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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 23:08:45 -0800
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--- /dev/null
+++ b/56512-0.txt
@@ -0,0 +1,4239 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56512 ***
+
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+Anmerkungen zur Transkription:
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+Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
+Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart
+dargestellt war.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden
+Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter
+belassen.
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+ Schiff vor Anker
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+[Illustration: Gorch Focks Elternhaus auf Finkenwärder, im Vordergrund
+seine Mutter]
+
+[Illustration: Gorch Focks Grab auf Stensholmen in Schweden]
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+
+
+ Schiff vor Anker
+
+ Erzählungen von
+
+ Gorch Fock
+
+ Aus dem Nachlaß herausgegeben
+ von Aline Bußmann
+
+ Mit Bildern von Gorch Focks Elternhaus
+ auf Finkenwärder und seinem
+ Grabe auf Stensholmen in Schweden
+
+ Hamburg
+ Verlag von M. Glogau jr.
+ 1920
+
+
+
+
+ 1.-10. Tausend.
+ Mit Umschlagzeichnung von Bernhard Klein.
+
+
+ Zeilenguß-Maschinensatz und Druck
+ von Oscar Brandstetter in Leipzig.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ An Gorch Focks Freunde 7
+
+ De solten See 9
+
+ Herbst entgegen 20
+
+ Karen 29
+
+ Vor Ostern 40
+
+ Kassen Witt sin Freeree 54
+
+ Pulli 68
+
+ Sonntagnachmittags 83
+
+ Hans Otto 89
+
+ Ditmer Koels Tochter 99
+
+ Schiffbrüchig 115
+
+ »In Gotts Nomen, Hinnik!« 123
+
+ Auf Helgoland 131
+
+ Die sieben Tannenbäume 143
+
+ Ein Sterben 154
+
+
+
+
+An Gorch Focks Freunde.
+
+
+Längst ist Gorch Focks Schiff vor Anker gegangen. Und wir haben seine
+Schätze davongetragen, die er in der Unendlichkeit des Meeres, in Ferne
+und Nähe, in Stürmen und Stille in seine Seele gesammelt hatte. Und wir
+sind mit vollen, schweren Händen davongegangen.
+
+Nacht und dunkle Nebel haben sich nun auf das Land gelegt, für das
+Gorch Fock sich hingegeben, wenig matte Sterne leuchten am verhüllten
+Himmel. Wir sind noch einmal den Weg zurückgegangen zu Gorch Fock, an
+seinem Schiffe glommen noch leise das rote Licht seiner Lebensliebe,
+das grüne seines hoffenden, unverzagten Herzens, und inmitten der
+beiden das helle, gelbe, strahlende Licht seines Daseins. Und in
+dem still gewordenen Schiff haben wir noch einmal nach vergessenen,
+liegengebliebenen Kostbarkeiten gesucht und fanden Dinge, die nicht
+untergehen sollen in Vergessenheit.
+
+Bunt ist die Kette, die daraus wurde, Altes und Neues ist
+nebeneinandergereiht, aber in jedem ist Gorch Focks Geist, der in
+allen, die ihm nahe sind, lebendig bleiben möchte.
+
+ Aline Bußmann.
+
+Hamburg 1919.
+
+
+
+
+De solten See.
+
+
+Ein Tropfen Tinte sitzt in meiner Feder und will verschrieben sein.
+
+Was ist es, das mich wiegt? Wo bin ich? Was klirrt da? Ist es mein
+Schwert? Oder habe ich nur geträumt? Sind wir schon auf der Nordsee,
+haben wir das Skagerrak schon hinter uns, und ist unser Ziel, das
+Eiland Heiligland, schon in Sicht gekommen? Was da unter und neben mir
+gluckt und plätschert und gurgelt: ist das schon das grüne Wasser der
+Nordsee, von dem der Skalde gestern erzählte? Es muß wohl so sein,
+denn diese Dünung ist nicht mehr so lang wie die des Atlantischen
+Weltmeeres! Es wird den alten Seekönig von Herzen freuen, daß unser
+Drachenschiff so schnelle Fahrt gemacht hat, in vier Tagen vom
+Hardanger bis Heiligland, und er wird morgen lachen, wenn es Tag
+geworden ist! Vielleicht gießt er wieder einen Becher roten fränkischen
+Weins in das Meer, wie er tat, als der junge König von Heiligland
+um seine Enkelin warb! O Gerda, nach der sich die Augen aller
+Schiffsgenossen immer noch drehen, ob du gleich Braut bist und zu
+deinem Bräutigam fährst, du bist schön wie die Sonne, die aus der See
+steigt! Die stillste See kann den blauen Himmel nicht so widerspiegeln,
+wie dein Auge es tut. Stünde ich mit dir auf dem hohen, roten Felsen,
+blickte ich mit dir über das weite Meer, wiese ich dir die Segel in
+der Tiefe und die Wolken, die an der Kimmung aus dem Wasser steigen,
+du Königskind, ich wollte lachen wie der lichte Balder! Denn ich liebe
+dich wie die See, und die See liebe ich wie dich -- und niemals hat ein
+Wiking ein größeres und tieferes Wort gesprochen als dieses. Steuern
+wir nach der Hochzeit nordwärts, der Mitternachtssonne entgegen, so
+lehnst du nicht mehr mit wehendem Haar am Mast, Gerda. Niemals höre
+ich dein Lachen wieder -- aber mir bleibt die See, die hohe Trösterin,
+deren Atem alle Wunden heilen kann. Sie wird dem Wiking helfen! Murmelt
+nur weiter, Wellen am Bug, und erzählt mir vom Meere ...
+
+Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
+sein.
+
+Ich habe die Augen geöffnet und erkenne, daß ich geträumt habe!
+Ich liege nicht im Bauch des nordischen Drachens, sondern auf der
+Diele eines Fischerfahrzeuges, unseres Ewers, und stecke in einem
+alten, geflickten Focksegel, in das ich mich der Sommerhitze und der
+aufrührerischen Wanzen wegen eingewickelt habe. Unter meinem harten
+Lager strömt das Wasser, das wir im Raum haben, von einer Seite nach
+der andern. Es gurgelt im Bünn, dem großen Fischkasten, und es klatscht
+im Wasserfaß. Die Ölröcke und Südwester, die an der Decke hängen,
+scheuern unruhig hin und her, als baumelten sie im Winde. Gegen den
+Bug aber springen und hüpfen die Wellen der Nordsee und kluckern wie
+junge Enten im Graben. Was sie mir erzählen wollen, das haben sie
+schon Siegfried und Hagen sagen wollen, als sie die Fahrt nach Island
+unternahmen! Und wenn es auch noch kein Menschenohr begriffen hat:
+gefreut und erquickt hat es schon abertausend Menschenherzen und wird
+sie immer erquicken, so lange es eine See auf der Welt gibt. Aber
+nun singt mich wieder in Schlaf, ihr Wellen, ihr Seen, denn wir sind
+mitten im Streek, fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff
+auf Zungen, und wenn ich nicht geschlafen habe, kann ich keine gute
+Wache gehen. Noch einmal blicke ich durch die offene Kapp nach dem
+tiefdunklen, sternenbesäten Nachthimmel hinauf, sehe den dunklen
+Großtopp durch die Sterne wandern, höre die Gaffel knarren und den
+Bestmann schnarchen, dann nimmt der schwere, gleichmäßige Schritt des
+wachhabenden Schiffers an Deck mich mit, und der Schlafbaas mustert
+mich wieder an.
+
+Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
+sein.
+
+Immer noch dieser schwere Schritt auf dem Achterdeck! Oder ist es ein
+anderer? Ja, der Schritt ist dumpfer ... Schwarz und tot treibt die
+mächtige Kogge hinter Borkum auf der stillen See. Bis auf den Mann im
+Krähennest und den leise summenden Posten auf dem hohen Bord scheint
+das ganze Schiff zu schlafen. Über die Stengen und Wanten kriecht
+der Mondschein. Wie in schwerem Bann ist die See erstarrt. Zu Stahl
+scheint sie geronnen zu sein. Ringsum kein Schiff und kein Land, nur
+die tote See. In der Admiralskajüte aber wacht ein Licht und wachen
+zwei Menschen. Wie ein Gespenst wandelt der Schatten des langen Klaus
+Störtebeker an der Wand. Ruhelos geht der junge Seeräuber auf und ab.
+Mitunter hebt er das geblümte flandrische Tuch und blickt aus dem
+kleinen Guckloch über die mondbeschienene Wasserfläche, dann nimmt
+er seine Wanderung wieder auf. Quälen ihn seine wilden Taten, oder
+hält der Madeirawein ihn wach? Der rotbärtige Godeke Michels, sein
+Spießgeselle, der auf der halbmondförmigen Bank sitzt und kaum noch
+die müden Augen offenhalten kann, sagt zuletzt: »Tu es, Klaus, nimm
+die junge Gesina und bleib an Land, tu dem alten Grafen den Gefallen
+und gib die Seefahrt auf, überlaß mir die Schiffe, laß Messen lesen
+und werde ein ehrlicher Kerl an Land. Von Schottland bis Tunis gibt es
+kein zweites Weib wie Gesina, und sie liebt dich.« »Sie liebt mich,«
+wiederholt Störtebeker langsam. »Ein geruhiges Leben hinter Deichen,
+zwischen Menschen und Weibern und Blumen, keinen Sturm und keine Not.
+Gesina ist schön. Und doch: nein, Godeke! Meine Meerfahrt ist mir
+lieber als das beste Weib!« »Du bist ein Hansnarr,« murrt Michels,
+als Störtebeker jetzt an den alten Ostfriesen schreibt. Geräusche und
+Gespräche unterbrechen jäh die nächtliche Stille an Deck: die Schaluppe
+muß zu Wasser, damit der Brief sofort bestellt werde. Als das Geknarr
+der Riemen in der Weite verklingt, wendet der Seeräuber sich von der
+Reling, blickt noch einmal nach den riesenhaften Fledermausflügeln
+hinauf und tritt wieder in seine Kajüte. Er hat sich der See
+verschrieben, das weiß er.
+
+Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
+sein.
+
+Ich muß auf einer Segelöse, auf einer Kausch gelegen haben, denn
+mein Rücken schmerzt. Oder hat die mütterlich-sorgliche Natur mich
+geweckt, die weiß, daß wir alle drei Stunden unsere Kurre einziehen.
+Ist es an der Zeit? Ich öffne die Augen: es ist hell, die Sterne
+sind verblaßt! Da ruft es auch schon singend zum Einziehen. »Intehn!
+Intehn!« »Jo,« antworte ich und »Jo« echot es in der Steuerbordkoje.
+Wir schlafen während der Fahrt und Fischerei in voller Kleidung, ich
+brauche deshalb nur die langen, schweren Seestiefel anzuziehen, die
+von Tran und Schuppen glänzen; dann stehe ich an Deck und muß mich
+wundern, denn von der See ist nicht das geringste zu sehen. Segeln
+wir auf der Milchstraße? Alles Wasser ist mit einer dünnen, aber
+dichten, undurchdringlichen Schicht weißen Gewölkes bedeckt, daß nicht
+eine Welle zu erkennen ist. Und die weiße Decke liegt nicht still,
+sondern fliegt schnell mit dem Morgenwind nach Osten und reißt doch
+nirgends ab. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Seltsam ist es.
+Wären luvwärts nicht die holländische Tjalk und der Fischdampfer in
+Sicht, die mit Steven und Wanten aus der Morgenmilch ragen, ich könnte
+glauben, mit einem Luftschiff über den Wolken zu fahren. Mit einem
+Luftschiff, wie wir es dwars von Spiekeroog sahen, als wir, von einer
+Windstille heimgesucht, mit schlaffen Segeln und schlagenden Schoten
+in der stetigen Dünung trieben und nicht fischen konnten. Da stieg
+es im Nordosten aus der See wie ein helles Segel. Wir wußten erst
+nicht, was wir aus dem Wölkchen machen sollten, dann aber erkannten
+wir durch das Glas den Zeppelin, der den Meeresflug wagte, und sahen
+ihn nun in unsere Einsamkeit hineinwachsen. Immer höher stieg und
+immer größer wurde die gelbe, kantige Leinwand. Da sickerte schon der
+Lärm der Motoren herab. Das singende Brausen der neuen Zeit erhob
+sich. Unglaublich schnell kam das Luftschiff näher: wir hatten schon
+die Köpfe im Nacken, da, als es über uns stand und seinen Schatten
+auf die helle See warf, senkte sich der Bug des Riesen, bis der
+Kiel seiner Stahlgondeln die See berührte. Er fuhr auf dem Wasser
+entlang, wie um uns recht zu verhöhnen, uns Windjammerer. Ich hätte
+mich gar nicht gewundert, wenn er eine Kurre zu Wasser gelassen und
+gefischt hätte. Die Leute schöpften Wasser als Ballast aus der See.
+Keine dreißig Faden von unserm Ewer brauste die hohe Wand vorbei. Ich
+winkte nicht mit, aber Tränen stiegen mir ob solcher Menschenkraft und
+Menschenschönheit in die Augen. Das neue Geschlecht der Meeresherren!
+Das alte der Meeresknechte trieb regungslos mit alten Segeln in der
+Windstille und blieb meilenweit zurück. Ein Riesenvogel, der aus der
+See getrunken hatte, erhob der Zeppelin sich wieder vom Wasser und
+zog in Leuchtturmhöhen davon. Wie wünschte ich in diesem Augenblick
+der Hilflosigkeit einen Sturm herbei, um dem fliegenden Schiff zeigen
+zu können, daß auch wir lebten und webten! Wie seine deutsche Flagge
+wehte! Immer mittelalterlicher und zurückgebliebener kam ich mir
+vor. Erst am andern Abend, als wir ein starkes Gewitter bekamen, als
+der ganze Heben eine Feuersbrunst war und der Donner uns umstürmte
+und umknallte, als der Regen auf uns niederströmte, als wäre er mit
+Eimern ausgegossen, als wir auf der hochgehenden Dünung tanzten, erst
+dann vergaß ich des Luftfahrers. Alles konnte der Zeppelin doch nicht
+machen: hier brauchte es doch noch der Schiffe und der Seeleute! Und
+das tröstete mich, so viel Seen auch über den Setzbord stiegen, und
+so heftige Sprünge der Ewer auch machte, wir hielten stand. Nun
+stehen wir auf dem weißen Daak, lassen die Fock fallen und hieven,
+schwer arbeitend, das Schleppnetz, die Kurre, auf. Wie seltsam, ob es
+gleich alle Tage so ist: eben noch nichts zu erblicken, und nun sind
+wir schon von hundert äugenden und schreienden Seemöwen umflogen und
+umkreist! Hiev, hiev! Wer denkt an Möwen, wenn die Kurre eingezogen
+wird! Hiev! hiev! Endlich haben wir den Steert, das Ende des Netzes,
+in der Talje, der Knoten wird gelöst, und die See speit ihre Fische
+aus, ihre Zungen und Schollen, ihre Steinbutten und Rochen, Knurrhähne
+und Petermännchen. Wie glänzen die Schuppen, die weißen Bäuche in der
+Morgensonne, die aus der See gestiegen ist und den weißen Nebel von der
+Diele gefegt hat! Wie schnappt alles nach Wasser, wie springt alles in
+Angst und Todesnot durcheinander! Sonst habe ich das nicht gesehen,
+ich sah immer nur ein fröhliches Klappern und Spaddeln, das mir das
+Herz erfreute, aber seit dem furchtbaren Traum habe ich Augen für die
+Qualen bekommen. Wir lagen vor Wind in Bremerhaven und hatten einen
+alten Janmaaten in der Kombüse, der mit unserm Bestmann verwandt war:
+das gab einen Abend alter deutscher und englischer Matrosenlieder,
+einen Abend Passatwind, Liniensonne und Kapsturm. Die Nacht darauf
+träumte mir das Grauenhafte, daß ich an Deck ging, als gerade die
+Kurre aus der See kam! Heftig erschrak ich, denn die Luft war erfüllt
+von tausend Schmerzenslauten, von tausend Todesschreien, von tausend
+Angstrufen! Alle Fische hatten Stimmen bekommen und jammerten ihre
+Qual in die Luft! Und es schrie nicht nur bei uns, sondern auch auf
+den andern Schiffen: die ganze Nordsee war erfüllt von diesem Röcheln
+und Schreien, das so furchtbar anschwoll, daß wir es nicht auszuhalten
+vermochten! Wir flüchteten zitternd, verkrochen uns in die Kajüte und
+bebten, als erwarte uns ein Weltgericht! Furchtbares Grauen!
+
+Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
+sein.
+
+In Lee steht ein mächtiges Viermastvollschiff in der Sonne und schiebt
+sich langsam vorwärts! Es ist ein deutsches! Mit hundert weißgrauen
+Segeln steuert es dem Weltmeer entgegen. Meine Wünsche schwirren wie
+fliegende Fische um seinen Steven, und meine Sehnsucht hängt sich an
+seine höchsten Rahen! Da mit können! Große Fahrt tun! Nimm mich doch
+mit, du großer Laeisz, du Königin des Atlantik! Ich sehne mich nach
+hundert Tagen ohne Land, ich möchte unter der Linie getauft werden
+und möchte auch das düstere Kap Horn einmal in mein Leben hineinragen
+sehen! Ich möchte dich sehen, wenn du die Stürme abschüttelst, du
+Viermaster!
+
+Schöne Geschöpfe gehören dir, Meer, herrliche Kinder sind dein! Was ist
+ein Haus gegen ein Schiff, was ist ein Schreiber gegen einen Seemann?
+Was ist das erstarrte Land gegen dich, atmende, wogende See? Ein
+Leichnam gegen einen Lebendigen!
+
+O, ihr Schiffe auf der See, und du Dünung du! Ihr Tage und Nächte, ihr
+Wolken und Winde: was seid ihr an Land? Nichts! Und was seid ihr auf
+See? Alles, alles, was uns die Seele bewegt!
+
+Ich grüße dich, du kleine Galliote, die du so tapfer deinen Kurs
+steuerst. Kommst du von Schweden und willst nach England? Du kleiner
+Mann auf der Back: wiegte dich deine Mutter dort in dem schönen Land
+der Wälder und Seen auch so gut, wie die See dich jetzt wiegt?
+
+Da -- das große »Vaterland«, die schwimmende Stadt, das mächtigste
+Schiff der Welt! Wie eine Erscheinung! Ich hole die Flagge aus der
+Achterplicht. Wir brauchen sie sonst nur, wenn ein Kriegsschiff in
+Sicht kommt, aber das größte und schönste Gebilde der deutschen Hand
+zu grüßen, hole ich sie dennoch freudig auf! Überschiff du! Wie der
+englische Kohlenkasten qualmig auf seiner schwarzen Schornsteinpfeife
+raucht, als ob es ihn verstimmte, dieses _Made in Germany_!
+
+Noch ein Blick nach dem Schoner und den nachbarlichen Fischerkuttern,
+und dann laß es genug sein, See. Die Möwen sind weggeflogen, unsere
+Fische sind auf Eis gebettet, die Kurre pflügt wieder den Meeresgrund,
+und das Deck ist gedweilt: ich kann wieder drei Stunden schlafen!
+So wiege mich wieder in Träume hinein, du große, gute See! Und laß
+mich bei der harten Fischerei niemals vergessen, daß du schön bist
+wie nichts auf der Welt, wie kein Wald und kein Berg! Noch habe ich
+es keinen Augenblick vergessen, und allen Witwenkleidern und Tränen
+zum Trotz soll das Herz daran festhalten! Und sollte mir einmal der
+Fliegende Holländer begegnen, das todverkündende Geisterschiff, sollte
+die Sonne ihren Schein verlieren wie auf Golgatha, sollten meine Masten
+brechen und meine Segel in den Wind fliegen, sollten die Notanker nicht
+mehr halten, sollten die Luken einschlagen und die große Sturzsee ehern
+heranwogen und Klar Deck machen, solltest du mich holen, schöne, wilde
+See, so will ich in aller meiner Not doch erkennen, daß mein letzter
+Blick deiner größten, höchsten Schönheit gegolten hat.
+
+Ihr aber, ihr Jungen, Lebendigen, setzt weiter Segel auf! Beflaggt eure
+Schiffe und grüßt die deutsche See, ihr deutschen Jungen! Wiegt euch
+auf der Dünung und freut euch der Sonne auf den Meeren und Gewässern!
+
+
+
+
+Herbst entgegen.
+
+
+Ich schwimme beim Swiensand, südsüdost von Falkental im tiefen Priel
+und ringe mit der starken Strömung. Eisigkalt ist das Wasser. Es soll
+mich heilen von der Herbstmüdigkeit, von den Spinneweben, die meine
+Sinne umfangen wollen. Schwere, fremde Tropfen sind in meinem Blut. Und
+wären es die letzten, verzitternden Wellenkreise eines Winterschlafes
+in grauen Zeiten: ich schüttle sie ab und lache ihrer. Ich brauche den
+Herbst und seinen Wind, ich rufe ihn: damit meine Wimpel hoch am Mast
+flattern, damit meine Segel sich blähen, damit meine Mühlen mahlen.
+Mit weißen Geisterhänden greif ich aus: dreimal noch um das Boot, nein
+viermal, nein solange, bis die Sonne wieder aus den Wolken kommt.
+Riesengroß ist mein Fahrzeug: es überragt alle Bäume, alle Deiche,
+alle Türme, alle Gipfel. Eben komme ich beim Achtersteven aus seinem
+Schatten und steure auf das kleine, grüne Eiland zu. Die Weidenblätter
+haben schon helle Farben. Das Reet ist graubraun geworden. Da waten
+keine Störche mehr, da jagen keine Schwalben, da tanzen keine Mücken
+mehr umher. Die Kuhblumen, die Butterblumen haben ausgeblüht, die
+Binsen liegen schwer auf dem Schlick. Still und vereinsamt harrt der
+Sand der Stürme und Hochfluten. Schwarze Muscheln liegen am Strande,
+wie Fußtapfen im Schnee. Eine Nebelkrähe schreitet beschaulich am
+Wasser entlang. Mitunter streckt sie den Kopf vor und gibt sich durch
+tiefes Krächzen kund. Wilde Enten streben hastig dem Neste zu.
+
+Es wird hell und blank um mich her, es blitzt und schimmert: die
+Sonne ist da. Ich schwinge mich an Bord und springe von Ducht zu
+Ducht, derweil die Sonne und der Wind mich abtrocknen. Um Kiel und
+Steven plätschern die Wogen, sie schlucken und glucken, heimlich und
+stillvergnügt. Die Augen zu: es ist, als wenn die Glocken gehen,
+Hochzeitsglocken, Freudenglocken, als wenn die Kinder fern auf der
+Wiese lachen und spielen, als wenn die Pappeln im Sommerwinde rauschen
+und erzählen, als wenn die silbernen Quellen über glatte Kiesel und
+knorrige Tannenwurzeln springen, tief, tief im Walde ... Gluck ...
+gluck ... gluck ... Eine Henne lockt ihr Küchlein -- und das Küchlein
+legt das Ohr an die Bordwand und horcht und lacht. Das Segel reiß
+ich mit *einer* Hand empor, und der Anker kommt schnell genug ans
+Tageslicht. Dann ziehe ich mich an. Das Boot schwoit, der Lappen fällt
+voll, und leise gurgelt und zischt es am Steven. Gute Fahrt bei raumem
+Wind und mit der Tide. Nach Schifferart einen Blick prüfend zu dem
+braunen Segel hinaufgeschickt -- dann halte ich hellen Ausguck.
+
+Der Swiensand schaut mir nach. Blanke, glatte Flächen, dunkle, krause
+Windstreifen auf der Elbe. Einen langen, breiten Weg hat die Sonne
+sich gepachtet: da blinkt und gleißt es, da spielen ihre strahlenden
+Kinder. Hinter Schulau dehnt sich die See, da sind der Himmel und das
+Wasser allein auf der Welt und halten einander still an den Händen.
+Rauchwolken bei Rauchwolken, als wär's die Straße zur Hölle. Segel über
+Segel teilen sich in den mächtigen Strom: graue und braune, hohe und
+breite, neue und geflickte. Schleppdampfer, Seedampfer, Fischdampfer,
+Fährdampfer, schwarze und bunte Schornsteine. Weiße, schimmernde
+Eiderschuner, unförmige holländische Kuffen, breite, protzige,
+ostfriesische Tjalken, schwere, wetterfeste Finkenwärder Fischerkutter,
+spitznasige, verwitterte Altenwärder Ewer, braune, runde Lühjollen,
+alles klüst nach Osten. Weiße, schlanke Leuchttürme verträumen den Tag.
+Graue Heidehäupter stehn am Wege, wie Nordlandsrecken. Blankenese,
+Luginsmeer und Luginsland, Utkiek und Kiekut von Hamburg -- ein
+rechtes Sonntagsnest, Tag für Tag in Sonntagskleidern, immer geziert
+und geschmückt. Die weißen Giebel und die blauen Dächer schauen aus
+den Baumkronen. Die Fenster sind wie dunkle, kluge Vogelaugen. Helle
+Streifen leuchten aus dem Grün: das ist der Herbst. An den Brücken
+liegen Fährdampfer, die grünen, breit und bürgerlich, die schwarzen,
+schlank und aristokratisch. Ihre weißen Rauchwolken verfliegen an
+den Abhängen. Die efeuumsponnene Burg der guten Frau äugt still und
+weltfremd von der waldigen Höhe: sie träumt vom grünen Rhein. Überall
+spielen die bunten Farben: gelb und rot und braun in hundert Tönen.
+Der liebe Nienstedter Turm spiegelt sich in der Elbe. Sein grünes Dach
+und seine goldnen Zeiger glänzen im Sonnenschein. Um seinen Knauf
+fliegen die Dohlen. Aus allen Schornsteinen qualmt die breite, rote
+Brauerei. Auf der andern Seite grüßen die grauen und grünen Häuser
+von Finkenwärder über die Hamburger Dünen hinweg. Auch die trotzige
+Kirche guckt über den Deich und der Neß mit seinen Eichen. Der helle,
+zierliche Wasserturm lacht herüber.
+
+Die Mühle mahlt im Winde, und auch im Alten Lande drehen sich die
+Mühlen. Brotes genug. Mein Segel giekt, mein Fahrzeug schwankt. Die
+Dünung des glänzenden, hohen Amerikadampfers hat uns erreicht: mein
+Boot und ich verneigen uns und danken für den Gruß aus der großen,
+weiten Welt.
+
+Sei mir gegrüßt, du bunte Welt, sei mir gegrüßt, du großes Leben. Du
+rinnst und jagst durch meine Adern, reißest mich auf und wirfst mich
+nieder. Nieder? Fortan nicht mehr! Wer so lachen kann, wie ich, der
+läßt sich nicht mehr niederwerfen. Ich *lebe*, und hoch will ich leben.
+Ich lebe mit Wissen und Willen, fühle jeden Atemzug, jeden Windhauch,
+jeden Wellenschlag. Ich sehe jeden Baum und jede Wolke, deute jeden
+Schritt und jeden Klang, forsche in allen Mienen und in allen Zügen.
+Umflutet, umbraust, umkost -- und König meines Lebens bin *ich*!
+Mittelpunkt der Welt, aller Augen warten auf mich und über meinem Kopfe
+ist der Himmel am allerhöchsten. Was *ich* sehe, was *ich* tue: darauf
+kommt es an, und für mich scheint die Sonne. Umreißen oder aufbauen,
+das ist mir gleich, nur wirken, arbeiten, die Arme aufkrempeln können.
+Und dabei singen mögen! Wenn zwei streiten: hei, dazwischen gesprungen
+und mitgestritten! Leben, lachen, siegen!
+
+Nicht angekettet sein, wie die rote Leuchtboje hier an Backbord, deren
+mattes Blinkfeuer mit den Sonnenstrahlen kämpft. Von den Torfewern, die
+auf die Ebbe lauern, liegt ein ganzes Rudel vor Anker. Sie sind nicht
+mehr so tief geladen und haben nur noch wenig Decklasten: die unruhige
+Jahreszeit ist angebrochen. Auf einem Holländer spielen die Kinder
+Verstecken. Hinter dem Kompaßhäuschen, auf dem Roof, vor der Winde:
+überall krabbelt es. Ein kleiner Kerl kriecht sogar in das Großsegel
+hinein. Die Mutter sitzt auf den Luken, schält Kartoffeln und guckt
+ihnen zu. Ein weißes Landhaus mit riesigen Eulenaugen schmiegt sich bei
+Flottbek dicht an die hohen Buchen, die es einrahmen. Auf der Chaussee
+schnauft ein Automobil: ein Augenblick und der Komet ist verschwunden,
+nur sein Schweif verkündet noch seinen Weg. Helle Kleider, rote
+Schirme. Mühelos überhole ich ein Segelboot von Neumühlen: weiße
+Segel allein tun's eben nicht. Vornehm und verbindlich steht das
+Parkhotel da, und die Schiffe ziehen an ihm vorbei und spiegeln sich
+in seinen Fenstern. In glänzender Reihe krönen die Landhäuser den
+waldigen Höhenkamm, weltklug und weltüberlegen, gegenwartkundig und
+zukunftfroh. Auf dem Sande liegt junges Volk in der Sonne. Ein Mädchen
+winkt mit der Hand, die beste von allen hebt nur eben das Bein zum
+Gruße. Spielend rollen die Wellen hinan, kehren zurück und ergießen
+sich wieder über die Steine. Die Zweige gehen im Winde auf und ab: das
+ist ein immerwährendes Schmeicheln und Fächeln. Da ziehen sie schon die
+Boote auf den Strand, schlagen die Segel ab und scheren die Leinen aus.
+Die Herrlichkeit neigt sich. Heute aber wehen noch die Fahnen, laufen
+noch die Kellner umher, sitzen noch muntre Gäste an den weißgedeckten
+Tischen unter den Ulmen, perlt der Wein im Römer, paradiert die dicke
+Kaffeekanne zwischen Stapeln von Kuchen.
+
+Ree -- und mein Boot stößt hart gegen den Brückenkopf. Die Mädchen
+gucken mir lachend zu, wie ich das Segel herunternehme. Und ich lache
+mit, denn blühende Rosen und leuchtende Mädchenaugen ... ach was,
+ich gehe raschen Schrittes dem Lande zu, wie ich immer tue, wenn die
+Sonne scheint. Bunt wie ein Narrengewand ist das Laub, hier dunkelgrün,
+da grau, da braun, da rot, da gelb. Rote Vogelbeeren schimmern aus
+den Büschen. Hinter den Fenstern der altmodischen Lotsenhäuser bunte
+Blumen. In den Gärten noch Astern und Rosen, etwas welk, zerzaust, aber
+Rosen, Sommerrosen. Die Elbschlucht hinauf geht es in Sprüngen: Stufen
+sind für alte Leute und dürfen nicht abgenutzt werden. Graues Laub in
+allen Ecken und auf allen Wegen, das rauscht und raschelt. Recht in den
+Sonnenschein setz ich mich und recht angesichts der Elbe. Vorposten!
+Da unten kreist das Leben, da kräuselt sich das Wasser und wiegt sich
+auf und ab. Die Schiffe kommen und gehen, und keins läuft vorbei,
+das ich nicht messe und nach dem Kurs frage und ein Stücklein Wegs
+begleite. Über mir spielt der West in den Blättern, und an der Erde
+fegt er das abgefallene Laub auf einen großen Haufen. Dann und wann
+wirbelt ein Blatt herab. Helle Wolken ziehen in der Luft. Bald scheint
+die Sonne, bald läuft der Wind mit dem Schatten über die Welt. Auf dem
+Dach sitzt eine Schar von Spatzen und piept laut durcheinander. Aus
+den Gärten steigt ein herbstlich feuchter Odem auf. Alle Augenblicke
+legt ein Dampfer an der Brücke an. Breit und schwarz steigt der Rauch
+auf. Deutlich ist zu hören, wie die Stege ausgelegt werden, wie das
+Wasser schäumt, wie die Räder schlagen. Dazwischen Rufe. Tuten und
+Pfeifen. Hoch und leer kommen die Kohlendampfer herab: die Schraube
+haut halb in der Luft und wirbelt einen Berg von Gischt auf. Einer von
+Woermann, einer von Sloman, ein Neptun, ein Kosmos, ein Engländer,
+ein Normann, so wechselt es ab. Eine schwedische Bark mit der neuen
+Flagge. Im Südosten das Schuppen- und Masten- und Schornsteingewirr von
+Kuhwärder, der riesige Laufkran. Die Schlote von Harburg, der Turm von
+Altenwärder, das helle Band des Köhlbrandes. Dahinter die dunkelgrauen
+Berge, die tiefblaue Geest, wo die Nebel brauen. Der Schopf des
+Falkenberges, das kahle Haupt des Opferberges bewachen den Eingang der
+stillen Heide.
+
+Einzelne Boote rudern noch in der Tiefe. Es muß Hochwasser sein:
+die braunen Segel erscheinen: die Strohewer, Torfewer, Steinewer,
+Fruchtewer, Kornewer. Schwerfällig kreuzen sie vorbei und ist doch ein
+farbenfrohes Bild. Das singt und juchheit nicht und reckt mir doch die
+Arme, denn es lebt und webt und fährt mit allen Winden.
+
+Marienfäden fliegen umher.
+
+Die Wolken haben den ganzen Himmel überdeckt. Die Dämmerung geht über
+Strom und Strand. Es dunkelt rasch. Mit Siebenmeilenschritten kommt die
+Nacht, und riesenhaft ragen Bäume und Giebel in das letzte Abendrot
+hinein. Die Heide verliert sich. Nur die Elbe schimmert noch grauweiß
+herauf. Überall sind Lichter entglommen. Eins nach dem andern wird
+angesteckt. Gelb und grün und rot, matt und hell, groß und klein. Alles
+wirbelt auf dem bewegten Wasser hin und her. Irgendwo zirpt eine Grille
+von gelben Ähren, rotem Mohn und blauen Kornblumen. Die Elbchaussee
+entlang wanken Laternen. Zwei bei zwei halten sich die Kinder an den
+Händen und blicken mit großen, dunklen Augen auf ihr gelbes Licht.
+Und singen verträumt von ihrer lieben Laterne. Mählich verklingen die
+feinen Stimmen in der Ferne.
+
+Leise summe ich die schlichte Kinderweise vor mich hin, als ich langsam
+den Abhang hinuntergehe. Dann ziehe ich mein Segel wieder auf und
+kreuze die Elbe hinab.
+
+Hoch und steil steigt das Ufer an und wirft seinen riesigen Schatten.
+Groß und gespenstisch gehen die Schiffe an mir vorbei. Von allen
+Seiten umspielen mich die Lichter. Wie Leuchtkäfer schwirren sie
+durcheinander. Verhaltene Stimmen zittern durch die stille Luft.
+Am Strand wird es dunkler und einsamer. Auf einem Ewer klagt eine
+schwermütige Harmonika. Je weiter ich treibe, desto ruhiger,
+traumvoller wird die Welt. In tiefem Frieden zieht die Elbe dahin. Nur
+am Steven plätschern die kleinen Wellen.
+
+Droben haben sich die Wolken geteilt und freundliche Sterne schauen
+herab zur »Guten Nacht«.
+
+
+
+
+Karen.
+
+
+In *einem* Atemzuge schnob der Nordwest von Esbjerg nach Kopenhagen: so
+klein war Dänemark in dieser Sturmnacht geworden. Nur als die Fackel
+auf der See erlosch, hart an der jütischen Küste, die zitternde,
+schwankende Notfackel, als die grauen Segel jäh aufs Wasser schlugen,
+da ward es urplötzlich stiller, und es schien, als müsse der Wind sich
+besinnen. Wo eben noch der gewaltige, wilde Nordlandswolf geheult hatte
+und umhergesprungen war, lag eine riesenhafte, graue Katze auf der
+Lauer.
+
+Fünf weiße Häuschen, die in der Dünenmulde standen, waren die Mäuse,
+die sie nicht aus den Augen ließ. Und kaum daß einer zehn zählen
+konnte, richtete sie sich pfauchend und zischend auf. Der aufgewühlte
+Dünensand hagelte schwer gegen die Fensterläden. Lange, wehe Klagetöne
+hallten um Dächer und Giebel. Die See aber schrie noch zorniger gegen
+die Wolken, hob die weißen Häupter noch höher und rollte noch wilder
+über den Strand.
+
+Es war Flut geworden.
+
+ * * * * *
+
+Das kleine gelbe Nachtlicht wurde unruhig.
+
+Ein großes, starkes Mädchen stand neben dem Tisch und band sich die
+Flechten auf. Eine Weile guckte sie fragend in den Spiegel und dachte:
+bist bald alt geworden, Karen! -- dann suchte sie Rock und Jacke und
+zog sich dick und warm an. Sie band ein schwarzes Wolltuch um den Kopf
+und zog Handschuhe an.
+
+Das Gekeuch des Windes und das Gebrüll der See hatten sie geweckt.
+
+»Karen!«
+
+Niels streckte sein bärtiges Gesicht aus den roten Kissen und richtete
+sich halb auf. Verschlafen sah er sie an.
+
+»Flut.«
+
+Sie hatte sich eine Tasse Kaffee eingegossen und trank langsam.
+
+Er brummte etwas Undeutliches, dann stieß er den neben ihm
+schnarchenden Jens an und rüttelte ihn wach.
+
+»Flut, Jens. Steh auf, Jens. Mach dich klar, Jens.«
+
+Aber Jens schalt und knurrte. »Laßt mich schlafen. Morgen -- nachher --
+gleich -- ja, ja.«
+
+»Dann haben die andern den Strand rein,« brummte Niels, aber Jens
+schnarchte und war nicht wieder zu ermuntern.
+
+»Allein geh' ich auch nicht los,« sagte Niels und legte sich die Kissen
+zurecht. Es war unter der Decke doch wärmer als draußen.
+
+»Leg dich auch wieder hin. Schlaf noch 'ne Stunde oder zwei ...
+meinetwegen ... zwei ...«
+
+Aber Karen schüttelte den Kopf und ging hinaus.
+
+»Wenn was da ist, holst uns,« rief Niels ihr nach und hörte noch im
+halben Traum, wie die Tür klappte und der Wind aufheulte. Zugleich
+fühlte er, wie die Kälte hereinschlug, und er zog ohne Bedenken die
+Beine etwas höher und steckte den Kopf tiefer unter die Decke. Dann
+flog die Tür zu und es wurde stiller.
+
+Das Mädchen tastete vornübergebeugt über die Dünen nach dem Strand.
+Der Wind war so stark und so kalt, daß er ihr fast den Atem benahm und
+sie sich dann und wann umdrehen mußte. Wie scharfer Schnee schlug der
+Sand ihr ins Gesicht. Erst als sie den Strand erreicht hatte, wurde es
+besser.
+
+Es war tiefdunkel. Kein Licht. Und die See war nicht weit zu sehen.
+Nur fünfzig Faden weit leuchteten die weißen Köpfe. *Ein* Brausen und
+Keuchen und Zischen und Brodeln war die Luft, war die See. Das Wasser
+stieg rasch: der weiße Schaumstreifen wurde von jeder See höher an den
+Strand gespült.
+
+An diesem Strich entlang ging das Mädchen und bückte sich, wenn sie
+etwas Dunkles gewahr wurde. Dann stieß sie es mit den Füßen an, zu
+erfahren, was es sei. Alles Holz las sie auf und steckte es in einen
+Sack, den sie unter dem Arm trug. Tang und Muscheln lagen viel da --
+weiter auch fast nichts.
+
+Als es Morgen werden wollte, hatte sie immer noch keine Tracht.
+
+Hinter den Dünen erschien ein grauer Streifen, der höher und höher
+gekrochen kam.
+
+Der Sturm raste noch mit voller Kraft. Drohender und gewaltiger
+schüttelte die See ihre Stierhäupter.
+
+Kein Holz, kein Schiff, kein Wrack, kein Notschuß, kein Feuer -- nur
+schwarzes Wasser und weißer Schaum.
+
+Sie blieb stehen ... Da trieb etwas ... etwas Dunkles, Undeutliches,
+Unförmiges ... es kam näher. Aus Gewohnheit hielt sie die Hand über die
+Augen, wie sie an hellen Tagen oft getan hatte, wenn Sonnenschein um
+Dach und Dünen brannte und die Luft flimmerte.
+
+Es konnte ein Schiff sein, ein Kahn wohl oder ein Boot.
+
+Das Seeräuberblut regte sich in ihr, ungeduldig lief sie am Strand auf
+und ab. Ihre scharfen Augen unterschieden schon, ein Boot war es, voll
+Wasser geschlagen, eben, daß es trieb und ausguckte. Nur wenn eine
+große See es auf den breiten Rücken nahm und dann zurücklief, ragte es
+höher auf. Langsam schoben die Seen es näher heran und endlich saß es
+am Sand als Strandgut.
+
+Erst wollte Karen zurücklaufen und den Vater Niels, den Bruder Jens
+rufen. Aber sie besann sich anders und tat es nicht. So ging es nicht:
+Die Nachbarsleute konnten unterwegs sein, fanden es und hatten es. Sie
+überlegte, was sie machen sollte, dann zog sie eilig ihre Schuhe aus
+und streifte die Strümpfe ab. Ihr schauderte vor Kälte. Aber was half
+das? Sie schürzte den Rock auf und watete mit zusammengebissenen Zähnen
+in das eiskalte Wasser.
+
+Den Steven hatte sie erfaßt und schwang sich auf den Bordrand. Tastend
+suchte sie nach der Fangleine, um das Boot aufs Trockene zu ziehen,
+da stürzte eine riesengroße See heran und schäumte über das Fahrzeug
+hinweg. Sie war durchnäßt. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren,
+aber sie hielt sich im letzten Augenblick krampfhaft an der Ducht fest.
+
+Die See hatte es gut gemeint; als sie zurücklief, saß das Boot hoch auf
+dem Strand.
+
+Wegtreiben konnte es nun fürs erste nicht mehr. Wenn sie noch den Anker
+aufs Land brachte, war das Strandrecht gewahrt und sie konnte Hilfe
+holen.
+
+Sie wollte es. Es war so bitterkalt.
+
+So kalte Hände hatte sie.
+
+Sie schauderte vor sich selbst. Wie Totenhände waren sie, wie *fremde*
+Hände. Plötzlich fühlte sie eine andere Hand ... ein Fremder war bei
+ihr im Boot ... ein Toter ... Als gehöre es sich so, fühlte sie die
+Haare, die Nase, den Mund ... als wenn sie träume ...
+
+Wollte es denn nicht Tag werden?
+
+Über den Dünen wurde es doch schon hell ...
+
+Sie drehte sich wieder um und suchte nach der fremden Hand. Dann zog
+sie den Toten halb aus dem Wasser und legte ihn mit dem Rücken auf die
+Ducht.
+
+Der stille Mann war schwer.
+
+Er steckte in Ölzeug. Der Südwester hatte sich in den Nacken geschoben.
+Die Augen waren weit geöffnet und das Gesicht schneeweiß. Die Lippen
+waren fest geschlossen.
+
+»Jung,« dachte sie, als sie keinen Bart sah.
+
+Um die Hüften war das Bootstau geknotet -- so waren Boot und Mann
+zusammengeblieben.
+
+»Wer bist du?« murmelte Karen und beugte sich tiefer über ihn, um seine
+Züge zu erkennen, aber der Tag war noch zu grau.
+
+Wieder schlug eine große See klatschend über den Setzbord.
+
+Da ließ sie die Hände los und löste das Tau. Auf ihren starken Armen
+trug sie den Toten durch das Wasser und bettete ihn auf das Dünengras.
+Leise und scheu strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und schaute
+verwundert in die hellblauen Augen. Verwundert ... einen kurzen
+Augenblick.
+
+Dann stand sie auf und machte sich wieder mit dem Boot zu schaffen,
+über das die See fortwährend schäumte. Sie zog es etwas höher, dann
+entdeckte sie eine Pütz unter den Duchten und machte sich daran, das
+Wasser auszuschöpfen. Wenn auch die Seen immer wieder hereinschlugen
+und sie bei dem Winde kaum auf der Ducht stehen konnte, es glückte ihr
+doch, und als das Boot erst Luft hatte, kam es von selbst höher aus dem
+Wasser. Bald hatte sie es soweit leer, daß sie auf den Lohnen stehen
+konnte.
+
+Das Boot war fast neu. Sie beugte sich über den Achtersteven. »Gesine
+von Hamburg« stand da. Von Hamburg, von Deutschland, dachte sie und sah
+nach dem Toten hinüber.
+
+Es war Tag geworden -- sie gewahrte es und hielt inne. Dann sprang sie
+heraus und zog das leere Boot so hoch auf den Strand, wie sie konnte,
+band das Tau um einen herangeschleppten Felsen und lief die Dünen
+hinan. Der Wind wehte sie hinauf.
+
+Oben auf der Höhe kam es über sie, als habe sie etwas vergessen; sie
+mußte sich umdrehen und nach dem Toten gucken.
+
+So sonderbar war ihr zumute. Erst hatte sie sich gefreut, Vater und
+Bruder den Fund zu melden; nun war sie beklommen, war es ihr nicht mehr
+recht, was sie tat.
+
+Sie sah von oben mit einemmal auf ihr Leben hinab, auf ihr graues,
+stumpfes Leben. Ein Tag war wie der andere gewesen. Und die Gesichter
+immer dieselben. *Eine* Arbeit, *ein* Schelten und *ein* Gespräch.
+Immer das Alte, keinen Tag etwas Neues. Fünf Häuser waren es, und fünf
+Häuser blieben es. Und auf den Dünen wuchsen ewig keine Blumen. So
+war es immer gewesen und sie hatte es nicht gewußt: nun aber kam es
+über sie. Draußen auf der See, ganz weit hinten, daß sie eben noch zu
+sehen waren, gingen mitunter Schiffe vorbei: Segelschiffe und Dampfer.
+Die Segel erschienen so weiß und rein, und der Rauch stieg steil in
+die Luft. Da war die Welt, da fing sie an: da sangen und lachten die
+Menschen und trugen schöne Kleider. Wie oft hatte sie als Kind barfuß
+auf dem Sand gestanden und gewartet, daß ein Schiff, ein einziges nur,
+heransegele und sie abhole. Aber alle zogen vorbei und kamen ihr aus
+den Augen. *Einer* mußte kommen, einer, der anders war, als die sie
+kannte, der lachen und singen konnte, der sich freute und sie bei der
+Hand nahm, der ihr erzählte und sie fragte. Der hatte immer kommen
+sollen und war nicht gekommen.
+
+Sie schauderte ... da hinten lag einer mit hellblauen Augen ... ob er
+es war, der zu ihr gewollt hatte?
+
+Sie wollte nicht -- und trat doch ins Haus.
+
+»Vater! Jens!«
+
+Der buschige Schopf wurde zuerst sichtbar.
+
+»Was ist los?«
+
+»Ein Toter, Vater.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+Niels wollte sich schon wieder umdrehen.
+
+»Ein Boot auch.«
+
+Das half. Niels richtete sich auf.
+
+»Ein Boot?«
+
+Er stieß Jens heftig an.
+
+»Ein Boot, Jens! Aufstehn!«
+
+Das ließ sich selbst Jens nicht zweimal sagen.
+
+Niels stand schon in der blauen Unterhose da und suchte nach seiner
+seemännischen Ausrüstung. Zwischendurch fragte er in einem fort:
+
+»Wo ist es? ... Neu? ... Treibt es noch? ... oder sitzt es schon auf
+Land? ... Was steht dran? ... Und der Tote? ... Was für Zeug? ...«
+
+Jens war auch bald reisefertig, und alle drei wateten durch den Sand.
+Niels war guter Laune und erzählte von Schiffen und Gütern, die in
+früheren Jahren angetrieben waren. Daß der Sturm ihm fast den Mund
+verschloß, störte ihn nicht.
+
+Karen wies mit der Hand.
+
+»Seht! Da!«
+
+Karen war stehen geblieben.
+
+»Vater!«
+
+Niels drehte sich um.
+
+»Was willst du?«
+
+»Dem Toten müßt ihr seine Ruhe lassen. Den dürft ihr nicht anfassen.
+Versprecht mir das!«
+
+Jens lachte höhnisch.
+
+»Dumme Deern! Wenn das Zeug mir paßt, zieh ich's an. Der braucht nichts
+mehr.«
+
+Niels hustete.
+
+»Und wenn wir ihn melden, müssen wir ihn beerdigen lassen und vom Boot
+bleibt nichts nach. Wir begraben ihn in den Dünen und damit gut.«
+
+Jens schüttelte den Kopf.
+
+»Seemannsgrab, Vater, Seemannsgrab. Das wünscht sich jeder Matrose.«
+
+»Das tut ihr nicht! Das nicht! Versprecht mir das!« flehte das Mädchen.
+»Das dürft ihr nicht. Hört ihr?«
+
+»Mach doch nicht so 'n Lärm um den toten Mann,« knurrte Niels. »Freu
+dich, daß wir 'n Boot haben.«
+
+»Dann geh ich nicht mehr mit,« drohte Karen.
+
+»Geh meinetwegen nach Haus und koch Kaffee,« sagte Jens gleichmütig.
+»Wir können's allein.«
+
+Karen begann mit großen Schritten zum Strand zu laufen.
+
+»Willst du hierbleiben!« rief Niels, aber Jens sagte trocken:
+
+»Laß sie laufen!«
+
+»Was hat sie mit einemmal?«
+
+»Mag der Deubel wissen. -- Das Boot sieht gut aus.«
+
+»Das können wir brauchen.«
+
+»Nanu? Ist sie verrückt geworden?«
+
+»Lauf, Jens, und halt sie auf.«
+
+»Karen! Karen!«
+
+Die beiden fingen an zu laufen, aber bei dem schweren Wind kamen sie in
+dem tiefen Sand mit den großen Seestiefeln nur langsam vorwärts.
+
+ * * * * *
+
+Als sie am Strand ankamen, war das Boot schon ein gutes Stück vom Lande.
+
+Karen stand auf der Ducht und schob mit dem Haken ab. Schwer haute der
+Steven in die Seen, und das Fahrzeug dümpelte gewaltig hin und her,
+aber das starke Mädchen zwang es.
+
+»Karen! Karen!«
+
+»Dumme Deern, komm her.«
+
+Aber der Sturm verschlang jedes Wort, und das Mädchen sah sie gar
+nicht; ihre Augen waren bei dem Matrosen, der still und friedlich auf
+den Lohnen lag.
+
+Als sie weit genug war, kniete sie neben ihm nieder und faßte seine
+kalten Hände.
+
+Und setzte sich so, daß die blauen Augen sie ansahen.
+
+»Ich bring dich heim. Nach Esbjerg und nach Haus,« flüsterte sie und
+strich mit der Hand weich über seine Stirn.
+
+Sie sah die fürchterliche Flage nicht herankommen und gewahrte die
+riesige See nicht, die das Boot wie einen Käfer auf den Rücken warf ...
+
+Niels und Jens sahen es mit an.
+
+Es war ein stürmischer Novembertag ...
+
+
+
+
+Vor Ostern.
+
+
+Hans Banidt las in der Bibel.
+
+Er war grad vom Feld gekommen. Und vom Pflügen. Der dicke Schlick saß
+noch an seinen Schuhen. Die wollene Mütze hatte er abgesetzt. Mit
+aufgestützten Armen saß er an dem schweren Eichentisch und war mit
+allen Gedanken bei Johannes, dem vierten Evangelisten.
+
+Auf dem Hof und um die Wurt wurde es still. Die Knechte ließen das
+laute Erzählen, und die Mägde gaben das Juchen auf. Das Vieh in den
+Ställen verhielt sich sinniger. Die Hühner kletterten schlaftrunken auf
+den Wiemen. Der Hund lag müde an der Kette und rührte sich nicht. Sogar
+die Sperlinge verlegten ihre Abendschule von den Lindenzweigen nach dem
+Katendeich.
+
+Die Uhr tickte langsam und leise.
+
+Peter, der alte Knecht, saß am Fenster. Der sah die Sonne größer und
+roter werden, und tiefer und tiefer sinken. Bis sie mitten auf der Elbe
+stand. Bis sie unterging. Dann guckte er um die Ecke nach dem jungen
+Bauern, der so alt und gelehrt aussah und doch nichts von der Welt
+gesehen hatte, kaum vom Hof hinuntergewesen war. Er sagte aber kein
+Wort, der alte Peter.
+
+Still war es. Überall.
+
+Nur in der Küche nicht. Da klapperten Pütt und Pann und Teller und
+Tassen. Da war jemand, der es hild hatte. Da sang jemand. Helle Lieder,
+neue und alte. Bunt aus der Reihe. Und ließ nicht nach.
+
+Peter freute sich heimlich.
+
+Der Junge hatte es aber doch spitz gekriegt.
+
+»Mok de Kökendör mol to,« sagte er, ohne aufzusehen.
+
+Peter ging und tat es. Aber das half nichts. Der Gesang frischte auf
+wie der Wind bei der Flut und wurde nur umso lauter.
+
+Es dauerte nicht lange, da ließ Hans sich wieder vernehmen:
+
+»De Diern schall dat Singen nolaten.«
+
+Wieder ging der Knecht die halbe Diele entlang und unterhandelte mit
+dem Feinde. Aber die Deern ließ das Singen nicht sein.
+
+»Wenn se ne singen schall, kann se ok ne arbein, segg se.«
+
+Damit kam Peter zurück.
+
+Hans las Kapitel sechs noch zu Ende. Dann wurde es ihm über und er
+stieß die Tür auf.
+
+»De Heidenlarm schall uphürn,« scholl es laut und herrisch über den
+Flur.
+
+Das half auf dem Stutz. Ein paar Teller klapperten noch nach, dann flog
+die Tür knallend zu, und es wurde still.
+
+Hans Banidt konnte geruhig weiter lesen. Er tat es auch: aber lag es
+nun daran, daß das siebente Kapitel ihm nicht recht in den Kram paßte,
+oder daß die Schummerei schon zu hoch vor dem Fenster stand, oder daß
+da sonst eine kleine Käulnis über die Schallen gelaufen war: -- genug,
+er kam nicht weiter als bis zum dritten Vers. Eine Weile sah er es noch
+mit an, wie die Reihen durcheinander liefen, dann stand er auf und ging
+hinaus.
+
+Er wollte nach der Scheune und nach den Kälbern gucken. Aber als er
+niemand auf der Diele sah, dünkte ihn das nicht mehr so wichtig.
+Er blieb bei der Küchentür stehen. Ob die auch innen so braunrot
+gestrichen war? Das ging ihn wohl was an. Ganz gewiß. Er hatte die
+Klinke schon in der Hand -- aber die Küche war leer. Der Singvogel
+war ausgeflogen. Die Schüsseln standen noch da, und die Schürze lag
+groß und breit am Boden. So unklug, die feine Schürze so hinzuwerfen.
+Er mußte sich doch wohl bücken und sie aufheben. Glatt strich er sie
+auch mit den großen braunen Händen. Und die Spitzen und Fransen am
+Hals betrachtete er lange mit besonderer Sachkenntnis. Behutsam hängte
+er sie an den Nagel, und wieder hallte sein schwerer Schritt über die
+lange, dämmerdunkle Diele. Niemand war zu erblicken. Die Leute waren
+wohl alle nach dem Deich gegangen und klönten mit den Fahrensleuten.
+
+Die Fülltür stand noch sperrweit offen. Er machte sie zu und spähte wie
+zufällig über die Wurt.
+
+Dann ging er langsam auf die Bodentreppe zu. Das war keine Art von
+der Deern, einfach alles stehen und liegen zu lassen. Mir nichts, dir
+nichts fortzulaufen. Er wollte es ihr sagen. Morgen. Denn heute kam sie
+ja doch zu spät. Oben in ihrer Stube konnte sie nicht sein. Das war
+gewiß. Er brauchte gar nicht zuzusehen oder hinzuhören. Nur, damit er
+seiner Sache gewiß war, stieg er hinauf.
+
+Im Fenster glomm das Abendrot. Und am Fenster stand die Deern. Zwischen
+den Truhen. Nicht in ihrer Kammer, im langen, braungetäfelten Saal,
+wo bei den großen Hochzeiten getanzt worden war. Da stand sie, nur im
+kurzen, roten Röckchen und im Hemd und kämmte sich ihr Haar, das dunkel
+und schwer auf den Schultern lag. Der Nacken schimmerte weiß aus den
+Spitzen, und die runden Arme waren rosig vom Schein des Abends. Sie
+guckte hinaus.
+
+»Uuch, de Bur,« fuhr sie plötzlich herum und lachte ihn an. Aber sie
+schrie nicht auf wie die andern Mädchen, und lief nicht weg. Sie kämmte
+ruhig weiter.
+
+Er zog die Stirn in Falten.
+
+»Schamst di gornix?«
+
+Sie schüttelte übermütig den Kopf.
+
+»Schamen? Weil ick lange Hoor un runne Arms hebb? Nee, Bur!«
+
+Da holte er aber lang aus:
+
+»Weil du jümmer rümjuchs und springs un lachs. Lachen schimpt, Diern.
+Un mit jedereen geihs los und frees mit em und les di von Hans und
+Franz no Hus bringen.«
+
+So viel hatte er manche Woche nicht gesprochen.
+
+Sie lachte.
+
+»Ick bün *jung*, Buer.«
+
+»Dat bün ick *ok*.«
+
+»*Du?* Du? Mann, goh af! Du un jung? Du büs jo'n olen Knast, olen Kirl
+in 'n Löhnstohl. Lachs ne un spricks ne! Gott schall mi bewohrn!«
+
+Sie sah ihn spöttisch an.
+
+Da trat er einen Schritt näher und vergaß viel. Noch mehr aber lernte
+er hinzu. Sein Atem ging schwer.
+
+Sie fühlte es wohl, und eine wilde Freude kam über sie. Das Weib in ihr
+stand auf. Wie im Traume drehte sie sich herum.
+
+»Jung bün ick, Hans Banidt. Un den ick mag, den nehm ick.«
+
+Es war etwas Heiseres in ihrer Stimme, denn sie war zu weit gegangen.
+
+Da riß es auch den ernsten Bauern mit.
+
+»Nämst du mi ok?« fragte er schwer.
+
+So spricht kein Herr zu seiner Magd.
+
+Sie sah ihn von der Seite an, so seltsam --
+
+»Wenn du jung würs.«
+
+»Ick *bün* jung,« brach es da jach bei ihm los, wie im Sommer der erste
+Donner über das stille Land hallt. Dann riß er sie in seine Arme und
+drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar und fühlte den warmen Leib und
+wußte nichts mehr als:
+
+»Du ... Du ...«
+
+ * * * * *
+
+Am Heben leuchteten die Sterne, und wache Träume woben um die
+Pferdeköpfe am First.
+
+ * * * * *
+
+Den andern Morgen aber schirrwerkte Hans finster und unzufrieden auf
+dem Hof und knurrte mit den Knechten und schalt, daß es zu hören war.
+Über die ganze Wurt hallte seine harte Stimme. Nichts war ihm recht.
+Die Knechte sahen ihn schief von der Seite an.
+
+Geeschen stand am offenen Fenster. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
+Und die Deern lachte in sich hinein und summte vor sich hin und freute
+sich über das Geschimpfe des großen Bauern und dachte: »Ji schull'n 't
+man weeten.«
+
+Als sie zum Melken über die Diele ging, begegneten sie einander.
+
+»Morgen, Hans Banidt,« raunte sie leise.
+
+Er nickte nur und sah in eine Ecke.
+
+»Du denkst der woll aber no, wanehr du no'n Pasturn hinwullt, wat?«
+neckte sie.
+
+Da ging er batz aus der Tür.
+
+Sie aber blickte ihm sinnend nach und strich sich das Haar zurück.
+
+ * * * * *
+
+Als der Heben wieder mit Sternen besät war, gingen wieder junge Träume
+unter dem riesigen Strohdach um. Und die Nacht hatte flüsternde Stimmen.
+
+ * * * * *
+
+Peter brachte das Mehl von der Mühle und die Nachricht, daß Angk, die
+Katenalte, krank war und sich hingelegt hatte.
+
+Das war Geeschens Großmutter.
+
+Hans schickte die Deern denselben Tag noch zur Pflege hin.
+
+ * * * * *
+
+Dann schwieg der greise Pastor.
+
+Der junge Bauer war aufgestanden.
+
+»Die Bibel weiß nichts davon, Herr Pastor. Wenn die alte Frau selbst
+Hand an sich gelegt hat und nicht in der Reihe liegen kann und keine
+Rede kriegen kann, Herr Pastor, dann muß ich sie auf meinem eigenen
+Lande beerdigen und ihr selbst ein Gebet mitgeben.«
+
+Und seine schweren Schritte verklangen auf der Treppe.
+
+Am Staket stand der Schimmel. Er schwang sich hinauf und ritt davon.
+
+ * * * * *
+
+Den Abend vor Ostern war es.
+
+Da brannten zwei lange, dünne Kerzen in der verräucherten Kate zu
+Häupten der alten, toten Frau, deren spitzes, weißes Gesicht aus dem
+Sarg guckte.
+
+In den Ecken steckte schon die Nacht.
+
+Hans saß neben der Leiche und hatte den Kopf in die Hand gestützt und
+blickte unverwandt nach der Toten. Ein tiefer, grüblerischer Zug lag um
+seinen Mund.
+
+Geeschen streifte ihn ab und zu mit scheuen Blicken. Sie war fast bange
+vor dem starren Bauer, der sich nicht rührte und nicht regte. Sie
+lehnte am Fenster und sah nach den Lichtern auf dem Wasser. Sie hatte
+ein feines, schwarzes Kleid an, das Hans ihr aus der Truhe gesucht
+hatte. Es stand ihr wunderfein. In dicken Flechten lag das Haar um den
+Kopf. Und die Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren. An ihnen
+war kein Weinen zu sehen.
+
+Aber Hans sah davon nichts.
+
+Die Kerzen flackerten auf, als die Tür ging und Peter eintrat.
+
+Der Bauer stand müde auf.
+
+»Ward Tied,« sagte er dumpf und sah Geeschen an. Fragend begegnete sie
+seinem Blick. Dann begriff sie, preßte die Lippen aufeinander und ging
+an den Schrein. Sie drückte die kalte Hand zum letzten Male und ging
+wieder nach dem Fenster.
+
+Peter sagte treuherzig: »Adjüst, Angk.«
+
+Dann legte Hans das weiße Kleid zurecht, klappte leise den Deckel zu
+und verschloß den Sarg.
+
+Die beiden Männer trugen ihn langsam den Deich hinunter und setzten ihn
+in den grünen Kahn, der am Bollwerk lag.
+
+Es war eben Hochwasser gewesen.
+
+»Du bruks ne mit. Ick kann alleen klor warn,« sagte Hans und nahm die
+Riemen zur Hand.
+
+»Wenn du 't meens,« gab Peter zur Antwort und steckte die Hände in die
+Taschen und drehte bei. Unterwegs dachte er an die hundert Pülle grünen
+Kohls, die er für Angk noch auf dem Felde stehen hatte. Die kriegte sie
+nun nicht mehr und sie hätte sich so sehr darüber gefreut. Nun konnten
+sich die Hasen freuen.
+
+Geeschen hatte ein wollenes Tuch um den Kopf gebunden und den Kranz in
+die Hand genommen. Auf der Achterducht nahm sie Platz und legte den
+Kranz auf den Sarg.
+
+Sie band das Tuch fester. Es fror sie. Der Nachtwind kam kalt von Osten.
+
+Hans ruderte schweigend ab.
+
+Aus dem Sielgraben waren sie bald hinaus.
+
+Es war tiefe Nacht geworden. Tiefe, stille, feierliche Nacht. Am Heben
+ging der Mond durch die weißen Wolken wie ein König durch sein Volk.
+Auf dem Wasser blinkte und leuchtete er. Die Elbe war ruhig. Kaum daß
+die Lichter von der andern Seite, von Nienstedten und Teufelsbrücke,
+herüberglitten und -schwankten. Nur das Knarren der Riemen war zu
+hören, das Surren der wilden Enten, das Tropfen und Lecken der Riemen.
+
+Auf dem Perlenkranz stand der Mondschein starr und kalt, und über das
+düstere Gesicht des Bauern huschte er fast ängstlich.
+
+Geeschen guckte bald hierhin, bald dorthin.
+
+»Lot dat Kieken no,« sagte er.
+
+Da sah sie den Mond auf dem Wasser und griff mit den Händen danach. Er
+zerging in Stücke und wurde wieder gelb und rund. Vollmond und Halbmond
+hatte sie schon gemacht. Nun sollte das erste Viertel an die Reihe
+kommen.
+
+Da fragte Hans: »Wat heß du dor?«
+
+»Ick griep den Mon.«
+
+»Leß em sitten, hürs?«
+
+Sie hatte die Hand zurückgezogen, aber es dauerte nicht lange, da hatte
+sie sie wieder heimlich über Bord gestreckt und ließ sich das Wasser
+durch die Finger strömen.
+
+Er hörte es.
+
+»Nolaten!«
+
+»Warüm?«
+
+Da guckte er ernst auf den Sarg und tauchte die Riemen tiefer ein.
+
+Sie saß da mit ihrem raschen Herzen, mit ihrem warmen Leibe, mit ihrer
+köstlichen, goldenen Jugend und ihrer neuen, tauigen Freiheit. Wie
+Blumen und Sonne war es in ihr. Und sie mußte sich ducken, konnte nicht
+singen. Mußte frieren.
+
+Frieren? Es fror sie nicht. Nicht mehr. Das Tuch fiel ihr von den
+Schultern. Der Mond spielte mit ihrem Haar und floß um ihr junges
+Angesicht.
+
+Sie hielt das Schweigen nicht mehr aus.
+
+»Hans Banidt?«
+
+Er sah kaum auf.
+
+»Sitt dor ne so benüßt. Kiek mi an un snack 'n Wurd. Wi levt jo doch,
+Hans Banidt. Segg doch wat. Mi ward jo rein angs un bangen.«
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Wi hebbt Beerdigung.«
+
+»Hans Banidt, di deit dat leid, dat't so kamen is, ne? Du wulls, dat du
+mi ne sehn hars, wat?«
+
+Er unterbrach sie schroff.
+
+»Wees still, Diern.«
+
+Da gab sie es auf und schwieg.
+
+Auf dem Neß und am Süllberg flammten Feuer auf, große, rote Feuer.
+
+Sie wies mit der Hand hin.
+
+»Kiek, kiek, Hans Banidt! De Ostermonen! Wo grot, wo fein! Dat is
+Ostern! Ostern, Hans Banidt!«
+
+Er knurrte. Das Gespreche störte ihn. Er wollte nichts wissen.
+
+Sie sah ihn groß und fragend an, bis das kleine Eiland erreicht war.
+Es war der Swiensand, der verlorne Posten zwischen Blankenese und dem
+Alten Land, hundert Schritt im Umkreis Sand und Schlick, in der Mitte
+Weidenbüsche.
+
+Scharrend stieß der Kahn auf den Sand und saß fest. Hans stand auf und
+zog ihn hoch aufs Trockene.
+
+Da konnte Geeschen ausspringen und lief behend nach den Weiden.
+
+»Kiek, Bur! De feinen, weeken Katten!« Und riß gleich an einem Zweig.
+Aber der war zäh. Sie mußte ihn zuletzt durchbeißen.
+
+Der Bauer hörte nicht darauf.
+
+Er hatte den Sarg auf den weißen Sand gesetzt und war mit Schaufeln und
+Äxten dabei, das Grab zu machen. Durch die Wurzeln mußte er sich hauen,
+mußte graben und graben fast eine Stunde lang.
+
+Geeschen umkreiste das kleine Land und lief in Sprüngen über den Sand.
+Sie ahmte das Schreien der Möwen nach und machte sich ein Erdbeben in
+dem feuchten Sand.
+
+Von Zeit zu Zeit wischte Hans sich die Tropfen von der Stirn und schalt:
+
+»Lot dat Speelen no.«
+
+»Ans frier ick.« rief sie.
+
+Dann schlich sie sich behutsam hinter ihn und strich ihm mit den
+Weidenkätzchen die Backen und war wie ein Iltis davon.
+
+Von den bunten Muscheln suchte sie einen ganzen Berg zusammen. Sie
+baute aus ihnen ein Haus mit geschickten Händen.
+
+Ordentlich warm wurde ihr dabei.
+
+Hans kam.
+
+»Ick mok 'n Gruft un du?«
+
+»Ick mok 'n Hus,« sagte sie wichtig. »Kiek mol, Hans, wat för 'n Hof.«
+
+»Du bis 'n Kind.«
+
+Dann mußte sie mit ihm gehen.
+
+Der Sarg stand schon in der Tiefe.
+
+Geeschen ließ den Kranz hineinfallen, und es schauderte sie. Hans nahm
+die Mütze ab und betete laut ein Vaterunser und setzte hinzu:
+
+»Du ligs hier eensom, Angk, bi Meben und Kreien, ober still un geruhig
+-- un mihr wulls du jo ne. Amen.«
+
+Dann rauschte der Sand hinab, und Sarg und Kranz verschwanden. Als der
+Hügel sich wölbte, steckte er die Schaufel beiseite und sah Geeschen an.
+
+Langsam streckte er ihr die Hand hin.
+
+»De Dode is versorgt. Nu kommt de Lebendigen wedder anne Reh.«
+
+Ein fester Lebenswille stand in seinen Augen. Da legte sie ihre kleine
+Hand in seine große und sah ihn lange an. Und in beider Augen glomm es
+auf.
+
+Dann lief sie fort, und als er ihr noch verwundert nachsah, da hatte
+sie schon einen Haufen Feeks zusammengeworfen und zündete ihn an. Und
+eine helle, rote Flamme prasselte auf.
+
+»Wat schall dat denn nu?« fragte er.
+
+»Is doch Ostern!« rief sie, »smiet man Feek up!«
+
+Und er tat es. Ihm war wunderlich geworden. Größer und größer wurde das
+Feuer.
+
+Der Schein wallte auf dem Wasser, als sie heimfuhren. Da sagte er es:
+
+»Wullt du mien Fro warn?«
+
+Sie sah ihn groß und schweigend an, -- und schweigend fuhren sie ans
+Ufer.
+
+ * * * * *
+
+Fern auf dem Swiensand leuchtete noch das Osterfeuer durch die Nacht.
+
+Aber die Hähne krähten schon, und Ostern wollte es werden.
+
+
+
+
+Kassen Witt sin Freeree.
+
+
+Kassen Witt lewt sin Gild.
+
+He hett dat Arbein ne mihr neudig. Söbentwintig Joahr hett he no See
+foahrn, up allerhand Oart un Wies', as Jung, as Knecht, as Settschipper
+un as Schipper. Doarbi hett he bi lüttjen so veel up'n Dutt kreen, datt
+he dat geruhig mit ansehn kann, wenn de annern sich afrieten möt. He
+hett sin lüttj egen Hus, hett Hof un Diek, hult sich 'n poar Hünner,
+mokt sich 'n Swien fett -- un wat dat doarbi to schirrwarken gift, dat
+kann he meist in'n wittbunten Buscherump un mit 'n Brösel in 'n Mund
+af. De Nobers segt: he harr sich dat fein utklamüstert, em kunn keen
+See un keen Wind wat mihr dohn, un he much woll lachen, wenn de annern
+schreen müssen.
+
+Letzt wür Kassen Witt ober ne tofreden. He kunn ne recht mihr kloar
+warn un dacht, he kunn bi sin Joahrn woll noch ganz leiflich freen. As
+he noch foahrn dä, harr he doar nix van af weeten, do harr he an so'n
+Krom ne dacht: ober nu kreupen de Heiratsgedanken obends mit em up 'n
+Bitt un stünn'n morgens mit em up. Wokeen he freen wull, harr he ok
+all fastsett. Sill schull dat wesen, de swatthoarige Sill, de mit em
+ut de School kommen wür un de he do woll all 'n ganz lüttig beetjen
+lien mucht harr. De harr ok keen afkreen, sünder dat he jüst to seggen
+wüß, worüm se oberbleeben wür. Enkelte sän, se harr ne uppaßt, oder, se
+harr to veel snootert; welk meenen, se harr ne wullt, welk, se harr all
+bitieds dat Hexen van ehr Mudder lihrt -- un dorüm harr doar keeneen
+anto wullt. Mucht wesen as't wull: Sill wür 'n glatte Diern wesen, harr
+danzt un rümjucht as de annern, se wür nu ok noch 'n troße, gohtliche
+Fro. Kassen harr doar woll Lust to. Datt se beetjen to veel snacken
+dä, versleu em nix, doar wull he woll mit kloar warn; he kunn ok 'n
+deftigen Kurrboom snacken. Un wenn se keen hebben wullt harr: 'n gralle
+Diern brukt doch ne jeden Hans un Franz to nehmen -- un kunn Sill ne
+ganz god up em teuft hebben? -- Bloß mit de Hexerei wüß Kassen sich ne
+recht to stilln: dat wür noch dat Leegste. Wenn Sill hexen kunn, denn
+harr he den Mot woll batz sacken loten mucht, ober för gewiß wüß dat jo
+keeneen un de Lüe snacken sich oberlingen eendeel trech.
+
+Dem Deubel ook, wat wür dat noch förn fein Wief, wat güng se noch troß
+langs 'n Diek! Ehr Ploten weih inne Wind. Folten würn in ehr Gesicht
+noch ne gewohr to warn, un 'n Gang harr se as 'n junge Diern, de no
+Musik geiht. Kassen keek ehr 'n ganze Tied noh. Ne, nu kunn he dat ne
+mihr utholn. Un inne Schummeree pett he sich mol no ehr langs.
+
+Sill seet in ehr Kök un wür bi't Knütten. De griese Koater seet blangn
+ehr up de Bank.
+
+Kassen füng an to hoffen.
+
+»Nobend, Sill.«
+
+»Nobend! ... Kassen? ... Non? ... Wat heß du denn, dat du mi besöchst?
+Legt din Hünner keen Eier genog oder fritt din Borch ne good?«
+
+Kassen sett sich up 'n Löhnstohl.
+
+»Ne, Sill, dat wull jüst ne. Dat Veehwark is good up 'n Schick. Ober
+ik much woll giern mol 'n Wurd mit di alleen snacken, Sill. Kiek mol,
+Sill, so geiht uns dat: Du sittst hier alleen un ik sitt doar alleen,
+du kookst för di und ik för mi, dat is eensom un köst duppelte Füerung.
+Wenn wi nu tohoop kooken däen, Diern, schull dat ne beter gohn? Ik
+gleuwt meist! Wollt wi uns Plünnen tohoop smieten?«
+
+»Och, Kassen Witt! -- Dat harrst man leeber ne seggen schullt. Du
+harrst den Krom sinnig angohn loten müßt, ne gliek so mit de Klumpfust
+uppe Nees!« --
+
+Dat güng em schetterig. He kreeg keen Been mihr anne Grund. Sill güng
+mit Würden up em dol, as de Klimmer up 'n Heenküken oder as de Floot bi
+vulln Moon un harten Wessenwind up 'n Diek. Wat he woll wüß un wat he
+woll müß, wat he woll schull un wat he woll wull, so neihte se em. Ehr
+Doog ne! Freen! Wenn se dat wullt harr, harr se noch 'n ganz annern
+krien kunnt, un wenn se dat wull, denn kree se vundoog noch 'n ganz
+annern. Ober nee, se wull mit de Mannslüe nix to dohn hebben, se kunn
+dat so beter hebben. So güng dat lustig wieder.
+
+Kassen dreew bannig oberstür bi düsse Gelegenheit. He füng noch 'n
+poarmol wedder an to krüzen un uptoluven, ober he keem gegen Sill ne
+an. Ehr Koater wür ehr leber as een Mann, sä se. Se harr ehrn Koater,
+un solang se denn noch harr, wür se ne alleen. De wür trohartiger as 'n
+Minsch. Doarbi nehm se dat ole griese, täsige Diert up 'n Schoot, un ei
+dat van 'n Kupp bit no 'n Stiert, as wenn't ehr eegen Kind wür.
+
+»Ne, min seute Koater?«
+
+Dat kunn Kassen ne mit ankieken. Dat wür em all lang to stur wurden up
+düsse See. He dreih bums bi un seil no Hus.
+
+»Wi snackt doar noch mol ober, Sill,« sä he batz un rabaster den Diek
+langs as 'n Peerd, dat fillenloopen is.
+
+»Hö! Hö! Kassen, wat büs du denn so inne Foahrt?« reep Ol-Gierd em no,
+ober Kassen hür doar goarne no hin un leep wieder.
+
+As he in 'n Hus wür un blangen den Oben seet, den Krom noch mol eulich
+nodacht, güng de Dör open un Ol-Gierd keem inne Dönß rin.
+
+»Hest mi goarne antert, Kassen,« sä he un güng an 'n Disch ran. Doar
+kreeg he den Tabakskassen her un stopp sich sien Piep vull.
+
+Kassen bier, as harr he nix hürt.
+
+»Lang mi mol 'n Rietsticken her.«
+
+Kassen geef em Füer un Gierd füng an to paffen. Tiedlang duert, to füng
+Kassen an:
+
+»De Wieber döht all nix.«
+
+»Non? Wat kummt dat denn? Dat lot jüm man ne wies warn, ans kratzt se
+di woll dien scheune Nees twei.«
+
+»Könnt se all weeten.«
+
+»Kassen, wat hest denn mit jüm hatt? Hest woll freen wullt un hest
+'n poar Schoh kreen? Se hebbt doar all van snackt, dat du an't Freen
+dinkst.«
+
+Kassen wör gnatterig.
+
+»Denn lot jüm man van wat anners snacken,« gnurr he, »ik will ne mihr
+freen.«
+
+Nu kree Gierd dat Gucheln.
+
+»Härrhärrhärr! Büs woll bi Sill wesen un hest dat Jowurd holn wullt?
+Dat is nich so leicht.«
+
+Kassen keek sin Makker scharp an, do sä he: »Kanns swiegen, Gierd?«
+
+Gierd nicküpp: »As 'n doode Nebelkreih, dat kann ik di flüstern.«
+
+Kassen snack sinniger.
+
+»Denn will ik di wat seggen, Gierd. De Sill, dat is 'n Hex, 'n Hex up
+'n Hauböön, mags dat gleuben oder ne. De is mit 'n Dübel verfreet, un
+dorüm kann se sich ne verheiraten. Un weeß, keen de Dübel is? Ehr
+griese Koater: de mok erst 'n poar Oogen as Ewerklüsen.«
+
+»Wat sä Sill denn, as du ehr froogen däst, wat se dien Fro warrn wull?«
+
+»Se sä: ne! Se harr dat so beter un solang se ehrn Koater noch harr,
+nehm se keen Mann.«
+
+Gierd puß, dat all meist dick van Dook inne Dönß wür. Mit 'n Mol kneep
+he de Oogen tohoop:
+
+»Mann, Kassen! Nimm ehr den Koater weg! Drull ehr dat Diert! Denn mütt
+se jo 'n Mann hebben un denn nimmt se di oberlingen.«
+
+»Mi?« Kassen wür noch ungläubig as Thomas. »Denn holt se sich 'n annern
+Koater.«
+
+»Wat woll! So'n Wief geweuhnt sich ehr an'n Mann, as an'n anner Stück
+Veehwark. Drull ehr man den Koater.«
+
+»Ik mag't ne dohn, Gierd. Dat Wief kann hexen. Wenn de Katt weg is,
+kloppt se dreemol up 'n Disch: denn hett se ehr wedder.«
+
+Gierd teuh em an'n Arm.
+
+»Dat ward sich doarbi utwiesen,« sä he plietsch. »Hext Se di den Koater
+wedder ut't Hus rut, denn is se 'n Hex un du letts ehr loopen. Ans
+nimmst du ehr to Fro.«
+
+»Ik bün man bang för den Koater, un woneem schall ik doarmit hin?«
+
+»Sett em up din Böön fast, doar grippt he sich woll so veel Müüs, dat
+he leeben kann. Jeden Dag noch 'n Schöttel Melk -- doarmit basta.«
+
+Kassen stöker dat Füer no.
+
+»Wees wat, Gierd? Ik nehm ehr den Koater weg.«
+
+ * * * * *
+
+Seit de Tied luer Kassen Witt denn nu Sill ehrn griesen Koater up. Ober
+so licht as'n Snööf wür de ne to krien, dat harr Kassen bald spitz.
+Wenn dat düster wür, schul he sich in'n Binnendiek langs un smeet
+Fisch un Fleesch hin. Swatte und witte Katten keemen bald ankroopen un
+freeten un gnurrten, ober de griese Koater wür doar ne twüschen. Oder,
+wenn he mol doartwüschen seet, wür he so wild, dat he sich ne griepen
+leet. Een Obend ober still Kassen sich achtern groote dicke Esch, un
+do harr he Glück un kree den Koater in'n Nacken to packen. As he miaun
+wull, steek he em gau in'n Sack un do in Sprüngen twüschen de Wicheln
+langs un no Hus hin! De Bööntripp rup, de Dör open gereten, den Sack
+utschütt, de Dör towarbelt, de Tripp dolsust: dat würn Oogenblick
+Sook. Kassen frei sich, dat he dat Diert harr, ober bang wür he doch
+bannig, un as dat boben an to russeln füng un to jauln, puß he bums
+dat Licht ut, kreup inne Kubutz, scheuf de Bree to un weuhl sich deep
+inne Küssens rien, dat he nix hürn un sehn kunn. Annern Morgen slirrk
+he up Strümpfsööcken rup'n Böön, mok de Dör 'n lüttj beetjen open un
+keek ünner de Pannen langs. Wat verjeuch he sich, de Kater wür narrns
+to blicken. He kreup wieder inne Dör, to verjeuch he sich wedder; de
+Koater leeg up 'n ol Goarn un sleep. No dat Verjohn ober frei he sich
+bannig, hol den Koater 'n Stück Fleesch un 'n Schöttel vull Melk, un as
+de mit de roote Tung slappen dä, to wüß Kassen, dat dat 'n euliche Katt
+wür, de nix vanne Hüll afwüß, un dat Sill keen Hexenkrom moken kunn, --
+un he keem sich bannig kloog vor. As he den Koater wedder bemokt harr,
+steek he de Hann inne Büxentaschen un slarp gemütlich den Diek lang.
+Doarbi mok he so'n unschüllig Gesicht, as wenn he keen Swien schreen
+hürn kunn. Bi Sill ehr Koat bleef he bistohn un keek no't Woater
+hindool. Un luer up. Richtig duer dat ok ne lang un Sill wör em gewohr.
+
+»Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ...
+
+Kassen sä jo, ober he keek ne üm.
+
+»Vergeew noch mol to, Kassen! Hür doch mol up! Heß min Koater ne sehn?«
+
+»Soll ich deines Katers Hüter sein?« freug Kassen un keek ehr an, as
+wenn he ehr dull to wür.
+
+»Ne, eulich! Heß em ne sehn?«
+
+»Kiek ik no Katten? Ik hebb din Koater ne sehn! De sitt woll up 'n
+Böön!«
+
+»Nee, nee, Kassen. Up 'n Böön is he ne. De is weg.«
+
+Kassen dach: hex em doch wedder her! un meen:
+
+»Dien Koater is di wegloopen?«
+
+»Wegloopen? De löppt ne weg. Drullt is he mi!«
+
+Kassen keek no Hamborg rup:
+
+»Anner Week is de Doom, Sill,« sä he trurig. »Doar ward 'n barg Heiße
+mokt. Wokeen harr dat dacht!«
+
+Sill leet em ne utsnacken.
+
+»Snack ne so dwatsch,« schüll se, »kumm rin un drink 'n Taß Kaffee mit.«
+
+Dat dä Kassen un höh sich in'n Stillen ober Sill, de noch jümmer söch
+un reep. Se keek allerwärts to, ober de Koater wür weg un bleef weg. He
+wull em mit seuken hilpen, sä Kassen toletzt un güng rut -- ober de un
+seuken!
+
+Middogs seh he Sill inne Höf rümstreupen un hür ehr: »Koater! Koater!«
+roopen.
+
+Annern Dag söch se noch.
+
+»Kassen, wat komm ik ok doch an.«
+
+He nicküpp, ober he sä nix. He leet noch sinnig 'n poar Doog vergohn.
+To füng he bi lüttjen an mit ehr dorvon to snacken, wie trurig dat för
+ehr wür, so ganz alleen to husen. Un se kunn doch man 'n anner Katt
+nehmen.
+
+Sill keek em an, as wenn he 'n Spleen kreen harr. Ober he mok 'n ganz
+trohartig Gesicht, as wenn he ne bit fief tillen kunn.
+
+Poar Doog loater keem he wedder.
+
+»Sill, wat bün ik ok doch meuh. De ganzen Doog hebb ik nu wedder
+rümsöcht un rümfroogt. De Koater is un blifft weg. De Lüe lacht een all
+wat ut. Beduern kinnt dat Hansjochenpack ne.«
+
+Sill schüer sich de Oogen.
+
+»Ik weet, Kassen. Se lacht mi arme Fro all wat ut. Bloß du ne. Du büs
+'n vernünftigen Kirl.«
+
+Kassen mark up, ober he sä noch wieder nix. Langsam un wiß, dach he.
+Morgen för Morgen klau he up 'n Böön rup un geef den Koater wat to
+freeten, un Morgen för Morgen keek he mol bi Sill rin un beduer ehr.
+
+Up't letzt nehm he 'n Tofoahrt:
+
+»Sill, dat mütt di doch eensom wesen.«
+
+»Kassen, ik bün doar unglücklich ober. Ik mag in min eegen Hus ne mihr
+wesen.«
+
+»Sill, war ne krank doarbi.«
+
+»Kassen, dat kann kommen.«
+
+Se snack lang so veel ne mihr, so dull nehm se sich de Geschichte to
+Harten, un wenn se ne noch van ehr Mudder her swatt gohn harr, gleuf
+ik stiew un fast, harr se nu swatte Kleeder anthon un üm ehrn Koater
+truert.
+
+Kassen güng Tritt för Tritt un keem jümmer beetjen wieder. Sill leep
+ne mihr weg, wenn he van Heiraten snack. Toletzt kunn he ehr liekuplos
+froogen, wat se em staats 'n Koater hebben wull. Se sä ne jo un sä ne
+nee -- den ersten Dag, den tweeten sä se half jo und half nee, denn
+drütten wör dat »jo« jümmer gröter, dat »nee« jümmer lüttjer -- un
+no'n Week sä se jo, ober se sett doch noch doarbi: »Wenn ik min Koater
+noch harr, denn harr ik ne mihr freet. Ober nu is't eendohnt.«
+
+Kassen Witt keem sich vör as 'n Keunig. He güng no'n Pastur dol un leet
+upbeeden un leet sich bi'n Snieder 'n nee Pattje anmeeten.
+
+Doarbi seet de Koater noch jümmer in sin Gefängnis. Kassen dach doar
+mannichmol ober no. He wüß ne recht, wat he doarmit moken schull.
+Doodslogen much he em ne. Ganz toletzt säh he sich: wenn de Hochtied
+wesen is, lot ik em loopen, denn is Sill min Fro un mütt bi mi blieben.
+
+ * * * * *
+
+So dach Kassen Witt un wüsch sien Hannen in Elwwoater un meen, sin
+Streich wür em glückt.
+
+Ober dat keem doch 'n beetjen anners.
+
+Sill kree up'n mol Lust, Kassen sin Gewees, Hus un Hof, to bekieken,
+mol to sehn, wat se as Fro all ünner de Hannen kree. Kasten dach doar
+woll an, dat de Koater vullicht jauln kunn un em oahn nix goods, ober
+nee kunn he doch ne seggen, wenn se ne oahnig warn schull. He wies ehr
+nu den Diek, den Groaben, den Hof, dat Schuer, den Killer un teuh dat
+allens gehürig inne Ling. To güng he wieder.
+
+Ober Sill wull dat Hus noch boben sehn. He müß ehr Köök, Dönß, Komer un
+Krom wiesen, ober he mok dat so gau af, as he kunn.
+
+»So, Sill, dat wür allens,« sä he un mok de Dör open, as wenn he
+weggohn wull. »Uh, kiek mol den grooten Damper doar in't Foahrwoater!«
+
+»Den Böön hebb ik doch noch ne sehn,« sä do ober Sill un sett den Foot
+up de erste Tripp.
+
+Kassen still sich an, as wenn he nix hürt harr. He wies wedder no't
+Foahrtwoater hin.
+
+»Kumm doch mol rut, Sill,« reep he noch harter, »un kiek di bloß mol
+den grooten Steamkassen an. Wat dat förn Koloß is! Dat is jo woll de
+Ameriko! Wat förn Diert!«
+
+Ober Sill keem ne.
+
+Se reep wedder:
+
+»Ik will mi erst den Böön besehn. Lot den Damper man susen.«
+
+»Den Böön wies ik di morgen, dat is nu all to düster,« sä he gau un
+dach: wenn se morgen kummt, sett ik den Koater solang up't Schuer, denn
+ward se em ne gewoahr.
+
+Se güng ober spöttenup.
+
+De Sook wör mau.
+
+»Doar kanns du ne rup, Sill,« reep Kassen iernst un keem neuger.
+
+»Worüm ne?«
+
+»Diern, dat geiht ne. Jerst mol is dat all to düster, un denn steiht
+doar allens up 'n Kupp. Doar bricks du Arms un Been.«
+
+»Dat deiht nix. Ik will doar wenigstem mol rupkieken,« sä se.
+
+De Sook wör mau.
+
+»Au ... au ... au ...« jaul Kassen.
+
+Se stünn still.
+
+»Wat heß?« freug se.
+
+»Au ... au ... au ... mi is de Ramm int Been schooten. Ik kann ne mihr
+stohn. Smeer mi gau 'n beetjen.«
+
+Ober se wür neeschierig worden un wull nu mol den Böön sehn.
+
+»Au ... au ... au ...« jaul Kassen wedder.
+
+Mit 'n Mool füng *de Koater up'n Böön an to jaulen*.
+
+Sill hür dat gliek un kenn ok de Stimm gliek.
+
+»Dat is min Koater! Verdreihte Kassen Witt! Nu weet ik Bescheed, du heß
+em drullt! Teuf! Lot mi em erst mol wedder hebben!«
+
+Doarmit se de Bööntripp rup.
+
+Kassen sin Been wür werkwürdig gau wedder heelt, he stünn batz up, as
+he den Koater miaun hür, neem sin Been inne Hand, leep in Sprüngen
+den Diek dol, klau gau in'n Kohn un schipper van'n Diek af, bit he in
+Sicherheit wür.
+
+Mit de Hochtied wör dat nix, dat mark he woll, ober he wull doch
+wenigstem sien gesunden Oogen un Backen beholen.
+
+Kiek: doar keem Sill ut de Husdör un achter ehr ran de Koater. Kassen
+kreup meist ünner de Ducht, ober se wör em doch gewoahr. Jüst wull se
+losleggen, to schufudern, to seh se all de Lüe up'n Diek stohn, de all
+de Sook markt harrn un lachen. Sill besünn sich: dat harr ok woll noch
+Tied.
+
+To nehm se ehrn Rocksoom mit de Hand up un teuh den Rock so hoch, dat
+de bunte Ünnerrock to sehn wür, un güng as 'n Gräfin den Diek langs. Sä
+keen Goodendag un nix.
+
+Un de Koater mit hoogen Stiert achteran.
+
+ * * * * *
+
+Dat heet: twee Doog noher harr Kassen Witt doch een verbunden Gesicht,
+woneem he 'n poar Weeken mit rümloopen is.
+
+Sien Gild lewt he noch -- ober van dat Freen will he nix mihr weeten.
+
+ * * * * *
+
+
+ Anhang.
+
+ schirrwarken=bewerkstelligen, utklamüstert=ausgetüftelt,
+ leiflich=leicht, troß=stolz, gohtlich=annehmbar, Sill=Cäcilie,
+ Leegste=Schlimmste, oberlingen=vielleicht, eendeel=irgendwas,
+ blangen=neben, Klimmer=Habicht, bannig (unbändig)=sehr,
+ all=schon, oberstür=zurück, rabastern=rasen, bier=tat,
+ Gucheln=Lachen, ans=sonst, drull (v. nord. Troll)=stahl,
+ stiehl, schul=schlich, he vejeuch sich (verjagte sich)=er
+ erschrak, bemookt=eingesperrt, klau=kletterte, Tofoahrt=Anlauf,
+ eendohnt=einerlei, Pattje=Anzug, spöttenup=treppauf, Ramm
+ inne Been=Hexenschuß, schufudern=schelten, enkelte=einzelne,
+ nicküpp=nickte.
+
+
+
+
+Pulli.
+
+
+Hamburg war Baas.
+
+Es war Baas zu Wasser und zu Lande, weil die Sonne schien und weil
+Sonntag war; ihm gehörten der grüne Sachsenwald und das rote Helgoland,
+der weiße Timmendorfer Strand und die blitzenden holsteinischen Seen,
+ihm eigneten die Deiche von Vierlanden bis zur Lühe, die Elbe von
+Lauenburg bis zum letzten Feuerschiff, die Berge von Geesthacht bis
+Schulau, die Heide von Lüneburg bis vor die Tore von Buxtehude. Das
+alles, mit Wegen und Wogen, Blumen und Häusern, nahm es breit und
+selbstverständlich in Besitz.
+
+Westlich von den Zeugen der Heiden- und der Seeräuberzeit, dem
+Opferberg und dem Falkenberg, zog ein hamburgisches Fähnlein tapfer
+und fröhlich über die neugrünende Heide; oft blieb es stehen und hielt
+Umschau, es verlängerte und verschönte sich den Weg mit Wald- und
+Wanderliedern, und tat sich etwas darauf zugute, daß es Lerchen über
+sich und Grillen unter sich hatte.
+
+Zwei Schwestern waren es, schlanke, blonde Hamburger Deerns, mit
+hellen Augen und kecken Nasen, ein junger Lehrer mit einem Kopf voller
+Hochziele und ein kleines Schreiberlein, das aus einem der vielen
+Schreibstuben ins Freie geflüchtet war. Es schritt an der Spitze der
+Gruppe, hatte sogar einen Rucksack mit und war wohl guter Dinge. Auf
+dem Steindamm hatte es sich den Dreien angehängt, weil es das eine
+Mädchen kannte, und war bei ihnen geblieben, obgleich es schon anfing,
+seinen Entschluß zu beklagen, denn es war gewohnt, allein zu wohnen
+und zu wandern, auch wußte es nichts zu erzählen. Es hatte immer große
+Angst, heimliche Furcht vor dem Leben und vor Menschen, zu denen es
+nicht gehörte. Die empfand es auch jetzt wieder und um so schwerer, als
+es sie durch äußerliche Lustigkeit verscheuchen wollte.
+
+Armes Schreiberlein.
+
+ * * * * *
+
+Das stille Fischbek mit seinen Eichen und Birken war durchquert, und
+die kleine Gesellschaft ging auf der großen Landstraße entlang, die von
+Hamburg nach Stade führt; sie suchten den Moorweg. Dieser fand sich
+auch bald: aber als sie umbiegen wollten, stand gerade an der Ecke
+ein Hund, ein schönes, weiß und gelb gezeichnetes, sauberes Tier mit
+blanken, klugen Augen. Unbeweglich stand es da und sah den Kommenden
+entgegen, als erwarte es sie. Vor allen wurde das Schreiberlein darauf
+aufmerksam. Näher gekommen, fing es an, zu locken und zu schmeicheln.
+
+»Non, Pulli! Wat makst du denn dor?«
+
+»O, guckt bloß mal, was für 'n schöner Hund,« rief eins der Mädchen
+lebhaft.
+
+»Feiner Kerl,« lobte auch der Lehrer.
+
+Der Hund aber sah das Schreiberlein an, dann bellte er freudig und heiß
+auf und stieß mit den Vorderpfoten heftig in den Heidesand.
+
+»Pulli, sitt dor 'n Rott?« fragte das Schreiberlein, belustigt
+teilnehmend, aber das andere Mädchen gab ihm einen Rippenstoß.
+
+»Ratte? Er will den Stein wiederholen, Sie. Werfen Sie ihn mal weit
+weg. Man zu!«
+
+Rasch bückte das Schreiberlein sich. Der Hund wurde toll vor Eifer
+und wollte zuschnappen, aber die Hand entriß ihm doch den Stein und
+warf ihn ein Stück den Weg voraus. Bellend stob er nach, daß der Staub
+aufwirbelte, schoß mit Schnauze und Pfoten tief in den Sand hinein,
+scharrte heftig den Stein heraus, nahm ihn mit dem Maule auf und sprang
+eilig und schweifwedelnd mit ihm zurück. Vor dem Schreiberlein blieb er
+stehen, das ihm den Felsen abnahm und den Kopf streichelte. Es war in
+Fröhlichkeit gekommen, als es das Tier so fröhlich gehorchen sah: das
+war ihm noch nicht begegnet und rührte es tief.
+
+Pulli aber wollte von Liebkosungen nichts wissen, er suchte in den
+Wagenfurchen nach andern Steinen, und als er sie entdeckt hatte, blieb
+er davor stehen und sprang wie vorher mit den Vorderfüßen darauf los.
+
+»Noch een, Pulli?« fragte das Schreiberlein freundlich, griff schnell
+zu und warf einen zweiten Stein, der ebenso rasch geholt wurde. Des
+Hundes Eifer wurde immer größer, je mehr Steine flogen. Die Augen des
+Schreiberleins strahlten, so große Freude empfand es. Aber auch die
+andern sahen dem prächtigen Tier gern zu und warfen auch Steine. Alle,
+wenn sie nicht gar zu groß waren, holte es gehorsamst zurück, aber
+wenn es sich des Gegenstandes entledigt hatte, sah es doch zuerst nach
+dem Schreiberlein, stieß mit der Nase an dessen Hand und ermunterte es
+durch Bellen und Scharren zu neuen Würfen. Diese Bevorzugung behagte
+dem Schreiberlein über die Maßen, und es wurde nicht müde, mit dem
+Hunde zu sprechen und ihm das Fell zu glätten, soweit die Ungeduld des
+Tieres es zuließ, das sich in Kreuz- und Quersprüngen nicht genug tun
+konnte.
+
+Es trug kein Halsband, so mußte es doch gewiß aus dem Dorfe sein,
+dachte das Schreiberlein und war betrübt, daß es mit dem Spiel zu Ende
+ging, denn sie waren mittlerweile schon weit in das Moorgebiet geraten
+und mußten daran denken, den vierbeinigen Spielvogel nach Haus zu
+schicken. So flog denn ein Stein weit zurück, begleitet mit dem Rufe:
+»So, Pulli, den nimm mit, un denn no Hus!«
+
+Wohl sprang der Hund bellend nach, aber er kam getreulich mit dem Stein
+wieder. Das Schreiberlein klopfte ihm den Hals und nahm ihm den Fund
+ab, dann wies es mit der Hand zurück: »Goh no Hus, hörst!« Aber Pulli
+blieb und wedelte.
+
+»Na, denn gah noch 'n Stremel mit,« sagte das Schreiberlein gutmütig
+und liebevoll, und das alte Spiel fand seine Fortsetzung im
+Weiterwandern.
+
+»Eigentümlich, was Sie für eine Gewalt über den Hund haben,« sagte der
+Lehrer.
+
+Das Schreiberlein sagte nichts darauf, aber das Wort erfüllte es doch
+mit Stolz. Zu dem Hund sagte es: »Lat dat Bellen na, kiek mal hin, wat
+du di utsehn mokst!« -- und wies nach den Beinen und dem Kopf, die arg
+geschwärzt waren.
+
+»Du mußt doch noch mehr können, als bloß Steine holen,« begann es nach
+einer Weile wieder und hieß den Hund stehen bleiben. Es prüfte durch,
+was es von Kunststückchen an andern Hunden gesehen hatte, und bekam
+heraus, daß Pulli sich totstellen konnte, daß er über den Stock sprang,
+Pfote gab und auf Geheiß bellte. Nur eins wollte ihm nicht glücken,
+den wirklichen Namen des Hundes zu erforschen, obgleich es ihm alles
+Erdenkliche zurief. Weder bei Hektor, Juno, Bruno, noch bei Seemann,
+Feldmann, Mobbi, Max rührte das Tier sich.
+
+»Denn blift dat bi Pulli!« entschied das Schreiberlein und warf einen
+Stein. O weh, der plumpste in den sumpfigen Graben. »Hier! Komm hier!«
+Aber das Rufen half nicht, der Hund stand schon tief in dem moorigen,
+muddigen Wasser und wühlte es mit dem Maul und den Füßen auf. Naß und
+beschmutzt, sich schüttelnd, kam er zurück, daß das Schreiberlein
+traurig wurde, als es das schöne Fell so entstellt sah, aber es
+vertröstete sich auf den breiten Graben, der kommen mußte. In dem
+sollte der Hund schwimmen und sich rein spülen, dann mußte er nach Haus
+geschickt oder gejagt werden.
+
+Der Graben war bald erreicht, und der Zuruf des Schreiberleins ließ den
+anfangs zögernden Hund in das tiefe Wasser springen. Als er hin und her
+geschwommen war, rief es ihn zurück.
+
+Er war wirklich reiner geworden, als er sich abgespuddert hatte.
+
+»So, nu sall he no Hus,« sagte das Schreiberlein ernsthaft, trat ihm
+entgegen, wies mit dem ausgestreckten Arm nach der Geest und befahl:
+»Pulli, no Hus! No Hus! Hus! Hus!« Aber der Hund ging nicht von der
+Stelle, er tat, als hätte er nichts gehört: nur daß er von einem Fuß
+auf den andern trat, mochte kund tun, daß etwas in ihm vorging.
+
+»Kannst du nich hörn?« drohte das Schreiberlein, drängte gegen ihn,
+schob ihn vorwärts, wies ihm die Fäuste und suchte ihn ernstlich
+wegzujagen. Auch die andern drei stampften auf und suchten ihn zu
+scheuchen. »Nach Haus!«
+
+Da schien er zu begreifen, was sie mit ihm vorhatten, und daß es Ernst
+wurde. Alle Frische und Lebhaftigkeit wich aus seinen Bewegungen, er
+zwinkerte mit den Augen und schlich unruhig bald vor und bald zurück.
+
+»Man to, man to! No Hus!« Da kam er zu dem Schreiberlein gekrochen und
+setzte sich vor ihn hin, hob bittend die Vorderpfoten, leckte mit der
+Zunge und bettelte mit feuchten Augen. Das mochte ein anderer ertragen
+als das gute Schreiberlein, das tief erschrocken war. »Hast wohl kein
+Haus?« fragte es bewegt und legte ihm zärtlich die Hand auf den Kopf.
+»Wenn du bei mir bleiben willst, so tu es. Ich verjage dich nicht.«
+
+Da wedelte der Hund freudig und folgte ihm weiter.
+
+Wieder galt es, Steine zu holen, über den Stock zu springen und hübsch
+zu machen. Das Schreiberlein schien nur noch für das Tier da zu sein,
+und das eine Mädchen begann schon, verdrießlich zu werden.
+
+»Wollen Sie ihn mitnehmen?« fragte der Lehrer.
+
+Das Schreiberlein zögerte mit der Antwort. »Ich weiß nicht. Wenn ich
+wüßte, daß er ausgesetzt wäre und kein Haus hätte, nähme ich ihn mit.«
+Und es sah nachdenklich aus.
+
+»Wollen Sie ihn denn behalten?« begehrte ein Mädchen zu wissen.
+
+»Ich könnte ihn ja auch nach dem Tierhaus an der Süderstraße bringen,«
+antwortete das Schreiberlein fast ärgerlich.
+
+»Ach, lassen Sie ihn doch wieder laufen,« sagte das andere Mädchen.
+
+»Geht er denn?« fragte das Schreiberlein. »Er ist ja nicht
+wegzubringen, nicht mit Gewalt.« Es nahm nochmals einen Anlauf und
+lief den Hund fast um, aber es hatte wieder keinen Erfolg. Das Tier
+legte sich erneut aufs Betteln, und das Schreiberlein war nicht der
+Mann, dem zu widerstehen. Ich kann es nicht, ich bringe es nicht übers
+Herz, dachte es still und bedrückt, atmete tief auf und streichelte den
+dankbar winselnden Hund.
+
+Später lief es mit ihm um die Wette und kam den andern dabei ein
+beträchtliche Stück voraus. Pulli stellte sich an den Grabenrand und
+schlappte Wasser.
+
+»Büst ok all hungrig?« fragte das Schreiberlein und schnallte den
+Rucksack ab. Der Hund kam fragend näher und als er Brot und Wurst
+bekam, fing er es hastig und fraß mit lebhafter Freude. So frühstückten
+die beiden Wandergenossen am Wegrande, und als die Vorratskammer
+ausgeräumt war, legte das Schreiberlein sich längelang ins Gras, und
+der Hund ruhte neben ihm. Die Hand ruhte auf dem Kopf des Tieres.
+So lagen sie zwischen Löwenzahn und Butterblumen, bis die andern
+herangekommen waren.
+
+»Ich bin vom Berg der Hirtenknab,« sagte der Lehrer launig.
+
+»Bin ich auch!« gab das Schreiberlein stolz zurück, reckte sich und
+sprang auf die Füße.
+
+»Soll er denn nun noch weiter mit?« fragte ein Mädchen, als sie wieder
+eine Strecke gemeinsam zurückgelegt hatten.
+
+Das Schreiberlein guckte wie verloren nach dem dicken, roten
+Neuenfelder Kirchturm, der inmitten der Dächer stand wie eine
+Gluckhenne zwischen ihren Küchlein.
+
+»Wir kommen gleich an die Süderelbe,« sagte es, »da soll es sich
+entscheiden. In das Fährboot kommt er nicht hinein. Schwimmt er uns
+aber nach, dann soll er mit mir.«
+
+Das war aber nicht seine richtige Meinung. Es war mit dem Hund in
+Gedanken schon in seiner kleinen Stube angelangt, wie Doktor Faust mit
+seinem Pudel, und Goethes Worte gingen ihm durch den Sinn.
+
+ Wie du draußen auf dem bergigen Wege
+ durch Rennen und Springen ergötzt uns hast,
+ so nimm nun auch von mir die Pflege
+ als ein willkommner, stiller Gast.
+
+Es wußte gewiß, daß der Hund mitlaufen und auch den Weg in das Fährboot
+finden würde.
+
+Schon blitzte die Süderelbe hell durch das Weidengebüsch. Mit reißender
+Strömung flutete sie ostwärts. Das Fährboot hielt gerade wartend an
+dieser Seite, so daß die Gesellschaft nicht zu läuten brauchte.
+
+Zwei Altländer Knechte mit Rädern standen schon im Boot.
+
+Zuerst stiegen der Lehrer und die Mädchen ein, die sorglich ihre
+Kleider rafften, dann wollte das Schreiberlein folgen, ohne sich nach
+dem Hund umzusehen, aber dieser sprang behend vor ihm hinein und kroch
+unter die Duchten.
+
+»Da haben wir es,« bemerkte der Lehrer laut, »was nun?«
+
+»Wollen Sie ihn wirklich mitnehmen?« fragte das ältere Mädchen.
+
+Armes Schreiberlein!
+
+Sechs Menschen guckten es an. Da mußte es wohl fremd und scheu werden.
+»Ach, laßt es doch, wie es ist,« sagte es ablenkend und setzte sich auf
+die hinterste Ducht, immerfort nach dem Wasser guckend.
+
+Aber der Fährmann war aufmerksam geworden.
+
+»Hört de Hund ne dorto?« fragte er.
+
+»Nein,« sagte das Mädchen, »er ist uns von der Geest nachgelaufen.«
+
+»Denn schall dat Oos ok ne mit,« entschied der Fährmann. »Rut mit
+di! Rut!« Er erhob das schwere Ruder und scheuchte den Hund damit
+ins Wasser, daß das Tier über und über bespritzt wurde und entsetzt
+zurückwich.
+
+Dann stieß er eilig ab.
+
+Das Schreiberlein schwieg. »Sprich, steh auf, ruf!« schrie es in ihm,
+aber die alte Lebensangst und Furcht hatte sich riesenhoch in ihm
+erhoben und preßte ihm die Kehle zu. Wie ein geducktes Vöglein saß es
+da und sah nach dem Hund.
+
+In dessen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck der Verlassenheit, als
+er das Boot sich entfernen sah, er winselte und heulte und kroch auf
+und ab, lief hin und her und guckte verlangend über das Wasser. Ein
+Altländer rief lockend: »Komm, komm!« Auch in dem Schreiberlein rief
+es: »Komm, komm!« aber über seine Lippen rang sich kein Laut.
+
+Der Hund watete bis an den Bauch in das Wasser hinein und streckte die
+Schnauze vor, als wollte er schwimmen.
+
+»De swümmt gliek,« rief ein Knecht.
+
+»Ja, schwimm!« dachte das Schreiberlein und fühlte, daß des Hundes
+Blick an seinem Gesicht hing, aber es vermochte kein lautes Wort zu
+finden.
+
+Das Boot kam immer weiter in den Strom hinein.
+
+Der Hund blieb lange Zeit in dem strömenden Wasser stehen, dann
+watete er langsam nach dem Trockenen zurück. Noch einige Male lief er
+verlangend auf und ab, stand wieder still und sah dem Boote nach, dann
+drehte er sich um und lief den Damm hinauf. Oben angekommen, stand
+er wieder still, sah eine lange Weile zurück, dann lief er fort und
+verschwand hinter den Weidenbüschen, die den Weg umgaben.
+
+Armes Schreiberlein.
+
+ * * * * *
+
+»Tut es Ihnen leid?« fragten die Wandergefährten, als sie am
+jenseitigen Ufer angekommen waren und nach dem Deiche gingen.
+
+Das Schreiberlein gab keine Antwort, es guckte sich aber immerfort
+um und sah nach dem anderen Ufer, das still und verlassen dalag, und
+wartete, daß der Hund wiederkomme. Dann wollte es rufen, so laut es
+konnte, und er sollte herüberschwimmen. Es konnte nicht begreifen, daß
+es so gekommen war, und begann den erbärmlichen Verrat zu erkennen, den
+es sich an seinem treuen Genossen hatte zuschulden kommen lassen.
+
+Der Lehrer gab sich Mühe, ihm einzureden, daß der Hund sein Haus auf
+der Geest haben müsse, ein ausgesetztes Tier wäre gewiß nicht so
+reinlich gewesen, daß es sich vermöge seines Geruchssinnes leicht
+zurückfinden werde, vielleicht schon wieder auf der Geest spiele, aber
+das Schreiberlein war nicht zu überzeugen. Es guckte nur über das
+Wasser, schüttelte mit dem Kopf und sagte:
+
+»Das mag *Sie* rechtfertigen, mich nicht!«
+
+Schwere Dinge warf sein Herz auf. Wie brausendes Wasser gingen ihm die
+Gedanken durch den Kopf. Es erkannte mit schmerzlicher Gewißheit, daß
+es einen Schritt getan hatte, der es nach und nach ins Gleiten bringen
+mußte.
+
+Und der Hund erschien noch immer nicht wieder an der Fähre.
+
+Da, als die Drei schon anfingen, sich heimlich anzustoßen, blieb das
+Schreiberlein stehen und bot ihnen die Hände zum Abschied.
+
+»Ich kann nicht weitergehen,« sagte es ernst, »ich muß zurückfahren und
+den Hund suchen. Anders finde ich keine Ruhe.«
+
+»Das ist verrückt!« rief der Lehrer, und sie redeten heftig auf ihn
+ein, aber sie erreichten nichts, weder vermochten sie ihn mit dem
+unwegsamen Moor zurückzuhalten, noch mit der nahen Dämmerung zu
+schrecken.
+
+Er müsse hinüber und sie müßten schon allein nach dem Dampfer gehen.
+Das war alles, was sie zu hören bekamen.
+
+Kopfschüttelnd mußten sie es schließlich aufgeben und weitergehen.
+
+Über das Schreiberlein aber war mit dem Entschluß eine fiebernde Unruhe
+gekommen. Es lief mehr, als es ging, nach der Fähre und trieb den
+Fährmann zur Eile.
+
+»Wedder röber?« fragte dieser.
+
+»Jo, jo!« drängte das Schreiberlein, und wollte schon sagen, daß es
+seinen Schirm im Altenland vergessen hätte, aber es war etwas in ihm,
+das gewaltsam hervordrängte. »Ich will den Hund holen,« sagte es festen
+Tones und empfand dieses Geständnis als etwas Wohltuendes.
+
+Der Fährmann lachte, dann aber sagte er ernst: »De is all lang weg.
+Ober dor sitt 'n Wulkenbank in 'n Westen, dat kann licht 'n Gewitter
+geben. Blieft leber hier, ik wohrschoo jo.«
+
+Das hatte das Schreiberlein, das immer nach dem Damm guckte, wohl gar
+nicht verstanden, denn es gab keine Antwort darauf, sprang aus, noch
+ehe der Kahn angelegt hatte, und lief in Sprüngen fort, daß der Mann
+herzlich lachen mußte über den närrischen Kerl.
+
+»Pulli! Pulli!«
+
+Unbekümmert rief das Schreiberlein, einerlei, ob Menschen es hörten
+oder nicht, spähte nach allen Seiten und schritt erregt weiter, dem
+Moor entgegen.
+
+Aber kein Hund war zu sehen.
+
+Als es von dem weiten, düstern Moor umfangen war, begann schon die
+Dämmerung ihre stillen Flügel ausbreiten. Da rief es lauter als zuvor,
+daß die Regenspatzen in dem Schilf erschrocken das Piepen ließen. Die
+Dämmerung nahm überhand, da suchte und rief das Schreiberlein noch
+ängstlicher und strengte seine Augen an, daß es den vorherigen Weg
+wiederfinde, was bei den vielen Moorwettern, Brücken und Stegen, bei
+Kreuz- und Querstücken nicht leicht war. Die Weidenbüsche wuchsen wie
+riesenhafte Tiere aus dem Gras und bekamen drohende Augen.
+
+»Pulli, neem büst du?«
+
+Draußen auf der Elbe war Ebbe eingetreten. Die vermochte aber nicht zu
+verhindern, daß die Wolkenwand sich höher schob und sich ausbreitete.
+Einige Sterne waren schon sichtbar: nun schoben sich dunkle
+Wolkenhände über ihren stillen Schein.
+
+Von den Moorburger Wiesen, den weit entfernten, scholl das ängstliche
+Brüllen des Viehs. Gespenstisch schnell überzogen die Wolken den Heben.
+Ferner, grollender Donner quoll langsam auf, als käme er aus dem
+Wasser. Da fiel auch das erste Licht vom Heben, und ein Windstoß fegte
+warnend über Baum und Halm.
+
+Armes Schreiberlein -- warum stehst du still vor dem breiten Graben;
+hattest du da einen Steg vermutet? Hast du dich verlaufen, weißt nicht
+mehr, wo du bist? Und hast den Pulli immer noch nicht gefunden?
+
+Such den Steg, das Gewitter hängt über dir. Die ersten schweren Tropfen
+fallen wie Blei. Der Wind schwillt an. Den Steg!
+
+Schreiberlein, mit Kriechen kommst du nicht von der Stelle! Da fliegt
+dein Hut!
+
+Armes Schreiberlein ...
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Als der lange Hinnik Quast am andern Morgen seine Moorkartoffeln hacken
+wollte, hing etwas Braunes unter dem Steg, der über die breite Wettern
+gelegt ist. Es war ein ertrunkener Mensch, der fehlgetreten sein mußte.
+
+Armes Schreiberlein ...
+
+
+
+
+Sonntagnachmittags.
+
+
+Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen
+nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft müssen
+sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen,
+die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden,
+stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht
+um vergängliche Erdengüter, sondern rein des Vergnügens wegen. Sie
+werden gar nicht gewahr, daß das Wasser eiskalt ist und daß sie mit den
+Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie stört, daß es zu
+Hause für die Kleigräberei und Sabbatschändung vielleicht etwas auf die
+Jacke, sicherlich aber eine gehörige Tracht Schelte geben wird -- sie
+fischen und fischen und sind gesund und munter dabei.
+
+Jung-Finkenwärder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen.
+
+Dazu weißbunte Hemden. Die runde, graue Fischermütze steht ihnen wie
+ein Glorienschein um die hellblonden Köpfe. Nur die blaugefrorenen
+Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen,
+beim einen mehr, beim andern minder.
+
+Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er
+gekommen ist. Trübe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen,
+und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese
+schaut düster und mürrisch drein, als könne es gar nicht blinken und
+lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weiße Rauch
+verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet
+etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt
+es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein
+Grauen des Vergessens steht in den kahlen Ästen.
+
+An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein
+kleines Haus am Deich warm und heimlich hält und weder den Ofen, noch
+die Pfeife ausgehen läßt, auch nicht einmal selbst ausgeht.
+
+Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und
+dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand.
+
+Dann sitzen wir am Fenster.
+
+Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren.
+
+Leise nickt er mit dem Kopf: »Da hab ich auch mal gestanden und
+Stichlinge gefangen.«
+
+»Auch ich,« sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der
+kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am
+wenigsten fängt.
+
+Dann wird es wieder still.
+
+In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine
+Bauernfrau, die in ihrer weißen Schürze dasteht und lacht ... leise
+... aber doch so, daß es zu hören ist ... Oder sind es die rotbackigen
+Äpfel, die in der Röhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner
+bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben über dem Alkoven
+aber hängt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem,
+braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich
+vor sich hin: »Ick weet allns! Ick weet allns!« Plattdeutsch hat sie
+gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine längere
+Unterhaltung läßt sie sich nicht ein. Wer alles weiß, der braucht
+freilich auch nicht mehr viel zu reden.
+
+Harm sagt in die Stille hinein:
+
+»In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben bloß alle
+sieben einen.«
+
+Ich nickte bloß. Fast habe ich vergessen, daß es laute Straßen gibt mit
+grellen Läden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewühl elender und
+glücklicher Menschen.
+
+»Ick weet allns! Ick weet allns!« meinte wieder die Großmutter, und wir
+hören ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und
+wir lassen sie gewähren.
+
+Bis ich sage: »Nun könnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.«
+
+»Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und
+der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar
+gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft hätte wie du: auf der einen Seite im
+Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.«
+
+»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte die Stimme aus Baden.
+
+»Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht
+gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.«
+
+»Auf der Elbe?«
+
+»Ja, Gorch. Die Seen kriegen weiße Köpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer
+ist noch weit weg, Junge. Erst muß die Natur sich noch brechen. Und
+das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst muß sie ein paar Ewer und Kutter
+kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.«
+
+Ich guckte ihn schweigend an.
+
+»Das ist gewiß so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut
+der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er
+mit Luken zu, dann läßt er den Wind suchen und schnauben. Der wird
+vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja
+genug da!«
+
+»Schwarze Kleider aber noch nicht,« setzte ich düster hinzu.
+
+»Ick weet allns! Ick weet allns!«
+
+»Da war auf dem Kreinhof mal ein großer Bauer, Gorch. Im Frühjahr, wenn
+es ans Pflügen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind
+geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune.
+Er wußte, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so
+waren auch die Stürme noch nicht dagewesen -- und die Stürme gingen mit
+der Elbe über seinen niedrigen Deich und spülten die Furchen glatt,
+wenn er vorher gepflügt hatte.«
+
+Die Dämmerung ging säend über das Land und streute tausend dunkle
+Körner über Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen,
+nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und
+dem rauchenden Stock entgegen.
+
+An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die
+Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es.
+
+Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem
+Wasser, über das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig
+ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil
+die Dinge größer und geheimnisvoller erscheinen, erzähle auch ich
+eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem
+Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte
+und nur von ferne einen großen, guten Menschen stehen sah.
+
+»Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?«
+
+»Nein, ein Dichter, Harm, einer, der früher Pastor gewesen ist, bei
+Büsum da.«
+
+»Den möcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen.
+Das ist gut, Junge. Aber dann mußte er auch aus dem Menschen einen
+Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?«
+
+»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte wieder die Muhme von oben.
+
+Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stübchen, und wir
+sagen gar nichts mehr.
+
+
+
+
+Hans Otto.
+
+
+Die Kugelbake vor Cuxhaven ist die große Nebelfrau der Elbmündung. Wer
+sie einmal bei Daak und Dunst über die Watten starren gesehen hat, weiß
+das. Vor ihr stand bei Nebel und trüber Luft eine Fischersfrau von
+Döse, ein armes, irres Weib, das ihren verschollenen Mann auf der See
+suchte; jahrelang hat sie dort gestanden, alle alten Schiffer haben sie
+gesehen, -- bis die riesige Bake sie ablöste.
+
+An dem Balkengestell dieser Bake zog ich die Schuhe aus, streifte die
+Strümpfe ab, nahm auch meine Mütze in die Hand und watete barhäuptig
+und barfüßig, von der Sonne erwärmt und von dem salzigen Wasser
+gekühlt, über das weite Watt dem stillen Duhnen entgegen.
+
+Die auf der Reede von Cuxhaven -- twüschen de Baaken, wie die Schiffer
+sagen -- liegenden drei großen, dicken Barken kamen aus Sicht, dafür
+aber stieg der graue Normannsturm von Neuwerk höher aus den Watten,
+die beiden binnensten Feuerschiffe der Elbe leuchteten herüber, und
+vor und hinter ihnen wurde es nicht leer von Schiffen. Krabbenjollen
+und Fischerewer segelten ein, Tjalken und Gaffelschuner kreuzten
+seewärts, tiefgehende, schwarze Kohlendampfer zogen zu zweien und
+dreien ostwärts, Holzdampfer mit gelbleuchtender Decksladung pflügten
+gen Westen. Sogar hinter der Kimmung, ganz im Norden, hatte der Handel
+noch schwache Rauchwolken auf der See. Lloydkähne, braunrot, mit
+großen gelben Nummern an den Seiten, an langen Trossen hinter ihrem
+zierlichen Schlepper, klüsten von der Weser herüber. In der Weite
+standen die dunkelbraunen Segel eines Störfischers regungslos auf dem
+weißen Wasser, und dahinter tauchten wie Maulwurfshügel die Bäume von
+Büsum-Hilligenlei auf. Seenot und Seeluft erfüllten mein Herz, als
+ich vor meinen Füßen nach fliehenden, spinneflinken Krabben und auf
+der See nach Schiffen suchte. Dann dachte ich an die beiden Türme von
+Altenbruch, die wir vorher passiert hatten, und an das Schifferwort:
+»Wenn de beiden Turns upenanner stoht, denn hett de Froo dat Seggen
+an Burd« -- also daß die Frau so gut wie gar keine Zeit an Bord zu
+sagen hat, -- an den kleinen, zwergenhaften Mann dachte ich, der mir
+gegenüber gesessen hatte, mit dünnen Mädchenfingern und einem alten
+Gesicht, aber mit großen, unschuldigen, neugierigen Kinderaugen, die
+guckten, als sähen sie zum ersten Male ein Schiff, die von den großen
+Leuten ängstlich abirrten und sich vertrauend den Kindern zuwandten,
+-- und an das schöne, braune Mädchen dachte ich, mit dem viel zu
+großen Hut, das von einem Kranze junger Herren und Damen mit heftigen
+Vorwürfen überschüttet wurde, weil sie sich zu lange im Tanzkreis
+aufgehalten und mit anderen Herren schön getan haben sollte. Erst
+verteidigte sie sich klug und gewandt: ein Mädchen dürfe nichts tun,
+das ihm nicht verdacht werde, hörte ich als heimlicher Lauscher heraus;
+dann, als die Meute nicht nachgab, schwieg sie, und ihre blaugrauen
+Augen sahen in die Weite, während ihre Lippen zuckten. Nachher kam
+sie an die Reihe beim Rundgesang: sie richtete sich auf, warf den
+Kopf zurück und sang keck, trotzig und übermütig aus dem Rigoletto:
+»... Ach, wie so trügerisch sind Weiberherzen ...« Je mehr sie sang,
+desto lauter und bitterer wurden die Worte »... alles ist Lüge ...« da
+überwältigte sie das Gefühl, und sie barg aufschluchzend ihr Gesicht
+und ihre Tränen in ihr Tuch ... Die Gesellschaft wurde stumm und
+verlegen und schämte sich ihrer fast.
+
+Als ich unter solchen Gedanken eine Stunde der Gilde der Wattenläufer
+angehört hatte, verspürte ich Hunger, und weil ich einiges Eßbares
+mitgenommen hatte, suchte ich mir am Dünenrande einen sonnigen Fleck
+aus und legte mich auf den weißen, reinen Sand nieder, kurz vor den
+ersten Zelten und Körben von Duhnen.
+
+Zum Zeichen meiner Rast aber steckte ich den langen Erlenstock, den
+ich unterwegs aufgefischt hatte, fest in den Sand und knotete mein
+Taschentuch daran, das nun flatternd im Winde wehte. Das war gut so,
+denn wer weiß, ob Hans Otto sich sonst nach mir umgesehen hätte, oder
+ob er von so viel Zutrauen erfaßt worden wäre.
+
+Ich saß noch nicht recht, da rief es von weitem:
+
+»Ist das deine Fahne? Ist das deine Fahne?«
+
+Und als ich mich umwandte, kam ein sonnenbraunes Kerlchen von
+vielleicht drei Jahren, nur mit einer Hemdhose bekleidet, in Eile
+herangestäubt und rief immerfort:
+
+»Ist das deine Fahne? Ja?«
+
+Das war Hans Otto.
+
+Ich mußte seine Frage bejahen. Er winkte, stellte sich neben mich und
+begutachtete nun die Fahne nach Farbe und Größe, er prüfte, ob der
+Flaggenstock fest genug stand, ob die Knoten ihrer Bestimmung Genüge
+leisten konnten, und ob der Wind von der rechten Seite kam. Nach einem
+Rundgang um den Flaggenhügel wandte er sich wieder mir zu:
+
+»Hast du die Fahne selbst gemacht?«
+
+»Wenn es nicht unbescheiden klingt, mein Junge, ja.«
+
+»Du kannst fix was!« lobte er.
+
+Ich wehrte ab: »Nur mit Einschränkungen, mein Junge, in andern Dingen
+bin ich ein großer Stümper.«
+
+»Nun weht sie ja nicht mehr,« klagte er dann.
+
+»Man hat es oft am Mittag, daß der Wind mit einem Male einschläft,«
+sagte ich auskunftgebend. »Die Schiffer draußen auf See wecken ihn dann
+schnell wieder auf.«
+
+»Wie machen sie das?« begehrte er zu wissen.
+
+»Sehr einfach. Sie kratzen am Mast. Tu du es auch. Ich will dir aber
+gleich sagen, daß es ein toller Aberglaube ist.«
+
+Und der kleine Kerl bearbeitete den Stock mit den Nägeln so eifrig, daß
+ich für die Fahne fürchtete, und rief aus Leibeskräften:
+
+»Wind! Wind!«
+
+Zufälligerweise frischte der Wind in diesem Augenblick wesentlich auf,
+und der Kleine freute sich königlich über die Zauberei.
+
+Seine junge Mutter, die drüben in der Sonne lag, rief ihn: »Hans Otto,
+komm! Komm hierher!« Aber er verwies ihr solche Störung ernstlich mit
+der keinen Widerspruch duldenden Antwort: »Du, ich hab' jetzt kein'
+Zeit!« Diese Sentenz wiederholte er mehrfach, so daß ich darin eins
+seiner geflügelten Worte anzusprechen geneigt bin.
+
+Als er indessen hinsah, wurde er gewahr, daß seine Mutter ihm auch
+eine Fahne gemacht hatte: er lief hin und brachte sie schnell in unser
+Lager, wo wir sie neben meiner aufpflanzten. Wir stellten fest, daß
+jede ihre besonderen Vorzüge hatte: meine war bunt, seine weiß, meine
+klein, aber sie wehte hoch, seine groß, aber sie wehte niedrig.
+
+Danach besann Hans Otto sich auf sein Spiel, das er beiseite geworfen
+hatte, als er meine Flagge flattern sah, und er unterwies mich in
+seinem ebenso umfangreichen, wie verzwickten Straßenbahnbetrieb, den er
+ohne Schienen und Drähte nur mittels eines deichsellosen Groschenwagens
+und mit Hilfe seiner Hände und einer Anzahl Steine und Korkstücke
+auf dem Strand von Duhnen unterhielt. Ich arbeitete mich allmählich
+ein und lernte auch die Haltestellen von Hans Ottos Lingelingbahn
+kennen und -- was schon schwieriger war -- unterscheiden, die wohl
+auch die Haltestellen seiner kleinen Lebensreise waren: Sternschanze,
+Hauptbahnhof, Wilhelmsburg, Altona, Kiel und Blankenese. Die ganze Bahn
+war eigentlich nur eine Familiengründung, denn Hans Otto beförderte
+ausschließlich Onkel und Tanten. Und sonderbare Onkel und Tanten waren
+darunter. Tante Emma zum Beispiel (ein großes Korkstück) war sehr dick
+und ging nicht gern, weshalb wir sie immer bis zur Endstation mitnehmen
+mußten. »Onkel Hermann müssen wir stets einen Fensterplatz einräumen,
+weil er zu gern ausgucken mag.« Tante Wilhelmine war schwerhörig und
+kurzsichtig -- die arme Frau! -- und wir mußten ihr deshalb den Namen
+von jeder Haltestelle ganz laut ins Ohr trompeten. Onkel Fritz war
+dreist und ging immer mit der brennenden Zigarre in den Wagen, weshalb
+wir ihn jedesmal auffordern mußten, die Zigarre wegzuwerfen oder nach
+draußen zu gehen. Weiß Gott, es gab mancherlei zu bedenken und zu
+beachten!
+
+Als wir unseren Betrieb stillegten, um zu frühstücken, setzte Hans
+Otto sich neben mich und half mir wacker bei der Mettwurst, mehr noch
+beim Kuchen und am allermeisten bei den Bananen. Der geneigte Leser
+mag daraus ersehen, daß Hans Otto ein Leckermaul ist; fragte er aber
+weiter nach ihm, so bliebe ich stumm, denn ich weiß Hans Ottos Zunamen
+nicht, auch weiß ich nicht, wo er wohnt. Wir haben einander nicht nach
+dem Namen gefragt: ich mochte es schon deswegen nicht tun, weil ich als
+Arbeiter bei der Straßenbahn doch gewissermaßen sein Untergebener war.
+
+Die Einwände seiner kopfschüttelnden Mutter gegen unsere gemeinsame
+Tafel wehrte ich lachend ab und er mit seiner bekannten und beliebten
+Redensart: »Du, ich hab' kein' Zeit!«
+
+Nach dem Essen erbot ich mich, dreister geworden, ihm ein Blankenese
+zu bauen, wenn er mir dabei an die Hand gehen wolle. Er sagte es zu,
+und wir gingen an den Bau wie die Fronarbeiter an die Pyramiden. Armer,
+kleiner Hans Otto. Du hattest nicht einmal eine Schaufel und nanntest
+auch keinen Eimer dein eigen, aber ist es nicht dennoch gut gegangen?
+
+Haben wir nicht unermüdlich mit Händen und Füßen gebaut und gegraben
+und ausgeschachtet? Haben wir nicht ein breites tiefes Bett für die
+Elbe zurechtgemacht und auf ihr Nordufer einen hohen, gewaltigen Berg
+getürmt, das getreue Abbild des Süllbergs, fast so groß wie du, Hans
+Otto? Hätte da einer kommen und zweifelnd fragen können: Soll das etwa
+Helgoland sein? Gewiß nicht, was?
+
+Und als der Berg hoch und breit genug war, haben wir die Abhänge platt
+und glatt geklopft, ich mit meinen großen Händen und du mit deinen
+kleinen.
+
+Haben wir dann nicht aus roten Steinen einen Turm auf den Gipfel
+gebaut, hatte der Turm nicht eine richtige Flaggenstange und wehte von
+ihrem Topp nicht ein Tanghälmchen als Wimpel? Hast du nicht hundert
+rote, weiße und blaue Häuser herangeschleppt, Steine und Muscheln, und
+habe ich sie nicht nach einem großartigen Bebauungsplan über den Abhang
+verteilt? Entdeckten wir nicht in den Dünen eine Art von Immergrün,
+vortrefflich geeignet für die Bepflanzung unseres Berges mit Baum und
+Strauch?
+
+Und als alles fertig war und wir etwas zurücktraten, um es besser
+überschauen zu können, hat es da nicht überaus prächtig und lustig
+ausgesehen, unser buntes großes Blankenese? Sind nicht die Leute
+bewundernd stehen geblieben und hat dein kleines Ohr auch nur eine
+ungünstige Kritik gehört? Von deiner eigenen Freude will ich ja noch
+gar nicht mal so viel Aufhebens machen, denn du warst als Teilhaber
+und Miterbauer vielleicht nicht ganz objektiv; aber sind nicht sogar
+die drei Marineartilleristen, die großen braunen Gestalten, stehen
+geblieben, die doch gewiß schon an Brockeswalde und an die Mädchen
+dachten; haben sie nicht Lobesworte gefunden und nicht gleich auf
+Blankenese geraten?
+
+Wir können auf alle diese Fragen getrost und freudig Ja antworten, Hans
+Otto, und wir werden der Wahrheit am nächsten sein. -- Wie lange wir
+noch dagestanden und uns unseres Werkes gefreut haben ... ich weiß es
+nicht, wie ich auch nicht weiß, ob die großen Baggerungen in der Elbe,
+die wir noch unternahmen, wirklich notwendig waren oder ob sie hätten
+gespart werden können.
+
+Auch das weiß ich nicht, warum ich dann mit einem Male aufstand und
+weiterging, Duhnen zu, denn es lag mir im Grunde nichts mehr an Duhnen
+...
+
+Du hast mich nicht festgehalten, Hans Otto, als ich dir zum ersten und
+letzten Male die Hand gab. Nur gesorgt hast du dich, ob ich morgen
+wiederkäme, und ich habe es bejaht. Ich sehe noch dein betroffenes
+Gesicht, als ich wegging. Es war, als könntest du nicht glauben, daß
+ich von dir ginge. Ratlos standest du neben dem großen Süllberg und
+sahst mir nach. Und wie lange hast du mir nachgesehen!
+
+ * * * * *
+
+Als ich im Abenddunkel mit der »Cobra« zurückfuhr und nach den Feuern
+und Lichtern der dunklen Elbe guckte, da habe ich an dich gedacht, Hans
+Otto, und es ist mir sogar aufs Herz gefallen, daß ich dich belog, als
+ich dir sagte, daß ich am anderen Tage wiederkommen wolle. Wie wirst du
+nach der Kugelbake blicken, daß ich kommen soll, dein Blankenese von
+neuem aufzubauen, das die übermütigen Mädchen in der Nacht, als die
+Matrosen sie zu greifen versuchten, zertreten haben ...
+
+... und nun sitze ich in deinem Hamburg, Hans Otto, zwischen
+scharrenden Federn und klappernden Schreibmaschinen und blicke in
+Bücher und auf Papiere, rechne mit Dollaren und Peseten und kann es
+doch nicht verhindern, daß ich geheimerweise auf einen Rechenzettel
+schreibe: Hans Otto.
+
+Das soll ein Gruß für dich sein!
+
+
+
+
+Ditmer Koels Tochter.
+
+
+Der kleine, dicke Bäckergeselle, den die Sonne von 1525 besonders
+freundlich beschien, als er breitbeinig auf der Kaje saß und mit
+Steinen nach den Stichlingen warf, die um die Bollwerkspfähle
+schwärmten, dachte nicht an seine Stutenmacherei, sondern an Venedig
+und Grönland, an Apfelsinen und Eisbären. Er erschrack sehr, als ihm
+mit einemmal ein schweres Tau auf den Buckel sauste, und glaubte in die
+Hände von Seeräubern zu fallen: da erblickte er zu seiner Beruhigung
+aber nur einen Norderneyer Schellfischangler, der mit seiner grünen
+Schaluppe heranglitt, und ihm zurief, in jenem selbstverständlichen
+Ton, den unsre Schiffer noch heute führen: »Hak mal öber!«
+
+Der Gesell tat es, rächte sich aber doch für die Apfelsinen und
+Eisbären und fuhr den Eilandsmann giftig an: »Wat wullt du Spöcker hier
+up'n Namiddag? *Morgens* köpt wi Schellfisch: nu is de Brück leddig!«
+-- »Mien gode Jung, ick heff ok keen Fisch,« sagte der Schiffer
+gemütlich, »ik heff moi Tiding for den ehrbaren Rat. Moi Tiding! Ik
+will mi blos'n beeten afdweilen, denn seil ik up't Rathus.«
+
+»O vertell, Schipper! Wat de Borgermester eten kann, dat smeckt ok wol
+'n lütten Bäckergesellen,« bat darauf der Gesell und er gab nicht nach,
+versprach zu schweigen wie eine tote Krähe, und bettelte solange, bis
+der Fischer sich herbeiließ, ihm zu erzählen, daß er Nachricht von den
+Schiffen hätte, die seit Pfingsten die Seeräuber jagten. Die See wäre
+rein gefegt: die Gallion, der flegende Geest, der Bartum und die Jacht
+seien im Sturm genommen, Klaus Rode sei von den ergrimmten Bootsleuten
+in Grapenbratenstücke gehauen, dazu zweihundert Mann erschlagen: der
+Rest von einhundertsechzig Mann aber und der Hauptmann Klaus Kniphof
+seien von Ditmer Koel gefangen genommen. Diese Seeschlacht sei in der
+Osterems geschehen und hätte acht Stunden gedauert. Das Geschwader
+liege windeshalber achter den Greeten: die erste gute Luft könne es
+aber schon nach der Elbe wehen ...
+
+Hier sprang der Gesell auf, schüttelte sich und rief: »Un wenn de Dübel
+mi halt, dit kann ik nich verswiegen. Back mi tein Pickplasters up'n
+Mund, un dat mutt doch rut!« Und ohne auf den fluchenden Norderneyer zu
+achten, sprang er an Land und rannte stadtein. Die Hände an den Mund
+gelegt, gröhlte er laut und durchdringend: »Tiding von uns' Schepen,
+gode Tiding! Ditmer Koel, unse Admiral, hefft Klaus Kniphof mit alle
+Schepen und alle Mann gefangen genommen!« So schrie er ins Millerntor
+hinein und ließ nicht nach, und bald hatte er einen Haufen von Kindern
+und Burschen um sich, die seinen Ruf aufnahmen und ihn gewaltig
+verstärkten. Nicht lange dauerte es: da hatte man sogar schon eine
+Weise für die Zeitung erfunden, die also lautete:
+
+ »Gode Tiding von uns' Schepen!
+ Ditmer Koel hefft Kniphof grepen!
+ Söben Schep un hunnert Mann,
+ öbermorgen kommt se an.«
+
+Wie eine Windflage, die Staub und Blätter aufwirbelt, so drängte es
+durch die engen Straßen, und die Rotte vergrößerte sich von Ecke zu
+Ecke. Hamburg, das schon mondelang auf eine Kunde geharrt hatte,
+horchte auf, lachte und freute sich des Sieges. Da wurden Fenster
+aufgestoßen, da wurde gefragt und getan, da traten die Handwerker
+aus den Türen zu nachbarlichen Gesprächen. Einige steckten die alten
+Schiffsflaggen heraus, andere ließen einen Krug Braunbiers aus dem
+Keller holen und machten sich einen lustigen Tag aus der Begebenheit.
+
+Die brausende Woge brandete auch an das Fachwerkhaus, das sich an
+der Nigentwiete in beschaulicher Stille sonnte und dem Schiffer und
+Admiral Ditmer Koel gehörte. Die Großmutter des Hauses saß feiernd
+am halbgeöffneten Fenster und horchte auf die Stille, die hinter all
+den feinen Geräuschen des Tages ruhte. Neben ihr lehnte Ditmer Koels
+Tochter, die schöne Gesa, ein blühendes, taufrisches Mädchen von
+achtzehn Jahren, am Fensterpfosten und spielte nachlässig mit den zwei
+kleinen grauweißen Katzen, die auf dem Brett übereinander kugelten ...
+
+»... Ditmer Koel hefft Kniphof grepen ...« Das Siegeslied brach um
+die Ecke und erfüllte die Twiete. -- »Grotmoder, hört ji? hört, hört!
+Se singt von Vader! He kummt wedder!« rief das Mädchen vor Freude
+erglühend, warf die Kätzchen ritsch -- ratsch auf den Fußboden, stieß
+das Fenster vollends auf und beugte sich hinaus, um zu sehen und zu
+hören, was da nahte. »O, wat frei ik mi, Grotmoder!«
+
+Grad unter dem Fenster machte der kleine Bäckergesell halt, der schon
+vor Heiserkeit kaum noch sprechen konnte. »Leewe Gemeende,« krächzte
+er roten Kopfes, »mal 'n Spier Gehühr!« Und als der Lärm sich etwas
+verminderte, denn alle warteten, daß nun etwas abfallen sollte: da
+berichtete er den Frauen weit ausholend und mit umständlichen Gebärden
+alles, was er wußte und was sich so up'n Stutz schicklicherweise
+hinzulügen ließ. Zum Schluß nahm er seine Mütze ab und hielt sie
+treuherzig-verlangend auf. »De Kehl is all bannig drög, aber wat
+deiht'n Hamborger Jung nich all for unsen Admiral Ditmer Koel.«
+
+Die Greisin schüttelte halb belustigt, halb geärgert den Kopf.
+
+»Wat hett se seggt?« -- »Se seggt, Water smeckt söt!« -- »O Mann, wat
+is de Olsch nährig!« »Free Licht bi Dagen un wieder nix!«
+
+Aber Ditmer Koels Tochter sprang leichtfüßig ins Zimmer zurück und
+durchsuchte Schrank und Schublade, bis sie eine Hand voll Münzen
+gefunden hatte, die sie dem Gesellen laut klirrend in den Hut warf.
+
+»Ho -- nu drinkt Warmbeer un lat Ditmer Koel hoch leben!« rief sie in
+fröhlicher Unbefangenheit den Weiterdrängenden nach.
+
+Dann fiel sie der Ahne um den Hals: »Grotmoder, lat mi doch nich alleen
+lachen: Freit jo doch mit! Vader kummt ja doch!« Die Alte strich ihr
+das blonde Haar aus der Stirn. »Büst so wild, Deern, so wild!« -- »As
+du fröher west büst, nich, Grotmoder?« fragte das Mädchen schalkhaft
+und erhielt es lächelnd bestätigt. »Ja, Kind, as ick west bün.«
+
+Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lärm, dem sich
+noch die Rufe mühsam entrangen:
+
+»Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...«
+
+ * * * * *
+
+Ditmer Koel sollte leben: er *lebte* -- und es kamen der Tag und
+die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln
+(Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit
+den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm
+den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen
+war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen,
+die den Seeräuber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglöckner
+läutete die Glocken.
+
+Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloßen Schwert gegürtet, trug in
+der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seeräubers. Er war
+immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er größer
+und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als
+er Ratmann und Bürgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt;
+nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Kränzlein ihrer
+Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lächeln über seine Züge.
+Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich
+von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen
+bekannten Bürgern.
+
+Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fünf Fähnlein folgten, und hinter
+ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeräuber Klaus
+Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjährige
+Kopenhagener sah blaß aus, doch war nichts Unmännliches in seinem
+Gesicht. Er war barhäuptig und trug ein weiches Hemd, dessen Ärmel von
+Kugeln durchlöchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen.
+Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und
+das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig
+Seeräuber, gefesselt und gekettet.
+
+Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit
+großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und
+hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von
+Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm
+der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die
+Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen,
+und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten
+dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen
+und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein
+Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden
+war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort.
+Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr
+zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod
+gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer
+Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib.
+Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk
+überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des
+Dänenhauptmannes.
+
+Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich
+auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr
+vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange
+ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen
+können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan
+Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von
+den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem
+Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das
+lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten
+zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und
+gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem
+Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel
+in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und
+bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu
+sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie
+Luther es getan hatte, als er die Nonne freite.
+
+Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er
+fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging
+davon.
+
+Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische
+und dänische Flüche schollen hinwider.
+
+ * * * * *
+
+Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich
+der Freude über seine Seefahrt überließ und versicherte, daß Klaus
+Kniphof als ein Seeräuber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam
+nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er
+jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine
+Sache. Kniphofs Fähnlein hänge im Dom unter der Kanzel, verkündigte er
+eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte
+sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems
+erzählte, wie er seinen Leuten zuvor ein kräftig Süpplein zu kosten
+gegeben hätte, Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), das sie
+teufelswild gemacht hätte, da kam ein Grauen über sein Kind, das es
+nicht abschütteln konnte. Über ihre Träume aber schaltete der junge,
+blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes saß und
+durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte.
+
+Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine
+Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber für geratener, ihm einen
+Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun
+jeden Tag die Hühnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost
+zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er
+berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Königs
+Bestallung. Als kriegsführende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie
+steuern können, ohne darum ein Seeräuber zu werden. Margarete von
+Burgund, seines Königs Schwägerin, Karls des Fünften Tochter, werde ihn
+schützen. Der Rat schickte nach Brüssel und ließ hansisch-stolz fragen:
+wat se mit den steden to donde hadde? -- worauf Margarete den Brief
+verleugnete und den Seeräuber fallen ließ. Kniphof aber wollte es nicht
+glauben.
+
+Ditmer Koels Tochter ging hellhörig um ihren Vater herum, bis sie
+wußte, daß Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte.
+Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die
+Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat
+sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff
+herüber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zärtlich an,
+brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, daß sie vom Rat die
+Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen.
+
+Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einlaß, und die zweite nannte
+sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf
+und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter,
+aber weil die Schwester ein schönes Weib war, erhoffte er sich einige
+Gunst und ließ sie mit hinein.
+
+Klaus Kniphof war im Gespräch mit seinem Beichtvater. Als er
+seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und
+ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut
+schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß. Erschüttert stand Gesa Koel
+dabei.
+
+Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe,
+dessen dunkle Augen um das Mädchen brannten, das er wohl erkannte,
+schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen.
+Dann erst sah der Seeräuber das Mädchen und erkannte sie wieder vom
+Millerntor her und wußte, daß sie aus edlem Geschlecht sein mußte.
+Er gab ihr die Hand und dankte ihr, daß sie sich seiner guten Mutter
+angenommen hätte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten
+Frau das Kloster erschlossen hatte und für sie sorgte. Kniphof schöpfte
+neue Hoffnung, und er begann zu erzählen. Sein ganzes Leben und seine
+wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe
+lehnte düster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Höfe von
+Kopenhagen, London und Brüssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in
+Jugendlust hinein und berichtete von der holländischen Zeit: wie sie
+bei Amsterdam die vier großen, schwerbestückten Schiffe ausgerüstet
+hätten, wie er seine dreihundert Leute angeworben hätte, und wie er
+dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in
+See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dänemark zurückzuerobern.
+Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der
+gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes
+Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zügen auf: Gesa
+Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und
+dieser wußte den Blick recht zu deuten.
+
+Kniphof kam auf die Seeräuberzeit. Sein Freibrief müsse ihn schützen,
+er sei kein Seeräuber. Es könne nicht sein, daß Margarete ihn den
+Städten überließe: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es
+müsse noch einmal geschickt werden.
+
+Die Glocke erscholl und verkündete, daß die Besuchszeit zu Ende sei.
+Kniphof verabschiedete gefaßt seine Mutter, die zu weinen begann, und
+gab dem Mädchen die Hand zum Lebewohl.
+
+Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug
+gegenüber. Das Mädchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es über
+sie, daß sie ihm vertrauen könne wie einem Bruder, und sie streckte
+ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, daß sie mit der Frau nach Brüssel
+reisen und sich der Statthalterin zu Füßen werfen wolle für Kniphof,
+damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er
+fühlte, daß sie diesen Gang tun mußte, aber er bat sie, ein Nonnenkleid
+anzulegen, das ihre Schönheit der Landstraße verhülle: er werde es ihr
+bringen. Die Fahrt werde den Seeräuber nicht retten, denn Margarete
+könne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele
+solle sie reisen. Sie schüttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn,
+Kniphof noch nichts zu sagen.
+
+ * * * * *
+
+Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne
+in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah
+ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein
+Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag
+vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und
+Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen!
+Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ...
+
+ * * * * *
+
+Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen
+Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als
+Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die
+Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als
+ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und
+eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien -- da läutete das
+Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache
+brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner
+Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die
+weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten
+Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel
+gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf -- er glaubte nicht mehr
+an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter
+ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und
+schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte
+ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe
+säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte
+seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel.
+
+Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen.
+
+ * * * * *
+
+Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch,
+stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel.
+Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er
+war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich.
+Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter
+reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein
+Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es
+in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten
+hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn
+überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten.
+Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer
+gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu.
+
+Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein
+alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich
+regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege.
+Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die
+Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend
+nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer.
+
+ * * * * *
+
+Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte
+ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich
+umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie
+sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück
+begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie
+wolle nun in ein Kloster gehen und still leben.
+
+Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mächtiger Wind, der nicht
+vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem
+guten Kameraden: daß er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden
+wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie
+ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther.
+
+Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den
+Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen.
+
+
+
+
+Schiffbrüchig.
+
+
+Auf meiner dritten Reise.
+
+Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch
+nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen
+Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu
+still zum Fischen.
+
+Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung
+und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das
+Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln,
+das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an.
+
+Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen
+an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir
+jetzt nach Wind aus.
+
+»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der
+Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und
+deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann
+sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, -- und er hatte es noch nicht
+ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören
+und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war *bange*
+-- um es ehrlich zu sagen -- bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen
+fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht.
+Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll.
+
+»To! Man rup'n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh.
+
+»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei.
+
+»Worüm?«
+
+»Jä, wenn 't dick van Dook ward,« sagte ich.
+
+Nun lachte er.
+
+»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.«
+
+Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß
+meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale
+die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken
+nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht
+gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück
+bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den
+Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht
+einzuschlafen.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Da -- -- -- ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte
+ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers.
+Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein
+Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich
+fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine -- saßen sie fest?
+In jähem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur
+Seite ... und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen.
+Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem
+gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals
+zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und
+konnte nicht ... nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte
+aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich
+sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab
+mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an
+Deck und erbebte.
+
+Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter
+entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und
+Schreien. Da -- -- -- eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein
+schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers
+war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er
+sich gurgelnd seitwärts senkte.
+
+»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig
+rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der
+glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer
+wieder rutschte ich hinunter.
+
+Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von
+unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun
+mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder.
+
+»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich.
+
+»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi
+weg kommt.«
+
+Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten
+wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer
+mehr sank der Ewer weg ... das Wasser spülte über das Deck ... unser
+Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der
+drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes,
+stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ...
+
+Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum
+bloß? ... Die Bootsleine! Die ...
+
+Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne
+noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu
+beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit
+meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun -- saßen wir fest, fest an dem
+untergehenden Ewer.
+
+»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf
+und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten
+unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns
+ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres
+armen Ewers. Und nun kamen *wir* an die Reihe. Wir drängten wild nach
+hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See
+schäumend um unsere Füße ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging
+der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben.
+
+»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf.
+
+»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der
+dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und
+der See und den aufschießenden Blasen.
+
+Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich
+auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und *dachte nach*, während
+ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge
+erst an -- und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und
+unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien
+niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus.
+
+Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen.
+Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der
+Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein
+Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten
+Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich
+fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich
+auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht --
+jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und
+wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf
+und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte
+und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief:
+die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See
+wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über
+den Kopf -- und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder
+blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der
+Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche ...
+
+Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über
+dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch
+noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und
+wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir
+dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden
+waren.
+
+Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die
+Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde
+leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken
+durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen.
+
+War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes
+auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie
+mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein
+Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich
+danach, mit beiden Händen, und hielt es fest.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das
+vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war -- einer meiner
+sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit
+vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von
+meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich *lebte*,
+lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und
+trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß
+er das Knarren der Gaffeln übertönte.
+
+Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck.
+
+Schön und sternenklar war die Nacht.
+
+Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte
+er sich und fragte:
+
+»Na, wat is er los?«
+
+»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen.
+
+»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?«
+
+»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in
+der Koje.
+
+
+
+
+»In Gotts Nomen, Hinnik!«
+
+
+Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem
+Sonntagnachmittag den grünen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem
+Wasser als nach den Häusern.
+
+Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf.
+Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gezimmert.
+
+Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein
+Wunder -- Jan Siebert hatte sie gebaut.
+
+Einige von den großen Kuttern leuchteten wie Königsschiffe über das
+Wasser. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft.
+
+So grüßten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das
+Herz warm.
+
+Als er bei Gesine Külpers Strohdach angelangt war, sah er ihren
+ältesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern.
+
+»Kumm mol rup, Hinnik,« rief er, und der Junge lief in Sprüngen.
+
+»Gu'n Dag, Jan-Unkel.«
+
+»Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du
+denn beschicken?«
+
+Hinrich guckte nach der Elbe.
+
+»Ick will giern up'n groten Kutter.«
+
+»No See, Junge?«
+
+»Jo.«
+
+Der Baas sah ihn lange und prüfend an.
+
+»Dien Vadder is bleben, Hinnik.«
+
+»Großvadder is ok bleben -- un Vadder is dorüm doch wedder no See
+gohn,« antwortete der Junge.
+
+»Is din Mudder dormit inverstohn?«
+
+Der Junge stockte.
+
+»Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt,« gab er dann zögernd
+zu.
+
+Der Baas nickte vor sich hin. -- »Is good,« sagte er mehr zu sich als
+zu dem Jungen und klinkte die Tür auf.
+
+Hinnik aber steckte beide Hände tief in die Hosentaschen und schwankte
+nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes
+Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fühlte sich schon als
+Fischerjunge.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht
+wurde noch bleicher.
+
+»Hett he dat seggt?« fragte sie schon zum dritten Mal. »He will no
+See?«
+
+Jan Siebert nickte ernst.
+
+Sie faltete die mageren Hände.
+
+»He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewiß ne gohn. Segg
+doch sülbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok
+no buten? Nee, nee -- ick *kann* keen wedder no See seiln sehn. Ick hol
+'t ne ut.«
+
+Er schwieg.
+
+»He mütt an Land blieben, Jan Siebert,« fuhr sie erregter fort. »Lot
+em Buer warn oder Schoster oder Snieder, -- ganz egol -- ober no See
+schall he ne. Du büs Vörmund: segg em dat.«
+
+Der Baas war sich einig geworden.
+
+»Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann
+warn lot. Denn süht he doch wenigstens Scheep un Woter.«
+
+Sie atmete erleichtert auf.
+
+»Jo, Jan Siebert, nimm em hin.«
+
+»De dree Johr verdeent he ober nix,« sagte der Baas, aber sie
+schüttelte nur den Kopf.
+
+»Dat deit nix. Min lütj Tügloden smitt woll so veel af, dat wie Brot
+hebbt.«
+
+Er war aufgestanden.
+
+»Schall ick 't em seggen?«
+
+Sie bot ihm die Hand zum Abschied.
+
+»Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.«
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+»Hinnik!«
+
+»Wat schall ick?«
+
+»No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne
+hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo
+fix Lust to, ne?«
+
+Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein
+sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und
+ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit großen grauen
+Säcken verhängt.
+
+»Hest du 't hürt, Junge?« fragte der Baas, als er noch immer keine
+Antwort bekam.
+
+»Jo,« sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin.
+
+Erst als der Baas fortgegangen war, rührte er sich wieder und sah
+finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die
+See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der
+bewegten, unendlichen See: -- ein häßlicher, breiter Graben, der ihm
+alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch
+wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen ließ.
+
+Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreßten Lippen
+kletterte er müde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen
+konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute.
+
+Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine
+bekümmerte Mutter legte die Hände für ihr Kind zusammen.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene
+erwähnt worden -- seine Mutter vermied es ängstlich, davon anzufangen
+-- aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht
+verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurückhaltend und wich ihren
+Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand über die Stirn, so trat ein
+gequälter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die große, schöne
+Lampe weggeholt und dafür ein armseliges Talglicht auf den Tisch
+gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: -- das konnte er
+nicht verwinden.
+
+Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft
+stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er
+alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war
+deutlich zu lesen, daß die Arbeit ihn nicht freute, und daß er nicht
+mit dem Herzen dabei war.
+
+Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, daß gut
+Ding seine Weile haben wolle.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Wer weiß -- -- --
+
+Vielleicht wäre Hinnik doch ein Zimmermann geworden.
+
+Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wäre!
+
+Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wären!
+
+Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von draußen erzählt hätten!
+
+Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt hätte,
+wäre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen
+und schimpfte im Vorbeigehen, daß er nun liegen bleiben müsse und doch
+so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wäre.
+
+Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und ließ sich als Junge
+annehmen.
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Abends erzählte ein aufgekommener Lüttfischer, daß er ihn auf dem
+Kutter gesehen habe.
+
+»Mi hett dat ahnt,« sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostloß dasaß.
+
+»Den leet de See keen Ruh.«
+
+Sie weinte nur noch mehr.
+
+»He *will* verdrinken als sin Vadder.«
+
+Er schüttelte verweisend den Kopf.
+
+»So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See *sehn* hett, holt
+wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jümmer
+bloß een, un he hürt to de negen annern, de wedderkommt.«
+
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Der böse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt,
+-- nun brachte eine gängige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die
+Elbe herauf.
+
+Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, daß er aufgekommen sei, --
+und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mußte doch kommen?
+
+Hinnik kam.
+
+Erst zu Jan Siebert.
+
+»Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbröcht,« sagte er und ließ eine Stiege
+Schollen aus dem Taschentuch springen.
+
+»Weest, wat du verdeent hest,« grollte der Baas und sah ihn schief an.
+Heimlich freute er sich aber über den wetterbraunen jungen Kerl.
+
+Der sagte keck: »Nee,« sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich,
+denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stück Holz geflogen kam.
+
+»Büs ok seekrank wesen?« scholl es ihm freundlicher nach.
+
+Er lachte.
+
+»Keen Gedanke!«
+
+Seine Mutter saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hände.
+
+Er warf zwei Goldstücke hin.
+
+»Mien Verdeenst, Mudder,« sagte er stolz. Dann knüpfte er das Tuch
+auf und breitete seine Schätze aus: springlebendige Schollen, rote
+Muscheln, Seeäpfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein.
+
+»Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. -- Den
+Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He güng mit sien witte Jacht no
+Wilhelmshoben. -- Un up Nordernee sünd wi ok an Land wesen. Wi legen
+dor twee Dog för Wind.«
+
+Er erzählte munter darauf los, ohne sich stören zu lassen. Schließlich
+guckte er sie aber doch an -- und da sah er, daß ihr die Tränen in den
+Augen standen.
+
+»Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bün Fischer, lot
+mi man Fischer blieben.«
+
+Sie war aufgestanden.
+
+»In Gotts Nomen, Hinnik!«
+
+
+
+
+Auf Helgoland.
+
+
+Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem
+Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle.
+
+Aber es erging ihnen wunderlich.
+
+Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er
+Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der
+See und sang von ihren Augen.
+
+Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er
+Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er
+der Sonne und sang von ihrem Haar.
+
+Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er
+Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der
+Möwen und sang von ihren Händen.
+
+Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen
+Wald um Mittag.
+
+Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise
+und versonnen:
+
+»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?«
+
+»Ja, Ahne.«
+
+»Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch *sehen*
+konnte.«
+
+»Du siehst sie wieder und strahlender als je.«
+
+»Das ist mein Glaube.«
+
+Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen.
+
+Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen.
+
+ * * * * *
+
+Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte
+sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen
+Fuß.
+
+Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an.
+
+Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den
+Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen.
+
+Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun
+pflegte.
+
+Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen.
+
+Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war
+er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien.
+Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und
+der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen
+lassen. Nun war er eingeschlafen.
+
+»Ahne, schläfst du?«
+
+Sie schüttelte leis den Kopf.
+
+»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das
+Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm
+bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das
+Sonnenland.«
+
+»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.«
+
+»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein
+Auge?«
+
+»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme
+geht.«
+
+»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. --
+Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.«
+
+»Das ist sie, Ahne.«
+
+»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf
+dem Wasser?«
+
+»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.«
+
+»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher
+Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich
+mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis
+ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet
+geduldig -- und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem
+Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt ... morgen
+geht er hin und bettelt.«
+
+»Ahne, der fremde Priester kommt.«
+
+»*Wieder*, willst du sagen.«
+
+Mit feierlichen Schritten kam er daher.
+
+»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.«
+
+Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne.
+
+»Ein *Herr*? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden,
+freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und
+segnete?«
+
+»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf
+sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben
+und dich taufen lassen.«
+
+Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen.
+
+»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern
+gehört hätte. Aber *so* ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin,
+hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im
+Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land
+betrittst?«
+
+»Überall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das
+Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht
+blind wärst, Königin ...«
+
+»Ich bin nicht blind, ich sehe, *seit* mein Auge sich trübte. Sieh:
+wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht
+das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind
+süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß,
+ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange
+aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit
+Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Höre,
+wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine
+Schlacht.«
+
+»Wer achtet dessen?«
+
+»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine
+Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar
+ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er's nicht
+selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind
+und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem
+Kinde tust, das tust du ihm.«
+
+Er gab keine Antwort.
+
+»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie
+gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen,
+sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und
+Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um
+uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht
+wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum.
+Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich
+will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt
+Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über
+das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.«
+
+Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die
+Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte,
+rasselte *er* mit dem Schwert und knurrte.
+
+Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu
+gehen.
+
+Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so
+viel von Lachen und Freuen sprach.
+
+Schön-Helga bekam er aber doch nicht.
+
+»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.«
+
+Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich
+hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer.
+
+ * * * * *
+
+Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand
+und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits.
+Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig,
+mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das
+Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein
+Schiff auf den Bänken.
+
+Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend
+an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen
+geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue --
+und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai
+Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es
+immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und
+schwitzen!«
+
+Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie.
+
+Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen
+verlassen müsse, der Christ werde.
+
+»Habt ihr's gehört, Leute?« sagte Klaas laut.
+
+»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!«
+rief Kai.
+
+»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum.
+
+Da mit einem Male sagte der Priester:
+
+»Muß *den Felsen* verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand.
+Der ist für das Christentum. >Der Felsen< hat sie gesagt!«
+
+Und er blickte frei um sich.
+
+»Gesagt, aber nicht *gemeint*!« sagte Kai; aber die andern waren doch
+still. Daran hatte keiner gedacht.
+
+»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es
+ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde.
+
+Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster
+drein.
+
+Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen.
+
+ * * * * *
+
+»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder
+in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.«
+
+Kai Rickmers räusperte sich verlegen.
+
+»Er hat sich taufen lassen.«
+
+»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?«
+
+Kai hustete noch mehr.
+
+»Er wohnt auf dem Sand.«
+
+»Auf dem Sand?«
+
+»Dem Unterland. Den Felsen mußt' er ja verlassen.«
+
+»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?«
+
+»Der Priester hat es anders ausgelegt.«
+
+»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns
+nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer *das* kann, kann alles.«
+
+ * * * * *
+
+Es kam so.
+
+Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe,
+die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach
+verloren.
+
+Es wurde oben stiller und stiller.
+
+Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch
+hin und fragte selten.
+
+Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem
+Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es.
+
+»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen,
+bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und
+hab gefragt und getan -- und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben
+unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im
+Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich
+hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland
+verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege
+gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach,
+-- umkehren, umkehren; da mußt' ich ihn still machen. Der sagt kein
+Wort mehr.«
+
+Und er lachte.
+
+Sie verzog keine Miene.
+
+»Nein -- es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.«
+
+»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,«
+sagte er. »Sonst hätt' er meinetwegen leben bleiben können.«
+
+Aber sie schüttelte den Kopf.
+
+Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein.
+
+Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus.
+
+»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist
+keine Kunst.«
+
+Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich.
+
+»Still -- hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit
+verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und
+Schwirren.
+
+Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und
+verröchelte auf dem Estrich.
+
+Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden.
+
+Eine tiefe Stille ging durch die Halle.
+
+Endlich sagte die Königin:
+
+»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt' es nicht
+gedacht.«
+
+Da ging er mit hastigen Schritten hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Den dritten Tag war *er* es, der unter den Helgoländern stand und
+predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war
+so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um
+ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen.
+
+Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er
+fand den Frieden.
+
+Auch die letzten kamen vom Felsen.
+
+Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief
+sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite
+und hörte ihm zu.
+
+Da wurde es ganz still um die greise Frau.
+
+Nur Kai Rickmers blieb bei ihr.
+
+ * * * * *
+
+Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich
+ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen
+den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und
+horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die
+Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel
+blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast
+stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah,
+wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und
+küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ...
+
+ * * * * *
+
+Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den
+Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen
+freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie
+der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und
+Steine glucksen.
+
+Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach
+den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach
+Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch.
+
+Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht
+zu deuten.
+
+Im hellen Sonnenschein schläft sie ein.
+
+ * * * * *
+
+Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da
+haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als
+erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt
+und gelacht.
+
+Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche
+Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise
+Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude
+und Licht und Sonne.
+
+
+
+
+Die sieben Tannenbäume.
+
+
+Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen
+steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt
+in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und
+Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und
+Hasen auf ihm ihr Wesen.
+
+Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem
+Gipfel sieben Tannenbäume, so daß man meinen mochte, er hätte sich
+eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste
+ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem
+feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er
+hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte
+an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges
+Wasser getragen -- und freute sich nun, daß er sie so weit gebracht
+hatte, daß sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mußten sie
+auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den
+Sand fest, daß seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte,
+sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, daß es nicht
+durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, daß es ihm nicht zu
+heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm,
+Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel.
+Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den
+Weg, wenn es über Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt,
+unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach
+war breitgeästet und mußte das Männlein deshalb vor der brennenden
+Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er
+stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind
+beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die
+beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten
+Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut,
+so daß eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch
+lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar
+eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher
+war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte
+das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis,
+ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum
+Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an
+ihm abgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war
+noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit
+Wind und Sonne.
+
+Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr,
+die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und
+feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das
+rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und
+Steinen und wartete, daß die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen
+sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und
+quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, daß es
+morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln faßte, als zöge
+es ein Kind an den Füßen.
+
+ »Bäumchen mein:
+ Sonnenschein?«
+
+fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu:
+
+ »Zwerglein, nein!«
+
+so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag
+wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riß es wieder an den
+Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei -- und bekam mit einemmal
+keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja es ließ sich an den Wurzeln
+baumeln, es fragte mit gräßlich lauter Stimme:
+
+ »Bäumchen mein:
+ Sonnenschein?«
+
+aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bißchen
+besorgt, stieß es die Tür auf -- o weh, wie erschrak es! -- alle sieben
+Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da -- der Berg
+war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüßte
+es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen,
+rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen
+kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen
+wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen
+großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen
+weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das
+rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben.
+Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. »Du findest sie nicht,«
+sagten die Krähen, »die Welt ist zu groß.« Das Männlein jammerte
+wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten
+nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich -- sie fanden es.
+
+»Wenn der Mond aufgeht,« sagte sie, »wollen wir ihn bitten, daß er sich
+zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine
+Tannenbäume.« Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da
+es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen
+Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen
+Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren
+Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest.
+
+»Fangt an!« rief das Männchen; aber die Krähen beschwichtigten es: sie
+müßten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach
+langem Warten, war es so weit. Der Mond stand groß und klar über dem
+Heiderande.
+
+Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft:
+
+ »Blanker, gelber Mond am Heben,
+ spiegle alles Erdenleben!«
+
+Mehrmals und durcheinander schrien sie -- das Männlein fürchtete schon,
+sie möchten es genarrt haben. Plötzlich fielen sie lautlos in das dürre
+Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde größer und größer, leuchtete
+taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit
+allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und
+Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen
+machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach
+einer Gegend.
+
+»Was für eine große Stadt ist das?« rief es zitternd.
+
+»Hamburg,« gaben die Krähen leise zur Antwort.
+
+»Da sind alle sieben, alle meine Tannenbäume!« rief es wieder. »Ich
+sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem
+prächtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in
+einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer,
+Stiefelknecht an der Straßenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast.
+O -- wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehnen, wie mögen
+sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O -- bringt mich nach
+Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!«
+
+Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe
+an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest,
+und -- hast du nicht gesehn? -- ging's über die Geestberge, daß die
+Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten,
+warf das Hasenroß den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach
+Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefaßt auf den breiten
+Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem
+glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen
+vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es
+sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt
+sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die
+krabbelnd vollen Straßen zu stürzen -- aber die Sorge um seine sieben
+Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben.
+
+Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der
+sich an dem Blitzableiter hinabgleiten ließ und durch eine Luftröhre
+in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die
+Augen offen halten. Orgelton und Gesang durchbrausten den Raum, in dem
+kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer,
+hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: es war der
+Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken
+entlang zu ihm.
+
+»Armer Wegweiser!« schluchzte es.
+
+Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, daß die Lichter
+flackerten: »Arm?« fragte er, »ich bin nicht arm, ich bin der schönste
+Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und
+mein Leuchten!«
+
+»Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst,
+sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und
+stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.«
+
+Der Baum rüttelte wieder seine Krone: »Ich weise andere Wege,«
+flüsterte er wie im Traum, »Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum
+Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen
+machen kann. Und hier glänzen tausend. Mußt mir mein Glück schon
+gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.«
+
+Brausend erscholl Orgelton dazwischen.
+
+»Und deine sechs Brüder?« fragte das Männchen.
+
+»Die sind alle Weihnachtsbäume geworden,« sagte der Wegweiser, »tragen
+Lichter und Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines
+Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder und alle Kinder lachen. Keines
+geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen, ist die
+Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern.
+O Weihnacht!«
+
+Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, daß es ihn
+nicht überreden konnte.
+
+»Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren,«
+sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf
+dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es. Zu
+Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und
+sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im
+Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt
+von dem Karussell auf den Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu
+Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte.
+Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und
+einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den
+Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln,
+daß er miauschreiend zurückspringen mußte.
+
+Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie
+ihr großer Bruder, sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden
+zu sein und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln
+Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten
+sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar
+schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie
+Kinder.
+
+Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor
+Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem
+Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn
+niemand kaufen wollen.
+
+»Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken,« sagte der
+Alte zu ihm, »sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume -- aber du
+bist keiner.«
+
+»Doch -- ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern,« sagte
+Stiefelknecht, »der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche
+Menschen vorbeigehen: ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein,
+gewiß kommt heute abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit,
+steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht
+zurück.«
+
+Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah nach den Kindern, die
+jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts.
+
+Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rößlein und ließ sich nach dem
+Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde
+ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am
+Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in
+See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten,
+weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten.
+
+»Dann seewärts,« befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts
+über Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven
+gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See
+zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe
+herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen
+stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter
+Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und
+wurde von einer Seite nach der andern geworfen. Der Wind blies gewaltig
+in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des
+Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind
+auf und ab: das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die
+Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm heraufspritzte. Und
+guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu.
+
+»Armer Spielvogel.«
+
+»He, he, Männlein klein, bist du's?« rief Spielvogel. »Hier ist es
+lustig, nicht?«
+
+»Komm mit nach der Geest.«
+
+»Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden.
+Und was kann schöner sein, als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich
+muß singen!«
+
+Und Spielvogel sang, so laut er konnte, daß die Matrosen mitsingen
+mußten und Träume von Land und Licht träumten.
+
+ * * * * *
+
+Da sah das rote Männchen ein, daß es seine sieben Tannenbäume verloren
+hatte, er dachte daran, daß es nun ohne Wegweiser über die Geest irren
+müsse, daß niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind
+beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen
+helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue -- der Berg war so kahl,
+Regen drang in seine Wohnung -- armes Männchen! Mit einemmal breitete
+es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das
+dunkle Wasser hinab.
+
+Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der
+See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas
+Besonderes, wenn sie ihn fangen.
+
+
+
+
+Ein Sterben.
+
+
+Es war wieder still in dem kleinen, dämmerdunklen Zimmer mit den dicht
+verhängten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlöschen
+nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen
+und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmäßiger,
+und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten
+lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur
+das volle, blonde Haar ließ erkennen, daß er jung war.
+
+Heinrich, der Konfirmand, saß am Tische und hielt die Wache bei dem
+Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach
+dem bunten Schnitzwerk der mächtigen eichenen Truhe und tastete mit den
+Fingern über den Namen und über den Spruch und die Blumen.
+
+Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben.
+
+Plötzlich rührte Gorch sich.
+
+»Mutter!« sagte er leise.
+
+Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt weiß, und zog die Hand
+zurück und ließ Truhe Truhe sein.
+
+»Mutter schläft, Gorch. Ich bin bei dir.«
+
+Der Bruder öffnete die Augen und richtete sich mühsam im Bette auf.
+
+»Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?«
+
+»Die Klock muß so bei Zehn herum sein.«
+
+»Ist das Wetter sichtig?«
+
+Heinrich bog die Vorhänge etwas auseinander.
+
+»Es ist heller Mondschein, Gorch.«
+
+»Laß mich sehen!« bat der Kranke, und als der Junge zögerte, verlangte
+er dringender: »Laß mich sehen!«
+
+Da schob Heinrich die weißen Laken zurück. Und Gorch starrte unverwandt
+hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die
+vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die
+hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der
+den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben
+Mond, der groß und kalt am Heben stand.
+
+Was in ihm vorging, was er sann und grübelte, was für Gedanken ihn
+überkamen, ließ sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine
+Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und
+er schwer in die Kissen zurücksank.
+
+Da stand Heinrich leise auf und verhängte das Fenster wieder, und
+wieder blieb die Zeit stehen.
+
+Bis Gorch abermals erwachte.
+
+»Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!«
+
+»Was willst du damit?«
+
+»Mein Seefahrtsbuch!«
+
+Er griff erregt in die Decken.
+
+»Ich weiß nicht, wo es ist.«
+
+»Mein Seefahrtsbuch!«
+
+Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts übrig, als
+hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch
+danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und blätterte darin
+und sah nicht mehr, daß er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu
+erzählen:
+
+»Sieh her, Heinrich!... als Leichtmatrose mit der >Pisagua< von Hamburg
+nach Iquique und zurück. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal.
+Und zweimal über die Linie. Sieh her, Heinrich!... Als Matrose mit der
+>Lesum< von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfünf
+Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer >Crawford<
+nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen
+Bark... der Deubel mag den Namen behalten haben... in Ballast nach
+Frederikstad, zurück mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger,
+haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht >Nebelung< in
+der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Bloß putzen
+und scheuern, rein als 'n Köksch. Mit dem Fischdampfer >Poseidon<
+neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbären gefangen,
+Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster >Marie<
+sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Böse Fracht, Junge.
+Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool.
+Mit der >Columbia< von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her.
+Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit,
+Heinrich. Ich weiß es noch wie heute...« Er brach ab, seine Gedanken
+verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwächerer Stimme gab
+er drein: »Kanton... Singapore... Aden... Gibraltar... Lissabon...
+Bordeaux... Reval... Stockholm... New Orleans... Kingstown...
+Maracaibo...« Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte
+einen dicken Strich über sein Seefahrtsbuch gemacht.
+
+Heinrich hatte genau zugehört. Wie sie sich in seinem vierzehnjährigen
+Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Häfen und Küsten vor sich:
+mit hohen Leuchttürmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit
+gelben Mongolen und schwarzen Negern.
+
+Gorch ermunterte sich wieder.
+
+»Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze
+Welt. Im Osten und Westen, im Süden und Norden. Und nun ich krank
+zurückgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern
+sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen,
+und ich hätte nichts davon gehabt. Sind große Hansnarren, Junge! Große
+Hansnarren! Mein Leben ist *nicht* umsonst gewesen, und ich *habe* was
+davon gehabt. Mehr, als sie denken können, und mehr, als ich selbst
+glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekämpft und bin immer weiter
+gesteuert, immer weiter... aber, weißt du, Heinrich, immer gerade aus.«
+
+»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge.
+
+Der Weltumsegler schüttelte den Kopf.
+
+»Nein, Heinrich. *Da* war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu
+unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt,
+aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so
+groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem
+Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß,
+wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem
+das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie
+im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem
+Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie
+Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer
+gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis
+Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland
+gekommen sind. Ich habe gelebt.«
+
+Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter
+den Rücken.
+
+»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen
+Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als
+den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich
+kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden.
+Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im
+Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein
+zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.«
+
+Der Fieberfrost schüttelte ihn.
+
+»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am
+besten, wenn sie über die Kranken lachen... Und hör' nicht auf mein
+Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es
+schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt,
+Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen,
+Nebel, Sturm: alles war schön.«
+
+»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.«
+
+»Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der
+Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief
+gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir
+alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber
+ich rate dir *zu*, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner
+als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es
+sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die
+Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den
+Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken,
+dich breitschlagen... hör' nicht darauf ... sie sind jung *gewesen* und
+können die Jungen nicht mehr verstehen.«
+
+Heinrich sah ihn fest an.
+
+»Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.«
+
+»Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du
+um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen,
+und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See,
+Heinrich ... Und nun ... ruf' die Mutter ... ich fühle, daß ich zu Ende
+bin ... ich möchte ihr gern noch einmal die Hand ...«
+
+Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurück und verschied, um
+höheren Ortes Verklarung abzulegen.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56512 ***
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-The Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-
-
-Title: Schiff vor Anker
- Erzählungen
-
-Author: Gorch Fock
-
-Editor: Aline Bußmann
-
-Illustrator: Bernhard Klein
-
-Release Date: February 6, 2018 [EBook #56512]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER ***
-
-
-
-
-Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
-Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart
-dargestellt war.
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-Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden
-Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter
-belassen.
-
-
-
-
- Schiff vor Anker
-
-
-[Illustration: Gorch Focks Elternhaus auf Finkenwärder, im Vordergrund
-seine Mutter]
-
-[Illustration: Gorch Focks Grab auf Stensholmen in Schweden]
-
-
-
-
- Schiff vor Anker
-
- Erzählungen von
-
- Gorch Fock
-
- Aus dem Nachlaß herausgegeben
- von Aline Bußmann
-
- Mit Bildern von Gorch Focks Elternhaus
- auf Finkenwärder und seinem
- Grabe auf Stensholmen in Schweden
-
- Hamburg
- Verlag von M. Glogau jr.
- 1920
-
-
-
-
- 1.-10. Tausend.
- Mit Umschlagzeichnung von Bernhard Klein.
-
-
- Zeilenguß-Maschinensatz und Druck
- von Oscar Brandstetter in Leipzig.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- An Gorch Focks Freunde 7
-
- De solten See 9
-
- Herbst entgegen 20
-
- Karen 29
-
- Vor Ostern 40
-
- Kassen Witt sin Freeree 54
-
- Pulli 68
-
- Sonntagnachmittags 83
-
- Hans Otto 89
-
- Ditmer Koels Tochter 99
-
- Schiffbrüchig 115
-
- »In Gotts Nomen, Hinnik!« 123
-
- Auf Helgoland 131
-
- Die sieben Tannenbäume 143
-
- Ein Sterben 154
-
-
-
-
-An Gorch Focks Freunde.
-
-
-Längst ist Gorch Focks Schiff vor Anker gegangen. Und wir haben seine
-Schätze davongetragen, die er in der Unendlichkeit des Meeres, in Ferne
-und Nähe, in Stürmen und Stille in seine Seele gesammelt hatte. Und wir
-sind mit vollen, schweren Händen davongegangen.
-
-Nacht und dunkle Nebel haben sich nun auf das Land gelegt, für das
-Gorch Fock sich hingegeben, wenig matte Sterne leuchten am verhüllten
-Himmel. Wir sind noch einmal den Weg zurückgegangen zu Gorch Fock, an
-seinem Schiffe glommen noch leise das rote Licht seiner Lebensliebe,
-das grüne seines hoffenden, unverzagten Herzens, und inmitten der
-beiden das helle, gelbe, strahlende Licht seines Daseins. Und in
-dem still gewordenen Schiff haben wir noch einmal nach vergessenen,
-liegengebliebenen Kostbarkeiten gesucht und fanden Dinge, die nicht
-untergehen sollen in Vergessenheit.
-
-Bunt ist die Kette, die daraus wurde, Altes und Neues ist
-nebeneinandergereiht, aber in jedem ist Gorch Focks Geist, der in
-allen, die ihm nahe sind, lebendig bleiben möchte.
-
- Aline Bußmann.
-
-Hamburg 1919.
-
-
-
-
-De solten See.
-
-
-Ein Tropfen Tinte sitzt in meiner Feder und will verschrieben sein.
-
-Was ist es, das mich wiegt? Wo bin ich? Was klirrt da? Ist es mein
-Schwert? Oder habe ich nur geträumt? Sind wir schon auf der Nordsee,
-haben wir das Skagerrak schon hinter uns, und ist unser Ziel, das
-Eiland Heiligland, schon in Sicht gekommen? Was da unter und neben mir
-gluckt und plätschert und gurgelt: ist das schon das grüne Wasser der
-Nordsee, von dem der Skalde gestern erzählte? Es muß wohl so sein,
-denn diese Dünung ist nicht mehr so lang wie die des Atlantischen
-Weltmeeres! Es wird den alten Seekönig von Herzen freuen, daß unser
-Drachenschiff so schnelle Fahrt gemacht hat, in vier Tagen vom
-Hardanger bis Heiligland, und er wird morgen lachen, wenn es Tag
-geworden ist! Vielleicht gießt er wieder einen Becher roten fränkischen
-Weins in das Meer, wie er tat, als der junge König von Heiligland
-um seine Enkelin warb! O Gerda, nach der sich die Augen aller
-Schiffsgenossen immer noch drehen, ob du gleich Braut bist und zu
-deinem Bräutigam fährst, du bist schön wie die Sonne, die aus der See
-steigt! Die stillste See kann den blauen Himmel nicht so widerspiegeln,
-wie dein Auge es tut. Stünde ich mit dir auf dem hohen, roten Felsen,
-blickte ich mit dir über das weite Meer, wiese ich dir die Segel in
-der Tiefe und die Wolken, die an der Kimmung aus dem Wasser steigen,
-du Königskind, ich wollte lachen wie der lichte Balder! Denn ich liebe
-dich wie die See, und die See liebe ich wie dich -- und niemals hat ein
-Wiking ein größeres und tieferes Wort gesprochen als dieses. Steuern
-wir nach der Hochzeit nordwärts, der Mitternachtssonne entgegen, so
-lehnst du nicht mehr mit wehendem Haar am Mast, Gerda. Niemals höre
-ich dein Lachen wieder -- aber mir bleibt die See, die hohe Trösterin,
-deren Atem alle Wunden heilen kann. Sie wird dem Wiking helfen! Murmelt
-nur weiter, Wellen am Bug, und erzählt mir vom Meere ...
-
-Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
-sein.
-
-Ich habe die Augen geöffnet und erkenne, daß ich geträumt habe!
-Ich liege nicht im Bauch des nordischen Drachens, sondern auf der
-Diele eines Fischerfahrzeuges, unseres Ewers, und stecke in einem
-alten, geflickten Focksegel, in das ich mich der Sommerhitze und der
-aufrührerischen Wanzen wegen eingewickelt habe. Unter meinem harten
-Lager strömt das Wasser, das wir im Raum haben, von einer Seite nach
-der andern. Es gurgelt im Bünn, dem großen Fischkasten, und es klatscht
-im Wasserfaß. Die Ölröcke und Südwester, die an der Decke hängen,
-scheuern unruhig hin und her, als baumelten sie im Winde. Gegen den
-Bug aber springen und hüpfen die Wellen der Nordsee und kluckern wie
-junge Enten im Graben. Was sie mir erzählen wollen, das haben sie
-schon Siegfried und Hagen sagen wollen, als sie die Fahrt nach Island
-unternahmen! Und wenn es auch noch kein Menschenohr begriffen hat:
-gefreut und erquickt hat es schon abertausend Menschenherzen und wird
-sie immer erquicken, so lange es eine See auf der Welt gibt. Aber
-nun singt mich wieder in Schlaf, ihr Wellen, ihr Seen, denn wir sind
-mitten im Streek, fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff
-auf Zungen, und wenn ich nicht geschlafen habe, kann ich keine gute
-Wache gehen. Noch einmal blicke ich durch die offene Kapp nach dem
-tiefdunklen, sternenbesäten Nachthimmel hinauf, sehe den dunklen
-Großtopp durch die Sterne wandern, höre die Gaffel knarren und den
-Bestmann schnarchen, dann nimmt der schwere, gleichmäßige Schritt des
-wachhabenden Schiffers an Deck mich mit, und der Schlafbaas mustert
-mich wieder an.
-
-Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
-sein.
-
-Immer noch dieser schwere Schritt auf dem Achterdeck! Oder ist es ein
-anderer? Ja, der Schritt ist dumpfer ... Schwarz und tot treibt die
-mächtige Kogge hinter Borkum auf der stillen See. Bis auf den Mann im
-Krähennest und den leise summenden Posten auf dem hohen Bord scheint
-das ganze Schiff zu schlafen. Über die Stengen und Wanten kriecht
-der Mondschein. Wie in schwerem Bann ist die See erstarrt. Zu Stahl
-scheint sie geronnen zu sein. Ringsum kein Schiff und kein Land, nur
-die tote See. In der Admiralskajüte aber wacht ein Licht und wachen
-zwei Menschen. Wie ein Gespenst wandelt der Schatten des langen Klaus
-Störtebeker an der Wand. Ruhelos geht der junge Seeräuber auf und ab.
-Mitunter hebt er das geblümte flandrische Tuch und blickt aus dem
-kleinen Guckloch über die mondbeschienene Wasserfläche, dann nimmt
-er seine Wanderung wieder auf. Quälen ihn seine wilden Taten, oder
-hält der Madeirawein ihn wach? Der rotbärtige Godeke Michels, sein
-Spießgeselle, der auf der halbmondförmigen Bank sitzt und kaum noch
-die müden Augen offenhalten kann, sagt zuletzt: »Tu es, Klaus, nimm
-die junge Gesina und bleib an Land, tu dem alten Grafen den Gefallen
-und gib die Seefahrt auf, überlaß mir die Schiffe, laß Messen lesen
-und werde ein ehrlicher Kerl an Land. Von Schottland bis Tunis gibt es
-kein zweites Weib wie Gesina, und sie liebt dich.« »Sie liebt mich,«
-wiederholt Störtebeker langsam. »Ein geruhiges Leben hinter Deichen,
-zwischen Menschen und Weibern und Blumen, keinen Sturm und keine Not.
-Gesina ist schön. Und doch: nein, Godeke! Meine Meerfahrt ist mir
-lieber als das beste Weib!« »Du bist ein Hansnarr,« murrt Michels,
-als Störtebeker jetzt an den alten Ostfriesen schreibt. Geräusche und
-Gespräche unterbrechen jäh die nächtliche Stille an Deck: die Schaluppe
-muß zu Wasser, damit der Brief sofort bestellt werde. Als das Geknarr
-der Riemen in der Weite verklingt, wendet der Seeräuber sich von der
-Reling, blickt noch einmal nach den riesenhaften Fledermausflügeln
-hinauf und tritt wieder in seine Kajüte. Er hat sich der See
-verschrieben, das weiß er.
-
-Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
-sein.
-
-Ich muß auf einer Segelöse, auf einer Kausch gelegen haben, denn
-mein Rücken schmerzt. Oder hat die mütterlich-sorgliche Natur mich
-geweckt, die weiß, daß wir alle drei Stunden unsere Kurre einziehen.
-Ist es an der Zeit? Ich öffne die Augen: es ist hell, die Sterne
-sind verblaßt! Da ruft es auch schon singend zum Einziehen. »Intehn!
-Intehn!« »Jo,« antworte ich und »Jo« echot es in der Steuerbordkoje.
-Wir schlafen während der Fahrt und Fischerei in voller Kleidung, ich
-brauche deshalb nur die langen, schweren Seestiefel anzuziehen, die
-von Tran und Schuppen glänzen; dann stehe ich an Deck und muß mich
-wundern, denn von der See ist nicht das geringste zu sehen. Segeln
-wir auf der Milchstraße? Alles Wasser ist mit einer dünnen, aber
-dichten, undurchdringlichen Schicht weißen Gewölkes bedeckt, daß nicht
-eine Welle zu erkennen ist. Und die weiße Decke liegt nicht still,
-sondern fliegt schnell mit dem Morgenwind nach Osten und reißt doch
-nirgends ab. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Seltsam ist es.
-Wären luvwärts nicht die holländische Tjalk und der Fischdampfer in
-Sicht, die mit Steven und Wanten aus der Morgenmilch ragen, ich könnte
-glauben, mit einem Luftschiff über den Wolken zu fahren. Mit einem
-Luftschiff, wie wir es dwars von Spiekeroog sahen, als wir, von einer
-Windstille heimgesucht, mit schlaffen Segeln und schlagenden Schoten
-in der stetigen Dünung trieben und nicht fischen konnten. Da stieg
-es im Nordosten aus der See wie ein helles Segel. Wir wußten erst
-nicht, was wir aus dem Wölkchen machen sollten, dann aber erkannten
-wir durch das Glas den Zeppelin, der den Meeresflug wagte, und sahen
-ihn nun in unsere Einsamkeit hineinwachsen. Immer höher stieg und
-immer größer wurde die gelbe, kantige Leinwand. Da sickerte schon der
-Lärm der Motoren herab. Das singende Brausen der neuen Zeit erhob
-sich. Unglaublich schnell kam das Luftschiff näher: wir hatten schon
-die Köpfe im Nacken, da, als es über uns stand und seinen Schatten
-auf die helle See warf, senkte sich der Bug des Riesen, bis der
-Kiel seiner Stahlgondeln die See berührte. Er fuhr auf dem Wasser
-entlang, wie um uns recht zu verhöhnen, uns Windjammerer. Ich hätte
-mich gar nicht gewundert, wenn er eine Kurre zu Wasser gelassen und
-gefischt hätte. Die Leute schöpften Wasser als Ballast aus der See.
-Keine dreißig Faden von unserm Ewer brauste die hohe Wand vorbei. Ich
-winkte nicht mit, aber Tränen stiegen mir ob solcher Menschenkraft und
-Menschenschönheit in die Augen. Das neue Geschlecht der Meeresherren!
-Das alte der Meeresknechte trieb regungslos mit alten Segeln in der
-Windstille und blieb meilenweit zurück. Ein Riesenvogel, der aus der
-See getrunken hatte, erhob der Zeppelin sich wieder vom Wasser und
-zog in Leuchtturmhöhen davon. Wie wünschte ich in diesem Augenblick
-der Hilflosigkeit einen Sturm herbei, um dem fliegenden Schiff zeigen
-zu können, daß auch wir lebten und webten! Wie seine deutsche Flagge
-wehte! Immer mittelalterlicher und zurückgebliebener kam ich mir
-vor. Erst am andern Abend, als wir ein starkes Gewitter bekamen, als
-der ganze Heben eine Feuersbrunst war und der Donner uns umstürmte
-und umknallte, als der Regen auf uns niederströmte, als wäre er mit
-Eimern ausgegossen, als wir auf der hochgehenden Dünung tanzten, erst
-dann vergaß ich des Luftfahrers. Alles konnte der Zeppelin doch nicht
-machen: hier brauchte es doch noch der Schiffe und der Seeleute! Und
-das tröstete mich, so viel Seen auch über den Setzbord stiegen, und
-so heftige Sprünge der Ewer auch machte, wir hielten stand. Nun
-stehen wir auf dem weißen Daak, lassen die Fock fallen und hieven,
-schwer arbeitend, das Schleppnetz, die Kurre, auf. Wie seltsam, ob es
-gleich alle Tage so ist: eben noch nichts zu erblicken, und nun sind
-wir schon von hundert äugenden und schreienden Seemöwen umflogen und
-umkreist! Hiev, hiev! Wer denkt an Möwen, wenn die Kurre eingezogen
-wird! Hiev! hiev! Endlich haben wir den Steert, das Ende des Netzes,
-in der Talje, der Knoten wird gelöst, und die See speit ihre Fische
-aus, ihre Zungen und Schollen, ihre Steinbutten und Rochen, Knurrhähne
-und Petermännchen. Wie glänzen die Schuppen, die weißen Bäuche in der
-Morgensonne, die aus der See gestiegen ist und den weißen Nebel von der
-Diele gefegt hat! Wie schnappt alles nach Wasser, wie springt alles in
-Angst und Todesnot durcheinander! Sonst habe ich das nicht gesehen,
-ich sah immer nur ein fröhliches Klappern und Spaddeln, das mir das
-Herz erfreute, aber seit dem furchtbaren Traum habe ich Augen für die
-Qualen bekommen. Wir lagen vor Wind in Bremerhaven und hatten einen
-alten Janmaaten in der Kombüse, der mit unserm Bestmann verwandt war:
-das gab einen Abend alter deutscher und englischer Matrosenlieder,
-einen Abend Passatwind, Liniensonne und Kapsturm. Die Nacht darauf
-träumte mir das Grauenhafte, daß ich an Deck ging, als gerade die
-Kurre aus der See kam! Heftig erschrak ich, denn die Luft war erfüllt
-von tausend Schmerzenslauten, von tausend Todesschreien, von tausend
-Angstrufen! Alle Fische hatten Stimmen bekommen und jammerten ihre
-Qual in die Luft! Und es schrie nicht nur bei uns, sondern auch auf
-den andern Schiffen: die ganze Nordsee war erfüllt von diesem Röcheln
-und Schreien, das so furchtbar anschwoll, daß wir es nicht auszuhalten
-vermochten! Wir flüchteten zitternd, verkrochen uns in die Kajüte und
-bebten, als erwarte uns ein Weltgericht! Furchtbares Grauen!
-
-Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
-sein.
-
-In Lee steht ein mächtiges Viermastvollschiff in der Sonne und schiebt
-sich langsam vorwärts! Es ist ein deutsches! Mit hundert weißgrauen
-Segeln steuert es dem Weltmeer entgegen. Meine Wünsche schwirren wie
-fliegende Fische um seinen Steven, und meine Sehnsucht hängt sich an
-seine höchsten Rahen! Da mit können! Große Fahrt tun! Nimm mich doch
-mit, du großer Laeisz, du Königin des Atlantik! Ich sehne mich nach
-hundert Tagen ohne Land, ich möchte unter der Linie getauft werden
-und möchte auch das düstere Kap Horn einmal in mein Leben hineinragen
-sehen! Ich möchte dich sehen, wenn du die Stürme abschüttelst, du
-Viermaster!
-
-Schöne Geschöpfe gehören dir, Meer, herrliche Kinder sind dein! Was ist
-ein Haus gegen ein Schiff, was ist ein Schreiber gegen einen Seemann?
-Was ist das erstarrte Land gegen dich, atmende, wogende See? Ein
-Leichnam gegen einen Lebendigen!
-
-O, ihr Schiffe auf der See, und du Dünung du! Ihr Tage und Nächte, ihr
-Wolken und Winde: was seid ihr an Land? Nichts! Und was seid ihr auf
-See? Alles, alles, was uns die Seele bewegt!
-
-Ich grüße dich, du kleine Galliote, die du so tapfer deinen Kurs
-steuerst. Kommst du von Schweden und willst nach England? Du kleiner
-Mann auf der Back: wiegte dich deine Mutter dort in dem schönen Land
-der Wälder und Seen auch so gut, wie die See dich jetzt wiegt?
-
-Da -- das große »Vaterland«, die schwimmende Stadt, das mächtigste
-Schiff der Welt! Wie eine Erscheinung! Ich hole die Flagge aus der
-Achterplicht. Wir brauchen sie sonst nur, wenn ein Kriegsschiff in
-Sicht kommt, aber das größte und schönste Gebilde der deutschen Hand
-zu grüßen, hole ich sie dennoch freudig auf! Überschiff du! Wie der
-englische Kohlenkasten qualmig auf seiner schwarzen Schornsteinpfeife
-raucht, als ob es ihn verstimmte, dieses _Made in Germany_!
-
-Noch ein Blick nach dem Schoner und den nachbarlichen Fischerkuttern,
-und dann laß es genug sein, See. Die Möwen sind weggeflogen, unsere
-Fische sind auf Eis gebettet, die Kurre pflügt wieder den Meeresgrund,
-und das Deck ist gedweilt: ich kann wieder drei Stunden schlafen!
-So wiege mich wieder in Träume hinein, du große, gute See! Und laß
-mich bei der harten Fischerei niemals vergessen, daß du schön bist
-wie nichts auf der Welt, wie kein Wald und kein Berg! Noch habe ich
-es keinen Augenblick vergessen, und allen Witwenkleidern und Tränen
-zum Trotz soll das Herz daran festhalten! Und sollte mir einmal der
-Fliegende Holländer begegnen, das todverkündende Geisterschiff, sollte
-die Sonne ihren Schein verlieren wie auf Golgatha, sollten meine Masten
-brechen und meine Segel in den Wind fliegen, sollten die Notanker nicht
-mehr halten, sollten die Luken einschlagen und die große Sturzsee ehern
-heranwogen und Klar Deck machen, solltest du mich holen, schöne, wilde
-See, so will ich in aller meiner Not doch erkennen, daß mein letzter
-Blick deiner größten, höchsten Schönheit gegolten hat.
-
-Ihr aber, ihr Jungen, Lebendigen, setzt weiter Segel auf! Beflaggt eure
-Schiffe und grüßt die deutsche See, ihr deutschen Jungen! Wiegt euch
-auf der Dünung und freut euch der Sonne auf den Meeren und Gewässern!
-
-
-
-
-Herbst entgegen.
-
-
-Ich schwimme beim Swiensand, südsüdost von Falkental im tiefen Priel
-und ringe mit der starken Strömung. Eisigkalt ist das Wasser. Es soll
-mich heilen von der Herbstmüdigkeit, von den Spinneweben, die meine
-Sinne umfangen wollen. Schwere, fremde Tropfen sind in meinem Blut. Und
-wären es die letzten, verzitternden Wellenkreise eines Winterschlafes
-in grauen Zeiten: ich schüttle sie ab und lache ihrer. Ich brauche den
-Herbst und seinen Wind, ich rufe ihn: damit meine Wimpel hoch am Mast
-flattern, damit meine Segel sich blähen, damit meine Mühlen mahlen.
-Mit weißen Geisterhänden greif ich aus: dreimal noch um das Boot, nein
-viermal, nein solange, bis die Sonne wieder aus den Wolken kommt.
-Riesengroß ist mein Fahrzeug: es überragt alle Bäume, alle Deiche,
-alle Türme, alle Gipfel. Eben komme ich beim Achtersteven aus seinem
-Schatten und steure auf das kleine, grüne Eiland zu. Die Weidenblätter
-haben schon helle Farben. Das Reet ist graubraun geworden. Da waten
-keine Störche mehr, da jagen keine Schwalben, da tanzen keine Mücken
-mehr umher. Die Kuhblumen, die Butterblumen haben ausgeblüht, die
-Binsen liegen schwer auf dem Schlick. Still und vereinsamt harrt der
-Sand der Stürme und Hochfluten. Schwarze Muscheln liegen am Strande,
-wie Fußtapfen im Schnee. Eine Nebelkrähe schreitet beschaulich am
-Wasser entlang. Mitunter streckt sie den Kopf vor und gibt sich durch
-tiefes Krächzen kund. Wilde Enten streben hastig dem Neste zu.
-
-Es wird hell und blank um mich her, es blitzt und schimmert: die
-Sonne ist da. Ich schwinge mich an Bord und springe von Ducht zu
-Ducht, derweil die Sonne und der Wind mich abtrocknen. Um Kiel und
-Steven plätschern die Wogen, sie schlucken und glucken, heimlich und
-stillvergnügt. Die Augen zu: es ist, als wenn die Glocken gehen,
-Hochzeitsglocken, Freudenglocken, als wenn die Kinder fern auf der
-Wiese lachen und spielen, als wenn die Pappeln im Sommerwinde rauschen
-und erzählen, als wenn die silbernen Quellen über glatte Kiesel und
-knorrige Tannenwurzeln springen, tief, tief im Walde ... Gluck ...
-gluck ... gluck ... Eine Henne lockt ihr Küchlein -- und das Küchlein
-legt das Ohr an die Bordwand und horcht und lacht. Das Segel reiß
-ich mit *einer* Hand empor, und der Anker kommt schnell genug ans
-Tageslicht. Dann ziehe ich mich an. Das Boot schwoit, der Lappen fällt
-voll, und leise gurgelt und zischt es am Steven. Gute Fahrt bei raumem
-Wind und mit der Tide. Nach Schifferart einen Blick prüfend zu dem
-braunen Segel hinaufgeschickt -- dann halte ich hellen Ausguck.
-
-Der Swiensand schaut mir nach. Blanke, glatte Flächen, dunkle, krause
-Windstreifen auf der Elbe. Einen langen, breiten Weg hat die Sonne
-sich gepachtet: da blinkt und gleißt es, da spielen ihre strahlenden
-Kinder. Hinter Schulau dehnt sich die See, da sind der Himmel und das
-Wasser allein auf der Welt und halten einander still an den Händen.
-Rauchwolken bei Rauchwolken, als wär's die Straße zur Hölle. Segel über
-Segel teilen sich in den mächtigen Strom: graue und braune, hohe und
-breite, neue und geflickte. Schleppdampfer, Seedampfer, Fischdampfer,
-Fährdampfer, schwarze und bunte Schornsteine. Weiße, schimmernde
-Eiderschuner, unförmige holländische Kuffen, breite, protzige,
-ostfriesische Tjalken, schwere, wetterfeste Finkenwärder Fischerkutter,
-spitznasige, verwitterte Altenwärder Ewer, braune, runde Lühjollen,
-alles klüst nach Osten. Weiße, schlanke Leuchttürme verträumen den Tag.
-Graue Heidehäupter stehn am Wege, wie Nordlandsrecken. Blankenese,
-Luginsmeer und Luginsland, Utkiek und Kiekut von Hamburg -- ein
-rechtes Sonntagsnest, Tag für Tag in Sonntagskleidern, immer geziert
-und geschmückt. Die weißen Giebel und die blauen Dächer schauen aus
-den Baumkronen. Die Fenster sind wie dunkle, kluge Vogelaugen. Helle
-Streifen leuchten aus dem Grün: das ist der Herbst. An den Brücken
-liegen Fährdampfer, die grünen, breit und bürgerlich, die schwarzen,
-schlank und aristokratisch. Ihre weißen Rauchwolken verfliegen an
-den Abhängen. Die efeuumsponnene Burg der guten Frau äugt still und
-weltfremd von der waldigen Höhe: sie träumt vom grünen Rhein. Überall
-spielen die bunten Farben: gelb und rot und braun in hundert Tönen.
-Der liebe Nienstedter Turm spiegelt sich in der Elbe. Sein grünes Dach
-und seine goldnen Zeiger glänzen im Sonnenschein. Um seinen Knauf
-fliegen die Dohlen. Aus allen Schornsteinen qualmt die breite, rote
-Brauerei. Auf der andern Seite grüßen die grauen und grünen Häuser
-von Finkenwärder über die Hamburger Dünen hinweg. Auch die trotzige
-Kirche guckt über den Deich und der Neß mit seinen Eichen. Der helle,
-zierliche Wasserturm lacht herüber.
-
-Die Mühle mahlt im Winde, und auch im Alten Lande drehen sich die
-Mühlen. Brotes genug. Mein Segel giekt, mein Fahrzeug schwankt. Die
-Dünung des glänzenden, hohen Amerikadampfers hat uns erreicht: mein
-Boot und ich verneigen uns und danken für den Gruß aus der großen,
-weiten Welt.
-
-Sei mir gegrüßt, du bunte Welt, sei mir gegrüßt, du großes Leben. Du
-rinnst und jagst durch meine Adern, reißest mich auf und wirfst mich
-nieder. Nieder? Fortan nicht mehr! Wer so lachen kann, wie ich, der
-läßt sich nicht mehr niederwerfen. Ich *lebe*, und hoch will ich leben.
-Ich lebe mit Wissen und Willen, fühle jeden Atemzug, jeden Windhauch,
-jeden Wellenschlag. Ich sehe jeden Baum und jede Wolke, deute jeden
-Schritt und jeden Klang, forsche in allen Mienen und in allen Zügen.
-Umflutet, umbraust, umkost -- und König meines Lebens bin *ich*!
-Mittelpunkt der Welt, aller Augen warten auf mich und über meinem Kopfe
-ist der Himmel am allerhöchsten. Was *ich* sehe, was *ich* tue: darauf
-kommt es an, und für mich scheint die Sonne. Umreißen oder aufbauen,
-das ist mir gleich, nur wirken, arbeiten, die Arme aufkrempeln können.
-Und dabei singen mögen! Wenn zwei streiten: hei, dazwischen gesprungen
-und mitgestritten! Leben, lachen, siegen!
-
-Nicht angekettet sein, wie die rote Leuchtboje hier an Backbord, deren
-mattes Blinkfeuer mit den Sonnenstrahlen kämpft. Von den Torfewern, die
-auf die Ebbe lauern, liegt ein ganzes Rudel vor Anker. Sie sind nicht
-mehr so tief geladen und haben nur noch wenig Decklasten: die unruhige
-Jahreszeit ist angebrochen. Auf einem Holländer spielen die Kinder
-Verstecken. Hinter dem Kompaßhäuschen, auf dem Roof, vor der Winde:
-überall krabbelt es. Ein kleiner Kerl kriecht sogar in das Großsegel
-hinein. Die Mutter sitzt auf den Luken, schält Kartoffeln und guckt
-ihnen zu. Ein weißes Landhaus mit riesigen Eulenaugen schmiegt sich bei
-Flottbek dicht an die hohen Buchen, die es einrahmen. Auf der Chaussee
-schnauft ein Automobil: ein Augenblick und der Komet ist verschwunden,
-nur sein Schweif verkündet noch seinen Weg. Helle Kleider, rote
-Schirme. Mühelos überhole ich ein Segelboot von Neumühlen: weiße
-Segel allein tun's eben nicht. Vornehm und verbindlich steht das
-Parkhotel da, und die Schiffe ziehen an ihm vorbei und spiegeln sich
-in seinen Fenstern. In glänzender Reihe krönen die Landhäuser den
-waldigen Höhenkamm, weltklug und weltüberlegen, gegenwartkundig und
-zukunftfroh. Auf dem Sande liegt junges Volk in der Sonne. Ein Mädchen
-winkt mit der Hand, die beste von allen hebt nur eben das Bein zum
-Gruße. Spielend rollen die Wellen hinan, kehren zurück und ergießen
-sich wieder über die Steine. Die Zweige gehen im Winde auf und ab: das
-ist ein immerwährendes Schmeicheln und Fächeln. Da ziehen sie schon die
-Boote auf den Strand, schlagen die Segel ab und scheren die Leinen aus.
-Die Herrlichkeit neigt sich. Heute aber wehen noch die Fahnen, laufen
-noch die Kellner umher, sitzen noch muntre Gäste an den weißgedeckten
-Tischen unter den Ulmen, perlt der Wein im Römer, paradiert die dicke
-Kaffeekanne zwischen Stapeln von Kuchen.
-
-Ree -- und mein Boot stößt hart gegen den Brückenkopf. Die Mädchen
-gucken mir lachend zu, wie ich das Segel herunternehme. Und ich lache
-mit, denn blühende Rosen und leuchtende Mädchenaugen ... ach was,
-ich gehe raschen Schrittes dem Lande zu, wie ich immer tue, wenn die
-Sonne scheint. Bunt wie ein Narrengewand ist das Laub, hier dunkelgrün,
-da grau, da braun, da rot, da gelb. Rote Vogelbeeren schimmern aus
-den Büschen. Hinter den Fenstern der altmodischen Lotsenhäuser bunte
-Blumen. In den Gärten noch Astern und Rosen, etwas welk, zerzaust, aber
-Rosen, Sommerrosen. Die Elbschlucht hinauf geht es in Sprüngen: Stufen
-sind für alte Leute und dürfen nicht abgenutzt werden. Graues Laub in
-allen Ecken und auf allen Wegen, das rauscht und raschelt. Recht in den
-Sonnenschein setz ich mich und recht angesichts der Elbe. Vorposten!
-Da unten kreist das Leben, da kräuselt sich das Wasser und wiegt sich
-auf und ab. Die Schiffe kommen und gehen, und keins läuft vorbei,
-das ich nicht messe und nach dem Kurs frage und ein Stücklein Wegs
-begleite. Über mir spielt der West in den Blättern, und an der Erde
-fegt er das abgefallene Laub auf einen großen Haufen. Dann und wann
-wirbelt ein Blatt herab. Helle Wolken ziehen in der Luft. Bald scheint
-die Sonne, bald läuft der Wind mit dem Schatten über die Welt. Auf dem
-Dach sitzt eine Schar von Spatzen und piept laut durcheinander. Aus
-den Gärten steigt ein herbstlich feuchter Odem auf. Alle Augenblicke
-legt ein Dampfer an der Brücke an. Breit und schwarz steigt der Rauch
-auf. Deutlich ist zu hören, wie die Stege ausgelegt werden, wie das
-Wasser schäumt, wie die Räder schlagen. Dazwischen Rufe. Tuten und
-Pfeifen. Hoch und leer kommen die Kohlendampfer herab: die Schraube
-haut halb in der Luft und wirbelt einen Berg von Gischt auf. Einer von
-Woermann, einer von Sloman, ein Neptun, ein Kosmos, ein Engländer,
-ein Normann, so wechselt es ab. Eine schwedische Bark mit der neuen
-Flagge. Im Südosten das Schuppen- und Masten- und Schornsteingewirr von
-Kuhwärder, der riesige Laufkran. Die Schlote von Harburg, der Turm von
-Altenwärder, das helle Band des Köhlbrandes. Dahinter die dunkelgrauen
-Berge, die tiefblaue Geest, wo die Nebel brauen. Der Schopf des
-Falkenberges, das kahle Haupt des Opferberges bewachen den Eingang der
-stillen Heide.
-
-Einzelne Boote rudern noch in der Tiefe. Es muß Hochwasser sein:
-die braunen Segel erscheinen: die Strohewer, Torfewer, Steinewer,
-Fruchtewer, Kornewer. Schwerfällig kreuzen sie vorbei und ist doch ein
-farbenfrohes Bild. Das singt und juchheit nicht und reckt mir doch die
-Arme, denn es lebt und webt und fährt mit allen Winden.
-
-Marienfäden fliegen umher.
-
-Die Wolken haben den ganzen Himmel überdeckt. Die Dämmerung geht über
-Strom und Strand. Es dunkelt rasch. Mit Siebenmeilenschritten kommt die
-Nacht, und riesenhaft ragen Bäume und Giebel in das letzte Abendrot
-hinein. Die Heide verliert sich. Nur die Elbe schimmert noch grauweiß
-herauf. Überall sind Lichter entglommen. Eins nach dem andern wird
-angesteckt. Gelb und grün und rot, matt und hell, groß und klein. Alles
-wirbelt auf dem bewegten Wasser hin und her. Irgendwo zirpt eine Grille
-von gelben Ähren, rotem Mohn und blauen Kornblumen. Die Elbchaussee
-entlang wanken Laternen. Zwei bei zwei halten sich die Kinder an den
-Händen und blicken mit großen, dunklen Augen auf ihr gelbes Licht.
-Und singen verträumt von ihrer lieben Laterne. Mählich verklingen die
-feinen Stimmen in der Ferne.
-
-Leise summe ich die schlichte Kinderweise vor mich hin, als ich langsam
-den Abhang hinuntergehe. Dann ziehe ich mein Segel wieder auf und
-kreuze die Elbe hinab.
-
-Hoch und steil steigt das Ufer an und wirft seinen riesigen Schatten.
-Groß und gespenstisch gehen die Schiffe an mir vorbei. Von allen
-Seiten umspielen mich die Lichter. Wie Leuchtkäfer schwirren sie
-durcheinander. Verhaltene Stimmen zittern durch die stille Luft.
-Am Strand wird es dunkler und einsamer. Auf einem Ewer klagt eine
-schwermütige Harmonika. Je weiter ich treibe, desto ruhiger,
-traumvoller wird die Welt. In tiefem Frieden zieht die Elbe dahin. Nur
-am Steven plätschern die kleinen Wellen.
-
-Droben haben sich die Wolken geteilt und freundliche Sterne schauen
-herab zur »Guten Nacht«.
-
-
-
-
-Karen.
-
-
-In *einem* Atemzuge schnob der Nordwest von Esbjerg nach Kopenhagen: so
-klein war Dänemark in dieser Sturmnacht geworden. Nur als die Fackel
-auf der See erlosch, hart an der jütischen Küste, die zitternde,
-schwankende Notfackel, als die grauen Segel jäh aufs Wasser schlugen,
-da ward es urplötzlich stiller, und es schien, als müsse der Wind sich
-besinnen. Wo eben noch der gewaltige, wilde Nordlandswolf geheult hatte
-und umhergesprungen war, lag eine riesenhafte, graue Katze auf der
-Lauer.
-
-Fünf weiße Häuschen, die in der Dünenmulde standen, waren die Mäuse,
-die sie nicht aus den Augen ließ. Und kaum daß einer zehn zählen
-konnte, richtete sie sich pfauchend und zischend auf. Der aufgewühlte
-Dünensand hagelte schwer gegen die Fensterläden. Lange, wehe Klagetöne
-hallten um Dächer und Giebel. Die See aber schrie noch zorniger gegen
-die Wolken, hob die weißen Häupter noch höher und rollte noch wilder
-über den Strand.
-
-Es war Flut geworden.
-
- * * * * *
-
-Das kleine gelbe Nachtlicht wurde unruhig.
-
-Ein großes, starkes Mädchen stand neben dem Tisch und band sich die
-Flechten auf. Eine Weile guckte sie fragend in den Spiegel und dachte:
-bist bald alt geworden, Karen! -- dann suchte sie Rock und Jacke und
-zog sich dick und warm an. Sie band ein schwarzes Wolltuch um den Kopf
-und zog Handschuhe an.
-
-Das Gekeuch des Windes und das Gebrüll der See hatten sie geweckt.
-
-»Karen!«
-
-Niels streckte sein bärtiges Gesicht aus den roten Kissen und richtete
-sich halb auf. Verschlafen sah er sie an.
-
-»Flut.«
-
-Sie hatte sich eine Tasse Kaffee eingegossen und trank langsam.
-
-Er brummte etwas Undeutliches, dann stieß er den neben ihm
-schnarchenden Jens an und rüttelte ihn wach.
-
-»Flut, Jens. Steh auf, Jens. Mach dich klar, Jens.«
-
-Aber Jens schalt und knurrte. »Laßt mich schlafen. Morgen -- nachher --
-gleich -- ja, ja.«
-
-»Dann haben die andern den Strand rein,« brummte Niels, aber Jens
-schnarchte und war nicht wieder zu ermuntern.
-
-»Allein geh' ich auch nicht los,« sagte Niels und legte sich die Kissen
-zurecht. Es war unter der Decke doch wärmer als draußen.
-
-»Leg dich auch wieder hin. Schlaf noch 'ne Stunde oder zwei ...
-meinetwegen ... zwei ...«
-
-Aber Karen schüttelte den Kopf und ging hinaus.
-
-»Wenn was da ist, holst uns,« rief Niels ihr nach und hörte noch im
-halben Traum, wie die Tür klappte und der Wind aufheulte. Zugleich
-fühlte er, wie die Kälte hereinschlug, und er zog ohne Bedenken die
-Beine etwas höher und steckte den Kopf tiefer unter die Decke. Dann
-flog die Tür zu und es wurde stiller.
-
-Das Mädchen tastete vornübergebeugt über die Dünen nach dem Strand.
-Der Wind war so stark und so kalt, daß er ihr fast den Atem benahm und
-sie sich dann und wann umdrehen mußte. Wie scharfer Schnee schlug der
-Sand ihr ins Gesicht. Erst als sie den Strand erreicht hatte, wurde es
-besser.
-
-Es war tiefdunkel. Kein Licht. Und die See war nicht weit zu sehen.
-Nur fünfzig Faden weit leuchteten die weißen Köpfe. *Ein* Brausen und
-Keuchen und Zischen und Brodeln war die Luft, war die See. Das Wasser
-stieg rasch: der weiße Schaumstreifen wurde von jeder See höher an den
-Strand gespült.
-
-An diesem Strich entlang ging das Mädchen und bückte sich, wenn sie
-etwas Dunkles gewahr wurde. Dann stieß sie es mit den Füßen an, zu
-erfahren, was es sei. Alles Holz las sie auf und steckte es in einen
-Sack, den sie unter dem Arm trug. Tang und Muscheln lagen viel da --
-weiter auch fast nichts.
-
-Als es Morgen werden wollte, hatte sie immer noch keine Tracht.
-
-Hinter den Dünen erschien ein grauer Streifen, der höher und höher
-gekrochen kam.
-
-Der Sturm raste noch mit voller Kraft. Drohender und gewaltiger
-schüttelte die See ihre Stierhäupter.
-
-Kein Holz, kein Schiff, kein Wrack, kein Notschuß, kein Feuer -- nur
-schwarzes Wasser und weißer Schaum.
-
-Sie blieb stehen ... Da trieb etwas ... etwas Dunkles, Undeutliches,
-Unförmiges ... es kam näher. Aus Gewohnheit hielt sie die Hand über die
-Augen, wie sie an hellen Tagen oft getan hatte, wenn Sonnenschein um
-Dach und Dünen brannte und die Luft flimmerte.
-
-Es konnte ein Schiff sein, ein Kahn wohl oder ein Boot.
-
-Das Seeräuberblut regte sich in ihr, ungeduldig lief sie am Strand auf
-und ab. Ihre scharfen Augen unterschieden schon, ein Boot war es, voll
-Wasser geschlagen, eben, daß es trieb und ausguckte. Nur wenn eine
-große See es auf den breiten Rücken nahm und dann zurücklief, ragte es
-höher auf. Langsam schoben die Seen es näher heran und endlich saß es
-am Sand als Strandgut.
-
-Erst wollte Karen zurücklaufen und den Vater Niels, den Bruder Jens
-rufen. Aber sie besann sich anders und tat es nicht. So ging es nicht:
-Die Nachbarsleute konnten unterwegs sein, fanden es und hatten es. Sie
-überlegte, was sie machen sollte, dann zog sie eilig ihre Schuhe aus
-und streifte die Strümpfe ab. Ihr schauderte vor Kälte. Aber was half
-das? Sie schürzte den Rock auf und watete mit zusammengebissenen Zähnen
-in das eiskalte Wasser.
-
-Den Steven hatte sie erfaßt und schwang sich auf den Bordrand. Tastend
-suchte sie nach der Fangleine, um das Boot aufs Trockene zu ziehen,
-da stürzte eine riesengroße See heran und schäumte über das Fahrzeug
-hinweg. Sie war durchnäßt. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren,
-aber sie hielt sich im letzten Augenblick krampfhaft an der Ducht fest.
-
-Die See hatte es gut gemeint; als sie zurücklief, saß das Boot hoch auf
-dem Strand.
-
-Wegtreiben konnte es nun fürs erste nicht mehr. Wenn sie noch den Anker
-aufs Land brachte, war das Strandrecht gewahrt und sie konnte Hilfe
-holen.
-
-Sie wollte es. Es war so bitterkalt.
-
-So kalte Hände hatte sie.
-
-Sie schauderte vor sich selbst. Wie Totenhände waren sie, wie *fremde*
-Hände. Plötzlich fühlte sie eine andere Hand ... ein Fremder war bei
-ihr im Boot ... ein Toter ... Als gehöre es sich so, fühlte sie die
-Haare, die Nase, den Mund ... als wenn sie träume ...
-
-Wollte es denn nicht Tag werden?
-
-Über den Dünen wurde es doch schon hell ...
-
-Sie drehte sich wieder um und suchte nach der fremden Hand. Dann zog
-sie den Toten halb aus dem Wasser und legte ihn mit dem Rücken auf die
-Ducht.
-
-Der stille Mann war schwer.
-
-Er steckte in Ölzeug. Der Südwester hatte sich in den Nacken geschoben.
-Die Augen waren weit geöffnet und das Gesicht schneeweiß. Die Lippen
-waren fest geschlossen.
-
-»Jung,« dachte sie, als sie keinen Bart sah.
-
-Um die Hüften war das Bootstau geknotet -- so waren Boot und Mann
-zusammengeblieben.
-
-»Wer bist du?« murmelte Karen und beugte sich tiefer über ihn, um seine
-Züge zu erkennen, aber der Tag war noch zu grau.
-
-Wieder schlug eine große See klatschend über den Setzbord.
-
-Da ließ sie die Hände los und löste das Tau. Auf ihren starken Armen
-trug sie den Toten durch das Wasser und bettete ihn auf das Dünengras.
-Leise und scheu strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und schaute
-verwundert in die hellblauen Augen. Verwundert ... einen kurzen
-Augenblick.
-
-Dann stand sie auf und machte sich wieder mit dem Boot zu schaffen,
-über das die See fortwährend schäumte. Sie zog es etwas höher, dann
-entdeckte sie eine Pütz unter den Duchten und machte sich daran, das
-Wasser auszuschöpfen. Wenn auch die Seen immer wieder hereinschlugen
-und sie bei dem Winde kaum auf der Ducht stehen konnte, es glückte ihr
-doch, und als das Boot erst Luft hatte, kam es von selbst höher aus dem
-Wasser. Bald hatte sie es soweit leer, daß sie auf den Lohnen stehen
-konnte.
-
-Das Boot war fast neu. Sie beugte sich über den Achtersteven. »Gesine
-von Hamburg« stand da. Von Hamburg, von Deutschland, dachte sie und sah
-nach dem Toten hinüber.
-
-Es war Tag geworden -- sie gewahrte es und hielt inne. Dann sprang sie
-heraus und zog das leere Boot so hoch auf den Strand, wie sie konnte,
-band das Tau um einen herangeschleppten Felsen und lief die Dünen
-hinan. Der Wind wehte sie hinauf.
-
-Oben auf der Höhe kam es über sie, als habe sie etwas vergessen; sie
-mußte sich umdrehen und nach dem Toten gucken.
-
-So sonderbar war ihr zumute. Erst hatte sie sich gefreut, Vater und
-Bruder den Fund zu melden; nun war sie beklommen, war es ihr nicht mehr
-recht, was sie tat.
-
-Sie sah von oben mit einemmal auf ihr Leben hinab, auf ihr graues,
-stumpfes Leben. Ein Tag war wie der andere gewesen. Und die Gesichter
-immer dieselben. *Eine* Arbeit, *ein* Schelten und *ein* Gespräch.
-Immer das Alte, keinen Tag etwas Neues. Fünf Häuser waren es, und fünf
-Häuser blieben es. Und auf den Dünen wuchsen ewig keine Blumen. So
-war es immer gewesen und sie hatte es nicht gewußt: nun aber kam es
-über sie. Draußen auf der See, ganz weit hinten, daß sie eben noch zu
-sehen waren, gingen mitunter Schiffe vorbei: Segelschiffe und Dampfer.
-Die Segel erschienen so weiß und rein, und der Rauch stieg steil in
-die Luft. Da war die Welt, da fing sie an: da sangen und lachten die
-Menschen und trugen schöne Kleider. Wie oft hatte sie als Kind barfuß
-auf dem Sand gestanden und gewartet, daß ein Schiff, ein einziges nur,
-heransegele und sie abhole. Aber alle zogen vorbei und kamen ihr aus
-den Augen. *Einer* mußte kommen, einer, der anders war, als die sie
-kannte, der lachen und singen konnte, der sich freute und sie bei der
-Hand nahm, der ihr erzählte und sie fragte. Der hatte immer kommen
-sollen und war nicht gekommen.
-
-Sie schauderte ... da hinten lag einer mit hellblauen Augen ... ob er
-es war, der zu ihr gewollt hatte?
-
-Sie wollte nicht -- und trat doch ins Haus.
-
-»Vater! Jens!«
-
-Der buschige Schopf wurde zuerst sichtbar.
-
-»Was ist los?«
-
-»Ein Toter, Vater.«
-
-»Weiter nichts?«
-
-Niels wollte sich schon wieder umdrehen.
-
-»Ein Boot auch.«
-
-Das half. Niels richtete sich auf.
-
-»Ein Boot?«
-
-Er stieß Jens heftig an.
-
-»Ein Boot, Jens! Aufstehn!«
-
-Das ließ sich selbst Jens nicht zweimal sagen.
-
-Niels stand schon in der blauen Unterhose da und suchte nach seiner
-seemännischen Ausrüstung. Zwischendurch fragte er in einem fort:
-
-»Wo ist es? ... Neu? ... Treibt es noch? ... oder sitzt es schon auf
-Land? ... Was steht dran? ... Und der Tote? ... Was für Zeug? ...«
-
-Jens war auch bald reisefertig, und alle drei wateten durch den Sand.
-Niels war guter Laune und erzählte von Schiffen und Gütern, die in
-früheren Jahren angetrieben waren. Daß der Sturm ihm fast den Mund
-verschloß, störte ihn nicht.
-
-Karen wies mit der Hand.
-
-»Seht! Da!«
-
-Karen war stehen geblieben.
-
-»Vater!«
-
-Niels drehte sich um.
-
-»Was willst du?«
-
-»Dem Toten müßt ihr seine Ruhe lassen. Den dürft ihr nicht anfassen.
-Versprecht mir das!«
-
-Jens lachte höhnisch.
-
-»Dumme Deern! Wenn das Zeug mir paßt, zieh ich's an. Der braucht nichts
-mehr.«
-
-Niels hustete.
-
-»Und wenn wir ihn melden, müssen wir ihn beerdigen lassen und vom Boot
-bleibt nichts nach. Wir begraben ihn in den Dünen und damit gut.«
-
-Jens schüttelte den Kopf.
-
-»Seemannsgrab, Vater, Seemannsgrab. Das wünscht sich jeder Matrose.«
-
-»Das tut ihr nicht! Das nicht! Versprecht mir das!« flehte das Mädchen.
-»Das dürft ihr nicht. Hört ihr?«
-
-»Mach doch nicht so 'n Lärm um den toten Mann,« knurrte Niels. »Freu
-dich, daß wir 'n Boot haben.«
-
-»Dann geh ich nicht mehr mit,« drohte Karen.
-
-»Geh meinetwegen nach Haus und koch Kaffee,« sagte Jens gleichmütig.
-»Wir können's allein.«
-
-Karen begann mit großen Schritten zum Strand zu laufen.
-
-»Willst du hierbleiben!« rief Niels, aber Jens sagte trocken:
-
-»Laß sie laufen!«
-
-»Was hat sie mit einemmal?«
-
-»Mag der Deubel wissen. -- Das Boot sieht gut aus.«
-
-»Das können wir brauchen.«
-
-»Nanu? Ist sie verrückt geworden?«
-
-»Lauf, Jens, und halt sie auf.«
-
-»Karen! Karen!«
-
-Die beiden fingen an zu laufen, aber bei dem schweren Wind kamen sie in
-dem tiefen Sand mit den großen Seestiefeln nur langsam vorwärts.
-
- * * * * *
-
-Als sie am Strand ankamen, war das Boot schon ein gutes Stück vom Lande.
-
-Karen stand auf der Ducht und schob mit dem Haken ab. Schwer haute der
-Steven in die Seen, und das Fahrzeug dümpelte gewaltig hin und her,
-aber das starke Mädchen zwang es.
-
-»Karen! Karen!«
-
-»Dumme Deern, komm her.«
-
-Aber der Sturm verschlang jedes Wort, und das Mädchen sah sie gar
-nicht; ihre Augen waren bei dem Matrosen, der still und friedlich auf
-den Lohnen lag.
-
-Als sie weit genug war, kniete sie neben ihm nieder und faßte seine
-kalten Hände.
-
-Und setzte sich so, daß die blauen Augen sie ansahen.
-
-»Ich bring dich heim. Nach Esbjerg und nach Haus,« flüsterte sie und
-strich mit der Hand weich über seine Stirn.
-
-Sie sah die fürchterliche Flage nicht herankommen und gewahrte die
-riesige See nicht, die das Boot wie einen Käfer auf den Rücken warf ...
-
-Niels und Jens sahen es mit an.
-
-Es war ein stürmischer Novembertag ...
-
-
-
-
-Vor Ostern.
-
-
-Hans Banidt las in der Bibel.
-
-Er war grad vom Feld gekommen. Und vom Pflügen. Der dicke Schlick saß
-noch an seinen Schuhen. Die wollene Mütze hatte er abgesetzt. Mit
-aufgestützten Armen saß er an dem schweren Eichentisch und war mit
-allen Gedanken bei Johannes, dem vierten Evangelisten.
-
-Auf dem Hof und um die Wurt wurde es still. Die Knechte ließen das
-laute Erzählen, und die Mägde gaben das Juchen auf. Das Vieh in den
-Ställen verhielt sich sinniger. Die Hühner kletterten schlaftrunken auf
-den Wiemen. Der Hund lag müde an der Kette und rührte sich nicht. Sogar
-die Sperlinge verlegten ihre Abendschule von den Lindenzweigen nach dem
-Katendeich.
-
-Die Uhr tickte langsam und leise.
-
-Peter, der alte Knecht, saß am Fenster. Der sah die Sonne größer und
-roter werden, und tiefer und tiefer sinken. Bis sie mitten auf der Elbe
-stand. Bis sie unterging. Dann guckte er um die Ecke nach dem jungen
-Bauern, der so alt und gelehrt aussah und doch nichts von der Welt
-gesehen hatte, kaum vom Hof hinuntergewesen war. Er sagte aber kein
-Wort, der alte Peter.
-
-Still war es. Überall.
-
-Nur in der Küche nicht. Da klapperten Pütt und Pann und Teller und
-Tassen. Da war jemand, der es hild hatte. Da sang jemand. Helle Lieder,
-neue und alte. Bunt aus der Reihe. Und ließ nicht nach.
-
-Peter freute sich heimlich.
-
-Der Junge hatte es aber doch spitz gekriegt.
-
-»Mok de Kökendör mol to,« sagte er, ohne aufzusehen.
-
-Peter ging und tat es. Aber das half nichts. Der Gesang frischte auf
-wie der Wind bei der Flut und wurde nur umso lauter.
-
-Es dauerte nicht lange, da ließ Hans sich wieder vernehmen:
-
-»De Diern schall dat Singen nolaten.«
-
-Wieder ging der Knecht die halbe Diele entlang und unterhandelte mit
-dem Feinde. Aber die Deern ließ das Singen nicht sein.
-
-»Wenn se ne singen schall, kann se ok ne arbein, segg se.«
-
-Damit kam Peter zurück.
-
-Hans las Kapitel sechs noch zu Ende. Dann wurde es ihm über und er
-stieß die Tür auf.
-
-»De Heidenlarm schall uphürn,« scholl es laut und herrisch über den
-Flur.
-
-Das half auf dem Stutz. Ein paar Teller klapperten noch nach, dann flog
-die Tür knallend zu, und es wurde still.
-
-Hans Banidt konnte geruhig weiter lesen. Er tat es auch: aber lag es
-nun daran, daß das siebente Kapitel ihm nicht recht in den Kram paßte,
-oder daß die Schummerei schon zu hoch vor dem Fenster stand, oder daß
-da sonst eine kleine Käulnis über die Schallen gelaufen war: -- genug,
-er kam nicht weiter als bis zum dritten Vers. Eine Weile sah er es noch
-mit an, wie die Reihen durcheinander liefen, dann stand er auf und ging
-hinaus.
-
-Er wollte nach der Scheune und nach den Kälbern gucken. Aber als er
-niemand auf der Diele sah, dünkte ihn das nicht mehr so wichtig.
-Er blieb bei der Küchentür stehen. Ob die auch innen so braunrot
-gestrichen war? Das ging ihn wohl was an. Ganz gewiß. Er hatte die
-Klinke schon in der Hand -- aber die Küche war leer. Der Singvogel
-war ausgeflogen. Die Schüsseln standen noch da, und die Schürze lag
-groß und breit am Boden. So unklug, die feine Schürze so hinzuwerfen.
-Er mußte sich doch wohl bücken und sie aufheben. Glatt strich er sie
-auch mit den großen braunen Händen. Und die Spitzen und Fransen am
-Hals betrachtete er lange mit besonderer Sachkenntnis. Behutsam hängte
-er sie an den Nagel, und wieder hallte sein schwerer Schritt über die
-lange, dämmerdunkle Diele. Niemand war zu erblicken. Die Leute waren
-wohl alle nach dem Deich gegangen und klönten mit den Fahrensleuten.
-
-Die Fülltür stand noch sperrweit offen. Er machte sie zu und spähte wie
-zufällig über die Wurt.
-
-Dann ging er langsam auf die Bodentreppe zu. Das war keine Art von
-der Deern, einfach alles stehen und liegen zu lassen. Mir nichts, dir
-nichts fortzulaufen. Er wollte es ihr sagen. Morgen. Denn heute kam sie
-ja doch zu spät. Oben in ihrer Stube konnte sie nicht sein. Das war
-gewiß. Er brauchte gar nicht zuzusehen oder hinzuhören. Nur, damit er
-seiner Sache gewiß war, stieg er hinauf.
-
-Im Fenster glomm das Abendrot. Und am Fenster stand die Deern. Zwischen
-den Truhen. Nicht in ihrer Kammer, im langen, braungetäfelten Saal,
-wo bei den großen Hochzeiten getanzt worden war. Da stand sie, nur im
-kurzen, roten Röckchen und im Hemd und kämmte sich ihr Haar, das dunkel
-und schwer auf den Schultern lag. Der Nacken schimmerte weiß aus den
-Spitzen, und die runden Arme waren rosig vom Schein des Abends. Sie
-guckte hinaus.
-
-»Uuch, de Bur,« fuhr sie plötzlich herum und lachte ihn an. Aber sie
-schrie nicht auf wie die andern Mädchen, und lief nicht weg. Sie kämmte
-ruhig weiter.
-
-Er zog die Stirn in Falten.
-
-»Schamst di gornix?«
-
-Sie schüttelte übermütig den Kopf.
-
-»Schamen? Weil ick lange Hoor un runne Arms hebb? Nee, Bur!«
-
-Da holte er aber lang aus:
-
-»Weil du jümmer rümjuchs und springs un lachs. Lachen schimpt, Diern.
-Un mit jedereen geihs los und frees mit em und les di von Hans und
-Franz no Hus bringen.«
-
-So viel hatte er manche Woche nicht gesprochen.
-
-Sie lachte.
-
-»Ick bün *jung*, Buer.«
-
-»Dat bün ick *ok*.«
-
-»*Du?* Du? Mann, goh af! Du un jung? Du büs jo'n olen Knast, olen Kirl
-in 'n Löhnstohl. Lachs ne un spricks ne! Gott schall mi bewohrn!«
-
-Sie sah ihn spöttisch an.
-
-Da trat er einen Schritt näher und vergaß viel. Noch mehr aber lernte
-er hinzu. Sein Atem ging schwer.
-
-Sie fühlte es wohl, und eine wilde Freude kam über sie. Das Weib in ihr
-stand auf. Wie im Traume drehte sie sich herum.
-
-»Jung bün ick, Hans Banidt. Un den ick mag, den nehm ick.«
-
-Es war etwas Heiseres in ihrer Stimme, denn sie war zu weit gegangen.
-
-Da riß es auch den ernsten Bauern mit.
-
-»Nämst du mi ok?« fragte er schwer.
-
-So spricht kein Herr zu seiner Magd.
-
-Sie sah ihn von der Seite an, so seltsam --
-
-»Wenn du jung würs.«
-
-»Ick *bün* jung,« brach es da jach bei ihm los, wie im Sommer der erste
-Donner über das stille Land hallt. Dann riß er sie in seine Arme und
-drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar und fühlte den warmen Leib und
-wußte nichts mehr als:
-
-»Du ... Du ...«
-
- * * * * *
-
-Am Heben leuchteten die Sterne, und wache Träume woben um die
-Pferdeköpfe am First.
-
- * * * * *
-
-Den andern Morgen aber schirrwerkte Hans finster und unzufrieden auf
-dem Hof und knurrte mit den Knechten und schalt, daß es zu hören war.
-Über die ganze Wurt hallte seine harte Stimme. Nichts war ihm recht.
-Die Knechte sahen ihn schief von der Seite an.
-
-Geeschen stand am offenen Fenster. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
-Und die Deern lachte in sich hinein und summte vor sich hin und freute
-sich über das Geschimpfe des großen Bauern und dachte: »Ji schull'n 't
-man weeten.«
-
-Als sie zum Melken über die Diele ging, begegneten sie einander.
-
-»Morgen, Hans Banidt,« raunte sie leise.
-
-Er nickte nur und sah in eine Ecke.
-
-»Du denkst der woll aber no, wanehr du no'n Pasturn hinwullt, wat?«
-neckte sie.
-
-Da ging er batz aus der Tür.
-
-Sie aber blickte ihm sinnend nach und strich sich das Haar zurück.
-
- * * * * *
-
-Als der Heben wieder mit Sternen besät war, gingen wieder junge Träume
-unter dem riesigen Strohdach um. Und die Nacht hatte flüsternde Stimmen.
-
- * * * * *
-
-Peter brachte das Mehl von der Mühle und die Nachricht, daß Angk, die
-Katenalte, krank war und sich hingelegt hatte.
-
-Das war Geeschens Großmutter.
-
-Hans schickte die Deern denselben Tag noch zur Pflege hin.
-
- * * * * *
-
-Dann schwieg der greise Pastor.
-
-Der junge Bauer war aufgestanden.
-
-»Die Bibel weiß nichts davon, Herr Pastor. Wenn die alte Frau selbst
-Hand an sich gelegt hat und nicht in der Reihe liegen kann und keine
-Rede kriegen kann, Herr Pastor, dann muß ich sie auf meinem eigenen
-Lande beerdigen und ihr selbst ein Gebet mitgeben.«
-
-Und seine schweren Schritte verklangen auf der Treppe.
-
-Am Staket stand der Schimmel. Er schwang sich hinauf und ritt davon.
-
- * * * * *
-
-Den Abend vor Ostern war es.
-
-Da brannten zwei lange, dünne Kerzen in der verräucherten Kate zu
-Häupten der alten, toten Frau, deren spitzes, weißes Gesicht aus dem
-Sarg guckte.
-
-In den Ecken steckte schon die Nacht.
-
-Hans saß neben der Leiche und hatte den Kopf in die Hand gestützt und
-blickte unverwandt nach der Toten. Ein tiefer, grüblerischer Zug lag um
-seinen Mund.
-
-Geeschen streifte ihn ab und zu mit scheuen Blicken. Sie war fast bange
-vor dem starren Bauer, der sich nicht rührte und nicht regte. Sie
-lehnte am Fenster und sah nach den Lichtern auf dem Wasser. Sie hatte
-ein feines, schwarzes Kleid an, das Hans ihr aus der Truhe gesucht
-hatte. Es stand ihr wunderfein. In dicken Flechten lag das Haar um den
-Kopf. Und die Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren. An ihnen
-war kein Weinen zu sehen.
-
-Aber Hans sah davon nichts.
-
-Die Kerzen flackerten auf, als die Tür ging und Peter eintrat.
-
-Der Bauer stand müde auf.
-
-»Ward Tied,« sagte er dumpf und sah Geeschen an. Fragend begegnete sie
-seinem Blick. Dann begriff sie, preßte die Lippen aufeinander und ging
-an den Schrein. Sie drückte die kalte Hand zum letzten Male und ging
-wieder nach dem Fenster.
-
-Peter sagte treuherzig: »Adjüst, Angk.«
-
-Dann legte Hans das weiße Kleid zurecht, klappte leise den Deckel zu
-und verschloß den Sarg.
-
-Die beiden Männer trugen ihn langsam den Deich hinunter und setzten ihn
-in den grünen Kahn, der am Bollwerk lag.
-
-Es war eben Hochwasser gewesen.
-
-»Du bruks ne mit. Ick kann alleen klor warn,« sagte Hans und nahm die
-Riemen zur Hand.
-
-»Wenn du 't meens,« gab Peter zur Antwort und steckte die Hände in die
-Taschen und drehte bei. Unterwegs dachte er an die hundert Pülle grünen
-Kohls, die er für Angk noch auf dem Felde stehen hatte. Die kriegte sie
-nun nicht mehr und sie hätte sich so sehr darüber gefreut. Nun konnten
-sich die Hasen freuen.
-
-Geeschen hatte ein wollenes Tuch um den Kopf gebunden und den Kranz in
-die Hand genommen. Auf der Achterducht nahm sie Platz und legte den
-Kranz auf den Sarg.
-
-Sie band das Tuch fester. Es fror sie. Der Nachtwind kam kalt von Osten.
-
-Hans ruderte schweigend ab.
-
-Aus dem Sielgraben waren sie bald hinaus.
-
-Es war tiefe Nacht geworden. Tiefe, stille, feierliche Nacht. Am Heben
-ging der Mond durch die weißen Wolken wie ein König durch sein Volk.
-Auf dem Wasser blinkte und leuchtete er. Die Elbe war ruhig. Kaum daß
-die Lichter von der andern Seite, von Nienstedten und Teufelsbrücke,
-herüberglitten und -schwankten. Nur das Knarren der Riemen war zu
-hören, das Surren der wilden Enten, das Tropfen und Lecken der Riemen.
-
-Auf dem Perlenkranz stand der Mondschein starr und kalt, und über das
-düstere Gesicht des Bauern huschte er fast ängstlich.
-
-Geeschen guckte bald hierhin, bald dorthin.
-
-»Lot dat Kieken no,« sagte er.
-
-Da sah sie den Mond auf dem Wasser und griff mit den Händen danach. Er
-zerging in Stücke und wurde wieder gelb und rund. Vollmond und Halbmond
-hatte sie schon gemacht. Nun sollte das erste Viertel an die Reihe
-kommen.
-
-Da fragte Hans: »Wat heß du dor?«
-
-»Ick griep den Mon.«
-
-»Leß em sitten, hürs?«
-
-Sie hatte die Hand zurückgezogen, aber es dauerte nicht lange, da hatte
-sie sie wieder heimlich über Bord gestreckt und ließ sich das Wasser
-durch die Finger strömen.
-
-Er hörte es.
-
-»Nolaten!«
-
-»Warüm?«
-
-Da guckte er ernst auf den Sarg und tauchte die Riemen tiefer ein.
-
-Sie saß da mit ihrem raschen Herzen, mit ihrem warmen Leibe, mit ihrer
-köstlichen, goldenen Jugend und ihrer neuen, tauigen Freiheit. Wie
-Blumen und Sonne war es in ihr. Und sie mußte sich ducken, konnte nicht
-singen. Mußte frieren.
-
-Frieren? Es fror sie nicht. Nicht mehr. Das Tuch fiel ihr von den
-Schultern. Der Mond spielte mit ihrem Haar und floß um ihr junges
-Angesicht.
-
-Sie hielt das Schweigen nicht mehr aus.
-
-»Hans Banidt?«
-
-Er sah kaum auf.
-
-»Sitt dor ne so benüßt. Kiek mi an un snack 'n Wurd. Wi levt jo doch,
-Hans Banidt. Segg doch wat. Mi ward jo rein angs un bangen.«
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»Wi hebbt Beerdigung.«
-
-»Hans Banidt, di deit dat leid, dat't so kamen is, ne? Du wulls, dat du
-mi ne sehn hars, wat?«
-
-Er unterbrach sie schroff.
-
-»Wees still, Diern.«
-
-Da gab sie es auf und schwieg.
-
-Auf dem Neß und am Süllberg flammten Feuer auf, große, rote Feuer.
-
-Sie wies mit der Hand hin.
-
-»Kiek, kiek, Hans Banidt! De Ostermonen! Wo grot, wo fein! Dat is
-Ostern! Ostern, Hans Banidt!«
-
-Er knurrte. Das Gespreche störte ihn. Er wollte nichts wissen.
-
-Sie sah ihn groß und fragend an, bis das kleine Eiland erreicht war.
-Es war der Swiensand, der verlorne Posten zwischen Blankenese und dem
-Alten Land, hundert Schritt im Umkreis Sand und Schlick, in der Mitte
-Weidenbüsche.
-
-Scharrend stieß der Kahn auf den Sand und saß fest. Hans stand auf und
-zog ihn hoch aufs Trockene.
-
-Da konnte Geeschen ausspringen und lief behend nach den Weiden.
-
-»Kiek, Bur! De feinen, weeken Katten!« Und riß gleich an einem Zweig.
-Aber der war zäh. Sie mußte ihn zuletzt durchbeißen.
-
-Der Bauer hörte nicht darauf.
-
-Er hatte den Sarg auf den weißen Sand gesetzt und war mit Schaufeln und
-Äxten dabei, das Grab zu machen. Durch die Wurzeln mußte er sich hauen,
-mußte graben und graben fast eine Stunde lang.
-
-Geeschen umkreiste das kleine Land und lief in Sprüngen über den Sand.
-Sie ahmte das Schreien der Möwen nach und machte sich ein Erdbeben in
-dem feuchten Sand.
-
-Von Zeit zu Zeit wischte Hans sich die Tropfen von der Stirn und schalt:
-
-»Lot dat Speelen no.«
-
-»Ans frier ick.« rief sie.
-
-Dann schlich sie sich behutsam hinter ihn und strich ihm mit den
-Weidenkätzchen die Backen und war wie ein Iltis davon.
-
-Von den bunten Muscheln suchte sie einen ganzen Berg zusammen. Sie
-baute aus ihnen ein Haus mit geschickten Händen.
-
-Ordentlich warm wurde ihr dabei.
-
-Hans kam.
-
-»Ick mok 'n Gruft un du?«
-
-»Ick mok 'n Hus,« sagte sie wichtig. »Kiek mol, Hans, wat för 'n Hof.«
-
-»Du bis 'n Kind.«
-
-Dann mußte sie mit ihm gehen.
-
-Der Sarg stand schon in der Tiefe.
-
-Geeschen ließ den Kranz hineinfallen, und es schauderte sie. Hans nahm
-die Mütze ab und betete laut ein Vaterunser und setzte hinzu:
-
-»Du ligs hier eensom, Angk, bi Meben und Kreien, ober still un geruhig
--- un mihr wulls du jo ne. Amen.«
-
-Dann rauschte der Sand hinab, und Sarg und Kranz verschwanden. Als der
-Hügel sich wölbte, steckte er die Schaufel beiseite und sah Geeschen an.
-
-Langsam streckte er ihr die Hand hin.
-
-»De Dode is versorgt. Nu kommt de Lebendigen wedder anne Reh.«
-
-Ein fester Lebenswille stand in seinen Augen. Da legte sie ihre kleine
-Hand in seine große und sah ihn lange an. Und in beider Augen glomm es
-auf.
-
-Dann lief sie fort, und als er ihr noch verwundert nachsah, da hatte
-sie schon einen Haufen Feeks zusammengeworfen und zündete ihn an. Und
-eine helle, rote Flamme prasselte auf.
-
-»Wat schall dat denn nu?« fragte er.
-
-»Is doch Ostern!« rief sie, »smiet man Feek up!«
-
-Und er tat es. Ihm war wunderlich geworden. Größer und größer wurde das
-Feuer.
-
-Der Schein wallte auf dem Wasser, als sie heimfuhren. Da sagte er es:
-
-»Wullt du mien Fro warn?«
-
-Sie sah ihn groß und schweigend an, -- und schweigend fuhren sie ans
-Ufer.
-
- * * * * *
-
-Fern auf dem Swiensand leuchtete noch das Osterfeuer durch die Nacht.
-
-Aber die Hähne krähten schon, und Ostern wollte es werden.
-
-
-
-
-Kassen Witt sin Freeree.
-
-
-Kassen Witt lewt sin Gild.
-
-He hett dat Arbein ne mihr neudig. Söbentwintig Joahr hett he no See
-foahrn, up allerhand Oart un Wies', as Jung, as Knecht, as Settschipper
-un as Schipper. Doarbi hett he bi lüttjen so veel up'n Dutt kreen, datt
-he dat geruhig mit ansehn kann, wenn de annern sich afrieten möt. He
-hett sin lüttj egen Hus, hett Hof un Diek, hult sich 'n poar Hünner,
-mokt sich 'n Swien fett -- un wat dat doarbi to schirrwarken gift, dat
-kann he meist in'n wittbunten Buscherump un mit 'n Brösel in 'n Mund
-af. De Nobers segt: he harr sich dat fein utklamüstert, em kunn keen
-See un keen Wind wat mihr dohn, un he much woll lachen, wenn de annern
-schreen müssen.
-
-Letzt wür Kassen Witt ober ne tofreden. He kunn ne recht mihr kloar
-warn un dacht, he kunn bi sin Joahrn woll noch ganz leiflich freen. As
-he noch foahrn dä, harr he doar nix van af weeten, do harr he an so'n
-Krom ne dacht: ober nu kreupen de Heiratsgedanken obends mit em up 'n
-Bitt un stünn'n morgens mit em up. Wokeen he freen wull, harr he ok
-all fastsett. Sill schull dat wesen, de swatthoarige Sill, de mit em
-ut de School kommen wür un de he do woll all 'n ganz lüttig beetjen
-lien mucht harr. De harr ok keen afkreen, sünder dat he jüst to seggen
-wüß, worüm se oberbleeben wür. Enkelte sän, se harr ne uppaßt, oder, se
-harr to veel snootert; welk meenen, se harr ne wullt, welk, se harr all
-bitieds dat Hexen van ehr Mudder lihrt -- un dorüm harr doar keeneen
-anto wullt. Mucht wesen as't wull: Sill wür 'n glatte Diern wesen, harr
-danzt un rümjucht as de annern, se wür nu ok noch 'n troße, gohtliche
-Fro. Kassen harr doar woll Lust to. Datt se beetjen to veel snacken
-dä, versleu em nix, doar wull he woll mit kloar warn; he kunn ok 'n
-deftigen Kurrboom snacken. Un wenn se keen hebben wullt harr: 'n gralle
-Diern brukt doch ne jeden Hans un Franz to nehmen -- un kunn Sill ne
-ganz god up em teuft hebben? -- Bloß mit de Hexerei wüß Kassen sich ne
-recht to stilln: dat wür noch dat Leegste. Wenn Sill hexen kunn, denn
-harr he den Mot woll batz sacken loten mucht, ober för gewiß wüß dat jo
-keeneen un de Lüe snacken sich oberlingen eendeel trech.
-
-Dem Deubel ook, wat wür dat noch förn fein Wief, wat güng se noch troß
-langs 'n Diek! Ehr Ploten weih inne Wind. Folten würn in ehr Gesicht
-noch ne gewohr to warn, un 'n Gang harr se as 'n junge Diern, de no
-Musik geiht. Kassen keek ehr 'n ganze Tied noh. Ne, nu kunn he dat ne
-mihr utholn. Un inne Schummeree pett he sich mol no ehr langs.
-
-Sill seet in ehr Kök un wür bi't Knütten. De griese Koater seet blangn
-ehr up de Bank.
-
-Kassen füng an to hoffen.
-
-»Nobend, Sill.«
-
-»Nobend! ... Kassen? ... Non? ... Wat heß du denn, dat du mi besöchst?
-Legt din Hünner keen Eier genog oder fritt din Borch ne good?«
-
-Kassen sett sich up 'n Löhnstohl.
-
-»Ne, Sill, dat wull jüst ne. Dat Veehwark is good up 'n Schick. Ober
-ik much woll giern mol 'n Wurd mit di alleen snacken, Sill. Kiek mol,
-Sill, so geiht uns dat: Du sittst hier alleen un ik sitt doar alleen,
-du kookst för di und ik för mi, dat is eensom un köst duppelte Füerung.
-Wenn wi nu tohoop kooken däen, Diern, schull dat ne beter gohn? Ik
-gleuwt meist! Wollt wi uns Plünnen tohoop smieten?«
-
-»Och, Kassen Witt! -- Dat harrst man leeber ne seggen schullt. Du
-harrst den Krom sinnig angohn loten müßt, ne gliek so mit de Klumpfust
-uppe Nees!« --
-
-Dat güng em schetterig. He kreeg keen Been mihr anne Grund. Sill güng
-mit Würden up em dol, as de Klimmer up 'n Heenküken oder as de Floot bi
-vulln Moon un harten Wessenwind up 'n Diek. Wat he woll wüß un wat he
-woll müß, wat he woll schull un wat he woll wull, so neihte se em. Ehr
-Doog ne! Freen! Wenn se dat wullt harr, harr se noch 'n ganz annern
-krien kunnt, un wenn se dat wull, denn kree se vundoog noch 'n ganz
-annern. Ober nee, se wull mit de Mannslüe nix to dohn hebben, se kunn
-dat so beter hebben. So güng dat lustig wieder.
-
-Kassen dreew bannig oberstür bi düsse Gelegenheit. He füng noch 'n
-poarmol wedder an to krüzen un uptoluven, ober he keem gegen Sill ne
-an. Ehr Koater wür ehr leber as een Mann, sä se. Se harr ehrn Koater,
-un solang se denn noch harr, wür se ne alleen. De wür trohartiger as 'n
-Minsch. Doarbi nehm se dat ole griese, täsige Diert up 'n Schoot, un ei
-dat van 'n Kupp bit no 'n Stiert, as wenn't ehr eegen Kind wür.
-
-»Ne, min seute Koater?«
-
-Dat kunn Kassen ne mit ankieken. Dat wür em all lang to stur wurden up
-düsse See. He dreih bums bi un seil no Hus.
-
-»Wi snackt doar noch mol ober, Sill,« sä he batz un rabaster den Diek
-langs as 'n Peerd, dat fillenloopen is.
-
-»Hö! Hö! Kassen, wat büs du denn so inne Foahrt?« reep Ol-Gierd em no,
-ober Kassen hür doar goarne no hin un leep wieder.
-
-As he in 'n Hus wür un blangen den Oben seet, den Krom noch mol eulich
-nodacht, güng de Dör open un Ol-Gierd keem inne Dönß rin.
-
-»Hest mi goarne antert, Kassen,« sä he un güng an 'n Disch ran. Doar
-kreeg he den Tabakskassen her un stopp sich sien Piep vull.
-
-Kassen bier, as harr he nix hürt.
-
-»Lang mi mol 'n Rietsticken her.«
-
-Kassen geef em Füer un Gierd füng an to paffen. Tiedlang duert, to füng
-Kassen an:
-
-»De Wieber döht all nix.«
-
-»Non? Wat kummt dat denn? Dat lot jüm man ne wies warn, ans kratzt se
-di woll dien scheune Nees twei.«
-
-»Könnt se all weeten.«
-
-»Kassen, wat hest denn mit jüm hatt? Hest woll freen wullt un hest
-'n poar Schoh kreen? Se hebbt doar all van snackt, dat du an't Freen
-dinkst.«
-
-Kassen wör gnatterig.
-
-»Denn lot jüm man van wat anners snacken,« gnurr he, »ik will ne mihr
-freen.«
-
-Nu kree Gierd dat Gucheln.
-
-»Härrhärrhärr! Büs woll bi Sill wesen un hest dat Jowurd holn wullt?
-Dat is nich so leicht.«
-
-Kassen keek sin Makker scharp an, do sä he: »Kanns swiegen, Gierd?«
-
-Gierd nicküpp: »As 'n doode Nebelkreih, dat kann ik di flüstern.«
-
-Kassen snack sinniger.
-
-»Denn will ik di wat seggen, Gierd. De Sill, dat is 'n Hex, 'n Hex up
-'n Hauböön, mags dat gleuben oder ne. De is mit 'n Dübel verfreet, un
-dorüm kann se sich ne verheiraten. Un weeß, keen de Dübel is? Ehr
-griese Koater: de mok erst 'n poar Oogen as Ewerklüsen.«
-
-»Wat sä Sill denn, as du ehr froogen däst, wat se dien Fro warrn wull?«
-
-»Se sä: ne! Se harr dat so beter un solang se ehrn Koater noch harr,
-nehm se keen Mann.«
-
-Gierd puß, dat all meist dick van Dook inne Dönß wür. Mit 'n Mol kneep
-he de Oogen tohoop:
-
-»Mann, Kassen! Nimm ehr den Koater weg! Drull ehr dat Diert! Denn mütt
-se jo 'n Mann hebben un denn nimmt se di oberlingen.«
-
-»Mi?« Kassen wür noch ungläubig as Thomas. »Denn holt se sich 'n annern
-Koater.«
-
-»Wat woll! So'n Wief geweuhnt sich ehr an'n Mann, as an'n anner Stück
-Veehwark. Drull ehr man den Koater.«
-
-»Ik mag't ne dohn, Gierd. Dat Wief kann hexen. Wenn de Katt weg is,
-kloppt se dreemol up 'n Disch: denn hett se ehr wedder.«
-
-Gierd teuh em an'n Arm.
-
-»Dat ward sich doarbi utwiesen,« sä he plietsch. »Hext Se di den Koater
-wedder ut't Hus rut, denn is se 'n Hex un du letts ehr loopen. Ans
-nimmst du ehr to Fro.«
-
-»Ik bün man bang för den Koater, un woneem schall ik doarmit hin?«
-
-»Sett em up din Böön fast, doar grippt he sich woll so veel Müüs, dat
-he leeben kann. Jeden Dag noch 'n Schöttel Melk -- doarmit basta.«
-
-Kassen stöker dat Füer no.
-
-»Wees wat, Gierd? Ik nehm ehr den Koater weg.«
-
- * * * * *
-
-Seit de Tied luer Kassen Witt denn nu Sill ehrn griesen Koater up. Ober
-so licht as'n Snööf wür de ne to krien, dat harr Kassen bald spitz.
-Wenn dat düster wür, schul he sich in'n Binnendiek langs un smeet
-Fisch un Fleesch hin. Swatte und witte Katten keemen bald ankroopen un
-freeten un gnurrten, ober de griese Koater wür doar ne twüschen. Oder,
-wenn he mol doartwüschen seet, wür he so wild, dat he sich ne griepen
-leet. Een Obend ober still Kassen sich achtern groote dicke Esch, un
-do harr he Glück un kree den Koater in'n Nacken to packen. As he miaun
-wull, steek he em gau in'n Sack un do in Sprüngen twüschen de Wicheln
-langs un no Hus hin! De Bööntripp rup, de Dör open gereten, den Sack
-utschütt, de Dör towarbelt, de Tripp dolsust: dat würn Oogenblick
-Sook. Kassen frei sich, dat he dat Diert harr, ober bang wür he doch
-bannig, un as dat boben an to russeln füng un to jauln, puß he bums
-dat Licht ut, kreup inne Kubutz, scheuf de Bree to un weuhl sich deep
-inne Küssens rien, dat he nix hürn un sehn kunn. Annern Morgen slirrk
-he up Strümpfsööcken rup'n Böön, mok de Dör 'n lüttj beetjen open un
-keek ünner de Pannen langs. Wat verjeuch he sich, de Kater wür narrns
-to blicken. He kreup wieder inne Dör, to verjeuch he sich wedder; de
-Koater leeg up 'n ol Goarn un sleep. No dat Verjohn ober frei he sich
-bannig, hol den Koater 'n Stück Fleesch un 'n Schöttel vull Melk, un as
-de mit de roote Tung slappen dä, to wüß Kassen, dat dat 'n euliche Katt
-wür, de nix vanne Hüll afwüß, un dat Sill keen Hexenkrom moken kunn, --
-un he keem sich bannig kloog vor. As he den Koater wedder bemokt harr,
-steek he de Hann inne Büxentaschen un slarp gemütlich den Diek lang.
-Doarbi mok he so'n unschüllig Gesicht, as wenn he keen Swien schreen
-hürn kunn. Bi Sill ehr Koat bleef he bistohn un keek no't Woater
-hindool. Un luer up. Richtig duer dat ok ne lang un Sill wör em gewohr.
-
-»Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ...
-
-Kassen sä jo, ober he keek ne üm.
-
-»Vergeew noch mol to, Kassen! Hür doch mol up! Heß min Koater ne sehn?«
-
-»Soll ich deines Katers Hüter sein?« freug Kassen un keek ehr an, as
-wenn he ehr dull to wür.
-
-»Ne, eulich! Heß em ne sehn?«
-
-»Kiek ik no Katten? Ik hebb din Koater ne sehn! De sitt woll up 'n
-Böön!«
-
-»Nee, nee, Kassen. Up 'n Böön is he ne. De is weg.«
-
-Kassen dach: hex em doch wedder her! un meen:
-
-»Dien Koater is di wegloopen?«
-
-»Wegloopen? De löppt ne weg. Drullt is he mi!«
-
-Kassen keek no Hamborg rup:
-
-»Anner Week is de Doom, Sill,« sä he trurig. »Doar ward 'n barg Heiße
-mokt. Wokeen harr dat dacht!«
-
-Sill leet em ne utsnacken.
-
-»Snack ne so dwatsch,« schüll se, »kumm rin un drink 'n Taß Kaffee mit.«
-
-Dat dä Kassen un höh sich in'n Stillen ober Sill, de noch jümmer söch
-un reep. Se keek allerwärts to, ober de Koater wür weg un bleef weg. He
-wull em mit seuken hilpen, sä Kassen toletzt un güng rut -- ober de un
-seuken!
-
-Middogs seh he Sill inne Höf rümstreupen un hür ehr: »Koater! Koater!«
-roopen.
-
-Annern Dag söch se noch.
-
-»Kassen, wat komm ik ok doch an.«
-
-He nicküpp, ober he sä nix. He leet noch sinnig 'n poar Doog vergohn.
-To füng he bi lüttjen an mit ehr dorvon to snacken, wie trurig dat för
-ehr wür, so ganz alleen to husen. Un se kunn doch man 'n anner Katt
-nehmen.
-
-Sill keek em an, as wenn he 'n Spleen kreen harr. Ober he mok 'n ganz
-trohartig Gesicht, as wenn he ne bit fief tillen kunn.
-
-Poar Doog loater keem he wedder.
-
-»Sill, wat bün ik ok doch meuh. De ganzen Doog hebb ik nu wedder
-rümsöcht un rümfroogt. De Koater is un blifft weg. De Lüe lacht een all
-wat ut. Beduern kinnt dat Hansjochenpack ne.«
-
-Sill schüer sich de Oogen.
-
-»Ik weet, Kassen. Se lacht mi arme Fro all wat ut. Bloß du ne. Du büs
-'n vernünftigen Kirl.«
-
-Kassen mark up, ober he sä noch wieder nix. Langsam un wiß, dach he.
-Morgen för Morgen klau he up 'n Böön rup un geef den Koater wat to
-freeten, un Morgen för Morgen keek he mol bi Sill rin un beduer ehr.
-
-Up't letzt nehm he 'n Tofoahrt:
-
-»Sill, dat mütt di doch eensom wesen.«
-
-»Kassen, ik bün doar unglücklich ober. Ik mag in min eegen Hus ne mihr
-wesen.«
-
-»Sill, war ne krank doarbi.«
-
-»Kassen, dat kann kommen.«
-
-Se snack lang so veel ne mihr, so dull nehm se sich de Geschichte to
-Harten, un wenn se ne noch van ehr Mudder her swatt gohn harr, gleuf
-ik stiew un fast, harr se nu swatte Kleeder anthon un üm ehrn Koater
-truert.
-
-Kassen güng Tritt för Tritt un keem jümmer beetjen wieder. Sill leep
-ne mihr weg, wenn he van Heiraten snack. Toletzt kunn he ehr liekuplos
-froogen, wat se em staats 'n Koater hebben wull. Se sä ne jo un sä ne
-nee -- den ersten Dag, den tweeten sä se half jo und half nee, denn
-drütten wör dat »jo« jümmer gröter, dat »nee« jümmer lüttjer -- un
-no'n Week sä se jo, ober se sett doch noch doarbi: »Wenn ik min Koater
-noch harr, denn harr ik ne mihr freet. Ober nu is't eendohnt.«
-
-Kassen Witt keem sich vör as 'n Keunig. He güng no'n Pastur dol un leet
-upbeeden un leet sich bi'n Snieder 'n nee Pattje anmeeten.
-
-Doarbi seet de Koater noch jümmer in sin Gefängnis. Kassen dach doar
-mannichmol ober no. He wüß ne recht, wat he doarmit moken schull.
-Doodslogen much he em ne. Ganz toletzt säh he sich: wenn de Hochtied
-wesen is, lot ik em loopen, denn is Sill min Fro un mütt bi mi blieben.
-
- * * * * *
-
-So dach Kassen Witt un wüsch sien Hannen in Elwwoater un meen, sin
-Streich wür em glückt.
-
-Ober dat keem doch 'n beetjen anners.
-
-Sill kree up'n mol Lust, Kassen sin Gewees, Hus un Hof, to bekieken,
-mol to sehn, wat se as Fro all ünner de Hannen kree. Kasten dach doar
-woll an, dat de Koater vullicht jauln kunn un em oahn nix goods, ober
-nee kunn he doch ne seggen, wenn se ne oahnig warn schull. He wies ehr
-nu den Diek, den Groaben, den Hof, dat Schuer, den Killer un teuh dat
-allens gehürig inne Ling. To güng he wieder.
-
-Ober Sill wull dat Hus noch boben sehn. He müß ehr Köök, Dönß, Komer un
-Krom wiesen, ober he mok dat so gau af, as he kunn.
-
-»So, Sill, dat wür allens,« sä he un mok de Dör open, as wenn he
-weggohn wull. »Uh, kiek mol den grooten Damper doar in't Foahrwoater!«
-
-»Den Böön hebb ik doch noch ne sehn,« sä do ober Sill un sett den Foot
-up de erste Tripp.
-
-Kassen still sich an, as wenn he nix hürt harr. He wies wedder no't
-Foahrtwoater hin.
-
-»Kumm doch mol rut, Sill,« reep he noch harter, »un kiek di bloß mol
-den grooten Steamkassen an. Wat dat förn Koloß is! Dat is jo woll de
-Ameriko! Wat förn Diert!«
-
-Ober Sill keem ne.
-
-Se reep wedder:
-
-»Ik will mi erst den Böön besehn. Lot den Damper man susen.«
-
-»Den Böön wies ik di morgen, dat is nu all to düster,« sä he gau un
-dach: wenn se morgen kummt, sett ik den Koater solang up't Schuer, denn
-ward se em ne gewoahr.
-
-Se güng ober spöttenup.
-
-De Sook wör mau.
-
-»Doar kanns du ne rup, Sill,« reep Kassen iernst un keem neuger.
-
-»Worüm ne?«
-
-»Diern, dat geiht ne. Jerst mol is dat all to düster, un denn steiht
-doar allens up 'n Kupp. Doar bricks du Arms un Been.«
-
-»Dat deiht nix. Ik will doar wenigstem mol rupkieken,« sä se.
-
-De Sook wör mau.
-
-»Au ... au ... au ...« jaul Kassen.
-
-Se stünn still.
-
-»Wat heß?« freug se.
-
-»Au ... au ... au ... mi is de Ramm int Been schooten. Ik kann ne mihr
-stohn. Smeer mi gau 'n beetjen.«
-
-Ober se wür neeschierig worden un wull nu mol den Böön sehn.
-
-»Au ... au ... au ...« jaul Kassen wedder.
-
-Mit 'n Mool füng *de Koater up'n Böön an to jaulen*.
-
-Sill hür dat gliek un kenn ok de Stimm gliek.
-
-»Dat is min Koater! Verdreihte Kassen Witt! Nu weet ik Bescheed, du heß
-em drullt! Teuf! Lot mi em erst mol wedder hebben!«
-
-Doarmit se de Bööntripp rup.
-
-Kassen sin Been wür werkwürdig gau wedder heelt, he stünn batz up, as
-he den Koater miaun hür, neem sin Been inne Hand, leep in Sprüngen
-den Diek dol, klau gau in'n Kohn un schipper van'n Diek af, bit he in
-Sicherheit wür.
-
-Mit de Hochtied wör dat nix, dat mark he woll, ober he wull doch
-wenigstem sien gesunden Oogen un Backen beholen.
-
-Kiek: doar keem Sill ut de Husdör un achter ehr ran de Koater. Kassen
-kreup meist ünner de Ducht, ober se wör em doch gewoahr. Jüst wull se
-losleggen, to schufudern, to seh se all de Lüe up'n Diek stohn, de all
-de Sook markt harrn un lachen. Sill besünn sich: dat harr ok woll noch
-Tied.
-
-To nehm se ehrn Rocksoom mit de Hand up un teuh den Rock so hoch, dat
-de bunte Ünnerrock to sehn wür, un güng as 'n Gräfin den Diek langs. Sä
-keen Goodendag un nix.
-
-Un de Koater mit hoogen Stiert achteran.
-
- * * * * *
-
-Dat heet: twee Doog noher harr Kassen Witt doch een verbunden Gesicht,
-woneem he 'n poar Weeken mit rümloopen is.
-
-Sien Gild lewt he noch -- ober van dat Freen will he nix mihr weeten.
-
- * * * * *
-
-
- Anhang.
-
- schirrwarken=bewerkstelligen, utklamüstert=ausgetüftelt,
- leiflich=leicht, troß=stolz, gohtlich=annehmbar, Sill=Cäcilie,
- Leegste=Schlimmste, oberlingen=vielleicht, eendeel=irgendwas,
- blangen=neben, Klimmer=Habicht, bannig (unbändig)=sehr,
- all=schon, oberstür=zurück, rabastern=rasen, bier=tat,
- Gucheln=Lachen, ans=sonst, drull (v. nord. Troll)=stahl,
- stiehl, schul=schlich, he vejeuch sich (verjagte sich)=er
- erschrak, bemookt=eingesperrt, klau=kletterte, Tofoahrt=Anlauf,
- eendohnt=einerlei, Pattje=Anzug, spöttenup=treppauf, Ramm
- inne Been=Hexenschuß, schufudern=schelten, enkelte=einzelne,
- nicküpp=nickte.
-
-
-
-
-Pulli.
-
-
-Hamburg war Baas.
-
-Es war Baas zu Wasser und zu Lande, weil die Sonne schien und weil
-Sonntag war; ihm gehörten der grüne Sachsenwald und das rote Helgoland,
-der weiße Timmendorfer Strand und die blitzenden holsteinischen Seen,
-ihm eigneten die Deiche von Vierlanden bis zur Lühe, die Elbe von
-Lauenburg bis zum letzten Feuerschiff, die Berge von Geesthacht bis
-Schulau, die Heide von Lüneburg bis vor die Tore von Buxtehude. Das
-alles, mit Wegen und Wogen, Blumen und Häusern, nahm es breit und
-selbstverständlich in Besitz.
-
-Westlich von den Zeugen der Heiden- und der Seeräuberzeit, dem
-Opferberg und dem Falkenberg, zog ein hamburgisches Fähnlein tapfer
-und fröhlich über die neugrünende Heide; oft blieb es stehen und hielt
-Umschau, es verlängerte und verschönte sich den Weg mit Wald- und
-Wanderliedern, und tat sich etwas darauf zugute, daß es Lerchen über
-sich und Grillen unter sich hatte.
-
-Zwei Schwestern waren es, schlanke, blonde Hamburger Deerns, mit
-hellen Augen und kecken Nasen, ein junger Lehrer mit einem Kopf voller
-Hochziele und ein kleines Schreiberlein, das aus einem der vielen
-Schreibstuben ins Freie geflüchtet war. Es schritt an der Spitze der
-Gruppe, hatte sogar einen Rucksack mit und war wohl guter Dinge. Auf
-dem Steindamm hatte es sich den Dreien angehängt, weil es das eine
-Mädchen kannte, und war bei ihnen geblieben, obgleich es schon anfing,
-seinen Entschluß zu beklagen, denn es war gewohnt, allein zu wohnen
-und zu wandern, auch wußte es nichts zu erzählen. Es hatte immer große
-Angst, heimliche Furcht vor dem Leben und vor Menschen, zu denen es
-nicht gehörte. Die empfand es auch jetzt wieder und um so schwerer, als
-es sie durch äußerliche Lustigkeit verscheuchen wollte.
-
-Armes Schreiberlein.
-
- * * * * *
-
-Das stille Fischbek mit seinen Eichen und Birken war durchquert, und
-die kleine Gesellschaft ging auf der großen Landstraße entlang, die von
-Hamburg nach Stade führt; sie suchten den Moorweg. Dieser fand sich
-auch bald: aber als sie umbiegen wollten, stand gerade an der Ecke
-ein Hund, ein schönes, weiß und gelb gezeichnetes, sauberes Tier mit
-blanken, klugen Augen. Unbeweglich stand es da und sah den Kommenden
-entgegen, als erwarte es sie. Vor allen wurde das Schreiberlein darauf
-aufmerksam. Näher gekommen, fing es an, zu locken und zu schmeicheln.
-
-»Non, Pulli! Wat makst du denn dor?«
-
-»O, guckt bloß mal, was für 'n schöner Hund,« rief eins der Mädchen
-lebhaft.
-
-»Feiner Kerl,« lobte auch der Lehrer.
-
-Der Hund aber sah das Schreiberlein an, dann bellte er freudig und heiß
-auf und stieß mit den Vorderpfoten heftig in den Heidesand.
-
-»Pulli, sitt dor 'n Rott?« fragte das Schreiberlein, belustigt
-teilnehmend, aber das andere Mädchen gab ihm einen Rippenstoß.
-
-»Ratte? Er will den Stein wiederholen, Sie. Werfen Sie ihn mal weit
-weg. Man zu!«
-
-Rasch bückte das Schreiberlein sich. Der Hund wurde toll vor Eifer
-und wollte zuschnappen, aber die Hand entriß ihm doch den Stein und
-warf ihn ein Stück den Weg voraus. Bellend stob er nach, daß der Staub
-aufwirbelte, schoß mit Schnauze und Pfoten tief in den Sand hinein,
-scharrte heftig den Stein heraus, nahm ihn mit dem Maule auf und sprang
-eilig und schweifwedelnd mit ihm zurück. Vor dem Schreiberlein blieb er
-stehen, das ihm den Felsen abnahm und den Kopf streichelte. Es war in
-Fröhlichkeit gekommen, als es das Tier so fröhlich gehorchen sah: das
-war ihm noch nicht begegnet und rührte es tief.
-
-Pulli aber wollte von Liebkosungen nichts wissen, er suchte in den
-Wagenfurchen nach andern Steinen, und als er sie entdeckt hatte, blieb
-er davor stehen und sprang wie vorher mit den Vorderfüßen darauf los.
-
-»Noch een, Pulli?« fragte das Schreiberlein freundlich, griff schnell
-zu und warf einen zweiten Stein, der ebenso rasch geholt wurde. Des
-Hundes Eifer wurde immer größer, je mehr Steine flogen. Die Augen des
-Schreiberleins strahlten, so große Freude empfand es. Aber auch die
-andern sahen dem prächtigen Tier gern zu und warfen auch Steine. Alle,
-wenn sie nicht gar zu groß waren, holte es gehorsamst zurück, aber
-wenn es sich des Gegenstandes entledigt hatte, sah es doch zuerst nach
-dem Schreiberlein, stieß mit der Nase an dessen Hand und ermunterte es
-durch Bellen und Scharren zu neuen Würfen. Diese Bevorzugung behagte
-dem Schreiberlein über die Maßen, und es wurde nicht müde, mit dem
-Hunde zu sprechen und ihm das Fell zu glätten, soweit die Ungeduld des
-Tieres es zuließ, das sich in Kreuz- und Quersprüngen nicht genug tun
-konnte.
-
-Es trug kein Halsband, so mußte es doch gewiß aus dem Dorfe sein,
-dachte das Schreiberlein und war betrübt, daß es mit dem Spiel zu Ende
-ging, denn sie waren mittlerweile schon weit in das Moorgebiet geraten
-und mußten daran denken, den vierbeinigen Spielvogel nach Haus zu
-schicken. So flog denn ein Stein weit zurück, begleitet mit dem Rufe:
-»So, Pulli, den nimm mit, un denn no Hus!«
-
-Wohl sprang der Hund bellend nach, aber er kam getreulich mit dem Stein
-wieder. Das Schreiberlein klopfte ihm den Hals und nahm ihm den Fund
-ab, dann wies es mit der Hand zurück: »Goh no Hus, hörst!« Aber Pulli
-blieb und wedelte.
-
-»Na, denn gah noch 'n Stremel mit,« sagte das Schreiberlein gutmütig
-und liebevoll, und das alte Spiel fand seine Fortsetzung im
-Weiterwandern.
-
-»Eigentümlich, was Sie für eine Gewalt über den Hund haben,« sagte der
-Lehrer.
-
-Das Schreiberlein sagte nichts darauf, aber das Wort erfüllte es doch
-mit Stolz. Zu dem Hund sagte es: »Lat dat Bellen na, kiek mal hin, wat
-du di utsehn mokst!« -- und wies nach den Beinen und dem Kopf, die arg
-geschwärzt waren.
-
-»Du mußt doch noch mehr können, als bloß Steine holen,« begann es nach
-einer Weile wieder und hieß den Hund stehen bleiben. Es prüfte durch,
-was es von Kunststückchen an andern Hunden gesehen hatte, und bekam
-heraus, daß Pulli sich totstellen konnte, daß er über den Stock sprang,
-Pfote gab und auf Geheiß bellte. Nur eins wollte ihm nicht glücken,
-den wirklichen Namen des Hundes zu erforschen, obgleich es ihm alles
-Erdenkliche zurief. Weder bei Hektor, Juno, Bruno, noch bei Seemann,
-Feldmann, Mobbi, Max rührte das Tier sich.
-
-»Denn blift dat bi Pulli!« entschied das Schreiberlein und warf einen
-Stein. O weh, der plumpste in den sumpfigen Graben. »Hier! Komm hier!«
-Aber das Rufen half nicht, der Hund stand schon tief in dem moorigen,
-muddigen Wasser und wühlte es mit dem Maul und den Füßen auf. Naß und
-beschmutzt, sich schüttelnd, kam er zurück, daß das Schreiberlein
-traurig wurde, als es das schöne Fell so entstellt sah, aber es
-vertröstete sich auf den breiten Graben, der kommen mußte. In dem
-sollte der Hund schwimmen und sich rein spülen, dann mußte er nach Haus
-geschickt oder gejagt werden.
-
-Der Graben war bald erreicht, und der Zuruf des Schreiberleins ließ den
-anfangs zögernden Hund in das tiefe Wasser springen. Als er hin und her
-geschwommen war, rief es ihn zurück.
-
-Er war wirklich reiner geworden, als er sich abgespuddert hatte.
-
-»So, nu sall he no Hus,« sagte das Schreiberlein ernsthaft, trat ihm
-entgegen, wies mit dem ausgestreckten Arm nach der Geest und befahl:
-»Pulli, no Hus! No Hus! Hus! Hus!« Aber der Hund ging nicht von der
-Stelle, er tat, als hätte er nichts gehört: nur daß er von einem Fuß
-auf den andern trat, mochte kund tun, daß etwas in ihm vorging.
-
-»Kannst du nich hörn?« drohte das Schreiberlein, drängte gegen ihn,
-schob ihn vorwärts, wies ihm die Fäuste und suchte ihn ernstlich
-wegzujagen. Auch die andern drei stampften auf und suchten ihn zu
-scheuchen. »Nach Haus!«
-
-Da schien er zu begreifen, was sie mit ihm vorhatten, und daß es Ernst
-wurde. Alle Frische und Lebhaftigkeit wich aus seinen Bewegungen, er
-zwinkerte mit den Augen und schlich unruhig bald vor und bald zurück.
-
-»Man to, man to! No Hus!« Da kam er zu dem Schreiberlein gekrochen und
-setzte sich vor ihn hin, hob bittend die Vorderpfoten, leckte mit der
-Zunge und bettelte mit feuchten Augen. Das mochte ein anderer ertragen
-als das gute Schreiberlein, das tief erschrocken war. »Hast wohl kein
-Haus?« fragte es bewegt und legte ihm zärtlich die Hand auf den Kopf.
-»Wenn du bei mir bleiben willst, so tu es. Ich verjage dich nicht.«
-
-Da wedelte der Hund freudig und folgte ihm weiter.
-
-Wieder galt es, Steine zu holen, über den Stock zu springen und hübsch
-zu machen. Das Schreiberlein schien nur noch für das Tier da zu sein,
-und das eine Mädchen begann schon, verdrießlich zu werden.
-
-»Wollen Sie ihn mitnehmen?« fragte der Lehrer.
-
-Das Schreiberlein zögerte mit der Antwort. »Ich weiß nicht. Wenn ich
-wüßte, daß er ausgesetzt wäre und kein Haus hätte, nähme ich ihn mit.«
-Und es sah nachdenklich aus.
-
-»Wollen Sie ihn denn behalten?« begehrte ein Mädchen zu wissen.
-
-»Ich könnte ihn ja auch nach dem Tierhaus an der Süderstraße bringen,«
-antwortete das Schreiberlein fast ärgerlich.
-
-»Ach, lassen Sie ihn doch wieder laufen,« sagte das andere Mädchen.
-
-»Geht er denn?« fragte das Schreiberlein. »Er ist ja nicht
-wegzubringen, nicht mit Gewalt.« Es nahm nochmals einen Anlauf und
-lief den Hund fast um, aber es hatte wieder keinen Erfolg. Das Tier
-legte sich erneut aufs Betteln, und das Schreiberlein war nicht der
-Mann, dem zu widerstehen. Ich kann es nicht, ich bringe es nicht übers
-Herz, dachte es still und bedrückt, atmete tief auf und streichelte den
-dankbar winselnden Hund.
-
-Später lief es mit ihm um die Wette und kam den andern dabei ein
-beträchtliche Stück voraus. Pulli stellte sich an den Grabenrand und
-schlappte Wasser.
-
-»Büst ok all hungrig?« fragte das Schreiberlein und schnallte den
-Rucksack ab. Der Hund kam fragend näher und als er Brot und Wurst
-bekam, fing er es hastig und fraß mit lebhafter Freude. So frühstückten
-die beiden Wandergenossen am Wegrande, und als die Vorratskammer
-ausgeräumt war, legte das Schreiberlein sich längelang ins Gras, und
-der Hund ruhte neben ihm. Die Hand ruhte auf dem Kopf des Tieres.
-So lagen sie zwischen Löwenzahn und Butterblumen, bis die andern
-herangekommen waren.
-
-»Ich bin vom Berg der Hirtenknab,« sagte der Lehrer launig.
-
-»Bin ich auch!« gab das Schreiberlein stolz zurück, reckte sich und
-sprang auf die Füße.
-
-»Soll er denn nun noch weiter mit?« fragte ein Mädchen, als sie wieder
-eine Strecke gemeinsam zurückgelegt hatten.
-
-Das Schreiberlein guckte wie verloren nach dem dicken, roten
-Neuenfelder Kirchturm, der inmitten der Dächer stand wie eine
-Gluckhenne zwischen ihren Küchlein.
-
-»Wir kommen gleich an die Süderelbe,« sagte es, »da soll es sich
-entscheiden. In das Fährboot kommt er nicht hinein. Schwimmt er uns
-aber nach, dann soll er mit mir.«
-
-Das war aber nicht seine richtige Meinung. Es war mit dem Hund in
-Gedanken schon in seiner kleinen Stube angelangt, wie Doktor Faust mit
-seinem Pudel, und Goethes Worte gingen ihm durch den Sinn.
-
- Wie du draußen auf dem bergigen Wege
- durch Rennen und Springen ergötzt uns hast,
- so nimm nun auch von mir die Pflege
- als ein willkommner, stiller Gast.
-
-Es wußte gewiß, daß der Hund mitlaufen und auch den Weg in das Fährboot
-finden würde.
-
-Schon blitzte die Süderelbe hell durch das Weidengebüsch. Mit reißender
-Strömung flutete sie ostwärts. Das Fährboot hielt gerade wartend an
-dieser Seite, so daß die Gesellschaft nicht zu läuten brauchte.
-
-Zwei Altländer Knechte mit Rädern standen schon im Boot.
-
-Zuerst stiegen der Lehrer und die Mädchen ein, die sorglich ihre
-Kleider rafften, dann wollte das Schreiberlein folgen, ohne sich nach
-dem Hund umzusehen, aber dieser sprang behend vor ihm hinein und kroch
-unter die Duchten.
-
-»Da haben wir es,« bemerkte der Lehrer laut, »was nun?«
-
-»Wollen Sie ihn wirklich mitnehmen?« fragte das ältere Mädchen.
-
-Armes Schreiberlein!
-
-Sechs Menschen guckten es an. Da mußte es wohl fremd und scheu werden.
-»Ach, laßt es doch, wie es ist,« sagte es ablenkend und setzte sich auf
-die hinterste Ducht, immerfort nach dem Wasser guckend.
-
-Aber der Fährmann war aufmerksam geworden.
-
-»Hört de Hund ne dorto?« fragte er.
-
-»Nein,« sagte das Mädchen, »er ist uns von der Geest nachgelaufen.«
-
-»Denn schall dat Oos ok ne mit,« entschied der Fährmann. »Rut mit
-di! Rut!« Er erhob das schwere Ruder und scheuchte den Hund damit
-ins Wasser, daß das Tier über und über bespritzt wurde und entsetzt
-zurückwich.
-
-Dann stieß er eilig ab.
-
-Das Schreiberlein schwieg. »Sprich, steh auf, ruf!« schrie es in ihm,
-aber die alte Lebensangst und Furcht hatte sich riesenhoch in ihm
-erhoben und preßte ihm die Kehle zu. Wie ein geducktes Vöglein saß es
-da und sah nach dem Hund.
-
-In dessen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck der Verlassenheit, als
-er das Boot sich entfernen sah, er winselte und heulte und kroch auf
-und ab, lief hin und her und guckte verlangend über das Wasser. Ein
-Altländer rief lockend: »Komm, komm!« Auch in dem Schreiberlein rief
-es: »Komm, komm!« aber über seine Lippen rang sich kein Laut.
-
-Der Hund watete bis an den Bauch in das Wasser hinein und streckte die
-Schnauze vor, als wollte er schwimmen.
-
-»De swümmt gliek,« rief ein Knecht.
-
-»Ja, schwimm!« dachte das Schreiberlein und fühlte, daß des Hundes
-Blick an seinem Gesicht hing, aber es vermochte kein lautes Wort zu
-finden.
-
-Das Boot kam immer weiter in den Strom hinein.
-
-Der Hund blieb lange Zeit in dem strömenden Wasser stehen, dann
-watete er langsam nach dem Trockenen zurück. Noch einige Male lief er
-verlangend auf und ab, stand wieder still und sah dem Boote nach, dann
-drehte er sich um und lief den Damm hinauf. Oben angekommen, stand
-er wieder still, sah eine lange Weile zurück, dann lief er fort und
-verschwand hinter den Weidenbüschen, die den Weg umgaben.
-
-Armes Schreiberlein.
-
- * * * * *
-
-»Tut es Ihnen leid?« fragten die Wandergefährten, als sie am
-jenseitigen Ufer angekommen waren und nach dem Deiche gingen.
-
-Das Schreiberlein gab keine Antwort, es guckte sich aber immerfort
-um und sah nach dem anderen Ufer, das still und verlassen dalag, und
-wartete, daß der Hund wiederkomme. Dann wollte es rufen, so laut es
-konnte, und er sollte herüberschwimmen. Es konnte nicht begreifen, daß
-es so gekommen war, und begann den erbärmlichen Verrat zu erkennen, den
-es sich an seinem treuen Genossen hatte zuschulden kommen lassen.
-
-Der Lehrer gab sich Mühe, ihm einzureden, daß der Hund sein Haus auf
-der Geest haben müsse, ein ausgesetztes Tier wäre gewiß nicht so
-reinlich gewesen, daß es sich vermöge seines Geruchssinnes leicht
-zurückfinden werde, vielleicht schon wieder auf der Geest spiele, aber
-das Schreiberlein war nicht zu überzeugen. Es guckte nur über das
-Wasser, schüttelte mit dem Kopf und sagte:
-
-»Das mag *Sie* rechtfertigen, mich nicht!«
-
-Schwere Dinge warf sein Herz auf. Wie brausendes Wasser gingen ihm die
-Gedanken durch den Kopf. Es erkannte mit schmerzlicher Gewißheit, daß
-es einen Schritt getan hatte, der es nach und nach ins Gleiten bringen
-mußte.
-
-Und der Hund erschien noch immer nicht wieder an der Fähre.
-
-Da, als die Drei schon anfingen, sich heimlich anzustoßen, blieb das
-Schreiberlein stehen und bot ihnen die Hände zum Abschied.
-
-»Ich kann nicht weitergehen,« sagte es ernst, »ich muß zurückfahren und
-den Hund suchen. Anders finde ich keine Ruhe.«
-
-»Das ist verrückt!« rief der Lehrer, und sie redeten heftig auf ihn
-ein, aber sie erreichten nichts, weder vermochten sie ihn mit dem
-unwegsamen Moor zurückzuhalten, noch mit der nahen Dämmerung zu
-schrecken.
-
-Er müsse hinüber und sie müßten schon allein nach dem Dampfer gehen.
-Das war alles, was sie zu hören bekamen.
-
-Kopfschüttelnd mußten sie es schließlich aufgeben und weitergehen.
-
-Über das Schreiberlein aber war mit dem Entschluß eine fiebernde Unruhe
-gekommen. Es lief mehr, als es ging, nach der Fähre und trieb den
-Fährmann zur Eile.
-
-»Wedder röber?« fragte dieser.
-
-»Jo, jo!« drängte das Schreiberlein, und wollte schon sagen, daß es
-seinen Schirm im Altenland vergessen hätte, aber es war etwas in ihm,
-das gewaltsam hervordrängte. »Ich will den Hund holen,« sagte es festen
-Tones und empfand dieses Geständnis als etwas Wohltuendes.
-
-Der Fährmann lachte, dann aber sagte er ernst: »De is all lang weg.
-Ober dor sitt 'n Wulkenbank in 'n Westen, dat kann licht 'n Gewitter
-geben. Blieft leber hier, ik wohrschoo jo.«
-
-Das hatte das Schreiberlein, das immer nach dem Damm guckte, wohl gar
-nicht verstanden, denn es gab keine Antwort darauf, sprang aus, noch
-ehe der Kahn angelegt hatte, und lief in Sprüngen fort, daß der Mann
-herzlich lachen mußte über den närrischen Kerl.
-
-»Pulli! Pulli!«
-
-Unbekümmert rief das Schreiberlein, einerlei, ob Menschen es hörten
-oder nicht, spähte nach allen Seiten und schritt erregt weiter, dem
-Moor entgegen.
-
-Aber kein Hund war zu sehen.
-
-Als es von dem weiten, düstern Moor umfangen war, begann schon die
-Dämmerung ihre stillen Flügel ausbreiten. Da rief es lauter als zuvor,
-daß die Regenspatzen in dem Schilf erschrocken das Piepen ließen. Die
-Dämmerung nahm überhand, da suchte und rief das Schreiberlein noch
-ängstlicher und strengte seine Augen an, daß es den vorherigen Weg
-wiederfinde, was bei den vielen Moorwettern, Brücken und Stegen, bei
-Kreuz- und Querstücken nicht leicht war. Die Weidenbüsche wuchsen wie
-riesenhafte Tiere aus dem Gras und bekamen drohende Augen.
-
-»Pulli, neem büst du?«
-
-Draußen auf der Elbe war Ebbe eingetreten. Die vermochte aber nicht zu
-verhindern, daß die Wolkenwand sich höher schob und sich ausbreitete.
-Einige Sterne waren schon sichtbar: nun schoben sich dunkle
-Wolkenhände über ihren stillen Schein.
-
-Von den Moorburger Wiesen, den weit entfernten, scholl das ängstliche
-Brüllen des Viehs. Gespenstisch schnell überzogen die Wolken den Heben.
-Ferner, grollender Donner quoll langsam auf, als käme er aus dem
-Wasser. Da fiel auch das erste Licht vom Heben, und ein Windstoß fegte
-warnend über Baum und Halm.
-
-Armes Schreiberlein -- warum stehst du still vor dem breiten Graben;
-hattest du da einen Steg vermutet? Hast du dich verlaufen, weißt nicht
-mehr, wo du bist? Und hast den Pulli immer noch nicht gefunden?
-
-Such den Steg, das Gewitter hängt über dir. Die ersten schweren Tropfen
-fallen wie Blei. Der Wind schwillt an. Den Steg!
-
-Schreiberlein, mit Kriechen kommst du nicht von der Stelle! Da fliegt
-dein Hut!
-
-Armes Schreiberlein ...
-
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-
-Als der lange Hinnik Quast am andern Morgen seine Moorkartoffeln hacken
-wollte, hing etwas Braunes unter dem Steg, der über die breite Wettern
-gelegt ist. Es war ein ertrunkener Mensch, der fehlgetreten sein mußte.
-
-Armes Schreiberlein ...
-
-
-
-
-Sonntagnachmittags.
-
-
-Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen
-nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft müssen
-sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen,
-die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden,
-stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht
-um vergängliche Erdengüter, sondern rein des Vergnügens wegen. Sie
-werden gar nicht gewahr, daß das Wasser eiskalt ist und daß sie mit den
-Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie stört, daß es zu
-Hause für die Kleigräberei und Sabbatschändung vielleicht etwas auf die
-Jacke, sicherlich aber eine gehörige Tracht Schelte geben wird -- sie
-fischen und fischen und sind gesund und munter dabei.
-
-Jung-Finkenwärder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen.
-
-Dazu weißbunte Hemden. Die runde, graue Fischermütze steht ihnen wie
-ein Glorienschein um die hellblonden Köpfe. Nur die blaugefrorenen
-Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen,
-beim einen mehr, beim andern minder.
-
-Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er
-gekommen ist. Trübe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen,
-und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese
-schaut düster und mürrisch drein, als könne es gar nicht blinken und
-lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weiße Rauch
-verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet
-etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt
-es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein
-Grauen des Vergessens steht in den kahlen Ästen.
-
-An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein
-kleines Haus am Deich warm und heimlich hält und weder den Ofen, noch
-die Pfeife ausgehen läßt, auch nicht einmal selbst ausgeht.
-
-Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und
-dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand.
-
-Dann sitzen wir am Fenster.
-
-Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren.
-
-Leise nickt er mit dem Kopf: »Da hab ich auch mal gestanden und
-Stichlinge gefangen.«
-
-»Auch ich,« sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der
-kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am
-wenigsten fängt.
-
-Dann wird es wieder still.
-
-In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine
-Bauernfrau, die in ihrer weißen Schürze dasteht und lacht ... leise
-... aber doch so, daß es zu hören ist ... Oder sind es die rotbackigen
-Äpfel, die in der Röhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner
-bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben über dem Alkoven
-aber hängt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem,
-braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich
-vor sich hin: »Ick weet allns! Ick weet allns!« Plattdeutsch hat sie
-gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine längere
-Unterhaltung läßt sie sich nicht ein. Wer alles weiß, der braucht
-freilich auch nicht mehr viel zu reden.
-
-Harm sagt in die Stille hinein:
-
-»In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben bloß alle
-sieben einen.«
-
-Ich nickte bloß. Fast habe ich vergessen, daß es laute Straßen gibt mit
-grellen Läden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewühl elender und
-glücklicher Menschen.
-
-»Ick weet allns! Ick weet allns!« meinte wieder die Großmutter, und wir
-hören ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und
-wir lassen sie gewähren.
-
-Bis ich sage: »Nun könnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.«
-
-»Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und
-der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar
-gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft hätte wie du: auf der einen Seite im
-Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.«
-
-»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte die Stimme aus Baden.
-
-»Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht
-gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.«
-
-»Auf der Elbe?«
-
-»Ja, Gorch. Die Seen kriegen weiße Köpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer
-ist noch weit weg, Junge. Erst muß die Natur sich noch brechen. Und
-das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst muß sie ein paar Ewer und Kutter
-kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.«
-
-Ich guckte ihn schweigend an.
-
-»Das ist gewiß so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut
-der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er
-mit Luken zu, dann läßt er den Wind suchen und schnauben. Der wird
-vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja
-genug da!«
-
-»Schwarze Kleider aber noch nicht,« setzte ich düster hinzu.
-
-»Ick weet allns! Ick weet allns!«
-
-»Da war auf dem Kreinhof mal ein großer Bauer, Gorch. Im Frühjahr, wenn
-es ans Pflügen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind
-geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune.
-Er wußte, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so
-waren auch die Stürme noch nicht dagewesen -- und die Stürme gingen mit
-der Elbe über seinen niedrigen Deich und spülten die Furchen glatt,
-wenn er vorher gepflügt hatte.«
-
-Die Dämmerung ging säend über das Land und streute tausend dunkle
-Körner über Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen,
-nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und
-dem rauchenden Stock entgegen.
-
-An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die
-Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es.
-
-Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem
-Wasser, über das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig
-ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil
-die Dinge größer und geheimnisvoller erscheinen, erzähle auch ich
-eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem
-Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte
-und nur von ferne einen großen, guten Menschen stehen sah.
-
-»Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?«
-
-»Nein, ein Dichter, Harm, einer, der früher Pastor gewesen ist, bei
-Büsum da.«
-
-»Den möcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen.
-Das ist gut, Junge. Aber dann mußte er auch aus dem Menschen einen
-Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?«
-
-»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte wieder die Muhme von oben.
-
-Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stübchen, und wir
-sagen gar nichts mehr.
-
-
-
-
-Hans Otto.
-
-
-Die Kugelbake vor Cuxhaven ist die große Nebelfrau der Elbmündung. Wer
-sie einmal bei Daak und Dunst über die Watten starren gesehen hat, weiß
-das. Vor ihr stand bei Nebel und trüber Luft eine Fischersfrau von
-Döse, ein armes, irres Weib, das ihren verschollenen Mann auf der See
-suchte; jahrelang hat sie dort gestanden, alle alten Schiffer haben sie
-gesehen, -- bis die riesige Bake sie ablöste.
-
-An dem Balkengestell dieser Bake zog ich die Schuhe aus, streifte die
-Strümpfe ab, nahm auch meine Mütze in die Hand und watete barhäuptig
-und barfüßig, von der Sonne erwärmt und von dem salzigen Wasser
-gekühlt, über das weite Watt dem stillen Duhnen entgegen.
-
-Die auf der Reede von Cuxhaven -- twüschen de Baaken, wie die Schiffer
-sagen -- liegenden drei großen, dicken Barken kamen aus Sicht, dafür
-aber stieg der graue Normannsturm von Neuwerk höher aus den Watten,
-die beiden binnensten Feuerschiffe der Elbe leuchteten herüber, und
-vor und hinter ihnen wurde es nicht leer von Schiffen. Krabbenjollen
-und Fischerewer segelten ein, Tjalken und Gaffelschuner kreuzten
-seewärts, tiefgehende, schwarze Kohlendampfer zogen zu zweien und
-dreien ostwärts, Holzdampfer mit gelbleuchtender Decksladung pflügten
-gen Westen. Sogar hinter der Kimmung, ganz im Norden, hatte der Handel
-noch schwache Rauchwolken auf der See. Lloydkähne, braunrot, mit
-großen gelben Nummern an den Seiten, an langen Trossen hinter ihrem
-zierlichen Schlepper, klüsten von der Weser herüber. In der Weite
-standen die dunkelbraunen Segel eines Störfischers regungslos auf dem
-weißen Wasser, und dahinter tauchten wie Maulwurfshügel die Bäume von
-Büsum-Hilligenlei auf. Seenot und Seeluft erfüllten mein Herz, als
-ich vor meinen Füßen nach fliehenden, spinneflinken Krabben und auf
-der See nach Schiffen suchte. Dann dachte ich an die beiden Türme von
-Altenbruch, die wir vorher passiert hatten, und an das Schifferwort:
-»Wenn de beiden Turns upenanner stoht, denn hett de Froo dat Seggen
-an Burd« -- also daß die Frau so gut wie gar keine Zeit an Bord zu
-sagen hat, -- an den kleinen, zwergenhaften Mann dachte ich, der mir
-gegenüber gesessen hatte, mit dünnen Mädchenfingern und einem alten
-Gesicht, aber mit großen, unschuldigen, neugierigen Kinderaugen, die
-guckten, als sähen sie zum ersten Male ein Schiff, die von den großen
-Leuten ängstlich abirrten und sich vertrauend den Kindern zuwandten,
--- und an das schöne, braune Mädchen dachte ich, mit dem viel zu
-großen Hut, das von einem Kranze junger Herren und Damen mit heftigen
-Vorwürfen überschüttet wurde, weil sie sich zu lange im Tanzkreis
-aufgehalten und mit anderen Herren schön getan haben sollte. Erst
-verteidigte sie sich klug und gewandt: ein Mädchen dürfe nichts tun,
-das ihm nicht verdacht werde, hörte ich als heimlicher Lauscher heraus;
-dann, als die Meute nicht nachgab, schwieg sie, und ihre blaugrauen
-Augen sahen in die Weite, während ihre Lippen zuckten. Nachher kam
-sie an die Reihe beim Rundgesang: sie richtete sich auf, warf den
-Kopf zurück und sang keck, trotzig und übermütig aus dem Rigoletto:
-»... Ach, wie so trügerisch sind Weiberherzen ...« Je mehr sie sang,
-desto lauter und bitterer wurden die Worte »... alles ist Lüge ...« da
-überwältigte sie das Gefühl, und sie barg aufschluchzend ihr Gesicht
-und ihre Tränen in ihr Tuch ... Die Gesellschaft wurde stumm und
-verlegen und schämte sich ihrer fast.
-
-Als ich unter solchen Gedanken eine Stunde der Gilde der Wattenläufer
-angehört hatte, verspürte ich Hunger, und weil ich einiges Eßbares
-mitgenommen hatte, suchte ich mir am Dünenrande einen sonnigen Fleck
-aus und legte mich auf den weißen, reinen Sand nieder, kurz vor den
-ersten Zelten und Körben von Duhnen.
-
-Zum Zeichen meiner Rast aber steckte ich den langen Erlenstock, den
-ich unterwegs aufgefischt hatte, fest in den Sand und knotete mein
-Taschentuch daran, das nun flatternd im Winde wehte. Das war gut so,
-denn wer weiß, ob Hans Otto sich sonst nach mir umgesehen hätte, oder
-ob er von so viel Zutrauen erfaßt worden wäre.
-
-Ich saß noch nicht recht, da rief es von weitem:
-
-»Ist das deine Fahne? Ist das deine Fahne?«
-
-Und als ich mich umwandte, kam ein sonnenbraunes Kerlchen von
-vielleicht drei Jahren, nur mit einer Hemdhose bekleidet, in Eile
-herangestäubt und rief immerfort:
-
-»Ist das deine Fahne? Ja?«
-
-Das war Hans Otto.
-
-Ich mußte seine Frage bejahen. Er winkte, stellte sich neben mich und
-begutachtete nun die Fahne nach Farbe und Größe, er prüfte, ob der
-Flaggenstock fest genug stand, ob die Knoten ihrer Bestimmung Genüge
-leisten konnten, und ob der Wind von der rechten Seite kam. Nach einem
-Rundgang um den Flaggenhügel wandte er sich wieder mir zu:
-
-»Hast du die Fahne selbst gemacht?«
-
-»Wenn es nicht unbescheiden klingt, mein Junge, ja.«
-
-»Du kannst fix was!« lobte er.
-
-Ich wehrte ab: »Nur mit Einschränkungen, mein Junge, in andern Dingen
-bin ich ein großer Stümper.«
-
-»Nun weht sie ja nicht mehr,« klagte er dann.
-
-»Man hat es oft am Mittag, daß der Wind mit einem Male einschläft,«
-sagte ich auskunftgebend. »Die Schiffer draußen auf See wecken ihn dann
-schnell wieder auf.«
-
-»Wie machen sie das?« begehrte er zu wissen.
-
-»Sehr einfach. Sie kratzen am Mast. Tu du es auch. Ich will dir aber
-gleich sagen, daß es ein toller Aberglaube ist.«
-
-Und der kleine Kerl bearbeitete den Stock mit den Nägeln so eifrig, daß
-ich für die Fahne fürchtete, und rief aus Leibeskräften:
-
-»Wind! Wind!«
-
-Zufälligerweise frischte der Wind in diesem Augenblick wesentlich auf,
-und der Kleine freute sich königlich über die Zauberei.
-
-Seine junge Mutter, die drüben in der Sonne lag, rief ihn: »Hans Otto,
-komm! Komm hierher!« Aber er verwies ihr solche Störung ernstlich mit
-der keinen Widerspruch duldenden Antwort: »Du, ich hab' jetzt kein'
-Zeit!« Diese Sentenz wiederholte er mehrfach, so daß ich darin eins
-seiner geflügelten Worte anzusprechen geneigt bin.
-
-Als er indessen hinsah, wurde er gewahr, daß seine Mutter ihm auch
-eine Fahne gemacht hatte: er lief hin und brachte sie schnell in unser
-Lager, wo wir sie neben meiner aufpflanzten. Wir stellten fest, daß
-jede ihre besonderen Vorzüge hatte: meine war bunt, seine weiß, meine
-klein, aber sie wehte hoch, seine groß, aber sie wehte niedrig.
-
-Danach besann Hans Otto sich auf sein Spiel, das er beiseite geworfen
-hatte, als er meine Flagge flattern sah, und er unterwies mich in
-seinem ebenso umfangreichen, wie verzwickten Straßenbahnbetrieb, den er
-ohne Schienen und Drähte nur mittels eines deichsellosen Groschenwagens
-und mit Hilfe seiner Hände und einer Anzahl Steine und Korkstücke
-auf dem Strand von Duhnen unterhielt. Ich arbeitete mich allmählich
-ein und lernte auch die Haltestellen von Hans Ottos Lingelingbahn
-kennen und -- was schon schwieriger war -- unterscheiden, die wohl
-auch die Haltestellen seiner kleinen Lebensreise waren: Sternschanze,
-Hauptbahnhof, Wilhelmsburg, Altona, Kiel und Blankenese. Die ganze Bahn
-war eigentlich nur eine Familiengründung, denn Hans Otto beförderte
-ausschließlich Onkel und Tanten. Und sonderbare Onkel und Tanten waren
-darunter. Tante Emma zum Beispiel (ein großes Korkstück) war sehr dick
-und ging nicht gern, weshalb wir sie immer bis zur Endstation mitnehmen
-mußten. »Onkel Hermann müssen wir stets einen Fensterplatz einräumen,
-weil er zu gern ausgucken mag.« Tante Wilhelmine war schwerhörig und
-kurzsichtig -- die arme Frau! -- und wir mußten ihr deshalb den Namen
-von jeder Haltestelle ganz laut ins Ohr trompeten. Onkel Fritz war
-dreist und ging immer mit der brennenden Zigarre in den Wagen, weshalb
-wir ihn jedesmal auffordern mußten, die Zigarre wegzuwerfen oder nach
-draußen zu gehen. Weiß Gott, es gab mancherlei zu bedenken und zu
-beachten!
-
-Als wir unseren Betrieb stillegten, um zu frühstücken, setzte Hans
-Otto sich neben mich und half mir wacker bei der Mettwurst, mehr noch
-beim Kuchen und am allermeisten bei den Bananen. Der geneigte Leser
-mag daraus ersehen, daß Hans Otto ein Leckermaul ist; fragte er aber
-weiter nach ihm, so bliebe ich stumm, denn ich weiß Hans Ottos Zunamen
-nicht, auch weiß ich nicht, wo er wohnt. Wir haben einander nicht nach
-dem Namen gefragt: ich mochte es schon deswegen nicht tun, weil ich als
-Arbeiter bei der Straßenbahn doch gewissermaßen sein Untergebener war.
-
-Die Einwände seiner kopfschüttelnden Mutter gegen unsere gemeinsame
-Tafel wehrte ich lachend ab und er mit seiner bekannten und beliebten
-Redensart: »Du, ich hab' kein' Zeit!«
-
-Nach dem Essen erbot ich mich, dreister geworden, ihm ein Blankenese
-zu bauen, wenn er mir dabei an die Hand gehen wolle. Er sagte es zu,
-und wir gingen an den Bau wie die Fronarbeiter an die Pyramiden. Armer,
-kleiner Hans Otto. Du hattest nicht einmal eine Schaufel und nanntest
-auch keinen Eimer dein eigen, aber ist es nicht dennoch gut gegangen?
-
-Haben wir nicht unermüdlich mit Händen und Füßen gebaut und gegraben
-und ausgeschachtet? Haben wir nicht ein breites tiefes Bett für die
-Elbe zurechtgemacht und auf ihr Nordufer einen hohen, gewaltigen Berg
-getürmt, das getreue Abbild des Süllbergs, fast so groß wie du, Hans
-Otto? Hätte da einer kommen und zweifelnd fragen können: Soll das etwa
-Helgoland sein? Gewiß nicht, was?
-
-Und als der Berg hoch und breit genug war, haben wir die Abhänge platt
-und glatt geklopft, ich mit meinen großen Händen und du mit deinen
-kleinen.
-
-Haben wir dann nicht aus roten Steinen einen Turm auf den Gipfel
-gebaut, hatte der Turm nicht eine richtige Flaggenstange und wehte von
-ihrem Topp nicht ein Tanghälmchen als Wimpel? Hast du nicht hundert
-rote, weiße und blaue Häuser herangeschleppt, Steine und Muscheln, und
-habe ich sie nicht nach einem großartigen Bebauungsplan über den Abhang
-verteilt? Entdeckten wir nicht in den Dünen eine Art von Immergrün,
-vortrefflich geeignet für die Bepflanzung unseres Berges mit Baum und
-Strauch?
-
-Und als alles fertig war und wir etwas zurücktraten, um es besser
-überschauen zu können, hat es da nicht überaus prächtig und lustig
-ausgesehen, unser buntes großes Blankenese? Sind nicht die Leute
-bewundernd stehen geblieben und hat dein kleines Ohr auch nur eine
-ungünstige Kritik gehört? Von deiner eigenen Freude will ich ja noch
-gar nicht mal so viel Aufhebens machen, denn du warst als Teilhaber
-und Miterbauer vielleicht nicht ganz objektiv; aber sind nicht sogar
-die drei Marineartilleristen, die großen braunen Gestalten, stehen
-geblieben, die doch gewiß schon an Brockeswalde und an die Mädchen
-dachten; haben sie nicht Lobesworte gefunden und nicht gleich auf
-Blankenese geraten?
-
-Wir können auf alle diese Fragen getrost und freudig Ja antworten, Hans
-Otto, und wir werden der Wahrheit am nächsten sein. -- Wie lange wir
-noch dagestanden und uns unseres Werkes gefreut haben ... ich weiß es
-nicht, wie ich auch nicht weiß, ob die großen Baggerungen in der Elbe,
-die wir noch unternahmen, wirklich notwendig waren oder ob sie hätten
-gespart werden können.
-
-Auch das weiß ich nicht, warum ich dann mit einem Male aufstand und
-weiterging, Duhnen zu, denn es lag mir im Grunde nichts mehr an Duhnen
-...
-
-Du hast mich nicht festgehalten, Hans Otto, als ich dir zum ersten und
-letzten Male die Hand gab. Nur gesorgt hast du dich, ob ich morgen
-wiederkäme, und ich habe es bejaht. Ich sehe noch dein betroffenes
-Gesicht, als ich wegging. Es war, als könntest du nicht glauben, daß
-ich von dir ginge. Ratlos standest du neben dem großen Süllberg und
-sahst mir nach. Und wie lange hast du mir nachgesehen!
-
- * * * * *
-
-Als ich im Abenddunkel mit der »Cobra« zurückfuhr und nach den Feuern
-und Lichtern der dunklen Elbe guckte, da habe ich an dich gedacht, Hans
-Otto, und es ist mir sogar aufs Herz gefallen, daß ich dich belog, als
-ich dir sagte, daß ich am anderen Tage wiederkommen wolle. Wie wirst du
-nach der Kugelbake blicken, daß ich kommen soll, dein Blankenese von
-neuem aufzubauen, das die übermütigen Mädchen in der Nacht, als die
-Matrosen sie zu greifen versuchten, zertreten haben ...
-
-... und nun sitze ich in deinem Hamburg, Hans Otto, zwischen
-scharrenden Federn und klappernden Schreibmaschinen und blicke in
-Bücher und auf Papiere, rechne mit Dollaren und Peseten und kann es
-doch nicht verhindern, daß ich geheimerweise auf einen Rechenzettel
-schreibe: Hans Otto.
-
-Das soll ein Gruß für dich sein!
-
-
-
-
-Ditmer Koels Tochter.
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-Der kleine, dicke Bäckergeselle, den die Sonne von 1525 besonders
-freundlich beschien, als er breitbeinig auf der Kaje saß und mit
-Steinen nach den Stichlingen warf, die um die Bollwerkspfähle
-schwärmten, dachte nicht an seine Stutenmacherei, sondern an Venedig
-und Grönland, an Apfelsinen und Eisbären. Er erschrack sehr, als ihm
-mit einemmal ein schweres Tau auf den Buckel sauste, und glaubte in die
-Hände von Seeräubern zu fallen: da erblickte er zu seiner Beruhigung
-aber nur einen Norderneyer Schellfischangler, der mit seiner grünen
-Schaluppe heranglitt, und ihm zurief, in jenem selbstverständlichen
-Ton, den unsre Schiffer noch heute führen: »Hak mal öber!«
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-Der Gesell tat es, rächte sich aber doch für die Apfelsinen und
-Eisbären und fuhr den Eilandsmann giftig an: »Wat wullt du Spöcker hier
-up'n Namiddag? *Morgens* köpt wi Schellfisch: nu is de Brück leddig!«
--- »Mien gode Jung, ick heff ok keen Fisch,« sagte der Schiffer
-gemütlich, »ik heff moi Tiding for den ehrbaren Rat. Moi Tiding! Ik
-will mi blos'n beeten afdweilen, denn seil ik up't Rathus.«
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-»O vertell, Schipper! Wat de Borgermester eten kann, dat smeckt ok wol
-'n lütten Bäckergesellen,« bat darauf der Gesell und er gab nicht nach,
-versprach zu schweigen wie eine tote Krähe, und bettelte solange, bis
-der Fischer sich herbeiließ, ihm zu erzählen, daß er Nachricht von den
-Schiffen hätte, die seit Pfingsten die Seeräuber jagten. Die See wäre
-rein gefegt: die Gallion, der flegende Geest, der Bartum und die Jacht
-seien im Sturm genommen, Klaus Rode sei von den ergrimmten Bootsleuten
-in Grapenbratenstücke gehauen, dazu zweihundert Mann erschlagen: der
-Rest von einhundertsechzig Mann aber und der Hauptmann Klaus Kniphof
-seien von Ditmer Koel gefangen genommen. Diese Seeschlacht sei in der
-Osterems geschehen und hätte acht Stunden gedauert. Das Geschwader
-liege windeshalber achter den Greeten: die erste gute Luft könne es
-aber schon nach der Elbe wehen ...
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-Hier sprang der Gesell auf, schüttelte sich und rief: »Un wenn de Dübel
-mi halt, dit kann ik nich verswiegen. Back mi tein Pickplasters up'n
-Mund, un dat mutt doch rut!« Und ohne auf den fluchenden Norderneyer zu
-achten, sprang er an Land und rannte stadtein. Die Hände an den Mund
-gelegt, gröhlte er laut und durchdringend: »Tiding von uns' Schepen,
-gode Tiding! Ditmer Koel, unse Admiral, hefft Klaus Kniphof mit alle
-Schepen und alle Mann gefangen genommen!« So schrie er ins Millerntor
-hinein und ließ nicht nach, und bald hatte er einen Haufen von Kindern
-und Burschen um sich, die seinen Ruf aufnahmen und ihn gewaltig
-verstärkten. Nicht lange dauerte es: da hatte man sogar schon eine
-Weise für die Zeitung erfunden, die also lautete:
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- »Gode Tiding von uns' Schepen!
- Ditmer Koel hefft Kniphof grepen!
- Söben Schep un hunnert Mann,
- öbermorgen kommt se an.«
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-Wie eine Windflage, die Staub und Blätter aufwirbelt, so drängte es
-durch die engen Straßen, und die Rotte vergrößerte sich von Ecke zu
-Ecke. Hamburg, das schon mondelang auf eine Kunde geharrt hatte,
-horchte auf, lachte und freute sich des Sieges. Da wurden Fenster
-aufgestoßen, da wurde gefragt und getan, da traten die Handwerker
-aus den Türen zu nachbarlichen Gesprächen. Einige steckten die alten
-Schiffsflaggen heraus, andere ließen einen Krug Braunbiers aus dem
-Keller holen und machten sich einen lustigen Tag aus der Begebenheit.
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-Die brausende Woge brandete auch an das Fachwerkhaus, das sich an
-der Nigentwiete in beschaulicher Stille sonnte und dem Schiffer und
-Admiral Ditmer Koel gehörte. Die Großmutter des Hauses saß feiernd
-am halbgeöffneten Fenster und horchte auf die Stille, die hinter all
-den feinen Geräuschen des Tages ruhte. Neben ihr lehnte Ditmer Koels
-Tochter, die schöne Gesa, ein blühendes, taufrisches Mädchen von
-achtzehn Jahren, am Fensterpfosten und spielte nachlässig mit den zwei
-kleinen grauweißen Katzen, die auf dem Brett übereinander kugelten ...
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-»... Ditmer Koel hefft Kniphof grepen ...« Das Siegeslied brach um
-die Ecke und erfüllte die Twiete. -- »Grotmoder, hört ji? hört, hört!
-Se singt von Vader! He kummt wedder!« rief das Mädchen vor Freude
-erglühend, warf die Kätzchen ritsch -- ratsch auf den Fußboden, stieß
-das Fenster vollends auf und beugte sich hinaus, um zu sehen und zu
-hören, was da nahte. »O, wat frei ik mi, Grotmoder!«
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-Grad unter dem Fenster machte der kleine Bäckergesell halt, der schon
-vor Heiserkeit kaum noch sprechen konnte. »Leewe Gemeende,« krächzte
-er roten Kopfes, »mal 'n Spier Gehühr!« Und als der Lärm sich etwas
-verminderte, denn alle warteten, daß nun etwas abfallen sollte: da
-berichtete er den Frauen weit ausholend und mit umständlichen Gebärden
-alles, was er wußte und was sich so up'n Stutz schicklicherweise
-hinzulügen ließ. Zum Schluß nahm er seine Mütze ab und hielt sie
-treuherzig-verlangend auf. »De Kehl is all bannig drög, aber wat
-deiht'n Hamborger Jung nich all for unsen Admiral Ditmer Koel.«
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-Die Greisin schüttelte halb belustigt, halb geärgert den Kopf.
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-»Wat hett se seggt?« -- »Se seggt, Water smeckt söt!« -- »O Mann, wat
-is de Olsch nährig!« »Free Licht bi Dagen un wieder nix!«
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-Aber Ditmer Koels Tochter sprang leichtfüßig ins Zimmer zurück und
-durchsuchte Schrank und Schublade, bis sie eine Hand voll Münzen
-gefunden hatte, die sie dem Gesellen laut klirrend in den Hut warf.
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-»Ho -- nu drinkt Warmbeer un lat Ditmer Koel hoch leben!« rief sie in
-fröhlicher Unbefangenheit den Weiterdrängenden nach.
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-Dann fiel sie der Ahne um den Hals: »Grotmoder, lat mi doch nich alleen
-lachen: Freit jo doch mit! Vader kummt ja doch!« Die Alte strich ihr
-das blonde Haar aus der Stirn. »Büst so wild, Deern, so wild!« -- »As
-du fröher west büst, nich, Grotmoder?« fragte das Mädchen schalkhaft
-und erhielt es lächelnd bestätigt. »Ja, Kind, as ick west bün.«
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-Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lärm, dem sich
-noch die Rufe mühsam entrangen:
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-»Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...«
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- * * * * *
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-Ditmer Koel sollte leben: er *lebte* -- und es kamen der Tag und
-die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln
-(Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit
-den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm
-den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen
-war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen,
-die den Seeräuber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglöckner
-läutete die Glocken.
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-Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloßen Schwert gegürtet, trug in
-der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seeräubers. Er war
-immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er größer
-und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als
-er Ratmann und Bürgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt;
-nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Kränzlein ihrer
-Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lächeln über seine Züge.
-Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich
-von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen
-bekannten Bürgern.
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-Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fünf Fähnlein folgten, und hinter
-ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeräuber Klaus
-Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjährige
-Kopenhagener sah blaß aus, doch war nichts Unmännliches in seinem
-Gesicht. Er war barhäuptig und trug ein weiches Hemd, dessen Ärmel von
-Kugeln durchlöchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen.
-Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und
-das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig
-Seeräuber, gefesselt und gekettet.
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-Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit
-großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und
-hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von
-Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm
-der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die
-Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen,
-und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten
-dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen
-und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein
-Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden
-war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort.
-Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr
-zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod
-gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer
-Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib.
-Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk
-überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des
-Dänenhauptmannes.
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-Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich
-auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr
-vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange
-ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen
-können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan
-Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von
-den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem
-Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das
-lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten
-zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und
-gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem
-Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel
-in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und
-bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu
-sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie
-Luther es getan hatte, als er die Nonne freite.
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-Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er
-fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging
-davon.
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-Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische
-und dänische Flüche schollen hinwider.
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- * * * * *
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-Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich
-der Freude über seine Seefahrt überließ und versicherte, daß Klaus
-Kniphof als ein Seeräuber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam
-nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er
-jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine
-Sache. Kniphofs Fähnlein hänge im Dom unter der Kanzel, verkündigte er
-eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte
-sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems
-erzählte, wie er seinen Leuten zuvor ein kräftig Süpplein zu kosten
-gegeben hätte, Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), das sie
-teufelswild gemacht hätte, da kam ein Grauen über sein Kind, das es
-nicht abschütteln konnte. Über ihre Träume aber schaltete der junge,
-blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes saß und
-durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte.
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-Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine
-Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber für geratener, ihm einen
-Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun
-jeden Tag die Hühnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost
-zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er
-berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Königs
-Bestallung. Als kriegsführende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie
-steuern können, ohne darum ein Seeräuber zu werden. Margarete von
-Burgund, seines Königs Schwägerin, Karls des Fünften Tochter, werde ihn
-schützen. Der Rat schickte nach Brüssel und ließ hansisch-stolz fragen:
-wat se mit den steden to donde hadde? -- worauf Margarete den Brief
-verleugnete und den Seeräuber fallen ließ. Kniphof aber wollte es nicht
-glauben.
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-Ditmer Koels Tochter ging hellhörig um ihren Vater herum, bis sie
-wußte, daß Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte.
-Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die
-Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat
-sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff
-herüber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zärtlich an,
-brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, daß sie vom Rat die
-Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen.
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-Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einlaß, und die zweite nannte
-sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf
-und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter,
-aber weil die Schwester ein schönes Weib war, erhoffte er sich einige
-Gunst und ließ sie mit hinein.
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-Klaus Kniphof war im Gespräch mit seinem Beichtvater. Als er
-seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und
-ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut
-schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß. Erschüttert stand Gesa Koel
-dabei.
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-Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe,
-dessen dunkle Augen um das Mädchen brannten, das er wohl erkannte,
-schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen.
-Dann erst sah der Seeräuber das Mädchen und erkannte sie wieder vom
-Millerntor her und wußte, daß sie aus edlem Geschlecht sein mußte.
-Er gab ihr die Hand und dankte ihr, daß sie sich seiner guten Mutter
-angenommen hätte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten
-Frau das Kloster erschlossen hatte und für sie sorgte. Kniphof schöpfte
-neue Hoffnung, und er begann zu erzählen. Sein ganzes Leben und seine
-wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe
-lehnte düster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Höfe von
-Kopenhagen, London und Brüssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in
-Jugendlust hinein und berichtete von der holländischen Zeit: wie sie
-bei Amsterdam die vier großen, schwerbestückten Schiffe ausgerüstet
-hätten, wie er seine dreihundert Leute angeworben hätte, und wie er
-dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in
-See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dänemark zurückzuerobern.
-Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der
-gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes
-Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zügen auf: Gesa
-Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und
-dieser wußte den Blick recht zu deuten.
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-Kniphof kam auf die Seeräuberzeit. Sein Freibrief müsse ihn schützen,
-er sei kein Seeräuber. Es könne nicht sein, daß Margarete ihn den
-Städten überließe: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es
-müsse noch einmal geschickt werden.
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-Die Glocke erscholl und verkündete, daß die Besuchszeit zu Ende sei.
-Kniphof verabschiedete gefaßt seine Mutter, die zu weinen begann, und
-gab dem Mädchen die Hand zum Lebewohl.
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-Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug
-gegenüber. Das Mädchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es über
-sie, daß sie ihm vertrauen könne wie einem Bruder, und sie streckte
-ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, daß sie mit der Frau nach Brüssel
-reisen und sich der Statthalterin zu Füßen werfen wolle für Kniphof,
-damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er
-fühlte, daß sie diesen Gang tun mußte, aber er bat sie, ein Nonnenkleid
-anzulegen, das ihre Schönheit der Landstraße verhülle: er werde es ihr
-bringen. Die Fahrt werde den Seeräuber nicht retten, denn Margarete
-könne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele
-solle sie reisen. Sie schüttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn,
-Kniphof noch nichts zu sagen.
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- * * * * *
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-Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne
-in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah
-ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein
-Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag
-vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und
-Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen!
-Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ...
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- * * * * *
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-Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen
-Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als
-Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die
-Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als
-ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und
-eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien -- da läutete das
-Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache
-brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner
-Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die
-weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten
-Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel
-gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf -- er glaubte nicht mehr
-an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter
-ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und
-schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte
-ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe
-säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte
-seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel.
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-Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen.
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- * * * * *
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-Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch,
-stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel.
-Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er
-war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich.
-Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter
-reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein
-Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es
-in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten
-hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn
-überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten.
-Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer
-gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu.
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-Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein
-alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich
-regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege.
-Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die
-Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend
-nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer.
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- * * * * *
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-Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte
-ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich
-umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie
-sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück
-begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie
-wolle nun in ein Kloster gehen und still leben.
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-Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mächtiger Wind, der nicht
-vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem
-guten Kameraden: daß er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden
-wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie
-ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther.
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-Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den
-Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen.
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-Schiffbrüchig.
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-Auf meiner dritten Reise.
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-Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch
-nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen
-Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu
-still zum Fischen.
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-Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung
-und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das
-Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln,
-das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an.
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-Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen
-an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir
-jetzt nach Wind aus.
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-»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der
-Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und
-deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann
-sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, -- und er hatte es noch nicht
-ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören
-und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war *bange*
--- um es ehrlich zu sagen -- bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen
-fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht.
-Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll.
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-»To! Man rup'n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh.
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-»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei.
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-»Worüm?«
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-»Jä, wenn 't dick van Dook ward,« sagte ich.
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-Nun lachte er.
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-»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.«
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-Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß
-meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale
-die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken
-nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht
-gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück
-bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den
-Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht
-einzuschlafen.
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--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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-Da -- -- -- ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte
-ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers.
-Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein
-Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich
-fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine -- saßen sie fest?
-In jähem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur
-Seite ... und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen.
-Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem
-gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals
-zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und
-konnte nicht ... nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte
-aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich
-sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab
-mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an
-Deck und erbebte.
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-Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter
-entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und
-Schreien. Da -- -- -- eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein
-schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers
-war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er
-sich gurgelnd seitwärts senkte.
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-»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig
-rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der
-glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer
-wieder rutschte ich hinunter.
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-Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von
-unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun
-mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder.
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-»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich.
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-»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi
-weg kommt.«
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-Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten
-wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer
-mehr sank der Ewer weg ... das Wasser spülte über das Deck ... unser
-Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der
-drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes,
-stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ...
-
-Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum
-bloß? ... Die Bootsleine! Die ...
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-Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne
-noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu
-beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit
-meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun -- saßen wir fest, fest an dem
-untergehenden Ewer.
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-»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf
-und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten
-unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns
-ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres
-armen Ewers. Und nun kamen *wir* an die Reihe. Wir drängten wild nach
-hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See
-schäumend um unsere Füße ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging
-der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben.
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-»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf.
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-»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der
-dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und
-der See und den aufschießenden Blasen.
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-Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich
-auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und *dachte nach*, während
-ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge
-erst an -- und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und
-unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien
-niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus.
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-Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen.
-Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der
-Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein
-Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten
-Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich
-fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich
-auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht --
-jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und
-wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf
-und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte
-und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief:
-die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See
-wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über
-den Kopf -- und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder
-blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der
-Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche ...
-
-Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über
-dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch
-noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und
-wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir
-dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden
-waren.
-
-Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die
-Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde
-leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken
-durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen.
-
-War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes
-auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie
-mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein
-Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich
-danach, mit beiden Händen, und hielt es fest.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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-
-Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das
-vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war -- einer meiner
-sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit
-vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von
-meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich *lebte*,
-lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und
-trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß
-er das Knarren der Gaffeln übertönte.
-
-Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck.
-
-Schön und sternenklar war die Nacht.
-
-Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte
-er sich und fragte:
-
-»Na, wat is er los?«
-
-»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen.
-
-»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?«
-
-»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in
-der Koje.
-
-
-
-
-»In Gotts Nomen, Hinnik!«
-
-
-Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem
-Sonntagnachmittag den grünen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem
-Wasser als nach den Häusern.
-
-Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf.
-Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gezimmert.
-
-Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein
-Wunder -- Jan Siebert hatte sie gebaut.
-
-Einige von den großen Kuttern leuchteten wie Königsschiffe über das
-Wasser. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft.
-
-So grüßten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das
-Herz warm.
-
-Als er bei Gesine Külpers Strohdach angelangt war, sah er ihren
-ältesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern.
-
-»Kumm mol rup, Hinnik,« rief er, und der Junge lief in Sprüngen.
-
-»Gu'n Dag, Jan-Unkel.«
-
-»Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du
-denn beschicken?«
-
-Hinrich guckte nach der Elbe.
-
-»Ick will giern up'n groten Kutter.«
-
-»No See, Junge?«
-
-»Jo.«
-
-Der Baas sah ihn lange und prüfend an.
-
-»Dien Vadder is bleben, Hinnik.«
-
-»Großvadder is ok bleben -- un Vadder is dorüm doch wedder no See
-gohn,« antwortete der Junge.
-
-»Is din Mudder dormit inverstohn?«
-
-Der Junge stockte.
-
-»Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt,« gab er dann zögernd
-zu.
-
-Der Baas nickte vor sich hin. -- »Is good,« sagte er mehr zu sich als
-zu dem Jungen und klinkte die Tür auf.
-
-Hinnik aber steckte beide Hände tief in die Hosentaschen und schwankte
-nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes
-Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fühlte sich schon als
-Fischerjunge.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht
-wurde noch bleicher.
-
-»Hett he dat seggt?« fragte sie schon zum dritten Mal. »He will no
-See?«
-
-Jan Siebert nickte ernst.
-
-Sie faltete die mageren Hände.
-
-»He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewiß ne gohn. Segg
-doch sülbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok
-no buten? Nee, nee -- ick *kann* keen wedder no See seiln sehn. Ick hol
-'t ne ut.«
-
-Er schwieg.
-
-»He mütt an Land blieben, Jan Siebert,« fuhr sie erregter fort. »Lot
-em Buer warn oder Schoster oder Snieder, -- ganz egol -- ober no See
-schall he ne. Du büs Vörmund: segg em dat.«
-
-Der Baas war sich einig geworden.
-
-»Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann
-warn lot. Denn süht he doch wenigstens Scheep un Woter.«
-
-Sie atmete erleichtert auf.
-
-»Jo, Jan Siebert, nimm em hin.«
-
-»De dree Johr verdeent he ober nix,« sagte der Baas, aber sie
-schüttelte nur den Kopf.
-
-»Dat deit nix. Min lütj Tügloden smitt woll so veel af, dat wie Brot
-hebbt.«
-
-Er war aufgestanden.
-
-»Schall ick 't em seggen?«
-
-Sie bot ihm die Hand zum Abschied.
-
-»Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.«
-
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-
-»Hinnik!«
-
-»Wat schall ick?«
-
-»No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne
-hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo
-fix Lust to, ne?«
-
-Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein
-sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und
-ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit großen grauen
-Säcken verhängt.
-
-»Hest du 't hürt, Junge?« fragte der Baas, als er noch immer keine
-Antwort bekam.
-
-»Jo,« sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin.
-
-Erst als der Baas fortgegangen war, rührte er sich wieder und sah
-finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die
-See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der
-bewegten, unendlichen See: -- ein häßlicher, breiter Graben, der ihm
-alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch
-wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen ließ.
-
-Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreßten Lippen
-kletterte er müde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen
-konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute.
-
-Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine
-bekümmerte Mutter legte die Hände für ihr Kind zusammen.
-
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-
-Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene
-erwähnt worden -- seine Mutter vermied es ängstlich, davon anzufangen
--- aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht
-verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurückhaltend und wich ihren
-Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand über die Stirn, so trat ein
-gequälter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die große, schöne
-Lampe weggeholt und dafür ein armseliges Talglicht auf den Tisch
-gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: -- das konnte er
-nicht verwinden.
-
-Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft
-stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er
-alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war
-deutlich zu lesen, daß die Arbeit ihn nicht freute, und daß er nicht
-mit dem Herzen dabei war.
-
-Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, daß gut
-Ding seine Weile haben wolle.
-
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-
-Wer weiß -- -- --
-
-Vielleicht wäre Hinnik doch ein Zimmermann geworden.
-
-Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wäre!
-
-Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wären!
-
-Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von draußen erzählt hätten!
-
-Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt hätte,
-wäre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen
-und schimpfte im Vorbeigehen, daß er nun liegen bleiben müsse und doch
-so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wäre.
-
-Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und ließ sich als Junge
-annehmen.
-
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-
-Abends erzählte ein aufgekommener Lüttfischer, daß er ihn auf dem
-Kutter gesehen habe.
-
-»Mi hett dat ahnt,« sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostloß dasaß.
-
-»Den leet de See keen Ruh.«
-
-Sie weinte nur noch mehr.
-
-»He *will* verdrinken als sin Vadder.«
-
-Er schüttelte verweisend den Kopf.
-
-»So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See *sehn* hett, holt
-wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jümmer
-bloß een, un he hürt to de negen annern, de wedderkommt.«
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der böse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt,
--- nun brachte eine gängige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die
-Elbe herauf.
-
-Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, daß er aufgekommen sei, --
-und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mußte doch kommen?
-
-Hinnik kam.
-
-Erst zu Jan Siebert.
-
-»Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbröcht,« sagte er und ließ eine Stiege
-Schollen aus dem Taschentuch springen.
-
-»Weest, wat du verdeent hest,« grollte der Baas und sah ihn schief an.
-Heimlich freute er sich aber über den wetterbraunen jungen Kerl.
-
-Der sagte keck: »Nee,« sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich,
-denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stück Holz geflogen kam.
-
-»Büs ok seekrank wesen?« scholl es ihm freundlicher nach.
-
-Er lachte.
-
-»Keen Gedanke!«
-
-Seine Mutter saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hände.
-
-Er warf zwei Goldstücke hin.
-
-»Mien Verdeenst, Mudder,« sagte er stolz. Dann knüpfte er das Tuch
-auf und breitete seine Schätze aus: springlebendige Schollen, rote
-Muscheln, Seeäpfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein.
-
-»Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. -- Den
-Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He güng mit sien witte Jacht no
-Wilhelmshoben. -- Un up Nordernee sünd wi ok an Land wesen. Wi legen
-dor twee Dog för Wind.«
-
-Er erzählte munter darauf los, ohne sich stören zu lassen. Schließlich
-guckte er sie aber doch an -- und da sah er, daß ihr die Tränen in den
-Augen standen.
-
-»Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bün Fischer, lot
-mi man Fischer blieben.«
-
-Sie war aufgestanden.
-
-»In Gotts Nomen, Hinnik!«
-
-
-
-
-Auf Helgoland.
-
-
-Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem
-Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle.
-
-Aber es erging ihnen wunderlich.
-
-Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er
-Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der
-See und sang von ihren Augen.
-
-Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er
-Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er
-der Sonne und sang von ihrem Haar.
-
-Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er
-Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der
-Möwen und sang von ihren Händen.
-
-Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen
-Wald um Mittag.
-
-Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise
-und versonnen:
-
-»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?«
-
-»Ja, Ahne.«
-
-»Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch *sehen*
-konnte.«
-
-»Du siehst sie wieder und strahlender als je.«
-
-»Das ist mein Glaube.«
-
-Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen.
-
-Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen.
-
- * * * * *
-
-Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte
-sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen
-Fuß.
-
-Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an.
-
-Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den
-Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen.
-
-Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun
-pflegte.
-
-Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen.
-
-Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war
-er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien.
-Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und
-der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen
-lassen. Nun war er eingeschlafen.
-
-»Ahne, schläfst du?«
-
-Sie schüttelte leis den Kopf.
-
-»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das
-Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm
-bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das
-Sonnenland.«
-
-»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.«
-
-»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein
-Auge?«
-
-»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme
-geht.«
-
-»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. --
-Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.«
-
-»Das ist sie, Ahne.«
-
-»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf
-dem Wasser?«
-
-»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.«
-
-»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher
-Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich
-mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis
-ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet
-geduldig -- und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem
-Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt ... morgen
-geht er hin und bettelt.«
-
-»Ahne, der fremde Priester kommt.«
-
-»*Wieder*, willst du sagen.«
-
-Mit feierlichen Schritten kam er daher.
-
-»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.«
-
-Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne.
-
-»Ein *Herr*? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden,
-freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und
-segnete?«
-
-»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf
-sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben
-und dich taufen lassen.«
-
-Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen.
-
-»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern
-gehört hätte. Aber *so* ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin,
-hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im
-Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land
-betrittst?«
-
-»Überall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das
-Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht
-blind wärst, Königin ...«
-
-»Ich bin nicht blind, ich sehe, *seit* mein Auge sich trübte. Sieh:
-wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht
-das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind
-süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß,
-ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange
-aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit
-Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Höre,
-wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine
-Schlacht.«
-
-»Wer achtet dessen?«
-
-»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine
-Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar
-ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er's nicht
-selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind
-und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem
-Kinde tust, das tust du ihm.«
-
-Er gab keine Antwort.
-
-»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie
-gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen,
-sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und
-Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um
-uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht
-wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum.
-Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich
-will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt
-Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über
-das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.«
-
-Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die
-Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte,
-rasselte *er* mit dem Schwert und knurrte.
-
-Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu
-gehen.
-
-Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so
-viel von Lachen und Freuen sprach.
-
-Schön-Helga bekam er aber doch nicht.
-
-»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.«
-
-Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich
-hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer.
-
- * * * * *
-
-Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand
-und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits.
-Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig,
-mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das
-Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein
-Schiff auf den Bänken.
-
-Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend
-an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen
-geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue --
-und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai
-Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es
-immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und
-schwitzen!«
-
-Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie.
-
-Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen
-verlassen müsse, der Christ werde.
-
-»Habt ihr's gehört, Leute?« sagte Klaas laut.
-
-»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!«
-rief Kai.
-
-»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum.
-
-Da mit einem Male sagte der Priester:
-
-»Muß *den Felsen* verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand.
-Der ist für das Christentum. >Der Felsen< hat sie gesagt!«
-
-Und er blickte frei um sich.
-
-»Gesagt, aber nicht *gemeint*!« sagte Kai; aber die andern waren doch
-still. Daran hatte keiner gedacht.
-
-»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es
-ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde.
-
-Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster
-drein.
-
-Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen.
-
- * * * * *
-
-»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder
-in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.«
-
-Kai Rickmers räusperte sich verlegen.
-
-»Er hat sich taufen lassen.«
-
-»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?«
-
-Kai hustete noch mehr.
-
-»Er wohnt auf dem Sand.«
-
-»Auf dem Sand?«
-
-»Dem Unterland. Den Felsen mußt' er ja verlassen.«
-
-»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?«
-
-»Der Priester hat es anders ausgelegt.«
-
-»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns
-nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer *das* kann, kann alles.«
-
- * * * * *
-
-Es kam so.
-
-Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe,
-die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach
-verloren.
-
-Es wurde oben stiller und stiller.
-
-Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch
-hin und fragte selten.
-
-Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem
-Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es.
-
-»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen,
-bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und
-hab gefragt und getan -- und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben
-unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im
-Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich
-hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland
-verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege
-gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach,
--- umkehren, umkehren; da mußt' ich ihn still machen. Der sagt kein
-Wort mehr.«
-
-Und er lachte.
-
-Sie verzog keine Miene.
-
-»Nein -- es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.«
-
-»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,«
-sagte er. »Sonst hätt' er meinetwegen leben bleiben können.«
-
-Aber sie schüttelte den Kopf.
-
-Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein.
-
-Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus.
-
-»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist
-keine Kunst.«
-
-Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich.
-
-»Still -- hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit
-verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und
-Schwirren.
-
-Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und
-verröchelte auf dem Estrich.
-
-Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden.
-
-Eine tiefe Stille ging durch die Halle.
-
-Endlich sagte die Königin:
-
-»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt' es nicht
-gedacht.«
-
-Da ging er mit hastigen Schritten hinaus.
-
- * * * * *
-
-Den dritten Tag war *er* es, der unter den Helgoländern stand und
-predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war
-so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um
-ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen.
-
-Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er
-fand den Frieden.
-
-Auch die letzten kamen vom Felsen.
-
-Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief
-sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite
-und hörte ihm zu.
-
-Da wurde es ganz still um die greise Frau.
-
-Nur Kai Rickmers blieb bei ihr.
-
- * * * * *
-
-Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich
-ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen
-den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und
-horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die
-Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel
-blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast
-stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah,
-wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und
-küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ...
-
- * * * * *
-
-Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den
-Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen
-freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie
-der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und
-Steine glucksen.
-
-Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach
-den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach
-Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch.
-
-Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht
-zu deuten.
-
-Im hellen Sonnenschein schläft sie ein.
-
- * * * * *
-
-Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da
-haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als
-erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt
-und gelacht.
-
-Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche
-Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise
-Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude
-und Licht und Sonne.
-
-
-
-
-Die sieben Tannenbäume.
-
-
-Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen
-steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt
-in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und
-Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und
-Hasen auf ihm ihr Wesen.
-
-Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem
-Gipfel sieben Tannenbäume, so daß man meinen mochte, er hätte sich
-eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste
-ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem
-feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er
-hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte
-an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges
-Wasser getragen -- und freute sich nun, daß er sie so weit gebracht
-hatte, daß sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mußten sie
-auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den
-Sand fest, daß seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte,
-sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, daß es nicht
-durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, daß es ihm nicht zu
-heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm,
-Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel.
-Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den
-Weg, wenn es über Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt,
-unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach
-war breitgeästet und mußte das Männlein deshalb vor der brennenden
-Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er
-stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind
-beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die
-beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten
-Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut,
-so daß eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch
-lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar
-eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher
-war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte
-das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis,
-ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum
-Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an
-ihm abgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war
-noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit
-Wind und Sonne.
-
-Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr,
-die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und
-feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das
-rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und
-Steinen und wartete, daß die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen
-sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und
-quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, daß es
-morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln faßte, als zöge
-es ein Kind an den Füßen.
-
- »Bäumchen mein:
- Sonnenschein?«
-
-fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu:
-
- »Zwerglein, nein!«
-
-so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag
-wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riß es wieder an den
-Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei -- und bekam mit einemmal
-keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja es ließ sich an den Wurzeln
-baumeln, es fragte mit gräßlich lauter Stimme:
-
- »Bäumchen mein:
- Sonnenschein?«
-
-aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bißchen
-besorgt, stieß es die Tür auf -- o weh, wie erschrak es! -- alle sieben
-Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da -- der Berg
-war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüßte
-es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen,
-rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen
-kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen
-wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen
-großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen
-weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das
-rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben.
-Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. »Du findest sie nicht,«
-sagten die Krähen, »die Welt ist zu groß.« Das Männlein jammerte
-wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten
-nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich -- sie fanden es.
-
-»Wenn der Mond aufgeht,« sagte sie, »wollen wir ihn bitten, daß er sich
-zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine
-Tannenbäume.« Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da
-es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen
-Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen
-Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren
-Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest.
-
-»Fangt an!« rief das Männchen; aber die Krähen beschwichtigten es: sie
-müßten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach
-langem Warten, war es so weit. Der Mond stand groß und klar über dem
-Heiderande.
-
-Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft:
-
- »Blanker, gelber Mond am Heben,
- spiegle alles Erdenleben!«
-
-Mehrmals und durcheinander schrien sie -- das Männlein fürchtete schon,
-sie möchten es genarrt haben. Plötzlich fielen sie lautlos in das dürre
-Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde größer und größer, leuchtete
-taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit
-allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und
-Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen
-machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach
-einer Gegend.
-
-»Was für eine große Stadt ist das?« rief es zitternd.
-
-»Hamburg,« gaben die Krähen leise zur Antwort.
-
-»Da sind alle sieben, alle meine Tannenbäume!« rief es wieder. »Ich
-sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem
-prächtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in
-einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer,
-Stiefelknecht an der Straßenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast.
-O -- wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehnen, wie mögen
-sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O -- bringt mich nach
-Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!«
-
-Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe
-an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest,
-und -- hast du nicht gesehn? -- ging's über die Geestberge, daß die
-Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten,
-warf das Hasenroß den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach
-Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefaßt auf den breiten
-Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem
-glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen
-vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es
-sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt
-sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die
-krabbelnd vollen Straßen zu stürzen -- aber die Sorge um seine sieben
-Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben.
-
-Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der
-sich an dem Blitzableiter hinabgleiten ließ und durch eine Luftröhre
-in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die
-Augen offen halten. Orgelton und Gesang durchbrausten den Raum, in dem
-kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer,
-hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: es war der
-Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken
-entlang zu ihm.
-
-»Armer Wegweiser!« schluchzte es.
-
-Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, daß die Lichter
-flackerten: »Arm?« fragte er, »ich bin nicht arm, ich bin der schönste
-Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und
-mein Leuchten!«
-
-»Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst,
-sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und
-stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.«
-
-Der Baum rüttelte wieder seine Krone: »Ich weise andere Wege,«
-flüsterte er wie im Traum, »Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum
-Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen
-machen kann. Und hier glänzen tausend. Mußt mir mein Glück schon
-gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.«
-
-Brausend erscholl Orgelton dazwischen.
-
-»Und deine sechs Brüder?« fragte das Männchen.
-
-»Die sind alle Weihnachtsbäume geworden,« sagte der Wegweiser, »tragen
-Lichter und Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines
-Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder und alle Kinder lachen. Keines
-geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen, ist die
-Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern.
-O Weihnacht!«
-
-Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, daß es ihn
-nicht überreden konnte.
-
-»Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren,«
-sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf
-dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es. Zu
-Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und
-sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im
-Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt
-von dem Karussell auf den Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu
-Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte.
-Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und
-einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den
-Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln,
-daß er miauschreiend zurückspringen mußte.
-
-Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie
-ihr großer Bruder, sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden
-zu sein und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln
-Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten
-sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar
-schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie
-Kinder.
-
-Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor
-Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem
-Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn
-niemand kaufen wollen.
-
-»Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken,« sagte der
-Alte zu ihm, »sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume -- aber du
-bist keiner.«
-
-»Doch -- ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern,« sagte
-Stiefelknecht, »der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche
-Menschen vorbeigehen: ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein,
-gewiß kommt heute abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit,
-steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht
-zurück.«
-
-Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah nach den Kindern, die
-jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts.
-
-Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rößlein und ließ sich nach dem
-Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde
-ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am
-Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in
-See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten,
-weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten.
-
-»Dann seewärts,« befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts
-über Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven
-gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See
-zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe
-herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen
-stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter
-Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und
-wurde von einer Seite nach der andern geworfen. Der Wind blies gewaltig
-in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des
-Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind
-auf und ab: das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die
-Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm heraufspritzte. Und
-guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu.
-
-»Armer Spielvogel.«
-
-»He, he, Männlein klein, bist du's?« rief Spielvogel. »Hier ist es
-lustig, nicht?«
-
-»Komm mit nach der Geest.«
-
-»Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden.
-Und was kann schöner sein, als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich
-muß singen!«
-
-Und Spielvogel sang, so laut er konnte, daß die Matrosen mitsingen
-mußten und Träume von Land und Licht träumten.
-
- * * * * *
-
-Da sah das rote Männchen ein, daß es seine sieben Tannenbäume verloren
-hatte, er dachte daran, daß es nun ohne Wegweiser über die Geest irren
-müsse, daß niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind
-beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen
-helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue -- der Berg war so kahl,
-Regen drang in seine Wohnung -- armes Männchen! Mit einemmal breitete
-es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das
-dunkle Wasser hinab.
-
-Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der
-See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas
-Besonderes, wenn sie ihn fangen.
-
-
-
-
-Ein Sterben.
-
-
-Es war wieder still in dem kleinen, dämmerdunklen Zimmer mit den dicht
-verhängten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlöschen
-nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen
-und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmäßiger,
-und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten
-lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur
-das volle, blonde Haar ließ erkennen, daß er jung war.
-
-Heinrich, der Konfirmand, saß am Tische und hielt die Wache bei dem
-Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach
-dem bunten Schnitzwerk der mächtigen eichenen Truhe und tastete mit den
-Fingern über den Namen und über den Spruch und die Blumen.
-
-Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben.
-
-Plötzlich rührte Gorch sich.
-
-»Mutter!« sagte er leise.
-
-Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt weiß, und zog die Hand
-zurück und ließ Truhe Truhe sein.
-
-»Mutter schläft, Gorch. Ich bin bei dir.«
-
-Der Bruder öffnete die Augen und richtete sich mühsam im Bette auf.
-
-»Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?«
-
-»Die Klock muß so bei Zehn herum sein.«
-
-»Ist das Wetter sichtig?«
-
-Heinrich bog die Vorhänge etwas auseinander.
-
-»Es ist heller Mondschein, Gorch.«
-
-»Laß mich sehen!« bat der Kranke, und als der Junge zögerte, verlangte
-er dringender: »Laß mich sehen!«
-
-Da schob Heinrich die weißen Laken zurück. Und Gorch starrte unverwandt
-hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die
-vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die
-hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der
-den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben
-Mond, der groß und kalt am Heben stand.
-
-Was in ihm vorging, was er sann und grübelte, was für Gedanken ihn
-überkamen, ließ sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine
-Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und
-er schwer in die Kissen zurücksank.
-
-Da stand Heinrich leise auf und verhängte das Fenster wieder, und
-wieder blieb die Zeit stehen.
-
-Bis Gorch abermals erwachte.
-
-»Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!«
-
-»Was willst du damit?«
-
-»Mein Seefahrtsbuch!«
-
-Er griff erregt in die Decken.
-
-»Ich weiß nicht, wo es ist.«
-
-»Mein Seefahrtsbuch!«
-
-Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts übrig, als
-hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch
-danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und blätterte darin
-und sah nicht mehr, daß er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu
-erzählen:
-
-»Sieh her, Heinrich!... als Leichtmatrose mit der >Pisagua< von Hamburg
-nach Iquique und zurück. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal.
-Und zweimal über die Linie. Sieh her, Heinrich!... Als Matrose mit der
->Lesum< von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfünf
-Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer >Crawford<
-nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen
-Bark... der Deubel mag den Namen behalten haben... in Ballast nach
-Frederikstad, zurück mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger,
-haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht >Nebelung< in
-der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Bloß putzen
-und scheuern, rein als 'n Köksch. Mit dem Fischdampfer >Poseidon<
-neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbären gefangen,
-Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster >Marie<
-sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Böse Fracht, Junge.
-Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool.
-Mit der >Columbia< von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her.
-Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit,
-Heinrich. Ich weiß es noch wie heute...« Er brach ab, seine Gedanken
-verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwächerer Stimme gab
-er drein: »Kanton... Singapore... Aden... Gibraltar... Lissabon...
-Bordeaux... Reval... Stockholm... New Orleans... Kingstown...
-Maracaibo...« Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte
-einen dicken Strich über sein Seefahrtsbuch gemacht.
-
-Heinrich hatte genau zugehört. Wie sie sich in seinem vierzehnjährigen
-Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Häfen und Küsten vor sich:
-mit hohen Leuchttürmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit
-gelben Mongolen und schwarzen Negern.
-
-Gorch ermunterte sich wieder.
-
-»Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze
-Welt. Im Osten und Westen, im Süden und Norden. Und nun ich krank
-zurückgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern
-sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen,
-und ich hätte nichts davon gehabt. Sind große Hansnarren, Junge! Große
-Hansnarren! Mein Leben ist *nicht* umsonst gewesen, und ich *habe* was
-davon gehabt. Mehr, als sie denken können, und mehr, als ich selbst
-glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekämpft und bin immer weiter
-gesteuert, immer weiter... aber, weißt du, Heinrich, immer gerade aus.«
-
-»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge.
-
-Der Weltumsegler schüttelte den Kopf.
-
-»Nein, Heinrich. *Da* war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu
-unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt,
-aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so
-groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem
-Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß,
-wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem
-das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie
-im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem
-Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie
-Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer
-gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis
-Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland
-gekommen sind. Ich habe gelebt.«
-
-Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter
-den Rücken.
-
-»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen
-Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als
-den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich
-kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden.
-Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im
-Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein
-zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.«
-
-Der Fieberfrost schüttelte ihn.
-
-»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am
-besten, wenn sie über die Kranken lachen... Und hör' nicht auf mein
-Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es
-schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt,
-Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen,
-Nebel, Sturm: alles war schön.«
-
-»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.«
-
-»Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der
-Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief
-gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir
-alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber
-ich rate dir *zu*, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner
-als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es
-sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die
-Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den
-Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken,
-dich breitschlagen... hör' nicht darauf ... sie sind jung *gewesen* und
-können die Jungen nicht mehr verstehen.«
-
-Heinrich sah ihn fest an.
-
-»Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.«
-
-»Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du
-um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen,
-und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See,
-Heinrich ... Und nun ... ruf' die Mutter ... ich fühle, daß ich zu Ende
-bin ... ich möchte ihr gern noch einmal die Hand ...«
-
-Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurück und verschied, um
-höheren Ortes Verklarung abzulegen.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER ***
-
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-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
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-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
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-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/56512-h/56512-h.htm b/56512-h/56512-h.htm
index 73ae0b1..39fb712 100644
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Schiff vor Anker
- Erzählungen
-
-Author: Gorch Fock
-
-Editor: Aline Bußmann
-
-Illustrator: Bernhard Klein
-
-Release Date: February 6, 2018 [EBook #56512]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER ***
-
-
-
-
-Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 56512 ***</div>
@@ -5380,377 +5339,7 @@ und verschied, um höheren Ortes Verklarung abzulegen.</p>
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER ***
-
-***** This file should be named 56512-h.htm or 56512-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/6/5/1/56512/
-
-Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
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-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
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-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
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-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
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-country outside the United States.
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-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
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-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
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-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
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-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
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- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
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- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
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-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
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- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
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-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
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-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
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-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
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-Defect you cause.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
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-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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-facility: www.gutenberg.org
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-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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