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diff --git a/56512-0.txt b/56512-0.txt new file mode 100644 index 0000000..d41a7d8 --- /dev/null +++ b/56512-0.txt @@ -0,0 +1,4239 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56512 *** + + + + + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an, +Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart +dargestellt war. + +Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden +Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter +belassen. + + + + + Schiff vor Anker + + +[Illustration: Gorch Focks Elternhaus auf Finkenwärder, im Vordergrund +seine Mutter] + +[Illustration: Gorch Focks Grab auf Stensholmen in Schweden] + + + + + Schiff vor Anker + + Erzählungen von + + Gorch Fock + + Aus dem Nachlaß herausgegeben + von Aline Bußmann + + Mit Bildern von Gorch Focks Elternhaus + auf Finkenwärder und seinem + Grabe auf Stensholmen in Schweden + + Hamburg + Verlag von M. Glogau jr. + 1920 + + + + + 1.-10. Tausend. + Mit Umschlagzeichnung von Bernhard Klein. + + + Zeilenguß-Maschinensatz und Druck + von Oscar Brandstetter in Leipzig. + + + + +Inhalt. + + + Seite + + An Gorch Focks Freunde 7 + + De solten See 9 + + Herbst entgegen 20 + + Karen 29 + + Vor Ostern 40 + + Kassen Witt sin Freeree 54 + + Pulli 68 + + Sonntagnachmittags 83 + + Hans Otto 89 + + Ditmer Koels Tochter 99 + + Schiffbrüchig 115 + + »In Gotts Nomen, Hinnik!« 123 + + Auf Helgoland 131 + + Die sieben Tannenbäume 143 + + Ein Sterben 154 + + + + +An Gorch Focks Freunde. + + +Längst ist Gorch Focks Schiff vor Anker gegangen. Und wir haben seine +Schätze davongetragen, die er in der Unendlichkeit des Meeres, in Ferne +und Nähe, in Stürmen und Stille in seine Seele gesammelt hatte. Und wir +sind mit vollen, schweren Händen davongegangen. + +Nacht und dunkle Nebel haben sich nun auf das Land gelegt, für das +Gorch Fock sich hingegeben, wenig matte Sterne leuchten am verhüllten +Himmel. Wir sind noch einmal den Weg zurückgegangen zu Gorch Fock, an +seinem Schiffe glommen noch leise das rote Licht seiner Lebensliebe, +das grüne seines hoffenden, unverzagten Herzens, und inmitten der +beiden das helle, gelbe, strahlende Licht seines Daseins. Und in +dem still gewordenen Schiff haben wir noch einmal nach vergessenen, +liegengebliebenen Kostbarkeiten gesucht und fanden Dinge, die nicht +untergehen sollen in Vergessenheit. + +Bunt ist die Kette, die daraus wurde, Altes und Neues ist +nebeneinandergereiht, aber in jedem ist Gorch Focks Geist, der in +allen, die ihm nahe sind, lebendig bleiben möchte. + + Aline Bußmann. + +Hamburg 1919. + + + + +De solten See. + + +Ein Tropfen Tinte sitzt in meiner Feder und will verschrieben sein. + +Was ist es, das mich wiegt? Wo bin ich? Was klirrt da? Ist es mein +Schwert? Oder habe ich nur geträumt? Sind wir schon auf der Nordsee, +haben wir das Skagerrak schon hinter uns, und ist unser Ziel, das +Eiland Heiligland, schon in Sicht gekommen? Was da unter und neben mir +gluckt und plätschert und gurgelt: ist das schon das grüne Wasser der +Nordsee, von dem der Skalde gestern erzählte? Es muß wohl so sein, +denn diese Dünung ist nicht mehr so lang wie die des Atlantischen +Weltmeeres! Es wird den alten Seekönig von Herzen freuen, daß unser +Drachenschiff so schnelle Fahrt gemacht hat, in vier Tagen vom +Hardanger bis Heiligland, und er wird morgen lachen, wenn es Tag +geworden ist! Vielleicht gießt er wieder einen Becher roten fränkischen +Weins in das Meer, wie er tat, als der junge König von Heiligland +um seine Enkelin warb! O Gerda, nach der sich die Augen aller +Schiffsgenossen immer noch drehen, ob du gleich Braut bist und zu +deinem Bräutigam fährst, du bist schön wie die Sonne, die aus der See +steigt! Die stillste See kann den blauen Himmel nicht so widerspiegeln, +wie dein Auge es tut. Stünde ich mit dir auf dem hohen, roten Felsen, +blickte ich mit dir über das weite Meer, wiese ich dir die Segel in +der Tiefe und die Wolken, die an der Kimmung aus dem Wasser steigen, +du Königskind, ich wollte lachen wie der lichte Balder! Denn ich liebe +dich wie die See, und die See liebe ich wie dich -- und niemals hat ein +Wiking ein größeres und tieferes Wort gesprochen als dieses. Steuern +wir nach der Hochzeit nordwärts, der Mitternachtssonne entgegen, so +lehnst du nicht mehr mit wehendem Haar am Mast, Gerda. Niemals höre +ich dein Lachen wieder -- aber mir bleibt die See, die hohe Trösterin, +deren Atem alle Wunden heilen kann. Sie wird dem Wiking helfen! Murmelt +nur weiter, Wellen am Bug, und erzählt mir vom Meere ... + +Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben +sein. + +Ich habe die Augen geöffnet und erkenne, daß ich geträumt habe! +Ich liege nicht im Bauch des nordischen Drachens, sondern auf der +Diele eines Fischerfahrzeuges, unseres Ewers, und stecke in einem +alten, geflickten Focksegel, in das ich mich der Sommerhitze und der +aufrührerischen Wanzen wegen eingewickelt habe. Unter meinem harten +Lager strömt das Wasser, das wir im Raum haben, von einer Seite nach +der andern. Es gurgelt im Bünn, dem großen Fischkasten, und es klatscht +im Wasserfaß. Die Ölröcke und Südwester, die an der Decke hängen, +scheuern unruhig hin und her, als baumelten sie im Winde. Gegen den +Bug aber springen und hüpfen die Wellen der Nordsee und kluckern wie +junge Enten im Graben. Was sie mir erzählen wollen, das haben sie +schon Siegfried und Hagen sagen wollen, als sie die Fahrt nach Island +unternahmen! Und wenn es auch noch kein Menschenohr begriffen hat: +gefreut und erquickt hat es schon abertausend Menschenherzen und wird +sie immer erquicken, so lange es eine See auf der Welt gibt. Aber +nun singt mich wieder in Schlaf, ihr Wellen, ihr Seen, denn wir sind +mitten im Streek, fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff +auf Zungen, und wenn ich nicht geschlafen habe, kann ich keine gute +Wache gehen. Noch einmal blicke ich durch die offene Kapp nach dem +tiefdunklen, sternenbesäten Nachthimmel hinauf, sehe den dunklen +Großtopp durch die Sterne wandern, höre die Gaffel knarren und den +Bestmann schnarchen, dann nimmt der schwere, gleichmäßige Schritt des +wachhabenden Schiffers an Deck mich mit, und der Schlafbaas mustert +mich wieder an. + +Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben +sein. + +Immer noch dieser schwere Schritt auf dem Achterdeck! Oder ist es ein +anderer? Ja, der Schritt ist dumpfer ... Schwarz und tot treibt die +mächtige Kogge hinter Borkum auf der stillen See. Bis auf den Mann im +Krähennest und den leise summenden Posten auf dem hohen Bord scheint +das ganze Schiff zu schlafen. Über die Stengen und Wanten kriecht +der Mondschein. Wie in schwerem Bann ist die See erstarrt. Zu Stahl +scheint sie geronnen zu sein. Ringsum kein Schiff und kein Land, nur +die tote See. In der Admiralskajüte aber wacht ein Licht und wachen +zwei Menschen. Wie ein Gespenst wandelt der Schatten des langen Klaus +Störtebeker an der Wand. Ruhelos geht der junge Seeräuber auf und ab. +Mitunter hebt er das geblümte flandrische Tuch und blickt aus dem +kleinen Guckloch über die mondbeschienene Wasserfläche, dann nimmt +er seine Wanderung wieder auf. Quälen ihn seine wilden Taten, oder +hält der Madeirawein ihn wach? Der rotbärtige Godeke Michels, sein +Spießgeselle, der auf der halbmondförmigen Bank sitzt und kaum noch +die müden Augen offenhalten kann, sagt zuletzt: »Tu es, Klaus, nimm +die junge Gesina und bleib an Land, tu dem alten Grafen den Gefallen +und gib die Seefahrt auf, überlaß mir die Schiffe, laß Messen lesen +und werde ein ehrlicher Kerl an Land. Von Schottland bis Tunis gibt es +kein zweites Weib wie Gesina, und sie liebt dich.« »Sie liebt mich,« +wiederholt Störtebeker langsam. »Ein geruhiges Leben hinter Deichen, +zwischen Menschen und Weibern und Blumen, keinen Sturm und keine Not. +Gesina ist schön. Und doch: nein, Godeke! Meine Meerfahrt ist mir +lieber als das beste Weib!« »Du bist ein Hansnarr,« murrt Michels, +als Störtebeker jetzt an den alten Ostfriesen schreibt. Geräusche und +Gespräche unterbrechen jäh die nächtliche Stille an Deck: die Schaluppe +muß zu Wasser, damit der Brief sofort bestellt werde. Als das Geknarr +der Riemen in der Weite verklingt, wendet der Seeräuber sich von der +Reling, blickt noch einmal nach den riesenhaften Fledermausflügeln +hinauf und tritt wieder in seine Kajüte. Er hat sich der See +verschrieben, das weiß er. + +Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben +sein. + +Ich muß auf einer Segelöse, auf einer Kausch gelegen haben, denn +mein Rücken schmerzt. Oder hat die mütterlich-sorgliche Natur mich +geweckt, die weiß, daß wir alle drei Stunden unsere Kurre einziehen. +Ist es an der Zeit? Ich öffne die Augen: es ist hell, die Sterne +sind verblaßt! Da ruft es auch schon singend zum Einziehen. »Intehn! +Intehn!« »Jo,« antworte ich und »Jo« echot es in der Steuerbordkoje. +Wir schlafen während der Fahrt und Fischerei in voller Kleidung, ich +brauche deshalb nur die langen, schweren Seestiefel anzuziehen, die +von Tran und Schuppen glänzen; dann stehe ich an Deck und muß mich +wundern, denn von der See ist nicht das geringste zu sehen. Segeln +wir auf der Milchstraße? Alles Wasser ist mit einer dünnen, aber +dichten, undurchdringlichen Schicht weißen Gewölkes bedeckt, daß nicht +eine Welle zu erkennen ist. Und die weiße Decke liegt nicht still, +sondern fliegt schnell mit dem Morgenwind nach Osten und reißt doch +nirgends ab. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Seltsam ist es. +Wären luvwärts nicht die holländische Tjalk und der Fischdampfer in +Sicht, die mit Steven und Wanten aus der Morgenmilch ragen, ich könnte +glauben, mit einem Luftschiff über den Wolken zu fahren. Mit einem +Luftschiff, wie wir es dwars von Spiekeroog sahen, als wir, von einer +Windstille heimgesucht, mit schlaffen Segeln und schlagenden Schoten +in der stetigen Dünung trieben und nicht fischen konnten. Da stieg +es im Nordosten aus der See wie ein helles Segel. Wir wußten erst +nicht, was wir aus dem Wölkchen machen sollten, dann aber erkannten +wir durch das Glas den Zeppelin, der den Meeresflug wagte, und sahen +ihn nun in unsere Einsamkeit hineinwachsen. Immer höher stieg und +immer größer wurde die gelbe, kantige Leinwand. Da sickerte schon der +Lärm der Motoren herab. Das singende Brausen der neuen Zeit erhob +sich. Unglaublich schnell kam das Luftschiff näher: wir hatten schon +die Köpfe im Nacken, da, als es über uns stand und seinen Schatten +auf die helle See warf, senkte sich der Bug des Riesen, bis der +Kiel seiner Stahlgondeln die See berührte. Er fuhr auf dem Wasser +entlang, wie um uns recht zu verhöhnen, uns Windjammerer. Ich hätte +mich gar nicht gewundert, wenn er eine Kurre zu Wasser gelassen und +gefischt hätte. Die Leute schöpften Wasser als Ballast aus der See. +Keine dreißig Faden von unserm Ewer brauste die hohe Wand vorbei. Ich +winkte nicht mit, aber Tränen stiegen mir ob solcher Menschenkraft und +Menschenschönheit in die Augen. Das neue Geschlecht der Meeresherren! +Das alte der Meeresknechte trieb regungslos mit alten Segeln in der +Windstille und blieb meilenweit zurück. Ein Riesenvogel, der aus der +See getrunken hatte, erhob der Zeppelin sich wieder vom Wasser und +zog in Leuchtturmhöhen davon. Wie wünschte ich in diesem Augenblick +der Hilflosigkeit einen Sturm herbei, um dem fliegenden Schiff zeigen +zu können, daß auch wir lebten und webten! Wie seine deutsche Flagge +wehte! Immer mittelalterlicher und zurückgebliebener kam ich mir +vor. Erst am andern Abend, als wir ein starkes Gewitter bekamen, als +der ganze Heben eine Feuersbrunst war und der Donner uns umstürmte +und umknallte, als der Regen auf uns niederströmte, als wäre er mit +Eimern ausgegossen, als wir auf der hochgehenden Dünung tanzten, erst +dann vergaß ich des Luftfahrers. Alles konnte der Zeppelin doch nicht +machen: hier brauchte es doch noch der Schiffe und der Seeleute! Und +das tröstete mich, so viel Seen auch über den Setzbord stiegen, und +so heftige Sprünge der Ewer auch machte, wir hielten stand. Nun +stehen wir auf dem weißen Daak, lassen die Fock fallen und hieven, +schwer arbeitend, das Schleppnetz, die Kurre, auf. Wie seltsam, ob es +gleich alle Tage so ist: eben noch nichts zu erblicken, und nun sind +wir schon von hundert äugenden und schreienden Seemöwen umflogen und +umkreist! Hiev, hiev! Wer denkt an Möwen, wenn die Kurre eingezogen +wird! Hiev! hiev! Endlich haben wir den Steert, das Ende des Netzes, +in der Talje, der Knoten wird gelöst, und die See speit ihre Fische +aus, ihre Zungen und Schollen, ihre Steinbutten und Rochen, Knurrhähne +und Petermännchen. Wie glänzen die Schuppen, die weißen Bäuche in der +Morgensonne, die aus der See gestiegen ist und den weißen Nebel von der +Diele gefegt hat! Wie schnappt alles nach Wasser, wie springt alles in +Angst und Todesnot durcheinander! Sonst habe ich das nicht gesehen, +ich sah immer nur ein fröhliches Klappern und Spaddeln, das mir das +Herz erfreute, aber seit dem furchtbaren Traum habe ich Augen für die +Qualen bekommen. Wir lagen vor Wind in Bremerhaven und hatten einen +alten Janmaaten in der Kombüse, der mit unserm Bestmann verwandt war: +das gab einen Abend alter deutscher und englischer Matrosenlieder, +einen Abend Passatwind, Liniensonne und Kapsturm. Die Nacht darauf +träumte mir das Grauenhafte, daß ich an Deck ging, als gerade die +Kurre aus der See kam! Heftig erschrak ich, denn die Luft war erfüllt +von tausend Schmerzenslauten, von tausend Todesschreien, von tausend +Angstrufen! Alle Fische hatten Stimmen bekommen und jammerten ihre +Qual in die Luft! Und es schrie nicht nur bei uns, sondern auch auf +den andern Schiffen: die ganze Nordsee war erfüllt von diesem Röcheln +und Schreien, das so furchtbar anschwoll, daß wir es nicht auszuhalten +vermochten! Wir flüchteten zitternd, verkrochen uns in die Kajüte und +bebten, als erwarte uns ein Weltgericht! Furchtbares Grauen! + +Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben +sein. + +In Lee steht ein mächtiges Viermastvollschiff in der Sonne und schiebt +sich langsam vorwärts! Es ist ein deutsches! Mit hundert weißgrauen +Segeln steuert es dem Weltmeer entgegen. Meine Wünsche schwirren wie +fliegende Fische um seinen Steven, und meine Sehnsucht hängt sich an +seine höchsten Rahen! Da mit können! Große Fahrt tun! Nimm mich doch +mit, du großer Laeisz, du Königin des Atlantik! Ich sehne mich nach +hundert Tagen ohne Land, ich möchte unter der Linie getauft werden +und möchte auch das düstere Kap Horn einmal in mein Leben hineinragen +sehen! Ich möchte dich sehen, wenn du die Stürme abschüttelst, du +Viermaster! + +Schöne Geschöpfe gehören dir, Meer, herrliche Kinder sind dein! Was ist +ein Haus gegen ein Schiff, was ist ein Schreiber gegen einen Seemann? +Was ist das erstarrte Land gegen dich, atmende, wogende See? Ein +Leichnam gegen einen Lebendigen! + +O, ihr Schiffe auf der See, und du Dünung du! Ihr Tage und Nächte, ihr +Wolken und Winde: was seid ihr an Land? Nichts! Und was seid ihr auf +See? Alles, alles, was uns die Seele bewegt! + +Ich grüße dich, du kleine Galliote, die du so tapfer deinen Kurs +steuerst. Kommst du von Schweden und willst nach England? Du kleiner +Mann auf der Back: wiegte dich deine Mutter dort in dem schönen Land +der Wälder und Seen auch so gut, wie die See dich jetzt wiegt? + +Da -- das große »Vaterland«, die schwimmende Stadt, das mächtigste +Schiff der Welt! Wie eine Erscheinung! Ich hole die Flagge aus der +Achterplicht. Wir brauchen sie sonst nur, wenn ein Kriegsschiff in +Sicht kommt, aber das größte und schönste Gebilde der deutschen Hand +zu grüßen, hole ich sie dennoch freudig auf! Überschiff du! Wie der +englische Kohlenkasten qualmig auf seiner schwarzen Schornsteinpfeife +raucht, als ob es ihn verstimmte, dieses _Made in Germany_! + +Noch ein Blick nach dem Schoner und den nachbarlichen Fischerkuttern, +und dann laß es genug sein, See. Die Möwen sind weggeflogen, unsere +Fische sind auf Eis gebettet, die Kurre pflügt wieder den Meeresgrund, +und das Deck ist gedweilt: ich kann wieder drei Stunden schlafen! +So wiege mich wieder in Träume hinein, du große, gute See! Und laß +mich bei der harten Fischerei niemals vergessen, daß du schön bist +wie nichts auf der Welt, wie kein Wald und kein Berg! Noch habe ich +es keinen Augenblick vergessen, und allen Witwenkleidern und Tränen +zum Trotz soll das Herz daran festhalten! Und sollte mir einmal der +Fliegende Holländer begegnen, das todverkündende Geisterschiff, sollte +die Sonne ihren Schein verlieren wie auf Golgatha, sollten meine Masten +brechen und meine Segel in den Wind fliegen, sollten die Notanker nicht +mehr halten, sollten die Luken einschlagen und die große Sturzsee ehern +heranwogen und Klar Deck machen, solltest du mich holen, schöne, wilde +See, so will ich in aller meiner Not doch erkennen, daß mein letzter +Blick deiner größten, höchsten Schönheit gegolten hat. + +Ihr aber, ihr Jungen, Lebendigen, setzt weiter Segel auf! Beflaggt eure +Schiffe und grüßt die deutsche See, ihr deutschen Jungen! Wiegt euch +auf der Dünung und freut euch der Sonne auf den Meeren und Gewässern! + + + + +Herbst entgegen. + + +Ich schwimme beim Swiensand, südsüdost von Falkental im tiefen Priel +und ringe mit der starken Strömung. Eisigkalt ist das Wasser. Es soll +mich heilen von der Herbstmüdigkeit, von den Spinneweben, die meine +Sinne umfangen wollen. Schwere, fremde Tropfen sind in meinem Blut. Und +wären es die letzten, verzitternden Wellenkreise eines Winterschlafes +in grauen Zeiten: ich schüttle sie ab und lache ihrer. Ich brauche den +Herbst und seinen Wind, ich rufe ihn: damit meine Wimpel hoch am Mast +flattern, damit meine Segel sich blähen, damit meine Mühlen mahlen. +Mit weißen Geisterhänden greif ich aus: dreimal noch um das Boot, nein +viermal, nein solange, bis die Sonne wieder aus den Wolken kommt. +Riesengroß ist mein Fahrzeug: es überragt alle Bäume, alle Deiche, +alle Türme, alle Gipfel. Eben komme ich beim Achtersteven aus seinem +Schatten und steure auf das kleine, grüne Eiland zu. Die Weidenblätter +haben schon helle Farben. Das Reet ist graubraun geworden. Da waten +keine Störche mehr, da jagen keine Schwalben, da tanzen keine Mücken +mehr umher. Die Kuhblumen, die Butterblumen haben ausgeblüht, die +Binsen liegen schwer auf dem Schlick. Still und vereinsamt harrt der +Sand der Stürme und Hochfluten. Schwarze Muscheln liegen am Strande, +wie Fußtapfen im Schnee. Eine Nebelkrähe schreitet beschaulich am +Wasser entlang. Mitunter streckt sie den Kopf vor und gibt sich durch +tiefes Krächzen kund. Wilde Enten streben hastig dem Neste zu. + +Es wird hell und blank um mich her, es blitzt und schimmert: die +Sonne ist da. Ich schwinge mich an Bord und springe von Ducht zu +Ducht, derweil die Sonne und der Wind mich abtrocknen. Um Kiel und +Steven plätschern die Wogen, sie schlucken und glucken, heimlich und +stillvergnügt. Die Augen zu: es ist, als wenn die Glocken gehen, +Hochzeitsglocken, Freudenglocken, als wenn die Kinder fern auf der +Wiese lachen und spielen, als wenn die Pappeln im Sommerwinde rauschen +und erzählen, als wenn die silbernen Quellen über glatte Kiesel und +knorrige Tannenwurzeln springen, tief, tief im Walde ... Gluck ... +gluck ... gluck ... Eine Henne lockt ihr Küchlein -- und das Küchlein +legt das Ohr an die Bordwand und horcht und lacht. Das Segel reiß +ich mit *einer* Hand empor, und der Anker kommt schnell genug ans +Tageslicht. Dann ziehe ich mich an. Das Boot schwoit, der Lappen fällt +voll, und leise gurgelt und zischt es am Steven. Gute Fahrt bei raumem +Wind und mit der Tide. Nach Schifferart einen Blick prüfend zu dem +braunen Segel hinaufgeschickt -- dann halte ich hellen Ausguck. + +Der Swiensand schaut mir nach. Blanke, glatte Flächen, dunkle, krause +Windstreifen auf der Elbe. Einen langen, breiten Weg hat die Sonne +sich gepachtet: da blinkt und gleißt es, da spielen ihre strahlenden +Kinder. Hinter Schulau dehnt sich die See, da sind der Himmel und das +Wasser allein auf der Welt und halten einander still an den Händen. +Rauchwolken bei Rauchwolken, als wär's die Straße zur Hölle. Segel über +Segel teilen sich in den mächtigen Strom: graue und braune, hohe und +breite, neue und geflickte. Schleppdampfer, Seedampfer, Fischdampfer, +Fährdampfer, schwarze und bunte Schornsteine. Weiße, schimmernde +Eiderschuner, unförmige holländische Kuffen, breite, protzige, +ostfriesische Tjalken, schwere, wetterfeste Finkenwärder Fischerkutter, +spitznasige, verwitterte Altenwärder Ewer, braune, runde Lühjollen, +alles klüst nach Osten. Weiße, schlanke Leuchttürme verträumen den Tag. +Graue Heidehäupter stehn am Wege, wie Nordlandsrecken. Blankenese, +Luginsmeer und Luginsland, Utkiek und Kiekut von Hamburg -- ein +rechtes Sonntagsnest, Tag für Tag in Sonntagskleidern, immer geziert +und geschmückt. Die weißen Giebel und die blauen Dächer schauen aus +den Baumkronen. Die Fenster sind wie dunkle, kluge Vogelaugen. Helle +Streifen leuchten aus dem Grün: das ist der Herbst. An den Brücken +liegen Fährdampfer, die grünen, breit und bürgerlich, die schwarzen, +schlank und aristokratisch. Ihre weißen Rauchwolken verfliegen an +den Abhängen. Die efeuumsponnene Burg der guten Frau äugt still und +weltfremd von der waldigen Höhe: sie träumt vom grünen Rhein. Überall +spielen die bunten Farben: gelb und rot und braun in hundert Tönen. +Der liebe Nienstedter Turm spiegelt sich in der Elbe. Sein grünes Dach +und seine goldnen Zeiger glänzen im Sonnenschein. Um seinen Knauf +fliegen die Dohlen. Aus allen Schornsteinen qualmt die breite, rote +Brauerei. Auf der andern Seite grüßen die grauen und grünen Häuser +von Finkenwärder über die Hamburger Dünen hinweg. Auch die trotzige +Kirche guckt über den Deich und der Neß mit seinen Eichen. Der helle, +zierliche Wasserturm lacht herüber. + +Die Mühle mahlt im Winde, und auch im Alten Lande drehen sich die +Mühlen. Brotes genug. Mein Segel giekt, mein Fahrzeug schwankt. Die +Dünung des glänzenden, hohen Amerikadampfers hat uns erreicht: mein +Boot und ich verneigen uns und danken für den Gruß aus der großen, +weiten Welt. + +Sei mir gegrüßt, du bunte Welt, sei mir gegrüßt, du großes Leben. Du +rinnst und jagst durch meine Adern, reißest mich auf und wirfst mich +nieder. Nieder? Fortan nicht mehr! Wer so lachen kann, wie ich, der +läßt sich nicht mehr niederwerfen. Ich *lebe*, und hoch will ich leben. +Ich lebe mit Wissen und Willen, fühle jeden Atemzug, jeden Windhauch, +jeden Wellenschlag. Ich sehe jeden Baum und jede Wolke, deute jeden +Schritt und jeden Klang, forsche in allen Mienen und in allen Zügen. +Umflutet, umbraust, umkost -- und König meines Lebens bin *ich*! +Mittelpunkt der Welt, aller Augen warten auf mich und über meinem Kopfe +ist der Himmel am allerhöchsten. Was *ich* sehe, was *ich* tue: darauf +kommt es an, und für mich scheint die Sonne. Umreißen oder aufbauen, +das ist mir gleich, nur wirken, arbeiten, die Arme aufkrempeln können. +Und dabei singen mögen! Wenn zwei streiten: hei, dazwischen gesprungen +und mitgestritten! Leben, lachen, siegen! + +Nicht angekettet sein, wie die rote Leuchtboje hier an Backbord, deren +mattes Blinkfeuer mit den Sonnenstrahlen kämpft. Von den Torfewern, die +auf die Ebbe lauern, liegt ein ganzes Rudel vor Anker. Sie sind nicht +mehr so tief geladen und haben nur noch wenig Decklasten: die unruhige +Jahreszeit ist angebrochen. Auf einem Holländer spielen die Kinder +Verstecken. Hinter dem Kompaßhäuschen, auf dem Roof, vor der Winde: +überall krabbelt es. Ein kleiner Kerl kriecht sogar in das Großsegel +hinein. Die Mutter sitzt auf den Luken, schält Kartoffeln und guckt +ihnen zu. Ein weißes Landhaus mit riesigen Eulenaugen schmiegt sich bei +Flottbek dicht an die hohen Buchen, die es einrahmen. Auf der Chaussee +schnauft ein Automobil: ein Augenblick und der Komet ist verschwunden, +nur sein Schweif verkündet noch seinen Weg. Helle Kleider, rote +Schirme. Mühelos überhole ich ein Segelboot von Neumühlen: weiße +Segel allein tun's eben nicht. Vornehm und verbindlich steht das +Parkhotel da, und die Schiffe ziehen an ihm vorbei und spiegeln sich +in seinen Fenstern. In glänzender Reihe krönen die Landhäuser den +waldigen Höhenkamm, weltklug und weltüberlegen, gegenwartkundig und +zukunftfroh. Auf dem Sande liegt junges Volk in der Sonne. Ein Mädchen +winkt mit der Hand, die beste von allen hebt nur eben das Bein zum +Gruße. Spielend rollen die Wellen hinan, kehren zurück und ergießen +sich wieder über die Steine. Die Zweige gehen im Winde auf und ab: das +ist ein immerwährendes Schmeicheln und Fächeln. Da ziehen sie schon die +Boote auf den Strand, schlagen die Segel ab und scheren die Leinen aus. +Die Herrlichkeit neigt sich. Heute aber wehen noch die Fahnen, laufen +noch die Kellner umher, sitzen noch muntre Gäste an den weißgedeckten +Tischen unter den Ulmen, perlt der Wein im Römer, paradiert die dicke +Kaffeekanne zwischen Stapeln von Kuchen. + +Ree -- und mein Boot stößt hart gegen den Brückenkopf. Die Mädchen +gucken mir lachend zu, wie ich das Segel herunternehme. Und ich lache +mit, denn blühende Rosen und leuchtende Mädchenaugen ... ach was, +ich gehe raschen Schrittes dem Lande zu, wie ich immer tue, wenn die +Sonne scheint. Bunt wie ein Narrengewand ist das Laub, hier dunkelgrün, +da grau, da braun, da rot, da gelb. Rote Vogelbeeren schimmern aus +den Büschen. Hinter den Fenstern der altmodischen Lotsenhäuser bunte +Blumen. In den Gärten noch Astern und Rosen, etwas welk, zerzaust, aber +Rosen, Sommerrosen. Die Elbschlucht hinauf geht es in Sprüngen: Stufen +sind für alte Leute und dürfen nicht abgenutzt werden. Graues Laub in +allen Ecken und auf allen Wegen, das rauscht und raschelt. Recht in den +Sonnenschein setz ich mich und recht angesichts der Elbe. Vorposten! +Da unten kreist das Leben, da kräuselt sich das Wasser und wiegt sich +auf und ab. Die Schiffe kommen und gehen, und keins läuft vorbei, +das ich nicht messe und nach dem Kurs frage und ein Stücklein Wegs +begleite. Über mir spielt der West in den Blättern, und an der Erde +fegt er das abgefallene Laub auf einen großen Haufen. Dann und wann +wirbelt ein Blatt herab. Helle Wolken ziehen in der Luft. Bald scheint +die Sonne, bald läuft der Wind mit dem Schatten über die Welt. Auf dem +Dach sitzt eine Schar von Spatzen und piept laut durcheinander. Aus +den Gärten steigt ein herbstlich feuchter Odem auf. Alle Augenblicke +legt ein Dampfer an der Brücke an. Breit und schwarz steigt der Rauch +auf. Deutlich ist zu hören, wie die Stege ausgelegt werden, wie das +Wasser schäumt, wie die Räder schlagen. Dazwischen Rufe. Tuten und +Pfeifen. Hoch und leer kommen die Kohlendampfer herab: die Schraube +haut halb in der Luft und wirbelt einen Berg von Gischt auf. Einer von +Woermann, einer von Sloman, ein Neptun, ein Kosmos, ein Engländer, +ein Normann, so wechselt es ab. Eine schwedische Bark mit der neuen +Flagge. Im Südosten das Schuppen- und Masten- und Schornsteingewirr von +Kuhwärder, der riesige Laufkran. Die Schlote von Harburg, der Turm von +Altenwärder, das helle Band des Köhlbrandes. Dahinter die dunkelgrauen +Berge, die tiefblaue Geest, wo die Nebel brauen. Der Schopf des +Falkenberges, das kahle Haupt des Opferberges bewachen den Eingang der +stillen Heide. + +Einzelne Boote rudern noch in der Tiefe. Es muß Hochwasser sein: +die braunen Segel erscheinen: die Strohewer, Torfewer, Steinewer, +Fruchtewer, Kornewer. Schwerfällig kreuzen sie vorbei und ist doch ein +farbenfrohes Bild. Das singt und juchheit nicht und reckt mir doch die +Arme, denn es lebt und webt und fährt mit allen Winden. + +Marienfäden fliegen umher. + +Die Wolken haben den ganzen Himmel überdeckt. Die Dämmerung geht über +Strom und Strand. Es dunkelt rasch. Mit Siebenmeilenschritten kommt die +Nacht, und riesenhaft ragen Bäume und Giebel in das letzte Abendrot +hinein. Die Heide verliert sich. Nur die Elbe schimmert noch grauweiß +herauf. Überall sind Lichter entglommen. Eins nach dem andern wird +angesteckt. Gelb und grün und rot, matt und hell, groß und klein. Alles +wirbelt auf dem bewegten Wasser hin und her. Irgendwo zirpt eine Grille +von gelben Ähren, rotem Mohn und blauen Kornblumen. Die Elbchaussee +entlang wanken Laternen. Zwei bei zwei halten sich die Kinder an den +Händen und blicken mit großen, dunklen Augen auf ihr gelbes Licht. +Und singen verträumt von ihrer lieben Laterne. Mählich verklingen die +feinen Stimmen in der Ferne. + +Leise summe ich die schlichte Kinderweise vor mich hin, als ich langsam +den Abhang hinuntergehe. Dann ziehe ich mein Segel wieder auf und +kreuze die Elbe hinab. + +Hoch und steil steigt das Ufer an und wirft seinen riesigen Schatten. +Groß und gespenstisch gehen die Schiffe an mir vorbei. Von allen +Seiten umspielen mich die Lichter. Wie Leuchtkäfer schwirren sie +durcheinander. Verhaltene Stimmen zittern durch die stille Luft. +Am Strand wird es dunkler und einsamer. Auf einem Ewer klagt eine +schwermütige Harmonika. Je weiter ich treibe, desto ruhiger, +traumvoller wird die Welt. In tiefem Frieden zieht die Elbe dahin. Nur +am Steven plätschern die kleinen Wellen. + +Droben haben sich die Wolken geteilt und freundliche Sterne schauen +herab zur »Guten Nacht«. + + + + +Karen. + + +In *einem* Atemzuge schnob der Nordwest von Esbjerg nach Kopenhagen: so +klein war Dänemark in dieser Sturmnacht geworden. Nur als die Fackel +auf der See erlosch, hart an der jütischen Küste, die zitternde, +schwankende Notfackel, als die grauen Segel jäh aufs Wasser schlugen, +da ward es urplötzlich stiller, und es schien, als müsse der Wind sich +besinnen. Wo eben noch der gewaltige, wilde Nordlandswolf geheult hatte +und umhergesprungen war, lag eine riesenhafte, graue Katze auf der +Lauer. + +Fünf weiße Häuschen, die in der Dünenmulde standen, waren die Mäuse, +die sie nicht aus den Augen ließ. Und kaum daß einer zehn zählen +konnte, richtete sie sich pfauchend und zischend auf. Der aufgewühlte +Dünensand hagelte schwer gegen die Fensterläden. Lange, wehe Klagetöne +hallten um Dächer und Giebel. Die See aber schrie noch zorniger gegen +die Wolken, hob die weißen Häupter noch höher und rollte noch wilder +über den Strand. + +Es war Flut geworden. + + * * * * * + +Das kleine gelbe Nachtlicht wurde unruhig. + +Ein großes, starkes Mädchen stand neben dem Tisch und band sich die +Flechten auf. Eine Weile guckte sie fragend in den Spiegel und dachte: +bist bald alt geworden, Karen! -- dann suchte sie Rock und Jacke und +zog sich dick und warm an. Sie band ein schwarzes Wolltuch um den Kopf +und zog Handschuhe an. + +Das Gekeuch des Windes und das Gebrüll der See hatten sie geweckt. + +»Karen!« + +Niels streckte sein bärtiges Gesicht aus den roten Kissen und richtete +sich halb auf. Verschlafen sah er sie an. + +»Flut.« + +Sie hatte sich eine Tasse Kaffee eingegossen und trank langsam. + +Er brummte etwas Undeutliches, dann stieß er den neben ihm +schnarchenden Jens an und rüttelte ihn wach. + +»Flut, Jens. Steh auf, Jens. Mach dich klar, Jens.« + +Aber Jens schalt und knurrte. »Laßt mich schlafen. Morgen -- nachher -- +gleich -- ja, ja.« + +»Dann haben die andern den Strand rein,« brummte Niels, aber Jens +schnarchte und war nicht wieder zu ermuntern. + +»Allein geh' ich auch nicht los,« sagte Niels und legte sich die Kissen +zurecht. Es war unter der Decke doch wärmer als draußen. + +»Leg dich auch wieder hin. Schlaf noch 'ne Stunde oder zwei ... +meinetwegen ... zwei ...« + +Aber Karen schüttelte den Kopf und ging hinaus. + +»Wenn was da ist, holst uns,« rief Niels ihr nach und hörte noch im +halben Traum, wie die Tür klappte und der Wind aufheulte. Zugleich +fühlte er, wie die Kälte hereinschlug, und er zog ohne Bedenken die +Beine etwas höher und steckte den Kopf tiefer unter die Decke. Dann +flog die Tür zu und es wurde stiller. + +Das Mädchen tastete vornübergebeugt über die Dünen nach dem Strand. +Der Wind war so stark und so kalt, daß er ihr fast den Atem benahm und +sie sich dann und wann umdrehen mußte. Wie scharfer Schnee schlug der +Sand ihr ins Gesicht. Erst als sie den Strand erreicht hatte, wurde es +besser. + +Es war tiefdunkel. Kein Licht. Und die See war nicht weit zu sehen. +Nur fünfzig Faden weit leuchteten die weißen Köpfe. *Ein* Brausen und +Keuchen und Zischen und Brodeln war die Luft, war die See. Das Wasser +stieg rasch: der weiße Schaumstreifen wurde von jeder See höher an den +Strand gespült. + +An diesem Strich entlang ging das Mädchen und bückte sich, wenn sie +etwas Dunkles gewahr wurde. Dann stieß sie es mit den Füßen an, zu +erfahren, was es sei. Alles Holz las sie auf und steckte es in einen +Sack, den sie unter dem Arm trug. Tang und Muscheln lagen viel da -- +weiter auch fast nichts. + +Als es Morgen werden wollte, hatte sie immer noch keine Tracht. + +Hinter den Dünen erschien ein grauer Streifen, der höher und höher +gekrochen kam. + +Der Sturm raste noch mit voller Kraft. Drohender und gewaltiger +schüttelte die See ihre Stierhäupter. + +Kein Holz, kein Schiff, kein Wrack, kein Notschuß, kein Feuer -- nur +schwarzes Wasser und weißer Schaum. + +Sie blieb stehen ... Da trieb etwas ... etwas Dunkles, Undeutliches, +Unförmiges ... es kam näher. Aus Gewohnheit hielt sie die Hand über die +Augen, wie sie an hellen Tagen oft getan hatte, wenn Sonnenschein um +Dach und Dünen brannte und die Luft flimmerte. + +Es konnte ein Schiff sein, ein Kahn wohl oder ein Boot. + +Das Seeräuberblut regte sich in ihr, ungeduldig lief sie am Strand auf +und ab. Ihre scharfen Augen unterschieden schon, ein Boot war es, voll +Wasser geschlagen, eben, daß es trieb und ausguckte. Nur wenn eine +große See es auf den breiten Rücken nahm und dann zurücklief, ragte es +höher auf. Langsam schoben die Seen es näher heran und endlich saß es +am Sand als Strandgut. + +Erst wollte Karen zurücklaufen und den Vater Niels, den Bruder Jens +rufen. Aber sie besann sich anders und tat es nicht. So ging es nicht: +Die Nachbarsleute konnten unterwegs sein, fanden es und hatten es. Sie +überlegte, was sie machen sollte, dann zog sie eilig ihre Schuhe aus +und streifte die Strümpfe ab. Ihr schauderte vor Kälte. Aber was half +das? Sie schürzte den Rock auf und watete mit zusammengebissenen Zähnen +in das eiskalte Wasser. + +Den Steven hatte sie erfaßt und schwang sich auf den Bordrand. Tastend +suchte sie nach der Fangleine, um das Boot aufs Trockene zu ziehen, +da stürzte eine riesengroße See heran und schäumte über das Fahrzeug +hinweg. Sie war durchnäßt. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren, +aber sie hielt sich im letzten Augenblick krampfhaft an der Ducht fest. + +Die See hatte es gut gemeint; als sie zurücklief, saß das Boot hoch auf +dem Strand. + +Wegtreiben konnte es nun fürs erste nicht mehr. Wenn sie noch den Anker +aufs Land brachte, war das Strandrecht gewahrt und sie konnte Hilfe +holen. + +Sie wollte es. Es war so bitterkalt. + +So kalte Hände hatte sie. + +Sie schauderte vor sich selbst. Wie Totenhände waren sie, wie *fremde* +Hände. Plötzlich fühlte sie eine andere Hand ... ein Fremder war bei +ihr im Boot ... ein Toter ... Als gehöre es sich so, fühlte sie die +Haare, die Nase, den Mund ... als wenn sie träume ... + +Wollte es denn nicht Tag werden? + +Über den Dünen wurde es doch schon hell ... + +Sie drehte sich wieder um und suchte nach der fremden Hand. Dann zog +sie den Toten halb aus dem Wasser und legte ihn mit dem Rücken auf die +Ducht. + +Der stille Mann war schwer. + +Er steckte in Ölzeug. Der Südwester hatte sich in den Nacken geschoben. +Die Augen waren weit geöffnet und das Gesicht schneeweiß. Die Lippen +waren fest geschlossen. + +»Jung,« dachte sie, als sie keinen Bart sah. + +Um die Hüften war das Bootstau geknotet -- so waren Boot und Mann +zusammengeblieben. + +»Wer bist du?« murmelte Karen und beugte sich tiefer über ihn, um seine +Züge zu erkennen, aber der Tag war noch zu grau. + +Wieder schlug eine große See klatschend über den Setzbord. + +Da ließ sie die Hände los und löste das Tau. Auf ihren starken Armen +trug sie den Toten durch das Wasser und bettete ihn auf das Dünengras. +Leise und scheu strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und schaute +verwundert in die hellblauen Augen. Verwundert ... einen kurzen +Augenblick. + +Dann stand sie auf und machte sich wieder mit dem Boot zu schaffen, +über das die See fortwährend schäumte. Sie zog es etwas höher, dann +entdeckte sie eine Pütz unter den Duchten und machte sich daran, das +Wasser auszuschöpfen. Wenn auch die Seen immer wieder hereinschlugen +und sie bei dem Winde kaum auf der Ducht stehen konnte, es glückte ihr +doch, und als das Boot erst Luft hatte, kam es von selbst höher aus dem +Wasser. Bald hatte sie es soweit leer, daß sie auf den Lohnen stehen +konnte. + +Das Boot war fast neu. Sie beugte sich über den Achtersteven. »Gesine +von Hamburg« stand da. Von Hamburg, von Deutschland, dachte sie und sah +nach dem Toten hinüber. + +Es war Tag geworden -- sie gewahrte es und hielt inne. Dann sprang sie +heraus und zog das leere Boot so hoch auf den Strand, wie sie konnte, +band das Tau um einen herangeschleppten Felsen und lief die Dünen +hinan. Der Wind wehte sie hinauf. + +Oben auf der Höhe kam es über sie, als habe sie etwas vergessen; sie +mußte sich umdrehen und nach dem Toten gucken. + +So sonderbar war ihr zumute. Erst hatte sie sich gefreut, Vater und +Bruder den Fund zu melden; nun war sie beklommen, war es ihr nicht mehr +recht, was sie tat. + +Sie sah von oben mit einemmal auf ihr Leben hinab, auf ihr graues, +stumpfes Leben. Ein Tag war wie der andere gewesen. Und die Gesichter +immer dieselben. *Eine* Arbeit, *ein* Schelten und *ein* Gespräch. +Immer das Alte, keinen Tag etwas Neues. Fünf Häuser waren es, und fünf +Häuser blieben es. Und auf den Dünen wuchsen ewig keine Blumen. So +war es immer gewesen und sie hatte es nicht gewußt: nun aber kam es +über sie. Draußen auf der See, ganz weit hinten, daß sie eben noch zu +sehen waren, gingen mitunter Schiffe vorbei: Segelschiffe und Dampfer. +Die Segel erschienen so weiß und rein, und der Rauch stieg steil in +die Luft. Da war die Welt, da fing sie an: da sangen und lachten die +Menschen und trugen schöne Kleider. Wie oft hatte sie als Kind barfuß +auf dem Sand gestanden und gewartet, daß ein Schiff, ein einziges nur, +heransegele und sie abhole. Aber alle zogen vorbei und kamen ihr aus +den Augen. *Einer* mußte kommen, einer, der anders war, als die sie +kannte, der lachen und singen konnte, der sich freute und sie bei der +Hand nahm, der ihr erzählte und sie fragte. Der hatte immer kommen +sollen und war nicht gekommen. + +Sie schauderte ... da hinten lag einer mit hellblauen Augen ... ob er +es war, der zu ihr gewollt hatte? + +Sie wollte nicht -- und trat doch ins Haus. + +»Vater! Jens!« + +Der buschige Schopf wurde zuerst sichtbar. + +»Was ist los?« + +»Ein Toter, Vater.« + +»Weiter nichts?« + +Niels wollte sich schon wieder umdrehen. + +»Ein Boot auch.« + +Das half. Niels richtete sich auf. + +»Ein Boot?« + +Er stieß Jens heftig an. + +»Ein Boot, Jens! Aufstehn!« + +Das ließ sich selbst Jens nicht zweimal sagen. + +Niels stand schon in der blauen Unterhose da und suchte nach seiner +seemännischen Ausrüstung. Zwischendurch fragte er in einem fort: + +»Wo ist es? ... Neu? ... Treibt es noch? ... oder sitzt es schon auf +Land? ... Was steht dran? ... Und der Tote? ... Was für Zeug? ...« + +Jens war auch bald reisefertig, und alle drei wateten durch den Sand. +Niels war guter Laune und erzählte von Schiffen und Gütern, die in +früheren Jahren angetrieben waren. Daß der Sturm ihm fast den Mund +verschloß, störte ihn nicht. + +Karen wies mit der Hand. + +»Seht! Da!« + +Karen war stehen geblieben. + +»Vater!« + +Niels drehte sich um. + +»Was willst du?« + +»Dem Toten müßt ihr seine Ruhe lassen. Den dürft ihr nicht anfassen. +Versprecht mir das!« + +Jens lachte höhnisch. + +»Dumme Deern! Wenn das Zeug mir paßt, zieh ich's an. Der braucht nichts +mehr.« + +Niels hustete. + +»Und wenn wir ihn melden, müssen wir ihn beerdigen lassen und vom Boot +bleibt nichts nach. Wir begraben ihn in den Dünen und damit gut.« + +Jens schüttelte den Kopf. + +»Seemannsgrab, Vater, Seemannsgrab. Das wünscht sich jeder Matrose.« + +»Das tut ihr nicht! Das nicht! Versprecht mir das!« flehte das Mädchen. +»Das dürft ihr nicht. Hört ihr?« + +»Mach doch nicht so 'n Lärm um den toten Mann,« knurrte Niels. »Freu +dich, daß wir 'n Boot haben.« + +»Dann geh ich nicht mehr mit,« drohte Karen. + +»Geh meinetwegen nach Haus und koch Kaffee,« sagte Jens gleichmütig. +»Wir können's allein.« + +Karen begann mit großen Schritten zum Strand zu laufen. + +»Willst du hierbleiben!« rief Niels, aber Jens sagte trocken: + +»Laß sie laufen!« + +»Was hat sie mit einemmal?« + +»Mag der Deubel wissen. -- Das Boot sieht gut aus.« + +»Das können wir brauchen.« + +»Nanu? Ist sie verrückt geworden?« + +»Lauf, Jens, und halt sie auf.« + +»Karen! Karen!« + +Die beiden fingen an zu laufen, aber bei dem schweren Wind kamen sie in +dem tiefen Sand mit den großen Seestiefeln nur langsam vorwärts. + + * * * * * + +Als sie am Strand ankamen, war das Boot schon ein gutes Stück vom Lande. + +Karen stand auf der Ducht und schob mit dem Haken ab. Schwer haute der +Steven in die Seen, und das Fahrzeug dümpelte gewaltig hin und her, +aber das starke Mädchen zwang es. + +»Karen! Karen!« + +»Dumme Deern, komm her.« + +Aber der Sturm verschlang jedes Wort, und das Mädchen sah sie gar +nicht; ihre Augen waren bei dem Matrosen, der still und friedlich auf +den Lohnen lag. + +Als sie weit genug war, kniete sie neben ihm nieder und faßte seine +kalten Hände. + +Und setzte sich so, daß die blauen Augen sie ansahen. + +»Ich bring dich heim. Nach Esbjerg und nach Haus,« flüsterte sie und +strich mit der Hand weich über seine Stirn. + +Sie sah die fürchterliche Flage nicht herankommen und gewahrte die +riesige See nicht, die das Boot wie einen Käfer auf den Rücken warf ... + +Niels und Jens sahen es mit an. + +Es war ein stürmischer Novembertag ... + + + + +Vor Ostern. + + +Hans Banidt las in der Bibel. + +Er war grad vom Feld gekommen. Und vom Pflügen. Der dicke Schlick saß +noch an seinen Schuhen. Die wollene Mütze hatte er abgesetzt. Mit +aufgestützten Armen saß er an dem schweren Eichentisch und war mit +allen Gedanken bei Johannes, dem vierten Evangelisten. + +Auf dem Hof und um die Wurt wurde es still. Die Knechte ließen das +laute Erzählen, und die Mägde gaben das Juchen auf. Das Vieh in den +Ställen verhielt sich sinniger. Die Hühner kletterten schlaftrunken auf +den Wiemen. Der Hund lag müde an der Kette und rührte sich nicht. Sogar +die Sperlinge verlegten ihre Abendschule von den Lindenzweigen nach dem +Katendeich. + +Die Uhr tickte langsam und leise. + +Peter, der alte Knecht, saß am Fenster. Der sah die Sonne größer und +roter werden, und tiefer und tiefer sinken. Bis sie mitten auf der Elbe +stand. Bis sie unterging. Dann guckte er um die Ecke nach dem jungen +Bauern, der so alt und gelehrt aussah und doch nichts von der Welt +gesehen hatte, kaum vom Hof hinuntergewesen war. Er sagte aber kein +Wort, der alte Peter. + +Still war es. Überall. + +Nur in der Küche nicht. Da klapperten Pütt und Pann und Teller und +Tassen. Da war jemand, der es hild hatte. Da sang jemand. Helle Lieder, +neue und alte. Bunt aus der Reihe. Und ließ nicht nach. + +Peter freute sich heimlich. + +Der Junge hatte es aber doch spitz gekriegt. + +»Mok de Kökendör mol to,« sagte er, ohne aufzusehen. + +Peter ging und tat es. Aber das half nichts. Der Gesang frischte auf +wie der Wind bei der Flut und wurde nur umso lauter. + +Es dauerte nicht lange, da ließ Hans sich wieder vernehmen: + +»De Diern schall dat Singen nolaten.« + +Wieder ging der Knecht die halbe Diele entlang und unterhandelte mit +dem Feinde. Aber die Deern ließ das Singen nicht sein. + +»Wenn se ne singen schall, kann se ok ne arbein, segg se.« + +Damit kam Peter zurück. + +Hans las Kapitel sechs noch zu Ende. Dann wurde es ihm über und er +stieß die Tür auf. + +»De Heidenlarm schall uphürn,« scholl es laut und herrisch über den +Flur. + +Das half auf dem Stutz. Ein paar Teller klapperten noch nach, dann flog +die Tür knallend zu, und es wurde still. + +Hans Banidt konnte geruhig weiter lesen. Er tat es auch: aber lag es +nun daran, daß das siebente Kapitel ihm nicht recht in den Kram paßte, +oder daß die Schummerei schon zu hoch vor dem Fenster stand, oder daß +da sonst eine kleine Käulnis über die Schallen gelaufen war: -- genug, +er kam nicht weiter als bis zum dritten Vers. Eine Weile sah er es noch +mit an, wie die Reihen durcheinander liefen, dann stand er auf und ging +hinaus. + +Er wollte nach der Scheune und nach den Kälbern gucken. Aber als er +niemand auf der Diele sah, dünkte ihn das nicht mehr so wichtig. +Er blieb bei der Küchentür stehen. Ob die auch innen so braunrot +gestrichen war? Das ging ihn wohl was an. Ganz gewiß. Er hatte die +Klinke schon in der Hand -- aber die Küche war leer. Der Singvogel +war ausgeflogen. Die Schüsseln standen noch da, und die Schürze lag +groß und breit am Boden. So unklug, die feine Schürze so hinzuwerfen. +Er mußte sich doch wohl bücken und sie aufheben. Glatt strich er sie +auch mit den großen braunen Händen. Und die Spitzen und Fransen am +Hals betrachtete er lange mit besonderer Sachkenntnis. Behutsam hängte +er sie an den Nagel, und wieder hallte sein schwerer Schritt über die +lange, dämmerdunkle Diele. Niemand war zu erblicken. Die Leute waren +wohl alle nach dem Deich gegangen und klönten mit den Fahrensleuten. + +Die Fülltür stand noch sperrweit offen. Er machte sie zu und spähte wie +zufällig über die Wurt. + +Dann ging er langsam auf die Bodentreppe zu. Das war keine Art von +der Deern, einfach alles stehen und liegen zu lassen. Mir nichts, dir +nichts fortzulaufen. Er wollte es ihr sagen. Morgen. Denn heute kam sie +ja doch zu spät. Oben in ihrer Stube konnte sie nicht sein. Das war +gewiß. Er brauchte gar nicht zuzusehen oder hinzuhören. Nur, damit er +seiner Sache gewiß war, stieg er hinauf. + +Im Fenster glomm das Abendrot. Und am Fenster stand die Deern. Zwischen +den Truhen. Nicht in ihrer Kammer, im langen, braungetäfelten Saal, +wo bei den großen Hochzeiten getanzt worden war. Da stand sie, nur im +kurzen, roten Röckchen und im Hemd und kämmte sich ihr Haar, das dunkel +und schwer auf den Schultern lag. Der Nacken schimmerte weiß aus den +Spitzen, und die runden Arme waren rosig vom Schein des Abends. Sie +guckte hinaus. + +»Uuch, de Bur,« fuhr sie plötzlich herum und lachte ihn an. Aber sie +schrie nicht auf wie die andern Mädchen, und lief nicht weg. Sie kämmte +ruhig weiter. + +Er zog die Stirn in Falten. + +»Schamst di gornix?« + +Sie schüttelte übermütig den Kopf. + +»Schamen? Weil ick lange Hoor un runne Arms hebb? Nee, Bur!« + +Da holte er aber lang aus: + +»Weil du jümmer rümjuchs und springs un lachs. Lachen schimpt, Diern. +Un mit jedereen geihs los und frees mit em und les di von Hans und +Franz no Hus bringen.« + +So viel hatte er manche Woche nicht gesprochen. + +Sie lachte. + +»Ick bün *jung*, Buer.« + +»Dat bün ick *ok*.« + +»*Du?* Du? Mann, goh af! Du un jung? Du büs jo'n olen Knast, olen Kirl +in 'n Löhnstohl. Lachs ne un spricks ne! Gott schall mi bewohrn!« + +Sie sah ihn spöttisch an. + +Da trat er einen Schritt näher und vergaß viel. Noch mehr aber lernte +er hinzu. Sein Atem ging schwer. + +Sie fühlte es wohl, und eine wilde Freude kam über sie. Das Weib in ihr +stand auf. Wie im Traume drehte sie sich herum. + +»Jung bün ick, Hans Banidt. Un den ick mag, den nehm ick.« + +Es war etwas Heiseres in ihrer Stimme, denn sie war zu weit gegangen. + +Da riß es auch den ernsten Bauern mit. + +»Nämst du mi ok?« fragte er schwer. + +So spricht kein Herr zu seiner Magd. + +Sie sah ihn von der Seite an, so seltsam -- + +»Wenn du jung würs.« + +»Ick *bün* jung,« brach es da jach bei ihm los, wie im Sommer der erste +Donner über das stille Land hallt. Dann riß er sie in seine Arme und +drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar und fühlte den warmen Leib und +wußte nichts mehr als: + +»Du ... Du ...« + + * * * * * + +Am Heben leuchteten die Sterne, und wache Träume woben um die +Pferdeköpfe am First. + + * * * * * + +Den andern Morgen aber schirrwerkte Hans finster und unzufrieden auf +dem Hof und knurrte mit den Knechten und schalt, daß es zu hören war. +Über die ganze Wurt hallte seine harte Stimme. Nichts war ihm recht. +Die Knechte sahen ihn schief von der Seite an. + +Geeschen stand am offenen Fenster. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. +Und die Deern lachte in sich hinein und summte vor sich hin und freute +sich über das Geschimpfe des großen Bauern und dachte: »Ji schull'n 't +man weeten.« + +Als sie zum Melken über die Diele ging, begegneten sie einander. + +»Morgen, Hans Banidt,« raunte sie leise. + +Er nickte nur und sah in eine Ecke. + +»Du denkst der woll aber no, wanehr du no'n Pasturn hinwullt, wat?« +neckte sie. + +Da ging er batz aus der Tür. + +Sie aber blickte ihm sinnend nach und strich sich das Haar zurück. + + * * * * * + +Als der Heben wieder mit Sternen besät war, gingen wieder junge Träume +unter dem riesigen Strohdach um. Und die Nacht hatte flüsternde Stimmen. + + * * * * * + +Peter brachte das Mehl von der Mühle und die Nachricht, daß Angk, die +Katenalte, krank war und sich hingelegt hatte. + +Das war Geeschens Großmutter. + +Hans schickte die Deern denselben Tag noch zur Pflege hin. + + * * * * * + +Dann schwieg der greise Pastor. + +Der junge Bauer war aufgestanden. + +»Die Bibel weiß nichts davon, Herr Pastor. Wenn die alte Frau selbst +Hand an sich gelegt hat und nicht in der Reihe liegen kann und keine +Rede kriegen kann, Herr Pastor, dann muß ich sie auf meinem eigenen +Lande beerdigen und ihr selbst ein Gebet mitgeben.« + +Und seine schweren Schritte verklangen auf der Treppe. + +Am Staket stand der Schimmel. Er schwang sich hinauf und ritt davon. + + * * * * * + +Den Abend vor Ostern war es. + +Da brannten zwei lange, dünne Kerzen in der verräucherten Kate zu +Häupten der alten, toten Frau, deren spitzes, weißes Gesicht aus dem +Sarg guckte. + +In den Ecken steckte schon die Nacht. + +Hans saß neben der Leiche und hatte den Kopf in die Hand gestützt und +blickte unverwandt nach der Toten. Ein tiefer, grüblerischer Zug lag um +seinen Mund. + +Geeschen streifte ihn ab und zu mit scheuen Blicken. Sie war fast bange +vor dem starren Bauer, der sich nicht rührte und nicht regte. Sie +lehnte am Fenster und sah nach den Lichtern auf dem Wasser. Sie hatte +ein feines, schwarzes Kleid an, das Hans ihr aus der Truhe gesucht +hatte. Es stand ihr wunderfein. In dicken Flechten lag das Haar um den +Kopf. Und die Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren. An ihnen +war kein Weinen zu sehen. + +Aber Hans sah davon nichts. + +Die Kerzen flackerten auf, als die Tür ging und Peter eintrat. + +Der Bauer stand müde auf. + +»Ward Tied,« sagte er dumpf und sah Geeschen an. Fragend begegnete sie +seinem Blick. Dann begriff sie, preßte die Lippen aufeinander und ging +an den Schrein. Sie drückte die kalte Hand zum letzten Male und ging +wieder nach dem Fenster. + +Peter sagte treuherzig: »Adjüst, Angk.« + +Dann legte Hans das weiße Kleid zurecht, klappte leise den Deckel zu +und verschloß den Sarg. + +Die beiden Männer trugen ihn langsam den Deich hinunter und setzten ihn +in den grünen Kahn, der am Bollwerk lag. + +Es war eben Hochwasser gewesen. + +»Du bruks ne mit. Ick kann alleen klor warn,« sagte Hans und nahm die +Riemen zur Hand. + +»Wenn du 't meens,« gab Peter zur Antwort und steckte die Hände in die +Taschen und drehte bei. Unterwegs dachte er an die hundert Pülle grünen +Kohls, die er für Angk noch auf dem Felde stehen hatte. Die kriegte sie +nun nicht mehr und sie hätte sich so sehr darüber gefreut. Nun konnten +sich die Hasen freuen. + +Geeschen hatte ein wollenes Tuch um den Kopf gebunden und den Kranz in +die Hand genommen. Auf der Achterducht nahm sie Platz und legte den +Kranz auf den Sarg. + +Sie band das Tuch fester. Es fror sie. Der Nachtwind kam kalt von Osten. + +Hans ruderte schweigend ab. + +Aus dem Sielgraben waren sie bald hinaus. + +Es war tiefe Nacht geworden. Tiefe, stille, feierliche Nacht. Am Heben +ging der Mond durch die weißen Wolken wie ein König durch sein Volk. +Auf dem Wasser blinkte und leuchtete er. Die Elbe war ruhig. Kaum daß +die Lichter von der andern Seite, von Nienstedten und Teufelsbrücke, +herüberglitten und -schwankten. Nur das Knarren der Riemen war zu +hören, das Surren der wilden Enten, das Tropfen und Lecken der Riemen. + +Auf dem Perlenkranz stand der Mondschein starr und kalt, und über das +düstere Gesicht des Bauern huschte er fast ängstlich. + +Geeschen guckte bald hierhin, bald dorthin. + +»Lot dat Kieken no,« sagte er. + +Da sah sie den Mond auf dem Wasser und griff mit den Händen danach. Er +zerging in Stücke und wurde wieder gelb und rund. Vollmond und Halbmond +hatte sie schon gemacht. Nun sollte das erste Viertel an die Reihe +kommen. + +Da fragte Hans: »Wat heß du dor?« + +»Ick griep den Mon.« + +»Leß em sitten, hürs?« + +Sie hatte die Hand zurückgezogen, aber es dauerte nicht lange, da hatte +sie sie wieder heimlich über Bord gestreckt und ließ sich das Wasser +durch die Finger strömen. + +Er hörte es. + +»Nolaten!« + +»Warüm?« + +Da guckte er ernst auf den Sarg und tauchte die Riemen tiefer ein. + +Sie saß da mit ihrem raschen Herzen, mit ihrem warmen Leibe, mit ihrer +köstlichen, goldenen Jugend und ihrer neuen, tauigen Freiheit. Wie +Blumen und Sonne war es in ihr. Und sie mußte sich ducken, konnte nicht +singen. Mußte frieren. + +Frieren? Es fror sie nicht. Nicht mehr. Das Tuch fiel ihr von den +Schultern. Der Mond spielte mit ihrem Haar und floß um ihr junges +Angesicht. + +Sie hielt das Schweigen nicht mehr aus. + +»Hans Banidt?« + +Er sah kaum auf. + +»Sitt dor ne so benüßt. Kiek mi an un snack 'n Wurd. Wi levt jo doch, +Hans Banidt. Segg doch wat. Mi ward jo rein angs un bangen.« + +Er schüttelte den Kopf. + +»Wi hebbt Beerdigung.« + +»Hans Banidt, di deit dat leid, dat't so kamen is, ne? Du wulls, dat du +mi ne sehn hars, wat?« + +Er unterbrach sie schroff. + +»Wees still, Diern.« + +Da gab sie es auf und schwieg. + +Auf dem Neß und am Süllberg flammten Feuer auf, große, rote Feuer. + +Sie wies mit der Hand hin. + +»Kiek, kiek, Hans Banidt! De Ostermonen! Wo grot, wo fein! Dat is +Ostern! Ostern, Hans Banidt!« + +Er knurrte. Das Gespreche störte ihn. Er wollte nichts wissen. + +Sie sah ihn groß und fragend an, bis das kleine Eiland erreicht war. +Es war der Swiensand, der verlorne Posten zwischen Blankenese und dem +Alten Land, hundert Schritt im Umkreis Sand und Schlick, in der Mitte +Weidenbüsche. + +Scharrend stieß der Kahn auf den Sand und saß fest. Hans stand auf und +zog ihn hoch aufs Trockene. + +Da konnte Geeschen ausspringen und lief behend nach den Weiden. + +»Kiek, Bur! De feinen, weeken Katten!« Und riß gleich an einem Zweig. +Aber der war zäh. Sie mußte ihn zuletzt durchbeißen. + +Der Bauer hörte nicht darauf. + +Er hatte den Sarg auf den weißen Sand gesetzt und war mit Schaufeln und +Äxten dabei, das Grab zu machen. Durch die Wurzeln mußte er sich hauen, +mußte graben und graben fast eine Stunde lang. + +Geeschen umkreiste das kleine Land und lief in Sprüngen über den Sand. +Sie ahmte das Schreien der Möwen nach und machte sich ein Erdbeben in +dem feuchten Sand. + +Von Zeit zu Zeit wischte Hans sich die Tropfen von der Stirn und schalt: + +»Lot dat Speelen no.« + +»Ans frier ick.« rief sie. + +Dann schlich sie sich behutsam hinter ihn und strich ihm mit den +Weidenkätzchen die Backen und war wie ein Iltis davon. + +Von den bunten Muscheln suchte sie einen ganzen Berg zusammen. Sie +baute aus ihnen ein Haus mit geschickten Händen. + +Ordentlich warm wurde ihr dabei. + +Hans kam. + +»Ick mok 'n Gruft un du?« + +»Ick mok 'n Hus,« sagte sie wichtig. »Kiek mol, Hans, wat för 'n Hof.« + +»Du bis 'n Kind.« + +Dann mußte sie mit ihm gehen. + +Der Sarg stand schon in der Tiefe. + +Geeschen ließ den Kranz hineinfallen, und es schauderte sie. Hans nahm +die Mütze ab und betete laut ein Vaterunser und setzte hinzu: + +»Du ligs hier eensom, Angk, bi Meben und Kreien, ober still un geruhig +-- un mihr wulls du jo ne. Amen.« + +Dann rauschte der Sand hinab, und Sarg und Kranz verschwanden. Als der +Hügel sich wölbte, steckte er die Schaufel beiseite und sah Geeschen an. + +Langsam streckte er ihr die Hand hin. + +»De Dode is versorgt. Nu kommt de Lebendigen wedder anne Reh.« + +Ein fester Lebenswille stand in seinen Augen. Da legte sie ihre kleine +Hand in seine große und sah ihn lange an. Und in beider Augen glomm es +auf. + +Dann lief sie fort, und als er ihr noch verwundert nachsah, da hatte +sie schon einen Haufen Feeks zusammengeworfen und zündete ihn an. Und +eine helle, rote Flamme prasselte auf. + +»Wat schall dat denn nu?« fragte er. + +»Is doch Ostern!« rief sie, »smiet man Feek up!« + +Und er tat es. Ihm war wunderlich geworden. Größer und größer wurde das +Feuer. + +Der Schein wallte auf dem Wasser, als sie heimfuhren. Da sagte er es: + +»Wullt du mien Fro warn?« + +Sie sah ihn groß und schweigend an, -- und schweigend fuhren sie ans +Ufer. + + * * * * * + +Fern auf dem Swiensand leuchtete noch das Osterfeuer durch die Nacht. + +Aber die Hähne krähten schon, und Ostern wollte es werden. + + + + +Kassen Witt sin Freeree. + + +Kassen Witt lewt sin Gild. + +He hett dat Arbein ne mihr neudig. Söbentwintig Joahr hett he no See +foahrn, up allerhand Oart un Wies', as Jung, as Knecht, as Settschipper +un as Schipper. Doarbi hett he bi lüttjen so veel up'n Dutt kreen, datt +he dat geruhig mit ansehn kann, wenn de annern sich afrieten möt. He +hett sin lüttj egen Hus, hett Hof un Diek, hult sich 'n poar Hünner, +mokt sich 'n Swien fett -- un wat dat doarbi to schirrwarken gift, dat +kann he meist in'n wittbunten Buscherump un mit 'n Brösel in 'n Mund +af. De Nobers segt: he harr sich dat fein utklamüstert, em kunn keen +See un keen Wind wat mihr dohn, un he much woll lachen, wenn de annern +schreen müssen. + +Letzt wür Kassen Witt ober ne tofreden. He kunn ne recht mihr kloar +warn un dacht, he kunn bi sin Joahrn woll noch ganz leiflich freen. As +he noch foahrn dä, harr he doar nix van af weeten, do harr he an so'n +Krom ne dacht: ober nu kreupen de Heiratsgedanken obends mit em up 'n +Bitt un stünn'n morgens mit em up. Wokeen he freen wull, harr he ok +all fastsett. Sill schull dat wesen, de swatthoarige Sill, de mit em +ut de School kommen wür un de he do woll all 'n ganz lüttig beetjen +lien mucht harr. De harr ok keen afkreen, sünder dat he jüst to seggen +wüß, worüm se oberbleeben wür. Enkelte sän, se harr ne uppaßt, oder, se +harr to veel snootert; welk meenen, se harr ne wullt, welk, se harr all +bitieds dat Hexen van ehr Mudder lihrt -- un dorüm harr doar keeneen +anto wullt. Mucht wesen as't wull: Sill wür 'n glatte Diern wesen, harr +danzt un rümjucht as de annern, se wür nu ok noch 'n troße, gohtliche +Fro. Kassen harr doar woll Lust to. Datt se beetjen to veel snacken +dä, versleu em nix, doar wull he woll mit kloar warn; he kunn ok 'n +deftigen Kurrboom snacken. Un wenn se keen hebben wullt harr: 'n gralle +Diern brukt doch ne jeden Hans un Franz to nehmen -- un kunn Sill ne +ganz god up em teuft hebben? -- Bloß mit de Hexerei wüß Kassen sich ne +recht to stilln: dat wür noch dat Leegste. Wenn Sill hexen kunn, denn +harr he den Mot woll batz sacken loten mucht, ober för gewiß wüß dat jo +keeneen un de Lüe snacken sich oberlingen eendeel trech. + +Dem Deubel ook, wat wür dat noch förn fein Wief, wat güng se noch troß +langs 'n Diek! Ehr Ploten weih inne Wind. Folten würn in ehr Gesicht +noch ne gewohr to warn, un 'n Gang harr se as 'n junge Diern, de no +Musik geiht. Kassen keek ehr 'n ganze Tied noh. Ne, nu kunn he dat ne +mihr utholn. Un inne Schummeree pett he sich mol no ehr langs. + +Sill seet in ehr Kök un wür bi't Knütten. De griese Koater seet blangn +ehr up de Bank. + +Kassen füng an to hoffen. + +»Nobend, Sill.« + +»Nobend! ... Kassen? ... Non? ... Wat heß du denn, dat du mi besöchst? +Legt din Hünner keen Eier genog oder fritt din Borch ne good?« + +Kassen sett sich up 'n Löhnstohl. + +»Ne, Sill, dat wull jüst ne. Dat Veehwark is good up 'n Schick. Ober +ik much woll giern mol 'n Wurd mit di alleen snacken, Sill. Kiek mol, +Sill, so geiht uns dat: Du sittst hier alleen un ik sitt doar alleen, +du kookst för di und ik för mi, dat is eensom un köst duppelte Füerung. +Wenn wi nu tohoop kooken däen, Diern, schull dat ne beter gohn? Ik +gleuwt meist! Wollt wi uns Plünnen tohoop smieten?« + +»Och, Kassen Witt! -- Dat harrst man leeber ne seggen schullt. Du +harrst den Krom sinnig angohn loten müßt, ne gliek so mit de Klumpfust +uppe Nees!« -- + +Dat güng em schetterig. He kreeg keen Been mihr anne Grund. Sill güng +mit Würden up em dol, as de Klimmer up 'n Heenküken oder as de Floot bi +vulln Moon un harten Wessenwind up 'n Diek. Wat he woll wüß un wat he +woll müß, wat he woll schull un wat he woll wull, so neihte se em. Ehr +Doog ne! Freen! Wenn se dat wullt harr, harr se noch 'n ganz annern +krien kunnt, un wenn se dat wull, denn kree se vundoog noch 'n ganz +annern. Ober nee, se wull mit de Mannslüe nix to dohn hebben, se kunn +dat so beter hebben. So güng dat lustig wieder. + +Kassen dreew bannig oberstür bi düsse Gelegenheit. He füng noch 'n +poarmol wedder an to krüzen un uptoluven, ober he keem gegen Sill ne +an. Ehr Koater wür ehr leber as een Mann, sä se. Se harr ehrn Koater, +un solang se denn noch harr, wür se ne alleen. De wür trohartiger as 'n +Minsch. Doarbi nehm se dat ole griese, täsige Diert up 'n Schoot, un ei +dat van 'n Kupp bit no 'n Stiert, as wenn't ehr eegen Kind wür. + +»Ne, min seute Koater?« + +Dat kunn Kassen ne mit ankieken. Dat wür em all lang to stur wurden up +düsse See. He dreih bums bi un seil no Hus. + +»Wi snackt doar noch mol ober, Sill,« sä he batz un rabaster den Diek +langs as 'n Peerd, dat fillenloopen is. + +»Hö! Hö! Kassen, wat büs du denn so inne Foahrt?« reep Ol-Gierd em no, +ober Kassen hür doar goarne no hin un leep wieder. + +As he in 'n Hus wür un blangen den Oben seet, den Krom noch mol eulich +nodacht, güng de Dör open un Ol-Gierd keem inne Dönß rin. + +»Hest mi goarne antert, Kassen,« sä he un güng an 'n Disch ran. Doar +kreeg he den Tabakskassen her un stopp sich sien Piep vull. + +Kassen bier, as harr he nix hürt. + +»Lang mi mol 'n Rietsticken her.« + +Kassen geef em Füer un Gierd füng an to paffen. Tiedlang duert, to füng +Kassen an: + +»De Wieber döht all nix.« + +»Non? Wat kummt dat denn? Dat lot jüm man ne wies warn, ans kratzt se +di woll dien scheune Nees twei.« + +»Könnt se all weeten.« + +»Kassen, wat hest denn mit jüm hatt? Hest woll freen wullt un hest +'n poar Schoh kreen? Se hebbt doar all van snackt, dat du an't Freen +dinkst.« + +Kassen wör gnatterig. + +»Denn lot jüm man van wat anners snacken,« gnurr he, »ik will ne mihr +freen.« + +Nu kree Gierd dat Gucheln. + +»Härrhärrhärr! Büs woll bi Sill wesen un hest dat Jowurd holn wullt? +Dat is nich so leicht.« + +Kassen keek sin Makker scharp an, do sä he: »Kanns swiegen, Gierd?« + +Gierd nicküpp: »As 'n doode Nebelkreih, dat kann ik di flüstern.« + +Kassen snack sinniger. + +»Denn will ik di wat seggen, Gierd. De Sill, dat is 'n Hex, 'n Hex up +'n Hauböön, mags dat gleuben oder ne. De is mit 'n Dübel verfreet, un +dorüm kann se sich ne verheiraten. Un weeß, keen de Dübel is? Ehr +griese Koater: de mok erst 'n poar Oogen as Ewerklüsen.« + +»Wat sä Sill denn, as du ehr froogen däst, wat se dien Fro warrn wull?« + +»Se sä: ne! Se harr dat so beter un solang se ehrn Koater noch harr, +nehm se keen Mann.« + +Gierd puß, dat all meist dick van Dook inne Dönß wür. Mit 'n Mol kneep +he de Oogen tohoop: + +»Mann, Kassen! Nimm ehr den Koater weg! Drull ehr dat Diert! Denn mütt +se jo 'n Mann hebben un denn nimmt se di oberlingen.« + +»Mi?« Kassen wür noch ungläubig as Thomas. »Denn holt se sich 'n annern +Koater.« + +»Wat woll! So'n Wief geweuhnt sich ehr an'n Mann, as an'n anner Stück +Veehwark. Drull ehr man den Koater.« + +»Ik mag't ne dohn, Gierd. Dat Wief kann hexen. Wenn de Katt weg is, +kloppt se dreemol up 'n Disch: denn hett se ehr wedder.« + +Gierd teuh em an'n Arm. + +»Dat ward sich doarbi utwiesen,« sä he plietsch. »Hext Se di den Koater +wedder ut't Hus rut, denn is se 'n Hex un du letts ehr loopen. Ans +nimmst du ehr to Fro.« + +»Ik bün man bang för den Koater, un woneem schall ik doarmit hin?« + +»Sett em up din Böön fast, doar grippt he sich woll so veel Müüs, dat +he leeben kann. Jeden Dag noch 'n Schöttel Melk -- doarmit basta.« + +Kassen stöker dat Füer no. + +»Wees wat, Gierd? Ik nehm ehr den Koater weg.« + + * * * * * + +Seit de Tied luer Kassen Witt denn nu Sill ehrn griesen Koater up. Ober +so licht as'n Snööf wür de ne to krien, dat harr Kassen bald spitz. +Wenn dat düster wür, schul he sich in'n Binnendiek langs un smeet +Fisch un Fleesch hin. Swatte und witte Katten keemen bald ankroopen un +freeten un gnurrten, ober de griese Koater wür doar ne twüschen. Oder, +wenn he mol doartwüschen seet, wür he so wild, dat he sich ne griepen +leet. Een Obend ober still Kassen sich achtern groote dicke Esch, un +do harr he Glück un kree den Koater in'n Nacken to packen. As he miaun +wull, steek he em gau in'n Sack un do in Sprüngen twüschen de Wicheln +langs un no Hus hin! De Bööntripp rup, de Dör open gereten, den Sack +utschütt, de Dör towarbelt, de Tripp dolsust: dat würn Oogenblick +Sook. Kassen frei sich, dat he dat Diert harr, ober bang wür he doch +bannig, un as dat boben an to russeln füng un to jauln, puß he bums +dat Licht ut, kreup inne Kubutz, scheuf de Bree to un weuhl sich deep +inne Küssens rien, dat he nix hürn un sehn kunn. Annern Morgen slirrk +he up Strümpfsööcken rup'n Böön, mok de Dör 'n lüttj beetjen open un +keek ünner de Pannen langs. Wat verjeuch he sich, de Kater wür narrns +to blicken. He kreup wieder inne Dör, to verjeuch he sich wedder; de +Koater leeg up 'n ol Goarn un sleep. No dat Verjohn ober frei he sich +bannig, hol den Koater 'n Stück Fleesch un 'n Schöttel vull Melk, un as +de mit de roote Tung slappen dä, to wüß Kassen, dat dat 'n euliche Katt +wür, de nix vanne Hüll afwüß, un dat Sill keen Hexenkrom moken kunn, -- +un he keem sich bannig kloog vor. As he den Koater wedder bemokt harr, +steek he de Hann inne Büxentaschen un slarp gemütlich den Diek lang. +Doarbi mok he so'n unschüllig Gesicht, as wenn he keen Swien schreen +hürn kunn. Bi Sill ehr Koat bleef he bistohn un keek no't Woater +hindool. Un luer up. Richtig duer dat ok ne lang un Sill wör em gewohr. + +»Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... + +Kassen sä jo, ober he keek ne üm. + +»Vergeew noch mol to, Kassen! Hür doch mol up! Heß min Koater ne sehn?« + +»Soll ich deines Katers Hüter sein?« freug Kassen un keek ehr an, as +wenn he ehr dull to wür. + +»Ne, eulich! Heß em ne sehn?« + +»Kiek ik no Katten? Ik hebb din Koater ne sehn! De sitt woll up 'n +Böön!« + +»Nee, nee, Kassen. Up 'n Böön is he ne. De is weg.« + +Kassen dach: hex em doch wedder her! un meen: + +»Dien Koater is di wegloopen?« + +»Wegloopen? De löppt ne weg. Drullt is he mi!« + +Kassen keek no Hamborg rup: + +»Anner Week is de Doom, Sill,« sä he trurig. »Doar ward 'n barg Heiße +mokt. Wokeen harr dat dacht!« + +Sill leet em ne utsnacken. + +»Snack ne so dwatsch,« schüll se, »kumm rin un drink 'n Taß Kaffee mit.« + +Dat dä Kassen un höh sich in'n Stillen ober Sill, de noch jümmer söch +un reep. Se keek allerwärts to, ober de Koater wür weg un bleef weg. He +wull em mit seuken hilpen, sä Kassen toletzt un güng rut -- ober de un +seuken! + +Middogs seh he Sill inne Höf rümstreupen un hür ehr: »Koater! Koater!« +roopen. + +Annern Dag söch se noch. + +»Kassen, wat komm ik ok doch an.« + +He nicküpp, ober he sä nix. He leet noch sinnig 'n poar Doog vergohn. +To füng he bi lüttjen an mit ehr dorvon to snacken, wie trurig dat för +ehr wür, so ganz alleen to husen. Un se kunn doch man 'n anner Katt +nehmen. + +Sill keek em an, as wenn he 'n Spleen kreen harr. Ober he mok 'n ganz +trohartig Gesicht, as wenn he ne bit fief tillen kunn. + +Poar Doog loater keem he wedder. + +»Sill, wat bün ik ok doch meuh. De ganzen Doog hebb ik nu wedder +rümsöcht un rümfroogt. De Koater is un blifft weg. De Lüe lacht een all +wat ut. Beduern kinnt dat Hansjochenpack ne.« + +Sill schüer sich de Oogen. + +»Ik weet, Kassen. Se lacht mi arme Fro all wat ut. Bloß du ne. Du büs +'n vernünftigen Kirl.« + +Kassen mark up, ober he sä noch wieder nix. Langsam un wiß, dach he. +Morgen för Morgen klau he up 'n Böön rup un geef den Koater wat to +freeten, un Morgen för Morgen keek he mol bi Sill rin un beduer ehr. + +Up't letzt nehm he 'n Tofoahrt: + +»Sill, dat mütt di doch eensom wesen.« + +»Kassen, ik bün doar unglücklich ober. Ik mag in min eegen Hus ne mihr +wesen.« + +»Sill, war ne krank doarbi.« + +»Kassen, dat kann kommen.« + +Se snack lang so veel ne mihr, so dull nehm se sich de Geschichte to +Harten, un wenn se ne noch van ehr Mudder her swatt gohn harr, gleuf +ik stiew un fast, harr se nu swatte Kleeder anthon un üm ehrn Koater +truert. + +Kassen güng Tritt för Tritt un keem jümmer beetjen wieder. Sill leep +ne mihr weg, wenn he van Heiraten snack. Toletzt kunn he ehr liekuplos +froogen, wat se em staats 'n Koater hebben wull. Se sä ne jo un sä ne +nee -- den ersten Dag, den tweeten sä se half jo und half nee, denn +drütten wör dat »jo« jümmer gröter, dat »nee« jümmer lüttjer -- un +no'n Week sä se jo, ober se sett doch noch doarbi: »Wenn ik min Koater +noch harr, denn harr ik ne mihr freet. Ober nu is't eendohnt.« + +Kassen Witt keem sich vör as 'n Keunig. He güng no'n Pastur dol un leet +upbeeden un leet sich bi'n Snieder 'n nee Pattje anmeeten. + +Doarbi seet de Koater noch jümmer in sin Gefängnis. Kassen dach doar +mannichmol ober no. He wüß ne recht, wat he doarmit moken schull. +Doodslogen much he em ne. Ganz toletzt säh he sich: wenn de Hochtied +wesen is, lot ik em loopen, denn is Sill min Fro un mütt bi mi blieben. + + * * * * * + +So dach Kassen Witt un wüsch sien Hannen in Elwwoater un meen, sin +Streich wür em glückt. + +Ober dat keem doch 'n beetjen anners. + +Sill kree up'n mol Lust, Kassen sin Gewees, Hus un Hof, to bekieken, +mol to sehn, wat se as Fro all ünner de Hannen kree. Kasten dach doar +woll an, dat de Koater vullicht jauln kunn un em oahn nix goods, ober +nee kunn he doch ne seggen, wenn se ne oahnig warn schull. He wies ehr +nu den Diek, den Groaben, den Hof, dat Schuer, den Killer un teuh dat +allens gehürig inne Ling. To güng he wieder. + +Ober Sill wull dat Hus noch boben sehn. He müß ehr Köök, Dönß, Komer un +Krom wiesen, ober he mok dat so gau af, as he kunn. + +»So, Sill, dat wür allens,« sä he un mok de Dör open, as wenn he +weggohn wull. »Uh, kiek mol den grooten Damper doar in't Foahrwoater!« + +»Den Böön hebb ik doch noch ne sehn,« sä do ober Sill un sett den Foot +up de erste Tripp. + +Kassen still sich an, as wenn he nix hürt harr. He wies wedder no't +Foahrtwoater hin. + +»Kumm doch mol rut, Sill,« reep he noch harter, »un kiek di bloß mol +den grooten Steamkassen an. Wat dat förn Koloß is! Dat is jo woll de +Ameriko! Wat förn Diert!« + +Ober Sill keem ne. + +Se reep wedder: + +»Ik will mi erst den Böön besehn. Lot den Damper man susen.« + +»Den Böön wies ik di morgen, dat is nu all to düster,« sä he gau un +dach: wenn se morgen kummt, sett ik den Koater solang up't Schuer, denn +ward se em ne gewoahr. + +Se güng ober spöttenup. + +De Sook wör mau. + +»Doar kanns du ne rup, Sill,« reep Kassen iernst un keem neuger. + +»Worüm ne?« + +»Diern, dat geiht ne. Jerst mol is dat all to düster, un denn steiht +doar allens up 'n Kupp. Doar bricks du Arms un Been.« + +»Dat deiht nix. Ik will doar wenigstem mol rupkieken,« sä se. + +De Sook wör mau. + +»Au ... au ... au ...« jaul Kassen. + +Se stünn still. + +»Wat heß?« freug se. + +»Au ... au ... au ... mi is de Ramm int Been schooten. Ik kann ne mihr +stohn. Smeer mi gau 'n beetjen.« + +Ober se wür neeschierig worden un wull nu mol den Böön sehn. + +»Au ... au ... au ...« jaul Kassen wedder. + +Mit 'n Mool füng *de Koater up'n Böön an to jaulen*. + +Sill hür dat gliek un kenn ok de Stimm gliek. + +»Dat is min Koater! Verdreihte Kassen Witt! Nu weet ik Bescheed, du heß +em drullt! Teuf! Lot mi em erst mol wedder hebben!« + +Doarmit se de Bööntripp rup. + +Kassen sin Been wür werkwürdig gau wedder heelt, he stünn batz up, as +he den Koater miaun hür, neem sin Been inne Hand, leep in Sprüngen +den Diek dol, klau gau in'n Kohn un schipper van'n Diek af, bit he in +Sicherheit wür. + +Mit de Hochtied wör dat nix, dat mark he woll, ober he wull doch +wenigstem sien gesunden Oogen un Backen beholen. + +Kiek: doar keem Sill ut de Husdör un achter ehr ran de Koater. Kassen +kreup meist ünner de Ducht, ober se wör em doch gewoahr. Jüst wull se +losleggen, to schufudern, to seh se all de Lüe up'n Diek stohn, de all +de Sook markt harrn un lachen. Sill besünn sich: dat harr ok woll noch +Tied. + +To nehm se ehrn Rocksoom mit de Hand up un teuh den Rock so hoch, dat +de bunte Ünnerrock to sehn wür, un güng as 'n Gräfin den Diek langs. Sä +keen Goodendag un nix. + +Un de Koater mit hoogen Stiert achteran. + + * * * * * + +Dat heet: twee Doog noher harr Kassen Witt doch een verbunden Gesicht, +woneem he 'n poar Weeken mit rümloopen is. + +Sien Gild lewt he noch -- ober van dat Freen will he nix mihr weeten. + + * * * * * + + + Anhang. + + schirrwarken=bewerkstelligen, utklamüstert=ausgetüftelt, + leiflich=leicht, troß=stolz, gohtlich=annehmbar, Sill=Cäcilie, + Leegste=Schlimmste, oberlingen=vielleicht, eendeel=irgendwas, + blangen=neben, Klimmer=Habicht, bannig (unbändig)=sehr, + all=schon, oberstür=zurück, rabastern=rasen, bier=tat, + Gucheln=Lachen, ans=sonst, drull (v. nord. Troll)=stahl, + stiehl, schul=schlich, he vejeuch sich (verjagte sich)=er + erschrak, bemookt=eingesperrt, klau=kletterte, Tofoahrt=Anlauf, + eendohnt=einerlei, Pattje=Anzug, spöttenup=treppauf, Ramm + inne Been=Hexenschuß, schufudern=schelten, enkelte=einzelne, + nicküpp=nickte. + + + + +Pulli. + + +Hamburg war Baas. + +Es war Baas zu Wasser und zu Lande, weil die Sonne schien und weil +Sonntag war; ihm gehörten der grüne Sachsenwald und das rote Helgoland, +der weiße Timmendorfer Strand und die blitzenden holsteinischen Seen, +ihm eigneten die Deiche von Vierlanden bis zur Lühe, die Elbe von +Lauenburg bis zum letzten Feuerschiff, die Berge von Geesthacht bis +Schulau, die Heide von Lüneburg bis vor die Tore von Buxtehude. Das +alles, mit Wegen und Wogen, Blumen und Häusern, nahm es breit und +selbstverständlich in Besitz. + +Westlich von den Zeugen der Heiden- und der Seeräuberzeit, dem +Opferberg und dem Falkenberg, zog ein hamburgisches Fähnlein tapfer +und fröhlich über die neugrünende Heide; oft blieb es stehen und hielt +Umschau, es verlängerte und verschönte sich den Weg mit Wald- und +Wanderliedern, und tat sich etwas darauf zugute, daß es Lerchen über +sich und Grillen unter sich hatte. + +Zwei Schwestern waren es, schlanke, blonde Hamburger Deerns, mit +hellen Augen und kecken Nasen, ein junger Lehrer mit einem Kopf voller +Hochziele und ein kleines Schreiberlein, das aus einem der vielen +Schreibstuben ins Freie geflüchtet war. Es schritt an der Spitze der +Gruppe, hatte sogar einen Rucksack mit und war wohl guter Dinge. Auf +dem Steindamm hatte es sich den Dreien angehängt, weil es das eine +Mädchen kannte, und war bei ihnen geblieben, obgleich es schon anfing, +seinen Entschluß zu beklagen, denn es war gewohnt, allein zu wohnen +und zu wandern, auch wußte es nichts zu erzählen. Es hatte immer große +Angst, heimliche Furcht vor dem Leben und vor Menschen, zu denen es +nicht gehörte. Die empfand es auch jetzt wieder und um so schwerer, als +es sie durch äußerliche Lustigkeit verscheuchen wollte. + +Armes Schreiberlein. + + * * * * * + +Das stille Fischbek mit seinen Eichen und Birken war durchquert, und +die kleine Gesellschaft ging auf der großen Landstraße entlang, die von +Hamburg nach Stade führt; sie suchten den Moorweg. Dieser fand sich +auch bald: aber als sie umbiegen wollten, stand gerade an der Ecke +ein Hund, ein schönes, weiß und gelb gezeichnetes, sauberes Tier mit +blanken, klugen Augen. Unbeweglich stand es da und sah den Kommenden +entgegen, als erwarte es sie. Vor allen wurde das Schreiberlein darauf +aufmerksam. Näher gekommen, fing es an, zu locken und zu schmeicheln. + +»Non, Pulli! Wat makst du denn dor?« + +»O, guckt bloß mal, was für 'n schöner Hund,« rief eins der Mädchen +lebhaft. + +»Feiner Kerl,« lobte auch der Lehrer. + +Der Hund aber sah das Schreiberlein an, dann bellte er freudig und heiß +auf und stieß mit den Vorderpfoten heftig in den Heidesand. + +»Pulli, sitt dor 'n Rott?« fragte das Schreiberlein, belustigt +teilnehmend, aber das andere Mädchen gab ihm einen Rippenstoß. + +»Ratte? Er will den Stein wiederholen, Sie. Werfen Sie ihn mal weit +weg. Man zu!« + +Rasch bückte das Schreiberlein sich. Der Hund wurde toll vor Eifer +und wollte zuschnappen, aber die Hand entriß ihm doch den Stein und +warf ihn ein Stück den Weg voraus. Bellend stob er nach, daß der Staub +aufwirbelte, schoß mit Schnauze und Pfoten tief in den Sand hinein, +scharrte heftig den Stein heraus, nahm ihn mit dem Maule auf und sprang +eilig und schweifwedelnd mit ihm zurück. Vor dem Schreiberlein blieb er +stehen, das ihm den Felsen abnahm und den Kopf streichelte. Es war in +Fröhlichkeit gekommen, als es das Tier so fröhlich gehorchen sah: das +war ihm noch nicht begegnet und rührte es tief. + +Pulli aber wollte von Liebkosungen nichts wissen, er suchte in den +Wagenfurchen nach andern Steinen, und als er sie entdeckt hatte, blieb +er davor stehen und sprang wie vorher mit den Vorderfüßen darauf los. + +»Noch een, Pulli?« fragte das Schreiberlein freundlich, griff schnell +zu und warf einen zweiten Stein, der ebenso rasch geholt wurde. Des +Hundes Eifer wurde immer größer, je mehr Steine flogen. Die Augen des +Schreiberleins strahlten, so große Freude empfand es. Aber auch die +andern sahen dem prächtigen Tier gern zu und warfen auch Steine. Alle, +wenn sie nicht gar zu groß waren, holte es gehorsamst zurück, aber +wenn es sich des Gegenstandes entledigt hatte, sah es doch zuerst nach +dem Schreiberlein, stieß mit der Nase an dessen Hand und ermunterte es +durch Bellen und Scharren zu neuen Würfen. Diese Bevorzugung behagte +dem Schreiberlein über die Maßen, und es wurde nicht müde, mit dem +Hunde zu sprechen und ihm das Fell zu glätten, soweit die Ungeduld des +Tieres es zuließ, das sich in Kreuz- und Quersprüngen nicht genug tun +konnte. + +Es trug kein Halsband, so mußte es doch gewiß aus dem Dorfe sein, +dachte das Schreiberlein und war betrübt, daß es mit dem Spiel zu Ende +ging, denn sie waren mittlerweile schon weit in das Moorgebiet geraten +und mußten daran denken, den vierbeinigen Spielvogel nach Haus zu +schicken. So flog denn ein Stein weit zurück, begleitet mit dem Rufe: +»So, Pulli, den nimm mit, un denn no Hus!« + +Wohl sprang der Hund bellend nach, aber er kam getreulich mit dem Stein +wieder. Das Schreiberlein klopfte ihm den Hals und nahm ihm den Fund +ab, dann wies es mit der Hand zurück: »Goh no Hus, hörst!« Aber Pulli +blieb und wedelte. + +»Na, denn gah noch 'n Stremel mit,« sagte das Schreiberlein gutmütig +und liebevoll, und das alte Spiel fand seine Fortsetzung im +Weiterwandern. + +»Eigentümlich, was Sie für eine Gewalt über den Hund haben,« sagte der +Lehrer. + +Das Schreiberlein sagte nichts darauf, aber das Wort erfüllte es doch +mit Stolz. Zu dem Hund sagte es: »Lat dat Bellen na, kiek mal hin, wat +du di utsehn mokst!« -- und wies nach den Beinen und dem Kopf, die arg +geschwärzt waren. + +»Du mußt doch noch mehr können, als bloß Steine holen,« begann es nach +einer Weile wieder und hieß den Hund stehen bleiben. Es prüfte durch, +was es von Kunststückchen an andern Hunden gesehen hatte, und bekam +heraus, daß Pulli sich totstellen konnte, daß er über den Stock sprang, +Pfote gab und auf Geheiß bellte. Nur eins wollte ihm nicht glücken, +den wirklichen Namen des Hundes zu erforschen, obgleich es ihm alles +Erdenkliche zurief. Weder bei Hektor, Juno, Bruno, noch bei Seemann, +Feldmann, Mobbi, Max rührte das Tier sich. + +»Denn blift dat bi Pulli!« entschied das Schreiberlein und warf einen +Stein. O weh, der plumpste in den sumpfigen Graben. »Hier! Komm hier!« +Aber das Rufen half nicht, der Hund stand schon tief in dem moorigen, +muddigen Wasser und wühlte es mit dem Maul und den Füßen auf. Naß und +beschmutzt, sich schüttelnd, kam er zurück, daß das Schreiberlein +traurig wurde, als es das schöne Fell so entstellt sah, aber es +vertröstete sich auf den breiten Graben, der kommen mußte. In dem +sollte der Hund schwimmen und sich rein spülen, dann mußte er nach Haus +geschickt oder gejagt werden. + +Der Graben war bald erreicht, und der Zuruf des Schreiberleins ließ den +anfangs zögernden Hund in das tiefe Wasser springen. Als er hin und her +geschwommen war, rief es ihn zurück. + +Er war wirklich reiner geworden, als er sich abgespuddert hatte. + +»So, nu sall he no Hus,« sagte das Schreiberlein ernsthaft, trat ihm +entgegen, wies mit dem ausgestreckten Arm nach der Geest und befahl: +»Pulli, no Hus! No Hus! Hus! Hus!« Aber der Hund ging nicht von der +Stelle, er tat, als hätte er nichts gehört: nur daß er von einem Fuß +auf den andern trat, mochte kund tun, daß etwas in ihm vorging. + +»Kannst du nich hörn?« drohte das Schreiberlein, drängte gegen ihn, +schob ihn vorwärts, wies ihm die Fäuste und suchte ihn ernstlich +wegzujagen. Auch die andern drei stampften auf und suchten ihn zu +scheuchen. »Nach Haus!« + +Da schien er zu begreifen, was sie mit ihm vorhatten, und daß es Ernst +wurde. Alle Frische und Lebhaftigkeit wich aus seinen Bewegungen, er +zwinkerte mit den Augen und schlich unruhig bald vor und bald zurück. + +»Man to, man to! No Hus!« Da kam er zu dem Schreiberlein gekrochen und +setzte sich vor ihn hin, hob bittend die Vorderpfoten, leckte mit der +Zunge und bettelte mit feuchten Augen. Das mochte ein anderer ertragen +als das gute Schreiberlein, das tief erschrocken war. »Hast wohl kein +Haus?« fragte es bewegt und legte ihm zärtlich die Hand auf den Kopf. +»Wenn du bei mir bleiben willst, so tu es. Ich verjage dich nicht.« + +Da wedelte der Hund freudig und folgte ihm weiter. + +Wieder galt es, Steine zu holen, über den Stock zu springen und hübsch +zu machen. Das Schreiberlein schien nur noch für das Tier da zu sein, +und das eine Mädchen begann schon, verdrießlich zu werden. + +»Wollen Sie ihn mitnehmen?« fragte der Lehrer. + +Das Schreiberlein zögerte mit der Antwort. »Ich weiß nicht. Wenn ich +wüßte, daß er ausgesetzt wäre und kein Haus hätte, nähme ich ihn mit.« +Und es sah nachdenklich aus. + +»Wollen Sie ihn denn behalten?« begehrte ein Mädchen zu wissen. + +»Ich könnte ihn ja auch nach dem Tierhaus an der Süderstraße bringen,« +antwortete das Schreiberlein fast ärgerlich. + +»Ach, lassen Sie ihn doch wieder laufen,« sagte das andere Mädchen. + +»Geht er denn?« fragte das Schreiberlein. »Er ist ja nicht +wegzubringen, nicht mit Gewalt.« Es nahm nochmals einen Anlauf und +lief den Hund fast um, aber es hatte wieder keinen Erfolg. Das Tier +legte sich erneut aufs Betteln, und das Schreiberlein war nicht der +Mann, dem zu widerstehen. Ich kann es nicht, ich bringe es nicht übers +Herz, dachte es still und bedrückt, atmete tief auf und streichelte den +dankbar winselnden Hund. + +Später lief es mit ihm um die Wette und kam den andern dabei ein +beträchtliche Stück voraus. Pulli stellte sich an den Grabenrand und +schlappte Wasser. + +»Büst ok all hungrig?« fragte das Schreiberlein und schnallte den +Rucksack ab. Der Hund kam fragend näher und als er Brot und Wurst +bekam, fing er es hastig und fraß mit lebhafter Freude. So frühstückten +die beiden Wandergenossen am Wegrande, und als die Vorratskammer +ausgeräumt war, legte das Schreiberlein sich längelang ins Gras, und +der Hund ruhte neben ihm. Die Hand ruhte auf dem Kopf des Tieres. +So lagen sie zwischen Löwenzahn und Butterblumen, bis die andern +herangekommen waren. + +»Ich bin vom Berg der Hirtenknab,« sagte der Lehrer launig. + +»Bin ich auch!« gab das Schreiberlein stolz zurück, reckte sich und +sprang auf die Füße. + +»Soll er denn nun noch weiter mit?« fragte ein Mädchen, als sie wieder +eine Strecke gemeinsam zurückgelegt hatten. + +Das Schreiberlein guckte wie verloren nach dem dicken, roten +Neuenfelder Kirchturm, der inmitten der Dächer stand wie eine +Gluckhenne zwischen ihren Küchlein. + +»Wir kommen gleich an die Süderelbe,« sagte es, »da soll es sich +entscheiden. In das Fährboot kommt er nicht hinein. Schwimmt er uns +aber nach, dann soll er mit mir.« + +Das war aber nicht seine richtige Meinung. Es war mit dem Hund in +Gedanken schon in seiner kleinen Stube angelangt, wie Doktor Faust mit +seinem Pudel, und Goethes Worte gingen ihm durch den Sinn. + + Wie du draußen auf dem bergigen Wege + durch Rennen und Springen ergötzt uns hast, + so nimm nun auch von mir die Pflege + als ein willkommner, stiller Gast. + +Es wußte gewiß, daß der Hund mitlaufen und auch den Weg in das Fährboot +finden würde. + +Schon blitzte die Süderelbe hell durch das Weidengebüsch. Mit reißender +Strömung flutete sie ostwärts. Das Fährboot hielt gerade wartend an +dieser Seite, so daß die Gesellschaft nicht zu läuten brauchte. + +Zwei Altländer Knechte mit Rädern standen schon im Boot. + +Zuerst stiegen der Lehrer und die Mädchen ein, die sorglich ihre +Kleider rafften, dann wollte das Schreiberlein folgen, ohne sich nach +dem Hund umzusehen, aber dieser sprang behend vor ihm hinein und kroch +unter die Duchten. + +»Da haben wir es,« bemerkte der Lehrer laut, »was nun?« + +»Wollen Sie ihn wirklich mitnehmen?« fragte das ältere Mädchen. + +Armes Schreiberlein! + +Sechs Menschen guckten es an. Da mußte es wohl fremd und scheu werden. +»Ach, laßt es doch, wie es ist,« sagte es ablenkend und setzte sich auf +die hinterste Ducht, immerfort nach dem Wasser guckend. + +Aber der Fährmann war aufmerksam geworden. + +»Hört de Hund ne dorto?« fragte er. + +»Nein,« sagte das Mädchen, »er ist uns von der Geest nachgelaufen.« + +»Denn schall dat Oos ok ne mit,« entschied der Fährmann. »Rut mit +di! Rut!« Er erhob das schwere Ruder und scheuchte den Hund damit +ins Wasser, daß das Tier über und über bespritzt wurde und entsetzt +zurückwich. + +Dann stieß er eilig ab. + +Das Schreiberlein schwieg. »Sprich, steh auf, ruf!« schrie es in ihm, +aber die alte Lebensangst und Furcht hatte sich riesenhoch in ihm +erhoben und preßte ihm die Kehle zu. Wie ein geducktes Vöglein saß es +da und sah nach dem Hund. + +In dessen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck der Verlassenheit, als +er das Boot sich entfernen sah, er winselte und heulte und kroch auf +und ab, lief hin und her und guckte verlangend über das Wasser. Ein +Altländer rief lockend: »Komm, komm!« Auch in dem Schreiberlein rief +es: »Komm, komm!« aber über seine Lippen rang sich kein Laut. + +Der Hund watete bis an den Bauch in das Wasser hinein und streckte die +Schnauze vor, als wollte er schwimmen. + +»De swümmt gliek,« rief ein Knecht. + +»Ja, schwimm!« dachte das Schreiberlein und fühlte, daß des Hundes +Blick an seinem Gesicht hing, aber es vermochte kein lautes Wort zu +finden. + +Das Boot kam immer weiter in den Strom hinein. + +Der Hund blieb lange Zeit in dem strömenden Wasser stehen, dann +watete er langsam nach dem Trockenen zurück. Noch einige Male lief er +verlangend auf und ab, stand wieder still und sah dem Boote nach, dann +drehte er sich um und lief den Damm hinauf. Oben angekommen, stand +er wieder still, sah eine lange Weile zurück, dann lief er fort und +verschwand hinter den Weidenbüschen, die den Weg umgaben. + +Armes Schreiberlein. + + * * * * * + +»Tut es Ihnen leid?« fragten die Wandergefährten, als sie am +jenseitigen Ufer angekommen waren und nach dem Deiche gingen. + +Das Schreiberlein gab keine Antwort, es guckte sich aber immerfort +um und sah nach dem anderen Ufer, das still und verlassen dalag, und +wartete, daß der Hund wiederkomme. Dann wollte es rufen, so laut es +konnte, und er sollte herüberschwimmen. Es konnte nicht begreifen, daß +es so gekommen war, und begann den erbärmlichen Verrat zu erkennen, den +es sich an seinem treuen Genossen hatte zuschulden kommen lassen. + +Der Lehrer gab sich Mühe, ihm einzureden, daß der Hund sein Haus auf +der Geest haben müsse, ein ausgesetztes Tier wäre gewiß nicht so +reinlich gewesen, daß es sich vermöge seines Geruchssinnes leicht +zurückfinden werde, vielleicht schon wieder auf der Geest spiele, aber +das Schreiberlein war nicht zu überzeugen. Es guckte nur über das +Wasser, schüttelte mit dem Kopf und sagte: + +»Das mag *Sie* rechtfertigen, mich nicht!« + +Schwere Dinge warf sein Herz auf. Wie brausendes Wasser gingen ihm die +Gedanken durch den Kopf. Es erkannte mit schmerzlicher Gewißheit, daß +es einen Schritt getan hatte, der es nach und nach ins Gleiten bringen +mußte. + +Und der Hund erschien noch immer nicht wieder an der Fähre. + +Da, als die Drei schon anfingen, sich heimlich anzustoßen, blieb das +Schreiberlein stehen und bot ihnen die Hände zum Abschied. + +»Ich kann nicht weitergehen,« sagte es ernst, »ich muß zurückfahren und +den Hund suchen. Anders finde ich keine Ruhe.« + +»Das ist verrückt!« rief der Lehrer, und sie redeten heftig auf ihn +ein, aber sie erreichten nichts, weder vermochten sie ihn mit dem +unwegsamen Moor zurückzuhalten, noch mit der nahen Dämmerung zu +schrecken. + +Er müsse hinüber und sie müßten schon allein nach dem Dampfer gehen. +Das war alles, was sie zu hören bekamen. + +Kopfschüttelnd mußten sie es schließlich aufgeben und weitergehen. + +Über das Schreiberlein aber war mit dem Entschluß eine fiebernde Unruhe +gekommen. Es lief mehr, als es ging, nach der Fähre und trieb den +Fährmann zur Eile. + +»Wedder röber?« fragte dieser. + +»Jo, jo!« drängte das Schreiberlein, und wollte schon sagen, daß es +seinen Schirm im Altenland vergessen hätte, aber es war etwas in ihm, +das gewaltsam hervordrängte. »Ich will den Hund holen,« sagte es festen +Tones und empfand dieses Geständnis als etwas Wohltuendes. + +Der Fährmann lachte, dann aber sagte er ernst: »De is all lang weg. +Ober dor sitt 'n Wulkenbank in 'n Westen, dat kann licht 'n Gewitter +geben. Blieft leber hier, ik wohrschoo jo.« + +Das hatte das Schreiberlein, das immer nach dem Damm guckte, wohl gar +nicht verstanden, denn es gab keine Antwort darauf, sprang aus, noch +ehe der Kahn angelegt hatte, und lief in Sprüngen fort, daß der Mann +herzlich lachen mußte über den närrischen Kerl. + +»Pulli! Pulli!« + +Unbekümmert rief das Schreiberlein, einerlei, ob Menschen es hörten +oder nicht, spähte nach allen Seiten und schritt erregt weiter, dem +Moor entgegen. + +Aber kein Hund war zu sehen. + +Als es von dem weiten, düstern Moor umfangen war, begann schon die +Dämmerung ihre stillen Flügel ausbreiten. Da rief es lauter als zuvor, +daß die Regenspatzen in dem Schilf erschrocken das Piepen ließen. Die +Dämmerung nahm überhand, da suchte und rief das Schreiberlein noch +ängstlicher und strengte seine Augen an, daß es den vorherigen Weg +wiederfinde, was bei den vielen Moorwettern, Brücken und Stegen, bei +Kreuz- und Querstücken nicht leicht war. Die Weidenbüsche wuchsen wie +riesenhafte Tiere aus dem Gras und bekamen drohende Augen. + +»Pulli, neem büst du?« + +Draußen auf der Elbe war Ebbe eingetreten. Die vermochte aber nicht zu +verhindern, daß die Wolkenwand sich höher schob und sich ausbreitete. +Einige Sterne waren schon sichtbar: nun schoben sich dunkle +Wolkenhände über ihren stillen Schein. + +Von den Moorburger Wiesen, den weit entfernten, scholl das ängstliche +Brüllen des Viehs. Gespenstisch schnell überzogen die Wolken den Heben. +Ferner, grollender Donner quoll langsam auf, als käme er aus dem +Wasser. Da fiel auch das erste Licht vom Heben, und ein Windstoß fegte +warnend über Baum und Halm. + +Armes Schreiberlein -- warum stehst du still vor dem breiten Graben; +hattest du da einen Steg vermutet? Hast du dich verlaufen, weißt nicht +mehr, wo du bist? Und hast den Pulli immer noch nicht gefunden? + +Such den Steg, das Gewitter hängt über dir. Die ersten schweren Tropfen +fallen wie Blei. Der Wind schwillt an. Den Steg! + +Schreiberlein, mit Kriechen kommst du nicht von der Stelle! Da fliegt +dein Hut! + +Armes Schreiberlein ... + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Als der lange Hinnik Quast am andern Morgen seine Moorkartoffeln hacken +wollte, hing etwas Braunes unter dem Steg, der über die breite Wettern +gelegt ist. Es war ein ertrunkener Mensch, der fehlgetreten sein mußte. + +Armes Schreiberlein ... + + + + +Sonntagnachmittags. + + +Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen +nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft müssen +sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen, +die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden, +stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht +um vergängliche Erdengüter, sondern rein des Vergnügens wegen. Sie +werden gar nicht gewahr, daß das Wasser eiskalt ist und daß sie mit den +Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie stört, daß es zu +Hause für die Kleigräberei und Sabbatschändung vielleicht etwas auf die +Jacke, sicherlich aber eine gehörige Tracht Schelte geben wird -- sie +fischen und fischen und sind gesund und munter dabei. + +Jung-Finkenwärder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen. + +Dazu weißbunte Hemden. Die runde, graue Fischermütze steht ihnen wie +ein Glorienschein um die hellblonden Köpfe. Nur die blaugefrorenen +Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen, +beim einen mehr, beim andern minder. + +Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er +gekommen ist. Trübe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen, +und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese +schaut düster und mürrisch drein, als könne es gar nicht blinken und +lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weiße Rauch +verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet +etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt +es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein +Grauen des Vergessens steht in den kahlen Ästen. + +An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein +kleines Haus am Deich warm und heimlich hält und weder den Ofen, noch +die Pfeife ausgehen läßt, auch nicht einmal selbst ausgeht. + +Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und +dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand. + +Dann sitzen wir am Fenster. + +Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren. + +Leise nickt er mit dem Kopf: »Da hab ich auch mal gestanden und +Stichlinge gefangen.« + +»Auch ich,« sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der +kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am +wenigsten fängt. + +Dann wird es wieder still. + +In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine +Bauernfrau, die in ihrer weißen Schürze dasteht und lacht ... leise +... aber doch so, daß es zu hören ist ... Oder sind es die rotbackigen +Äpfel, die in der Röhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner +bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben über dem Alkoven +aber hängt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem, +braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich +vor sich hin: »Ick weet allns! Ick weet allns!« Plattdeutsch hat sie +gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine längere +Unterhaltung läßt sie sich nicht ein. Wer alles weiß, der braucht +freilich auch nicht mehr viel zu reden. + +Harm sagt in die Stille hinein: + +»In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben bloß alle +sieben einen.« + +Ich nickte bloß. Fast habe ich vergessen, daß es laute Straßen gibt mit +grellen Läden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewühl elender und +glücklicher Menschen. + +»Ick weet allns! Ick weet allns!« meinte wieder die Großmutter, und wir +hören ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und +wir lassen sie gewähren. + +Bis ich sage: »Nun könnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.« + +»Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und +der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar +gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft hätte wie du: auf der einen Seite im +Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.« + +»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte die Stimme aus Baden. + +»Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht +gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.« + +»Auf der Elbe?« + +»Ja, Gorch. Die Seen kriegen weiße Köpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer +ist noch weit weg, Junge. Erst muß die Natur sich noch brechen. Und +das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst muß sie ein paar Ewer und Kutter +kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.« + +Ich guckte ihn schweigend an. + +»Das ist gewiß so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut +der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er +mit Luken zu, dann läßt er den Wind suchen und schnauben. Der wird +vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja +genug da!« + +»Schwarze Kleider aber noch nicht,« setzte ich düster hinzu. + +»Ick weet allns! Ick weet allns!« + +»Da war auf dem Kreinhof mal ein großer Bauer, Gorch. Im Frühjahr, wenn +es ans Pflügen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind +geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune. +Er wußte, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so +waren auch die Stürme noch nicht dagewesen -- und die Stürme gingen mit +der Elbe über seinen niedrigen Deich und spülten die Furchen glatt, +wenn er vorher gepflügt hatte.« + +Die Dämmerung ging säend über das Land und streute tausend dunkle +Körner über Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen, +nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und +dem rauchenden Stock entgegen. + +An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die +Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es. + +Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem +Wasser, über das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig +ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil +die Dinge größer und geheimnisvoller erscheinen, erzähle auch ich +eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem +Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte +und nur von ferne einen großen, guten Menschen stehen sah. + +»Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?« + +»Nein, ein Dichter, Harm, einer, der früher Pastor gewesen ist, bei +Büsum da.« + +»Den möcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen. +Das ist gut, Junge. Aber dann mußte er auch aus dem Menschen einen +Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?« + +»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte wieder die Muhme von oben. + +Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stübchen, und wir +sagen gar nichts mehr. + + + + +Hans Otto. + + +Die Kugelbake vor Cuxhaven ist die große Nebelfrau der Elbmündung. Wer +sie einmal bei Daak und Dunst über die Watten starren gesehen hat, weiß +das. Vor ihr stand bei Nebel und trüber Luft eine Fischersfrau von +Döse, ein armes, irres Weib, das ihren verschollenen Mann auf der See +suchte; jahrelang hat sie dort gestanden, alle alten Schiffer haben sie +gesehen, -- bis die riesige Bake sie ablöste. + +An dem Balkengestell dieser Bake zog ich die Schuhe aus, streifte die +Strümpfe ab, nahm auch meine Mütze in die Hand und watete barhäuptig +und barfüßig, von der Sonne erwärmt und von dem salzigen Wasser +gekühlt, über das weite Watt dem stillen Duhnen entgegen. + +Die auf der Reede von Cuxhaven -- twüschen de Baaken, wie die Schiffer +sagen -- liegenden drei großen, dicken Barken kamen aus Sicht, dafür +aber stieg der graue Normannsturm von Neuwerk höher aus den Watten, +die beiden binnensten Feuerschiffe der Elbe leuchteten herüber, und +vor und hinter ihnen wurde es nicht leer von Schiffen. Krabbenjollen +und Fischerewer segelten ein, Tjalken und Gaffelschuner kreuzten +seewärts, tiefgehende, schwarze Kohlendampfer zogen zu zweien und +dreien ostwärts, Holzdampfer mit gelbleuchtender Decksladung pflügten +gen Westen. Sogar hinter der Kimmung, ganz im Norden, hatte der Handel +noch schwache Rauchwolken auf der See. Lloydkähne, braunrot, mit +großen gelben Nummern an den Seiten, an langen Trossen hinter ihrem +zierlichen Schlepper, klüsten von der Weser herüber. In der Weite +standen die dunkelbraunen Segel eines Störfischers regungslos auf dem +weißen Wasser, und dahinter tauchten wie Maulwurfshügel die Bäume von +Büsum-Hilligenlei auf. Seenot und Seeluft erfüllten mein Herz, als +ich vor meinen Füßen nach fliehenden, spinneflinken Krabben und auf +der See nach Schiffen suchte. Dann dachte ich an die beiden Türme von +Altenbruch, die wir vorher passiert hatten, und an das Schifferwort: +»Wenn de beiden Turns upenanner stoht, denn hett de Froo dat Seggen +an Burd« -- also daß die Frau so gut wie gar keine Zeit an Bord zu +sagen hat, -- an den kleinen, zwergenhaften Mann dachte ich, der mir +gegenüber gesessen hatte, mit dünnen Mädchenfingern und einem alten +Gesicht, aber mit großen, unschuldigen, neugierigen Kinderaugen, die +guckten, als sähen sie zum ersten Male ein Schiff, die von den großen +Leuten ängstlich abirrten und sich vertrauend den Kindern zuwandten, +-- und an das schöne, braune Mädchen dachte ich, mit dem viel zu +großen Hut, das von einem Kranze junger Herren und Damen mit heftigen +Vorwürfen überschüttet wurde, weil sie sich zu lange im Tanzkreis +aufgehalten und mit anderen Herren schön getan haben sollte. Erst +verteidigte sie sich klug und gewandt: ein Mädchen dürfe nichts tun, +das ihm nicht verdacht werde, hörte ich als heimlicher Lauscher heraus; +dann, als die Meute nicht nachgab, schwieg sie, und ihre blaugrauen +Augen sahen in die Weite, während ihre Lippen zuckten. Nachher kam +sie an die Reihe beim Rundgesang: sie richtete sich auf, warf den +Kopf zurück und sang keck, trotzig und übermütig aus dem Rigoletto: +»... Ach, wie so trügerisch sind Weiberherzen ...« Je mehr sie sang, +desto lauter und bitterer wurden die Worte »... alles ist Lüge ...« da +überwältigte sie das Gefühl, und sie barg aufschluchzend ihr Gesicht +und ihre Tränen in ihr Tuch ... Die Gesellschaft wurde stumm und +verlegen und schämte sich ihrer fast. + +Als ich unter solchen Gedanken eine Stunde der Gilde der Wattenläufer +angehört hatte, verspürte ich Hunger, und weil ich einiges Eßbares +mitgenommen hatte, suchte ich mir am Dünenrande einen sonnigen Fleck +aus und legte mich auf den weißen, reinen Sand nieder, kurz vor den +ersten Zelten und Körben von Duhnen. + +Zum Zeichen meiner Rast aber steckte ich den langen Erlenstock, den +ich unterwegs aufgefischt hatte, fest in den Sand und knotete mein +Taschentuch daran, das nun flatternd im Winde wehte. Das war gut so, +denn wer weiß, ob Hans Otto sich sonst nach mir umgesehen hätte, oder +ob er von so viel Zutrauen erfaßt worden wäre. + +Ich saß noch nicht recht, da rief es von weitem: + +»Ist das deine Fahne? Ist das deine Fahne?« + +Und als ich mich umwandte, kam ein sonnenbraunes Kerlchen von +vielleicht drei Jahren, nur mit einer Hemdhose bekleidet, in Eile +herangestäubt und rief immerfort: + +»Ist das deine Fahne? Ja?« + +Das war Hans Otto. + +Ich mußte seine Frage bejahen. Er winkte, stellte sich neben mich und +begutachtete nun die Fahne nach Farbe und Größe, er prüfte, ob der +Flaggenstock fest genug stand, ob die Knoten ihrer Bestimmung Genüge +leisten konnten, und ob der Wind von der rechten Seite kam. Nach einem +Rundgang um den Flaggenhügel wandte er sich wieder mir zu: + +»Hast du die Fahne selbst gemacht?« + +»Wenn es nicht unbescheiden klingt, mein Junge, ja.« + +»Du kannst fix was!« lobte er. + +Ich wehrte ab: »Nur mit Einschränkungen, mein Junge, in andern Dingen +bin ich ein großer Stümper.« + +»Nun weht sie ja nicht mehr,« klagte er dann. + +»Man hat es oft am Mittag, daß der Wind mit einem Male einschläft,« +sagte ich auskunftgebend. »Die Schiffer draußen auf See wecken ihn dann +schnell wieder auf.« + +»Wie machen sie das?« begehrte er zu wissen. + +»Sehr einfach. Sie kratzen am Mast. Tu du es auch. Ich will dir aber +gleich sagen, daß es ein toller Aberglaube ist.« + +Und der kleine Kerl bearbeitete den Stock mit den Nägeln so eifrig, daß +ich für die Fahne fürchtete, und rief aus Leibeskräften: + +»Wind! Wind!« + +Zufälligerweise frischte der Wind in diesem Augenblick wesentlich auf, +und der Kleine freute sich königlich über die Zauberei. + +Seine junge Mutter, die drüben in der Sonne lag, rief ihn: »Hans Otto, +komm! Komm hierher!« Aber er verwies ihr solche Störung ernstlich mit +der keinen Widerspruch duldenden Antwort: »Du, ich hab' jetzt kein' +Zeit!« Diese Sentenz wiederholte er mehrfach, so daß ich darin eins +seiner geflügelten Worte anzusprechen geneigt bin. + +Als er indessen hinsah, wurde er gewahr, daß seine Mutter ihm auch +eine Fahne gemacht hatte: er lief hin und brachte sie schnell in unser +Lager, wo wir sie neben meiner aufpflanzten. Wir stellten fest, daß +jede ihre besonderen Vorzüge hatte: meine war bunt, seine weiß, meine +klein, aber sie wehte hoch, seine groß, aber sie wehte niedrig. + +Danach besann Hans Otto sich auf sein Spiel, das er beiseite geworfen +hatte, als er meine Flagge flattern sah, und er unterwies mich in +seinem ebenso umfangreichen, wie verzwickten Straßenbahnbetrieb, den er +ohne Schienen und Drähte nur mittels eines deichsellosen Groschenwagens +und mit Hilfe seiner Hände und einer Anzahl Steine und Korkstücke +auf dem Strand von Duhnen unterhielt. Ich arbeitete mich allmählich +ein und lernte auch die Haltestellen von Hans Ottos Lingelingbahn +kennen und -- was schon schwieriger war -- unterscheiden, die wohl +auch die Haltestellen seiner kleinen Lebensreise waren: Sternschanze, +Hauptbahnhof, Wilhelmsburg, Altona, Kiel und Blankenese. Die ganze Bahn +war eigentlich nur eine Familiengründung, denn Hans Otto beförderte +ausschließlich Onkel und Tanten. Und sonderbare Onkel und Tanten waren +darunter. Tante Emma zum Beispiel (ein großes Korkstück) war sehr dick +und ging nicht gern, weshalb wir sie immer bis zur Endstation mitnehmen +mußten. »Onkel Hermann müssen wir stets einen Fensterplatz einräumen, +weil er zu gern ausgucken mag.« Tante Wilhelmine war schwerhörig und +kurzsichtig -- die arme Frau! -- und wir mußten ihr deshalb den Namen +von jeder Haltestelle ganz laut ins Ohr trompeten. Onkel Fritz war +dreist und ging immer mit der brennenden Zigarre in den Wagen, weshalb +wir ihn jedesmal auffordern mußten, die Zigarre wegzuwerfen oder nach +draußen zu gehen. Weiß Gott, es gab mancherlei zu bedenken und zu +beachten! + +Als wir unseren Betrieb stillegten, um zu frühstücken, setzte Hans +Otto sich neben mich und half mir wacker bei der Mettwurst, mehr noch +beim Kuchen und am allermeisten bei den Bananen. Der geneigte Leser +mag daraus ersehen, daß Hans Otto ein Leckermaul ist; fragte er aber +weiter nach ihm, so bliebe ich stumm, denn ich weiß Hans Ottos Zunamen +nicht, auch weiß ich nicht, wo er wohnt. Wir haben einander nicht nach +dem Namen gefragt: ich mochte es schon deswegen nicht tun, weil ich als +Arbeiter bei der Straßenbahn doch gewissermaßen sein Untergebener war. + +Die Einwände seiner kopfschüttelnden Mutter gegen unsere gemeinsame +Tafel wehrte ich lachend ab und er mit seiner bekannten und beliebten +Redensart: »Du, ich hab' kein' Zeit!« + +Nach dem Essen erbot ich mich, dreister geworden, ihm ein Blankenese +zu bauen, wenn er mir dabei an die Hand gehen wolle. Er sagte es zu, +und wir gingen an den Bau wie die Fronarbeiter an die Pyramiden. Armer, +kleiner Hans Otto. Du hattest nicht einmal eine Schaufel und nanntest +auch keinen Eimer dein eigen, aber ist es nicht dennoch gut gegangen? + +Haben wir nicht unermüdlich mit Händen und Füßen gebaut und gegraben +und ausgeschachtet? Haben wir nicht ein breites tiefes Bett für die +Elbe zurechtgemacht und auf ihr Nordufer einen hohen, gewaltigen Berg +getürmt, das getreue Abbild des Süllbergs, fast so groß wie du, Hans +Otto? Hätte da einer kommen und zweifelnd fragen können: Soll das etwa +Helgoland sein? Gewiß nicht, was? + +Und als der Berg hoch und breit genug war, haben wir die Abhänge platt +und glatt geklopft, ich mit meinen großen Händen und du mit deinen +kleinen. + +Haben wir dann nicht aus roten Steinen einen Turm auf den Gipfel +gebaut, hatte der Turm nicht eine richtige Flaggenstange und wehte von +ihrem Topp nicht ein Tanghälmchen als Wimpel? Hast du nicht hundert +rote, weiße und blaue Häuser herangeschleppt, Steine und Muscheln, und +habe ich sie nicht nach einem großartigen Bebauungsplan über den Abhang +verteilt? Entdeckten wir nicht in den Dünen eine Art von Immergrün, +vortrefflich geeignet für die Bepflanzung unseres Berges mit Baum und +Strauch? + +Und als alles fertig war und wir etwas zurücktraten, um es besser +überschauen zu können, hat es da nicht überaus prächtig und lustig +ausgesehen, unser buntes großes Blankenese? Sind nicht die Leute +bewundernd stehen geblieben und hat dein kleines Ohr auch nur eine +ungünstige Kritik gehört? Von deiner eigenen Freude will ich ja noch +gar nicht mal so viel Aufhebens machen, denn du warst als Teilhaber +und Miterbauer vielleicht nicht ganz objektiv; aber sind nicht sogar +die drei Marineartilleristen, die großen braunen Gestalten, stehen +geblieben, die doch gewiß schon an Brockeswalde und an die Mädchen +dachten; haben sie nicht Lobesworte gefunden und nicht gleich auf +Blankenese geraten? + +Wir können auf alle diese Fragen getrost und freudig Ja antworten, Hans +Otto, und wir werden der Wahrheit am nächsten sein. -- Wie lange wir +noch dagestanden und uns unseres Werkes gefreut haben ... ich weiß es +nicht, wie ich auch nicht weiß, ob die großen Baggerungen in der Elbe, +die wir noch unternahmen, wirklich notwendig waren oder ob sie hätten +gespart werden können. + +Auch das weiß ich nicht, warum ich dann mit einem Male aufstand und +weiterging, Duhnen zu, denn es lag mir im Grunde nichts mehr an Duhnen +... + +Du hast mich nicht festgehalten, Hans Otto, als ich dir zum ersten und +letzten Male die Hand gab. Nur gesorgt hast du dich, ob ich morgen +wiederkäme, und ich habe es bejaht. Ich sehe noch dein betroffenes +Gesicht, als ich wegging. Es war, als könntest du nicht glauben, daß +ich von dir ginge. Ratlos standest du neben dem großen Süllberg und +sahst mir nach. Und wie lange hast du mir nachgesehen! + + * * * * * + +Als ich im Abenddunkel mit der »Cobra« zurückfuhr und nach den Feuern +und Lichtern der dunklen Elbe guckte, da habe ich an dich gedacht, Hans +Otto, und es ist mir sogar aufs Herz gefallen, daß ich dich belog, als +ich dir sagte, daß ich am anderen Tage wiederkommen wolle. Wie wirst du +nach der Kugelbake blicken, daß ich kommen soll, dein Blankenese von +neuem aufzubauen, das die übermütigen Mädchen in der Nacht, als die +Matrosen sie zu greifen versuchten, zertreten haben ... + +... und nun sitze ich in deinem Hamburg, Hans Otto, zwischen +scharrenden Federn und klappernden Schreibmaschinen und blicke in +Bücher und auf Papiere, rechne mit Dollaren und Peseten und kann es +doch nicht verhindern, daß ich geheimerweise auf einen Rechenzettel +schreibe: Hans Otto. + +Das soll ein Gruß für dich sein! + + + + +Ditmer Koels Tochter. + + +Der kleine, dicke Bäckergeselle, den die Sonne von 1525 besonders +freundlich beschien, als er breitbeinig auf der Kaje saß und mit +Steinen nach den Stichlingen warf, die um die Bollwerkspfähle +schwärmten, dachte nicht an seine Stutenmacherei, sondern an Venedig +und Grönland, an Apfelsinen und Eisbären. Er erschrack sehr, als ihm +mit einemmal ein schweres Tau auf den Buckel sauste, und glaubte in die +Hände von Seeräubern zu fallen: da erblickte er zu seiner Beruhigung +aber nur einen Norderneyer Schellfischangler, der mit seiner grünen +Schaluppe heranglitt, und ihm zurief, in jenem selbstverständlichen +Ton, den unsre Schiffer noch heute führen: »Hak mal öber!« + +Der Gesell tat es, rächte sich aber doch für die Apfelsinen und +Eisbären und fuhr den Eilandsmann giftig an: »Wat wullt du Spöcker hier +up'n Namiddag? *Morgens* köpt wi Schellfisch: nu is de Brück leddig!« +-- »Mien gode Jung, ick heff ok keen Fisch,« sagte der Schiffer +gemütlich, »ik heff moi Tiding for den ehrbaren Rat. Moi Tiding! Ik +will mi blos'n beeten afdweilen, denn seil ik up't Rathus.« + +»O vertell, Schipper! Wat de Borgermester eten kann, dat smeckt ok wol +'n lütten Bäckergesellen,« bat darauf der Gesell und er gab nicht nach, +versprach zu schweigen wie eine tote Krähe, und bettelte solange, bis +der Fischer sich herbeiließ, ihm zu erzählen, daß er Nachricht von den +Schiffen hätte, die seit Pfingsten die Seeräuber jagten. Die See wäre +rein gefegt: die Gallion, der flegende Geest, der Bartum und die Jacht +seien im Sturm genommen, Klaus Rode sei von den ergrimmten Bootsleuten +in Grapenbratenstücke gehauen, dazu zweihundert Mann erschlagen: der +Rest von einhundertsechzig Mann aber und der Hauptmann Klaus Kniphof +seien von Ditmer Koel gefangen genommen. Diese Seeschlacht sei in der +Osterems geschehen und hätte acht Stunden gedauert. Das Geschwader +liege windeshalber achter den Greeten: die erste gute Luft könne es +aber schon nach der Elbe wehen ... + +Hier sprang der Gesell auf, schüttelte sich und rief: »Un wenn de Dübel +mi halt, dit kann ik nich verswiegen. Back mi tein Pickplasters up'n +Mund, un dat mutt doch rut!« Und ohne auf den fluchenden Norderneyer zu +achten, sprang er an Land und rannte stadtein. Die Hände an den Mund +gelegt, gröhlte er laut und durchdringend: »Tiding von uns' Schepen, +gode Tiding! Ditmer Koel, unse Admiral, hefft Klaus Kniphof mit alle +Schepen und alle Mann gefangen genommen!« So schrie er ins Millerntor +hinein und ließ nicht nach, und bald hatte er einen Haufen von Kindern +und Burschen um sich, die seinen Ruf aufnahmen und ihn gewaltig +verstärkten. Nicht lange dauerte es: da hatte man sogar schon eine +Weise für die Zeitung erfunden, die also lautete: + + »Gode Tiding von uns' Schepen! + Ditmer Koel hefft Kniphof grepen! + Söben Schep un hunnert Mann, + öbermorgen kommt se an.« + +Wie eine Windflage, die Staub und Blätter aufwirbelt, so drängte es +durch die engen Straßen, und die Rotte vergrößerte sich von Ecke zu +Ecke. Hamburg, das schon mondelang auf eine Kunde geharrt hatte, +horchte auf, lachte und freute sich des Sieges. Da wurden Fenster +aufgestoßen, da wurde gefragt und getan, da traten die Handwerker +aus den Türen zu nachbarlichen Gesprächen. Einige steckten die alten +Schiffsflaggen heraus, andere ließen einen Krug Braunbiers aus dem +Keller holen und machten sich einen lustigen Tag aus der Begebenheit. + +Die brausende Woge brandete auch an das Fachwerkhaus, das sich an +der Nigentwiete in beschaulicher Stille sonnte und dem Schiffer und +Admiral Ditmer Koel gehörte. Die Großmutter des Hauses saß feiernd +am halbgeöffneten Fenster und horchte auf die Stille, die hinter all +den feinen Geräuschen des Tages ruhte. Neben ihr lehnte Ditmer Koels +Tochter, die schöne Gesa, ein blühendes, taufrisches Mädchen von +achtzehn Jahren, am Fensterpfosten und spielte nachlässig mit den zwei +kleinen grauweißen Katzen, die auf dem Brett übereinander kugelten ... + +»... Ditmer Koel hefft Kniphof grepen ...« Das Siegeslied brach um +die Ecke und erfüllte die Twiete. -- »Grotmoder, hört ji? hört, hört! +Se singt von Vader! He kummt wedder!« rief das Mädchen vor Freude +erglühend, warf die Kätzchen ritsch -- ratsch auf den Fußboden, stieß +das Fenster vollends auf und beugte sich hinaus, um zu sehen und zu +hören, was da nahte. »O, wat frei ik mi, Grotmoder!« + +Grad unter dem Fenster machte der kleine Bäckergesell halt, der schon +vor Heiserkeit kaum noch sprechen konnte. »Leewe Gemeende,« krächzte +er roten Kopfes, »mal 'n Spier Gehühr!« Und als der Lärm sich etwas +verminderte, denn alle warteten, daß nun etwas abfallen sollte: da +berichtete er den Frauen weit ausholend und mit umständlichen Gebärden +alles, was er wußte und was sich so up'n Stutz schicklicherweise +hinzulügen ließ. Zum Schluß nahm er seine Mütze ab und hielt sie +treuherzig-verlangend auf. »De Kehl is all bannig drög, aber wat +deiht'n Hamborger Jung nich all for unsen Admiral Ditmer Koel.« + +Die Greisin schüttelte halb belustigt, halb geärgert den Kopf. + +»Wat hett se seggt?« -- »Se seggt, Water smeckt söt!« -- »O Mann, wat +is de Olsch nährig!« »Free Licht bi Dagen un wieder nix!« + +Aber Ditmer Koels Tochter sprang leichtfüßig ins Zimmer zurück und +durchsuchte Schrank und Schublade, bis sie eine Hand voll Münzen +gefunden hatte, die sie dem Gesellen laut klirrend in den Hut warf. + +»Ho -- nu drinkt Warmbeer un lat Ditmer Koel hoch leben!« rief sie in +fröhlicher Unbefangenheit den Weiterdrängenden nach. + +Dann fiel sie der Ahne um den Hals: »Grotmoder, lat mi doch nich alleen +lachen: Freit jo doch mit! Vader kummt ja doch!« Die Alte strich ihr +das blonde Haar aus der Stirn. »Büst so wild, Deern, so wild!« -- »As +du fröher west büst, nich, Grotmoder?« fragte das Mädchen schalkhaft +und erhielt es lächelnd bestätigt. »Ja, Kind, as ick west bün.« + +Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lärm, dem sich +noch die Rufe mühsam entrangen: + +»Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...« + + * * * * * + +Ditmer Koel sollte leben: er *lebte* -- und es kamen der Tag und +die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln +(Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit +den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm +den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen +war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen, +die den Seeräuber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglöckner +läutete die Glocken. + +Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloßen Schwert gegürtet, trug in +der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seeräubers. Er war +immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er größer +und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als +er Ratmann und Bürgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt; +nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Kränzlein ihrer +Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lächeln über seine Züge. +Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich +von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen +bekannten Bürgern. + +Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fünf Fähnlein folgten, und hinter +ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeräuber Klaus +Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjährige +Kopenhagener sah blaß aus, doch war nichts Unmännliches in seinem +Gesicht. Er war barhäuptig und trug ein weiches Hemd, dessen Ärmel von +Kugeln durchlöchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen. +Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und +das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig +Seeräuber, gefesselt und gekettet. + +Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit +großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und +hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von +Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm +der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die +Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen, +und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten +dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen +und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein +Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden +war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort. +Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr +zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod +gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer +Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib. +Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk +überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des +Dänenhauptmannes. + +Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich +auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr +vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange +ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen +können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan +Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von +den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem +Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das +lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten +zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und +gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem +Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel +in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und +bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu +sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie +Luther es getan hatte, als er die Nonne freite. + +Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er +fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging +davon. + +Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische +und dänische Flüche schollen hinwider. + + * * * * * + +Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich +der Freude über seine Seefahrt überließ und versicherte, daß Klaus +Kniphof als ein Seeräuber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam +nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er +jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine +Sache. Kniphofs Fähnlein hänge im Dom unter der Kanzel, verkündigte er +eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte +sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems +erzählte, wie er seinen Leuten zuvor ein kräftig Süpplein zu kosten +gegeben hätte, Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), das sie +teufelswild gemacht hätte, da kam ein Grauen über sein Kind, das es +nicht abschütteln konnte. Über ihre Träume aber schaltete der junge, +blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes saß und +durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte. + +Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine +Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber für geratener, ihm einen +Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun +jeden Tag die Hühnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost +zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er +berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Königs +Bestallung. Als kriegsführende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie +steuern können, ohne darum ein Seeräuber zu werden. Margarete von +Burgund, seines Königs Schwägerin, Karls des Fünften Tochter, werde ihn +schützen. Der Rat schickte nach Brüssel und ließ hansisch-stolz fragen: +wat se mit den steden to donde hadde? -- worauf Margarete den Brief +verleugnete und den Seeräuber fallen ließ. Kniphof aber wollte es nicht +glauben. + +Ditmer Koels Tochter ging hellhörig um ihren Vater herum, bis sie +wußte, daß Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte. +Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die +Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat +sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff +herüber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zärtlich an, +brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, daß sie vom Rat die +Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen. + +Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einlaß, und die zweite nannte +sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf +und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter, +aber weil die Schwester ein schönes Weib war, erhoffte er sich einige +Gunst und ließ sie mit hinein. + +Klaus Kniphof war im Gespräch mit seinem Beichtvater. Als er +seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und +ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut +schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß. Erschüttert stand Gesa Koel +dabei. + +Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe, +dessen dunkle Augen um das Mädchen brannten, das er wohl erkannte, +schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen. +Dann erst sah der Seeräuber das Mädchen und erkannte sie wieder vom +Millerntor her und wußte, daß sie aus edlem Geschlecht sein mußte. +Er gab ihr die Hand und dankte ihr, daß sie sich seiner guten Mutter +angenommen hätte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten +Frau das Kloster erschlossen hatte und für sie sorgte. Kniphof schöpfte +neue Hoffnung, und er begann zu erzählen. Sein ganzes Leben und seine +wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe +lehnte düster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Höfe von +Kopenhagen, London und Brüssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in +Jugendlust hinein und berichtete von der holländischen Zeit: wie sie +bei Amsterdam die vier großen, schwerbestückten Schiffe ausgerüstet +hätten, wie er seine dreihundert Leute angeworben hätte, und wie er +dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in +See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dänemark zurückzuerobern. +Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der +gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes +Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zügen auf: Gesa +Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und +dieser wußte den Blick recht zu deuten. + +Kniphof kam auf die Seeräuberzeit. Sein Freibrief müsse ihn schützen, +er sei kein Seeräuber. Es könne nicht sein, daß Margarete ihn den +Städten überließe: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es +müsse noch einmal geschickt werden. + +Die Glocke erscholl und verkündete, daß die Besuchszeit zu Ende sei. +Kniphof verabschiedete gefaßt seine Mutter, die zu weinen begann, und +gab dem Mädchen die Hand zum Lebewohl. + +Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug +gegenüber. Das Mädchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es über +sie, daß sie ihm vertrauen könne wie einem Bruder, und sie streckte +ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, daß sie mit der Frau nach Brüssel +reisen und sich der Statthalterin zu Füßen werfen wolle für Kniphof, +damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er +fühlte, daß sie diesen Gang tun mußte, aber er bat sie, ein Nonnenkleid +anzulegen, das ihre Schönheit der Landstraße verhülle: er werde es ihr +bringen. Die Fahrt werde den Seeräuber nicht retten, denn Margarete +könne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele +solle sie reisen. Sie schüttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn, +Kniphof noch nichts zu sagen. + + * * * * * + +Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne +in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah +ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein +Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag +vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und +Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen! +Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ... + + * * * * * + +Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen +Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als +Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die +Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als +ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und +eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien -- da läutete das +Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache +brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner +Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die +weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten +Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel +gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf -- er glaubte nicht mehr +an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter +ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und +schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte +ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe +säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte +seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel. + +Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen. + + * * * * * + +Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch, +stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel. +Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er +war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich. +Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter +reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein +Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es +in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten +hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn +überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten. +Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer +gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu. + +Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein +alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich +regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege. +Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die +Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend +nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer. + + * * * * * + +Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte +ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich +umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie +sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück +begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie +wolle nun in ein Kloster gehen und still leben. + +Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mächtiger Wind, der nicht +vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem +guten Kameraden: daß er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden +wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie +ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther. + +Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den +Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen. + + + + +Schiffbrüchig. + + +Auf meiner dritten Reise. + +Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch +nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen +Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu +still zum Fischen. + +Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung +und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das +Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln, +das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an. + +Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen +an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir +jetzt nach Wind aus. + +»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der +Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und +deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann +sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, -- und er hatte es noch nicht +ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören +und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war *bange* +-- um es ehrlich zu sagen -- bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen +fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht. +Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll. + +»To! Man rup'n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh. + +»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei. + +»Worüm?« + +»Jä, wenn 't dick van Dook ward,« sagte ich. + +Nun lachte er. + +»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.« + +Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß +meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale +die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken +nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht +gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück +bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den +Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht +einzuschlafen. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Da -- -- -- ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte +ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers. +Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein +Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich +fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine -- saßen sie fest? +In jähem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur +Seite ... und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen. +Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem +gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals +zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und +konnte nicht ... nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte +aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich +sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab +mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an +Deck und erbebte. + +Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter +entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und +Schreien. Da -- -- -- eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein +schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers +war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er +sich gurgelnd seitwärts senkte. + +»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig +rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der +glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer +wieder rutschte ich hinunter. + +Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von +unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun +mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder. + +»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich. + +»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi +weg kommt.« + +Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten +wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer +mehr sank der Ewer weg ... das Wasser spülte über das Deck ... unser +Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der +drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes, +stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ... + +Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum +bloß? ... Die Bootsleine! Die ... + +Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne +noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu +beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit +meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun -- saßen wir fest, fest an dem +untergehenden Ewer. + +»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf +und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten +unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns +ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres +armen Ewers. Und nun kamen *wir* an die Reihe. Wir drängten wild nach +hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See +schäumend um unsere Füße ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging +der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben. + +»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf. + +»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der +dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und +der See und den aufschießenden Blasen. + +Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich +auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und *dachte nach*, während +ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge +erst an -- und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und +unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien +niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus. + +Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen. +Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der +Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein +Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten +Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich +fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich +auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht -- +jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und +wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf +und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte +und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief: +die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See +wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über +den Kopf -- und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder +blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der +Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche ... + +Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über +dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch +noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und +wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir +dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden +waren. + +Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die +Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde +leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken +durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen. + +War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes +auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie +mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein +Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich +danach, mit beiden Händen, und hielt es fest. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das +vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war -- einer meiner +sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit +vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von +meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich *lebte*, +lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und +trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß +er das Knarren der Gaffeln übertönte. + +Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck. + +Schön und sternenklar war die Nacht. + +Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte +er sich und fragte: + +»Na, wat is er los?« + +»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen. + +»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?« + +»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in +der Koje. + + + + +»In Gotts Nomen, Hinnik!« + + +Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem +Sonntagnachmittag den grünen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem +Wasser als nach den Häusern. + +Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf. +Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gezimmert. + +Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein +Wunder -- Jan Siebert hatte sie gebaut. + +Einige von den großen Kuttern leuchteten wie Königsschiffe über das +Wasser. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft. + +So grüßten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das +Herz warm. + +Als er bei Gesine Külpers Strohdach angelangt war, sah er ihren +ältesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern. + +»Kumm mol rup, Hinnik,« rief er, und der Junge lief in Sprüngen. + +»Gu'n Dag, Jan-Unkel.« + +»Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du +denn beschicken?« + +Hinrich guckte nach der Elbe. + +»Ick will giern up'n groten Kutter.« + +»No See, Junge?« + +»Jo.« + +Der Baas sah ihn lange und prüfend an. + +»Dien Vadder is bleben, Hinnik.« + +»Großvadder is ok bleben -- un Vadder is dorüm doch wedder no See +gohn,« antwortete der Junge. + +»Is din Mudder dormit inverstohn?« + +Der Junge stockte. + +»Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt,« gab er dann zögernd +zu. + +Der Baas nickte vor sich hin. -- »Is good,« sagte er mehr zu sich als +zu dem Jungen und klinkte die Tür auf. + +Hinnik aber steckte beide Hände tief in die Hosentaschen und schwankte +nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes +Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fühlte sich schon als +Fischerjunge. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht +wurde noch bleicher. + +»Hett he dat seggt?« fragte sie schon zum dritten Mal. »He will no +See?« + +Jan Siebert nickte ernst. + +Sie faltete die mageren Hände. + +»He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewiß ne gohn. Segg +doch sülbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok +no buten? Nee, nee -- ick *kann* keen wedder no See seiln sehn. Ick hol +'t ne ut.« + +Er schwieg. + +»He mütt an Land blieben, Jan Siebert,« fuhr sie erregter fort. »Lot +em Buer warn oder Schoster oder Snieder, -- ganz egol -- ober no See +schall he ne. Du büs Vörmund: segg em dat.« + +Der Baas war sich einig geworden. + +»Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann +warn lot. Denn süht he doch wenigstens Scheep un Woter.« + +Sie atmete erleichtert auf. + +»Jo, Jan Siebert, nimm em hin.« + +»De dree Johr verdeent he ober nix,« sagte der Baas, aber sie +schüttelte nur den Kopf. + +»Dat deit nix. Min lütj Tügloden smitt woll so veel af, dat wie Brot +hebbt.« + +Er war aufgestanden. + +»Schall ick 't em seggen?« + +Sie bot ihm die Hand zum Abschied. + +»Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.« + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +»Hinnik!« + +»Wat schall ick?« + +»No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne +hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo +fix Lust to, ne?« + +Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein +sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und +ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit großen grauen +Säcken verhängt. + +»Hest du 't hürt, Junge?« fragte der Baas, als er noch immer keine +Antwort bekam. + +»Jo,« sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin. + +Erst als der Baas fortgegangen war, rührte er sich wieder und sah +finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die +See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der +bewegten, unendlichen See: -- ein häßlicher, breiter Graben, der ihm +alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch +wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen ließ. + +Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreßten Lippen +kletterte er müde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen +konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute. + +Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine +bekümmerte Mutter legte die Hände für ihr Kind zusammen. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene +erwähnt worden -- seine Mutter vermied es ängstlich, davon anzufangen +-- aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht +verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurückhaltend und wich ihren +Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand über die Stirn, so trat ein +gequälter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die große, schöne +Lampe weggeholt und dafür ein armseliges Talglicht auf den Tisch +gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: -- das konnte er +nicht verwinden. + +Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft +stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er +alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war +deutlich zu lesen, daß die Arbeit ihn nicht freute, und daß er nicht +mit dem Herzen dabei war. + +Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, daß gut +Ding seine Weile haben wolle. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Wer weiß -- -- -- + +Vielleicht wäre Hinnik doch ein Zimmermann geworden. + +Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wäre! + +Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wären! + +Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von draußen erzählt hätten! + +Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt hätte, +wäre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen +und schimpfte im Vorbeigehen, daß er nun liegen bleiben müsse und doch +so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wäre. + +Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und ließ sich als Junge +annehmen. + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Abends erzählte ein aufgekommener Lüttfischer, daß er ihn auf dem +Kutter gesehen habe. + +»Mi hett dat ahnt,« sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostloß dasaß. + +»Den leet de See keen Ruh.« + +Sie weinte nur noch mehr. + +»He *will* verdrinken als sin Vadder.« + +Er schüttelte verweisend den Kopf. + +»So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See *sehn* hett, holt +wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jümmer +bloß een, un he hürt to de negen annern, de wedderkommt.« + +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Der böse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt, +-- nun brachte eine gängige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die +Elbe herauf. + +Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, daß er aufgekommen sei, -- +und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mußte doch kommen? + +Hinnik kam. + +Erst zu Jan Siebert. + +»Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbröcht,« sagte er und ließ eine Stiege +Schollen aus dem Taschentuch springen. + +»Weest, wat du verdeent hest,« grollte der Baas und sah ihn schief an. +Heimlich freute er sich aber über den wetterbraunen jungen Kerl. + +Der sagte keck: »Nee,« sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich, +denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stück Holz geflogen kam. + +»Büs ok seekrank wesen?« scholl es ihm freundlicher nach. + +Er lachte. + +»Keen Gedanke!« + +Seine Mutter saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hände. + +Er warf zwei Goldstücke hin. + +»Mien Verdeenst, Mudder,« sagte er stolz. Dann knüpfte er das Tuch +auf und breitete seine Schätze aus: springlebendige Schollen, rote +Muscheln, Seeäpfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein. + +»Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. -- Den +Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He güng mit sien witte Jacht no +Wilhelmshoben. -- Un up Nordernee sünd wi ok an Land wesen. Wi legen +dor twee Dog för Wind.« + +Er erzählte munter darauf los, ohne sich stören zu lassen. Schließlich +guckte er sie aber doch an -- und da sah er, daß ihr die Tränen in den +Augen standen. + +»Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bün Fischer, lot +mi man Fischer blieben.« + +Sie war aufgestanden. + +»In Gotts Nomen, Hinnik!« + + + + +Auf Helgoland. + + +Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem +Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle. + +Aber es erging ihnen wunderlich. + +Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er +Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der +See und sang von ihren Augen. + +Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er +Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er +der Sonne und sang von ihrem Haar. + +Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er +Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der +Möwen und sang von ihren Händen. + +Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen +Wald um Mittag. + +Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise +und versonnen: + +»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?« + +»Ja, Ahne.« + +»Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch *sehen* +konnte.« + +»Du siehst sie wieder und strahlender als je.« + +»Das ist mein Glaube.« + +Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen. + +Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen. + + * * * * * + +Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte +sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen +Fuß. + +Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an. + +Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den +Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen. + +Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun +pflegte. + +Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen. + +Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war +er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien. +Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und +der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen +lassen. Nun war er eingeschlafen. + +»Ahne, schläfst du?« + +Sie schüttelte leis den Kopf. + +»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das +Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm +bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das +Sonnenland.« + +»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.« + +»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein +Auge?« + +»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme +geht.« + +»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. -- +Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.« + +»Das ist sie, Ahne.« + +»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf +dem Wasser?« + +»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.« + +»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher +Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich +mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis +ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet +geduldig -- und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem +Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt ... morgen +geht er hin und bettelt.« + +»Ahne, der fremde Priester kommt.« + +»*Wieder*, willst du sagen.« + +Mit feierlichen Schritten kam er daher. + +»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.« + +Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne. + +»Ein *Herr*? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden, +freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und +segnete?« + +»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf +sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben +und dich taufen lassen.« + +Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen. + +»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern +gehört hätte. Aber *so* ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin, +hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im +Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land +betrittst?« + +Ȇberall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das +Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht +blind wärst, Königin ...« + +»Ich bin nicht blind, ich sehe, *seit* mein Auge sich trübte. Sieh: +wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht +das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind +süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß, +ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange +aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit +Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Höre, +wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine +Schlacht.« + +»Wer achtet dessen?« + +»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine +Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar +ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er's nicht +selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind +und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem +Kinde tust, das tust du ihm.« + +Er gab keine Antwort. + +»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie +gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen, +sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und +Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um +uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht +wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum. +Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich +will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt +Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über +das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.« + +Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die +Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte, +rasselte *er* mit dem Schwert und knurrte. + +Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu +gehen. + +Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so +viel von Lachen und Freuen sprach. + +Schön-Helga bekam er aber doch nicht. + +»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.« + +Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich +hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer. + + * * * * * + +Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand +und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits. +Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig, +mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das +Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein +Schiff auf den Bänken. + +Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend +an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen +geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue -- +und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai +Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es +immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und +schwitzen!« + +Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie. + +Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen +verlassen müsse, der Christ werde. + +»Habt ihr's gehört, Leute?« sagte Klaas laut. + +»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!« +rief Kai. + +»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum. + +Da mit einem Male sagte der Priester: + +»Muß *den Felsen* verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand. +Der ist für das Christentum. >Der Felsen< hat sie gesagt!« + +Und er blickte frei um sich. + +»Gesagt, aber nicht *gemeint*!« sagte Kai; aber die andern waren doch +still. Daran hatte keiner gedacht. + +»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es +ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde. + +Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster +drein. + +Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen. + + * * * * * + +»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder +in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.« + +Kai Rickmers räusperte sich verlegen. + +»Er hat sich taufen lassen.« + +»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?« + +Kai hustete noch mehr. + +»Er wohnt auf dem Sand.« + +»Auf dem Sand?« + +»Dem Unterland. Den Felsen mußt' er ja verlassen.« + +»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?« + +»Der Priester hat es anders ausgelegt.« + +»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns +nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer *das* kann, kann alles.« + + * * * * * + +Es kam so. + +Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe, +die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach +verloren. + +Es wurde oben stiller und stiller. + +Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch +hin und fragte selten. + +Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem +Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es. + +»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen, +bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und +hab gefragt und getan -- und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben +unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im +Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich +hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland +verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege +gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach, +-- umkehren, umkehren; da mußt' ich ihn still machen. Der sagt kein +Wort mehr.« + +Und er lachte. + +Sie verzog keine Miene. + +»Nein -- es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.« + +»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,« +sagte er. »Sonst hätt' er meinetwegen leben bleiben können.« + +Aber sie schüttelte den Kopf. + +Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein. + +Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus. + +»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist +keine Kunst.« + +Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich. + +»Still -- hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit +verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und +Schwirren. + +Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und +verröchelte auf dem Estrich. + +Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden. + +Eine tiefe Stille ging durch die Halle. + +Endlich sagte die Königin: + +»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt' es nicht +gedacht.« + +Da ging er mit hastigen Schritten hinaus. + + * * * * * + +Den dritten Tag war *er* es, der unter den Helgoländern stand und +predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war +so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um +ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen. + +Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er +fand den Frieden. + +Auch die letzten kamen vom Felsen. + +Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief +sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite +und hörte ihm zu. + +Da wurde es ganz still um die greise Frau. + +Nur Kai Rickmers blieb bei ihr. + + * * * * * + +Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich +ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen +den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und +horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die +Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel +blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast +stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah, +wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und +küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ... + + * * * * * + +Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den +Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen +freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie +der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und +Steine glucksen. + +Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach +den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach +Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch. + +Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht +zu deuten. + +Im hellen Sonnenschein schläft sie ein. + + * * * * * + +Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da +haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als +erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt +und gelacht. + +Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche +Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise +Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude +und Licht und Sonne. + + + + +Die sieben Tannenbäume. + + +Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen +steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt +in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und +Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und +Hasen auf ihm ihr Wesen. + +Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem +Gipfel sieben Tannenbäume, so daß man meinen mochte, er hätte sich +eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste +ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem +feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er +hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte +an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges +Wasser getragen -- und freute sich nun, daß er sie so weit gebracht +hatte, daß sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mußten sie +auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den +Sand fest, daß seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte, +sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, daß es nicht +durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, daß es ihm nicht zu +heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm, +Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel. +Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den +Weg, wenn es über Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt, +unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach +war breitgeästet und mußte das Männlein deshalb vor der brennenden +Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er +stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind +beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die +beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten +Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut, +so daß eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch +lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar +eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher +war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte +das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis, +ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum +Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an +ihm abgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war +noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit +Wind und Sonne. + +Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr, +die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und +feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das +rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und +Steinen und wartete, daß die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen +sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und +quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, daß es +morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln faßte, als zöge +es ein Kind an den Füßen. + + »Bäumchen mein: + Sonnenschein?« + +fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu: + + »Zwerglein, nein!« + +so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag +wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riß es wieder an den +Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei -- und bekam mit einemmal +keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja es ließ sich an den Wurzeln +baumeln, es fragte mit gräßlich lauter Stimme: + + »Bäumchen mein: + Sonnenschein?« + +aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bißchen +besorgt, stieß es die Tür auf -- o weh, wie erschrak es! -- alle sieben +Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da -- der Berg +war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüßte +es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen, +rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen +kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen +wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen +großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen +weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das +rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben. +Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. »Du findest sie nicht,« +sagten die Krähen, »die Welt ist zu groß.« Das Männlein jammerte +wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten +nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich -- sie fanden es. + +»Wenn der Mond aufgeht,« sagte sie, »wollen wir ihn bitten, daß er sich +zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine +Tannenbäume.« Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da +es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen +Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen +Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren +Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest. + +»Fangt an!« rief das Männchen; aber die Krähen beschwichtigten es: sie +müßten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach +langem Warten, war es so weit. Der Mond stand groß und klar über dem +Heiderande. + +Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft: + + »Blanker, gelber Mond am Heben, + spiegle alles Erdenleben!« + +Mehrmals und durcheinander schrien sie -- das Männlein fürchtete schon, +sie möchten es genarrt haben. Plötzlich fielen sie lautlos in das dürre +Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde größer und größer, leuchtete +taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit +allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und +Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen +machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach +einer Gegend. + +»Was für eine große Stadt ist das?« rief es zitternd. + +»Hamburg,« gaben die Krähen leise zur Antwort. + +»Da sind alle sieben, alle meine Tannenbäume!« rief es wieder. »Ich +sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem +prächtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in +einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer, +Stiefelknecht an der Straßenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast. +O -- wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehnen, wie mögen +sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O -- bringt mich nach +Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!« + +Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe +an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest, +und -- hast du nicht gesehn? -- ging's über die Geestberge, daß die +Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten, +warf das Hasenroß den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach +Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefaßt auf den breiten +Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem +glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen +vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es +sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt +sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die +krabbelnd vollen Straßen zu stürzen -- aber die Sorge um seine sieben +Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben. + +Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der +sich an dem Blitzableiter hinabgleiten ließ und durch eine Luftröhre +in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die +Augen offen halten. Orgelton und Gesang durchbrausten den Raum, in dem +kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer, +hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: es war der +Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken +entlang zu ihm. + +»Armer Wegweiser!« schluchzte es. + +Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, daß die Lichter +flackerten: »Arm?« fragte er, »ich bin nicht arm, ich bin der schönste +Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und +mein Leuchten!« + +»Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst, +sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und +stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.« + +Der Baum rüttelte wieder seine Krone: »Ich weise andere Wege,« +flüsterte er wie im Traum, »Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum +Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen +machen kann. Und hier glänzen tausend. Mußt mir mein Glück schon +gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.« + +Brausend erscholl Orgelton dazwischen. + +»Und deine sechs Brüder?« fragte das Männchen. + +»Die sind alle Weihnachtsbäume geworden,« sagte der Wegweiser, »tragen +Lichter und Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines +Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder und alle Kinder lachen. Keines +geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen, ist die +Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern. +O Weihnacht!« + +Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, daß es ihn +nicht überreden konnte. + +»Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren,« +sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf +dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es. Zu +Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und +sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im +Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt +von dem Karussell auf den Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu +Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte. +Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und +einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den +Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln, +daß er miauschreiend zurückspringen mußte. + +Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie +ihr großer Bruder, sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden +zu sein und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln +Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten +sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar +schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie +Kinder. + +Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor +Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem +Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn +niemand kaufen wollen. + +»Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken,« sagte der +Alte zu ihm, »sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume -- aber du +bist keiner.« + +»Doch -- ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern,« sagte +Stiefelknecht, »der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche +Menschen vorbeigehen: ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein, +gewiß kommt heute abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit, +steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht +zurück.« + +Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah nach den Kindern, die +jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts. + +Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rößlein und ließ sich nach dem +Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde +ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am +Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in +See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten, +weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten. + +»Dann seewärts,« befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts +über Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven +gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See +zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe +herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen +stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter +Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und +wurde von einer Seite nach der andern geworfen. Der Wind blies gewaltig +in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des +Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind +auf und ab: das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die +Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm heraufspritzte. Und +guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu. + +»Armer Spielvogel.« + +»He, he, Männlein klein, bist du's?« rief Spielvogel. »Hier ist es +lustig, nicht?« + +»Komm mit nach der Geest.« + +»Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden. +Und was kann schöner sein, als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich +muß singen!« + +Und Spielvogel sang, so laut er konnte, daß die Matrosen mitsingen +mußten und Träume von Land und Licht träumten. + + * * * * * + +Da sah das rote Männchen ein, daß es seine sieben Tannenbäume verloren +hatte, er dachte daran, daß es nun ohne Wegweiser über die Geest irren +müsse, daß niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind +beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen +helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue -- der Berg war so kahl, +Regen drang in seine Wohnung -- armes Männchen! Mit einemmal breitete +es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das +dunkle Wasser hinab. + +Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der +See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas +Besonderes, wenn sie ihn fangen. + + + + +Ein Sterben. + + +Es war wieder still in dem kleinen, dämmerdunklen Zimmer mit den dicht +verhängten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlöschen +nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen +und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmäßiger, +und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten +lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur +das volle, blonde Haar ließ erkennen, daß er jung war. + +Heinrich, der Konfirmand, saß am Tische und hielt die Wache bei dem +Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach +dem bunten Schnitzwerk der mächtigen eichenen Truhe und tastete mit den +Fingern über den Namen und über den Spruch und die Blumen. + +Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben. + +Plötzlich rührte Gorch sich. + +»Mutter!« sagte er leise. + +Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt weiß, und zog die Hand +zurück und ließ Truhe Truhe sein. + +»Mutter schläft, Gorch. Ich bin bei dir.« + +Der Bruder öffnete die Augen und richtete sich mühsam im Bette auf. + +»Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?« + +»Die Klock muß so bei Zehn herum sein.« + +»Ist das Wetter sichtig?« + +Heinrich bog die Vorhänge etwas auseinander. + +»Es ist heller Mondschein, Gorch.« + +»Laß mich sehen!« bat der Kranke, und als der Junge zögerte, verlangte +er dringender: »Laß mich sehen!« + +Da schob Heinrich die weißen Laken zurück. Und Gorch starrte unverwandt +hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die +vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die +hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der +den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben +Mond, der groß und kalt am Heben stand. + +Was in ihm vorging, was er sann und grübelte, was für Gedanken ihn +überkamen, ließ sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine +Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und +er schwer in die Kissen zurücksank. + +Da stand Heinrich leise auf und verhängte das Fenster wieder, und +wieder blieb die Zeit stehen. + +Bis Gorch abermals erwachte. + +»Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!« + +»Was willst du damit?« + +»Mein Seefahrtsbuch!« + +Er griff erregt in die Decken. + +»Ich weiß nicht, wo es ist.« + +»Mein Seefahrtsbuch!« + +Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts übrig, als +hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch +danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und blätterte darin +und sah nicht mehr, daß er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu +erzählen: + +»Sieh her, Heinrich!... als Leichtmatrose mit der >Pisagua< von Hamburg +nach Iquique und zurück. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal. +Und zweimal über die Linie. Sieh her, Heinrich!... Als Matrose mit der +>Lesum< von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfünf +Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer >Crawford< +nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen +Bark... der Deubel mag den Namen behalten haben... in Ballast nach +Frederikstad, zurück mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger, +haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht >Nebelung< in +der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Bloß putzen +und scheuern, rein als 'n Köksch. Mit dem Fischdampfer >Poseidon< +neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbären gefangen, +Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster >Marie< +sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Böse Fracht, Junge. +Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool. +Mit der >Columbia< von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her. +Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit, +Heinrich. Ich weiß es noch wie heute...« Er brach ab, seine Gedanken +verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwächerer Stimme gab +er drein: »Kanton... Singapore... Aden... Gibraltar... Lissabon... +Bordeaux... Reval... Stockholm... New Orleans... Kingstown... +Maracaibo...« Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte +einen dicken Strich über sein Seefahrtsbuch gemacht. + +Heinrich hatte genau zugehört. Wie sie sich in seinem vierzehnjährigen +Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Häfen und Küsten vor sich: +mit hohen Leuchttürmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit +gelben Mongolen und schwarzen Negern. + +Gorch ermunterte sich wieder. + +»Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze +Welt. Im Osten und Westen, im Süden und Norden. Und nun ich krank +zurückgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern +sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen, +und ich hätte nichts davon gehabt. Sind große Hansnarren, Junge! Große +Hansnarren! Mein Leben ist *nicht* umsonst gewesen, und ich *habe* was +davon gehabt. Mehr, als sie denken können, und mehr, als ich selbst +glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekämpft und bin immer weiter +gesteuert, immer weiter... aber, weißt du, Heinrich, immer gerade aus.« + +»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge. + +Der Weltumsegler schüttelte den Kopf. + +»Nein, Heinrich. *Da* war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu +unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt, +aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so +groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem +Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß, +wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem +das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie +im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem +Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie +Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer +gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis +Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland +gekommen sind. Ich habe gelebt.« + +Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter +den Rücken. + +»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen +Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als +den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich +kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden. +Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im +Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein +zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.« + +Der Fieberfrost schüttelte ihn. + +»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am +besten, wenn sie über die Kranken lachen... Und hör' nicht auf mein +Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es +schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt, +Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen, +Nebel, Sturm: alles war schön.« + +»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.« + +»Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der +Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief +gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir +alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber +ich rate dir *zu*, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner +als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es +sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die +Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den +Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken, +dich breitschlagen... hör' nicht darauf ... sie sind jung *gewesen* und +können die Jungen nicht mehr verstehen.« + +Heinrich sah ihn fest an. + +»Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.« + +»Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du +um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen, +und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See, +Heinrich ... Und nun ... ruf' die Mutter ... ich fühle, daß ich zu Ende +bin ... ich möchte ihr gern noch einmal die Hand ...« + +Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurück und verschied, um +höheren Ortes Verklarung abzulegen. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56512 *** diff --git a/56512-8.txt b/56512-8.txt deleted file mode 100644 index 06ceab8..0000000 --- a/56512-8.txt +++ /dev/null @@ -1,4627 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Schiff vor Anker - Erzählungen - -Author: Gorch Fock - -Editor: Aline Bußmann - -Illustrator: Bernhard Klein - -Release Date: February 6, 2018 [EBook #56512] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER *** - - - - -Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an, -Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart -dargestellt war. - -Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden -Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter -belassen. - - - - - Schiff vor Anker - - -[Illustration: Gorch Focks Elternhaus auf Finkenwärder, im Vordergrund -seine Mutter] - -[Illustration: Gorch Focks Grab auf Stensholmen in Schweden] - - - - - Schiff vor Anker - - Erzählungen von - - Gorch Fock - - Aus dem Nachlaß herausgegeben - von Aline Bußmann - - Mit Bildern von Gorch Focks Elternhaus - auf Finkenwärder und seinem - Grabe auf Stensholmen in Schweden - - Hamburg - Verlag von M. Glogau jr. - 1920 - - - - - 1.-10. Tausend. - Mit Umschlagzeichnung von Bernhard Klein. - - - Zeilenguß-Maschinensatz und Druck - von Oscar Brandstetter in Leipzig. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - An Gorch Focks Freunde 7 - - De solten See 9 - - Herbst entgegen 20 - - Karen 29 - - Vor Ostern 40 - - Kassen Witt sin Freeree 54 - - Pulli 68 - - Sonntagnachmittags 83 - - Hans Otto 89 - - Ditmer Koels Tochter 99 - - Schiffbrüchig 115 - - »In Gotts Nomen, Hinnik!« 123 - - Auf Helgoland 131 - - Die sieben Tannenbäume 143 - - Ein Sterben 154 - - - - -An Gorch Focks Freunde. - - -Längst ist Gorch Focks Schiff vor Anker gegangen. Und wir haben seine -Schätze davongetragen, die er in der Unendlichkeit des Meeres, in Ferne -und Nähe, in Stürmen und Stille in seine Seele gesammelt hatte. Und wir -sind mit vollen, schweren Händen davongegangen. - -Nacht und dunkle Nebel haben sich nun auf das Land gelegt, für das -Gorch Fock sich hingegeben, wenig matte Sterne leuchten am verhüllten -Himmel. Wir sind noch einmal den Weg zurückgegangen zu Gorch Fock, an -seinem Schiffe glommen noch leise das rote Licht seiner Lebensliebe, -das grüne seines hoffenden, unverzagten Herzens, und inmitten der -beiden das helle, gelbe, strahlende Licht seines Daseins. Und in -dem still gewordenen Schiff haben wir noch einmal nach vergessenen, -liegengebliebenen Kostbarkeiten gesucht und fanden Dinge, die nicht -untergehen sollen in Vergessenheit. - -Bunt ist die Kette, die daraus wurde, Altes und Neues ist -nebeneinandergereiht, aber in jedem ist Gorch Focks Geist, der in -allen, die ihm nahe sind, lebendig bleiben möchte. - - Aline Bußmann. - -Hamburg 1919. - - - - -De solten See. - - -Ein Tropfen Tinte sitzt in meiner Feder und will verschrieben sein. - -Was ist es, das mich wiegt? Wo bin ich? Was klirrt da? Ist es mein -Schwert? Oder habe ich nur geträumt? Sind wir schon auf der Nordsee, -haben wir das Skagerrak schon hinter uns, und ist unser Ziel, das -Eiland Heiligland, schon in Sicht gekommen? Was da unter und neben mir -gluckt und plätschert und gurgelt: ist das schon das grüne Wasser der -Nordsee, von dem der Skalde gestern erzählte? Es muß wohl so sein, -denn diese Dünung ist nicht mehr so lang wie die des Atlantischen -Weltmeeres! Es wird den alten Seekönig von Herzen freuen, daß unser -Drachenschiff so schnelle Fahrt gemacht hat, in vier Tagen vom -Hardanger bis Heiligland, und er wird morgen lachen, wenn es Tag -geworden ist! Vielleicht gießt er wieder einen Becher roten fränkischen -Weins in das Meer, wie er tat, als der junge König von Heiligland -um seine Enkelin warb! O Gerda, nach der sich die Augen aller -Schiffsgenossen immer noch drehen, ob du gleich Braut bist und zu -deinem Bräutigam fährst, du bist schön wie die Sonne, die aus der See -steigt! Die stillste See kann den blauen Himmel nicht so widerspiegeln, -wie dein Auge es tut. Stünde ich mit dir auf dem hohen, roten Felsen, -blickte ich mit dir über das weite Meer, wiese ich dir die Segel in -der Tiefe und die Wolken, die an der Kimmung aus dem Wasser steigen, -du Königskind, ich wollte lachen wie der lichte Balder! Denn ich liebe -dich wie die See, und die See liebe ich wie dich -- und niemals hat ein -Wiking ein größeres und tieferes Wort gesprochen als dieses. Steuern -wir nach der Hochzeit nordwärts, der Mitternachtssonne entgegen, so -lehnst du nicht mehr mit wehendem Haar am Mast, Gerda. Niemals höre -ich dein Lachen wieder -- aber mir bleibt die See, die hohe Trösterin, -deren Atem alle Wunden heilen kann. Sie wird dem Wiking helfen! Murmelt -nur weiter, Wellen am Bug, und erzählt mir vom Meere ... - -Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben -sein. - -Ich habe die Augen geöffnet und erkenne, daß ich geträumt habe! -Ich liege nicht im Bauch des nordischen Drachens, sondern auf der -Diele eines Fischerfahrzeuges, unseres Ewers, und stecke in einem -alten, geflickten Focksegel, in das ich mich der Sommerhitze und der -aufrührerischen Wanzen wegen eingewickelt habe. Unter meinem harten -Lager strömt das Wasser, das wir im Raum haben, von einer Seite nach -der andern. Es gurgelt im Bünn, dem großen Fischkasten, und es klatscht -im Wasserfaß. Die Ölröcke und Südwester, die an der Decke hängen, -scheuern unruhig hin und her, als baumelten sie im Winde. Gegen den -Bug aber springen und hüpfen die Wellen der Nordsee und kluckern wie -junge Enten im Graben. Was sie mir erzählen wollen, das haben sie -schon Siegfried und Hagen sagen wollen, als sie die Fahrt nach Island -unternahmen! Und wenn es auch noch kein Menschenohr begriffen hat: -gefreut und erquickt hat es schon abertausend Menschenherzen und wird -sie immer erquicken, so lange es eine See auf der Welt gibt. Aber -nun singt mich wieder in Schlaf, ihr Wellen, ihr Seen, denn wir sind -mitten im Streek, fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff -auf Zungen, und wenn ich nicht geschlafen habe, kann ich keine gute -Wache gehen. Noch einmal blicke ich durch die offene Kapp nach dem -tiefdunklen, sternenbesäten Nachthimmel hinauf, sehe den dunklen -Großtopp durch die Sterne wandern, höre die Gaffel knarren und den -Bestmann schnarchen, dann nimmt der schwere, gleichmäßige Schritt des -wachhabenden Schiffers an Deck mich mit, und der Schlafbaas mustert -mich wieder an. - -Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben -sein. - -Immer noch dieser schwere Schritt auf dem Achterdeck! Oder ist es ein -anderer? Ja, der Schritt ist dumpfer ... Schwarz und tot treibt die -mächtige Kogge hinter Borkum auf der stillen See. Bis auf den Mann im -Krähennest und den leise summenden Posten auf dem hohen Bord scheint -das ganze Schiff zu schlafen. Über die Stengen und Wanten kriecht -der Mondschein. Wie in schwerem Bann ist die See erstarrt. Zu Stahl -scheint sie geronnen zu sein. Ringsum kein Schiff und kein Land, nur -die tote See. In der Admiralskajüte aber wacht ein Licht und wachen -zwei Menschen. Wie ein Gespenst wandelt der Schatten des langen Klaus -Störtebeker an der Wand. Ruhelos geht der junge Seeräuber auf und ab. -Mitunter hebt er das geblümte flandrische Tuch und blickt aus dem -kleinen Guckloch über die mondbeschienene Wasserfläche, dann nimmt -er seine Wanderung wieder auf. Quälen ihn seine wilden Taten, oder -hält der Madeirawein ihn wach? Der rotbärtige Godeke Michels, sein -Spießgeselle, der auf der halbmondförmigen Bank sitzt und kaum noch -die müden Augen offenhalten kann, sagt zuletzt: »Tu es, Klaus, nimm -die junge Gesina und bleib an Land, tu dem alten Grafen den Gefallen -und gib die Seefahrt auf, überlaß mir die Schiffe, laß Messen lesen -und werde ein ehrlicher Kerl an Land. Von Schottland bis Tunis gibt es -kein zweites Weib wie Gesina, und sie liebt dich.« »Sie liebt mich,« -wiederholt Störtebeker langsam. »Ein geruhiges Leben hinter Deichen, -zwischen Menschen und Weibern und Blumen, keinen Sturm und keine Not. -Gesina ist schön. Und doch: nein, Godeke! Meine Meerfahrt ist mir -lieber als das beste Weib!« »Du bist ein Hansnarr,« murrt Michels, -als Störtebeker jetzt an den alten Ostfriesen schreibt. Geräusche und -Gespräche unterbrechen jäh die nächtliche Stille an Deck: die Schaluppe -muß zu Wasser, damit der Brief sofort bestellt werde. Als das Geknarr -der Riemen in der Weite verklingt, wendet der Seeräuber sich von der -Reling, blickt noch einmal nach den riesenhaften Fledermausflügeln -hinauf und tritt wieder in seine Kajüte. Er hat sich der See -verschrieben, das weiß er. - -Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben -sein. - -Ich muß auf einer Segelöse, auf einer Kausch gelegen haben, denn -mein Rücken schmerzt. Oder hat die mütterlich-sorgliche Natur mich -geweckt, die weiß, daß wir alle drei Stunden unsere Kurre einziehen. -Ist es an der Zeit? Ich öffne die Augen: es ist hell, die Sterne -sind verblaßt! Da ruft es auch schon singend zum Einziehen. »Intehn! -Intehn!« »Jo,« antworte ich und »Jo« echot es in der Steuerbordkoje. -Wir schlafen während der Fahrt und Fischerei in voller Kleidung, ich -brauche deshalb nur die langen, schweren Seestiefel anzuziehen, die -von Tran und Schuppen glänzen; dann stehe ich an Deck und muß mich -wundern, denn von der See ist nicht das geringste zu sehen. Segeln -wir auf der Milchstraße? Alles Wasser ist mit einer dünnen, aber -dichten, undurchdringlichen Schicht weißen Gewölkes bedeckt, daß nicht -eine Welle zu erkennen ist. Und die weiße Decke liegt nicht still, -sondern fliegt schnell mit dem Morgenwind nach Osten und reißt doch -nirgends ab. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Seltsam ist es. -Wären luvwärts nicht die holländische Tjalk und der Fischdampfer in -Sicht, die mit Steven und Wanten aus der Morgenmilch ragen, ich könnte -glauben, mit einem Luftschiff über den Wolken zu fahren. Mit einem -Luftschiff, wie wir es dwars von Spiekeroog sahen, als wir, von einer -Windstille heimgesucht, mit schlaffen Segeln und schlagenden Schoten -in der stetigen Dünung trieben und nicht fischen konnten. Da stieg -es im Nordosten aus der See wie ein helles Segel. Wir wußten erst -nicht, was wir aus dem Wölkchen machen sollten, dann aber erkannten -wir durch das Glas den Zeppelin, der den Meeresflug wagte, und sahen -ihn nun in unsere Einsamkeit hineinwachsen. Immer höher stieg und -immer größer wurde die gelbe, kantige Leinwand. Da sickerte schon der -Lärm der Motoren herab. Das singende Brausen der neuen Zeit erhob -sich. Unglaublich schnell kam das Luftschiff näher: wir hatten schon -die Köpfe im Nacken, da, als es über uns stand und seinen Schatten -auf die helle See warf, senkte sich der Bug des Riesen, bis der -Kiel seiner Stahlgondeln die See berührte. Er fuhr auf dem Wasser -entlang, wie um uns recht zu verhöhnen, uns Windjammerer. Ich hätte -mich gar nicht gewundert, wenn er eine Kurre zu Wasser gelassen und -gefischt hätte. Die Leute schöpften Wasser als Ballast aus der See. -Keine dreißig Faden von unserm Ewer brauste die hohe Wand vorbei. Ich -winkte nicht mit, aber Tränen stiegen mir ob solcher Menschenkraft und -Menschenschönheit in die Augen. Das neue Geschlecht der Meeresherren! -Das alte der Meeresknechte trieb regungslos mit alten Segeln in der -Windstille und blieb meilenweit zurück. Ein Riesenvogel, der aus der -See getrunken hatte, erhob der Zeppelin sich wieder vom Wasser und -zog in Leuchtturmhöhen davon. Wie wünschte ich in diesem Augenblick -der Hilflosigkeit einen Sturm herbei, um dem fliegenden Schiff zeigen -zu können, daß auch wir lebten und webten! Wie seine deutsche Flagge -wehte! Immer mittelalterlicher und zurückgebliebener kam ich mir -vor. Erst am andern Abend, als wir ein starkes Gewitter bekamen, als -der ganze Heben eine Feuersbrunst war und der Donner uns umstürmte -und umknallte, als der Regen auf uns niederströmte, als wäre er mit -Eimern ausgegossen, als wir auf der hochgehenden Dünung tanzten, erst -dann vergaß ich des Luftfahrers. Alles konnte der Zeppelin doch nicht -machen: hier brauchte es doch noch der Schiffe und der Seeleute! Und -das tröstete mich, so viel Seen auch über den Setzbord stiegen, und -so heftige Sprünge der Ewer auch machte, wir hielten stand. Nun -stehen wir auf dem weißen Daak, lassen die Fock fallen und hieven, -schwer arbeitend, das Schleppnetz, die Kurre, auf. Wie seltsam, ob es -gleich alle Tage so ist: eben noch nichts zu erblicken, und nun sind -wir schon von hundert äugenden und schreienden Seemöwen umflogen und -umkreist! Hiev, hiev! Wer denkt an Möwen, wenn die Kurre eingezogen -wird! Hiev! hiev! Endlich haben wir den Steert, das Ende des Netzes, -in der Talje, der Knoten wird gelöst, und die See speit ihre Fische -aus, ihre Zungen und Schollen, ihre Steinbutten und Rochen, Knurrhähne -und Petermännchen. Wie glänzen die Schuppen, die weißen Bäuche in der -Morgensonne, die aus der See gestiegen ist und den weißen Nebel von der -Diele gefegt hat! Wie schnappt alles nach Wasser, wie springt alles in -Angst und Todesnot durcheinander! Sonst habe ich das nicht gesehen, -ich sah immer nur ein fröhliches Klappern und Spaddeln, das mir das -Herz erfreute, aber seit dem furchtbaren Traum habe ich Augen für die -Qualen bekommen. Wir lagen vor Wind in Bremerhaven und hatten einen -alten Janmaaten in der Kombüse, der mit unserm Bestmann verwandt war: -das gab einen Abend alter deutscher und englischer Matrosenlieder, -einen Abend Passatwind, Liniensonne und Kapsturm. Die Nacht darauf -träumte mir das Grauenhafte, daß ich an Deck ging, als gerade die -Kurre aus der See kam! Heftig erschrak ich, denn die Luft war erfüllt -von tausend Schmerzenslauten, von tausend Todesschreien, von tausend -Angstrufen! Alle Fische hatten Stimmen bekommen und jammerten ihre -Qual in die Luft! Und es schrie nicht nur bei uns, sondern auch auf -den andern Schiffen: die ganze Nordsee war erfüllt von diesem Röcheln -und Schreien, das so furchtbar anschwoll, daß wir es nicht auszuhalten -vermochten! Wir flüchteten zitternd, verkrochen uns in die Kajüte und -bebten, als erwarte uns ein Weltgericht! Furchtbares Grauen! - -Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben -sein. - -In Lee steht ein mächtiges Viermastvollschiff in der Sonne und schiebt -sich langsam vorwärts! Es ist ein deutsches! Mit hundert weißgrauen -Segeln steuert es dem Weltmeer entgegen. Meine Wünsche schwirren wie -fliegende Fische um seinen Steven, und meine Sehnsucht hängt sich an -seine höchsten Rahen! Da mit können! Große Fahrt tun! Nimm mich doch -mit, du großer Laeisz, du Königin des Atlantik! Ich sehne mich nach -hundert Tagen ohne Land, ich möchte unter der Linie getauft werden -und möchte auch das düstere Kap Horn einmal in mein Leben hineinragen -sehen! Ich möchte dich sehen, wenn du die Stürme abschüttelst, du -Viermaster! - -Schöne Geschöpfe gehören dir, Meer, herrliche Kinder sind dein! Was ist -ein Haus gegen ein Schiff, was ist ein Schreiber gegen einen Seemann? -Was ist das erstarrte Land gegen dich, atmende, wogende See? Ein -Leichnam gegen einen Lebendigen! - -O, ihr Schiffe auf der See, und du Dünung du! Ihr Tage und Nächte, ihr -Wolken und Winde: was seid ihr an Land? Nichts! Und was seid ihr auf -See? Alles, alles, was uns die Seele bewegt! - -Ich grüße dich, du kleine Galliote, die du so tapfer deinen Kurs -steuerst. Kommst du von Schweden und willst nach England? Du kleiner -Mann auf der Back: wiegte dich deine Mutter dort in dem schönen Land -der Wälder und Seen auch so gut, wie die See dich jetzt wiegt? - -Da -- das große »Vaterland«, die schwimmende Stadt, das mächtigste -Schiff der Welt! Wie eine Erscheinung! Ich hole die Flagge aus der -Achterplicht. Wir brauchen sie sonst nur, wenn ein Kriegsschiff in -Sicht kommt, aber das größte und schönste Gebilde der deutschen Hand -zu grüßen, hole ich sie dennoch freudig auf! Überschiff du! Wie der -englische Kohlenkasten qualmig auf seiner schwarzen Schornsteinpfeife -raucht, als ob es ihn verstimmte, dieses _Made in Germany_! - -Noch ein Blick nach dem Schoner und den nachbarlichen Fischerkuttern, -und dann laß es genug sein, See. Die Möwen sind weggeflogen, unsere -Fische sind auf Eis gebettet, die Kurre pflügt wieder den Meeresgrund, -und das Deck ist gedweilt: ich kann wieder drei Stunden schlafen! -So wiege mich wieder in Träume hinein, du große, gute See! Und laß -mich bei der harten Fischerei niemals vergessen, daß du schön bist -wie nichts auf der Welt, wie kein Wald und kein Berg! Noch habe ich -es keinen Augenblick vergessen, und allen Witwenkleidern und Tränen -zum Trotz soll das Herz daran festhalten! Und sollte mir einmal der -Fliegende Holländer begegnen, das todverkündende Geisterschiff, sollte -die Sonne ihren Schein verlieren wie auf Golgatha, sollten meine Masten -brechen und meine Segel in den Wind fliegen, sollten die Notanker nicht -mehr halten, sollten die Luken einschlagen und die große Sturzsee ehern -heranwogen und Klar Deck machen, solltest du mich holen, schöne, wilde -See, so will ich in aller meiner Not doch erkennen, daß mein letzter -Blick deiner größten, höchsten Schönheit gegolten hat. - -Ihr aber, ihr Jungen, Lebendigen, setzt weiter Segel auf! Beflaggt eure -Schiffe und grüßt die deutsche See, ihr deutschen Jungen! Wiegt euch -auf der Dünung und freut euch der Sonne auf den Meeren und Gewässern! - - - - -Herbst entgegen. - - -Ich schwimme beim Swiensand, südsüdost von Falkental im tiefen Priel -und ringe mit der starken Strömung. Eisigkalt ist das Wasser. Es soll -mich heilen von der Herbstmüdigkeit, von den Spinneweben, die meine -Sinne umfangen wollen. Schwere, fremde Tropfen sind in meinem Blut. Und -wären es die letzten, verzitternden Wellenkreise eines Winterschlafes -in grauen Zeiten: ich schüttle sie ab und lache ihrer. Ich brauche den -Herbst und seinen Wind, ich rufe ihn: damit meine Wimpel hoch am Mast -flattern, damit meine Segel sich blähen, damit meine Mühlen mahlen. -Mit weißen Geisterhänden greif ich aus: dreimal noch um das Boot, nein -viermal, nein solange, bis die Sonne wieder aus den Wolken kommt. -Riesengroß ist mein Fahrzeug: es überragt alle Bäume, alle Deiche, -alle Türme, alle Gipfel. Eben komme ich beim Achtersteven aus seinem -Schatten und steure auf das kleine, grüne Eiland zu. Die Weidenblätter -haben schon helle Farben. Das Reet ist graubraun geworden. Da waten -keine Störche mehr, da jagen keine Schwalben, da tanzen keine Mücken -mehr umher. Die Kuhblumen, die Butterblumen haben ausgeblüht, die -Binsen liegen schwer auf dem Schlick. Still und vereinsamt harrt der -Sand der Stürme und Hochfluten. Schwarze Muscheln liegen am Strande, -wie Fußtapfen im Schnee. Eine Nebelkrähe schreitet beschaulich am -Wasser entlang. Mitunter streckt sie den Kopf vor und gibt sich durch -tiefes Krächzen kund. Wilde Enten streben hastig dem Neste zu. - -Es wird hell und blank um mich her, es blitzt und schimmert: die -Sonne ist da. Ich schwinge mich an Bord und springe von Ducht zu -Ducht, derweil die Sonne und der Wind mich abtrocknen. Um Kiel und -Steven plätschern die Wogen, sie schlucken und glucken, heimlich und -stillvergnügt. Die Augen zu: es ist, als wenn die Glocken gehen, -Hochzeitsglocken, Freudenglocken, als wenn die Kinder fern auf der -Wiese lachen und spielen, als wenn die Pappeln im Sommerwinde rauschen -und erzählen, als wenn die silbernen Quellen über glatte Kiesel und -knorrige Tannenwurzeln springen, tief, tief im Walde ... Gluck ... -gluck ... gluck ... Eine Henne lockt ihr Küchlein -- und das Küchlein -legt das Ohr an die Bordwand und horcht und lacht. Das Segel reiß -ich mit *einer* Hand empor, und der Anker kommt schnell genug ans -Tageslicht. Dann ziehe ich mich an. Das Boot schwoit, der Lappen fällt -voll, und leise gurgelt und zischt es am Steven. Gute Fahrt bei raumem -Wind und mit der Tide. Nach Schifferart einen Blick prüfend zu dem -braunen Segel hinaufgeschickt -- dann halte ich hellen Ausguck. - -Der Swiensand schaut mir nach. Blanke, glatte Flächen, dunkle, krause -Windstreifen auf der Elbe. Einen langen, breiten Weg hat die Sonne -sich gepachtet: da blinkt und gleißt es, da spielen ihre strahlenden -Kinder. Hinter Schulau dehnt sich die See, da sind der Himmel und das -Wasser allein auf der Welt und halten einander still an den Händen. -Rauchwolken bei Rauchwolken, als wär's die Straße zur Hölle. Segel über -Segel teilen sich in den mächtigen Strom: graue und braune, hohe und -breite, neue und geflickte. Schleppdampfer, Seedampfer, Fischdampfer, -Fährdampfer, schwarze und bunte Schornsteine. Weiße, schimmernde -Eiderschuner, unförmige holländische Kuffen, breite, protzige, -ostfriesische Tjalken, schwere, wetterfeste Finkenwärder Fischerkutter, -spitznasige, verwitterte Altenwärder Ewer, braune, runde Lühjollen, -alles klüst nach Osten. Weiße, schlanke Leuchttürme verträumen den Tag. -Graue Heidehäupter stehn am Wege, wie Nordlandsrecken. Blankenese, -Luginsmeer und Luginsland, Utkiek und Kiekut von Hamburg -- ein -rechtes Sonntagsnest, Tag für Tag in Sonntagskleidern, immer geziert -und geschmückt. Die weißen Giebel und die blauen Dächer schauen aus -den Baumkronen. Die Fenster sind wie dunkle, kluge Vogelaugen. Helle -Streifen leuchten aus dem Grün: das ist der Herbst. An den Brücken -liegen Fährdampfer, die grünen, breit und bürgerlich, die schwarzen, -schlank und aristokratisch. Ihre weißen Rauchwolken verfliegen an -den Abhängen. Die efeuumsponnene Burg der guten Frau äugt still und -weltfremd von der waldigen Höhe: sie träumt vom grünen Rhein. Überall -spielen die bunten Farben: gelb und rot und braun in hundert Tönen. -Der liebe Nienstedter Turm spiegelt sich in der Elbe. Sein grünes Dach -und seine goldnen Zeiger glänzen im Sonnenschein. Um seinen Knauf -fliegen die Dohlen. Aus allen Schornsteinen qualmt die breite, rote -Brauerei. Auf der andern Seite grüßen die grauen und grünen Häuser -von Finkenwärder über die Hamburger Dünen hinweg. Auch die trotzige -Kirche guckt über den Deich und der Neß mit seinen Eichen. Der helle, -zierliche Wasserturm lacht herüber. - -Die Mühle mahlt im Winde, und auch im Alten Lande drehen sich die -Mühlen. Brotes genug. Mein Segel giekt, mein Fahrzeug schwankt. Die -Dünung des glänzenden, hohen Amerikadampfers hat uns erreicht: mein -Boot und ich verneigen uns und danken für den Gruß aus der großen, -weiten Welt. - -Sei mir gegrüßt, du bunte Welt, sei mir gegrüßt, du großes Leben. Du -rinnst und jagst durch meine Adern, reißest mich auf und wirfst mich -nieder. Nieder? Fortan nicht mehr! Wer so lachen kann, wie ich, der -läßt sich nicht mehr niederwerfen. Ich *lebe*, und hoch will ich leben. -Ich lebe mit Wissen und Willen, fühle jeden Atemzug, jeden Windhauch, -jeden Wellenschlag. Ich sehe jeden Baum und jede Wolke, deute jeden -Schritt und jeden Klang, forsche in allen Mienen und in allen Zügen. -Umflutet, umbraust, umkost -- und König meines Lebens bin *ich*! -Mittelpunkt der Welt, aller Augen warten auf mich und über meinem Kopfe -ist der Himmel am allerhöchsten. Was *ich* sehe, was *ich* tue: darauf -kommt es an, und für mich scheint die Sonne. Umreißen oder aufbauen, -das ist mir gleich, nur wirken, arbeiten, die Arme aufkrempeln können. -Und dabei singen mögen! Wenn zwei streiten: hei, dazwischen gesprungen -und mitgestritten! Leben, lachen, siegen! - -Nicht angekettet sein, wie die rote Leuchtboje hier an Backbord, deren -mattes Blinkfeuer mit den Sonnenstrahlen kämpft. Von den Torfewern, die -auf die Ebbe lauern, liegt ein ganzes Rudel vor Anker. Sie sind nicht -mehr so tief geladen und haben nur noch wenig Decklasten: die unruhige -Jahreszeit ist angebrochen. Auf einem Holländer spielen die Kinder -Verstecken. Hinter dem Kompaßhäuschen, auf dem Roof, vor der Winde: -überall krabbelt es. Ein kleiner Kerl kriecht sogar in das Großsegel -hinein. Die Mutter sitzt auf den Luken, schält Kartoffeln und guckt -ihnen zu. Ein weißes Landhaus mit riesigen Eulenaugen schmiegt sich bei -Flottbek dicht an die hohen Buchen, die es einrahmen. Auf der Chaussee -schnauft ein Automobil: ein Augenblick und der Komet ist verschwunden, -nur sein Schweif verkündet noch seinen Weg. Helle Kleider, rote -Schirme. Mühelos überhole ich ein Segelboot von Neumühlen: weiße -Segel allein tun's eben nicht. Vornehm und verbindlich steht das -Parkhotel da, und die Schiffe ziehen an ihm vorbei und spiegeln sich -in seinen Fenstern. In glänzender Reihe krönen die Landhäuser den -waldigen Höhenkamm, weltklug und weltüberlegen, gegenwartkundig und -zukunftfroh. Auf dem Sande liegt junges Volk in der Sonne. Ein Mädchen -winkt mit der Hand, die beste von allen hebt nur eben das Bein zum -Gruße. Spielend rollen die Wellen hinan, kehren zurück und ergießen -sich wieder über die Steine. Die Zweige gehen im Winde auf und ab: das -ist ein immerwährendes Schmeicheln und Fächeln. Da ziehen sie schon die -Boote auf den Strand, schlagen die Segel ab und scheren die Leinen aus. -Die Herrlichkeit neigt sich. Heute aber wehen noch die Fahnen, laufen -noch die Kellner umher, sitzen noch muntre Gäste an den weißgedeckten -Tischen unter den Ulmen, perlt der Wein im Römer, paradiert die dicke -Kaffeekanne zwischen Stapeln von Kuchen. - -Ree -- und mein Boot stößt hart gegen den Brückenkopf. Die Mädchen -gucken mir lachend zu, wie ich das Segel herunternehme. Und ich lache -mit, denn blühende Rosen und leuchtende Mädchenaugen ... ach was, -ich gehe raschen Schrittes dem Lande zu, wie ich immer tue, wenn die -Sonne scheint. Bunt wie ein Narrengewand ist das Laub, hier dunkelgrün, -da grau, da braun, da rot, da gelb. Rote Vogelbeeren schimmern aus -den Büschen. Hinter den Fenstern der altmodischen Lotsenhäuser bunte -Blumen. In den Gärten noch Astern und Rosen, etwas welk, zerzaust, aber -Rosen, Sommerrosen. Die Elbschlucht hinauf geht es in Sprüngen: Stufen -sind für alte Leute und dürfen nicht abgenutzt werden. Graues Laub in -allen Ecken und auf allen Wegen, das rauscht und raschelt. Recht in den -Sonnenschein setz ich mich und recht angesichts der Elbe. Vorposten! -Da unten kreist das Leben, da kräuselt sich das Wasser und wiegt sich -auf und ab. Die Schiffe kommen und gehen, und keins läuft vorbei, -das ich nicht messe und nach dem Kurs frage und ein Stücklein Wegs -begleite. Über mir spielt der West in den Blättern, und an der Erde -fegt er das abgefallene Laub auf einen großen Haufen. Dann und wann -wirbelt ein Blatt herab. Helle Wolken ziehen in der Luft. Bald scheint -die Sonne, bald läuft der Wind mit dem Schatten über die Welt. Auf dem -Dach sitzt eine Schar von Spatzen und piept laut durcheinander. Aus -den Gärten steigt ein herbstlich feuchter Odem auf. Alle Augenblicke -legt ein Dampfer an der Brücke an. Breit und schwarz steigt der Rauch -auf. Deutlich ist zu hören, wie die Stege ausgelegt werden, wie das -Wasser schäumt, wie die Räder schlagen. Dazwischen Rufe. Tuten und -Pfeifen. Hoch und leer kommen die Kohlendampfer herab: die Schraube -haut halb in der Luft und wirbelt einen Berg von Gischt auf. Einer von -Woermann, einer von Sloman, ein Neptun, ein Kosmos, ein Engländer, -ein Normann, so wechselt es ab. Eine schwedische Bark mit der neuen -Flagge. Im Südosten das Schuppen- und Masten- und Schornsteingewirr von -Kuhwärder, der riesige Laufkran. Die Schlote von Harburg, der Turm von -Altenwärder, das helle Band des Köhlbrandes. Dahinter die dunkelgrauen -Berge, die tiefblaue Geest, wo die Nebel brauen. Der Schopf des -Falkenberges, das kahle Haupt des Opferberges bewachen den Eingang der -stillen Heide. - -Einzelne Boote rudern noch in der Tiefe. Es muß Hochwasser sein: -die braunen Segel erscheinen: die Strohewer, Torfewer, Steinewer, -Fruchtewer, Kornewer. Schwerfällig kreuzen sie vorbei und ist doch ein -farbenfrohes Bild. Das singt und juchheit nicht und reckt mir doch die -Arme, denn es lebt und webt und fährt mit allen Winden. - -Marienfäden fliegen umher. - -Die Wolken haben den ganzen Himmel überdeckt. Die Dämmerung geht über -Strom und Strand. Es dunkelt rasch. Mit Siebenmeilenschritten kommt die -Nacht, und riesenhaft ragen Bäume und Giebel in das letzte Abendrot -hinein. Die Heide verliert sich. Nur die Elbe schimmert noch grauweiß -herauf. Überall sind Lichter entglommen. Eins nach dem andern wird -angesteckt. Gelb und grün und rot, matt und hell, groß und klein. Alles -wirbelt auf dem bewegten Wasser hin und her. Irgendwo zirpt eine Grille -von gelben Ähren, rotem Mohn und blauen Kornblumen. Die Elbchaussee -entlang wanken Laternen. Zwei bei zwei halten sich die Kinder an den -Händen und blicken mit großen, dunklen Augen auf ihr gelbes Licht. -Und singen verträumt von ihrer lieben Laterne. Mählich verklingen die -feinen Stimmen in der Ferne. - -Leise summe ich die schlichte Kinderweise vor mich hin, als ich langsam -den Abhang hinuntergehe. Dann ziehe ich mein Segel wieder auf und -kreuze die Elbe hinab. - -Hoch und steil steigt das Ufer an und wirft seinen riesigen Schatten. -Groß und gespenstisch gehen die Schiffe an mir vorbei. Von allen -Seiten umspielen mich die Lichter. Wie Leuchtkäfer schwirren sie -durcheinander. Verhaltene Stimmen zittern durch die stille Luft. -Am Strand wird es dunkler und einsamer. Auf einem Ewer klagt eine -schwermütige Harmonika. Je weiter ich treibe, desto ruhiger, -traumvoller wird die Welt. In tiefem Frieden zieht die Elbe dahin. Nur -am Steven plätschern die kleinen Wellen. - -Droben haben sich die Wolken geteilt und freundliche Sterne schauen -herab zur »Guten Nacht«. - - - - -Karen. - - -In *einem* Atemzuge schnob der Nordwest von Esbjerg nach Kopenhagen: so -klein war Dänemark in dieser Sturmnacht geworden. Nur als die Fackel -auf der See erlosch, hart an der jütischen Küste, die zitternde, -schwankende Notfackel, als die grauen Segel jäh aufs Wasser schlugen, -da ward es urplötzlich stiller, und es schien, als müsse der Wind sich -besinnen. Wo eben noch der gewaltige, wilde Nordlandswolf geheult hatte -und umhergesprungen war, lag eine riesenhafte, graue Katze auf der -Lauer. - -Fünf weiße Häuschen, die in der Dünenmulde standen, waren die Mäuse, -die sie nicht aus den Augen ließ. Und kaum daß einer zehn zählen -konnte, richtete sie sich pfauchend und zischend auf. Der aufgewühlte -Dünensand hagelte schwer gegen die Fensterläden. Lange, wehe Klagetöne -hallten um Dächer und Giebel. Die See aber schrie noch zorniger gegen -die Wolken, hob die weißen Häupter noch höher und rollte noch wilder -über den Strand. - -Es war Flut geworden. - - * * * * * - -Das kleine gelbe Nachtlicht wurde unruhig. - -Ein großes, starkes Mädchen stand neben dem Tisch und band sich die -Flechten auf. Eine Weile guckte sie fragend in den Spiegel und dachte: -bist bald alt geworden, Karen! -- dann suchte sie Rock und Jacke und -zog sich dick und warm an. Sie band ein schwarzes Wolltuch um den Kopf -und zog Handschuhe an. - -Das Gekeuch des Windes und das Gebrüll der See hatten sie geweckt. - -»Karen!« - -Niels streckte sein bärtiges Gesicht aus den roten Kissen und richtete -sich halb auf. Verschlafen sah er sie an. - -»Flut.« - -Sie hatte sich eine Tasse Kaffee eingegossen und trank langsam. - -Er brummte etwas Undeutliches, dann stieß er den neben ihm -schnarchenden Jens an und rüttelte ihn wach. - -»Flut, Jens. Steh auf, Jens. Mach dich klar, Jens.« - -Aber Jens schalt und knurrte. »Laßt mich schlafen. Morgen -- nachher -- -gleich -- ja, ja.« - -»Dann haben die andern den Strand rein,« brummte Niels, aber Jens -schnarchte und war nicht wieder zu ermuntern. - -»Allein geh' ich auch nicht los,« sagte Niels und legte sich die Kissen -zurecht. Es war unter der Decke doch wärmer als draußen. - -»Leg dich auch wieder hin. Schlaf noch 'ne Stunde oder zwei ... -meinetwegen ... zwei ...« - -Aber Karen schüttelte den Kopf und ging hinaus. - -»Wenn was da ist, holst uns,« rief Niels ihr nach und hörte noch im -halben Traum, wie die Tür klappte und der Wind aufheulte. Zugleich -fühlte er, wie die Kälte hereinschlug, und er zog ohne Bedenken die -Beine etwas höher und steckte den Kopf tiefer unter die Decke. Dann -flog die Tür zu und es wurde stiller. - -Das Mädchen tastete vornübergebeugt über die Dünen nach dem Strand. -Der Wind war so stark und so kalt, daß er ihr fast den Atem benahm und -sie sich dann und wann umdrehen mußte. Wie scharfer Schnee schlug der -Sand ihr ins Gesicht. Erst als sie den Strand erreicht hatte, wurde es -besser. - -Es war tiefdunkel. Kein Licht. Und die See war nicht weit zu sehen. -Nur fünfzig Faden weit leuchteten die weißen Köpfe. *Ein* Brausen und -Keuchen und Zischen und Brodeln war die Luft, war die See. Das Wasser -stieg rasch: der weiße Schaumstreifen wurde von jeder See höher an den -Strand gespült. - -An diesem Strich entlang ging das Mädchen und bückte sich, wenn sie -etwas Dunkles gewahr wurde. Dann stieß sie es mit den Füßen an, zu -erfahren, was es sei. Alles Holz las sie auf und steckte es in einen -Sack, den sie unter dem Arm trug. Tang und Muscheln lagen viel da -- -weiter auch fast nichts. - -Als es Morgen werden wollte, hatte sie immer noch keine Tracht. - -Hinter den Dünen erschien ein grauer Streifen, der höher und höher -gekrochen kam. - -Der Sturm raste noch mit voller Kraft. Drohender und gewaltiger -schüttelte die See ihre Stierhäupter. - -Kein Holz, kein Schiff, kein Wrack, kein Notschuß, kein Feuer -- nur -schwarzes Wasser und weißer Schaum. - -Sie blieb stehen ... Da trieb etwas ... etwas Dunkles, Undeutliches, -Unförmiges ... es kam näher. Aus Gewohnheit hielt sie die Hand über die -Augen, wie sie an hellen Tagen oft getan hatte, wenn Sonnenschein um -Dach und Dünen brannte und die Luft flimmerte. - -Es konnte ein Schiff sein, ein Kahn wohl oder ein Boot. - -Das Seeräuberblut regte sich in ihr, ungeduldig lief sie am Strand auf -und ab. Ihre scharfen Augen unterschieden schon, ein Boot war es, voll -Wasser geschlagen, eben, daß es trieb und ausguckte. Nur wenn eine -große See es auf den breiten Rücken nahm und dann zurücklief, ragte es -höher auf. Langsam schoben die Seen es näher heran und endlich saß es -am Sand als Strandgut. - -Erst wollte Karen zurücklaufen und den Vater Niels, den Bruder Jens -rufen. Aber sie besann sich anders und tat es nicht. So ging es nicht: -Die Nachbarsleute konnten unterwegs sein, fanden es und hatten es. Sie -überlegte, was sie machen sollte, dann zog sie eilig ihre Schuhe aus -und streifte die Strümpfe ab. Ihr schauderte vor Kälte. Aber was half -das? Sie schürzte den Rock auf und watete mit zusammengebissenen Zähnen -in das eiskalte Wasser. - -Den Steven hatte sie erfaßt und schwang sich auf den Bordrand. Tastend -suchte sie nach der Fangleine, um das Boot aufs Trockene zu ziehen, -da stürzte eine riesengroße See heran und schäumte über das Fahrzeug -hinweg. Sie war durchnäßt. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren, -aber sie hielt sich im letzten Augenblick krampfhaft an der Ducht fest. - -Die See hatte es gut gemeint; als sie zurücklief, saß das Boot hoch auf -dem Strand. - -Wegtreiben konnte es nun fürs erste nicht mehr. Wenn sie noch den Anker -aufs Land brachte, war das Strandrecht gewahrt und sie konnte Hilfe -holen. - -Sie wollte es. Es war so bitterkalt. - -So kalte Hände hatte sie. - -Sie schauderte vor sich selbst. Wie Totenhände waren sie, wie *fremde* -Hände. Plötzlich fühlte sie eine andere Hand ... ein Fremder war bei -ihr im Boot ... ein Toter ... Als gehöre es sich so, fühlte sie die -Haare, die Nase, den Mund ... als wenn sie träume ... - -Wollte es denn nicht Tag werden? - -Über den Dünen wurde es doch schon hell ... - -Sie drehte sich wieder um und suchte nach der fremden Hand. Dann zog -sie den Toten halb aus dem Wasser und legte ihn mit dem Rücken auf die -Ducht. - -Der stille Mann war schwer. - -Er steckte in Ölzeug. Der Südwester hatte sich in den Nacken geschoben. -Die Augen waren weit geöffnet und das Gesicht schneeweiß. Die Lippen -waren fest geschlossen. - -»Jung,« dachte sie, als sie keinen Bart sah. - -Um die Hüften war das Bootstau geknotet -- so waren Boot und Mann -zusammengeblieben. - -»Wer bist du?« murmelte Karen und beugte sich tiefer über ihn, um seine -Züge zu erkennen, aber der Tag war noch zu grau. - -Wieder schlug eine große See klatschend über den Setzbord. - -Da ließ sie die Hände los und löste das Tau. Auf ihren starken Armen -trug sie den Toten durch das Wasser und bettete ihn auf das Dünengras. -Leise und scheu strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und schaute -verwundert in die hellblauen Augen. Verwundert ... einen kurzen -Augenblick. - -Dann stand sie auf und machte sich wieder mit dem Boot zu schaffen, -über das die See fortwährend schäumte. Sie zog es etwas höher, dann -entdeckte sie eine Pütz unter den Duchten und machte sich daran, das -Wasser auszuschöpfen. Wenn auch die Seen immer wieder hereinschlugen -und sie bei dem Winde kaum auf der Ducht stehen konnte, es glückte ihr -doch, und als das Boot erst Luft hatte, kam es von selbst höher aus dem -Wasser. Bald hatte sie es soweit leer, daß sie auf den Lohnen stehen -konnte. - -Das Boot war fast neu. Sie beugte sich über den Achtersteven. »Gesine -von Hamburg« stand da. Von Hamburg, von Deutschland, dachte sie und sah -nach dem Toten hinüber. - -Es war Tag geworden -- sie gewahrte es und hielt inne. Dann sprang sie -heraus und zog das leere Boot so hoch auf den Strand, wie sie konnte, -band das Tau um einen herangeschleppten Felsen und lief die Dünen -hinan. Der Wind wehte sie hinauf. - -Oben auf der Höhe kam es über sie, als habe sie etwas vergessen; sie -mußte sich umdrehen und nach dem Toten gucken. - -So sonderbar war ihr zumute. Erst hatte sie sich gefreut, Vater und -Bruder den Fund zu melden; nun war sie beklommen, war es ihr nicht mehr -recht, was sie tat. - -Sie sah von oben mit einemmal auf ihr Leben hinab, auf ihr graues, -stumpfes Leben. Ein Tag war wie der andere gewesen. Und die Gesichter -immer dieselben. *Eine* Arbeit, *ein* Schelten und *ein* Gespräch. -Immer das Alte, keinen Tag etwas Neues. Fünf Häuser waren es, und fünf -Häuser blieben es. Und auf den Dünen wuchsen ewig keine Blumen. So -war es immer gewesen und sie hatte es nicht gewußt: nun aber kam es -über sie. Draußen auf der See, ganz weit hinten, daß sie eben noch zu -sehen waren, gingen mitunter Schiffe vorbei: Segelschiffe und Dampfer. -Die Segel erschienen so weiß und rein, und der Rauch stieg steil in -die Luft. Da war die Welt, da fing sie an: da sangen und lachten die -Menschen und trugen schöne Kleider. Wie oft hatte sie als Kind barfuß -auf dem Sand gestanden und gewartet, daß ein Schiff, ein einziges nur, -heransegele und sie abhole. Aber alle zogen vorbei und kamen ihr aus -den Augen. *Einer* mußte kommen, einer, der anders war, als die sie -kannte, der lachen und singen konnte, der sich freute und sie bei der -Hand nahm, der ihr erzählte und sie fragte. Der hatte immer kommen -sollen und war nicht gekommen. - -Sie schauderte ... da hinten lag einer mit hellblauen Augen ... ob er -es war, der zu ihr gewollt hatte? - -Sie wollte nicht -- und trat doch ins Haus. - -»Vater! Jens!« - -Der buschige Schopf wurde zuerst sichtbar. - -»Was ist los?« - -»Ein Toter, Vater.« - -»Weiter nichts?« - -Niels wollte sich schon wieder umdrehen. - -»Ein Boot auch.« - -Das half. Niels richtete sich auf. - -»Ein Boot?« - -Er stieß Jens heftig an. - -»Ein Boot, Jens! Aufstehn!« - -Das ließ sich selbst Jens nicht zweimal sagen. - -Niels stand schon in der blauen Unterhose da und suchte nach seiner -seemännischen Ausrüstung. Zwischendurch fragte er in einem fort: - -»Wo ist es? ... Neu? ... Treibt es noch? ... oder sitzt es schon auf -Land? ... Was steht dran? ... Und der Tote? ... Was für Zeug? ...« - -Jens war auch bald reisefertig, und alle drei wateten durch den Sand. -Niels war guter Laune und erzählte von Schiffen und Gütern, die in -früheren Jahren angetrieben waren. Daß der Sturm ihm fast den Mund -verschloß, störte ihn nicht. - -Karen wies mit der Hand. - -»Seht! Da!« - -Karen war stehen geblieben. - -»Vater!« - -Niels drehte sich um. - -»Was willst du?« - -»Dem Toten müßt ihr seine Ruhe lassen. Den dürft ihr nicht anfassen. -Versprecht mir das!« - -Jens lachte höhnisch. - -»Dumme Deern! Wenn das Zeug mir paßt, zieh ich's an. Der braucht nichts -mehr.« - -Niels hustete. - -»Und wenn wir ihn melden, müssen wir ihn beerdigen lassen und vom Boot -bleibt nichts nach. Wir begraben ihn in den Dünen und damit gut.« - -Jens schüttelte den Kopf. - -»Seemannsgrab, Vater, Seemannsgrab. Das wünscht sich jeder Matrose.« - -»Das tut ihr nicht! Das nicht! Versprecht mir das!« flehte das Mädchen. -»Das dürft ihr nicht. Hört ihr?« - -»Mach doch nicht so 'n Lärm um den toten Mann,« knurrte Niels. »Freu -dich, daß wir 'n Boot haben.« - -»Dann geh ich nicht mehr mit,« drohte Karen. - -»Geh meinetwegen nach Haus und koch Kaffee,« sagte Jens gleichmütig. -»Wir können's allein.« - -Karen begann mit großen Schritten zum Strand zu laufen. - -»Willst du hierbleiben!« rief Niels, aber Jens sagte trocken: - -»Laß sie laufen!« - -»Was hat sie mit einemmal?« - -»Mag der Deubel wissen. -- Das Boot sieht gut aus.« - -»Das können wir brauchen.« - -»Nanu? Ist sie verrückt geworden?« - -»Lauf, Jens, und halt sie auf.« - -»Karen! Karen!« - -Die beiden fingen an zu laufen, aber bei dem schweren Wind kamen sie in -dem tiefen Sand mit den großen Seestiefeln nur langsam vorwärts. - - * * * * * - -Als sie am Strand ankamen, war das Boot schon ein gutes Stück vom Lande. - -Karen stand auf der Ducht und schob mit dem Haken ab. Schwer haute der -Steven in die Seen, und das Fahrzeug dümpelte gewaltig hin und her, -aber das starke Mädchen zwang es. - -»Karen! Karen!« - -»Dumme Deern, komm her.« - -Aber der Sturm verschlang jedes Wort, und das Mädchen sah sie gar -nicht; ihre Augen waren bei dem Matrosen, der still und friedlich auf -den Lohnen lag. - -Als sie weit genug war, kniete sie neben ihm nieder und faßte seine -kalten Hände. - -Und setzte sich so, daß die blauen Augen sie ansahen. - -»Ich bring dich heim. Nach Esbjerg und nach Haus,« flüsterte sie und -strich mit der Hand weich über seine Stirn. - -Sie sah die fürchterliche Flage nicht herankommen und gewahrte die -riesige See nicht, die das Boot wie einen Käfer auf den Rücken warf ... - -Niels und Jens sahen es mit an. - -Es war ein stürmischer Novembertag ... - - - - -Vor Ostern. - - -Hans Banidt las in der Bibel. - -Er war grad vom Feld gekommen. Und vom Pflügen. Der dicke Schlick saß -noch an seinen Schuhen. Die wollene Mütze hatte er abgesetzt. Mit -aufgestützten Armen saß er an dem schweren Eichentisch und war mit -allen Gedanken bei Johannes, dem vierten Evangelisten. - -Auf dem Hof und um die Wurt wurde es still. Die Knechte ließen das -laute Erzählen, und die Mägde gaben das Juchen auf. Das Vieh in den -Ställen verhielt sich sinniger. Die Hühner kletterten schlaftrunken auf -den Wiemen. Der Hund lag müde an der Kette und rührte sich nicht. Sogar -die Sperlinge verlegten ihre Abendschule von den Lindenzweigen nach dem -Katendeich. - -Die Uhr tickte langsam und leise. - -Peter, der alte Knecht, saß am Fenster. Der sah die Sonne größer und -roter werden, und tiefer und tiefer sinken. Bis sie mitten auf der Elbe -stand. Bis sie unterging. Dann guckte er um die Ecke nach dem jungen -Bauern, der so alt und gelehrt aussah und doch nichts von der Welt -gesehen hatte, kaum vom Hof hinuntergewesen war. Er sagte aber kein -Wort, der alte Peter. - -Still war es. Überall. - -Nur in der Küche nicht. Da klapperten Pütt und Pann und Teller und -Tassen. Da war jemand, der es hild hatte. Da sang jemand. Helle Lieder, -neue und alte. Bunt aus der Reihe. Und ließ nicht nach. - -Peter freute sich heimlich. - -Der Junge hatte es aber doch spitz gekriegt. - -»Mok de Kökendör mol to,« sagte er, ohne aufzusehen. - -Peter ging und tat es. Aber das half nichts. Der Gesang frischte auf -wie der Wind bei der Flut und wurde nur umso lauter. - -Es dauerte nicht lange, da ließ Hans sich wieder vernehmen: - -»De Diern schall dat Singen nolaten.« - -Wieder ging der Knecht die halbe Diele entlang und unterhandelte mit -dem Feinde. Aber die Deern ließ das Singen nicht sein. - -»Wenn se ne singen schall, kann se ok ne arbein, segg se.« - -Damit kam Peter zurück. - -Hans las Kapitel sechs noch zu Ende. Dann wurde es ihm über und er -stieß die Tür auf. - -»De Heidenlarm schall uphürn,« scholl es laut und herrisch über den -Flur. - -Das half auf dem Stutz. Ein paar Teller klapperten noch nach, dann flog -die Tür knallend zu, und es wurde still. - -Hans Banidt konnte geruhig weiter lesen. Er tat es auch: aber lag es -nun daran, daß das siebente Kapitel ihm nicht recht in den Kram paßte, -oder daß die Schummerei schon zu hoch vor dem Fenster stand, oder daß -da sonst eine kleine Käulnis über die Schallen gelaufen war: -- genug, -er kam nicht weiter als bis zum dritten Vers. Eine Weile sah er es noch -mit an, wie die Reihen durcheinander liefen, dann stand er auf und ging -hinaus. - -Er wollte nach der Scheune und nach den Kälbern gucken. Aber als er -niemand auf der Diele sah, dünkte ihn das nicht mehr so wichtig. -Er blieb bei der Küchentür stehen. Ob die auch innen so braunrot -gestrichen war? Das ging ihn wohl was an. Ganz gewiß. Er hatte die -Klinke schon in der Hand -- aber die Küche war leer. Der Singvogel -war ausgeflogen. Die Schüsseln standen noch da, und die Schürze lag -groß und breit am Boden. So unklug, die feine Schürze so hinzuwerfen. -Er mußte sich doch wohl bücken und sie aufheben. Glatt strich er sie -auch mit den großen braunen Händen. Und die Spitzen und Fransen am -Hals betrachtete er lange mit besonderer Sachkenntnis. Behutsam hängte -er sie an den Nagel, und wieder hallte sein schwerer Schritt über die -lange, dämmerdunkle Diele. Niemand war zu erblicken. Die Leute waren -wohl alle nach dem Deich gegangen und klönten mit den Fahrensleuten. - -Die Fülltür stand noch sperrweit offen. Er machte sie zu und spähte wie -zufällig über die Wurt. - -Dann ging er langsam auf die Bodentreppe zu. Das war keine Art von -der Deern, einfach alles stehen und liegen zu lassen. Mir nichts, dir -nichts fortzulaufen. Er wollte es ihr sagen. Morgen. Denn heute kam sie -ja doch zu spät. Oben in ihrer Stube konnte sie nicht sein. Das war -gewiß. Er brauchte gar nicht zuzusehen oder hinzuhören. Nur, damit er -seiner Sache gewiß war, stieg er hinauf. - -Im Fenster glomm das Abendrot. Und am Fenster stand die Deern. Zwischen -den Truhen. Nicht in ihrer Kammer, im langen, braungetäfelten Saal, -wo bei den großen Hochzeiten getanzt worden war. Da stand sie, nur im -kurzen, roten Röckchen und im Hemd und kämmte sich ihr Haar, das dunkel -und schwer auf den Schultern lag. Der Nacken schimmerte weiß aus den -Spitzen, und die runden Arme waren rosig vom Schein des Abends. Sie -guckte hinaus. - -»Uuch, de Bur,« fuhr sie plötzlich herum und lachte ihn an. Aber sie -schrie nicht auf wie die andern Mädchen, und lief nicht weg. Sie kämmte -ruhig weiter. - -Er zog die Stirn in Falten. - -»Schamst di gornix?« - -Sie schüttelte übermütig den Kopf. - -»Schamen? Weil ick lange Hoor un runne Arms hebb? Nee, Bur!« - -Da holte er aber lang aus: - -»Weil du jümmer rümjuchs und springs un lachs. Lachen schimpt, Diern. -Un mit jedereen geihs los und frees mit em und les di von Hans und -Franz no Hus bringen.« - -So viel hatte er manche Woche nicht gesprochen. - -Sie lachte. - -»Ick bün *jung*, Buer.« - -»Dat bün ick *ok*.« - -»*Du?* Du? Mann, goh af! Du un jung? Du büs jo'n olen Knast, olen Kirl -in 'n Löhnstohl. Lachs ne un spricks ne! Gott schall mi bewohrn!« - -Sie sah ihn spöttisch an. - -Da trat er einen Schritt näher und vergaß viel. Noch mehr aber lernte -er hinzu. Sein Atem ging schwer. - -Sie fühlte es wohl, und eine wilde Freude kam über sie. Das Weib in ihr -stand auf. Wie im Traume drehte sie sich herum. - -»Jung bün ick, Hans Banidt. Un den ick mag, den nehm ick.« - -Es war etwas Heiseres in ihrer Stimme, denn sie war zu weit gegangen. - -Da riß es auch den ernsten Bauern mit. - -»Nämst du mi ok?« fragte er schwer. - -So spricht kein Herr zu seiner Magd. - -Sie sah ihn von der Seite an, so seltsam -- - -»Wenn du jung würs.« - -»Ick *bün* jung,« brach es da jach bei ihm los, wie im Sommer der erste -Donner über das stille Land hallt. Dann riß er sie in seine Arme und -drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar und fühlte den warmen Leib und -wußte nichts mehr als: - -»Du ... Du ...« - - * * * * * - -Am Heben leuchteten die Sterne, und wache Träume woben um die -Pferdeköpfe am First. - - * * * * * - -Den andern Morgen aber schirrwerkte Hans finster und unzufrieden auf -dem Hof und knurrte mit den Knechten und schalt, daß es zu hören war. -Über die ganze Wurt hallte seine harte Stimme. Nichts war ihm recht. -Die Knechte sahen ihn schief von der Seite an. - -Geeschen stand am offenen Fenster. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. -Und die Deern lachte in sich hinein und summte vor sich hin und freute -sich über das Geschimpfe des großen Bauern und dachte: »Ji schull'n 't -man weeten.« - -Als sie zum Melken über die Diele ging, begegneten sie einander. - -»Morgen, Hans Banidt,« raunte sie leise. - -Er nickte nur und sah in eine Ecke. - -»Du denkst der woll aber no, wanehr du no'n Pasturn hinwullt, wat?« -neckte sie. - -Da ging er batz aus der Tür. - -Sie aber blickte ihm sinnend nach und strich sich das Haar zurück. - - * * * * * - -Als der Heben wieder mit Sternen besät war, gingen wieder junge Träume -unter dem riesigen Strohdach um. Und die Nacht hatte flüsternde Stimmen. - - * * * * * - -Peter brachte das Mehl von der Mühle und die Nachricht, daß Angk, die -Katenalte, krank war und sich hingelegt hatte. - -Das war Geeschens Großmutter. - -Hans schickte die Deern denselben Tag noch zur Pflege hin. - - * * * * * - -Dann schwieg der greise Pastor. - -Der junge Bauer war aufgestanden. - -»Die Bibel weiß nichts davon, Herr Pastor. Wenn die alte Frau selbst -Hand an sich gelegt hat und nicht in der Reihe liegen kann und keine -Rede kriegen kann, Herr Pastor, dann muß ich sie auf meinem eigenen -Lande beerdigen und ihr selbst ein Gebet mitgeben.« - -Und seine schweren Schritte verklangen auf der Treppe. - -Am Staket stand der Schimmel. Er schwang sich hinauf und ritt davon. - - * * * * * - -Den Abend vor Ostern war es. - -Da brannten zwei lange, dünne Kerzen in der verräucherten Kate zu -Häupten der alten, toten Frau, deren spitzes, weißes Gesicht aus dem -Sarg guckte. - -In den Ecken steckte schon die Nacht. - -Hans saß neben der Leiche und hatte den Kopf in die Hand gestützt und -blickte unverwandt nach der Toten. Ein tiefer, grüblerischer Zug lag um -seinen Mund. - -Geeschen streifte ihn ab und zu mit scheuen Blicken. Sie war fast bange -vor dem starren Bauer, der sich nicht rührte und nicht regte. Sie -lehnte am Fenster und sah nach den Lichtern auf dem Wasser. Sie hatte -ein feines, schwarzes Kleid an, das Hans ihr aus der Truhe gesucht -hatte. Es stand ihr wunderfein. In dicken Flechten lag das Haar um den -Kopf. Und die Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren. An ihnen -war kein Weinen zu sehen. - -Aber Hans sah davon nichts. - -Die Kerzen flackerten auf, als die Tür ging und Peter eintrat. - -Der Bauer stand müde auf. - -»Ward Tied,« sagte er dumpf und sah Geeschen an. Fragend begegnete sie -seinem Blick. Dann begriff sie, preßte die Lippen aufeinander und ging -an den Schrein. Sie drückte die kalte Hand zum letzten Male und ging -wieder nach dem Fenster. - -Peter sagte treuherzig: »Adjüst, Angk.« - -Dann legte Hans das weiße Kleid zurecht, klappte leise den Deckel zu -und verschloß den Sarg. - -Die beiden Männer trugen ihn langsam den Deich hinunter und setzten ihn -in den grünen Kahn, der am Bollwerk lag. - -Es war eben Hochwasser gewesen. - -»Du bruks ne mit. Ick kann alleen klor warn,« sagte Hans und nahm die -Riemen zur Hand. - -»Wenn du 't meens,« gab Peter zur Antwort und steckte die Hände in die -Taschen und drehte bei. Unterwegs dachte er an die hundert Pülle grünen -Kohls, die er für Angk noch auf dem Felde stehen hatte. Die kriegte sie -nun nicht mehr und sie hätte sich so sehr darüber gefreut. Nun konnten -sich die Hasen freuen. - -Geeschen hatte ein wollenes Tuch um den Kopf gebunden und den Kranz in -die Hand genommen. Auf der Achterducht nahm sie Platz und legte den -Kranz auf den Sarg. - -Sie band das Tuch fester. Es fror sie. Der Nachtwind kam kalt von Osten. - -Hans ruderte schweigend ab. - -Aus dem Sielgraben waren sie bald hinaus. - -Es war tiefe Nacht geworden. Tiefe, stille, feierliche Nacht. Am Heben -ging der Mond durch die weißen Wolken wie ein König durch sein Volk. -Auf dem Wasser blinkte und leuchtete er. Die Elbe war ruhig. Kaum daß -die Lichter von der andern Seite, von Nienstedten und Teufelsbrücke, -herüberglitten und -schwankten. Nur das Knarren der Riemen war zu -hören, das Surren der wilden Enten, das Tropfen und Lecken der Riemen. - -Auf dem Perlenkranz stand der Mondschein starr und kalt, und über das -düstere Gesicht des Bauern huschte er fast ängstlich. - -Geeschen guckte bald hierhin, bald dorthin. - -»Lot dat Kieken no,« sagte er. - -Da sah sie den Mond auf dem Wasser und griff mit den Händen danach. Er -zerging in Stücke und wurde wieder gelb und rund. Vollmond und Halbmond -hatte sie schon gemacht. Nun sollte das erste Viertel an die Reihe -kommen. - -Da fragte Hans: »Wat heß du dor?« - -»Ick griep den Mon.« - -»Leß em sitten, hürs?« - -Sie hatte die Hand zurückgezogen, aber es dauerte nicht lange, da hatte -sie sie wieder heimlich über Bord gestreckt und ließ sich das Wasser -durch die Finger strömen. - -Er hörte es. - -»Nolaten!« - -»Warüm?« - -Da guckte er ernst auf den Sarg und tauchte die Riemen tiefer ein. - -Sie saß da mit ihrem raschen Herzen, mit ihrem warmen Leibe, mit ihrer -köstlichen, goldenen Jugend und ihrer neuen, tauigen Freiheit. Wie -Blumen und Sonne war es in ihr. Und sie mußte sich ducken, konnte nicht -singen. Mußte frieren. - -Frieren? Es fror sie nicht. Nicht mehr. Das Tuch fiel ihr von den -Schultern. Der Mond spielte mit ihrem Haar und floß um ihr junges -Angesicht. - -Sie hielt das Schweigen nicht mehr aus. - -»Hans Banidt?« - -Er sah kaum auf. - -»Sitt dor ne so benüßt. Kiek mi an un snack 'n Wurd. Wi levt jo doch, -Hans Banidt. Segg doch wat. Mi ward jo rein angs un bangen.« - -Er schüttelte den Kopf. - -»Wi hebbt Beerdigung.« - -»Hans Banidt, di deit dat leid, dat't so kamen is, ne? Du wulls, dat du -mi ne sehn hars, wat?« - -Er unterbrach sie schroff. - -»Wees still, Diern.« - -Da gab sie es auf und schwieg. - -Auf dem Neß und am Süllberg flammten Feuer auf, große, rote Feuer. - -Sie wies mit der Hand hin. - -»Kiek, kiek, Hans Banidt! De Ostermonen! Wo grot, wo fein! Dat is -Ostern! Ostern, Hans Banidt!« - -Er knurrte. Das Gespreche störte ihn. Er wollte nichts wissen. - -Sie sah ihn groß und fragend an, bis das kleine Eiland erreicht war. -Es war der Swiensand, der verlorne Posten zwischen Blankenese und dem -Alten Land, hundert Schritt im Umkreis Sand und Schlick, in der Mitte -Weidenbüsche. - -Scharrend stieß der Kahn auf den Sand und saß fest. Hans stand auf und -zog ihn hoch aufs Trockene. - -Da konnte Geeschen ausspringen und lief behend nach den Weiden. - -»Kiek, Bur! De feinen, weeken Katten!« Und riß gleich an einem Zweig. -Aber der war zäh. Sie mußte ihn zuletzt durchbeißen. - -Der Bauer hörte nicht darauf. - -Er hatte den Sarg auf den weißen Sand gesetzt und war mit Schaufeln und -Äxten dabei, das Grab zu machen. Durch die Wurzeln mußte er sich hauen, -mußte graben und graben fast eine Stunde lang. - -Geeschen umkreiste das kleine Land und lief in Sprüngen über den Sand. -Sie ahmte das Schreien der Möwen nach und machte sich ein Erdbeben in -dem feuchten Sand. - -Von Zeit zu Zeit wischte Hans sich die Tropfen von der Stirn und schalt: - -»Lot dat Speelen no.« - -»Ans frier ick.« rief sie. - -Dann schlich sie sich behutsam hinter ihn und strich ihm mit den -Weidenkätzchen die Backen und war wie ein Iltis davon. - -Von den bunten Muscheln suchte sie einen ganzen Berg zusammen. Sie -baute aus ihnen ein Haus mit geschickten Händen. - -Ordentlich warm wurde ihr dabei. - -Hans kam. - -»Ick mok 'n Gruft un du?« - -»Ick mok 'n Hus,« sagte sie wichtig. »Kiek mol, Hans, wat för 'n Hof.« - -»Du bis 'n Kind.« - -Dann mußte sie mit ihm gehen. - -Der Sarg stand schon in der Tiefe. - -Geeschen ließ den Kranz hineinfallen, und es schauderte sie. Hans nahm -die Mütze ab und betete laut ein Vaterunser und setzte hinzu: - -»Du ligs hier eensom, Angk, bi Meben und Kreien, ober still un geruhig --- un mihr wulls du jo ne. Amen.« - -Dann rauschte der Sand hinab, und Sarg und Kranz verschwanden. Als der -Hügel sich wölbte, steckte er die Schaufel beiseite und sah Geeschen an. - -Langsam streckte er ihr die Hand hin. - -»De Dode is versorgt. Nu kommt de Lebendigen wedder anne Reh.« - -Ein fester Lebenswille stand in seinen Augen. Da legte sie ihre kleine -Hand in seine große und sah ihn lange an. Und in beider Augen glomm es -auf. - -Dann lief sie fort, und als er ihr noch verwundert nachsah, da hatte -sie schon einen Haufen Feeks zusammengeworfen und zündete ihn an. Und -eine helle, rote Flamme prasselte auf. - -»Wat schall dat denn nu?« fragte er. - -»Is doch Ostern!« rief sie, »smiet man Feek up!« - -Und er tat es. Ihm war wunderlich geworden. Größer und größer wurde das -Feuer. - -Der Schein wallte auf dem Wasser, als sie heimfuhren. Da sagte er es: - -»Wullt du mien Fro warn?« - -Sie sah ihn groß und schweigend an, -- und schweigend fuhren sie ans -Ufer. - - * * * * * - -Fern auf dem Swiensand leuchtete noch das Osterfeuer durch die Nacht. - -Aber die Hähne krähten schon, und Ostern wollte es werden. - - - - -Kassen Witt sin Freeree. - - -Kassen Witt lewt sin Gild. - -He hett dat Arbein ne mihr neudig. Söbentwintig Joahr hett he no See -foahrn, up allerhand Oart un Wies', as Jung, as Knecht, as Settschipper -un as Schipper. Doarbi hett he bi lüttjen so veel up'n Dutt kreen, datt -he dat geruhig mit ansehn kann, wenn de annern sich afrieten möt. He -hett sin lüttj egen Hus, hett Hof un Diek, hult sich 'n poar Hünner, -mokt sich 'n Swien fett -- un wat dat doarbi to schirrwarken gift, dat -kann he meist in'n wittbunten Buscherump un mit 'n Brösel in 'n Mund -af. De Nobers segt: he harr sich dat fein utklamüstert, em kunn keen -See un keen Wind wat mihr dohn, un he much woll lachen, wenn de annern -schreen müssen. - -Letzt wür Kassen Witt ober ne tofreden. He kunn ne recht mihr kloar -warn un dacht, he kunn bi sin Joahrn woll noch ganz leiflich freen. As -he noch foahrn dä, harr he doar nix van af weeten, do harr he an so'n -Krom ne dacht: ober nu kreupen de Heiratsgedanken obends mit em up 'n -Bitt un stünn'n morgens mit em up. Wokeen he freen wull, harr he ok -all fastsett. Sill schull dat wesen, de swatthoarige Sill, de mit em -ut de School kommen wür un de he do woll all 'n ganz lüttig beetjen -lien mucht harr. De harr ok keen afkreen, sünder dat he jüst to seggen -wüß, worüm se oberbleeben wür. Enkelte sän, se harr ne uppaßt, oder, se -harr to veel snootert; welk meenen, se harr ne wullt, welk, se harr all -bitieds dat Hexen van ehr Mudder lihrt -- un dorüm harr doar keeneen -anto wullt. Mucht wesen as't wull: Sill wür 'n glatte Diern wesen, harr -danzt un rümjucht as de annern, se wür nu ok noch 'n troße, gohtliche -Fro. Kassen harr doar woll Lust to. Datt se beetjen to veel snacken -dä, versleu em nix, doar wull he woll mit kloar warn; he kunn ok 'n -deftigen Kurrboom snacken. Un wenn se keen hebben wullt harr: 'n gralle -Diern brukt doch ne jeden Hans un Franz to nehmen -- un kunn Sill ne -ganz god up em teuft hebben? -- Bloß mit de Hexerei wüß Kassen sich ne -recht to stilln: dat wür noch dat Leegste. Wenn Sill hexen kunn, denn -harr he den Mot woll batz sacken loten mucht, ober för gewiß wüß dat jo -keeneen un de Lüe snacken sich oberlingen eendeel trech. - -Dem Deubel ook, wat wür dat noch förn fein Wief, wat güng se noch troß -langs 'n Diek! Ehr Ploten weih inne Wind. Folten würn in ehr Gesicht -noch ne gewohr to warn, un 'n Gang harr se as 'n junge Diern, de no -Musik geiht. Kassen keek ehr 'n ganze Tied noh. Ne, nu kunn he dat ne -mihr utholn. Un inne Schummeree pett he sich mol no ehr langs. - -Sill seet in ehr Kök un wür bi't Knütten. De griese Koater seet blangn -ehr up de Bank. - -Kassen füng an to hoffen. - -»Nobend, Sill.« - -»Nobend! ... Kassen? ... Non? ... Wat heß du denn, dat du mi besöchst? -Legt din Hünner keen Eier genog oder fritt din Borch ne good?« - -Kassen sett sich up 'n Löhnstohl. - -»Ne, Sill, dat wull jüst ne. Dat Veehwark is good up 'n Schick. Ober -ik much woll giern mol 'n Wurd mit di alleen snacken, Sill. Kiek mol, -Sill, so geiht uns dat: Du sittst hier alleen un ik sitt doar alleen, -du kookst för di und ik för mi, dat is eensom un köst duppelte Füerung. -Wenn wi nu tohoop kooken däen, Diern, schull dat ne beter gohn? Ik -gleuwt meist! Wollt wi uns Plünnen tohoop smieten?« - -»Och, Kassen Witt! -- Dat harrst man leeber ne seggen schullt. Du -harrst den Krom sinnig angohn loten müßt, ne gliek so mit de Klumpfust -uppe Nees!« -- - -Dat güng em schetterig. He kreeg keen Been mihr anne Grund. Sill güng -mit Würden up em dol, as de Klimmer up 'n Heenküken oder as de Floot bi -vulln Moon un harten Wessenwind up 'n Diek. Wat he woll wüß un wat he -woll müß, wat he woll schull un wat he woll wull, so neihte se em. Ehr -Doog ne! Freen! Wenn se dat wullt harr, harr se noch 'n ganz annern -krien kunnt, un wenn se dat wull, denn kree se vundoog noch 'n ganz -annern. Ober nee, se wull mit de Mannslüe nix to dohn hebben, se kunn -dat so beter hebben. So güng dat lustig wieder. - -Kassen dreew bannig oberstür bi düsse Gelegenheit. He füng noch 'n -poarmol wedder an to krüzen un uptoluven, ober he keem gegen Sill ne -an. Ehr Koater wür ehr leber as een Mann, sä se. Se harr ehrn Koater, -un solang se denn noch harr, wür se ne alleen. De wür trohartiger as 'n -Minsch. Doarbi nehm se dat ole griese, täsige Diert up 'n Schoot, un ei -dat van 'n Kupp bit no 'n Stiert, as wenn't ehr eegen Kind wür. - -»Ne, min seute Koater?« - -Dat kunn Kassen ne mit ankieken. Dat wür em all lang to stur wurden up -düsse See. He dreih bums bi un seil no Hus. - -»Wi snackt doar noch mol ober, Sill,« sä he batz un rabaster den Diek -langs as 'n Peerd, dat fillenloopen is. - -»Hö! Hö! Kassen, wat büs du denn so inne Foahrt?« reep Ol-Gierd em no, -ober Kassen hür doar goarne no hin un leep wieder. - -As he in 'n Hus wür un blangen den Oben seet, den Krom noch mol eulich -nodacht, güng de Dör open un Ol-Gierd keem inne Dönß rin. - -»Hest mi goarne antert, Kassen,« sä he un güng an 'n Disch ran. Doar -kreeg he den Tabakskassen her un stopp sich sien Piep vull. - -Kassen bier, as harr he nix hürt. - -»Lang mi mol 'n Rietsticken her.« - -Kassen geef em Füer un Gierd füng an to paffen. Tiedlang duert, to füng -Kassen an: - -»De Wieber döht all nix.« - -»Non? Wat kummt dat denn? Dat lot jüm man ne wies warn, ans kratzt se -di woll dien scheune Nees twei.« - -»Könnt se all weeten.« - -»Kassen, wat hest denn mit jüm hatt? Hest woll freen wullt un hest -'n poar Schoh kreen? Se hebbt doar all van snackt, dat du an't Freen -dinkst.« - -Kassen wör gnatterig. - -»Denn lot jüm man van wat anners snacken,« gnurr he, »ik will ne mihr -freen.« - -Nu kree Gierd dat Gucheln. - -»Härrhärrhärr! Büs woll bi Sill wesen un hest dat Jowurd holn wullt? -Dat is nich so leicht.« - -Kassen keek sin Makker scharp an, do sä he: »Kanns swiegen, Gierd?« - -Gierd nicküpp: »As 'n doode Nebelkreih, dat kann ik di flüstern.« - -Kassen snack sinniger. - -»Denn will ik di wat seggen, Gierd. De Sill, dat is 'n Hex, 'n Hex up -'n Hauböön, mags dat gleuben oder ne. De is mit 'n Dübel verfreet, un -dorüm kann se sich ne verheiraten. Un weeß, keen de Dübel is? Ehr -griese Koater: de mok erst 'n poar Oogen as Ewerklüsen.« - -»Wat sä Sill denn, as du ehr froogen däst, wat se dien Fro warrn wull?« - -»Se sä: ne! Se harr dat so beter un solang se ehrn Koater noch harr, -nehm se keen Mann.« - -Gierd puß, dat all meist dick van Dook inne Dönß wür. Mit 'n Mol kneep -he de Oogen tohoop: - -»Mann, Kassen! Nimm ehr den Koater weg! Drull ehr dat Diert! Denn mütt -se jo 'n Mann hebben un denn nimmt se di oberlingen.« - -»Mi?« Kassen wür noch ungläubig as Thomas. »Denn holt se sich 'n annern -Koater.« - -»Wat woll! So'n Wief geweuhnt sich ehr an'n Mann, as an'n anner Stück -Veehwark. Drull ehr man den Koater.« - -»Ik mag't ne dohn, Gierd. Dat Wief kann hexen. Wenn de Katt weg is, -kloppt se dreemol up 'n Disch: denn hett se ehr wedder.« - -Gierd teuh em an'n Arm. - -»Dat ward sich doarbi utwiesen,« sä he plietsch. »Hext Se di den Koater -wedder ut't Hus rut, denn is se 'n Hex un du letts ehr loopen. Ans -nimmst du ehr to Fro.« - -»Ik bün man bang för den Koater, un woneem schall ik doarmit hin?« - -»Sett em up din Böön fast, doar grippt he sich woll so veel Müüs, dat -he leeben kann. Jeden Dag noch 'n Schöttel Melk -- doarmit basta.« - -Kassen stöker dat Füer no. - -»Wees wat, Gierd? Ik nehm ehr den Koater weg.« - - * * * * * - -Seit de Tied luer Kassen Witt denn nu Sill ehrn griesen Koater up. Ober -so licht as'n Snööf wür de ne to krien, dat harr Kassen bald spitz. -Wenn dat düster wür, schul he sich in'n Binnendiek langs un smeet -Fisch un Fleesch hin. Swatte und witte Katten keemen bald ankroopen un -freeten un gnurrten, ober de griese Koater wür doar ne twüschen. Oder, -wenn he mol doartwüschen seet, wür he so wild, dat he sich ne griepen -leet. Een Obend ober still Kassen sich achtern groote dicke Esch, un -do harr he Glück un kree den Koater in'n Nacken to packen. As he miaun -wull, steek he em gau in'n Sack un do in Sprüngen twüschen de Wicheln -langs un no Hus hin! De Bööntripp rup, de Dör open gereten, den Sack -utschütt, de Dör towarbelt, de Tripp dolsust: dat würn Oogenblick -Sook. Kassen frei sich, dat he dat Diert harr, ober bang wür he doch -bannig, un as dat boben an to russeln füng un to jauln, puß he bums -dat Licht ut, kreup inne Kubutz, scheuf de Bree to un weuhl sich deep -inne Küssens rien, dat he nix hürn un sehn kunn. Annern Morgen slirrk -he up Strümpfsööcken rup'n Böön, mok de Dör 'n lüttj beetjen open un -keek ünner de Pannen langs. Wat verjeuch he sich, de Kater wür narrns -to blicken. He kreup wieder inne Dör, to verjeuch he sich wedder; de -Koater leeg up 'n ol Goarn un sleep. No dat Verjohn ober frei he sich -bannig, hol den Koater 'n Stück Fleesch un 'n Schöttel vull Melk, un as -de mit de roote Tung slappen dä, to wüß Kassen, dat dat 'n euliche Katt -wür, de nix vanne Hüll afwüß, un dat Sill keen Hexenkrom moken kunn, -- -un he keem sich bannig kloog vor. As he den Koater wedder bemokt harr, -steek he de Hann inne Büxentaschen un slarp gemütlich den Diek lang. -Doarbi mok he so'n unschüllig Gesicht, as wenn he keen Swien schreen -hürn kunn. Bi Sill ehr Koat bleef he bistohn un keek no't Woater -hindool. Un luer up. Richtig duer dat ok ne lang un Sill wör em gewohr. - -»Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... - -Kassen sä jo, ober he keek ne üm. - -»Vergeew noch mol to, Kassen! Hür doch mol up! Heß min Koater ne sehn?« - -»Soll ich deines Katers Hüter sein?« freug Kassen un keek ehr an, as -wenn he ehr dull to wür. - -»Ne, eulich! Heß em ne sehn?« - -»Kiek ik no Katten? Ik hebb din Koater ne sehn! De sitt woll up 'n -Böön!« - -»Nee, nee, Kassen. Up 'n Böön is he ne. De is weg.« - -Kassen dach: hex em doch wedder her! un meen: - -»Dien Koater is di wegloopen?« - -»Wegloopen? De löppt ne weg. Drullt is he mi!« - -Kassen keek no Hamborg rup: - -»Anner Week is de Doom, Sill,« sä he trurig. »Doar ward 'n barg Heiße -mokt. Wokeen harr dat dacht!« - -Sill leet em ne utsnacken. - -»Snack ne so dwatsch,« schüll se, »kumm rin un drink 'n Taß Kaffee mit.« - -Dat dä Kassen un höh sich in'n Stillen ober Sill, de noch jümmer söch -un reep. Se keek allerwärts to, ober de Koater wür weg un bleef weg. He -wull em mit seuken hilpen, sä Kassen toletzt un güng rut -- ober de un -seuken! - -Middogs seh he Sill inne Höf rümstreupen un hür ehr: »Koater! Koater!« -roopen. - -Annern Dag söch se noch. - -»Kassen, wat komm ik ok doch an.« - -He nicküpp, ober he sä nix. He leet noch sinnig 'n poar Doog vergohn. -To füng he bi lüttjen an mit ehr dorvon to snacken, wie trurig dat för -ehr wür, so ganz alleen to husen. Un se kunn doch man 'n anner Katt -nehmen. - -Sill keek em an, as wenn he 'n Spleen kreen harr. Ober he mok 'n ganz -trohartig Gesicht, as wenn he ne bit fief tillen kunn. - -Poar Doog loater keem he wedder. - -»Sill, wat bün ik ok doch meuh. De ganzen Doog hebb ik nu wedder -rümsöcht un rümfroogt. De Koater is un blifft weg. De Lüe lacht een all -wat ut. Beduern kinnt dat Hansjochenpack ne.« - -Sill schüer sich de Oogen. - -»Ik weet, Kassen. Se lacht mi arme Fro all wat ut. Bloß du ne. Du büs -'n vernünftigen Kirl.« - -Kassen mark up, ober he sä noch wieder nix. Langsam un wiß, dach he. -Morgen för Morgen klau he up 'n Böön rup un geef den Koater wat to -freeten, un Morgen för Morgen keek he mol bi Sill rin un beduer ehr. - -Up't letzt nehm he 'n Tofoahrt: - -»Sill, dat mütt di doch eensom wesen.« - -»Kassen, ik bün doar unglücklich ober. Ik mag in min eegen Hus ne mihr -wesen.« - -»Sill, war ne krank doarbi.« - -»Kassen, dat kann kommen.« - -Se snack lang so veel ne mihr, so dull nehm se sich de Geschichte to -Harten, un wenn se ne noch van ehr Mudder her swatt gohn harr, gleuf -ik stiew un fast, harr se nu swatte Kleeder anthon un üm ehrn Koater -truert. - -Kassen güng Tritt för Tritt un keem jümmer beetjen wieder. Sill leep -ne mihr weg, wenn he van Heiraten snack. Toletzt kunn he ehr liekuplos -froogen, wat se em staats 'n Koater hebben wull. Se sä ne jo un sä ne -nee -- den ersten Dag, den tweeten sä se half jo und half nee, denn -drütten wör dat »jo« jümmer gröter, dat »nee« jümmer lüttjer -- un -no'n Week sä se jo, ober se sett doch noch doarbi: »Wenn ik min Koater -noch harr, denn harr ik ne mihr freet. Ober nu is't eendohnt.« - -Kassen Witt keem sich vör as 'n Keunig. He güng no'n Pastur dol un leet -upbeeden un leet sich bi'n Snieder 'n nee Pattje anmeeten. - -Doarbi seet de Koater noch jümmer in sin Gefängnis. Kassen dach doar -mannichmol ober no. He wüß ne recht, wat he doarmit moken schull. -Doodslogen much he em ne. Ganz toletzt säh he sich: wenn de Hochtied -wesen is, lot ik em loopen, denn is Sill min Fro un mütt bi mi blieben. - - * * * * * - -So dach Kassen Witt un wüsch sien Hannen in Elwwoater un meen, sin -Streich wür em glückt. - -Ober dat keem doch 'n beetjen anners. - -Sill kree up'n mol Lust, Kassen sin Gewees, Hus un Hof, to bekieken, -mol to sehn, wat se as Fro all ünner de Hannen kree. Kasten dach doar -woll an, dat de Koater vullicht jauln kunn un em oahn nix goods, ober -nee kunn he doch ne seggen, wenn se ne oahnig warn schull. He wies ehr -nu den Diek, den Groaben, den Hof, dat Schuer, den Killer un teuh dat -allens gehürig inne Ling. To güng he wieder. - -Ober Sill wull dat Hus noch boben sehn. He müß ehr Köök, Dönß, Komer un -Krom wiesen, ober he mok dat so gau af, as he kunn. - -»So, Sill, dat wür allens,« sä he un mok de Dör open, as wenn he -weggohn wull. »Uh, kiek mol den grooten Damper doar in't Foahrwoater!« - -»Den Böön hebb ik doch noch ne sehn,« sä do ober Sill un sett den Foot -up de erste Tripp. - -Kassen still sich an, as wenn he nix hürt harr. He wies wedder no't -Foahrtwoater hin. - -»Kumm doch mol rut, Sill,« reep he noch harter, »un kiek di bloß mol -den grooten Steamkassen an. Wat dat förn Koloß is! Dat is jo woll de -Ameriko! Wat förn Diert!« - -Ober Sill keem ne. - -Se reep wedder: - -»Ik will mi erst den Böön besehn. Lot den Damper man susen.« - -»Den Böön wies ik di morgen, dat is nu all to düster,« sä he gau un -dach: wenn se morgen kummt, sett ik den Koater solang up't Schuer, denn -ward se em ne gewoahr. - -Se güng ober spöttenup. - -De Sook wör mau. - -»Doar kanns du ne rup, Sill,« reep Kassen iernst un keem neuger. - -»Worüm ne?« - -»Diern, dat geiht ne. Jerst mol is dat all to düster, un denn steiht -doar allens up 'n Kupp. Doar bricks du Arms un Been.« - -»Dat deiht nix. Ik will doar wenigstem mol rupkieken,« sä se. - -De Sook wör mau. - -»Au ... au ... au ...« jaul Kassen. - -Se stünn still. - -»Wat heß?« freug se. - -»Au ... au ... au ... mi is de Ramm int Been schooten. Ik kann ne mihr -stohn. Smeer mi gau 'n beetjen.« - -Ober se wür neeschierig worden un wull nu mol den Böön sehn. - -»Au ... au ... au ...« jaul Kassen wedder. - -Mit 'n Mool füng *de Koater up'n Böön an to jaulen*. - -Sill hür dat gliek un kenn ok de Stimm gliek. - -»Dat is min Koater! Verdreihte Kassen Witt! Nu weet ik Bescheed, du heß -em drullt! Teuf! Lot mi em erst mol wedder hebben!« - -Doarmit se de Bööntripp rup. - -Kassen sin Been wür werkwürdig gau wedder heelt, he stünn batz up, as -he den Koater miaun hür, neem sin Been inne Hand, leep in Sprüngen -den Diek dol, klau gau in'n Kohn un schipper van'n Diek af, bit he in -Sicherheit wür. - -Mit de Hochtied wör dat nix, dat mark he woll, ober he wull doch -wenigstem sien gesunden Oogen un Backen beholen. - -Kiek: doar keem Sill ut de Husdör un achter ehr ran de Koater. Kassen -kreup meist ünner de Ducht, ober se wör em doch gewoahr. Jüst wull se -losleggen, to schufudern, to seh se all de Lüe up'n Diek stohn, de all -de Sook markt harrn un lachen. Sill besünn sich: dat harr ok woll noch -Tied. - -To nehm se ehrn Rocksoom mit de Hand up un teuh den Rock so hoch, dat -de bunte Ünnerrock to sehn wür, un güng as 'n Gräfin den Diek langs. Sä -keen Goodendag un nix. - -Un de Koater mit hoogen Stiert achteran. - - * * * * * - -Dat heet: twee Doog noher harr Kassen Witt doch een verbunden Gesicht, -woneem he 'n poar Weeken mit rümloopen is. - -Sien Gild lewt he noch -- ober van dat Freen will he nix mihr weeten. - - * * * * * - - - Anhang. - - schirrwarken=bewerkstelligen, utklamüstert=ausgetüftelt, - leiflich=leicht, troß=stolz, gohtlich=annehmbar, Sill=Cäcilie, - Leegste=Schlimmste, oberlingen=vielleicht, eendeel=irgendwas, - blangen=neben, Klimmer=Habicht, bannig (unbändig)=sehr, - all=schon, oberstür=zurück, rabastern=rasen, bier=tat, - Gucheln=Lachen, ans=sonst, drull (v. nord. Troll)=stahl, - stiehl, schul=schlich, he vejeuch sich (verjagte sich)=er - erschrak, bemookt=eingesperrt, klau=kletterte, Tofoahrt=Anlauf, - eendohnt=einerlei, Pattje=Anzug, spöttenup=treppauf, Ramm - inne Been=Hexenschuß, schufudern=schelten, enkelte=einzelne, - nicküpp=nickte. - - - - -Pulli. - - -Hamburg war Baas. - -Es war Baas zu Wasser und zu Lande, weil die Sonne schien und weil -Sonntag war; ihm gehörten der grüne Sachsenwald und das rote Helgoland, -der weiße Timmendorfer Strand und die blitzenden holsteinischen Seen, -ihm eigneten die Deiche von Vierlanden bis zur Lühe, die Elbe von -Lauenburg bis zum letzten Feuerschiff, die Berge von Geesthacht bis -Schulau, die Heide von Lüneburg bis vor die Tore von Buxtehude. Das -alles, mit Wegen und Wogen, Blumen und Häusern, nahm es breit und -selbstverständlich in Besitz. - -Westlich von den Zeugen der Heiden- und der Seeräuberzeit, dem -Opferberg und dem Falkenberg, zog ein hamburgisches Fähnlein tapfer -und fröhlich über die neugrünende Heide; oft blieb es stehen und hielt -Umschau, es verlängerte und verschönte sich den Weg mit Wald- und -Wanderliedern, und tat sich etwas darauf zugute, daß es Lerchen über -sich und Grillen unter sich hatte. - -Zwei Schwestern waren es, schlanke, blonde Hamburger Deerns, mit -hellen Augen und kecken Nasen, ein junger Lehrer mit einem Kopf voller -Hochziele und ein kleines Schreiberlein, das aus einem der vielen -Schreibstuben ins Freie geflüchtet war. Es schritt an der Spitze der -Gruppe, hatte sogar einen Rucksack mit und war wohl guter Dinge. Auf -dem Steindamm hatte es sich den Dreien angehängt, weil es das eine -Mädchen kannte, und war bei ihnen geblieben, obgleich es schon anfing, -seinen Entschluß zu beklagen, denn es war gewohnt, allein zu wohnen -und zu wandern, auch wußte es nichts zu erzählen. Es hatte immer große -Angst, heimliche Furcht vor dem Leben und vor Menschen, zu denen es -nicht gehörte. Die empfand es auch jetzt wieder und um so schwerer, als -es sie durch äußerliche Lustigkeit verscheuchen wollte. - -Armes Schreiberlein. - - * * * * * - -Das stille Fischbek mit seinen Eichen und Birken war durchquert, und -die kleine Gesellschaft ging auf der großen Landstraße entlang, die von -Hamburg nach Stade führt; sie suchten den Moorweg. Dieser fand sich -auch bald: aber als sie umbiegen wollten, stand gerade an der Ecke -ein Hund, ein schönes, weiß und gelb gezeichnetes, sauberes Tier mit -blanken, klugen Augen. Unbeweglich stand es da und sah den Kommenden -entgegen, als erwarte es sie. Vor allen wurde das Schreiberlein darauf -aufmerksam. Näher gekommen, fing es an, zu locken und zu schmeicheln. - -»Non, Pulli! Wat makst du denn dor?« - -»O, guckt bloß mal, was für 'n schöner Hund,« rief eins der Mädchen -lebhaft. - -»Feiner Kerl,« lobte auch der Lehrer. - -Der Hund aber sah das Schreiberlein an, dann bellte er freudig und heiß -auf und stieß mit den Vorderpfoten heftig in den Heidesand. - -»Pulli, sitt dor 'n Rott?« fragte das Schreiberlein, belustigt -teilnehmend, aber das andere Mädchen gab ihm einen Rippenstoß. - -»Ratte? Er will den Stein wiederholen, Sie. Werfen Sie ihn mal weit -weg. Man zu!« - -Rasch bückte das Schreiberlein sich. Der Hund wurde toll vor Eifer -und wollte zuschnappen, aber die Hand entriß ihm doch den Stein und -warf ihn ein Stück den Weg voraus. Bellend stob er nach, daß der Staub -aufwirbelte, schoß mit Schnauze und Pfoten tief in den Sand hinein, -scharrte heftig den Stein heraus, nahm ihn mit dem Maule auf und sprang -eilig und schweifwedelnd mit ihm zurück. Vor dem Schreiberlein blieb er -stehen, das ihm den Felsen abnahm und den Kopf streichelte. Es war in -Fröhlichkeit gekommen, als es das Tier so fröhlich gehorchen sah: das -war ihm noch nicht begegnet und rührte es tief. - -Pulli aber wollte von Liebkosungen nichts wissen, er suchte in den -Wagenfurchen nach andern Steinen, und als er sie entdeckt hatte, blieb -er davor stehen und sprang wie vorher mit den Vorderfüßen darauf los. - -»Noch een, Pulli?« fragte das Schreiberlein freundlich, griff schnell -zu und warf einen zweiten Stein, der ebenso rasch geholt wurde. Des -Hundes Eifer wurde immer größer, je mehr Steine flogen. Die Augen des -Schreiberleins strahlten, so große Freude empfand es. Aber auch die -andern sahen dem prächtigen Tier gern zu und warfen auch Steine. Alle, -wenn sie nicht gar zu groß waren, holte es gehorsamst zurück, aber -wenn es sich des Gegenstandes entledigt hatte, sah es doch zuerst nach -dem Schreiberlein, stieß mit der Nase an dessen Hand und ermunterte es -durch Bellen und Scharren zu neuen Würfen. Diese Bevorzugung behagte -dem Schreiberlein über die Maßen, und es wurde nicht müde, mit dem -Hunde zu sprechen und ihm das Fell zu glätten, soweit die Ungeduld des -Tieres es zuließ, das sich in Kreuz- und Quersprüngen nicht genug tun -konnte. - -Es trug kein Halsband, so mußte es doch gewiß aus dem Dorfe sein, -dachte das Schreiberlein und war betrübt, daß es mit dem Spiel zu Ende -ging, denn sie waren mittlerweile schon weit in das Moorgebiet geraten -und mußten daran denken, den vierbeinigen Spielvogel nach Haus zu -schicken. So flog denn ein Stein weit zurück, begleitet mit dem Rufe: -»So, Pulli, den nimm mit, un denn no Hus!« - -Wohl sprang der Hund bellend nach, aber er kam getreulich mit dem Stein -wieder. Das Schreiberlein klopfte ihm den Hals und nahm ihm den Fund -ab, dann wies es mit der Hand zurück: »Goh no Hus, hörst!« Aber Pulli -blieb und wedelte. - -»Na, denn gah noch 'n Stremel mit,« sagte das Schreiberlein gutmütig -und liebevoll, und das alte Spiel fand seine Fortsetzung im -Weiterwandern. - -»Eigentümlich, was Sie für eine Gewalt über den Hund haben,« sagte der -Lehrer. - -Das Schreiberlein sagte nichts darauf, aber das Wort erfüllte es doch -mit Stolz. Zu dem Hund sagte es: »Lat dat Bellen na, kiek mal hin, wat -du di utsehn mokst!« -- und wies nach den Beinen und dem Kopf, die arg -geschwärzt waren. - -»Du mußt doch noch mehr können, als bloß Steine holen,« begann es nach -einer Weile wieder und hieß den Hund stehen bleiben. Es prüfte durch, -was es von Kunststückchen an andern Hunden gesehen hatte, und bekam -heraus, daß Pulli sich totstellen konnte, daß er über den Stock sprang, -Pfote gab und auf Geheiß bellte. Nur eins wollte ihm nicht glücken, -den wirklichen Namen des Hundes zu erforschen, obgleich es ihm alles -Erdenkliche zurief. Weder bei Hektor, Juno, Bruno, noch bei Seemann, -Feldmann, Mobbi, Max rührte das Tier sich. - -»Denn blift dat bi Pulli!« entschied das Schreiberlein und warf einen -Stein. O weh, der plumpste in den sumpfigen Graben. »Hier! Komm hier!« -Aber das Rufen half nicht, der Hund stand schon tief in dem moorigen, -muddigen Wasser und wühlte es mit dem Maul und den Füßen auf. Naß und -beschmutzt, sich schüttelnd, kam er zurück, daß das Schreiberlein -traurig wurde, als es das schöne Fell so entstellt sah, aber es -vertröstete sich auf den breiten Graben, der kommen mußte. In dem -sollte der Hund schwimmen und sich rein spülen, dann mußte er nach Haus -geschickt oder gejagt werden. - -Der Graben war bald erreicht, und der Zuruf des Schreiberleins ließ den -anfangs zögernden Hund in das tiefe Wasser springen. Als er hin und her -geschwommen war, rief es ihn zurück. - -Er war wirklich reiner geworden, als er sich abgespuddert hatte. - -»So, nu sall he no Hus,« sagte das Schreiberlein ernsthaft, trat ihm -entgegen, wies mit dem ausgestreckten Arm nach der Geest und befahl: -»Pulli, no Hus! No Hus! Hus! Hus!« Aber der Hund ging nicht von der -Stelle, er tat, als hätte er nichts gehört: nur daß er von einem Fuß -auf den andern trat, mochte kund tun, daß etwas in ihm vorging. - -»Kannst du nich hörn?« drohte das Schreiberlein, drängte gegen ihn, -schob ihn vorwärts, wies ihm die Fäuste und suchte ihn ernstlich -wegzujagen. Auch die andern drei stampften auf und suchten ihn zu -scheuchen. »Nach Haus!« - -Da schien er zu begreifen, was sie mit ihm vorhatten, und daß es Ernst -wurde. Alle Frische und Lebhaftigkeit wich aus seinen Bewegungen, er -zwinkerte mit den Augen und schlich unruhig bald vor und bald zurück. - -»Man to, man to! No Hus!« Da kam er zu dem Schreiberlein gekrochen und -setzte sich vor ihn hin, hob bittend die Vorderpfoten, leckte mit der -Zunge und bettelte mit feuchten Augen. Das mochte ein anderer ertragen -als das gute Schreiberlein, das tief erschrocken war. »Hast wohl kein -Haus?« fragte es bewegt und legte ihm zärtlich die Hand auf den Kopf. -»Wenn du bei mir bleiben willst, so tu es. Ich verjage dich nicht.« - -Da wedelte der Hund freudig und folgte ihm weiter. - -Wieder galt es, Steine zu holen, über den Stock zu springen und hübsch -zu machen. Das Schreiberlein schien nur noch für das Tier da zu sein, -und das eine Mädchen begann schon, verdrießlich zu werden. - -»Wollen Sie ihn mitnehmen?« fragte der Lehrer. - -Das Schreiberlein zögerte mit der Antwort. »Ich weiß nicht. Wenn ich -wüßte, daß er ausgesetzt wäre und kein Haus hätte, nähme ich ihn mit.« -Und es sah nachdenklich aus. - -»Wollen Sie ihn denn behalten?« begehrte ein Mädchen zu wissen. - -»Ich könnte ihn ja auch nach dem Tierhaus an der Süderstraße bringen,« -antwortete das Schreiberlein fast ärgerlich. - -»Ach, lassen Sie ihn doch wieder laufen,« sagte das andere Mädchen. - -»Geht er denn?« fragte das Schreiberlein. »Er ist ja nicht -wegzubringen, nicht mit Gewalt.« Es nahm nochmals einen Anlauf und -lief den Hund fast um, aber es hatte wieder keinen Erfolg. Das Tier -legte sich erneut aufs Betteln, und das Schreiberlein war nicht der -Mann, dem zu widerstehen. Ich kann es nicht, ich bringe es nicht übers -Herz, dachte es still und bedrückt, atmete tief auf und streichelte den -dankbar winselnden Hund. - -Später lief es mit ihm um die Wette und kam den andern dabei ein -beträchtliche Stück voraus. Pulli stellte sich an den Grabenrand und -schlappte Wasser. - -»Büst ok all hungrig?« fragte das Schreiberlein und schnallte den -Rucksack ab. Der Hund kam fragend näher und als er Brot und Wurst -bekam, fing er es hastig und fraß mit lebhafter Freude. So frühstückten -die beiden Wandergenossen am Wegrande, und als die Vorratskammer -ausgeräumt war, legte das Schreiberlein sich längelang ins Gras, und -der Hund ruhte neben ihm. Die Hand ruhte auf dem Kopf des Tieres. -So lagen sie zwischen Löwenzahn und Butterblumen, bis die andern -herangekommen waren. - -»Ich bin vom Berg der Hirtenknab,« sagte der Lehrer launig. - -»Bin ich auch!« gab das Schreiberlein stolz zurück, reckte sich und -sprang auf die Füße. - -»Soll er denn nun noch weiter mit?« fragte ein Mädchen, als sie wieder -eine Strecke gemeinsam zurückgelegt hatten. - -Das Schreiberlein guckte wie verloren nach dem dicken, roten -Neuenfelder Kirchturm, der inmitten der Dächer stand wie eine -Gluckhenne zwischen ihren Küchlein. - -»Wir kommen gleich an die Süderelbe,« sagte es, »da soll es sich -entscheiden. In das Fährboot kommt er nicht hinein. Schwimmt er uns -aber nach, dann soll er mit mir.« - -Das war aber nicht seine richtige Meinung. Es war mit dem Hund in -Gedanken schon in seiner kleinen Stube angelangt, wie Doktor Faust mit -seinem Pudel, und Goethes Worte gingen ihm durch den Sinn. - - Wie du draußen auf dem bergigen Wege - durch Rennen und Springen ergötzt uns hast, - so nimm nun auch von mir die Pflege - als ein willkommner, stiller Gast. - -Es wußte gewiß, daß der Hund mitlaufen und auch den Weg in das Fährboot -finden würde. - -Schon blitzte die Süderelbe hell durch das Weidengebüsch. Mit reißender -Strömung flutete sie ostwärts. Das Fährboot hielt gerade wartend an -dieser Seite, so daß die Gesellschaft nicht zu läuten brauchte. - -Zwei Altländer Knechte mit Rädern standen schon im Boot. - -Zuerst stiegen der Lehrer und die Mädchen ein, die sorglich ihre -Kleider rafften, dann wollte das Schreiberlein folgen, ohne sich nach -dem Hund umzusehen, aber dieser sprang behend vor ihm hinein und kroch -unter die Duchten. - -»Da haben wir es,« bemerkte der Lehrer laut, »was nun?« - -»Wollen Sie ihn wirklich mitnehmen?« fragte das ältere Mädchen. - -Armes Schreiberlein! - -Sechs Menschen guckten es an. Da mußte es wohl fremd und scheu werden. -»Ach, laßt es doch, wie es ist,« sagte es ablenkend und setzte sich auf -die hinterste Ducht, immerfort nach dem Wasser guckend. - -Aber der Fährmann war aufmerksam geworden. - -»Hört de Hund ne dorto?« fragte er. - -»Nein,« sagte das Mädchen, »er ist uns von der Geest nachgelaufen.« - -»Denn schall dat Oos ok ne mit,« entschied der Fährmann. »Rut mit -di! Rut!« Er erhob das schwere Ruder und scheuchte den Hund damit -ins Wasser, daß das Tier über und über bespritzt wurde und entsetzt -zurückwich. - -Dann stieß er eilig ab. - -Das Schreiberlein schwieg. »Sprich, steh auf, ruf!« schrie es in ihm, -aber die alte Lebensangst und Furcht hatte sich riesenhoch in ihm -erhoben und preßte ihm die Kehle zu. Wie ein geducktes Vöglein saß es -da und sah nach dem Hund. - -In dessen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck der Verlassenheit, als -er das Boot sich entfernen sah, er winselte und heulte und kroch auf -und ab, lief hin und her und guckte verlangend über das Wasser. Ein -Altländer rief lockend: »Komm, komm!« Auch in dem Schreiberlein rief -es: »Komm, komm!« aber über seine Lippen rang sich kein Laut. - -Der Hund watete bis an den Bauch in das Wasser hinein und streckte die -Schnauze vor, als wollte er schwimmen. - -»De swümmt gliek,« rief ein Knecht. - -»Ja, schwimm!« dachte das Schreiberlein und fühlte, daß des Hundes -Blick an seinem Gesicht hing, aber es vermochte kein lautes Wort zu -finden. - -Das Boot kam immer weiter in den Strom hinein. - -Der Hund blieb lange Zeit in dem strömenden Wasser stehen, dann -watete er langsam nach dem Trockenen zurück. Noch einige Male lief er -verlangend auf und ab, stand wieder still und sah dem Boote nach, dann -drehte er sich um und lief den Damm hinauf. Oben angekommen, stand -er wieder still, sah eine lange Weile zurück, dann lief er fort und -verschwand hinter den Weidenbüschen, die den Weg umgaben. - -Armes Schreiberlein. - - * * * * * - -»Tut es Ihnen leid?« fragten die Wandergefährten, als sie am -jenseitigen Ufer angekommen waren und nach dem Deiche gingen. - -Das Schreiberlein gab keine Antwort, es guckte sich aber immerfort -um und sah nach dem anderen Ufer, das still und verlassen dalag, und -wartete, daß der Hund wiederkomme. Dann wollte es rufen, so laut es -konnte, und er sollte herüberschwimmen. Es konnte nicht begreifen, daß -es so gekommen war, und begann den erbärmlichen Verrat zu erkennen, den -es sich an seinem treuen Genossen hatte zuschulden kommen lassen. - -Der Lehrer gab sich Mühe, ihm einzureden, daß der Hund sein Haus auf -der Geest haben müsse, ein ausgesetztes Tier wäre gewiß nicht so -reinlich gewesen, daß es sich vermöge seines Geruchssinnes leicht -zurückfinden werde, vielleicht schon wieder auf der Geest spiele, aber -das Schreiberlein war nicht zu überzeugen. Es guckte nur über das -Wasser, schüttelte mit dem Kopf und sagte: - -»Das mag *Sie* rechtfertigen, mich nicht!« - -Schwere Dinge warf sein Herz auf. Wie brausendes Wasser gingen ihm die -Gedanken durch den Kopf. Es erkannte mit schmerzlicher Gewißheit, daß -es einen Schritt getan hatte, der es nach und nach ins Gleiten bringen -mußte. - -Und der Hund erschien noch immer nicht wieder an der Fähre. - -Da, als die Drei schon anfingen, sich heimlich anzustoßen, blieb das -Schreiberlein stehen und bot ihnen die Hände zum Abschied. - -»Ich kann nicht weitergehen,« sagte es ernst, »ich muß zurückfahren und -den Hund suchen. Anders finde ich keine Ruhe.« - -»Das ist verrückt!« rief der Lehrer, und sie redeten heftig auf ihn -ein, aber sie erreichten nichts, weder vermochten sie ihn mit dem -unwegsamen Moor zurückzuhalten, noch mit der nahen Dämmerung zu -schrecken. - -Er müsse hinüber und sie müßten schon allein nach dem Dampfer gehen. -Das war alles, was sie zu hören bekamen. - -Kopfschüttelnd mußten sie es schließlich aufgeben und weitergehen. - -Über das Schreiberlein aber war mit dem Entschluß eine fiebernde Unruhe -gekommen. Es lief mehr, als es ging, nach der Fähre und trieb den -Fährmann zur Eile. - -»Wedder röber?« fragte dieser. - -»Jo, jo!« drängte das Schreiberlein, und wollte schon sagen, daß es -seinen Schirm im Altenland vergessen hätte, aber es war etwas in ihm, -das gewaltsam hervordrängte. »Ich will den Hund holen,« sagte es festen -Tones und empfand dieses Geständnis als etwas Wohltuendes. - -Der Fährmann lachte, dann aber sagte er ernst: »De is all lang weg. -Ober dor sitt 'n Wulkenbank in 'n Westen, dat kann licht 'n Gewitter -geben. Blieft leber hier, ik wohrschoo jo.« - -Das hatte das Schreiberlein, das immer nach dem Damm guckte, wohl gar -nicht verstanden, denn es gab keine Antwort darauf, sprang aus, noch -ehe der Kahn angelegt hatte, und lief in Sprüngen fort, daß der Mann -herzlich lachen mußte über den närrischen Kerl. - -»Pulli! Pulli!« - -Unbekümmert rief das Schreiberlein, einerlei, ob Menschen es hörten -oder nicht, spähte nach allen Seiten und schritt erregt weiter, dem -Moor entgegen. - -Aber kein Hund war zu sehen. - -Als es von dem weiten, düstern Moor umfangen war, begann schon die -Dämmerung ihre stillen Flügel ausbreiten. Da rief es lauter als zuvor, -daß die Regenspatzen in dem Schilf erschrocken das Piepen ließen. Die -Dämmerung nahm überhand, da suchte und rief das Schreiberlein noch -ängstlicher und strengte seine Augen an, daß es den vorherigen Weg -wiederfinde, was bei den vielen Moorwettern, Brücken und Stegen, bei -Kreuz- und Querstücken nicht leicht war. Die Weidenbüsche wuchsen wie -riesenhafte Tiere aus dem Gras und bekamen drohende Augen. - -»Pulli, neem büst du?« - -Draußen auf der Elbe war Ebbe eingetreten. Die vermochte aber nicht zu -verhindern, daß die Wolkenwand sich höher schob und sich ausbreitete. -Einige Sterne waren schon sichtbar: nun schoben sich dunkle -Wolkenhände über ihren stillen Schein. - -Von den Moorburger Wiesen, den weit entfernten, scholl das ängstliche -Brüllen des Viehs. Gespenstisch schnell überzogen die Wolken den Heben. -Ferner, grollender Donner quoll langsam auf, als käme er aus dem -Wasser. Da fiel auch das erste Licht vom Heben, und ein Windstoß fegte -warnend über Baum und Halm. - -Armes Schreiberlein -- warum stehst du still vor dem breiten Graben; -hattest du da einen Steg vermutet? Hast du dich verlaufen, weißt nicht -mehr, wo du bist? Und hast den Pulli immer noch nicht gefunden? - -Such den Steg, das Gewitter hängt über dir. Die ersten schweren Tropfen -fallen wie Blei. Der Wind schwillt an. Den Steg! - -Schreiberlein, mit Kriechen kommst du nicht von der Stelle! Da fliegt -dein Hut! - -Armes Schreiberlein ... - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Als der lange Hinnik Quast am andern Morgen seine Moorkartoffeln hacken -wollte, hing etwas Braunes unter dem Steg, der über die breite Wettern -gelegt ist. Es war ein ertrunkener Mensch, der fehlgetreten sein mußte. - -Armes Schreiberlein ... - - - - -Sonntagnachmittags. - - -Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen -nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft müssen -sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen, -die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden, -stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht -um vergängliche Erdengüter, sondern rein des Vergnügens wegen. Sie -werden gar nicht gewahr, daß das Wasser eiskalt ist und daß sie mit den -Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie stört, daß es zu -Hause für die Kleigräberei und Sabbatschändung vielleicht etwas auf die -Jacke, sicherlich aber eine gehörige Tracht Schelte geben wird -- sie -fischen und fischen und sind gesund und munter dabei. - -Jung-Finkenwärder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen. - -Dazu weißbunte Hemden. Die runde, graue Fischermütze steht ihnen wie -ein Glorienschein um die hellblonden Köpfe. Nur die blaugefrorenen -Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen, -beim einen mehr, beim andern minder. - -Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er -gekommen ist. Trübe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen, -und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese -schaut düster und mürrisch drein, als könne es gar nicht blinken und -lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weiße Rauch -verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet -etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt -es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein -Grauen des Vergessens steht in den kahlen Ästen. - -An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein -kleines Haus am Deich warm und heimlich hält und weder den Ofen, noch -die Pfeife ausgehen läßt, auch nicht einmal selbst ausgeht. - -Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und -dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand. - -Dann sitzen wir am Fenster. - -Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren. - -Leise nickt er mit dem Kopf: »Da hab ich auch mal gestanden und -Stichlinge gefangen.« - -»Auch ich,« sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der -kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am -wenigsten fängt. - -Dann wird es wieder still. - -In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine -Bauernfrau, die in ihrer weißen Schürze dasteht und lacht ... leise -... aber doch so, daß es zu hören ist ... Oder sind es die rotbackigen -Äpfel, die in der Röhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner -bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben über dem Alkoven -aber hängt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem, -braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich -vor sich hin: »Ick weet allns! Ick weet allns!« Plattdeutsch hat sie -gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine längere -Unterhaltung läßt sie sich nicht ein. Wer alles weiß, der braucht -freilich auch nicht mehr viel zu reden. - -Harm sagt in die Stille hinein: - -»In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben bloß alle -sieben einen.« - -Ich nickte bloß. Fast habe ich vergessen, daß es laute Straßen gibt mit -grellen Läden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewühl elender und -glücklicher Menschen. - -»Ick weet allns! Ick weet allns!« meinte wieder die Großmutter, und wir -hören ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und -wir lassen sie gewähren. - -Bis ich sage: »Nun könnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.« - -»Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und -der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar -gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft hätte wie du: auf der einen Seite im -Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.« - -»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte die Stimme aus Baden. - -»Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht -gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.« - -»Auf der Elbe?« - -»Ja, Gorch. Die Seen kriegen weiße Köpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer -ist noch weit weg, Junge. Erst muß die Natur sich noch brechen. Und -das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst muß sie ein paar Ewer und Kutter -kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.« - -Ich guckte ihn schweigend an. - -»Das ist gewiß so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut -der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er -mit Luken zu, dann läßt er den Wind suchen und schnauben. Der wird -vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja -genug da!« - -»Schwarze Kleider aber noch nicht,« setzte ich düster hinzu. - -»Ick weet allns! Ick weet allns!« - -»Da war auf dem Kreinhof mal ein großer Bauer, Gorch. Im Frühjahr, wenn -es ans Pflügen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind -geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune. -Er wußte, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so -waren auch die Stürme noch nicht dagewesen -- und die Stürme gingen mit -der Elbe über seinen niedrigen Deich und spülten die Furchen glatt, -wenn er vorher gepflügt hatte.« - -Die Dämmerung ging säend über das Land und streute tausend dunkle -Körner über Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen, -nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und -dem rauchenden Stock entgegen. - -An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die -Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es. - -Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem -Wasser, über das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig -ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil -die Dinge größer und geheimnisvoller erscheinen, erzähle auch ich -eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem -Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte -und nur von ferne einen großen, guten Menschen stehen sah. - -»Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?« - -»Nein, ein Dichter, Harm, einer, der früher Pastor gewesen ist, bei -Büsum da.« - -»Den möcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen. -Das ist gut, Junge. Aber dann mußte er auch aus dem Menschen einen -Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?« - -»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte wieder die Muhme von oben. - -Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stübchen, und wir -sagen gar nichts mehr. - - - - -Hans Otto. - - -Die Kugelbake vor Cuxhaven ist die große Nebelfrau der Elbmündung. Wer -sie einmal bei Daak und Dunst über die Watten starren gesehen hat, weiß -das. Vor ihr stand bei Nebel und trüber Luft eine Fischersfrau von -Döse, ein armes, irres Weib, das ihren verschollenen Mann auf der See -suchte; jahrelang hat sie dort gestanden, alle alten Schiffer haben sie -gesehen, -- bis die riesige Bake sie ablöste. - -An dem Balkengestell dieser Bake zog ich die Schuhe aus, streifte die -Strümpfe ab, nahm auch meine Mütze in die Hand und watete barhäuptig -und barfüßig, von der Sonne erwärmt und von dem salzigen Wasser -gekühlt, über das weite Watt dem stillen Duhnen entgegen. - -Die auf der Reede von Cuxhaven -- twüschen de Baaken, wie die Schiffer -sagen -- liegenden drei großen, dicken Barken kamen aus Sicht, dafür -aber stieg der graue Normannsturm von Neuwerk höher aus den Watten, -die beiden binnensten Feuerschiffe der Elbe leuchteten herüber, und -vor und hinter ihnen wurde es nicht leer von Schiffen. Krabbenjollen -und Fischerewer segelten ein, Tjalken und Gaffelschuner kreuzten -seewärts, tiefgehende, schwarze Kohlendampfer zogen zu zweien und -dreien ostwärts, Holzdampfer mit gelbleuchtender Decksladung pflügten -gen Westen. Sogar hinter der Kimmung, ganz im Norden, hatte der Handel -noch schwache Rauchwolken auf der See. Lloydkähne, braunrot, mit -großen gelben Nummern an den Seiten, an langen Trossen hinter ihrem -zierlichen Schlepper, klüsten von der Weser herüber. In der Weite -standen die dunkelbraunen Segel eines Störfischers regungslos auf dem -weißen Wasser, und dahinter tauchten wie Maulwurfshügel die Bäume von -Büsum-Hilligenlei auf. Seenot und Seeluft erfüllten mein Herz, als -ich vor meinen Füßen nach fliehenden, spinneflinken Krabben und auf -der See nach Schiffen suchte. Dann dachte ich an die beiden Türme von -Altenbruch, die wir vorher passiert hatten, und an das Schifferwort: -»Wenn de beiden Turns upenanner stoht, denn hett de Froo dat Seggen -an Burd« -- also daß die Frau so gut wie gar keine Zeit an Bord zu -sagen hat, -- an den kleinen, zwergenhaften Mann dachte ich, der mir -gegenüber gesessen hatte, mit dünnen Mädchenfingern und einem alten -Gesicht, aber mit großen, unschuldigen, neugierigen Kinderaugen, die -guckten, als sähen sie zum ersten Male ein Schiff, die von den großen -Leuten ängstlich abirrten und sich vertrauend den Kindern zuwandten, --- und an das schöne, braune Mädchen dachte ich, mit dem viel zu -großen Hut, das von einem Kranze junger Herren und Damen mit heftigen -Vorwürfen überschüttet wurde, weil sie sich zu lange im Tanzkreis -aufgehalten und mit anderen Herren schön getan haben sollte. Erst -verteidigte sie sich klug und gewandt: ein Mädchen dürfe nichts tun, -das ihm nicht verdacht werde, hörte ich als heimlicher Lauscher heraus; -dann, als die Meute nicht nachgab, schwieg sie, und ihre blaugrauen -Augen sahen in die Weite, während ihre Lippen zuckten. Nachher kam -sie an die Reihe beim Rundgesang: sie richtete sich auf, warf den -Kopf zurück und sang keck, trotzig und übermütig aus dem Rigoletto: -»... Ach, wie so trügerisch sind Weiberherzen ...« Je mehr sie sang, -desto lauter und bitterer wurden die Worte »... alles ist Lüge ...« da -überwältigte sie das Gefühl, und sie barg aufschluchzend ihr Gesicht -und ihre Tränen in ihr Tuch ... Die Gesellschaft wurde stumm und -verlegen und schämte sich ihrer fast. - -Als ich unter solchen Gedanken eine Stunde der Gilde der Wattenläufer -angehört hatte, verspürte ich Hunger, und weil ich einiges Eßbares -mitgenommen hatte, suchte ich mir am Dünenrande einen sonnigen Fleck -aus und legte mich auf den weißen, reinen Sand nieder, kurz vor den -ersten Zelten und Körben von Duhnen. - -Zum Zeichen meiner Rast aber steckte ich den langen Erlenstock, den -ich unterwegs aufgefischt hatte, fest in den Sand und knotete mein -Taschentuch daran, das nun flatternd im Winde wehte. Das war gut so, -denn wer weiß, ob Hans Otto sich sonst nach mir umgesehen hätte, oder -ob er von so viel Zutrauen erfaßt worden wäre. - -Ich saß noch nicht recht, da rief es von weitem: - -»Ist das deine Fahne? Ist das deine Fahne?« - -Und als ich mich umwandte, kam ein sonnenbraunes Kerlchen von -vielleicht drei Jahren, nur mit einer Hemdhose bekleidet, in Eile -herangestäubt und rief immerfort: - -»Ist das deine Fahne? Ja?« - -Das war Hans Otto. - -Ich mußte seine Frage bejahen. Er winkte, stellte sich neben mich und -begutachtete nun die Fahne nach Farbe und Größe, er prüfte, ob der -Flaggenstock fest genug stand, ob die Knoten ihrer Bestimmung Genüge -leisten konnten, und ob der Wind von der rechten Seite kam. Nach einem -Rundgang um den Flaggenhügel wandte er sich wieder mir zu: - -»Hast du die Fahne selbst gemacht?« - -»Wenn es nicht unbescheiden klingt, mein Junge, ja.« - -»Du kannst fix was!« lobte er. - -Ich wehrte ab: »Nur mit Einschränkungen, mein Junge, in andern Dingen -bin ich ein großer Stümper.« - -»Nun weht sie ja nicht mehr,« klagte er dann. - -»Man hat es oft am Mittag, daß der Wind mit einem Male einschläft,« -sagte ich auskunftgebend. »Die Schiffer draußen auf See wecken ihn dann -schnell wieder auf.« - -»Wie machen sie das?« begehrte er zu wissen. - -»Sehr einfach. Sie kratzen am Mast. Tu du es auch. Ich will dir aber -gleich sagen, daß es ein toller Aberglaube ist.« - -Und der kleine Kerl bearbeitete den Stock mit den Nägeln so eifrig, daß -ich für die Fahne fürchtete, und rief aus Leibeskräften: - -»Wind! Wind!« - -Zufälligerweise frischte der Wind in diesem Augenblick wesentlich auf, -und der Kleine freute sich königlich über die Zauberei. - -Seine junge Mutter, die drüben in der Sonne lag, rief ihn: »Hans Otto, -komm! Komm hierher!« Aber er verwies ihr solche Störung ernstlich mit -der keinen Widerspruch duldenden Antwort: »Du, ich hab' jetzt kein' -Zeit!« Diese Sentenz wiederholte er mehrfach, so daß ich darin eins -seiner geflügelten Worte anzusprechen geneigt bin. - -Als er indessen hinsah, wurde er gewahr, daß seine Mutter ihm auch -eine Fahne gemacht hatte: er lief hin und brachte sie schnell in unser -Lager, wo wir sie neben meiner aufpflanzten. Wir stellten fest, daß -jede ihre besonderen Vorzüge hatte: meine war bunt, seine weiß, meine -klein, aber sie wehte hoch, seine groß, aber sie wehte niedrig. - -Danach besann Hans Otto sich auf sein Spiel, das er beiseite geworfen -hatte, als er meine Flagge flattern sah, und er unterwies mich in -seinem ebenso umfangreichen, wie verzwickten Straßenbahnbetrieb, den er -ohne Schienen und Drähte nur mittels eines deichsellosen Groschenwagens -und mit Hilfe seiner Hände und einer Anzahl Steine und Korkstücke -auf dem Strand von Duhnen unterhielt. Ich arbeitete mich allmählich -ein und lernte auch die Haltestellen von Hans Ottos Lingelingbahn -kennen und -- was schon schwieriger war -- unterscheiden, die wohl -auch die Haltestellen seiner kleinen Lebensreise waren: Sternschanze, -Hauptbahnhof, Wilhelmsburg, Altona, Kiel und Blankenese. Die ganze Bahn -war eigentlich nur eine Familiengründung, denn Hans Otto beförderte -ausschließlich Onkel und Tanten. Und sonderbare Onkel und Tanten waren -darunter. Tante Emma zum Beispiel (ein großes Korkstück) war sehr dick -und ging nicht gern, weshalb wir sie immer bis zur Endstation mitnehmen -mußten. »Onkel Hermann müssen wir stets einen Fensterplatz einräumen, -weil er zu gern ausgucken mag.« Tante Wilhelmine war schwerhörig und -kurzsichtig -- die arme Frau! -- und wir mußten ihr deshalb den Namen -von jeder Haltestelle ganz laut ins Ohr trompeten. Onkel Fritz war -dreist und ging immer mit der brennenden Zigarre in den Wagen, weshalb -wir ihn jedesmal auffordern mußten, die Zigarre wegzuwerfen oder nach -draußen zu gehen. Weiß Gott, es gab mancherlei zu bedenken und zu -beachten! - -Als wir unseren Betrieb stillegten, um zu frühstücken, setzte Hans -Otto sich neben mich und half mir wacker bei der Mettwurst, mehr noch -beim Kuchen und am allermeisten bei den Bananen. Der geneigte Leser -mag daraus ersehen, daß Hans Otto ein Leckermaul ist; fragte er aber -weiter nach ihm, so bliebe ich stumm, denn ich weiß Hans Ottos Zunamen -nicht, auch weiß ich nicht, wo er wohnt. Wir haben einander nicht nach -dem Namen gefragt: ich mochte es schon deswegen nicht tun, weil ich als -Arbeiter bei der Straßenbahn doch gewissermaßen sein Untergebener war. - -Die Einwände seiner kopfschüttelnden Mutter gegen unsere gemeinsame -Tafel wehrte ich lachend ab und er mit seiner bekannten und beliebten -Redensart: »Du, ich hab' kein' Zeit!« - -Nach dem Essen erbot ich mich, dreister geworden, ihm ein Blankenese -zu bauen, wenn er mir dabei an die Hand gehen wolle. Er sagte es zu, -und wir gingen an den Bau wie die Fronarbeiter an die Pyramiden. Armer, -kleiner Hans Otto. Du hattest nicht einmal eine Schaufel und nanntest -auch keinen Eimer dein eigen, aber ist es nicht dennoch gut gegangen? - -Haben wir nicht unermüdlich mit Händen und Füßen gebaut und gegraben -und ausgeschachtet? Haben wir nicht ein breites tiefes Bett für die -Elbe zurechtgemacht und auf ihr Nordufer einen hohen, gewaltigen Berg -getürmt, das getreue Abbild des Süllbergs, fast so groß wie du, Hans -Otto? Hätte da einer kommen und zweifelnd fragen können: Soll das etwa -Helgoland sein? Gewiß nicht, was? - -Und als der Berg hoch und breit genug war, haben wir die Abhänge platt -und glatt geklopft, ich mit meinen großen Händen und du mit deinen -kleinen. - -Haben wir dann nicht aus roten Steinen einen Turm auf den Gipfel -gebaut, hatte der Turm nicht eine richtige Flaggenstange und wehte von -ihrem Topp nicht ein Tanghälmchen als Wimpel? Hast du nicht hundert -rote, weiße und blaue Häuser herangeschleppt, Steine und Muscheln, und -habe ich sie nicht nach einem großartigen Bebauungsplan über den Abhang -verteilt? Entdeckten wir nicht in den Dünen eine Art von Immergrün, -vortrefflich geeignet für die Bepflanzung unseres Berges mit Baum und -Strauch? - -Und als alles fertig war und wir etwas zurücktraten, um es besser -überschauen zu können, hat es da nicht überaus prächtig und lustig -ausgesehen, unser buntes großes Blankenese? Sind nicht die Leute -bewundernd stehen geblieben und hat dein kleines Ohr auch nur eine -ungünstige Kritik gehört? Von deiner eigenen Freude will ich ja noch -gar nicht mal so viel Aufhebens machen, denn du warst als Teilhaber -und Miterbauer vielleicht nicht ganz objektiv; aber sind nicht sogar -die drei Marineartilleristen, die großen braunen Gestalten, stehen -geblieben, die doch gewiß schon an Brockeswalde und an die Mädchen -dachten; haben sie nicht Lobesworte gefunden und nicht gleich auf -Blankenese geraten? - -Wir können auf alle diese Fragen getrost und freudig Ja antworten, Hans -Otto, und wir werden der Wahrheit am nächsten sein. -- Wie lange wir -noch dagestanden und uns unseres Werkes gefreut haben ... ich weiß es -nicht, wie ich auch nicht weiß, ob die großen Baggerungen in der Elbe, -die wir noch unternahmen, wirklich notwendig waren oder ob sie hätten -gespart werden können. - -Auch das weiß ich nicht, warum ich dann mit einem Male aufstand und -weiterging, Duhnen zu, denn es lag mir im Grunde nichts mehr an Duhnen -... - -Du hast mich nicht festgehalten, Hans Otto, als ich dir zum ersten und -letzten Male die Hand gab. Nur gesorgt hast du dich, ob ich morgen -wiederkäme, und ich habe es bejaht. Ich sehe noch dein betroffenes -Gesicht, als ich wegging. Es war, als könntest du nicht glauben, daß -ich von dir ginge. Ratlos standest du neben dem großen Süllberg und -sahst mir nach. Und wie lange hast du mir nachgesehen! - - * * * * * - -Als ich im Abenddunkel mit der »Cobra« zurückfuhr und nach den Feuern -und Lichtern der dunklen Elbe guckte, da habe ich an dich gedacht, Hans -Otto, und es ist mir sogar aufs Herz gefallen, daß ich dich belog, als -ich dir sagte, daß ich am anderen Tage wiederkommen wolle. Wie wirst du -nach der Kugelbake blicken, daß ich kommen soll, dein Blankenese von -neuem aufzubauen, das die übermütigen Mädchen in der Nacht, als die -Matrosen sie zu greifen versuchten, zertreten haben ... - -... und nun sitze ich in deinem Hamburg, Hans Otto, zwischen -scharrenden Federn und klappernden Schreibmaschinen und blicke in -Bücher und auf Papiere, rechne mit Dollaren und Peseten und kann es -doch nicht verhindern, daß ich geheimerweise auf einen Rechenzettel -schreibe: Hans Otto. - -Das soll ein Gruß für dich sein! - - - - -Ditmer Koels Tochter. - - -Der kleine, dicke Bäckergeselle, den die Sonne von 1525 besonders -freundlich beschien, als er breitbeinig auf der Kaje saß und mit -Steinen nach den Stichlingen warf, die um die Bollwerkspfähle -schwärmten, dachte nicht an seine Stutenmacherei, sondern an Venedig -und Grönland, an Apfelsinen und Eisbären. Er erschrack sehr, als ihm -mit einemmal ein schweres Tau auf den Buckel sauste, und glaubte in die -Hände von Seeräubern zu fallen: da erblickte er zu seiner Beruhigung -aber nur einen Norderneyer Schellfischangler, der mit seiner grünen -Schaluppe heranglitt, und ihm zurief, in jenem selbstverständlichen -Ton, den unsre Schiffer noch heute führen: »Hak mal öber!« - -Der Gesell tat es, rächte sich aber doch für die Apfelsinen und -Eisbären und fuhr den Eilandsmann giftig an: »Wat wullt du Spöcker hier -up'n Namiddag? *Morgens* köpt wi Schellfisch: nu is de Brück leddig!« --- »Mien gode Jung, ick heff ok keen Fisch,« sagte der Schiffer -gemütlich, »ik heff moi Tiding for den ehrbaren Rat. Moi Tiding! Ik -will mi blos'n beeten afdweilen, denn seil ik up't Rathus.« - -»O vertell, Schipper! Wat de Borgermester eten kann, dat smeckt ok wol -'n lütten Bäckergesellen,« bat darauf der Gesell und er gab nicht nach, -versprach zu schweigen wie eine tote Krähe, und bettelte solange, bis -der Fischer sich herbeiließ, ihm zu erzählen, daß er Nachricht von den -Schiffen hätte, die seit Pfingsten die Seeräuber jagten. Die See wäre -rein gefegt: die Gallion, der flegende Geest, der Bartum und die Jacht -seien im Sturm genommen, Klaus Rode sei von den ergrimmten Bootsleuten -in Grapenbratenstücke gehauen, dazu zweihundert Mann erschlagen: der -Rest von einhundertsechzig Mann aber und der Hauptmann Klaus Kniphof -seien von Ditmer Koel gefangen genommen. Diese Seeschlacht sei in der -Osterems geschehen und hätte acht Stunden gedauert. Das Geschwader -liege windeshalber achter den Greeten: die erste gute Luft könne es -aber schon nach der Elbe wehen ... - -Hier sprang der Gesell auf, schüttelte sich und rief: »Un wenn de Dübel -mi halt, dit kann ik nich verswiegen. Back mi tein Pickplasters up'n -Mund, un dat mutt doch rut!« Und ohne auf den fluchenden Norderneyer zu -achten, sprang er an Land und rannte stadtein. Die Hände an den Mund -gelegt, gröhlte er laut und durchdringend: »Tiding von uns' Schepen, -gode Tiding! Ditmer Koel, unse Admiral, hefft Klaus Kniphof mit alle -Schepen und alle Mann gefangen genommen!« So schrie er ins Millerntor -hinein und ließ nicht nach, und bald hatte er einen Haufen von Kindern -und Burschen um sich, die seinen Ruf aufnahmen und ihn gewaltig -verstärkten. Nicht lange dauerte es: da hatte man sogar schon eine -Weise für die Zeitung erfunden, die also lautete: - - »Gode Tiding von uns' Schepen! - Ditmer Koel hefft Kniphof grepen! - Söben Schep un hunnert Mann, - öbermorgen kommt se an.« - -Wie eine Windflage, die Staub und Blätter aufwirbelt, so drängte es -durch die engen Straßen, und die Rotte vergrößerte sich von Ecke zu -Ecke. Hamburg, das schon mondelang auf eine Kunde geharrt hatte, -horchte auf, lachte und freute sich des Sieges. Da wurden Fenster -aufgestoßen, da wurde gefragt und getan, da traten die Handwerker -aus den Türen zu nachbarlichen Gesprächen. Einige steckten die alten -Schiffsflaggen heraus, andere ließen einen Krug Braunbiers aus dem -Keller holen und machten sich einen lustigen Tag aus der Begebenheit. - -Die brausende Woge brandete auch an das Fachwerkhaus, das sich an -der Nigentwiete in beschaulicher Stille sonnte und dem Schiffer und -Admiral Ditmer Koel gehörte. Die Großmutter des Hauses saß feiernd -am halbgeöffneten Fenster und horchte auf die Stille, die hinter all -den feinen Geräuschen des Tages ruhte. Neben ihr lehnte Ditmer Koels -Tochter, die schöne Gesa, ein blühendes, taufrisches Mädchen von -achtzehn Jahren, am Fensterpfosten und spielte nachlässig mit den zwei -kleinen grauweißen Katzen, die auf dem Brett übereinander kugelten ... - -»... Ditmer Koel hefft Kniphof grepen ...« Das Siegeslied brach um -die Ecke und erfüllte die Twiete. -- »Grotmoder, hört ji? hört, hört! -Se singt von Vader! He kummt wedder!« rief das Mädchen vor Freude -erglühend, warf die Kätzchen ritsch -- ratsch auf den Fußboden, stieß -das Fenster vollends auf und beugte sich hinaus, um zu sehen und zu -hören, was da nahte. »O, wat frei ik mi, Grotmoder!« - -Grad unter dem Fenster machte der kleine Bäckergesell halt, der schon -vor Heiserkeit kaum noch sprechen konnte. »Leewe Gemeende,« krächzte -er roten Kopfes, »mal 'n Spier Gehühr!« Und als der Lärm sich etwas -verminderte, denn alle warteten, daß nun etwas abfallen sollte: da -berichtete er den Frauen weit ausholend und mit umständlichen Gebärden -alles, was er wußte und was sich so up'n Stutz schicklicherweise -hinzulügen ließ. Zum Schluß nahm er seine Mütze ab und hielt sie -treuherzig-verlangend auf. »De Kehl is all bannig drög, aber wat -deiht'n Hamborger Jung nich all for unsen Admiral Ditmer Koel.« - -Die Greisin schüttelte halb belustigt, halb geärgert den Kopf. - -»Wat hett se seggt?« -- »Se seggt, Water smeckt söt!« -- »O Mann, wat -is de Olsch nährig!« »Free Licht bi Dagen un wieder nix!« - -Aber Ditmer Koels Tochter sprang leichtfüßig ins Zimmer zurück und -durchsuchte Schrank und Schublade, bis sie eine Hand voll Münzen -gefunden hatte, die sie dem Gesellen laut klirrend in den Hut warf. - -»Ho -- nu drinkt Warmbeer un lat Ditmer Koel hoch leben!« rief sie in -fröhlicher Unbefangenheit den Weiterdrängenden nach. - -Dann fiel sie der Ahne um den Hals: »Grotmoder, lat mi doch nich alleen -lachen: Freit jo doch mit! Vader kummt ja doch!« Die Alte strich ihr -das blonde Haar aus der Stirn. »Büst so wild, Deern, so wild!« -- »As -du fröher west büst, nich, Grotmoder?« fragte das Mädchen schalkhaft -und erhielt es lächelnd bestätigt. »Ja, Kind, as ick west bün.« - -Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lärm, dem sich -noch die Rufe mühsam entrangen: - -»Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...« - - * * * * * - -Ditmer Koel sollte leben: er *lebte* -- und es kamen der Tag und -die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln -(Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit -den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm -den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen -war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen, -die den Seeräuber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglöckner -läutete die Glocken. - -Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloßen Schwert gegürtet, trug in -der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seeräubers. Er war -immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er größer -und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als -er Ratmann und Bürgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt; -nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Kränzlein ihrer -Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lächeln über seine Züge. -Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich -von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen -bekannten Bürgern. - -Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fünf Fähnlein folgten, und hinter -ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeräuber Klaus -Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjährige -Kopenhagener sah blaß aus, doch war nichts Unmännliches in seinem -Gesicht. Er war barhäuptig und trug ein weiches Hemd, dessen Ärmel von -Kugeln durchlöchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen. -Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und -das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig -Seeräuber, gefesselt und gekettet. - -Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit -großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und -hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von -Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm -der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die -Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen, -und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten -dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen -und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein -Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden -war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort. -Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr -zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod -gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer -Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib. -Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk -überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des -Dänenhauptmannes. - -Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich -auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr -vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange -ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen -können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan -Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von -den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem -Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das -lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten -zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und -gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem -Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel -in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und -bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu -sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie -Luther es getan hatte, als er die Nonne freite. - -Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er -fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging -davon. - -Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische -und dänische Flüche schollen hinwider. - - * * * * * - -Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich -der Freude über seine Seefahrt überließ und versicherte, daß Klaus -Kniphof als ein Seeräuber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam -nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er -jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine -Sache. Kniphofs Fähnlein hänge im Dom unter der Kanzel, verkündigte er -eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte -sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems -erzählte, wie er seinen Leuten zuvor ein kräftig Süpplein zu kosten -gegeben hätte, Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), das sie -teufelswild gemacht hätte, da kam ein Grauen über sein Kind, das es -nicht abschütteln konnte. Über ihre Träume aber schaltete der junge, -blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes saß und -durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte. - -Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine -Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber für geratener, ihm einen -Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun -jeden Tag die Hühnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost -zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er -berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Königs -Bestallung. Als kriegsführende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie -steuern können, ohne darum ein Seeräuber zu werden. Margarete von -Burgund, seines Königs Schwägerin, Karls des Fünften Tochter, werde ihn -schützen. Der Rat schickte nach Brüssel und ließ hansisch-stolz fragen: -wat se mit den steden to donde hadde? -- worauf Margarete den Brief -verleugnete und den Seeräuber fallen ließ. Kniphof aber wollte es nicht -glauben. - -Ditmer Koels Tochter ging hellhörig um ihren Vater herum, bis sie -wußte, daß Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte. -Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die -Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat -sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff -herüber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zärtlich an, -brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, daß sie vom Rat die -Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen. - -Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einlaß, und die zweite nannte -sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf -und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter, -aber weil die Schwester ein schönes Weib war, erhoffte er sich einige -Gunst und ließ sie mit hinein. - -Klaus Kniphof war im Gespräch mit seinem Beichtvater. Als er -seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und -ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut -schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß. Erschüttert stand Gesa Koel -dabei. - -Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe, -dessen dunkle Augen um das Mädchen brannten, das er wohl erkannte, -schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen. -Dann erst sah der Seeräuber das Mädchen und erkannte sie wieder vom -Millerntor her und wußte, daß sie aus edlem Geschlecht sein mußte. -Er gab ihr die Hand und dankte ihr, daß sie sich seiner guten Mutter -angenommen hätte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten -Frau das Kloster erschlossen hatte und für sie sorgte. Kniphof schöpfte -neue Hoffnung, und er begann zu erzählen. Sein ganzes Leben und seine -wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe -lehnte düster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Höfe von -Kopenhagen, London und Brüssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in -Jugendlust hinein und berichtete von der holländischen Zeit: wie sie -bei Amsterdam die vier großen, schwerbestückten Schiffe ausgerüstet -hätten, wie er seine dreihundert Leute angeworben hätte, und wie er -dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in -See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dänemark zurückzuerobern. -Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der -gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes -Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zügen auf: Gesa -Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und -dieser wußte den Blick recht zu deuten. - -Kniphof kam auf die Seeräuberzeit. Sein Freibrief müsse ihn schützen, -er sei kein Seeräuber. Es könne nicht sein, daß Margarete ihn den -Städten überließe: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es -müsse noch einmal geschickt werden. - -Die Glocke erscholl und verkündete, daß die Besuchszeit zu Ende sei. -Kniphof verabschiedete gefaßt seine Mutter, die zu weinen begann, und -gab dem Mädchen die Hand zum Lebewohl. - -Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug -gegenüber. Das Mädchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es über -sie, daß sie ihm vertrauen könne wie einem Bruder, und sie streckte -ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, daß sie mit der Frau nach Brüssel -reisen und sich der Statthalterin zu Füßen werfen wolle für Kniphof, -damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er -fühlte, daß sie diesen Gang tun mußte, aber er bat sie, ein Nonnenkleid -anzulegen, das ihre Schönheit der Landstraße verhülle: er werde es ihr -bringen. Die Fahrt werde den Seeräuber nicht retten, denn Margarete -könne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele -solle sie reisen. Sie schüttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn, -Kniphof noch nichts zu sagen. - - * * * * * - -Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne -in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah -ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein -Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag -vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und -Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen! -Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ... - - * * * * * - -Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen -Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als -Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die -Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als -ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und -eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien -- da läutete das -Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache -brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner -Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die -weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten -Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel -gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf -- er glaubte nicht mehr -an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter -ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und -schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte -ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe -säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte -seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel. - -Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen. - - * * * * * - -Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch, -stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel. -Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er -war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich. -Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter -reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein -Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es -in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten -hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn -überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten. -Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer -gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu. - -Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein -alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich -regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege. -Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die -Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend -nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer. - - * * * * * - -Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte -ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich -umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie -sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück -begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie -wolle nun in ein Kloster gehen und still leben. - -Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mächtiger Wind, der nicht -vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem -guten Kameraden: daß er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden -wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie -ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther. - -Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den -Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen. - - - - -Schiffbrüchig. - - -Auf meiner dritten Reise. - -Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch -nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen -Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu -still zum Fischen. - -Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung -und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das -Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln, -das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an. - -Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen -an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir -jetzt nach Wind aus. - -»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der -Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und -deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann -sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, -- und er hatte es noch nicht -ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören -und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war *bange* --- um es ehrlich zu sagen -- bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen -fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht. -Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll. - -»To! Man rup'n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh. - -»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei. - -»Worüm?« - -»Jä, wenn 't dick van Dook ward,« sagte ich. - -Nun lachte er. - -»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.« - -Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß -meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale -die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken -nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht -gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück -bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den -Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht -einzuschlafen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Da -- -- -- ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte -ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers. -Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein -Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich -fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine -- saßen sie fest? -In jähem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur -Seite ... und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen. -Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem -gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals -zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und -konnte nicht ... nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte -aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich -sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab -mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an -Deck und erbebte. - -Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter -entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und -Schreien. Da -- -- -- eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein -schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers -war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er -sich gurgelnd seitwärts senkte. - -»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig -rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der -glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer -wieder rutschte ich hinunter. - -Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von -unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun -mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder. - -»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich. - -»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi -weg kommt.« - -Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten -wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer -mehr sank der Ewer weg ... das Wasser spülte über das Deck ... unser -Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der -drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes, -stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ... - -Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum -bloß? ... Die Bootsleine! Die ... - -Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne -noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu -beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit -meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun -- saßen wir fest, fest an dem -untergehenden Ewer. - -»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf -und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten -unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns -ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres -armen Ewers. Und nun kamen *wir* an die Reihe. Wir drängten wild nach -hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See -schäumend um unsere Füße ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging -der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben. - -»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf. - -»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der -dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und -der See und den aufschießenden Blasen. - -Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich -auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und *dachte nach*, während -ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge -erst an -- und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und -unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien -niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus. - -Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen. -Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der -Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein -Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten -Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich -fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich -auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht -- -jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und -wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf -und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte -und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief: -die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See -wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über -den Kopf -- und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder -blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der -Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche ... - -Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über -dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch -noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und -wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir -dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden -waren. - -Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die -Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde -leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken -durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen. - -War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes -auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie -mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein -Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich -danach, mit beiden Händen, und hielt es fest. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das -vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war -- einer meiner -sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit -vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von -meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich *lebte*, -lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und -trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß -er das Knarren der Gaffeln übertönte. - -Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck. - -Schön und sternenklar war die Nacht. - -Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte -er sich und fragte: - -»Na, wat is er los?« - -»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen. - -»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?« - -»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in -der Koje. - - - - -»In Gotts Nomen, Hinnik!« - - -Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem -Sonntagnachmittag den grünen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem -Wasser als nach den Häusern. - -Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf. -Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gezimmert. - -Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein -Wunder -- Jan Siebert hatte sie gebaut. - -Einige von den großen Kuttern leuchteten wie Königsschiffe über das -Wasser. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft. - -So grüßten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das -Herz warm. - -Als er bei Gesine Külpers Strohdach angelangt war, sah er ihren -ältesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern. - -»Kumm mol rup, Hinnik,« rief er, und der Junge lief in Sprüngen. - -»Gu'n Dag, Jan-Unkel.« - -»Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du -denn beschicken?« - -Hinrich guckte nach der Elbe. - -»Ick will giern up'n groten Kutter.« - -»No See, Junge?« - -»Jo.« - -Der Baas sah ihn lange und prüfend an. - -»Dien Vadder is bleben, Hinnik.« - -»Großvadder is ok bleben -- un Vadder is dorüm doch wedder no See -gohn,« antwortete der Junge. - -»Is din Mudder dormit inverstohn?« - -Der Junge stockte. - -»Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt,« gab er dann zögernd -zu. - -Der Baas nickte vor sich hin. -- »Is good,« sagte er mehr zu sich als -zu dem Jungen und klinkte die Tür auf. - -Hinnik aber steckte beide Hände tief in die Hosentaschen und schwankte -nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes -Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fühlte sich schon als -Fischerjunge. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht -wurde noch bleicher. - -»Hett he dat seggt?« fragte sie schon zum dritten Mal. »He will no -See?« - -Jan Siebert nickte ernst. - -Sie faltete die mageren Hände. - -»He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewiß ne gohn. Segg -doch sülbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok -no buten? Nee, nee -- ick *kann* keen wedder no See seiln sehn. Ick hol -'t ne ut.« - -Er schwieg. - -»He mütt an Land blieben, Jan Siebert,« fuhr sie erregter fort. »Lot -em Buer warn oder Schoster oder Snieder, -- ganz egol -- ober no See -schall he ne. Du büs Vörmund: segg em dat.« - -Der Baas war sich einig geworden. - -»Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann -warn lot. Denn süht he doch wenigstens Scheep un Woter.« - -Sie atmete erleichtert auf. - -»Jo, Jan Siebert, nimm em hin.« - -»De dree Johr verdeent he ober nix,« sagte der Baas, aber sie -schüttelte nur den Kopf. - -»Dat deit nix. Min lütj Tügloden smitt woll so veel af, dat wie Brot -hebbt.« - -Er war aufgestanden. - -»Schall ick 't em seggen?« - -Sie bot ihm die Hand zum Abschied. - -»Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Hinnik!« - -»Wat schall ick?« - -»No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne -hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo -fix Lust to, ne?« - -Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein -sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und -ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit großen grauen -Säcken verhängt. - -»Hest du 't hürt, Junge?« fragte der Baas, als er noch immer keine -Antwort bekam. - -»Jo,« sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin. - -Erst als der Baas fortgegangen war, rührte er sich wieder und sah -finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die -See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der -bewegten, unendlichen See: -- ein häßlicher, breiter Graben, der ihm -alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch -wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen ließ. - -Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreßten Lippen -kletterte er müde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen -konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute. - -Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine -bekümmerte Mutter legte die Hände für ihr Kind zusammen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene -erwähnt worden -- seine Mutter vermied es ängstlich, davon anzufangen --- aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht -verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurückhaltend und wich ihren -Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand über die Stirn, so trat ein -gequälter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die große, schöne -Lampe weggeholt und dafür ein armseliges Talglicht auf den Tisch -gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: -- das konnte er -nicht verwinden. - -Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft -stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er -alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war -deutlich zu lesen, daß die Arbeit ihn nicht freute, und daß er nicht -mit dem Herzen dabei war. - -Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, daß gut -Ding seine Weile haben wolle. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Wer weiß -- -- -- - -Vielleicht wäre Hinnik doch ein Zimmermann geworden. - -Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wäre! - -Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wären! - -Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von draußen erzählt hätten! - -Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt hätte, -wäre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen -und schimpfte im Vorbeigehen, daß er nun liegen bleiben müsse und doch -so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wäre. - -Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und ließ sich als Junge -annehmen. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Abends erzählte ein aufgekommener Lüttfischer, daß er ihn auf dem -Kutter gesehen habe. - -»Mi hett dat ahnt,« sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostloß dasaß. - -»Den leet de See keen Ruh.« - -Sie weinte nur noch mehr. - -»He *will* verdrinken als sin Vadder.« - -Er schüttelte verweisend den Kopf. - -»So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See *sehn* hett, holt -wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jümmer -bloß een, un he hürt to de negen annern, de wedderkommt.« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der böse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt, --- nun brachte eine gängige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die -Elbe herauf. - -Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, daß er aufgekommen sei, -- -und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mußte doch kommen? - -Hinnik kam. - -Erst zu Jan Siebert. - -»Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbröcht,« sagte er und ließ eine Stiege -Schollen aus dem Taschentuch springen. - -»Weest, wat du verdeent hest,« grollte der Baas und sah ihn schief an. -Heimlich freute er sich aber über den wetterbraunen jungen Kerl. - -Der sagte keck: »Nee,« sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich, -denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stück Holz geflogen kam. - -»Büs ok seekrank wesen?« scholl es ihm freundlicher nach. - -Er lachte. - -»Keen Gedanke!« - -Seine Mutter saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hände. - -Er warf zwei Goldstücke hin. - -»Mien Verdeenst, Mudder,« sagte er stolz. Dann knüpfte er das Tuch -auf und breitete seine Schätze aus: springlebendige Schollen, rote -Muscheln, Seeäpfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein. - -»Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. -- Den -Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He güng mit sien witte Jacht no -Wilhelmshoben. -- Un up Nordernee sünd wi ok an Land wesen. Wi legen -dor twee Dog för Wind.« - -Er erzählte munter darauf los, ohne sich stören zu lassen. Schließlich -guckte er sie aber doch an -- und da sah er, daß ihr die Tränen in den -Augen standen. - -»Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bün Fischer, lot -mi man Fischer blieben.« - -Sie war aufgestanden. - -»In Gotts Nomen, Hinnik!« - - - - -Auf Helgoland. - - -Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem -Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle. - -Aber es erging ihnen wunderlich. - -Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er -Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der -See und sang von ihren Augen. - -Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er -Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er -der Sonne und sang von ihrem Haar. - -Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er -Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der -Möwen und sang von ihren Händen. - -Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen -Wald um Mittag. - -Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise -und versonnen: - -»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?« - -»Ja, Ahne.« - -»Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch *sehen* -konnte.« - -»Du siehst sie wieder und strahlender als je.« - -»Das ist mein Glaube.« - -Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen. - -Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen. - - * * * * * - -Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte -sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen -Fuß. - -Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an. - -Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den -Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen. - -Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun -pflegte. - -Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen. - -Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war -er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien. -Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und -der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen -lassen. Nun war er eingeschlafen. - -»Ahne, schläfst du?« - -Sie schüttelte leis den Kopf. - -»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das -Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm -bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das -Sonnenland.« - -»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.« - -»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein -Auge?« - -»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme -geht.« - -»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. -- -Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.« - -»Das ist sie, Ahne.« - -»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf -dem Wasser?« - -»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.« - -»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher -Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich -mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis -ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet -geduldig -- und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem -Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt ... morgen -geht er hin und bettelt.« - -»Ahne, der fremde Priester kommt.« - -»*Wieder*, willst du sagen.« - -Mit feierlichen Schritten kam er daher. - -»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.« - -Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne. - -»Ein *Herr*? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden, -freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und -segnete?« - -»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf -sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben -und dich taufen lassen.« - -Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen. - -»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern -gehört hätte. Aber *so* ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin, -hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im -Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land -betrittst?« - -»Überall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das -Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht -blind wärst, Königin ...« - -»Ich bin nicht blind, ich sehe, *seit* mein Auge sich trübte. Sieh: -wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht -das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind -süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß, -ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange -aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit -Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Höre, -wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine -Schlacht.« - -»Wer achtet dessen?« - -»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine -Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar -ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er's nicht -selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind -und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem -Kinde tust, das tust du ihm.« - -Er gab keine Antwort. - -»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie -gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen, -sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und -Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um -uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht -wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum. -Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich -will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt -Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über -das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.« - -Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die -Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte, -rasselte *er* mit dem Schwert und knurrte. - -Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu -gehen. - -Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so -viel von Lachen und Freuen sprach. - -Schön-Helga bekam er aber doch nicht. - -»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.« - -Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich -hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer. - - * * * * * - -Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand -und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits. -Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig, -mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das -Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein -Schiff auf den Bänken. - -Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend -an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen -geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue -- -und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai -Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es -immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und -schwitzen!« - -Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie. - -Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen -verlassen müsse, der Christ werde. - -»Habt ihr's gehört, Leute?« sagte Klaas laut. - -»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!« -rief Kai. - -»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum. - -Da mit einem Male sagte der Priester: - -»Muß *den Felsen* verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand. -Der ist für das Christentum. >Der Felsen< hat sie gesagt!« - -Und er blickte frei um sich. - -»Gesagt, aber nicht *gemeint*!« sagte Kai; aber die andern waren doch -still. Daran hatte keiner gedacht. - -»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es -ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde. - -Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster -drein. - -Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen. - - * * * * * - -»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder -in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.« - -Kai Rickmers räusperte sich verlegen. - -»Er hat sich taufen lassen.« - -»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?« - -Kai hustete noch mehr. - -»Er wohnt auf dem Sand.« - -»Auf dem Sand?« - -»Dem Unterland. Den Felsen mußt' er ja verlassen.« - -»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?« - -»Der Priester hat es anders ausgelegt.« - -»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns -nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer *das* kann, kann alles.« - - * * * * * - -Es kam so. - -Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe, -die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach -verloren. - -Es wurde oben stiller und stiller. - -Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch -hin und fragte selten. - -Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem -Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es. - -»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen, -bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und -hab gefragt und getan -- und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben -unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im -Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich -hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland -verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege -gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach, --- umkehren, umkehren; da mußt' ich ihn still machen. Der sagt kein -Wort mehr.« - -Und er lachte. - -Sie verzog keine Miene. - -»Nein -- es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.« - -»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,« -sagte er. »Sonst hätt' er meinetwegen leben bleiben können.« - -Aber sie schüttelte den Kopf. - -Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein. - -Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus. - -»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist -keine Kunst.« - -Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich. - -»Still -- hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit -verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und -Schwirren. - -Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und -verröchelte auf dem Estrich. - -Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden. - -Eine tiefe Stille ging durch die Halle. - -Endlich sagte die Königin: - -»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt' es nicht -gedacht.« - -Da ging er mit hastigen Schritten hinaus. - - * * * * * - -Den dritten Tag war *er* es, der unter den Helgoländern stand und -predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war -so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um -ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen. - -Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er -fand den Frieden. - -Auch die letzten kamen vom Felsen. - -Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief -sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite -und hörte ihm zu. - -Da wurde es ganz still um die greise Frau. - -Nur Kai Rickmers blieb bei ihr. - - * * * * * - -Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich -ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen -den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und -horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die -Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel -blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast -stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah, -wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und -küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ... - - * * * * * - -Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den -Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen -freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie -der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und -Steine glucksen. - -Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach -den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach -Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch. - -Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht -zu deuten. - -Im hellen Sonnenschein schläft sie ein. - - * * * * * - -Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da -haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als -erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt -und gelacht. - -Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche -Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise -Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude -und Licht und Sonne. - - - - -Die sieben Tannenbäume. - - -Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen -steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt -in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und -Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und -Hasen auf ihm ihr Wesen. - -Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem -Gipfel sieben Tannenbäume, so daß man meinen mochte, er hätte sich -eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste -ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem -feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er -hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte -an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges -Wasser getragen -- und freute sich nun, daß er sie so weit gebracht -hatte, daß sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mußten sie -auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den -Sand fest, daß seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte, -sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, daß es nicht -durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, daß es ihm nicht zu -heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm, -Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel. -Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den -Weg, wenn es über Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt, -unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach -war breitgeästet und mußte das Männlein deshalb vor der brennenden -Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er -stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind -beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die -beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten -Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut, -so daß eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch -lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar -eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher -war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte -das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis, -ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum -Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an -ihm abgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war -noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit -Wind und Sonne. - -Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr, -die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und -feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das -rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und -Steinen und wartete, daß die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen -sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und -quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, daß es -morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln faßte, als zöge -es ein Kind an den Füßen. - - »Bäumchen mein: - Sonnenschein?« - -fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu: - - »Zwerglein, nein!« - -so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag -wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riß es wieder an den -Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei -- und bekam mit einemmal -keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja es ließ sich an den Wurzeln -baumeln, es fragte mit gräßlich lauter Stimme: - - »Bäumchen mein: - Sonnenschein?« - -aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bißchen -besorgt, stieß es die Tür auf -- o weh, wie erschrak es! -- alle sieben -Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da -- der Berg -war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüßte -es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen, -rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen -kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen -wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen -großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen -weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das -rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben. -Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. »Du findest sie nicht,« -sagten die Krähen, »die Welt ist zu groß.« Das Männlein jammerte -wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten -nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich -- sie fanden es. - -»Wenn der Mond aufgeht,« sagte sie, »wollen wir ihn bitten, daß er sich -zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine -Tannenbäume.« Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da -es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen -Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen -Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren -Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest. - -»Fangt an!« rief das Männchen; aber die Krähen beschwichtigten es: sie -müßten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach -langem Warten, war es so weit. Der Mond stand groß und klar über dem -Heiderande. - -Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft: - - »Blanker, gelber Mond am Heben, - spiegle alles Erdenleben!« - -Mehrmals und durcheinander schrien sie -- das Männlein fürchtete schon, -sie möchten es genarrt haben. Plötzlich fielen sie lautlos in das dürre -Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde größer und größer, leuchtete -taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit -allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und -Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen -machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach -einer Gegend. - -»Was für eine große Stadt ist das?« rief es zitternd. - -»Hamburg,« gaben die Krähen leise zur Antwort. - -»Da sind alle sieben, alle meine Tannenbäume!« rief es wieder. »Ich -sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem -prächtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in -einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer, -Stiefelknecht an der Straßenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast. -O -- wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehnen, wie mögen -sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O -- bringt mich nach -Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!« - -Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe -an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest, -und -- hast du nicht gesehn? -- ging's über die Geestberge, daß die -Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten, -warf das Hasenroß den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach -Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefaßt auf den breiten -Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem -glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen -vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es -sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt -sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die -krabbelnd vollen Straßen zu stürzen -- aber die Sorge um seine sieben -Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben. - -Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der -sich an dem Blitzableiter hinabgleiten ließ und durch eine Luftröhre -in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die -Augen offen halten. Orgelton und Gesang durchbrausten den Raum, in dem -kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer, -hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: es war der -Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken -entlang zu ihm. - -»Armer Wegweiser!« schluchzte es. - -Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, daß die Lichter -flackerten: »Arm?« fragte er, »ich bin nicht arm, ich bin der schönste -Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und -mein Leuchten!« - -»Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst, -sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und -stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.« - -Der Baum rüttelte wieder seine Krone: »Ich weise andere Wege,« -flüsterte er wie im Traum, »Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum -Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen -machen kann. Und hier glänzen tausend. Mußt mir mein Glück schon -gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.« - -Brausend erscholl Orgelton dazwischen. - -»Und deine sechs Brüder?« fragte das Männchen. - -»Die sind alle Weihnachtsbäume geworden,« sagte der Wegweiser, »tragen -Lichter und Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines -Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder und alle Kinder lachen. Keines -geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen, ist die -Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern. -O Weihnacht!« - -Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, daß es ihn -nicht überreden konnte. - -»Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren,« -sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf -dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es. Zu -Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und -sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im -Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt -von dem Karussell auf den Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu -Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte. -Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und -einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den -Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln, -daß er miauschreiend zurückspringen mußte. - -Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie -ihr großer Bruder, sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden -zu sein und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln -Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten -sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar -schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie -Kinder. - -Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor -Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem -Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn -niemand kaufen wollen. - -»Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken,« sagte der -Alte zu ihm, »sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume -- aber du -bist keiner.« - -»Doch -- ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern,« sagte -Stiefelknecht, »der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche -Menschen vorbeigehen: ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein, -gewiß kommt heute abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit, -steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht -zurück.« - -Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah nach den Kindern, die -jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts. - -Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rößlein und ließ sich nach dem -Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde -ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am -Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in -See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten, -weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten. - -»Dann seewärts,« befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts -über Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven -gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See -zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe -herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen -stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter -Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und -wurde von einer Seite nach der andern geworfen. Der Wind blies gewaltig -in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des -Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind -auf und ab: das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die -Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm heraufspritzte. Und -guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu. - -»Armer Spielvogel.« - -»He, he, Männlein klein, bist du's?« rief Spielvogel. »Hier ist es -lustig, nicht?« - -»Komm mit nach der Geest.« - -»Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden. -Und was kann schöner sein, als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich -muß singen!« - -Und Spielvogel sang, so laut er konnte, daß die Matrosen mitsingen -mußten und Träume von Land und Licht träumten. - - * * * * * - -Da sah das rote Männchen ein, daß es seine sieben Tannenbäume verloren -hatte, er dachte daran, daß es nun ohne Wegweiser über die Geest irren -müsse, daß niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind -beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen -helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue -- der Berg war so kahl, -Regen drang in seine Wohnung -- armes Männchen! Mit einemmal breitete -es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das -dunkle Wasser hinab. - -Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der -See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas -Besonderes, wenn sie ihn fangen. - - - - -Ein Sterben. - - -Es war wieder still in dem kleinen, dämmerdunklen Zimmer mit den dicht -verhängten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlöschen -nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen -und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmäßiger, -und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten -lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur -das volle, blonde Haar ließ erkennen, daß er jung war. - -Heinrich, der Konfirmand, saß am Tische und hielt die Wache bei dem -Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach -dem bunten Schnitzwerk der mächtigen eichenen Truhe und tastete mit den -Fingern über den Namen und über den Spruch und die Blumen. - -Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben. - -Plötzlich rührte Gorch sich. - -»Mutter!« sagte er leise. - -Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt weiß, und zog die Hand -zurück und ließ Truhe Truhe sein. - -»Mutter schläft, Gorch. Ich bin bei dir.« - -Der Bruder öffnete die Augen und richtete sich mühsam im Bette auf. - -»Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?« - -»Die Klock muß so bei Zehn herum sein.« - -»Ist das Wetter sichtig?« - -Heinrich bog die Vorhänge etwas auseinander. - -»Es ist heller Mondschein, Gorch.« - -»Laß mich sehen!« bat der Kranke, und als der Junge zögerte, verlangte -er dringender: »Laß mich sehen!« - -Da schob Heinrich die weißen Laken zurück. Und Gorch starrte unverwandt -hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die -vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die -hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der -den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben -Mond, der groß und kalt am Heben stand. - -Was in ihm vorging, was er sann und grübelte, was für Gedanken ihn -überkamen, ließ sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine -Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und -er schwer in die Kissen zurücksank. - -Da stand Heinrich leise auf und verhängte das Fenster wieder, und -wieder blieb die Zeit stehen. - -Bis Gorch abermals erwachte. - -»Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!« - -»Was willst du damit?« - -»Mein Seefahrtsbuch!« - -Er griff erregt in die Decken. - -»Ich weiß nicht, wo es ist.« - -»Mein Seefahrtsbuch!« - -Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts übrig, als -hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch -danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und blätterte darin -und sah nicht mehr, daß er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu -erzählen: - -»Sieh her, Heinrich!... als Leichtmatrose mit der >Pisagua< von Hamburg -nach Iquique und zurück. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal. -Und zweimal über die Linie. Sieh her, Heinrich!... Als Matrose mit der ->Lesum< von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfünf -Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer >Crawford< -nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen -Bark... der Deubel mag den Namen behalten haben... in Ballast nach -Frederikstad, zurück mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger, -haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht >Nebelung< in -der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Bloß putzen -und scheuern, rein als 'n Köksch. Mit dem Fischdampfer >Poseidon< -neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbären gefangen, -Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster >Marie< -sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Böse Fracht, Junge. -Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool. -Mit der >Columbia< von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her. -Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit, -Heinrich. Ich weiß es noch wie heute...« Er brach ab, seine Gedanken -verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwächerer Stimme gab -er drein: »Kanton... Singapore... Aden... Gibraltar... Lissabon... -Bordeaux... Reval... Stockholm... New Orleans... Kingstown... -Maracaibo...« Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte -einen dicken Strich über sein Seefahrtsbuch gemacht. - -Heinrich hatte genau zugehört. Wie sie sich in seinem vierzehnjährigen -Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Häfen und Küsten vor sich: -mit hohen Leuchttürmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit -gelben Mongolen und schwarzen Negern. - -Gorch ermunterte sich wieder. - -»Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze -Welt. Im Osten und Westen, im Süden und Norden. Und nun ich krank -zurückgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern -sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen, -und ich hätte nichts davon gehabt. Sind große Hansnarren, Junge! Große -Hansnarren! Mein Leben ist *nicht* umsonst gewesen, und ich *habe* was -davon gehabt. Mehr, als sie denken können, und mehr, als ich selbst -glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekämpft und bin immer weiter -gesteuert, immer weiter... aber, weißt du, Heinrich, immer gerade aus.« - -»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge. - -Der Weltumsegler schüttelte den Kopf. - -»Nein, Heinrich. *Da* war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu -unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt, -aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so -groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem -Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß, -wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem -das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie -im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem -Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie -Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer -gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis -Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland -gekommen sind. Ich habe gelebt.« - -Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter -den Rücken. - -»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen -Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als -den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich -kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden. -Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im -Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein -zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.« - -Der Fieberfrost schüttelte ihn. - -»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am -besten, wenn sie über die Kranken lachen... Und hör' nicht auf mein -Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es -schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt, -Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen, -Nebel, Sturm: alles war schön.« - -»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.« - -»Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der -Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief -gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir -alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber -ich rate dir *zu*, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner -als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es -sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die -Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den -Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken, -dich breitschlagen... hör' nicht darauf ... sie sind jung *gewesen* und -können die Jungen nicht mehr verstehen.« - -Heinrich sah ihn fest an. - -»Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.« - -»Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du -um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen, -und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See, -Heinrich ... Und nun ... ruf' die Mutter ... ich fühle, daß ich zu Ende -bin ... ich möchte ihr gern noch einmal die Hand ...« - -Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurück und verschied, um -höheren Ortes Verklarung abzulegen. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER *** - -***** This file should be named 56512-8.txt or 56512-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/5/1/56512/ - -Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/56512-h/56512-h.htm b/56512-h/56512-h.htm index 73ae0b1..39fb712 100644 --- a/56512-h/56512-h.htm +++ b/56512-h/56512-h.htm @@ -109,48 +109,7 @@ p {text-indent: 0.3em; margin-top: 0.2em; margin-bottom: 0.2em;} <body> -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Schiff vor Anker - Erzählungen - -Author: Gorch Fock - -Editor: Aline Bußmann - -Illustrator: Bernhard Klein - -Release Date: February 6, 2018 [EBook #56512] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER *** - - - - -Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56512 ***</div> @@ -5380,377 +5339,7 @@ und verschied, um höheren Ortes Verklarung abzulegen.</p> -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER *** - -***** This file should be named 56512-h.htm or 56512-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/5/1/56512/ - -Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. 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If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56512 ***</div> </body> </html> |
