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-The Project Gutenberg EBook of Germaniens Götter, by Rudolf Herzog
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Germaniens Götter
-
-Author: Rudolf Herzog
-
-Illustrator: Robert Engels
- Paul Hartmann
-
-Release Date: December 17, 2017 [EBook #56192]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERMANIENS GÖTTER ***
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-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so markiert=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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- Germaniens
- Götter
-
- von
-
- Rudolf Herzog
-
- [Illustration]
-
- Verlag Quelle & Meyer · Leipzig
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- Copyright 1919 by Quelle & Meyer, Leipzig
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Schwarzweißzeichnungen von Professor Robert Engels
- Einbandzeichnung von Paul Hartmann
- Druck von Radelli & Hille, Leipzig
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- Den
- Nachkommen
- Hermanns
- des
- Cheruskers
-
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-
-Zum Geleit.
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-Von den Göttern spricht dies Buch. Von Germaniens Göttern. Immerdar
-sind eines Volkes Götter das Abbild seiner innersten Art gewesen,
-seiner Tugenden, seiner Fehler, seiner verlangenden Sehnsucht. Wenn
-unsere Väter zu den Göttern riefen, riefen sie an, was an Kraft und
-Zuversicht bewußt oder unbewußt in ihnen selber lebte, sahen sie
-Wunsch und Willen im Lichte eines überirdisch gesteigerten Mannes- und
-Heldentums.
-
-Ein Volk, das seiner Götter vergißt, vergißt seines Ursprungs, seiner
-Ahnen, seiner selbst und seiner Wurzelkraft. Wer sich seiner Herkunft
-und Vergangenheit schämt, baut seine Zukunft in den Wirbelwind. Aus den
-rauhen Wäldern Germaniens stammen wir, stammen unsere Götter. Nicht
-aus dem sonnentrunkenen Hellas und dem hochmuttrunkenen Rom. Lernt es
-aufs neue, ihr Deutschen. Lernt es mit dem Stolz, der allein die Kraft
-verleiht, ein _Volk_ zu sein und keine Sklavenherde von Mantelträgern
-und kriechenden Liebedienern. Den Göttern Griechenlands, den Göttern
-Roms unsern Gruß. Germaniens Götter grüßen euch mit _derselben_ Stimme
-der Unsterblichkeit! Nie waren die Götter Deutschlands herrlicher und
-gewaltiger, als in den Tagen, da sie um Untergang und Auferstehung
-kämpften.
-
-Was sind Jahrhunderte, was Jahrtausende, gemessen an der urewigen Zeit?
-Germaniens Götter rufen heute wie ehedem. Und immer riefen sie am
-stärksten, wenn der Sturm die Wolken über den deutschen Himmel jagte.
-
-Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!
-
-Wiederum heute, wie zu der Urväter Zeit.
-
-Um Untergang und Auferstehung kämpft Deutschlands Volk. Euren Göttern
-nach, ihr Deutschen! Zur neuen Sonne! Zur neuen, geläuterten Zukunft.
-
- _Rudolf Herzog._
-
- Obere Burg zu Rheinbreitbach
- 18. Oktober 1919.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Der Götter Erscheinen 1
-
- Der Menschen Werden und Wachsen 12
-
- Das goldene Zeitalter 24
-
- Der Wanenkrieg 36
-
- Die Götter auf schiefer Bahn 52
-
- In Schuld und Schicksalskampf 63
-
- Die Götter auf Kundschaft 80
-
- Im Zeichen des Hammers 102
-
- Wodans Wunschmädchen 130
-
- Unter den Einheriern 147
-
- Um Baldur 177
-
- Der letzte Kampf 198
-
-
-
-
-Der Götter Erscheinen.
-
-
-Regungslos lag die _Weltseele_ ...
-
-Über der Leere lag sie, der ungeheueren, die nicht Wasser noch Erde
-wies, nicht Feuer noch Luft. Nichts als die leblose Leere. Starr und
-unendlich. Regungslos lag die Weltseele über der toten Leere. Bis daß
-sie träumte ... Leben träumte sie ...
-
-Und als der erste Traum durch die Weltseele rann, war es wie ein
-erstes, wärmendes Leben, und aus der aufsteigenden Wärme sprang wie ein
-Funke der _Gedanke_, der zur Flamme wurde und aufloderte in die Leere.
-
-Das _Feuer_ war in die Welt gekommen und stand, eine Welt für sich,
-hoch und heiß und sengend am Rande der Leere. _Muspelheim_ hieß
-diese Welt, und Feuergeister waren, was aus der Weltenseele in sie
-hinübergeglitten war.
-
-Weiter sann die Weltseele. Und sie sann hinter dem feurigen Gedanken
-her, der Muspelheim entzündet hatte und nun unaufhaltsam war. Nicht
-Wärme, nicht Kälte hatte die ungeheure Leere gekannt. Nun aber, da
-an ihrem Südrande Muspels Flammen lohten, ward sich der Nordrand der
-Kälte bewußt, und die dunklen Nebel brauten, daß es eine Welt voll
-Nebel war und _Niflheim_, Nebelheim geheißen. Die Nebel aber stiegen
-auf und wurden _Luft_, und sie stiegen nieder und wurden _Wasser_.
-Und die Wasser Niflheims strömten in die ungeheure Leere, die sie
-zur Eisschicht erstarren ließ, und die Wasser strömten immerzu, und
-Eisschicht lagerte sich über Eisschicht, bis die Leere ausgefüllt
-war. Und die Stürme, die aus Niflheims Luft wuchsen, zermürbten die
-Decke zu Schnee und Reif, und die Glut, die aus Muspelheims Flammen
-hinüberlangte, mischte Glutasche hinein und schmolz das Wasser hinaus,
-daß _Erde_ wurde und aus Erde, Wasser, Feuer und Luft die Wildnis der
-_Erdenwelt_. So ward die Erdenwelt geboren und geschwängert von allen
-Gedanken der Weltseele.
-
-Die irdischen Gedanken aber lagen nahe der Oberfläche und drängten
-nach Form und Gestalt, hastig und ungeschlacht, während die göttlichen
-Gedanken noch in der Tiefe lagen und über Vollkommenheit sannen. Und
-als der Funkenregen, der von Muspelheim herüberstob, kaum erst die
-oberste Reifschicht durchbrochen und die vorgeschobenen, die irdischen
-Gedanken der Weltseele mit seinem lebenheischenden Anruf getroffen
-hatte, rissen die noch unvollkommenen sich los, griffen nach dem
-rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen Geistes, und als Erstes
-entstand ein Ungetüm, das alle Erde, die da wurde, in sich fraß, und
-alle Wasser, die da rauschten, in sich schluckte, das alle Luft aufsog
-und alle Feuerwärme für sich begehrte -- der _Riese Ymir_.
-
-Der Riese Ymir wälzte seinen immer hungrigen und durstigen Leib im
-dampfenden Reif, und wo er ausruhte, drohten seine massigen Gliedmaßen
-das junge, lebenhegende Erdreich zu ersticken. Und als er sich
-übernommen hatte an Speise und Trank und ächzend lag, rieb er im
-Angstschweiß seine Hände, und es sprang ein neues Riesenpaar heraus,
-das dem Vater beistand im Fressen und Schlucken, und er rieb seine Füße
-aneinander, da zeugten auch diese ein Riesenpaar, das noch ungefüger
-war, als das erste. Sie alle aber wußten nichts, als ihren Bauch zu
-mästen und Kinder zu zeugen, die dasselbe taten, und die Luft mit ihrem
-Brausen und Brüllen zu erfüllen.
-
-Als der Riese Ymir, unreifer Gedanken voll, sich ins Leben gewälzt
-hatte, drängte eine Schar unruhiger, flatternder Gedanken ihm nach,
-fanden aber, bei Ymirs gewaltsamer Ausdehnung, nicht genug des
-Rohstoffes mehr, um sich einen irdischen Körper zu schaffen, und fuhren
-in Grimm und Unlust als wütende und boshafte _Gespenster_ durch die
-Luft und das Land. Schrate und Trolle wurden sie und Maren, Truden und
-schwarze Alben. Steckengeblieben waren sie in ihrem Werden zwischen
-Irdischem und Göttlichem, überragten das rohe Riesengeschlecht an
-Witz und Geist, reichten dennoch nicht heran an das Erhabene, das dem
-Geist erst seine edle Führung gibt. Unstet und zerfahren, ohne Zucht
-und Ordnung, vermehrten sie den Wirrwarr, den die riesischen Urnaturen
-verübten, jagten mit ihnen gemeinsam und hockten ihnen auf, krochen
-zwischen sie und hetzten sie gegeneinander durch Stoßen, Treten und
-Zerren, und freuten sich aus sicherem Versteck, wenn die Ungeschlachten
-übereinander herfielen und brüllend die eben erst gewordene Erde
-zusammenstampften. So wetteiferte das ungezügelte Geisterheer mit den
-rohen Naturgewalten der Riesen, die junge Erdenwelt nur als Tummelplatz
-aller wilden Lüste zu nutzen und jede Entwicklung zu einer höheren Welt
-im Keime zu ersticken.
-
-Der göttliche Gedanke jedoch hatte nicht brach gelegen. Langsamer,
-als die eilfertig und verwahrlost Schwärmenden, aber unaufhaltsam,
-forschend, sich klärend, neuschöpfend, drang er aus der stillen Tiefe
-empor zum Licht. Er nahm _nur_ die wenigen und die edlen Stoffe, die
-dem stumpfen Blick der Riesen entgangen und der Gier der Gespenster
-zu gering erschienen waren, und gab dem Geist die Vorherrschaft über
-den Körper. Schlank und ebenmäßig formten sich die Glieder, ein jedes
-untertan der Verrichtung, die es erfüllen sollte, und sinngemäß danach
-erschaffen. Stark wölbte sich die Brust, straff spannten sich die
-Muskeln, blau blitzten die Augen und goldfarben wehte das Haar. In der
-Wärme des Tags stand _der erste Gott_. Und er nannte sich Buri.
-
-Gewaltig in wilder Naturkraft stand der Riese Ymir. In Schönheit stand
-Buri, der Gott, und sein Geist war höher als des Riesen Felsenhaupt.
-
-Und als der erste Gott geruhsam erforscht hatte, was der Erdenwelt
-not tue, schuf er sich lächelnd um in seinen Sohn Bur, der sonach
-erdgeboren wurde aus göttlichem Geist und sich ein Weib aus der Riesen
-Geschlecht wählte und sich aus ihr heraus, zum dritten Mal, neu erschuf
-in drei Söhnen, _Wodan_, _Wili_, _We_. Damit die erhabenen Götter das
-gerechte Empfinden behielten für irdische Dinge.
-
-_Asen_ nannten sie sich, die »göttlichen«. Ihr Haupt und Held war
-_Wodan_. --
-
-Immer noch lag die Erdenwelt wie eine wüste Wildnis. Ymir, der Fresser
-und Säufer, lastete mit seiner zahllosen Sippe zu schwer auf ihr,
-als daß sie hätte atmen und gedeihen können. Über ihre ganze Länge
-und Breite schob sich schon sein Leib. Sein Blick aber ging nicht
-weiter als bis zu der tückischen Geisterschar, die ihn mit blödem
-Blendwerk umgaukelte und ihn und seine Sippe billigen Zauber lehrte
-statt fruchtbringende Arbeit. Dreimal hatten sich die erhabenen
-Götter umgeschaffen, um immer vollkommener zu werden für die Größe
-ihrer Sendung und ihrer Aufgabe. Das ungeschlachte Riesengeschlecht
-hielt sich für vollkommen, wie es roh aus dem Reife stieg, und griff
-mit tölpelhaften Händen nach den Erzeugungen der Erdenwelt, um sie
-zu vertilgen, statt zu vermehren und zu veredeln. So verschwand die
-Erdenwelt im unersättlichen Bauche Ymirs und seiner Sippe, und alles
-Weiterwerden drohte zu vergehen.
-
-Wodan, der junge, sah es, und er rief Wili und We, seine Brüder, und
-sie gingen zu Ymir, als er auf dem Rücken lag und verdaute. Das war
-sein einzig Tagewerk.
-
-»Wozu bist du hier?« fragte ihn Wodan.
-
-»Ich bin hier, um zu leben«, knurrte Ymir böse. »Die Erde sorgt, daß
-ich wachse.«
-
-»Nein,« sagte der Ase, »du lebst, damit die _Erde_ wachse. Kannst du
-weiteres verstehn? Steh auf und schaffe.«
-
-Da drehte sich der Riese wie ein Flegel auf den Bauch und wies die
-Kehrseite, daß die Männer und Weiber seiner Sippe vor Vergnügen
-brüllten und sich das Mißgunstvolk der Maren und Schrate, der Truden
-und Alben meckernd in der Luft überschlug.
-
-Wodan lachte über die Welt hin.
-
-»Packt an,« gebot er den Brüdern. Und sie packten den ungefügen
-Erdenkloß, den Erdaussauger, zu dritt, hoben ihn hoch und zertrümmerten
-ihn an dem Felseneis.
-
-Krachend schlug Ymirs Riesenleib über die Erde, daß sie fast
-zerschmettert war und in kreischendem Getöse bebte und schütterte.
-Brausend und alles mit sich reißend schoß aus dem zerplatzten
-Riesenleib das Blut, und so gewaltig und ungeheuerlich waren die
-Blutströme, daß sie die Erdenwelt überschwemmten, die gähnenden Klüfte
-in schäumende Seen wandelten, bis zu den Gipfeln der Eisberge stiegen
-und alles Lebende ersäuften. Das Riesengeschlecht watete durch die
-Fluten. Das brüllende Lachen war ihm vergangen. Das Blutmeer stieg
-ihm an den Hals. Männer hoben ihre Weiber, Weiber ihre Kinder auf
-die Schulter, daß sie sich auf die Eisberge retteten. Mit entsetzten
-Blicken hingen sie an den Höhen. Und eine heulende Blutwoge schlug
-sie herunter und ertränkte und erstickte sie im Knäul der zappelnden
-Riesenleiber. Als die Sintflut sich verlief, war Ymirs Geschlecht
-vertilgt. Nur in ferner Ferne fuhr noch ein einziger Riese mit seinem
-Weib auf einem Floß dahin, ließ sich von der verlaufenden Flut treiben
-weithin bis ans Ende der Welt -- und entkam.
-
-Auf dem höchsten Grat, hoch über der Sintflut, stand Wodan mit seinen
-Brüdern.
-
-»Sieghaft auferstehn soll der erhabene Geist über die rohen
-Stoffgebilde. Beseelen soll er die wilden Naturgewalten, sie zur
-Ordnung leiten und zu schöpferischer Arbeit. Nur das ist Leben.«
-
-Über die Sintflut hinweg jagte das heulende Heer der Spukgestalten und
-suchte sich in kreischender Angst vor dem Blick des gewaltigen Gottes
-zu verbergen.
-
-»Verruchtes Volk der Halbheit,« ergrimmte der Gott. »Von den Göttern
-holtest du Wissen und wandeltest das Göttliche in gemeine Lüste und
-billigen Zauberspuk, der die Irdischen gierig macht in die Tiefe und
-ihre Augen für das Höchste verblödet. Ich fege euch weg!«
-
-Und wie der Sturmwind fuhr Wodan hinaus und würgte zwischen den Händen,
-was er erfassen konnte von den tausenden von Truggespenstern, und hing
-die erdrosselten an seinen Gürtel. Und nur wenige waren, die ihm in
-den Ritzen und Ranken entkamen.
-
-Der wilde Jäger kehrte zurück. »Ich werd' dich noch jagen manche
-Sturmnacht, lichtscheues Gesindel,« lachte er in den Bart, warf seine
-Last ab und strich sich aufatmend über die Brauen. »An die Arbeit
-jetzt!«
-
-»Du bist Haupt und Held,« sprachen Wili und We, die Brüder, »_Allvater_
-bist du, und ein Führer muß sein selbst unter Göttern. Wir ratschlagen
-mit dir. Dein ist der Befehl!«
-
-Da ratschlagten die Götter in ernstem Wägen, um eine Ordnung zu
-schaffen, in der ein jedes seinen Platz erhielte und seine Bestimmung.
-Und sie nahmen den Schädel Ymirs und richteten ihn auf ragenden Säulen
-als Himmelskuppel auf, und das Gehirn ward zu Wolken, die das Wetter
-bargen. Aus Ymirs Fleisch schufen sie das gesättigte Erdreich, aus
-den beinernen Knochen Stein und Fels, aus dem wirren Haar Bäume und
-Gesträuch, aus dem Blut das brausende Meer. Sie zogen dem Riesen
-die scharfen Wimperhaare aus und bauten aus ihnen kreisrund um das
-wirtlichste Land einen mächtigen Wall gegen das ungebärdige Meer und
-die Tücken der zum Weltend entflohenen Riesen. Und sie nannten das
-inmitten gelegene Land, das von einem neuen Geschlecht bevölkert
-werden sollte, _Midgard_. Und den Himmel, den sie als Wohnung der Asen
-bestimmten, nannten sie _Asgard_. Die Funken aus Muspelheim fingen
-sie auf und hingen sie als Leuchten an den Himmel. Die außengelegene
-Welt aber, in die sich die letzten Riesen und das irrlichtende Volk
-der Alben und Trolle geflüchtet hatten, nannten sie _Utgard_, und tief
-unter die Erde verwiesen sie Niflheim, die Nebelhölle, die Totenwelt.
-
-Und Allvater sprach: »Der göttliche Gedanke hat sich noch nicht
-erschöpft. Zusammen ruf ich seine ganze Kraft.« Und er hob die Hände an
-den Mund und stieß einen Ruf aus, der in die Tiefen der Unendlichkeit
-ging: »Herbei, was göttlich ist in aller Weltenseele seit Urbeginn!«
-
-Da stieg aus der fruchtbar gewordenen Erde _Frigg_ hervor, die erste
-Göttin, und lehnte sich an Wodans Schulter. Und es sammelte sich ein
-Kreis lichter Gestalten um den obersten Gott, und sie alle suchten
-ihren Platz und hörten Wodans Gebot. Eine Schar der Lichtgötter aber,
-die sich _Wanen_, die Wissenden, nannten, jauchzten in die junge Welt
-hinein, faßten sich an den Händen zum Reigen und schwangen sich, des
-Jubels voll, hoch in die frühlingslauen Lüfte. Von der Stätte der
-harten Arbeit verloren sie sich im Spiel, und sie beschlossen, singend
-und klingend, ein milderes Reich im Reiche zu gründen unter der
-Herrschaft der Schönheit und des Glücksgenusses.
-
-Mit den erstgewordenen Göttern, den Göttern seit Urbeginn, stieg Wodan
-auf gen Asgard, die Schöpfung zu vollenden, zu veredeln, zu leiten.
-
-Die Erdenwelt war lebendig in der Natur. Allvater gedachte, ihr das
-göttliche Leben zu geben in dem _Menschen_. --
-
-Unter den Urgöttern aber stand an ragender Stelle der Schwertgott
-Tuisko, _Teut_, der den Mannus zeugte, den Mann. Mannus gab drei
-Söhnen das Leben, Ingo, Isk und Irmin. Sie wurden die Stammväter der
-Ingävonen, der Iskävonen und der Erminonen, der drei Hauptstämme der
-Teutmänner, _der Deutschen_.
-
-
-
-
-Der Menschen Werden und Wachsen.
-
-
-In Asgard saß Wodan, der Götter Haupt und Held. Eine Türschwelle hatte
-er vor dem Götterheim zu einem Hochsitz geschichtet. Wohl erwählt war
-der Platz, denn von dem Hochsitz aus überschaute Allvater die ganze
-Welt und alles Werden und Vergehen. Und er sah mit durchdringendem
-Auge, daß im Leibe der Erde ein seltsam Leben wimmelte.
-
-Er berief den Götterrat, und sie erforschten, daß des Riesen Ymirs
-träges Fleisch voller Maden gesteckt habe, die sich, mit der
-Verwandlung von Ymirs Fleisch in fruchtbaren Erdboden, ebenso zu einer
-höheren Stufe entwickelt hatten und als absonderliche _Zwerge_ und
-_Wichte_ zwischen den Rippen der Erde wühlten. In guter Laune formten
-und feilten die Götter an den drolligen Gestalten, ohne sie um vieles
-schöner herausputzen zu können, schlossen sie deshalb vom Tageslicht
-aus und bannten sie ins dunkle Erdinnere zurück, beschenkten sie aber
-in göttlichem Mitleid mit Verstand und Rückerinnern.
-
-Und Allvater sprach:
-
-»Nur der vermag das Sonnenlicht auf Erden zu ertragen, der in der Sonne
-geboren ist. Das Sonnenlicht hebt die Gedanken stolz und hoch zum
-Himmel und schafft ihnen höhere Gleichnisse. Darum taugt es nicht, daß
-die Unterirdischen die Macht auf Erden gewinnen, denn ihre Gedanken
-steigen in die Dunkelheit und zum wimmelnden Gewürm.«
-
-Und Wodan warf seinen Sturmmantel um und entbot _Hönir_, den Gott des
-Waldes und der Heide, und _Loki_, den Heißen und Leuchtenden, dem das
-Feuer untertan war, und fuhr mit den Ratgesellen zur Erde.
-
-Sie wanderten dahin im Licht der Sonne, die aus Muspelheims Funken am
-Himmel hing, und das Schweigen der Wälder umgab sie. Prüfend gingen
-ihre Augen über alles, was war. Und sinnend schritten die drei Götter
-dahin.
-
-Da bot sich ihnen auf der Lichtung eines Hügels ein wunderbares Bild.
-Kraftvoll war es und lieblich zugleich. Vom Schatten des Waldes
-umkränzt, hob sich sonnenübergossen der blumige Hügel, und eine
-mächtige Esche reckte sich daraus und eine breitausladende Ulme, und
-beide streckten sie ihre Wipfel sehnsüchtig dem Himmel entgegen, und
-sehnsüchtig vermählte sich ihr starkes Untergeäst, als wollte ein Baum
-den anderen stützen und umschlingen, und ihre Wurzeln tranken tief aus
-der Erde, während ihre Wipfel hoch nach dem Himmel verlangten.
-
-In lächelnder Gewähr blickte Allvater Wodan auf das Bild, segnend stand
-Hönir, der Wälder Gott, feurig und leidenschaftlich trat Loki heran.
-
-Und Wodan nickte mit dem Haupt und strich mit leisen Händen über die
-Rinde der Bäume. Und von seinen Händen ging eine Kraft aus, die drang
-in das Mark der Esche und drang in das Mark der Ulme und erfüllte beide
-mit der göttlichen Seele.
-
-Da ging ein Raunen und Rauschen durch die Bäume von der Wurzel bis zur
-Krone.
-
-Und Hönir tat wie Wodan und streichelte liebkosend Stämme und
-Blätterdach und flüsterte mit ihnen.
-
-[Illustration: »Da standen Esche und Ulme horchend und wurden
-sehend ...«]
-
-Da standen Esche wie Ulme horchend und wurden sehend und regten ihre
-Äste und standen, mit offenen Sinnen, in freier Bewegung in all der
-Sonne.
-
-Der feurige Loki aber sprang vor, riß sie an seine Brust, daß sie
-taumelnd die Glut seines Herzens spürten, ließ einen Blutstropfen in
-sie überspringen und gab die Menschgewordenen aus seiner brünstigen
-Umarmung frei.
-
-Auf der Erde standen _die ersten Menschen_. --
-
-Und die ersten Menschen sahen die Götter und sahen dann sich selbst.
-Und sie erblickten in ihren Augen die Sonne des Himmels und schritten
-mit heißen Wangen aufeinander zu und faßten sich bei den Händen.
-
-_Ask_ hieß die Esche. _Embla_ die Ulme. So hießen die ersten Menschen.
-Und Embla lehnte ihr Haupt an die Schulter des Ask, wie Frigg getan
-hatte, die erste Göttin, als sie Wodan erblickte.
-
-Da winkte Wodan seinen Gefährten und fuhr mit ihnen gen Asgard zurück.
-
-»Wir gaben ihnen viel,« sprach Wodan, »mehr noch müssen sie sich selber
-geben.«
-
-Die Gefährten suchten Allvaters sinnenden Blick.
-
-»Die Erkenntnis,« sprach Wodan, »daß sie nur mit den Göttern
-Edelmenschen und Herren der Erde sind; ohne die Götter -- Schlagholz im
-Walde.«
-
-Loki erwiderte: »Aus dem Schlagholz im Walde springt hell und lustig
-die Flamme. Das deucht mich kein übles Los.«
-
-»Wehe den Menschen,« sprach Wodan, »die göttliches Feuer mit irdischer
-Flamme verwechseln. Die irdische Flamme ist die Zerstörung, die
-göttliche führt zur Ewigkeit.«
-
-Da schwieg Loki. --
-
-Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß Wodan und blickte
-über die ganze Welt. Von den Tieren, die er erschaffen hatte, hatte
-er zwei Raben ausgewählt, die hießen Hugin und Munin, Denkkraft
-und Erinnerung, und hockten ihm zur Rechten und zur Linken auf der
-Schulter. Täglich sandte er sie über die ganze Welt hinaus, und was sie
-auf ihren Flügen erspäht hatten, flüsterten sie Wodan ins Ohr, wenn sie
-auf seinen Schultern hockten. An seine Füße schmiegten sich zwei graue
-Wölfe, Geri und Freki geheißen, des Gottes würgende Jagdhunde, wenn er
-als wilder Jäger durch die Lüfte brauste oder über die Walstatt der
-Kämpfer.
-
-Von Asgard, der himmlischen Heimburg, blickte mit Wodan die Schar der
-Götter hinunter nach Midgard, ins Land der Menschen. Und der göttliche
-Teutsohn Mannus ersah mit Freuden ein kraftvolles Menschenkind mit
-goldrotem Haar und blaublitzenden Augen, das der Umarmung des Ask und
-der Embla entsprossen war, und er suchte sie auf in Midgard, und sie
-verbanden sich in Liebe und Kraft. Da wurden ihre Söhne Ingo, Isk und
-Irmin nach Ask, dem Urvater, die ersten Männer, die über das Erdreich
-schritten, und waren die Stammväter der Deutschen.
-
-Unter den Göttern war _Heimdall_, der lichte Ase, den Wodan zum Wächter
-gesetzt hatte über alles Geschehen. Nie kam ihm der Schlaf. Vor der
-Sonne schon beleuchtete er den Himmel- und Erdenkreis mit goldenem
-Frührot und horchte aufmerksam auf die Atemzüge der Welt. Heimdall aber
-sah, wie schnell sich das Menschengeschlecht vermehrte und wie es nicht
-zum frohen Genusse des Lebens kam, weil ihr Schaffen ungeordnet war und
-ein Jeder jede Arbeit tat, ohne sie recht zu verstehen. So mühten sie
-sich ohne Erfolg und bald ohne Freude und brachten es zu nichts. Das
-bekümmerte den guten Gott, und er beschloß Wandel.
-
-In menschlicher Gestalt betrat er die Erde und spähte in alle Hütten.
-Und er ersah ein Ehepaar, das war knochig und gedrungen und muskelhart
-an Armen und Beinen. Es buk sein schwarzes Brot aus den Körnern, wie
-sie vom Felde kamen, und trank die Milch warm, wie sie die Euter
-der Kühe spendeten. Zu ihnen trat Heimdall als Gast, und als er mit
-ihnen gegessen und getrunken hatte, weissagte er ihnen, daß aus der
-anspruchslosen Kraft die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er
-schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frühlicht.
-
-Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben von schwerem Körperbau,
-und als er aufwuchs, rodete er Äcker, bestellte sie von morgens bis in
-den Abend und umzäunte sie, bewässerte Wiesen und schuf Weideland für
-Pferde und Kühe, Ziegen und Schafe und trieb die Schweine zur Mast in
-den Eichenwald. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts und lehrte
-wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
-Mühen, und wenn er durch die wogenden Saaten schritt und durch die
-wachsenden Herden, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk
-meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
-meine Liebe schenkte.
-
-So wurde der _Bauernstand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
-Wächter.
-
-Und Heimdall spähte weiter in alle Hütten der Menschen, und er
-erschaute ein Ehepaar, das war stattlich und von kluger Stirn, hinter
-der die Gedanken arbeiteten. Der Mann hatte der Frau einen Spinnrocken
-geschnitzt und sich selber einen Webestuhl, und sie spannen und webten
-Linnen und Tuch und schmückten sich mit den schönen Gewändern, auf daß
-sie eine immer größere Freude aneinander hätten trotz Wind und Wetter.
-Bei ihnen trat Heimdall ein, und sie luden den Fremdling zu Gast, und
-die Frau kochte auf dem Herdfeuer ein feines Gericht aus den Kräutern
-des Gartens und zartem Fleisch. Und als der Gott sich gesättigt hatte,
-weissagte er ihnen, daß aus der durchdachten Kunst ihrer Handfertigkeit
-die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er schlief bei ihnen in
-der Kammer und schied im Frühlicht.
-
-Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der war schlank und
-gelenkig und von besonderem Verstande. Als er aufwuchs, zimmerte
-er kunstvoll verzierte Häuser und weitgeschwungene Hallen, baute
-Schmiedewerkstätten, in denen aus den Erzen der Erde köstlicher Schmuck
-bereitet wurde und aus dem Eisen Schwerter und Pflugscharen, veredelte
-Rocken und Webstuhl und mit ihnen Gespinnst und Tuch und tauschte seine
-Erzeugnisse mit den Früchten des Bauern und dem Fleiß aller Welt. Sein
-Tagewerk ging grübelnd und wirkend bis in die Nacht, und er lehrte es
-wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
-Mühen, und wenn er durch Häuser und Hallen und Werkstätten schritt, und
-sein Auge Gewebe und Schmuck jeder Art, Waren und Werkzeuge musterte,
-sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Hauptes und
-meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
-meine Liebe schenkte.
-
-So wurde der _Gewerbestand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
-Wächter.
-
-Und zum drittenmal spähte Heimdall in alle Hausungen der Menschen, und
-er erblickte ein Ehepaar, das war schlank und muskelhart zugleich,
-stark und furchtlos wie kein anderes, und wer Rat und Tat suchte,
-klopfte an seine Tür. Der Mann kam staubbedeckt von der Jagd, warf
-das Untier des Waldes, den erlegten Bären, vor die Feuerstelle und
-spannte den Bogen neu und schärfte die Speerspitze nach, bevor er sich
-erfrischte. Lachend schloß die schöngeschmückte Hausfrau den Wilden in
-die Arme. Und er saß bei ihr, den Arm um ihren Nacken geschlungen, und
-besprach mit ihr all sein tapferes Planen gegen das Raubzeug der Tiere,
-der Menschen und der bösen Geister, und sie gab ihm Rat und rief das
-Gesinde der Mägde und lehrte sie, das Wildpret zerlegen, zubereiten und
-die Armen und Hungrigen damit sättigen. Und Heimdall trat zu dem edlen
-Paar an den gastfreien Tisch, ließ sich den Bärenschinken munden und
-den schäumenden Met aus dem Auerochsenhorn, freute sich der würzigen
-Reden und weissagte den Starken zum Dank, daß aus ihrer Kraft und ihrem
-hochgemuten Sinn die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde über das
-Haus hinaus zum Besten aller, die um das Haus sich scharten. Und er
-schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frührot.
-
-Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der hatte die Kraft des
-Bären, die Schnelligkeit des Hirschen, das Auge des Falken. Stärker
-aber, rascher und schärfer noch war sein Geist. Und Geist und Körper
-waren wie Blitz und Schlag. Als er der Wiege entsprang, rannte er in
-den Wald, erkletterte er die Berge und ließ sein Jauchzen erschallen,
-daß die Menschen, die ihn hörten, Kopf und Nacken streckten und das
-Echo jubelten. Auf der Wiese griff er sich die Hengste und ritt mit
-den Winden um die Wette, ohne zu ermüden. Sein Pfeil holte den Vogel
-aus der Luft, sein Speer den Wolf auf der Flucht. In der Brandung der
-See kämpfte er mit den geschmeidigen Robben, als stände er auf festem
-Land. Und wo es Hilfe galt, war er der erste. Als er heranwuchs, baute
-er eine feste Burg, und die Nachbarn siedelten sich an im Schutz
-seiner Mauern und seines Schwertes. Im Kampf mit dem Feind war er
-allen voran und zeigte den Seinen den Sieg! Im Gericht kannte er nur
-die Gerechtigkeit, dann erst die Milde. Im Rat aber war er, daß alle
-Nachbarn ihm ihre Sorgen brachten, und er nahm sie, als wären es
-die seinen. Sein Leben war Kampf und Sieg, für die andern mehr denn
-für sich, Tag und Nacht, ohne die Rast des Bauern, ohne die Ruhe des
-Bürgers, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein
-Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch die Schanzen
-seiner Burg, durch die Reihen seiner todesmutigen Mannen, durch die
-Gehöfte und Siedlungen der glücklichen Bauern und Bürger schritt,
-sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Geistes, der
-mich und die Scharen lenkt, und es ward, weil ich es verstehen lernte
-und ihm all meine Liebe schenkte.
-
-So wurde der Stand der _Krieger_ und _Heerkönige_, und er war göttlich
-durch Heimdall, den Wächter.
-
-Von Stund an tat jeder der Stände seine Pflicht in seinem Kreis, und es
-herrschte in der Menschen Leben, ihrer Arbeit und ihrer Freude Ordnung
-und Lohn. --
-
-Lächelnd reichte Wodan Heimdall die Hand zur Heimkehr. Auf dem
-Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß er und ließ eine Esche
-wachsen, die ihre Wurzeln in alle Welten senkte und deren Krone bis
-nach Asgard ragte. Drei Wurzeln senkte sie hinab. Die eine saugte
-ihre Säfte aus einem Brunnen unter Midgard, der Menschenerde, an dem
-die _Schicksalsfrauen_ wohnen, die Nornen Urd, Skuld und Werdandi,
-die Künderinnen alles Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen im
-Menschenleben. Die zweite Wurzel saugte ihre Säfte aus einem Brunnen
-unter Niflheim, dem Geheimnis der Totenwelt, und der Drache _Nidhögg_
-benagt sie, um sie zum Sterben zu bringen. Die dritte Wurzel aber
-saugte ihre Kräfte aus einem Brunnen unter Utgard, der Welt der Riesen
-und Trolle, und _Mimir_ birgt sich in ihm aus Ymirs Geschlecht, der
-Wissen und Weisheit aus der Urzeit bewahrte, bevor die Götter waren.
-
-_Yggdrasil_, Baum des Gerichts, hieß die Esche, die Allvater gepflanzt
-hatte, um alle Welten fest ineinander zu wurzeln unter der Herrschaft
-des Himmels. Einen Adler setzte er in die Krone mit einem Falken
-zwischen den Augen, daß ihm nichts entgehe. Ein Eichhörnchen hüpft den
-Stamm hinauf und hinunter und hinterbringt dem Adler und dem Drachen
-alle Scheltworte, die der eine dem anderen gönnt. So bleiben sie alle
-zornig wach.
-
-Und Allvater lachte zufrieden. -- -- --
-
-
-
-
-Das goldene Zeitalter.
-
-
-Ein Frühling, der nie verging, blühte und duftete über Asgard, und die
-Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Die wilden Naturkräfte
-waren gebändigt, in ihre Schranken verwiesen und dem Wechsel der
-Jahreszeiten dienstbar gemacht. Jenseits des breiten Meergürtels, den
-die Asen um Midgard gelegt hatten, hausten die Riesen. Auf der Erde
-wuchs zahlreich und kräftig das Menschengeschlecht empor und brachte an
-heiligen Stätten den Göttern geweihte Opfer dar. Tief im Erdinnern aber
-schafften die Zwerge, klopften die köstlichen Erze aus dem Gestein und
-schmiedeten wunderbares Geschmeide, mit dem sich die Götter schmückten.
-
-Das schwerste Tagewerk, die Erschaffung und Ordnung der Welt, war
-geschehen. Es war die Zeit, in der die Götter an sich selber denken
-durften und an frohe Feiertage.
-
-Geschwisterlich vereint, einer dem anderen in Liebe zugetan, durchzogen
-sie die Blumenwiesen Asgards und bauten sich himmlische Burgen auf mit
-ragenden Hallen und zahllosen Fenstern zum Ausblick auf das Riesenland
-und die Menschenerde. Viele Namen gaben die Menschen den Göttern je
-nach der Sprache, in der sie sie verehrten, und die Nordmänner riefen
-den allweisen Wodan _Odin_.
-
-Gladsheim hieß Wodans goldglänzende Burg in Asgard, die »Welt der
-Wonnen«, und der mächtigste Saal darin war _Walhall_. Ebenbürtig war
-ihm in Gladsheim nur ein zweiter, _Wingolf_, die heitere Halle der
-Göttinnen. Mit Frigg, seiner hohen Gemahlin, zeugte Wotan herrliche
-Asensöhne. Der herrlichste und beste unter ihnen war _Baldur_, der
-Lichte, den alle Götter mehr liebten als sich selbst, weil er das
-Vollkommenste war an Leib und an Seele, was Asgard hervorgebracht hatte
-und durch seine frühlingsfrohe Erscheinung, die kraftvolle Schönheit
-seines Wuchses und die Reinheit seines Gemütes Freude hervorrief,
-wo immer er ging. Breidablick hieß sein glänzender Saal, blank wie
-die Sonne, und nichts Unreines durfte über die Schwelle. Vorbildlich
-in allen Tugenden des Himmels und der Erde, hell und klar wie der
-sonnige Tag stand Baldur vor Göttern und Menschen, und sein Sohn,
-_Forsetti_, den ihm sein glückliches Gemahl _Nanna_ geschenkt hatte,
-saß im Himmelssaale Glitnir als Gott der Gerechtigkeit und übte die
-richterliche Obergewalt. _Hermodur_ aber, der schnelle Götterbote, war
-Baldurs Bruder und hing ihm zärtlich an.
-
-Neben seinem Vater Wodan ragte über alle Asen _Donar_ hinaus, den die
-Nordmänner _Thor_ riefen. Nichts kam seiner Körperkraft und seinem
-heldischen Mute gleich. Er liebte die Menschen und ihr fruchtbares
-Ackerland, bekriegte die Unholde und Riesen, die die Erde bedrohten,
-und brauste mit seinem Bockgespann durch die Wetterwolken, daß sie der
-dürstenden Erde die heilbringenden Gewitterregen spenden mußten und
-die erfrischende Luft. Tanngniost, der Zahnknisterer, und Tanngrisnir,
-der Zahnknirscher, hießen die Böcke vor seinem Wetterwagen. Seine
-Halle aber hieß Bilskirnir, der Blitz. Selten war er daheim, der
-Vielbeschäftigte, und die Menschen, wo immer sie den nährenden Boden
-bestellten, liebten ihn in ihren Herzen und Hirnen über alle die
-anderen Asen und hingen ihm an in Not und Gefahr, denn sie fühlten
-sich ihm nahe, weil _Jord_ seine Mutter gewesen war, die Erdgöttin.
-Darum liebte auch er den Bauernstand. Seine Gemahlin war _Sif_, die so
-schönhaarig war wie goldenwogendes Getreidefeld. Seine Tochter _Thrud_
-wuchs auf in des Vaters gütiger Art, während seine Söhne, _Modi_, der
-Zorn, und _Magni_, die Kraft, des Vaters Kämpferblut ererbt hatten.
-Bedurften die Götter des stärksten aller Asen Hilfe, so riefen sie
-nur seinen Namen, und wie der Blitz stand Asathor unter ihnen. Das
-Volk der Menschen aber opferte dem Stärksten der Starken unter den
-ragendsten Eichen.
-
-Donar-Thor am nächsten an Heldenhaftigkeit und Sorge um Menschenvolk
-und Menschenerde stand Tuisko, _Ziu_ genannt und von den Nordmännern
-_Tyr_. Als Gott über den strahlenden Himmel gesetzt, beschenkte er
-die Erde mit Wärme und Licht, bevor die Nacht kam, und steigerte ihre
-Fruchtbarkeit. Feind war er darum allen zerstörenden Kräften und
-hob das Schwert gegen die gierigen Kriegerscharen, die sengend und
-mordend ins Land fielen. Als Schwertgott feierte ihn deshalb das Volk,
-ritzte seine Runen in die Klingen und huldigte ihm in Schwertertänzen,
-wenn es galt, die Jünglinge mutig und mannhaft zu machen; in
-Menschenopfern, wenn es unter stürmischer Anrufung seines Namens die
-Schlachtreihen des Feindes durchbrochen und niedergestreckt hatte. In
-heiligen Hainen verehrte ihn das dankbare Volk, und es bezeugte dem
-strahlenden Himmelssieger die Ehrfurcht des Menschenkindes, daß es
-seinen Tempelhain nur in freiwillig gewählten Fesseln und tief zur Erde
-gebeugt betrat. Weiße Rosse waren dem Schwertgott heilig, die mit den
-Hufen salzige Quellen geöffnet hatten zur Kräftigung der kriegswunden
-Glieder, und das Wiehern der Rosse galt als Weissagung.
-
-Wie der frühlingsfrohe Baldur als Gott des Tages, so herrschte der
-blinde _Hödur_ als Gott der Nacht. Einsam war er und schweigsam.
-Nur wenn das Licht sich neigte, trat er in die Dämmerung, um in das
-Dunkel zu wandern. Und da er blind geboren war, wußte er wenig von dem
-fröhlichen Tun der Götter, die ihn still seine Wege gehen ließen.
-
-Auch _Hönir_ wohnte in Asgard, der Fahrtgenosse Wodans, der dem ersten
-Menschenpaare in Midgard die Seele geschenkt hatte und die Bewegung der
-Glieder. Er machte wenig Worte und war ein Mann des Friedens und der
-Ruhe.
-
-Königlich anzusehen war _Uller_, der über den Winter gesetzt war und
-auf gewaltigen Schneeschuhen über Schnee und Eis dahinstob, mit Pfeil
-und Bogen das Wild zu jagen. Ihm jubelten die Jäger zu.
-
-Am königlichsten neben Wodan-Odin erschien _Loki_, der Gott des Feuers
-und der Hitze. Von verführerischer Anmut und blendender Geistesschärfe,
-berufen, neben Allvater zu stehen, fehlte ihm Wodans Willenskraft und
-Baldurs sittliche Größe, so daß er oft und gern seine hohen Gaben
-verwandte, um durch übermütiges Trugwerk und geistreiche Listen das
-Gelächter der Götter zu erregen und sich im billig erworbenen Ruhm zu
-sonnen. Da es seiner Herrschsucht und Eitelkeit nicht gelungen war, der
-Erste der Götter zu werden, so wünschte er ihnen seine überlegene List
-und Klugheit ständig zu bezeigen, und was zuerst ein leichtfertig Spiel
-erschien und lustiges Gelächter erregte, konnte leicht zu unheilvollem
-Ernst werden, wenn die Götter ihm nicht die Grenzen seines Tuns
-umschrieben. Als Wodans Fahrtgenosse bei der Erschaffung der Menschen
-hatte er dem ersten Menschenpaare einen Tropfen seines Blutes vererbt:
-die ungezügelte Leidenschaft. Die Menschen aber fürchteten sich vor
-dem unbeständigen, bald schmeichlerischen, bald jähzornigen Gott und
-hielten sich in ihren Anrufungen vor seinem Namen zurück.
-
-Asgards Wächter, der treue _Heimdall_, saß als Markgraf in seiner Halle
-an der Brücke _Bilfrost_, die sich wie ein Regenbogen vom Himmel zur
-Erde spannte. Der Scharfäugigste war er und der Hellhörigste. Hunderte
-von Tagereisen weit sah sein Auge durch Tag und Dunkel, und sein Ohr
-hörte das Gras auf der Erde, die Blätter an den Bäumen, ja die Wolle
-auf den Schafen wachsen. Er war der Früheste, denn er schlief nicht
-ein, weil er aus der Dämmerung des Abends schon die Dämmerung des
-Morgens ersah. Keinen besseren Mann konnten die Götter an die einzige
-Brücke stellen, die gen Asgard führte. --
-
-Ein Frühling, der unvergänglich schien, blühte und duftete über
-Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen.
-Geschwisterlich vereint, einer dem andern in Liebe zugetan, durchzogen
-sie die Blumenwiesen, trieben ritterliches Spiel, huldigten Frigg,
-der erhabenen Himmelsmutter, und den jüngeren Göttinnen ihres Hofes,
-_Saga_, der weisen, mit der Allvater den Trunk des Wissens aus goldenen
-Schalen schöpfte, _Fulla_, der listigen Vertrauten der Himmelsmutter,
-_Menglod_, der flammenden Morgenröte, _Idun_, der jugendschönen, der
-ewig jungen, die die Zauberäpfel bewahrt, von denen die Götter essen,
-um nimmer zu altern, _Gefjon_, der klugen, zu der die Mädchen beteten.
-Manche gleich schöne, gleich kluge Götterjungfrau lächelte aus Friggs
-Gefolge den Götterhelden zu, wenn sie auf blitzschnellen Rossen über
-die Wiesen jagten, den Speer schossen oder die heißen Schwerter über
-Schild und Brünnen fegen ließen. Oder wenn sie auf den Bänken der
-Halle saßen, Lieder zur Harfe sangen und den Met sich zutranken, den
-die Holden ihnen in den kostbaren Trinkgefäßen reichten, gefertigt
-aus blinkendem Gold von dem reichen Volk der Zwerge. Dann legten
-die Götter den frohen Frauen funkelnden Schmuck um Hals und Nacken,
-Edelgestein, das die Zwerge erschürft hatten, glitzernde Halsbänder und
-schimmernde Kronreifen, die Flut der Locken zu fassen, und schlangen
-die Arme um die schlanken Hüften und wußten nur von Liebe und nichts
-von Leid, weil sie einig waren und einer des anderen sicher im selben
-Sippschaftsgefühl. Und weil sie schuldlos waren und gerecht.
-
-So lebten die Götter ihr goldenes Zeitalter, und der ewige Frühling
-blühte und duftete über Asgard und sandte seine Sonne in alle Welten. --
-
-Heiteren Auges saß Wodan auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle
-seines Saales, die den Ausblick bot nach Midgard, dem Land der
-Menschen, und nach Utgard, dem Land der Riesen und Trolle. Seine
-Jagdwölfe lagen ihm zu Füßen, und seine Weisheitsraben flogen von
-seiner Schulter her und hin und kehrten geruhsamen Fluges zurück.
-Denn nichts Böses gab es zu melden. Das Volk der Menschen gedieh in
-den drei Ständen, in die der treue Hüter Heimdall Bauern, Bürger
-und Krieger gegliedert hatte, zu Wohlstand, Glück und Ehre, und das
-Riesengeschlecht lag schlemmend und zechend in den Grenzen, die ihm
-gezogen waren, sang und brüllte beim Gelage, daß oft Meer und Erde
-erbebte, und schielte nur zuweilen wie in erwachender Erinnerung
-nach den Göttern in Asgard. Die _Thursen_, das ist die Starken,
-nannten sie sich, die Asen aber nannten sie um ihrer Gefräßigkeit
-willen die _Joten_, das ist die Fresser, und ihr Reich _Jotunheim_,
-das Vielfraßland. Oft waren die Thursen von ebenso plumpem Wesen
-wie Gliedern, und es bedurfte nur eines neckenden Wortes, daß sie
-wie Schlagetote mit losgebrochenen Felsen und entwurzelten Bäumen
-aufeinander loshieben. Wo aber etlichen unter ihnen Weisheit geschenkt
-war, traten sie auf als Beherrscher der Elemente und lenkten Meerflut,
-Sturm und Feuersbrunst. Als gewaltige Baumeister suchten sie
-ihresgleichen, denn ein kleines war es für sie, Felsen auf Felsen zu
-türmen und Burgen zu erbauen, die bis zum Himmel ragten. Oft waren ihre
-Weiber scheußlich und verzerrt wie Strudel und Gischt, oft aber auch
-über die Maßen schön wie lächelnd atmende Meeresstille.
-
-Denn mächtige Wasserriesen gab es und furchtbare Sturmriesen, Berg-
-und Waldriesen von ungeheuerlicher Stärke und hitzige Feuerriesen.
-Ihre Jahreszeit hob an, wenn der Sommer geschwunden war. Der heulende
-Herbst, der krachende Winter blieb ihre Freude, bis die frühlingsfrohen
-Götter ihrem Gelärm Einhalt geboten.
-
-Der gutmütigste unter ihnen war _Ägir_, der Herrscher der weiten, der
-offenen Meere. Wenn die Götter ausfuhren in die Welt, kehrten sie
-oft in seiner Meereshalle ein und taten gewaltige Züge Metes bei dem
-fröhlichen Alten. Bösartiger Natur war _Ran_, sein Weib, die Räuberin.
-Auf dem Grunde des Meeres kauerte sie und stellte grausam ihre Netze
-nach den Schiffern, die über sie dahinfuhren. Neun Töchter zeugte das
-Paar, die wie spielende Wellen verführerisch lockten und die in Liebe
-entbrannten Söhne der Männererde in ihre Umarmung zogen und auf den
-Meeresgrund, in den Todessaal ihrer Mutter Ran.
-
-Über das Eismeer herrschte _Hymir_, der Frostriese, vor dessen eisigem
-Blick Felsen zerbarsten wie Glas. Den größten Braukessel besaß er, tief
-wie das Meer, aber er hielt ihn unter Schloß und Riegel als unwirscher
-Gesell.
-
-Scheusälig aber war _Grendel_ anzuschauen, der Nebelriese der
-Sturmflut, mit drachenförmigem Haupt und Krallen wie Stahl, gezeugt
-von einer wölfischen Mutter, die bei ihm hauste und ihm auf seinen
-Unholdfahrten gierig folgte. Unheimliche Schlupfwinkel wählten sie zu
-Wohnstätten, im fiebrigen Moor, in feurigen Gewässern. Und Mensch und
-Tier erschauerte vor diesem fiebrigen Feueratem.
-
-Jetzt aber gaben die Riesen Ruhe, denn der allweise Wodan hielt sie im
-Bann seiner Gerechtigkeit. Nicht umsonst hatte er Yggdrasil geschaffen,
-die Weltesche, die ihre Wurzeln unter Midgard, Utgard und Niflheim
-senkte und ihm Wissen gab aus allen Welten. Wenn die Götter aus Asgard
-hinabstiegen, um über das Menschenvolk zu richten, so stiegen sie zu
-dem Brunnen der Nornen, aus dem eine Wurzel der Weltesche trank, zu
-den Schicksalsmädchen Urd, Skuld und Werdandi, die die Geschicke jedes
-Menschen wußten von seiner Geburtsstunde an bis zur Todesstunde. Oft
-aber stieg Wodan ungeleitet zum Brunnen Mimirs, des Weisesten der
-Weisen aus Ymirs Geschlecht, das Welt und Urzeit sah, bevor die Götter
-waren. Und er bot ihm göttliche Freundschaft, wenn er ihm alles sagte
-aus der tiefsten Tiefe.
-
-»Wie soll ich deiner Freundschaft trauen?« sprach Mimir. »Du bist ein
-Ase und ich ein Thurse.«
-
-»Wähl dir ein Pfand,« sprach Wotan.
-
-»Was hältst du am höchsten an dir?« fragte Mimir.
-
-»Meine allsehenden Augen.«
-
-»So gib mir das eine zum Pfand.«
-
-Da gab der Gott das Auge zum Pfand und gewann Mimir zum Freunde. Und
-Mimir schöpfte mit Wodans Auge die Tropfen aus der tiefsten Tiefe, und
-sie saßen beieinander und raunten miteinander manche Nacht.
-
-Einäugig kehrte Wodan gen Asgard zurück. Aus Liebe zu seiner Schöpfung,
-aus Liebe zu den Göttern und Menschen hatte er sein Auge dargebracht.
-Denn nun war der Allweise allwissend geworden.
-
-[Illustration: »... und trank mit ihr aus einer Schale ...«]
-
-Oft wandelte er in Asgard zum Wohnsitz der Saga, der ernstgerichteten
-Göttin, und trank mit ihr aus einer Schale und besprach mit ihr
-feierliche Dinge, die wie Gesang waren aus tiefen Brunnen. Und die Saga
-ritzte sie in heilige Zauberrunen, während die Götter und Göttinnen
-draußen über die blumigen Wiesen jagten und sich in Liebe fanden,
-an festlichen Tafeln saßen und sich mit Kränzen schmückten und dem
-funkelnden Goldgeschmeide.
-
-Kinderselig hallte das Lachen über Asgards Wiesen, durch Asgards Hallen.
-
-Wodans Ohr hörte es wohl. Sein Auge blickte sinnend.
-
-Über Sagas Haar strich er und erhob sich.
-
-»Sie sollen fröhlich sein. Lange, lange ... Denn so lange die Götter
-schuldlos sind, sind sie unsterblich.«
-
-
-
-
-Der Wanenkrieg.
-
-
-Waffenruhe war auch auf Erden. Solange die Götter in Gerechtigkeit
-ihres Amtes walteten, erhaben über Neid, Selbstsucht und Gier, und sie
-zur Muße ihre heiteren Spiele trieben, eiferten die Menschen ihnen
-nach und freuten sich ihres Lebens. Sie erfüllten ihr Tagewerk, und
-je reicher und lohnender es war, desto fröhlicher gedachten sie der
-himmlischen Spender, errichteten ihnen Heiligtümer und Altäre und
-brachten ihnen in Begeisterung ihre Opfer dar.
-
-Seltsames bewegte Wodan in dieser glücklichen Zeit. Übermütig macht
-das Glück, Götter wie Menschen, und treibt sie über die Grenzen ihres
-Wesens. Wenn er über der heiligen Türschwelle saß und alle Lande vor
-ihm lagen, spähte er immer schärfer aus in das Leben aller Dinge,
-sandte er immer häufiger seine Raben aus, werdende Geheimnisse zu
-erforschen, und seine Jagdwölfe wedelten unruhig mit dem Schweif.
-Ihm war, als seien Kräfte am Werk, das Glück zu erschleichen, das er
-erschaffen hatte, und das Köstlichste, was den Asengöttern wurde, die
-Opfer des Menschenvolkes, abzulenken. Und Wodan deutete die Vorzeichen.
-
-Nicht überall strebte der Opferrauch gen Asgard, dem Asenhimmel. Wohl
-wirbelten die Opferwolken im Saxland, das steil unter seinem Sitze
-lag, mächtig wie immer zu ihm empor, doch nördlich der Sachsen, dort,
-wo Dänen und Schweden saßen, trieben sie ab und suchten einen anderen
-Himmel. Und Wodan erspähte, daß es der Himmel der Lichtgötter, der
-_Wanen_ war, die sich beim Erscheinen der Götter in der Welt singend
-und klingend von der Stätte harter Arbeit emporgeschwungen hatten, um
-ein Reich der Schönheit und des Glücksgenusses zu begründen.
-
-Da sprach Wodan zu sich selber:
-
-»Glück ist göttlich. Glück ist der Besitz. Glücksgenuß ist irdisch.
-Glücksgenuß ist die Verschwendung. Da die Masse der Menschen irdischer
-ist als göttlich, wird sie nach dem Genusse greifen, statt nach dem
-Glück. Und nur die Helden werden den kargeren Besitz des Glückes
-wählen, der Arbeit ist und Aufopferung.«
-
-Und Wodan hörte und erspähte alles, was er von den Wanen zu wissen
-begehrte. Verschwenderisch streuten sie Fruchtbarkeit über Länder und
-Seen allen, die sie anriefen, lehrten sie den Wert des Goldes, lehrten
-sie, den Fleiß ihrer Hände in Gold umsetzen und das Gold in üppigen
-Genuß, also, daß die Menschen nur noch zu arbeiten wünschten um des
-_Goldes_ willen und um durch Gold alles zu beherrschen, Menschen und
-Dinge, Länder, Völker und ihre Schätze, was immer ihnen auf Erden zum
-mühelosen Genuß des Lebens verhelfen könne. Feiner und wählerischer
-wurden die Anhänger der Wanen, klüger und wissender, und sie dünkten
-sich bald in ihrer verfeinerten Lebensführung hoch erhaben über
-die rohen Sachsen in Saxland und die anderen Völkerstämme, die auf
-Wodan schwuren, den Sturmgott, auf Donar, den Gewitterbringer, und
-auf Ziu, den Gott des blanken Schwertes. Über sie alle, die rauhen
-und schlichten, denen die Arbeit Freude war, Kraftempfinden und
-Lebenszweck, und der Feierabend das Bewußtsein ihrer hart erworbenen
-und darum doppelt gesteigerten Fröhlichkeit. Und Wodan witterte die
-Gefahr.
-
-Einst, als er mit seinen Brüdern Wili und We den stumpfsinnig
-verschlingenden Urriesen Ymir erschlagen hatte, hatte er die niedere
-Geisterwelt gejagt, die von den Göttern das Wissen geholt aus der
-gebärenden Weltseele und das Göttliche gewandelt hatte in gemeine
-Lüste und billigen Zauberspuk. Tausende waren erwürgt an seinem
-Gürtel geblieben, wenige nur entkommen. Aber einige waren zu den
-leichtherzigeren Wanen entschlüpft, hatten sich zu wildquirlenden
-Scharen vermehrt und aufs neue die gold- und zaubersüchtigen Menschen
-aufgesucht, die die verschwenderisch spendenden Wanen opfernd
-verehrten. So kam mit der steigenden Genußsucht der _Aberglaube_ in die
-Welt, der Feind des Göttlichen. --
-
-Aufstanden Wodans Jagdwölfe und streckten die Rute. Mit gesträubtem
-Haar standen sie und warteten des Befehls des Meisters.
-
-Nacht war es und Wodan sattelte sein Sturmroß.
-
-In wehendem Mantel, den breitrandigen Wetterhut tief über die blutige
-Augenhöhle gedrückt, damit das andere, das Einauge, um so schärfer
-funkele, saß er horchend im Sattel. Aufkreischten seine Raben. Von
-seinen Schultern schwangen sie sich auf und jagten voran. Hinter
-ihnen drein mit heiserem Gebell jagten die Wölfe. Da gab Wodan seinem
-Sturmroß das Maul frei, und der wilde Jäger stob mit Hussa und
-Peitschengeknall in die Nacht. »Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe!
-Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«
-
-Hinter den Gespensterscharen, die heimlich aus Wanenland
-herübergeschlichen waren, seine Menschen zu verführen, hetzte er
-einher. Entsetzt fuhr das Gelichter der Schwarzalben und Truden, der
-Maren und Schrate wie Nebel- und Wolkenfetzen durch die Wipfel der
-Bäume und suchte heulend das Weite. Wodans Sturmroß holte sie ein.
-Seine Peitsche fuhr knallend durch die Luft, und wen sie traf, den
-traf der Tod. »Hussa! Hussa! Horrido!« Die Wolken jagten über den
-Himmel, als wollten sie mit weitaufgerissenem Rachen den tanzenden Mond
-verschlingen. Und im fahlen Licht der Sturmnacht hetzte Wodan ohne
-Ermüden die unholden Geister, den Alb, der sich den Menschen auf die
-Brust setzte und sie bedrückte, den Mar, der ihnen das Blut aussog,
-den Schrat, der sie äffte und die Trud, die sie behexte. Sie alle, die
-seine Menschen quälten und sich zu willen machten, bis die Erdgeborenen
-glaubten, es seien die Götter selbst und nicht unholde Wesen, und sich
-den Gespenstern ergaben.
-
-»Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in
-Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«
-
-»Da jagt der wilde Wode!« stammelten die Menschen, die im Geheul der
-Sturmnacht von den Lagern auffuhren und angstvoll gen Himmel starrten.
-»Der wilde Gespensterjäger fährt um.«
-
-Und doch öffneten sie hastig Fenster und Türen, um den gejagten
-Spukgestalten Unterschlupf zu gewähren, denn sie versprachen sich
-goldenen Dank von den Wichten und gierten nach irdischen Schätzen,
-statt nach der stolzen Höhe der Götter.
-
-Nächte hindurch, Monde hindurch fegte Wodans Mantel durch die Lüfte,
-knallte seine Peitsche wie krachendes Holz, schrieen seine Raben,
-heulten seine Jagdwölfe. »Auf daß das Geschlecht sich nicht vermehre!«
-lachte er grimmig in den Bart und setzte vor allem anderen Wild den
-kreischenden Frauen und Fräulein der albischen Wesen nach, packte sie
-am Gewand, griff sie beim Schleier, zog die Zappelnden hinauf auf sein
-Roß und erstickte sie in seinen Umarmungen. »Frauenräuber!« schalten
-die verblendeten Menschen hinter ihm drein, »Weiberjäger!« Denn sie
-hielten für Liebesgier, was Wodan in göttlichem Zorne tat, und ließen
-sich von den Wichten, die sie abergläubisch hüteten, leicht bereden.
-
-Noch blieb viel Koboldvolk auf der Erde zurück, Hausgeister und
-Waldfräulein, Korngeister und Wassernixen, und Nächte und Monde jagte
-Wodan daher, den Spuk zu vernichten, die Menschen auf sich selbst
-zu stellen. Oft auch stieg er zu Mimir hinab und raunte mit ihm am
-Brunnen. Denn er hielt das luftige Gesindel der Alben nur für die
-Plänkler und Wegemacher eines gefährlicheren Feindes, der Macht der
-Wanen, und er wußte es in seiner Allwissenheit.
-
-Einst kehrte er heim nach Asgard, sinnend und grübelnd, und fand die
-Götter beim lärmenden Gelage wie in einer großen Trunkenheit. So hatte
-er sie noch nie geschaut. Nur Baldur stand abseits. Ihn ekelte das
-weibische Getue.
-
-Einen strahlenden Blick warf Wodan auf seinen Lieblingssohn. Dann trat
-er zürnend in den Kreis. Doch keiner hatte Augen für ihn.
-
-Vor den Bänken der Götter und Göttinnen tanzte ein nacktes Mädchen von
-niegesehener Schönheit. Farbenfunkelnde Geschmeide von auserlesenem
-Feuer schmiegten sich an ihre Brüste, daß ihr Weiß heller leuchtete
-als der Schnee auf den Hügeln, rotgoldene Spangen, zart wie Blattgold
-und von meisterlicher Arbeit umschlossen die Fesseln ihrer Füße, daß
-die Glieder aus den Goldblättern hervorwuchsen wie Lilienstengel,
-umschlossen die Arme, daß sie sich dehnten und streckten wie
-heimlich Geliebte, und Perlenschnüre träumten in ihrem Dufthaar wie
-schmeichelnde Mondlichter in kosender Nacht.
-
-»Tanze, tanze,« riefen die Götter mit funkelnden Augen, »so wunderbar
-Schönes sahen wir nie, wie dich, du Mädchen!«
-
-»Tanze, tanze,« riefen die Göttinnen mit heißen Blicken, »so wunderbar
-Schönes sahen wir nie, wie dein Geschmeide!«
-
-»Das Mädchen ist es!« beharrten die Götter erhitzt.
-
-»Das Geschmeide ist es!« eiferten die Göttinnen. »So schön sind wir,
-wie die Fremde, aber der Schmuck, mit dem ihr uns beschenkt, ist plump
-wie Bauernschmuck und hängt sich schwerfällig an unsere Glieder, statt
-ihre Reize zu heben. Schafft uns solch Geschmeide, und das Mädchen ist
-vergessen! Schöner sind wir, schöner!«
-
-»Wer bist du?« riefen die Asen, und es lag wie Rausch über ihren Augen.
-»Wer gab dir den Schmuck? Wo finden wir ihn?«
-
-»_Gullweig_ heiß ich,« sang die Tänzerin, »vom göttlichen Wanenstamm
-bin ich. Wir leben in Schönheit und Freude! In Arbeit und kindlichen
-Spielen ihr! Wißt ihr, was Freude ist? Verschwendung und lachendes
-Leben! Seht her, so verschwende ich!«
-
-Und sie wirbelte vor den heißen Blicken der Männer.
-
-»Der Schmuck! Der Schmuck!« riefen die Göttinnen und waren erblaßt vor
-Erregung.
-
-»Schmuck will erworben sein,« sang die Tänzerin. »Einen Wert hat das
-Gold, mehr als ihr wißt! Für rotes Gold und schimmernd Gestein kaufe
-ich Länder und Völker, Weiber und Rosse, Leiber und Seelen. Es liegt
-bei den Riesen, es liegt bei den Zwergen, es liegt bei den Menschen.
-Hervorlocken muß man es durch Zauber oder Raub. Holt es euch, schmückt
-euch, genießt! Nichts weiß euer Blut vom glühenden Leben!«
-
-Aller Arme streckten sich nach der tanzenden Wanentochter aus.
-Sehnsüchtige Arme. Neidvoll gereckte Hände. Da hob Wodan den Speer.
-
-Dreimal durchbohrte er Gullweig, die Wanentochter, mit dem Speer.
-Dreimal schleuderte er ihren weißen, schimmernden Leib in den
-flammenden Holzstoß, der die Halle erwärmte und erleuchtete. Dreimal
-verbrannte das Mädchen zu Staub. Dreimal erhob sie sich aus der Asche.
-Da ersah Wodan, daß sie eine Zauberin der Wanen sei, und ließ die
-Mißhandelte entfliehen.
-
-»Melde den Deinen, was dir widerfuhr, was ihrer wartet!«
-
-Loki aber, der Geschmeidige, sammelte hastig aus der Glut des Feuers
-den seltenen Goldschmuck, Perlen und Geschmeide, und gab alles den
-Göttinnen und setzte sich in Gunst. Finster gingen die Asen umher und
-neideten dem Listigen den Vorzug.
-
-Wodan berief sie alle zum Rat.
-
-»Wer hat dem Wanenmädchen Einlaß gewährt zu Asgards Wiesen?«
-
-Und Heimdall antwortete: »Ich tat's, auf Gebot der Götter, die sich
-berieten, als du fern warst. Sie war ein Mädchen und ohne Waffen.«
-
-»Ihr Törichten,« sprach Wodan, »habt ihre Waffen kennengelernt. Schwer
-seid ihr von ihren Waffen verwundet. Schwerer als von Schwert und Ger.
-Denn die Wunden, die sie euch schlug, heilen nicht und eitern fort in
-der Gier nach Gold und Genuß. Vorbei ist es mit der heiteren Ruhe. Wir
-müssen uns regen.«
-
-Da stimmten die Götter beschämt ihm zu und gaben ihm Vollmacht, für
-alle zu handeln. --
-
-Einsam fuhr Wodan aus. Nur Gefjon nahm er mit sich, die Kluge, zu
-der die Mädchen beteten. Von Saxland fuhr er gen Norden, denn es war
-sein Plan, die Wanenanhänger durch eine augenfällige Tat zu sich
-zurückzuführen und die Menschen, die im Norden noch nichts wußten
-von Wodan und den Seinen, zum Asenopfer zu bekehren. So fuhr er gen
-Dänemark, das den Wanen huldigte, und gedachte dem Volke über Nacht ein
-reiches Neuland zu schenken, Ackerland für einen seßhaften Bauernstand,
-der mit der Scholle die Arbeit liebte und nicht die Leichtfertigkeit
-der Goldanbeter. Neuland auch für neue Heiligtümer der Asengötter.
-
-Auf Fünen kehrte Wodan ein und lehrte Gefjon, die kluge, seine Pläne
-und verlieh ihr zur Ausführung seine Zauberrunen. Da fuhr Gefjon, als
-listige Gauklerin gekleidet, nach Schweden und vollführte vor dem
-Beherrscher des Landes, dem König Gylfi, so lustige Dinge, daß der
-König ihr einen Wunsch freigab. Und sie erbat sich so viel Land zur
-freien Verfügung, wie sie mit vier Ochsen während eines Tages und einer
-Nacht umzupflügen vermöchte. Das gestand ihr der König lachend zu.
-Gefjon aber fuhr noch in selber Stunde nach dem Riesenland Jotunheim,
-gebar in der nächsten Nacht einem Riesen vier Söhne, ließ sie kraft
-ihrer Zauberrunen gleich bei der Geburt zu ihrer ganzen Größe und
-Stärke aufwachsen, verwandelte sie durch den Runenzauber in vier
-ungeheure Ochsen und kehrte in nächster Nacht mit ihnen zu König Gylfi
-zurück. Und Gefjon, die Kluge, spannte die Riesenochsen vor den Pflug
-und packte die Pflugschar. Da schnitt das Pflugeisen gewaltig tief
-und breit in das Land und ackerte ein Stück Erde heraus, das nicht zu
-überblicken war, und die Ochsen zogen noch einmal an und zogen das
-herausgepflügte Land weiter und weiter gen Westen, stiegen ins Meer
-und zogen es bis in den dänischen Sund. Dort entließ Gefjon die Ochsen
-und nannte das neugewonnene Inselland der See _Seeland_. Das Loch
-aber, das sie in König Gylfis Land gerissen hatte, füllte sich zu einem
-Binnensee, der der _Mälarsee_ hieß, und in seine Buchten paßten bis ins
-Kleinste die Landzungen und Vorgebirge Seelands.
-
-Und Wodan dehnte die Macht der Asen aus auf die Insel und schuf
-ein Heiligtum auf ihr, zu dem die beschenkten Dänen in Dankbarkeit
-opferten. Aber auch König Gylfi in Schweden und viele andere Könige im
-Norden, zu denen die Kunde kam, riefen erschreckt Wodan an, den sie
-Odin nannten, und baten ihn in ihr Reich. --
-
-Wodan war heimgekehrt nach Asgard, wo ihn die Asen sehnsüchtig
-erwarteten. Viel Streit gab es zu schlichten, den der listige Loki
-schadenfroh geschürt hatte, und die alte Einigkeit war gestört im Rat
-und auf der Metbank wie beim ritterlichen Kampf- und Wettspiel, seitdem
-das lockende Weib in Asgard erschienen war. Zu Mimirs Brunnen stieg
-Wodan hinab und raunte lange mit dem Weisen.
-
-Und es war ihm offenbar, daß die Wanen heranrückten, den Schimpf
-an Gullweig zu rächen und die reichen Opfer der Menschen im Norden
-zurückzugewinnen. Und Wodan wußte vieles und mehr und saß, in die
-Zukunft grübelnd, auf seinem Hochsitz.
-
-In hellen Haufen rückten die Wanen an. Die Luft wimmelte von ihnen,
-wohin das Auge sah. Lichtgötter waren sie. Darum ritten sie durch die
-Lüfte und brauchten nicht über die Brücke Bilfrost hinweg, die Heimdall
-hütete. Was ihnen an Kraft den Asen gegenüber gebrach, ersetzten sie
-dreimal durch wunderbare Waffen, zu denen ihnen ihr Reichtum, und durch
-die Kriegskunst, zu der ihnen ihre verfeinerte Geistespflege verholfen
-hatte. Jäh erschienen sie vor Asgard und zerbrachen in geeintem Angriff
-den Burgwall der Asen.
-
-Dröhnend rief Wodan die Männer Asgards zum Kampf. Ihnen allen
-voran stand er und schleuderte als Heervater den Speer über die
-anstürmenden Völker. Aber die Waffen der Asen waren wie Bauernwaffen
-zu den erlesenen und erklügelten Waffen der Wanen, wie der Schmuck
-ihrer Frauen und Jungfrauen ein plumper Bauernschmuck geschienen
-war zu den berauschenden Köstlichkeiten der tanzenden Gullweig.
-Donars malmende Keule zersplitterte auf stahlhartem Wanenhelm. Zius
-blankes Breitschwert brach und sprang aus dem Griff, als er es gegen
-eine goldene Wanenbrünne stieß, Ullers Pfeil und Bogen war wie ein
-Kinderspiel vor den manneshohen Schilden der Wanen, und Baldurs
-leuchtender Mut fand zwölf neue Gegner, wenn er einen gefällt hatte.
-Loki stand als Schutz und Schirm bei den Göttinnen und stachelte
-die kämpfenden Asen an, sich vor den Frauen zu zeigen und ihre Huld
-zu gewinnen, denn er gedachte, übrig zu bleiben und höhere Macht
-zu erringen. Und die Asen wurden uneins im Kampf, trennten sich
-voneinander und suchten in heldischem Zweikampf mit den Wanenführern
-die Augen der Frauen auf sich zu ziehen, während die Scharen der
-Feinde immer tiefer eindrangen in Asgards geheiligte Fluren und die
-Himmelsburgen in Schutt und Asche legten.
-
-Da packte Donar die Felsen an und riß sie aus dem Grund und zermalmte
-mit ihnen die Haufen. Und Ziu entwurzelte die ragendste Eiche und fegte
-mit ihr die Stürmenden zu Hunderten. Die Himmel krachten, die Menschen
-lagen betend auf ihrer Erde und die Riesen in Jotunheim erhoben drohend
-ihre Häupter, um über die erschöpften Asen- und Wanengötter in Haß und
-Rache herzufallen.
-
-Wodan sah es. Er erkannte die größere Gefahr.
-
-Wie Donner rollte seine Stimme über die Köpfe der Kämpfenden:
-
-»Ihr habt euch in den Waffen gemessen, ihr Götter -- nun meßt euch im
-Rat!«
-
-Die Wanen wiederum aber hatten erkannt, daß sie nur einen
-Augenblickssieg erringen konnten und vor dem kraftvollen Asengeschlecht
-nicht bestehen würden, wenn es in der neugewordenen Zeit sich seines
-schaffenden Geistes entsann. Sie waren zum Verhandeln bereit.
-
-Im Rate saßen sie, Asen und Wanen, und stritten lange um den Vergleich.
-Klug wie Kaufleute setzten die Wanen zuerst den Preis des Friedens
-hoch, um ablassen zu können und als die Gebenden zu erscheinen. Sie
-forderten für Gullweigs Mißhandlung Zins. Da lachten die Asen, daß
-sie sich krümmten, und wollten von ihren Sitzen. Die Wanen beharrten
-nur scheinbar auf ihrem Beschluß. Ihnen war um anderes zu tun. Sie
-boten an, die Zinsforderung fallen zu lassen, wenn sie von Stund an
-als gleichberechtigte Götter gälten, den Asen gleich an Ehrung im
-Himmel und auf Erden, gleichberechtigt zum Empfang der Opfer und durch
-auszutauschende Geiseln _eine_ große Götterfamilie.
-
-Wodan, der allwissende, der in die Zukunft schaute, schlug ein. Und
-die Asen bestimmten Hönir zur Geisel für die Wanen, den Fahrtgenossen
-Wodans bei der Menschenerschaffung. Da er aber langsam denkend war, gab
-Wodan ihm den Mimir bei, den Freund und Vertrauten am Brunnen, und die
-Wanen hielten ihn für einen der Asen. Sie selber ließen den reichen
-_Njord_ als Geisel, der seinen lichten Sohn _Freyer_ mit sich führte
-und seine liebliche Tochter _Freya_. Und alle die Götter, die Asen und
-Wanen, traten zur Bekräftigung ihres Vertrages an ein Gefäß und spien
-hinein und mischten den Speichel mit Honig und schufen daraus gemeinsam
-den weisesten Mann. Der hieß _Kwasir_.
-
-So aber endete der erste Weltkrieg.
-
-
-
-
-Die Götter auf schiefer Bahn.
-
-
-In den Kreis der Asen war Njord ausgenommen mit seinem Sohne Freyer
-und seiner Tochter Freya. Gewaltiger Reichtum kam mit ihnen nach
-Asgard, aber auch viel böse Lust nach Reichtum und manche Sucht
-nach räuberischem Erwerb. Mehr und mehr ging die Schlichtheit der
-Lebensführung dahin. Die Gelage mehrten sich, die Abenteuerfahrten
-dehnten sich aus, Liebeshändel kamen auf und nahmen zu im Himmel und
-auf Erden, die Freude am Kriege erwachte und führte in ihrem Gefolge
-Gewalttat, List und Betrug.
-
-Wohl waren die Wanen, die von nun an zu den Asen gerechnet wurden,
-vornehme Wesen, doch ihre ganze Art und Daseinsauffassung war freier,
-üppiger und leichtherziger, und der Aufwand, den sie trieben und der
-den Menschen reichere Opfer und prunkvollere Feiern auferlegte, brachte
-die Asen von ihrem einfachen Götterwandel ab und näherte sie den
-Begierden und Untugenden der Menschen.
-
-_Njord_ liebte Jagd, Seefahrt, Fischfang und Handel. Er machte das
-Meer fruchtbar und bevölkerte die Wälder mit Wild. Er beschenkte die
-Menschen mit Reichtum, gab den Schiffen günstigen Wind und ruhige See,
-den Jägern Beute über Beute. So riefen ihn alle an, die Seefahrt und
-Jagd betrieben. Auch stammte die Göttin Nertha von ihm, die in heiligem
-Hain am Meeresstrande wohnte und die Fluren segnete zu wogenden Saaten.
-
-Schön war _Freyer_, sein Sohn. Schön fast wie Baldur. Licht und heiter
-übte er sein Amt als Himmelsgott, tat es seinem Vater gleich in der
-Spendung von Reichtum und Fruchtbarkeit und schätzte deshalb den
-Frieden, damit seine Gaben zu gedeihen vermöchten und Freude brächten.
-Doch war er aller ritterlicher Übungen nicht minder Herr, und er besaß
-ein Roß, das wabernde Lohe durchstürmte, und ein Schwert, das sich von
-selber schwang, galt es einen Feind.
-
-Die schönste im Himmel und auf Erden war _Freya_, Freyers Schwester.
-So reizvoll war sie an Wuchs, Antlitz und Gebärde, daß sie Götter und
-Riesen, ja Menschen und Zwerge entzückte und berückte und keine Göttin
-begehrter und verehrter war als sie. Als Göttin der Liebe wurde sie
-angerufen, gefeiert und besungen; viele der Helden wünschten sich zu
-ihr und die Frauen verlangten nach ihrem Saal, wenn der Tod ihnen
-nahte. Folkwang hieß ihr Wohnsitz in Asgard, das ist »Sammelstätte
-des Volkes«, und Seßrymnir ihr Saal, »der an Sitzen geräumige«. Die
-Zauberkunde der Wanen, die den derben Asen fremd gewesen war bis
-auf Wodans Runen, brachte sie nach Asgard und lehrte vor allem den
-Liebeszauber Götter und Menschen. Fuhr sie sichtbar hinaus, so fuhr sie
-auf einem schimmernden Wagen, den ein geschmeidiges Katzenpaar zog.
-Fuhr sie heimlich hinaus, so legte sie ihr zaubrisches Falkenhemd an,
-daß sie blitzschnellen Flugs wie ein Vogel durch die Lüfte glitt. Sie
-war so heiter, daß sie ihre Sitten oft und gerne darüber vergaß, und wo
-sie erschien, herrschte Jubel und Seligsein.
-
-Die Besten ihres Geschlechtes hatten die Wanen hingegeben. Was sie
-dagegen erlangt hatten, war kein guter Tausch und ließ sie bald
-verkümmern. Wohl wußte Hönir, der ihnen von den Asen zugeteilt war,
-immerdar klugen Rat, solange der weise Mimir bei ihm stand und ihm
-Rede und Antwort einflüsterte. Geschah es aber, daß Mimir abwesend war
-und die Wanen guten Rats bedurften, so wußte sich Hönir, den sie zum
-Häuptling erkoren hatten, nicht zu helfen und stammelte schwerfällige
-Worte, die nichts besagten. Stutzig geworden, forschten die Wanen dem
-Rätsel nach. Und sie erforschten Mimirs Herkunft und den Betrug beim
-Vergleich und ergrimmten dermaßen, daß sie Mimir das Haupt abschlugen,
-das Haupt des Getöteten höhnisch heimsandten und den Asen vor die Füße
-werfen ließen.
-
-Wortlos hob Wodan das Haupt des erschlagenen Freundes auf. Er salbte es
-ein und besprach es mit Runensprüchen, die das tote Hirn auferweckten
-und der Zunge die Sprache wiedergaben. Zur Weltesche Yggdrasil
-ging er in der Nacht und stieg durch die Welt hinab bis zu Mimirs
-Weisheitsbrunnen. In dem blanken Brunnen barg er Mimirs Haupt, und
-oft stieg er vom Himmel hinab zu dem tiefen Brunnen, wie die Sonne
-hinabsteigt ins Meer, und holte sich neue Kraft und Weisheit zu allen
-seinen schweren Werken.
-
-Denn oft machten die Götter Allvater das Leben schwer durch wenig
-vorbildliches Wesen, und die Menschen eiferten ihnen lieber in den
-Untugenden als in den Tugenden nach, weil die Untugenden leichter zu
-verrichten und meist um ein bedeutendes fröhlicher waren. Seit Freya
-durch den Himmel schritt, gab es unter den Göttern und Göttinnen
-viel Eifersucht, Neid und Streit. Die lose Liebesgöttin aber hatte
-ihre heimliche Freude daran und suchte immer neuen Anlaß, sich zu
-schmücken und die anderen zu reizen. So fand sie einst in einer Höhle
-vier Zwerge bei der Arbeit, die ein goldenes Halsband von blendender
-Schönheit und unermeßlichem Werte schmiedeten. Sofort beschloß sie,
-es zu besitzen. Aber die Zwerge, von den nie erschauten Reizen Freyas
-berauscht, lehnten jeden dargebotenen Preis ab und forderten endlich
-auf der Liebesgöttin Drängen für einen jeden von sich eine Liebesnacht
-mit der lachend gewährenden Göttin. Nach vier Nächten kehrte sie nach
-Asgard zurück, und um Hals und Nacken trug sie das Wundergeschmeide
-Brisingamen, dessen Name soviel heißt wie Zusammenflechter, denn wenn
-sie erwachte und Brisingamen um Hals und Nacken legte, glitzerte es
-über Himmel und Erde, und das Frühlicht stieg auf, das den jungen Tag
-mit der schwindenden Nacht zusammenflicht.
-
-Weit rissen die Götter die Augen auf, als Freya so goldenstrahlend
-vorüberschritt. Und Loki, der listenreiche, sann auf einen ebenbürtigen
-Schmuck, und er sah Sifs, der Gattin Donars, den sie auch Thor nannten,
-goldwogendes Haar und schlich ihr heimlich nach und schnitt es ihr ab.
-Tobend vor Grimm suchte Thor den Täter. Bald hatte er Loki erwischt,
-und seine mächtigen Fäuste packten den Geschmeidigen, daß ihm die
-Knochen im Leibe krachten. Wie ein Wurm wand sich Loki und schwur alle
-Eide, der weinenden Sif neues Haar zu schaffen aus echtestem Gold und
-so fein gesponnen wie Sonnenstrahlen. Da gewährte Thor ihm Zeit, denn
-ihm lag daran, die Schönheit seines Weibes wiederhergestellt zu sehen
-und den Spott zum Verstummen zu bringen. Und der geängstigte Loki fuhr
-ab zu den Zwergen.
-
-Zwei Zwergenbrüder waren _Brock_ und _Sindri_, die galten für die
-größten Meister aller Unterirdischen. Freundlich sagten sie dem
-geängstigten Gotte zu, sein Begehr zu erfüllen, und sie schmiedeten
-das Gold und zogen es in Fäden so fein wie Sonnenstrahlen, und da
-ihre Kunst eine lebenschaffende Kunst war, wie nur die echte Kunst,
-so gewann das Goldhaar alle Eigenschaften des natürlichen Haares
-und wuchs in goldenen Locken. Die freundlichen Zwerge aber wollten
-Loki nicht reisen lassen, ohne ihm Weihegeschenke mitzugeben für die
-heiligen Götter, und sie schmiedeten für Wodan den wunderbaren Speer
-Gungnir, dessen Wurf, ja dessen bloßer Schwung den Tod bringt, und für
-die anderen Asen das Wunderschiff Skidbladnir, das ohne Wind zu fahren
-vermochte und durch den ärgsten Sturm, und das sich zusammenfalten und
-in die Tasche stecken ließ.
-
-Lüstern sah Loki den Künstlern zu, und seine arglistige Seele sann, wie
-er den Zwergen noch andere Meisterwerke entlocken könne. Da nun der
-Zwerg Brock den Hauptanteil an der Arbeit getan hatte, so gedachte
-Loki, einen der Zwerge gegen den anderen auszuspielen, und er wettete
-scheinbar harmlos und wie aus fröhlicher Laune heraus, daß Brocks
-Bruder Sindri die drei Meisterwerke nicht durch seine Kunst überbieten
-oder auch nur annähernd Gleichwertiges schaffen könne. Brock, der
-seinen Bruder zärtlich liebte, nahm sofort Partei, und Loki reizte ihn
-in eine Wette hinein, in der der listige Gott sein Haupt verwettete
-gegen die drei Kleinodien, die nunmehr Sindri schaffen solle.
-
-Ohne zu zögern, begann Sindri sein erstes Werk. Und als es so weit war,
-daß es ins Schmiedefeuer mußte, um geglüht und gehärtet zu werden, zog
-Brock den Blasebalg, ohne auch nur eine Pause zu machen.
-
-»Weshalb setzest du nicht einmal aus?« forschte Loki wie in harmloser
-Neugier.
-
-»Zöge ich den Blasebalg nicht nach Gebühr und setzte ich nur eine
-Sekunde aus,« erwiderte der Zwerg, »so würde das Werk einen Fehler
-erleiden.«
-
-Da verwandelte sich der ränkereiche Gott schnell in eine Stechfliege,
-flog auf Brocks Hand, die den Blasebalg zog, und stach ihn in den
-Finger. Aber Brock verbiß den Schmerz, um des Werkes seines Bruders
-willen, und hielt aus, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es
-ein Eber mit goldenen Borsten, der schneller als ein Himmelsroß durch
-die Lüfte rannte und dessen goldene Borsten taghell die dunkelste Nacht
-durchleuchteten.
-
-Und Sindri begann sein zweites Werk, und als es im Schmiedefeuer lag
-und Brock den Blasebalg zog, flog ihm Loki als Stechfliege in den
-Nacken und stach erbärmlich zu. Aber Brock zuckte nicht mit der Wimper,
-so wahnsinnig der Stich ihn schmerzte, bis das Werk fertig aus der
-Esse kam. Da war es der Ring Draupnir, der Tröpfler, von dem in jeder
-neunten Nacht acht neue kostbare Ringe abtropften, so daß sein Besitzer
-immer der Reichste war.
-
-Und Sindri begann sein drittes und letztes Werk und schob es in das
-Schmiedefeuer, und Brock zog den Blasebalg in brüderlicher Treue. Da
-setzte sich ihm Loki als Stechfliege mitten auf das Augenlid und stach
-zu, daß ihm das Blut in die Augen floß. Brock zog und zog, bis er vor
-rinnendem Blut nicht Esse noch Blasebalg mehr erkennen konnte. Eine
-Sekunde nur ließ er los, schlug nach der Fliege und wischte hastig das
-Blut aus den Augen. Aber er hatte ausgehalten bis gegen den Schluß, und
-als Sindri das Werk aus der Esse nahm, war es ein Hammer, _Mjolnir_,
-der Zermalmer, der nie zerbrechen konnte, nicht an Stahl und nicht
-an Stein, und, wenn er geworfen wurde, immer in die Hand des Werfers
-zurückkehrte. Nur der Hammerstiel war ein wenig zu kurz geraten. Das
-war geschehen, als Brock das Blut aus den Augen wischte.
-
-Voller Zorn über Lokis Arglist und Tücke verlangte Brock den Preis
-der Wette, Lokis boshaftes Haupt. Loki aber lachte ihn aus und wies
-auf den Hammer, der mißraten sei. Da machte sich Brock mit Loki auf
-nach Asgard, den Göttern die Gaben zu bringen und ihren Schiedsspruch
-anzurufen.
-
-Wie staunten die Götter über die Wunderwerke, über Sifs goldenes Haar,
-über Wodans Todesspeer und über das zaubertätige Götterschiff. Mehr
-aber noch staunten sie über den Ring Draupnir, den Tröpfler, den der
-Zwerg Allvater Wodan zur Gabe brachte, über den rennenden Goldeber,
-den er dem Wohltäter Freyer verehrte, und am meisten über den Hammer
-Mjolnir, den Zermalmer, denn es fehlte ihnen an gewaltigen Waffen,
-denen der Feind nichts entgegenzusetzen wußte. Und Brock überantwortete
-den Hammer dem freudig zugreifenden Thor.
-
-Und Thor sprach:
-
-»Es ist der Hammer und der Mann, der hinter ihm steht, auf den es
-ankommt. Mag der Stiel nun lang oder kurz sein.«
-
-Da fiel der Schiedsspruch der Götter zugunsten des Zwerges, und Loki
-legte sich auf das Handeln und bot allerlei Lösegeld, aber der erzürnte
-Zwerg beharrte auf seinem Preis.
-
-»So hol dir den Kopf, du verkümmerter Gnom,« lachte Loki und entglitt
-dem Verhöhnten auf seinen Zauberschuhen in die Lüfte.
-
-Thors Biedersinn empörte sich über Lokis Betrug. Er schirrte seine
-Böcke vor den Donnerwagen, den Zahnknisterer und den Zahnknirscher, und
-brauste hinter dem Flüchtenden her. Er holte ihn ein, zwang ihn in den
-Wagen und brachte ihn dem Zwerg.
-
-»Halt,« rief Loki, als der Zwerg das Messer zog, um den erwetteten Kopf
-herunterzuschneiden, »nur der Kopf ist dein; schneidest du mir in den
-Hals, so gilt es dein Leben.«
-
-Da lachten die Götter über Lokis gelungenen Scherz, daß die Halle
-erbebte. Der Zwerg stand betroffen. Ohne den Hals zu verletzen,
-vermochte er den Kopf nicht abzulösen. Aber er zitterte nach
-Genugtuung. Und da der Kopf sein war, ergriff er wütend eine Ahle und
-einen Riemen und nähte dem Lästerer Loki das böse Maul zu. Dann erst
-trollte er sich befriedigt.
-
-Lange ließen die Götter Loki mit vernähtem Lästermaule laufen. Dann
-aber fehlte ihnen sein scharfer Witz wie sein kluger Rat, und sie zogen
-den Riemen heraus. Denn sie wußten sich in einer schweren Sache, die
-den Himmel bedrohte, nicht zu helfen.
-
-
-
-
-In Schuld und Schicksalskampf.
-
-
-Die Bekriegung der Gottheiten untereinander, der Kampf zwischen
-Asen und Wanen, hatte alle Feinde der Himmelsordnung das Haupt
-recken lassen in aufhorchendem Frohlocken. Die Macht der Götter war
-nicht unangreifbar. Sie beruhte auf ihrer Einigkeit, dem festen
-Zusammenschluß aller ihrer Glieder und Gaben. Uneinigkeit, ein
-Zersplittern ihrer Machtfülle und Zugeständnisse an die anderen Welten
-mußten sie bald verwundbar machen. So rechnete man in Utgard, dem Land
-der Riesen und Trolle, wo alle Hasser saßen.
-
-Noch lag in Asgard die Himmelsburg mit Türmen und Wällen zerstört.
-Unmutig dachten die Götter an die gewaltige Arbeit des Wiederaufbaues.
-Gerade jetzt, wo mit Njord und Freyer Reichtum und Wohlleben, wo mit
-Freya, der Heischenden, Lust und Laune am Liebesspiel fröhlichen Einzug
-gehalten hatten, waren sie der Arbeit entwöhnt, und sie ratschlagten
-her und hin, wie die Veste neu und noch stärker als zuvor erbaut werden
-könne, ohne daß einer der Götter Zeit und Mühe zu opfern brauche. Schon
-war es zu Unstimmigkeiten und heftigem Hader gekommen, als unvermutet
-Heimdall, der Wächter, einen Gast meldete.
-
-Es war ein Mann von so ungeheueren Körpermaßen und Leibeskräften, wie
-sie die Götter nie erschaut hatten. Er ritt auf einem Roß, das des
-riesigen Reiters würdig war, und gab an, aus fremden Welten zu kommen
-und der größte Baumeister aller Zeiten zu sein.
-
-Da horchten die Götter auf. Das war der Mann, der ihnen fehlte.
-
-Sie führten ihn rings um Asgard und ließen ihn das Werk, das sie ihm zu
-übertragen gedachten, in Augenschein nehmen und begutachten. »Eile tut
-not,« sprachen sie, »es muß in kürzester Frist errichtet sein.« Dies
-stellten sie zur Bedingung.
-
-Der gewaltige Baumeister ließ forschend seine Blicke über Götter und
-Göttinnen schweifen.
-
-»Ich will die Burg uneinnehmbar bauen,« antwortete er, »und noch
-während dieses einen Winters. Doch müssen mir meine Bedingungen treu
-erfüllt werden.«
-
-Da rieben sich die Asen vergnügt die Hände. »Fordere was du willst.«
-
-Und der Baumeister sprach:
-
-»Wenn ich die Burg innerhalb der genannten Frist und ohne auch nur
-einen Tag darüber hinaus zu gebrauchen, errichtet habe, so sollt ihr
-mir als Lohn Freya, die Liebliche, zur Frau geben und zu ihrer
-Bedienung die Sonnenjungfrau und die Mondjungfrau. Bedarf ich zu meiner
-Arbeit auch nur eines Tages Länge mehr, so habt ihr das ganze Werk, das
-ich geleistet habe, umsonst und ohne Entgelt, und ihr könnt mich von
-hinnen jagen.«
-
-Da wurden die Götter ernst und traten zum Rat zusammen. Sie fühlten
-ihre Zusammengehörigkeit als ihr Heiligtum und wünschten den Verlust
-der wärmespendenden Freya und der lichtspendenden Jungfrauen Sonne und
-Mond nicht aufs Spiel zu setzen. Schon wollten sie das Ansinnen des
-starken Baumeisters als eine Beleidigung zurückweisen, als Loki, der
-Vielgewandte, das Wort ergriff. Er bewies den ernstgewordenen Asen, daß
-es selbst für sie, die Götter, eine Unmöglichkeit wäre, Asgards Veste
-in einem Winter zu erbauen, um wie viel mehr für diesen grobknochigen
-Schwätzer, der sich großtuerisch vermesse, die ganze Arbeit allein zu
-verrichten und nur mit Hilfe seines Pferdes. Jedenfalls aber würde der
-Fremde in seinem Ehrgeiz ein hübsches Stück Arbeit zuwege bringen,
-bevor er weggejagt würde, so daß den lachenden Göttern nur noch die
-letzte Vollendung des Werkes übrig bliebe. Und Loki redete so lustig
-und listig, daß er die Lacher auf seiner Seite hatte und sie ihm
-zustimmten, ohne an seine Heimtücke zu denken. Loki selber aber dachte
-sehr wohl an das Fehlschlagen seines Rates. Seine Eifersucht jedoch
-erhoffte immer aufs neue ein Aufsteigen seiner persönlichen Macht,
-sobald die Macht derjenigen Götter, die ihm an Kraft und Ansehen
-überlegen waren, geschwächt wurde.
-
-Der Baumeister wurde vor den Rat gerufen. Der Tag des Winterendes
-wurde auf die Stunde bestimmt und dem Festungsbauer Freya als Gattin
-zugesprochen und die Jungfrauen Sonne und Mond als Dienerinnen, wenn
-der Vertrag pünktlich eingehalten und eingelöst werde.
-
-Der Baumeister verlangte zur Bekräftigung den Eid der Götter.
-
-Da beschwuren die Götter die Wahrhaftigkeit des Vertrages mit ihren
-höchsten Eiden. Nur Donar, der donnernde Thor, schwur nicht mit. Denn
-er war nicht anwesend und, wie immer vielbeschäftigt, ausgezogen, um
-den im Schweiße ihres Angesichtes arbeitenden Bauern beizustehen gegen
-die zerstörenden Gewalten aus Utland, dem Riesenheim.
-
-[Illustration: »... umschlang mit seinen Armen die höchsten
-Felsenberge ...«]
-
-Der Baumeister begann, ohne zu zögern, mit der Arbeit. Er reckte seine
-Glieder ins Ungeheuerliche, umschlang mit seinen Armen die höchsten
-Felsenberge, hob sie aus dem Grund und spannte sein Roß Swadilfari vor,
-das sie mit Windeseile zu dem Bauplatz zog, wo der ungetüme Meister sie
-kunstgerecht schichtete. Tag und Nacht war Mann und Roß bei der Arbeit,
-und die Burg wuchs und wuchs, und staunend standen die Götter. Aber in
-ihr Staunen trat bald eine tiefe Beklommenheit, und die Beklommenheit
-wandelte sich in blassen Schrecken, als nur noch acht, dann fünf und
-jetzt nur noch drei Tage zwischen der letzten Vollendung der Burg und
-der Auslieferung der geliebten Göttinnen lagen. Eifernd zog Freya
-umher, traurig schlichen ihre Freundinnen Sonne und Mond ihr nach.
-
-Da traten die Götter zum Rate zusammen, und sie schwuren Loki, dem
-Verführer, furchtbare Rache auf ewige Zeit, wenn er den Vertrag, den
-er ihnen aufgeschwätzt, in letzter Stunde nicht hinfällig mache. Denn
-sie waren sich bewußt, daß ohne Freyas Wärme und ohne der Sonne und des
-Mondes Licht Himmel und Erde vereisen und verkümmern müsse. Sie packten
-Loki und schüttelten ihn im Zorn, daß ihm Feuer aus den Augen sprang
-und er in Todesängsten alles versprach, die Götter zu befreien.
-
-Wohl hatte er gesehen, daß der fremde Baumeister seine Arbeit nur mit
-Hilfe seines Hengstes Swadilfari schaffen könne. Den Hengst mußte er
-ablenken. Und er nahm die Gestalt einer schönen Stute an und lief dem
-arbeitenden Hengst in den Weg. Der Hengst blieb stehen, schnob durch
-die Nüstern und stieß ein liebestrunkenes Wiehern aus. Alsbald tänzelte
-ihm die Stute vor der Nase herum, tat verliebt und vertraulich und stob
-von dannen, wenn der Hengst sie zu fassen glaubte. Dem Hengst stieg das
-Blut in die Augen. Das Liebesspiel brachte ihn um die Vernunft. Und als
-die Stute ihm wieder schmeichlerisch nahe kam, ließ er Arbeit Arbeit
-sein, warf das Geschirr ab und jagte hinter der gefallsüchtigen Schönen
-drein. Da flogen die Funken von ihren Hufen, und ganz Asgard erdröhnte
-von dem wilden Galopp. Drei Tage und drei Nächte ging die wilde Jagd,
-bis sich die Stute dem Hengst ergab, und der Baumeister stand in der
-Stunde, in der er die Burg übergeben sollte, vor dem unvollendeten Werk.
-
-Zornbebend rief er die Götter herbei, schrie ihnen Lokis Verrat ins
-Gesicht und forderte sie auf, ihre Eidschwüre zu halten, wie es die
-Wahrhaftigkeit geböte.
-
-Die Götter aber blieben kalt bei seinem Toben. Sie wiesen auf das
-unvollendete Werk und schickten Freya und die Jungfrauen Sonne und
-Mond in ihre Gemächer.
-
-»Meineidige seid ihr!« brüllte der gewaltige Fremdling, griff seine
-Werkzeuge auf und holte aus, um die Burg und mit ihr die Götter zu
-zerschlagen.
-
-In Todesnot riefen die Götter Thors, des Donnerers Namen. Und in selber
-Sekunde stand der Donnerer mitten unter ihnen, denn er fuhr mit dem
-Blitze. In der Hand wuchtete dem rotbärtigen Gotte der Hammer Mjolnir.
-Beim ersten Blick erkannte sein Auge, daß der ungetüme Baumeister ein
-Abgesandter des eisigen und dunklen Riesenreiches sei, das sich Freyas
-Wärme und das Licht von Sonne und Mond dienstbar machen wollte, und
-ohne auch nur ein Wort zu reden, lief er den Riesen an und schmetterte
-ihm den Hammer in den Schädel, daß der fürchterliche Unhold wie ein
-gefällter Baum tot zusammenbrach.
-
-Der Donnerer wischte den Hammer ab und steckte ihn in den Gürtel. Er
-strich seinen gesträubten roten Bart zurück und sah sich schweigend im
-Kreise um.
-
-Dann erst sprach er.
-
-»Nicht Rat und Rat und wieder Rat erhält am Leben. Nicht bei Göttern
-und nicht bei Menschen. Am Leben erhält nur die Tat!«
-
-Sprach's, drehte sich um und ging seiner Wege.
-
-Die Stute aber, in die Loki sich verwandelt hatte, warf von dem
-Riesenhengste Swadilfari ein wolkengraues Fohlen, wie es schneller nie
-gewesen war und niemals wieder wurde, denn es griff die Luft mit acht
-Füßen und überholte den Sturmwind. Sleipnir hieß es und wurde Wodans,
-des nordischen Odins, Roß. --
-
-Schwer an Gedanken saß Wodan an Mimirs Brunnen. Das Riesenreich hatte
-es gewagt, einen heimlichen Abgesandten nach Asgard zu entsenden, um
-die Einigkeit der Götter zu zerstören und ihnen Wärme und Licht zu
-rauben. Fast wäre den Riesen der Anschlag gelungen. Und Wodan wußte,
-als er einsam in Mimirs Brunnen starrte, daß sie von jetzt ab Anschlag
-auf Anschlag wiederholen würden, um die Götter zu verderben und über
-den Gestürzten das Reich der rohen Kraft und Gewalt und die Herrschaft
-der Zügellosigkeit aufzurichten. Und der einsam grübelnde Allvater
-wußte mehr. Von der wachsenden Üppigkeit waren die Götter zur Habgier
-und List, von der List zum Meineid fortgeschritten. Meineidig waren
-die Götter. War das besser als rohe Kraft und Gewalt der Riesen? Den
-Meineid strafte die wahrhaftige Weltseele.
-
-Und Wodan, der Allwissende, sah die Strafe.
-
-Noch war sie fern, noch konnte sie durch glühende Willenskraft
-zurückgedrängt, durch neuerwachte, neu geschürte Begeisterung an der
-Ordnung der Welt hintangehalten werden. Wegzuzaubern war sie nicht.
-Denn über Götterrunen und Himmelskunst stand die Wahrhaftigkeit
-der Weltseele, die sich selbst als oberstes Gebot -- auch für die
-Herrschenden -- eingesetzt hatte.
-
-Am Brunnen Mimirs blickte Wodan, der Einsame, in die Zukunft. Der
-allmächtige Vater der Götter und Menschen erschauerte nicht. Allvater
-erkannte Allvaters Pflicht. Ob sie schwer war, ob sie unerfüllbar war
--- es durfte ihn nicht kümmern. Läßt ein Vater seine Pflicht, wenn
-tausendfältig anstürmender Feind seine Kinder zu zertreten droht? Der
-Vater nimmt den Kampf auf, wirft sich dem Feind entgegen, lenkt ihn
-ab, tut ihm Schaden und sucht, da er sie nicht zu retten vermag, die
-Todesstunde seiner Kinder mit verdreifachten Kräften hinauszuschieben,
-so weit er es nur vermag.
-
-So auch dachte Wodan, der einsame Wanderer zur Quelle Mimirs, als er
-sich vom Brunnenrand erhob und in tiefem Sinnen heimkehrte gen Asgard.
-
-»Sie müssen den _Begeisterungstrunk_ haben,« murmelte er. »Der
-Begeisterte verdoppelt Leben und Kraft, der Zagende bringt sich
-um Willen und Frieden. Ich will ihnen den Begeisterungstrunk
-herbeischaffen, daß sie das Fürchten verlernen. Herrscher können irren,
-aber sie dürfen sich nicht fürchten.«
-
-Es war gewesen, als Asen und Wanen sich geeinigt und sich gemischt
-und dessen zum Zeichen aus ihrem vermischten Speichel den _Kwasir_
-geschaffen hatten, der die Weisheit der Asen und die Lebensfrohheit der
-Wanen wie einen feurigen Rausch im Blute trug und alle Welt mit seinen
-Gaben entzückte. Im Berge hockten ein paar Neidlinge, Zwerge von kalter
-und berechnender Klugheit, die Kwasirs hohe Gaben wohl einzuschätzen
-verstanden, ohne daß es ihnen gelang, je aus einem ähnlichen feurigen
-Götterrausch heraus zu schaffen wie Kwasir. Sie blieben Handwerker, wo
-jener Künstler war. So gedachten sie, ihm das Künstlerblut zu rauben
-und es sich zu eigen zu machen. Sie baten den göttlichen Kwasir, als er
-über die Erde wandelte und die Menschen zu veredeln trachtete, zu einem
-Gastmahl und stießen den Ahnungslosen, als er bei ihnen niedergesessen
-war, mit ihren Messern zu Tode. Das aufspritzende Blut fingen sie
-bis auf den letzten Tropfen in zwei Krügen auf und in einem Kessel,
-der _Odrerir_ genannt wurde nach dem berauschenden Blute. Die Krüge
-nannten sie Son und Bodn, das ist soviel wie Sühne und Anbietung.
-Dem Blute setzten die kundigen Zwerge Honig zu, so daß ein Met, ein
-Dichtermet daraus wurde, der jeden, der von ihm trank, mit Begeisterung
-erfüllte und zum Dichter und heldischen Sänger machte. Zu den Asen aber
-trugen die Zwerge die Kunde, der weise Kwasir sei eines Tages, da ihm
-die Gedanken mehr denn je zuflogen, an seinem eigenen Witz erstickt.
-
-Die beiden Zwerge hoben jetzt um so frecher das Haupt. Hatten sie dem
-göttlichen Kwasir seine begeisterungweckenden künstlerischen Gaben
-geneidet, so neideten sie dem reichen Riesen Gilling seine irdischen
-Schätze. Sie luden den Riesen ehrerbietig zu einem Fischzug ein,
-trieben das Boot zum Kentern in eine Brandung und schwammen tauchend
-an Land, während der ungefüge Riese jämmerlich ertrinken mußte. Dem
-jammernden Weibe Gillings aber ließen sie, als sie aus dem Hause trat,
-um den Leichnam des Mannes zu bergen, vom Dache aus einen Mühlstein
-auf den Kopf fallen, der sie zerschmetterte, und aus der unbewachten
-Wohnung raubten sie, was sie tragen konnten.
-
-Gillings Sohn jedoch, der Riese _Suttung_, verfolgte ihre Spuren,
-entdeckte die verbrecherischen Gernegroße und band sie mit Stricken,
-daß sie kaum noch atmen konnten. Er verurteilte die Gefesselten zum
-qualvollen Hungertode auf einer Meeresklippe. Vergebens boten die
-Schwächlinge Hab und Gut zur Rettung ihres Lebens. Als jedoch der
-Riese davonrudern wollte, sprachen sie ihm von dem Köstlichsten auf
-der Welt, von dem Rauschtrunk, dem Dichtermet, der da ewige Liebe,
-ewige Jugendlust, ewigen Heldenruhm schaffe. Der Riese horchte auf. Das
-dünkte dem Mann aus dem Geschlecht der Thursen und Joten, der Säufer
-und Fresser, ein begehrenswertes Lösegeld. Er nahm die Wimmernden
-mit sich, ließ sie die beiden Krüge mitsamt dem Kessel Odrerir
-herausschaffen und schenkte ihnen das armselige Dasein. Von diesen
-Beiden aber stammt die Sippe der Neidlinge allüberall.
-
-Den Rauschtrunk der Begeisterung brachte Suttung ins Riesenland heim
-und versteckte ihn in einen hohlen Berg, zu dem es keinen Zugang gab.
-Seine schöne Tochter Gunnlod steckte er mit in den Berg, damit der
-kostbare Met die kostbarste Wache habe.
-
-Diesen Wundertrank Odrerir gedachte Wodan seinen Göttern gen Asgard zu
-holen. --
-
-In Menschengestalt zog er über die Erde und fuhr über das Meer, das
-zwischen Midgard, dem Menschenheim, und Utland, dem Jotenheim,
-brandet. Und er nannte sich Bolwerk, das heißt: Böseswoller. Zuerst
-suchte er Baugi, des Riesen Suttung Bruder auf, denn er wußte, daß
-Suttung mißtrauisch sei und unzugänglich für Fremde. Neun Riesenknechte
-mähten die Felder vor Baugis Haus. Sie riefen den Fremdling an, in
-welchen Geschäften er reise und was er hier herumlungere, und Wodan
-erwiderte bescheiden, er heiße Bolwerk und sei seines Zeichens ein
-Sensenschärfer. Sein Wetzstein vermöge die Sensen zu schärfen, daß
-sie in Wiesen und Acker hineinschnitten wie in weiche Butter und kein
-Knecht mehr einen Tropfen Schweiß verlöre.
-
-Da drängten die Riesenknechte herbei und hielten ihm lüstern die
-nackten Sensen hin, daß er sie wetze. Bolwerk aber zog einen gemeinen
-Wetzstein hervor und warf ihn hoch über ihre Köpfe. »Fangt ihn!« rief
-er. »Wer ihn fängt, kann ihn behalten!« Und so hastig und wild fuhren
-die Riesenknechte nach dem sausenden Stein herum, daß die ungeschützten
-Sensen durcheinander wirbelten und einer dem andern, im Drange, den
-Stein zu erwischen, den Kopf vom Halse säbelte. Wodan aber entwich, bis
-es Abend war.
-
-Er fand den Riesen Baugi jammernd vor seinem Hause sitzen und befragte
-ihn nach dem Grunde seiner Traurigkeit.
-
-»Meine Knechte,« wetterte der Riese, »müssen sich während des Mähens
-toll und voll gesoffen haben, denn sie haben jählings das Raufen
-bekommen und sich allzumal umgebracht. Ich aber kriege für die
-drängende Ernte keine Knechte mehr.«
-
-Der fremde Wanderer, der sich Bolwerk nannte, tröstete den Riesen.
-
-»Was ist dabei? Ich habe Kräfte für neun. Wohl schaffe ich dir die
-Ernte ganz allein, wenn du mir dagegen ein Trünklein von dem Wundermet
-deines Bruders Suttung verschaffst, von dem ich in fernen Landen so
-viel Rühmendes hörte.«
-
-Der Riese Baugi kratzte sich bedächtig den Kopf.
-
-»Was den Met angeht, o Bolwerk, so ist mein Bruder Suttung in der
-Spendung auch nur eines Schlückleins hartleibiger als ein Drache. Aber
-eine Liebe ist die andere wert. Hilfst du mir, so helf ich dir.« Und
-sie gaben sich den Handschlag darauf.
-
-Einen Sommer lang mähete Wodan des Riesen Felder und brachte die Garben
-bis auf die letzte unter Dach und Fach. Er, der einzige, allein. Und
-Baugi gedachte seines ehrlichen Wortes und ging zur Winterszeit mit
-seinem Knechte Bolwerk zu seinem Bruder Suttung, der sie beide vor die
-Türe warf.
-
-»Geht's nicht auf gradem, so muß es auf krummem Wege gehen,« sprach
-Bolwerk zu Baugi. »Zeige du mir nur den Berg.«
-
-Da wies ihm Baugi heimlich den Berg, den undurchdringbaren, und
-freute sich hämisch, daß er nun seines Wortes ledig sei, ohne daß er
-den Bruder dem Fremdling zuliebe verriete. Wodan jedoch trug einen
-Zauberbohrer bei sich, mit dem er ein feines Löchlein in den Felsen
-bohrte, bis der Bohrer in die Höhlung stieß, und er verwandelte sich in
-ein blitzschnell gleitendes Schlänglein und glitt durch das Bohrloch in
-den Berg, verwandelte sich in seine Göttergestalt zurück und stand in
-bezwingender Allgewalt vor der heiß erglühenden Jungfrau Gunnlod.
-
-»Nie sah ich einen Mann,« stammelte die Erregte, »so herrlich
-anzuschaun wie du.«
-
-»Wodan bin ich, der Herrscher aller Welten, und ich komme zu der
-Schönsten, die da lebt. Reich mir den Willkommentrunk, mein Mädchen.«
-
-Da reichte sie ihm den Krug Son, und er trank ihn leer in der ersten
-Nacht, die sie in seinen Armen lag, und reichte ihm den Krug Bodn, und
-er trank ihn leer in der zweiten Nacht, die sie in seinen Armen lag,
-und reichte ihm alles vergessend den Kessel Odrerir, und er trank ihn
-leer in der dritten Nacht, die sie in seinen Armen lag. Und in seliger
-Begeisterung gebar sie ihm einen Sohn, der hieß _Bragi_.
-
-Und als Wodan den letzten Tropfen des Begeisterungstrankes in sich
-aufgenommen hatte, verließ er mit seinem Sohne den Berg, wandelte sich
-in einen Adler und schwang sich mit Bragi, der als jauchzendes Lied auf
-seinem Rücken ritt, in Himmelshöhen zum Flug gen Asgard.
-
-Der Riese Suttung vernahm den jauchzenden Sang und den Flügelschlag.
-Da wußte er jäh, was ihm geschehen war. Den Zauber der Riesen ließ er
-spielen und stürmte als Adler dem Adler nach. Hin flog das stürmende
-Lied in die göttliche Freiheit, und die riesische Unvernunft setzte
-ihm nach, um es in ihren hohlen Berg zu sperren. Asgard nahe war
-Wodans Adler, der den Trank Odrerir im Leibe trug. Fast hatte ihn
-der Riesenadler erreicht. Die Götter eilten herbei. Schon flog die
-Begeisterung zu ihnen hinüber. »Heil!« riefen sie Wodan zu. »Dreifach
-Heil!« Und Becher und Schalen trugen sie herbei und hielten sie
-Wodans Adler entgegen. Und der Adler ließ aus seinem Schnabel den
-Begeisterungstrunk Odrerir, den er in sich trug, in die Becher und
-Schalen brausen, den schalen Bodensatz aber, der im Bauche verblieben
-war, in scharfem Strahl aus dem After fahren, also, daß er dem
-Riesenadler in die Augen beizte und Suttung wie verblödet niederfuhr.
-
-Von diesem stammt die Sippe der Afterdichter, die echter Begeisterung
-bar sind.
-
-In Walhall aber, in Wodans gewaltiger Halle, kreiste der Becher der
-Begeisterung, erbrausten die Dichterlieder und schufen Heldenblut. Und
-als Bragi heranwuchs, der Gott der Dichter und der Sänger, vermählten
-ihn die Götter mit Idun, der Göttin der ewigen Jugend, die die Äpfel
-des Jungseins hütete, die nimmern altern lassen.
-
-Seit jener Zeit gehören göttliche Dichtkunst und ewige Jugend unlösbar
-zusammen.
-
-
-
-
-Die Götter auf Kundschaft.
-
-
-Seit der Begeisterungstrunk in Walhall die Runde machte und Bragi, der
-Dichtergott, seine Lieder sang von Heldentum und ewig jungem Ruhm,
-gewannen die Götter ihre alte Festigkeit zurück, und ihr Mut loderte
-auf wie eine heilige Flamme gegen jedes dunkle Schicksal, das an ihrer
-Vernichtung arbeitete. Reicher denn je und freudiger denn je stiegen
-die Opfer gen Himmel, welche die Menschen darbrachten, die wie die
-Götter zu kämpfen hatten gegen dunkle Mächte und sichtbare Feinde
-allüberall und darum _die_ Gottheiten am meisten liebten, die ein
-kriegerisch Herz in der Brust trugen wie sie selber.
-
-Das sah Loki, der neidische, mit starkem Unbehagen, und seine Arglist
-suchte, wie er den im Opfer bevorzugten Göttern Schaden antun könne,
-um sie niederzuhalten und sich selbst zu heben. Es war zu der Zeit,
-da Donar, der donnernde Thor, seine Kampffahrten plante gegen die
-unheilstiftenden Riesenmächte in Utgard, die seit des Riesenbaumeisters
-Erschlagung in rastloser Unruhe blieben.
-
-Loki war nicht wählerisch, wenn es sich um die Erreichung seiner
-ehrgeizigen Ziele handelte. Er wünschte insgeheim die Aufrührer zu
-stärken und ihnen einen Zuschuß von der Unbeugsamkeit der Götter zu
-geben. Darum fuhr er gen Utland ins riesische Jotenreich und fand eine
-Riesin, Angurboda, ein fürchterliches Weib, die ihm grinsend zu Willen
-war und ihm Drillinge gebar von scheusäligem Aussehen. Den Fenriswolf,
-die Schlange Jormungand und ein grausiges Weibsgeschöpf, die Hel.
-
-Allvater erforschte die Drei, als er in einsamer Stunde den Runenzauber
-befragte nach den Feinden Asgards und der Asen. Die Götter gingen zu
-Rat und beschlossen, den Riesen die Kinder Lokis abzufordern, da sie
-zum Wohnsitz des Vaters gehörten. Die Riesen willfahrten knirschend,
-denn noch wagten sie nicht offene Auflehnung gegen ihre Beherrscher.
-
-Die Götter prallten zurück, als man die Scheusale vor sie brachte.
-Lokis Brut zu ermorden, widerstand ihnen an geheiligter Himmelsstätte.
-Aber unschädlich sollte sie gemacht werden. Und Wodan packte die
-Schlange und schleuderte sie in das Meer, das sich brausend um Midgard
-schlingt, und die _Midgardschlange_ dehnte ihren eklen Leib, daß er
-rund um die Erde reichte und das Meer erfüllte, und sie biß sich mit
-scharfem Gebiß in den eigenen Schwanz, also, daß sie einen ungeheuren
-Ring bildete. Das grausige Weib, die _Hel_, verbannte Wodan in die
-tiefste Tiefe von Niflheim und setzte sie über die Totenwelt, in die
-nur gelangte, der an schleichendem Alter und Krankheiten aller Art,
-nicht aber an ehrlichen Schlachtenwunden gestorben war. Und Hel trat
-die Herrschaft an und war eine unerbittliche Forderin des Todes.
-
-Noch war der _Fenriswolf_ zurückgeblieben. Erst trieben die Götter
-ihren Scherz mit dem Wilden. Aber das Ungetüm wuchs mit jeder Nacht und
-drohte jeden zu verschlingen, der sich ihm näherte. Da hielten es die
-Götter bald für rätlich, ihn in Fesseln zu legen.
-
-Sie wanden eine Schlinge, fesselten sich selber damit und zerrissen sie
-vor des Wolfes Augen.
-
-»Nun, Fenris,« sprachen sie, »bist du auch so stark, so tue es nach.«
-Der Wolf ließ sich binden und sprengte die Fessel mit einem Ruck.
-
-Da wanden die Asen eine dreifach starke Schlinge und reizten den Wolf,
-bis er sich wieder binden und schnüren ließ. Dreimal mußte der Wolf
-anrücken. Dann sprang die Fessel in Stücke.
-
-Zu den kunstreichen Zwergen sandte Wodan und befahl ihnen, eine
-Fessel herzustellen, die nicht zu lockern sei. Und die Zwerge suchten
-die seltensten Stoffe aus aller Welt zusammen, Barthaare eines
-Weibes, Wurzelfasern eines Felsen, Sehnenfäden eines Bären, mischten
-alles mit dem Speichel eines Vogels, dem Atem eines Fisches, der
-Geräuschlosigkeit einer Katze und wanden eine schmiegsame Fessel
-daraus, die sich umso stärker zusammenzog, je heftiger man gegen sie
-anging. Und die Fessel hieß Gleipnir.
-
-An einen weltfernen, einsamen Ort begaben sich die Götter und nahmen
-den Fenriswolf wie zur Begleitung und Unterhaltung mit sich. Dort
-wiesen sie ihm die Fessel und reizten ihn wie schon zu zweien Malen,
-seine Kraft zu erproben. Aber der Wolf war mißtrauisch geworden und
-wollte nicht.
-
-»Welch einen Feigling führen wir in unserer Mitte,« höhnten die Götter
-ihn aus.
-
-Der Wolf wurde ärgerlich und wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen
-lassen.
-
-»Ich fürchte mich vor nichts,« grollte er, »aber ihr könntet mich bös
-verzaubern, während ich beschäftigt bin, die Fesseln zu sprengen.
-Lege mir also einer von euch die rechte Hand in den Rachen, damit das
-Wagestück ordnungsmäßig vonstatten geht. Ich beiße sie ab, wenn ihr
-Zaubereien treibt.«
-
-Verblüfft sahen sich die Götter an. Die Schwerthand wünschte nicht
-einer zu opfern. Da trat heißen Angesichtes der tapfere Ziu vor,
-den die Nordmänner Tyr nannten und dem die jungen Krieger als ihrem
-Schlachtengott in blanken Schwertertänzen huldigten; er schob dem
-Untier wortlos die Rechte in den Rachen. Nun ließ der Fenriswolf
-das Abenteuer geschehen. Aber als ihn die Fessel Gleipnir wie mit
-Schlangenarmen umwand, daß ihm der ohnmächtige Schweiß aus allen
-Poren brach und er spürte, daß seine Kraft überwältigt sei, als die
-Götter die Fessel im Grunde der Erde verankerten, so daß er nimmer los
-konnte, schnappte er zornwütig zu und biß Tyr, der nicht mit der Wimper
-zuckte, die rechte Hand ab. So gab der Gott selber seine Buße. Dem
-Wolf aber, der alles um sich her zu verschlingen drohte und mit seinem
-durchdringenden Geheul Lebende und Tote erschreckte, stießen die Asen
-ein Schwert zwischen die aufgerissenen Kiefern, daß das Geheul erstarb
-und nur der Geifer des Wütenden in Strömen hervorschoß. Dann ließen sie
-ihn in der Einsamkeit. --
-
-Wieder saß in Asgard Wodan, der Odin der Nordmänner, und lange währte
-sein Gespräch mit Donar, dem donnernden Thor, der nach ihm der
-mächtigste war, der Mann der Tat. Ernst blickte Thor, und er nickte zu
-allem, was Allvater sprach.
-
-»Das Schicksal der Götter,« sprach Allvater, »liegt in der Götter
-eigener Hand. Mut schreckt es zurück.«
-
-»Es ist wie bei den Menschen,« sprach Thor. »Jeder ist Herr seines
-Schicksals, solange er um sich schlägt.«
-
-»Herrscher und Führer,« sprach Allvater, »sitzen auf weithin sichtbaren
-Stühlen. All ihr Tun ist leicht zu übersehen, und es ist leicht darum,
-sie anzugreifen.«
-
-»So sollen sie,« sprach Thor, »nicht auf den Angriff warten, sondern
-den Angriff vorantragen.«
-
-»Du bist des Vaters echter Sohn,« schloß Allvater. »So gehe denn hin
-und forsche den Feind in seinem Lager aus.«
-
-Asathor schirrte seine Böcke in den Wagen. Er schnallte den
-Stärkegürtel um, der seine Kraft verdreifachte, und legte die
-Eisenhandschuhe an, mit denen er den Stiel seines Hammers Mjolnir
-fassen konnte, wenn der Hammer mitsamt dem Stiel glühend geworden war
-in der Hitze des Kampfes. Den Hammer selbst barg er am Busen. Dann lud
-er Loki zum Fahrtgenossen.
-
-»Es ist besser, ich habe dich bei mir, als daß du in Asgard Schabernack
-treibst.« Und Loki, dem das Schicksal seiner Brut vor ängstlichen Augen
-stand, sagte ihm gute Reisekameradschaft zu.
-
-Gen Utgard ging die Fahrt, und am Abend des ersten Tages hatten sie
-den Rand der bewohnten Erde am Meeresstrande erreicht und luden sich
-bei einem Bauern zur Nacht ein. Schwer hatten die Felder des Bauern
-mit den unwirtlichen Mächten aus dem jenseitigen Utgard zu kämpfen,
-und um die Armut des Mannes zu schonen, schlachtete Thor seine Böcke
-zur Abendmahlzeit, gebot aber jedem in der Familie, die Knochen fein
-säuberlich zu behandeln und unversehrt auf die Bockfelle zu legen. So
-sättigten sich alle und dankten dem gütigen Spender. Loki aber trieb
-es schon wieder, dem starken Gott Verlegenheiten zu schaffen, und er
-beschwatzte den Sohn des Bauern, ein Schenkelknöchlein zu öffnen und
-das leckere Mark herauszusaugen.
-
-In der Morgenfrühe stand der Donnerer zur Weiterfahrt bereit. Er
-beschrieb mit dem Hammer sein Zeichen über Felle und Knochen, und
-augenblicks standen die Böcke fahrtbereit im Geschirr. Der eine Bock
-aber lahmte ein wenig und hinderte die schnelle Fahrt.
-
-Thor griff nach seinem Hammer. Seine Augen blitzten vor Zorn und
-sein Rotbart sträubte sich. Da erkannten ihn die Bauersleute als den
-Gewaltigen, der ihre Äcker und ihr Leben schützte, und sie umfaßten
-seine Knie und blickten ihn aus treuen Augen an.
-
-»Asathor, es ist nicht unsere Schuld. Der, den du bei dir führst,
-erlaubte unserem Sohne _Thjalfi_, den Knochen zu öffnen und das Mark zu
-saugen. Nimm unseren Sohn Thjalfi zur Sühne als deinen Diener mit dir.
-Keinen schnelleren im Lauf findest du unter den Menschen.«
-
-Der Donnerer nahm die Sühne an und reichte die Hand freundlich zum
-Abschied. Und zu Loki gewandt, meinte er lächelnd: »Ich sehe, daß du
-lieber läufst, als fährst. Es wird ein beschwerlicher Marsch werden,
-der Schweiß kostet und Blasen unter den Füßen, aber du hast es gewollt.
-Auf, Thjalfi!«
-
-Und er ließ das Bockgespann bei dem Bauern, daß er es bis zu seiner
-Rückkehr gut verpflege und den Schaden heile.
-
-Durch das Meer schwamm Thor mit Loki und Thjalfi, und er wanderte mit
-ihnen durch die Wälderwildnis von Utgard, daß Loki oft erseufzte.
-Und sie fanden nichts Lebendiges und keine Herberge. Erst in dunkler
-Nacht stießen sie auf eine Behausung. Aber statt durch eine Tür
-mußten sie durch eine Art großen Schuppens kriechen und zählten vier
-langgestreckte Hallen mit einer fünften gekrümmten als Nebengelaß.
-Todmüde sanken sie in Schlaf. Plötzlich fuhren sie wieder empor. Das
-Haus schwankte unter einem greulichen Sturmgezeter wie ein Schiff, das
-kieloben zu gehen droht, und sie retteten sich eilends ins Freie und
-wachten den Morgen heran.
-
-Am Morgen machte sich Thor auf Kundschaft. Er ging dem Sturmgezeter
-nach und stieß bald auf einen Riesen, der den Wald mit seinem
-Schnarchen füllte wie die Sturmtrompeten die Luft, und Thor nahm
-seinen Hammer. Im selben Augenblicke sprang der Riese auf und war so
-bergehoch, daß Thor kaum zu seinem Haupte hinaufzusehen vermochte
-und den Hammerwurf unterließ. »Ich suche meinen Handschuh,« knurrte
-der Riese, spähte umher und hob die Behausung auf mit den vier
-langgestreckten Sälen und dem fünften als Nebengelaß. Thor machte runde
-Augen. Im Handschuh des Riesen hatte er mit seinen Gesellen genächtigt.
-
-Der Riese aber machte sich gutmütig mit den fremden Wanderern bekannt,
-nannte sich selber _Skrymir_, das ist so viel wie Großmaul, und meinte,
-auf den Donnerer weisend. »Dieser da ist unverkennbar. Es ist Asathor,
-der den Hammer führt.« Und er erbot sich, ihnen den Weg zur Königsburg
-in Utgard zu weisen.
-
-»Ihr seid für den Marsch zu sehr mit euren Vorratssäcken belastet,«
-meinte er bei der gemeinsamen Wanderung. »Gebt mir die Bündel. Einem
-Kerl wie mir macht es nichts aus.« Und er öffnete den eigenen Rucksack,
-packte die Bündel seiner Begleiter hinein, schnürte den Sack zu und
-warf ihn wie eine Feder über die Schulter. Damit waren die drei
-Wanderer wohl zufrieden. Weniger zufrieden aber waren sie, daß sie
-mit den Riesenbeinen Schritt halten und einen ganzen Tag lang, bis
-zum Einbruch der Nacht, Jagdhunden gleich hinter Skrymir durch nicht
-endenwollende Waldwildnisse rennen und stolpern mußten, ohne essen
-oder trinken zu können. Und als der Riese endlich Halt machte, weil es
-pechdunkel im Walde geworden war, und die drei Gesellen atemlos bei
-ihm anlangten, hatte sich Skrymir bereits in das Moos gebettet und
-schnarchte, daß die Baumwipfel brausten und die Vögel aus den Nestern
-stürzten.
-
-Loki drehte sich vor Hunger auf einem Beine und verwünschte die
-verunglückte Reise. Thjalfi, der Läufer, ließ die ausgetrocknete Zunge
-bis zum Kinn hinunterhängen. Thor aber donnerte sie an: »Nie hilft
-schimpfen zum Ziel oder schweigendes Ertragen! Regt die Hände! Packt
-an!« Und sie packten zu dritt des Riesen Rucksack und wälzten ihn
-herum und mühten und mühten sich vergebens, die Verschnürung zu öffnen.
-
-Thor griff nach dem Hammer.
-
-»Wach auf, du Schnarcher,« rief er, »wir verhungern!« Und er schlug ihm
-den Hammer auf den Schädel, daß der Wald wie von einer Pauke erdröhnte.
-
-Der Riese wischte schlaftrunken über seine Stirn. »Es ist mir ein Blatt
-auf den Kopf gefallen,« murmelte er, und schon schnarchte er weiter.
-
-Thor stutzte. Dann sammelte er eine Zeit lang weise seine Kräfte, hob
-den Hammer und jagte ihn in Skrymirs Wirbel, daß von dem Gedröhne die
-Berge hüpften.
-
-Wieder fuhr sich der Riese schlaftrunken über den Kopf. »Diesmal
-ist mir eine Eichel auf den Kopf gehüpft,« murmelte er, und schon
-schnarchte er weiter.
-
-Sprachlos starrte der Donnerer auf den ungeheuren Mann, bei dem selbst
-sein Hammer versagte.
-
-»Laß ab,« bat Loki in Ängsten, »hier findest du leicht deinen Meister.
-Laß uns umkehren und nimmer wiederkommen.«
-
-Mit einer Handbewegung tat Thor den Schwätzer ab. Bis es dämmerte,
-ruhte er. Dann erhob er sich neu gestärkt, ließ so schnell den Hammer
-kreisen, daß er Blitze schoß, und schmetterte ihn mit Donnergekrach
-tief in des Riesen Schläfenbein.
-
-Der aber wurde munter und sprang auf die Füße. Mit der Hand wischte er
-sich den Kopf.
-
-»Pfui! Pfui! Da hat ein Vogel mir 'was auf den Kopf klatschen lassen.
-Ich mach mich davon.«
-
-»Erst zeig den Weg zu Ende!« verlangte Thor.
-
-Der Riese sah die von den Nachtwachen, von Hunger und Durst Ermüdeten
-forschend an. »Wenn ihr auf eurer Reise besteht, so sei's. Aber ich
-warne euch. Der König _Utgardloki_, zu dem ihr wollt, gebietet über
-Riesenkerle, gegen die ich nur ein Kinderspaß bin. Seid also fein
-bescheiden an seinem Hof, haltet die Zunge im Zaum und überhebt euch
-nicht, damit ihr halbwegs gesund von dannen schlüpft. Ich an eurer
-Stelle trollte mich schleunigst und setzte meinen guten Namen nicht
-aufs Spiel.«
-
-»Schweig, du Großmaul,« gebot Thor, »und weise den Weg.«
-
-Da deutete Skrymir auf eine Waldlichtung, schulterte seinen Sack und
-verschwand zwischen den Bäumen.
-
-Ohne Zögern marschierte Thor auf die Waldlichtung zu, ob auch Loki
-ihn anflehte, das Abenteuer auf günstigere Zeiten zu verschieben. Und
-als sie die Waldlichtung erreicht hatten, sprang vor ihnen auf einem
-Felsen Utgardlokis Burg bis in die Wolken, von einem Eisengitter dicht
-verschlossen. Kein Wächter meldete sich, als sie riefen.
-
-»Wir sind so klein wie die Ameisen vor diesem Riesenwall,« jammerte
-Loki.
-
-»Auch Kleinheit kann vom Flecke helfen,« entgegnete Thor. »Sieh her!«
-Und er zwängte sich leicht durch die Gitterstäbe und half den Gefährten
-nach. So kamen sie in den Burghof, auf den die Königshalle mündete, und
-Thor führte die Gefährten hocherhobenen Hauptes in die Halle.
-
-Auf erhabenem Throne, die Schar seiner Riesenmannen um sich, saß in
-dunkler Pracht der König Utgardloki. Er zwinkerte mit den Augen, als
-vermöge er nicht recht zu erkennen, was sich über den Boden zu seinen
-Füßen auf ihn zu bewege.
-
-»Ei, du putziger Kleiner,« rief er dem Donnerer zu, »was bist denn du
-für ein Kerlchen?«
-
-»Ich bin Donar, der Ase, den sie den Thor nennen. Ich komme, dich zu
-besuchen.«
-
-»Kleiner Scherzbold,« spottete der Riesenkönig, »Asathor willst du
-sein? Den hatte ich mir als einen Mann gedacht, immerhin mir bis
-zum Bauche. Doch vielleicht -- wer weiß es -- kannst du mit deinen
-Gefährten da allerlei Taten, die euch ein Wettspiel mit meinen Mannen
-suchen lassen.« Und er lachte, daß sein Bauch schütterte.
-
-Der hungernde Loki sprang vor.
-
-»Ich vermesse mich,« rief der Listige, »jeden zu schlagen, der es mit
-mir im Essen aufnehmen will. Und sei sein Magen so lang, daß ich selbst
-darin wohnen könnte.«
-
-Die Wette machte dem König Spaß, und er winkte einem seiner Hofleute,
-den er Logi rief, sich bereit zu machen. Da wurde zwischen die beiden
-Kämpen ein Trog geschoben, bis zum Rande gehäuft mit Rindervierteln,
-und Loki, der Ase, setzte sich an das eine Ende des Troges, und Logi,
-der Riese, an das andere. Dann gab der König das Zeichen. Und sie
-aßen und fraßen, daß ihnen die Augen aus den Höhlen quollen und den
-Zuschauern die Haare zu Berge standen, und als sie in der Mitte des
-Troges mit den Köpfen aneinanderprallten, war der Trog bis auf den
-Boden leer, und sie leckten sich die Lippen.
-
-Der König kam und sah in den Trog hinein. Da lagen in der Hälfte, die
-Loki, der Ase, leergezehrt hatte, die Knochen abgenagt und ausgesogen
-bis aufs Mark. Logi, der Riese, aber hatte die Knochen samt dem
-Fleisch verschlungen und seinen halben Holztrog obendrein. Darum wurde
-der Riese für den Sieger erklärt. Loki war es einerlei. Er war satt
-geworden.
-
-Und der König wandte sich an Thjalfi und fragte ihn, in welcher Kunst
-er sich etwas zutraue.
-
-»Ich bin ein Schnelläufer,« antwortete der Jüngling, »stellt mich auf
-die Probe.«
-
-Der König rief einen Diener, den er Hugi nannte, und alle gingen sie
-auf ein weites Feld. Der Knabe rannte wie der Wind nach dem Ziel, aber
-Hugi flog ihm voraus und kehrte zu ihm zurück, und Thjalfi mußte sich
-geschlagen geben.
-
-Nun wandte sich der König Utgardloki dem Donnerer zu.
-
-»Die Reihe ist an dir. Beweise uns die überlegene Kunst der Asen und
-wähle selber.«
-
-Da wählte Asathor das Trinkhorn. Denn er war ein Zecher, der alles
-Lebende unter die Bänke trank.
-
-So saßen sie in der Halle auf der Metbank nieder, und Utgardloki hieß
-das Horn bringen.
-
-»Sieh dir meine Mannen an, Thor. Sie leeren dies Horn auf einen Zug,
-wenn sie bei Laune sind. Sicherlich aber in zwei Zügen. Wer es aber mit
-dreien nicht zu leeren vermag, der läßt das Trinken den Männern und
-schleicht sich hinaus zu den zullenden Knaben.«
-
-»Laß dein törichtes Reden,« sprach Asathor und hob dürstend das Horn,
-daß der Inhalt in Strömen in ihn hineinlief und alle Mannen die Hälse
-reckten. Aber als er tiefatmend das Horn absetzte und hineinblickte,
-bemerkte er zu seiner Bestürzung, daß das Getränk nicht um eines
-Fingers Breite abgenommen hatte.
-
-»Du bist weise,« sagte Utgardloki. »Du hast zunächst nur eine Kostprobe
-nehmen wollen.«
-
-Zornig setzte Thor das Horn zum zweiten Male an. Aber nur der Innenrand
-des Hornes war freigelegt.
-
-»Nun hast du dir zur Genüge den Mund ausgespült,« heuchelte der
-Riesenkönig. »Bist du nun endlich auf den Geschmack gekommen, so
-trinke!«
-
-Asathors Antlitz färbte sich so rot wie sein Bart. Er packte das
-Trinkhorn, daß es knirschte. Und zum dritten Zuge hob er es an den
-Mund und sog und sog, daß ihm die Adern wie Stricke über den Schläfen
-schwollen, und stürzte und stürzte, daß es wie Meerflut in seinem
-Halse rauschte, und setzte endlich ab. Da war der Trank im Horn weit
-zurückgegangen, aber ausgetrunken war er nicht.
-
-»Du bist heute nicht durstig,« meinte Utgardloki, der mit allen seinen
-Mannen ein wenig blaß geworden war bei des Gottes wildempörtem Zuge.
-»Vielleicht gefällt es dir, dich an ein Spiel zu machen, wie es unsere
-Jungmannen zu ihrem Vergnügen treiben, nämlich meine große Katze vom
-Boden zu heben. Es wird für deine Kraft eher passen.«
-
-Der Donnerer spürte den Hohn. Aber er zügelte seinen Zorn. Er ergriff
-die Riesenkatze, die sich auf den Fliesen sonnte, am Bauchfell und
-glaubte sie zu heben, aber die Katze hatte nur einen Buckel gemacht. Er
-biß die Zähne zusammen und rüttelte das Vieh, das sich steif auf den
-Beinen sperrte, zusammen. Und dann glückte es ihm, ein Bein der Katze
-hochzuheben und nicht mehr.
-
-Der Riesenkönig lächelte wie in Mitleiden. »Es ist nicht recht von mir,
-dich mit deinem schwachen Körper an Aufgaben zu stellen, die meine
-Leute mit ihren Riesenkräften spielend lösen. In Asgard magst du der
-stärkste sein. Hier kommst du, wie du selber siehst, nicht in Betracht.«
-
-»Stelle mir einen Gegner,« brüllte Thor auf in schäumender Wut, »jeden
-von euch, wer es auch sei. Ich will ihn im Ringkampf werfen, daß er das
-Aufstehen auf immer vergißt.«
-
-Die Riesen rührten sich nicht. Und erst nach einer Pause sprach
-Utgardloki sanft:
-
-»Die Bärenkraft meiner Männer scheint mir zu unsanft für dich. Versuche
-es zuerst mit einem Weibe. Ruft mir einmal meine alte Amme Elli her.
-Sie genügt für diesen Fall.«
-
-[Illustration: »Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
-stolperte ...«]
-
-Die Alte kam grinsend auf den Asen zu, und Thor nahm den Ringkampf
-auf. Mit geschlossenen Augen, wortlos vor Grimm, rang er, daß ihm die
-Muskeln auf den Armen zu tanzenden Ballen wurden. Er bekam das Weib
-nicht unter. Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
-stolperte und auf ein Knie stürzte. Schon war er wieder auf den Füßen,
-als Utgardloki die Kämpfer trennte und den schäumenden Asen für besiegt
-erklärte.
-
-»Nun aber wollen wir uns zum Mahle setzen und auch den Becher kreisen
-lassen, denn ihr habt euch nach euren Kräften gut gehalten.«
-
-Das gnädige Lob vermochte nichts über den Donnerer. Speise und Trank
-mundeten ihm nicht, und er war froh, als alle zur Ruhe gingen. In der
-Frühe wollte er mit seinen Gesellen fort.
-
-Der König der Riesen und Trolle, Utgardloki, stand am Burgtor, als die
-Wanderer am Morgen Abschied nahmen. »Nun werde ich euch wohl niemals
-wiedersehen,« sagte er bedauernd.
-
-»Nicht eher, als bis ich meiner Kräfte wieder Herr und Meister bin,«
-entgegnete Thor finster.
-
-Der König hob beschwörend die Hand.
-
-»Stärkster der Asen, du hast gesehen, daß deine Kräfte bei uns nicht
-für eine Katze und ein altes Weib ausreichen. Ich aber will dir mehr
-sagen: dein Geist reichte noch um vieles weniger aus. Eitel Blendwerk
-habe ich dir vorgemacht, und du bist ihm nicht auf die Spur gekommen.
-Ich wußte von deinem Nahen. Als Riese Skrymir begegnete ich dir im
-Walde und suchte dir deine Abenteuer zu verleiden, indem ich dich in
-die Irre führte und dich hungern und dürsten ließ. Mein Bündel war mit
-Eisenklammern verschlossen statt mit Stricken. Dreimal schlugst du
-mir auf den Schädel, und jeder Schlag hätte mich zermalmt. Aber ich
-hielt mir jedesmal einen Felsblock vor, und du merktest es nicht und
-schlugst Löcher in den Stein so tief wie ein Brunnenloch. Nie sah ich
-einen einzelnen Mann fressen, wie der verhungerte Loki fraß. Aber mein
-Logi war kein Mann, sondern wildes Feuer, das den Fraß mitsamt dem
-Trog verzehrte. Nie sah ich einen Menschen rennen, wie der Thjalfi
-rannte. Aber mein Hugi war der hin und her jagende Gedanke. Dann hobst
-du das Trinkhorn und merktest nicht, daß ich seine gewundene Spitze
-tief in das Weltmeer versenkt hatte. Meiner Treu, du hast die Flut so
-niedergetrunken, daß von heute ein Zustand im Meere eingetreten ist,
-den man die Ebbe nennen wird. Als du die Katze beim Bauchfell packtest,
-merktest du nicht, daß du die Midgardschlange gepackt hattest, die wie
-ein Ring um die Erde liegt. Als du der Katze das Hinterbein hobst,
-hattest du schon den Schwanz der Schlange aus dem Meere emporgerissen.
-Die alte Amme Elli aber, du blinder Thor, war das Alter, das keiner
-überwindet und dem keiner stand hält. Dir mußte sie erst ein Bein
-stellen, und trotzdem --«
-
-Thors Gestalt begann zu wachsen. Jedes Haar in seinem Rotbart richtete
-sich steil empor. Seine Hand tastete nach dem Hammer.
-
-Utgardloki, der König der Riesen und der zaubergewandten Trolle, ließ
-kein Auge von ihm. Seine Stimme wurde kreischend. Der Triumph über
-seinen Sieg raubte ihm die Vernunft.
-
-»Hör mich zu Ende, schneller Gott. Wir haben dich und deine Asenkraft
-jämmerlich betrogen und werden es wieder und wieder tun. Nimm dein
-Erlebnis als Warnung! Kehre nie zu uns zurück! Wir machen deinem
-Schädel neues Blendwerk vor, daß du wie ein brüllend Tier in der Irre
-läufst und das Gelächter der Welt dich nach Hause hetzt. Schau her und
-such die Burg von Utgard!«
-
-Thor schwang den Hammer. Jäh hielt er ein, denn er hätte ihn ins
-Wesenlose geschleudert. Die ragende Burg zerfloß vor seinen sehenden
-Augen in Nebelstreifen. Und wo der König Utgardloki gestanden hatte,
-zog ein dampfender Schwaden durch die Luft. -- --
-
-Zornigen Mutes wanderte der Donnerer dem Meere zu. Seine Begleiter
-folgten ihm scheu. Und der Zorn verwandelte sich in Nachdenklichkeit
-und befreite sich in einem fröhlichen Götterlachen.
-
-»Ich habe eine Lehre erhalten,« sprach der starke Ase, »und eine Lehre
-ist so viel wie ein Sieg. Denn eine Lehre ist die Gebärmutter neuer
-Taten.«
-
-»Wie nennt sich die Lehre?« fragte Loki und schlich sich horchend
-herbei.
-
-»Wenn du zu Spitzbuben gehst, _schlag zu_, bevor sie dich prellen,«
-antwortete Thor, schwamm, von seinen Begleitern gefolgt, durch das
-Meer, fand bei den Bauern am Erdenrand seine geheilten Böcke wieder
-und fuhr, durch die Wolken donnernd, heim gen Asgard.
-
-Lange weilte er bei Wodan im Gespräch, und als er ihn hochgemut
-verlassen hatte, begab sich Allvater zu der Göttin Saga kühlem Saal,
-über den die Wogen rauschten, und trank mit ihr aus goldenen Gefäßen,
-während er in Dichterworten sprach und Saga sang. -- --
-
-
-
-
-Im Zeichen des Hammers.
-
-
-Immer mehr häuften sich die Klagen über die Gewalttaten der
-Riesenmächte. Seit sie die Asen in Schuld verstrickt wußten, seit sie
-an den Himmlischen Schwächen und Fehler erkannt hatten, seit sie in dem
-gefürchteten Donnerer, nach Thors Fahrt zu Utgardloki, nichts anderes
-als einen Tölpel von Bauerngott zu erkennen glaubten und in dem Asen
-Loki oft genug einen stillen Verbündeten, wuchs ihre freche Anmaßung
-zur Unerträglichkeit, und besonders die Menschen hatten unter ihren
-räuberischen Übergriffen schwer zu leiden.
-
-Der Donnerer aber hatte die erhaltene Lehre nicht vergessen. Tag und
-Nacht war er auf der Fahrt, und wohin ihn sein Bockgespann nicht
-trug, dorthin wanderte er mit seinem Hammer zu Fuß. Reißende Ströme
-durchwatete er, steile Felsenhäupter erklomm er, um der Räuber und
-Mörder der Menschen habhaft zu werden. Wo immer er sie antraf, stellte
-er sie wortlos zum Kampf und zerschmetterte ihnen mit seinem Hammer den
-Schädel. Da die Säufer und Fresser aber, die Thursen und Joten, Scharen
-von Kindern erzeugten, die in wenig Nächten stark und dick wie ihre
-Väter waren, so hatte der Hammer Tag und Nacht zu tun, ohne daß er die
-furchtbare Arbeit vollauf zu bewältigen vermochte. Und der Donnerer sah
-die wachsende Gefahr, wie Allvater Wodan am Brunnen Mimirs, mit stiller
-Sorge und schlug um so unerbittlicher drauflos, um Luft zu schaffen und
-den Göttern Zeit.
-
-Nach _Freya_ stand der gierige Sinn der Riesen. Ihre strahlende
-Wärme brauchten sie für ihr kaltes Reich und ihre Lieblichkeit zur
-Auffrischung ihres Wesens. Dessen waren die Götter sich wohl bewußt,
-und sie hatten Ursache genug, offene und versteckte Angriffe zu
-erwarten und abzuschlagen. Im übrigen aber schützte sie Thors Hammer.
-
-Um so furchtbarer war darum die Bestürzung, als eines Morgens der
-Hammer verschwunden war. Der Donnerer hatte ihn in einer Nacht, die
-er daheim verbringen konnte, neben sich auf dem Lager gehabt. Als
-er erwachte, griff er, wie stets zuerst, nach dem Stil. Er tastete
-vergebens. Mit einem Satz war er auf den Beinen, suchte sein Haus ab
-und donnerte die Götter aus dem Schlummer. »Wer hat mir den Schabernack
-angetan? Das ist kein Scherzspiel, und ich will es nicht leiden!«
-
-Die Götter jedoch waren unschuldig an dem Verschwinden und blickten
-dem Erzürnten offen in die Augen, ohne sich Rats zu wissen. Nur
-Loki grinste ein wenig in sich hinein. Als ihn aber der Donnerer mit
-zornfunkelnden Augen anfuhr, und die Götter klagend den Untergang
-Asgards weissagten, wenn der schützende Hammer nicht zur Stelle
-geschafft würde, wurde Loki geschmeidig, trat in den Kreis und gab sich
-ein großes Ansehen.
-
-»Obwohl ihr es euch nicht zugestehen wollt, daß ich der Klügste bin,
-um nicht das winzigste Steinlein aus eurer Krone zu verlieren, will
-ich euch noch einmal den Beweis liefern und euch damit zur Anerkennung
-zwingen. Jammert weiter. Ich fahre in die Welt und suche den Hammer bei
-Riesen und bei Zwergen, im Schoße der Erde und auf dem Meeresgrund. Und
-ich werde ihn finden.«
-
-Dann bat er Thor, ihm zu Freya das Geleit zu geben, denn er wünschte
-sich Freyas Falkenkleid zur Reise zu leihen, war aber bei Freya um
-seiner tückischen Liebeswerbungen willen nicht wohl gelitten. Freya
-willfahrte auf der Stelle und gab das Kleid. »Und wenn es von Gold und
-Silber wäre, ich gäb es her für den Hammer, der mich vor dem Begehr der
-scheußlichen Riesen schützt.«
-
-Loki legte es an und fuhr brausend von dannen. Er fuhr nicht in den
-Schoß der Erde und nicht auf den Meeresgrund. Stracks fuhr er ins
-Riesenland nach Jotunheim und fand den Riesenfürsten _Thrym_ vergnügt
-seine Rosse striegeln und schmücken.
-
-»Nun?« rief er dem heranbrausenden Loki entgegen. »Was jagt dich so
-sturmschnell nach Jotunheim? Geht es den Asen nicht gut, und suchst du
-ein Mittel gegen ihren Kopfschmerz?«
-
-»Höre mich, Thrym,« sagte Loki schmeichelnd, »ich muß den Hammer wieder
-holen. Käme ich ohne ihn heim, so möchte es mir auf ewige Zeiten übel
-ergehen.«
-
-»Ach nein,« sprach Thrym vergnügt, »den Hammer willst du zurück? Ich
-bin froh, daß ich ihn habe.«
-
-»Du kannst ihn ja doch nicht verwenden,« redete Loki ihm zu. »Nur in
-des Donnerers Hand zeigt er seine Kraft.«
-
-»Wohl, wohl,« nickte Thrym. »Und wenn er sich nicht in des Donnerers
-Hand befindet, ist er nicht gefährlicher als ein kurzgestieltes Stück
-alten Eisens. Damit ist viel gewonnen, wenn es zum Kampfe kommt.«
-
-»Zum Kampfe um Freya, Thrym?«
-
-»Um Freya, die liebliche, die süße. Aber es braucht nicht einmal zum
-Kampfe zu kommen. Die Asen können ihre heilen Köpfe und ich mein
-fröhliches Blut bewahren, wenn sie mir im Tausch Freya ausliefern
-gegen Thors Hammer. Im Arme der Lieblichen verzichte ich auf den Ruhm,
-euch zu prügeln.«
-
-»Ich werde es gerne bestellen,« lächelte Loki schadenfroh und brauste
-gen Asgard zurück. Großtuerisch trat er in den Kreis der Götter. »Wo
-ist der Hammer?« donnerte Thor.
-
-»Auf daß ihr seht, daß ich der Klügste bin -- der Hammer ist gefunden.
-Bei Thrym liegt er, dem Riesenfürsten, zehn Klafter tief in der Erde
-versteckt, und das Versteck weiß nur Thrym.«
-
-»Was frohlockst du denn, Prahlhans, der Hammer sei gefunden?« schnob
-der Donnerer.
-
-»Weil ich,« versetzte Loki mit Wichtigkeit, »den Riesen bewog,
-freiwillig den Hammer herauszugeben. Er will es tun, so ihr ihm im
-Austausch Freya zum Weibe gebt.«
-
-»Niemals,« rief Freya, die liebliche, entsetzt, »niemals lasse ich
-meinen schlanken Leib an die Dickwänste verschachern!« Und die Götter
-standen in tiefer Verlegenheit und wachsender Sorge.
-
-Nur der Donnerer hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden.
-
-»Meine Lehre besagt,« sprach er grimmig, »wenn du zu Spitzbuben gehst,
-schlag' zu, bevor sie dich prellen. Das gedenke ich auch diesmal zu
-tun, und ich werde selber gehen.«
-
-Da berieten die Götter heftig über die Ausführung der Reise, und
-Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Sie werden dir wieder ein
-Blendwerk vorgaukeln, wenn du offen als Asathor zu ihnen kommst. Drum
-rate ich dir, lege Freyas Brautkleid an und umhülle dein Gesicht mit
-Freyas bräutlichem Schleier, daß dich niemand erkennt und dich der
-liebesblinde Thrym mit offenen Armen in seinen Saal aufnimmt. Das
-andere bleibe dann leicht dir überlassen.«
-
-Wohl wehrte sich der stolze Donnergott gewaltig gegen die weibische
-Verkleidung, aber zuletzt mußte er sich dem Bitten und Drängen der Asen
-fügen, da auch er keinen besseren Rat wußte, und er ließ sich in die
-Weiberröcke zwängen, hing den klirrenden Schlüsselbund an, schmückte
-Hals und Nacken mit dem leuchtenden Schmuck Brisingamen und wickelte
-den Schleier dicht um Haupt und Feuerbart. Dann winkte er Loki.
-
-»Du begleitest mich als meine Magd. Du sollst auch deine Freude haben.«
-
-Und Loki mußte, obwohl er lieber beiseite geblieben wäre, in die
-Magdkleider hinein und mit auf die Fahrt. Funkenstiebend flog des
-Donnerers Bockgespann mit den Beiden durch die Lüfte.
-
-»Sie kommt, sie kommt,« jubelte Thrym. »Freya, die liebliche, kommt,
-mein Lager zu wärmen! Auf, schmückt mir den Hochzeitssaal, rüstet das
-Mahl, schleppt Met herbei! Diese Nacht noch ruh ich am Herzen der
-lieblichsten Göttin!«
-
-Sie saßen beim Hochzeitsmahle, und neben dem Freudetrunkenen saß
-Asathor im Brautgewand, das Antlitz dicht vom Schleier umhüllt. Wortlos
-saß er im Saal, den wohl hundert Riesen und Riesinnen füllten, um sich
-durch seine rauhe Sprache nicht zu verraten, aber er klimperte zuweilen
-mit dem Schlüsselbund und zupfte die Steine seines Geschmeides hervor,
-daß sie berauschend schimmerten und blitzten. Als aber das leckere Mahl
-mitsamt dem Met aufgetragen wurde, vergaß er die Vorsicht, aß einen
-ganzen Ochsen und acht Lachse auf einem Sitz und vertilgte dazu drei
-mächtige Fässer Met.
-
-Der Riesenfürst riß vor Staunen Mund und Nüstern auf. »Wie gefräßig das
-Täubchen ist!«
-
-Da sprang Loki dem Donnerer bei, Loki in der Magdkleidung, und er
-flüsterte dem Riesen zu:
-
-»Acht Tage hat Freya aus Sehnsucht nach dem heutigen Tage keinen
-Bissen über die Lippen gebracht.«
-
-Das tat dem eitlen Thrym in der Seele wohl, und er umfing zärtlich
-das Bräutchen und wollte es küssen. Thor gab nur den oberen Teil des
-Schleiers frei, und mit einem Schreckensschrei taumelte Thrym zurück,
-als ihn ein paar wildfunkelnde Augen trafen.
-
-Wieder begütigte Loki, Loki in der Magdkleidung, und er flüsterte dem
-Riesen zu:
-
-»Habt Ihr Freyas Augen gesehen? Acht Tage ist kein Schlaf
-hineingekommen aus Sehnsucht nach Euch! Nimmer noch brannten
-Frauenaugen in solcher Liebesglut.«
-
-»Holt den Hammer,« brüllte der Riese in trunkener Lust, »holt den
-Hammer Mjolnir! Im Zeichen des Hammers soll unser Ehebund gesegnet
-werden, wie es bei den Göttern Brauch! Freu dich, mein Mädchen!«
-
-Der Hammer wurde gebracht und in den Schoß der Braut gelegt. Da
-klingelte Asathor nicht mehr mit dem Schlüsselring. Seine Hand
-umspannte den geliebten Hammerstiel.
-
-Und plötzlich warf er den Schleier zurück und zeigte sein flammendes
-Angesicht mit dem roten, aufwärts gesträubten Feuerbart. Ein einziger
-Schrei durchgellte den Saal. Und der Hammer sauste zuerst in Thryms,
-des Riesenfürsten, Schädel und zermalmte ihn zu Brei. Und der Hammer
-sauste durch den ganzen Saal, bald hierin, bald dorthin, und wer da
-flüchten wollte, den holte er ein. Mitten im Saale stand der Donnerer
-und schlug mit seinem Hammer Mjolnir die ganze Hochzeitsgesellschaft,
-mehr als Hundert Riesen und Riesinnen, zu Tode. Wie feierte er mit
-seinem Hammer das Wiedersehen! --
-
-So groß wie die Freude in Asgard, so groß war die Wut im Jotenreich.
-Da sie dieses Mal Freya nicht haben konnten, beschlossen die Riesen,
-die Götter durch das Alter kraftlos zu machen und sich zu diesem Zwecke
-_Iduns_ zu bemächtigen, des Dichtergottes Bragi Ehegemahl, die die
-Äpfel der ewigen Jugend hütete. Doch die Jugendgöttin ging nicht über
-Asgards Wiesen hinaus, und es mußte schon ein Ase gefangen werden zum
-Austausch.
-
-Es begab sich aber, daß Wodan mit anderen Göttern eine Fahrt durch die
-Welt machte, und auch Loki gehörte der Reisegesellschaft an. An einem
-Abend trieb sie der Hunger, sich auf einer entlegenen Weide einen
-Ochsen zu greifen, und sie brieten ihn unter einer ragenden Eiche.
-Aber so lange sie ihn auch brieten, das Fleisch wurde nicht gar. Da
-gewahrten sie im Wipfel des Baumes einen Adler, der vor Freude mit
-den Flügeln schlug und ihnen zurief: »Ich leid's nicht, daß euch der
-Braten gerät! Oder ihr gebt mir so viel von dem Ochsen, als ich mag.«
-Verwundert über das seltsame Abenteuer, sagten die Götter zu; der Adler
-rauschte vom Wipfel nieder, und das Fleisch wurde gar. Der Adler jedoch
-begehrte hämisch das Beste für sich und schlug seine Krallen in die
-festen Lenden und den saftigen Bug. Da stieß ihm der gefräßige Loki
-eine Eisenstange in den Bauch.
-
-Die Stange aber blieb haften, so sehr Loki auch zog und rüttelte.
-Und der Adler erhob sich und schleifte Loki hinter sich drein, durch
-Stoppelfelder und Morast, durch stachliche Sträucher und scharfe
-Felstrümmer, also daß der Tückegott jämmerlich geschunden wurde und arg
-um Gnade flehte. Die Götter, die zurückgeblieben waren, hielten sich
-den Leib vor Lachen über des Listigen Mißgeschick und vernahmen nicht,
-was die Beiden verhandelten.
-
-»Hör mich an,« rief der Adler. »Ich bin _Thjazzi_, der Riesenfürst. Du
-sollst die Freiheit haben, wenn du mir versprichst, mir heimlich Idun
-mit den Äpfeln zu bringen. Schwöre deine heiligsten Schwüre.« Und Loki
-schwur, was von ihm verlangt wurde.
-
-Die Götter lachten noch immer, als er wieder zu ihnen stieß.
-
-»Lieblich schaust du aus, vorwitziger Loki. Man könnte dich als
-Spatzenschreck in die Felder stellen.«
-
-»Wartet ab, ob ihr nicht auch bald den Vogelscheuchen gleicht,« knurrte
-Loki tückisch und gedachte der Idun und ihrer Jugendäpfel.
-
-Nach Asgard heimgekehrt, machte er sich an die Jugendspendende listig
-heran und erzählte ihr Wunderdinge von Äpfeln, die er ganz nahe Asgard
-in einem Wäldchen vorgefunden habe, tausendmal schöner, als Iduns
-Zauberäpfel, und stachelte ihre Neugier, mit ihm hinzulaufen und die
-Äpfel zu vergleichen. Als aber die Göttin mit ihren Äpfeln in den Wald
-gerannt kam, packte sie der Riese Thjazzi und brauste, als Adler, mit
-seiner kostbaren Beute davon.
-
-Ein Kurzes, und die Götter wunderten sich, daß die holden Göttinnen
-abmagerten wie die Heuschrecken und Hängefalten bekamen und eselgraues
-Haar. Und sie wollten von ihren Liebkosungen nichts mehr wissen. Die
-Göttinnen aber zeigten mit Fingern auf die Kahlköpfe und Schmerbäuche
-der Götter und zählten ihnen die Zahnlücken auf. Da gewahrten sie mit
-Schrecken, daß sie alterten, und sie riefen nach Idun, um an ihren
-Äpfeln die Jugend zurückzugewinnen. Aber Idun war in ganz Asgard nicht
-zu finden.
-
-Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Ich sah sie mit Loki in den
-Grenzwald gehen.«
-
-Da bedrohten sie Loki mit allen Martern, und der Donnerer schwang den
-Hammer über ihn, bis Loki gestand. »Ich habe dem Riesen meinen Eid
-gehalten. Jetzt schwöre ich euch einen neuen Eid, sie wiederzuholen.«
-Und er entlieh Freyas Falkengewand und sauste, als wäre Thors Hammer
-hinter ihm, durch die Lüfte gen Jotunheim, wo er die weinende Idun
-einsam in Thjazzis Halle fand, denn der Riese war auf das Meer hinaus,
-für die Untröstliche ein leckeres Fischgericht zu holen.
-
-Blitzschnell verzauberte Loki die lachende Idun in eine Haselnuß, barg
-sie in seinen Falkenfängen und sauste mit ihr durch die Lüfte gen
-Asgard davon.
-
-Aber der Riese hörte auf dem Meere das Flügelsausen, nahm die Gestalt
-eines Seeadlers an und brauste hinterdrein. Schon war Loki mit Idun
-in Asgard angelangt, als der blindwütende Seeadler die Grenzscheide
-überstürmte. Einen Scheiterhaufen entzündeten die Götter, und Thjazzi
-flog geblendet hinein und verbrannte elendiglich.
-
-Die Götter aber und Göttinnen schmausten wie Ausgehungerte von Iduns
-Äpfeln; ihre Haut wurde wieder straff, ihre Körper schlank und stark,
-ihre Augen glänzend und ihre Lippen rot. Und es war an dem Abend eitel
-Liebesgirren in allen Kammern Asgards. --
-
-Nur des Donnerers Hammer ruhte nicht. Wo die Menschen auf Erden von
-Riesengewalten bedroht wurden, riefen sie nach dem Gott mit seiner
-malmenden Waffe, wie die Asen selbst es taten, und Thor erschien wie
-der Gewitterblitz und reinigte Land und Luft von den Unholden. Nie war
-er daheim zu treffen, immer stand er irgendwo im Kampf, und so machte
-sich Allvater Wodan einst allein auf den Weg, um einen Blick auf die
-Kräfte des Riesenreiches zu gewinnen.
-
-Auf seinem achtfüßigen Hengst Sleipnir jagte er hinaus nach Jotunheim,
-und als er mancherlei gesehen hatte, kam er an dem Reiche _Hrungnirs_,
-des mächtigsten und stärksten der Steinriesen, vorübergeritten, der ihn
-anrief.
-
-»Was reitest du für ein Roß, du Mann im Goldhelm? Es scheint mir kein
-schlechtes.«
-
-»Glaub's dir,« rief Wodan zurück. »Kein Roß im Riesenreich kommt ihm
-im Wettlauf ans Schwanzhaar.«
-
-»Hoho,« prahlte der Riese, »mein Hengst Gullfaxi wird es dem deinen
-zeigen. Gib acht, ich fange dich ein wie eine Fliege.«
-
-Und er warf sich auf den Hengst und jagte hinter Wodan drein, der ihm
-lachend entkam.
-
-In Asgard sprang Wodan vom Rossesrücken, Hrungnir aber war so tollen
-Rittes, daß er die Grenzmark übersah und wie Wodan in Asgard landete,
-von den Göttern umringt.
-
-»Fürchte dich nicht,« riefen sie ihm zu, »du sollst unser Gast sein und
-dich gesättigt heimwärts trollen.«
-
-»Seh ich wie das Fürchten aus?« höhnte Hrungnir und schritt
-unverschämten Ganges zur Halle. »Bringt mir die größte Kanne Met, daß
-ich in etwa meinen Groll ersäufe.«
-
-Da wurden ihm die Trinkhörner zugereicht, die nur Asathor allein zu
-leeren verstand, und der Riese stürzte den Met so hastig durch den
-Hals, daß er trunken wurde und in der Trunkenheit alle Götter des
-Himmels bedrohte. »Dieses Walhall nehm ich in die hohle Hand und trag
-es nach Jotunheim. Das ganze Asgard schmeiß ich ins Meer. Das ganze
-Göttergesindel prügle ich zu Tode. Nein -- doch nicht das ganze.
-Diese da, die mir den Met einschenkt, die liebliche Freya, und diese
-da, die die Farbe des reifen Kornfelds im Goldhaar trägt, die üppige
-Sif, sie nehme ich beide zu Frauen. Beide miteinander. Wer wagt und
-widerspricht?«
-
-Die Götter wichen zurück vor dem Wilden. Nur Freya schenkte ihm
-lächelnd weiter ein. Aber das trunkene Toben des Riesen wurde so
-lästerlich und sein Drohen so handgreiflich, daß einer der Asen des
-Donnerers Namen rief. »Wäre doch Thor hier und lehrte ihn Anstand!«
-
-Im selben Augenblick fuhr der Donnerer, der seinen Namensruf bis ans
-Ende der Welt zu hören vermochte, wie der Blitz in den Saal und stand
-vor des staunenden Hrungnirs Füßen.
-
-»Fort, Freya,« gebot er, »es war gut gemeint, aber für Scheusale bist
-du kein Schenkenmädchen.« Er wandte sich an den staunenden Riesen. »Was
-saugst du mit deinem ungewaschnen Maul an meinen Methörnern, trunkener
-Schuft?« Und er schlug ihm die Trinkhörner mit gewaltigem Schlage aus
-den Händen, daß der Riese vom Met ganz übergossen saß. Dann holte der
-Donnerer mit dem Hammer aus. »Jetzt aber sollst du die Zeche bezahlen.«
-
-In des Riesen Hirn wurde es licht. Er sprang vom Sitz und hob die Hände
-hoch.
-
-»Gastrecht genieß ich in Walhall. Wodan selber lud mich zu Gast! Willst
-du Asgards heiliges Gastrecht schänden?«
-
-»Ich lud dich nicht!« donnerte Thor. »Mach mir nicht lange Umstände!«
-
-»Feigling!« schrie der Riese. »Du wagst dich an den waffenlosen Mann?
-Vor allen Göttern fordere ich dich zum Zweikampf zu gegebener Frist,
-wenn du Mut im Leibe hast!«
-
-Da ließ Thor den Hammer sinken.
-
-»Trolle dich schleunigst. Ich nehme die Herausforderung an. Auf der
-Grenzscheide zwischen Asgard und Jotunheim treffe ich dich heute in
-dreien Tagen.«
-
-Pünktlich nach dreien Tagen war der Donnerer zur Stelle, und sein
-Diener Thjalfi war als Zeuge bei ihm. Die Freunde Hrungnirs aber
-hatten einen neun Meilen hohen Riesen aus Lehm aufgebaut, ihm das Herz
-einer Stute eingesetzt und ihn mit fürchterlichen Waffen versehen, als
-Beistand Hrungnirs.
-
-Thjalfi lief dem Donnerer voraus.
-
-»Wahre dich, Hrungnir,« schrie er. »Der Ase kommt unter der Erde her
-und haut dir die Füße weg.«
-
-Da warf der Riese schnell den Schild nieder und sprang mit den Füßen
-drauf, um sich zu schützen. Aber der Donnerer kam durch die Luft und
-schwang den Hammer, und der Riese warf ihm mit wilder Wucht einen
-felsengroßen Wetzstein entgegen, der den sausenden Hammer traf. Doch
-war der Hammer so unwiderstehlich geschleudert, daß der Wetzstein in
-tausend Stücke splitterte und der Steinkopf Hrungnirs zermalmt durch
-die Lüfte flog. Von einem Steinsplitter war auch Thor in der Stirn
-getroffen, so daß er vornüber stürzte, und als Hrungnir sank, wälzte
-sich ein Bein des Erschlagenen über des Donnerers Hals.
-
-Der neun Meilen lange Lehmriese mit dem Stutenherz wollte Fersengeld
-geben, aber der wackere Thjalfi, der Schnelläufer, holte ihn ein und
-haute ihn in die Kniekehlen, daß er stürzte und zerbarst. Vergebens
-jedoch mühte sich Thjalfi, das ungetüme Bein des erschlagenen Hrungnir
-von seines Herrn Hals zu wälzen, und die Götter, die er zur Hilfe rief,
-vermochten es nicht besser.
-
-Es war aber zu der Zeit, daß dem Donnerer der Sohn _Magni_ geboren war.
-Der kam herbeigelaufen, obwohl er erst drei Nächte zählte, und warf das
-Riesenbein zornig von des Vaters Hals. »Schade, mein Vater, daß ich
-nicht früher zur Stelle sein konnte. Ich hätte dir den Kerl mit der
-nackten Faust erschlagen.«
-
-Da erhob sich Thor und nahm seinen Sohn ungestüm in die Arme.
-
-»Mein Blut wird im Himmel und auf Erden nicht untergehen. Immer wieder
-werden Männer erstehen. Männer in der Not. Männer der Tat!« --
-
-Des Donnerers Name ging wie Todesschauern durch das Riesenreich. Manche
-der Thursenfürsten suchten sich freundlich zu den Asen zu stellen, und
-_Ägir_, der Herrscher der offenen Meere, lud sie zu einem fröhlichen
-Umtrunk in sein Reich. Als aber die Götter kamen, war nichts zum Feste
-vorbereitet, und Ägir versuchte es mit einer Ausrede. Es sei kein
-Braukessel vorhanden, der das nötige Maß hielte.
-
-Thor aber hatte keine Lust, auf den Männertrunk zu verzichten, und der
-Schwertgott Ziu, den die Nordmänner Tyr nannten, pflichtete ihm bei,
-denn er wußte einen Kessel.
-
-»_Hymir_«, so kündete er, »heißt der Beherrscher des Eismeeres. Der
-Gedanke der Weltseele, der mich in der Urzeit gebar und mir die
-schneidige Schärfe des Sonnenschwertes verlieh, diese göttliche
-Mutter wurde von dem Eisriesen Hymir geraubt und zu seinem Weibe
-gemacht, damit die schneidende Schärfe des Eises auch einen Abglanz
-der Sonne erhalte. So schenkt die goldene Frau dem Eismeere Hymir die
-Mitternachtsonne. Mir blieb sie mütterlich gewogen, und wenn wir Hymir,
-der den gewaltigsten Braukessel besitzt und seine Verwendung der Welt
-vorenthält, den Kessel abzufordern vermögen, so ist es nicht nur uns,
-sondern der ganzen Welt zum Gewinn. Möge mich der Donnerer mit seinem
-Hammer auf der Fahrt ins Eis begleiten.«
-
-Da war der Donnerer wohl zufrieden. Mehr noch, als seinen Durst zu
-stillen, freute es ihn, die Menschheit neuer Segnungen teilhaftig
-werden zu lassen, und schleunigst umgürtete er sich mit dem
-Stärkegürtel, steckte den Hammer handgerecht und brauste auf seinem
-Bockgespann mit dem Fahrtgenossen davon.
-
-In seiner unwirtlichen kristallenen Halle, die sich auf meterdicken
-Eissäulen wölbte, war Hymir bei der Ankunft der Gäste nicht anwesend.
-Gütig nahm die stille Göttin der Mitternachtsonne den Wunsch des
-geliebten Sohnes aus der Urzeit entgegen, bewirtete ihn und Asathor
-und verbarg sie einstweilen hinter einer mächtigen Eissäule, als
-Hymir von der Walfischjagd zurückkehrte. Kaum jedoch hatte sie dem
-Riesen den Wunsch der Asen nach dem Kessel überbracht, als Hymir den
-Aufenthaltsort der Götter witterte und seinen schneidenden Frostblick
-so scharf durch die meterdicke Eissäule sandte, daß die Säule zerbarst
-und zersplitterte und die Asen sich dem Wüterich preisgegeben sahen.
-Bevor aber Hymir zugreifen konnte, hatte der Donnerer seinen Hammer
-wurfbereit. Da wurde der Riese zugänglicher und lud knurrend die
-Gäste zu Tisch. Der fröhliche Donnerer aber verspeiste zwei Ochsen
-auf einem Sitz, also daß dem geizigen Hymir graute und er den starken
-Asen aufforderte, am Morgen mit ihm zur Auffüllung der Vorräte auf
-den Fischfang zu fahren. Dort gedachte er sich des Widerwärtigen zu
-entledigen.
-
-Als der Donnerer am nächsten Morgen mit dem Eisriesen zu Schiff ging,
-bat er Hymir um einen Köder für seine Angelschnur. »Such ihn dir
-selber!« hauchte ihn der frostige Gastgeber an. Der Donnerer wandte
-sich um, packte einen der Stiere Hymirs, riß ihm mit einem einzigen
-Ruck das Haupt ab und steckte es als Köder an die Angelschnur. Dann
-fuhr er mit dem fassungslos dreinschauenden Riesen ins Meer hinaus,
-und sie warfen ihre Angelschnüre. Frohlockend zog der Riese ein
-paar mächtige Wale ins Boot. Der Ase aber ruderte weiter hinaus ins
-Meer, und obschon der Eisriese zornig widerriet, aus Furcht vor der
-Midgardschlange in den offenen Gewässern, warf der Donnerer im Schwung
-den Stierkopf in die Flut, und schon hatte die wütende Schlange den
-Köder verschluckt und suchte an der Leine das Boot mitsamt seinen
-Insassen zu sich hinunter zu ziehen.
-
-Der starke Ase nahm seine ganze Kraft zusammen. Er hielt die Schnur
-mit eisernen Fäusten und stemmte sich mit den Füßen so unwiderstehlich
-gegen die Planken des Fahrzeuges, daß beide Beine durch den Boden
-durchbrachen und er mit den Füßen auf den Meeresgrund geriet.
-
-»Desto besser,« lachte Asathor, »hier steh ich nur umso fester.« Und
-er holte die Schnur in gewaltigen Zügen an sich heran, bis sich der
-scheusälige Kopf des Ungetüms über Wasser hob. Mit furchtbaren Augen
-starrten sich die beiden Feinde an. Dann hob der Ase den Hammer, um der
-Weltschlange den Schädel zu zerschmettern. Der Riese aber, der sein
-Schiff verloren wähnte, durchschnitt in Todesangst die Angelschnur, und
-die unheilvolle Feindin der Götter und Menschen verschwand spurlos in
-der Tiefe.
-
-Unwirsch wandte sich der Donnerer dem hilfeschreienden Riesen zu. Aber
-als er ihn im Wasser sinken sah, gedachte er des Kessels und packte den
-Riesen mitsamt dem Boot und der Walfischbeute, warf alles über die
-Schulter und watete an Land zurück.
-
-»Nun gib den Kessel,« gebot er in der Halle.
-
-Noch einmal suchte der Riese den Asen zu überlisten. Er reichte ihm
-seinen Trinkbecher dar zu einem Wettspiel. Könne der Ase den Kelch
-zerschmettern, so sei der Kessel frei. Sonst aber bliebe der Kessel, wo
-und wie er sich befände.
-
-Der Donnerer ging lachend auf den Handel ein. Aber die Felsen
-zerbarsten, gegen die er das Trinkgefäß schmetterte, der Kelch blieb
-heil. Da raunte ihm die gütige Göttin der Mitternachtssonne zu. »Härter
-als alles ist Hymirs Schädel«, und der Donnerer verstand und schlug den
-Kelch gegen des Eisriesen Haupt, und der Kelch sprang in tausend Stücke.
-
-»Der Kessel ist mein,« sprach der Ase, und während sich Hymir die
-zerbeulte Stirn an einem der Eispfeiler kühlte, griff Ziu, den die
-Nordmänner den Tyr nannten, den Kessel an, ohne ihn aufrichten zu
-können. Der Donnerer aber packte ihn und stülpte ihn sich wie eine
-Mütze über den Kopf.
-
-Gen Asgard richtete sich der Lauf des Bockgespannes. Doch Hymir war
-zu sich gekommen, brüllte über sein Gebiet hin, daß aus allen Löchern
-und Ritzen Riesen und Trolle kletterten, und umzingelte mit seiner
-Unholdschar den vorwärtsstürmenden Wagen.
-
-Thor gab Tyr die Zügel. Er selber faßte den Hammer. »Achtung, er
-beißt!« donnerte er in den Haufen hinein, und der Hammer Mjolnir
-zermalmte Hymir und nach ihm seiner ganzen Schar die Schädel.
-
-So brachten der Donnerer und sein Schwertgenosse den Kessel heim, und
-als sie ihn in Ägirs Halle schafften, war er so groß, daß das freie
-Meer sich weitete zugunsten aller Schiffahrt, und dem starren und
-vernichtenden Eismeer sein tiefstes Becken genommen war.
-
- * * * * *
-
-Und wieder und wieder zog der Donnerer aus, die drohenden Gefahren von
-Göttern und Menschen zu scheuchen. Selbst für Loki, den Arglistigen,
-stand er ein, weil er dennoch ein Ase war. Wohl hatte Loki aufs neue
-Tücke geübt und der schlummernden Freya das lichtspendende Halsband
-Brisingamen entwendet. Eben noch vermochte Heimdall, der treue Wächter,
-dem Flüchtigen nachzusetzen und ihn mit seinem guten Schwerte zu
-stellen. Loki aber entschlüpfte dem Schwertstreich als geschmeidige
-Robbe und tauchte in See. Doch schon war auch Heimdall in Robbengestalt
-in See getaucht, und die Robbe ergriff die andere beim Genick und biß
-sie dermaßen zu schanden, daß Loki, als er sich schleunigst wieder
-zurückverwandelte, im Gesicht und an den Gliedern zerschunden war, als
-hätte er in einem Brennesselfeld genächtigt, und reumütig das Halsband
-der Freya herausgab.
-
-Der Donnerer wußte um diese Streiche und um manche andere. Aber im
-Stich ließ er auch den Heimtücker und Schadenfrohen nicht, der zu den
-Asen zählte. So ehrlich dachte Asathor.
-
-Loki gedachte zur Abwechslung zu dem Glutriesen _Geirröd_ zu fahren,
-wie der Donnerer zu dem Eisriesen Hymir gefahren war. Er entnahm Freya
-das Falkengewand und flog hinaus, bis er Geirröds Dachstuhl fand und
-neugierig durch die Esse schaute. »Fangt mir den seltenen Vogel«,
-befahl Geirröd seinen Riesen, und die ungeschlachten Kerle kletterten
-so täppisch an den Hauswänden hinauf, daß Loki seine helle Freude hatte
-und, um sie zu ärgern, in Ruhe sitzen blieb. Als endlich einer der
-riesigen Gesellen die Hand nach ihm strecken konnte, hob er voll Spott
-die Flügel, um sich nachlässig zu verabschieden -- aber o Schreck, die
-Beine klebten fest. Er war dem Riesen auf den Vogelleim gegangen. Vom
-Dachstuhl heruntergeholt, weigerte sich der sonderbare Vogel, Namen und
-Herkunft zu nennen, und Geirröd sperrte ihn drei Monate lang in einen
-engen Käfig, bis er sich vor Hunger krümmte. Da wurde er mitteilsamer
-und gab Auskunft.
-
-»Ei,« schmunzelte der Glutriese, »ich wüßte schon einen Handel, der dir
-die Freiheit schenken könnte. Wenn an deiner Statt der Donnerer, dieser
-verhaßteste aller Asen, zu mir kommen würde, ohne seinen Hammer, ohne
-seinen Stärkegürtel, so brauchtest du nicht zurückzukehren.«
-
-Loki nahm Urlaub von dem Riesen und kehrte nach Asgard heim. Schweigend
-hörte der Donnerer den Geängstigten an. Und er rüstete sich zum
-Aufbruch.
-
-»Du gehörst zu uns,« sagte er nur. »Trotz deiner sündhaften Fehler. Ich
-will dir noch einmal zeigen, was wahre Kameradschaft ist.«
-
-Am Abend kehrte der Ase waffenlos mit Loki bei der Erdriesin
-_Grid_ ein. Die hatte vor Zeiten dem Wodan einen Sohn geboren, den
-schweigsamen aber bärenstarken Widar, »den Asen mit dem Schuh«, wie ihn
-die Götter nannten. Denn er trug einen Schuh aus aller Länder Leder,
-der undurchdringlich war.
-
-»Sei auf der Hut, du Starker,« warnte die Asenfreundin den furchtlosen
-Gott. »Geirröd ist der Bösartigsten einer und sucht dich zu verderben.
-Er wird keinen Zauber und keine Hinterlist scheuen, um dich, den
-Schrecken des Riesenreiches, auf immer zu vernichten.«
-
-»Wenn ich Loki frei bekommen soll von seinem Wort,« entgegnete der
-Donnerer, »so muß ich ohne meinen Hammer, ohne meinen Stärkegürtel bei
-Geirröd erscheinen. Es wird ein schwer Stück Arbeit werden.«
-
-»So lautet der Vertrag,« sprach die Asenfreundin nachdenklich. »Aber
-höre! Auch ich besitze einen Stärkegürtel, auch ich besitze feuerfeste
-Handschuhe. Davon verlautet nichts im Vertrag. Einen Hammer kann
-ich dir nicht schaffen, aber meinen Stab sollst du zu Gürtel und
-Handschuhen nehmen. Das wird dir dienen.«
-
-Der kluge Vorschlag leuchtete dem Donnerer ein, und er schloß die weise
-Frau lachend in die Arme.
-
-In der Frühe des Tages zog er mit Loki weiter und kam an den Grenzfluß
-von Geirröds Reich. Auf Grids Stab gestützt, stieg er unbekümmert in
-die tiefen Wasser, und Loki klammerte sich fest an seinen Gürtel. Aber
-als sie die Mitte des Stromes erreicht hatten, stürzte plötzlich eine
-wilde Wogenflut über sie her und suchte sie zu ersäufen. Der Donnerer
-blickte nach oben. Und er gewahrte, wie stromauf eine der Riesentöchter
-Geirröds breitbeinig über dem Flusse hockte und die Wasser anschwellen
-ließ. »Pfui, du Freche!« schrie der Donnerer, warf und traf sie mit
-einem Felsstück gegen die Schenkel, daß sie in die eigenen Wasser
-purzelte. Ein Vogelbeerbaum reckte dem Donnergott hilfreich vom Ufer
-seine Äste entgegen. Sie ergriff er und zog sich mit Loki ans Land. Von
-jener Stunde an ist der Vogelbeerbaum dem Donnergott heilig.
-
-In Geirröds Gehöft angelangt, wurde dem starken Asen zuerst ein Gemach
-angewiesen und ein Stuhl zum Ausruhen. Kaum aber hatte er sich gesetzt,
-so hob sich der Stuhl schnell in die Höhe, und des Gottes Schädel
-wäre an der eisernen Decke des Gemachs zerquetscht worden, hätte der
-Donnerer nicht Grids Stab gehabt. Den hob er hoch und stemmte ihn gegen
-die Decke und drückte den Stuhl mit Gewalt auf den Boden zurück. Ein
-Knacken und Krachen erfolgte wie von zermalmenden Knochen. Todesgeheul.
-Und dann tiefe Stille.
-
-Der Ase sprang vom Stuhl und forschte nach. Da hatten die beiden
-Riesentöchter Geirröds unter dem Stuhle gehockt und den Gast zu
-zerquetschen versucht. Nun aber lagen sie beide tot und mit gebrochenem
-Rückgrat.
-
-Ein Bote stand unter der Tür und forderte den Donnergott zu einem
-Wettkampf mit Geirröd, dem ungezähmten Glutriesen, in die Halle. In
-einer mächtigen Esse lag ein weißglühendes Eisenstück. Das griff
-Geirröd mit einer Zange heraus und schleuderte es dem Donnerer gegen
-den Kopf. Der Ase aber haschte es mit den feuerfesten Handschuhen
-der Freundin Grid, wog es in der Hand und holte aus. Wohl flüchtete
-sich Geirröd hinter die dickste Steinsäule der Halle -- dem Donnerer
-war, als führte er seinen Hammer, und mit solcher Wucht warf er den
-weißglühenden Eisenklotz, daß die zerschmetterte Säule mitsamt dem
-Eisenklotz dem Riesen in den Leib fuhr und seinen Leichnam gleich einen
-Klafter tief in der Erde begrub.
-
-Ohne weiteres kehrte der Donnerer zu der Erdriesin Grid zurück, und der
-befreite Loki trabte hinter ihm drein. Und als Thor der Asenfreundin
-Stab, Gürtel und Handschuhe zurückerstattet und ihr eine Nacht lang
-zärtlich wie ein Bär die Backen gestreichelt hatte, fuhr er mit Loki
-gen Asgard, und Loki vergaß ihm den Dank zu sagen.
-
-Was kümmerte das Asathor! Er holte sich nur seinen Hammer Mjolnir und
-fuhr wieder hinaus zu neuen Kämpfen, um Göttern und Menschen Luft zu
-schaffen vor dem drohenden Schicksal.
-
-
-
-
-Wodans Wunschmädchen.
-
-
-Mehr als alle die anderen Götter kämpfte Wodan um das Schicksal
-Asgards und seiner Bewohner. Nicht allein mit dem todbringenden Speer
-Gungnir, den er über die Heereswogen schleuderte, um seinen Anhängern
-auf Erden den Sieg zu verleihen oder sich die Besten und Tapfersten
-für Walhall zu erkiesen. Seine Gedanken holten weiter aus, suchten die
-Wurzel der Dinge auf und begannen die Fäden der Schicksalsgöttinnen zu
-dehnen und zu längen. Der König der Götter nahm sein Amt als Pflicht,
-Verantwortung und Fürsorge.
-
-Wodan wußte von keiner Erholung. Er wußte nur, daß an einem
-Schicksalstag das Ende hereinbrechen würde und der Götter letzter
-Kampf. Und gerade weil er es wußte, wurde ihm königlich zumut. Die
-letzte Schlacht sollte ihn und die Götter gewappnet finden. Waren sie
-dem Untergang geweiht, so sollte bis zum letzten Atemzug gekämpft,
-mit den letzten furchtbaren Schwerthieben noch die Welt von den
-Unholden der Dunkelmächte gereinigt werden. Das waren Wodans königliche
-Heldengedanken.
-
-Alles Wissen mußte er besitzen von Vergangenheit, Gegenwart und
-Zukunft. Keine Mühe war ihm zu groß, es zu erwerben, um danach die
-Fäden seiner Gedanken spinnen zu können. Am Fuße der Weltesche saß er
-bei den Nornen, den Schicksalsmädchen Urd, Werdandi und Skuld, und
-forschte, was sie über Leben und Sterben seiner Menschen beschlossen
-hatten. Am Brunnen Mimirs raunte er mit dem Haupte des Urzeitweisen,
-um aller Geschehnisse Ursprung zu erkunden und ihre verwundbaren
-Stellen. Ja selbst die Toten rief er ins Leben zurück, damit sie ihm
-das Zukünftige, das sie früher erschaut hatten als die Lebenden,
-aussagten, und oft lagerte er sich auf den Richtplätzen, unter den
-Galgen der Gehenkten, und beschwor sie so zauberkräftig, daß die armen
-Seelen ihm anhingen und in allen Dingen zu willen waren. Wenn dann die
-Herbststürme erbrausten, setzte er sich an ihre Spitze und raste mit
-ihnen in wilden Jagdzügen durch die Luft, um sie bei kriegerischer
-Laune und Wildheit zu erhalten. Für die Stunde des Kampfes.
-
-Zum Wanderer war Wodan geworden, und er ging zu den Lebenden und
-prüfte sie auf ihr Heldentum und merkte sich die Unerschrockenen und
-Schwertkundigen. Den herabfallenden Hut tief in die Stirn gedrückt,
-den verwitterten blauen Mantel um sich geschlagen, wanderte der
-Einäugige durch die Welt und sah mit tausend Augen. Über Meere und
-Ströme fuhr er mit dem Wunderboot Skidbladnir, einst dem Freyer
-geschenkt von den Zwergen, das ohne Wind und gegen jeden Wind fuhr
-und sich zusammenfalten und in der Manteltasche bergen ließ. Zu allen
-Stämmen kam er, die den Göttern in Asgard opferten, und er nannte sie,
-die kriegerischen Blutes und heldischen Mutes den Ger schwangen, den
-Jagd- und Schlachtenspeer, die Ger-Mannen, die Germanen. Oft blieb er
-in ihren Gehöften zur Nacht, veredelte ihr Blut und ihren Sinn und
-zeugte neue Heldengeschlechter, würdig, einzureiten in Walhall. Für den
-letzten Kampf.
-
-»Kampf« hieß die letzte Schicksalslosung der Götter und der Menschen.
-Wenn am letzten Tage aller Dinge Surt losbrach, der König der
-Feuergeister in Muspelheim, wenn die Riesen aus Jotunheim anstürmten
-mit den Trollen aus Utgard, wenn der wütende Fenriswolf seine Bande
-zerriß, die giftgeifernde Midgardschlange sich heranwälzte und die
-dunkle Hel mit aufgerissenem Schlund Leichen schlang, hieß die Losung:
-Kampf dem Verhängnis! Daher liebte Wodan schon heute die Kämpfe auf
-Erden und begünstigte sie als Vorbereitung für den letzten schwersten
-Kampf.
-
-Die Heerkönige der Germanen wünschte er in Walhall und ihre
-Heldenscharen, ungezählte Tapfere, Tausende und Hunderttausende.
-Zuvor sollten sie Bankgenossen sein beim Met, einst aber seine
-Schwertgenossen. Alle die Ger-Mannen, die auf Erden rühmlichen
-Waffentod erlitten hatten.
-
-Hoch und herrlich war Walhall gebaut, seine Wände aus Speeren, seine
-Dächer aus Schilden, und statt der weichlichen Polsterung schmückten
-die Bänke im Saal schimmernde Brünnen. Wodans Zeichen, Wolf und Adler,
-hingen über dem Eingang. Doch hatte der Saal noch fünfhundertundvierzig
-Türen, eine jede für den Auszug von achthundert gewappneten Streitern
-berechnet. Und am Abend blitzte das Licht spiegelblanker Schwerter
-durch die Halle, als wäre sie von Fackeln erleuchtet.
-
-Hierher kamen die Tapfern, die auf Erden ihren Kampfwunden erlegen
-waren, hierher und in den Saal Wingolf, die Halle der Göttinnen. Und
-sie wurden von den Göttern, die sie mit offenen Armen empfingen, die
-»_Einherier_« genannt, die »göttlichen Streiter«.
-
-Allvater selber wählte sie aus, die auf der Walstatt fielen. Walvater
-hieß er darum, und Walsöhne, Wunschsöhne, die er nach Walhall berief.
-Oft rief er sie selber, wenn er auf seinem Hengste Sleipnir, den
-goldblitzenden Flügelhelm auf dem Haupt und den Todesspeer Gungnir
-in der Faust, über die ringenden Heere brauste. Kein herrlicheres
-Männerlos, als Wodans Ruf nach Walhall teilhaftig zu werden! Oft auch,
-wenn andere und dringendere Verrichtungen ihn hinderten, sandte Wodan
-seine Saaltöchter aus, seine Schildmädchen und Wunschmädchen, die
-_Walküren_, Sieg und Tod zu verleihen und die Auserwählten nach Walhall
-zu rufen.
-
-Auf stürmenden Wolkenrossen jagen sie dahin, den jungfräulichen Leib
-von schimmernder Brünne umpanzert, den leuchtenden Helm in das goldrot
-flatternde Haar gedrückt, den Schild am Armgelenk, den flammenden Speer
-wurfgerecht in der Faust. Überirdisch schön und die Sehnsucht der
-Helden, die nach ihnen verlangen, das Wunschziel der irdischen Frauen,
-die in Helm und Harnisch den Männern folgen in die Schlacht oder auf
-wilde Wikingsfahrt.
-
-In der heiligen Dreizahl stürmen die Walküren dahin, zu dritt oder
-zu zweimal Drei, dreimal Drei oder zu Zwölf. Sie entscheiden die
-Schlachten, ihr Speer bringt den Tod, aber neue Wonnen bringt er mit
-dem Tod -- den Ruf nach Walhall. Wunschlos und nach des Schicksals
-Vorschrift müssen die Walküren entscheiden. Jungfräulich müssen sie
-sein und dürfen niemanden angehören als den Helden in Walhall, den
-Einheriern. Wer sich von den Schildmädchen gegen Wodans Gebot vergeht,
-wird in Schlaf versenkt oder verbannt. --
-
-Mehr als bisher sah man in diesen Zeiten, da Wodan als Wanderer die
-Welt durchzog und bei Königen und Kriegern nach Helden forschte, die
-Walküren reiten. Denn mehr als bisher herrschte auf Erden der Krieg,
-verlangten die Männer, die die höchsten Mannesehren ersehnten, nach
-Walhall, horchten sie auf den Schrei der Walküren, auf den sausenden
-Speer, der sie entbot. Dann machten sich die Geister der Gefallenen auf
-den Weg, durchwateten einen reißenden Strom und pochten an die heilige
-Totenpforte _Walgrind_, die Eingangspforte zu Walhall. Von Walküren
-geleitet, traten sie in den Saal, vom jubelnden Zuruf der versammelten
-Einherier umbraust, von den Göttern gerühmt und bewillkommnet.
-Selig saßen sie nieder auf den Bänken und nahmen aus den Händen der
-Schildmädchen den schäumenden Humpen Met, der aus dem Euter der Ziege
-_Heidrun_ auf Walhalls gewölbtem Dache floß, ohne je zu versiegen, oder
-den saftigen Braten vom Eber _Sanhrimnir_, der sich täglich erneuerte.
-War Wodan in Asgard, so thronte er unter ihnen, doch aß er nicht und
-gab das Fleisch seinen Jagdwölfen. Nur dem Wein sprach er zu, der
-göttlichsten aller Gaben.
-
-Frühmorgens ritten die Einherier hinaus auf die Wiesen zum Kampfspiel.
-Da pfiffen die Klingen, da sausten die Speere, da wurde mancher Schild
-zerbeult und aus manchem Helm Funken geschlagen. Purpurne Wunden gab es
-und Heldentod, aber wenn der Abend nahte und das Göttermahl, sprangen
-Tote und Verwundete heil und gesund wieder auf die Füße, schüttelten
-sich strahlend die Hände und saßen Schulter an Schulter auf der
-Zecherbank. Die Wunschmädchen reichten ihnen den Trunk, lehnten sich
-an sie und horchten ihren brausenden Gesängen. Dann sang auch Bragi,
-der Dichtergott, und er sang den Ruhm der Einherier, daß aller Augen
-leuchteten und der Wunschmädchen Hände ihre Häupter liebkosten.
-
-Eine Seligkeit war es, in Walhall zu hausen, und die Sehnsucht aller
-Männer. Wodan aber sorgte wohl, daß sein Heerbann wuchs. Wodan, der
-Walvater und Allvater. Er sorgte für den letzten Kampf.
-
-Immer kriegerischer wurde der Sinn der Völker. Auf weiten Wikingfahrten
-fuhren sie über die See, sie kämpften an Land, wo ein Schlachtfeld
-sich bot. Schutzgeister schuf Wodan seinen Lieblingen, die ihnen
-vor sehenden Augen erschienen, ihnen rieten und sie schirmten. Das
-waren die _Fylgien_, die Seelenfrauen. Aber auch Wolfsgestalt und
-Bärengestalt verlieh er oft den Kämpfern, daß sie wie wild und besessen
-in die Feinde stürmten und alles niederrissen. _Werwölfe_ nannte man
-die Wolfshäutigen und _Berserker_ die Bärenhäutigen, die aus- und
-einfuhren in Tier- und Menschengestalt und dem Schlachtengott Scharen
-von Einheriern zuführten. Wie Wodan sie liebte! -- -- --
-
-Wieder und wieder mußten die Walküren reiten, wenn Wodan von den
-Nornen oder von Mimirs Brunnen kam. Oft auch eilten sie frei und ohne
-Geheiß hinaus, lagerten die Nacht vor der Schlacht in einer Hütte
-auf der Walstatt und woben aus Schwertern und Speeren heimlich das
-Schicksalsgewebe für Heerkönige und Krieger. Dann rauschte ihr dunkles
-Lied wie suchender Sturm durch die Nacht:
-
-»Mit Schwertern schlagen wir dies Siegesgewebe. Wir kamen zu weben mit
-gezogenen Schwertern. Schaft wird zerkrachen, Schild wird zerbersten,
-die Axt in die Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe des
-Speeres! Folgen wir dem König, dem siegreichen Helden! Blutige Schilde
-wird man sehen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres. Voran
-wollen wir gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsere Freunde
-die Waffen kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo
-die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, daß ihr Leben
-vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür. Die Freunde sollen siegen
-und die Feinde unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet.
-Schrecklich zu sehen, ziehen blutige Wolken am Himmel. So singen dem
-König wir Siegeslieder und reiten auf schnaubenden Hengsten, die
-Schwerter gezogen, fort von hier.«
-
-Wie Blitz und Wetterleuchten über der tobenden Männerschlacht, so
-jagten sie auf ihren Wolkenrossen, Flammen auf den Spitzen ihrer
-Speere, über die Reihen der Kämpfer hin, hemmten den Anlauf der Feinde,
-verwirrten seine Linien, fesselten die Gefangenen, befreiten die
-Freunde und warfen den, dem sie das Schicksal gewoben, durchbohrt vom
-Roß.
-
- * * * * *
-
-Krieg war entbrannt zwischen den Königen _Hialmgunnar_ und _Agnar_. Der
-alte König Hialmgunnar, ein fester Degen, bat Wodan um Gunst und Sieg
-und versprach ihm ein blutig Schlachtfeld. Da lachte Wodan das Herz im
-Leibe, und er sagte ihm Sieg und Leben zu. Seine Wunschmädchen rief er
-herbei und hieß sie reiten für König Hialmgunnar, den Alten, und befahl
-_Brynhild_, der Walküren Führerin, den Agnar zu fällen und sein Heer in
-die Flucht zu jagen.
-
-[Illustration: »Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte an ihm
-vorbei.«]
-
-Jubelnd stürmten die kampffrohen Walküren von dannen und suchten die
-Walstatt auf. Hart rang der jugendblonde Agnar gegen den wütigen
-Greis. Schlachtrufe schreiend, warfen sich die Walküren auf des
-jungen Königs Heer und jagten es in Verwirrung. Nun hatte Brynhild
-ihr Opfer erreicht. Einsam kämpfte der Jüngling mit dem Mute der
-Verzweiflung, von den Menschen verlassen, von den Göttern aufgegeben
-und von nicht einer der Schildjungfrauen beschirmt. Schon hob
-Brynhild den todbringenden Speer. Da gewahrte der junge König sie
-mit hellseherischem Blick, mit dem man den nahenden Tod erschaut,
-und des Jünglings Augen brannten mit der heißen Liebe am Leben in
-den staunenden Augen der Jungfrau Wodans. Ein Ruck ging durch den
-Mädchenkörper der Reiterin. Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte
-an ihm vorbei.
-
-»Was tust du?« wirbelte es ihr durch das Hirn. »Du handelst wider
-Wodans Gebot!«
-
-Sie riß den Hengst herum und fällte den Speer zum zweiten Male. Aber
-Agnar blickte sie an in heller Bewunderung und dachte nicht mehr an
-sein bedrohtes Leben. Da jagte sie zum zweiten Male an ihm vorüber und
-vergaß Wodans Gebot über den begeisterten Jünglingsaugen.
-
-Zum dritten und letzten Male hetzte sie den Hengst zum Ansprung.
-
-»Er ist so jung, so schön,« murmelten ihre Lippen, »und Hialmgunnar ist
-alt und greis und hat das Leben gelebt. O Agnar, wie ich dein junges
-Leben liebe.« --
-
-Und plötzlich tat sie einen Schrei, der wild über die Walstatt gellte,
-stürmte zwischen die kämpfenden Könige und stieß dem alten König
-Hialmgunnar den Todesspeer mitten durch die Halsbrünne.
-
-Die Königsleiche lag auf dem Feld. Als Sieger jagte Agnar die Feinde
-von dannen. --
-
-Staunend fuhr Wodan von seinem Hochsitz. Mit einem Blicke sah er, was
-geschehen war. Er rief nach seinem Rosse Sleipnir und jagte wie der
-Sturm zur Erde nieder. Dort fand er Brynhild traurig an den Speer
-gelehnt.
-
-»Leg dein Walkürenkleid ab, unbotmäßig Mädchen,« rief er ihr zornig zu
-und sprang vom Rosse. »Was will dein töricht Mädchenherz dreinreden,
-wenn es sich um Allvaters unerforschliche Wege handelt? Walküre bist
-du gewesen für Zeit und Ewigkeit. Den Rausch des Schlachtenglücks,
-die seligen Wonnen Walhalls nehme ich von dir und gebe dir dafür, was
-du gewollt: das bißchen Menschenglück und das bißchen Liebeswonne.
-Vermählen soll sich dein jungfräulicher Leib einem irdischen Mann! Ich
-stoße dich aus!«
-
-»Allvater!« bat Brynhild mit zuckenden Lippen.
-
-»Du warst mein Lieblingsmädchen unter allen meinen Wunschtöchtern,«
-sprach Wodan leise. »Dennoch -- ich kann dich nicht schirmen gegen mein
-eigenes Wort. Beuge dich zu mir. Ich will in barmherzigen Schlaf dich
-senken.«
-
-»Allvater,« flehte Brynhild, »laß kein anderer mich als Gemahl berühren
-denn ein furchtloser Held.«
-
-Stumm nickte ihr Wodan Gewähr. Und sie beugte sich zu ihm, und er stach
-sie mit seinem Schlafdorn in die Schläfe, daß sie schlummernd zu seinen
-Füßen hinsank. Wodan aber gedachte seines Versprechens vom furchtlosen
-Helden und zog eine wabernde Lohe rings um den Platz, auf dem Brynhild
-schlummernd lag. Nur ein Held, der das Fürchten nicht kannte und das
-Sterben verlachte, würde die Flamme durchreiten. Und sinnend und
-forschend ritt Wodan heim nach Walhall. --
-
-Wieder flogen Walküren aus, und sie kamen an eine Bucht und legten ihre
-Schwanengewänder ab, um zu baden. Im Laube versteckt aber saß _Wölund_,
-der kunstreiche Schmied, den sie auch _Wieland_ nannten, mit seinen
-Brüdern, und sie nahmen den Jungfrauen heimlich die Gewänder weg und
-zwangen sie so in ihren Dienst. Neun Jahre lehrten die Himmelsmädchen
-die Brüder alle Geheimnisse, bis sie die verborgenen Gewänder
-wiederfanden und sich im Schwanenkleid auf und gen Asgard schwangen.
-Wieland aber wurde tiefsinnig aus Liebe nach dem entschwundenen
-Himmelsglück, und die Gemeinschaft der Menschen war ihm unerträglich.
-Als sein Feind, der König Nidung, ihn durch List gefangengenommen
-und ihm die Sehnen an den Füßen durchschnitten hatte, damit er nicht
-entfliehen könne und ihm Schwerter und Kostbarkeiten schmieden
-müsse, soviel er begehre, fertigte Wieland nach dem Schwanengewand
-seiner entschwundenen Liebe, dessen Geheimnisse er wieder und wieder
-durchforscht hatte, in jahrelanger Arbeit ein Flügelkleid für sich
-selbst, spannte es um seinen zermarterten Körper und flog mit glühendem
-Geist gen Himmel. So gewaltig wirkte der Walküre Zauber auf den nach
-dem Höchsten strebenden Mann. --
-
-Wieder aber flogen Walküren aus und trafen auf einen jungen Königssohn,
-den die Stiefmutter Knechtesdienste verrichten und bei Nacht die Herden
-hüten ließ, damit er blöde würde und dem Thron ungefährlich. _Svanhvit_
-war die Führerin, und als sie mit ihren Gefährtinnen auf das Feld kam,
-sahen sie in der Ferne Unholde und Gespenster gegen den einsamen Knaben
-reiten. Der aber weidete ruhig seine Herden. »Verberge dich,« rief sie
-ihm zu, »die Nachtmare kommen über dich!«
-
-Der Königsknabe hob lächelnd die Augen zu der eifrigen Warnerin.
-
-»Soll ich mich etwa fürchten, wunderbare Jungfrau?«
-
-»Ich bin's, die für dich fürchtet, du Lieber,« rief die Walküre,
-gerührt von so viel Knabenreinheit, »und ich leihe dir mein eigenes
-Schwert, damit du um dich schlagen kannst. Ich aber will dir zusehen
-und mich an dir freuen.«
-
-Strahlend nahm der Schäfer das Schwert und wog es in den Händen. Die
-Blödigkeit des Hirten schwand aus seinen Mienen, das Königsblut schoß
-ihm ins Gesicht. Mitten auf dem Weg, den die Unholde kamen, stand er
-und schwang lachend das Schwert und schlug um sich die ganze Nacht,
-bis beim Morgengrauen das letzte Nachtgespenst zur Strecke gebracht
-war. Und er zog weiter und warf sich zum rechtmäßigen König auf, und
-Svanhvit stand ihm zur Seite und weckte alle seine Heldenkräfte, bis er
-den Thron gewann. Da legte die in Liebe entbrannte Walküre freiwillig
-das Flügelkleid ab und blieb bei ihm als seine Königin.
-
-Wodan saß auf seinem Hochsitz, und seine Raben hatten ihm alles
-zugetragen. Er nickte nur vor sich hin. --
-
-Und wieder flogen Walküren aus, stürmten auf schnaubenden Hengsten
-zur Erde hinab, in den Männerkampf, brausten im Schwanengefieder zu
-Häupten ihrer Helden. Schwerter sangen und Gere klangen allüberall.
-Denn _Helgi_, der Haddingenheld, focht in vielen Schlachten wider König
-_Hromund_.
-
-_Kara_, die hellschimmernde Wunschmaid, führte die Schwestern. Aber als
-sie den Haddingenheld zum ersten Male fechten gesehen hatte in seiner
-Kühnheit und Wildheit, verlor sie ihr Herz an den stürmischen Mann und
-schenkte sich ihm als Geliebte.
-
-Anderen Tages tobte die Entscheidungsschlacht.
-
-Glückseligen Gesichtes schwang Helgi, der Haddingenheld, sein Schwert,
-und wo es in die Brünnen biß, da biß der Tod. Heißen Herzens schlug
-Helgi in den Feind, denn er dachte an Kara, die ihn umhalsen würde nach
-des Tages Blutarbeit. Wie sie ihn in der Nacht umhalst hatte.
-
-Über seinem Haupte vernahm er ein Rauschen und ein wunderbares Singen
-und Klingen. Über seinem Haupte flog die Walküre Kara und hielt vor
-Helgi den Schild, daß kein Schwert ihn schneiden, kein Speer ihn
-ritzen, keine Axt ihn zerspalten konnte. Und aus Karas Munde drang ein
-Lied, ein wildes, seliges Zauberlied, daß den Feinden die Arme sanken,
-und sie wie in Fesseln lauschen mußten. Über das feindliche Heer hin
-brausten die Zauberweisen, und hinter ihnen drein stürmte Helgi, der
-glückselige Mann, und schwang das Schwert und mähte die Gebannten
-nieder.
-
-Wodan saß auf seinem Hochsitz und lächelte. Jetzt streckte er die Hand.
-Da hob Helgi das Schwert, um einem riesenhaften Feind das Haupt vor die
-Füße zu werfen, und schwang das Schwert zu hoch. Ein Schwanenschrei
-gellte durch die Luft. Das Zauberlied war verstummt.
-
-Vor Helgis Füße sank im zerfetzten Fluggewand die Walküre. Im Jauchzen
-des Kampfes hatte der Held der Schildmaid nicht acht gehabt und die
-Geliebte ins Herz getroffen.
-
-Tot war sein Liebesglück, zu Ende sein Schlachtenglück.
-
-Noch immer lächelte Wodan sein seltsames Lächeln. Dann erhob er sich,
-hieß den Helden nach Walhall entbieten und Kara seine Wegweiserin sein.
-
-Im Goldhelm und blauen Königsmantel empfing er den gewaltigen Recken.
-
-»Auf daß du auch in Walhall ein so fröhlicher Kämpe seist, wie auf der
-Walstatt auf Erden, geb ich dir die Hellschimmernde zur Schenkin,«
-sprach er und wies ihm seinen Platz unter den besten der Einherier.
-
-Da lachte Helgi, der Haddingenheld, daß es durch alle Hausungen der
-Götter schallte, und führte sein Mädchen stolz an die Tafel der Zecher,
-die dem Paare donnernden Heilgruß entboten.
-
-Wodan aber hatte eines Helden Seele an sich geschmiedet für alle
-Ewigkeit.
-
-
-
-
-Unter den Einheriern.
-
-
-Männer, Männer! war Wodans einziger Gedanke geworden. Männer im Himmel
-und auf Erden. Männer der Tat, die wiederum Heldengeschlechter zeugten,
-Helden, die durch Tat und Todesverachtung auf Erden schon heranrückten
-an die Götter und im Himmel Wodans Söhne wurden. Was sonst brauchte
-die Welt, als Männer, wenn die Schicksalsstunde nahte, Männer, die
-Mannesehre über alles stellten, bereit allzeit, ihr Leben in die
-Schanze zu schlagen, um noch sterbend den feindlichen Mächten Abbruch
-zu tun und den Ruhm zu retten.
-
-Manche seiner Wunschmädchen gebaren den Irdischen Helden; er selber
-zeugte auf seinen Wanderungen manches Heldengeschlecht und war anderen
-ein väterlicher Freund. Ein Freund jedoch, der sich unerbittlich selbst
-bezahlt machte und seine Schützlinge zu der Stunde, die ihm die rechte
-schien, auf der Höhe ihrer Kraft oder nach einem schlachtenreichen
-Leben, das Tausende nach Walhall gesandt hatte, einholte zu den
-Einheriern. So unerbittlich wie das Schicksal, das die Götter bedrohte,
-so unerbittlich war Wodan in der Wahl der Mittel, dem unabwendbaren
-Schicksal den letzten Ruhm abzugewinnen und, wenn es ihn schon
-untergehen hieß, nur als Sieger über die Unheilsmächte unterzugehen. Im
-letzten großen Atemzuge noch Schöpfer einer neuen, kommenden Welt.
-
-Darum war vom Tode gezeichnet, wer Wodans Freund auf der Erde hieß.
-Aber auch vom Ruhme bekränzt und durch die Sänger aller Zeiten zur
-Unsterblichkeit erhoben.
-
-Wer aber ein Mann sich fühlte in germanischen Landen, der zögerte
-keinen Herzschlag lang und wählte Wodan für sich und seine
-Geschlechter. Lieber als ein königlich Volk mit seinen Göttern
-untergehen, denn als namenloser Sklave fronen. Und es waren die
-Besten Germaniens, die sich als Einherier in Walhall auf Wodans
-Bänken sammelten und nach ihrem irdischen Tode noch ihre Namen
-ehrfurchtgebietender und strahlender hielten, als alle die lebenden
-Weichlinge und Feiglinge zusammen.
-
- * * * * *
-
-Da saßen auf bevorzugten Platzen Helden und Heerkönige. Da saß
-_Sigmund_ unter ihnen, der Rheinfranken König, der ein Sohn Wolsungs
-war und von Wodans Blut. Denn Wodan selbst hatte den Wolsungenstamm
-gezeugt in dem Wolsungen-Ahn Sigi, um den Tisch der Einherier zu
-schmücken durch die Erziehung von Helden, Geschlechterreihen hindurch.
-
-Jung war noch Sigmund, als sein Vater Wolsung die Tochter _Signy_ dem
-ungeliebten König Siggeir von Gautland vermählte. In der Festhalle
-Wolsungs saßen die Männer beisammen, und die Franken und die Gauten
-erzählten von der Abkunft ihrer Geschlechter. Plötzlich verstummte
-jedes Getön. Ein hochgewachsener Alter, einäugig, in breitrandigem Hut
-und blauem Mantel, war unbemerkt von den Wachen in die Halle getreten
-und auf den Eichbaum zugeschritten, der mitten in der Halle wuchs und
-seinen Wipfel über das Dach breitete. Ein Schwert trug er unterm Arm,
-und er nahm es und stieß die Klinge bis ans Heft in den eisenharten
-Stamm.
-
-»Kein besser Schwert als dies! Dem Besten nur gehör es an! Wer es
-herauszuziehen vermag, der führe es!«
-
-Der Einäugige sprach es, blickte sich im Kreise um und ging aus der
-Halle, wie er gekommen war, unbemerkt.
-
-»Wodan, der Wolsungen Stammvater, kam zum Hochzeitsfest,« raunten die
-Rheinfranken. Und es herrschte langes Schweigen und seltsames Grübeln
-im Saal. Dann aber traten die Männer an den Baum.
-
-Wolsung packte den Schwertgriff und rüttelte daran. Umsonst. Seine
-stärksten Helden nach ihm. Vergeblich. Sein Schwiegersohn, der
-Gautenkönig Siggeir zog und riß in wilder Wut. Das Schwert rührte sich
-nicht. Sigmund, der junge, trat heran. Mit leichtem Ruck riß er das
-Schwert aus dem Stamm und schwang das Aufblitzende durch die Halle.
-
-Ruhm brachte ihm Wodans Schwert und ein schweres Heldenleben. Siggeir
-forderte den Stahl von dem jungen Schwager, der das Begehr lachend
-abwehrte. Da lud Siggeir den König Wolsung und seine ganze Sippe
-nach Gautland und erschlug sie alle trotz flehentlicher Bitten der
-Wolsungentochter Signy, seines Gemahls, bis auf Sigmund, dem er das
-Schwert Gram -- das ist »Zorn« -- entwendet hatte. Ihn ließ er im
-finstern Wald in eine Erdhöhle werfen, wo er ohne Heldenehre schmählich
-verkommen sollte. Signy aber liebte den strahlenden Bruder Sigmund so
-heiß, daß sie sich nächtens heimlich zu ihm schlich und ihn tränkte
-und pflegte und koste. Und sie schenkte ihm einen Knaben, der hieß
-_Sinfiötli_, und Sigmund und Sinfiötli lebten im Walde wie die
-Werwölfe, unbändig, furchtlos und riesenstark, bis Sigmund die Stunde
-für gekommen erachtete, nach Germanengebot Blutrache zu nehmen an dem
-Mörder seines Vaters Wolsung.
-
-Der erste Anschlag mißglückte. Siggeirs spielender Knabe entdeckte die
-wilden Männer hinter einer Mettonne, und der König ließ die Beiden
-einmauern wie wilde Tiere, beider Gelaß durch einen Felsen voneinander
-getrennt. Noch einmal kam Signy, Sigmunds Schwester, bei der Nacht.
-Sie kam bis an die Grube ihres Sohnes Sinfiötli und ließ hastig einen
-Strohbund hinuntergleiten. Als der riesenstarke Knabe ihn öffnete,
-fand er darin Sigmunds Schwert Gram. Er packte es beim Knauf, setzte
-die Spitze gegen die trennende Felswand und drückte, daß ihm die Adern
-an den Schläfen zu platzen drohten. Da schnitt das Schwert durch den
-Felsen, und der Sohn drückte, bis der Vater es in seiner Grube an
-der Spitze zu fassen kriegte, und nun sägten Vater und Sohn mit des
-Schwertes Schärfe den Felsen durch, bis sie zueinander kriechen und
-Sigmund auf Sinfiötlis Schultern aus der Grube steigen konnte. Dann zog
-Sigmund den Sohn am Schwerte hinaus.
-
-Durch die Nacht schritten sie zur Halle König Siggeirs und legten Feuer
-an. An der Tür des flammenumlohten Hauses hielten sie mit dem Schwerte
-Wacht, daß nichts Lebendiges heraus konnte. Nur Signy, die Königin,
-riefen sie. Aber die Königin wehrte der Rettung.
-
-»Im Leben durfte ich Wolsungs Tochter sein und auf Blutrache für den
-Vater bedacht. Im Tode gehör ich an meines Mannes, des Königs, Seite,
-ob ich ihn liebe oder nicht.«
-
-So entgegnete die königliche Frau und starb den Flammentod mit König
-Siggeir und seiner ganzen Sippe.
-
-Heim segelte Sigmund an der Spitze eines Heeres und gewann mit
-Waffengewalt das Land der Wolsungen zurück. Mit der Königstochter
-_Borghild von Bralund_ vermählte sich König Sigmund, und sie gebar ihm
-einen Sohn, _Helgi_, als Sigmund, wie immer, auf Heldenfahrten war.
-Und Wodan sandte seine Raben, dem Knaben der Wolsungen Kriegsglück zu
-weissagen. Fünfzehn Lenze zählte Helgi, als er mit seinem Stiefbruder
-Sinfiötli auszog gegen König Hunding, der Wolsungen Erbfeind und
-Länderräuber, und ihn mit eigener Hand in der Schlacht erlegte. _Helgi
-Hundingstöter_ riefen ihn seitdem die Helden, und die Sänger sangen
-seinen Namen.
-
-Die Hundingssöhne begehrten Buße von Helgi für den Vatermord.
-»Gewärtigt wilde Wetter, graue Gere und Wodans Gram!« ließ der junge
-Fürst ihnen vermelden und rückte mit einem Heere gegen die Stürmenden
-an. Unbekümmert um den Hagel der Gere und Pfeile rückte er vor. Über
-seinem Haupte war ein Rauschen wie von Schwanenflügeln. Neun Walküren
-schwebten schirmend über ihm, von der Schildmaid _Sigrun_ geführt. Da
-schüttelte Helgi seine Locken und jauchzte Sigrun zu und brach wie ein
-Wolf in die Feinde, erschlug ihren Bannerträger und die meisten der
-Hundingssöhne.
-
-[Illustration: »Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die
-Walstatt.«]
-
-Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die Walstatt. Sein Arm lag
-um Sigrun, die Schildmaid.
-
-»Ich liebe dich,« sagte er, und sie antwortete ihm: »Auch ich liebe nur
-dich. Doch bin ich dem König Hödbrod angelobt, der mich jenseit der See
-erwartet. Hilf mir von ihm.«
-
-Da sammelte Helgi Hundingstöter sein Heer zum anderen Male und stieß
-die Drachenschiffe ins Meer und fuhr aus um sein Liebesglück. Das
-sah des Seebeherrschers Ägir wildes Weib Ran, und sie sandte ihre
-Wogentöchter aus, die die Schiffe auf den Rücken nahmen und das
-Fürstenschiff hoch zu den Wolken werfen sollten, um es als Wrack
-hinabzuziehen. Schon hatte die leichengierige Ran ihre Klauen in den
-Schiffsrand geschlagen, um die Helden zu schlingen, da war ein Rauschen
-über den Masten wie von Schwanenflügeln, und Helgi Hundingstöter
-blickte empor und gewahrte die neun Walküren, von Sigrun stürmisch
-geführt. Und die Schildmaid schlug der rasenden Ran das Schiff aus
-der Hand und brachte den Helden mit seinem ganzen Heere glücklich an
-Land. Eine furchtbare Schlacht entbrannte. Mit König Hödbrod und seinen
-Brüdern ritt und stritt auch König Högni, der Vater der Schildmaid.
-Aber Helgi Hundingstöter, von Sinfiötli geleitet, durchbrach den Keil
-des feindlichen Heeres, erschlug König Hödbrod und seine Brüder,
-erschlug auch König Högni und schonte nur Högnis Sohn Dag. Sinfiötli
-aber würgte die anderen Häuptlinge, daß sie nimmer die Sonne sahen.
-
-Auf der blutigen Walstatt traf Helgi Hundingstöter Sigrun. Ob ihr
-auch über den Tod ihres Vaters die Tränen aus den Augen stürzten, sie
-kränzte den Sieger und gab sich ihm, auf ihr Walkürenkleid für immer
-verzichtend, als Weib. Nie war ein glücklicheres Paar in nordischen
-Landen.
-
-Dag aber, Sigruns Bruder, flehte Wodan an um Vaterrache. Und Wodan
-gedachte der Wolsungen und gedachte seiner Einherier. Da lieh er Dag
-seinen Todesspeer Gungnir, und Dag lauerte Helgi im Walde auf und
-rannte ihm den Todesspeer durch den Rücken.
-
-Unstillbar war Sigruns Schmerz um den Heißgeliebten. Sie richtete ein
-Lager in der Grabkammer, breit genug für sich und ihren abgeschiedenen
-Helden, und saß am Hügel und weinte blutige Tränen. Um Mitternacht
-klirrte es von Waffen in der Luft. Aufgeweckt, sah sie Helgi
-Hundingstöter mit großem Geleite durch die Lüfte niederreiten und sah
-den Geliebten die Grabkammer betreten. Da warf sich Wodans einstige
-Schildmaid dem Heimgekehrten ans Herz und küßte ihm Augen, Mund und
-Hände. Und Helgi sprach: »Deine Tränen haben mich aus Wodans seligem
-Saal zurückgerufen. Sie brennen mir wie Feuertropfen auf der Brust, daß
-ich mit den Helden Walhalls nicht fröhlich werden kann. Warum weinst
-du so sehr, da dein Geliebter der Ewigkeit Ruhm gewann?« Und Sigrun
-schmiegte sich an sein Herz und sprach: »Nun will ich nie mehr klagen
-und still bei dir liegen.«
-
-Als fahl der erste Frühschein über den Himmel glitt, schied Helgi
-Hundingstöter für immer und jagte frohgemut mit seinen Begleitern gen
-Walhall zurück, von Wodan freudig empfangen. Sigrun aber legte sich
-zum Sterben und lag in der Kammer angeschmiegt an den irdischen Leib
-ihres toten Gemahls. --
-
-Sinfiötli hatte inzwischen nicht gefeiert. Während Vater Sigmund zu
-Ehren Wodans auf Wikingsfahrten war, hatte auch er Kämpfe auf Kämpfe
-bestanden und, um Hand und Kronland einer Königin zu gewinnen, seiner
-Stiefmutter Borghild von Barlunds Bruder im Zweikampf erschlagen. Rache
-schwur ihm Sigmunds Weib, Buße an Leib und Leben. Doch Sigmund kehrte
-heim und wehrte ihr und erklärte sich bereit, selber Buße zu zahlen,
-auf daß Sinfiötli, den er brennend liebte, frei sei. Da mußte sich die
-Königin zufrieden geben, aber beim Leichenmahl für den erstochenen
-Bruder reichte sie Sinfiötli im Trinkhorn vergifteten Met. Dreimal
-weigerte sich Sinfiötli zu trinken, und Sigmund, dem keinerlei Gift
-Schaden tat, trank ihm zu. Da trank auch Sinfiötli und stürzte tot zu
-Boden.
-
-Aufheulte Sigmund vor Weh. Sein Weib verstieß er, und den Sohn, den
-Gefährten aus wilden Wolfstagen, nahm er in die Arme und irrte durch
-das Land, bis er zur Nachtzeit an einen breiten Strom kam. Dort fand
-er einen Fergen warten, einen einäugigen Alten in blauem Mantel und
-breitrandigem Hut. Der nahm die Heldenleiche in sein Schiff, aber dem
-klagenden Vater wehrte er den Zutritt und führte das Schiff schnell
-über den dunklen Strom.
-
-Lange starrte Sigmund in die Dunkelheit. Er wußte, daß es Wodan war,
-der Wolsungen Ahn, der den Helden Sinfiötli der grausamen Hel entführte
-und ihn nach Walhall an die Tafel der Einherier brachte. Da wurde sein
-Gemüt fröhlich. Und so alt er war, er ritt aufs neue und ritt in des
-Königs Eylimi Land, dessen Tochter _Hiördis_ die schönste aller Frauen
-war, und warb um ihre Hand. Mit ihm aber warb auch der König Lyngi, ein
-Hundingssohn. Die schöne Hiördis wählte nicht lange, sie wählte den
-Ruhmgekrönten trotz seines Alters und wurde König Sigmunds Eheweib.
-
-Wutbebend sammelte Lyngi, der Hundingssohn, ein Heer und überfiel
-Sigmund in seinen Landen. Der ließ schleunigst Weib und kostbarste
-Habe in den Wald schaffen und drang an der Spitze seiner Mannen der
-Übermacht entgegen. Silberweiß flog ihm das Haar im Wind. Aber sein
-Arm schwang das Wodansschwert Gram, und wo der König Sigmund den
-Seinen voranschritt, da bahnte er eine blutige Gasse, und immer weiter
-watete der Wolsung, alles niederschmetternd, durch das Blut. Schon war
-der Sieg sein, da trat ihm ein alter Kämpe entgegen, einäugig, in
-breitrandigem Hut und blauem Mantel. Der fällte den Speer gegen ihn,
-und König Sigmunds Schwert zersprang an dem Speer in Stücke. Mit allen
-seinen Helden wurde Sigmund im Kampfe erschlagen. Wodan selbst hatte
-ihn nach Walhall entboten.
-
-Ein Kind Sigmunds trug Hiördis unter dem Herzen. Als es zur Welt kam,
-war es ein goldblonder Knabe von schlankem Wuchs, und sie nannte ihn
-_Sigurd_. Noch war Sigurd ein Knabe, als er ein Roß verlangte, das
-er sich unter den Hengsten aus der Weide wählen durfte. Ein alter
-Mann kam über die Weide, einäugig, in blauem Mantel und breitrandigem
-Hut. Der trieb die Rosse in den vorüberrauschenden Strom, aber nur
-ein junger Grauhengst schwamm quer hindurch, die anderen schwammen
-das Ufer entlang. »Den nimm,« riet der Einäugige. »Er stammt von
-Sleipnir, dem Hengste Wodans.« Da nahm ihn Sigurd und nannte ihn nach
-seiner grauen Farbe Grani. Auch ein Schwert forderte er, und als sein
-kräftiger Arm jede Klinge am Amboß zerschlug, gab ihm die Mutter die
-Stücke des Wodanschwertes Gram, das Erbe seines Vaters Sigmund, und ein
-kunstreicher Zwerg schmiedete ihm daraus aufs neue eine unbesiegbare
-Waffe. Dann rüstete Sigurd Drachenschiffe und fuhr mit einer Schar
-auserwählter Männer ins Reich der Hundingssöhne, als echter Wolsung
-zuerst Blutrache zu nehmen für den erschlagenen Vater Sigmund.
-
-Stürmisch war die See und gefahrvoll die Fahrt. Aber da war der alte
-Einäugige wieder, der sprang in Sigurds Schiff und steuerte es sicher
-durch den Wogenbraus und lehrte den feurigen Jüngling auf dem Wege
-tiefe Geheimnisse der Kriegskunst. Kaum, daß Sigurd erwarten konnte, an
-Land zu gelangen.
-
-König Lyngi, der Hunding, zog dem Wolsung entgegen. Eine mörderische
-Schlacht hob an, bis Sigurd, alles niedermähend, zum Banner König
-Lyngis drang und im furchtbaren Zweikampf mit seinem Schwerte Gram den
-Hunding vom Wirbel bis zum Sitz in zwei Teile spaltete.
-
-Allein zog er weiter auf Abenteuer und erlegte auf ragendem Rheinfelsen
-den Drachen Fafnir, den Hüter der Schätze, die einst die drei
-wandernden Götter Wodan, Hönir und Loki einem Riesen als Buße für den
-irrig erschlagenen Sohn geleistet hatten, und er aß das Drachenherz und
-trank das Drachenblut und verstand mit einem Male die Stimme der Vögel,
-die von der allerschönsten Maid sangen, von Brynhild, der Wunschmaid
-in der wabernden Lohe. Wie lachte da Sigurds Jünglingsherz.
-
-Auf seinem Hengste Grani, das gute Schwert Gram an der Seite, ritt er
-durchs Land, bis er den Feuerschein gewahrte, und sprengte furchtlos
-durch die Flammen, die über seinem Haupte zusammenschlugen, und
-gelangte zu der schönen Schlafenden, die er erschauernd auf den Mund
-küßte. »Sigurd bin ich, der Wolsung! Wach auf, Brynhild, und werde mein
-Weib!«
-
-Mit staunenden Augen richtete sich Brynhild empor.
-
-»Ein Furchtloser ist gekommen, ein Furchtloser! Allvater sei Dank für
-meine Erlösung!«
-
-Und sie legte dem liebeglühenden Jüngling beide Arme um den Hals und
-erzählte ihm von ihrer Herkunft und ihrem langen Harren, und sie
-tauschten heiße Schwüre und verlobten sich einander.
-
-Noch einmal wollte er vor der Hochzeit in die Welt, Heldenruhm
-heimzubringen, und er kam auf seiner Fahrt zu König Gibich, der drei
-Söhne besaß und eine Tochter. Die Königin aber wünschte sich den
-herrlichen Helden zum Eidam, denn seine Kraft erschien ihr gefährlich
-für das Reich und sein reiches Goldgut angenehm für des Hauses Schatz.
-Einen Vergessenheitstrunk gab sie Sigurd zu trinken, also, daß er
-Brynhild vergaß und die Gibichentochter zum Weibe nahm. Als dann der
-alte König Gibich gestorben war, wünschte der junge König die schöne
-und reiche Brynhild zu freien, und Sigurd, der nichts mehr wußte von
-seinem einst beschworenen Verlöbnis, ließ sich bereden und tauschte mit
-dem König die Gestalt und gewann ihm Brynhild. Das tat er zu seinem
-Verderben.
-
-Die stolze Wunschtochter Wodans, das Weib des Gibichensohns, kam hinter
-den Betrug. Denn ihr Gatte war lässig, und Sigurd erfüllte die Lande
-mit seinen Heldentaten. Ein Streit brach aus zwischen der Stolzen und
-Sigurds Weib, und Brynhild, die verhöhnte, beschloß Sigurds Tod. Da
-ging sie hin und warb einen Getreuen. Und der Getreue fragte nicht
-viel und nahm einen Speer und stieß ihn Sigurd, der Brynhild vergessen
-hatte, in den Rücken.
-
-Die stolze Schildmaid aber hatte Sigurds nicht vergessen. Als der
-Holzstoß lohte, der des Helden Leiche trug, warf sie sich zu Sigurd
-in die Flammen, barg sein Haupt an ihrer Brust und starb, ihren
-furchtlosen Erwecker in den Armen. --
-
-Hochgefeiert saßen die Wolsungen, die Helden vom Rhein, saßen Wolsung
-und König Sigmund, saßen Helgi, der Hundingstöter, Sinfiötli und
-Sigurd Drachentöter unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
-Nordmänner Odin nannten.
-
- * * * * *
-
-Da saß der Dänenkönig _Harald Hildetand_, das ist »Eberzahn«. Blutjung
-war er mit seinen Drachenschiffen ausgefahren, um sich in Dänemark,
-seines Vaters Landen, die Krone aufs Haupt setzen zu lassen, als ein
-wütender Seesturm ihn überfiel und seine Krieger verzagten. Harald
-Hildetand verlor den Mut nicht einen Pulsschlag lang. Laut rief er
-Wodan an und weihte sich ihm und sein ganzes Heer, wenn Walvater einst
-sein irdisch Werk für abgeschlossen erachte. Und als er aufblickte --
-siehe da stand ein einäugiger Alter in Wetterhut und Wettermantel am
-Steuer, und das Schiff flog wie ein Falke über das Meer und in den
-dänischen Hafen.
-
-Gekrönt war Harald, der Eberzahn, von den glücklichen Dänen. Hildetand,
-Eberzahn, nannten sie ihn, weil ihm zwei schimmernde Schneidezähne
-wie Eberzähne wuchsen. Aber die Schweden, die das Land widerrechtlich
-in ihrem Besitz gehalten hatten, wollten es nicht leichten Kaufes
-aufgeben, sondern zogen ein so übermächtiges Heer zusammen, daß der
-Dänenschar graute. Wieder rief der junge König Wodan an und weihte ihm
-sein Leben aufs neue. Und aus der Reihe der Krieger trat der Einäugige
-im blauen Mantel und trat heimlich belehrend zu Harald Hildetand und
-stellte das Kriegsvolk keilförmig auf in Gestalt eines Eberrüssels. Den
-Schild warf der junge Held hinweg, packte in jede Hand ein Schwert,
-sprang an die Spitze des Keiles und ließ die Hörner blasen. Und der
-Keil drang in das Schwedenheer und dehnte sich und sprengte es in
-Fetzen auseinander. Und vorn an der Spitze schritt Harald Hildetand
-und schnitt mit seinen Schwertern wie mit Sensen nach links und rechts
-die Garben und weihte die Haufen der Toten Wodan. Das war für Walvater
-willkommene Beute.
-
-Hundert Kriegszüge und Wikingsfahrten unternahm Harald Hildetand Wodan
-zu Ehren, und fünfzig Jahre der Regierung schenkte ihm Allvater.
-Dann aber wünschte er den Helden zu holen. Er nahm die Gestalt von
-Harald Hildetands vertrautestem Manne an, dem Ratgeber Brugi, der mit
-einer Geheimbotschaft zu Haralds Neffen Sigurd Ring gefahren und auf
-der Reise ertrunken war. Harald Hildetand selbst hatte den tapferen
-Neffen zum König über Schweden eingesetzt. Als Brugi kehrte Wodan nach
-Dänemark zurück und säete Feindschaft zwischen Harald Hildetand und
-Sigurd Ring, die nur das Schwert lösen konnte. Sieben Jahre rüsteten
-Schweden und Dänen zum Entscheidungskampf, so groß war der Haß
-geworden und der glühende Wille, den anderen für immer zu vernichten.
-Und nach sieben Jahren trafen sich die Heere aus dem Brawallafeld in
-schwedischen Südlanden.
-
-Blind war König Harald Hildetand geworden von der Zahl der Jahre und
-ein Greis. Kein Roß vermochte er mehr zu besteigen. Aber auf einen
-Schlachtwagen ließ er sich heben und hob das Schwert. »Vorwärts, ihr
-Dänen! Vorwärts mit Wodan!« Da rannten seine Dänen an.
-
-»Ich höre ihr Jauchzen nicht mehr,« murmelte der blinde Greis nach
-einer Weile. »Wie kämpft der Feind?«
-
-Und Brugi, der neben ihm hielt, erwiderte lachend: »Er kämpft in der
-Keilform des Eberrüssels!«
-
-Harald Hildetand fuhr zusammen. Nur ihm und Wodan war dies Geheimnis
-der Schlachtordnung bekannt. Der da zu ihm sprach, war nicht Brugi,
-es war Wodan selber. Wodan rief ihn. Und er hob das blinde Haupt und
-machte sich ruhig zum Sterben bereit.
-
-Der Friese Ubbi jedoch, Harald Hildetands treuster und tapferster Held,
-wollte nichts vom geruhigen Sterben wissen. Wie ein Berserker warf
-er sich mit seiner mächtigen Streitaxt in den schwedischen Keil und
-zerspaltete die Schädel und Rückenwirbel, als spalte er Eichenklötze.
-Dreimal schlug er hin und zurück eine dampfende Bahn aus Blut, Gehirn
-und Knochen und jauchzte Harald Hildetand »Heil!«, wenn er zurückkam.
-Zu Dutzenden ließen die Schwedenhäuptlinge ihr Leben, schon wandten
-sich Heeresteile zur Flucht. Da befahl Sigurd Ring seinen sämtlichen
-Bogenschützen, nur auf den Friesen zu zielen, und von den Pfeilen
-gefiedert wie ein Aar stürzte Ubbi, der getreueste Mann, zusammen und
-hauchte seine Seele aus.
-
-Harald Hildetand vernahm die Botschaft. Hochaufgerichtet gab er seinen
-Wagenrossen die Zügel frei, daß sie ihn mitten in die Feinde führten.
-Blinden Auges mähte er, wie als Jüngling in jeder Hand ein Schwert,
-nach links und nach rechts in die Feindeshaufen. Da sprang Wodan in
-Brugis Gestalt auf den Wagen und zerschmetterte mit einem Streitkolben
-Harald Hildetands Haupt. Keine fremde Hand sollte die Silberlocken
-seines Schützlings berühren. »Dank dir, Wodan,« lächelte sterbend der
-König.
-
-Hochgefeiert saß König Harald Hildetand, der Däne, unter den Einheriern
-an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten.
-
- * * * * *
-
-Da saß auch ein anderer Dänenkönig, _Hrolf Kraki_. Der hatte, als er
-erst zwölf Jahre zählte, die Größe und Kraft eines erwachsenen Mannes
-und wurde darum Kraki, die »Stange«, zubenannt. In heißer Jugendlust
-schwur er mit zwölf seiner tapfersten Recken zu Wodan, daß sie jeden
-Kampf gemeinsam bestehen und nur zusammen sterben wollten. Das hörte
-Walvater gern, denn er gedachte seiner Einherier.
-
-Da wurde Hrolf Krakis Name berühmt in allen Meeren, die er auf
-Wikingsfahrten durchzog, und in allen Landen, die er eroberte und sich
-zinspflichtig machte. Er war ein Held nach Wodans Sinn.
-
-Einmal aber war's, daß er nach Upsala in Schweden zog, eine alte Buße
-einzufordern für den Vater, den die Schweden dort einst erschlagen
-hatten. Sein Heer litt Hunger und Durst, und nirgend war Herberge.
-Plötzlich stand ein Gehöft vor ihnen, und ein Bauer, Hrani geheißen,
-lud sie zu sich ein. Aber als die Hungernden und Durstenden sich
-gelagert hatten, entzog ihnen der Bauer Speise, Trank und Herdfeuer
-und beriet den König, nur die mit sich zu führen, die diese Probe ohne
-Murren bestanden hätten. Da waren es nur die zwölf Eidgesellen, und
-Hrolf Kraki ritt mit seinen Zwölfen weiter an des Schwedenkönigs Hof,
-der sie in ihrer Herberge ohne Brot und Wasser einmauern ließ und
-nach qualvollen Tagen Feuer an das Gebäude legen ließ. Hrolf Kraki und
-seine zwölf Gesellen besannen sich nicht lang. Sie warfen sich mit der
-Wucht ihrer Körper, als wäre es nur ein einziger Körper, gegen die
-Wand, daß die Mauer zusammenbrach und sie ins Feuer, aber auch ins
-Freie stürzten. Ein furchtbares Blutbad richteten die Wilden unter den
-Schweden an und kehrten, mit Schätzen beladen, zum Gehöft des Bauern
-Hrani zurück.
-
-Hrani blickte sie strahlend an. Und er holte ein altes Gewaffe hervor,
-ein Schwert, einen Schild und eine Brünne, und bot alles dem König
-Hrolf Kraki als Gastgeschenk. Aber der Übermütige wies das uralte
-Gewaffe lachend zurück.
-
-»Unweise bist du,« zürnte der Bauer, »du wirst es zu spät erkennen,«
-und er kündigte ihnen die Herberge auf.
-
-Als König Hrolf mit seinen zwölf Gesellen nun durch die dunkle Nacht
-ritt, erkannte sein Geist, daß der Bauer Hrani Wodan selbst gewesen
-war, der ihm mit geweihten Waffen ein langes Leben verleihen wollte,
-und er wandte sein Roß und sprengte zurück. Wie er aber auch suchte,
-Gehöft und Bauer blieben verschwunden. Nun wollte Wodan sein Leben
-früher als bisher.
-
-In Dänemark saß Hrolf Kraki und regierte ohne Krieg. Da gedachte seiner
-Schwester Mann, es sei an der Zeit, die Krone zu stehlen, und er kam
-mit einem unabsehbaren Gefolge und lud sich bei ihm freundlich zu Gast.
-In der Nacht aber ließ er alles Lebendige in der Burg niedermetzeln,
-und nur den zwölf Eidgesellen gelang es, sich zur Schlafkammer ihres
-Königs durchzuschlagen. Noch einmal tranken sie wie in Jugendtagen aus
-demselben Horn sich zu und erneuerten den alten Schwur. Dann warfen sie
-sich singend auf den Feind, erschlugen die Hälfte und sanken erst zu
-Tode, als keine heile Stelle mehr an ihrem Körper war.
-
-Trunken lehnte der Verräter auf König Hrolf Krakis Thron. »Ist noch ein
-Mann übrig von meines Schwähers Gesindel?« Und die Tür öffnete sich,
-und ein alter einäugiger Kämpe trat herein. Der sprach: »Hier ist noch
-einer,« und stieß ihm das Schwert durch den Hals. --
-
-Hochgefeiert saß der Dänenkönig Hrolf Kraki unter den Einheriern an der
-Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --
-
- * * * * *
-
-Da saß auch ein Schwedenheld, König _Beowulf_. Abenteuerlustig und
-furchtlos war er gewesen, wie kaum ein anderer. Dem Stamm der Wägmunde
-gehörte er an, die ihren Stammbaum bis auf die Götter führten. Und eine
-Tat, der Götter würdig, hatte er getan.
-
-Von dem scheußlichen Meerriesen _Grendel_ ging zu jener Zeit erneut
-Gerücht durch alle Lande. Der Dänenkönig Hrodgar hatte nahe dem Meere
-eine herrliche Halle aufführen lassen für Helden und Sänger, und
-Lachen und Lebensfreude scholl weit über die Wasser. Da tappte bei
-Nacht aus den Nebeln der Meere lüstern der Meerriese Grendel hervor,
-und das Ungeheuer würgte dreißig der sorglos schlafenden Helden und
-schleppte die Leichen in sein Versteck. Nacht für Nacht schlich er auf
-Nebelschuhen in den Saal, kein Stahl ritzte seine Haut, kein Männerherz
-konnte ihm widerstehen. Verödet lag die herrliche Halle bald, und wer
-sie betrat, der wurde bei Nacht erwürgt und ausgesogen. Laut jammerte
-das dänische Volk und rief nach dem Retter.
-
-Das hörte der starke Beowulf in Schweden, der nichts von Gruseln
-kannte und nur das Zupacken, wie es der Donnerer liebte. Als halber
-Knabe noch hatte er fünf Tage und Nächte ohne Unterbrechung schwimmend
-im Meere zugebracht, um Abenteuer zu bestehen, auf dem Meeresgrunde
-Wasserungetüme erlegt und von den nadelspitzen Klippen neun
-Wassermänner heruntergestochen, bis ihn eine Woge glücklich wieder ans
-Land geworfen hatte. Nun zog Beowulf in seiner stärksten Manneskraft
-aus, den scheusäligen Unhold Grendel zu bekämpfen, und er nahm vierzehn
-unerschrockene Männer mit sich.
-
-Da des Meerriesen Haut kein Stahl durchdrang, so beschloß der kühne
-Schwede, ihm waffenlos und nur mit den bloßen Fäusten zu begegnen.
-Seine Gefährten schliefen in der Halle, die der Dänenkönig Hrodgar mit
-allen seinen Helden und Höflingen am Abend verlassen hatte. Beowulf lag
-zwischen den Seinen mit wachen Augen. Dunkle Nebel stiegen vom Moor
-und Sumpf und schlichen wie Pesthauch ins Gemach. Das war Grendels
-Atem. Jetzt tappte er selbst heran, zerbrach den Türriegel, schlürfte
-in den Saal, ergriff den ersten der Schlafenden, riß ihn in Stücke
-und sog das Blut aus. Jetzt griff er mit der Krallenhand nach dem
-zweiten. Der zweite war Beowulf. Blitzschnell packte Beowulf zu und
-packte so furchtbar stark, daß er dem Ungetüm alle Finger der Hand
-zerbrach. Brüllend wollte der Meerriese fliehen, aber Beowulf hielt
-fest. Aus dem Saale wollte Grendel, aber Beowulf stemmte den Fuß
-gegen die Mauer und hielt des Riesen Handgelenk in seinen Fäusten
-wie in einem Schraubstock. Da rissen des Riesen Achselsehnen von der
-übergewaltigen Anstrengung, der Arm riß in der Wurzel aus und blieb mit
-der Riesenfaust in Beowulfs Händen. Der nagelte die Faust unter dem
-Jubel der erwachten Gefährten an die Saaldecke, während der Riese, der
-sich hastig verbluten mußte, durch den Nebel taumelte und schwand.
-
-Ein großes Gelage gaben die fröhlichen Dänen dem siegreichen Kämpen
-und füllten ihm und seinen Gefährten die Schilde mit Gold. Die Nacht
-über blieben alle und dachten nicht mehr an die Furcht, als sie sich
-auf die Polster streckten. Aber da tappte im Nebel Grendels Mutter
-einher, ein wölfisches Ungeheuer. Mit stickigem Atem kam sie, den Tod
-des Sohnes zu rächen, und ergriff und zermalmte einen der dänischen
-Edelinge. Vom wilden Waffenlärm erschreckt, entfloh die Mörderin in
-ihren Unterschlupf.
-
-Beowulf verfolgte ihre Spur. Immer unheimlicher wurde der Weg, immer
-schauriger der Wald, immer sumpfiger der schwankende Boden, den das
-Meer unterhöhlte. Feuerflammen tanzten auf den Fluten, ekelhaft Gewürm
-spreizte sich auf den Klippen, Riesenkrebse und boshafte Nixe. Hier war
-der Eingang zu Grendels Behausung, und Beowulf tauchte ohne Zögern
-in die Schrecken der See. Sofort fiel ihn mit Scheeren und Zangen das
-Wassergetier an, aber seine gute Brünne widerstand, und er tauchte
-tiefer zu Grund. Jetzt packte ihn die Wölfin, Grendels Mutter, bei den
-Beinen und schleifte ihn in eine wasserleere Grotte. Aufsprang der
-Held und warf sich mit Macht auf das geifernde Wolfsweib. Aber seine
-Kräfte ließen nach, und schon schien es, als müsse er der rasenden
-Unholdin erliegen. Ein Riesenschwert erblickte er an der Wand. Er riß
-es herunter und stach nach der Wölfin. Die scharfe Spitze ritzte nicht
-ihre Haut. Da überkam ihn der Berserkerzorn, und er packte das Schwert
-bei der Klinge und holte aus und zerschmetterte mit dem Knauf der
-wölfischen Riesin das Rückgrat, daß sie winselnd verendete. Und nun
-gewahrte er auch den Körper des toten Grendel und schnitt ihm den Kopf
-ab und stieg nach mühseligem Suchen und Wandern vom Meeresgrund auf zu
-den stürmisch jubelnden Gefährten.
-
-Heimgekehrt nach Schweden, verübte er als hochsinniger König viele
-Heldentaten bis in sein Alter, und die letzte war, daß er, der Greis,
-einen menschenmordenden Drachen erlegte, den die Jünglinge und Männer
-flohen. Den überreichen Hort schenkte er den Schweden als letzte
-Königsgabe. Er selbst aber verschied an den Wunden des Kampfes und
-wurde zu Hronesnäß auf dem Holzstoß verbrannt, während aller Augen
-weinten. Über seiner Asche ward ein gewaltiger Hügel getürmt, und als
-Beowulfs Burg blickte das Heldenmal über die See, allen Wikingen ein
-ehrfürchtig Zeichen. --
-
-Hochgefeiert saß der Schwedenkönig Beowulf unter den Einheriern an der
-Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --
-
- * * * * *
-
-Da saßen auch die Norwegerkönige _Harald Harfagar_, das ist Harald
-Schönhaar, und _Erik Blutaxt_ und _Hakon der Gute_, die Haraldssöhne.
-In einem Meer von Blut hatte Harald Harfagar den Übermut der
-norwegischen Großen erstickt und mit fester Faust ein norwegisches
-Reich unter seinem Zepter errichtet. In einem Meer von Blut hatte des
-Schönhaars Sohn, Erik Blutaxt, gewatet, bis er aus dem Lande weichen
-mußte und auf wilder Wikingsfahrt in England ein neues Reich gewann. In
-neuem Kampf gegen Englands König fiel er und nahm fünf Könige mit in
-den Tod und tausende von Mannen. Wodan selbst befahl, ihn festlich zu
-empfangen, Bragi, der Dichtergott, griff begeistert in die Saiten, und
-König Sigmund vom Rhein erhob sich mit Sinfiötli, seinem Sohn, Erik
-Blutaxt entgegenzugehen.
-
-»Nur eins sage mir, Wodan,« bat König Sigmund, »weshalb nahmst du dem
-blutigen Erik den Sieg, da er dich doch der kühnste der Könige dünkt?«
-
-Da sprach Wodan und sah ihm fest in die Augen: »Weil es ungewiß ist,
-wann der graue Wolf zum Sitze der Götter kommt.«
-
-Und Sigmund wußte, daß Allvater vom heulenden Fenriswolf und vom
-letzten Kampfe gesprochen hatte und schritt mit Sinfiötli zum Tor und
-bewillkommnete jubelnd Erik Blutaxt und die fünf Könige, die ihm folgen
-mußten, und den Heerbann der Helden.
-
-Und wieder stand Wodan aufhorchend in Walhall und wies Bragi an, den
-Dichtergott, und Hermod, den Götterboten, vors Tor zu schreiten und den
-Haraldssohn Hakon festlich zu empfangen. Abgeirrt von den alten Göttern
-war Hakon, als er an seines Bruders Erik Statt das Zepter von Norwegen
-ergriff, aber heimgefunden hatte er vor der letzten Schlacht zu dem
-Glauben an Wodan. Darum wollte ihn Allvater besonders ehren. Seine
-Walküren sandte er auf die rauchende Walstatt, auf der König Hakon mit
-den Erikssöhnen rang, die aus England heimgekehrt waren, und alles
-Volk kämpfte für seinen König, den es um seiner Guttaten willen liebte.
-
-König Hakon rief zu Wodan und hörte die Walküren rauschen. Und er hörte
-ihr Jauchzen: »Nun wächst der Götter Glück, weil die Waltenden Hakon
-mit einem großen Heere zu sich heim entboten.«
-
-Siegreich blieb König Hakon in der Schlacht, aber von Wunden bedeckt,
-lag er auf dem Schilde. Freunde und Feinde umdrängten den Sterbenden,
-um noch einen Blick aus seinen Augen zu erhaschen, der der beste König
-war in Norwegen, und kein besserer war nach ihm.
-
-Blutbespritzt stand der König mit seinen Mannen an der Pforte Walhalls,
-von Hermod geleitet, von Bragi mit Heldenliedern begrüßt.
-
-»Helme und Brünnen wollen wir anbehalten und das Schwert nicht von uns
-tun,« sprach der König zu Wodan. »Es ist gut, bereit zu sein.« Und
-Wodan nickte, denn er kannte die Nähe der Stunde.
-
-Hochgefeiert saßen Norwegens Könige, Harald Harfagar, Erik Blutaxt
-und Hakon der Gute, unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
-Nordmänner Odin nannten. --
-
- * * * * *
-
-Noch einer aber saß unter dem Hunderttausend. Der war aus Westfalenland
-und hieß _Hermann, der Cherusker_. In Germanien war er aufgestanden,
-als es keinen Mann gab, die deutschen Gaue von der alles erdrosselnden
-Römerherrschaft zu befreien. Er, der Einzige, rief die hadernden
-Stämme zusammen und rief den Mannesmut und den Heldenzorn an in den
-erloschenen Gemütern. Er, der Einzige, zeigte den verzagten Deutschen,
-was Schwerter wert sind in der Hand von Männern, denen die Ehre lieber
-ist als das Leben. Und sie ballten sich zusammen und erschlugen im
-Teutoburger Wald das römische Heer, mehr denn zwanzigtausend Mann. Der
-Befreier des Vaterlandes wurde der Cheruskerfürst und ward zum Dank von
-Neidlingen erdolcht. --
-
-Auf dem Ehrenplatz an der Einheriertafel in Walhall saß Hermann, der
-Cherusker, und keinen liebte Wodan wie ihn. -- --
-
-
-
-
-Um Baldur.
-
-
-»Gut ist's, bereit zu sein.«
-
-Am Tische der Einherier war das Wort gefallen. Wodan wußte es lange.
-Und er wußte die Vorzeichen, die das Nahen der Stunde kündigten. Wenn
-das volle Licht getötet wird von der blinden Nacht, wenn der sonnenlose
-Winter die Lichtzeiten Frühling und Sommer vernichtet haben wird.
-
-Noch lebte der Gott des lachenden Frühlings und der Sommerhöhe, noch
-lebte Baldur, der fleckenlose. Auf seiner himmlischen Burg Breidablick,
-dem Breitglanz des Himmels, lebte er mit seinem süßen Weibe Nanna,
-die da war wie eine Blume zwischen Blüte und Frucht, und das Glück
-der Wärme ging von ihm aus. Alle liebten sie ihn, die Götter wie die
-Menschen, und selbst die Riesen der Eisländer waren ihm zugetan, da
-auch sie seines Lichtes und seiner Wärme bedurften. Lebensfröhlichkeit
-war, wo Baldur erschien, selige Hoffnung, Liebe zur Arbeit, Glaube an
-eine höhere Welt. Die Menschen hoben die Häupter, blickten lächelnd in
-das Licht und ließen ihren Arbeitsgeist bestrahlen zu höheren Dingen.
-Da wuchs aus dem Werktag der Feiertag und aus dem Feiertag wuchsen die
-Künste, die wiederum den Werktag veredelten, und Baldur war es, der
-allen Empfindungen des Geistes und der Seele zur höheren Weihe verhalf.
-
-Solange Baldur lebte, wuchs die Welt und in der Welt die Gesittung.
-
-Nun war es seit etlicher Zeit, daß Baldur am Tage schwermütig
-dahinschritt und in der Nacht von beängstigenden Träumen zerquält
-wurde. Schnell merkten es die Götter, denn das glückliche Lachen tönte
-nicht mehr von Breidablick über Asgards Fluren hin, bald merkten es
-auch die Menschen, denn der Frühling kam karg und der Sommer ohne
-Freude, und selbst die Riesen spähten unruhig nach dem bißchen Licht
-und Wärme ihres Himmels aus. Trübsinn zog in die Gemüter der Asen, und
-sie erforschten den traurigen Baldur, bis er ihnen alle seine Träume
-und Gedanken offenbarte.
-
-Frigg, die stillsorgende Himmelsmutter und Mutter Baldurs, faßte sich
-zuerst. Ihr Sohn war in Gefahr. Also galt es, nicht zu beratschlagen,
-wie die Männer taten, sondern zu handeln. Und sie machte sich auf
-und ging zu allem, was da lebte und webte, wuchs und beharrte, zu
-Menschen und Riesen und Alben, zu Feuer und Wasser und Erde, zu Erzen
-und Steinen, Pflanzen und Giften und zu sämtlichem Getier, und alles
-nahm sie in feierlichen Eid, dem Leib und Leben Baldurs nimmermehr
-zu schaden. Da war große Freude, als die stillsorgende Himmelsmutter
-wiederkehrte und in Asgard Baldurs Unverletzlichkeit verkünden konnte.
-Wie die Kinder wurden die Götter in ihrer Ausgelassenheit, und sie
-trieben Spiele und Scherze mit Baldur, um den Zauber zu erproben. Nur
-Loki stand mißgünstig zur Seite, wenn die Götter mit Geren und Pfeilen
-auf Baldur schossen, mit Schwertern und Steinen nach ihm zielten, ohne
-dem leuchtenden Gott auch nur das geringste Leid antun zu können. Denn
-Loki empfand, daß seine neidische Seele nur noch tiefer in den Schatten
-sinke vor Baldurs sonnenreiner Klarheit.
-
-Allvater Wodan aber schritt sinnend aus dem Kreise der Fröhlichen und
-sattelte seinen Hengst Sleipnir. Denn er vermochte nicht freier zu
-atmen trotz der Eide, die Frigg, seine Gemahlin, genommen hatte, weil
-er die Zukunft kannte und wußte, daß sich das Schicksal nicht betrügen
-ließe. Nur eine Gegenprobe zu dem eigenen Wissen wollte er machen und
-in die finstere Hel, das Reich der Todesgöttin, reiten.
-
-»Wir reiten zur _Wolwa_, der Weissagerin, die jenseit der Hel im Grabe
-ruht,« sprach er zu seinem Rosse, und Sleipnir schoß wie ein Vogel
-hinab gen Niflheim. Geifernd bellte der blutige Hund der Hel, doch
-Wodan achtete seiner nicht und ritt durch die dunklen Schrecknisse, bis
-er am Rande des Totenreichs das Grab der Wolwa fand. Hier saß er ab und
-sang der Hexe den Leichenzauber, bis sie sich widerwillig erhob.
-
-»Tot war ich lange. Was willst du von mir?«
-
-»Antwort will ich, für wen im Hause der Hel die Bänke mit glitzernden
-Brünnen, und mit Gold die Dielen belegt sind!«
-
-»Für Baldur geschah's. Auf ihn wartet das Methorn der Hel. Laß mich
-schweigen.«
-
-»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer es ist, der Baldurs Blut
-vergießen wird.«
-
-»Hödur heißt er. Nun begehr ich zu schweigen.«
-
-»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer die Blutrache nimmt für
-die ruchlose Tat.«
-
-»Ried wird Wodan den Wali gebären. Eine Nacht nur alt, zieht er aus in
-den Kampf. Das Haupt nicht kämmt er, die Hände nicht wäscht er, bis
-Baldurs Mörder im Blute liegt. Nicht gerne sprach ich, begehr nun zu
-schweigen.«
-
-Erschauernd hatte die Wolwa Wodan erkannt, den alten Schöpfer der Welt.
-
-»Kein anderer Mann soll wieder mich wecken, bis von den Fesseln Loki
-sich löst und die Feinde kommen zum Sturze der Götter!« rief sie mit
-letzter Kraft und sank in das Grab zurück. --
-
-Wodan ritt heim. Er hatte die Probe auf sein Wissen gemacht, und sein
-Wissen war Wahrheit.
-
-Immer noch trieben die Götter auf Asgards Wiesen mit Baldur die
-fröhlichen Kampfspiele. Immer noch ging Loki neidverzehrt umher. Eine
-neue Arglist sann er aus, und er humpelte in Gestalt einer alten
-Dienerin zu Frigg, der stillsorgenden Himmelsmutter, und plauderte mit
-ihr.
-
-»Welch ein Wunder ist es mit Baldur, unserm Liebling. Nichts und nichts
-auf der Welt vermag ihm zu schaden.«
-
-»Ich nahm alle Dinge in Eid, wie Mütter tun,« erwiderte freundlich
-Frigg und zählte sie alle her, bei denen sie gewesen war.
-
-»Vergaßest du auch nichts? Hast du auch nichts übersehen?«
-
-»Nichts übersah ich. Nur die Mistel ließ ich aus, die in den Bäumen
-wuchert. Kaum hat sie das eigene Leben.«
-
-Loki aber begab sich alsbald in den Wald und fand die unscheinbare
-Mistel, die nur im Winter blüht, und schnitt sie ab und fertigte aus
-der Ranke einen dünnen, scharfen Ger. Und er kehrte zurück in den Kreis
-der Götter, die lachend auf Baldur, den lichten Gott des Frühlings und
-der Sommerhöhe, ihre Speere schossen, und traf auf den blinden Hödur,
-den Gott der Nächte und des sonnenlosen Winters.
-
-»Weshalb bleibst du dem Spiele fern?« fragte der Arglistige. »Auf,
-versuch deine Kunst.«
-
-»Ich bin blind,« klagte Hödur, »sehe das Ziel nicht und führe keine
-Waffe.«
-
-Da drückte ihm Loki den Ger aus Mistelzweig in die Hand und lenkte
-seinen Arm. Mächtig warf der blinde Hödur, pfeifend durchschnitt der
-dünne scharfe Ger die Luft, durchbohrte Baldurs Leib und Leben.
-
-Entsetzen lähmte die Glieder der Götter. Kein Laut entrang sich ihrem
-Munde. Tot war Baldur, und ein Mord war geschehen im Himmel. Und
-plötzlich war ein wildes Weinen in ganz Asgard.
-
-An der heiligen Freistätte durften die Götter die Übeltäter nicht
-greifen. Hastig entwich Loki, und Hödur stand wie versteinert. Frigg
-aber, die Schmerzensmutter, wischte zuerst die Tränen vom Angesicht.
-
-»Zur bleichen Hel ist Baldur gefahren, mein liebster Sohn. Wer reitet
-den Weg und bittet ihn los von der Hel gegen alles Lösegeld, das sie
-verlangt? Wer fürchtet sich nicht und reitet um meiner Liebe willen?«
-
-Da trat Hermod vor, Wodans schneller Sohn, und das schnellste Roß wurde
-gebracht, Sleipnir, Wodans achtfüßiger Hengst. Und Hermod schwang sich
-in den Sattel und trat den Helritt an.
-
-Denn das verlangte die unerbittliche Gerechtigkeit, der auch die Götter
-unterworfen waren, daß die Seele dessen, der in Asgard verschied,
-zur Hel mußte. Wie wäre es sonst ein Sterben für die Asgardbewohner
-gewesen, wenn sie in derselben Stunde des Todes in Walhall auferstanden
-wären und wiederum unter Göttern und Helden gesessen hätten! Wer von
-den Göttern fiel, schied aus. Er gehörte der Hel. So verlangte es die
-ausgleichende Gerechtigkeit.
-
-»Blutrache«, war der Götter erster Gedanke, als sie zur Besinnung
-kamen. Bei Göttern und Menschen, soweit es Männer waren, gab es kein
-heiliger Wort. Und sie blickten einander in die Augen, wer sie üben
-solle.
-
-»Mein ist die Rache,« sprach Allvater, »aus meinem Blute wird Baldur
-gerächt werden. Euch aber brauch ich zu anderen Taten.« Und er ging hin
-und fand die riesische Jungfrau _Ried_, die sich zu den Asen hielt, und
-sie gebar ihm in selber Nacht einen Knaben, den Wodanssohn _Wali_.
-In selbiger Nacht wuchs Wali zu seiner ganzen Manneskraft auf, und er
-kämmte nicht sein Haar und wusch nicht seine Hände, bis er wichtigeres
-vollbracht hatte, das Wichtigste, das dem Bruder ziemte. Hödur,
-Baldurs Mörder, suchte er auf und traf den Unglücklichen am Rande der
-Morgendämmerung und erwürgte ihn. --
-
-Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
-aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
-Wetterleuchten.
-
-Die Asen aber trugen Baldurs Leiche ans Meer und betteten sie hoch oben
-auf dem Holzstoß, den sie auf des toten Gottes Luftschiff Hringhorn
-geschichtet hatten. Wodan kam mit seinen Raben und Wölfen, und Frigg
-kam mit ihm und die Schar der Walküren. Mit seinem Bockgespann brauste
-der Donnerer herbei, Freyer fuhr mit seinem goldborstigen Eber, dem
-Geschenk der Zwerge, Heimdall, der getreue Himmelswächter, ritt seinen
-schnellen Hengst, und die liebliche Freya lenkte ihr Katzengespann. Zu
-Fuß, zu Roß und zu Wagen kamen die Götter und Göttinnen alle, und viel
-trauerndes Volk der Riesen und Alben kam, das, obschon es im ständigen
-Kampfe mit den Asen lag, den einzigen Baldur ausnahm aus aller
-Feindschaft. Die Himmel weinten, die Erde erschauerte im Schmerz, und
-ein wildes Klagen erschütterte die ganze Natur.
-
-Nanna aber, Baldurs geliebtes Weib, die in des Gottes leuchtender und
-wärmender Liebe wie eine Blume gewesen war zwischen Blüte und Frucht,
-vermochte ihr Leid nicht mehr zu fassen. »Baldur!« schrie sie auf, daß
-der Schrei des Namens wie aller Klagen Klage durch die Welten lief, und
-in diesem einen Schrei brach ihr das Herz.
-
-Da legten die Götter Nannas Blumenleiche auf den Holzstoß, und sie lag
-zur Seite des Geliebten, dem Frühling und Sommer das Leben waren.
-
-Auf runden Hölzern ruhte das Schiff, um schnell in das Meer gerollt zu
-werden. Aber von allen Opfergaben war es so schwer, daß es sich nicht
-von der Stelle bewegte, denn auch Baldurs Sonnenroß, aufgezäumt in
-seinem blitzenden Geschirr, war auf den Scheiterhaufen geführt worden
-und Schätze über Schätze aus allen Landen. So sehr ward Baldur geliebt.
-
-Die Riesen rieten in der Not der Götter, die Stärkste der Starken, das
-Riesenweib Hyrockin, holen zu lassen. Das Weib kam angesprengt auf
-einem gewaltigen Wolf, dem sie statt eines Zaumes eine Natter durch
-das Maul gezogen hatte, um den Göttern furchtbarer zu erscheinen. Und
-um die Götter mit ihrer Kraft zu schrecken, stieß sie, während vier
-Berserker ihren Wolf kaum auf dem Boden halten konnten, das Schiff mit
-einem so unbändigen Ruck ins Wasser, daß die Holzrollen Feuer spien und
-fast das ganze Schiff mit seiner heiligen Ladung vom unheiligen Feuer
-verzehrt worden wäre.
-
-Blut trat dem Donnerer in die Augen. Er hob den Hammer, um die
-Unverschämte zu zerschmettern. Aber die Götter fielen ihm in den Arm,
-und die Riesen baten für ihr Leben, da ihr freies Geleit zugesichert
-sei. Da ließ er sie laufen.
-
-Im Wasser schwamm das Schiff mit der teueren Last. Noch einmal nahm
-Wodan Abschied von dem schönen Leib des Sohnes und legte ihm als letzte
-Gabe den kostbaren Ring Draupnir auf den Holzstoß, den Tröpfler, das
-Geschenk der Zwerge, dem jede neunte Nacht acht neue Ringe enttropften.
-Dann trat der Donnerer an den Holzstoß und weihte die Götterleichen mit
-dem Zeichen des Hammers.
-
-Alsbald entzündeten die Asen die Scheiter mit dem heiligen Feuer aus
-Asgard, und das Schiff fuhr wie eine Fackel hinaus auf das dunkle Meer,
-immer weiter und weiter, bis es in Flammen verging.
-
-Fröstelnd kehrten die Asen, fröstelnd kehrten die Riesen und Albe heim.
-Wie in Todesfrost erschauerten die Menschen.
-
-Immer aber und immer noch kreiste Nannas Schrei um Baldur durch die
-Welt und wollte nimmer vergehen. --
-
-Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
-aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
-Wetterleuchten. Das war das einzige Licht, das ihm den Weg erleuchtete
-durch die gräßliche Finsternis der Unterwelt.
-
-Am Abend des neunten Tages gelangte er an den Totenstrom Gioll, der
-das Reich der Hel von allen anderen Reichen trennt, und die goldene
-Giollbrücke krachte in allen Fugen, als Sleipnirs Hufe über die
-Planken donnerten. Eine Jungfrau erschien, Modgud mit Namen, das ist
-»Seelenkampf«, die warf sich dem Reiter entgegen. »Wer bist du, und was
-suchst du Lebender im Reich der Toten?«
-
-»Ich bin Hermod, Wodans Sohn, und suche Baldur, meinen Bruder.«
-
-»Ich dachte es mir, daß du kein Gewöhnlicher bist,« entgegnete Modgud
-besänftigt. »Fünf Haufen Toter ritten gestern über die Brücke, aber
-die Hufe aller ihrer Rosse donnerten nicht so auf der Brücke, als die
-deines einzigen.«
-
-»Sahst du auch Baldur reiten?« drängte der Ase sie.
-
-»Wohl sah ich Baldur. Er ritt zur Ehrenhalle der Hel, wo sie selber
-thront.« Und sie wies ihm den Weg.
-
-Weiter sprengte Hermod den Helweg durch die Finsternis und gelangte an
-ein haushohes Eisengitter, das die Wohnung der Hel umschloß. Siebenfach
-verriegelt war die Pforte und sonst kein Eingang und Ausgang.
-
-»Sleipnir, es gilt!« hauchte Hermod dem Hengste ins Ohr und nahm ihn
-zum Sprunge zurück. Und Wodans Jagdpferd setzte an und setzte im
-Steilsprung über das Gitter und hielt wie aus Stein vor Hels Halle.
-Dankbar klopfte ihm Hermod den Hals. Dann trat er ein.
-
-Den Asenmut nahm Hermod zusammen, als er das Bild, das dort sich ihm
-bot, erblickte.
-
-Zur Hälfte schwarz, zur Hälfte fleischfarben, saß die grausige Hel mit
-hängendem Kopf und klaffenden Kiefern auf ihrem Thron. Unerbittlich war
-ihr Gesicht. Und um die Erbarmungslose geschart, saßen mit tottraurigen
-Augen Könige und Helden, die den Strohtod gestorben waren an Krankheit
-oder Altersschwäche, und nicht den Jubeltod im Schlachtenwetter, in
-dem die Walküren zu Walhall entbieten.
-
-So still und traurig war es, daß man die Tropfen von den Steinwänden
-fallen hörte in grauenhaft eintöniger Wiederkehr.
-
-Auf hohem Ehrensitz, die Bank mit goldenen Brünnen, den Boden
-mit goldenen Fliesen belegt, saß traumverloren Baldur, von Nanna
-umschlungen. Vor ihm stand der Metkrug, wie vor den Königen und Helden,
-aber unberührt hatte ihn der Träumer gelassen. Des Gottes Geist träumte
-in die Zukunft.
-
-Zu dem stillgewordenen Bruder trat Hermod und setzte sich zu ihm. Die
-ganze Nacht sprach er zu ihm über das Weh der Welt und über die Wünsche
-Friggs, den Sohn wiederkehren zu sehen zum Besten aller Wesen. Und
-Baldur hörte ihm zu und spann seine Gedanken.
-
-Als der Tag anbrach, ging Hermod zum Throne der Hel.
-
-»Wisse,« sprach er zu ihr, »daß ich dir die Wünsche der mächtigen Asen
-bringe, Baldur heimzusenden nach Asgard. Seit er schied, ist die Welt
-von Schmerzen erschüttert und will nicht mehr leben. Was aber sind
-die Götter, was bist auch du ohne die immer sich neugebärende Welt!
-Verzichte auf dein Recht auf Baldur, und die Menschen werden dich
-lieben, wie sie Baldur lieben.«
-
-»Deine Worte klingen gut,« antwortete die finstere Hel, »aber der
-Bittende hat tausend Gründe, wo das Recht nur einen hat. Trotzdem:
-ich will deine Gründe erproben. Wenn alle Wesen und Dinge der Welt
-um Baldur als den geliebtesten und unersetzlichen weinen, so soll er
-heimkehren in das Licht. Weigert ein Einziges Liebe und Tränen, so muß
-er bleiben. Geh hin und künd es den Göttern.«
-
-Und Hermod ging und nahm fröhlichen Abschied von Baldur, und Baldur gab
-ihm für Wodan den Ring Draupnir, den Tröpfler, zurück, da es im Reiche
-der Hel kein Verwenden für ihn gäbe. Und Nanna gab von den reichen
-Opfergaben, die ihren Holzstoß geschmückt hatten, Gewänder und Gewebe
-für Frigg und Freya und die Göttinnen alle. Hochgemut ritt Hermod den
-Helweg zurück, wußte er doch, daß alle Welt um Baldur weinte und weiter
-weinen würde, um Baldur, den jeder lieben mußte.
-
-Wieder griff Sleipnir aus und donnerte den Helweg entlang. Und
-Hermod sah die Scharen der Müden und Stillen des Weges ziehn, die
-sich freuten, im Reiche der Hel die Ruhe zu finden, aber er sah
-auch die Scharen der Meineidigen und Mörder, und der Landesverräter,
-die schlimmer als Mörder und Meineidige sind, und sie durften nicht
-über die Brücke des Totenstromes Gioll hinüberwandern und mußten mit
-nackten Füßen durch das Flußbett waten, das mit hunderttausend scharfen
-Schwerterspitzen gespickt war. Brünstige Giftschlangen lauerten in Hels
-Reich auf die, die um eigenen Vorteils willen das Leben der Völker
-vergiftet hatten.
-
-»Sleipnir, greif aus,« schmeichelte Hermod dem Hengst, und der Hengst
-verstand und stob durch die Hel und das ganze, unendliche Niflheim
-und gewann die Oberwelt und stürmte, die Wolkenrosse weit hinter sich
-lassend, nach Asgard hinauf, wo die Götter harrten.
-
-Da herrschte Freude in allen Hallen, als Hels hoffnungsvoll klingender
-Spruch offenbar wurde, und alsobald eilten die Boten durch Himmel und
-Erde und Jotunheim und forderten die Tränen von den Lebendigen und von
-allen leblosen Dingen. Und die Menschen weinten mit den Göttern, und
-die Riesen weinten mit den Alben, von den Bäumen und Blumen tropften
-die Tränen, und selbst die Steine weinten, da Baldurs Sommer ihre
-Winternässe nicht mehr hinwegnahm.
-
-Loki saß in einer Höhle und fürchtete fiebernd für sein Neidlingswerk.
-Er nahm die Gestalt eines Riesenweibes an und nannte sich Thock, als
-die Boten der Asen bei ihm einkehrten, das ist: das Dunkel.
-
-Und die Boten sprachen: »Du bist das letzte Wesen, das wir fanden und
-noch nicht baten. So bitten wir auch dich: Weine, weine um Baldurs, des
-Vielgeliebten, Tod und Wiederkehr.«
-
-Die Riesin Thock wiegte kaum den Kopf.
-
-»Ich heiße das Dunkel und dämmere im Dunkel dahin. Was schiert mich
-der lichte Baldur! Sein Leben hat so wenig Nutzen für mich wie sein
-Sterben, und mein Auge hat keine Tränen. Hel behalte ihr Eigentum.«
-
-Sie verschwand in der Tiefe der Klüfte, und die Boten erkannten
-entsetzt, daß es Loki gewesen war.
-
-Gebrochen kehrten sie heim durch die Tränenbäche der Welt, die umsonst
-geflossen waren, und kündeten den Göttern das Geschehnis. In tiefem
-Schweigen vernahmen es die Asen. Sie blickten auf Wodan, den Vater. Der
-saß wie aus Stein, nur sein Einauge blitzte. Endlich erhob er sich.
-
-»Die als Götter gelebt haben, müssen auch als Götter zu sterben wissen.
-Sprecht es weiter.«
-
-Und er hüllte sich in Mantel und Hut, um Mimirs stillen Quell
-aufzusuchen. --
-
-Ein Gastmahl bot Ägir, der Beherrscher der Meere, den Asen an, um sie
-seiner Freundschaft zu versichern. Und sie gingen alle hin, die Götter
-und Göttinnen, auf ein paar Stunden anderen Sinnes zu werden. Denn
-Ägirs kristallene Halle war eine Freistatt, und Frevel war, sie durch
-Streit zu entweihen.
-
-So saßen sie bei dem Meerbeherrscher und freuten sich des Mahles und
-des Metes, und nur der Donnerer war abwesend. Plötzlich aber vernahmen
-sie heftigen Wortwechsel und sahen Loki, der sich die unantastbare
-Freistatt zu nutze machte und einzutreten begehrte. Als ihm der
-Türhüter den Zutritt um des Friedens willen Diener wehrte, schlug ihn
-der erboste Loki so hart, daß der treue entseelt zu Boden sank.
-
-In wilderwachtem Grimm sprangen die Asen auf und griffen zu den Waffen,
-den Bösewicht unschädlich zu machen. Der aber berief sich höhnend
-auf die Heiligkeit der Freistätte und erzwang sich seinen Platz an
-der Tafel. Und während er frech zugriff und den Metkrug leerte wie
-ein gerngesehener Gast, überschüttete er Götter und Göttinnen mit
-Schmähreden, warf dem einen Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, dem anderen
-Feigheit, Gier, Geilheit den Dritten vor und zieh die Göttinnen der
-Schamlosigkeit, der Unzucht und aller Weiberuntugenden von tausenden
-von Jahren. Seine Lästerzunge lief wie ein Rad. Er wußte, daß er
-verfemt war, und wollte darum Gift und Galle seiner verdorbenen Seele
-über die früheren Bank- und Fahrtgenossen ausspritzen, bevor er auf
-immer verschwinden mußte. Er schonte selbst die Himmelsmutter nicht und
-nicht die goldhaarige Sif, als Sifs Gatte, der Donnerer, eintrat und
-der Lästerzunge Einhalt gebot.
-
-»Du willst mir gebieten?« höhnte ihn Loki, »du, der sich im Däumling
-eines Riesenhandschuhs verkroch?«
-
-Schweigend griff der Donnerer nach dem Hammer Mjolnir. Die Sprache
-verstand der Verräter.
-
-»Zum letzten Male sitzt ihr bei Ägir zum Trunk! Das letzte Bier hat er
-euch gebraut! Feuer soll bald diese Halle verzehren, wie euch Asen der
-Wolf verschlingen wird und Muspels Feuer und meine Tochter, die Hel!«
-
-Kreischend schrie er seine Verwünschungen, und bevor die Götter einen
-Gedanken zu fassen vermochten, stürzte er sich in Gestalt eines Lachses
-ins Wasser und war verschwunden.
-
-Die Asen machten sich auf.
-
-»Der Tod wäre zu große Wohltat für solchen Bösewicht,« und sie kamen
-überein, ihn zu fangen und so zu fesseln, daß sein Weiterleben eine
-einzige Kette von Qualen bilden solle.
-
-Von seinem Hochsitz aus blickte Wodan forschend in die Welt. Und er
-gewahrte Loki in einem Hause mitten in der Felsenwildnis sitzen, und
-das Haus war über einen Sturzbach gebaut und trug Fenster in allen
-vier Wänden. Beständig auf der Hut, lugte Loki rastlos nach allen
-Himmelsrichtungen aus und flocht dabei ein Netz, um Fische ins Garn zu
-locken.
-
-Jäh sprang er auf. Er hatte das Nahen der Asen erspäht. Und mit einem
-Satz war er als Lachs in dem Sturzbach verschwunden.
-
-Da fanden die Asen das Netz und nahmen es und zogen es quer durch den
-Sturzbach. Zweimal schnellte sich der Lachs über das Hindernis und
-verschwand in der Tiefe. Beim dritten Male geriet er in das Netz und
-hätte das Netz mit sich weggerissen, wenn nicht der Donnerer, der bis
-zur Brust im Wasser stand, zugegriffen und den Lachs beim Schwanze
-erwischt hätte. Da half kein Drehen und Winden, des starken Asen Faust
-riß ihn aus dem Netz, das sich der Böse selber gefertigt hatte.
-
-Loki, der Verderber des Himmels und der Erden, lag vor den Göttern.
-
-Das Urteil war bald gefällt. In der Felsenwildnis, in die er sich
-begeben hatte, schmiedete man ihn an, den nackten Rücken auf den
-messerscharfen Felsenkanten, ihn, der vom Gott zum Unhold gesunken
-war. Sein verzerrtes Antlitz richtete man nach oben, daß er es nicht
-nach rechts, nicht nach links zu wenden vermochte, und befestigte
-über seinem Gesicht eine ekele Schlange, die ihm unaufhörlich die
-Gifttropfen ihres Schlundes wie brennendes Feuer ins Gesicht fallen
-ließ. Verlassen und verloren sollte er liegen und Qualen leiden bis an
-der Welt Ende.
-
-Die rächenden Götter waren heimgekehrt. Schaurig lag die Felseneinöde,
-durchgellt von den Schreien des Verdammten. --
-
-Da tastete es auf nackten Sohlen durch die Felsenwildnis. Da
-huschte es auf blutigen Füßen durch das messerscharfe Gestein,
-und weitaufgerissene Frauenaugen suchten und suchten den Ort der
-Verdammnis, bis sie ihn fanden. Weiter huschte die Frau, bis sie neben
-dem Körper des Gefesselten niederglitt.
-
-Das war _Signy_, des Bösen mißhandeltes Eheweib, dessen treues Werben
-er immerdar verspottet und mit Untreue gelohnt hatte. Was wußte Signy
-davon und von allen ihren Leiden? Sie sah nur den Mann, den sie geliebt
-hatte in seiner Schönheit und in seinen Fehlern, und den sie heute in
-seiner Qual mehr noch lieben mußte als je zuvor. Signy allein war zu
-ihm gekommen.
-
-An seinen Fesseln biß und zerrte sie, ohne sie um Haaresbreite zu
-lockern. Ohnmächtig sank sie zuletzt in die Felsen. Aber das Brüllen
-des Verurteilten jagte sie wieder auf. Die Gifttropfen der Schlange
-zerbrannten und zerfraßen Loki das Gesicht. Und Signy ergriff einen
-Scherben und hockte sich neben den Mann und fing in ihrem Scherben die
-Gifttropfen auf, die niederfielen.
-
-War die Schale gefüllt, so mußte sie sich einen Herzschlag lang wenden
-und die Schale entleeren. Dann fielen die Tropfen aus der Giftschlange
-Schlund aufs neue dem Elenden in die Augenhöhlen, daß er aufbrüllte vor
-wahnsinnigem Schmerz und sich in den Fesseln bäumte, daß die Menschen
-in allen Ländern erschrocken niederfielen und meinten, ein Erdbeben
-erschüttere die Grundfesten der Welt.
-
-Und wieder saß Signy, die Treue, neben dem ungetreuen Manne und hielt
-ihm die Schale vor das Gesicht, wieder und wieder, in unermüdlicher
-Geduld.
-
-
-
-
-Der letzte Kampf.
-
-
-Eiskalt ward es auf Erden. Baldur war tot, und Frühling und Sommer
-starben hastig ihm nach. Jäh brach der Winter herein, ein Winter,
-wie er nie erlebt wurde, seitdem die Welt erschaffen war. Die Bäume
-platzten auf in dem scharfen Frost, und ihr Saft rann die Stämme hinab,
-gefror und verstopfte die Poren. Die Pflanzen und Blumen traf's bis in
-den Wurzelstock, und die Kälte preßte ihnen die letzten Tränen aus und
-ließ sie vergehn wie zersplittertes Glas. Selbst die Steine schwitzten
-ihr weißes Blut, dehnten sich in klingenden Seufzern und zersprangen zu
-Staub.
-
-Baldur war tot, und es war nicht Frühling und nicht Sommer mehr.
-
-Frost lief durch die Welt, und er tötete die Äcker, die Wiesen, die
-Wälder. Im Starrkrampf lag das Leben.
-
-Und als müsse ein Leichentuch her, Tod und Sterben zu decken, setzte
-ein Schneesturm ein, der unaufhörlich tobte, unaufhörlich seine weißen
-Massen auf die Erde schleuderte. So dicht brausten und wirbelten die
-Flocken, daß aller Raum zwischen Himmel und Erde ausgefüllt schien, daß
-die Sonne vom Himmel verschwand und der Tag von der Nacht verschlungen
-blieb in der immerwährenden Finsternis.
-
-Drei Jahre lang dauerte der eine Winter, den kein Frühling milderte,
-kein Sommer durchbrach. Drei Jahre, die nicht enden wollten, gingen
-dahin in einem einzigen Winter.
-
-Da türmte sich das Eis zu Gletschern und rückte vor, von den Eisriesen
-gepeitscht, die nach dem Licht verlangten. Da begann das Feuer in
-Muspelheim, das hinter Eisesmauern keinen Ausweg fand, zu kochen und zu
-zischen, und seine eingeschlossenen Dämpfe suchten sich zu entladen.
-Bis zu den Wolken sprang der Gischt des Meeres, das enger und enger
-zusammengetrieben wurde in seinem Becken. --
-
-Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
-
-Er sah die Menschen dem heraufziehenden Schicksal unterliegen. Baldur
-war tot, und alle Gesittung starb ihm nach. Frost und Hunger und
-Finsternis machten aus Menschen gierige Tiere, die da raubten und
-mordeten und plünderten, nur um des eigenen Bauches willen. Alle Bande
-des Blutes, alle Bande der Gesetze brachen. Brüder erlegten Brüder,
-Ehen wurden gebrochen, Unzucht herrschte und Faustrecht. Ganze Stämme
-zogen aus und warfen sich blutgierig auf friedliche Nachbarstämme, um
-sie zu vertilgen. Schlachten wurden geschlagen aus roher Mordlust und
-nicht um Heldenehren willen. Ehre der Väter war eine Sage, und Macht
-ging vor Recht. Beilzeit war und Schwertzeit, Windzeit und Wolfzeit.
-Nicht einer schonte des anderen mehr, und jedermanns Hand war wider
-jedermanns Hand.
-
-Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
-
-Er sah zwei Wölfe der Riesen am Himmel jagen, und der eine jagte
-die Sonne, der andere den Mond. So stark waren sie geworden, weil
-die Menschen ihre Toten unbeerdigt ließen und die Wölfe sich vom
-Leichenfleische mästeten. Schon kamen sie den Fliehenden nahe
-und packten sie in der Flanke, daß Sonnenfinsternis wurde und
-Mondfinsternis und die Menschen der Erde aufheulten in irrsinniger
-Wirrnis. Noch einmal rissen sich Sonne und Mond los von ihren
-Bedrängern und stürmten weiter durch die mit ihnen jagenden Wolken, daß
-ihre Lichter aufblitzten und verschwanden und ihre Schatten im Taumel
-über die Erde tanzten.
-
-Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!
-
-Dann warf sich Wodan wie in alten Tagen auf sein Sturmroß und jagte
-hinaus an der Spitze seines Geisterheeres mit Hussa, Horridoh und
-Peitschengeknall und säuberte die Lüfte vom tollsten Spuk, und die
-Menschen hielten ihn und seine wilde Jagd für der Spuke größten. Hinter
-ihm aber ballte es sich wieder zusammen und stürmte in Wut und Wirrnis,
-und Allvater saß auf dem Hochsitz und sah und wußte alles.
-
-Und er sah, wie die Feuer in Muspelheim sich zur Siedehitze
-gesteigert hatten, und er erhob sich und sah, wie sie, zu aller Kraft
-zusammengefaßt, sich donnernd entluden und die lastenden Gletscherberge
-sprengten und in wildgewordener Freiheit ihre Flammen über die Erde
-und gen Himmel schlugen. In allen Fugen erkrachte die Welt, das feste
-Land hob und senkte sich wie tobende Meeresflut, Klüfte verschlangen
-die entwurzelten Wälder, Berge türmten sich über Berge und stürzten in
-die kochende See, und die See flutete über und ersäufte die Küsten, die
-Midgardschlange stieg geifernd empor, suchte das Land und wälzte sich
-vorwärts, und die Sterne fielen erloschen vom Himmel.
-
-Und in die grausenden, brausenden Schrecknisse hinein, über sie hinweg
-und sie alle übertönend, schrie wie ein Adlerschrei lang und gellend
-ein Hornruf.
-
-Heimdalls Horn!
-
-Heimdalls Horn rief die Asen, rief die Einherier, rief alle
-Asgardmänner auf zum letzten Kampf.
-
-Da eilten die Götter, Wodans letztes Gebot zu empfangen, und umstanden,
-tief atmend, den Vater der Schöpfung.
-
-Und Allvater sprach:
-
-»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich
-würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde
-ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
-_un_sterblich. Wohlauf denn, ihr Asen und ihr Helden alle, nun folgt
-mir nach in die Unsterblichkeit.«
-
-Da waffneten sich Götter und Helden mit ihren besten Waffen, in
-unabsehbaren Scharen zogen die Einherier aus, und mit den Walküren
-ritten die Göttinnen, den Ger in der Faust. --
-
-Der rote Hahn des Riesenreiches krähte in den Morgen und rief die
-Schläfer wach, wie der goldene Hahn krähte in Asgard und der nußbraune
-Hahn in der Hel.
-
-Ganz Riesenheim tobte in hellem Aufruhr. In Scharen krochen
-Schwarzalben und Trolle aus Klüften und Schluchten und spornten
-kreischend die Riesen an.
-
-Die jauchzten auf, als der Wirbel der Flut, aus der die Midgardschlange
-sich wälzte, das Schiff _Naglfar_ flottmachte, das Nagelschiff,
-das aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten erbaut wurde. Nie wäre
-es fertig geworden, hätte Baldur gelebt. Denn die Gewissenspflicht
-gebot den Menschen, ihren Toten vor der letzten Ausfahrt die Nägel zu
-beschneiden, damit die finsteren Mächte sie ihnen nicht nehmen konnten
-zum Bau von Naglfar. Wer aber von den Menschen fragte noch nach der
-Pflege der Toten? Beilzeit war und Wolfzeit.
-
-Der Reifriesenfürst _Hrymir_ bemannte das Schiff und steuerte die
-Tausende gegen Asgard. --
-
-Aufs neue stöhnt von der Entladung der Flammen, die Eis und Stein
-durchbrechen, die Welt in allen Fugen. Ein Sterbeschauer durchbebt die
-Weltesche Yggdrasil, und die Brunnen an ihren Wurzeln schäumen über.
-
-Zum letzten Mal beugt sich Wodan über den Brunnen Mimirs und raunt mit
-dem Haupte des Urweisen. Dann schreitet er einsam nach Asgard zurück,
-bindet den Goldhelm unter dem Kinn und greift nach dem Speere Gungnir.
-Er kennt sein Schicksal. Sein Einauge blickt groß und königlich. --
-
-Ein neuer Donnerschlag erschüttert das Weltall. Die Flammen haben die
-Gewalt. Schlag folgt auf Schlag, ein tosendes Erdbeben dem anderen,
-daß kein Felsen auf dem andern bleibt. Ein Jubelgeheul macht die
-Lüfte erdröhnen. _Loki_ ist losgekommen! Die Felswand ist geborsten,
-die seine Fesseln hielt, die Fesseln sind zerplatzt! Hinstürmt er zur
-Hel, seiner grausigen Tochter, und ruft die Mörder und Schufte, die
-Meineidigen und die Hochverräter der Helleute auf zum Kampf gegen die
-Götter. Entvölkert ist Hel, denn die guten Geister sind geflüchtet im
-blutigen Wirrsal der Geschehnisse. Aber mit wüstem Totenvolk überladen,
-steuert Loki das Schiff der Hel gegen Asgard.
-
-Und _Fenris_ ist los, der wahnsinnige Wolf, wie Loki, sein Vater,
-loskam. Blutigen Schaum an den Lefzen, jedes Haar gesträubt, kommt
-er gerannt, und Loki schreit ihm zu und nimmt ihn an Bord des
-Höllenschiffes.
-
-Blitzend aber reitet der schwarze _Surtur_ heran, der Fürst der
-zerstörenden Feuergewalten. Auf tausenden von Flammenrossen folgen ihm
-die Seinen. Über die Brücke Bilfrost reiten sie gegen Asgard, und die
-Himmelsbrücke birst unter den Hufen ihrer Pferde.
-
-In Rauch und Flammen gehüllt, kreist die entsetzte Erde, und die Zwerge
-hasten an den verschütteten Höhlen auf und nieder und suchen wimmernd
-den Eingang.
-
-Zum zweiten Male stößt Heimdall ins Horn, gellend und gebietend wie
-Adlerruf. Da ordnen sich die Scharen der Asen und Einherier.
-
-Und zum dritten und letzten Male stößt Heimdall ins Horn. »Vorwärts,
-ihr Asengötter, vorwärts, ihr Einherierhelden, in die Unsterblichkeit!«
-
-Aufsprangen die fünfhundertundvierzig Türen Walhalls. Und die
-Wodansmänner zogen aus zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, und Walvater Wodan
-führte sie.
-
-Auf dem Sturmroß Sleipnir ritt er in schimmernder Brünne, den Goldhelm
-auf dem Haupt, den Todesspeer in der Hand. An seiner Seite schritt
-wuchtenden Ganges der Donnerer, den Hammer Mjolnir in der Faust.
-Unbeirrt ihnen nach alle die anderen, die Todesmutigen. --
-
-Auf der Ebene Wigrid, dem Kampfreitplatz vor Walhall, treffen sie auf
-den Feind, der wie nimmer sich erschöpfende Wasserfluten anschwillt und
-vorwärtsdrängt. Hoch hebt sich Wodan in den Steigbügel. Sein Einauge
-funkelt und blitzt. Und zischend fährt sein Todesspeer als erster
-Kampfgruß über die Köpfe der Drängenden.
-
-Schon sind die Massen im Kampf. Surturs Feuerreiter verbrennen Wiesen
-und Weiden. Aber die Einherier fürchten nicht Flammen noch Rauch.
-Nicht umsonst ist Sigurd durch die wabernde Lohe zu Brynhild, der
-Walküre geritten, nicht umsonst kämpften die Helden alle in brennenden
-Hallen. Mit dem Blute der Erschlagenen dämpfen sie die Glut des
-Kampfplatzes und werfen die Brandreiter zurück.
-
-Mit den Riesen vermengen sich die Leute der Hel und wüten wie Tiere.
-Felsen schleudern die Riesen, die zermalmend niederschmettern, und
-die Helleute geben den Verwundeten den Rest mit dem feigen Dolch. Der
-Donnerer sieht es. Schon ist er mitten unter ihnen. Von den Riesen
-kennt er die meisten. Nun lernen sie seinen Hammer kennen. Der krachte
-in die Schädeldecken und fuhr im Schwung in des Gottes Faust zurück,
-um sie im Schwunge wieder zu verlassen und Schädel zu zertrümmern,
-Schädel, nichts als Schädel.
-
-Wo die Gefahr am größten war, dorthin spornte Wodan sein Roß. Mit dem
-Schwerte schlug er die Gefährten aus den blutigen Knäueln heraus,
-sammelte die Aufatmenden um sich und führte sie aufs neue ins
-Handgemenge. Mit der Peitsche holte er die Schwarzalben und tückischen
-Trolle aus der Luft, daß sie wimmernd verschieden. Wo Wodan ritt,
-häuften sich Leichen.
-
-Und plötzlich erschauert die Welt, wie sie nie erschauert war.
-
-Der _Fenriswolf_ rennt. Alle Grenzen hat seine losgelöste Wut
-überschritten. Mit aufgerissenem Rachen rennt er, daß sein Unterkiefer
-über die Erde fegt und sein Oberkiefer die Wolken durchstößt. Alles
-schlingt er herunter, was zwischen Himmel und Erde ist.
-
-Da packt selbst die Tapfersten lähmendes Grauen, und die Schar der
-Asen, die Haufen der Einherier weichen zurück. Wodan sieht es. Er weiß,
-das Werk der Götter ist noch nicht vollbracht. Kein neuer Himmel kann
-sein, wenn die alten Unholde bleiben.
-
-Ein Opfer muß her!
-
-Wer bringt das Opfer, das ein Leben verlangt?
-
-Der Führer bringt es, wer sonst?
-
-Dem rasenden Wolfe entgegen wirft sich Wodan, der Eine allein. Er
-schwingt sich vom Roß, und der wütende Wolf schlingt den ledigen
-Hengst. Wodan greift an. Er hemmt des Untieres Lauf und bringt es aus
-der Bahn. Asen und Einherier sammeln sich. Sie kommen zu sich und
-sehen: es gibt keine Gefahr, die ein Mutiger nicht angehen kann. Das
-aber hat Walvater gewollt. Dafür ist die Preisgabe des besten Lebens
-nicht zu groß. Im Kampf mit dem Fenriswolf endet das seine. Wodans
-Königsseele weicht ins All. --
-
-Widar gewahrt es, der »Gott mit dem Schuh«, der Wodanssohn. Nun kommt
-ihm der Schuh, der das Leder aller Länder als Opfergaben trägt, wohl
-zu statten. Er tritt dem Wolf in den Rachen und stemmt ihm mit dem
-zentnerschweren, undurchdringlichen Schuh den geifernden Unterkiefer
-auf dem Erdboden fest. Mit der Linken packt er den Oberkiefer. Die
-Rechte, die Schwerthand, hält die zweischneidige Klinge. Weit aus holt
-Widar und stößt dem Untier das Schwert bis an den Knauf durch den
-Rachen ins Herz. Blutrache! Blutrache für Allvater Wodan.
-
-Da ward das Werk vollendet. Da brachen die Asen und Einherier wie
-Wetter in den Feind, das Vorbild zu erreichen, im Sterben würdig zu
-sein ihres Lebens, das ist: würdig der Unsterblichkeit.
-
-Giftschnaubend wälzte sich die _Midgardschlange_ heran. Ihr Pesthauch
-allein tötete. Aber schon stand der Donnerer vor ihr, der sie schon
-einmal an der Angel fing, als er Hymirs Kessel holte. Aufbäumte sich
-die Riesenschlange gegen den alten Todfeind. Diesmal entging sie
-ihrem Schicksal nicht. Der Hammer Mjolnir stand funkelnd über ihrem
-Haupt, und der Zermalmer durchschlug ihr den Schädel. In einer Wolke
-von giftigem Odem verging die Midgardschlange. Neun Schritte tat der
-Donnerer in der Giftwolke zurück. Dann verging ihm der Atem. Er, der
-den Menschen mit Blitz und Donner die Lüfte gereinigt hatte, konnte
-nicht leben im Dunst des Wurms. Die Freiheitsaugen brachen ihm. So
-folgte er Wodan. --
-
-Und Freyer, der Sonnengott, folgte, vom Schwerte Surturs, des unheilig
-lodernden Feuers, getroffen. Und Ziu, der furchtlose Schwertgott, den
-die Nordmänner Tyr anriefen und dem die Jünglinge ihre Schwertertänze
-weihten, er, der dem Fenriswolf einstens die Rechte in den Rachen
-gelegt hatte, traf auf den leichenzerreißenden Hund der Hel, und
-während ihn der Hund zu Tode biß, erwürgte er ihn. Heimdall aber, der
-treue Wächter, stieß auf Loki, den Verräter, den er schon einmal im
-Kampf um Freyas Halsgeschmeide Brisingamen bestanden hatte, und so wild
-gingen sie aufeinander an und so wenig wollten sie voneinander lassen,
-daß sie beide von Wunden überdeckt zu Tode sanken. --
-
-In dem Glutmeer, das Surtur entfachte, ist nicht mehr zu leben. Und
-dennoch geht das Würgen weiter, weiter bis auf den letzten Mann.
-Die Walküren sind gefallen, die gerbewaffneten Göttinnen mit ihnen.
-Die Einherier, die Germanenhelden, haben sich den Göttern gleich
-erwiesen und die Riesen und Unholde trotz ihrer Übermacht zu eklem
-Brei gestampft. Fast mit den letzten Feinden fallen ihre Letzten. Die
-riesischen Wölfe haben Sonne und Mond erreicht und sie verschlungen.
-Aber die Sonne gebar in ihrer Not ein Kind, und es spielt abseits auf
-einer Himmelswiese.
-
-Durch die Welt lodert das Feuer, und das Eis der Gletscher schmilzt und
-wirft sich in Wasserströmen über glühende Erde, bis endlich, endlich
-die Glut erlischt.
-
-Nacht bricht herein. In Nacht versinkt die sterbende Welt. --
-
- * * * * *
-
-Und ein Tag bricht an, ein neuer Tag.
-
-Das spielende Sonnenkind hebt sich am Himmelsrand und lacht in Unschuld
-auf die Erde nieder. Es lockt und schmeichelt und tut schön mit seinen
-hellen Augen und seinen warmen Händen, bis es unter dem Schutt sich
-regt, den Feuer, Wasser und Erde hinterlassen haben, und ein paar
-schüchterne Gräser hervorkeimen. Ah, wie ist die Luft so klar und rein,
-das Leben so köstlich und lebenswert. Bald ist der Boden von Blumen
-übersäet, die Sträucher schlagen aus, die Bäume treiben Knospen. Und
-aus einem hohlen Baumstamm, der sich über und über mit Laub bedeckt,
-tritt ein Menschenpaar, das sich vor Feuersbrunst und Wasserflut in
-die rettende Höhlung geflüchtet, tastet sich furchtsam vor und steht
-überrascht in der neuen Sonne, dem neuen Lenz der Erde, dem neuen
-Menschenfrühling.
-
-Und das überglückliche Menschenpaar hebt seine Augen und sucht seine
-Götter. --
-
-Über Asgards verwüstete Fluren schreitet ein Wanderer. Schlank ist er
-und ewigjung, und goldrote Locken wehen ihm um die Schläfen. Er kommt
-aus der Hel gewandert, die verlassen liegt. Und wo er geht, ist Licht
-und Wärme, Werden und Schöpfermut.
-
-_Baldur_ ist heimgekehrt. Nun muß alles Leben auferstehen.
-
-An der Hand führt er Hödur, den blinden, der ihn einst mit der Mistel
-niederwarf. Wie Brüder wandern sie Hand in Hand, und wenn der eine im
-Schlaf neue Kräfte sammelt, wacht der andere. Bald Baldur, bald Hödur.
-Tag und Nacht haben sich gefunden und sich verbunden zum Wohle der Welt
-und ihrer Kräftigung. Tag und Nacht, Sommer und Winter.
-
-Unter Baldurs Schritten wachen die Fluren Asgards auf. Es grünt und
-blüht auf allen Gefilden, und kein Platz ist mehr für üble Gelüste und
-unwürdig Tun. Die Luft ist geläutert. Frühling --!
-
-Es ist das alte Asgard nicht mehr, ein neues blüht aus den
-Kampfestrümmern und will neues Glück. _Idafeld_ nennt Baldur das alte
-Asgardland, das »Feld der Auferstehung«.
-
-Und wie er hinausblickt über alle Wege, sieht er zwei Wanderer
-schreiten von rechts und zwei Wanderer von links. Und die Wanderer
-von rechts erreichen ihn, und es sind die Wodanssöhne Widar und Wali.
-Widar, der den Vater rächte, und Wali, der Blutrache nahm für den
-Bruder Baldur. Darum gehen sie in den neuen Himmel der Germanen ein.
-Und die Wanderer von links treten hinzu, und es sind die Donarsöhne
-Modi und Magni, die den Hammer des Donnerers bringen, mit ihm des
-Vaters Kraft und den Zorn seiner Gerechtigkeit.
-
-Nach links und nach rechts streckt Baldur seine Hände, Glückslachen auf
-den Lippen.
-
-»Wodan und Donar, ihr konntet nicht sterben, ihr lebt fort im
-Germanenvolk in verjüngter Gestalt, ewig und ewig, solange der
-Donner kracht zur Sommerzeit, solange der Herbststurm braust und ein
-Menschenaug in Wolken die wilde Jagd erblickt. Willkommen ihr alle zu
-neuen Schöpfungswerken! Den Frieden wollen wir im Himmel und auf Erden.
-Den Frieden der Freien. Keinen anderen Frieden für und für. Deß sei uns
-des starken und gerechten Donars Hammer ein Zeichen.«
-
-Sie legen die Hände ineinander zum Schwur und schaffen einen neuen
-Hochsitz.
-
-»Für den großen Gott, der uns führen wird.«
-
-Und sie sprechen Allvaters Worte nach:
-
-»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich
-würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde
-ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
-_un_sterblich.«
-
- * * * * *
-
-Zu allen Zeiten lebte das Germanenvolk wie seine Götter. Der Götter
-Tugenden waren die seinen und der Götter Fehler, der Götter Kraft und
-der Götter Kriege, der Götter Niedergang und der Götter Auferstehung.
-Du aber, mächtigster Germanenstamm, deutsches Volk, von der Maas bis an
-die Memel, von der Etsch bis an den Belt, erkenn aus der Urväter Tagen,
-daß deine Götter und Helden niemals dem Schicksal schwächlich in die
-Augen sahen, daß sie es kühn erwarteten und sich bis aufs letzte Blut
-mit ihm schlugen, wie Männer tun im deutschen Zeichen des Hammers. Vom
-Blute Wodans lebt es in dir, vom Blute Donars, vom Blute Baldurs, und
--- so der große Gott, »der uns führen wird«, uns liebt, weil wir Männer
-sind und keine Knechte -- immerdar vom Blute
-
- _Hermanns, des Cheruskers_.
-
-
-
-
-Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig
-
-
-RUDOLF HERZOG
-
-Preußens Geschichte
-
-31. bis 40. Tausend / 390 Seiten mit zahlreichen schwarzen Bildern von
-Prof. A. Kampf / Buchschmuck von Prof. G. Belwe / Geb. M. 6.60.
-
-»Alle wichtigen Epochen, alle hervorragenden Herrschergestalten sind
-hier in der _fesselnden Erzählungsweise_ Herzogs, in seinem feinen Stil
-geschildert. Man weiß nicht, ob man mehr die packenden, feingemeißelten
-Porträts der großen Preußenkönige oder die dramatisch bewegten
-Schilderungen der Schlachten von Fehrbellin, von Torgau, Leuthen,
-Leipzig, Königgrätz oder Sedan bewundern soll. Wie einen Roman, dessen
-Handlung wir mit Spannung folgen, lesen wir diese Schilderungen, die
-uns doch Altbekanntes in ganz neuem Lichte und Zusammenhang zeigen.
-_Herrliche Balladen_ unterbrechen zuweilen den Lauf der Darstellung.
-Gedichte wie ›Rheinsberger Tage‹, ›Bei Torgau‹, ›Blücher zieht über
-den Rhein‹, ›König Wilhelms Heldenschau‹ und andere mehr werden zu den
-_Perlen patriotischer Dichtungen_ zählen. Ein feiner Buchschmuck paßt
-sich der Stimmung des Ganzen trefflich an. Alles ist dazu angetan,
-diese Geschichte Preußens zu _einem Volksbuch_ werden zu lassen.«
-
- Deutsche Revue.
-
-
-Ritter, Tod und Teufel
-
-Gedichte / 61. bis 70. Tausend / 156 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.
-
-»Es gibt wohl kaum eine Stimmung in dem unheimlichen Wirbel der
-Kriegseindrücke, die den Dichter nicht zur Gestaltung gedrängt,
-deren Ausdruck ihm nicht gelungen wäre. Heldenmut und Treue,
-unerschütterliche, begeisterte, bis zur Selbstaufopferung hingebende
-Liebe zu Vaterland und Kaiser sind die Grundtöne, die die Sammlung
-durchklingen ... _Der Band ist eine köstliche Perle in dem reichen
-Schatze unserer Kriegslyrik._«
-
- Literarisches Zentralblatt f. Deutschland.
-
-
-Stürmen, Sterben, Auferstehn
-
-Gedichte / 21. bis 30. Tausend / 127 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.
-
-»Die zweite Gedichtsammlung zeigt die gleiche _glühende
-Vaterlandsliebe_ und die gleiche Kraft im Ausdruck und Kunst der
-Stimmungsmalerei, denselben _hohen Persönlichkeitswert_ wie der erste
-Band, und doch finden sich auch wieder neue Züge in Stoff und Form,
-ja man ist versucht, eine noch _größere Tiefe_ der Empfindung, noch
-schwereren Ernst in den Gedanken an Tod und Unsterblichkeit in ihr zu
-spüren.«
-
- Literarisches Zentralblatt für Deutschland.
-
-
-
-
-J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
-Stuttgart und Berlin
-
-
-RUDOLF HERZOG
-
- Geb.
- =Das goldene Zeitalter= M.
- Roman. 13. u. 14. Aufl. 6.50
-
- =Der Adjutant=
- Roman. 15.--17. Aufl. 6.50
-
- =Der Graf von Gleichen=
- Ein Gegenwartsroman
- 39.--41. Aufl. 8.50
-
- =Die vom Niederrhein=
- Roman. 86.--95. Aufl. 8.50
-
- =Das Lebenslied=
- Roman. 101.--110. Aufl. 8.50
-
- =Die Wiskottens=
- Roman. 141.--150. Aufl. 8.50
-
- =Der alten Sehnsucht Lied=
- Erzählungen.
- 15. u. 16. Aufl. 6.50
-
- =Der Abenteurer=
- Roman
- Mit Bildnis des Verfassers
- 46.--50. Aufl. 8.50
-
- =Hanseaten=
- Roman. 101.--110. Aufl. 8.50
-
- =Es gibt ein Glück ...=
- Novellen. 34.--36. Aufl. 7.--
-
- =Die Burgkinder=
- Roman. 131.--140. Aufl. 8.50
-
- =Ausgewählte Novellen=
- Mit einer biogr. Einleit.
- von _J. G. Sprengel_.
- 21.--25. Tausend 2.20
-
- =Die Welt in Gold=
- Novelle. 16.--.20. Aufl. 2.50
-
- =Das große Heimweh=
- Roman. 101.--105. Aufl. 9.50
-
- =Die Stoltenkamps
- und ihre Frauen=
- Roman. 126.--135. Aufl. 9.50
-
- =Jungbrunnen=
- Novellen. 51.--80. Aufl. 7.50
-
- =Gedichte.=
- 5. Auflage 3.50
-
- =Wir sterben nicht!=
- Lieder und Balladen
- 2.--5. Auflage 3.--
-
- =Die Condottieri=
- Schauspiel in vier Akten
- 3. Auflage 4.--
-
- =Auf Rissenskoog=
- Schauspiel in vier Akten
- 2. Auflage 4.--
-
- =Herrgottsmusikanten=
- Lustspiel in vier Akten
- 2. u. 3. Auflage 4.50
-
- =Stromübergang=
- Dramatisches Gedicht
- in einem Aufzug
- 1.--10. Tausend 1.--
-
- =Die Nibelungen=
- Des Heldenliedes beide
- Teile, neu erzählt. Mit Bildern
- von Professor _Franz
- Stassen_. (Verlag von
- Ullstein & Co., Berlin) 6.--
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription.
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die
- Antiqua-Auszeichnungen dienten nur der Dekoration und wurden
- entfernt.
-
- Die Abbildung wurden an die zugehörige Textstelle verschoben, deren
- Seitenreferenz wurde entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 4: die ersten beiden Zeilen → Anfang von S. 3:
- griffen nach
- {dem rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen
- Geistes, und als Erstes entstand ein Ungetüm, das alle}
- Erde, die da wurde,
-
- S. 6: Wil → Wili
- Wodan, der junge, sah es, und er rief {Wili} und We,
-
- S. 120: Das → Da
- {Da} war der Donnerer wohl zufrieden.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Germaniens Götter, by Rudolf Herzog
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERMANIENS GÖTTER ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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