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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59464 ***
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+ Lion Feuchtwanger
+ Die häßliche Herzogin
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+ Dieses Buch wurde als zweiter Band
+ der fünften Jahresreihe für die
+ Mitglieder des Volksverbandes der
+ Bücherfreunde hergestellt und wird
+ nur an diese abgegeben. Den Einband
+ zeichnete Walter Wellenstein
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+ Nachdruck verboten
+ Copyright 1923 by Volksverband der Bücherfreunde,
+ Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin
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+ Die häßliche Herzogin
+
+
+ Roman
+ von
+ Lion Feuchtwanger
+
+
+ Volksverband der Bücherfreunde
+ Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
+ Berlin 1923
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+ Erstes Buch
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+Zwischen der Stadt Innsbruck und dem Kloster Wilten auf weitem, freiem
+Blachfeld hoben sich Gezelte, Fahnenstangen; Tribünen waren
+aufgerichtet, eine Art Rennbahn abgesteckt für Turniere und andere
+sportliche Spiele des Adels. Für viele tausend Menschen war Raum
+geschaffen, Bequemlichkeit, Vorbereitung zur Kurzweil. Schon das zweite
+Jahr bedeckten diese Zelte die Felder von Wilten, wartend auf die große,
+prächtige Hochzeit, die Heinrich, Herzog von Kärnten, Graf von Tirol,
+König von Böhmen, ausrichten wollte. Die Klosterbrüder sorgten dafür,
+daß der Wind die Zelte nicht schädige, daß die Arena für die sportlichen
+Spiele nicht zuwachse, daß die Tribünen nicht zusammenmorschten. Aber
+das Fest zögerte sich hinaus, der zweite Hochzeitsplan schien sich
+ebenso zerschlagen zu haben wie der erste. Die Bürger von Innsbruck, die
+Mönche von Wilten schmunzelten, die Berge schauten gleichmütig herunter.
+Die Frauen der Innsbrucker spazierten zwischen den feinen, bunten
+Leinwänden, die Kinder spielten Haschen über die Tribünen hin,
+Liebespaare benutzten die Zelte zu willkommenem Versteck.
+
+Der alternde König Heinrich -- ganz Europa ließ ihm gutmütig und ohne
+Spott den Königstitel, trotzdem er sein Königreich Böhmen längst
+verloren hatte und nur mehr die Grafschaft Tirol und das Herzogtum
+Kärnten besaß --, ritt mißmutig zwischen den Zelten. Er hatte in der
+Abtei Wilten ein kleines Frühstück genommen, gebackene Forellen in
+Ingwer gesotten, Hühner in Mandelmilch, zum Nachtisch Gratias und
+Konfekt. Aber sie verstanden sich in Wilten nicht auf wirklich erlesene
+Küche: die Nuancen fehlten. Der Abt war ein wackerer, beflissener,
+gescheiter Herr und ein guter, verwendbarer Diplomat, aber von den
+Nuancen der Küche verstand er nichts. Ihm jedenfalls, dem König, hatte
+es nicht geschmeckt, und während sonst nach dem Essen seine Laune sich
+zu heben pflegte, war sie jetzt noch trüber als zuvor. Er ritt das
+kleine Stück Weges nach Innsbruck ohne Rüstung. Die knappe, modische
+Kleidung beengte ihn; es war nicht zu leugnen, er wurde jetzt von Monat
+zu Monat fetter. Aber er war ein weltmännischer, ritterlicher Herr; er
+saß prächtig auf seinem edlen, geschmückten Pferd und ließ sich von den
+unmäßig langen, weiten Ärmeln nicht behindern.
+
+Leichter Wind ging, flockte den Schnee auf, bauschte die Zeltwände, ließ
+sie flattern, klatschen. Das kleine Gefolge war zurückgeblieben, der
+König ritt allein, langsam, lässig. Beschaute verdrießlich die
+weitläufigen, festlichen Anstalten. Seine glattrasierten Backen hingen
+schlaff, träg und fett, der Mund baute sich vor, groß, häßlich, mit
+gewulsteter, mächtiger Unterlippe. Seine hellen, wässerigen Augen gingen
+verärgert über die Stadt aus Leinen, über die Tribünen, die Schranken
+der Arena. Er war gewiß ein gutmütiger, verträglicher Herr. Aber
+schließlich hatte auch seine Langmut Grenzen. Nun hatte Johann, der
+Luxemburger, ihn zum zweitenmal zum Narren gehabt: ihm zum zweitenmal
+die Braut zugesagt, alles feierlich abgesprochen -- ihn zum zweitenmal
+sitzen lassen.
+
+Er schnaubte, sein Atem blies durch die kleine, platte Nase, stand in
+starken Dunstwolken in der kalten, nebligen Schneeluft. Eigentlich war
+er Johann, dem Luxemburger, trotz allem nicht böse; es fiel ihm
+überhaupt schwer, jemandem böse zu sein. Johann hatte ihn schmählich aus
+Böhmen hinausgejagt, so daß von seinem Königtum nur der leere Titel
+blieb; aber er hatte sich von dem liebenswürdigen, eleganten Mann
+mühelos wieder versöhnen lassen, als der ihm finanzielle Entschädigung
+und die Hand seiner schönen, jungen Schwester Maria bot. Auch als der
+Luxemburger sein Versprechen nicht halten und seine Schwester nicht zu
+der Heirat überreden konnte, hatte er weiter kein großes Gewese gemacht
+und sich bereit erklärt, mit der andern Braut vorliebzunehmen, die der
+Luxemburger ihm vorschlug, mit Johanns Kusine Beatrix von Brabant. Doch
+daß jetzt auch die ausblieb, das war zuviel. Der Bartholomäustag, an dem
+sie hatte eintreffen sollen, war längst vorbei; Johanns liebe Muhme von
+Brabant war nicht gekommen, die schönen Zelte auf den Wiltener Feldern
+warteten vergebens. Der Luxemburger wird gewiß wieder eine zierlich
+gedrechselte Ausrede wissen. Allein diesmal wird sich König Heinrich
+nicht so glatt beschwichtigen lassen. Auch die Langmut eines
+vielgeprüften christlichen Königs hat ihr Maß und Ziel.
+
+Er wippte ärgerlich mit der kostbar verzierten Reitgerte. Er erinnerte
+sich sehr deutlich, wie er zuletzt mit Johann zusammengewesen war, im
+Mai, und alles abgesprochen hatte. Der Luxemburger, das mußte man
+zugeben, war in fabelhaft eleganter Aufmachung erschienen. Er trug,
+ebenso wie alle Herren seines Gefolges, die neueste Tracht, die eben in
+Katalonien und Burgund aufgekommen war, und die man in Deutschland noch
+nie gesehen hatte: ungeheuer enge, knappe Kleider -- man brauchte zwei
+Diener, um sie über die Glieder zu zerren -- aus vielfarbigem Stoff, mit
+Schachbrettflicken besetzt, weite Ärmel, fast bis zu den Knien
+herabhängend. Er selber, König Heinrich, legte größtes Gewicht auf
+modisches Auftreten; doch der Luxemburger -- es war nicht zu bestreiten
+-- war ihm über. Alle die böhmisch-luxemburgischen Herren -- wie sie es
+nur in der kurzen Zeit hatten fertigbringen können! -- hatten auch
+bereits die neue Haartracht getragen: Vollbart und langes Haar an Stelle
+des glattrasierten Gesichts und des kurzen Haarschnitts, wie es seit
+seinem frühesten Erinnern, ja wohl seit der Stauferzeit, Kavaliersitte
+gewesen war. Es hatte ihn wirklich überrascht und ihm imponiert, wie
+sicher und selbstverständlich der Luxemburger über Nacht in die neue
+Mode hineingewachsen war. Er hatte denn auch voll heimlicher Bewunderung
+mit Johann nur über Fragen der Mode gesprochen, dazu über Frauen,
+Pferde, Sport, und die Politik und die zu erledigenden geschäftlichen
+Fragen der Hochzeit seinen Räten überlassen. Seine Herren, der
+behutsame, ergebene Abt von Wilten, der vielbelesene, beredte Abt
+Johannes von Viktring, sein stattlicher Burggraf Volkmar, seine lieben,
+klugen Herren von Villanders, von Schenna verstanden diese peinlichen,
+langweiligen Gelddinge ja wirklich viel besser als er selber, in ihren
+treuen und gewandten Händen lag die Abfassung des Vorvertrags viel
+sicherer. Er hatte sich darum auch auf das Gesellschaftliche beschränkt,
+und wenn König Johann die Vorzüge der Pariser und Burgunder Damen pries,
+mit denen er zu abenteuern liebte, so hatte er dem die festen Reize der
+Tirolerinnen entgegengehalten, die er sehr, aber sehr genau und aus
+immer neuer Anschauung kannte. Schließlich hatte ihm dann sein lieber
+Sekretär, der Abt Johannes von Viktring, den fertigen Vorvertrag
+vorgelegt, hatte einen lateinischen Vers zitiert: »Und so wäre denn
+dieses zum schönen Ende beschlossen,« hatte versichert, jetzt sei alles
+gut und erledigt, er werde bestimmt zu Bartelemi die Braut und
+dreißigtausend Mark Veroneser Silbers bekommen. Und da war er nun und
+ritt herum auf seinem Festplatz. Die Zelte waren da, die Fahnenstangen,
+der Turnierplatz -- aber keine Braut und kein Geld.
+
+Am Wege des Königs stand ein kleiner Knabe. Er hatte das Pferd nicht
+kommen hören; er hockte eifrig und angestrengt im Winkel eines Zeltes,
+hatte den Rock hochgehoben, verrichtete seine Notdurft. Der König
+ergrimmte über solche Besudelung seines Hochzeitsplatzes, schlug nach
+dem Knaben. Gleich aber, wie der losheulte, hatte er Mitleid, bereute,
+warf ihm eine Münze zu.
+
+Nein, es ging wirklich so nicht länger. Wie da die Zelte standen und
+warteten, das war seiner Majestät unwürdig. Er wird Schluß machen mit
+dem Luxemburger und seinen windigen Projekten. In Innsbruck trifft er
+den Österreicher, den Herzog, den lahmen Albrecht. Mit dem wird er
+Kontrakt schließen, sich von dem Österreicher die Braut verschreiben.
+Ist er auf Luxemburg angewiesen? Gotts Marter! Was ihm Luxemburg nicht
+schaffen kann oder will, das wird ihm Habsburg schaffen.
+
+Er war nicht geneigt, Verdruß lang in sich zu halten. Sowie er seinen
+Entschluß gefaßt hatte, ließ er den Ärger in die freie, kalte, fröhliche
+Gottesluft hinaus. Er sah mit ganz anderen, lustigen Augen auf den
+festlichen Aufbau ringsum. Lacht ihr nur! Der wird jetzt bald seinen
+guten Sinn haben. Er richtete sich höher, pfiff ein kleines, keckes
+Lied, spornte sein Pferd, daß seine Herren sich beeilten, ihm
+nachzukommen.
+
+ * * * * *
+
+Die fünf Herren des engsten Gefolges hatten, die weitläufige Zeltstadt
+durchreitend, halbe, andeutende, lächelnde Sätze über die verzögerte
+Hochzeit des Königs getauscht. Sie waren alle fünf weit begabter als ihr
+Herr, sie quetschten ihn, vor allem der brutale Burggraf Volkmar, nach
+Kräften aus, preßten ihm immer neue Belehnungen, Herrschaften,
+Steuerverpachtungen ab. Aber bei alledem hingen sie in ihrer Art an dem
+gutmütigen, sanguinischen, bequemen Fürsten. Er war ein freigebiger
+Herr, fromm, ein guter Kumpan, geneigt zu Festen und Sport, den Frauen
+zugetan; er liebte modische Kleider, jegliches Behagen, er hatte auch
+Phantasie, war für jedes Unternehmen leicht zu haben; nur pflegte er
+rasch zu erlahmen, hielt nicht durch. In einer Zeit, in der alle Politik
+so ganz von der Persönlichkeit des Fürsten abhing, hatte ein solcher
+Herr nicht gerade die besten Aussichten, und seit dem böhmischen
+Abenteuer war er für die große europäische Politik auf alle Zeit
+erledigt. So wenig er das ahnte, so genau wußten das die Herren. Sie
+wußten: mit ihm wurde Politik gemacht -- nicht er machte sie.
+
+Aus diesem Wissen heraus überschauten sie auch die Heiratspläne
+Heinrichs, und die wartenden Zelte hatten für sie einen sehr anderen,
+ironischeren Sinn als für den guten König.
+
+Am Hebel der Geschicke des Römischen Reichs saßen drei Fürsten. Der
+rasche, glänzende, schillernde Johann von Luxemburg-Böhmen, der schwere,
+schwankende Ludwig von Wittelsbach, der zähe, weitsichtige Albrecht von
+Habsburg, den seine Lähmung hart und zum Lenker seiner mitregierenden
+Brüder gemacht hatte. Die drei Fürsten waren gleich an Macht, streckten
+die Hand nach der Herrschaft über das Reich und die Christenheit, saßen
+gespannt, belauerten sich. Äugten nach dem Land in den Bergen, nach
+Kärnten und Tirol, wo Heinrich saß, der alternde Witwer ohne männlichen
+Erben. Hier war eine Möglichkeit, die einzige, Macht und Besitz
+entscheidend zu mehren. Das Land in den Bergen, das reiche, schöne,
+fruchtbare berühmte Land, dehnte sich von den burgundischen Grenzen bis
+zur Adria, von der Bayerischen Hochebene in die Lombardei. War die
+Brücke von den österreichischen Besitzungen der Habsburger zu ihren
+schwäbischen, von Deutschland nach Italien, der Schlüssel zum Imperium.
+Seinen Herrn, den gutmütigen, alternden Lebemann zu gewinnen, zu
+beerben, schien jedem der drei Fürsten erreichbar. Sie stellten seine
+Sehnsucht, zu seinen vielen unehelichen Söhnen und seinen beiden
+ehelichen Töchtern einen echten männlichen Erben zu haben, in ihre
+Rechnung, lockten ihn mit seinen Heiratsplänen.
+
+Die fünf Herren, die drei Ritter in ihren Rüstungen, die beiden Äbte in
+Reisekleidern von sehr weltlichem Schnitt, lächelten, wenn sie daran
+dachten, wie König Heinrich diese Zusammenhänge nicht sehen, wie er sie
+vor sich selber verstecken wollte. Er tat, als mühten sich der
+Luxemburger, der Wittelsbacher, der Habsburger nur aus fürstlicher Lieb'
+und Treue, aus Freundschaft, ihm die rechte Braut zu finden.
+
+Am unbedenklichsten war dabei Johann vorgegangen, der Luxemburger. Erst
+hatte er Heinrich seine junge, schöne Schwester Maria angetragen und
+zwanzigtausend Mark Veroneser Silbers, als Gegengabe die Vermählung
+einer der Töchter Heinrichs mit einem der kleinen luxemburgischen
+Prinzen verlangend. Er hatte den alten, lüsternen Witwer mit Bildern
+Marias gereizt, ohne die zarte, feine, strahlende Prinzessin auch nur
+mit einem leisen Wort um ihre Zustimmung gefragt zu haben. Es war
+unschwer zu verstehen, daß die junge, liebliche Luxemburgerin, die
+Kaiserstochter, sich mit allen Mitteln gegen die Heirat mit dem alten,
+schlaffen Lebemann sträubte. Sie hatte ein Gelübde ewiger
+Jungfräulichkeit getan, aber dies Gelübde -- die Herren feixten, als sie
+in schleierigen Worten davon sprachen -- hatte sie nicht gehindert,
+wenige Monate später sich dem König von Frankreich zu vermählen.
+
+Wahrscheinlich hatte Johann, von vornherein wissend, daß er seine
+Schwester niemals zu der Heirat mit dem Kärntner vermögen werde, den
+alten König, der sich kindisch auf einen wohlgestalten Prinzen aus
+dieser Ehe freute, nur hinhalten wollen. Gewiß war, daß er das
+zweitemal, im Fall der Beatrix von Brabant, ein leichtfertiges Spiel mit
+dem alten Fürsten trieb. Durch das Versprechen einer noch weit reicheren
+Mitgift hatte er Heinrich einen Vertrag abgelistet, demzufolge Heinrichs
+kleine Tochter Margarete einen von Johanns kleinen Söhnen heiraten und,
+falls Heinrich ohne männliche Nachkommen mit Tod abginge, seine Länder
+erben sollte. Damit hatte er die Handhabe, sowie der alte Fürst ohne
+Sohn starb, seine Hand auf Kärnten, Görz, Tirol zu legen. Nun hatte er
+zwar durch sorgfältige Prüfung der mannigfachen Liebesabenteuer
+Heinrichs festgestellt, daß der rasch abgeblühte König in den letzten
+vier, fünf Jahren von keiner seiner Geliebten mehr ein Kind bekommen
+hatte. Immerhin, hier konnte kein Arzt und kein noch so erfahrener
+Lebemann mit Sicherheit voraussagen; je länger der Luxemburger die
+Heirat des Königs hinauszog, desto mehr schwand dessen Aussicht auf
+männliche Nachkommen, desto größer wurde die eigene Hoffnung, durch
+seinen kleinen Sohn das Land in den Bergen und damit das römische
+Imperium in die Hand zu kriegen.
+
+Sehr genau sahen die Herren diese Verknüpfungen, sehr genau wußten sie,
+daß hier der letzte Grund war, aus dem die festlichen Zelte so leer und
+betrübt dastanden. Wenn des Luxemburgers liebe Muhme von Brabant,
+Tochter des Sire von Louvain und Gaesbecke, Nichte des verstorbenen
+Kaisers, des siebenten Heinrich, zögerte, wenn sie vorgab, sie sei die
+einzige Stütze ihrer Eltern, sie wolle ihr schönes Flandern nicht mit
+dem fremden, beängstigenden Bergland vertauschen -- ei, sehr dringlich
+hatte ihr das der Luxemburger wohl nicht auszureden versucht.
+
+Die Herren standen dem ganzen Heiratsplan, der recht eigentlich der Kern
+aller alpenländischen Politik war, im Grund unbehaglich und zwiespältig
+gegenüber. Der Burggraf Volkmar zwar, wuchtig und brutal in seiner
+gewaltigen Rüstung, sagte mit seiner harten, knarrenden Stimme, ob
+Luxemburg, ob Habsburg, es sei gut, wenn der König endlich die Braut im
+Bett habe; die Majestät und mit ihr sie selber, seine Räte und Herren,
+machten sich lächerlich von Sizilien bis in die fernste Nordmark mit
+diesem endlos verhinderten Beilager. Allein das klang ein wenig krampfig
+und unecht, und sowohl der schlaue, wortkarge Tägen von Villanders wie
+Jakob von Schenna, der feine, hagere Herr, der jüngste der Räte, zu
+dessen müdem Skeptikergesicht die Rüstung schlecht stand, machten
+zweifelnde Mienen. Der König Heinrich verstand so angenehm wenig von
+Finanzen; er überließ die Verwaltung ganz seinen Räten, und wenn die bei
+Rechnungsablage klagten, was für Mühe sie gehabt und wie sehr sie
+daraufgezahlt hätten, so bedankte er sich mit vielen freundlichen Worten
+und hielt trotz seiner immer leeren Kassen nicht zurück mit Belehnung,
+Privilegien, Steuerpachten. Man wurde auf schöne, leichte, behagliche
+Art fett bei ihm, rundete, mästete Gut und Truhe. Wenn sich jetzt -- die
+Herren seufzten -- ein Fremder in diesen bequemen Pfuhl hineinlegt, wird
+man es, trifft man noch so viel Vorkehrungen, auf keinen Fall mehr so
+leicht haben.
+
+Wirklich vergnügt waren die beiden Prälaten, der schlaue, kleine, magere
+Abt von Wilten und der betuliche, redselige, behagliche Johannes von
+Viktring. »Lehrreich ist es und schön, das Treiben der Großen zu sehen,«
+zitierte dieser einen antiken Klassiker, und beide hatten sie ihre
+große, stille, sportliche Freude an der Diplomatie des Luxemburgers. Sie
+waren nicht unbescheiden; ob Heinrich, ob der Luxemburger, ob der
+Habsburger, sie werden von jedem herauszubekommen wissen, was sie für
+ihre freundlichen, sauberen, fetten Abteien brauchten. So warteten sie
+mit fast unparteiischer Neugier, wie der Kampf zwischen Albrecht von
+Österreich und Johann von Böhmen ausgehen werde, und beschauten mit
+Wohlwollen die dicke, fromme, gutmütige, lebenslustige Schachfigur, die
+König Heinrich in dem hohen Spiel der drei mächtigsten Deutschen
+darstellte.
+
+Die Herren holten den König ein, der straffer auf seinem Pferd saß,
+sahen, wie er sich aufgehellt hatte, errieten seinen Entschluß, sich von
+dem Habsburger unter allen Umständen die Braut verschreiben zu lassen.
+Nun ja, so oder so, einmal mußte die Angelegenheit zum Streich kommen.
+Gut, man wird sich also auf den Habsburger einstellen.
+
+Doch als nach wenigen Monaten die Zelte von Wilten sich endlich wirklich
+mit den Festgästen bevölkerten, war freilich eine andere Beatrix die
+Braut, jene, die Albrecht von Österreich vorgeschlagen hatte, Beatrix
+von Savoyen; allein Johann von Luxemburg hatte sich eingeschoben, Johann
+von Luxemburg hatte die Hochzeit vermittelt, den Vorvertrag
+unterzeichnet und garantiert, Johann von Luxemburg zahlte die Mitgift
+oder versprach wenigstens, sie zu zahlen, und sein kleiner Sohn Johann
+war der Bräutigam Margaretes von Kärnten und Erbe des Landes in den
+Bergen.
+
+
+
+
+Die zwölfjährige Margarete, Prinzessin von Kärnten und Tirol, reiste von
+ihrem Stammschloß bei Meran nach Innsbruck zur Hochzeit mit dem
+zehnjährigen Prinzen Johann von Böhmen. Ihr Vater, König Heinrich, hatte
+ihr vorgeschlagen, sie solle die nahe Straße über den Jaufenpaß nehmen.
+Aber sie zog den riesigen Umweg über Bozen und Brixen vor, denn sie
+wollte sich weiden an den Huldigungen der menschenvollen Siedlungen an
+dieser Straße.
+
+Sie reiste mit großem Gefolg. Die Herren ritten langsam, die
+schöngeschmückten, kostbaren Planwagen der Damen knarrten holpernd die
+bergigen Straßen hinauf, hinab, stießen erbärmlich. Viele Damen zogen
+Maultiere vor, trotzdem sich das eigentlich nicht schickte, oder sie
+ließen sich auch für eine kurze Strecke von den Herren aufs Pferd
+nehmen.
+
+Die kleine Prinzessin saß in einer prunkvollen Roßsänfte mit ihrer
+Hofmeisterin, einer Frau von Lodrone, und ihrem Kammerfräulein Hildegard
+von Rottenburg, einem dürren, unansehnlichen, ungeheuer dienstwilligen
+Geschöpf. Die beiden Damen seufzten und lamentierten immerzu über den
+Staub der schlechten Straße, den Gestank der Pferde, das endlose
+Geschaukel; aber die Prinzessin ertrug die Strapazen ohne leiseste
+Klage.
+
+Still und ernsthaft saß sie, aufgeputzt, pomphaft. Die Taille war so
+eng, daß sie sie schnürte; die Ärmel aus schwerem, grünem Atlas hingen
+übertrieben modisch zum Boden; ein Eilkurier hatte ihr aus Flandern
+eines der neuartigen, kostbaren Haarnetze bringen müssen, wie sie eben
+dort aufgekommen waren. Eine schwere Halskette prahlte über dem
+Ausschnitt, große Ringe an den Fingern. So saß sie, ernsthaft,
+schwitzend, überladen, prunkvoll zwischen den verdrießlichen, ewig
+jammernden Frauen.
+
+Sie sah älter aus als ihre zwölf Jahre. Über einem dicklichen Körper mit
+kurzen Gliedmaßen saß ein großer, unförmiger Kopf. Wohl war die Stirne
+klar und rein, und die Augen schauten klug, rasch, urteilend, spürend;
+aber unter einer kleinen, breiten, platten Nase sprang der Mund äffisch
+vor mit ungeheuren Kiefern, wulstiger Unterlippe. Das kupferfarbene Haar
+war hart, spröde, stumpf, ohne Glanz, die Haut kalkig grau, bläßlich,
+unrein, lappig.
+
+So fuhr das Kind von Kärnten durchs Land unter einem strahlenden
+Septemberhimmel. Wo sie hinkam, grüßten Zinken und Trompeten, Glocken
+läuteten, Fahnen wehten. In Brixen holten Bischof und Kapitel
+feierlich die Tochter und Erbin ihres Schirmvogts ein. Die
+großen Feudalaristokraten empfingen sie an den Grenzen ihrer
+Lehensherrschaften. Am Weichbild der Städte erwarteten sie mit
+festlichem Gruß die Behörden.
+
+In klarer, kluger, lateinischer Rede, herrisch und sehr erwachsen
+erwiderte Margarete die unterwürfigen Worte der Huldigenden. Ehrfürchtig
+starrte das Volk sie an, grüßte sie wie das Sanktissimum, hob die Kinder
+hoch, daß sie ihre künftige Fürstin sähen.
+
+War sie vorbei, schaute man sich an, feixte. »Das überworfene Maul! Wie
+eine Äffin!« höhnten Frauen, die unansehnlich waren und dürftig von
+Gestalt. Schöne hatten Mitleid. »Die Arme! Wie sie häßlich ist!«
+
+So zog das Kind durch das Land, kalkig, blaß, dicklich, ernsthaft,
+schwer von Pomp wie ein Götzenbild.
+
+ * * * * *
+
+In dem großen Empfangszelt der leinenen Stadt vor Wilten prunkten die
+kostbaren Gobelins und Teppiche, rauschten feierlich die Banner, standen
+gravitätisch die Wappen von Luxemburg, Kärnten, Krain, Görz, Tirol. Der
+zehnjährige Prinz Johann erwartete die Braut, die ihm vermählt werden
+sollte. Mager, knochig, sehr groß für seine Jahre, stand der Prinz, der
+dünne, lange Kopf leidlich hübsch, doch versteckten sich tief in den
+Höhlen bösartige, kleine Augen. Unbehaglich rieb er sich in seinen
+engen, modischen Kleidern, die schmale Brust peinlich zerstoßen in einer
+rein dekorativen Halbrüstung, die er bei diesem Anlaß zum erstenmal
+trug. So drückte er sich, schwitzend, sonderbar unsicher, zwischen den
+fünfzehn böhmischen und luxemburgischen Herren herum, die ihm das
+Geleite gegeben.
+
+Trompeten, sich senkende Fahnen. Die Prinzessin kam. Der Erzbischof von
+Olmütz trat vor, begrüßte sie im Namen des Prinzen mit tönenden, geübten
+Worten. Dann standen sich die beiden Kinder gegenüber, der geschmückte
+Knabe in seiner Zierrüstung und das prunkschwere Mädchen. Prüfend
+beschauten sie sich. Unbehaglich blinzelte, scheu und trotzig aus
+kleinen, bösartigen Augen Johann nach seiner häßlichen Braut; kühl, fast
+verächtlich sah Margarete auf den langen, stakigen, unsicheren Knaben.
+Dann, zögernd, zeremoniös, reichten sie sich die Hände.
+
+Die Väter kamen. Bewundernd sah Margarete den riesigen, strahlenden
+König Johann. Welch ein Mann! Und der Luxemburger, der ein sehr geübter
+Politiker war, überwand sich. Zuckte nicht zurück. Hoch hob er in seinen
+starken Armen das häßliche, dickliche, prunkende Kind, das seinem Sohn
+Kärnten, Krain, Tirol, Görz zubrachte, und vor aller Augen küßte er die
+Zitternde, ihm dringlich in die Augen Starrende, glückselig
+Erschlaffende auf den breiten, äffisch vorgebauten Mund. Der alternde
+König Heinrich stand froh und gerührt, die hellen Augen noch wässeriger
+als sonst. Mit seiner fleischigen, immer etwas zitternden Lebemannshand
+schüttelte er die kalt schwitzende, kraftlose, knochige seines kleinen
+Schwiegersohns, redete zu ihm wie zu einem Erwachsenen.
+
+Und es klangen die Hörner, dröhnten die Pauken, das Festmahl begann. In
+Scharlach und Gold glänzte das Zelt, in dem die Kinder Galatafel
+hielten. Drei strotzende Tische bogen sich unter den Schaugerichten. Die
+Bistümer Trient und Brixen hatten ihr kostbares Tischzeug geliehen, die
+Städte Bozen, Meran, Sterzing, Innsbruck, Hall ihr Prunkgeschirr. Schwer
+zu Häupten des Brautpaars prahlten die Standarten mit den ungefügen
+Wappentieren. Hoch auf ihren wuchtigen, geschmückten Streitrossen trugen
+die ersten Herren Böhmens, Kärntens, Tirols die Speisen herbei für die
+fürstlichen Kinder, unter Vortritt der Musik. Ritter reichten Wasser,
+Handtücher nach jedem Gang, schenkten Wein, schnitten Speisen vor.
+Ernsthaft unter Scharlach und Gold mit alten Gesichtern thronten die
+Kinder.
+
+Der gute König Heinrich schwamm in Glück. Er ging hinüber zu seiner
+neuen Gemahlin, der jungen, schüchternen, bleichsüchtigen, immer
+fröstelnden Beatrix von Savoyen, die am Tisch der fürstlichen Damen
+präsidierte, tätschelte ihre Hand, trank ihr zu. Schlenderte wieder
+zurück zu dem Luxemburger, dem ersten Ritter, dem galantesten Weltmann
+der Christenheit. Es tat wohl, sich Seite an Seite mit diesem zu fühlen,
+eins mit ihm. Der war anders als der ernsthafte, fade Bayer, der Kaiser
+Ludwig, der immer nur von Politik sprach und von Militär. Der gehörte zu
+ihm, war von seiner Art. Er, Heinrich, lebte und liebte herum auf seinen
+Schlössern Zenoberg, Gries, Trient, auf den Burgen seiner Edelleute, und
+ihre Damen waren geehrt und erfreut, wenn sie ihrem Fürsten ihre
+Ergebenheit zeigen konnten. Auch auf Reisen ging er keinem Erlebnis aus
+dem Weg, sah es gern, wenn etwa der Magistrat einer Stadt ihn feierlich
+einlud, das Frauenhaus zu besuchen. Doch dieser Johann war ihm --
+Sakrament und neungeschwänzter Teufel! -- noch über. Es gab keine Stadt
+von der spanischen Grenze bis tief ins Ungarische, von Sizilien bis ins
+Schwedische, wo der nicht sein Wesen getrieben hätte. Durch die Straßen,
+nachts, strich er, verkleidet, lüstern wie ein Kater, scharmutzierte mit
+den Bürgersfrauen, prügelte sich herum mit gekränkten Liebhabern. Ganz
+Europa war voll von seinen merkwürdigen, frechen, süßen, glänzenden
+Abenteuern. Selig, schon sehr stark unter Wein, rückte Heinrich ganz
+nahe an den Luxemburger; er war ihm ehrlich zugetan, ganz ohne Neid.
+Gewiß, er war etwas älter, ein wenig reifer; aber alles in allem
+erblickte er in diesem Johann nur sein eigenes Widerspiel, so etwas wie
+einen gleichgearteten jüngeren Bruder. In fröhlicher Ahnungslosigkeit
+glaubte er, die Welt müsse in ihm selber das gleiche sehen wie er in
+jenem.
+
+Er trank stark, gluckste, stieß mit schwimmenden Augen, in kichernder
+Kollegialität, den Luxemburger in die Seite, lallte ihm flüsternd
+anstößige Geheimnisse zu. Der kluge, glänzende Johann ging freundlich
+auf die greisenhaft geschwätzige Vertraulichkeit des Kärntners ein, ließ
+durch keine leiseste Geste merken, daß er ihn für einen alten Trottel
+hielt. Die beiden Könige steckten die Köpfe zusammen, legten sich die
+Arme um die Schultern, wisperten Lebemännisches, pruschten heraus.
+
+Auch die übrigen Herren belebten sich, röteten sich. Die Böhmen, die
+Luxemburger, die Tiroler verstanden einander nur schwer oder überhaupt
+nicht. Das war Anlaß mancherlei Spaßes. Immer wieder vor allem hörte man
+das dröhnende Gelächter der beiden natürlichen Brüder des Königs,
+Heinrichs von Eschenloh und Albrechts von Camian.
+
+Das Kind Margarete schaute mit großen, klugen Augen zu ihren lustigen
+Oheimen hinüber. Ihre Damen, die Frau von Lodrone, das Fräulein von
+Rottenburg, baten verschämt, die Herren möchten ihre gefährlichen
+Historien vor den Kindern nicht so laut erzählen. Die beiden welkenden
+Hofdamen hatten von dem süßen Wein getrunken, sie hatten fleckige
+Backen, lächelten säuerlich, angeregt, gelockt.
+
+An der Tafel der Damen saß auch die jüngere Schwester Margaretes, die
+kränkliche, verkrüppelte Adelheid. Das menschenscheue Kind wäre viel
+lieber im Kloster geblieben bei den Nonnen von Frauenchiemsee. Doch
+Margarete hatte darauf bestanden, daß die Schwester bei ihrer Hochzeit
+erscheine. Da saß sie denn in dem festlichen Lärm zwischen den
+dröhnenden Rittern unter den Bannern und Schaugerichten, die Enkelin der
+kraftvollen Eroberer des Landes, fahl, verwachsen, leidend, den
+Hofzwergen sehr ähnlich, die vor ihr herumzappelten, krampfige, grobe
+Späße machten. Die sanfte Beatrix von Savoyen, ihre Stiefmutter,
+lächelte ihr zu, streichelte ihre Hand.
+
+Der kleine Prinz Johann, der Bräutigam, saß finster, steif, beengt auf
+seinem Ehrenplatz. Die Kinder hatten noch fast nichts miteinander
+gesprochen. Zuweilen, mit einem schrägen Blick, streifte er seine Braut,
+die ganz sicher und ohne Scheu dasaß. Um sich über seine Verlegenheit
+hinwegzuhelfen, aß er viel und hastig durcheinander, trank auch von dem
+gewürzten Wein. Schließlich befiel ihn Übelkeit; er machte zunächst ein
+grimmiges Gesicht, verbiß es, aber zuletzt konnte er es nicht mehr. Der
+Erzbischof von Olmütz mußte ihn hinausführen. Man lächelte ringsum,
+wohlwollend, freute sich, machte gutmütige Scherze. Margarete schaute
+kühl, verächtlich geradeaus.
+
+Als er zurückkam, hatte er die Rüstung abgelegt, fühlte sich leichter.
+Düsteren, trotzigen Gesichts machte er sich über die Pistazien, Feigen,
+Lebkuchen, Latwerge, Bonbons her. Diese Reise, das häßliche, stolze
+Mädchen, seine Braut, das Fest, sein Vater, der alte, dicke Mann, der
+jetzt sein Schwiegervater war -- alles war ihm tief zuwider. Er hätte in
+dem schmutzigen böhmischen Dorf sein mögen, das zum Schloß seiner Mutter
+gehörte, hätte sich herumraufen mögen mit den Bauernkindern, den
+Wenzeslaus, Bogislaw, Prokop. Er war lang, kräftig und feig. Er pflegte
+seine Spielkameraden rücksichtslos zu hauen, zu beißen. Wehrten sie
+sich, so nahm er es zunächst hin. Drohten sie aber, ihn zu überwältigen,
+so kehrte er plötzlich den Königssohn heraus, schäumte, verklagte, ließ
+hart bestrafen. Er war bei seiner Mutter erzogen, der böhmischen
+Elisabeth, die dem Luxemburger das Königreich zugebracht hatte. Sie war
+eine hysterische Dame, grell verliebt in ihren strahlenden Gemahl, wild
+eifersüchtig auf seine zahllosen Frauen. Vor allem haßte sie glühend die
+Witwe des verstorbenen Königs Rudolf, die Gräzer Königin, deren
+anstößige Beziehungen zu Johann das Land in Bürgerkrieg stürzten und
+verelendeten. In solchen jäh wechselnden Gefühlen, ihrem Gatten bald
+ekstatisch anhangend, bald ihn wild hassend und verfluchend, erzog sie
+auch den kleinen Johann. Er konnte sich mit seinem Vater kaum
+verständigen; der sprach kein Böhmisch, er kein Französisch; sie mußten
+Deutsch miteinander reden, das sie beide nur schlecht beherrschten. Auch
+sah der Knabe den Vater nur selten, wenn der für eine kurze Zeit
+rauschender Feste in sein Königreich zurückbrauste, das er nicht leiden
+mochte, dem er nur Geld ausquetschte, dem er sein Luxemburg, seine
+schönen rheinischen Besitzungen weit vorzog. Die Mutter zwang ihn dann,
+dem Vater je nach ihrer Laune Haß oder Liebe vorzuheucheln. So wurde das
+Kind sehr früh hinterhältig, verdrückt, trotzig, scheu.
+
+Das helle, bergige Land Tirol, in dem alles so klar und scharf im Licht
+stand, war ihm unangenehm. Er sehnte sich zurück in sein wolkiges,
+dunstiges Böhmen. Er blinzelte, er fühlte sich satt. Der Wein regte ihn
+auf, er wollte jetzt etwas tun, befehlen, quälen.
+
+Sein Kämmerling stand hinter ihm, goß ihm aus goldenem Krug Wasser über
+die Hände. Johann herrschte ihn an, er solle besser achthaben, er gieße
+ihm das Wasser über die Ärmel. Der Kämmerling rötete sich, zuckte mit
+den kurzen Lippen, wollte erwidern, bezwang sich, schwieg.
+
+Margarete wandte den Kopf, ließ ihre klugen, raschen Augen über den
+Kämmerling gehen. Der Knabe war drei, vier Jahre älter als Johann,
+schlank, kühnes, mageres, gebräuntes Gesicht mit starker Nase und
+kurzen, vollen Lippen; langes, unbekümmertes, kastanienfarbenes Haar.
+
+»Wie heißt Ihr Knabe Kämmerling, Liebden?« sagte sie mit ihrer warmen,
+klaren Stimme.
+
+Johann sah schräg zu ihr herüber, mißtrauisch. »Chretien de Laferte,«
+erwiderte er mürrisch.
+
+Chretien war ihm seit etwa einem Jahr vom Hof seines Vaters beigegeben
+worden als älterer Spielgefährte und Kamerad, der ihm höfische Dienste
+leisten und vornehmlich französische und burgundische Sitte beibringen
+sollte.
+
+»Geben Sie mir von dem Konfekt, Chretien!« sagte langsam, gleichmütig
+Margarete und sah ihn an.
+
+Chretien, beflissen, reichte ihr die Schale mit Süßigkeiten. Sie brach
+mit großer Selbstverständlichkeit ein Stück in drei Teile, behielt den
+einen, reichte Johann den zweiten, den dritten dem befangenen Chretien.
+
+Am Tisch der Herren beobachtete man den Vorgang, scherzte über die
+kindliche Nachahmung erwachsener Galanterie. Allmählich wurden die
+Scherze bösartiger. Man spöttelte über die ungewöhnliche Häßlichkeit der
+Braut. »Armer Junge!« sagte einer der Böhmen. »Der muß sich seine Länder
+sauer verdienen.« -- »Da erobere ich lieber mit dem Schwert als so,«
+sagte ein anderer. -- »Bis so ein Maul einem schmackhaft wird,« sagte
+ein dritter, »muß es dick geschmiert sein.« Die tirolischen Barone
+hielten sich zuerst zurück; aber schließlich, halb widerwillig, stimmten
+auch sie ein. Das Kind Margarete schaute herüber. Sie konnte unmöglich
+gehört haben; doch ihre großen, ernsthaften Augen schienen so wissend,
+daß die Herren fast betreten abbrachen.
+
+Jakob von Schenna saß unter ihnen, der jüngste unter den Räten und
+Vertrauten König Heinrichs. Er war oft zu Gast auf den Schlössern des
+Königs. Das Kind Margarete sah ihn häufig. Er war der einzige, den sie
+mochte, dem sie vertraute. Er sprach nicht zu ihr mit jener törichten
+Herablassung, mit jener krampfigen Kindlichkeit, die sonst wohl
+Erwachsene annahmen, wenn sie mit ihr sprachen, und die sie bitter
+verdroß. Er nahm sie und behandelte sie wie eine Große.
+
+Er sah, wie sie prunkvoll feierlich dasaß, er sah den kleinen, rohen,
+bösen böhmischen Prinzen, von dem kein Weg zu ihr führte, er sah, wie
+sie mit dem Kämmerling Chretien anzuknüpfen versuchte. Er hörte die
+schlimmen, verständnislosen Witzeleien über ihren armen Körper. Da stand
+er auf, schlenderte hinüber, stand vor ihr in seiner schlechten,
+nachlässigen Haltung, schaute sie höflich an aus seinen grauen,
+wohlwollenden, sehr alten Augen, machte gelassene, ernsthafte
+Konversation mit ihr. Wie ihr Herr Schwiegervater, die böhmische
+Majestät, glänzend aussehe, und wie man ihm die vielen Strapazen so gar
+nicht anmerke. Und daß der geplante Aufenthalt des Königs in Südtirol
+ihr selber, Margarete, wohl auch viele Mühe machen werde; denn der König
+werde wohl alle ihre Schlösser mit Gefolge und Mannschaft belegen. Und
+wieviel Geld ein allenfallsiger lombardischer Feldzug kosten werde. Der
+kleine Johann schielte herüber, verblüfft, wie gescheit Margarete
+redete.
+
+Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Margarete führte noch ein
+kleines, formvolles Abschiedsgespräch mit ihrem Gemahl, bevor sie sich
+zurückzog. Sie fragte ihn nach den Eindrücken, die er von Tirol, von dem
+Hof ihres Vaters habe; ob er sich auf das bevorstehende Turnier freue;
+wünschte ihm, er möge sich bald heimisch fühlen. Ungeschickt, blöde
+erwiderte der Knabe, Widerwillen und eine gewisse trotzige Stumpfheit
+auf seinem nicht unschönen Gesicht. Als sie ging, stand der Kämmerling
+Chretien an ihrem Wege, riß die Zeltvorhänge auf vor ihr. Sie dankte
+gemessen, kühl, fremd, fürstlich.
+
+Dann ließ sie sich in ihr Zelt tragen; sie war nun doch herzlich müde.
+Ihre Frauen kleideten sie aus, viel schwatzend, kichernd, einzelne
+Teilnehmer, einzelne Begebenheiten des Festmahls breitkauend. Sie lag
+bereits in ihrem Bett, die Frauen schwatzten noch immer. Endlich gingen
+sie. Sie streckte sich, die Glieder erlöst aus dem schweren, engen
+Prunk. Nun wird sie aber gut schlafen. Sie hat es sich verdient. Sie war
+mit sich zufrieden. Sie hat sich gut gehalten, durchaus als Erwachsene,
+sehr fürstlich, hat sich vor den luxemburgischen und böhmischen Herren
+keine Blöße gegeben. Mit dem Johann freilich war nicht viel Staat zu
+machen.
+
+»Mit euerm Prinzen ist aber auch nicht viel Staat zu machen,« bemerkte
+draußen mit grober, kichernder, mühsam gedämpfter Stimme die
+zusammenräumende Magd.
+
+»Gegen eure Prinzessin,« höhnte der böhmische Knecht zurück, der ihr
+half und mit ihr sponsierte, »ist er immer noch ein lichter Engel. So
+was! Das Maul! Die Zähne! Bei uns würde man so was gleich nach der
+Geburt ersäufen wie eine Katze.«
+
+Der König Heinrich unterdes bezahlte die Zeche der Hochzeit. Es war eine
+sehr schöne Hochzeit. Es war begreiflich, daß sie viel kostete; er war
+kein Knauser. Bereitwillig streckten seine Herren ihm die großen Summen
+vor, bereitwillig, in fröhlichster Gebelaune, entlohnte er diese
+Gefälligkeit mit der Verpfändung von reichen Dörfern, Pflegen,
+Herrschaften, Zöllen und Gefällen. Warum sollte er seinem lieben
+Burggrafen Volkmar nicht Visiaun und Möltern überlassen? Er gab ihm noch
+Rattenberg dazu. Und es war nicht mehr als billig, daß der Abt von
+Wilten, der so lange für die schöne, leinene Hochzeitsstadt hatte sorgen
+müssen, den See zwischen Igls und Vill erhielt. Dann aber mußte man auch
+dem Kloster Viktring etwas geben. Denn wenn nur Wilten was erhielt, war
+sein guter Sekretär Johannes mit Recht gekränkt. Also bekam auch
+Viktring etliche Höfe und Gülten. »Keine schönere Freude als guten
+Freunden zu spenden,« zitierte dankend der beredte Abt einen antiken
+Klassiker.
+
+Der Luxemburger war dabei, als König Heinrich sorglos, formlos, gnädig,
+fröhlich und stark unter Wein, diese riesigen Schenkungen und
+Verpfändungen unterzeichnete. Auch er war freigebig; aber so bieder
+unverschämt hätten ihm seine Barone nicht kommen dürfen. Es wird gut
+sein, wenn man da dem alten, fröhlichen Herrn ein bißchen den Riegel
+vorschiebt. Sonst verschenkt er das ganze Land, sagt noch merci, wenn
+man es annimmt, und zum Schluß hat sein kleiner Sohn nur die
+Prinzessinbraut und kann Sonntag davon machen! Auch die blasse, sanfte
+Beatrix, König Heinrichs junge Frau, sah erschreckt und verängstigt zu,
+wie ihr Gatte mit den reichen Besitzungen um sich warf. Sie war von Haus
+aus an enges, ängstliches Wirtschaften gewöhnt; auf die Art Heinrichs,
+fürchtete sie, würden bald selbst die Hemden ihrer Mägde verpfändet
+sein. Sie beschloß, die Finanzen selber in die Hand zu nehmen; ihr
+blasses, scheues Gesicht bekam auf einmal etwas Verbissenes.
+
+Für die nächsten Tage war Turnier angesagt. Bei diesem Anlaß sollten
+mehrere junge Herren zu Rittern geschlagen werden. Margarete ersuchte
+unvermittelt ihren kleinen Gemahl, er solle dabei auch seinen Kämmerling
+Chretien de Laferte zum Ritter machen lassen. Die Augen Johanns wurden
+noch kleiner, trotziger; er knurrte irgend was. Margarete wiederholte
+ihren Wunsch herrischer, dringlicher. Prinz Johann sagte verdrückt,
+bissig, er wolle nicht. Er knuffte den Kämmerling in die Seite mit aller
+Kraft seiner kleinen, knochigen Faust. »Da hat er seinen Ritterschlag!«
+höhnte er, verzog hämisch sein langes Gesicht.
+
+»Ich danke Euer Hoheit tausendmal für die Gnade,« sagte Chretien blutrot
+zu der Prinzessin; »aber wenn er doch nicht will.«
+
+»_Ich_ will, _ich_ will!« sagte Margarete heftig mit ihrer vollen,
+dunklen Stimme. Sie lief zu ihrem Vater, zu dem König Johann. Lachend
+sagte man ihr zu. Chretien dankte der Prinzessin, hin und her gerissen.
+Schon hatten ihn die Kameraden derb gehänselt wegen seines ziervollen
+Liebchens.
+
+Am vorgesehenen Tag fand dann das glänzende Turnier statt, auf das ganz
+Tirol sich schon seit Jahren freute. Es war eine große Lustbarkeit. Vier
+Ritter wurden erstochen, sieben tödlich verletzt. Alle Welt fand, es sei
+das bestgeglückte Vergnügen seit langer Zeit.
+
+Auch König Johann nahm an dem Stechen teil. Da er aber hatte erfahren
+müssen, daß man häufig aus Furcht, ihn, den König, zu besiegen, nur zum
+Schein mit ihm focht, ritt er unter dem Wappen eines gewissen Schilthart
+von Rechberg. Es hatte nun zwischen den Alpenländlern und den Fremden
+schon mancherlei Eifersüchteleien gegeben; auch fürchteten die
+tirolischen und kärntnischen Herren, der Einfluß der Luxemburger könnte
+ihre finanzielle Stellung bei dem guten König Heinrich gefährden. Unter
+dem fröhlichen Spiel stak also eine sehr ernsthafte, grimmige
+Eifersucht, und man sah es durchaus nicht ungern, brach von den Gegnern
+der eine oder andere die Rippen. Sei es nun Zufall, sei es, daß man sein
+Deckwappen verraten hatte -- jedenfalls sah sich Johann bald im Kampf
+mit dem wuchtigsten und gefährlichsten aller tirolischen Ritter, dem
+ungeschlachten Burggrafen Volkmar. Sie rannten sich wild und
+rücksichtslos an, schließlich fiel der König, der eine bewegte Nacht
+hinter sich hatte, vom Pferd, wurde im Kot herumgewälzt, übel getreten
+und arg zerschunden aus dem Haufen herausgezogen. Er mußte sein Pferd um
+sechzig Mark Veroneser Silbers von dem Burggrafen lösen. Er verbiß den
+Ärger, daß gerade dieser plumpe, habgierige, widerwärtige Mann ihn
+abgestochen hatte, trug lachend, lässig, mit Haltung Lahmheit und
+Verdruß, rühmte mit vielen liebenswürdigen, sachkundigen Worten, wie gut
+vorbereitet und in jeder Hinsicht geglückt diese Tiroler sportlichen
+Spiele seien.
+
+König Heinrich saß des Abends müde in seinem Zelt. Die Freude über das
+schöne Fest wurde geschwärzt; Rechnungen kamen, Rechnungen über
+Rechnungen. Die Fleischhauer von Bozen wollten Geld, die Bürger von
+Innsbruck präsentierten große Forderungen, der gute, gelehrte Abt von
+Marienberg wußte sich nicht mehr zu helfen vor seinen Gläubigern, die er
+mühelos hätte befriedigen können, zahlte ihm der König nur einen Teil
+dessen zurück, was er ihm geliehen. Heinrich hätte, wie gern, gezahlt
+und gezahlt; aber seine Kassen waren leer. Der König Johann schuldete
+ihm freilich die vierzigtausend Mark Veroneser Silbers Heiratsgut; mit
+der ungeheueren Summe hätte er alle seine Verpflichtungen decken können.
+Aber es ging doch nicht an, den König zu mahnen. Heute schon gar nicht.
+Spürte er doch am eigenen Leib, wie peinlich ein Fest durch so etwas
+gestört wurde.
+
+So saß er denn in dicker Verlegenheit. Da stellten seine Herren vor ihn
+drei schmächtige, schattenhafte Männer. Sie waren sehr still, sehr
+demütig, sehr unscheinbar. Hatten rasche Augen, die aber sehr ergeben
+blicken konnten. Schauten einander sehr ähnlich. Der König erinnerte
+sich, sie gesehen zu haben, wußte aber nicht mehr, wo er sie hintun
+sollte. Das war natürlich. Sie waren ja so klein, so gering. Sie
+verneigten sich viele Male, sprachen mit leiser Stimme.
+
+Es waren Messer Artese aus Florenz, der Pächter der Münze von Meran, und
+seine beiden Brüder. Die Herren waren auch diesmal gern bereit, einem so
+gütigen christlichen König mit ihrem bißchen Kapital beispringen zu
+dürfen. Sie hatten eine einzige kleine Bedingnis: die Majestät solle
+ihnen die Einkünfte des Salzwerks von Hall überlassen. Das nette, kleine
+Salzbergwerk.
+
+König Heinrich schrak zurück. Das Salzamt von Hall! Die erste
+Einnahmequelle des Landes! Das war ein teures Hochzeitsfest, das er da
+seiner Tochter gerüstet hatte. Selbst seine leichtherzigen Räte machten,
+als sie von dieser Bedingung hörten, bedenkliche Gesichter. Schickten
+schließlich seine junge Frau vor, die erwirkte, daß das Bergwerk
+wenigstens nur für zwei Jahre verpachtet wurde. Die Florentiner
+verneigten sich viele Male. Zahlten das Geld, nahmen die Dokumente an
+sich. Glitten fort, schattenhaft, grau, unscheinbar, einer dem andern
+sehr ähnlich.
+
+Zu Herrn von Schenna sagte Margarete: »Glauben Sie, daß Chretien de
+Laferte Schlechtes von mir spricht? Sagen Sie ehrlich, Herr von Schenna,
+glauben Sie, daß er mit den andern lacht, weil ich häßlich bin?«
+
+Jakob von Schenna hatte mit eigenen Ohren gehört, wie der junge
+Chretien, von den andern gehänselt als Ritter der häßlichsten Dame der
+Christenheit, erst an sich hielt, dann die Kameraden überbot an übeln
+Schmähungen Margaretes. Jakob von Schenna sah die großen, erfüllten
+Augen des Kindes in dringlichem, angstvollem Fragen auf sich. »Ich weiß
+es nicht, Prinzessin Margarete,« erwiderte er. »Ich kenne den jungen
+Chretien zu wenig. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, daß er übel
+von Ihnen redet.« Und er legte ihr seine große, dünne, kraftlose Hand
+auf den Kopf wie einem Kind, und sie litt es gern, daß er diesmal zu ihr
+war wie zu einem Kind.
+
+
+
+
+Auf Schloß Zenoberg verhandelte König Johann mit den tirolischen
+Baronen. Er verlangte jetzt schon, als Vormund seines kleinen Sohnes,
+Huldigung für den Fall von Heinrichs Tod. Die Herren waren grundsätzlich
+bereit, forderten aber Sicherstellung ihrer Privilegien, Bürgschaften,
+daß ihnen der Luxemburger keine Landfremden in die maßgebenden Ämter
+setze. Außerdem verlangte jeder für sich, verblümt oder geradezu, Geld,
+Verschreibungen, Landbesitz, Handelsmonopole, Zölle.
+
+Mit den Versprechungen und Bürgschaften war Johann sehr freigebig. Er
+unterzeichnete und ließ siegeln, was man wollte. Er hatte in Böhmen
+Erfahrungen gemacht; er wußte, das war letzten Endes eine Machtfrage.
+Konnte er Geld und Soldaten auftreiben, dann setzte er diesen frechen
+Gebirglern Franzosen, Burgunder, Rheinländer als Statthalter in den Pelz
+nach seinem Belieben. Brachte er kein Kapital und keine Armee auf, dann
+wird er in Gottes Namen seine Versprechungen halten. Vorläufig schrieben
+seine Notare sich die Finger wund: »Wir, Johannes, von Gottes Gnaden
+König von Böhmen und Polen, Markgraf von Mähren, Graf von Luxemburg,
+erklären hiemit und tun kund und zu wissen und verpflichten Uns mit
+Brief und Siegel.« Mit Geld war Johann etwas vorsichtiger. Er ließ
+zumindest die habgierigen, unersättlich feilschenden Herren merken, daß
+er sie durchschaue. Schließlich schmiß er ihnen dann das Verlangte
+ritterlich und verächtlich hin. Bargeld freilich nicht, das hatte er
+nicht, sondern langfristige Wechsel.
+
+Auch der gute König Heinrich mußte betrübt erkennen, daß er seine
+vierzigtausend Veroneser Silbermark nicht so bald bekommen werde. Flott,
+gemütlich, vertraulich faßte ihn der Luxemburger um die Schulter,
+verpfändete ihm beiläufig die Gerichte Kufstein und Kitzbühel -- die
+hatte er von seinem Schwiegersohn, dem Herzog von Niederbayern, dem er
+anderes dafür verpfändet --, vertröstete ihn auf das Frühjahr, rühmte
+seine langen, modischen Schuhe, die hübsche, dralle Frau, mit der er
+getanzt hatte. Heinrich brachte es nicht mehr über sich, wieder von den
+Finanzen anzufangen.
+
+Des Abends spielte König Johann Würfel mit den Kärntner und den Tiroler
+Herren. Er setzte ungeheure Summen. Schließlich hielt ihm niemand mehr
+Widerpart als der brutale, stiernackige Burggraf Volkmar. Der
+Luxemburger haßte den wuchtigen, rohen Mann, der ihn schon im Turnier
+besiegt hatte. Er steigerte seine Einsätze so, daß selbst König Heinrich
+den Atem anhielt. Verlor. Erklärte zum Schluß leichthin, über die
+Achsel, er bleibe die verlorenen Summen schuldig. Der Burggraf knurrte,
+wurde gefährlich; mit geschmeidiger Schärfe funkelte Johann ihn nieder.
+
+ * * * * *
+
+Merkwürdigerweise kehrte Johann, trotzdem Unruhen ausgebrochen waren,
+nicht nach Böhmen zurück. Sein Land atmete auf. Es erschrak, wenn er
+kam. Sein Aufenthalt dauerte immer nur kurz, diente ihm nur, Geld
+auszuquetschen. Gut, daß er wegblieb.
+
+Ja, er blieb in Tirol. Ging in das Gebiet des Bischofs von Trient. Saß,
+der strahlende Herr, der erste Ritter der Christenheit, untätig lauernd,
+zwielichtig schillernd; kein Mensch wußte, was er plante.
+
+Der Bischof Heinrich von Trient fand sich durch diesen Gast sehr
+beschwert. Wie weit durfte er ihm entgegenkommen, ohne bei dem Papst
+oder dem Kaiser anzustoßen? Immer war ein so verwirrendes Zwielicht um
+diesen Böhmenkönig. Wo er hinkam, war wildes Gehetze, Getriebe. Kuriere
+jagten nach ihm von allen Höfen Europas, fanden ihn nicht. Denn der
+König verweilte selten lang an einem Ort; es trieb ihn über die Erde
+rastlos wie fließendes Wasser. Man wußte nicht, wohin, wie, warum. Ach,
+ginge er doch zurück in sein Land, der Verfluchte! Aber natürlich, das
+ließ er verkommen. Das liebte er nicht, das trübe, dumpfe Land. Spaß,
+daß er den helleren Westen vorzog, den Rhein, seine Grafschaft
+Luxemburg, Paris.
+
+Der Bischof saß, ein großer, beleibter Herr, starkes, gebräuntes,
+italienisches Gesicht, sorgenvoll auf seinem Schloß Bonconsil, schüttete
+sich aus vor seinem Freund, dem Abt von Viktring, dem betulichen,
+klugen. Die beiden geistlichen Herren schimpften weidlich. Der Heide,
+der! Der Jerobeam! Grausam brandschatzte er seine Kirchen und Klöster.
+Hatte selbst vor dem Grab des heiligen Albert nicht haltgemacht, es nach
+Schätzen durchwühlen lassen. Kirchenschänder! Herodes! »Aber einst wird
+erstehen aus unsern Gebeinen ein Rächer!« zitierte der gelehrte Abt
+einen antiken Klassiker.
+
+Ja, dies war entschieden der gefährlichste, beschwerlichste Gast, den
+der Bischof seit Jahren gehabt hatte. Ein gesalbter König, aber -- der
+Bischof sagte es geradezu -- ein Lump und Verbrecher. Ohne seine Krone
+wäre er schon hundertmal gehenkt worden. Er spielte falsch; der Abt
+bestätigte es; jetzt erst hatte er es wieder in Innsbruck getan. Er war
+der wüsteste Verschwender und Schuldenmacher des Säkulums. Dazu seine
+anstößigen Beziehungen zu den beiden böhmischen Königinnen. Recht hatte
+man gehabt vor zwei Jahren in Prag. Da hatte er das große Turnier
+gerüstet, die umständlichsten Vorbereitungen getroffen, die Häuser auf
+dem Markt niederlegen lassen, um Zelte und Tribünen zu errichten. Dann
+kamen von zweitausend Geladenen, von Kaiser und König und Fürsten und
+Herren, sieben schäbige, zweifelhafte Ritter und ein Genueser Bankier.
+
+Leider aber war es zur Zeit durchaus nicht möglich, ihn so zu behandeln.
+Das war ja das Verzweifelte. Sein Ruf und Name wechselte wie der Mond.
+War man ihm vor wenigen Wochen ausgewichen wie einem Aussätzigen, so
+feierte man ihn heute als den leuchtendsten Helden der Christenheit, und
+selbst sein kahles, ausgeplündertes Böhmen ließ sich blenden, wenn er
+von strahlenden Siegen zurückkam.
+
+Dringend warnte der Abt den Bischof, er solle sich ja nicht im
+geringsten mit dem Luxemburger einlassen. Seine Politik sei letzten
+Endes sinnloses Spiel. »Kühlende Wellen locken mit Schillern und
+Glitzern den Wandrer; wirft er sich arglos ins Meer, ziehn sie ihn
+tückisch hinab,« zitierte er. Behaglich, mit literarischer Freude an der
+Zerlegung, sezierte er den Luxemburger und sein Gewese. Sein
+verfeinertes Rittertum begnüge sich nicht damit, in dickem Forst Riesen
+und geharnischte Männer aufzusuchen. Er liebe die viel bunteren
+Abenteuer der Politik. Nicht der Erfolg locke, ihn locke die gefährliche
+Freude an der Wirrung, am Getriebe. Wo immer in dem wirrseligen Europa
+ein Zwist sei, wo Kaiser und Papst sich stritten, König und Gegenkönig,
+Frankreich und England, lombardische Städte, Maure und Kastilier,
+überall müsse der Luxemburger seine gepflegte, spielerische Hand drin
+haben. Verträge, Bündnisse stiften, Ehen kuppeln, Fäden anknüpfen,
+zerreißen, Krieg führen, Frieden schließen, Schlachten schlagen,
+verhindern, immer im dicksten Getümmel stehen, Freunde, Feinde machen,
+Soldaten, Länder nehmen, geben.
+
+»Nur kein Geld,« seufzte der Bischof.
+
+Der Abt schloß, sich freuend an der eigenen eleganten Beredsamkeit.
+Dieser geniale Projektenmacher sehe alle entferntesten Möglichkeiten,
+strecke seine Hand über das ganze Abendland, raffe an sich, lasse
+fallen. Und während Böhmen innerlich immer kränker werde, schlucke er
+immer neue Besitzanrechte, Länder, Städte, verstreut durch alle Grenzen,
+blase sich gigantisch auf. Der behagliche, betuliche Abt streckte sich,
+sprach rednerisch wie auf der Kanzel: »Aber wenn auch dieser Herr Johann
+noch so hastig über die Erde hinfährt, lachend, stattlich, strahlend,
+elegant, modisch, immer eidbrüchig, immer ohne Geld, immer von
+stürmischer, sieghafter Liebenswürdigkeit -- es ist ihm ein Ziel
+gesetzt. Sein Gewese wird keine Frucht tragen, es ist sinnlos, es ist
+ohne Gott. Manchmal kommt mir der Böhme vor wie eine Puppe, wie ein
+Gespenst. -- Maß ist in allen Dingen, gesetzt ist ihnen die Grenze,«
+zitierte er einen alten Schriftsteller.
+
+Der Bischof glaubte das auch. Aber bis dahin konnte es noch gute Weile
+haben. Vorläufig jedenfalls hatte Gott dem Böhmen kein Ziel gesetzt, und
+er, der arme Bischof, hatte ihn auf dem Hals. Der beredte Abt wußte auch
+nichts weiter zu sagen, und die beiden Prälaten schauten schweigend,
+nachdenklich hinaus auf das rötliche, üppige Land, die geschwungenen,
+bräunlichvioletten Berge, schwer von Frucht und Wein.
+
+ * * * * *
+
+Nein, vorläufig war dem Böhmen kein Ziel gesetzt. Vielmehr saß dieser
+Herr Johann heiter und fest in dem besonnten Trient, dehnte sich,
+rekelte sich. Überließ sein langes Haar, den schönen, vollen Bart den
+wohligen Winden des südlichen Herbstes. Hofierte die deutschen und die
+welschen Damen Tirols. Durch die Lombardei flog es, durch die reichen,
+mächtigen Städte, durch die Schlösser der überstolzen Barone: Johann von
+Böhmen ist da, König Johann, der Sohn des siebenten Heinrich, Römischen
+Kaisers, Johann, der ritterlichste Mann des Abendlandes, Stern der
+Ghibellinen. Burgundische, böhmische, rheinische Ritter und Hauptleute
+zogen mit ihren Fähnlein in diesem herrlichen, gesegneten Herbst über
+den Brenner. Aus München der Kaiser Ludwig äugte mißtrauisch her. In
+Avignon der Papst, der zweiundzwanzigste Johann, ward unruhig. Wieder
+schaute das ganze Abendland auf den strahlenden, unberechenbaren Mann.
+
+Die Parteiführer und Herren der Po-Ebene wetteiferten, ihn für sich zu
+gewinnen, schickten ihm Gesandte, Geschenke. Zwei prächtige Araberpferde
+kamen von Mastino della Scala und seinem Bruder, Herrn von Verona. Aber
+Brescia bot ihm durch seinen Vikar, Friedrich von Castelbarco, nicht nur
+Pferde, es bot ihm sich selbst an und lebenslängliche Herrschaft.
+Aldrigeto von Lizzana ließ dem Vermögensverwalter Johanns viertausend
+Veroneser Silbermark auszahlen, bat den König -- als Schutzherrn
+Toscanas und der Lombardei --, ihn mit dem brescianischen Ufer des
+Gardasees zu belehnen. Und plötzlich war auch Messer Artese aus Florenz
+da, der Bankier, grau, unscheinbar, schattenhaft, mit zwei Brüdern, die
+ihm sehr ähnlich sahen, und sehr viel Geld.
+
+Und dann, ohne lange Ankündigung, sachte, setzte sich Johann in
+Bewegung. Nur wenige tausend Reiter folgten ihm. Aber glänzend gerüstet
+alle, erlesenste Soldaten. Rauschend strahlte der helle Zug durch das
+satte, reife Bergland. Süßer, schwerer, besonnter Herbst. Dicke Trauben,
+strotzende Früchte. Aus den violetten, rötlichen, bräunlichen Bergen goß
+sich die silberne, eiserne Flut in die Lombardische Ebene. Wie eine
+Braut glitt sie den Kömmlingen unter die Füße. Bergamo, Pavia, Cremona
+in seinem Besitz ohne Schwertstreich. Fahnen, Glocken, Behörden auf
+Knien, die Schlüssel ihrer Städte darbietend. Die großen Barone demütig
+um Bestätigung ihrer Lehen flehend. Novara, Vercelli, Modena, Reggio von
+seinen Rittern besetzt. Feierlicher Einzug. Auf den Balkonen der
+herrlichen, bunten Häuser geschmückte Frauen, mit großen, gebannten
+Augen auf den Sieger schauend, der so gar nicht mühselig, schwitzend und
+bestaubt, der festlich wie im Tanz das weite, reiche Land besiegt. Der
+Kaiser, tief beunruhigt, schickt Sondergesandte, den Burggrafen von
+Nürnberg erst, den Grafen von Neiffen dann, was denn der Böhme in
+Italien wolle. Harmlos Johann; er plane durchaus nichts gegen Ludwig,
+nehme, was er erwerbe, für das Reich in Besitz; er wolle nur die Gräber
+seiner Eltern besuchen, des Römischen Kaisers, des siebenten Heinrich,
+Grab in Pisa, seiner Mutter Grab in Genua, die Leichen, wenn möglich, in
+die Heimat schaffen. Während zu Weihnachten in München alle Glocken
+unter dem päpstlichen Interdikt stumm bleiben, Kaiser Ludwig in seiner
+Hauskapelle vor kleinem Gefolg, das blanke Schwert hoch in der Hand, als
+Schirmvogt der Christenheit das Weihnachtsevangelium vorliest, hält
+Johann leuchtenden Einzug in Brescia. Kommt er für den Kaiser? Für den
+Papst? Nur für sich? Niemand weiß es. Weiß er es selber? Er schreibt
+sich Nachfolger des Kaisers, Friedensstifter. Die Gonzaga in Mantua, die
+Visconti in Mailand beugen sich ihm. Ein Königreich Lombardei rundet
+sich ihm, fällt ihm zu wie eine Frucht, die man sich vom Zweig langt.
+
+An beiden Ufern des Po residiert er; nie hat ein Römischer König stolzer
+Hof gehalten. Er läßt sich huldigen von der Adria bis ins Ligurische.
+Lächelt tief, satt, fern. Stieg er mit festem Plan in die Ebene hinab?
+Heute ist er der mächtigste Mann der Christenheit. Hat den Rhein hinauf,
+hinunter, tief ins Frankreich hinein Land und Herrschaft. Hat Böhmen,
+Mähren, Schlesien, streckt sich weit ins Polnische. Hat Niederbayern
+durch seine Tochter, Kärnten, Krain, Tirol durch seinen Sohn. Hält den
+Wittelsbacher umklammert, liegt rings um den Habsburger. Hat jetzt das
+reiche, süße, oberitalienische Königreich. Reckt sich. Atmet. Hält
+Feste. Zieht die schönsten Frauen an seinen Hof. Manchmal auch,
+schattenhaft, unscheinbar, kommt mit seinen Brüdern Messer Artese aus
+Florenz, steht ferne, bescheiden, neigt sich viel Male.
+
+
+
+
+Das Kind Margarete wuchs heran auf den Schlössern Zenoberg, Gries,
+Tirol. Lernte gern und viel. Fragte den klugen, redseligen, betulichen
+Abt Johannes von Viktring bei allem, was sie sah und hörte, warum,
+wieso. Trieb mit den Äbtissinnen der Klöster Stams und Sonnenberg
+Theologie. Der Prunk, die feierliche Ordnung der Liturgie zwangen ihr
+Bewunderung ab. Sie sprach und schrieb fließend Latein und Welsch.
+Interessierte sich brennend für politische und nationalökonomische
+Dinge. Hörte aufmerksam den historischen Vorträgen des gelehrten Abtes
+zu, und während die anderen seine begrifflichen politischen Theorien
+gelangweilt belächelten, konnte sie nicht genug davon kriegen. Gründlich
+unterrichtete sie sich bei den vielen fremden Gästen ihres Vaters über
+die Verhältnisse der andern Höfe und Länder. Verächtlich schnupperte
+sie, als sie hörte, Ludwig von Wittelsbach, der Bayer, erwählter
+Römischer Kaiser, der Vierte seines Namens, spreche nicht Latein.
+
+Sie streifte durch das Land. Zu Wagen, in der Pferdesänfte. Die Passer
+hinauf, hinab, durch die Rebenterrassen, Obstgärten. Ging mit wachen,
+klugen Augen durch die farbigen Städte Meran, Bozen. Beschaute die
+Bürger, ihre steinernen Häuser, Rathaus, Markt, Mauern, Pranger, Stock,
+Herbergen, Badehäuser, die Leichen der Gerichteten vor den Toren. Hielt
+rasche, herrische Einkehr in den Höfen der Bauern, den Wachhütten der
+Winzer.
+
+Der gutmütige König Heinrich kümmerte sich wenig um sie. Er ließ sie
+treiben, was sie wollte. Erkundigte sich zuweilen zärtlich, ob sie denn
+mit ihren Kleidern hinausreiche, ob sie nicht mehr Schmuck, Pferde,
+Dienerschaft brauche. Fragte allenfalls, was sie von dem neuen
+flandrischen Koch halte, oder wie der genuesische Mantel stehe, den er
+sich eben habe machen lassen. Er ging ganz auf in Kleidersorgen,
+Stiftungen für Klöster, Festlichkeiten, Gastereien, Turnieren, Frauen.
+Wenn sie sich mit seinem klugen Sekretär unterhielt, dem Abt von
+Viktring, dann schaute er wohl gerührt auf sie, sagte zu Beatrix, seiner
+Frau, zu seinen Gästen: »Mein gutes Kind! Wie gescheit sie ist!«
+
+Von den Klosterfrauen lernte sie singen. Es war erstaunlich, wenn unter
+der platten, breiten Nase aus dem äffisch sich verwulstenden Mund die
+Stimme herausdrang, schön, warm, erfüllt. Während sie sonst mit ihren
+Kenntnissen nicht zurückhielt und ohne Scheu redete, sang sie fast nie
+vor Fremden. Des Abends, unter Obstbäumen, allein, sang sie ihre Lieder,
+kunstvolle aus Italien, aus der Provence oder auch einfache deutsche,
+wie sie sie rings vom Volk hörte. Manchmal, selbst wenn sie allein war,
+brach sie mitteninne ab. Die Zwerge konnten sie hören. Die Zwerge
+wohnten in allen Berghöhlen. Sie aßen und tranken, spielten und tanzten
+mit den Menschen. Aber unsichtbar. Nur der regierende Fürst kann sie
+sehen, der zu Recht das Land beherrscht, in dem sie gerade verweilen.
+Ihr Vater hat die Zwerge gesehen, auch der Bischof von Brixen, in dessen
+Gebiet sie zuweilen kamen. Jakob von Schenna hat ihr Genaues von den
+Zwergen erzählt. Sie schrieben Briefe, bildeten unter sich einen Staat,
+hatten Gesetze und einen Fürsten, bekannten den katholischen Glauben,
+kamen heimlich in die Wohnungen der Menschen, waren ihnen hold. Sie
+führten Edelsteine mit sich, mit denen sie sich unsichtbar machen
+konnten. Sie fragte Herrn von Schenna, warum sie sich unsichtbar
+machten. Herr von Schenna wich aus. Durch Zufall, von einer Magd, erfuhr
+sie den Grund. Weil sie sich ihrer Häßlichkeit schämten. Sie ward noch
+fahler als sonst. Schluckte.
+
+Mit peinlichster Sorge pflegte sie ihren Körper. Sie nahm täglich ein
+Dampfbad, wusch sich mit Kleienwasser, französischer Seife. Sie wickelte
+das Zahnpulver in frisch geschorene Wolle, ehe sie ihre großen, schräg
+vorstehenden Zähne reinigte. Sie pflegte ihre Haut mit Weinsteinöl,
+gebrauchte rote Schminke aus Brasilholz, weiße aus gepulverten
+Zyklamenknollen. Des Nachts legte sie eine Wachsmaske auf, ihren
+unreinen Teint zu bessern. Sorglich, mit Opfern, gehorchte sie jeder
+neuen Modevorschrift.
+
+Mußte sie dann sehen, wie gleichwohl jeder drallen, ungewaschenen
+Bäuerin mehr wohlgefällige Männerblicke folgten als ihr, dann wandte sie
+mit einem Ruck ihre Gedanken von diesen Dingen, stürzte sich mit
+hitziger Energie in Studium und Politik. Wog zum hundertstenmal Macht,
+Möglichkeiten, Einflußkreise der Habsburger, Wittelsbacher, Luxemburger
+gegeneinander ab. Habsburg, Luxemburg, Wittelsbach, das waren keine
+kahlen, politischen Begriffe für sie. Die Menschen, die diese Namen
+trugen, ihre Farben, ihre Länder, die Tiere ihrer Wappen, ihre Berge,
+Flüsse, Kirchen mischten sich ihr zu geheimnisvollen Einheiten. Albrecht
+von Habsburg etwa war verteufelt klug, energisch, bitter, aber er
+lahmte. Mit ihm lahmten seine Länder, die Donau, die Stadt Wien, die
+Pranke seines Wappenlöwen. König Johann, der Luxemburger, das war nicht
+nur ein weltläufiger, galanter Herr. Seine Füße waren Toskana und die
+Lombardei, Rhein und Elbe seine Adern, das helle Luxemburg sein Herz.
+Und Bayern konnte sie sich nicht vorstellen ohne die lange, bedächtige
+Nase Kaiser Ludwigs und ohne seine riesigen, sonderbar toten blauen
+Augen. Wenn die drei Fürsten sich belauerten, sich umschlichen, sich
+vertrugen, sich bekriegten, bekriegte und verhöhnte sich die Welt in
+ihnen, und in den Wolken führten die Tiere ihrer Banner einen mystisch
+gewaltigen Kampf.
+
+Ihren Gemahl, den Prinzen Johann, sah sie nicht sehr oft. Trotz seiner
+Länge und Aufgeschossenheit wirkte er hinter seinen Jahren
+zurückgeblieben. Sein mageres Gesicht, an sich nicht unschön, schien
+immer roher, stumpfer und, durch die kleinen, versteckten Augen,
+bösartiger. Er haßte die Bücher, lernte nur notdürftig schreiben. Gern
+trieb er körperliche Übungen. Schlug sich mit den Jungen herum, mit
+denen der Bedienten lieber als mit seinen adeligen Kameraden, jagte,
+ritt. Betätigte sich als Vogelsteller, trieb, nicht ohne Geschick,
+Falkenbeize, fing Wild in Schlingen. Quälte Tiere. Spielte den Bauern
+üble Streiche. Ein Bauernbursch, der ihn nicht kannte, verprügelte ihn.
+Wurde gefangen, in den Stock gesetzt, gepeitscht. Der Prinz schaute
+gierig zu, hetzte die Büttel.
+
+Margarete lachte er aus wegen ihrer blöden, pfäffischen Gelehrsamkeit,
+riß ihr gelegentlich ihre Schriften weg, zerraufte ihre Frisur. Sie trug
+es. Es war notwendig, daß ihr Mann ein Luxemburger war. Seine Roheit
+mußte hingenommen werden. Aber schweigend stapelte sie Wut und
+Verachtung. Auch Chretien de Laferte, des Prinzen Adjutant und
+Kämmerling, verwünschte seinen jungen Herrn in die tiefste Hölle.
+Margarete sah den schlanken jungen Menschen sehr selten. Beachtete ihn
+wenig. Der betuliche, skeptische, redselige Abt von Viktring, der alle
+Dinge bereden mußte, neckte sie gelegentlich wegen des Jungen. Sie
+schlug, gegen ihre Gewohnheit heftig, zurück.
+
+Am liebsten war sie mit Jakob von Schenna zusammen. Der junge, hagere,
+schlecht sich haltende Herr mit dem feinen, alten Gesicht freute sich
+immer, wenn er sie sah. Sie war nun vierzehn, er an die dreißig. Aber es
+ging eine willkommene Bindung von ihm zu ihr. Was er sprach und tat,
+klang, als wäre es in ihr gewachsen. Sie fühlte sich wohl in seiner
+Welt. Zwischen ihr und den andern Menschen war Kälte. Sie lachten sie
+aus, sahen sie mit Widerwillen an, bestenfalls mit Mitleid, weil sie
+häßlich war. Weil sie Prinzessin war, zeigten sie das nicht im Licht.
+Aber sie sah weit ins Dunkle hinein, oh, sie hatte scharfe Augen, sie
+wußte, wie man mit ihr stand. Doch von Schenna zu ihr ging es warm und
+freundlich herüber. Seine großen, weichen Hände, seine grauen,
+gescheiten, wohlwollenden Augen waren voll Achtung für sie, voll
+Herzlichkeit und Kameradschaft.
+
+Jakob von Schenna war reicher und mächtiger als seine Brüder Estlein und
+Petermann. Er hatte sieben feste Schlösser, neun Gerichte und Pflegen,
+weiten Besitz an Weingütern, Gerechtsamen, Zöllen, Geld. Er pflegte von
+diesem Besitz wegwerfend und mit einer gewissen Ironie zu sprechen. Aber
+er hing daran, streichelte liebkosend das Laub seiner Reben, den
+besonnten Stein seiner Schlösser. Dies waren _seine_ Reben, _seine_
+Burgen. Zwar war Besitz und Geltung an sich verächtlich; aber leider
+machten einem die Menschen das Leben zu unbequem, hatte man die beiden
+nicht. Oft sprach er dem Kind davon, wie übel der tirolische und
+kärntnische Adel den guten König Heinrich ausbeute. Leider mußte er
+mittun, sonst hätte eben seinen Teil ein anderer, weniger Würdiger an
+sich gerafft. So beutete denn auch er aus, skeptisch, mit gelassenem
+Bedauern und voll von Mitleid mit der gerupften Majestät.
+
+Seine Schlösser waren die schönsten und gepflegtesten des Landes in den
+Bergen. Die Schlösser der andern waren nur auf Sicherheit und Festigkeit
+gebaut; innen waren sie ungemütlich, ihre Gelasse klein, feucht, dunkel,
+ohne Luft, kellerig, überall stand der Stank der Ställe. Seine Burgen,
+vor allem seine Lieblingssitze Schenna und Runkelstein, waren hell und
+voll Sonne. Italienische Architekten hatten sie gebaut; sie waren
+angefüllt mit schönen Dingen, Teppichen und Zierat. Während die Mauern
+der andern notdürftig geweißt waren und höchstens die Wände der Kapelle
+Heiligenbilder trugen, hatte er seine Säle von deutschen und
+italienischen Meistern mit Fresken ausmalen lassen. Ja selbst die äußere
+Südwand seiner Lieblingsschlösser trug solche Malerei. Bunt und hell
+schritt der Ritter mit dem Löwen, Tristan fuhr auf seinem Schiff, Garel
+vom blühenden Tal erlebte seine Abenteuer.
+
+Herr von Schenna liebte sehr die Verse, die diese Geschichten erzählten.
+Margarete wußte nichts damit anzufangen. Sie begriff die lateinischen
+Verse, die der redselige Abt von Viktring so gern zitierte, verstand
+Horaz, die Äneis. Das war Sinn, Gesetz, Würde, strenge Bindung. Aber
+diese deutschen Verse schienen ihr Tollheit, nicht besser als die wüsten
+Einfälle ihrer Hofnarren und Hofzwerge. War es eines ernsthaften
+Menschen würdig, Dinge, die niemals waren und nie sein werden, in
+verrenkten Worten zu erzählen? Herr von Schenna suchte ihr begreiflich
+zu machen, daß diese Menschen, die Tristan und Parzival und Kriemhild,
+lebten und wirklich waren, so oft einer sie las und spürte. Aber dies
+wollte sie nicht wahr haben. Seine Geschichten blieben für sie bunte,
+widerwärtige Lügen; sie begriff nicht, daß der gescheite, ernsthafte
+Mann an solchen Windbeuteleien Freude haben konnte.
+
+
+
+
+Den Kaiser hatten die raschen Fortschritte Johanns in Italien tief
+beunruhigt. Auch der führende Habsburger, der lahme, kluge, verbitterte
+Albrecht, sah mit wachsendem, knirschendem Ingrimm das leuchtende
+Lombardische Reich Johanns aus dem Nichts sich heben. Wie, sollte durch
+eine freche Wendung der leichtsinnige, unernste Luxemburger sie, die
+Ernsthaften, Gewichtigen, von der Macht drängen, sich über sie
+hinausheben? Sie blinzelten einander zu, der schwerfällige, langsame
+Bayer, der zähe, bittere Habsburger. Sie hatten sich immer gehaßt. Aber
+sowie der Dritte sie überflügeln wollte, einte sie das gegen ihn. Sie
+schlichen zusammen, Ludwig, der große, langnäsige Wittelsbacher mit dem
+massigen Nacken und den riesigen blauen Augen, Albrecht der Lahme mit
+den verkniffenen Lippen. Sie berochen sich, nickten sich zu, schlossen
+Übereinkunft.
+
+Legten fest, das südliche Reich müsse den Luxemburgern entrissen werden.
+Sterbe König Heinrich, so solle Kärnten an die Habsburger, Tirol an die
+Wittelsbacher fallen. Kaiser Ludwig sicherte ebenso feierlich wie ein
+Jahr zuvor den Luxemburgern jetzt den Habsburgern die Erbfolge in
+Kärnten zu. Was die Lombardei betraf, so verbanden sie sich mit anderen,
+gemeinsam herzufallen über den Luxemburger. Der Kaiser berief seine
+pfälzischen Vettern, Johann am Rhein zu beunruhigen, seinen Eidam von
+Meißen, seine Söhne Ludwig den Brandenburger, Stephan. Der Herzog von
+Österreich mit den Königen von Ungarn und Polen sollte in Mähren
+einfallen.
+
+Der Luxemburger unterdes regierte königlich im toskanischen Frühling. Er
+ließ seine Söhne kommen, den älteren, Karl, den jüngeren, Johann. Der
+hatte keine Lust. Margarete erbot sich, ihn zu vertreten.
+
+Sie fuhr mit kleinem Gefolge -- Chretien de Laferte führte es -- in den
+lombardischen März hinein. Am Ufer satt leuchtender Seen, Oliven silbern
+die Hänge hinauf, dunkle Haine von Zitronen und Orangen.
+Narzissenfelder. Rosige, helle Mandelblüten. Bunte, lärmende Städte,
+Paläste, rasche, laute Menschen. Vor der Stadt des Bischofs von
+Aquileja, dessen Schirmvogt ihr Vater war, das Meer, die schaukelnden,
+kühnen Schiffe, die Ferne, endlos, abenteuerlich.
+
+Der strahlende Triumph Johanns. Seine Feste, unter dem hellen Himmel
+doppelt freudig und sinnvoll. Die prunkenden, blühenden, überstolzen
+Frauen. Sie kam sich sehr allein und elend vor, hielt sich fern von den
+jungen Frauen, zeigte sich nur in der Gesellschaft alter, reizloser.
+Doch auch von diesen fühlte sie sich verachtet, bestenfalls bemitleidet.
+Sie waren nun welk und dürr; aber sie hatten doch einmal geblüht. Sie
+war in ihrer Blüte kahl und ohne Reiz. Unter diesem Himmel galt es noch
+weniger, daß sie klug war und von edelstem Blut und wissend. Unter
+diesem Himmel sah man nur das eine, immer nur dies: daß sie häßlich war.
+
+Sie war nicht feig, verkroch sich nicht, schluckte die ganze Bitterkeit
+solcher Erfahrung. Erschien bei Tafel, in der Loge beim Turnier, beim
+Tanz. Sah, wie beim Anblick des jungen adeligen Chretien, der hinter ihr
+schritt, die Lippen der Frauen sich öffneten, ihre Blicke voller wurden,
+verlangender, gewährender; wie sie dann abschätzig, höhnisch über sie
+selber glitten, den äffisch sich vorwulstenden Mund, die fahle,
+widerwärtige Haut. Sie wandte den Blick nicht ab vor solchem Hohn; kühl
+und so wissend begegneten ihre Augen den Höhnischen, daß die, fast
+beschämt manchmal, abließen.
+
+In Brescia traf Margarete zum erstenmal den Prinzen Karl, Johanns
+ältesten Sohn. Der Sechzehnjährige sah sehr erwachsen aus. Er hatte in
+Böhmen schon Regierungsgeschäfte selbständig erledigt, war beherrscht
+und gemessen. Von der Mutter hatte er gelernt, sich von dem Glanz des
+Vaters nicht blenden zu lassen. Mit seinen kühlen braunen Augen sah er
+Margarete, sah, daß sie häßlich war und gescheit. Man konnte mit ihr
+reden. Und während Johann im Palast der Signoria mit der wunderschönen
+Giuditta von Castelbarco den Tanz anführte, während festliche Kerzen
+brannten, so schwer, daß drei Männer nur mit Mühe sie hatten heben
+können, sprachen die beiden Kinder, des Königs Sohn und des Königs
+Schwiegertochter, unter Musik, Fahnen, silbernen Rittern, huldigenden
+Unterworfenen, nüchtern, sachlich von der Rückwirkung der lombardischen
+Ereignisse auf die Souveränität des Bischofs von Trient, von der
+schwierigen Finanzlage.
+
+Bis in den Juni hinein dauerte Johanns festliche Herrschaft in Italien.
+Margarete, trotz aller Kritik, konnte sich der theatralischen Blendung
+dieses Triumphzugs nicht entziehen. Dann wurden die Nachrichten aus
+Deutschland und Böhmen so bedrohlich, daß Johann jäh aufbrach, seinen
+Sohn Karl zurückließ, sich nach Böhmen warf. Hinter ihm, sofort und
+unvermittelt, brach sein abenteuerliches Italienisches Reich zusammen.
+Mit großen, erschreckten Augen sah Margarete, wie die lombardischen
+Herren, kaum war der König fort, aufwachten wie aus einem Rausch, sich
+zusammenschlossen, mit Robert von Apulien zettelten, trotz tapfern und
+geschickten Widerstands des Prinzen Karl die Luxemburger in wenigen
+Wochen aus dem Land warfen. Zersprengt, trist, schmachvoll, schwitzend
+flohen die silbernen Ritter aus der Lombardei, über der glühender Sommer
+braute. Johann verpfändete in aller Eile noch während des
+Zusammenbruchs, übel feilschend, an einzelne leichtgläubige deutsche
+Herren italienische Städte, die er längst verloren hatte. Aber er konnte
+mit diesen Summen nur einen ganz kleinen Teil decken von den riesigen
+Beträgen, die der toskanische Feldzug ihn gekostet hatte. Und nach
+langen Jahren noch, in Paris, in Prag, in Trier, wo er gerade
+residierte, erschien schattenhaft, unscheinbar, oftmals sich neigend,
+Messer Artese, der Florentiner, mit seinen beiden Brüdern und zeigte
+Verschreibungen vor, Wechsel, die einzigen Bleibsel des lombardischen
+Königreichs.
+
+ * * * * *
+
+Seltsamerweise gewann Johanns italienisches Abenteuer gerade durch
+seinen Zusammenbruch für Margarete an Gewinn und Wirklichkeit. Nun war
+es vergangen und abgeschlossen, nun war es Geschichte, nun war es da.
+Ja, sogar die Verse des Herrn von Schenna, seine unglaubhaften Historien
+wurden dadurch leibhafter, wirklicher. Was König Johann in der Lombardei
+getan und erlebt hatte, das klang wie eine jener Fabeln. Und war doch
+wirklich, sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.
+
+Praktisch galt es, sich nicht verwirren zu lassen. Nahm man die Dinge
+nüchtern und klar, so war Johann an seinem Geldmangel gescheitert. Geld
+war nicht alles; aber es war ungeheuer wichtig. Schade, daß ihr Vater
+das ebensowenig einsah, wie ihr Schwiegervater. Sie sprach oft mit
+Johann von Viktring darüber. Da war der Heilige Vater ein anderer. Der
+saß, der zweiundzwanzigste Johann, zwerghaft, uralt, in seinem Palast in
+Avignon und häufte Geld. Schichtete es in Münzen, in Barren, in Silber
+und Gold, in Wechseln und Verschreibungen. Ei, wie luchste er scharfen
+Auges, daß auch jeder pünktlich Zehnten und Abgaben zahle. War ein
+Bischof im Rückstand, gleich kam der Papst mit dem Bann. Der arme
+Bischof Heinrich von Trient! Was nützte ihm sein eifriger Kampf für das
+rechtmäßige Papsttum! Weil er die sechshundertvierzig Dukaten nicht
+aufbringen konnte, die Avignon von ihm verlangte, flog der Bannstrahl
+gegen ihn. Und wie geschickt wußte der Papst die hohen Kirchenstellen zu
+besetzen! Jeder neue Bischof hatte die Gesamteinkünfte eines ganzen
+Jahres an die Kurie zu verabfolgen. Starb nun ein Bischof, so ward nicht
+etwa ein neuer Prälat an seine Stelle gesetzt, nein, der Papst berief
+den Inhaber eines andern Bistums in das erledigte, so daß mit dem Tod
+jedes Bischofs eine ganze Reihe päpstlicher Lehen frei ward. So war ein
+ewiger Wechsel in der hohen Hierarchie, ein Kommen und Gehen wie in
+einer Herberge, und der Heilige Stuhl bezog die fettesten Annaten.
+»Umsatz! Umsatz!« sagten der Papst und seine Kassiere. Ja, Papst Johann
+verstand es. Kein Wunder, stammte er doch aus Cahors, der Stadt der
+Bankiers und Börsenleute. Der größte Teil des abendländischen Goldes
+floß in seine Kassen. Der Papst hing an dem Geld; er brachte es nicht
+über sich, es weiterzuverwerten. Er hätte Rom und Italien damit
+wiedererobern können. Aber er liebte sein Geld zu sehr, er konnte sich
+nicht davon trennen. Er saß in seinem Avignon, uralt, gnomenhaft klein,
+über seinen Schätzen, streichelte die Wechsel und Verschreibungen, ließ
+das Gold rieseln durch seine dürren Zwergenfinger.
+
+Verdarb sich der kluge, energische, rastlose Papst seine Politik durch
+seine Habgier, so litt die Diplomatie des Kaisers sowohl wie des
+Luxemburgers und des Kärntners an ihrer Leichtherzigkeit in
+Finanzdingen. Aufmerksam hörte Margarete zu, wenn ihr der Abt
+auseinandersetzte, wie klar und sicher ihr Großvater Meinhard seine
+Geldwirtschaft fundiert hatte. Trüb und stirnrunzelnd sah sie zu, wie
+ihrem gutmütigen Vater alle Einkünfte in der Hand zerrannen. Wie er, um
+ein Pfand vor dem Verfall zu retten, immer größere und wichtigere
+hingab.
+
+Auch ihre Stiefmutter, die blasse, scheue Beatrix von Savoyen, litt sehr
+unter der wilden Finanzwirtschaft König Heinrichs. Sie war von ihren
+tüchtigen Eltern her ein sparsames Haushalten gewöhnt, und so scheu und
+bescheiden sie sich sonst im Schatten hielt, lag sie schließlich ihrem
+Gatten ständig in den Ohren wegen seiner Verschwendung. Sie war
+kränklich; König Heinrich sah ergeben und voll wässerigen Kummers, daß
+er auch von ihr keinen Erben zu erwarten habe. Sie aber gab die Hoffnung
+nicht auf. Sie rechnete, sie sparte, ließ sich von ihrem Mann Zölle und
+Gefälle verschreiben, erreichte es sogar, zäh kämpfend, daß nach
+Abfindung des Messer Artese von Florenz die Einkünfte des Haller
+Salzbergwerks ihr übertragen wurden. Sie wurde hart, habgierig,
+knauserig, alles für ihren Sohn, auf den niemand mehr hoffte, nur sie.
+
+Oft beriet sie mit Margarete, wie man da und dort den übeln Finanzen
+aufhelfen könne. Trotzdem Margarete solches Bestreben willkommen war,
+sah sie säuerlich und mit Widerwillen auf ihre Stiefmutter. Wie dürftig
+sie war, wie unfürstlich verstaubt und trocken bei aller Jugend!
+Margarete gestand sich nicht ein, daß dies nicht der Hauptgrund war, aus
+dem sie ihre Stiefmutter nicht leiden mochte. Die war sanft und
+freundlich zu ihr, fühlte sich ihr schicksalhaft verwandt. Sie hatte
+keinen Sohn, jene, die Ärmste, war so häßlich. Beide hatte sie Gott in
+ihrem Weiblichsten gekränkt und verkümmert. Aber Margarete wollte nicht
+hinüber zu ihr, drückte ihre streichelnde Hand nicht wieder. Denn
+Beatrix stand zwischen ihr und der Herrschaft. Was sonst blieb ihr, der
+Häßlichen, als die Hoffnung auf Herrschaft? Genas aber Beatrix trotz
+allem eines Knaben, dann war auch dies Letzte dahin.
+
+König Heinrich duldete die Bevormundung durch seine Gattin lächelnd und
+mit scherzhaft sich auflehnendem Raunzen. Nur in einem duldete er keine
+Einrede, und dahin wagte sich auch Beatrix niemals: seine Freigebigkeit
+gegen die zahlreichen Frauen, die ihm gefielen, und gegen ihre Kinder
+blieb ohne Grenzen.
+
+Wie er seine natürlichen Brüder, Albrecht von Camian und Heinrich von
+Eschenloh, in hohen Ehren hielt und sie mit Titeln, Würden, Herrschaften
+reich begabte, so wuchsen auch auf allen seinen Schlössern und Gütern
+Kinder von ihm heran. Er war viel zu gutmütig, Beatrix einen Vorwurf zu
+machen. Immerhin tat es ihm wohl, sich zu sagen: es lag nicht an ihm,
+wenn er keinen Erben hatte; es war Pech, schlechter Stern. So ging der
+alte Lebemann stolz und gehoben durch das blonde, schwarze kleine
+Gewimmel seiner Kinder. Er tätschelte sie gerührt: »Das da hat meine
+Augen! Und der da meine Nase.« Von einem Großen: »Er geht gerade wie
+ich. Der holt sich noch viele Preise im Turnier!« Einen ganz kleinen
+Matz, der noch kaum aussah wie ein Mensch, hob er hoch: »Er hat ganz
+genau mein Gesicht.« Und er verhätschelte die Kinder, schenkte ihnen
+Spielzeug, Zuckerwerk, auch Wiesen, Wälder, Berge, Schlösser.
+
+Margarete sah mit Sympathie auf ihre Halbgeschwister. Vor allem mochte
+sie den schon fast erwachsenen Albert gerne leiden, den König Heinrich
+zum Ritter geschlagen und mit dem Gericht Andrion belehnt hatte. Der
+blonde junge Herr hatte die ganze Gutmütigkeit seines Vaters, dazu eine
+starke, fröhliche Sicherheit in allem Gehabe, eine federnde, immer
+gleiche Heiterkeit. Er hatte nie den leisesten Spott für Margarete. Er
+selber war durchaus ohne Sinn für Bücher und Theorie und bewunderte
+ungeheuchelt ihre Gescheitheit und Wissenschaftlichkeit. Sie dankte es
+ihm, daß seine Achtung nicht durch ihre Häßlichkeit gemindert wurde.
+
+Auf die Frauen, denen sie begegnete, stets neuen, wo immer ihr Vater
+war, schaute sie mit langen Blicken, nicht übelwollend, fremd und voll
+neidischer Sehnsucht. Es waren Frauen jedes Standes, jedes Temperaments,
+deutsche und welsche; einige raschelten durch die Gänge, andere gingen
+schwer und lässig, wie hohe Glocken lachten die einen, die andern
+sprachen tief und langsam: alle aber, wenn sie der Prinzessin
+begegneten, wurden scheu, befangen, verkrusteten sich in einer Art
+feindseligen Mitleids. Ach, wer leben dürfte wie diese, so leicht und
+lässig! Ihr war es nicht erlaubt, sie war häßlich und war Prinzessin.
+Sie mußte streng sein mit sich. Sie durfte nicht rascheln wie die
+Eidechsen, sie mußte ihre harte, steile Straße gehen, geradeaus und
+immerzu, wie ein geschmücktes Saumtier, das, mit Prunk und Schätzen
+schwer bepackt, einem großen Herrn Geschenke bringt.
+
+Sie grübelte. Sie sprach mit dem Abt von Viktring darüber. War es eine
+Strafe Gottes, daß sie so häßlich war? Was wollte Gott mit ihr? Der Abt
+zitierte Anselmus: »Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der
+Anblick der Dinge. Diesseits und für nichts ist irdische Zierde zu
+achten.« Da er sah, daß solcher Trost nicht verfing, fragte er, ob sie
+es vorzöge, niedrig zu sein, eine Bauerstochter und den Männern
+wohlgefällig. »Nein,« erwiderte sie hastig, »das nicht! Das nicht!« Aber
+allein brach sie aus: »Ja, ja, ja! Mistfahren lieber den langen Tag,
+aber wohlgeschaffen, als so im Schloß, als mit diesem Mund, mit diesen
+Zähnen, diesen Backen!«
+
+Sie sprach mit der Äbtissin von Frauenchiemsee. Sie hatte ihre jüngere
+Schwester besucht, die kränkelnde, verkrüppelte Adelheid. Nun saß sie
+mit der feinen, welken, milden Äbtissin am Ufer der winzigen Insel.
+»Meine Mutter war nicht schön,« sagte das Kind, »doch sie war auch nicht
+häßlich.«
+
+Die alte Dame legte ihr die kleine, leichte Hand auf das kupferfarbene,
+harte Haar. »Ich will nicht von Gott reden und vom Jenseits,« lächelte
+sie, »wo nicht die Gestalt gilt. Aber wie rasch verfaltet auch diesseits
+das glatteste Gesicht! Noch fünfzehn Jahre, noch zwanzig hättest du es.
+Ich bin heute sehr zufrieden,« schloß sie, »daß ich niemals schön war.«
+
+Die beiden Frauen schauten auf den blassen, weiten See hinaus, matte
+Sonne schien, eine Möwe schrie.
+
+Das Jahr darauf, unvermittelt, legte sich ihre Stiefmutter Beatrix hin
+und stand nicht mehr auf. Sie war immer eine schwache Frau gewesen, nun
+war die Enttäuschung dazugekommen, daß sie ohne Kinder blieb. Als sie
+schon die Sterbesakramente empfangen hatte, sagte sie noch ihrem Mann,
+er solle ja seinen Leibschneider stäupen lassen und mit Schimpf
+davonjagen. Er unterschlage gemein viel von den kostbaren Stoffen, die
+er für des Königs Garderobe benötige. Auch solle sich Heinrich einen
+neuen Lederbehälter anschaffen für seine schöne Rüstung. Dann empfahl
+sie ihre Seele Gott und starb.
+
+Nun waren Johann und Margarete die unbestrittenen Erben des Landes in
+den Bergen; denn niemand ahnte von dem Geheimvertrag zwischen den
+Habsburgern und den Wittelsbachern. Selbst der Knabe Johann wurde
+beschwingter durch sein Erbprinzentum. Er sagte sich die Titel vor, die
+er haben wird: Herzog von Kärnten, Görz, Krain, Graf von Tirol,
+Schirmvogt der Bistümer Chur, Brixen, Trient, Gurk, Aquileja. Er malte
+sich die merkwürdigen alten Zeremonien der Thronübernahme in Kärnten
+aus, die ihm sehr gefielen. Wie da der Fürst in Bauerntracht kommt und
+einen freien Bauern von dem Stein vertreibt, auf dem dieser sitzt. Wie
+er, auf dem Stein stehend, das blanke Schwert nach allen Richtungen
+schwingt. Wie er aus einem Bauernhut einen Trunk frischen Wassers
+trinkt. Und der Knabe Johann kam sich sehr wichtig vor.
+
+Margarete, bewegt von dem Tod ihrer Stiefmutter, gelöst durch das
+Gefühl, nun sichere Erbin des Landes zu sein, fand Chretien de Laferte
+an ihrem Weg. Sie sprach zu ihm wärmer als sonst, ein erregtes Mädchen.
+Sie hätte, wie gern! ein sanftes, menschliches Wort von ihm gehört. Er
+aber neigte sich zeremoniös, sprach zu ihr gehalten und voll Ehrfurcht
+als zu seiner Fürstin.
+
+Der gute König Heinrich wurde durch den Tod seiner Gattin noch frömmer.
+Er aß und trank zwar noch reichlicher, hielt sich auch noch mehr Frauen.
+Aber er betete auch noch mehr als früher, beichtete viel, war immerfort
+zerknirscht und machte noch größere Stiftungen als bisher für Klöster
+und Kirchen.
+
+
+
+
+Im Bistum Chur war ein gewisser Peter von Flavon begütert, Lehensmann
+des Bischofs von Chur. Herr von Flavon fiel in einem der italienischen
+Feldzüge König Heinrichs in jungen Jahren. Er hinterließ eine Witwe, die
+anfangs der Dreißig war, und drei Töchter. Es war strittig, ob die
+hinterlassenen Besitzungen nur in männlicher Linie vererbten, oder ob
+sie Weiberlehen waren. Bischof Johannes von Chur und sein Kapitel gingen
+daran, die Güter einzuziehen. Frau von Flavon kam hilfesuchend mit ihren
+drei unmündigen Kindern zu König Heinrich. Kniete vor ihm, weinte. Ihr
+guter, junger, tapferer Mann! Und in Diensten König Heinrichs war er
+gefallen. Und nun wollte sie der gewalttätige Bischof von Chur ihres
+Wittums berauben und sie und die armen Waisen in Not und Elend stoßen.
+Die drei hübschen, rundlichen, kleinen Töchter, rosig und appetitlich in
+ihren schwarzen Kleidern, knieten neben ihr, flennten. Der gute König
+Heinrich war sehr gerührt.
+
+Schrieb dem Bischof von Chur. Trat heftig für Frau von Flavon ein. Der
+Bischof schrieb kurz und gekränkt zurück. Gab kein Zipfelchen seines
+Anspruchs auf. Die Witwe, die inzwischen mit ihren Töchtern gastlich auf
+Schloß Zenoberg aufgenommen war, gefiel dem König Heinrich von Tag zu
+Tag besser. Es kam zu bösen Streitigkeiten mit dem Bischof, ja zu Fehden
+und Gewalttaten. Schließlich erreichte der König für Frau von Flavon
+einen mageren Vergleich.
+
+Inzwischen war die Dame seine erklärte Freundin geworden. Es ging nicht
+an, sie mit kärglichen Bissen abzuspeisen. Sollten die armen Würmer,
+deren Vater für ihn gestorben war, als kleine Landedelfräulein
+heranwachsen? Nein, so knauserig war König Heinrich nicht. Er verlieh
+ihnen die Herrschaften Taufers und Velturns. Darüber geriet er zwar in
+Händel mit dem Bischof von Brixen, der diese erledigten Lehen für sich
+in Anspruch nahm. Aber König Heinrich hielt zäh fest. Zahlte schließlich
+dem Bischof Geld heraus; aber die Dame blieb im Besitz der beiden
+Gerichte.
+
+Sie machte mit ihren drei Töchtern viel Gewese von sich. Sie fühlte sich
+sicher im Schutz des Königs. Sie war eine hübsche Frau, sehr weiß von
+Haut, sehr blond von Haar, fest und rundlich. Sie lachte gern und viel,
+fehlte bei keinem Tanz und Turnier. Auf ihren Schlössern hörte das
+festliche Gelärm nicht auf. Sie mußte immer zu tun haben, mengte sich in
+alles, erzählte wichtig belanglose Nebenumstände, warf alles
+durcheinander. Plötzlich kam sie auf den Einfall, ihren Gatten in der
+Kapelle ihrer Burg Taufers beizusetzen. Durch Jahre betrieb sie diese
+Angelegenheit, reiste schließlich in die Lombardei. Der dort formlos
+bestattete Tote wurde ausgegraben, die Leiche, wie üblich in siedendes
+Wasser geworfen, daß das Fleisch sich von den Knochen löse, die Gebeine
+nach Taufers gebracht, feierlich unter großem Lamento der Damen von
+Flavon beigesetzt. Es war aber keineswegs gewiß, ob es auch die Reste
+des Herrn von Flavon waren.
+
+Die drei Mädchen wuchsen ohne viel Erziehung heran, wild und sehr
+verwöhnt. Stets balgten sie sich untereinander, wegen jeder Kleinigkeit
+gab es, häufig bösartigen, Zank. So oft der gute König kam, mußte er
+schlichten, besänftigen. Auch lehnten sie sich gegen die Mutter auf,
+standen oft zusammen gegen sie. Die Mutter klagte dem König über die
+Töchter vor, die über die Mutter. Ebenso sinnlos waren sie dann alle
+wieder versöhnt, betonten lärmend ihr trauliches Familienleben. Die
+Kinder tollten in ihren weiten Besitzungen herum, störten die Amtleute,
+quälten die Bauern, plackten Mensch und Tier.
+
+Sie waren alle drei sehr hübsch, weiß, glatt, rosig, fleischig, blond.
+Die schönste war die mittlere, Agnes von Flavon. Größer als die
+Schwestern, die Haare dunkler, leuchtender, das Gesicht länger, nicht so
+rund, auch die Nase nicht so puppig klein und die Lippen kühner. Alle
+drei waren die Schwestern sehr eitel. Agnes, so jung sie war, gute zwei
+Jahre älter als die Prinzessin Margarete, galt unbestritten als die
+schönste Dame zwischen Etsch und Inn. Bei allen Turnieren ritt man für
+sie; sie erteilte die Preise. Rühmte man die welschen Damen, so riefen
+die deutschen Herren wie aus einem Mund: Agnes von Flavon, und die
+Italiener verstummten. In Trient, als ihre Mutter sie in einer
+Lehensangelegenheit mit an den Hof des Bischofs nahm, stand das Volk vor
+dem Palast, wartete, rief begeistert: »Ein Engel ist herabgestiegen!
+Segne uns, schöner Engel!«
+
+Agnes war sich ihrer Schönheit sehr bewußt. Es war ihr
+selbstverständlich, daß der König, die Ritter, das Volk ihr jeden Wunsch
+erfüllten. Sie betrachtete sich als die Herrin von Tirol.
+
+König Heinrich, in einer Art gutmütigen Taktes, vermied es, die schönen
+Schwestern mit seiner Tochter Margarete zusammenzubringen. Manchmal
+freilich ließ es sich nicht umgehen. Agnes behandelte Margarete bei
+aller äußeren Wahrung der Form mit einer gewissen spöttischen
+Herablassung, die die Prinzessin bis aufs Blut reizte. Einmal, als die
+beiden Mädchen allein waren und nur Chretien de Laferte bei ihnen, und
+als fast eine halbe Stunde lang Stichelreden zwischen den beiden Mädchen
+hin und her gegangen waren, bat Agnes, sich verabschiedend: »Begleiten
+Sie mich, Herr Chretien!«
+
+»Herr Chretien bleibt!« sagte Margarete, die Stimme ungewohnt trocken
+und hart. Dann aber, als Agnes achselzuckend mit einem bösartigen,
+spöttischen Lächeln gegangen war: »Gehen Sie, Chretien! Gehen Sie!«
+Ratlos, bestürzt, folgte der junge Mensch dem Fräulein von Flavon. Die
+Prinzessin, allein, verzerrt, atmete, fauchte.
+
+Mit Herrn von Schenna saß sie über einer bebilderten Vershandschrift.
+Blanscheflur sah aus wie Agnes. Herr von Schenna und die Prinzessin
+schauten auf das bunte Bild. »Ja,« sagte Herr von Schenna nach einer
+Weile, »sie sieht aus wie Agnes.«
+
+»Sie ist wunderschön,« sagte Margarete mit einer gepreßten, seltsam
+erloschenen Stimme.
+
+»Aber Fräulein von Flavon hat viel dümmere Augen,« sagte Herr von
+Schenna.
+
+»Lesen wir weiter!« sagte Margarete, und ihre Stimme klang dunkel, voll
+und warm wie vorher.
+
+ * * * * *
+
+König Heinrich alterte sehr früh, verfiel zusehends. Seine Hände
+zitterten, oft verlor er die Sprache, lallte. Wilde, atemlose Furcht vor
+Strafe im Jenseits befiel ihn. Er hatte so oft an Kirchenportalen, auf
+Gemälden das Jüngste Gericht dargestellt gesehen, den Höllenrachen,
+scheußliche Teufel aus dem Schwefelpfuhl grinsend. Dies alles rückte ihm
+jetzt in schreckhafte Nähe. Er verdoppelte seine frommen Schenkungen,
+bedachte Marienberg, Stams, Rotenbuch, Benediktbeuern mit reichen
+Stiftungen. Aber dies vermochte ihn so wenig zu beruhigen wie die
+tröstlichen Versicherungen des Abtes von Viktring. Um sich zu kasteien,
+ließ er in der Kapelle von Zenoberg eine Bahre aufstellen und legte sich
+eine ganze lange Winternacht hinein. Da kamen die Menschen, die er hatte
+berauben lassen, foltern, umbringen; er war ein gutmütiger Herr, aber es
+waren doch sehr viele. Da kamen Frauen, mit denen er Unzucht getrieben
+hatte; sie wiesen ihm lächelnde Gesichter, aber drehten sie sich um, so
+war ihr Rücken tief in die Eingeweide hinein zerfressen von ekelm,
+eitrigem Gewürm. Die ganze Kapelle war voll von scheußlichen Teufeln,
+die nach ihm krallten, ihn hetzten. Er schrie. Aber er hatte die Kapelle
+versperren lassen und befohlen, daß niemand in ihrer Nähe sei, auf daß
+er müsse bis zur Frühmesse allein bleiben mit seinen Sünden und seiner
+Reue. Schließlich ertrug er es nicht mehr. Er kletterte -- die Angst
+machte ihn geschickt -- die Wand hinauf, sprang durch das Fenster.
+Verkroch sich zähneklappernd, kalt schwitzend in sein Bett.
+
+Von da an siechte er hin. Er sprach oft für sich allein, hustete hohl
+und hilflos. Margarete war viel um ihn, doch ohne große Teilnahme. Nun
+wird er also sterben. Er kann nicht klagen, er hat sein Leben weidlich
+genützt.
+
+Sehr gerne hatte er seine Kinder um sich, besonders die ganz kleinen. Er
+schlurfte herum zwischen dem winzigen, lallenden, auf krummen Beinchen
+trippelnden, purzelnden Volk, schneuzte dort eine kleine Rotznase,
+sänftigte hier einen sinn- und atemlos schreienden, rutschenden, dicken,
+rosigen Balg. Er hob die Kinder hoch, setzte sich ganz nahe zu ihnen,
+erzählte den ernsthaft und verständnislos Lauschenden mit vielem Seufzen
+von Geld, von Kirchenbuße, von hoher Politik.
+
+April kam. Das Land stäubte unter einem azurnen Himmel von Mandel- und
+Pfirsichblüten. Da spürte er, daß es aus war. Er ließ sich in die
+Kapelle des heiligen Pankratius bringen. Eine milde, blaue Maria
+lächelte ihm zu. Das bunte, bemalte Kirchenfenster leuchtete freundlich
+in der starken Sonne. Kleine Kinder standen großäugig um ihn herum und
+der sanfte, betuliche Abt von Viktring. So ereilte ihn ein letzter
+Blutsturz, erstickte ihn.
+
+Der Leichnam wurde ausgeweidet, einbalsamiert, Herz und Eingeweide
+sollten auf Schloß Tirol, die übrigen Reste sollten später unter größten
+Feierlichkeiten in der Fürstengruft des Klosters Sankt Johannis zu Stams
+bestattet werden.
+
+Der Bischof von Brixen, der auf die Nachricht vom Ableben König
+Heinrichs sich sofort nach Schloß Tirol aufmachte, noch bei Nacht
+reitend, hörte auf der Straße das Getrappel von vielen kleinen
+Schritten. Er fragte seine Leute, ob sie nichts sähen. Die hörten wohl
+auch das Geräusch, aber sie gewahrten nichts. Wie nun der Bischof
+schärfer durch die Nacht blickte, sah er, daß es die Zwerge waren, die
+eilig in dickem Zug nach Norden wanderten. Sie hatten aber ihre
+Edelsteine an den Fingern, so daß nur er sie sehen konnte. Er hielt
+einen an und fragte. Der erwiderte, nun der gute König Heinrich tot sei,
+fühlten sie sich nicht mehr sicher und müßten das Land verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Noch am gleichen Tag ritten die Kuriere, die die Todesnachricht ins Land
+trugen. Einer über die Berge in die welsche Ebene nach Verona. Da
+freuten sich die Brüder della Scala. Nun wird es Verwirrung geben in den
+Bergen. Nun wird man wieder die Hand ausstrecken können nach Norden,
+sich ein Stück Land erraffen. Einer ritt nach Wien. Da saß der lahme
+Herzog Albrecht, immer fröstelnd, am Kamin, schlecht rasiert, mager,
+kränkelnd. Er horchte hoch auf, beschickte seinen Bruder, berief
+Sekretäre, diktierte, vergaß zu essen über Plänen und Arbeit. Einer ritt
+nach München zum Kaiser Ludwig. Der schaute ihn an aus seinen großen,
+treuherzigen, blauen Augen über der langen Nase, und während er in
+umständlichen, biederen Worten seine Trauer bekundete über den Hingang
+des vielgeliebten Oheims, bedachte er schwerfällig die Vorwände, unter
+denen er am bequemsten seine kleine Kusine um ihre Länder bringen
+könnte.
+
+Margarete beschaute sich im Spiegel. In die Elfenbeinkapsel, in die das
+Glas eingelassen war, schnitt sich ein Relief, auf dem die Burg der Frau
+Minne erobert wurde. Nun ja, so wie die Frau Minne war sie, Margarete,
+eben nicht von Antlitz und Figur. Dafür war sie Herzogin von Kärnten und
+Gräfin von Tirol. So also schaute eine Herzogin aus. Sie prüfte sich mit
+bitterem Scherz. Laß sehen! Augen und Stirn gingen an. Das Schlimmste
+war der Mund, dies überworfene Affenmaul. Nun, dafür hatte sie Kärnten.
+Dann waren die schlaffen Hängebacken ein arges Übel. Aber wurde es nicht
+aufgewogen durch die Grafschaft Tirol? Und der graue, fleckige Teint?
+Legt Trient darauf, Brixen, Chur, Friaul. Ist er dann nicht glatt und
+rein?
+
+Johann, ihr Gemahl, war geschwellt. Nun war er Fürst und Herr. Er wurde
+geradezu liebenswürdig in seiner gehobenen Laune. Margarete betrachtete
+ihn. Eigentlich war er ein hübscher Junge: das lange, herrische Gesicht,
+das schöne Haar. Auch seine Augen schienen ihr heute freier, kühner. Er
+dachte: Schön ist sie nicht. Aber die Länder sind schön, die sie mir
+zubringt. Er sagte zu ihr: »Na? Gretl?« und küßte sie herzhaft auf ihren
+häßlichen Mund. Er tat ein übriges und sagte, jetzt müsse sie auch
+einmal auf die Falkenbeize mit ihm gehen.
+
+Dann saßen die beiden Kinder zusammen, sehr ernsthaft, und berieten ihre
+ersten Regierungsmaßnahmen. Die Lage war nicht einfach. Die Feudalbarone
+waren schwierig, würden gewiß die Lage ausbeuten wollen. Der Knabe
+Johann setzte sein hochmütiges Gesicht auf. Er wird sie schon
+kleinkriegen. Er ist auch wilder Pferde schon Herr geworden. Vor allem
+muß man seinen Vater beschicken, den König Johann; der ist wohl noch in
+Paris, beim Turnier, bei seinem Schwager, dem König von Frankreich. Dann
+müssen Boten an den Kaiser, an die Herzoge von Österreich. Die Kinder
+befahlen den Abt von Viktring zu sich, betrauten ihn mit der Botschaft,
+gravitätisch und doch mit gespielter Leichtigkeit. Sie setzten ihre
+Namen unter die Vollmacht: Johann von Gottes Gnaden Graf von Tirol,
+Margareta, _Dei gratia Carinthiae dux, Tyrolis et Goritiae comes et
+ecclesiarum Aquilensis Tridentinae et Brixensis advocata_.
+
+Doch als der Abt von Viktring diesen Brief übergab, hatten seine
+Auftraggeber die meisten dieser Länder schon verloren. In Linz saß der
+Kaiser mit dem lahmen Habsburger, beriet die Ausführung jenes Vertrags,
+der das Land in den Bergen zwischen Habsburg und Wittelsbach teilte.
+Ungeschlacht, wuchtig saß der Bayer, wollte alles für sich haben, von
+keinem kleinsten Dorf die Finger lösen. Zäh und hartnäckig zerrte der
+lahme Herzog, wählte scharfe, bittere Worte, gab nichts preis. Sie
+saßen, schauten, die Gedanken nur bei ihren Karten und Registern, auf
+die hochgehende Donau, Regen rann, die beiden Männer lagen über dem
+fetten Besitz, rissen hin und her. Hart feilschend kamen sie endlich
+überein: Kärnten, Krain, Südtirol an den Österreicher, Nordtirol an den
+Bayern. Als sie so weit waren, kam der Abt von Viktring mit den Briefen
+und Empfehlungen der Kinder. Sehr höflich empfingen ihn die beiden
+Fürsten. Lasen aufmerksam die Briefe. Mit undurchdringlichem Spott
+erwiderte zunächst der Österreicher, wie sehr der Tod seines Oheims, des
+edeln und hocherlauchten Fürsten, Seniors ihres ganzen Geschlechts und
+Vaters ihrer aller, ihm ans Herz gehe. Wie tief er seine kleine Base und
+ihren jugendlichen Mann bedaure. Krain gehöre nun ihm. Kärnten habe ihm
+die Freigebigkeit des Kaisers verliehen, Truppen seien schon unterwegs,
+das Land für ihn zu besetzen. Wenn er sich aber sonstwie seiner kleinen
+Base gefällig und behilflich erweisen könne, wolle er es gerne tun.
+Ähnlich sprach der Kaiser selbst, den Abt mit seinen großen blauen Augen
+treuherzig und unverwandt anstarrend. Nur sprach er feierlicher,
+tönender, weil er eben der Kaiser war. Leider seien die Kinder mit ihren
+Bitten zu spät gekommen; er habe mit seinen lieben Oheimen von
+Österreich schon alles abgemacht. Im übrigen wolle er sich die Sache in
+Gnaden angelegen sein lassen.
+
+Die beiden Kinder auf Schloß Tirol, sowie sie sahen, wie schlecht ihre
+Angelegenheit stand, schickten Eilboten auf Eilboten nach Paris zu ihrem
+Vater und Vormund, dem König Johann. Aber der war im Turnier übel
+verwundet worden. Er lag zerschlagen und zerschunden, des Augenlichtes
+fast beraubt, in Verbänden und Umschlägen und konnte nach Tirol nur den
+matten Trost schicken, die Kinder sollten guten Mutes sein; sowie seine
+Kräfte es erlaubten, werde er selbst kommen und sie und ihre Länder
+schützen. Es war ein besonderer Unstern, daß er hilflos im Bett liegen
+mußte, während der Kaiser und Habsburg die reichen Länder, die er sich
+durch so langwierige und geschickte Diplomatie gesichert hatte, unter
+sich verteilten. Allein Spieler und Fatalist, der er war, ging ihm auch
+dies Unglück nicht sehr tief. Er war an jähen Wechsel gewohnt, riß in
+aller Ohnmacht und Erbärmlichkeit leichtfertige Witze über die Frauen
+und die Länder, die ihm auf diese Art entgingen, rechnete mit dem
+Gleichmut des Spielers auf eine glückliche Wendung.
+
+ * * * * *
+
+Unterdes wurde Kärnten und Krain ohne Widerstand von den Habsburgern
+besetzt. Die Städte huldigten ihnen, die Lehensurkunde des Kaisers wurde
+überall feierlich verlesen, die Feudalbarone und Beamten stellten sich
+auf den Boden der Tatsachen, ließen sich auf die neuen Herren
+vereidigen. Die führenden Herren, an ihrer Spitze der gravitätische
+Konrad von Auffenstein, der Statthalter des verstorbenen Königs, von ihm
+mit reichstem Gut und allem Vertrauen bedacht, spielten dabei eine sehr
+zwielichtige Rolle. Die Bevölkerung wurde mit dem Verrat an den beiden
+Kindern dadurch ausgesöhnt, daß sich in Vertretung seines lahmen Bruders
+der Herzog Otto von Österreich den alten, umständlichen,
+patriarchalischen Bräuchen unterzog, die in Kärnten bei der
+Inthronisation üblich waren und auf die sich der kleine Prinz Johann so
+gefreut hatte. Er zog also Bauerntracht an, hieß den dazu bestellten
+Bauern von dem Stein aufstehen, trank Wasser aus einem Bauernhut und
+übte mehr dergleichen überkommene Zeremonien. Der Bevölkerung gefiel
+dieses Festhalten an den väterlichen Bräuchen außerordentlich, die Leute
+waren gerührt, bekannten sich überzeugt zu dem neuen Fürsten. Herzog
+Otto war übrigens ein feiner, modischer junger Herr; er kam sich in der
+Bauerntracht sehr komisch vor, er und seine Herren machten noch lange
+Witze darüber. Das umständliche Zeremoniell war trotz allem da und dort
+nicht eingehalten worden, es gab Leute, die darüber murrten; auf Schloß
+Tirol bemerkte der Herzog Johann mit grimmiger Befriedigung, daß ihm das
+nicht passiert wäre. Allein wie immer, Kärnten und Krain, die Hälfte
+ihrer Länder, waren vorläufig für Margarete und ihren Gemahl verloren.
+
+Margarete war nie eine pathetische Natur gewesen. Sie hatte nicht
+erwartet, daß Kärnten aus Treue zu dem angestammten Herrscherhaus sich
+nun flammend vor sie hinstellen und schützen werde. Aber die schnöde
+Art, wie man mit der größten Selbstverständlichkeit das Recht preisgab
+und sich auf die Seite der Macht schlug, in aller Hast noch kleine
+Vorteile für sich erschachernd, füllte sie dennoch an mit Ekel und
+Empörung. Sie hatte keinen Einwand, als Herzog Johann, schäumend, mit
+überschlagender Stimme, fußstampfend, Order gab, Burg Auffenstein bei
+Matrei, das Stammschloß des treulosen Kärntner Gouverneurs, zu
+zerstören. Der kluge Herr von Schenna meinte freilich, es wäre
+gescheiter gewesen, es einfach zu beschlagnahmen.
+
+Blieb Kärnten verloren, so entwickelten sich in Tirol die Dinge für die
+Kinder sehr günstig. Die tirolischen Barone hatten von dem Luxemburger
+weitgehende Versicherungen, daß er ihnen in die maßgebenden Ämter keine
+fremden Vögte hineinsetzte; jedenfalls war mit den beiden Kindern
+leichter auszukommen als mit dem in Gelddingen durchaus nicht
+gemütlichen Wittelsbacher. Die Tiroler Herren blinzelten also einander
+zu, verständigten sich, beschlossen, in bewährter tirolischer Treue zu
+ihrer angestammten Herrin zu stehen, rüsteten bewaffneten Widerstand,
+schürten die gute Gesinnung im Land.
+
+So fand Herzog Johanns älterer Bruder, Markgraf Karl, den König Johann
+vorläufig in seiner Vertretung nach Tirol schickte, die Grafschaft in
+gutem Stand zur Verteidigung, und die drei Kinder konnten in einem
+kurzen Krieg, der äußerst sachlich, gründlich und grausam geführt wurde,
+Tirol halten. Der kleine Herzog Johann zeigte sich übrigens in diesem
+Krieg von einer persönlichen, verbissenen, krampfhaften Tapferkeit, die
+nicht ohne Eindruck auf Margarete blieb.
+
+Mittlerweile konnte auch König Johann wieder vom Krankenlager aufstehen.
+Seine Augen freilich waren nicht mehr zu retten. Er sah von der Welt nur
+mehr einen schwachen Schimmer und wußte, daß er bald gar nichts mehr
+werde sehen können. Dies machte ihn etwas müde, geneigt zu Philosophie
+und Pazifismus. Auch der Habsburger, der lahme Albrecht, war des Kampfes
+müde; er sah, daß außer Kärnten vorläufig für ihn nichts zu holen sei
+und daß er, führe er den Krieg weiter, sich lediglich für den Kaiser
+schlage, der sich, ging es ans Zahlen, diesmal wie stets einsilbig,
+hochmütig und schofel hinter seine Kaiserwürde zurückzog. Albrecht kam
+unter diesen Umständen mit Johann bald überein, erkannte die Luxemburger
+als rechtmäßige Herren von Tirol an, wogegen Johann sich mit der
+Habsburger Herrschaft in Kärnten einverstanden erklärte; natürlich
+verlangte er noch einen finanziellen Ersatz: zehntausend Veroneser
+Silbermark.
+
+Da er gerade im Verträgeschließen war, schlug er auch dem Kaiser einen
+Handel vor: Brandenburg gegen Tirol. Ludwig, der mit Leidenschaft solche
+Geschäfte betrieb, war sogleich dabei, und die beiden Fürsten erwogen
+stark angeregt die Einzelheiten des Projekts. Da aber schlug die Treue
+der Tiroler zu ihrer Fürstin in lohen Flammen empor -- die Feudalbarone
+wären ja durch die Herrschaft der Wittelsbacher finanziell schwer
+beeinträchtigt gewesen; es kam zu den heftigsten Resolutionen, und die
+Volksbewegung war so stark, daß König Johann feierlich bezeugen mußte,
+er habe nie an eine derartige Vertauschung gedacht. Ja, sein Sohn und
+Statthalter, der Markgraf Karl, hielt die Stimmung für so bedenklich,
+daß er in den Vater drang, sich mit den höchsten Eiden zu verpflichten,
+Tirol niemals zu veräußern. Was dieser achselzuckend und liebenswürdig
+lächelnd tat.
+
+Das junge Ehepaar dachte übrigens nicht daran, die Abmachungen Johanns
+über Kärnten zu vollziehen. Margarete erging sich in den heftigsten
+Worten, wie ihr Vormund ihre Interessen schnöde verschachere; sie und
+ihr junger Gemahl hielten ihre Ansprüche auf Kärnten und Krain voll
+aufrecht. Der junge Herzog Johann fand hierbei willkommenen Anlaß zur
+Entfaltung einer großen, pathetischen Zeremonie. Er sammelte den Adel
+Tirols um sich und ließ die Herren, malerisch angeordnet, die Schwerter
+gezogen, auf das Kreuz schwören, nicht zu ruhen und zu rasten, bis
+Kärnten wieder in seinem und Margaretens Besitz sei.
+
+Der blinde König Johann fand, sein Sohn sei ein kleiner Esel. Denn die
+einzige Folge dieses großen Auftritts war, daß Österreich die
+zehntausend Mark Veroneser Silbers nicht zahlte. Tatsächlich blieben die
+Österreicher im Besitz Kärntens, die feierlichen Tiroler Herren steckten
+trotz des Schwurs ihre Schwerter wieder in die Scheide, und durch die
+Räume König Johanns glitt schattenhaft, unscheinbar und mit vielen
+Verneigungen Messer Artese aus Florenz.
+
+
+
+
+Der Herzog Johann wurde reifer, männlicher. Sein Gesicht blieb trotzig,
+hinterhältig, verbissen; aber sein Körper verlor das Stakige,
+Überlang-Magere, ward fest, stattlich, nicht sehr gelenk, doch sicher.
+Er war ein guter Jäger, verstand sich ausgezeichnet auf die Falkenbeize,
+bewährte auch im Krieg persönliche Tapferkeit. Margarete gefiel er. Es
+gab schönere Männer, klügere, glänzendere. Aber er hatte sich bei den
+schwierigen Kämpfen um den Besitz des Landes nicht schlecht gehalten,
+war kein Knabe mehr, war sehr jung zum Mann geworden, war ihr Mann. Er
+vermied sie. Je nun, er war wohl überhaupt scheu; gesprächig,
+vertraulich war er nur mit seinen Jägern; man mußte um ihn werben. Sie
+stellte sich in seinen Weg. Es nutzte nichts; er ging ihr, abweisend,
+vorbei.
+
+Sie füllte ihren Tag mit tausend Beschäftigungen, Putz, Repräsentation,
+Politik, Studien. Aber ihre Gedanken hakten sich immer wieder an ihn.
+Warum konnte sie nicht zu ihm gelangen? Ihre Nächte waren voll von ihm.
+Aufdringlich fast suchte sie seine Gesellschaft. Fand alle möglichen
+Vorwände, sowie sie ihn nur in der Nähe wußte, bei ihm einzudringen.
+Aber er war immer eilig, bog mürrisch jedem vertraulichen Wort aus. Sie
+suchte nie den Grund in seinem schlechten Willen, war ihm für
+keinen Augenblick böse. Suchte alle Schuld in sich, in ihrer
+Ungeschicklichkeit.
+
+Sie mußte sich anvertrauen, sich Rats holen. Aber bei wem? Ihre Frauen
+waren dürr und albern, der gutmütige Abt von Viktring würde mit
+erbaulichen Sprüchen und Zitaten kommen. Nach einer schlaflosen Nacht
+sprach sie mit Herrn von Schenna.
+
+Der lange Herr saß in schlechter Haltung vor ihr, ein Bein über das
+andere geschlagen, das etwas welke Gesicht in die große Hand gestützt.
+Durch die feinen Pfeiler der Loggia sah man weit in die Berge hinein
+über das starkfarbene, üppige, besonnte Land. An den Wänden der Loggia
+schritt sehr bunt und überschlank Tristan. Isolde stand, die eine Hand
+gehoben, hoch und abweisend. Zu Füßen der Herzogin Margarete spreizte
+sich der Hauspfau. Margarete, in einem malvenfarbenen Kleid, das
+kupferne Haar schillernd in dem hellen Tag, aber alle Häßlichkeit auch
+des Gesichts in dem klaren Licht grob und mitleidlos enthüllt, sprach
+stockend, in halben Worten. Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen
+wollte; dennoch kam jetzt ihre sonst so gewandte Rede nicht recht
+vorwärts, und sie sprach in Andeutungen. Schließlich war Johann doch ihr
+Mann. Irgend jemand müsse ihm das doch sagen. Sie selber, das gehe doch
+nicht gut.
+
+Sie sah Herrn von Schenna an. Aber der saß ganz still, blinzelte in der
+Sonne, schwieg. Mutloser noch fuhr sie fort. Es war früher manchmal
+dagewesen, daß Fürsten, die als Kinder waren verheiratet worden, später
+feierlich Beilager hielten. Johann hänge so an Zeremonien. Ob Herr von
+Schenna es für angängig halte, daß sie Johann ein solches Fest
+vorschlage.
+
+Herr von Schenna ließ eine Weile verstreichen, ehe er antwortete. In die
+besonnte Stille hinein schrie der Pfau, von unten her aus den tieferen
+Reben, sehr fern, klang das Geschrei spielender Kinder. Herr von Schenna
+wußte, daß der junge Herzog anderen Frauen gegenüber durchaus nicht so
+scheu und blöde war wie Margareten. Behutsam, langsam, merkwürdig sacht
+hub er endlich an. Wie er den jungen, eigenwilligen, herrschsüchtigen
+Fürsten kenne, glaube er nicht, daß er einen Gedanken ausführen werde,
+den ein anderer ihm eingebe. Vielleicht daß sich einmal Gelegenheit
+biete, ihm den Gedanken so unmerklich beizubringen, daß er ihn für einen
+eigenen halte. Aber man müsse sehr, sehr vorsichtig sein. Und abwarten.
+
+Dann, froh, abbiegen zu können, wies er auf einen Herrn, der langsam in
+der prallen Sonne den Weg heraufritt: »Da kommt Berchtold.«
+
+Die Herzogin sehr ehrerbietig grüßend, kam Berchtold von Gufidaun heran.
+Der stattliche Herr, bräunlich kühnes Gesicht, blaue Augen merkwürdig zu
+dem dunkeln Haar, war Jakob von Schennas bester Freund. Herr von Schenna
+pflegte zu sagen: »Er ist zweimal so dumm wie ich, aber zehnmal so
+anständig.« Margarete mochte den festen, biederen, sehr ergebenen Mann
+gern leiden.
+
+Herr von Schenna ließ Wein und Früchte bringen. Es ging gegen Abend, man
+hielt ein geruhsames Gespräch. In eine Stille hinein fragte plötzlich
+Margarete: »Sagen Sie, Herr von Gufidaun, Sie kommen doch mit vielen
+Leuten zusammen, mit Aristokraten, Stadtbürgern, Bauern: wie denkt
+eigentlich das Volk über mich?« Der ehrliche Mann, überrumpelt, drückte
+unbehaglich herum, das Volk liebe und ehre sie geziemend. Schwitzte
+unter dem klaren, ernsten Blick des Mädchens. Schenna kam dem Verlegenen
+zu Hilfe. Überall wisse man, wie klug und gewandt sie sei und daß sie
+das Land vor Habsburg und Wittelsbach gerettet habe.
+
+Margarete fühlte sehr wohl, daß die Vorsicht, die Herr von Schenna ihr
+riet, sehr am Platz war, mehr als seine Höflichkeit ihr sagte. Aber sie
+wollte sich das nicht eingestehen. Sie konnte nun nicht länger untätig
+bleiben und zusehen, wie Johann an ihr vorbeiging. Gut, ihr Gesicht war
+häßlich, ihre Figur breit, unedel, ohne Reiz. Aber sie war gesund, sie
+hatte Blut, sie war bereit, tüchtig und berechtigt, Fürstenkinder zu
+empfangen, zu gebären. Die Männer waren blöde, sie wollten gestoßen
+sein; sicher war es so. Der Junge kam auf nichts, stieß man ihn nicht
+an.
+
+Sie fragte ihn, ihre Erregung mühsam bändigend, so beiläufig wie
+möglich, wann er eigentlich und wo die Feier ihres Beilagers abzuhalten
+für ratsam halte. Das Kloster Wilten, die Stadt Innsbruck warte darauf.
+Er schaute sie auf und ab, sein Gesicht verzog sich wütend, spöttisch,
+gehässig, die Augen wurden ganz klein. Eine Feier auch noch? Er habe sie
+doch geheiratet. Das sei Feier genug gewesen. Er denke nicht daran, ihr
+Beilager gar noch feierlich zu begehen. Sie möge gefälligst warten, ihn
+in Frieden lassen. Er schrie. Die Stimme schlug ihm um. Er lachte
+knurrend, höhnisch, bösartig. Seine Augen glitten von ihrem harten,
+kupfernen Haar über den kurzen, plumpen Leib bis zu den Füßen. Er sah
+aus wie ein tückischer kleiner Affe. Margarete schluckte, wandte sich,
+ging.
+
+Allein, raste sie, schäumte. Wer war er denn? Wie ein bissiger,
+häßlicher Köter sah er aus. Wer hätte ihn angeschaut, wäre er nicht
+Herzog? Und sie hat ihn dazu gemacht. Und muß sich nun -- wer hilft ihr?
+-- diese frechste Verhöhnung gefallen lassen. Ist sie darum Herzogin?
+Wann je war eine Frau so verschmäht und gekränkt wie sie? Sie zerkratzte
+sich die Brust, ihr armes, häßliches Gesicht. Schäumte, knirschte,
+knurrte, stöhnte, daß ihre Frauen bestürzt hereinkamen.
+
+Andern Tages war sie eisig umkrustet. Warf sich auf die Politik. Beriet
+mit Volkmar von Burgstall, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun.
+Markgraf Karl, Johanns älterer Bruder, war auf Reisen am Rhein.
+Eigentlicher Regent des Landes war, den Herzog Johann klug lenkend, der
+Bischof Nikolaus von Trient, ehedem Kanzler des Markgrafen in Brünn,
+Domherr von Olmütz, ein energischer, rasch denkender Herr, den
+Luxemburgern unbedingt ergeben. Jetzt mischte sich Margarete in jede
+kleinste Angelegenheit, zwang den Bischof, verbindlich in der Form, aber
+unnachgiebig, sie an allen Regierungsgeschäften teilnehmen zu lassen. Da
+sie die eingesessenen Feudalbarone, die dem Luxemburger Prälaten nicht
+zu großen Einfluß einräumen wollten, auf ihrer Seite hatte, fügte sich
+der geschmeidige Bischof, Schritt für Schritt weichend.
+
+Den Herzog Johann behandelte sie mit eisiger Höflichkeit, nannte ihn
+Herr Herzog und mit allen Titeln. Niemals mehr war von Persönlichem
+zwischen ihnen die Rede. In allen politischen Dingen wurde er
+beigezogen, aber sie wußte ihn bei aller umständlichen Höflichkeit immer
+wieder vor den tirolischen Herren als dummen, launischen, kleinen Jungen
+hinzustellen. Er verzerrte sich vor Zorn; aber wenn er losbrechen
+wollte, fand er, denn sie hatte sehr klug jede Form gewahrt, erstaunte,
+mißbilligende Gesichter. Häufig auch traf sie wichtige Maßnahmen
+selbständig und holte im letzten Augenblick erst seine Zustimmung ein.
+Sehr geschickt verstand sie seine Einwilligung zu einer leeren Formsache
+herabzudrücken, ohne daß er, bis aufs Blut gereizt und verärgert, der
+erstaunt und unschuldig sich Habenden solche Nichtachtung nachweisen
+konnte.
+
+Die Finanzen des Landes waren besser als unter König Heinrich, aber noch
+keineswegs gesund. Sie verlangten ein ewiges, vorsichtiges Lavieren und
+viel Hin und Her. Herzog Johann, der anstrengenden Kleinarbeit müde,
+berief den Alleshelfer, den er von seinem Vater her kannte, Messer
+Artese aus Florenz. Unscheinbar, schattenhaft, ungeheuer dienstwillig
+war der mächtige Bankier mit einemmal auf Schloß Tirol.
+Selbstverständlich und mit tausend Freuden wird er aushelfen. Er
+verlangte dafür nur einen ganz, ganz winzigen Gegendienst: die
+Verpfändung der eben erschlossenen Silberbergwerke.
+
+Herzog Johann war sofort dabei. Margarete, in kluger Berechnung,
+widersprach nur flüchtig und ohne Nachdruck, ließ ihn ganz sich in den
+Plan verstricken. Erst als der Plan in allen Einzelheiten ausgearbeitet
+war, protestierte sie unvermittelt mit größter Entschiedenheit,
+verweigerte ihre Unterschrift. Johann schwoll an, seine Adern wurden
+dicke Schlangen. »Der Welsche kriegt die Silberrechte!« gellte er.
+
+Margarete, bebend vor Triumph: »Er kriegt sie nicht!«
+
+Der Herzog sah rot. Was? Er hat dem Bankier die Silberrechte versprochen
+und soll es nun nicht halten können? Bloß weil die Hexe, die
+widerwärtige, scheuselige, die Vettel, nicht mag? »Er kriegt sie! Er
+kriegt sie!« und stürzte sich auf sie, schlug sie ins Gesicht, verbiß
+sich in sie.
+
+Sie, selig, weil sie ihn so tief traf, jubelte, ihre volle Stimme in
+seine japsende: »Er kriegt sie nicht! Nie kriegt er sie! Nie!«
+
+Keuchend, ohnmächtig sich verzehrend, ließ er von ihr ab.
+
+Margarete schickte Eilboten an den Markgrafen Karl. Mißmutig kam der aus
+wichtigen Geschäften zurück nach Tirol, als Schiedsrichter. Es war klar,
+daß Margarete recht hatte; selbstverständlich konnte man die
+Silberbergwerke dem Florentiner nicht preisgeben. Margarete lenkte klug
+ein, sparte ihrem Gemahl die offene Niederlage. Aber als sie allein
+waren, schalt der ältere Bruder den Herzog, daß dem das Mark in den
+Knochen sich empörte vor Wut.
+
+Der nüchterne, sachliche Markgraf konnte nicht umhin, die Staatsklugheit
+seiner jungen Schwägerin anzuerkennen. Von Böhmen und Luxemburg aus
+verbreitete sich der Ruf ihrer diplomatischen Überlegenheit an den
+europäischen Höfen. Wohl verhandelte man offiziell mit dem Herzog
+Johann; aber in allen Staatskanzleien wußte man, daß in Wahrheit allein
+die häßliche junge Herzogin das Land in den Bergen regierte.
+
+
+
+
+Bald nach dem Tod des Königs Heinrich starb auch sehr plötzlich Frau von
+Flavon, Herrin von Taufers und Velturns. Bei einem Spaziergang mit ihrer
+jüngsten Tochter, als sie unter Jauchzen und Geschrei Alpenblumen
+pflückte, stürzte die hübsche, rundliche Dame zu Tod. Die Töchter
+bestatteten sie unter großer Anteilnahme sehr prunkvoll neben den etwas
+zweifelhaften Gebeinen, die sie als die Peters von Flavon aus Italien
+zurückgebracht hatten. Die drei hübschen Fräulein waren in recht
+bedenklicher Lage. Jetzt, nachdem ihr Protektor, der gute König
+Heinrich, tot war, erhob der Bischof von Chur seine alten Ansprüche auf
+ihre westlichen Besitzungen, der Bischof von Brixen forderte mit vielem
+Grund die Schlösser und Gerichte Taufers und Velturns zurück.
+
+Die drei jungen Damen, blond, lieblich und hilflos, verhandelten hin und
+her mit den Finanzräten der Bischöfe. Es fanden sich viele, die sich
+ihrer annahmen; aber gegen die guten, berechtigten Ansprüche der
+mächtigen Bistümer war schwer aufzukommen. Schließlich gelangte die
+Sache als an die letzte Instanz an den Hof des Herzogs.
+
+Agnes von Flavon erschien auf Schloß Tirol, tat einen Kniefall vor dem
+jungen Herzog. Der stand knabenhaft und sehr wichtig vor der Knienden,
+in dem langen, schmalen Gesicht die Lippen ernsthaft zusammengepreßt. Es
+streichelte seine Herrschgier, wie das zarte Geschöpf, leicht und schön
+und wehend unter dem schwarzen Gewand, so ganz verströmend und ergeben
+vor ihm lag, aus tiefen, blauen Augen fromm und bittend zu ihm
+aufblickte. So gehörte es sich. So hatte es Gott bestimmt, daß es sei.
+Mochte die andere, die Häßliche, gegen ihn anbellen. Die da, die Zarte,
+Liebliche, schönste Frau des Landes, lag vor ihm auf Knien, sah fromm,
+hingegeben, voll Vertrauen zu ihm auf. Er war sehr gnädig zu ihr.
+
+Agnes machte auch der Herzogin ihre Aufwartung. Margarete widerstand
+tapfer der Versuchung, über die Schöne zu triumphieren. War huldvoll.
+Kondolierte in warmen Worten zum Tod der Frau von Flavon. Ihr Vater,
+König Heinrich, habe ja immer der Familie besonders wohlgewollt, fügte
+sie undurchdringlich hinzu. Ja, und es sei sehr traurig, daß die
+Rechtslage, soviel sie höre, so ungünstig sei für die Fräulein. Sie
+persönlich sei natürlich jederzeit erbötig, aus ihrer Privatschatulle zu
+helfen.
+
+Agnes hatte sich vorgenommen, Margarete nicht zu reizen. Aber vor diesem
+undurchsichtigen, doppelt empfindlichen Hohn ging sie durch. Was? Ein
+Mädchen mit so einem Gesicht und so einem Maul wagte, gegen sie zu
+sticheln? Und wenn jene die Kaiserin von Rom wäre und sie selber
+leibeigen, hätte sie dagegen aufbegehrt. Sie schaute sie lange und
+abschätzig an. Sagte dann, so gar ungünstig scheine es um ihre Sache
+doch nicht zu stehen. Der Herr Herzog wenigstens habe sich sehr gnädig
+und tröstlich zu ihr geäußert. Etwas kahl schloß Margarete: nun ja, man
+werde das Urteil der sachverständigen Herren hören und die Angelegenheit
+in gnädige Erwägung ziehen.
+
+Bevor Agnes das Schloß verließ, traf sie noch Chretien de Laferte, der
+ihr in gesetzten Worten kondolierte. Agnes hörte ihn ernst an und
+erwiderte ihm würdevoll. Er bat, sie auf der Rückreise begleiten zu
+dürfen. Sie war auch da geziemend melancholisch, unterbrach aber
+gelegentlich ihre Trauerwürde durch ein spitzbübisch kokettes
+Scherzwort, den jungen Herrn durch solchen Wechsel tief verwirrend.
+
+Chretiens Stellung am Tiroler Hof war nicht angenehm. Solange der Prinz
+Johann noch Knabe war, hatte er als ergebener, dienstwilliger Kamerad,
+der die vielen Verstöße des schwierigen kleinen Prinzen gegen höfische
+Zucht und Sitte unmerklich besserte und einrenkte, seinen klar
+umgrenzten Bezirk gehabt. König Johann war überzeugt, man könne keinen
+taktvolleren Adjutanten für seinen ungezogenen Sohn finden als den
+hübschen, schlanken, ritterlichen, formvollen und doch so bescheidenen
+Jungen. Auch Markgraf Karl hielt ihn für den rechten Erzkämmerling
+seines jüngeren Bruders. Prinz Johann selbst aber hatte seinen offenen,
+hübschen Kameraden nie recht leiden mögen. Hatte ihn geknufft,
+mißhandelt, gedemütigt, mit seinen kleinen Wolfsaugen darauf lauernd, ob
+der geduldige Begleiter nicht einmal rebellieren und Anlaß geben werde,
+ihn wegzuschicken. Jetzt, seitdem er Herzog war, selbständig und
+erwachsener, war die Stellung Chretiens noch viel schwieriger geworden.
+Er hielt sich sehr bescheiden im Hintergrund; wagte er nur den leisesten
+Rat an den jungen Herzog, so wurde er bösartig und verächtlich
+zurückgewiesen.
+
+Chretien war jüngerer Sohn eines edlen französischen Hauses, ohne
+Vermögen, darauf angewiesen, bei Hof sein Glück zu machen. Es hatte für
+ihn keinen Zweck, seine besten Jahre in Tirol aussichtslos zu versitzen.
+In den Feldzügen König Johanns hatte er sich brav und tapfer bewährt.
+Eine Gelegenheit, sich besonders auszuzeichnen, hatte sich ihm nicht
+geboten. Was sollte er bei diesem jungen, bösartigen Herzog, der ihn
+immerzu demütigte, ihm jedenfalls nicht gewogen war? Er trug sich mit
+dem Gedanken, an den Hof König Johanns zurückzukehren oder nach
+Frankreich zu gehen oder besser noch zum König von Kastilien. In den
+Kämpfen mit den Mauren war Geld und Ehre zu erwarten.
+
+Margarete hatte dem jungen Ritter lange Zeit keine besonderen
+Gnadenbeweise mehr gegeben. Erst als sie sah, daß kein Weg mehr war von
+ihr zu Herzog Johann, begann sie wieder, Chretien zu locken. Übertrug
+ihm kleine, vertrauliche, diplomatische Sendungen, fragte ihn
+Unverfängliches, das sie aber durch ihre Betonung bedeutsam machte. Er
+war zurückhaltend, war voll von Zweifeln, wollte nicht verstehen. Es war
+ein großer Glücksfall, bei einer Dame von solchem Rang in Gunst zu
+stehen; aber es war ein zweigesichtiges Glück: man konnte unmöglich für
+eine so häßliche Frau in die Schranken reiten. Zwar wird niemand wagen,
+ihm ins Gesicht zu höhnen wie früher; doch er bäumte hoch, wenn er an
+die feixenden Mienen, die zotigen Bemerkungen in seinem Rücken dachte.
+Dann wieder hörte er, wie man an allen Höfen voll großer Achtung von
+ihrer Umsicht und Gescheitheit sprach. Es schmeichelte ihm, daß eine
+Dame von solchem Urteil gerade ihn erwählte. Sie imponierte ihm, er war
+ihr dankbar, entzog sich ihr nicht mehr. Er ging auf ihren Ton ein,
+seine Augen schleierten sich leise, wenn er sie sah, seine Stimme
+bedeckte sich, wenn er zu ihr sprach.
+
+Einmal -- er war nach längerer Abwesenheit zurückgekehrt -- meldete er
+sich bei der Herzogin. Sie war nicht in ihren Zimmern, das dürre
+Fräulein von Rottenburg führte ihn in einen abgelegenen Teil des
+abendlichen Gartens. Aus einer Baumgruppe her drang Gesang. Das
+Hoffräulein legte die Finger an die Lippen, bedeutete ihm,
+stillezustehen, zu schweigen. Eine warme, volle Stimme sang ein
+einfaches Lied, jubelte in alle Höhen, schluchzte durch alle
+Kümmernisse, sehnte sich, dankte, ging durch alle Irrsale. Den jungen
+Menschen überkam es wie in der Kirche bei einem hohen Fest. Er nahm die
+Mütze ab. »Die Herzogin?« flüsterte er, ungläubig. Da kam sie schon den
+Baumgang herunter. Sie sah das große, bewegte Staunen in seinem offenen
+Gesicht. Reichte ihm langsam die Hand. Er küßte sie.
+
+ * * * * *
+
+Unterdes war die Angelegenheit der Hinterlassenschaft der Frau von
+Flavon so weit gefördert worden, daß man die Entscheidung nicht gut
+weiter hinauszögern konnte. Juristische wie politische Gründe sprachen
+dafür, die erledigten Lehen den um die luxemburgische Sache sehr
+verdienten Bischöfen zurückzugeben. Gleichwohl fanden die Räte allerlei
+fadenscheinige Gründe, die für die Damen von Flavon sprachen. Es war
+nämlich Agnes bei jedem einzelnen gewesen und hatte so lange Trauer,
+Jugend, List, Hilflosigkeit spielen lassen, bis sie die Räte
+eingewickelt hatte. Johann entschied also herrisch, daß die Güter den
+Fräulein verbleiben sollten. Doch Margarete widersetzte sich. Mit so
+guten Gründen und so beharrlich, daß dagegen nicht aufzukommen war. Man
+einigte sich schließlich auf einen Vergleich. Schloß und Gericht
+Velturns sollte den Schwestern verbleiben, die westlichen Besitzungen an
+Chur, Taufers an Brixen zurückfallen; doch mit dem Beding, daß der
+Bischof von Brixen nur einen von Schloß Tirol vorgeschlagenen Anwärter
+damit belehnen dürfte.
+
+Die Schwestern, die schon den weiten Besitz unter sich geteilt hatten,
+mußten sich also mit dem einen Velturns begnügen. Sie waren lärmend,
+beweglich, eigenwillig, streitsüchtig. Immerzu herrschte giftiges
+Geplänkel auf Burg Velturns. Auffallend war, daß die angenehmen Stimmen
+der jungen Damen im Streit eine unerhört harte, pfauenhaft scharfe
+Tönung bekamen. In der Öffentlichkeit erschienen die Schwestern übrigens
+immer traulich vereint, umschlungen, lieblich, blumenhaft lächelnd.
+
+Als Kandidaten für das erledigte Taufers schlug Margarete Chretien de
+Laferte vor. Der Herzog geiferte empört dagegen. Was? In diesen fetten
+Besitz soll man den Schlucker setzen, den kahlen Mucker, der sich immer
+so falsch bescheiden an die Wand drückt und sicher nach einem stechen
+wird, sowie er nur die Macht dazu hat? Doch Margarete blieb fest. Der
+Herzog von Kärnten und Graf von Tirol könne sich nicht lumpen lassen.
+Könne nicht so lange jemandes Dienste annehmen und dann knausern und
+filzig sein. Wenn Chretien jetzt ohne Lohn und Dank an einen andern Hof
+gehe, so sei sie selber beschimpft durch solchen schmutzigen Geiz. Als
+Johann sich weitersträubte, drohte sie, die Entscheidung des Markgrafen
+Karl anzurufen, bis er sich knurrend fügte.
+
+Margarete selbst teilte Chretien diese Entscheidung mit. »Der Bischof
+von Brixen wird Sie mit Schloß und Gericht Taufers belehnen. Bewähren
+Sie sich, Herr von Taufers! Es ist mein Ruhm, wenn Sie Ehre einlegen,
+meine Schande, wenn Sie versagen.«
+
+Chretiens mageres, kühnes, gebräuntes Gesicht rötete sich bis unter das
+eigenwillige Haar. Langsam ging er ins Knie. Er sah nicht mehr, daß ihr
+Mund sich äffisch vorwulstete, daß ihre Haut grau und lappig war. »Frau
+Herzogin!« stammelte er. »Allergnädigste, herzliebste Frau Herzogin!«
+Und es war mehr als die übliche Formel, wie er ihr dankte: »_Pour toi
+mon âme, pour toi ma vie!_«
+
+ * * * * *
+
+In der klobigen, altväterlichen Burg des Tiroler Landeshauptmanns
+Volkmar von Burgstall saßen sieben, acht von den einflußreichsten
+tirolischen Baronen beim Wein. Es kam selten vor, daß der wuchtige,
+massige Herr Gäste zu sich bat, und dann in knurriger, barscher Weise,
+die wie ein Befehl klang. Die Halle, in der man saß, war dumpf und
+niedrig, die Wände überhaupt nicht, der Boden mit wenigen Tüchern
+belegt. Glasfenster, das modische Zeug, verschmähte der konservative
+Hausherr. Der junge, fröhliche Albert von Andrion, Margaretes
+natürlicher Bruder, machte sich lustig über die Bretter, mit denen jetzt
+in der kalten Jahreszeit die Lichtöffnungen vernagelt waren. Man saß wie
+in einem Keller. Alles war rauchig, rußig vom Kamin, von den Kerzen und
+Pechfackeln. Dabei war der Raum nicht zu durchwärmen; die Herren rückten
+unbehaglich hin und her; man briet auf der einen Seite, fror auf der
+andern. Der nervöse Herr von Schenna hüstelte, schnupperte, bekam
+Kopfweh in dieser ungemütlichen, dumpfen, stinkenden Höhle, in der kalt
+und widerwärtig der Geruch der Ställe stand. Aber die Speisen, Wildbret
+und Fisch, waren mit Liebe und in ungeheuren Massen zubereitet und
+gereicht, und der Wein, das war nicht zu leugnen, war ausgezeichnet.
+
+Wie die Herren den Landeshauptmann kannten, hatte er sie nicht der
+bloßen Geselligkeit wegen zu sich gebeten. Aber er war karg und rauh von
+Wort; es war nicht geraten, ihn zu fragen, bevor er selbst anfing. Man
+trank also, redete Gleichgültiges, wartete.
+
+Langsam, in brummigen, unvollendeten Sätzen lenkte Volkmar das Gespräch
+auf die Politik. Stieß die Herren unwirsch dahin, wo er sie haben
+wollte. Ja, man war unzufrieden mit den Luxemburgern. Der erste, der es
+deutlich aussprach, war Heinrich von Rottenburg. Der kleine Herr, breit,
+rauhes, rotes Gesicht, schwarzer Stoppelbart, erregte sich, schlug mit
+der Faust auf den Tisch, stieß Drohungen aus. Hatte man nicht, weil er
+gewisse Abgaben verweigerte, sein Schloß Laimburg zerstört, sein gutes
+Schloß bei Kaltern, an dem Vater, Großvater, Ahn gebaut hatten? Der
+junge Herzog hatte es gewollt, der kleine, tückische Wolf. Und der
+Bischof von Trient hatte den Befehl gegeben, der finstere Böhme, der
+immer »Autorität!« sagte, »Gehorsam!« Hätte man ihm Felder gepfändet,
+Weinberge, ein Dorf, eine Pflege. Aber, nur um ihn zu ärgern, ein Schloß
+zu zerstören, eine gute Burg aus festem Stein, in eigenem, nicht in
+Feindesland, das war sinnlos, das war wüstes Heidentum. Auch Frau
+Margarete hatte es nicht gebilligt, die kleine Herzogin. Das kam, weil
+sie die angestammte Fürstin war und mit dem Land fühlte. Aber die
+Fremden, die Böhmen, die Luxemburger, was fühlten denn die? Die wollten
+Geld herauspressen aus Tirol, nichts weiter, genau wie es der
+Luxemburger mit Böhmen machte. Und er, Heinrich von Rottenburg, ließ es
+sich nicht nehmen, daß König Johann damals doch Tirol habe verschachern
+wollen gegen Brandenburg, möge er abschwören was immer.
+
+Schweigend hörten die andern diese gefährlichen Reden an. Behutsam
+begann dann der vorsichtige, gepflegte Tägen von Villanders. Rein formal
+hätten die Luxemburger den Vertrag ja schließlich eingehalten und keine
+Fremden in die wichtigsten Verwaltungsämter berufen. Es sei doch nicht
+zu bestreiten, daß Herr von Rottenburg Landeshofmeister sei, Herr von
+Volkmar Landeshauptmann. Oder? Der gepflegte, bartlose, etwas
+altmodische Herr sah die beiden so ernsthaft an, daß sie nicht wußten:
+höhnte er oder was eigentlich wollte er?
+
+Der kleine Rottenburg brach los: Ob der gestrenge Herr ihn zum Narren
+habe. Solche Würde habe unter dem guten König Heinrich was bedeutet.
+Heute habe der dümmste Bauer lange schon geschmeckt, daß es kahle Titel
+seien, und wer in Wahrheit regiere! Es sei ja höllisch schlau, wie die
+Luxemburger das gedreht hätten; daß sie die weltlichen Ämter arm und
+leer machten und die geistlichen stark und in die geistlichen ihre
+Kreaturen hineindrückten. Nein, formal hätten sie dem Land keine fremden
+Beamten aufgedrängt. Aber wer regiere denn? Der plattnasige Bischof
+Nikolaus von Trient, der Böhme, der kein Wort Tirolisch versteht.
+
+Herr Konrad Botsch von Bozen erzählte Einzelheiten, wie die Bozener
+Bürger voll seien von tiefem Verdruß, daß die Luxemburger dem Bischof
+wieder alle alten, längst abgeschafften Rechte eingeräumt hätten. Und
+wie der Bischof die Welschen begünstige vor den Deutschen. Herr Albert
+von Andrion ahmte den Bischof nach, seinen unbeherrschten, heftigen
+Gang, der plötzlich wieder durch das Streben nach geistlicher Würde und
+Gravität gezügelt werde, seine zischende, sprudelnde, slawische
+Aussprache. Dem jungen, fröhlichen Herrn war die Stimmung hier in der
+Halle zuwider, auch die Politik war ihm zuwider; er wollte einen
+unterhaltlicheren Ton in die Gesellschaft bringen. Mit dem Talg der
+Kerzen klebte er sich die Nase platt, stieg auf den Tisch, parodierte
+eine Predigt des Bischofs in seiner slawischen Mundart. Dröhnendes
+Gelächter.
+
+Aber mit dieser Wendung ins Harmlose war der massige, wuchtige Gastgeber
+durchaus nicht einverstanden. »Wissen die gestrengen Herren, was der
+Pfarrer von Matrei Strafe zahlen muß, weil er dem Markgrafen Karl nicht
+mehr Umsatzsteuer zahlt als dem König Heinrich?« Alle waren gespannt.
+Ging man die Steuern und Abgaben genau durch, dann hätte man wohl die
+meisten Tiroler Edeln der Hinterziehung beschuldigen können.
+»Neunhundertvierundachtzig Veroneser Silbermark!« dröhnte Herr von
+Burgstall. Man sprang auf, ging durcheinander wütend hin und her. Ei,
+wenn die Luxemburger so kamen, da wird bald keiner mehr von den Tiroler
+Landherren ein Dach überm Kopf haben. Das Land war reich. Das Land
+nährte den Fürsten so gut wie die Ritter. Da brauchte der Fürst kein
+Filz zu sein und auf den Pfennig zu schauen. Aber dieser Markgraf Karl
+war von Natur geizig, das Gegenteil seines Vaters, der reinste
+Schacherer und Jud. Daß dich Gottes Marter schände! So jung und schon
+solcher Knauser.
+
+Der ehrliche Berchtold von Gufidaun saß schwitzend, mit hohen,
+unbehaglichen Brauen. Die starken, blauen Augen schauten mißbilligend
+auf die aufsässigen, widerspenstigen Barone. Solche Reden waren
+unziemlich gegen das von Gott eingesetzte Fürstenhaus. Auch der junge
+Albert von Andrion wurde bedenklich. Die Luxemburger hatten ihm zwar
+übel mitgespielt und gerade die reichen Legate des guten Königs Heinrich
+für seine vielen unehelichen Kinder arg beschnitten. Aber der junge,
+offene Albert war ein gutmütiger Junge, illoyalen Ideen keineswegs
+geneigt und voll Verehrung für seine kleine Schwester, die Herzogin. Nun
+war wirklich Aufrührerisches kaum gesprochen worden, Herr von Burgstall
+hatte nichts Greifbares gesagt, der kluge Herr von Villanders schon gar
+nicht; eigentliche Drohungen, die man nicht dulden durfte, hatte nur der
+kleine Rottenburg ausgestoßen, und der war stark unter Wein. Immerhin
+schmeckte die ganze Angelegenheit leicht nach Rebellion.
+
+Der feine Schenna merkte die Verstimmung, renkte ein. Worüber man klage,
+mit alldem habe die Fürstin selbst nichts zu tun. Margarete sei fernab
+von Knauserei und Schikanen. Sei die rechte Enkelin ihres erhabenen
+Großvaters Meinhard. Sei klug, sicher, spüre mit dem Land. Das wüßten
+auch alle, vom letzten Leibeigenen bis zum Landeshauptmann.
+
+Gewichtig stimmte Volkmar zu, befreit und überzeugt Albert und Berchtold
+von Gufidaun.
+
+Der behutsame Tägen von Villanders streckte wieder die Fühler vor. Ja,
+man habe schon das rechte Gefühl. Das angestammte Fürstenhaus, auf dem
+Boden des Landes, in seiner Luft gewachsen, sei von Gott bestimmt, in
+Tirol zu herrschen. Hier schwieg er. Der kleine, heftige, wildumbartete
+Rottenburg nahm den Faden auf. Die Luxemburger sollten dort regieren, wo
+Gott oder der Teufel sie hingesetzt. In Luxemburg; wenn es die Böhmen
+sich gefallen ließen, in Böhmen. Aber daß sie in Tirol säßen und
+regierten, das sei durch Menschenwerk so, nicht durch Gottessatzung, und
+das sei eben Irrtum gewesen. An ihnen, an den Herren selber, habe es
+gelegen, wen man nach König Heinrichs Tod ins Land gelassen habe. Den
+Habsburger, den Wittelsbacher, den Luxemburger. Es habe sich
+sichtbarlich erwiesen, daß in Tirol nur der regieren könne, den die
+Tiroler selber wollten. Gott habe es durch Berge und Täler und Pässe so
+gefügt, daß ein Fremder nicht mit Gewalt könne über sie herfallen. Man
+sei treu, man halte zu Margarete. Aber dem Luxemburger sei man nicht von
+Gott, sondern nur durch Vertrag verpflichtet. Herzog Johann und die
+andern Böhmen hätten den Vertrag schlecht gehalten. Er sei zerrissen,
+gelte nicht mehr.
+
+Die Herren starrten ihm auf den Mund, schnauften. Das war klar. Das war
+Meuterei. Hier war nichts zu deuteln.
+
+Wie man sich das denn denke, fragte tastend Herr von Villanders. Wie man
+denn Margarete und die gottgewollte Untertanenpflicht trennen wolle von
+den Luxemburgern.
+
+Schenna, vor sich hinblickend, mit halben, unbestimmten Worten, äußerte:
+Sehr glücklich sei die Herzogin nicht gerade, soviel er wisse. Einen
+Erben habe sie und das Land von dem Herzog Johann nicht zu erwarten,
+soviel ihm bekannt sei. An ihr liege es nicht, sei zu vermuten. Wobei er
+mit lächelnder Kopfneigung auf den Zeugen der Fruchtbarkeit König
+Heinrichs wies, der rot, frisch, lachend und geschmeichelt unter ihnen
+saß, auf Albert von Andrion.
+
+Herr von Villanders faßte zusammen: Man habe nichts gesagt, nichts
+beschlossen. Man könne sich eine bessere, volkstümlichere Verwaltung des
+Landes denken als die der landfremden Luxemburger. Man hänge mit
+unbedingter Treue an der von Gott eingesetzten Herzogin Margarete.
+Vielleicht sei es opportun, sie um ihre Meinung und ihren Willen zu
+befragen. Seines Bedünkens sei Herr Albert von Andrion dazu der rechte
+Mann.
+
+Lärmend stimmte man zu. Nur der redliche Berchtold von Gufidaun schwieg,
+in Zweifeln hin und her gerissen. Der junge Albert, bedenklich zuerst,
+aber stark unter Wein und geschmeichelt von dem Zureden der andern, nahm
+an, verpflichtete sich, seiner Schwester die Meinung der Herren zu
+unterbreiten, mit ihr Fühlung zu nehmen.
+
+ * * * * *
+
+Margarete liebte es jetzt, viel allein zu sein. Oft hatte sie ein
+stilles, sattes, ihren Frauen unbegreifliches Lächeln. Auf dem schmalen
+Sockel der kargen Liebeserlebnisse ihrer Wirklichkeit baute ihre
+Phantasie einen gigantischen Traum. Aus dem kleinen, ungezogenen,
+hinterhältigen Jungen, der ihr Gemahl in Wirklichkeit war, machte sie
+einen finster gewalttätigen, großen Tyrannen, der sie nicht verstand und
+aus der Finsternis seines herrschsüchtigen Gemüts heraus sie quälte. Den
+jungen Chretien schmückte sie mit allen Tugenden des Leibes und der
+Seele. Er war Erec und Parzival und Tristan und Lanzelot und der
+Löwenritter. Alle hellen, strahlenden Taten, die jemals in Geschichte
+und Gedicht ein Held getan hat, er hat sie getan oder, wenigstens,
+könnte sie tun.
+
+Es war Glück und Gnade, daß der Himmel streng zu ihr gewesen war und ihr
+banale Anmut des Gesichts und der Gestalt versagt hatte. Die Frauen
+rings um sie, die Frauen des Alltags, hatten ihre Männer, ihre
+Geliebten, vergnügten sich mit ihnen in dumpfer, tierischer Lust in
+ihren Kammern, hinter Büschen. Ihre Liebe war ganz rein und hoch, das
+Schmutzige, Erdhafte war ihr von Anfang an verboten und versperrt. Sie
+schwebte gelöst, hell und sehr anders über den kleinlichen, ärmlich
+dumpfigen Lüsteleien und widerlich körperhaftem Getriebe der andern. Süß
+war es, streng und rein zu sein vor sich und den andern. Süß war es,
+nicht verstrickt zu sein in tierische, unsaubere Verschlingung von Haut
+und Fleisch.
+
+Sie wurde krankhaft empfindsam gegen Lautheit, Massigkeit,
+Körperlichkeit, Schmutz. Es ekelte sie vor fremder Berührung, die
+Ausdünstung anderer Menschen machte ihr Pein.
+
+März war, von Italien her kam in warmen, linden Stößen Wind, der
+sehnsüchtig ins Blut ging. Oben lagen die Berge dick in Schnee, aber die
+unteren Hänge waren voll vom zarten Geflock der Mandel- und
+Pfirsichblüten. Sie schaute hinaus von der Loggia des Schennaschen
+Schlosses in das wellige, starkfarbige Land. Über ihr schritten bunt und
+überschlank Lanzelot und Ginevra, Tristan fuhr übers Meer, Dido stürzte
+sich in die Flammen. Sie gehörte nun zu diesen. Die Verse, die ihr so
+lange hohl, versperrt, ohne Sinn gewesen waren, hatten sich aufgetan,
+sie hatte trinken dürfen aus ihrer dunkeln, wohligen Fülle.
+
+Willkommen, großes, strenges Schicksal! Willkommen, Häßlichkeit!
+Willkommen, fürstlicher Reif und Zepter!
+
+Fast dankbar war sie ihrem harten, tyrannischen Gemahl, denn seine Härte
+hatte sie ihren Geliebten finden lassen. Süßer Freund! Er kannte sie. Er
+wußte, daß diese graue, lappige, körnige Haut, dieser scheußliche Mund,
+dieses tote Haar ein Außen war, und daß sie innen zart war und schlank
+und voll Reichtum und Lieblichkeit. Sie sah ihn selten, sprach ihn fast
+niemals, nie war ein Wort zwischen ihnen gefallen, das nicht jeder hätte
+hören dürfen.
+
+Dennoch zweifelte sie keinen kleinsten Augenblick, daß er sie liebe. Sie
+hatte seinen hingegeben dunkeln Blick nicht vergessen damals, als sie
+gesungen hatte und aus der Vigne zu ihm trat. Und seine Stimme nicht,
+und wie er verströmt war, als sie ihm von seiner Belehnung mit der
+Herrschaft Taufers gesprochen hatte. Freilich war dies eine andere
+Liebe, als die sie so gemeinhin um sich sah mit Küssen und süßlichen
+Alltagsworten und Firlefanz. Sie, Margarete, hatte ihn durch jene Augen
+von damals, durch seine Verströmtheit, ganz anders, viel tiefer zu eigen
+als sonst eine Dame ihren noch so verliebten Galan. Mochten die andern
+ihre Männer leiblich besitzen. Das war wohlfeil und wie Essen und
+Trinken gemein. Ihr, der Fürstin, stand eine höhere, strengere Liebe an.
+Es war wohl auch leicht, so niedrige, wohlfeile Liebe wie der andern
+immer neu anzufachen, aufzuwärmen durch den Anblick, durch den Genuß
+tierisch dumpfer Lust. Sie mußte immer wieder gegen ihre Gestalt
+kämpfen, die Liebe ihres Freundes immer von neuem seinem Widerwillen
+gegen ihr häßliches Außen abringen.
+
+Selige Bitterkeit solchen Kampfes! Sie dankte Gott und der Jungfrau für
+so herbe, verschlungene, harte, reine, wahrhaft fürstliche Liebe.
+
+Sie ließ nicht ab, Chretien mit immer mehr Schein und Strahlen zu
+verklären. Chretien war ohne Ehrgeiz. Sie war ehrgeizig für ihn. Daß
+sich seine strahlende Begabung nicht auch den andern offenbarte, war
+nur, weil sie ihn in Tirol zurückhielt, weil ihm hier die Gelegenheit
+fehlte. Sie, Margarete, war schuld, daß er vor der Welt unscheinbar und
+ohne Größe war. Sie war ihm verschuldet, sie schuldete ihm die
+Gelegenheit zur Größe.
+
+
+
+
+Chretien hatte mittlerweile die Herrschaft Taufers übernommen. Er besaß
+die Dörfer Luttach, Sand, Kematen, das Nevestal, das Reintal. Das alles
+war unter dem Regiment der Damen von Flavon ein wenig heruntergekommen.
+Er freute sich darauf, es wieder hochzubringen.
+
+Eine große, unbändige Lust füllte ihn an, nach den langen Jahren bei
+Hofe sein eigener Herr zu sein. Leer, bunt und widerwärtig lag die Zeit
+bei Herzog Johann hinter ihm. Die vielen, zwangvollen Zeremonien, das
+ewige Geknufftwerden, das Nichtsprechendürfen, die tiefen Neigungen und
+Kniefälle, die frechen Anmerkungen hinterher, das verlogene Gefeilsche
+bei den Turnieren, das glänzende und dabei so drangvoll bettelhafte
+Leben, ständig in Angst vor dem Gläubiger. Er reckte das magere,
+gebräunte Gesicht mit der starken Nase und dem unbekümmerten, langen
+Haar in die Luft, in seine Luft. Er ritt herum auf seinen Höfen, die
+Bauern schauten wohlgefällig, voll Verehrung auf den schlanken,
+sicheren, hurtigen Herrn, die Weiber und Mädchen starrten ihn andächtig
+an wie in der Kirche.
+
+Am Tiroler Hof hätte er es nicht länger ausgehalten. Er wäre gern und
+mit Überzeugung irgendwohin geritten ins Abenteuerliche. Jetzt, so war
+alles anders, und er fühlte sich sehr wohl. Es genügte seiner
+Unternehmungslust vollauf, sein Leben heraufzuwirtschaften. Natürlich
+wird er auch zu Hofe reiten, Kriegszüge mitmachen, bei Turnieren nicht
+fehlen. Aber etwa nach Afrika zu ziehen und Mauren zu erschlagen oder
+sich mit Türk' und Sarazen um das Heilige Grab herumzuhauen, danke sehr!
+Dazu verspürte er vorläufig durchaus kein Verlangen. Er ritt männlich
+und zufrieden auf seinem Boden herum und genoß seine junge Herrschaft.
+
+Eines Tages besuchte ihn die Herzogin. Er war Margarete tief und
+untertänig zugetan. Er dachte keinen Augenblick daran, seine flüchtigen
+und sehr wirklichen Beziehungen zu der und jener Frau mit den Gefühlen
+für sie zu vermengen. Margarete war ihm ein Begriff, in den sich auch
+Vorstellungen eindrängten, die er von den Sängern und Spielleuten her
+kannte. War ihm eine poetische und lustige Angelegenheit, die in der
+Belehnung mit Taufers eine unerwartete, glückhafte, reale Auswirkung
+gefunden hatte, die er aber mit seiner übrigen Wirklichkeit nicht in den
+losesten Zusammenhang brachte. Er ahnte nicht, was er für Margarete war,
+welche Rolle er in ihrem Leben spielte.
+
+Er empfing die Herzogin freudig und mit ergebener Herzlichkeit. Seine
+Stimme hatte jene schleierige, vieldeutige Befangenheit, die Margarete
+erbeben machte. Was er sagte freilich, war nüchtern und sachlich. Er
+sprach ihr von den Veränderungen, die er für seine Güter plante, von
+einer mehr rationellen Bodenbewirtschaftung, strafferen Zucht der
+Bauern. Sie unterbrach ihn unvermittelt, auf die Gletscher weisend, die
+einsam, klar und höhnisch fern in ein helles Blau zackten: »Haben Sie
+nie Lust, Chretien, einen von diesen Gletschern zu betreten?«
+
+Chretien sah sie verblüfft und etwas töricht an. Er sagte, und jetzt
+klang auch seine Stimme ganz klar und ohne Geheimnis: »Nein. Warum
+sollte ich da hinaufsteigen?« Dann sprach er wieder davon, wie angenehm
+und ertragreich die unteren Hänge seien.
+
+Einige Tage später kam Agnes von Flavon. Sie war schon mehrmals bei
+Chretien auf Schloß Taufers gewesen. Es ergab sich immer wieder eine
+Kleinigkeit, die noch zu regeln war; auch Chretien fand nicht ohne
+Geschicklichkeit immer neue Fragen, die Auskunft und persönliche
+Besprechung erforderten. Agnes war blond, rührend, hilflos und nahm
+stets von neuem mit verlorenen Blicken Abschied von dem Schloß und den
+Bergen ringsum.
+
+Unterdes heiratete die ältere Schwester Maria von Flavon einen
+bayrischen Herrn und überließ den beiden anderen Schwestern Schloß
+Velturns. Es mußte aber dem Bayern eine ansehnliche Mitgift ausgezahlt
+werden; die Herrschaft Velturns war an sich schon überlastet; Agnes bat
+mit großen, treuherzigen Augen Chretien um Rat. Chretien kam nach
+Velturns, sah die schlampige, elegante Wirtschaft der Schwestern,
+empfahl Einsparungen da und dort, die sehr praktisch waren, aber die
+Herrschaft aus einem Fürstensitz zu einem ertragreichen Bauernsitz
+machen mußten. Agnes beneidete die Schwester. Die habe es gut, sei aus
+der Misere heraus. Freilich sei der Bayer ein grober, tölpischer Bursch,
+auch sei es übel, das schöne Tirol mit der faden bayerischen Ebene zu
+vertauschen. Aber am Ende werde ihr wohl auch nur Ähnliches
+übrigbleiben. Sie richtete ernst und lange das zarte und doch kühne
+Gesicht mit den starken blauen Augen auf Chretien, der schlank,
+gebräunt, befangen und ein bißchen dumm vor ihr stand.
+
+Das Projekt gegen die Luxemburger war gereift. Volkmar von Burgstall,
+Tägen von Villanders, Jakob von Schenna hatten sich unmerklich, nachdem
+sie die Sache gesät, mehr und mehr ins Dunkle gedrückt. Vornean stand
+jetzt der kleine, heftige Heinrich von Rottenburg und, halb gegen seinen
+Willen, der muntere, harmlose Albert von Andrion, Margaretes Bruder.
+Margarete selbst wob und zettelte mit leidenschaftlicher, fiebriger
+Beflissenheit die Fäden. Endlich sah sie, endlich, hier die Gelegenheit,
+Chretien auf den Platz zu stellen, der ihm gebührte, ihm die Möglichkeit
+großer Taten zu schaffen, die sie ihm schuldete.
+
+Die andern Herren zögerten, Chretien einzuweihen oder gar ihm eine
+wichtige Stelle anzuvertrauen. Er war kein Einheimischer, er war ein
+Welscher, Johanns vertrautester Kämmerling. Margarete mußte umständlich
+darauf hinweisen, wie gemein der hämische, bösartige Johann ihn immer
+behandelt habe, und daß von allen Chretien am meisten unter den giftigen
+Launen ihres tyrannischen Gemahls habe leiden müssen.
+
+Chretien selber war ziemlich verwundert, als Margarete ihm von dem
+Projekt sprach. Selbstverständlich war er Ritters genug, sofort
+mitzutun, wenn es galt, die Dame, die er so tief verehrte und der er so
+sehr verpflichtet war, aus der Hand ihrer Bedränger zu befreien. Aber
+sehr begeistert schien er nicht gerade. Er war beschäftigt mit der
+Arbeit für seine Güter, es wäre ihm lieber gewesen, wäre das
+Abenteuer ein wenig später gekommen. Er sah, abgesehen von der
+selbstverständlichen, aber im Augenblick lästigen Erfüllung seiner
+Ritterpflicht, einen einzigen, etwas mageren Vorteil in der
+Angelegenheit. Er festigte dadurch seine Stellung unter dem
+einheimischen Adel; der Herr von Taufers-Laferte konnte fortan, hatte er
+sich an diesem tirolisch bodenständigen Unternehmen beteiligt, kaum mehr
+als landfremd angesehen werden.
+
+Margarete brannte in Erwartung, schürte, hetzte, spähte mit ihren
+klugen, raschen Augen alle Möglichkeiten aus. Wußte es einzurichten, daß
+neben Albert von Andrion und Heinrich von Rottenburg Chretien als das
+eigentliche Haupt der Unternehmung galt.
+
+Auf Schloß Velturns war mittlerweile ein gewisser Herr Giulio aus Padua
+eingekehrt, ein unansehnlicher Mensch, langsam, schweigsam, immer
+lächelnd, eigentlich ein bißchen idiotisch. Allein sein Oheim hatte das
+Kapitanat von Padua inne, er selber war am Comer See reich begütert. Er
+schien Agnes hündisch ergeben, und Chretien überfiel jähe Angst, sie
+könnte sich entschließen, ihm in die Lombardei zu folgen wie das Jahr
+zuvor ihre Schwester dem Bayern. Seine Burg Taufers, seine Dörfer und
+Täler schienen ihm auf einmal wertlos und ohne Licht, wenn er das
+dachte.
+
+Man konnte mit Agnes nicht wohl reden wie mit anderen Frauen. Man konnte
+sie nicht einfach nehmen. Sie war so zart. Sie wäre einem vor Schreck im
+Arm vergangen. Ganz behutsam sprach er zu ihr. Wenn es ihr in dem
+überlasteten Velturns nicht mehr gefalle, ob sie nicht wolle mit ihm in
+Taufers hausen.
+
+Ei, wie konnte sie erstaunt sein! Sie hieß ihre Augen sich schleiern,
+ihre Lippen befangen lächeln, ihre Hand scheu und lockend abwehren.
+Antwortete halbe Sätze voll von Sträuben und Versprechen.
+
+Er war ein hübscher Junge, unleugbar, sehr anders als die plumpen
+Tiroler Herren. Das kühne, magere Gesicht mit der starken Nase, die
+kurzen, vollen Lippen. Mit seinem unbekümmerten, langen,
+kastanienfarbenen Haar mußte sich gut spielen lassen. Auch war Taufers
+ein reicher Besitz. Aber schließlich, ihr Haar, ihre Augen, ihre Haut,
+ihre kostbare Zartheit und Lieblichkeit war, Gotts Donner und Blitz,
+zehn solche Herrschaften wert. Wenn sie dachte, wie die Welschen
+hingerissen auf ihre Blondheit starrten, wie sie blaß wurden bei ihrem
+Anblick, dann war sie überzeugt, sie hätte können in der Lombardei einen
+ganz andern Ritter und Herrn finden. Als Gattin eines Visconti in
+Mailand, eines Scala in Verona zu herrschen, umrauscht von der
+Bewunderung der glänzenden Städte, wäre Triumph gewesen, viel
+offenkundiger, als am Tiroler Hof die Gattin des Herrn von
+Taufers-Laferte zu sein.
+
+Chretien sah, daß sie zögerte, ihn hinhielt. Er spürte, er müsse sich
+größer machen, wichtiger. Er weihte sie ein in den Plan gegen die
+Luxemburger.
+
+Agnes hörte zu mit einem merkwürdigen, dummen, sonderbar befriedigten
+Lächeln. Sie wußte plötzlich, es war ein viel größerer Triumph, die
+Gattin Chretiens zu sein als die des Mastino della Scala oder des
+Visconti von Mailand. War es Sieg, der häßlichen Herzogin, der
+wüstmäuligen, lapphäutigen, den Mann zu entreißen? Ja, ja! Es war Sieg!
+Plötzlich wußte sie, daß sie seit langem auf diesen Sieg gewartet,
+diesen Augenblick mit allen Mitteln herbeigekitzelt hatte. Es floß _ein_
+Strom von ihr zu der Häßlichen, sie schaukelten auf _einem_ Brett. Jene
+war häßlich, gewiß; aber auf ihrem häßlichen Haar saß ein Fürstenreif,
+und aus ihrem häßlichen Gesicht schauten ein paar höllisch kluge,
+brennend energische Augen. Sie zu besiegen war viel schwerer als eine
+andere, Schöne. Der Haß zwischen ihr und jener war ein sehr Lebendiges,
+war das wichtigste Stück Leben, ihres sowohl wie jener. Wie hatte jene
+gekämpft um den Mann! Hatte sie beraubt und den Raub dem Manne
+geschenkt, hatte große Ereignisse künstlich gehäuft, den Mann darauf zu
+stellen und zu erhöhen. Sie, Agnes, die arm war und bloß und nichts
+besaß als sich selbst, hatte nur gewinkt und der Mann war sogleich
+heruntergesprungen von dem riesigen Sockel, den jene so mühsam getürmt,
+und ihr zu Füßen. Sie kostete ganz diese Erfüllung, schwoll an, schwamm
+in ihr. Nein, sie wird in Tirol bleiben, wird sich messen mit der
+Herzogin, die sie haßt, wird ihr mehr noch nehmen als den Mann. Es war
+herrlich, oben zu schweben auf der Schaukel, selig und schwebend hoch,
+und die andere ganz tief zu sehen und ganz vernichtet.
+
+Chretien ging in den gefährlichen Handel mit den Luxemburgern wie in ein
+Turnier. Er war glücklich, Agnes vorher für sich geborgen zu haben. Er
+dachte nicht einen Augenblick daran, daß durch seine Verbindung mit ihr
+die Herzogin geschmälert werden könnte. Margarete war hier, Agnes dort,
+seine Beziehung zu jener, seine Neigung für diese war aus sehr
+verschiedenem Stoff. Er rüstete die Hochzeit in aller Eile, denn die
+Ereignisse drängten. Agnes war sehr damit einverstanden; es war
+kitzelnde Lust für sie, daß Margarete die Befreiung ihrem, ihrem Manne
+zu danken haben würde.
+
+Zu Ende der Woche wollte Herzog Johann mit dem Markgrafen Karl und dem
+größern Teil der luxemburgisch-böhmischen Truppen das Land auf mehrere
+Monate verlassen, um seinem Vater in dem polnischen Krieg Hilfe zu
+bringen. Agnes fragte Chretien, wann und wie man die Herzogin von ihrer
+Vermählung unterrichten solle. Chretien hatte geplant, Margarete zur
+Hochzeit zu bitten. Unter dem unverwandten, tiefblauen, spöttisch
+unschuldigen Blick des Fräuleins von Flavon wurde er unsicher, verschob
+die Mitteilung an Margarete, die mit allen Gedanken in ihrer Revolution
+stecke, erst bis nach vollzogener Vermählung, dann bis zu seiner letzten
+Unterredung mit der Herzogin. Als er indes die letzten Einzelheiten der
+Unternehmung mit ihr besprach, schien es ihm richtiger, ihr seine Ehe
+erst dann zu melden, wenn die luxemburgischen Truppen und Beamten
+vertrieben und sie die alleinige Herrin ihres Landes sei. Es war
+übrigens, als er sich von ihr verabschiedete, um sie erst nach
+geglücktem Staatsstreich wiederzusehen, in seiner Stimme die gleiche
+vertrauliche, vieldeutige Schleierung, die sie auf den Scheitelpunkten
+ihrer Neigung so beglückt hatte.
+
+Kurz nachdem Chretien gegangen war, stand Herzog Johann in Rüstung vor
+Margarete, um nun, auch er, sich zu verabschieden. Markgraf Karl war mit
+der Masse der luxemburgischen Garde vorausgezogen. Kühl, verächtlich
+hörte Margarete auf Johanns grimmige Sätze. Bissig schloß er: »Jetzt
+wird hier ein gescheites Regiment anfangen, wenn Sie ohne mich regieren.
+Man sieht ja an Taufers, was dabei herauskommt, wenn man meine Maßnahmen
+kreuzt.«
+
+»An Taufers?« konnte sie sich nicht enthalten zu fragen.
+
+»Nun ja, jetzt hat sich die Agnes das Schloß eben auf diese Art
+zurückgeholt. Da hätten wir es ihr gleich lassen können.«
+
+Margarete fragte nicht weiter. Sie wußte plötzlich alles. Sie
+beherrschte sich, bis der Herzog fort war. Sie fiel nicht um, die Stimme
+versagte ihr nicht, ihr Blick hielt seinen kleinen, bösartigen,
+lauersamen Wolfsaugen ruhvoll höhnisch stand.
+
+ * * * * *
+
+Allein, brach sie furchtbar aus. Wer jemals war so verraten worden?
+Geschleiert hatte er die Stimme, beredt gemacht und voll letzter
+Ergebenheit den Blick, jede Geste voll Einverständnis. Hatte sie in den
+Glauben geschläfert, er sehe durch ihre wüste Haut in die strenge, harte
+Schönheit dahinter im Innern. Hatte getan, als verzichte er ihre
+Resignation mit, als kämpfe er ihre Kämpfe, ihre leidvollen Siege mit,
+ziehe sich mit ihr zurück aus den bequemen Tälern der Alltagslust auf
+ihre kalte, einsame, wild strenge Erhöhtheit. Und hatte sie sogleich
+preisgegeben an die glatte, leere Larve. Wer weiß, vielleicht saßen sie
+jetzt zusammen, Agnes und er, und lachten sie aus!
+
+Schlau hatte er es angestellt, ei ja! Hatte sich seine Gaukelei, die
+verzückten Mienen, das ergebene Getue verflucht teuer bezahlen lassen.
+Mit solchem Preis, mit der Herrschaft Taufers, hätte man sich sämtliche
+Hofzwerge, Sänger, Gaukler, Spielleute des Römischen Reichs erkaufen
+können. Und jetzt hatte er es gnädig zugelassen, daß sie ihn dem Projekt
+gegen die Luxemburger an die Spitze stellte. Hatte wohl erwartet, er
+werde nun Burggraf werden, Landeshauptmann, der eigentliche Regent von
+Tirol. Darum wohl auch hatte er ihr bis jetzt nichts mitgeteilt von
+seiner Verbindung mit Agnes. War der Streich einmal geglückt, dann hatte
+er die Macht in der Hand. Brauchte ihren Zorn nicht mehr zu fürchten.
+Konnte im Land schalten, als der Retter von der Fremdherrschaft, auch
+gegen ihren Willen.
+
+Wie sie sich lustig machen mußten, er und jene, über die dumme, häßliche
+Herzogin, die Gans, die glaubte, sie könne durch Geschenke, durch
+Gefühle über ihre Wüstheit hinwegtäuschen! Als wiege dem Mann die
+strahlendste Seele einen plumpen Mund auf und hängende Backen. Sie
+raste. Sie wütete gegen sich. Mit _einem_ Krach stürzte der ganze
+künstliche Bau ein, in den sie sich geflüchtet hatte. Oh, wie verlogen
+waren alle diese Phantasien gewesen von ihrer strengen, hohen Sendung,
+ihr Willkommgruß an die Häßlichkeit! Lächerlich war sie, lächerlich im
+Putz ihrer modischen Kleider und weltumströmenden Gefühle, sie, die Gott
+verworfen hatte durch ihre widerwärtige Gestalt und doppelt verhöhnt
+durch den Platz, auf den er sie gestellt.
+
+Wie hatte sie herabgeblickt aus ihrer kristallenen Höhe auf Agnes, das
+kleine, bunte, dumme Insekt. Und jetzt lag sie im Dreck, wo sie
+hingehörte, ekles Geziefer, das sie war, und Agnes lächelte aus dem Blau
+auf sie herunter mit ihren feinen, roten, ach, so zierhaft geschwungenen
+Lippen.
+
+Haßte sie Agnes? Nein, sie haßte sie nicht. Die war nun, wie sie war.
+Wer so schön war, hatte gut herunterlächeln -- warum sollte sie nicht?
+-- auf die Häßliche. Aber er, Chretien! Wie er gelogen hatte! Wie er sie
+angeschaut hatte aus seinem kühnen, gebräunten, offenen Gesicht,
+hündisch ergebene Andacht in den Augen! Wie sich ihm die Stimme gepreßt
+hatte aus Bewegtheit und Neigung! Daß einer mit so offenem, treuherzigem
+Gesicht so lügen konnte! Daß Gott das zuließ! Daß die Erde nicht aufriß
+unter ihm! Der Hund! Der Betrüger! Der schmutzige Lügner!
+
+Sie häufte, in ungehemmter Raserei, alle Flüche und Schimpfworte, die
+unflätigsten, die sie kannte, sinnlose, irgendwo aufgeschnappte. Sie
+tobte durch das Zimmer, bis sie kraftlos auf den Teppich fiel. Da lag
+sie, die plumpen, geschminkten Hände von sich gestreckt, unfähig, sich
+zu regen, heiser, das zarte, kupferfarbene Haar gelöst in spröden
+Strähnen.
+
+Als sie sich erhob, war sie sehr verändert. Ging an ihre Geschäfte,
+eisig starr, rasch, ohne Schwanken, zielklar, mit einer kalten,
+besessenen Energie. Diktierte, schrieb selber Briefe, fertigte Kuriere
+ab. Neue Briefe, neue Siegel, neue Kuriere. So ging das durch zwei Tage.
+Dann versank sie in ebensolche Untätigkeit, wie sie vorher rastlos
+gewesen war. Niemand wurde vorgelassen. Sie schleifte sich auf und ab
+durch ihre Zimmer. Schaute stundenlang über das Land hin, die dicken,
+plumpen Lippen halboffen in einem merkwürdig lüsternen, bösartigen
+Lächeln. Wartete. Aß nicht. Sprach nicht. Wartete.
+
+
+
+
+Bevor Markgraf Karl und Herzog Johann die böhmische Grenze erreicht
+hatten, erhielten sie einen Eilbrief des Bischofs Nikolaus von Trient,
+des der luxemburgischen Sache blind Ergebenen. Er habe von den
+verschiedensten Gegenden des Landes anonyme Warnungen erhalten. Es gäre
+im Land. An der Spitze der Aufruhrbewegung stünden Chretien von Taufers,
+Heinrich von Rottenburg, Albert von Andrion. Er rate den Fürsten
+dringend, mit ihren Truppen zurückzukehren.
+
+In Eilmärschen kehrten die Luxemburger um. Fingen Albert von Andrion und
+Chretien von Taufers in einem Hinterhalt. Der Aufstand war mißglückt,
+ehe er ausgebrochen war. Die revolutionären Feudalherren krochen in ihre
+Burgen zurück; keiner hatte von einem Protest gegen das luxemburgische
+Regiment etwas gewußt, geschweige denn von bewaffnetem Widerstand. Die
+eigentlichen Anstifter, Burgstall, Villanders, Schenna, waren von Anfang
+an zu klug gewesen, sich bloßzustellen. Wie Schnee im Sommer
+verschwanden die Aufständischen vor den luxemburgischen Truppen.
+Heinrich von Rottenburg entkam; gute Freunde, um sich zu halten,
+lieferten ihn aus.
+
+Nachdem der Aufstand so rasch und mühelos erstickt war, hielt Markgraf
+Karl seinen weiteren Aufenthalt in Tirol für überflüssig. Er empfahl
+seinem Bruder und dem Bischof von Trient, die Mitläufer nicht zu
+verfolgen, aber die Führer rücksichtslos zu bestrafen. Legte verstärkte
+Besatzung nach Schloß Tirol, in die wichtigsten Festungen, zog mit dem
+Rest der Truppen seinem Vater zu Hilfe nach Polen.
+
+ * * * * *
+
+Auf Schloß Sonnenburg bei Innsbruck saß der Bischof Nikolaus von Trient,
+hörte mit finsterer, beflissener Aufmerksamkeit das Protokoll, das der
+Sekretär des Herzogs Johann vorlas. Johann selber lehnte am Tisch,
+schaute mit kleinem, bösem, triumphierendem Lächeln auf den sitzenden,
+finstern Prälaten.
+
+Ja, nun zeigte es sich, daß er recht gehabt hatte. Der Bischof hatte es
+für unpolitisch gehalten und, wenn dann doch nichts herauskommen sollte,
+für geradezu schädlich. Aber er, Johann, hatte darauf bestanden, hatte
+sich kühn hinweggesetzt über so umständliche Bedenken. Was Bruder der
+Herzogin! Was Blut vom angestammten Fürstenhaus! Ein Hochverräter war
+er, ein meineidiger Rebell. Und er hatte über Albert von Andrion die
+Tortur verhängt.
+
+Der blonde, nette, fröhliche Mensch war ihm von je zuwider gewesen. Ei,
+er hatte ihn immer angehaßt, mit Margarete gegen ihn gezettelt. Nur
+hatte man ihm nichts nachweisen können. Jetzt endlich konnte man ihn,
+Gott sei Dank, überführen, unschädlich machen.
+
+Der Herzog selber war dabei gestanden, als man den Gefangenen peinlich
+befragte. Den ersten Grad überstand er stumm und trotzig. Man zog ihn,
+die Füße mit Bleikugeln beschwert, an den nach rückwärts gebundenen
+Händen hoch, ließ nieder, zog wieder hoch. Seine weiße, rosige Haut lief
+an, schwitzte. Aber er schwieg. Auch die Daumenschrauben überstand er.
+Es knirschte, Blut spritzte, er erbrach sich. Aber seine Heimlichkeit
+nicht mit. Erst als man ihn mit glühenden Zangen zwickte und mit
+Feuerbränden unter den Achseln kitzelte, bequemte er sich und wurde
+gesprächig.
+
+Und nun also hatte man das Protokoll. Ein gutes, kostbares Protokoll.
+Der Bischof zwar meinte, der Rottenburger sei ein sprudelnder Narr,
+Chretien und Albert dumme Jungen, es müßten bessere Köpfe
+dahinterstecken, und an die könne man trotz des Protokolls nicht heran.
+Aber jedenfalls hatte man es jetzt schwarz auf weiß, daß die
+Revolutionäre Margarete verständigt hatten, daß die Herzogin mit im
+Komplott war.
+
+Der finstere Bischof fragte ironisch, ob Johann je daran gezweifelt
+habe. Der erwiderte: nein, aber er freue sich, den Beweis in der Hand zu
+haben; er werde Margarete das Schriftstück ums Gesicht schlagen. Der
+Bischof fragte, ob er glaube, daß dadurch dem Haus Luxemburg großer
+Machtzuwachs erreicht sei.
+
+Bevor er nach Schloß Tirol ging, urteilte Johann die Führer der
+Verschwörung ab. Albert, verrenkt, siech durch die Folterung, wurde
+seiner Lehen für verlustig erklärt; nachdem ihn die Mönche von Wilten
+einigermaßen transportfähig gepflegt hätten, sollte er in ewige Haft
+nach Böhmen gebracht werden. Den kleinen Heinrich von Rottenburg ließ
+Johann in Lumpen vor sich bringen, zerrte den Gebundenen, Geknebelten am
+Bart, schlug ihn auf beide Wangen, eröffnete dem unter seinem Knebel
+Fauchenden, Augenrollenden, daß nun auch seine beiden anderen Burgen
+zerstört, verbrannt, dem Erdboden gleichgemacht werden würden. Der
+Rottenburger selber wurde in einen Kerker nach Luxemburg geschafft,
+Chretien nach Schloß Tirol mitgeführt.
+
+Der Herzog fand Margarete durchaus nicht so verzweifelt und zerknirscht,
+wie er erwartet hatte. Sie hockte in einer Ecke, in einer seltsamen,
+toten Müdigkeit. Johann hatte ein Gefühl wie vor einer Schlange, die
+sattgefressen ist und sich nicht regt und keine Hoffnung und keine
+Furcht mehr kennt in ihrer gelähmten, apathischen Sattheit. Er klirrte
+auf und ab vor ihr, machte sich knabenhaft wichtig in seiner Rüstung,
+stieß Drohungen aus, unflätige Beschimpfungen. Sie solle sich nicht
+beifallen lassen, zu fliehen, alle Gänge seien bewacht, Gräben, Tore,
+Mauern dreifach besetzt. Sie dürfe ihr Zimmer nicht verlassen, auf
+Monate; er werde sich sehr überlegen, wem er Zutritt zu ihr gestatte.
+Aber er kam mit all seinen großen, bedrohlichen Worten durchaus nicht
+auf seine Rechnung. Sie fielen leer, ungeflügelt zu Boden. Margarete
+hörte mit lässiger, stumpfer Neugier zu, man konnte ihr nicht beikommen,
+es hätte durchaus keinen Sinn gehabt, sie zu schlagen und anzuspeien,
+wie er es sich ausgemalt hatte. Er funkelte sie an mit seinen kleinen
+Wolfsaugen; aber er merkte, daß sein Toben und Wüten ziemlich künstlich
+blieb und ohne Eindruck. Enttäuscht zog er schließlich ab.
+
+Sie lag lange allein. Wie war sie leer und ausgehöhlt! Es war trüber,
+feuchter Tag. Sie fröstelte. Wollte heizen lassen. Schellte. Niemand
+kam. Sie schleppte sich zur Tür. Zwei Geharnischte traten ihr entgegen,
+streckten ohne Wort die Lanzen vor.
+
+Abend fahlte herein. Ein Mensch glitt in den Raum, stellte eine große,
+brennende Kerze auf den Tisch, still, merkwürdig lautlos, ein Verhülltes
+daneben und eine Buchrolle, glitt ebenso stumm wieder hinaus.
+
+Margarete fröstelte stärker, blinzelte in die flackernde Kerze.
+Schleifte sich schließlich heran an das Licht, wärmte die klammen Hände
+an der Kerze. Die Buchrolle waren Kapitel aus der Schrift. Aus dem
+Verhüllten stieg ein fauliger, süßlicher Geruch auf. Gezogen fast und
+wider Willen zerrte sie an dem Tuch, es öffnete sich. Fäden, braune
+Fäden. Nein, das war Menschenhaar. Langes, kastanienbraunes. Eine Stirn
+darunter. Dies war ein abgeschlagener Kopf. Vergraust warf es sie
+zurück. Chretiens Kopf starrte sie an aus verglasten Augen. Er lag
+schräg da, die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn waren
+noch verhüllt.
+
+Der Gaumen wurde ihr trocken. Sie atmete wild, in kaltem Schweiß,
+drückte sich in den Winkel, röchelnd. Stierte auf den Kopf, den das
+Licht flackerig, willkürlich und lächerlich verzerrte. Schloß die Augen.
+Rötlich tanzte vor ihr die Nacht.
+
+Es zwang sie, wieder auf den Kopf zu stieren. Gut wäre es, wenn diese
+Kerze tot wäre und ihr irrsinniges Geflacker. Man müßte sie auslöschen.
+Aber sie konnte nicht auf. Hatte sie denn Angst? Nein, sie hat nicht
+Angst. Sie ist die Herzogin. Wenn man sie belauert, durch ein Loch in
+der Tür? Sie steht auf; Kopf starr geradeaus, mit seltsam gespreizten
+Gliedern stelzt sie zu dem Tisch, schlägt die Kerze aus. Sackt hin.
+
+Liegt eine lange Weile steif. Spürt, wohlig fast, die Kälte und nichts
+sonst. Dann fängt die Nacht wieder an zu tanzen und zu zucken. Der Kopf
+zuckt in ihr hin und her. Wird endlos lang und schmal. Die mageren,
+bräunlichen Wangen schillern giftig, bläulichgelb, und jedes dieser
+schmutzigen, schwärzlichen Flaumhaare sticht nach ihr. Die toten Augen
+klappen auf und zu in der Nacht. Sie sind ganz ohne Ausdruck, wie von
+einem toten Tier. Oh, wenn es Tag wäre! Es wäre besser gewesen, die
+Kerze nicht totzumachen. Jetzt liegt die Nacht so schwer und plump auf
+ihr wie eine grobe, erstickende Decke. Man liegt in dieser Nacht wie in
+einem Sarg, und der tote Chretien klappt seine sinnlosen Augen auf und
+zu.
+
+Er ist häßlich. Das häßlichste Lebendige ist nicht so häßlich wie ein
+Totes.
+
+Nein, es ist ihm nicht gut bekommen, daß er sie hat betrügen wollen. Die
+Schöne hat jetzt auch nicht viel von ihm. Mit einem Mann ohne Kopf läßt
+sich kein Staat machen.
+
+Er hat andere mitgerissen. Armer Albert! Lieber, gutmütiger,
+freundhafter Bruder! Er war so harmlos und kameradschaftlich. Sicher hat
+er nur mitgetan, um kein Spaßverderber zu sein. Jetzt ist er kahl und
+bloß und verrenkt und im Kerker. Der frische, lustige Junge, der er war.
+
+Aber Chretien war doch anders. Das kühne, magere, bräunliche Gesicht.
+Sie wird keine Furcht mehr haben vor dem toten Kopf. Sie wird ihn lang
+und genau anschauen, und Chretien wird ihr gehören, nicht der Schönen.
+Tag sollte es sein, Tag, daß sie ihn sehen kann. Die dummen Gedichte des
+Herrn von Schenna singen immer von den Herrlichkeiten der Nacht und daß
+die Nacht der Liebe gehöre und verwünschen den Tag, daß er fernbleiben
+möge. Unsinn. Ihre Zeit ist der Tag. Herauf, Tag! Schenk' mir meinen
+toten Freund, der mir gehört, Tag!
+
+Doch als der Tag heraufkroch und um den toten Kopf das erste graue Licht
+war, lag sie überschauert, mit geschlossenen Augen, im Fieber.
+
+ * * * * *
+
+Nach zwei Monaten strenger Überwachung erhielt sie Erlaubnis, für einige
+Tage nach dem Kloster Frauenchiemsee zu reisen, zu ihrer kranken
+Schwester Adelheid. Sie fand das sieche, krüppelhafte Mädchen scheu und
+unzugänglich wie immer.
+
+Margarete war vollkommen leer und ausgeschöpft. Sie aß, trank, ging
+herum. Beugte in der Klosterkirche das Knie wie die Nonnen, nahm und gab
+Gruß und Rede und Gegenrede. Sie war jung und alt wie die Welt. Sie war
+viel älter und erfahrener als die welke, milde Äbtissin, wußte viel
+besser als diese, daß alles eitel war und Haschen nach Wind.
+
+Der betuliche Abt von Viktring kam zu Besuch. Er war den Luxemburgern
+nie sehr freund gewesen, König Johann galt ihm als Spötter und Freigeist
+-- darum auch hatte ihn der Herr mit Blindheit geschlagen -- und er
+freute sich, daß Margarete sich gegen sie erhoben hatte. Er sprach in
+seiner redseligen Manier viel in sie hinein; doch sie blieb wortkarg. Er
+häufte Zitate, führte tröstlich Anselmus an: »Schneller vergeht nicht
+die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits ist und für
+nichts alle irdische Zierde zu achten.« Aber es schien auf Margarete
+nicht viel Eindruck zu machen.
+
+Sie saß mit der Äbtissin lange Stunden am Ufer der winzigen Insel,
+schaute über den blassen, hellen See. Das Wasser gluckste träg im
+Schilf, stille, fahle Sonne war, weit draußen lag ein Fischer in seinem
+plumpen, altertümlichen Kahn. Die Äbtissin schaute sie aufmerksam an,
+streichelte ihre dicklichen, jetzt nicht geschminkten Hände. »Junge
+Herzogin!« sagte sie mit ihrer welken, milden, wissenden Stimme. »Junge
+Herzogin!«
+
+»Jung?« fragte Margarete zurück, so müde, daß es nicht einmal bitter
+klang. »Jung? Sie sind zehnmal jünger als ich, hochwürdige Frau.«
+
+Die Äbtissin sagte: »Ein Baum ist nicht tot, auch wenn er im Winter kahl
+steht.« Ferner sagte sie: »Es gibt nichts Schmerzhafteres, aber auch
+nichts Wohligeres, als wenn man, erstarrt, wieder ins Leben
+zurückkehrt.« Auch sagte sie: »Sie sollten mit den Nonnen singen, junge
+Herzogin.«
+
+
+
+
+Als Margarete nach Schloß Tirol zurückkehrte, ließ ihr Ludwig der Bayer
+von einer prunkvollen kaiserlichen Bedeckung bis an die Grenzen seines
+Gebiets das Geleite geben. Die ersten Herren des Münchner Hofs führten
+den glänzenden Zug, die Fahne mit dem wittelsbachischen Löwen wehte ihm
+voran, Feudalbarone und Behörden standen feierlich an seinem Weg.
+
+Die Herzogin dankte den Herren automatisch, nicht mit der gewohnten
+pomphaften Sicherheit. Sie war schlaff, gleichgültig, viel zu müde, sich
+Gedanken zu machen über die Gründe, die den Kaiser zu so auffallender
+Ehrung veranlaßten.
+
+Ja, der Wittelsbacher hatte seine guten Gründe. Er war erst jetzt wieder
+peinlich daran erinnert worden, wie sehr die luxemburgische Herrschaft
+in Tirol ihn behinderte. Seine Absicht, gewisse lombardische Händel
+durch einen Kriegszug zu beendigen, hatte der Bischof von Trient
+vereitelt, der ihm kühl und ohne Umschweife den Durchzug durch sein
+Gebiet verbot. Diese Verärgerung des Kaisers hatten die Tiroler
+Feudalherren klug genutzt. Die Burgstall, Villanders, Schenna, die sich
+bei der ersten Revolution gegen die Luxemburger schlau im Hintergrund
+gehalten, hatten ihre Pläne keineswegs aufgegeben. Das mißglückte
+Unternehmen hatte sie gelehrt, daß es nötig sei, eine Großmacht als
+Rückendeckung zu gewinnen. Was lag näher, als sich an den Feind der
+Luxemburger zu wenden, den Kaiser, den Wittelsbacher? Margarete hatte in
+dem letzten Unternehmen keine glückliche Hand gezeigt. Es war nicht ganz
+klar, was der unmittelbare Grund war, über den jener Aufstand
+strauchelte. Aber so viel war gewiß, daß vornehmlich ihre seltsame
+Laune, ausgerechnet den Chretien von Taufers zu berufen, die klug
+gezettelten Fäden verwirrt und zerrissen hatte. Jedenfalls war es
+geratener, diesmal über ihren Kopf hinweg zu handeln und sie erst im
+letzten Augenblick beizuziehen. Die Befreiung von Herzog Johann mußte
+sie, wie immer sie ins Werk gesetzt wurde, so wie die Dinge jetzt lagen,
+als Erlösung empfinden.
+
+Man schickte also in aller Heimlichkeit Botschaft an den Kaiser. Stellte
+ihm vor, wie die Erbitterung im Land gegen die Luxemburger steige; wie
+man bedaure, daß sein italienischer Feldzug an dem steifnackigen
+Widerstand des Bischofs von Trient, des Böhmen, gescheitert sei. Fragte
+unverbindlich an, ob er allenfalls einwilligen würde, seinen Sohn, den
+Markgrafen von Brandenburg, mit der Herzogin von Tirol zu vermählen. Der
+ländersüchtige Wittelsbacher, ungeheuer gelockt durch die Aussicht,
+Tirol zu gewinnen, erwiderte ebenso unverbindlich, er werde mit seinem
+Sohn, dem Markgrafen, den Plan durchsprechen; solange die Luxemburger
+noch im Land säßen, sei das Ganze ein blaues Projekt.
+
+Den tirolischen Herren genügte solche Antwort vollauf. Sie wußten, es
+ging nicht an, daß der vorsichtige Wittelsbacher sich mehr exponiere.
+Seine Antwort war verklausuliert, doch ihr Kern ein deutliches Ja. Die
+prunkvolle Bedeckung, die er jetzt ihrer Herzogin stellte, wäre Bescheid
+genug gewesen. Die Zerstörung der Rottenburgischen Festen, die Folterung
+Alberts, des Sohnes des guten Königs Heinrich, die Hinrichtung des Herrn
+von Taufers hatten die Luxemburger der letzten Sympathien beraubt. Die
+Barone schürten weiter, hetzten. Immer ohne Margarete zu verständigen.
+
+ * * * * *
+
+Agnes von Flavon stand vereist, als sie von dem Niederbruch der
+Revolution erfuhr. Sie durchschaute sofort die Zusammenhänge. So
+schreckbar wuchtig also hatte die Häßliche zurückgeschlagen. Sie stand
+vergraust, kroch in tierischer Angst für ihr Leben in sich zusammen,
+dachte an Flucht.
+
+Als sie sah, daß gegen sie nichts unternommen wurde, tauchte sie dann
+langsam aus ihrem Schrecken hoch, äugte um sich. Sah die strengen
+Maßnahmen gegen Margarete, verwirrte sich. War jene so ungeschickt, daß
+sich das Unternehmen zuletzt gegen sie kehrte? Sicher nicht. Dazu war
+sie viel zu klug. Es mußte mit ihrem Willen so gekommen sein. Agnes
+begriff die Feindin nicht mehr. Ihr Haß wuchs mit ihrer Angst. Sicher
+plante sie einen noch ärgeren Schlag, sich an ihrer Vernichtung zu
+weiden.
+
+Es geschah nichts. Man kümmerte sich nicht um sie. Es war verständlich,
+daß man sich von ihr, der Frau des schmählich Hingerichteten, fernhielt.
+Aber warum beschlagnahmte man ihre Güter nicht? Sie ertrug nicht die
+Stille und Gleichgültigkeit um sich herum. Dazu die Angst, dies alles
+sei nur Vorbereitung tieferer Vernichtung. Sie beschloß, nach Schloß
+Tirol zu reisen.
+
+Auf dem Stadttor von Meran sah sie auf eine Stange gesteckt den Kopf
+ihres Mannes Chretien von Taufers. Er glotzte auf sie her, bläulichgelb;
+in verfilzten Strähnen wehte sein langes, unbekümmertes,
+kastanienfarbenes Haar in dem lauen Wind. Sie zuckte zurück. Dann
+schaukelte, von den Pferden getragen, ihre Sänfte unter dem Kopf des
+Gerichteten in die Stadt Meran. War es eine schlechte Vorbedeutung? Sie
+hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Sie mußte sich sammeln für die
+Unterredung mit Herzog Johann. Die war nicht leicht diesmal. Sie war
+schon einmal in schwarzer Trauerkleidung vor ihm auf der Erde gelegen.
+Wiederholungen wirken matt. Und diesmal ist die Situation gegen sie.
+
+Johann empfing sie denn auch gereizt, bösartig, höhnisch. Fragte giftig,
+ob sie auch keine Waffen bei sich habe. Er tue wohl gut daran, sich
+vorzusehen. Mit großen, traurigen, ob solcher Kränkung vorwurfsvollen
+Augen sah sie ihn an. Weinte sehr, daß der großmütige, junge Herzog, der
+ihr huldvoll entgegengekommen, nun Ursach' habe zu solchem Mißtrauen.
+Beteuerte, wie sie von den Plänen ihres hochverräterischen Mannes keine
+Ahnung gehabt. Sagte, es sei gut, daß er tot sei; denn wer so
+hinterlistig seinen Fürsten verrate, trage gewiß nicht lange Bedenken,
+auch sein Weib zu verraten. Gestand mit unschuldiger Verruchtheit, sie
+habe Chretien nie geliebt; ihn nur geheiratet, um Taufers behalten und
+in der Nähe des Fürsten bleiben zu können. Johann hörte zu, mißtrauisch
+und geschmeichelt. Sie trat näher an ihn, daß er ihr Fleisch atmete. Er
+knurrte, er glaube ihr kein Wort, aber er kämpfe nicht gegen Weiber,
+vorläufig könne sie Taufers behalten. Dann klatschte er ihr, die sich
+geduldig und lauernd duckte, verächtlich, derb und lüstern den Nacken,
+kehrte sich grob ab, warf ihr hin, er werde nächstens nach Taufers
+kommen, nachschauen, ob man dort Rebellion treibe; aber allein, er habe
+keine Angst. Damit lachte er laut und eindeutig auf, ließ sie stehen,
+ging auf die Jagd.
+
+ * * * * *
+
+Mittlerweile war die Verschwörung des Adels reif geworden. Schloß Tirol
+sollte in Abwesenheit Johanns besetzt werden. Man konnte nicht länger
+umhin, Margarete zu verständigen. Auch mußte man ihre Einwilligung in
+eine eheliche Verbindung mit dem Wittelsbacher einholen. Herr von
+Schenna übernahm es.
+
+Er saß vor ihr, dürr, in lässiger, uneleganter Haltung, sprach ihr mit
+seiner welken, brüchigen Stimme von allerlei Kleinzeug. Glitt mit seinen
+alten, klugen, skeptischen Augen auf und ab an ihr. Er als einziger
+ahnte die Zusammenhänge. Behutsam, beiläufig warf er ihr hin, sie möge
+nicht erschrecken, wenn nächster Tage einmal andere Besatzung das Schloß
+beziehe, verstärkte Besatzung. Sie möge, auch wenn geschrien, rumort,
+mit Waffen geklirrt werde, sich nur ja in ihrem Zimmer halten, für sie
+sei keine Gefahr. Er hielt ein, wartete. Sie reagierte nicht. Nach einer
+Weile, sacht, holte er aus, ob sie denn nicht frage, warum das alles.
+Nein, sie fragte nicht.
+
+Er wechselte. Sprach von Agnes. Jeder neue Trauerfall bekomme ihr
+besser. Jetzt wieder, als sie hier im Schloß war, habe jeder sehen
+müssen, Schwarz stehe ihr am besten. Margarete horchte auf, der kluge
+Schenna sah: jetzt war ihre Gleichgültigkeit Maske. Er lenkte ab, kehrte
+dann wieder zurück. Ja, nun werde Agnes wohl bald auf längere Zeit als
+Gast hier einziehen; in diesem Stück sei Herzog Johann dem guten König
+Heinrich ähnlich. Margarete schnellte hoch. Schenna habe sich bisher
+immer als ihr Freund gezeigt. Ob dies wahr sei? Sie als Gefangene und
+die andere als Herrin: hier, in den gleichen Wänden, in der gleichen
+Luft -- unausdenkbar sei das. Und er solle jetzt um Christi willen die
+Wahrheit sagen.
+
+Schenna erwiderte schlicht: Ja, Johann habe Agnes von Flavon eingeladen;
+und wie er die Dame kenne, werde sie wohl annehmen. Da Margarete die
+Augen schloß, das Gesicht verzerrte: Es gebe ja noch Mittel, tröstete
+er, fing an von seinen Plänen. Sie winkte ab, wollte nicht hören.
+
+Bat Herzog Johann dringlich zu sich. Ob das wahr sei? Ob er das wirklich
+tun wolle? Sie flammte. Das Schloß hier zu einer Hurenherberge machen?
+Er: Ja er werde machen. Er werde sich erlauben. Er sah, daß er endlich,
+auf solche Art sie treffen, ihre Starrheit durchstoßen, sie anbohren,
+wund machen konnte. Er beschaute sie mit seinen kleinen, hassenden,
+gierigen Wolfsaugen, schwoll an. Was sie sich erfreche? Ob sie ihm das
+Weib verbieten wolle? Sie ihm? Sie, so wie sie ausschaue? Margarete
+schluckte, sagte beherrscht: Sie bitte ihn nicht, zu bedenken, was man
+im Volk, was an andern Höfen sagen werde, wenn er hier, im Schloß ihres
+Vaters, das sie ihm zugebracht, sie im Kerker und die andere in Glanz
+halten wolle. Aber daran müsse sie ihn erinnern, daß der Mann seiner
+Mätresse die Revolutionäre geführt habe, daß jene mit im Komplott,
+vielleicht die Anstifterin gewesen sei, daß es undenkbar sei, jene habe
+den schmählichen Tod ihres Mannes so schnell vergessen. Er solle sich
+hüten vor ihr! Er lachte hämisch: Mit solchen Faxen solle sie ihm nicht
+kommen. Sie sei eine eifersüchtige Gans. Prahlerisch fügte er hinzu:
+Wie, wenn etwa gar Agnes ihn gewarnt, ihre Intrigen vereitelt hätte?
+
+»_Ich_ habe dich doch gewarnt!« rief sie. »Ich! Ich!«
+
+Ihm, für einen Augenblick, stieg ein unbehagliches Gefühl auf: er sah
+sie wieder wie damals, als sie vor ihm lag wie eine satte Schlange, er
+fühlte sich gedemütigt durch seine widerlegte Prahlerei. Aber sogleich
+war er wieder oben. Dies war ja eine offensichtliche, schlaue, freche
+Lüge, durch die sie ihn verblüffen wollte.
+
+»In einer so plumpen Schlinge kannst du vielleicht deine Tiroler Bauern
+fangen, nicht mich!« sagte er mit gespielter, verächtlicher Trockenheit.
+Und, sich weiter hineinsteigernd: »Also das endlich spürt man? Das geht
+an die Nieren? Die Schöne soll aus dem Haus? Das stachelt, daß sie da
+ist? Just erst recht kommt sie! Just erst recht bleibt sie! Ausreit' ich
+mit ihr! Auf die Jagd reit' ich mit ihr! Nach Meran, Bozen, Trient reit'
+ich mit ihr! Dir zeig' ich es, Kröte! Häßliche! Giftige! Schmutzige!«
+
+Sie hockte starr entschlossen, als er fort war. So schlicht und ehrlich
+hatte sie gesprochen, ihm noch einmal breit den Weg aufgetan zu ihr. Wer
+nicht taub und verworfen war, mußte hören. Er selber hatte entschieden.
+
+Andern Tages kam wieder Herr von Schenna. Unterbreitete ihr einen kurzen
+Brief an den Kaiser, dessen Schutz sie sich empfahl, die Abmachung ihrer
+Barone billigend. Ohne Zögern unterschrieb sie. Schenna eröffnete ihr
+ferner knapp, sachlich, andern Tags, wenn Johann auf der Jagd sei, werde
+das Schloß von den Truppen der Barone besetzt, Johann der Eintritt
+verweigert werden. Sie selber könne ihm das, begehre er bei seiner
+Rückkehr Einlaß, mitteilen. Man werde sich hüten, sich ins Unrecht zu
+setzen, Hand an ihn zu legen. Man werde ihm nur in der Grafschaft jede
+Herberge versagen. Verlasse daraufhin Johann das Land, schloß Schenna
+lächelnd, werde niemand ihn hindern. Im übrigen, fügte er freundlich und
+sehr ergeben hinzu, sei diesmal vorgesorgt. Selbst wenn der Herzog
+gewarnt werde, könne nichts mehr mißglücken. Er nahm den unterzeichneten
+Brief an sich, neigte sich, ging mit seinen unbehilflichen,
+ungleichmäßigen, schlendernden Schritten.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Tag, einem Freitag, zog Johann mit kleinem Gefolge auf die
+Jagd. Das Wetter -- es war Anfang November -- hatte sich klar und blau
+angelassen, bald aber war Nebel eingefallen und feuchter, widriger Wind.
+Der Herzog war verdrießlich; was ihm Margarete über Agnes gesagt hatte,
+war doch nicht so leicht zu verdauen. Auch hatte sich sein
+Lieblingsfalke, ein schöner, grauweißer, norwegischer Gerfalke,
+verscheucht von einem größeren Raubvogel, verflogen. Jetzt zankte der
+Herzog mit dem Falkner herum, keifte, schrie.
+
+So brach er frühzeitig die Jagd ab, kehrte gegen Abend nach Hause. Fand
+die Zugbrücke aufgezogen, das Tor versperrt. Stand verwundert, dann
+verärgert, fluchend. Stieß ins Horn. Der Turmwächter erschien, sagte, er
+habe keinen Auftrag, den Herrn einzulassen. Der Herzog lief rot an,
+bellte dem Mann unflätige Schimpfworte zu. In der Zinne des einen
+Torturms war auf einmal Margarete, rief mit ihrer warmen, dunkeln
+Stimme, der Prinz von Luxemburg möge nicht weiterschreien, hier sei kein
+Platz für ihn, er möge sich andere Herberge suchen. Vielleicht in
+Taufers. Johann legte an auf sie. Sie war fort vor seinem Pfeil.
+
+Da stand er nun, schäumend und lächerlich, in seinem Jagdanzug vor dem
+versperrten Tor. Seine Begleiter tuschelten. Kalter Wind blies, es
+regnete. Ein paar seiner böhmischen Leute aus der Burg machten sich
+heran, erzählten kleinlaut, betreten, wie eine riesige Anzahl
+gutbewaffneter Tiroler das Schloß besetzt, sie hinausgeworfen habe.
+
+Der Herzog hielt noch eine Weile, kotig schimpfend auf die Feigheit
+seiner Leute, vor der hochgezogenen Zugbrücke. Aus der Burg kam
+Gelächter, Spottverse:
+
+ »Wer steht vorm Tor? Wer schlottert im Wind?
+ Ein Bettler? Ein Jud'? Etwer vom Gesind?
+ Es ist bloß der Graf von Tirol.«
+
+Fluchend zog Johann schließlich ab, nach Zenoberg. Das gleiche. Nach
+Greifenstein. Das gleiche. Es ging schon auf Mitternacht. Er war
+todmüde, heiser vom Schreien und Toben, zerschlagen. Fröstelnd,
+jämmerlich, nächtigte er im Freien.
+
+Morgen fahlte herauf. Der Herzog stieg auf sein Pferd, schmutzig,
+überwacht, die Glieder schmerzten ihn, der Magen war ihm hohl von
+Hunger. Er hatte nur mehr sechs von seinen Leuten um sich, die andern
+hatten sich sacht verlaufen.
+
+Es regnete unaufhörlich. Seine Begleiter sagten ihm, das Volk sei sehr
+einverstanden mit dem Geschehenen, lache, juble, feiere, höhne. Jene
+Verse brummten, lästige Insekten, um seine Ohren: »Ein Bettler? Ein
+Jud'? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Auf Nebenpfaden
+schlich er sich in die Burgen etlicher Adeliger, die er sich besonders
+verpflichtet hatte. Die Herren waren nicht da, die Kastellane hatten
+keine Weisung, verschlossene Tore. Es waren nur mehr vier von seinen
+Leuten bei ihm.
+
+Er irrte ziellos durch Weinberge, Forst. Regen, Regen. Er glaubte sich
+verfolgt, umstellt. Er kannte keine Furcht in der Schlacht; jetzt kroch
+es ihm ekel herauf. Er wollte nicht gehetzt und geschlagen sein wie ein
+toller Hund von einem Bauern, einem stinkenden Bürger. Er schlug sich
+höher in die Berge. Kam endlich zu einer abgelegenen Burg des Tägen von
+Villanders. Der kluge, vorsichtige Baron, er wollte sich, wenn möglich,
+auch mit den Luxemburgern verhalten, nahm ihn auf. Allein er wagte nur,
+ihm sehr heimliche, auf ganz kurze Zeit befristete Unterkunft zu geben.
+Johann lebte die wenigen Tage als ein unbekannter Ritter Ekkehard, ließ
+sich nicht sehen. Da klatschten ihm auch hier Fetzen jenes Liedes um die
+Ohren: »Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Er machte
+sich fort, des Nachts, schlotterig, nur mehr zwei Knechte folgten ihm.
+Er war noch immer im Jagdkleid. Schmutzig, verschwitzt, stinkend, auf
+abgetriebenem, versagendem Roß, das auf den versumpften Nebenpfaden
+nicht mehr weiterkam, schlich er sich die Kreuz und die Quer durch sein
+Land. Wenn nur wenigstens dieser verfluchte Regen aufhörte! Er verkaufte
+den Schmuck, den er bei sich trug, Waffen, Jagdhorn, zuletzt auch das
+Pferd.
+
+Fiebernd, erschöpft, ganz allein erreichte er das Gebiet des Patriarchen
+von Aquileja. Kam nach Friaul. In den Palast des Patriarchen. Die
+Knechte grölten, wieherten, als der lausige, verlumpte Mensch
+behauptete, er sei der Herzog von Kärnten, Graf von Tirol, Enkel der
+Römischen Majestät. Der Patriarch, Feind der tirolischen Feudalherren,
+von Luxemburg allezeit sehr gefördert, nahm ihn ehrerbietig auf, schloß
+ihn in seine Arme. Langsam kam, nach Tagen, der erschöpfte, verstörte
+Fürst wieder zu sich. Knirschte, wob bösartige Pläne, sott Gift, spie
+Flüche und Drohungen in das Land, aus dem ihn seine Frau vertrieben.
+
+
+
+
+ Zweites Buch
+
+
+
+
+In München der Kaiser Ludwig hatte seinen Sohn, den Markgrafen, den
+Brandenburger, um die Schulter gefaßt. Ging auf und ab mit ihm. Redete
+gütlich auf den Finsteren, Verdrießlichen ein. Der Brandenburger sah,
+trotzdem er erst fünfundzwanzig Jahre war, sehr männlich aus. Blonder,
+kleiner Schnurrbart, harte, graublaue, etwas stechende Augen in
+gebräuntem, magerem Gesicht. Er hatte den massigen Nacken der
+Wittelsbacher, war groß, sehnig. Aber der wuchtige, ungeschlachte Kaiser
+überragte ihn doch um ein beträchtliches. Durch die gemalten Scheiben
+kam das helle, fahle Licht des Schneetags. Wie sie so auf und nieder
+gingen, der Kaiser den Arm um die Schulter des Sohnes, schien es, als
+schleifte er den Zögernden, sich Sperrenden.
+
+Nein, nein! Er konnte es nicht und konnte es nicht. Er brachte es
+einfach nicht über sich, die Herzogin Margarete zu heiraten. Er hatte
+jetzt eine fünfjährige Ehe hinter sich mit Elisabeth, der dänischen
+Prinzessin. Sie war ein bescheidenes Geschöpf gewesen, etwas dürr, ja.
+Nun war sie tot, Gott gebe ihr die ewige Ruh'. Jetzt will er drei, vier
+Jahre ohne Frau sein. In Brandenburg seine Staatsgeschäfte betreiben,
+Ackerbau, Städtewesen hinaufbringen, die Wenden kleinkriegen. Die
+tirolische Margarete heiraten, die ihren Mann auf so sonderbare Weise
+davongejagt hat? Die extravagante Person? Nein, danke! Sein kaiserlicher
+Vater werde ihn stets dienstwillig finden. Aber die Margarete heiraten,
+nein!
+
+Der Kaiser richtete die riesigen, starren, blauen Augen auf den Sohn.
+Sein Widerspruch überraschte ihn nicht, erregte ihn nicht. Es war kein
+Vergnügen, die Tirolerin zu heiraten. Er an seiner Stelle hätte sich
+auch gesträubt. Aber er wußte, sein Ludwig war ein guter Sohn, ein
+einsichtiger Fürst, der begriff, daß Heirat das wichtigste politische
+Mittel war. Eine Gelegenheit wie diese kam nicht wieder. Hatte
+Wittelsbach Tirol, so war die Ländermasse geschlossen, so regierte
+Wittelsbach vom Nordmeer bis zur Adria. Er verstand durchaus, daß Ludwig
+es vorgezogen hätte, auszuschnaufen, etliche Jahre Witwer zu bleiben.
+Aber dafür war er Fürst und Wittelsbacher. Er konnte sich solche
+Bequemlichkeit nicht gönnen.
+
+Der mürrische Markgraf häufte weiter seine verdrossenen Einwände.
+Abgesehen davon, daß ihm diese Margarete und alles um sie tief zu
+innerst gegen den Strich gehe, sei es gewiß, daß der Papst die Ehe der
+Tirolerin mit dem Luxemburger nicht lösen werde. Die ganze Christenheit
+werde wie ein Mann Skandal schreien, wenn er sich jetzt mit der Frau
+eines andern vermähle. Der Kaiser erwiderte gelassen, er habe sein Leben
+lang Bann und Interdikt tragen müssen; er könne es seinem Sohn nicht
+sparen. Ein Wittelsbacher komme leider anders nicht voran.
+
+Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in
+unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart.
+Die dänische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Fürst könne nicht
+nach Schönheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die
+plumpe Taille! »Kärnten!« sagte der Kaiser. Das überworfene Maul!
+»Tirol!« sagte der Kaiser. Die Hängebacken! Die schrägen, vorstehenden
+Zähne! »Trient! Brixen!« sagte der Kaiser.
+
+Durch München ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen
+führten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die
+ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von
+Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten
+anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch
+hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die
+Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mußte nur, damit sie
+einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten
+die Tiroler denn auch. Ließen sich alle ihre Handfesten, Urkunden,
+Privilegien bestätigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich
+Vetorecht und Kontrolle über alle Regierungsmaßnahmen. Verärgert,
+verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer
+Herrschaft solle, die überall so geengt, gepreßt, gehemmt sei. Voll und
+bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: »Hab' du den Mantel erst an!
+Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.«
+
+Nach Lichtmeß, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen
+Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prächtige Zug der Wittelsbacher durch
+die grellweißen Berge nach Schloß Tirol. Schnee knirschte, Rüstungen
+klirrten, Gehänge, Gold und Silber läuteten. Weich in der dämpfenden
+Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Sänften,
+Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der
+Markgraf, der Brandenburger, mißmutig, zögernd, aber halb schon durch
+die Größe und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder
+Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwäbische Herr, der
+intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder
+Arbeiter, ein unbedingter Anhänger der Wittelsbacher. Die tirolischen
+Barone. Zahllose bayrische, schwäbische, flandrische, brandenburgische
+Edle. Die Bischöfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden großen
+Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam
+und Marsilius von Padua.
+
+Der Kaiser hielt während der ganzen Reise vor allem diese geistlichen
+Herren in seiner Nähe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermählung
+des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht
+nur, daß Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer
+Großmutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade
+verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem
+Ehehindernis zu lösen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt
+gedroht. Ängstlich hörte, tief beunruhigt, die Bevölkerung diese
+Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie
+zurückzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der
+Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er
+hatte eine tiefe, abgründige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er
+bedauerte aufrichtig, daß seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich
+zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, überall in der Welt fanden die
+großen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und
+Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern.
+
+Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von
+Herzen, glaubte an sie, war überzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte
+also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen
+anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwände des Papstes zu Recht
+bestünden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die
+Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des
+Gatten nie _de facto_ vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei
+ungültig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der
+Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklärt, die
+Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem
+Grund also zogen die bayrischen Bischöfe mit über die Alpen. Ihre
+Mission kam ihnen sehr gefährlich, sie selber sich sehr kühn und wichtig
+vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten.
+
+Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr
+interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung.
+Leidenschaftlicher Nationalökonom, der er war, hatte er keinen Blick für
+die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen
+Stimme nur von Ackerbauflächen, Siedlungsmöglichkeiten, Handelsstraßen,
+Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol -- ihm war
+das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war überall
+Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tüchtiger, wohlmeinender
+Hand zupacken.
+
+Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige,
+gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universität Paris
+doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhänge von Westen
+nach Osten. Vor ihnen -- die Straße stieg sacht an -- hob sich hoch der
+wuchtige Rücken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren
+sprachen über ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse
+Leidenschaftlichkeit, rühmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine
+Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt München, die
+Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen
+Parzival. Der schärfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten
+lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der
+Kaiser liebte die Städte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den
+Kriegsmann, Verträge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf
+Ritterlichkeit. Gewiß hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die
+waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. König Johann, der
+Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein
+Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich
+vielmehr den Stadtbürgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum
+auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten
+können, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein
+Kind seiner Zeit. Der Theolog hörte den klugen, richtigen und
+literarischen Ausführungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen
+den breiten, wuchtigen Rücken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten
+beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und
+nur nach ihm, wird immer bieder und aus großen Augen sich, die andern,
+die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und überzeugt, Gerechtigkeit,
+Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen.
+
+Man nächtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender,
+fröhlicher Kälte den Jaufenpaß hinan. Man hatte schon die Höhe hinter
+sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von
+Freising, scheute, warf den Reiter vornüber ab. Der Bischof flog sehr
+unglücklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine,
+bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem fröhlichen, hellen
+Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von
+Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige
+Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot.
+Der bunte, laute, klingende Zug stockte. »Gottesgericht!« raunte es;
+übergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in
+Decken, führte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte
+der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die kühne, gefährliche Tat
+seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischöfe von Augsburg
+und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, daß nun sie
+Margaretes erste Ehe lösen sollten.
+
+Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das
+Schloß Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmächtige
+Flüche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war
+ein Fürst der Christenheit mächtig wie er? Er hatte beide Bayern
+vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland,
+Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das
+schöne, alte, reiche, berühmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen,
+machtlos. Er hatte es, nun er die Höhen der Alpen beherrschte, fest in
+der Hand. Schönes Schloß Tirol! Gutes, festes Schloß Tirol!
+
+Erstaunt hörten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit
+heller, lauter Stimme sang. »Er singt Lieder wie König David vor der
+Bundeslade!« sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem
+Gemach, allein, schaute in das weiße, helle Land, schlug sich auf die
+Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den
+Kneipen seiner bayrischen Dörfer sang.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Tage später vollzog der Kaiser selber die Vermählung des Markgrafen
+Ludwig mit der Herzogin Margarete. Zum großen Ärgernis des Landes und
+ganz Europas. Wieder den Tag darauf belehnte er in der Stadt Meran die
+Neuvermählten mit Kärnten und Tirol. Er war angetan mit dem kaiserlichen
+Ornat. Konrad von Teck hielt das Reichsschwert, Arnold von Maßenhausen
+das Zepter, Herr von Krauß den Reichsapfel. Margarete strotzte von
+Prunk, steif, übersät mit Edelsteinen standen die schweren Kleider um
+sie herum, sie sah starr und reglos geradeaus.
+
+ * * * * *
+
+Im Wiener Schloß saßen Albrecht der Lahme und Johann von Böhmen in
+langer Unterredung. Der Griff des Wittelsbachers nach Tirol hatte den
+Luxemburger und den Habsburger wieder ganz zusammengetrieben. Der
+Kaiser, dieser Schamlose, hatte nicht nur Tirol gestohlen, er hatte
+seinen Sohn auch mit Kärnten belehnt, in dem der Habsburger festsaß, das
+der Kaiser selber ihm hatte erobern helfen. Weniger über die Frechheit,
+als über solche Torheit des Wittelsbachers waren die Fürsten erstaunt
+und empört.
+
+Albrecht hatte alle Vorsorge getroffen, sein Kärnten gut zu verteidigen.
+Der gelähmte Fürst hatte noch einmal, nun auch er, die umständlichen,
+ihm doppelt beschwerlichen Zeremonien der Kärntner Thronübernahme auf
+sich genommen; es lag ihm daran, nur ja seine Volkstümlichkeit zu
+sichern.
+
+Der blinde Luxemburger hatte mehr Phantasie und weiterschauende Pläne.
+Dieses Tirol, die schönste Frucht, die der dreiste, plumpe Wittelsbacher
+sich gepflückt, trug den Wurm in sich. Der lahme, in Kleidung und Frisur
+etwas verwahrloste Albrecht sah mit Interesse, mit einer leisen,
+widerstrebenden Bewunderung auf den blinden König, der straff, elegant
+und sehr gepflegt vor ihm saß und leicht und behutsam seine blauen,
+kühnen Pläne andeutete. Nein, der Kaiser wird an seinem neuen Land nicht
+viel Freude haben. Er, Johann, ist im Grund verträglich. Er trat bisher
+Ludwig entgegen, wenn er mußte, wenn es sein Nutzen verlangte, aber ohne
+Haß und Leidenschaft. Von nun an wird es anders sein. Er ist randvoll
+von Ekel und Zorn über diesen letzten plumpen, schoflen Streich, über
+solche dumm anmaßliche, vor sich und andern heuchelnde Habgier und
+Frechheit. Der Grimm des Ritters und Abenteurers gegen den Kleinbürger
+brannte auf.
+
+Der neue Papst, der sechste Klemens, kein Theoretiker wie der
+verstorbene Benedikt, nein, ein weltkundiger, glänzender Fürst und Herr
+und Politiker, ist ihm und seinem Sohn Karl eng befreundet, der Lehrer
+und nächste Vertraute seines Karl. Die Vermählung des Brandenburgers hat
+dem Kaiser überall Unwillen erregt. Wenn jetzt der neue Papst von allen
+Kanzeln Bann und Interdikt gegen den Kaiser verkünden läßt, wird solche
+Verfluchung nicht als Politik aufgefaßt werden, sondern bei aller
+Christenheit Billigung und herzlichen Beifall finden. Kurfürsten,
+Städte, Volk werden dem Wittelsbacher sich weigern, haben ihm schon ihre
+Gefolgschaft aufgesagt. Wenn dann mit Unterstützung Avignons sein Sohn
+Karl zum Römischen König erwählt wird, kann er, Johann, ihm eine
+unüberwindliche Liga gegen Ludwig schaffen.
+
+Albrecht rieb sich mechanisch das schlechtrasierte Gesicht, hörte
+besonnen den Ausführungen des andern zu. Dies waren Pläne, die solider
+gegründet waren als gewöhnlich die Pläne des Luxemburgers; aber sie
+bedeuteten Angriff, unvermeidlichen Kampf. Er, Albrecht, war nicht
+willens, sich hineinzumengen. Er war nicht mehr jung, war gewitzt, zog
+das Schwert nur im äußersten Fall.
+
+So saßen sie beisammen, die beiden mächtigen Fürsten, die mehr als die
+Hälfte Mitteleuropas regierten; der Blinde zerrte an dem Lahmen, aber er
+konnte ihm nur ein Defensivbündnis abringen.
+
+Dann, als die Unterhandlung zu Ende war, reckte sich Johann, erhob sich,
+um zu gehen, tastete sich, der Blinde, an der Wand entlang, fand aber
+die Türe nicht. Albrecht konnte ihm zwar sagen, wo sie sei, vermochte
+aber, der Lahme, dem Tappenden nicht zu Hilfe zu kommen. Da lachten sie
+beide lang und herzhaft, bis endlich einer aus dem Gefolge draußen die
+Tür öffnete.
+
+ * * * * *
+
+Schlimmes Unglück brach über das Land in den Bergen herein, die Strafe
+Gottes, weil die Herzogin das Sakrament der Ehe so grob verletzt hatte.
+»Die Plagen Ägyptens!« schrien die Anhänger des Papstes durch ganz
+Europa. »Die Plagen Ägyptens!« erblaßte das Volk, seufzte, schlug sich
+die Brust, fastete.
+
+Zuerst taten zu erneuter Bestrafung der Sünden der Menschen die
+Schleusen des Himmels sich auf, eine zweite Sintflut.
+
+»Wehe! Der Wassermann ergießt deukalionischen Regen,« zitierte der Abt
+Johannes von Viktring einen alten Lateiner. Als hätten sämtliche Flüsse
+Europas sich über das Land ergossen, wurden Bäume, Wiesen, Dörfer,
+Menschen von Grund auf weggerissen, der Inn führte Brücken, Türme,
+Häuser mit sich, das untere Etschland glich einem See, von Neumarkt fuhr
+man zu Schiff nach den unter Tramin gelegenen Gütern.
+
+Im gleichen Jahr rasch nacheinander vernichteten wilde Feuersbrünste die
+Städte Meran, Innsbruck, Neumarkt.
+
+Aber das Grauenvollste und Seltsamste, was das Volk erstarren ließ,
+waren die riesigen Heuschreckenschwärme, die in diesem Sommer das Land
+verheerten. Sie kamen von Osten.
+
+Nachdem sie Ungarn, Polen, Böhmen, Mähren, Österreich, Bayern, die
+Lombardei kahl gefressen hatten, lagerten sie sich über dem blühenden
+Tirol. Man sah die Sonne nicht, so dicht flogen sie. Sie flogen bei Tag
+und bei Nacht, und doch brauchten sie siebenundzwanzig Tage die
+Etschufer hinab.
+
+Das erschreckte Volk schleppte in Prozessionen die Heiligenbilder,
+betete, streckte die Hände zum Himmel. Der Pfarrer von Kaltern ließ das
+Geziefer durch ein förmliches Rechtserkenntnis von Geschworenen
+verurteilen, bannte es von der Kanzel herab. Es waren riesige Tiere, sie
+hatten Zähne wie leuchtende, edle Steine, so daß die Frauen ihre
+Gewänder damit besetzten. Die Schwärme, die die Inngegenden verheerten,
+waren zwiefach merkwürdig. Die Führer flogen mit wenigen anderen dem
+Heer um eine Tagesreise voraus, suchten die Orte, die der Masse des
+Schwarmes geeignet waren. In Geschwadern brachen sie wieder auf, mit
+militärischer Disziplin. Sie fraßen Busch und Baum, sie fraßen alles
+Grün, sie fraßen den Halm, das Korn, die Hirse, Stumpf und Stiel. Die
+Erde war schwarz und grau und wie ausgedorrt, wenn sie endlich
+fortzogen.
+
+
+
+
+Die Herzogin Margarete fuhr über den Arlberg. In Sankt Anton stand unter
+dem gaffenden Volk ein Mädchen von elf, zwölf Jahren mit seiner Mutter.
+Wie der Zug vorbeikam, rief eifrig, wichtig das Kind: »Mutter! Mutter!
+Welche ist die gnädige Frau Herzogin? Die Lange, Dürre oder die andere,
+die Maultasch?«
+
+Die Mutter, eine derbe, wackere, behagliche, junge Frau, grinste, wurde
+rot, schlug nach dem Kind: »Wirst du den Brotladen halten, Saufratz!«
+
+Die Leute ringsum lachten, das Kind plärrte, das Wort wurde aufgenommen.
+Es flog durch das Land, flog weiter, bald nannte alle Christenheit die
+häßliche Herzogin nur mehr die Maultasche. Margarete hörte davon, trug
+den Beinamen mit einer gewissen stillen, bitteren Absichtlichkeit. Wie
+sollte ihr neues Schloß heißen? Bruneck? Neugrafenburg? Sie nannte es
+Schloß Maultasch.
+
+ * * * * *
+
+Markgraf Ludwig saß zusammen mit seinem Freund, dem Herzog Konrad von
+Teck, über Rechnungen und Belegen. Der junge, straffe Markgraf stellte
+nüchtern, klar Ziffern und Tatsachen zusammen; der massige, soldatische,
+etwas ältere Herzog von Teck hörte aufmerksam zu. Er war in Rüstung,
+unbeweglich, während der Markgraf bei aller Sachlichkeit sich nicht
+enthalten konnte, auf den Tisch zu schlagen, auf die raschelnden
+Papiere.
+
+Sein festes, mageres Gesicht, harte, glanzlose, blaue Augen, bräunliche,
+verwitterte Haut, etwas spärliches, blondes Haar, gegen die Mode kurzer,
+blonder Schnurrbart, war böse und sehr erregt. Er hatte die Tiroler
+Barone immer für tückische, betrügerische Raffer gehalten. Doch daß sie
+auch unter seinem Regiment so frechen, offenkundigen Unterschleif wagen
+würden, daß sie bieder und traulich nicht etwa die Hälfte, sondern neun
+Zehntel seiner Einkünfte in ihre Tasche steckten und sich in ihren
+Schlußrechnungen kaum bemühten, das zu verschleiern, das war denn doch
+ein Gipfel frecher Habsucht, den er nicht erwartet.
+
+Der junge Fürst liebte sachliches, rasches, sauberes Arbeiten. So hatte
+er sich in Brandenburg bewährt; es war dem Land gut bekommen. Hier in
+Tirol fand er überall Schlamperei, die ganze Verwaltung war ein
+Ungefähr, alle Grenzen und Befugnisse verwischt, Betrug und Unterschleif
+üppig in Schuß und Wucher. Dabei hatten die Barone gut vorgesorgt.
+Amnestie für ihre Verwaltungssünden war ihnen zugesichert, auch konnten
+sie fürderhin nur durch Einheimische kontrolliert werden, und da sie
+alle versippt waren, blieb solche Kontrolle Formsache.
+
+Der massige, bartlose, soldatische Konrad von Teck ließ den Markgrafen
+zu Ende reden. Dann sagte er: »Durchgreifen! Verträge, Amnestie: einen
+Schmarren! Pack' einen von ihnen am Kopf! Laß die andern reklamieren,
+protestieren! Wenn sie sehen, es nützt nichts, werden sie rasch kirre.«
+
+Mit einem halben Lächeln schob der Markgraf dem Freund ein Schriftstück
+hin: einen Haftbefehl für Volkmar von Burgstall. Aber er war nicht
+unterzeichnet. »Mein Vater täte es bestimmt nicht,« sagte er. »Es kann
+verteufelt schief gehen. Ich hab' keine Rückendeckung.«
+
+Konrad von Teck schaute ihn aus seinen stumpfen, braunen Augen an, sagte
+knarrend: »Schaff' dir Rückendeckung.«
+
+Ludwig gab den Blick zurück, schellte, befahl: »Die Frau Herzogin.«
+
+Bis Margarete kam, schwiegen die beiden Männer. Ludwig hatte keine
+Heimlichkeit vor dem Freund; so wußte der genau, wie es zwischen ihm und
+Margarete stand. Es stand aber so, daß aus Mißtrauen und Abneigung
+langsam eine kühle, geschäftsmäßige, wohlwollende Kameradschaftlichkeit
+gewachsen war. Margarete war ruhig, klug, nicht zudringlich, gab und
+verlangte keine Sentimentalität. Dies war dem Wittelsbacher sehr recht;
+seine saubere, straffe, nüchterne Art war die einzige an einem Manne,
+die Margarete in diesen Jahren nicht reizte. An ihre seltsame Erstarrung
+und Verkrustung gewöhnte er sich langsam ebenso wie an ihre Häßlichkeit,
+und es geschah ohne jeden verächtlichen Unterton, wenn er etwa im
+Gespräch mit Konrad ebenso wie das ganze Land Margarete die Maultasche
+nannte.
+
+Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sie kam. Denn nie erschien sie
+anders als in herzoglichem Prunk. Sie trug ein Kleid aus schwerem,
+braunem Stoff, mit vielem Gold besetzt, das Gesicht maskenhaft steif von
+Schminke und Puder, auch die Hände geschminkt. Der Markgraf legte ihr
+die Dokumente vor, wies in kurzen Worten darauf hin, wie lückenlos vor
+allem das Material gegen Volkmar von Burgstall sei. Margarete sah vor
+sich den dumpfen, dröhnenden, wuchtigen Volkmar, die nackte, brutale
+Gier seines Gesichts. Er hatte mit seiner plumpen, grausamen Hand
+zugeschlagen, wo er konnte, er hatte im Kampf gegen die Luxemburger den
+jungen Rottenburg, den lustigen, harmlosen Albert vorgeschickt und sich
+selber feig, schwer, tückisch in den kellerigen, widerwärtigen Winkeln
+seiner Burg versteckt. Ihr Gesicht unter der Schminke blieb steif und
+ohne Ausdruck. »Verhaften Sie ihn!« sagte sie.
+
+Selbst der starre Konrad von Teck sah überrascht auf. »Sie sind eine
+tapfere Dame, Frau Herzogin!« sagte er.
+
+»Nachdem das Ihr Rat ist, Margarete,« sagte der Brandenburger, »werden
+sich Ihre Landsleute wohl beruhigen müssen, wenn ich ihn befolge.« Er
+bat, auch sie möge den Verhaftsbefehl unterzeichnen. Sie tat es.
+
+Der Burggraf Volkmar wurde verhaftet, prozessiert. Solches Vorgehen
+gegen den ersten Aristokraten des Landes machte ungeheures Aufsehen. Die
+Barone, zitternd jeder für sich selbst, schlossen sich zusammen; vom
+Süden her wühlte Bischof Nikolaus von Trient, von Westen der Bischof von
+Chur. Konrad von Teck, dem der Gefangene unterstellt war, wich keinen
+Schritt. Anklage, Vermögenskonfiskation, Verhör, Tortur. Zum Urteil kam
+es nicht. Der Burggraf starb vorher, im Kerker, unversehens. Das Land
+raunte, übergraust, wollte sich empören, wagte es nicht, duckte sich,
+schwieg.
+
+Margarete saß am Putztisch, als sie die Nachricht von dem plötzlichen
+Tod Volkmars erhielt. Das Fräulein von Rottenburg, das ihr Haar kämmte,
+schnaufte, zitterte, ließ den Kamm fallen. »Mach' doch weiter!« sagte
+Margarete, und ihre volle, dunkle Stimme war gleichmütig und ohne
+Schwanken.
+
+ * * * * *
+
+Die Herzogin schaute von der Loggia der Burg Schenna aus in das besonnte
+Land. Jakob von Schenna saß ihr gegenüber. Zu ihren Häupten an den
+Wänden schritten die bunten Ritter.
+
+Es tat wohl, die müde, gescheite Stimme Schennas zu hören. Seine hellen,
+klugen, reinlichen, phrasenlosen Sätze waren wie ein laues Bad. Der
+Markgraf hatte ihn in seine Dienste ziehen wollen. Doch Herr von Schenna
+hatte die diplomatischen Würden, die goldenen Ehrenketten seinen Brüdern
+Petermann und Estlein überlassen, er selber war wohl bereit zu raten;
+doch ein Amt nahm er nicht an.
+
+Er sprach vom Markgrafen, wie häufig. »Nein,« sagte er, auf die gemalten
+Ritter weisend, »von diesen hat er nichts. Wenn er einen Wald sieht,
+denkt er nicht an ein Ungeheuer, das darin sein könnte, auch nicht an
+eine Dame, die ein Riese hütet und die zu befreien wäre. Er überlegt,
+wie groß der Holzwert des Waldes ist, ob es lohnt, das Holz in die
+nächste Stadt zu schaffen, dort den Wohnungsbau zu fördern. Die Zwerge
+hat der Markgraf nie gesehen; sie werden auch nicht zurückkehren,
+solange er regiert. Auch wird er mit König Johann nie konkurrieren. Es
+wird ihm nichts daran liegen, achtzehn oder zwanzig Turniersiege im Jahr
+zu behaupten, die modischste Rüstung zu haben, möglichst oft in Paris zu
+sein. Aber darauf sehen wird er, daß sein Name selten in der
+Korrespondenz des Messer Artese aus Florenz vorkommt, daß die Kaufleute
+ihre Transporte in Sicherheit führen können, daß in den Städten feste,
+redliche Behörden sitzen.«
+
+Margarete schwieg. Ähnliches hatte Schenna schon oft geäußert. Es fiel
+ihr auf, daß früher die gleichen Dinge in seinem Munde ironisch
+geklungen hatten, ablehnend, während er jetzt fast mit Anerkennung von
+diesen bürgerlichen Eigenschaften des Fürsten sprach.
+
+Herr von Schenna blieb bei seinem Lieblingsthema. Die alte Zeit war
+vorbei. Rittertum und Rittersitte war wohlfeil geworden und Attrappe.
+Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen
+und darauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt,
+in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Es war
+vielleicht schöner gewesen früher, bunter, ehrlicher. Aber die Welt war
+verwickelter geworden. An Stelle der Burg trat die Stadt, an Stelle des
+kräftigen Einzelnen die Organisation. Wenn der fahrende Ritter Herberge
+verlangte, Speis' und Trank, forderte man von ihm -- Gotts Marter! --
+Bezahlung. Nicht ihm gehörte die Zukunft, sondern dem Bürger, nicht der
+Waffe, sondern der Ware, dem Geld. Mochten Herren wie König Johann noch
+so herrlich herfahren über die Erde; was sie taten, blieb ohne Bestand.
+Bestand hatte das kleine, langsame, sorgfältige, rechenhafte Gewerk der
+Städte; sie bauten winzig, sie bauten ängstlich, aber sie bauten Zelle
+an Zelle, schichteten Stein um Stein, unablässig.
+
+Margarete war überzeugt von der Richtigkeit solcher Grundsätze. Hatte
+sie es nicht an sich selber tief und grauenvoll erlebt? Was war Liebe?
+Was waren Abenteuer? Das höhlte einen aus, zerrieb, machte wund und
+leer. Gedanken, die sie früher schon gedacht, setzten sich tiefer,
+wurden wesenhaft, mischten sich ihr ins Blut. Ihre Häßlichkeit war
+Geschenk, der Wegweiser, mit dem Gott ihr den rechten Weg zeigte.
+Rittertum, Abenteuer, das war bunter Schaum und Schein. Ihr Amt war, in
+die Zukunft zu bauen. Städte, Handel und Handwerk, gute Straßen, Ordnung
+und Gesetz. Ihr Amt waren nicht Feste und Fahrten und Liebe; ihr Amt war
+nüchterne, ruhvolle Politik.
+
+Sehr kam solchen Grundsätzen das Wesen des Markgrafen entgegen. Sie
+erkannte genau, wußte, spürte, wie eng und pedantisch er war. Aber sie
+achtete seine Tüchtigkeit und Verlässigkeit, gewöhnte sich daran als an
+etwas Freundhaftes, schwer zu Entbehrendes. Die Gatten waren viel
+zusammen, aßen zusammen, schliefen zusammen. Arbeiteten zusammen. Gutes
+Einverständnis war von ihm zu ihr. Ihre Gedanken schmiegten sich
+ineinander. Margarete regte an; aber so unmerklich, daß nicht zu
+unterscheiden war: wer war Führer, wer geführt? Oft, im Gespräch mit
+Konrad von Teck, sagte der Markgraf anerkennend: »Ja, meine Frau, die
+Maultasche.« Bei alledem blieb Margarete im Innersten zugesperrt, ihre
+Umkrustung war nicht zu durchbrechen, es blieb bei einer freilich großen
+und ehrlichen Höflichkeit.
+
+Im zweiten Jahr ihrer Ehe wurde Margarete schwanger. Ihr Wesen wurde
+gelöster dadurch, ihre volle, dunkle Stimme klang wärmer; aber jene
+Fremdheit und Starrheit fiel nie ganz von ihr ab. Sie blieb frei von
+heftigen, überschwenglichen Begierden, gleichmäßig, ohne stärkeres
+Gefühl. Sie sah, daß das Kind, ein Mädchen, weder schön noch häßlich
+war. Es hatte die harte, eckige Stirn des Vaters und, Gott sei Dank,
+seinen, nicht ihren Mund. Sie betreute das Kind sorglich, mütterlich,
+pflichtbewußt, ohne Herzlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Der Papst zog den Arm des jungen Markgrafen Karl von Mähren-Luxemburg in
+den seinen, führte den Fürsten, eifrig auf ihn einredend, in dem
+behaglichen Zimmer auf und ab. Draußen, über der weißen Stadt Avignon,
+brannte helle, starke Sonne. Im päpstlichen Palast war es angenehm
+dämmerig, nicht zu heiß. Der sechste Klemens, dunkles, starkes, sehr
+repräsentatives Gesicht, die Konturen gehoben durch die bläulichen
+Schatten des Rasierens, hatte ein zärtliches, pflegliches Gefühl für den
+jungen Fürsten, seinen lieben, verständnisvollen, empfänglichen Zögling.
+Der hatte ihm die Tiara, er jenem die römische Kaiserkrone vorausgesagt.
+
+Ja, und nun war es an dem. Der Wittelsbacher, der tölpische Bär, hatte
+zu gierig nach jeder Beute getappt. An dem letzten, übergroßen Bissen,
+an Tirol, sollte er erwürgen und ersticken. Mochten die Kurfürsten, die
+Städte des Römischen Reichs sich noch so vorsichtig und unbehaglich
+gegen die Kontrolle der Kurie sperren; der üble Geruch, der von den
+tirolischen Händeln ausging, stank allen so in die Nase, daß sie an der
+Person dieses Usurpators Ludwig von Bayern doch wohl nicht festhalten
+konnten. Ja, jetzt kam er angekrochen, der Wittelsbacher. Demütig
+winselte er vor dem päpstlichen Stuhl, erkannte das lange Verzeichnis
+seiner Verbrechen an, bot Unterschrift und Unterwerfung. Klemens
+lächelte, faßte seinen jungen Schüler fester um die Schulter. Der Bayer
+kam zu spät. Schon hatte er, Klemens, in feierlichem Konsistorium den
+großen Kirchenbann über ihn ausgesprochen, schon das Kurfürstenkollegium
+aufgefordert, zur Wahl eines neuen Königs zu schreiten. Wenn morgen sein
+lieber Schüler Karl von Luxemburg an den Rhein fährt, nach Rhense, zur
+Wahl, kann er die Gewißheit mitnehmen: der Papst hat alles getan, durch
+Segen und Verdammung, seine Prophezeiung von der Kaiserkrone wahr zu
+machen.
+
+Wenige Tage später gab denn auch die Majorität der Kurfürsten dem
+Luxemburger ihre Stimmen. Von den fünf Fürsten, die für ihn stimmten,
+war der erste sein Vater, der zweite sein Oheim, der dritte ein
+Erzbischof ohne Stift und Land, der vierte und fünfte durch viel Gold
+erkauft.
+
+Karl, nachdem ihm der Vorsitzende des Kollegiums, der Erzbischof Balduin
+von Trier, das Ergebnis der Wahl verkündet hatte, nahm die Umarmung
+seines Vaters, die Glückwünsche der Kurfürsten entgegen. Sandte einen
+Eilkurier an den Papst. Dann, allein, breitete der lange, hagere Mann
+die Arme, atmete. Erwählter Deutscher König, Römischer Kaiser bald. Er
+war nicht wie sein Vater, der Blinde, der Ritter. Er wird nicht glänzen,
+alles, wie er es an sich gerafft, verstreuen. Er wird haben, halten,
+besitzen. Er war aber auch nicht wie der Bayer, der Langsame,
+Pedantische, Bürgerliche. Burg _und_ Stadt, das war es, Militär _und_
+Verwaltung. Nicht Territorien allein erraffen, was ist das groß? Sie
+beackern, sie durchkneten. Kirche, Kunst, Wissenschaft, Städtebau.
+Sammeln, häufen, pflegen. Alles sammeln und pflegen: Länder, Städte,
+Titel, Schlösser, Gelehrte, Reliquien, Kunstdinge. War er eitel? War er
+habgierig? Nein, dies war wohldurchdachte, wohlerkannte Fürstenpflicht.
+Der hagere, sehnige Herr setzte sich an den Schreibtisch. Notierte sich
+Richtlinien, entwarf ein Schema, einen Kanon seiner Regierung.
+Disponierte wissenschaftlich Tugenden, Erfordernisse, Pläne. Teilte sie
+ein: Ziffer eins, zwei, drei. Arbeitete viele Stunden, tief in die Nacht
+hinein.
+
+Überlas das Geschriebene. Stak in all dem nicht doch ein bißchen
+Eitelkeit? Er war fromm, Eitelkeit war Sünde. Er wird büßen. Er sammelte
+leidenschaftlich Reliquien: Dornen aus der Krone Christi, Kleider,
+Schädel, Arme von Heiligen. Aus Pavia hat man ihm die Überreste des
+heiligen Veit angeboten. Der Heilige war viel zu teuer. Er wird, zur
+Buße, diese Reliquien trotz der Übervorteilung erstehen.
+
+ * * * * *
+
+Vor Margarete stand ein kleiner, fetter, zappeliger Mensch, war sehr
+unterwürfig, sprach gaumig glucksend. Nannte sich Mendel Hirsch. War
+Jude. War während der Verfolgungen durch die Brüder Armleder aus dem
+Bayrischen nach Regensburg geflohen, dort von der Bürgerschaft geschützt
+worden. War aus den hundertundsiebenundzwanzig Gemeinden, in denen
+damals die Juden erschlagen worden waren, einer der wenigen Entkommenen.
+Jetzt hatte er einen Schutzbrief des Kaisers, vorsichtshalber auch einen
+des Gegenkönigs Karl.
+
+Die Herzogin hatte niemals einen lebendigen Juden aus der Nähe gesehen.
+Aufmerksam, mißtrauisch, leicht angewidert, beschaute sie den dicken
+Mann, der in braunem Rock und spitzem Hut vor ihr herumagierte, rasch
+sprudelnd, gurgelnd, possierlich zappelnd. So also schauen die aus, die
+Hostien schändeten, unschuldige Kinder gräßlich marterten, das von Gott
+verfluchte Geschlecht, das Gott gemordet hat. Sie hat oft von den
+fremden, unheimlichen Menschen gehört, erst unlängst, anläßlich der
+letzten Judenmetzeleien, mit dem Abt Johannes von Viktring eingehend
+darüber gesprochen. Der hatte die Verfolgungen weder gutgeheißen noch
+sie mißbilligt. Es erfüllte sich eben an dem geschlagenen Volk die
+uralte Verwünschung, die es sich mit eigenen Lippen herabgeflucht: »Sein
+Blut über uns und unsere Kinder!« Der Abt zuckte die Achseln, zitierte
+einen antiken Klassiker: »Weh Unseligem mir! Viel fürcht' ich, weil viel
+ich verbrochen.«
+
+Margarete fand diese Lösung ein bißchen zu einfach. Gewiß, ein Mann, der
+so eine Judenverfolgung anfachte, mochte aus Eifer für die Sache Gottes
+handeln. Vielleicht. Sicher war, daß er viel daran verdiente. Denn gab
+es ein probateres Mittel, den jüdischen Gläubiger loszuwerden, als ihn
+totzuschlagen? Warum, wenn es nützlich und gemäß war, sie zu vertilgen,
+setzten sich just die weisesten geistlichen und weltlichen Herrscher für
+sie ein? Die Gesetze des zweiten Hohenstaufenfriedrich, die Bullen des
+vierten Innozenz bewiesen eine sehr andere Auffassung als die ihres
+wackeren Abtes. Und der jetzt regierende Klemens -- er war ihr Feind,
+aber verflucht gescheit -- warum stellte sich der so breit und schützend
+mit Bullen und strengen Gesetzen vor sie hin?
+
+Sie schaute auf den kleinen Mann, der sich vor ihr abarbeitete. Er
+erzählte von dem Jämmerlichen, was er durchgemacht. Wie man seine Leute
+in ihre Bethäuser zusammengetrieben und verbrannt habe, andere in Säcke
+gesteckt, mit Steinen darin, und elendiglich im Rhein ersäuft, wie man
+sie verstümmelt, gemartert, erwürgt, Frauen vor den Augen ihrer
+angepflockten Männer geschändet, aufgespießte Kinder wie Fahnen aus den
+Fenstern brennender Häuser gehängt habe. Er erzählte das hastig, mit
+vielen saftigen Einzelzügen, gestikulierend, seine bunten, gurgelnden
+Worte überkugelten sich, er lächelte entschuldigend, anklagend,
+resignierend, streute spaßige Sätze in seine Erzählung, rief Gott an,
+strähnte nervös seinen mißfarbenen Bart, wiegte den Kopf. Die Herzogin
+hörte ihm schweigend zu; in einer Ecke hockte Herr von Schenna, in
+schlechter Haltung, betrachtete aufmerksam den kleinen, eifrigen,
+possierlichen Mann.
+
+Mendel Hirsch bat, sich in Bozen niederlassen zu dürfen. Er war auf dem
+Weg nach Livorno zu Glaubensgenossen. Aber jetzt, beim Anblick der
+aufblühenden Städte und Märkte Tirols, war ihm beigefallen, hier sei
+besserer Boden, neuerer. »Transithandel, gnädigste Frau Herzogin!« sagte
+er. »Transithandel! Messen! Märkte! Hier führten die großen Straßen von
+der Lombardei nach Deutschland, von den slawischen Ländern in die
+romanischen. Warum sollten Trient, Bozen, Riva, Hall, Innsbruck,
+Sterzing, Meran schlechter sein als Augsburg, Straßburg?« Schon seien
+die Bischöfe von Brixen und Trient geneigt, Juden in Schutz und Privileg
+aufzunehmen. Er werde mit gnädiger fürstlicher Erlaubnis den Handel hier
+rasch hochbringen. Geld ins Land, viel Geld, großes Geld. Er verfüge
+über Kapital in beliebiger Höhe. Bediene kulanter als die Herren in
+Venedig und Florenz. Er werde Wein, Öl, Holz exportieren; Seide,
+Pelzwerk, Schwerter einführen, spanische Wolle, Juwelen, maurische
+Goldarbeit; aus dem slawischen Osten Felle, vor allem auch Sklaven. Die
+brauche man hierzulande nicht? Man habe genügend leibeigene Bauern?
+Nicht? Also nicht. Aber Glas, das brauche man doch, sizilianisches Glas,
+er habe ausgezeichnete Verbindungen. Und gefärbtes Tuch brauche man
+auch. Und Zimt, Pfeffer, Gewürz. Er werde schon machen. Man möge ihn nur
+machen lassen.
+
+Margarete sagte, sie werde seine Bitte in Erwägung ziehen. Als er fort
+war, überlegte sie mit Schenna. Dem gefielen die Projekte des Juden
+sehr. Gewiß solle man ihn hereinlassen, ihn zu halten suchen. Das sei
+die neue Zeit, das bringe Leben ins Land. Beim Turnier freilich werde
+Herr Mendel Hirsch keine gute Figur machen, die Barone, wohl auch die
+Bürger, würden die Stirn runzeln. Aber just wegen dieser faulen
+Überheblichkeit solle man dem trägen Volk den raschen, beweglichen Mann
+in den Pelz setzen.
+
+So kam also der Jude Mendel Hirsch nach Bozen. Er kam mit einem Gewimmel
+von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Schwiegertöchtern, Enkeln; auch
+drei Säuglinge waren dabei und eine uralte, mummelnde Großmutter. Das
+kribbelte mandeläugig, flinkfüßig, vielwortig durch die Straßen Bozens,
+beschaute die bunten, stattlichen Häuser, Mauern, Tore, Plätze,
+Menschen, schätzte ab, urteilte mit raschen, lauten Worten und Gesten.
+
+Man kann nicht sagen, daß die Bozener Bürger den Juden Mendel Hirsch
+gerade begeistert aufgenommen hätten. Es bedurfte vielmehr erst der
+strengen Vermahnung des Markgrafen -- der wie sein Vater, der Kaiser,
+die Juden als städteförderndes Volk schätzte und begünstigte --, bis sie
+ihm überhaupt nur Unterkunft gewährten. Und auch dann behandelten sie
+ihn denkbar grob und mißtrauisch, riefen die Kinder von den Straßen, wo
+er ging, wischten sich die Ärmel, wenn sie ihn angestreift, riefen ihm
+Schimpf- und Spottworte nach, bewarfen ihn hinterrücks mit Kot. Der
+kleine, fette, bewegliche Mann tat, als sehe und höre er nichts, putzte
+sich ab, wenn man ihn besudelte, lächelte, strähnte sich den verfärbten
+Bart. Trieb man es zu arg, wiegte er den Kopf, machte: »Nu, nu!« Er
+blieb immer gleich unterwürfig, kam wieder, wenn man ihn davongejagt
+hatte. Kaufte sich ein Haus, noch eines, ein drittes. Waren kamen für
+ihn, stapelten sich, fremdartige, schöne, in einer Fülle, wie man sie
+nie gesehen, nicht zu teuer. Er kaufte, was man ihm anbot, prüfte rasch,
+sicher, hatte immer Geld, zahlte bar. Die eingesessenen Kaufleute
+machten scheele Gesichter, die übrigen Bürger gewöhnten sich an den
+Juden, schimpften wohl noch, aber mehr aus Gewohnheit, ohne Überzeugung.
+
+Wenn Mendel Hirsch besonders schöne neue Waren hatte, Tücher, Pelze,
+Juwelen, brachte er sie zuerst der Herzogin und Herrn von Schenna. Beide
+unterhielten sich gern mit dem flinken, weltbefahrenen Mann, der Wege,
+Waren, Menschen, Zusammenhänge gut kannte und aus sehr anderem,
+ungewohntem Gesichtswinkel sah. Er schnitt, kam man ihm in ernsthaftem
+Gespräch mit großen Worten, ein bitteres Gesicht; für Ritterlichkeit,
+Turnier, Fahnen und dergleichen Dinge hatte er eine gutmütige,
+schmunzelnde Verachtung, die Schenna ergriff und erheiterte. Er sagte:
+»Wozu immer klirren und recht haben? Ein bißchen Billigkeit, und allen
+ist geholfen.« Er wurde nervös und ängstlich vor Lanzen, Spießen,
+Rüstungen. Einmal, als er bei der Herzogin angesagt war, kam er nicht,
+weil viel Kriegsvolk unterwegs war. »Er ist feig,« sagte Margarete.
+
+»Gewiß,« sagte Herr von Schenna. »Mit einem Schwert tut er höchstens
+sich selber weh. Aber er geht allein und ohne Waffen herum unter einem
+Volk, das ihn anhaßt, und seine ganze Rüstung ist der Schutzbrief des
+Markgrafen.«
+
+Margarete erfuhr, daß er Abend für Abend in seinen krausen, hebräischen
+Büchern las, seine Kinder darin unterrichtete. Sie hörte von seinen
+seltsamen Gebräuchen, Gebetmantel, Gebetriemen, anderer Kost. Sie fragte
+ihn nach Einzelheiten. Er wich höflich und entschieden aus. Dies gefiel
+Margarete. Er war häßlich und besonders. Er war umkrustet. Sie war die
+Maultasch, er der Jud.
+
+Allmählich kamen mehr Juden ins Land. Nach Innsbruck, Hall, Meran,
+Brixen, Trient, Rovereto. Alle mit vielen mandeläugigen Kindern. An die
+zwanzig Familien. Geld floß herein, die Städte wurden größer, üppiger,
+die Straßen besser, neue, fremde Stoffe, Früchte, Gewürze, Waren drangen
+ein. Das Land in den Bergen lebte reicher, behaglicher.
+
+Die Woche über trieben die Juden vom frühen Morgen bis in die tiefe
+Nacht hinein ihren Handel. Kein Geschäft war ihnen zu gering, sie
+warteten stundenlang, unermüdlich, für jeden. Sie nahmen alle
+Demütigungen hin, bückten sich, wehrten sich nicht, trat man nach ihnen,
+spie man sie an. Aber am Freitagabend schlossen sie sich ein in ihren
+Häusern, waren ihren Sabbat über für niemand, auch für den größten Herrn
+nicht und für den wichtigsten Handel nicht zu sprechen. Das Volk stand
+vor ihren versperrten Türen, drohend: »Da treiben sie ihre Hexerei und
+verfluchte Hantierung. Zauberwerk, ruchlose, gottverdammte Kunst.« Doch
+die Juden ließen sich die Drohungen nicht kümmern, hielten Türen und
+Fenster gut zu.
+
+Mendel Hirsch pflegte an solchen Tagen viele festliche Lichter
+anzuzünden, den braunen Rock und den spitzen Hut mit schönen Kleidern
+aus alten Stoffen und prächtigen Mützen zu vertauschen, auch seine Frau,
+seine Töchter und Schwiegertöchter zogen sich prächtig an. Dann sang er
+mit seiner häßlichen, gaumigen Stimme Psalmen und Gebete, und seine
+Kinder sangen mit. Er ging und saß in seiner Wohnung herum, aß gut,
+trank gut, freute sich seiner Kinder und seines Reichtums. Las einen
+Abschnitt aus der Schrift vor, begleitete ihn mit kunstvollen
+Auslegungen, bezog ihn auf Ereignisse des Tages. Das Haus strahlte
+geschmückt, duftete von kostbaren Essenzen. Er legte den Kindern die
+Hand aufs Haupt, segnete sie, daß sie werden möchten wie Manasse und
+Ephraim. Er ging behäbig herum in seinem Haus, strähnte sich den Bart,
+wiegte sich, sagte: »Am Sabbat sind alle Kinder Israels Fürstenkinder.«
+
+Der Markgraf sagte zu Margarete: »Es war gut, daß man die Juden ins Land
+gesetzt hat. Sie bringen Geld herein, Bewegung, treiben an. Aber es hat
+schon seinen guten Grund, daß das Volk sie nicht riechen mag. Da lebt so
+was wie dieser Jud Mendel Hirsch. Hat keine Kirche, keine Spur Religion.
+Ist ärger als ein Heide und das liebe Vieh.«
+
+Herr von Teck mit seiner knarrenden Stimme sagte: »Das widerwärtigste
+ist, daß so ein Mensch nicht den leisesten Sinn hat für Würde. Wie sich
+das bückt! Wie das hündisch kriecht! Gewanz! Lausepack!«
+
+Margarete schwieg. »Er ist der Jud,« dachte sie, »ich bin die
+Maultasch.«
+
+
+
+
+Der blinde König Johann saß in der kahlen, niedrigen Bauernstube, sein
+Friseur kämmte ihm Haar und Bart. Der gestrige Tag war drückend heiß
+gewesen, aber jetzt kam, von Nordwest her, ein frischer Wind. Es war
+halb vier Uhr morgens, die Sonne war noch nicht da, der Himmel hell. Um
+den König waren zwei seiner Offiziere, fertig in Rüstung, sein
+Erzkämmerling und Adjutant, zwei Pagen. Der Luxemburger legte trotz
+seiner sechzig Jahre und seiner Blindheit größtes Gewicht auf
+einwandfreie Wappnung und Kleidung. Der Kämmerling und die Pagen rieben
+seine weiße, körnige Haut mit Essenzen, legten ihm umständlich Hemd,
+Unterkleid, die silberne Rüstung an.
+
+Der König hatte nur wenige Stunden geschlafen, aber er war frisch und in
+strahlender Laune. Vor ihnen war ein großes Gehölz, dahinter standen die
+Engländer. Heute also, endlich, wird man sich schlagen. Es wird kein
+Geplänkel, es wird eine heiße, große Schlacht sein. Es geht für den
+Engländer um alles.
+
+Wie der elegante, blinde Mann jetzt dasteht, gewaschen, gerüstet, den
+Sommermorgen schnuppernd, hat er alle die leisen, melancholischen
+Anwandlungen vergessen, die sonst manchmal in letzter Zeit aus seinem
+zerronnenen und zerdunsteten Leben in seine Nacht steigen. Wie ein Tier,
+das nach langem winterlichem Stall den Frühling wittert, sog er gierig
+den Geruch der Schlacht, der rings in der Luft war.
+
+Trat vor das Haus, frühstückte, scherzte mit seinen Herren. Kleiner,
+reiner Wind ging. Nun wird gleich die erste Sonne kommen.
+
+Sein Vater war Römischer Kaiser gewesen, mächtig über alle Christenheit.
+Er, Johann, kämpfte jetzt in französischem Sold; es hat eigentlich gar
+keinen Sinn gehabt, daß er sich in den großen Zwist zwischen England und
+Frankreich gemengt, er hat es aus bloßer Freude am Kampf getan. Zudem
+hat er das Geld verschleudert, das er von Frankreich für die
+Truppenwerbung erhalten, und muß jetzt ziemlich kläglich Ausflüchte
+suchen. Genau gesehen, hat sich ihm nichts, gar nichts gefügt. Wenn
+auch! Das geht ihn jetzt nichts an. Jetzt wird er kämpfen. Er ist sehr
+vergnügt.
+
+Man reichte ihm weiße Scheiben Brotes, Butter, Honig, einen Trank Met.
+Bienen summten um ihn. Er tätschelte die weichen Haare der Pagen.
+
+Er hat das Geld für die Söldner vertan. Er lächelte. Nun ja, wenn heute
+sein Sohn Karl Deutscher König ist, so hat jener Sold sein gut Teil dazu
+beigetragen. Karl darf es nicht wissen. Er ahnt es wahrscheinlich, aber
+wissen darf er es nicht. Er ist so korrekt. Gleichviel, gleichviel. Er
+liebt Frankreich, er hat Frankreich viele gute Dienste getan, er wird
+auch heute, er spürt es, das vertane Geld reichlich hereinbringen. Er
+schüttelte sich, reckte sich, fragte, ob die Sonne schon da sei.
+
+Man stieg zu Pferde, brach auf. Es ging durch ein großes Gehölz,
+dahinter stand auf dem weiten, staubigen Feld der Feind. Man hatte die
+Visiere noch nicht heruntergelassen; Vögel sangen, Zweige streichelten
+das Gesicht, man roch das Laub. Es war schön, zu leben, es war schön, im
+Morgen durch den Wald zu reiten, und dahinter stand der Feind.
+
+Ah, jetzt verstummten die Vögel. Klirren, Schreien, Dröhnen, stampfende,
+trappelnde Pferde, helle Trompeten, Staub, viel Staub. Man war am Ende
+des Waldes. Der König hielt mit seinen Herren. »Wie steht die Schlacht?«
+fragte er mit der Erregung des leidenschaftlichen Spielers. Seine Herren
+mußten ihm alle Wechsel des Kampfes schildern. Er kommandierte, warf
+Truppen hierhin, dorthin. Aber die Strategie des Blinden blieb
+notgedrungen theoretisch, die Offiziere korrigierten, ohne viel Worte zu
+machen, seine Befehle nach Belieben oder führten sie überhaupt nicht
+aus. Staub lag dicht auf dem Feld, legte sich grau, dick auf Halme,
+Gräser, Ähren, auf die Pferde, die Rüstungen. Die Schlacht hatte sich in
+zahllose, verbissene Gruppenkämpfe aufgelöst. Da hielt es den alten
+Herrn nicht mehr. Spürte er, daß seine Befehle leerer Schall waren,
+demütig entgegengenommen, unbeachtet weggeworfen wurden? Er reckte sich
+plötzlich hoch auf, sein braunes, gutes Pferd stieg, wieherte, er warf
+einen hellen, fröhlichen Schrei in das Gewieher, brach los. Seine
+Offiziere suchten ihn zu halten, die Pagen drängten brennend, hitzig
+vor. So kam er trotz allen Hemmungen ins dickste Getümmel, sein Schmuck,
+seine wertvolle Rüstung reizten Gegner. Er wurde umzingelt,
+herausgehauen, nochmals umzingelt. Vor allem zwei schottische Ritter,
+jüngere Söhne, Habenichtse, hatten es auf seinen Schmuck und den
+prachtvollen Brustpanzer abgesehen. Der blinde alte Herr sprach, schrie,
+lachte, stach um sich. Er war von seinen Offizieren getrennt, die Pagen
+hatten sich bei ihm gehalten. Er sprach, scherzend, grimmig, anfeuernd,
+zynisch, zu dem einen, dem blonden, feinen Jehan, seinem Liebling. Der
+war schon zusammengehauen, tot, aber der blinde König wußte es nicht.
+Endlich warf sein verwundetes Pferd ihn ab, begrub ihn. Man drang ein
+auf ihn, riß ihm Helm und Visier herunter, schlug ihm den Schädel ein.
+Da lag er still und jämmerlich im Staub, der rastloseste Mann und Fürst
+der Zeit, sein eleganter Bart war übel zerrauft und mit Blut verklebt,
+die schäbigen Ritter zerrten ihm den silbernen Panzer von der Brust, der
+Ring wollte nicht los von der steifen, im Staub verkrampften Hand, so
+hackten sie den ganzen Finger ab. Dann zog sich der Kampf weg, und die
+Franzosen, für die der Blinde ohne Sinn und ohne Zweck gekämpft hatte,
+wurden zersprengt und besiegt.
+
+Der tote König lag allein. Krähen und Raben kreisten.
+
+ * * * * *
+
+Karl von Luxemburg, der Deutsche König, hatte sich, verwundet, aus jener
+Schlacht gerettet. Der König von England, der immer gern und stolz
+betonte, wie ritterlich seine Kriegführung sei, hatte ihm die Leiche des
+Vaters mit ehrenvollem Geleite übersandt. Nun stand Karl vor den
+scheußlich verstümmelten Resten. Er hatte den Vater nie geliebt. Der
+alte Verschwender, der in so launischem Zickzack über die Erde gefahren
+war, der so toll und übermütig mit seinen Kronen gespielt hatte, statt
+sie zu wahren und zu festigen, hatte sein Erbe schwer gefährdet.
+Immerhin, es waren Rechte, Titel, Länder auf allen Seiten erworben. Er
+wird sich nicht verzetteln, er wird nicht überflüssig prahlerisch alles
+zu halten suchen; er wird zusammenstücken, runden. Nur auf die Sache
+sehen, nicht auf äußeren Glanz.
+
+Da lag nun dieser König Johann, sein Vater. Er war ein Ritter gewesen,
+der erste Ritter der Christenheit; er hatte groß geglänzt, nun lag er
+da, ein Haufe scheußlich verstümmelten, verwesenden Fleisches. Er hatte
+gelebt für nichts, er war gestorben für nichts. Er hatte über Kirche,
+Priester, Heilige gelacht und die Welt nicht unter seine Sohle
+gezwungen, hatte weder den Himmel erworben, noch die Erde. »Schlaf' in
+Frieden, Vater! Ich werde anders sein wie du.«
+
+König Karl ließ das Herz ausnehmen, die Fleischteile in siedendem Wasser
+von den Knochen lösen. Überführte die Gebeine in das heimatliche
+Luxemburg, ließ sie feierlich neben tiefverehrten Reliquien beisetzen.
+Dann ließ er -- Aachen hatte seine Tore gesperrt -- sich in Bonn als
+Deutscher König krönen, in Prag als Böhmischer. Kaiser Ludwig hielt
+jetzt, nach der Niederlage der Franzosen, die richtige Zeit für
+gekommen, an den Gegenkönig eine schwungvolle Protestnote zu richten. Er
+forderte ihn in großen Worten auf, von seinem Gebaren abzustehen und
+sich ihm, dem Stärkeren, zu unterwerfen. Karl antwortete im gleichen
+Stil, seine Stärke bestehe nicht in Kriegsheeren, sondern in dem großen
+Alliierten: Gott.
+
+Fürs erste aber sah er sich nach irdischen Alliierten um. Unterhandelte
+mit Ungarn, mit dem lahmen Albrecht. Karl hatte für sich Legitimität,
+Titel, Kirche, Religion, Sympathien, Ludwig die Macht. Ihre Länder
+grenzten aneinander; beide aber waren sie wägend und bedacht und
+verhüteten, daß hier Krieg losbrach. Der findige, anschlägige Karl
+glaubte vielmehr, die schwache Stelle des Wittelsbachers ganz woanders
+herausgefunden zu haben: in Tirol.
+
+Hier hatten die Bischöfe von Trient und Chur, denen Markgraf Ludwig
+verhaßt war, unablässig gewühlt und gezettelt. Die Feudalbarone,
+knirschend gegen die Brutalität und die Rechenhaftigkeit der
+Wittelsbacher, warteten nur darauf, die Luxemburger zurückzurufen. Auch
+die großen lombardischen Stadtherren, die Carrara, Visconti, della
+Scala, Gonzaga, sahen die bedrohliche Nachbarschaft Kaiser Ludwigs mit
+tiefer Besorgnis. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders vereinigte
+geschickt die Interessen dieser drei Oppositionsparteien. Er selber war
+Landeshauptmann von Tirol, der Markgraf begünstigte ihn, hielt ihn für
+zu gefährlich und zu einflußreich, mit ihm anzubinden. Allein der
+elegante Herr hatte feine Witterung; er spürte sehr gut, wie
+unsympathisch er dem Markgrafen war, wie der immer mehr Befugnisse
+seinem brutalen Freund, dem Konrad von Teck, und den anderen
+schwäbischen und bayrischen Herren übertrug.
+
+Er sandte Botschaft an König Karl. Kuriere, immer dringendere. Die
+Truppen der Bischöfe stünden zu seiner Verfügung, die lombardischen
+Söldner, die Kontingente der Barone. Karl entschloß sich. Die
+Gelegenheit konnte nicht besser kommen. Markgraf Ludwig kämpfte hoch im
+Norden, in Preußen. Möge er sich Ruhm gegen die Heiden erwerben. Tirol
+jedenfalls hatte weder Truppen, noch seinen Herrn.
+
+Es kam über Karl etwas von dem abenteuerlichen Geist seines Vaters.
+Heimlich brach er auf, von drei Vertrauten begleitet, alle vermummt, als
+Kaufleute reisend mit lombardischen Pässen. Reiste im schärfsten Frost,
+auf verschneiten Bergpfaden. Stand unerwartet in Trient. Feierliches
+Hochamt im Dom. Karl in kaiserlichem Ornat. Die Insignien freilich,
+Reichsapfel, Zepter, Schwert, leider nur Ersatz; die echten hielt der
+Wittelsbacher in strenger Hut. Glocken, Weihrauch. »_Gloria in
+excelsis_,« sang mit seiner fanatischen Stimme der finstere Bischof
+Nikolaus, sangen die Knaben. Karl hielt Parade ab: die Truppen des
+Bischofs Nikolaus, der italienischen Städte, des Bischofs von Chur, des
+Patriarchen von Aquileja, zahlreicher südtirolischer Barone, seines
+Bruders Johann, des rachgierigen. Mächtig brach er auf, nahm Bozen, nahm
+Meran. Lagerte dick und gewaltig vor Schloß Tirol.
+
+Hier war Margarete allein auf sich angewiesen. Der Markgraf und Konrad
+von Teck waren fern in Preußen, der Landeshauptmann Tägen von Villanders
+ließ sich nicht auffinden. Die Unterführer zögerten, verwiesen, fragte
+man sie: Ist die Burg zu halten? auf Gott, wälzten alle Entscheidung
+stets wieder auf Margarete zurück. Immer dichter und enger schloß sich
+der Kreis der Belagerer.
+
+Margarete ging herum in grimmiger Ruhe. Ihr Gatte Johann, der kleine,
+tückische Wolf, war vor dem versperrten Tor gestanden, und sie hatte ihn
+nicht hereingelassen. Jetzt kam er mit Gewappneten und Geschwadern und
+allem Pomp des Kriegs, sich den Eingang zu erzwingen. Sie hatte aus
+ihrer Vernichtung die Trümmer leidlich wiederzusammengestückt, hatte
+sich eine Ehe aufgebaut, hatte ihr Land und ihr Leben einigermaßen
+wieder in Ordnung und Fug gebracht. Es war nichts Großes, Schönes,
+Leuchtendes. Es war ein armseliges, mitgenommenes Stück Leben, Flickwerk
+hier, hier Ersatz, dort Lücke und Verzicht. Aber es war wohlerworben,
+war gerettet aus Schlamm und Nichts, war umzäunter, gesicherter Besitz.
+Und nun kamen jene Erbärmlichen ein zweites Mal und wollten es ihr
+entreißen! Oh, sie wird es dem geduckten, hintertückischen Karl zeigen
+und dem Johann, dem boshaften, lauersamen Wolf.
+
+Sie wußte, es kam darauf an, die ersten Tage auszuhalten. Sie hatte
+nicht viele, aber zuverlässige Truppen. Organisierte selber den
+Widerstand. Sie war nicht feig, trug -- alle sahen das -- keinen
+Augenblick Bedenken, sich zu exponieren. Ihr Wille, ihre hinreißende,
+umsichtige Energie ging über auf die Besatzung. Die ersten Stürme wurden
+sachlich und ohne große Opfer abgeschlagen; unter den Truppen des
+Schlosses herrschte eine gewisse grimmige Scherzhaftigkeit; die
+Markgräfin wurde vertraulich verehrt und bewundert. »Unsere Maultasch!«
+sagten die Soldaten.
+
+Ein Bayer war unter ihren Offizieren, ein junger, häßlicher Mensch, ein
+Albino, Konrad von Frauenberg. Die andern mieden ihn wegen seines
+abstoßenden, frechen, mürrischen Geweses. Margarete fiel er gerade
+dadurch auf. Sie übertrug ihm das Kommando der Verteidigung, verstand
+sich gut mit ihm. Fand ihn kurz und energisch von Wort und Sitte, wo die
+andern nichts sahen als mürrische Anmaßung. Er wiederum rühmte mit
+dreister, karger, quäkender Anerkennung ihre Tatkraft, ihre Anordnungen.
+
+Die Belagerer wurden von Tag zu Tag verdrossener. Es war klar: das Land
+konnte nur im Flug genommen werden oder gar nicht. Jetzt lag man da, vor
+unerwartetem Hemmnis, belagerte eine Frau, die häßliche, verachtete
+Herzogin, die Maultasch, kam nicht vorwärts. Unflätig schimpfte, fluchte
+Johann. Herr von Schenna hatte das Gerücht verbreitet, die Luxemburger
+wollten Tirol nur, um es an die Visconti zu verschachern, an die
+Mailänder; sie hätten bereits heimlichen Vertrag gemacht. Die
+tirolischen Hilfstruppen faßten Mißtrauen, murrten auf, hielten keine
+Zucht mehr, verliefen sich. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders
+zog sich von den Luxemburgern zurück, wurde unauffindbar auch für sie.
+Schon stand der Markgraf, in Eilmärschen von Norden kommend, in Bayern,
+wo der Kaiser ihn mit vielen Regimentern verstärkte. Als er in Innsbruck
+eintraf, war plötzlich Herr von Villanders in seinem Lager, sagte, ja,
+er habe mit dem Gedanken gespielt, zu König Karl überzugehen, habe sich
+aber jetzt reuig eines Besseren besonnen, ehe noch ein entscheidender
+Schritt geschehen. Bat um Verzeihung, führte dem Markgrafen, dem hart
+und steif blickenden Konrad von Teck, seine Truppen zu.
+
+ * * * * *
+
+Karl schluckte an dem unvorhergesehenen Hemmnis, preßte die Lippen,
+würgte. Es war unbegreiflich, daß seine wohlgerüstete Armee vor diesen
+Mauern scheitern sollte. Woher nahm die Frau, diese im Grunde doch
+lächerliche Maultasch, die Kraft? Er war tief beunruhigt, betete,
+erforschte sein Gewissen. In Trient hatte man ihm einen Finger des
+heiligen Nikolaus vorgezeigt. Er hatte die kostbare Reliquie erwerben
+wollen -- eine Hand des Heiligen besaß er bereits --, aber man gab den
+Finger nicht her. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, zog kurz
+entschlossen sein Messer heraus, schnitt ein Glied des Fingers ab, nahm
+es mit sich. Vielleicht hatte das den Heiligen verdrossen, vielleicht
+hielt der das Glück von seinen Fahnen ab und wog es der Feindin zu. Karl
+schickte mit einem weitschweifigen Entschuldigungsschreiben den Knochen
+zurück.
+
+Allein, es half nicht mehr, seine Reue kam zu spät. Der Markgraf war
+nahe. Nahm man den Kampf erst an, so war große Gefahr, daß der Rückweg
+nach Italien abgeschnitten würde. Karl hob sich weg von Schloß Tirol.
+Trat den Rückzug nach Süden an, in verbissener Wut. Es kläffte Johann,
+es schäumten die italienischen Barone. Karls Straße war Raub, Brand,
+Verwüstung. In Asche Meran, in Asche Bozen, überall im Etschland die
+Äcker verwüstet, die Reben abgeschnitten, die Häuser zerstört.
+
+Klirrend unterdes ritt der Markgraf in Schloß Tirol ein. Umarmte
+Margarete stürmisch, ehrlich. Nie hatte man ihn so herzlich gesehen. Sie
+hatte, sie allein, Tirol gerettet. »Unsere Maultasch!« sagte der
+Markgraf zu Konrad von Teck, ihr die Schulter klopfend. »Unsere
+Maultasch!«
+
+ * * * * *
+
+Konrad von Teck nützte die Gelegenheit, den einheimischen Adel bis zur
+völligen Machtlosigkeit zu demütigen. Margarete spürte die ganze,
+überlegte Grausamkeit seiner Maßnahmen. Doch sie ließ ihn gewähren,
+hatte nie Einwände. Seitdem sie Tirol für die Wittelsbacher gerettet,
+fühlte sie sich ihrem Gatten herzlich und von innen her verbunden. Sie
+fühlte sich eins mit dem Land, ihr eigenes, leibliches Wohlbefinden
+verlangte, daß das Land nach wittelsbachischen Grundsätzen verwaltet
+werde: der Adel geduckt, Städte und Bürger gehoben. Langsam richtete sie
+sich auf, zusammen mit dem Land, befreit von dem Druck der Barone.
+
+Sie saß auf ihrem Schloß Maultasch. Sie bohrte sich, wühlte sich in das
+Land hinein. Sie hatte nun drei Kinder, zwei Mädchen und den Knaben
+Meinhard. Sie besorgte sie treulich; aber sie hatte nichts mit ihnen
+gemein. Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flüsse, Täler, Städte,
+Schlösser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die
+Flüsse ihre Adern.
+
+Einmal ging sie im Mittag allein spazieren, am Ufer der Passer, legte
+sich unter Felsen, ruhte, nickte ein. Da weckte sie eine hohle, feine
+Stimme. »Grüß' Gott, Frau Herzogin!« Sie fuhr auf, sah ein winziges,
+kleines, behaartes, bebartetes Wesen im Geklüfte stehen, sich mit
+raschen, zutraulichen, possierlichen Bewegungen viele Male neigen,
+verschwinden. Ein Zwerg! Die Zwerge waren wieder im Land! Die Zwerge,
+die nur kamen, wenn sie sich sicher fühlten, die nur dem wirklichen
+Fürsten sich zeigten, waren ihr sichtbar. Jetzt war sie in Wahrheit die
+Herrin des Landes in den Bergen.
+
+
+
+
+König Karl verließ bald, nachdem er die Belagerung von Schloß Tirol
+aufgegeben hatte, das Land in den Bergen. Mit mancherlei Reliquien, aber
+sonst geringem Gewinn. Er verfehlte nicht, auf seinem Rückzug vor allem
+noch die Grafen von Görz gegen den Brandenburger aufzustacheln; auch
+verlieh er, dem Beispiel seines Vaters folgend, an Fürsten und Herren
+viele tirolische Städte und Gerichte, die er nicht besaß, so dem
+Wittelsbacher immer neue Feinde aufwühlend.
+
+Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er für die Mißerfolge in Tirol
+bald reichlich entschädigt durch eine unerwartete Wendung im Kampf um
+das Reich. Ganz plötzlich, auf einer Bärenhatz, in der Nähe seiner
+Hauptstadt München, starb Kaiser Ludwig, der Wittelsbacher. Ein
+Schlaganfall warf den vollblütigen Mann vom Pferd, eine alte Bäuerin
+drückte ihm die riesigen, treuherzigen, blauen Augen zu, Mönche führten
+die Leiche heimlich fort, sie trotz Bann und Interdikt geweiht und
+heilig zu bestatten.
+
+Da stand nun Karl von Böhmen, und sein Feind, der die weiten Länder
+unter sich hatte und dem die Städte anhingen, war tot. Die Heiligen
+hatten geholfen. Er, Karl, stand jetzt, da das Jahrhundert sich
+scheitelte, als unbestrittener Deutscher König ohne Nebenbuhler.
+
+Er war des Streites mit den Wittelsbachern müde, sie des Streites mit
+ihm. Der lahme Albrecht vermittelte. Karl verzichtete gleichwie sein
+Bruder Johann auf Tirol und Kärnten, belehnte den Markgrafen mit diesen
+Ländern, versprach, die Kurie mit ihm auszusöhnen. Die Wittelsbacher
+dagegen erkannten ihn als Deutschen König an, leisteten ihm Huldigung,
+lieferten ihm die Reichskleinode aus.
+
+Die Reichskleinode! Karl hatte sich schmerzhaft danach gesehnt. Er besaß
+so viele teure Reliquien, nicht diese kostbarsten Zeichen der Macht, die
+ihm gehörte. Er hatte sich und seine Würde nackt und bloß gefühlt,
+solange er sie nicht besaß und sich mit nachgemachtem Zeug begnügen
+mußte. Jetzt führte er die süßen, werten Dinge in feierlichem Zug nach
+Prag in seine Schatzkammer. Die heilige Lanze war darunter, auch ein
+Nagel von der Kreuzigung, sowie ein Arm der heiligen Anna. Vor allem
+aber das altertümliche Zepter, der Reichsapfel von hellem, blassem Gold,
+die zackige Krone, das Schwert, das Karl dem Großen durch einen Engel
+gegen die Heiden geschickt worden war. Im Dom von Prag ließ der König
+die Kleinode weihen. Dann brachte er sie selbst in das Schatzgewölbe. Da
+lagen sie nun unter den bleichen Knochen der Märtyrer, unter Juwelen,
+unter kostbaren Büchern und Bildern, unter Akten und Verträgen, unter
+heiligen Spießen, Dornen von Christi Krone, Splittern von Christi Kreuz.
+Der hagere König stand davor, lächelte mit schmalen Lippen, streichelte
+mit der mageren, knochigen, bräunlichen Hand die Zinken der Krone, die
+merkwürdigen Kanten des unregelmäßigen, keineswegs runden Reichsapfels,
+das stumpfe, rostige Schwert des großen Karl, des Ersten seines Namens.
+
+ * * * * *
+
+Agnes von Taufers-Flavon kam selten auf ihre tirolischen Güter. Auch
+ihre jüngere Schwester hatte sich mittlerweile vermählt, mit einem Herrn
+von Castelbarco, der politisch sehr zweideutig war, zwischen dem Bischof
+von Trient, gewissen italienischen Stadtherren und dem tirolischen Hof
+hin und her pendelte, im übrigen außerordentlich reiche Pflegen und
+Privilegien besaß. Agnes reiste viel, lebte häufig bei ihrer älteren
+Schwester in Bayern, bei ihrer jüngeren in Italien. Man hatte sie nach
+der Austreibung Herzog Johanns nicht weiter behelligt; in allen Fragen,
+die zwischen ihr und der markgräflichen Verwaltung strittig sein
+konnten, gaben auf ihre kluge Weisung ihre Amtsleute nach, ehe es zu
+Streitigkeiten kam. Sie ging zu Hofe nicht öfter, als es der Anstand
+erforderte, vermied es peinlich, aufdringlich zu erscheinen.
+
+Sie war jetzt von erregender, bewußter, fast beängstigender Schönheit.
+In Italien legte man ihr Städte und Fürstentümer zu Füßen, schlug sich
+tot für sie. Selbst die plumpen Bayern schnalzten mit der Zunge,
+klatschten sich die Schenkel, erklärten: ah, da lege man sich nieder,
+begingen Dummheiten für sie. Sie schritt liebenswürdig mit kleinem,
+vieldeutigem Lächeln durch die Huldigungen, Kämpfe, Selbstmorde.
+
+Erschien sie selten am tirolischen Hof, so zeigte sie, wo immer sie war,
+das brennendste Interesse für die tirolischen Dinge. Gierig hörte sie,
+mit halbgeöffneten Lippen, von Margaretes Tätigkeit. Ihre Maßnahmen
+gegen den Adel, für die Städte, für die Juden, ihre Verteidigung gegen
+die Luxemburger, jeden kleinsten Zug aus Margaretes Leben ließ sie sich
+berichten, wieder und wieder erzählen. Niemals indes griff sie mit einem
+Wort oder gar mit einer Tat ein. Forderte man ein Urteil von ihr, so bog
+sie aus, sagte Belangloses, lächelte.
+
+Sehr gern zeigte sie sich dem Volk. Sie war hochmütig, sie erwiderte
+keinen Gruß. Niemals stiftete sie Geld für die wohltätigen Anstalten der
+Dörfer und Städte; auch die Bauern ihrer Güter wurden schlecht
+behandelt. Dennoch sah das Volk sie gern. Man stand an ihrer Straße,
+wenn sie kam, bewunderte sie, schrie hoch, liebte sie.
+
+Häufig erhielt sie den Besuch des Messer Artese aus Florenz. Agnes lebte
+sehr verschwenderisch, sie brauchte immer von neuem die Hilfe des
+unscheinbaren, oft sich neigenden Florentiner Bankiers, der Pfandrecht
+bereits auf alle Güter hatte. Messer Artese erzählte ihr viel vom
+Tiroler Hof. Er war gar nicht gut auf den Markgrafen und die Maultasche
+zu sprechen. Wohl war Ludwig immer in finanziellen Nöten; denn seine
+Kriege verschlangen gewaltige Summen. Aber er lieh sich von seinen
+bayrischen und schwäbischen Herren, vermied ängstlich die Hilfe des
+guten, dienstbereiten Messer Artese; ja, er löste sogar mit Opfern die
+Pfänder aus, die dieser noch in Händen hatte. Auch die gewalttätige Art,
+mit der des Markgrafen Statthalter Konrad von Teck Geld und Gut an sich
+zu bringen pflegte, diese Konfiskationen und Hinrichtungen gingen dem
+stillen, höflichen Florentiner sehr wider den Strich. Geld verdienen,
+gewiß; Geld, wenn es nicht gestohlen ist, kommt von Gott. Säumige
+Schuldner nicht schonen, verfallene Pfänder eintreiben,
+selbstverständlich. Aber alles mit Manier, höflich, in guten Formen.
+Gefängnis, Kopf ab -- pfui, das tut man nicht, das schickt sich nicht.
+
+Am meisten aber war Messer Artese erbittert über die Bevorzugung des
+Juden Mendel Hirsch. Was? Ihm, dem stillen, bescheidenen, gebildeten
+lateinischen Herrn und guten Christen zog man den stinkenden,
+zappelnden, gurgelnden, frechen, aufdringlichen Juden vor, den
+widerwärtigen Höllenbraten? War es nicht genug, daß dieses
+pestilenzialische, gottverfluchte Volk, das unsern lieben Herrn und
+Heiland gemartert und gekreuzigt hat, die deutschen und die
+italienischen Städte verseuchte? Mußte ihnen die unselige Maultasch auch
+noch das Land in den Bergen hinwerfen, daß sie hineinkrochen wie Würmer,
+alles anfraßen, nicht mehr wegzubringen waren? Da saßen sie nun, das
+ekle Geziefer, waren überall zur Stelle, drängten jedermann ungerufen
+ihr Geld auf und erdreisteten sich, das elende, erbärmliche Gesindel,
+niedrigere Zinsen zu verlangen als er, der hochangesehene, ehrsame, bei
+allen Fürsten und Herren wohlgelittene Florentiner Bürger! Das Gesicht
+des sonst so sanften, gesitteten, beherrschten Mannes verzog sich zu
+einer Fratze maßlosen Wütens.
+
+Agnes hörte ihm still zu. Sie hörte alles, schrieb es in ihr Gedächtnis,
+bewahrte es wohl auf, war außerordentlich liebenswürdig zu Messer
+Artese. Der fing sich wieder ein, entschuldigte sich viele Male, glitt
+ins Dunkle.
+
+ * * * * *
+
+Nach dem Abkommen mit König Karl bestritt niemand mehr Margarete und dem
+Markgrafen den sicheren Besitz von Tirol. Durch den Tod seines Vaters,
+des Kaisers, war Ludwig in mannigfache, schwierige Erbstreitigkeiten mit
+seinen Brüdern gekommen. Schließlich einigte er sich dahin, daß er aus
+diesem Erbe Oberbayern tatsächlich, von der Markgrafschaft Brandenburg
+aber nur den Titel und die Kurwürde behielt. Der Sorge um Brandenburg
+ledig, regierte er in seinem gesicherten Tirol; seine Macht reichte von
+Görz bis ins Burgundische, von der Lombardei bis an die Donau. Er nannte
+sich Markgraf zu Brandenburg und zu Lausitz, des Heiligen Römischen
+Reichs Oberster Kämmerer, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Bayern und in
+Kärnten, Graf zu Tirol und zu Görz, Vogt der Gotteshäuser Agley, Trient
+und Brixen.
+
+Margarete war zu ihm von herzlichem, fast mütterlichem Einverständnis.
+Es war ihr Gewißheit geworden, Gott hatte ihr alle fraulichen Reize
+genommen, daß sie all ihre Fraulichkeit in ihre Regentschaft senken
+müsse. Solche Erkenntnis hatte sie befriedet. Sie lag ganz in Ruhe wie
+windstilles Wasser. In ihren Entscheidungen war eine große, gerade
+Selbstverständlichkeit. Die Frau und die Regentin war eines. Was sie
+riet, was sie tat, war nie erklügelt, umwegig. Es war von einer geraden,
+gewachsenen, warmen Mütterlichkeit, die oft nicht dem Buchstaben, der
+Regel entsprach, aber stets ihren inneren, wohltätigen Sinn hatte.
+
+Es war ein schwieriges, steiniges Regiment, das sie zu führen hatte.
+Immer wieder Krieg: mit dem Luxemburger, den Bischöfen, den
+lombardischen Städten, den aufsässigen Baronen. Immer wieder das
+sorglich Aufgebaute niedergerissen, verheert. Dazu Erdbeben,
+Überschwemmungen, Feuersbrünste, Seuchen, die Heuschreckenplage. Die
+Finanzen durch die ständigen militärischen Ausgaben übel zerrüttet. Es
+war nicht leicht, unter diesen Widernissen das Land blühen zu machen.
+Aber ihre starke, Vertrauen atmende und gebende Fraulichkeit strömte ein
+in das Land, hielt es hoch, gab ihm immer neuen Schuß und Saft. Sie
+schuf Ausgleich, befreite Städte, die durch Krieg und Brand gelitten
+hatten, von den Abgaben, zwang trotz ihrem Murren die störrischen
+Barone, wenigstens einen Teil ihrer Steuern zu zahlen. Dies alles
+geschah mit einer gewissen natürlichen Gesetzmäßigkeit, ohne Geschrei
+und Gewalt.
+
+Hatte sie schwierigere Finanzfragen zu regeln, so zog sie den Juden
+Mendel Hirsch zu Rate. Flink erschien er in seinem braunen Rock, dick,
+zappelnd, betulich, hörte Margarete zu, wiegte den Kopf, lächelte,
+sagte, das sei ganz einfach, gurgelte in vielen umwegigen Worten eine
+überraschende Lösung. Der kleine, umgetriebene, über die Erde gehetzte
+Mann war der Herzogin sehr dankbar für ihr Wohlwollen, das ihm eine
+einigermaßen sichere Ruhestätte und ein Dach über dem Kopf gönnte. Er
+liebte sie, er spürte sich ein in sie, er strengte alle seine Findigkeit
+an für sie.
+
+Denn es war schwer, sich in der ökonomischen Wirrnis der tirolischen
+Verwaltung oben zu halten. Zwar hatte man die Willkür der einheimischen
+Feudalherren gedämmt, auch den unheilvollen Messer Artese ausgeschaltet.
+Aber der Markgraf trug kein Bedenken, die großen Gelder, die er
+brauchte, von seinen schwäbischen und bayerischen Herren zu entleihen.
+Die ließen sich als Entgelt skrupellos Verpfändungen und Verschreibungen
+geben, rafften immer mehr an sich, so daß schließlich nichts gewonnen
+war. Im Gegenteil: hatten früher wenigstens Einheimische das Land
+ausgesogen, so mästeten sich jetzt Fremde, Bayern und Schwaben. Sie
+saßen in allen wichtigen Landesämtern, der habgierige, gewalttätige
+Konrad von Teck hatte ungeheuern Besitz an sich gerissen, Hadmar von
+Dürrenberg die Salzrechte von Hall, etliche Münchner, Jakob Freimann,
+Grimoald Drexler und andere Bürger, die Bergwerke im Gericht Landeck.
+Auch sonst die wichtigsten Zölle und Gefälle waren an Bayern, Schwaben,
+Österreicher verpachtet. Der Markgraf ließ sich hier nichts einreden. Er
+vertraute seinen Bayern und Schwaben, die nutzten das aus. Immerhin
+gelang es Mendel Hirsch, der sich vorsichtig, gedeckt von Margarete, im
+Hintergrund hielt, in die Verträge mit diesen Herren Klauseln
+einzuflechten, die den Fürsten nicht ganz wehrlos ihrer Willkür
+auslieferten.
+
+Margarete blieb den bayrischen Freunden ihres Gatten gegenüber stets
+sehr zurückhaltend. Nur mit einem wurde sie vertrauter, mit jenem
+Offizier, durch dessen Hilfe sie damals Schloß Tirol gegen die
+Luxemburger gehalten hatte, mit dem Weißblonden, Häßlichen, Gedrungenen,
+Rotäugigen, mit Konrad von Frauenberg. Er war so häßlich, so unbeliebt,
+so einsam. Sie spürte Verwandtschaft zwischen sich und ihm, sie sprach
+vertraulicher zu ihm als zu den andern, zeichnete ihn aus. Der quäkende,
+unwirsche Mann kam rasch vorwärts, bekam Pflegen und Herrschaften. Ja,
+sie setzte es durch, daß er die Landeshofmeisterstelle erhielt.
+
+Auch ein anderes erreichte sie: den Erlaß einer Landesordnung. Tarife
+wurden festgesetzt, Willkür und Gerichtsbarkeit der Feudalherren weiter
+eingeschränkt, die Zentralgewalt gestärkt, Bürger, Handel, Handwerk
+gefördert. Aufblühten da die bunten, farbigen Städte, dehnten sich,
+wurden breit, üppig. Nicht mehr die Burgen der Barone machten das
+Schicksal des Landes; die Magistrate entschieden, die stolzen Messen der
+Städte. Selbst die Kleinen regten sich: Bruneck, Glurns, Klausen, Arco,
+Ala, Rattenberg, Kitzbühel, Lienz. Von den großen Börsen und Märkten,
+von Trient, Bozen, Riva, Brixen zweigten Straßen und Geschäft über alle
+Welt. Was Mendel Hirsch gesät hatte, ging reich und blühend auf.
+
+Die Herzogin liebte die bunten, lauten, lärmvollen Städte; die schönen,
+lebendigen, sinnvollen Siedlungen waren recht eigentlich ihr Werk. Was
+Männer! Was Liebe! Konnte man reicher leben, strömen, blühen, sich
+zweigen als so? War dieses Auf und Nieder, dieses lebendige, zweckvolle
+Fluten nicht ein Teil von ihr? Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein.
+Mußte das Land das nicht spüren, so viel Liebe zurückgeben, sie in sich
+hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! Die Häuser der Städte schauten mit
+lebendigen, verständnisvollen Augen auf sie, die Straßen klangen anders,
+vertrauter unter den Hufen ihrer Pferde. Ihre Verkrustung löste sich,
+sie gab sich hin, verströmte im andern, war befriedet, glücklich.
+
+ * * * * *
+
+Herr von Schenna und Berchtold von Gufidaun ritten gemächlich im lauen
+Abend den gepflegten Pfad nach Burg Schenna. Sie kamen von Meran, wo die
+Herzogin in prunkender Zeremonie dem Großen Rat einen Kleinen
+beigegeben, die Rechte der Bürgerschaft wirksam erweitert hatte. Dies
+war ein Geschenk von großem Wert, für die Herzogin verbunden mit Opfern
+an Geld und Einfluß. Das Volk hatte geziemend und ehrerbietig gedankt,
+hatte hoch gerufen, respektvoll »Unsere Maultasch!« gesagt.
+
+Die Herren mußten absteigen, Platz machen vor einem kleinen, eleganten
+Zug. Sie grüßten sehr höflich. Agnes von Flavon saß in der Sänfte. Volk
+drängte zu: »Wie schön sie ist! Ein Engel vom Himmel!« Man schrie hoch,
+es klang sehr anders als vorher bei der Zeremonie, hingerissen,
+begeistert.
+
+Herr von Schenna pfiff ein italienisches Liedchen. Berchtold von
+Gufidaun schaute nachdenklich vor sich hin; die blauen Augen in dem
+männlich kühnen, bräunlichen Gesicht starrten angestrengt. Er war nicht
+sehr schnell im Überlegen.
+
+An ihrem Wege, kurz vor der Stadt, zeigte eine kleine
+Seiltänzergesellschaft einem Häuflein Volkes ihre Kunststücke. Ein
+feuerfarbener Gaukler präsentierte einen großen Affen. Der hockte
+melancholisch und grotesk im Reifen, sprang nach dem Apfel. Dann
+produzierte sich ein Mädchen, tanzte, jonglierte mit Bällen. Dann kam
+wieder der Affe. Man hatte ihn jetzt in blaue Seide gesteckt, ihm
+goldenen Flitter auf den Schädel gesetzt. Er saß da, langarmig, plump,
+sehr häßlich, traurig, böse, fletschte gelbe Zähne in dem mächtig
+vorgewulsteten Maul. Das Volk starrte einen Augenblick. Dann brach es
+los, von allen Seiten, wiehernd, sich biegend, schenkelschlagend,
+Zwerchfell und alle Eingeweide schütternd, endlos, atemlos: »Die
+Maultasch! Das ist ja die Herzogin! Die Maultasch!«
+
+Die Herren ritten weiter. Berchtold stieß tief verdrossen die Luft durch
+die Zähne. Ein Winzermädchen kam ihnen entgegen, bloßfüßig, braun,
+hübsch. Sie grüßte lächelnd, demütig. Berchtold sah sie nicht an,
+Schenna warf ihr ein paar Scherzworte zu. Doch seine Munterkeit klang
+nicht ganz echt. Bald versank auch er; schweigend wie Berchtold ritt er
+weiter, in schlechter Haltung auf seinem Pferd hockend, das lange,
+gescheite, welke Gesicht verzogen in etwas säuerlicher Überlegenheit.
+
+
+
+
+In Ala, während die Barone Azzo und Marcabrun von Lizzana mit einem
+Kapitelherrn von Trient verhandelten, mitten im Satz schwankte der
+Ältere der Brüder, Herr Azzo; sein Gesicht wurde gelblich, lief
+blauschwarz an, er fiel um. In den Achselhöhlen, in den Weichen, an den
+Schenkeln beulte es sich schwarz, eiterig, eigroß. Er röchelte, kam
+nicht mehr zu Bewußtsein, starb nach wenigen Stunden. Der Tridentiner,
+vergraust, ritt auf gehetztem Pferd in seine Stadt zurück. Nun war sie
+also da, die Seuche. Nun war sie in das Land in den Bergen eingedrungen.
+Daß in Verona schon viere, fünfe umgefallen seien, war keine Lüge
+gewesen. Und jetzt war also der Schwarze Tod in den Bergen. Und jetzt
+gnade uns allen Gott!
+
+Die Pest war gekommen von Osten her. Sie raste vor allem an den Küsten
+der See, drang dann ins Binnenland. Sie tötete in wenigen Tagen, oft in
+Stunden. In Neapel, in Montpellier starben zwei Drittel des Volkes. In
+Marseille starb der Bischof mit dem ganzen Kapitel, alle Predigermönche
+und Minoriten. Weite Gegenden waren ohne Menschen. Große, dreiruderige
+Schiffe trieben führerlos auf dem Meer, mit allen ihren Waren, die ganze
+Bemannung war gestorben. Gräßlich wütete die Seuche in Avignon. Die
+Kardinäle fielen um, der Eiter der zerdrückten Beulen besudelte ihre
+prunkenden Gewänder. Der Papst schloß sich in sein innerstes Gemach,
+ließ niemand vor, unterhielt den ganzen Tag ein großes Feuer, in dem
+Würzkräuter verbrannten und die Luft reinigendes Räucherwerk. In Prag in
+dem Schatzgewölbe seiner Burg zwischen Gold, Kuriositäten, Reliquien
+hockte Karl, der Deutsche König, fastete, betete.
+
+Schaurig in die Täler Tirols brach die Pestilenz. Von den Bewohnern des
+Wipptals blieb nur ein Drittel am Leben, von dem menschenreichen Kloster
+Marienberg nur Wyso der Abt, der Priester Rudolf, ein Laienbruder und
+der Bruder Goswin, der Chronist. Es gab Täler, in denen von sechs Leuten
+nur je einer die Seuche überdauerte. Da der Atem und der Dunst, Kleider
+und Gerät die Krankheit übertrugen, floh jeder feindselig und voll
+Mißtrauen den andern, Freund den Freund, Braut den Geliebten, Kinder die
+Eltern. Die Menschen verröchelten ohne Sakrament, in den Städten standen
+viele Häuser leer mit allem Hausrat, und niemand traute sich hinein;
+Messen wurden nicht gelesen, Prozesse nicht verhandelt. Die Ärzte
+brachten vielerlei vor, vermochten aber schließlich keinen andern Grund
+anzugeben, als daß es Gottes Wille sei. Helfen konnten sie nicht. Die
+Menschen, irr vor Angst, kasteiten sich, geißelten sich, Frauen taten
+sich zu Schwesterbünden zusammen. Flagellantenprozessionen, Schwärmer
+und Propheten. Andere fraßen sich toll und voll, trieben jede Völlerei,
+Schwelgerei, Ausschweifung. Den blutrünstigen abgezehrten Geißelbrüdern
+begegneten Züge besoffener, bunter Fastnachtsnarren.
+
+Von den drei Kindern der Margarete blieb der Sohn Meinhard leben, die
+beiden Mädchen starben. Sie lagen scheußlich gedunsen, mit riesigen,
+schwarzen Geschwüren. Margarete dachte: »Nun sind sie häßlich wie ich.«
+
+Sie hatte nicht Zeit, sich lange zu grämen, lange darüber zu sinnieren.
+Sie arbeitete, ging herum, furchtlos, klar, ruhevoll. In der ungeheuern
+Wirrnis wurden von ihren Befehlen nur wenige und schlecht befolgt;
+immerhin hielt sie ihr Land fester in Ordnung und Fug, als es anderen
+Regierungen in der allgemeinen Auflösung möglich war. Wie dann die Pest
+abflaute, straffte sie sogleich die Zügel, paßte die Gesamtverwaltung
+des Landes den neuen, durch die Entvölkerung viel weiteren und loseren
+Verhältnissen an. Auch baute sie der Verschleuderung der zahlreichen
+erledigten Güter vor, wußte übrigens bei dieser Gelegenheit auf
+wohlfeile, doch nicht unanständige Art viel Boden und Besitz in ihre
+Hand zu bringen.
+
+Messer Artese war sehr geschäftig, es war gute Zeit für ihn. Überall in
+der Welt waren Häuser und Liegenschaften, Rechte und Privilegien an
+Erben gefallen, die nichts damit anzufangen wußten. Er erwarb, raffte.
+Doch in Tirol fand er Widerstand. Gesetze, die ihn hemmten,
+Vorkaufsrechte des Hofs, der Behörden, zähe Klauseln. In Schloß Taufers,
+vor Agnes, ließ er sich gehen, brach aus, schäumte. Der Jude war, der
+schlaue Mendel Hirsch, an allem schuld! Der hinderte ihn, den guten
+christlichen Finanzmann, am Geschäft. Der hatte, nur um ihm den Knüppel
+zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, höllisch schlauen
+Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt.
+
+Agnes ließ den Florentiner sich austoben, hörte still zu, sah ihn mit
+ihren tiefen blauen Augen unverwandt an. Begann dann mit ihrer
+gleichmütigen und erregenden Stimme zu erzählen. Sie war am Rhein
+gewesen. Dort hatte man in zahlreichen Städten die Juden gefangen und
+verbrannt. Denn die Juden hatten die Pest gemacht, sie hatten Gift in
+die Brunnen geworfen. Sie wußte es genau. In Zofingen hatte man Gift
+gefunden. In Basel war sie selbst dabei gewesen, wie man die Juden auf
+eine Rheininsel getrieben hatte, in ein Holzhaus, und sie darin
+verbrannt. Sie hatten schrecklich geschrien, der Gestank war noch lange
+in der Luft geblieben. Recht hatte man getan. Sie, die Verfluchten,
+waren wirklich schuld an der Pest. Der lahme Albrecht von Österreich
+freilich, der Mainzer Bischof und die Maultasch schützten ihre Juden.
+Agnes sagte langsam, gleichmütig, immer ihre Augen auf den Florentiner:
+»Die Herrschaften werden wohl ihre guten Gründe haben.«
+
+Messer Artese hörte zu, erwiderte nicht. Kehrte unverrichteter Dinge
+zurück nach seinem Florenz.
+
+Von Italien dann kroch es herauf in die Täler Tirols, schleimig, immer
+weiter, Geraune erst, dann immer festere Gewißheit: die Juden machen die
+Pest. Die Pest hört nicht auf, solang man die Juden im Land läßt. Es
+ballte sich zusammen. Hetze, Anschläge.
+
+Die Juden indes gingen herum, trieben ihre Geschäfte. Es gab viele
+Geschäfte, große Geschäfte, sie hatten es sehr wichtig. Der kleine
+Mendel Hirsch lief, zappelte, gluckste gaumig, seine zahlreichen Kinder
+liefen mandeläugig, wichtig, selbst die uralte, mummelnde Großmutter
+lebte auf, fragte mühsam, lallend: »Wie gehen die Geschäfte?« Sie gingen
+ausgezeichnet, Gott sei Dank. Die Pest war im Abflauen, unberufen. Es
+gab viel zu tun, zu handeln, zu kaufen, zu vermitteln, Verträge zu
+machen. Schon in wenigen Wochen wird man, so Gott will, in Bozen wieder
+den ersten großen Markt halten können. Die gnädige Frau Herzogin -- Gott
+schütze sie! -- brauchte Mendel an allen Ecken und Enden.
+
+Unterdes zog es heran, gefährlich, fletschend, sinnlos, immer schwärzer.
+Die Juden kannten das. So war es vor zwölf Jahren gewesen bei den großen
+Metzeleien der Brüder Armleder. Jetzt kam es von Südwesten her.
+Vergebens stellte der Papst, der weise, gütige, weltkundige Klemens,
+sich mit seiner Person und mit Bullen entgegen, wies darauf hin, daß die
+Juden ebenso von der Seuche getroffen wurden wie die andern: wie also
+sollten sie sie fördern? Es waren nicht die vergifteten Brunnen, es war
+ihr bares Gut und die Verschreibungen ihrer Schuldner, daran sie
+verdarben. Gemordet und geplündert die Juden in Burgund, am Rhein, in
+Holland, in der Lombardei, in Polen. In zwölf, in zwanzig, in hundert,
+in zweihundert Gemeinden. Die Tiroler Juden warteten ab. Fasteten,
+beteten. Den Behörden hier große Geschenke zu machen, tat nicht not. Daß
+die Herzogin sie nach Vermögen schützen werde, war gewiß. Auch daß der
+Markgraf ihnen wohlwollte wie sein Vater, der Kaiser, der Städte und
+Handel Fördernde, der immer seine Hand über sie gehalten. Aber es hatte
+sich gezeigt, daß gegen rasendes, Blut und Geld witterndes Volk kein
+Kaiser, kein Papst und kein Büttel half. Man konnte nur warten, beten,
+seine Geschäfte betreiben.
+
+Und dann, plötzlich und am gleichen Tag, brach es los. In Riva,
+Rovereto, Trient, Bozen. In Riva wurden die Juden im See ersäuft, in
+Rovereto mußten sie unter großem Gaudium und Gelärm von einem Felsen zu
+Tode springen, in Trient wurden sie verbrannt. In Bozen hatte man es
+mehr aufs Plündern abgesehen und das Totschlagen schlecht eingefädelt.
+Man besorgte es unmethodisch, so blieben die mummelnde Großmutter, eine
+Schwiegertochter und eines von den kleinen Kindern am Leben.
+
+Der Markgraf hatte seine Juden in München nicht schützen können; in Hall
+und Innsbruck trat er energisch zwischen sie und den gewalttätigen
+Pöbel. Er war für Gerechtigkeit und Billigkeit. Nachdem er den Toten
+nicht mehr helfen konnte, jagte er den Verfolgern wenigstens die Beute
+ab. Die Mörder hatten wenig Freude. Die bayrischen und schwäbischen
+Herren trieben nun an Stelle der Getöteten ihre Forderungen für den
+Markgrafen ein und sehr viel härter, als die Juden es hätten tun können.
+Schließlich mischte sich auch König Karl ein. Er wollte wie von allen
+Behörden, deren Juden umgekommen waren, so auch von dem Markgrafen
+seinen Teil an dem Nachlaß der Erschlagenen. Ein hartes Feilschen
+begann.
+
+Margarete, sowie sie von den Gewalttaten hörte, fuhr in finsterer,
+erschreckter Hast nach Bozen. Kam in der Nacht an. Sah bei wanderndem
+Fackelschein das viehisch zerstörte Haus, die kleinen, liebevoll mit
+allem Möglichen vollgestopften Zimmer kahl, verwüstet, besudelt. Sah die
+Leichen der Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter, der vielen
+wimmelnden Kinder mit den raschen, mandelförmigen Augen, gräßlich
+verheert und verstümmelt die einen, die andern ohne sogleich sichtbare
+Wunden. Da lagen sie, die Flinken, Beweglichen, sehr still, und sehr
+still auch lag Mendel Hirsch. Er hatte einen Gebetmantel an und
+Gebetriemen am Arm und an der Stirn; man sah keine Wunde; im Fackellicht
+schien es, als lächle er demütig, wichtig, betulich, milde, gescheit.
+Margarete glaubte, jetzt müsse er gleich den Kopf schütteln, gurgeln,
+das sei gar nicht so schlimm, es sei ganz einfach; die Leute seien gar
+nicht so böse, sie seien verhetzt, dazu ein wenig langsam und schwer von
+Begriff; man müsse ihnen bloß gut zureden. Aber er sagte nichts, er
+zappelte nicht und gurgelte nicht und lag ganz still. Er hatte es gut
+gemeint, mit sich gewiß am meisten, aber auch mit ihr und dem Land, und
+er war gescheit gewesen und sehr tüchtig und hätte dem Land, ihren
+lieben Städten großen Nutzen gebracht. Nun hatten sie ihn erschlagen,
+plump, sinnlos, viehisch. Warum eigentlich? Sie packte mit harter,
+zufahrender Frage einen der Umstehenden. »Er hat doch die Pest gemacht!«
+sagte der, scheu, blöde, ein wenig trotzig.
+
+Leise, in einem Winkel, quäkte das gerettete kleine Kind, die Frau,
+sonderbar aufgeputzt, suchte es mit häßlicher, gebrochener Stimme in
+Schlaf zu singen, die Großmutter mummelte. Margarete trat näher, hob die
+Hand, das Kind zu streicheln. Sie fühlte sich müde, elend. Sie sah im
+Fackellicht ihre Hand; sie war groß, unförmig, die Haut fahl, gelblich;
+sie hatte vergessen, sie zu schminken.
+
+ * * * * *
+
+In München, in einem der weiten Räume der neuen Residenz, die sein Vater
+angelegt hatte und an der er eifrig weiterbaute, stand vor dem kühl
+blickenden Markgrafen Ludwig die Baronin von Taufers, Agnes von Flavon.
+Sie bat um die Erlaubnis, gewisse Bezirke ihrer Herrschaft veräußern zu
+dürfen. Als Käufer trat ein Einheimischer auf. Doch im Hintergrund
+lauerte Messer Artese. Dem Markgrafen war Agnes nicht sympathisch; er
+hatte über ihre lotterige Zigeunerwirtschaft viel Abfälliges gehört;
+sein mageres, bräunliches Gesicht mit dem kurzen, blonden Schnurrbart
+blieb verschlossen, seine grauen, etwas stechenden Augen schauten
+mißtrauisch.
+
+Agnes spürte sehr wohl seine feindliche Abwehr; aber sie gab sich
+durchaus nicht gekränkt. Sie glitt auf und ab vor ihm, schaute ihn an
+mit ihren tiefen, starkblauen Augen, lächelte mit den schmalen, kühnen,
+sehr roten Lippen aus weißem Gesicht, war damenhaft, munter, gefällig,
+nicht übertrieben liebenswürdig. Langsam, vorsichtig, geübt lockerte sie
+ihn auf, ganz leicht sich über seine Bärbeißigkeit belustigend.
+
+Er schaute sie an. Man hat ihr doch wohl Unrecht getan. Seine Freunde
+verlangten von jeder Frau, daß sie Tag und Nacht im Haushalt stecke,
+hinter den Dienstboten herlaufe, Herd und Leinenkammer beaufsichtige.
+Ein feines Stück Weib war sie, unleugbar. Zart und zier und gepflegt
+jede Faser und doch sehnig und voll Kraft. Er verabschiedete sie
+höflicher, als er sie empfangen hatte. Beschied sie für ein zweites Mal
+zu sich.
+
+Sah ihr lange nach. Seufzte. Dachte an Margarete. Die war jetzt wieder
+schwanger. Ja, schön war sie nicht. Wenn man die andere danebenhielt und
+dann an sie dachte -- ein Grausen konnte einem ankommen. Klug war sie,
+unsere Maultasch. Die Leute hatten Respekt vor ihr. Aber sie mochten sie
+nicht. Wenn die andere kam, schrien sie Hoch.
+
+Jetzt waren die beiden Mädchen gestorben. Im Volk sagten sie: Die Strafe
+Gottes. Er war schuld, natürlich! Weil der Papst lieber Tirol im Besitz
+seines verhätschelten Karl gesehen hätte, war seine Ehe
+Sakramentsschändung, waren seine Kinder Bastarde. Die Glocken läuteten
+nicht, und an Feuer, Überschwemmung, Heuschrecken, Seuche war er schuld.
+
+Die Narren die! Die pergamentnen Esel! Die Stumpfsinnigen! War es ein so
+großes Vergnügen, der Mann der Maultasch zu sein? Lange hatte er keinen
+Blick mehr dafür gehabt, wie sie ausschaute. Heute fiel es ihn an. Das
+Gespött Europas war er mit einer so wüsten Frau. Da war man ein großer
+Fürst und Herr, der mächtigste Mann in Deutschland. Städte blühten auf
+und fruchtbares Gelände, wo man streichelte; fielen in Schutt, trat man
+zornig auf. Man hat es sich nicht leicht gemacht. Hat gearbeitet, Tag
+und Nacht, nach bestem Gewissen. Keine Furcht gekannt außer der Gottes.
+Hat seine Pflicht getan, hart und schwer, all die Tage. Was hatte man
+nun davon? Das Gespött Europas.
+
+Drunten stieg Agnes in ihre Sänfte. Volk stand herum, barhaupt,
+bewundernd. Wäre die an Stelle der Maultasch, sie würden nicht sagen:
+Strafe Gottes, auch nicht bei Heuschrecken und Pestilenz.
+
+Sah sie nicht herauf? Rasch wandte er, ein ertappter Schuljunge, sich
+ab.
+
+ * * * * *
+
+Margarete genas wenige Wochen später eines toten Kindes. Der Markgraf
+verfinsterte sich, wurde kälter zu ihr. Nein, seine Ehe war nicht
+gesegnet. Nun war alle seine Hoffnung auf den einzigen Sohn gestellt,
+Meinhard, einen harmlosen, fetten Burschen, unbegabt, gutmütig,
+schwächlich, der gar nicht dem Großvater Ludwig, vielmehr dem
+mütterlichen Großvater, dem guten König Heinrich, nachzuarten schien.
+
+Margarete ging schon nach einer Woche wieder an ihre Geschäfte. Sie
+arbeitete mit der gleichen Emsigkeit und Gewissenhaftigkeit wie früher.
+Doch die Lust war weg, die Städte waren nicht mehr ihr Geliebter. Der
+kleine, betuliche Jude, der so geschickt Leben zugeleitet hatte von
+überallher, war erschlagen, die Kinder, die sie geboren, waren tot.
+Wohin sie trat, ging alles entzwei. Nichts fügte sich, nichts blühte.
+Der Markgraf? Ein pflichtbewußter, kahler Herr. Ihr Sohn? Ein
+dicklicher, dümmlicher Alltagsjunge. Was blieb ihr?
+
+Um diese Zeit kam Konrad von Frauenberg ihr immer näher. Der häßliche
+Mann mit den roten Augen und dem weißblonden Haar war der fünfte von den
+sechs Söhnen des Trautsam von Frauenberg, eines nicht sehr ansehnlichen
+bayrischen Ritters, der sich aber in einer frühen Schlacht um den Kaiser
+Ludwig verdient gemacht hatte. So kam der junge Konrad als Knabe
+Kämmerling an den bayrischen Hof, dann im Gefolge des Markgrafen nach
+Tirol, wo er als niederer Offizier lange Zeit im Hintergrund blieb.
+Seine Häßlichkeit und seine rohe, mürrische, bittere Art sonderten ihn
+ab; er hatte keine Aussicht, je was Besseres als ein untergeordneter
+Soldat zu werden, bis seine dreiste, kühne Vordringlichkeit bei der
+Belagerung des Schlosses Tirol ihn ins Licht hob.
+
+Alles, was in Margarete noch an Phantasie war, an Sehnsucht nach Farbe,
+Buntheit, Abenteuer, alle Reste von dem, was Herr von Schenna die
+frühere Zeit nannte, hängte sie an den harten, häßlichen Frauenberger.
+Der Albino mit dem breiten Froschmaul, der knarrenden Stimme, den
+kurzen, groben Händen kam ihr wie eine Art verwunschener Prinz vor. Es
+war wie bei ihr; sicherlich war in dem plumpen Außen ein feines, zartes
+Innen. Man mußte ja rauh und grob werden, stak man in solcher Haut. Der
+Arme, Einsame, Unverstandene! Sie war besonders freundhaft zu ihm und
+mütterlich.
+
+Der Frauenberger hatte sich in seiner harten, herumgestoßenen Jugend
+kalte, harte Verschlagenheit angeeignet. Er wußte um seine Häßlichkeit;
+er hielt es für ganz in der Ordnung, daß alle ihn stießen. Er hätte,
+wäre er nur weiter oben, auch die anderen getreten. Er glaubte an nichts
+auf der Welt. Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen,
+Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht
+Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne
+Sinn. Es gab Geschickte und Tölpel, im übrigen Glück oder Unglück. Er
+hielt es mit jenem Lied, das sachlich und überzeugt sieben Dinge als
+erstrebens- und besingenswert preist. Fressen ist das erste, saufen das
+zweite, sich entleeren des Gefressenen das dritte, des Gesoffenen das
+vierte, bei einer Frau liegen ist das fünfte, baden das sechste, aber
+das siebente und schönste ist schlafen.
+
+Als die Herzogin ihm offenkundig ihr Interesse zeigte, zweifelte er
+keinen Augenblick, daß dieses Interesse nichts sei als sinnlicher
+Kitzel. Es war im übrigen nicht weiter verwunderlich, daß die Häßliche
+gerade auf ihn, den Häßlichen, verfiel. Er hatte sich beschieden; er war
+nüchtern, sachlich. Er hatte sich gesagt, als fünfter Sohn und mit
+solchem Gesicht könne man unmöglich vorwärtskommen. Er hatte aber nie
+aufgehört, schlau, hart, sprungbereit, scharfäugig auf der Lauer zu
+liegen. Jetzt lohnte sich das prächtig. Es war ein Mordsglück, daß die
+häßliche Vettel an ihm Feuer fing. Er wird es nutzen.
+
+Vor seinem Burschen ließ er sich gehen, jubelte wüst, unter unflätigen
+Lobpreisungen der Maultasch und ihrer Gier. Er schenkte, so geizig er
+sonst war, dem Jungen einen Sonderkrug Weines, soff mit ihm. Bei einer
+Kerze, einsam mit dem Jungen, soff er die ganze Nacht. Gröhlte sein Lied
+von den sieben erstrebenswerten Dingen. Quäkte, aus dieser Maultasch
+werde er sich zu bedienen wissen. Streckte sich dann wohlig zum
+Schlafen. Ja, dies war das Schönste, was es gab. Er spürte seine vor
+Übermüdung schmerzhaften Glieder. Knackte mit den Gelenken. Sperrte das
+breite Maul auf. Wälzte sich, gähnte wollüstig. Schlief.
+
+Schlau und vorsichtig ging er, aber nie zu bedenklich, seine Straße. Der
+Markgraf, das spürte er, mochte ihn nicht. Er blieb ihm aus dem Weg.
+Drängte sich auch sonst nicht vor. War nur immer da und packte im
+gegebenen Augenblick, wenn Margarete allein war, mit frecher
+Vertraulichkeit zu. So sackte er Schlösser, Herrschaften, Pflegen,
+Gerichte ein, wurde schließlich Landeshofmeister. Nie hätte ihm jemand,
+er sich selber nicht, einen solchen Aufstieg vorausgesagt. Er steckte,
+dreist grinsend und gefräßig, alles ein. Blieb als Landeshofmeister, was
+er als kleiner Offizier gewesen war. Hatte vor nichts und niemand
+Respekt, glaubte an nichts als an Macht, Geld, Lust.
+
+Margarete hängte nach wie vor alle ihre Träume an den Albino. Sein
+scheuseliges Aussehen machte ihn zum Gezeichneten, machte ihn ihr
+verwandt. Es mußte, mußte in diesem breiten, fleischigen, widerwärtigen
+Kloß eine Seele stecken. Es kam nichts von ihm zu ihr; alle Bindung war
+höchstens einmal ein arges, freches, gemeines Grinsen übler
+Vertraulichkeit. Sie sah diese Ödnis nicht, oder sie deutete seine Leere
+um in bittre Resignation, in gewollte Stummheit, die ihr Zartes, Edles
+schamhaft versteckte und verschwieg.
+
+Mit Besorgnis schaute Herr von Schenna zu, wie eigentlich ohne tiefere
+Ursache, mehr durch ein Geschehenlassen, Margarete immer weiter von dem
+Markgrafen wegglitt und halb gegen ihren Willen zu dem Frauenberger
+getrieben wurde. Der war ihm tief zuwider. Es kränkte ihn, störte ihn
+zumindest, daß die wählerische Margarete sich neben ihm gerade diesen
+Vertrauten auslas. Hatte er denn etwas gemein mit jenem? War es möglich,
+daß sie seine feine, kultivierte, empfindsame Skepsis zusammenwarf mit
+der rohen, niedrigen Leerheit und Glaubenslosigkeit des Bayern? Es
+kratzte seine Eitelkeit, daß Margarete ihm diesen Genossen ihres
+Vertrauens gab.
+
+Sonst ging es Herrn von Schenna jetzt sehr gut. Die Seuche war nicht an
+ihn herangekommen. Er hatte geerbt, hatte auch sonst die Zeit nach der
+Pest genutzt, seine herrlichen Besitzungen auszubauen und abzurunden.
+Auf seinen Schlössern lebte er fein und behaglich, zwischen Bildern,
+Büchern, Schmuck und Pfauen, lehnte nach wie vor jedes Amt ab, schaute
+fröhlich und besinnlich über seine weiten Obstgärten, Äcker, Weinberge,
+wurde täglich milder, weiser, ruhte ganz in sich wie eine gepflegte,
+reifende Frucht. Der Abt Johannes von Viktring, der jetzt Sekretär des
+Herzogs Albrecht war und übrigens nachgerade recht alt und wackelig
+wurde, konnte beinahe den ganzen Horaz auf ihn zitieren.
+
+Er hätte, aus seiner Ruhe und Befriedigung heraus, Margarete gern
+geholfen. Er versuchte, die Bindung zwischen ihr und dem Markgrafen
+wieder fester zu ziehen. Solchen Versuchen war sehr förderlich, daß der
+Druck leichter wurde, den der Kirchenbann auf Margaretes Ehe legte.
+
+Herzog Johann nämlich, der Luxemburger, war es längst müde, in Wahrheit
+ledig, vor der Kirche aber ein verheirateter Mann zu sein. Seine
+Stellung hatte sich durch die kluge Politik seines Bruders, des Königs
+Karl, sehr gebessert; er gedachte sie durch eine neue geschickte Heirat
+vollends zu festigen. Vorerst aber mußte er zu diesem Zweck legitim und
+in aller Form von Margarete geschieden sein. Er bat sie um eine
+Zusammenkunft. Er wolle gemeinsam mit ihr eine Formel finden, die,
+beiden genehm, weder ihn noch sie demütige. Ihre Interessen seien die
+gleichen. Dies lag auf der Hand, und Margarete war bereit, ihn zu
+empfangen.
+
+So erschien Herzog Johann als Gast auf Schloß Tirol. Diesmal öffneten
+sich die Tore vor ihm. Trommeln, Trompeten, Ehrenbezeigungen. Johanns
+langes Gesicht sah immer noch knabenhaft aus. Er blinzelte aus seinen
+kleinen, tiefliegenden Augen Margarete ohne jede Verlegenheit an. Fand
+einen Ton grimmiger Schalkhaftigkeit, eine gewisse ironische
+Kameradschaftlichkeit, die ihr nicht übel gefiel. Sie saßen beieinander,
+heckten Gründe aus, drehten sie hin und her, eifrig, kneteten,
+schmiedeten. Kamen, befriedigt, überein. Herzog Johann habe Margarete
+geehelicht, trotzdem sie mit ihm im vierten Grad verwandt sei, aus
+Unkenntnis solcher Verwandtschaft. Wiewohl sie beide sich redlichste
+Mühe gegeben, die Ehe zu vollziehen, hätten sie, zweifellos infolge
+Verhexung Johanns, dies nicht zustande gebracht. Da nun Johann mit
+anderen Frauen die Ehe sehr wohl vollziehen könne und seinen erlauchten
+Stamm fortzusetzen wünsche, ersuche er den Papst, die Heirat mit
+Margarete für ungültig zu erklären. Der Papst, Freund des Hauses
+Luxemburg-Böhmen, werde solchem Ansuchen zweifellos willfahren.
+
+Dies abgesprochen, frühstückte Johann noch mit Margarete. Beide waren
+guter Laune. »Sie sind gar nicht älter geworden, kleiner Wolf,« sagte
+Margarete.
+
+»Und Sie sind, Gotts Marter! trotz allem ein Staatsweib, Herzogin
+Maultasch,« sagte Johann. Sie fühlten sich jeder dem andern sowohl wie
+der Situation überlegen; alles hatte sich reinlich gelöst; sie fanden
+auf dieser Basis ihre Beziehungen eigentlich ganz angenehm. Trennten
+sich wohlgesinnt, mit grimmiger, verständnisvoller Vertraulichkeit.
+
+
+
+
+Durch den Tod jener beiden Kinder Margaretes waren die Erbverhältnisse
+des Landes in den Bergen wieder ähnlich geworden wie seinerzeit unter
+dem guten König Heinrich. Einziger Erbe des Landes war der Knabe
+Meinhard, dessen Gesundheit schwächlich stand und dessen Geschwister
+alle in jungen Jahren gestorben waren. Wieder also schauten die
+mächtigen deutschen Herrscher nach Tirol, streckten gierige Hände aus.
+Die Luxemburger rundeten ihren Besitz am Rhein und an der Moldau, waren
+aus dem Kampf um das südliche Land ausgeschieden. Doch Wittelsbach und
+Habsburg saßen auf umständlichen, begründeten Ansprüchen, äugten,
+lauerten.
+
+Der Habsburger vor allem, der lahme Albrecht, säte einen weiten,
+folgerichtigen Plan. Er selber zwar hatte wenig Hoffnung, ihn reifen zu
+sehen. Aber der Lahme, durch sein Siechtum bitter und weise geworden,
+arbeitete längst nicht mehr für den Erfolg der nächsten Tage, sondern
+auf weite Sicht. Für ihn galt es, Tirol zu kriegen, den Weg nach Westen,
+die Brücke zu den schwäbischen Besitzungen, oder auf alle
+Großmachtsträume zu verzichten.
+
+Er suchte vornächst die Herren der bischöflichen Territorien zu
+gewinnen. Trient und Chur hatten mit den Wittelsbachern schlechte
+Erfahrungen gemacht; sie waren gern geneigt, dem Habsburger anzuhangen,
+der sie hätschelte. Auch sonst hatte Albrecht ein mildes Gesicht und
+eine offene Hand für alle Herren, die in Tirol von Einfluß waren. Er
+übertrug den Schennas, den Vögten von Matsch, dem Frauenberger Titel,
+Würden, Ämter, die keine Mühe und viel Geld brachten.
+
+Dem Markgrafen selbst suchte er auf jede Weise Vertrauen und
+Freundschaft abzugewinnen. Er fiel ihm bei dem Angriff des Luxemburgers
+nicht in die Flanke, ja, er vermittelte zwischen ihm und diesem. Bald
+war es soweit, daß der lahme Albrecht eine seiner Töchter dem Sohne
+Ludwigs, dem kleinen, dicken, harmlosen, schwächlichen Meinhard, dem
+Erben Tirols, vermählen konnte. Auch zeigte Albrecht, sonst ein sehr
+genauer Rechner, dem finanziell immer bedrängten Markgrafen eine stets
+offene Hand und brachte ihn dadurch in immer größere Abhängigkeit.
+
+Dann plötzlich, als Ludwig wieder einmal eine erhebliche Summe
+benötigte, erklärten die Finanzräte des Österreichers, es sei diesmal
+leider unmöglich. Ihre Kassen seien erschöpft; ja, sie müßten ihm sogar
+demnächst zu ihrem größten Bedauern früher geliehene Beträge kündigen.
+Der Markgraf, tief betroffen, in wütiger Verlegenheit, wollte mit
+Blicken, mit Worten auf sie losfahren. Bezwang sich, biß sich die Lippe,
+ging wortlos.
+
+Wollte sich persönlich an Albrecht wenden. Rang es seinem Stolz nicht
+ab. Bei einer zweiten Zusammenkunft erklärten die habsburgischen
+Finanzräte den seinen sehr harmlos, sie hätten einen vortrefflichen,
+billigen Ausgleich gefunden. Der Markgraf solle doch als Pfand für die
+alte und die neu geforderte Summe Österreich auf einige Jahre die
+Verwaltung Oberbayerns übertragen. Durch Einsparungen infolge der
+gemeinsamen, verbilligten Verwaltung werde Albrecht sicherlich binnen
+kurzem den geschuldeten Betrag aus Oberbayern herauswirtschaften.
+
+Der Markgraf wurde blaß, als seine Räte ihm das österreichische
+Anerbieten mitteilten. Überflog sie mit hartem, stechendem, blauem
+Blick. Nein, sie lächelten nicht. Sie hatten nüchterne, ernsthafte
+Beamtenmienen. Er schluckte, sagte, er werde überlegen, nickte, entließ
+sie.
+
+Saß, allein, schwer nieder. Zog den massigen Nacken hoch. Das Ansinnen
+war eine Unverschämtheit. Allein Albrecht war klug, ihm befreundet,
+hatte gewiß nicht die Absicht, ihn zu beleidigen. Es war also an dem,
+daß offenbar auf andere Art kein Geld mehr aufzutreiben war. Die
+Einkünfte sollte er abtreten; die Einkünfte waren nicht das Land.
+Immerhin, wenn das Haupt der Wittelsbacher einem Habsburger die
+Verwaltung seines Stammlandes übertrug, war dies, trotz allen
+Sicherungen, eine Einbuße, hart, hart, kaum zu ertragen.
+
+Als er die Angelegenheit in seinem Rat vorbrachte, saß er sachlich,
+ruhig, behandelte das Ganze, als wäre es ohne viel Gewicht. Äugte
+argwöhnisch, ob seine Herren wagen würden, ihr inneres Grinsen auf ihren
+Gesichtern zu zeigen. Ach, lebte sein Freund noch, Konrad von Teck! Bei
+dem hätte er solches Mißtrauen nicht nötig gehabt. Alles wäre leichter
+zu ertragen gewesen. Keine Sentimentalität! Er sagte in zwei Worten,
+worum es ging. Äußerte keine Meinung. Bat um ihre Ansicht.
+
+Als erster sprach der Frauenberger. Er sah natürlich wie alle andern,
+daß der österreichische Vorschlag auf eine glatte Erpressung hinauslief.
+Es lag ihm nicht das geringste weder an Ludwig noch an Albrecht, weder
+an Bayern noch an Tirol noch an Österreich. Der Habsburger war der
+Reichere und Klügere; er wird also vermutlich recht behalten. Da er
+überdies ihn, den Frauenberger, durch Ehrenämter und riesige Summen
+erkauft hat, muß er darauf sehen, daß Ludwig auf den Vorschlag eingeht.
+Redet er zu, so wird Ludwig, der ihn ohnedies nicht leiden mag,
+argwöhnisch. Umgekehrt bleibt dem Markgrafen, rät man nun zu oder ab,
+nichts anderes übrig, als knirschend den demütigenden Vertrag zu
+unterschreiben. Er, Konrad von Frauenberg, kann sich also ruhig, ohne
+daß der Habsburger es am Ergebnis inne wird, die spaßhafte Geste
+leisten, sich als patriotischer Bayer zu gebärden, dem Fürsten von den
+erniedrigenden österreichischen Zumutungen abzuraten.
+
+Margarete war stürmisch begeistert von den habsburgischen Vorschlägen.
+Man wird Geld in Fülle haben, wird die lastenden Verpflichtungen noch
+aus der Zeit des guten Königs Heinrich endlich, endlich abtragen können.
+Wie werden, ist dieser Druck erst fort, ihre lieben Städte aufatmen!
+Bayern war ihr immer nur ein Anhängsel gewesen. Sie gab es gern preis
+für Geld. Sie hatte von Schenna und Mendel Hirsch gelernt, was Geld ist.
+Was nutzte es, einen großen Leib zu haben und zu wenig Blut? Jetzt wird
+das Land genug Blut haben, jetzt wird es gesund werden. Ihr gutes Land!
+Ihre lieben, blühenden Städte!
+
+Finster hörte der Markgraf zu. Nun erwies es sich gut, wie wenig sie ihn
+von je verstanden hatte. Er war Bayer, Wittelsbacher, Kaisersohn, an
+Weltmacht gewöhnt, gewöhnt, in Ländern zu denken. Sie war Tirolerin; wo
+ihre Berge endeten, hörten ihre Gedanken auf. Sie dachte bis an die
+Ebene, nicht weiter. Sie war die Tochter des kleinen Grafen von Tirol,
+eng, rechenhaft, krämerhaft. Er war der Erstgeborene des Römischen
+Kaisers, herrisch, weltweit, nur Gott und sich selber verantwortlich.
+Nein, zwischen ihm und ihr stand mehr als nur ihre Häßlichkeit.
+
+Der feine Herr von Schenna sprach. Ludwig mochte ihn gar nicht in diesem
+Augenblick. Er war natürlich Margaretes Meinung, er war ja Tiroler, kein
+Bayer. Die Finanzen beider Länder aus eigenem großzupäppeln, sei nun
+leider unmöglich. Da füge es sich gut, daß man den edlen Renner Bayern
+dem befreundeten Habsburger auf kurze Zeit zur Dickfütterung in den
+Stall geben könne. Bekomme man so endlich den nötigen Hafer für das gute
+Pferd Tirol. Wo bleibe übrigens ein anderer Ausweg?
+
+Ja, wo blieb sonst ein Ausweg? Das war es. Es half nichts, die
+Gegengründe noch so hell ins Licht zu stellen. Man mußte das Angebot des
+Habsburgers schlucken. Der Markgraf duckte den Kopf auf den dicken,
+gefährlichen Nacken. Dankte den Räten, unwirsch, kurz. Sagte, er werde
+ihre Meinungen in Erwägung ziehen. Alle wußten, wie er entscheiden wird.
+
+ * * * * *
+
+In dicker Verdrossenheit ritt Ludwig von Schloß Tirol ab, mit kleinem
+Gefolge, nach Norden, nach München, die letzten nicht mehr wesentlichen
+Fragen zu regeln, ehe er das Land der Verwaltung des Habsburgers
+überstellte.
+
+Ein trister Oktobertag. Feiner, fader, rieselnder Regen. Was hatte man
+vom Leben? Man regierte, man war ein großer Fürst. Aber das meiste, was
+man zu tun hatte, die meisten dieser feierlichen Zeremonien,
+Kundgebungen, Verschreibungen waren widerwärtig und beschwerten einem
+den Sinn. Die Verwaltung des Stammlandes dem Habsburger überlassen, ein
+freundlich Gesicht dazu machen, »Vergelt's Gott!« dazu sagen. Er
+knirschte. Er sah die riesigen, stumpfen blauen Augen seines Vaters auf
+sich. Was hätte der dazu gesagt?
+
+Zuhause, die freuten sich. Der ekelhafte Schenna, der neunmal Kluge, der
+an allem seinen Spott hat, mit seinem frechen, faden, milden Lächeln.
+Der Frauenberger, der unverschämte Hammel, der von wittelsbachischer
+Würde quäkt, von der Bindung zwischen Wittelsbach und Bayern, und dabei
+innerlich seine höhnische Freude hat; denn der Giftpilz weiß sehr gut,
+er muß doch hineinbeißen. Die Maultasch, die an nichts denkt als an ihr
+Tirol, der sein Bayern ein Handelsobjekt ist, das sie gern hinschmeißt,
+kriegt sie nur die Gulden und Veroneser Mark. Die Häßliche, die ihn
+aller Christenheit zum Gespött macht! Wie sie ihm zuwider ist! Wie sie
+dasitzt und gespannt auf das Gequäk des Frauenbergers hört, des Albinos,
+des Mißgeschaffenen! Seine Frau! Seine Fürstin! Pfui! Die Maultasch!
+
+Wirklich, in Christi Namen, was denn hatte man vom Leben? Konnte er
+nicht, auf dem Weg nach München, ehe er den sauren Trank schluckte, was
+tun, was weniger sauer einging? Wenn er etwa in Taufers zukehrte, sich
+mit eigenen Augen überzeugte, wie dort die Dinge standen? Es war nicht
+viel Zeit verloren; zudem, je länger er jenes hinausschob, so besser.
+
+In Taufers war Agnes keineswegs so überrascht, als er wohl erwartet
+hatte. Ja, als der Pförtner ihr meldete, der Markgraf komme mit einigen
+Herren, da hatte sie wohl geatmet, die Arme gestreckt, ein sattes
+Lächeln um die sehr roten Lippen. Aber sie empfing den Fürsten mit
+gelassener Höflichkeit, keineswegs besonders geehrt. Auch das Mahl, das
+sie ihm vorsetzen ließ, die übrigen Zurüstungen waren zwar geschmackvoll
+und nicht unwürdig, aber weit entfernt von jenem prahlerischen Luxus,
+den man ihr nachsagte. Und mit dem sie auch weniger mächtige Herren,
+kleine italienische Barone etwa, bewirtet hatte.
+
+Ludwig schaute sie an. Kerzen brannten, ein kleines Feuer im Kamin,
+wohlriechende Hölzer. Diener reichten Obst und Konfekt. Eine ziere
+Person, bei Gottes Marter und Tod! Kein Wunder, daß man viel über sie
+schwatzte. Aber leicht machte sie es einem nicht. Das Gespräch, das sie
+führte, war lau, ein bißchen spöttisch; sie ließ einen nicht heran. Der
+ernsthafte, ungewandte Markgraf machte ein paar hilflose Versuche, ihr
+etwas Galantes zu sagen. Sie schaute ihn ruhig und ohne Verständnis an.
+Nein, sie war geradezu spröde.
+
+Um so unerwarteter kam andern Tages ihre gleichmütig vorgebrachte Bitte,
+sich dem Markgrafen auf der Reise nach München anschließen zu dürfen.
+Sie wolle ihre Schwester besuchen, habe auch sonst im Bayrischen
+Geschäfte.
+
+Der Markgraf, zögernd, betreten, schwieg. Diese Bitte kam ihm ungelegen.
+Es wird Geschwätz geben. Er war ein ernsthafter, fester Mann, zudem
+nicht in den Jahren, derartige Historien zu machen; es paßte ihm
+durchaus nicht, daß sich Geschwätz an ihn hängte. Aber er konnte der
+Dame -- denn das war sie immerhin --, deren Gastfreundschaft er in
+Anspruch genommen hatte, unmöglich die kleine Gefälligkeit abschlagen.
+Leicht knurrend, schwerfällig, unwirsch sagte er, er freue sich.
+
+Auf der Reise war sie dann sehr sittsam, zurückhaltend, unauffällig.
+Hielt sich die meiste Zeit in ihrer verschlossenen Sänfte. Einsam,
+hinter den Vorhängen der Sänfte, kaute sie, schlang sie ihren Triumph.
+Die andere, die Feindin, saß auf Schloß Tirol, nannte sich Markgräfin zu
+Brandenburg, Herzogin zu Bayern, Gräfin zu Tirol. Hatte ihren soliden,
+ehrenfesten Gatten. Hatte ihm Kinder geboren. Sich in ihn, ihn in sich
+eingelebt. Aber jetzt zog sie, Agnes von Flavon, mit diesem Markgrafen
+herum in dem angeerbten Land der Feindin.
+
+Ludwig erledigte in München hochmütig und unfrei seine verdrießlichen
+Geschäfte. Agnes hatte sich bei der Ankunft sogleich mit höflichem,
+nicht übertriebenem Dank verabschiedet. Jetzt hätte er seine unmutigen
+Abende gern zuweilen durch ihre Gegenwart erhellt. Ein erstes Mal
+versagte sie sich, ein zweites Mal kam sie. Er gewöhnte sich an sie. Sie
+ging aufs Land zu ihrer Schwester. Er verzögerte seine Rückreise, bis
+sie sich anschließen konnte.
+
+Auf dieser Rückreise durch strahlenden Spätherbst verschloß sich Agnes
+nicht mehr in der Sänfte. Schimmernd ritt sie auf geschmücktem Pferd an
+der Seite des Markgrafen, den Kopf hochmütig geradeaus.
+
+ * * * * *
+
+Geld floß ins Land. Die riesigen Summen für die Verpfändung Bayerns. Die
+Industrie holte Atem. Die Bergwerke, die Salzwerke. Die Straßen wurden
+ausgebaut, der Handelsverkehr erleichtert, geregelt. Die Städte
+streckten sich, weiteten sich. Die Bürger stolzierten breit,
+gravitätisch. Ihre Häuser wurden höher, füllten sich mit edeln Möbeln,
+Kunstwerken, Gerät. Mauern, Türme, Rathaus, Kirchen wuchsen. Geflügel,
+Würzwein kam auch am Werktag auf den mit gutem Geschirr gedeckten Tisch
+des Bürgers. Prächtiger als die Frau des kleinen Adeligen schritt in
+Seide, stolzen Bändern, riesiger Haube, Schleppe, Schmuck die Frau der
+Städte.
+
+Seit wann war diese glückliche Veränderung? Seitdem der Markgraf mit der
+schönen Agnes von Flavon zusammen war. Agnes von Flavon, die Schöne,
+Gesegnete. Sicher war sie es, die den glücklichen Plan gehabt hat,
+Bayern abzustoßen, alle Kraft und alles Geld nach Tirol zu leiten. Alle
+Gnade Gottes auf unsere schöne Agnes von Flavon! Man sah ja, wie sie
+auserlesen war. Sichtbarlich von ihrem himmlisch schönen Antlitz
+strahlte aller Segen der lieben Mutter Gottes. Die andere dagegen, die
+Maultasch, war gezeichnet. Der Zorn des Himmels war auf ihr. Verflucht
+war, was sie tat. Ihre Kinder starben. Seuchen fielen ein, Brand,
+Wasser, Geziefer, wo sie die Hand anlegte. Alles, was sie rät, was sie
+tut, ist verflucht. Hat sie nicht die Verbindung herbeigeführt mit
+Bayern, den Keim alles Verderbens? Hat sie nicht die harten, habgierigen
+bayrischen Herren herbeigerufen, die das Land aussogen? Hängt sie nicht
+an dem Frauenberger, der scheußlichen Mißgeburt? Hat sie ihn nicht zum
+Landeshofmeister gemacht? Ein Glück, daß sich der Fürst von ihr
+abgewandt hat. Jetzt endlich hat er erkannt, wo das Rechte lag. Jetzt
+ist gute Zeit. Gott segne unsere liebe, schöne Agnes von Flavon!
+
+Agnes sah das Volk an ihrer Straße, wie sie Bäume und Häuser sah,
+brauchte seinen Zuruf, wie sie Schmuck brauchte. Lächelte. Schritt durch
+die Gaffenden, sie Bewundernden, sah nicht rechts, nicht links, den Kopf
+geradeaus, mit schmalen, kühnen, hochmütigen Lippen. Und das Volk
+jubelte.
+
+
+
+
+Margarete, sehr weit weg von ihrem Gatten, sehr weit weg von ihrem Sohn
+Meinhard, ging herum, schwer, in sich versponnen. Wußte nichts als das
+einzige: von Agnes und ihren Siegen. Sah Schenna, sah den Frauenberger.
+Sah die Städte aufatmen, sich recken, sich weiten. Ihre Saat, ihr Werk.
+Sie war ausgehöhlt, sie war leer und arm. Was einer jeden gegönnt war,
+ihr war es versagt. Doch dies wenigstens war getan. Dies wenigstens, es
+war ihr Einziges, blieb.
+
+Um so deutlicher sah Schenna. Sah, wie das Volk alles Gute, was die
+Häßliche gewirkt, der Schönen zuschrieb. Dies Erkennen wollte er ihr,
+dieses schmerzhafte Aufwachen, ersparen. Auch sah er, wie Ludwig immer
+mehr in Taufers sich verstrickte. Noch wehrte sich erstaunt und schwer
+atmend der dumpfe, hilflose Mann, der solche Wirrnis das erstemal
+erlebte. Noch war es Abenteuer, vorübergehend, begrenzt. Aber bald wird
+es, in wenigen Wochen vielleicht schon, zu spät sein, bald wird er
+willentlich und unlösbar verknüpft sein.
+
+Er wollte ihn zurückhaben zu Margarete. Er wollte das Volk zurückhaben
+zu Margarete. Das Volk war dumm, instinktlos. Es war an sich
+gleichgültig, was es dachte. Jedes Tier war klüger und hatte mehr
+Instinkt. Aber es sollte nicht sein, daß Margarete auch dies Letzte von
+sich fortgleiten sah.
+
+Er mußte vor allem dahin wirken, daß endlich diese alberne kirchliche
+Verfemung von ihr genommen wurde. Der Makel der kirchlich Ausgestoßenen
+scheuchte das Volk von ihr, scheuchte den Gatten von ihr. Denn war auch
+ihre Ehe mit Johann in aller Form gelöst, so daß sie der Kirche nicht
+mehr als Ehebrecherin galt, so war gleichwohl ihr Zusammenleben mit
+Ludwig vom Papste noch keineswegs sanktioniert. Die Kirche betrachtete
+ihre Ehe als Konkubinat, ihren Sohn und Kronprinzen Meinhard als
+Bastard. Belegte nach wie vor sie und ihren Mann mit dem Bann, ihr Land
+mit dem Interdikt. Wohl hatte der Markgraf Gesandte nach Avignon
+geschickt, jede Genugtuung angeboten, die der Heilige Vater fordern
+konnte; allein der Papst, von Kaiser Karl gehetzt, weigerte sich.
+
+Jetzt war Klemens tot, sein Nachfolger, der sechste Innozenz, stand
+stark unter dem Einfluß des Habsburgers. Der lahme Albrecht mußte selber
+alles Interesse haben, daß seine Tochter nicht mit einem Bastard,
+sondern mit dem von der Kirche anerkannten Erben Tirols vermählt sei.
+Schenna arbeitete mit einer an ihm ungewohnten Rastlosigkeit. Fuhr von
+Ludwig zu Albrecht, von Albrecht zu Margarete. Von München nach Wien,
+von Wien nach Tirol.
+
+Albrecht stellte Bedingungen. Er säte, er säte für die Zukunft. Seine
+Tochter wird durch die Vermählung mit Meinhard Anspruch haben auf das
+Land in den Bergen. Aber der junge Meinhard war ein Wittelsbacher. Auch
+die Wittelsbacher werden, in gewissen Fällen, Ansprüche machen. Es hatte
+sich gezeigt, daß das schwierige Land am Schluß immer dem verblieb, dem
+das Volk als seinem rechtmäßigen Herrscher anhing. Die Maultasch war
+nicht beliebt, aber als der einzige legitime Nachfahr der alten Grafen
+von Tirol vom Volk mit religiöser Selbstverständlichkeit als rechtmäßige
+Eignerin des Landes angesehen. Sie hatte darüber zu verfügen; wem sie es
+übermachte, der hatte das Volk auf seiner Seite. Albrecht verlangte
+nichts von Ludwig, dem Wittelsbacher; aber er forderte ein bindendes
+Testament von Margarete. Für den Fall, daß sie, ihr Gemahl Ludwig, ihr
+Sohn Meinhard ohne Leibeserben abgingen, solle das Land an die Herzöge
+von Österreich fallen. Eine Formsache. Eine reine Formsache, betonte er
+dem Herrn von Schenna. Dazu noch für einen höchst unwahrscheinlichen und
+unerwünschten Fall. Aber er war nun einmal ein Pedant; er verlangte
+diese, Margaretes, Unterschrift. Dafür verbürgte er sich, vom Papst für
+Ludwig und Margarete Lossprechung von Bann und Interdikt zu erwirken.
+
+Schenna hielt diesen Vorschlag für sehr vorteilhaft. Ihm waren die
+heiteren, umgänglichen Österreicher von jeher lieber als die dumpfen,
+gewalttätigen Bayern.
+
+ * * * * *
+
+Margarete saß über dem Schriftstück, allein; es war später Abend. Also
+den Habsburgern soll sie das Land übermachen. Nun ja, sie hat es dem
+Luxemburger zugebracht, dann dem Wittelsbacher; warum nicht dem
+Habsburger? Der lahme Albrecht war zweifellos der Klügste und Tüchtigste
+unter den deutschen Fürsten. Und sein Sohn, der Rudolf, kühn,
+entschlossen, gescheit. Tüchtige Leute, die Habsburger. Sie werden
+sicher auch Tirol sehr tüchtig regieren. Sie hatten Österreich, Kärnten,
+Krain, die schwäbischen Vorlande, Görz, verwalteten Oberbayern. Sie
+werden Tirol nicht schlechter verwalten.
+
+Tirol! Ihr Tirol! Gerade erst hat sie es von Bayern losgeeist. Jetzt
+dann soll es zu sechs Ländern ein siebentes sein. Ein Verwaltungsobjekt
+für fremde Fürsten. Ihr Tirol!
+
+Nicht hitzig. Das alles zielt sehr ins Weite. Vorläufig ist ihr Sohn
+noch da. Er ist nicht so gescheit und kühn wie Rudolf, wie Albrechts
+Söhne. Er ist, zugegeben, ein etwas belangloser junger Mensch. Aber er
+ist ihr Sohn. Der Urenkel des Grafen Meinhard. Was geht eigentlich jene
+anderen Tirol an? Und wenn ihr Sohn vollkommen verblödet wäre; er ist
+Tirol.
+
+Sachte, sachte. Es will ihm ja niemand an. Für den Fall, daß er ohne
+Nachkommen -- Er zielt sehr ins Weite, der kluge Albrecht, der lahme,
+bittere. Eigentlich seltsam, daß man gerade von ihr die Unterschrift
+will. Ihr Mann, der Markgraf, der Kaisersohn, der Wittelsbacher: aber
+der kluge Albrecht will ihre Unterschrift, nicht seine.
+
+Was Ludwig wohl darüber denkt? Tüchtig ist er auch. Er versteht sich gut
+mit dem Habsburger. Seltsam, daß man ihn nicht darüber befragt hat. Weiß
+der kluge Albrecht schon so genau, wie weit er von ihr weg ist? Früher
+hätte er sich mit ihr darüber ausgesprochen. Jetzt ist er fort. In
+Bayern. Mit Agnes. Sie schaut vor sich hin, ihr breiter, wüster Mund
+verzieht sich, trüb, nicht sehr bitter. Warum soll Ludwig nicht an Agnes
+von Flavon sein Pläsier haben? Sie ist sehr schön. Er ist nicht mehr der
+Jüngste. Hat sich abgerackert. Jetzt ist er Bayern los. Kann ein wenig
+ausschnaufen. Sie ist sehr schön. Warum soll er nicht sein Pläsier
+haben?
+
+Sie erhob sich, schwer, ein wenig ächzend. Überlas noch einmal die
+Urkunde. Sie war lang und umständlich. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden
+Markgräfin zu Brandenburg, Herzogin zu Bayern und Gräfin zu Tirol, allen
+Christenmenschen ewiglich, die diesen Brief je sehen, lesen oder hören
+jetzt und später, Unsern Gruß und die Kenntnis nachgeschriebener Dinge.
+Wenn es geschieht, was Gott in seiner Gnade nicht verhänge, daß Wir und
+der durchlauchtige Fürst, Unser herzenslieber Gemahl, Markgraf Ludwig
+von Brandenburg, abgehen ohne Leibeserben, die wir miteinander gewinnen,
+und auch wenn Unser lieber Sohn, Herzog Meinhard, abginge, was Gott
+nicht wolle, ohne Leibeserben, daß dann Unsere obgenannten Fürstentümer
+und Grafschaften, Länder und Herrschaften mit der Burg zu Tirol und mit
+allen andern Burgen, Klausen, Festen, Städten, Märkten, Dörfern, Leuten
+und Gerichten soll fallen gänzlich zu rechtem Erb und Vermächtnis den
+vorgenannten Unsern lieben Oheimen, den Herzögen von Österreich --«
+
+Sie ließ das Schriftstück zurückgleiten, unbehaglich, daß es sich
+knisternd auf dem Tisch zusammenrollte. Sie verließ das Zimmer. Machte
+mit ihren schweren, schleppenden Schritten den Rundgang, den sie jede
+Nacht vor dem Schlafengehen zu tun gewohnt war. Einsam schleppte sich,
+in ihrem prunkvollen Gewand, das sonderbar leblos an ihr niederfiel, die
+häßliche Frau durch die Säle, Stuben, Korridore, der ungeschlachte
+Schatten der Kerze ihr voraus.
+
+Sie kam an die Spinnstube. Die plumpe Tür öffnete sich ohne viel
+Geräusch. Die Mägde waren fertig mit der Arbeit, ein paar Knechte waren
+da. Alles drängte sich in einem Knäuel um eine junge, untersetzte Magd,
+die breit, verlegen, amüsiert grinsend dastand. Um sie herum Gekreisch,
+Stöße von Gelächter. Was? Sie begriff es wirklich nicht? Sie war die
+einzige in Tirol, die es nicht kapierte. Nochmals also. Die Pechmarie
+war schiech und wüst; wo sie hintrat, verdorrte alles, schrumpfte ein.
+Die Goldmarie strahlte himmlisch schön. Was sie anrührte, blühte, Gold
+klingelte unter jedem ihrer Schritte. Wer also war die Goldmarie? A--
+Ag-- Endlich ging es auf, breit, leuchtend, auf dem Gesicht der Magd.
+Agnes von Flavon! Natürlich. Und die Pechmarie? Ah! Großes Staunen. Und
+nun schütterte es auch sie in stürmischem Lachen.
+
+Unter dem Gekreisch und Gewieher hatte man die Herzogin nicht bemerkt.
+Still war sie mit ihrer Kerze im Schatten der halbgeöffneten Türe
+gestanden. Jetzt, langsam, zog sie die Türe zu. Ging. Schleppte sich
+über die Korridore. Zurück vor das Dokument.
+
+Breitete die Urkunde vor sich hin. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden
+Markgräfin --« Das Pergament knisterte. Sie tunkte die Feder ein,
+umständlich, unterschrieb.
+
+ * * * * *
+
+Der lahme Albrecht saß in seiner Burg in Wien, in Schlafrock und Decken.
+Nebenan lag auf einem Tisch unter andern Papieren die Urkunde
+Margaretes. Sein Sohn Rudolf war da, der Bischof von Gurk, der uralte
+Abt Johannes von Viktring. Der betagte Herzog hatte die letzte Ölung
+empfangen; er wußte, daß er in wenigen Stunden verlöschen werde. Er saß
+in seinem Lehnstuhl, fror trotz der Decken in dem überheizten Zimmer,
+fühlte mit fast wohligem Schmerz, wie langsam das Leben aus ihm
+herausrann. Sah im übrigen wie stets klar, ruhig, mit einer gewissen
+heiteren Bitterkeit.
+
+Rudolf fragte das drittemal, ob er nicht die anderen Brüder beschicken
+solle. Sein festes Gesicht, blond, bräunlich, nicht hohe, eckige Stirn,
+Hakennase, starke Unterlippe, blickte ernst, sachlich, selbstbewußt,
+unsentimental. Der Lahme lehnte zum drittenmal ab. Die Jungen hatten zu
+tun, sein Sterben sollte sie nicht stören.
+
+Er atmete still, die ungelähmte Hand öffnete sich, schloß sich, öffnete
+sich. Er hatte ein gutes Leben gelebt, soweit ein menschliches Leben gut
+sein kann. Es war Mühe und Arbeit gewesen. Es war Erfolg gewesen. Er
+hatte sich gefördert und seine Länder gefördert. Er war mit sich in
+Frieden, er war mit den Menschen in Frieden, er war mit Gott in Frieden.
+
+Sein Sohn Rudolf erbte ein gutes Erbe. Schön war es und eine Gnade
+Gottes, daß er das Dokument noch zu sehen bekam, das ihm Tirol sicherte.
+Jetzt war alles geschlossen, von Schwaben bis Ungarn geschlossenes
+habsburgisches Land. Gut und christlich regiert, in Ordnung und Fug.
+Seine Söhne gescheite, feste Männer. Er weiß schon, warum er sie nicht
+mit seinem Sterben inkommodiert.
+
+Da fährt er also hin, der Letzte von den dreien. Der Luxemburger, der
+Johann, ist einen albernen Tod gestorben, einen dummen, ritterlichen Tod
+auf einem Schlachtfeld, das ihn nichts anging. Der Bayer, der Ludwig,
+ist einen unvorbereiteten, leichtfertigen Tod gestorben, auf der Jagd,
+mitten zwischen schwankenden, ungeordneten Geschäften, einen
+unentschiedenen Tod ohne Richtlinien und Gesicht, einen Tod, so halb und
+blöde und nichtssagend wie sein ganzes Leben. Er, Albrecht, hat sich
+niemals Römischer Kaiser genannt, hat nie nach der Römischen Krone
+gestrebt, hat sie nicht gehabt und hat sie nicht gewollt. Aber wenn man
+es recht erwägt -- er lächelte ein mildes, listiges Lächeln -- war immer
+er der Mächtigste gewesen von den dreien, der eigentliche Schiedsrichter
+der Christenheit, und immer war geschehen, was er gewollt hatte.
+
+Er fühlte sich jetzt schrecklich müde. Rief -- es verwehte heiser --
+nach Rudolf. Der wandte sich schnell ihm zu. Der Lahme tastete mit der
+gesunden Hand nach der des Sohnes. Sie fiel herunter, ehe sie den Sohn
+erreichte. Auch der Kopf sank vornüber.
+
+Rudolf stand gerafft, fest. Jetzt war er das Haupt der Habsburger, der
+mächtigste Mann unter den Deutschen. Der Bischof von Gurk betete. Der
+uralte Abt Johannes von Viktring strich mit der dürren, braunen Hand
+über das Pergament Margaretes. »Aufgerichtet hab' ich ein Denkmal
+dauernder als Erz,« zitierte er murmelnd einen antiken Klassiker. Dann
+schlurfte er zu Albrecht hinüber. Sah, daß er tot war. Riß sich
+zusammen, streckte sich, schwankte, stand. Machte seine Stimme so fest
+wie möglich. Setzte mehrmals an, verkündete: »_Defunctus est Albertus de
+Habsburg, imperator Romanus._« Der Bischof und der Fürst sahen sich an;
+nie hatte der Tote diese Würde gehabt, nie sie angestrebt. Der Uralte
+wiederholte, mit Anstrengung, schwankend, feierlich: »Gestorben ist
+Albrecht von Habsburg, Römischer Kaiser.« Dann sank er in sich zusammen,
+schlurfte zurück zu dem Tisch, bekreuzte sich, mummelte.
+
+ * * * * *
+
+Die kleine, der Heiligen Margarete geweihte Kapelle der Münchner Hofburg
+ist dick voll von prunkenden Würdenträgern. Draußen ist klarer,
+leuchtender, hellbrauner Herbst. Drinnen reiben sich die Rüstungen der
+weltlichen Herren, die strotzenden Ornate der geistlichen; aneinander
+gepreßt stehen sie. Die Herzöge von Österreich, Rudolf, Leopold,
+Friedrich, ihre Kanzler und Marschälle, Johann von Platzheim, Pilgrim
+Strein, die bayrischen und tirolischen Herren, die Marschälle,
+Burggrafen, Oberjägermeister, Landeshofmeister des Markgrafen, die
+Schenna, Frauenberger, Konrad Kummersbrucker, Dipold Häl. Violett und
+lachsfarben die Ornate der geistlichen Fürsten. Die Bischöfe von
+Salzburg, Regensburg, Würzburg, Augsburg, Dekane, Pröpste, Domherren.
+Die Pfarrer zu Tirol, Teisendorf, Pyber. Fahnen, päpstliche, weltliche.
+Weihrauch. Draußen, von Militär zurückgehalten, Volk. In allen Fenstern,
+auf den besonnten herbstlichen Bäumen, auf allen Mauern, Vorsprüngen
+Volk.
+
+Drinnen knieten Ludwig und Margarete vor den päpstlichen Kommissaren,
+dem Bischof Paul von Freising und dem Abt Peter von Sankt Lamprecht.
+Gestern war ihre Ehe formal geschieden und ihnen aufgegeben worden,
+getrennt zu leben. Jetzt verlas der Bischof feierlich das päpstliche
+Reinigungsdekret: Nachdem Ludwig von Bayern, Erstgeborener weiland
+Ludwigs von Bayern, der sich als Römischer Kaiser führte, alles erfüllt
+habe, was der Papst von ihm gefordert, nachdem er persönlich seine
+Vergehen gegen die Kirche bekannt, gäben er und der Abt Peter als
+päpstliche Kommissare diesem besagten Fürsten und der Fürstin Margarete
+Dispens wegen zu naher Verwandtschaft, erlaubten ihnen, die Ehe neu
+einzugehen, legitimierten den bereits geborenen Prinzen Meinhard. Lösten
+von Ludwig und Margarete allen Makel und Infamie, machten sie fähig,
+Privilegien, Lehen, Güter, Rechte zu besitzen. Nähmen sie wieder auf in
+den Verband der Kirche. Befreiten ihre Länder vom Interdikt.
+
+Dann öffneten sich überall in Bayern und Tirol die Kirchentüren, die
+viele Jahrzehnte durch geschlossen waren. Die Glocken, die so lange
+stumm geblieben, schwangen an, tönten. Das Volk, ausgehungert nach
+geistlicher Erhebung, strömte in die Kirchen. Männer, Frauen,
+herangewachsen, ohne je Gottesdienst und Glockenklang erlebt zu haben,
+hörten zum erstenmal eine Messe, trieben staunend und beglückt auf den
+frommen Wellen der tönenden, blendenden, pomphaften Anbetung des
+dreieinigen Gottes.
+
+
+
+
+»Ich mache kein Geschäft mehr mit den Habsburgern!« rief heftig mit
+seiner harten Offizierstimme Herzog Stephan von Niederbayern und warf
+den Metallhandschuh klirrend auf den Tisch. Er stand auf, ging hin und
+her. Aus dem eckigen Schädel schauten seine mißtrauischen, kalten Augen
+bösartig und zürnend auf den Bruder, den Markgrafen, der sitzengeblieben
+war, den Kopf müde zum Tisch geneigt, daß der Nacken noch massiger sich
+wulstete. Der große Saal in der Münchner Hofburg war trotz allen Heizens
+nicht recht warm geworden, draußen flockte ein widerwärtiges Gemengsel
+von Schnee und Regen.
+
+»Also nicht,« sagte der Markgraf, und seine Stimme war mühsam und
+gedrückt. »Ich lasse Ihnen dann, Herr Bruder, das andere Dokument
+ausfertigen, wie wir es besprochen haben.«
+
+Herzog Stephan preßte die Lippen zusammen unter dem strammen, dicken,
+schwarzbraunen Schnurrbart. Er trat näher, erklärte seine Heftigkeit.
+»Wir sind in den vielen unangenehmen Erbfragen leidlich
+auseinandergekommen. Wir haben einander nichts vorgemacht. Haben klar
+und sachlich jeder sein Interesse gewahrt, ohne viel Worte und Flausen,
+und einer dem andern nicht eingeredet. Es hat jeden von uns sechsen ins
+Herz gebrannt, daß wir die Länder so haben zerstücken und zerteilen
+müssen und Wittelsbach klein machen. Es war eben sonst kein Ausweg und
+Auskommen, und wir haben nicht groß darüber geredet. Aber, Herr Bruder,«
+und er hob die Stimme und knarrte anklägerisch, »daß Sie das tirolische
+Testament für Habsburg zugelassen haben, Sie, der Chef der
+Wittelsbacher, das zwingt mir den Mund auf. Es ist eine rein tirolische
+Angelegenheit, ich weiß, und geht mich nichts an; ich hab' mich auch nie
+in Ihre Angelegenheiten gemengt. Aber das beißt mich zu arg, es giftet
+mir das Blut, ich muß es Ihnen sagen.«
+
+Der Markgraf antwortete nicht. Seine harten, stechenden blauen Augen
+schauten stumpf vor sich hin; er sah sehr viel älter aus als der nur um
+weniges jüngere Bruder. Wie er, der sonst zufuhr und keine Gegenrede
+schuldig blieb, auch fürder geduckt und stumpf schwieg, sagte Herzog
+Stephan etwas gesänftigt: »Sie können sagen, daß es Sache Ihrer Frau
+war, nicht Ihre; Sie können auch sagen, daß die Lösung von Kirchenbann
+und Interdikt eine gute Zahlung ist für das zweifelhafte Stück Papier,
+und Sie haben recht. Aber ich hätte es doch nicht zugelassen an Ihrer
+Stelle und von den andern Brüdern auch keiner und der Vater auch nicht,
+wenn er noch lebte.« Der Markgraf hockte müde, sonderbar verloschen.
+Solche Verlorenheit des sonst so harten und heftigen Mannes war dem
+Bruder unbehaglich. Er sagte, und es klang fast wie eine Entschuldigung:
+»Ich glaub's, es ist kein Leichtes, die Maultasch zum Weib zu haben und
+den Frauenberg zum Landeshofmeister.«
+
+Den Markgrafen, wie er allein war, fiel ein dumpfer, lahmer, hilfloser
+Zorn an, wie er ihn nie gespürt. Was war denn das gewesen? Da saß er in
+seiner Hofburg und sein jüngerer Bruder stand vor ihm, der Stephan, der
+Nichtige, der Mittelmäßige, der Wicht, mit seinem armseligen
+Niederbayern, und schimpfte ihn zusammen wie einen Lausbuben. Und er --
+ja wie in aller Welt kam denn das? -- er saß und ließ es sich gefallen.
+War es so weit mit ihm gekommen? War er so lahm?
+
+Der Stephan hatte recht, das war es. Die Habsburger regierten zusammen,
+überließen dem klugen Rudolf die Führung. Er war ihr Haupt, sie waren
+ein Ganzes, ihre ganze, große Ländermasse einheitlich gesteuert.
+Wittelsbach war zersplittert und zerstückt, in sechs Fetzen zerrissen.
+Er hatte es geschehen lassen, er, der Älteste. Und nicht nur das. Er
+hatte den Habsburgern Vorschub getan. Mit dem Judenschlag war es
+angegangen. Das war der erste Fehler gewesen. Hätte er seine Juden
+geschützt wie der lahme Albrecht, niemals wäre sein Beutel so leer und
+zerlöchert worden. Niemals hätte er sein Bayern den österreichischen
+Finanzräten ausliefern müssen. Jetzt saßen sie dick und zahlreich im
+Land, kontrollierten, schalteten nach Belieben. Überall, unter, neben,
+über dem wittelsbachischen der rote Löwe Habsburgs. Er fühlte die
+riesigen, starren Augen des Vaters auf sich. Er schnaufte. Der Bruder
+hatte recht.
+
+Nicht darüber grübeln. Der Fehler war gemacht. Die Juden waren tot; die
+am Leben geblieben waren, ließen sich durch keine Versprechungen mehr
+zurücklocken. Das Land war kahl und ohne Geld, und der Habsburger
+verwaltete es.
+
+Unsinn! Darum ging es ja gar nicht. Niemand hatte ihm das vorgeworfen.
+Um das Testament ging es. Um das Testament, das sein Weib gemacht hat,
+die Häßliche, die Maultasch. Daran mußte man sich klammern, das war
+festzuhalten. Er war froh, vor sich selber alle Schuld ihr zuzuschieben.
+Wie hatte der Bruder gesagt? Es ist kein Leichtes, die Maultasch zum
+Weib zu haben. Nein, daß dich Gottes Marter schände, es ist kein
+Leichtes! Er trieb sich hinein in eine dumpfe Wut gegen das Weib. Sie
+war an allem schuld, auch an dem Verwaltungsvertrag mit den Habsburgern.
+Da saß sie, die Häßliche, die Maultasch, mit ihrem lächerlichen
+Liebhaber, dem Frauenberger, dem Mißgeschaffenen, Quäkenden. Da saßen
+sie und machten ihm sein Bayern kaputt. Das Gespött Europas. Oh, er
+hatte schon das rechte Gefühl gehabt damals, als sein Vater ihn auf und
+ab schleifte und er sich weigerte, das Weib zu heiraten. Er starrte vor
+sich hin. Schnaufte, knurrte, stöhnte.
+
+Ging zu Agnes. Die lag auf einem Ruhebett, der Falkenierer stand vor
+ihr. Sie hatte den Handschuh an, spielte mit dem neuerworbenen Vogel.
+Sie sah sogleich, der Markgraf brannte darauf, mit ihr zu sprechen. Aber
+sie ließ ihn warten. Beschäftigte sich mit ihrem Falken, führte ihn vor,
+dachte gar nicht daran, den Falkenierer wegzuschicken.
+
+Ludwig drückte heraus, er habe heute wenig übrig für Falkenbeize und
+Sport. Oh, der Herr Markgraf sei verstimmt? Habe Ärger gehabt? Das tue
+ihr leid. Mit dem Herzog Stephan? Sieh da! Der Herr Herzog sei doch ein
+ganz umgänglicher Herr. Er habe vom Testament der Markgräfin gesprochen?
+Und von dem bayrisch-habsburgischen Verwaltungsvertrag? Davon nicht?
+Doch, auch, freilich nur nebenher.
+
+Wenn sie doch endlich den Kerl mit dem Falken wegschicken wollte! Aber
+sie dachte gar nicht daran. Bedeutete es ihr so gar nichts, daß Stephan
+das gewagt hatte? Und war es ihr so nebensächlich, daß er sogleich von
+seinem Bruder weg zu ihr kam? Der Vogel öffnete die Flügel, schloß sie.
+Sie streichelte ihn, gab ihm Hätschelnamen. Ein großer heimlicher
+Triumph war in ihr. War es endlich an dem? Brach es endlich los? Stürzte
+das Haus der Feindin, das mühsam errichtete, endlich zusammen?
+
+Also von dem bayrisch-habsburgischen Vertrag habe Herzog Stephan
+gesprochen? Nun, sie verstehe ja nichts von Politik. Aber, ganz ehrlich,
+gewundert habe sie sich immer. Ein so großer, weiser Fürst -- und läßt
+die Verwaltung seines Landes einem andern! Ganz beiläufig warf sie es
+hin, dem Falken die Haube abziehend, wieder aufsetzend. Stritt sogleich
+wieder mit dem Falkenierer, wie lange man jetzt den Vogel hungern lassen
+solle. Still jubelte sie: Allen Saft herausquetschen aus Tirol, ihn
+fortleiten, nach Bayern, irgendwohin. Verdorren machen das Werk der
+Feindin.
+
+Ludwig saß gepreßt in großer Bitternis. Ein Narr war er gewesen. Selbst
+die Kinder sahen klarer, worauf es ankam. Niemals hätte er die
+Verwaltung Bayerns weggeben dürfen. Und hätte er alle seine Städte und
+Einkünfte dem Messer Artese verschreiben müssen. Das Testament
+Margaretes, da war nun nichts zu machen. Aber den Verwaltungsvertrag,
+der lief ab in wenigen Monaten: er wird ihn kündigen. Komme, was will!
+
+Agnes lag auf dem Ruhebett, kümmerte sich kaum um ihn. Der Falkenierer
+war noch immer da. Wäre sie allein gewesen, er hätte sich auf sie
+gestürzt, sie geschüttelt: »Höre, lach' nicht über mich! Ich sag' den
+Vertrag auf! Ich schmeiß' die habsburgischen Beamten heraus! Lach' nicht
+über mich, Luder!« Und er hätte sie gepackt, daß ihr das Lachen und die
+Gedanken an den Falken vergangen wären. Aber der Falkenierer stand da
+mit seinem dummen, respektvollen Gesicht, und Agnes sah gar nicht auf zu
+ihm.
+
+ * * * * *
+
+Konrad von Frauenberg verhandelte mit Räten des Bischofs von Brixen. Das
+Bistum war ganz in Abhängigkeit des Markgrafen geraten, Konrad gab das
+den Herren deutlich zu spüren. Vergnügt saß der quäkende Mann, beschaute
+aus kleinen rötlichen Augen die schwitzenden Herren, schikanierte sie
+breit, behaglich. Warf ihnen schließlich, den armen Schluckern, mit
+verächtlicher, grausamer Jovialität ein paar Brocken hin. Sein Sekretär,
+ein unscheinbarer Kleriker, protokollierte still, mit ängstlicher
+Gewissenhaftigkeit.
+
+Als die Herren gegangen waren, gab der Frauenberger dem Sekretär Weisung
+für etliche Briefe an Amtleute seiner eigenen Besitzungen. Immer wieder
+mußte man diesen Herren das gleiche vorkauen. Sie sollen doch -- daß der
+dreigeschwänzte Satan sie hole! -- nicht so schlapp sein. Nicht immer
+Steuer nachlassen. Nicht immer die Termine für Fronleistungen und Robot
+prolongieren. Und diese alberne Gefühlsduselei in der Verhängung von
+Strafen. Einen Dieb nur mit Pranger und Gefängnis zu züchtigen, weil er
+aus Not handelte. Blödsinn! Jeder handelt aus Not. Dem Schuft wird die
+Hand abgehauen wie bisher. Einen Wilderer schonen, weil er Familie hat!
+Sein Wild hat auch Familie; hat jener es geschont? Der Kerl wird zu Tod
+gehetzt. Das ist guter alter Brauch. Mit der modernen Humanität wird auf
+seinen Gütern nicht erst angefangen. Der Frauenberger quäkte, der stille
+Sekretär schrieb.
+
+Allein dann, strich sich der häßliche Mensch das farblose Haar zurück,
+dehnte sich, legte sich auf Polster, knackte mit den Gliedern, gähnte,
+faul und vergnügt. Es war eine wohleingerichtete Welt, und er verstand
+sich darauf. Er hat es, Gotts Marter, weit gebracht. Der Markgraf ist
+fast immer auf Reisen, bei seiner Agnes, sonstwo. Warum auch nicht?
+Warum soll er nicht der Maultasch die schöne Agnes vorziehen? Er, der
+Frauenberger, hat freilich viel Arbeit, wenn der Markgraf außer Landes
+ist: die Maultasch und Tirol. Viel Arbeit, wüste Arbeit. Aber
+profitlich, das ist nicht zu leugnen. Auch könnte es ihm Ludwig nicht
+leichter machen, mit ihm auszukommen. So spart ihm der Fürst die Mühe,
+sich mit ihm auseinanderzusetzen.
+
+Er beschaute seine dicken, roten, fleischigen Hände. Er hat seine
+Männlichkeit offenbar unterschätzt. Man muß nur selber daran glauben,
+dann glauben auch die Weiber daran. Heute wird ihm jede kirr, die er
+mag. Er rekelt sich, pfeift, grinst. Steht faul auf. Holt sich Tusche,
+Pinsel, Pergament. Zeitvertreib für freie Stunden, wenn man nicht
+schläft. Heute hat er Lust, ja. Der Schenna hält ihn für stumpf. Glaubt,
+er habe kein Aug' für das, was schön ist. Der Schenna ist kein Esel;
+aber wenn er meint, er habe allein den Sinn gepachtet für das, was
+schmeckt und rund ist und sich glatt und wohlig anfaßt, dann irrt er
+sich, der Geck, der Zierbold! Er legt sich das Pergament zurecht. Ho! Er
+weiß sehr genau, worauf es ankommt bei der Schönheit. Er grinst, pfeift
+sein Lieblingslied vor sich hin, das von den sieben Freuden des Lebens,
+beginnt zu arbeiten. Sein breites Maul zieht sich wohlgefällig
+auseinander, er schnalzt, schmatzt, gurgelt, quäkt, rülpst. Strichelt,
+pinselt. Bunt, säuberlich. Frauenkleider, Brüste, Gesicht. Vertieft sich
+in die Arbeit.
+
+Sieht auf. Margarete steht hinter ihm. Ihr wüstes Antlitz ist sonderbar
+lächerlich verzerrt. Sie hat offenbar gesehen; es hat durchaus keinen
+Sinn, zu verstecken, zu leugnen. Er schaut sie frech an, verzieht den
+breiten Mund, quäkt, nachlässig: »Ein Amulett.«
+
+»Ein Amulett? Das? Das saubere, liebevolle Bild der Person?« Er, naiv,
+dreist: Ja, natürlich. Er habe Grenzstreitigkeiten mit ihr, sie wisse
+doch. Dazu ihr unheilvoller politischer Einfluß auf den Markgrafen.
+
+Sie schaut ihn finster an mit ihren starken, erfüllten Augen. Er hält
+stand, kalt, gleichmütig. Er solle ihr das Bild geben, sagt sie
+schließlich.
+
+»Warum nicht?« quäkte er. Es sei ein nicht gerade frommes Amulett. Man
+könne seinen Willen, seine Wünsche hineinhexen. Ihre Wünsche für jene
+seien vermutlich ebenso unangenehm wie seine eigenen. Er grinst, reicht
+ihr mit einer tiefen, übertriebenen Verbeugung das Bild.
+
+Allein, beschaut sie es lange, prüft es. Die Haare sind gold, die Augen
+starren, zwei blaue, dumme Flecke, aus der unbeholfenen Malerei.
+Margarete zieht mit ihren geschminkten Fingern die Nadel aus ihrem Haar.
+Langsam, sorgfältig zielend, stößt sie durch die blauen Flecke. Das
+Pergament hält fest, sie bohrt, bohrt stärker, bohrt langsam durch. Das
+Pergament knirscht. Dann sind zwei kleine, ausgefranste Löcher an Stelle
+der Augen.
+
+ * * * * *
+
+Der Markgraf erhob sich, die Besprechung hatte kaum zehn Minuten
+gedauert. Es war nur Geschäftliches besprochen worden, Rede und Antwort
+waren von eisiger Sachlichkeit gewesen.
+
+»Es bleibt noch die Angelegenheit mit Taufers,« sagte Margarete.
+
+»Auf später,« sagte Ludwig ablehnend.
+
+»Es ist jetzt schon fast ein Jahr, daß die Sache hinausgezögert wird,«
+sagte Margarete. »Sie muß endlich erledigt sein.«
+
+»Was also wollen Sie?« sagte feindselig der Markgraf.
+
+Die Sache mit Taufers war so, daß Grenzstreitigkeiten entstanden waren
+zwischen Agnes von Taufers und dem Frauenberger. Agnes versteckte sich
+hinter dem Bistum Brixen, das sie belehnt hatte, nicht den Frauenberger.
+Sachlich war dieser, formal sie im Recht. Der Markgraf brauchte nur zu
+wollen, so ließ Brixen seine Einwände fallen, Agnes verlor die Güter.
+Die Räte des Bischofs nahmen an, dies sei nicht in der Absicht Ludwigs;
+so wagten sie, dem Frauenberger in diesem Punkt zäh zu opponieren.
+
+Margarete, in feindseliger Laune, brachte die Gründe vor, die gegen das
+Bistum sprachen. Der Markgraf, ebenso verdrossen und vertrotzt wie sie,
+zählte die politischen Motive her, aus denen er jetzt den Bischof nicht
+verärgern wollte. Sie maßen sich, finster, entschlossen. Nie hätten sie
+sich, wäre es um eigenen Besitz gegangen, mit solcher Erbitterung
+widersprochen.
+
+Es war bisher, trotz zunehmender Entfremdung, noch nie zu ernsthaftem
+Streit gekommen. Mit keinem Wort je hatte der Markgraf Margaretes
+Testament erwähnt, mit keinem Wort ihre Beziehungen zu dem Frauenberger.
+Sie hatte den Namen der Agnes in seiner Gegenwart niemals genannt. Jetzt
+erhitzten sie sich, bekämpften sie sich, drohend, trotzig, viel
+heftiger, als der geringfügigen Sache angemessen war. Sie standen sich
+gegenüber, wütend. Das ruhige, männliche Gesicht des Markgrafen
+verwilderte, verzerrte sich. Sie erwiderte mit erzwungener Ruhe,
+bösartig, stachelig, höhnisch.
+
+Bis er schließlich nicht mehr an sich halten konnte und ihr hinwarf in
+hellem, spöttischem Zorn: »Das ist ja alles nur für deinen Affen, den
+Frauenberger.«
+
+Sie wurde ganz grau, schnappte, sah ihn haßerfüllt an. Sagte
+schließlich, heiser: »Ja, ja, ja! Ich leid' es nicht, daß das Recht
+kaputt geht für deine Hur'.«
+
+Er krampfte die Hand, sie nicht zu schlagen. Es war nicht seine Art, zu
+schimpfen. Jetzt fiel er unflätig über sie her: »Hexe! Scheußliche!
+Stinkende! Hockst du zusammen mit deinem Affen und spintisierst das aus?
+Ist es nicht Schande genug, daß ich ein Weib haben muß, von Gott
+gezeichnet wie dich? Willst du noch meinen Namen verschimpfieren? Bist
+auf Männer aus, so wie du aussiehst? Paßt ja gut zusammen, die Maultasch
+und der Aff'!« Er schlug plötzlich um, ging mit dicken Adern und so
+verwildertem Gesicht auf sie los, daß sie hinter den Tisch zurückwich.
+»Ich duld' es nicht!« schrie er. »Ich schlag' ihn tot! Ich lass' mich
+nicht lächerlich machen!«
+
+
+
+
+Unterdes saß der Frauenberger auf Schloß Taufers. Aus seinen rötlichen
+Augen blinzelte er Agnes an. »Wir werden uns schon einigen,« quäkte er.
+»Sie sind reich, ich bin nicht arm. Liegt Ihnen so viel an den Höfen?
+Mir nicht. Mir sind sie ein Vorwand, Sie zu sehen.« Mit seiner roten,
+kurzen Hand tätschelte er ihre weiße, lange. Agnes lächelte. Der war ein
+Mann, der hatte Kraft, Willen, das nackte Geradezu.
+
+»Die Welt ist dumm,« quäkte er. »Immer noch dümmer, als man denkt.« Er
+saß da, weites Maul in dem nackten, roten Gesicht, breit, fest, frech,
+häßlich. »Mir ist, ringsherum sind wir die einzigen Vernünftigen.« Und
+seine harten, kurzen, zupackenden Finger langten ihren Arm weiter
+hinauf.
+
+Er dachte übrigens nicht daran, ihr in der strittigen Frage auch nur ein
+Tipfelchen entgegenzukommen.
+
+ * * * * *
+
+Agnes ging herum, ein leises, tänzerisches Lächeln um die Lippen. Sog
+ihren Triumph über Margarete, schlürfte ihn, ließ ihn auf der Zunge
+zergehen. Knüpfte den Markgrafen immer enger an sich, gleichmütig,
+unmerklich. Höhlte ihn aus, glitt in ihn hinein, nahm Besitz von ihm.
+
+Er war ein sparsamer, nüchterner Herr, durchaus nicht geneigt, zu
+verschwenden. Sie verlangte von ihm, nebenher, über die Achsel,
+Ausgaben, die er sich sonst durch Jahre überlegt hätte. Machte er den
+leisesten Einwand; so bestand sie nicht, ließ sofort ab. Allein sie
+hatte eine Art, sich abzuwenden mit einer höhnischen, kaum greifbaren,
+tief verächtlichen Verwunderung, die ihn mehr reizte, als Tränen,
+Bitten, Beschimpfungen hätten tun können. So stülpte sie allmählich den
+festen, sachlichen, rechenhaften Mann von Grund auf um, trieb ihn in
+Prunk und Verschwendung, zermürbte, unterwühlte, was Margarete in der
+Arbeit von Jahrzehnten geschaffen hatte.
+
+Plötzlich war auch Messer Artese wieder da. Überall war er, an zehn
+Orten zugleich, mit drei Brüdern, die ihm sehr ähnlich sahen,
+unscheinbar, überaus höflich. Ehe man es recht merkte, hatte er von
+neuem die Hand auf Zöllen, Salzrechten, Bergwerken. Die eisige
+Verachtung Margaretes erwiderte er mit zahllosen Verneigungen. Mit
+größter Bereitwilligkeit löste er den Markgrafen aus den Verpfändungen
+der Habsburger. Jetzt, wenn er wollte, konnte Ludwig jenes
+Verwaltungsabkommen kündigen. Freilich war, was er dem Florentiner
+zahlte, dreimal höher als die Forderung der Österreicher. Schattenhaft
+dann, wie er kam, war Messer Artese wieder fort.
+
+Erschien auf Schloß Taufers. Wer, wenn er den kleinen, höflichen Mann
+sah, hätte gedacht, daß er je so toben könnte, wie er es damals vor
+Agnes getan? Sie saßen sich gegenüber, Agnes und er. Sie lächelten sich
+zu, mit einem kleinen, wissenden Lächeln. Ei ja, schönes Land, reiches,
+gesegnetes Land. Wein, Obst, Brotfrucht. Blühende, geordnete, werktätige
+Städte. Er zerrte, sie stieß. Sie traf die Herzogin, die Häßliche, wenn
+sie stieß. Ihm war es schon weniger die Freude am Gewinn, die lockte: es
+trieb ihn, in dem Werk des Feindes zu stochern, zu wühlen, das Werk des
+erlegten, erledigten Juden vollends zu zerfetzen. Sie stieß die
+Häßliche, er zerrte an dem toten Feind.
+
+Prall im Fett saß Konrad der Frauenberger, mästete sich, sein nacktes,
+breitmäuliges Gesicht glänzte rosig. Er lag auf Polstern in dem
+eleganten kleinen Saal von Taufers, Agnes saß ihm gegenüber. Sonne kam
+herein, er blinzelte, rekelte sich faul, gähnte, knackte mit den
+Gliedern. Agnes bat, forderte, schmeichelte, drohte, er solle sie nach
+Trient begleiten. Er sagte, er denke nicht daran. Soll der Markgraf ihr
+den Narren machen. Sie kehrte sich ab mit jener leisen, gleitenden,
+verwunderten Verächtlichkeit, die beim Markgrafen alles erreichte. Er
+lachte schallend, derb vergnügt. Kehrte sich nach der andern Seite. Da
+sie beharrlich schwieg, fing er an, zu gähnen. Streckte sich knackend,
+schlief friedlich, behaglich ein, lärmvoll schnarchend. Nach einer
+Stunde wachte er auf; es ging gegen Abend, sie saß noch immer im
+entgegengesetzten Winkel, gekränkt. Er stand faul auf, ging zu ihr,
+packte sie, grob, jovial, zog sie neben sich auf die Polster. Sie ließ
+es geschehen.
+
+Er behandelte sie nach Laune. Ließ sie wie einen Hund nach einer
+Liebkosung zappeln. Tätschelte sie mit Versprechungen, die er lachend
+und selbstverständlich brach. Ihn davonjagen? Es ging nicht. Er hätte
+gelacht. Und es wäre auch lächerlich gewesen. Wer war noch so häßlich?
+So frech? So hart von Griff? So gab es keinen zweiten.
+
+Sie dehnte sich unter seinen groben Liebkosungen, schaute schräg zu ihm
+auf. Sah sein sattes, schlaues, fleischiges, grinsendes Gesicht. Wie
+häßlich es war! Wie voll Kraft und Gemeinheit es war! Sie war neugierig.
+Konnte man ihm nicht bei, daß seine freche, selbstsichere Fratze klein
+wurde und voll Angst?
+
+Sie begann den Markgrafen zu hetzen. Ganz unmerklich, mit Scherzworten.
+Ihre Saat fand guten, lange vorbereiteten Boden. Sproßte, keimte, wuchs.
+Wie hatte Herzog Stephan gesagt? Es ist kein Leichtes, zu diesem Weib
+den Frauenberger zum Landeshofmeister zu haben. Er wird ein Ende machen.
+Er hat es satt bis dahin. Das Gespött Europas. Er wird ein Ende machen.
+In München. In _einem_ Aufwischen. Erst mit der habsburgischen
+Schweinerei. Dann mit dem Frauenberger, dem Schandkerl, der Mißgeburt.
+
+ * * * * *
+
+»Schau mich genau an,« sagte der Frauenberger zu Margarete und spreizte
+sich mit grotesk unterstrichener Wichtigkeit. »Schau mich genau an. Du
+wirst vielleicht nicht mehr lange Gelegenheit haben.« Da Margarete
+erstaunt hoch blickte, quäkte er weiter: »Ich bin kein schöner Mann, ich
+weiß, aber sehr einmalig. Wer Interesse an mir hat, wird guttun, mich
+genau anzuschauen, daß er mich in Erinnerung behält. Ich werde nicht
+mehr lange zu sehen sein. Es braut sich was zusammen gegen mich. Der
+Markgraf schaut auf mich mit Blicken wie Lanzen. Leider stehen wirkliche
+Lanzen zur Genüge dahinter. Er hat mich mit zur Begleitung nach München
+befohlen. Dort tut er sich leichter. Der Gufidaun, der gute, ehrliche
+Junge, der mich nicht leiden kann, und der Kummersbrucker haben den Rand
+nicht halten können. Schau mich genau an, Margarete. Wenn ich nicht mehr
+da bin, sauf dich voll und träum' von mir! Messen brauchst du keine
+lesen zu lassen. Bist eine gute Haut, Herzogin Maultasch,« lachte er und
+haute sie auf die Schulter. Er pfiff sein Lied von den sieben Freuden,
+blinzelte sie an, ging fort mit gegrätschten Beinen.
+
+Margarete hatte kein Wort erwidert. Jetzt saß sie allein vor dem
+massigen Tisch, prunkend in hellgrünem Damast, starr geschminkt. Vor ihr
+lagen gehäufte Akten und Dokumente. Der Raum war schwer und düster, in
+ihrem Ohr war das gepfiffene Lied des Frauenbergers.
+
+Ja, er hatte wohl recht. Was gab es sonst als die sieben Freuden seines
+Liedes?
+
+Sie hatte nicht abgelassen. Sie war zerschlagen und zerstört worden ein
+erstes Mal, aber sie hatte nicht abgelassen. Hatte sich aus Dreck und
+Nichts ein Neues gebaut, das Land, die Städte, ihre bunten, lärmvollen,
+menschenvollen, zweckvollen Städte, ihr Werk. Und jetzt sollte das Blut,
+das sie ihnen mühsam zugeführt, abgezapft werden, weggeleitet, nach
+Bayern, irgendwohin, für die Hure, planlos verströmt. Der Markgraf hatte
+ihr nichts gesagt; aber es war ihr zugesickert aus vielen Mündern.
+Gekündigt das Verwaltungsabkommen mit den Habsburgern. Ihre Städte, ihr
+Tirol entblößt, leer, ausgesogen, hingeschmissen.
+
+Nicht genug. Das andere. Der Frauenberger. Der Häßliche, Einsame. Der zu
+ihr gehörte. Den sie herangeholt hatte. Vielleicht war er schlecht,
+niedrig, ein Lump. Aber er gehörte zu ihr. Vor allen Menschen er. Und
+den wollte er ihr auch nehmen. Oh, sie hatte nicht vergessen, wie er
+geschrien hatte in jener Unterredung: »Ich schlag' ihn tot! Ich lass'
+mich nicht lächerlich machen!« Sie hörte seine Stimme, die heiser war
+vor Haß, sah seine verwilderten Augen. Ja, der Konrad hatte schon die
+rechte Witterung, es roch nach Mord. Ging er nach München, kam er nicht
+zurück.
+
+Ihr dürres, altes Fräulein von Rottenburg war im Saal, räusperte sich.
+Der welsche Händler war da, der Palermitaner, den sie herbestellt. Sie
+war froh an der Ablenkung, ließ ihn kommen. Er stand vor ihr, dick,
+olivfarbenes Gesicht, rasche, bräunliche Augen. Er hatte vielerlei.
+Bunte Vögel, feine, glänzende Tücher und Gewebe, edle Steine, seltene
+Essenzen, fremdartiges Konfekt. Mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen,
+unterstützt von seinem Gehilfen, breitete er seine Dinge vor sie hin.
+Sie verweilte da, dort. Ließ sich erklären, war nicht bei der Sache,
+sprach dann lebhafter als sonst. Was war das? Ein Fläschchen, eine
+kleine Vase aus mattfarbenem Halbedelstein, schönformig, fest
+verschlossen und versiegelt. Das? Oh, die Frau Herzogin sei eine
+Kennerin, die Frau Herzogin habe sichersten Geschmack. Das sei freilich
+eine große Kostbarkeit. Aus _einem_ Stück, wie edel in der Form, in der
+Rundung! Von einem großen Meister, ei ja. Und sie möge gnädigst die
+Bilder beachten, die eingeschnitten seien. Hier der Hohenstaufenkaiser,
+der zweite Friedrich, und hier der jüdische König Salomo, und da die
+Königin von Saba, und auf der vierten Seite der Sultan Boabdil, ein
+starker, grausamer Fürst der Berberei. Auch sei der Inhalt des
+Fläschchens eine große Seltenheit: ein feiner Saft, ohne Geruch, ohne
+Farbe, ohne Geschmack; wer auch nur einen Tropfen davon genießt, der
+überlebt die Stunde nicht, der geht aus wie ein Docht ohne Öl. Ein
+kostbares, edles Fläschchen.
+
+Die Herzogin kaufte viel und wahllos durcheinander, ohne Feilschen,
+gegen ihre Gewohnheit. Tücher, Gewürz, viel Schmuck, zwei von den bunten
+Vögeln, auch das Fläschchen.
+
+Dann setzte sie sich zu Tische. Aß. Aß ganz allein, prächtig geschmückt.
+Auch die Tafel war prunkvoll bereitet, mit Schaugerichten, goldenen
+Schüsseln und Tellern. Musik im Nebenraum. Diener, Kämmerlinge,
+Vorschneider liefen. Sie aß mächtig. Der Frauenberger hatte recht. Dies
+war eine der sieben Freuden des Lebens. Um sie herum waren die Dinge
+gestapelt, die sie gekauft hatte, Schmuck, Tücher, auch das Fläschchen.
+Sie führte mit ihren geschminkten Händen die Speisen zum Mund: Brühe,
+Fische, Braten, von dem köstlichen, fremdartigen Konfekt, das sie heute
+erstanden. Sie schlang, schüttete Wein hinunter. Dämmerung brach herein,
+schwere, riesige Kerzen wurden entzündet. Sie saß allein, plump, starr,
+pomphaft. Aß.
+
+ * * * * *
+
+Da also lag es. Er hatte nicht gewagt, es ihr selber zu bringen. Er
+hatte es durch einen Boten geschickt. Ein kurzes, höfliches Schreiben
+lag bei, in dem er um ihre Unterschrift ersuchte.
+
+Sie hatte sogleich Schenna hergebeten. Vor dem ließ sie sich gehen,
+verströmte. Wirklich gekündigt der habsburgische Vertrag! Eingerissen
+und kaputt der schöne, kunstvolle Kanal, durch den sie ihren Städten
+Saft und Gedeih zuführte. Und sie soll noch ihre Unterschrift dazu
+geben! Der Boden unter ihren Füßen bröckelnd wie Sand. Das Werk ihres
+Lebens fort, entgleitend, wie fließendes Wasser, nicht zu halten. Hin
+alles, blöde, sinnlos vertan.
+
+Schenna hörte still zu, sein welkes, langes Gesicht sonderbar kraus
+verzerrt; ihr Verströmen, ihr Zusammenbruch ging ihm näher, als er vor
+sich selber wahr haben wollte. Arme Frau! Arme Herzogin Maultasch! Wäre
+dein Mund einen Finger schmaler, die Sehnen deiner Backen ein weniges
+straffer, du lebtest befriedet, glückhaft, und Tirol und das Römische
+Reich sähe anders aus. Er raunzte mit sich selber. Alberne
+Sentimentalität!
+
+Als er endlich antwortete, hatte er sich wieder ganz im Zaum. Mit seiner
+hohen, müden, brüchigen Stimme legte er dar, es sei nichts zu gewinnen,
+wenn sie nicht unterzeichne; formal sei ihre Unterschrift ohne Belang,
+der Markgraf verlange sie nur aus Prestigegründen. Unterzeichne sie
+aber, so könne man nicht umhin, sie zumindest bei der Liquidierung des
+Vertrags miteinreden zu lassen.
+
+Wie sie aber schwieg, breit, plump, verloren und verfallen dahockte,
+packte es ihn wieder. Er sagte, er wolle helfen, wo er helfen könne. Er
+sei Tiroler; es kratzte ihn, daß das lebendige, wache, rege, kultivierte
+Tirol den schläfrigen, dumpfen, trägen, gewalttätigen Bayern solle
+ausgeliefert werden. Er gab sich einen Ruck, es war ein schwerer
+Entschluß, man sollte eigentlich wirklich nicht so weichherzig sein.
+Aber dann stand er und sagte, und in seiner Feierlichkeit war schon ein
+bißchen Ironie: wenn sie also noch Wert darauf lege, sei er, um das
+Mögliche zu retten, bereit, die Hauptmannschaft im Gebirg, das
+Burggrafenamt zu übernehmen. Sie drückte seine lange, dürre,
+schlaffknochige Hand mit ihrer dicken, geschminkten.
+
+Dann stand der Frauenberger vor ihr, sich zu verabschieden. Klirrend
+stand er, aus dem hellen Eisen grinste rosig, glatt, nackt das freche,
+weitmäulige Gesicht. Es bleibe ihm nur übrig, unterzutauchen, ins
+Dunkle, ins Subalterne, wo der Markgraf ihn nicht finden könne; denn zu
+sterben habe er durchaus nicht die Absicht. Er werde also unterwegs im
+gegebenen Augenblick verschwinden. Man sei ein Mann, nehme das
+Schaukeln, hinauf, hinunter, nicht zu schwer. Sie sei eine gute Haut, er
+habe mehr Spaß an ihr gehabt als an so mancher mit einem zierlichen
+Puppenmund. Interessanter sei es sicher gewesen. Somit Gott befohlen.
+
+Sie sagte, er habe ihr ein Amulett gegeben mit bösen Wünschen für eine
+gewisse Person. Sie wolle sich revanchieren. Sie reichte ihm das
+mattfarbene Fläschchen. Der Saft sei geruchlos, geschmacklos; wer davon
+koste, sei in der gleichen Stunde in der Hölle, im Paradies. Bevor er
+zurücktauche ins Dunkel, in die Niedrigkeit, solle er sich das
+überlegen.
+
+Er griff danach, grinste, sie sei ein Teufelsweib. Geruchlos,
+geschmacklos; hm, das sei wohl zu überlegen.
+
+Sie, rasch: sie habe nichts gesagt. So habe es ihr der Sizilianer
+geschworen. Und da er vermeine, sie sehe ihn nicht wieder, gebe sie ihm
+das. Alles stehe bei ihm, sie habe nichts gesagt.
+
+Er, ungeheuer massig in der Rüstung, quäkte aus dem vielen Eisen heraus,
+er danke auch vielmals. Wie gesagt, ein Teufelsweib. Er hob beschwerlich
+den eisernen Arm, klopfte sie, quäkte: »Unsere Maultasch.« Zog mühsam
+ab, eisern, klirrend, froschmäulig grinsend. Pfiff sein Lied.
+
+Von unten klangen die Hörner und Trompeten der Abreitenden. Der Markgraf
+hatte sich nicht verabschiedet. Sollte sie ans Fenster? Kein Glied
+gehorchte ihr. Sie lehnte am Tisch, fahl, grau, eine geschminkte Tote.
+
+ * * * * *
+
+Durch den braungoldenen September trabten der Markgraf und seine Herren.
+Eine Weile ritten sie den blassen, weiten Chiemsee entlang. Starke Luft
+ging, die Berge in sattem Blaugrau blieben zurück.
+
+Ludwig war bester Laune. Er trug einen leichten, dunkeln Brustpanzer,
+den Helm hatte er einem Knaben gegeben, der Wind wehte angenehm um den
+kurzhaarigen Schädel. Er fühlte sich sehr jung, seine harten, blauen
+Augen blickten frischer als sonst aus dem bräunlichen, männlichen
+Gesicht. Es war ein guter Entschluß gewesen, die Österreicher
+hinauszuschmeißen. Jetzt ritt er als wirklicher Herr in seinem Land.
+Fort mit dem frechen roten Löwen Habsburgs von dem blauen
+wittelsbachischen! Er freute sich darauf, seine Beamten einzusetzen,
+reinen Tisch zu machen.
+
+Ja, reinen Tisch. Auch die Sache mit dem Frauenberger hat er sich genau
+zurechtgelegt. Heute nacht schon wird er ihn packen, es mit ihm
+austragen, ritterlich, mit der Waffe. Am Ausgang zweifelte er nicht.
+Dann wird er Luft haben, atmen können. Margarete wird er kaum mehr
+sehen. Soll sie in ihrem Schloß Tirol sitzen; er wird in München,
+Innsbruck, Bozen residieren, gubernieren, wie er es für gut hält. Stimmt
+sie zu, schön; stimmt sie nicht zu, auch gut. Agnes wird keinen Grund
+mehr finden, ihm die Schulter zu kehren mit jener frechen, leisen
+Manier, die ihn so reizt.
+
+Daß er seine Dumpfheit hinter sich gelassen hatte, daß er so genau
+wußte, was er vorhatte, kratzte ihn auf, machte ihn freier und lustiger
+als seit Jahren. Er scherzte mit Berchtold von Gufidaun, mit seinem
+getreuen Kummersbrucker. Ja, er schaute sogar mit einem gewissen
+grimmigen Wohlwollen auf den Frauenberger. Der ritt daher, breit,
+plärrend, rosig in seiner hellen Rüstung, blinzelte schlau und behaglich
+aus seinen rötlichen Augen in die besonnte, vergnügte Welt -- und war
+doch schon so gut wie tot. Der Markgraf rief ihn an, ritt neben ihm. Der
+Frauenberger erzählte unflätige Witze, machte freche Anspielungen.
+Ludwig lachte schallend, ging auf seinen Ton ein, sie führten ein
+derbes, grobes Soldatengespräch, unterhielten sich ausgezeichnet.
+
+Dann machte man, sehr früh, Mittag. Man aß im Freien, reichlich, trank,
+legte sich eine Weile nieder. Dann trank man nochmals, saß wieder zu
+Pferde. Ludwig hatte jetzt auch den Helm auf, er wollte so durchreiten
+bis München. Der Frauenberger hielt sich in der Nähe des Markgrafen, der
+suchte ihn geradezu. Man ritt los. Man war jetzt in der Ebene, die Berge
+verdämmerten rückwärts, die Ebene war weit, einförmig, zuweilen
+flimmerte in der Sonne ein kleiner, unansehnlicher Rittersitz, ein Hof,
+ein ziemlich armseliges Dorf. Man ritt frisch zu, man wird noch vor
+Abend in München sein.
+
+Die Unterhaltung zwischen dem Markgrafen und dem Frauenberger wurde
+lahmer, stockte. Er fühlte sich merkwürdig müde, der Atem ging ihm
+schwer, die leichte Rüstung drückte ihn. Hatte er zuviel getrunken?
+Rechts am Weg tauchte ein Dorf auf, die Häuser waren so sonderbar rund,
+schmutzigblaß trotz der hellen Sonne, schichteten sich komisch
+übereinander. Jemand sagte: »Der Ort heißt Zorneding.« War das die
+Stimme Gufidauns oder des Kummersbruckers?
+
+Plötzlich nestelte er am Helm, am Panzer, fiel vornüber zur Seite vom
+Pferd, der halb gelöste Helm schlug herunter. Der Kummersbrucker ritt
+zu, ein Knabe, sie fingen ihn auf. Der Helm kollerte vollends in Staub,
+das Gesicht war fahl, doch nicht weiter entstellt, der Unterkiefer hing
+herab. Der massige Nacken des Leblosen sah gar nicht mehr gefährlich
+aus, nur dumm und plump. Sie rieben ihn, beteten. In die dumpfe
+Betretenheit der Herren hinein quarrte die helle, breite, gemeine Stimme
+des Frauenbergers: »Seltsamer Zufall. Auf freiem Feld in der Nähe von
+München. Genau wie sein Vater.« Berchtold von Gufidaun sah ihn auf und
+ab, finster, drohend. Der Frauenberger, frech blinzelnd, hielt stand,
+quäkte: »Wünschen der Herr etwas?« Gufidaun kehrte sich langsam ab,
+schwieg.
+
+In der Margaretenkapelle der Münchner Hofburg wurde der Leichnam
+aufgebahrt. Viele Kerzen brannten. Ulrich von Abensberg, Hippolt vom
+Stein, fünf andere Barone hielten Totenwacht. Auch der Frauenberger war
+darunter. Doch der begann bald zu gähnen, zog sich zurück. Streckte sich
+auf sein Bett, pfiff sein Lied, knackte die Glieder, rülpste, schnalzte,
+schlief friedsam ein.
+
+
+
+
+ Drittes Buch
+
+
+
+
+In Landshut in seiner Hofburg hatte Herzog Stephan eben Weisung gegeben,
+wer von seinen Herren ihn nach München begleiten solle. Er wollte seinen
+ältesten Bruder begrüßen, den Markgrafen, der den glückhaften Entschluß
+gefaßt hatte, die Habsburger aus seinem Land hinauszujagen. Herzog
+Stephan freute sich stolz, daß recht eigentlich er diesen Entschluß
+angestoßen hatte. Er reckte den Kopf mit dem kurzen, dicken, nußbraunen
+Schnurrbart; sicher hatten seine kräftigen Worte jüngst Ludwig den
+Rücken gesteift. Und jetzt wird er nach München gehen und zusehen, ob er
+nicht einen engeren Zusammenschluß der Wittelsbacher erwirken kann.
+Warum soll es -- Pest und geschwänzter Satan! --, wenn Ludwig und er
+festen Willens sind, nicht glücken, Wittelsbach unter _ein_ Dach zu
+bringen, so wie die Habsburger zusammengeschweißt sind? Sicherlich
+streiten die sich wie Hähne, wenn sie ohne Zeugen untereinander Rats
+pflegen: aber repräsentieren sie nach außen, dann stehen sie wie _ein_
+Mann, und es geht eitel Honig von einem zum andern. Es war gut, daß
+Ludwig sich endlich aufgerafft hat. Er wird jetzt nicht locker lassen,
+bis das zerfetzte Wittelsbach wieder zusammengeflickt ist.
+
+Man brachte die Rüstung, begann, ihn für die Reise zu wappnen. Da kam
+ein Kurier aus München, meldete den Tod des Markgrafen. Herzog Stephan
+stand starr, den Mund halb auf, die Finger merkwürdig gespreizt. Dann
+mit einem heftigen, knarrenden Kommando schickte er seine Leute weg,
+lief, der halb angekleidete Mann, hin und her, machte jähe, herrische
+Gesten, sein Gesicht arbeitete, furchte sich drohend, glättete sich, der
+kurze, dicke Schnurrbart stieg mit der zuckenden Lippe.
+
+Er sah Möglichkeiten, die mannigfachsten, schillernd. Hier winkten sie,
+dort. Der junge Meinhard war ein Knabe, schwach, dümmlich, gutmütig;
+hing zudem schwärmerisch an seinem, Stephans, Sohn, dem Friedrich.
+
+Ja, in Stephans Händen lag jetzt das Schicksal Wittelsbachs. Beide
+Bayern vereinigen. Die Widerstrebenden, die Brüder, den Holländer,
+Brandenburger, die Pfälzer zusammenzwingen. Sie mußten doch sehen, sie
+mußten sich doch fügen. Wer waren sie denn, diese Ludwig, Albrecht,
+Wilhelm, Ruprecht? Nichts waren sie; aber Wittelsbach war viel, war
+alles. Es wird gute Kraft von ihm ausgehen, sein Glaube, sein ehrlicher,
+frommer, reiner Wille wird in sie überströmen, sie werden sich
+überzeugen lassen.
+
+Er setzte sich schwer nieder, sein Gesicht verlor die künstlich straffe,
+soldatische Miene, die Schultern erschlafften. Ach, nichts von alledem
+wird sein. Die Hoffnung war krampfhaft, verlogen. Er war nicht der Mann,
+das durchzuwirken. Wohl, die Gelegenheit war gut; aber die Bürde war zu
+schwer für ihn. Sein Vater schon, der Kaiser, der viel Robustere, war
+ein Zauderer gewesen, hatte sein Werk halb fertig liegen lassen müssen:
+wie sollte er, der Schwächere, das zerstückte, verstümmelte, zu Ende
+bringen?
+
+Sein Bruder war am Wege gestorben. Ein schlechtes Zeichen. Er hatte
+Ludwig nicht besonders gemocht, kein vertrauteres Wort mit ihm
+gesprochen. Die Brüder hatten sich alle sechs nie enger aneinander
+geschlossen, jeder schaute dem andern mißtrauisch auf die Finger, daß
+der kein zu großes Stück des Erbes packe. Aber Ludwig war ein
+anständiger Mensch gewesen, er hatte es nicht leicht gehabt, er hatte
+die Maultasche geheiratet, dem Haus ein großes Opfer gebracht. Nun war
+er tot, in guten Mannesjahren gestorben. Es verblaßte um die
+Wittelsbacher, ihr Glanz ging aus.
+
+Er erinnerte sich, wie er jene päpstliche Bulle gehört hatte, die den
+Bannfluch über den Vater verkündete: »Seine Söhne treffe dieser Fluch:
+Aus ihren Wohnsitzen verjagt, sollen sie ihren Feinden in die Hand und
+der Vernichtung anheimfallen.« Er war ein kleiner Junge gewesen damals,
+er hatte unter den großen, drohenden, pathetischen Worten nichts Rechtes
+verstanden, aber sie hatten ihn überschauert und nicht mehr losgelassen.
+Es war nicht gut gegangen mit den Wittelsbachern seither. Ihre Länder
+zerfallen. Die Brüder sich zerkrallend einer den andern. Im Nordwesten,
+in den flandrischen Provinzen, hatte die Mutter geherrscht, die
+Kaiserin, zusammen mit Wilhelm, dem begabtesten unter den Brüdern. Sie
+waren in Streit geraten, Wilhelm hatte die Mutter in jener wilden,
+blutigen Seeschlacht an der Mündung der Maas geschlagen, sie war zu
+ihrem Schwager geflohen, dem König von England. Sie war eine hochmütige
+Dame gewesen, schwermütig, ihren Kindern fremd; ja, man hatte sich
+zusammennehmen müssen, war immer beklommen gewesen in ihrer Gegenwart.
+Nun war sie gestorben, müde von Hoheit, Leid und Sorgen, und Wilhelm,
+der lichteste, begabteste, liebenswürdigste der Brüder, war in Tobsucht
+und Irrwahn gefallen, krank an dem Zwist mit der Mutter, krank an dem
+fremden Land. Nein, es stand nicht gut um Wittelsbach; jener Fluch ging,
+wenn nicht seine Worte, so doch sein Sinn, in bittere Erfüllung. Er
+starrte vor sich hin. Der Tod des Bruders gab ihm die Möglichkeit und
+die Pflicht, das Land in den Bergen fester zu klammern, die Südmark zu
+halten. Er sah auf seine Hände; sie lagen schwer, schlaff, kraftlos. Wie
+soll er mit diesen Händen --?
+
+Unsinn. Er hat zu viel schweren Würzwein zum Frühstück genommen, das ist
+alles. Das macht das Blut dick, die Gedanken trüb. Waren seine
+Aussichten nicht ausgezeichnet? Der Knabe Meinhard war schwach und
+leicht zu lenken. Den wird er doch, Gotts Marter, von sich abhängig
+machen können. Er straffte sich, fest über der gepreßten Lippe stand der
+kurze, dicke, nußbraune Schnurrbart. Er wird Wittelsbach zusammenkneten
+und groß machen in der Welt.
+
+Er ließ sich fertig wappnen. Er hatte jetzt doppelten Anlaß, nach
+München zu reiten. Seine Stimme war die alte, soldatisch knarrende. Er
+befahl seinen Sohn Friedrich zu sich.
+
+Prinz Friedrich hatte schon von dem Tod des Markgrafen gehört. Er barst
+beinahe von Plänen, von Energie. Meinhard hing an ihm mit
+schwärmerischer Bewunderung. Er war jetzt durch Meinhard mächtiger als
+sein Vater. Der junge Mensch, schlank und elegant von Wuchs, dunkles
+Haar tief ansetzend über der breiten, eckigen, eigenwilligen Stirn,
+hatte von frühester Jugend an mit Verachtung auf seine Umgebung
+geschaut. Er allein war der rechte Kaiserenkel. Knirschend hatte er
+gesehen, wie Wittelsbach immer kleiner zersplitterte. Hochfahrend hatte
+er sich gebäumt gegen alles Reden und Tun seines Vaters, der nicht Faust
+und Schenkel hatte, dieses edle, nervenfeine, widerspenstige Roß
+Wittelsbach zu zähmen. Oh, er, Prinz Friedrich, hatte Griff und Gefühl
+dafür, er wird es zwingen.
+
+So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor
+seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer,
+zerspalteter Liebe. Er hielt ihn für begabter und begnadeter, als er
+selber war, sah in ihm seine Erfüllung, liebte sogar seine Raschheit,
+seinen Jähzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn
+der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden
+Ausbrüchen zwischen ihnen.
+
+Stephan eröffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend,
+Markgraf Ludwig sei plötzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung
+nach München reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben.
+Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschäfte führen, in
+wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach München schicken. Friedrich
+überlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung überlassen:
+was stak dahinter? Er maß ihn mißtrauisch. Ah, der Herzog fürchtete
+seinen Einfluß auf Meinhard, wollte allein nach München, Meinhard von
+ihm abdrängen, ihn dort ausschalten.
+
+Er warf den Kopf zurück, glitt mit raschen, braunen Augen über den
+Vater, sagte hochmütig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde
+seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverständlich auch
+nach München reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch
+ein Knabe Kämmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der
+Junge verrückt sei. Die andern standen großäugig, gestreckt von
+Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anständige
+Fürst und Herr müsse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte
+drohend auf ihn los. Der Junge stand zunächst, dann wandte er sich,
+wischte hinaus. Warf sich -- niemand wagte ihn zu halten -- auf ein
+Pferd, jagte davon, nach Süden, nach München.
+
+Der Herzog lachte, zuerst ärgerlich, dann wohlgefällig. Seine Herren,
+froh über diese Lösung, lachten mit. »Ein Teufelsjunge, der Friedrich!«
+sagte der Herzog. »Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!«
+wiederholten seine Herren.
+
+Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn
+kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bäumende Wittelsbach
+kleinkriegen?
+
+Er stieg zu Pferde. Schwer mit großem Troß ritt er die Straße, die Prinz
+Friedrich vorangejagt war.
+
+ * * * * *
+
+Dem jungen Meinhard machte der Oberjägermeister, Herr von Kummersbruck,
+Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig,
+umwegig. Verlorene Mühe. Der Achtzehnjährige begriff durchaus nicht, so
+daß Herr von Kummersbruck schließlich schlicht und geradezu erklären
+mußte: Der Markgraf ist tot.
+
+Meinhard schaute ihn verblüfft aus großen, runden, treuherzigen Augen
+an, wälzte die Nachricht in seinem gutmütigen, dicken Kopf, schwitzte.
+Er wußte durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was
+er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr
+anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er hätte sich als kleiner
+Landbaron viel behaglicher gefühlt. Eigentlich war es wohl traurig für
+das Land und für alle, daß sein Vater tot war. Denn er war tüchtig und
+energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz
+Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwärtig war.
+Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn
+gekümmert. Dieser Tod war ihm gleichgültig, kostete ihn nur Ärger,
+forderte Mühe, Nachdenken.
+
+Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu
+führen pflegte, den kleinen, langgeschwänzten Siebenschläfer, den er in
+geduldiger Arbeit dressiert hatte, so daß er auf den Namen Peter hörte
+und auf seinen Pfiff mit ihm aß, mit ihm schlief. Er betrachtete das
+Tier aus großen, verdrossenen, unglücklichen Augen, streichelte es.
+
+Sehr langsam nur löste er sich aus seiner blöden, verworrenen
+Befangenheit, als er sah, daß man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als
+vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und höchsten Beamten bis
+hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies
+langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu
+erhärten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich
+widersprechende, schaute amüsiert zu, wie man sie beflissen ausführte,
+er ließ seine Leute springen, ergötzte sich, wie ihre Gesichter immer
+gleich unterwürfig und ohne Widerspruch blieben.
+
+Nur _einer_ ließ sich offenbar von seiner neuen Würde durchaus nicht
+imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann
+sah, ein unbehagliches Gefühl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit
+dem Froschmaul, dem weißlichen Haar, den rötlichen Augen, war ihm immer
+gefährlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht.
+Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, quäkte herablassend,
+väterlich: »Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den
+Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen.« Er nahm mit seiner
+fleischigen, gefährlichen Hand die dicke, gutmütige des Jungen,
+blinzelte ihn an, gar nicht ehrfürchtig, gar nicht untertänig, eher mit
+einer scherzhaften, spöttischen Überlegenheit, drehte sich um, ging,
+pfiff sein Liedchen.
+
+Da langte stürmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang
+sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war
+erlöst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzählte die Geschichte
+mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke
+Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strömte aus,
+riß den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen
+blauen, schlichten, runden Augen entzückt zu ihm aufschaute, sich
+glücklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schloß sich ganz
+auf, erzählte auch von der unbehaglichen, überheblichen Art des
+Frauenbergers. Friedrich schäumte, stampfte. Erklärte, das werde er
+gleich haben. Ließ den Frauenberger rufen. Sagte ihm über die Achsel,
+hoffärtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in München nicht,
+beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits
+auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen
+Herren an, langsam, lächelnd, frech, gutmütig-höhnisch, sagte, er hätte
+gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier für den ihm so huldvollen
+verewigten Markgrafen mitgeholfen, fühle sich aber sehr geehrt, daß man
+ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Fürstin übertrage. Er hoffe
+nur, fügte er väterlich besorgt hinzu, daß die jungen Herren hier in
+München ohne ihn zurechtkommen würden. Er blinzelte vom einen zum
+andern, ging.
+
+Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und
+bemühte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger
+dazwischentreten könnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus
+nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen
+Regierungsmethode, die den Bürger ausspielte gegen den Adligen, die
+Städte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zögernde, vorsichtige
+Händler- und Krämerpolitik, die den Nichtritter für einen vollen
+Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt
+stand -- dies galt ihm für ausgemacht -- auf dem christlichen Ritter,
+auf dem Fürsten, der keine andere Schranke kannte als die
+selbstgewählten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Fürsten
+waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren
+Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter
+ist, ducken, daß es nur mehr der Schemel ist für den Fuß des Fürsten.
+Was Geld! Was Handel! Was Städte! Die alten, lichten Gesetze der
+Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen.
+
+Der junge Meinhard hörte schwärmerisch den überschwänglichen
+Ausführungen des andern zu. Der kam jetzt mit praktischen Vorschlägen.
+Meinhard solle diese Grundsätze in seinen Ländern verwirklichen. Noch
+gebe es in Bayern Barone der alten Art, die das Bürgergeschmeiß
+zeitlebens mit geziemender Verachtung traktiert hätten. Meinhard solle
+mit ihm und einer Anzahl dieser Aristokraten eine Jagd- und
+Turniergesellschaft aufbauen auf den strengen Statuten früherer
+Rittergesellschaften wie der Artusrunde und ähnlicher hochadeliger
+Klubs. Aber dieser Bund solle keineswegs nur sportlichen Spielen dienen,
+es solle von ihm eine Erneuerung der ganzen Nation ausgehen. Vor allem
+auch solle an Stelle eines Kabinetts alter, vertrockneter Theologen und
+Beamten dieser Bund die eigentliche Regierung führen.
+
+Meinhard war mit ganzer Seele dabei. Er hatte Angst gehabt vor dem
+Regieren; jetzt war er befreit und glücklich, daß sich das so angenehm
+anließ, daß man es erledigen konnte in Gesellschaft sportfreudiger
+Kavaliere und Kameraden, unter Führung des genialen, herzlichen,
+freundhaften Friedrich.
+
+Sie setzten sich zusammen, machten die Liste der Barone, die in den Bund
+aufgenommen werden sollten. Ulrich von Abensberg, Ulrich von Laber,
+Hippolt vom Stein zuerst. Dann der Höhenrain, Freiberg, Pinzenau, der
+Trautsam von Frauenhoffen, Hanns von Gumppenberg, Otto von Maxlrain.
+Mancher Name klang nicht ganz unbedenklich, erforderte, daß man ein
+Langes und Breites erwog. Der junge Herzog hatte sein Murmeltierchen aus
+der Tasche genommen; es saß auf dem Tisch, äugte aus dickem Kopf auf die
+Schreibenden, wischte mit dem Schwanz hin und her. Die beiden Jungen
+arbeiteten, daß ihnen die Schädel rauchten.
+
+Als am Abend Herzog Stephan eintraf, war die Regierung Bayerns so gut
+wie vergeben. Friedrich hatte den Vetter dringlich gewarnt, sich vor
+Herzog Stephan bis ins Letzte vorzusehen. So fand der den Neffen scheu,
+störrisch. Er wollte Unterschriften von ihm unter gewisse prinzipielle
+Fragen, Grenzangelegenheiten, Zollsachen. Meinhard wich aus, sagte, auf
+Rat Friedrichs, er wolle zunächst warten, bis sein Vater unter der Erde
+sei. Herzog Stephan wußte sehr wohl, daß Friedrich hinter diesem
+Widerstand stak. Wütete, freute sich.
+
+Dann kam Margarete und am gleichen Tag, sehr prunkvoll, Herzog Rudolf
+von Österreich. Mit ungeheurem Gepräng wurde der Markgraf bestattet.
+Wieder sah Agnes von Flavon, daß Schwarz sie am besten kleidete. Von dem
+Katafalk des Toten weg, von der Markgräfinwitwe weg, von den Pfalzgrafen
+bei Rhein, den Herzogen beider Bayern, Österreichs weg gingen alle Augen
+immer wieder zu ihr.
+
+An dem jungen Meinhard zerrten Margarete von Tirol, Herzog Stephan von
+Niederbayern, Herzog Rudolf von Österreich, wollten Regelungen,
+Verträge, Anerkenntnisse, Unterschriften. Der gutmütige, leicht lenkbare
+Junge, unter dem Einfluß Friedrichs, blieb fest. Am dritten Tag nach der
+Bestattung des Markgrafen wurde der Artusbund bayrischer Ritterschaft
+gegründet. Meister waren Meinhard und Friedrich, Obersten die Herren von
+Abensberg, von Laber, vom Stein. Mitglieder zweiundfünfzig ober- und
+niederbayrische Barone. Seiner Mutter, den Herzogen, die an ihm zerrten,
+erwiderte Meinhard, er sei durch Rittereid gebunden, nichts Endgültiges
+zu sagen und zu tun, ohne seine Freunde und Vertrauten, die Herren vom
+Artusbund, zu befragen. Verblüfft standen Stephan, Margarete, Rudolf.
+Wer war diese Adelssippschaft, die die Hand auf den Jungen gelegt hatte?
+Mißtrauisch beschnüffelte einer den andern. Nur Stephan witterte
+sogleich das Rechte. »Der Teufelsjunge!« wütete er, vergnügt.
+
+Ulrich von Abensberg war verheiratet mit der älteren Schwester der Agnes
+von Flavon-Taufers. Durch ihn lernte Friedrich Agnes kennen. Schwärmte.
+Agnes sah wohlgefällig auf den jungen, schlanken, trotzigen,
+ungebärdigen Prinzen. Sie übernahm das Patronat des Artusbunds. War
+zugegen, als die Fahne des Bundes geweiht wurde, die ihre Farben trug.
+Sie sagte zu Friedrich: »Ihre Politik, Prinz Friedrich, kann man mit dem
+Herzen mitmachen.« Er sprach die Formel vor, aus dem Innersten, als sich
+die Fahne vor ihr senkte: »_Pour toi mon âme, pour toi ma vie._« Sie
+ging unter den klirrenden Herren herum, hatte liebenswürdige Worte, für
+jeden einzelnen persönlich zugeschnitten. Ihre länglichen, blauen Augen
+waren oft und einverständnisvoll auf dem schlanken, schwarzen Friedrich,
+ihre schmalen, kühnen Lippen lächelten dem Abensberger zu, mit den
+langen, weißen Händen streichelte sie das Murmeltier Herzog Meinhards.
+Alle waren begeistert und beglückt.
+
+
+
+
+»Darf ich Eurer Durchlaucht Bericht erstatten,« sagte der Frauenberger
+zu Margarete, »wie der Markgraf starb?«
+
+Margarete war sehr dick geworden. Schlaff hing, in wüsten Falten, von
+dem äffisch sich wulstenden Maul die Haut herunter; weiter oben war sie
+voll von Rissen und Warzen, die die Schminke nicht mehr verdecken
+konnte.
+
+»Ja,« sagte der Frauenberger und feixte, »der Markgraf war vergnügt wie
+selten, als wir aufbrachen. Wir hatten getrunken, er und ich. Ich hielt
+mich immer bei ihm. Er fiel vom Pferd zur Seite. Er war nicht sehr
+entstellt. Es ist sonderbar, daß ihn in der Nähe Münchens der Schlag
+rührte. Ganz wie den Papa.«
+
+Margarete erwiderte nichts. Ihre sonst so erfüllten Augen blickten starr
+und leer. »Na, na, Herzogin Maultasch,« quäkte Konrad, »wir werden es
+mit dem Meinhard nicht schwer haben. Ein bißchen scheu, aber ein guter
+Kerl. Der Niederbayer hetzt ihn auf, der Friedrich, der Schwarze, der
+dumme Junge. Abwarten! Nicht bange werden. Einen Kuß hab' ich wohl
+verdient,« grinste er. Aber wie der Atem seines breiten Mundes ihr näher
+kam, zuckte sie zurück, überschauert. »Na, dann nicht,« sagte er
+gemütlich.
+
+Mit Herzog Rudolf von Österreich war auch der uralte Abt Johannes von
+Viktring nach München gekommen. Er war nun ganz wackelig geworden,
+ausgehöhlt, zitterig, hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen,
+mummelte gelegentlich Unverständliches vor sich hin. Er streichelte
+Margarete, seine Haut war noch trockener als die ihre, er nannte sie:
+»Mein gutes Mädchen.«
+
+Später ließ sie ihn zu sich bitten. Erzählte ihm von dem mattfarbenen
+Fläschchen, ihr Gespräch mit dem Frauenberger, Wort um Wort. Es war
+keine Beichte und mehr als eine Beichte. Er hockte da, verschrumpft,
+erloschen, sie wußte nicht, ob er verstand. Dies war auch gleichgültig;
+wichtig war nur, vor lebendigen Ohren zu reden. Doch als sie geendet,
+zitierte er einen antiken Klassiker: »Viel Furchtbares ist in der Welt,
+doch nichts furchtbarer als das menschliche Herz.«
+
+Agnes wich dem Frauenberger aus, war kalt zu ihm, spöttisch. Er sagte
+behaglich: »Sie sind schlechter Laune, Gräfin? Mein Gesicht gefällt
+Ihnen nicht mehr?« Dann klopfte er sie auf die Schulter, grinste,
+quäkte: »Bist doch eine Gans, Agnes. Hältst dich an die Jungen, die
+Gecken. Glaubst, das alte Schiff ist leck. Bist eine gute, dumme Gans,
+Agnes.« Er tätschelte sie, tastete sie ab. Da sie sich ihm entzog,
+lachte er gemütlich, streckte sich aufs Polster, drehte sich um, gähnte
+lärmvoll.
+
+ * * * * *
+
+Herzog Rudolf, der Habsburger, griff gierig nach den Dokumenten, die ihm
+sein Kanzler, der kluge Bischof von Gurk, bedeutsam feierlich
+überreichte. Er vertiefte sich in sie, las wiederholt, fieberisch glühte
+der sonst so ruhige, beherrschte Mann. Er streichelte die Papiere. Hörte
+auf die Erklärungen, die ihm der Kanzler, der juristisch ungewöhnlich
+gebildete Bischof, vortrug. Von wie ungeheuern staatsrechtlichen Folgen
+die Auffindung dieser Dokumente sei. Er las nochmals. Küßte feierlich
+fromm die Pergamente, kniete nieder, betete. Drückte dem Bischof, der
+gesammelt dastand und sich kein kleinstes Lächeln gestattete, voll
+heftigen, erregten Dankes die Hände.
+
+Herzog Rudolf hatte von seinem Vater den harten Tatsachensinn geerbt,
+den klaren Blick für Realitäten, Möglichkeiten. Er wußte, daß Habsburg
+noch nicht stark genug war, die Verpflichtungen der Kaiserwürde zu
+tragen, ohne im Innersten Schaden zu nehmen. Die Wahrung des
+kaiserlichen Ansehens zwang zu Zersplitterung, sog am Mark. Wittelsbach
+und Luxemburg hatten es spüren müssen. Es gab nur eines: vorläufig auf
+diesen äußeren höchsten Glanz klug verzichten, sich aber im Innern so
+festigen, daß die Kaiserkrone schließlich wie von selbst Habsburg als
+dem Stärksten zufallen mußte. Dies war die Politik, die Albrecht mit so
+großem Erfolg vorgelebt hatte.
+
+Rudolf sah klar und nüchtern, daß es für ihn einen andern Weg nicht gab.
+Eisern zwang er sich, dieses Maß zu halten. Aber er besaß nicht den
+ruhevollen Sinn seines Vaters, des Lahmen, der am Bewußtsein der realen
+Macht sein Genüge hatte. Ihn brannte es, daß ein anderer da war, der vor
+ihm saß, der sein Lehensherr war, der sich, und mit Recht, Römischer
+Kaiser nannte. Wer war denn dieser Karl, der Duckmäuser, der hagere,
+hohlwangige, mit seinem krausen, schmutzigen Vollbart? Er besaß Land wie
+jener, hatte wie jener Universitäten gegründet, Kathedralen, Paläste,
+die Universität Wien, den großen Dom. Jener hatte rechtzeitig die
+glückliche Gelegenheit gepackt, sich die Krone zu sichern; jetzt wäre es
+Unsinn gewesen, Kraft und Macht um dieses äußere Zeichen zu verzetteln.
+Aber alle Vernunftgründe hinderten nicht, daß es Rudolf kratzte, nagte,
+brannte, schnitt, den andern über sich zu wissen.
+
+Er war zu stolz, seinen Kanzler solche Gedanken merken zu lassen. Aber
+der kluge Bischof erriet sie, erwog, wälzte in sich, wie er dem Fieber
+seines Herrn die kühlende Salbe schaffen könnte.
+
+Plötzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von
+Viktring, mit dem er gern zusammensaß, hatte ihm eben gute Nacht gesagt.
+Der Abt schloß sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu
+arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer
+genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er
+nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines
+Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid
+schwören müssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen
+Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt
+als letzte Wahrheit wie das Evangelium.
+
+Wie jetzt der Abt sich zurückgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: »Was
+der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur
+Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden
+anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt
+auf Papier. Der Böhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um
+seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in
+Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?«
+
+Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog
+Albrechts. Wie da der Abt verkündet hatte: _Defunctus est Albertus de
+Habsburg, imperator Romanus._ Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in
+Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag
+und Nacht brenne es. Der Uralte hörte zu mit erloschenen Augen. Der
+Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte.
+
+Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei
+seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestöbert. Verstaubt waren
+sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die köstlichen Pergamente.
+Unbegreiflich.
+
+Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit
+mehr als bloß historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang
+waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mächtigen Sockel
+zu stellen, unmittelbar neben den Römischen Kaiser.
+
+Fieberisch erregt prüfte Rudolf die Papiere. Es waren fünf Urkunden. Sie
+waren ausgestellt von Römischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem
+Vierten Heinrich, gingen zurück bis auf Cäsar und Nero. Sie bestimmten,
+daß Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen
+Fürstengeschlechtern, befreiten es von lästigen Pflichten, begabten es
+mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem,
+oberstem und treuestem Fürsten.
+
+Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst,
+feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurück. Da hob
+Rudolf die Papiere vom Tisch, drückte sie an seine Brust, sagte fest, er
+sei gewillt, die Würden und Verantwortungen, die Gott durch diese
+Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen.
+
+Mit gewaltigem Schwung verkündete er aller Christenheit die Auffindung
+dieser Hausprivilegien. Große Gesandtschaften an Papst, Kaiser,
+sämtliche Höfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen
+Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, ließ das Zimmer, in dem er geboren
+war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese
+Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln.
+
+In den Kanzleien der deutschen Fürsten gab es verblüffte Gesichter. Die
+Juristen des Böhmen, des Brandenburgers, des Pfälzers schrieben sich,
+kamen persönlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden,
+schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es
+auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist
+Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es
+geprägt, klar, unzweideutig: Die österreichischen Hausprivilegien sind
+Schwindel, lahme Fälschungen. Allein man traute sich nicht, das
+Gutachten des Welschen zu verwerten.
+
+Tief mißvergnügt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu.
+Fast verleidete es ihm seine Reliquien, daß nun auch der Nebenbuhler
+solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der
+Schriftstücke, vor allem die Urkunden Cäsars und Neros schienen ihm
+trotz ihrer einwandfreien Latinität bedenklich. Aber gleichwohl, sogar
+nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber
+nicht, die Pergamente schlechthin für Fälschungen zu halten.
+
+Herzog Rudolf saß über seinen köstlichen Dokumenten, las sie wieder und
+wieder, vertiefte sich, prägte jeden Schnörkel, jede Faserung des
+Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu.
+Einverständnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der
+Herzog die Privilegien in sein Credo einschloß.
+
+ * * * * *
+
+Margarete blieb, nach Tirol zurückgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden
+Erstarrung. Sie kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Die
+Dekrete mußten durch Kuriere dem jungen Herzog nach München geschickt
+werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die
+Räte regierten auf eigene Faust, zögernd, mit halben Maßnahmen; denn man
+wußte nicht: wer wird nun endgültig die Herrschaft an sich reißen,
+Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Münchner Artusrunde? Die
+wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt.
+
+Margarete war ausgeschöpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so
+unerhörter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert
+worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede
+erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft,
+Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und
+Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben
+Freuden, von denen sein unflätiges Lied grinste, und sonst nichts auf
+der Welt.
+
+Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, häßliche Frau ihr
+Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie saß viele
+Stunden bei Tisch, in ihren Küchen wetteiferten burgundische,
+sizilianische, böhmische Köche. Aus großen Bechern trank sie schwere,
+hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mußte sie kosten.
+Seltene Fische, Vögel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung,
+gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Würzwein. Unersättlich
+verlangte sie, daß man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst,
+sie könne etwas übersehen, etwas versäumen. Sie ging früh zu Bett, stand
+spät auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das
+beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewöhnt, sich zu strecken,
+lärmvoll zu gähnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke,
+alternde Frau, grauenvoll häßlich, schnarchend. Ihr hartes,
+kupferfarbenes Haar zottelte in spröden Strähnen. Über dem Gesicht trug
+sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus
+Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jünger.
+
+Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die
+Maultasch war ein vernünftiges Weib, hatte sich überzeugen lassen, hatte
+erkannt, daß seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr
+anerkennend die Schulter. Übernahm die Organisation ihrer Freuden.
+
+Seltsame Gerüchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um
+nächtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster
+von Schloß Tirol so eingerichtet, daß er in den Hof niedergelassen, der
+Besucher in ihm emporgewunden werden könne. Im Fällturm des Schlosses
+faulten die Günstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man
+rümpfte die Nase über die Privilegien des Passeier Tals, seine
+Schildhöfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd- und Holzrechte.
+
+Die Herzogin ging tiefer nach Süden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz
+weiß; unten, schwärzlichblau, dunstete in mittäglicher Sonne der
+weite See. Verfallene Steinstufen führten hinunter, zwischen
+Granatapfelbäumen. Festlich auf großer, bunter, geschmückter Barke glitt
+die Häßliche über das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen
+flirrende Fische, gleichmäßig schäumten die Ruder. Aus dem Bauch des
+Schiffes, während sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik.
+
+An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige,
+gewalttätige Junge, gelblichweißes, leidenschaftliches Gesicht, kurze
+Nase unter raschen, großen, dunklen Augen, siebzehnjährig, hatte sie in
+Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jüngere, der
+mächtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerüstet. Der kleine
+Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrünstigen Kämpfen der
+Castelbarcer als einziger Träger seines stolzen, reichen Namens
+übriggeblieben. Er selber hatte wütig in mehreren Scharmützeln
+mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Güter in den
+Händen der Gegner; er hatte sich an den Hof des großen Veronesers
+geflüchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte
+Nachfahr seines uralten Hauses. War maßlos verwöhnt, jeder Wallung bis
+an die äußerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes,
+gelblichweißes Knabengesicht.
+
+Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des großen della Scala die
+Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfürchtigen Gerüsteten
+und sich senkenden Fahnen, unter Glockengeläut, starr geschminkt, in
+mächtigem, stein- und goldübersätem Prunkkleid, abenteuerlich häßlich.
+Er spürte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte
+natürlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehört, die um sie
+gingen, wie sie, die Unersättliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren
+zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in
+grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hieß sie in Italien. Es
+schmeichelte ihm, daß sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die
+er, vielleicht, seine Gegner erdrücken konnte. Ihn reizte das
+gefährliche Gerücht, das um sie ging. Er war jung, ein später Abkömmling
+eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Häßlichkeit.
+
+Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem
+Knaben Aldrigeto. Es war brütend heiß, sie waren auch die Nächte fast
+immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen
+Halbinsel am südöstlichen Ufer, unter den Trümmern lateinischer Villen,
+zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hängematten, unter Moskitonetzen.
+Schwärzlichblau, ehern lag der See.
+
+Es geschah das Seltsame, daß der wilde, gelblichweiße Knabe die Häßliche
+zu lieben begann. Er war schön, schlank, gelblichweiß wie die
+zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den Ölbäumen herumstanden.
+Sie war ein großes, mächtiges, starres, zaubervolles, häßliches
+Götzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heißen Mädchen, die
+schwerer atmeten, wenn er in ihre Nähe kam? Gänse waren sie, leer und
+dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas
+ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des
+Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rätselvollen, machtvollen,
+einsamen Besonderheit. Er hängte alle seine Träume um sie herum. Längst
+war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn
+er ihr vorschwärmte von dem großen Reich, das er zusammenschweißen
+wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige,
+starre, unsäglich häßliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, daß er
+mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn
+panisch, überschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlöslich. So waren
+sie zusammen in dem brütenden Mittag, die Herzogin, ein großes, tristes,
+altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben
+zahlloser Kämpfe, träge von endlosem Erleben, und der Knabe,
+palmenschlank und biegsam, der letzte, späte Enkel der ungeschlachten
+Eroberer, mit heißen, dunkeln Augen aus dem weißen Gesicht in eine
+Zukunft schauend, die für jene Vergangenheit war.
+
+Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff über ihre
+geschminkten Finger. Ihr weiter, wüster Mund nahm die glasklaren Kerne
+auf, sie zerspritzten unter ihren schrägen, großen, malmenden Zähnen.
+»Wie seltsam!« dachte sie. »Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht.
+Es scheint fast, er hält sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt
+geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich.« Sie
+dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand über
+Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jähen Bewegung warf der
+Knabe den Kopf herum, biß sie in die Hand. Dann lachte er, nicht
+bösartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die
+stillen, trägen, seligen Ufer des Sees.
+
+In Tirol indes, während die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um
+sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hieß es, sie sauge
+den Männern nächtlich das Blut aus, sie könne an zwei Orten zugleich
+sein; in Tramin hatten sie, während sie leibhaft in Verona war, ein Weib
+auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer öfter mußte die
+Obrigkeit Leute stäupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin
+gesprochen hatten.
+
+Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag,
+Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bäumen hin, dann war der See
+plötzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, überfrostend aus dem
+warmen Hindämmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank,
+schön, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn
+trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehöhlt, sich
+daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist
+das Beste. Mit einem matten Verlangen wünschte sie nur eines: immer so
+bleiben, immer so dahindämmern in dem brütenden Sommer, schlaff, still
+verdunsten wie das besonnte Wasser.
+
+ * * * * *
+
+Die Münchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich
+mittlerweile konstituiert. Mit großem Zeremoniell vollzog sich
+Gründungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder,
+Fahnenweihe, Krönung der Agnes von Flavon zur Königin des Bundes. Dann
+ein großes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden.
+
+Den jungen und gewalttätigen Herren des Bundes behagten die Grundsätze
+des Prinzen Friedrich außerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie
+waren die Welt. Sie waren erfüllt von einem unbändigen Herrentum,
+randvoll von dem Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben,
+einen endlosen, lustigen Lärm zu machen. Die Welt anzufüllen mit ihrer
+Jugend, die nicht wußte wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft,
+ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich
+diesem vagen, gewalttätigen Drang einen schönen, klingenden Namen
+gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen,
+übermütigen, rauflustigen Barone fühlten sich plötzlich als Träger einer
+Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht für sich, waren glücklich.
+
+Wo soff und fraß man so gewaltig wie am Münchner Hof? Wo gab es größere
+Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelärm? Die
+Brocken für die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gäste
+herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Fürsten.
+Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, daß sie Wildfremde
+anfielen: »Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon?« und wenn der
+Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie
+brannten nach ihren Jagden Bauernhäuser, ganze Forsten nieder zur
+festlichen Beleuchtung ihrer nächtlichen Gelage im Freien.
+
+Die höfischen Tänze waren zu fein und zu umständlich. Die Sackpfeife
+quäkte an Stelle der Flöte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel.
+Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere
+plumpe, ungeschlachte Tänze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend,
+unflätige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bären, hob die Frauen hoch,
+daß die Röcke über den Kopf flogen, streckte sie unter maßlosem
+Gelächter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Würfel, sinnlos,
+erhitzt, verspielte Höfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht
+zurück, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten
+Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe,
+schmutzige Lieder, durch die nächtlichen Gassen Münchens grinste,
+kreischte in gröhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den
+sieben Freuden.
+
+Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmütig, dümmlich und vergnügt in
+dem tosenden Getriebe herum, fühlte sich stolz als der Mittelpunkt
+dieses festlichen und berühmten Geweses, das in seinem Namen
+veranstaltet wurde. Lächelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei
+alles wieder besonders gut geglückt. Blickte schwärmerisch zu dem
+schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen
+Siebenschläfer Peter, erzählte dem aufmerksam blickenden Tierchen, daß
+er sich sehr wohl fühle, daß das Regieren eine leichte, einfache Sache
+sei, viel angenehmer als er erwartet habe.
+
+Agnes ließ sich lässig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem
+Überschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und
+dort eine sprödere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges,
+trockenes Fältchen in der Lippe, am Aug', ein gebleichtes Haar, spürte,
+wie ihre Bewegungen um ein kleines mühsamer, träger, fetter wurden. Sie
+brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als
+Bestätigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geräuschvolle Anhimmelung,
+sie schwamm darin, sie ließ sich von der hemmungslosen Anbetung des
+Prinzen Friedrich wohlig überspülen.
+
+Der Prinz von Bayern-Landshut vergaß über dem Getümmel nicht seine
+politischen Pläne. Er sah nicht Lärm und Roheit, er sah Macht; er sah
+nicht Völlerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den
+Führern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein riß er
+die Leitung der ganzen Geschäfte an sich. Der junge Herzog vertraute
+ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel,
+auf der Jagd wurde regiert. Hochmütig, zwischen zwei Bechern Weins,
+wurden Städten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron
+auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des
+Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die
+Hofhaltung Meinhards, die Vergnügungen der Tafelrunde waren
+außerordentlich kostspielig. Die Domänen wurden vergeudet, die Zölle,
+Gefälle, Gelder der Städte den öffentlichen Bedürfnissen entzogen, für
+die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhöht. Der
+Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen
+suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde
+überfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz,
+später willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die
+Unsicherheit der Straßen.
+
+Die Städte murrten, die Bauern stöhnten. Die Tiroler Herren standen an
+den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, untätig noch, aber mit
+drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der
+Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er
+war indes keineswegs gekränkt, machte Späße, stachelte an; es war nicht
+zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan
+schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft
+Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurück. Prinz
+Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln.
+
+Auch der Habsburger, wiewohl er klüger und leiser sondierte, fuhr in
+München nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bündnis mit dem König von
+Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben
+forderte er Meinhard auf, in dieses Bündnis einzutreten, den Kaiser für
+den natürlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz
+Friedrich, im Verfolg maßlos dünkelhafter Prestigepolitik, erachtete
+keinen Reichsfürsten, sondern nur den Römischen Kaiser für Wittelsbach
+gleichbürtig, alliierte sich nicht mit einem gewöhnlichen
+Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmaßlichen Habsburger. Nein,
+Wittelsbach stand, und mochten auch politische und ökonomische Gründe
+dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen
+ihm ebenbürtigen Deutschen, zum Römischen Kaiser.
+
+Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger
+Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten,
+Treuesten Fürsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte
+Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das
+geheime, bösartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des
+Österreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den
+durchlöcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden
+Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag.
+
+
+
+
+Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Südosten des Sees der uralte
+Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrüdern und
+führte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, »Das Buch
+gewisser Geschichten,« das er nun endgültig abgeschlossen hatte.
+
+Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so
+vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schönen Versen
+begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch
+geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er
+geschildert. Zudem hatte er erfahren, daß ein Italiener, ein gewisser
+Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und gründlich
+angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt über
+Wallungen und eitlen Erregungen des Gemüts stand, so hatte es ihn doch
+verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfähigen
+Männern sehr rühmen hörte. Der ehrsüchtige welsche Literat machte es
+sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken
+Effekt hinzielenden Schilderungen, während er, der verantwortungsvolle
+Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk
+als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den
+großen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretär mit einem
+wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: »Ich aber
+überlasse es späteren, die zukünftigen Ereignisse besser zu berichten,
+und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens
+selbst gern möchte, in guter und der Geschichte würdiger Weise.« Er
+mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretär die dürre Hand
+auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten
+Satz: »Sollte es aber weniger gut geraten sein, so möge es mir verziehen
+werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren
+Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle
+Ewigkeit. Amen.«
+
+Und jetzt also saß der Uralte unter Oliven und tausendjährigem Gemäuer
+und überreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schülerin
+Verständnis erhoffend. Margarete lag in der Hängematte, schüttete
+gekühlten Orangensaft in ihren großen Mund; faul, schlank, weiß dehnte
+sich der Knabe Aldrigeto, träg sich moquierend über den zahnlosen Greis.
+
+Als der Abend kam und es kühler wurde, ließ sie sich von dem Bruder
+Sekretär vorlesen. Die geübte, dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers
+rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anführung vieler Zitate
+sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts
+bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte
+Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von großen
+Männern als ihr Gedächtnis, das gleich ist dem Duft, den mit Äpfeln
+beladene Schiffe auf unserm Ufer zurücklassen, wenn die Schiffe schon
+weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das
+Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Kürze des
+menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit der Natur, der Unbeständigkeit
+des Glücks, dem schnellen und flüchtigen Wechsel irdischen Ruhmes.
+
+Margarete dachte: »Das alles weiß ich, und es trifft mich nicht mehr.
+Mein Programm liegt hinter mir.« Aber mählich, wie die dunkle,
+gleichmäßige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfältigen
+Begebnissen, wie die bunten, einfältigen, schlauen, frechen, milden,
+großen, kleinen Historien einander ablösten, alle abgekühlt, gut
+gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die
+folgende, mählich da riß es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten
+Strom der Zeit. Meinhard, der große Graf von Tirol, der starke, schlaue,
+unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange
+getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art
+zusammenzukneten. Diese Städte, die als kleine, lächerliche Siedlungen
+begonnen: sie hatte das ihre getan, sie groß und blühend zu machen.
+
+Und jetzt war sie aus dem breiten, fließenden Strom ausgeschieden,
+abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der
+kleinen Halbinsel kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Die Ölbäume,
+das alte Gemäuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere,
+dumme, protzige Dekoration? Wie war es möglich, sich zu verstecken in
+dem toten, brütenden, einsamen Sommer, während draußen heftige, wilde,
+zerstörerische Dinge geschahen, in ihrem Land, während die deutschen
+Fürsten sich balgten um ihren armen, lächelnden, blöden Sohn? Was hatte
+sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hübschen, kleinen Jungen.
+
+Den ganzen andern Tag las sie in dem »Buch gewisser Geschichten«. Der
+Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die größere Hälfte
+mit zitternder Hand verschüttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte
+sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu
+sprechen.
+
+Nahm mit einem tiefen, gütigen Lächeln leichten Abschied von dem Knaben,
+strich über sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein
+gelblichweißes, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurück
+sein. Der Knabe ließ sich ihre Zärtlichkeiten faul gefallen, preßte
+plötzlich mit kräftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, ließ
+sie lächelnd fahren.
+
+In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung.
+Der kluge, mächtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man
+konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit
+dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter,
+freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten
+wolle, möge Herr della Scala ihr die Gefälligkeit erweisen, dafür zu
+sorgen, daß jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren,
+braunen, gewölbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam
+und verständnisvoll an, neigte sich höflich.
+
+ * * * * *
+
+Aus brütender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die
+frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrüßte sie ohne Schwung.
+Das Land litt. Die Münchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der
+Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, preßte experimentierend hier
+und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Städte verfielen,
+der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. »Die Maultasch macht uns kaputt,«
+hieß es. »Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist,
+erweist es sich klar, daß alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von
+ihr.«
+
+Margarete, mit kräftiger Hand, riß die Zügel an. Rottete die schlimmsten
+Übelstände aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von München
+kamen. Das Volk atmete auf: »Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon
+eingegriffen! Die schöne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere
+Retterin.«
+
+In der Loggia von Schloß Schenna saß mit dem Schloßherrn Margarete. An
+den Wänden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blühenden Tal, der
+Löwenritter. »Wie gut, daß Sie aufgewacht sind!« sagte Herr von Schenna.
+Hell und freundlich lagen die Berge, sich drängend, gewellt. Frischer
+Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt.
+
+»Warum haben Sie mich nicht früher geweckt?« sagte Margarete.
+
+»Sie mußten durch diesen Sommer allein hindurch, Herzogin Margarete,«
+sagte Schenna.
+
+Der Frauenberger quäkte: »Wie schade, daß Sie schon Schluß gemacht
+haben, Herzogin Maultasch! Er war ein hübscher Junge, gelblichweiß,
+südlich. Und Ihnen so hemmungslos ergeben. Das findet sich nicht alle
+Tage. Was haben Sie hier? Arbeit, Dreck, Mist. Hätten Sie die Münchner
+Lausbuben ihren Fasching ruhig zu Ende hetzen lassen. Die wären schon
+von allein an ihrer Tollheit erstickt.«
+
+Die Herzogin fuhr beschwerlich in schneereichem Januar nach München,
+sich das Gewese der bayrischen Artusrunde an Ort und Stelle zu
+beschauen. Mit Mißtrauen, Zurückhaltung, starrer Höflichkeit wurde sie
+in der Hauptstadt empfangen. Meinhard, als sie fester zupacken, klare
+Auskunft von ihm haben wollte, drückte herum, blöde lächelnd, sagte, er
+regiere zusammen mit seinen ritterlichen Kameraden, stammelte etwas von
+Weiberregiment, warf sich schließlich in die Brust, ein paar Worte des
+Prinzen Friedrich von den aristokratischen Grundsätzen deklamierend, die
+an Stelle des jämmerlichen, krämerhaften, modernen Pöbelregimes gesetzt
+werden müßten. Sie hatte eine Unterredung mit dem Landshuter Prinzen.
+Der erklärte ihr schlank, kühl, höflich, hochmütig, seines Wissens sei
+Herzog Meinhard mündig. Es stehe bei ihm, wem er sein Siegel anvertrauen
+wolle. Ihr mütterlicher Rat werde stets gehört werden. Weiter kam sie
+nicht.
+
+Überall stieß sie auf Agnes. Ihre Farben, ihre Sitten, ihre Launen,
+Moden, Neigungen gaben dem Hof sein Gesicht, bestimmten die Regierung
+des Landes.
+
+Agnes machte der Herzogin den Besuch, den die Etikette verlangte.
+Schlank, schlicht saß sie vor der häßlichen, plumpen, geschminkten,
+prunkenden Margarete. Ihre tiefen blauen Augen lächelten höflich in
+selbstverständlichem Triumph in die erfüllten, dringlichen, drohenden
+der andern. Im Kamin brannte ein starkes Feuer, der Duft des
+verbrennenden Sandelholzes füllte den großen, dunkeln Raum.
+
+»Sie leben jetzt immer in Bayern, Gräfin Agnes?« fragte Margarete.
+
+»Durchaus nicht, Frau Herzogin,« erwiderte Agnes, und ihre etwas scharfe
+Stimme stach grell ab von der warmen, dunkeln Margaretes. »Ich
+beabsichtige schon in den nächsten Wochen nach Taufers zu gehen. Nötig
+freilich ist meine Gegenwart nicht. Ich habe tüchtige Beamte; auch hat
+Herr von Frauenberg die Liebenswürdigkeit, sich der Verwaltung meiner
+Güter anzunehmen.«
+
+Die Herzogin betrachtete Agnes still und aufmerksam. Sie war ein klein
+wenig voller geworden; aber ihre Haut war ganz glatt. Sie saß leicht und
+elastisch; der Hals stieg zart und ohne Falte aus dem dunkeln Kleid. Die
+Verehrung all dieser Jugend war ihr offenbar ein feiner Jungbrunnen,
+besser als Bad und Schminke. So sicher und voll Sieg saß sie, daß kaum
+mehr Hohn um ihre schmalen Lippen war.
+
+»Sie beschäftigen sich neuerdings viel mit Politik?« fragte Margarete.
+
+»Nein, gnädige Frau,« sagte Agnes, sie war sehr aufmerksam jetzt und auf
+der Lauer. »Der Herr Herzog und Prinz Friedrich fragen mich zuweilen um
+meine Meinung. Ich halte dann nicht zurück; warum auch sollte ich? Aber
+es ist die Meinung einer törichten Frau und will nicht mehr sein.« Sie
+sprach außerordentlich verbindlich.
+
+»Ich halte Ihre Meinung nicht immer für die rechte, Gräfin Agnes,« sagte
+Margarete. »Ja, ganz ehrlich, ich bin überzeugt, daß sie dem Lande
+zuweilen schädlich ist. Ich will Ihnen etwas vorschlagen,« sagte sie
+heiter, fast scherzend. »Wie wäre es, wenn Sie Ihre Meinungen auf Bayern
+beschränkten?«
+
+Agnes erwiderte sehr angeregt, mit der gleichen, leichten, herzlichen
+Munterkeit wie Margarete. »Sie sind mein Souverain, gnädige Frau. Aber
+ist nicht auch Herzog Meinhard mein Souverain? Wenn er nun meine Meinung
+über eine tirolische Angelegenheit durchaus hören will? So freudig ich
+jedem Wunsch Eurer Durchlaucht folge, wenn der Fürst meine gewiß
+törichte Ansicht verlangt, darf ich sie ihm verweigern? Und es kostet
+Sie doch gewiß nur einen Hauch, und mein albernes Gerede ist
+weggeblasen.«
+
+Die beiden Damen schauten sich an, beide lächelten. Der Sieg um die
+Lippen, in den Augen der Schönen war vielleicht um eine Spur satter
+geworden. Dann sprach man von anderem. Von den baulichen Veränderungen
+der Münchner Hofburg, von den Haarnetzen, die jetzt wieder aufkamen von
+Prag her. Margarete hatte ein schweres, goldenes Gewebe über ihre
+spröde, harte, gefärbte, kupferne Frisur gelegt. Agnes fuhr sich lässig
+über ihr starkes, leuchtendes Haar; sie konnte sich mit der neuen Mode
+nicht befreunden.
+
+ * * * * *
+
+Kaiser Karl residierte in großem Prunk in Nürnberg. Hielt Galatafel,
+Turnier. Empfing die Ratsherren der Stadt. Fremde Künstler, Gelehrte.
+Hatte mit ihnen lange, behaglich interessierte Gespräche. Ruhte fern
+seiner Hauptstadt von den Geschäften aus. Nahm teil an den großen
+Faschingsfesten, die die reiche Stadt zu Ehren der Römischen Majestät
+rüstete.
+
+Der Bart des Kaisers, ein stumpfer Keil, begann sich stark zu verfärben,
+die Haut des hageren Gesichts wurde grau, zerknitterte. Aber lebhaft,
+schlau, sehr wach blickten über der etwas platten Nase die raschen
+Augen, der lange, knochige Körper war schnell, sicher.
+
+Der Kaiser war sehr vergnügt. Er hatte zugewartet, bis er ganz fest in
+der Macht saß. Erst dann hatte er ein Kind gezeugt. Gott hatte seine
+abwägende Vorsicht gesegnet: es war ein Sohn geworden, ein schwerer,
+gesunder Knabe, dem er das Reich vererben konnte. Der beglückte Vater
+hatte das Gewicht des Kindes in lauterem Golde als Weihgeschenk nach
+Aachen gesandt; dann war er unter seinen Reliquien gekniet und hatte den
+Gebeinen verkündet: »Ich, Karl der Vierte, Römischer Kaiser, habe einen
+Sohn und Erben. Ihr lieben, verehrten Heiligen, ihr hocherlauchten
+Märtyrer! Betet für Wenzel, meinen Sohn!«
+
+Heiter jetzt saß er in Nürnberg, freute sich seiner Dichter und
+Architekten, vermied Politik, sprach mit seinem Kanzler, dem
+vielerfahrenen, weltläufigen Theologen, leicht und frei über menschliche
+und göttliche Dinge, vermehrte seinen Besitz an Reliquien und sonstigen
+Kostbarkeiten, erlustierte sich an Schlittenfahrten, Mummenschanz,
+Turnier.
+
+Unerwartet in diese unbeschwerten Tage brach die Herzogin Maultasch.
+Tief erstaunt waren der Kaiser und seine Herren. Margarete hatte,
+seitdem Karl sie in Schloß Tirol belagert, zu ihm nur kühle, sehr
+förmliche Beziehungen unterhalten. Ihre Ankunft, schrieb der Kanzler
+seinem Freund, dem Erzbischof von Magdeburg, sei eines der fünfzehn
+Wunderzeichen vor dem Jüngsten Tag. Er machte sich weidlich lustig über
+die deutsche Messalina, diese moderne Kriemhild, die da zu Hofe fahre,
+nachdem sie ihr Leben hindurch um ihrer eigenen Liebe und Hasses willen
+Land und Leute in Kummer und Elend gestürzt. Er schilderte, wie sie beim
+Turnier in der Loge saß, neben der schönen Prinzessin Hohenlohe, die
+plumpe Frau, bewarzt wie eine Kröte, dick wie ein Bierbrauer.
+
+Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwägerin mit Wohlwollen
+und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als
+er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute
+Gespräch mit ihr geführt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber
+doch wohl eben nicht maßvoll genug. Sie hatte unersättlich von allem
+haben wollen, so war ihr schließlich alles zerronnen. Er hatte sein
+Temperament klug gezügelt, er war Römischer Kaiser und hatte einen Sohn,
+dem er eine festgefügte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum
+in der Welt, ein schwächlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre
+Länder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wußte.
+Sie hatte seinen Bruder Johann höhnisch, schmählich aus Schloß Tirol
+ausgesperrt; man mußte es dann vor der Kurie so drehen, als könnte aus
+der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich
+nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns
+vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann?
+
+Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demütigung
+still hin, mit einer geschäftsmäßigen Ruhe, die sie vielleicht von dem
+Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die
+Einleitungsformalitäten ruhig über sich ergehen läßt, um nur ans Ziel zu
+kommen. Dann klagte sie. Klagte über die törichten Gewalttätigkeiten der
+Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hörte zu; in ihm
+grinste eine jungenhafte, hämisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er
+versicherte ihr sein persönliches Interesse, betonte aber, er habe sich
+jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung für einige
+Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine
+Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag
+zurückgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwägung ziehen. Auch bei einem
+wiederholten Vorstoß erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich
+umsonst gedemütigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren
+Schwächung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralität zuzuschauen.
+
+Im übrigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer
+übertriebenen, amüsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete
+früher aufs Blut gereizt hätte. Es würzte ihm die gehobene Heiterkeit
+seiner Ferien- und Faschingstage, sein Glück, seine Erfolge zu
+unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten
+Ehrgeizigen. Fast gutmütig scherzte er mit seinem Kanzler über die
+Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht,
+schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk
+staunte sie groß an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Städte.
+Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reißen. So angefüllt davon
+war sie, daß sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und
+der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals.
+
+ * * * * *
+
+Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin
+hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf
+Umwegen, ihre Niederlage einbekannt.
+
+Agnes wußte, daß die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer
+halten konnte. Die Städte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund
+angehörte, bäumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger,
+drohend der Wittelsbacher. Drängte jetzt noch von Süden her die
+Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu
+wollen.
+
+Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig
+stand er, deklamierte überzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er
+gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos
+mit seinem jovialen, gefährlichen Lächeln den ganzen knabenhaften
+Überschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, träges
+Seufzen, strich dem Prinzen über das dunkle Haar, begann vorsichtig eine
+Aussöhnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, daß
+Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie
+gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekränkt, daß sie ihm
+das zumute. Agnes schwieg, lächelte mit ihren kühnen Lippen, fuhr fort,
+sein Haar zu streicheln.
+
+Wenige Wochen später schlossen Stephan von Niederbayern und die
+Pfalzgrafen Ruprecht der Ältere und der Jüngere bei Rhein einen Bund mit
+Rat und Bürgern von München und elf anderen bayrischen Städten sowie mit
+zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter
+hießen und den Herzog Meinhard seinen Ländern und Leuten entfremdeten.
+Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines
+Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklärten das
+Regierungssiegel des Artusbundes für ungültig, die Gesetze und
+Verordnungen, die jene erlassen hätten, für kraftlos. Sie verpflichteten
+sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreißen, in welche jene ihn
+gestürzt, dahin zu wirken, daß er seine fürstliche Gewalt besser
+wahrnehme und handhabe.
+
+Die Artusbrüder machten große, grölende Worte, nahmen ein paar Münchner
+Bürger als Geiseln fest, erklärten, sie würden die Meuterer an den
+Beinen aufhenken lassen wie räudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen
+Städten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und
+gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprügelt.
+Die Münchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mißhandelte
+sie, hieß sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmählich aufgehängt.
+Das verhinderte nicht, daß die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger
+wurden, während im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die
+trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulösen.
+Im großen Saal der Münchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten
+Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog
+Meinhard stand benommen, erhoben, dümmlich und überflüssig bei diesem
+Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann
+schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie würden sich nicht
+unterwerfen, niemals, niemals, niemals!
+
+Es begann nun für den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur
+sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der
+Artusritter, von einer zur andern. War auf Schloß Laber, Pinzenau,
+Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines
+aufständischen Barons. Eroberte Schloß Wörth, zwei Burgen des
+Oberjägermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen.
+Die Maßnahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer
+wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den
+Erwartungen zurückgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der
+Kummersbrucker, der sich neutral erklärt hatte, ohne Gerichtsverfahren
+enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager
+der Gegner.
+
+Der nicht sehr robuste Meinhard war den abenteuerlichen, gehetzten
+Fahrten kaum gewachsen. Trist und apathisch saß er, während die andern
+zechten, schlief zuweilen im Sitzen ein. Mehr und mehr glichen seine
+Reisen einer Flucht. Im ganzen Süden besaßen die Artusritter keine
+Stadt, keine Burg mehr. Sie wurden immer mehr zur Donau abgedrängt, wo
+ihre festesten Burgen lagen. Noch immer erließen sie hochfahrende
+Edikte, bedrohten Meuterer mit den grausamsten Strafen. Sie flohen nach
+Neuburg, dann in das Gebiet des Bischofs von Eichstätt, der ihnen
+ergeben war. Die Truppen Herzog Stephans besetzten ganz Oberbayern,
+belagerten schließlich Meinhard mit den letzten seiner Anhänger in
+Schloß Feuchtwangen im Altmühltal. Der Bischof von Eichstätt suchte sich
+mit Herzog Meinhard verkleidet durchzuschlagen. Der junge Herzog ging
+eifrig darauf ein; er hatte viel Spaß an der Kostümierung und keine
+Ahnung, worum es eigentlich ging. Allein schon in Voburg wurden sie von
+Bauern erkannt, festgehalten, dem Herzog Stephan nach Ingolstadt
+ausgeliefert.
+
+Feuchtwangen fiel. Prinz Friedrich und die Letzten der Artusritter
+wurden gefangen.
+
+In der Hofburg von Ingolstadt standen sich der Herzog und Prinz
+Friedrich gegenüber. In Gegenwart der Agnes von Flavon-Taufers. Der
+Herzog in Rüstung, schäumend. Städte und Dörfer kaputt, Menschen hin,
+Geld vergeudet. Alles wegen des dummen Jungen. Soldatisch knarrte er
+unter dem dicken Schnurrbart aus ehernem Gesicht. Der Junge stand
+schlank, mit verfinsterten, verwilderten Augen, den Arm verwundet, im
+Verband, grau das Gesicht. »Du wirst Abbitte tun, in der Kirche, vor
+allem Volk, dich unterwerfen!« kommandierte der Vater. Der Junge lachte
+nur, höhnisch. »Ich lass' dich verfaulen in meinem stinkigsten
+Gefängnis!« tobte der Herzog.
+
+Agnes glitt von einem zum andern. »Der Verband muß erneuert werden,«
+sagte sie besorgt, nestelte daran herum.
+
+»Diese Ärzte!« schimpfte der Herzog. »Lauter Pfuscher!« Er lief selbst
+nach Arzt und Verbandzeug. »Der Teufelsjunge!« fluchte er.
+
+Langsam, hart feilschend, während Agnes vermittelte, kamen sie überein.
+Um jeden einzelnen der Artusritter, Begnadigung, Höhe der Bestrafung,
+gab es erbitterten Kampf, Ausbrüche, Schäumen, Toben. Zweimal wies
+Herzog Stephan den Henker an, sich bereit zu halten. Endlich fügten sie
+sich zu leidlichem Frieden. Meinhard wurde München als ständige Residenz
+zugewiesen; Prinz Friedrich führte weiter sein Siegel, doch bedurften
+seine Verordnungen der Gegenzeichnung eines niederbayrischen oder eines
+rheinpfälzischen Rates. Zwischen München und Landshut-Ingolstadt
+vermittelte Agnes.
+
+Herzog Meinhard lächelte sanft und dankbar. War froh, daß er nach den
+wilden Wochen ausruhen durfte. Streichelte sein Murmeltier.
+
+
+
+
+Margarete hielt Rat mit ihren Ministern. Anwesend waren der Vogt Ulrich
+von Matsch, der Pfarrer Heinrich von Tirol, Graf Egon von Tübingen,
+Landeskomtur des Deutschen Ordens in Bozen, Jakob von Schenna, Berchtold
+von Gufidaun, Konrad von Frauenberg.
+
+Was war, nachdem Herzog Stephan Macht und Einfluß in Oberbayern an sich
+gerissen, zu tun?
+
+Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden,
+daß nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert
+wurde. Dadurch, daß der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in
+München saß, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum
+nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung
+erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewährleistet.
+
+Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er
+wartete nur darauf. Abhängigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich
+auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein kräftiges, stetiges Regiment
+war verbürgt.
+
+Zäh, träge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer
+Verdrossenheit hörte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken,
+der am nächsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewährt? Sie schaute auf
+Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mühevollen, leeren Gesichtern
+vor sich hin.
+
+Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie
+erwartete. Breit grinsend, vergnügt führte er aus: Wenn der junge Herzog
+wirklich so anlehnungsbedürftig sei und Führung brauche, warum diese
+Führung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der
+Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so fürstlich bewährt
+habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard
+nach Tirol. Hätten ihn die bayrischen Herren in ihre scheußlichen,
+verlorenen Winkelnester schleppen können, so werde man es mit Gottes
+oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er
+hingehöre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach
+Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich überlegen, ehe er
+von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg
+wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rückhalt an dem Habsburger
+als natürlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben
+förmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschädigung, und sich auf
+ein großes, autonomes Tirol beschränken.
+
+Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als
+Anhängsel; oder im äußersten Fall überhaupt nicht. Aber Tirol den
+Tirolern.
+
+Es handelte sich zunächst darum, Meinhard dem Einfluß Herzog Stephans zu
+entziehen, ihn von München weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog
+hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht
+betreten. Es war nur billig, daß das Volk ihn endlich zu sehen
+verlangte.
+
+Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine große Tagung nach Bozen
+einberufen. Es kamen blonde, stämmige Männer mit kurzen, breiten Nasen
+und trägen, schlauen Augen und hagere, schwarzbärtige, gebräunte mit
+kühnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei
+Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der
+am Inn, es kamen die Hofmeister und Vögte und Burggrafen. Es kamen die
+Barone, die großen und die kleinen, die Vertreter der Städte, Pflegen
+und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfünfzig Herren und Männer.
+Sie traten zusammen auf dem bunten, fröhlichen Marktplatz von Bozen an
+zwei strahlend dunkelblauen Spätsommertagen. Sie überlegten, sie
+berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden
+Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie
+hatten umständliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich
+mit den schweren Rockschößen den Schweiß von den Gesichtern. Die Berge
+standen rotbraun und violett, ganz oben weiß.
+
+Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen
+Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ältere Ulrich von
+Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg,
+Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von
+den Städten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller übrigen.
+
+Das Schreiben lautete so: »Lieber gnädiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu
+wissen, daß wir zu Bozen beieinander gewesen und übereingekommen sind,
+Sie zu bitten, daß Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen
+hereinkommen möchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen
+hätten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmäßiger
+Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewürdiget werden und
+unverdorbener bleiben, als draußen in Bayern, wie man uns sagt,
+geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von
+den Drangsalen, welche draußen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem
+Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut
+als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht
+Friede im Land und an der Grenze. Gnädiger Herr! Wir bitten, auf uns zu
+vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern
+Gut und Blut für Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.«
+
+Der Frauenberger brachte das Schreiben nach München. Er kam mit
+stattlichem Gefolg, übergab das Schriftstück in feierlicher Audienz.
+Versprach sich im übrigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war
+gewiß, daß man andere Mittel werde brauchen müssen.
+
+Bei Tafel erzählte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter
+Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument
+bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der
+Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus.
+Gelächter, immer lauter, stürmischer, schütterte alle. Es lächelte
+Agnes, es lachten die Damen, es dröhnten, bogen sich die Herren, es
+lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es
+quiekten die Kämmerlinge.
+
+»Diese Tiroler!« sagte man, atemlos von der Erschütterung.
+
+»Ja, unsere Tiroler!« sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett,
+und blinzelte aus den rötlichen Augen.
+
+»Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr
+Herzog?« fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein
+Geschäft mit der Übergabe des Briefes zu Ende war, in München geblieben
+und hielt sich viel in der Nähe Meinhards.
+
+Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes
+mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein
+unbehagliches Gefühl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte
+doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, quäkende
+Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern,
+respektlos, selbstverständlich, nackt. Man fühlte sich auf eine nicht
+unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer,
+mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dümmliche
+Herzog um den Albino herum.
+
+Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lächerlich
+vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren
+geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben
+so albern und anmaßend gefunden hatten, hatte er mitlachen müssen. Daß
+jetzt der Frauenberger, der große, gescheite Mann, die Kundgebung der
+Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten
+Fürsten tröstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte
+ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm für ein paar
+Minuten gewesen, als gebe es kein München und kein schwieriges
+Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mußte
+schön sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen großen Kühen, nichts
+zu hören als leisen Wind und das sanfte, blasende Geräusch, mit dem die
+Tiere das Gras abrauften.
+
+Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mußte näher an ihn
+heran. »Wie es mich freut,« sagte er und schaute aus seinen blanken,
+runden Augen zu ihm auf, »daß Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm
+finden.«
+
+»Nicht dumm!« quäkte eifrig der Frauenberger. »Jedes Wort sitzt an der
+rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die über ihn gelacht haben, sind
+die Dummen! Sonst hätte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und
+jederzeit unterschreib' ich ihn wieder, mit beiden Händen!«
+
+Meinhard trat noch einen tastenden Schritt näher an den fetten Mann.
+»Ich bin so müd und gehetzt,« klagte er. »Der Friedrich schaut mich auch
+nicht mehr so freundhaft an wie früher. Erst hab' ich gedacht, regieren
+ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reißen an
+mir.«
+
+Der Albino legte ihm die fleischige, gefährliche Hand auf die Schulter,
+quäkte: »Bub! Laß dich nicht klein kriegen, Bub!«
+
+Meinhard zitterte unter der Hand des feisten Mannes, wollte ihr
+entgleiten, schmiegte sich in sie.
+
+»Sie haben Freunde, junger Herzog,« quäkte der Frauenberger, blinzelte
+bieder, feixte behäbig.
+
+Den Tag darauf sagte er: »Warum bleiben Sie eigentlich hier, junger
+Herzog? Wenn Ihnen der Brief Ihrer Tiroler nicht mißfällt, warum folgen
+Sie ihm nicht?« Sie ritten spazieren, es war früh am Morgen, unten
+rauschte grün und frisch zwischen vielen Inseln von Kies die Isar, ein
+großes Floß unter Lärm und Geräusch der Schiffer steuerte vorsichtig.
+Der Gang des Pferdes verlangsamte sich. Meinhard hockte schlaff, dick,
+betreten auf seinem Falben.
+
+»Das geht doch nicht,« sagte er. »Das kann ich doch nicht.«
+
+»Warum können Sie nicht?« beharrte der Frauenberger. Er ritt ganz dicht
+an ihn heran, hob ihm wie einem Kind das Kinn. »Wer ist hier der Herr,«
+sagte er, »Herzog Stephan oder Sie?«
+
+»Ja,« sagte Meinhard, »wer ist hier der Herr?« Aber es klang gar nicht
+trotzig, sondern trüb grüblerisch. Sein ganzes Zutrauen zu dem Albino
+war weg, es war trist, wie unten die Isar sich zwängte, er hatte Scheu
+vor dem Frauenberger, hätte nachmittags beinahe den Prinzen Friedrich
+gebeten, ihn wegzuschicken.
+
+Am andern Morgen sprach der Albino nicht mehr von dem Plan, Bayern zu
+verlassen. Er lag mit Meinhard im Gras unter reifendem Obst. Er sang
+sein Lied von den sieben Freuden, kommentierte es väterlich,
+wohlwollend, saftig. Diese Weltanschauung ging dem jungen Fürsten sehr
+ein, er streichelte seinen Siebenschläfer Peter, war vergnügt. Der
+Frauenberger streckte sich, knackte die Gelenke, drehte sich auf die
+Seite, gähnte, schlief mit mächtigem Geräusch. Ja, schlafen war das
+Beste. Gelockt, aber doch mit dunkleren, scheuen Augen betrachtete
+Meinhard den unbekümmerten, fleischigen, schnarchenden Mann.
+
+Agnes sagte zu ihm: »Sie sind sehr lange in München, Herr von
+Frauenberg. Sie haben doch so wichtige Ämter in Tirol. Vermißt man Sie
+dort nicht?«
+
+Der Frauenberger grinste, betastete sie mit seinen rötlichen Augen, daß
+sie schwerer atmete, quäkte: »Ich bin natürlich nur Ihrethalb hier,
+Gräfin Agnes.«
+
+Sie kamen zusammen, er lag auf ihren Polstern, es war drückender Sommer,
+die Luft im Raum war dumpf und furchtbar heiß. Sie streichelte seine
+prall fette, rosige Haut. »Nun,« lächelte sie, »hab' ich den falschen
+Teil erwählt? Ich hab' mich gut gesichert, scheint mir.«
+
+Er feixte: »Werden sehen, Hühnchen, werden sehen.«
+
+Das hieß die gut gesichert, dachte er. Gut gesichert war er. Wenn er
+jetzt den Buben mit nach Tirol nahm, hielt er die Mutter durch den
+Jungen, den Jungen durch die Mutter. Er war der eigentliche Regent von
+Tirol. Ei ja, wenn man noch so häßlich war, was alles aus einem werden
+konnte mit einem bißchen Vernunft, Sachlichkeit, Glück.
+
+In seiner breiten, behaglichen, munteren Art hetzte er weiter an dem
+Jungen. Lockte, stachelte, trieb. Nahm ihn gewalttätig in seine kurzen,
+roten Hände. Nach Tirol! Meinhard solle endlich nach Tirol, sich seiner
+Grafschaft zeigen. »Also Flucht?« machte Meinhard, zaghaft. Ei was! Wer
+dachte an Flucht? Nur war es nicht nötig, zuviel Wesens aus dieser Reise
+zu machen. Man brach einfach auf, Meinhard, er, zwei, drei Knechte. Ohne
+große Worte. Es wurde zuviel geredet in Bayern und Tirol; das verwirrte
+die einfachsten Dinge. Ende der Woche reiste Prinz Friedrich nach
+Ingolstadt zu seinem Vater. Da wird man dann eben auch losreiten. Nach
+der umgekehrten Seite, nach Süden, nach Tirol. Das Murmeltier Peter soll
+seine Berge wiedersehen.
+
+ * * * * *
+
+»Mein Sohn kommt, Schenna!« sagte Margarete, und ihre dunkeln Augen
+waren lebendig erfüllt. Sie hatte einen Kurier von dem Frauenberger, er
+werde Meinhard bringen.
+
+»Wie Sie sich freuen, Frau Herzogin!« sagte der lange Herr, beugte sich
+vor, schaute sie aus seinen grauen, sehr alten Augen gut an. »Ich hatte
+nicht mehr gehofft, daß Sie sich so würden freuen können.«
+
+Margarete hörte nicht. »Ich weiß,« sagte sie, »er ist unbegabt. Es gibt
+landauf, landab Tausende, die begabter sind. Aber er ist mein Sohn. Er
+ist aus dem Boden dieses Landes gemacht, seiner Luft, seinen Bergen.
+Glauben Sie mir, Schenna, der sieht die Zwerge.«
+
+Ja, Margarete hatte die zerlöcherte, heruntergelassene Fahne ihrer
+Hoffnung wieder hochgezogen. All ihr Wille, all ihr Leben sammelte sich
+in der Erwartung ihres Sohnes. Mit plumpen, geschminkten Händen
+streichelte sie das Bild des sanften, dicken, dümmlichen Jungen.
+
+ * * * * *
+
+Ein Knecht voran, einer hinter ihnen, ritten Meinhard und der
+Frauenberger in raschem Trab gegen Süden. Es regnete, die schlechte
+Straße führte oft durch dicken Wald, löste sich streckenweise ganz in
+Schlamm auf. Es war nicht leicht, in der dunkeln, nassen Nacht den
+rechten Weg zu halten; an Fackeln war bei dem Regen nicht zu denken.
+
+Die Herren trugen keine Rüstungen. Man dampfte in den nassen Kleidern,
+von den feuchten Lederkollern und Lederkappen ging ein starker Geruch
+aus. Man ritt schweigsam; zuweilen, wenn man durch eine nächtige
+Siedlung trabte, schlug ein Hund an.
+
+In dem Dorf Lenggries machte man halt. Nach wenigen Stunden drängte der
+Frauenberger weiter. Aber Meinhard fühlte sich müde und elend, mehr
+durch Erregung als durch den langen Ritt. Der schwierigere Teil des
+Weges stand bevor; denn es war ratsam, menschenreichere Orte meidend,
+durch die wilde Riß nach Tirol vorzustoßen. Man verzog also, dem Wunsche
+Meinhards folgend, in der Herberge des Dorfes Lenggries.
+
+In dem engen, finstern Raum lagen der Frauenberger und Meinhard auf
+Strohsäcken. Die Kammer war niedrig, das Feuer rauchte, aber es wärmte
+nicht, die Luft war stinkig, Regen und Wind kam durch die
+Fensteröffnung. Der Frauenberger schnarchte lärmend; im Winkel nagte
+eine Ratte. Meinhard lag, alle Glieder taten weh vor Müdigkeit, aber er
+konnte nicht schlafen, die Haut juckte, die Augen brannten ihm. Er
+fühlte sich eng und unglücklich, er wußte plötzlich nicht, was er in
+Tirol sollte; er wäre am liebsten nach München zurückgekehrt. Er
+fürchtete sich vor der Begegnung mit seiner Mutter; sie war so dick und
+häßlich und gewalttätig. Er schielte nach dem Albino, der lag massig da,
+ruhig, schnaubte, schlief. Er hatte Angst vor ihm, aber der Frauenberger
+war doch der einzige, der ihm helfen konnte. Er nahm einen unsicheren
+Schluck aus dem klobigen Krug schalen Bieres, der neben ihm stand,
+schaute einer Fliege zu, die über das Gesicht des Frauenbergers kroch;
+den schien sie nicht zu genieren. Schließlich, leise, rief er: »Herr von
+Frauenberg!«
+
+Der war sofort wach, quäkte mit seiner schleierlosen Stimme: »Was
+gibt's?«
+
+»Nichts,« sagte reuevoll der Junge. »Nur, es ist so ungemütlich. Ich
+kann nicht schlafen.«
+
+»Dann reiten wir weiter,« entschied der Frauenberger und war schon auf
+den Beinen.
+
+»Nein, nein,« bat Meinhard. »Es ist nur, ich möchte ein bißchen mit
+Ihnen reden. Hernach werde ich gewiß ruhiger sein.«
+
+»Dummer Bub!« knurrte der Frauenberger.
+
+»Hat mein Vater eigentlich Tirol lieber gehabt oder Bayern?« fragte
+Meinhard.
+
+Der Frauenberger blinzelte. »Zuerst wohl Tirol, dann Bayern,« sagte er.
+
+»Und dann ist er gestorben?« fragte der junge Herzog.
+
+»Ja,« antwortete der Frauenberger, »dann ist er gestorben.«
+
+Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war
+sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die
+Knechte suchten, der Frauenberger knurrte über die Verzögerung.
+Schließlich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es
+mußte seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im
+Schlaf erdrückt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, träge,
+lähmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem
+Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt
+hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche
+pfeifend in einen Winkel warf. »Jetzt aber aufs Pferd!« quäkte er.
+
+Man ritt weiter den Fluß hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die
+elende, schmale Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden,
+weißgrünen Fluß. Dicker Wald, triefende Bäume. Unten, gischtig, gläsern
+grün, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lärmende, rasche Wasser,
+durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die
+Felswände traten oft so nahe in die Straße, daß die Pferde scheuten, nur
+mit Mühe weiterzubringen waren.
+
+Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den
+immer dünneren, tosenden Fluß entlang ritt man, der hell und fröhlich
+laut durch den dunkeln Wald seine Straße brach. Die Gegend lag
+schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmäßig, hoffnungslos,
+selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen,
+grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb.
+
+Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem man bisher
+gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter,
+grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Dahinter lag Tirol. In diesem
+Hochtal nächtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich
+im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Hütte war
+da, die ließ man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog.
+
+Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Hütte der Knabe
+Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei
+Rhein, Graf von Tirol. Er äugte, lauschte, ob die andern ihn sehen
+könnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich
+nicht mehr. Er hatte Angst, fühlte sich zerschlagen, unsäglich elend.
+Langsame Tränen kollerten aus seinen blanken, runden Augen über seine
+dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier
+Peter erdrückt hatte, er weinte, weil die Felswände so hoch waren, die
+er morgen übersteigen mußte.
+
+ * * * * *
+
+Agnes war verblüfft über die meisterhafte Schlichtheit, wie der
+Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entführt hatte. Er
+imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rütteln. Mit Unlust,
+ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmaßnahmen. Am liebsten
+hätte sie alles dem Prinzen Friedrich überlassen; doch der war in
+Ingolstadt. Sie mußte allein die Verfolgung organisieren.
+
+Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man
+mußte sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an,
+den Fürsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu
+hindern.
+
+Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im
+Karwendel hinter sich hatte, schon ungefährdet. Doch wenige Stunden,
+bevor sie den bequemen Paß zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der
+Transport eines Holzhändlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte,
+und den früher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewalttätige
+Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stäupen
+lassen. Der Frauenberger dachte zunächst daran, den Holzhändler
+anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da hätte einer von den sechs
+Knechten des Transportes sich durchschlagen können, und dann war der
+Herzog noch mehr gefährdet. Der Frauenberger beschloß also, den
+Holzhändler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen
+Knechte, statt des leichten Übergangs über das Plumser Joch den
+schwierigen, ungewöhnlichen Weg über das Lamsenjoch nach Schwaz oder
+Freundsberg zu versuchen.
+
+Man ließ die Pferde zurück, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental.
+Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Gefälle, oft
+verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Der pfadkundige Knecht führte.
+Man stieß auf Weidengehölz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann,
+überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war plötzlich ein
+Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und
+still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter
+Regenschleiern die riesigen, weißen Bergwände, die weit und
+unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man
+durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hörte still
+und gleichmäßig den Regen triefen von den Blättern der alten, ernsten,
+fahlfarbenen Bäume.
+
+Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem ständig rieselnden
+Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht
+essen. Es ängstete ihn, daß man die Gipfel der Felswände nicht sehen
+konnte. Nie wird er da hinauf- und hinüberkommen; man stand eingesperrt
+in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bäumen wie am Ende
+der Welt.
+
+Sie begannen den Aufstieg. Er war fürs erste nicht schwer. Man stieg
+sachte, in kleinen Windungen einen Gießbach entlang. Die Knechte voraus,
+den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege
+gemacht; aber es war wie eine Lähmung über ihm. Die Beine waren ihm wie
+Klötze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mühe. Er glitschte auf
+dem nassen Stein, der Frauenberger stützte ihn, er zuckte bei jeder
+Berührung. Je weiter man emporklomm, so höher, höhnischer,
+unüberwindlicher starrte ihm die Felswand.
+
+Abgeblühte Alpenrosen, Kriechgehölz, Schnee. Die Knechte stapften
+gleichmäßigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend,
+aussetzend folgte der Herzog. Plötzlich blieb einer der Knechte stehen,
+horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehört, erlaubte
+seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhändler hatte also doch wohl
+Alarm geschlagen. »Menschen oder weidendes Vieh,« sagte er gleichmütig.
+Drängte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt.
+
+Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, daß man dazu keine
+Anstalt machte. Dann fiel er in trübe Lethargie, ließ sich schlaff von
+dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte,
+brannte einen die scharfe Kälte. Der Schnee wurde tiefer, der junge
+Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein.
+
+Der Frauenberger überlegte schneidend klar. Ohne den Schnee hätte man
+ihn wohl hinüberbringen können. So war es nicht möglich, mit dem
+Jammerlappen über das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard
+jetzt störrisch würde. Er machte sich schwerer, träger.
+
+Die Knechte waren ein gutes Stück voraus. Der Frauenberger blieb stehen.
+»Na, junger Herzog«? quäkte er. »Müde?« Meinhard sank erschöpft in den
+Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte
+scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon
+abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher
+zurückfallen lassen? Die würden nach der mißglückten Flucht den Jungen
+doppelt fest haben. Es wäre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch
+ausspielen zu können. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche
+allein, und der lästigen Kontrolle der Wittelsbacher ein für allemal der
+Vorwand entzogen.
+
+Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch
+Meinhard zu trinken. »Wir müssen weiter, junger Herzog,« sagte er. Gab
+ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen.
+
+»Ich kann nicht,« klagte Meinhard, als er mühsam stand. »Ich mag auch
+nicht,« fügte er störrisch hinzu.
+
+»So«? feixte der Frauenberger. »Na, dann nicht, Bub,« sagte er. Er
+quäkte es gemütlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang
+Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er
+schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren,
+dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor
+Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren
+Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhände in das Holzgezweig
+der Alpenrose, bohrte seine Füße in den Boden. Der Frauenberger, ruhig
+grinsend, sagte: »Na komm, junger Herzog!«, löste langsam mit seinen
+roten, fleischigen Händen die steifen, klammernden Finger des Jungen von
+dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn über den Abgrund, quäkte: »Adieu,
+Bub!«, ließ ihn fallen. Der Körper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief,
+blieb liegen.
+
+Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurück,
+deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg
+zerschrundet, der dicke, sanfte Schädel klaffte an zwei Stellen. Sie
+warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren
+Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog
+Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestürzt. Fleischig stand
+er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den
+rötlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf
+die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten
+Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den
+zerschrundeten Toten.
+
+
+
+
+Durch die Säle und Gänge von Schloß Tirol torkelte ein Weib, lallte,
+heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der übergroße,
+unförmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in
+stumpfem, widerwärtigem Kupfer, teils gelblichweiß entfärbt. Ein Laken,
+eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen
+Leib, um die schlaffen, großen Brüste, schleifte am Boden nach. Die
+Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende für eine
+Betrunkene, erkannte erst allmählich die Herzogin.
+
+Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frühe gekommen, Margarete
+hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht
+übermäßig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen,
+Kämmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend.
+
+Schenna führte sie zurück. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte
+vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken.
+
+Gesäumt mit Toten ihre Straße. Der Kopf des Chretien de Laferte, das
+Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre
+Mädchen, mit den großen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude
+Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lächelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard.
+Es war, weil sie so häßlich war, darum ging der Tod hinter ihr her,
+darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schädel an.
+
+Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr dürres
+Fräulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden
+wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesäumt mit Toten. Es war, weil sie
+so häßlich war.
+
+Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards über Mittenwald
+nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmählich in den Griff, seinen toten
+Souverän zu geleiten.
+
+Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Fürsten. Es hatte ihn in
+feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an
+den Straßen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken
+läuteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger
+barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter,
+Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk,
+während es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame,
+schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es
+war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der
+zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen.
+Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte
+keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch.
+
+Starr, am Tor des Schlosses, erwartete die Herzogin den Zug. Grell hob
+sich von dem schwarzen Gewand die weiße Schminke. So schritt sie über
+die Höfe des Schlosses neben der Bahre, allein. Es schneite. Hinter der
+Bahre, massig, in Rüstung, wuchtete der Frauenberger.
+
+ * * * * *
+
+In München war man sehr betreten, als die Nachricht eintraf von
+Meinhards Tod. Hier glaubte kein Mensch an einen Unglücksfall, man
+zweifelte höchstens, ob der Frauenberger auf eigene Faust gehandelt oder
+im Auftrag der Maultasch; doch wagte niemand, dieser Überzeugung Laut zu
+geben. Nur der sensationslüsterne Florentiner Giovanni Villani, der
+Chronist, der sich zur Zeit zum Zweck gewisser archivalischer
+Feststellungen in München aufhielt, der Nebenbuhler des wackeren
+Johannes von Viktring, behauptete die gewaltsame Beseitigung des jungen
+Herzogs als Tatsache. Er zählte sorglich disponiert und sich steigernd
+alle Gründe her, die zu solcher Tat führen konnten und mußten, er
+schrieb darüber ein elegantes, beredtes Kapitel in seiner Chronik und
+las es jedem vor, der es irgend hören wollte.
+
+Stephan, Friedrich, Agnes standen benommen von Wut und Bestürzung. An
+eine Lösung von so schlichter, zynischer Brutalität hatte niemand
+gedacht. Zum erstenmal seitdem sie sich kannten, sprangen Agnes und
+Friedrich einander an. Er hätte den Frauenberger wegschicken müssen,
+hätte München nicht verlassen dürfen, solange jener da war, sagte sie.
+Er sagte, sie hätte Meinhard besser müssen überwachen lassen; kaum sei
+man einen Tag fort, gehe schon alles drunter und drüber, auf niemanden
+sei Verlaß. Herzog Stephan stand ziemlich unglücklich zwischen ihnen. Er
+hatte es ja gewußt, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, es war
+ihm nicht vergönnt, Wittelsbach wieder groß zu machen in der
+Christenheit. Als sie sich müde gestritten hatten, kamen sie überein,
+vorläufig das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung von Bayern zu richten;
+die Grenzen zu entblößen und nach Tirol vorzustoßen, fühlten sie sich
+militärisch nicht stark genug. Hingegen wollte Agnes nach Tirol reisen,
+dort vorfühlen.
+
+Mit ganz kleiner Begleitung traf sie auf Schloß Tirol ein. Am gleichen
+Tage noch wurde sie von Margarete empfangen. Rosig, glatt, jung, blond
+saß sie da; in einem sehr einfachen schwarzen Kleid; grellweiß
+geschminkt, die Hände, den unförmigen Hals schwer von leuchtenden
+Steinen, prunkte in Atlas und Brokat die Herzogin. Es sei sehr
+liebenswert von Agnes, sagte sie mit etwas steifer, zeremoniöser Stimme,
+daß sie die beschwerliche Reise im Winter nicht gescheut habe, ihrem
+Sohn das letzte Geleit zu geben. Agnes sagte und sah sie süß und
+unbefangen an, dies sei eine selbstverständliche Pflicht gewesen nach
+dem vielen Guten, das sie von Haus Tirol empfangen. Zudem sei sie ja dem
+Toten besonders nahegestanden. Sie könne der Herzogin nicht schildern,
+wie furchtbar es sie getroffen habe, als sie die grauenvolle Meldung
+erhielt. Margarete starrte sie mit ihrem weißen, breiten, mächtigen,
+geschminkten, maskenhaften Gesicht unverwandt an, fragte, ob sie den
+Herzog sehen wolle. Agnes, ein wenig zögernd, denn sie sah Tote nicht
+gern, bejahte. Die beiden Frauen schritten zu der Kapelle, schwer
+schleifte sich die Brokatene, die andere ging leicht und hoch. Prunkend
+aufgebahrt lag der junge Herzog, dick wölkte der Weihrauch, silberne
+Gewappnete hielten Totenwacht. Die Herzogin winkte, der mächtige
+Sargdeckel wurde hochgeschlagen, da lag der junge Fürst, gräßlich
+zerschrundet und entstellt stierte aus der Rüstung sein friedfertiges,
+dickes Gesicht. Die Leiche war stark verwest, trotz Balsam und Gewürz
+stieg ein übler Geruch aus dem leuchtenden Metall. Agnes schwankte,
+verfärbte sich. Margarete führte sie zurück.
+
+Als die beiden Damen wieder am Kamin saßen, sagte Margarete leichthin:
+»Nun ist unsere letzte Unterredung gegenstandslos geworden, Gräfin
+Agnes. Mein Sohn ist wieder bei mir, nicht in München.«
+
+Agnes, durch die Leichtigkeit ihres Tons unsicher, nicht wissend,
+wohinaus sie wolle, erwiderte nichts, äugte, wartete ab.
+
+Die Herzogin, immer in dem gleichen, erschreckend leichten,
+konversationellen Ton, fuhr fort: »Sie haben Chretien de Laferte
+geheiratet, dann starb er. Sie haben mir meine lieben Städte von Bayern
+abhängig gemacht, sie sind fast kaputt gegangen. Sie haben sich mit dem
+Markgrafen liiert, dann starb er. Sie haben sich zur Vertrauten meines
+Sohnes gemacht, jetzt ist er tot. War es nach alledem nicht ein bißchen
+kühn, daß Sie zu mir nach Tirol gekommen sind?« Sie sagte das alles ganz
+obenhin, sie lächelte mit ihrem wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund,
+ihr leichenhaft geschminktes Gesicht verzog sich in gemachter
+Liebenswürdigkeit, ja sie beugte sich vor, legte, was noch nie geschehen
+war, die Hand mit grauenhafter Vertraulichkeit auf den Arm der Agnes.
+Die saß da, starr, blaß. »Ich weiß nicht, was Sie wollen,« stammelte
+sie.
+
+»Es ist nett von Ihnen,« fuhr Margarete fort, »daß Sie von selbst
+gekommen sind. Ich hätte Sie sonst einladen müssen; glauben Sie mir, ich
+hätte Sie auf solche Art eingeladen, daß Sie gekommen wären.«
+
+»Ich verstehe Sie durchaus nicht,« sagte, mit fahlen Lippen, Agnes.
+
+»Ja,« brach Margarete plötzlich ab und stand auf, »Sie bleiben also mein
+Gast, bis der Herzog bestattet ist. Es kann noch eine Weile dauern, die
+Vorbereitungen sind umständlich.«
+
+»Ich hatte eigentlich vor, die Zwischenzeit in Taufers zu bleiben,«
+sagte Agnes; sie war klein und ängstlich geworden, ihre Stimme
+flatterte.
+
+»Nichts da, nichts da!« sagte eifrig die Herzogin. »Sie bleiben. Waren
+Sie und die Ihren nicht schon oft Gäste in Tirol?«
+
+»Denken Sie nicht ans Fortgehen,« schloß sie, während sie Agnes zur Tür
+geleitete. »Die Reise würde sehr ungemütlich werden.« Ein Diener brachte
+die schwankende Agnes in ihre Zimmer. Gewappnete standen davor,
+präsentierten die Lanzen, während sie die Schwelle überschritt.
+
+ * * * * *
+
+Margarete, allein, ging auf und ab, ihr Gang war sonderbar beschwingt,
+ein plumper Tanz.
+
+Wie schade, daß jene sich so einfach in ihre Hand gegeben hatte. Es wäre
+gut und reizvoll gewesen, sie erst mühsam herzulocken, den Teig zu
+kneten, ehe man den Kuchen aß. Aber so waren diese Glattlarvigen. Schön
+und dumm.
+
+Margarete ging ins Freie, allein. In den verschneiten Weinterrassen
+stapfte sie, kletterte sie. Setzte sich in den Schnee. Tauchte ihre Hand
+in das Weiche, Kalte, ballte es, ließ fallen, ballte von neuem.
+
+Sie ganz klein machen, sie zerstören, sie in Staub zerpressen,
+zernichten, zerdrücken, daß nichts mehr von ihr bleibt als ein
+lächerliches Stück Verwesung. Sich anfüllen mit ihrer Angst, ihrer Not,
+ihrem Elend, bis dann ihre Schönheit daliegt, stinkend wie drüben in der
+Kapelle ihr Sohn.
+
+Als nach einer Weile das dürre Fräulein von Rottenburg kam, hörte sie,
+was sie seit Jahren nicht gehört hatte. Die Herzogin sang. Mit ihrer
+dunkeln, warmen, erfüllten Stimme sang sie. Im Schnee saß sie und sang,
+voll, hallend, aus ihrer wüsten Kehle.
+
+ * * * * *
+
+Sie berief zunächst Schenna zu sich. Führte aus: Der Sturz, an dem
+Meinhard sich zu Tode gestürzt, sei fraglos verschuldet durch die Gräfin
+von Flavon-Taufers. Sie sei nicht gewillt, dies Verbrechen zu
+vertuschen. Beabsichtige vielmehr, es mit beispielhafter Strenge zu
+bestrafen. Schenna, tief beunruhigt, riet dringend ab. Das Volk hänge
+nun einmal an Agnes mit ebenso heftiger wie grundloser Sympathie. Gegen
+sie vorzugehen sei gefährlich. Man könne sie an Besitz, Macht, Einfluß
+kürzen; weiter zu gehen verbiete die Staatsklugheit.
+
+Margarete, gereizt und nervös, erwiderte, sie wisse sehr gut, wie
+unpopulär sie sei. Schlimmer könne es nicht werden. Sie riskiere also
+nichts.
+
+»Doch!« erwiderte mit ungewohnter Schroffheit Schenna. Alles riskiere
+sie. Offene, nur den Wittelsbacher fördernde Revolution riskiere sie.
+Sie brach aus, verströmte: Unter keinen Umständen dulde sie länger die
+Nebenregierung dieser Person. Lieber danke sie ab. Sie starrte hitzig,
+allen ruhigeren Erwägungen unerreichbar, vor sich hin. Schenna lief
+unbehaglich mit seinen langen, ungleichmäßigen Schritten hin und her.
+Wenn sie durchaus beharre, riet er nach einer Weile, das Gesicht
+verdrießlich und kurios verzogen, dann solle sie in Gottes Namen einen
+Staatsgerichtshof einberufen. Um alles in der Welt nicht möge sie gegen
+Agnes vorgehen ohne Spruch und richterliches Urteil.
+
+Sie berief den Frauenberger, die einzelnen einflußreichen Feudalherren.
+Schneidend klar erkannte sie: Alle waren gegen sie, alle waren für
+Agnes. Aber mit wenigen Ausnahmen waren sie bereit, sich ihre Meinung
+abkaufen zu lassen. Sie nahmen Margaretes Vorgehen gegen Agnes als eine
+Laune. Gut, sie waren bereit, diese Laune zu decken; aber sie fanden es
+angemessen, daß Margarete diese Bereitschaft teuer bezahle.
+
+Alle verlangten, alle forderten. Es preßte Margarete das Herz ab,
+knirschte ihr die Zähne zusammen. Sie standen vor ihr, unterwürfig,
+loyal, voll patriotischer Bedenken. Darunter grinste der Hohn: gibst du
+nicht, so kriegst du nicht.
+
+Die Barone verständigten sich untereinander, glichen ihre Ansprüche aus.
+Der Frauenberger überbrachte der Herzogin ihre gemeinsamen Forderungen.
+Sie waren nackt, schamlos. Margarete solle ein Kabinett aus neun
+Ministern bilden. Vorgesehen waren der Frauenberger, Schenna, Berchtold
+von Gufidaun; die beiden Herren von Matsch, der Landeshauptmann und der
+Vogt, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen; Heinrich von
+Kaltern-Rottenburg, Diepold Häl, Hans von Freundsberg. Diese Herren, die
+auch als Richter in dem Prozeß der Gräfin von Flavon fungieren würden,
+sollten die oberste Justiz- und Verwaltungsbehörde des Landes bilden.
+Margarete solle sich verpflichten, ohne ihre Zustimmung keine
+Regierungshandlung vorzunehmen, niemandem ein Amt zu verleihen oder zu
+entziehen, mit keinem auswärtigen Fürsten zu verhandeln, Bündnis,
+Vertrag zu schließen. Auch solle sie keinen Minister absetzen dürfen;
+schied ein Mitglied durch Tod oder sonstwie aus, so solle nicht die
+Fürstin, sondern das Kabinett den Nachfolger bestimmen.
+
+Margarete saß über dem Dokument, allein. Sie runzelte die Stirn so
+stark, daß die Schminke abbröckelte. Dies unterschreiben hieß: die
+Städte preisgeben, das Land den frechen Baronen hinschmeißen, daß sie
+ihre gierigen Zähne hineinschlügen, jeder sich ein Stück herausreiße.
+Dies unterschreiben hieß: das Land Tirol zerfallen lassen in eine Reihe
+kleiner Adelsherrschaften, schimpflich zerschlagen das Werk, daran die
+Väter und sie hundert Jahre lang Besitz, Nerven, Leben gesetzt.
+
+In ihren Gedanken war plötzlich das kleine, bebartete Wesen, das sie
+einmal gesehen in den Felsen von Schloß Maultasch. Es neigte sich viele
+Male, schaute sie aus ernsten, uralten Augen an, tat den Mund auf.
+
+Mit Gewalt scheuchte sie den Zwerg fort. Hin, Land! Hin, Städte!
+Hinunter, Nacken! Duck' dich der Arroganz der Vasallen! Es muß sein. Es
+muß ausgetragen sein zwischen ihr und jener. Es wäre sinnlos, jetzt die
+Forderungen der Barone zu weigern und jene zu schonen. Sie würde weiter
+am Werk Margaretes nagen, es aushöhlen, verderben. Die Schöne war der
+Wurm des Landes, alles Übel kam von ihrer frechen, geilen Schönheit. Sie
+muß hin sein, sie muß getilgt sein, sie muß aus dem Licht, sie muß weg
+von der Erde. Das Land in den Bergen hat nicht Frieden, solang jene da
+ist.
+
+Wenn sie sich aufriß vor Gott, sie durfte sagen: Es hatte Stunden
+gegeben, Tage, Wochen, wo kein kleiner, eitler Gedanke in ihr war, nur
+der reine, lautere Wille, sich zu beugen, zu tun, wozu man geschickt
+war. Wieder und wieder schlug jene Eitle, Leere mit spielender Hand
+entzwei, was sie mit Nöten, Demütigungen, Preisgaben geschaffen, von
+deren Qual und böser Artung jene nie einen Hauch zu begreifen imstande
+war. War das gerecht? War es gerecht, daß das Leere, Dumme, Schlechte,
+Gemeine, nur weil es die glatte Larve hatte, sich spreizte in der Welt,
+sie überdeckte, keinen Raum ließ für das Erfüllte, schmerzhaft Wissende?
+Das konnte Gott nicht wollen. Das mußte ausgekämpft sein. In einem
+wohlig schmerzhaften Krampf spürte sie, wie sie selber mit der Schönen
+verkettet war, wie sie selber bestimmt war, es auszutragen. Es gab kein
+Hinausschieben, kein Verstecken und Maskieren, keine Scheu vor dem hohen
+Einsatz, keinen Kompromiß. Es mußte ausgetragen sein.
+
+Der Frauenberger kam, ihre Antwort zu holen. Ihre Hand lag plump auf dem
+Dokument mit den Forderungen der Barone. Sie blickte auf, schaute den
+Frauenberger an, sagte ruhig, ohne die Stimme zu heben: »Lumpen!
+Erpresser!«
+
+Der Frauenberger erwiderte gleichmütig, jovial: »Ja, Herzogin Maultasch,
+billig sind wir nicht.«
+
+Dann unterschrieb sie.
+
+ * * * * *
+
+Agnes, als sie allein war, saß in großer Schwäche erschöpft nieder. Was
+denn um Gottes willen hatte sie da gemacht? Sich selber freundlich
+lächelnd in die Hand der Feindin gegeben. Wo hatte sie denn ihren Kopf
+gehabt? Der Tod Meinhards war wohl eine Einbuße und ein Schlag für die
+Maultasch, aber er war doch ein noch schlimmerer Schlag für sie selber.
+Die Maultasch hatte mit der Beseitigung Meinhards und dem kühnen,
+unerwarteten Verzicht auf Bayern sich zur Siegerin gemacht. Sie begriff
+sich nicht, wie sie in dieser Situation der Feindin ins Haus laufen
+konnte, ihren Triumph zu krönen.
+
+Ganz allein und verloren saß sie da. Das Zimmer war schlecht geheizt,
+sie fror. War das wirklich Frost? Ein Gefühl kroch sie an, das sie all
+ihre Tage nicht gekannt hatte, zog sie zusammen, schnürte sie. Sie war
+immer keck und sicher gewesen, immer hatte sie die Lage in der Hand
+gehabt, hatte immer Männer hin und her geworfen nach ihrem Gutdünken.
+Jetzt war sie ganz hilflos, die Feindin konnte mit ihr anfangen, was sie
+wollte. Angst und Kälte überdeckten sie. Ihre tiefen, blauen Augen waren
+nicht mehr kühn, sondern stier und erloschen, ihr elastischer Rücken
+erschlaffte, ihre weißen Hände runzelten sich, ihr glattes Gesicht
+zerknitterte in kleine, steife, spröde Fältchen.
+
+So blieb sie bis zum Abend. Dann brachte man Licht, schürte das Feuer
+neu, setzte Speisen auf den Tisch. Sie raffte sich zusammen, aß, wurde
+warm, belebte sich. Ach was! Das war ja das Ziel der andern, sie klein
+zu sehen, gedemütigt, winselnd, mutlos. Sicher nicht wird sie es wagen,
+ihr etwas Ernstliches anzutun. Steht nicht das ganze Land für sie? Weil
+sie häßlich ist, will sie, daß sie sich feig erweise. Sie denkt nicht
+daran, ihr den Gefallen zu tun. Sie straffte sich, ihre Augen schauten
+lässig und kühn wie immer. Sie aß mit Appetit, verlangte zum zweitenmal,
+scherzte mit den Dienern. Schlief gut, tief, ruhig, lange.
+
+Als andern Tages der Frauenberger kam, fand er sie vergnügt, Bonbons
+lutschend, ein frivoles Couplet auf der Laute klimpernd. Sie mokierte
+sich über die altmodische Einrichtung des Zimmers. Er feixte, freilich,
+so modern und komfortabel wie sie gebe die Maultasch es nicht. Er
+tätschelte sie. Er blinzelte, meinte väterlich, er habe es ihr doch
+rechtzeitig gesagt, sie solle sich nicht einlassen mit den Lausbuben, es
+werde schief gehen. Sie fragte leichthin, ob er im Auftrag der Maultasch
+komme. Bange machen gelte nicht. Was man eigentlich vorhabe. Wie lange
+der Spaß noch dauern solle. Der Albino quäkte, man werde sie wohl vor
+ein Staatsgericht stellen. Sie erwiderte, man möge das recht bald tun,
+es sei so langweilig auf Schloß Tirol. Auch möge man ihr die Zofe
+schicken und ihre Schneiderin, daß sie vor Gericht in einem
+entsprechenden Kostüm erscheinen könne. Er sagte, sie brauche nur zu
+befehlen. Allein, lutschte sie Bonbons, klimperte.
+
+
+
+
+Die Herzogin ließ es sich angelegen sein, das hohe und heimliche
+Gericht, das Agnes aburteilen sollte, mit feierlichem Pomp auszustatten.
+Drei Gemächer ringsum waren von Gewaffneten bewacht, damit die
+Heimlichkeit des Gerichts gewahrt sei. Die neun Herren saßen schweigsam,
+dunkel, Margarete selber prunkte schwer in den Insignien der Herrschaft.
+
+Agnes trug ein schlichtes, lachsrotes Kleid, das für einen Empfang, eine
+kleinere Festlichkeit geeignet war. Ihr Gehabe war leicht, sicher. Sie
+war überzeugt, daß die Maultasch nicht wagen werde, sie anzutasten, daß
+der umständliche, feierliche Apparat des Gerichts nur dazu bestimmt sei,
+sie ängstlich zu machen. Dies alles geschah nur, damit sie, die Schöne,
+sich klein erweise vor der Häßlichen. Nein, sie war durchaus nicht
+gewillt, der Maultasch diesen Gefallen zu tun.
+
+Der Pfarrer von Tirol, der als Protokollführer fungierte, verlas die
+Anklage. Die Gräfin von Flavon-Taufers sei von jeher bestrebt gewesen,
+auf Meinhard in verderblichem, dem Lande Tirol schädlichem Sinn
+einzuwirken. Als der junge Fürst im Begriff war, Tirol zu betreten, sich
+ihrem Einfluß zu entziehen, und als das Einvernehmen mit seinen getreuen
+und wohlmeinenden Untertanen ihre Pläne zu vereiteln drohte, habe sie
+sich mit Gewalt seiner zu bemächtigen versucht; über welchem Versuch der
+Herzog zu Tod gekommen sei.
+
+Agnes sagte, sie wundere sich, wie weise und hochmögende Herren einfache
+und klare Tatbestände so schlimm mißdeuten könnten. Ja, sie sei mit dem
+jungen Fürsten in gutem, herzlichem Einverständnis gewesen, wie auch
+sein Vater sie seiner Freundschaft und seines Vertrauens gewürdigt habe.
+Sie habe nach ihrem geringen weiblichen Verstand zuweilen den oder jenen
+Ratschlag erteilt nach bestem Gewissen als gute Untertanin und Christin,
+dem Fürsten und seinen Ländern zu Nutz und Mehrung. Als der Herzog nach
+Tirol reiste, habe sie ihm, da unerwartet Herzog Stephan seine baldige
+Ankunft in München melden ließ, reitende Boten nachgeschickt mit einem
+Brief, daß unter solchen Umständen seine Rückkehr nach München ratsam
+sei. Leider hätten ihre Boten den Herzog nur mehr tot vorgefunden. Dies
+alles sei klar und unzweideutig. Sie sei eine große Sünderin, schloß sie
+lächelnd; aber in ihren Beziehungen zu Herzog Meinhard sei nach ihrer
+demütigen weiblichen Einsicht kein Wort und keine leiseste Regung
+gewesen, die sie nicht ungescheut vor Gott und den Menschen bekennen
+dürfte.
+
+Sie gab diese Erklärung sitzend ab, leichthin, mit ihrer harten,
+schleierlosen Stimme. Jung, glatt, klar, vertrauensvoll saß sie in ihrem
+schlichten, lachsfarbenen Kleid vor den schweren, dunkeln Richtern.
+
+Margarete sagte, sie habe, in München, die Gräfin von Flavon
+aufgefordert, sich nicht in die tirolischen Dinge zu mengen; die Gräfin
+habe das verweigert. Agnes erwiderte, die Frau Herzogin habe sie
+mißverstanden. Der Pfarrer von Tirol verlas eine eidliche Aussage, die
+Reiter der Gräfin hätten nach ihrer eigenen Bekundung Auftrag gehabt,
+den Herzog mit Gewalt nach München zurückzuführen. Alle schauten auf den
+Frauenberger, auf dem wohl dieses Zeugnis stehen mußte. Er sah
+unbeteiligt vor sich hin. Agnes erklärte, die Aussage der Reiter, wenn
+sie wirklich erfolgt sei, sei pure Verleumdung. Der Frauenberger
+grinste.
+
+Die Herzogin saß da, steif, breit ausladend, schwarz stand das brokatene
+Kleid um sie herum, golden prunkten die Insignien der Macht. In ein
+Schweigen hinein, unvermutet, ohne Agnes oder irgendwen anzuschauen, tat
+sie den Mund auf, sprach. Mit gleichförmiger Stimme sagte sie alles
+heraus, mit nackten, schmucklosen Worten. Wo sie für das Land in den
+Bergen gewirkt habe, an der Etsch und am Inn, von den welschen Seen bis
+zur Isar, überall sei diese Gräfin von Flavon gewesen und habe gehindert
+und dagegen gewirkt. Sie sprach langsam und sie hob die Stimme nicht.
+Sie sprach von den Städten und von ihren Maßnahmen und wie diese Gräfin
+von Flavon sich dagegen gestemmt habe. Sie sprach von ihren
+Finanzverordnungen und wie diese Gräfin von Flavon den welschen Bankier,
+den Messer Artese, wieder in die Berge gerufen habe, den sie vertrieben.
+Sie sprach von der tirolischen Autonomie und wie diese Gräfin von Flavon
+dem Land immer wieder den Bayern in den Pelz gesetzt habe, den
+Blutsauger. Sie sprach von der Artusrunde, von Ingolstadt und Landshut.
+Langsam aus ihrem wüsten, breiten Mund holte sie nackte, sachliche
+Worte. Sie fielen gleichmäßig, monoton; wie schwerer Sand rieselten sie,
+unhemmbar, sie begruben die feine, leuchtende Agnes, daß sie farblos
+dasaß und erbärmlich und ohne Schwung. Es war ganz still, als die
+Herzogin zu Ende war, man hörte die Scheiter im Kamin knistern, die
+Herren hockten da, trist und grau und gebeugt.
+
+Agnes sagte, sie habe nie Einfluß gesucht. Sie habe gesprochen, wenn man
+sie gefragt habe, und da nur zögernd, sie habe nie jemandem einen Rat
+aufgedrängt. Sie merkte, daß ihre Worte zu Boden fielen und keinen
+überzeugten. Da erhob sie sich, sie stand da, heiter, frei, leicht,
+stolz, sie sah die Herren an, einen um den andern, sie sagte: Wenn sie
+eine Sünde begangen habe, dann nur die, daß sie auf der Welt sei. So
+habe Gott sie geschaffen. Solange sie sich nicht auslösche, könne sie
+nicht hindern, daß man den Kopf nach ihr wende, an ihr Gefallen finde.
+
+Alle schauten sie an, selbst der rasche Federkiel des Pfarrers von Tirol
+hörte zu kritzeln auf. Mit seinen müden, grauen Augen schaute Schenna
+sie auf und ab, angestrengt starrte ihr der hagere, rechtliche Egon von
+Tübingen in die tiefen, blauen Augen, der biedere, gutmütige Berchtold
+von Gufidaun schnaufte, seufzte, aus seinen rötlichen Augen blinzelte
+der Frauenberger. Diese ihre Worte, das spürte Agnes, waren nicht zu
+Boden gefallen. Sie hatte einen Teil ihres Wesens herausgeholt,
+hochgehoben mit beiden Händen, den Männern hingehalten, stolz, vor der
+Feindin: Da! Seht her! So bin ich! Sie genoß ihre Wirkung, atmete,
+genoß.
+
+Da sah sie, daß auch die Maultasch sie anschaute. Die blauen Augen der
+Schönen tauchten tief in die braunen der Häßlichen. Und Agnes sah, daß
+Margarete lächelte. Ja, ein kleines Lächeln zerschnitt das grellweiß
+geschminkte Gesicht der Herzogin, und es war nicht gekünstelt, es war
+echt. Da wußte Agnes, daß jene vorgesorgt hatte, daß ihr Triumph im
+vorhinein vergiftet, daß sie verloren war. Sie begann plötzlich zu
+zittern, sie verfahlte, ihre Glieder erschlafften, sie mußte sich
+setzen.
+
+ * * * * *
+
+In das Gemach der Verurteilten trat ungemeldet, überraschend die
+Herzogin. Agnes hatte den Spruch sehr in Haltung hingenommen, frei,
+leicht. Sie hatte sich auch, als sie allein war, gesagt, die Maultasch
+werde nicht wagen, weiter zu gehen. Aber dann hatte sie an das leise,
+tiefe Lächeln Margaretes gedacht, und den Magen herauf war ihr wieder
+jenes peinliche, fröstelnde Gefühl gekrochen, das sie früher nie gekannt
+hatte. Jetzt, als die Herzogin kam, riß sie sich sogleich zusammen,
+erhob sich höflich, nicht zu schnell, bat sie zu sitzen.
+
+Margarete sagte: »Sie haben angedeutet, Gräfin, daß zwischen mir und
+Ihnen noch ein anderes sei als die Strenge der Fürstin gegen die
+Untertanin, die sich auflehnt und das Land schädigt. Begreifen Sie doch,
+daß ich gar nichts anderes sein kann als die Fürstin; denn das
+beleidigte Land ist in mir, meine Regungen sind die des Landes.« Sie
+sagte das leicht, selbstverständlich, überzeugend, mit großer Hoheit.
+
+Agnes hörte aufmerksam, höflich zu. Sie verstand nicht, was die andere
+meinte. Sie verstand nur: »Ah, sie will etwas von mir. Sie will sich
+aussprechen mit mir. Will sich rechtfertigen. Wie schwach muß ihre
+Position sein! Sie spürt, daß sie die Unterlegene ist. Sie will mich
+übertölpeln. Nur sich nicht einfangen lassen. Nein sagen. Was sie auch
+verspricht, nein sagen.«
+
+Margarete sah, daß die andere sie nicht begriff. Sie versuchte es von
+einer neuen Seite. Müde, ein bißchen ungeduldig, doch versöhnlich sagte
+sie: »Sie haben Erfolge gehabt, Gräfin. Ich gönne sie Ihnen. Freuen Sie
+sich weiter daran. Mein Sinn und Ehrgeiz geht ganz wo andershin, suchen
+Sie das doch zu glauben. Ich will die Gewähr haben, daß Sie Tirol nicht
+weiter schaden. Nichts sonst. Bekennen Sie vor Zeugen und durch Ihre
+Unterschrift, daß Ihr Wirken meinem Land verderblich war. Schwören Sie
+auf das Evangelium, sich fernerhin jeder politischen Tätigkeit zu
+enthalten. Ich will dann das Todesurteil kassieren. Ihre Lehen fallen
+zurück an meine Verwaltung. Sie sind frei und verlassen mein Land.«
+
+Da war sie, die Schlinge. Agnes höhnte innerlich: »Nie wird sie es
+wagen, mich zu töten. Und für so dumm hält sie mich, daß sie sich ihre
+Feigheit von mir bezahlen lassen will.«
+
+Sie sagte: »Ein solches Dokument unterzeichnen kann ich nicht. Daß ich
+auf der Welt war, daß ich da war, das war wirklich meine ganze
+politische Tätigkeit. Sie können mich schwören lassen, was Sie wollen.
+Sie können es nicht verhindern, und ich kann es nicht, daß ein Mann,
+wenn er mich ansieht, nach meiner Ansicht handelt, nicht nach der
+Ihren.« Sie sah Margarete auf und ab, unverwandt; ihre blauen Augen
+glitten über sie, beredt, abschätzig, höhnisch. Verhöhnten den wüsten,
+äffisch sich vorwulstenden Mund, die herabhängenden Backen, das in
+vielen Falten fallende ungeheure Kinn, den plumpen, feisten Leib. Sie
+spähten sie aus, drangen durch die Schminke, betasteten spöttisch die
+spröde, warzige, bröckelnde Haut.
+
+Die Herzogin, tiefer geschlagen als je, bezwang nur mit Mühe ihre
+maßlose, verwirrte Erbitterung. Sie sagte, und ihr Hohn klang nicht
+echt: »Lassen Sie es meine Sorge sein, Gräfin, zu beurteilen, ob es
+nötig ist, Sie auszulöschen. Ich glaube, Sie überschätzen sich. Mir
+genügt es, wenn Sie die verlangte Erklärung unterzeichnen.«
+
+Wie matt und ohne Schlagkraft diese Erwiderung war! Sie spürte es
+selbst. Und hoch, triumphierend, genießend spürte es Agnes. Sie war
+jetzt ganz gewiß, nie wird jene wagen, den Spruch vollziehen zu lassen.
+Ihr etwas einbekennen! Ihr etwas zugestehen! Daß sie eine Närrin wäre!
+»Es tut mir aufrichtig leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können,«
+sagte sie, den konventionellen Ton süßen, spitzbübischen Bedauerns ganz
+auskostend.
+
+Die Herzogin erhob sich. In ihr stand fest: austilgen die Person! Das
+Land verlangt es. Gott will es. Aus dem Licht muß sie, von der Erde weg
+muß sie. Die Luft war verpestet, der Boden brannte, solange sie atmete,
+schritt. Schwer schleifte sie sich zum Ausgang, ein krankes,
+getroffenes, häßliches, trauriges Tier. Leicht, höflich geleitete sie
+Agnes.
+
+ * * * * *
+
+Die Minister baten Margarete dringend, sie möge die Gräfin begnadigen.
+Nach diesem Prozeß werde sie sich hüten, weiter gegen Tirol zu
+intrigieren. Unter keinen Umständen dürfe die Herzogin jetzt etwas gegen
+Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert
+seien. Auch verhinderten die Minister, daß von der ganzen Angelegenheit,
+Gefangennahme, Prozeß, Verurteilung, das leiseste Gerücht ins Land
+drang.
+
+Schenna stellte Margarete vor, daß das Volk niemals Schlechtes von Agnes
+glauben werde, daß sie allen nur denkbaren fanatischen Haß gegen sich
+heraufbeschwören werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine
+Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, daß man von Mord und
+Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche
+werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden.
+Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie,
+sie möge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der
+Bestattung Meinhards.
+
+Sie sagte still: »Es geht nicht, Schenna. Der Streit muß ausgetragen
+sein, Schenna.«
+
+Der Frauenberger saß allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein
+Bursche, schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuß, hieß ihn das Feuer
+schüren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. Überlegte scharf.
+Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als
+Hochverräterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es
+Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen,
+das Regiment der Barone sich halten ließ. Tat man der Maultasch nicht
+den Willen, dann wird sie, zäh wie sie war, immer wieder darauf
+zurückkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genießen können. Was
+also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach.
+Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Quäkte. Schlief.
+
+Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgeräumt, froh über sein
+Kommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt nicht mehr über Langeweile
+beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genüge. Heute ihn, gestern die
+Maultasch. Ja, log er -- Margarete hatte ihm natürlich nichts gesagt --,
+er habe gehört, die Damen hätten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn
+leicht mißtrauisch an. Er blinzelte, begann sich über Margarete lustig
+zu machen. Er hatte süßen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den
+Polstern, ihre weiße, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er
+machte ihr den Hof. Sie fühlte sich vergnügt, beschwingt. Der Schnaps,
+den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg
+rasch zu Kopf. Er hatte sie überlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den
+Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie hätte diese Niederlage
+nicht missen mögen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte.
+
+Sie lag in den Polstern, angenehm erschöpft.
+
+Wie niedrig die Zimmer waren in Schloß Tirol. Die Decke kam herab. Immer
+tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie
+erdrückt einen ja. Sie lachte unmäßig. Oder war das ein Röcheln?
+
+Der Frauenberger blinzelte herüber, wartete. Beobachtete sachverständig.
+Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wälzte, wieder auf den
+Rücken, wie sie lachte, schnappte, röchelte, sich verzerrte, mit den
+Armen um Luft ruderte, seitwärts vom Polster glitt.
+
+Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des
+Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Gräfin von
+Flavon sei gegenstandslos, da die Gräfin, wohl infolge der Aufregung,
+soeben an einem Schlaganfall verschieden sei.
+
+ * * * * *
+
+Margarete, als sie von dem Tod der Agnes hörte, spürte eine dumpfe,
+lähmende Leere. Sie war angefüllt gewesen mit dem Gedanken: Agnes, jetzt
+wich das alles aus ihr, zurück blieb eine leere Hülle.
+
+Langsam aus allen Winkeln holte sie Fetzen von Besinnung. Hätte sie sich
+nicht eigentlich frei fühlen müssen, leicht, schwebend, beglückt, nun
+die Verderberin tot und aus dem Weg war und das Land nicht mehr
+gefährdet? Nichts von dem. Mehr und mehr schwoll eine dumpfe, sinnlose
+Wut in ihr hoch. Sie hatte die Feindin unterworfen sehen wollen.
+Feierlich zum Tod geführt hätte sie bekennen sollen: Besiegt bin ich,
+ein kleines, lächerliches, verworfenes Stück Mensch bin ich, und du bist
+die Fürstin, die Hohe, die Unerreichbare, von Gott Erwählte. Ihr Tod war
+nicht wichtig, aber dies Einbekenntnis war wichtig. Und jetzt hatte man
+sie höhnisch und frech um Haß, Rache, Sieg betrogen, hatte ihr die
+Verhaßte vor der Nase weggeflüchtet an ein Ufer, an das sie nie gelangen
+konnte. Jämmerlich, roh, plump beschwindelt stand sie, und jene war
+davon, emporgeflogen, leicht, lächelnd, unbesiegt.
+
+Margarete tobte. Wozu jetzt hatte sie alle diese Opfer gebracht?
+Hingeschmissen das Land, hingeschmissen das Werk der Väter und ihr
+eigenes, schmählich sich geduckt der Habgier und der Frechheit der
+wölfischen Barone. Und jene davon, höhnisch, lächelnd.
+
+Mit unflätigen Schimpfworten übergoß sie den Frauenberger. Der feiste
+Mann stand breit, gelassen, unberührt. An seinem nackten, rosigen
+Gesicht prallten die Flüche ab wie Wasserspritzer.
+
+Sie berief den Ministerrat. Kaum sich zügelnd, die sonst so beherrschte
+Stimme heiser, ungleichmäßig, aussetzend, verlangte sie, sofort müsse
+Prozeß und Urteil publiziert, die Tote infam eingescharrt werden.
+Geschehe das nicht, werde man diesen plötzlichen Tod ihr zur Last legen.
+Einhellig, mit allen Kräften widersetzten sich die Minister. Die meisten
+glaubten wie das ganze Land, Margarete sei wirklich schuld an diesem
+dunkeln und unwahrscheinlichen Tod. Sie waren ehrlich empört über die
+frivole, gottlose Forderung der Herzogin, den Meuchelmord an der
+verhaßten Nebenbuhlerin jetzt als gerechte, patriotische, gottgefällige
+Tat hinzustellen. Ja, sie fanden die eigenen Erpressungen an der
+Maultasch durch dieses Verhalten hinterher moralisch in jeder Weise
+gerechtfertigt; es zeigte sich klar, daß man sich gegen diese maßlose
+und verbrecherische Frau nicht Sicherungen genug schaffen konnte. Im
+übrigen waren sie sehr erleichtert durch die jähe Lösung des Konflikts
+und nicht gewillt, die Dinge durch was immer neu verwirren zu lassen.
+Quäkend, unverhohlen, schneidend klar faßte der Frauenberger ihre
+Meinung zusammen. Was denn die Frau Herzogin wolle. Gott habe die
+Bestrafung des Verbrechens in seine Hand genommen. Nun sei die
+Verderberin tot, aus dem Weg geräumt. Mehr habe doch die Fürstin nicht
+gewollt, nicht wollen können. Es sei unchristlich, über den Tod hinaus
+zu hassen. Es sei dem Volk kaum zu verdenken, wenn es in solchem Fall
+losbreche. Der von Matsch führte aus: Ja, natürlich erlaube sich das
+Volk unehrerbietige Reden gegen die Herzogin. Es sei auch nach seinen
+Informationen da und dort infolge des Todes der Gräfin zu
+Demonstrationen gekommen. Aber da sie, die Minister, geschlossen hinter
+der Fürstin stünden, werde man mit solchen kleinen Revolten leicht
+fertig werden. Schon seien mehrere Demonstranten festgenommen, man werde
+sie öffentlich stäupen lassen, das werde den andern den Mund stopfen.
+Infamiere man aber die Tote, dann werde die Empörung so allgemein sein,
+daß er für nichts einstehe. Der redliche Gufidaun, der nach langem
+Ringen zu der Überzeugung gekommen war, die Herzogin sei nicht schuldig,
+brachte in mühsamer Rede seine Ansicht zutage: Die Verbrecherin sei tot.
+Teurer als mit dem Leben könne vor irdischen Richtern niemand seine
+Schuld bezahlen. Das Gedächtnis der Toten zu verunglimpfen, stehe einer
+so hohen und edeln Frau wie der Herzogin nicht an. Er setzte sich
+verlegen; er redete selten. Alle pflichteten ihm bei.
+
+Die Herzogin sah auf Schenna. Der kratzte mit seinen dürren Fingern
+nervös den Tisch, schwieg.
+
+Margarete beharrte. Mit fieberischen, stammelnden, ungeordneten Worten
+erklärte sie immer wieder, sie gehe nicht ab, sie sei das ihrem Prestige
+schuldig, sie bestehe darauf.
+
+Doch die Minister blieben fest. Sie beriefen sich auf das Abkommen, sie
+zeigten die Zähne, erklärten, niemals würden sie die erforderliche
+Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Tote geben. Margarete geiferte von
+Meuterei, Empörung. Die Minister erwiderten, sie nähmen diesen Vorwurf
+ruhig hin. Ihr Gewissen sage ihnen, ihr Widerstand geschehe im Interesse
+des Landes und der Herzogin selbst; auch seien sie, wenn sie sich vor
+die Tote stellten, der Billigung der ganzen Christenheit gewiß.
+
+Margarete mußte sich fügen.
+
+Sie wütete kraftlos, versagend. Die Minister, die Lumpenkerle, die
+Feiglinge! Wie froh sie waren, ihren Spruch nicht vertreten zu müssen!
+Wie schamlos hatten sie sie übertölpelt! Sie um das Land geprellt und
+sich dann mit übler Sophisterei dem Pakt entzogen. Lumpen, Gauner,
+Erpresser! Sie dachte daran, sich an das Ausland um Hilfe zu wenden.
+Aber die Wittelsbacher waren geschworene Anhänger der Agnes, und der
+Habsburger war zu klug, um sich durch Maßnahmen gegen die Tote von
+vornherein unpopulär zu machen.
+
+Sie wagte einen äußersten, hilflosen Versuch, die Tote zu besiegen. Sie
+setzte in letzter Stunde die Beerdigung Meinhards so an, daß sie
+zusammenfiel mit der Beerdigung der Agnes. Wer nach Taufers ging zu der
+toten Agnes, mußte der Bestattung des Landesfürsten fernbleiben.
+Trotzig, verzweifelnd, rief sie das Land an, zu entscheiden zwischen ihr
+und der Toten.
+
+Schweigsam, vor sich hintrotzend, verwildert saß sie auf Schloß Tirol,
+wartete, wer zu ihr kommen werde, wer zu Agnes. Im tiefsten Innern wußte
+sie so gut wie alle, daß Agnes sie durch ihren Tod besiegt hatte, daß
+der Kampf aus war und die Tote durch keine Kraft und keine List mehr
+erreichbar.
+
+
+
+
+Die Herren des Kabinetts verständigten sich, wer an der Bestattung des
+jungen Herzogs teilnehmen, wer nach Taufers gehen solle. Sie kamen
+überein, jedem einzelnen Entschluß und Verantwortung für sich zu
+überlassen. Die meisten beschlossen, zur Gräfin von Flavon zu gehen.
+Hatten sie nicht die Hände rein von diesem Blut? Warum sollten sie es
+nicht zeigen? Der Frauenberger, der Deutschordenskomtur Egon von
+Tübingen, der redliche, schwerfällige Gufidaun beschlossen, in Tirol zu
+bleiben.
+
+Jakob von Schenna saß spät abends noch wach. Aber er las nicht in dem
+Buch, das er sich aufgerollt hatte. Er ging auf und ab mit seinem
+steifen, ungleichmäßigen Schritt. Er hatte erst vorgehabt, krank zu sein
+und weder nach Tirol, noch nach Taufers zu gehen. Das Politische war ihm
+gleichgültig. Die Meinungen und Wallungen des Pöbels kümmerten ihn
+nicht, und er hatte für seine Person viel zu wenig Ehrgeiz, um sie in
+Rechnung zu stellen. Der Streit zwischen den Frauen aber hatte ihn von
+je erregt; er rührte ihn noch tiefer auf, seitdem er zwischen der Toten
+und der Lebenden ging. Margarete hatte Hilfe von ihm verlangt; er hatte
+sie ihr, zum erstenmal, versagt. Er wollte sich nicht hineinziehen
+lassen in diesen Kampf, er wollte nicht Partei nehmen. Er wollte nicht.
+
+Wiederum vielleicht fast als einziger durchschaute er die Zusammenhänge.
+Margarete, die Fürstin, hatte recht. Agnes war die Verderberin gewesen,
+es war ein Segen für Tirol, daß sie weg war. Aber hatte Margarete die
+Fürstin den Schlag geführt oder Margarete die Frau? Hatte Agnes sterben
+müssen, weil sie das Land schädigte, oder weil sie schön war? Er wagte
+nicht, zu entscheiden. Dies eine war gewiß: Agnes war die schönste Frau
+gewesen vom Po bis zur Donau. Er war ein alternder Herr. Wagte er
+vielleicht nur deshalb nicht zu entscheiden?
+
+Er wollte nicht bequem sein, er wollte nicht alt sein. Es war nicht
+recht gewesen von der Maultasche. Er hatte ihren wüsten Mund
+hingenommen, ihre Hängebacken, ihre ganze, arme Häßlichkeit. Ihren Haß
+gegen die Tote nahm er nicht hin. Ein simples, gerades Gefühl stellte
+sich gegen sie. Man mußte Zeugnis ablegen für die Schönheit. Er wird
+nach Taufers gehen.
+
+ * * * * *
+
+Vom Pustertal her über Bruneck goß es sich in das Tal von Taufers.
+Niemals hatten diese Berge soviel Menschen gesehen. Durch den hohen
+Schnee mühselig stapfte es heran, bald war eine Straße getreten. Unter
+dem freien, bestirnten Himmel nächtigte es in der scharfen, klaren
+Kälte. Eine Stadt von Zelten breitete sich. Tausende und immer neue
+Tausende schoben sich heran, Weiber, Kinder, die Mühsal und Gefahr des
+Winters nicht scheuend. Durch die Schneeluft klangen die Verwünschungen
+der Margarete, der Hexe, der Gezeichneten. Ruchlos, meuchlings hatte die
+wüste Teufelin die sanfte, süße Agnes ermordet. Nun lag sie aufgebahrt
+in der Kapelle von Taufers, ein Engel Gottes, wächsern, eine bunte,
+schöne Heilige. In endlosem Zuge wallte es an ihr vorbei, sehr
+verschieden von Stand, Alter, Aussehen, Barone, Bauern, Bürger, aber
+alle andächtig, ergriffen, mitleidig, alle voll wilder, fluchender
+Empörung gegen die Herzogin.
+
+Vereinsamt indes in der Kapelle von Schloß Tirol lag der tote Meinhard,
+letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren
+geblieben, die unter allen Umständen bleiben mußten.
+
+Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde
+Umgebung, übersah die Lücken unter den Gästen, traf, umkrustet, die
+letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da?
+Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht?
+Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg
+Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers.
+
+Auch Schenna.
+
+Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang
+durch alle Essenzen und Gewürze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den
+Atem, die wachehaltenden Offiziere mußten von Stunde zu Stunde
+gewechselt werden.
+
+Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle.
+Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung
+scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal,
+das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rührte sich nicht.
+
+Auch Schenna.
+
+Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie
+rechtete mit ihr. Jene lächelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was
+alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer
+glatten, nichtigen, schamlos genießerischen Schönheit. Hier in der
+Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche,
+berühmte Land in den Bergen gefügt hatten und zusammengeknetet, hielt
+sie der toten Feindin vor, was sie zerstört hatte, verdorben, verhunzt.
+Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte
+sich rings um sie, sie lächelte, glitt, sprach nicht.
+
+Auch Schenna.
+
+Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt.
+Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war
+tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna.
+
+Dann, andern Tages, wölkte der Weihrauch, sangen die Trauerchöre, sank
+der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft.
+Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chöre blühten nicht in die
+Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die spärlichen Teilnehmer
+standen steif, unbehaglich, fröstelnd.
+
+In der Zeltstadt um Taufers hatte ein großes Trauergelage angehoben. An
+riesigen, offenen Feuern wärmte man sich, briet und sott man. Die
+scharfen Grenzen der Stände verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem
+Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, genoß er statt Rüben und
+Sauerkraut. Der Stadtbürger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In
+der fröhlichen Kälte hob ein großes, gerührtes, trauerndes, maßloses
+Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in
+überschwenglichen Reden der engelhaften Schönheit, Milde, Güte der toten
+Gräfin von Flavon; wilde Flüche gellten gegen die Maultasche, die
+Teufelsbuhle und Mordbübin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklärt
+von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden,
+gebratenen Fleisches und flutenden Weines.
+
+Einsam in Schloß Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif
+saß sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an
+der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der
+Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen
+den Kämmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremoniös zu
+Tische. Margarete saß steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer
+Fülle, wurden unberührt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei
+Stunden lang.
+
+ * * * * *
+
+Der Sekretär des Frauenbergers, der stille, demütige Kleriker, bekam zu
+tun. Die Minister nützten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus,
+den sie der Herzogin abgepreßt hatten, teilten das Land unter sich auf.
+Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien,
+Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden
+gewesen, verglich man es mit der großzügigen Plünderung Tirols durch
+dieses Kabinett der Maultasch.
+
+Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverständlich die
+Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und
+Schloß Penede östlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die
+Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von
+Freundsberg Festung und Pflege Straßberg bei Sterzing. Ganz aus dem
+Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie ließen sich Nauders
+zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schloß Jufal
+am Eingang ins Schnalser Tal.
+
+Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen
+schauten mißbilligend zu, hielten sich, belächelt von den andern um ihre
+Naivität, die Hände rein.
+
+Schenna schüttelte betrübt den Kopf über die Habgier der Kollegen. Sagte
+sich schließlich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und
+sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege
+Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schließlich, ganz
+trübsinnig über soviel Schwäche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb
+Cavalese.
+
+Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im
+Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfändet und
+verschenkt.
+
+ * * * * *
+
+Über den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fünf
+Männer. Sie sanken in Schneemulden, kämpften sich heraus, zerschrundeten
+sich Hände und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trügerischen
+Schneehalden, hundertfältig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bären
+folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei
+Tage so arbeiteten die Männer sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau
+wieder eine menschliche Siedlung erreichten.
+
+Es waren Rudolf, Herzog von Österreich, Herr von Rappach, sein
+Hofmeister, Herr von Laßberg, sein Kämmerer, und zwei Knechte.
+
+Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier
+eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwäbischen
+Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk
+meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschluß an Meinhards Tod
+entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertänig auf,
+so schnell wie möglich in das Land in den Bergen zu kommen.
+
+Rudolf überlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich
+um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit für Tirol. Ja, der
+Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, daß er jetzt auf kürzestem
+Weg, überraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurück nach
+Wien? Militär? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in
+den Pinzgau, hörte nicht auf die Beschwörungen, jetzt im Winter von der
+Überquerung der Tauern abzustehen, drang zäh, ums Leben kämpfend, über
+den Paß, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers
+unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergäste. Hörte von dem neuen
+Ministerium, seinen unerhörten Vollmachten, seinen Plünderungen. Kam
+nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der
+Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen.
+
+Da stand er nun. Das Land, sein Land, für dessen Besitz er und sein
+Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewalttätigen
+Barone, wurde jämmerlicher zerstückt von Tag zu Tag. Er war ganz allein;
+sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in
+Österreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze
+zusammenzuziehen. Aber bis solche Maßnahmen wirksam wurden, konnte das
+Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll
+Gefahr seine Situation war. Es war möglich, daß die entzügelten,
+verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurückscheuten,
+sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben
+konnte, seiner bemächtigten, ihm Bestätigungen, Zugeständnisse
+abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom
+Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von
+seinem persönlichen Auftreten.
+
+Der Frauenberger ließ sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums.
+Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr kühl,
+verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf
+vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes
+Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt,
+daß Rudolf den Ministern garantiere, daß ihre Privilegien und
+Verfügungen für mindestens zwölf Jahre in Geltung blieben.
+
+Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und
+widerwärtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbübisch zu,
+einverständnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und
+Krämer dem andern. Hochmütig sagte der Habsburger: Das seien merkwürdige
+Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In
+Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche
+Vorschläge an seinen Fürsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher
+Fürst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger
+nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute
+gleichmütig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen
+Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schloß kalt, er
+sei bereit, zu prüfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht
+bestünden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, quäkte frech, behaglich,
+vergnügt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne
+damit, die Prüfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch
+auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spät und
+unter so merkwürdigen Umständen aufgefundenen habsburgischen
+Hausprivilegien anzuzweifeln.
+
+Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die
+schmale, feste, knochige Hand. Mit dem bräunlichen Handrücken schlug er
+in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links.
+
+Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien
+durchaus nicht weiter gekränkt, nur maßlos verblüfft. Die rötlichen,
+lidlosen Augen starrten auf den Fürsten, sahen die niedere, eckige,
+entschlossene Stirn, die Hakennase, die hängende Unterlippe über dem
+starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte stärker, wiegte den Kopf,
+hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging.
+
+Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lächelte, lachte.
+
+Der Frauenberger sagte sich: »Man könnte ihn beiseite schaffen. Aber es
+wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewiß
+vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klüger, sich nicht
+mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schöne Regiererei. Aber ein
+Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab' auch so genug
+beisammen. Wer hätte mir eine solche Karriere zugetraut? Man muß
+schauen, soviel wie möglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier?
+Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu groß wird.
+Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.«
+
+Er pfiff sein Lied, streckte sich, gähnte geräuschvoll, knackte mit den
+Gelenken, schlief.
+
+ * * * * *
+
+Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die
+Herzogin. Er begrüßte die Starre, Verschlossene, drückte ihr auch
+mündlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit höflichen, bestimmten
+Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Höfen als Fürstin von
+Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, daß jetzt die kurzen Tage ihrer
+Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so,
+daß der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust
+ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfähig mache, ihre großen Gaben zu
+nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine
+feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren
+würden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im
+Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwägen, ob
+Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus
+Österreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des
+Landes abtreten wolle.
+
+Reglos saß die alte, plumpe Frau vor dem jungen Fürsten. Der breite,
+wüste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmückten Hände lagen tot auf
+dem schweren, schwarzen Damast des Kleides.
+
+Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete,
+setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken.
+Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, kräftig
+gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen
+Besitzungen. Aber dafür stehe er ihr ein, der Fürst der Fürstin, es
+werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tüchtig. Was sie
+persönlich angehe, so werde für ihre Bedürfnisse bestimmt reicher und
+herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone.
+
+Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor
+sich hin. Rudolf schloß: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem
+Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben
+und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu überlegen.
+
+Margarete sagte mit rostiger Stimme: »Es bedarf weiter keiner
+Überlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie
+folgerichtig Ihre Gedanken sind.«
+
+Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die
+geschminkten Hände nach außen, ließ sie sinken. Ließ gleiten, ließ
+fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Städte, ihr Werk, das Werk ihrer
+Väter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewalttätigen, Heinrichs, das
+Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl.
+
+Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen
+Gesten; aber es rührte ihn tief und sonderbar an, wie die Häßliche vor
+ihm stand, entblößt, demütig, müde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf
+ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren
+Händen; er werde sich bewußt bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur.
+
+ * * * * *
+
+Nach allen Richtungen liefen die Kuriere mit Briefen und Dekreten der
+Herzogin. Margarete erklärte darin, infolge besonderer Umstände und der
+Schwäche des weiblichen Geschlechts sei sie nicht in der Lage, ihr Land
+so zu verwesen, wie es sein Vorteil erfordere, und alle und sich selbst
+nach Gebühr zu schützen. Nach dem Rat ihrer Minister und der
+Repräsentanten des Volkes überantworte sie daher ihre würdigen und edeln
+Grafschaften zu Tirol und zu Görz, die Lande und Gegenden an der Etsch
+und das Inntal mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen,
+Klausen, Städten, Tälern, Gebirgen, Märkten, Dörfern, Weilern, Lehen,
+Höfen, Vogteien, Gerichten, Münzen, Mauten, Zehenten, Zöllen, Zinsen,
+Steuern, Gefällen, Gehölzen, Gefilden, Wäldern, Huben, Weingärten,
+Äckern, Seen, fließenden Wassern, Fischteichen, Wildbahnen, kurz ihr
+ganzes väterliches Erbe ihren lieben Vettern und nächsten Anverwandten,
+den Herzogen von Österreich. Und sie gebiete ernstlich und festlich, daß
+alle ihre Prälaten, Äbte und alle Pfaffheit, dazu die Burggrafen,
+Pfleger, Vögte und alle Behörden in Tirol und allerwärts in ihren
+Ländern, dazu die ganze Bevölkerung huldige und schwöre für jetzt und
+alle Zukunft den Herzogen von Österreich als ihren rechten Fürsten und
+Herren.
+
+Vornächst leisteten alle widerstandslos den verlangten Eid der Treue und
+des Gehorsams. Am dritten Februar huldigte Bozen, am fünften Meran, am
+neunten Sterzing, am zehnten Innsbruck. Allein von den Feudalherren
+hatten sich nicht alle so klug beschieden wie der Frauenberger. Sie
+versuchten wenig aussichtsreichen Widerstand, zettelten mit den
+Wittelsbachern, mühten sich, den Norden gegen Habsburg zu
+revolutionieren. Als Rudolf in Hall erschien, die Huldigung der Stadt
+entgegenzunehmen, kam es zu offenem Aufruhr, der Herzog selbst geriet in
+Lebensgefahr. Aber die Bürger von Hall hielten den Söldlingen der Barone
+Widerpart, die Stadt Innsbruck schickte dem Habsburger Hilfe, es erwies
+sich, daß die Städte entschlossen waren, ihn unter allen Umständen gegen
+die Willkürherrschaft der einheimischen, von bayrischen Agenten
+unterstützten Aristokraten durchzusetzen. Mit Stolz konnte wenige Tage
+später der Österreicher dem befreundeten Dogen von Venedig, Lorenzo
+Celsi, berichten: »Auf friedlichem Weg, ohne viel Widerstand, sind Wir
+in den Besitz des Landes in den Bergen gelangt, dessen Erbe vom Vater
+her Uns zusteht. Edle und Unedle haben Uns den Eid geleistet und
+anerkennen Uns als ihren Herrn. Alle Straßen und Übergänge von
+Deutschland nach Italien sind, dank der Gnade des Allerhöchsten, in
+Unserer Hand.«
+
+Margarete besorgte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die umständlichen,
+verwickelten Geschäfte der Übergabe. Aber sie empfing nur die
+notwendigsten Besucher, sprach kein Wort über das Amtliche hinaus.
+Unauffällig dann, mit ihrem dürren Fräulein von Rottenburg und zwei
+Lakaien, wollte sie das Land verlassen. Doch Rudolf gab es nicht zu, daß
+sie so klanglos und ohne Repräsentation davonzog. Er ordnete an, daß der
+scheidenden Fürstin jede nur denkbare Ehrung erwiesen werde. An den
+Grenzen ihrer Territorien empfingen sie die Feudalbarone, am Weichbild
+der Städte die geistlichen und weltlichen Behörden. Allein die Sänfte
+der Herzogin blieb verschlossen, nur undeutlich zwischen den Vorhängen
+erkannte man sie, die starr, reglos in der Roßbahre vorüberschwankte.
+Scheu und neugierig spähte das Volk, sah nichts. Da zog sie fort, krank,
+abgerissen, die Verderberin, die Hexe, die Mörderin, die Männersüchtige,
+Unersättliche, die Häßliche, die Maultasch. Hinter ihr, wild, grausam,
+schmutzig, schlugen groteske Legenden zusammen. Rasselten nicht und
+klirrten unheimlich auf ihren Schlössern die zurückgelassenen Waffen?
+Schepperten nicht in den Kellern und Verliesen die Gerippe der von ihr
+Ermordeten? Man mied die Orte, wo sie gern geweilt hatte, sie waren
+nicht geheuer. Man schreckte die Kinder: Wenn ihr nicht folgsam seid,
+holt euch die Maultasch. Das Vieh mochte das schöne, fette Gras nicht
+fressen auf den Almen über Schloß Maultasch.
+
+Als sie Innsbruck hinter sich hatte, hörte sie, in der Sänfte vor sich
+hinbrütend, eine kleine, spitze Stimme: »Leben Sie wohl, Frau Herzogin.«
+Sie schrak auf, fragte das dürre Fräulein von Rottenburg: »Wer ist da?«
+Das Fräulein hatte nichts gehört. Margarete spähte durch die Vorhänge.
+Da sah sie zwei winzig kleine, bebartete Wesen. Sie trippelten am Rande
+der Straße, sie schauten aus uralten, ernsten Augen auf die Herzogin,
+sie zogen die schmutzigbraunen, altmodischen Mützen, neigten sich
+ehrerbietig, viele Male. Da verlor Margarete ihre Starre, die Schultern
+wurden ihr schlaff, die dicke, häßliche Frau sank schwer in sich
+zusammen.
+
+Sie kam an die Grenze zum bayrischen Chiemgau. Hier war eine
+Ehrenkompanie aufgestellt, präsentierte die Lanzen. Sich senkende
+Fahnen, Musik. Die Vorhänge blieben heruntergelassen, die Sänfte
+schwankte über die Grenze, ins Bayrische. Sowie sie außer Sicht war,
+holten die Zollsoldaten ihrer Weisung gemäß die schönen, schweren Banner
+der Gräfin von Tirol herunter, gemächlich, gähnend, pfeifend, zogen an
+ihrer Statt die neuen, nüchternen, sauberen Fahnen hoch mit dem roten
+Löwen Habsburgs.
+
+ * * * * *
+
+Langsam ruderte die kräftige Magd das schwere, ungefüge Boot von der
+kleinen Fraueninsel weg über den Chiemsee. Es war Mittag, sehr heiß, das
+Wasser lag blaß, weit, still. Die beiden geistlichen Herren im Boot, der
+Kanzler, Bischof Johann von Gurk, und der Abt von Viktring, der Uralte,
+waren schlecht gelaunt. Der Florentiner Chronist Giovanni Villani, der
+Nebenbuhler des Abtes, hatte das sensationelle Gerücht aufgebracht,
+Margarete, Herzogin von Bayern, Markgräfin von Brandenburg, Gräfin von
+Tirol, lebe seit ihrer Abdankung in tiefster Not, der Habsburger lasse
+sie Hunger leiden, Entbehrung, jedes Elend. Die Herren waren nun im
+Auftrag Herzog Rudolfs in Frauenchiemsee gewesen, wo Margarete jetzt
+lebte, um sie zu bewegen, in Wien oder einer beliebigen anderen Stadt
+würdig Hof zu halten. Hatte ihr nicht der Habsburger die reichsten
+Einkünfte verschrieben, die vier Ansitze Gries bei Bozen, Stein auf dem
+Ritten, Amras, Sankt Martin bei Zirl, die Einkünfte der Feste Straßberg,
+des Passeyers, der Stadt Sterzing, dazu eine Jahresrente von
+sechstausend Veroneser Pfund? Die Hofhaltung der Herzogin hätte es mit
+der jedes deutschen Fürsten aufnehmen können. Allein weder die
+höflichen, klugen Argumente des Bischofs, noch die lateinischen Zitate
+des Abtes und seine Beispiele aus der Geschichte hatten sie weglocken
+können.
+
+»Sie ist jeder Bewegung abgestorben,« klagte der Bischof auf lateinisch.
+»Es kümmert sie nicht, ob Tirol Frieden hat oder Krieg. Ich habe ihr von
+dem Einbruch des Wittelsbachers erzählt, von der brutalen Einäscherung
+und Plünderung des Inntals. Sie hört zu, als spräche man vom Wetter.«
+Der See lag ganz still, weißlich flirrend, gleichmäßig tauchten die
+Ruder. Der Uralte schwieg. »Dabei häufen sich ihre Einkünfte,« hub
+wieder der Kanzler an. »Sie werden ihr pünktlich überwiesen, kein
+Pfennig wird angetastet. Das Gold türmt sich in ihren Schlössern. Sie
+muß unausdenkbar reich sein. Beim Herkules!« schloß er ärgerlich, »jener
+Italiener ist ein treuloser Verleumder und Verkleinerer, ein schlechter
+Pasquillant.«
+
+Dem ausgetrockneten Uralten ging das Herz auf bei dieser Kennzeichnung
+des Konkurrenten. »Recht spricht deine Eminenz,« sagte er mühsam,
+zahnlos. »Wer hätte je gezweifelt, daß jener ein armseliger, niedriger
+Schwätzer ist?«
+
+Am Ufer der kleinen Insel, vernachlässigt, grellweiß geschminkt, unter
+Gerank und sehr farbigen Bauernblumen, saß die Herzogin, schaute dem
+Boot nach. Es war ganz still, Mücken flirrten, ein Wasservogel schrie
+verschlafen. Ein starker Geruch von Fischen, Netzen, Tang stand in der
+heißen, unbewegten Luft. Das Boot rückte sehr langsam von der Stelle,
+bog um die Spitze der vorgelagerten, größeren Insel, war nicht mehr
+sichtbar.
+
+Aus dem niedern, gelblichgrauen, besonnten Fischerhaus kam ihr dürres
+Fräulein, holte die Herzogin zum Essen. Margarete stand auf, reckte sich
+träg, ging mit ihrem schweren, schleifenden Schritt dem Haus zu. Der
+Mund wulstete sich äffisch vor, die Backen hingen schlaff, riesig,
+unförmig herab, die Schminke konnte die Warzen nicht verdecken. Das
+dürre Fräulein, still, demütig, öffnete die ungefüge, niedere Tür vor
+ihr. Wolkig drang der Geruch gebratener Fische heraus. Margarete
+schnupperte ihn behaglich ein, ging ins Haus.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
+Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Ausgaben, sind hier
+aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 42]:
+ ... der Liturgie zwang ihr Bewunderung ab. Sie ...
+ ... der Liturgie zwangen ihr Bewunderung ab. Sie ...
+
+ [S. 93]:
+ ... Tugenden Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ...
+ ... Tugenden des Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ...
+
+ [S. 112]:
+ ... die starke Nase stach spitz auf dem Tuch, Mund und Kinn ...
+ ... die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn ...
+
+ [S. 145]:
+ ... gegenüber. Zu ihren Häuptern an den Wänden schritten ...
+ ... gegenüber. Zu ihren Häupten an den Wänden schritten ...
+
+ [S. 275]:
+ ... schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an Seite des Kaisers. ...
+ ... schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des
+ Kaisers. ...
+
+ [S. 284]:
+ ... die Albino herum. ...
+ ... den Albino herum. ...
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die häßliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59464 ***
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@@ -1,9233 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die häßliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die häßliche Herzogin
-
-Author: Lion Feuchtwanger
-
-Release Date: May 9, 2019 [EBook #59464]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HÄßLICHE HERZOGIN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
- Lion Feuchtwanger
- Die häßliche Herzogin
-
-
- Dieses Buch wurde als zweiter Band
- der fünften Jahresreihe für die
- Mitglieder des Volksverbandes der
- Bücherfreunde hergestellt und wird
- nur an diese abgegeben. Den Einband
- zeichnete Walter Wellenstein
-
-
- Nachdruck verboten
- Copyright 1923 by Volksverband der Bücherfreunde,
- Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin
-
-
-
-
- Die häßliche Herzogin
-
-
- Roman
- von
- Lion Feuchtwanger
-
-
- Volksverband der Bücherfreunde
- Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
- Berlin 1923
-
-
-
-
- Erstes Buch
-
-
-
-
-Zwischen der Stadt Innsbruck und dem Kloster Wilten auf weitem, freiem
-Blachfeld hoben sich Gezelte, Fahnenstangen; Tribünen waren
-aufgerichtet, eine Art Rennbahn abgesteckt für Turniere und andere
-sportliche Spiele des Adels. Für viele tausend Menschen war Raum
-geschaffen, Bequemlichkeit, Vorbereitung zur Kurzweil. Schon das zweite
-Jahr bedeckten diese Zelte die Felder von Wilten, wartend auf die große,
-prächtige Hochzeit, die Heinrich, Herzog von Kärnten, Graf von Tirol,
-König von Böhmen, ausrichten wollte. Die Klosterbrüder sorgten dafür,
-daß der Wind die Zelte nicht schädige, daß die Arena für die sportlichen
-Spiele nicht zuwachse, daß die Tribünen nicht zusammenmorschten. Aber
-das Fest zögerte sich hinaus, der zweite Hochzeitsplan schien sich
-ebenso zerschlagen zu haben wie der erste. Die Bürger von Innsbruck, die
-Mönche von Wilten schmunzelten, die Berge schauten gleichmütig herunter.
-Die Frauen der Innsbrucker spazierten zwischen den feinen, bunten
-Leinwänden, die Kinder spielten Haschen über die Tribünen hin,
-Liebespaare benutzten die Zelte zu willkommenem Versteck.
-
-Der alternde König Heinrich -- ganz Europa ließ ihm gutmütig und ohne
-Spott den Königstitel, trotzdem er sein Königreich Böhmen längst
-verloren hatte und nur mehr die Grafschaft Tirol und das Herzogtum
-Kärnten besaß --, ritt mißmutig zwischen den Zelten. Er hatte in der
-Abtei Wilten ein kleines Frühstück genommen, gebackene Forellen in
-Ingwer gesotten, Hühner in Mandelmilch, zum Nachtisch Gratias und
-Konfekt. Aber sie verstanden sich in Wilten nicht auf wirklich erlesene
-Küche: die Nuancen fehlten. Der Abt war ein wackerer, beflissener,
-gescheiter Herr und ein guter, verwendbarer Diplomat, aber von den
-Nuancen der Küche verstand er nichts. Ihm jedenfalls, dem König, hatte
-es nicht geschmeckt, und während sonst nach dem Essen seine Laune sich
-zu heben pflegte, war sie jetzt noch trüber als zuvor. Er ritt das
-kleine Stück Weges nach Innsbruck ohne Rüstung. Die knappe, modische
-Kleidung beengte ihn; es war nicht zu leugnen, er wurde jetzt von Monat
-zu Monat fetter. Aber er war ein weltmännischer, ritterlicher Herr; er
-saß prächtig auf seinem edlen, geschmückten Pferd und ließ sich von den
-unmäßig langen, weiten Ärmeln nicht behindern.
-
-Leichter Wind ging, flockte den Schnee auf, bauschte die Zeltwände, ließ
-sie flattern, klatschen. Das kleine Gefolge war zurückgeblieben, der
-König ritt allein, langsam, lässig. Beschaute verdrießlich die
-weitläufigen, festlichen Anstalten. Seine glattrasierten Backen hingen
-schlaff, träg und fett, der Mund baute sich vor, groß, häßlich, mit
-gewulsteter, mächtiger Unterlippe. Seine hellen, wässerigen Augen gingen
-verärgert über die Stadt aus Leinen, über die Tribünen, die Schranken
-der Arena. Er war gewiß ein gutmütiger, verträglicher Herr. Aber
-schließlich hatte auch seine Langmut Grenzen. Nun hatte Johann, der
-Luxemburger, ihn zum zweitenmal zum Narren gehabt: ihm zum zweitenmal
-die Braut zugesagt, alles feierlich abgesprochen -- ihn zum zweitenmal
-sitzen lassen.
-
-Er schnaubte, sein Atem blies durch die kleine, platte Nase, stand in
-starken Dunstwolken in der kalten, nebligen Schneeluft. Eigentlich war
-er Johann, dem Luxemburger, trotz allem nicht böse; es fiel ihm
-überhaupt schwer, jemandem böse zu sein. Johann hatte ihn schmählich aus
-Böhmen hinausgejagt, so daß von seinem Königtum nur der leere Titel
-blieb; aber er hatte sich von dem liebenswürdigen, eleganten Mann
-mühelos wieder versöhnen lassen, als der ihm finanzielle Entschädigung
-und die Hand seiner schönen, jungen Schwester Maria bot. Auch als der
-Luxemburger sein Versprechen nicht halten und seine Schwester nicht zu
-der Heirat überreden konnte, hatte er weiter kein großes Gewese gemacht
-und sich bereit erklärt, mit der andern Braut vorliebzunehmen, die der
-Luxemburger ihm vorschlug, mit Johanns Kusine Beatrix von Brabant. Doch
-daß jetzt auch die ausblieb, das war zuviel. Der Bartholomäustag, an dem
-sie hatte eintreffen sollen, war längst vorbei; Johanns liebe Muhme von
-Brabant war nicht gekommen, die schönen Zelte auf den Wiltener Feldern
-warteten vergebens. Der Luxemburger wird gewiß wieder eine zierlich
-gedrechselte Ausrede wissen. Allein diesmal wird sich König Heinrich
-nicht so glatt beschwichtigen lassen. Auch die Langmut eines
-vielgeprüften christlichen Königs hat ihr Maß und Ziel.
-
-Er wippte ärgerlich mit der kostbar verzierten Reitgerte. Er erinnerte
-sich sehr deutlich, wie er zuletzt mit Johann zusammengewesen war, im
-Mai, und alles abgesprochen hatte. Der Luxemburger, das mußte man
-zugeben, war in fabelhaft eleganter Aufmachung erschienen. Er trug,
-ebenso wie alle Herren seines Gefolges, die neueste Tracht, die eben in
-Katalonien und Burgund aufgekommen war, und die man in Deutschland noch
-nie gesehen hatte: ungeheuer enge, knappe Kleider -- man brauchte zwei
-Diener, um sie über die Glieder zu zerren -- aus vielfarbigem Stoff, mit
-Schachbrettflicken besetzt, weite Ärmel, fast bis zu den Knien
-herabhängend. Er selber, König Heinrich, legte größtes Gewicht auf
-modisches Auftreten; doch der Luxemburger -- es war nicht zu bestreiten
--- war ihm über. Alle die böhmisch-luxemburgischen Herren -- wie sie es
-nur in der kurzen Zeit hatten fertigbringen können! -- hatten auch
-bereits die neue Haartracht getragen: Vollbart und langes Haar an Stelle
-des glattrasierten Gesichts und des kurzen Haarschnitts, wie es seit
-seinem frühesten Erinnern, ja wohl seit der Stauferzeit, Kavaliersitte
-gewesen war. Es hatte ihn wirklich überrascht und ihm imponiert, wie
-sicher und selbstverständlich der Luxemburger über Nacht in die neue
-Mode hineingewachsen war. Er hatte denn auch voll heimlicher Bewunderung
-mit Johann nur über Fragen der Mode gesprochen, dazu über Frauen,
-Pferde, Sport, und die Politik und die zu erledigenden geschäftlichen
-Fragen der Hochzeit seinen Räten überlassen. Seine Herren, der
-behutsame, ergebene Abt von Wilten, der vielbelesene, beredte Abt
-Johannes von Viktring, sein stattlicher Burggraf Volkmar, seine lieben,
-klugen Herren von Villanders, von Schenna verstanden diese peinlichen,
-langweiligen Gelddinge ja wirklich viel besser als er selber, in ihren
-treuen und gewandten Händen lag die Abfassung des Vorvertrags viel
-sicherer. Er hatte sich darum auch auf das Gesellschaftliche beschränkt,
-und wenn König Johann die Vorzüge der Pariser und Burgunder Damen pries,
-mit denen er zu abenteuern liebte, so hatte er dem die festen Reize der
-Tirolerinnen entgegengehalten, die er sehr, aber sehr genau und aus
-immer neuer Anschauung kannte. Schließlich hatte ihm dann sein lieber
-Sekretär, der Abt Johannes von Viktring, den fertigen Vorvertrag
-vorgelegt, hatte einen lateinischen Vers zitiert: »Und so wäre denn
-dieses zum schönen Ende beschlossen,« hatte versichert, jetzt sei alles
-gut und erledigt, er werde bestimmt zu Bartelemi die Braut und
-dreißigtausend Mark Veroneser Silbers bekommen. Und da war er nun und
-ritt herum auf seinem Festplatz. Die Zelte waren da, die Fahnenstangen,
-der Turnierplatz -- aber keine Braut und kein Geld.
-
-Am Wege des Königs stand ein kleiner Knabe. Er hatte das Pferd nicht
-kommen hören; er hockte eifrig und angestrengt im Winkel eines Zeltes,
-hatte den Rock hochgehoben, verrichtete seine Notdurft. Der König
-ergrimmte über solche Besudelung seines Hochzeitsplatzes, schlug nach
-dem Knaben. Gleich aber, wie der losheulte, hatte er Mitleid, bereute,
-warf ihm eine Münze zu.
-
-Nein, es ging wirklich so nicht länger. Wie da die Zelte standen und
-warteten, das war seiner Majestät unwürdig. Er wird Schluß machen mit
-dem Luxemburger und seinen windigen Projekten. In Innsbruck trifft er
-den Österreicher, den Herzog, den lahmen Albrecht. Mit dem wird er
-Kontrakt schließen, sich von dem Österreicher die Braut verschreiben.
-Ist er auf Luxemburg angewiesen? Gotts Marter! Was ihm Luxemburg nicht
-schaffen kann oder will, das wird ihm Habsburg schaffen.
-
-Er war nicht geneigt, Verdruß lang in sich zu halten. Sowie er seinen
-Entschluß gefaßt hatte, ließ er den Ärger in die freie, kalte, fröhliche
-Gottesluft hinaus. Er sah mit ganz anderen, lustigen Augen auf den
-festlichen Aufbau ringsum. Lacht ihr nur! Der wird jetzt bald seinen
-guten Sinn haben. Er richtete sich höher, pfiff ein kleines, keckes
-Lied, spornte sein Pferd, daß seine Herren sich beeilten, ihm
-nachzukommen.
-
- * * * * *
-
-Die fünf Herren des engsten Gefolges hatten, die weitläufige Zeltstadt
-durchreitend, halbe, andeutende, lächelnde Sätze über die verzögerte
-Hochzeit des Königs getauscht. Sie waren alle fünf weit begabter als ihr
-Herr, sie quetschten ihn, vor allem der brutale Burggraf Volkmar, nach
-Kräften aus, preßten ihm immer neue Belehnungen, Herrschaften,
-Steuerverpachtungen ab. Aber bei alledem hingen sie in ihrer Art an dem
-gutmütigen, sanguinischen, bequemen Fürsten. Er war ein freigebiger
-Herr, fromm, ein guter Kumpan, geneigt zu Festen und Sport, den Frauen
-zugetan; er liebte modische Kleider, jegliches Behagen, er hatte auch
-Phantasie, war für jedes Unternehmen leicht zu haben; nur pflegte er
-rasch zu erlahmen, hielt nicht durch. In einer Zeit, in der alle Politik
-so ganz von der Persönlichkeit des Fürsten abhing, hatte ein solcher
-Herr nicht gerade die besten Aussichten, und seit dem böhmischen
-Abenteuer war er für die große europäische Politik auf alle Zeit
-erledigt. So wenig er das ahnte, so genau wußten das die Herren. Sie
-wußten: mit ihm wurde Politik gemacht -- nicht er machte sie.
-
-Aus diesem Wissen heraus überschauten sie auch die Heiratspläne
-Heinrichs, und die wartenden Zelte hatten für sie einen sehr anderen,
-ironischeren Sinn als für den guten König.
-
-Am Hebel der Geschicke des Römischen Reichs saßen drei Fürsten. Der
-rasche, glänzende, schillernde Johann von Luxemburg-Böhmen, der schwere,
-schwankende Ludwig von Wittelsbach, der zähe, weitsichtige Albrecht von
-Habsburg, den seine Lähmung hart und zum Lenker seiner mitregierenden
-Brüder gemacht hatte. Die drei Fürsten waren gleich an Macht, streckten
-die Hand nach der Herrschaft über das Reich und die Christenheit, saßen
-gespannt, belauerten sich. Äugten nach dem Land in den Bergen, nach
-Kärnten und Tirol, wo Heinrich saß, der alternde Witwer ohne männlichen
-Erben. Hier war eine Möglichkeit, die einzige, Macht und Besitz
-entscheidend zu mehren. Das Land in den Bergen, das reiche, schöne,
-fruchtbare berühmte Land, dehnte sich von den burgundischen Grenzen bis
-zur Adria, von der Bayerischen Hochebene in die Lombardei. War die
-Brücke von den österreichischen Besitzungen der Habsburger zu ihren
-schwäbischen, von Deutschland nach Italien, der Schlüssel zum Imperium.
-Seinen Herrn, den gutmütigen, alternden Lebemann zu gewinnen, zu
-beerben, schien jedem der drei Fürsten erreichbar. Sie stellten seine
-Sehnsucht, zu seinen vielen unehelichen Söhnen und seinen beiden
-ehelichen Töchtern einen echten männlichen Erben zu haben, in ihre
-Rechnung, lockten ihn mit seinen Heiratsplänen.
-
-Die fünf Herren, die drei Ritter in ihren Rüstungen, die beiden Äbte in
-Reisekleidern von sehr weltlichem Schnitt, lächelten, wenn sie daran
-dachten, wie König Heinrich diese Zusammenhänge nicht sehen, wie er sie
-vor sich selber verstecken wollte. Er tat, als mühten sich der
-Luxemburger, der Wittelsbacher, der Habsburger nur aus fürstlicher Lieb'
-und Treue, aus Freundschaft, ihm die rechte Braut zu finden.
-
-Am unbedenklichsten war dabei Johann vorgegangen, der Luxemburger. Erst
-hatte er Heinrich seine junge, schöne Schwester Maria angetragen und
-zwanzigtausend Mark Veroneser Silbers, als Gegengabe die Vermählung
-einer der Töchter Heinrichs mit einem der kleinen luxemburgischen
-Prinzen verlangend. Er hatte den alten, lüsternen Witwer mit Bildern
-Marias gereizt, ohne die zarte, feine, strahlende Prinzessin auch nur
-mit einem leisen Wort um ihre Zustimmung gefragt zu haben. Es war
-unschwer zu verstehen, daß die junge, liebliche Luxemburgerin, die
-Kaiserstochter, sich mit allen Mitteln gegen die Heirat mit dem alten,
-schlaffen Lebemann sträubte. Sie hatte ein Gelübde ewiger
-Jungfräulichkeit getan, aber dies Gelübde -- die Herren feixten, als sie
-in schleierigen Worten davon sprachen -- hatte sie nicht gehindert,
-wenige Monate später sich dem König von Frankreich zu vermählen.
-
-Wahrscheinlich hatte Johann, von vornherein wissend, daß er seine
-Schwester niemals zu der Heirat mit dem Kärntner vermögen werde, den
-alten König, der sich kindisch auf einen wohlgestalten Prinzen aus
-dieser Ehe freute, nur hinhalten wollen. Gewiß war, daß er das
-zweitemal, im Fall der Beatrix von Brabant, ein leichtfertiges Spiel mit
-dem alten Fürsten trieb. Durch das Versprechen einer noch weit reicheren
-Mitgift hatte er Heinrich einen Vertrag abgelistet, demzufolge Heinrichs
-kleine Tochter Margarete einen von Johanns kleinen Söhnen heiraten und,
-falls Heinrich ohne männliche Nachkommen mit Tod abginge, seine Länder
-erben sollte. Damit hatte er die Handhabe, sowie der alte Fürst ohne
-Sohn starb, seine Hand auf Kärnten, Görz, Tirol zu legen. Nun hatte er
-zwar durch sorgfältige Prüfung der mannigfachen Liebesabenteuer
-Heinrichs festgestellt, daß der rasch abgeblühte König in den letzten
-vier, fünf Jahren von keiner seiner Geliebten mehr ein Kind bekommen
-hatte. Immerhin, hier konnte kein Arzt und kein noch so erfahrener
-Lebemann mit Sicherheit voraussagen; je länger der Luxemburger die
-Heirat des Königs hinauszog, desto mehr schwand dessen Aussicht auf
-männliche Nachkommen, desto größer wurde die eigene Hoffnung, durch
-seinen kleinen Sohn das Land in den Bergen und damit das römische
-Imperium in die Hand zu kriegen.
-
-Sehr genau sahen die Herren diese Verknüpfungen, sehr genau wußten sie,
-daß hier der letzte Grund war, aus dem die festlichen Zelte so leer und
-betrübt dastanden. Wenn des Luxemburgers liebe Muhme von Brabant,
-Tochter des Sire von Louvain und Gaesbecke, Nichte des verstorbenen
-Kaisers, des siebenten Heinrich, zögerte, wenn sie vorgab, sie sei die
-einzige Stütze ihrer Eltern, sie wolle ihr schönes Flandern nicht mit
-dem fremden, beängstigenden Bergland vertauschen -- ei, sehr dringlich
-hatte ihr das der Luxemburger wohl nicht auszureden versucht.
-
-Die Herren standen dem ganzen Heiratsplan, der recht eigentlich der Kern
-aller alpenländischen Politik war, im Grund unbehaglich und zwiespältig
-gegenüber. Der Burggraf Volkmar zwar, wuchtig und brutal in seiner
-gewaltigen Rüstung, sagte mit seiner harten, knarrenden Stimme, ob
-Luxemburg, ob Habsburg, es sei gut, wenn der König endlich die Braut im
-Bett habe; die Majestät und mit ihr sie selber, seine Räte und Herren,
-machten sich lächerlich von Sizilien bis in die fernste Nordmark mit
-diesem endlos verhinderten Beilager. Allein das klang ein wenig krampfig
-und unecht, und sowohl der schlaue, wortkarge Tägen von Villanders wie
-Jakob von Schenna, der feine, hagere Herr, der jüngste der Räte, zu
-dessen müdem Skeptikergesicht die Rüstung schlecht stand, machten
-zweifelnde Mienen. Der König Heinrich verstand so angenehm wenig von
-Finanzen; er überließ die Verwaltung ganz seinen Räten, und wenn die bei
-Rechnungsablage klagten, was für Mühe sie gehabt und wie sehr sie
-daraufgezahlt hätten, so bedankte er sich mit vielen freundlichen Worten
-und hielt trotz seiner immer leeren Kassen nicht zurück mit Belehnung,
-Privilegien, Steuerpachten. Man wurde auf schöne, leichte, behagliche
-Art fett bei ihm, rundete, mästete Gut und Truhe. Wenn sich jetzt -- die
-Herren seufzten -- ein Fremder in diesen bequemen Pfuhl hineinlegt, wird
-man es, trifft man noch so viel Vorkehrungen, auf keinen Fall mehr so
-leicht haben.
-
-Wirklich vergnügt waren die beiden Prälaten, der schlaue, kleine, magere
-Abt von Wilten und der betuliche, redselige, behagliche Johannes von
-Viktring. »Lehrreich ist es und schön, das Treiben der Großen zu sehen,«
-zitierte dieser einen antiken Klassiker, und beide hatten sie ihre
-große, stille, sportliche Freude an der Diplomatie des Luxemburgers. Sie
-waren nicht unbescheiden; ob Heinrich, ob der Luxemburger, ob der
-Habsburger, sie werden von jedem herauszubekommen wissen, was sie für
-ihre freundlichen, sauberen, fetten Abteien brauchten. So warteten sie
-mit fast unparteiischer Neugier, wie der Kampf zwischen Albrecht von
-Österreich und Johann von Böhmen ausgehen werde, und beschauten mit
-Wohlwollen die dicke, fromme, gutmütige, lebenslustige Schachfigur, die
-König Heinrich in dem hohen Spiel der drei mächtigsten Deutschen
-darstellte.
-
-Die Herren holten den König ein, der straffer auf seinem Pferd saß,
-sahen, wie er sich aufgehellt hatte, errieten seinen Entschluß, sich von
-dem Habsburger unter allen Umständen die Braut verschreiben zu lassen.
-Nun ja, so oder so, einmal mußte die Angelegenheit zum Streich kommen.
-Gut, man wird sich also auf den Habsburger einstellen.
-
-Doch als nach wenigen Monaten die Zelte von Wilten sich endlich wirklich
-mit den Festgästen bevölkerten, war freilich eine andere Beatrix die
-Braut, jene, die Albrecht von Österreich vorgeschlagen hatte, Beatrix
-von Savoyen; allein Johann von Luxemburg hatte sich eingeschoben, Johann
-von Luxemburg hatte die Hochzeit vermittelt, den Vorvertrag
-unterzeichnet und garantiert, Johann von Luxemburg zahlte die Mitgift
-oder versprach wenigstens, sie zu zahlen, und sein kleiner Sohn Johann
-war der Bräutigam Margaretes von Kärnten und Erbe des Landes in den
-Bergen.
-
-
-
-
-Die zwölfjährige Margarete, Prinzessin von Kärnten und Tirol, reiste von
-ihrem Stammschloß bei Meran nach Innsbruck zur Hochzeit mit dem
-zehnjährigen Prinzen Johann von Böhmen. Ihr Vater, König Heinrich, hatte
-ihr vorgeschlagen, sie solle die nahe Straße über den Jaufenpaß nehmen.
-Aber sie zog den riesigen Umweg über Bozen und Brixen vor, denn sie
-wollte sich weiden an den Huldigungen der menschenvollen Siedlungen an
-dieser Straße.
-
-Sie reiste mit großem Gefolg. Die Herren ritten langsam, die
-schöngeschmückten, kostbaren Planwagen der Damen knarrten holpernd die
-bergigen Straßen hinauf, hinab, stießen erbärmlich. Viele Damen zogen
-Maultiere vor, trotzdem sich das eigentlich nicht schickte, oder sie
-ließen sich auch für eine kurze Strecke von den Herren aufs Pferd
-nehmen.
-
-Die kleine Prinzessin saß in einer prunkvollen Roßsänfte mit ihrer
-Hofmeisterin, einer Frau von Lodrone, und ihrem Kammerfräulein Hildegard
-von Rottenburg, einem dürren, unansehnlichen, ungeheuer dienstwilligen
-Geschöpf. Die beiden Damen seufzten und lamentierten immerzu über den
-Staub der schlechten Straße, den Gestank der Pferde, das endlose
-Geschaukel; aber die Prinzessin ertrug die Strapazen ohne leiseste
-Klage.
-
-Still und ernsthaft saß sie, aufgeputzt, pomphaft. Die Taille war so
-eng, daß sie sie schnürte; die Ärmel aus schwerem, grünem Atlas hingen
-übertrieben modisch zum Boden; ein Eilkurier hatte ihr aus Flandern
-eines der neuartigen, kostbaren Haarnetze bringen müssen, wie sie eben
-dort aufgekommen waren. Eine schwere Halskette prahlte über dem
-Ausschnitt, große Ringe an den Fingern. So saß sie, ernsthaft,
-schwitzend, überladen, prunkvoll zwischen den verdrießlichen, ewig
-jammernden Frauen.
-
-Sie sah älter aus als ihre zwölf Jahre. Über einem dicklichen Körper mit
-kurzen Gliedmaßen saß ein großer, unförmiger Kopf. Wohl war die Stirne
-klar und rein, und die Augen schauten klug, rasch, urteilend, spürend;
-aber unter einer kleinen, breiten, platten Nase sprang der Mund äffisch
-vor mit ungeheuren Kiefern, wulstiger Unterlippe. Das kupferfarbene Haar
-war hart, spröde, stumpf, ohne Glanz, die Haut kalkig grau, bläßlich,
-unrein, lappig.
-
-So fuhr das Kind von Kärnten durchs Land unter einem strahlenden
-Septemberhimmel. Wo sie hinkam, grüßten Zinken und Trompeten, Glocken
-läuteten, Fahnen wehten. In Brixen holten Bischof und Kapitel
-feierlich die Tochter und Erbin ihres Schirmvogts ein. Die
-großen Feudalaristokraten empfingen sie an den Grenzen ihrer
-Lehensherrschaften. Am Weichbild der Städte erwarteten sie mit
-festlichem Gruß die Behörden.
-
-In klarer, kluger, lateinischer Rede, herrisch und sehr erwachsen
-erwiderte Margarete die unterwürfigen Worte der Huldigenden. Ehrfürchtig
-starrte das Volk sie an, grüßte sie wie das Sanktissimum, hob die Kinder
-hoch, daß sie ihre künftige Fürstin sähen.
-
-War sie vorbei, schaute man sich an, feixte. »Das überworfene Maul! Wie
-eine Äffin!« höhnten Frauen, die unansehnlich waren und dürftig von
-Gestalt. Schöne hatten Mitleid. »Die Arme! Wie sie häßlich ist!«
-
-So zog das Kind durch das Land, kalkig, blaß, dicklich, ernsthaft,
-schwer von Pomp wie ein Götzenbild.
-
- * * * * *
-
-In dem großen Empfangszelt der leinenen Stadt vor Wilten prunkten die
-kostbaren Gobelins und Teppiche, rauschten feierlich die Banner, standen
-gravitätisch die Wappen von Luxemburg, Kärnten, Krain, Görz, Tirol. Der
-zehnjährige Prinz Johann erwartete die Braut, die ihm vermählt werden
-sollte. Mager, knochig, sehr groß für seine Jahre, stand der Prinz, der
-dünne, lange Kopf leidlich hübsch, doch versteckten sich tief in den
-Höhlen bösartige, kleine Augen. Unbehaglich rieb er sich in seinen
-engen, modischen Kleidern, die schmale Brust peinlich zerstoßen in einer
-rein dekorativen Halbrüstung, die er bei diesem Anlaß zum erstenmal
-trug. So drückte er sich, schwitzend, sonderbar unsicher, zwischen den
-fünfzehn böhmischen und luxemburgischen Herren herum, die ihm das
-Geleite gegeben.
-
-Trompeten, sich senkende Fahnen. Die Prinzessin kam. Der Erzbischof von
-Olmütz trat vor, begrüßte sie im Namen des Prinzen mit tönenden, geübten
-Worten. Dann standen sich die beiden Kinder gegenüber, der geschmückte
-Knabe in seiner Zierrüstung und das prunkschwere Mädchen. Prüfend
-beschauten sie sich. Unbehaglich blinzelte, scheu und trotzig aus
-kleinen, bösartigen Augen Johann nach seiner häßlichen Braut; kühl, fast
-verächtlich sah Margarete auf den langen, stakigen, unsicheren Knaben.
-Dann, zögernd, zeremoniös, reichten sie sich die Hände.
-
-Die Väter kamen. Bewundernd sah Margarete den riesigen, strahlenden
-König Johann. Welch ein Mann! Und der Luxemburger, der ein sehr geübter
-Politiker war, überwand sich. Zuckte nicht zurück. Hoch hob er in seinen
-starken Armen das häßliche, dickliche, prunkende Kind, das seinem Sohn
-Kärnten, Krain, Tirol, Görz zubrachte, und vor aller Augen küßte er die
-Zitternde, ihm dringlich in die Augen Starrende, glückselig
-Erschlaffende auf den breiten, äffisch vorgebauten Mund. Der alternde
-König Heinrich stand froh und gerührt, die hellen Augen noch wässeriger
-als sonst. Mit seiner fleischigen, immer etwas zitternden Lebemannshand
-schüttelte er die kalt schwitzende, kraftlose, knochige seines kleinen
-Schwiegersohns, redete zu ihm wie zu einem Erwachsenen.
-
-Und es klangen die Hörner, dröhnten die Pauken, das Festmahl begann. In
-Scharlach und Gold glänzte das Zelt, in dem die Kinder Galatafel
-hielten. Drei strotzende Tische bogen sich unter den Schaugerichten. Die
-Bistümer Trient und Brixen hatten ihr kostbares Tischzeug geliehen, die
-Städte Bozen, Meran, Sterzing, Innsbruck, Hall ihr Prunkgeschirr. Schwer
-zu Häupten des Brautpaars prahlten die Standarten mit den ungefügen
-Wappentieren. Hoch auf ihren wuchtigen, geschmückten Streitrossen trugen
-die ersten Herren Böhmens, Kärntens, Tirols die Speisen herbei für die
-fürstlichen Kinder, unter Vortritt der Musik. Ritter reichten Wasser,
-Handtücher nach jedem Gang, schenkten Wein, schnitten Speisen vor.
-Ernsthaft unter Scharlach und Gold mit alten Gesichtern thronten die
-Kinder.
-
-Der gute König Heinrich schwamm in Glück. Er ging hinüber zu seiner
-neuen Gemahlin, der jungen, schüchternen, bleichsüchtigen, immer
-fröstelnden Beatrix von Savoyen, die am Tisch der fürstlichen Damen
-präsidierte, tätschelte ihre Hand, trank ihr zu. Schlenderte wieder
-zurück zu dem Luxemburger, dem ersten Ritter, dem galantesten Weltmann
-der Christenheit. Es tat wohl, sich Seite an Seite mit diesem zu fühlen,
-eins mit ihm. Der war anders als der ernsthafte, fade Bayer, der Kaiser
-Ludwig, der immer nur von Politik sprach und von Militär. Der gehörte zu
-ihm, war von seiner Art. Er, Heinrich, lebte und liebte herum auf seinen
-Schlössern Zenoberg, Gries, Trient, auf den Burgen seiner Edelleute, und
-ihre Damen waren geehrt und erfreut, wenn sie ihrem Fürsten ihre
-Ergebenheit zeigen konnten. Auch auf Reisen ging er keinem Erlebnis aus
-dem Weg, sah es gern, wenn etwa der Magistrat einer Stadt ihn feierlich
-einlud, das Frauenhaus zu besuchen. Doch dieser Johann war ihm --
-Sakrament und neungeschwänzter Teufel! -- noch über. Es gab keine Stadt
-von der spanischen Grenze bis tief ins Ungarische, von Sizilien bis ins
-Schwedische, wo der nicht sein Wesen getrieben hätte. Durch die Straßen,
-nachts, strich er, verkleidet, lüstern wie ein Kater, scharmutzierte mit
-den Bürgersfrauen, prügelte sich herum mit gekränkten Liebhabern. Ganz
-Europa war voll von seinen merkwürdigen, frechen, süßen, glänzenden
-Abenteuern. Selig, schon sehr stark unter Wein, rückte Heinrich ganz
-nahe an den Luxemburger; er war ihm ehrlich zugetan, ganz ohne Neid.
-Gewiß, er war etwas älter, ein wenig reifer; aber alles in allem
-erblickte er in diesem Johann nur sein eigenes Widerspiel, so etwas wie
-einen gleichgearteten jüngeren Bruder. In fröhlicher Ahnungslosigkeit
-glaubte er, die Welt müsse in ihm selber das gleiche sehen wie er in
-jenem.
-
-Er trank stark, gluckste, stieß mit schwimmenden Augen, in kichernder
-Kollegialität, den Luxemburger in die Seite, lallte ihm flüsternd
-anstößige Geheimnisse zu. Der kluge, glänzende Johann ging freundlich
-auf die greisenhaft geschwätzige Vertraulichkeit des Kärntners ein, ließ
-durch keine leiseste Geste merken, daß er ihn für einen alten Trottel
-hielt. Die beiden Könige steckten die Köpfe zusammen, legten sich die
-Arme um die Schultern, wisperten Lebemännisches, pruschten heraus.
-
-Auch die übrigen Herren belebten sich, röteten sich. Die Böhmen, die
-Luxemburger, die Tiroler verstanden einander nur schwer oder überhaupt
-nicht. Das war Anlaß mancherlei Spaßes. Immer wieder vor allem hörte man
-das dröhnende Gelächter der beiden natürlichen Brüder des Königs,
-Heinrichs von Eschenloh und Albrechts von Camian.
-
-Das Kind Margarete schaute mit großen, klugen Augen zu ihren lustigen
-Oheimen hinüber. Ihre Damen, die Frau von Lodrone, das Fräulein von
-Rottenburg, baten verschämt, die Herren möchten ihre gefährlichen
-Historien vor den Kindern nicht so laut erzählen. Die beiden welkenden
-Hofdamen hatten von dem süßen Wein getrunken, sie hatten fleckige
-Backen, lächelten säuerlich, angeregt, gelockt.
-
-An der Tafel der Damen saß auch die jüngere Schwester Margaretes, die
-kränkliche, verkrüppelte Adelheid. Das menschenscheue Kind wäre viel
-lieber im Kloster geblieben bei den Nonnen von Frauenchiemsee. Doch
-Margarete hatte darauf bestanden, daß die Schwester bei ihrer Hochzeit
-erscheine. Da saß sie denn in dem festlichen Lärm zwischen den
-dröhnenden Rittern unter den Bannern und Schaugerichten, die Enkelin der
-kraftvollen Eroberer des Landes, fahl, verwachsen, leidend, den
-Hofzwergen sehr ähnlich, die vor ihr herumzappelten, krampfige, grobe
-Späße machten. Die sanfte Beatrix von Savoyen, ihre Stiefmutter,
-lächelte ihr zu, streichelte ihre Hand.
-
-Der kleine Prinz Johann, der Bräutigam, saß finster, steif, beengt auf
-seinem Ehrenplatz. Die Kinder hatten noch fast nichts miteinander
-gesprochen. Zuweilen, mit einem schrägen Blick, streifte er seine Braut,
-die ganz sicher und ohne Scheu dasaß. Um sich über seine Verlegenheit
-hinwegzuhelfen, aß er viel und hastig durcheinander, trank auch von dem
-gewürzten Wein. Schließlich befiel ihn Übelkeit; er machte zunächst ein
-grimmiges Gesicht, verbiß es, aber zuletzt konnte er es nicht mehr. Der
-Erzbischof von Olmütz mußte ihn hinausführen. Man lächelte ringsum,
-wohlwollend, freute sich, machte gutmütige Scherze. Margarete schaute
-kühl, verächtlich geradeaus.
-
-Als er zurückkam, hatte er die Rüstung abgelegt, fühlte sich leichter.
-Düsteren, trotzigen Gesichts machte er sich über die Pistazien, Feigen,
-Lebkuchen, Latwerge, Bonbons her. Diese Reise, das häßliche, stolze
-Mädchen, seine Braut, das Fest, sein Vater, der alte, dicke Mann, der
-jetzt sein Schwiegervater war -- alles war ihm tief zuwider. Er hätte in
-dem schmutzigen böhmischen Dorf sein mögen, das zum Schloß seiner Mutter
-gehörte, hätte sich herumraufen mögen mit den Bauernkindern, den
-Wenzeslaus, Bogislaw, Prokop. Er war lang, kräftig und feig. Er pflegte
-seine Spielkameraden rücksichtslos zu hauen, zu beißen. Wehrten sie
-sich, so nahm er es zunächst hin. Drohten sie aber, ihn zu überwältigen,
-so kehrte er plötzlich den Königssohn heraus, schäumte, verklagte, ließ
-hart bestrafen. Er war bei seiner Mutter erzogen, der böhmischen
-Elisabeth, die dem Luxemburger das Königreich zugebracht hatte. Sie war
-eine hysterische Dame, grell verliebt in ihren strahlenden Gemahl, wild
-eifersüchtig auf seine zahllosen Frauen. Vor allem haßte sie glühend die
-Witwe des verstorbenen Königs Rudolf, die Gräzer Königin, deren
-anstößige Beziehungen zu Johann das Land in Bürgerkrieg stürzten und
-verelendeten. In solchen jäh wechselnden Gefühlen, ihrem Gatten bald
-ekstatisch anhangend, bald ihn wild hassend und verfluchend, erzog sie
-auch den kleinen Johann. Er konnte sich mit seinem Vater kaum
-verständigen; der sprach kein Böhmisch, er kein Französisch; sie mußten
-Deutsch miteinander reden, das sie beide nur schlecht beherrschten. Auch
-sah der Knabe den Vater nur selten, wenn der für eine kurze Zeit
-rauschender Feste in sein Königreich zurückbrauste, das er nicht leiden
-mochte, dem er nur Geld ausquetschte, dem er sein Luxemburg, seine
-schönen rheinischen Besitzungen weit vorzog. Die Mutter zwang ihn dann,
-dem Vater je nach ihrer Laune Haß oder Liebe vorzuheucheln. So wurde das
-Kind sehr früh hinterhältig, verdrückt, trotzig, scheu.
-
-Das helle, bergige Land Tirol, in dem alles so klar und scharf im Licht
-stand, war ihm unangenehm. Er sehnte sich zurück in sein wolkiges,
-dunstiges Böhmen. Er blinzelte, er fühlte sich satt. Der Wein regte ihn
-auf, er wollte jetzt etwas tun, befehlen, quälen.
-
-Sein Kämmerling stand hinter ihm, goß ihm aus goldenem Krug Wasser über
-die Hände. Johann herrschte ihn an, er solle besser achthaben, er gieße
-ihm das Wasser über die Ärmel. Der Kämmerling rötete sich, zuckte mit
-den kurzen Lippen, wollte erwidern, bezwang sich, schwieg.
-
-Margarete wandte den Kopf, ließ ihre klugen, raschen Augen über den
-Kämmerling gehen. Der Knabe war drei, vier Jahre älter als Johann,
-schlank, kühnes, mageres, gebräuntes Gesicht mit starker Nase und
-kurzen, vollen Lippen; langes, unbekümmertes, kastanienfarbenes Haar.
-
-»Wie heißt Ihr Knabe Kämmerling, Liebden?« sagte sie mit ihrer warmen,
-klaren Stimme.
-
-Johann sah schräg zu ihr herüber, mißtrauisch. »Chretien de Laferte,«
-erwiderte er mürrisch.
-
-Chretien war ihm seit etwa einem Jahr vom Hof seines Vaters beigegeben
-worden als älterer Spielgefährte und Kamerad, der ihm höfische Dienste
-leisten und vornehmlich französische und burgundische Sitte beibringen
-sollte.
-
-»Geben Sie mir von dem Konfekt, Chretien!« sagte langsam, gleichmütig
-Margarete und sah ihn an.
-
-Chretien, beflissen, reichte ihr die Schale mit Süßigkeiten. Sie brach
-mit großer Selbstverständlichkeit ein Stück in drei Teile, behielt den
-einen, reichte Johann den zweiten, den dritten dem befangenen Chretien.
-
-Am Tisch der Herren beobachtete man den Vorgang, scherzte über die
-kindliche Nachahmung erwachsener Galanterie. Allmählich wurden die
-Scherze bösartiger. Man spöttelte über die ungewöhnliche Häßlichkeit der
-Braut. »Armer Junge!« sagte einer der Böhmen. »Der muß sich seine Länder
-sauer verdienen.« -- »Da erobere ich lieber mit dem Schwert als so,«
-sagte ein anderer. -- »Bis so ein Maul einem schmackhaft wird,« sagte
-ein dritter, »muß es dick geschmiert sein.« Die tirolischen Barone
-hielten sich zuerst zurück; aber schließlich, halb widerwillig, stimmten
-auch sie ein. Das Kind Margarete schaute herüber. Sie konnte unmöglich
-gehört haben; doch ihre großen, ernsthaften Augen schienen so wissend,
-daß die Herren fast betreten abbrachen.
-
-Jakob von Schenna saß unter ihnen, der jüngste unter den Räten und
-Vertrauten König Heinrichs. Er war oft zu Gast auf den Schlössern des
-Königs. Das Kind Margarete sah ihn häufig. Er war der einzige, den sie
-mochte, dem sie vertraute. Er sprach nicht zu ihr mit jener törichten
-Herablassung, mit jener krampfigen Kindlichkeit, die sonst wohl
-Erwachsene annahmen, wenn sie mit ihr sprachen, und die sie bitter
-verdroß. Er nahm sie und behandelte sie wie eine Große.
-
-Er sah, wie sie prunkvoll feierlich dasaß, er sah den kleinen, rohen,
-bösen böhmischen Prinzen, von dem kein Weg zu ihr führte, er sah, wie
-sie mit dem Kämmerling Chretien anzuknüpfen versuchte. Er hörte die
-schlimmen, verständnislosen Witzeleien über ihren armen Körper. Da stand
-er auf, schlenderte hinüber, stand vor ihr in seiner schlechten,
-nachlässigen Haltung, schaute sie höflich an aus seinen grauen,
-wohlwollenden, sehr alten Augen, machte gelassene, ernsthafte
-Konversation mit ihr. Wie ihr Herr Schwiegervater, die böhmische
-Majestät, glänzend aussehe, und wie man ihm die vielen Strapazen so gar
-nicht anmerke. Und daß der geplante Aufenthalt des Königs in Südtirol
-ihr selber, Margarete, wohl auch viele Mühe machen werde; denn der König
-werde wohl alle ihre Schlösser mit Gefolge und Mannschaft belegen. Und
-wieviel Geld ein allenfallsiger lombardischer Feldzug kosten werde. Der
-kleine Johann schielte herüber, verblüfft, wie gescheit Margarete
-redete.
-
-Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Margarete führte noch ein
-kleines, formvolles Abschiedsgespräch mit ihrem Gemahl, bevor sie sich
-zurückzog. Sie fragte ihn nach den Eindrücken, die er von Tirol, von dem
-Hof ihres Vaters habe; ob er sich auf das bevorstehende Turnier freue;
-wünschte ihm, er möge sich bald heimisch fühlen. Ungeschickt, blöde
-erwiderte der Knabe, Widerwillen und eine gewisse trotzige Stumpfheit
-auf seinem nicht unschönen Gesicht. Als sie ging, stand der Kämmerling
-Chretien an ihrem Wege, riß die Zeltvorhänge auf vor ihr. Sie dankte
-gemessen, kühl, fremd, fürstlich.
-
-Dann ließ sie sich in ihr Zelt tragen; sie war nun doch herzlich müde.
-Ihre Frauen kleideten sie aus, viel schwatzend, kichernd, einzelne
-Teilnehmer, einzelne Begebenheiten des Festmahls breitkauend. Sie lag
-bereits in ihrem Bett, die Frauen schwatzten noch immer. Endlich gingen
-sie. Sie streckte sich, die Glieder erlöst aus dem schweren, engen
-Prunk. Nun wird sie aber gut schlafen. Sie hat es sich verdient. Sie war
-mit sich zufrieden. Sie hat sich gut gehalten, durchaus als Erwachsene,
-sehr fürstlich, hat sich vor den luxemburgischen und böhmischen Herren
-keine Blöße gegeben. Mit dem Johann freilich war nicht viel Staat zu
-machen.
-
-»Mit euerm Prinzen ist aber auch nicht viel Staat zu machen,« bemerkte
-draußen mit grober, kichernder, mühsam gedämpfter Stimme die
-zusammenräumende Magd.
-
-»Gegen eure Prinzessin,« höhnte der böhmische Knecht zurück, der ihr
-half und mit ihr sponsierte, »ist er immer noch ein lichter Engel. So
-was! Das Maul! Die Zähne! Bei uns würde man so was gleich nach der
-Geburt ersäufen wie eine Katze.«
-
-Der König Heinrich unterdes bezahlte die Zeche der Hochzeit. Es war eine
-sehr schöne Hochzeit. Es war begreiflich, daß sie viel kostete; er war
-kein Knauser. Bereitwillig streckten seine Herren ihm die großen Summen
-vor, bereitwillig, in fröhlichster Gebelaune, entlohnte er diese
-Gefälligkeit mit der Verpfändung von reichen Dörfern, Pflegen,
-Herrschaften, Zöllen und Gefällen. Warum sollte er seinem lieben
-Burggrafen Volkmar nicht Visiaun und Möltern überlassen? Er gab ihm noch
-Rattenberg dazu. Und es war nicht mehr als billig, daß der Abt von
-Wilten, der so lange für die schöne, leinene Hochzeitsstadt hatte sorgen
-müssen, den See zwischen Igls und Vill erhielt. Dann aber mußte man auch
-dem Kloster Viktring etwas geben. Denn wenn nur Wilten was erhielt, war
-sein guter Sekretär Johannes mit Recht gekränkt. Also bekam auch
-Viktring etliche Höfe und Gülten. »Keine schönere Freude als guten
-Freunden zu spenden,« zitierte dankend der beredte Abt einen antiken
-Klassiker.
-
-Der Luxemburger war dabei, als König Heinrich sorglos, formlos, gnädig,
-fröhlich und stark unter Wein, diese riesigen Schenkungen und
-Verpfändungen unterzeichnete. Auch er war freigebig; aber so bieder
-unverschämt hätten ihm seine Barone nicht kommen dürfen. Es wird gut
-sein, wenn man da dem alten, fröhlichen Herrn ein bißchen den Riegel
-vorschiebt. Sonst verschenkt er das ganze Land, sagt noch merci, wenn
-man es annimmt, und zum Schluß hat sein kleiner Sohn nur die
-Prinzessinbraut und kann Sonntag davon machen! Auch die blasse, sanfte
-Beatrix, König Heinrichs junge Frau, sah erschreckt und verängstigt zu,
-wie ihr Gatte mit den reichen Besitzungen um sich warf. Sie war von Haus
-aus an enges, ängstliches Wirtschaften gewöhnt; auf die Art Heinrichs,
-fürchtete sie, würden bald selbst die Hemden ihrer Mägde verpfändet
-sein. Sie beschloß, die Finanzen selber in die Hand zu nehmen; ihr
-blasses, scheues Gesicht bekam auf einmal etwas Verbissenes.
-
-Für die nächsten Tage war Turnier angesagt. Bei diesem Anlaß sollten
-mehrere junge Herren zu Rittern geschlagen werden. Margarete ersuchte
-unvermittelt ihren kleinen Gemahl, er solle dabei auch seinen Kämmerling
-Chretien de Laferte zum Ritter machen lassen. Die Augen Johanns wurden
-noch kleiner, trotziger; er knurrte irgend was. Margarete wiederholte
-ihren Wunsch herrischer, dringlicher. Prinz Johann sagte verdrückt,
-bissig, er wolle nicht. Er knuffte den Kämmerling in die Seite mit aller
-Kraft seiner kleinen, knochigen Faust. »Da hat er seinen Ritterschlag!«
-höhnte er, verzog hämisch sein langes Gesicht.
-
-»Ich danke Euer Hoheit tausendmal für die Gnade,« sagte Chretien blutrot
-zu der Prinzessin; »aber wenn er doch nicht will.«
-
-»_Ich_ will, _ich_ will!« sagte Margarete heftig mit ihrer vollen,
-dunklen Stimme. Sie lief zu ihrem Vater, zu dem König Johann. Lachend
-sagte man ihr zu. Chretien dankte der Prinzessin, hin und her gerissen.
-Schon hatten ihn die Kameraden derb gehänselt wegen seines ziervollen
-Liebchens.
-
-Am vorgesehenen Tag fand dann das glänzende Turnier statt, auf das ganz
-Tirol sich schon seit Jahren freute. Es war eine große Lustbarkeit. Vier
-Ritter wurden erstochen, sieben tödlich verletzt. Alle Welt fand, es sei
-das bestgeglückte Vergnügen seit langer Zeit.
-
-Auch König Johann nahm an dem Stechen teil. Da er aber hatte erfahren
-müssen, daß man häufig aus Furcht, ihn, den König, zu besiegen, nur zum
-Schein mit ihm focht, ritt er unter dem Wappen eines gewissen Schilthart
-von Rechberg. Es hatte nun zwischen den Alpenländlern und den Fremden
-schon mancherlei Eifersüchteleien gegeben; auch fürchteten die
-tirolischen und kärntnischen Herren, der Einfluß der Luxemburger könnte
-ihre finanzielle Stellung bei dem guten König Heinrich gefährden. Unter
-dem fröhlichen Spiel stak also eine sehr ernsthafte, grimmige
-Eifersucht, und man sah es durchaus nicht ungern, brach von den Gegnern
-der eine oder andere die Rippen. Sei es nun Zufall, sei es, daß man sein
-Deckwappen verraten hatte -- jedenfalls sah sich Johann bald im Kampf
-mit dem wuchtigsten und gefährlichsten aller tirolischen Ritter, dem
-ungeschlachten Burggrafen Volkmar. Sie rannten sich wild und
-rücksichtslos an, schließlich fiel der König, der eine bewegte Nacht
-hinter sich hatte, vom Pferd, wurde im Kot herumgewälzt, übel getreten
-und arg zerschunden aus dem Haufen herausgezogen. Er mußte sein Pferd um
-sechzig Mark Veroneser Silbers von dem Burggrafen lösen. Er verbiß den
-Ärger, daß gerade dieser plumpe, habgierige, widerwärtige Mann ihn
-abgestochen hatte, trug lachend, lässig, mit Haltung Lahmheit und
-Verdruß, rühmte mit vielen liebenswürdigen, sachkundigen Worten, wie gut
-vorbereitet und in jeder Hinsicht geglückt diese Tiroler sportlichen
-Spiele seien.
-
-König Heinrich saß des Abends müde in seinem Zelt. Die Freude über das
-schöne Fest wurde geschwärzt; Rechnungen kamen, Rechnungen über
-Rechnungen. Die Fleischhauer von Bozen wollten Geld, die Bürger von
-Innsbruck präsentierten große Forderungen, der gute, gelehrte Abt von
-Marienberg wußte sich nicht mehr zu helfen vor seinen Gläubigern, die er
-mühelos hätte befriedigen können, zahlte ihm der König nur einen Teil
-dessen zurück, was er ihm geliehen. Heinrich hätte, wie gern, gezahlt
-und gezahlt; aber seine Kassen waren leer. Der König Johann schuldete
-ihm freilich die vierzigtausend Mark Veroneser Silbers Heiratsgut; mit
-der ungeheueren Summe hätte er alle seine Verpflichtungen decken können.
-Aber es ging doch nicht an, den König zu mahnen. Heute schon gar nicht.
-Spürte er doch am eigenen Leib, wie peinlich ein Fest durch so etwas
-gestört wurde.
-
-So saß er denn in dicker Verlegenheit. Da stellten seine Herren vor ihn
-drei schmächtige, schattenhafte Männer. Sie waren sehr still, sehr
-demütig, sehr unscheinbar. Hatten rasche Augen, die aber sehr ergeben
-blicken konnten. Schauten einander sehr ähnlich. Der König erinnerte
-sich, sie gesehen zu haben, wußte aber nicht mehr, wo er sie hintun
-sollte. Das war natürlich. Sie waren ja so klein, so gering. Sie
-verneigten sich viele Male, sprachen mit leiser Stimme.
-
-Es waren Messer Artese aus Florenz, der Pächter der Münze von Meran, und
-seine beiden Brüder. Die Herren waren auch diesmal gern bereit, einem so
-gütigen christlichen König mit ihrem bißchen Kapital beispringen zu
-dürfen. Sie hatten eine einzige kleine Bedingnis: die Majestät solle
-ihnen die Einkünfte des Salzwerks von Hall überlassen. Das nette, kleine
-Salzbergwerk.
-
-König Heinrich schrak zurück. Das Salzamt von Hall! Die erste
-Einnahmequelle des Landes! Das war ein teures Hochzeitsfest, das er da
-seiner Tochter gerüstet hatte. Selbst seine leichtherzigen Räte machten,
-als sie von dieser Bedingung hörten, bedenkliche Gesichter. Schickten
-schließlich seine junge Frau vor, die erwirkte, daß das Bergwerk
-wenigstens nur für zwei Jahre verpachtet wurde. Die Florentiner
-verneigten sich viele Male. Zahlten das Geld, nahmen die Dokumente an
-sich. Glitten fort, schattenhaft, grau, unscheinbar, einer dem andern
-sehr ähnlich.
-
-Zu Herrn von Schenna sagte Margarete: »Glauben Sie, daß Chretien de
-Laferte Schlechtes von mir spricht? Sagen Sie ehrlich, Herr von Schenna,
-glauben Sie, daß er mit den andern lacht, weil ich häßlich bin?«
-
-Jakob von Schenna hatte mit eigenen Ohren gehört, wie der junge
-Chretien, von den andern gehänselt als Ritter der häßlichsten Dame der
-Christenheit, erst an sich hielt, dann die Kameraden überbot an übeln
-Schmähungen Margaretes. Jakob von Schenna sah die großen, erfüllten
-Augen des Kindes in dringlichem, angstvollem Fragen auf sich. »Ich weiß
-es nicht, Prinzessin Margarete,« erwiderte er. »Ich kenne den jungen
-Chretien zu wenig. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, daß er übel
-von Ihnen redet.« Und er legte ihr seine große, dünne, kraftlose Hand
-auf den Kopf wie einem Kind, und sie litt es gern, daß er diesmal zu ihr
-war wie zu einem Kind.
-
-
-
-
-Auf Schloß Zenoberg verhandelte König Johann mit den tirolischen
-Baronen. Er verlangte jetzt schon, als Vormund seines kleinen Sohnes,
-Huldigung für den Fall von Heinrichs Tod. Die Herren waren grundsätzlich
-bereit, forderten aber Sicherstellung ihrer Privilegien, Bürgschaften,
-daß ihnen der Luxemburger keine Landfremden in die maßgebenden Ämter
-setze. Außerdem verlangte jeder für sich, verblümt oder geradezu, Geld,
-Verschreibungen, Landbesitz, Handelsmonopole, Zölle.
-
-Mit den Versprechungen und Bürgschaften war Johann sehr freigebig. Er
-unterzeichnete und ließ siegeln, was man wollte. Er hatte in Böhmen
-Erfahrungen gemacht; er wußte, das war letzten Endes eine Machtfrage.
-Konnte er Geld und Soldaten auftreiben, dann setzte er diesen frechen
-Gebirglern Franzosen, Burgunder, Rheinländer als Statthalter in den Pelz
-nach seinem Belieben. Brachte er kein Kapital und keine Armee auf, dann
-wird er in Gottes Namen seine Versprechungen halten. Vorläufig schrieben
-seine Notare sich die Finger wund: »Wir, Johannes, von Gottes Gnaden
-König von Böhmen und Polen, Markgraf von Mähren, Graf von Luxemburg,
-erklären hiemit und tun kund und zu wissen und verpflichten Uns mit
-Brief und Siegel.« Mit Geld war Johann etwas vorsichtiger. Er ließ
-zumindest die habgierigen, unersättlich feilschenden Herren merken, daß
-er sie durchschaue. Schließlich schmiß er ihnen dann das Verlangte
-ritterlich und verächtlich hin. Bargeld freilich nicht, das hatte er
-nicht, sondern langfristige Wechsel.
-
-Auch der gute König Heinrich mußte betrübt erkennen, daß er seine
-vierzigtausend Veroneser Silbermark nicht so bald bekommen werde. Flott,
-gemütlich, vertraulich faßte ihn der Luxemburger um die Schulter,
-verpfändete ihm beiläufig die Gerichte Kufstein und Kitzbühel -- die
-hatte er von seinem Schwiegersohn, dem Herzog von Niederbayern, dem er
-anderes dafür verpfändet --, vertröstete ihn auf das Frühjahr, rühmte
-seine langen, modischen Schuhe, die hübsche, dralle Frau, mit der er
-getanzt hatte. Heinrich brachte es nicht mehr über sich, wieder von den
-Finanzen anzufangen.
-
-Des Abends spielte König Johann Würfel mit den Kärntner und den Tiroler
-Herren. Er setzte ungeheure Summen. Schließlich hielt ihm niemand mehr
-Widerpart als der brutale, stiernackige Burggraf Volkmar. Der
-Luxemburger haßte den wuchtigen, rohen Mann, der ihn schon im Turnier
-besiegt hatte. Er steigerte seine Einsätze so, daß selbst König Heinrich
-den Atem anhielt. Verlor. Erklärte zum Schluß leichthin, über die
-Achsel, er bleibe die verlorenen Summen schuldig. Der Burggraf knurrte,
-wurde gefährlich; mit geschmeidiger Schärfe funkelte Johann ihn nieder.
-
- * * * * *
-
-Merkwürdigerweise kehrte Johann, trotzdem Unruhen ausgebrochen waren,
-nicht nach Böhmen zurück. Sein Land atmete auf. Es erschrak, wenn er
-kam. Sein Aufenthalt dauerte immer nur kurz, diente ihm nur, Geld
-auszuquetschen. Gut, daß er wegblieb.
-
-Ja, er blieb in Tirol. Ging in das Gebiet des Bischofs von Trient. Saß,
-der strahlende Herr, der erste Ritter der Christenheit, untätig lauernd,
-zwielichtig schillernd; kein Mensch wußte, was er plante.
-
-Der Bischof Heinrich von Trient fand sich durch diesen Gast sehr
-beschwert. Wie weit durfte er ihm entgegenkommen, ohne bei dem Papst
-oder dem Kaiser anzustoßen? Immer war ein so verwirrendes Zwielicht um
-diesen Böhmenkönig. Wo er hinkam, war wildes Gehetze, Getriebe. Kuriere
-jagten nach ihm von allen Höfen Europas, fanden ihn nicht. Denn der
-König verweilte selten lang an einem Ort; es trieb ihn über die Erde
-rastlos wie fließendes Wasser. Man wußte nicht, wohin, wie, warum. Ach,
-ginge er doch zurück in sein Land, der Verfluchte! Aber natürlich, das
-ließ er verkommen. Das liebte er nicht, das trübe, dumpfe Land. Spaß,
-daß er den helleren Westen vorzog, den Rhein, seine Grafschaft
-Luxemburg, Paris.
-
-Der Bischof saß, ein großer, beleibter Herr, starkes, gebräuntes,
-italienisches Gesicht, sorgenvoll auf seinem Schloß Bonconsil, schüttete
-sich aus vor seinem Freund, dem Abt von Viktring, dem betulichen,
-klugen. Die beiden geistlichen Herren schimpften weidlich. Der Heide,
-der! Der Jerobeam! Grausam brandschatzte er seine Kirchen und Klöster.
-Hatte selbst vor dem Grab des heiligen Albert nicht haltgemacht, es nach
-Schätzen durchwühlen lassen. Kirchenschänder! Herodes! »Aber einst wird
-erstehen aus unsern Gebeinen ein Rächer!« zitierte der gelehrte Abt
-einen antiken Klassiker.
-
-Ja, dies war entschieden der gefährlichste, beschwerlichste Gast, den
-der Bischof seit Jahren gehabt hatte. Ein gesalbter König, aber -- der
-Bischof sagte es geradezu -- ein Lump und Verbrecher. Ohne seine Krone
-wäre er schon hundertmal gehenkt worden. Er spielte falsch; der Abt
-bestätigte es; jetzt erst hatte er es wieder in Innsbruck getan. Er war
-der wüsteste Verschwender und Schuldenmacher des Säkulums. Dazu seine
-anstößigen Beziehungen zu den beiden böhmischen Königinnen. Recht hatte
-man gehabt vor zwei Jahren in Prag. Da hatte er das große Turnier
-gerüstet, die umständlichsten Vorbereitungen getroffen, die Häuser auf
-dem Markt niederlegen lassen, um Zelte und Tribünen zu errichten. Dann
-kamen von zweitausend Geladenen, von Kaiser und König und Fürsten und
-Herren, sieben schäbige, zweifelhafte Ritter und ein Genueser Bankier.
-
-Leider aber war es zur Zeit durchaus nicht möglich, ihn so zu behandeln.
-Das war ja das Verzweifelte. Sein Ruf und Name wechselte wie der Mond.
-War man ihm vor wenigen Wochen ausgewichen wie einem Aussätzigen, so
-feierte man ihn heute als den leuchtendsten Helden der Christenheit, und
-selbst sein kahles, ausgeplündertes Böhmen ließ sich blenden, wenn er
-von strahlenden Siegen zurückkam.
-
-Dringend warnte der Abt den Bischof, er solle sich ja nicht im
-geringsten mit dem Luxemburger einlassen. Seine Politik sei letzten
-Endes sinnloses Spiel. »Kühlende Wellen locken mit Schillern und
-Glitzern den Wandrer; wirft er sich arglos ins Meer, ziehn sie ihn
-tückisch hinab,« zitierte er. Behaglich, mit literarischer Freude an der
-Zerlegung, sezierte er den Luxemburger und sein Gewese. Sein
-verfeinertes Rittertum begnüge sich nicht damit, in dickem Forst Riesen
-und geharnischte Männer aufzusuchen. Er liebe die viel bunteren
-Abenteuer der Politik. Nicht der Erfolg locke, ihn locke die gefährliche
-Freude an der Wirrung, am Getriebe. Wo immer in dem wirrseligen Europa
-ein Zwist sei, wo Kaiser und Papst sich stritten, König und Gegenkönig,
-Frankreich und England, lombardische Städte, Maure und Kastilier,
-überall müsse der Luxemburger seine gepflegte, spielerische Hand drin
-haben. Verträge, Bündnisse stiften, Ehen kuppeln, Fäden anknüpfen,
-zerreißen, Krieg führen, Frieden schließen, Schlachten schlagen,
-verhindern, immer im dicksten Getümmel stehen, Freunde, Feinde machen,
-Soldaten, Länder nehmen, geben.
-
-»Nur kein Geld,« seufzte der Bischof.
-
-Der Abt schloß, sich freuend an der eigenen eleganten Beredsamkeit.
-Dieser geniale Projektenmacher sehe alle entferntesten Möglichkeiten,
-strecke seine Hand über das ganze Abendland, raffe an sich, lasse
-fallen. Und während Böhmen innerlich immer kränker werde, schlucke er
-immer neue Besitzanrechte, Länder, Städte, verstreut durch alle Grenzen,
-blase sich gigantisch auf. Der behagliche, betuliche Abt streckte sich,
-sprach rednerisch wie auf der Kanzel: »Aber wenn auch dieser Herr Johann
-noch so hastig über die Erde hinfährt, lachend, stattlich, strahlend,
-elegant, modisch, immer eidbrüchig, immer ohne Geld, immer von
-stürmischer, sieghafter Liebenswürdigkeit -- es ist ihm ein Ziel
-gesetzt. Sein Gewese wird keine Frucht tragen, es ist sinnlos, es ist
-ohne Gott. Manchmal kommt mir der Böhme vor wie eine Puppe, wie ein
-Gespenst. -- Maß ist in allen Dingen, gesetzt ist ihnen die Grenze,«
-zitierte er einen alten Schriftsteller.
-
-Der Bischof glaubte das auch. Aber bis dahin konnte es noch gute Weile
-haben. Vorläufig jedenfalls hatte Gott dem Böhmen kein Ziel gesetzt, und
-er, der arme Bischof, hatte ihn auf dem Hals. Der beredte Abt wußte auch
-nichts weiter zu sagen, und die beiden Prälaten schauten schweigend,
-nachdenklich hinaus auf das rötliche, üppige Land, die geschwungenen,
-bräunlichvioletten Berge, schwer von Frucht und Wein.
-
- * * * * *
-
-Nein, vorläufig war dem Böhmen kein Ziel gesetzt. Vielmehr saß dieser
-Herr Johann heiter und fest in dem besonnten Trient, dehnte sich,
-rekelte sich. Überließ sein langes Haar, den schönen, vollen Bart den
-wohligen Winden des südlichen Herbstes. Hofierte die deutschen und die
-welschen Damen Tirols. Durch die Lombardei flog es, durch die reichen,
-mächtigen Städte, durch die Schlösser der überstolzen Barone: Johann von
-Böhmen ist da, König Johann, der Sohn des siebenten Heinrich, Römischen
-Kaisers, Johann, der ritterlichste Mann des Abendlandes, Stern der
-Ghibellinen. Burgundische, böhmische, rheinische Ritter und Hauptleute
-zogen mit ihren Fähnlein in diesem herrlichen, gesegneten Herbst über
-den Brenner. Aus München der Kaiser Ludwig äugte mißtrauisch her. In
-Avignon der Papst, der zweiundzwanzigste Johann, ward unruhig. Wieder
-schaute das ganze Abendland auf den strahlenden, unberechenbaren Mann.
-
-Die Parteiführer und Herren der Po-Ebene wetteiferten, ihn für sich zu
-gewinnen, schickten ihm Gesandte, Geschenke. Zwei prächtige Araberpferde
-kamen von Mastino della Scala und seinem Bruder, Herrn von Verona. Aber
-Brescia bot ihm durch seinen Vikar, Friedrich von Castelbarco, nicht nur
-Pferde, es bot ihm sich selbst an und lebenslängliche Herrschaft.
-Aldrigeto von Lizzana ließ dem Vermögensverwalter Johanns viertausend
-Veroneser Silbermark auszahlen, bat den König -- als Schutzherrn
-Toscanas und der Lombardei --, ihn mit dem brescianischen Ufer des
-Gardasees zu belehnen. Und plötzlich war auch Messer Artese aus Florenz
-da, der Bankier, grau, unscheinbar, schattenhaft, mit zwei Brüdern, die
-ihm sehr ähnlich sahen, und sehr viel Geld.
-
-Und dann, ohne lange Ankündigung, sachte, setzte sich Johann in
-Bewegung. Nur wenige tausend Reiter folgten ihm. Aber glänzend gerüstet
-alle, erlesenste Soldaten. Rauschend strahlte der helle Zug durch das
-satte, reife Bergland. Süßer, schwerer, besonnter Herbst. Dicke Trauben,
-strotzende Früchte. Aus den violetten, rötlichen, bräunlichen Bergen goß
-sich die silberne, eiserne Flut in die Lombardische Ebene. Wie eine
-Braut glitt sie den Kömmlingen unter die Füße. Bergamo, Pavia, Cremona
-in seinem Besitz ohne Schwertstreich. Fahnen, Glocken, Behörden auf
-Knien, die Schlüssel ihrer Städte darbietend. Die großen Barone demütig
-um Bestätigung ihrer Lehen flehend. Novara, Vercelli, Modena, Reggio von
-seinen Rittern besetzt. Feierlicher Einzug. Auf den Balkonen der
-herrlichen, bunten Häuser geschmückte Frauen, mit großen, gebannten
-Augen auf den Sieger schauend, der so gar nicht mühselig, schwitzend und
-bestaubt, der festlich wie im Tanz das weite, reiche Land besiegt. Der
-Kaiser, tief beunruhigt, schickt Sondergesandte, den Burggrafen von
-Nürnberg erst, den Grafen von Neiffen dann, was denn der Böhme in
-Italien wolle. Harmlos Johann; er plane durchaus nichts gegen Ludwig,
-nehme, was er erwerbe, für das Reich in Besitz; er wolle nur die Gräber
-seiner Eltern besuchen, des Römischen Kaisers, des siebenten Heinrich,
-Grab in Pisa, seiner Mutter Grab in Genua, die Leichen, wenn möglich, in
-die Heimat schaffen. Während zu Weihnachten in München alle Glocken
-unter dem päpstlichen Interdikt stumm bleiben, Kaiser Ludwig in seiner
-Hauskapelle vor kleinem Gefolg, das blanke Schwert hoch in der Hand, als
-Schirmvogt der Christenheit das Weihnachtsevangelium vorliest, hält
-Johann leuchtenden Einzug in Brescia. Kommt er für den Kaiser? Für den
-Papst? Nur für sich? Niemand weiß es. Weiß er es selber? Er schreibt
-sich Nachfolger des Kaisers, Friedensstifter. Die Gonzaga in Mantua, die
-Visconti in Mailand beugen sich ihm. Ein Königreich Lombardei rundet
-sich ihm, fällt ihm zu wie eine Frucht, die man sich vom Zweig langt.
-
-An beiden Ufern des Po residiert er; nie hat ein Römischer König stolzer
-Hof gehalten. Er läßt sich huldigen von der Adria bis ins Ligurische.
-Lächelt tief, satt, fern. Stieg er mit festem Plan in die Ebene hinab?
-Heute ist er der mächtigste Mann der Christenheit. Hat den Rhein hinauf,
-hinunter, tief ins Frankreich hinein Land und Herrschaft. Hat Böhmen,
-Mähren, Schlesien, streckt sich weit ins Polnische. Hat Niederbayern
-durch seine Tochter, Kärnten, Krain, Tirol durch seinen Sohn. Hält den
-Wittelsbacher umklammert, liegt rings um den Habsburger. Hat jetzt das
-reiche, süße, oberitalienische Königreich. Reckt sich. Atmet. Hält
-Feste. Zieht die schönsten Frauen an seinen Hof. Manchmal auch,
-schattenhaft, unscheinbar, kommt mit seinen Brüdern Messer Artese aus
-Florenz, steht ferne, bescheiden, neigt sich viel Male.
-
-
-
-
-Das Kind Margarete wuchs heran auf den Schlössern Zenoberg, Gries,
-Tirol. Lernte gern und viel. Fragte den klugen, redseligen, betulichen
-Abt Johannes von Viktring bei allem, was sie sah und hörte, warum,
-wieso. Trieb mit den Äbtissinnen der Klöster Stams und Sonnenberg
-Theologie. Der Prunk, die feierliche Ordnung der Liturgie zwangen ihr
-Bewunderung ab. Sie sprach und schrieb fließend Latein und Welsch.
-Interessierte sich brennend für politische und nationalökonomische
-Dinge. Hörte aufmerksam den historischen Vorträgen des gelehrten Abtes
-zu, und während die anderen seine begrifflichen politischen Theorien
-gelangweilt belächelten, konnte sie nicht genug davon kriegen. Gründlich
-unterrichtete sie sich bei den vielen fremden Gästen ihres Vaters über
-die Verhältnisse der andern Höfe und Länder. Verächtlich schnupperte
-sie, als sie hörte, Ludwig von Wittelsbach, der Bayer, erwählter
-Römischer Kaiser, der Vierte seines Namens, spreche nicht Latein.
-
-Sie streifte durch das Land. Zu Wagen, in der Pferdesänfte. Die Passer
-hinauf, hinab, durch die Rebenterrassen, Obstgärten. Ging mit wachen,
-klugen Augen durch die farbigen Städte Meran, Bozen. Beschaute die
-Bürger, ihre steinernen Häuser, Rathaus, Markt, Mauern, Pranger, Stock,
-Herbergen, Badehäuser, die Leichen der Gerichteten vor den Toren. Hielt
-rasche, herrische Einkehr in den Höfen der Bauern, den Wachhütten der
-Winzer.
-
-Der gutmütige König Heinrich kümmerte sich wenig um sie. Er ließ sie
-treiben, was sie wollte. Erkundigte sich zuweilen zärtlich, ob sie denn
-mit ihren Kleidern hinausreiche, ob sie nicht mehr Schmuck, Pferde,
-Dienerschaft brauche. Fragte allenfalls, was sie von dem neuen
-flandrischen Koch halte, oder wie der genuesische Mantel stehe, den er
-sich eben habe machen lassen. Er ging ganz auf in Kleidersorgen,
-Stiftungen für Klöster, Festlichkeiten, Gastereien, Turnieren, Frauen.
-Wenn sie sich mit seinem klugen Sekretär unterhielt, dem Abt von
-Viktring, dann schaute er wohl gerührt auf sie, sagte zu Beatrix, seiner
-Frau, zu seinen Gästen: »Mein gutes Kind! Wie gescheit sie ist!«
-
-Von den Klosterfrauen lernte sie singen. Es war erstaunlich, wenn unter
-der platten, breiten Nase aus dem äffisch sich verwulstenden Mund die
-Stimme herausdrang, schön, warm, erfüllt. Während sie sonst mit ihren
-Kenntnissen nicht zurückhielt und ohne Scheu redete, sang sie fast nie
-vor Fremden. Des Abends, unter Obstbäumen, allein, sang sie ihre Lieder,
-kunstvolle aus Italien, aus der Provence oder auch einfache deutsche,
-wie sie sie rings vom Volk hörte. Manchmal, selbst wenn sie allein war,
-brach sie mitteninne ab. Die Zwerge konnten sie hören. Die Zwerge
-wohnten in allen Berghöhlen. Sie aßen und tranken, spielten und tanzten
-mit den Menschen. Aber unsichtbar. Nur der regierende Fürst kann sie
-sehen, der zu Recht das Land beherrscht, in dem sie gerade verweilen.
-Ihr Vater hat die Zwerge gesehen, auch der Bischof von Brixen, in dessen
-Gebiet sie zuweilen kamen. Jakob von Schenna hat ihr Genaues von den
-Zwergen erzählt. Sie schrieben Briefe, bildeten unter sich einen Staat,
-hatten Gesetze und einen Fürsten, bekannten den katholischen Glauben,
-kamen heimlich in die Wohnungen der Menschen, waren ihnen hold. Sie
-führten Edelsteine mit sich, mit denen sie sich unsichtbar machen
-konnten. Sie fragte Herrn von Schenna, warum sie sich unsichtbar
-machten. Herr von Schenna wich aus. Durch Zufall, von einer Magd, erfuhr
-sie den Grund. Weil sie sich ihrer Häßlichkeit schämten. Sie ward noch
-fahler als sonst. Schluckte.
-
-Mit peinlichster Sorge pflegte sie ihren Körper. Sie nahm täglich ein
-Dampfbad, wusch sich mit Kleienwasser, französischer Seife. Sie wickelte
-das Zahnpulver in frisch geschorene Wolle, ehe sie ihre großen, schräg
-vorstehenden Zähne reinigte. Sie pflegte ihre Haut mit Weinsteinöl,
-gebrauchte rote Schminke aus Brasilholz, weiße aus gepulverten
-Zyklamenknollen. Des Nachts legte sie eine Wachsmaske auf, ihren
-unreinen Teint zu bessern. Sorglich, mit Opfern, gehorchte sie jeder
-neuen Modevorschrift.
-
-Mußte sie dann sehen, wie gleichwohl jeder drallen, ungewaschenen
-Bäuerin mehr wohlgefällige Männerblicke folgten als ihr, dann wandte sie
-mit einem Ruck ihre Gedanken von diesen Dingen, stürzte sich mit
-hitziger Energie in Studium und Politik. Wog zum hundertstenmal Macht,
-Möglichkeiten, Einflußkreise der Habsburger, Wittelsbacher, Luxemburger
-gegeneinander ab. Habsburg, Luxemburg, Wittelsbach, das waren keine
-kahlen, politischen Begriffe für sie. Die Menschen, die diese Namen
-trugen, ihre Farben, ihre Länder, die Tiere ihrer Wappen, ihre Berge,
-Flüsse, Kirchen mischten sich ihr zu geheimnisvollen Einheiten. Albrecht
-von Habsburg etwa war verteufelt klug, energisch, bitter, aber er
-lahmte. Mit ihm lahmten seine Länder, die Donau, die Stadt Wien, die
-Pranke seines Wappenlöwen. König Johann, der Luxemburger, das war nicht
-nur ein weltläufiger, galanter Herr. Seine Füße waren Toskana und die
-Lombardei, Rhein und Elbe seine Adern, das helle Luxemburg sein Herz.
-Und Bayern konnte sie sich nicht vorstellen ohne die lange, bedächtige
-Nase Kaiser Ludwigs und ohne seine riesigen, sonderbar toten blauen
-Augen. Wenn die drei Fürsten sich belauerten, sich umschlichen, sich
-vertrugen, sich bekriegten, bekriegte und verhöhnte sich die Welt in
-ihnen, und in den Wolken führten die Tiere ihrer Banner einen mystisch
-gewaltigen Kampf.
-
-Ihren Gemahl, den Prinzen Johann, sah sie nicht sehr oft. Trotz seiner
-Länge und Aufgeschossenheit wirkte er hinter seinen Jahren
-zurückgeblieben. Sein mageres Gesicht, an sich nicht unschön, schien
-immer roher, stumpfer und, durch die kleinen, versteckten Augen,
-bösartiger. Er haßte die Bücher, lernte nur notdürftig schreiben. Gern
-trieb er körperliche Übungen. Schlug sich mit den Jungen herum, mit
-denen der Bedienten lieber als mit seinen adeligen Kameraden, jagte,
-ritt. Betätigte sich als Vogelsteller, trieb, nicht ohne Geschick,
-Falkenbeize, fing Wild in Schlingen. Quälte Tiere. Spielte den Bauern
-üble Streiche. Ein Bauernbursch, der ihn nicht kannte, verprügelte ihn.
-Wurde gefangen, in den Stock gesetzt, gepeitscht. Der Prinz schaute
-gierig zu, hetzte die Büttel.
-
-Margarete lachte er aus wegen ihrer blöden, pfäffischen Gelehrsamkeit,
-riß ihr gelegentlich ihre Schriften weg, zerraufte ihre Frisur. Sie trug
-es. Es war notwendig, daß ihr Mann ein Luxemburger war. Seine Roheit
-mußte hingenommen werden. Aber schweigend stapelte sie Wut und
-Verachtung. Auch Chretien de Laferte, des Prinzen Adjutant und
-Kämmerling, verwünschte seinen jungen Herrn in die tiefste Hölle.
-Margarete sah den schlanken jungen Menschen sehr selten. Beachtete ihn
-wenig. Der betuliche, skeptische, redselige Abt von Viktring, der alle
-Dinge bereden mußte, neckte sie gelegentlich wegen des Jungen. Sie
-schlug, gegen ihre Gewohnheit heftig, zurück.
-
-Am liebsten war sie mit Jakob von Schenna zusammen. Der junge, hagere,
-schlecht sich haltende Herr mit dem feinen, alten Gesicht freute sich
-immer, wenn er sie sah. Sie war nun vierzehn, er an die dreißig. Aber es
-ging eine willkommene Bindung von ihm zu ihr. Was er sprach und tat,
-klang, als wäre es in ihr gewachsen. Sie fühlte sich wohl in seiner
-Welt. Zwischen ihr und den andern Menschen war Kälte. Sie lachten sie
-aus, sahen sie mit Widerwillen an, bestenfalls mit Mitleid, weil sie
-häßlich war. Weil sie Prinzessin war, zeigten sie das nicht im Licht.
-Aber sie sah weit ins Dunkle hinein, oh, sie hatte scharfe Augen, sie
-wußte, wie man mit ihr stand. Doch von Schenna zu ihr ging es warm und
-freundlich herüber. Seine großen, weichen Hände, seine grauen,
-gescheiten, wohlwollenden Augen waren voll Achtung für sie, voll
-Herzlichkeit und Kameradschaft.
-
-Jakob von Schenna war reicher und mächtiger als seine Brüder Estlein und
-Petermann. Er hatte sieben feste Schlösser, neun Gerichte und Pflegen,
-weiten Besitz an Weingütern, Gerechtsamen, Zöllen, Geld. Er pflegte von
-diesem Besitz wegwerfend und mit einer gewissen Ironie zu sprechen. Aber
-er hing daran, streichelte liebkosend das Laub seiner Reben, den
-besonnten Stein seiner Schlösser. Dies waren _seine_ Reben, _seine_
-Burgen. Zwar war Besitz und Geltung an sich verächtlich; aber leider
-machten einem die Menschen das Leben zu unbequem, hatte man die beiden
-nicht. Oft sprach er dem Kind davon, wie übel der tirolische und
-kärntnische Adel den guten König Heinrich ausbeute. Leider mußte er
-mittun, sonst hätte eben seinen Teil ein anderer, weniger Würdiger an
-sich gerafft. So beutete denn auch er aus, skeptisch, mit gelassenem
-Bedauern und voll von Mitleid mit der gerupften Majestät.
-
-Seine Schlösser waren die schönsten und gepflegtesten des Landes in den
-Bergen. Die Schlösser der andern waren nur auf Sicherheit und Festigkeit
-gebaut; innen waren sie ungemütlich, ihre Gelasse klein, feucht, dunkel,
-ohne Luft, kellerig, überall stand der Stank der Ställe. Seine Burgen,
-vor allem seine Lieblingssitze Schenna und Runkelstein, waren hell und
-voll Sonne. Italienische Architekten hatten sie gebaut; sie waren
-angefüllt mit schönen Dingen, Teppichen und Zierat. Während die Mauern
-der andern notdürftig geweißt waren und höchstens die Wände der Kapelle
-Heiligenbilder trugen, hatte er seine Säle von deutschen und
-italienischen Meistern mit Fresken ausmalen lassen. Ja selbst die äußere
-Südwand seiner Lieblingsschlösser trug solche Malerei. Bunt und hell
-schritt der Ritter mit dem Löwen, Tristan fuhr auf seinem Schiff, Garel
-vom blühenden Tal erlebte seine Abenteuer.
-
-Herr von Schenna liebte sehr die Verse, die diese Geschichten erzählten.
-Margarete wußte nichts damit anzufangen. Sie begriff die lateinischen
-Verse, die der redselige Abt von Viktring so gern zitierte, verstand
-Horaz, die Äneis. Das war Sinn, Gesetz, Würde, strenge Bindung. Aber
-diese deutschen Verse schienen ihr Tollheit, nicht besser als die wüsten
-Einfälle ihrer Hofnarren und Hofzwerge. War es eines ernsthaften
-Menschen würdig, Dinge, die niemals waren und nie sein werden, in
-verrenkten Worten zu erzählen? Herr von Schenna suchte ihr begreiflich
-zu machen, daß diese Menschen, die Tristan und Parzival und Kriemhild,
-lebten und wirklich waren, so oft einer sie las und spürte. Aber dies
-wollte sie nicht wahr haben. Seine Geschichten blieben für sie bunte,
-widerwärtige Lügen; sie begriff nicht, daß der gescheite, ernsthafte
-Mann an solchen Windbeuteleien Freude haben konnte.
-
-
-
-
-Den Kaiser hatten die raschen Fortschritte Johanns in Italien tief
-beunruhigt. Auch der führende Habsburger, der lahme, kluge, verbitterte
-Albrecht, sah mit wachsendem, knirschendem Ingrimm das leuchtende
-Lombardische Reich Johanns aus dem Nichts sich heben. Wie, sollte durch
-eine freche Wendung der leichtsinnige, unernste Luxemburger sie, die
-Ernsthaften, Gewichtigen, von der Macht drängen, sich über sie
-hinausheben? Sie blinzelten einander zu, der schwerfällige, langsame
-Bayer, der zähe, bittere Habsburger. Sie hatten sich immer gehaßt. Aber
-sowie der Dritte sie überflügeln wollte, einte sie das gegen ihn. Sie
-schlichen zusammen, Ludwig, der große, langnäsige Wittelsbacher mit dem
-massigen Nacken und den riesigen blauen Augen, Albrecht der Lahme mit
-den verkniffenen Lippen. Sie berochen sich, nickten sich zu, schlossen
-Übereinkunft.
-
-Legten fest, das südliche Reich müsse den Luxemburgern entrissen werden.
-Sterbe König Heinrich, so solle Kärnten an die Habsburger, Tirol an die
-Wittelsbacher fallen. Kaiser Ludwig sicherte ebenso feierlich wie ein
-Jahr zuvor den Luxemburgern jetzt den Habsburgern die Erbfolge in
-Kärnten zu. Was die Lombardei betraf, so verbanden sie sich mit anderen,
-gemeinsam herzufallen über den Luxemburger. Der Kaiser berief seine
-pfälzischen Vettern, Johann am Rhein zu beunruhigen, seinen Eidam von
-Meißen, seine Söhne Ludwig den Brandenburger, Stephan. Der Herzog von
-Österreich mit den Königen von Ungarn und Polen sollte in Mähren
-einfallen.
-
-Der Luxemburger unterdes regierte königlich im toskanischen Frühling. Er
-ließ seine Söhne kommen, den älteren, Karl, den jüngeren, Johann. Der
-hatte keine Lust. Margarete erbot sich, ihn zu vertreten.
-
-Sie fuhr mit kleinem Gefolge -- Chretien de Laferte führte es -- in den
-lombardischen März hinein. Am Ufer satt leuchtender Seen, Oliven silbern
-die Hänge hinauf, dunkle Haine von Zitronen und Orangen.
-Narzissenfelder. Rosige, helle Mandelblüten. Bunte, lärmende Städte,
-Paläste, rasche, laute Menschen. Vor der Stadt des Bischofs von
-Aquileja, dessen Schirmvogt ihr Vater war, das Meer, die schaukelnden,
-kühnen Schiffe, die Ferne, endlos, abenteuerlich.
-
-Der strahlende Triumph Johanns. Seine Feste, unter dem hellen Himmel
-doppelt freudig und sinnvoll. Die prunkenden, blühenden, überstolzen
-Frauen. Sie kam sich sehr allein und elend vor, hielt sich fern von den
-jungen Frauen, zeigte sich nur in der Gesellschaft alter, reizloser.
-Doch auch von diesen fühlte sie sich verachtet, bestenfalls bemitleidet.
-Sie waren nun welk und dürr; aber sie hatten doch einmal geblüht. Sie
-war in ihrer Blüte kahl und ohne Reiz. Unter diesem Himmel galt es noch
-weniger, daß sie klug war und von edelstem Blut und wissend. Unter
-diesem Himmel sah man nur das eine, immer nur dies: daß sie häßlich war.
-
-Sie war nicht feig, verkroch sich nicht, schluckte die ganze Bitterkeit
-solcher Erfahrung. Erschien bei Tafel, in der Loge beim Turnier, beim
-Tanz. Sah, wie beim Anblick des jungen adeligen Chretien, der hinter ihr
-schritt, die Lippen der Frauen sich öffneten, ihre Blicke voller wurden,
-verlangender, gewährender; wie sie dann abschätzig, höhnisch über sie
-selber glitten, den äffisch sich vorwulstenden Mund, die fahle,
-widerwärtige Haut. Sie wandte den Blick nicht ab vor solchem Hohn; kühl
-und so wissend begegneten ihre Augen den Höhnischen, daß die, fast
-beschämt manchmal, abließen.
-
-In Brescia traf Margarete zum erstenmal den Prinzen Karl, Johanns
-ältesten Sohn. Der Sechzehnjährige sah sehr erwachsen aus. Er hatte in
-Böhmen schon Regierungsgeschäfte selbständig erledigt, war beherrscht
-und gemessen. Von der Mutter hatte er gelernt, sich von dem Glanz des
-Vaters nicht blenden zu lassen. Mit seinen kühlen braunen Augen sah er
-Margarete, sah, daß sie häßlich war und gescheit. Man konnte mit ihr
-reden. Und während Johann im Palast der Signoria mit der wunderschönen
-Giuditta von Castelbarco den Tanz anführte, während festliche Kerzen
-brannten, so schwer, daß drei Männer nur mit Mühe sie hatten heben
-können, sprachen die beiden Kinder, des Königs Sohn und des Königs
-Schwiegertochter, unter Musik, Fahnen, silbernen Rittern, huldigenden
-Unterworfenen, nüchtern, sachlich von der Rückwirkung der lombardischen
-Ereignisse auf die Souveränität des Bischofs von Trient, von der
-schwierigen Finanzlage.
-
-Bis in den Juni hinein dauerte Johanns festliche Herrschaft in Italien.
-Margarete, trotz aller Kritik, konnte sich der theatralischen Blendung
-dieses Triumphzugs nicht entziehen. Dann wurden die Nachrichten aus
-Deutschland und Böhmen so bedrohlich, daß Johann jäh aufbrach, seinen
-Sohn Karl zurückließ, sich nach Böhmen warf. Hinter ihm, sofort und
-unvermittelt, brach sein abenteuerliches Italienisches Reich zusammen.
-Mit großen, erschreckten Augen sah Margarete, wie die lombardischen
-Herren, kaum war der König fort, aufwachten wie aus einem Rausch, sich
-zusammenschlossen, mit Robert von Apulien zettelten, trotz tapfern und
-geschickten Widerstands des Prinzen Karl die Luxemburger in wenigen
-Wochen aus dem Land warfen. Zersprengt, trist, schmachvoll, schwitzend
-flohen die silbernen Ritter aus der Lombardei, über der glühender Sommer
-braute. Johann verpfändete in aller Eile noch während des
-Zusammenbruchs, übel feilschend, an einzelne leichtgläubige deutsche
-Herren italienische Städte, die er längst verloren hatte. Aber er konnte
-mit diesen Summen nur einen ganz kleinen Teil decken von den riesigen
-Beträgen, die der toskanische Feldzug ihn gekostet hatte. Und nach
-langen Jahren noch, in Paris, in Prag, in Trier, wo er gerade
-residierte, erschien schattenhaft, unscheinbar, oftmals sich neigend,
-Messer Artese, der Florentiner, mit seinen beiden Brüdern und zeigte
-Verschreibungen vor, Wechsel, die einzigen Bleibsel des lombardischen
-Königreichs.
-
- * * * * *
-
-Seltsamerweise gewann Johanns italienisches Abenteuer gerade durch
-seinen Zusammenbruch für Margarete an Gewinn und Wirklichkeit. Nun war
-es vergangen und abgeschlossen, nun war es Geschichte, nun war es da.
-Ja, sogar die Verse des Herrn von Schenna, seine unglaubhaften Historien
-wurden dadurch leibhafter, wirklicher. Was König Johann in der Lombardei
-getan und erlebt hatte, das klang wie eine jener Fabeln. Und war doch
-wirklich, sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.
-
-Praktisch galt es, sich nicht verwirren zu lassen. Nahm man die Dinge
-nüchtern und klar, so war Johann an seinem Geldmangel gescheitert. Geld
-war nicht alles; aber es war ungeheuer wichtig. Schade, daß ihr Vater
-das ebensowenig einsah, wie ihr Schwiegervater. Sie sprach oft mit
-Johann von Viktring darüber. Da war der Heilige Vater ein anderer. Der
-saß, der zweiundzwanzigste Johann, zwerghaft, uralt, in seinem Palast in
-Avignon und häufte Geld. Schichtete es in Münzen, in Barren, in Silber
-und Gold, in Wechseln und Verschreibungen. Ei, wie luchste er scharfen
-Auges, daß auch jeder pünktlich Zehnten und Abgaben zahle. War ein
-Bischof im Rückstand, gleich kam der Papst mit dem Bann. Der arme
-Bischof Heinrich von Trient! Was nützte ihm sein eifriger Kampf für das
-rechtmäßige Papsttum! Weil er die sechshundertvierzig Dukaten nicht
-aufbringen konnte, die Avignon von ihm verlangte, flog der Bannstrahl
-gegen ihn. Und wie geschickt wußte der Papst die hohen Kirchenstellen zu
-besetzen! Jeder neue Bischof hatte die Gesamteinkünfte eines ganzen
-Jahres an die Kurie zu verabfolgen. Starb nun ein Bischof, so ward nicht
-etwa ein neuer Prälat an seine Stelle gesetzt, nein, der Papst berief
-den Inhaber eines andern Bistums in das erledigte, so daß mit dem Tod
-jedes Bischofs eine ganze Reihe päpstlicher Lehen frei ward. So war ein
-ewiger Wechsel in der hohen Hierarchie, ein Kommen und Gehen wie in
-einer Herberge, und der Heilige Stuhl bezog die fettesten Annaten.
-»Umsatz! Umsatz!« sagten der Papst und seine Kassiere. Ja, Papst Johann
-verstand es. Kein Wunder, stammte er doch aus Cahors, der Stadt der
-Bankiers und Börsenleute. Der größte Teil des abendländischen Goldes
-floß in seine Kassen. Der Papst hing an dem Geld; er brachte es nicht
-über sich, es weiterzuverwerten. Er hätte Rom und Italien damit
-wiedererobern können. Aber er liebte sein Geld zu sehr, er konnte sich
-nicht davon trennen. Er saß in seinem Avignon, uralt, gnomenhaft klein,
-über seinen Schätzen, streichelte die Wechsel und Verschreibungen, ließ
-das Gold rieseln durch seine dürren Zwergenfinger.
-
-Verdarb sich der kluge, energische, rastlose Papst seine Politik durch
-seine Habgier, so litt die Diplomatie des Kaisers sowohl wie des
-Luxemburgers und des Kärntners an ihrer Leichtherzigkeit in
-Finanzdingen. Aufmerksam hörte Margarete zu, wenn ihr der Abt
-auseinandersetzte, wie klar und sicher ihr Großvater Meinhard seine
-Geldwirtschaft fundiert hatte. Trüb und stirnrunzelnd sah sie zu, wie
-ihrem gutmütigen Vater alle Einkünfte in der Hand zerrannen. Wie er, um
-ein Pfand vor dem Verfall zu retten, immer größere und wichtigere
-hingab.
-
-Auch ihre Stiefmutter, die blasse, scheue Beatrix von Savoyen, litt sehr
-unter der wilden Finanzwirtschaft König Heinrichs. Sie war von ihren
-tüchtigen Eltern her ein sparsames Haushalten gewöhnt, und so scheu und
-bescheiden sie sich sonst im Schatten hielt, lag sie schließlich ihrem
-Gatten ständig in den Ohren wegen seiner Verschwendung. Sie war
-kränklich; König Heinrich sah ergeben und voll wässerigen Kummers, daß
-er auch von ihr keinen Erben zu erwarten habe. Sie aber gab die Hoffnung
-nicht auf. Sie rechnete, sie sparte, ließ sich von ihrem Mann Zölle und
-Gefälle verschreiben, erreichte es sogar, zäh kämpfend, daß nach
-Abfindung des Messer Artese von Florenz die Einkünfte des Haller
-Salzbergwerks ihr übertragen wurden. Sie wurde hart, habgierig,
-knauserig, alles für ihren Sohn, auf den niemand mehr hoffte, nur sie.
-
-Oft beriet sie mit Margarete, wie man da und dort den übeln Finanzen
-aufhelfen könne. Trotzdem Margarete solches Bestreben willkommen war,
-sah sie säuerlich und mit Widerwillen auf ihre Stiefmutter. Wie dürftig
-sie war, wie unfürstlich verstaubt und trocken bei aller Jugend!
-Margarete gestand sich nicht ein, daß dies nicht der Hauptgrund war, aus
-dem sie ihre Stiefmutter nicht leiden mochte. Die war sanft und
-freundlich zu ihr, fühlte sich ihr schicksalhaft verwandt. Sie hatte
-keinen Sohn, jene, die Ärmste, war so häßlich. Beide hatte sie Gott in
-ihrem Weiblichsten gekränkt und verkümmert. Aber Margarete wollte nicht
-hinüber zu ihr, drückte ihre streichelnde Hand nicht wieder. Denn
-Beatrix stand zwischen ihr und der Herrschaft. Was sonst blieb ihr, der
-Häßlichen, als die Hoffnung auf Herrschaft? Genas aber Beatrix trotz
-allem eines Knaben, dann war auch dies Letzte dahin.
-
-König Heinrich duldete die Bevormundung durch seine Gattin lächelnd und
-mit scherzhaft sich auflehnendem Raunzen. Nur in einem duldete er keine
-Einrede, und dahin wagte sich auch Beatrix niemals: seine Freigebigkeit
-gegen die zahlreichen Frauen, die ihm gefielen, und gegen ihre Kinder
-blieb ohne Grenzen.
-
-Wie er seine natürlichen Brüder, Albrecht von Camian und Heinrich von
-Eschenloh, in hohen Ehren hielt und sie mit Titeln, Würden, Herrschaften
-reich begabte, so wuchsen auch auf allen seinen Schlössern und Gütern
-Kinder von ihm heran. Er war viel zu gutmütig, Beatrix einen Vorwurf zu
-machen. Immerhin tat es ihm wohl, sich zu sagen: es lag nicht an ihm,
-wenn er keinen Erben hatte; es war Pech, schlechter Stern. So ging der
-alte Lebemann stolz und gehoben durch das blonde, schwarze kleine
-Gewimmel seiner Kinder. Er tätschelte sie gerührt: »Das da hat meine
-Augen! Und der da meine Nase.« Von einem Großen: »Er geht gerade wie
-ich. Der holt sich noch viele Preise im Turnier!« Einen ganz kleinen
-Matz, der noch kaum aussah wie ein Mensch, hob er hoch: »Er hat ganz
-genau mein Gesicht.« Und er verhätschelte die Kinder, schenkte ihnen
-Spielzeug, Zuckerwerk, auch Wiesen, Wälder, Berge, Schlösser.
-
-Margarete sah mit Sympathie auf ihre Halbgeschwister. Vor allem mochte
-sie den schon fast erwachsenen Albert gerne leiden, den König Heinrich
-zum Ritter geschlagen und mit dem Gericht Andrion belehnt hatte. Der
-blonde junge Herr hatte die ganze Gutmütigkeit seines Vaters, dazu eine
-starke, fröhliche Sicherheit in allem Gehabe, eine federnde, immer
-gleiche Heiterkeit. Er hatte nie den leisesten Spott für Margarete. Er
-selber war durchaus ohne Sinn für Bücher und Theorie und bewunderte
-ungeheuchelt ihre Gescheitheit und Wissenschaftlichkeit. Sie dankte es
-ihm, daß seine Achtung nicht durch ihre Häßlichkeit gemindert wurde.
-
-Auf die Frauen, denen sie begegnete, stets neuen, wo immer ihr Vater
-war, schaute sie mit langen Blicken, nicht übelwollend, fremd und voll
-neidischer Sehnsucht. Es waren Frauen jedes Standes, jedes Temperaments,
-deutsche und welsche; einige raschelten durch die Gänge, andere gingen
-schwer und lässig, wie hohe Glocken lachten die einen, die andern
-sprachen tief und langsam: alle aber, wenn sie der Prinzessin
-begegneten, wurden scheu, befangen, verkrusteten sich in einer Art
-feindseligen Mitleids. Ach, wer leben dürfte wie diese, so leicht und
-lässig! Ihr war es nicht erlaubt, sie war häßlich und war Prinzessin.
-Sie mußte streng sein mit sich. Sie durfte nicht rascheln wie die
-Eidechsen, sie mußte ihre harte, steile Straße gehen, geradeaus und
-immerzu, wie ein geschmücktes Saumtier, das, mit Prunk und Schätzen
-schwer bepackt, einem großen Herrn Geschenke bringt.
-
-Sie grübelte. Sie sprach mit dem Abt von Viktring darüber. War es eine
-Strafe Gottes, daß sie so häßlich war? Was wollte Gott mit ihr? Der Abt
-zitierte Anselmus: »Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der
-Anblick der Dinge. Diesseits und für nichts ist irdische Zierde zu
-achten.« Da er sah, daß solcher Trost nicht verfing, fragte er, ob sie
-es vorzöge, niedrig zu sein, eine Bauerstochter und den Männern
-wohlgefällig. »Nein,« erwiderte sie hastig, »das nicht! Das nicht!« Aber
-allein brach sie aus: »Ja, ja, ja! Mistfahren lieber den langen Tag,
-aber wohlgeschaffen, als so im Schloß, als mit diesem Mund, mit diesen
-Zähnen, diesen Backen!«
-
-Sie sprach mit der Äbtissin von Frauenchiemsee. Sie hatte ihre jüngere
-Schwester besucht, die kränkelnde, verkrüppelte Adelheid. Nun saß sie
-mit der feinen, welken, milden Äbtissin am Ufer der winzigen Insel.
-»Meine Mutter war nicht schön,« sagte das Kind, »doch sie war auch nicht
-häßlich.«
-
-Die alte Dame legte ihr die kleine, leichte Hand auf das kupferfarbene,
-harte Haar. »Ich will nicht von Gott reden und vom Jenseits,« lächelte
-sie, »wo nicht die Gestalt gilt. Aber wie rasch verfaltet auch diesseits
-das glatteste Gesicht! Noch fünfzehn Jahre, noch zwanzig hättest du es.
-Ich bin heute sehr zufrieden,« schloß sie, »daß ich niemals schön war.«
-
-Die beiden Frauen schauten auf den blassen, weiten See hinaus, matte
-Sonne schien, eine Möwe schrie.
-
-Das Jahr darauf, unvermittelt, legte sich ihre Stiefmutter Beatrix hin
-und stand nicht mehr auf. Sie war immer eine schwache Frau gewesen, nun
-war die Enttäuschung dazugekommen, daß sie ohne Kinder blieb. Als sie
-schon die Sterbesakramente empfangen hatte, sagte sie noch ihrem Mann,
-er solle ja seinen Leibschneider stäupen lassen und mit Schimpf
-davonjagen. Er unterschlage gemein viel von den kostbaren Stoffen, die
-er für des Königs Garderobe benötige. Auch solle sich Heinrich einen
-neuen Lederbehälter anschaffen für seine schöne Rüstung. Dann empfahl
-sie ihre Seele Gott und starb.
-
-Nun waren Johann und Margarete die unbestrittenen Erben des Landes in
-den Bergen; denn niemand ahnte von dem Geheimvertrag zwischen den
-Habsburgern und den Wittelsbachern. Selbst der Knabe Johann wurde
-beschwingter durch sein Erbprinzentum. Er sagte sich die Titel vor, die
-er haben wird: Herzog von Kärnten, Görz, Krain, Graf von Tirol,
-Schirmvogt der Bistümer Chur, Brixen, Trient, Gurk, Aquileja. Er malte
-sich die merkwürdigen alten Zeremonien der Thronübernahme in Kärnten
-aus, die ihm sehr gefielen. Wie da der Fürst in Bauerntracht kommt und
-einen freien Bauern von dem Stein vertreibt, auf dem dieser sitzt. Wie
-er, auf dem Stein stehend, das blanke Schwert nach allen Richtungen
-schwingt. Wie er aus einem Bauernhut einen Trunk frischen Wassers
-trinkt. Und der Knabe Johann kam sich sehr wichtig vor.
-
-Margarete, bewegt von dem Tod ihrer Stiefmutter, gelöst durch das
-Gefühl, nun sichere Erbin des Landes zu sein, fand Chretien de Laferte
-an ihrem Weg. Sie sprach zu ihm wärmer als sonst, ein erregtes Mädchen.
-Sie hätte, wie gern! ein sanftes, menschliches Wort von ihm gehört. Er
-aber neigte sich zeremoniös, sprach zu ihr gehalten und voll Ehrfurcht
-als zu seiner Fürstin.
-
-Der gute König Heinrich wurde durch den Tod seiner Gattin noch frömmer.
-Er aß und trank zwar noch reichlicher, hielt sich auch noch mehr Frauen.
-Aber er betete auch noch mehr als früher, beichtete viel, war immerfort
-zerknirscht und machte noch größere Stiftungen als bisher für Klöster
-und Kirchen.
-
-
-
-
-Im Bistum Chur war ein gewisser Peter von Flavon begütert, Lehensmann
-des Bischofs von Chur. Herr von Flavon fiel in einem der italienischen
-Feldzüge König Heinrichs in jungen Jahren. Er hinterließ eine Witwe, die
-anfangs der Dreißig war, und drei Töchter. Es war strittig, ob die
-hinterlassenen Besitzungen nur in männlicher Linie vererbten, oder ob
-sie Weiberlehen waren. Bischof Johannes von Chur und sein Kapitel gingen
-daran, die Güter einzuziehen. Frau von Flavon kam hilfesuchend mit ihren
-drei unmündigen Kindern zu König Heinrich. Kniete vor ihm, weinte. Ihr
-guter, junger, tapferer Mann! Und in Diensten König Heinrichs war er
-gefallen. Und nun wollte sie der gewalttätige Bischof von Chur ihres
-Wittums berauben und sie und die armen Waisen in Not und Elend stoßen.
-Die drei hübschen, rundlichen, kleinen Töchter, rosig und appetitlich in
-ihren schwarzen Kleidern, knieten neben ihr, flennten. Der gute König
-Heinrich war sehr gerührt.
-
-Schrieb dem Bischof von Chur. Trat heftig für Frau von Flavon ein. Der
-Bischof schrieb kurz und gekränkt zurück. Gab kein Zipfelchen seines
-Anspruchs auf. Die Witwe, die inzwischen mit ihren Töchtern gastlich auf
-Schloß Zenoberg aufgenommen war, gefiel dem König Heinrich von Tag zu
-Tag besser. Es kam zu bösen Streitigkeiten mit dem Bischof, ja zu Fehden
-und Gewalttaten. Schließlich erreichte der König für Frau von Flavon
-einen mageren Vergleich.
-
-Inzwischen war die Dame seine erklärte Freundin geworden. Es ging nicht
-an, sie mit kärglichen Bissen abzuspeisen. Sollten die armen Würmer,
-deren Vater für ihn gestorben war, als kleine Landedelfräulein
-heranwachsen? Nein, so knauserig war König Heinrich nicht. Er verlieh
-ihnen die Herrschaften Taufers und Velturns. Darüber geriet er zwar in
-Händel mit dem Bischof von Brixen, der diese erledigten Lehen für sich
-in Anspruch nahm. Aber König Heinrich hielt zäh fest. Zahlte schließlich
-dem Bischof Geld heraus; aber die Dame blieb im Besitz der beiden
-Gerichte.
-
-Sie machte mit ihren drei Töchtern viel Gewese von sich. Sie fühlte sich
-sicher im Schutz des Königs. Sie war eine hübsche Frau, sehr weiß von
-Haut, sehr blond von Haar, fest und rundlich. Sie lachte gern und viel,
-fehlte bei keinem Tanz und Turnier. Auf ihren Schlössern hörte das
-festliche Gelärm nicht auf. Sie mußte immer zu tun haben, mengte sich in
-alles, erzählte wichtig belanglose Nebenumstände, warf alles
-durcheinander. Plötzlich kam sie auf den Einfall, ihren Gatten in der
-Kapelle ihrer Burg Taufers beizusetzen. Durch Jahre betrieb sie diese
-Angelegenheit, reiste schließlich in die Lombardei. Der dort formlos
-bestattete Tote wurde ausgegraben, die Leiche, wie üblich in siedendes
-Wasser geworfen, daß das Fleisch sich von den Knochen löse, die Gebeine
-nach Taufers gebracht, feierlich unter großem Lamento der Damen von
-Flavon beigesetzt. Es war aber keineswegs gewiß, ob es auch die Reste
-des Herrn von Flavon waren.
-
-Die drei Mädchen wuchsen ohne viel Erziehung heran, wild und sehr
-verwöhnt. Stets balgten sie sich untereinander, wegen jeder Kleinigkeit
-gab es, häufig bösartigen, Zank. So oft der gute König kam, mußte er
-schlichten, besänftigen. Auch lehnten sie sich gegen die Mutter auf,
-standen oft zusammen gegen sie. Die Mutter klagte dem König über die
-Töchter vor, die über die Mutter. Ebenso sinnlos waren sie dann alle
-wieder versöhnt, betonten lärmend ihr trauliches Familienleben. Die
-Kinder tollten in ihren weiten Besitzungen herum, störten die Amtleute,
-quälten die Bauern, plackten Mensch und Tier.
-
-Sie waren alle drei sehr hübsch, weiß, glatt, rosig, fleischig, blond.
-Die schönste war die mittlere, Agnes von Flavon. Größer als die
-Schwestern, die Haare dunkler, leuchtender, das Gesicht länger, nicht so
-rund, auch die Nase nicht so puppig klein und die Lippen kühner. Alle
-drei waren die Schwestern sehr eitel. Agnes, so jung sie war, gute zwei
-Jahre älter als die Prinzessin Margarete, galt unbestritten als die
-schönste Dame zwischen Etsch und Inn. Bei allen Turnieren ritt man für
-sie; sie erteilte die Preise. Rühmte man die welschen Damen, so riefen
-die deutschen Herren wie aus einem Mund: Agnes von Flavon, und die
-Italiener verstummten. In Trient, als ihre Mutter sie in einer
-Lehensangelegenheit mit an den Hof des Bischofs nahm, stand das Volk vor
-dem Palast, wartete, rief begeistert: »Ein Engel ist herabgestiegen!
-Segne uns, schöner Engel!«
-
-Agnes war sich ihrer Schönheit sehr bewußt. Es war ihr
-selbstverständlich, daß der König, die Ritter, das Volk ihr jeden Wunsch
-erfüllten. Sie betrachtete sich als die Herrin von Tirol.
-
-König Heinrich, in einer Art gutmütigen Taktes, vermied es, die schönen
-Schwestern mit seiner Tochter Margarete zusammenzubringen. Manchmal
-freilich ließ es sich nicht umgehen. Agnes behandelte Margarete bei
-aller äußeren Wahrung der Form mit einer gewissen spöttischen
-Herablassung, die die Prinzessin bis aufs Blut reizte. Einmal, als die
-beiden Mädchen allein waren und nur Chretien de Laferte bei ihnen, und
-als fast eine halbe Stunde lang Stichelreden zwischen den beiden Mädchen
-hin und her gegangen waren, bat Agnes, sich verabschiedend: »Begleiten
-Sie mich, Herr Chretien!«
-
-»Herr Chretien bleibt!« sagte Margarete, die Stimme ungewohnt trocken
-und hart. Dann aber, als Agnes achselzuckend mit einem bösartigen,
-spöttischen Lächeln gegangen war: »Gehen Sie, Chretien! Gehen Sie!«
-Ratlos, bestürzt, folgte der junge Mensch dem Fräulein von Flavon. Die
-Prinzessin, allein, verzerrt, atmete, fauchte.
-
-Mit Herrn von Schenna saß sie über einer bebilderten Vershandschrift.
-Blanscheflur sah aus wie Agnes. Herr von Schenna und die Prinzessin
-schauten auf das bunte Bild. »Ja,« sagte Herr von Schenna nach einer
-Weile, »sie sieht aus wie Agnes.«
-
-»Sie ist wunderschön,« sagte Margarete mit einer gepreßten, seltsam
-erloschenen Stimme.
-
-»Aber Fräulein von Flavon hat viel dümmere Augen,« sagte Herr von
-Schenna.
-
-»Lesen wir weiter!« sagte Margarete, und ihre Stimme klang dunkel, voll
-und warm wie vorher.
-
- * * * * *
-
-König Heinrich alterte sehr früh, verfiel zusehends. Seine Hände
-zitterten, oft verlor er die Sprache, lallte. Wilde, atemlose Furcht vor
-Strafe im Jenseits befiel ihn. Er hatte so oft an Kirchenportalen, auf
-Gemälden das Jüngste Gericht dargestellt gesehen, den Höllenrachen,
-scheußliche Teufel aus dem Schwefelpfuhl grinsend. Dies alles rückte ihm
-jetzt in schreckhafte Nähe. Er verdoppelte seine frommen Schenkungen,
-bedachte Marienberg, Stams, Rotenbuch, Benediktbeuern mit reichen
-Stiftungen. Aber dies vermochte ihn so wenig zu beruhigen wie die
-tröstlichen Versicherungen des Abtes von Viktring. Um sich zu kasteien,
-ließ er in der Kapelle von Zenoberg eine Bahre aufstellen und legte sich
-eine ganze lange Winternacht hinein. Da kamen die Menschen, die er hatte
-berauben lassen, foltern, umbringen; er war ein gutmütiger Herr, aber es
-waren doch sehr viele. Da kamen Frauen, mit denen er Unzucht getrieben
-hatte; sie wiesen ihm lächelnde Gesichter, aber drehten sie sich um, so
-war ihr Rücken tief in die Eingeweide hinein zerfressen von ekelm,
-eitrigem Gewürm. Die ganze Kapelle war voll von scheußlichen Teufeln,
-die nach ihm krallten, ihn hetzten. Er schrie. Aber er hatte die Kapelle
-versperren lassen und befohlen, daß niemand in ihrer Nähe sei, auf daß
-er müsse bis zur Frühmesse allein bleiben mit seinen Sünden und seiner
-Reue. Schließlich ertrug er es nicht mehr. Er kletterte -- die Angst
-machte ihn geschickt -- die Wand hinauf, sprang durch das Fenster.
-Verkroch sich zähneklappernd, kalt schwitzend in sein Bett.
-
-Von da an siechte er hin. Er sprach oft für sich allein, hustete hohl
-und hilflos. Margarete war viel um ihn, doch ohne große Teilnahme. Nun
-wird er also sterben. Er kann nicht klagen, er hat sein Leben weidlich
-genützt.
-
-Sehr gerne hatte er seine Kinder um sich, besonders die ganz kleinen. Er
-schlurfte herum zwischen dem winzigen, lallenden, auf krummen Beinchen
-trippelnden, purzelnden Volk, schneuzte dort eine kleine Rotznase,
-sänftigte hier einen sinn- und atemlos schreienden, rutschenden, dicken,
-rosigen Balg. Er hob die Kinder hoch, setzte sich ganz nahe zu ihnen,
-erzählte den ernsthaft und verständnislos Lauschenden mit vielem Seufzen
-von Geld, von Kirchenbuße, von hoher Politik.
-
-April kam. Das Land stäubte unter einem azurnen Himmel von Mandel- und
-Pfirsichblüten. Da spürte er, daß es aus war. Er ließ sich in die
-Kapelle des heiligen Pankratius bringen. Eine milde, blaue Maria
-lächelte ihm zu. Das bunte, bemalte Kirchenfenster leuchtete freundlich
-in der starken Sonne. Kleine Kinder standen großäugig um ihn herum und
-der sanfte, betuliche Abt von Viktring. So ereilte ihn ein letzter
-Blutsturz, erstickte ihn.
-
-Der Leichnam wurde ausgeweidet, einbalsamiert, Herz und Eingeweide
-sollten auf Schloß Tirol, die übrigen Reste sollten später unter größten
-Feierlichkeiten in der Fürstengruft des Klosters Sankt Johannis zu Stams
-bestattet werden.
-
-Der Bischof von Brixen, der auf die Nachricht vom Ableben König
-Heinrichs sich sofort nach Schloß Tirol aufmachte, noch bei Nacht
-reitend, hörte auf der Straße das Getrappel von vielen kleinen
-Schritten. Er fragte seine Leute, ob sie nichts sähen. Die hörten wohl
-auch das Geräusch, aber sie gewahrten nichts. Wie nun der Bischof
-schärfer durch die Nacht blickte, sah er, daß es die Zwerge waren, die
-eilig in dickem Zug nach Norden wanderten. Sie hatten aber ihre
-Edelsteine an den Fingern, so daß nur er sie sehen konnte. Er hielt
-einen an und fragte. Der erwiderte, nun der gute König Heinrich tot sei,
-fühlten sie sich nicht mehr sicher und müßten das Land verlassen.
-
- * * * * *
-
-Noch am gleichen Tag ritten die Kuriere, die die Todesnachricht ins Land
-trugen. Einer über die Berge in die welsche Ebene nach Verona. Da
-freuten sich die Brüder della Scala. Nun wird es Verwirrung geben in den
-Bergen. Nun wird man wieder die Hand ausstrecken können nach Norden,
-sich ein Stück Land erraffen. Einer ritt nach Wien. Da saß der lahme
-Herzog Albrecht, immer fröstelnd, am Kamin, schlecht rasiert, mager,
-kränkelnd. Er horchte hoch auf, beschickte seinen Bruder, berief
-Sekretäre, diktierte, vergaß zu essen über Plänen und Arbeit. Einer ritt
-nach München zum Kaiser Ludwig. Der schaute ihn an aus seinen großen,
-treuherzigen, blauen Augen über der langen Nase, und während er in
-umständlichen, biederen Worten seine Trauer bekundete über den Hingang
-des vielgeliebten Oheims, bedachte er schwerfällig die Vorwände, unter
-denen er am bequemsten seine kleine Kusine um ihre Länder bringen
-könnte.
-
-Margarete beschaute sich im Spiegel. In die Elfenbeinkapsel, in die das
-Glas eingelassen war, schnitt sich ein Relief, auf dem die Burg der Frau
-Minne erobert wurde. Nun ja, so wie die Frau Minne war sie, Margarete,
-eben nicht von Antlitz und Figur. Dafür war sie Herzogin von Kärnten und
-Gräfin von Tirol. So also schaute eine Herzogin aus. Sie prüfte sich mit
-bitterem Scherz. Laß sehen! Augen und Stirn gingen an. Das Schlimmste
-war der Mund, dies überworfene Affenmaul. Nun, dafür hatte sie Kärnten.
-Dann waren die schlaffen Hängebacken ein arges Übel. Aber wurde es nicht
-aufgewogen durch die Grafschaft Tirol? Und der graue, fleckige Teint?
-Legt Trient darauf, Brixen, Chur, Friaul. Ist er dann nicht glatt und
-rein?
-
-Johann, ihr Gemahl, war geschwellt. Nun war er Fürst und Herr. Er wurde
-geradezu liebenswürdig in seiner gehobenen Laune. Margarete betrachtete
-ihn. Eigentlich war er ein hübscher Junge: das lange, herrische Gesicht,
-das schöne Haar. Auch seine Augen schienen ihr heute freier, kühner. Er
-dachte: Schön ist sie nicht. Aber die Länder sind schön, die sie mir
-zubringt. Er sagte zu ihr: »Na? Gretl?« und küßte sie herzhaft auf ihren
-häßlichen Mund. Er tat ein übriges und sagte, jetzt müsse sie auch
-einmal auf die Falkenbeize mit ihm gehen.
-
-Dann saßen die beiden Kinder zusammen, sehr ernsthaft, und berieten ihre
-ersten Regierungsmaßnahmen. Die Lage war nicht einfach. Die Feudalbarone
-waren schwierig, würden gewiß die Lage ausbeuten wollen. Der Knabe
-Johann setzte sein hochmütiges Gesicht auf. Er wird sie schon
-kleinkriegen. Er ist auch wilder Pferde schon Herr geworden. Vor allem
-muß man seinen Vater beschicken, den König Johann; der ist wohl noch in
-Paris, beim Turnier, bei seinem Schwager, dem König von Frankreich. Dann
-müssen Boten an den Kaiser, an die Herzoge von Österreich. Die Kinder
-befahlen den Abt von Viktring zu sich, betrauten ihn mit der Botschaft,
-gravitätisch und doch mit gespielter Leichtigkeit. Sie setzten ihre
-Namen unter die Vollmacht: Johann von Gottes Gnaden Graf von Tirol,
-Margareta, _Dei gratia Carinthiae dux, Tyrolis et Goritiae comes et
-ecclesiarum Aquilensis Tridentinae et Brixensis advocata_.
-
-Doch als der Abt von Viktring diesen Brief übergab, hatten seine
-Auftraggeber die meisten dieser Länder schon verloren. In Linz saß der
-Kaiser mit dem lahmen Habsburger, beriet die Ausführung jenes Vertrags,
-der das Land in den Bergen zwischen Habsburg und Wittelsbach teilte.
-Ungeschlacht, wuchtig saß der Bayer, wollte alles für sich haben, von
-keinem kleinsten Dorf die Finger lösen. Zäh und hartnäckig zerrte der
-lahme Herzog, wählte scharfe, bittere Worte, gab nichts preis. Sie
-saßen, schauten, die Gedanken nur bei ihren Karten und Registern, auf
-die hochgehende Donau, Regen rann, die beiden Männer lagen über dem
-fetten Besitz, rissen hin und her. Hart feilschend kamen sie endlich
-überein: Kärnten, Krain, Südtirol an den Österreicher, Nordtirol an den
-Bayern. Als sie so weit waren, kam der Abt von Viktring mit den Briefen
-und Empfehlungen der Kinder. Sehr höflich empfingen ihn die beiden
-Fürsten. Lasen aufmerksam die Briefe. Mit undurchdringlichem Spott
-erwiderte zunächst der Österreicher, wie sehr der Tod seines Oheims, des
-edeln und hocherlauchten Fürsten, Seniors ihres ganzen Geschlechts und
-Vaters ihrer aller, ihm ans Herz gehe. Wie tief er seine kleine Base und
-ihren jugendlichen Mann bedaure. Krain gehöre nun ihm. Kärnten habe ihm
-die Freigebigkeit des Kaisers verliehen, Truppen seien schon unterwegs,
-das Land für ihn zu besetzen. Wenn er sich aber sonstwie seiner kleinen
-Base gefällig und behilflich erweisen könne, wolle er es gerne tun.
-Ähnlich sprach der Kaiser selbst, den Abt mit seinen großen blauen Augen
-treuherzig und unverwandt anstarrend. Nur sprach er feierlicher,
-tönender, weil er eben der Kaiser war. Leider seien die Kinder mit ihren
-Bitten zu spät gekommen; er habe mit seinen lieben Oheimen von
-Österreich schon alles abgemacht. Im übrigen wolle er sich die Sache in
-Gnaden angelegen sein lassen.
-
-Die beiden Kinder auf Schloß Tirol, sowie sie sahen, wie schlecht ihre
-Angelegenheit stand, schickten Eilboten auf Eilboten nach Paris zu ihrem
-Vater und Vormund, dem König Johann. Aber der war im Turnier übel
-verwundet worden. Er lag zerschlagen und zerschunden, des Augenlichtes
-fast beraubt, in Verbänden und Umschlägen und konnte nach Tirol nur den
-matten Trost schicken, die Kinder sollten guten Mutes sein; sowie seine
-Kräfte es erlaubten, werde er selbst kommen und sie und ihre Länder
-schützen. Es war ein besonderer Unstern, daß er hilflos im Bett liegen
-mußte, während der Kaiser und Habsburg die reichen Länder, die er sich
-durch so langwierige und geschickte Diplomatie gesichert hatte, unter
-sich verteilten. Allein Spieler und Fatalist, der er war, ging ihm auch
-dies Unglück nicht sehr tief. Er war an jähen Wechsel gewohnt, riß in
-aller Ohnmacht und Erbärmlichkeit leichtfertige Witze über die Frauen
-und die Länder, die ihm auf diese Art entgingen, rechnete mit dem
-Gleichmut des Spielers auf eine glückliche Wendung.
-
- * * * * *
-
-Unterdes wurde Kärnten und Krain ohne Widerstand von den Habsburgern
-besetzt. Die Städte huldigten ihnen, die Lehensurkunde des Kaisers wurde
-überall feierlich verlesen, die Feudalbarone und Beamten stellten sich
-auf den Boden der Tatsachen, ließen sich auf die neuen Herren
-vereidigen. Die führenden Herren, an ihrer Spitze der gravitätische
-Konrad von Auffenstein, der Statthalter des verstorbenen Königs, von ihm
-mit reichstem Gut und allem Vertrauen bedacht, spielten dabei eine sehr
-zwielichtige Rolle. Die Bevölkerung wurde mit dem Verrat an den beiden
-Kindern dadurch ausgesöhnt, daß sich in Vertretung seines lahmen Bruders
-der Herzog Otto von Österreich den alten, umständlichen,
-patriarchalischen Bräuchen unterzog, die in Kärnten bei der
-Inthronisation üblich waren und auf die sich der kleine Prinz Johann so
-gefreut hatte. Er zog also Bauerntracht an, hieß den dazu bestellten
-Bauern von dem Stein aufstehen, trank Wasser aus einem Bauernhut und
-übte mehr dergleichen überkommene Zeremonien. Der Bevölkerung gefiel
-dieses Festhalten an den väterlichen Bräuchen außerordentlich, die Leute
-waren gerührt, bekannten sich überzeugt zu dem neuen Fürsten. Herzog
-Otto war übrigens ein feiner, modischer junger Herr; er kam sich in der
-Bauerntracht sehr komisch vor, er und seine Herren machten noch lange
-Witze darüber. Das umständliche Zeremoniell war trotz allem da und dort
-nicht eingehalten worden, es gab Leute, die darüber murrten; auf Schloß
-Tirol bemerkte der Herzog Johann mit grimmiger Befriedigung, daß ihm das
-nicht passiert wäre. Allein wie immer, Kärnten und Krain, die Hälfte
-ihrer Länder, waren vorläufig für Margarete und ihren Gemahl verloren.
-
-Margarete war nie eine pathetische Natur gewesen. Sie hatte nicht
-erwartet, daß Kärnten aus Treue zu dem angestammten Herrscherhaus sich
-nun flammend vor sie hinstellen und schützen werde. Aber die schnöde
-Art, wie man mit der größten Selbstverständlichkeit das Recht preisgab
-und sich auf die Seite der Macht schlug, in aller Hast noch kleine
-Vorteile für sich erschachernd, füllte sie dennoch an mit Ekel und
-Empörung. Sie hatte keinen Einwand, als Herzog Johann, schäumend, mit
-überschlagender Stimme, fußstampfend, Order gab, Burg Auffenstein bei
-Matrei, das Stammschloß des treulosen Kärntner Gouverneurs, zu
-zerstören. Der kluge Herr von Schenna meinte freilich, es wäre
-gescheiter gewesen, es einfach zu beschlagnahmen.
-
-Blieb Kärnten verloren, so entwickelten sich in Tirol die Dinge für die
-Kinder sehr günstig. Die tirolischen Barone hatten von dem Luxemburger
-weitgehende Versicherungen, daß er ihnen in die maßgebenden Ämter keine
-fremden Vögte hineinsetzte; jedenfalls war mit den beiden Kindern
-leichter auszukommen als mit dem in Gelddingen durchaus nicht
-gemütlichen Wittelsbacher. Die Tiroler Herren blinzelten also einander
-zu, verständigten sich, beschlossen, in bewährter tirolischer Treue zu
-ihrer angestammten Herrin zu stehen, rüsteten bewaffneten Widerstand,
-schürten die gute Gesinnung im Land.
-
-So fand Herzog Johanns älterer Bruder, Markgraf Karl, den König Johann
-vorläufig in seiner Vertretung nach Tirol schickte, die Grafschaft in
-gutem Stand zur Verteidigung, und die drei Kinder konnten in einem
-kurzen Krieg, der äußerst sachlich, gründlich und grausam geführt wurde,
-Tirol halten. Der kleine Herzog Johann zeigte sich übrigens in diesem
-Krieg von einer persönlichen, verbissenen, krampfhaften Tapferkeit, die
-nicht ohne Eindruck auf Margarete blieb.
-
-Mittlerweile konnte auch König Johann wieder vom Krankenlager aufstehen.
-Seine Augen freilich waren nicht mehr zu retten. Er sah von der Welt nur
-mehr einen schwachen Schimmer und wußte, daß er bald gar nichts mehr
-werde sehen können. Dies machte ihn etwas müde, geneigt zu Philosophie
-und Pazifismus. Auch der Habsburger, der lahme Albrecht, war des Kampfes
-müde; er sah, daß außer Kärnten vorläufig für ihn nichts zu holen sei
-und daß er, führe er den Krieg weiter, sich lediglich für den Kaiser
-schlage, der sich, ging es ans Zahlen, diesmal wie stets einsilbig,
-hochmütig und schofel hinter seine Kaiserwürde zurückzog. Albrecht kam
-unter diesen Umständen mit Johann bald überein, erkannte die Luxemburger
-als rechtmäßige Herren von Tirol an, wogegen Johann sich mit der
-Habsburger Herrschaft in Kärnten einverstanden erklärte; natürlich
-verlangte er noch einen finanziellen Ersatz: zehntausend Veroneser
-Silbermark.
-
-Da er gerade im Verträgeschließen war, schlug er auch dem Kaiser einen
-Handel vor: Brandenburg gegen Tirol. Ludwig, der mit Leidenschaft solche
-Geschäfte betrieb, war sogleich dabei, und die beiden Fürsten erwogen
-stark angeregt die Einzelheiten des Projekts. Da aber schlug die Treue
-der Tiroler zu ihrer Fürstin in lohen Flammen empor -- die Feudalbarone
-wären ja durch die Herrschaft der Wittelsbacher finanziell schwer
-beeinträchtigt gewesen; es kam zu den heftigsten Resolutionen, und die
-Volksbewegung war so stark, daß König Johann feierlich bezeugen mußte,
-er habe nie an eine derartige Vertauschung gedacht. Ja, sein Sohn und
-Statthalter, der Markgraf Karl, hielt die Stimmung für so bedenklich,
-daß er in den Vater drang, sich mit den höchsten Eiden zu verpflichten,
-Tirol niemals zu veräußern. Was dieser achselzuckend und liebenswürdig
-lächelnd tat.
-
-Das junge Ehepaar dachte übrigens nicht daran, die Abmachungen Johanns
-über Kärnten zu vollziehen. Margarete erging sich in den heftigsten
-Worten, wie ihr Vormund ihre Interessen schnöde verschachere; sie und
-ihr junger Gemahl hielten ihre Ansprüche auf Kärnten und Krain voll
-aufrecht. Der junge Herzog Johann fand hierbei willkommenen Anlaß zur
-Entfaltung einer großen, pathetischen Zeremonie. Er sammelte den Adel
-Tirols um sich und ließ die Herren, malerisch angeordnet, die Schwerter
-gezogen, auf das Kreuz schwören, nicht zu ruhen und zu rasten, bis
-Kärnten wieder in seinem und Margaretens Besitz sei.
-
-Der blinde König Johann fand, sein Sohn sei ein kleiner Esel. Denn die
-einzige Folge dieses großen Auftritts war, daß Österreich die
-zehntausend Mark Veroneser Silbers nicht zahlte. Tatsächlich blieben die
-Österreicher im Besitz Kärntens, die feierlichen Tiroler Herren steckten
-trotz des Schwurs ihre Schwerter wieder in die Scheide, und durch die
-Räume König Johanns glitt schattenhaft, unscheinbar und mit vielen
-Verneigungen Messer Artese aus Florenz.
-
-
-
-
-Der Herzog Johann wurde reifer, männlicher. Sein Gesicht blieb trotzig,
-hinterhältig, verbissen; aber sein Körper verlor das Stakige,
-Überlang-Magere, ward fest, stattlich, nicht sehr gelenk, doch sicher.
-Er war ein guter Jäger, verstand sich ausgezeichnet auf die Falkenbeize,
-bewährte auch im Krieg persönliche Tapferkeit. Margarete gefiel er. Es
-gab schönere Männer, klügere, glänzendere. Aber er hatte sich bei den
-schwierigen Kämpfen um den Besitz des Landes nicht schlecht gehalten,
-war kein Knabe mehr, war sehr jung zum Mann geworden, war ihr Mann. Er
-vermied sie. Je nun, er war wohl überhaupt scheu; gesprächig,
-vertraulich war er nur mit seinen Jägern; man mußte um ihn werben. Sie
-stellte sich in seinen Weg. Es nutzte nichts; er ging ihr, abweisend,
-vorbei.
-
-Sie füllte ihren Tag mit tausend Beschäftigungen, Putz, Repräsentation,
-Politik, Studien. Aber ihre Gedanken hakten sich immer wieder an ihn.
-Warum konnte sie nicht zu ihm gelangen? Ihre Nächte waren voll von ihm.
-Aufdringlich fast suchte sie seine Gesellschaft. Fand alle möglichen
-Vorwände, sowie sie ihn nur in der Nähe wußte, bei ihm einzudringen.
-Aber er war immer eilig, bog mürrisch jedem vertraulichen Wort aus. Sie
-suchte nie den Grund in seinem schlechten Willen, war ihm für
-keinen Augenblick böse. Suchte alle Schuld in sich, in ihrer
-Ungeschicklichkeit.
-
-Sie mußte sich anvertrauen, sich Rats holen. Aber bei wem? Ihre Frauen
-waren dürr und albern, der gutmütige Abt von Viktring würde mit
-erbaulichen Sprüchen und Zitaten kommen. Nach einer schlaflosen Nacht
-sprach sie mit Herrn von Schenna.
-
-Der lange Herr saß in schlechter Haltung vor ihr, ein Bein über das
-andere geschlagen, das etwas welke Gesicht in die große Hand gestützt.
-Durch die feinen Pfeiler der Loggia sah man weit in die Berge hinein
-über das starkfarbene, üppige, besonnte Land. An den Wänden der Loggia
-schritt sehr bunt und überschlank Tristan. Isolde stand, die eine Hand
-gehoben, hoch und abweisend. Zu Füßen der Herzogin Margarete spreizte
-sich der Hauspfau. Margarete, in einem malvenfarbenen Kleid, das
-kupferne Haar schillernd in dem hellen Tag, aber alle Häßlichkeit auch
-des Gesichts in dem klaren Licht grob und mitleidlos enthüllt, sprach
-stockend, in halben Worten. Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen
-wollte; dennoch kam jetzt ihre sonst so gewandte Rede nicht recht
-vorwärts, und sie sprach in Andeutungen. Schließlich war Johann doch ihr
-Mann. Irgend jemand müsse ihm das doch sagen. Sie selber, das gehe doch
-nicht gut.
-
-Sie sah Herrn von Schenna an. Aber der saß ganz still, blinzelte in der
-Sonne, schwieg. Mutloser noch fuhr sie fort. Es war früher manchmal
-dagewesen, daß Fürsten, die als Kinder waren verheiratet worden, später
-feierlich Beilager hielten. Johann hänge so an Zeremonien. Ob Herr von
-Schenna es für angängig halte, daß sie Johann ein solches Fest
-vorschlage.
-
-Herr von Schenna ließ eine Weile verstreichen, ehe er antwortete. In die
-besonnte Stille hinein schrie der Pfau, von unten her aus den tieferen
-Reben, sehr fern, klang das Geschrei spielender Kinder. Herr von Schenna
-wußte, daß der junge Herzog anderen Frauen gegenüber durchaus nicht so
-scheu und blöde war wie Margareten. Behutsam, langsam, merkwürdig sacht
-hub er endlich an. Wie er den jungen, eigenwilligen, herrschsüchtigen
-Fürsten kenne, glaube er nicht, daß er einen Gedanken ausführen werde,
-den ein anderer ihm eingebe. Vielleicht daß sich einmal Gelegenheit
-biete, ihm den Gedanken so unmerklich beizubringen, daß er ihn für einen
-eigenen halte. Aber man müsse sehr, sehr vorsichtig sein. Und abwarten.
-
-Dann, froh, abbiegen zu können, wies er auf einen Herrn, der langsam in
-der prallen Sonne den Weg heraufritt: »Da kommt Berchtold.«
-
-Die Herzogin sehr ehrerbietig grüßend, kam Berchtold von Gufidaun heran.
-Der stattliche Herr, bräunlich kühnes Gesicht, blaue Augen merkwürdig zu
-dem dunkeln Haar, war Jakob von Schennas bester Freund. Herr von Schenna
-pflegte zu sagen: »Er ist zweimal so dumm wie ich, aber zehnmal so
-anständig.« Margarete mochte den festen, biederen, sehr ergebenen Mann
-gern leiden.
-
-Herr von Schenna ließ Wein und Früchte bringen. Es ging gegen Abend, man
-hielt ein geruhsames Gespräch. In eine Stille hinein fragte plötzlich
-Margarete: »Sagen Sie, Herr von Gufidaun, Sie kommen doch mit vielen
-Leuten zusammen, mit Aristokraten, Stadtbürgern, Bauern: wie denkt
-eigentlich das Volk über mich?« Der ehrliche Mann, überrumpelt, drückte
-unbehaglich herum, das Volk liebe und ehre sie geziemend. Schwitzte
-unter dem klaren, ernsten Blick des Mädchens. Schenna kam dem Verlegenen
-zu Hilfe. Überall wisse man, wie klug und gewandt sie sei und daß sie
-das Land vor Habsburg und Wittelsbach gerettet habe.
-
-Margarete fühlte sehr wohl, daß die Vorsicht, die Herr von Schenna ihr
-riet, sehr am Platz war, mehr als seine Höflichkeit ihr sagte. Aber sie
-wollte sich das nicht eingestehen. Sie konnte nun nicht länger untätig
-bleiben und zusehen, wie Johann an ihr vorbeiging. Gut, ihr Gesicht war
-häßlich, ihre Figur breit, unedel, ohne Reiz. Aber sie war gesund, sie
-hatte Blut, sie war bereit, tüchtig und berechtigt, Fürstenkinder zu
-empfangen, zu gebären. Die Männer waren blöde, sie wollten gestoßen
-sein; sicher war es so. Der Junge kam auf nichts, stieß man ihn nicht
-an.
-
-Sie fragte ihn, ihre Erregung mühsam bändigend, so beiläufig wie
-möglich, wann er eigentlich und wo die Feier ihres Beilagers abzuhalten
-für ratsam halte. Das Kloster Wilten, die Stadt Innsbruck warte darauf.
-Er schaute sie auf und ab, sein Gesicht verzog sich wütend, spöttisch,
-gehässig, die Augen wurden ganz klein. Eine Feier auch noch? Er habe sie
-doch geheiratet. Das sei Feier genug gewesen. Er denke nicht daran, ihr
-Beilager gar noch feierlich zu begehen. Sie möge gefälligst warten, ihn
-in Frieden lassen. Er schrie. Die Stimme schlug ihm um. Er lachte
-knurrend, höhnisch, bösartig. Seine Augen glitten von ihrem harten,
-kupfernen Haar über den kurzen, plumpen Leib bis zu den Füßen. Er sah
-aus wie ein tückischer kleiner Affe. Margarete schluckte, wandte sich,
-ging.
-
-Allein, raste sie, schäumte. Wer war er denn? Wie ein bissiger,
-häßlicher Köter sah er aus. Wer hätte ihn angeschaut, wäre er nicht
-Herzog? Und sie hat ihn dazu gemacht. Und muß sich nun -- wer hilft ihr?
--- diese frechste Verhöhnung gefallen lassen. Ist sie darum Herzogin?
-Wann je war eine Frau so verschmäht und gekränkt wie sie? Sie zerkratzte
-sich die Brust, ihr armes, häßliches Gesicht. Schäumte, knirschte,
-knurrte, stöhnte, daß ihre Frauen bestürzt hereinkamen.
-
-Andern Tages war sie eisig umkrustet. Warf sich auf die Politik. Beriet
-mit Volkmar von Burgstall, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun.
-Markgraf Karl, Johanns älterer Bruder, war auf Reisen am Rhein.
-Eigentlicher Regent des Landes war, den Herzog Johann klug lenkend, der
-Bischof Nikolaus von Trient, ehedem Kanzler des Markgrafen in Brünn,
-Domherr von Olmütz, ein energischer, rasch denkender Herr, den
-Luxemburgern unbedingt ergeben. Jetzt mischte sich Margarete in jede
-kleinste Angelegenheit, zwang den Bischof, verbindlich in der Form, aber
-unnachgiebig, sie an allen Regierungsgeschäften teilnehmen zu lassen. Da
-sie die eingesessenen Feudalbarone, die dem Luxemburger Prälaten nicht
-zu großen Einfluß einräumen wollten, auf ihrer Seite hatte, fügte sich
-der geschmeidige Bischof, Schritt für Schritt weichend.
-
-Den Herzog Johann behandelte sie mit eisiger Höflichkeit, nannte ihn
-Herr Herzog und mit allen Titeln. Niemals mehr war von Persönlichem
-zwischen ihnen die Rede. In allen politischen Dingen wurde er
-beigezogen, aber sie wußte ihn bei aller umständlichen Höflichkeit immer
-wieder vor den tirolischen Herren als dummen, launischen, kleinen Jungen
-hinzustellen. Er verzerrte sich vor Zorn; aber wenn er losbrechen
-wollte, fand er, denn sie hatte sehr klug jede Form gewahrt, erstaunte,
-mißbilligende Gesichter. Häufig auch traf sie wichtige Maßnahmen
-selbständig und holte im letzten Augenblick erst seine Zustimmung ein.
-Sehr geschickt verstand sie seine Einwilligung zu einer leeren Formsache
-herabzudrücken, ohne daß er, bis aufs Blut gereizt und verärgert, der
-erstaunt und unschuldig sich Habenden solche Nichtachtung nachweisen
-konnte.
-
-Die Finanzen des Landes waren besser als unter König Heinrich, aber noch
-keineswegs gesund. Sie verlangten ein ewiges, vorsichtiges Lavieren und
-viel Hin und Her. Herzog Johann, der anstrengenden Kleinarbeit müde,
-berief den Alleshelfer, den er von seinem Vater her kannte, Messer
-Artese aus Florenz. Unscheinbar, schattenhaft, ungeheuer dienstwillig
-war der mächtige Bankier mit einemmal auf Schloß Tirol.
-Selbstverständlich und mit tausend Freuden wird er aushelfen. Er
-verlangte dafür nur einen ganz, ganz winzigen Gegendienst: die
-Verpfändung der eben erschlossenen Silberbergwerke.
-
-Herzog Johann war sofort dabei. Margarete, in kluger Berechnung,
-widersprach nur flüchtig und ohne Nachdruck, ließ ihn ganz sich in den
-Plan verstricken. Erst als der Plan in allen Einzelheiten ausgearbeitet
-war, protestierte sie unvermittelt mit größter Entschiedenheit,
-verweigerte ihre Unterschrift. Johann schwoll an, seine Adern wurden
-dicke Schlangen. »Der Welsche kriegt die Silberrechte!« gellte er.
-
-Margarete, bebend vor Triumph: »Er kriegt sie nicht!«
-
-Der Herzog sah rot. Was? Er hat dem Bankier die Silberrechte versprochen
-und soll es nun nicht halten können? Bloß weil die Hexe, die
-widerwärtige, scheuselige, die Vettel, nicht mag? »Er kriegt sie! Er
-kriegt sie!« und stürzte sich auf sie, schlug sie ins Gesicht, verbiß
-sich in sie.
-
-Sie, selig, weil sie ihn so tief traf, jubelte, ihre volle Stimme in
-seine japsende: »Er kriegt sie nicht! Nie kriegt er sie! Nie!«
-
-Keuchend, ohnmächtig sich verzehrend, ließ er von ihr ab.
-
-Margarete schickte Eilboten an den Markgrafen Karl. Mißmutig kam der aus
-wichtigen Geschäften zurück nach Tirol, als Schiedsrichter. Es war klar,
-daß Margarete recht hatte; selbstverständlich konnte man die
-Silberbergwerke dem Florentiner nicht preisgeben. Margarete lenkte klug
-ein, sparte ihrem Gemahl die offene Niederlage. Aber als sie allein
-waren, schalt der ältere Bruder den Herzog, daß dem das Mark in den
-Knochen sich empörte vor Wut.
-
-Der nüchterne, sachliche Markgraf konnte nicht umhin, die Staatsklugheit
-seiner jungen Schwägerin anzuerkennen. Von Böhmen und Luxemburg aus
-verbreitete sich der Ruf ihrer diplomatischen Überlegenheit an den
-europäischen Höfen. Wohl verhandelte man offiziell mit dem Herzog
-Johann; aber in allen Staatskanzleien wußte man, daß in Wahrheit allein
-die häßliche junge Herzogin das Land in den Bergen regierte.
-
-
-
-
-Bald nach dem Tod des Königs Heinrich starb auch sehr plötzlich Frau von
-Flavon, Herrin von Taufers und Velturns. Bei einem Spaziergang mit ihrer
-jüngsten Tochter, als sie unter Jauchzen und Geschrei Alpenblumen
-pflückte, stürzte die hübsche, rundliche Dame zu Tod. Die Töchter
-bestatteten sie unter großer Anteilnahme sehr prunkvoll neben den etwas
-zweifelhaften Gebeinen, die sie als die Peters von Flavon aus Italien
-zurückgebracht hatten. Die drei hübschen Fräulein waren in recht
-bedenklicher Lage. Jetzt, nachdem ihr Protektor, der gute König
-Heinrich, tot war, erhob der Bischof von Chur seine alten Ansprüche auf
-ihre westlichen Besitzungen, der Bischof von Brixen forderte mit vielem
-Grund die Schlösser und Gerichte Taufers und Velturns zurück.
-
-Die drei jungen Damen, blond, lieblich und hilflos, verhandelten hin und
-her mit den Finanzräten der Bischöfe. Es fanden sich viele, die sich
-ihrer annahmen; aber gegen die guten, berechtigten Ansprüche der
-mächtigen Bistümer war schwer aufzukommen. Schließlich gelangte die
-Sache als an die letzte Instanz an den Hof des Herzogs.
-
-Agnes von Flavon erschien auf Schloß Tirol, tat einen Kniefall vor dem
-jungen Herzog. Der stand knabenhaft und sehr wichtig vor der Knienden,
-in dem langen, schmalen Gesicht die Lippen ernsthaft zusammengepreßt. Es
-streichelte seine Herrschgier, wie das zarte Geschöpf, leicht und schön
-und wehend unter dem schwarzen Gewand, so ganz verströmend und ergeben
-vor ihm lag, aus tiefen, blauen Augen fromm und bittend zu ihm
-aufblickte. So gehörte es sich. So hatte es Gott bestimmt, daß es sei.
-Mochte die andere, die Häßliche, gegen ihn anbellen. Die da, die Zarte,
-Liebliche, schönste Frau des Landes, lag vor ihm auf Knien, sah fromm,
-hingegeben, voll Vertrauen zu ihm auf. Er war sehr gnädig zu ihr.
-
-Agnes machte auch der Herzogin ihre Aufwartung. Margarete widerstand
-tapfer der Versuchung, über die Schöne zu triumphieren. War huldvoll.
-Kondolierte in warmen Worten zum Tod der Frau von Flavon. Ihr Vater,
-König Heinrich, habe ja immer der Familie besonders wohlgewollt, fügte
-sie undurchdringlich hinzu. Ja, und es sei sehr traurig, daß die
-Rechtslage, soviel sie höre, so ungünstig sei für die Fräulein. Sie
-persönlich sei natürlich jederzeit erbötig, aus ihrer Privatschatulle zu
-helfen.
-
-Agnes hatte sich vorgenommen, Margarete nicht zu reizen. Aber vor diesem
-undurchsichtigen, doppelt empfindlichen Hohn ging sie durch. Was? Ein
-Mädchen mit so einem Gesicht und so einem Maul wagte, gegen sie zu
-sticheln? Und wenn jene die Kaiserin von Rom wäre und sie selber
-leibeigen, hätte sie dagegen aufbegehrt. Sie schaute sie lange und
-abschätzig an. Sagte dann, so gar ungünstig scheine es um ihre Sache
-doch nicht zu stehen. Der Herr Herzog wenigstens habe sich sehr gnädig
-und tröstlich zu ihr geäußert. Etwas kahl schloß Margarete: nun ja, man
-werde das Urteil der sachverständigen Herren hören und die Angelegenheit
-in gnädige Erwägung ziehen.
-
-Bevor Agnes das Schloß verließ, traf sie noch Chretien de Laferte, der
-ihr in gesetzten Worten kondolierte. Agnes hörte ihn ernst an und
-erwiderte ihm würdevoll. Er bat, sie auf der Rückreise begleiten zu
-dürfen. Sie war auch da geziemend melancholisch, unterbrach aber
-gelegentlich ihre Trauerwürde durch ein spitzbübisch kokettes
-Scherzwort, den jungen Herrn durch solchen Wechsel tief verwirrend.
-
-Chretiens Stellung am Tiroler Hof war nicht angenehm. Solange der Prinz
-Johann noch Knabe war, hatte er als ergebener, dienstwilliger Kamerad,
-der die vielen Verstöße des schwierigen kleinen Prinzen gegen höfische
-Zucht und Sitte unmerklich besserte und einrenkte, seinen klar
-umgrenzten Bezirk gehabt. König Johann war überzeugt, man könne keinen
-taktvolleren Adjutanten für seinen ungezogenen Sohn finden als den
-hübschen, schlanken, ritterlichen, formvollen und doch so bescheidenen
-Jungen. Auch Markgraf Karl hielt ihn für den rechten Erzkämmerling
-seines jüngeren Bruders. Prinz Johann selbst aber hatte seinen offenen,
-hübschen Kameraden nie recht leiden mögen. Hatte ihn geknufft,
-mißhandelt, gedemütigt, mit seinen kleinen Wolfsaugen darauf lauernd, ob
-der geduldige Begleiter nicht einmal rebellieren und Anlaß geben werde,
-ihn wegzuschicken. Jetzt, seitdem er Herzog war, selbständig und
-erwachsener, war die Stellung Chretiens noch viel schwieriger geworden.
-Er hielt sich sehr bescheiden im Hintergrund; wagte er nur den leisesten
-Rat an den jungen Herzog, so wurde er bösartig und verächtlich
-zurückgewiesen.
-
-Chretien war jüngerer Sohn eines edlen französischen Hauses, ohne
-Vermögen, darauf angewiesen, bei Hof sein Glück zu machen. Es hatte für
-ihn keinen Zweck, seine besten Jahre in Tirol aussichtslos zu versitzen.
-In den Feldzügen König Johanns hatte er sich brav und tapfer bewährt.
-Eine Gelegenheit, sich besonders auszuzeichnen, hatte sich ihm nicht
-geboten. Was sollte er bei diesem jungen, bösartigen Herzog, der ihn
-immerzu demütigte, ihm jedenfalls nicht gewogen war? Er trug sich mit
-dem Gedanken, an den Hof König Johanns zurückzukehren oder nach
-Frankreich zu gehen oder besser noch zum König von Kastilien. In den
-Kämpfen mit den Mauren war Geld und Ehre zu erwarten.
-
-Margarete hatte dem jungen Ritter lange Zeit keine besonderen
-Gnadenbeweise mehr gegeben. Erst als sie sah, daß kein Weg mehr war von
-ihr zu Herzog Johann, begann sie wieder, Chretien zu locken. Übertrug
-ihm kleine, vertrauliche, diplomatische Sendungen, fragte ihn
-Unverfängliches, das sie aber durch ihre Betonung bedeutsam machte. Er
-war zurückhaltend, war voll von Zweifeln, wollte nicht verstehen. Es war
-ein großer Glücksfall, bei einer Dame von solchem Rang in Gunst zu
-stehen; aber es war ein zweigesichtiges Glück: man konnte unmöglich für
-eine so häßliche Frau in die Schranken reiten. Zwar wird niemand wagen,
-ihm ins Gesicht zu höhnen wie früher; doch er bäumte hoch, wenn er an
-die feixenden Mienen, die zotigen Bemerkungen in seinem Rücken dachte.
-Dann wieder hörte er, wie man an allen Höfen voll großer Achtung von
-ihrer Umsicht und Gescheitheit sprach. Es schmeichelte ihm, daß eine
-Dame von solchem Urteil gerade ihn erwählte. Sie imponierte ihm, er war
-ihr dankbar, entzog sich ihr nicht mehr. Er ging auf ihren Ton ein,
-seine Augen schleierten sich leise, wenn er sie sah, seine Stimme
-bedeckte sich, wenn er zu ihr sprach.
-
-Einmal -- er war nach längerer Abwesenheit zurückgekehrt -- meldete er
-sich bei der Herzogin. Sie war nicht in ihren Zimmern, das dürre
-Fräulein von Rottenburg führte ihn in einen abgelegenen Teil des
-abendlichen Gartens. Aus einer Baumgruppe her drang Gesang. Das
-Hoffräulein legte die Finger an die Lippen, bedeutete ihm,
-stillezustehen, zu schweigen. Eine warme, volle Stimme sang ein
-einfaches Lied, jubelte in alle Höhen, schluchzte durch alle
-Kümmernisse, sehnte sich, dankte, ging durch alle Irrsale. Den jungen
-Menschen überkam es wie in der Kirche bei einem hohen Fest. Er nahm die
-Mütze ab. »Die Herzogin?« flüsterte er, ungläubig. Da kam sie schon den
-Baumgang herunter. Sie sah das große, bewegte Staunen in seinem offenen
-Gesicht. Reichte ihm langsam die Hand. Er küßte sie.
-
- * * * * *
-
-Unterdes war die Angelegenheit der Hinterlassenschaft der Frau von
-Flavon so weit gefördert worden, daß man die Entscheidung nicht gut
-weiter hinauszögern konnte. Juristische wie politische Gründe sprachen
-dafür, die erledigten Lehen den um die luxemburgische Sache sehr
-verdienten Bischöfen zurückzugeben. Gleichwohl fanden die Räte allerlei
-fadenscheinige Gründe, die für die Damen von Flavon sprachen. Es war
-nämlich Agnes bei jedem einzelnen gewesen und hatte so lange Trauer,
-Jugend, List, Hilflosigkeit spielen lassen, bis sie die Räte
-eingewickelt hatte. Johann entschied also herrisch, daß die Güter den
-Fräulein verbleiben sollten. Doch Margarete widersetzte sich. Mit so
-guten Gründen und so beharrlich, daß dagegen nicht aufzukommen war. Man
-einigte sich schließlich auf einen Vergleich. Schloß und Gericht
-Velturns sollte den Schwestern verbleiben, die westlichen Besitzungen an
-Chur, Taufers an Brixen zurückfallen; doch mit dem Beding, daß der
-Bischof von Brixen nur einen von Schloß Tirol vorgeschlagenen Anwärter
-damit belehnen dürfte.
-
-Die Schwestern, die schon den weiten Besitz unter sich geteilt hatten,
-mußten sich also mit dem einen Velturns begnügen. Sie waren lärmend,
-beweglich, eigenwillig, streitsüchtig. Immerzu herrschte giftiges
-Geplänkel auf Burg Velturns. Auffallend war, daß die angenehmen Stimmen
-der jungen Damen im Streit eine unerhört harte, pfauenhaft scharfe
-Tönung bekamen. In der Öffentlichkeit erschienen die Schwestern übrigens
-immer traulich vereint, umschlungen, lieblich, blumenhaft lächelnd.
-
-Als Kandidaten für das erledigte Taufers schlug Margarete Chretien de
-Laferte vor. Der Herzog geiferte empört dagegen. Was? In diesen fetten
-Besitz soll man den Schlucker setzen, den kahlen Mucker, der sich immer
-so falsch bescheiden an die Wand drückt und sicher nach einem stechen
-wird, sowie er nur die Macht dazu hat? Doch Margarete blieb fest. Der
-Herzog von Kärnten und Graf von Tirol könne sich nicht lumpen lassen.
-Könne nicht so lange jemandes Dienste annehmen und dann knausern und
-filzig sein. Wenn Chretien jetzt ohne Lohn und Dank an einen andern Hof
-gehe, so sei sie selber beschimpft durch solchen schmutzigen Geiz. Als
-Johann sich weitersträubte, drohte sie, die Entscheidung des Markgrafen
-Karl anzurufen, bis er sich knurrend fügte.
-
-Margarete selbst teilte Chretien diese Entscheidung mit. »Der Bischof
-von Brixen wird Sie mit Schloß und Gericht Taufers belehnen. Bewähren
-Sie sich, Herr von Taufers! Es ist mein Ruhm, wenn Sie Ehre einlegen,
-meine Schande, wenn Sie versagen.«
-
-Chretiens mageres, kühnes, gebräuntes Gesicht rötete sich bis unter das
-eigenwillige Haar. Langsam ging er ins Knie. Er sah nicht mehr, daß ihr
-Mund sich äffisch vorwulstete, daß ihre Haut grau und lappig war. »Frau
-Herzogin!« stammelte er. »Allergnädigste, herzliebste Frau Herzogin!«
-Und es war mehr als die übliche Formel, wie er ihr dankte: »_Pour toi
-mon âme, pour toi ma vie!_«
-
- * * * * *
-
-In der klobigen, altväterlichen Burg des Tiroler Landeshauptmanns
-Volkmar von Burgstall saßen sieben, acht von den einflußreichsten
-tirolischen Baronen beim Wein. Es kam selten vor, daß der wuchtige,
-massige Herr Gäste zu sich bat, und dann in knurriger, barscher Weise,
-die wie ein Befehl klang. Die Halle, in der man saß, war dumpf und
-niedrig, die Wände überhaupt nicht, der Boden mit wenigen Tüchern
-belegt. Glasfenster, das modische Zeug, verschmähte der konservative
-Hausherr. Der junge, fröhliche Albert von Andrion, Margaretes
-natürlicher Bruder, machte sich lustig über die Bretter, mit denen jetzt
-in der kalten Jahreszeit die Lichtöffnungen vernagelt waren. Man saß wie
-in einem Keller. Alles war rauchig, rußig vom Kamin, von den Kerzen und
-Pechfackeln. Dabei war der Raum nicht zu durchwärmen; die Herren rückten
-unbehaglich hin und her; man briet auf der einen Seite, fror auf der
-andern. Der nervöse Herr von Schenna hüstelte, schnupperte, bekam
-Kopfweh in dieser ungemütlichen, dumpfen, stinkenden Höhle, in der kalt
-und widerwärtig der Geruch der Ställe stand. Aber die Speisen, Wildbret
-und Fisch, waren mit Liebe und in ungeheuren Massen zubereitet und
-gereicht, und der Wein, das war nicht zu leugnen, war ausgezeichnet.
-
-Wie die Herren den Landeshauptmann kannten, hatte er sie nicht der
-bloßen Geselligkeit wegen zu sich gebeten. Aber er war karg und rauh von
-Wort; es war nicht geraten, ihn zu fragen, bevor er selbst anfing. Man
-trank also, redete Gleichgültiges, wartete.
-
-Langsam, in brummigen, unvollendeten Sätzen lenkte Volkmar das Gespräch
-auf die Politik. Stieß die Herren unwirsch dahin, wo er sie haben
-wollte. Ja, man war unzufrieden mit den Luxemburgern. Der erste, der es
-deutlich aussprach, war Heinrich von Rottenburg. Der kleine Herr, breit,
-rauhes, rotes Gesicht, schwarzer Stoppelbart, erregte sich, schlug mit
-der Faust auf den Tisch, stieß Drohungen aus. Hatte man nicht, weil er
-gewisse Abgaben verweigerte, sein Schloß Laimburg zerstört, sein gutes
-Schloß bei Kaltern, an dem Vater, Großvater, Ahn gebaut hatten? Der
-junge Herzog hatte es gewollt, der kleine, tückische Wolf. Und der
-Bischof von Trient hatte den Befehl gegeben, der finstere Böhme, der
-immer »Autorität!« sagte, »Gehorsam!« Hätte man ihm Felder gepfändet,
-Weinberge, ein Dorf, eine Pflege. Aber, nur um ihn zu ärgern, ein Schloß
-zu zerstören, eine gute Burg aus festem Stein, in eigenem, nicht in
-Feindesland, das war sinnlos, das war wüstes Heidentum. Auch Frau
-Margarete hatte es nicht gebilligt, die kleine Herzogin. Das kam, weil
-sie die angestammte Fürstin war und mit dem Land fühlte. Aber die
-Fremden, die Böhmen, die Luxemburger, was fühlten denn die? Die wollten
-Geld herauspressen aus Tirol, nichts weiter, genau wie es der
-Luxemburger mit Böhmen machte. Und er, Heinrich von Rottenburg, ließ es
-sich nicht nehmen, daß König Johann damals doch Tirol habe verschachern
-wollen gegen Brandenburg, möge er abschwören was immer.
-
-Schweigend hörten die andern diese gefährlichen Reden an. Behutsam
-begann dann der vorsichtige, gepflegte Tägen von Villanders. Rein formal
-hätten die Luxemburger den Vertrag ja schließlich eingehalten und keine
-Fremden in die wichtigsten Verwaltungsämter berufen. Es sei doch nicht
-zu bestreiten, daß Herr von Rottenburg Landeshofmeister sei, Herr von
-Volkmar Landeshauptmann. Oder? Der gepflegte, bartlose, etwas
-altmodische Herr sah die beiden so ernsthaft an, daß sie nicht wußten:
-höhnte er oder was eigentlich wollte er?
-
-Der kleine Rottenburg brach los: Ob der gestrenge Herr ihn zum Narren
-habe. Solche Würde habe unter dem guten König Heinrich was bedeutet.
-Heute habe der dümmste Bauer lange schon geschmeckt, daß es kahle Titel
-seien, und wer in Wahrheit regiere! Es sei ja höllisch schlau, wie die
-Luxemburger das gedreht hätten; daß sie die weltlichen Ämter arm und
-leer machten und die geistlichen stark und in die geistlichen ihre
-Kreaturen hineindrückten. Nein, formal hätten sie dem Land keine fremden
-Beamten aufgedrängt. Aber wer regiere denn? Der plattnasige Bischof
-Nikolaus von Trient, der Böhme, der kein Wort Tirolisch versteht.
-
-Herr Konrad Botsch von Bozen erzählte Einzelheiten, wie die Bozener
-Bürger voll seien von tiefem Verdruß, daß die Luxemburger dem Bischof
-wieder alle alten, längst abgeschafften Rechte eingeräumt hätten. Und
-wie der Bischof die Welschen begünstige vor den Deutschen. Herr Albert
-von Andrion ahmte den Bischof nach, seinen unbeherrschten, heftigen
-Gang, der plötzlich wieder durch das Streben nach geistlicher Würde und
-Gravität gezügelt werde, seine zischende, sprudelnde, slawische
-Aussprache. Dem jungen, fröhlichen Herrn war die Stimmung hier in der
-Halle zuwider, auch die Politik war ihm zuwider; er wollte einen
-unterhaltlicheren Ton in die Gesellschaft bringen. Mit dem Talg der
-Kerzen klebte er sich die Nase platt, stieg auf den Tisch, parodierte
-eine Predigt des Bischofs in seiner slawischen Mundart. Dröhnendes
-Gelächter.
-
-Aber mit dieser Wendung ins Harmlose war der massige, wuchtige Gastgeber
-durchaus nicht einverstanden. »Wissen die gestrengen Herren, was der
-Pfarrer von Matrei Strafe zahlen muß, weil er dem Markgrafen Karl nicht
-mehr Umsatzsteuer zahlt als dem König Heinrich?« Alle waren gespannt.
-Ging man die Steuern und Abgaben genau durch, dann hätte man wohl die
-meisten Tiroler Edeln der Hinterziehung beschuldigen können.
-»Neunhundertvierundachtzig Veroneser Silbermark!« dröhnte Herr von
-Burgstall. Man sprang auf, ging durcheinander wütend hin und her. Ei,
-wenn die Luxemburger so kamen, da wird bald keiner mehr von den Tiroler
-Landherren ein Dach überm Kopf haben. Das Land war reich. Das Land
-nährte den Fürsten so gut wie die Ritter. Da brauchte der Fürst kein
-Filz zu sein und auf den Pfennig zu schauen. Aber dieser Markgraf Karl
-war von Natur geizig, das Gegenteil seines Vaters, der reinste
-Schacherer und Jud. Daß dich Gottes Marter schände! So jung und schon
-solcher Knauser.
-
-Der ehrliche Berchtold von Gufidaun saß schwitzend, mit hohen,
-unbehaglichen Brauen. Die starken, blauen Augen schauten mißbilligend
-auf die aufsässigen, widerspenstigen Barone. Solche Reden waren
-unziemlich gegen das von Gott eingesetzte Fürstenhaus. Auch der junge
-Albert von Andrion wurde bedenklich. Die Luxemburger hatten ihm zwar
-übel mitgespielt und gerade die reichen Legate des guten Königs Heinrich
-für seine vielen unehelichen Kinder arg beschnitten. Aber der junge,
-offene Albert war ein gutmütiger Junge, illoyalen Ideen keineswegs
-geneigt und voll Verehrung für seine kleine Schwester, die Herzogin. Nun
-war wirklich Aufrührerisches kaum gesprochen worden, Herr von Burgstall
-hatte nichts Greifbares gesagt, der kluge Herr von Villanders schon gar
-nicht; eigentliche Drohungen, die man nicht dulden durfte, hatte nur der
-kleine Rottenburg ausgestoßen, und der war stark unter Wein. Immerhin
-schmeckte die ganze Angelegenheit leicht nach Rebellion.
-
-Der feine Schenna merkte die Verstimmung, renkte ein. Worüber man klage,
-mit alldem habe die Fürstin selbst nichts zu tun. Margarete sei fernab
-von Knauserei und Schikanen. Sei die rechte Enkelin ihres erhabenen
-Großvaters Meinhard. Sei klug, sicher, spüre mit dem Land. Das wüßten
-auch alle, vom letzten Leibeigenen bis zum Landeshauptmann.
-
-Gewichtig stimmte Volkmar zu, befreit und überzeugt Albert und Berchtold
-von Gufidaun.
-
-Der behutsame Tägen von Villanders streckte wieder die Fühler vor. Ja,
-man habe schon das rechte Gefühl. Das angestammte Fürstenhaus, auf dem
-Boden des Landes, in seiner Luft gewachsen, sei von Gott bestimmt, in
-Tirol zu herrschen. Hier schwieg er. Der kleine, heftige, wildumbartete
-Rottenburg nahm den Faden auf. Die Luxemburger sollten dort regieren, wo
-Gott oder der Teufel sie hingesetzt. In Luxemburg; wenn es die Böhmen
-sich gefallen ließen, in Böhmen. Aber daß sie in Tirol säßen und
-regierten, das sei durch Menschenwerk so, nicht durch Gottessatzung, und
-das sei eben Irrtum gewesen. An ihnen, an den Herren selber, habe es
-gelegen, wen man nach König Heinrichs Tod ins Land gelassen habe. Den
-Habsburger, den Wittelsbacher, den Luxemburger. Es habe sich
-sichtbarlich erwiesen, daß in Tirol nur der regieren könne, den die
-Tiroler selber wollten. Gott habe es durch Berge und Täler und Pässe so
-gefügt, daß ein Fremder nicht mit Gewalt könne über sie herfallen. Man
-sei treu, man halte zu Margarete. Aber dem Luxemburger sei man nicht von
-Gott, sondern nur durch Vertrag verpflichtet. Herzog Johann und die
-andern Böhmen hätten den Vertrag schlecht gehalten. Er sei zerrissen,
-gelte nicht mehr.
-
-Die Herren starrten ihm auf den Mund, schnauften. Das war klar. Das war
-Meuterei. Hier war nichts zu deuteln.
-
-Wie man sich das denn denke, fragte tastend Herr von Villanders. Wie man
-denn Margarete und die gottgewollte Untertanenpflicht trennen wolle von
-den Luxemburgern.
-
-Schenna, vor sich hinblickend, mit halben, unbestimmten Worten, äußerte:
-Sehr glücklich sei die Herzogin nicht gerade, soviel er wisse. Einen
-Erben habe sie und das Land von dem Herzog Johann nicht zu erwarten,
-soviel ihm bekannt sei. An ihr liege es nicht, sei zu vermuten. Wobei er
-mit lächelnder Kopfneigung auf den Zeugen der Fruchtbarkeit König
-Heinrichs wies, der rot, frisch, lachend und geschmeichelt unter ihnen
-saß, auf Albert von Andrion.
-
-Herr von Villanders faßte zusammen: Man habe nichts gesagt, nichts
-beschlossen. Man könne sich eine bessere, volkstümlichere Verwaltung des
-Landes denken als die der landfremden Luxemburger. Man hänge mit
-unbedingter Treue an der von Gott eingesetzten Herzogin Margarete.
-Vielleicht sei es opportun, sie um ihre Meinung und ihren Willen zu
-befragen. Seines Bedünkens sei Herr Albert von Andrion dazu der rechte
-Mann.
-
-Lärmend stimmte man zu. Nur der redliche Berchtold von Gufidaun schwieg,
-in Zweifeln hin und her gerissen. Der junge Albert, bedenklich zuerst,
-aber stark unter Wein und geschmeichelt von dem Zureden der andern, nahm
-an, verpflichtete sich, seiner Schwester die Meinung der Herren zu
-unterbreiten, mit ihr Fühlung zu nehmen.
-
- * * * * *
-
-Margarete liebte es jetzt, viel allein zu sein. Oft hatte sie ein
-stilles, sattes, ihren Frauen unbegreifliches Lächeln. Auf dem schmalen
-Sockel der kargen Liebeserlebnisse ihrer Wirklichkeit baute ihre
-Phantasie einen gigantischen Traum. Aus dem kleinen, ungezogenen,
-hinterhältigen Jungen, der ihr Gemahl in Wirklichkeit war, machte sie
-einen finster gewalttätigen, großen Tyrannen, der sie nicht verstand und
-aus der Finsternis seines herrschsüchtigen Gemüts heraus sie quälte. Den
-jungen Chretien schmückte sie mit allen Tugenden des Leibes und der
-Seele. Er war Erec und Parzival und Tristan und Lanzelot und der
-Löwenritter. Alle hellen, strahlenden Taten, die jemals in Geschichte
-und Gedicht ein Held getan hat, er hat sie getan oder, wenigstens,
-könnte sie tun.
-
-Es war Glück und Gnade, daß der Himmel streng zu ihr gewesen war und ihr
-banale Anmut des Gesichts und der Gestalt versagt hatte. Die Frauen
-rings um sie, die Frauen des Alltags, hatten ihre Männer, ihre
-Geliebten, vergnügten sich mit ihnen in dumpfer, tierischer Lust in
-ihren Kammern, hinter Büschen. Ihre Liebe war ganz rein und hoch, das
-Schmutzige, Erdhafte war ihr von Anfang an verboten und versperrt. Sie
-schwebte gelöst, hell und sehr anders über den kleinlichen, ärmlich
-dumpfigen Lüsteleien und widerlich körperhaftem Getriebe der andern. Süß
-war es, streng und rein zu sein vor sich und den andern. Süß war es,
-nicht verstrickt zu sein in tierische, unsaubere Verschlingung von Haut
-und Fleisch.
-
-Sie wurde krankhaft empfindsam gegen Lautheit, Massigkeit,
-Körperlichkeit, Schmutz. Es ekelte sie vor fremder Berührung, die
-Ausdünstung anderer Menschen machte ihr Pein.
-
-März war, von Italien her kam in warmen, linden Stößen Wind, der
-sehnsüchtig ins Blut ging. Oben lagen die Berge dick in Schnee, aber die
-unteren Hänge waren voll vom zarten Geflock der Mandel- und
-Pfirsichblüten. Sie schaute hinaus von der Loggia des Schennaschen
-Schlosses in das wellige, starkfarbige Land. Über ihr schritten bunt und
-überschlank Lanzelot und Ginevra, Tristan fuhr übers Meer, Dido stürzte
-sich in die Flammen. Sie gehörte nun zu diesen. Die Verse, die ihr so
-lange hohl, versperrt, ohne Sinn gewesen waren, hatten sich aufgetan,
-sie hatte trinken dürfen aus ihrer dunkeln, wohligen Fülle.
-
-Willkommen, großes, strenges Schicksal! Willkommen, Häßlichkeit!
-Willkommen, fürstlicher Reif und Zepter!
-
-Fast dankbar war sie ihrem harten, tyrannischen Gemahl, denn seine Härte
-hatte sie ihren Geliebten finden lassen. Süßer Freund! Er kannte sie. Er
-wußte, daß diese graue, lappige, körnige Haut, dieser scheußliche Mund,
-dieses tote Haar ein Außen war, und daß sie innen zart war und schlank
-und voll Reichtum und Lieblichkeit. Sie sah ihn selten, sprach ihn fast
-niemals, nie war ein Wort zwischen ihnen gefallen, das nicht jeder hätte
-hören dürfen.
-
-Dennoch zweifelte sie keinen kleinsten Augenblick, daß er sie liebe. Sie
-hatte seinen hingegeben dunkeln Blick nicht vergessen damals, als sie
-gesungen hatte und aus der Vigne zu ihm trat. Und seine Stimme nicht,
-und wie er verströmt war, als sie ihm von seiner Belehnung mit der
-Herrschaft Taufers gesprochen hatte. Freilich war dies eine andere
-Liebe, als die sie so gemeinhin um sich sah mit Küssen und süßlichen
-Alltagsworten und Firlefanz. Sie, Margarete, hatte ihn durch jene Augen
-von damals, durch seine Verströmtheit, ganz anders, viel tiefer zu eigen
-als sonst eine Dame ihren noch so verliebten Galan. Mochten die andern
-ihre Männer leiblich besitzen. Das war wohlfeil und wie Essen und
-Trinken gemein. Ihr, der Fürstin, stand eine höhere, strengere Liebe an.
-Es war wohl auch leicht, so niedrige, wohlfeile Liebe wie der andern
-immer neu anzufachen, aufzuwärmen durch den Anblick, durch den Genuß
-tierisch dumpfer Lust. Sie mußte immer wieder gegen ihre Gestalt
-kämpfen, die Liebe ihres Freundes immer von neuem seinem Widerwillen
-gegen ihr häßliches Außen abringen.
-
-Selige Bitterkeit solchen Kampfes! Sie dankte Gott und der Jungfrau für
-so herbe, verschlungene, harte, reine, wahrhaft fürstliche Liebe.
-
-Sie ließ nicht ab, Chretien mit immer mehr Schein und Strahlen zu
-verklären. Chretien war ohne Ehrgeiz. Sie war ehrgeizig für ihn. Daß
-sich seine strahlende Begabung nicht auch den andern offenbarte, war
-nur, weil sie ihn in Tirol zurückhielt, weil ihm hier die Gelegenheit
-fehlte. Sie, Margarete, war schuld, daß er vor der Welt unscheinbar und
-ohne Größe war. Sie war ihm verschuldet, sie schuldete ihm die
-Gelegenheit zur Größe.
-
-
-
-
-Chretien hatte mittlerweile die Herrschaft Taufers übernommen. Er besaß
-die Dörfer Luttach, Sand, Kematen, das Nevestal, das Reintal. Das alles
-war unter dem Regiment der Damen von Flavon ein wenig heruntergekommen.
-Er freute sich darauf, es wieder hochzubringen.
-
-Eine große, unbändige Lust füllte ihn an, nach den langen Jahren bei
-Hofe sein eigener Herr zu sein. Leer, bunt und widerwärtig lag die Zeit
-bei Herzog Johann hinter ihm. Die vielen, zwangvollen Zeremonien, das
-ewige Geknufftwerden, das Nichtsprechendürfen, die tiefen Neigungen und
-Kniefälle, die frechen Anmerkungen hinterher, das verlogene Gefeilsche
-bei den Turnieren, das glänzende und dabei so drangvoll bettelhafte
-Leben, ständig in Angst vor dem Gläubiger. Er reckte das magere,
-gebräunte Gesicht mit der starken Nase und dem unbekümmerten, langen
-Haar in die Luft, in seine Luft. Er ritt herum auf seinen Höfen, die
-Bauern schauten wohlgefällig, voll Verehrung auf den schlanken,
-sicheren, hurtigen Herrn, die Weiber und Mädchen starrten ihn andächtig
-an wie in der Kirche.
-
-Am Tiroler Hof hätte er es nicht länger ausgehalten. Er wäre gern und
-mit Überzeugung irgendwohin geritten ins Abenteuerliche. Jetzt, so war
-alles anders, und er fühlte sich sehr wohl. Es genügte seiner
-Unternehmungslust vollauf, sein Leben heraufzuwirtschaften. Natürlich
-wird er auch zu Hofe reiten, Kriegszüge mitmachen, bei Turnieren nicht
-fehlen. Aber etwa nach Afrika zu ziehen und Mauren zu erschlagen oder
-sich mit Türk' und Sarazen um das Heilige Grab herumzuhauen, danke sehr!
-Dazu verspürte er vorläufig durchaus kein Verlangen. Er ritt männlich
-und zufrieden auf seinem Boden herum und genoß seine junge Herrschaft.
-
-Eines Tages besuchte ihn die Herzogin. Er war Margarete tief und
-untertänig zugetan. Er dachte keinen Augenblick daran, seine flüchtigen
-und sehr wirklichen Beziehungen zu der und jener Frau mit den Gefühlen
-für sie zu vermengen. Margarete war ihm ein Begriff, in den sich auch
-Vorstellungen eindrängten, die er von den Sängern und Spielleuten her
-kannte. War ihm eine poetische und lustige Angelegenheit, die in der
-Belehnung mit Taufers eine unerwartete, glückhafte, reale Auswirkung
-gefunden hatte, die er aber mit seiner übrigen Wirklichkeit nicht in den
-losesten Zusammenhang brachte. Er ahnte nicht, was er für Margarete war,
-welche Rolle er in ihrem Leben spielte.
-
-Er empfing die Herzogin freudig und mit ergebener Herzlichkeit. Seine
-Stimme hatte jene schleierige, vieldeutige Befangenheit, die Margarete
-erbeben machte. Was er sagte freilich, war nüchtern und sachlich. Er
-sprach ihr von den Veränderungen, die er für seine Güter plante, von
-einer mehr rationellen Bodenbewirtschaftung, strafferen Zucht der
-Bauern. Sie unterbrach ihn unvermittelt, auf die Gletscher weisend, die
-einsam, klar und höhnisch fern in ein helles Blau zackten: »Haben Sie
-nie Lust, Chretien, einen von diesen Gletschern zu betreten?«
-
-Chretien sah sie verblüfft und etwas töricht an. Er sagte, und jetzt
-klang auch seine Stimme ganz klar und ohne Geheimnis: »Nein. Warum
-sollte ich da hinaufsteigen?« Dann sprach er wieder davon, wie angenehm
-und ertragreich die unteren Hänge seien.
-
-Einige Tage später kam Agnes von Flavon. Sie war schon mehrmals bei
-Chretien auf Schloß Taufers gewesen. Es ergab sich immer wieder eine
-Kleinigkeit, die noch zu regeln war; auch Chretien fand nicht ohne
-Geschicklichkeit immer neue Fragen, die Auskunft und persönliche
-Besprechung erforderten. Agnes war blond, rührend, hilflos und nahm
-stets von neuem mit verlorenen Blicken Abschied von dem Schloß und den
-Bergen ringsum.
-
-Unterdes heiratete die ältere Schwester Maria von Flavon einen
-bayrischen Herrn und überließ den beiden anderen Schwestern Schloß
-Velturns. Es mußte aber dem Bayern eine ansehnliche Mitgift ausgezahlt
-werden; die Herrschaft Velturns war an sich schon überlastet; Agnes bat
-mit großen, treuherzigen Augen Chretien um Rat. Chretien kam nach
-Velturns, sah die schlampige, elegante Wirtschaft der Schwestern,
-empfahl Einsparungen da und dort, die sehr praktisch waren, aber die
-Herrschaft aus einem Fürstensitz zu einem ertragreichen Bauernsitz
-machen mußten. Agnes beneidete die Schwester. Die habe es gut, sei aus
-der Misere heraus. Freilich sei der Bayer ein grober, tölpischer Bursch,
-auch sei es übel, das schöne Tirol mit der faden bayerischen Ebene zu
-vertauschen. Aber am Ende werde ihr wohl auch nur Ähnliches
-übrigbleiben. Sie richtete ernst und lange das zarte und doch kühne
-Gesicht mit den starken blauen Augen auf Chretien, der schlank,
-gebräunt, befangen und ein bißchen dumm vor ihr stand.
-
-Das Projekt gegen die Luxemburger war gereift. Volkmar von Burgstall,
-Tägen von Villanders, Jakob von Schenna hatten sich unmerklich, nachdem
-sie die Sache gesät, mehr und mehr ins Dunkle gedrückt. Vornean stand
-jetzt der kleine, heftige Heinrich von Rottenburg und, halb gegen seinen
-Willen, der muntere, harmlose Albert von Andrion, Margaretes Bruder.
-Margarete selbst wob und zettelte mit leidenschaftlicher, fiebriger
-Beflissenheit die Fäden. Endlich sah sie, endlich, hier die Gelegenheit,
-Chretien auf den Platz zu stellen, der ihm gebührte, ihm die Möglichkeit
-großer Taten zu schaffen, die sie ihm schuldete.
-
-Die andern Herren zögerten, Chretien einzuweihen oder gar ihm eine
-wichtige Stelle anzuvertrauen. Er war kein Einheimischer, er war ein
-Welscher, Johanns vertrautester Kämmerling. Margarete mußte umständlich
-darauf hinweisen, wie gemein der hämische, bösartige Johann ihn immer
-behandelt habe, und daß von allen Chretien am meisten unter den giftigen
-Launen ihres tyrannischen Gemahls habe leiden müssen.
-
-Chretien selber war ziemlich verwundert, als Margarete ihm von dem
-Projekt sprach. Selbstverständlich war er Ritters genug, sofort
-mitzutun, wenn es galt, die Dame, die er so tief verehrte und der er so
-sehr verpflichtet war, aus der Hand ihrer Bedränger zu befreien. Aber
-sehr begeistert schien er nicht gerade. Er war beschäftigt mit der
-Arbeit für seine Güter, es wäre ihm lieber gewesen, wäre das
-Abenteuer ein wenig später gekommen. Er sah, abgesehen von der
-selbstverständlichen, aber im Augenblick lästigen Erfüllung seiner
-Ritterpflicht, einen einzigen, etwas mageren Vorteil in der
-Angelegenheit. Er festigte dadurch seine Stellung unter dem
-einheimischen Adel; der Herr von Taufers-Laferte konnte fortan, hatte er
-sich an diesem tirolisch bodenständigen Unternehmen beteiligt, kaum mehr
-als landfremd angesehen werden.
-
-Margarete brannte in Erwartung, schürte, hetzte, spähte mit ihren
-klugen, raschen Augen alle Möglichkeiten aus. Wußte es einzurichten, daß
-neben Albert von Andrion und Heinrich von Rottenburg Chretien als das
-eigentliche Haupt der Unternehmung galt.
-
-Auf Schloß Velturns war mittlerweile ein gewisser Herr Giulio aus Padua
-eingekehrt, ein unansehnlicher Mensch, langsam, schweigsam, immer
-lächelnd, eigentlich ein bißchen idiotisch. Allein sein Oheim hatte das
-Kapitanat von Padua inne, er selber war am Comer See reich begütert. Er
-schien Agnes hündisch ergeben, und Chretien überfiel jähe Angst, sie
-könnte sich entschließen, ihm in die Lombardei zu folgen wie das Jahr
-zuvor ihre Schwester dem Bayern. Seine Burg Taufers, seine Dörfer und
-Täler schienen ihm auf einmal wertlos und ohne Licht, wenn er das
-dachte.
-
-Man konnte mit Agnes nicht wohl reden wie mit anderen Frauen. Man konnte
-sie nicht einfach nehmen. Sie war so zart. Sie wäre einem vor Schreck im
-Arm vergangen. Ganz behutsam sprach er zu ihr. Wenn es ihr in dem
-überlasteten Velturns nicht mehr gefalle, ob sie nicht wolle mit ihm in
-Taufers hausen.
-
-Ei, wie konnte sie erstaunt sein! Sie hieß ihre Augen sich schleiern,
-ihre Lippen befangen lächeln, ihre Hand scheu und lockend abwehren.
-Antwortete halbe Sätze voll von Sträuben und Versprechen.
-
-Er war ein hübscher Junge, unleugbar, sehr anders als die plumpen
-Tiroler Herren. Das kühne, magere Gesicht mit der starken Nase, die
-kurzen, vollen Lippen. Mit seinem unbekümmerten, langen,
-kastanienfarbenen Haar mußte sich gut spielen lassen. Auch war Taufers
-ein reicher Besitz. Aber schließlich, ihr Haar, ihre Augen, ihre Haut,
-ihre kostbare Zartheit und Lieblichkeit war, Gotts Donner und Blitz,
-zehn solche Herrschaften wert. Wenn sie dachte, wie die Welschen
-hingerissen auf ihre Blondheit starrten, wie sie blaß wurden bei ihrem
-Anblick, dann war sie überzeugt, sie hätte können in der Lombardei einen
-ganz andern Ritter und Herrn finden. Als Gattin eines Visconti in
-Mailand, eines Scala in Verona zu herrschen, umrauscht von der
-Bewunderung der glänzenden Städte, wäre Triumph gewesen, viel
-offenkundiger, als am Tiroler Hof die Gattin des Herrn von
-Taufers-Laferte zu sein.
-
-Chretien sah, daß sie zögerte, ihn hinhielt. Er spürte, er müsse sich
-größer machen, wichtiger. Er weihte sie ein in den Plan gegen die
-Luxemburger.
-
-Agnes hörte zu mit einem merkwürdigen, dummen, sonderbar befriedigten
-Lächeln. Sie wußte plötzlich, es war ein viel größerer Triumph, die
-Gattin Chretiens zu sein als die des Mastino della Scala oder des
-Visconti von Mailand. War es Sieg, der häßlichen Herzogin, der
-wüstmäuligen, lapphäutigen, den Mann zu entreißen? Ja, ja! Es war Sieg!
-Plötzlich wußte sie, daß sie seit langem auf diesen Sieg gewartet,
-diesen Augenblick mit allen Mitteln herbeigekitzelt hatte. Es floß _ein_
-Strom von ihr zu der Häßlichen, sie schaukelten auf _einem_ Brett. Jene
-war häßlich, gewiß; aber auf ihrem häßlichen Haar saß ein Fürstenreif,
-und aus ihrem häßlichen Gesicht schauten ein paar höllisch kluge,
-brennend energische Augen. Sie zu besiegen war viel schwerer als eine
-andere, Schöne. Der Haß zwischen ihr und jener war ein sehr Lebendiges,
-war das wichtigste Stück Leben, ihres sowohl wie jener. Wie hatte jene
-gekämpft um den Mann! Hatte sie beraubt und den Raub dem Manne
-geschenkt, hatte große Ereignisse künstlich gehäuft, den Mann darauf zu
-stellen und zu erhöhen. Sie, Agnes, die arm war und bloß und nichts
-besaß als sich selbst, hatte nur gewinkt und der Mann war sogleich
-heruntergesprungen von dem riesigen Sockel, den jene so mühsam getürmt,
-und ihr zu Füßen. Sie kostete ganz diese Erfüllung, schwoll an, schwamm
-in ihr. Nein, sie wird in Tirol bleiben, wird sich messen mit der
-Herzogin, die sie haßt, wird ihr mehr noch nehmen als den Mann. Es war
-herrlich, oben zu schweben auf der Schaukel, selig und schwebend hoch,
-und die andere ganz tief zu sehen und ganz vernichtet.
-
-Chretien ging in den gefährlichen Handel mit den Luxemburgern wie in ein
-Turnier. Er war glücklich, Agnes vorher für sich geborgen zu haben. Er
-dachte nicht einen Augenblick daran, daß durch seine Verbindung mit ihr
-die Herzogin geschmälert werden könnte. Margarete war hier, Agnes dort,
-seine Beziehung zu jener, seine Neigung für diese war aus sehr
-verschiedenem Stoff. Er rüstete die Hochzeit in aller Eile, denn die
-Ereignisse drängten. Agnes war sehr damit einverstanden; es war
-kitzelnde Lust für sie, daß Margarete die Befreiung ihrem, ihrem Manne
-zu danken haben würde.
-
-Zu Ende der Woche wollte Herzog Johann mit dem Markgrafen Karl und dem
-größern Teil der luxemburgisch-böhmischen Truppen das Land auf mehrere
-Monate verlassen, um seinem Vater in dem polnischen Krieg Hilfe zu
-bringen. Agnes fragte Chretien, wann und wie man die Herzogin von ihrer
-Vermählung unterrichten solle. Chretien hatte geplant, Margarete zur
-Hochzeit zu bitten. Unter dem unverwandten, tiefblauen, spöttisch
-unschuldigen Blick des Fräuleins von Flavon wurde er unsicher, verschob
-die Mitteilung an Margarete, die mit allen Gedanken in ihrer Revolution
-stecke, erst bis nach vollzogener Vermählung, dann bis zu seiner letzten
-Unterredung mit der Herzogin. Als er indes die letzten Einzelheiten der
-Unternehmung mit ihr besprach, schien es ihm richtiger, ihr seine Ehe
-erst dann zu melden, wenn die luxemburgischen Truppen und Beamten
-vertrieben und sie die alleinige Herrin ihres Landes sei. Es war
-übrigens, als er sich von ihr verabschiedete, um sie erst nach
-geglücktem Staatsstreich wiederzusehen, in seiner Stimme die gleiche
-vertrauliche, vieldeutige Schleierung, die sie auf den Scheitelpunkten
-ihrer Neigung so beglückt hatte.
-
-Kurz nachdem Chretien gegangen war, stand Herzog Johann in Rüstung vor
-Margarete, um nun, auch er, sich zu verabschieden. Markgraf Karl war mit
-der Masse der luxemburgischen Garde vorausgezogen. Kühl, verächtlich
-hörte Margarete auf Johanns grimmige Sätze. Bissig schloß er: »Jetzt
-wird hier ein gescheites Regiment anfangen, wenn Sie ohne mich regieren.
-Man sieht ja an Taufers, was dabei herauskommt, wenn man meine Maßnahmen
-kreuzt.«
-
-»An Taufers?« konnte sie sich nicht enthalten zu fragen.
-
-»Nun ja, jetzt hat sich die Agnes das Schloß eben auf diese Art
-zurückgeholt. Da hätten wir es ihr gleich lassen können.«
-
-Margarete fragte nicht weiter. Sie wußte plötzlich alles. Sie
-beherrschte sich, bis der Herzog fort war. Sie fiel nicht um, die Stimme
-versagte ihr nicht, ihr Blick hielt seinen kleinen, bösartigen,
-lauersamen Wolfsaugen ruhvoll höhnisch stand.
-
- * * * * *
-
-Allein, brach sie furchtbar aus. Wer jemals war so verraten worden?
-Geschleiert hatte er die Stimme, beredt gemacht und voll letzter
-Ergebenheit den Blick, jede Geste voll Einverständnis. Hatte sie in den
-Glauben geschläfert, er sehe durch ihre wüste Haut in die strenge, harte
-Schönheit dahinter im Innern. Hatte getan, als verzichte er ihre
-Resignation mit, als kämpfe er ihre Kämpfe, ihre leidvollen Siege mit,
-ziehe sich mit ihr zurück aus den bequemen Tälern der Alltagslust auf
-ihre kalte, einsame, wild strenge Erhöhtheit. Und hatte sie sogleich
-preisgegeben an die glatte, leere Larve. Wer weiß, vielleicht saßen sie
-jetzt zusammen, Agnes und er, und lachten sie aus!
-
-Schlau hatte er es angestellt, ei ja! Hatte sich seine Gaukelei, die
-verzückten Mienen, das ergebene Getue verflucht teuer bezahlen lassen.
-Mit solchem Preis, mit der Herrschaft Taufers, hätte man sich sämtliche
-Hofzwerge, Sänger, Gaukler, Spielleute des Römischen Reichs erkaufen
-können. Und jetzt hatte er es gnädig zugelassen, daß sie ihn dem Projekt
-gegen die Luxemburger an die Spitze stellte. Hatte wohl erwartet, er
-werde nun Burggraf werden, Landeshauptmann, der eigentliche Regent von
-Tirol. Darum wohl auch hatte er ihr bis jetzt nichts mitgeteilt von
-seiner Verbindung mit Agnes. War der Streich einmal geglückt, dann hatte
-er die Macht in der Hand. Brauchte ihren Zorn nicht mehr zu fürchten.
-Konnte im Land schalten, als der Retter von der Fremdherrschaft, auch
-gegen ihren Willen.
-
-Wie sie sich lustig machen mußten, er und jene, über die dumme, häßliche
-Herzogin, die Gans, die glaubte, sie könne durch Geschenke, durch
-Gefühle über ihre Wüstheit hinwegtäuschen! Als wiege dem Mann die
-strahlendste Seele einen plumpen Mund auf und hängende Backen. Sie
-raste. Sie wütete gegen sich. Mit _einem_ Krach stürzte der ganze
-künstliche Bau ein, in den sie sich geflüchtet hatte. Oh, wie verlogen
-waren alle diese Phantasien gewesen von ihrer strengen, hohen Sendung,
-ihr Willkommgruß an die Häßlichkeit! Lächerlich war sie, lächerlich im
-Putz ihrer modischen Kleider und weltumströmenden Gefühle, sie, die Gott
-verworfen hatte durch ihre widerwärtige Gestalt und doppelt verhöhnt
-durch den Platz, auf den er sie gestellt.
-
-Wie hatte sie herabgeblickt aus ihrer kristallenen Höhe auf Agnes, das
-kleine, bunte, dumme Insekt. Und jetzt lag sie im Dreck, wo sie
-hingehörte, ekles Geziefer, das sie war, und Agnes lächelte aus dem Blau
-auf sie herunter mit ihren feinen, roten, ach, so zierhaft geschwungenen
-Lippen.
-
-Haßte sie Agnes? Nein, sie haßte sie nicht. Die war nun, wie sie war.
-Wer so schön war, hatte gut herunterlächeln -- warum sollte sie nicht?
--- auf die Häßliche. Aber er, Chretien! Wie er gelogen hatte! Wie er sie
-angeschaut hatte aus seinem kühnen, gebräunten, offenen Gesicht,
-hündisch ergebene Andacht in den Augen! Wie sich ihm die Stimme gepreßt
-hatte aus Bewegtheit und Neigung! Daß einer mit so offenem, treuherzigem
-Gesicht so lügen konnte! Daß Gott das zuließ! Daß die Erde nicht aufriß
-unter ihm! Der Hund! Der Betrüger! Der schmutzige Lügner!
-
-Sie häufte, in ungehemmter Raserei, alle Flüche und Schimpfworte, die
-unflätigsten, die sie kannte, sinnlose, irgendwo aufgeschnappte. Sie
-tobte durch das Zimmer, bis sie kraftlos auf den Teppich fiel. Da lag
-sie, die plumpen, geschminkten Hände von sich gestreckt, unfähig, sich
-zu regen, heiser, das zarte, kupferfarbene Haar gelöst in spröden
-Strähnen.
-
-Als sie sich erhob, war sie sehr verändert. Ging an ihre Geschäfte,
-eisig starr, rasch, ohne Schwanken, zielklar, mit einer kalten,
-besessenen Energie. Diktierte, schrieb selber Briefe, fertigte Kuriere
-ab. Neue Briefe, neue Siegel, neue Kuriere. So ging das durch zwei Tage.
-Dann versank sie in ebensolche Untätigkeit, wie sie vorher rastlos
-gewesen war. Niemand wurde vorgelassen. Sie schleifte sich auf und ab
-durch ihre Zimmer. Schaute stundenlang über das Land hin, die dicken,
-plumpen Lippen halboffen in einem merkwürdig lüsternen, bösartigen
-Lächeln. Wartete. Aß nicht. Sprach nicht. Wartete.
-
-
-
-
-Bevor Markgraf Karl und Herzog Johann die böhmische Grenze erreicht
-hatten, erhielten sie einen Eilbrief des Bischofs Nikolaus von Trient,
-des der luxemburgischen Sache blind Ergebenen. Er habe von den
-verschiedensten Gegenden des Landes anonyme Warnungen erhalten. Es gäre
-im Land. An der Spitze der Aufruhrbewegung stünden Chretien von Taufers,
-Heinrich von Rottenburg, Albert von Andrion. Er rate den Fürsten
-dringend, mit ihren Truppen zurückzukehren.
-
-In Eilmärschen kehrten die Luxemburger um. Fingen Albert von Andrion und
-Chretien von Taufers in einem Hinterhalt. Der Aufstand war mißglückt,
-ehe er ausgebrochen war. Die revolutionären Feudalherren krochen in ihre
-Burgen zurück; keiner hatte von einem Protest gegen das luxemburgische
-Regiment etwas gewußt, geschweige denn von bewaffnetem Widerstand. Die
-eigentlichen Anstifter, Burgstall, Villanders, Schenna, waren von Anfang
-an zu klug gewesen, sich bloßzustellen. Wie Schnee im Sommer
-verschwanden die Aufständischen vor den luxemburgischen Truppen.
-Heinrich von Rottenburg entkam; gute Freunde, um sich zu halten,
-lieferten ihn aus.
-
-Nachdem der Aufstand so rasch und mühelos erstickt war, hielt Markgraf
-Karl seinen weiteren Aufenthalt in Tirol für überflüssig. Er empfahl
-seinem Bruder und dem Bischof von Trient, die Mitläufer nicht zu
-verfolgen, aber die Führer rücksichtslos zu bestrafen. Legte verstärkte
-Besatzung nach Schloß Tirol, in die wichtigsten Festungen, zog mit dem
-Rest der Truppen seinem Vater zu Hilfe nach Polen.
-
- * * * * *
-
-Auf Schloß Sonnenburg bei Innsbruck saß der Bischof Nikolaus von Trient,
-hörte mit finsterer, beflissener Aufmerksamkeit das Protokoll, das der
-Sekretär des Herzogs Johann vorlas. Johann selber lehnte am Tisch,
-schaute mit kleinem, bösem, triumphierendem Lächeln auf den sitzenden,
-finstern Prälaten.
-
-Ja, nun zeigte es sich, daß er recht gehabt hatte. Der Bischof hatte es
-für unpolitisch gehalten und, wenn dann doch nichts herauskommen sollte,
-für geradezu schädlich. Aber er, Johann, hatte darauf bestanden, hatte
-sich kühn hinweggesetzt über so umständliche Bedenken. Was Bruder der
-Herzogin! Was Blut vom angestammten Fürstenhaus! Ein Hochverräter war
-er, ein meineidiger Rebell. Und er hatte über Albert von Andrion die
-Tortur verhängt.
-
-Der blonde, nette, fröhliche Mensch war ihm von je zuwider gewesen. Ei,
-er hatte ihn immer angehaßt, mit Margarete gegen ihn gezettelt. Nur
-hatte man ihm nichts nachweisen können. Jetzt endlich konnte man ihn,
-Gott sei Dank, überführen, unschädlich machen.
-
-Der Herzog selber war dabei gestanden, als man den Gefangenen peinlich
-befragte. Den ersten Grad überstand er stumm und trotzig. Man zog ihn,
-die Füße mit Bleikugeln beschwert, an den nach rückwärts gebundenen
-Händen hoch, ließ nieder, zog wieder hoch. Seine weiße, rosige Haut lief
-an, schwitzte. Aber er schwieg. Auch die Daumenschrauben überstand er.
-Es knirschte, Blut spritzte, er erbrach sich. Aber seine Heimlichkeit
-nicht mit. Erst als man ihn mit glühenden Zangen zwickte und mit
-Feuerbränden unter den Achseln kitzelte, bequemte er sich und wurde
-gesprächig.
-
-Und nun also hatte man das Protokoll. Ein gutes, kostbares Protokoll.
-Der Bischof zwar meinte, der Rottenburger sei ein sprudelnder Narr,
-Chretien und Albert dumme Jungen, es müßten bessere Köpfe
-dahinterstecken, und an die könne man trotz des Protokolls nicht heran.
-Aber jedenfalls hatte man es jetzt schwarz auf weiß, daß die
-Revolutionäre Margarete verständigt hatten, daß die Herzogin mit im
-Komplott war.
-
-Der finstere Bischof fragte ironisch, ob Johann je daran gezweifelt
-habe. Der erwiderte: nein, aber er freue sich, den Beweis in der Hand zu
-haben; er werde Margarete das Schriftstück ums Gesicht schlagen. Der
-Bischof fragte, ob er glaube, daß dadurch dem Haus Luxemburg großer
-Machtzuwachs erreicht sei.
-
-Bevor er nach Schloß Tirol ging, urteilte Johann die Führer der
-Verschwörung ab. Albert, verrenkt, siech durch die Folterung, wurde
-seiner Lehen für verlustig erklärt; nachdem ihn die Mönche von Wilten
-einigermaßen transportfähig gepflegt hätten, sollte er in ewige Haft
-nach Böhmen gebracht werden. Den kleinen Heinrich von Rottenburg ließ
-Johann in Lumpen vor sich bringen, zerrte den Gebundenen, Geknebelten am
-Bart, schlug ihn auf beide Wangen, eröffnete dem unter seinem Knebel
-Fauchenden, Augenrollenden, daß nun auch seine beiden anderen Burgen
-zerstört, verbrannt, dem Erdboden gleichgemacht werden würden. Der
-Rottenburger selber wurde in einen Kerker nach Luxemburg geschafft,
-Chretien nach Schloß Tirol mitgeführt.
-
-Der Herzog fand Margarete durchaus nicht so verzweifelt und zerknirscht,
-wie er erwartet hatte. Sie hockte in einer Ecke, in einer seltsamen,
-toten Müdigkeit. Johann hatte ein Gefühl wie vor einer Schlange, die
-sattgefressen ist und sich nicht regt und keine Hoffnung und keine
-Furcht mehr kennt in ihrer gelähmten, apathischen Sattheit. Er klirrte
-auf und ab vor ihr, machte sich knabenhaft wichtig in seiner Rüstung,
-stieß Drohungen aus, unflätige Beschimpfungen. Sie solle sich nicht
-beifallen lassen, zu fliehen, alle Gänge seien bewacht, Gräben, Tore,
-Mauern dreifach besetzt. Sie dürfe ihr Zimmer nicht verlassen, auf
-Monate; er werde sich sehr überlegen, wem er Zutritt zu ihr gestatte.
-Aber er kam mit all seinen großen, bedrohlichen Worten durchaus nicht
-auf seine Rechnung. Sie fielen leer, ungeflügelt zu Boden. Margarete
-hörte mit lässiger, stumpfer Neugier zu, man konnte ihr nicht beikommen,
-es hätte durchaus keinen Sinn gehabt, sie zu schlagen und anzuspeien,
-wie er es sich ausgemalt hatte. Er funkelte sie an mit seinen kleinen
-Wolfsaugen; aber er merkte, daß sein Toben und Wüten ziemlich künstlich
-blieb und ohne Eindruck. Enttäuscht zog er schließlich ab.
-
-Sie lag lange allein. Wie war sie leer und ausgehöhlt! Es war trüber,
-feuchter Tag. Sie fröstelte. Wollte heizen lassen. Schellte. Niemand
-kam. Sie schleppte sich zur Tür. Zwei Geharnischte traten ihr entgegen,
-streckten ohne Wort die Lanzen vor.
-
-Abend fahlte herein. Ein Mensch glitt in den Raum, stellte eine große,
-brennende Kerze auf den Tisch, still, merkwürdig lautlos, ein Verhülltes
-daneben und eine Buchrolle, glitt ebenso stumm wieder hinaus.
-
-Margarete fröstelte stärker, blinzelte in die flackernde Kerze.
-Schleifte sich schließlich heran an das Licht, wärmte die klammen Hände
-an der Kerze. Die Buchrolle waren Kapitel aus der Schrift. Aus dem
-Verhüllten stieg ein fauliger, süßlicher Geruch auf. Gezogen fast und
-wider Willen zerrte sie an dem Tuch, es öffnete sich. Fäden, braune
-Fäden. Nein, das war Menschenhaar. Langes, kastanienbraunes. Eine Stirn
-darunter. Dies war ein abgeschlagener Kopf. Vergraust warf es sie
-zurück. Chretiens Kopf starrte sie an aus verglasten Augen. Er lag
-schräg da, die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn waren
-noch verhüllt.
-
-Der Gaumen wurde ihr trocken. Sie atmete wild, in kaltem Schweiß,
-drückte sich in den Winkel, röchelnd. Stierte auf den Kopf, den das
-Licht flackerig, willkürlich und lächerlich verzerrte. Schloß die Augen.
-Rötlich tanzte vor ihr die Nacht.
-
-Es zwang sie, wieder auf den Kopf zu stieren. Gut wäre es, wenn diese
-Kerze tot wäre und ihr irrsinniges Geflacker. Man müßte sie auslöschen.
-Aber sie konnte nicht auf. Hatte sie denn Angst? Nein, sie hat nicht
-Angst. Sie ist die Herzogin. Wenn man sie belauert, durch ein Loch in
-der Tür? Sie steht auf; Kopf starr geradeaus, mit seltsam gespreizten
-Gliedern stelzt sie zu dem Tisch, schlägt die Kerze aus. Sackt hin.
-
-Liegt eine lange Weile steif. Spürt, wohlig fast, die Kälte und nichts
-sonst. Dann fängt die Nacht wieder an zu tanzen und zu zucken. Der Kopf
-zuckt in ihr hin und her. Wird endlos lang und schmal. Die mageren,
-bräunlichen Wangen schillern giftig, bläulichgelb, und jedes dieser
-schmutzigen, schwärzlichen Flaumhaare sticht nach ihr. Die toten Augen
-klappen auf und zu in der Nacht. Sie sind ganz ohne Ausdruck, wie von
-einem toten Tier. Oh, wenn es Tag wäre! Es wäre besser gewesen, die
-Kerze nicht totzumachen. Jetzt liegt die Nacht so schwer und plump auf
-ihr wie eine grobe, erstickende Decke. Man liegt in dieser Nacht wie in
-einem Sarg, und der tote Chretien klappt seine sinnlosen Augen auf und
-zu.
-
-Er ist häßlich. Das häßlichste Lebendige ist nicht so häßlich wie ein
-Totes.
-
-Nein, es ist ihm nicht gut bekommen, daß er sie hat betrügen wollen. Die
-Schöne hat jetzt auch nicht viel von ihm. Mit einem Mann ohne Kopf läßt
-sich kein Staat machen.
-
-Er hat andere mitgerissen. Armer Albert! Lieber, gutmütiger,
-freundhafter Bruder! Er war so harmlos und kameradschaftlich. Sicher hat
-er nur mitgetan, um kein Spaßverderber zu sein. Jetzt ist er kahl und
-bloß und verrenkt und im Kerker. Der frische, lustige Junge, der er war.
-
-Aber Chretien war doch anders. Das kühne, magere, bräunliche Gesicht.
-Sie wird keine Furcht mehr haben vor dem toten Kopf. Sie wird ihn lang
-und genau anschauen, und Chretien wird ihr gehören, nicht der Schönen.
-Tag sollte es sein, Tag, daß sie ihn sehen kann. Die dummen Gedichte des
-Herrn von Schenna singen immer von den Herrlichkeiten der Nacht und daß
-die Nacht der Liebe gehöre und verwünschen den Tag, daß er fernbleiben
-möge. Unsinn. Ihre Zeit ist der Tag. Herauf, Tag! Schenk' mir meinen
-toten Freund, der mir gehört, Tag!
-
-Doch als der Tag heraufkroch und um den toten Kopf das erste graue Licht
-war, lag sie überschauert, mit geschlossenen Augen, im Fieber.
-
- * * * * *
-
-Nach zwei Monaten strenger Überwachung erhielt sie Erlaubnis, für einige
-Tage nach dem Kloster Frauenchiemsee zu reisen, zu ihrer kranken
-Schwester Adelheid. Sie fand das sieche, krüppelhafte Mädchen scheu und
-unzugänglich wie immer.
-
-Margarete war vollkommen leer und ausgeschöpft. Sie aß, trank, ging
-herum. Beugte in der Klosterkirche das Knie wie die Nonnen, nahm und gab
-Gruß und Rede und Gegenrede. Sie war jung und alt wie die Welt. Sie war
-viel älter und erfahrener als die welke, milde Äbtissin, wußte viel
-besser als diese, daß alles eitel war und Haschen nach Wind.
-
-Der betuliche Abt von Viktring kam zu Besuch. Er war den Luxemburgern
-nie sehr freund gewesen, König Johann galt ihm als Spötter und Freigeist
--- darum auch hatte ihn der Herr mit Blindheit geschlagen -- und er
-freute sich, daß Margarete sich gegen sie erhoben hatte. Er sprach in
-seiner redseligen Manier viel in sie hinein; doch sie blieb wortkarg. Er
-häufte Zitate, führte tröstlich Anselmus an: »Schneller vergeht nicht
-die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits ist und für
-nichts alle irdische Zierde zu achten.« Aber es schien auf Margarete
-nicht viel Eindruck zu machen.
-
-Sie saß mit der Äbtissin lange Stunden am Ufer der winzigen Insel,
-schaute über den blassen, hellen See. Das Wasser gluckste träg im
-Schilf, stille, fahle Sonne war, weit draußen lag ein Fischer in seinem
-plumpen, altertümlichen Kahn. Die Äbtissin schaute sie aufmerksam an,
-streichelte ihre dicklichen, jetzt nicht geschminkten Hände. »Junge
-Herzogin!« sagte sie mit ihrer welken, milden, wissenden Stimme. »Junge
-Herzogin!«
-
-»Jung?« fragte Margarete zurück, so müde, daß es nicht einmal bitter
-klang. »Jung? Sie sind zehnmal jünger als ich, hochwürdige Frau.«
-
-Die Äbtissin sagte: »Ein Baum ist nicht tot, auch wenn er im Winter kahl
-steht.« Ferner sagte sie: »Es gibt nichts Schmerzhafteres, aber auch
-nichts Wohligeres, als wenn man, erstarrt, wieder ins Leben
-zurückkehrt.« Auch sagte sie: »Sie sollten mit den Nonnen singen, junge
-Herzogin.«
-
-
-
-
-Als Margarete nach Schloß Tirol zurückkehrte, ließ ihr Ludwig der Bayer
-von einer prunkvollen kaiserlichen Bedeckung bis an die Grenzen seines
-Gebiets das Geleite geben. Die ersten Herren des Münchner Hofs führten
-den glänzenden Zug, die Fahne mit dem wittelsbachischen Löwen wehte ihm
-voran, Feudalbarone und Behörden standen feierlich an seinem Weg.
-
-Die Herzogin dankte den Herren automatisch, nicht mit der gewohnten
-pomphaften Sicherheit. Sie war schlaff, gleichgültig, viel zu müde, sich
-Gedanken zu machen über die Gründe, die den Kaiser zu so auffallender
-Ehrung veranlaßten.
-
-Ja, der Wittelsbacher hatte seine guten Gründe. Er war erst jetzt wieder
-peinlich daran erinnert worden, wie sehr die luxemburgische Herrschaft
-in Tirol ihn behinderte. Seine Absicht, gewisse lombardische Händel
-durch einen Kriegszug zu beendigen, hatte der Bischof von Trient
-vereitelt, der ihm kühl und ohne Umschweife den Durchzug durch sein
-Gebiet verbot. Diese Verärgerung des Kaisers hatten die Tiroler
-Feudalherren klug genutzt. Die Burgstall, Villanders, Schenna, die sich
-bei der ersten Revolution gegen die Luxemburger schlau im Hintergrund
-gehalten, hatten ihre Pläne keineswegs aufgegeben. Das mißglückte
-Unternehmen hatte sie gelehrt, daß es nötig sei, eine Großmacht als
-Rückendeckung zu gewinnen. Was lag näher, als sich an den Feind der
-Luxemburger zu wenden, den Kaiser, den Wittelsbacher? Margarete hatte in
-dem letzten Unternehmen keine glückliche Hand gezeigt. Es war nicht ganz
-klar, was der unmittelbare Grund war, über den jener Aufstand
-strauchelte. Aber so viel war gewiß, daß vornehmlich ihre seltsame
-Laune, ausgerechnet den Chretien von Taufers zu berufen, die klug
-gezettelten Fäden verwirrt und zerrissen hatte. Jedenfalls war es
-geratener, diesmal über ihren Kopf hinweg zu handeln und sie erst im
-letzten Augenblick beizuziehen. Die Befreiung von Herzog Johann mußte
-sie, wie immer sie ins Werk gesetzt wurde, so wie die Dinge jetzt lagen,
-als Erlösung empfinden.
-
-Man schickte also in aller Heimlichkeit Botschaft an den Kaiser. Stellte
-ihm vor, wie die Erbitterung im Land gegen die Luxemburger steige; wie
-man bedaure, daß sein italienischer Feldzug an dem steifnackigen
-Widerstand des Bischofs von Trient, des Böhmen, gescheitert sei. Fragte
-unverbindlich an, ob er allenfalls einwilligen würde, seinen Sohn, den
-Markgrafen von Brandenburg, mit der Herzogin von Tirol zu vermählen. Der
-ländersüchtige Wittelsbacher, ungeheuer gelockt durch die Aussicht,
-Tirol zu gewinnen, erwiderte ebenso unverbindlich, er werde mit seinem
-Sohn, dem Markgrafen, den Plan durchsprechen; solange die Luxemburger
-noch im Land säßen, sei das Ganze ein blaues Projekt.
-
-Den tirolischen Herren genügte solche Antwort vollauf. Sie wußten, es
-ging nicht an, daß der vorsichtige Wittelsbacher sich mehr exponiere.
-Seine Antwort war verklausuliert, doch ihr Kern ein deutliches Ja. Die
-prunkvolle Bedeckung, die er jetzt ihrer Herzogin stellte, wäre Bescheid
-genug gewesen. Die Zerstörung der Rottenburgischen Festen, die Folterung
-Alberts, des Sohnes des guten Königs Heinrich, die Hinrichtung des Herrn
-von Taufers hatten die Luxemburger der letzten Sympathien beraubt. Die
-Barone schürten weiter, hetzten. Immer ohne Margarete zu verständigen.
-
- * * * * *
-
-Agnes von Flavon stand vereist, als sie von dem Niederbruch der
-Revolution erfuhr. Sie durchschaute sofort die Zusammenhänge. So
-schreckbar wuchtig also hatte die Häßliche zurückgeschlagen. Sie stand
-vergraust, kroch in tierischer Angst für ihr Leben in sich zusammen,
-dachte an Flucht.
-
-Als sie sah, daß gegen sie nichts unternommen wurde, tauchte sie dann
-langsam aus ihrem Schrecken hoch, äugte um sich. Sah die strengen
-Maßnahmen gegen Margarete, verwirrte sich. War jene so ungeschickt, daß
-sich das Unternehmen zuletzt gegen sie kehrte? Sicher nicht. Dazu war
-sie viel zu klug. Es mußte mit ihrem Willen so gekommen sein. Agnes
-begriff die Feindin nicht mehr. Ihr Haß wuchs mit ihrer Angst. Sicher
-plante sie einen noch ärgeren Schlag, sich an ihrer Vernichtung zu
-weiden.
-
-Es geschah nichts. Man kümmerte sich nicht um sie. Es war verständlich,
-daß man sich von ihr, der Frau des schmählich Hingerichteten, fernhielt.
-Aber warum beschlagnahmte man ihre Güter nicht? Sie ertrug nicht die
-Stille und Gleichgültigkeit um sich herum. Dazu die Angst, dies alles
-sei nur Vorbereitung tieferer Vernichtung. Sie beschloß, nach Schloß
-Tirol zu reisen.
-
-Auf dem Stadttor von Meran sah sie auf eine Stange gesteckt den Kopf
-ihres Mannes Chretien von Taufers. Er glotzte auf sie her, bläulichgelb;
-in verfilzten Strähnen wehte sein langes, unbekümmertes,
-kastanienfarbenes Haar in dem lauen Wind. Sie zuckte zurück. Dann
-schaukelte, von den Pferden getragen, ihre Sänfte unter dem Kopf des
-Gerichteten in die Stadt Meran. War es eine schlechte Vorbedeutung? Sie
-hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Sie mußte sich sammeln für die
-Unterredung mit Herzog Johann. Die war nicht leicht diesmal. Sie war
-schon einmal in schwarzer Trauerkleidung vor ihm auf der Erde gelegen.
-Wiederholungen wirken matt. Und diesmal ist die Situation gegen sie.
-
-Johann empfing sie denn auch gereizt, bösartig, höhnisch. Fragte giftig,
-ob sie auch keine Waffen bei sich habe. Er tue wohl gut daran, sich
-vorzusehen. Mit großen, traurigen, ob solcher Kränkung vorwurfsvollen
-Augen sah sie ihn an. Weinte sehr, daß der großmütige, junge Herzog, der
-ihr huldvoll entgegengekommen, nun Ursach' habe zu solchem Mißtrauen.
-Beteuerte, wie sie von den Plänen ihres hochverräterischen Mannes keine
-Ahnung gehabt. Sagte, es sei gut, daß er tot sei; denn wer so
-hinterlistig seinen Fürsten verrate, trage gewiß nicht lange Bedenken,
-auch sein Weib zu verraten. Gestand mit unschuldiger Verruchtheit, sie
-habe Chretien nie geliebt; ihn nur geheiratet, um Taufers behalten und
-in der Nähe des Fürsten bleiben zu können. Johann hörte zu, mißtrauisch
-und geschmeichelt. Sie trat näher an ihn, daß er ihr Fleisch atmete. Er
-knurrte, er glaube ihr kein Wort, aber er kämpfe nicht gegen Weiber,
-vorläufig könne sie Taufers behalten. Dann klatschte er ihr, die sich
-geduldig und lauernd duckte, verächtlich, derb und lüstern den Nacken,
-kehrte sich grob ab, warf ihr hin, er werde nächstens nach Taufers
-kommen, nachschauen, ob man dort Rebellion treibe; aber allein, er habe
-keine Angst. Damit lachte er laut und eindeutig auf, ließ sie stehen,
-ging auf die Jagd.
-
- * * * * *
-
-Mittlerweile war die Verschwörung des Adels reif geworden. Schloß Tirol
-sollte in Abwesenheit Johanns besetzt werden. Man konnte nicht länger
-umhin, Margarete zu verständigen. Auch mußte man ihre Einwilligung in
-eine eheliche Verbindung mit dem Wittelsbacher einholen. Herr von
-Schenna übernahm es.
-
-Er saß vor ihr, dürr, in lässiger, uneleganter Haltung, sprach ihr mit
-seiner welken, brüchigen Stimme von allerlei Kleinzeug. Glitt mit seinen
-alten, klugen, skeptischen Augen auf und ab an ihr. Er als einziger
-ahnte die Zusammenhänge. Behutsam, beiläufig warf er ihr hin, sie möge
-nicht erschrecken, wenn nächster Tage einmal andere Besatzung das Schloß
-beziehe, verstärkte Besatzung. Sie möge, auch wenn geschrien, rumort,
-mit Waffen geklirrt werde, sich nur ja in ihrem Zimmer halten, für sie
-sei keine Gefahr. Er hielt ein, wartete. Sie reagierte nicht. Nach einer
-Weile, sacht, holte er aus, ob sie denn nicht frage, warum das alles.
-Nein, sie fragte nicht.
-
-Er wechselte. Sprach von Agnes. Jeder neue Trauerfall bekomme ihr
-besser. Jetzt wieder, als sie hier im Schloß war, habe jeder sehen
-müssen, Schwarz stehe ihr am besten. Margarete horchte auf, der kluge
-Schenna sah: jetzt war ihre Gleichgültigkeit Maske. Er lenkte ab, kehrte
-dann wieder zurück. Ja, nun werde Agnes wohl bald auf längere Zeit als
-Gast hier einziehen; in diesem Stück sei Herzog Johann dem guten König
-Heinrich ähnlich. Margarete schnellte hoch. Schenna habe sich bisher
-immer als ihr Freund gezeigt. Ob dies wahr sei? Sie als Gefangene und
-die andere als Herrin: hier, in den gleichen Wänden, in der gleichen
-Luft -- unausdenkbar sei das. Und er solle jetzt um Christi willen die
-Wahrheit sagen.
-
-Schenna erwiderte schlicht: Ja, Johann habe Agnes von Flavon eingeladen;
-und wie er die Dame kenne, werde sie wohl annehmen. Da Margarete die
-Augen schloß, das Gesicht verzerrte: Es gebe ja noch Mittel, tröstete
-er, fing an von seinen Plänen. Sie winkte ab, wollte nicht hören.
-
-Bat Herzog Johann dringlich zu sich. Ob das wahr sei? Ob er das wirklich
-tun wolle? Sie flammte. Das Schloß hier zu einer Hurenherberge machen?
-Er: Ja er werde machen. Er werde sich erlauben. Er sah, daß er endlich,
-auf solche Art sie treffen, ihre Starrheit durchstoßen, sie anbohren,
-wund machen konnte. Er beschaute sie mit seinen kleinen, hassenden,
-gierigen Wolfsaugen, schwoll an. Was sie sich erfreche? Ob sie ihm das
-Weib verbieten wolle? Sie ihm? Sie, so wie sie ausschaue? Margarete
-schluckte, sagte beherrscht: Sie bitte ihn nicht, zu bedenken, was man
-im Volk, was an andern Höfen sagen werde, wenn er hier, im Schloß ihres
-Vaters, das sie ihm zugebracht, sie im Kerker und die andere in Glanz
-halten wolle. Aber daran müsse sie ihn erinnern, daß der Mann seiner
-Mätresse die Revolutionäre geführt habe, daß jene mit im Komplott,
-vielleicht die Anstifterin gewesen sei, daß es undenkbar sei, jene habe
-den schmählichen Tod ihres Mannes so schnell vergessen. Er solle sich
-hüten vor ihr! Er lachte hämisch: Mit solchen Faxen solle sie ihm nicht
-kommen. Sie sei eine eifersüchtige Gans. Prahlerisch fügte er hinzu:
-Wie, wenn etwa gar Agnes ihn gewarnt, ihre Intrigen vereitelt hätte?
-
-»_Ich_ habe dich doch gewarnt!« rief sie. »Ich! Ich!«
-
-Ihm, für einen Augenblick, stieg ein unbehagliches Gefühl auf: er sah
-sie wieder wie damals, als sie vor ihm lag wie eine satte Schlange, er
-fühlte sich gedemütigt durch seine widerlegte Prahlerei. Aber sogleich
-war er wieder oben. Dies war ja eine offensichtliche, schlaue, freche
-Lüge, durch die sie ihn verblüffen wollte.
-
-»In einer so plumpen Schlinge kannst du vielleicht deine Tiroler Bauern
-fangen, nicht mich!« sagte er mit gespielter, verächtlicher Trockenheit.
-Und, sich weiter hineinsteigernd: »Also das endlich spürt man? Das geht
-an die Nieren? Die Schöne soll aus dem Haus? Das stachelt, daß sie da
-ist? Just erst recht kommt sie! Just erst recht bleibt sie! Ausreit' ich
-mit ihr! Auf die Jagd reit' ich mit ihr! Nach Meran, Bozen, Trient reit'
-ich mit ihr! Dir zeig' ich es, Kröte! Häßliche! Giftige! Schmutzige!«
-
-Sie hockte starr entschlossen, als er fort war. So schlicht und ehrlich
-hatte sie gesprochen, ihm noch einmal breit den Weg aufgetan zu ihr. Wer
-nicht taub und verworfen war, mußte hören. Er selber hatte entschieden.
-
-Andern Tages kam wieder Herr von Schenna. Unterbreitete ihr einen kurzen
-Brief an den Kaiser, dessen Schutz sie sich empfahl, die Abmachung ihrer
-Barone billigend. Ohne Zögern unterschrieb sie. Schenna eröffnete ihr
-ferner knapp, sachlich, andern Tags, wenn Johann auf der Jagd sei, werde
-das Schloß von den Truppen der Barone besetzt, Johann der Eintritt
-verweigert werden. Sie selber könne ihm das, begehre er bei seiner
-Rückkehr Einlaß, mitteilen. Man werde sich hüten, sich ins Unrecht zu
-setzen, Hand an ihn zu legen. Man werde ihm nur in der Grafschaft jede
-Herberge versagen. Verlasse daraufhin Johann das Land, schloß Schenna
-lächelnd, werde niemand ihn hindern. Im übrigen, fügte er freundlich und
-sehr ergeben hinzu, sei diesmal vorgesorgt. Selbst wenn der Herzog
-gewarnt werde, könne nichts mehr mißglücken. Er nahm den unterzeichneten
-Brief an sich, neigte sich, ging mit seinen unbehilflichen,
-ungleichmäßigen, schlendernden Schritten.
-
- * * * * *
-
-Am andern Tag, einem Freitag, zog Johann mit kleinem Gefolge auf die
-Jagd. Das Wetter -- es war Anfang November -- hatte sich klar und blau
-angelassen, bald aber war Nebel eingefallen und feuchter, widriger Wind.
-Der Herzog war verdrießlich; was ihm Margarete über Agnes gesagt hatte,
-war doch nicht so leicht zu verdauen. Auch hatte sich sein
-Lieblingsfalke, ein schöner, grauweißer, norwegischer Gerfalke,
-verscheucht von einem größeren Raubvogel, verflogen. Jetzt zankte der
-Herzog mit dem Falkner herum, keifte, schrie.
-
-So brach er frühzeitig die Jagd ab, kehrte gegen Abend nach Hause. Fand
-die Zugbrücke aufgezogen, das Tor versperrt. Stand verwundert, dann
-verärgert, fluchend. Stieß ins Horn. Der Turmwächter erschien, sagte, er
-habe keinen Auftrag, den Herrn einzulassen. Der Herzog lief rot an,
-bellte dem Mann unflätige Schimpfworte zu. In der Zinne des einen
-Torturms war auf einmal Margarete, rief mit ihrer warmen, dunkeln
-Stimme, der Prinz von Luxemburg möge nicht weiterschreien, hier sei kein
-Platz für ihn, er möge sich andere Herberge suchen. Vielleicht in
-Taufers. Johann legte an auf sie. Sie war fort vor seinem Pfeil.
-
-Da stand er nun, schäumend und lächerlich, in seinem Jagdanzug vor dem
-versperrten Tor. Seine Begleiter tuschelten. Kalter Wind blies, es
-regnete. Ein paar seiner böhmischen Leute aus der Burg machten sich
-heran, erzählten kleinlaut, betreten, wie eine riesige Anzahl
-gutbewaffneter Tiroler das Schloß besetzt, sie hinausgeworfen habe.
-
-Der Herzog hielt noch eine Weile, kotig schimpfend auf die Feigheit
-seiner Leute, vor der hochgezogenen Zugbrücke. Aus der Burg kam
-Gelächter, Spottverse:
-
- »Wer steht vorm Tor? Wer schlottert im Wind?
- Ein Bettler? Ein Jud'? Etwer vom Gesind?
- Es ist bloß der Graf von Tirol.«
-
-Fluchend zog Johann schließlich ab, nach Zenoberg. Das gleiche. Nach
-Greifenstein. Das gleiche. Es ging schon auf Mitternacht. Er war
-todmüde, heiser vom Schreien und Toben, zerschlagen. Fröstelnd,
-jämmerlich, nächtigte er im Freien.
-
-Morgen fahlte herauf. Der Herzog stieg auf sein Pferd, schmutzig,
-überwacht, die Glieder schmerzten ihn, der Magen war ihm hohl von
-Hunger. Er hatte nur mehr sechs von seinen Leuten um sich, die andern
-hatten sich sacht verlaufen.
-
-Es regnete unaufhörlich. Seine Begleiter sagten ihm, das Volk sei sehr
-einverstanden mit dem Geschehenen, lache, juble, feiere, höhne. Jene
-Verse brummten, lästige Insekten, um seine Ohren: »Ein Bettler? Ein
-Jud'? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Auf Nebenpfaden
-schlich er sich in die Burgen etlicher Adeliger, die er sich besonders
-verpflichtet hatte. Die Herren waren nicht da, die Kastellane hatten
-keine Weisung, verschlossene Tore. Es waren nur mehr vier von seinen
-Leuten bei ihm.
-
-Er irrte ziellos durch Weinberge, Forst. Regen, Regen. Er glaubte sich
-verfolgt, umstellt. Er kannte keine Furcht in der Schlacht; jetzt kroch
-es ihm ekel herauf. Er wollte nicht gehetzt und geschlagen sein wie ein
-toller Hund von einem Bauern, einem stinkenden Bürger. Er schlug sich
-höher in die Berge. Kam endlich zu einer abgelegenen Burg des Tägen von
-Villanders. Der kluge, vorsichtige Baron, er wollte sich, wenn möglich,
-auch mit den Luxemburgern verhalten, nahm ihn auf. Allein er wagte nur,
-ihm sehr heimliche, auf ganz kurze Zeit befristete Unterkunft zu geben.
-Johann lebte die wenigen Tage als ein unbekannter Ritter Ekkehard, ließ
-sich nicht sehen. Da klatschten ihm auch hier Fetzen jenes Liedes um die
-Ohren: »Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Er machte
-sich fort, des Nachts, schlotterig, nur mehr zwei Knechte folgten ihm.
-Er war noch immer im Jagdkleid. Schmutzig, verschwitzt, stinkend, auf
-abgetriebenem, versagendem Roß, das auf den versumpften Nebenpfaden
-nicht mehr weiterkam, schlich er sich die Kreuz und die Quer durch sein
-Land. Wenn nur wenigstens dieser verfluchte Regen aufhörte! Er verkaufte
-den Schmuck, den er bei sich trug, Waffen, Jagdhorn, zuletzt auch das
-Pferd.
-
-Fiebernd, erschöpft, ganz allein erreichte er das Gebiet des Patriarchen
-von Aquileja. Kam nach Friaul. In den Palast des Patriarchen. Die
-Knechte grölten, wieherten, als der lausige, verlumpte Mensch
-behauptete, er sei der Herzog von Kärnten, Graf von Tirol, Enkel der
-Römischen Majestät. Der Patriarch, Feind der tirolischen Feudalherren,
-von Luxemburg allezeit sehr gefördert, nahm ihn ehrerbietig auf, schloß
-ihn in seine Arme. Langsam kam, nach Tagen, der erschöpfte, verstörte
-Fürst wieder zu sich. Knirschte, wob bösartige Pläne, sott Gift, spie
-Flüche und Drohungen in das Land, aus dem ihn seine Frau vertrieben.
-
-
-
-
- Zweites Buch
-
-
-
-
-In München der Kaiser Ludwig hatte seinen Sohn, den Markgrafen, den
-Brandenburger, um die Schulter gefaßt. Ging auf und ab mit ihm. Redete
-gütlich auf den Finsteren, Verdrießlichen ein. Der Brandenburger sah,
-trotzdem er erst fünfundzwanzig Jahre war, sehr männlich aus. Blonder,
-kleiner Schnurrbart, harte, graublaue, etwas stechende Augen in
-gebräuntem, magerem Gesicht. Er hatte den massigen Nacken der
-Wittelsbacher, war groß, sehnig. Aber der wuchtige, ungeschlachte Kaiser
-überragte ihn doch um ein beträchtliches. Durch die gemalten Scheiben
-kam das helle, fahle Licht des Schneetags. Wie sie so auf und nieder
-gingen, der Kaiser den Arm um die Schulter des Sohnes, schien es, als
-schleifte er den Zögernden, sich Sperrenden.
-
-Nein, nein! Er konnte es nicht und konnte es nicht. Er brachte es
-einfach nicht über sich, die Herzogin Margarete zu heiraten. Er hatte
-jetzt eine fünfjährige Ehe hinter sich mit Elisabeth, der dänischen
-Prinzessin. Sie war ein bescheidenes Geschöpf gewesen, etwas dürr, ja.
-Nun war sie tot, Gott gebe ihr die ewige Ruh'. Jetzt will er drei, vier
-Jahre ohne Frau sein. In Brandenburg seine Staatsgeschäfte betreiben,
-Ackerbau, Städtewesen hinaufbringen, die Wenden kleinkriegen. Die
-tirolische Margarete heiraten, die ihren Mann auf so sonderbare Weise
-davongejagt hat? Die extravagante Person? Nein, danke! Sein kaiserlicher
-Vater werde ihn stets dienstwillig finden. Aber die Margarete heiraten,
-nein!
-
-Der Kaiser richtete die riesigen, starren, blauen Augen auf den Sohn.
-Sein Widerspruch überraschte ihn nicht, erregte ihn nicht. Es war kein
-Vergnügen, die Tirolerin zu heiraten. Er an seiner Stelle hätte sich
-auch gesträubt. Aber er wußte, sein Ludwig war ein guter Sohn, ein
-einsichtiger Fürst, der begriff, daß Heirat das wichtigste politische
-Mittel war. Eine Gelegenheit wie diese kam nicht wieder. Hatte
-Wittelsbach Tirol, so war die Ländermasse geschlossen, so regierte
-Wittelsbach vom Nordmeer bis zur Adria. Er verstand durchaus, daß Ludwig
-es vorgezogen hätte, auszuschnaufen, etliche Jahre Witwer zu bleiben.
-Aber dafür war er Fürst und Wittelsbacher. Er konnte sich solche
-Bequemlichkeit nicht gönnen.
-
-Der mürrische Markgraf häufte weiter seine verdrossenen Einwände.
-Abgesehen davon, daß ihm diese Margarete und alles um sie tief zu
-innerst gegen den Strich gehe, sei es gewiß, daß der Papst die Ehe der
-Tirolerin mit dem Luxemburger nicht lösen werde. Die ganze Christenheit
-werde wie ein Mann Skandal schreien, wenn er sich jetzt mit der Frau
-eines andern vermähle. Der Kaiser erwiderte gelassen, er habe sein Leben
-lang Bann und Interdikt tragen müssen; er könne es seinem Sohn nicht
-sparen. Ein Wittelsbacher komme leider anders nicht voran.
-
-Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in
-unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart.
-Die dänische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Fürst könne nicht
-nach Schönheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die
-plumpe Taille! »Kärnten!« sagte der Kaiser. Das überworfene Maul!
-»Tirol!« sagte der Kaiser. Die Hängebacken! Die schrägen, vorstehenden
-Zähne! »Trient! Brixen!« sagte der Kaiser.
-
-Durch München ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen
-führten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die
-ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von
-Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten
-anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch
-hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die
-Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mußte nur, damit sie
-einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten
-die Tiroler denn auch. Ließen sich alle ihre Handfesten, Urkunden,
-Privilegien bestätigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich
-Vetorecht und Kontrolle über alle Regierungsmaßnahmen. Verärgert,
-verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer
-Herrschaft solle, die überall so geengt, gepreßt, gehemmt sei. Voll und
-bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: »Hab' du den Mantel erst an!
-Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.«
-
-Nach Lichtmeß, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen
-Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prächtige Zug der Wittelsbacher durch
-die grellweißen Berge nach Schloß Tirol. Schnee knirschte, Rüstungen
-klirrten, Gehänge, Gold und Silber läuteten. Weich in der dämpfenden
-Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Sänften,
-Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der
-Markgraf, der Brandenburger, mißmutig, zögernd, aber halb schon durch
-die Größe und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder
-Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwäbische Herr, der
-intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder
-Arbeiter, ein unbedingter Anhänger der Wittelsbacher. Die tirolischen
-Barone. Zahllose bayrische, schwäbische, flandrische, brandenburgische
-Edle. Die Bischöfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden großen
-Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam
-und Marsilius von Padua.
-
-Der Kaiser hielt während der ganzen Reise vor allem diese geistlichen
-Herren in seiner Nähe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermählung
-des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht
-nur, daß Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer
-Großmutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade
-verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem
-Ehehindernis zu lösen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt
-gedroht. Ängstlich hörte, tief beunruhigt, die Bevölkerung diese
-Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie
-zurückzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der
-Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er
-hatte eine tiefe, abgründige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er
-bedauerte aufrichtig, daß seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich
-zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, überall in der Welt fanden die
-großen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und
-Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern.
-
-Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von
-Herzen, glaubte an sie, war überzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte
-also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen
-anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwände des Papstes zu Recht
-bestünden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die
-Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des
-Gatten nie _de facto_ vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei
-ungültig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der
-Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklärt, die
-Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem
-Grund also zogen die bayrischen Bischöfe mit über die Alpen. Ihre
-Mission kam ihnen sehr gefährlich, sie selber sich sehr kühn und wichtig
-vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten.
-
-Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr
-interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung.
-Leidenschaftlicher Nationalökonom, der er war, hatte er keinen Blick für
-die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen
-Stimme nur von Ackerbauflächen, Siedlungsmöglichkeiten, Handelsstraßen,
-Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol -- ihm war
-das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war überall
-Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tüchtiger, wohlmeinender
-Hand zupacken.
-
-Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige,
-gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universität Paris
-doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhänge von Westen
-nach Osten. Vor ihnen -- die Straße stieg sacht an -- hob sich hoch der
-wuchtige Rücken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren
-sprachen über ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse
-Leidenschaftlichkeit, rühmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine
-Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt München, die
-Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen
-Parzival. Der schärfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten
-lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der
-Kaiser liebte die Städte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den
-Kriegsmann, Verträge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf
-Ritterlichkeit. Gewiß hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die
-waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. König Johann, der
-Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein
-Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich
-vielmehr den Stadtbürgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum
-auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten
-können, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein
-Kind seiner Zeit. Der Theolog hörte den klugen, richtigen und
-literarischen Ausführungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen
-den breiten, wuchtigen Rücken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten
-beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und
-nur nach ihm, wird immer bieder und aus großen Augen sich, die andern,
-die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und überzeugt, Gerechtigkeit,
-Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen.
-
-Man nächtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender,
-fröhlicher Kälte den Jaufenpaß hinan. Man hatte schon die Höhe hinter
-sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von
-Freising, scheute, warf den Reiter vornüber ab. Der Bischof flog sehr
-unglücklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine,
-bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem fröhlichen, hellen
-Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von
-Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige
-Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot.
-Der bunte, laute, klingende Zug stockte. »Gottesgericht!« raunte es;
-übergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in
-Decken, führte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte
-der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die kühne, gefährliche Tat
-seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischöfe von Augsburg
-und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, daß nun sie
-Margaretes erste Ehe lösen sollten.
-
-Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das
-Schloß Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmächtige
-Flüche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war
-ein Fürst der Christenheit mächtig wie er? Er hatte beide Bayern
-vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland,
-Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das
-schöne, alte, reiche, berühmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen,
-machtlos. Er hatte es, nun er die Höhen der Alpen beherrschte, fest in
-der Hand. Schönes Schloß Tirol! Gutes, festes Schloß Tirol!
-
-Erstaunt hörten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit
-heller, lauter Stimme sang. »Er singt Lieder wie König David vor der
-Bundeslade!« sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem
-Gemach, allein, schaute in das weiße, helle Land, schlug sich auf die
-Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den
-Kneipen seiner bayrischen Dörfer sang.
-
- * * * * *
-
-Zwei Tage später vollzog der Kaiser selber die Vermählung des Markgrafen
-Ludwig mit der Herzogin Margarete. Zum großen Ärgernis des Landes und
-ganz Europas. Wieder den Tag darauf belehnte er in der Stadt Meran die
-Neuvermählten mit Kärnten und Tirol. Er war angetan mit dem kaiserlichen
-Ornat. Konrad von Teck hielt das Reichsschwert, Arnold von Maßenhausen
-das Zepter, Herr von Krauß den Reichsapfel. Margarete strotzte von
-Prunk, steif, übersät mit Edelsteinen standen die schweren Kleider um
-sie herum, sie sah starr und reglos geradeaus.
-
- * * * * *
-
-Im Wiener Schloß saßen Albrecht der Lahme und Johann von Böhmen in
-langer Unterredung. Der Griff des Wittelsbachers nach Tirol hatte den
-Luxemburger und den Habsburger wieder ganz zusammengetrieben. Der
-Kaiser, dieser Schamlose, hatte nicht nur Tirol gestohlen, er hatte
-seinen Sohn auch mit Kärnten belehnt, in dem der Habsburger festsaß, das
-der Kaiser selber ihm hatte erobern helfen. Weniger über die Frechheit,
-als über solche Torheit des Wittelsbachers waren die Fürsten erstaunt
-und empört.
-
-Albrecht hatte alle Vorsorge getroffen, sein Kärnten gut zu verteidigen.
-Der gelähmte Fürst hatte noch einmal, nun auch er, die umständlichen,
-ihm doppelt beschwerlichen Zeremonien der Kärntner Thronübernahme auf
-sich genommen; es lag ihm daran, nur ja seine Volkstümlichkeit zu
-sichern.
-
-Der blinde Luxemburger hatte mehr Phantasie und weiterschauende Pläne.
-Dieses Tirol, die schönste Frucht, die der dreiste, plumpe Wittelsbacher
-sich gepflückt, trug den Wurm in sich. Der lahme, in Kleidung und Frisur
-etwas verwahrloste Albrecht sah mit Interesse, mit einer leisen,
-widerstrebenden Bewunderung auf den blinden König, der straff, elegant
-und sehr gepflegt vor ihm saß und leicht und behutsam seine blauen,
-kühnen Pläne andeutete. Nein, der Kaiser wird an seinem neuen Land nicht
-viel Freude haben. Er, Johann, ist im Grund verträglich. Er trat bisher
-Ludwig entgegen, wenn er mußte, wenn es sein Nutzen verlangte, aber ohne
-Haß und Leidenschaft. Von nun an wird es anders sein. Er ist randvoll
-von Ekel und Zorn über diesen letzten plumpen, schoflen Streich, über
-solche dumm anmaßliche, vor sich und andern heuchelnde Habgier und
-Frechheit. Der Grimm des Ritters und Abenteurers gegen den Kleinbürger
-brannte auf.
-
-Der neue Papst, der sechste Klemens, kein Theoretiker wie der
-verstorbene Benedikt, nein, ein weltkundiger, glänzender Fürst und Herr
-und Politiker, ist ihm und seinem Sohn Karl eng befreundet, der Lehrer
-und nächste Vertraute seines Karl. Die Vermählung des Brandenburgers hat
-dem Kaiser überall Unwillen erregt. Wenn jetzt der neue Papst von allen
-Kanzeln Bann und Interdikt gegen den Kaiser verkünden läßt, wird solche
-Verfluchung nicht als Politik aufgefaßt werden, sondern bei aller
-Christenheit Billigung und herzlichen Beifall finden. Kurfürsten,
-Städte, Volk werden dem Wittelsbacher sich weigern, haben ihm schon ihre
-Gefolgschaft aufgesagt. Wenn dann mit Unterstützung Avignons sein Sohn
-Karl zum Römischen König erwählt wird, kann er, Johann, ihm eine
-unüberwindliche Liga gegen Ludwig schaffen.
-
-Albrecht rieb sich mechanisch das schlechtrasierte Gesicht, hörte
-besonnen den Ausführungen des andern zu. Dies waren Pläne, die solider
-gegründet waren als gewöhnlich die Pläne des Luxemburgers; aber sie
-bedeuteten Angriff, unvermeidlichen Kampf. Er, Albrecht, war nicht
-willens, sich hineinzumengen. Er war nicht mehr jung, war gewitzt, zog
-das Schwert nur im äußersten Fall.
-
-So saßen sie beisammen, die beiden mächtigen Fürsten, die mehr als die
-Hälfte Mitteleuropas regierten; der Blinde zerrte an dem Lahmen, aber er
-konnte ihm nur ein Defensivbündnis abringen.
-
-Dann, als die Unterhandlung zu Ende war, reckte sich Johann, erhob sich,
-um zu gehen, tastete sich, der Blinde, an der Wand entlang, fand aber
-die Türe nicht. Albrecht konnte ihm zwar sagen, wo sie sei, vermochte
-aber, der Lahme, dem Tappenden nicht zu Hilfe zu kommen. Da lachten sie
-beide lang und herzhaft, bis endlich einer aus dem Gefolge draußen die
-Tür öffnete.
-
- * * * * *
-
-Schlimmes Unglück brach über das Land in den Bergen herein, die Strafe
-Gottes, weil die Herzogin das Sakrament der Ehe so grob verletzt hatte.
-»Die Plagen Ägyptens!« schrien die Anhänger des Papstes durch ganz
-Europa. »Die Plagen Ägyptens!« erblaßte das Volk, seufzte, schlug sich
-die Brust, fastete.
-
-Zuerst taten zu erneuter Bestrafung der Sünden der Menschen die
-Schleusen des Himmels sich auf, eine zweite Sintflut.
-
-»Wehe! Der Wassermann ergießt deukalionischen Regen,« zitierte der Abt
-Johannes von Viktring einen alten Lateiner. Als hätten sämtliche Flüsse
-Europas sich über das Land ergossen, wurden Bäume, Wiesen, Dörfer,
-Menschen von Grund auf weggerissen, der Inn führte Brücken, Türme,
-Häuser mit sich, das untere Etschland glich einem See, von Neumarkt fuhr
-man zu Schiff nach den unter Tramin gelegenen Gütern.
-
-Im gleichen Jahr rasch nacheinander vernichteten wilde Feuersbrünste die
-Städte Meran, Innsbruck, Neumarkt.
-
-Aber das Grauenvollste und Seltsamste, was das Volk erstarren ließ,
-waren die riesigen Heuschreckenschwärme, die in diesem Sommer das Land
-verheerten. Sie kamen von Osten.
-
-Nachdem sie Ungarn, Polen, Böhmen, Mähren, Österreich, Bayern, die
-Lombardei kahl gefressen hatten, lagerten sie sich über dem blühenden
-Tirol. Man sah die Sonne nicht, so dicht flogen sie. Sie flogen bei Tag
-und bei Nacht, und doch brauchten sie siebenundzwanzig Tage die
-Etschufer hinab.
-
-Das erschreckte Volk schleppte in Prozessionen die Heiligenbilder,
-betete, streckte die Hände zum Himmel. Der Pfarrer von Kaltern ließ das
-Geziefer durch ein förmliches Rechtserkenntnis von Geschworenen
-verurteilen, bannte es von der Kanzel herab. Es waren riesige Tiere, sie
-hatten Zähne wie leuchtende, edle Steine, so daß die Frauen ihre
-Gewänder damit besetzten. Die Schwärme, die die Inngegenden verheerten,
-waren zwiefach merkwürdig. Die Führer flogen mit wenigen anderen dem
-Heer um eine Tagesreise voraus, suchten die Orte, die der Masse des
-Schwarmes geeignet waren. In Geschwadern brachen sie wieder auf, mit
-militärischer Disziplin. Sie fraßen Busch und Baum, sie fraßen alles
-Grün, sie fraßen den Halm, das Korn, die Hirse, Stumpf und Stiel. Die
-Erde war schwarz und grau und wie ausgedorrt, wenn sie endlich
-fortzogen.
-
-
-
-
-Die Herzogin Margarete fuhr über den Arlberg. In Sankt Anton stand unter
-dem gaffenden Volk ein Mädchen von elf, zwölf Jahren mit seiner Mutter.
-Wie der Zug vorbeikam, rief eifrig, wichtig das Kind: »Mutter! Mutter!
-Welche ist die gnädige Frau Herzogin? Die Lange, Dürre oder die andere,
-die Maultasch?«
-
-Die Mutter, eine derbe, wackere, behagliche, junge Frau, grinste, wurde
-rot, schlug nach dem Kind: »Wirst du den Brotladen halten, Saufratz!«
-
-Die Leute ringsum lachten, das Kind plärrte, das Wort wurde aufgenommen.
-Es flog durch das Land, flog weiter, bald nannte alle Christenheit die
-häßliche Herzogin nur mehr die Maultasche. Margarete hörte davon, trug
-den Beinamen mit einer gewissen stillen, bitteren Absichtlichkeit. Wie
-sollte ihr neues Schloß heißen? Bruneck? Neugrafenburg? Sie nannte es
-Schloß Maultasch.
-
- * * * * *
-
-Markgraf Ludwig saß zusammen mit seinem Freund, dem Herzog Konrad von
-Teck, über Rechnungen und Belegen. Der junge, straffe Markgraf stellte
-nüchtern, klar Ziffern und Tatsachen zusammen; der massige, soldatische,
-etwas ältere Herzog von Teck hörte aufmerksam zu. Er war in Rüstung,
-unbeweglich, während der Markgraf bei aller Sachlichkeit sich nicht
-enthalten konnte, auf den Tisch zu schlagen, auf die raschelnden
-Papiere.
-
-Sein festes, mageres Gesicht, harte, glanzlose, blaue Augen, bräunliche,
-verwitterte Haut, etwas spärliches, blondes Haar, gegen die Mode kurzer,
-blonder Schnurrbart, war böse und sehr erregt. Er hatte die Tiroler
-Barone immer für tückische, betrügerische Raffer gehalten. Doch daß sie
-auch unter seinem Regiment so frechen, offenkundigen Unterschleif wagen
-würden, daß sie bieder und traulich nicht etwa die Hälfte, sondern neun
-Zehntel seiner Einkünfte in ihre Tasche steckten und sich in ihren
-Schlußrechnungen kaum bemühten, das zu verschleiern, das war denn doch
-ein Gipfel frecher Habsucht, den er nicht erwartet.
-
-Der junge Fürst liebte sachliches, rasches, sauberes Arbeiten. So hatte
-er sich in Brandenburg bewährt; es war dem Land gut bekommen. Hier in
-Tirol fand er überall Schlamperei, die ganze Verwaltung war ein
-Ungefähr, alle Grenzen und Befugnisse verwischt, Betrug und Unterschleif
-üppig in Schuß und Wucher. Dabei hatten die Barone gut vorgesorgt.
-Amnestie für ihre Verwaltungssünden war ihnen zugesichert, auch konnten
-sie fürderhin nur durch Einheimische kontrolliert werden, und da sie
-alle versippt waren, blieb solche Kontrolle Formsache.
-
-Der massige, bartlose, soldatische Konrad von Teck ließ den Markgrafen
-zu Ende reden. Dann sagte er: »Durchgreifen! Verträge, Amnestie: einen
-Schmarren! Pack' einen von ihnen am Kopf! Laß die andern reklamieren,
-protestieren! Wenn sie sehen, es nützt nichts, werden sie rasch kirre.«
-
-Mit einem halben Lächeln schob der Markgraf dem Freund ein Schriftstück
-hin: einen Haftbefehl für Volkmar von Burgstall. Aber er war nicht
-unterzeichnet. »Mein Vater täte es bestimmt nicht,« sagte er. »Es kann
-verteufelt schief gehen. Ich hab' keine Rückendeckung.«
-
-Konrad von Teck schaute ihn aus seinen stumpfen, braunen Augen an, sagte
-knarrend: »Schaff' dir Rückendeckung.«
-
-Ludwig gab den Blick zurück, schellte, befahl: »Die Frau Herzogin.«
-
-Bis Margarete kam, schwiegen die beiden Männer. Ludwig hatte keine
-Heimlichkeit vor dem Freund; so wußte der genau, wie es zwischen ihm und
-Margarete stand. Es stand aber so, daß aus Mißtrauen und Abneigung
-langsam eine kühle, geschäftsmäßige, wohlwollende Kameradschaftlichkeit
-gewachsen war. Margarete war ruhig, klug, nicht zudringlich, gab und
-verlangte keine Sentimentalität. Dies war dem Wittelsbacher sehr recht;
-seine saubere, straffe, nüchterne Art war die einzige an einem Manne,
-die Margarete in diesen Jahren nicht reizte. An ihre seltsame Erstarrung
-und Verkrustung gewöhnte er sich langsam ebenso wie an ihre Häßlichkeit,
-und es geschah ohne jeden verächtlichen Unterton, wenn er etwa im
-Gespräch mit Konrad ebenso wie das ganze Land Margarete die Maultasche
-nannte.
-
-Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sie kam. Denn nie erschien sie
-anders als in herzoglichem Prunk. Sie trug ein Kleid aus schwerem,
-braunem Stoff, mit vielem Gold besetzt, das Gesicht maskenhaft steif von
-Schminke und Puder, auch die Hände geschminkt. Der Markgraf legte ihr
-die Dokumente vor, wies in kurzen Worten darauf hin, wie lückenlos vor
-allem das Material gegen Volkmar von Burgstall sei. Margarete sah vor
-sich den dumpfen, dröhnenden, wuchtigen Volkmar, die nackte, brutale
-Gier seines Gesichts. Er hatte mit seiner plumpen, grausamen Hand
-zugeschlagen, wo er konnte, er hatte im Kampf gegen die Luxemburger den
-jungen Rottenburg, den lustigen, harmlosen Albert vorgeschickt und sich
-selber feig, schwer, tückisch in den kellerigen, widerwärtigen Winkeln
-seiner Burg versteckt. Ihr Gesicht unter der Schminke blieb steif und
-ohne Ausdruck. »Verhaften Sie ihn!« sagte sie.
-
-Selbst der starre Konrad von Teck sah überrascht auf. »Sie sind eine
-tapfere Dame, Frau Herzogin!« sagte er.
-
-»Nachdem das Ihr Rat ist, Margarete,« sagte der Brandenburger, »werden
-sich Ihre Landsleute wohl beruhigen müssen, wenn ich ihn befolge.« Er
-bat, auch sie möge den Verhaftsbefehl unterzeichnen. Sie tat es.
-
-Der Burggraf Volkmar wurde verhaftet, prozessiert. Solches Vorgehen
-gegen den ersten Aristokraten des Landes machte ungeheures Aufsehen. Die
-Barone, zitternd jeder für sich selbst, schlossen sich zusammen; vom
-Süden her wühlte Bischof Nikolaus von Trient, von Westen der Bischof von
-Chur. Konrad von Teck, dem der Gefangene unterstellt war, wich keinen
-Schritt. Anklage, Vermögenskonfiskation, Verhör, Tortur. Zum Urteil kam
-es nicht. Der Burggraf starb vorher, im Kerker, unversehens. Das Land
-raunte, übergraust, wollte sich empören, wagte es nicht, duckte sich,
-schwieg.
-
-Margarete saß am Putztisch, als sie die Nachricht von dem plötzlichen
-Tod Volkmars erhielt. Das Fräulein von Rottenburg, das ihr Haar kämmte,
-schnaufte, zitterte, ließ den Kamm fallen. »Mach' doch weiter!« sagte
-Margarete, und ihre volle, dunkle Stimme war gleichmütig und ohne
-Schwanken.
-
- * * * * *
-
-Die Herzogin schaute von der Loggia der Burg Schenna aus in das besonnte
-Land. Jakob von Schenna saß ihr gegenüber. Zu ihren Häupten an den
-Wänden schritten die bunten Ritter.
-
-Es tat wohl, die müde, gescheite Stimme Schennas zu hören. Seine hellen,
-klugen, reinlichen, phrasenlosen Sätze waren wie ein laues Bad. Der
-Markgraf hatte ihn in seine Dienste ziehen wollen. Doch Herr von Schenna
-hatte die diplomatischen Würden, die goldenen Ehrenketten seinen Brüdern
-Petermann und Estlein überlassen, er selber war wohl bereit zu raten;
-doch ein Amt nahm er nicht an.
-
-Er sprach vom Markgrafen, wie häufig. »Nein,« sagte er, auf die gemalten
-Ritter weisend, »von diesen hat er nichts. Wenn er einen Wald sieht,
-denkt er nicht an ein Ungeheuer, das darin sein könnte, auch nicht an
-eine Dame, die ein Riese hütet und die zu befreien wäre. Er überlegt,
-wie groß der Holzwert des Waldes ist, ob es lohnt, das Holz in die
-nächste Stadt zu schaffen, dort den Wohnungsbau zu fördern. Die Zwerge
-hat der Markgraf nie gesehen; sie werden auch nicht zurückkehren,
-solange er regiert. Auch wird er mit König Johann nie konkurrieren. Es
-wird ihm nichts daran liegen, achtzehn oder zwanzig Turniersiege im Jahr
-zu behaupten, die modischste Rüstung zu haben, möglichst oft in Paris zu
-sein. Aber darauf sehen wird er, daß sein Name selten in der
-Korrespondenz des Messer Artese aus Florenz vorkommt, daß die Kaufleute
-ihre Transporte in Sicherheit führen können, daß in den Städten feste,
-redliche Behörden sitzen.«
-
-Margarete schwieg. Ähnliches hatte Schenna schon oft geäußert. Es fiel
-ihr auf, daß früher die gleichen Dinge in seinem Munde ironisch
-geklungen hatten, ablehnend, während er jetzt fast mit Anerkennung von
-diesen bürgerlichen Eigenschaften des Fürsten sprach.
-
-Herr von Schenna blieb bei seinem Lieblingsthema. Die alte Zeit war
-vorbei. Rittertum und Rittersitte war wohlfeil geworden und Attrappe.
-Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen
-und darauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt,
-in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Es war
-vielleicht schöner gewesen früher, bunter, ehrlicher. Aber die Welt war
-verwickelter geworden. An Stelle der Burg trat die Stadt, an Stelle des
-kräftigen Einzelnen die Organisation. Wenn der fahrende Ritter Herberge
-verlangte, Speis' und Trank, forderte man von ihm -- Gotts Marter! --
-Bezahlung. Nicht ihm gehörte die Zukunft, sondern dem Bürger, nicht der
-Waffe, sondern der Ware, dem Geld. Mochten Herren wie König Johann noch
-so herrlich herfahren über die Erde; was sie taten, blieb ohne Bestand.
-Bestand hatte das kleine, langsame, sorgfältige, rechenhafte Gewerk der
-Städte; sie bauten winzig, sie bauten ängstlich, aber sie bauten Zelle
-an Zelle, schichteten Stein um Stein, unablässig.
-
-Margarete war überzeugt von der Richtigkeit solcher Grundsätze. Hatte
-sie es nicht an sich selber tief und grauenvoll erlebt? Was war Liebe?
-Was waren Abenteuer? Das höhlte einen aus, zerrieb, machte wund und
-leer. Gedanken, die sie früher schon gedacht, setzten sich tiefer,
-wurden wesenhaft, mischten sich ihr ins Blut. Ihre Häßlichkeit war
-Geschenk, der Wegweiser, mit dem Gott ihr den rechten Weg zeigte.
-Rittertum, Abenteuer, das war bunter Schaum und Schein. Ihr Amt war, in
-die Zukunft zu bauen. Städte, Handel und Handwerk, gute Straßen, Ordnung
-und Gesetz. Ihr Amt waren nicht Feste und Fahrten und Liebe; ihr Amt war
-nüchterne, ruhvolle Politik.
-
-Sehr kam solchen Grundsätzen das Wesen des Markgrafen entgegen. Sie
-erkannte genau, wußte, spürte, wie eng und pedantisch er war. Aber sie
-achtete seine Tüchtigkeit und Verlässigkeit, gewöhnte sich daran als an
-etwas Freundhaftes, schwer zu Entbehrendes. Die Gatten waren viel
-zusammen, aßen zusammen, schliefen zusammen. Arbeiteten zusammen. Gutes
-Einverständnis war von ihm zu ihr. Ihre Gedanken schmiegten sich
-ineinander. Margarete regte an; aber so unmerklich, daß nicht zu
-unterscheiden war: wer war Führer, wer geführt? Oft, im Gespräch mit
-Konrad von Teck, sagte der Markgraf anerkennend: »Ja, meine Frau, die
-Maultasche.« Bei alledem blieb Margarete im Innersten zugesperrt, ihre
-Umkrustung war nicht zu durchbrechen, es blieb bei einer freilich großen
-und ehrlichen Höflichkeit.
-
-Im zweiten Jahr ihrer Ehe wurde Margarete schwanger. Ihr Wesen wurde
-gelöster dadurch, ihre volle, dunkle Stimme klang wärmer; aber jene
-Fremdheit und Starrheit fiel nie ganz von ihr ab. Sie blieb frei von
-heftigen, überschwenglichen Begierden, gleichmäßig, ohne stärkeres
-Gefühl. Sie sah, daß das Kind, ein Mädchen, weder schön noch häßlich
-war. Es hatte die harte, eckige Stirn des Vaters und, Gott sei Dank,
-seinen, nicht ihren Mund. Sie betreute das Kind sorglich, mütterlich,
-pflichtbewußt, ohne Herzlichkeit.
-
- * * * * *
-
-Der Papst zog den Arm des jungen Markgrafen Karl von Mähren-Luxemburg in
-den seinen, führte den Fürsten, eifrig auf ihn einredend, in dem
-behaglichen Zimmer auf und ab. Draußen, über der weißen Stadt Avignon,
-brannte helle, starke Sonne. Im päpstlichen Palast war es angenehm
-dämmerig, nicht zu heiß. Der sechste Klemens, dunkles, starkes, sehr
-repräsentatives Gesicht, die Konturen gehoben durch die bläulichen
-Schatten des Rasierens, hatte ein zärtliches, pflegliches Gefühl für den
-jungen Fürsten, seinen lieben, verständnisvollen, empfänglichen Zögling.
-Der hatte ihm die Tiara, er jenem die römische Kaiserkrone vorausgesagt.
-
-Ja, und nun war es an dem. Der Wittelsbacher, der tölpische Bär, hatte
-zu gierig nach jeder Beute getappt. An dem letzten, übergroßen Bissen,
-an Tirol, sollte er erwürgen und ersticken. Mochten die Kurfürsten, die
-Städte des Römischen Reichs sich noch so vorsichtig und unbehaglich
-gegen die Kontrolle der Kurie sperren; der üble Geruch, der von den
-tirolischen Händeln ausging, stank allen so in die Nase, daß sie an der
-Person dieses Usurpators Ludwig von Bayern doch wohl nicht festhalten
-konnten. Ja, jetzt kam er angekrochen, der Wittelsbacher. Demütig
-winselte er vor dem päpstlichen Stuhl, erkannte das lange Verzeichnis
-seiner Verbrechen an, bot Unterschrift und Unterwerfung. Klemens
-lächelte, faßte seinen jungen Schüler fester um die Schulter. Der Bayer
-kam zu spät. Schon hatte er, Klemens, in feierlichem Konsistorium den
-großen Kirchenbann über ihn ausgesprochen, schon das Kurfürstenkollegium
-aufgefordert, zur Wahl eines neuen Königs zu schreiten. Wenn morgen sein
-lieber Schüler Karl von Luxemburg an den Rhein fährt, nach Rhense, zur
-Wahl, kann er die Gewißheit mitnehmen: der Papst hat alles getan, durch
-Segen und Verdammung, seine Prophezeiung von der Kaiserkrone wahr zu
-machen.
-
-Wenige Tage später gab denn auch die Majorität der Kurfürsten dem
-Luxemburger ihre Stimmen. Von den fünf Fürsten, die für ihn stimmten,
-war der erste sein Vater, der zweite sein Oheim, der dritte ein
-Erzbischof ohne Stift und Land, der vierte und fünfte durch viel Gold
-erkauft.
-
-Karl, nachdem ihm der Vorsitzende des Kollegiums, der Erzbischof Balduin
-von Trier, das Ergebnis der Wahl verkündet hatte, nahm die Umarmung
-seines Vaters, die Glückwünsche der Kurfürsten entgegen. Sandte einen
-Eilkurier an den Papst. Dann, allein, breitete der lange, hagere Mann
-die Arme, atmete. Erwählter Deutscher König, Römischer Kaiser bald. Er
-war nicht wie sein Vater, der Blinde, der Ritter. Er wird nicht glänzen,
-alles, wie er es an sich gerafft, verstreuen. Er wird haben, halten,
-besitzen. Er war aber auch nicht wie der Bayer, der Langsame,
-Pedantische, Bürgerliche. Burg _und_ Stadt, das war es, Militär _und_
-Verwaltung. Nicht Territorien allein erraffen, was ist das groß? Sie
-beackern, sie durchkneten. Kirche, Kunst, Wissenschaft, Städtebau.
-Sammeln, häufen, pflegen. Alles sammeln und pflegen: Länder, Städte,
-Titel, Schlösser, Gelehrte, Reliquien, Kunstdinge. War er eitel? War er
-habgierig? Nein, dies war wohldurchdachte, wohlerkannte Fürstenpflicht.
-Der hagere, sehnige Herr setzte sich an den Schreibtisch. Notierte sich
-Richtlinien, entwarf ein Schema, einen Kanon seiner Regierung.
-Disponierte wissenschaftlich Tugenden, Erfordernisse, Pläne. Teilte sie
-ein: Ziffer eins, zwei, drei. Arbeitete viele Stunden, tief in die Nacht
-hinein.
-
-Überlas das Geschriebene. Stak in all dem nicht doch ein bißchen
-Eitelkeit? Er war fromm, Eitelkeit war Sünde. Er wird büßen. Er sammelte
-leidenschaftlich Reliquien: Dornen aus der Krone Christi, Kleider,
-Schädel, Arme von Heiligen. Aus Pavia hat man ihm die Überreste des
-heiligen Veit angeboten. Der Heilige war viel zu teuer. Er wird, zur
-Buße, diese Reliquien trotz der Übervorteilung erstehen.
-
- * * * * *
-
-Vor Margarete stand ein kleiner, fetter, zappeliger Mensch, war sehr
-unterwürfig, sprach gaumig glucksend. Nannte sich Mendel Hirsch. War
-Jude. War während der Verfolgungen durch die Brüder Armleder aus dem
-Bayrischen nach Regensburg geflohen, dort von der Bürgerschaft geschützt
-worden. War aus den hundertundsiebenundzwanzig Gemeinden, in denen
-damals die Juden erschlagen worden waren, einer der wenigen Entkommenen.
-Jetzt hatte er einen Schutzbrief des Kaisers, vorsichtshalber auch einen
-des Gegenkönigs Karl.
-
-Die Herzogin hatte niemals einen lebendigen Juden aus der Nähe gesehen.
-Aufmerksam, mißtrauisch, leicht angewidert, beschaute sie den dicken
-Mann, der in braunem Rock und spitzem Hut vor ihr herumagierte, rasch
-sprudelnd, gurgelnd, possierlich zappelnd. So also schauen die aus, die
-Hostien schändeten, unschuldige Kinder gräßlich marterten, das von Gott
-verfluchte Geschlecht, das Gott gemordet hat. Sie hat oft von den
-fremden, unheimlichen Menschen gehört, erst unlängst, anläßlich der
-letzten Judenmetzeleien, mit dem Abt Johannes von Viktring eingehend
-darüber gesprochen. Der hatte die Verfolgungen weder gutgeheißen noch
-sie mißbilligt. Es erfüllte sich eben an dem geschlagenen Volk die
-uralte Verwünschung, die es sich mit eigenen Lippen herabgeflucht: »Sein
-Blut über uns und unsere Kinder!« Der Abt zuckte die Achseln, zitierte
-einen antiken Klassiker: »Weh Unseligem mir! Viel fürcht' ich, weil viel
-ich verbrochen.«
-
-Margarete fand diese Lösung ein bißchen zu einfach. Gewiß, ein Mann, der
-so eine Judenverfolgung anfachte, mochte aus Eifer für die Sache Gottes
-handeln. Vielleicht. Sicher war, daß er viel daran verdiente. Denn gab
-es ein probateres Mittel, den jüdischen Gläubiger loszuwerden, als ihn
-totzuschlagen? Warum, wenn es nützlich und gemäß war, sie zu vertilgen,
-setzten sich just die weisesten geistlichen und weltlichen Herrscher für
-sie ein? Die Gesetze des zweiten Hohenstaufenfriedrich, die Bullen des
-vierten Innozenz bewiesen eine sehr andere Auffassung als die ihres
-wackeren Abtes. Und der jetzt regierende Klemens -- er war ihr Feind,
-aber verflucht gescheit -- warum stellte sich der so breit und schützend
-mit Bullen und strengen Gesetzen vor sie hin?
-
-Sie schaute auf den kleinen Mann, der sich vor ihr abarbeitete. Er
-erzählte von dem Jämmerlichen, was er durchgemacht. Wie man seine Leute
-in ihre Bethäuser zusammengetrieben und verbrannt habe, andere in Säcke
-gesteckt, mit Steinen darin, und elendiglich im Rhein ersäuft, wie man
-sie verstümmelt, gemartert, erwürgt, Frauen vor den Augen ihrer
-angepflockten Männer geschändet, aufgespießte Kinder wie Fahnen aus den
-Fenstern brennender Häuser gehängt habe. Er erzählte das hastig, mit
-vielen saftigen Einzelzügen, gestikulierend, seine bunten, gurgelnden
-Worte überkugelten sich, er lächelte entschuldigend, anklagend,
-resignierend, streute spaßige Sätze in seine Erzählung, rief Gott an,
-strähnte nervös seinen mißfarbenen Bart, wiegte den Kopf. Die Herzogin
-hörte ihm schweigend zu; in einer Ecke hockte Herr von Schenna, in
-schlechter Haltung, betrachtete aufmerksam den kleinen, eifrigen,
-possierlichen Mann.
-
-Mendel Hirsch bat, sich in Bozen niederlassen zu dürfen. Er war auf dem
-Weg nach Livorno zu Glaubensgenossen. Aber jetzt, beim Anblick der
-aufblühenden Städte und Märkte Tirols, war ihm beigefallen, hier sei
-besserer Boden, neuerer. »Transithandel, gnädigste Frau Herzogin!« sagte
-er. »Transithandel! Messen! Märkte! Hier führten die großen Straßen von
-der Lombardei nach Deutschland, von den slawischen Ländern in die
-romanischen. Warum sollten Trient, Bozen, Riva, Hall, Innsbruck,
-Sterzing, Meran schlechter sein als Augsburg, Straßburg?« Schon seien
-die Bischöfe von Brixen und Trient geneigt, Juden in Schutz und Privileg
-aufzunehmen. Er werde mit gnädiger fürstlicher Erlaubnis den Handel hier
-rasch hochbringen. Geld ins Land, viel Geld, großes Geld. Er verfüge
-über Kapital in beliebiger Höhe. Bediene kulanter als die Herren in
-Venedig und Florenz. Er werde Wein, Öl, Holz exportieren; Seide,
-Pelzwerk, Schwerter einführen, spanische Wolle, Juwelen, maurische
-Goldarbeit; aus dem slawischen Osten Felle, vor allem auch Sklaven. Die
-brauche man hierzulande nicht? Man habe genügend leibeigene Bauern?
-Nicht? Also nicht. Aber Glas, das brauche man doch, sizilianisches Glas,
-er habe ausgezeichnete Verbindungen. Und gefärbtes Tuch brauche man
-auch. Und Zimt, Pfeffer, Gewürz. Er werde schon machen. Man möge ihn nur
-machen lassen.
-
-Margarete sagte, sie werde seine Bitte in Erwägung ziehen. Als er fort
-war, überlegte sie mit Schenna. Dem gefielen die Projekte des Juden
-sehr. Gewiß solle man ihn hereinlassen, ihn zu halten suchen. Das sei
-die neue Zeit, das bringe Leben ins Land. Beim Turnier freilich werde
-Herr Mendel Hirsch keine gute Figur machen, die Barone, wohl auch die
-Bürger, würden die Stirn runzeln. Aber just wegen dieser faulen
-Überheblichkeit solle man dem trägen Volk den raschen, beweglichen Mann
-in den Pelz setzen.
-
-So kam also der Jude Mendel Hirsch nach Bozen. Er kam mit einem Gewimmel
-von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Schwiegertöchtern, Enkeln; auch
-drei Säuglinge waren dabei und eine uralte, mummelnde Großmutter. Das
-kribbelte mandeläugig, flinkfüßig, vielwortig durch die Straßen Bozens,
-beschaute die bunten, stattlichen Häuser, Mauern, Tore, Plätze,
-Menschen, schätzte ab, urteilte mit raschen, lauten Worten und Gesten.
-
-Man kann nicht sagen, daß die Bozener Bürger den Juden Mendel Hirsch
-gerade begeistert aufgenommen hätten. Es bedurfte vielmehr erst der
-strengen Vermahnung des Markgrafen -- der wie sein Vater, der Kaiser,
-die Juden als städteförderndes Volk schätzte und begünstigte --, bis sie
-ihm überhaupt nur Unterkunft gewährten. Und auch dann behandelten sie
-ihn denkbar grob und mißtrauisch, riefen die Kinder von den Straßen, wo
-er ging, wischten sich die Ärmel, wenn sie ihn angestreift, riefen ihm
-Schimpf- und Spottworte nach, bewarfen ihn hinterrücks mit Kot. Der
-kleine, fette, bewegliche Mann tat, als sehe und höre er nichts, putzte
-sich ab, wenn man ihn besudelte, lächelte, strähnte sich den verfärbten
-Bart. Trieb man es zu arg, wiegte er den Kopf, machte: »Nu, nu!« Er
-blieb immer gleich unterwürfig, kam wieder, wenn man ihn davongejagt
-hatte. Kaufte sich ein Haus, noch eines, ein drittes. Waren kamen für
-ihn, stapelten sich, fremdartige, schöne, in einer Fülle, wie man sie
-nie gesehen, nicht zu teuer. Er kaufte, was man ihm anbot, prüfte rasch,
-sicher, hatte immer Geld, zahlte bar. Die eingesessenen Kaufleute
-machten scheele Gesichter, die übrigen Bürger gewöhnten sich an den
-Juden, schimpften wohl noch, aber mehr aus Gewohnheit, ohne Überzeugung.
-
-Wenn Mendel Hirsch besonders schöne neue Waren hatte, Tücher, Pelze,
-Juwelen, brachte er sie zuerst der Herzogin und Herrn von Schenna. Beide
-unterhielten sich gern mit dem flinken, weltbefahrenen Mann, der Wege,
-Waren, Menschen, Zusammenhänge gut kannte und aus sehr anderem,
-ungewohntem Gesichtswinkel sah. Er schnitt, kam man ihm in ernsthaftem
-Gespräch mit großen Worten, ein bitteres Gesicht; für Ritterlichkeit,
-Turnier, Fahnen und dergleichen Dinge hatte er eine gutmütige,
-schmunzelnde Verachtung, die Schenna ergriff und erheiterte. Er sagte:
-»Wozu immer klirren und recht haben? Ein bißchen Billigkeit, und allen
-ist geholfen.« Er wurde nervös und ängstlich vor Lanzen, Spießen,
-Rüstungen. Einmal, als er bei der Herzogin angesagt war, kam er nicht,
-weil viel Kriegsvolk unterwegs war. »Er ist feig,« sagte Margarete.
-
-»Gewiß,« sagte Herr von Schenna. »Mit einem Schwert tut er höchstens
-sich selber weh. Aber er geht allein und ohne Waffen herum unter einem
-Volk, das ihn anhaßt, und seine ganze Rüstung ist der Schutzbrief des
-Markgrafen.«
-
-Margarete erfuhr, daß er Abend für Abend in seinen krausen, hebräischen
-Büchern las, seine Kinder darin unterrichtete. Sie hörte von seinen
-seltsamen Gebräuchen, Gebetmantel, Gebetriemen, anderer Kost. Sie fragte
-ihn nach Einzelheiten. Er wich höflich und entschieden aus. Dies gefiel
-Margarete. Er war häßlich und besonders. Er war umkrustet. Sie war die
-Maultasch, er der Jud.
-
-Allmählich kamen mehr Juden ins Land. Nach Innsbruck, Hall, Meran,
-Brixen, Trient, Rovereto. Alle mit vielen mandeläugigen Kindern. An die
-zwanzig Familien. Geld floß herein, die Städte wurden größer, üppiger,
-die Straßen besser, neue, fremde Stoffe, Früchte, Gewürze, Waren drangen
-ein. Das Land in den Bergen lebte reicher, behaglicher.
-
-Die Woche über trieben die Juden vom frühen Morgen bis in die tiefe
-Nacht hinein ihren Handel. Kein Geschäft war ihnen zu gering, sie
-warteten stundenlang, unermüdlich, für jeden. Sie nahmen alle
-Demütigungen hin, bückten sich, wehrten sich nicht, trat man nach ihnen,
-spie man sie an. Aber am Freitagabend schlossen sie sich ein in ihren
-Häusern, waren ihren Sabbat über für niemand, auch für den größten Herrn
-nicht und für den wichtigsten Handel nicht zu sprechen. Das Volk stand
-vor ihren versperrten Türen, drohend: »Da treiben sie ihre Hexerei und
-verfluchte Hantierung. Zauberwerk, ruchlose, gottverdammte Kunst.« Doch
-die Juden ließen sich die Drohungen nicht kümmern, hielten Türen und
-Fenster gut zu.
-
-Mendel Hirsch pflegte an solchen Tagen viele festliche Lichter
-anzuzünden, den braunen Rock und den spitzen Hut mit schönen Kleidern
-aus alten Stoffen und prächtigen Mützen zu vertauschen, auch seine Frau,
-seine Töchter und Schwiegertöchter zogen sich prächtig an. Dann sang er
-mit seiner häßlichen, gaumigen Stimme Psalmen und Gebete, und seine
-Kinder sangen mit. Er ging und saß in seiner Wohnung herum, aß gut,
-trank gut, freute sich seiner Kinder und seines Reichtums. Las einen
-Abschnitt aus der Schrift vor, begleitete ihn mit kunstvollen
-Auslegungen, bezog ihn auf Ereignisse des Tages. Das Haus strahlte
-geschmückt, duftete von kostbaren Essenzen. Er legte den Kindern die
-Hand aufs Haupt, segnete sie, daß sie werden möchten wie Manasse und
-Ephraim. Er ging behäbig herum in seinem Haus, strähnte sich den Bart,
-wiegte sich, sagte: »Am Sabbat sind alle Kinder Israels Fürstenkinder.«
-
-Der Markgraf sagte zu Margarete: »Es war gut, daß man die Juden ins Land
-gesetzt hat. Sie bringen Geld herein, Bewegung, treiben an. Aber es hat
-schon seinen guten Grund, daß das Volk sie nicht riechen mag. Da lebt so
-was wie dieser Jud Mendel Hirsch. Hat keine Kirche, keine Spur Religion.
-Ist ärger als ein Heide und das liebe Vieh.«
-
-Herr von Teck mit seiner knarrenden Stimme sagte: »Das widerwärtigste
-ist, daß so ein Mensch nicht den leisesten Sinn hat für Würde. Wie sich
-das bückt! Wie das hündisch kriecht! Gewanz! Lausepack!«
-
-Margarete schwieg. »Er ist der Jud,« dachte sie, »ich bin die
-Maultasch.«
-
-
-
-
-Der blinde König Johann saß in der kahlen, niedrigen Bauernstube, sein
-Friseur kämmte ihm Haar und Bart. Der gestrige Tag war drückend heiß
-gewesen, aber jetzt kam, von Nordwest her, ein frischer Wind. Es war
-halb vier Uhr morgens, die Sonne war noch nicht da, der Himmel hell. Um
-den König waren zwei seiner Offiziere, fertig in Rüstung, sein
-Erzkämmerling und Adjutant, zwei Pagen. Der Luxemburger legte trotz
-seiner sechzig Jahre und seiner Blindheit größtes Gewicht auf
-einwandfreie Wappnung und Kleidung. Der Kämmerling und die Pagen rieben
-seine weiße, körnige Haut mit Essenzen, legten ihm umständlich Hemd,
-Unterkleid, die silberne Rüstung an.
-
-Der König hatte nur wenige Stunden geschlafen, aber er war frisch und in
-strahlender Laune. Vor ihnen war ein großes Gehölz, dahinter standen die
-Engländer. Heute also, endlich, wird man sich schlagen. Es wird kein
-Geplänkel, es wird eine heiße, große Schlacht sein. Es geht für den
-Engländer um alles.
-
-Wie der elegante, blinde Mann jetzt dasteht, gewaschen, gerüstet, den
-Sommermorgen schnuppernd, hat er alle die leisen, melancholischen
-Anwandlungen vergessen, die sonst manchmal in letzter Zeit aus seinem
-zerronnenen und zerdunsteten Leben in seine Nacht steigen. Wie ein Tier,
-das nach langem winterlichem Stall den Frühling wittert, sog er gierig
-den Geruch der Schlacht, der rings in der Luft war.
-
-Trat vor das Haus, frühstückte, scherzte mit seinen Herren. Kleiner,
-reiner Wind ging. Nun wird gleich die erste Sonne kommen.
-
-Sein Vater war Römischer Kaiser gewesen, mächtig über alle Christenheit.
-Er, Johann, kämpfte jetzt in französischem Sold; es hat eigentlich gar
-keinen Sinn gehabt, daß er sich in den großen Zwist zwischen England und
-Frankreich gemengt, er hat es aus bloßer Freude am Kampf getan. Zudem
-hat er das Geld verschleudert, das er von Frankreich für die
-Truppenwerbung erhalten, und muß jetzt ziemlich kläglich Ausflüchte
-suchen. Genau gesehen, hat sich ihm nichts, gar nichts gefügt. Wenn
-auch! Das geht ihn jetzt nichts an. Jetzt wird er kämpfen. Er ist sehr
-vergnügt.
-
-Man reichte ihm weiße Scheiben Brotes, Butter, Honig, einen Trank Met.
-Bienen summten um ihn. Er tätschelte die weichen Haare der Pagen.
-
-Er hat das Geld für die Söldner vertan. Er lächelte. Nun ja, wenn heute
-sein Sohn Karl Deutscher König ist, so hat jener Sold sein gut Teil dazu
-beigetragen. Karl darf es nicht wissen. Er ahnt es wahrscheinlich, aber
-wissen darf er es nicht. Er ist so korrekt. Gleichviel, gleichviel. Er
-liebt Frankreich, er hat Frankreich viele gute Dienste getan, er wird
-auch heute, er spürt es, das vertane Geld reichlich hereinbringen. Er
-schüttelte sich, reckte sich, fragte, ob die Sonne schon da sei.
-
-Man stieg zu Pferde, brach auf. Es ging durch ein großes Gehölz,
-dahinter stand auf dem weiten, staubigen Feld der Feind. Man hatte die
-Visiere noch nicht heruntergelassen; Vögel sangen, Zweige streichelten
-das Gesicht, man roch das Laub. Es war schön, zu leben, es war schön, im
-Morgen durch den Wald zu reiten, und dahinter stand der Feind.
-
-Ah, jetzt verstummten die Vögel. Klirren, Schreien, Dröhnen, stampfende,
-trappelnde Pferde, helle Trompeten, Staub, viel Staub. Man war am Ende
-des Waldes. Der König hielt mit seinen Herren. »Wie steht die Schlacht?«
-fragte er mit der Erregung des leidenschaftlichen Spielers. Seine Herren
-mußten ihm alle Wechsel des Kampfes schildern. Er kommandierte, warf
-Truppen hierhin, dorthin. Aber die Strategie des Blinden blieb
-notgedrungen theoretisch, die Offiziere korrigierten, ohne viel Worte zu
-machen, seine Befehle nach Belieben oder führten sie überhaupt nicht
-aus. Staub lag dicht auf dem Feld, legte sich grau, dick auf Halme,
-Gräser, Ähren, auf die Pferde, die Rüstungen. Die Schlacht hatte sich in
-zahllose, verbissene Gruppenkämpfe aufgelöst. Da hielt es den alten
-Herrn nicht mehr. Spürte er, daß seine Befehle leerer Schall waren,
-demütig entgegengenommen, unbeachtet weggeworfen wurden? Er reckte sich
-plötzlich hoch auf, sein braunes, gutes Pferd stieg, wieherte, er warf
-einen hellen, fröhlichen Schrei in das Gewieher, brach los. Seine
-Offiziere suchten ihn zu halten, die Pagen drängten brennend, hitzig
-vor. So kam er trotz allen Hemmungen ins dickste Getümmel, sein Schmuck,
-seine wertvolle Rüstung reizten Gegner. Er wurde umzingelt,
-herausgehauen, nochmals umzingelt. Vor allem zwei schottische Ritter,
-jüngere Söhne, Habenichtse, hatten es auf seinen Schmuck und den
-prachtvollen Brustpanzer abgesehen. Der blinde alte Herr sprach, schrie,
-lachte, stach um sich. Er war von seinen Offizieren getrennt, die Pagen
-hatten sich bei ihm gehalten. Er sprach, scherzend, grimmig, anfeuernd,
-zynisch, zu dem einen, dem blonden, feinen Jehan, seinem Liebling. Der
-war schon zusammengehauen, tot, aber der blinde König wußte es nicht.
-Endlich warf sein verwundetes Pferd ihn ab, begrub ihn. Man drang ein
-auf ihn, riß ihm Helm und Visier herunter, schlug ihm den Schädel ein.
-Da lag er still und jämmerlich im Staub, der rastloseste Mann und Fürst
-der Zeit, sein eleganter Bart war übel zerrauft und mit Blut verklebt,
-die schäbigen Ritter zerrten ihm den silbernen Panzer von der Brust, der
-Ring wollte nicht los von der steifen, im Staub verkrampften Hand, so
-hackten sie den ganzen Finger ab. Dann zog sich der Kampf weg, und die
-Franzosen, für die der Blinde ohne Sinn und ohne Zweck gekämpft hatte,
-wurden zersprengt und besiegt.
-
-Der tote König lag allein. Krähen und Raben kreisten.
-
- * * * * *
-
-Karl von Luxemburg, der Deutsche König, hatte sich, verwundet, aus jener
-Schlacht gerettet. Der König von England, der immer gern und stolz
-betonte, wie ritterlich seine Kriegführung sei, hatte ihm die Leiche des
-Vaters mit ehrenvollem Geleite übersandt. Nun stand Karl vor den
-scheußlich verstümmelten Resten. Er hatte den Vater nie geliebt. Der
-alte Verschwender, der in so launischem Zickzack über die Erde gefahren
-war, der so toll und übermütig mit seinen Kronen gespielt hatte, statt
-sie zu wahren und zu festigen, hatte sein Erbe schwer gefährdet.
-Immerhin, es waren Rechte, Titel, Länder auf allen Seiten erworben. Er
-wird sich nicht verzetteln, er wird nicht überflüssig prahlerisch alles
-zu halten suchen; er wird zusammenstücken, runden. Nur auf die Sache
-sehen, nicht auf äußeren Glanz.
-
-Da lag nun dieser König Johann, sein Vater. Er war ein Ritter gewesen,
-der erste Ritter der Christenheit; er hatte groß geglänzt, nun lag er
-da, ein Haufe scheußlich verstümmelten, verwesenden Fleisches. Er hatte
-gelebt für nichts, er war gestorben für nichts. Er hatte über Kirche,
-Priester, Heilige gelacht und die Welt nicht unter seine Sohle
-gezwungen, hatte weder den Himmel erworben, noch die Erde. »Schlaf' in
-Frieden, Vater! Ich werde anders sein wie du.«
-
-König Karl ließ das Herz ausnehmen, die Fleischteile in siedendem Wasser
-von den Knochen lösen. Überführte die Gebeine in das heimatliche
-Luxemburg, ließ sie feierlich neben tiefverehrten Reliquien beisetzen.
-Dann ließ er -- Aachen hatte seine Tore gesperrt -- sich in Bonn als
-Deutscher König krönen, in Prag als Böhmischer. Kaiser Ludwig hielt
-jetzt, nach der Niederlage der Franzosen, die richtige Zeit für
-gekommen, an den Gegenkönig eine schwungvolle Protestnote zu richten. Er
-forderte ihn in großen Worten auf, von seinem Gebaren abzustehen und
-sich ihm, dem Stärkeren, zu unterwerfen. Karl antwortete im gleichen
-Stil, seine Stärke bestehe nicht in Kriegsheeren, sondern in dem großen
-Alliierten: Gott.
-
-Fürs erste aber sah er sich nach irdischen Alliierten um. Unterhandelte
-mit Ungarn, mit dem lahmen Albrecht. Karl hatte für sich Legitimität,
-Titel, Kirche, Religion, Sympathien, Ludwig die Macht. Ihre Länder
-grenzten aneinander; beide aber waren sie wägend und bedacht und
-verhüteten, daß hier Krieg losbrach. Der findige, anschlägige Karl
-glaubte vielmehr, die schwache Stelle des Wittelsbachers ganz woanders
-herausgefunden zu haben: in Tirol.
-
-Hier hatten die Bischöfe von Trient und Chur, denen Markgraf Ludwig
-verhaßt war, unablässig gewühlt und gezettelt. Die Feudalbarone,
-knirschend gegen die Brutalität und die Rechenhaftigkeit der
-Wittelsbacher, warteten nur darauf, die Luxemburger zurückzurufen. Auch
-die großen lombardischen Stadtherren, die Carrara, Visconti, della
-Scala, Gonzaga, sahen die bedrohliche Nachbarschaft Kaiser Ludwigs mit
-tiefer Besorgnis. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders vereinigte
-geschickt die Interessen dieser drei Oppositionsparteien. Er selber war
-Landeshauptmann von Tirol, der Markgraf begünstigte ihn, hielt ihn für
-zu gefährlich und zu einflußreich, mit ihm anzubinden. Allein der
-elegante Herr hatte feine Witterung; er spürte sehr gut, wie
-unsympathisch er dem Markgrafen war, wie der immer mehr Befugnisse
-seinem brutalen Freund, dem Konrad von Teck, und den anderen
-schwäbischen und bayrischen Herren übertrug.
-
-Er sandte Botschaft an König Karl. Kuriere, immer dringendere. Die
-Truppen der Bischöfe stünden zu seiner Verfügung, die lombardischen
-Söldner, die Kontingente der Barone. Karl entschloß sich. Die
-Gelegenheit konnte nicht besser kommen. Markgraf Ludwig kämpfte hoch im
-Norden, in Preußen. Möge er sich Ruhm gegen die Heiden erwerben. Tirol
-jedenfalls hatte weder Truppen, noch seinen Herrn.
-
-Es kam über Karl etwas von dem abenteuerlichen Geist seines Vaters.
-Heimlich brach er auf, von drei Vertrauten begleitet, alle vermummt, als
-Kaufleute reisend mit lombardischen Pässen. Reiste im schärfsten Frost,
-auf verschneiten Bergpfaden. Stand unerwartet in Trient. Feierliches
-Hochamt im Dom. Karl in kaiserlichem Ornat. Die Insignien freilich,
-Reichsapfel, Zepter, Schwert, leider nur Ersatz; die echten hielt der
-Wittelsbacher in strenger Hut. Glocken, Weihrauch. »_Gloria in
-excelsis_,« sang mit seiner fanatischen Stimme der finstere Bischof
-Nikolaus, sangen die Knaben. Karl hielt Parade ab: die Truppen des
-Bischofs Nikolaus, der italienischen Städte, des Bischofs von Chur, des
-Patriarchen von Aquileja, zahlreicher südtirolischer Barone, seines
-Bruders Johann, des rachgierigen. Mächtig brach er auf, nahm Bozen, nahm
-Meran. Lagerte dick und gewaltig vor Schloß Tirol.
-
-Hier war Margarete allein auf sich angewiesen. Der Markgraf und Konrad
-von Teck waren fern in Preußen, der Landeshauptmann Tägen von Villanders
-ließ sich nicht auffinden. Die Unterführer zögerten, verwiesen, fragte
-man sie: Ist die Burg zu halten? auf Gott, wälzten alle Entscheidung
-stets wieder auf Margarete zurück. Immer dichter und enger schloß sich
-der Kreis der Belagerer.
-
-Margarete ging herum in grimmiger Ruhe. Ihr Gatte Johann, der kleine,
-tückische Wolf, war vor dem versperrten Tor gestanden, und sie hatte ihn
-nicht hereingelassen. Jetzt kam er mit Gewappneten und Geschwadern und
-allem Pomp des Kriegs, sich den Eingang zu erzwingen. Sie hatte aus
-ihrer Vernichtung die Trümmer leidlich wiederzusammengestückt, hatte
-sich eine Ehe aufgebaut, hatte ihr Land und ihr Leben einigermaßen
-wieder in Ordnung und Fug gebracht. Es war nichts Großes, Schönes,
-Leuchtendes. Es war ein armseliges, mitgenommenes Stück Leben, Flickwerk
-hier, hier Ersatz, dort Lücke und Verzicht. Aber es war wohlerworben,
-war gerettet aus Schlamm und Nichts, war umzäunter, gesicherter Besitz.
-Und nun kamen jene Erbärmlichen ein zweites Mal und wollten es ihr
-entreißen! Oh, sie wird es dem geduckten, hintertückischen Karl zeigen
-und dem Johann, dem boshaften, lauersamen Wolf.
-
-Sie wußte, es kam darauf an, die ersten Tage auszuhalten. Sie hatte
-nicht viele, aber zuverlässige Truppen. Organisierte selber den
-Widerstand. Sie war nicht feig, trug -- alle sahen das -- keinen
-Augenblick Bedenken, sich zu exponieren. Ihr Wille, ihre hinreißende,
-umsichtige Energie ging über auf die Besatzung. Die ersten Stürme wurden
-sachlich und ohne große Opfer abgeschlagen; unter den Truppen des
-Schlosses herrschte eine gewisse grimmige Scherzhaftigkeit; die
-Markgräfin wurde vertraulich verehrt und bewundert. »Unsere Maultasch!«
-sagten die Soldaten.
-
-Ein Bayer war unter ihren Offizieren, ein junger, häßlicher Mensch, ein
-Albino, Konrad von Frauenberg. Die andern mieden ihn wegen seines
-abstoßenden, frechen, mürrischen Geweses. Margarete fiel er gerade
-dadurch auf. Sie übertrug ihm das Kommando der Verteidigung, verstand
-sich gut mit ihm. Fand ihn kurz und energisch von Wort und Sitte, wo die
-andern nichts sahen als mürrische Anmaßung. Er wiederum rühmte mit
-dreister, karger, quäkender Anerkennung ihre Tatkraft, ihre Anordnungen.
-
-Die Belagerer wurden von Tag zu Tag verdrossener. Es war klar: das Land
-konnte nur im Flug genommen werden oder gar nicht. Jetzt lag man da, vor
-unerwartetem Hemmnis, belagerte eine Frau, die häßliche, verachtete
-Herzogin, die Maultasch, kam nicht vorwärts. Unflätig schimpfte, fluchte
-Johann. Herr von Schenna hatte das Gerücht verbreitet, die Luxemburger
-wollten Tirol nur, um es an die Visconti zu verschachern, an die
-Mailänder; sie hätten bereits heimlichen Vertrag gemacht. Die
-tirolischen Hilfstruppen faßten Mißtrauen, murrten auf, hielten keine
-Zucht mehr, verliefen sich. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders
-zog sich von den Luxemburgern zurück, wurde unauffindbar auch für sie.
-Schon stand der Markgraf, in Eilmärschen von Norden kommend, in Bayern,
-wo der Kaiser ihn mit vielen Regimentern verstärkte. Als er in Innsbruck
-eintraf, war plötzlich Herr von Villanders in seinem Lager, sagte, ja,
-er habe mit dem Gedanken gespielt, zu König Karl überzugehen, habe sich
-aber jetzt reuig eines Besseren besonnen, ehe noch ein entscheidender
-Schritt geschehen. Bat um Verzeihung, führte dem Markgrafen, dem hart
-und steif blickenden Konrad von Teck, seine Truppen zu.
-
- * * * * *
-
-Karl schluckte an dem unvorhergesehenen Hemmnis, preßte die Lippen,
-würgte. Es war unbegreiflich, daß seine wohlgerüstete Armee vor diesen
-Mauern scheitern sollte. Woher nahm die Frau, diese im Grunde doch
-lächerliche Maultasch, die Kraft? Er war tief beunruhigt, betete,
-erforschte sein Gewissen. In Trient hatte man ihm einen Finger des
-heiligen Nikolaus vorgezeigt. Er hatte die kostbare Reliquie erwerben
-wollen -- eine Hand des Heiligen besaß er bereits --, aber man gab den
-Finger nicht her. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, zog kurz
-entschlossen sein Messer heraus, schnitt ein Glied des Fingers ab, nahm
-es mit sich. Vielleicht hatte das den Heiligen verdrossen, vielleicht
-hielt der das Glück von seinen Fahnen ab und wog es der Feindin zu. Karl
-schickte mit einem weitschweifigen Entschuldigungsschreiben den Knochen
-zurück.
-
-Allein, es half nicht mehr, seine Reue kam zu spät. Der Markgraf war
-nahe. Nahm man den Kampf erst an, so war große Gefahr, daß der Rückweg
-nach Italien abgeschnitten würde. Karl hob sich weg von Schloß Tirol.
-Trat den Rückzug nach Süden an, in verbissener Wut. Es kläffte Johann,
-es schäumten die italienischen Barone. Karls Straße war Raub, Brand,
-Verwüstung. In Asche Meran, in Asche Bozen, überall im Etschland die
-Äcker verwüstet, die Reben abgeschnitten, die Häuser zerstört.
-
-Klirrend unterdes ritt der Markgraf in Schloß Tirol ein. Umarmte
-Margarete stürmisch, ehrlich. Nie hatte man ihn so herzlich gesehen. Sie
-hatte, sie allein, Tirol gerettet. »Unsere Maultasch!« sagte der
-Markgraf zu Konrad von Teck, ihr die Schulter klopfend. »Unsere
-Maultasch!«
-
- * * * * *
-
-Konrad von Teck nützte die Gelegenheit, den einheimischen Adel bis zur
-völligen Machtlosigkeit zu demütigen. Margarete spürte die ganze,
-überlegte Grausamkeit seiner Maßnahmen. Doch sie ließ ihn gewähren,
-hatte nie Einwände. Seitdem sie Tirol für die Wittelsbacher gerettet,
-fühlte sie sich ihrem Gatten herzlich und von innen her verbunden. Sie
-fühlte sich eins mit dem Land, ihr eigenes, leibliches Wohlbefinden
-verlangte, daß das Land nach wittelsbachischen Grundsätzen verwaltet
-werde: der Adel geduckt, Städte und Bürger gehoben. Langsam richtete sie
-sich auf, zusammen mit dem Land, befreit von dem Druck der Barone.
-
-Sie saß auf ihrem Schloß Maultasch. Sie bohrte sich, wühlte sich in das
-Land hinein. Sie hatte nun drei Kinder, zwei Mädchen und den Knaben
-Meinhard. Sie besorgte sie treulich; aber sie hatte nichts mit ihnen
-gemein. Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flüsse, Täler, Städte,
-Schlösser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die
-Flüsse ihre Adern.
-
-Einmal ging sie im Mittag allein spazieren, am Ufer der Passer, legte
-sich unter Felsen, ruhte, nickte ein. Da weckte sie eine hohle, feine
-Stimme. »Grüß' Gott, Frau Herzogin!« Sie fuhr auf, sah ein winziges,
-kleines, behaartes, bebartetes Wesen im Geklüfte stehen, sich mit
-raschen, zutraulichen, possierlichen Bewegungen viele Male neigen,
-verschwinden. Ein Zwerg! Die Zwerge waren wieder im Land! Die Zwerge,
-die nur kamen, wenn sie sich sicher fühlten, die nur dem wirklichen
-Fürsten sich zeigten, waren ihr sichtbar. Jetzt war sie in Wahrheit die
-Herrin des Landes in den Bergen.
-
-
-
-
-König Karl verließ bald, nachdem er die Belagerung von Schloß Tirol
-aufgegeben hatte, das Land in den Bergen. Mit mancherlei Reliquien, aber
-sonst geringem Gewinn. Er verfehlte nicht, auf seinem Rückzug vor allem
-noch die Grafen von Görz gegen den Brandenburger aufzustacheln; auch
-verlieh er, dem Beispiel seines Vaters folgend, an Fürsten und Herren
-viele tirolische Städte und Gerichte, die er nicht besaß, so dem
-Wittelsbacher immer neue Feinde aufwühlend.
-
-Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er für die Mißerfolge in Tirol
-bald reichlich entschädigt durch eine unerwartete Wendung im Kampf um
-das Reich. Ganz plötzlich, auf einer Bärenhatz, in der Nähe seiner
-Hauptstadt München, starb Kaiser Ludwig, der Wittelsbacher. Ein
-Schlaganfall warf den vollblütigen Mann vom Pferd, eine alte Bäuerin
-drückte ihm die riesigen, treuherzigen, blauen Augen zu, Mönche führten
-die Leiche heimlich fort, sie trotz Bann und Interdikt geweiht und
-heilig zu bestatten.
-
-Da stand nun Karl von Böhmen, und sein Feind, der die weiten Länder
-unter sich hatte und dem die Städte anhingen, war tot. Die Heiligen
-hatten geholfen. Er, Karl, stand jetzt, da das Jahrhundert sich
-scheitelte, als unbestrittener Deutscher König ohne Nebenbuhler.
-
-Er war des Streites mit den Wittelsbachern müde, sie des Streites mit
-ihm. Der lahme Albrecht vermittelte. Karl verzichtete gleichwie sein
-Bruder Johann auf Tirol und Kärnten, belehnte den Markgrafen mit diesen
-Ländern, versprach, die Kurie mit ihm auszusöhnen. Die Wittelsbacher
-dagegen erkannten ihn als Deutschen König an, leisteten ihm Huldigung,
-lieferten ihm die Reichskleinode aus.
-
-Die Reichskleinode! Karl hatte sich schmerzhaft danach gesehnt. Er besaß
-so viele teure Reliquien, nicht diese kostbarsten Zeichen der Macht, die
-ihm gehörte. Er hatte sich und seine Würde nackt und bloß gefühlt,
-solange er sie nicht besaß und sich mit nachgemachtem Zeug begnügen
-mußte. Jetzt führte er die süßen, werten Dinge in feierlichem Zug nach
-Prag in seine Schatzkammer. Die heilige Lanze war darunter, auch ein
-Nagel von der Kreuzigung, sowie ein Arm der heiligen Anna. Vor allem
-aber das altertümliche Zepter, der Reichsapfel von hellem, blassem Gold,
-die zackige Krone, das Schwert, das Karl dem Großen durch einen Engel
-gegen die Heiden geschickt worden war. Im Dom von Prag ließ der König
-die Kleinode weihen. Dann brachte er sie selbst in das Schatzgewölbe. Da
-lagen sie nun unter den bleichen Knochen der Märtyrer, unter Juwelen,
-unter kostbaren Büchern und Bildern, unter Akten und Verträgen, unter
-heiligen Spießen, Dornen von Christi Krone, Splittern von Christi Kreuz.
-Der hagere König stand davor, lächelte mit schmalen Lippen, streichelte
-mit der mageren, knochigen, bräunlichen Hand die Zinken der Krone, die
-merkwürdigen Kanten des unregelmäßigen, keineswegs runden Reichsapfels,
-das stumpfe, rostige Schwert des großen Karl, des Ersten seines Namens.
-
- * * * * *
-
-Agnes von Taufers-Flavon kam selten auf ihre tirolischen Güter. Auch
-ihre jüngere Schwester hatte sich mittlerweile vermählt, mit einem Herrn
-von Castelbarco, der politisch sehr zweideutig war, zwischen dem Bischof
-von Trient, gewissen italienischen Stadtherren und dem tirolischen Hof
-hin und her pendelte, im übrigen außerordentlich reiche Pflegen und
-Privilegien besaß. Agnes reiste viel, lebte häufig bei ihrer älteren
-Schwester in Bayern, bei ihrer jüngeren in Italien. Man hatte sie nach
-der Austreibung Herzog Johanns nicht weiter behelligt; in allen Fragen,
-die zwischen ihr und der markgräflichen Verwaltung strittig sein
-konnten, gaben auf ihre kluge Weisung ihre Amtsleute nach, ehe es zu
-Streitigkeiten kam. Sie ging zu Hofe nicht öfter, als es der Anstand
-erforderte, vermied es peinlich, aufdringlich zu erscheinen.
-
-Sie war jetzt von erregender, bewußter, fast beängstigender Schönheit.
-In Italien legte man ihr Städte und Fürstentümer zu Füßen, schlug sich
-tot für sie. Selbst die plumpen Bayern schnalzten mit der Zunge,
-klatschten sich die Schenkel, erklärten: ah, da lege man sich nieder,
-begingen Dummheiten für sie. Sie schritt liebenswürdig mit kleinem,
-vieldeutigem Lächeln durch die Huldigungen, Kämpfe, Selbstmorde.
-
-Erschien sie selten am tirolischen Hof, so zeigte sie, wo immer sie war,
-das brennendste Interesse für die tirolischen Dinge. Gierig hörte sie,
-mit halbgeöffneten Lippen, von Margaretes Tätigkeit. Ihre Maßnahmen
-gegen den Adel, für die Städte, für die Juden, ihre Verteidigung gegen
-die Luxemburger, jeden kleinsten Zug aus Margaretes Leben ließ sie sich
-berichten, wieder und wieder erzählen. Niemals indes griff sie mit einem
-Wort oder gar mit einer Tat ein. Forderte man ein Urteil von ihr, so bog
-sie aus, sagte Belangloses, lächelte.
-
-Sehr gern zeigte sie sich dem Volk. Sie war hochmütig, sie erwiderte
-keinen Gruß. Niemals stiftete sie Geld für die wohltätigen Anstalten der
-Dörfer und Städte; auch die Bauern ihrer Güter wurden schlecht
-behandelt. Dennoch sah das Volk sie gern. Man stand an ihrer Straße,
-wenn sie kam, bewunderte sie, schrie hoch, liebte sie.
-
-Häufig erhielt sie den Besuch des Messer Artese aus Florenz. Agnes lebte
-sehr verschwenderisch, sie brauchte immer von neuem die Hilfe des
-unscheinbaren, oft sich neigenden Florentiner Bankiers, der Pfandrecht
-bereits auf alle Güter hatte. Messer Artese erzählte ihr viel vom
-Tiroler Hof. Er war gar nicht gut auf den Markgrafen und die Maultasche
-zu sprechen. Wohl war Ludwig immer in finanziellen Nöten; denn seine
-Kriege verschlangen gewaltige Summen. Aber er lieh sich von seinen
-bayrischen und schwäbischen Herren, vermied ängstlich die Hilfe des
-guten, dienstbereiten Messer Artese; ja, er löste sogar mit Opfern die
-Pfänder aus, die dieser noch in Händen hatte. Auch die gewalttätige Art,
-mit der des Markgrafen Statthalter Konrad von Teck Geld und Gut an sich
-zu bringen pflegte, diese Konfiskationen und Hinrichtungen gingen dem
-stillen, höflichen Florentiner sehr wider den Strich. Geld verdienen,
-gewiß; Geld, wenn es nicht gestohlen ist, kommt von Gott. Säumige
-Schuldner nicht schonen, verfallene Pfänder eintreiben,
-selbstverständlich. Aber alles mit Manier, höflich, in guten Formen.
-Gefängnis, Kopf ab -- pfui, das tut man nicht, das schickt sich nicht.
-
-Am meisten aber war Messer Artese erbittert über die Bevorzugung des
-Juden Mendel Hirsch. Was? Ihm, dem stillen, bescheidenen, gebildeten
-lateinischen Herrn und guten Christen zog man den stinkenden,
-zappelnden, gurgelnden, frechen, aufdringlichen Juden vor, den
-widerwärtigen Höllenbraten? War es nicht genug, daß dieses
-pestilenzialische, gottverfluchte Volk, das unsern lieben Herrn und
-Heiland gemartert und gekreuzigt hat, die deutschen und die
-italienischen Städte verseuchte? Mußte ihnen die unselige Maultasch auch
-noch das Land in den Bergen hinwerfen, daß sie hineinkrochen wie Würmer,
-alles anfraßen, nicht mehr wegzubringen waren? Da saßen sie nun, das
-ekle Geziefer, waren überall zur Stelle, drängten jedermann ungerufen
-ihr Geld auf und erdreisteten sich, das elende, erbärmliche Gesindel,
-niedrigere Zinsen zu verlangen als er, der hochangesehene, ehrsame, bei
-allen Fürsten und Herren wohlgelittene Florentiner Bürger! Das Gesicht
-des sonst so sanften, gesitteten, beherrschten Mannes verzog sich zu
-einer Fratze maßlosen Wütens.
-
-Agnes hörte ihm still zu. Sie hörte alles, schrieb es in ihr Gedächtnis,
-bewahrte es wohl auf, war außerordentlich liebenswürdig zu Messer
-Artese. Der fing sich wieder ein, entschuldigte sich viele Male, glitt
-ins Dunkle.
-
- * * * * *
-
-Nach dem Abkommen mit König Karl bestritt niemand mehr Margarete und dem
-Markgrafen den sicheren Besitz von Tirol. Durch den Tod seines Vaters,
-des Kaisers, war Ludwig in mannigfache, schwierige Erbstreitigkeiten mit
-seinen Brüdern gekommen. Schließlich einigte er sich dahin, daß er aus
-diesem Erbe Oberbayern tatsächlich, von der Markgrafschaft Brandenburg
-aber nur den Titel und die Kurwürde behielt. Der Sorge um Brandenburg
-ledig, regierte er in seinem gesicherten Tirol; seine Macht reichte von
-Görz bis ins Burgundische, von der Lombardei bis an die Donau. Er nannte
-sich Markgraf zu Brandenburg und zu Lausitz, des Heiligen Römischen
-Reichs Oberster Kämmerer, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Bayern und in
-Kärnten, Graf zu Tirol und zu Görz, Vogt der Gotteshäuser Agley, Trient
-und Brixen.
-
-Margarete war zu ihm von herzlichem, fast mütterlichem Einverständnis.
-Es war ihr Gewißheit geworden, Gott hatte ihr alle fraulichen Reize
-genommen, daß sie all ihre Fraulichkeit in ihre Regentschaft senken
-müsse. Solche Erkenntnis hatte sie befriedet. Sie lag ganz in Ruhe wie
-windstilles Wasser. In ihren Entscheidungen war eine große, gerade
-Selbstverständlichkeit. Die Frau und die Regentin war eines. Was sie
-riet, was sie tat, war nie erklügelt, umwegig. Es war von einer geraden,
-gewachsenen, warmen Mütterlichkeit, die oft nicht dem Buchstaben, der
-Regel entsprach, aber stets ihren inneren, wohltätigen Sinn hatte.
-
-Es war ein schwieriges, steiniges Regiment, das sie zu führen hatte.
-Immer wieder Krieg: mit dem Luxemburger, den Bischöfen, den
-lombardischen Städten, den aufsässigen Baronen. Immer wieder das
-sorglich Aufgebaute niedergerissen, verheert. Dazu Erdbeben,
-Überschwemmungen, Feuersbrünste, Seuchen, die Heuschreckenplage. Die
-Finanzen durch die ständigen militärischen Ausgaben übel zerrüttet. Es
-war nicht leicht, unter diesen Widernissen das Land blühen zu machen.
-Aber ihre starke, Vertrauen atmende und gebende Fraulichkeit strömte ein
-in das Land, hielt es hoch, gab ihm immer neuen Schuß und Saft. Sie
-schuf Ausgleich, befreite Städte, die durch Krieg und Brand gelitten
-hatten, von den Abgaben, zwang trotz ihrem Murren die störrischen
-Barone, wenigstens einen Teil ihrer Steuern zu zahlen. Dies alles
-geschah mit einer gewissen natürlichen Gesetzmäßigkeit, ohne Geschrei
-und Gewalt.
-
-Hatte sie schwierigere Finanzfragen zu regeln, so zog sie den Juden
-Mendel Hirsch zu Rate. Flink erschien er in seinem braunen Rock, dick,
-zappelnd, betulich, hörte Margarete zu, wiegte den Kopf, lächelte,
-sagte, das sei ganz einfach, gurgelte in vielen umwegigen Worten eine
-überraschende Lösung. Der kleine, umgetriebene, über die Erde gehetzte
-Mann war der Herzogin sehr dankbar für ihr Wohlwollen, das ihm eine
-einigermaßen sichere Ruhestätte und ein Dach über dem Kopf gönnte. Er
-liebte sie, er spürte sich ein in sie, er strengte alle seine Findigkeit
-an für sie.
-
-Denn es war schwer, sich in der ökonomischen Wirrnis der tirolischen
-Verwaltung oben zu halten. Zwar hatte man die Willkür der einheimischen
-Feudalherren gedämmt, auch den unheilvollen Messer Artese ausgeschaltet.
-Aber der Markgraf trug kein Bedenken, die großen Gelder, die er
-brauchte, von seinen schwäbischen und bayerischen Herren zu entleihen.
-Die ließen sich als Entgelt skrupellos Verpfändungen und Verschreibungen
-geben, rafften immer mehr an sich, so daß schließlich nichts gewonnen
-war. Im Gegenteil: hatten früher wenigstens Einheimische das Land
-ausgesogen, so mästeten sich jetzt Fremde, Bayern und Schwaben. Sie
-saßen in allen wichtigen Landesämtern, der habgierige, gewalttätige
-Konrad von Teck hatte ungeheuern Besitz an sich gerissen, Hadmar von
-Dürrenberg die Salzrechte von Hall, etliche Münchner, Jakob Freimann,
-Grimoald Drexler und andere Bürger, die Bergwerke im Gericht Landeck.
-Auch sonst die wichtigsten Zölle und Gefälle waren an Bayern, Schwaben,
-Österreicher verpachtet. Der Markgraf ließ sich hier nichts einreden. Er
-vertraute seinen Bayern und Schwaben, die nutzten das aus. Immerhin
-gelang es Mendel Hirsch, der sich vorsichtig, gedeckt von Margarete, im
-Hintergrund hielt, in die Verträge mit diesen Herren Klauseln
-einzuflechten, die den Fürsten nicht ganz wehrlos ihrer Willkür
-auslieferten.
-
-Margarete blieb den bayrischen Freunden ihres Gatten gegenüber stets
-sehr zurückhaltend. Nur mit einem wurde sie vertrauter, mit jenem
-Offizier, durch dessen Hilfe sie damals Schloß Tirol gegen die
-Luxemburger gehalten hatte, mit dem Weißblonden, Häßlichen, Gedrungenen,
-Rotäugigen, mit Konrad von Frauenberg. Er war so häßlich, so unbeliebt,
-so einsam. Sie spürte Verwandtschaft zwischen sich und ihm, sie sprach
-vertraulicher zu ihm als zu den andern, zeichnete ihn aus. Der quäkende,
-unwirsche Mann kam rasch vorwärts, bekam Pflegen und Herrschaften. Ja,
-sie setzte es durch, daß er die Landeshofmeisterstelle erhielt.
-
-Auch ein anderes erreichte sie: den Erlaß einer Landesordnung. Tarife
-wurden festgesetzt, Willkür und Gerichtsbarkeit der Feudalherren weiter
-eingeschränkt, die Zentralgewalt gestärkt, Bürger, Handel, Handwerk
-gefördert. Aufblühten da die bunten, farbigen Städte, dehnten sich,
-wurden breit, üppig. Nicht mehr die Burgen der Barone machten das
-Schicksal des Landes; die Magistrate entschieden, die stolzen Messen der
-Städte. Selbst die Kleinen regten sich: Bruneck, Glurns, Klausen, Arco,
-Ala, Rattenberg, Kitzbühel, Lienz. Von den großen Börsen und Märkten,
-von Trient, Bozen, Riva, Brixen zweigten Straßen und Geschäft über alle
-Welt. Was Mendel Hirsch gesät hatte, ging reich und blühend auf.
-
-Die Herzogin liebte die bunten, lauten, lärmvollen Städte; die schönen,
-lebendigen, sinnvollen Siedlungen waren recht eigentlich ihr Werk. Was
-Männer! Was Liebe! Konnte man reicher leben, strömen, blühen, sich
-zweigen als so? War dieses Auf und Nieder, dieses lebendige, zweckvolle
-Fluten nicht ein Teil von ihr? Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein.
-Mußte das Land das nicht spüren, so viel Liebe zurückgeben, sie in sich
-hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! Die Häuser der Städte schauten mit
-lebendigen, verständnisvollen Augen auf sie, die Straßen klangen anders,
-vertrauter unter den Hufen ihrer Pferde. Ihre Verkrustung löste sich,
-sie gab sich hin, verströmte im andern, war befriedet, glücklich.
-
- * * * * *
-
-Herr von Schenna und Berchtold von Gufidaun ritten gemächlich im lauen
-Abend den gepflegten Pfad nach Burg Schenna. Sie kamen von Meran, wo die
-Herzogin in prunkender Zeremonie dem Großen Rat einen Kleinen
-beigegeben, die Rechte der Bürgerschaft wirksam erweitert hatte. Dies
-war ein Geschenk von großem Wert, für die Herzogin verbunden mit Opfern
-an Geld und Einfluß. Das Volk hatte geziemend und ehrerbietig gedankt,
-hatte hoch gerufen, respektvoll »Unsere Maultasch!« gesagt.
-
-Die Herren mußten absteigen, Platz machen vor einem kleinen, eleganten
-Zug. Sie grüßten sehr höflich. Agnes von Flavon saß in der Sänfte. Volk
-drängte zu: »Wie schön sie ist! Ein Engel vom Himmel!« Man schrie hoch,
-es klang sehr anders als vorher bei der Zeremonie, hingerissen,
-begeistert.
-
-Herr von Schenna pfiff ein italienisches Liedchen. Berchtold von
-Gufidaun schaute nachdenklich vor sich hin; die blauen Augen in dem
-männlich kühnen, bräunlichen Gesicht starrten angestrengt. Er war nicht
-sehr schnell im Überlegen.
-
-An ihrem Wege, kurz vor der Stadt, zeigte eine kleine
-Seiltänzergesellschaft einem Häuflein Volkes ihre Kunststücke. Ein
-feuerfarbener Gaukler präsentierte einen großen Affen. Der hockte
-melancholisch und grotesk im Reifen, sprang nach dem Apfel. Dann
-produzierte sich ein Mädchen, tanzte, jonglierte mit Bällen. Dann kam
-wieder der Affe. Man hatte ihn jetzt in blaue Seide gesteckt, ihm
-goldenen Flitter auf den Schädel gesetzt. Er saß da, langarmig, plump,
-sehr häßlich, traurig, böse, fletschte gelbe Zähne in dem mächtig
-vorgewulsteten Maul. Das Volk starrte einen Augenblick. Dann brach es
-los, von allen Seiten, wiehernd, sich biegend, schenkelschlagend,
-Zwerchfell und alle Eingeweide schütternd, endlos, atemlos: »Die
-Maultasch! Das ist ja die Herzogin! Die Maultasch!«
-
-Die Herren ritten weiter. Berchtold stieß tief verdrossen die Luft durch
-die Zähne. Ein Winzermädchen kam ihnen entgegen, bloßfüßig, braun,
-hübsch. Sie grüßte lächelnd, demütig. Berchtold sah sie nicht an,
-Schenna warf ihr ein paar Scherzworte zu. Doch seine Munterkeit klang
-nicht ganz echt. Bald versank auch er; schweigend wie Berchtold ritt er
-weiter, in schlechter Haltung auf seinem Pferd hockend, das lange,
-gescheite, welke Gesicht verzogen in etwas säuerlicher Überlegenheit.
-
-
-
-
-In Ala, während die Barone Azzo und Marcabrun von Lizzana mit einem
-Kapitelherrn von Trient verhandelten, mitten im Satz schwankte der
-Ältere der Brüder, Herr Azzo; sein Gesicht wurde gelblich, lief
-blauschwarz an, er fiel um. In den Achselhöhlen, in den Weichen, an den
-Schenkeln beulte es sich schwarz, eiterig, eigroß. Er röchelte, kam
-nicht mehr zu Bewußtsein, starb nach wenigen Stunden. Der Tridentiner,
-vergraust, ritt auf gehetztem Pferd in seine Stadt zurück. Nun war sie
-also da, die Seuche. Nun war sie in das Land in den Bergen eingedrungen.
-Daß in Verona schon viere, fünfe umgefallen seien, war keine Lüge
-gewesen. Und jetzt war also der Schwarze Tod in den Bergen. Und jetzt
-gnade uns allen Gott!
-
-Die Pest war gekommen von Osten her. Sie raste vor allem an den Küsten
-der See, drang dann ins Binnenland. Sie tötete in wenigen Tagen, oft in
-Stunden. In Neapel, in Montpellier starben zwei Drittel des Volkes. In
-Marseille starb der Bischof mit dem ganzen Kapitel, alle Predigermönche
-und Minoriten. Weite Gegenden waren ohne Menschen. Große, dreiruderige
-Schiffe trieben führerlos auf dem Meer, mit allen ihren Waren, die ganze
-Bemannung war gestorben. Gräßlich wütete die Seuche in Avignon. Die
-Kardinäle fielen um, der Eiter der zerdrückten Beulen besudelte ihre
-prunkenden Gewänder. Der Papst schloß sich in sein innerstes Gemach,
-ließ niemand vor, unterhielt den ganzen Tag ein großes Feuer, in dem
-Würzkräuter verbrannten und die Luft reinigendes Räucherwerk. In Prag in
-dem Schatzgewölbe seiner Burg zwischen Gold, Kuriositäten, Reliquien
-hockte Karl, der Deutsche König, fastete, betete.
-
-Schaurig in die Täler Tirols brach die Pestilenz. Von den Bewohnern des
-Wipptals blieb nur ein Drittel am Leben, von dem menschenreichen Kloster
-Marienberg nur Wyso der Abt, der Priester Rudolf, ein Laienbruder und
-der Bruder Goswin, der Chronist. Es gab Täler, in denen von sechs Leuten
-nur je einer die Seuche überdauerte. Da der Atem und der Dunst, Kleider
-und Gerät die Krankheit übertrugen, floh jeder feindselig und voll
-Mißtrauen den andern, Freund den Freund, Braut den Geliebten, Kinder die
-Eltern. Die Menschen verröchelten ohne Sakrament, in den Städten standen
-viele Häuser leer mit allem Hausrat, und niemand traute sich hinein;
-Messen wurden nicht gelesen, Prozesse nicht verhandelt. Die Ärzte
-brachten vielerlei vor, vermochten aber schließlich keinen andern Grund
-anzugeben, als daß es Gottes Wille sei. Helfen konnten sie nicht. Die
-Menschen, irr vor Angst, kasteiten sich, geißelten sich, Frauen taten
-sich zu Schwesterbünden zusammen. Flagellantenprozessionen, Schwärmer
-und Propheten. Andere fraßen sich toll und voll, trieben jede Völlerei,
-Schwelgerei, Ausschweifung. Den blutrünstigen abgezehrten Geißelbrüdern
-begegneten Züge besoffener, bunter Fastnachtsnarren.
-
-Von den drei Kindern der Margarete blieb der Sohn Meinhard leben, die
-beiden Mädchen starben. Sie lagen scheußlich gedunsen, mit riesigen,
-schwarzen Geschwüren. Margarete dachte: »Nun sind sie häßlich wie ich.«
-
-Sie hatte nicht Zeit, sich lange zu grämen, lange darüber zu sinnieren.
-Sie arbeitete, ging herum, furchtlos, klar, ruhevoll. In der ungeheuern
-Wirrnis wurden von ihren Befehlen nur wenige und schlecht befolgt;
-immerhin hielt sie ihr Land fester in Ordnung und Fug, als es anderen
-Regierungen in der allgemeinen Auflösung möglich war. Wie dann die Pest
-abflaute, straffte sie sogleich die Zügel, paßte die Gesamtverwaltung
-des Landes den neuen, durch die Entvölkerung viel weiteren und loseren
-Verhältnissen an. Auch baute sie der Verschleuderung der zahlreichen
-erledigten Güter vor, wußte übrigens bei dieser Gelegenheit auf
-wohlfeile, doch nicht unanständige Art viel Boden und Besitz in ihre
-Hand zu bringen.
-
-Messer Artese war sehr geschäftig, es war gute Zeit für ihn. Überall in
-der Welt waren Häuser und Liegenschaften, Rechte und Privilegien an
-Erben gefallen, die nichts damit anzufangen wußten. Er erwarb, raffte.
-Doch in Tirol fand er Widerstand. Gesetze, die ihn hemmten,
-Vorkaufsrechte des Hofs, der Behörden, zähe Klauseln. In Schloß Taufers,
-vor Agnes, ließ er sich gehen, brach aus, schäumte. Der Jude war, der
-schlaue Mendel Hirsch, an allem schuld! Der hinderte ihn, den guten
-christlichen Finanzmann, am Geschäft. Der hatte, nur um ihm den Knüppel
-zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, höllisch schlauen
-Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt.
-
-Agnes ließ den Florentiner sich austoben, hörte still zu, sah ihn mit
-ihren tiefen blauen Augen unverwandt an. Begann dann mit ihrer
-gleichmütigen und erregenden Stimme zu erzählen. Sie war am Rhein
-gewesen. Dort hatte man in zahlreichen Städten die Juden gefangen und
-verbrannt. Denn die Juden hatten die Pest gemacht, sie hatten Gift in
-die Brunnen geworfen. Sie wußte es genau. In Zofingen hatte man Gift
-gefunden. In Basel war sie selbst dabei gewesen, wie man die Juden auf
-eine Rheininsel getrieben hatte, in ein Holzhaus, und sie darin
-verbrannt. Sie hatten schrecklich geschrien, der Gestank war noch lange
-in der Luft geblieben. Recht hatte man getan. Sie, die Verfluchten,
-waren wirklich schuld an der Pest. Der lahme Albrecht von Österreich
-freilich, der Mainzer Bischof und die Maultasch schützten ihre Juden.
-Agnes sagte langsam, gleichmütig, immer ihre Augen auf den Florentiner:
-»Die Herrschaften werden wohl ihre guten Gründe haben.«
-
-Messer Artese hörte zu, erwiderte nicht. Kehrte unverrichteter Dinge
-zurück nach seinem Florenz.
-
-Von Italien dann kroch es herauf in die Täler Tirols, schleimig, immer
-weiter, Geraune erst, dann immer festere Gewißheit: die Juden machen die
-Pest. Die Pest hört nicht auf, solang man die Juden im Land läßt. Es
-ballte sich zusammen. Hetze, Anschläge.
-
-Die Juden indes gingen herum, trieben ihre Geschäfte. Es gab viele
-Geschäfte, große Geschäfte, sie hatten es sehr wichtig. Der kleine
-Mendel Hirsch lief, zappelte, gluckste gaumig, seine zahlreichen Kinder
-liefen mandeläugig, wichtig, selbst die uralte, mummelnde Großmutter
-lebte auf, fragte mühsam, lallend: »Wie gehen die Geschäfte?« Sie gingen
-ausgezeichnet, Gott sei Dank. Die Pest war im Abflauen, unberufen. Es
-gab viel zu tun, zu handeln, zu kaufen, zu vermitteln, Verträge zu
-machen. Schon in wenigen Wochen wird man, so Gott will, in Bozen wieder
-den ersten großen Markt halten können. Die gnädige Frau Herzogin -- Gott
-schütze sie! -- brauchte Mendel an allen Ecken und Enden.
-
-Unterdes zog es heran, gefährlich, fletschend, sinnlos, immer schwärzer.
-Die Juden kannten das. So war es vor zwölf Jahren gewesen bei den großen
-Metzeleien der Brüder Armleder. Jetzt kam es von Südwesten her.
-Vergebens stellte der Papst, der weise, gütige, weltkundige Klemens,
-sich mit seiner Person und mit Bullen entgegen, wies darauf hin, daß die
-Juden ebenso von der Seuche getroffen wurden wie die andern: wie also
-sollten sie sie fördern? Es waren nicht die vergifteten Brunnen, es war
-ihr bares Gut und die Verschreibungen ihrer Schuldner, daran sie
-verdarben. Gemordet und geplündert die Juden in Burgund, am Rhein, in
-Holland, in der Lombardei, in Polen. In zwölf, in zwanzig, in hundert,
-in zweihundert Gemeinden. Die Tiroler Juden warteten ab. Fasteten,
-beteten. Den Behörden hier große Geschenke zu machen, tat nicht not. Daß
-die Herzogin sie nach Vermögen schützen werde, war gewiß. Auch daß der
-Markgraf ihnen wohlwollte wie sein Vater, der Kaiser, der Städte und
-Handel Fördernde, der immer seine Hand über sie gehalten. Aber es hatte
-sich gezeigt, daß gegen rasendes, Blut und Geld witterndes Volk kein
-Kaiser, kein Papst und kein Büttel half. Man konnte nur warten, beten,
-seine Geschäfte betreiben.
-
-Und dann, plötzlich und am gleichen Tag, brach es los. In Riva,
-Rovereto, Trient, Bozen. In Riva wurden die Juden im See ersäuft, in
-Rovereto mußten sie unter großem Gaudium und Gelärm von einem Felsen zu
-Tode springen, in Trient wurden sie verbrannt. In Bozen hatte man es
-mehr aufs Plündern abgesehen und das Totschlagen schlecht eingefädelt.
-Man besorgte es unmethodisch, so blieben die mummelnde Großmutter, eine
-Schwiegertochter und eines von den kleinen Kindern am Leben.
-
-Der Markgraf hatte seine Juden in München nicht schützen können; in Hall
-und Innsbruck trat er energisch zwischen sie und den gewalttätigen
-Pöbel. Er war für Gerechtigkeit und Billigkeit. Nachdem er den Toten
-nicht mehr helfen konnte, jagte er den Verfolgern wenigstens die Beute
-ab. Die Mörder hatten wenig Freude. Die bayrischen und schwäbischen
-Herren trieben nun an Stelle der Getöteten ihre Forderungen für den
-Markgrafen ein und sehr viel härter, als die Juden es hätten tun können.
-Schließlich mischte sich auch König Karl ein. Er wollte wie von allen
-Behörden, deren Juden umgekommen waren, so auch von dem Markgrafen
-seinen Teil an dem Nachlaß der Erschlagenen. Ein hartes Feilschen
-begann.
-
-Margarete, sowie sie von den Gewalttaten hörte, fuhr in finsterer,
-erschreckter Hast nach Bozen. Kam in der Nacht an. Sah bei wanderndem
-Fackelschein das viehisch zerstörte Haus, die kleinen, liebevoll mit
-allem Möglichen vollgestopften Zimmer kahl, verwüstet, besudelt. Sah die
-Leichen der Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter, der vielen
-wimmelnden Kinder mit den raschen, mandelförmigen Augen, gräßlich
-verheert und verstümmelt die einen, die andern ohne sogleich sichtbare
-Wunden. Da lagen sie, die Flinken, Beweglichen, sehr still, und sehr
-still auch lag Mendel Hirsch. Er hatte einen Gebetmantel an und
-Gebetriemen am Arm und an der Stirn; man sah keine Wunde; im Fackellicht
-schien es, als lächle er demütig, wichtig, betulich, milde, gescheit.
-Margarete glaubte, jetzt müsse er gleich den Kopf schütteln, gurgeln,
-das sei gar nicht so schlimm, es sei ganz einfach; die Leute seien gar
-nicht so böse, sie seien verhetzt, dazu ein wenig langsam und schwer von
-Begriff; man müsse ihnen bloß gut zureden. Aber er sagte nichts, er
-zappelte nicht und gurgelte nicht und lag ganz still. Er hatte es gut
-gemeint, mit sich gewiß am meisten, aber auch mit ihr und dem Land, und
-er war gescheit gewesen und sehr tüchtig und hätte dem Land, ihren
-lieben Städten großen Nutzen gebracht. Nun hatten sie ihn erschlagen,
-plump, sinnlos, viehisch. Warum eigentlich? Sie packte mit harter,
-zufahrender Frage einen der Umstehenden. »Er hat doch die Pest gemacht!«
-sagte der, scheu, blöde, ein wenig trotzig.
-
-Leise, in einem Winkel, quäkte das gerettete kleine Kind, die Frau,
-sonderbar aufgeputzt, suchte es mit häßlicher, gebrochener Stimme in
-Schlaf zu singen, die Großmutter mummelte. Margarete trat näher, hob die
-Hand, das Kind zu streicheln. Sie fühlte sich müde, elend. Sie sah im
-Fackellicht ihre Hand; sie war groß, unförmig, die Haut fahl, gelblich;
-sie hatte vergessen, sie zu schminken.
-
- * * * * *
-
-In München, in einem der weiten Räume der neuen Residenz, die sein Vater
-angelegt hatte und an der er eifrig weiterbaute, stand vor dem kühl
-blickenden Markgrafen Ludwig die Baronin von Taufers, Agnes von Flavon.
-Sie bat um die Erlaubnis, gewisse Bezirke ihrer Herrschaft veräußern zu
-dürfen. Als Käufer trat ein Einheimischer auf. Doch im Hintergrund
-lauerte Messer Artese. Dem Markgrafen war Agnes nicht sympathisch; er
-hatte über ihre lotterige Zigeunerwirtschaft viel Abfälliges gehört;
-sein mageres, bräunliches Gesicht mit dem kurzen, blonden Schnurrbart
-blieb verschlossen, seine grauen, etwas stechenden Augen schauten
-mißtrauisch.
-
-Agnes spürte sehr wohl seine feindliche Abwehr; aber sie gab sich
-durchaus nicht gekränkt. Sie glitt auf und ab vor ihm, schaute ihn an
-mit ihren tiefen, starkblauen Augen, lächelte mit den schmalen, kühnen,
-sehr roten Lippen aus weißem Gesicht, war damenhaft, munter, gefällig,
-nicht übertrieben liebenswürdig. Langsam, vorsichtig, geübt lockerte sie
-ihn auf, ganz leicht sich über seine Bärbeißigkeit belustigend.
-
-Er schaute sie an. Man hat ihr doch wohl Unrecht getan. Seine Freunde
-verlangten von jeder Frau, daß sie Tag und Nacht im Haushalt stecke,
-hinter den Dienstboten herlaufe, Herd und Leinenkammer beaufsichtige.
-Ein feines Stück Weib war sie, unleugbar. Zart und zier und gepflegt
-jede Faser und doch sehnig und voll Kraft. Er verabschiedete sie
-höflicher, als er sie empfangen hatte. Beschied sie für ein zweites Mal
-zu sich.
-
-Sah ihr lange nach. Seufzte. Dachte an Margarete. Die war jetzt wieder
-schwanger. Ja, schön war sie nicht. Wenn man die andere danebenhielt und
-dann an sie dachte -- ein Grausen konnte einem ankommen. Klug war sie,
-unsere Maultasch. Die Leute hatten Respekt vor ihr. Aber sie mochten sie
-nicht. Wenn die andere kam, schrien sie Hoch.
-
-Jetzt waren die beiden Mädchen gestorben. Im Volk sagten sie: Die Strafe
-Gottes. Er war schuld, natürlich! Weil der Papst lieber Tirol im Besitz
-seines verhätschelten Karl gesehen hätte, war seine Ehe
-Sakramentsschändung, waren seine Kinder Bastarde. Die Glocken läuteten
-nicht, und an Feuer, Überschwemmung, Heuschrecken, Seuche war er schuld.
-
-Die Narren die! Die pergamentnen Esel! Die Stumpfsinnigen! War es ein so
-großes Vergnügen, der Mann der Maultasch zu sein? Lange hatte er keinen
-Blick mehr dafür gehabt, wie sie ausschaute. Heute fiel es ihn an. Das
-Gespött Europas war er mit einer so wüsten Frau. Da war man ein großer
-Fürst und Herr, der mächtigste Mann in Deutschland. Städte blühten auf
-und fruchtbares Gelände, wo man streichelte; fielen in Schutt, trat man
-zornig auf. Man hat es sich nicht leicht gemacht. Hat gearbeitet, Tag
-und Nacht, nach bestem Gewissen. Keine Furcht gekannt außer der Gottes.
-Hat seine Pflicht getan, hart und schwer, all die Tage. Was hatte man
-nun davon? Das Gespött Europas.
-
-Drunten stieg Agnes in ihre Sänfte. Volk stand herum, barhaupt,
-bewundernd. Wäre die an Stelle der Maultasch, sie würden nicht sagen:
-Strafe Gottes, auch nicht bei Heuschrecken und Pestilenz.
-
-Sah sie nicht herauf? Rasch wandte er, ein ertappter Schuljunge, sich
-ab.
-
- * * * * *
-
-Margarete genas wenige Wochen später eines toten Kindes. Der Markgraf
-verfinsterte sich, wurde kälter zu ihr. Nein, seine Ehe war nicht
-gesegnet. Nun war alle seine Hoffnung auf den einzigen Sohn gestellt,
-Meinhard, einen harmlosen, fetten Burschen, unbegabt, gutmütig,
-schwächlich, der gar nicht dem Großvater Ludwig, vielmehr dem
-mütterlichen Großvater, dem guten König Heinrich, nachzuarten schien.
-
-Margarete ging schon nach einer Woche wieder an ihre Geschäfte. Sie
-arbeitete mit der gleichen Emsigkeit und Gewissenhaftigkeit wie früher.
-Doch die Lust war weg, die Städte waren nicht mehr ihr Geliebter. Der
-kleine, betuliche Jude, der so geschickt Leben zugeleitet hatte von
-überallher, war erschlagen, die Kinder, die sie geboren, waren tot.
-Wohin sie trat, ging alles entzwei. Nichts fügte sich, nichts blühte.
-Der Markgraf? Ein pflichtbewußter, kahler Herr. Ihr Sohn? Ein
-dicklicher, dümmlicher Alltagsjunge. Was blieb ihr?
-
-Um diese Zeit kam Konrad von Frauenberg ihr immer näher. Der häßliche
-Mann mit den roten Augen und dem weißblonden Haar war der fünfte von den
-sechs Söhnen des Trautsam von Frauenberg, eines nicht sehr ansehnlichen
-bayrischen Ritters, der sich aber in einer frühen Schlacht um den Kaiser
-Ludwig verdient gemacht hatte. So kam der junge Konrad als Knabe
-Kämmerling an den bayrischen Hof, dann im Gefolge des Markgrafen nach
-Tirol, wo er als niederer Offizier lange Zeit im Hintergrund blieb.
-Seine Häßlichkeit und seine rohe, mürrische, bittere Art sonderten ihn
-ab; er hatte keine Aussicht, je was Besseres als ein untergeordneter
-Soldat zu werden, bis seine dreiste, kühne Vordringlichkeit bei der
-Belagerung des Schlosses Tirol ihn ins Licht hob.
-
-Alles, was in Margarete noch an Phantasie war, an Sehnsucht nach Farbe,
-Buntheit, Abenteuer, alle Reste von dem, was Herr von Schenna die
-frühere Zeit nannte, hängte sie an den harten, häßlichen Frauenberger.
-Der Albino mit dem breiten Froschmaul, der knarrenden Stimme, den
-kurzen, groben Händen kam ihr wie eine Art verwunschener Prinz vor. Es
-war wie bei ihr; sicherlich war in dem plumpen Außen ein feines, zartes
-Innen. Man mußte ja rauh und grob werden, stak man in solcher Haut. Der
-Arme, Einsame, Unverstandene! Sie war besonders freundhaft zu ihm und
-mütterlich.
-
-Der Frauenberger hatte sich in seiner harten, herumgestoßenen Jugend
-kalte, harte Verschlagenheit angeeignet. Er wußte um seine Häßlichkeit;
-er hielt es für ganz in der Ordnung, daß alle ihn stießen. Er hätte,
-wäre er nur weiter oben, auch die anderen getreten. Er glaubte an nichts
-auf der Welt. Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen,
-Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht
-Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne
-Sinn. Es gab Geschickte und Tölpel, im übrigen Glück oder Unglück. Er
-hielt es mit jenem Lied, das sachlich und überzeugt sieben Dinge als
-erstrebens- und besingenswert preist. Fressen ist das erste, saufen das
-zweite, sich entleeren des Gefressenen das dritte, des Gesoffenen das
-vierte, bei einer Frau liegen ist das fünfte, baden das sechste, aber
-das siebente und schönste ist schlafen.
-
-Als die Herzogin ihm offenkundig ihr Interesse zeigte, zweifelte er
-keinen Augenblick, daß dieses Interesse nichts sei als sinnlicher
-Kitzel. Es war im übrigen nicht weiter verwunderlich, daß die Häßliche
-gerade auf ihn, den Häßlichen, verfiel. Er hatte sich beschieden; er war
-nüchtern, sachlich. Er hatte sich gesagt, als fünfter Sohn und mit
-solchem Gesicht könne man unmöglich vorwärtskommen. Er hatte aber nie
-aufgehört, schlau, hart, sprungbereit, scharfäugig auf der Lauer zu
-liegen. Jetzt lohnte sich das prächtig. Es war ein Mordsglück, daß die
-häßliche Vettel an ihm Feuer fing. Er wird es nutzen.
-
-Vor seinem Burschen ließ er sich gehen, jubelte wüst, unter unflätigen
-Lobpreisungen der Maultasch und ihrer Gier. Er schenkte, so geizig er
-sonst war, dem Jungen einen Sonderkrug Weines, soff mit ihm. Bei einer
-Kerze, einsam mit dem Jungen, soff er die ganze Nacht. Gröhlte sein Lied
-von den sieben erstrebenswerten Dingen. Quäkte, aus dieser Maultasch
-werde er sich zu bedienen wissen. Streckte sich dann wohlig zum
-Schlafen. Ja, dies war das Schönste, was es gab. Er spürte seine vor
-Übermüdung schmerzhaften Glieder. Knackte mit den Gelenken. Sperrte das
-breite Maul auf. Wälzte sich, gähnte wollüstig. Schlief.
-
-Schlau und vorsichtig ging er, aber nie zu bedenklich, seine Straße. Der
-Markgraf, das spürte er, mochte ihn nicht. Er blieb ihm aus dem Weg.
-Drängte sich auch sonst nicht vor. War nur immer da und packte im
-gegebenen Augenblick, wenn Margarete allein war, mit frecher
-Vertraulichkeit zu. So sackte er Schlösser, Herrschaften, Pflegen,
-Gerichte ein, wurde schließlich Landeshofmeister. Nie hätte ihm jemand,
-er sich selber nicht, einen solchen Aufstieg vorausgesagt. Er steckte,
-dreist grinsend und gefräßig, alles ein. Blieb als Landeshofmeister, was
-er als kleiner Offizier gewesen war. Hatte vor nichts und niemand
-Respekt, glaubte an nichts als an Macht, Geld, Lust.
-
-Margarete hängte nach wie vor alle ihre Träume an den Albino. Sein
-scheuseliges Aussehen machte ihn zum Gezeichneten, machte ihn ihr
-verwandt. Es mußte, mußte in diesem breiten, fleischigen, widerwärtigen
-Kloß eine Seele stecken. Es kam nichts von ihm zu ihr; alle Bindung war
-höchstens einmal ein arges, freches, gemeines Grinsen übler
-Vertraulichkeit. Sie sah diese Ödnis nicht, oder sie deutete seine Leere
-um in bittre Resignation, in gewollte Stummheit, die ihr Zartes, Edles
-schamhaft versteckte und verschwieg.
-
-Mit Besorgnis schaute Herr von Schenna zu, wie eigentlich ohne tiefere
-Ursache, mehr durch ein Geschehenlassen, Margarete immer weiter von dem
-Markgrafen wegglitt und halb gegen ihren Willen zu dem Frauenberger
-getrieben wurde. Der war ihm tief zuwider. Es kränkte ihn, störte ihn
-zumindest, daß die wählerische Margarete sich neben ihm gerade diesen
-Vertrauten auslas. Hatte er denn etwas gemein mit jenem? War es möglich,
-daß sie seine feine, kultivierte, empfindsame Skepsis zusammenwarf mit
-der rohen, niedrigen Leerheit und Glaubenslosigkeit des Bayern? Es
-kratzte seine Eitelkeit, daß Margarete ihm diesen Genossen ihres
-Vertrauens gab.
-
-Sonst ging es Herrn von Schenna jetzt sehr gut. Die Seuche war nicht an
-ihn herangekommen. Er hatte geerbt, hatte auch sonst die Zeit nach der
-Pest genutzt, seine herrlichen Besitzungen auszubauen und abzurunden.
-Auf seinen Schlössern lebte er fein und behaglich, zwischen Bildern,
-Büchern, Schmuck und Pfauen, lehnte nach wie vor jedes Amt ab, schaute
-fröhlich und besinnlich über seine weiten Obstgärten, Äcker, Weinberge,
-wurde täglich milder, weiser, ruhte ganz in sich wie eine gepflegte,
-reifende Frucht. Der Abt Johannes von Viktring, der jetzt Sekretär des
-Herzogs Albrecht war und übrigens nachgerade recht alt und wackelig
-wurde, konnte beinahe den ganzen Horaz auf ihn zitieren.
-
-Er hätte, aus seiner Ruhe und Befriedigung heraus, Margarete gern
-geholfen. Er versuchte, die Bindung zwischen ihr und dem Markgrafen
-wieder fester zu ziehen. Solchen Versuchen war sehr förderlich, daß der
-Druck leichter wurde, den der Kirchenbann auf Margaretes Ehe legte.
-
-Herzog Johann nämlich, der Luxemburger, war es längst müde, in Wahrheit
-ledig, vor der Kirche aber ein verheirateter Mann zu sein. Seine
-Stellung hatte sich durch die kluge Politik seines Bruders, des Königs
-Karl, sehr gebessert; er gedachte sie durch eine neue geschickte Heirat
-vollends zu festigen. Vorerst aber mußte er zu diesem Zweck legitim und
-in aller Form von Margarete geschieden sein. Er bat sie um eine
-Zusammenkunft. Er wolle gemeinsam mit ihr eine Formel finden, die,
-beiden genehm, weder ihn noch sie demütige. Ihre Interessen seien die
-gleichen. Dies lag auf der Hand, und Margarete war bereit, ihn zu
-empfangen.
-
-So erschien Herzog Johann als Gast auf Schloß Tirol. Diesmal öffneten
-sich die Tore vor ihm. Trommeln, Trompeten, Ehrenbezeigungen. Johanns
-langes Gesicht sah immer noch knabenhaft aus. Er blinzelte aus seinen
-kleinen, tiefliegenden Augen Margarete ohne jede Verlegenheit an. Fand
-einen Ton grimmiger Schalkhaftigkeit, eine gewisse ironische
-Kameradschaftlichkeit, die ihr nicht übel gefiel. Sie saßen beieinander,
-heckten Gründe aus, drehten sie hin und her, eifrig, kneteten,
-schmiedeten. Kamen, befriedigt, überein. Herzog Johann habe Margarete
-geehelicht, trotzdem sie mit ihm im vierten Grad verwandt sei, aus
-Unkenntnis solcher Verwandtschaft. Wiewohl sie beide sich redlichste
-Mühe gegeben, die Ehe zu vollziehen, hätten sie, zweifellos infolge
-Verhexung Johanns, dies nicht zustande gebracht. Da nun Johann mit
-anderen Frauen die Ehe sehr wohl vollziehen könne und seinen erlauchten
-Stamm fortzusetzen wünsche, ersuche er den Papst, die Heirat mit
-Margarete für ungültig zu erklären. Der Papst, Freund des Hauses
-Luxemburg-Böhmen, werde solchem Ansuchen zweifellos willfahren.
-
-Dies abgesprochen, frühstückte Johann noch mit Margarete. Beide waren
-guter Laune. »Sie sind gar nicht älter geworden, kleiner Wolf,« sagte
-Margarete.
-
-»Und Sie sind, Gotts Marter! trotz allem ein Staatsweib, Herzogin
-Maultasch,« sagte Johann. Sie fühlten sich jeder dem andern sowohl wie
-der Situation überlegen; alles hatte sich reinlich gelöst; sie fanden
-auf dieser Basis ihre Beziehungen eigentlich ganz angenehm. Trennten
-sich wohlgesinnt, mit grimmiger, verständnisvoller Vertraulichkeit.
-
-
-
-
-Durch den Tod jener beiden Kinder Margaretes waren die Erbverhältnisse
-des Landes in den Bergen wieder ähnlich geworden wie seinerzeit unter
-dem guten König Heinrich. Einziger Erbe des Landes war der Knabe
-Meinhard, dessen Gesundheit schwächlich stand und dessen Geschwister
-alle in jungen Jahren gestorben waren. Wieder also schauten die
-mächtigen deutschen Herrscher nach Tirol, streckten gierige Hände aus.
-Die Luxemburger rundeten ihren Besitz am Rhein und an der Moldau, waren
-aus dem Kampf um das südliche Land ausgeschieden. Doch Wittelsbach und
-Habsburg saßen auf umständlichen, begründeten Ansprüchen, äugten,
-lauerten.
-
-Der Habsburger vor allem, der lahme Albrecht, säte einen weiten,
-folgerichtigen Plan. Er selber zwar hatte wenig Hoffnung, ihn reifen zu
-sehen. Aber der Lahme, durch sein Siechtum bitter und weise geworden,
-arbeitete längst nicht mehr für den Erfolg der nächsten Tage, sondern
-auf weite Sicht. Für ihn galt es, Tirol zu kriegen, den Weg nach Westen,
-die Brücke zu den schwäbischen Besitzungen, oder auf alle
-Großmachtsträume zu verzichten.
-
-Er suchte vornächst die Herren der bischöflichen Territorien zu
-gewinnen. Trient und Chur hatten mit den Wittelsbachern schlechte
-Erfahrungen gemacht; sie waren gern geneigt, dem Habsburger anzuhangen,
-der sie hätschelte. Auch sonst hatte Albrecht ein mildes Gesicht und
-eine offene Hand für alle Herren, die in Tirol von Einfluß waren. Er
-übertrug den Schennas, den Vögten von Matsch, dem Frauenberger Titel,
-Würden, Ämter, die keine Mühe und viel Geld brachten.
-
-Dem Markgrafen selbst suchte er auf jede Weise Vertrauen und
-Freundschaft abzugewinnen. Er fiel ihm bei dem Angriff des Luxemburgers
-nicht in die Flanke, ja, er vermittelte zwischen ihm und diesem. Bald
-war es soweit, daß der lahme Albrecht eine seiner Töchter dem Sohne
-Ludwigs, dem kleinen, dicken, harmlosen, schwächlichen Meinhard, dem
-Erben Tirols, vermählen konnte. Auch zeigte Albrecht, sonst ein sehr
-genauer Rechner, dem finanziell immer bedrängten Markgrafen eine stets
-offene Hand und brachte ihn dadurch in immer größere Abhängigkeit.
-
-Dann plötzlich, als Ludwig wieder einmal eine erhebliche Summe
-benötigte, erklärten die Finanzräte des Österreichers, es sei diesmal
-leider unmöglich. Ihre Kassen seien erschöpft; ja, sie müßten ihm sogar
-demnächst zu ihrem größten Bedauern früher geliehene Beträge kündigen.
-Der Markgraf, tief betroffen, in wütiger Verlegenheit, wollte mit
-Blicken, mit Worten auf sie losfahren. Bezwang sich, biß sich die Lippe,
-ging wortlos.
-
-Wollte sich persönlich an Albrecht wenden. Rang es seinem Stolz nicht
-ab. Bei einer zweiten Zusammenkunft erklärten die habsburgischen
-Finanzräte den seinen sehr harmlos, sie hätten einen vortrefflichen,
-billigen Ausgleich gefunden. Der Markgraf solle doch als Pfand für die
-alte und die neu geforderte Summe Österreich auf einige Jahre die
-Verwaltung Oberbayerns übertragen. Durch Einsparungen infolge der
-gemeinsamen, verbilligten Verwaltung werde Albrecht sicherlich binnen
-kurzem den geschuldeten Betrag aus Oberbayern herauswirtschaften.
-
-Der Markgraf wurde blaß, als seine Räte ihm das österreichische
-Anerbieten mitteilten. Überflog sie mit hartem, stechendem, blauem
-Blick. Nein, sie lächelten nicht. Sie hatten nüchterne, ernsthafte
-Beamtenmienen. Er schluckte, sagte, er werde überlegen, nickte, entließ
-sie.
-
-Saß, allein, schwer nieder. Zog den massigen Nacken hoch. Das Ansinnen
-war eine Unverschämtheit. Allein Albrecht war klug, ihm befreundet,
-hatte gewiß nicht die Absicht, ihn zu beleidigen. Es war also an dem,
-daß offenbar auf andere Art kein Geld mehr aufzutreiben war. Die
-Einkünfte sollte er abtreten; die Einkünfte waren nicht das Land.
-Immerhin, wenn das Haupt der Wittelsbacher einem Habsburger die
-Verwaltung seines Stammlandes übertrug, war dies, trotz allen
-Sicherungen, eine Einbuße, hart, hart, kaum zu ertragen.
-
-Als er die Angelegenheit in seinem Rat vorbrachte, saß er sachlich,
-ruhig, behandelte das Ganze, als wäre es ohne viel Gewicht. Äugte
-argwöhnisch, ob seine Herren wagen würden, ihr inneres Grinsen auf ihren
-Gesichtern zu zeigen. Ach, lebte sein Freund noch, Konrad von Teck! Bei
-dem hätte er solches Mißtrauen nicht nötig gehabt. Alles wäre leichter
-zu ertragen gewesen. Keine Sentimentalität! Er sagte in zwei Worten,
-worum es ging. Äußerte keine Meinung. Bat um ihre Ansicht.
-
-Als erster sprach der Frauenberger. Er sah natürlich wie alle andern,
-daß der österreichische Vorschlag auf eine glatte Erpressung hinauslief.
-Es lag ihm nicht das geringste weder an Ludwig noch an Albrecht, weder
-an Bayern noch an Tirol noch an Österreich. Der Habsburger war der
-Reichere und Klügere; er wird also vermutlich recht behalten. Da er
-überdies ihn, den Frauenberger, durch Ehrenämter und riesige Summen
-erkauft hat, muß er darauf sehen, daß Ludwig auf den Vorschlag eingeht.
-Redet er zu, so wird Ludwig, der ihn ohnedies nicht leiden mag,
-argwöhnisch. Umgekehrt bleibt dem Markgrafen, rät man nun zu oder ab,
-nichts anderes übrig, als knirschend den demütigenden Vertrag zu
-unterschreiben. Er, Konrad von Frauenberg, kann sich also ruhig, ohne
-daß der Habsburger es am Ergebnis inne wird, die spaßhafte Geste
-leisten, sich als patriotischer Bayer zu gebärden, dem Fürsten von den
-erniedrigenden österreichischen Zumutungen abzuraten.
-
-Margarete war stürmisch begeistert von den habsburgischen Vorschlägen.
-Man wird Geld in Fülle haben, wird die lastenden Verpflichtungen noch
-aus der Zeit des guten Königs Heinrich endlich, endlich abtragen können.
-Wie werden, ist dieser Druck erst fort, ihre lieben Städte aufatmen!
-Bayern war ihr immer nur ein Anhängsel gewesen. Sie gab es gern preis
-für Geld. Sie hatte von Schenna und Mendel Hirsch gelernt, was Geld ist.
-Was nutzte es, einen großen Leib zu haben und zu wenig Blut? Jetzt wird
-das Land genug Blut haben, jetzt wird es gesund werden. Ihr gutes Land!
-Ihre lieben, blühenden Städte!
-
-Finster hörte der Markgraf zu. Nun erwies es sich gut, wie wenig sie ihn
-von je verstanden hatte. Er war Bayer, Wittelsbacher, Kaisersohn, an
-Weltmacht gewöhnt, gewöhnt, in Ländern zu denken. Sie war Tirolerin; wo
-ihre Berge endeten, hörten ihre Gedanken auf. Sie dachte bis an die
-Ebene, nicht weiter. Sie war die Tochter des kleinen Grafen von Tirol,
-eng, rechenhaft, krämerhaft. Er war der Erstgeborene des Römischen
-Kaisers, herrisch, weltweit, nur Gott und sich selber verantwortlich.
-Nein, zwischen ihm und ihr stand mehr als nur ihre Häßlichkeit.
-
-Der feine Herr von Schenna sprach. Ludwig mochte ihn gar nicht in diesem
-Augenblick. Er war natürlich Margaretes Meinung, er war ja Tiroler, kein
-Bayer. Die Finanzen beider Länder aus eigenem großzupäppeln, sei nun
-leider unmöglich. Da füge es sich gut, daß man den edlen Renner Bayern
-dem befreundeten Habsburger auf kurze Zeit zur Dickfütterung in den
-Stall geben könne. Bekomme man so endlich den nötigen Hafer für das gute
-Pferd Tirol. Wo bleibe übrigens ein anderer Ausweg?
-
-Ja, wo blieb sonst ein Ausweg? Das war es. Es half nichts, die
-Gegengründe noch so hell ins Licht zu stellen. Man mußte das Angebot des
-Habsburgers schlucken. Der Markgraf duckte den Kopf auf den dicken,
-gefährlichen Nacken. Dankte den Räten, unwirsch, kurz. Sagte, er werde
-ihre Meinungen in Erwägung ziehen. Alle wußten, wie er entscheiden wird.
-
- * * * * *
-
-In dicker Verdrossenheit ritt Ludwig von Schloß Tirol ab, mit kleinem
-Gefolge, nach Norden, nach München, die letzten nicht mehr wesentlichen
-Fragen zu regeln, ehe er das Land der Verwaltung des Habsburgers
-überstellte.
-
-Ein trister Oktobertag. Feiner, fader, rieselnder Regen. Was hatte man
-vom Leben? Man regierte, man war ein großer Fürst. Aber das meiste, was
-man zu tun hatte, die meisten dieser feierlichen Zeremonien,
-Kundgebungen, Verschreibungen waren widerwärtig und beschwerten einem
-den Sinn. Die Verwaltung des Stammlandes dem Habsburger überlassen, ein
-freundlich Gesicht dazu machen, »Vergelt's Gott!« dazu sagen. Er
-knirschte. Er sah die riesigen, stumpfen blauen Augen seines Vaters auf
-sich. Was hätte der dazu gesagt?
-
-Zuhause, die freuten sich. Der ekelhafte Schenna, der neunmal Kluge, der
-an allem seinen Spott hat, mit seinem frechen, faden, milden Lächeln.
-Der Frauenberger, der unverschämte Hammel, der von wittelsbachischer
-Würde quäkt, von der Bindung zwischen Wittelsbach und Bayern, und dabei
-innerlich seine höhnische Freude hat; denn der Giftpilz weiß sehr gut,
-er muß doch hineinbeißen. Die Maultasch, die an nichts denkt als an ihr
-Tirol, der sein Bayern ein Handelsobjekt ist, das sie gern hinschmeißt,
-kriegt sie nur die Gulden und Veroneser Mark. Die Häßliche, die ihn
-aller Christenheit zum Gespött macht! Wie sie ihm zuwider ist! Wie sie
-dasitzt und gespannt auf das Gequäk des Frauenbergers hört, des Albinos,
-des Mißgeschaffenen! Seine Frau! Seine Fürstin! Pfui! Die Maultasch!
-
-Wirklich, in Christi Namen, was denn hatte man vom Leben? Konnte er
-nicht, auf dem Weg nach München, ehe er den sauren Trank schluckte, was
-tun, was weniger sauer einging? Wenn er etwa in Taufers zukehrte, sich
-mit eigenen Augen überzeugte, wie dort die Dinge standen? Es war nicht
-viel Zeit verloren; zudem, je länger er jenes hinausschob, so besser.
-
-In Taufers war Agnes keineswegs so überrascht, als er wohl erwartet
-hatte. Ja, als der Pförtner ihr meldete, der Markgraf komme mit einigen
-Herren, da hatte sie wohl geatmet, die Arme gestreckt, ein sattes
-Lächeln um die sehr roten Lippen. Aber sie empfing den Fürsten mit
-gelassener Höflichkeit, keineswegs besonders geehrt. Auch das Mahl, das
-sie ihm vorsetzen ließ, die übrigen Zurüstungen waren zwar geschmackvoll
-und nicht unwürdig, aber weit entfernt von jenem prahlerischen Luxus,
-den man ihr nachsagte. Und mit dem sie auch weniger mächtige Herren,
-kleine italienische Barone etwa, bewirtet hatte.
-
-Ludwig schaute sie an. Kerzen brannten, ein kleines Feuer im Kamin,
-wohlriechende Hölzer. Diener reichten Obst und Konfekt. Eine ziere
-Person, bei Gottes Marter und Tod! Kein Wunder, daß man viel über sie
-schwatzte. Aber leicht machte sie es einem nicht. Das Gespräch, das sie
-führte, war lau, ein bißchen spöttisch; sie ließ einen nicht heran. Der
-ernsthafte, ungewandte Markgraf machte ein paar hilflose Versuche, ihr
-etwas Galantes zu sagen. Sie schaute ihn ruhig und ohne Verständnis an.
-Nein, sie war geradezu spröde.
-
-Um so unerwarteter kam andern Tages ihre gleichmütig vorgebrachte Bitte,
-sich dem Markgrafen auf der Reise nach München anschließen zu dürfen.
-Sie wolle ihre Schwester besuchen, habe auch sonst im Bayrischen
-Geschäfte.
-
-Der Markgraf, zögernd, betreten, schwieg. Diese Bitte kam ihm ungelegen.
-Es wird Geschwätz geben. Er war ein ernsthafter, fester Mann, zudem
-nicht in den Jahren, derartige Historien zu machen; es paßte ihm
-durchaus nicht, daß sich Geschwätz an ihn hängte. Aber er konnte der
-Dame -- denn das war sie immerhin --, deren Gastfreundschaft er in
-Anspruch genommen hatte, unmöglich die kleine Gefälligkeit abschlagen.
-Leicht knurrend, schwerfällig, unwirsch sagte er, er freue sich.
-
-Auf der Reise war sie dann sehr sittsam, zurückhaltend, unauffällig.
-Hielt sich die meiste Zeit in ihrer verschlossenen Sänfte. Einsam,
-hinter den Vorhängen der Sänfte, kaute sie, schlang sie ihren Triumph.
-Die andere, die Feindin, saß auf Schloß Tirol, nannte sich Markgräfin zu
-Brandenburg, Herzogin zu Bayern, Gräfin zu Tirol. Hatte ihren soliden,
-ehrenfesten Gatten. Hatte ihm Kinder geboren. Sich in ihn, ihn in sich
-eingelebt. Aber jetzt zog sie, Agnes von Flavon, mit diesem Markgrafen
-herum in dem angeerbten Land der Feindin.
-
-Ludwig erledigte in München hochmütig und unfrei seine verdrießlichen
-Geschäfte. Agnes hatte sich bei der Ankunft sogleich mit höflichem,
-nicht übertriebenem Dank verabschiedet. Jetzt hätte er seine unmutigen
-Abende gern zuweilen durch ihre Gegenwart erhellt. Ein erstes Mal
-versagte sie sich, ein zweites Mal kam sie. Er gewöhnte sich an sie. Sie
-ging aufs Land zu ihrer Schwester. Er verzögerte seine Rückreise, bis
-sie sich anschließen konnte.
-
-Auf dieser Rückreise durch strahlenden Spätherbst verschloß sich Agnes
-nicht mehr in der Sänfte. Schimmernd ritt sie auf geschmücktem Pferd an
-der Seite des Markgrafen, den Kopf hochmütig geradeaus.
-
- * * * * *
-
-Geld floß ins Land. Die riesigen Summen für die Verpfändung Bayerns. Die
-Industrie holte Atem. Die Bergwerke, die Salzwerke. Die Straßen wurden
-ausgebaut, der Handelsverkehr erleichtert, geregelt. Die Städte
-streckten sich, weiteten sich. Die Bürger stolzierten breit,
-gravitätisch. Ihre Häuser wurden höher, füllten sich mit edeln Möbeln,
-Kunstwerken, Gerät. Mauern, Türme, Rathaus, Kirchen wuchsen. Geflügel,
-Würzwein kam auch am Werktag auf den mit gutem Geschirr gedeckten Tisch
-des Bürgers. Prächtiger als die Frau des kleinen Adeligen schritt in
-Seide, stolzen Bändern, riesiger Haube, Schleppe, Schmuck die Frau der
-Städte.
-
-Seit wann war diese glückliche Veränderung? Seitdem der Markgraf mit der
-schönen Agnes von Flavon zusammen war. Agnes von Flavon, die Schöne,
-Gesegnete. Sicher war sie es, die den glücklichen Plan gehabt hat,
-Bayern abzustoßen, alle Kraft und alles Geld nach Tirol zu leiten. Alle
-Gnade Gottes auf unsere schöne Agnes von Flavon! Man sah ja, wie sie
-auserlesen war. Sichtbarlich von ihrem himmlisch schönen Antlitz
-strahlte aller Segen der lieben Mutter Gottes. Die andere dagegen, die
-Maultasch, war gezeichnet. Der Zorn des Himmels war auf ihr. Verflucht
-war, was sie tat. Ihre Kinder starben. Seuchen fielen ein, Brand,
-Wasser, Geziefer, wo sie die Hand anlegte. Alles, was sie rät, was sie
-tut, ist verflucht. Hat sie nicht die Verbindung herbeigeführt mit
-Bayern, den Keim alles Verderbens? Hat sie nicht die harten, habgierigen
-bayrischen Herren herbeigerufen, die das Land aussogen? Hängt sie nicht
-an dem Frauenberger, der scheußlichen Mißgeburt? Hat sie ihn nicht zum
-Landeshofmeister gemacht? Ein Glück, daß sich der Fürst von ihr
-abgewandt hat. Jetzt endlich hat er erkannt, wo das Rechte lag. Jetzt
-ist gute Zeit. Gott segne unsere liebe, schöne Agnes von Flavon!
-
-Agnes sah das Volk an ihrer Straße, wie sie Bäume und Häuser sah,
-brauchte seinen Zuruf, wie sie Schmuck brauchte. Lächelte. Schritt durch
-die Gaffenden, sie Bewundernden, sah nicht rechts, nicht links, den Kopf
-geradeaus, mit schmalen, kühnen, hochmütigen Lippen. Und das Volk
-jubelte.
-
-
-
-
-Margarete, sehr weit weg von ihrem Gatten, sehr weit weg von ihrem Sohn
-Meinhard, ging herum, schwer, in sich versponnen. Wußte nichts als das
-einzige: von Agnes und ihren Siegen. Sah Schenna, sah den Frauenberger.
-Sah die Städte aufatmen, sich recken, sich weiten. Ihre Saat, ihr Werk.
-Sie war ausgehöhlt, sie war leer und arm. Was einer jeden gegönnt war,
-ihr war es versagt. Doch dies wenigstens war getan. Dies wenigstens, es
-war ihr Einziges, blieb.
-
-Um so deutlicher sah Schenna. Sah, wie das Volk alles Gute, was die
-Häßliche gewirkt, der Schönen zuschrieb. Dies Erkennen wollte er ihr,
-dieses schmerzhafte Aufwachen, ersparen. Auch sah er, wie Ludwig immer
-mehr in Taufers sich verstrickte. Noch wehrte sich erstaunt und schwer
-atmend der dumpfe, hilflose Mann, der solche Wirrnis das erstemal
-erlebte. Noch war es Abenteuer, vorübergehend, begrenzt. Aber bald wird
-es, in wenigen Wochen vielleicht schon, zu spät sein, bald wird er
-willentlich und unlösbar verknüpft sein.
-
-Er wollte ihn zurückhaben zu Margarete. Er wollte das Volk zurückhaben
-zu Margarete. Das Volk war dumm, instinktlos. Es war an sich
-gleichgültig, was es dachte. Jedes Tier war klüger und hatte mehr
-Instinkt. Aber es sollte nicht sein, daß Margarete auch dies Letzte von
-sich fortgleiten sah.
-
-Er mußte vor allem dahin wirken, daß endlich diese alberne kirchliche
-Verfemung von ihr genommen wurde. Der Makel der kirchlich Ausgestoßenen
-scheuchte das Volk von ihr, scheuchte den Gatten von ihr. Denn war auch
-ihre Ehe mit Johann in aller Form gelöst, so daß sie der Kirche nicht
-mehr als Ehebrecherin galt, so war gleichwohl ihr Zusammenleben mit
-Ludwig vom Papste noch keineswegs sanktioniert. Die Kirche betrachtete
-ihre Ehe als Konkubinat, ihren Sohn und Kronprinzen Meinhard als
-Bastard. Belegte nach wie vor sie und ihren Mann mit dem Bann, ihr Land
-mit dem Interdikt. Wohl hatte der Markgraf Gesandte nach Avignon
-geschickt, jede Genugtuung angeboten, die der Heilige Vater fordern
-konnte; allein der Papst, von Kaiser Karl gehetzt, weigerte sich.
-
-Jetzt war Klemens tot, sein Nachfolger, der sechste Innozenz, stand
-stark unter dem Einfluß des Habsburgers. Der lahme Albrecht mußte selber
-alles Interesse haben, daß seine Tochter nicht mit einem Bastard,
-sondern mit dem von der Kirche anerkannten Erben Tirols vermählt sei.
-Schenna arbeitete mit einer an ihm ungewohnten Rastlosigkeit. Fuhr von
-Ludwig zu Albrecht, von Albrecht zu Margarete. Von München nach Wien,
-von Wien nach Tirol.
-
-Albrecht stellte Bedingungen. Er säte, er säte für die Zukunft. Seine
-Tochter wird durch die Vermählung mit Meinhard Anspruch haben auf das
-Land in den Bergen. Aber der junge Meinhard war ein Wittelsbacher. Auch
-die Wittelsbacher werden, in gewissen Fällen, Ansprüche machen. Es hatte
-sich gezeigt, daß das schwierige Land am Schluß immer dem verblieb, dem
-das Volk als seinem rechtmäßigen Herrscher anhing. Die Maultasch war
-nicht beliebt, aber als der einzige legitime Nachfahr der alten Grafen
-von Tirol vom Volk mit religiöser Selbstverständlichkeit als rechtmäßige
-Eignerin des Landes angesehen. Sie hatte darüber zu verfügen; wem sie es
-übermachte, der hatte das Volk auf seiner Seite. Albrecht verlangte
-nichts von Ludwig, dem Wittelsbacher; aber er forderte ein bindendes
-Testament von Margarete. Für den Fall, daß sie, ihr Gemahl Ludwig, ihr
-Sohn Meinhard ohne Leibeserben abgingen, solle das Land an die Herzöge
-von Österreich fallen. Eine Formsache. Eine reine Formsache, betonte er
-dem Herrn von Schenna. Dazu noch für einen höchst unwahrscheinlichen und
-unerwünschten Fall. Aber er war nun einmal ein Pedant; er verlangte
-diese, Margaretes, Unterschrift. Dafür verbürgte er sich, vom Papst für
-Ludwig und Margarete Lossprechung von Bann und Interdikt zu erwirken.
-
-Schenna hielt diesen Vorschlag für sehr vorteilhaft. Ihm waren die
-heiteren, umgänglichen Österreicher von jeher lieber als die dumpfen,
-gewalttätigen Bayern.
-
- * * * * *
-
-Margarete saß über dem Schriftstück, allein; es war später Abend. Also
-den Habsburgern soll sie das Land übermachen. Nun ja, sie hat es dem
-Luxemburger zugebracht, dann dem Wittelsbacher; warum nicht dem
-Habsburger? Der lahme Albrecht war zweifellos der Klügste und Tüchtigste
-unter den deutschen Fürsten. Und sein Sohn, der Rudolf, kühn,
-entschlossen, gescheit. Tüchtige Leute, die Habsburger. Sie werden
-sicher auch Tirol sehr tüchtig regieren. Sie hatten Österreich, Kärnten,
-Krain, die schwäbischen Vorlande, Görz, verwalteten Oberbayern. Sie
-werden Tirol nicht schlechter verwalten.
-
-Tirol! Ihr Tirol! Gerade erst hat sie es von Bayern losgeeist. Jetzt
-dann soll es zu sechs Ländern ein siebentes sein. Ein Verwaltungsobjekt
-für fremde Fürsten. Ihr Tirol!
-
-Nicht hitzig. Das alles zielt sehr ins Weite. Vorläufig ist ihr Sohn
-noch da. Er ist nicht so gescheit und kühn wie Rudolf, wie Albrechts
-Söhne. Er ist, zugegeben, ein etwas belangloser junger Mensch. Aber er
-ist ihr Sohn. Der Urenkel des Grafen Meinhard. Was geht eigentlich jene
-anderen Tirol an? Und wenn ihr Sohn vollkommen verblödet wäre; er ist
-Tirol.
-
-Sachte, sachte. Es will ihm ja niemand an. Für den Fall, daß er ohne
-Nachkommen -- Er zielt sehr ins Weite, der kluge Albrecht, der lahme,
-bittere. Eigentlich seltsam, daß man gerade von ihr die Unterschrift
-will. Ihr Mann, der Markgraf, der Kaisersohn, der Wittelsbacher: aber
-der kluge Albrecht will ihre Unterschrift, nicht seine.
-
-Was Ludwig wohl darüber denkt? Tüchtig ist er auch. Er versteht sich gut
-mit dem Habsburger. Seltsam, daß man ihn nicht darüber befragt hat. Weiß
-der kluge Albrecht schon so genau, wie weit er von ihr weg ist? Früher
-hätte er sich mit ihr darüber ausgesprochen. Jetzt ist er fort. In
-Bayern. Mit Agnes. Sie schaut vor sich hin, ihr breiter, wüster Mund
-verzieht sich, trüb, nicht sehr bitter. Warum soll Ludwig nicht an Agnes
-von Flavon sein Pläsier haben? Sie ist sehr schön. Er ist nicht mehr der
-Jüngste. Hat sich abgerackert. Jetzt ist er Bayern los. Kann ein wenig
-ausschnaufen. Sie ist sehr schön. Warum soll er nicht sein Pläsier
-haben?
-
-Sie erhob sich, schwer, ein wenig ächzend. Überlas noch einmal die
-Urkunde. Sie war lang und umständlich. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden
-Markgräfin zu Brandenburg, Herzogin zu Bayern und Gräfin zu Tirol, allen
-Christenmenschen ewiglich, die diesen Brief je sehen, lesen oder hören
-jetzt und später, Unsern Gruß und die Kenntnis nachgeschriebener Dinge.
-Wenn es geschieht, was Gott in seiner Gnade nicht verhänge, daß Wir und
-der durchlauchtige Fürst, Unser herzenslieber Gemahl, Markgraf Ludwig
-von Brandenburg, abgehen ohne Leibeserben, die wir miteinander gewinnen,
-und auch wenn Unser lieber Sohn, Herzog Meinhard, abginge, was Gott
-nicht wolle, ohne Leibeserben, daß dann Unsere obgenannten Fürstentümer
-und Grafschaften, Länder und Herrschaften mit der Burg zu Tirol und mit
-allen andern Burgen, Klausen, Festen, Städten, Märkten, Dörfern, Leuten
-und Gerichten soll fallen gänzlich zu rechtem Erb und Vermächtnis den
-vorgenannten Unsern lieben Oheimen, den Herzögen von Österreich --«
-
-Sie ließ das Schriftstück zurückgleiten, unbehaglich, daß es sich
-knisternd auf dem Tisch zusammenrollte. Sie verließ das Zimmer. Machte
-mit ihren schweren, schleppenden Schritten den Rundgang, den sie jede
-Nacht vor dem Schlafengehen zu tun gewohnt war. Einsam schleppte sich,
-in ihrem prunkvollen Gewand, das sonderbar leblos an ihr niederfiel, die
-häßliche Frau durch die Säle, Stuben, Korridore, der ungeschlachte
-Schatten der Kerze ihr voraus.
-
-Sie kam an die Spinnstube. Die plumpe Tür öffnete sich ohne viel
-Geräusch. Die Mägde waren fertig mit der Arbeit, ein paar Knechte waren
-da. Alles drängte sich in einem Knäuel um eine junge, untersetzte Magd,
-die breit, verlegen, amüsiert grinsend dastand. Um sie herum Gekreisch,
-Stöße von Gelächter. Was? Sie begriff es wirklich nicht? Sie war die
-einzige in Tirol, die es nicht kapierte. Nochmals also. Die Pechmarie
-war schiech und wüst; wo sie hintrat, verdorrte alles, schrumpfte ein.
-Die Goldmarie strahlte himmlisch schön. Was sie anrührte, blühte, Gold
-klingelte unter jedem ihrer Schritte. Wer also war die Goldmarie? A--
-Ag-- Endlich ging es auf, breit, leuchtend, auf dem Gesicht der Magd.
-Agnes von Flavon! Natürlich. Und die Pechmarie? Ah! Großes Staunen. Und
-nun schütterte es auch sie in stürmischem Lachen.
-
-Unter dem Gekreisch und Gewieher hatte man die Herzogin nicht bemerkt.
-Still war sie mit ihrer Kerze im Schatten der halbgeöffneten Türe
-gestanden. Jetzt, langsam, zog sie die Türe zu. Ging. Schleppte sich
-über die Korridore. Zurück vor das Dokument.
-
-Breitete die Urkunde vor sich hin. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden
-Markgräfin --« Das Pergament knisterte. Sie tunkte die Feder ein,
-umständlich, unterschrieb.
-
- * * * * *
-
-Der lahme Albrecht saß in seiner Burg in Wien, in Schlafrock und Decken.
-Nebenan lag auf einem Tisch unter andern Papieren die Urkunde
-Margaretes. Sein Sohn Rudolf war da, der Bischof von Gurk, der uralte
-Abt Johannes von Viktring. Der betagte Herzog hatte die letzte Ölung
-empfangen; er wußte, daß er in wenigen Stunden verlöschen werde. Er saß
-in seinem Lehnstuhl, fror trotz der Decken in dem überheizten Zimmer,
-fühlte mit fast wohligem Schmerz, wie langsam das Leben aus ihm
-herausrann. Sah im übrigen wie stets klar, ruhig, mit einer gewissen
-heiteren Bitterkeit.
-
-Rudolf fragte das drittemal, ob er nicht die anderen Brüder beschicken
-solle. Sein festes Gesicht, blond, bräunlich, nicht hohe, eckige Stirn,
-Hakennase, starke Unterlippe, blickte ernst, sachlich, selbstbewußt,
-unsentimental. Der Lahme lehnte zum drittenmal ab. Die Jungen hatten zu
-tun, sein Sterben sollte sie nicht stören.
-
-Er atmete still, die ungelähmte Hand öffnete sich, schloß sich, öffnete
-sich. Er hatte ein gutes Leben gelebt, soweit ein menschliches Leben gut
-sein kann. Es war Mühe und Arbeit gewesen. Es war Erfolg gewesen. Er
-hatte sich gefördert und seine Länder gefördert. Er war mit sich in
-Frieden, er war mit den Menschen in Frieden, er war mit Gott in Frieden.
-
-Sein Sohn Rudolf erbte ein gutes Erbe. Schön war es und eine Gnade
-Gottes, daß er das Dokument noch zu sehen bekam, das ihm Tirol sicherte.
-Jetzt war alles geschlossen, von Schwaben bis Ungarn geschlossenes
-habsburgisches Land. Gut und christlich regiert, in Ordnung und Fug.
-Seine Söhne gescheite, feste Männer. Er weiß schon, warum er sie nicht
-mit seinem Sterben inkommodiert.
-
-Da fährt er also hin, der Letzte von den dreien. Der Luxemburger, der
-Johann, ist einen albernen Tod gestorben, einen dummen, ritterlichen Tod
-auf einem Schlachtfeld, das ihn nichts anging. Der Bayer, der Ludwig,
-ist einen unvorbereiteten, leichtfertigen Tod gestorben, auf der Jagd,
-mitten zwischen schwankenden, ungeordneten Geschäften, einen
-unentschiedenen Tod ohne Richtlinien und Gesicht, einen Tod, so halb und
-blöde und nichtssagend wie sein ganzes Leben. Er, Albrecht, hat sich
-niemals Römischer Kaiser genannt, hat nie nach der Römischen Krone
-gestrebt, hat sie nicht gehabt und hat sie nicht gewollt. Aber wenn man
-es recht erwägt -- er lächelte ein mildes, listiges Lächeln -- war immer
-er der Mächtigste gewesen von den dreien, der eigentliche Schiedsrichter
-der Christenheit, und immer war geschehen, was er gewollt hatte.
-
-Er fühlte sich jetzt schrecklich müde. Rief -- es verwehte heiser --
-nach Rudolf. Der wandte sich schnell ihm zu. Der Lahme tastete mit der
-gesunden Hand nach der des Sohnes. Sie fiel herunter, ehe sie den Sohn
-erreichte. Auch der Kopf sank vornüber.
-
-Rudolf stand gerafft, fest. Jetzt war er das Haupt der Habsburger, der
-mächtigste Mann unter den Deutschen. Der Bischof von Gurk betete. Der
-uralte Abt Johannes von Viktring strich mit der dürren, braunen Hand
-über das Pergament Margaretes. »Aufgerichtet hab' ich ein Denkmal
-dauernder als Erz,« zitierte er murmelnd einen antiken Klassiker. Dann
-schlurfte er zu Albrecht hinüber. Sah, daß er tot war. Riß sich
-zusammen, streckte sich, schwankte, stand. Machte seine Stimme so fest
-wie möglich. Setzte mehrmals an, verkündete: »_Defunctus est Albertus de
-Habsburg, imperator Romanus._« Der Bischof und der Fürst sahen sich an;
-nie hatte der Tote diese Würde gehabt, nie sie angestrebt. Der Uralte
-wiederholte, mit Anstrengung, schwankend, feierlich: »Gestorben ist
-Albrecht von Habsburg, Römischer Kaiser.« Dann sank er in sich zusammen,
-schlurfte zurück zu dem Tisch, bekreuzte sich, mummelte.
-
- * * * * *
-
-Die kleine, der Heiligen Margarete geweihte Kapelle der Münchner Hofburg
-ist dick voll von prunkenden Würdenträgern. Draußen ist klarer,
-leuchtender, hellbrauner Herbst. Drinnen reiben sich die Rüstungen der
-weltlichen Herren, die strotzenden Ornate der geistlichen; aneinander
-gepreßt stehen sie. Die Herzöge von Österreich, Rudolf, Leopold,
-Friedrich, ihre Kanzler und Marschälle, Johann von Platzheim, Pilgrim
-Strein, die bayrischen und tirolischen Herren, die Marschälle,
-Burggrafen, Oberjägermeister, Landeshofmeister des Markgrafen, die
-Schenna, Frauenberger, Konrad Kummersbrucker, Dipold Häl. Violett und
-lachsfarben die Ornate der geistlichen Fürsten. Die Bischöfe von
-Salzburg, Regensburg, Würzburg, Augsburg, Dekane, Pröpste, Domherren.
-Die Pfarrer zu Tirol, Teisendorf, Pyber. Fahnen, päpstliche, weltliche.
-Weihrauch. Draußen, von Militär zurückgehalten, Volk. In allen Fenstern,
-auf den besonnten herbstlichen Bäumen, auf allen Mauern, Vorsprüngen
-Volk.
-
-Drinnen knieten Ludwig und Margarete vor den päpstlichen Kommissaren,
-dem Bischof Paul von Freising und dem Abt Peter von Sankt Lamprecht.
-Gestern war ihre Ehe formal geschieden und ihnen aufgegeben worden,
-getrennt zu leben. Jetzt verlas der Bischof feierlich das päpstliche
-Reinigungsdekret: Nachdem Ludwig von Bayern, Erstgeborener weiland
-Ludwigs von Bayern, der sich als Römischer Kaiser führte, alles erfüllt
-habe, was der Papst von ihm gefordert, nachdem er persönlich seine
-Vergehen gegen die Kirche bekannt, gäben er und der Abt Peter als
-päpstliche Kommissare diesem besagten Fürsten und der Fürstin Margarete
-Dispens wegen zu naher Verwandtschaft, erlaubten ihnen, die Ehe neu
-einzugehen, legitimierten den bereits geborenen Prinzen Meinhard. Lösten
-von Ludwig und Margarete allen Makel und Infamie, machten sie fähig,
-Privilegien, Lehen, Güter, Rechte zu besitzen. Nähmen sie wieder auf in
-den Verband der Kirche. Befreiten ihre Länder vom Interdikt.
-
-Dann öffneten sich überall in Bayern und Tirol die Kirchentüren, die
-viele Jahrzehnte durch geschlossen waren. Die Glocken, die so lange
-stumm geblieben, schwangen an, tönten. Das Volk, ausgehungert nach
-geistlicher Erhebung, strömte in die Kirchen. Männer, Frauen,
-herangewachsen, ohne je Gottesdienst und Glockenklang erlebt zu haben,
-hörten zum erstenmal eine Messe, trieben staunend und beglückt auf den
-frommen Wellen der tönenden, blendenden, pomphaften Anbetung des
-dreieinigen Gottes.
-
-
-
-
-»Ich mache kein Geschäft mehr mit den Habsburgern!« rief heftig mit
-seiner harten Offizierstimme Herzog Stephan von Niederbayern und warf
-den Metallhandschuh klirrend auf den Tisch. Er stand auf, ging hin und
-her. Aus dem eckigen Schädel schauten seine mißtrauischen, kalten Augen
-bösartig und zürnend auf den Bruder, den Markgrafen, der sitzengeblieben
-war, den Kopf müde zum Tisch geneigt, daß der Nacken noch massiger sich
-wulstete. Der große Saal in der Münchner Hofburg war trotz allen Heizens
-nicht recht warm geworden, draußen flockte ein widerwärtiges Gemengsel
-von Schnee und Regen.
-
-»Also nicht,« sagte der Markgraf, und seine Stimme war mühsam und
-gedrückt. »Ich lasse Ihnen dann, Herr Bruder, das andere Dokument
-ausfertigen, wie wir es besprochen haben.«
-
-Herzog Stephan preßte die Lippen zusammen unter dem strammen, dicken,
-schwarzbraunen Schnurrbart. Er trat näher, erklärte seine Heftigkeit.
-»Wir sind in den vielen unangenehmen Erbfragen leidlich
-auseinandergekommen. Wir haben einander nichts vorgemacht. Haben klar
-und sachlich jeder sein Interesse gewahrt, ohne viel Worte und Flausen,
-und einer dem andern nicht eingeredet. Es hat jeden von uns sechsen ins
-Herz gebrannt, daß wir die Länder so haben zerstücken und zerteilen
-müssen und Wittelsbach klein machen. Es war eben sonst kein Ausweg und
-Auskommen, und wir haben nicht groß darüber geredet. Aber, Herr Bruder,«
-und er hob die Stimme und knarrte anklägerisch, »daß Sie das tirolische
-Testament für Habsburg zugelassen haben, Sie, der Chef der
-Wittelsbacher, das zwingt mir den Mund auf. Es ist eine rein tirolische
-Angelegenheit, ich weiß, und geht mich nichts an; ich hab' mich auch nie
-in Ihre Angelegenheiten gemengt. Aber das beißt mich zu arg, es giftet
-mir das Blut, ich muß es Ihnen sagen.«
-
-Der Markgraf antwortete nicht. Seine harten, stechenden blauen Augen
-schauten stumpf vor sich hin; er sah sehr viel älter aus als der nur um
-weniges jüngere Bruder. Wie er, der sonst zufuhr und keine Gegenrede
-schuldig blieb, auch fürder geduckt und stumpf schwieg, sagte Herzog
-Stephan etwas gesänftigt: »Sie können sagen, daß es Sache Ihrer Frau
-war, nicht Ihre; Sie können auch sagen, daß die Lösung von Kirchenbann
-und Interdikt eine gute Zahlung ist für das zweifelhafte Stück Papier,
-und Sie haben recht. Aber ich hätte es doch nicht zugelassen an Ihrer
-Stelle und von den andern Brüdern auch keiner und der Vater auch nicht,
-wenn er noch lebte.« Der Markgraf hockte müde, sonderbar verloschen.
-Solche Verlorenheit des sonst so harten und heftigen Mannes war dem
-Bruder unbehaglich. Er sagte, und es klang fast wie eine Entschuldigung:
-»Ich glaub's, es ist kein Leichtes, die Maultasch zum Weib zu haben und
-den Frauenberg zum Landeshofmeister.«
-
-Den Markgrafen, wie er allein war, fiel ein dumpfer, lahmer, hilfloser
-Zorn an, wie er ihn nie gespürt. Was war denn das gewesen? Da saß er in
-seiner Hofburg und sein jüngerer Bruder stand vor ihm, der Stephan, der
-Nichtige, der Mittelmäßige, der Wicht, mit seinem armseligen
-Niederbayern, und schimpfte ihn zusammen wie einen Lausbuben. Und er --
-ja wie in aller Welt kam denn das? -- er saß und ließ es sich gefallen.
-War es so weit mit ihm gekommen? War er so lahm?
-
-Der Stephan hatte recht, das war es. Die Habsburger regierten zusammen,
-überließen dem klugen Rudolf die Führung. Er war ihr Haupt, sie waren
-ein Ganzes, ihre ganze, große Ländermasse einheitlich gesteuert.
-Wittelsbach war zersplittert und zerstückt, in sechs Fetzen zerrissen.
-Er hatte es geschehen lassen, er, der Älteste. Und nicht nur das. Er
-hatte den Habsburgern Vorschub getan. Mit dem Judenschlag war es
-angegangen. Das war der erste Fehler gewesen. Hätte er seine Juden
-geschützt wie der lahme Albrecht, niemals wäre sein Beutel so leer und
-zerlöchert worden. Niemals hätte er sein Bayern den österreichischen
-Finanzräten ausliefern müssen. Jetzt saßen sie dick und zahlreich im
-Land, kontrollierten, schalteten nach Belieben. Überall, unter, neben,
-über dem wittelsbachischen der rote Löwe Habsburgs. Er fühlte die
-riesigen, starren Augen des Vaters auf sich. Er schnaufte. Der Bruder
-hatte recht.
-
-Nicht darüber grübeln. Der Fehler war gemacht. Die Juden waren tot; die
-am Leben geblieben waren, ließen sich durch keine Versprechungen mehr
-zurücklocken. Das Land war kahl und ohne Geld, und der Habsburger
-verwaltete es.
-
-Unsinn! Darum ging es ja gar nicht. Niemand hatte ihm das vorgeworfen.
-Um das Testament ging es. Um das Testament, das sein Weib gemacht hat,
-die Häßliche, die Maultasch. Daran mußte man sich klammern, das war
-festzuhalten. Er war froh, vor sich selber alle Schuld ihr zuzuschieben.
-Wie hatte der Bruder gesagt? Es ist kein Leichtes, die Maultasch zum
-Weib zu haben. Nein, daß dich Gottes Marter schände, es ist kein
-Leichtes! Er trieb sich hinein in eine dumpfe Wut gegen das Weib. Sie
-war an allem schuld, auch an dem Verwaltungsvertrag mit den Habsburgern.
-Da saß sie, die Häßliche, die Maultasch, mit ihrem lächerlichen
-Liebhaber, dem Frauenberger, dem Mißgeschaffenen, Quäkenden. Da saßen
-sie und machten ihm sein Bayern kaputt. Das Gespött Europas. Oh, er
-hatte schon das rechte Gefühl gehabt damals, als sein Vater ihn auf und
-ab schleifte und er sich weigerte, das Weib zu heiraten. Er starrte vor
-sich hin. Schnaufte, knurrte, stöhnte.
-
-Ging zu Agnes. Die lag auf einem Ruhebett, der Falkenierer stand vor
-ihr. Sie hatte den Handschuh an, spielte mit dem neuerworbenen Vogel.
-Sie sah sogleich, der Markgraf brannte darauf, mit ihr zu sprechen. Aber
-sie ließ ihn warten. Beschäftigte sich mit ihrem Falken, führte ihn vor,
-dachte gar nicht daran, den Falkenierer wegzuschicken.
-
-Ludwig drückte heraus, er habe heute wenig übrig für Falkenbeize und
-Sport. Oh, der Herr Markgraf sei verstimmt? Habe Ärger gehabt? Das tue
-ihr leid. Mit dem Herzog Stephan? Sieh da! Der Herr Herzog sei doch ein
-ganz umgänglicher Herr. Er habe vom Testament der Markgräfin gesprochen?
-Und von dem bayrisch-habsburgischen Verwaltungsvertrag? Davon nicht?
-Doch, auch, freilich nur nebenher.
-
-Wenn sie doch endlich den Kerl mit dem Falken wegschicken wollte! Aber
-sie dachte gar nicht daran. Bedeutete es ihr so gar nichts, daß Stephan
-das gewagt hatte? Und war es ihr so nebensächlich, daß er sogleich von
-seinem Bruder weg zu ihr kam? Der Vogel öffnete die Flügel, schloß sie.
-Sie streichelte ihn, gab ihm Hätschelnamen. Ein großer heimlicher
-Triumph war in ihr. War es endlich an dem? Brach es endlich los? Stürzte
-das Haus der Feindin, das mühsam errichtete, endlich zusammen?
-
-Also von dem bayrisch-habsburgischen Vertrag habe Herzog Stephan
-gesprochen? Nun, sie verstehe ja nichts von Politik. Aber, ganz ehrlich,
-gewundert habe sie sich immer. Ein so großer, weiser Fürst -- und läßt
-die Verwaltung seines Landes einem andern! Ganz beiläufig warf sie es
-hin, dem Falken die Haube abziehend, wieder aufsetzend. Stritt sogleich
-wieder mit dem Falkenierer, wie lange man jetzt den Vogel hungern lassen
-solle. Still jubelte sie: Allen Saft herausquetschen aus Tirol, ihn
-fortleiten, nach Bayern, irgendwohin. Verdorren machen das Werk der
-Feindin.
-
-Ludwig saß gepreßt in großer Bitternis. Ein Narr war er gewesen. Selbst
-die Kinder sahen klarer, worauf es ankam. Niemals hätte er die
-Verwaltung Bayerns weggeben dürfen. Und hätte er alle seine Städte und
-Einkünfte dem Messer Artese verschreiben müssen. Das Testament
-Margaretes, da war nun nichts zu machen. Aber den Verwaltungsvertrag,
-der lief ab in wenigen Monaten: er wird ihn kündigen. Komme, was will!
-
-Agnes lag auf dem Ruhebett, kümmerte sich kaum um ihn. Der Falkenierer
-war noch immer da. Wäre sie allein gewesen, er hätte sich auf sie
-gestürzt, sie geschüttelt: »Höre, lach' nicht über mich! Ich sag' den
-Vertrag auf! Ich schmeiß' die habsburgischen Beamten heraus! Lach' nicht
-über mich, Luder!« Und er hätte sie gepackt, daß ihr das Lachen und die
-Gedanken an den Falken vergangen wären. Aber der Falkenierer stand da
-mit seinem dummen, respektvollen Gesicht, und Agnes sah gar nicht auf zu
-ihm.
-
- * * * * *
-
-Konrad von Frauenberg verhandelte mit Räten des Bischofs von Brixen. Das
-Bistum war ganz in Abhängigkeit des Markgrafen geraten, Konrad gab das
-den Herren deutlich zu spüren. Vergnügt saß der quäkende Mann, beschaute
-aus kleinen rötlichen Augen die schwitzenden Herren, schikanierte sie
-breit, behaglich. Warf ihnen schließlich, den armen Schluckern, mit
-verächtlicher, grausamer Jovialität ein paar Brocken hin. Sein Sekretär,
-ein unscheinbarer Kleriker, protokollierte still, mit ängstlicher
-Gewissenhaftigkeit.
-
-Als die Herren gegangen waren, gab der Frauenberger dem Sekretär Weisung
-für etliche Briefe an Amtleute seiner eigenen Besitzungen. Immer wieder
-mußte man diesen Herren das gleiche vorkauen. Sie sollen doch -- daß der
-dreigeschwänzte Satan sie hole! -- nicht so schlapp sein. Nicht immer
-Steuer nachlassen. Nicht immer die Termine für Fronleistungen und Robot
-prolongieren. Und diese alberne Gefühlsduselei in der Verhängung von
-Strafen. Einen Dieb nur mit Pranger und Gefängnis zu züchtigen, weil er
-aus Not handelte. Blödsinn! Jeder handelt aus Not. Dem Schuft wird die
-Hand abgehauen wie bisher. Einen Wilderer schonen, weil er Familie hat!
-Sein Wild hat auch Familie; hat jener es geschont? Der Kerl wird zu Tod
-gehetzt. Das ist guter alter Brauch. Mit der modernen Humanität wird auf
-seinen Gütern nicht erst angefangen. Der Frauenberger quäkte, der stille
-Sekretär schrieb.
-
-Allein dann, strich sich der häßliche Mensch das farblose Haar zurück,
-dehnte sich, legte sich auf Polster, knackte mit den Gliedern, gähnte,
-faul und vergnügt. Es war eine wohleingerichtete Welt, und er verstand
-sich darauf. Er hat es, Gotts Marter, weit gebracht. Der Markgraf ist
-fast immer auf Reisen, bei seiner Agnes, sonstwo. Warum auch nicht?
-Warum soll er nicht der Maultasch die schöne Agnes vorziehen? Er, der
-Frauenberger, hat freilich viel Arbeit, wenn der Markgraf außer Landes
-ist: die Maultasch und Tirol. Viel Arbeit, wüste Arbeit. Aber
-profitlich, das ist nicht zu leugnen. Auch könnte es ihm Ludwig nicht
-leichter machen, mit ihm auszukommen. So spart ihm der Fürst die Mühe,
-sich mit ihm auseinanderzusetzen.
-
-Er beschaute seine dicken, roten, fleischigen Hände. Er hat seine
-Männlichkeit offenbar unterschätzt. Man muß nur selber daran glauben,
-dann glauben auch die Weiber daran. Heute wird ihm jede kirr, die er
-mag. Er rekelt sich, pfeift, grinst. Steht faul auf. Holt sich Tusche,
-Pinsel, Pergament. Zeitvertreib für freie Stunden, wenn man nicht
-schläft. Heute hat er Lust, ja. Der Schenna hält ihn für stumpf. Glaubt,
-er habe kein Aug' für das, was schön ist. Der Schenna ist kein Esel;
-aber wenn er meint, er habe allein den Sinn gepachtet für das, was
-schmeckt und rund ist und sich glatt und wohlig anfaßt, dann irrt er
-sich, der Geck, der Zierbold! Er legt sich das Pergament zurecht. Ho! Er
-weiß sehr genau, worauf es ankommt bei der Schönheit. Er grinst, pfeift
-sein Lieblingslied vor sich hin, das von den sieben Freuden des Lebens,
-beginnt zu arbeiten. Sein breites Maul zieht sich wohlgefällig
-auseinander, er schnalzt, schmatzt, gurgelt, quäkt, rülpst. Strichelt,
-pinselt. Bunt, säuberlich. Frauenkleider, Brüste, Gesicht. Vertieft sich
-in die Arbeit.
-
-Sieht auf. Margarete steht hinter ihm. Ihr wüstes Antlitz ist sonderbar
-lächerlich verzerrt. Sie hat offenbar gesehen; es hat durchaus keinen
-Sinn, zu verstecken, zu leugnen. Er schaut sie frech an, verzieht den
-breiten Mund, quäkt, nachlässig: »Ein Amulett.«
-
-»Ein Amulett? Das? Das saubere, liebevolle Bild der Person?« Er, naiv,
-dreist: Ja, natürlich. Er habe Grenzstreitigkeiten mit ihr, sie wisse
-doch. Dazu ihr unheilvoller politischer Einfluß auf den Markgrafen.
-
-Sie schaut ihn finster an mit ihren starken, erfüllten Augen. Er hält
-stand, kalt, gleichmütig. Er solle ihr das Bild geben, sagt sie
-schließlich.
-
-»Warum nicht?« quäkte er. Es sei ein nicht gerade frommes Amulett. Man
-könne seinen Willen, seine Wünsche hineinhexen. Ihre Wünsche für jene
-seien vermutlich ebenso unangenehm wie seine eigenen. Er grinst, reicht
-ihr mit einer tiefen, übertriebenen Verbeugung das Bild.
-
-Allein, beschaut sie es lange, prüft es. Die Haare sind gold, die Augen
-starren, zwei blaue, dumme Flecke, aus der unbeholfenen Malerei.
-Margarete zieht mit ihren geschminkten Fingern die Nadel aus ihrem Haar.
-Langsam, sorgfältig zielend, stößt sie durch die blauen Flecke. Das
-Pergament hält fest, sie bohrt, bohrt stärker, bohrt langsam durch. Das
-Pergament knirscht. Dann sind zwei kleine, ausgefranste Löcher an Stelle
-der Augen.
-
- * * * * *
-
-Der Markgraf erhob sich, die Besprechung hatte kaum zehn Minuten
-gedauert. Es war nur Geschäftliches besprochen worden, Rede und Antwort
-waren von eisiger Sachlichkeit gewesen.
-
-»Es bleibt noch die Angelegenheit mit Taufers,« sagte Margarete.
-
-»Auf später,« sagte Ludwig ablehnend.
-
-»Es ist jetzt schon fast ein Jahr, daß die Sache hinausgezögert wird,«
-sagte Margarete. »Sie muß endlich erledigt sein.«
-
-»Was also wollen Sie?« sagte feindselig der Markgraf.
-
-Die Sache mit Taufers war so, daß Grenzstreitigkeiten entstanden waren
-zwischen Agnes von Taufers und dem Frauenberger. Agnes versteckte sich
-hinter dem Bistum Brixen, das sie belehnt hatte, nicht den Frauenberger.
-Sachlich war dieser, formal sie im Recht. Der Markgraf brauchte nur zu
-wollen, so ließ Brixen seine Einwände fallen, Agnes verlor die Güter.
-Die Räte des Bischofs nahmen an, dies sei nicht in der Absicht Ludwigs;
-so wagten sie, dem Frauenberger in diesem Punkt zäh zu opponieren.
-
-Margarete, in feindseliger Laune, brachte die Gründe vor, die gegen das
-Bistum sprachen. Der Markgraf, ebenso verdrossen und vertrotzt wie sie,
-zählte die politischen Motive her, aus denen er jetzt den Bischof nicht
-verärgern wollte. Sie maßen sich, finster, entschlossen. Nie hätten sie
-sich, wäre es um eigenen Besitz gegangen, mit solcher Erbitterung
-widersprochen.
-
-Es war bisher, trotz zunehmender Entfremdung, noch nie zu ernsthaftem
-Streit gekommen. Mit keinem Wort je hatte der Markgraf Margaretes
-Testament erwähnt, mit keinem Wort ihre Beziehungen zu dem Frauenberger.
-Sie hatte den Namen der Agnes in seiner Gegenwart niemals genannt. Jetzt
-erhitzten sie sich, bekämpften sie sich, drohend, trotzig, viel
-heftiger, als der geringfügigen Sache angemessen war. Sie standen sich
-gegenüber, wütend. Das ruhige, männliche Gesicht des Markgrafen
-verwilderte, verzerrte sich. Sie erwiderte mit erzwungener Ruhe,
-bösartig, stachelig, höhnisch.
-
-Bis er schließlich nicht mehr an sich halten konnte und ihr hinwarf in
-hellem, spöttischem Zorn: »Das ist ja alles nur für deinen Affen, den
-Frauenberger.«
-
-Sie wurde ganz grau, schnappte, sah ihn haßerfüllt an. Sagte
-schließlich, heiser: »Ja, ja, ja! Ich leid' es nicht, daß das Recht
-kaputt geht für deine Hur'.«
-
-Er krampfte die Hand, sie nicht zu schlagen. Es war nicht seine Art, zu
-schimpfen. Jetzt fiel er unflätig über sie her: »Hexe! Scheußliche!
-Stinkende! Hockst du zusammen mit deinem Affen und spintisierst das aus?
-Ist es nicht Schande genug, daß ich ein Weib haben muß, von Gott
-gezeichnet wie dich? Willst du noch meinen Namen verschimpfieren? Bist
-auf Männer aus, so wie du aussiehst? Paßt ja gut zusammen, die Maultasch
-und der Aff'!« Er schlug plötzlich um, ging mit dicken Adern und so
-verwildertem Gesicht auf sie los, daß sie hinter den Tisch zurückwich.
-»Ich duld' es nicht!« schrie er. »Ich schlag' ihn tot! Ich lass' mich
-nicht lächerlich machen!«
-
-
-
-
-Unterdes saß der Frauenberger auf Schloß Taufers. Aus seinen rötlichen
-Augen blinzelte er Agnes an. »Wir werden uns schon einigen,« quäkte er.
-»Sie sind reich, ich bin nicht arm. Liegt Ihnen so viel an den Höfen?
-Mir nicht. Mir sind sie ein Vorwand, Sie zu sehen.« Mit seiner roten,
-kurzen Hand tätschelte er ihre weiße, lange. Agnes lächelte. Der war ein
-Mann, der hatte Kraft, Willen, das nackte Geradezu.
-
-»Die Welt ist dumm,« quäkte er. »Immer noch dümmer, als man denkt.« Er
-saß da, weites Maul in dem nackten, roten Gesicht, breit, fest, frech,
-häßlich. »Mir ist, ringsherum sind wir die einzigen Vernünftigen.« Und
-seine harten, kurzen, zupackenden Finger langten ihren Arm weiter
-hinauf.
-
-Er dachte übrigens nicht daran, ihr in der strittigen Frage auch nur ein
-Tipfelchen entgegenzukommen.
-
- * * * * *
-
-Agnes ging herum, ein leises, tänzerisches Lächeln um die Lippen. Sog
-ihren Triumph über Margarete, schlürfte ihn, ließ ihn auf der Zunge
-zergehen. Knüpfte den Markgrafen immer enger an sich, gleichmütig,
-unmerklich. Höhlte ihn aus, glitt in ihn hinein, nahm Besitz von ihm.
-
-Er war ein sparsamer, nüchterner Herr, durchaus nicht geneigt, zu
-verschwenden. Sie verlangte von ihm, nebenher, über die Achsel,
-Ausgaben, die er sich sonst durch Jahre überlegt hätte. Machte er den
-leisesten Einwand; so bestand sie nicht, ließ sofort ab. Allein sie
-hatte eine Art, sich abzuwenden mit einer höhnischen, kaum greifbaren,
-tief verächtlichen Verwunderung, die ihn mehr reizte, als Tränen,
-Bitten, Beschimpfungen hätten tun können. So stülpte sie allmählich den
-festen, sachlichen, rechenhaften Mann von Grund auf um, trieb ihn in
-Prunk und Verschwendung, zermürbte, unterwühlte, was Margarete in der
-Arbeit von Jahrzehnten geschaffen hatte.
-
-Plötzlich war auch Messer Artese wieder da. Überall war er, an zehn
-Orten zugleich, mit drei Brüdern, die ihm sehr ähnlich sahen,
-unscheinbar, überaus höflich. Ehe man es recht merkte, hatte er von
-neuem die Hand auf Zöllen, Salzrechten, Bergwerken. Die eisige
-Verachtung Margaretes erwiderte er mit zahllosen Verneigungen. Mit
-größter Bereitwilligkeit löste er den Markgrafen aus den Verpfändungen
-der Habsburger. Jetzt, wenn er wollte, konnte Ludwig jenes
-Verwaltungsabkommen kündigen. Freilich war, was er dem Florentiner
-zahlte, dreimal höher als die Forderung der Österreicher. Schattenhaft
-dann, wie er kam, war Messer Artese wieder fort.
-
-Erschien auf Schloß Taufers. Wer, wenn er den kleinen, höflichen Mann
-sah, hätte gedacht, daß er je so toben könnte, wie er es damals vor
-Agnes getan? Sie saßen sich gegenüber, Agnes und er. Sie lächelten sich
-zu, mit einem kleinen, wissenden Lächeln. Ei ja, schönes Land, reiches,
-gesegnetes Land. Wein, Obst, Brotfrucht. Blühende, geordnete, werktätige
-Städte. Er zerrte, sie stieß. Sie traf die Herzogin, die Häßliche, wenn
-sie stieß. Ihm war es schon weniger die Freude am Gewinn, die lockte: es
-trieb ihn, in dem Werk des Feindes zu stochern, zu wühlen, das Werk des
-erlegten, erledigten Juden vollends zu zerfetzen. Sie stieß die
-Häßliche, er zerrte an dem toten Feind.
-
-Prall im Fett saß Konrad der Frauenberger, mästete sich, sein nacktes,
-breitmäuliges Gesicht glänzte rosig. Er lag auf Polstern in dem
-eleganten kleinen Saal von Taufers, Agnes saß ihm gegenüber. Sonne kam
-herein, er blinzelte, rekelte sich faul, gähnte, knackte mit den
-Gliedern. Agnes bat, forderte, schmeichelte, drohte, er solle sie nach
-Trient begleiten. Er sagte, er denke nicht daran. Soll der Markgraf ihr
-den Narren machen. Sie kehrte sich ab mit jener leisen, gleitenden,
-verwunderten Verächtlichkeit, die beim Markgrafen alles erreichte. Er
-lachte schallend, derb vergnügt. Kehrte sich nach der andern Seite. Da
-sie beharrlich schwieg, fing er an, zu gähnen. Streckte sich knackend,
-schlief friedlich, behaglich ein, lärmvoll schnarchend. Nach einer
-Stunde wachte er auf; es ging gegen Abend, sie saß noch immer im
-entgegengesetzten Winkel, gekränkt. Er stand faul auf, ging zu ihr,
-packte sie, grob, jovial, zog sie neben sich auf die Polster. Sie ließ
-es geschehen.
-
-Er behandelte sie nach Laune. Ließ sie wie einen Hund nach einer
-Liebkosung zappeln. Tätschelte sie mit Versprechungen, die er lachend
-und selbstverständlich brach. Ihn davonjagen? Es ging nicht. Er hätte
-gelacht. Und es wäre auch lächerlich gewesen. Wer war noch so häßlich?
-So frech? So hart von Griff? So gab es keinen zweiten.
-
-Sie dehnte sich unter seinen groben Liebkosungen, schaute schräg zu ihm
-auf. Sah sein sattes, schlaues, fleischiges, grinsendes Gesicht. Wie
-häßlich es war! Wie voll Kraft und Gemeinheit es war! Sie war neugierig.
-Konnte man ihm nicht bei, daß seine freche, selbstsichere Fratze klein
-wurde und voll Angst?
-
-Sie begann den Markgrafen zu hetzen. Ganz unmerklich, mit Scherzworten.
-Ihre Saat fand guten, lange vorbereiteten Boden. Sproßte, keimte, wuchs.
-Wie hatte Herzog Stephan gesagt? Es ist kein Leichtes, zu diesem Weib
-den Frauenberger zum Landeshofmeister zu haben. Er wird ein Ende machen.
-Er hat es satt bis dahin. Das Gespött Europas. Er wird ein Ende machen.
-In München. In _einem_ Aufwischen. Erst mit der habsburgischen
-Schweinerei. Dann mit dem Frauenberger, dem Schandkerl, der Mißgeburt.
-
- * * * * *
-
-»Schau mich genau an,« sagte der Frauenberger zu Margarete und spreizte
-sich mit grotesk unterstrichener Wichtigkeit. »Schau mich genau an. Du
-wirst vielleicht nicht mehr lange Gelegenheit haben.« Da Margarete
-erstaunt hoch blickte, quäkte er weiter: »Ich bin kein schöner Mann, ich
-weiß, aber sehr einmalig. Wer Interesse an mir hat, wird guttun, mich
-genau anzuschauen, daß er mich in Erinnerung behält. Ich werde nicht
-mehr lange zu sehen sein. Es braut sich was zusammen gegen mich. Der
-Markgraf schaut auf mich mit Blicken wie Lanzen. Leider stehen wirkliche
-Lanzen zur Genüge dahinter. Er hat mich mit zur Begleitung nach München
-befohlen. Dort tut er sich leichter. Der Gufidaun, der gute, ehrliche
-Junge, der mich nicht leiden kann, und der Kummersbrucker haben den Rand
-nicht halten können. Schau mich genau an, Margarete. Wenn ich nicht mehr
-da bin, sauf dich voll und träum' von mir! Messen brauchst du keine
-lesen zu lassen. Bist eine gute Haut, Herzogin Maultasch,« lachte er und
-haute sie auf die Schulter. Er pfiff sein Lied von den sieben Freuden,
-blinzelte sie an, ging fort mit gegrätschten Beinen.
-
-Margarete hatte kein Wort erwidert. Jetzt saß sie allein vor dem
-massigen Tisch, prunkend in hellgrünem Damast, starr geschminkt. Vor ihr
-lagen gehäufte Akten und Dokumente. Der Raum war schwer und düster, in
-ihrem Ohr war das gepfiffene Lied des Frauenbergers.
-
-Ja, er hatte wohl recht. Was gab es sonst als die sieben Freuden seines
-Liedes?
-
-Sie hatte nicht abgelassen. Sie war zerschlagen und zerstört worden ein
-erstes Mal, aber sie hatte nicht abgelassen. Hatte sich aus Dreck und
-Nichts ein Neues gebaut, das Land, die Städte, ihre bunten, lärmvollen,
-menschenvollen, zweckvollen Städte, ihr Werk. Und jetzt sollte das Blut,
-das sie ihnen mühsam zugeführt, abgezapft werden, weggeleitet, nach
-Bayern, irgendwohin, für die Hure, planlos verströmt. Der Markgraf hatte
-ihr nichts gesagt; aber es war ihr zugesickert aus vielen Mündern.
-Gekündigt das Verwaltungsabkommen mit den Habsburgern. Ihre Städte, ihr
-Tirol entblößt, leer, ausgesogen, hingeschmissen.
-
-Nicht genug. Das andere. Der Frauenberger. Der Häßliche, Einsame. Der zu
-ihr gehörte. Den sie herangeholt hatte. Vielleicht war er schlecht,
-niedrig, ein Lump. Aber er gehörte zu ihr. Vor allen Menschen er. Und
-den wollte er ihr auch nehmen. Oh, sie hatte nicht vergessen, wie er
-geschrien hatte in jener Unterredung: »Ich schlag' ihn tot! Ich lass'
-mich nicht lächerlich machen!« Sie hörte seine Stimme, die heiser war
-vor Haß, sah seine verwilderten Augen. Ja, der Konrad hatte schon die
-rechte Witterung, es roch nach Mord. Ging er nach München, kam er nicht
-zurück.
-
-Ihr dürres, altes Fräulein von Rottenburg war im Saal, räusperte sich.
-Der welsche Händler war da, der Palermitaner, den sie herbestellt. Sie
-war froh an der Ablenkung, ließ ihn kommen. Er stand vor ihr, dick,
-olivfarbenes Gesicht, rasche, bräunliche Augen. Er hatte vielerlei.
-Bunte Vögel, feine, glänzende Tücher und Gewebe, edle Steine, seltene
-Essenzen, fremdartiges Konfekt. Mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen,
-unterstützt von seinem Gehilfen, breitete er seine Dinge vor sie hin.
-Sie verweilte da, dort. Ließ sich erklären, war nicht bei der Sache,
-sprach dann lebhafter als sonst. Was war das? Ein Fläschchen, eine
-kleine Vase aus mattfarbenem Halbedelstein, schönformig, fest
-verschlossen und versiegelt. Das? Oh, die Frau Herzogin sei eine
-Kennerin, die Frau Herzogin habe sichersten Geschmack. Das sei freilich
-eine große Kostbarkeit. Aus _einem_ Stück, wie edel in der Form, in der
-Rundung! Von einem großen Meister, ei ja. Und sie möge gnädigst die
-Bilder beachten, die eingeschnitten seien. Hier der Hohenstaufenkaiser,
-der zweite Friedrich, und hier der jüdische König Salomo, und da die
-Königin von Saba, und auf der vierten Seite der Sultan Boabdil, ein
-starker, grausamer Fürst der Berberei. Auch sei der Inhalt des
-Fläschchens eine große Seltenheit: ein feiner Saft, ohne Geruch, ohne
-Farbe, ohne Geschmack; wer auch nur einen Tropfen davon genießt, der
-überlebt die Stunde nicht, der geht aus wie ein Docht ohne Öl. Ein
-kostbares, edles Fläschchen.
-
-Die Herzogin kaufte viel und wahllos durcheinander, ohne Feilschen,
-gegen ihre Gewohnheit. Tücher, Gewürz, viel Schmuck, zwei von den bunten
-Vögeln, auch das Fläschchen.
-
-Dann setzte sie sich zu Tische. Aß. Aß ganz allein, prächtig geschmückt.
-Auch die Tafel war prunkvoll bereitet, mit Schaugerichten, goldenen
-Schüsseln und Tellern. Musik im Nebenraum. Diener, Kämmerlinge,
-Vorschneider liefen. Sie aß mächtig. Der Frauenberger hatte recht. Dies
-war eine der sieben Freuden des Lebens. Um sie herum waren die Dinge
-gestapelt, die sie gekauft hatte, Schmuck, Tücher, auch das Fläschchen.
-Sie führte mit ihren geschminkten Händen die Speisen zum Mund: Brühe,
-Fische, Braten, von dem köstlichen, fremdartigen Konfekt, das sie heute
-erstanden. Sie schlang, schüttete Wein hinunter. Dämmerung brach herein,
-schwere, riesige Kerzen wurden entzündet. Sie saß allein, plump, starr,
-pomphaft. Aß.
-
- * * * * *
-
-Da also lag es. Er hatte nicht gewagt, es ihr selber zu bringen. Er
-hatte es durch einen Boten geschickt. Ein kurzes, höfliches Schreiben
-lag bei, in dem er um ihre Unterschrift ersuchte.
-
-Sie hatte sogleich Schenna hergebeten. Vor dem ließ sie sich gehen,
-verströmte. Wirklich gekündigt der habsburgische Vertrag! Eingerissen
-und kaputt der schöne, kunstvolle Kanal, durch den sie ihren Städten
-Saft und Gedeih zuführte. Und sie soll noch ihre Unterschrift dazu
-geben! Der Boden unter ihren Füßen bröckelnd wie Sand. Das Werk ihres
-Lebens fort, entgleitend, wie fließendes Wasser, nicht zu halten. Hin
-alles, blöde, sinnlos vertan.
-
-Schenna hörte still zu, sein welkes, langes Gesicht sonderbar kraus
-verzerrt; ihr Verströmen, ihr Zusammenbruch ging ihm näher, als er vor
-sich selber wahr haben wollte. Arme Frau! Arme Herzogin Maultasch! Wäre
-dein Mund einen Finger schmaler, die Sehnen deiner Backen ein weniges
-straffer, du lebtest befriedet, glückhaft, und Tirol und das Römische
-Reich sähe anders aus. Er raunzte mit sich selber. Alberne
-Sentimentalität!
-
-Als er endlich antwortete, hatte er sich wieder ganz im Zaum. Mit seiner
-hohen, müden, brüchigen Stimme legte er dar, es sei nichts zu gewinnen,
-wenn sie nicht unterzeichne; formal sei ihre Unterschrift ohne Belang,
-der Markgraf verlange sie nur aus Prestigegründen. Unterzeichne sie
-aber, so könne man nicht umhin, sie zumindest bei der Liquidierung des
-Vertrags miteinreden zu lassen.
-
-Wie sie aber schwieg, breit, plump, verloren und verfallen dahockte,
-packte es ihn wieder. Er sagte, er wolle helfen, wo er helfen könne. Er
-sei Tiroler; es kratzte ihn, daß das lebendige, wache, rege, kultivierte
-Tirol den schläfrigen, dumpfen, trägen, gewalttätigen Bayern solle
-ausgeliefert werden. Er gab sich einen Ruck, es war ein schwerer
-Entschluß, man sollte eigentlich wirklich nicht so weichherzig sein.
-Aber dann stand er und sagte, und in seiner Feierlichkeit war schon ein
-bißchen Ironie: wenn sie also noch Wert darauf lege, sei er, um das
-Mögliche zu retten, bereit, die Hauptmannschaft im Gebirg, das
-Burggrafenamt zu übernehmen. Sie drückte seine lange, dürre,
-schlaffknochige Hand mit ihrer dicken, geschminkten.
-
-Dann stand der Frauenberger vor ihr, sich zu verabschieden. Klirrend
-stand er, aus dem hellen Eisen grinste rosig, glatt, nackt das freche,
-weitmäulige Gesicht. Es bleibe ihm nur übrig, unterzutauchen, ins
-Dunkle, ins Subalterne, wo der Markgraf ihn nicht finden könne; denn zu
-sterben habe er durchaus nicht die Absicht. Er werde also unterwegs im
-gegebenen Augenblick verschwinden. Man sei ein Mann, nehme das
-Schaukeln, hinauf, hinunter, nicht zu schwer. Sie sei eine gute Haut, er
-habe mehr Spaß an ihr gehabt als an so mancher mit einem zierlichen
-Puppenmund. Interessanter sei es sicher gewesen. Somit Gott befohlen.
-
-Sie sagte, er habe ihr ein Amulett gegeben mit bösen Wünschen für eine
-gewisse Person. Sie wolle sich revanchieren. Sie reichte ihm das
-mattfarbene Fläschchen. Der Saft sei geruchlos, geschmacklos; wer davon
-koste, sei in der gleichen Stunde in der Hölle, im Paradies. Bevor er
-zurücktauche ins Dunkel, in die Niedrigkeit, solle er sich das
-überlegen.
-
-Er griff danach, grinste, sie sei ein Teufelsweib. Geruchlos,
-geschmacklos; hm, das sei wohl zu überlegen.
-
-Sie, rasch: sie habe nichts gesagt. So habe es ihr der Sizilianer
-geschworen. Und da er vermeine, sie sehe ihn nicht wieder, gebe sie ihm
-das. Alles stehe bei ihm, sie habe nichts gesagt.
-
-Er, ungeheuer massig in der Rüstung, quäkte aus dem vielen Eisen heraus,
-er danke auch vielmals. Wie gesagt, ein Teufelsweib. Er hob beschwerlich
-den eisernen Arm, klopfte sie, quäkte: »Unsere Maultasch.« Zog mühsam
-ab, eisern, klirrend, froschmäulig grinsend. Pfiff sein Lied.
-
-Von unten klangen die Hörner und Trompeten der Abreitenden. Der Markgraf
-hatte sich nicht verabschiedet. Sollte sie ans Fenster? Kein Glied
-gehorchte ihr. Sie lehnte am Tisch, fahl, grau, eine geschminkte Tote.
-
- * * * * *
-
-Durch den braungoldenen September trabten der Markgraf und seine Herren.
-Eine Weile ritten sie den blassen, weiten Chiemsee entlang. Starke Luft
-ging, die Berge in sattem Blaugrau blieben zurück.
-
-Ludwig war bester Laune. Er trug einen leichten, dunkeln Brustpanzer,
-den Helm hatte er einem Knaben gegeben, der Wind wehte angenehm um den
-kurzhaarigen Schädel. Er fühlte sich sehr jung, seine harten, blauen
-Augen blickten frischer als sonst aus dem bräunlichen, männlichen
-Gesicht. Es war ein guter Entschluß gewesen, die Österreicher
-hinauszuschmeißen. Jetzt ritt er als wirklicher Herr in seinem Land.
-Fort mit dem frechen roten Löwen Habsburgs von dem blauen
-wittelsbachischen! Er freute sich darauf, seine Beamten einzusetzen,
-reinen Tisch zu machen.
-
-Ja, reinen Tisch. Auch die Sache mit dem Frauenberger hat er sich genau
-zurechtgelegt. Heute nacht schon wird er ihn packen, es mit ihm
-austragen, ritterlich, mit der Waffe. Am Ausgang zweifelte er nicht.
-Dann wird er Luft haben, atmen können. Margarete wird er kaum mehr
-sehen. Soll sie in ihrem Schloß Tirol sitzen; er wird in München,
-Innsbruck, Bozen residieren, gubernieren, wie er es für gut hält. Stimmt
-sie zu, schön; stimmt sie nicht zu, auch gut. Agnes wird keinen Grund
-mehr finden, ihm die Schulter zu kehren mit jener frechen, leisen
-Manier, die ihn so reizt.
-
-Daß er seine Dumpfheit hinter sich gelassen hatte, daß er so genau
-wußte, was er vorhatte, kratzte ihn auf, machte ihn freier und lustiger
-als seit Jahren. Er scherzte mit Berchtold von Gufidaun, mit seinem
-getreuen Kummersbrucker. Ja, er schaute sogar mit einem gewissen
-grimmigen Wohlwollen auf den Frauenberger. Der ritt daher, breit,
-plärrend, rosig in seiner hellen Rüstung, blinzelte schlau und behaglich
-aus seinen rötlichen Augen in die besonnte, vergnügte Welt -- und war
-doch schon so gut wie tot. Der Markgraf rief ihn an, ritt neben ihm. Der
-Frauenberger erzählte unflätige Witze, machte freche Anspielungen.
-Ludwig lachte schallend, ging auf seinen Ton ein, sie führten ein
-derbes, grobes Soldatengespräch, unterhielten sich ausgezeichnet.
-
-Dann machte man, sehr früh, Mittag. Man aß im Freien, reichlich, trank,
-legte sich eine Weile nieder. Dann trank man nochmals, saß wieder zu
-Pferde. Ludwig hatte jetzt auch den Helm auf, er wollte so durchreiten
-bis München. Der Frauenberger hielt sich in der Nähe des Markgrafen, der
-suchte ihn geradezu. Man ritt los. Man war jetzt in der Ebene, die Berge
-verdämmerten rückwärts, die Ebene war weit, einförmig, zuweilen
-flimmerte in der Sonne ein kleiner, unansehnlicher Rittersitz, ein Hof,
-ein ziemlich armseliges Dorf. Man ritt frisch zu, man wird noch vor
-Abend in München sein.
-
-Die Unterhaltung zwischen dem Markgrafen und dem Frauenberger wurde
-lahmer, stockte. Er fühlte sich merkwürdig müde, der Atem ging ihm
-schwer, die leichte Rüstung drückte ihn. Hatte er zuviel getrunken?
-Rechts am Weg tauchte ein Dorf auf, die Häuser waren so sonderbar rund,
-schmutzigblaß trotz der hellen Sonne, schichteten sich komisch
-übereinander. Jemand sagte: »Der Ort heißt Zorneding.« War das die
-Stimme Gufidauns oder des Kummersbruckers?
-
-Plötzlich nestelte er am Helm, am Panzer, fiel vornüber zur Seite vom
-Pferd, der halb gelöste Helm schlug herunter. Der Kummersbrucker ritt
-zu, ein Knabe, sie fingen ihn auf. Der Helm kollerte vollends in Staub,
-das Gesicht war fahl, doch nicht weiter entstellt, der Unterkiefer hing
-herab. Der massige Nacken des Leblosen sah gar nicht mehr gefährlich
-aus, nur dumm und plump. Sie rieben ihn, beteten. In die dumpfe
-Betretenheit der Herren hinein quarrte die helle, breite, gemeine Stimme
-des Frauenbergers: »Seltsamer Zufall. Auf freiem Feld in der Nähe von
-München. Genau wie sein Vater.« Berchtold von Gufidaun sah ihn auf und
-ab, finster, drohend. Der Frauenberger, frech blinzelnd, hielt stand,
-quäkte: »Wünschen der Herr etwas?« Gufidaun kehrte sich langsam ab,
-schwieg.
-
-In der Margaretenkapelle der Münchner Hofburg wurde der Leichnam
-aufgebahrt. Viele Kerzen brannten. Ulrich von Abensberg, Hippolt vom
-Stein, fünf andere Barone hielten Totenwacht. Auch der Frauenberger war
-darunter. Doch der begann bald zu gähnen, zog sich zurück. Streckte sich
-auf sein Bett, pfiff sein Lied, knackte die Glieder, rülpste, schnalzte,
-schlief friedsam ein.
-
-
-
-
- Drittes Buch
-
-
-
-
-In Landshut in seiner Hofburg hatte Herzog Stephan eben Weisung gegeben,
-wer von seinen Herren ihn nach München begleiten solle. Er wollte seinen
-ältesten Bruder begrüßen, den Markgrafen, der den glückhaften Entschluß
-gefaßt hatte, die Habsburger aus seinem Land hinauszujagen. Herzog
-Stephan freute sich stolz, daß recht eigentlich er diesen Entschluß
-angestoßen hatte. Er reckte den Kopf mit dem kurzen, dicken, nußbraunen
-Schnurrbart; sicher hatten seine kräftigen Worte jüngst Ludwig den
-Rücken gesteift. Und jetzt wird er nach München gehen und zusehen, ob er
-nicht einen engeren Zusammenschluß der Wittelsbacher erwirken kann.
-Warum soll es -- Pest und geschwänzter Satan! --, wenn Ludwig und er
-festen Willens sind, nicht glücken, Wittelsbach unter _ein_ Dach zu
-bringen, so wie die Habsburger zusammengeschweißt sind? Sicherlich
-streiten die sich wie Hähne, wenn sie ohne Zeugen untereinander Rats
-pflegen: aber repräsentieren sie nach außen, dann stehen sie wie _ein_
-Mann, und es geht eitel Honig von einem zum andern. Es war gut, daß
-Ludwig sich endlich aufgerafft hat. Er wird jetzt nicht locker lassen,
-bis das zerfetzte Wittelsbach wieder zusammengeflickt ist.
-
-Man brachte die Rüstung, begann, ihn für die Reise zu wappnen. Da kam
-ein Kurier aus München, meldete den Tod des Markgrafen. Herzog Stephan
-stand starr, den Mund halb auf, die Finger merkwürdig gespreizt. Dann
-mit einem heftigen, knarrenden Kommando schickte er seine Leute weg,
-lief, der halb angekleidete Mann, hin und her, machte jähe, herrische
-Gesten, sein Gesicht arbeitete, furchte sich drohend, glättete sich, der
-kurze, dicke Schnurrbart stieg mit der zuckenden Lippe.
-
-Er sah Möglichkeiten, die mannigfachsten, schillernd. Hier winkten sie,
-dort. Der junge Meinhard war ein Knabe, schwach, dümmlich, gutmütig;
-hing zudem schwärmerisch an seinem, Stephans, Sohn, dem Friedrich.
-
-Ja, in Stephans Händen lag jetzt das Schicksal Wittelsbachs. Beide
-Bayern vereinigen. Die Widerstrebenden, die Brüder, den Holländer,
-Brandenburger, die Pfälzer zusammenzwingen. Sie mußten doch sehen, sie
-mußten sich doch fügen. Wer waren sie denn, diese Ludwig, Albrecht,
-Wilhelm, Ruprecht? Nichts waren sie; aber Wittelsbach war viel, war
-alles. Es wird gute Kraft von ihm ausgehen, sein Glaube, sein ehrlicher,
-frommer, reiner Wille wird in sie überströmen, sie werden sich
-überzeugen lassen.
-
-Er setzte sich schwer nieder, sein Gesicht verlor die künstlich straffe,
-soldatische Miene, die Schultern erschlafften. Ach, nichts von alledem
-wird sein. Die Hoffnung war krampfhaft, verlogen. Er war nicht der Mann,
-das durchzuwirken. Wohl, die Gelegenheit war gut; aber die Bürde war zu
-schwer für ihn. Sein Vater schon, der Kaiser, der viel Robustere, war
-ein Zauderer gewesen, hatte sein Werk halb fertig liegen lassen müssen:
-wie sollte er, der Schwächere, das zerstückte, verstümmelte, zu Ende
-bringen?
-
-Sein Bruder war am Wege gestorben. Ein schlechtes Zeichen. Er hatte
-Ludwig nicht besonders gemocht, kein vertrauteres Wort mit ihm
-gesprochen. Die Brüder hatten sich alle sechs nie enger aneinander
-geschlossen, jeder schaute dem andern mißtrauisch auf die Finger, daß
-der kein zu großes Stück des Erbes packe. Aber Ludwig war ein
-anständiger Mensch gewesen, er hatte es nicht leicht gehabt, er hatte
-die Maultasche geheiratet, dem Haus ein großes Opfer gebracht. Nun war
-er tot, in guten Mannesjahren gestorben. Es verblaßte um die
-Wittelsbacher, ihr Glanz ging aus.
-
-Er erinnerte sich, wie er jene päpstliche Bulle gehört hatte, die den
-Bannfluch über den Vater verkündete: »Seine Söhne treffe dieser Fluch:
-Aus ihren Wohnsitzen verjagt, sollen sie ihren Feinden in die Hand und
-der Vernichtung anheimfallen.« Er war ein kleiner Junge gewesen damals,
-er hatte unter den großen, drohenden, pathetischen Worten nichts Rechtes
-verstanden, aber sie hatten ihn überschauert und nicht mehr losgelassen.
-Es war nicht gut gegangen mit den Wittelsbachern seither. Ihre Länder
-zerfallen. Die Brüder sich zerkrallend einer den andern. Im Nordwesten,
-in den flandrischen Provinzen, hatte die Mutter geherrscht, die
-Kaiserin, zusammen mit Wilhelm, dem begabtesten unter den Brüdern. Sie
-waren in Streit geraten, Wilhelm hatte die Mutter in jener wilden,
-blutigen Seeschlacht an der Mündung der Maas geschlagen, sie war zu
-ihrem Schwager geflohen, dem König von England. Sie war eine hochmütige
-Dame gewesen, schwermütig, ihren Kindern fremd; ja, man hatte sich
-zusammennehmen müssen, war immer beklommen gewesen in ihrer Gegenwart.
-Nun war sie gestorben, müde von Hoheit, Leid und Sorgen, und Wilhelm,
-der lichteste, begabteste, liebenswürdigste der Brüder, war in Tobsucht
-und Irrwahn gefallen, krank an dem Zwist mit der Mutter, krank an dem
-fremden Land. Nein, es stand nicht gut um Wittelsbach; jener Fluch ging,
-wenn nicht seine Worte, so doch sein Sinn, in bittere Erfüllung. Er
-starrte vor sich hin. Der Tod des Bruders gab ihm die Möglichkeit und
-die Pflicht, das Land in den Bergen fester zu klammern, die Südmark zu
-halten. Er sah auf seine Hände; sie lagen schwer, schlaff, kraftlos. Wie
-soll er mit diesen Händen --?
-
-Unsinn. Er hat zu viel schweren Würzwein zum Frühstück genommen, das ist
-alles. Das macht das Blut dick, die Gedanken trüb. Waren seine
-Aussichten nicht ausgezeichnet? Der Knabe Meinhard war schwach und
-leicht zu lenken. Den wird er doch, Gotts Marter, von sich abhängig
-machen können. Er straffte sich, fest über der gepreßten Lippe stand der
-kurze, dicke, nußbraune Schnurrbart. Er wird Wittelsbach zusammenkneten
-und groß machen in der Welt.
-
-Er ließ sich fertig wappnen. Er hatte jetzt doppelten Anlaß, nach
-München zu reiten. Seine Stimme war die alte, soldatisch knarrende. Er
-befahl seinen Sohn Friedrich zu sich.
-
-Prinz Friedrich hatte schon von dem Tod des Markgrafen gehört. Er barst
-beinahe von Plänen, von Energie. Meinhard hing an ihm mit
-schwärmerischer Bewunderung. Er war jetzt durch Meinhard mächtiger als
-sein Vater. Der junge Mensch, schlank und elegant von Wuchs, dunkles
-Haar tief ansetzend über der breiten, eckigen, eigenwilligen Stirn,
-hatte von frühester Jugend an mit Verachtung auf seine Umgebung
-geschaut. Er allein war der rechte Kaiserenkel. Knirschend hatte er
-gesehen, wie Wittelsbach immer kleiner zersplitterte. Hochfahrend hatte
-er sich gebäumt gegen alles Reden und Tun seines Vaters, der nicht Faust
-und Schenkel hatte, dieses edle, nervenfeine, widerspenstige Roß
-Wittelsbach zu zähmen. Oh, er, Prinz Friedrich, hatte Griff und Gefühl
-dafür, er wird es zwingen.
-
-So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor
-seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer,
-zerspalteter Liebe. Er hielt ihn für begabter und begnadeter, als er
-selber war, sah in ihm seine Erfüllung, liebte sogar seine Raschheit,
-seinen Jähzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn
-der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden
-Ausbrüchen zwischen ihnen.
-
-Stephan eröffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend,
-Markgraf Ludwig sei plötzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung
-nach München reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben.
-Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschäfte führen, in
-wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach München schicken. Friedrich
-überlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung überlassen:
-was stak dahinter? Er maß ihn mißtrauisch. Ah, der Herzog fürchtete
-seinen Einfluß auf Meinhard, wollte allein nach München, Meinhard von
-ihm abdrängen, ihn dort ausschalten.
-
-Er warf den Kopf zurück, glitt mit raschen, braunen Augen über den
-Vater, sagte hochmütig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde
-seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverständlich auch
-nach München reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch
-ein Knabe Kämmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der
-Junge verrückt sei. Die andern standen großäugig, gestreckt von
-Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anständige
-Fürst und Herr müsse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte
-drohend auf ihn los. Der Junge stand zunächst, dann wandte er sich,
-wischte hinaus. Warf sich -- niemand wagte ihn zu halten -- auf ein
-Pferd, jagte davon, nach Süden, nach München.
-
-Der Herzog lachte, zuerst ärgerlich, dann wohlgefällig. Seine Herren,
-froh über diese Lösung, lachten mit. »Ein Teufelsjunge, der Friedrich!«
-sagte der Herzog. »Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!«
-wiederholten seine Herren.
-
-Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn
-kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bäumende Wittelsbach
-kleinkriegen?
-
-Er stieg zu Pferde. Schwer mit großem Troß ritt er die Straße, die Prinz
-Friedrich vorangejagt war.
-
- * * * * *
-
-Dem jungen Meinhard machte der Oberjägermeister, Herr von Kummersbruck,
-Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig,
-umwegig. Verlorene Mühe. Der Achtzehnjährige begriff durchaus nicht, so
-daß Herr von Kummersbruck schließlich schlicht und geradezu erklären
-mußte: Der Markgraf ist tot.
-
-Meinhard schaute ihn verblüfft aus großen, runden, treuherzigen Augen
-an, wälzte die Nachricht in seinem gutmütigen, dicken Kopf, schwitzte.
-Er wußte durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was
-er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr
-anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er hätte sich als kleiner
-Landbaron viel behaglicher gefühlt. Eigentlich war es wohl traurig für
-das Land und für alle, daß sein Vater tot war. Denn er war tüchtig und
-energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz
-Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwärtig war.
-Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn
-gekümmert. Dieser Tod war ihm gleichgültig, kostete ihn nur Ärger,
-forderte Mühe, Nachdenken.
-
-Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu
-führen pflegte, den kleinen, langgeschwänzten Siebenschläfer, den er in
-geduldiger Arbeit dressiert hatte, so daß er auf den Namen Peter hörte
-und auf seinen Pfiff mit ihm aß, mit ihm schlief. Er betrachtete das
-Tier aus großen, verdrossenen, unglücklichen Augen, streichelte es.
-
-Sehr langsam nur löste er sich aus seiner blöden, verworrenen
-Befangenheit, als er sah, daß man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als
-vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und höchsten Beamten bis
-hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies
-langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu
-erhärten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich
-widersprechende, schaute amüsiert zu, wie man sie beflissen ausführte,
-er ließ seine Leute springen, ergötzte sich, wie ihre Gesichter immer
-gleich unterwürfig und ohne Widerspruch blieben.
-
-Nur _einer_ ließ sich offenbar von seiner neuen Würde durchaus nicht
-imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann
-sah, ein unbehagliches Gefühl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit
-dem Froschmaul, dem weißlichen Haar, den rötlichen Augen, war ihm immer
-gefährlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht.
-Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, quäkte herablassend,
-väterlich: »Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den
-Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen.« Er nahm mit seiner
-fleischigen, gefährlichen Hand die dicke, gutmütige des Jungen,
-blinzelte ihn an, gar nicht ehrfürchtig, gar nicht untertänig, eher mit
-einer scherzhaften, spöttischen Überlegenheit, drehte sich um, ging,
-pfiff sein Liedchen.
-
-Da langte stürmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang
-sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war
-erlöst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzählte die Geschichte
-mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke
-Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strömte aus,
-riß den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen
-blauen, schlichten, runden Augen entzückt zu ihm aufschaute, sich
-glücklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schloß sich ganz
-auf, erzählte auch von der unbehaglichen, überheblichen Art des
-Frauenbergers. Friedrich schäumte, stampfte. Erklärte, das werde er
-gleich haben. Ließ den Frauenberger rufen. Sagte ihm über die Achsel,
-hoffärtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in München nicht,
-beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits
-auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen
-Herren an, langsam, lächelnd, frech, gutmütig-höhnisch, sagte, er hätte
-gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier für den ihm so huldvollen
-verewigten Markgrafen mitgeholfen, fühle sich aber sehr geehrt, daß man
-ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Fürstin übertrage. Er hoffe
-nur, fügte er väterlich besorgt hinzu, daß die jungen Herren hier in
-München ohne ihn zurechtkommen würden. Er blinzelte vom einen zum
-andern, ging.
-
-Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und
-bemühte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger
-dazwischentreten könnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus
-nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen
-Regierungsmethode, die den Bürger ausspielte gegen den Adligen, die
-Städte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zögernde, vorsichtige
-Händler- und Krämerpolitik, die den Nichtritter für einen vollen
-Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt
-stand -- dies galt ihm für ausgemacht -- auf dem christlichen Ritter,
-auf dem Fürsten, der keine andere Schranke kannte als die
-selbstgewählten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Fürsten
-waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren
-Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter
-ist, ducken, daß es nur mehr der Schemel ist für den Fuß des Fürsten.
-Was Geld! Was Handel! Was Städte! Die alten, lichten Gesetze der
-Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen.
-
-Der junge Meinhard hörte schwärmerisch den überschwänglichen
-Ausführungen des andern zu. Der kam jetzt mit praktischen Vorschlägen.
-Meinhard solle diese Grundsätze in seinen Ländern verwirklichen. Noch
-gebe es in Bayern Barone der alten Art, die das Bürgergeschmeiß
-zeitlebens mit geziemender Verachtung traktiert hätten. Meinhard solle
-mit ihm und einer Anzahl dieser Aristokraten eine Jagd- und
-Turniergesellschaft aufbauen auf den strengen Statuten früherer
-Rittergesellschaften wie der Artusrunde und ähnlicher hochadeliger
-Klubs. Aber dieser Bund solle keineswegs nur sportlichen Spielen dienen,
-es solle von ihm eine Erneuerung der ganzen Nation ausgehen. Vor allem
-auch solle an Stelle eines Kabinetts alter, vertrockneter Theologen und
-Beamten dieser Bund die eigentliche Regierung führen.
-
-Meinhard war mit ganzer Seele dabei. Er hatte Angst gehabt vor dem
-Regieren; jetzt war er befreit und glücklich, daß sich das so angenehm
-anließ, daß man es erledigen konnte in Gesellschaft sportfreudiger
-Kavaliere und Kameraden, unter Führung des genialen, herzlichen,
-freundhaften Friedrich.
-
-Sie setzten sich zusammen, machten die Liste der Barone, die in den Bund
-aufgenommen werden sollten. Ulrich von Abensberg, Ulrich von Laber,
-Hippolt vom Stein zuerst. Dann der Höhenrain, Freiberg, Pinzenau, der
-Trautsam von Frauenhoffen, Hanns von Gumppenberg, Otto von Maxlrain.
-Mancher Name klang nicht ganz unbedenklich, erforderte, daß man ein
-Langes und Breites erwog. Der junge Herzog hatte sein Murmeltierchen aus
-der Tasche genommen; es saß auf dem Tisch, äugte aus dickem Kopf auf die
-Schreibenden, wischte mit dem Schwanz hin und her. Die beiden Jungen
-arbeiteten, daß ihnen die Schädel rauchten.
-
-Als am Abend Herzog Stephan eintraf, war die Regierung Bayerns so gut
-wie vergeben. Friedrich hatte den Vetter dringlich gewarnt, sich vor
-Herzog Stephan bis ins Letzte vorzusehen. So fand der den Neffen scheu,
-störrisch. Er wollte Unterschriften von ihm unter gewisse prinzipielle
-Fragen, Grenzangelegenheiten, Zollsachen. Meinhard wich aus, sagte, auf
-Rat Friedrichs, er wolle zunächst warten, bis sein Vater unter der Erde
-sei. Herzog Stephan wußte sehr wohl, daß Friedrich hinter diesem
-Widerstand stak. Wütete, freute sich.
-
-Dann kam Margarete und am gleichen Tag, sehr prunkvoll, Herzog Rudolf
-von Österreich. Mit ungeheurem Gepräng wurde der Markgraf bestattet.
-Wieder sah Agnes von Flavon, daß Schwarz sie am besten kleidete. Von dem
-Katafalk des Toten weg, von der Markgräfinwitwe weg, von den Pfalzgrafen
-bei Rhein, den Herzogen beider Bayern, Österreichs weg gingen alle Augen
-immer wieder zu ihr.
-
-An dem jungen Meinhard zerrten Margarete von Tirol, Herzog Stephan von
-Niederbayern, Herzog Rudolf von Österreich, wollten Regelungen,
-Verträge, Anerkenntnisse, Unterschriften. Der gutmütige, leicht lenkbare
-Junge, unter dem Einfluß Friedrichs, blieb fest. Am dritten Tag nach der
-Bestattung des Markgrafen wurde der Artusbund bayrischer Ritterschaft
-gegründet. Meister waren Meinhard und Friedrich, Obersten die Herren von
-Abensberg, von Laber, vom Stein. Mitglieder zweiundfünfzig ober- und
-niederbayrische Barone. Seiner Mutter, den Herzogen, die an ihm zerrten,
-erwiderte Meinhard, er sei durch Rittereid gebunden, nichts Endgültiges
-zu sagen und zu tun, ohne seine Freunde und Vertrauten, die Herren vom
-Artusbund, zu befragen. Verblüfft standen Stephan, Margarete, Rudolf.
-Wer war diese Adelssippschaft, die die Hand auf den Jungen gelegt hatte?
-Mißtrauisch beschnüffelte einer den andern. Nur Stephan witterte
-sogleich das Rechte. »Der Teufelsjunge!« wütete er, vergnügt.
-
-Ulrich von Abensberg war verheiratet mit der älteren Schwester der Agnes
-von Flavon-Taufers. Durch ihn lernte Friedrich Agnes kennen. Schwärmte.
-Agnes sah wohlgefällig auf den jungen, schlanken, trotzigen,
-ungebärdigen Prinzen. Sie übernahm das Patronat des Artusbunds. War
-zugegen, als die Fahne des Bundes geweiht wurde, die ihre Farben trug.
-Sie sagte zu Friedrich: »Ihre Politik, Prinz Friedrich, kann man mit dem
-Herzen mitmachen.« Er sprach die Formel vor, aus dem Innersten, als sich
-die Fahne vor ihr senkte: »_Pour toi mon âme, pour toi ma vie._« Sie
-ging unter den klirrenden Herren herum, hatte liebenswürdige Worte, für
-jeden einzelnen persönlich zugeschnitten. Ihre länglichen, blauen Augen
-waren oft und einverständnisvoll auf dem schlanken, schwarzen Friedrich,
-ihre schmalen, kühnen Lippen lächelten dem Abensberger zu, mit den
-langen, weißen Händen streichelte sie das Murmeltier Herzog Meinhards.
-Alle waren begeistert und beglückt.
-
-
-
-
-»Darf ich Eurer Durchlaucht Bericht erstatten,« sagte der Frauenberger
-zu Margarete, »wie der Markgraf starb?«
-
-Margarete war sehr dick geworden. Schlaff hing, in wüsten Falten, von
-dem äffisch sich wulstenden Maul die Haut herunter; weiter oben war sie
-voll von Rissen und Warzen, die die Schminke nicht mehr verdecken
-konnte.
-
-»Ja,« sagte der Frauenberger und feixte, »der Markgraf war vergnügt wie
-selten, als wir aufbrachen. Wir hatten getrunken, er und ich. Ich hielt
-mich immer bei ihm. Er fiel vom Pferd zur Seite. Er war nicht sehr
-entstellt. Es ist sonderbar, daß ihn in der Nähe Münchens der Schlag
-rührte. Ganz wie den Papa.«
-
-Margarete erwiderte nichts. Ihre sonst so erfüllten Augen blickten starr
-und leer. »Na, na, Herzogin Maultasch,« quäkte Konrad, »wir werden es
-mit dem Meinhard nicht schwer haben. Ein bißchen scheu, aber ein guter
-Kerl. Der Niederbayer hetzt ihn auf, der Friedrich, der Schwarze, der
-dumme Junge. Abwarten! Nicht bange werden. Einen Kuß hab' ich wohl
-verdient,« grinste er. Aber wie der Atem seines breiten Mundes ihr näher
-kam, zuckte sie zurück, überschauert. »Na, dann nicht,« sagte er
-gemütlich.
-
-Mit Herzog Rudolf von Österreich war auch der uralte Abt Johannes von
-Viktring nach München gekommen. Er war nun ganz wackelig geworden,
-ausgehöhlt, zitterig, hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen,
-mummelte gelegentlich Unverständliches vor sich hin. Er streichelte
-Margarete, seine Haut war noch trockener als die ihre, er nannte sie:
-»Mein gutes Mädchen.«
-
-Später ließ sie ihn zu sich bitten. Erzählte ihm von dem mattfarbenen
-Fläschchen, ihr Gespräch mit dem Frauenberger, Wort um Wort. Es war
-keine Beichte und mehr als eine Beichte. Er hockte da, verschrumpft,
-erloschen, sie wußte nicht, ob er verstand. Dies war auch gleichgültig;
-wichtig war nur, vor lebendigen Ohren zu reden. Doch als sie geendet,
-zitierte er einen antiken Klassiker: »Viel Furchtbares ist in der Welt,
-doch nichts furchtbarer als das menschliche Herz.«
-
-Agnes wich dem Frauenberger aus, war kalt zu ihm, spöttisch. Er sagte
-behaglich: »Sie sind schlechter Laune, Gräfin? Mein Gesicht gefällt
-Ihnen nicht mehr?« Dann klopfte er sie auf die Schulter, grinste,
-quäkte: »Bist doch eine Gans, Agnes. Hältst dich an die Jungen, die
-Gecken. Glaubst, das alte Schiff ist leck. Bist eine gute, dumme Gans,
-Agnes.« Er tätschelte sie, tastete sie ab. Da sie sich ihm entzog,
-lachte er gemütlich, streckte sich aufs Polster, drehte sich um, gähnte
-lärmvoll.
-
- * * * * *
-
-Herzog Rudolf, der Habsburger, griff gierig nach den Dokumenten, die ihm
-sein Kanzler, der kluge Bischof von Gurk, bedeutsam feierlich
-überreichte. Er vertiefte sich in sie, las wiederholt, fieberisch glühte
-der sonst so ruhige, beherrschte Mann. Er streichelte die Papiere. Hörte
-auf die Erklärungen, die ihm der Kanzler, der juristisch ungewöhnlich
-gebildete Bischof, vortrug. Von wie ungeheuern staatsrechtlichen Folgen
-die Auffindung dieser Dokumente sei. Er las nochmals. Küßte feierlich
-fromm die Pergamente, kniete nieder, betete. Drückte dem Bischof, der
-gesammelt dastand und sich kein kleinstes Lächeln gestattete, voll
-heftigen, erregten Dankes die Hände.
-
-Herzog Rudolf hatte von seinem Vater den harten Tatsachensinn geerbt,
-den klaren Blick für Realitäten, Möglichkeiten. Er wußte, daß Habsburg
-noch nicht stark genug war, die Verpflichtungen der Kaiserwürde zu
-tragen, ohne im Innersten Schaden zu nehmen. Die Wahrung des
-kaiserlichen Ansehens zwang zu Zersplitterung, sog am Mark. Wittelsbach
-und Luxemburg hatten es spüren müssen. Es gab nur eines: vorläufig auf
-diesen äußeren höchsten Glanz klug verzichten, sich aber im Innern so
-festigen, daß die Kaiserkrone schließlich wie von selbst Habsburg als
-dem Stärksten zufallen mußte. Dies war die Politik, die Albrecht mit so
-großem Erfolg vorgelebt hatte.
-
-Rudolf sah klar und nüchtern, daß es für ihn einen andern Weg nicht gab.
-Eisern zwang er sich, dieses Maß zu halten. Aber er besaß nicht den
-ruhevollen Sinn seines Vaters, des Lahmen, der am Bewußtsein der realen
-Macht sein Genüge hatte. Ihn brannte es, daß ein anderer da war, der vor
-ihm saß, der sein Lehensherr war, der sich, und mit Recht, Römischer
-Kaiser nannte. Wer war denn dieser Karl, der Duckmäuser, der hagere,
-hohlwangige, mit seinem krausen, schmutzigen Vollbart? Er besaß Land wie
-jener, hatte wie jener Universitäten gegründet, Kathedralen, Paläste,
-die Universität Wien, den großen Dom. Jener hatte rechtzeitig die
-glückliche Gelegenheit gepackt, sich die Krone zu sichern; jetzt wäre es
-Unsinn gewesen, Kraft und Macht um dieses äußere Zeichen zu verzetteln.
-Aber alle Vernunftgründe hinderten nicht, daß es Rudolf kratzte, nagte,
-brannte, schnitt, den andern über sich zu wissen.
-
-Er war zu stolz, seinen Kanzler solche Gedanken merken zu lassen. Aber
-der kluge Bischof erriet sie, erwog, wälzte in sich, wie er dem Fieber
-seines Herrn die kühlende Salbe schaffen könnte.
-
-Plötzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von
-Viktring, mit dem er gern zusammensaß, hatte ihm eben gute Nacht gesagt.
-Der Abt schloß sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu
-arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer
-genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er
-nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines
-Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid
-schwören müssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen
-Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt
-als letzte Wahrheit wie das Evangelium.
-
-Wie jetzt der Abt sich zurückgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: »Was
-der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur
-Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden
-anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt
-auf Papier. Der Böhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um
-seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in
-Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?«
-
-Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog
-Albrechts. Wie da der Abt verkündet hatte: _Defunctus est Albertus de
-Habsburg, imperator Romanus._ Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in
-Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag
-und Nacht brenne es. Der Uralte hörte zu mit erloschenen Augen. Der
-Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte.
-
-Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei
-seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestöbert. Verstaubt waren
-sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die köstlichen Pergamente.
-Unbegreiflich.
-
-Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit
-mehr als bloß historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang
-waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mächtigen Sockel
-zu stellen, unmittelbar neben den Römischen Kaiser.
-
-Fieberisch erregt prüfte Rudolf die Papiere. Es waren fünf Urkunden. Sie
-waren ausgestellt von Römischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem
-Vierten Heinrich, gingen zurück bis auf Cäsar und Nero. Sie bestimmten,
-daß Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen
-Fürstengeschlechtern, befreiten es von lästigen Pflichten, begabten es
-mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem,
-oberstem und treuestem Fürsten.
-
-Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst,
-feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurück. Da hob
-Rudolf die Papiere vom Tisch, drückte sie an seine Brust, sagte fest, er
-sei gewillt, die Würden und Verantwortungen, die Gott durch diese
-Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen.
-
-Mit gewaltigem Schwung verkündete er aller Christenheit die Auffindung
-dieser Hausprivilegien. Große Gesandtschaften an Papst, Kaiser,
-sämtliche Höfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen
-Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, ließ das Zimmer, in dem er geboren
-war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese
-Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln.
-
-In den Kanzleien der deutschen Fürsten gab es verblüffte Gesichter. Die
-Juristen des Böhmen, des Brandenburgers, des Pfälzers schrieben sich,
-kamen persönlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden,
-schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es
-auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist
-Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es
-geprägt, klar, unzweideutig: Die österreichischen Hausprivilegien sind
-Schwindel, lahme Fälschungen. Allein man traute sich nicht, das
-Gutachten des Welschen zu verwerten.
-
-Tief mißvergnügt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu.
-Fast verleidete es ihm seine Reliquien, daß nun auch der Nebenbuhler
-solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der
-Schriftstücke, vor allem die Urkunden Cäsars und Neros schienen ihm
-trotz ihrer einwandfreien Latinität bedenklich. Aber gleichwohl, sogar
-nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber
-nicht, die Pergamente schlechthin für Fälschungen zu halten.
-
-Herzog Rudolf saß über seinen köstlichen Dokumenten, las sie wieder und
-wieder, vertiefte sich, prägte jeden Schnörkel, jede Faserung des
-Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu.
-Einverständnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der
-Herzog die Privilegien in sein Credo einschloß.
-
- * * * * *
-
-Margarete blieb, nach Tirol zurückgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden
-Erstarrung. Sie kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Die
-Dekrete mußten durch Kuriere dem jungen Herzog nach München geschickt
-werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die
-Räte regierten auf eigene Faust, zögernd, mit halben Maßnahmen; denn man
-wußte nicht: wer wird nun endgültig die Herrschaft an sich reißen,
-Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Münchner Artusrunde? Die
-wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt.
-
-Margarete war ausgeschöpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so
-unerhörter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert
-worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede
-erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft,
-Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und
-Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben
-Freuden, von denen sein unflätiges Lied grinste, und sonst nichts auf
-der Welt.
-
-Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, häßliche Frau ihr
-Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie saß viele
-Stunden bei Tisch, in ihren Küchen wetteiferten burgundische,
-sizilianische, böhmische Köche. Aus großen Bechern trank sie schwere,
-hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mußte sie kosten.
-Seltene Fische, Vögel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung,
-gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Würzwein. Unersättlich
-verlangte sie, daß man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst,
-sie könne etwas übersehen, etwas versäumen. Sie ging früh zu Bett, stand
-spät auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das
-beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewöhnt, sich zu strecken,
-lärmvoll zu gähnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke,
-alternde Frau, grauenvoll häßlich, schnarchend. Ihr hartes,
-kupferfarbenes Haar zottelte in spröden Strähnen. Über dem Gesicht trug
-sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus
-Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jünger.
-
-Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die
-Maultasch war ein vernünftiges Weib, hatte sich überzeugen lassen, hatte
-erkannt, daß seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr
-anerkennend die Schulter. Übernahm die Organisation ihrer Freuden.
-
-Seltsame Gerüchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um
-nächtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster
-von Schloß Tirol so eingerichtet, daß er in den Hof niedergelassen, der
-Besucher in ihm emporgewunden werden könne. Im Fällturm des Schlosses
-faulten die Günstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man
-rümpfte die Nase über die Privilegien des Passeier Tals, seine
-Schildhöfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd- und Holzrechte.
-
-Die Herzogin ging tiefer nach Süden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz
-weiß; unten, schwärzlichblau, dunstete in mittäglicher Sonne der
-weite See. Verfallene Steinstufen führten hinunter, zwischen
-Granatapfelbäumen. Festlich auf großer, bunter, geschmückter Barke glitt
-die Häßliche über das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen
-flirrende Fische, gleichmäßig schäumten die Ruder. Aus dem Bauch des
-Schiffes, während sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik.
-
-An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige,
-gewalttätige Junge, gelblichweißes, leidenschaftliches Gesicht, kurze
-Nase unter raschen, großen, dunklen Augen, siebzehnjährig, hatte sie in
-Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jüngere, der
-mächtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerüstet. Der kleine
-Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrünstigen Kämpfen der
-Castelbarcer als einziger Träger seines stolzen, reichen Namens
-übriggeblieben. Er selber hatte wütig in mehreren Scharmützeln
-mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Güter in den
-Händen der Gegner; er hatte sich an den Hof des großen Veronesers
-geflüchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte
-Nachfahr seines uralten Hauses. War maßlos verwöhnt, jeder Wallung bis
-an die äußerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes,
-gelblichweißes Knabengesicht.
-
-Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des großen della Scala die
-Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfürchtigen Gerüsteten
-und sich senkenden Fahnen, unter Glockengeläut, starr geschminkt, in
-mächtigem, stein- und goldübersätem Prunkkleid, abenteuerlich häßlich.
-Er spürte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte
-natürlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehört, die um sie
-gingen, wie sie, die Unersättliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren
-zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in
-grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hieß sie in Italien. Es
-schmeichelte ihm, daß sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die
-er, vielleicht, seine Gegner erdrücken konnte. Ihn reizte das
-gefährliche Gerücht, das um sie ging. Er war jung, ein später Abkömmling
-eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Häßlichkeit.
-
-Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem
-Knaben Aldrigeto. Es war brütend heiß, sie waren auch die Nächte fast
-immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen
-Halbinsel am südöstlichen Ufer, unter den Trümmern lateinischer Villen,
-zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hängematten, unter Moskitonetzen.
-Schwärzlichblau, ehern lag der See.
-
-Es geschah das Seltsame, daß der wilde, gelblichweiße Knabe die Häßliche
-zu lieben begann. Er war schön, schlank, gelblichweiß wie die
-zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den Ölbäumen herumstanden.
-Sie war ein großes, mächtiges, starres, zaubervolles, häßliches
-Götzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heißen Mädchen, die
-schwerer atmeten, wenn er in ihre Nähe kam? Gänse waren sie, leer und
-dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas
-ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des
-Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rätselvollen, machtvollen,
-einsamen Besonderheit. Er hängte alle seine Träume um sie herum. Längst
-war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn
-er ihr vorschwärmte von dem großen Reich, das er zusammenschweißen
-wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige,
-starre, unsäglich häßliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, daß er
-mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn
-panisch, überschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlöslich. So waren
-sie zusammen in dem brütenden Mittag, die Herzogin, ein großes, tristes,
-altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben
-zahlloser Kämpfe, träge von endlosem Erleben, und der Knabe,
-palmenschlank und biegsam, der letzte, späte Enkel der ungeschlachten
-Eroberer, mit heißen, dunkeln Augen aus dem weißen Gesicht in eine
-Zukunft schauend, die für jene Vergangenheit war.
-
-Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff über ihre
-geschminkten Finger. Ihr weiter, wüster Mund nahm die glasklaren Kerne
-auf, sie zerspritzten unter ihren schrägen, großen, malmenden Zähnen.
-»Wie seltsam!« dachte sie. »Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht.
-Es scheint fast, er hält sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt
-geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich.« Sie
-dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand über
-Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jähen Bewegung warf der
-Knabe den Kopf herum, biß sie in die Hand. Dann lachte er, nicht
-bösartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die
-stillen, trägen, seligen Ufer des Sees.
-
-In Tirol indes, während die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um
-sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hieß es, sie sauge
-den Männern nächtlich das Blut aus, sie könne an zwei Orten zugleich
-sein; in Tramin hatten sie, während sie leibhaft in Verona war, ein Weib
-auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer öfter mußte die
-Obrigkeit Leute stäupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin
-gesprochen hatten.
-
-Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag,
-Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bäumen hin, dann war der See
-plötzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, überfrostend aus dem
-warmen Hindämmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank,
-schön, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn
-trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehöhlt, sich
-daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist
-das Beste. Mit einem matten Verlangen wünschte sie nur eines: immer so
-bleiben, immer so dahindämmern in dem brütenden Sommer, schlaff, still
-verdunsten wie das besonnte Wasser.
-
- * * * * *
-
-Die Münchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich
-mittlerweile konstituiert. Mit großem Zeremoniell vollzog sich
-Gründungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder,
-Fahnenweihe, Krönung der Agnes von Flavon zur Königin des Bundes. Dann
-ein großes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden.
-
-Den jungen und gewalttätigen Herren des Bundes behagten die Grundsätze
-des Prinzen Friedrich außerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie
-waren die Welt. Sie waren erfüllt von einem unbändigen Herrentum,
-randvoll von dem Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben,
-einen endlosen, lustigen Lärm zu machen. Die Welt anzufüllen mit ihrer
-Jugend, die nicht wußte wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft,
-ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich
-diesem vagen, gewalttätigen Drang einen schönen, klingenden Namen
-gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen,
-übermütigen, rauflustigen Barone fühlten sich plötzlich als Träger einer
-Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht für sich, waren glücklich.
-
-Wo soff und fraß man so gewaltig wie am Münchner Hof? Wo gab es größere
-Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelärm? Die
-Brocken für die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gäste
-herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Fürsten.
-Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, daß sie Wildfremde
-anfielen: »Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon?« und wenn der
-Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie
-brannten nach ihren Jagden Bauernhäuser, ganze Forsten nieder zur
-festlichen Beleuchtung ihrer nächtlichen Gelage im Freien.
-
-Die höfischen Tänze waren zu fein und zu umständlich. Die Sackpfeife
-quäkte an Stelle der Flöte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel.
-Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere
-plumpe, ungeschlachte Tänze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend,
-unflätige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bären, hob die Frauen hoch,
-daß die Röcke über den Kopf flogen, streckte sie unter maßlosem
-Gelächter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Würfel, sinnlos,
-erhitzt, verspielte Höfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht
-zurück, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten
-Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe,
-schmutzige Lieder, durch die nächtlichen Gassen Münchens grinste,
-kreischte in gröhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den
-sieben Freuden.
-
-Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmütig, dümmlich und vergnügt in
-dem tosenden Getriebe herum, fühlte sich stolz als der Mittelpunkt
-dieses festlichen und berühmten Geweses, das in seinem Namen
-veranstaltet wurde. Lächelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei
-alles wieder besonders gut geglückt. Blickte schwärmerisch zu dem
-schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen
-Siebenschläfer Peter, erzählte dem aufmerksam blickenden Tierchen, daß
-er sich sehr wohl fühle, daß das Regieren eine leichte, einfache Sache
-sei, viel angenehmer als er erwartet habe.
-
-Agnes ließ sich lässig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem
-Überschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und
-dort eine sprödere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges,
-trockenes Fältchen in der Lippe, am Aug', ein gebleichtes Haar, spürte,
-wie ihre Bewegungen um ein kleines mühsamer, träger, fetter wurden. Sie
-brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als
-Bestätigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geräuschvolle Anhimmelung,
-sie schwamm darin, sie ließ sich von der hemmungslosen Anbetung des
-Prinzen Friedrich wohlig überspülen.
-
-Der Prinz von Bayern-Landshut vergaß über dem Getümmel nicht seine
-politischen Pläne. Er sah nicht Lärm und Roheit, er sah Macht; er sah
-nicht Völlerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den
-Führern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein riß er
-die Leitung der ganzen Geschäfte an sich. Der junge Herzog vertraute
-ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel,
-auf der Jagd wurde regiert. Hochmütig, zwischen zwei Bechern Weins,
-wurden Städten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron
-auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des
-Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die
-Hofhaltung Meinhards, die Vergnügungen der Tafelrunde waren
-außerordentlich kostspielig. Die Domänen wurden vergeudet, die Zölle,
-Gefälle, Gelder der Städte den öffentlichen Bedürfnissen entzogen, für
-die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhöht. Der
-Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen
-suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde
-überfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz,
-später willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die
-Unsicherheit der Straßen.
-
-Die Städte murrten, die Bauern stöhnten. Die Tiroler Herren standen an
-den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, untätig noch, aber mit
-drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der
-Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er
-war indes keineswegs gekränkt, machte Späße, stachelte an; es war nicht
-zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan
-schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft
-Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurück. Prinz
-Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln.
-
-Auch der Habsburger, wiewohl er klüger und leiser sondierte, fuhr in
-München nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bündnis mit dem König von
-Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben
-forderte er Meinhard auf, in dieses Bündnis einzutreten, den Kaiser für
-den natürlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz
-Friedrich, im Verfolg maßlos dünkelhafter Prestigepolitik, erachtete
-keinen Reichsfürsten, sondern nur den Römischen Kaiser für Wittelsbach
-gleichbürtig, alliierte sich nicht mit einem gewöhnlichen
-Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmaßlichen Habsburger. Nein,
-Wittelsbach stand, und mochten auch politische und ökonomische Gründe
-dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen
-ihm ebenbürtigen Deutschen, zum Römischen Kaiser.
-
-Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger
-Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten,
-Treuesten Fürsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte
-Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das
-geheime, bösartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des
-Österreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den
-durchlöcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden
-Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag.
-
-
-
-
-Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Südosten des Sees der uralte
-Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrüdern und
-führte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, »Das Buch
-gewisser Geschichten,« das er nun endgültig abgeschlossen hatte.
-
-Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so
-vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schönen Versen
-begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch
-geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er
-geschildert. Zudem hatte er erfahren, daß ein Italiener, ein gewisser
-Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und gründlich
-angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt über
-Wallungen und eitlen Erregungen des Gemüts stand, so hatte es ihn doch
-verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfähigen
-Männern sehr rühmen hörte. Der ehrsüchtige welsche Literat machte es
-sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken
-Effekt hinzielenden Schilderungen, während er, der verantwortungsvolle
-Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk
-als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den
-großen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretär mit einem
-wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: »Ich aber
-überlasse es späteren, die zukünftigen Ereignisse besser zu berichten,
-und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens
-selbst gern möchte, in guter und der Geschichte würdiger Weise.« Er
-mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretär die dürre Hand
-auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten
-Satz: »Sollte es aber weniger gut geraten sein, so möge es mir verziehen
-werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren
-Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle
-Ewigkeit. Amen.«
-
-Und jetzt also saß der Uralte unter Oliven und tausendjährigem Gemäuer
-und überreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schülerin
-Verständnis erhoffend. Margarete lag in der Hängematte, schüttete
-gekühlten Orangensaft in ihren großen Mund; faul, schlank, weiß dehnte
-sich der Knabe Aldrigeto, träg sich moquierend über den zahnlosen Greis.
-
-Als der Abend kam und es kühler wurde, ließ sie sich von dem Bruder
-Sekretär vorlesen. Die geübte, dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers
-rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anführung vieler Zitate
-sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts
-bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte
-Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von großen
-Männern als ihr Gedächtnis, das gleich ist dem Duft, den mit Äpfeln
-beladene Schiffe auf unserm Ufer zurücklassen, wenn die Schiffe schon
-weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das
-Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Kürze des
-menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit der Natur, der Unbeständigkeit
-des Glücks, dem schnellen und flüchtigen Wechsel irdischen Ruhmes.
-
-Margarete dachte: »Das alles weiß ich, und es trifft mich nicht mehr.
-Mein Programm liegt hinter mir.« Aber mählich, wie die dunkle,
-gleichmäßige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfältigen
-Begebnissen, wie die bunten, einfältigen, schlauen, frechen, milden,
-großen, kleinen Historien einander ablösten, alle abgekühlt, gut
-gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die
-folgende, mählich da riß es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten
-Strom der Zeit. Meinhard, der große Graf von Tirol, der starke, schlaue,
-unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange
-getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art
-zusammenzukneten. Diese Städte, die als kleine, lächerliche Siedlungen
-begonnen: sie hatte das ihre getan, sie groß und blühend zu machen.
-
-Und jetzt war sie aus dem breiten, fließenden Strom ausgeschieden,
-abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der
-kleinen Halbinsel kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Die Ölbäume,
-das alte Gemäuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere,
-dumme, protzige Dekoration? Wie war es möglich, sich zu verstecken in
-dem toten, brütenden, einsamen Sommer, während draußen heftige, wilde,
-zerstörerische Dinge geschahen, in ihrem Land, während die deutschen
-Fürsten sich balgten um ihren armen, lächelnden, blöden Sohn? Was hatte
-sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hübschen, kleinen Jungen.
-
-Den ganzen andern Tag las sie in dem »Buch gewisser Geschichten«. Der
-Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die größere Hälfte
-mit zitternder Hand verschüttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte
-sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu
-sprechen.
-
-Nahm mit einem tiefen, gütigen Lächeln leichten Abschied von dem Knaben,
-strich über sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein
-gelblichweißes, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurück
-sein. Der Knabe ließ sich ihre Zärtlichkeiten faul gefallen, preßte
-plötzlich mit kräftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, ließ
-sie lächelnd fahren.
-
-In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung.
-Der kluge, mächtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man
-konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit
-dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter,
-freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten
-wolle, möge Herr della Scala ihr die Gefälligkeit erweisen, dafür zu
-sorgen, daß jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren,
-braunen, gewölbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam
-und verständnisvoll an, neigte sich höflich.
-
- * * * * *
-
-Aus brütender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die
-frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrüßte sie ohne Schwung.
-Das Land litt. Die Münchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der
-Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, preßte experimentierend hier
-und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Städte verfielen,
-der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. »Die Maultasch macht uns kaputt,«
-hieß es. »Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist,
-erweist es sich klar, daß alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von
-ihr.«
-
-Margarete, mit kräftiger Hand, riß die Zügel an. Rottete die schlimmsten
-Übelstände aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von München
-kamen. Das Volk atmete auf: »Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon
-eingegriffen! Die schöne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere
-Retterin.«
-
-In der Loggia von Schloß Schenna saß mit dem Schloßherrn Margarete. An
-den Wänden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blühenden Tal, der
-Löwenritter. »Wie gut, daß Sie aufgewacht sind!« sagte Herr von Schenna.
-Hell und freundlich lagen die Berge, sich drängend, gewellt. Frischer
-Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt.
-
-»Warum haben Sie mich nicht früher geweckt?« sagte Margarete.
-
-»Sie mußten durch diesen Sommer allein hindurch, Herzogin Margarete,«
-sagte Schenna.
-
-Der Frauenberger quäkte: »Wie schade, daß Sie schon Schluß gemacht
-haben, Herzogin Maultasch! Er war ein hübscher Junge, gelblichweiß,
-südlich. Und Ihnen so hemmungslos ergeben. Das findet sich nicht alle
-Tage. Was haben Sie hier? Arbeit, Dreck, Mist. Hätten Sie die Münchner
-Lausbuben ihren Fasching ruhig zu Ende hetzen lassen. Die wären schon
-von allein an ihrer Tollheit erstickt.«
-
-Die Herzogin fuhr beschwerlich in schneereichem Januar nach München,
-sich das Gewese der bayrischen Artusrunde an Ort und Stelle zu
-beschauen. Mit Mißtrauen, Zurückhaltung, starrer Höflichkeit wurde sie
-in der Hauptstadt empfangen. Meinhard, als sie fester zupacken, klare
-Auskunft von ihm haben wollte, drückte herum, blöde lächelnd, sagte, er
-regiere zusammen mit seinen ritterlichen Kameraden, stammelte etwas von
-Weiberregiment, warf sich schließlich in die Brust, ein paar Worte des
-Prinzen Friedrich von den aristokratischen Grundsätzen deklamierend, die
-an Stelle des jämmerlichen, krämerhaften, modernen Pöbelregimes gesetzt
-werden müßten. Sie hatte eine Unterredung mit dem Landshuter Prinzen.
-Der erklärte ihr schlank, kühl, höflich, hochmütig, seines Wissens sei
-Herzog Meinhard mündig. Es stehe bei ihm, wem er sein Siegel anvertrauen
-wolle. Ihr mütterlicher Rat werde stets gehört werden. Weiter kam sie
-nicht.
-
-Überall stieß sie auf Agnes. Ihre Farben, ihre Sitten, ihre Launen,
-Moden, Neigungen gaben dem Hof sein Gesicht, bestimmten die Regierung
-des Landes.
-
-Agnes machte der Herzogin den Besuch, den die Etikette verlangte.
-Schlank, schlicht saß sie vor der häßlichen, plumpen, geschminkten,
-prunkenden Margarete. Ihre tiefen blauen Augen lächelten höflich in
-selbstverständlichem Triumph in die erfüllten, dringlichen, drohenden
-der andern. Im Kamin brannte ein starkes Feuer, der Duft des
-verbrennenden Sandelholzes füllte den großen, dunkeln Raum.
-
-»Sie leben jetzt immer in Bayern, Gräfin Agnes?« fragte Margarete.
-
-»Durchaus nicht, Frau Herzogin,« erwiderte Agnes, und ihre etwas scharfe
-Stimme stach grell ab von der warmen, dunkeln Margaretes. »Ich
-beabsichtige schon in den nächsten Wochen nach Taufers zu gehen. Nötig
-freilich ist meine Gegenwart nicht. Ich habe tüchtige Beamte; auch hat
-Herr von Frauenberg die Liebenswürdigkeit, sich der Verwaltung meiner
-Güter anzunehmen.«
-
-Die Herzogin betrachtete Agnes still und aufmerksam. Sie war ein klein
-wenig voller geworden; aber ihre Haut war ganz glatt. Sie saß leicht und
-elastisch; der Hals stieg zart und ohne Falte aus dem dunkeln Kleid. Die
-Verehrung all dieser Jugend war ihr offenbar ein feiner Jungbrunnen,
-besser als Bad und Schminke. So sicher und voll Sieg saß sie, daß kaum
-mehr Hohn um ihre schmalen Lippen war.
-
-»Sie beschäftigen sich neuerdings viel mit Politik?« fragte Margarete.
-
-»Nein, gnädige Frau,« sagte Agnes, sie war sehr aufmerksam jetzt und auf
-der Lauer. »Der Herr Herzog und Prinz Friedrich fragen mich zuweilen um
-meine Meinung. Ich halte dann nicht zurück; warum auch sollte ich? Aber
-es ist die Meinung einer törichten Frau und will nicht mehr sein.« Sie
-sprach außerordentlich verbindlich.
-
-»Ich halte Ihre Meinung nicht immer für die rechte, Gräfin Agnes,« sagte
-Margarete. »Ja, ganz ehrlich, ich bin überzeugt, daß sie dem Lande
-zuweilen schädlich ist. Ich will Ihnen etwas vorschlagen,« sagte sie
-heiter, fast scherzend. »Wie wäre es, wenn Sie Ihre Meinungen auf Bayern
-beschränkten?«
-
-Agnes erwiderte sehr angeregt, mit der gleichen, leichten, herzlichen
-Munterkeit wie Margarete. »Sie sind mein Souverain, gnädige Frau. Aber
-ist nicht auch Herzog Meinhard mein Souverain? Wenn er nun meine Meinung
-über eine tirolische Angelegenheit durchaus hören will? So freudig ich
-jedem Wunsch Eurer Durchlaucht folge, wenn der Fürst meine gewiß
-törichte Ansicht verlangt, darf ich sie ihm verweigern? Und es kostet
-Sie doch gewiß nur einen Hauch, und mein albernes Gerede ist
-weggeblasen.«
-
-Die beiden Damen schauten sich an, beide lächelten. Der Sieg um die
-Lippen, in den Augen der Schönen war vielleicht um eine Spur satter
-geworden. Dann sprach man von anderem. Von den baulichen Veränderungen
-der Münchner Hofburg, von den Haarnetzen, die jetzt wieder aufkamen von
-Prag her. Margarete hatte ein schweres, goldenes Gewebe über ihre
-spröde, harte, gefärbte, kupferne Frisur gelegt. Agnes fuhr sich lässig
-über ihr starkes, leuchtendes Haar; sie konnte sich mit der neuen Mode
-nicht befreunden.
-
- * * * * *
-
-Kaiser Karl residierte in großem Prunk in Nürnberg. Hielt Galatafel,
-Turnier. Empfing die Ratsherren der Stadt. Fremde Künstler, Gelehrte.
-Hatte mit ihnen lange, behaglich interessierte Gespräche. Ruhte fern
-seiner Hauptstadt von den Geschäften aus. Nahm teil an den großen
-Faschingsfesten, die die reiche Stadt zu Ehren der Römischen Majestät
-rüstete.
-
-Der Bart des Kaisers, ein stumpfer Keil, begann sich stark zu verfärben,
-die Haut des hageren Gesichts wurde grau, zerknitterte. Aber lebhaft,
-schlau, sehr wach blickten über der etwas platten Nase die raschen
-Augen, der lange, knochige Körper war schnell, sicher.
-
-Der Kaiser war sehr vergnügt. Er hatte zugewartet, bis er ganz fest in
-der Macht saß. Erst dann hatte er ein Kind gezeugt. Gott hatte seine
-abwägende Vorsicht gesegnet: es war ein Sohn geworden, ein schwerer,
-gesunder Knabe, dem er das Reich vererben konnte. Der beglückte Vater
-hatte das Gewicht des Kindes in lauterem Golde als Weihgeschenk nach
-Aachen gesandt; dann war er unter seinen Reliquien gekniet und hatte den
-Gebeinen verkündet: »Ich, Karl der Vierte, Römischer Kaiser, habe einen
-Sohn und Erben. Ihr lieben, verehrten Heiligen, ihr hocherlauchten
-Märtyrer! Betet für Wenzel, meinen Sohn!«
-
-Heiter jetzt saß er in Nürnberg, freute sich seiner Dichter und
-Architekten, vermied Politik, sprach mit seinem Kanzler, dem
-vielerfahrenen, weltläufigen Theologen, leicht und frei über menschliche
-und göttliche Dinge, vermehrte seinen Besitz an Reliquien und sonstigen
-Kostbarkeiten, erlustierte sich an Schlittenfahrten, Mummenschanz,
-Turnier.
-
-Unerwartet in diese unbeschwerten Tage brach die Herzogin Maultasch.
-Tief erstaunt waren der Kaiser und seine Herren. Margarete hatte,
-seitdem Karl sie in Schloß Tirol belagert, zu ihm nur kühle, sehr
-förmliche Beziehungen unterhalten. Ihre Ankunft, schrieb der Kanzler
-seinem Freund, dem Erzbischof von Magdeburg, sei eines der fünfzehn
-Wunderzeichen vor dem Jüngsten Tag. Er machte sich weidlich lustig über
-die deutsche Messalina, diese moderne Kriemhild, die da zu Hofe fahre,
-nachdem sie ihr Leben hindurch um ihrer eigenen Liebe und Hasses willen
-Land und Leute in Kummer und Elend gestürzt. Er schilderte, wie sie beim
-Turnier in der Loge saß, neben der schönen Prinzessin Hohenlohe, die
-plumpe Frau, bewarzt wie eine Kröte, dick wie ein Bierbrauer.
-
-Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwägerin mit Wohlwollen
-und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als
-er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute
-Gespräch mit ihr geführt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber
-doch wohl eben nicht maßvoll genug. Sie hatte unersättlich von allem
-haben wollen, so war ihr schließlich alles zerronnen. Er hatte sein
-Temperament klug gezügelt, er war Römischer Kaiser und hatte einen Sohn,
-dem er eine festgefügte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum
-in der Welt, ein schwächlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre
-Länder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wußte.
-Sie hatte seinen Bruder Johann höhnisch, schmählich aus Schloß Tirol
-ausgesperrt; man mußte es dann vor der Kurie so drehen, als könnte aus
-der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich
-nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns
-vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann?
-
-Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demütigung
-still hin, mit einer geschäftsmäßigen Ruhe, die sie vielleicht von dem
-Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die
-Einleitungsformalitäten ruhig über sich ergehen läßt, um nur ans Ziel zu
-kommen. Dann klagte sie. Klagte über die törichten Gewalttätigkeiten der
-Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hörte zu; in ihm
-grinste eine jungenhafte, hämisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er
-versicherte ihr sein persönliches Interesse, betonte aber, er habe sich
-jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung für einige
-Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine
-Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag
-zurückgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwägung ziehen. Auch bei einem
-wiederholten Vorstoß erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich
-umsonst gedemütigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren
-Schwächung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralität zuzuschauen.
-
-Im übrigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer
-übertriebenen, amüsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete
-früher aufs Blut gereizt hätte. Es würzte ihm die gehobene Heiterkeit
-seiner Ferien- und Faschingstage, sein Glück, seine Erfolge zu
-unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten
-Ehrgeizigen. Fast gutmütig scherzte er mit seinem Kanzler über die
-Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht,
-schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk
-staunte sie groß an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Städte.
-Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reißen. So angefüllt davon
-war sie, daß sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und
-der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals.
-
- * * * * *
-
-Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin
-hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf
-Umwegen, ihre Niederlage einbekannt.
-
-Agnes wußte, daß die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer
-halten konnte. Die Städte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund
-angehörte, bäumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger,
-drohend der Wittelsbacher. Drängte jetzt noch von Süden her die
-Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu
-wollen.
-
-Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig
-stand er, deklamierte überzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er
-gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos
-mit seinem jovialen, gefährlichen Lächeln den ganzen knabenhaften
-Überschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, träges
-Seufzen, strich dem Prinzen über das dunkle Haar, begann vorsichtig eine
-Aussöhnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, daß
-Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie
-gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekränkt, daß sie ihm
-das zumute. Agnes schwieg, lächelte mit ihren kühnen Lippen, fuhr fort,
-sein Haar zu streicheln.
-
-Wenige Wochen später schlossen Stephan von Niederbayern und die
-Pfalzgrafen Ruprecht der Ältere und der Jüngere bei Rhein einen Bund mit
-Rat und Bürgern von München und elf anderen bayrischen Städten sowie mit
-zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter
-hießen und den Herzog Meinhard seinen Ländern und Leuten entfremdeten.
-Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines
-Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklärten das
-Regierungssiegel des Artusbundes für ungültig, die Gesetze und
-Verordnungen, die jene erlassen hätten, für kraftlos. Sie verpflichteten
-sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreißen, in welche jene ihn
-gestürzt, dahin zu wirken, daß er seine fürstliche Gewalt besser
-wahrnehme und handhabe.
-
-Die Artusbrüder machten große, grölende Worte, nahmen ein paar Münchner
-Bürger als Geiseln fest, erklärten, sie würden die Meuterer an den
-Beinen aufhenken lassen wie räudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen
-Städten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und
-gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprügelt.
-Die Münchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mißhandelte
-sie, hieß sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmählich aufgehängt.
-Das verhinderte nicht, daß die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger
-wurden, während im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die
-trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulösen.
-Im großen Saal der Münchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten
-Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog
-Meinhard stand benommen, erhoben, dümmlich und überflüssig bei diesem
-Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann
-schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie würden sich nicht
-unterwerfen, niemals, niemals, niemals!
-
-Es begann nun für den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur
-sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der
-Artusritter, von einer zur andern. War auf Schloß Laber, Pinzenau,
-Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines
-aufständischen Barons. Eroberte Schloß Wörth, zwei Burgen des
-Oberjägermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen.
-Die Maßnahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer
-wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den
-Erwartungen zurückgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der
-Kummersbrucker, der sich neutral erklärt hatte, ohne Gerichtsverfahren
-enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager
-der Gegner.
-
-Der nicht sehr robuste Meinhard war den abenteuerlichen, gehetzten
-Fahrten kaum gewachsen. Trist und apathisch saß er, während die andern
-zechten, schlief zuweilen im Sitzen ein. Mehr und mehr glichen seine
-Reisen einer Flucht. Im ganzen Süden besaßen die Artusritter keine
-Stadt, keine Burg mehr. Sie wurden immer mehr zur Donau abgedrängt, wo
-ihre festesten Burgen lagen. Noch immer erließen sie hochfahrende
-Edikte, bedrohten Meuterer mit den grausamsten Strafen. Sie flohen nach
-Neuburg, dann in das Gebiet des Bischofs von Eichstätt, der ihnen
-ergeben war. Die Truppen Herzog Stephans besetzten ganz Oberbayern,
-belagerten schließlich Meinhard mit den letzten seiner Anhänger in
-Schloß Feuchtwangen im Altmühltal. Der Bischof von Eichstätt suchte sich
-mit Herzog Meinhard verkleidet durchzuschlagen. Der junge Herzog ging
-eifrig darauf ein; er hatte viel Spaß an der Kostümierung und keine
-Ahnung, worum es eigentlich ging. Allein schon in Voburg wurden sie von
-Bauern erkannt, festgehalten, dem Herzog Stephan nach Ingolstadt
-ausgeliefert.
-
-Feuchtwangen fiel. Prinz Friedrich und die Letzten der Artusritter
-wurden gefangen.
-
-In der Hofburg von Ingolstadt standen sich der Herzog und Prinz
-Friedrich gegenüber. In Gegenwart der Agnes von Flavon-Taufers. Der
-Herzog in Rüstung, schäumend. Städte und Dörfer kaputt, Menschen hin,
-Geld vergeudet. Alles wegen des dummen Jungen. Soldatisch knarrte er
-unter dem dicken Schnurrbart aus ehernem Gesicht. Der Junge stand
-schlank, mit verfinsterten, verwilderten Augen, den Arm verwundet, im
-Verband, grau das Gesicht. »Du wirst Abbitte tun, in der Kirche, vor
-allem Volk, dich unterwerfen!« kommandierte der Vater. Der Junge lachte
-nur, höhnisch. »Ich lass' dich verfaulen in meinem stinkigsten
-Gefängnis!« tobte der Herzog.
-
-Agnes glitt von einem zum andern. »Der Verband muß erneuert werden,«
-sagte sie besorgt, nestelte daran herum.
-
-»Diese Ärzte!« schimpfte der Herzog. »Lauter Pfuscher!« Er lief selbst
-nach Arzt und Verbandzeug. »Der Teufelsjunge!« fluchte er.
-
-Langsam, hart feilschend, während Agnes vermittelte, kamen sie überein.
-Um jeden einzelnen der Artusritter, Begnadigung, Höhe der Bestrafung,
-gab es erbitterten Kampf, Ausbrüche, Schäumen, Toben. Zweimal wies
-Herzog Stephan den Henker an, sich bereit zu halten. Endlich fügten sie
-sich zu leidlichem Frieden. Meinhard wurde München als ständige Residenz
-zugewiesen; Prinz Friedrich führte weiter sein Siegel, doch bedurften
-seine Verordnungen der Gegenzeichnung eines niederbayrischen oder eines
-rheinpfälzischen Rates. Zwischen München und Landshut-Ingolstadt
-vermittelte Agnes.
-
-Herzog Meinhard lächelte sanft und dankbar. War froh, daß er nach den
-wilden Wochen ausruhen durfte. Streichelte sein Murmeltier.
-
-
-
-
-Margarete hielt Rat mit ihren Ministern. Anwesend waren der Vogt Ulrich
-von Matsch, der Pfarrer Heinrich von Tirol, Graf Egon von Tübingen,
-Landeskomtur des Deutschen Ordens in Bozen, Jakob von Schenna, Berchtold
-von Gufidaun, Konrad von Frauenberg.
-
-Was war, nachdem Herzog Stephan Macht und Einfluß in Oberbayern an sich
-gerissen, zu tun?
-
-Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden,
-daß nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert
-wurde. Dadurch, daß der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in
-München saß, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum
-nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung
-erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewährleistet.
-
-Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er
-wartete nur darauf. Abhängigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich
-auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein kräftiges, stetiges Regiment
-war verbürgt.
-
-Zäh, träge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer
-Verdrossenheit hörte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken,
-der am nächsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewährt? Sie schaute auf
-Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mühevollen, leeren Gesichtern
-vor sich hin.
-
-Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie
-erwartete. Breit grinsend, vergnügt führte er aus: Wenn der junge Herzog
-wirklich so anlehnungsbedürftig sei und Führung brauche, warum diese
-Führung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der
-Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so fürstlich bewährt
-habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard
-nach Tirol. Hätten ihn die bayrischen Herren in ihre scheußlichen,
-verlorenen Winkelnester schleppen können, so werde man es mit Gottes
-oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er
-hingehöre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach
-Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich überlegen, ehe er
-von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg
-wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rückhalt an dem Habsburger
-als natürlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben
-förmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschädigung, und sich auf
-ein großes, autonomes Tirol beschränken.
-
-Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als
-Anhängsel; oder im äußersten Fall überhaupt nicht. Aber Tirol den
-Tirolern.
-
-Es handelte sich zunächst darum, Meinhard dem Einfluß Herzog Stephans zu
-entziehen, ihn von München weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog
-hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht
-betreten. Es war nur billig, daß das Volk ihn endlich zu sehen
-verlangte.
-
-Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine große Tagung nach Bozen
-einberufen. Es kamen blonde, stämmige Männer mit kurzen, breiten Nasen
-und trägen, schlauen Augen und hagere, schwarzbärtige, gebräunte mit
-kühnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei
-Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der
-am Inn, es kamen die Hofmeister und Vögte und Burggrafen. Es kamen die
-Barone, die großen und die kleinen, die Vertreter der Städte, Pflegen
-und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfünfzig Herren und Männer.
-Sie traten zusammen auf dem bunten, fröhlichen Marktplatz von Bozen an
-zwei strahlend dunkelblauen Spätsommertagen. Sie überlegten, sie
-berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden
-Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie
-hatten umständliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich
-mit den schweren Rockschößen den Schweiß von den Gesichtern. Die Berge
-standen rotbraun und violett, ganz oben weiß.
-
-Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen
-Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ältere Ulrich von
-Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg,
-Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von
-den Städten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller übrigen.
-
-Das Schreiben lautete so: »Lieber gnädiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu
-wissen, daß wir zu Bozen beieinander gewesen und übereingekommen sind,
-Sie zu bitten, daß Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen
-hereinkommen möchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen
-hätten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmäßiger
-Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewürdiget werden und
-unverdorbener bleiben, als draußen in Bayern, wie man uns sagt,
-geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von
-den Drangsalen, welche draußen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem
-Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut
-als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht
-Friede im Land und an der Grenze. Gnädiger Herr! Wir bitten, auf uns zu
-vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern
-Gut und Blut für Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.«
-
-Der Frauenberger brachte das Schreiben nach München. Er kam mit
-stattlichem Gefolg, übergab das Schriftstück in feierlicher Audienz.
-Versprach sich im übrigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war
-gewiß, daß man andere Mittel werde brauchen müssen.
-
-Bei Tafel erzählte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter
-Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument
-bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der
-Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus.
-Gelächter, immer lauter, stürmischer, schütterte alle. Es lächelte
-Agnes, es lachten die Damen, es dröhnten, bogen sich die Herren, es
-lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es
-quiekten die Kämmerlinge.
-
-»Diese Tiroler!« sagte man, atemlos von der Erschütterung.
-
-»Ja, unsere Tiroler!« sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett,
-und blinzelte aus den rötlichen Augen.
-
-»Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr
-Herzog?« fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein
-Geschäft mit der Übergabe des Briefes zu Ende war, in München geblieben
-und hielt sich viel in der Nähe Meinhards.
-
-Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes
-mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein
-unbehagliches Gefühl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte
-doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, quäkende
-Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern,
-respektlos, selbstverständlich, nackt. Man fühlte sich auf eine nicht
-unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer,
-mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dümmliche
-Herzog um den Albino herum.
-
-Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lächerlich
-vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren
-geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben
-so albern und anmaßend gefunden hatten, hatte er mitlachen müssen. Daß
-jetzt der Frauenberger, der große, gescheite Mann, die Kundgebung der
-Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten
-Fürsten tröstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte
-ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm für ein paar
-Minuten gewesen, als gebe es kein München und kein schwieriges
-Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mußte
-schön sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen großen Kühen, nichts
-zu hören als leisen Wind und das sanfte, blasende Geräusch, mit dem die
-Tiere das Gras abrauften.
-
-Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mußte näher an ihn
-heran. »Wie es mich freut,« sagte er und schaute aus seinen blanken,
-runden Augen zu ihm auf, »daß Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm
-finden.«
-
-»Nicht dumm!« quäkte eifrig der Frauenberger. »Jedes Wort sitzt an der
-rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die über ihn gelacht haben, sind
-die Dummen! Sonst hätte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und
-jederzeit unterschreib' ich ihn wieder, mit beiden Händen!«
-
-Meinhard trat noch einen tastenden Schritt näher an den fetten Mann.
-»Ich bin so müd und gehetzt,« klagte er. »Der Friedrich schaut mich auch
-nicht mehr so freundhaft an wie früher. Erst hab' ich gedacht, regieren
-ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reißen an
-mir.«
-
-Der Albino legte ihm die fleischige, gefährliche Hand auf die Schulter,
-quäkte: »Bub! Laß dich nicht klein kriegen, Bub!«
-
-Meinhard zitterte unter der Hand des feisten Mannes, wollte ihr
-entgleiten, schmiegte sich in sie.
-
-»Sie haben Freunde, junger Herzog,« quäkte der Frauenberger, blinzelte
-bieder, feixte behäbig.
-
-Den Tag darauf sagte er: »Warum bleiben Sie eigentlich hier, junger
-Herzog? Wenn Ihnen der Brief Ihrer Tiroler nicht mißfällt, warum folgen
-Sie ihm nicht?« Sie ritten spazieren, es war früh am Morgen, unten
-rauschte grün und frisch zwischen vielen Inseln von Kies die Isar, ein
-großes Floß unter Lärm und Geräusch der Schiffer steuerte vorsichtig.
-Der Gang des Pferdes verlangsamte sich. Meinhard hockte schlaff, dick,
-betreten auf seinem Falben.
-
-»Das geht doch nicht,« sagte er. »Das kann ich doch nicht.«
-
-»Warum können Sie nicht?« beharrte der Frauenberger. Er ritt ganz dicht
-an ihn heran, hob ihm wie einem Kind das Kinn. »Wer ist hier der Herr,«
-sagte er, »Herzog Stephan oder Sie?«
-
-»Ja,« sagte Meinhard, »wer ist hier der Herr?« Aber es klang gar nicht
-trotzig, sondern trüb grüblerisch. Sein ganzes Zutrauen zu dem Albino
-war weg, es war trist, wie unten die Isar sich zwängte, er hatte Scheu
-vor dem Frauenberger, hätte nachmittags beinahe den Prinzen Friedrich
-gebeten, ihn wegzuschicken.
-
-Am andern Morgen sprach der Albino nicht mehr von dem Plan, Bayern zu
-verlassen. Er lag mit Meinhard im Gras unter reifendem Obst. Er sang
-sein Lied von den sieben Freuden, kommentierte es väterlich,
-wohlwollend, saftig. Diese Weltanschauung ging dem jungen Fürsten sehr
-ein, er streichelte seinen Siebenschläfer Peter, war vergnügt. Der
-Frauenberger streckte sich, knackte die Gelenke, drehte sich auf die
-Seite, gähnte, schlief mit mächtigem Geräusch. Ja, schlafen war das
-Beste. Gelockt, aber doch mit dunkleren, scheuen Augen betrachtete
-Meinhard den unbekümmerten, fleischigen, schnarchenden Mann.
-
-Agnes sagte zu ihm: »Sie sind sehr lange in München, Herr von
-Frauenberg. Sie haben doch so wichtige Ämter in Tirol. Vermißt man Sie
-dort nicht?«
-
-Der Frauenberger grinste, betastete sie mit seinen rötlichen Augen, daß
-sie schwerer atmete, quäkte: »Ich bin natürlich nur Ihrethalb hier,
-Gräfin Agnes.«
-
-Sie kamen zusammen, er lag auf ihren Polstern, es war drückender Sommer,
-die Luft im Raum war dumpf und furchtbar heiß. Sie streichelte seine
-prall fette, rosige Haut. »Nun,« lächelte sie, »hab' ich den falschen
-Teil erwählt? Ich hab' mich gut gesichert, scheint mir.«
-
-Er feixte: »Werden sehen, Hühnchen, werden sehen.«
-
-Das hieß die gut gesichert, dachte er. Gut gesichert war er. Wenn er
-jetzt den Buben mit nach Tirol nahm, hielt er die Mutter durch den
-Jungen, den Jungen durch die Mutter. Er war der eigentliche Regent von
-Tirol. Ei ja, wenn man noch so häßlich war, was alles aus einem werden
-konnte mit einem bißchen Vernunft, Sachlichkeit, Glück.
-
-In seiner breiten, behaglichen, munteren Art hetzte er weiter an dem
-Jungen. Lockte, stachelte, trieb. Nahm ihn gewalttätig in seine kurzen,
-roten Hände. Nach Tirol! Meinhard solle endlich nach Tirol, sich seiner
-Grafschaft zeigen. »Also Flucht?« machte Meinhard, zaghaft. Ei was! Wer
-dachte an Flucht? Nur war es nicht nötig, zuviel Wesens aus dieser Reise
-zu machen. Man brach einfach auf, Meinhard, er, zwei, drei Knechte. Ohne
-große Worte. Es wurde zuviel geredet in Bayern und Tirol; das verwirrte
-die einfachsten Dinge. Ende der Woche reiste Prinz Friedrich nach
-Ingolstadt zu seinem Vater. Da wird man dann eben auch losreiten. Nach
-der umgekehrten Seite, nach Süden, nach Tirol. Das Murmeltier Peter soll
-seine Berge wiedersehen.
-
- * * * * *
-
-»Mein Sohn kommt, Schenna!« sagte Margarete, und ihre dunkeln Augen
-waren lebendig erfüllt. Sie hatte einen Kurier von dem Frauenberger, er
-werde Meinhard bringen.
-
-»Wie Sie sich freuen, Frau Herzogin!« sagte der lange Herr, beugte sich
-vor, schaute sie aus seinen grauen, sehr alten Augen gut an. »Ich hatte
-nicht mehr gehofft, daß Sie sich so würden freuen können.«
-
-Margarete hörte nicht. »Ich weiß,« sagte sie, »er ist unbegabt. Es gibt
-landauf, landab Tausende, die begabter sind. Aber er ist mein Sohn. Er
-ist aus dem Boden dieses Landes gemacht, seiner Luft, seinen Bergen.
-Glauben Sie mir, Schenna, der sieht die Zwerge.«
-
-Ja, Margarete hatte die zerlöcherte, heruntergelassene Fahne ihrer
-Hoffnung wieder hochgezogen. All ihr Wille, all ihr Leben sammelte sich
-in der Erwartung ihres Sohnes. Mit plumpen, geschminkten Händen
-streichelte sie das Bild des sanften, dicken, dümmlichen Jungen.
-
- * * * * *
-
-Ein Knecht voran, einer hinter ihnen, ritten Meinhard und der
-Frauenberger in raschem Trab gegen Süden. Es regnete, die schlechte
-Straße führte oft durch dicken Wald, löste sich streckenweise ganz in
-Schlamm auf. Es war nicht leicht, in der dunkeln, nassen Nacht den
-rechten Weg zu halten; an Fackeln war bei dem Regen nicht zu denken.
-
-Die Herren trugen keine Rüstungen. Man dampfte in den nassen Kleidern,
-von den feuchten Lederkollern und Lederkappen ging ein starker Geruch
-aus. Man ritt schweigsam; zuweilen, wenn man durch eine nächtige
-Siedlung trabte, schlug ein Hund an.
-
-In dem Dorf Lenggries machte man halt. Nach wenigen Stunden drängte der
-Frauenberger weiter. Aber Meinhard fühlte sich müde und elend, mehr
-durch Erregung als durch den langen Ritt. Der schwierigere Teil des
-Weges stand bevor; denn es war ratsam, menschenreichere Orte meidend,
-durch die wilde Riß nach Tirol vorzustoßen. Man verzog also, dem Wunsche
-Meinhards folgend, in der Herberge des Dorfes Lenggries.
-
-In dem engen, finstern Raum lagen der Frauenberger und Meinhard auf
-Strohsäcken. Die Kammer war niedrig, das Feuer rauchte, aber es wärmte
-nicht, die Luft war stinkig, Regen und Wind kam durch die
-Fensteröffnung. Der Frauenberger schnarchte lärmend; im Winkel nagte
-eine Ratte. Meinhard lag, alle Glieder taten weh vor Müdigkeit, aber er
-konnte nicht schlafen, die Haut juckte, die Augen brannten ihm. Er
-fühlte sich eng und unglücklich, er wußte plötzlich nicht, was er in
-Tirol sollte; er wäre am liebsten nach München zurückgekehrt. Er
-fürchtete sich vor der Begegnung mit seiner Mutter; sie war so dick und
-häßlich und gewalttätig. Er schielte nach dem Albino, der lag massig da,
-ruhig, schnaubte, schlief. Er hatte Angst vor ihm, aber der Frauenberger
-war doch der einzige, der ihm helfen konnte. Er nahm einen unsicheren
-Schluck aus dem klobigen Krug schalen Bieres, der neben ihm stand,
-schaute einer Fliege zu, die über das Gesicht des Frauenbergers kroch;
-den schien sie nicht zu genieren. Schließlich, leise, rief er: »Herr von
-Frauenberg!«
-
-Der war sofort wach, quäkte mit seiner schleierlosen Stimme: »Was
-gibt's?«
-
-»Nichts,« sagte reuevoll der Junge. »Nur, es ist so ungemütlich. Ich
-kann nicht schlafen.«
-
-»Dann reiten wir weiter,« entschied der Frauenberger und war schon auf
-den Beinen.
-
-»Nein, nein,« bat Meinhard. »Es ist nur, ich möchte ein bißchen mit
-Ihnen reden. Hernach werde ich gewiß ruhiger sein.«
-
-»Dummer Bub!« knurrte der Frauenberger.
-
-»Hat mein Vater eigentlich Tirol lieber gehabt oder Bayern?« fragte
-Meinhard.
-
-Der Frauenberger blinzelte. »Zuerst wohl Tirol, dann Bayern,« sagte er.
-
-»Und dann ist er gestorben?« fragte der junge Herzog.
-
-»Ja,« antwortete der Frauenberger, »dann ist er gestorben.«
-
-Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war
-sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die
-Knechte suchten, der Frauenberger knurrte über die Verzögerung.
-Schließlich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es
-mußte seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im
-Schlaf erdrückt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, träge,
-lähmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem
-Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt
-hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche
-pfeifend in einen Winkel warf. »Jetzt aber aufs Pferd!« quäkte er.
-
-Man ritt weiter den Fluß hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die
-elende, schmale Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden,
-weißgrünen Fluß. Dicker Wald, triefende Bäume. Unten, gischtig, gläsern
-grün, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lärmende, rasche Wasser,
-durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die
-Felswände traten oft so nahe in die Straße, daß die Pferde scheuten, nur
-mit Mühe weiterzubringen waren.
-
-Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den
-immer dünneren, tosenden Fluß entlang ritt man, der hell und fröhlich
-laut durch den dunkeln Wald seine Straße brach. Die Gegend lag
-schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmäßig, hoffnungslos,
-selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen,
-grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb.
-
-Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem man bisher
-gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter,
-grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Dahinter lag Tirol. In diesem
-Hochtal nächtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich
-im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Hütte war
-da, die ließ man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog.
-
-Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Hütte der Knabe
-Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei
-Rhein, Graf von Tirol. Er äugte, lauschte, ob die andern ihn sehen
-könnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich
-nicht mehr. Er hatte Angst, fühlte sich zerschlagen, unsäglich elend.
-Langsame Tränen kollerten aus seinen blanken, runden Augen über seine
-dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier
-Peter erdrückt hatte, er weinte, weil die Felswände so hoch waren, die
-er morgen übersteigen mußte.
-
- * * * * *
-
-Agnes war verblüfft über die meisterhafte Schlichtheit, wie der
-Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entführt hatte. Er
-imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rütteln. Mit Unlust,
-ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmaßnahmen. Am liebsten
-hätte sie alles dem Prinzen Friedrich überlassen; doch der war in
-Ingolstadt. Sie mußte allein die Verfolgung organisieren.
-
-Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man
-mußte sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an,
-den Fürsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu
-hindern.
-
-Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im
-Karwendel hinter sich hatte, schon ungefährdet. Doch wenige Stunden,
-bevor sie den bequemen Paß zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der
-Transport eines Holzhändlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte,
-und den früher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewalttätige
-Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stäupen
-lassen. Der Frauenberger dachte zunächst daran, den Holzhändler
-anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da hätte einer von den sechs
-Knechten des Transportes sich durchschlagen können, und dann war der
-Herzog noch mehr gefährdet. Der Frauenberger beschloß also, den
-Holzhändler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen
-Knechte, statt des leichten Übergangs über das Plumser Joch den
-schwierigen, ungewöhnlichen Weg über das Lamsenjoch nach Schwaz oder
-Freundsberg zu versuchen.
-
-Man ließ die Pferde zurück, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental.
-Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Gefälle, oft
-verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Der pfadkundige Knecht führte.
-Man stieß auf Weidengehölz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann,
-überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war plötzlich ein
-Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und
-still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter
-Regenschleiern die riesigen, weißen Bergwände, die weit und
-unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man
-durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hörte still
-und gleichmäßig den Regen triefen von den Blättern der alten, ernsten,
-fahlfarbenen Bäume.
-
-Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem ständig rieselnden
-Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht
-essen. Es ängstete ihn, daß man die Gipfel der Felswände nicht sehen
-konnte. Nie wird er da hinauf- und hinüberkommen; man stand eingesperrt
-in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bäumen wie am Ende
-der Welt.
-
-Sie begannen den Aufstieg. Er war fürs erste nicht schwer. Man stieg
-sachte, in kleinen Windungen einen Gießbach entlang. Die Knechte voraus,
-den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege
-gemacht; aber es war wie eine Lähmung über ihm. Die Beine waren ihm wie
-Klötze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mühe. Er glitschte auf
-dem nassen Stein, der Frauenberger stützte ihn, er zuckte bei jeder
-Berührung. Je weiter man emporklomm, so höher, höhnischer,
-unüberwindlicher starrte ihm die Felswand.
-
-Abgeblühte Alpenrosen, Kriechgehölz, Schnee. Die Knechte stapften
-gleichmäßigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend,
-aussetzend folgte der Herzog. Plötzlich blieb einer der Knechte stehen,
-horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehört, erlaubte
-seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhändler hatte also doch wohl
-Alarm geschlagen. »Menschen oder weidendes Vieh,« sagte er gleichmütig.
-Drängte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt.
-
-Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, daß man dazu keine
-Anstalt machte. Dann fiel er in trübe Lethargie, ließ sich schlaff von
-dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte,
-brannte einen die scharfe Kälte. Der Schnee wurde tiefer, der junge
-Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein.
-
-Der Frauenberger überlegte schneidend klar. Ohne den Schnee hätte man
-ihn wohl hinüberbringen können. So war es nicht möglich, mit dem
-Jammerlappen über das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard
-jetzt störrisch würde. Er machte sich schwerer, träger.
-
-Die Knechte waren ein gutes Stück voraus. Der Frauenberger blieb stehen.
-»Na, junger Herzog«? quäkte er. »Müde?« Meinhard sank erschöpft in den
-Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte
-scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon
-abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher
-zurückfallen lassen? Die würden nach der mißglückten Flucht den Jungen
-doppelt fest haben. Es wäre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch
-ausspielen zu können. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche
-allein, und der lästigen Kontrolle der Wittelsbacher ein für allemal der
-Vorwand entzogen.
-
-Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch
-Meinhard zu trinken. »Wir müssen weiter, junger Herzog,« sagte er. Gab
-ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen.
-
-»Ich kann nicht,« klagte Meinhard, als er mühsam stand. »Ich mag auch
-nicht,« fügte er störrisch hinzu.
-
-»So«? feixte der Frauenberger. »Na, dann nicht, Bub,« sagte er. Er
-quäkte es gemütlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang
-Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er
-schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren,
-dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor
-Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren
-Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhände in das Holzgezweig
-der Alpenrose, bohrte seine Füße in den Boden. Der Frauenberger, ruhig
-grinsend, sagte: »Na komm, junger Herzog!«, löste langsam mit seinen
-roten, fleischigen Händen die steifen, klammernden Finger des Jungen von
-dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn über den Abgrund, quäkte: »Adieu,
-Bub!«, ließ ihn fallen. Der Körper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief,
-blieb liegen.
-
-Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurück,
-deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg
-zerschrundet, der dicke, sanfte Schädel klaffte an zwei Stellen. Sie
-warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren
-Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog
-Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestürzt. Fleischig stand
-er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den
-rötlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf
-die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten
-Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den
-zerschrundeten Toten.
-
-
-
-
-Durch die Säle und Gänge von Schloß Tirol torkelte ein Weib, lallte,
-heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der übergroße,
-unförmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in
-stumpfem, widerwärtigem Kupfer, teils gelblichweiß entfärbt. Ein Laken,
-eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen
-Leib, um die schlaffen, großen Brüste, schleifte am Boden nach. Die
-Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende für eine
-Betrunkene, erkannte erst allmählich die Herzogin.
-
-Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frühe gekommen, Margarete
-hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht
-übermäßig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen,
-Kämmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend.
-
-Schenna führte sie zurück. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte
-vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken.
-
-Gesäumt mit Toten ihre Straße. Der Kopf des Chretien de Laferte, das
-Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre
-Mädchen, mit den großen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude
-Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lächelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard.
-Es war, weil sie so häßlich war, darum ging der Tod hinter ihr her,
-darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schädel an.
-
-Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr dürres
-Fräulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden
-wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesäumt mit Toten. Es war, weil sie
-so häßlich war.
-
-Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards über Mittenwald
-nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmählich in den Griff, seinen toten
-Souverän zu geleiten.
-
-Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Fürsten. Es hatte ihn in
-feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an
-den Straßen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken
-läuteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger
-barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter,
-Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk,
-während es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame,
-schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es
-war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der
-zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen.
-Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte
-keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch.
-
-Starr, am Tor des Schlosses, erwartete die Herzogin den Zug. Grell hob
-sich von dem schwarzen Gewand die weiße Schminke. So schritt sie über
-die Höfe des Schlosses neben der Bahre, allein. Es schneite. Hinter der
-Bahre, massig, in Rüstung, wuchtete der Frauenberger.
-
- * * * * *
-
-In München war man sehr betreten, als die Nachricht eintraf von
-Meinhards Tod. Hier glaubte kein Mensch an einen Unglücksfall, man
-zweifelte höchstens, ob der Frauenberger auf eigene Faust gehandelt oder
-im Auftrag der Maultasch; doch wagte niemand, dieser Überzeugung Laut zu
-geben. Nur der sensationslüsterne Florentiner Giovanni Villani, der
-Chronist, der sich zur Zeit zum Zweck gewisser archivalischer
-Feststellungen in München aufhielt, der Nebenbuhler des wackeren
-Johannes von Viktring, behauptete die gewaltsame Beseitigung des jungen
-Herzogs als Tatsache. Er zählte sorglich disponiert und sich steigernd
-alle Gründe her, die zu solcher Tat führen konnten und mußten, er
-schrieb darüber ein elegantes, beredtes Kapitel in seiner Chronik und
-las es jedem vor, der es irgend hören wollte.
-
-Stephan, Friedrich, Agnes standen benommen von Wut und Bestürzung. An
-eine Lösung von so schlichter, zynischer Brutalität hatte niemand
-gedacht. Zum erstenmal seitdem sie sich kannten, sprangen Agnes und
-Friedrich einander an. Er hätte den Frauenberger wegschicken müssen,
-hätte München nicht verlassen dürfen, solange jener da war, sagte sie.
-Er sagte, sie hätte Meinhard besser müssen überwachen lassen; kaum sei
-man einen Tag fort, gehe schon alles drunter und drüber, auf niemanden
-sei Verlaß. Herzog Stephan stand ziemlich unglücklich zwischen ihnen. Er
-hatte es ja gewußt, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, es war
-ihm nicht vergönnt, Wittelsbach wieder groß zu machen in der
-Christenheit. Als sie sich müde gestritten hatten, kamen sie überein,
-vorläufig das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung von Bayern zu richten;
-die Grenzen zu entblößen und nach Tirol vorzustoßen, fühlten sie sich
-militärisch nicht stark genug. Hingegen wollte Agnes nach Tirol reisen,
-dort vorfühlen.
-
-Mit ganz kleiner Begleitung traf sie auf Schloß Tirol ein. Am gleichen
-Tage noch wurde sie von Margarete empfangen. Rosig, glatt, jung, blond
-saß sie da; in einem sehr einfachen schwarzen Kleid; grellweiß
-geschminkt, die Hände, den unförmigen Hals schwer von leuchtenden
-Steinen, prunkte in Atlas und Brokat die Herzogin. Es sei sehr
-liebenswert von Agnes, sagte sie mit etwas steifer, zeremoniöser Stimme,
-daß sie die beschwerliche Reise im Winter nicht gescheut habe, ihrem
-Sohn das letzte Geleit zu geben. Agnes sagte und sah sie süß und
-unbefangen an, dies sei eine selbstverständliche Pflicht gewesen nach
-dem vielen Guten, das sie von Haus Tirol empfangen. Zudem sei sie ja dem
-Toten besonders nahegestanden. Sie könne der Herzogin nicht schildern,
-wie furchtbar es sie getroffen habe, als sie die grauenvolle Meldung
-erhielt. Margarete starrte sie mit ihrem weißen, breiten, mächtigen,
-geschminkten, maskenhaften Gesicht unverwandt an, fragte, ob sie den
-Herzog sehen wolle. Agnes, ein wenig zögernd, denn sie sah Tote nicht
-gern, bejahte. Die beiden Frauen schritten zu der Kapelle, schwer
-schleifte sich die Brokatene, die andere ging leicht und hoch. Prunkend
-aufgebahrt lag der junge Herzog, dick wölkte der Weihrauch, silberne
-Gewappnete hielten Totenwacht. Die Herzogin winkte, der mächtige
-Sargdeckel wurde hochgeschlagen, da lag der junge Fürst, gräßlich
-zerschrundet und entstellt stierte aus der Rüstung sein friedfertiges,
-dickes Gesicht. Die Leiche war stark verwest, trotz Balsam und Gewürz
-stieg ein übler Geruch aus dem leuchtenden Metall. Agnes schwankte,
-verfärbte sich. Margarete führte sie zurück.
-
-Als die beiden Damen wieder am Kamin saßen, sagte Margarete leichthin:
-»Nun ist unsere letzte Unterredung gegenstandslos geworden, Gräfin
-Agnes. Mein Sohn ist wieder bei mir, nicht in München.«
-
-Agnes, durch die Leichtigkeit ihres Tons unsicher, nicht wissend,
-wohinaus sie wolle, erwiderte nichts, äugte, wartete ab.
-
-Die Herzogin, immer in dem gleichen, erschreckend leichten,
-konversationellen Ton, fuhr fort: »Sie haben Chretien de Laferte
-geheiratet, dann starb er. Sie haben mir meine lieben Städte von Bayern
-abhängig gemacht, sie sind fast kaputt gegangen. Sie haben sich mit dem
-Markgrafen liiert, dann starb er. Sie haben sich zur Vertrauten meines
-Sohnes gemacht, jetzt ist er tot. War es nach alledem nicht ein bißchen
-kühn, daß Sie zu mir nach Tirol gekommen sind?« Sie sagte das alles ganz
-obenhin, sie lächelte mit ihrem wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund,
-ihr leichenhaft geschminktes Gesicht verzog sich in gemachter
-Liebenswürdigkeit, ja sie beugte sich vor, legte, was noch nie geschehen
-war, die Hand mit grauenhafter Vertraulichkeit auf den Arm der Agnes.
-Die saß da, starr, blaß. »Ich weiß nicht, was Sie wollen,« stammelte
-sie.
-
-»Es ist nett von Ihnen,« fuhr Margarete fort, »daß Sie von selbst
-gekommen sind. Ich hätte Sie sonst einladen müssen; glauben Sie mir, ich
-hätte Sie auf solche Art eingeladen, daß Sie gekommen wären.«
-
-»Ich verstehe Sie durchaus nicht,« sagte, mit fahlen Lippen, Agnes.
-
-»Ja,« brach Margarete plötzlich ab und stand auf, »Sie bleiben also mein
-Gast, bis der Herzog bestattet ist. Es kann noch eine Weile dauern, die
-Vorbereitungen sind umständlich.«
-
-»Ich hatte eigentlich vor, die Zwischenzeit in Taufers zu bleiben,«
-sagte Agnes; sie war klein und ängstlich geworden, ihre Stimme
-flatterte.
-
-»Nichts da, nichts da!« sagte eifrig die Herzogin. »Sie bleiben. Waren
-Sie und die Ihren nicht schon oft Gäste in Tirol?«
-
-»Denken Sie nicht ans Fortgehen,« schloß sie, während sie Agnes zur Tür
-geleitete. »Die Reise würde sehr ungemütlich werden.« Ein Diener brachte
-die schwankende Agnes in ihre Zimmer. Gewappnete standen davor,
-präsentierten die Lanzen, während sie die Schwelle überschritt.
-
- * * * * *
-
-Margarete, allein, ging auf und ab, ihr Gang war sonderbar beschwingt,
-ein plumper Tanz.
-
-Wie schade, daß jene sich so einfach in ihre Hand gegeben hatte. Es wäre
-gut und reizvoll gewesen, sie erst mühsam herzulocken, den Teig zu
-kneten, ehe man den Kuchen aß. Aber so waren diese Glattlarvigen. Schön
-und dumm.
-
-Margarete ging ins Freie, allein. In den verschneiten Weinterrassen
-stapfte sie, kletterte sie. Setzte sich in den Schnee. Tauchte ihre Hand
-in das Weiche, Kalte, ballte es, ließ fallen, ballte von neuem.
-
-Sie ganz klein machen, sie zerstören, sie in Staub zerpressen,
-zernichten, zerdrücken, daß nichts mehr von ihr bleibt als ein
-lächerliches Stück Verwesung. Sich anfüllen mit ihrer Angst, ihrer Not,
-ihrem Elend, bis dann ihre Schönheit daliegt, stinkend wie drüben in der
-Kapelle ihr Sohn.
-
-Als nach einer Weile das dürre Fräulein von Rottenburg kam, hörte sie,
-was sie seit Jahren nicht gehört hatte. Die Herzogin sang. Mit ihrer
-dunkeln, warmen, erfüllten Stimme sang sie. Im Schnee saß sie und sang,
-voll, hallend, aus ihrer wüsten Kehle.
-
- * * * * *
-
-Sie berief zunächst Schenna zu sich. Führte aus: Der Sturz, an dem
-Meinhard sich zu Tode gestürzt, sei fraglos verschuldet durch die Gräfin
-von Flavon-Taufers. Sie sei nicht gewillt, dies Verbrechen zu
-vertuschen. Beabsichtige vielmehr, es mit beispielhafter Strenge zu
-bestrafen. Schenna, tief beunruhigt, riet dringend ab. Das Volk hänge
-nun einmal an Agnes mit ebenso heftiger wie grundloser Sympathie. Gegen
-sie vorzugehen sei gefährlich. Man könne sie an Besitz, Macht, Einfluß
-kürzen; weiter zu gehen verbiete die Staatsklugheit.
-
-Margarete, gereizt und nervös, erwiderte, sie wisse sehr gut, wie
-unpopulär sie sei. Schlimmer könne es nicht werden. Sie riskiere also
-nichts.
-
-»Doch!« erwiderte mit ungewohnter Schroffheit Schenna. Alles riskiere
-sie. Offene, nur den Wittelsbacher fördernde Revolution riskiere sie.
-Sie brach aus, verströmte: Unter keinen Umständen dulde sie länger die
-Nebenregierung dieser Person. Lieber danke sie ab. Sie starrte hitzig,
-allen ruhigeren Erwägungen unerreichbar, vor sich hin. Schenna lief
-unbehaglich mit seinen langen, ungleichmäßigen Schritten hin und her.
-Wenn sie durchaus beharre, riet er nach einer Weile, das Gesicht
-verdrießlich und kurios verzogen, dann solle sie in Gottes Namen einen
-Staatsgerichtshof einberufen. Um alles in der Welt nicht möge sie gegen
-Agnes vorgehen ohne Spruch und richterliches Urteil.
-
-Sie berief den Frauenberger, die einzelnen einflußreichen Feudalherren.
-Schneidend klar erkannte sie: Alle waren gegen sie, alle waren für
-Agnes. Aber mit wenigen Ausnahmen waren sie bereit, sich ihre Meinung
-abkaufen zu lassen. Sie nahmen Margaretes Vorgehen gegen Agnes als eine
-Laune. Gut, sie waren bereit, diese Laune zu decken; aber sie fanden es
-angemessen, daß Margarete diese Bereitschaft teuer bezahle.
-
-Alle verlangten, alle forderten. Es preßte Margarete das Herz ab,
-knirschte ihr die Zähne zusammen. Sie standen vor ihr, unterwürfig,
-loyal, voll patriotischer Bedenken. Darunter grinste der Hohn: gibst du
-nicht, so kriegst du nicht.
-
-Die Barone verständigten sich untereinander, glichen ihre Ansprüche aus.
-Der Frauenberger überbrachte der Herzogin ihre gemeinsamen Forderungen.
-Sie waren nackt, schamlos. Margarete solle ein Kabinett aus neun
-Ministern bilden. Vorgesehen waren der Frauenberger, Schenna, Berchtold
-von Gufidaun; die beiden Herren von Matsch, der Landeshauptmann und der
-Vogt, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen; Heinrich von
-Kaltern-Rottenburg, Diepold Häl, Hans von Freundsberg. Diese Herren, die
-auch als Richter in dem Prozeß der Gräfin von Flavon fungieren würden,
-sollten die oberste Justiz- und Verwaltungsbehörde des Landes bilden.
-Margarete solle sich verpflichten, ohne ihre Zustimmung keine
-Regierungshandlung vorzunehmen, niemandem ein Amt zu verleihen oder zu
-entziehen, mit keinem auswärtigen Fürsten zu verhandeln, Bündnis,
-Vertrag zu schließen. Auch solle sie keinen Minister absetzen dürfen;
-schied ein Mitglied durch Tod oder sonstwie aus, so solle nicht die
-Fürstin, sondern das Kabinett den Nachfolger bestimmen.
-
-Margarete saß über dem Dokument, allein. Sie runzelte die Stirn so
-stark, daß die Schminke abbröckelte. Dies unterschreiben hieß: die
-Städte preisgeben, das Land den frechen Baronen hinschmeißen, daß sie
-ihre gierigen Zähne hineinschlügen, jeder sich ein Stück herausreiße.
-Dies unterschreiben hieß: das Land Tirol zerfallen lassen in eine Reihe
-kleiner Adelsherrschaften, schimpflich zerschlagen das Werk, daran die
-Väter und sie hundert Jahre lang Besitz, Nerven, Leben gesetzt.
-
-In ihren Gedanken war plötzlich das kleine, bebartete Wesen, das sie
-einmal gesehen in den Felsen von Schloß Maultasch. Es neigte sich viele
-Male, schaute sie aus ernsten, uralten Augen an, tat den Mund auf.
-
-Mit Gewalt scheuchte sie den Zwerg fort. Hin, Land! Hin, Städte!
-Hinunter, Nacken! Duck' dich der Arroganz der Vasallen! Es muß sein. Es
-muß ausgetragen sein zwischen ihr und jener. Es wäre sinnlos, jetzt die
-Forderungen der Barone zu weigern und jene zu schonen. Sie würde weiter
-am Werk Margaretes nagen, es aushöhlen, verderben. Die Schöne war der
-Wurm des Landes, alles Übel kam von ihrer frechen, geilen Schönheit. Sie
-muß hin sein, sie muß getilgt sein, sie muß aus dem Licht, sie muß weg
-von der Erde. Das Land in den Bergen hat nicht Frieden, solang jene da
-ist.
-
-Wenn sie sich aufriß vor Gott, sie durfte sagen: Es hatte Stunden
-gegeben, Tage, Wochen, wo kein kleiner, eitler Gedanke in ihr war, nur
-der reine, lautere Wille, sich zu beugen, zu tun, wozu man geschickt
-war. Wieder und wieder schlug jene Eitle, Leere mit spielender Hand
-entzwei, was sie mit Nöten, Demütigungen, Preisgaben geschaffen, von
-deren Qual und böser Artung jene nie einen Hauch zu begreifen imstande
-war. War das gerecht? War es gerecht, daß das Leere, Dumme, Schlechte,
-Gemeine, nur weil es die glatte Larve hatte, sich spreizte in der Welt,
-sie überdeckte, keinen Raum ließ für das Erfüllte, schmerzhaft Wissende?
-Das konnte Gott nicht wollen. Das mußte ausgekämpft sein. In einem
-wohlig schmerzhaften Krampf spürte sie, wie sie selber mit der Schönen
-verkettet war, wie sie selber bestimmt war, es auszutragen. Es gab kein
-Hinausschieben, kein Verstecken und Maskieren, keine Scheu vor dem hohen
-Einsatz, keinen Kompromiß. Es mußte ausgetragen sein.
-
-Der Frauenberger kam, ihre Antwort zu holen. Ihre Hand lag plump auf dem
-Dokument mit den Forderungen der Barone. Sie blickte auf, schaute den
-Frauenberger an, sagte ruhig, ohne die Stimme zu heben: »Lumpen!
-Erpresser!«
-
-Der Frauenberger erwiderte gleichmütig, jovial: »Ja, Herzogin Maultasch,
-billig sind wir nicht.«
-
-Dann unterschrieb sie.
-
- * * * * *
-
-Agnes, als sie allein war, saß in großer Schwäche erschöpft nieder. Was
-denn um Gottes willen hatte sie da gemacht? Sich selber freundlich
-lächelnd in die Hand der Feindin gegeben. Wo hatte sie denn ihren Kopf
-gehabt? Der Tod Meinhards war wohl eine Einbuße und ein Schlag für die
-Maultasch, aber er war doch ein noch schlimmerer Schlag für sie selber.
-Die Maultasch hatte mit der Beseitigung Meinhards und dem kühnen,
-unerwarteten Verzicht auf Bayern sich zur Siegerin gemacht. Sie begriff
-sich nicht, wie sie in dieser Situation der Feindin ins Haus laufen
-konnte, ihren Triumph zu krönen.
-
-Ganz allein und verloren saß sie da. Das Zimmer war schlecht geheizt,
-sie fror. War das wirklich Frost? Ein Gefühl kroch sie an, das sie all
-ihre Tage nicht gekannt hatte, zog sie zusammen, schnürte sie. Sie war
-immer keck und sicher gewesen, immer hatte sie die Lage in der Hand
-gehabt, hatte immer Männer hin und her geworfen nach ihrem Gutdünken.
-Jetzt war sie ganz hilflos, die Feindin konnte mit ihr anfangen, was sie
-wollte. Angst und Kälte überdeckten sie. Ihre tiefen, blauen Augen waren
-nicht mehr kühn, sondern stier und erloschen, ihr elastischer Rücken
-erschlaffte, ihre weißen Hände runzelten sich, ihr glattes Gesicht
-zerknitterte in kleine, steife, spröde Fältchen.
-
-So blieb sie bis zum Abend. Dann brachte man Licht, schürte das Feuer
-neu, setzte Speisen auf den Tisch. Sie raffte sich zusammen, aß, wurde
-warm, belebte sich. Ach was! Das war ja das Ziel der andern, sie klein
-zu sehen, gedemütigt, winselnd, mutlos. Sicher nicht wird sie es wagen,
-ihr etwas Ernstliches anzutun. Steht nicht das ganze Land für sie? Weil
-sie häßlich ist, will sie, daß sie sich feig erweise. Sie denkt nicht
-daran, ihr den Gefallen zu tun. Sie straffte sich, ihre Augen schauten
-lässig und kühn wie immer. Sie aß mit Appetit, verlangte zum zweitenmal,
-scherzte mit den Dienern. Schlief gut, tief, ruhig, lange.
-
-Als andern Tages der Frauenberger kam, fand er sie vergnügt, Bonbons
-lutschend, ein frivoles Couplet auf der Laute klimpernd. Sie mokierte
-sich über die altmodische Einrichtung des Zimmers. Er feixte, freilich,
-so modern und komfortabel wie sie gebe die Maultasch es nicht. Er
-tätschelte sie. Er blinzelte, meinte väterlich, er habe es ihr doch
-rechtzeitig gesagt, sie solle sich nicht einlassen mit den Lausbuben, es
-werde schief gehen. Sie fragte leichthin, ob er im Auftrag der Maultasch
-komme. Bange machen gelte nicht. Was man eigentlich vorhabe. Wie lange
-der Spaß noch dauern solle. Der Albino quäkte, man werde sie wohl vor
-ein Staatsgericht stellen. Sie erwiderte, man möge das recht bald tun,
-es sei so langweilig auf Schloß Tirol. Auch möge man ihr die Zofe
-schicken und ihre Schneiderin, daß sie vor Gericht in einem
-entsprechenden Kostüm erscheinen könne. Er sagte, sie brauche nur zu
-befehlen. Allein, lutschte sie Bonbons, klimperte.
-
-
-
-
-Die Herzogin ließ es sich angelegen sein, das hohe und heimliche
-Gericht, das Agnes aburteilen sollte, mit feierlichem Pomp auszustatten.
-Drei Gemächer ringsum waren von Gewaffneten bewacht, damit die
-Heimlichkeit des Gerichts gewahrt sei. Die neun Herren saßen schweigsam,
-dunkel, Margarete selber prunkte schwer in den Insignien der Herrschaft.
-
-Agnes trug ein schlichtes, lachsrotes Kleid, das für einen Empfang, eine
-kleinere Festlichkeit geeignet war. Ihr Gehabe war leicht, sicher. Sie
-war überzeugt, daß die Maultasch nicht wagen werde, sie anzutasten, daß
-der umständliche, feierliche Apparat des Gerichts nur dazu bestimmt sei,
-sie ängstlich zu machen. Dies alles geschah nur, damit sie, die Schöne,
-sich klein erweise vor der Häßlichen. Nein, sie war durchaus nicht
-gewillt, der Maultasch diesen Gefallen zu tun.
-
-Der Pfarrer von Tirol, der als Protokollführer fungierte, verlas die
-Anklage. Die Gräfin von Flavon-Taufers sei von jeher bestrebt gewesen,
-auf Meinhard in verderblichem, dem Lande Tirol schädlichem Sinn
-einzuwirken. Als der junge Fürst im Begriff war, Tirol zu betreten, sich
-ihrem Einfluß zu entziehen, und als das Einvernehmen mit seinen getreuen
-und wohlmeinenden Untertanen ihre Pläne zu vereiteln drohte, habe sie
-sich mit Gewalt seiner zu bemächtigen versucht; über welchem Versuch der
-Herzog zu Tod gekommen sei.
-
-Agnes sagte, sie wundere sich, wie weise und hochmögende Herren einfache
-und klare Tatbestände so schlimm mißdeuten könnten. Ja, sie sei mit dem
-jungen Fürsten in gutem, herzlichem Einverständnis gewesen, wie auch
-sein Vater sie seiner Freundschaft und seines Vertrauens gewürdigt habe.
-Sie habe nach ihrem geringen weiblichen Verstand zuweilen den oder jenen
-Ratschlag erteilt nach bestem Gewissen als gute Untertanin und Christin,
-dem Fürsten und seinen Ländern zu Nutz und Mehrung. Als der Herzog nach
-Tirol reiste, habe sie ihm, da unerwartet Herzog Stephan seine baldige
-Ankunft in München melden ließ, reitende Boten nachgeschickt mit einem
-Brief, daß unter solchen Umständen seine Rückkehr nach München ratsam
-sei. Leider hätten ihre Boten den Herzog nur mehr tot vorgefunden. Dies
-alles sei klar und unzweideutig. Sie sei eine große Sünderin, schloß sie
-lächelnd; aber in ihren Beziehungen zu Herzog Meinhard sei nach ihrer
-demütigen weiblichen Einsicht kein Wort und keine leiseste Regung
-gewesen, die sie nicht ungescheut vor Gott und den Menschen bekennen
-dürfte.
-
-Sie gab diese Erklärung sitzend ab, leichthin, mit ihrer harten,
-schleierlosen Stimme. Jung, glatt, klar, vertrauensvoll saß sie in ihrem
-schlichten, lachsfarbenen Kleid vor den schweren, dunkeln Richtern.
-
-Margarete sagte, sie habe, in München, die Gräfin von Flavon
-aufgefordert, sich nicht in die tirolischen Dinge zu mengen; die Gräfin
-habe das verweigert. Agnes erwiderte, die Frau Herzogin habe sie
-mißverstanden. Der Pfarrer von Tirol verlas eine eidliche Aussage, die
-Reiter der Gräfin hätten nach ihrer eigenen Bekundung Auftrag gehabt,
-den Herzog mit Gewalt nach München zurückzuführen. Alle schauten auf den
-Frauenberger, auf dem wohl dieses Zeugnis stehen mußte. Er sah
-unbeteiligt vor sich hin. Agnes erklärte, die Aussage der Reiter, wenn
-sie wirklich erfolgt sei, sei pure Verleumdung. Der Frauenberger
-grinste.
-
-Die Herzogin saß da, steif, breit ausladend, schwarz stand das brokatene
-Kleid um sie herum, golden prunkten die Insignien der Macht. In ein
-Schweigen hinein, unvermutet, ohne Agnes oder irgendwen anzuschauen, tat
-sie den Mund auf, sprach. Mit gleichförmiger Stimme sagte sie alles
-heraus, mit nackten, schmucklosen Worten. Wo sie für das Land in den
-Bergen gewirkt habe, an der Etsch und am Inn, von den welschen Seen bis
-zur Isar, überall sei diese Gräfin von Flavon gewesen und habe gehindert
-und dagegen gewirkt. Sie sprach langsam und sie hob die Stimme nicht.
-Sie sprach von den Städten und von ihren Maßnahmen und wie diese Gräfin
-von Flavon sich dagegen gestemmt habe. Sie sprach von ihren
-Finanzverordnungen und wie diese Gräfin von Flavon den welschen Bankier,
-den Messer Artese, wieder in die Berge gerufen habe, den sie vertrieben.
-Sie sprach von der tirolischen Autonomie und wie diese Gräfin von Flavon
-dem Land immer wieder den Bayern in den Pelz gesetzt habe, den
-Blutsauger. Sie sprach von der Artusrunde, von Ingolstadt und Landshut.
-Langsam aus ihrem wüsten, breiten Mund holte sie nackte, sachliche
-Worte. Sie fielen gleichmäßig, monoton; wie schwerer Sand rieselten sie,
-unhemmbar, sie begruben die feine, leuchtende Agnes, daß sie farblos
-dasaß und erbärmlich und ohne Schwung. Es war ganz still, als die
-Herzogin zu Ende war, man hörte die Scheiter im Kamin knistern, die
-Herren hockten da, trist und grau und gebeugt.
-
-Agnes sagte, sie habe nie Einfluß gesucht. Sie habe gesprochen, wenn man
-sie gefragt habe, und da nur zögernd, sie habe nie jemandem einen Rat
-aufgedrängt. Sie merkte, daß ihre Worte zu Boden fielen und keinen
-überzeugten. Da erhob sie sich, sie stand da, heiter, frei, leicht,
-stolz, sie sah die Herren an, einen um den andern, sie sagte: Wenn sie
-eine Sünde begangen habe, dann nur die, daß sie auf der Welt sei. So
-habe Gott sie geschaffen. Solange sie sich nicht auslösche, könne sie
-nicht hindern, daß man den Kopf nach ihr wende, an ihr Gefallen finde.
-
-Alle schauten sie an, selbst der rasche Federkiel des Pfarrers von Tirol
-hörte zu kritzeln auf. Mit seinen müden, grauen Augen schaute Schenna
-sie auf und ab, angestrengt starrte ihr der hagere, rechtliche Egon von
-Tübingen in die tiefen, blauen Augen, der biedere, gutmütige Berchtold
-von Gufidaun schnaufte, seufzte, aus seinen rötlichen Augen blinzelte
-der Frauenberger. Diese ihre Worte, das spürte Agnes, waren nicht zu
-Boden gefallen. Sie hatte einen Teil ihres Wesens herausgeholt,
-hochgehoben mit beiden Händen, den Männern hingehalten, stolz, vor der
-Feindin: Da! Seht her! So bin ich! Sie genoß ihre Wirkung, atmete,
-genoß.
-
-Da sah sie, daß auch die Maultasch sie anschaute. Die blauen Augen der
-Schönen tauchten tief in die braunen der Häßlichen. Und Agnes sah, daß
-Margarete lächelte. Ja, ein kleines Lächeln zerschnitt das grellweiß
-geschminkte Gesicht der Herzogin, und es war nicht gekünstelt, es war
-echt. Da wußte Agnes, daß jene vorgesorgt hatte, daß ihr Triumph im
-vorhinein vergiftet, daß sie verloren war. Sie begann plötzlich zu
-zittern, sie verfahlte, ihre Glieder erschlafften, sie mußte sich
-setzen.
-
- * * * * *
-
-In das Gemach der Verurteilten trat ungemeldet, überraschend die
-Herzogin. Agnes hatte den Spruch sehr in Haltung hingenommen, frei,
-leicht. Sie hatte sich auch, als sie allein war, gesagt, die Maultasch
-werde nicht wagen, weiter zu gehen. Aber dann hatte sie an das leise,
-tiefe Lächeln Margaretes gedacht, und den Magen herauf war ihr wieder
-jenes peinliche, fröstelnde Gefühl gekrochen, das sie früher nie gekannt
-hatte. Jetzt, als die Herzogin kam, riß sie sich sogleich zusammen,
-erhob sich höflich, nicht zu schnell, bat sie zu sitzen.
-
-Margarete sagte: »Sie haben angedeutet, Gräfin, daß zwischen mir und
-Ihnen noch ein anderes sei als die Strenge der Fürstin gegen die
-Untertanin, die sich auflehnt und das Land schädigt. Begreifen Sie doch,
-daß ich gar nichts anderes sein kann als die Fürstin; denn das
-beleidigte Land ist in mir, meine Regungen sind die des Landes.« Sie
-sagte das leicht, selbstverständlich, überzeugend, mit großer Hoheit.
-
-Agnes hörte aufmerksam, höflich zu. Sie verstand nicht, was die andere
-meinte. Sie verstand nur: »Ah, sie will etwas von mir. Sie will sich
-aussprechen mit mir. Will sich rechtfertigen. Wie schwach muß ihre
-Position sein! Sie spürt, daß sie die Unterlegene ist. Sie will mich
-übertölpeln. Nur sich nicht einfangen lassen. Nein sagen. Was sie auch
-verspricht, nein sagen.«
-
-Margarete sah, daß die andere sie nicht begriff. Sie versuchte es von
-einer neuen Seite. Müde, ein bißchen ungeduldig, doch versöhnlich sagte
-sie: »Sie haben Erfolge gehabt, Gräfin. Ich gönne sie Ihnen. Freuen Sie
-sich weiter daran. Mein Sinn und Ehrgeiz geht ganz wo andershin, suchen
-Sie das doch zu glauben. Ich will die Gewähr haben, daß Sie Tirol nicht
-weiter schaden. Nichts sonst. Bekennen Sie vor Zeugen und durch Ihre
-Unterschrift, daß Ihr Wirken meinem Land verderblich war. Schwören Sie
-auf das Evangelium, sich fernerhin jeder politischen Tätigkeit zu
-enthalten. Ich will dann das Todesurteil kassieren. Ihre Lehen fallen
-zurück an meine Verwaltung. Sie sind frei und verlassen mein Land.«
-
-Da war sie, die Schlinge. Agnes höhnte innerlich: »Nie wird sie es
-wagen, mich zu töten. Und für so dumm hält sie mich, daß sie sich ihre
-Feigheit von mir bezahlen lassen will.«
-
-Sie sagte: »Ein solches Dokument unterzeichnen kann ich nicht. Daß ich
-auf der Welt war, daß ich da war, das war wirklich meine ganze
-politische Tätigkeit. Sie können mich schwören lassen, was Sie wollen.
-Sie können es nicht verhindern, und ich kann es nicht, daß ein Mann,
-wenn er mich ansieht, nach meiner Ansicht handelt, nicht nach der
-Ihren.« Sie sah Margarete auf und ab, unverwandt; ihre blauen Augen
-glitten über sie, beredt, abschätzig, höhnisch. Verhöhnten den wüsten,
-äffisch sich vorwulstenden Mund, die herabhängenden Backen, das in
-vielen Falten fallende ungeheure Kinn, den plumpen, feisten Leib. Sie
-spähten sie aus, drangen durch die Schminke, betasteten spöttisch die
-spröde, warzige, bröckelnde Haut.
-
-Die Herzogin, tiefer geschlagen als je, bezwang nur mit Mühe ihre
-maßlose, verwirrte Erbitterung. Sie sagte, und ihr Hohn klang nicht
-echt: »Lassen Sie es meine Sorge sein, Gräfin, zu beurteilen, ob es
-nötig ist, Sie auszulöschen. Ich glaube, Sie überschätzen sich. Mir
-genügt es, wenn Sie die verlangte Erklärung unterzeichnen.«
-
-Wie matt und ohne Schlagkraft diese Erwiderung war! Sie spürte es
-selbst. Und hoch, triumphierend, genießend spürte es Agnes. Sie war
-jetzt ganz gewiß, nie wird jene wagen, den Spruch vollziehen zu lassen.
-Ihr etwas einbekennen! Ihr etwas zugestehen! Daß sie eine Närrin wäre!
-»Es tut mir aufrichtig leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können,«
-sagte sie, den konventionellen Ton süßen, spitzbübischen Bedauerns ganz
-auskostend.
-
-Die Herzogin erhob sich. In ihr stand fest: austilgen die Person! Das
-Land verlangt es. Gott will es. Aus dem Licht muß sie, von der Erde weg
-muß sie. Die Luft war verpestet, der Boden brannte, solange sie atmete,
-schritt. Schwer schleifte sie sich zum Ausgang, ein krankes,
-getroffenes, häßliches, trauriges Tier. Leicht, höflich geleitete sie
-Agnes.
-
- * * * * *
-
-Die Minister baten Margarete dringend, sie möge die Gräfin begnadigen.
-Nach diesem Prozeß werde sie sich hüten, weiter gegen Tirol zu
-intrigieren. Unter keinen Umständen dürfe die Herzogin jetzt etwas gegen
-Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert
-seien. Auch verhinderten die Minister, daß von der ganzen Angelegenheit,
-Gefangennahme, Prozeß, Verurteilung, das leiseste Gerücht ins Land
-drang.
-
-Schenna stellte Margarete vor, daß das Volk niemals Schlechtes von Agnes
-glauben werde, daß sie allen nur denkbaren fanatischen Haß gegen sich
-heraufbeschwören werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine
-Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, daß man von Mord und
-Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche
-werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden.
-Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie,
-sie möge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der
-Bestattung Meinhards.
-
-Sie sagte still: »Es geht nicht, Schenna. Der Streit muß ausgetragen
-sein, Schenna.«
-
-Der Frauenberger saß allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein
-Bursche, schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuß, hieß ihn das Feuer
-schüren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. Überlegte scharf.
-Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als
-Hochverräterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es
-Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen,
-das Regiment der Barone sich halten ließ. Tat man der Maultasch nicht
-den Willen, dann wird sie, zäh wie sie war, immer wieder darauf
-zurückkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genießen können. Was
-also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach.
-Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Quäkte. Schlief.
-
-Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgeräumt, froh über sein
-Kommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt nicht mehr über Langeweile
-beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genüge. Heute ihn, gestern die
-Maultasch. Ja, log er -- Margarete hatte ihm natürlich nichts gesagt --,
-er habe gehört, die Damen hätten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn
-leicht mißtrauisch an. Er blinzelte, begann sich über Margarete lustig
-zu machen. Er hatte süßen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den
-Polstern, ihre weiße, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er
-machte ihr den Hof. Sie fühlte sich vergnügt, beschwingt. Der Schnaps,
-den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg
-rasch zu Kopf. Er hatte sie überlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den
-Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie hätte diese Niederlage
-nicht missen mögen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte.
-
-Sie lag in den Polstern, angenehm erschöpft.
-
-Wie niedrig die Zimmer waren in Schloß Tirol. Die Decke kam herab. Immer
-tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie
-erdrückt einen ja. Sie lachte unmäßig. Oder war das ein Röcheln?
-
-Der Frauenberger blinzelte herüber, wartete. Beobachtete sachverständig.
-Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wälzte, wieder auf den
-Rücken, wie sie lachte, schnappte, röchelte, sich verzerrte, mit den
-Armen um Luft ruderte, seitwärts vom Polster glitt.
-
-Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des
-Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Gräfin von
-Flavon sei gegenstandslos, da die Gräfin, wohl infolge der Aufregung,
-soeben an einem Schlaganfall verschieden sei.
-
- * * * * *
-
-Margarete, als sie von dem Tod der Agnes hörte, spürte eine dumpfe,
-lähmende Leere. Sie war angefüllt gewesen mit dem Gedanken: Agnes, jetzt
-wich das alles aus ihr, zurück blieb eine leere Hülle.
-
-Langsam aus allen Winkeln holte sie Fetzen von Besinnung. Hätte sie sich
-nicht eigentlich frei fühlen müssen, leicht, schwebend, beglückt, nun
-die Verderberin tot und aus dem Weg war und das Land nicht mehr
-gefährdet? Nichts von dem. Mehr und mehr schwoll eine dumpfe, sinnlose
-Wut in ihr hoch. Sie hatte die Feindin unterworfen sehen wollen.
-Feierlich zum Tod geführt hätte sie bekennen sollen: Besiegt bin ich,
-ein kleines, lächerliches, verworfenes Stück Mensch bin ich, und du bist
-die Fürstin, die Hohe, die Unerreichbare, von Gott Erwählte. Ihr Tod war
-nicht wichtig, aber dies Einbekenntnis war wichtig. Und jetzt hatte man
-sie höhnisch und frech um Haß, Rache, Sieg betrogen, hatte ihr die
-Verhaßte vor der Nase weggeflüchtet an ein Ufer, an das sie nie gelangen
-konnte. Jämmerlich, roh, plump beschwindelt stand sie, und jene war
-davon, emporgeflogen, leicht, lächelnd, unbesiegt.
-
-Margarete tobte. Wozu jetzt hatte sie alle diese Opfer gebracht?
-Hingeschmissen das Land, hingeschmissen das Werk der Väter und ihr
-eigenes, schmählich sich geduckt der Habgier und der Frechheit der
-wölfischen Barone. Und jene davon, höhnisch, lächelnd.
-
-Mit unflätigen Schimpfworten übergoß sie den Frauenberger. Der feiste
-Mann stand breit, gelassen, unberührt. An seinem nackten, rosigen
-Gesicht prallten die Flüche ab wie Wasserspritzer.
-
-Sie berief den Ministerrat. Kaum sich zügelnd, die sonst so beherrschte
-Stimme heiser, ungleichmäßig, aussetzend, verlangte sie, sofort müsse
-Prozeß und Urteil publiziert, die Tote infam eingescharrt werden.
-Geschehe das nicht, werde man diesen plötzlichen Tod ihr zur Last legen.
-Einhellig, mit allen Kräften widersetzten sich die Minister. Die meisten
-glaubten wie das ganze Land, Margarete sei wirklich schuld an diesem
-dunkeln und unwahrscheinlichen Tod. Sie waren ehrlich empört über die
-frivole, gottlose Forderung der Herzogin, den Meuchelmord an der
-verhaßten Nebenbuhlerin jetzt als gerechte, patriotische, gottgefällige
-Tat hinzustellen. Ja, sie fanden die eigenen Erpressungen an der
-Maultasch durch dieses Verhalten hinterher moralisch in jeder Weise
-gerechtfertigt; es zeigte sich klar, daß man sich gegen diese maßlose
-und verbrecherische Frau nicht Sicherungen genug schaffen konnte. Im
-übrigen waren sie sehr erleichtert durch die jähe Lösung des Konflikts
-und nicht gewillt, die Dinge durch was immer neu verwirren zu lassen.
-Quäkend, unverhohlen, schneidend klar faßte der Frauenberger ihre
-Meinung zusammen. Was denn die Frau Herzogin wolle. Gott habe die
-Bestrafung des Verbrechens in seine Hand genommen. Nun sei die
-Verderberin tot, aus dem Weg geräumt. Mehr habe doch die Fürstin nicht
-gewollt, nicht wollen können. Es sei unchristlich, über den Tod hinaus
-zu hassen. Es sei dem Volk kaum zu verdenken, wenn es in solchem Fall
-losbreche. Der von Matsch führte aus: Ja, natürlich erlaube sich das
-Volk unehrerbietige Reden gegen die Herzogin. Es sei auch nach seinen
-Informationen da und dort infolge des Todes der Gräfin zu
-Demonstrationen gekommen. Aber da sie, die Minister, geschlossen hinter
-der Fürstin stünden, werde man mit solchen kleinen Revolten leicht
-fertig werden. Schon seien mehrere Demonstranten festgenommen, man werde
-sie öffentlich stäupen lassen, das werde den andern den Mund stopfen.
-Infamiere man aber die Tote, dann werde die Empörung so allgemein sein,
-daß er für nichts einstehe. Der redliche Gufidaun, der nach langem
-Ringen zu der Überzeugung gekommen war, die Herzogin sei nicht schuldig,
-brachte in mühsamer Rede seine Ansicht zutage: Die Verbrecherin sei tot.
-Teurer als mit dem Leben könne vor irdischen Richtern niemand seine
-Schuld bezahlen. Das Gedächtnis der Toten zu verunglimpfen, stehe einer
-so hohen und edeln Frau wie der Herzogin nicht an. Er setzte sich
-verlegen; er redete selten. Alle pflichteten ihm bei.
-
-Die Herzogin sah auf Schenna. Der kratzte mit seinen dürren Fingern
-nervös den Tisch, schwieg.
-
-Margarete beharrte. Mit fieberischen, stammelnden, ungeordneten Worten
-erklärte sie immer wieder, sie gehe nicht ab, sie sei das ihrem Prestige
-schuldig, sie bestehe darauf.
-
-Doch die Minister blieben fest. Sie beriefen sich auf das Abkommen, sie
-zeigten die Zähne, erklärten, niemals würden sie die erforderliche
-Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Tote geben. Margarete geiferte von
-Meuterei, Empörung. Die Minister erwiderten, sie nähmen diesen Vorwurf
-ruhig hin. Ihr Gewissen sage ihnen, ihr Widerstand geschehe im Interesse
-des Landes und der Herzogin selbst; auch seien sie, wenn sie sich vor
-die Tote stellten, der Billigung der ganzen Christenheit gewiß.
-
-Margarete mußte sich fügen.
-
-Sie wütete kraftlos, versagend. Die Minister, die Lumpenkerle, die
-Feiglinge! Wie froh sie waren, ihren Spruch nicht vertreten zu müssen!
-Wie schamlos hatten sie sie übertölpelt! Sie um das Land geprellt und
-sich dann mit übler Sophisterei dem Pakt entzogen. Lumpen, Gauner,
-Erpresser! Sie dachte daran, sich an das Ausland um Hilfe zu wenden.
-Aber die Wittelsbacher waren geschworene Anhänger der Agnes, und der
-Habsburger war zu klug, um sich durch Maßnahmen gegen die Tote von
-vornherein unpopulär zu machen.
-
-Sie wagte einen äußersten, hilflosen Versuch, die Tote zu besiegen. Sie
-setzte in letzter Stunde die Beerdigung Meinhards so an, daß sie
-zusammenfiel mit der Beerdigung der Agnes. Wer nach Taufers ging zu der
-toten Agnes, mußte der Bestattung des Landesfürsten fernbleiben.
-Trotzig, verzweifelnd, rief sie das Land an, zu entscheiden zwischen ihr
-und der Toten.
-
-Schweigsam, vor sich hintrotzend, verwildert saß sie auf Schloß Tirol,
-wartete, wer zu ihr kommen werde, wer zu Agnes. Im tiefsten Innern wußte
-sie so gut wie alle, daß Agnes sie durch ihren Tod besiegt hatte, daß
-der Kampf aus war und die Tote durch keine Kraft und keine List mehr
-erreichbar.
-
-
-
-
-Die Herren des Kabinetts verständigten sich, wer an der Bestattung des
-jungen Herzogs teilnehmen, wer nach Taufers gehen solle. Sie kamen
-überein, jedem einzelnen Entschluß und Verantwortung für sich zu
-überlassen. Die meisten beschlossen, zur Gräfin von Flavon zu gehen.
-Hatten sie nicht die Hände rein von diesem Blut? Warum sollten sie es
-nicht zeigen? Der Frauenberger, der Deutschordenskomtur Egon von
-Tübingen, der redliche, schwerfällige Gufidaun beschlossen, in Tirol zu
-bleiben.
-
-Jakob von Schenna saß spät abends noch wach. Aber er las nicht in dem
-Buch, das er sich aufgerollt hatte. Er ging auf und ab mit seinem
-steifen, ungleichmäßigen Schritt. Er hatte erst vorgehabt, krank zu sein
-und weder nach Tirol, noch nach Taufers zu gehen. Das Politische war ihm
-gleichgültig. Die Meinungen und Wallungen des Pöbels kümmerten ihn
-nicht, und er hatte für seine Person viel zu wenig Ehrgeiz, um sie in
-Rechnung zu stellen. Der Streit zwischen den Frauen aber hatte ihn von
-je erregt; er rührte ihn noch tiefer auf, seitdem er zwischen der Toten
-und der Lebenden ging. Margarete hatte Hilfe von ihm verlangt; er hatte
-sie ihr, zum erstenmal, versagt. Er wollte sich nicht hineinziehen
-lassen in diesen Kampf, er wollte nicht Partei nehmen. Er wollte nicht.
-
-Wiederum vielleicht fast als einziger durchschaute er die Zusammenhänge.
-Margarete, die Fürstin, hatte recht. Agnes war die Verderberin gewesen,
-es war ein Segen für Tirol, daß sie weg war. Aber hatte Margarete die
-Fürstin den Schlag geführt oder Margarete die Frau? Hatte Agnes sterben
-müssen, weil sie das Land schädigte, oder weil sie schön war? Er wagte
-nicht, zu entscheiden. Dies eine war gewiß: Agnes war die schönste Frau
-gewesen vom Po bis zur Donau. Er war ein alternder Herr. Wagte er
-vielleicht nur deshalb nicht zu entscheiden?
-
-Er wollte nicht bequem sein, er wollte nicht alt sein. Es war nicht
-recht gewesen von der Maultasche. Er hatte ihren wüsten Mund
-hingenommen, ihre Hängebacken, ihre ganze, arme Häßlichkeit. Ihren Haß
-gegen die Tote nahm er nicht hin. Ein simples, gerades Gefühl stellte
-sich gegen sie. Man mußte Zeugnis ablegen für die Schönheit. Er wird
-nach Taufers gehen.
-
- * * * * *
-
-Vom Pustertal her über Bruneck goß es sich in das Tal von Taufers.
-Niemals hatten diese Berge soviel Menschen gesehen. Durch den hohen
-Schnee mühselig stapfte es heran, bald war eine Straße getreten. Unter
-dem freien, bestirnten Himmel nächtigte es in der scharfen, klaren
-Kälte. Eine Stadt von Zelten breitete sich. Tausende und immer neue
-Tausende schoben sich heran, Weiber, Kinder, die Mühsal und Gefahr des
-Winters nicht scheuend. Durch die Schneeluft klangen die Verwünschungen
-der Margarete, der Hexe, der Gezeichneten. Ruchlos, meuchlings hatte die
-wüste Teufelin die sanfte, süße Agnes ermordet. Nun lag sie aufgebahrt
-in der Kapelle von Taufers, ein Engel Gottes, wächsern, eine bunte,
-schöne Heilige. In endlosem Zuge wallte es an ihr vorbei, sehr
-verschieden von Stand, Alter, Aussehen, Barone, Bauern, Bürger, aber
-alle andächtig, ergriffen, mitleidig, alle voll wilder, fluchender
-Empörung gegen die Herzogin.
-
-Vereinsamt indes in der Kapelle von Schloß Tirol lag der tote Meinhard,
-letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren
-geblieben, die unter allen Umständen bleiben mußten.
-
-Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde
-Umgebung, übersah die Lücken unter den Gästen, traf, umkrustet, die
-letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da?
-Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht?
-Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg
-Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers.
-
-Auch Schenna.
-
-Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang
-durch alle Essenzen und Gewürze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den
-Atem, die wachehaltenden Offiziere mußten von Stunde zu Stunde
-gewechselt werden.
-
-Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle.
-Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung
-scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal,
-das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rührte sich nicht.
-
-Auch Schenna.
-
-Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie
-rechtete mit ihr. Jene lächelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was
-alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer
-glatten, nichtigen, schamlos genießerischen Schönheit. Hier in der
-Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche,
-berühmte Land in den Bergen gefügt hatten und zusammengeknetet, hielt
-sie der toten Feindin vor, was sie zerstört hatte, verdorben, verhunzt.
-Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte
-sich rings um sie, sie lächelte, glitt, sprach nicht.
-
-Auch Schenna.
-
-Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt.
-Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war
-tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna.
-
-Dann, andern Tages, wölkte der Weihrauch, sangen die Trauerchöre, sank
-der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft.
-Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chöre blühten nicht in die
-Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die spärlichen Teilnehmer
-standen steif, unbehaglich, fröstelnd.
-
-In der Zeltstadt um Taufers hatte ein großes Trauergelage angehoben. An
-riesigen, offenen Feuern wärmte man sich, briet und sott man. Die
-scharfen Grenzen der Stände verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem
-Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, genoß er statt Rüben und
-Sauerkraut. Der Stadtbürger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In
-der fröhlichen Kälte hob ein großes, gerührtes, trauerndes, maßloses
-Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in
-überschwenglichen Reden der engelhaften Schönheit, Milde, Güte der toten
-Gräfin von Flavon; wilde Flüche gellten gegen die Maultasche, die
-Teufelsbuhle und Mordbübin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklärt
-von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden,
-gebratenen Fleisches und flutenden Weines.
-
-Einsam in Schloß Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif
-saß sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an
-der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der
-Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen
-den Kämmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremoniös zu
-Tische. Margarete saß steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer
-Fülle, wurden unberührt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei
-Stunden lang.
-
- * * * * *
-
-Der Sekretär des Frauenbergers, der stille, demütige Kleriker, bekam zu
-tun. Die Minister nützten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus,
-den sie der Herzogin abgepreßt hatten, teilten das Land unter sich auf.
-Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien,
-Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden
-gewesen, verglich man es mit der großzügigen Plünderung Tirols durch
-dieses Kabinett der Maultasch.
-
-Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverständlich die
-Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und
-Schloß Penede östlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die
-Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von
-Freundsberg Festung und Pflege Straßberg bei Sterzing. Ganz aus dem
-Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie ließen sich Nauders
-zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schloß Jufal
-am Eingang ins Schnalser Tal.
-
-Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen
-schauten mißbilligend zu, hielten sich, belächelt von den andern um ihre
-Naivität, die Hände rein.
-
-Schenna schüttelte betrübt den Kopf über die Habgier der Kollegen. Sagte
-sich schließlich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und
-sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege
-Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schließlich, ganz
-trübsinnig über soviel Schwäche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb
-Cavalese.
-
-Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im
-Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfändet und
-verschenkt.
-
- * * * * *
-
-Über den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fünf
-Männer. Sie sanken in Schneemulden, kämpften sich heraus, zerschrundeten
-sich Hände und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trügerischen
-Schneehalden, hundertfältig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bären
-folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei
-Tage so arbeiteten die Männer sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau
-wieder eine menschliche Siedlung erreichten.
-
-Es waren Rudolf, Herzog von Österreich, Herr von Rappach, sein
-Hofmeister, Herr von Laßberg, sein Kämmerer, und zwei Knechte.
-
-Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier
-eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwäbischen
-Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk
-meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschluß an Meinhards Tod
-entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertänig auf,
-so schnell wie möglich in das Land in den Bergen zu kommen.
-
-Rudolf überlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich
-um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit für Tirol. Ja, der
-Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, daß er jetzt auf kürzestem
-Weg, überraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurück nach
-Wien? Militär? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in
-den Pinzgau, hörte nicht auf die Beschwörungen, jetzt im Winter von der
-Überquerung der Tauern abzustehen, drang zäh, ums Leben kämpfend, über
-den Paß, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers
-unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergäste. Hörte von dem neuen
-Ministerium, seinen unerhörten Vollmachten, seinen Plünderungen. Kam
-nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der
-Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen.
-
-Da stand er nun. Das Land, sein Land, für dessen Besitz er und sein
-Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewalttätigen
-Barone, wurde jämmerlicher zerstückt von Tag zu Tag. Er war ganz allein;
-sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in
-Österreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze
-zusammenzuziehen. Aber bis solche Maßnahmen wirksam wurden, konnte das
-Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll
-Gefahr seine Situation war. Es war möglich, daß die entzügelten,
-verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurückscheuten,
-sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben
-konnte, seiner bemächtigten, ihm Bestätigungen, Zugeständnisse
-abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom
-Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von
-seinem persönlichen Auftreten.
-
-Der Frauenberger ließ sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums.
-Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr kühl,
-verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf
-vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes
-Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt,
-daß Rudolf den Ministern garantiere, daß ihre Privilegien und
-Verfügungen für mindestens zwölf Jahre in Geltung blieben.
-
-Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und
-widerwärtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbübisch zu,
-einverständnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und
-Krämer dem andern. Hochmütig sagte der Habsburger: Das seien merkwürdige
-Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In
-Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche
-Vorschläge an seinen Fürsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher
-Fürst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger
-nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute
-gleichmütig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen
-Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schloß kalt, er
-sei bereit, zu prüfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht
-bestünden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, quäkte frech, behaglich,
-vergnügt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne
-damit, die Prüfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch
-auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spät und
-unter so merkwürdigen Umständen aufgefundenen habsburgischen
-Hausprivilegien anzuzweifeln.
-
-Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die
-schmale, feste, knochige Hand. Mit dem bräunlichen Handrücken schlug er
-in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links.
-
-Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien
-durchaus nicht weiter gekränkt, nur maßlos verblüfft. Die rötlichen,
-lidlosen Augen starrten auf den Fürsten, sahen die niedere, eckige,
-entschlossene Stirn, die Hakennase, die hängende Unterlippe über dem
-starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte stärker, wiegte den Kopf,
-hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging.
-
-Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lächelte, lachte.
-
-Der Frauenberger sagte sich: »Man könnte ihn beiseite schaffen. Aber es
-wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewiß
-vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klüger, sich nicht
-mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schöne Regiererei. Aber ein
-Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab' auch so genug
-beisammen. Wer hätte mir eine solche Karriere zugetraut? Man muß
-schauen, soviel wie möglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier?
-Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu groß wird.
-Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.«
-
-Er pfiff sein Lied, streckte sich, gähnte geräuschvoll, knackte mit den
-Gelenken, schlief.
-
- * * * * *
-
-Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die
-Herzogin. Er begrüßte die Starre, Verschlossene, drückte ihr auch
-mündlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit höflichen, bestimmten
-Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Höfen als Fürstin von
-Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, daß jetzt die kurzen Tage ihrer
-Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so,
-daß der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust
-ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfähig mache, ihre großen Gaben zu
-nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine
-feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren
-würden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im
-Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwägen, ob
-Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus
-Österreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des
-Landes abtreten wolle.
-
-Reglos saß die alte, plumpe Frau vor dem jungen Fürsten. Der breite,
-wüste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmückten Hände lagen tot auf
-dem schweren, schwarzen Damast des Kleides.
-
-Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete,
-setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken.
-Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, kräftig
-gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen
-Besitzungen. Aber dafür stehe er ihr ein, der Fürst der Fürstin, es
-werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tüchtig. Was sie
-persönlich angehe, so werde für ihre Bedürfnisse bestimmt reicher und
-herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone.
-
-Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor
-sich hin. Rudolf schloß: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem
-Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben
-und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu überlegen.
-
-Margarete sagte mit rostiger Stimme: »Es bedarf weiter keiner
-Überlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie
-folgerichtig Ihre Gedanken sind.«
-
-Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die
-geschminkten Hände nach außen, ließ sie sinken. Ließ gleiten, ließ
-fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Städte, ihr Werk, das Werk ihrer
-Väter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewalttätigen, Heinrichs, das
-Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl.
-
-Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen
-Gesten; aber es rührte ihn tief und sonderbar an, wie die Häßliche vor
-ihm stand, entblößt, demütig, müde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf
-ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren
-Händen; er werde sich bewußt bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur.
-
- * * * * *
-
-Nach allen Richtungen liefen die Kuriere mit Briefen und Dekreten der
-Herzogin. Margarete erklärte darin, infolge besonderer Umstände und der
-Schwäche des weiblichen Geschlechts sei sie nicht in der Lage, ihr Land
-so zu verwesen, wie es sein Vorteil erfordere, und alle und sich selbst
-nach Gebühr zu schützen. Nach dem Rat ihrer Minister und der
-Repräsentanten des Volkes überantworte sie daher ihre würdigen und edeln
-Grafschaften zu Tirol und zu Görz, die Lande und Gegenden an der Etsch
-und das Inntal mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen,
-Klausen, Städten, Tälern, Gebirgen, Märkten, Dörfern, Weilern, Lehen,
-Höfen, Vogteien, Gerichten, Münzen, Mauten, Zehenten, Zöllen, Zinsen,
-Steuern, Gefällen, Gehölzen, Gefilden, Wäldern, Huben, Weingärten,
-Äckern, Seen, fließenden Wassern, Fischteichen, Wildbahnen, kurz ihr
-ganzes väterliches Erbe ihren lieben Vettern und nächsten Anverwandten,
-den Herzogen von Österreich. Und sie gebiete ernstlich und festlich, daß
-alle ihre Prälaten, Äbte und alle Pfaffheit, dazu die Burggrafen,
-Pfleger, Vögte und alle Behörden in Tirol und allerwärts in ihren
-Ländern, dazu die ganze Bevölkerung huldige und schwöre für jetzt und
-alle Zukunft den Herzogen von Österreich als ihren rechten Fürsten und
-Herren.
-
-Vornächst leisteten alle widerstandslos den verlangten Eid der Treue und
-des Gehorsams. Am dritten Februar huldigte Bozen, am fünften Meran, am
-neunten Sterzing, am zehnten Innsbruck. Allein von den Feudalherren
-hatten sich nicht alle so klug beschieden wie der Frauenberger. Sie
-versuchten wenig aussichtsreichen Widerstand, zettelten mit den
-Wittelsbachern, mühten sich, den Norden gegen Habsburg zu
-revolutionieren. Als Rudolf in Hall erschien, die Huldigung der Stadt
-entgegenzunehmen, kam es zu offenem Aufruhr, der Herzog selbst geriet in
-Lebensgefahr. Aber die Bürger von Hall hielten den Söldlingen der Barone
-Widerpart, die Stadt Innsbruck schickte dem Habsburger Hilfe, es erwies
-sich, daß die Städte entschlossen waren, ihn unter allen Umständen gegen
-die Willkürherrschaft der einheimischen, von bayrischen Agenten
-unterstützten Aristokraten durchzusetzen. Mit Stolz konnte wenige Tage
-später der Österreicher dem befreundeten Dogen von Venedig, Lorenzo
-Celsi, berichten: »Auf friedlichem Weg, ohne viel Widerstand, sind Wir
-in den Besitz des Landes in den Bergen gelangt, dessen Erbe vom Vater
-her Uns zusteht. Edle und Unedle haben Uns den Eid geleistet und
-anerkennen Uns als ihren Herrn. Alle Straßen und Übergänge von
-Deutschland nach Italien sind, dank der Gnade des Allerhöchsten, in
-Unserer Hand.«
-
-Margarete besorgte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die umständlichen,
-verwickelten Geschäfte der Übergabe. Aber sie empfing nur die
-notwendigsten Besucher, sprach kein Wort über das Amtliche hinaus.
-Unauffällig dann, mit ihrem dürren Fräulein von Rottenburg und zwei
-Lakaien, wollte sie das Land verlassen. Doch Rudolf gab es nicht zu, daß
-sie so klanglos und ohne Repräsentation davonzog. Er ordnete an, daß der
-scheidenden Fürstin jede nur denkbare Ehrung erwiesen werde. An den
-Grenzen ihrer Territorien empfingen sie die Feudalbarone, am Weichbild
-der Städte die geistlichen und weltlichen Behörden. Allein die Sänfte
-der Herzogin blieb verschlossen, nur undeutlich zwischen den Vorhängen
-erkannte man sie, die starr, reglos in der Roßbahre vorüberschwankte.
-Scheu und neugierig spähte das Volk, sah nichts. Da zog sie fort, krank,
-abgerissen, die Verderberin, die Hexe, die Mörderin, die Männersüchtige,
-Unersättliche, die Häßliche, die Maultasch. Hinter ihr, wild, grausam,
-schmutzig, schlugen groteske Legenden zusammen. Rasselten nicht und
-klirrten unheimlich auf ihren Schlössern die zurückgelassenen Waffen?
-Schepperten nicht in den Kellern und Verliesen die Gerippe der von ihr
-Ermordeten? Man mied die Orte, wo sie gern geweilt hatte, sie waren
-nicht geheuer. Man schreckte die Kinder: Wenn ihr nicht folgsam seid,
-holt euch die Maultasch. Das Vieh mochte das schöne, fette Gras nicht
-fressen auf den Almen über Schloß Maultasch.
-
-Als sie Innsbruck hinter sich hatte, hörte sie, in der Sänfte vor sich
-hinbrütend, eine kleine, spitze Stimme: »Leben Sie wohl, Frau Herzogin.«
-Sie schrak auf, fragte das dürre Fräulein von Rottenburg: »Wer ist da?«
-Das Fräulein hatte nichts gehört. Margarete spähte durch die Vorhänge.
-Da sah sie zwei winzig kleine, bebartete Wesen. Sie trippelten am Rande
-der Straße, sie schauten aus uralten, ernsten Augen auf die Herzogin,
-sie zogen die schmutzigbraunen, altmodischen Mützen, neigten sich
-ehrerbietig, viele Male. Da verlor Margarete ihre Starre, die Schultern
-wurden ihr schlaff, die dicke, häßliche Frau sank schwer in sich
-zusammen.
-
-Sie kam an die Grenze zum bayrischen Chiemgau. Hier war eine
-Ehrenkompanie aufgestellt, präsentierte die Lanzen. Sich senkende
-Fahnen, Musik. Die Vorhänge blieben heruntergelassen, die Sänfte
-schwankte über die Grenze, ins Bayrische. Sowie sie außer Sicht war,
-holten die Zollsoldaten ihrer Weisung gemäß die schönen, schweren Banner
-der Gräfin von Tirol herunter, gemächlich, gähnend, pfeifend, zogen an
-ihrer Statt die neuen, nüchternen, sauberen Fahnen hoch mit dem roten
-Löwen Habsburgs.
-
- * * * * *
-
-Langsam ruderte die kräftige Magd das schwere, ungefüge Boot von der
-kleinen Fraueninsel weg über den Chiemsee. Es war Mittag, sehr heiß, das
-Wasser lag blaß, weit, still. Die beiden geistlichen Herren im Boot, der
-Kanzler, Bischof Johann von Gurk, und der Abt von Viktring, der Uralte,
-waren schlecht gelaunt. Der Florentiner Chronist Giovanni Villani, der
-Nebenbuhler des Abtes, hatte das sensationelle Gerücht aufgebracht,
-Margarete, Herzogin von Bayern, Markgräfin von Brandenburg, Gräfin von
-Tirol, lebe seit ihrer Abdankung in tiefster Not, der Habsburger lasse
-sie Hunger leiden, Entbehrung, jedes Elend. Die Herren waren nun im
-Auftrag Herzog Rudolfs in Frauenchiemsee gewesen, wo Margarete jetzt
-lebte, um sie zu bewegen, in Wien oder einer beliebigen anderen Stadt
-würdig Hof zu halten. Hatte ihr nicht der Habsburger die reichsten
-Einkünfte verschrieben, die vier Ansitze Gries bei Bozen, Stein auf dem
-Ritten, Amras, Sankt Martin bei Zirl, die Einkünfte der Feste Straßberg,
-des Passeyers, der Stadt Sterzing, dazu eine Jahresrente von
-sechstausend Veroneser Pfund? Die Hofhaltung der Herzogin hätte es mit
-der jedes deutschen Fürsten aufnehmen können. Allein weder die
-höflichen, klugen Argumente des Bischofs, noch die lateinischen Zitate
-des Abtes und seine Beispiele aus der Geschichte hatten sie weglocken
-können.
-
-»Sie ist jeder Bewegung abgestorben,« klagte der Bischof auf lateinisch.
-»Es kümmert sie nicht, ob Tirol Frieden hat oder Krieg. Ich habe ihr von
-dem Einbruch des Wittelsbachers erzählt, von der brutalen Einäscherung
-und Plünderung des Inntals. Sie hört zu, als spräche man vom Wetter.«
-Der See lag ganz still, weißlich flirrend, gleichmäßig tauchten die
-Ruder. Der Uralte schwieg. »Dabei häufen sich ihre Einkünfte,« hub
-wieder der Kanzler an. »Sie werden ihr pünktlich überwiesen, kein
-Pfennig wird angetastet. Das Gold türmt sich in ihren Schlössern. Sie
-muß unausdenkbar reich sein. Beim Herkules!« schloß er ärgerlich, »jener
-Italiener ist ein treuloser Verleumder und Verkleinerer, ein schlechter
-Pasquillant.«
-
-Dem ausgetrockneten Uralten ging das Herz auf bei dieser Kennzeichnung
-des Konkurrenten. »Recht spricht deine Eminenz,« sagte er mühsam,
-zahnlos. »Wer hätte je gezweifelt, daß jener ein armseliger, niedriger
-Schwätzer ist?«
-
-Am Ufer der kleinen Insel, vernachlässigt, grellweiß geschminkt, unter
-Gerank und sehr farbigen Bauernblumen, saß die Herzogin, schaute dem
-Boot nach. Es war ganz still, Mücken flirrten, ein Wasservogel schrie
-verschlafen. Ein starker Geruch von Fischen, Netzen, Tang stand in der
-heißen, unbewegten Luft. Das Boot rückte sehr langsam von der Stelle,
-bog um die Spitze der vorgelagerten, größeren Insel, war nicht mehr
-sichtbar.
-
-Aus dem niedern, gelblichgrauen, besonnten Fischerhaus kam ihr dürres
-Fräulein, holte die Herzogin zum Essen. Margarete stand auf, reckte sich
-träg, ging mit ihrem schweren, schleifenden Schritt dem Haus zu. Der
-Mund wulstete sich äffisch vor, die Backen hingen schlaff, riesig,
-unförmig herab, die Schminke konnte die Warzen nicht verdecken. Das
-dürre Fräulein, still, demütig, öffnete die ungefüge, niedere Tür vor
-ihr. Wolkig drang der Geruch gebratener Fische heraus. Margarete
-schnupperte ihn behaglich ein, ging ins Haus.
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Ausgaben, sind hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 42]:
- ... der Liturgie zwang ihr Bewunderung ab. Sie ...
- ... der Liturgie zwangen ihr Bewunderung ab. Sie ...
-
- [S. 93]:
- ... Tugenden Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ...
- ... Tugenden des Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ...
-
- [S. 112]:
- ... die starke Nase stach spitz auf dem Tuch, Mund und Kinn ...
- ... die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn ...
-
- [S. 145]:
- ... gegenüber. Zu ihren Häuptern an den Wänden schritten ...
- ... gegenüber. Zu ihren Häupten an den Wänden schritten ...
-
- [S. 275]:
- ... schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an Seite des Kaisers. ...
- ... schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des
- Kaisers. ...
-
- [S. 284]:
- ... die Albino herum. ...
- ... den Albino herum. ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die häßliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HÄßLICHE HERZOGIN ***
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/59464-h/59464-h.htm b/59464-h/59464-h.htm
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@@ -95,41 +95,7 @@ div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die häßliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die häßliche Herzogin
-
-Author: Lion Feuchtwanger
-
-Release Date: May 9, 2019 [EBook #59464]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HÄßLICHE HERZOGIN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 59464 ***</div>
<div class="frontmatter chapter">
@@ -13230,379 +13196,7 @@ sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die häßliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HÄßLICHE HERZOGIN ***
-
-***** This file should be named 59464-h.htm or 59464-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/9/4/6/59464/
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
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-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
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-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
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-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
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-posted with the permission of the copyright holder found at the
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- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
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- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
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- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
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- Literary Archive Foundation."
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-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
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-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
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