dem schnellen und flüchtigen Wechsel irdischen Ruhmes. + +Margarete dachte: »Das alles weiß ich, und es trifft mich nicht mehr. +Mein Programm liegt hinter mir.« Aber mählich, wie die dunkle, +gleichmäßige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfältigen +Begebnissen, wie die bunten, einfältigen, schlauen, frechen, milden, +großen, kleinen Historien einander ablösten, alle abgekühlt, gut +gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die +folgende, mählich da riß es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten +Strom der Zeit. Meinhard, der große Graf von Tirol, der starke, schlaue, +unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange +getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art +zusammenzukneten. Diese Städte, die als kleine, lächerliche Siedlungen +begonnen: sie hatte das ihre getan, sie groß und blühend zu machen. + +Und jetzt war sie aus dem breiten, fließenden Strom ausgeschieden, +abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der +kleinen Halbinsel kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Die Ölbäume, +das alte Gemäuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere, +dumme, protzige Dekoration? Wie war es möglich, sich zu verstecken in +dem toten, brütenden, einsamen Sommer, während draußen heftige, wilde, +zerstörerische Dinge geschahen, in ihrem Land, während die deutschen +Fürsten sich balgten um ihren armen, lächelnden, blöden Sohn? Was hatte +sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hübschen, kleinen Jungen. + +Den ganzen andern Tag las sie in dem »Buch gewisser Geschichten«. Der +Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die größere Hälfte +mit zitternder Hand verschüttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte +sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu +sprechen. + +Nahm mit einem tiefen, gütigen Lächeln leichten Abschied von dem Knaben, +strich über sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein +gelblichweißes, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurück +sein. Der Knabe ließ sich ihre Zärtlichkeiten faul gefallen, preßte +plötzlich mit kräftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, ließ +sie lächelnd fahren. + +In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung. +Der kluge, mächtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man +konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit +dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter, +freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten +wolle, möge Herr della Scala ihr die Gefälligkeit erweisen, dafür zu +sorgen, daß jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren, +braunen, gewölbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam +und verständnisvoll an, neigte sich höflich. + + * * * * * + +Aus brütender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die +frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrüßte sie ohne Schwung. +Das Land litt. Die Münchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der +Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, preßte experimentierend hier +und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Städte verfielen, +der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. »Die Maultasch macht uns kaputt,« +hieß es. »Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist, +erweist es sich klar, daß alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von +ihr.« + +Margarete, mit kräftiger Hand, riß die Zügel an. Rottete die schlimmsten +Übelstände aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von München +kamen. Das Volk atmete auf: »Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon +eingegriffen! Die schöne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere +Retterin.« + +In der Loggia von Schloß Schenna saß mit dem Schloßherrn Margarete. An +den Wänden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blühenden Tal, der +Löwenritter. »Wie gut, daß Sie aufgewacht sind!« sagte Herr von Schenna. +Hell und freundlich lagen die Berge, sich drängend, gewellt. Frischer +Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt. + +»Warum haben Sie mich nicht früher geweckt?« sagte Margarete. + +»Sie mußten durch diesen Sommer allein hindurch, Herzogin Margarete,« +sagte Schenna. + +Der Frauenberger quäkte: »Wie schade, daß Sie schon Schluß gemacht +haben, Herzogin Maultasch! Er war ein hübscher Junge, gelblichweiß, +südlich. Und Ihnen so hemmungslos ergeben. Das findet sich nicht alle +Tage. Was haben Sie hier? Arbeit, Dreck, Mist. Hätten Sie die Münchner +Lausbuben ihren Fasching ruhig zu Ende hetzen lassen. Die wären schon +von allein an ihrer Tollheit erstickt.« + +Die Herzogin fuhr beschwerlich in schneereichem Januar nach München, +sich das Gewese der bayrischen Artusrunde an Ort und Stelle zu +beschauen. Mit Mißtrauen, Zurückhaltung, starrer Höflichkeit wurde sie +in der Hauptstadt empfangen. Meinhard, als sie fester zupacken, klare +Auskunft von ihm haben wollte, drückte herum, blöde lächelnd, sagte, er +regiere zusammen mit seinen ritterlichen Kameraden, stammelte etwas von +Weiberregiment, warf sich schließlich in die Brust, ein paar Worte des +Prinzen Friedrich von den aristokratischen Grundsätzen deklamierend, die +an Stelle des jämmerlichen, krämerhaften, modernen Pöbelregimes gesetzt +werden müßten. Sie hatte eine Unterredung mit dem Landshuter Prinzen. +Der erklärte ihr schlank, kühl, höflich, hochmütig, seines Wissens sei +Herzog Meinhard mündig. Es stehe bei ihm, wem er sein Siegel anvertrauen +wolle. Ihr mütterlicher Rat werde stets gehört werden. Weiter kam sie +nicht. + +Überall stieß sie auf Agnes. Ihre Farben, ihre Sitten, ihre Launen, +Moden, Neigungen gaben dem Hof sein Gesicht, bestimmten die Regierung +des Landes. + +Agnes machte der Herzogin den Besuch, den die Etikette verlangte. +Schlank, schlicht saß sie vor der häßlichen, plumpen, geschminkten, +prunkenden Margarete. Ihre tiefen blauen Augen lächelten höflich in +selbstverständlichem Triumph in die erfüllten, dringlichen, drohenden +der andern. Im Kamin brannte ein starkes Feuer, der Duft des +verbrennenden Sandelholzes füllte den großen, dunkeln Raum. + +»Sie leben jetzt immer in Bayern, Gräfin Agnes?« fragte Margarete. + +»Durchaus nicht, Frau Herzogin,« erwiderte Agnes, und ihre etwas scharfe +Stimme stach grell ab von der warmen, dunkeln Margaretes. »Ich +beabsichtige schon in den nächsten Wochen nach Taufers zu gehen. Nötig +freilich ist meine Gegenwart nicht. Ich habe tüchtige Beamte; auch hat +Herr von Frauenberg die Liebenswürdigkeit, sich der Verwaltung meiner +Güter anzunehmen.« + +Die Herzogin betrachtete Agnes still und aufmerksam. Sie war ein klein +wenig voller geworden; aber ihre Haut war ganz glatt. Sie saß leicht und +elastisch; der Hals stieg zart und ohne Falte aus dem dunkeln Kleid. Die +Verehrung all dieser Jugend war ihr offenbar ein feiner Jungbrunnen, +besser als Bad und Schminke. So sicher und voll Sieg saß sie, daß kaum +mehr Hohn um ihre schmalen Lippen war. + +»Sie beschäftigen sich neuerdings viel mit Politik?« fragte Margarete. + +»Nein, gnädige Frau,« sagte Agnes, sie war sehr aufmerksam jetzt und auf +der Lauer. »Der Herr Herzog und Prinz Friedrich fragen mich zuweilen um +meine Meinung. Ich halte dann nicht zurück; warum auch sollte ich? Aber +es ist die Meinung einer törichten Frau und will nicht mehr sein.« Sie +sprach außerordentlich verbindlich. + +»Ich halte Ihre Meinung nicht immer für die rechte, Gräfin Agnes,« sagte +Margarete. »Ja, ganz ehrlich, ich bin überzeugt, daß sie dem Lande +zuweilen schädlich ist. Ich will Ihnen etwas vorschlagen,« sagte sie +heiter, fast scherzend. »Wie wäre es, wenn Sie Ihre Meinungen auf Bayern +beschränkten?« + +Agnes erwiderte sehr angeregt, mit der gleichen, leichten, herzlichen +Munterkeit wie Margarete. »Sie sind mein Souverain, gnädige Frau. Aber +ist nicht auch Herzog Meinhard mein Souverain? Wenn er nun meine Meinung +über eine tirolische Angelegenheit durchaus hören will? So freudig ich +jedem Wunsch Eurer Durchlaucht folge, wenn der Fürst meine gewiß +törichte Ansicht verlangt, darf ich sie ihm verweigern? Und es kostet +Sie doch gewiß nur einen Hauch, und mein albernes Gerede ist +weggeblasen.« + +Die beiden Damen schauten sich an, beide lächelten. Der Sieg um die +Lippen, in den Augen der Schönen war vielleicht um eine Spur satter +geworden. Dann sprach man von anderem. Von den baulichen Veränderungen +der Münchner Hofburg, von den Haarnetzen, die jetzt wieder aufkamen von +Prag her. Margarete hatte ein schweres, goldenes Gewebe über ihre +spröde, harte, gefärbte, kupferne Frisur gelegt. Agnes fuhr sich lässig +über ihr starkes, leuchtendes Haar; sie konnte sich mit der neuen Mode +nicht befreunden. + + * * * * * + +Kaiser Karl residierte in großem Prunk in Nürnberg. Hielt Galatafel, +Turnier. Empfing die Ratsherren der Stadt. Fremde Künstler, Gelehrte. +Hatte mit ihnen lange, behaglich interessierte Gespräche. Ruhte fern +seiner Hauptstadt von den Geschäften aus. Nahm teil an den großen +Faschingsfesten, die die reiche Stadt zu Ehren der Römischen Majestät +rüstete. + +Der Bart des Kaisers, ein stumpfer Keil, begann sich stark zu verfärben, +die Haut des hageren Gesichts wurde grau, zerknitterte. Aber lebhaft, +schlau, sehr wach blickten über der etwas platten Nase die raschen +Augen, der lange, knochige Körper war schnell, sicher. + +Der Kaiser war sehr vergnügt. Er hatte zugewartet, bis er ganz fest in +der Macht saß. Erst dann hatte er ein Kind gezeugt. Gott hatte seine +abwägende Vorsicht gesegnet: es war ein Sohn geworden, ein schwerer, +gesunder Knabe, dem er das Reich vererben konnte. Der beglückte Vater +hatte das Gewicht des Kindes in lauterem Golde als Weihgeschenk nach +Aachen gesandt; dann war er unter seinen Reliquien gekniet und hatte den +Gebeinen verkündet: »Ich, Karl der Vierte, Römischer Kaiser, habe einen +Sohn und Erben. Ihr lieben, verehrten Heiligen, ihr hocherlauchten +Märtyrer! Betet für Wenzel, meinen Sohn!« + +Heiter jetzt saß er in Nürnberg, freute sich seiner Dichter und +Architekten, vermied Politik, sprach mit seinem Kanzler, dem +vielerfahrenen, weltläufigen Theologen, leicht und frei über menschliche +und göttliche Dinge, vermehrte seinen Besitz an Reliquien und sonstigen +Kostbarkeiten, erlustierte sich an Schlittenfahrten, Mummenschanz, +Turnier. + +Unerwartet in diese unbeschwerten Tage brach die Herzogin Maultasch. +Tief erstaunt waren der Kaiser und seine Herren. Margarete hatte, +seitdem Karl sie in Schloß Tirol belagert, zu ihm nur kühle, sehr +förmliche Beziehungen unterhalten. Ihre Ankunft, schrieb der Kanzler +seinem Freund, dem Erzbischof von Magdeburg, sei eines der fünfzehn +Wunderzeichen vor dem Jüngsten Tag. Er machte sich weidlich lustig über +die deutsche Messalina, diese moderne Kriemhild, die da zu Hofe fahre, +nachdem sie ihr Leben hindurch um ihrer eigenen Liebe und Hasses willen +Land und Leute in Kummer und Elend gestürzt. Er schilderte, wie sie beim +Turnier in der Loge saß, neben der schönen Prinzessin Hohenlohe, die +plumpe Frau, bewarzt wie eine Kröte, dick wie ein Bierbrauer. + +Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwägerin mit Wohlwollen +und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als +er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute +Gespräch mit ihr geführt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber +doch wohl eben nicht maßvoll genug. Sie hatte unersättlich von allem +haben wollen, so war ihr schließlich alles zerronnen. Er hatte sein +Temperament klug gezügelt, er war Römischer Kaiser und hatte einen Sohn, +dem er eine festgefügte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum +in der Welt, ein schwächlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre +Länder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wußte. +Sie hatte seinen Bruder Johann höhnisch, schmählich aus Schloß Tirol +ausgesperrt; man mußte es dann vor der Kurie so drehen, als könnte aus +der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich +nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns +vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann? + +Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demütigung +still hin, mit einer geschäftsmäßigen Ruhe, die sie vielleicht von dem +Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die +Einleitungsformalitäten ruhig über sich ergehen läßt, um nur ans Ziel zu +kommen. Dann klagte sie. Klagte über die törichten Gewalttätigkeiten der +Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hörte zu; in ihm +grinste eine jungenhafte, hämisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er +versicherte ihr sein persönliches Interesse, betonte aber, er habe sich +jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung für einige +Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine +Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag +zurückgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwägung ziehen. Auch bei einem +wiederholten Vorstoß erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich +umsonst gedemütigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren +Schwächung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralität zuzuschauen. + +Im übrigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer +übertriebenen, amüsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete +früher aufs Blut gereizt hätte. Es würzte ihm die gehobene Heiterkeit +seiner Ferien- und Faschingstage, sein Glück, seine Erfolge zu +unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten +Ehrgeizigen. Fast gutmütig scherzte er mit seinem Kanzler über die +Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht, +schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk +staunte sie groß an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Städte. +Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reißen. So angefüllt davon +war sie, daß sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und +der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals. + + * * * * * + +Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin +hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf +Umwegen, ihre Niederlage einbekannt. + +Agnes wußte, daß die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer +halten konnte. Die Städte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund +angehörte, bäumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger, +drohend der Wittelsbacher. Drängte jetzt noch von Süden her die +Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu +wollen. + +Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig +stand er, deklamierte überzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er +gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos +mit seinem jovialen, gefährlichen Lächeln den ganzen knabenhaften +Überschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, träges +Seufzen, strich dem Prinzen über das dunkle Haar, begann vorsichtig eine +Aussöhnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, daß +Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie +gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekränkt, daß sie ihm +das zumute. Agnes schwieg, lächelte mit ihren kühnen Lippen, fuhr fort, +sein Haar zu streicheln. + +Wenige Wochen später schlossen Stephan von Niederbayern und die +Pfalzgrafen Ruprecht der Ältere und der Jüngere bei Rhein einen Bund mit +Rat und Bürgern von München und elf anderen bayrischen Städten sowie mit +zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter +hießen und den Herzog Meinhard seinen Ländern und Leuten entfremdeten. +Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines +Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklärten das +Regierungssiegel des Artusbundes für ungültig, die Gesetze und +Verordnungen, die jene erlassen hätten, für kraftlos. Sie verpflichteten +sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreißen, in welche jene ihn +gestürzt, dahin zu wirken, daß er seine fürstliche Gewalt besser +wahrnehme und handhabe. + +Die Artusbrüder machten große, grölende Worte, nahmen ein paar Münchner +Bürger als Geiseln fest, erklärten, sie würden die Meuterer an den +Beinen aufhenken lassen wie räudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen +Städten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und +gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprügelt. +Die Münchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mißhandelte +sie, hieß sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmählich aufgehängt. +Das verhinderte nicht, daß die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger +wurden, während im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die +trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulösen. +Im großen Saal der Münchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten +Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog +Meinhard stand benommen, erhoben, dümmlich und überflüssig bei diesem +Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann +schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie würden sich nicht +unterwerfen, niemals, niemals, niemals! + +Es begann nun für den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur +sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der +Artusritter, von einer zur andern. War auf Schloß Laber, Pinzenau, +Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines +aufständischen Barons. Eroberte Schloß Wörth, zwei Burgen des +Oberjägermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen. +Die Maßnahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer +wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den +Erwartungen zurückgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der +Kummersbrucker, der sich neutral erklärt hatte, ohne Gerichtsverfahren +enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager +der Gegner. + +Der nicht sehr robuste Meinhard war den abenteuerlichen, gehetzten +Fahrten kaum gewachsen. Trist und apathisch saß er, während die andern +zechten, schlief zuweilen im Sitzen ein. Mehr und mehr glichen seine +Reisen einer Flucht. Im ganzen Süden besaßen die Artusritter keine +Stadt, keine Burg mehr. Sie wurden immer mehr zur Donau abgedrängt, wo +ihre festesten Burgen lagen. Noch immer erließen sie hochfahrende +Edikte, bedrohten Meuterer mit den grausamsten Strafen. Sie flohen nach +Neuburg, dann in das Gebiet des Bischofs von Eichstätt, der ihnen +ergeben war. Die Truppen Herzog Stephans besetzten ganz Oberbayern, +belagerten schließlich Meinhard mit den letzten seiner Anhänger in +Schloß Feuchtwangen im Altmühltal. Der Bischof von Eichstätt suchte sich +mit Herzog Meinhard verkleidet durchzuschlagen. Der junge Herzog ging +eifrig darauf ein; er hatte viel Spaß an der Kostümierung und keine +Ahnung, worum es eigentlich ging. Allein schon in Voburg wurden sie von +Bauern erkannt, festgehalten, dem Herzog Stephan nach Ingolstadt +ausgeliefert. + +Feuchtwangen fiel. Prinz Friedrich und die Letzten der Artusritter +wurden gefangen. + +In der Hofburg von Ingolstadt standen sich der Herzog und Prinz +Friedrich gegenüber. In Gegenwart der Agnes von Flavon-Taufers. Der +Herzog in Rüstung, schäumend. Städte und Dörfer kaputt, Menschen hin, +Geld vergeudet. Alles wegen des dummen Jungen. Soldatisch knarrte er +unter dem dicken Schnurrbart aus ehernem Gesicht. Der Junge stand +schlank, mit verfinsterten, verwilderten Augen, den Arm verwundet, im +Verband, grau das Gesicht. »Du wirst Abbitte tun, in der Kirche, vor +allem Volk, dich unterwerfen!« kommandierte der Vater. Der Junge lachte +nur, höhnisch. »Ich lass' dich verfaulen in meinem stinkigsten +Gefängnis!« tobte der Herzog. + +Agnes glitt von einem zum andern. »Der Verband muß erneuert werden,« +sagte sie besorgt, nestelte daran herum. + +»Diese Ärzte!« schimpfte der Herzog. »Lauter Pfuscher!« Er lief selbst +nach Arzt und Verbandzeug. »Der Teufelsjunge!« fluchte er. + +Langsam, hart feilschend, während Agnes vermittelte, kamen sie überein. +Um jeden einzelnen der Artusritter, Begnadigung, Höhe der Bestrafung, +gab es erbitterten Kampf, Ausbrüche, Schäumen, Toben. Zweimal wies +Herzog Stephan den Henker an, sich bereit zu halten. Endlich fügten sie +sich zu leidlichem Frieden. Meinhard wurde München als ständige Residenz +zugewiesen; Prinz Friedrich führte weiter sein Siegel, doch bedurften +seine Verordnungen der Gegenzeichnung eines niederbayrischen oder eines +rheinpfälzischen Rates. Zwischen München und Landshut-Ingolstadt +vermittelte Agnes. + +Herzog Meinhard lächelte sanft und dankbar. War froh, daß er nach den +wilden Wochen ausruhen durfte. Streichelte sein Murmeltier. + + + + +Margarete hielt Rat mit ihren Ministern. Anwesend waren der Vogt Ulrich +von Matsch, der Pfarrer Heinrich von Tirol, Graf Egon von Tübingen, +Landeskomtur des Deutschen Ordens in Bozen, Jakob von Schenna, Berchtold +von Gufidaun, Konrad von Frauenberg. + +Was war, nachdem Herzog Stephan Macht und Einfluß in Oberbayern an sich +gerissen, zu tun? + +Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden, +daß nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert +wurde. Dadurch, daß der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in +München saß, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum +nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung +erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewährleistet. + +Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er +wartete nur darauf. Abhängigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich +auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein kräftiges, stetiges Regiment +war verbürgt. + +Zäh, träge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer +Verdrossenheit hörte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken, +der am nächsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewährt? Sie schaute auf +Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mühevollen, leeren Gesichtern +vor sich hin. + +Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie +erwartete. Breit grinsend, vergnügt führte er aus: Wenn der junge Herzog +wirklich so anlehnungsbedürftig sei und Führung brauche, warum diese +Führung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der +Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so fürstlich bewährt +habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard +nach Tirol. Hätten ihn die bayrischen Herren in ihre scheußlichen, +verlorenen Winkelnester schleppen können, so werde man es mit Gottes +oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er +hingehöre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach +Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich überlegen, ehe er +von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg +wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rückhalt an dem Habsburger +als natürlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben +förmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschädigung, und sich auf +ein großes, autonomes Tirol beschränken. + +Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als +Anhängsel; oder im äußersten Fall überhaupt nicht. Aber Tirol den +Tirolern. + +Es handelte sich zunächst darum, Meinhard dem Einfluß Herzog Stephans zu +entziehen, ihn von München weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog +hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht +betreten. Es war nur billig, daß das Volk ihn endlich zu sehen +verlangte. + +Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine große Tagung nach Bozen +einberufen. Es kamen blonde, stämmige Männer mit kurzen, breiten Nasen +und trägen, schlauen Augen und hagere, schwarzbärtige, gebräunte mit +kühnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei +Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der +am Inn, es kamen die Hofmeister und Vögte und Burggrafen. Es kamen die +Barone, die großen und die kleinen, die Vertreter der Städte, Pflegen +und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfünfzig Herren und Männer. +Sie traten zusammen auf dem bunten, fröhlichen Marktplatz von Bozen an +zwei strahlend dunkelblauen Spätsommertagen. Sie überlegten, sie +berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden +Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie +hatten umständliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich +mit den schweren Rockschößen den Schweiß von den Gesichtern. Die Berge +standen rotbraun und violett, ganz oben weiß. + +Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen +Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ältere Ulrich von +Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg, +Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von +den Städten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller übrigen. + +Das Schreiben lautete so: »Lieber gnädiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu +wissen, daß wir zu Bozen beieinander gewesen und übereingekommen sind, +Sie zu bitten, daß Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen +hereinkommen möchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen +hätten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmäßiger +Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewürdiget werden und +unverdorbener bleiben, als draußen in Bayern, wie man uns sagt, +geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von +den Drangsalen, welche draußen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem +Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut +als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht +Friede im Land und an der Grenze. Gnädiger Herr! Wir bitten, auf uns zu +vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern +Gut und Blut für Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.« + +Der Frauenberger brachte das Schreiben nach München. Er kam mit +stattlichem Gefolg, übergab das Schriftstück in feierlicher Audienz. +Versprach sich im übrigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war +gewiß, daß man andere Mittel werde brauchen müssen. + +Bei Tafel erzählte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter +Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument +bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der +Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus. +Gelächter, immer lauter, stürmischer, schütterte alle. Es lächelte +Agnes, es lachten die Damen, es dröhnten, bogen sich die Herren, es +lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es +quiekten die Kämmerlinge. + +»Diese Tiroler!« sagte man, atemlos von der Erschütterung. + +»Ja, unsere Tiroler!« sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett, +und blinzelte aus den rötlichen Augen. + +»Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr +Herzog?« fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein +Geschäft mit der Übergabe des Briefes zu Ende war, in München geblieben +und hielt sich viel in der Nähe Meinhards. + +Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes +mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein +unbehagliches Gefühl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte +doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, quäkende +Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern, +respektlos, selbstverständlich, nackt. Man fühlte sich auf eine nicht +unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer, +mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dümmliche +Herzog um den Albino herum. + +Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lächerlich +vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren +geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben +so albern und anmaßend gefunden hatten, hatte er mitlachen müssen. Daß +jetzt der Frauenberger, der große, gescheite Mann, die Kundgebung der +Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten +Fürsten tröstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte +ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm für ein paar +Minuten gewesen, als gebe es kein München und kein schwieriges +Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mußte +schön sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen großen Kühen, nichts +zu hören als leisen Wind und das sanfte, blasende Geräusch, mit dem die +Tiere das Gras abrauften. + +Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mußte näher an ihn +heran. »Wie es mich freut,« sagte er und schaute aus seinen blanken, +runden Augen zu ihm auf, »daß Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm +finden.« + +»Nicht dumm!« quäkte eifrig der Frauenberger. »Jedes Wort sitzt an der +rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die über ihn gelacht haben, sind +die Dummen! Sonst hätte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und +jederzeit unterschreib' ich ihn wieder, mit beiden Händen!« + +Meinhard trat noch einen tastenden Schritt näher an den fetten Mann. +»Ich bin so müd und gehetzt,« klagte er. »Der Friedrich schaut mich auch +nicht mehr so freundhaft an wie früher. Erst hab' ich gedacht, regieren +ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reißen an +mir.« + +Der Albino legte ihm die fleischige, gefährliche Hand auf die Schulter, +quäkte: »Bub! Laß dich nicht klein kriegen, Bub!« + +Meinhard zitterte unter der Hand des feisten Mannes, wollte ihr +entgleiten, schmiegte sich in sie. + +»Sie haben Freunde, junger Herzog,« quäkte der Frauenberger, blinzelte +bieder, feixte behäbig. + +Den Tag darauf sagte er: »Warum bleiben Sie eigentlich hier, junger +Herzog? Wenn Ihnen der Brief Ihrer Tiroler nicht mißfällt, warum folgen +Sie ihm nicht?« Sie ritten spazieren, es war früh am Morgen, unten +rauschte grün und frisch zwischen vielen Inseln von Kies die Isar, ein +großes Floß unter Lärm und Geräusch der Schiffer steuerte vorsichtig. +Der Gang des Pferdes verlangsamte sich. Meinhard hockte schlaff, dick, +betreten auf seinem Falben. + +»Das geht doch nicht,« sagte er. »Das kann ich doch nicht.« + +»Warum können Sie nicht?« beharrte der Frauenberger. Er ritt ganz dicht +an ihn heran, hob ihm wie einem Kind das Kinn. »Wer ist hier der Herr,« +sagte er, »Herzog Stephan oder Sie?« + +»Ja,« sagte Meinhard, »wer ist hier der Herr?« Aber es klang gar nicht +trotzig, sondern trüb grüblerisch. Sein ganzes Zutrauen zu dem Albino +war weg, es war trist, wie unten die Isar sich zwängte, er hatte Scheu +vor dem Frauenberger, hätte nachmittags beinahe den Prinzen Friedrich +gebeten, ihn wegzuschicken. + +Am andern Morgen sprach der Albino nicht mehr von dem Plan, Bayern zu +verlassen. Er lag mit Meinhard im Gras unter reifendem Obst. Er sang +sein Lied von den sieben Freuden, kommentierte es väterlich, +wohlwollend, saftig. Diese Weltanschauung ging dem jungen Fürsten sehr +ein, er streichelte seinen Siebenschläfer Peter, war vergnügt. Der +Frauenberger streckte sich, knackte die Gelenke, drehte sich auf die +Seite, gähnte, schlief mit mächtigem Geräusch. Ja, schlafen war das +Beste. Gelockt, aber doch mit dunkleren, scheuen Augen betrachtete +Meinhard den unbekümmerten, fleischigen, schnarchenden Mann. + +Agnes sagte zu ihm: »Sie sind sehr lange in München, Herr von +Frauenberg. Sie haben doch so wichtige Ämter in Tirol. Vermißt man Sie +dort nicht?« + +Der Frauenberger grinste, betastete sie mit seinen rötlichen Augen, daß +sie schwerer atmete, quäkte: »Ich bin natürlich nur Ihrethalb hier, +Gräfin Agnes.« + +Sie kamen zusammen, er lag auf ihren Polstern, es war drückender Sommer, +die Luft im Raum war dumpf und furchtbar heiß. Sie streichelte seine +prall fette, rosige Haut. »Nun,« lächelte sie, »hab' ich den falschen +Teil erwählt? Ich hab' mich gut gesichert, scheint mir.« + +Er feixte: »Werden sehen, Hühnchen, werden sehen.« + +Das hieß die gut gesichert, dachte er. Gut gesichert war er. Wenn er +jetzt den Buben mit nach Tirol nahm, hielt er die Mutter durch den +Jungen, den Jungen durch die Mutter. Er war der eigentliche Regent von +Tirol. Ei ja, wenn man noch so häßlich war, was alles aus einem werden +konnte mit einem bißchen Vernunft, Sachlichkeit, Glück. + +In seiner breiten, behaglichen, munteren Art hetzte er weiter an dem +Jungen. Lockte, stachelte, trieb. Nahm ihn gewalttätig in seine kurzen, +roten Hände. Nach Tirol! Meinhard solle endlich nach Tirol, sich seiner +Grafschaft zeigen. »Also Flucht?« machte Meinhard, zaghaft. Ei was! Wer +dachte an Flucht? Nur war es nicht nötig, zuviel Wesens aus dieser Reise +zu machen. Man brach einfach auf, Meinhard, er, zwei, drei Knechte. Ohne +große Worte. Es wurde zuviel geredet in Bayern und Tirol; das verwirrte +die einfachsten Dinge. Ende der Woche reiste Prinz Friedrich nach +Ingolstadt zu seinem Vater. Da wird man dann eben auch losreiten. Nach +der umgekehrten Seite, nach Süden, nach Tirol. Das Murmeltier Peter soll +seine Berge wiedersehen. + + * * * * * + +»Mein Sohn kommt, Schenna!« sagte Margarete, und ihre dunkeln Augen +waren lebendig erfüllt. Sie hatte einen Kurier von dem Frauenberger, er +werde Meinhard bringen. + +»Wie Sie sich freuen, Frau Herzogin!« sagte der lange Herr, beugte sich +vor, schaute sie aus seinen grauen, sehr alten Augen gut an. »Ich hatte +nicht mehr gehofft, daß Sie sich so würden freuen können.« + +Margarete hörte nicht. »Ich weiß,« sagte sie, »er ist unbegabt. Es gibt +landauf, landab Tausende, die begabter sind. Aber er ist mein Sohn. Er +ist aus dem Boden dieses Landes gemacht, seiner Luft, seinen Bergen. +Glauben Sie mir, Schenna, der sieht die Zwerge.« + +Ja, Margarete hatte die zerlöcherte, heruntergelassene Fahne ihrer +Hoffnung wieder hochgezogen. All ihr Wille, all ihr Leben sammelte sich +in der Erwartung ihres Sohnes. Mit plumpen, geschminkten Händen +streichelte sie das Bild des sanften, dicken, dümmlichen Jungen. + + * * * * * + +Ein Knecht voran, einer hinter ihnen, ritten Meinhard und der +Frauenberger in raschem Trab gegen Süden. Es regnete, die schlechte +Straße führte oft durch dicken Wald, löste sich streckenweise ganz in +Schlamm auf. Es war nicht leicht, in der dunkeln, nassen Nacht den +rechten Weg zu halten; an Fackeln war bei dem Regen nicht zu denken. + +Die Herren trugen keine Rüstungen. Man dampfte in den nassen Kleidern, +von den feuchten Lederkollern und Lederkappen ging ein starker Geruch +aus. Man ritt schweigsam; zuweilen, wenn man durch eine nächtige +Siedlung trabte, schlug ein Hund an. + +In dem Dorf Lenggries machte man halt. Nach wenigen Stunden drängte der +Frauenberger weiter. Aber Meinhard fühlte sich müde und elend, mehr +durch Erregung als durch den langen Ritt. Der schwierigere Teil des +Weges stand bevor; denn es war ratsam, menschenreichere Orte meidend, +durch die wilde Riß nach Tirol vorzustoßen. Man verzog also, dem Wunsche +Meinhards folgend, in der Herberge des Dorfes Lenggries. + +In dem engen, finstern Raum lagen der Frauenberger und Meinhard auf +Strohsäcken. Die Kammer war niedrig, das Feuer rauchte, aber es wärmte +nicht, die Luft war stinkig, Regen und Wind kam durch die +Fensteröffnung. Der Frauenberger schnarchte lärmend; im Winkel nagte +eine Ratte. Meinhard lag, alle Glieder taten weh vor Müdigkeit, aber er +konnte nicht schlafen, die Haut juckte, die Augen brannten ihm. Er +fühlte sich eng und unglücklich, er wußte plötzlich nicht, was er in +Tirol sollte; er wäre am liebsten nach München zurückgekehrt. Er +fürchtete sich vor der Begegnung mit seiner Mutter; sie war so dick und +häßlich und gewalttätig. Er schielte nach dem Albino, der lag massig da, +ruhig, schnaubte, schlief. Er hatte Angst vor ihm, aber der Frauenberger +war doch der einzige, der ihm helfen konnte. Er nahm einen unsicheren +Schluck aus dem klobigen Krug schalen Bieres, der neben ihm stand, +schaute einer Fliege zu, die über das Gesicht des Frauenbergers kroch; +den schien sie nicht zu genieren. Schließlich, leise, rief er: »Herr von +Frauenberg!« + +Der war sofort wach, quäkte mit seiner schleierlosen Stimme: »Was +gibt's?« + +»Nichts,« sagte reuevoll der Junge. »Nur, es ist so ungemütlich. Ich +kann nicht schlafen.« + +»Dann reiten wir weiter,« entschied der Frauenberger und war schon auf +den Beinen. + +»Nein, nein,« bat Meinhard. »Es ist nur, ich möchte ein bißchen mit +Ihnen reden. Hernach werde ich gewiß ruhiger sein.« + +»Dummer Bub!« knurrte der Frauenberger. + +»Hat mein Vater eigentlich Tirol lieber gehabt oder Bayern?« fragte +Meinhard. + +Der Frauenberger blinzelte. »Zuerst wohl Tirol, dann Bayern,« sagte er. + +»Und dann ist er gestorben?« fragte der junge Herzog. + +»Ja,« antwortete der Frauenberger, »dann ist er gestorben.« + +Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war +sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die +Knechte suchten, der Frauenberger knurrte über die Verzögerung. +Schließlich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es +mußte seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im +Schlaf erdrückt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, träge, +lähmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem +Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt +hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche +pfeifend in einen Winkel warf. »Jetzt aber aufs Pferd!« quäkte er. + +Man ritt weiter den Fluß hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die +elende, schmale Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, +weißgrünen Fluß. Dicker Wald, triefende Bäume. Unten, gischtig, gläsern +grün, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lärmende, rasche Wasser, +durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die +Felswände traten oft so nahe in die Straße, daß die Pferde scheuten, nur +mit Mühe weiterzubringen waren. + +Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den +immer dünneren, tosenden Fluß entlang ritt man, der hell und fröhlich +laut durch den dunkeln Wald seine Straße brach. Die Gegend lag +schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmäßig, hoffnungslos, +selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen, +grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb. + +Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem man bisher +gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, +grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Dahinter lag Tirol. In diesem +Hochtal nächtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich +im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Hütte war +da, die ließ man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog. + +Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Hütte der Knabe +Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei +Rhein, Graf von Tirol. Er äugte, lauschte, ob die andern ihn sehen +könnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich +nicht mehr. Er hatte Angst, fühlte sich zerschlagen, unsäglich elend. +Langsame Tränen kollerten aus seinen blanken, runden Augen über seine +dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier +Peter erdrückt hatte, er weinte, weil die Felswände so hoch waren, die +er morgen übersteigen mußte. + + * * * * * + +Agnes war verblüfft über die meisterhafte Schlichtheit, wie der +Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entführt hatte. Er +imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rütteln. Mit Unlust, +ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmaßnahmen. Am liebsten +hätte sie alles dem Prinzen Friedrich überlassen; doch der war in +Ingolstadt. Sie mußte allein die Verfolgung organisieren. + +Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man +mußte sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an, +den Fürsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu +hindern. + +Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im +Karwendel hinter sich hatte, schon ungefährdet. Doch wenige Stunden, +bevor sie den bequemen Paß zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der +Transport eines Holzhändlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte, +und den früher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewalttätige +Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stäupen +lassen. Der Frauenberger dachte zunächst daran, den Holzhändler +anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da hätte einer von den sechs +Knechten des Transportes sich durchschlagen können, und dann war der +Herzog noch mehr gefährdet. Der Frauenberger beschloß also, den +Holzhändler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen +Knechte, statt des leichten Übergangs über das Plumser Joch den +schwierigen, ungewöhnlichen Weg über das Lamsenjoch nach Schwaz oder +Freundsberg zu versuchen. + +Man ließ die Pferde zurück, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental. +Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Gefälle, oft +verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Der pfadkundige Knecht führte. +Man stieß auf Weidengehölz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann, +überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war plötzlich ein +Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und +still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter +Regenschleiern die riesigen, weißen Bergwände, die weit und +unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man +durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hörte still +und gleichmäßig den Regen triefen von den Blättern der alten, ernsten, +fahlfarbenen Bäume. + +Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem ständig rieselnden +Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht +essen. Es ängstete ihn, daß man die Gipfel der Felswände nicht sehen +konnte. Nie wird er da hinauf- und hinüberkommen; man stand eingesperrt +in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bäumen wie am Ende +der Welt. + +Sie begannen den Aufstieg. Er war fürs erste nicht schwer. Man stieg +sachte, in kleinen Windungen einen Gießbach entlang. Die Knechte voraus, +den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege +gemacht; aber es war wie eine Lähmung über ihm. Die Beine waren ihm wie +Klötze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mühe. Er glitschte auf +dem nassen Stein, der Frauenberger stützte ihn, er zuckte bei jeder +Berührung. Je weiter man emporklomm, so höher, höhnischer, +unüberwindlicher starrte ihm die Felswand. + +Abgeblühte Alpenrosen, Kriechgehölz, Schnee. Die Knechte stapften +gleichmäßigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend, +aussetzend folgte der Herzog. Plötzlich blieb einer der Knechte stehen, +horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehört, erlaubte +seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhändler hatte also doch wohl +Alarm geschlagen. »Menschen oder weidendes Vieh,« sagte er gleichmütig. +Drängte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt. + +Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, daß man dazu keine +Anstalt machte. Dann fiel er in trübe Lethargie, ließ sich schlaff von +dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte, +brannte einen die scharfe Kälte. Der Schnee wurde tiefer, der junge +Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein. + +Der Frauenberger überlegte schneidend klar. Ohne den Schnee hätte man +ihn wohl hinüberbringen können. So war es nicht möglich, mit dem +Jammerlappen über das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard +jetzt störrisch würde. Er machte sich schwerer, träger. + +Die Knechte waren ein gutes Stück voraus. Der Frauenberger blieb stehen. +»Na, junger Herzog«? quäkte er. »Müde?« Meinhard sank erschöpft in den +Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte +scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon +abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher +zurückfallen lassen? Die würden nach der mißglückten Flucht den Jungen +doppelt fest haben. Es wäre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch +ausspielen zu können. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche +allein, und der lästigen Kontrolle der Wittelsbacher ein für allemal der +Vorwand entzogen. + +Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch +Meinhard zu trinken. »Wir müssen weiter, junger Herzog,« sagte er. Gab +ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen. + +»Ich kann nicht,« klagte Meinhard, als er mühsam stand. »Ich mag auch +nicht,« fügte er störrisch hinzu. + +»So«? feixte der Frauenberger. »Na, dann nicht, Bub,« sagte er. Er +quäkte es gemütlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang +Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er +schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren, +dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor +Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren +Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhände in das Holzgezweig +der Alpenrose, bohrte seine Füße in den Boden. Der Frauenberger, ruhig +grinsend, sagte: »Na komm, junger Herzog!«, löste langsam mit seinen +roten, fleischigen Händen die steifen, klammernden Finger des Jungen von +dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn über den Abgrund, quäkte: »Adieu, +Bub!«, ließ ihn fallen. Der Körper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief, +blieb liegen. + +Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurück, +deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg +zerschrundet, der dicke, sanfte Schädel klaffte an zwei Stellen. Sie +warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren +Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog +Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestürzt. Fleischig stand +er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den +rötlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf +die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten +Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den +zerschrundeten Toten. + + + + +Durch die Säle und Gänge von Schloß Tirol torkelte ein Weib, lallte, +heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der übergroße, +unförmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in +stumpfem, widerwärtigem Kupfer, teils gelblichweiß entfärbt. Ein Laken, +eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen +Leib, um die schlaffen, großen Brüste, schleifte am Boden nach. Die +Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende für eine +Betrunkene, erkannte erst allmählich die Herzogin. + +Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frühe gekommen, Margarete +hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht +übermäßig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen, +Kämmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend. + +Schenna führte sie zurück. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte +vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken. + +Gesäumt mit Toten ihre Straße. Der Kopf des Chretien de Laferte, das +Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre +Mädchen, mit den großen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude +Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lächelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard. +Es war, weil sie so häßlich war, darum ging der Tod hinter ihr her, +darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schädel an. + +Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr dürres +Fräulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden +wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesäumt mit Toten. Es war, weil sie +so häßlich war. + +Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards über Mittenwald +nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmählich in den Griff, seinen toten +Souverän zu geleiten. + +Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Fürsten. Es hatte ihn in +feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an +den Straßen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken +läuteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger +barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter, +Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk, +während es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame, +schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es +war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der +zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen. +Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte +keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch. + +Starr, am Tor des Schlosses, erwartete die Herzogin den Zug. Grell hob +sich von dem schwarzen Gewand die weiße Schminke. So schritt sie über +die Höfe des Schlosses neben der Bahre, allein. Es schneite. Hinter der +Bahre, massig, in Rüstung, wuchtete der Frauenberger. + + * * * * * + +In München war man sehr betreten, als die Nachricht eintraf von +Meinhards Tod. Hier glaubte kein Mensch an einen Unglücksfall, man +zweifelte höchstens, ob der Frauenberger auf eigene Faust gehandelt oder +im Auftrag der Maultasch; doch wagte niemand, dieser Überzeugung Laut zu +geben. Nur der sensationslüsterne Florentiner Giovanni Villani, der +Chronist, der sich zur Zeit zum Zweck gewisser archivalischer +Feststellungen in München aufhielt, der Nebenbuhler des wackeren +Johannes von Viktring, behauptete die gewaltsame Beseitigung des jungen +Herzogs als Tatsache. Er zählte sorglich disponiert und sich steigernd +alle Gründe her, die zu solcher Tat führen konnten und mußten, er +schrieb darüber ein elegantes, beredtes Kapitel in seiner Chronik und +las es jedem vor, der es irgend hören wollte. + +Stephan, Friedrich, Agnes standen benommen von Wut und Bestürzung. An +eine Lösung von so schlichter, zynischer Brutalität hatte niemand +gedacht. Zum erstenmal seitdem sie sich kannten, sprangen Agnes und +Friedrich einander an. Er hätte den Frauenberger wegschicken müssen, +hätte München nicht verlassen dürfen, solange jener da war, sagte sie. +Er sagte, sie hätte Meinhard besser müssen überwachen lassen; kaum sei +man einen Tag fort, gehe schon alles drunter und drüber, auf niemanden +sei Verlaß. Herzog Stephan stand ziemlich unglücklich zwischen ihnen. Er +hatte es ja gewußt, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, es war +ihm nicht vergönnt, Wittelsbach wieder groß zu machen in der +Christenheit. Als sie sich müde gestritten hatten, kamen sie überein, +vorläufig das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung von Bayern zu richten; +die Grenzen zu entblößen und nach Tirol vorzustoßen, fühlten sie sich +militärisch nicht stark genug. Hingegen wollte Agnes nach Tirol reisen, +dort vorfühlen. + +Mit ganz kleiner Begleitung traf sie auf Schloß Tirol ein. Am gleichen +Tage noch wurde sie von Margarete empfangen. Rosig, glatt, jung, blond +saß sie da; in einem sehr einfachen schwarzen Kleid; grellweiß +geschminkt, die Hände, den unförmigen Hals schwer von leuchtenden +Steinen, prunkte in Atlas und Brokat die Herzogin. Es sei sehr +liebenswert von Agnes, sagte sie mit etwas steifer, zeremoniöser Stimme, +daß sie die beschwerliche Reise im Winter nicht gescheut habe, ihrem +Sohn das letzte Geleit zu geben. Agnes sagte und sah sie süß und +unbefangen an, dies sei eine selbstverständliche Pflicht gewesen nach +dem vielen Guten, das sie von Haus Tirol empfangen. Zudem sei sie ja dem +Toten besonders nahegestanden. Sie könne der Herzogin nicht schildern, +wie furchtbar es sie getroffen habe, als sie die grauenvolle Meldung +erhielt. Margarete starrte sie mit ihrem weißen, breiten, mächtigen, +geschminkten, maskenhaften Gesicht unverwandt an, fragte, ob sie den +Herzog sehen wolle. Agnes, ein wenig zögernd, denn sie sah Tote nicht +gern, bejahte. Die beiden Frauen schritten zu der Kapelle, schwer +schleifte sich die Brokatene, die andere ging leicht und hoch. Prunkend +aufgebahrt lag der junge Herzog, dick wölkte der Weihrauch, silberne +Gewappnete hielten Totenwacht. Die Herzogin winkte, der mächtige +Sargdeckel wurde hochgeschlagen, da lag der junge Fürst, gräßlich +zerschrundet und entstellt stierte aus der Rüstung sein friedfertiges, +dickes Gesicht. Die Leiche war stark verwest, trotz Balsam und Gewürz +stieg ein übler Geruch aus dem leuchtenden Metall. Agnes schwankte, +verfärbte sich. Margarete führte sie zurück. + +Als die beiden Damen wieder am Kamin saßen, sagte Margarete leichthin: +»Nun ist unsere letzte Unterredung gegenstandslos geworden, Gräfin +Agnes. Mein Sohn ist wieder bei mir, nicht in München.« + +Agnes, durch die Leichtigkeit ihres Tons unsicher, nicht wissend, +wohinaus sie wolle, erwiderte nichts, äugte, wartete ab. + +Die Herzogin, immer in dem gleichen, erschreckend leichten, +konversationellen Ton, fuhr fort: »Sie haben Chretien de Laferte +geheiratet, dann starb er. Sie haben mir meine lieben Städte von Bayern +abhängig gemacht, sie sind fast kaputt gegangen. Sie haben sich mit dem +Markgrafen liiert, dann starb er. Sie haben sich zur Vertrauten meines +Sohnes gemacht, jetzt ist er tot. War es nach alledem nicht ein bißchen +kühn, daß Sie zu mir nach Tirol gekommen sind?« Sie sagte das alles ganz +obenhin, sie lächelte mit ihrem wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund, +ihr leichenhaft geschminktes Gesicht verzog sich in gemachter +Liebenswürdigkeit, ja sie beugte sich vor, legte, was noch nie geschehen +war, die Hand mit grauenhafter Vertraulichkeit auf den Arm der Agnes. +Die saß da, starr, blaß. »Ich weiß nicht, was Sie wollen,« stammelte +sie. + +»Es ist nett von Ihnen,« fuhr Margarete fort, »daß Sie von selbst +gekommen sind. Ich hätte Sie sonst einladen müssen; glauben Sie mir, ich +hätte Sie auf solche Art eingeladen, daß Sie gekommen wären.« + +»Ich verstehe Sie durchaus nicht,« sagte, mit fahlen Lippen, Agnes. + +»Ja,« brach Margarete plötzlich ab und stand auf, »Sie bleiben also mein +Gast, bis der Herzog bestattet ist. Es kann noch eine Weile dauern, die +Vorbereitungen sind umständlich.« + +»Ich hatte eigentlich vor, die Zwischenzeit in Taufers zu bleiben,« +sagte Agnes; sie war klein und ängstlich geworden, ihre Stimme +flatterte. + +»Nichts da, nichts da!« sagte eifrig die Herzogin. »Sie bleiben. Waren +Sie und die Ihren nicht schon oft Gäste in Tirol?« + +»Denken Sie nicht ans Fortgehen,« schloß sie, während sie Agnes zur Tür +geleitete. »Die Reise würde sehr ungemütlich werden.« Ein Diener brachte +die schwankende Agnes in ihre Zimmer. Gewappnete standen davor, +präsentierten die Lanzen, während sie die Schwelle überschritt. + + * * * * * + +Margarete, allein, ging auf und ab, ihr Gang war sonderbar beschwingt, +ein plumper Tanz. + +Wie schade, daß jene sich so einfach in ihre Hand gegeben hatte. Es wäre +gut und reizvoll gewesen, sie erst mühsam herzulocken, den Teig zu +kneten, ehe man den Kuchen aß. Aber so waren diese Glattlarvigen. Schön +und dumm. + +Margarete ging ins Freie, allein. In den verschneiten Weinterrassen +stapfte sie, kletterte sie. Setzte sich in den Schnee. Tauchte ihre Hand +in das Weiche, Kalte, ballte es, ließ fallen, ballte von neuem. + +Sie ganz klein machen, sie zerstören, sie in Staub zerpressen, +zernichten, zerdrücken, daß nichts mehr von ihr bleibt als ein +lächerliches Stück Verwesung. Sich anfüllen mit ihrer Angst, ihrer Not, +ihrem Elend, bis dann ihre Schönheit daliegt, stinkend wie drüben in der +Kapelle ihr Sohn. + +Als nach einer Weile das dürre Fräulein von Rottenburg kam, hörte sie, +was sie seit Jahren nicht gehört hatte. Die Herzogin sang. Mit ihrer +dunkeln, warmen, erfüllten Stimme sang sie. Im Schnee saß sie und sang, +voll, hallend, aus ihrer wüsten Kehle. + + * * * * * + +Sie berief zunächst Schenna zu sich. Führte aus: Der Sturz, an dem +Meinhard sich zu Tode gestürzt, sei fraglos verschuldet durch die Gräfin +von Flavon-Taufers. Sie sei nicht gewillt, dies Verbrechen zu +vertuschen. Beabsichtige vielmehr, es mit beispielhafter Strenge zu +bestrafen. Schenna, tief beunruhigt, riet dringend ab. Das Volk hänge +nun einmal an Agnes mit ebenso heftiger wie grundloser Sympathie. Gegen +sie vorzugehen sei gefährlich. Man könne sie an Besitz, Macht, Einfluß +kürzen; weiter zu gehen verbiete die Staatsklugheit. + +Margarete, gereizt und nervös, erwiderte, sie wisse sehr gut, wie +unpopulär sie sei. Schlimmer könne es nicht werden. Sie riskiere also +nichts. + +»Doch!« erwiderte mit ungewohnter Schroffheit Schenna. Alles riskiere +sie. Offene, nur den Wittelsbacher fördernde Revolution riskiere sie. +Sie brach aus, verströmte: Unter keinen Umständen dulde sie länger die +Nebenregierung dieser Person. Lieber danke sie ab. Sie starrte hitzig, +allen ruhigeren Erwägungen unerreichbar, vor sich hin. Schenna lief +unbehaglich mit seinen langen, ungleichmäßigen Schritten hin und her. +Wenn sie durchaus beharre, riet er nach einer Weile, das Gesicht +verdrießlich und kurios verzogen, dann solle sie in Gottes Namen einen +Staatsgerichtshof einberufen. Um alles in der Welt nicht möge sie gegen +Agnes vorgehen ohne Spruch und richterliches Urteil. + +Sie berief den Frauenberger, die einzelnen einflußreichen Feudalherren. +Schneidend klar erkannte sie: Alle waren gegen sie, alle waren für +Agnes. Aber mit wenigen Ausnahmen waren sie bereit, sich ihre Meinung +abkaufen zu lassen. Sie nahmen Margaretes Vorgehen gegen Agnes als eine +Laune. Gut, sie waren bereit, diese Laune zu decken; aber sie fanden es +angemessen, daß Margarete diese Bereitschaft teuer bezahle. + +Alle verlangten, alle forderten. Es preßte Margarete das Herz ab, +knirschte ihr die Zähne zusammen. Sie standen vor ihr, unterwürfig, +loyal, voll patriotischer Bedenken. Darunter grinste der Hohn: gibst du +nicht, so kriegst du nicht. + +Die Barone verständigten sich untereinander, glichen ihre Ansprüche aus. +Der Frauenberger überbrachte der Herzogin ihre gemeinsamen Forderungen. +Sie waren nackt, schamlos. Margarete solle ein Kabinett aus neun +Ministern bilden. Vorgesehen waren der Frauenberger, Schenna, Berchtold +von Gufidaun; die beiden Herren von Matsch, der Landeshauptmann und der +Vogt, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen; Heinrich von +Kaltern-Rottenburg, Diepold Häl, Hans von Freundsberg. Diese Herren, die +auch als Richter in dem Prozeß der Gräfin von Flavon fungieren würden, +sollten die oberste Justiz- und Verwaltungsbehörde des Landes bilden. +Margarete solle sich verpflichten, ohne ihre Zustimmung keine +Regierungshandlung vorzunehmen, niemandem ein Amt zu verleihen oder zu +entziehen, mit keinem auswärtigen Fürsten zu verhandeln, Bündnis, +Vertrag zu schließen. Auch solle sie keinen Minister absetzen dürfen; +schied ein Mitglied durch Tod oder sonstwie aus, so solle nicht die +Fürstin, sondern das Kabinett den Nachfolger bestimmen. + +Margarete saß über dem Dokument, allein. Sie runzelte die Stirn so +stark, daß die Schminke abbröckelte. Dies unterschreiben hieß: die +Städte preisgeben, das Land den frechen Baronen hinschmeißen, daß sie +ihre gierigen Zähne hineinschlügen, jeder sich ein Stück herausreiße. +Dies unterschreiben hieß: das Land Tirol zerfallen lassen in eine Reihe +kleiner Adelsherrschaften, schimpflich zerschlagen das Werk, daran die +Väter und sie hundert Jahre lang Besitz, Nerven, Leben gesetzt. + +In ihren Gedanken war plötzlich das kleine, bebartete Wesen, das sie +einmal gesehen in den Felsen von Schloß Maultasch. Es neigte sich viele +Male, schaute sie aus ernsten, uralten Augen an, tat den Mund auf. + +Mit Gewalt scheuchte sie den Zwerg fort. Hin, Land! Hin, Städte! +Hinunter, Nacken! Duck' dich der Arroganz der Vasallen! Es muß sein. Es +muß ausgetragen sein zwischen ihr und jener. Es wäre sinnlos, jetzt die +Forderungen der Barone zu weigern und jene zu schonen. Sie würde weiter +am Werk Margaretes nagen, es aushöhlen, verderben. Die Schöne war der +Wurm des Landes, alles Übel kam von ihrer frechen, geilen Schönheit. Sie +muß hin sein, sie muß getilgt sein, sie muß aus dem Licht, sie muß weg +von der Erde. Das Land in den Bergen hat nicht Frieden, solang jene da +ist. + +Wenn sie sich aufriß vor Gott, sie durfte sagen: Es hatte Stunden +gegeben, Tage, Wochen, wo kein kleiner, eitler Gedanke in ihr war, nur +der reine, lautere Wille, sich zu beugen, zu tun, wozu man geschickt +war. Wieder und wieder schlug jene Eitle, Leere mit spielender Hand +entzwei, was sie mit Nöten, Demütigungen, Preisgaben geschaffen, von +deren Qual und böser Artung jene nie einen Hauch zu begreifen imstande +war. War das gerecht? War es gerecht, daß das Leere, Dumme, Schlechte, +Gemeine, nur weil es die glatte Larve hatte, sich spreizte in der Welt, +sie überdeckte, keinen Raum ließ für das Erfüllte, schmerzhaft Wissende? +Das konnte Gott nicht wollen. Das mußte ausgekämpft sein. In einem +wohlig schmerzhaften Krampf spürte sie, wie sie selber mit der Schönen +verkettet war, wie sie selber bestimmt war, es auszutragen. Es gab kein +Hinausschieben, kein Verstecken und Maskieren, keine Scheu vor dem hohen +Einsatz, keinen Kompromiß. Es mußte ausgetragen sein. + +Der Frauenberger kam, ihre Antwort zu holen. Ihre Hand lag plump auf dem +Dokument mit den Forderungen der Barone. Sie blickte auf, schaute den +Frauenberger an, sagte ruhig, ohne die Stimme zu heben: »Lumpen! +Erpresser!« + +Der Frauenberger erwiderte gleichmütig, jovial: »Ja, Herzogin Maultasch, +billig sind wir nicht.« + +Dann unterschrieb sie. + + * * * * * + +Agnes, als sie allein war, saß in großer Schwäche erschöpft nieder. Was +denn um Gottes willen hatte sie da gemacht? Sich selber freundlich +lächelnd in die Hand der Feindin gegeben. Wo hatte sie denn ihren Kopf +gehabt? Der Tod Meinhards war wohl eine Einbuße und ein Schlag für die +Maultasch, aber er war doch ein noch schlimmerer Schlag für sie selber. +Die Maultasch hatte mit der Beseitigung Meinhards und dem kühnen, +unerwarteten Verzicht auf Bayern sich zur Siegerin gemacht. Sie begriff +sich nicht, wie sie in dieser Situation der Feindin ins Haus laufen +konnte, ihren Triumph zu krönen. + +Ganz allein und verloren saß sie da. Das Zimmer war schlecht geheizt, +sie fror. War das wirklich Frost? Ein Gefühl kroch sie an, das sie all +ihre Tage nicht gekannt hatte, zog sie zusammen, schnürte sie. Sie war +immer keck und sicher gewesen, immer hatte sie die Lage in der Hand +gehabt, hatte immer Männer hin und her geworfen nach ihrem Gutdünken. +Jetzt war sie ganz hilflos, die Feindin konnte mit ihr anfangen, was sie +wollte. Angst und Kälte überdeckten sie. Ihre tiefen, blauen Augen waren +nicht mehr kühn, sondern stier und erloschen, ihr elastischer Rücken +erschlaffte, ihre weißen Hände runzelten sich, ihr glattes Gesicht +zerknitterte in kleine, steife, spröde Fältchen. + +So blieb sie bis zum Abend. Dann brachte man Licht, schürte das Feuer +neu, setzte Speisen auf den Tisch. Sie raffte sich zusammen, aß, wurde +warm, belebte sich. Ach was! Das war ja das Ziel der andern, sie klein +zu sehen, gedemütigt, winselnd, mutlos. Sicher nicht wird sie es wagen, +ihr etwas Ernstliches anzutun. Steht nicht das ganze Land für sie? Weil +sie häßlich ist, will sie, daß sie sich feig erweise. Sie denkt nicht +daran, ihr den Gefallen zu tun. Sie straffte sich, ihre Augen schauten +lässig und kühn wie immer. Sie aß mit Appetit, verlangte zum zweitenmal, +scherzte mit den Dienern. Schlief gut, tief, ruhig, lange. + +Als andern Tages der Frauenberger kam, fand er sie vergnügt, Bonbons +lutschend, ein frivoles Couplet auf der Laute klimpernd. Sie mokierte +sich über die altmodische Einrichtung des Zimmers. Er feixte, freilich, +so modern und komfortabel wie sie gebe die Maultasch es nicht. Er +tätschelte sie. Er blinzelte, meinte väterlich, er habe es ihr doch +rechtzeitig gesagt, sie solle sich nicht einlassen mit den Lausbuben, es +werde schief gehen. Sie fragte leichthin, ob er im Auftrag der Maultasch +komme. Bange machen gelte nicht. Was man eigentlich vorhabe. Wie lange +der Spaß noch dauern solle. Der Albino quäkte, man werde sie wohl vor +ein Staatsgericht stellen. Sie erwiderte, man möge das recht bald tun, +es sei so langweilig auf Schloß Tirol. Auch möge man ihr die Zofe +schicken und ihre Schneiderin, daß sie vor Gericht in einem +entsprechenden Kostüm erscheinen könne. Er sagte, sie brauche nur zu +befehlen. Allein, lutschte sie Bonbons, klimperte. + + + + +Die Herzogin ließ es sich angelegen sein, das hohe und heimliche +Gericht, das Agnes aburteilen sollte, mit feierlichem Pomp auszustatten. +Drei Gemächer ringsum waren von Gewaffneten bewacht, damit die +Heimlichkeit des Gerichts gewahrt sei. Die neun Herren saßen schweigsam, +dunkel, Margarete selber prunkte schwer in den Insignien der Herrschaft. + +Agnes trug ein schlichtes, lachsrotes Kleid, das für einen Empfang, eine +kleinere Festlichkeit geeignet war. Ihr Gehabe war leicht, sicher. Sie +war überzeugt, daß die Maultasch nicht wagen werde, sie anzutasten, daß +der umständliche, feierliche Apparat des Gerichts nur dazu bestimmt sei, +sie ängstlich zu machen. Dies alles geschah nur, damit sie, die Schöne, +sich klein erweise vor der Häßlichen. Nein, sie war durchaus nicht +gewillt, der Maultasch diesen Gefallen zu tun. + +Der Pfarrer von Tirol, der als Protokollführer fungierte, verlas die +Anklage. Die Gräfin von Flavon-Taufers sei von jeher bestrebt gewesen, +auf Meinhard in verderblichem, dem Lande Tirol schädlichem Sinn +einzuwirken. Als der junge Fürst im Begriff war, Tirol zu betreten, sich +ihrem Einfluß zu entziehen, und als das Einvernehmen mit seinen getreuen +und wohlmeinenden Untertanen ihre Pläne zu vereiteln drohte, habe sie +sich mit Gewalt seiner zu bemächtigen versucht; über welchem Versuch der +Herzog zu Tod gekommen sei. + +Agnes sagte, sie wundere sich, wie weise und hochmögende Herren einfache +und klare Tatbestände so schlimm mißdeuten könnten. Ja, sie sei mit dem +jungen Fürsten in gutem, herzlichem Einverständnis gewesen, wie auch +sein Vater sie seiner Freundschaft und seines Vertrauens gewürdigt habe. +Sie habe nach ihrem geringen weiblichen Verstand zuweilen den oder jenen +Ratschlag erteilt nach bestem Gewissen als gute Untertanin und Christin, +dem Fürsten und seinen Ländern zu Nutz und Mehrung. Als der Herzog nach +Tirol reiste, habe sie ihm, da unerwartet Herzog Stephan seine baldige +Ankunft in München melden ließ, reitende Boten nachgeschickt mit einem +Brief, daß unter solchen Umständen seine Rückkehr nach München ratsam +sei. Leider hätten ihre Boten den Herzog nur mehr tot vorgefunden. Dies +alles sei klar und unzweideutig. Sie sei eine große Sünderin, schloß sie +lächelnd; aber in ihren Beziehungen zu Herzog Meinhard sei nach ihrer +demütigen weiblichen Einsicht kein Wort und keine leiseste Regung +gewesen, die sie nicht ungescheut vor Gott und den Menschen bekennen +dürfte. + +Sie gab diese Erklärung sitzend ab, leichthin, mit ihrer harten, +schleierlosen Stimme. Jung, glatt, klar, vertrauensvoll saß sie in ihrem +schlichten, lachsfarbenen Kleid vor den schweren, dunkeln Richtern. + +Margarete sagte, sie habe, in München, die Gräfin von Flavon +aufgefordert, sich nicht in die tirolischen Dinge zu mengen; die Gräfin +habe das verweigert. Agnes erwiderte, die Frau Herzogin habe sie +mißverstanden. Der Pfarrer von Tirol verlas eine eidliche Aussage, die +Reiter der Gräfin hätten nach ihrer eigenen Bekundung Auftrag gehabt, +den Herzog mit Gewalt nach München zurückzuführen. Alle schauten auf den +Frauenberger, auf dem wohl dieses Zeugnis stehen mußte. Er sah +unbeteiligt vor sich hin. Agnes erklärte, die Aussage der Reiter, wenn +sie wirklich erfolgt sei, sei pure Verleumdung. Der Frauenberger +grinste. + +Die Herzogin saß da, steif, breit ausladend, schwarz stand das brokatene +Kleid um sie herum, golden prunkten die Insignien der Macht. In ein +Schweigen hinein, unvermutet, ohne Agnes oder irgendwen anzuschauen, tat +sie den Mund auf, sprach. Mit gleichförmiger Stimme sagte sie alles +heraus, mit nackten, schmucklosen Worten. Wo sie für das Land in den +Bergen gewirkt habe, an der Etsch und am Inn, von den welschen Seen bis +zur Isar, überall sei diese Gräfin von Flavon gewesen und habe gehindert +und dagegen gewirkt. Sie sprach langsam und sie hob die Stimme nicht. +Sie sprach von den Städten und von ihren Maßnahmen und wie diese Gräfin +von Flavon sich dagegen gestemmt habe. Sie sprach von ihren +Finanzverordnungen und wie diese Gräfin von Flavon den welschen Bankier, +den Messer Artese, wieder in die Berge gerufen habe, den sie vertrieben. +Sie sprach von der tirolischen Autonomie und wie diese Gräfin von Flavon +dem Land immer wieder den Bayern in den Pelz gesetzt habe, den +Blutsauger. Sie sprach von der Artusrunde, von Ingolstadt und Landshut. +Langsam aus ihrem wüsten, breiten Mund holte sie nackte, sachliche +Worte. Sie fielen gleichmäßig, monoton; wie schwerer Sand rieselten sie, +unhemmbar, sie begruben die feine, leuchtende Agnes, daß sie farblos +dasaß und erbärmlich und ohne Schwung. Es war ganz still, als die +Herzogin zu Ende war, man hörte die Scheiter im Kamin knistern, die +Herren hockten da, trist und grau und gebeugt. + +Agnes sagte, sie habe nie Einfluß gesucht. Sie habe gesprochen, wenn man +sie gefragt habe, und da nur zögernd, sie habe nie jemandem einen Rat +aufgedrängt. Sie merkte, daß ihre Worte zu Boden fielen und keinen +überzeugten. Da erhob sie sich, sie stand da, heiter, frei, leicht, +stolz, sie sah die Herren an, einen um den andern, sie sagte: Wenn sie +eine Sünde begangen habe, dann nur die, daß sie auf der Welt sei. So +habe Gott sie geschaffen. Solange sie sich nicht auslösche, könne sie +nicht hindern, daß man den Kopf nach ihr wende, an ihr Gefallen finde. + +Alle schauten sie an, selbst der rasche Federkiel des Pfarrers von Tirol +hörte zu kritzeln auf. Mit seinen müden, grauen Augen schaute Schenna +sie auf und ab, angestrengt starrte ihr der hagere, rechtliche Egon von +Tübingen in die tiefen, blauen Augen, der biedere, gutmütige Berchtold +von Gufidaun schnaufte, seufzte, aus seinen rötlichen Augen blinzelte +der Frauenberger. Diese ihre Worte, das spürte Agnes, waren nicht zu +Boden gefallen. Sie hatte einen Teil ihres Wesens herausgeholt, +hochgehoben mit beiden Händen, den Männern hingehalten, stolz, vor der +Feindin: Da! Seht her! So bin ich! Sie genoß ihre Wirkung, atmete, +genoß. + +Da sah sie, daß auch die Maultasch sie anschaute. Die blauen Augen der +Schönen tauchten tief in die braunen der Häßlichen. Und Agnes sah, daß +Margarete lächelte. Ja, ein kleines Lächeln zerschnitt das grellweiß +geschminkte Gesicht der Herzogin, und es war nicht gekünstelt, es war +echt. Da wußte Agnes, daß jene vorgesorgt hatte, daß ihr Triumph im +vorhinein vergiftet, daß sie verloren war. Sie begann plötzlich zu +zittern, sie verfahlte, ihre Glieder erschlafften, sie mußte sich +setzen. + + * * * * * + +In das Gemach der Verurteilten trat ungemeldet, überraschend die +Herzogin. Agnes hatte den Spruch sehr in Haltung hingenommen, frei, +leicht. Sie hatte sich auch, als sie allein war, gesagt, die Maultasch +werde nicht wagen, weiter zu gehen. Aber dann hatte sie an das leise, +tiefe Lächeln Margaretes gedacht, und den Magen herauf war ihr wieder +jenes peinliche, fröstelnde Gefühl gekrochen, das sie früher nie gekannt +hatte. Jetzt, als die Herzogin kam, riß sie sich sogleich zusammen, +erhob sich höflich, nicht zu schnell, bat sie zu sitzen. + +Margarete sagte: »Sie haben angedeutet, Gräfin, daß zwischen mir und +Ihnen noch ein anderes sei als die Strenge der Fürstin gegen die +Untertanin, die sich auflehnt und das Land schädigt. Begreifen Sie doch, +daß ich gar nichts anderes sein kann als die Fürstin; denn das +beleidigte Land ist in mir, meine Regungen sind die des Landes.« Sie +sagte das leicht, selbstverständlich, überzeugend, mit großer Hoheit. + +Agnes hörte aufmerksam, höflich zu. Sie verstand nicht, was die andere +meinte. Sie verstand nur: »Ah, sie will etwas von mir. Sie will sich +aussprechen mit mir. Will sich rechtfertigen. Wie schwach muß ihre +Position sein! Sie spürt, daß sie die Unterlegene ist. Sie will mich +übertölpeln. Nur sich nicht einfangen lassen. Nein sagen. Was sie auch +verspricht, nein sagen.« + +Margarete sah, daß die andere sie nicht begriff. Sie versuchte es von +einer neuen Seite. Müde, ein bißchen ungeduldig, doch versöhnlich sagte +sie: »Sie haben Erfolge gehabt, Gräfin. Ich gönne sie Ihnen. Freuen Sie +sich weiter daran. Mein Sinn und Ehrgeiz geht ganz wo andershin, suchen +Sie das doch zu glauben. Ich will die Gewähr haben, daß Sie Tirol nicht +weiter schaden. Nichts sonst. Bekennen Sie vor Zeugen und durch Ihre +Unterschrift, daß Ihr Wirken meinem Land verderblich war. Schwören Sie +auf das Evangelium, sich fernerhin jeder politischen Tätigkeit zu +enthalten. Ich will dann das Todesurteil kassieren. Ihre Lehen fallen +zurück an meine Verwaltung. Sie sind frei und verlassen mein Land.« + +Da war sie, die Schlinge. Agnes höhnte innerlich: »Nie wird sie es +wagen, mich zu töten. Und für so dumm hält sie mich, daß sie sich ihre +Feigheit von mir bezahlen lassen will.« + +Sie sagte: »Ein solches Dokument unterzeichnen kann ich nicht. Daß ich +auf der Welt war, daß ich da war, das war wirklich meine ganze +politische Tätigkeit. Sie können mich schwören lassen, was Sie wollen. +Sie können es nicht verhindern, und ich kann es nicht, daß ein Mann, +wenn er mich ansieht, nach meiner Ansicht handelt, nicht nach der +Ihren.« Sie sah Margarete auf und ab, unverwandt; ihre blauen Augen +glitten über sie, beredt, abschätzig, höhnisch. Verhöhnten den wüsten, +äffisch sich vorwulstenden Mund, die herabhängenden Backen, das in +vielen Falten fallende ungeheure Kinn, den plumpen, feisten Leib. Sie +spähten sie aus, drangen durch die Schminke, betasteten spöttisch die +spröde, warzige, bröckelnde Haut. + +Die Herzogin, tiefer geschlagen als je, bezwang nur mit Mühe ihre +maßlose, verwirrte Erbitterung. Sie sagte, und ihr Hohn klang nicht +echt: »Lassen Sie es meine Sorge sein, Gräfin, zu beurteilen, ob es +nötig ist, Sie auszulöschen. Ich glaube, Sie überschätzen sich. Mir +genügt es, wenn Sie die verlangte Erklärung unterzeichnen.« + +Wie matt und ohne Schlagkraft diese Erwiderung war! Sie spürte es +selbst. Und hoch, triumphierend, genießend spürte es Agnes. Sie war +jetzt ganz gewiß, nie wird jene wagen, den Spruch vollziehen zu lassen. +Ihr etwas einbekennen! Ihr etwas zugestehen! Daß sie eine Närrin wäre! +»Es tut mir aufrichtig leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können,« +sagte sie, den konventionellen Ton süßen, spitzbübischen Bedauerns ganz +auskostend. + +Die Herzogin erhob sich. In ihr stand fest: austilgen die Person! Das +Land verlangt es. Gott will es. Aus dem Licht muß sie, von der Erde weg +muß sie. Die Luft war verpestet, der Boden brannte, solange sie atmete, +schritt. Schwer schleifte sie sich zum Ausgang, ein krankes, +getroffenes, häßliches, trauriges Tier. Leicht, höflich geleitete sie +Agnes. + + * * * * * + +Die Minister baten Margarete dringend, sie möge die Gräfin begnadigen. +Nach diesem Prozeß werde sie sich hüten, weiter gegen Tirol zu +intrigieren. Unter keinen Umständen dürfe die Herzogin jetzt etwas gegen +Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert +seien. Auch verhinderten die Minister, daß von der ganzen Angelegenheit, +Gefangennahme, Prozeß, Verurteilung, das leiseste Gerücht ins Land +drang. + +Schenna stellte Margarete vor, daß das Volk niemals Schlechtes von Agnes +glauben werde, daß sie allen nur denkbaren fanatischen Haß gegen sich +heraufbeschwören werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine +Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, daß man von Mord und +Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche +werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden. +Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie, +sie möge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der +Bestattung Meinhards. + +Sie sagte still: »Es geht nicht, Schenna. Der Streit muß ausgetragen +sein, Schenna.« + +Der Frauenberger saß allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein +Bursche, schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuß, hieß ihn das Feuer +schüren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. Überlegte scharf. +Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als +Hochverräterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es +Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen, +das Regiment der Barone sich halten ließ. Tat man der Maultasch nicht +den Willen, dann wird sie, zäh wie sie war, immer wieder darauf +zurückkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genießen können. Was +also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach. +Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Quäkte. Schlief. + +Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgeräumt, froh über sein +Kommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt nicht mehr über Langeweile +beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genüge. Heute ihn, gestern die +Maultasch. Ja, log er -- Margarete hatte ihm natürlich nichts gesagt --, +er habe gehört, die Damen hätten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn +leicht mißtrauisch an. Er blinzelte, begann sich über Margarete lustig +zu machen. Er hatte süßen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den +Polstern, ihre weiße, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er +machte ihr den Hof. Sie fühlte sich vergnügt, beschwingt. Der Schnaps, +den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg +rasch zu Kopf. Er hatte sie überlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den +Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie hätte diese Niederlage +nicht missen mögen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte. + +Sie lag in den Polstern, angenehm erschöpft. + +Wie niedrig die Zimmer waren in Schloß Tirol. Die Decke kam herab. Immer +tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie +erdrückt einen ja. Sie lachte unmäßig. Oder war das ein Röcheln? + +Der Frauenberger blinzelte herüber, wartete. Beobachtete sachverständig. +Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wälzte, wieder auf den +Rücken, wie sie lachte, schnappte, röchelte, sich verzerrte, mit den +Armen um Luft ruderte, seitwärts vom Polster glitt. + +Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des +Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Gräfin von +Flavon sei gegenstandslos, da die Gräfin, wohl infolge der Aufregung, +soeben an einem Schlaganfall verschieden sei. + + * * * * * + +Margarete, als sie von dem Tod der Agnes hörte, spürte eine dumpfe, +lähmende Leere. Sie war angefüllt gewesen mit dem Gedanken: Agnes, jetzt +wich das alles aus ihr, zurück blieb eine leere Hülle. + +Langsam aus allen Winkeln holte sie Fetzen von Besinnung. Hätte sie sich +nicht eigentlich frei fühlen müssen, leicht, schwebend, beglückt, nun +die Verderberin tot und aus dem Weg war und das Land nicht mehr +gefährdet? Nichts von dem. Mehr und mehr schwoll eine dumpfe, sinnlose +Wut in ihr hoch. Sie hatte die Feindin unterworfen sehen wollen. +Feierlich zum Tod geführt hätte sie bekennen sollen: Besiegt bin ich, +ein kleines, lächerliches, verworfenes Stück Mensch bin ich, und du bist +die Fürstin, die Hohe, die Unerreichbare, von Gott Erwählte. Ihr Tod war +nicht wichtig, aber dies Einbekenntnis war wichtig. Und jetzt hatte man +sie höhnisch und frech um Haß, Rache, Sieg betrogen, hatte ihr die +Verhaßte vor der Nase weggeflüchtet an ein Ufer, an das sie nie gelangen +konnte. Jämmerlich, roh, plump beschwindelt stand sie, und jene war +davon, emporgeflogen, leicht, lächelnd, unbesiegt. + +Margarete tobte. Wozu jetzt hatte sie alle diese Opfer gebracht? +Hingeschmissen das Land, hingeschmissen das Werk der Väter und ihr +eigenes, schmählich sich geduckt der Habgier und der Frechheit der +wölfischen Barone. Und jene davon, höhnisch, lächelnd. + +Mit unflätigen Schimpfworten übergoß sie den Frauenberger. Der feiste +Mann stand breit, gelassen, unberührt. An seinem nackten, rosigen +Gesicht prallten die Flüche ab wie Wasserspritzer. + +Sie berief den Ministerrat. Kaum sich zügelnd, die sonst so beherrschte +Stimme heiser, ungleichmäßig, aussetzend, verlangte sie, sofort müsse +Prozeß und Urteil publiziert, die Tote infam eingescharrt werden. +Geschehe das nicht, werde man diesen plötzlichen Tod ihr zur Last legen. +Einhellig, mit allen Kräften widersetzten sich die Minister. Die meisten +glaubten wie das ganze Land, Margarete sei wirklich schuld an diesem +dunkeln und unwahrscheinlichen Tod. Sie waren ehrlich empört über die +frivole, gottlose Forderung der Herzogin, den Meuchelmord an der +verhaßten Nebenbuhlerin jetzt als gerechte, patriotische, gottgefällige +Tat hinzustellen. Ja, sie fanden die eigenen Erpressungen an der +Maultasch durch dieses Verhalten hinterher moralisch in jeder Weise +gerechtfertigt; es zeigte sich klar, daß man sich gegen diese maßlose +und verbrecherische Frau nicht Sicherungen genug schaffen konnte. Im +übrigen waren sie sehr erleichtert durch die jähe Lösung des Konflikts +und nicht gewillt, die Dinge durch was immer neu verwirren zu lassen. +Quäkend, unverhohlen, schneidend klar faßte der Frauenberger ihre +Meinung zusammen. Was denn die Frau Herzogin wolle. Gott habe die +Bestrafung des Verbrechens in seine Hand genommen. Nun sei die +Verderberin tot, aus dem Weg geräumt. Mehr habe doch die Fürstin nicht +gewollt, nicht wollen können. Es sei unchristlich, über den Tod hinaus +zu hassen. Es sei dem Volk kaum zu verdenken, wenn es in solchem Fall +losbreche. Der von Matsch führte aus: Ja, natürlich erlaube sich das +Volk unehrerbietige Reden gegen die Herzogin. Es sei auch nach seinen +Informationen da und dort infolge des Todes der Gräfin zu +Demonstrationen gekommen. Aber da sie, die Minister, geschlossen hinter +der Fürstin stünden, werde man mit solchen kleinen Revolten leicht +fertig werden. Schon seien mehrere Demonstranten festgenommen, man werde +sie öffentlich stäupen lassen, das werde den andern den Mund stopfen. +Infamiere man aber die Tote, dann werde die Empörung so allgemein sein, +daß er für nichts einstehe. Der redliche Gufidaun, der nach langem +Ringen zu der Überzeugung gekommen war, die Herzogin sei nicht schuldig, +brachte in mühsamer Rede seine Ansicht zutage: Die Verbrecherin sei tot. +Teurer als mit dem Leben könne vor irdischen Richtern niemand seine +Schuld bezahlen. Das Gedächtnis der Toten zu verunglimpfen, stehe einer +so hohen und edeln Frau wie der Herzogin nicht an. Er setzte sich +verlegen; er redete selten. Alle pflichteten ihm bei. + +Die Herzogin sah auf Schenna. Der kratzte mit seinen dürren Fingern +nervös den Tisch, schwieg. + +Margarete beharrte. Mit fieberischen, stammelnden, ungeordneten Worten +erklärte sie immer wieder, sie gehe nicht ab, sie sei das ihrem Prestige +schuldig, sie bestehe darauf. + +Doch die Minister blieben fest. Sie beriefen sich auf das Abkommen, sie +zeigten die Zähne, erklärten, niemals würden sie die erforderliche +Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Tote geben. Margarete geiferte von +Meuterei, Empörung. Die Minister erwiderten, sie nähmen diesen Vorwurf +ruhig hin. Ihr Gewissen sage ihnen, ihr Widerstand geschehe im Interesse +des Landes und der Herzogin selbst; auch seien sie, wenn sie sich vor +die Tote stellten, der Billigung der ganzen Christenheit gewiß. + +Margarete mußte sich fügen. + +Sie wütete kraftlos, versagend. Die Minister, die Lumpenkerle, die +Feiglinge! Wie froh sie waren, ihren Spruch nicht vertreten zu müssen! +Wie schamlos hatten sie sie übertölpelt! Sie um das Land geprellt und +sich dann mit übler Sophisterei dem Pakt entzogen. Lumpen, Gauner, +Erpresser! Sie dachte daran, sich an das Ausland um Hilfe zu wenden. +Aber die Wittelsbacher waren geschworene Anhänger der Agnes, und der +Habsburger war zu klug, um sich durch Maßnahmen gegen die Tote von +vornherein unpopulär zu machen. + +Sie wagte einen äußersten, hilflosen Versuch, die Tote zu besiegen. Sie +setzte in letzter Stunde die Beerdigung Meinhards so an, daß sie +zusammenfiel mit der Beerdigung der Agnes. Wer nach Taufers ging zu der +toten Agnes, mußte der Bestattung des Landesfürsten fernbleiben. +Trotzig, verzweifelnd, rief sie das Land an, zu entscheiden zwischen ihr +und der Toten. + +Schweigsam, vor sich hintrotzend, verwildert saß sie auf Schloß Tirol, +wartete, wer zu ihr kommen werde, wer zu Agnes. Im tiefsten Innern wußte +sie so gut wie alle, daß Agnes sie durch ihren Tod besiegt hatte, daß +der Kampf aus war und die Tote durch keine Kraft und keine List mehr +erreichbar. + + + + +Die Herren des Kabinetts verständigten sich, wer an der Bestattung des +jungen Herzogs teilnehmen, wer nach Taufers gehen solle. Sie kamen +überein, jedem einzelnen Entschluß und Verantwortung für sich zu +überlassen. Die meisten beschlossen, zur Gräfin von Flavon zu gehen. +Hatten sie nicht die Hände rein von diesem Blut? Warum sollten sie es +nicht zeigen? Der Frauenberger, der Deutschordenskomtur Egon von +Tübingen, der redliche, schwerfällige Gufidaun beschlossen, in Tirol zu +bleiben. + +Jakob von Schenna saß spät abends noch wach. Aber er las nicht in dem +Buch, das er sich aufgerollt hatte. Er ging auf und ab mit seinem +steifen, ungleichmäßigen Schritt. Er hatte erst vorgehabt, krank zu sein +und weder nach Tirol, noch nach Taufers zu gehen. Das Politische war ihm +gleichgültig. Die Meinungen und Wallungen des Pöbels kümmerten ihn +nicht, und er hatte für seine Person viel zu wenig Ehrgeiz, um sie in +Rechnung zu stellen. Der Streit zwischen den Frauen aber hatte ihn von +je erregt; er rührte ihn noch tiefer auf, seitdem er zwischen der Toten +und der Lebenden ging. Margarete hatte Hilfe von ihm verlangt; er hatte +sie ihr, zum erstenmal, versagt. Er wollte sich nicht hineinziehen +lassen in diesen Kampf, er wollte nicht Partei nehmen. Er wollte nicht. + +Wiederum vielleicht fast als einziger durchschaute er die Zusammenhänge. +Margarete, die Fürstin, hatte recht. Agnes war die Verderberin gewesen, +es war ein Segen für Tirol, daß sie weg war. Aber hatte Margarete die +Fürstin den Schlag geführt oder Margarete die Frau? Hatte Agnes sterben +müssen, weil sie das Land schädigte, oder weil sie schön war? Er wagte +nicht, zu entscheiden. Dies eine war gewiß: Agnes war die schönste Frau +gewesen vom Po bis zur Donau. Er war ein alternder Herr. Wagte er +vielleicht nur deshalb nicht zu entscheiden? + +Er wollte nicht bequem sein, er wollte nicht alt sein. Es war nicht +recht gewesen von der Maultasche. Er hatte ihren wüsten Mund +hingenommen, ihre Hängebacken, ihre ganze, arme Häßlichkeit. Ihren Haß +gegen die Tote nahm er nicht hin. Ein simples, gerades Gefühl stellte +sich gegen sie. Man mußte Zeugnis ablegen für die Schönheit. Er wird +nach Taufers gehen. + + * * * * * + +Vom Pustertal her über Bruneck goß es sich in das Tal von Taufers. +Niemals hatten diese Berge soviel Menschen gesehen. Durch den hohen +Schnee mühselig stapfte es heran, bald war eine Straße getreten. Unter +dem freien, bestirnten Himmel nächtigte es in der scharfen, klaren +Kälte. Eine Stadt von Zelten breitete sich. Tausende und immer neue +Tausende schoben sich heran, Weiber, Kinder, die Mühsal und Gefahr des +Winters nicht scheuend. Durch die Schneeluft klangen die Verwünschungen +der Margarete, der Hexe, der Gezeichneten. Ruchlos, meuchlings hatte die +wüste Teufelin die sanfte, süße Agnes ermordet. Nun lag sie aufgebahrt +in der Kapelle von Taufers, ein Engel Gottes, wächsern, eine bunte, +schöne Heilige. In endlosem Zuge wallte es an ihr vorbei, sehr +verschieden von Stand, Alter, Aussehen, Barone, Bauern, Bürger, aber +alle andächtig, ergriffen, mitleidig, alle voll wilder, fluchender +Empörung gegen die Herzogin. + +Vereinsamt indes in der Kapelle von Schloß Tirol lag der tote Meinhard, +letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren +geblieben, die unter allen Umständen bleiben mußten. + +Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde +Umgebung, übersah die Lücken unter den Gästen, traf, umkrustet, die +letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da? +Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht? +Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg +Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers. + +Auch Schenna. + +Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang +durch alle Essenzen und Gewürze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den +Atem, die wachehaltenden Offiziere mußten von Stunde zu Stunde +gewechselt werden. + +Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle. +Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung +scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal, +das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rührte sich nicht. + +Auch Schenna. + +Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie +rechtete mit ihr. Jene lächelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was +alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer +glatten, nichtigen, schamlos genießerischen Schönheit. Hier in der +Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche, +berühmte Land in den Bergen gefügt hatten und zusammengeknetet, hielt +sie der toten Feindin vor, was sie zerstört hatte, verdorben, verhunzt. +Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte +sich rings um sie, sie lächelte, glitt, sprach nicht. + +Auch Schenna. + +Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt. +Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war +tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna. + +Dann, andern Tages, wölkte der Weihrauch, sangen die Trauerchöre, sank +der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft. +Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chöre blühten nicht in die +Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die spärlichen Teilnehmer +standen steif, unbehaglich, fröstelnd. + +In der Zeltstadt um Taufers hatte ein großes Trauergelage angehoben. An +riesigen, offenen Feuern wärmte man sich, briet und sott man. Die +scharfen Grenzen der Stände verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem +Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, genoß er statt Rüben und +Sauerkraut. Der Stadtbürger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In +der fröhlichen Kälte hob ein großes, gerührtes, trauerndes, maßloses +Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in +überschwenglichen Reden der engelhaften Schönheit, Milde, Güte der toten +Gräfin von Flavon; wilde Flüche gellten gegen die Maultasche, die +Teufelsbuhle und Mordbübin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklärt +von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden, +gebratenen Fleisches und flutenden Weines. + +Einsam in Schloß Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif +saß sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an +der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der +Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen +den Kämmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremoniös zu +Tische. Margarete saß steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer +Fülle, wurden unberührt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei +Stunden lang. + + * * * * * + +Der Sekretär des Frauenbergers, der stille, demütige Kleriker, bekam zu +tun. Die Minister nützten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus, +den sie der Herzogin abgepreßt hatten, teilten das Land unter sich auf. +Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien, +Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden +gewesen, verglich man es mit der großzügigen Plünderung Tirols durch +dieses Kabinett der Maultasch. + +Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverständlich die +Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und +Schloß Penede östlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die +Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von +Freundsberg Festung und Pflege Straßberg bei Sterzing. Ganz aus dem +Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie ließen sich Nauders +zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schloß Jufal +am Eingang ins Schnalser Tal. + +Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen +schauten mißbilligend zu, hielten sich, belächelt von den andern um ihre +Naivität, die Hände rein. + +Schenna schüttelte betrübt den Kopf über die Habgier der Kollegen. Sagte +sich schließlich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und +sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege +Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schließlich, ganz +trübsinnig über soviel Schwäche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb +Cavalese. + +Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im +Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfändet und +verschenkt. + + * * * * * + +Über den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fünf +Männer. Sie sanken in Schneemulden, kämpften sich heraus, zerschrundeten +sich Hände und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trügerischen +Schneehalden, hundertfältig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bären +folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei +Tage so arbeiteten die Männer sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau +wieder eine menschliche Siedlung erreichten. + +Es waren Rudolf, Herzog von Österreich, Herr von Rappach, sein +Hofmeister, Herr von Laßberg, sein Kämmerer, und zwei Knechte. + +Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier +eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwäbischen +Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk +meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschluß an Meinhards Tod +entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertänig auf, +so schnell wie möglich in das Land in den Bergen zu kommen. + +Rudolf überlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich +um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit für Tirol. Ja, der +Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, daß er jetzt auf kürzestem +Weg, überraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurück nach +Wien? Militär? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in +den Pinzgau, hörte nicht auf die Beschwörungen, jetzt im Winter von der +Überquerung der Tauern abzustehen, drang zäh, ums Leben kämpfend, über +den Paß, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers +unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergäste. Hörte von dem neuen +Ministerium, seinen unerhörten Vollmachten, seinen Plünderungen. Kam +nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der +Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen. + +Da stand er nun. Das Land, sein Land, für dessen Besitz er und sein +Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewalttätigen +Barone, wurde jämmerlicher zerstückt von Tag zu Tag. Er war ganz allein; +sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in +Österreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze +zusammenzuziehen. Aber bis solche Maßnahmen wirksam wurden, konnte das +Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll +Gefahr seine Situation war. Es war möglich, daß die entzügelten, +verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurückscheuten, +sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben +konnte, seiner bemächtigten, ihm Bestätigungen, Zugeständnisse +abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom +Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von +seinem persönlichen Auftreten. + +Der Frauenberger ließ sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums. +Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr kühl, +verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf +vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes +Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt, +daß Rudolf den Ministern garantiere, daß ihre Privilegien und +Verfügungen für mindestens zwölf Jahre in Geltung blieben. + +Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und +widerwärtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbübisch zu, +einverständnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und +Krämer dem andern. Hochmütig sagte der Habsburger: Das seien merkwürdige +Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In +Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche +Vorschläge an seinen Fürsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher +Fürst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger +nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute +gleichmütig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen +Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schloß kalt, er +sei bereit, zu prüfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht +bestünden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, quäkte frech, behaglich, +vergnügt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne +damit, die Prüfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch +auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spät und +unter so merkwürdigen Umständen aufgefundenen habsburgischen +Hausprivilegien anzuzweifeln. + +Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die +schmale, feste, knochige Hand. Mit dem bräunlichen Handrücken schlug er +in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links. + +Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien +durchaus nicht weiter gekränkt, nur maßlos verblüfft. Die rötlichen, +lidlosen Augen starrten auf den Fürsten, sahen die niedere, eckige, +entschlossene Stirn, die Hakennase, die hängende Unterlippe über dem +starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte stärker, wiegte den Kopf, +hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging. + +Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lächelte, lachte. + +Der Frauenberger sagte sich: »Man könnte ihn beiseite schaffen. Aber es +wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewiß +vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klüger, sich nicht +mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schöne Regiererei. Aber ein +Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab' auch so genug +beisammen. Wer hätte mir eine solche Karriere zugetraut? Man muß +schauen, soviel wie möglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier? +Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu groß wird. +Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.« + +Er pfiff sein Lied, streckte sich, gähnte geräuschvoll, knackte mit den +Gelenken, schlief. + + * * * * * + +Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die +Herzogin. Er begrüßte die Starre, Verschlossene, drückte ihr auch +mündlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit höflichen, bestimmten +Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Höfen als Fürstin von +Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, daß jetzt die kurzen Tage ihrer +Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so, +daß der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust +ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfähig mache, ihre großen Gaben zu +nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine +feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren +würden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im +Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwägen, ob +Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus +Österreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des +Landes abtreten wolle. + +Reglos saß die alte, plumpe Frau vor dem jungen Fürsten. Der breite, +wüste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmückten Hände lagen tot auf +dem schweren, schwarzen Damast des Kleides. + +Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete, +setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken. +Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, kräftig +gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen +Besitzungen. Aber dafür stehe er ihr ein, der Fürst der Fürstin, es +werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tüchtig. Was sie +persönlich angehe, so werde für ihre Bedürfnisse bestimmt reicher und +herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone. + +Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor +sich hin. Rudolf schloß: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem +Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben +und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu überlegen. + +Margarete sagte mit rostiger Stimme: »Es bedarf weiter keiner +Überlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie +folgerichtig Ihre Gedanken sind.« + +Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die +geschminkten Hände nach außen, ließ sie sinken. Ließ gleiten, ließ +fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Städte, ihr Werk, das Werk ihrer +Väter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewalttätigen, Heinrichs, das +Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl. + +Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen +Gesten; aber es rührte ihn tief und sonderbar an, wie die Häßliche vor +ihm stand, entblößt, demütig, müde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf +ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren +Händen; er werde sich bewußt bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur. + + * * * * * + +Nach allen Richtungen liefen die Kuriere mit Briefen und Dekreten der +Herzogin. Margarete erklärte darin, infolge besonderer Umstände und der +Schwäche des weiblichen Geschlechts sei sie nicht in der Lage, ihr Land +so zu verwesen, wie es sein Vorteil erfordere, und alle und sich selbst +nach Gebühr zu schützen. Nach dem Rat ihrer Minister und der +Repräsentanten des Volkes überantworte sie daher ihre würdigen und edeln +Grafschaften zu Tirol und zu Görz, die Lande und Gegenden an der Etsch +und das Inntal mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen, +Klausen, Städten, Tälern, Gebirgen, Märkten, Dörfern, Weilern, Lehen, +Höfen, Vogteien, Gerichten, Münzen, Mauten, Zehenten, Zöllen, Zinsen, +Steuern, Gefällen, Gehölzen, Gefilden, Wäldern, Huben, Weingärten, +Äckern, Seen, fließenden Wassern, Fischteichen, Wildbahnen, kurz ihr +ganzes väterliches Erbe ihren lieben Vettern und nächsten Anverwandten, +den Herzogen von Österreich. Und sie gebiete ernstlich und festlich, daß +alle ihre Prälaten, Äbte und alle Pfaffheit, dazu die Burggrafen, +Pfleger, Vögte und alle Behörden in Tirol und allerwärts in ihren +Ländern, dazu die ganze Bevölkerung huldige und schwöre für jetzt und +alle Zukunft den Herzogen von Österreich als ihren rechten Fürsten und +Herren. + +Vornächst leisteten alle widerstandslos den verlangten Eid der Treue und +des Gehorsams. Am dritten Februar huldigte Bozen, am fünften Meran, am +neunten Sterzing, am zehnten Innsbruck. Allein von den Feudalherren +hatten sich nicht alle so klug beschieden wie der Frauenberger. Sie +versuchten wenig aussichtsreichen Widerstand, zettelten mit den +Wittelsbachern, mühten sich, den Norden gegen Habsburg zu +revolutionieren. Als Rudolf in Hall erschien, die Huldigung der Stadt +entgegenzunehmen, kam es zu offenem Aufruhr, der Herzog selbst geriet in +Lebensgefahr. Aber die Bürger von Hall hielten den Söldlingen der Barone +Widerpart, die Stadt Innsbruck schickte dem Habsburger Hilfe, es erwies +sich, daß die Städte entschlossen waren, ihn unter allen Umständen gegen +die Willkürherrschaft der einheimischen, von bayrischen Agenten +unterstützten Aristokraten durchzusetzen. Mit Stolz konnte wenige Tage +später der Österreicher dem befreundeten Dogen von Venedig, Lorenzo +Celsi, berichten: »Auf friedlichem Weg, ohne viel Widerstand, sind Wir +in den Besitz des Landes in den Bergen gelangt, dessen Erbe vom Vater +her Uns zusteht. Edle und Unedle haben Uns den Eid geleistet und +anerkennen Uns als ihren Herrn. Alle Straßen und Übergänge von +Deutschland nach Italien sind, dank der Gnade des Allerhöchsten, in +Unserer Hand.« + +Margarete besorgte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die umständlichen, +verwickelten Geschäfte der Übergabe. Aber sie empfing nur die +notwendigsten Besucher, sprach kein Wort über das Amtliche hinaus. +Unauffällig dann, mit ihrem dürren Fräulein von Rottenburg und zwei +Lakaien, wollte sie das Land verlassen. Doch Rudolf gab es nicht zu, daß +sie so klanglos und ohne Repräsentation davonzog. Er ordnete an, daß der +scheidenden Fürstin jede nur denkbare Ehrung erwiesen werde. An den +Grenzen ihrer Territorien empfingen sie die Feudalbarone, am Weichbild +der Städte die geistlichen und weltlichen Behörden. Allein die Sänfte +der Herzogin blieb verschlossen, nur undeutlich zwischen den Vorhängen +erkannte man sie, die starr, reglos in der Roßbahre vorüberschwankte. +Scheu und neugierig spähte das Volk, sah nichts. Da zog sie fort, krank, +abgerissen, die Verderberin, die Hexe, die Mörderin, die Männersüchtige, +Unersättliche, die Häßliche, die Maultasch. Hinter ihr, wild, grausam, +schmutzig, schlugen groteske Legenden zusammen. Rasselten nicht und +klirrten unheimlich auf ihren Schlössern die zurückgelassenen Waffen? +Schepperten nicht in den Kellern und Verliesen die Gerippe der von ihr +Ermordeten? Man mied die Orte, wo sie gern geweilt hatte, sie waren +nicht geheuer. Man schreckte die Kinder: Wenn ihr nicht folgsam seid, +holt euch die Maultasch. Das Vieh mochte das schöne, fette Gras nicht +fressen auf den Almen über Schloß Maultasch. + +Als sie Innsbruck hinter sich hatte, hörte sie, in der Sänfte vor sich +hinbrütend, eine kleine, spitze Stimme: »Leben Sie wohl, Frau Herzogin.« +Sie schrak auf, fragte das dürre Fräulein von Rottenburg: »Wer ist da?« +Das Fräulein hatte nichts gehört. Margarete spähte durch die Vorhänge. +Da sah sie zwei winzig kleine, bebartete Wesen. Sie trippelten am Rande +der Straße, sie schauten aus uralten, ernsten Augen auf die Herzogin, +sie zogen die schmutzigbraunen, altmodischen Mützen, neigten sich +ehrerbietig, viele Male. Da verlor Margarete ihre Starre, die Schultern +wurden ihr schlaff, die dicke, häßliche Frau sank schwer in sich +zusammen. + +Sie kam an die Grenze zum bayrischen Chiemgau. Hier war eine +Ehrenkompanie aufgestellt, präsentierte die Lanzen. Sich senkende +Fahnen, Musik. Die Vorhänge blieben heruntergelassen, die Sänfte +schwankte über die Grenze, ins Bayrische. Sowie sie außer Sicht war, +holten die Zollsoldaten ihrer Weisung gemäß die schönen, schweren Banner +der Gräfin von Tirol herunter, gemächlich, gähnend, pfeifend, zogen an +ihrer Statt die neuen, nüchternen, sauberen Fahnen hoch mit dem roten +Löwen Habsburgs. + + * * * * * + +Langsam ruderte die kräftige Magd das schwere, ungefüge Boot von der +kleinen Fraueninsel weg über den Chiemsee. Es war Mittag, sehr heiß, das +Wasser lag blaß, weit, still. Die beiden geistlichen Herren im Boot, der +Kanzler, Bischof Johann von Gurk, und der Abt von Viktring, der Uralte, +waren schlecht gelaunt. Der Florentiner Chronist Giovanni Villani, der +Nebenbuhler des Abtes, hatte das sensationelle Gerücht aufgebracht, +Margarete, Herzogin von Bayern, Markgräfin von Brandenburg, Gräfin von +Tirol, lebe seit ihrer Abdankung in tiefster Not, der Habsburger lasse +sie Hunger leiden, Entbehrung, jedes Elend. Die Herren waren nun im +Auftrag Herzog Rudolfs in Frauenchiemsee gewesen, wo Margarete jetzt +lebte, um sie zu bewegen, in Wien oder einer beliebigen anderen Stadt +würdig Hof zu halten. Hatte ihr nicht der Habsburger die reichsten +Einkünfte verschrieben, die vier Ansitze Gries bei Bozen, Stein auf dem +Ritten, Amras, Sankt Martin bei Zirl, die Einkünfte der Feste Straßberg, +des Passeyers, der Stadt Sterzing, dazu eine Jahresrente von +sechstausend Veroneser Pfund? Die Hofhaltung der Herzogin hätte es mit +der jedes deutschen Fürsten aufnehmen können. Allein weder die +höflichen, klugen Argumente des Bischofs, noch die lateinischen Zitate +des Abtes und seine Beispiele aus der Geschichte hatten sie weglocken +können. + +»Sie ist jeder Bewegung abgestorben,« klagte der Bischof auf lateinisch. +»Es kümmert sie nicht, ob Tirol Frieden hat oder Krieg. Ich habe ihr von +dem Einbruch des Wittelsbachers erzählt, von der brutalen Einäscherung +und Plünderung des Inntals. Sie hört zu, als spräche man vom Wetter.« +Der See lag ganz still, weißlich flirrend, gleichmäßig tauchten die +Ruder. Der Uralte schwieg. »Dabei häufen sich ihre Einkünfte,« hub +wieder der Kanzler an. »Sie werden ihr pünktlich überwiesen, kein +Pfennig wird angetastet. Das Gold türmt sich in ihren Schlössern. Sie +muß unausdenkbar reich sein. Beim Herkules!« schloß er ärgerlich, »jener +Italiener ist ein treuloser Verleumder und Verkleinerer, ein schlechter +Pasquillant.« + +Dem ausgetrockneten Uralten ging das Herz auf bei dieser Kennzeichnung +des Konkurrenten. »Recht spricht deine Eminenz,« sagte er mühsam, +zahnlos. »Wer hätte je gezweifelt, daß jener ein armseliger, niedriger +Schwätzer ist?« + +Am Ufer der kleinen Insel, vernachlässigt, grellweiß geschminkt, unter +Gerank und sehr farbigen Bauernblumen, saß die Herzogin, schaute dem +Boot nach. Es war ganz still, Mücken flirrten, ein Wasservogel schrie +verschlafen. Ein starker Geruch von Fischen, Netzen, Tang stand in der +heißen, unbewegten Luft. Das Boot rückte sehr langsam von der Stelle, +bog um die Spitze der vorgelagerten, größeren Insel, war nicht mehr +sichtbar. + +Aus dem niedern, gelblichgrauen, besonnten Fischerhaus kam ihr dürres +Fräulein, holte die Herzogin zum Essen. Margarete stand auf, reckte sich +träg, ging mit ihrem schweren, schleifenden Schritt dem Haus zu. Der +Mund wulstete sich äffisch vor, die Backen hingen schlaff, riesig, +unförmig herab, die Schminke konnte die Warzen nicht verdecken. Das +dürre Fräulein, still, demütig, öffnete die ungefüge, niedere Tür vor +ihr. Wolkig drang der Geruch gebratener Fische heraus. Margarete +schnupperte ihn behaglich ein, ging ins Haus. + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere +Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Ausgaben, sind hier +aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 42]: + ... der Liturgie zwang ihr Bewunderung ab. Sie ... + ... der Liturgie zwangen ihr Bewunderung ab. Sie ... + + [S. 93]: + ... Tugenden Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ... + ... Tugenden des Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ... + + [S. 112]: + ... die starke Nase stach spitz auf dem Tuch, Mund und Kinn ... + ... die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn ... + + [S. 145]: + ... gegenüber. Zu ihren Häuptern an den Wänden schritten ... + ... gegenüber. Zu ihren Häupten an den Wänden schritten ... + + [S. 275]: + ... schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an Seite des Kaisers. ... + ... schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des + Kaisers. ... + + [S. 284]: + ... die Albino herum. ... + ... den Albino herum. ... + + + + + + +End of Project Gutenberg's Die häßliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59464 *** |
