summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/56192-0.txt5395
-rw-r--r--old/56192-0.zipbin108350 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h.zipbin656572 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/56192-h.htm6884
-rw-r--r--old/56192-h/images/cover.jpgbin117787 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/illu-014.pngbin57079 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/illu-035.pngbin65616 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/illu-067.pngbin48692 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/illu-097.pngbin62414 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/illu-139.pngbin57592 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/illu-153.pngbin54088 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/illu-title.pngbin1690 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56192-h/images/title.jpgbin91586 -> 0 bytes
16 files changed, 17 insertions, 12279 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..41ff324
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #56192 (https://www.gutenberg.org/ebooks/56192)
diff --git a/old/56192-0.txt b/old/56192-0.txt
deleted file mode 100644
index 01257a3..0000000
--- a/old/56192-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5395 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Germaniens Götter, by Rudolf Herzog
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Germaniens Götter
-
-Author: Rudolf Herzog
-
-Illustrator: Robert Engels
- Paul Hartmann
-
-Release Date: December 17, 2017 [EBook #56192]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERMANIENS GÖTTER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so markiert=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Germaniens
- Götter
-
- von
-
- Rudolf Herzog
-
- [Illustration]
-
- Verlag Quelle & Meyer · Leipzig
-
-
-
-
- Copyright 1919 by Quelle & Meyer, Leipzig
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Schwarzweißzeichnungen von Professor Robert Engels
- Einbandzeichnung von Paul Hartmann
- Druck von Radelli & Hille, Leipzig
-
-
-
-
- Den
- Nachkommen
- Hermanns
- des
- Cheruskers
-
-
-
-
-Zum Geleit.
-
-
-Von den Göttern spricht dies Buch. Von Germaniens Göttern. Immerdar
-sind eines Volkes Götter das Abbild seiner innersten Art gewesen,
-seiner Tugenden, seiner Fehler, seiner verlangenden Sehnsucht. Wenn
-unsere Väter zu den Göttern riefen, riefen sie an, was an Kraft und
-Zuversicht bewußt oder unbewußt in ihnen selber lebte, sahen sie
-Wunsch und Willen im Lichte eines überirdisch gesteigerten Mannes- und
-Heldentums.
-
-Ein Volk, das seiner Götter vergißt, vergißt seines Ursprungs, seiner
-Ahnen, seiner selbst und seiner Wurzelkraft. Wer sich seiner Herkunft
-und Vergangenheit schämt, baut seine Zukunft in den Wirbelwind. Aus den
-rauhen Wäldern Germaniens stammen wir, stammen unsere Götter. Nicht
-aus dem sonnentrunkenen Hellas und dem hochmuttrunkenen Rom. Lernt es
-aufs neue, ihr Deutschen. Lernt es mit dem Stolz, der allein die Kraft
-verleiht, ein _Volk_ zu sein und keine Sklavenherde von Mantelträgern
-und kriechenden Liebedienern. Den Göttern Griechenlands, den Göttern
-Roms unsern Gruß. Germaniens Götter grüßen euch mit _derselben_ Stimme
-der Unsterblichkeit! Nie waren die Götter Deutschlands herrlicher und
-gewaltiger, als in den Tagen, da sie um Untergang und Auferstehung
-kämpften.
-
-Was sind Jahrhunderte, was Jahrtausende, gemessen an der urewigen Zeit?
-Germaniens Götter rufen heute wie ehedem. Und immer riefen sie am
-stärksten, wenn der Sturm die Wolken über den deutschen Himmel jagte.
-
-Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!
-
-Wiederum heute, wie zu der Urväter Zeit.
-
-Um Untergang und Auferstehung kämpft Deutschlands Volk. Euren Göttern
-nach, ihr Deutschen! Zur neuen Sonne! Zur neuen, geläuterten Zukunft.
-
- _Rudolf Herzog._
-
- Obere Burg zu Rheinbreitbach
- 18. Oktober 1919.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Der Götter Erscheinen 1
-
- Der Menschen Werden und Wachsen 12
-
- Das goldene Zeitalter 24
-
- Der Wanenkrieg 36
-
- Die Götter auf schiefer Bahn 52
-
- In Schuld und Schicksalskampf 63
-
- Die Götter auf Kundschaft 80
-
- Im Zeichen des Hammers 102
-
- Wodans Wunschmädchen 130
-
- Unter den Einheriern 147
-
- Um Baldur 177
-
- Der letzte Kampf 198
-
-
-
-
-Der Götter Erscheinen.
-
-
-Regungslos lag die _Weltseele_ ...
-
-Über der Leere lag sie, der ungeheueren, die nicht Wasser noch Erde
-wies, nicht Feuer noch Luft. Nichts als die leblose Leere. Starr und
-unendlich. Regungslos lag die Weltseele über der toten Leere. Bis daß
-sie träumte ... Leben träumte sie ...
-
-Und als der erste Traum durch die Weltseele rann, war es wie ein
-erstes, wärmendes Leben, und aus der aufsteigenden Wärme sprang wie ein
-Funke der _Gedanke_, der zur Flamme wurde und aufloderte in die Leere.
-
-Das _Feuer_ war in die Welt gekommen und stand, eine Welt für sich,
-hoch und heiß und sengend am Rande der Leere. _Muspelheim_ hieß
-diese Welt, und Feuergeister waren, was aus der Weltenseele in sie
-hinübergeglitten war.
-
-Weiter sann die Weltseele. Und sie sann hinter dem feurigen Gedanken
-her, der Muspelheim entzündet hatte und nun unaufhaltsam war. Nicht
-Wärme, nicht Kälte hatte die ungeheure Leere gekannt. Nun aber, da
-an ihrem Südrande Muspels Flammen lohten, ward sich der Nordrand der
-Kälte bewußt, und die dunklen Nebel brauten, daß es eine Welt voll
-Nebel war und _Niflheim_, Nebelheim geheißen. Die Nebel aber stiegen
-auf und wurden _Luft_, und sie stiegen nieder und wurden _Wasser_.
-Und die Wasser Niflheims strömten in die ungeheure Leere, die sie
-zur Eisschicht erstarren ließ, und die Wasser strömten immerzu, und
-Eisschicht lagerte sich über Eisschicht, bis die Leere ausgefüllt
-war. Und die Stürme, die aus Niflheims Luft wuchsen, zermürbten die
-Decke zu Schnee und Reif, und die Glut, die aus Muspelheims Flammen
-hinüberlangte, mischte Glutasche hinein und schmolz das Wasser hinaus,
-daß _Erde_ wurde und aus Erde, Wasser, Feuer und Luft die Wildnis der
-_Erdenwelt_. So ward die Erdenwelt geboren und geschwängert von allen
-Gedanken der Weltseele.
-
-Die irdischen Gedanken aber lagen nahe der Oberfläche und drängten
-nach Form und Gestalt, hastig und ungeschlacht, während die göttlichen
-Gedanken noch in der Tiefe lagen und über Vollkommenheit sannen. Und
-als der Funkenregen, der von Muspelheim herüberstob, kaum erst die
-oberste Reifschicht durchbrochen und die vorgeschobenen, die irdischen
-Gedanken der Weltseele mit seinem lebenheischenden Anruf getroffen
-hatte, rissen die noch unvollkommenen sich los, griffen nach dem
-rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen Geistes, und als Erstes
-entstand ein Ungetüm, das alle Erde, die da wurde, in sich fraß, und
-alle Wasser, die da rauschten, in sich schluckte, das alle Luft aufsog
-und alle Feuerwärme für sich begehrte -- der _Riese Ymir_.
-
-Der Riese Ymir wälzte seinen immer hungrigen und durstigen Leib im
-dampfenden Reif, und wo er ausruhte, drohten seine massigen Gliedmaßen
-das junge, lebenhegende Erdreich zu ersticken. Und als er sich
-übernommen hatte an Speise und Trank und ächzend lag, rieb er im
-Angstschweiß seine Hände, und es sprang ein neues Riesenpaar heraus,
-das dem Vater beistand im Fressen und Schlucken, und er rieb seine Füße
-aneinander, da zeugten auch diese ein Riesenpaar, das noch ungefüger
-war, als das erste. Sie alle aber wußten nichts, als ihren Bauch zu
-mästen und Kinder zu zeugen, die dasselbe taten, und die Luft mit ihrem
-Brausen und Brüllen zu erfüllen.
-
-Als der Riese Ymir, unreifer Gedanken voll, sich ins Leben gewälzt
-hatte, drängte eine Schar unruhiger, flatternder Gedanken ihm nach,
-fanden aber, bei Ymirs gewaltsamer Ausdehnung, nicht genug des
-Rohstoffes mehr, um sich einen irdischen Körper zu schaffen, und fuhren
-in Grimm und Unlust als wütende und boshafte _Gespenster_ durch die
-Luft und das Land. Schrate und Trolle wurden sie und Maren, Truden und
-schwarze Alben. Steckengeblieben waren sie in ihrem Werden zwischen
-Irdischem und Göttlichem, überragten das rohe Riesengeschlecht an
-Witz und Geist, reichten dennoch nicht heran an das Erhabene, das dem
-Geist erst seine edle Führung gibt. Unstet und zerfahren, ohne Zucht
-und Ordnung, vermehrten sie den Wirrwarr, den die riesischen Urnaturen
-verübten, jagten mit ihnen gemeinsam und hockten ihnen auf, krochen
-zwischen sie und hetzten sie gegeneinander durch Stoßen, Treten und
-Zerren, und freuten sich aus sicherem Versteck, wenn die Ungeschlachten
-übereinander herfielen und brüllend die eben erst gewordene Erde
-zusammenstampften. So wetteiferte das ungezügelte Geisterheer mit den
-rohen Naturgewalten der Riesen, die junge Erdenwelt nur als Tummelplatz
-aller wilden Lüste zu nutzen und jede Entwicklung zu einer höheren Welt
-im Keime zu ersticken.
-
-Der göttliche Gedanke jedoch hatte nicht brach gelegen. Langsamer,
-als die eilfertig und verwahrlost Schwärmenden, aber unaufhaltsam,
-forschend, sich klärend, neuschöpfend, drang er aus der stillen Tiefe
-empor zum Licht. Er nahm _nur_ die wenigen und die edlen Stoffe, die
-dem stumpfen Blick der Riesen entgangen und der Gier der Gespenster
-zu gering erschienen waren, und gab dem Geist die Vorherrschaft über
-den Körper. Schlank und ebenmäßig formten sich die Glieder, ein jedes
-untertan der Verrichtung, die es erfüllen sollte, und sinngemäß danach
-erschaffen. Stark wölbte sich die Brust, straff spannten sich die
-Muskeln, blau blitzten die Augen und goldfarben wehte das Haar. In der
-Wärme des Tags stand _der erste Gott_. Und er nannte sich Buri.
-
-Gewaltig in wilder Naturkraft stand der Riese Ymir. In Schönheit stand
-Buri, der Gott, und sein Geist war höher als des Riesen Felsenhaupt.
-
-Und als der erste Gott geruhsam erforscht hatte, was der Erdenwelt
-not tue, schuf er sich lächelnd um in seinen Sohn Bur, der sonach
-erdgeboren wurde aus göttlichem Geist und sich ein Weib aus der Riesen
-Geschlecht wählte und sich aus ihr heraus, zum dritten Mal, neu erschuf
-in drei Söhnen, _Wodan_, _Wili_, _We_. Damit die erhabenen Götter das
-gerechte Empfinden behielten für irdische Dinge.
-
-_Asen_ nannten sie sich, die »göttlichen«. Ihr Haupt und Held war
-_Wodan_. --
-
-Immer noch lag die Erdenwelt wie eine wüste Wildnis. Ymir, der Fresser
-und Säufer, lastete mit seiner zahllosen Sippe zu schwer auf ihr,
-als daß sie hätte atmen und gedeihen können. Über ihre ganze Länge
-und Breite schob sich schon sein Leib. Sein Blick aber ging nicht
-weiter als bis zu der tückischen Geisterschar, die ihn mit blödem
-Blendwerk umgaukelte und ihn und seine Sippe billigen Zauber lehrte
-statt fruchtbringende Arbeit. Dreimal hatten sich die erhabenen
-Götter umgeschaffen, um immer vollkommener zu werden für die Größe
-ihrer Sendung und ihrer Aufgabe. Das ungeschlachte Riesengeschlecht
-hielt sich für vollkommen, wie es roh aus dem Reife stieg, und griff
-mit tölpelhaften Händen nach den Erzeugungen der Erdenwelt, um sie
-zu vertilgen, statt zu vermehren und zu veredeln. So verschwand die
-Erdenwelt im unersättlichen Bauche Ymirs und seiner Sippe, und alles
-Weiterwerden drohte zu vergehen.
-
-Wodan, der junge, sah es, und er rief Wili und We, seine Brüder, und
-sie gingen zu Ymir, als er auf dem Rücken lag und verdaute. Das war
-sein einzig Tagewerk.
-
-»Wozu bist du hier?« fragte ihn Wodan.
-
-»Ich bin hier, um zu leben«, knurrte Ymir böse. »Die Erde sorgt, daß
-ich wachse.«
-
-»Nein,« sagte der Ase, »du lebst, damit die _Erde_ wachse. Kannst du
-weiteres verstehn? Steh auf und schaffe.«
-
-Da drehte sich der Riese wie ein Flegel auf den Bauch und wies die
-Kehrseite, daß die Männer und Weiber seiner Sippe vor Vergnügen
-brüllten und sich das Mißgunstvolk der Maren und Schrate, der Truden
-und Alben meckernd in der Luft überschlug.
-
-Wodan lachte über die Welt hin.
-
-»Packt an,« gebot er den Brüdern. Und sie packten den ungefügen
-Erdenkloß, den Erdaussauger, zu dritt, hoben ihn hoch und zertrümmerten
-ihn an dem Felseneis.
-
-Krachend schlug Ymirs Riesenleib über die Erde, daß sie fast
-zerschmettert war und in kreischendem Getöse bebte und schütterte.
-Brausend und alles mit sich reißend schoß aus dem zerplatzten
-Riesenleib das Blut, und so gewaltig und ungeheuerlich waren die
-Blutströme, daß sie die Erdenwelt überschwemmten, die gähnenden Klüfte
-in schäumende Seen wandelten, bis zu den Gipfeln der Eisberge stiegen
-und alles Lebende ersäuften. Das Riesengeschlecht watete durch die
-Fluten. Das brüllende Lachen war ihm vergangen. Das Blutmeer stieg
-ihm an den Hals. Männer hoben ihre Weiber, Weiber ihre Kinder auf
-die Schulter, daß sie sich auf die Eisberge retteten. Mit entsetzten
-Blicken hingen sie an den Höhen. Und eine heulende Blutwoge schlug
-sie herunter und ertränkte und erstickte sie im Knäul der zappelnden
-Riesenleiber. Als die Sintflut sich verlief, war Ymirs Geschlecht
-vertilgt. Nur in ferner Ferne fuhr noch ein einziger Riese mit seinem
-Weib auf einem Floß dahin, ließ sich von der verlaufenden Flut treiben
-weithin bis ans Ende der Welt -- und entkam.
-
-Auf dem höchsten Grat, hoch über der Sintflut, stand Wodan mit seinen
-Brüdern.
-
-»Sieghaft auferstehn soll der erhabene Geist über die rohen
-Stoffgebilde. Beseelen soll er die wilden Naturgewalten, sie zur
-Ordnung leiten und zu schöpferischer Arbeit. Nur das ist Leben.«
-
-Über die Sintflut hinweg jagte das heulende Heer der Spukgestalten und
-suchte sich in kreischender Angst vor dem Blick des gewaltigen Gottes
-zu verbergen.
-
-»Verruchtes Volk der Halbheit,« ergrimmte der Gott. »Von den Göttern
-holtest du Wissen und wandeltest das Göttliche in gemeine Lüste und
-billigen Zauberspuk, der die Irdischen gierig macht in die Tiefe und
-ihre Augen für das Höchste verblödet. Ich fege euch weg!«
-
-Und wie der Sturmwind fuhr Wodan hinaus und würgte zwischen den Händen,
-was er erfassen konnte von den tausenden von Truggespenstern, und hing
-die erdrosselten an seinen Gürtel. Und nur wenige waren, die ihm in
-den Ritzen und Ranken entkamen.
-
-Der wilde Jäger kehrte zurück. »Ich werd' dich noch jagen manche
-Sturmnacht, lichtscheues Gesindel,« lachte er in den Bart, warf seine
-Last ab und strich sich aufatmend über die Brauen. »An die Arbeit
-jetzt!«
-
-»Du bist Haupt und Held,« sprachen Wili und We, die Brüder, »_Allvater_
-bist du, und ein Führer muß sein selbst unter Göttern. Wir ratschlagen
-mit dir. Dein ist der Befehl!«
-
-Da ratschlagten die Götter in ernstem Wägen, um eine Ordnung zu
-schaffen, in der ein jedes seinen Platz erhielte und seine Bestimmung.
-Und sie nahmen den Schädel Ymirs und richteten ihn auf ragenden Säulen
-als Himmelskuppel auf, und das Gehirn ward zu Wolken, die das Wetter
-bargen. Aus Ymirs Fleisch schufen sie das gesättigte Erdreich, aus
-den beinernen Knochen Stein und Fels, aus dem wirren Haar Bäume und
-Gesträuch, aus dem Blut das brausende Meer. Sie zogen dem Riesen
-die scharfen Wimperhaare aus und bauten aus ihnen kreisrund um das
-wirtlichste Land einen mächtigen Wall gegen das ungebärdige Meer und
-die Tücken der zum Weltend entflohenen Riesen. Und sie nannten das
-inmitten gelegene Land, das von einem neuen Geschlecht bevölkert
-werden sollte, _Midgard_. Und den Himmel, den sie als Wohnung der Asen
-bestimmten, nannten sie _Asgard_. Die Funken aus Muspelheim fingen
-sie auf und hingen sie als Leuchten an den Himmel. Die außengelegene
-Welt aber, in die sich die letzten Riesen und das irrlichtende Volk
-der Alben und Trolle geflüchtet hatten, nannten sie _Utgard_, und tief
-unter die Erde verwiesen sie Niflheim, die Nebelhölle, die Totenwelt.
-
-Und Allvater sprach: »Der göttliche Gedanke hat sich noch nicht
-erschöpft. Zusammen ruf ich seine ganze Kraft.« Und er hob die Hände an
-den Mund und stieß einen Ruf aus, der in die Tiefen der Unendlichkeit
-ging: »Herbei, was göttlich ist in aller Weltenseele seit Urbeginn!«
-
-Da stieg aus der fruchtbar gewordenen Erde _Frigg_ hervor, die erste
-Göttin, und lehnte sich an Wodans Schulter. Und es sammelte sich ein
-Kreis lichter Gestalten um den obersten Gott, und sie alle suchten
-ihren Platz und hörten Wodans Gebot. Eine Schar der Lichtgötter aber,
-die sich _Wanen_, die Wissenden, nannten, jauchzten in die junge Welt
-hinein, faßten sich an den Händen zum Reigen und schwangen sich, des
-Jubels voll, hoch in die frühlingslauen Lüfte. Von der Stätte der
-harten Arbeit verloren sie sich im Spiel, und sie beschlossen, singend
-und klingend, ein milderes Reich im Reiche zu gründen unter der
-Herrschaft der Schönheit und des Glücksgenusses.
-
-Mit den erstgewordenen Göttern, den Göttern seit Urbeginn, stieg Wodan
-auf gen Asgard, die Schöpfung zu vollenden, zu veredeln, zu leiten.
-
-Die Erdenwelt war lebendig in der Natur. Allvater gedachte, ihr das
-göttliche Leben zu geben in dem _Menschen_. --
-
-Unter den Urgöttern aber stand an ragender Stelle der Schwertgott
-Tuisko, _Teut_, der den Mannus zeugte, den Mann. Mannus gab drei
-Söhnen das Leben, Ingo, Isk und Irmin. Sie wurden die Stammväter der
-Ingävonen, der Iskävonen und der Erminonen, der drei Hauptstämme der
-Teutmänner, _der Deutschen_.
-
-
-
-
-Der Menschen Werden und Wachsen.
-
-
-In Asgard saß Wodan, der Götter Haupt und Held. Eine Türschwelle hatte
-er vor dem Götterheim zu einem Hochsitz geschichtet. Wohl erwählt war
-der Platz, denn von dem Hochsitz aus überschaute Allvater die ganze
-Welt und alles Werden und Vergehen. Und er sah mit durchdringendem
-Auge, daß im Leibe der Erde ein seltsam Leben wimmelte.
-
-Er berief den Götterrat, und sie erforschten, daß des Riesen Ymirs
-träges Fleisch voller Maden gesteckt habe, die sich, mit der
-Verwandlung von Ymirs Fleisch in fruchtbaren Erdboden, ebenso zu einer
-höheren Stufe entwickelt hatten und als absonderliche _Zwerge_ und
-_Wichte_ zwischen den Rippen der Erde wühlten. In guter Laune formten
-und feilten die Götter an den drolligen Gestalten, ohne sie um vieles
-schöner herausputzen zu können, schlossen sie deshalb vom Tageslicht
-aus und bannten sie ins dunkle Erdinnere zurück, beschenkten sie aber
-in göttlichem Mitleid mit Verstand und Rückerinnern.
-
-Und Allvater sprach:
-
-»Nur der vermag das Sonnenlicht auf Erden zu ertragen, der in der Sonne
-geboren ist. Das Sonnenlicht hebt die Gedanken stolz und hoch zum
-Himmel und schafft ihnen höhere Gleichnisse. Darum taugt es nicht, daß
-die Unterirdischen die Macht auf Erden gewinnen, denn ihre Gedanken
-steigen in die Dunkelheit und zum wimmelnden Gewürm.«
-
-Und Wodan warf seinen Sturmmantel um und entbot _Hönir_, den Gott des
-Waldes und der Heide, und _Loki_, den Heißen und Leuchtenden, dem das
-Feuer untertan war, und fuhr mit den Ratgesellen zur Erde.
-
-Sie wanderten dahin im Licht der Sonne, die aus Muspelheims Funken am
-Himmel hing, und das Schweigen der Wälder umgab sie. Prüfend gingen
-ihre Augen über alles, was war. Und sinnend schritten die drei Götter
-dahin.
-
-Da bot sich ihnen auf der Lichtung eines Hügels ein wunderbares Bild.
-Kraftvoll war es und lieblich zugleich. Vom Schatten des Waldes
-umkränzt, hob sich sonnenübergossen der blumige Hügel, und eine
-mächtige Esche reckte sich daraus und eine breitausladende Ulme, und
-beide streckten sie ihre Wipfel sehnsüchtig dem Himmel entgegen, und
-sehnsüchtig vermählte sich ihr starkes Untergeäst, als wollte ein Baum
-den anderen stützen und umschlingen, und ihre Wurzeln tranken tief aus
-der Erde, während ihre Wipfel hoch nach dem Himmel verlangten.
-
-In lächelnder Gewähr blickte Allvater Wodan auf das Bild, segnend stand
-Hönir, der Wälder Gott, feurig und leidenschaftlich trat Loki heran.
-
-Und Wodan nickte mit dem Haupt und strich mit leisen Händen über die
-Rinde der Bäume. Und von seinen Händen ging eine Kraft aus, die drang
-in das Mark der Esche und drang in das Mark der Ulme und erfüllte beide
-mit der göttlichen Seele.
-
-Da ging ein Raunen und Rauschen durch die Bäume von der Wurzel bis zur
-Krone.
-
-Und Hönir tat wie Wodan und streichelte liebkosend Stämme und
-Blätterdach und flüsterte mit ihnen.
-
-[Illustration: »Da standen Esche und Ulme horchend und wurden
-sehend ...«]
-
-Da standen Esche wie Ulme horchend und wurden sehend und regten ihre
-Äste und standen, mit offenen Sinnen, in freier Bewegung in all der
-Sonne.
-
-Der feurige Loki aber sprang vor, riß sie an seine Brust, daß sie
-taumelnd die Glut seines Herzens spürten, ließ einen Blutstropfen in
-sie überspringen und gab die Menschgewordenen aus seiner brünstigen
-Umarmung frei.
-
-Auf der Erde standen _die ersten Menschen_. --
-
-Und die ersten Menschen sahen die Götter und sahen dann sich selbst.
-Und sie erblickten in ihren Augen die Sonne des Himmels und schritten
-mit heißen Wangen aufeinander zu und faßten sich bei den Händen.
-
-_Ask_ hieß die Esche. _Embla_ die Ulme. So hießen die ersten Menschen.
-Und Embla lehnte ihr Haupt an die Schulter des Ask, wie Frigg getan
-hatte, die erste Göttin, als sie Wodan erblickte.
-
-Da winkte Wodan seinen Gefährten und fuhr mit ihnen gen Asgard zurück.
-
-»Wir gaben ihnen viel,« sprach Wodan, »mehr noch müssen sie sich selber
-geben.«
-
-Die Gefährten suchten Allvaters sinnenden Blick.
-
-»Die Erkenntnis,« sprach Wodan, »daß sie nur mit den Göttern
-Edelmenschen und Herren der Erde sind; ohne die Götter -- Schlagholz im
-Walde.«
-
-Loki erwiderte: »Aus dem Schlagholz im Walde springt hell und lustig
-die Flamme. Das deucht mich kein übles Los.«
-
-»Wehe den Menschen,« sprach Wodan, »die göttliches Feuer mit irdischer
-Flamme verwechseln. Die irdische Flamme ist die Zerstörung, die
-göttliche führt zur Ewigkeit.«
-
-Da schwieg Loki. --
-
-Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß Wodan und blickte
-über die ganze Welt. Von den Tieren, die er erschaffen hatte, hatte
-er zwei Raben ausgewählt, die hießen Hugin und Munin, Denkkraft
-und Erinnerung, und hockten ihm zur Rechten und zur Linken auf der
-Schulter. Täglich sandte er sie über die ganze Welt hinaus, und was sie
-auf ihren Flügen erspäht hatten, flüsterten sie Wodan ins Ohr, wenn sie
-auf seinen Schultern hockten. An seine Füße schmiegten sich zwei graue
-Wölfe, Geri und Freki geheißen, des Gottes würgende Jagdhunde, wenn er
-als wilder Jäger durch die Lüfte brauste oder über die Walstatt der
-Kämpfer.
-
-Von Asgard, der himmlischen Heimburg, blickte mit Wodan die Schar der
-Götter hinunter nach Midgard, ins Land der Menschen. Und der göttliche
-Teutsohn Mannus ersah mit Freuden ein kraftvolles Menschenkind mit
-goldrotem Haar und blaublitzenden Augen, das der Umarmung des Ask und
-der Embla entsprossen war, und er suchte sie auf in Midgard, und sie
-verbanden sich in Liebe und Kraft. Da wurden ihre Söhne Ingo, Isk und
-Irmin nach Ask, dem Urvater, die ersten Männer, die über das Erdreich
-schritten, und waren die Stammväter der Deutschen.
-
-Unter den Göttern war _Heimdall_, der lichte Ase, den Wodan zum Wächter
-gesetzt hatte über alles Geschehen. Nie kam ihm der Schlaf. Vor der
-Sonne schon beleuchtete er den Himmel- und Erdenkreis mit goldenem
-Frührot und horchte aufmerksam auf die Atemzüge der Welt. Heimdall aber
-sah, wie schnell sich das Menschengeschlecht vermehrte und wie es nicht
-zum frohen Genusse des Lebens kam, weil ihr Schaffen ungeordnet war und
-ein Jeder jede Arbeit tat, ohne sie recht zu verstehen. So mühten sie
-sich ohne Erfolg und bald ohne Freude und brachten es zu nichts. Das
-bekümmerte den guten Gott, und er beschloß Wandel.
-
-In menschlicher Gestalt betrat er die Erde und spähte in alle Hütten.
-Und er ersah ein Ehepaar, das war knochig und gedrungen und muskelhart
-an Armen und Beinen. Es buk sein schwarzes Brot aus den Körnern, wie
-sie vom Felde kamen, und trank die Milch warm, wie sie die Euter
-der Kühe spendeten. Zu ihnen trat Heimdall als Gast, und als er mit
-ihnen gegessen und getrunken hatte, weissagte er ihnen, daß aus der
-anspruchslosen Kraft die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er
-schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frühlicht.
-
-Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben von schwerem Körperbau,
-und als er aufwuchs, rodete er Äcker, bestellte sie von morgens bis in
-den Abend und umzäunte sie, bewässerte Wiesen und schuf Weideland für
-Pferde und Kühe, Ziegen und Schafe und trieb die Schweine zur Mast in
-den Eichenwald. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts und lehrte
-wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
-Mühen, und wenn er durch die wogenden Saaten schritt und durch die
-wachsenden Herden, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk
-meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
-meine Liebe schenkte.
-
-So wurde der _Bauernstand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
-Wächter.
-
-Und Heimdall spähte weiter in alle Hütten der Menschen, und er
-erschaute ein Ehepaar, das war stattlich und von kluger Stirn, hinter
-der die Gedanken arbeiteten. Der Mann hatte der Frau einen Spinnrocken
-geschnitzt und sich selber einen Webestuhl, und sie spannen und webten
-Linnen und Tuch und schmückten sich mit den schönen Gewändern, auf daß
-sie eine immer größere Freude aneinander hätten trotz Wind und Wetter.
-Bei ihnen trat Heimdall ein, und sie luden den Fremdling zu Gast, und
-die Frau kochte auf dem Herdfeuer ein feines Gericht aus den Kräutern
-des Gartens und zartem Fleisch. Und als der Gott sich gesättigt hatte,
-weissagte er ihnen, daß aus der durchdachten Kunst ihrer Handfertigkeit
-die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er schlief bei ihnen in
-der Kammer und schied im Frühlicht.
-
-Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der war schlank und
-gelenkig und von besonderem Verstande. Als er aufwuchs, zimmerte
-er kunstvoll verzierte Häuser und weitgeschwungene Hallen, baute
-Schmiedewerkstätten, in denen aus den Erzen der Erde köstlicher Schmuck
-bereitet wurde und aus dem Eisen Schwerter und Pflugscharen, veredelte
-Rocken und Webstuhl und mit ihnen Gespinnst und Tuch und tauschte seine
-Erzeugnisse mit den Früchten des Bauern und dem Fleiß aller Welt. Sein
-Tagewerk ging grübelnd und wirkend bis in die Nacht, und er lehrte es
-wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
-Mühen, und wenn er durch Häuser und Hallen und Werkstätten schritt, und
-sein Auge Gewebe und Schmuck jeder Art, Waren und Werkzeuge musterte,
-sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Hauptes und
-meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
-meine Liebe schenkte.
-
-So wurde der _Gewerbestand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
-Wächter.
-
-Und zum drittenmal spähte Heimdall in alle Hausungen der Menschen, und
-er erblickte ein Ehepaar, das war schlank und muskelhart zugleich,
-stark und furchtlos wie kein anderes, und wer Rat und Tat suchte,
-klopfte an seine Tür. Der Mann kam staubbedeckt von der Jagd, warf
-das Untier des Waldes, den erlegten Bären, vor die Feuerstelle und
-spannte den Bogen neu und schärfte die Speerspitze nach, bevor er sich
-erfrischte. Lachend schloß die schöngeschmückte Hausfrau den Wilden in
-die Arme. Und er saß bei ihr, den Arm um ihren Nacken geschlungen, und
-besprach mit ihr all sein tapferes Planen gegen das Raubzeug der Tiere,
-der Menschen und der bösen Geister, und sie gab ihm Rat und rief das
-Gesinde der Mägde und lehrte sie, das Wildpret zerlegen, zubereiten und
-die Armen und Hungrigen damit sättigen. Und Heimdall trat zu dem edlen
-Paar an den gastfreien Tisch, ließ sich den Bärenschinken munden und
-den schäumenden Met aus dem Auerochsenhorn, freute sich der würzigen
-Reden und weissagte den Starken zum Dank, daß aus ihrer Kraft und ihrem
-hochgemuten Sinn die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde über das
-Haus hinaus zum Besten aller, die um das Haus sich scharten. Und er
-schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frührot.
-
-Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der hatte die Kraft des
-Bären, die Schnelligkeit des Hirschen, das Auge des Falken. Stärker
-aber, rascher und schärfer noch war sein Geist. Und Geist und Körper
-waren wie Blitz und Schlag. Als er der Wiege entsprang, rannte er in
-den Wald, erkletterte er die Berge und ließ sein Jauchzen erschallen,
-daß die Menschen, die ihn hörten, Kopf und Nacken streckten und das
-Echo jubelten. Auf der Wiese griff er sich die Hengste und ritt mit
-den Winden um die Wette, ohne zu ermüden. Sein Pfeil holte den Vogel
-aus der Luft, sein Speer den Wolf auf der Flucht. In der Brandung der
-See kämpfte er mit den geschmeidigen Robben, als stände er auf festem
-Land. Und wo es Hilfe galt, war er der erste. Als er heranwuchs, baute
-er eine feste Burg, und die Nachbarn siedelten sich an im Schutz
-seiner Mauern und seines Schwertes. Im Kampf mit dem Feind war er
-allen voran und zeigte den Seinen den Sieg! Im Gericht kannte er nur
-die Gerechtigkeit, dann erst die Milde. Im Rat aber war er, daß alle
-Nachbarn ihm ihre Sorgen brachten, und er nahm sie, als wären es
-die seinen. Sein Leben war Kampf und Sieg, für die andern mehr denn
-für sich, Tag und Nacht, ohne die Rast des Bauern, ohne die Ruhe des
-Bürgers, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein
-Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch die Schanzen
-seiner Burg, durch die Reihen seiner todesmutigen Mannen, durch die
-Gehöfte und Siedlungen der glücklichen Bauern und Bürger schritt,
-sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Geistes, der
-mich und die Scharen lenkt, und es ward, weil ich es verstehen lernte
-und ihm all meine Liebe schenkte.
-
-So wurde der Stand der _Krieger_ und _Heerkönige_, und er war göttlich
-durch Heimdall, den Wächter.
-
-Von Stund an tat jeder der Stände seine Pflicht in seinem Kreis, und es
-herrschte in der Menschen Leben, ihrer Arbeit und ihrer Freude Ordnung
-und Lohn. --
-
-Lächelnd reichte Wodan Heimdall die Hand zur Heimkehr. Auf dem
-Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß er und ließ eine Esche
-wachsen, die ihre Wurzeln in alle Welten senkte und deren Krone bis
-nach Asgard ragte. Drei Wurzeln senkte sie hinab. Die eine saugte
-ihre Säfte aus einem Brunnen unter Midgard, der Menschenerde, an dem
-die _Schicksalsfrauen_ wohnen, die Nornen Urd, Skuld und Werdandi,
-die Künderinnen alles Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen im
-Menschenleben. Die zweite Wurzel saugte ihre Säfte aus einem Brunnen
-unter Niflheim, dem Geheimnis der Totenwelt, und der Drache _Nidhögg_
-benagt sie, um sie zum Sterben zu bringen. Die dritte Wurzel aber
-saugte ihre Kräfte aus einem Brunnen unter Utgard, der Welt der Riesen
-und Trolle, und _Mimir_ birgt sich in ihm aus Ymirs Geschlecht, der
-Wissen und Weisheit aus der Urzeit bewahrte, bevor die Götter waren.
-
-_Yggdrasil_, Baum des Gerichts, hieß die Esche, die Allvater gepflanzt
-hatte, um alle Welten fest ineinander zu wurzeln unter der Herrschaft
-des Himmels. Einen Adler setzte er in die Krone mit einem Falken
-zwischen den Augen, daß ihm nichts entgehe. Ein Eichhörnchen hüpft den
-Stamm hinauf und hinunter und hinterbringt dem Adler und dem Drachen
-alle Scheltworte, die der eine dem anderen gönnt. So bleiben sie alle
-zornig wach.
-
-Und Allvater lachte zufrieden. -- -- --
-
-
-
-
-Das goldene Zeitalter.
-
-
-Ein Frühling, der nie verging, blühte und duftete über Asgard, und die
-Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Die wilden Naturkräfte
-waren gebändigt, in ihre Schranken verwiesen und dem Wechsel der
-Jahreszeiten dienstbar gemacht. Jenseits des breiten Meergürtels, den
-die Asen um Midgard gelegt hatten, hausten die Riesen. Auf der Erde
-wuchs zahlreich und kräftig das Menschengeschlecht empor und brachte an
-heiligen Stätten den Göttern geweihte Opfer dar. Tief im Erdinnern aber
-schafften die Zwerge, klopften die köstlichen Erze aus dem Gestein und
-schmiedeten wunderbares Geschmeide, mit dem sich die Götter schmückten.
-
-Das schwerste Tagewerk, die Erschaffung und Ordnung der Welt, war
-geschehen. Es war die Zeit, in der die Götter an sich selber denken
-durften und an frohe Feiertage.
-
-Geschwisterlich vereint, einer dem anderen in Liebe zugetan, durchzogen
-sie die Blumenwiesen Asgards und bauten sich himmlische Burgen auf mit
-ragenden Hallen und zahllosen Fenstern zum Ausblick auf das Riesenland
-und die Menschenerde. Viele Namen gaben die Menschen den Göttern je
-nach der Sprache, in der sie sie verehrten, und die Nordmänner riefen
-den allweisen Wodan _Odin_.
-
-Gladsheim hieß Wodans goldglänzende Burg in Asgard, die »Welt der
-Wonnen«, und der mächtigste Saal darin war _Walhall_. Ebenbürtig war
-ihm in Gladsheim nur ein zweiter, _Wingolf_, die heitere Halle der
-Göttinnen. Mit Frigg, seiner hohen Gemahlin, zeugte Wotan herrliche
-Asensöhne. Der herrlichste und beste unter ihnen war _Baldur_, der
-Lichte, den alle Götter mehr liebten als sich selbst, weil er das
-Vollkommenste war an Leib und an Seele, was Asgard hervorgebracht hatte
-und durch seine frühlingsfrohe Erscheinung, die kraftvolle Schönheit
-seines Wuchses und die Reinheit seines Gemütes Freude hervorrief,
-wo immer er ging. Breidablick hieß sein glänzender Saal, blank wie
-die Sonne, und nichts Unreines durfte über die Schwelle. Vorbildlich
-in allen Tugenden des Himmels und der Erde, hell und klar wie der
-sonnige Tag stand Baldur vor Göttern und Menschen, und sein Sohn,
-_Forsetti_, den ihm sein glückliches Gemahl _Nanna_ geschenkt hatte,
-saß im Himmelssaale Glitnir als Gott der Gerechtigkeit und übte die
-richterliche Obergewalt. _Hermodur_ aber, der schnelle Götterbote, war
-Baldurs Bruder und hing ihm zärtlich an.
-
-Neben seinem Vater Wodan ragte über alle Asen _Donar_ hinaus, den die
-Nordmänner _Thor_ riefen. Nichts kam seiner Körperkraft und seinem
-heldischen Mute gleich. Er liebte die Menschen und ihr fruchtbares
-Ackerland, bekriegte die Unholde und Riesen, die die Erde bedrohten,
-und brauste mit seinem Bockgespann durch die Wetterwolken, daß sie der
-dürstenden Erde die heilbringenden Gewitterregen spenden mußten und
-die erfrischende Luft. Tanngniost, der Zahnknisterer, und Tanngrisnir,
-der Zahnknirscher, hießen die Böcke vor seinem Wetterwagen. Seine
-Halle aber hieß Bilskirnir, der Blitz. Selten war er daheim, der
-Vielbeschäftigte, und die Menschen, wo immer sie den nährenden Boden
-bestellten, liebten ihn in ihren Herzen und Hirnen über alle die
-anderen Asen und hingen ihm an in Not und Gefahr, denn sie fühlten
-sich ihm nahe, weil _Jord_ seine Mutter gewesen war, die Erdgöttin.
-Darum liebte auch er den Bauernstand. Seine Gemahlin war _Sif_, die so
-schönhaarig war wie goldenwogendes Getreidefeld. Seine Tochter _Thrud_
-wuchs auf in des Vaters gütiger Art, während seine Söhne, _Modi_, der
-Zorn, und _Magni_, die Kraft, des Vaters Kämpferblut ererbt hatten.
-Bedurften die Götter des stärksten aller Asen Hilfe, so riefen sie
-nur seinen Namen, und wie der Blitz stand Asathor unter ihnen. Das
-Volk der Menschen aber opferte dem Stärksten der Starken unter den
-ragendsten Eichen.
-
-Donar-Thor am nächsten an Heldenhaftigkeit und Sorge um Menschenvolk
-und Menschenerde stand Tuisko, _Ziu_ genannt und von den Nordmännern
-_Tyr_. Als Gott über den strahlenden Himmel gesetzt, beschenkte er
-die Erde mit Wärme und Licht, bevor die Nacht kam, und steigerte ihre
-Fruchtbarkeit. Feind war er darum allen zerstörenden Kräften und
-hob das Schwert gegen die gierigen Kriegerscharen, die sengend und
-mordend ins Land fielen. Als Schwertgott feierte ihn deshalb das Volk,
-ritzte seine Runen in die Klingen und huldigte ihm in Schwertertänzen,
-wenn es galt, die Jünglinge mutig und mannhaft zu machen; in
-Menschenopfern, wenn es unter stürmischer Anrufung seines Namens die
-Schlachtreihen des Feindes durchbrochen und niedergestreckt hatte. In
-heiligen Hainen verehrte ihn das dankbare Volk, und es bezeugte dem
-strahlenden Himmelssieger die Ehrfurcht des Menschenkindes, daß es
-seinen Tempelhain nur in freiwillig gewählten Fesseln und tief zur Erde
-gebeugt betrat. Weiße Rosse waren dem Schwertgott heilig, die mit den
-Hufen salzige Quellen geöffnet hatten zur Kräftigung der kriegswunden
-Glieder, und das Wiehern der Rosse galt als Weissagung.
-
-Wie der frühlingsfrohe Baldur als Gott des Tages, so herrschte der
-blinde _Hödur_ als Gott der Nacht. Einsam war er und schweigsam.
-Nur wenn das Licht sich neigte, trat er in die Dämmerung, um in das
-Dunkel zu wandern. Und da er blind geboren war, wußte er wenig von dem
-fröhlichen Tun der Götter, die ihn still seine Wege gehen ließen.
-
-Auch _Hönir_ wohnte in Asgard, der Fahrtgenosse Wodans, der dem ersten
-Menschenpaare in Midgard die Seele geschenkt hatte und die Bewegung der
-Glieder. Er machte wenig Worte und war ein Mann des Friedens und der
-Ruhe.
-
-Königlich anzusehen war _Uller_, der über den Winter gesetzt war und
-auf gewaltigen Schneeschuhen über Schnee und Eis dahinstob, mit Pfeil
-und Bogen das Wild zu jagen. Ihm jubelten die Jäger zu.
-
-Am königlichsten neben Wodan-Odin erschien _Loki_, der Gott des Feuers
-und der Hitze. Von verführerischer Anmut und blendender Geistesschärfe,
-berufen, neben Allvater zu stehen, fehlte ihm Wodans Willenskraft und
-Baldurs sittliche Größe, so daß er oft und gern seine hohen Gaben
-verwandte, um durch übermütiges Trugwerk und geistreiche Listen das
-Gelächter der Götter zu erregen und sich im billig erworbenen Ruhm zu
-sonnen. Da es seiner Herrschsucht und Eitelkeit nicht gelungen war, der
-Erste der Götter zu werden, so wünschte er ihnen seine überlegene List
-und Klugheit ständig zu bezeigen, und was zuerst ein leichtfertig Spiel
-erschien und lustiges Gelächter erregte, konnte leicht zu unheilvollem
-Ernst werden, wenn die Götter ihm nicht die Grenzen seines Tuns
-umschrieben. Als Wodans Fahrtgenosse bei der Erschaffung der Menschen
-hatte er dem ersten Menschenpaare einen Tropfen seines Blutes vererbt:
-die ungezügelte Leidenschaft. Die Menschen aber fürchteten sich vor
-dem unbeständigen, bald schmeichlerischen, bald jähzornigen Gott und
-hielten sich in ihren Anrufungen vor seinem Namen zurück.
-
-Asgards Wächter, der treue _Heimdall_, saß als Markgraf in seiner Halle
-an der Brücke _Bilfrost_, die sich wie ein Regenbogen vom Himmel zur
-Erde spannte. Der Scharfäugigste war er und der Hellhörigste. Hunderte
-von Tagereisen weit sah sein Auge durch Tag und Dunkel, und sein Ohr
-hörte das Gras auf der Erde, die Blätter an den Bäumen, ja die Wolle
-auf den Schafen wachsen. Er war der Früheste, denn er schlief nicht
-ein, weil er aus der Dämmerung des Abends schon die Dämmerung des
-Morgens ersah. Keinen besseren Mann konnten die Götter an die einzige
-Brücke stellen, die gen Asgard führte. --
-
-Ein Frühling, der unvergänglich schien, blühte und duftete über
-Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen.
-Geschwisterlich vereint, einer dem andern in Liebe zugetan, durchzogen
-sie die Blumenwiesen, trieben ritterliches Spiel, huldigten Frigg,
-der erhabenen Himmelsmutter, und den jüngeren Göttinnen ihres Hofes,
-_Saga_, der weisen, mit der Allvater den Trunk des Wissens aus goldenen
-Schalen schöpfte, _Fulla_, der listigen Vertrauten der Himmelsmutter,
-_Menglod_, der flammenden Morgenröte, _Idun_, der jugendschönen, der
-ewig jungen, die die Zauberäpfel bewahrt, von denen die Götter essen,
-um nimmer zu altern, _Gefjon_, der klugen, zu der die Mädchen beteten.
-Manche gleich schöne, gleich kluge Götterjungfrau lächelte aus Friggs
-Gefolge den Götterhelden zu, wenn sie auf blitzschnellen Rossen über
-die Wiesen jagten, den Speer schossen oder die heißen Schwerter über
-Schild und Brünnen fegen ließen. Oder wenn sie auf den Bänken der
-Halle saßen, Lieder zur Harfe sangen und den Met sich zutranken, den
-die Holden ihnen in den kostbaren Trinkgefäßen reichten, gefertigt
-aus blinkendem Gold von dem reichen Volk der Zwerge. Dann legten
-die Götter den frohen Frauen funkelnden Schmuck um Hals und Nacken,
-Edelgestein, das die Zwerge erschürft hatten, glitzernde Halsbänder und
-schimmernde Kronreifen, die Flut der Locken zu fassen, und schlangen
-die Arme um die schlanken Hüften und wußten nur von Liebe und nichts
-von Leid, weil sie einig waren und einer des anderen sicher im selben
-Sippschaftsgefühl. Und weil sie schuldlos waren und gerecht.
-
-So lebten die Götter ihr goldenes Zeitalter, und der ewige Frühling
-blühte und duftete über Asgard und sandte seine Sonne in alle Welten. --
-
-Heiteren Auges saß Wodan auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle
-seines Saales, die den Ausblick bot nach Midgard, dem Land der
-Menschen, und nach Utgard, dem Land der Riesen und Trolle. Seine
-Jagdwölfe lagen ihm zu Füßen, und seine Weisheitsraben flogen von
-seiner Schulter her und hin und kehrten geruhsamen Fluges zurück.
-Denn nichts Böses gab es zu melden. Das Volk der Menschen gedieh in
-den drei Ständen, in die der treue Hüter Heimdall Bauern, Bürger
-und Krieger gegliedert hatte, zu Wohlstand, Glück und Ehre, und das
-Riesengeschlecht lag schlemmend und zechend in den Grenzen, die ihm
-gezogen waren, sang und brüllte beim Gelage, daß oft Meer und Erde
-erbebte, und schielte nur zuweilen wie in erwachender Erinnerung
-nach den Göttern in Asgard. Die _Thursen_, das ist die Starken,
-nannten sie sich, die Asen aber nannten sie um ihrer Gefräßigkeit
-willen die _Joten_, das ist die Fresser, und ihr Reich _Jotunheim_,
-das Vielfraßland. Oft waren die Thursen von ebenso plumpem Wesen
-wie Gliedern, und es bedurfte nur eines neckenden Wortes, daß sie
-wie Schlagetote mit losgebrochenen Felsen und entwurzelten Bäumen
-aufeinander loshieben. Wo aber etlichen unter ihnen Weisheit geschenkt
-war, traten sie auf als Beherrscher der Elemente und lenkten Meerflut,
-Sturm und Feuersbrunst. Als gewaltige Baumeister suchten sie
-ihresgleichen, denn ein kleines war es für sie, Felsen auf Felsen zu
-türmen und Burgen zu erbauen, die bis zum Himmel ragten. Oft waren ihre
-Weiber scheußlich und verzerrt wie Strudel und Gischt, oft aber auch
-über die Maßen schön wie lächelnd atmende Meeresstille.
-
-Denn mächtige Wasserriesen gab es und furchtbare Sturmriesen, Berg-
-und Waldriesen von ungeheuerlicher Stärke und hitzige Feuerriesen.
-Ihre Jahreszeit hob an, wenn der Sommer geschwunden war. Der heulende
-Herbst, der krachende Winter blieb ihre Freude, bis die frühlingsfrohen
-Götter ihrem Gelärm Einhalt geboten.
-
-Der gutmütigste unter ihnen war _Ägir_, der Herrscher der weiten, der
-offenen Meere. Wenn die Götter ausfuhren in die Welt, kehrten sie
-oft in seiner Meereshalle ein und taten gewaltige Züge Metes bei dem
-fröhlichen Alten. Bösartiger Natur war _Ran_, sein Weib, die Räuberin.
-Auf dem Grunde des Meeres kauerte sie und stellte grausam ihre Netze
-nach den Schiffern, die über sie dahinfuhren. Neun Töchter zeugte das
-Paar, die wie spielende Wellen verführerisch lockten und die in Liebe
-entbrannten Söhne der Männererde in ihre Umarmung zogen und auf den
-Meeresgrund, in den Todessaal ihrer Mutter Ran.
-
-Über das Eismeer herrschte _Hymir_, der Frostriese, vor dessen eisigem
-Blick Felsen zerbarsten wie Glas. Den größten Braukessel besaß er, tief
-wie das Meer, aber er hielt ihn unter Schloß und Riegel als unwirscher
-Gesell.
-
-Scheusälig aber war _Grendel_ anzuschauen, der Nebelriese der
-Sturmflut, mit drachenförmigem Haupt und Krallen wie Stahl, gezeugt
-von einer wölfischen Mutter, die bei ihm hauste und ihm auf seinen
-Unholdfahrten gierig folgte. Unheimliche Schlupfwinkel wählten sie zu
-Wohnstätten, im fiebrigen Moor, in feurigen Gewässern. Und Mensch und
-Tier erschauerte vor diesem fiebrigen Feueratem.
-
-Jetzt aber gaben die Riesen Ruhe, denn der allweise Wodan hielt sie im
-Bann seiner Gerechtigkeit. Nicht umsonst hatte er Yggdrasil geschaffen,
-die Weltesche, die ihre Wurzeln unter Midgard, Utgard und Niflheim
-senkte und ihm Wissen gab aus allen Welten. Wenn die Götter aus Asgard
-hinabstiegen, um über das Menschenvolk zu richten, so stiegen sie zu
-dem Brunnen der Nornen, aus dem eine Wurzel der Weltesche trank, zu
-den Schicksalsmädchen Urd, Skuld und Werdandi, die die Geschicke jedes
-Menschen wußten von seiner Geburtsstunde an bis zur Todesstunde. Oft
-aber stieg Wodan ungeleitet zum Brunnen Mimirs, des Weisesten der
-Weisen aus Ymirs Geschlecht, das Welt und Urzeit sah, bevor die Götter
-waren. Und er bot ihm göttliche Freundschaft, wenn er ihm alles sagte
-aus der tiefsten Tiefe.
-
-»Wie soll ich deiner Freundschaft trauen?« sprach Mimir. »Du bist ein
-Ase und ich ein Thurse.«
-
-»Wähl dir ein Pfand,« sprach Wotan.
-
-»Was hältst du am höchsten an dir?« fragte Mimir.
-
-»Meine allsehenden Augen.«
-
-»So gib mir das eine zum Pfand.«
-
-Da gab der Gott das Auge zum Pfand und gewann Mimir zum Freunde. Und
-Mimir schöpfte mit Wodans Auge die Tropfen aus der tiefsten Tiefe, und
-sie saßen beieinander und raunten miteinander manche Nacht.
-
-Einäugig kehrte Wodan gen Asgard zurück. Aus Liebe zu seiner Schöpfung,
-aus Liebe zu den Göttern und Menschen hatte er sein Auge dargebracht.
-Denn nun war der Allweise allwissend geworden.
-
-[Illustration: »... und trank mit ihr aus einer Schale ...«]
-
-Oft wandelte er in Asgard zum Wohnsitz der Saga, der ernstgerichteten
-Göttin, und trank mit ihr aus einer Schale und besprach mit ihr
-feierliche Dinge, die wie Gesang waren aus tiefen Brunnen. Und die Saga
-ritzte sie in heilige Zauberrunen, während die Götter und Göttinnen
-draußen über die blumigen Wiesen jagten und sich in Liebe fanden,
-an festlichen Tafeln saßen und sich mit Kränzen schmückten und dem
-funkelnden Goldgeschmeide.
-
-Kinderselig hallte das Lachen über Asgards Wiesen, durch Asgards Hallen.
-
-Wodans Ohr hörte es wohl. Sein Auge blickte sinnend.
-
-Über Sagas Haar strich er und erhob sich.
-
-»Sie sollen fröhlich sein. Lange, lange ... Denn so lange die Götter
-schuldlos sind, sind sie unsterblich.«
-
-
-
-
-Der Wanenkrieg.
-
-
-Waffenruhe war auch auf Erden. Solange die Götter in Gerechtigkeit
-ihres Amtes walteten, erhaben über Neid, Selbstsucht und Gier, und sie
-zur Muße ihre heiteren Spiele trieben, eiferten die Menschen ihnen
-nach und freuten sich ihres Lebens. Sie erfüllten ihr Tagewerk, und
-je reicher und lohnender es war, desto fröhlicher gedachten sie der
-himmlischen Spender, errichteten ihnen Heiligtümer und Altäre und
-brachten ihnen in Begeisterung ihre Opfer dar.
-
-Seltsames bewegte Wodan in dieser glücklichen Zeit. Übermütig macht
-das Glück, Götter wie Menschen, und treibt sie über die Grenzen ihres
-Wesens. Wenn er über der heiligen Türschwelle saß und alle Lande vor
-ihm lagen, spähte er immer schärfer aus in das Leben aller Dinge,
-sandte er immer häufiger seine Raben aus, werdende Geheimnisse zu
-erforschen, und seine Jagdwölfe wedelten unruhig mit dem Schweif.
-Ihm war, als seien Kräfte am Werk, das Glück zu erschleichen, das er
-erschaffen hatte, und das Köstlichste, was den Asengöttern wurde, die
-Opfer des Menschenvolkes, abzulenken. Und Wodan deutete die Vorzeichen.
-
-Nicht überall strebte der Opferrauch gen Asgard, dem Asenhimmel. Wohl
-wirbelten die Opferwolken im Saxland, das steil unter seinem Sitze
-lag, mächtig wie immer zu ihm empor, doch nördlich der Sachsen, dort,
-wo Dänen und Schweden saßen, trieben sie ab und suchten einen anderen
-Himmel. Und Wodan erspähte, daß es der Himmel der Lichtgötter, der
-_Wanen_ war, die sich beim Erscheinen der Götter in der Welt singend
-und klingend von der Stätte harter Arbeit emporgeschwungen hatten, um
-ein Reich der Schönheit und des Glücksgenusses zu begründen.
-
-Da sprach Wodan zu sich selber:
-
-»Glück ist göttlich. Glück ist der Besitz. Glücksgenuß ist irdisch.
-Glücksgenuß ist die Verschwendung. Da die Masse der Menschen irdischer
-ist als göttlich, wird sie nach dem Genusse greifen, statt nach dem
-Glück. Und nur die Helden werden den kargeren Besitz des Glückes
-wählen, der Arbeit ist und Aufopferung.«
-
-Und Wodan hörte und erspähte alles, was er von den Wanen zu wissen
-begehrte. Verschwenderisch streuten sie Fruchtbarkeit über Länder und
-Seen allen, die sie anriefen, lehrten sie den Wert des Goldes, lehrten
-sie, den Fleiß ihrer Hände in Gold umsetzen und das Gold in üppigen
-Genuß, also, daß die Menschen nur noch zu arbeiten wünschten um des
-_Goldes_ willen und um durch Gold alles zu beherrschen, Menschen und
-Dinge, Länder, Völker und ihre Schätze, was immer ihnen auf Erden zum
-mühelosen Genuß des Lebens verhelfen könne. Feiner und wählerischer
-wurden die Anhänger der Wanen, klüger und wissender, und sie dünkten
-sich bald in ihrer verfeinerten Lebensführung hoch erhaben über
-die rohen Sachsen in Saxland und die anderen Völkerstämme, die auf
-Wodan schwuren, den Sturmgott, auf Donar, den Gewitterbringer, und
-auf Ziu, den Gott des blanken Schwertes. Über sie alle, die rauhen
-und schlichten, denen die Arbeit Freude war, Kraftempfinden und
-Lebenszweck, und der Feierabend das Bewußtsein ihrer hart erworbenen
-und darum doppelt gesteigerten Fröhlichkeit. Und Wodan witterte die
-Gefahr.
-
-Einst, als er mit seinen Brüdern Wili und We den stumpfsinnig
-verschlingenden Urriesen Ymir erschlagen hatte, hatte er die niedere
-Geisterwelt gejagt, die von den Göttern das Wissen geholt aus der
-gebärenden Weltseele und das Göttliche gewandelt hatte in gemeine
-Lüste und billigen Zauberspuk. Tausende waren erwürgt an seinem
-Gürtel geblieben, wenige nur entkommen. Aber einige waren zu den
-leichtherzigeren Wanen entschlüpft, hatten sich zu wildquirlenden
-Scharen vermehrt und aufs neue die gold- und zaubersüchtigen Menschen
-aufgesucht, die die verschwenderisch spendenden Wanen opfernd
-verehrten. So kam mit der steigenden Genußsucht der _Aberglaube_ in die
-Welt, der Feind des Göttlichen. --
-
-Aufstanden Wodans Jagdwölfe und streckten die Rute. Mit gesträubtem
-Haar standen sie und warteten des Befehls des Meisters.
-
-Nacht war es und Wodan sattelte sein Sturmroß.
-
-In wehendem Mantel, den breitrandigen Wetterhut tief über die blutige
-Augenhöhle gedrückt, damit das andere, das Einauge, um so schärfer
-funkele, saß er horchend im Sattel. Aufkreischten seine Raben. Von
-seinen Schultern schwangen sie sich auf und jagten voran. Hinter
-ihnen drein mit heiserem Gebell jagten die Wölfe. Da gab Wodan seinem
-Sturmroß das Maul frei, und der wilde Jäger stob mit Hussa und
-Peitschengeknall in die Nacht. »Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe!
-Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«
-
-Hinter den Gespensterscharen, die heimlich aus Wanenland
-herübergeschlichen waren, seine Menschen zu verführen, hetzte er
-einher. Entsetzt fuhr das Gelichter der Schwarzalben und Truden, der
-Maren und Schrate wie Nebel- und Wolkenfetzen durch die Wipfel der
-Bäume und suchte heulend das Weite. Wodans Sturmroß holte sie ein.
-Seine Peitsche fuhr knallend durch die Luft, und wen sie traf, den
-traf der Tod. »Hussa! Hussa! Horrido!« Die Wolken jagten über den
-Himmel, als wollten sie mit weitaufgerissenem Rachen den tanzenden Mond
-verschlingen. Und im fahlen Licht der Sturmnacht hetzte Wodan ohne
-Ermüden die unholden Geister, den Alb, der sich den Menschen auf die
-Brust setzte und sie bedrückte, den Mar, der ihnen das Blut aussog,
-den Schrat, der sie äffte und die Trud, die sie behexte. Sie alle, die
-seine Menschen quälten und sich zu willen machten, bis die Erdgeborenen
-glaubten, es seien die Götter selbst und nicht unholde Wesen, und sich
-den Gespenstern ergaben.
-
-»Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in
-Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«
-
-»Da jagt der wilde Wode!« stammelten die Menschen, die im Geheul der
-Sturmnacht von den Lagern auffuhren und angstvoll gen Himmel starrten.
-»Der wilde Gespensterjäger fährt um.«
-
-Und doch öffneten sie hastig Fenster und Türen, um den gejagten
-Spukgestalten Unterschlupf zu gewähren, denn sie versprachen sich
-goldenen Dank von den Wichten und gierten nach irdischen Schätzen,
-statt nach der stolzen Höhe der Götter.
-
-Nächte hindurch, Monde hindurch fegte Wodans Mantel durch die Lüfte,
-knallte seine Peitsche wie krachendes Holz, schrieen seine Raben,
-heulten seine Jagdwölfe. »Auf daß das Geschlecht sich nicht vermehre!«
-lachte er grimmig in den Bart und setzte vor allem anderen Wild den
-kreischenden Frauen und Fräulein der albischen Wesen nach, packte sie
-am Gewand, griff sie beim Schleier, zog die Zappelnden hinauf auf sein
-Roß und erstickte sie in seinen Umarmungen. »Frauenräuber!« schalten
-die verblendeten Menschen hinter ihm drein, »Weiberjäger!« Denn sie
-hielten für Liebesgier, was Wodan in göttlichem Zorne tat, und ließen
-sich von den Wichten, die sie abergläubisch hüteten, leicht bereden.
-
-Noch blieb viel Koboldvolk auf der Erde zurück, Hausgeister und
-Waldfräulein, Korngeister und Wassernixen, und Nächte und Monde jagte
-Wodan daher, den Spuk zu vernichten, die Menschen auf sich selbst
-zu stellen. Oft auch stieg er zu Mimir hinab und raunte mit ihm am
-Brunnen. Denn er hielt das luftige Gesindel der Alben nur für die
-Plänkler und Wegemacher eines gefährlicheren Feindes, der Macht der
-Wanen, und er wußte es in seiner Allwissenheit.
-
-Einst kehrte er heim nach Asgard, sinnend und grübelnd, und fand die
-Götter beim lärmenden Gelage wie in einer großen Trunkenheit. So hatte
-er sie noch nie geschaut. Nur Baldur stand abseits. Ihn ekelte das
-weibische Getue.
-
-Einen strahlenden Blick warf Wodan auf seinen Lieblingssohn. Dann trat
-er zürnend in den Kreis. Doch keiner hatte Augen für ihn.
-
-Vor den Bänken der Götter und Göttinnen tanzte ein nacktes Mädchen von
-niegesehener Schönheit. Farbenfunkelnde Geschmeide von auserlesenem
-Feuer schmiegten sich an ihre Brüste, daß ihr Weiß heller leuchtete
-als der Schnee auf den Hügeln, rotgoldene Spangen, zart wie Blattgold
-und von meisterlicher Arbeit umschlossen die Fesseln ihrer Füße, daß
-die Glieder aus den Goldblättern hervorwuchsen wie Lilienstengel,
-umschlossen die Arme, daß sie sich dehnten und streckten wie
-heimlich Geliebte, und Perlenschnüre träumten in ihrem Dufthaar wie
-schmeichelnde Mondlichter in kosender Nacht.
-
-»Tanze, tanze,« riefen die Götter mit funkelnden Augen, »so wunderbar
-Schönes sahen wir nie, wie dich, du Mädchen!«
-
-»Tanze, tanze,« riefen die Göttinnen mit heißen Blicken, »so wunderbar
-Schönes sahen wir nie, wie dein Geschmeide!«
-
-»Das Mädchen ist es!« beharrten die Götter erhitzt.
-
-»Das Geschmeide ist es!« eiferten die Göttinnen. »So schön sind wir,
-wie die Fremde, aber der Schmuck, mit dem ihr uns beschenkt, ist plump
-wie Bauernschmuck und hängt sich schwerfällig an unsere Glieder, statt
-ihre Reize zu heben. Schafft uns solch Geschmeide, und das Mädchen ist
-vergessen! Schöner sind wir, schöner!«
-
-»Wer bist du?« riefen die Asen, und es lag wie Rausch über ihren Augen.
-»Wer gab dir den Schmuck? Wo finden wir ihn?«
-
-»_Gullweig_ heiß ich,« sang die Tänzerin, »vom göttlichen Wanenstamm
-bin ich. Wir leben in Schönheit und Freude! In Arbeit und kindlichen
-Spielen ihr! Wißt ihr, was Freude ist? Verschwendung und lachendes
-Leben! Seht her, so verschwende ich!«
-
-Und sie wirbelte vor den heißen Blicken der Männer.
-
-»Der Schmuck! Der Schmuck!« riefen die Göttinnen und waren erblaßt vor
-Erregung.
-
-»Schmuck will erworben sein,« sang die Tänzerin. »Einen Wert hat das
-Gold, mehr als ihr wißt! Für rotes Gold und schimmernd Gestein kaufe
-ich Länder und Völker, Weiber und Rosse, Leiber und Seelen. Es liegt
-bei den Riesen, es liegt bei den Zwergen, es liegt bei den Menschen.
-Hervorlocken muß man es durch Zauber oder Raub. Holt es euch, schmückt
-euch, genießt! Nichts weiß euer Blut vom glühenden Leben!«
-
-Aller Arme streckten sich nach der tanzenden Wanentochter aus.
-Sehnsüchtige Arme. Neidvoll gereckte Hände. Da hob Wodan den Speer.
-
-Dreimal durchbohrte er Gullweig, die Wanentochter, mit dem Speer.
-Dreimal schleuderte er ihren weißen, schimmernden Leib in den
-flammenden Holzstoß, der die Halle erwärmte und erleuchtete. Dreimal
-verbrannte das Mädchen zu Staub. Dreimal erhob sie sich aus der Asche.
-Da ersah Wodan, daß sie eine Zauberin der Wanen sei, und ließ die
-Mißhandelte entfliehen.
-
-»Melde den Deinen, was dir widerfuhr, was ihrer wartet!«
-
-Loki aber, der Geschmeidige, sammelte hastig aus der Glut des Feuers
-den seltenen Goldschmuck, Perlen und Geschmeide, und gab alles den
-Göttinnen und setzte sich in Gunst. Finster gingen die Asen umher und
-neideten dem Listigen den Vorzug.
-
-Wodan berief sie alle zum Rat.
-
-»Wer hat dem Wanenmädchen Einlaß gewährt zu Asgards Wiesen?«
-
-Und Heimdall antwortete: »Ich tat's, auf Gebot der Götter, die sich
-berieten, als du fern warst. Sie war ein Mädchen und ohne Waffen.«
-
-»Ihr Törichten,« sprach Wodan, »habt ihre Waffen kennengelernt. Schwer
-seid ihr von ihren Waffen verwundet. Schwerer als von Schwert und Ger.
-Denn die Wunden, die sie euch schlug, heilen nicht und eitern fort in
-der Gier nach Gold und Genuß. Vorbei ist es mit der heiteren Ruhe. Wir
-müssen uns regen.«
-
-Da stimmten die Götter beschämt ihm zu und gaben ihm Vollmacht, für
-alle zu handeln. --
-
-Einsam fuhr Wodan aus. Nur Gefjon nahm er mit sich, die Kluge, zu
-der die Mädchen beteten. Von Saxland fuhr er gen Norden, denn es war
-sein Plan, die Wanenanhänger durch eine augenfällige Tat zu sich
-zurückzuführen und die Menschen, die im Norden noch nichts wußten
-von Wodan und den Seinen, zum Asenopfer zu bekehren. So fuhr er gen
-Dänemark, das den Wanen huldigte, und gedachte dem Volke über Nacht ein
-reiches Neuland zu schenken, Ackerland für einen seßhaften Bauernstand,
-der mit der Scholle die Arbeit liebte und nicht die Leichtfertigkeit
-der Goldanbeter. Neuland auch für neue Heiligtümer der Asengötter.
-
-Auf Fünen kehrte Wodan ein und lehrte Gefjon, die kluge, seine Pläne
-und verlieh ihr zur Ausführung seine Zauberrunen. Da fuhr Gefjon, als
-listige Gauklerin gekleidet, nach Schweden und vollführte vor dem
-Beherrscher des Landes, dem König Gylfi, so lustige Dinge, daß der
-König ihr einen Wunsch freigab. Und sie erbat sich so viel Land zur
-freien Verfügung, wie sie mit vier Ochsen während eines Tages und einer
-Nacht umzupflügen vermöchte. Das gestand ihr der König lachend zu.
-Gefjon aber fuhr noch in selber Stunde nach dem Riesenland Jotunheim,
-gebar in der nächsten Nacht einem Riesen vier Söhne, ließ sie kraft
-ihrer Zauberrunen gleich bei der Geburt zu ihrer ganzen Größe und
-Stärke aufwachsen, verwandelte sie durch den Runenzauber in vier
-ungeheure Ochsen und kehrte in nächster Nacht mit ihnen zu König Gylfi
-zurück. Und Gefjon, die Kluge, spannte die Riesenochsen vor den Pflug
-und packte die Pflugschar. Da schnitt das Pflugeisen gewaltig tief
-und breit in das Land und ackerte ein Stück Erde heraus, das nicht zu
-überblicken war, und die Ochsen zogen noch einmal an und zogen das
-herausgepflügte Land weiter und weiter gen Westen, stiegen ins Meer
-und zogen es bis in den dänischen Sund. Dort entließ Gefjon die Ochsen
-und nannte das neugewonnene Inselland der See _Seeland_. Das Loch
-aber, das sie in König Gylfis Land gerissen hatte, füllte sich zu einem
-Binnensee, der der _Mälarsee_ hieß, und in seine Buchten paßten bis ins
-Kleinste die Landzungen und Vorgebirge Seelands.
-
-Und Wodan dehnte die Macht der Asen aus auf die Insel und schuf
-ein Heiligtum auf ihr, zu dem die beschenkten Dänen in Dankbarkeit
-opferten. Aber auch König Gylfi in Schweden und viele andere Könige im
-Norden, zu denen die Kunde kam, riefen erschreckt Wodan an, den sie
-Odin nannten, und baten ihn in ihr Reich. --
-
-Wodan war heimgekehrt nach Asgard, wo ihn die Asen sehnsüchtig
-erwarteten. Viel Streit gab es zu schlichten, den der listige Loki
-schadenfroh geschürt hatte, und die alte Einigkeit war gestört im Rat
-und auf der Metbank wie beim ritterlichen Kampf- und Wettspiel, seitdem
-das lockende Weib in Asgard erschienen war. Zu Mimirs Brunnen stieg
-Wodan hinab und raunte lange mit dem Weisen.
-
-Und es war ihm offenbar, daß die Wanen heranrückten, den Schimpf
-an Gullweig zu rächen und die reichen Opfer der Menschen im Norden
-zurückzugewinnen. Und Wodan wußte vieles und mehr und saß, in die
-Zukunft grübelnd, auf seinem Hochsitz.
-
-In hellen Haufen rückten die Wanen an. Die Luft wimmelte von ihnen,
-wohin das Auge sah. Lichtgötter waren sie. Darum ritten sie durch die
-Lüfte und brauchten nicht über die Brücke Bilfrost hinweg, die Heimdall
-hütete. Was ihnen an Kraft den Asen gegenüber gebrach, ersetzten sie
-dreimal durch wunderbare Waffen, zu denen ihnen ihr Reichtum, und durch
-die Kriegskunst, zu der ihnen ihre verfeinerte Geistespflege verholfen
-hatte. Jäh erschienen sie vor Asgard und zerbrachen in geeintem Angriff
-den Burgwall der Asen.
-
-Dröhnend rief Wodan die Männer Asgards zum Kampf. Ihnen allen
-voran stand er und schleuderte als Heervater den Speer über die
-anstürmenden Völker. Aber die Waffen der Asen waren wie Bauernwaffen
-zu den erlesenen und erklügelten Waffen der Wanen, wie der Schmuck
-ihrer Frauen und Jungfrauen ein plumper Bauernschmuck geschienen
-war zu den berauschenden Köstlichkeiten der tanzenden Gullweig.
-Donars malmende Keule zersplitterte auf stahlhartem Wanenhelm. Zius
-blankes Breitschwert brach und sprang aus dem Griff, als er es gegen
-eine goldene Wanenbrünne stieß, Ullers Pfeil und Bogen war wie ein
-Kinderspiel vor den manneshohen Schilden der Wanen, und Baldurs
-leuchtender Mut fand zwölf neue Gegner, wenn er einen gefällt hatte.
-Loki stand als Schutz und Schirm bei den Göttinnen und stachelte
-die kämpfenden Asen an, sich vor den Frauen zu zeigen und ihre Huld
-zu gewinnen, denn er gedachte, übrig zu bleiben und höhere Macht
-zu erringen. Und die Asen wurden uneins im Kampf, trennten sich
-voneinander und suchten in heldischem Zweikampf mit den Wanenführern
-die Augen der Frauen auf sich zu ziehen, während die Scharen der
-Feinde immer tiefer eindrangen in Asgards geheiligte Fluren und die
-Himmelsburgen in Schutt und Asche legten.
-
-Da packte Donar die Felsen an und riß sie aus dem Grund und zermalmte
-mit ihnen die Haufen. Und Ziu entwurzelte die ragendste Eiche und fegte
-mit ihr die Stürmenden zu Hunderten. Die Himmel krachten, die Menschen
-lagen betend auf ihrer Erde und die Riesen in Jotunheim erhoben drohend
-ihre Häupter, um über die erschöpften Asen- und Wanengötter in Haß und
-Rache herzufallen.
-
-Wodan sah es. Er erkannte die größere Gefahr.
-
-Wie Donner rollte seine Stimme über die Köpfe der Kämpfenden:
-
-»Ihr habt euch in den Waffen gemessen, ihr Götter -- nun meßt euch im
-Rat!«
-
-Die Wanen wiederum aber hatten erkannt, daß sie nur einen
-Augenblickssieg erringen konnten und vor dem kraftvollen Asengeschlecht
-nicht bestehen würden, wenn es in der neugewordenen Zeit sich seines
-schaffenden Geistes entsann. Sie waren zum Verhandeln bereit.
-
-Im Rate saßen sie, Asen und Wanen, und stritten lange um den Vergleich.
-Klug wie Kaufleute setzten die Wanen zuerst den Preis des Friedens
-hoch, um ablassen zu können und als die Gebenden zu erscheinen. Sie
-forderten für Gullweigs Mißhandlung Zins. Da lachten die Asen, daß
-sie sich krümmten, und wollten von ihren Sitzen. Die Wanen beharrten
-nur scheinbar auf ihrem Beschluß. Ihnen war um anderes zu tun. Sie
-boten an, die Zinsforderung fallen zu lassen, wenn sie von Stund an
-als gleichberechtigte Götter gälten, den Asen gleich an Ehrung im
-Himmel und auf Erden, gleichberechtigt zum Empfang der Opfer und durch
-auszutauschende Geiseln _eine_ große Götterfamilie.
-
-Wodan, der allwissende, der in die Zukunft schaute, schlug ein. Und
-die Asen bestimmten Hönir zur Geisel für die Wanen, den Fahrtgenossen
-Wodans bei der Menschenerschaffung. Da er aber langsam denkend war, gab
-Wodan ihm den Mimir bei, den Freund und Vertrauten am Brunnen, und die
-Wanen hielten ihn für einen der Asen. Sie selber ließen den reichen
-_Njord_ als Geisel, der seinen lichten Sohn _Freyer_ mit sich führte
-und seine liebliche Tochter _Freya_. Und alle die Götter, die Asen und
-Wanen, traten zur Bekräftigung ihres Vertrages an ein Gefäß und spien
-hinein und mischten den Speichel mit Honig und schufen daraus gemeinsam
-den weisesten Mann. Der hieß _Kwasir_.
-
-So aber endete der erste Weltkrieg.
-
-
-
-
-Die Götter auf schiefer Bahn.
-
-
-In den Kreis der Asen war Njord ausgenommen mit seinem Sohne Freyer
-und seiner Tochter Freya. Gewaltiger Reichtum kam mit ihnen nach
-Asgard, aber auch viel böse Lust nach Reichtum und manche Sucht
-nach räuberischem Erwerb. Mehr und mehr ging die Schlichtheit der
-Lebensführung dahin. Die Gelage mehrten sich, die Abenteuerfahrten
-dehnten sich aus, Liebeshändel kamen auf und nahmen zu im Himmel und
-auf Erden, die Freude am Kriege erwachte und führte in ihrem Gefolge
-Gewalttat, List und Betrug.
-
-Wohl waren die Wanen, die von nun an zu den Asen gerechnet wurden,
-vornehme Wesen, doch ihre ganze Art und Daseinsauffassung war freier,
-üppiger und leichtherziger, und der Aufwand, den sie trieben und der
-den Menschen reichere Opfer und prunkvollere Feiern auferlegte, brachte
-die Asen von ihrem einfachen Götterwandel ab und näherte sie den
-Begierden und Untugenden der Menschen.
-
-_Njord_ liebte Jagd, Seefahrt, Fischfang und Handel. Er machte das
-Meer fruchtbar und bevölkerte die Wälder mit Wild. Er beschenkte die
-Menschen mit Reichtum, gab den Schiffen günstigen Wind und ruhige See,
-den Jägern Beute über Beute. So riefen ihn alle an, die Seefahrt und
-Jagd betrieben. Auch stammte die Göttin Nertha von ihm, die in heiligem
-Hain am Meeresstrande wohnte und die Fluren segnete zu wogenden Saaten.
-
-Schön war _Freyer_, sein Sohn. Schön fast wie Baldur. Licht und heiter
-übte er sein Amt als Himmelsgott, tat es seinem Vater gleich in der
-Spendung von Reichtum und Fruchtbarkeit und schätzte deshalb den
-Frieden, damit seine Gaben zu gedeihen vermöchten und Freude brächten.
-Doch war er aller ritterlicher Übungen nicht minder Herr, und er besaß
-ein Roß, das wabernde Lohe durchstürmte, und ein Schwert, das sich von
-selber schwang, galt es einen Feind.
-
-Die schönste im Himmel und auf Erden war _Freya_, Freyers Schwester.
-So reizvoll war sie an Wuchs, Antlitz und Gebärde, daß sie Götter und
-Riesen, ja Menschen und Zwerge entzückte und berückte und keine Göttin
-begehrter und verehrter war als sie. Als Göttin der Liebe wurde sie
-angerufen, gefeiert und besungen; viele der Helden wünschten sich zu
-ihr und die Frauen verlangten nach ihrem Saal, wenn der Tod ihnen
-nahte. Folkwang hieß ihr Wohnsitz in Asgard, das ist »Sammelstätte
-des Volkes«, und Seßrymnir ihr Saal, »der an Sitzen geräumige«. Die
-Zauberkunde der Wanen, die den derben Asen fremd gewesen war bis
-auf Wodans Runen, brachte sie nach Asgard und lehrte vor allem den
-Liebeszauber Götter und Menschen. Fuhr sie sichtbar hinaus, so fuhr sie
-auf einem schimmernden Wagen, den ein geschmeidiges Katzenpaar zog.
-Fuhr sie heimlich hinaus, so legte sie ihr zaubrisches Falkenhemd an,
-daß sie blitzschnellen Flugs wie ein Vogel durch die Lüfte glitt. Sie
-war so heiter, daß sie ihre Sitten oft und gerne darüber vergaß, und wo
-sie erschien, herrschte Jubel und Seligsein.
-
-Die Besten ihres Geschlechtes hatten die Wanen hingegeben. Was sie
-dagegen erlangt hatten, war kein guter Tausch und ließ sie bald
-verkümmern. Wohl wußte Hönir, der ihnen von den Asen zugeteilt war,
-immerdar klugen Rat, solange der weise Mimir bei ihm stand und ihm
-Rede und Antwort einflüsterte. Geschah es aber, daß Mimir abwesend war
-und die Wanen guten Rats bedurften, so wußte sich Hönir, den sie zum
-Häuptling erkoren hatten, nicht zu helfen und stammelte schwerfällige
-Worte, die nichts besagten. Stutzig geworden, forschten die Wanen dem
-Rätsel nach. Und sie erforschten Mimirs Herkunft und den Betrug beim
-Vergleich und ergrimmten dermaßen, daß sie Mimir das Haupt abschlugen,
-das Haupt des Getöteten höhnisch heimsandten und den Asen vor die Füße
-werfen ließen.
-
-Wortlos hob Wodan das Haupt des erschlagenen Freundes auf. Er salbte es
-ein und besprach es mit Runensprüchen, die das tote Hirn auferweckten
-und der Zunge die Sprache wiedergaben. Zur Weltesche Yggdrasil
-ging er in der Nacht und stieg durch die Welt hinab bis zu Mimirs
-Weisheitsbrunnen. In dem blanken Brunnen barg er Mimirs Haupt, und
-oft stieg er vom Himmel hinab zu dem tiefen Brunnen, wie die Sonne
-hinabsteigt ins Meer, und holte sich neue Kraft und Weisheit zu allen
-seinen schweren Werken.
-
-Denn oft machten die Götter Allvater das Leben schwer durch wenig
-vorbildliches Wesen, und die Menschen eiferten ihnen lieber in den
-Untugenden als in den Tugenden nach, weil die Untugenden leichter zu
-verrichten und meist um ein bedeutendes fröhlicher waren. Seit Freya
-durch den Himmel schritt, gab es unter den Göttern und Göttinnen
-viel Eifersucht, Neid und Streit. Die lose Liebesgöttin aber hatte
-ihre heimliche Freude daran und suchte immer neuen Anlaß, sich zu
-schmücken und die anderen zu reizen. So fand sie einst in einer Höhle
-vier Zwerge bei der Arbeit, die ein goldenes Halsband von blendender
-Schönheit und unermeßlichem Werte schmiedeten. Sofort beschloß sie,
-es zu besitzen. Aber die Zwerge, von den nie erschauten Reizen Freyas
-berauscht, lehnten jeden dargebotenen Preis ab und forderten endlich
-auf der Liebesgöttin Drängen für einen jeden von sich eine Liebesnacht
-mit der lachend gewährenden Göttin. Nach vier Nächten kehrte sie nach
-Asgard zurück, und um Hals und Nacken trug sie das Wundergeschmeide
-Brisingamen, dessen Name soviel heißt wie Zusammenflechter, denn wenn
-sie erwachte und Brisingamen um Hals und Nacken legte, glitzerte es
-über Himmel und Erde, und das Frühlicht stieg auf, das den jungen Tag
-mit der schwindenden Nacht zusammenflicht.
-
-Weit rissen die Götter die Augen auf, als Freya so goldenstrahlend
-vorüberschritt. Und Loki, der listenreiche, sann auf einen ebenbürtigen
-Schmuck, und er sah Sifs, der Gattin Donars, den sie auch Thor nannten,
-goldwogendes Haar und schlich ihr heimlich nach und schnitt es ihr ab.
-Tobend vor Grimm suchte Thor den Täter. Bald hatte er Loki erwischt,
-und seine mächtigen Fäuste packten den Geschmeidigen, daß ihm die
-Knochen im Leibe krachten. Wie ein Wurm wand sich Loki und schwur alle
-Eide, der weinenden Sif neues Haar zu schaffen aus echtestem Gold und
-so fein gesponnen wie Sonnenstrahlen. Da gewährte Thor ihm Zeit, denn
-ihm lag daran, die Schönheit seines Weibes wiederhergestellt zu sehen
-und den Spott zum Verstummen zu bringen. Und der geängstigte Loki fuhr
-ab zu den Zwergen.
-
-Zwei Zwergenbrüder waren _Brock_ und _Sindri_, die galten für die
-größten Meister aller Unterirdischen. Freundlich sagten sie dem
-geängstigten Gotte zu, sein Begehr zu erfüllen, und sie schmiedeten
-das Gold und zogen es in Fäden so fein wie Sonnenstrahlen, und da
-ihre Kunst eine lebenschaffende Kunst war, wie nur die echte Kunst,
-so gewann das Goldhaar alle Eigenschaften des natürlichen Haares
-und wuchs in goldenen Locken. Die freundlichen Zwerge aber wollten
-Loki nicht reisen lassen, ohne ihm Weihegeschenke mitzugeben für die
-heiligen Götter, und sie schmiedeten für Wodan den wunderbaren Speer
-Gungnir, dessen Wurf, ja dessen bloßer Schwung den Tod bringt, und für
-die anderen Asen das Wunderschiff Skidbladnir, das ohne Wind zu fahren
-vermochte und durch den ärgsten Sturm, und das sich zusammenfalten und
-in die Tasche stecken ließ.
-
-Lüstern sah Loki den Künstlern zu, und seine arglistige Seele sann, wie
-er den Zwergen noch andere Meisterwerke entlocken könne. Da nun der
-Zwerg Brock den Hauptanteil an der Arbeit getan hatte, so gedachte
-Loki, einen der Zwerge gegen den anderen auszuspielen, und er wettete
-scheinbar harmlos und wie aus fröhlicher Laune heraus, daß Brocks
-Bruder Sindri die drei Meisterwerke nicht durch seine Kunst überbieten
-oder auch nur annähernd Gleichwertiges schaffen könne. Brock, der
-seinen Bruder zärtlich liebte, nahm sofort Partei, und Loki reizte ihn
-in eine Wette hinein, in der der listige Gott sein Haupt verwettete
-gegen die drei Kleinodien, die nunmehr Sindri schaffen solle.
-
-Ohne zu zögern, begann Sindri sein erstes Werk. Und als es so weit war,
-daß es ins Schmiedefeuer mußte, um geglüht und gehärtet zu werden, zog
-Brock den Blasebalg, ohne auch nur eine Pause zu machen.
-
-»Weshalb setzest du nicht einmal aus?« forschte Loki wie in harmloser
-Neugier.
-
-»Zöge ich den Blasebalg nicht nach Gebühr und setzte ich nur eine
-Sekunde aus,« erwiderte der Zwerg, »so würde das Werk einen Fehler
-erleiden.«
-
-Da verwandelte sich der ränkereiche Gott schnell in eine Stechfliege,
-flog auf Brocks Hand, die den Blasebalg zog, und stach ihn in den
-Finger. Aber Brock verbiß den Schmerz, um des Werkes seines Bruders
-willen, und hielt aus, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es
-ein Eber mit goldenen Borsten, der schneller als ein Himmelsroß durch
-die Lüfte rannte und dessen goldene Borsten taghell die dunkelste Nacht
-durchleuchteten.
-
-Und Sindri begann sein zweites Werk, und als es im Schmiedefeuer lag
-und Brock den Blasebalg zog, flog ihm Loki als Stechfliege in den
-Nacken und stach erbärmlich zu. Aber Brock zuckte nicht mit der Wimper,
-so wahnsinnig der Stich ihn schmerzte, bis das Werk fertig aus der
-Esse kam. Da war es der Ring Draupnir, der Tröpfler, von dem in jeder
-neunten Nacht acht neue kostbare Ringe abtropften, so daß sein Besitzer
-immer der Reichste war.
-
-Und Sindri begann sein drittes und letztes Werk und schob es in das
-Schmiedefeuer, und Brock zog den Blasebalg in brüderlicher Treue. Da
-setzte sich ihm Loki als Stechfliege mitten auf das Augenlid und stach
-zu, daß ihm das Blut in die Augen floß. Brock zog und zog, bis er vor
-rinnendem Blut nicht Esse noch Blasebalg mehr erkennen konnte. Eine
-Sekunde nur ließ er los, schlug nach der Fliege und wischte hastig das
-Blut aus den Augen. Aber er hatte ausgehalten bis gegen den Schluß, und
-als Sindri das Werk aus der Esse nahm, war es ein Hammer, _Mjolnir_,
-der Zermalmer, der nie zerbrechen konnte, nicht an Stahl und nicht
-an Stein, und, wenn er geworfen wurde, immer in die Hand des Werfers
-zurückkehrte. Nur der Hammerstiel war ein wenig zu kurz geraten. Das
-war geschehen, als Brock das Blut aus den Augen wischte.
-
-Voller Zorn über Lokis Arglist und Tücke verlangte Brock den Preis
-der Wette, Lokis boshaftes Haupt. Loki aber lachte ihn aus und wies
-auf den Hammer, der mißraten sei. Da machte sich Brock mit Loki auf
-nach Asgard, den Göttern die Gaben zu bringen und ihren Schiedsspruch
-anzurufen.
-
-Wie staunten die Götter über die Wunderwerke, über Sifs goldenes Haar,
-über Wodans Todesspeer und über das zaubertätige Götterschiff. Mehr
-aber noch staunten sie über den Ring Draupnir, den Tröpfler, den der
-Zwerg Allvater Wodan zur Gabe brachte, über den rennenden Goldeber,
-den er dem Wohltäter Freyer verehrte, und am meisten über den Hammer
-Mjolnir, den Zermalmer, denn es fehlte ihnen an gewaltigen Waffen,
-denen der Feind nichts entgegenzusetzen wußte. Und Brock überantwortete
-den Hammer dem freudig zugreifenden Thor.
-
-Und Thor sprach:
-
-»Es ist der Hammer und der Mann, der hinter ihm steht, auf den es
-ankommt. Mag der Stiel nun lang oder kurz sein.«
-
-Da fiel der Schiedsspruch der Götter zugunsten des Zwerges, und Loki
-legte sich auf das Handeln und bot allerlei Lösegeld, aber der erzürnte
-Zwerg beharrte auf seinem Preis.
-
-»So hol dir den Kopf, du verkümmerter Gnom,« lachte Loki und entglitt
-dem Verhöhnten auf seinen Zauberschuhen in die Lüfte.
-
-Thors Biedersinn empörte sich über Lokis Betrug. Er schirrte seine
-Böcke vor den Donnerwagen, den Zahnknisterer und den Zahnknirscher, und
-brauste hinter dem Flüchtenden her. Er holte ihn ein, zwang ihn in den
-Wagen und brachte ihn dem Zwerg.
-
-»Halt,« rief Loki, als der Zwerg das Messer zog, um den erwetteten Kopf
-herunterzuschneiden, »nur der Kopf ist dein; schneidest du mir in den
-Hals, so gilt es dein Leben.«
-
-Da lachten die Götter über Lokis gelungenen Scherz, daß die Halle
-erbebte. Der Zwerg stand betroffen. Ohne den Hals zu verletzen,
-vermochte er den Kopf nicht abzulösen. Aber er zitterte nach
-Genugtuung. Und da der Kopf sein war, ergriff er wütend eine Ahle und
-einen Riemen und nähte dem Lästerer Loki das böse Maul zu. Dann erst
-trollte er sich befriedigt.
-
-Lange ließen die Götter Loki mit vernähtem Lästermaule laufen. Dann
-aber fehlte ihnen sein scharfer Witz wie sein kluger Rat, und sie zogen
-den Riemen heraus. Denn sie wußten sich in einer schweren Sache, die
-den Himmel bedrohte, nicht zu helfen.
-
-
-
-
-In Schuld und Schicksalskampf.
-
-
-Die Bekriegung der Gottheiten untereinander, der Kampf zwischen
-Asen und Wanen, hatte alle Feinde der Himmelsordnung das Haupt
-recken lassen in aufhorchendem Frohlocken. Die Macht der Götter war
-nicht unangreifbar. Sie beruhte auf ihrer Einigkeit, dem festen
-Zusammenschluß aller ihrer Glieder und Gaben. Uneinigkeit, ein
-Zersplittern ihrer Machtfülle und Zugeständnisse an die anderen Welten
-mußten sie bald verwundbar machen. So rechnete man in Utgard, dem Land
-der Riesen und Trolle, wo alle Hasser saßen.
-
-Noch lag in Asgard die Himmelsburg mit Türmen und Wällen zerstört.
-Unmutig dachten die Götter an die gewaltige Arbeit des Wiederaufbaues.
-Gerade jetzt, wo mit Njord und Freyer Reichtum und Wohlleben, wo mit
-Freya, der Heischenden, Lust und Laune am Liebesspiel fröhlichen Einzug
-gehalten hatten, waren sie der Arbeit entwöhnt, und sie ratschlagten
-her und hin, wie die Veste neu und noch stärker als zuvor erbaut werden
-könne, ohne daß einer der Götter Zeit und Mühe zu opfern brauche. Schon
-war es zu Unstimmigkeiten und heftigem Hader gekommen, als unvermutet
-Heimdall, der Wächter, einen Gast meldete.
-
-Es war ein Mann von so ungeheueren Körpermaßen und Leibeskräften, wie
-sie die Götter nie erschaut hatten. Er ritt auf einem Roß, das des
-riesigen Reiters würdig war, und gab an, aus fremden Welten zu kommen
-und der größte Baumeister aller Zeiten zu sein.
-
-Da horchten die Götter auf. Das war der Mann, der ihnen fehlte.
-
-Sie führten ihn rings um Asgard und ließen ihn das Werk, das sie ihm zu
-übertragen gedachten, in Augenschein nehmen und begutachten. »Eile tut
-not,« sprachen sie, »es muß in kürzester Frist errichtet sein.« Dies
-stellten sie zur Bedingung.
-
-Der gewaltige Baumeister ließ forschend seine Blicke über Götter und
-Göttinnen schweifen.
-
-»Ich will die Burg uneinnehmbar bauen,« antwortete er, »und noch
-während dieses einen Winters. Doch müssen mir meine Bedingungen treu
-erfüllt werden.«
-
-Da rieben sich die Asen vergnügt die Hände. »Fordere was du willst.«
-
-Und der Baumeister sprach:
-
-»Wenn ich die Burg innerhalb der genannten Frist und ohne auch nur
-einen Tag darüber hinaus zu gebrauchen, errichtet habe, so sollt ihr
-mir als Lohn Freya, die Liebliche, zur Frau geben und zu ihrer
-Bedienung die Sonnenjungfrau und die Mondjungfrau. Bedarf ich zu meiner
-Arbeit auch nur eines Tages Länge mehr, so habt ihr das ganze Werk, das
-ich geleistet habe, umsonst und ohne Entgelt, und ihr könnt mich von
-hinnen jagen.«
-
-Da wurden die Götter ernst und traten zum Rat zusammen. Sie fühlten
-ihre Zusammengehörigkeit als ihr Heiligtum und wünschten den Verlust
-der wärmespendenden Freya und der lichtspendenden Jungfrauen Sonne und
-Mond nicht aufs Spiel zu setzen. Schon wollten sie das Ansinnen des
-starken Baumeisters als eine Beleidigung zurückweisen, als Loki, der
-Vielgewandte, das Wort ergriff. Er bewies den ernstgewordenen Asen, daß
-es selbst für sie, die Götter, eine Unmöglichkeit wäre, Asgards Veste
-in einem Winter zu erbauen, um wie viel mehr für diesen grobknochigen
-Schwätzer, der sich großtuerisch vermesse, die ganze Arbeit allein zu
-verrichten und nur mit Hilfe seines Pferdes. Jedenfalls aber würde der
-Fremde in seinem Ehrgeiz ein hübsches Stück Arbeit zuwege bringen,
-bevor er weggejagt würde, so daß den lachenden Göttern nur noch die
-letzte Vollendung des Werkes übrig bliebe. Und Loki redete so lustig
-und listig, daß er die Lacher auf seiner Seite hatte und sie ihm
-zustimmten, ohne an seine Heimtücke zu denken. Loki selber aber dachte
-sehr wohl an das Fehlschlagen seines Rates. Seine Eifersucht jedoch
-erhoffte immer aufs neue ein Aufsteigen seiner persönlichen Macht,
-sobald die Macht derjenigen Götter, die ihm an Kraft und Ansehen
-überlegen waren, geschwächt wurde.
-
-Der Baumeister wurde vor den Rat gerufen. Der Tag des Winterendes
-wurde auf die Stunde bestimmt und dem Festungsbauer Freya als Gattin
-zugesprochen und die Jungfrauen Sonne und Mond als Dienerinnen, wenn
-der Vertrag pünktlich eingehalten und eingelöst werde.
-
-Der Baumeister verlangte zur Bekräftigung den Eid der Götter.
-
-Da beschwuren die Götter die Wahrhaftigkeit des Vertrages mit ihren
-höchsten Eiden. Nur Donar, der donnernde Thor, schwur nicht mit. Denn
-er war nicht anwesend und, wie immer vielbeschäftigt, ausgezogen, um
-den im Schweiße ihres Angesichtes arbeitenden Bauern beizustehen gegen
-die zerstörenden Gewalten aus Utland, dem Riesenheim.
-
-[Illustration: »... umschlang mit seinen Armen die höchsten
-Felsenberge ...«]
-
-Der Baumeister begann, ohne zu zögern, mit der Arbeit. Er reckte seine
-Glieder ins Ungeheuerliche, umschlang mit seinen Armen die höchsten
-Felsenberge, hob sie aus dem Grund und spannte sein Roß Swadilfari vor,
-das sie mit Windeseile zu dem Bauplatz zog, wo der ungetüme Meister sie
-kunstgerecht schichtete. Tag und Nacht war Mann und Roß bei der Arbeit,
-und die Burg wuchs und wuchs, und staunend standen die Götter. Aber in
-ihr Staunen trat bald eine tiefe Beklommenheit, und die Beklommenheit
-wandelte sich in blassen Schrecken, als nur noch acht, dann fünf und
-jetzt nur noch drei Tage zwischen der letzten Vollendung der Burg und
-der Auslieferung der geliebten Göttinnen lagen. Eifernd zog Freya
-umher, traurig schlichen ihre Freundinnen Sonne und Mond ihr nach.
-
-Da traten die Götter zum Rate zusammen, und sie schwuren Loki, dem
-Verführer, furchtbare Rache auf ewige Zeit, wenn er den Vertrag, den
-er ihnen aufgeschwätzt, in letzter Stunde nicht hinfällig mache. Denn
-sie waren sich bewußt, daß ohne Freyas Wärme und ohne der Sonne und des
-Mondes Licht Himmel und Erde vereisen und verkümmern müsse. Sie packten
-Loki und schüttelten ihn im Zorn, daß ihm Feuer aus den Augen sprang
-und er in Todesängsten alles versprach, die Götter zu befreien.
-
-Wohl hatte er gesehen, daß der fremde Baumeister seine Arbeit nur mit
-Hilfe seines Hengstes Swadilfari schaffen könne. Den Hengst mußte er
-ablenken. Und er nahm die Gestalt einer schönen Stute an und lief dem
-arbeitenden Hengst in den Weg. Der Hengst blieb stehen, schnob durch
-die Nüstern und stieß ein liebestrunkenes Wiehern aus. Alsbald tänzelte
-ihm die Stute vor der Nase herum, tat verliebt und vertraulich und stob
-von dannen, wenn der Hengst sie zu fassen glaubte. Dem Hengst stieg das
-Blut in die Augen. Das Liebesspiel brachte ihn um die Vernunft. Und als
-die Stute ihm wieder schmeichlerisch nahe kam, ließ er Arbeit Arbeit
-sein, warf das Geschirr ab und jagte hinter der gefallsüchtigen Schönen
-drein. Da flogen die Funken von ihren Hufen, und ganz Asgard erdröhnte
-von dem wilden Galopp. Drei Tage und drei Nächte ging die wilde Jagd,
-bis sich die Stute dem Hengst ergab, und der Baumeister stand in der
-Stunde, in der er die Burg übergeben sollte, vor dem unvollendeten Werk.
-
-Zornbebend rief er die Götter herbei, schrie ihnen Lokis Verrat ins
-Gesicht und forderte sie auf, ihre Eidschwüre zu halten, wie es die
-Wahrhaftigkeit geböte.
-
-Die Götter aber blieben kalt bei seinem Toben. Sie wiesen auf das
-unvollendete Werk und schickten Freya und die Jungfrauen Sonne und
-Mond in ihre Gemächer.
-
-»Meineidige seid ihr!« brüllte der gewaltige Fremdling, griff seine
-Werkzeuge auf und holte aus, um die Burg und mit ihr die Götter zu
-zerschlagen.
-
-In Todesnot riefen die Götter Thors, des Donnerers Namen. Und in selber
-Sekunde stand der Donnerer mitten unter ihnen, denn er fuhr mit dem
-Blitze. In der Hand wuchtete dem rotbärtigen Gotte der Hammer Mjolnir.
-Beim ersten Blick erkannte sein Auge, daß der ungetüme Baumeister ein
-Abgesandter des eisigen und dunklen Riesenreiches sei, das sich Freyas
-Wärme und das Licht von Sonne und Mond dienstbar machen wollte, und
-ohne auch nur ein Wort zu reden, lief er den Riesen an und schmetterte
-ihm den Hammer in den Schädel, daß der fürchterliche Unhold wie ein
-gefällter Baum tot zusammenbrach.
-
-Der Donnerer wischte den Hammer ab und steckte ihn in den Gürtel. Er
-strich seinen gesträubten roten Bart zurück und sah sich schweigend im
-Kreise um.
-
-Dann erst sprach er.
-
-»Nicht Rat und Rat und wieder Rat erhält am Leben. Nicht bei Göttern
-und nicht bei Menschen. Am Leben erhält nur die Tat!«
-
-Sprach's, drehte sich um und ging seiner Wege.
-
-Die Stute aber, in die Loki sich verwandelt hatte, warf von dem
-Riesenhengste Swadilfari ein wolkengraues Fohlen, wie es schneller nie
-gewesen war und niemals wieder wurde, denn es griff die Luft mit acht
-Füßen und überholte den Sturmwind. Sleipnir hieß es und wurde Wodans,
-des nordischen Odins, Roß. --
-
-Schwer an Gedanken saß Wodan an Mimirs Brunnen. Das Riesenreich hatte
-es gewagt, einen heimlichen Abgesandten nach Asgard zu entsenden, um
-die Einigkeit der Götter zu zerstören und ihnen Wärme und Licht zu
-rauben. Fast wäre den Riesen der Anschlag gelungen. Und Wodan wußte,
-als er einsam in Mimirs Brunnen starrte, daß sie von jetzt ab Anschlag
-auf Anschlag wiederholen würden, um die Götter zu verderben und über
-den Gestürzten das Reich der rohen Kraft und Gewalt und die Herrschaft
-der Zügellosigkeit aufzurichten. Und der einsam grübelnde Allvater
-wußte mehr. Von der wachsenden Üppigkeit waren die Götter zur Habgier
-und List, von der List zum Meineid fortgeschritten. Meineidig waren
-die Götter. War das besser als rohe Kraft und Gewalt der Riesen? Den
-Meineid strafte die wahrhaftige Weltseele.
-
-Und Wodan, der Allwissende, sah die Strafe.
-
-Noch war sie fern, noch konnte sie durch glühende Willenskraft
-zurückgedrängt, durch neuerwachte, neu geschürte Begeisterung an der
-Ordnung der Welt hintangehalten werden. Wegzuzaubern war sie nicht.
-Denn über Götterrunen und Himmelskunst stand die Wahrhaftigkeit
-der Weltseele, die sich selbst als oberstes Gebot -- auch für die
-Herrschenden -- eingesetzt hatte.
-
-Am Brunnen Mimirs blickte Wodan, der Einsame, in die Zukunft. Der
-allmächtige Vater der Götter und Menschen erschauerte nicht. Allvater
-erkannte Allvaters Pflicht. Ob sie schwer war, ob sie unerfüllbar war
--- es durfte ihn nicht kümmern. Läßt ein Vater seine Pflicht, wenn
-tausendfältig anstürmender Feind seine Kinder zu zertreten droht? Der
-Vater nimmt den Kampf auf, wirft sich dem Feind entgegen, lenkt ihn
-ab, tut ihm Schaden und sucht, da er sie nicht zu retten vermag, die
-Todesstunde seiner Kinder mit verdreifachten Kräften hinauszuschieben,
-so weit er es nur vermag.
-
-So auch dachte Wodan, der einsame Wanderer zur Quelle Mimirs, als er
-sich vom Brunnenrand erhob und in tiefem Sinnen heimkehrte gen Asgard.
-
-»Sie müssen den _Begeisterungstrunk_ haben,« murmelte er. »Der
-Begeisterte verdoppelt Leben und Kraft, der Zagende bringt sich
-um Willen und Frieden. Ich will ihnen den Begeisterungstrunk
-herbeischaffen, daß sie das Fürchten verlernen. Herrscher können irren,
-aber sie dürfen sich nicht fürchten.«
-
-Es war gewesen, als Asen und Wanen sich geeinigt und sich gemischt
-und dessen zum Zeichen aus ihrem vermischten Speichel den _Kwasir_
-geschaffen hatten, der die Weisheit der Asen und die Lebensfrohheit der
-Wanen wie einen feurigen Rausch im Blute trug und alle Welt mit seinen
-Gaben entzückte. Im Berge hockten ein paar Neidlinge, Zwerge von kalter
-und berechnender Klugheit, die Kwasirs hohe Gaben wohl einzuschätzen
-verstanden, ohne daß es ihnen gelang, je aus einem ähnlichen feurigen
-Götterrausch heraus zu schaffen wie Kwasir. Sie blieben Handwerker, wo
-jener Künstler war. So gedachten sie, ihm das Künstlerblut zu rauben
-und es sich zu eigen zu machen. Sie baten den göttlichen Kwasir, als er
-über die Erde wandelte und die Menschen zu veredeln trachtete, zu einem
-Gastmahl und stießen den Ahnungslosen, als er bei ihnen niedergesessen
-war, mit ihren Messern zu Tode. Das aufspritzende Blut fingen sie
-bis auf den letzten Tropfen in zwei Krügen auf und in einem Kessel,
-der _Odrerir_ genannt wurde nach dem berauschenden Blute. Die Krüge
-nannten sie Son und Bodn, das ist soviel wie Sühne und Anbietung.
-Dem Blute setzten die kundigen Zwerge Honig zu, so daß ein Met, ein
-Dichtermet daraus wurde, der jeden, der von ihm trank, mit Begeisterung
-erfüllte und zum Dichter und heldischen Sänger machte. Zu den Asen aber
-trugen die Zwerge die Kunde, der weise Kwasir sei eines Tages, da ihm
-die Gedanken mehr denn je zuflogen, an seinem eigenen Witz erstickt.
-
-Die beiden Zwerge hoben jetzt um so frecher das Haupt. Hatten sie dem
-göttlichen Kwasir seine begeisterungweckenden künstlerischen Gaben
-geneidet, so neideten sie dem reichen Riesen Gilling seine irdischen
-Schätze. Sie luden den Riesen ehrerbietig zu einem Fischzug ein,
-trieben das Boot zum Kentern in eine Brandung und schwammen tauchend
-an Land, während der ungefüge Riese jämmerlich ertrinken mußte. Dem
-jammernden Weibe Gillings aber ließen sie, als sie aus dem Hause trat,
-um den Leichnam des Mannes zu bergen, vom Dache aus einen Mühlstein
-auf den Kopf fallen, der sie zerschmetterte, und aus der unbewachten
-Wohnung raubten sie, was sie tragen konnten.
-
-Gillings Sohn jedoch, der Riese _Suttung_, verfolgte ihre Spuren,
-entdeckte die verbrecherischen Gernegroße und band sie mit Stricken,
-daß sie kaum noch atmen konnten. Er verurteilte die Gefesselten zum
-qualvollen Hungertode auf einer Meeresklippe. Vergebens boten die
-Schwächlinge Hab und Gut zur Rettung ihres Lebens. Als jedoch der
-Riese davonrudern wollte, sprachen sie ihm von dem Köstlichsten auf
-der Welt, von dem Rauschtrunk, dem Dichtermet, der da ewige Liebe,
-ewige Jugendlust, ewigen Heldenruhm schaffe. Der Riese horchte auf. Das
-dünkte dem Mann aus dem Geschlecht der Thursen und Joten, der Säufer
-und Fresser, ein begehrenswertes Lösegeld. Er nahm die Wimmernden
-mit sich, ließ sie die beiden Krüge mitsamt dem Kessel Odrerir
-herausschaffen und schenkte ihnen das armselige Dasein. Von diesen
-Beiden aber stammt die Sippe der Neidlinge allüberall.
-
-Den Rauschtrunk der Begeisterung brachte Suttung ins Riesenland heim
-und versteckte ihn in einen hohlen Berg, zu dem es keinen Zugang gab.
-Seine schöne Tochter Gunnlod steckte er mit in den Berg, damit der
-kostbare Met die kostbarste Wache habe.
-
-Diesen Wundertrank Odrerir gedachte Wodan seinen Göttern gen Asgard zu
-holen. --
-
-In Menschengestalt zog er über die Erde und fuhr über das Meer, das
-zwischen Midgard, dem Menschenheim, und Utland, dem Jotenheim,
-brandet. Und er nannte sich Bolwerk, das heißt: Böseswoller. Zuerst
-suchte er Baugi, des Riesen Suttung Bruder auf, denn er wußte, daß
-Suttung mißtrauisch sei und unzugänglich für Fremde. Neun Riesenknechte
-mähten die Felder vor Baugis Haus. Sie riefen den Fremdling an, in
-welchen Geschäften er reise und was er hier herumlungere, und Wodan
-erwiderte bescheiden, er heiße Bolwerk und sei seines Zeichens ein
-Sensenschärfer. Sein Wetzstein vermöge die Sensen zu schärfen, daß
-sie in Wiesen und Acker hineinschnitten wie in weiche Butter und kein
-Knecht mehr einen Tropfen Schweiß verlöre.
-
-Da drängten die Riesenknechte herbei und hielten ihm lüstern die
-nackten Sensen hin, daß er sie wetze. Bolwerk aber zog einen gemeinen
-Wetzstein hervor und warf ihn hoch über ihre Köpfe. »Fangt ihn!« rief
-er. »Wer ihn fängt, kann ihn behalten!« Und so hastig und wild fuhren
-die Riesenknechte nach dem sausenden Stein herum, daß die ungeschützten
-Sensen durcheinander wirbelten und einer dem andern, im Drange, den
-Stein zu erwischen, den Kopf vom Halse säbelte. Wodan aber entwich, bis
-es Abend war.
-
-Er fand den Riesen Baugi jammernd vor seinem Hause sitzen und befragte
-ihn nach dem Grunde seiner Traurigkeit.
-
-»Meine Knechte,« wetterte der Riese, »müssen sich während des Mähens
-toll und voll gesoffen haben, denn sie haben jählings das Raufen
-bekommen und sich allzumal umgebracht. Ich aber kriege für die
-drängende Ernte keine Knechte mehr.«
-
-Der fremde Wanderer, der sich Bolwerk nannte, tröstete den Riesen.
-
-»Was ist dabei? Ich habe Kräfte für neun. Wohl schaffe ich dir die
-Ernte ganz allein, wenn du mir dagegen ein Trünklein von dem Wundermet
-deines Bruders Suttung verschaffst, von dem ich in fernen Landen so
-viel Rühmendes hörte.«
-
-Der Riese Baugi kratzte sich bedächtig den Kopf.
-
-»Was den Met angeht, o Bolwerk, so ist mein Bruder Suttung in der
-Spendung auch nur eines Schlückleins hartleibiger als ein Drache. Aber
-eine Liebe ist die andere wert. Hilfst du mir, so helf ich dir.« Und
-sie gaben sich den Handschlag darauf.
-
-Einen Sommer lang mähete Wodan des Riesen Felder und brachte die Garben
-bis auf die letzte unter Dach und Fach. Er, der einzige, allein. Und
-Baugi gedachte seines ehrlichen Wortes und ging zur Winterszeit mit
-seinem Knechte Bolwerk zu seinem Bruder Suttung, der sie beide vor die
-Türe warf.
-
-»Geht's nicht auf gradem, so muß es auf krummem Wege gehen,« sprach
-Bolwerk zu Baugi. »Zeige du mir nur den Berg.«
-
-Da wies ihm Baugi heimlich den Berg, den undurchdringbaren, und
-freute sich hämisch, daß er nun seines Wortes ledig sei, ohne daß er
-den Bruder dem Fremdling zuliebe verriete. Wodan jedoch trug einen
-Zauberbohrer bei sich, mit dem er ein feines Löchlein in den Felsen
-bohrte, bis der Bohrer in die Höhlung stieß, und er verwandelte sich in
-ein blitzschnell gleitendes Schlänglein und glitt durch das Bohrloch in
-den Berg, verwandelte sich in seine Göttergestalt zurück und stand in
-bezwingender Allgewalt vor der heiß erglühenden Jungfrau Gunnlod.
-
-»Nie sah ich einen Mann,« stammelte die Erregte, »so herrlich
-anzuschaun wie du.«
-
-»Wodan bin ich, der Herrscher aller Welten, und ich komme zu der
-Schönsten, die da lebt. Reich mir den Willkommentrunk, mein Mädchen.«
-
-Da reichte sie ihm den Krug Son, und er trank ihn leer in der ersten
-Nacht, die sie in seinen Armen lag, und reichte ihm den Krug Bodn, und
-er trank ihn leer in der zweiten Nacht, die sie in seinen Armen lag,
-und reichte ihm alles vergessend den Kessel Odrerir, und er trank ihn
-leer in der dritten Nacht, die sie in seinen Armen lag. Und in seliger
-Begeisterung gebar sie ihm einen Sohn, der hieß _Bragi_.
-
-Und als Wodan den letzten Tropfen des Begeisterungstrankes in sich
-aufgenommen hatte, verließ er mit seinem Sohne den Berg, wandelte sich
-in einen Adler und schwang sich mit Bragi, der als jauchzendes Lied auf
-seinem Rücken ritt, in Himmelshöhen zum Flug gen Asgard.
-
-Der Riese Suttung vernahm den jauchzenden Sang und den Flügelschlag.
-Da wußte er jäh, was ihm geschehen war. Den Zauber der Riesen ließ er
-spielen und stürmte als Adler dem Adler nach. Hin flog das stürmende
-Lied in die göttliche Freiheit, und die riesische Unvernunft setzte
-ihm nach, um es in ihren hohlen Berg zu sperren. Asgard nahe war
-Wodans Adler, der den Trank Odrerir im Leibe trug. Fast hatte ihn
-der Riesenadler erreicht. Die Götter eilten herbei. Schon flog die
-Begeisterung zu ihnen hinüber. »Heil!« riefen sie Wodan zu. »Dreifach
-Heil!« Und Becher und Schalen trugen sie herbei und hielten sie
-Wodans Adler entgegen. Und der Adler ließ aus seinem Schnabel den
-Begeisterungstrunk Odrerir, den er in sich trug, in die Becher und
-Schalen brausen, den schalen Bodensatz aber, der im Bauche verblieben
-war, in scharfem Strahl aus dem After fahren, also, daß er dem
-Riesenadler in die Augen beizte und Suttung wie verblödet niederfuhr.
-
-Von diesem stammt die Sippe der Afterdichter, die echter Begeisterung
-bar sind.
-
-In Walhall aber, in Wodans gewaltiger Halle, kreiste der Becher der
-Begeisterung, erbrausten die Dichterlieder und schufen Heldenblut. Und
-als Bragi heranwuchs, der Gott der Dichter und der Sänger, vermählten
-ihn die Götter mit Idun, der Göttin der ewigen Jugend, die die Äpfel
-des Jungseins hütete, die nimmern altern lassen.
-
-Seit jener Zeit gehören göttliche Dichtkunst und ewige Jugend unlösbar
-zusammen.
-
-
-
-
-Die Götter auf Kundschaft.
-
-
-Seit der Begeisterungstrunk in Walhall die Runde machte und Bragi, der
-Dichtergott, seine Lieder sang von Heldentum und ewig jungem Ruhm,
-gewannen die Götter ihre alte Festigkeit zurück, und ihr Mut loderte
-auf wie eine heilige Flamme gegen jedes dunkle Schicksal, das an ihrer
-Vernichtung arbeitete. Reicher denn je und freudiger denn je stiegen
-die Opfer gen Himmel, welche die Menschen darbrachten, die wie die
-Götter zu kämpfen hatten gegen dunkle Mächte und sichtbare Feinde
-allüberall und darum _die_ Gottheiten am meisten liebten, die ein
-kriegerisch Herz in der Brust trugen wie sie selber.
-
-Das sah Loki, der neidische, mit starkem Unbehagen, und seine Arglist
-suchte, wie er den im Opfer bevorzugten Göttern Schaden antun könne,
-um sie niederzuhalten und sich selbst zu heben. Es war zu der Zeit,
-da Donar, der donnernde Thor, seine Kampffahrten plante gegen die
-unheilstiftenden Riesenmächte in Utgard, die seit des Riesenbaumeisters
-Erschlagung in rastloser Unruhe blieben.
-
-Loki war nicht wählerisch, wenn es sich um die Erreichung seiner
-ehrgeizigen Ziele handelte. Er wünschte insgeheim die Aufrührer zu
-stärken und ihnen einen Zuschuß von der Unbeugsamkeit der Götter zu
-geben. Darum fuhr er gen Utland ins riesische Jotenreich und fand eine
-Riesin, Angurboda, ein fürchterliches Weib, die ihm grinsend zu Willen
-war und ihm Drillinge gebar von scheusäligem Aussehen. Den Fenriswolf,
-die Schlange Jormungand und ein grausiges Weibsgeschöpf, die Hel.
-
-Allvater erforschte die Drei, als er in einsamer Stunde den Runenzauber
-befragte nach den Feinden Asgards und der Asen. Die Götter gingen zu
-Rat und beschlossen, den Riesen die Kinder Lokis abzufordern, da sie
-zum Wohnsitz des Vaters gehörten. Die Riesen willfahrten knirschend,
-denn noch wagten sie nicht offene Auflehnung gegen ihre Beherrscher.
-
-Die Götter prallten zurück, als man die Scheusale vor sie brachte.
-Lokis Brut zu ermorden, widerstand ihnen an geheiligter Himmelsstätte.
-Aber unschädlich sollte sie gemacht werden. Und Wodan packte die
-Schlange und schleuderte sie in das Meer, das sich brausend um Midgard
-schlingt, und die _Midgardschlange_ dehnte ihren eklen Leib, daß er
-rund um die Erde reichte und das Meer erfüllte, und sie biß sich mit
-scharfem Gebiß in den eigenen Schwanz, also, daß sie einen ungeheuren
-Ring bildete. Das grausige Weib, die _Hel_, verbannte Wodan in die
-tiefste Tiefe von Niflheim und setzte sie über die Totenwelt, in die
-nur gelangte, der an schleichendem Alter und Krankheiten aller Art,
-nicht aber an ehrlichen Schlachtenwunden gestorben war. Und Hel trat
-die Herrschaft an und war eine unerbittliche Forderin des Todes.
-
-Noch war der _Fenriswolf_ zurückgeblieben. Erst trieben die Götter
-ihren Scherz mit dem Wilden. Aber das Ungetüm wuchs mit jeder Nacht und
-drohte jeden zu verschlingen, der sich ihm näherte. Da hielten es die
-Götter bald für rätlich, ihn in Fesseln zu legen.
-
-Sie wanden eine Schlinge, fesselten sich selber damit und zerrissen sie
-vor des Wolfes Augen.
-
-»Nun, Fenris,« sprachen sie, »bist du auch so stark, so tue es nach.«
-Der Wolf ließ sich binden und sprengte die Fessel mit einem Ruck.
-
-Da wanden die Asen eine dreifach starke Schlinge und reizten den Wolf,
-bis er sich wieder binden und schnüren ließ. Dreimal mußte der Wolf
-anrücken. Dann sprang die Fessel in Stücke.
-
-Zu den kunstreichen Zwergen sandte Wodan und befahl ihnen, eine
-Fessel herzustellen, die nicht zu lockern sei. Und die Zwerge suchten
-die seltensten Stoffe aus aller Welt zusammen, Barthaare eines
-Weibes, Wurzelfasern eines Felsen, Sehnenfäden eines Bären, mischten
-alles mit dem Speichel eines Vogels, dem Atem eines Fisches, der
-Geräuschlosigkeit einer Katze und wanden eine schmiegsame Fessel
-daraus, die sich umso stärker zusammenzog, je heftiger man gegen sie
-anging. Und die Fessel hieß Gleipnir.
-
-An einen weltfernen, einsamen Ort begaben sich die Götter und nahmen
-den Fenriswolf wie zur Begleitung und Unterhaltung mit sich. Dort
-wiesen sie ihm die Fessel und reizten ihn wie schon zu zweien Malen,
-seine Kraft zu erproben. Aber der Wolf war mißtrauisch geworden und
-wollte nicht.
-
-»Welch einen Feigling führen wir in unserer Mitte,« höhnten die Götter
-ihn aus.
-
-Der Wolf wurde ärgerlich und wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen
-lassen.
-
-»Ich fürchte mich vor nichts,« grollte er, »aber ihr könntet mich bös
-verzaubern, während ich beschäftigt bin, die Fesseln zu sprengen.
-Lege mir also einer von euch die rechte Hand in den Rachen, damit das
-Wagestück ordnungsmäßig vonstatten geht. Ich beiße sie ab, wenn ihr
-Zaubereien treibt.«
-
-Verblüfft sahen sich die Götter an. Die Schwerthand wünschte nicht
-einer zu opfern. Da trat heißen Angesichtes der tapfere Ziu vor,
-den die Nordmänner Tyr nannten und dem die jungen Krieger als ihrem
-Schlachtengott in blanken Schwertertänzen huldigten; er schob dem
-Untier wortlos die Rechte in den Rachen. Nun ließ der Fenriswolf
-das Abenteuer geschehen. Aber als ihn die Fessel Gleipnir wie mit
-Schlangenarmen umwand, daß ihm der ohnmächtige Schweiß aus allen
-Poren brach und er spürte, daß seine Kraft überwältigt sei, als die
-Götter die Fessel im Grunde der Erde verankerten, so daß er nimmer los
-konnte, schnappte er zornwütig zu und biß Tyr, der nicht mit der Wimper
-zuckte, die rechte Hand ab. So gab der Gott selber seine Buße. Dem
-Wolf aber, der alles um sich her zu verschlingen drohte und mit seinem
-durchdringenden Geheul Lebende und Tote erschreckte, stießen die Asen
-ein Schwert zwischen die aufgerissenen Kiefern, daß das Geheul erstarb
-und nur der Geifer des Wütenden in Strömen hervorschoß. Dann ließen sie
-ihn in der Einsamkeit. --
-
-Wieder saß in Asgard Wodan, der Odin der Nordmänner, und lange währte
-sein Gespräch mit Donar, dem donnernden Thor, der nach ihm der
-mächtigste war, der Mann der Tat. Ernst blickte Thor, und er nickte zu
-allem, was Allvater sprach.
-
-»Das Schicksal der Götter,« sprach Allvater, »liegt in der Götter
-eigener Hand. Mut schreckt es zurück.«
-
-»Es ist wie bei den Menschen,« sprach Thor. »Jeder ist Herr seines
-Schicksals, solange er um sich schlägt.«
-
-»Herrscher und Führer,« sprach Allvater, »sitzen auf weithin sichtbaren
-Stühlen. All ihr Tun ist leicht zu übersehen, und es ist leicht darum,
-sie anzugreifen.«
-
-»So sollen sie,« sprach Thor, »nicht auf den Angriff warten, sondern
-den Angriff vorantragen.«
-
-»Du bist des Vaters echter Sohn,« schloß Allvater. »So gehe denn hin
-und forsche den Feind in seinem Lager aus.«
-
-Asathor schirrte seine Böcke in den Wagen. Er schnallte den
-Stärkegürtel um, der seine Kraft verdreifachte, und legte die
-Eisenhandschuhe an, mit denen er den Stiel seines Hammers Mjolnir
-fassen konnte, wenn der Hammer mitsamt dem Stiel glühend geworden war
-in der Hitze des Kampfes. Den Hammer selbst barg er am Busen. Dann lud
-er Loki zum Fahrtgenossen.
-
-»Es ist besser, ich habe dich bei mir, als daß du in Asgard Schabernack
-treibst.« Und Loki, dem das Schicksal seiner Brut vor ängstlichen Augen
-stand, sagte ihm gute Reisekameradschaft zu.
-
-Gen Utgard ging die Fahrt, und am Abend des ersten Tages hatten sie
-den Rand der bewohnten Erde am Meeresstrande erreicht und luden sich
-bei einem Bauern zur Nacht ein. Schwer hatten die Felder des Bauern
-mit den unwirtlichen Mächten aus dem jenseitigen Utgard zu kämpfen,
-und um die Armut des Mannes zu schonen, schlachtete Thor seine Böcke
-zur Abendmahlzeit, gebot aber jedem in der Familie, die Knochen fein
-säuberlich zu behandeln und unversehrt auf die Bockfelle zu legen. So
-sättigten sich alle und dankten dem gütigen Spender. Loki aber trieb
-es schon wieder, dem starken Gott Verlegenheiten zu schaffen, und er
-beschwatzte den Sohn des Bauern, ein Schenkelknöchlein zu öffnen und
-das leckere Mark herauszusaugen.
-
-In der Morgenfrühe stand der Donnerer zur Weiterfahrt bereit. Er
-beschrieb mit dem Hammer sein Zeichen über Felle und Knochen, und
-augenblicks standen die Böcke fahrtbereit im Geschirr. Der eine Bock
-aber lahmte ein wenig und hinderte die schnelle Fahrt.
-
-Thor griff nach seinem Hammer. Seine Augen blitzten vor Zorn und
-sein Rotbart sträubte sich. Da erkannten ihn die Bauersleute als den
-Gewaltigen, der ihre Äcker und ihr Leben schützte, und sie umfaßten
-seine Knie und blickten ihn aus treuen Augen an.
-
-»Asathor, es ist nicht unsere Schuld. Der, den du bei dir führst,
-erlaubte unserem Sohne _Thjalfi_, den Knochen zu öffnen und das Mark zu
-saugen. Nimm unseren Sohn Thjalfi zur Sühne als deinen Diener mit dir.
-Keinen schnelleren im Lauf findest du unter den Menschen.«
-
-Der Donnerer nahm die Sühne an und reichte die Hand freundlich zum
-Abschied. Und zu Loki gewandt, meinte er lächelnd: »Ich sehe, daß du
-lieber läufst, als fährst. Es wird ein beschwerlicher Marsch werden,
-der Schweiß kostet und Blasen unter den Füßen, aber du hast es gewollt.
-Auf, Thjalfi!«
-
-Und er ließ das Bockgespann bei dem Bauern, daß er es bis zu seiner
-Rückkehr gut verpflege und den Schaden heile.
-
-Durch das Meer schwamm Thor mit Loki und Thjalfi, und er wanderte mit
-ihnen durch die Wälderwildnis von Utgard, daß Loki oft erseufzte.
-Und sie fanden nichts Lebendiges und keine Herberge. Erst in dunkler
-Nacht stießen sie auf eine Behausung. Aber statt durch eine Tür
-mußten sie durch eine Art großen Schuppens kriechen und zählten vier
-langgestreckte Hallen mit einer fünften gekrümmten als Nebengelaß.
-Todmüde sanken sie in Schlaf. Plötzlich fuhren sie wieder empor. Das
-Haus schwankte unter einem greulichen Sturmgezeter wie ein Schiff, das
-kieloben zu gehen droht, und sie retteten sich eilends ins Freie und
-wachten den Morgen heran.
-
-Am Morgen machte sich Thor auf Kundschaft. Er ging dem Sturmgezeter
-nach und stieß bald auf einen Riesen, der den Wald mit seinem
-Schnarchen füllte wie die Sturmtrompeten die Luft, und Thor nahm
-seinen Hammer. Im selben Augenblicke sprang der Riese auf und war so
-bergehoch, daß Thor kaum zu seinem Haupte hinaufzusehen vermochte
-und den Hammerwurf unterließ. »Ich suche meinen Handschuh,« knurrte
-der Riese, spähte umher und hob die Behausung auf mit den vier
-langgestreckten Sälen und dem fünften als Nebengelaß. Thor machte runde
-Augen. Im Handschuh des Riesen hatte er mit seinen Gesellen genächtigt.
-
-Der Riese aber machte sich gutmütig mit den fremden Wanderern bekannt,
-nannte sich selber _Skrymir_, das ist so viel wie Großmaul, und meinte,
-auf den Donnerer weisend. »Dieser da ist unverkennbar. Es ist Asathor,
-der den Hammer führt.« Und er erbot sich, ihnen den Weg zur Königsburg
-in Utgard zu weisen.
-
-»Ihr seid für den Marsch zu sehr mit euren Vorratssäcken belastet,«
-meinte er bei der gemeinsamen Wanderung. »Gebt mir die Bündel. Einem
-Kerl wie mir macht es nichts aus.« Und er öffnete den eigenen Rucksack,
-packte die Bündel seiner Begleiter hinein, schnürte den Sack zu und
-warf ihn wie eine Feder über die Schulter. Damit waren die drei
-Wanderer wohl zufrieden. Weniger zufrieden aber waren sie, daß sie
-mit den Riesenbeinen Schritt halten und einen ganzen Tag lang, bis
-zum Einbruch der Nacht, Jagdhunden gleich hinter Skrymir durch nicht
-endenwollende Waldwildnisse rennen und stolpern mußten, ohne essen
-oder trinken zu können. Und als der Riese endlich Halt machte, weil es
-pechdunkel im Walde geworden war, und die drei Gesellen atemlos bei
-ihm anlangten, hatte sich Skrymir bereits in das Moos gebettet und
-schnarchte, daß die Baumwipfel brausten und die Vögel aus den Nestern
-stürzten.
-
-Loki drehte sich vor Hunger auf einem Beine und verwünschte die
-verunglückte Reise. Thjalfi, der Läufer, ließ die ausgetrocknete Zunge
-bis zum Kinn hinunterhängen. Thor aber donnerte sie an: »Nie hilft
-schimpfen zum Ziel oder schweigendes Ertragen! Regt die Hände! Packt
-an!« Und sie packten zu dritt des Riesen Rucksack und wälzten ihn
-herum und mühten und mühten sich vergebens, die Verschnürung zu öffnen.
-
-Thor griff nach dem Hammer.
-
-»Wach auf, du Schnarcher,« rief er, »wir verhungern!« Und er schlug ihm
-den Hammer auf den Schädel, daß der Wald wie von einer Pauke erdröhnte.
-
-Der Riese wischte schlaftrunken über seine Stirn. »Es ist mir ein Blatt
-auf den Kopf gefallen,« murmelte er, und schon schnarchte er weiter.
-
-Thor stutzte. Dann sammelte er eine Zeit lang weise seine Kräfte, hob
-den Hammer und jagte ihn in Skrymirs Wirbel, daß von dem Gedröhne die
-Berge hüpften.
-
-Wieder fuhr sich der Riese schlaftrunken über den Kopf. »Diesmal
-ist mir eine Eichel auf den Kopf gehüpft,« murmelte er, und schon
-schnarchte er weiter.
-
-Sprachlos starrte der Donnerer auf den ungeheuren Mann, bei dem selbst
-sein Hammer versagte.
-
-»Laß ab,« bat Loki in Ängsten, »hier findest du leicht deinen Meister.
-Laß uns umkehren und nimmer wiederkommen.«
-
-Mit einer Handbewegung tat Thor den Schwätzer ab. Bis es dämmerte,
-ruhte er. Dann erhob er sich neu gestärkt, ließ so schnell den Hammer
-kreisen, daß er Blitze schoß, und schmetterte ihn mit Donnergekrach
-tief in des Riesen Schläfenbein.
-
-Der aber wurde munter und sprang auf die Füße. Mit der Hand wischte er
-sich den Kopf.
-
-»Pfui! Pfui! Da hat ein Vogel mir 'was auf den Kopf klatschen lassen.
-Ich mach mich davon.«
-
-»Erst zeig den Weg zu Ende!« verlangte Thor.
-
-Der Riese sah die von den Nachtwachen, von Hunger und Durst Ermüdeten
-forschend an. »Wenn ihr auf eurer Reise besteht, so sei's. Aber ich
-warne euch. Der König _Utgardloki_, zu dem ihr wollt, gebietet über
-Riesenkerle, gegen die ich nur ein Kinderspaß bin. Seid also fein
-bescheiden an seinem Hof, haltet die Zunge im Zaum und überhebt euch
-nicht, damit ihr halbwegs gesund von dannen schlüpft. Ich an eurer
-Stelle trollte mich schleunigst und setzte meinen guten Namen nicht
-aufs Spiel.«
-
-»Schweig, du Großmaul,« gebot Thor, »und weise den Weg.«
-
-Da deutete Skrymir auf eine Waldlichtung, schulterte seinen Sack und
-verschwand zwischen den Bäumen.
-
-Ohne Zögern marschierte Thor auf die Waldlichtung zu, ob auch Loki
-ihn anflehte, das Abenteuer auf günstigere Zeiten zu verschieben. Und
-als sie die Waldlichtung erreicht hatten, sprang vor ihnen auf einem
-Felsen Utgardlokis Burg bis in die Wolken, von einem Eisengitter dicht
-verschlossen. Kein Wächter meldete sich, als sie riefen.
-
-»Wir sind so klein wie die Ameisen vor diesem Riesenwall,« jammerte
-Loki.
-
-»Auch Kleinheit kann vom Flecke helfen,« entgegnete Thor. »Sieh her!«
-Und er zwängte sich leicht durch die Gitterstäbe und half den Gefährten
-nach. So kamen sie in den Burghof, auf den die Königshalle mündete, und
-Thor führte die Gefährten hocherhobenen Hauptes in die Halle.
-
-Auf erhabenem Throne, die Schar seiner Riesenmannen um sich, saß in
-dunkler Pracht der König Utgardloki. Er zwinkerte mit den Augen, als
-vermöge er nicht recht zu erkennen, was sich über den Boden zu seinen
-Füßen auf ihn zu bewege.
-
-»Ei, du putziger Kleiner,« rief er dem Donnerer zu, »was bist denn du
-für ein Kerlchen?«
-
-»Ich bin Donar, der Ase, den sie den Thor nennen. Ich komme, dich zu
-besuchen.«
-
-»Kleiner Scherzbold,« spottete der Riesenkönig, »Asathor willst du
-sein? Den hatte ich mir als einen Mann gedacht, immerhin mir bis
-zum Bauche. Doch vielleicht -- wer weiß es -- kannst du mit deinen
-Gefährten da allerlei Taten, die euch ein Wettspiel mit meinen Mannen
-suchen lassen.« Und er lachte, daß sein Bauch schütterte.
-
-Der hungernde Loki sprang vor.
-
-»Ich vermesse mich,« rief der Listige, »jeden zu schlagen, der es mit
-mir im Essen aufnehmen will. Und sei sein Magen so lang, daß ich selbst
-darin wohnen könnte.«
-
-Die Wette machte dem König Spaß, und er winkte einem seiner Hofleute,
-den er Logi rief, sich bereit zu machen. Da wurde zwischen die beiden
-Kämpen ein Trog geschoben, bis zum Rande gehäuft mit Rindervierteln,
-und Loki, der Ase, setzte sich an das eine Ende des Troges, und Logi,
-der Riese, an das andere. Dann gab der König das Zeichen. Und sie
-aßen und fraßen, daß ihnen die Augen aus den Höhlen quollen und den
-Zuschauern die Haare zu Berge standen, und als sie in der Mitte des
-Troges mit den Köpfen aneinanderprallten, war der Trog bis auf den
-Boden leer, und sie leckten sich die Lippen.
-
-Der König kam und sah in den Trog hinein. Da lagen in der Hälfte, die
-Loki, der Ase, leergezehrt hatte, die Knochen abgenagt und ausgesogen
-bis aufs Mark. Logi, der Riese, aber hatte die Knochen samt dem
-Fleisch verschlungen und seinen halben Holztrog obendrein. Darum wurde
-der Riese für den Sieger erklärt. Loki war es einerlei. Er war satt
-geworden.
-
-Und der König wandte sich an Thjalfi und fragte ihn, in welcher Kunst
-er sich etwas zutraue.
-
-»Ich bin ein Schnelläufer,« antwortete der Jüngling, »stellt mich auf
-die Probe.«
-
-Der König rief einen Diener, den er Hugi nannte, und alle gingen sie
-auf ein weites Feld. Der Knabe rannte wie der Wind nach dem Ziel, aber
-Hugi flog ihm voraus und kehrte zu ihm zurück, und Thjalfi mußte sich
-geschlagen geben.
-
-Nun wandte sich der König Utgardloki dem Donnerer zu.
-
-»Die Reihe ist an dir. Beweise uns die überlegene Kunst der Asen und
-wähle selber.«
-
-Da wählte Asathor das Trinkhorn. Denn er war ein Zecher, der alles
-Lebende unter die Bänke trank.
-
-So saßen sie in der Halle auf der Metbank nieder, und Utgardloki hieß
-das Horn bringen.
-
-»Sieh dir meine Mannen an, Thor. Sie leeren dies Horn auf einen Zug,
-wenn sie bei Laune sind. Sicherlich aber in zwei Zügen. Wer es aber mit
-dreien nicht zu leeren vermag, der läßt das Trinken den Männern und
-schleicht sich hinaus zu den zullenden Knaben.«
-
-»Laß dein törichtes Reden,« sprach Asathor und hob dürstend das Horn,
-daß der Inhalt in Strömen in ihn hineinlief und alle Mannen die Hälse
-reckten. Aber als er tiefatmend das Horn absetzte und hineinblickte,
-bemerkte er zu seiner Bestürzung, daß das Getränk nicht um eines
-Fingers Breite abgenommen hatte.
-
-»Du bist weise,« sagte Utgardloki. »Du hast zunächst nur eine Kostprobe
-nehmen wollen.«
-
-Zornig setzte Thor das Horn zum zweiten Male an. Aber nur der Innenrand
-des Hornes war freigelegt.
-
-»Nun hast du dir zur Genüge den Mund ausgespült,« heuchelte der
-Riesenkönig. »Bist du nun endlich auf den Geschmack gekommen, so
-trinke!«
-
-Asathors Antlitz färbte sich so rot wie sein Bart. Er packte das
-Trinkhorn, daß es knirschte. Und zum dritten Zuge hob er es an den
-Mund und sog und sog, daß ihm die Adern wie Stricke über den Schläfen
-schwollen, und stürzte und stürzte, daß es wie Meerflut in seinem
-Halse rauschte, und setzte endlich ab. Da war der Trank im Horn weit
-zurückgegangen, aber ausgetrunken war er nicht.
-
-»Du bist heute nicht durstig,« meinte Utgardloki, der mit allen seinen
-Mannen ein wenig blaß geworden war bei des Gottes wildempörtem Zuge.
-»Vielleicht gefällt es dir, dich an ein Spiel zu machen, wie es unsere
-Jungmannen zu ihrem Vergnügen treiben, nämlich meine große Katze vom
-Boden zu heben. Es wird für deine Kraft eher passen.«
-
-Der Donnerer spürte den Hohn. Aber er zügelte seinen Zorn. Er ergriff
-die Riesenkatze, die sich auf den Fliesen sonnte, am Bauchfell und
-glaubte sie zu heben, aber die Katze hatte nur einen Buckel gemacht. Er
-biß die Zähne zusammen und rüttelte das Vieh, das sich steif auf den
-Beinen sperrte, zusammen. Und dann glückte es ihm, ein Bein der Katze
-hochzuheben und nicht mehr.
-
-Der Riesenkönig lächelte wie in Mitleiden. »Es ist nicht recht von mir,
-dich mit deinem schwachen Körper an Aufgaben zu stellen, die meine
-Leute mit ihren Riesenkräften spielend lösen. In Asgard magst du der
-stärkste sein. Hier kommst du, wie du selber siehst, nicht in Betracht.«
-
-»Stelle mir einen Gegner,« brüllte Thor auf in schäumender Wut, »jeden
-von euch, wer es auch sei. Ich will ihn im Ringkampf werfen, daß er das
-Aufstehen auf immer vergißt.«
-
-Die Riesen rührten sich nicht. Und erst nach einer Pause sprach
-Utgardloki sanft:
-
-»Die Bärenkraft meiner Männer scheint mir zu unsanft für dich. Versuche
-es zuerst mit einem Weibe. Ruft mir einmal meine alte Amme Elli her.
-Sie genügt für diesen Fall.«
-
-[Illustration: »Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
-stolperte ...«]
-
-Die Alte kam grinsend auf den Asen zu, und Thor nahm den Ringkampf
-auf. Mit geschlossenen Augen, wortlos vor Grimm, rang er, daß ihm die
-Muskeln auf den Armen zu tanzenden Ballen wurden. Er bekam das Weib
-nicht unter. Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
-stolperte und auf ein Knie stürzte. Schon war er wieder auf den Füßen,
-als Utgardloki die Kämpfer trennte und den schäumenden Asen für besiegt
-erklärte.
-
-»Nun aber wollen wir uns zum Mahle setzen und auch den Becher kreisen
-lassen, denn ihr habt euch nach euren Kräften gut gehalten.«
-
-Das gnädige Lob vermochte nichts über den Donnerer. Speise und Trank
-mundeten ihm nicht, und er war froh, als alle zur Ruhe gingen. In der
-Frühe wollte er mit seinen Gesellen fort.
-
-Der König der Riesen und Trolle, Utgardloki, stand am Burgtor, als die
-Wanderer am Morgen Abschied nahmen. »Nun werde ich euch wohl niemals
-wiedersehen,« sagte er bedauernd.
-
-»Nicht eher, als bis ich meiner Kräfte wieder Herr und Meister bin,«
-entgegnete Thor finster.
-
-Der König hob beschwörend die Hand.
-
-»Stärkster der Asen, du hast gesehen, daß deine Kräfte bei uns nicht
-für eine Katze und ein altes Weib ausreichen. Ich aber will dir mehr
-sagen: dein Geist reichte noch um vieles weniger aus. Eitel Blendwerk
-habe ich dir vorgemacht, und du bist ihm nicht auf die Spur gekommen.
-Ich wußte von deinem Nahen. Als Riese Skrymir begegnete ich dir im
-Walde und suchte dir deine Abenteuer zu verleiden, indem ich dich in
-die Irre führte und dich hungern und dürsten ließ. Mein Bündel war mit
-Eisenklammern verschlossen statt mit Stricken. Dreimal schlugst du
-mir auf den Schädel, und jeder Schlag hätte mich zermalmt. Aber ich
-hielt mir jedesmal einen Felsblock vor, und du merktest es nicht und
-schlugst Löcher in den Stein so tief wie ein Brunnenloch. Nie sah ich
-einen einzelnen Mann fressen, wie der verhungerte Loki fraß. Aber mein
-Logi war kein Mann, sondern wildes Feuer, das den Fraß mitsamt dem
-Trog verzehrte. Nie sah ich einen Menschen rennen, wie der Thjalfi
-rannte. Aber mein Hugi war der hin und her jagende Gedanke. Dann hobst
-du das Trinkhorn und merktest nicht, daß ich seine gewundene Spitze
-tief in das Weltmeer versenkt hatte. Meiner Treu, du hast die Flut so
-niedergetrunken, daß von heute ein Zustand im Meere eingetreten ist,
-den man die Ebbe nennen wird. Als du die Katze beim Bauchfell packtest,
-merktest du nicht, daß du die Midgardschlange gepackt hattest, die wie
-ein Ring um die Erde liegt. Als du der Katze das Hinterbein hobst,
-hattest du schon den Schwanz der Schlange aus dem Meere emporgerissen.
-Die alte Amme Elli aber, du blinder Thor, war das Alter, das keiner
-überwindet und dem keiner stand hält. Dir mußte sie erst ein Bein
-stellen, und trotzdem --«
-
-Thors Gestalt begann zu wachsen. Jedes Haar in seinem Rotbart richtete
-sich steil empor. Seine Hand tastete nach dem Hammer.
-
-Utgardloki, der König der Riesen und der zaubergewandten Trolle, ließ
-kein Auge von ihm. Seine Stimme wurde kreischend. Der Triumph über
-seinen Sieg raubte ihm die Vernunft.
-
-»Hör mich zu Ende, schneller Gott. Wir haben dich und deine Asenkraft
-jämmerlich betrogen und werden es wieder und wieder tun. Nimm dein
-Erlebnis als Warnung! Kehre nie zu uns zurück! Wir machen deinem
-Schädel neues Blendwerk vor, daß du wie ein brüllend Tier in der Irre
-läufst und das Gelächter der Welt dich nach Hause hetzt. Schau her und
-such die Burg von Utgard!«
-
-Thor schwang den Hammer. Jäh hielt er ein, denn er hätte ihn ins
-Wesenlose geschleudert. Die ragende Burg zerfloß vor seinen sehenden
-Augen in Nebelstreifen. Und wo der König Utgardloki gestanden hatte,
-zog ein dampfender Schwaden durch die Luft. -- --
-
-Zornigen Mutes wanderte der Donnerer dem Meere zu. Seine Begleiter
-folgten ihm scheu. Und der Zorn verwandelte sich in Nachdenklichkeit
-und befreite sich in einem fröhlichen Götterlachen.
-
-»Ich habe eine Lehre erhalten,« sprach der starke Ase, »und eine Lehre
-ist so viel wie ein Sieg. Denn eine Lehre ist die Gebärmutter neuer
-Taten.«
-
-»Wie nennt sich die Lehre?« fragte Loki und schlich sich horchend
-herbei.
-
-»Wenn du zu Spitzbuben gehst, _schlag zu_, bevor sie dich prellen,«
-antwortete Thor, schwamm, von seinen Begleitern gefolgt, durch das
-Meer, fand bei den Bauern am Erdenrand seine geheilten Böcke wieder
-und fuhr, durch die Wolken donnernd, heim gen Asgard.
-
-Lange weilte er bei Wodan im Gespräch, und als er ihn hochgemut
-verlassen hatte, begab sich Allvater zu der Göttin Saga kühlem Saal,
-über den die Wogen rauschten, und trank mit ihr aus goldenen Gefäßen,
-während er in Dichterworten sprach und Saga sang. -- --
-
-
-
-
-Im Zeichen des Hammers.
-
-
-Immer mehr häuften sich die Klagen über die Gewalttaten der
-Riesenmächte. Seit sie die Asen in Schuld verstrickt wußten, seit sie
-an den Himmlischen Schwächen und Fehler erkannt hatten, seit sie in dem
-gefürchteten Donnerer, nach Thors Fahrt zu Utgardloki, nichts anderes
-als einen Tölpel von Bauerngott zu erkennen glaubten und in dem Asen
-Loki oft genug einen stillen Verbündeten, wuchs ihre freche Anmaßung
-zur Unerträglichkeit, und besonders die Menschen hatten unter ihren
-räuberischen Übergriffen schwer zu leiden.
-
-Der Donnerer aber hatte die erhaltene Lehre nicht vergessen. Tag und
-Nacht war er auf der Fahrt, und wohin ihn sein Bockgespann nicht
-trug, dorthin wanderte er mit seinem Hammer zu Fuß. Reißende Ströme
-durchwatete er, steile Felsenhäupter erklomm er, um der Räuber und
-Mörder der Menschen habhaft zu werden. Wo immer er sie antraf, stellte
-er sie wortlos zum Kampf und zerschmetterte ihnen mit seinem Hammer den
-Schädel. Da die Säufer und Fresser aber, die Thursen und Joten, Scharen
-von Kindern erzeugten, die in wenig Nächten stark und dick wie ihre
-Väter waren, so hatte der Hammer Tag und Nacht zu tun, ohne daß er die
-furchtbare Arbeit vollauf zu bewältigen vermochte. Und der Donnerer sah
-die wachsende Gefahr, wie Allvater Wodan am Brunnen Mimirs, mit stiller
-Sorge und schlug um so unerbittlicher drauflos, um Luft zu schaffen und
-den Göttern Zeit.
-
-Nach _Freya_ stand der gierige Sinn der Riesen. Ihre strahlende
-Wärme brauchten sie für ihr kaltes Reich und ihre Lieblichkeit zur
-Auffrischung ihres Wesens. Dessen waren die Götter sich wohl bewußt,
-und sie hatten Ursache genug, offene und versteckte Angriffe zu
-erwarten und abzuschlagen. Im übrigen aber schützte sie Thors Hammer.
-
-Um so furchtbarer war darum die Bestürzung, als eines Morgens der
-Hammer verschwunden war. Der Donnerer hatte ihn in einer Nacht, die
-er daheim verbringen konnte, neben sich auf dem Lager gehabt. Als
-er erwachte, griff er, wie stets zuerst, nach dem Stil. Er tastete
-vergebens. Mit einem Satz war er auf den Beinen, suchte sein Haus ab
-und donnerte die Götter aus dem Schlummer. »Wer hat mir den Schabernack
-angetan? Das ist kein Scherzspiel, und ich will es nicht leiden!«
-
-Die Götter jedoch waren unschuldig an dem Verschwinden und blickten
-dem Erzürnten offen in die Augen, ohne sich Rats zu wissen. Nur
-Loki grinste ein wenig in sich hinein. Als ihn aber der Donnerer mit
-zornfunkelnden Augen anfuhr, und die Götter klagend den Untergang
-Asgards weissagten, wenn der schützende Hammer nicht zur Stelle
-geschafft würde, wurde Loki geschmeidig, trat in den Kreis und gab sich
-ein großes Ansehen.
-
-»Obwohl ihr es euch nicht zugestehen wollt, daß ich der Klügste bin,
-um nicht das winzigste Steinlein aus eurer Krone zu verlieren, will
-ich euch noch einmal den Beweis liefern und euch damit zur Anerkennung
-zwingen. Jammert weiter. Ich fahre in die Welt und suche den Hammer bei
-Riesen und bei Zwergen, im Schoße der Erde und auf dem Meeresgrund. Und
-ich werde ihn finden.«
-
-Dann bat er Thor, ihm zu Freya das Geleit zu geben, denn er wünschte
-sich Freyas Falkenkleid zur Reise zu leihen, war aber bei Freya um
-seiner tückischen Liebeswerbungen willen nicht wohl gelitten. Freya
-willfahrte auf der Stelle und gab das Kleid. »Und wenn es von Gold und
-Silber wäre, ich gäb es her für den Hammer, der mich vor dem Begehr der
-scheußlichen Riesen schützt.«
-
-Loki legte es an und fuhr brausend von dannen. Er fuhr nicht in den
-Schoß der Erde und nicht auf den Meeresgrund. Stracks fuhr er ins
-Riesenland nach Jotunheim und fand den Riesenfürsten _Thrym_ vergnügt
-seine Rosse striegeln und schmücken.
-
-»Nun?« rief er dem heranbrausenden Loki entgegen. »Was jagt dich so
-sturmschnell nach Jotunheim? Geht es den Asen nicht gut, und suchst du
-ein Mittel gegen ihren Kopfschmerz?«
-
-»Höre mich, Thrym,« sagte Loki schmeichelnd, »ich muß den Hammer wieder
-holen. Käme ich ohne ihn heim, so möchte es mir auf ewige Zeiten übel
-ergehen.«
-
-»Ach nein,« sprach Thrym vergnügt, »den Hammer willst du zurück? Ich
-bin froh, daß ich ihn habe.«
-
-»Du kannst ihn ja doch nicht verwenden,« redete Loki ihm zu. »Nur in
-des Donnerers Hand zeigt er seine Kraft.«
-
-»Wohl, wohl,« nickte Thrym. »Und wenn er sich nicht in des Donnerers
-Hand befindet, ist er nicht gefährlicher als ein kurzgestieltes Stück
-alten Eisens. Damit ist viel gewonnen, wenn es zum Kampfe kommt.«
-
-»Zum Kampfe um Freya, Thrym?«
-
-»Um Freya, die liebliche, die süße. Aber es braucht nicht einmal zum
-Kampfe zu kommen. Die Asen können ihre heilen Köpfe und ich mein
-fröhliches Blut bewahren, wenn sie mir im Tausch Freya ausliefern
-gegen Thors Hammer. Im Arme der Lieblichen verzichte ich auf den Ruhm,
-euch zu prügeln.«
-
-»Ich werde es gerne bestellen,« lächelte Loki schadenfroh und brauste
-gen Asgard zurück. Großtuerisch trat er in den Kreis der Götter. »Wo
-ist der Hammer?« donnerte Thor.
-
-»Auf daß ihr seht, daß ich der Klügste bin -- der Hammer ist gefunden.
-Bei Thrym liegt er, dem Riesenfürsten, zehn Klafter tief in der Erde
-versteckt, und das Versteck weiß nur Thrym.«
-
-»Was frohlockst du denn, Prahlhans, der Hammer sei gefunden?« schnob
-der Donnerer.
-
-»Weil ich,« versetzte Loki mit Wichtigkeit, »den Riesen bewog,
-freiwillig den Hammer herauszugeben. Er will es tun, so ihr ihm im
-Austausch Freya zum Weibe gebt.«
-
-»Niemals,« rief Freya, die liebliche, entsetzt, »niemals lasse ich
-meinen schlanken Leib an die Dickwänste verschachern!« Und die Götter
-standen in tiefer Verlegenheit und wachsender Sorge.
-
-Nur der Donnerer hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden.
-
-»Meine Lehre besagt,« sprach er grimmig, »wenn du zu Spitzbuben gehst,
-schlag' zu, bevor sie dich prellen. Das gedenke ich auch diesmal zu
-tun, und ich werde selber gehen.«
-
-Da berieten die Götter heftig über die Ausführung der Reise, und
-Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Sie werden dir wieder ein
-Blendwerk vorgaukeln, wenn du offen als Asathor zu ihnen kommst. Drum
-rate ich dir, lege Freyas Brautkleid an und umhülle dein Gesicht mit
-Freyas bräutlichem Schleier, daß dich niemand erkennt und dich der
-liebesblinde Thrym mit offenen Armen in seinen Saal aufnimmt. Das
-andere bleibe dann leicht dir überlassen.«
-
-Wohl wehrte sich der stolze Donnergott gewaltig gegen die weibische
-Verkleidung, aber zuletzt mußte er sich dem Bitten und Drängen der Asen
-fügen, da auch er keinen besseren Rat wußte, und er ließ sich in die
-Weiberröcke zwängen, hing den klirrenden Schlüsselbund an, schmückte
-Hals und Nacken mit dem leuchtenden Schmuck Brisingamen und wickelte
-den Schleier dicht um Haupt und Feuerbart. Dann winkte er Loki.
-
-»Du begleitest mich als meine Magd. Du sollst auch deine Freude haben.«
-
-Und Loki mußte, obwohl er lieber beiseite geblieben wäre, in die
-Magdkleider hinein und mit auf die Fahrt. Funkenstiebend flog des
-Donnerers Bockgespann mit den Beiden durch die Lüfte.
-
-»Sie kommt, sie kommt,« jubelte Thrym. »Freya, die liebliche, kommt,
-mein Lager zu wärmen! Auf, schmückt mir den Hochzeitssaal, rüstet das
-Mahl, schleppt Met herbei! Diese Nacht noch ruh ich am Herzen der
-lieblichsten Göttin!«
-
-Sie saßen beim Hochzeitsmahle, und neben dem Freudetrunkenen saß
-Asathor im Brautgewand, das Antlitz dicht vom Schleier umhüllt. Wortlos
-saß er im Saal, den wohl hundert Riesen und Riesinnen füllten, um sich
-durch seine rauhe Sprache nicht zu verraten, aber er klimperte zuweilen
-mit dem Schlüsselbund und zupfte die Steine seines Geschmeides hervor,
-daß sie berauschend schimmerten und blitzten. Als aber das leckere Mahl
-mitsamt dem Met aufgetragen wurde, vergaß er die Vorsicht, aß einen
-ganzen Ochsen und acht Lachse auf einem Sitz und vertilgte dazu drei
-mächtige Fässer Met.
-
-Der Riesenfürst riß vor Staunen Mund und Nüstern auf. »Wie gefräßig das
-Täubchen ist!«
-
-Da sprang Loki dem Donnerer bei, Loki in der Magdkleidung, und er
-flüsterte dem Riesen zu:
-
-»Acht Tage hat Freya aus Sehnsucht nach dem heutigen Tage keinen
-Bissen über die Lippen gebracht.«
-
-Das tat dem eitlen Thrym in der Seele wohl, und er umfing zärtlich
-das Bräutchen und wollte es küssen. Thor gab nur den oberen Teil des
-Schleiers frei, und mit einem Schreckensschrei taumelte Thrym zurück,
-als ihn ein paar wildfunkelnde Augen trafen.
-
-Wieder begütigte Loki, Loki in der Magdkleidung, und er flüsterte dem
-Riesen zu:
-
-»Habt Ihr Freyas Augen gesehen? Acht Tage ist kein Schlaf
-hineingekommen aus Sehnsucht nach Euch! Nimmer noch brannten
-Frauenaugen in solcher Liebesglut.«
-
-»Holt den Hammer,« brüllte der Riese in trunkener Lust, »holt den
-Hammer Mjolnir! Im Zeichen des Hammers soll unser Ehebund gesegnet
-werden, wie es bei den Göttern Brauch! Freu dich, mein Mädchen!«
-
-Der Hammer wurde gebracht und in den Schoß der Braut gelegt. Da
-klingelte Asathor nicht mehr mit dem Schlüsselring. Seine Hand
-umspannte den geliebten Hammerstiel.
-
-Und plötzlich warf er den Schleier zurück und zeigte sein flammendes
-Angesicht mit dem roten, aufwärts gesträubten Feuerbart. Ein einziger
-Schrei durchgellte den Saal. Und der Hammer sauste zuerst in Thryms,
-des Riesenfürsten, Schädel und zermalmte ihn zu Brei. Und der Hammer
-sauste durch den ganzen Saal, bald hierin, bald dorthin, und wer da
-flüchten wollte, den holte er ein. Mitten im Saale stand der Donnerer
-und schlug mit seinem Hammer Mjolnir die ganze Hochzeitsgesellschaft,
-mehr als Hundert Riesen und Riesinnen, zu Tode. Wie feierte er mit
-seinem Hammer das Wiedersehen! --
-
-So groß wie die Freude in Asgard, so groß war die Wut im Jotenreich.
-Da sie dieses Mal Freya nicht haben konnten, beschlossen die Riesen,
-die Götter durch das Alter kraftlos zu machen und sich zu diesem Zwecke
-_Iduns_ zu bemächtigen, des Dichtergottes Bragi Ehegemahl, die die
-Äpfel der ewigen Jugend hütete. Doch die Jugendgöttin ging nicht über
-Asgards Wiesen hinaus, und es mußte schon ein Ase gefangen werden zum
-Austausch.
-
-Es begab sich aber, daß Wodan mit anderen Göttern eine Fahrt durch die
-Welt machte, und auch Loki gehörte der Reisegesellschaft an. An einem
-Abend trieb sie der Hunger, sich auf einer entlegenen Weide einen
-Ochsen zu greifen, und sie brieten ihn unter einer ragenden Eiche.
-Aber so lange sie ihn auch brieten, das Fleisch wurde nicht gar. Da
-gewahrten sie im Wipfel des Baumes einen Adler, der vor Freude mit
-den Flügeln schlug und ihnen zurief: »Ich leid's nicht, daß euch der
-Braten gerät! Oder ihr gebt mir so viel von dem Ochsen, als ich mag.«
-Verwundert über das seltsame Abenteuer, sagten die Götter zu; der Adler
-rauschte vom Wipfel nieder, und das Fleisch wurde gar. Der Adler jedoch
-begehrte hämisch das Beste für sich und schlug seine Krallen in die
-festen Lenden und den saftigen Bug. Da stieß ihm der gefräßige Loki
-eine Eisenstange in den Bauch.
-
-Die Stange aber blieb haften, so sehr Loki auch zog und rüttelte.
-Und der Adler erhob sich und schleifte Loki hinter sich drein, durch
-Stoppelfelder und Morast, durch stachliche Sträucher und scharfe
-Felstrümmer, also daß der Tückegott jämmerlich geschunden wurde und arg
-um Gnade flehte. Die Götter, die zurückgeblieben waren, hielten sich
-den Leib vor Lachen über des Listigen Mißgeschick und vernahmen nicht,
-was die Beiden verhandelten.
-
-»Hör mich an,« rief der Adler. »Ich bin _Thjazzi_, der Riesenfürst. Du
-sollst die Freiheit haben, wenn du mir versprichst, mir heimlich Idun
-mit den Äpfeln zu bringen. Schwöre deine heiligsten Schwüre.« Und Loki
-schwur, was von ihm verlangt wurde.
-
-Die Götter lachten noch immer, als er wieder zu ihnen stieß.
-
-»Lieblich schaust du aus, vorwitziger Loki. Man könnte dich als
-Spatzenschreck in die Felder stellen.«
-
-»Wartet ab, ob ihr nicht auch bald den Vogelscheuchen gleicht,« knurrte
-Loki tückisch und gedachte der Idun und ihrer Jugendäpfel.
-
-Nach Asgard heimgekehrt, machte er sich an die Jugendspendende listig
-heran und erzählte ihr Wunderdinge von Äpfeln, die er ganz nahe Asgard
-in einem Wäldchen vorgefunden habe, tausendmal schöner, als Iduns
-Zauberäpfel, und stachelte ihre Neugier, mit ihm hinzulaufen und die
-Äpfel zu vergleichen. Als aber die Göttin mit ihren Äpfeln in den Wald
-gerannt kam, packte sie der Riese Thjazzi und brauste, als Adler, mit
-seiner kostbaren Beute davon.
-
-Ein Kurzes, und die Götter wunderten sich, daß die holden Göttinnen
-abmagerten wie die Heuschrecken und Hängefalten bekamen und eselgraues
-Haar. Und sie wollten von ihren Liebkosungen nichts mehr wissen. Die
-Göttinnen aber zeigten mit Fingern auf die Kahlköpfe und Schmerbäuche
-der Götter und zählten ihnen die Zahnlücken auf. Da gewahrten sie mit
-Schrecken, daß sie alterten, und sie riefen nach Idun, um an ihren
-Äpfeln die Jugend zurückzugewinnen. Aber Idun war in ganz Asgard nicht
-zu finden.
-
-Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Ich sah sie mit Loki in den
-Grenzwald gehen.«
-
-Da bedrohten sie Loki mit allen Martern, und der Donnerer schwang den
-Hammer über ihn, bis Loki gestand. »Ich habe dem Riesen meinen Eid
-gehalten. Jetzt schwöre ich euch einen neuen Eid, sie wiederzuholen.«
-Und er entlieh Freyas Falkengewand und sauste, als wäre Thors Hammer
-hinter ihm, durch die Lüfte gen Jotunheim, wo er die weinende Idun
-einsam in Thjazzis Halle fand, denn der Riese war auf das Meer hinaus,
-für die Untröstliche ein leckeres Fischgericht zu holen.
-
-Blitzschnell verzauberte Loki die lachende Idun in eine Haselnuß, barg
-sie in seinen Falkenfängen und sauste mit ihr durch die Lüfte gen
-Asgard davon.
-
-Aber der Riese hörte auf dem Meere das Flügelsausen, nahm die Gestalt
-eines Seeadlers an und brauste hinterdrein. Schon war Loki mit Idun
-in Asgard angelangt, als der blindwütende Seeadler die Grenzscheide
-überstürmte. Einen Scheiterhaufen entzündeten die Götter, und Thjazzi
-flog geblendet hinein und verbrannte elendiglich.
-
-Die Götter aber und Göttinnen schmausten wie Ausgehungerte von Iduns
-Äpfeln; ihre Haut wurde wieder straff, ihre Körper schlank und stark,
-ihre Augen glänzend und ihre Lippen rot. Und es war an dem Abend eitel
-Liebesgirren in allen Kammern Asgards. --
-
-Nur des Donnerers Hammer ruhte nicht. Wo die Menschen auf Erden von
-Riesengewalten bedroht wurden, riefen sie nach dem Gott mit seiner
-malmenden Waffe, wie die Asen selbst es taten, und Thor erschien wie
-der Gewitterblitz und reinigte Land und Luft von den Unholden. Nie war
-er daheim zu treffen, immer stand er irgendwo im Kampf, und so machte
-sich Allvater Wodan einst allein auf den Weg, um einen Blick auf die
-Kräfte des Riesenreiches zu gewinnen.
-
-Auf seinem achtfüßigen Hengst Sleipnir jagte er hinaus nach Jotunheim,
-und als er mancherlei gesehen hatte, kam er an dem Reiche _Hrungnirs_,
-des mächtigsten und stärksten der Steinriesen, vorübergeritten, der ihn
-anrief.
-
-»Was reitest du für ein Roß, du Mann im Goldhelm? Es scheint mir kein
-schlechtes.«
-
-»Glaub's dir,« rief Wodan zurück. »Kein Roß im Riesenreich kommt ihm
-im Wettlauf ans Schwanzhaar.«
-
-»Hoho,« prahlte der Riese, »mein Hengst Gullfaxi wird es dem deinen
-zeigen. Gib acht, ich fange dich ein wie eine Fliege.«
-
-Und er warf sich auf den Hengst und jagte hinter Wodan drein, der ihm
-lachend entkam.
-
-In Asgard sprang Wodan vom Rossesrücken, Hrungnir aber war so tollen
-Rittes, daß er die Grenzmark übersah und wie Wodan in Asgard landete,
-von den Göttern umringt.
-
-»Fürchte dich nicht,« riefen sie ihm zu, »du sollst unser Gast sein und
-dich gesättigt heimwärts trollen.«
-
-»Seh ich wie das Fürchten aus?« höhnte Hrungnir und schritt
-unverschämten Ganges zur Halle. »Bringt mir die größte Kanne Met, daß
-ich in etwa meinen Groll ersäufe.«
-
-Da wurden ihm die Trinkhörner zugereicht, die nur Asathor allein zu
-leeren verstand, und der Riese stürzte den Met so hastig durch den
-Hals, daß er trunken wurde und in der Trunkenheit alle Götter des
-Himmels bedrohte. »Dieses Walhall nehm ich in die hohle Hand und trag
-es nach Jotunheim. Das ganze Asgard schmeiß ich ins Meer. Das ganze
-Göttergesindel prügle ich zu Tode. Nein -- doch nicht das ganze.
-Diese da, die mir den Met einschenkt, die liebliche Freya, und diese
-da, die die Farbe des reifen Kornfelds im Goldhaar trägt, die üppige
-Sif, sie nehme ich beide zu Frauen. Beide miteinander. Wer wagt und
-widerspricht?«
-
-Die Götter wichen zurück vor dem Wilden. Nur Freya schenkte ihm
-lächelnd weiter ein. Aber das trunkene Toben des Riesen wurde so
-lästerlich und sein Drohen so handgreiflich, daß einer der Asen des
-Donnerers Namen rief. »Wäre doch Thor hier und lehrte ihn Anstand!«
-
-Im selben Augenblick fuhr der Donnerer, der seinen Namensruf bis ans
-Ende der Welt zu hören vermochte, wie der Blitz in den Saal und stand
-vor des staunenden Hrungnirs Füßen.
-
-»Fort, Freya,« gebot er, »es war gut gemeint, aber für Scheusale bist
-du kein Schenkenmädchen.« Er wandte sich an den staunenden Riesen. »Was
-saugst du mit deinem ungewaschnen Maul an meinen Methörnern, trunkener
-Schuft?« Und er schlug ihm die Trinkhörner mit gewaltigem Schlage aus
-den Händen, daß der Riese vom Met ganz übergossen saß. Dann holte der
-Donnerer mit dem Hammer aus. »Jetzt aber sollst du die Zeche bezahlen.«
-
-In des Riesen Hirn wurde es licht. Er sprang vom Sitz und hob die Hände
-hoch.
-
-»Gastrecht genieß ich in Walhall. Wodan selber lud mich zu Gast! Willst
-du Asgards heiliges Gastrecht schänden?«
-
-»Ich lud dich nicht!« donnerte Thor. »Mach mir nicht lange Umstände!«
-
-»Feigling!« schrie der Riese. »Du wagst dich an den waffenlosen Mann?
-Vor allen Göttern fordere ich dich zum Zweikampf zu gegebener Frist,
-wenn du Mut im Leibe hast!«
-
-Da ließ Thor den Hammer sinken.
-
-»Trolle dich schleunigst. Ich nehme die Herausforderung an. Auf der
-Grenzscheide zwischen Asgard und Jotunheim treffe ich dich heute in
-dreien Tagen.«
-
-Pünktlich nach dreien Tagen war der Donnerer zur Stelle, und sein
-Diener Thjalfi war als Zeuge bei ihm. Die Freunde Hrungnirs aber
-hatten einen neun Meilen hohen Riesen aus Lehm aufgebaut, ihm das Herz
-einer Stute eingesetzt und ihn mit fürchterlichen Waffen versehen, als
-Beistand Hrungnirs.
-
-Thjalfi lief dem Donnerer voraus.
-
-»Wahre dich, Hrungnir,« schrie er. »Der Ase kommt unter der Erde her
-und haut dir die Füße weg.«
-
-Da warf der Riese schnell den Schild nieder und sprang mit den Füßen
-drauf, um sich zu schützen. Aber der Donnerer kam durch die Luft und
-schwang den Hammer, und der Riese warf ihm mit wilder Wucht einen
-felsengroßen Wetzstein entgegen, der den sausenden Hammer traf. Doch
-war der Hammer so unwiderstehlich geschleudert, daß der Wetzstein in
-tausend Stücke splitterte und der Steinkopf Hrungnirs zermalmt durch
-die Lüfte flog. Von einem Steinsplitter war auch Thor in der Stirn
-getroffen, so daß er vornüber stürzte, und als Hrungnir sank, wälzte
-sich ein Bein des Erschlagenen über des Donnerers Hals.
-
-Der neun Meilen lange Lehmriese mit dem Stutenherz wollte Fersengeld
-geben, aber der wackere Thjalfi, der Schnelläufer, holte ihn ein und
-haute ihn in die Kniekehlen, daß er stürzte und zerbarst. Vergebens
-jedoch mühte sich Thjalfi, das ungetüme Bein des erschlagenen Hrungnir
-von seines Herrn Hals zu wälzen, und die Götter, die er zur Hilfe rief,
-vermochten es nicht besser.
-
-Es war aber zu der Zeit, daß dem Donnerer der Sohn _Magni_ geboren war.
-Der kam herbeigelaufen, obwohl er erst drei Nächte zählte, und warf das
-Riesenbein zornig von des Vaters Hals. »Schade, mein Vater, daß ich
-nicht früher zur Stelle sein konnte. Ich hätte dir den Kerl mit der
-nackten Faust erschlagen.«
-
-Da erhob sich Thor und nahm seinen Sohn ungestüm in die Arme.
-
-»Mein Blut wird im Himmel und auf Erden nicht untergehen. Immer wieder
-werden Männer erstehen. Männer in der Not. Männer der Tat!« --
-
-Des Donnerers Name ging wie Todesschauern durch das Riesenreich. Manche
-der Thursenfürsten suchten sich freundlich zu den Asen zu stellen, und
-_Ägir_, der Herrscher der offenen Meere, lud sie zu einem fröhlichen
-Umtrunk in sein Reich. Als aber die Götter kamen, war nichts zum Feste
-vorbereitet, und Ägir versuchte es mit einer Ausrede. Es sei kein
-Braukessel vorhanden, der das nötige Maß hielte.
-
-Thor aber hatte keine Lust, auf den Männertrunk zu verzichten, und der
-Schwertgott Ziu, den die Nordmänner Tyr nannten, pflichtete ihm bei,
-denn er wußte einen Kessel.
-
-»_Hymir_«, so kündete er, »heißt der Beherrscher des Eismeeres. Der
-Gedanke der Weltseele, der mich in der Urzeit gebar und mir die
-schneidige Schärfe des Sonnenschwertes verlieh, diese göttliche
-Mutter wurde von dem Eisriesen Hymir geraubt und zu seinem Weibe
-gemacht, damit die schneidende Schärfe des Eises auch einen Abglanz
-der Sonne erhalte. So schenkt die goldene Frau dem Eismeere Hymir die
-Mitternachtsonne. Mir blieb sie mütterlich gewogen, und wenn wir Hymir,
-der den gewaltigsten Braukessel besitzt und seine Verwendung der Welt
-vorenthält, den Kessel abzufordern vermögen, so ist es nicht nur uns,
-sondern der ganzen Welt zum Gewinn. Möge mich der Donnerer mit seinem
-Hammer auf der Fahrt ins Eis begleiten.«
-
-Da war der Donnerer wohl zufrieden. Mehr noch, als seinen Durst zu
-stillen, freute es ihn, die Menschheit neuer Segnungen teilhaftig
-werden zu lassen, und schleunigst umgürtete er sich mit dem
-Stärkegürtel, steckte den Hammer handgerecht und brauste auf seinem
-Bockgespann mit dem Fahrtgenossen davon.
-
-In seiner unwirtlichen kristallenen Halle, die sich auf meterdicken
-Eissäulen wölbte, war Hymir bei der Ankunft der Gäste nicht anwesend.
-Gütig nahm die stille Göttin der Mitternachtsonne den Wunsch des
-geliebten Sohnes aus der Urzeit entgegen, bewirtete ihn und Asathor
-und verbarg sie einstweilen hinter einer mächtigen Eissäule, als
-Hymir von der Walfischjagd zurückkehrte. Kaum jedoch hatte sie dem
-Riesen den Wunsch der Asen nach dem Kessel überbracht, als Hymir den
-Aufenthaltsort der Götter witterte und seinen schneidenden Frostblick
-so scharf durch die meterdicke Eissäule sandte, daß die Säule zerbarst
-und zersplitterte und die Asen sich dem Wüterich preisgegeben sahen.
-Bevor aber Hymir zugreifen konnte, hatte der Donnerer seinen Hammer
-wurfbereit. Da wurde der Riese zugänglicher und lud knurrend die
-Gäste zu Tisch. Der fröhliche Donnerer aber verspeiste zwei Ochsen
-auf einem Sitz, also daß dem geizigen Hymir graute und er den starken
-Asen aufforderte, am Morgen mit ihm zur Auffüllung der Vorräte auf
-den Fischfang zu fahren. Dort gedachte er sich des Widerwärtigen zu
-entledigen.
-
-Als der Donnerer am nächsten Morgen mit dem Eisriesen zu Schiff ging,
-bat er Hymir um einen Köder für seine Angelschnur. »Such ihn dir
-selber!« hauchte ihn der frostige Gastgeber an. Der Donnerer wandte
-sich um, packte einen der Stiere Hymirs, riß ihm mit einem einzigen
-Ruck das Haupt ab und steckte es als Köder an die Angelschnur. Dann
-fuhr er mit dem fassungslos dreinschauenden Riesen ins Meer hinaus,
-und sie warfen ihre Angelschnüre. Frohlockend zog der Riese ein
-paar mächtige Wale ins Boot. Der Ase aber ruderte weiter hinaus ins
-Meer, und obschon der Eisriese zornig widerriet, aus Furcht vor der
-Midgardschlange in den offenen Gewässern, warf der Donnerer im Schwung
-den Stierkopf in die Flut, und schon hatte die wütende Schlange den
-Köder verschluckt und suchte an der Leine das Boot mitsamt seinen
-Insassen zu sich hinunter zu ziehen.
-
-Der starke Ase nahm seine ganze Kraft zusammen. Er hielt die Schnur
-mit eisernen Fäusten und stemmte sich mit den Füßen so unwiderstehlich
-gegen die Planken des Fahrzeuges, daß beide Beine durch den Boden
-durchbrachen und er mit den Füßen auf den Meeresgrund geriet.
-
-»Desto besser,« lachte Asathor, »hier steh ich nur umso fester.« Und
-er holte die Schnur in gewaltigen Zügen an sich heran, bis sich der
-scheusälige Kopf des Ungetüms über Wasser hob. Mit furchtbaren Augen
-starrten sich die beiden Feinde an. Dann hob der Ase den Hammer, um der
-Weltschlange den Schädel zu zerschmettern. Der Riese aber, der sein
-Schiff verloren wähnte, durchschnitt in Todesangst die Angelschnur, und
-die unheilvolle Feindin der Götter und Menschen verschwand spurlos in
-der Tiefe.
-
-Unwirsch wandte sich der Donnerer dem hilfeschreienden Riesen zu. Aber
-als er ihn im Wasser sinken sah, gedachte er des Kessels und packte den
-Riesen mitsamt dem Boot und der Walfischbeute, warf alles über die
-Schulter und watete an Land zurück.
-
-»Nun gib den Kessel,« gebot er in der Halle.
-
-Noch einmal suchte der Riese den Asen zu überlisten. Er reichte ihm
-seinen Trinkbecher dar zu einem Wettspiel. Könne der Ase den Kelch
-zerschmettern, so sei der Kessel frei. Sonst aber bliebe der Kessel, wo
-und wie er sich befände.
-
-Der Donnerer ging lachend auf den Handel ein. Aber die Felsen
-zerbarsten, gegen die er das Trinkgefäß schmetterte, der Kelch blieb
-heil. Da raunte ihm die gütige Göttin der Mitternachtssonne zu. »Härter
-als alles ist Hymirs Schädel«, und der Donnerer verstand und schlug den
-Kelch gegen des Eisriesen Haupt, und der Kelch sprang in tausend Stücke.
-
-»Der Kessel ist mein,« sprach der Ase, und während sich Hymir die
-zerbeulte Stirn an einem der Eispfeiler kühlte, griff Ziu, den die
-Nordmänner den Tyr nannten, den Kessel an, ohne ihn aufrichten zu
-können. Der Donnerer aber packte ihn und stülpte ihn sich wie eine
-Mütze über den Kopf.
-
-Gen Asgard richtete sich der Lauf des Bockgespannes. Doch Hymir war
-zu sich gekommen, brüllte über sein Gebiet hin, daß aus allen Löchern
-und Ritzen Riesen und Trolle kletterten, und umzingelte mit seiner
-Unholdschar den vorwärtsstürmenden Wagen.
-
-Thor gab Tyr die Zügel. Er selber faßte den Hammer. »Achtung, er
-beißt!« donnerte er in den Haufen hinein, und der Hammer Mjolnir
-zermalmte Hymir und nach ihm seiner ganzen Schar die Schädel.
-
-So brachten der Donnerer und sein Schwertgenosse den Kessel heim, und
-als sie ihn in Ägirs Halle schafften, war er so groß, daß das freie
-Meer sich weitete zugunsten aller Schiffahrt, und dem starren und
-vernichtenden Eismeer sein tiefstes Becken genommen war.
-
- * * * * *
-
-Und wieder und wieder zog der Donnerer aus, die drohenden Gefahren von
-Göttern und Menschen zu scheuchen. Selbst für Loki, den Arglistigen,
-stand er ein, weil er dennoch ein Ase war. Wohl hatte Loki aufs neue
-Tücke geübt und der schlummernden Freya das lichtspendende Halsband
-Brisingamen entwendet. Eben noch vermochte Heimdall, der treue Wächter,
-dem Flüchtigen nachzusetzen und ihn mit seinem guten Schwerte zu
-stellen. Loki aber entschlüpfte dem Schwertstreich als geschmeidige
-Robbe und tauchte in See. Doch schon war auch Heimdall in Robbengestalt
-in See getaucht, und die Robbe ergriff die andere beim Genick und biß
-sie dermaßen zu schanden, daß Loki, als er sich schleunigst wieder
-zurückverwandelte, im Gesicht und an den Gliedern zerschunden war, als
-hätte er in einem Brennesselfeld genächtigt, und reumütig das Halsband
-der Freya herausgab.
-
-Der Donnerer wußte um diese Streiche und um manche andere. Aber im
-Stich ließ er auch den Heimtücker und Schadenfrohen nicht, der zu den
-Asen zählte. So ehrlich dachte Asathor.
-
-Loki gedachte zur Abwechslung zu dem Glutriesen _Geirröd_ zu fahren,
-wie der Donnerer zu dem Eisriesen Hymir gefahren war. Er entnahm Freya
-das Falkengewand und flog hinaus, bis er Geirröds Dachstuhl fand und
-neugierig durch die Esse schaute. »Fangt mir den seltenen Vogel«,
-befahl Geirröd seinen Riesen, und die ungeschlachten Kerle kletterten
-so täppisch an den Hauswänden hinauf, daß Loki seine helle Freude hatte
-und, um sie zu ärgern, in Ruhe sitzen blieb. Als endlich einer der
-riesigen Gesellen die Hand nach ihm strecken konnte, hob er voll Spott
-die Flügel, um sich nachlässig zu verabschieden -- aber o Schreck, die
-Beine klebten fest. Er war dem Riesen auf den Vogelleim gegangen. Vom
-Dachstuhl heruntergeholt, weigerte sich der sonderbare Vogel, Namen und
-Herkunft zu nennen, und Geirröd sperrte ihn drei Monate lang in einen
-engen Käfig, bis er sich vor Hunger krümmte. Da wurde er mitteilsamer
-und gab Auskunft.
-
-»Ei,« schmunzelte der Glutriese, »ich wüßte schon einen Handel, der dir
-die Freiheit schenken könnte. Wenn an deiner Statt der Donnerer, dieser
-verhaßteste aller Asen, zu mir kommen würde, ohne seinen Hammer, ohne
-seinen Stärkegürtel, so brauchtest du nicht zurückzukehren.«
-
-Loki nahm Urlaub von dem Riesen und kehrte nach Asgard heim. Schweigend
-hörte der Donnerer den Geängstigten an. Und er rüstete sich zum
-Aufbruch.
-
-»Du gehörst zu uns,« sagte er nur. »Trotz deiner sündhaften Fehler. Ich
-will dir noch einmal zeigen, was wahre Kameradschaft ist.«
-
-Am Abend kehrte der Ase waffenlos mit Loki bei der Erdriesin
-_Grid_ ein. Die hatte vor Zeiten dem Wodan einen Sohn geboren, den
-schweigsamen aber bärenstarken Widar, »den Asen mit dem Schuh«, wie ihn
-die Götter nannten. Denn er trug einen Schuh aus aller Länder Leder,
-der undurchdringlich war.
-
-»Sei auf der Hut, du Starker,« warnte die Asenfreundin den furchtlosen
-Gott. »Geirröd ist der Bösartigsten einer und sucht dich zu verderben.
-Er wird keinen Zauber und keine Hinterlist scheuen, um dich, den
-Schrecken des Riesenreiches, auf immer zu vernichten.«
-
-»Wenn ich Loki frei bekommen soll von seinem Wort,« entgegnete der
-Donnerer, »so muß ich ohne meinen Hammer, ohne meinen Stärkegürtel bei
-Geirröd erscheinen. Es wird ein schwer Stück Arbeit werden.«
-
-»So lautet der Vertrag,« sprach die Asenfreundin nachdenklich. »Aber
-höre! Auch ich besitze einen Stärkegürtel, auch ich besitze feuerfeste
-Handschuhe. Davon verlautet nichts im Vertrag. Einen Hammer kann
-ich dir nicht schaffen, aber meinen Stab sollst du zu Gürtel und
-Handschuhen nehmen. Das wird dir dienen.«
-
-Der kluge Vorschlag leuchtete dem Donnerer ein, und er schloß die weise
-Frau lachend in die Arme.
-
-In der Frühe des Tages zog er mit Loki weiter und kam an den Grenzfluß
-von Geirröds Reich. Auf Grids Stab gestützt, stieg er unbekümmert in
-die tiefen Wasser, und Loki klammerte sich fest an seinen Gürtel. Aber
-als sie die Mitte des Stromes erreicht hatten, stürzte plötzlich eine
-wilde Wogenflut über sie her und suchte sie zu ersäufen. Der Donnerer
-blickte nach oben. Und er gewahrte, wie stromauf eine der Riesentöchter
-Geirröds breitbeinig über dem Flusse hockte und die Wasser anschwellen
-ließ. »Pfui, du Freche!« schrie der Donnerer, warf und traf sie mit
-einem Felsstück gegen die Schenkel, daß sie in die eigenen Wasser
-purzelte. Ein Vogelbeerbaum reckte dem Donnergott hilfreich vom Ufer
-seine Äste entgegen. Sie ergriff er und zog sich mit Loki ans Land. Von
-jener Stunde an ist der Vogelbeerbaum dem Donnergott heilig.
-
-In Geirröds Gehöft angelangt, wurde dem starken Asen zuerst ein Gemach
-angewiesen und ein Stuhl zum Ausruhen. Kaum aber hatte er sich gesetzt,
-so hob sich der Stuhl schnell in die Höhe, und des Gottes Schädel
-wäre an der eisernen Decke des Gemachs zerquetscht worden, hätte der
-Donnerer nicht Grids Stab gehabt. Den hob er hoch und stemmte ihn gegen
-die Decke und drückte den Stuhl mit Gewalt auf den Boden zurück. Ein
-Knacken und Krachen erfolgte wie von zermalmenden Knochen. Todesgeheul.
-Und dann tiefe Stille.
-
-Der Ase sprang vom Stuhl und forschte nach. Da hatten die beiden
-Riesentöchter Geirröds unter dem Stuhle gehockt und den Gast zu
-zerquetschen versucht. Nun aber lagen sie beide tot und mit gebrochenem
-Rückgrat.
-
-Ein Bote stand unter der Tür und forderte den Donnergott zu einem
-Wettkampf mit Geirröd, dem ungezähmten Glutriesen, in die Halle. In
-einer mächtigen Esse lag ein weißglühendes Eisenstück. Das griff
-Geirröd mit einer Zange heraus und schleuderte es dem Donnerer gegen
-den Kopf. Der Ase aber haschte es mit den feuerfesten Handschuhen
-der Freundin Grid, wog es in der Hand und holte aus. Wohl flüchtete
-sich Geirröd hinter die dickste Steinsäule der Halle -- dem Donnerer
-war, als führte er seinen Hammer, und mit solcher Wucht warf er den
-weißglühenden Eisenklotz, daß die zerschmetterte Säule mitsamt dem
-Eisenklotz dem Riesen in den Leib fuhr und seinen Leichnam gleich einen
-Klafter tief in der Erde begrub.
-
-Ohne weiteres kehrte der Donnerer zu der Erdriesin Grid zurück, und der
-befreite Loki trabte hinter ihm drein. Und als Thor der Asenfreundin
-Stab, Gürtel und Handschuhe zurückerstattet und ihr eine Nacht lang
-zärtlich wie ein Bär die Backen gestreichelt hatte, fuhr er mit Loki
-gen Asgard, und Loki vergaß ihm den Dank zu sagen.
-
-Was kümmerte das Asathor! Er holte sich nur seinen Hammer Mjolnir und
-fuhr wieder hinaus zu neuen Kämpfen, um Göttern und Menschen Luft zu
-schaffen vor dem drohenden Schicksal.
-
-
-
-
-Wodans Wunschmädchen.
-
-
-Mehr als alle die anderen Götter kämpfte Wodan um das Schicksal
-Asgards und seiner Bewohner. Nicht allein mit dem todbringenden Speer
-Gungnir, den er über die Heereswogen schleuderte, um seinen Anhängern
-auf Erden den Sieg zu verleihen oder sich die Besten und Tapfersten
-für Walhall zu erkiesen. Seine Gedanken holten weiter aus, suchten die
-Wurzel der Dinge auf und begannen die Fäden der Schicksalsgöttinnen zu
-dehnen und zu längen. Der König der Götter nahm sein Amt als Pflicht,
-Verantwortung und Fürsorge.
-
-Wodan wußte von keiner Erholung. Er wußte nur, daß an einem
-Schicksalstag das Ende hereinbrechen würde und der Götter letzter
-Kampf. Und gerade weil er es wußte, wurde ihm königlich zumut. Die
-letzte Schlacht sollte ihn und die Götter gewappnet finden. Waren sie
-dem Untergang geweiht, so sollte bis zum letzten Atemzug gekämpft,
-mit den letzten furchtbaren Schwerthieben noch die Welt von den
-Unholden der Dunkelmächte gereinigt werden. Das waren Wodans königliche
-Heldengedanken.
-
-Alles Wissen mußte er besitzen von Vergangenheit, Gegenwart und
-Zukunft. Keine Mühe war ihm zu groß, es zu erwerben, um danach die
-Fäden seiner Gedanken spinnen zu können. Am Fuße der Weltesche saß er
-bei den Nornen, den Schicksalsmädchen Urd, Werdandi und Skuld, und
-forschte, was sie über Leben und Sterben seiner Menschen beschlossen
-hatten. Am Brunnen Mimirs raunte er mit dem Haupte des Urzeitweisen,
-um aller Geschehnisse Ursprung zu erkunden und ihre verwundbaren
-Stellen. Ja selbst die Toten rief er ins Leben zurück, damit sie ihm
-das Zukünftige, das sie früher erschaut hatten als die Lebenden,
-aussagten, und oft lagerte er sich auf den Richtplätzen, unter den
-Galgen der Gehenkten, und beschwor sie so zauberkräftig, daß die armen
-Seelen ihm anhingen und in allen Dingen zu willen waren. Wenn dann die
-Herbststürme erbrausten, setzte er sich an ihre Spitze und raste mit
-ihnen in wilden Jagdzügen durch die Luft, um sie bei kriegerischer
-Laune und Wildheit zu erhalten. Für die Stunde des Kampfes.
-
-Zum Wanderer war Wodan geworden, und er ging zu den Lebenden und
-prüfte sie auf ihr Heldentum und merkte sich die Unerschrockenen und
-Schwertkundigen. Den herabfallenden Hut tief in die Stirn gedrückt,
-den verwitterten blauen Mantel um sich geschlagen, wanderte der
-Einäugige durch die Welt und sah mit tausend Augen. Über Meere und
-Ströme fuhr er mit dem Wunderboot Skidbladnir, einst dem Freyer
-geschenkt von den Zwergen, das ohne Wind und gegen jeden Wind fuhr
-und sich zusammenfalten und in der Manteltasche bergen ließ. Zu allen
-Stämmen kam er, die den Göttern in Asgard opferten, und er nannte sie,
-die kriegerischen Blutes und heldischen Mutes den Ger schwangen, den
-Jagd- und Schlachtenspeer, die Ger-Mannen, die Germanen. Oft blieb er
-in ihren Gehöften zur Nacht, veredelte ihr Blut und ihren Sinn und
-zeugte neue Heldengeschlechter, würdig, einzureiten in Walhall. Für den
-letzten Kampf.
-
-»Kampf« hieß die letzte Schicksalslosung der Götter und der Menschen.
-Wenn am letzten Tage aller Dinge Surt losbrach, der König der
-Feuergeister in Muspelheim, wenn die Riesen aus Jotunheim anstürmten
-mit den Trollen aus Utgard, wenn der wütende Fenriswolf seine Bande
-zerriß, die giftgeifernde Midgardschlange sich heranwälzte und die
-dunkle Hel mit aufgerissenem Schlund Leichen schlang, hieß die Losung:
-Kampf dem Verhängnis! Daher liebte Wodan schon heute die Kämpfe auf
-Erden und begünstigte sie als Vorbereitung für den letzten schwersten
-Kampf.
-
-Die Heerkönige der Germanen wünschte er in Walhall und ihre
-Heldenscharen, ungezählte Tapfere, Tausende und Hunderttausende.
-Zuvor sollten sie Bankgenossen sein beim Met, einst aber seine
-Schwertgenossen. Alle die Ger-Mannen, die auf Erden rühmlichen
-Waffentod erlitten hatten.
-
-Hoch und herrlich war Walhall gebaut, seine Wände aus Speeren, seine
-Dächer aus Schilden, und statt der weichlichen Polsterung schmückten
-die Bänke im Saal schimmernde Brünnen. Wodans Zeichen, Wolf und Adler,
-hingen über dem Eingang. Doch hatte der Saal noch fünfhundertundvierzig
-Türen, eine jede für den Auszug von achthundert gewappneten Streitern
-berechnet. Und am Abend blitzte das Licht spiegelblanker Schwerter
-durch die Halle, als wäre sie von Fackeln erleuchtet.
-
-Hierher kamen die Tapfern, die auf Erden ihren Kampfwunden erlegen
-waren, hierher und in den Saal Wingolf, die Halle der Göttinnen. Und
-sie wurden von den Göttern, die sie mit offenen Armen empfingen, die
-»_Einherier_« genannt, die »göttlichen Streiter«.
-
-Allvater selber wählte sie aus, die auf der Walstatt fielen. Walvater
-hieß er darum, und Walsöhne, Wunschsöhne, die er nach Walhall berief.
-Oft rief er sie selber, wenn er auf seinem Hengste Sleipnir, den
-goldblitzenden Flügelhelm auf dem Haupt und den Todesspeer Gungnir
-in der Faust, über die ringenden Heere brauste. Kein herrlicheres
-Männerlos, als Wodans Ruf nach Walhall teilhaftig zu werden! Oft auch,
-wenn andere und dringendere Verrichtungen ihn hinderten, sandte Wodan
-seine Saaltöchter aus, seine Schildmädchen und Wunschmädchen, die
-_Walküren_, Sieg und Tod zu verleihen und die Auserwählten nach Walhall
-zu rufen.
-
-Auf stürmenden Wolkenrossen jagen sie dahin, den jungfräulichen Leib
-von schimmernder Brünne umpanzert, den leuchtenden Helm in das goldrot
-flatternde Haar gedrückt, den Schild am Armgelenk, den flammenden Speer
-wurfgerecht in der Faust. Überirdisch schön und die Sehnsucht der
-Helden, die nach ihnen verlangen, das Wunschziel der irdischen Frauen,
-die in Helm und Harnisch den Männern folgen in die Schlacht oder auf
-wilde Wikingsfahrt.
-
-In der heiligen Dreizahl stürmen die Walküren dahin, zu dritt oder
-zu zweimal Drei, dreimal Drei oder zu Zwölf. Sie entscheiden die
-Schlachten, ihr Speer bringt den Tod, aber neue Wonnen bringt er mit
-dem Tod -- den Ruf nach Walhall. Wunschlos und nach des Schicksals
-Vorschrift müssen die Walküren entscheiden. Jungfräulich müssen sie
-sein und dürfen niemanden angehören als den Helden in Walhall, den
-Einheriern. Wer sich von den Schildmädchen gegen Wodans Gebot vergeht,
-wird in Schlaf versenkt oder verbannt. --
-
-Mehr als bisher sah man in diesen Zeiten, da Wodan als Wanderer die
-Welt durchzog und bei Königen und Kriegern nach Helden forschte, die
-Walküren reiten. Denn mehr als bisher herrschte auf Erden der Krieg,
-verlangten die Männer, die die höchsten Mannesehren ersehnten, nach
-Walhall, horchten sie auf den Schrei der Walküren, auf den sausenden
-Speer, der sie entbot. Dann machten sich die Geister der Gefallenen auf
-den Weg, durchwateten einen reißenden Strom und pochten an die heilige
-Totenpforte _Walgrind_, die Eingangspforte zu Walhall. Von Walküren
-geleitet, traten sie in den Saal, vom jubelnden Zuruf der versammelten
-Einherier umbraust, von den Göttern gerühmt und bewillkommnet.
-Selig saßen sie nieder auf den Bänken und nahmen aus den Händen der
-Schildmädchen den schäumenden Humpen Met, der aus dem Euter der Ziege
-_Heidrun_ auf Walhalls gewölbtem Dache floß, ohne je zu versiegen, oder
-den saftigen Braten vom Eber _Sanhrimnir_, der sich täglich erneuerte.
-War Wodan in Asgard, so thronte er unter ihnen, doch aß er nicht und
-gab das Fleisch seinen Jagdwölfen. Nur dem Wein sprach er zu, der
-göttlichsten aller Gaben.
-
-Frühmorgens ritten die Einherier hinaus auf die Wiesen zum Kampfspiel.
-Da pfiffen die Klingen, da sausten die Speere, da wurde mancher Schild
-zerbeult und aus manchem Helm Funken geschlagen. Purpurne Wunden gab es
-und Heldentod, aber wenn der Abend nahte und das Göttermahl, sprangen
-Tote und Verwundete heil und gesund wieder auf die Füße, schüttelten
-sich strahlend die Hände und saßen Schulter an Schulter auf der
-Zecherbank. Die Wunschmädchen reichten ihnen den Trunk, lehnten sich
-an sie und horchten ihren brausenden Gesängen. Dann sang auch Bragi,
-der Dichtergott, und er sang den Ruhm der Einherier, daß aller Augen
-leuchteten und der Wunschmädchen Hände ihre Häupter liebkosten.
-
-Eine Seligkeit war es, in Walhall zu hausen, und die Sehnsucht aller
-Männer. Wodan aber sorgte wohl, daß sein Heerbann wuchs. Wodan, der
-Walvater und Allvater. Er sorgte für den letzten Kampf.
-
-Immer kriegerischer wurde der Sinn der Völker. Auf weiten Wikingfahrten
-fuhren sie über die See, sie kämpften an Land, wo ein Schlachtfeld
-sich bot. Schutzgeister schuf Wodan seinen Lieblingen, die ihnen
-vor sehenden Augen erschienen, ihnen rieten und sie schirmten. Das
-waren die _Fylgien_, die Seelenfrauen. Aber auch Wolfsgestalt und
-Bärengestalt verlieh er oft den Kämpfern, daß sie wie wild und besessen
-in die Feinde stürmten und alles niederrissen. _Werwölfe_ nannte man
-die Wolfshäutigen und _Berserker_ die Bärenhäutigen, die aus- und
-einfuhren in Tier- und Menschengestalt und dem Schlachtengott Scharen
-von Einheriern zuführten. Wie Wodan sie liebte! -- -- --
-
-Wieder und wieder mußten die Walküren reiten, wenn Wodan von den
-Nornen oder von Mimirs Brunnen kam. Oft auch eilten sie frei und ohne
-Geheiß hinaus, lagerten die Nacht vor der Schlacht in einer Hütte
-auf der Walstatt und woben aus Schwertern und Speeren heimlich das
-Schicksalsgewebe für Heerkönige und Krieger. Dann rauschte ihr dunkles
-Lied wie suchender Sturm durch die Nacht:
-
-»Mit Schwertern schlagen wir dies Siegesgewebe. Wir kamen zu weben mit
-gezogenen Schwertern. Schaft wird zerkrachen, Schild wird zerbersten,
-die Axt in die Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe des
-Speeres! Folgen wir dem König, dem siegreichen Helden! Blutige Schilde
-wird man sehen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres. Voran
-wollen wir gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsere Freunde
-die Waffen kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo
-die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, daß ihr Leben
-vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür. Die Freunde sollen siegen
-und die Feinde unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet.
-Schrecklich zu sehen, ziehen blutige Wolken am Himmel. So singen dem
-König wir Siegeslieder und reiten auf schnaubenden Hengsten, die
-Schwerter gezogen, fort von hier.«
-
-Wie Blitz und Wetterleuchten über der tobenden Männerschlacht, so
-jagten sie auf ihren Wolkenrossen, Flammen auf den Spitzen ihrer
-Speere, über die Reihen der Kämpfer hin, hemmten den Anlauf der Feinde,
-verwirrten seine Linien, fesselten die Gefangenen, befreiten die
-Freunde und warfen den, dem sie das Schicksal gewoben, durchbohrt vom
-Roß.
-
- * * * * *
-
-Krieg war entbrannt zwischen den Königen _Hialmgunnar_ und _Agnar_. Der
-alte König Hialmgunnar, ein fester Degen, bat Wodan um Gunst und Sieg
-und versprach ihm ein blutig Schlachtfeld. Da lachte Wodan das Herz im
-Leibe, und er sagte ihm Sieg und Leben zu. Seine Wunschmädchen rief er
-herbei und hieß sie reiten für König Hialmgunnar, den Alten, und befahl
-_Brynhild_, der Walküren Führerin, den Agnar zu fällen und sein Heer in
-die Flucht zu jagen.
-
-[Illustration: »Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte an ihm
-vorbei.«]
-
-Jubelnd stürmten die kampffrohen Walküren von dannen und suchten die
-Walstatt auf. Hart rang der jugendblonde Agnar gegen den wütigen
-Greis. Schlachtrufe schreiend, warfen sich die Walküren auf des
-jungen Königs Heer und jagten es in Verwirrung. Nun hatte Brynhild
-ihr Opfer erreicht. Einsam kämpfte der Jüngling mit dem Mute der
-Verzweiflung, von den Menschen verlassen, von den Göttern aufgegeben
-und von nicht einer der Schildjungfrauen beschirmt. Schon hob
-Brynhild den todbringenden Speer. Da gewahrte der junge König sie
-mit hellseherischem Blick, mit dem man den nahenden Tod erschaut,
-und des Jünglings Augen brannten mit der heißen Liebe am Leben in
-den staunenden Augen der Jungfrau Wodans. Ein Ruck ging durch den
-Mädchenkörper der Reiterin. Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte
-an ihm vorbei.
-
-»Was tust du?« wirbelte es ihr durch das Hirn. »Du handelst wider
-Wodans Gebot!«
-
-Sie riß den Hengst herum und fällte den Speer zum zweiten Male. Aber
-Agnar blickte sie an in heller Bewunderung und dachte nicht mehr an
-sein bedrohtes Leben. Da jagte sie zum zweiten Male an ihm vorüber und
-vergaß Wodans Gebot über den begeisterten Jünglingsaugen.
-
-Zum dritten und letzten Male hetzte sie den Hengst zum Ansprung.
-
-»Er ist so jung, so schön,« murmelten ihre Lippen, »und Hialmgunnar ist
-alt und greis und hat das Leben gelebt. O Agnar, wie ich dein junges
-Leben liebe.« --
-
-Und plötzlich tat sie einen Schrei, der wild über die Walstatt gellte,
-stürmte zwischen die kämpfenden Könige und stieß dem alten König
-Hialmgunnar den Todesspeer mitten durch die Halsbrünne.
-
-Die Königsleiche lag auf dem Feld. Als Sieger jagte Agnar die Feinde
-von dannen. --
-
-Staunend fuhr Wodan von seinem Hochsitz. Mit einem Blicke sah er, was
-geschehen war. Er rief nach seinem Rosse Sleipnir und jagte wie der
-Sturm zur Erde nieder. Dort fand er Brynhild traurig an den Speer
-gelehnt.
-
-»Leg dein Walkürenkleid ab, unbotmäßig Mädchen,« rief er ihr zornig zu
-und sprang vom Rosse. »Was will dein töricht Mädchenherz dreinreden,
-wenn es sich um Allvaters unerforschliche Wege handelt? Walküre bist
-du gewesen für Zeit und Ewigkeit. Den Rausch des Schlachtenglücks,
-die seligen Wonnen Walhalls nehme ich von dir und gebe dir dafür, was
-du gewollt: das bißchen Menschenglück und das bißchen Liebeswonne.
-Vermählen soll sich dein jungfräulicher Leib einem irdischen Mann! Ich
-stoße dich aus!«
-
-»Allvater!« bat Brynhild mit zuckenden Lippen.
-
-»Du warst mein Lieblingsmädchen unter allen meinen Wunschtöchtern,«
-sprach Wodan leise. »Dennoch -- ich kann dich nicht schirmen gegen mein
-eigenes Wort. Beuge dich zu mir. Ich will in barmherzigen Schlaf dich
-senken.«
-
-»Allvater,« flehte Brynhild, »laß kein anderer mich als Gemahl berühren
-denn ein furchtloser Held.«
-
-Stumm nickte ihr Wodan Gewähr. Und sie beugte sich zu ihm, und er stach
-sie mit seinem Schlafdorn in die Schläfe, daß sie schlummernd zu seinen
-Füßen hinsank. Wodan aber gedachte seines Versprechens vom furchtlosen
-Helden und zog eine wabernde Lohe rings um den Platz, auf dem Brynhild
-schlummernd lag. Nur ein Held, der das Fürchten nicht kannte und das
-Sterben verlachte, würde die Flamme durchreiten. Und sinnend und
-forschend ritt Wodan heim nach Walhall. --
-
-Wieder flogen Walküren aus, und sie kamen an eine Bucht und legten ihre
-Schwanengewänder ab, um zu baden. Im Laube versteckt aber saß _Wölund_,
-der kunstreiche Schmied, den sie auch _Wieland_ nannten, mit seinen
-Brüdern, und sie nahmen den Jungfrauen heimlich die Gewänder weg und
-zwangen sie so in ihren Dienst. Neun Jahre lehrten die Himmelsmädchen
-die Brüder alle Geheimnisse, bis sie die verborgenen Gewänder
-wiederfanden und sich im Schwanenkleid auf und gen Asgard schwangen.
-Wieland aber wurde tiefsinnig aus Liebe nach dem entschwundenen
-Himmelsglück, und die Gemeinschaft der Menschen war ihm unerträglich.
-Als sein Feind, der König Nidung, ihn durch List gefangengenommen
-und ihm die Sehnen an den Füßen durchschnitten hatte, damit er nicht
-entfliehen könne und ihm Schwerter und Kostbarkeiten schmieden
-müsse, soviel er begehre, fertigte Wieland nach dem Schwanengewand
-seiner entschwundenen Liebe, dessen Geheimnisse er wieder und wieder
-durchforscht hatte, in jahrelanger Arbeit ein Flügelkleid für sich
-selbst, spannte es um seinen zermarterten Körper und flog mit glühendem
-Geist gen Himmel. So gewaltig wirkte der Walküre Zauber auf den nach
-dem Höchsten strebenden Mann. --
-
-Wieder aber flogen Walküren aus und trafen auf einen jungen Königssohn,
-den die Stiefmutter Knechtesdienste verrichten und bei Nacht die Herden
-hüten ließ, damit er blöde würde und dem Thron ungefährlich. _Svanhvit_
-war die Führerin, und als sie mit ihren Gefährtinnen auf das Feld kam,
-sahen sie in der Ferne Unholde und Gespenster gegen den einsamen Knaben
-reiten. Der aber weidete ruhig seine Herden. »Verberge dich,« rief sie
-ihm zu, »die Nachtmare kommen über dich!«
-
-Der Königsknabe hob lächelnd die Augen zu der eifrigen Warnerin.
-
-»Soll ich mich etwa fürchten, wunderbare Jungfrau?«
-
-»Ich bin's, die für dich fürchtet, du Lieber,« rief die Walküre,
-gerührt von so viel Knabenreinheit, »und ich leihe dir mein eigenes
-Schwert, damit du um dich schlagen kannst. Ich aber will dir zusehen
-und mich an dir freuen.«
-
-Strahlend nahm der Schäfer das Schwert und wog es in den Händen. Die
-Blödigkeit des Hirten schwand aus seinen Mienen, das Königsblut schoß
-ihm ins Gesicht. Mitten auf dem Weg, den die Unholde kamen, stand er
-und schwang lachend das Schwert und schlug um sich die ganze Nacht,
-bis beim Morgengrauen das letzte Nachtgespenst zur Strecke gebracht
-war. Und er zog weiter und warf sich zum rechtmäßigen König auf, und
-Svanhvit stand ihm zur Seite und weckte alle seine Heldenkräfte, bis er
-den Thron gewann. Da legte die in Liebe entbrannte Walküre freiwillig
-das Flügelkleid ab und blieb bei ihm als seine Königin.
-
-Wodan saß auf seinem Hochsitz, und seine Raben hatten ihm alles
-zugetragen. Er nickte nur vor sich hin. --
-
-Und wieder flogen Walküren aus, stürmten auf schnaubenden Hengsten
-zur Erde hinab, in den Männerkampf, brausten im Schwanengefieder zu
-Häupten ihrer Helden. Schwerter sangen und Gere klangen allüberall.
-Denn _Helgi_, der Haddingenheld, focht in vielen Schlachten wider König
-_Hromund_.
-
-_Kara_, die hellschimmernde Wunschmaid, führte die Schwestern. Aber als
-sie den Haddingenheld zum ersten Male fechten gesehen hatte in seiner
-Kühnheit und Wildheit, verlor sie ihr Herz an den stürmischen Mann und
-schenkte sich ihm als Geliebte.
-
-Anderen Tages tobte die Entscheidungsschlacht.
-
-Glückseligen Gesichtes schwang Helgi, der Haddingenheld, sein Schwert,
-und wo es in die Brünnen biß, da biß der Tod. Heißen Herzens schlug
-Helgi in den Feind, denn er dachte an Kara, die ihn umhalsen würde nach
-des Tages Blutarbeit. Wie sie ihn in der Nacht umhalst hatte.
-
-Über seinem Haupte vernahm er ein Rauschen und ein wunderbares Singen
-und Klingen. Über seinem Haupte flog die Walküre Kara und hielt vor
-Helgi den Schild, daß kein Schwert ihn schneiden, kein Speer ihn
-ritzen, keine Axt ihn zerspalten konnte. Und aus Karas Munde drang ein
-Lied, ein wildes, seliges Zauberlied, daß den Feinden die Arme sanken,
-und sie wie in Fesseln lauschen mußten. Über das feindliche Heer hin
-brausten die Zauberweisen, und hinter ihnen drein stürmte Helgi, der
-glückselige Mann, und schwang das Schwert und mähte die Gebannten
-nieder.
-
-Wodan saß auf seinem Hochsitz und lächelte. Jetzt streckte er die Hand.
-Da hob Helgi das Schwert, um einem riesenhaften Feind das Haupt vor die
-Füße zu werfen, und schwang das Schwert zu hoch. Ein Schwanenschrei
-gellte durch die Luft. Das Zauberlied war verstummt.
-
-Vor Helgis Füße sank im zerfetzten Fluggewand die Walküre. Im Jauchzen
-des Kampfes hatte der Held der Schildmaid nicht acht gehabt und die
-Geliebte ins Herz getroffen.
-
-Tot war sein Liebesglück, zu Ende sein Schlachtenglück.
-
-Noch immer lächelte Wodan sein seltsames Lächeln. Dann erhob er sich,
-hieß den Helden nach Walhall entbieten und Kara seine Wegweiserin sein.
-
-Im Goldhelm und blauen Königsmantel empfing er den gewaltigen Recken.
-
-»Auf daß du auch in Walhall ein so fröhlicher Kämpe seist, wie auf der
-Walstatt auf Erden, geb ich dir die Hellschimmernde zur Schenkin,«
-sprach er und wies ihm seinen Platz unter den besten der Einherier.
-
-Da lachte Helgi, der Haddingenheld, daß es durch alle Hausungen der
-Götter schallte, und führte sein Mädchen stolz an die Tafel der Zecher,
-die dem Paare donnernden Heilgruß entboten.
-
-Wodan aber hatte eines Helden Seele an sich geschmiedet für alle
-Ewigkeit.
-
-
-
-
-Unter den Einheriern.
-
-
-Männer, Männer! war Wodans einziger Gedanke geworden. Männer im Himmel
-und auf Erden. Männer der Tat, die wiederum Heldengeschlechter zeugten,
-Helden, die durch Tat und Todesverachtung auf Erden schon heranrückten
-an die Götter und im Himmel Wodans Söhne wurden. Was sonst brauchte
-die Welt, als Männer, wenn die Schicksalsstunde nahte, Männer, die
-Mannesehre über alles stellten, bereit allzeit, ihr Leben in die
-Schanze zu schlagen, um noch sterbend den feindlichen Mächten Abbruch
-zu tun und den Ruhm zu retten.
-
-Manche seiner Wunschmädchen gebaren den Irdischen Helden; er selber
-zeugte auf seinen Wanderungen manches Heldengeschlecht und war anderen
-ein väterlicher Freund. Ein Freund jedoch, der sich unerbittlich selbst
-bezahlt machte und seine Schützlinge zu der Stunde, die ihm die rechte
-schien, auf der Höhe ihrer Kraft oder nach einem schlachtenreichen
-Leben, das Tausende nach Walhall gesandt hatte, einholte zu den
-Einheriern. So unerbittlich wie das Schicksal, das die Götter bedrohte,
-so unerbittlich war Wodan in der Wahl der Mittel, dem unabwendbaren
-Schicksal den letzten Ruhm abzugewinnen und, wenn es ihn schon
-untergehen hieß, nur als Sieger über die Unheilsmächte unterzugehen. Im
-letzten großen Atemzuge noch Schöpfer einer neuen, kommenden Welt.
-
-Darum war vom Tode gezeichnet, wer Wodans Freund auf der Erde hieß.
-Aber auch vom Ruhme bekränzt und durch die Sänger aller Zeiten zur
-Unsterblichkeit erhoben.
-
-Wer aber ein Mann sich fühlte in germanischen Landen, der zögerte
-keinen Herzschlag lang und wählte Wodan für sich und seine
-Geschlechter. Lieber als ein königlich Volk mit seinen Göttern
-untergehen, denn als namenloser Sklave fronen. Und es waren die
-Besten Germaniens, die sich als Einherier in Walhall auf Wodans
-Bänken sammelten und nach ihrem irdischen Tode noch ihre Namen
-ehrfurchtgebietender und strahlender hielten, als alle die lebenden
-Weichlinge und Feiglinge zusammen.
-
- * * * * *
-
-Da saßen auf bevorzugten Platzen Helden und Heerkönige. Da saß
-_Sigmund_ unter ihnen, der Rheinfranken König, der ein Sohn Wolsungs
-war und von Wodans Blut. Denn Wodan selbst hatte den Wolsungenstamm
-gezeugt in dem Wolsungen-Ahn Sigi, um den Tisch der Einherier zu
-schmücken durch die Erziehung von Helden, Geschlechterreihen hindurch.
-
-Jung war noch Sigmund, als sein Vater Wolsung die Tochter _Signy_ dem
-ungeliebten König Siggeir von Gautland vermählte. In der Festhalle
-Wolsungs saßen die Männer beisammen, und die Franken und die Gauten
-erzählten von der Abkunft ihrer Geschlechter. Plötzlich verstummte
-jedes Getön. Ein hochgewachsener Alter, einäugig, in breitrandigem Hut
-und blauem Mantel, war unbemerkt von den Wachen in die Halle getreten
-und auf den Eichbaum zugeschritten, der mitten in der Halle wuchs und
-seinen Wipfel über das Dach breitete. Ein Schwert trug er unterm Arm,
-und er nahm es und stieß die Klinge bis ans Heft in den eisenharten
-Stamm.
-
-»Kein besser Schwert als dies! Dem Besten nur gehör es an! Wer es
-herauszuziehen vermag, der führe es!«
-
-Der Einäugige sprach es, blickte sich im Kreise um und ging aus der
-Halle, wie er gekommen war, unbemerkt.
-
-»Wodan, der Wolsungen Stammvater, kam zum Hochzeitsfest,« raunten die
-Rheinfranken. Und es herrschte langes Schweigen und seltsames Grübeln
-im Saal. Dann aber traten die Männer an den Baum.
-
-Wolsung packte den Schwertgriff und rüttelte daran. Umsonst. Seine
-stärksten Helden nach ihm. Vergeblich. Sein Schwiegersohn, der
-Gautenkönig Siggeir zog und riß in wilder Wut. Das Schwert rührte sich
-nicht. Sigmund, der junge, trat heran. Mit leichtem Ruck riß er das
-Schwert aus dem Stamm und schwang das Aufblitzende durch die Halle.
-
-Ruhm brachte ihm Wodans Schwert und ein schweres Heldenleben. Siggeir
-forderte den Stahl von dem jungen Schwager, der das Begehr lachend
-abwehrte. Da lud Siggeir den König Wolsung und seine ganze Sippe
-nach Gautland und erschlug sie alle trotz flehentlicher Bitten der
-Wolsungentochter Signy, seines Gemahls, bis auf Sigmund, dem er das
-Schwert Gram -- das ist »Zorn« -- entwendet hatte. Ihn ließ er im
-finstern Wald in eine Erdhöhle werfen, wo er ohne Heldenehre schmählich
-verkommen sollte. Signy aber liebte den strahlenden Bruder Sigmund so
-heiß, daß sie sich nächtens heimlich zu ihm schlich und ihn tränkte
-und pflegte und koste. Und sie schenkte ihm einen Knaben, der hieß
-_Sinfiötli_, und Sigmund und Sinfiötli lebten im Walde wie die
-Werwölfe, unbändig, furchtlos und riesenstark, bis Sigmund die Stunde
-für gekommen erachtete, nach Germanengebot Blutrache zu nehmen an dem
-Mörder seines Vaters Wolsung.
-
-Der erste Anschlag mißglückte. Siggeirs spielender Knabe entdeckte die
-wilden Männer hinter einer Mettonne, und der König ließ die Beiden
-einmauern wie wilde Tiere, beider Gelaß durch einen Felsen voneinander
-getrennt. Noch einmal kam Signy, Sigmunds Schwester, bei der Nacht.
-Sie kam bis an die Grube ihres Sohnes Sinfiötli und ließ hastig einen
-Strohbund hinuntergleiten. Als der riesenstarke Knabe ihn öffnete,
-fand er darin Sigmunds Schwert Gram. Er packte es beim Knauf, setzte
-die Spitze gegen die trennende Felswand und drückte, daß ihm die Adern
-an den Schläfen zu platzen drohten. Da schnitt das Schwert durch den
-Felsen, und der Sohn drückte, bis der Vater es in seiner Grube an
-der Spitze zu fassen kriegte, und nun sägten Vater und Sohn mit des
-Schwertes Schärfe den Felsen durch, bis sie zueinander kriechen und
-Sigmund auf Sinfiötlis Schultern aus der Grube steigen konnte. Dann zog
-Sigmund den Sohn am Schwerte hinaus.
-
-Durch die Nacht schritten sie zur Halle König Siggeirs und legten Feuer
-an. An der Tür des flammenumlohten Hauses hielten sie mit dem Schwerte
-Wacht, daß nichts Lebendiges heraus konnte. Nur Signy, die Königin,
-riefen sie. Aber die Königin wehrte der Rettung.
-
-»Im Leben durfte ich Wolsungs Tochter sein und auf Blutrache für den
-Vater bedacht. Im Tode gehör ich an meines Mannes, des Königs, Seite,
-ob ich ihn liebe oder nicht.«
-
-So entgegnete die königliche Frau und starb den Flammentod mit König
-Siggeir und seiner ganzen Sippe.
-
-Heim segelte Sigmund an der Spitze eines Heeres und gewann mit
-Waffengewalt das Land der Wolsungen zurück. Mit der Königstochter
-_Borghild von Bralund_ vermählte sich König Sigmund, und sie gebar ihm
-einen Sohn, _Helgi_, als Sigmund, wie immer, auf Heldenfahrten war.
-Und Wodan sandte seine Raben, dem Knaben der Wolsungen Kriegsglück zu
-weissagen. Fünfzehn Lenze zählte Helgi, als er mit seinem Stiefbruder
-Sinfiötli auszog gegen König Hunding, der Wolsungen Erbfeind und
-Länderräuber, und ihn mit eigener Hand in der Schlacht erlegte. _Helgi
-Hundingstöter_ riefen ihn seitdem die Helden, und die Sänger sangen
-seinen Namen.
-
-Die Hundingssöhne begehrten Buße von Helgi für den Vatermord.
-»Gewärtigt wilde Wetter, graue Gere und Wodans Gram!« ließ der junge
-Fürst ihnen vermelden und rückte mit einem Heere gegen die Stürmenden
-an. Unbekümmert um den Hagel der Gere und Pfeile rückte er vor. Über
-seinem Haupte war ein Rauschen wie von Schwanenflügeln. Neun Walküren
-schwebten schirmend über ihm, von der Schildmaid _Sigrun_ geführt. Da
-schüttelte Helgi seine Locken und jauchzte Sigrun zu und brach wie ein
-Wolf in die Feinde, erschlug ihren Bannerträger und die meisten der
-Hundingssöhne.
-
-[Illustration: »Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die
-Walstatt.«]
-
-Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die Walstatt. Sein Arm lag
-um Sigrun, die Schildmaid.
-
-»Ich liebe dich,« sagte er, und sie antwortete ihm: »Auch ich liebe nur
-dich. Doch bin ich dem König Hödbrod angelobt, der mich jenseit der See
-erwartet. Hilf mir von ihm.«
-
-Da sammelte Helgi Hundingstöter sein Heer zum anderen Male und stieß
-die Drachenschiffe ins Meer und fuhr aus um sein Liebesglück. Das
-sah des Seebeherrschers Ägir wildes Weib Ran, und sie sandte ihre
-Wogentöchter aus, die die Schiffe auf den Rücken nahmen und das
-Fürstenschiff hoch zu den Wolken werfen sollten, um es als Wrack
-hinabzuziehen. Schon hatte die leichengierige Ran ihre Klauen in den
-Schiffsrand geschlagen, um die Helden zu schlingen, da war ein Rauschen
-über den Masten wie von Schwanenflügeln, und Helgi Hundingstöter
-blickte empor und gewahrte die neun Walküren, von Sigrun stürmisch
-geführt. Und die Schildmaid schlug der rasenden Ran das Schiff aus
-der Hand und brachte den Helden mit seinem ganzen Heere glücklich an
-Land. Eine furchtbare Schlacht entbrannte. Mit König Hödbrod und seinen
-Brüdern ritt und stritt auch König Högni, der Vater der Schildmaid.
-Aber Helgi Hundingstöter, von Sinfiötli geleitet, durchbrach den Keil
-des feindlichen Heeres, erschlug König Hödbrod und seine Brüder,
-erschlug auch König Högni und schonte nur Högnis Sohn Dag. Sinfiötli
-aber würgte die anderen Häuptlinge, daß sie nimmer die Sonne sahen.
-
-Auf der blutigen Walstatt traf Helgi Hundingstöter Sigrun. Ob ihr
-auch über den Tod ihres Vaters die Tränen aus den Augen stürzten, sie
-kränzte den Sieger und gab sich ihm, auf ihr Walkürenkleid für immer
-verzichtend, als Weib. Nie war ein glücklicheres Paar in nordischen
-Landen.
-
-Dag aber, Sigruns Bruder, flehte Wodan an um Vaterrache. Und Wodan
-gedachte der Wolsungen und gedachte seiner Einherier. Da lieh er Dag
-seinen Todesspeer Gungnir, und Dag lauerte Helgi im Walde auf und
-rannte ihm den Todesspeer durch den Rücken.
-
-Unstillbar war Sigruns Schmerz um den Heißgeliebten. Sie richtete ein
-Lager in der Grabkammer, breit genug für sich und ihren abgeschiedenen
-Helden, und saß am Hügel und weinte blutige Tränen. Um Mitternacht
-klirrte es von Waffen in der Luft. Aufgeweckt, sah sie Helgi
-Hundingstöter mit großem Geleite durch die Lüfte niederreiten und sah
-den Geliebten die Grabkammer betreten. Da warf sich Wodans einstige
-Schildmaid dem Heimgekehrten ans Herz und küßte ihm Augen, Mund und
-Hände. Und Helgi sprach: »Deine Tränen haben mich aus Wodans seligem
-Saal zurückgerufen. Sie brennen mir wie Feuertropfen auf der Brust, daß
-ich mit den Helden Walhalls nicht fröhlich werden kann. Warum weinst
-du so sehr, da dein Geliebter der Ewigkeit Ruhm gewann?« Und Sigrun
-schmiegte sich an sein Herz und sprach: »Nun will ich nie mehr klagen
-und still bei dir liegen.«
-
-Als fahl der erste Frühschein über den Himmel glitt, schied Helgi
-Hundingstöter für immer und jagte frohgemut mit seinen Begleitern gen
-Walhall zurück, von Wodan freudig empfangen. Sigrun aber legte sich
-zum Sterben und lag in der Kammer angeschmiegt an den irdischen Leib
-ihres toten Gemahls. --
-
-Sinfiötli hatte inzwischen nicht gefeiert. Während Vater Sigmund zu
-Ehren Wodans auf Wikingsfahrten war, hatte auch er Kämpfe auf Kämpfe
-bestanden und, um Hand und Kronland einer Königin zu gewinnen, seiner
-Stiefmutter Borghild von Barlunds Bruder im Zweikampf erschlagen. Rache
-schwur ihm Sigmunds Weib, Buße an Leib und Leben. Doch Sigmund kehrte
-heim und wehrte ihr und erklärte sich bereit, selber Buße zu zahlen,
-auf daß Sinfiötli, den er brennend liebte, frei sei. Da mußte sich die
-Königin zufrieden geben, aber beim Leichenmahl für den erstochenen
-Bruder reichte sie Sinfiötli im Trinkhorn vergifteten Met. Dreimal
-weigerte sich Sinfiötli zu trinken, und Sigmund, dem keinerlei Gift
-Schaden tat, trank ihm zu. Da trank auch Sinfiötli und stürzte tot zu
-Boden.
-
-Aufheulte Sigmund vor Weh. Sein Weib verstieß er, und den Sohn, den
-Gefährten aus wilden Wolfstagen, nahm er in die Arme und irrte durch
-das Land, bis er zur Nachtzeit an einen breiten Strom kam. Dort fand
-er einen Fergen warten, einen einäugigen Alten in blauem Mantel und
-breitrandigem Hut. Der nahm die Heldenleiche in sein Schiff, aber dem
-klagenden Vater wehrte er den Zutritt und führte das Schiff schnell
-über den dunklen Strom.
-
-Lange starrte Sigmund in die Dunkelheit. Er wußte, daß es Wodan war,
-der Wolsungen Ahn, der den Helden Sinfiötli der grausamen Hel entführte
-und ihn nach Walhall an die Tafel der Einherier brachte. Da wurde sein
-Gemüt fröhlich. Und so alt er war, er ritt aufs neue und ritt in des
-Königs Eylimi Land, dessen Tochter _Hiördis_ die schönste aller Frauen
-war, und warb um ihre Hand. Mit ihm aber warb auch der König Lyngi, ein
-Hundingssohn. Die schöne Hiördis wählte nicht lange, sie wählte den
-Ruhmgekrönten trotz seines Alters und wurde König Sigmunds Eheweib.
-
-Wutbebend sammelte Lyngi, der Hundingssohn, ein Heer und überfiel
-Sigmund in seinen Landen. Der ließ schleunigst Weib und kostbarste
-Habe in den Wald schaffen und drang an der Spitze seiner Mannen der
-Übermacht entgegen. Silberweiß flog ihm das Haar im Wind. Aber sein
-Arm schwang das Wodansschwert Gram, und wo der König Sigmund den
-Seinen voranschritt, da bahnte er eine blutige Gasse, und immer weiter
-watete der Wolsung, alles niederschmetternd, durch das Blut. Schon war
-der Sieg sein, da trat ihm ein alter Kämpe entgegen, einäugig, in
-breitrandigem Hut und blauem Mantel. Der fällte den Speer gegen ihn,
-und König Sigmunds Schwert zersprang an dem Speer in Stücke. Mit allen
-seinen Helden wurde Sigmund im Kampfe erschlagen. Wodan selbst hatte
-ihn nach Walhall entboten.
-
-Ein Kind Sigmunds trug Hiördis unter dem Herzen. Als es zur Welt kam,
-war es ein goldblonder Knabe von schlankem Wuchs, und sie nannte ihn
-_Sigurd_. Noch war Sigurd ein Knabe, als er ein Roß verlangte, das
-er sich unter den Hengsten aus der Weide wählen durfte. Ein alter
-Mann kam über die Weide, einäugig, in blauem Mantel und breitrandigem
-Hut. Der trieb die Rosse in den vorüberrauschenden Strom, aber nur
-ein junger Grauhengst schwamm quer hindurch, die anderen schwammen
-das Ufer entlang. »Den nimm,« riet der Einäugige. »Er stammt von
-Sleipnir, dem Hengste Wodans.« Da nahm ihn Sigurd und nannte ihn nach
-seiner grauen Farbe Grani. Auch ein Schwert forderte er, und als sein
-kräftiger Arm jede Klinge am Amboß zerschlug, gab ihm die Mutter die
-Stücke des Wodanschwertes Gram, das Erbe seines Vaters Sigmund, und ein
-kunstreicher Zwerg schmiedete ihm daraus aufs neue eine unbesiegbare
-Waffe. Dann rüstete Sigurd Drachenschiffe und fuhr mit einer Schar
-auserwählter Männer ins Reich der Hundingssöhne, als echter Wolsung
-zuerst Blutrache zu nehmen für den erschlagenen Vater Sigmund.
-
-Stürmisch war die See und gefahrvoll die Fahrt. Aber da war der alte
-Einäugige wieder, der sprang in Sigurds Schiff und steuerte es sicher
-durch den Wogenbraus und lehrte den feurigen Jüngling auf dem Wege
-tiefe Geheimnisse der Kriegskunst. Kaum, daß Sigurd erwarten konnte, an
-Land zu gelangen.
-
-König Lyngi, der Hunding, zog dem Wolsung entgegen. Eine mörderische
-Schlacht hob an, bis Sigurd, alles niedermähend, zum Banner König
-Lyngis drang und im furchtbaren Zweikampf mit seinem Schwerte Gram den
-Hunding vom Wirbel bis zum Sitz in zwei Teile spaltete.
-
-Allein zog er weiter auf Abenteuer und erlegte auf ragendem Rheinfelsen
-den Drachen Fafnir, den Hüter der Schätze, die einst die drei
-wandernden Götter Wodan, Hönir und Loki einem Riesen als Buße für den
-irrig erschlagenen Sohn geleistet hatten, und er aß das Drachenherz und
-trank das Drachenblut und verstand mit einem Male die Stimme der Vögel,
-die von der allerschönsten Maid sangen, von Brynhild, der Wunschmaid
-in der wabernden Lohe. Wie lachte da Sigurds Jünglingsherz.
-
-Auf seinem Hengste Grani, das gute Schwert Gram an der Seite, ritt er
-durchs Land, bis er den Feuerschein gewahrte, und sprengte furchtlos
-durch die Flammen, die über seinem Haupte zusammenschlugen, und
-gelangte zu der schönen Schlafenden, die er erschauernd auf den Mund
-küßte. »Sigurd bin ich, der Wolsung! Wach auf, Brynhild, und werde mein
-Weib!«
-
-Mit staunenden Augen richtete sich Brynhild empor.
-
-»Ein Furchtloser ist gekommen, ein Furchtloser! Allvater sei Dank für
-meine Erlösung!«
-
-Und sie legte dem liebeglühenden Jüngling beide Arme um den Hals und
-erzählte ihm von ihrer Herkunft und ihrem langen Harren, und sie
-tauschten heiße Schwüre und verlobten sich einander.
-
-Noch einmal wollte er vor der Hochzeit in die Welt, Heldenruhm
-heimzubringen, und er kam auf seiner Fahrt zu König Gibich, der drei
-Söhne besaß und eine Tochter. Die Königin aber wünschte sich den
-herrlichen Helden zum Eidam, denn seine Kraft erschien ihr gefährlich
-für das Reich und sein reiches Goldgut angenehm für des Hauses Schatz.
-Einen Vergessenheitstrunk gab sie Sigurd zu trinken, also, daß er
-Brynhild vergaß und die Gibichentochter zum Weibe nahm. Als dann der
-alte König Gibich gestorben war, wünschte der junge König die schöne
-und reiche Brynhild zu freien, und Sigurd, der nichts mehr wußte von
-seinem einst beschworenen Verlöbnis, ließ sich bereden und tauschte mit
-dem König die Gestalt und gewann ihm Brynhild. Das tat er zu seinem
-Verderben.
-
-Die stolze Wunschtochter Wodans, das Weib des Gibichensohns, kam hinter
-den Betrug. Denn ihr Gatte war lässig, und Sigurd erfüllte die Lande
-mit seinen Heldentaten. Ein Streit brach aus zwischen der Stolzen und
-Sigurds Weib, und Brynhild, die verhöhnte, beschloß Sigurds Tod. Da
-ging sie hin und warb einen Getreuen. Und der Getreue fragte nicht
-viel und nahm einen Speer und stieß ihn Sigurd, der Brynhild vergessen
-hatte, in den Rücken.
-
-Die stolze Schildmaid aber hatte Sigurds nicht vergessen. Als der
-Holzstoß lohte, der des Helden Leiche trug, warf sie sich zu Sigurd
-in die Flammen, barg sein Haupt an ihrer Brust und starb, ihren
-furchtlosen Erwecker in den Armen. --
-
-Hochgefeiert saßen die Wolsungen, die Helden vom Rhein, saßen Wolsung
-und König Sigmund, saßen Helgi, der Hundingstöter, Sinfiötli und
-Sigurd Drachentöter unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
-Nordmänner Odin nannten.
-
- * * * * *
-
-Da saß der Dänenkönig _Harald Hildetand_, das ist »Eberzahn«. Blutjung
-war er mit seinen Drachenschiffen ausgefahren, um sich in Dänemark,
-seines Vaters Landen, die Krone aufs Haupt setzen zu lassen, als ein
-wütender Seesturm ihn überfiel und seine Krieger verzagten. Harald
-Hildetand verlor den Mut nicht einen Pulsschlag lang. Laut rief er
-Wodan an und weihte sich ihm und sein ganzes Heer, wenn Walvater einst
-sein irdisch Werk für abgeschlossen erachte. Und als er aufblickte --
-siehe da stand ein einäugiger Alter in Wetterhut und Wettermantel am
-Steuer, und das Schiff flog wie ein Falke über das Meer und in den
-dänischen Hafen.
-
-Gekrönt war Harald, der Eberzahn, von den glücklichen Dänen. Hildetand,
-Eberzahn, nannten sie ihn, weil ihm zwei schimmernde Schneidezähne
-wie Eberzähne wuchsen. Aber die Schweden, die das Land widerrechtlich
-in ihrem Besitz gehalten hatten, wollten es nicht leichten Kaufes
-aufgeben, sondern zogen ein so übermächtiges Heer zusammen, daß der
-Dänenschar graute. Wieder rief der junge König Wodan an und weihte ihm
-sein Leben aufs neue. Und aus der Reihe der Krieger trat der Einäugige
-im blauen Mantel und trat heimlich belehrend zu Harald Hildetand und
-stellte das Kriegsvolk keilförmig auf in Gestalt eines Eberrüssels. Den
-Schild warf der junge Held hinweg, packte in jede Hand ein Schwert,
-sprang an die Spitze des Keiles und ließ die Hörner blasen. Und der
-Keil drang in das Schwedenheer und dehnte sich und sprengte es in
-Fetzen auseinander. Und vorn an der Spitze schritt Harald Hildetand
-und schnitt mit seinen Schwertern wie mit Sensen nach links und rechts
-die Garben und weihte die Haufen der Toten Wodan. Das war für Walvater
-willkommene Beute.
-
-Hundert Kriegszüge und Wikingsfahrten unternahm Harald Hildetand Wodan
-zu Ehren, und fünfzig Jahre der Regierung schenkte ihm Allvater.
-Dann aber wünschte er den Helden zu holen. Er nahm die Gestalt von
-Harald Hildetands vertrautestem Manne an, dem Ratgeber Brugi, der mit
-einer Geheimbotschaft zu Haralds Neffen Sigurd Ring gefahren und auf
-der Reise ertrunken war. Harald Hildetand selbst hatte den tapferen
-Neffen zum König über Schweden eingesetzt. Als Brugi kehrte Wodan nach
-Dänemark zurück und säete Feindschaft zwischen Harald Hildetand und
-Sigurd Ring, die nur das Schwert lösen konnte. Sieben Jahre rüsteten
-Schweden und Dänen zum Entscheidungskampf, so groß war der Haß
-geworden und der glühende Wille, den anderen für immer zu vernichten.
-Und nach sieben Jahren trafen sich die Heere aus dem Brawallafeld in
-schwedischen Südlanden.
-
-Blind war König Harald Hildetand geworden von der Zahl der Jahre und
-ein Greis. Kein Roß vermochte er mehr zu besteigen. Aber auf einen
-Schlachtwagen ließ er sich heben und hob das Schwert. »Vorwärts, ihr
-Dänen! Vorwärts mit Wodan!« Da rannten seine Dänen an.
-
-»Ich höre ihr Jauchzen nicht mehr,« murmelte der blinde Greis nach
-einer Weile. »Wie kämpft der Feind?«
-
-Und Brugi, der neben ihm hielt, erwiderte lachend: »Er kämpft in der
-Keilform des Eberrüssels!«
-
-Harald Hildetand fuhr zusammen. Nur ihm und Wodan war dies Geheimnis
-der Schlachtordnung bekannt. Der da zu ihm sprach, war nicht Brugi,
-es war Wodan selber. Wodan rief ihn. Und er hob das blinde Haupt und
-machte sich ruhig zum Sterben bereit.
-
-Der Friese Ubbi jedoch, Harald Hildetands treuster und tapferster Held,
-wollte nichts vom geruhigen Sterben wissen. Wie ein Berserker warf
-er sich mit seiner mächtigen Streitaxt in den schwedischen Keil und
-zerspaltete die Schädel und Rückenwirbel, als spalte er Eichenklötze.
-Dreimal schlug er hin und zurück eine dampfende Bahn aus Blut, Gehirn
-und Knochen und jauchzte Harald Hildetand »Heil!«, wenn er zurückkam.
-Zu Dutzenden ließen die Schwedenhäuptlinge ihr Leben, schon wandten
-sich Heeresteile zur Flucht. Da befahl Sigurd Ring seinen sämtlichen
-Bogenschützen, nur auf den Friesen zu zielen, und von den Pfeilen
-gefiedert wie ein Aar stürzte Ubbi, der getreueste Mann, zusammen und
-hauchte seine Seele aus.
-
-Harald Hildetand vernahm die Botschaft. Hochaufgerichtet gab er seinen
-Wagenrossen die Zügel frei, daß sie ihn mitten in die Feinde führten.
-Blinden Auges mähte er, wie als Jüngling in jeder Hand ein Schwert,
-nach links und nach rechts in die Feindeshaufen. Da sprang Wodan in
-Brugis Gestalt auf den Wagen und zerschmetterte mit einem Streitkolben
-Harald Hildetands Haupt. Keine fremde Hand sollte die Silberlocken
-seines Schützlings berühren. »Dank dir, Wodan,« lächelte sterbend der
-König.
-
-Hochgefeiert saß König Harald Hildetand, der Däne, unter den Einheriern
-an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten.
-
- * * * * *
-
-Da saß auch ein anderer Dänenkönig, _Hrolf Kraki_. Der hatte, als er
-erst zwölf Jahre zählte, die Größe und Kraft eines erwachsenen Mannes
-und wurde darum Kraki, die »Stange«, zubenannt. In heißer Jugendlust
-schwur er mit zwölf seiner tapfersten Recken zu Wodan, daß sie jeden
-Kampf gemeinsam bestehen und nur zusammen sterben wollten. Das hörte
-Walvater gern, denn er gedachte seiner Einherier.
-
-Da wurde Hrolf Krakis Name berühmt in allen Meeren, die er auf
-Wikingsfahrten durchzog, und in allen Landen, die er eroberte und sich
-zinspflichtig machte. Er war ein Held nach Wodans Sinn.
-
-Einmal aber war's, daß er nach Upsala in Schweden zog, eine alte Buße
-einzufordern für den Vater, den die Schweden dort einst erschlagen
-hatten. Sein Heer litt Hunger und Durst, und nirgend war Herberge.
-Plötzlich stand ein Gehöft vor ihnen, und ein Bauer, Hrani geheißen,
-lud sie zu sich ein. Aber als die Hungernden und Durstenden sich
-gelagert hatten, entzog ihnen der Bauer Speise, Trank und Herdfeuer
-und beriet den König, nur die mit sich zu führen, die diese Probe ohne
-Murren bestanden hätten. Da waren es nur die zwölf Eidgesellen, und
-Hrolf Kraki ritt mit seinen Zwölfen weiter an des Schwedenkönigs Hof,
-der sie in ihrer Herberge ohne Brot und Wasser einmauern ließ und
-nach qualvollen Tagen Feuer an das Gebäude legen ließ. Hrolf Kraki und
-seine zwölf Gesellen besannen sich nicht lang. Sie warfen sich mit der
-Wucht ihrer Körper, als wäre es nur ein einziger Körper, gegen die
-Wand, daß die Mauer zusammenbrach und sie ins Feuer, aber auch ins
-Freie stürzten. Ein furchtbares Blutbad richteten die Wilden unter den
-Schweden an und kehrten, mit Schätzen beladen, zum Gehöft des Bauern
-Hrani zurück.
-
-Hrani blickte sie strahlend an. Und er holte ein altes Gewaffe hervor,
-ein Schwert, einen Schild und eine Brünne, und bot alles dem König
-Hrolf Kraki als Gastgeschenk. Aber der Übermütige wies das uralte
-Gewaffe lachend zurück.
-
-»Unweise bist du,« zürnte der Bauer, »du wirst es zu spät erkennen,«
-und er kündigte ihnen die Herberge auf.
-
-Als König Hrolf mit seinen zwölf Gesellen nun durch die dunkle Nacht
-ritt, erkannte sein Geist, daß der Bauer Hrani Wodan selbst gewesen
-war, der ihm mit geweihten Waffen ein langes Leben verleihen wollte,
-und er wandte sein Roß und sprengte zurück. Wie er aber auch suchte,
-Gehöft und Bauer blieben verschwunden. Nun wollte Wodan sein Leben
-früher als bisher.
-
-In Dänemark saß Hrolf Kraki und regierte ohne Krieg. Da gedachte seiner
-Schwester Mann, es sei an der Zeit, die Krone zu stehlen, und er kam
-mit einem unabsehbaren Gefolge und lud sich bei ihm freundlich zu Gast.
-In der Nacht aber ließ er alles Lebendige in der Burg niedermetzeln,
-und nur den zwölf Eidgesellen gelang es, sich zur Schlafkammer ihres
-Königs durchzuschlagen. Noch einmal tranken sie wie in Jugendtagen aus
-demselben Horn sich zu und erneuerten den alten Schwur. Dann warfen sie
-sich singend auf den Feind, erschlugen die Hälfte und sanken erst zu
-Tode, als keine heile Stelle mehr an ihrem Körper war.
-
-Trunken lehnte der Verräter auf König Hrolf Krakis Thron. »Ist noch ein
-Mann übrig von meines Schwähers Gesindel?« Und die Tür öffnete sich,
-und ein alter einäugiger Kämpe trat herein. Der sprach: »Hier ist noch
-einer,« und stieß ihm das Schwert durch den Hals. --
-
-Hochgefeiert saß der Dänenkönig Hrolf Kraki unter den Einheriern an der
-Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --
-
- * * * * *
-
-Da saß auch ein Schwedenheld, König _Beowulf_. Abenteuerlustig und
-furchtlos war er gewesen, wie kaum ein anderer. Dem Stamm der Wägmunde
-gehörte er an, die ihren Stammbaum bis auf die Götter führten. Und eine
-Tat, der Götter würdig, hatte er getan.
-
-Von dem scheußlichen Meerriesen _Grendel_ ging zu jener Zeit erneut
-Gerücht durch alle Lande. Der Dänenkönig Hrodgar hatte nahe dem Meere
-eine herrliche Halle aufführen lassen für Helden und Sänger, und
-Lachen und Lebensfreude scholl weit über die Wasser. Da tappte bei
-Nacht aus den Nebeln der Meere lüstern der Meerriese Grendel hervor,
-und das Ungeheuer würgte dreißig der sorglos schlafenden Helden und
-schleppte die Leichen in sein Versteck. Nacht für Nacht schlich er auf
-Nebelschuhen in den Saal, kein Stahl ritzte seine Haut, kein Männerherz
-konnte ihm widerstehen. Verödet lag die herrliche Halle bald, und wer
-sie betrat, der wurde bei Nacht erwürgt und ausgesogen. Laut jammerte
-das dänische Volk und rief nach dem Retter.
-
-Das hörte der starke Beowulf in Schweden, der nichts von Gruseln
-kannte und nur das Zupacken, wie es der Donnerer liebte. Als halber
-Knabe noch hatte er fünf Tage und Nächte ohne Unterbrechung schwimmend
-im Meere zugebracht, um Abenteuer zu bestehen, auf dem Meeresgrunde
-Wasserungetüme erlegt und von den nadelspitzen Klippen neun
-Wassermänner heruntergestochen, bis ihn eine Woge glücklich wieder ans
-Land geworfen hatte. Nun zog Beowulf in seiner stärksten Manneskraft
-aus, den scheusäligen Unhold Grendel zu bekämpfen, und er nahm vierzehn
-unerschrockene Männer mit sich.
-
-Da des Meerriesen Haut kein Stahl durchdrang, so beschloß der kühne
-Schwede, ihm waffenlos und nur mit den bloßen Fäusten zu begegnen.
-Seine Gefährten schliefen in der Halle, die der Dänenkönig Hrodgar mit
-allen seinen Helden und Höflingen am Abend verlassen hatte. Beowulf lag
-zwischen den Seinen mit wachen Augen. Dunkle Nebel stiegen vom Moor
-und Sumpf und schlichen wie Pesthauch ins Gemach. Das war Grendels
-Atem. Jetzt tappte er selbst heran, zerbrach den Türriegel, schlürfte
-in den Saal, ergriff den ersten der Schlafenden, riß ihn in Stücke
-und sog das Blut aus. Jetzt griff er mit der Krallenhand nach dem
-zweiten. Der zweite war Beowulf. Blitzschnell packte Beowulf zu und
-packte so furchtbar stark, daß er dem Ungetüm alle Finger der Hand
-zerbrach. Brüllend wollte der Meerriese fliehen, aber Beowulf hielt
-fest. Aus dem Saale wollte Grendel, aber Beowulf stemmte den Fuß
-gegen die Mauer und hielt des Riesen Handgelenk in seinen Fäusten
-wie in einem Schraubstock. Da rissen des Riesen Achselsehnen von der
-übergewaltigen Anstrengung, der Arm riß in der Wurzel aus und blieb mit
-der Riesenfaust in Beowulfs Händen. Der nagelte die Faust unter dem
-Jubel der erwachten Gefährten an die Saaldecke, während der Riese, der
-sich hastig verbluten mußte, durch den Nebel taumelte und schwand.
-
-Ein großes Gelage gaben die fröhlichen Dänen dem siegreichen Kämpen
-und füllten ihm und seinen Gefährten die Schilde mit Gold. Die Nacht
-über blieben alle und dachten nicht mehr an die Furcht, als sie sich
-auf die Polster streckten. Aber da tappte im Nebel Grendels Mutter
-einher, ein wölfisches Ungeheuer. Mit stickigem Atem kam sie, den Tod
-des Sohnes zu rächen, und ergriff und zermalmte einen der dänischen
-Edelinge. Vom wilden Waffenlärm erschreckt, entfloh die Mörderin in
-ihren Unterschlupf.
-
-Beowulf verfolgte ihre Spur. Immer unheimlicher wurde der Weg, immer
-schauriger der Wald, immer sumpfiger der schwankende Boden, den das
-Meer unterhöhlte. Feuerflammen tanzten auf den Fluten, ekelhaft Gewürm
-spreizte sich auf den Klippen, Riesenkrebse und boshafte Nixe. Hier war
-der Eingang zu Grendels Behausung, und Beowulf tauchte ohne Zögern
-in die Schrecken der See. Sofort fiel ihn mit Scheeren und Zangen das
-Wassergetier an, aber seine gute Brünne widerstand, und er tauchte
-tiefer zu Grund. Jetzt packte ihn die Wölfin, Grendels Mutter, bei den
-Beinen und schleifte ihn in eine wasserleere Grotte. Aufsprang der
-Held und warf sich mit Macht auf das geifernde Wolfsweib. Aber seine
-Kräfte ließen nach, und schon schien es, als müsse er der rasenden
-Unholdin erliegen. Ein Riesenschwert erblickte er an der Wand. Er riß
-es herunter und stach nach der Wölfin. Die scharfe Spitze ritzte nicht
-ihre Haut. Da überkam ihn der Berserkerzorn, und er packte das Schwert
-bei der Klinge und holte aus und zerschmetterte mit dem Knauf der
-wölfischen Riesin das Rückgrat, daß sie winselnd verendete. Und nun
-gewahrte er auch den Körper des toten Grendel und schnitt ihm den Kopf
-ab und stieg nach mühseligem Suchen und Wandern vom Meeresgrund auf zu
-den stürmisch jubelnden Gefährten.
-
-Heimgekehrt nach Schweden, verübte er als hochsinniger König viele
-Heldentaten bis in sein Alter, und die letzte war, daß er, der Greis,
-einen menschenmordenden Drachen erlegte, den die Jünglinge und Männer
-flohen. Den überreichen Hort schenkte er den Schweden als letzte
-Königsgabe. Er selbst aber verschied an den Wunden des Kampfes und
-wurde zu Hronesnäß auf dem Holzstoß verbrannt, während aller Augen
-weinten. Über seiner Asche ward ein gewaltiger Hügel getürmt, und als
-Beowulfs Burg blickte das Heldenmal über die See, allen Wikingen ein
-ehrfürchtig Zeichen. --
-
-Hochgefeiert saß der Schwedenkönig Beowulf unter den Einheriern an der
-Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --
-
- * * * * *
-
-Da saßen auch die Norwegerkönige _Harald Harfagar_, das ist Harald
-Schönhaar, und _Erik Blutaxt_ und _Hakon der Gute_, die Haraldssöhne.
-In einem Meer von Blut hatte Harald Harfagar den Übermut der
-norwegischen Großen erstickt und mit fester Faust ein norwegisches
-Reich unter seinem Zepter errichtet. In einem Meer von Blut hatte des
-Schönhaars Sohn, Erik Blutaxt, gewatet, bis er aus dem Lande weichen
-mußte und auf wilder Wikingsfahrt in England ein neues Reich gewann. In
-neuem Kampf gegen Englands König fiel er und nahm fünf Könige mit in
-den Tod und tausende von Mannen. Wodan selbst befahl, ihn festlich zu
-empfangen, Bragi, der Dichtergott, griff begeistert in die Saiten, und
-König Sigmund vom Rhein erhob sich mit Sinfiötli, seinem Sohn, Erik
-Blutaxt entgegenzugehen.
-
-»Nur eins sage mir, Wodan,« bat König Sigmund, »weshalb nahmst du dem
-blutigen Erik den Sieg, da er dich doch der kühnste der Könige dünkt?«
-
-Da sprach Wodan und sah ihm fest in die Augen: »Weil es ungewiß ist,
-wann der graue Wolf zum Sitze der Götter kommt.«
-
-Und Sigmund wußte, daß Allvater vom heulenden Fenriswolf und vom
-letzten Kampfe gesprochen hatte und schritt mit Sinfiötli zum Tor und
-bewillkommnete jubelnd Erik Blutaxt und die fünf Könige, die ihm folgen
-mußten, und den Heerbann der Helden.
-
-Und wieder stand Wodan aufhorchend in Walhall und wies Bragi an, den
-Dichtergott, und Hermod, den Götterboten, vors Tor zu schreiten und den
-Haraldssohn Hakon festlich zu empfangen. Abgeirrt von den alten Göttern
-war Hakon, als er an seines Bruders Erik Statt das Zepter von Norwegen
-ergriff, aber heimgefunden hatte er vor der letzten Schlacht zu dem
-Glauben an Wodan. Darum wollte ihn Allvater besonders ehren. Seine
-Walküren sandte er auf die rauchende Walstatt, auf der König Hakon mit
-den Erikssöhnen rang, die aus England heimgekehrt waren, und alles
-Volk kämpfte für seinen König, den es um seiner Guttaten willen liebte.
-
-König Hakon rief zu Wodan und hörte die Walküren rauschen. Und er hörte
-ihr Jauchzen: »Nun wächst der Götter Glück, weil die Waltenden Hakon
-mit einem großen Heere zu sich heim entboten.«
-
-Siegreich blieb König Hakon in der Schlacht, aber von Wunden bedeckt,
-lag er auf dem Schilde. Freunde und Feinde umdrängten den Sterbenden,
-um noch einen Blick aus seinen Augen zu erhaschen, der der beste König
-war in Norwegen, und kein besserer war nach ihm.
-
-Blutbespritzt stand der König mit seinen Mannen an der Pforte Walhalls,
-von Hermod geleitet, von Bragi mit Heldenliedern begrüßt.
-
-»Helme und Brünnen wollen wir anbehalten und das Schwert nicht von uns
-tun,« sprach der König zu Wodan. »Es ist gut, bereit zu sein.« Und
-Wodan nickte, denn er kannte die Nähe der Stunde.
-
-Hochgefeiert saßen Norwegens Könige, Harald Harfagar, Erik Blutaxt
-und Hakon der Gute, unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
-Nordmänner Odin nannten. --
-
- * * * * *
-
-Noch einer aber saß unter dem Hunderttausend. Der war aus Westfalenland
-und hieß _Hermann, der Cherusker_. In Germanien war er aufgestanden,
-als es keinen Mann gab, die deutschen Gaue von der alles erdrosselnden
-Römerherrschaft zu befreien. Er, der Einzige, rief die hadernden
-Stämme zusammen und rief den Mannesmut und den Heldenzorn an in den
-erloschenen Gemütern. Er, der Einzige, zeigte den verzagten Deutschen,
-was Schwerter wert sind in der Hand von Männern, denen die Ehre lieber
-ist als das Leben. Und sie ballten sich zusammen und erschlugen im
-Teutoburger Wald das römische Heer, mehr denn zwanzigtausend Mann. Der
-Befreier des Vaterlandes wurde der Cheruskerfürst und ward zum Dank von
-Neidlingen erdolcht. --
-
-Auf dem Ehrenplatz an der Einheriertafel in Walhall saß Hermann, der
-Cherusker, und keinen liebte Wodan wie ihn. -- --
-
-
-
-
-Um Baldur.
-
-
-»Gut ist's, bereit zu sein.«
-
-Am Tische der Einherier war das Wort gefallen. Wodan wußte es lange.
-Und er wußte die Vorzeichen, die das Nahen der Stunde kündigten. Wenn
-das volle Licht getötet wird von der blinden Nacht, wenn der sonnenlose
-Winter die Lichtzeiten Frühling und Sommer vernichtet haben wird.
-
-Noch lebte der Gott des lachenden Frühlings und der Sommerhöhe, noch
-lebte Baldur, der fleckenlose. Auf seiner himmlischen Burg Breidablick,
-dem Breitglanz des Himmels, lebte er mit seinem süßen Weibe Nanna,
-die da war wie eine Blume zwischen Blüte und Frucht, und das Glück
-der Wärme ging von ihm aus. Alle liebten sie ihn, die Götter wie die
-Menschen, und selbst die Riesen der Eisländer waren ihm zugetan, da
-auch sie seines Lichtes und seiner Wärme bedurften. Lebensfröhlichkeit
-war, wo Baldur erschien, selige Hoffnung, Liebe zur Arbeit, Glaube an
-eine höhere Welt. Die Menschen hoben die Häupter, blickten lächelnd in
-das Licht und ließen ihren Arbeitsgeist bestrahlen zu höheren Dingen.
-Da wuchs aus dem Werktag der Feiertag und aus dem Feiertag wuchsen die
-Künste, die wiederum den Werktag veredelten, und Baldur war es, der
-allen Empfindungen des Geistes und der Seele zur höheren Weihe verhalf.
-
-Solange Baldur lebte, wuchs die Welt und in der Welt die Gesittung.
-
-Nun war es seit etlicher Zeit, daß Baldur am Tage schwermütig
-dahinschritt und in der Nacht von beängstigenden Träumen zerquält
-wurde. Schnell merkten es die Götter, denn das glückliche Lachen tönte
-nicht mehr von Breidablick über Asgards Fluren hin, bald merkten es
-auch die Menschen, denn der Frühling kam karg und der Sommer ohne
-Freude, und selbst die Riesen spähten unruhig nach dem bißchen Licht
-und Wärme ihres Himmels aus. Trübsinn zog in die Gemüter der Asen, und
-sie erforschten den traurigen Baldur, bis er ihnen alle seine Träume
-und Gedanken offenbarte.
-
-Frigg, die stillsorgende Himmelsmutter und Mutter Baldurs, faßte sich
-zuerst. Ihr Sohn war in Gefahr. Also galt es, nicht zu beratschlagen,
-wie die Männer taten, sondern zu handeln. Und sie machte sich auf
-und ging zu allem, was da lebte und webte, wuchs und beharrte, zu
-Menschen und Riesen und Alben, zu Feuer und Wasser und Erde, zu Erzen
-und Steinen, Pflanzen und Giften und zu sämtlichem Getier, und alles
-nahm sie in feierlichen Eid, dem Leib und Leben Baldurs nimmermehr
-zu schaden. Da war große Freude, als die stillsorgende Himmelsmutter
-wiederkehrte und in Asgard Baldurs Unverletzlichkeit verkünden konnte.
-Wie die Kinder wurden die Götter in ihrer Ausgelassenheit, und sie
-trieben Spiele und Scherze mit Baldur, um den Zauber zu erproben. Nur
-Loki stand mißgünstig zur Seite, wenn die Götter mit Geren und Pfeilen
-auf Baldur schossen, mit Schwertern und Steinen nach ihm zielten, ohne
-dem leuchtenden Gott auch nur das geringste Leid antun zu können. Denn
-Loki empfand, daß seine neidische Seele nur noch tiefer in den Schatten
-sinke vor Baldurs sonnenreiner Klarheit.
-
-Allvater Wodan aber schritt sinnend aus dem Kreise der Fröhlichen und
-sattelte seinen Hengst Sleipnir. Denn er vermochte nicht freier zu
-atmen trotz der Eide, die Frigg, seine Gemahlin, genommen hatte, weil
-er die Zukunft kannte und wußte, daß sich das Schicksal nicht betrügen
-ließe. Nur eine Gegenprobe zu dem eigenen Wissen wollte er machen und
-in die finstere Hel, das Reich der Todesgöttin, reiten.
-
-»Wir reiten zur _Wolwa_, der Weissagerin, die jenseit der Hel im Grabe
-ruht,« sprach er zu seinem Rosse, und Sleipnir schoß wie ein Vogel
-hinab gen Niflheim. Geifernd bellte der blutige Hund der Hel, doch
-Wodan achtete seiner nicht und ritt durch die dunklen Schrecknisse, bis
-er am Rande des Totenreichs das Grab der Wolwa fand. Hier saß er ab und
-sang der Hexe den Leichenzauber, bis sie sich widerwillig erhob.
-
-»Tot war ich lange. Was willst du von mir?«
-
-»Antwort will ich, für wen im Hause der Hel die Bänke mit glitzernden
-Brünnen, und mit Gold die Dielen belegt sind!«
-
-»Für Baldur geschah's. Auf ihn wartet das Methorn der Hel. Laß mich
-schweigen.«
-
-»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer es ist, der Baldurs Blut
-vergießen wird.«
-
-»Hödur heißt er. Nun begehr ich zu schweigen.«
-
-»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer die Blutrache nimmt für
-die ruchlose Tat.«
-
-»Ried wird Wodan den Wali gebären. Eine Nacht nur alt, zieht er aus in
-den Kampf. Das Haupt nicht kämmt er, die Hände nicht wäscht er, bis
-Baldurs Mörder im Blute liegt. Nicht gerne sprach ich, begehr nun zu
-schweigen.«
-
-Erschauernd hatte die Wolwa Wodan erkannt, den alten Schöpfer der Welt.
-
-»Kein anderer Mann soll wieder mich wecken, bis von den Fesseln Loki
-sich löst und die Feinde kommen zum Sturze der Götter!« rief sie mit
-letzter Kraft und sank in das Grab zurück. --
-
-Wodan ritt heim. Er hatte die Probe auf sein Wissen gemacht, und sein
-Wissen war Wahrheit.
-
-Immer noch trieben die Götter auf Asgards Wiesen mit Baldur die
-fröhlichen Kampfspiele. Immer noch ging Loki neidverzehrt umher. Eine
-neue Arglist sann er aus, und er humpelte in Gestalt einer alten
-Dienerin zu Frigg, der stillsorgenden Himmelsmutter, und plauderte mit
-ihr.
-
-»Welch ein Wunder ist es mit Baldur, unserm Liebling. Nichts und nichts
-auf der Welt vermag ihm zu schaden.«
-
-»Ich nahm alle Dinge in Eid, wie Mütter tun,« erwiderte freundlich
-Frigg und zählte sie alle her, bei denen sie gewesen war.
-
-»Vergaßest du auch nichts? Hast du auch nichts übersehen?«
-
-»Nichts übersah ich. Nur die Mistel ließ ich aus, die in den Bäumen
-wuchert. Kaum hat sie das eigene Leben.«
-
-Loki aber begab sich alsbald in den Wald und fand die unscheinbare
-Mistel, die nur im Winter blüht, und schnitt sie ab und fertigte aus
-der Ranke einen dünnen, scharfen Ger. Und er kehrte zurück in den Kreis
-der Götter, die lachend auf Baldur, den lichten Gott des Frühlings und
-der Sommerhöhe, ihre Speere schossen, und traf auf den blinden Hödur,
-den Gott der Nächte und des sonnenlosen Winters.
-
-»Weshalb bleibst du dem Spiele fern?« fragte der Arglistige. »Auf,
-versuch deine Kunst.«
-
-»Ich bin blind,« klagte Hödur, »sehe das Ziel nicht und führe keine
-Waffe.«
-
-Da drückte ihm Loki den Ger aus Mistelzweig in die Hand und lenkte
-seinen Arm. Mächtig warf der blinde Hödur, pfeifend durchschnitt der
-dünne scharfe Ger die Luft, durchbohrte Baldurs Leib und Leben.
-
-Entsetzen lähmte die Glieder der Götter. Kein Laut entrang sich ihrem
-Munde. Tot war Baldur, und ein Mord war geschehen im Himmel. Und
-plötzlich war ein wildes Weinen in ganz Asgard.
-
-An der heiligen Freistätte durften die Götter die Übeltäter nicht
-greifen. Hastig entwich Loki, und Hödur stand wie versteinert. Frigg
-aber, die Schmerzensmutter, wischte zuerst die Tränen vom Angesicht.
-
-»Zur bleichen Hel ist Baldur gefahren, mein liebster Sohn. Wer reitet
-den Weg und bittet ihn los von der Hel gegen alles Lösegeld, das sie
-verlangt? Wer fürchtet sich nicht und reitet um meiner Liebe willen?«
-
-Da trat Hermod vor, Wodans schneller Sohn, und das schnellste Roß wurde
-gebracht, Sleipnir, Wodans achtfüßiger Hengst. Und Hermod schwang sich
-in den Sattel und trat den Helritt an.
-
-Denn das verlangte die unerbittliche Gerechtigkeit, der auch die Götter
-unterworfen waren, daß die Seele dessen, der in Asgard verschied,
-zur Hel mußte. Wie wäre es sonst ein Sterben für die Asgardbewohner
-gewesen, wenn sie in derselben Stunde des Todes in Walhall auferstanden
-wären und wiederum unter Göttern und Helden gesessen hätten! Wer von
-den Göttern fiel, schied aus. Er gehörte der Hel. So verlangte es die
-ausgleichende Gerechtigkeit.
-
-»Blutrache«, war der Götter erster Gedanke, als sie zur Besinnung
-kamen. Bei Göttern und Menschen, soweit es Männer waren, gab es kein
-heiliger Wort. Und sie blickten einander in die Augen, wer sie üben
-solle.
-
-»Mein ist die Rache,« sprach Allvater, »aus meinem Blute wird Baldur
-gerächt werden. Euch aber brauch ich zu anderen Taten.« Und er ging hin
-und fand die riesische Jungfrau _Ried_, die sich zu den Asen hielt, und
-sie gebar ihm in selber Nacht einen Knaben, den Wodanssohn _Wali_.
-In selbiger Nacht wuchs Wali zu seiner ganzen Manneskraft auf, und er
-kämmte nicht sein Haar und wusch nicht seine Hände, bis er wichtigeres
-vollbracht hatte, das Wichtigste, das dem Bruder ziemte. Hödur,
-Baldurs Mörder, suchte er auf und traf den Unglücklichen am Rande der
-Morgendämmerung und erwürgte ihn. --
-
-Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
-aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
-Wetterleuchten.
-
-Die Asen aber trugen Baldurs Leiche ans Meer und betteten sie hoch oben
-auf dem Holzstoß, den sie auf des toten Gottes Luftschiff Hringhorn
-geschichtet hatten. Wodan kam mit seinen Raben und Wölfen, und Frigg
-kam mit ihm und die Schar der Walküren. Mit seinem Bockgespann brauste
-der Donnerer herbei, Freyer fuhr mit seinem goldborstigen Eber, dem
-Geschenk der Zwerge, Heimdall, der getreue Himmelswächter, ritt seinen
-schnellen Hengst, und die liebliche Freya lenkte ihr Katzengespann. Zu
-Fuß, zu Roß und zu Wagen kamen die Götter und Göttinnen alle, und viel
-trauerndes Volk der Riesen und Alben kam, das, obschon es im ständigen
-Kampfe mit den Asen lag, den einzigen Baldur ausnahm aus aller
-Feindschaft. Die Himmel weinten, die Erde erschauerte im Schmerz, und
-ein wildes Klagen erschütterte die ganze Natur.
-
-Nanna aber, Baldurs geliebtes Weib, die in des Gottes leuchtender und
-wärmender Liebe wie eine Blume gewesen war zwischen Blüte und Frucht,
-vermochte ihr Leid nicht mehr zu fassen. »Baldur!« schrie sie auf, daß
-der Schrei des Namens wie aller Klagen Klage durch die Welten lief, und
-in diesem einen Schrei brach ihr das Herz.
-
-Da legten die Götter Nannas Blumenleiche auf den Holzstoß, und sie lag
-zur Seite des Geliebten, dem Frühling und Sommer das Leben waren.
-
-Auf runden Hölzern ruhte das Schiff, um schnell in das Meer gerollt zu
-werden. Aber von allen Opfergaben war es so schwer, daß es sich nicht
-von der Stelle bewegte, denn auch Baldurs Sonnenroß, aufgezäumt in
-seinem blitzenden Geschirr, war auf den Scheiterhaufen geführt worden
-und Schätze über Schätze aus allen Landen. So sehr ward Baldur geliebt.
-
-Die Riesen rieten in der Not der Götter, die Stärkste der Starken, das
-Riesenweib Hyrockin, holen zu lassen. Das Weib kam angesprengt auf
-einem gewaltigen Wolf, dem sie statt eines Zaumes eine Natter durch
-das Maul gezogen hatte, um den Göttern furchtbarer zu erscheinen. Und
-um die Götter mit ihrer Kraft zu schrecken, stieß sie, während vier
-Berserker ihren Wolf kaum auf dem Boden halten konnten, das Schiff mit
-einem so unbändigen Ruck ins Wasser, daß die Holzrollen Feuer spien und
-fast das ganze Schiff mit seiner heiligen Ladung vom unheiligen Feuer
-verzehrt worden wäre.
-
-Blut trat dem Donnerer in die Augen. Er hob den Hammer, um die
-Unverschämte zu zerschmettern. Aber die Götter fielen ihm in den Arm,
-und die Riesen baten für ihr Leben, da ihr freies Geleit zugesichert
-sei. Da ließ er sie laufen.
-
-Im Wasser schwamm das Schiff mit der teueren Last. Noch einmal nahm
-Wodan Abschied von dem schönen Leib des Sohnes und legte ihm als letzte
-Gabe den kostbaren Ring Draupnir auf den Holzstoß, den Tröpfler, das
-Geschenk der Zwerge, dem jede neunte Nacht acht neue Ringe enttropften.
-Dann trat der Donnerer an den Holzstoß und weihte die Götterleichen mit
-dem Zeichen des Hammers.
-
-Alsbald entzündeten die Asen die Scheiter mit dem heiligen Feuer aus
-Asgard, und das Schiff fuhr wie eine Fackel hinaus auf das dunkle Meer,
-immer weiter und weiter, bis es in Flammen verging.
-
-Fröstelnd kehrten die Asen, fröstelnd kehrten die Riesen und Albe heim.
-Wie in Todesfrost erschauerten die Menschen.
-
-Immer aber und immer noch kreiste Nannas Schrei um Baldur durch die
-Welt und wollte nimmer vergehen. --
-
-Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
-aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
-Wetterleuchten. Das war das einzige Licht, das ihm den Weg erleuchtete
-durch die gräßliche Finsternis der Unterwelt.
-
-Am Abend des neunten Tages gelangte er an den Totenstrom Gioll, der
-das Reich der Hel von allen anderen Reichen trennt, und die goldene
-Giollbrücke krachte in allen Fugen, als Sleipnirs Hufe über die
-Planken donnerten. Eine Jungfrau erschien, Modgud mit Namen, das ist
-»Seelenkampf«, die warf sich dem Reiter entgegen. »Wer bist du, und was
-suchst du Lebender im Reich der Toten?«
-
-»Ich bin Hermod, Wodans Sohn, und suche Baldur, meinen Bruder.«
-
-»Ich dachte es mir, daß du kein Gewöhnlicher bist,« entgegnete Modgud
-besänftigt. »Fünf Haufen Toter ritten gestern über die Brücke, aber
-die Hufe aller ihrer Rosse donnerten nicht so auf der Brücke, als die
-deines einzigen.«
-
-»Sahst du auch Baldur reiten?« drängte der Ase sie.
-
-»Wohl sah ich Baldur. Er ritt zur Ehrenhalle der Hel, wo sie selber
-thront.« Und sie wies ihm den Weg.
-
-Weiter sprengte Hermod den Helweg durch die Finsternis und gelangte an
-ein haushohes Eisengitter, das die Wohnung der Hel umschloß. Siebenfach
-verriegelt war die Pforte und sonst kein Eingang und Ausgang.
-
-»Sleipnir, es gilt!« hauchte Hermod dem Hengste ins Ohr und nahm ihn
-zum Sprunge zurück. Und Wodans Jagdpferd setzte an und setzte im
-Steilsprung über das Gitter und hielt wie aus Stein vor Hels Halle.
-Dankbar klopfte ihm Hermod den Hals. Dann trat er ein.
-
-Den Asenmut nahm Hermod zusammen, als er das Bild, das dort sich ihm
-bot, erblickte.
-
-Zur Hälfte schwarz, zur Hälfte fleischfarben, saß die grausige Hel mit
-hängendem Kopf und klaffenden Kiefern auf ihrem Thron. Unerbittlich war
-ihr Gesicht. Und um die Erbarmungslose geschart, saßen mit tottraurigen
-Augen Könige und Helden, die den Strohtod gestorben waren an Krankheit
-oder Altersschwäche, und nicht den Jubeltod im Schlachtenwetter, in
-dem die Walküren zu Walhall entbieten.
-
-So still und traurig war es, daß man die Tropfen von den Steinwänden
-fallen hörte in grauenhaft eintöniger Wiederkehr.
-
-Auf hohem Ehrensitz, die Bank mit goldenen Brünnen, den Boden
-mit goldenen Fliesen belegt, saß traumverloren Baldur, von Nanna
-umschlungen. Vor ihm stand der Metkrug, wie vor den Königen und Helden,
-aber unberührt hatte ihn der Träumer gelassen. Des Gottes Geist träumte
-in die Zukunft.
-
-Zu dem stillgewordenen Bruder trat Hermod und setzte sich zu ihm. Die
-ganze Nacht sprach er zu ihm über das Weh der Welt und über die Wünsche
-Friggs, den Sohn wiederkehren zu sehen zum Besten aller Wesen. Und
-Baldur hörte ihm zu und spann seine Gedanken.
-
-Als der Tag anbrach, ging Hermod zum Throne der Hel.
-
-»Wisse,« sprach er zu ihr, »daß ich dir die Wünsche der mächtigen Asen
-bringe, Baldur heimzusenden nach Asgard. Seit er schied, ist die Welt
-von Schmerzen erschüttert und will nicht mehr leben. Was aber sind
-die Götter, was bist auch du ohne die immer sich neugebärende Welt!
-Verzichte auf dein Recht auf Baldur, und die Menschen werden dich
-lieben, wie sie Baldur lieben.«
-
-»Deine Worte klingen gut,« antwortete die finstere Hel, »aber der
-Bittende hat tausend Gründe, wo das Recht nur einen hat. Trotzdem:
-ich will deine Gründe erproben. Wenn alle Wesen und Dinge der Welt
-um Baldur als den geliebtesten und unersetzlichen weinen, so soll er
-heimkehren in das Licht. Weigert ein Einziges Liebe und Tränen, so muß
-er bleiben. Geh hin und künd es den Göttern.«
-
-Und Hermod ging und nahm fröhlichen Abschied von Baldur, und Baldur gab
-ihm für Wodan den Ring Draupnir, den Tröpfler, zurück, da es im Reiche
-der Hel kein Verwenden für ihn gäbe. Und Nanna gab von den reichen
-Opfergaben, die ihren Holzstoß geschmückt hatten, Gewänder und Gewebe
-für Frigg und Freya und die Göttinnen alle. Hochgemut ritt Hermod den
-Helweg zurück, wußte er doch, daß alle Welt um Baldur weinte und weiter
-weinen würde, um Baldur, den jeder lieben mußte.
-
-Wieder griff Sleipnir aus und donnerte den Helweg entlang. Und
-Hermod sah die Scharen der Müden und Stillen des Weges ziehn, die
-sich freuten, im Reiche der Hel die Ruhe zu finden, aber er sah
-auch die Scharen der Meineidigen und Mörder, und der Landesverräter,
-die schlimmer als Mörder und Meineidige sind, und sie durften nicht
-über die Brücke des Totenstromes Gioll hinüberwandern und mußten mit
-nackten Füßen durch das Flußbett waten, das mit hunderttausend scharfen
-Schwerterspitzen gespickt war. Brünstige Giftschlangen lauerten in Hels
-Reich auf die, die um eigenen Vorteils willen das Leben der Völker
-vergiftet hatten.
-
-»Sleipnir, greif aus,« schmeichelte Hermod dem Hengst, und der Hengst
-verstand und stob durch die Hel und das ganze, unendliche Niflheim
-und gewann die Oberwelt und stürmte, die Wolkenrosse weit hinter sich
-lassend, nach Asgard hinauf, wo die Götter harrten.
-
-Da herrschte Freude in allen Hallen, als Hels hoffnungsvoll klingender
-Spruch offenbar wurde, und alsobald eilten die Boten durch Himmel und
-Erde und Jotunheim und forderten die Tränen von den Lebendigen und von
-allen leblosen Dingen. Und die Menschen weinten mit den Göttern, und
-die Riesen weinten mit den Alben, von den Bäumen und Blumen tropften
-die Tränen, und selbst die Steine weinten, da Baldurs Sommer ihre
-Winternässe nicht mehr hinwegnahm.
-
-Loki saß in einer Höhle und fürchtete fiebernd für sein Neidlingswerk.
-Er nahm die Gestalt eines Riesenweibes an und nannte sich Thock, als
-die Boten der Asen bei ihm einkehrten, das ist: das Dunkel.
-
-Und die Boten sprachen: »Du bist das letzte Wesen, das wir fanden und
-noch nicht baten. So bitten wir auch dich: Weine, weine um Baldurs, des
-Vielgeliebten, Tod und Wiederkehr.«
-
-Die Riesin Thock wiegte kaum den Kopf.
-
-»Ich heiße das Dunkel und dämmere im Dunkel dahin. Was schiert mich
-der lichte Baldur! Sein Leben hat so wenig Nutzen für mich wie sein
-Sterben, und mein Auge hat keine Tränen. Hel behalte ihr Eigentum.«
-
-Sie verschwand in der Tiefe der Klüfte, und die Boten erkannten
-entsetzt, daß es Loki gewesen war.
-
-Gebrochen kehrten sie heim durch die Tränenbäche der Welt, die umsonst
-geflossen waren, und kündeten den Göttern das Geschehnis. In tiefem
-Schweigen vernahmen es die Asen. Sie blickten auf Wodan, den Vater. Der
-saß wie aus Stein, nur sein Einauge blitzte. Endlich erhob er sich.
-
-»Die als Götter gelebt haben, müssen auch als Götter zu sterben wissen.
-Sprecht es weiter.«
-
-Und er hüllte sich in Mantel und Hut, um Mimirs stillen Quell
-aufzusuchen. --
-
-Ein Gastmahl bot Ägir, der Beherrscher der Meere, den Asen an, um sie
-seiner Freundschaft zu versichern. Und sie gingen alle hin, die Götter
-und Göttinnen, auf ein paar Stunden anderen Sinnes zu werden. Denn
-Ägirs kristallene Halle war eine Freistatt, und Frevel war, sie durch
-Streit zu entweihen.
-
-So saßen sie bei dem Meerbeherrscher und freuten sich des Mahles und
-des Metes, und nur der Donnerer war abwesend. Plötzlich aber vernahmen
-sie heftigen Wortwechsel und sahen Loki, der sich die unantastbare
-Freistatt zu nutze machte und einzutreten begehrte. Als ihm der
-Türhüter den Zutritt um des Friedens willen Diener wehrte, schlug ihn
-der erboste Loki so hart, daß der treue entseelt zu Boden sank.
-
-In wilderwachtem Grimm sprangen die Asen auf und griffen zu den Waffen,
-den Bösewicht unschädlich zu machen. Der aber berief sich höhnend
-auf die Heiligkeit der Freistätte und erzwang sich seinen Platz an
-der Tafel. Und während er frech zugriff und den Metkrug leerte wie
-ein gerngesehener Gast, überschüttete er Götter und Göttinnen mit
-Schmähreden, warf dem einen Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, dem anderen
-Feigheit, Gier, Geilheit den Dritten vor und zieh die Göttinnen der
-Schamlosigkeit, der Unzucht und aller Weiberuntugenden von tausenden
-von Jahren. Seine Lästerzunge lief wie ein Rad. Er wußte, daß er
-verfemt war, und wollte darum Gift und Galle seiner verdorbenen Seele
-über die früheren Bank- und Fahrtgenossen ausspritzen, bevor er auf
-immer verschwinden mußte. Er schonte selbst die Himmelsmutter nicht und
-nicht die goldhaarige Sif, als Sifs Gatte, der Donnerer, eintrat und
-der Lästerzunge Einhalt gebot.
-
-»Du willst mir gebieten?« höhnte ihn Loki, »du, der sich im Däumling
-eines Riesenhandschuhs verkroch?«
-
-Schweigend griff der Donnerer nach dem Hammer Mjolnir. Die Sprache
-verstand der Verräter.
-
-»Zum letzten Male sitzt ihr bei Ägir zum Trunk! Das letzte Bier hat er
-euch gebraut! Feuer soll bald diese Halle verzehren, wie euch Asen der
-Wolf verschlingen wird und Muspels Feuer und meine Tochter, die Hel!«
-
-Kreischend schrie er seine Verwünschungen, und bevor die Götter einen
-Gedanken zu fassen vermochten, stürzte er sich in Gestalt eines Lachses
-ins Wasser und war verschwunden.
-
-Die Asen machten sich auf.
-
-»Der Tod wäre zu große Wohltat für solchen Bösewicht,« und sie kamen
-überein, ihn zu fangen und so zu fesseln, daß sein Weiterleben eine
-einzige Kette von Qualen bilden solle.
-
-Von seinem Hochsitz aus blickte Wodan forschend in die Welt. Und er
-gewahrte Loki in einem Hause mitten in der Felsenwildnis sitzen, und
-das Haus war über einen Sturzbach gebaut und trug Fenster in allen
-vier Wänden. Beständig auf der Hut, lugte Loki rastlos nach allen
-Himmelsrichtungen aus und flocht dabei ein Netz, um Fische ins Garn zu
-locken.
-
-Jäh sprang er auf. Er hatte das Nahen der Asen erspäht. Und mit einem
-Satz war er als Lachs in dem Sturzbach verschwunden.
-
-Da fanden die Asen das Netz und nahmen es und zogen es quer durch den
-Sturzbach. Zweimal schnellte sich der Lachs über das Hindernis und
-verschwand in der Tiefe. Beim dritten Male geriet er in das Netz und
-hätte das Netz mit sich weggerissen, wenn nicht der Donnerer, der bis
-zur Brust im Wasser stand, zugegriffen und den Lachs beim Schwanze
-erwischt hätte. Da half kein Drehen und Winden, des starken Asen Faust
-riß ihn aus dem Netz, das sich der Böse selber gefertigt hatte.
-
-Loki, der Verderber des Himmels und der Erden, lag vor den Göttern.
-
-Das Urteil war bald gefällt. In der Felsenwildnis, in die er sich
-begeben hatte, schmiedete man ihn an, den nackten Rücken auf den
-messerscharfen Felsenkanten, ihn, der vom Gott zum Unhold gesunken
-war. Sein verzerrtes Antlitz richtete man nach oben, daß er es nicht
-nach rechts, nicht nach links zu wenden vermochte, und befestigte
-über seinem Gesicht eine ekele Schlange, die ihm unaufhörlich die
-Gifttropfen ihres Schlundes wie brennendes Feuer ins Gesicht fallen
-ließ. Verlassen und verloren sollte er liegen und Qualen leiden bis an
-der Welt Ende.
-
-Die rächenden Götter waren heimgekehrt. Schaurig lag die Felseneinöde,
-durchgellt von den Schreien des Verdammten. --
-
-Da tastete es auf nackten Sohlen durch die Felsenwildnis. Da
-huschte es auf blutigen Füßen durch das messerscharfe Gestein,
-und weitaufgerissene Frauenaugen suchten und suchten den Ort der
-Verdammnis, bis sie ihn fanden. Weiter huschte die Frau, bis sie neben
-dem Körper des Gefesselten niederglitt.
-
-Das war _Signy_, des Bösen mißhandeltes Eheweib, dessen treues Werben
-er immerdar verspottet und mit Untreue gelohnt hatte. Was wußte Signy
-davon und von allen ihren Leiden? Sie sah nur den Mann, den sie geliebt
-hatte in seiner Schönheit und in seinen Fehlern, und den sie heute in
-seiner Qual mehr noch lieben mußte als je zuvor. Signy allein war zu
-ihm gekommen.
-
-An seinen Fesseln biß und zerrte sie, ohne sie um Haaresbreite zu
-lockern. Ohnmächtig sank sie zuletzt in die Felsen. Aber das Brüllen
-des Verurteilten jagte sie wieder auf. Die Gifttropfen der Schlange
-zerbrannten und zerfraßen Loki das Gesicht. Und Signy ergriff einen
-Scherben und hockte sich neben den Mann und fing in ihrem Scherben die
-Gifttropfen auf, die niederfielen.
-
-War die Schale gefüllt, so mußte sie sich einen Herzschlag lang wenden
-und die Schale entleeren. Dann fielen die Tropfen aus der Giftschlange
-Schlund aufs neue dem Elenden in die Augenhöhlen, daß er aufbrüllte vor
-wahnsinnigem Schmerz und sich in den Fesseln bäumte, daß die Menschen
-in allen Ländern erschrocken niederfielen und meinten, ein Erdbeben
-erschüttere die Grundfesten der Welt.
-
-Und wieder saß Signy, die Treue, neben dem ungetreuen Manne und hielt
-ihm die Schale vor das Gesicht, wieder und wieder, in unermüdlicher
-Geduld.
-
-
-
-
-Der letzte Kampf.
-
-
-Eiskalt ward es auf Erden. Baldur war tot, und Frühling und Sommer
-starben hastig ihm nach. Jäh brach der Winter herein, ein Winter,
-wie er nie erlebt wurde, seitdem die Welt erschaffen war. Die Bäume
-platzten auf in dem scharfen Frost, und ihr Saft rann die Stämme hinab,
-gefror und verstopfte die Poren. Die Pflanzen und Blumen traf's bis in
-den Wurzelstock, und die Kälte preßte ihnen die letzten Tränen aus und
-ließ sie vergehn wie zersplittertes Glas. Selbst die Steine schwitzten
-ihr weißes Blut, dehnten sich in klingenden Seufzern und zersprangen zu
-Staub.
-
-Baldur war tot, und es war nicht Frühling und nicht Sommer mehr.
-
-Frost lief durch die Welt, und er tötete die Äcker, die Wiesen, die
-Wälder. Im Starrkrampf lag das Leben.
-
-Und als müsse ein Leichentuch her, Tod und Sterben zu decken, setzte
-ein Schneesturm ein, der unaufhörlich tobte, unaufhörlich seine weißen
-Massen auf die Erde schleuderte. So dicht brausten und wirbelten die
-Flocken, daß aller Raum zwischen Himmel und Erde ausgefüllt schien, daß
-die Sonne vom Himmel verschwand und der Tag von der Nacht verschlungen
-blieb in der immerwährenden Finsternis.
-
-Drei Jahre lang dauerte der eine Winter, den kein Frühling milderte,
-kein Sommer durchbrach. Drei Jahre, die nicht enden wollten, gingen
-dahin in einem einzigen Winter.
-
-Da türmte sich das Eis zu Gletschern und rückte vor, von den Eisriesen
-gepeitscht, die nach dem Licht verlangten. Da begann das Feuer in
-Muspelheim, das hinter Eisesmauern keinen Ausweg fand, zu kochen und zu
-zischen, und seine eingeschlossenen Dämpfe suchten sich zu entladen.
-Bis zu den Wolken sprang der Gischt des Meeres, das enger und enger
-zusammengetrieben wurde in seinem Becken. --
-
-Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
-
-Er sah die Menschen dem heraufziehenden Schicksal unterliegen. Baldur
-war tot, und alle Gesittung starb ihm nach. Frost und Hunger und
-Finsternis machten aus Menschen gierige Tiere, die da raubten und
-mordeten und plünderten, nur um des eigenen Bauches willen. Alle Bande
-des Blutes, alle Bande der Gesetze brachen. Brüder erlegten Brüder,
-Ehen wurden gebrochen, Unzucht herrschte und Faustrecht. Ganze Stämme
-zogen aus und warfen sich blutgierig auf friedliche Nachbarstämme, um
-sie zu vertilgen. Schlachten wurden geschlagen aus roher Mordlust und
-nicht um Heldenehren willen. Ehre der Väter war eine Sage, und Macht
-ging vor Recht. Beilzeit war und Schwertzeit, Windzeit und Wolfzeit.
-Nicht einer schonte des anderen mehr, und jedermanns Hand war wider
-jedermanns Hand.
-
-Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
-
-Er sah zwei Wölfe der Riesen am Himmel jagen, und der eine jagte
-die Sonne, der andere den Mond. So stark waren sie geworden, weil
-die Menschen ihre Toten unbeerdigt ließen und die Wölfe sich vom
-Leichenfleische mästeten. Schon kamen sie den Fliehenden nahe
-und packten sie in der Flanke, daß Sonnenfinsternis wurde und
-Mondfinsternis und die Menschen der Erde aufheulten in irrsinniger
-Wirrnis. Noch einmal rissen sich Sonne und Mond los von ihren
-Bedrängern und stürmten weiter durch die mit ihnen jagenden Wolken, daß
-ihre Lichter aufblitzten und verschwanden und ihre Schatten im Taumel
-über die Erde tanzten.
-
-Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!
-
-Dann warf sich Wodan wie in alten Tagen auf sein Sturmroß und jagte
-hinaus an der Spitze seines Geisterheeres mit Hussa, Horridoh und
-Peitschengeknall und säuberte die Lüfte vom tollsten Spuk, und die
-Menschen hielten ihn und seine wilde Jagd für der Spuke größten. Hinter
-ihm aber ballte es sich wieder zusammen und stürmte in Wut und Wirrnis,
-und Allvater saß auf dem Hochsitz und sah und wußte alles.
-
-Und er sah, wie die Feuer in Muspelheim sich zur Siedehitze
-gesteigert hatten, und er erhob sich und sah, wie sie, zu aller Kraft
-zusammengefaßt, sich donnernd entluden und die lastenden Gletscherberge
-sprengten und in wildgewordener Freiheit ihre Flammen über die Erde
-und gen Himmel schlugen. In allen Fugen erkrachte die Welt, das feste
-Land hob und senkte sich wie tobende Meeresflut, Klüfte verschlangen
-die entwurzelten Wälder, Berge türmten sich über Berge und stürzten in
-die kochende See, und die See flutete über und ersäufte die Küsten, die
-Midgardschlange stieg geifernd empor, suchte das Land und wälzte sich
-vorwärts, und die Sterne fielen erloschen vom Himmel.
-
-Und in die grausenden, brausenden Schrecknisse hinein, über sie hinweg
-und sie alle übertönend, schrie wie ein Adlerschrei lang und gellend
-ein Hornruf.
-
-Heimdalls Horn!
-
-Heimdalls Horn rief die Asen, rief die Einherier, rief alle
-Asgardmänner auf zum letzten Kampf.
-
-Da eilten die Götter, Wodans letztes Gebot zu empfangen, und umstanden,
-tief atmend, den Vater der Schöpfung.
-
-Und Allvater sprach:
-
-»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich
-würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde
-ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
-_un_sterblich. Wohlauf denn, ihr Asen und ihr Helden alle, nun folgt
-mir nach in die Unsterblichkeit.«
-
-Da waffneten sich Götter und Helden mit ihren besten Waffen, in
-unabsehbaren Scharen zogen die Einherier aus, und mit den Walküren
-ritten die Göttinnen, den Ger in der Faust. --
-
-Der rote Hahn des Riesenreiches krähte in den Morgen und rief die
-Schläfer wach, wie der goldene Hahn krähte in Asgard und der nußbraune
-Hahn in der Hel.
-
-Ganz Riesenheim tobte in hellem Aufruhr. In Scharen krochen
-Schwarzalben und Trolle aus Klüften und Schluchten und spornten
-kreischend die Riesen an.
-
-Die jauchzten auf, als der Wirbel der Flut, aus der die Midgardschlange
-sich wälzte, das Schiff _Naglfar_ flottmachte, das Nagelschiff,
-das aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten erbaut wurde. Nie wäre
-es fertig geworden, hätte Baldur gelebt. Denn die Gewissenspflicht
-gebot den Menschen, ihren Toten vor der letzten Ausfahrt die Nägel zu
-beschneiden, damit die finsteren Mächte sie ihnen nicht nehmen konnten
-zum Bau von Naglfar. Wer aber von den Menschen fragte noch nach der
-Pflege der Toten? Beilzeit war und Wolfzeit.
-
-Der Reifriesenfürst _Hrymir_ bemannte das Schiff und steuerte die
-Tausende gegen Asgard. --
-
-Aufs neue stöhnt von der Entladung der Flammen, die Eis und Stein
-durchbrechen, die Welt in allen Fugen. Ein Sterbeschauer durchbebt die
-Weltesche Yggdrasil, und die Brunnen an ihren Wurzeln schäumen über.
-
-Zum letzten Mal beugt sich Wodan über den Brunnen Mimirs und raunt mit
-dem Haupte des Urweisen. Dann schreitet er einsam nach Asgard zurück,
-bindet den Goldhelm unter dem Kinn und greift nach dem Speere Gungnir.
-Er kennt sein Schicksal. Sein Einauge blickt groß und königlich. --
-
-Ein neuer Donnerschlag erschüttert das Weltall. Die Flammen haben die
-Gewalt. Schlag folgt auf Schlag, ein tosendes Erdbeben dem anderen,
-daß kein Felsen auf dem andern bleibt. Ein Jubelgeheul macht die
-Lüfte erdröhnen. _Loki_ ist losgekommen! Die Felswand ist geborsten,
-die seine Fesseln hielt, die Fesseln sind zerplatzt! Hinstürmt er zur
-Hel, seiner grausigen Tochter, und ruft die Mörder und Schufte, die
-Meineidigen und die Hochverräter der Helleute auf zum Kampf gegen die
-Götter. Entvölkert ist Hel, denn die guten Geister sind geflüchtet im
-blutigen Wirrsal der Geschehnisse. Aber mit wüstem Totenvolk überladen,
-steuert Loki das Schiff der Hel gegen Asgard.
-
-Und _Fenris_ ist los, der wahnsinnige Wolf, wie Loki, sein Vater,
-loskam. Blutigen Schaum an den Lefzen, jedes Haar gesträubt, kommt
-er gerannt, und Loki schreit ihm zu und nimmt ihn an Bord des
-Höllenschiffes.
-
-Blitzend aber reitet der schwarze _Surtur_ heran, der Fürst der
-zerstörenden Feuergewalten. Auf tausenden von Flammenrossen folgen ihm
-die Seinen. Über die Brücke Bilfrost reiten sie gegen Asgard, und die
-Himmelsbrücke birst unter den Hufen ihrer Pferde.
-
-In Rauch und Flammen gehüllt, kreist die entsetzte Erde, und die Zwerge
-hasten an den verschütteten Höhlen auf und nieder und suchen wimmernd
-den Eingang.
-
-Zum zweiten Male stößt Heimdall ins Horn, gellend und gebietend wie
-Adlerruf. Da ordnen sich die Scharen der Asen und Einherier.
-
-Und zum dritten und letzten Male stößt Heimdall ins Horn. »Vorwärts,
-ihr Asengötter, vorwärts, ihr Einherierhelden, in die Unsterblichkeit!«
-
-Aufsprangen die fünfhundertundvierzig Türen Walhalls. Und die
-Wodansmänner zogen aus zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, und Walvater Wodan
-führte sie.
-
-Auf dem Sturmroß Sleipnir ritt er in schimmernder Brünne, den Goldhelm
-auf dem Haupt, den Todesspeer in der Hand. An seiner Seite schritt
-wuchtenden Ganges der Donnerer, den Hammer Mjolnir in der Faust.
-Unbeirrt ihnen nach alle die anderen, die Todesmutigen. --
-
-Auf der Ebene Wigrid, dem Kampfreitplatz vor Walhall, treffen sie auf
-den Feind, der wie nimmer sich erschöpfende Wasserfluten anschwillt und
-vorwärtsdrängt. Hoch hebt sich Wodan in den Steigbügel. Sein Einauge
-funkelt und blitzt. Und zischend fährt sein Todesspeer als erster
-Kampfgruß über die Köpfe der Drängenden.
-
-Schon sind die Massen im Kampf. Surturs Feuerreiter verbrennen Wiesen
-und Weiden. Aber die Einherier fürchten nicht Flammen noch Rauch.
-Nicht umsonst ist Sigurd durch die wabernde Lohe zu Brynhild, der
-Walküre geritten, nicht umsonst kämpften die Helden alle in brennenden
-Hallen. Mit dem Blute der Erschlagenen dämpfen sie die Glut des
-Kampfplatzes und werfen die Brandreiter zurück.
-
-Mit den Riesen vermengen sich die Leute der Hel und wüten wie Tiere.
-Felsen schleudern die Riesen, die zermalmend niederschmettern, und
-die Helleute geben den Verwundeten den Rest mit dem feigen Dolch. Der
-Donnerer sieht es. Schon ist er mitten unter ihnen. Von den Riesen
-kennt er die meisten. Nun lernen sie seinen Hammer kennen. Der krachte
-in die Schädeldecken und fuhr im Schwung in des Gottes Faust zurück,
-um sie im Schwunge wieder zu verlassen und Schädel zu zertrümmern,
-Schädel, nichts als Schädel.
-
-Wo die Gefahr am größten war, dorthin spornte Wodan sein Roß. Mit dem
-Schwerte schlug er die Gefährten aus den blutigen Knäueln heraus,
-sammelte die Aufatmenden um sich und führte sie aufs neue ins
-Handgemenge. Mit der Peitsche holte er die Schwarzalben und tückischen
-Trolle aus der Luft, daß sie wimmernd verschieden. Wo Wodan ritt,
-häuften sich Leichen.
-
-Und plötzlich erschauert die Welt, wie sie nie erschauert war.
-
-Der _Fenriswolf_ rennt. Alle Grenzen hat seine losgelöste Wut
-überschritten. Mit aufgerissenem Rachen rennt er, daß sein Unterkiefer
-über die Erde fegt und sein Oberkiefer die Wolken durchstößt. Alles
-schlingt er herunter, was zwischen Himmel und Erde ist.
-
-Da packt selbst die Tapfersten lähmendes Grauen, und die Schar der
-Asen, die Haufen der Einherier weichen zurück. Wodan sieht es. Er weiß,
-das Werk der Götter ist noch nicht vollbracht. Kein neuer Himmel kann
-sein, wenn die alten Unholde bleiben.
-
-Ein Opfer muß her!
-
-Wer bringt das Opfer, das ein Leben verlangt?
-
-Der Führer bringt es, wer sonst?
-
-Dem rasenden Wolfe entgegen wirft sich Wodan, der Eine allein. Er
-schwingt sich vom Roß, und der wütende Wolf schlingt den ledigen
-Hengst. Wodan greift an. Er hemmt des Untieres Lauf und bringt es aus
-der Bahn. Asen und Einherier sammeln sich. Sie kommen zu sich und
-sehen: es gibt keine Gefahr, die ein Mutiger nicht angehen kann. Das
-aber hat Walvater gewollt. Dafür ist die Preisgabe des besten Lebens
-nicht zu groß. Im Kampf mit dem Fenriswolf endet das seine. Wodans
-Königsseele weicht ins All. --
-
-Widar gewahrt es, der »Gott mit dem Schuh«, der Wodanssohn. Nun kommt
-ihm der Schuh, der das Leder aller Länder als Opfergaben trägt, wohl
-zu statten. Er tritt dem Wolf in den Rachen und stemmt ihm mit dem
-zentnerschweren, undurchdringlichen Schuh den geifernden Unterkiefer
-auf dem Erdboden fest. Mit der Linken packt er den Oberkiefer. Die
-Rechte, die Schwerthand, hält die zweischneidige Klinge. Weit aus holt
-Widar und stößt dem Untier das Schwert bis an den Knauf durch den
-Rachen ins Herz. Blutrache! Blutrache für Allvater Wodan.
-
-Da ward das Werk vollendet. Da brachen die Asen und Einherier wie
-Wetter in den Feind, das Vorbild zu erreichen, im Sterben würdig zu
-sein ihres Lebens, das ist: würdig der Unsterblichkeit.
-
-Giftschnaubend wälzte sich die _Midgardschlange_ heran. Ihr Pesthauch
-allein tötete. Aber schon stand der Donnerer vor ihr, der sie schon
-einmal an der Angel fing, als er Hymirs Kessel holte. Aufbäumte sich
-die Riesenschlange gegen den alten Todfeind. Diesmal entging sie
-ihrem Schicksal nicht. Der Hammer Mjolnir stand funkelnd über ihrem
-Haupt, und der Zermalmer durchschlug ihr den Schädel. In einer Wolke
-von giftigem Odem verging die Midgardschlange. Neun Schritte tat der
-Donnerer in der Giftwolke zurück. Dann verging ihm der Atem. Er, der
-den Menschen mit Blitz und Donner die Lüfte gereinigt hatte, konnte
-nicht leben im Dunst des Wurms. Die Freiheitsaugen brachen ihm. So
-folgte er Wodan. --
-
-Und Freyer, der Sonnengott, folgte, vom Schwerte Surturs, des unheilig
-lodernden Feuers, getroffen. Und Ziu, der furchtlose Schwertgott, den
-die Nordmänner Tyr anriefen und dem die Jünglinge ihre Schwertertänze
-weihten, er, der dem Fenriswolf einstens die Rechte in den Rachen
-gelegt hatte, traf auf den leichenzerreißenden Hund der Hel, und
-während ihn der Hund zu Tode biß, erwürgte er ihn. Heimdall aber, der
-treue Wächter, stieß auf Loki, den Verräter, den er schon einmal im
-Kampf um Freyas Halsgeschmeide Brisingamen bestanden hatte, und so wild
-gingen sie aufeinander an und so wenig wollten sie voneinander lassen,
-daß sie beide von Wunden überdeckt zu Tode sanken. --
-
-In dem Glutmeer, das Surtur entfachte, ist nicht mehr zu leben. Und
-dennoch geht das Würgen weiter, weiter bis auf den letzten Mann.
-Die Walküren sind gefallen, die gerbewaffneten Göttinnen mit ihnen.
-Die Einherier, die Germanenhelden, haben sich den Göttern gleich
-erwiesen und die Riesen und Unholde trotz ihrer Übermacht zu eklem
-Brei gestampft. Fast mit den letzten Feinden fallen ihre Letzten. Die
-riesischen Wölfe haben Sonne und Mond erreicht und sie verschlungen.
-Aber die Sonne gebar in ihrer Not ein Kind, und es spielt abseits auf
-einer Himmelswiese.
-
-Durch die Welt lodert das Feuer, und das Eis der Gletscher schmilzt und
-wirft sich in Wasserströmen über glühende Erde, bis endlich, endlich
-die Glut erlischt.
-
-Nacht bricht herein. In Nacht versinkt die sterbende Welt. --
-
- * * * * *
-
-Und ein Tag bricht an, ein neuer Tag.
-
-Das spielende Sonnenkind hebt sich am Himmelsrand und lacht in Unschuld
-auf die Erde nieder. Es lockt und schmeichelt und tut schön mit seinen
-hellen Augen und seinen warmen Händen, bis es unter dem Schutt sich
-regt, den Feuer, Wasser und Erde hinterlassen haben, und ein paar
-schüchterne Gräser hervorkeimen. Ah, wie ist die Luft so klar und rein,
-das Leben so köstlich und lebenswert. Bald ist der Boden von Blumen
-übersäet, die Sträucher schlagen aus, die Bäume treiben Knospen. Und
-aus einem hohlen Baumstamm, der sich über und über mit Laub bedeckt,
-tritt ein Menschenpaar, das sich vor Feuersbrunst und Wasserflut in
-die rettende Höhlung geflüchtet, tastet sich furchtsam vor und steht
-überrascht in der neuen Sonne, dem neuen Lenz der Erde, dem neuen
-Menschenfrühling.
-
-Und das überglückliche Menschenpaar hebt seine Augen und sucht seine
-Götter. --
-
-Über Asgards verwüstete Fluren schreitet ein Wanderer. Schlank ist er
-und ewigjung, und goldrote Locken wehen ihm um die Schläfen. Er kommt
-aus der Hel gewandert, die verlassen liegt. Und wo er geht, ist Licht
-und Wärme, Werden und Schöpfermut.
-
-_Baldur_ ist heimgekehrt. Nun muß alles Leben auferstehen.
-
-An der Hand führt er Hödur, den blinden, der ihn einst mit der Mistel
-niederwarf. Wie Brüder wandern sie Hand in Hand, und wenn der eine im
-Schlaf neue Kräfte sammelt, wacht der andere. Bald Baldur, bald Hödur.
-Tag und Nacht haben sich gefunden und sich verbunden zum Wohle der Welt
-und ihrer Kräftigung. Tag und Nacht, Sommer und Winter.
-
-Unter Baldurs Schritten wachen die Fluren Asgards auf. Es grünt und
-blüht auf allen Gefilden, und kein Platz ist mehr für üble Gelüste und
-unwürdig Tun. Die Luft ist geläutert. Frühling --!
-
-Es ist das alte Asgard nicht mehr, ein neues blüht aus den
-Kampfestrümmern und will neues Glück. _Idafeld_ nennt Baldur das alte
-Asgardland, das »Feld der Auferstehung«.
-
-Und wie er hinausblickt über alle Wege, sieht er zwei Wanderer
-schreiten von rechts und zwei Wanderer von links. Und die Wanderer
-von rechts erreichen ihn, und es sind die Wodanssöhne Widar und Wali.
-Widar, der den Vater rächte, und Wali, der Blutrache nahm für den
-Bruder Baldur. Darum gehen sie in den neuen Himmel der Germanen ein.
-Und die Wanderer von links treten hinzu, und es sind die Donarsöhne
-Modi und Magni, die den Hammer des Donnerers bringen, mit ihm des
-Vaters Kraft und den Zorn seiner Gerechtigkeit.
-
-Nach links und nach rechts streckt Baldur seine Hände, Glückslachen auf
-den Lippen.
-
-»Wodan und Donar, ihr konntet nicht sterben, ihr lebt fort im
-Germanenvolk in verjüngter Gestalt, ewig und ewig, solange der
-Donner kracht zur Sommerzeit, solange der Herbststurm braust und ein
-Menschenaug in Wolken die wilde Jagd erblickt. Willkommen ihr alle zu
-neuen Schöpfungswerken! Den Frieden wollen wir im Himmel und auf Erden.
-Den Frieden der Freien. Keinen anderen Frieden für und für. Deß sei uns
-des starken und gerechten Donars Hammer ein Zeichen.«
-
-Sie legen die Hände ineinander zum Schwur und schaffen einen neuen
-Hochsitz.
-
-»Für den großen Gott, der uns führen wird.«
-
-Und sie sprechen Allvaters Worte nach:
-
-»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich
-würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde
-ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
-_un_sterblich.«
-
- * * * * *
-
-Zu allen Zeiten lebte das Germanenvolk wie seine Götter. Der Götter
-Tugenden waren die seinen und der Götter Fehler, der Götter Kraft und
-der Götter Kriege, der Götter Niedergang und der Götter Auferstehung.
-Du aber, mächtigster Germanenstamm, deutsches Volk, von der Maas bis an
-die Memel, von der Etsch bis an den Belt, erkenn aus der Urväter Tagen,
-daß deine Götter und Helden niemals dem Schicksal schwächlich in die
-Augen sahen, daß sie es kühn erwarteten und sich bis aufs letzte Blut
-mit ihm schlugen, wie Männer tun im deutschen Zeichen des Hammers. Vom
-Blute Wodans lebt es in dir, vom Blute Donars, vom Blute Baldurs, und
--- so der große Gott, »der uns führen wird«, uns liebt, weil wir Männer
-sind und keine Knechte -- immerdar vom Blute
-
- _Hermanns, des Cheruskers_.
-
-
-
-
-Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig
-
-
-RUDOLF HERZOG
-
-Preußens Geschichte
-
-31. bis 40. Tausend / 390 Seiten mit zahlreichen schwarzen Bildern von
-Prof. A. Kampf / Buchschmuck von Prof. G. Belwe / Geb. M. 6.60.
-
-»Alle wichtigen Epochen, alle hervorragenden Herrschergestalten sind
-hier in der _fesselnden Erzählungsweise_ Herzogs, in seinem feinen Stil
-geschildert. Man weiß nicht, ob man mehr die packenden, feingemeißelten
-Porträts der großen Preußenkönige oder die dramatisch bewegten
-Schilderungen der Schlachten von Fehrbellin, von Torgau, Leuthen,
-Leipzig, Königgrätz oder Sedan bewundern soll. Wie einen Roman, dessen
-Handlung wir mit Spannung folgen, lesen wir diese Schilderungen, die
-uns doch Altbekanntes in ganz neuem Lichte und Zusammenhang zeigen.
-_Herrliche Balladen_ unterbrechen zuweilen den Lauf der Darstellung.
-Gedichte wie ›Rheinsberger Tage‹, ›Bei Torgau‹, ›Blücher zieht über
-den Rhein‹, ›König Wilhelms Heldenschau‹ und andere mehr werden zu den
-_Perlen patriotischer Dichtungen_ zählen. Ein feiner Buchschmuck paßt
-sich der Stimmung des Ganzen trefflich an. Alles ist dazu angetan,
-diese Geschichte Preußens zu _einem Volksbuch_ werden zu lassen.«
-
- Deutsche Revue.
-
-
-Ritter, Tod und Teufel
-
-Gedichte / 61. bis 70. Tausend / 156 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.
-
-»Es gibt wohl kaum eine Stimmung in dem unheimlichen Wirbel der
-Kriegseindrücke, die den Dichter nicht zur Gestaltung gedrängt,
-deren Ausdruck ihm nicht gelungen wäre. Heldenmut und Treue,
-unerschütterliche, begeisterte, bis zur Selbstaufopferung hingebende
-Liebe zu Vaterland und Kaiser sind die Grundtöne, die die Sammlung
-durchklingen ... _Der Band ist eine köstliche Perle in dem reichen
-Schatze unserer Kriegslyrik._«
-
- Literarisches Zentralblatt f. Deutschland.
-
-
-Stürmen, Sterben, Auferstehn
-
-Gedichte / 21. bis 30. Tausend / 127 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.
-
-»Die zweite Gedichtsammlung zeigt die gleiche _glühende
-Vaterlandsliebe_ und die gleiche Kraft im Ausdruck und Kunst der
-Stimmungsmalerei, denselben _hohen Persönlichkeitswert_ wie der erste
-Band, und doch finden sich auch wieder neue Züge in Stoff und Form,
-ja man ist versucht, eine noch _größere Tiefe_ der Empfindung, noch
-schwereren Ernst in den Gedanken an Tod und Unsterblichkeit in ihr zu
-spüren.«
-
- Literarisches Zentralblatt für Deutschland.
-
-
-
-
-J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
-
-Stuttgart und Berlin
-
-
-RUDOLF HERZOG
-
- Geb.
- =Das goldene Zeitalter= M.
- Roman. 13. u. 14. Aufl. 6.50
-
- =Der Adjutant=
- Roman. 15.--17. Aufl. 6.50
-
- =Der Graf von Gleichen=
- Ein Gegenwartsroman
- 39.--41. Aufl. 8.50
-
- =Die vom Niederrhein=
- Roman. 86.--95. Aufl. 8.50
-
- =Das Lebenslied=
- Roman. 101.--110. Aufl. 8.50
-
- =Die Wiskottens=
- Roman. 141.--150. Aufl. 8.50
-
- =Der alten Sehnsucht Lied=
- Erzählungen.
- 15. u. 16. Aufl. 6.50
-
- =Der Abenteurer=
- Roman
- Mit Bildnis des Verfassers
- 46.--50. Aufl. 8.50
-
- =Hanseaten=
- Roman. 101.--110. Aufl. 8.50
-
- =Es gibt ein Glück ...=
- Novellen. 34.--36. Aufl. 7.--
-
- =Die Burgkinder=
- Roman. 131.--140. Aufl. 8.50
-
- =Ausgewählte Novellen=
- Mit einer biogr. Einleit.
- von _J. G. Sprengel_.
- 21.--25. Tausend 2.20
-
- =Die Welt in Gold=
- Novelle. 16.--.20. Aufl. 2.50
-
- =Das große Heimweh=
- Roman. 101.--105. Aufl. 9.50
-
- =Die Stoltenkamps
- und ihre Frauen=
- Roman. 126.--135. Aufl. 9.50
-
- =Jungbrunnen=
- Novellen. 51.--80. Aufl. 7.50
-
- =Gedichte.=
- 5. Auflage 3.50
-
- =Wir sterben nicht!=
- Lieder und Balladen
- 2.--5. Auflage 3.--
-
- =Die Condottieri=
- Schauspiel in vier Akten
- 3. Auflage 4.--
-
- =Auf Rissenskoog=
- Schauspiel in vier Akten
- 2. Auflage 4.--
-
- =Herrgottsmusikanten=
- Lustspiel in vier Akten
- 2. u. 3. Auflage 4.50
-
- =Stromübergang=
- Dramatisches Gedicht
- in einem Aufzug
- 1.--10. Tausend 1.--
-
- =Die Nibelungen=
- Des Heldenliedes beide
- Teile, neu erzählt. Mit Bildern
- von Professor _Franz
- Stassen_. (Verlag von
- Ullstein & Co., Berlin) 6.--
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription.
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die
- Antiqua-Auszeichnungen dienten nur der Dekoration und wurden
- entfernt.
-
- Die Abbildung wurden an die zugehörige Textstelle verschoben, deren
- Seitenreferenz wurde entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 4: die ersten beiden Zeilen → Anfang von S. 3:
- griffen nach
- {dem rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen
- Geistes, und als Erstes entstand ein Ungetüm, das alle}
- Erde, die da wurde,
-
- S. 6: Wil → Wili
- Wodan, der junge, sah es, und er rief {Wili} und We,
-
- S. 120: Das → Da
- {Da} war der Donnerer wohl zufrieden.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Germaniens Götter, by Rudolf Herzog
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERMANIENS GÖTTER ***
-
-***** This file should be named 56192-0.txt or 56192-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/6/1/9/56192/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/56192-0.zip b/old/56192-0.zip
deleted file mode 100644
index 30f1a0b..0000000
--- a/old/56192-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h.zip b/old/56192-h.zip
deleted file mode 100644
index b0ca915..0000000
--- a/old/56192-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/56192-h.htm b/old/56192-h/56192-h.htm
deleted file mode 100644
index c452bad..0000000
--- a/old/56192-h/56192-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,6884 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Germaniens Götter, by Rudolf Herzog.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.noind {
- text-indent: 0;
-}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; }
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-.tdr {text-align: right;}
-.tdlt {
- text-align: left;
- vertical-align: top;
- padding-left: 1em;
- text-indent: -1em;
-}
-
-.tdrb {
- text-align: right;
- vertical-align: bottom;
-}
-
-.pagenum {
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-} /* page numbers */
-
-.pagenum a {
- color: gray;
-}
-
-.hang {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -2em;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
-}
-
-.caption {font-size: smaller;}
-
-/* Images */
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
-}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.transnote p {
- text-indent: 0;
-}
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
-p.drop {
- text-indent: 0;
-}
-
-p.drop:first-letter {
- float: left;
- margin: 0.15em 0.1em 0em 0em;
- font-size: 250%;
- line-height:0.85em;
-}
-
-@media handheld {
- p.drop:first-letter {
- float: none;
- margin: 0;
- font-size: 100%;
- }
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Germaniens Götter, by Rudolf Herzog
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Germaniens Götter
-
-Author: Rudolf Herzog
-
-Illustrator: Robert Engels
- Paul Hartmann
-
-Release Date: December 17, 2017 [EBook #56192]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERMANIENS GÖTTER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/title.jpg" alt="Titelseite" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Germaniens<br />
-Götter</h1>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="h2">Rudolf Herzog</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-title.png" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<p class="center">Verlag Quelle &amp; Meyer · Leipzig
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-<em class="antiqua">Copyright 1919 by Quelle &amp; Meyer, Leipzig</em><br />
-Alle Rechte vorbehalten<br />
-Schwarzweißzeichnungen von Professor Robert Engels<br />
-Einbandzeichnung von Paul Hartmann<br />
-Druck von Radelli &amp; Hille, Leipzig
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Den<br />
-Nachkommen<br />
-Hermanns<br />
-des<br />
-Cheruskers
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Zum_Geleit">Zum Geleit.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Von den Göttern spricht dies Buch. Von Germaniens
-Göttern. Immerdar sind eines Volkes Götter das
-Abbild seiner innersten Art gewesen, seiner Tugenden,
-seiner Fehler, seiner verlangenden Sehnsucht. Wenn
-unsere Väter zu den Göttern riefen, riefen sie an, was
-an Kraft und Zuversicht bewußt oder unbewußt in
-ihnen selber lebte, sahen sie Wunsch und Willen im
-Lichte eines überirdisch gesteigerten Mannes- und Heldentums.</p>
-
-<p>Ein Volk, das seiner Götter vergißt, vergißt seines
-Ursprungs, seiner Ahnen, seiner selbst und seiner Wurzelkraft.
-Wer sich seiner Herkunft und Vergangenheit
-schämt, baut seine Zukunft in den Wirbelwind. Aus
-den rauhen Wäldern Germaniens stammen wir, stammen
-unsere Götter. Nicht aus dem sonnentrunkenen
-Hellas und dem hochmuttrunkenen Rom. Lernt es aufs
-neue, ihr Deutschen. Lernt es mit dem Stolz, der allein
-die Kraft verleiht, ein <em class="gesperrt">Volk</em> zu sein und keine Sklavenherde
-von Mantelträgern und kriechenden Liebedienern.
-Den Göttern Griechenlands, den Göttern Roms unsern
-Gruß. Germaniens Götter grüßen euch mit <em class="gesperrt">derselben</em>
-Stimme der Unsterblichkeit! Nie waren die Götter
-Deutschlands herrlicher und gewaltiger, als in den
-Tagen, da sie um Untergang und Auferstehung kämpften.</p>
-
-<p>Was sind Jahrhunderte, was Jahrtausende, gemessen
-an der urewigen Zeit? Germaniens Götter rufen heute
-wie ehedem. Und immer riefen sie am stärksten, wenn
-der Sturm die Wolken über den deutschen Himmel
-jagte.</p>
-
-<p>Beilzeit, Schwertzeit &ndash; Windzeit, Wolfzeit!</p>
-
-<p>Wiederum heute, wie zu der Urväter Zeit.</p>
-
-<p>Um Untergang und Auferstehung kämpft Deutschlands
-Volk. Euren Göttern nach, ihr Deutschen! Zur
-neuen Sonne! Zur neuen, geläuterten Zukunft.</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Rudolf Herzog.</em>
-</p>
-<p class="hang">
-Obere Burg zu Rheinbreitbach<br />
-18. Oktober 1919.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td>Der Götter Erscheinen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Goetter_Erscheinen">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Menschen Werden und Wachsen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Menschen_Werden_und_Wachsen">12</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das goldene Zeitalter</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_goldene_Zeitalter">24</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Wanenkrieg</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Wanenkrieg">36</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Götter auf schiefer Bahn</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Goetter_auf_schiefer_Bahn">52</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>In Schuld und Schicksalskampf</td>
- <td class="tdr"><a href="#In_Schuld_und_Schicksalskampf">63</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Götter auf Kundschaft</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Goetter_auf_Kundschaft">80</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Im Zeichen des Hammers</td>
- <td class="tdr"><a href="#Im_Zeichen_des_Hammers">102</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wodans Wunschmädchen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wodans_Wunschmaedchen">130</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Unter den Einheriern</td>
- <td class="tdr"><a href="#Unter_den_Einheriern">147</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Um Baldur</td>
- <td class="tdr"><a href="#Um_Baldur">177</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der letzte Kampf</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_letzte_Kampf">198</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span>
-
-<h2 id="Der_Goetter_Erscheinen">Der Götter Erscheinen.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Regungslos lag die <em class="gesperrt">Weltseele</em>&nbsp;…</p>
-
-<p>Über der Leere lag sie, der ungeheueren, die nicht
-Wasser noch Erde wies, nicht Feuer noch Luft. Nichts
-als die leblose Leere. Starr und unendlich. Regungslos
-lag die Weltseele über der toten Leere. Bis daß sie
-träumte … Leben träumte sie&nbsp;…</p>
-
-<p>Und als der erste Traum durch die Weltseele rann,
-war es wie ein erstes, wärmendes Leben, und aus der
-aufsteigenden Wärme sprang wie ein Funke der <em class="gesperrt">Gedanke</em>,
-der zur Flamme wurde und aufloderte in die
-Leere.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Feuer</em> war in die Welt gekommen und stand,
-eine Welt für sich, hoch und heiß und sengend am Rande
-der Leere. <em class="gesperrt">Muspelheim</em> hieß diese Welt, und Feuergeister
-waren, was aus der Weltenseele in sie hinübergeglitten
-war.</p>
-
-<p>Weiter sann die Weltseele. Und sie sann hinter dem
-feurigen Gedanken her, der Muspelheim entzündet hatte
-und nun unaufhaltsam war. Nicht Wärme, nicht Kälte
-hatte die ungeheure Leere gekannt. Nun aber, da an
-ihrem Südrande Muspels Flammen lohten, ward sich
-der Nordrand der Kälte bewußt, und die dunklen Nebel<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-brauten, daß es eine Welt voll Nebel war und <em class="gesperrt">Niflheim</em>,
-Nebelheim geheißen. Die Nebel aber stiegen auf
-und wurden <em class="gesperrt">Luft</em>, und sie stiegen nieder und wurden
-<em class="gesperrt">Wasser</em>. Und die Wasser Niflheims strömten in die ungeheure
-Leere, die sie zur Eisschicht erstarren ließ, und
-die Wasser strömten immerzu, und Eisschicht lagerte
-sich über Eisschicht, bis die Leere ausgefüllt war. Und
-die Stürme, die aus Niflheims Luft wuchsen, zermürbten
-die Decke zu Schnee und Reif, und die Glut, die aus
-Muspelheims Flammen hinüberlangte, mischte Glutasche
-hinein und schmolz das Wasser hinaus, daß <em class="gesperrt">Erde</em>
-wurde und aus Erde, Wasser, Feuer und Luft die
-Wildnis der <em class="gesperrt">Erdenwelt</em>. So ward die Erdenwelt geboren
-und geschwängert von allen Gedanken der Weltseele.</p>
-
-<p>Die irdischen Gedanken aber lagen nahe der Oberfläche
-und drängten nach Form und Gestalt, hastig und
-ungeschlacht, während die göttlichen Gedanken noch in
-der Tiefe lagen und über Vollkommenheit sannen.
-Und als der Funkenregen, der von Muspelheim herüberstob,
-kaum erst die oberste Reifschicht durchbrochen
-und die vorgeschobenen, die irdischen Gedanken der Weltseele
-mit seinem lebenheischenden Anruf getroffen hatte,
-rissen die noch unvollkommenen sich los, griffen nach<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-<span id="corr003">dem rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen
-Geistes, und als Erstes entstand ein Ungetüm, das alle</span>
-Erde, die da wurde, in sich fraß, und alle Wasser, die
-da rauschten, in sich schluckte, das alle Luft aufsog und
-alle Feuerwärme für sich begehrte &ndash; der <em class="gesperrt">Riese Ymir</em>.</p>
-
-<p>Der Riese Ymir wälzte seinen immer hungrigen und
-durstigen Leib im dampfenden Reif, und wo er ausruhte,
-drohten seine massigen Gliedmaßen das junge,
-lebenhegende Erdreich zu ersticken. Und als er sich übernommen
-hatte an Speise und Trank und ächzend lag,
-rieb er im Angstschweiß seine Hände, und es sprang
-ein neues Riesenpaar heraus, das dem Vater beistand
-im Fressen und Schlucken, und er rieb seine Füße aneinander,
-da zeugten auch diese ein Riesenpaar, das
-noch ungefüger war, als das erste. Sie alle aber wußten
-nichts, als ihren Bauch zu mästen und Kinder zu
-zeugen, die dasselbe taten, und die Luft mit ihrem
-Brausen und Brüllen zu erfüllen.</p>
-
-<p>Als der Riese Ymir, unreifer Gedanken voll, sich ins
-Leben gewälzt hatte, drängte eine Schar unruhiger,
-flatternder Gedanken ihm nach, fanden aber, bei Ymirs
-gewaltsamer Ausdehnung, nicht genug des Rohstoffes
-mehr, um sich einen irdischen Körper zu schaffen, und
-fuhren in Grimm und Unlust als wütende und boshafte
-<em class="gesperrt">Gespenster</em> durch die Luft und das Land. Schrate
-und Trolle wurden sie und Maren, Truden und schwarze<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-Alben. Steckengeblieben waren sie in ihrem Werden
-zwischen Irdischem und Göttlichem, überragten das rohe
-Riesengeschlecht an Witz und Geist, reichten dennoch
-nicht heran an das Erhabene, das dem Geist erst seine
-edle Führung gibt. Unstet und zerfahren, ohne Zucht
-und Ordnung, vermehrten sie den Wirrwarr, den die
-riesischen Urnaturen verübten, jagten mit ihnen gemeinsam
-und hockten ihnen auf, krochen zwischen sie und
-hetzten sie gegeneinander durch Stoßen, Treten und
-Zerren, und freuten sich aus sicherem Versteck, wenn
-die Ungeschlachten übereinander herfielen und brüllend
-die eben erst gewordene Erde zusammenstampften. So
-wetteiferte das ungezügelte Geisterheer mit den rohen
-Naturgewalten der Riesen, die junge Erdenwelt nur
-als Tummelplatz aller wilden Lüste zu nutzen und jede
-Entwicklung zu einer höheren Welt im Keime zu ersticken.</p>
-
-<p>Der göttliche Gedanke jedoch hatte nicht brach gelegen.
-Langsamer, als die eilfertig und verwahrlost Schwärmenden,
-aber unaufhaltsam, forschend, sich klärend, neuschöpfend,
-drang er aus der stillen Tiefe empor zum
-Licht. Er nahm <em class="gesperrt">nur</em> die wenigen und die edlen Stoffe,
-die dem stumpfen Blick der Riesen entgangen und der<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-Gier der Gespenster zu gering erschienen waren, und
-gab dem Geist die Vorherrschaft über den Körper.
-Schlank und ebenmäßig formten sich die Glieder, ein
-jedes untertan der Verrichtung, die es erfüllen sollte,
-und sinngemäß danach erschaffen. Stark wölbte sich die
-Brust, straff spannten sich die Muskeln, blau blitzten die
-Augen und goldfarben wehte das Haar. In der Wärme
-des Tags stand <em class="gesperrt">der erste Gott</em>. Und er nannte sich Buri.</p>
-
-<p>Gewaltig in wilder Naturkraft stand der Riese Ymir.
-In Schönheit stand Buri, der Gott, und sein Geist war
-höher als des Riesen Felsenhaupt.</p>
-
-<p>Und als der erste Gott geruhsam erforscht hatte, was
-der Erdenwelt not tue, schuf er sich lächelnd um in
-seinen Sohn Bur, der sonach erdgeboren wurde aus
-göttlichem Geist und sich ein Weib aus der Riesen Geschlecht
-wählte und sich aus ihr heraus, zum dritten
-Mal, neu erschuf in drei Söhnen, <em class="gesperrt">Wodan</em>, <em class="gesperrt">Wili</em>, <em class="gesperrt">We</em>.
-Damit die erhabenen Götter das gerechte Empfinden
-behielten für irdische Dinge.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Asen</em> nannten sie sich, die »göttlichen«. Ihr Haupt
-und Held war <em class="gesperrt">Wodan</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Immer noch lag die Erdenwelt wie eine wüste Wildnis.
-Ymir, der Fresser und Säufer, lastete mit seiner
-zahllosen Sippe zu schwer auf ihr, als daß sie hätte<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-atmen und gedeihen können. Über ihre ganze Länge und
-Breite schob sich schon sein Leib. Sein Blick aber ging
-nicht weiter als bis zu der tückischen Geisterschar, die
-ihn mit blödem Blendwerk umgaukelte und ihn und
-seine Sippe billigen Zauber lehrte statt fruchtbringende
-Arbeit. Dreimal hatten sich die erhabenen Götter umgeschaffen,
-um immer vollkommener zu werden für die
-Größe ihrer Sendung und ihrer Aufgabe. Das ungeschlachte
-Riesengeschlecht hielt sich für vollkommen, wie
-es roh aus dem Reife stieg, und griff mit tölpelhaften
-Händen nach den Erzeugungen der Erdenwelt, um sie
-zu vertilgen, statt zu vermehren und zu veredeln. So
-verschwand die Erdenwelt im unersättlichen Bauche
-Ymirs und seiner Sippe, und alles Weiterwerden drohte
-zu vergehen.</p>
-
-<p>Wodan, der junge, sah es, und er rief <span id="corr006">Wili</span> und We,
-seine Brüder, und sie gingen zu Ymir, als er auf dem
-Rücken lag und verdaute. Das war sein einzig Tagewerk.</p>
-
-<p>»Wozu bist du hier?« fragte ihn Wodan.</p>
-
-<p>»Ich bin hier, um zu leben«, knurrte Ymir böse.
-»Die Erde sorgt, daß ich wachse.«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte der Ase, »du lebst, damit die <em class="gesperrt">Erde</em>
-wachse. Kannst du weiteres verstehn? Steh auf und
-schaffe.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Da drehte sich der Riese wie ein Flegel auf den
-Bauch und wies die Kehrseite, daß die Männer und
-Weiber seiner Sippe vor Vergnügen brüllten und sich
-das Mißgunstvolk der Maren und Schrate, der Truden
-und Alben meckernd in der Luft überschlug.</p>
-
-<p>Wodan lachte über die Welt hin.</p>
-
-<p>»Packt an,« gebot er den Brüdern. Und sie packten
-den ungefügen Erdenkloß, den Erdaussauger, zu dritt,
-hoben ihn hoch und zertrümmerten ihn an dem Felseneis.</p>
-
-<p>Krachend schlug Ymirs Riesenleib über die Erde, daß
-sie fast zerschmettert war und in kreischendem Getöse
-bebte und schütterte. Brausend und alles mit sich
-reißend schoß aus dem zerplatzten Riesenleib das Blut,
-und so gewaltig und ungeheuerlich waren die Blutströme,
-daß sie die Erdenwelt überschwemmten, die
-gähnenden Klüfte in schäumende Seen wandelten, bis
-zu den Gipfeln der Eisberge stiegen und alles Lebende
-ersäuften. Das Riesengeschlecht watete durch die Fluten.
-Das brüllende Lachen war ihm vergangen. Das Blutmeer
-stieg ihm an den Hals. Männer hoben ihre
-Weiber, Weiber ihre Kinder auf die Schulter, daß sie
-sich auf die Eisberge retteten. Mit entsetzten Blicken
-hingen sie an den Höhen. Und eine heulende Blutwoge
-schlug sie herunter und ertränkte und erstickte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-im Knäul der zappelnden Riesenleiber. Als die Sintflut
-sich verlief, war Ymirs Geschlecht vertilgt. Nur
-in ferner Ferne fuhr noch ein einziger Riese mit
-seinem Weib auf einem Floß dahin, ließ sich von der
-verlaufenden Flut treiben weithin bis ans Ende der
-Welt &ndash; und entkam.</p>
-
-<p>Auf dem höchsten Grat, hoch über der Sintflut, stand
-Wodan mit seinen Brüdern.</p>
-
-<p>»Sieghaft auferstehn soll der erhabene Geist über
-die rohen Stoffgebilde. Beseelen soll er die wilden
-Naturgewalten, sie zur Ordnung leiten und zu schöpferischer
-Arbeit. Nur das ist Leben.«</p>
-
-<p>Über die Sintflut hinweg jagte das heulende Heer
-der Spukgestalten und suchte sich in kreischender Angst
-vor dem Blick des gewaltigen Gottes zu verbergen.</p>
-
-<p>»Verruchtes Volk der Halbheit,« ergrimmte der Gott.
-»Von den Göttern holtest du Wissen und wandeltest
-das Göttliche in gemeine Lüste und billigen Zauberspuk,
-der die Irdischen gierig macht in die Tiefe und
-ihre Augen für das Höchste verblödet. Ich fege euch
-weg!«</p>
-
-<p>Und wie der Sturmwind fuhr Wodan hinaus und
-würgte zwischen den Händen, was er erfassen konnte
-von den tausenden von Truggespenstern, und hing die<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-erdrosselten an seinen Gürtel. Und nur wenige waren,
-die ihm in den Ritzen und Ranken entkamen.</p>
-
-<p>Der wilde Jäger kehrte zurück. »Ich werd' dich noch
-jagen manche Sturmnacht, lichtscheues Gesindel,« lachte
-er in den Bart, warf seine Last ab und strich sich aufatmend
-über die Brauen. »An die Arbeit jetzt!«</p>
-
-<p>»Du bist Haupt und Held,« sprachen Wili und We,
-die Brüder, »<em class="gesperrt">Allvater</em> bist du, und ein Führer muß
-sein selbst unter Göttern. Wir ratschlagen mit dir.
-Dein ist der Befehl!«</p>
-
-<p>Da ratschlagten die Götter in ernstem Wägen, um
-eine Ordnung zu schaffen, in der ein jedes seinen Platz
-erhielte und seine Bestimmung. Und sie nahmen den
-Schädel Ymirs und richteten ihn auf ragenden Säulen
-als Himmelskuppel auf, und das Gehirn ward zu
-Wolken, die das Wetter bargen. Aus Ymirs Fleisch
-schufen sie das gesättigte Erdreich, aus den beinernen
-Knochen Stein und Fels, aus dem wirren Haar Bäume
-und Gesträuch, aus dem Blut das brausende Meer.
-Sie zogen dem Riesen die scharfen Wimperhaare aus
-und bauten aus ihnen kreisrund um das wirtlichste
-Land einen mächtigen Wall gegen das ungebärdige
-Meer und die Tücken der zum Weltend entflohenen
-Riesen. Und sie nannten das inmitten gelegene Land,<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-das von einem neuen Geschlecht bevölkert werden sollte,
-<em class="gesperrt">Midgard</em>. Und den Himmel, den sie als Wohnung
-der Asen bestimmten, nannten sie <em class="gesperrt">Asgard</em>. Die Funken
-aus Muspelheim fingen sie auf und hingen sie als
-Leuchten an den Himmel. Die außengelegene Welt
-aber, in die sich die letzten Riesen und das irrlichtende
-Volk der Alben und Trolle geflüchtet hatten, nannten
-sie <em class="gesperrt">Utgard</em>, und tief unter die Erde verwiesen sie
-Niflheim, die Nebelhölle, die Totenwelt.</p>
-
-<p>Und Allvater sprach: »Der göttliche Gedanke hat
-sich noch nicht erschöpft. Zusammen ruf ich seine ganze
-Kraft.« Und er hob die Hände an den Mund und
-stieß einen Ruf aus, der in die Tiefen der Unendlichkeit
-ging: »Herbei, was göttlich ist in aller Weltenseele
-seit Urbeginn!«</p>
-
-<p>Da stieg aus der fruchtbar gewordenen Erde <em class="gesperrt">Frigg</em>
-hervor, die erste Göttin, und lehnte sich an Wodans
-Schulter. Und es sammelte sich ein Kreis lichter Gestalten
-um den obersten Gott, und sie alle suchten ihren
-Platz und hörten Wodans Gebot. Eine Schar der Lichtgötter
-aber, die sich <em class="gesperrt">Wanen</em>, die Wissenden, nannten,
-jauchzten in die junge Welt hinein, faßten sich an den
-Händen zum Reigen und schwangen sich, des Jubels
-voll, hoch in die frühlingslauen Lüfte. Von der Stätte<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-der harten Arbeit verloren sie sich im Spiel, und sie
-beschlossen, singend und klingend, ein milderes Reich im
-Reiche zu gründen unter der Herrschaft der Schönheit
-und des Glücksgenusses.</p>
-
-<p>Mit den erstgewordenen Göttern, den Göttern seit
-Urbeginn, stieg Wodan auf gen Asgard, die Schöpfung
-zu vollenden, zu veredeln, zu leiten.</p>
-
-<p>Die Erdenwelt war lebendig in der Natur. Allvater
-gedachte, ihr das göttliche Leben zu geben in
-dem <em class="gesperrt">Menschen</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Unter den Urgöttern aber stand an ragender Stelle
-der Schwertgott Tuisko, <em class="gesperrt">Teut</em>, der den Mannus zeugte,
-den Mann. Mannus gab drei Söhnen das Leben,
-Ingo, Isk und Irmin. Sie wurden die Stammväter
-der Ingävonen, der Iskävonen und der Erminonen, der
-drei Hauptstämme der Teutmänner, <em class="gesperrt">der Deutschen</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Menschen_Werden_und_Wachsen">Der Menschen Werden und Wachsen.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In Asgard saß Wodan, der Götter Haupt und Held.
-Eine Türschwelle hatte er vor dem Götterheim zu
-einem Hochsitz geschichtet. Wohl erwählt war der Platz,
-denn von dem Hochsitz aus überschaute Allvater die
-ganze Welt und alles Werden und Vergehen. Und er
-sah mit durchdringendem Auge, daß im Leibe der Erde
-ein seltsam Leben wimmelte.</p>
-
-<p>Er berief den Götterrat, und sie erforschten, daß des
-Riesen Ymirs träges Fleisch voller Maden gesteckt habe,
-die sich, mit der Verwandlung von Ymirs Fleisch in
-fruchtbaren Erdboden, ebenso zu einer höheren Stufe
-entwickelt hatten und als absonderliche <em class="gesperrt">Zwerge</em> und
-<em class="gesperrt">Wichte</em> zwischen den Rippen der Erde wühlten. In
-guter Laune formten und feilten die Götter an den
-drolligen Gestalten, ohne sie um vieles schöner herausputzen
-zu können, schlossen sie deshalb vom Tageslicht
-aus und bannten sie ins dunkle Erdinnere zurück, beschenkten
-sie aber in göttlichem Mitleid mit Verstand
-und Rückerinnern.</p>
-
-<p>Und Allvater sprach:</p>
-
-<p>»Nur der vermag das Sonnenlicht auf Erden zu ertragen,
-der in der Sonne geboren ist. Das Sonnenlicht<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-hebt die Gedanken stolz und hoch zum Himmel und
-schafft ihnen höhere Gleichnisse. Darum taugt es nicht,
-daß die Unterirdischen die Macht auf Erden gewinnen,
-denn ihre Gedanken steigen in die Dunkelheit und zum
-wimmelnden Gewürm.«</p>
-
-<p>Und Wodan warf seinen Sturmmantel um und entbot
-<em class="gesperrt">Hönir</em>, den Gott des Waldes und der Heide, und
-<em class="gesperrt">Loki</em>, den Heißen und Leuchtenden, dem das Feuer
-untertan war, und fuhr mit den Ratgesellen zur
-Erde.</p>
-
-<p>Sie wanderten dahin im Licht der Sonne, die aus
-Muspelheims Funken am Himmel hing, und das
-Schweigen der Wälder umgab sie. Prüfend gingen
-ihre Augen über alles, was war. Und sinnend schritten
-die drei Götter dahin.</p>
-
-<p>Da bot sich ihnen auf der Lichtung eines Hügels
-ein wunderbares Bild. Kraftvoll war es und lieblich
-zugleich. Vom Schatten des Waldes umkränzt, hob
-sich sonnenübergossen der blumige Hügel, und eine
-mächtige Esche reckte sich daraus und eine breitausladende
-Ulme, und beide streckten sie ihre Wipfel sehnsüchtig
-dem Himmel entgegen, und sehnsüchtig vermählte
-sich ihr starkes Untergeäst, als wollte ein Baum
-den anderen stützen und umschlingen, und ihre Wurzeln<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-tranken tief aus der Erde, während ihre Wipfel
-hoch nach dem Himmel verlangten.</p>
-
-<p>In lächelnder Gewähr blickte Allvater Wodan auf
-das Bild, segnend stand Hönir, der Wälder Gott, feurig
-und leidenschaftlich trat Loki heran.</p>
-
-<p>Und Wodan nickte mit dem Haupt und strich mit
-leisen Händen über die Rinde der Bäume. Und von
-seinen Händen ging eine Kraft aus, die drang in das
-Mark der Esche und drang in das Mark der Ulme und
-erfüllte beide mit der göttlichen Seele.</p>
-
-<p>Da ging ein Raunen und Rauschen durch die Bäume
-von der Wurzel bis zur Krone.</p>
-
-<p>Und Hönir tat wie Wodan und streichelte liebkosend
-Stämme und Blätterdach und flüsterte mit ihnen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-014.png" alt="" />
-<div class="caption">»Da standen Esche und Ulme horchend und wurden sehend&nbsp;…«</div>
-</div>
-
-<p>Da standen Esche wie Ulme horchend und wurden
-sehend und regten ihre Äste und standen, mit offenen
-Sinnen, in freier Bewegung in all der Sonne.</p>
-
-<p>Der feurige Loki aber sprang vor, riß sie an seine
-Brust, daß sie taumelnd die Glut seines Herzens
-spürten, ließ einen Blutstropfen in sie überspringen
-und gab die Menschgewordenen aus seiner brünstigen
-Umarmung frei.</p>
-
-<p>Auf der Erde standen <em class="gesperrt">die ersten Menschen</em>.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>Und die ersten Menschen sahen die Götter und sahen
-dann sich selbst. Und sie erblickten in ihren Augen die
-Sonne des Himmels und schritten mit heißen Wangen
-aufeinander zu und faßten sich bei den Händen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ask</em> hieß die Esche. <em class="gesperrt">Embla</em> die Ulme. So hießen
-die ersten Menschen. Und Embla lehnte ihr Haupt
-an die Schulter des Ask, wie Frigg getan hatte, die
-erste Göttin, als sie Wodan erblickte.</p>
-
-<p>Da winkte Wodan seinen Gefährten und fuhr mit
-ihnen gen Asgard zurück.</p>
-
-<p>»Wir gaben ihnen viel,« sprach Wodan, »mehr noch
-müssen sie sich selber geben.«</p>
-
-<p>Die Gefährten suchten Allvaters sinnenden Blick.</p>
-
-<p>»Die Erkenntnis,« sprach Wodan, »daß sie nur
-mit den Göttern Edelmenschen und Herren der Erde
-sind; ohne die Götter &ndash; Schlagholz im Walde.«</p>
-
-<p>Loki erwiderte: »Aus dem Schlagholz im Walde
-springt hell und lustig die Flamme. Das deucht mich
-kein übles Los.«</p>
-
-<p>»Wehe den Menschen,« sprach Wodan, »die göttliches
-Feuer mit irdischer Flamme verwechseln. Die irdische
-Flamme ist die Zerstörung, die göttliche führt zur Ewigkeit.«</p>
-
-<p>Da schwieg Loki.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß
-Wodan und blickte über die ganze Welt. Von den
-Tieren, die er erschaffen hatte, hatte er zwei Raben
-ausgewählt, die hießen Hugin und Munin, Denkkraft
-und Erinnerung, und hockten ihm zur Rechten und zur
-Linken auf der Schulter. Täglich sandte er sie über
-die ganze Welt hinaus, und was sie auf ihren Flügen
-erspäht hatten, flüsterten sie Wodan ins Ohr, wenn sie
-auf seinen Schultern hockten. An seine Füße schmiegten
-sich zwei graue Wölfe, Geri und Freki geheißen, des
-Gottes würgende Jagdhunde, wenn er als wilder
-Jäger durch die Lüfte brauste oder über die Walstatt
-der Kämpfer.</p>
-
-<p>Von Asgard, der himmlischen Heimburg, blickte mit
-Wodan die Schar der Götter hinunter nach Midgard,
-ins Land der Menschen. Und der göttliche Teutsohn
-Mannus ersah mit Freuden ein kraftvolles Menschenkind
-mit goldrotem Haar und blaublitzenden Augen,
-das der Umarmung des Ask und der Embla entsprossen
-war, und er suchte sie auf in Midgard, und sie verbanden
-sich in Liebe und Kraft. Da wurden ihre Söhne
-Ingo, Isk und Irmin nach Ask, dem Urvater, die ersten
-Männer, die über das Erdreich schritten, und waren
-die Stammväter der Deutschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>Unter den Göttern war <em class="gesperrt">Heimdall</em>, der lichte Ase,
-den Wodan zum Wächter gesetzt hatte über alles Geschehen.
-Nie kam ihm der Schlaf. Vor der Sonne
-schon beleuchtete er den Himmel- und Erdenkreis mit
-goldenem Frührot und horchte aufmerksam auf die Atemzüge
-der Welt. Heimdall aber sah, wie schnell sich das
-Menschengeschlecht vermehrte und wie es nicht zum
-frohen Genusse des Lebens kam, weil ihr Schaffen ungeordnet
-war und ein Jeder jede Arbeit tat, ohne sie
-recht zu verstehen. So mühten sie sich ohne Erfolg und
-bald ohne Freude und brachten es zu nichts. Das bekümmerte
-den guten Gott, und er beschloß Wandel.</p>
-
-<p>In menschlicher Gestalt betrat er die Erde und spähte
-in alle Hütten. Und er ersah ein Ehepaar, das war
-knochig und gedrungen und muskelhart an Armen und
-Beinen. Es buk sein schwarzes Brot aus den Körnern,
-wie sie vom Felde kamen, und trank die Milch warm,
-wie sie die Euter der Kühe spendeten. Zu ihnen trat
-Heimdall als Gast, und als er mit ihnen gegessen und
-getrunken hatte, weissagte er ihnen, daß aus der anspruchslosen
-Kraft die Fülle des Wohlstandes erwachsen
-würde, und er schlief bei ihnen in der Kammer und
-schied im Frühlicht.</p>
-
-<p>Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben von<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-schwerem Körperbau, und als er aufwuchs, rodete er
-Äcker, bestellte sie von morgens bis in den Abend und
-umzäunte sie, bewässerte Wiesen und schuf Weideland
-für Pferde und Kühe, Ziegen und Schafe und trieb
-die Schweine zur Mast in den Eichenwald. Er arbeitete
-im Schweiße seines Angesichts und lehrte wiederum die
-eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei
-allem Mühen, und wenn er durch die wogenden Saaten
-schritt und durch die wachsenden Herden, sprach er stolz
-zu sich: Dies alles ist das Werk meiner Hände, und es
-ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all meine
-Liebe schenkte.</p>
-
-<p>So wurde der <em class="gesperrt">Bauernstand</em>, und er war göttlich
-durch Heimdall, den Wächter.</p>
-
-<p>Und Heimdall spähte weiter in alle Hütten der
-Menschen, und er erschaute ein Ehepaar, das war stattlich
-und von kluger Stirn, hinter der die Gedanken
-arbeiteten. Der Mann hatte der Frau einen Spinnrocken
-geschnitzt und sich selber einen Webestuhl, und
-sie spannen und webten Linnen und Tuch und schmückten
-sich mit den schönen Gewändern, auf daß sie eine
-immer größere Freude aneinander hätten trotz Wind
-und Wetter. Bei ihnen trat Heimdall ein, und sie
-luden den Fremdling zu Gast, und die Frau kochte auf<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-dem Herdfeuer ein feines Gericht aus den Kräutern
-des Gartens und zartem Fleisch. Und als der Gott
-sich gesättigt hatte, weissagte er ihnen, daß aus der
-durchdachten Kunst ihrer Handfertigkeit die Fülle des
-Wohlstandes erwachsen würde, und er schlief bei ihnen
-in der Kammer und schied im Frühlicht.</p>
-
-<p>Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben,
-der war schlank und gelenkig und von besonderem Verstande.
-Als er aufwuchs, zimmerte er kunstvoll verzierte
-Häuser und weitgeschwungene Hallen, baute
-Schmiedewerkstätten, in denen aus den Erzen der Erde
-köstlicher Schmuck bereitet wurde und aus dem Eisen
-Schwerter und Pflugscharen, veredelte Rocken und Webstuhl
-und mit ihnen Gespinnst und Tuch und tauschte
-seine Erzeugnisse mit den Früchten des Bauern und
-dem Fleiß aller Welt. Sein Tagewerk ging grübelnd
-und wirkend bis in die Nacht, und er lehrte es wiederum
-die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich
-bei allem Mühen, und wenn er durch Häuser und
-Hallen und Werkstätten schritt, und sein Auge Gewebe
-und Schmuck jeder Art, Waren und Werkzeuge musterte,
-sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines
-Hauptes und meiner Hände, und es ward, weil ich es
-verstehen lernte und ihm all meine Liebe schenkte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<p>So wurde der <em class="gesperrt">Gewerbestand</em>, und er war göttlich
-durch Heimdall, den Wächter.</p>
-
-<p>Und zum drittenmal spähte Heimdall in alle Hausungen
-der Menschen, und er erblickte ein Ehepaar, das
-war schlank und muskelhart zugleich, stark und furchtlos
-wie kein anderes, und wer Rat und Tat suchte,
-klopfte an seine Tür. Der Mann kam staubbedeckt von
-der Jagd, warf das Untier des Waldes, den erlegten
-Bären, vor die Feuerstelle und spannte den Bogen
-neu und schärfte die Speerspitze nach, bevor er sich erfrischte.
-Lachend schloß die schöngeschmückte Hausfrau
-den Wilden in die Arme. Und er saß bei ihr, den
-Arm um ihren Nacken geschlungen, und besprach mit
-ihr all sein tapferes Planen gegen das Raubzeug der
-Tiere, der Menschen und der bösen Geister, und sie
-gab ihm Rat und rief das Gesinde der Mägde und
-lehrte sie, das Wildpret zerlegen, zubereiten und die
-Armen und Hungrigen damit sättigen. Und Heimdall
-trat zu dem edlen Paar an den gastfreien Tisch, ließ
-sich den Bärenschinken munden und den schäumenden
-Met aus dem Auerochsenhorn, freute sich der würzigen
-Reden und weissagte den Starken zum Dank, daß aus
-ihrer Kraft und ihrem hochgemuten Sinn die Fülle des
-Wohlstandes erwachsen würde über das Haus hinaus<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-zum Besten aller, die um das Haus sich scharten. Und
-er schlief bei ihnen in der Kammer und schied im
-Frührot.</p>
-
-<p>Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben,
-der hatte die Kraft des Bären, die Schnelligkeit des
-Hirschen, das Auge des Falken. Stärker aber, rascher
-und schärfer noch war sein Geist. Und Geist und Körper
-waren wie Blitz und Schlag. Als er der Wiege entsprang,
-rannte er in den Wald, erkletterte er die Berge
-und ließ sein Jauchzen erschallen, daß die Menschen,
-die ihn hörten, Kopf und Nacken streckten und das Echo
-jubelten. Auf der Wiese griff er sich die Hengste und
-ritt mit den Winden um die Wette, ohne zu ermüden.
-Sein Pfeil holte den Vogel aus der Luft, sein Speer
-den Wolf auf der Flucht. In der Brandung der See
-kämpfte er mit den geschmeidigen Robben, als stände
-er auf festem Land. Und wo es Hilfe galt, war er der
-erste. Als er heranwuchs, baute er eine feste Burg,
-und die Nachbarn siedelten sich an im Schutz seiner
-Mauern und seines Schwertes. Im Kampf mit dem
-Feind war er allen voran und zeigte den Seinen den
-Sieg! Im Gericht kannte er nur die Gerechtigkeit, dann
-erst die Milde. Im Rat aber war er, daß alle Nachbarn
-ihm ihre Sorgen brachten, und er nahm sie, als<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-wären es die seinen. Sein Leben war Kampf und Sieg,
-für die andern mehr denn für sich, Tag und Nacht,
-ohne die Rast des Bauern, ohne die Ruhe des Bürgers,
-und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn
-sein Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn
-er durch die Schanzen seiner Burg, durch die Reihen
-seiner todesmutigen Mannen, durch die Gehöfte und
-Siedlungen der glücklichen Bauern und Bürger schritt,
-sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines
-Geistes, der mich und die Scharen lenkt, und es ward,
-weil ich es verstehen lernte und ihm all meine Liebe
-schenkte.</p>
-
-<p>So wurde der Stand der <em class="gesperrt">Krieger</em> und <em class="gesperrt">Heerkönige</em>,
-und er war göttlich durch Heimdall, den
-Wächter.</p>
-
-<p>Von Stund an tat jeder der Stände seine Pflicht in
-seinem Kreis, und es herrschte in der Menschen Leben,
-ihrer Arbeit und ihrer Freude Ordnung und Lohn.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Lächelnd reichte Wodan Heimdall die Hand zur Heimkehr.
-Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle
-saß er und ließ eine Esche wachsen, die ihre Wurzeln
-in alle Welten senkte und deren Krone bis nach Asgard
-ragte. Drei Wurzeln senkte sie hinab. Die eine saugte
-ihre Säfte aus einem Brunnen unter Midgard, der<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Menschenerde, an dem die <em class="gesperrt">Schicksalsfrauen</em> wohnen,
-die Nornen Urd, Skuld und Werdandi, die Künderinnen
-alles Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen
-im Menschenleben. Die zweite Wurzel saugte ihre
-Säfte aus einem Brunnen unter Niflheim, dem Geheimnis
-der Totenwelt, und der Drache <em class="gesperrt">Nidhögg</em> benagt
-sie, um sie zum Sterben zu bringen. Die dritte Wurzel
-aber saugte ihre Kräfte aus einem Brunnen unter
-Utgard, der Welt der Riesen und Trolle, und <em class="gesperrt">Mimir</em>
-birgt sich in ihm aus Ymirs Geschlecht, der Wissen und
-Weisheit aus der Urzeit bewahrte, bevor die Götter
-waren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Yggdrasil</em>, Baum des Gerichts, hieß die Esche, die
-Allvater gepflanzt hatte, um alle Welten fest ineinander
-zu wurzeln unter der Herrschaft des Himmels. Einen
-Adler setzte er in die Krone mit einem Falken zwischen
-den Augen, daß ihm nichts entgehe. Ein Eichhörnchen
-hüpft den Stamm hinauf und hinunter und hinterbringt
-dem Adler und dem Drachen alle Scheltworte, die der
-eine dem anderen gönnt. So bleiben sie alle zornig
-wach.</p>
-
-<p>Und Allvater lachte zufrieden.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_goldene_Zeitalter">Das goldene Zeitalter.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ein Frühling, der nie verging, blühte und duftete
-über Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden
-Augen. Die wilden Naturkräfte waren gebändigt,
-in ihre Schranken verwiesen und dem Wechsel
-der Jahreszeiten dienstbar gemacht. Jenseits des breiten
-Meergürtels, den die Asen um Midgard gelegt hatten,
-hausten die Riesen. Auf der Erde wuchs zahlreich und
-kräftig das Menschengeschlecht empor und brachte an
-heiligen Stätten den Göttern geweihte Opfer dar. Tief
-im Erdinnern aber schafften die Zwerge, klopften die
-köstlichen Erze aus dem Gestein und schmiedeten wunderbares
-Geschmeide, mit dem sich die Götter schmückten.</p>
-
-<p>Das schwerste Tagewerk, die Erschaffung und Ordnung
-der Welt, war geschehen. Es war die Zeit, in
-der die Götter an sich selber denken durften und an frohe
-Feiertage.</p>
-
-<p>Geschwisterlich vereint, einer dem anderen in Liebe
-zugetan, durchzogen sie die Blumenwiesen Asgards und
-bauten sich himmlische Burgen auf mit ragenden Hallen
-und zahllosen Fenstern zum Ausblick auf das Riesenland
-und die Menschenerde. Viele Namen gaben die
-Menschen den Göttern je nach der Sprache, in der sie<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-sie verehrten, und die Nordmänner riefen den allweisen
-Wodan <em class="gesperrt">Odin</em>.</p>
-
-<p>Gladsheim hieß Wodans goldglänzende Burg in
-Asgard, die »Welt der Wonnen«, und der mächtigste
-Saal darin war <em class="gesperrt">Walhall</em>. Ebenbürtig war ihm in
-Gladsheim nur ein zweiter, <em class="gesperrt">Wingolf</em>, die heitere Halle
-der Göttinnen. Mit Frigg, seiner hohen Gemahlin,
-zeugte Wotan herrliche Asensöhne. Der herrlichste und
-beste unter ihnen war <em class="gesperrt">Baldur</em>, der Lichte, den alle
-Götter mehr liebten als sich selbst, weil er das Vollkommenste
-war an Leib und an Seele, was Asgard hervorgebracht
-hatte und durch seine frühlingsfrohe Erscheinung,
-die kraftvolle Schönheit seines Wuchses und die
-Reinheit seines Gemütes Freude hervorrief, wo immer
-er ging. Breidablick hieß sein glänzender Saal, blank
-wie die Sonne, und nichts Unreines durfte über die
-Schwelle. Vorbildlich in allen Tugenden des Himmels
-und der Erde, hell und klar wie der sonnige Tag stand
-Baldur vor Göttern und Menschen, und sein Sohn,
-<em class="gesperrt">Forsetti</em>, den ihm sein glückliches Gemahl <em class="gesperrt">Nanna</em> geschenkt
-hatte, saß im Himmelssaale Glitnir als Gott
-der Gerechtigkeit und übte die richterliche Obergewalt.
-<em class="gesperrt">Hermodur</em> aber, der schnelle Götterbote, war Baldurs
-Bruder und hing ihm zärtlich an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>Neben seinem Vater Wodan ragte über alle Asen
-<em class="gesperrt">Donar</em> hinaus, den die Nordmänner <em class="gesperrt">Thor</em> riefen.
-Nichts kam seiner Körperkraft und seinem heldischen
-Mute gleich. Er liebte die Menschen und ihr fruchtbares
-Ackerland, bekriegte die Unholde und Riesen,
-die die Erde bedrohten, und brauste mit seinem Bockgespann
-durch die Wetterwolken, daß sie der dürstenden
-Erde die heilbringenden Gewitterregen spenden mußten
-und die erfrischende Luft. Tanngniost, der Zahnknisterer,
-und Tanngrisnir, der Zahnknirscher, hießen die Böcke
-vor seinem Wetterwagen. Seine Halle aber hieß Bilskirnir,
-der Blitz. Selten war er daheim, der Vielbeschäftigte,
-und die Menschen, wo immer sie den nährenden
-Boden bestellten, liebten ihn in ihren Herzen und
-Hirnen über alle die anderen Asen und hingen ihm
-an in Not und Gefahr, denn sie fühlten sich ihm nahe,
-weil <em class="gesperrt">Jord</em> seine Mutter gewesen war, die Erdgöttin.
-Darum liebte auch er den Bauernstand. Seine Gemahlin
-war <em class="gesperrt">Sif</em>, die so schönhaarig war wie goldenwogendes
-Getreidefeld. Seine Tochter <em class="gesperrt">Thrud</em> wuchs
-auf in des Vaters gütiger Art, während seine Söhne,
-<em class="gesperrt">Modi</em>, der Zorn, und <em class="gesperrt">Magni</em>, die Kraft, des Vaters
-Kämpferblut ererbt hatten. Bedurften die Götter des
-stärksten aller Asen Hilfe, so riefen sie nur seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-Namen, und wie der Blitz stand Asathor unter ihnen.
-Das Volk der Menschen aber opferte dem Stärksten der
-Starken unter den ragendsten Eichen.</p>
-
-<p>Donar-Thor am nächsten an Heldenhaftigkeit und
-Sorge um Menschenvolk und Menschenerde stand Tuisko,
-<em class="gesperrt">Ziu</em> genannt und von den Nordmännern <em class="gesperrt">Tyr</em>. Als
-Gott über den strahlenden Himmel gesetzt, beschenkte er
-die Erde mit Wärme und Licht, bevor die Nacht kam,
-und steigerte ihre Fruchtbarkeit. Feind war er darum
-allen zerstörenden Kräften und hob das Schwert gegen
-die gierigen Kriegerscharen, die sengend und mordend
-ins Land fielen. Als Schwertgott feierte ihn deshalb
-das Volk, ritzte seine Runen in die Klingen und huldigte
-ihm in Schwertertänzen, wenn es galt, die Jünglinge
-mutig und mannhaft zu machen; in Menschenopfern,
-wenn es unter stürmischer Anrufung seines
-Namens die Schlachtreihen des Feindes durchbrochen
-und niedergestreckt hatte. In heiligen Hainen verehrte
-ihn das dankbare Volk, und es bezeugte dem strahlenden
-Himmelssieger die Ehrfurcht des Menschenkindes,
-daß es seinen Tempelhain nur in freiwillig gewählten
-Fesseln und tief zur Erde gebeugt betrat. Weiße Rosse
-waren dem Schwertgott heilig, die mit den Hufen salzige
-Quellen geöffnet hatten zur Kräftigung der kriegswunden<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-Glieder, und das Wiehern der Rosse galt als
-Weissagung.</p>
-
-<p>Wie der frühlingsfrohe Baldur als Gott des Tages,
-so herrschte der blinde <em class="gesperrt">Hödur</em> als Gott der Nacht.
-Einsam war er und schweigsam. Nur wenn das Licht
-sich neigte, trat er in die Dämmerung, um in das
-Dunkel zu wandern. Und da er blind geboren war,
-wußte er wenig von dem fröhlichen Tun der Götter, die
-ihn still seine Wege gehen ließen.</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">Hönir</em> wohnte in Asgard, der Fahrtgenosse
-Wodans, der dem ersten Menschenpaare in Midgard
-die Seele geschenkt hatte und die Bewegung der Glieder.
-Er machte wenig Worte und war ein Mann des Friedens
-und der Ruhe.</p>
-
-<p>Königlich anzusehen war <em class="gesperrt">Uller</em>, der über den Winter
-gesetzt war und auf gewaltigen Schneeschuhen über
-Schnee und Eis dahinstob, mit Pfeil und Bogen das
-Wild zu jagen. Ihm jubelten die Jäger zu.</p>
-
-<p>Am königlichsten neben Wodan-Odin erschien <em class="gesperrt">Loki</em>,
-der Gott des Feuers und der Hitze. Von verführerischer
-Anmut und blendender Geistesschärfe, berufen, neben
-Allvater zu stehen, fehlte ihm Wodans Willenskraft
-und Baldurs sittliche Größe, so daß er oft und gern
-seine hohen Gaben verwandte, um durch übermütiges<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-Trugwerk und geistreiche Listen das Gelächter der Götter
-zu erregen und sich im billig erworbenen Ruhm zu
-sonnen. Da es seiner Herrschsucht und Eitelkeit nicht
-gelungen war, der Erste der Götter zu werden, so
-wünschte er ihnen seine überlegene List und Klugheit
-ständig zu bezeigen, und was zuerst ein leichtfertig
-Spiel erschien und lustiges Gelächter erregte, konnte
-leicht zu unheilvollem Ernst werden, wenn die Götter
-ihm nicht die Grenzen seines Tuns umschrieben. Als
-Wodans Fahrtgenosse bei der Erschaffung der Menschen
-hatte er dem ersten Menschenpaare einen Tropfen seines
-Blutes vererbt: die ungezügelte Leidenschaft. Die Menschen
-aber fürchteten sich vor dem unbeständigen, bald
-schmeichlerischen, bald jähzornigen Gott und hielten sich
-in ihren Anrufungen vor seinem Namen zurück.</p>
-
-<p>Asgards Wächter, der treue <em class="gesperrt">Heimdall</em>, saß als
-Markgraf in seiner Halle an der Brücke <em class="gesperrt">Bilfrost</em>,
-die sich wie ein Regenbogen vom Himmel zur Erde
-spannte. Der Scharfäugigste war er und der Hellhörigste.
-Hunderte von Tagereisen weit sah sein Auge
-durch Tag und Dunkel, und sein Ohr hörte das Gras
-auf der Erde, die Blätter an den Bäumen, ja die Wolle
-auf den Schafen wachsen. Er war der Früheste, denn
-er schlief nicht ein, weil er aus der Dämmerung des<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Abends schon die Dämmerung des Morgens ersah.
-Keinen besseren Mann konnten die Götter an die einzige
-Brücke stellen, die gen Asgard führte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein Frühling, der unvergänglich schien, blühte und
-duftete über Asgard, und die Götter gingen einher mit
-seliglachenden Augen. Geschwisterlich vereint, einer dem
-andern in Liebe zugetan, durchzogen sie die Blumenwiesen,
-trieben ritterliches Spiel, huldigten Frigg, der
-erhabenen Himmelsmutter, und den jüngeren Göttinnen
-ihres Hofes, <em class="gesperrt">Saga</em>, der weisen, mit der Allvater den
-Trunk des Wissens aus goldenen Schalen schöpfte,
-<em class="gesperrt">Fulla</em>, der listigen Vertrauten der Himmelsmutter,
-<em class="gesperrt">Menglod</em>, der flammenden Morgenröte, <em class="gesperrt">Idun</em>, der
-jugendschönen, der ewig jungen, die die Zauberäpfel
-bewahrt, von denen die Götter essen, um nimmer zu
-altern, <em class="gesperrt">Gefjon</em>, der klugen, zu der die Mädchen beteten.
-Manche gleich schöne, gleich kluge Götterjungfrau lächelte
-aus Friggs Gefolge den Götterhelden zu, wenn sie auf
-blitzschnellen Rossen über die Wiesen jagten, den Speer
-schossen oder die heißen Schwerter über Schild und
-Brünnen fegen ließen. Oder wenn sie auf den Bänken
-der Halle saßen, Lieder zur Harfe sangen und den Met
-sich zutranken, den die Holden ihnen in den kostbaren
-Trinkgefäßen reichten, gefertigt aus blinkendem Gold<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-von dem reichen Volk der Zwerge. Dann legten
-die Götter den frohen Frauen funkelnden Schmuck um
-Hals und Nacken, Edelgestein, das die Zwerge erschürft
-hatten, glitzernde Halsbänder und schimmernde Kronreifen,
-die Flut der Locken zu fassen, und schlangen die
-Arme um die schlanken Hüften und wußten nur von
-Liebe und nichts von Leid, weil sie einig waren und
-einer des anderen sicher im selben Sippschaftsgefühl.
-Und weil sie schuldlos waren und gerecht.</p>
-
-<p>So lebten die Götter ihr goldenes Zeitalter, und der
-ewige Frühling blühte und duftete über Asgard und
-sandte seine Sonne in alle Welten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Heiteren Auges saß Wodan auf dem Hochsitz über
-der heiligen Türschwelle seines Saales, die den Ausblick
-bot nach Midgard, dem Land der Menschen, und
-nach Utgard, dem Land der Riesen und Trolle. Seine
-Jagdwölfe lagen ihm zu Füßen, und seine Weisheitsraben
-flogen von seiner Schulter her und hin und
-kehrten geruhsamen Fluges zurück. Denn nichts Böses
-gab es zu melden. Das Volk der Menschen gedieh in
-den drei Ständen, in die der treue Hüter Heimdall
-Bauern, Bürger und Krieger gegliedert hatte, zu Wohlstand,
-Glück und Ehre, und das Riesengeschlecht lag
-schlemmend und zechend in den Grenzen, die ihm gezogen<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-waren, sang und brüllte beim Gelage, daß oft
-Meer und Erde erbebte, und schielte nur zuweilen wie
-in erwachender Erinnerung nach den Göttern in Asgard.
-Die <em class="gesperrt">Thursen</em>, das ist die Starken, nannten sie
-sich, die Asen aber nannten sie um ihrer Gefräßigkeit
-willen die <em class="gesperrt">Joten</em>, das ist die Fresser, und ihr Reich
-<em class="gesperrt">Jotunheim</em>, das Vielfraßland. Oft waren die Thursen
-von ebenso plumpem Wesen wie Gliedern, und es bedurfte
-nur eines neckenden Wortes, daß sie wie Schlagetote
-mit losgebrochenen Felsen und entwurzelten Bäumen
-aufeinander loshieben. Wo aber etlichen unter ihnen
-Weisheit geschenkt war, traten sie auf als Beherrscher
-der Elemente und lenkten Meerflut, Sturm und
-Feuersbrunst. Als gewaltige Baumeister suchten sie
-ihresgleichen, denn ein kleines war es für sie, Felsen
-auf Felsen zu türmen und Burgen zu erbauen, die
-bis zum Himmel ragten. Oft waren ihre Weiber scheußlich
-und verzerrt wie Strudel und Gischt, oft aber
-auch über die Maßen schön wie lächelnd atmende
-Meeresstille.</p>
-
-<p>Denn mächtige Wasserriesen gab es und furchtbare
-Sturmriesen, Berg- und Waldriesen von ungeheuerlicher
-Stärke und hitzige Feuerriesen. Ihre Jahreszeit hob an,
-wenn der Sommer geschwunden war. Der heulende<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-Herbst, der krachende Winter blieb ihre Freude, bis die
-frühlingsfrohen Götter ihrem Gelärm Einhalt geboten.</p>
-
-<p>Der gutmütigste unter ihnen war <em class="gesperrt">Ägir</em>, der Herrscher
-der weiten, der offenen Meere. Wenn die Götter
-ausfuhren in die Welt, kehrten sie oft in seiner Meereshalle
-ein und taten gewaltige Züge Metes bei dem fröhlichen
-Alten. Bösartiger Natur war <em class="gesperrt">Ran</em>, sein Weib,
-die Räuberin. Auf dem Grunde des Meeres kauerte sie
-und stellte grausam ihre Netze nach den Schiffern, die
-über sie dahinfuhren. Neun Töchter zeugte das Paar,
-die wie spielende Wellen verführerisch lockten und die
-in Liebe entbrannten Söhne der Männererde in ihre
-Umarmung zogen und auf den Meeresgrund, in den
-Todessaal ihrer Mutter Ran.</p>
-
-<p>Über das Eismeer herrschte <em class="gesperrt">Hymir</em>, der Frostriese,
-vor dessen eisigem Blick Felsen zerbarsten wie Glas.
-Den größten Braukessel besaß er, tief wie das Meer,
-aber er hielt ihn unter Schloß und Riegel als unwirscher
-Gesell.</p>
-
-<p>Scheusälig aber war <em class="gesperrt">Grendel</em> anzuschauen, der
-Nebelriese der Sturmflut, mit drachenförmigem Haupt
-und Krallen wie Stahl, gezeugt von einer wölfischen
-Mutter, die bei ihm hauste und ihm auf seinen Unholdfahrten
-gierig folgte. Unheimliche Schlupfwinkel wählten<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-sie zu Wohnstätten, im fiebrigen Moor, in feurigen
-Gewässern. Und Mensch und Tier erschauerte vor diesem
-fiebrigen Feueratem.</p>
-
-<p>Jetzt aber gaben die Riesen Ruhe, denn der allweise
-Wodan hielt sie im Bann seiner Gerechtigkeit. Nicht
-umsonst hatte er Yggdrasil geschaffen, die Weltesche, die
-ihre Wurzeln unter Midgard, Utgard und Niflheim
-senkte und ihm Wissen gab aus allen Welten. Wenn
-die Götter aus Asgard hinabstiegen, um über das Menschenvolk
-zu richten, so stiegen sie zu dem Brunnen der
-Nornen, aus dem eine Wurzel der Weltesche trank, zu
-den Schicksalsmädchen Urd, Skuld und Werdandi, die
-die Geschicke jedes Menschen wußten von seiner Geburtsstunde
-an bis zur Todesstunde. Oft aber stieg Wodan
-ungeleitet zum Brunnen Mimirs, des Weisesten der
-Weisen aus Ymirs Geschlecht, das Welt und Urzeit sah,
-bevor die Götter waren. Und er bot ihm göttliche Freundschaft,
-wenn er ihm alles sagte aus der tiefsten Tiefe.</p>
-
-<p>»Wie soll ich deiner Freundschaft trauen?« sprach
-Mimir. »Du bist ein Ase und ich ein Thurse.«</p>
-
-<p>»Wähl dir ein Pfand,« sprach Wotan.</p>
-
-<p>»Was hältst du am höchsten an dir?« fragte Mimir.</p>
-
-<p>»Meine allsehenden Augen.«</p>
-
-<p>»So gib mir das eine zum Pfand.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>Da gab der Gott das Auge zum Pfand und gewann
-Mimir zum Freunde. Und Mimir schöpfte mit Wodans
-Auge die Tropfen aus der tiefsten Tiefe, und sie saßen
-beieinander und raunten miteinander manche Nacht.</p>
-
-<p>Einäugig kehrte Wodan gen Asgard zurück. Aus
-Liebe zu seiner Schöpfung, aus Liebe zu den Göttern
-und Menschen hatte er sein Auge dargebracht. Denn
-nun war der Allweise allwissend geworden.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-035.png" alt="" />
-<div class="caption">»… und trank mit ihr aus einer Schale&nbsp;…«</div>
-</div>
-
-<p>Oft wandelte er in Asgard zum Wohnsitz der Saga,
-der ernstgerichteten Göttin, und trank mit ihr aus einer
-Schale und besprach mit ihr feierliche Dinge, die wie Gesang
-waren aus tiefen Brunnen. Und die Saga ritzte
-sie in heilige Zauberrunen, während die Götter und
-Göttinnen draußen über die blumigen Wiesen jagten
-und sich in Liebe fanden, an festlichen Tafeln saßen
-und sich mit Kränzen schmückten und dem funkelnden
-Goldgeschmeide.</p>
-
-<p>Kinderselig hallte das Lachen über Asgards Wiesen,
-durch Asgards Hallen.</p>
-
-<p>Wodans Ohr hörte es wohl. Sein Auge blickte
-sinnend.</p>
-
-<p>Über Sagas Haar strich er und erhob sich.</p>
-
-<p>»Sie sollen fröhlich sein. Lange, lange … Denn so
-lange die Götter schuldlos sind, sind sie unsterblich.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Wanenkrieg">Der Wanenkrieg.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Waffenruhe war auch auf Erden. Solange die
-Götter in Gerechtigkeit ihres Amtes walteten,
-erhaben über Neid, Selbstsucht und Gier, und sie zur
-Muße ihre heiteren Spiele trieben, eiferten die Menschen
-ihnen nach und freuten sich ihres Lebens. Sie
-erfüllten ihr Tagewerk, und je reicher und lohnender
-es war, desto fröhlicher gedachten sie der himmlischen
-Spender, errichteten ihnen Heiligtümer und Altäre und
-brachten ihnen in Begeisterung ihre Opfer dar.</p>
-
-<p>Seltsames bewegte Wodan in dieser glücklichen Zeit.
-Übermütig macht das Glück, Götter wie Menschen, und
-treibt sie über die Grenzen ihres Wesens. Wenn er
-über der heiligen Türschwelle saß und alle Lande vor
-ihm lagen, spähte er immer schärfer aus in das Leben
-aller Dinge, sandte er immer häufiger seine Raben aus,
-werdende Geheimnisse zu erforschen, und seine Jagdwölfe
-wedelten unruhig mit dem Schweif. Ihm war, als seien
-Kräfte am Werk, das Glück zu erschleichen, das er erschaffen
-hatte, und das Köstlichste, was den Asengöttern
-wurde, die Opfer des Menschenvolkes, abzulenken. Und
-Wodan deutete die Vorzeichen.</p>
-
-<p>Nicht überall strebte der Opferrauch gen Asgard,<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-dem Asenhimmel. Wohl wirbelten die Opferwolken im
-Saxland, das steil unter seinem Sitze lag, mächtig wie
-immer zu ihm empor, doch nördlich der Sachsen, dort,
-wo Dänen und Schweden saßen, trieben sie ab und
-suchten einen anderen Himmel. Und Wodan erspähte,
-daß es der Himmel der Lichtgötter, der <em class="gesperrt">Wanen</em> war,
-die sich beim Erscheinen der Götter in der Welt singend
-und klingend von der Stätte harter Arbeit emporgeschwungen
-hatten, um ein Reich der Schönheit und
-des Glücksgenusses zu begründen.</p>
-
-<p>Da sprach Wodan zu sich selber:</p>
-
-<p>»Glück ist göttlich. Glück ist der Besitz. Glücksgenuß
-ist irdisch. Glücksgenuß ist die Verschwendung.
-Da die Masse der Menschen irdischer ist als göttlich,
-wird sie nach dem Genusse greifen, statt nach dem Glück.
-Und nur die Helden werden den kargeren Besitz des
-Glückes wählen, der Arbeit ist und Aufopferung.«</p>
-
-<p>Und Wodan hörte und erspähte alles, was er von
-den Wanen zu wissen begehrte. Verschwenderisch streuten
-sie Fruchtbarkeit über Länder und Seen allen, die sie
-anriefen, lehrten sie den Wert des Goldes, lehrten sie,
-den Fleiß ihrer Hände in Gold umsetzen und das Gold
-in üppigen Genuß, also, daß die Menschen nur noch zu
-arbeiten wünschten um des <em class="gesperrt">Goldes</em> willen und um<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-durch Gold alles zu beherrschen, Menschen und Dinge,
-Länder, Völker und ihre Schätze, was immer ihnen auf
-Erden zum mühelosen Genuß des Lebens verhelfen
-könne. Feiner und wählerischer wurden die Anhänger
-der Wanen, klüger und wissender, und sie dünkten sich
-bald in ihrer verfeinerten Lebensführung hoch erhaben
-über die rohen Sachsen in Saxland und die anderen
-Völkerstämme, die auf Wodan schwuren, den Sturmgott,
-auf Donar, den Gewitterbringer, und auf Ziu,
-den Gott des blanken Schwertes. Über sie alle, die
-rauhen und schlichten, denen die Arbeit Freude war,
-Kraftempfinden und Lebenszweck, und der Feierabend
-das Bewußtsein ihrer hart erworbenen und darum
-doppelt gesteigerten Fröhlichkeit. Und Wodan witterte
-die Gefahr.</p>
-
-<p>Einst, als er mit seinen Brüdern Wili und We den
-stumpfsinnig verschlingenden Urriesen Ymir erschlagen
-hatte, hatte er die niedere Geisterwelt gejagt, die von
-den Göttern das Wissen geholt aus der gebärenden
-Weltseele und das Göttliche gewandelt hatte in gemeine
-Lüste und billigen Zauberspuk. Tausende waren
-erwürgt an seinem Gürtel geblieben, wenige nur entkommen.
-Aber einige waren zu den leichtherzigeren
-Wanen entschlüpft, hatten sich zu wildquirlenden Scharen<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-vermehrt und aufs neue die gold- und zaubersüchtigen
-Menschen aufgesucht, die die verschwenderisch spendenden
-Wanen opfernd verehrten. So kam mit der steigenden
-Genußsucht der <em class="gesperrt">Aberglaube</em> in die Welt, der Feind
-des Göttlichen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aufstanden Wodans Jagdwölfe und streckten die
-Rute. Mit gesträubtem Haar standen sie und warteten
-des Befehls des Meisters.</p>
-
-<p>Nacht war es und Wodan sattelte sein Sturmroß.</p>
-
-<p>In wehendem Mantel, den breitrandigen Wetterhut
-tief über die blutige Augenhöhle gedrückt, damit das
-andere, das Einauge, um so schärfer funkele, saß er
-horchend im Sattel. Aufkreischten seine Raben. Von
-seinen Schultern schwangen sie sich auf und jagten
-voran. Hinter ihnen drein mit heiserem Gebell jagten
-die Wölfe. Da gab Wodan seinem Sturmroß das Maul
-frei, und der wilde Jäger stob mit Hussa und Peitschengeknall
-in die Nacht. »Rafft, meine Raben! Würgt,
-meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot!
-Hussa! Hussa! Horrido!«</p>
-
-<p>Hinter den Gespensterscharen, die heimlich aus Wanenland
-herübergeschlichen waren, seine Menschen zu verführen,
-hetzte er einher. Entsetzt fuhr das Gelichter der
-Schwarzalben und Truden, der Maren und Schrate wie<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-Nebel- und Wolkenfetzen durch die Wipfel der Bäume
-und suchte heulend das Weite. Wodans Sturmroß holte
-sie ein. Seine Peitsche fuhr knallend durch die Luft,
-und wen sie traf, den traf der Tod. »Hussa! Hussa!
-Horrido!« Die Wolken jagten über den Himmel, als
-wollten sie mit weitaufgerissenem Rachen den tanzenden
-Mond verschlingen. Und im fahlen Licht der Sturmnacht
-hetzte Wodan ohne Ermüden die unholden Geister,
-den Alb, der sich den Menschen auf die Brust setzte und
-sie bedrückte, den Mar, der ihnen das Blut aussog, den
-Schrat, der sie äffte und die Trud, die sie behexte. Sie
-alle, die seine Menschen quälten und sich zu willen
-machten, bis die Erdgeborenen glaubten, es seien die
-Götter selbst und nicht unholde Wesen, und sich den Gespenstern
-ergaben.</p>
-
-<p>»Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf'
-sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«</p>
-
-<p>»Da jagt der wilde Wode!« stammelten die Menschen,
-die im Geheul der Sturmnacht von den Lagern auffuhren
-und angstvoll gen Himmel starrten. »Der wilde
-Gespensterjäger fährt um.«</p>
-
-<p>Und doch öffneten sie hastig Fenster und Türen, um
-den gejagten Spukgestalten Unterschlupf zu gewähren,
-denn sie versprachen sich goldenen Dank von den Wichten<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-und gierten nach irdischen Schätzen, statt nach der stolzen
-Höhe der Götter.</p>
-
-<p>Nächte hindurch, Monde hindurch fegte Wodans
-Mantel durch die Lüfte, knallte seine Peitsche wie krachendes
-Holz, schrieen seine Raben, heulten seine Jagdwölfe.
-»Auf daß das Geschlecht sich nicht vermehre!«
-lachte er grimmig in den Bart und setzte vor allem
-anderen Wild den kreischenden Frauen und Fräulein
-der albischen Wesen nach, packte sie am Gewand, griff
-sie beim Schleier, zog die Zappelnden hinauf auf sein
-Roß und erstickte sie in seinen Umarmungen. »Frauenräuber!«
-schalten die verblendeten Menschen hinter ihm
-drein, »Weiberjäger!« Denn sie hielten für Liebesgier,
-was Wodan in göttlichem Zorne tat, und ließen sich von
-den Wichten, die sie abergläubisch hüteten, leicht bereden.</p>
-
-<p>Noch blieb viel Koboldvolk auf der Erde zurück,
-Hausgeister und Waldfräulein, Korngeister und Wassernixen,
-und Nächte und Monde jagte Wodan daher, den
-Spuk zu vernichten, die Menschen auf sich selbst zu
-stellen. Oft auch stieg er zu Mimir hinab und raunte
-mit ihm am Brunnen. Denn er hielt das luftige Gesindel
-der Alben nur für die Plänkler und Wegemacher
-eines gefährlicheren Feindes, der Macht der Wanen,
-und er wußte es in seiner Allwissenheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Einst kehrte er heim nach Asgard, sinnend und grübelnd,
-und fand die Götter beim lärmenden Gelage wie
-in einer großen Trunkenheit. So hatte er sie noch nie
-geschaut. Nur Baldur stand abseits. Ihn ekelte das
-weibische Getue.</p>
-
-<p>Einen strahlenden Blick warf Wodan auf seinen
-Lieblingssohn. Dann trat er zürnend in den Kreis.
-Doch keiner hatte Augen für ihn.</p>
-
-<p>Vor den Bänken der Götter und Göttinnen tanzte ein
-nacktes Mädchen von niegesehener Schönheit. Farbenfunkelnde
-Geschmeide von auserlesenem Feuer schmiegten
-sich an ihre Brüste, daß ihr Weiß heller leuchtete als
-der Schnee auf den Hügeln, rotgoldene Spangen, zart
-wie Blattgold und von meisterlicher Arbeit umschlossen
-die Fesseln ihrer Füße, daß die Glieder aus den Goldblättern
-hervorwuchsen wie Lilienstengel, umschlossen
-die Arme, daß sie sich dehnten und streckten wie heimlich
-Geliebte, und Perlenschnüre träumten in ihrem
-Dufthaar wie schmeichelnde Mondlichter in kosender
-Nacht.</p>
-
-<p>»Tanze, tanze,« riefen die Götter mit funkelnden
-Augen, »so wunderbar Schönes sahen wir nie, wie dich,
-du Mädchen!«</p>
-
-<p>»Tanze, tanze,« riefen die Göttinnen mit heißen<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Blicken, »so wunderbar Schönes sahen wir nie, wie dein
-Geschmeide!«</p>
-
-<p>»Das Mädchen ist es!« beharrten die Götter erhitzt.</p>
-
-<p>»Das Geschmeide ist es!« eiferten die Göttinnen.
-»So schön sind wir, wie die Fremde, aber der Schmuck,
-mit dem ihr uns beschenkt, ist plump wie Bauernschmuck
-und hängt sich schwerfällig an unsere Glieder, statt ihre
-Reize zu heben. Schafft uns solch Geschmeide, und das
-Mädchen ist vergessen! Schöner sind wir, schöner!«</p>
-
-<p>»Wer bist du?« riefen die Asen, und es lag wie
-Rausch über ihren Augen. »Wer gab dir den Schmuck?
-Wo finden wir ihn?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Gullweig</em> heiß ich,« sang die Tänzerin, »vom
-göttlichen Wanenstamm bin ich. Wir leben in Schönheit
-und Freude! In Arbeit und kindlichen Spielen
-ihr! Wißt ihr, was Freude ist? Verschwendung und
-lachendes Leben! Seht her, so verschwende ich!«</p>
-
-<p>Und sie wirbelte vor den heißen Blicken der Männer.</p>
-
-<p>»Der Schmuck! Der Schmuck!« riefen die Göttinnen
-und waren erblaßt vor Erregung.</p>
-
-<p>»Schmuck will erworben sein,« sang die Tänzerin.
-»Einen Wert hat das Gold, mehr als ihr wißt! Für
-rotes Gold und schimmernd Gestein kaufe ich Länder
-und Völker, Weiber und Rosse, Leiber und Seelen. Es<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-liegt bei den Riesen, es liegt bei den Zwergen, es liegt
-bei den Menschen. Hervorlocken muß man es durch
-Zauber oder Raub. Holt es euch, schmückt euch, genießt!
-Nichts weiß euer Blut vom glühenden Leben!«</p>
-
-<p>Aller Arme streckten sich nach der tanzenden Wanentochter
-aus. Sehnsüchtige Arme. Neidvoll gereckte
-Hände. Da hob Wodan den Speer.</p>
-
-<p>Dreimal durchbohrte er Gullweig, die Wanentochter,
-mit dem Speer. Dreimal schleuderte er ihren weißen,
-schimmernden Leib in den flammenden Holzstoß, der
-die Halle erwärmte und erleuchtete. Dreimal verbrannte
-das Mädchen zu Staub. Dreimal erhob sie sich aus der
-Asche. Da ersah Wodan, daß sie eine Zauberin der
-Wanen sei, und ließ die Mißhandelte entfliehen.</p>
-
-<p>»Melde den Deinen, was dir widerfuhr, was ihrer
-wartet!«</p>
-
-<p>Loki aber, der Geschmeidige, sammelte hastig aus der
-Glut des Feuers den seltenen Goldschmuck, Perlen und
-Geschmeide, und gab alles den Göttinnen und setzte sich in
-Gunst. Finster gingen die Asen umher und neideten
-dem Listigen den Vorzug.</p>
-
-<p>Wodan berief sie alle zum Rat.</p>
-
-<p>»Wer hat dem Wanenmädchen Einlaß gewährt zu
-Asgards Wiesen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>Und Heimdall antwortete: »Ich tat's, auf Gebot der
-Götter, die sich berieten, als du fern warst. Sie war
-ein Mädchen und ohne Waffen.«</p>
-
-<p>»Ihr Törichten,« sprach Wodan, »habt ihre Waffen
-kennengelernt. Schwer seid ihr von ihren Waffen verwundet.
-Schwerer als von Schwert und Ger. Denn
-die Wunden, die sie euch schlug, heilen nicht und eitern
-fort in der Gier nach Gold und Genuß. Vorbei ist es
-mit der heiteren Ruhe. Wir müssen uns regen.«</p>
-
-<p>Da stimmten die Götter beschämt ihm zu und gaben
-ihm Vollmacht, für alle zu handeln.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Einsam fuhr Wodan aus. Nur Gefjon nahm er mit
-sich, die Kluge, zu der die Mädchen beteten. Von Saxland
-fuhr er gen Norden, denn es war sein Plan, die
-Wanenanhänger durch eine augenfällige Tat zu sich
-zurückzuführen und die Menschen, die im Norden noch
-nichts wußten von Wodan und den Seinen, zum Asenopfer
-zu bekehren. So fuhr er gen Dänemark, das den
-Wanen huldigte, und gedachte dem Volke über Nacht
-ein reiches Neuland zu schenken, Ackerland für einen
-seßhaften Bauernstand, der mit der Scholle die Arbeit
-liebte und nicht die Leichtfertigkeit der Goldanbeter.
-Neuland auch für neue Heiligtümer der Asengötter.</p>
-
-<p>Auf Fünen kehrte Wodan ein und lehrte Gefjon,<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-die kluge, seine Pläne und verlieh ihr zur Ausführung
-seine Zauberrunen. Da fuhr Gefjon, als listige Gauklerin
-gekleidet, nach Schweden und vollführte vor dem
-Beherrscher des Landes, dem König Gylfi, so lustige
-Dinge, daß der König ihr einen Wunsch freigab. Und
-sie erbat sich so viel Land zur freien Verfügung, wie sie
-mit vier Ochsen während eines Tages und einer Nacht
-umzupflügen vermöchte. Das gestand ihr der König
-lachend zu. Gefjon aber fuhr noch in selber Stunde
-nach dem Riesenland Jotunheim, gebar in der nächsten
-Nacht einem Riesen vier Söhne, ließ sie kraft ihrer
-Zauberrunen gleich bei der Geburt zu ihrer ganzen
-Größe und Stärke aufwachsen, verwandelte sie durch
-den Runenzauber in vier ungeheure Ochsen und kehrte
-in nächster Nacht mit ihnen zu König Gylfi zurück.
-Und Gefjon, die Kluge, spannte die Riesenochsen vor
-den Pflug und packte die Pflugschar. Da schnitt das
-Pflugeisen gewaltig tief und breit in das Land und
-ackerte ein Stück Erde heraus, das nicht zu überblicken
-war, und die Ochsen zogen noch einmal an und zogen
-das herausgepflügte Land weiter und weiter gen Westen,
-stiegen ins Meer und zogen es bis in den dänischen
-Sund. Dort entließ Gefjon die Ochsen und nannte
-das neugewonnene Inselland der See <em class="gesperrt">Seeland</em>. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-Loch aber, das sie in König Gylfis Land gerissen hatte,
-füllte sich zu einem Binnensee, der der <em class="gesperrt">Mälarsee</em>
-hieß, und in seine Buchten paßten bis ins Kleinste die
-Landzungen und Vorgebirge Seelands.</p>
-
-<p>Und Wodan dehnte die Macht der Asen aus auf die
-Insel und schuf ein Heiligtum auf ihr, zu dem die beschenkten
-Dänen in Dankbarkeit opferten. Aber auch
-König Gylfi in Schweden und viele andere Könige im
-Norden, zu denen die Kunde kam, riefen erschreckt Wodan
-an, den sie Odin nannten, und baten ihn in ihr
-Reich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wodan war heimgekehrt nach Asgard, wo ihn die
-Asen sehnsüchtig erwarteten. Viel Streit gab es zu
-schlichten, den der listige Loki schadenfroh geschürt hatte,
-und die alte Einigkeit war gestört im Rat und auf der
-Metbank wie beim ritterlichen Kampf- und Wettspiel,
-seitdem das lockende Weib in Asgard erschienen war.
-Zu Mimirs Brunnen stieg Wodan hinab und raunte
-lange mit dem Weisen.</p>
-
-<p>Und es war ihm offenbar, daß die Wanen heranrückten,
-den Schimpf an Gullweig zu rächen und die
-reichen Opfer der Menschen im Norden zurückzugewinnen.
-Und Wodan wußte vieles und mehr und saß,
-in die Zukunft grübelnd, auf seinem Hochsitz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>In hellen Haufen rückten die Wanen an. Die Luft
-wimmelte von ihnen, wohin das Auge sah. Lichtgötter
-waren sie. Darum ritten sie durch die Lüfte und
-brauchten nicht über die Brücke Bilfrost hinweg, die
-Heimdall hütete. Was ihnen an Kraft den Asen gegenüber
-gebrach, ersetzten sie dreimal durch wunderbare
-Waffen, zu denen ihnen ihr Reichtum, und durch die
-Kriegskunst, zu der ihnen ihre verfeinerte Geistespflege
-verholfen hatte. Jäh erschienen sie vor Asgard und
-zerbrachen in geeintem Angriff den Burgwall der Asen.</p>
-
-<p>Dröhnend rief Wodan die Männer Asgards zum
-Kampf. Ihnen allen voran stand er und schleuderte
-als Heervater den Speer über die anstürmenden Völker.
-Aber die Waffen der Asen waren wie Bauernwaffen
-zu den erlesenen und erklügelten Waffen der Wanen,
-wie der Schmuck ihrer Frauen und Jungfrauen ein
-plumper Bauernschmuck geschienen war zu den berauschenden
-Köstlichkeiten der tanzenden Gullweig. Donars
-malmende Keule zersplitterte auf stahlhartem Wanenhelm.
-Zius blankes Breitschwert brach und sprang aus
-dem Griff, als er es gegen eine goldene Wanenbrünne
-stieß, Ullers Pfeil und Bogen war wie ein Kinderspiel
-vor den manneshohen Schilden der Wanen, und Baldurs
-leuchtender Mut fand zwölf neue Gegner, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-er einen gefällt hatte. Loki stand als Schutz und Schirm
-bei den Göttinnen und stachelte die kämpfenden Asen
-an, sich vor den Frauen zu zeigen und ihre Huld zu
-gewinnen, denn er gedachte, übrig zu bleiben und höhere
-Macht zu erringen. Und die Asen wurden uneins im
-Kampf, trennten sich voneinander und suchten in heldischem
-Zweikampf mit den Wanenführern die Augen
-der Frauen auf sich zu ziehen, während die Scharen der
-Feinde immer tiefer eindrangen in Asgards geheiligte
-Fluren und die Himmelsburgen in Schutt und Asche
-legten.</p>
-
-<p>Da packte Donar die Felsen an und riß sie aus
-dem Grund und zermalmte mit ihnen die Haufen. Und
-Ziu entwurzelte die ragendste Eiche und fegte mit ihr
-die Stürmenden zu Hunderten. Die Himmel krachten,
-die Menschen lagen betend auf ihrer Erde und die Riesen
-in Jotunheim erhoben drohend ihre Häupter, um über
-die erschöpften Asen- und Wanengötter in Haß und
-Rache herzufallen.</p>
-
-<p>Wodan sah es. Er erkannte die größere Gefahr.</p>
-
-<p>Wie Donner rollte seine Stimme über die Köpfe der
-Kämpfenden:</p>
-
-<p>»Ihr habt euch in den Waffen gemessen, ihr Götter
-&ndash; nun meßt euch im Rat!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Die Wanen wiederum aber hatten erkannt, daß sie
-nur einen Augenblickssieg erringen konnten und vor
-dem kraftvollen Asengeschlecht nicht bestehen würden,
-wenn es in der neugewordenen Zeit sich seines schaffenden
-Geistes entsann. Sie waren zum Verhandeln bereit.</p>
-
-<p>Im Rate saßen sie, Asen und Wanen, und stritten
-lange um den Vergleich. Klug wie Kaufleute setzten
-die Wanen zuerst den Preis des Friedens hoch, um ablassen
-zu können und als die Gebenden zu erscheinen.
-Sie forderten für Gullweigs Mißhandlung Zins. Da
-lachten die Asen, daß sie sich krümmten, und wollten
-von ihren Sitzen. Die Wanen beharrten nur scheinbar
-auf ihrem Beschluß. Ihnen war um anderes zu tun.
-Sie boten an, die Zinsforderung fallen zu lassen, wenn
-sie von Stund an als gleichberechtigte Götter gälten,
-den Asen gleich an Ehrung im Himmel und auf Erden,
-gleichberechtigt zum Empfang der Opfer und durch auszutauschende
-Geiseln <em class="gesperrt">eine</em> große Götterfamilie.</p>
-
-<p>Wodan, der allwissende, der in die Zukunft schaute,
-schlug ein. Und die Asen bestimmten Hönir zur Geisel
-für die Wanen, den Fahrtgenossen Wodans bei der
-Menschenerschaffung. Da er aber langsam denkend war,
-gab Wodan ihm den Mimir bei, den Freund und Vertrauten
-am Brunnen, und die Wanen hielten ihn für<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-einen der Asen. Sie selber ließen den reichen <em class="gesperrt">Njord</em>
-als Geisel, der seinen lichten Sohn <em class="gesperrt">Freyer</em> mit sich
-führte und seine liebliche Tochter <em class="gesperrt">Freya</em>. Und alle
-die Götter, die Asen und Wanen, traten zur Bekräftigung
-ihres Vertrages an ein Gefäß und spien hinein
-und mischten den Speichel mit Honig und schufen
-daraus gemeinsam den weisesten Mann. Der hieß
-<em class="gesperrt">Kwasir</em>.</p>
-
-<p>So aber endete der erste Weltkrieg.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Goetter_auf_schiefer_Bahn">Die Götter auf schiefer Bahn.</h2>
-</div>
-
-<p>In den Kreis der Asen war Njord ausgenommen
-mit seinem Sohne Freyer und seiner Tochter Freya.
-Gewaltiger Reichtum kam mit ihnen nach Asgard, aber
-auch viel böse Lust nach Reichtum und manche Sucht
-nach räuberischem Erwerb. Mehr und mehr ging die
-Schlichtheit der Lebensführung dahin. Die Gelage
-mehrten sich, die Abenteuerfahrten dehnten sich aus,
-Liebeshändel kamen auf und nahmen zu im Himmel
-und auf Erden, die Freude am Kriege erwachte und
-führte in ihrem Gefolge Gewalttat, List und Betrug.</p>
-
-<p>Wohl waren die Wanen, die von nun an zu den
-Asen gerechnet wurden, vornehme Wesen, doch ihre ganze
-Art und Daseinsauffassung war freier, üppiger und
-leichtherziger, und der Aufwand, den sie trieben und der
-den Menschen reichere Opfer und prunkvollere Feiern
-auferlegte, brachte die Asen von ihrem einfachen Götterwandel
-ab und näherte sie den Begierden und Untugenden
-der Menschen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Njord</em> liebte Jagd, Seefahrt, Fischfang und Handel.
-Er machte das Meer fruchtbar und bevölkerte die Wälder
-mit Wild. Er beschenkte die Menschen mit Reichtum,
-gab den Schiffen günstigen Wind und ruhige See, den<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-Jägern Beute über Beute. So riefen ihn alle an, die
-Seefahrt und Jagd betrieben. Auch stammte die Göttin
-Nertha von ihm, die in heiligem Hain am Meeresstrande
-wohnte und die Fluren segnete zu wogenden
-Saaten.</p>
-
-<p>Schön war <em class="gesperrt">Freyer</em>, sein Sohn. Schön fast wie Baldur.
-Licht und heiter übte er sein Amt als Himmelsgott, tat
-es seinem Vater gleich in der Spendung von Reichtum
-und Fruchtbarkeit und schätzte deshalb den Frieden, damit
-seine Gaben zu gedeihen vermöchten und Freude
-brächten. Doch war er aller ritterlicher Übungen nicht
-minder Herr, und er besaß ein Roß, das wabernde Lohe
-durchstürmte, und ein Schwert, das sich von selber schwang,
-galt es einen Feind.</p>
-
-<p>Die schönste im Himmel und auf Erden war <em class="gesperrt">Freya</em>,
-Freyers Schwester. So reizvoll war sie an Wuchs, Antlitz
-und Gebärde, daß sie Götter und Riesen, ja Menschen
-und Zwerge entzückte und berückte und keine
-Göttin begehrter und verehrter war als sie. Als
-Göttin der Liebe wurde sie angerufen, gefeiert und besungen;
-viele der Helden wünschten sich zu ihr und die
-Frauen verlangten nach ihrem Saal, wenn der Tod
-ihnen nahte. Folkwang hieß ihr Wohnsitz in Asgard,
-das ist »Sammelstätte des Volkes«, und Seßrymnir ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-Saal, »der an Sitzen geräumige«. Die Zauberkunde der
-Wanen, die den derben Asen fremd gewesen war bis auf
-Wodans Runen, brachte sie nach Asgard und lehrte vor
-allem den Liebeszauber Götter und Menschen. Fuhr
-sie sichtbar hinaus, so fuhr sie auf einem schimmernden
-Wagen, den ein geschmeidiges Katzenpaar zog. Fuhr sie
-heimlich hinaus, so legte sie ihr zaubrisches Falkenhemd
-an, daß sie blitzschnellen Flugs wie ein Vogel durch die
-Lüfte glitt. Sie war so heiter, daß sie ihre Sitten oft
-und gerne darüber vergaß, und wo sie erschien, herrschte
-Jubel und Seligsein.</p>
-
-<p>Die Besten ihres Geschlechtes hatten die Wanen hingegeben.
-Was sie dagegen erlangt hatten, war kein guter
-Tausch und ließ sie bald verkümmern. Wohl wußte
-Hönir, der ihnen von den Asen zugeteilt war, immerdar
-klugen Rat, solange der weise Mimir bei ihm stand
-und ihm Rede und Antwort einflüsterte. Geschah es
-aber, daß Mimir abwesend war und die Wanen guten
-Rats bedurften, so wußte sich Hönir, den sie zum Häuptling
-erkoren hatten, nicht zu helfen und stammelte
-schwerfällige Worte, die nichts besagten. Stutzig geworden,
-forschten die Wanen dem Rätsel nach. Und sie
-erforschten Mimirs Herkunft und den Betrug beim Vergleich
-und ergrimmten dermaßen, daß sie Mimir das<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-Haupt abschlugen, das Haupt des Getöteten höhnisch
-heimsandten und den Asen vor die Füße werfen ließen.</p>
-
-<p>Wortlos hob Wodan das Haupt des erschlagenen
-Freundes auf. Er salbte es ein und besprach es mit
-Runensprüchen, die das tote Hirn auferweckten und der
-Zunge die Sprache wiedergaben. Zur Weltesche Yggdrasil
-ging er in der Nacht und stieg durch die Welt
-hinab bis zu Mimirs Weisheitsbrunnen. In dem
-blanken Brunnen barg er Mimirs Haupt, und oft stieg
-er vom Himmel hinab zu dem tiefen Brunnen, wie die
-Sonne hinabsteigt ins Meer, und holte sich neue Kraft
-und Weisheit zu allen seinen schweren Werken.</p>
-
-<p>Denn oft machten die Götter Allvater das Leben
-schwer durch wenig vorbildliches Wesen, und die Menschen
-eiferten ihnen lieber in den Untugenden als in den
-Tugenden nach, weil die Untugenden leichter zu verrichten
-und meist um ein bedeutendes fröhlicher waren.
-Seit Freya durch den Himmel schritt, gab es unter den
-Göttern und Göttinnen viel Eifersucht, Neid und Streit.
-Die lose Liebesgöttin aber hatte ihre heimliche Freude
-daran und suchte immer neuen Anlaß, sich zu schmücken
-und die anderen zu reizen. So fand sie einst in einer
-Höhle vier Zwerge bei der Arbeit, die ein goldenes
-Halsband von blendender Schönheit und unermeßlichem<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-Werte schmiedeten. Sofort beschloß sie, es zu besitzen.
-Aber die Zwerge, von den nie erschauten Reizen Freyas
-berauscht, lehnten jeden dargebotenen Preis ab und
-forderten endlich auf der Liebesgöttin Drängen für
-einen jeden von sich eine Liebesnacht mit der lachend
-gewährenden Göttin. Nach vier Nächten kehrte sie nach
-Asgard zurück, und um Hals und Nacken trug sie das
-Wundergeschmeide Brisingamen, dessen Name soviel heißt
-wie Zusammenflechter, denn wenn sie erwachte und Brisingamen
-um Hals und Nacken legte, glitzerte es über
-Himmel und Erde, und das Frühlicht stieg auf, das
-den jungen Tag mit der schwindenden Nacht zusammenflicht.</p>
-
-<p>Weit rissen die Götter die Augen auf, als Freya so
-goldenstrahlend vorüberschritt. Und Loki, der listenreiche,
-sann auf einen ebenbürtigen Schmuck, und er sah
-Sifs, der Gattin Donars, den sie auch Thor nannten,
-goldwogendes Haar und schlich ihr heimlich nach und
-schnitt es ihr ab. Tobend vor Grimm suchte Thor den
-Täter. Bald hatte er Loki erwischt, und seine mächtigen
-Fäuste packten den Geschmeidigen, daß ihm die
-Knochen im Leibe krachten. Wie ein Wurm wand sich
-Loki und schwur alle Eide, der weinenden Sif neues
-Haar zu schaffen aus echtestem Gold und so fein gesponnen<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-wie Sonnenstrahlen. Da gewährte Thor ihm
-Zeit, denn ihm lag daran, die Schönheit seines Weibes
-wiederhergestellt zu sehen und den Spott zum Verstummen
-zu bringen. Und der geängstigte Loki fuhr ab
-zu den Zwergen.</p>
-
-<p>Zwei Zwergenbrüder waren <em class="gesperrt">Brock</em> und <em class="gesperrt">Sindri</em>, die
-galten für die größten Meister aller Unterirdischen.
-Freundlich sagten sie dem geängstigten Gotte zu, sein
-Begehr zu erfüllen, und sie schmiedeten das Gold und
-zogen es in Fäden so fein wie Sonnenstrahlen, und da
-ihre Kunst eine lebenschaffende Kunst war, wie nur die
-echte Kunst, so gewann das Goldhaar alle Eigenschaften
-des natürlichen Haares und wuchs in goldenen Locken.
-Die freundlichen Zwerge aber wollten Loki nicht reisen
-lassen, ohne ihm Weihegeschenke mitzugeben für die
-heiligen Götter, und sie schmiedeten für Wodan den
-wunderbaren Speer Gungnir, dessen Wurf, ja dessen
-bloßer Schwung den Tod bringt, und für die anderen
-Asen das Wunderschiff Skidbladnir, das ohne Wind zu
-fahren vermochte und durch den ärgsten Sturm, und
-das sich zusammenfalten und in die Tasche stecken ließ.</p>
-
-<p>Lüstern sah Loki den Künstlern zu, und seine arglistige
-Seele sann, wie er den Zwergen noch andere
-Meisterwerke entlocken könne. Da nun der Zwerg Brock<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-den Hauptanteil an der Arbeit getan hatte, so gedachte
-Loki, einen der Zwerge gegen den anderen auszuspielen,
-und er wettete scheinbar harmlos und wie aus fröhlicher
-Laune heraus, daß Brocks Bruder Sindri die drei
-Meisterwerke nicht durch seine Kunst überbieten oder
-auch nur annähernd Gleichwertiges schaffen könne. Brock,
-der seinen Bruder zärtlich liebte, nahm sofort Partei,
-und Loki reizte ihn in eine Wette hinein, in der der
-listige Gott sein Haupt verwettete gegen die drei Kleinodien,
-die nunmehr Sindri schaffen solle.</p>
-
-<p>Ohne zu zögern, begann Sindri sein erstes Werk.
-Und als es so weit war, daß es ins Schmiedefeuer mußte,
-um geglüht und gehärtet zu werden, zog Brock den
-Blasebalg, ohne auch nur eine Pause zu machen.</p>
-
-<p>»Weshalb setzest du nicht einmal aus?« forschte Loki
-wie in harmloser Neugier.</p>
-
-<p>»Zöge ich den Blasebalg nicht nach Gebühr und setzte
-ich nur eine Sekunde aus,« erwiderte der Zwerg, »so
-würde das Werk einen Fehler erleiden.«</p>
-
-<p>Da verwandelte sich der ränkereiche Gott schnell in
-eine Stechfliege, flog auf Brocks Hand, die den Blasebalg
-zog, und stach ihn in den Finger. Aber Brock
-verbiß den Schmerz, um des Werkes seines Bruders
-willen, und hielt aus, bis das Werk fertig aus der Esse<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-kam. Da war es ein Eber mit goldenen Borsten, der
-schneller als ein Himmelsroß durch die Lüfte rannte
-und dessen goldene Borsten taghell die dunkelste Nacht
-durchleuchteten.</p>
-
-<p>Und Sindri begann sein zweites Werk, und als es
-im Schmiedefeuer lag und Brock den Blasebalg zog,
-flog ihm Loki als Stechfliege in den Nacken und stach
-erbärmlich zu. Aber Brock zuckte nicht mit der Wimper,
-so wahnsinnig der Stich ihn schmerzte, bis das Werk
-fertig aus der Esse kam. Da war es der Ring Draupnir,
-der Tröpfler, von dem in jeder neunten Nacht acht neue
-kostbare Ringe abtropften, so daß sein Besitzer immer
-der Reichste war.</p>
-
-<p>Und Sindri begann sein drittes und letztes Werk
-und schob es in das Schmiedefeuer, und Brock zog den
-Blasebalg in brüderlicher Treue. Da setzte sich ihm
-Loki als Stechfliege mitten auf das Augenlid und stach
-zu, daß ihm das Blut in die Augen floß. Brock zog
-und zog, bis er vor rinnendem Blut nicht Esse noch
-Blasebalg mehr erkennen konnte. Eine Sekunde nur
-ließ er los, schlug nach der Fliege und wischte hastig
-das Blut aus den Augen. Aber er hatte ausgehalten
-bis gegen den Schluß, und als Sindri das Werk aus
-der Esse nahm, war es ein Hammer, <em class="gesperrt">Mjolnir</em>, der<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Zermalmer, der nie zerbrechen konnte, nicht an Stahl
-und nicht an Stein, und, wenn er geworfen wurde,
-immer in die Hand des Werfers zurückkehrte. Nur der
-Hammerstiel war ein wenig zu kurz geraten. Das war
-geschehen, als Brock das Blut aus den Augen wischte.</p>
-
-<p>Voller Zorn über Lokis Arglist und Tücke verlangte
-Brock den Preis der Wette, Lokis boshaftes Haupt.
-Loki aber lachte ihn aus und wies auf den Hammer,
-der mißraten sei. Da machte sich Brock mit Loki auf
-nach Asgard, den Göttern die Gaben zu bringen und
-ihren Schiedsspruch anzurufen.</p>
-
-<p>Wie staunten die Götter über die Wunderwerke,
-über Sifs goldenes Haar, über Wodans Todesspeer
-und über das zaubertätige Götterschiff. Mehr aber noch
-staunten sie über den Ring Draupnir, den Tröpfler,
-den der Zwerg Allvater Wodan zur Gabe brachte, über
-den rennenden Goldeber, den er dem Wohltäter Freyer
-verehrte, und am meisten über den Hammer Mjolnir,
-den Zermalmer, denn es fehlte ihnen an gewaltigen
-Waffen, denen der Feind nichts entgegenzusetzen wußte.
-Und Brock überantwortete den Hammer dem freudig
-zugreifenden Thor.</p>
-
-<p>Und Thor sprach:</p>
-
-<p>»Es ist der Hammer und der Mann, der hinter ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-steht, auf den es ankommt. Mag der Stiel nun lang
-oder kurz sein.«</p>
-
-<p>Da fiel der Schiedsspruch der Götter zugunsten des
-Zwerges, und Loki legte sich auf das Handeln und bot
-allerlei Lösegeld, aber der erzürnte Zwerg beharrte auf
-seinem Preis.</p>
-
-<p>»So hol dir den Kopf, du verkümmerter Gnom,«
-lachte Loki und entglitt dem Verhöhnten auf seinen
-Zauberschuhen in die Lüfte.</p>
-
-<p>Thors Biedersinn empörte sich über Lokis Betrug.
-Er schirrte seine Böcke vor den Donnerwagen, den
-Zahnknisterer und den Zahnknirscher, und brauste hinter
-dem Flüchtenden her. Er holte ihn ein, zwang ihn in
-den Wagen und brachte ihn dem Zwerg.</p>
-
-<p>»Halt,« rief Loki, als der Zwerg das Messer zog,
-um den erwetteten Kopf herunterzuschneiden, »nur der
-Kopf ist dein; schneidest du mir in den Hals, so gilt es
-dein Leben.«</p>
-
-<p>Da lachten die Götter über Lokis gelungenen Scherz,
-daß die Halle erbebte. Der Zwerg stand betroffen.
-Ohne den Hals zu verletzen, vermochte er den Kopf
-nicht abzulösen. Aber er zitterte nach Genugtuung.
-Und da der Kopf sein war, ergriff er wütend eine Ahle<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-und einen Riemen und nähte dem Lästerer Loki das
-böse Maul zu. Dann erst trollte er sich befriedigt.</p>
-
-<p>Lange ließen die Götter Loki mit vernähtem Lästermaule
-laufen. Dann aber fehlte ihnen sein scharfer
-Witz wie sein kluger Rat, und sie zogen den Riemen
-heraus. Denn sie wußten sich in einer schweren Sache,
-die den Himmel bedrohte, nicht zu helfen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<h2 id="In_Schuld_und_Schicksalskampf">In Schuld und Schicksalskampf.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Die Bekriegung der Gottheiten untereinander, der
-Kampf zwischen Asen und Wanen, hatte alle Feinde
-der Himmelsordnung das Haupt recken lassen in aufhorchendem
-Frohlocken. Die Macht der Götter war nicht
-unangreifbar. Sie beruhte auf ihrer Einigkeit, dem
-festen Zusammenschluß aller ihrer Glieder und Gaben.
-Uneinigkeit, ein Zersplittern ihrer Machtfülle und Zugeständnisse
-an die anderen Welten mußten sie bald
-verwundbar machen. So rechnete man in Utgard, dem
-Land der Riesen und Trolle, wo alle Hasser saßen.</p>
-
-<p>Noch lag in Asgard die Himmelsburg mit Türmen
-und Wällen zerstört. Unmutig dachten die Götter an
-die gewaltige Arbeit des Wiederaufbaues. Gerade jetzt,
-wo mit Njord und Freyer Reichtum und Wohlleben,
-wo mit Freya, der Heischenden, Lust und Laune am
-Liebesspiel fröhlichen Einzug gehalten hatten, waren
-sie der Arbeit entwöhnt, und sie ratschlagten her und
-hin, wie die Veste neu und noch stärker als zuvor erbaut
-werden könne, ohne daß einer der Götter Zeit und
-Mühe zu opfern brauche. Schon war es zu Unstimmigkeiten
-und heftigem Hader gekommen, als unvermutet
-Heimdall, der Wächter, einen Gast meldete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<p>Es war ein Mann von so ungeheueren Körpermaßen
-und Leibeskräften, wie sie die Götter nie erschaut hatten.
-Er ritt auf einem Roß, das des riesigen Reiters würdig
-war, und gab an, aus fremden Welten zu kommen und
-der größte Baumeister aller Zeiten zu sein.</p>
-
-<p>Da horchten die Götter auf. Das war der Mann,
-der ihnen fehlte.</p>
-
-<p>Sie führten ihn rings um Asgard und ließen ihn
-das Werk, das sie ihm zu übertragen gedachten, in
-Augenschein nehmen und begutachten. »Eile tut not,«
-sprachen sie, »es muß in kürzester Frist errichtet sein.«
-Dies stellten sie zur Bedingung.</p>
-
-<p>Der gewaltige Baumeister ließ forschend seine Blicke
-über Götter und Göttinnen schweifen.</p>
-
-<p>»Ich will die Burg uneinnehmbar bauen,« antwortete
-er, »und noch während dieses einen Winters.
-Doch müssen mir meine Bedingungen treu erfüllt
-werden.«</p>
-
-<p>Da rieben sich die Asen vergnügt die Hände. »Fordere
-was du willst.«</p>
-
-<p>Und der Baumeister sprach:</p>
-
-<p>»Wenn ich die Burg innerhalb der genannten Frist
-und ohne auch nur einen Tag darüber hinaus zu gebrauchen,
-errichtet habe, so sollt ihr mir als Lohn Freya,<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-die Liebliche, zur Frau geben und zu ihrer Bedienung
-die Sonnenjungfrau und die Mondjungfrau. Bedarf
-ich zu meiner Arbeit auch nur eines Tages Länge
-mehr, so habt ihr das ganze Werk, das ich geleistet
-habe, umsonst und ohne Entgelt, und ihr könnt mich
-von hinnen jagen.«</p>
-
-<p>Da wurden die Götter ernst und traten zum Rat zusammen.
-Sie fühlten ihre Zusammengehörigkeit als ihr
-Heiligtum und wünschten den Verlust der wärmespendenden
-Freya und der lichtspendenden Jungfrauen
-Sonne und Mond nicht aufs Spiel zu setzen. Schon
-wollten sie das Ansinnen des starken Baumeisters als
-eine Beleidigung zurückweisen, als Loki, der Vielgewandte,
-das Wort ergriff. Er bewies den ernstgewordenen
-Asen, daß es selbst für sie, die Götter, eine Unmöglichkeit
-wäre, Asgards Veste in einem Winter zu
-erbauen, um wie viel mehr für diesen grobknochigen
-Schwätzer, der sich großtuerisch vermesse, die ganze
-Arbeit allein zu verrichten und nur mit Hilfe seines
-Pferdes. Jedenfalls aber würde der Fremde in seinem
-Ehrgeiz ein hübsches Stück Arbeit zuwege bringen, bevor
-er weggejagt würde, so daß den lachenden Göttern
-nur noch die letzte Vollendung des Werkes übrig bliebe.
-Und Loki redete so lustig und listig, daß er die Lacher<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-auf seiner Seite hatte und sie ihm zustimmten, ohne
-an seine Heimtücke zu denken. Loki selber aber dachte
-sehr wohl an das Fehlschlagen seines Rates. Seine
-Eifersucht jedoch erhoffte immer aufs neue ein Aufsteigen
-seiner persönlichen Macht, sobald die Macht derjenigen
-Götter, die ihm an Kraft und Ansehen überlegen
-waren, geschwächt wurde.</p>
-
-<p>Der Baumeister wurde vor den Rat gerufen. Der
-Tag des Winterendes wurde auf die Stunde bestimmt
-und dem Festungsbauer Freya als Gattin zugesprochen
-und die Jungfrauen Sonne und Mond als Dienerinnen,
-wenn der Vertrag pünktlich eingehalten und eingelöst
-werde.</p>
-
-<p>Der Baumeister verlangte zur Bekräftigung den Eid
-der Götter.</p>
-
-<p>Da beschwuren die Götter die Wahrhaftigkeit des
-Vertrages mit ihren höchsten Eiden. Nur Donar, der
-donnernde Thor, schwur nicht mit. Denn er war nicht
-anwesend und, wie immer vielbeschäftigt, ausgezogen,
-um den im Schweiße ihres Angesichtes arbeitenden
-Bauern beizustehen gegen die zerstörenden Gewalten
-aus Utland, dem Riesenheim.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-067.png" alt="" />
-<div class="caption">»… umschlang mit seinen Armen die höchsten Felsenberge&nbsp;…«</div>
-</div>
-
-<p>Der Baumeister begann, ohne zu zögern, mit der
-Arbeit. Er reckte seine Glieder ins Ungeheuerliche,<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-umschlang mit seinen Armen die höchsten Felsenberge,
-hob sie aus dem Grund und spannte sein Roß
-Swadilfari vor, das sie mit Windeseile zu dem Bauplatz
-zog, wo der ungetüme Meister sie kunstgerecht
-schichtete. Tag und Nacht war Mann und Roß bei der
-Arbeit, und die Burg wuchs und wuchs, und staunend
-standen die Götter. Aber in ihr Staunen trat bald
-eine tiefe Beklommenheit, und die Beklommenheit wandelte
-sich in blassen Schrecken, als nur noch acht, dann
-fünf und jetzt nur noch drei Tage zwischen der letzten
-Vollendung der Burg und der Auslieferung der geliebten
-Göttinnen lagen. Eifernd zog Freya umher,
-traurig schlichen ihre Freundinnen Sonne und Mond
-ihr nach.</p>
-
-<p>Da traten die Götter zum Rate zusammen, und sie
-schwuren Loki, dem Verführer, furchtbare Rache auf
-ewige Zeit, wenn er den Vertrag, den er ihnen aufgeschwätzt,
-in letzter Stunde nicht hinfällig mache. Denn
-sie waren sich bewußt, daß ohne Freyas Wärme und
-ohne der Sonne und des Mondes Licht Himmel und
-Erde vereisen und verkümmern müsse. Sie packten Loki
-und schüttelten ihn im Zorn, daß ihm Feuer aus den
-Augen sprang und er in Todesängsten alles versprach,
-die Götter zu befreien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>Wohl hatte er gesehen, daß der fremde Baumeister
-seine Arbeit nur mit Hilfe seines Hengstes Swadilfari
-schaffen könne. Den Hengst mußte er ablenken. Und
-er nahm die Gestalt einer schönen Stute an und lief
-dem arbeitenden Hengst in den Weg. Der Hengst blieb
-stehen, schnob durch die Nüstern und stieß ein liebestrunkenes
-Wiehern aus. Alsbald tänzelte ihm die Stute
-vor der Nase herum, tat verliebt und vertraulich und
-stob von dannen, wenn der Hengst sie zu fassen glaubte.
-Dem Hengst stieg das Blut in die Augen. Das Liebesspiel
-brachte ihn um die Vernunft. Und als die Stute
-ihm wieder schmeichlerisch nahe kam, ließ er Arbeit
-Arbeit sein, warf das Geschirr ab und jagte hinter der
-gefallsüchtigen Schönen drein. Da flogen die Funken
-von ihren Hufen, und ganz Asgard erdröhnte von dem
-wilden Galopp. Drei Tage und drei Nächte ging die
-wilde Jagd, bis sich die Stute dem Hengst ergab, und
-der Baumeister stand in der Stunde, in der er die Burg
-übergeben sollte, vor dem unvollendeten Werk.</p>
-
-<p>Zornbebend rief er die Götter herbei, schrie ihnen
-Lokis Verrat ins Gesicht und forderte sie auf, ihre Eidschwüre
-zu halten, wie es die Wahrhaftigkeit geböte.</p>
-
-<p>Die Götter aber blieben kalt bei seinem Toben. Sie
-wiesen auf das unvollendete Werk und schickten Freya<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-und die Jungfrauen Sonne und Mond in ihre Gemächer.</p>
-
-<p>»Meineidige seid ihr!« brüllte der gewaltige Fremdling,
-griff seine Werkzeuge auf und holte aus, um die
-Burg und mit ihr die Götter zu zerschlagen.</p>
-
-<p>In Todesnot riefen die Götter Thors, des Donnerers
-Namen. Und in selber Sekunde stand der Donnerer
-mitten unter ihnen, denn er fuhr mit dem Blitze. In
-der Hand wuchtete dem rotbärtigen Gotte der Hammer
-Mjolnir. Beim ersten Blick erkannte sein Auge, daß
-der ungetüme Baumeister ein Abgesandter des eisigen
-und dunklen Riesenreiches sei, das sich Freyas Wärme
-und das Licht von Sonne und Mond dienstbar machen
-wollte, und ohne auch nur ein Wort zu reden, lief er
-den Riesen an und schmetterte ihm den Hammer in den
-Schädel, daß der fürchterliche Unhold wie ein gefällter
-Baum tot zusammenbrach.</p>
-
-<p>Der Donnerer wischte den Hammer ab und steckte
-ihn in den Gürtel. Er strich seinen gesträubten roten
-Bart zurück und sah sich schweigend im Kreise um.</p>
-
-<p>Dann erst sprach er.</p>
-
-<p>»Nicht Rat und Rat und wieder Rat erhält am
-Leben. Nicht bei Göttern und nicht bei Menschen.
-Am Leben erhält nur die Tat!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<p>Sprach's, drehte sich um und ging seiner Wege.</p>
-
-<p>Die Stute aber, in die Loki sich verwandelt hatte,
-warf von dem Riesenhengste Swadilfari ein wolkengraues
-Fohlen, wie es schneller nie gewesen war und
-niemals wieder wurde, denn es griff die Luft mit acht
-Füßen und überholte den Sturmwind. Sleipnir hieß
-es und wurde Wodans, des nordischen Odins, Roß.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schwer an Gedanken saß Wodan an Mimirs Brunnen.
-Das Riesenreich hatte es gewagt, einen heimlichen
-Abgesandten nach Asgard zu entsenden, um die Einigkeit
-der Götter zu zerstören und ihnen Wärme und
-Licht zu rauben. Fast wäre den Riesen der Anschlag
-gelungen. Und Wodan wußte, als er einsam in Mimirs
-Brunnen starrte, daß sie von jetzt ab Anschlag auf Anschlag
-wiederholen würden, um die Götter zu verderben
-und über den Gestürzten das Reich der rohen Kraft
-und Gewalt und die Herrschaft der Zügellosigkeit aufzurichten.
-Und der einsam grübelnde Allvater wußte
-mehr. Von der wachsenden Üppigkeit waren die Götter
-zur Habgier und List, von der List zum Meineid fortgeschritten.
-Meineidig waren die Götter. War das besser
-als rohe Kraft und Gewalt der Riesen? Den Meineid
-strafte die wahrhaftige Weltseele.</p>
-
-<p>Und Wodan, der Allwissende, sah die Strafe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>Noch war sie fern, noch konnte sie durch glühende
-Willenskraft zurückgedrängt, durch neuerwachte, neu
-geschürte Begeisterung an der Ordnung der Welt hintangehalten
-werden. Wegzuzaubern war sie nicht. Denn
-über Götterrunen und Himmelskunst stand die Wahrhaftigkeit
-der Weltseele, die sich selbst als oberstes Gebot
-&ndash; auch für die Herrschenden &ndash; eingesetzt hatte.</p>
-
-<p>Am Brunnen Mimirs blickte Wodan, der Einsame,
-in die Zukunft. Der allmächtige Vater der Götter und
-Menschen erschauerte nicht. Allvater erkannte Allvaters
-Pflicht. Ob sie schwer war, ob sie unerfüllbar war &ndash;
-es durfte ihn nicht kümmern. Läßt ein Vater seine
-Pflicht, wenn tausendfältig anstürmender Feind seine
-Kinder zu zertreten droht? Der Vater nimmt den
-Kampf auf, wirft sich dem Feind entgegen, lenkt ihn
-ab, tut ihm Schaden und sucht, da er sie nicht zu retten
-vermag, die Todesstunde seiner Kinder mit verdreifachten
-Kräften hinauszuschieben, so weit er es nur
-vermag.</p>
-
-<p>So auch dachte Wodan, der einsame Wanderer zur
-Quelle Mimirs, als er sich vom Brunnenrand erhob
-und in tiefem Sinnen heimkehrte gen Asgard.</p>
-
-<p>»Sie müssen den <em class="gesperrt">Begeisterungstrunk</em> haben,«
-murmelte er. »Der Begeisterte verdoppelt Leben und<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Kraft, der Zagende bringt sich um Willen und Frieden.
-Ich will ihnen den Begeisterungstrunk herbeischaffen,
-daß sie das Fürchten verlernen. Herrscher können irren,
-aber sie dürfen sich nicht fürchten.«</p>
-
-<p>Es war gewesen, als Asen und Wanen sich geeinigt
-und sich gemischt und dessen zum Zeichen aus ihrem
-vermischten Speichel den <em class="gesperrt">Kwasir</em> geschaffen hatten, der
-die Weisheit der Asen und die Lebensfrohheit der Wanen
-wie einen feurigen Rausch im Blute trug und alle Welt
-mit seinen Gaben entzückte. Im Berge hockten ein paar
-Neidlinge, Zwerge von kalter und berechnender Klugheit,
-die Kwasirs hohe Gaben wohl einzuschätzen verstanden,
-ohne daß es ihnen gelang, je aus einem ähnlichen
-feurigen Götterrausch heraus zu schaffen wie
-Kwasir. Sie blieben Handwerker, wo jener Künstler
-war. So gedachten sie, ihm das Künstlerblut zu rauben
-und es sich zu eigen zu machen. Sie baten den göttlichen
-Kwasir, als er über die Erde wandelte und die
-Menschen zu veredeln trachtete, zu einem Gastmahl und
-stießen den Ahnungslosen, als er bei ihnen niedergesessen
-war, mit ihren Messern zu Tode. Das aufspritzende
-Blut fingen sie bis auf den letzten Tropfen
-in zwei Krügen auf und in einem Kessel, der <em class="gesperrt">Odrerir</em>
-genannt wurde nach dem berauschenden Blute. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-Krüge nannten sie Son und Bodn, das ist soviel wie
-Sühne und Anbietung. Dem Blute setzten die kundigen
-Zwerge Honig zu, so daß ein Met, ein Dichtermet
-daraus wurde, der jeden, der von ihm trank, mit
-Begeisterung erfüllte und zum Dichter und heldischen
-Sänger machte. Zu den Asen aber trugen die Zwerge
-die Kunde, der weise Kwasir sei eines Tages, da ihm
-die Gedanken mehr denn je zuflogen, an seinem eigenen
-Witz erstickt.</p>
-
-<p>Die beiden Zwerge hoben jetzt um so frecher das
-Haupt. Hatten sie dem göttlichen Kwasir seine begeisterungweckenden
-künstlerischen Gaben geneidet, so
-neideten sie dem reichen Riesen Gilling seine irdischen
-Schätze. Sie luden den Riesen ehrerbietig zu einem
-Fischzug ein, trieben das Boot zum Kentern in eine
-Brandung und schwammen tauchend an Land, während
-der ungefüge Riese jämmerlich ertrinken mußte. Dem
-jammernden Weibe Gillings aber ließen sie, als sie aus
-dem Hause trat, um den Leichnam des Mannes zu
-bergen, vom Dache aus einen Mühlstein auf den Kopf
-fallen, der sie zerschmetterte, und aus der unbewachten
-Wohnung raubten sie, was sie tragen konnten.</p>
-
-<p>Gillings Sohn jedoch, der Riese <em class="gesperrt">Suttung</em>, verfolgte
-ihre Spuren, entdeckte die verbrecherischen Gernegroße<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-und band sie mit Stricken, daß sie kaum noch atmen
-konnten. Er verurteilte die Gefesselten zum qualvollen
-Hungertode auf einer Meeresklippe. Vergebens boten
-die Schwächlinge Hab und Gut zur Rettung ihres
-Lebens. Als jedoch der Riese davonrudern wollte,
-sprachen sie ihm von dem Köstlichsten auf der Welt,
-von dem Rauschtrunk, dem Dichtermet, der da ewige
-Liebe, ewige Jugendlust, ewigen Heldenruhm schaffe.
-Der Riese horchte auf. Das dünkte dem Mann aus
-dem Geschlecht der Thursen und Joten, der Säufer
-und Fresser, ein begehrenswertes Lösegeld. Er nahm
-die Wimmernden mit sich, ließ sie die beiden Krüge
-mitsamt dem Kessel Odrerir herausschaffen und schenkte
-ihnen das armselige Dasein. Von diesen Beiden aber
-stammt die Sippe der Neidlinge allüberall.</p>
-
-<p>Den Rauschtrunk der Begeisterung brachte Suttung
-ins Riesenland heim und versteckte ihn in einen hohlen
-Berg, zu dem es keinen Zugang gab. Seine schöne
-Tochter Gunnlod steckte er mit in den Berg, damit der
-kostbare Met die kostbarste Wache habe.</p>
-
-<p>Diesen Wundertrank Odrerir gedachte Wodan seinen
-Göttern gen Asgard zu holen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In Menschengestalt zog er über die Erde und fuhr
-über das Meer, das zwischen Midgard, dem Menschenheim,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-und Utland, dem Jotenheim, brandet. Und er
-nannte sich Bolwerk, das heißt: Böseswoller. Zuerst
-suchte er Baugi, des Riesen Suttung Bruder auf, denn
-er wußte, daß Suttung mißtrauisch sei und unzugänglich
-für Fremde. Neun Riesenknechte mähten die Felder
-vor Baugis Haus. Sie riefen den Fremdling an, in
-welchen Geschäften er reise und was er hier herumlungere,
-und Wodan erwiderte bescheiden, er heiße Bolwerk
-und sei seines Zeichens ein Sensenschärfer. Sein
-Wetzstein vermöge die Sensen zu schärfen, daß sie in
-Wiesen und Acker hineinschnitten wie in weiche
-Butter und kein Knecht mehr einen Tropfen Schweiß
-verlöre.</p>
-
-<p>Da drängten die Riesenknechte herbei und hielten ihm
-lüstern die nackten Sensen hin, daß er sie wetze. Bolwerk
-aber zog einen gemeinen Wetzstein hervor und
-warf ihn hoch über ihre Köpfe. »Fangt ihn!« rief er.
-»Wer ihn fängt, kann ihn behalten!« Und so hastig
-und wild fuhren die Riesenknechte nach dem sausenden
-Stein herum, daß die ungeschützten Sensen durcheinander
-wirbelten und einer dem andern, im Drange, den
-Stein zu erwischen, den Kopf vom Halse säbelte. Wodan
-aber entwich, bis es Abend war.</p>
-
-<p>Er fand den Riesen Baugi jammernd vor seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-Hause sitzen und befragte ihn nach dem Grunde seiner
-Traurigkeit.</p>
-
-<p>»Meine Knechte,« wetterte der Riese, »müssen sich
-während des Mähens toll und voll gesoffen haben, denn
-sie haben jählings das Raufen bekommen und sich allzumal
-umgebracht. Ich aber kriege für die drängende
-Ernte keine Knechte mehr.«</p>
-
-<p>Der fremde Wanderer, der sich Bolwerk nannte,
-tröstete den Riesen.</p>
-
-<p>»Was ist dabei? Ich habe Kräfte für neun. Wohl
-schaffe ich dir die Ernte ganz allein, wenn du mir dagegen
-ein Trünklein von dem Wundermet deines Bruders
-Suttung verschaffst, von dem ich in fernen Landen
-so viel Rühmendes hörte.«</p>
-
-<p>Der Riese Baugi kratzte sich bedächtig den Kopf.</p>
-
-<p>»Was den Met angeht, o Bolwerk, so ist mein
-Bruder Suttung in der Spendung auch nur eines
-Schlückleins hartleibiger als ein Drache. Aber eine
-Liebe ist die andere wert. Hilfst du mir, so helf ich
-dir.« Und sie gaben sich den Handschlag darauf.</p>
-
-<p>Einen Sommer lang mähete Wodan des Riesen
-Felder und brachte die Garben bis auf die letzte unter
-Dach und Fach. Er, der einzige, allein. Und Baugi
-gedachte seines ehrlichen Wortes und ging zur Winterszeit<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-mit seinem Knechte Bolwerk zu seinem Bruder
-Suttung, der sie beide vor die Türe warf.</p>
-
-<p>»Geht's nicht auf gradem, so muß es auf krummem
-Wege gehen,« sprach Bolwerk zu Baugi. »Zeige du
-mir nur den Berg.«</p>
-
-<p>Da wies ihm Baugi heimlich den Berg, den undurchdringbaren,
-und freute sich hämisch, daß er nun
-seines Wortes ledig sei, ohne daß er den Bruder dem
-Fremdling zuliebe verriete. Wodan jedoch trug einen
-Zauberbohrer bei sich, mit dem er ein feines Löchlein
-in den Felsen bohrte, bis der Bohrer in die Höhlung
-stieß, und er verwandelte sich in ein blitzschnell gleitendes
-Schlänglein und glitt durch das Bohrloch in den Berg,
-verwandelte sich in seine Göttergestalt zurück und stand
-in bezwingender Allgewalt vor der heiß erglühenden
-Jungfrau Gunnlod.</p>
-
-<p>»Nie sah ich einen Mann,« stammelte die Erregte,
-»so herrlich anzuschaun wie du.«</p>
-
-<p>»Wodan bin ich, der Herrscher aller Welten, und ich
-komme zu der Schönsten, die da lebt. Reich mir den
-Willkommentrunk, mein Mädchen.«</p>
-
-<p>Da reichte sie ihm den Krug Son, und er trank ihn
-leer in der ersten Nacht, die sie in seinen Armen lag,
-und reichte ihm den Krug Bodn, und er trank ihn leer<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-in der zweiten Nacht, die sie in seinen Armen lag, und
-reichte ihm alles vergessend den Kessel Odrerir, und er
-trank ihn leer in der dritten Nacht, die sie in seinen
-Armen lag. Und in seliger Begeisterung gebar sie ihm
-einen Sohn, der hieß <em class="gesperrt">Bragi</em>.</p>
-
-<p>Und als Wodan den letzten Tropfen des Begeisterungstrankes
-in sich aufgenommen hatte, verließ er
-mit seinem Sohne den Berg, wandelte sich in einen
-Adler und schwang sich mit Bragi, der als jauchzendes
-Lied auf seinem Rücken ritt, in Himmelshöhen zum
-Flug gen Asgard.</p>
-
-<p>Der Riese Suttung vernahm den jauchzenden Sang
-und den Flügelschlag. Da wußte er jäh, was ihm geschehen
-war. Den Zauber der Riesen ließ er spielen
-und stürmte als Adler dem Adler nach. Hin flog das
-stürmende Lied in die göttliche Freiheit, und die riesische
-Unvernunft setzte ihm nach, um es in ihren hohlen
-Berg zu sperren. Asgard nahe war Wodans Adler, der
-den Trank Odrerir im Leibe trug. Fast hatte ihn der
-Riesenadler erreicht. Die Götter eilten herbei. Schon
-flog die Begeisterung zu ihnen hinüber. »Heil!« riefen
-sie Wodan zu. »Dreifach Heil!« Und Becher und
-Schalen trugen sie herbei und hielten sie Wodans
-Adler entgegen. Und der Adler ließ aus seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-Schnabel den Begeisterungstrunk Odrerir, den er in
-sich trug, in die Becher und Schalen brausen, den schalen
-Bodensatz aber, der im Bauche verblieben war, in
-scharfem Strahl aus dem After fahren, also, daß er
-dem Riesenadler in die Augen beizte und Suttung wie
-verblödet niederfuhr.</p>
-
-<p>Von diesem stammt die Sippe der Afterdichter, die
-echter Begeisterung bar sind.</p>
-
-<p>In Walhall aber, in Wodans gewaltiger Halle,
-kreiste der Becher der Begeisterung, erbrausten die
-Dichterlieder und schufen Heldenblut. Und als Bragi
-heranwuchs, der Gott der Dichter und der Sänger, vermählten
-ihn die Götter mit Idun, der Göttin der
-ewigen Jugend, die die Äpfel des Jungseins hütete,
-die nimmern altern lassen.</p>
-
-<p>Seit jener Zeit gehören göttliche Dichtkunst und
-ewige Jugend unlösbar zusammen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Goetter_auf_Kundschaft">Die Götter auf Kundschaft.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Seit der Begeisterungstrunk in Walhall die Runde
-machte und Bragi, der Dichtergott, seine Lieder sang
-von Heldentum und ewig jungem Ruhm, gewannen die
-Götter ihre alte Festigkeit zurück, und ihr Mut loderte
-auf wie eine heilige Flamme gegen jedes dunkle Schicksal,
-das an ihrer Vernichtung arbeitete. Reicher denn je und
-freudiger denn je stiegen die Opfer gen Himmel, welche
-die Menschen darbrachten, die wie die Götter zu kämpfen
-hatten gegen dunkle Mächte und sichtbare Feinde allüberall
-und darum <em class="gesperrt">die</em> Gottheiten am meisten liebten,
-die ein kriegerisch Herz in der Brust trugen wie sie
-selber.</p>
-
-<p>Das sah Loki, der neidische, mit starkem Unbehagen,
-und seine Arglist suchte, wie er den im Opfer bevorzugten
-Göttern Schaden antun könne, um sie niederzuhalten
-und sich selbst zu heben. Es war zu der Zeit, da
-Donar, der donnernde Thor, seine Kampffahrten plante
-gegen die unheilstiftenden Riesenmächte in Utgard, die
-seit des Riesenbaumeisters Erschlagung in rastloser
-Unruhe blieben.</p>
-
-<p>Loki war nicht wählerisch, wenn es sich um die Erreichung
-seiner ehrgeizigen Ziele handelte. Er wünschte<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-insgeheim die Aufrührer zu stärken und ihnen einen
-Zuschuß von der Unbeugsamkeit der Götter zu geben.
-Darum fuhr er gen Utland ins riesische Jotenreich und
-fand eine Riesin, Angurboda, ein fürchterliches Weib,
-die ihm grinsend zu Willen war und ihm Drillinge
-gebar von scheusäligem Aussehen. Den Fenriswolf,
-die Schlange Jormungand und ein grausiges Weibsgeschöpf,
-die Hel.</p>
-
-<p>Allvater erforschte die Drei, als er in einsamer
-Stunde den Runenzauber befragte nach den Feinden
-Asgards und der Asen. Die Götter gingen zu Rat und
-beschlossen, den Riesen die Kinder Lokis abzufordern,
-da sie zum Wohnsitz des Vaters gehörten. Die Riesen
-willfahrten knirschend, denn noch wagten sie nicht offene
-Auflehnung gegen ihre Beherrscher.</p>
-
-<p>Die Götter prallten zurück, als man die Scheusale
-vor sie brachte. Lokis Brut zu ermorden, widerstand
-ihnen an geheiligter Himmelsstätte. Aber unschädlich
-sollte sie gemacht werden. Und Wodan packte die
-Schlange und schleuderte sie in das Meer, das sich
-brausend um Midgard schlingt, und die <em class="gesperrt">Midgardschlange</em>
-dehnte ihren eklen Leib, daß er rund um die
-Erde reichte und das Meer erfüllte, und sie biß sich mit
-scharfem Gebiß in den eigenen Schwanz, also, daß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-einen ungeheuren Ring bildete. Das grausige Weib,
-die <em class="gesperrt">Hel</em>, verbannte Wodan in die tiefste Tiefe von
-Niflheim und setzte sie über die Totenwelt, in die nur
-gelangte, der an schleichendem Alter und Krankheiten
-aller Art, nicht aber an ehrlichen Schlachtenwunden
-gestorben war. Und Hel trat die Herrschaft an und
-war eine unerbittliche Forderin des Todes.</p>
-
-<p>Noch war der <em class="gesperrt">Fenriswolf</em> zurückgeblieben. Erst
-trieben die Götter ihren Scherz mit dem Wilden. Aber
-das Ungetüm wuchs mit jeder Nacht und drohte jeden
-zu verschlingen, der sich ihm näherte. Da hielten es
-die Götter bald für rätlich, ihn in Fesseln zu legen.</p>
-
-<p>Sie wanden eine Schlinge, fesselten sich selber damit
-und zerrissen sie vor des Wolfes Augen.</p>
-
-<p>»Nun, Fenris,« sprachen sie, »bist du auch so stark, so
-tue es nach.« Der Wolf ließ sich binden und sprengte
-die Fessel mit einem Ruck.</p>
-
-<p>Da wanden die Asen eine dreifach starke Schlinge
-und reizten den Wolf, bis er sich wieder binden und
-schnüren ließ. Dreimal mußte der Wolf anrücken. Dann
-sprang die Fessel in Stücke.</p>
-
-<p>Zu den kunstreichen Zwergen sandte Wodan und
-befahl ihnen, eine Fessel herzustellen, die nicht zu lockern
-sei. Und die Zwerge suchten die seltensten Stoffe aus<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-aller Welt zusammen, Barthaare eines Weibes, Wurzelfasern
-eines Felsen, Sehnenfäden eines Bären, mischten
-alles mit dem Speichel eines Vogels, dem Atem eines
-Fisches, der Geräuschlosigkeit einer Katze und wanden
-eine schmiegsame Fessel daraus, die sich umso stärker
-zusammenzog, je heftiger man gegen sie anging. Und
-die Fessel hieß Gleipnir.</p>
-
-<p>An einen weltfernen, einsamen Ort begaben sich die
-Götter und nahmen den Fenriswolf wie zur Begleitung
-und Unterhaltung mit sich. Dort wiesen sie ihm die
-Fessel und reizten ihn wie schon zu zweien Malen,
-seine Kraft zu erproben. Aber der Wolf war mißtrauisch
-geworden und wollte nicht.</p>
-
-<p>»Welch einen Feigling führen wir in unserer Mitte,«
-höhnten die Götter ihn aus.</p>
-
-<p>Der Wolf wurde ärgerlich und wollte den Vorwurf
-nicht auf sich sitzen lassen.</p>
-
-<p>»Ich fürchte mich vor nichts,« grollte er, »aber ihr
-könntet mich bös verzaubern, während ich beschäftigt
-bin, die Fesseln zu sprengen. Lege mir also einer von
-euch die rechte Hand in den Rachen, damit das Wagestück
-ordnungsmäßig vonstatten geht. Ich beiße sie ab,
-wenn ihr Zaubereien treibt.«</p>
-
-<p>Verblüfft sahen sich die Götter an. Die Schwerthand<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-wünschte nicht einer zu opfern. Da trat heißen
-Angesichtes der tapfere Ziu vor, den die Nordmänner
-Tyr nannten und dem die jungen Krieger als ihrem
-Schlachtengott in blanken Schwertertänzen huldigten;
-er schob dem Untier wortlos die Rechte in den Rachen.
-Nun ließ der Fenriswolf das Abenteuer geschehen. Aber
-als ihn die Fessel Gleipnir wie mit Schlangenarmen
-umwand, daß ihm der ohnmächtige Schweiß aus allen
-Poren brach und er spürte, daß seine Kraft überwältigt
-sei, als die Götter die Fessel im Grunde der Erde verankerten,
-so daß er nimmer los konnte, schnappte er zornwütig
-zu und biß Tyr, der nicht mit der Wimper zuckte,
-die rechte Hand ab. So gab der Gott selber seine Buße.
-Dem Wolf aber, der alles um sich her zu verschlingen
-drohte und mit seinem durchdringenden Geheul Lebende
-und Tote erschreckte, stießen die Asen ein Schwert
-zwischen die aufgerissenen Kiefern, daß das Geheul erstarb
-und nur der Geifer des Wütenden in Strömen
-hervorschoß. Dann ließen sie ihn in der Einsamkeit.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wieder saß in Asgard Wodan, der Odin der Nordmänner,
-und lange währte sein Gespräch mit Donar,
-dem donnernden Thor, der nach ihm der mächtigste
-war, der Mann der Tat. Ernst blickte Thor, und er
-nickte zu allem, was Allvater sprach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>»Das Schicksal der Götter,« sprach Allvater, »liegt
-in der Götter eigener Hand. Mut schreckt es zurück.«</p>
-
-<p>»Es ist wie bei den Menschen,« sprach Thor. »Jeder
-ist Herr seines Schicksals, solange er um sich schlägt.«</p>
-
-<p>»Herrscher und Führer,« sprach Allvater, »sitzen
-auf weithin sichtbaren Stühlen. All ihr Tun ist leicht
-zu übersehen, und es ist leicht darum, sie anzugreifen.«</p>
-
-<p>»So sollen sie,« sprach Thor, »nicht auf den Angriff
-warten, sondern den Angriff vorantragen.«</p>
-
-<p>»Du bist des Vaters echter Sohn,« schloß Allvater.
-»So gehe denn hin und forsche den Feind in seinem
-Lager aus.«</p>
-
-<p>Asathor schirrte seine Böcke in den Wagen. Er
-schnallte den Stärkegürtel um, der seine Kraft verdreifachte,
-und legte die Eisenhandschuhe an, mit denen er
-den Stiel seines Hammers Mjolnir fassen konnte, wenn
-der Hammer mitsamt dem Stiel glühend geworden war
-in der Hitze des Kampfes. Den Hammer selbst barg er
-am Busen. Dann lud er Loki zum Fahrtgenossen.</p>
-
-<p>»Es ist besser, ich habe dich bei mir, als daß du in
-Asgard Schabernack treibst.« Und Loki, dem das Schicksal
-seiner Brut vor ängstlichen Augen stand, sagte ihm
-gute Reisekameradschaft zu.</p>
-
-<p>Gen Utgard ging die Fahrt, und am Abend des<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-ersten Tages hatten sie den Rand der bewohnten Erde
-am Meeresstrande erreicht und luden sich bei einem
-Bauern zur Nacht ein. Schwer hatten die Felder des
-Bauern mit den unwirtlichen Mächten aus dem jenseitigen
-Utgard zu kämpfen, und um die Armut des
-Mannes zu schonen, schlachtete Thor seine Böcke zur
-Abendmahlzeit, gebot aber jedem in der Familie, die
-Knochen fein säuberlich zu behandeln und unversehrt
-auf die Bockfelle zu legen. So sättigten sich alle und
-dankten dem gütigen Spender. Loki aber trieb es schon
-wieder, dem starken Gott Verlegenheiten zu schaffen, und
-er beschwatzte den Sohn des Bauern, ein Schenkelknöchlein
-zu öffnen und das leckere Mark herauszusaugen.</p>
-
-<p>In der Morgenfrühe stand der Donnerer zur Weiterfahrt
-bereit. Er beschrieb mit dem Hammer sein Zeichen
-über Felle und Knochen, und augenblicks standen die
-Böcke fahrtbereit im Geschirr. Der eine Bock aber
-lahmte ein wenig und hinderte die schnelle Fahrt.</p>
-
-<p>Thor griff nach seinem Hammer. Seine Augen
-blitzten vor Zorn und sein Rotbart sträubte sich. Da
-erkannten ihn die Bauersleute als den Gewaltigen, der
-ihre Äcker und ihr Leben schützte, und sie umfaßten
-seine Knie und blickten ihn aus treuen Augen an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>»Asathor, es ist nicht unsere Schuld. Der, den du
-bei dir führst, erlaubte unserem Sohne <em class="gesperrt">Thjalfi</em>, den
-Knochen zu öffnen und das Mark zu saugen. Nimm
-unseren Sohn Thjalfi zur Sühne als deinen Diener
-mit dir. Keinen schnelleren im Lauf findest du unter
-den Menschen.«</p>
-
-<p>Der Donnerer nahm die Sühne an und reichte die
-Hand freundlich zum Abschied. Und zu Loki gewandt,
-meinte er lächelnd: »Ich sehe, daß du lieber läufst, als
-fährst. Es wird ein beschwerlicher Marsch werden, der
-Schweiß kostet und Blasen unter den Füßen, aber du
-hast es gewollt. Auf, Thjalfi!«</p>
-
-<p>Und er ließ das Bockgespann bei dem Bauern, daß
-er es bis zu seiner Rückkehr gut verpflege und den
-Schaden heile.</p>
-
-<p>Durch das Meer schwamm Thor mit Loki und Thjalfi,
-und er wanderte mit ihnen durch die Wälderwildnis
-von Utgard, daß Loki oft erseufzte. Und sie fanden
-nichts Lebendiges und keine Herberge. Erst in dunkler
-Nacht stießen sie auf eine Behausung. Aber statt durch
-eine Tür mußten sie durch eine Art großen Schuppens
-kriechen und zählten vier langgestreckte Hallen mit
-einer fünften gekrümmten als Nebengelaß. Todmüde
-sanken sie in Schlaf. Plötzlich fuhren sie wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-empor. Das Haus schwankte unter einem greulichen
-Sturmgezeter wie ein Schiff, das kieloben zu gehen
-droht, und sie retteten sich eilends ins Freie und
-wachten den Morgen heran.</p>
-
-<p>Am Morgen machte sich Thor auf Kundschaft. Er
-ging dem Sturmgezeter nach und stieß bald auf einen
-Riesen, der den Wald mit seinem Schnarchen füllte wie
-die Sturmtrompeten die Luft, und Thor nahm seinen
-Hammer. Im selben Augenblicke sprang der Riese auf
-und war so bergehoch, daß Thor kaum zu seinem
-Haupte hinaufzusehen vermochte und den Hammerwurf
-unterließ. »Ich suche meinen Handschuh,« knurrte
-der Riese, spähte umher und hob die Behausung auf
-mit den vier langgestreckten Sälen und dem fünften
-als Nebengelaß. Thor machte runde Augen. Im
-Handschuh des Riesen hatte er mit seinen Gesellen genächtigt.</p>
-
-<p>Der Riese aber machte sich gutmütig mit den fremden
-Wanderern bekannt, nannte sich selber <em class="gesperrt">Skrymir</em>, das
-ist so viel wie Großmaul, und meinte, auf den Donnerer
-weisend. »Dieser da ist unverkennbar. Es ist
-Asathor, der den Hammer führt.« Und er erbot
-sich, ihnen den Weg zur Königsburg in Utgard zu
-weisen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>»Ihr seid für den Marsch zu sehr mit euren Vorratssäcken
-belastet,« meinte er bei der gemeinsamen Wanderung.
-»Gebt mir die Bündel. Einem Kerl wie mir
-macht es nichts aus.« Und er öffnete den eigenen Rucksack,
-packte die Bündel seiner Begleiter hinein, schnürte
-den Sack zu und warf ihn wie eine Feder über die
-Schulter. Damit waren die drei Wanderer wohl zufrieden.
-Weniger zufrieden aber waren sie, daß sie mit
-den Riesenbeinen Schritt halten und einen ganzen Tag
-lang, bis zum Einbruch der Nacht, Jagdhunden gleich
-hinter Skrymir durch nicht endenwollende Waldwildnisse
-rennen und stolpern mußten, ohne essen oder
-trinken zu können. Und als der Riese endlich Halt
-machte, weil es pechdunkel im Walde geworden war,
-und die drei Gesellen atemlos bei ihm anlangten, hatte
-sich Skrymir bereits in das Moos gebettet und schnarchte,
-daß die Baumwipfel brausten und die Vögel aus den
-Nestern stürzten.</p>
-
-<p>Loki drehte sich vor Hunger auf einem Beine und
-verwünschte die verunglückte Reise. Thjalfi, der Läufer,
-ließ die ausgetrocknete Zunge bis zum Kinn hinunterhängen.
-Thor aber donnerte sie an: »Nie hilft schimpfen
-zum Ziel oder schweigendes Ertragen! Regt die Hände!
-Packt an!« Und sie packten zu dritt des Riesen Rucksack<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-und wälzten ihn herum und mühten und mühten
-sich vergebens, die Verschnürung zu öffnen.</p>
-
-<p>Thor griff nach dem Hammer.</p>
-
-<p>»Wach auf, du Schnarcher,« rief er, »wir verhungern!«
-Und er schlug ihm den Hammer auf den
-Schädel, daß der Wald wie von einer Pauke erdröhnte.</p>
-
-<p>Der Riese wischte schlaftrunken über seine Stirn.
-»Es ist mir ein Blatt auf den Kopf gefallen,« murmelte
-er, und schon schnarchte er weiter.</p>
-
-<p>Thor stutzte. Dann sammelte er eine Zeit lang
-weise seine Kräfte, hob den Hammer und jagte ihn in
-Skrymirs Wirbel, daß von dem Gedröhne die Berge
-hüpften.</p>
-
-<p>Wieder fuhr sich der Riese schlaftrunken über den
-Kopf. »Diesmal ist mir eine Eichel auf den Kopf gehüpft,«
-murmelte er, und schon schnarchte er weiter.</p>
-
-<p>Sprachlos starrte der Donnerer auf den ungeheuren
-Mann, bei dem selbst sein Hammer versagte.</p>
-
-<p>»Laß ab,« bat Loki in Ängsten, »hier findest du
-leicht deinen Meister. Laß uns umkehren und nimmer
-wiederkommen.«</p>
-
-<p>Mit einer Handbewegung tat Thor den Schwätzer
-ab. Bis es dämmerte, ruhte er. Dann erhob er sich
-neu gestärkt, ließ so schnell den Hammer kreisen, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-er Blitze schoß, und schmetterte ihn mit Donnergekrach
-tief in des Riesen Schläfenbein.</p>
-
-<p>Der aber wurde munter und sprang auf die Füße.
-Mit der Hand wischte er sich den Kopf.</p>
-
-<p>»Pfui! Pfui! Da hat ein Vogel mir 'was auf den
-Kopf klatschen lassen. Ich mach mich davon.«</p>
-
-<p>»Erst zeig den Weg zu Ende!« verlangte Thor.</p>
-
-<p>Der Riese sah die von den Nachtwachen, von Hunger
-und Durst Ermüdeten forschend an. »Wenn ihr auf
-eurer Reise besteht, so sei's. Aber ich warne euch. Der
-König <em class="gesperrt">Utgardloki</em>, zu dem ihr wollt, gebietet über
-Riesenkerle, gegen die ich nur ein Kinderspaß bin.
-Seid also fein bescheiden an seinem Hof, haltet die
-Zunge im Zaum und überhebt euch nicht, damit ihr
-halbwegs gesund von dannen schlüpft. Ich an eurer
-Stelle trollte mich schleunigst und setzte meinen guten
-Namen nicht aufs Spiel.«</p>
-
-<p>»Schweig, du Großmaul,« gebot Thor, »und weise
-den Weg.«</p>
-
-<p>Da deutete Skrymir auf eine Waldlichtung, schulterte
-seinen Sack und verschwand zwischen den Bäumen.</p>
-
-<p>Ohne Zögern marschierte Thor auf die Waldlichtung
-zu, ob auch Loki ihn anflehte, das Abenteuer auf günstigere
-Zeiten zu verschieben. Und als sie die Waldlichtung<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-erreicht hatten, sprang vor ihnen auf einem
-Felsen Utgardlokis Burg bis in die Wolken, von einem
-Eisengitter dicht verschlossen. Kein Wächter meldete
-sich, als sie riefen.</p>
-
-<p>»Wir sind so klein wie die Ameisen vor diesem
-Riesenwall,« jammerte Loki.</p>
-
-<p>»Auch Kleinheit kann vom Flecke helfen,« entgegnete
-Thor. »Sieh her!« Und er zwängte sich leicht
-durch die Gitterstäbe und half den Gefährten nach. So
-kamen sie in den Burghof, auf den die Königshalle
-mündete, und Thor führte die Gefährten hocherhobenen
-Hauptes in die Halle.</p>
-
-<p>Auf erhabenem Throne, die Schar seiner Riesenmannen
-um sich, saß in dunkler Pracht der König Utgardloki.
-Er zwinkerte mit den Augen, als vermöge
-er nicht recht zu erkennen, was sich über den Boden
-zu seinen Füßen auf ihn zu bewege.</p>
-
-<p>»Ei, du putziger Kleiner,« rief er dem Donnerer zu,
-»was bist denn du für ein Kerlchen?«</p>
-
-<p>»Ich bin Donar, der Ase, den sie den Thor nennen.
-Ich komme, dich zu besuchen.«</p>
-
-<p>»Kleiner Scherzbold,« spottete der Riesenkönig,
-»Asathor willst du sein? Den hatte ich mir als einen
-Mann gedacht, immerhin mir bis zum Bauche. Doch<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-vielleicht &ndash; wer weiß es &ndash; kannst du mit deinen Gefährten
-da allerlei Taten, die euch ein Wettspiel mit
-meinen Mannen suchen lassen.« Und er lachte, daß sein
-Bauch schütterte.</p>
-
-<p>Der hungernde Loki sprang vor.</p>
-
-<p>»Ich vermesse mich,« rief der Listige, »jeden zu
-schlagen, der es mit mir im Essen aufnehmen will. Und
-sei sein Magen so lang, daß ich selbst darin wohnen
-könnte.«</p>
-
-<p>Die Wette machte dem König Spaß, und er winkte
-einem seiner Hofleute, den er Logi rief, sich bereit zu
-machen. Da wurde zwischen die beiden Kämpen ein
-Trog geschoben, bis zum Rande gehäuft mit Rindervierteln,
-und Loki, der Ase, setzte sich an das eine Ende
-des Troges, und Logi, der Riese, an das andere. Dann
-gab der König das Zeichen. Und sie aßen und fraßen,
-daß ihnen die Augen aus den Höhlen quollen und den
-Zuschauern die Haare zu Berge standen, und als sie in
-der Mitte des Troges mit den Köpfen aneinanderprallten,
-war der Trog bis auf den Boden leer, und sie
-leckten sich die Lippen.</p>
-
-<p>Der König kam und sah in den Trog hinein. Da
-lagen in der Hälfte, die Loki, der Ase, leergezehrt hatte,
-die Knochen abgenagt und ausgesogen bis aufs Mark.<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-Logi, der Riese, aber hatte die Knochen samt dem
-Fleisch verschlungen und seinen halben Holztrog obendrein.
-Darum wurde der Riese für den Sieger erklärt.
-Loki war es einerlei. Er war satt geworden.</p>
-
-<p>Und der König wandte sich an Thjalfi und fragte
-ihn, in welcher Kunst er sich etwas zutraue.</p>
-
-<p>»Ich bin ein Schnelläufer,« antwortete der Jüngling,
-»stellt mich auf die Probe.«</p>
-
-<p>Der König rief einen Diener, den er Hugi nannte,
-und alle gingen sie auf ein weites Feld. Der Knabe
-rannte wie der Wind nach dem Ziel, aber Hugi flog
-ihm voraus und kehrte zu ihm zurück, und Thjalfi
-mußte sich geschlagen geben.</p>
-
-<p>Nun wandte sich der König Utgardloki dem Donnerer
-zu.</p>
-
-<p>»Die Reihe ist an dir. Beweise uns die überlegene
-Kunst der Asen und wähle selber.«</p>
-
-<p>Da wählte Asathor das Trinkhorn. Denn er war
-ein Zecher, der alles Lebende unter die Bänke trank.</p>
-
-<p>So saßen sie in der Halle auf der Metbank nieder,
-und Utgardloki hieß das Horn bringen.</p>
-
-<p>»Sieh dir meine Mannen an, Thor. Sie leeren dies
-Horn auf einen Zug, wenn sie bei Laune sind. Sicherlich
-aber in zwei Zügen. Wer es aber mit dreien nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-zu leeren vermag, der läßt das Trinken den Männern
-und schleicht sich hinaus zu den zullenden Knaben.«</p>
-
-<p>»Laß dein törichtes Reden,« sprach Asathor und hob
-dürstend das Horn, daß der Inhalt in Strömen in ihn
-hineinlief und alle Mannen die Hälse reckten. Aber
-als er tiefatmend das Horn absetzte und hineinblickte,
-bemerkte er zu seiner Bestürzung, daß das Getränk
-nicht um eines Fingers Breite abgenommen hatte.</p>
-
-<p>»Du bist weise,« sagte Utgardloki. »Du hast zunächst
-nur eine Kostprobe nehmen wollen.«</p>
-
-<p>Zornig setzte Thor das Horn zum zweiten Male an.
-Aber nur der Innenrand des Hornes war freigelegt.</p>
-
-<p>»Nun hast du dir zur Genüge den Mund ausgespült,«
-heuchelte der Riesenkönig. »Bist du nun endlich
-auf den Geschmack gekommen, so trinke!«</p>
-
-<p>Asathors Antlitz färbte sich so rot wie sein Bart. Er
-packte das Trinkhorn, daß es knirschte. Und zum dritten
-Zuge hob er es an den Mund und sog und sog, daß
-ihm die Adern wie Stricke über den Schläfen schwollen,
-und stürzte und stürzte, daß es wie Meerflut in seinem
-Halse rauschte, und setzte endlich ab. Da war der Trank
-im Horn weit zurückgegangen, aber ausgetrunken war
-er nicht.</p>
-
-<p>»Du bist heute nicht durstig,« meinte Utgardloki,<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-der mit allen seinen Mannen ein wenig blaß geworden
-war bei des Gottes wildempörtem Zuge. »Vielleicht
-gefällt es dir, dich an ein Spiel zu machen, wie es
-unsere Jungmannen zu ihrem Vergnügen treiben,
-nämlich meine große Katze vom Boden zu heben. Es
-wird für deine Kraft eher passen.«</p>
-
-<p>Der Donnerer spürte den Hohn. Aber er zügelte
-seinen Zorn. Er ergriff die Riesenkatze, die sich auf
-den Fliesen sonnte, am Bauchfell und glaubte sie zu
-heben, aber die Katze hatte nur einen Buckel gemacht.
-Er biß die Zähne zusammen und rüttelte das Vieh,
-das sich steif auf den Beinen sperrte, zusammen. Und
-dann glückte es ihm, ein Bein der Katze hochzuheben
-und nicht mehr.</p>
-
-<p>Der Riesenkönig lächelte wie in Mitleiden. »Es ist
-nicht recht von mir, dich mit deinem schwachen Körper
-an Aufgaben zu stellen, die meine Leute mit ihren
-Riesenkräften spielend lösen. In Asgard magst du der
-stärkste sein. Hier kommst du, wie du selber siehst, nicht
-in Betracht.«</p>
-
-<p>»Stelle mir einen Gegner,« brüllte Thor auf in
-schäumender Wut, »jeden von euch, wer es auch sei.
-Ich will ihn im Ringkampf werfen, daß er das Aufstehen
-auf immer vergißt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>Die Riesen rührten sich nicht. Und erst nach einer
-Pause sprach Utgardloki sanft:</p>
-
-<p>»Die Bärenkraft meiner Männer scheint mir zu unsanft
-für dich. Versuche es zuerst mit einem Weibe.
-Ruft mir einmal meine alte Amme Elli her. Sie genügt
-für diesen Fall.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-097.png" alt="" />
-<div class="caption">»Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er stolperte&nbsp;…«</div>
-</div>
-
-<p>Die Alte kam grinsend auf den Asen zu, und Thor
-nahm den Ringkampf auf. Mit geschlossenen Augen,
-wortlos vor Grimm, rang er, daß ihm die Muskeln auf
-den Armen zu tanzenden Ballen wurden. Er bekam
-das Weib nicht unter. Da stellte ihm die Alte jählings
-ein Bein, über das er stolperte und auf ein Knie stürzte.
-Schon war er wieder auf den Füßen, als Utgardloki
-die Kämpfer trennte und den schäumenden Asen für
-besiegt erklärte.</p>
-
-<p>»Nun aber wollen wir uns zum Mahle setzen und
-auch den Becher kreisen lassen, denn ihr habt euch nach
-euren Kräften gut gehalten.«</p>
-
-<p>Das gnädige Lob vermochte nichts über den Donnerer.
-Speise und Trank mundeten ihm nicht, und er
-war froh, als alle zur Ruhe gingen. In der Frühe
-wollte er mit seinen Gesellen fort.</p>
-
-<p>Der König der Riesen und Trolle, Utgardloki, stand<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-am Burgtor, als die Wanderer am Morgen Abschied
-nahmen. »Nun werde ich euch wohl niemals wiedersehen,«
-sagte er bedauernd.</p>
-
-<p>»Nicht eher, als bis ich meiner Kräfte wieder Herr
-und Meister bin,« entgegnete Thor finster.</p>
-
-<p>Der König hob beschwörend die Hand.</p>
-
-<p>»Stärkster der Asen, du hast gesehen, daß deine
-Kräfte bei uns nicht für eine Katze und ein altes Weib
-ausreichen. Ich aber will dir mehr sagen: dein Geist
-reichte noch um vieles weniger aus. Eitel Blendwerk
-habe ich dir vorgemacht, und du bist ihm nicht auf die
-Spur gekommen. Ich wußte von deinem Nahen. Als
-Riese Skrymir begegnete ich dir im Walde und suchte
-dir deine Abenteuer zu verleiden, indem ich dich in die
-Irre führte und dich hungern und dürsten ließ. Mein
-Bündel war mit Eisenklammern verschlossen statt mit
-Stricken. Dreimal schlugst du mir auf den Schädel,
-und jeder Schlag hätte mich zermalmt. Aber ich hielt
-mir jedesmal einen Felsblock vor, und du merktest es
-nicht und schlugst Löcher in den Stein so tief wie ein
-Brunnenloch. Nie sah ich einen einzelnen Mann
-fressen, wie der verhungerte Loki fraß. Aber mein
-Logi war kein Mann, sondern wildes Feuer, das den
-Fraß mitsamt dem Trog verzehrte. Nie sah ich einen<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Menschen rennen, wie der Thjalfi rannte. Aber mein
-Hugi war der hin und her jagende Gedanke. Dann
-hobst du das Trinkhorn und merktest nicht, daß ich
-seine gewundene Spitze tief in das Weltmeer versenkt
-hatte. Meiner Treu, du hast die Flut so niedergetrunken,
-daß von heute ein Zustand im Meere eingetreten
-ist, den man die Ebbe nennen wird. Als du die
-Katze beim Bauchfell packtest, merktest du nicht, daß du
-die Midgardschlange gepackt hattest, die wie ein Ring
-um die Erde liegt. Als du der Katze das Hinterbein
-hobst, hattest du schon den Schwanz der Schlange aus
-dem Meere emporgerissen. Die alte Amme Elli aber,
-du blinder Thor, war das Alter, das keiner überwindet
-und dem keiner stand hält. Dir mußte sie erst ein
-Bein stellen, und trotzdem&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Thors Gestalt begann zu wachsen. Jedes Haar in
-seinem Rotbart richtete sich steil empor. Seine Hand
-tastete nach dem Hammer.</p>
-
-<p>Utgardloki, der König der Riesen und der zaubergewandten
-Trolle, ließ kein Auge von ihm. Seine
-Stimme wurde kreischend. Der Triumph über seinen
-Sieg raubte ihm die Vernunft.</p>
-
-<p>»Hör mich zu Ende, schneller Gott. Wir haben dich
-und deine Asenkraft jämmerlich betrogen und werden<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-es wieder und wieder tun. Nimm dein Erlebnis als
-Warnung! Kehre nie zu uns zurück! Wir machen
-deinem Schädel neues Blendwerk vor, daß du wie ein
-brüllend Tier in der Irre läufst und das Gelächter der
-Welt dich nach Hause hetzt. Schau her und such die
-Burg von Utgard!«</p>
-
-<p>Thor schwang den Hammer. Jäh hielt er ein, denn
-er hätte ihn ins Wesenlose geschleudert. Die ragende
-Burg zerfloß vor seinen sehenden Augen in Nebelstreifen.
-Und wo der König Utgardloki gestanden hatte,
-zog ein dampfender Schwaden durch die Luft.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Zornigen Mutes wanderte der Donnerer dem Meere
-zu. Seine Begleiter folgten ihm scheu. Und der Zorn
-verwandelte sich in Nachdenklichkeit und befreite sich in
-einem fröhlichen Götterlachen.</p>
-
-<p>»Ich habe eine Lehre erhalten,« sprach der starke
-Ase, »und eine Lehre ist so viel wie ein Sieg. Denn
-eine Lehre ist die Gebärmutter neuer Taten.«</p>
-
-<p>»Wie nennt sich die Lehre?« fragte Loki und schlich
-sich horchend herbei.</p>
-
-<p>»Wenn du zu Spitzbuben gehst, <em class="gesperrt">schlag zu</em>, bevor
-sie dich prellen,« antwortete Thor, schwamm, von
-seinen Begleitern gefolgt, durch das Meer, fand bei den<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-Bauern am Erdenrand seine geheilten Böcke wieder und
-fuhr, durch die Wolken donnernd, heim gen Asgard.</p>
-
-<p>Lange weilte er bei Wodan im Gespräch, und
-als er ihn hochgemut verlassen hatte, begab sich Allvater
-zu der Göttin Saga kühlem Saal, über den die
-Wogen rauschten, und trank mit ihr aus goldenen
-Gefäßen, während er in Dichterworten sprach und
-Saga sang.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<h2 id="Im_Zeichen_des_Hammers">Im Zeichen des Hammers.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Immer mehr häuften sich die Klagen über die Gewalttaten
-der Riesenmächte. Seit sie die Asen in
-Schuld verstrickt wußten, seit sie an den Himmlischen
-Schwächen und Fehler erkannt hatten, seit sie in dem
-gefürchteten Donnerer, nach Thors Fahrt zu Utgardloki,
-nichts anderes als einen Tölpel von Bauerngott zu erkennen
-glaubten und in dem Asen Loki oft genug einen
-stillen Verbündeten, wuchs ihre freche Anmaßung zur
-Unerträglichkeit, und besonders die Menschen hatten
-unter ihren räuberischen Übergriffen schwer zu leiden.</p>
-
-<p>Der Donnerer aber hatte die erhaltene Lehre nicht
-vergessen. Tag und Nacht war er auf der Fahrt, und
-wohin ihn sein Bockgespann nicht trug, dorthin wanderte
-er mit seinem Hammer zu Fuß. Reißende Ströme
-durchwatete er, steile Felsenhäupter erklomm er, um der
-Räuber und Mörder der Menschen habhaft zu werden.
-Wo immer er sie antraf, stellte er sie wortlos zum
-Kampf und zerschmetterte ihnen mit seinem Hammer
-den Schädel. Da die Säufer und Fresser aber, die
-Thursen und Joten, Scharen von Kindern erzeugten,
-die in wenig Nächten stark und dick wie ihre Väter
-waren, so hatte der Hammer Tag und Nacht zu tun,<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-ohne daß er die furchtbare Arbeit vollauf zu bewältigen
-vermochte. Und der Donnerer sah die wachsende Gefahr,
-wie Allvater Wodan am Brunnen Mimirs, mit
-stiller Sorge und schlug um so unerbittlicher drauflos,
-um Luft zu schaffen und den Göttern Zeit.</p>
-
-<p>Nach <em class="gesperrt">Freya</em> stand der gierige Sinn der Riesen.
-Ihre strahlende Wärme brauchten sie für ihr kaltes
-Reich und ihre Lieblichkeit zur Auffrischung ihres
-Wesens. Dessen waren die Götter sich wohl bewußt,
-und sie hatten Ursache genug, offene und versteckte Angriffe
-zu erwarten und abzuschlagen. Im übrigen aber
-schützte sie Thors Hammer.</p>
-
-<p>Um so furchtbarer war darum die Bestürzung, als
-eines Morgens der Hammer verschwunden war. Der
-Donnerer hatte ihn in einer Nacht, die er daheim verbringen
-konnte, neben sich auf dem Lager gehabt. Als
-er erwachte, griff er, wie stets zuerst, nach dem Stil. Er
-tastete vergebens. Mit einem Satz war er auf den
-Beinen, suchte sein Haus ab und donnerte die Götter
-aus dem Schlummer. »Wer hat mir den Schabernack
-angetan? Das ist kein Scherzspiel, und ich will es nicht
-leiden!«</p>
-
-<p>Die Götter jedoch waren unschuldig an dem Verschwinden
-und blickten dem Erzürnten offen in die<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-Augen, ohne sich Rats zu wissen. Nur Loki grinste ein
-wenig in sich hinein. Als ihn aber der Donnerer mit
-zornfunkelnden Augen anfuhr, und die Götter klagend
-den Untergang Asgards weissagten, wenn der schützende
-Hammer nicht zur Stelle geschafft würde, wurde Loki
-geschmeidig, trat in den Kreis und gab sich ein großes
-Ansehen.</p>
-
-<p>»Obwohl ihr es euch nicht zugestehen wollt, daß ich
-der Klügste bin, um nicht das winzigste Steinlein aus
-eurer Krone zu verlieren, will ich euch noch einmal den
-Beweis liefern und euch damit zur Anerkennung zwingen.
-Jammert weiter. Ich fahre in die Welt und suche
-den Hammer bei Riesen und bei Zwergen, im Schoße
-der Erde und auf dem Meeresgrund. Und ich werde ihn
-finden.«</p>
-
-<p>Dann bat er Thor, ihm zu Freya das Geleit zu
-geben, denn er wünschte sich Freyas Falkenkleid zur
-Reise zu leihen, war aber bei Freya um seiner tückischen
-Liebeswerbungen willen nicht wohl gelitten. Freya
-willfahrte auf der Stelle und gab das Kleid. »Und
-wenn es von Gold und Silber wäre, ich gäb es her für
-den Hammer, der mich vor dem Begehr der scheußlichen
-Riesen schützt.«</p>
-
-<p>Loki legte es an und fuhr brausend von dannen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-fuhr nicht in den Schoß der Erde und nicht auf den
-Meeresgrund. Stracks fuhr er ins Riesenland nach
-Jotunheim und fand den Riesenfürsten <em class="gesperrt">Thrym</em> vergnügt
-seine Rosse striegeln und schmücken.</p>
-
-<p>»Nun?« rief er dem heranbrausenden Loki entgegen.
-»Was jagt dich so sturmschnell nach Jotunheim? Geht
-es den Asen nicht gut, und suchst du ein Mittel gegen
-ihren Kopfschmerz?«</p>
-
-<p>»Höre mich, Thrym,« sagte Loki schmeichelnd, »ich
-muß den Hammer wieder holen. Käme ich ohne ihn
-heim, so möchte es mir auf ewige Zeiten übel ergehen.«</p>
-
-<p>»Ach nein,« sprach Thrym vergnügt, »den Hammer
-willst du zurück? Ich bin froh, daß ich ihn habe.«</p>
-
-<p>»Du kannst ihn ja doch nicht verwenden,« redete Loki
-ihm zu. »Nur in des Donnerers Hand zeigt er seine
-Kraft.«</p>
-
-<p>»Wohl, wohl,« nickte Thrym. »Und wenn er sich
-nicht in des Donnerers Hand befindet, ist er nicht gefährlicher
-als ein kurzgestieltes Stück alten Eisens.
-Damit ist viel gewonnen, wenn es zum Kampfe kommt.«</p>
-
-<p>»Zum Kampfe um Freya, Thrym?«</p>
-
-<p>»Um Freya, die liebliche, die süße. Aber es braucht
-nicht einmal zum Kampfe zu kommen. Die Asen können
-ihre heilen Köpfe und ich mein fröhliches Blut bewahren,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-wenn sie mir im Tausch Freya ausliefern gegen Thors
-Hammer. Im Arme der Lieblichen verzichte ich auf den
-Ruhm, euch zu prügeln.«</p>
-
-<p>»Ich werde es gerne bestellen,« lächelte Loki schadenfroh
-und brauste gen Asgard zurück. Großtuerisch trat
-er in den Kreis der Götter. »Wo ist der Hammer?«
-donnerte Thor.</p>
-
-<p>»Auf daß ihr seht, daß ich der Klügste bin &ndash; der
-Hammer ist gefunden. Bei Thrym liegt er, dem Riesenfürsten,
-zehn Klafter tief in der Erde versteckt, und das
-Versteck weiß nur Thrym.«</p>
-
-<p>»Was frohlockst du denn, Prahlhans, der Hammer
-sei gefunden?« schnob der Donnerer.</p>
-
-<p>»Weil ich,« versetzte Loki mit Wichtigkeit, »den Riesen
-bewog, freiwillig den Hammer herauszugeben. Er will
-es tun, so ihr ihm im Austausch Freya zum Weibe
-gebt.«</p>
-
-<p>»Niemals,« rief Freya, die liebliche, entsetzt, »niemals
-lasse ich meinen schlanken Leib an die Dickwänste verschachern!«
-Und die Götter standen in tiefer Verlegenheit
-und wachsender Sorge.</p>
-
-<p>Nur der Donnerer hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden.</p>
-
-<p>»Meine Lehre besagt,« sprach er grimmig, »wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-du zu Spitzbuben gehst, schlag' zu, bevor sie dich prellen.
-Das gedenke ich auch diesmal zu tun, und ich werde
-selber gehen.«</p>
-
-<p>Da berieten die Götter heftig über die Ausführung
-der Reise, und Heimdall, der treue Wächter, sprach:
-»Sie werden dir wieder ein Blendwerk vorgaukeln,
-wenn du offen als Asathor zu ihnen kommst. Drum
-rate ich dir, lege Freyas Brautkleid an und umhülle
-dein Gesicht mit Freyas bräutlichem Schleier, daß dich
-niemand erkennt und dich der liebesblinde Thrym mit
-offenen Armen in seinen Saal aufnimmt. Das andere
-bleibe dann leicht dir überlassen.«</p>
-
-<p>Wohl wehrte sich der stolze Donnergott gewaltig gegen
-die weibische Verkleidung, aber zuletzt mußte er sich dem
-Bitten und Drängen der Asen fügen, da auch er keinen
-besseren Rat wußte, und er ließ sich in die Weiberröcke
-zwängen, hing den klirrenden Schlüsselbund an, schmückte
-Hals und Nacken mit dem leuchtenden Schmuck Brisingamen
-und wickelte den Schleier dicht um Haupt und
-Feuerbart. Dann winkte er Loki.</p>
-
-<p>»Du begleitest mich als meine Magd. Du sollst auch
-deine Freude haben.«</p>
-
-<p>Und Loki mußte, obwohl er lieber beiseite geblieben
-wäre, in die Magdkleider hinein und mit auf die Fahrt.<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-Funkenstiebend flog des Donnerers Bockgespann mit
-den Beiden durch die Lüfte.</p>
-
-<p>»Sie kommt, sie kommt,« jubelte Thrym. »Freya,
-die liebliche, kommt, mein Lager zu wärmen! Auf,
-schmückt mir den Hochzeitssaal, rüstet das Mahl, schleppt
-Met herbei! Diese Nacht noch ruh ich am Herzen der
-lieblichsten Göttin!«</p>
-
-<p>Sie saßen beim Hochzeitsmahle, und neben dem
-Freudetrunkenen saß Asathor im Brautgewand, das
-Antlitz dicht vom Schleier umhüllt. Wortlos saß er
-im Saal, den wohl hundert Riesen und Riesinnen
-füllten, um sich durch seine rauhe Sprache nicht zu verraten,
-aber er klimperte zuweilen mit dem Schlüsselbund
-und zupfte die Steine seines Geschmeides hervor,
-daß sie berauschend schimmerten und blitzten. Als aber
-das leckere Mahl mitsamt dem Met aufgetragen wurde,
-vergaß er die Vorsicht, aß einen ganzen Ochsen und
-acht Lachse auf einem Sitz und vertilgte dazu drei
-mächtige Fässer Met.</p>
-
-<p>Der Riesenfürst riß vor Staunen Mund und Nüstern
-auf. »Wie gefräßig das Täubchen ist!«</p>
-
-<p>Da sprang Loki dem Donnerer bei, Loki in der
-Magdkleidung, und er flüsterte dem Riesen zu:</p>
-
-<p>»Acht Tage hat Freya aus Sehnsucht nach dem<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-heutigen Tage keinen Bissen über die Lippen gebracht.«</p>
-
-<p>Das tat dem eitlen Thrym in der Seele wohl, und
-er umfing zärtlich das Bräutchen und wollte es küssen.
-Thor gab nur den oberen Teil des Schleiers frei, und
-mit einem Schreckensschrei taumelte Thrym zurück, als
-ihn ein paar wildfunkelnde Augen trafen.</p>
-
-<p>Wieder begütigte Loki, Loki in der Magdkleidung,
-und er flüsterte dem Riesen zu:</p>
-
-<p>»Habt Ihr Freyas Augen gesehen? Acht Tage ist
-kein Schlaf hineingekommen aus Sehnsucht nach Euch!
-Nimmer noch brannten Frauenaugen in solcher Liebesglut.«</p>
-
-<p>»Holt den Hammer,« brüllte der Riese in trunkener
-Lust, »holt den Hammer Mjolnir! Im Zeichen des
-Hammers soll unser Ehebund gesegnet werden, wie
-es bei den Göttern Brauch! Freu dich, mein Mädchen!«</p>
-
-<p>Der Hammer wurde gebracht und in den Schoß der
-Braut gelegt. Da klingelte Asathor nicht mehr mit dem
-Schlüsselring. Seine Hand umspannte den geliebten
-Hammerstiel.</p>
-
-<p>Und plötzlich warf er den Schleier zurück und zeigte
-sein flammendes Angesicht mit dem roten, aufwärts<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-gesträubten Feuerbart. Ein einziger Schrei durchgellte
-den Saal. Und der Hammer sauste zuerst in Thryms,
-des Riesenfürsten, Schädel und zermalmte ihn zu Brei.
-Und der Hammer sauste durch den ganzen Saal, bald
-hierin, bald dorthin, und wer da flüchten wollte, den
-holte er ein. Mitten im Saale stand der Donnerer
-und schlug mit seinem Hammer Mjolnir die ganze
-Hochzeitsgesellschaft, mehr als Hundert Riesen und
-Riesinnen, zu Tode. Wie feierte er mit seinem Hammer
-das Wiedersehen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So groß wie die Freude in Asgard, so groß war die
-Wut im Jotenreich. Da sie dieses Mal Freya nicht
-haben konnten, beschlossen die Riesen, die Götter durch
-das Alter kraftlos zu machen und sich zu diesem
-Zwecke <em class="gesperrt">Iduns</em> zu bemächtigen, des Dichtergottes Bragi
-Ehegemahl, die die Äpfel der ewigen Jugend hütete.
-Doch die Jugendgöttin ging nicht über Asgards Wiesen
-hinaus, und es mußte schon ein Ase gefangen werden
-zum Austausch.</p>
-
-<p>Es begab sich aber, daß Wodan mit anderen Göttern
-eine Fahrt durch die Welt machte, und auch Loki gehörte
-der Reisegesellschaft an. An einem Abend trieb
-sie der Hunger, sich auf einer entlegenen Weide einen
-Ochsen zu greifen, und sie brieten ihn unter einer ragenden<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-Eiche. Aber so lange sie ihn auch brieten, das
-Fleisch wurde nicht gar. Da gewahrten sie im Wipfel
-des Baumes einen Adler, der vor Freude mit den
-Flügeln schlug und ihnen zurief: »Ich leid's nicht, daß
-euch der Braten gerät! Oder ihr gebt mir so viel von
-dem Ochsen, als ich mag.« Verwundert über das seltsame
-Abenteuer, sagten die Götter zu; der Adler rauschte
-vom Wipfel nieder, und das Fleisch wurde gar. Der
-Adler jedoch begehrte hämisch das Beste für sich und schlug
-seine Krallen in die festen Lenden und den saftigen Bug.
-Da stieß ihm der gefräßige Loki eine Eisenstange in
-den Bauch.</p>
-
-<p>Die Stange aber blieb haften, so sehr Loki auch zog
-und rüttelte. Und der Adler erhob sich und schleifte
-Loki hinter sich drein, durch Stoppelfelder und Morast,
-durch stachliche Sträucher und scharfe Felstrümmer,
-also daß der Tückegott jämmerlich geschunden wurde
-und arg um Gnade flehte. Die Götter, die zurückgeblieben
-waren, hielten sich den Leib vor Lachen über
-des Listigen Mißgeschick und vernahmen nicht, was die
-Beiden verhandelten.</p>
-
-<p>»Hör mich an,« rief der Adler. »Ich bin <em class="gesperrt">Thjazzi</em>,
-der Riesenfürst. Du sollst die Freiheit haben, wenn du
-mir versprichst, mir heimlich Idun mit den Äpfeln zu<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-bringen. Schwöre deine heiligsten Schwüre.« Und
-Loki schwur, was von ihm verlangt wurde.</p>
-
-<p>Die Götter lachten noch immer, als er wieder zu
-ihnen stieß.</p>
-
-<p>»Lieblich schaust du aus, vorwitziger Loki. Man
-könnte dich als Spatzenschreck in die Felder stellen.«</p>
-
-<p>»Wartet ab, ob ihr nicht auch bald den Vogelscheuchen
-gleicht,« knurrte Loki tückisch und gedachte der Idun
-und ihrer Jugendäpfel.</p>
-
-<p>Nach Asgard heimgekehrt, machte er sich an die
-Jugendspendende listig heran und erzählte ihr Wunderdinge
-von Äpfeln, die er ganz nahe Asgard in einem
-Wäldchen vorgefunden habe, tausendmal schöner, als
-Iduns Zauberäpfel, und stachelte ihre Neugier, mit ihm
-hinzulaufen und die Äpfel zu vergleichen. Als aber
-die Göttin mit ihren Äpfeln in den Wald gerannt kam,
-packte sie der Riese Thjazzi und brauste, als Adler, mit
-seiner kostbaren Beute davon.</p>
-
-<p>Ein Kurzes, und die Götter wunderten sich, daß die
-holden Göttinnen abmagerten wie die Heuschrecken und
-Hängefalten bekamen und eselgraues Haar. Und sie
-wollten von ihren Liebkosungen nichts mehr wissen.
-Die Göttinnen aber zeigten mit Fingern auf die Kahlköpfe
-und Schmerbäuche der Götter und zählten ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-die Zahnlücken auf. Da gewahrten sie mit Schrecken,
-daß sie alterten, und sie riefen nach Idun, um an ihren
-Äpfeln die Jugend zurückzugewinnen. Aber Idun war
-in ganz Asgard nicht zu finden.</p>
-
-<p>Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Ich sah sie
-mit Loki in den Grenzwald gehen.«</p>
-
-<p>Da bedrohten sie Loki mit allen Martern, und der
-Donnerer schwang den Hammer über ihn, bis Loki gestand.
-»Ich habe dem Riesen meinen Eid gehalten.
-Jetzt schwöre ich euch einen neuen Eid, sie wiederzuholen.«
-Und er entlieh Freyas Falkengewand und
-sauste, als wäre Thors Hammer hinter ihm, durch die
-Lüfte gen Jotunheim, wo er die weinende Idun einsam
-in Thjazzis Halle fand, denn der Riese war auf das
-Meer hinaus, für die Untröstliche ein leckeres Fischgericht
-zu holen.</p>
-
-<p>Blitzschnell verzauberte Loki die lachende Idun in eine
-Haselnuß, barg sie in seinen Falkenfängen und sauste
-mit ihr durch die Lüfte gen Asgard davon.</p>
-
-<p>Aber der Riese hörte auf dem Meere das Flügelsausen,
-nahm die Gestalt eines Seeadlers an und brauste
-hinterdrein. Schon war Loki mit Idun in Asgard angelangt,
-als der blindwütende Seeadler die Grenzscheide
-überstürmte. Einen Scheiterhaufen entzündeten die<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Götter, und Thjazzi flog geblendet hinein und verbrannte
-elendiglich.</p>
-
-<p>Die Götter aber und Göttinnen schmausten wie Ausgehungerte
-von Iduns Äpfeln; ihre Haut wurde wieder
-straff, ihre Körper schlank und stark, ihre Augen glänzend
-und ihre Lippen rot. Und es war an dem Abend eitel
-Liebesgirren in allen Kammern Asgards.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nur des Donnerers Hammer ruhte nicht. Wo die
-Menschen auf Erden von Riesengewalten bedroht wurden,
-riefen sie nach dem Gott mit seiner malmenden
-Waffe, wie die Asen selbst es taten, und Thor erschien
-wie der Gewitterblitz und reinigte Land und Luft von
-den Unholden. Nie war er daheim zu treffen, immer
-stand er irgendwo im Kampf, und so machte sich Allvater
-Wodan einst allein auf den Weg, um einen Blick
-auf die Kräfte des Riesenreiches zu gewinnen.</p>
-
-<p>Auf seinem achtfüßigen Hengst Sleipnir jagte er
-hinaus nach Jotunheim, und als er mancherlei gesehen
-hatte, kam er an dem Reiche <em class="gesperrt">Hrungnirs</em>, des mächtigsten
-und stärksten der Steinriesen, vorübergeritten,
-der ihn anrief.</p>
-
-<p>»Was reitest du für ein Roß, du Mann im Goldhelm?
-Es scheint mir kein schlechtes.«</p>
-
-<p>»Glaub's dir,« rief Wodan zurück. »Kein Roß im<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-Riesenreich kommt ihm im Wettlauf ans Schwanzhaar.«</p>
-
-<p>»Hoho,« prahlte der Riese, »mein Hengst Gullfaxi
-wird es dem deinen zeigen. Gib acht, ich fange dich ein
-wie eine Fliege.«</p>
-
-<p>Und er warf sich auf den Hengst und jagte hinter
-Wodan drein, der ihm lachend entkam.</p>
-
-<p>In Asgard sprang Wodan vom Rossesrücken, Hrungnir
-aber war so tollen Rittes, daß er die Grenzmark übersah
-und wie Wodan in Asgard landete, von den Göttern
-umringt.</p>
-
-<p>»Fürchte dich nicht,« riefen sie ihm zu, »du sollst
-unser Gast sein und dich gesättigt heimwärts trollen.«</p>
-
-<p>»Seh ich wie das Fürchten aus?« höhnte Hrungnir
-und schritt unverschämten Ganges zur Halle. »Bringt
-mir die größte Kanne Met, daß ich in etwa meinen
-Groll ersäufe.«</p>
-
-<p>Da wurden ihm die Trinkhörner zugereicht, die nur
-Asathor allein zu leeren verstand, und der Riese stürzte
-den Met so hastig durch den Hals, daß er trunken wurde
-und in der Trunkenheit alle Götter des Himmels bedrohte.
-»Dieses Walhall nehm ich in die hohle Hand
-und trag es nach Jotunheim. Das ganze Asgard schmeiß
-ich ins Meer. Das ganze Göttergesindel prügle ich zu<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-Tode. Nein &ndash; doch nicht das ganze. Diese da, die mir
-den Met einschenkt, die liebliche Freya, und diese da,
-die die Farbe des reifen Kornfelds im Goldhaar trägt,
-die üppige Sif, sie nehme ich beide zu Frauen. Beide
-miteinander. Wer wagt und widerspricht?«</p>
-
-<p>Die Götter wichen zurück vor dem Wilden. Nur
-Freya schenkte ihm lächelnd weiter ein. Aber das trunkene
-Toben des Riesen wurde so lästerlich und sein
-Drohen so handgreiflich, daß einer der Asen des Donnerers
-Namen rief. »Wäre doch Thor hier und lehrte
-ihn Anstand!«</p>
-
-<p>Im selben Augenblick fuhr der Donnerer, der seinen
-Namensruf bis ans Ende der Welt zu hören vermochte,
-wie der Blitz in den Saal und stand vor des staunenden
-Hrungnirs Füßen.</p>
-
-<p>»Fort, Freya,« gebot er, »es war gut gemeint, aber
-für Scheusale bist du kein Schenkenmädchen.« Er
-wandte sich an den staunenden Riesen. »Was saugst
-du mit deinem ungewaschnen Maul an meinen Methörnern,
-trunkener Schuft?« Und er schlug ihm die
-Trinkhörner mit gewaltigem Schlage aus den Händen,
-daß der Riese vom Met ganz übergossen saß. Dann
-holte der Donnerer mit dem Hammer aus. »Jetzt aber
-sollst du die Zeche bezahlen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<p>In des Riesen Hirn wurde es licht. Er sprang vom
-Sitz und hob die Hände hoch.</p>
-
-<p>»Gastrecht genieß ich in Walhall. Wodan selber lud
-mich zu Gast! Willst du Asgards heiliges Gastrecht
-schänden?«</p>
-
-<p>»Ich lud dich nicht!« donnerte Thor. »Mach mir
-nicht lange Umstände!«</p>
-
-<p>»Feigling!« schrie der Riese. »Du wagst dich an den
-waffenlosen Mann? Vor allen Göttern fordere ich dich
-zum Zweikampf zu gegebener Frist, wenn du Mut im
-Leibe hast!«</p>
-
-<p>Da ließ Thor den Hammer sinken.</p>
-
-<p>»Trolle dich schleunigst. Ich nehme die Herausforderung
-an. Auf der Grenzscheide zwischen Asgard und
-Jotunheim treffe ich dich heute in dreien Tagen.«</p>
-
-<p>Pünktlich nach dreien Tagen war der Donnerer zur
-Stelle, und sein Diener Thjalfi war als Zeuge bei
-ihm. Die Freunde Hrungnirs aber hatten einen neun
-Meilen hohen Riesen aus Lehm aufgebaut, ihm das
-Herz einer Stute eingesetzt und ihn mit fürchterlichen
-Waffen versehen, als Beistand Hrungnirs.</p>
-
-<p>Thjalfi lief dem Donnerer voraus.</p>
-
-<p>»Wahre dich, Hrungnir,« schrie er. »Der Ase kommt
-unter der Erde her und haut dir die Füße weg.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span></p>
-
-<p>Da warf der Riese schnell den Schild nieder und
-sprang mit den Füßen drauf, um sich zu schützen. Aber
-der Donnerer kam durch die Luft und schwang den
-Hammer, und der Riese warf ihm mit wilder Wucht
-einen felsengroßen Wetzstein entgegen, der den sausenden
-Hammer traf. Doch war der Hammer so unwiderstehlich
-geschleudert, daß der Wetzstein in tausend Stücke
-splitterte und der Steinkopf Hrungnirs zermalmt durch
-die Lüfte flog. Von einem Steinsplitter war auch Thor
-in der Stirn getroffen, so daß er vornüber stürzte, und
-als Hrungnir sank, wälzte sich ein Bein des Erschlagenen
-über des Donnerers Hals.</p>
-
-<p>Der neun Meilen lange Lehmriese mit dem Stutenherz
-wollte Fersengeld geben, aber der wackere Thjalfi,
-der Schnelläufer, holte ihn ein und haute ihn in die
-Kniekehlen, daß er stürzte und zerbarst. Vergebens
-jedoch mühte sich Thjalfi, das ungetüme Bein des erschlagenen
-Hrungnir von seines Herrn Hals zu wälzen,
-und die Götter, die er zur Hilfe rief, vermochten es
-nicht besser.</p>
-
-<p>Es war aber zu der Zeit, daß dem Donnerer der
-Sohn <em class="gesperrt">Magni</em> geboren war. Der kam herbeigelaufen,
-obwohl er erst drei Nächte zählte, und warf das Riesenbein
-zornig von des Vaters Hals. »Schade, mein Vater,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-daß ich nicht früher zur Stelle sein konnte. Ich hätte
-dir den Kerl mit der nackten Faust erschlagen.«</p>
-
-<p>Da erhob sich Thor und nahm seinen Sohn ungestüm
-in die Arme.</p>
-
-<p>»Mein Blut wird im Himmel und auf Erden nicht
-untergehen. Immer wieder werden Männer erstehen.
-Männer in der Not. Männer der Tat!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Des Donnerers Name ging wie Todesschauern durch
-das Riesenreich. Manche der Thursenfürsten suchten
-sich freundlich zu den Asen zu stellen, und <em class="gesperrt">Ägir</em>, der
-Herrscher der offenen Meere, lud sie zu einem fröhlichen
-Umtrunk in sein Reich. Als aber die Götter kamen,
-war nichts zum Feste vorbereitet, und Ägir versuchte
-es mit einer Ausrede. Es sei kein Braukessel vorhanden,
-der das nötige Maß hielte.</p>
-
-<p>Thor aber hatte keine Lust, auf den Männertrunk
-zu verzichten, und der Schwertgott Ziu, den die Nordmänner
-Tyr nannten, pflichtete ihm bei, denn er wußte
-einen Kessel.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Hymir</em>«, so kündete er, »heißt der Beherrscher des
-Eismeeres. Der Gedanke der Weltseele, der mich in der
-Urzeit gebar und mir die schneidige Schärfe des Sonnenschwertes
-verlieh, diese göttliche Mutter wurde von dem
-Eisriesen Hymir geraubt und zu seinem Weibe gemacht,<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-damit die schneidende Schärfe des Eises auch einen Abglanz
-der Sonne erhalte. So schenkt die goldene Frau
-dem Eismeere Hymir die Mitternachtsonne. Mir blieb
-sie mütterlich gewogen, und wenn wir Hymir, der den
-gewaltigsten Braukessel besitzt und seine Verwendung
-der Welt vorenthält, den Kessel abzufordern vermögen,
-so ist es nicht nur uns, sondern der ganzen Welt zum
-Gewinn. Möge mich der Donnerer mit seinem Hammer
-auf der Fahrt ins Eis begleiten.«</p>
-
-<p><span id="corr120">Da</span> war der Donnerer wohl zufrieden. Mehr noch,
-als seinen Durst zu stillen, freute es ihn, die Menschheit
-neuer Segnungen teilhaftig werden zu lassen, und
-schleunigst umgürtete er sich mit dem Stärkegürtel,
-steckte den Hammer handgerecht und brauste auf seinem
-Bockgespann mit dem Fahrtgenossen davon.</p>
-
-<p>In seiner unwirtlichen kristallenen Halle, die sich auf
-meterdicken Eissäulen wölbte, war Hymir bei der Ankunft
-der Gäste nicht anwesend. Gütig nahm die stille
-Göttin der Mitternachtsonne den Wunsch des geliebten
-Sohnes aus der Urzeit entgegen, bewirtete ihn und
-Asathor und verbarg sie einstweilen hinter einer mächtigen
-Eissäule, als Hymir von der Walfischjagd zurückkehrte.
-Kaum jedoch hatte sie dem Riesen den Wunsch
-der Asen nach dem Kessel überbracht, als Hymir den<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-Aufenthaltsort der Götter witterte und seinen schneidenden
-Frostblick so scharf durch die meterdicke Eissäule
-sandte, daß die Säule zerbarst und zersplitterte und die
-Asen sich dem Wüterich preisgegeben sahen. Bevor aber
-Hymir zugreifen konnte, hatte der Donnerer seinen
-Hammer wurfbereit. Da wurde der Riese zugänglicher
-und lud knurrend die Gäste zu Tisch. Der fröhliche
-Donnerer aber verspeiste zwei Ochsen auf einem Sitz,
-also daß dem geizigen Hymir graute und er den starken
-Asen aufforderte, am Morgen mit ihm zur Auffüllung
-der Vorräte auf den Fischfang zu fahren. Dort gedachte
-er sich des Widerwärtigen zu entledigen.</p>
-
-<p>Als der Donnerer am nächsten Morgen mit dem Eisriesen
-zu Schiff ging, bat er Hymir um einen Köder für
-seine Angelschnur. »Such ihn dir selber!« hauchte ihn
-der frostige Gastgeber an. Der Donnerer wandte sich
-um, packte einen der Stiere Hymirs, riß ihm mit einem
-einzigen Ruck das Haupt ab und steckte es als Köder
-an die Angelschnur. Dann fuhr er mit dem fassungslos
-dreinschauenden Riesen ins Meer hinaus, und sie
-warfen ihre Angelschnüre. Frohlockend zog der Riese
-ein paar mächtige Wale ins Boot. Der Ase aber ruderte
-weiter hinaus ins Meer, und obschon der Eisriese zornig
-widerriet, aus Furcht vor der Midgardschlange in<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-den offenen Gewässern, warf der Donnerer im Schwung
-den Stierkopf in die Flut, und schon hatte die wütende
-Schlange den Köder verschluckt und suchte an der Leine
-das Boot mitsamt seinen Insassen zu sich hinunter zu
-ziehen.</p>
-
-<p>Der starke Ase nahm seine ganze Kraft zusammen.
-Er hielt die Schnur mit eisernen Fäusten und stemmte
-sich mit den Füßen so unwiderstehlich gegen die Planken
-des Fahrzeuges, daß beide Beine durch den Boden durchbrachen
-und er mit den Füßen auf den Meeresgrund
-geriet.</p>
-
-<p>»Desto besser,« lachte Asathor, »hier steh ich nur
-umso fester.« Und er holte die Schnur in gewaltigen
-Zügen an sich heran, bis sich der scheusälige Kopf des
-Ungetüms über Wasser hob. Mit furchtbaren Augen
-starrten sich die beiden Feinde an. Dann hob der Ase
-den Hammer, um der Weltschlange den Schädel zu zerschmettern.
-Der Riese aber, der sein Schiff verloren
-wähnte, durchschnitt in Todesangst die Angelschnur,
-und die unheilvolle Feindin der Götter und Menschen
-verschwand spurlos in der Tiefe.</p>
-
-<p>Unwirsch wandte sich der Donnerer dem hilfeschreienden
-Riesen zu. Aber als er ihn im Wasser sinken sah,
-gedachte er des Kessels und packte den Riesen mitsamt<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-dem Boot und der Walfischbeute, warf alles über die
-Schulter und watete an Land zurück.</p>
-
-<p>»Nun gib den Kessel,« gebot er in der Halle.</p>
-
-<p>Noch einmal suchte der Riese den Asen zu überlisten.
-Er reichte ihm seinen Trinkbecher dar zu einem Wettspiel.
-Könne der Ase den Kelch zerschmettern, so sei der
-Kessel frei. Sonst aber bliebe der Kessel, wo und wie
-er sich befände.</p>
-
-<p>Der Donnerer ging lachend auf den Handel ein.
-Aber die Felsen zerbarsten, gegen die er das Trinkgefäß
-schmetterte, der Kelch blieb heil. Da raunte ihm die
-gütige Göttin der Mitternachtssonne zu. »Härter als
-alles ist Hymirs Schädel«, und der Donnerer verstand
-und schlug den Kelch gegen des Eisriesen Haupt, und
-der Kelch sprang in tausend Stücke.</p>
-
-<p>»Der Kessel ist mein,« sprach der Ase, und während
-sich Hymir die zerbeulte Stirn an einem der Eispfeiler
-kühlte, griff Ziu, den die Nordmänner den Tyr nannten,
-den Kessel an, ohne ihn aufrichten zu können. Der
-Donnerer aber packte ihn und stülpte ihn sich wie eine
-Mütze über den Kopf.</p>
-
-<p>Gen Asgard richtete sich der Lauf des Bockgespannes.
-Doch Hymir war zu sich gekommen, brüllte über sein
-Gebiet hin, daß aus allen Löchern und Ritzen Riesen<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-und Trolle kletterten, und umzingelte mit seiner Unholdschar
-den vorwärtsstürmenden Wagen.</p>
-
-<p>Thor gab Tyr die Zügel. Er selber faßte den Hammer.
-»Achtung, er beißt!« donnerte er in den Haufen hinein,
-und der Hammer Mjolnir zermalmte Hymir und nach
-ihm seiner ganzen Schar die Schädel.</p>
-
-<p>So brachten der Donnerer und sein Schwertgenosse
-den Kessel heim, und als sie ihn in Ägirs Halle schafften,
-war er so groß, daß das freie Meer sich weitete zugunsten
-aller Schiffahrt, und dem starren und vernichtenden Eismeer
-sein tiefstes Becken genommen war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Und wieder und wieder zog der Donnerer aus, die
-drohenden Gefahren von Göttern und Menschen zu
-scheuchen. Selbst für Loki, den Arglistigen, stand er
-ein, weil er dennoch ein Ase war. Wohl hatte Loki
-aufs neue Tücke geübt und der schlummernden Freya das
-lichtspendende Halsband Brisingamen entwendet. Eben
-noch vermochte Heimdall, der treue Wächter, dem Flüchtigen
-nachzusetzen und ihn mit seinem guten Schwerte
-zu stellen. Loki aber entschlüpfte dem Schwertstreich als
-geschmeidige Robbe und tauchte in See. Doch schon war
-auch Heimdall in Robbengestalt in See getaucht, und
-die Robbe ergriff die andere beim Genick und biß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-dermaßen zu schanden, daß Loki, als er sich schleunigst
-wieder zurückverwandelte, im Gesicht und an den Gliedern
-zerschunden war, als hätte er in einem Brennesselfeld
-genächtigt, und reumütig das Halsband der Freya
-herausgab.</p>
-
-<p>Der Donnerer wußte um diese Streiche und um
-manche andere. Aber im Stich ließ er auch den Heimtücker
-und Schadenfrohen nicht, der zu den Asen zählte.
-So ehrlich dachte Asathor.</p>
-
-<p>Loki gedachte zur Abwechslung zu dem Glutriesen
-<em class="gesperrt">Geirröd</em> zu fahren, wie der Donnerer zu dem Eisriesen
-Hymir gefahren war. Er entnahm Freya das Falkengewand
-und flog hinaus, bis er Geirröds Dachstuhl
-fand und neugierig durch die Esse schaute. »Fangt mir
-den seltenen Vogel«, befahl Geirröd seinen Riesen, und
-die ungeschlachten Kerle kletterten so täppisch an den
-Hauswänden hinauf, daß Loki seine helle Freude hatte
-und, um sie zu ärgern, in Ruhe sitzen blieb. Als endlich
-einer der riesigen Gesellen die Hand nach ihm strecken
-konnte, hob er voll Spott die Flügel, um sich nachlässig
-zu verabschieden &ndash; aber o Schreck, die Beine klebten
-fest. Er war dem Riesen auf den Vogelleim gegangen.
-Vom Dachstuhl heruntergeholt, weigerte sich der sonderbare
-Vogel, Namen und Herkunft zu nennen, und<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-Geirröd sperrte ihn drei Monate lang in einen engen
-Käfig, bis er sich vor Hunger krümmte. Da wurde er
-mitteilsamer und gab Auskunft.</p>
-
-<p>»Ei,« schmunzelte der Glutriese, »ich wüßte schon
-einen Handel, der dir die Freiheit schenken könnte.
-Wenn an deiner Statt der Donnerer, dieser verhaßteste
-aller Asen, zu mir kommen würde, ohne seinen Hammer,
-ohne seinen Stärkegürtel, so brauchtest du nicht zurückzukehren.«</p>
-
-<p>Loki nahm Urlaub von dem Riesen und kehrte nach
-Asgard heim. Schweigend hörte der Donnerer den Geängstigten
-an. Und er rüstete sich zum Aufbruch.</p>
-
-<p>»Du gehörst zu uns,« sagte er nur. »Trotz deiner
-sündhaften Fehler. Ich will dir noch einmal zeigen,
-was wahre Kameradschaft ist.«</p>
-
-<p>Am Abend kehrte der Ase waffenlos mit Loki bei der
-Erdriesin <em class="gesperrt">Grid</em> ein. Die hatte vor Zeiten dem Wodan
-einen Sohn geboren, den schweigsamen aber bärenstarken
-Widar, »den Asen mit dem Schuh«, wie ihn die Götter
-nannten. Denn er trug einen Schuh aus aller Länder
-Leder, der undurchdringlich war.</p>
-
-<p>»Sei auf der Hut, du Starker,« warnte die Asenfreundin
-den furchtlosen Gott. »Geirröd ist der Bösartigsten
-einer und sucht dich zu verderben. Er wird<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-keinen Zauber und keine Hinterlist scheuen, um dich, den
-Schrecken des Riesenreiches, auf immer zu vernichten.«</p>
-
-<p>»Wenn ich Loki frei bekommen soll von seinem Wort,«
-entgegnete der Donnerer, »so muß ich ohne meinen
-Hammer, ohne meinen Stärkegürtel bei Geirröd erscheinen.
-Es wird ein schwer Stück Arbeit werden.«</p>
-
-<p>»So lautet der Vertrag,« sprach die Asenfreundin
-nachdenklich. »Aber höre! Auch ich besitze einen Stärkegürtel,
-auch ich besitze feuerfeste Handschuhe. Davon
-verlautet nichts im Vertrag. Einen Hammer kann ich
-dir nicht schaffen, aber meinen Stab sollst du zu Gürtel
-und Handschuhen nehmen. Das wird dir dienen.«</p>
-
-<p>Der kluge Vorschlag leuchtete dem Donnerer ein, und
-er schloß die weise Frau lachend in die Arme.</p>
-
-<p>In der Frühe des Tages zog er mit Loki weiter und
-kam an den Grenzfluß von Geirröds Reich. Auf Grids
-Stab gestützt, stieg er unbekümmert in die tiefen Wasser,
-und Loki klammerte sich fest an seinen Gürtel. Aber
-als sie die Mitte des Stromes erreicht hatten, stürzte
-plötzlich eine wilde Wogenflut über sie her und suchte
-sie zu ersäufen. Der Donnerer blickte nach oben. Und er
-gewahrte, wie stromauf eine der Riesentöchter Geirröds
-breitbeinig über dem Flusse hockte und die Wasser anschwellen
-ließ. »Pfui, du Freche!« schrie der Donnerer,<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-warf und traf sie mit einem Felsstück gegen die Schenkel,
-daß sie in die eigenen Wasser purzelte. Ein Vogelbeerbaum
-reckte dem Donnergott hilfreich vom Ufer seine
-Äste entgegen. Sie ergriff er und zog sich mit Loki ans
-Land. Von jener Stunde an ist der Vogelbeerbaum
-dem Donnergott heilig.</p>
-
-<p>In Geirröds Gehöft angelangt, wurde dem starken
-Asen zuerst ein Gemach angewiesen und ein Stuhl zum
-Ausruhen. Kaum aber hatte er sich gesetzt, so hob sich
-der Stuhl schnell in die Höhe, und des Gottes Schädel
-wäre an der eisernen Decke des Gemachs zerquetscht
-worden, hätte der Donnerer nicht Grids Stab gehabt.
-Den hob er hoch und stemmte ihn gegen die Decke und
-drückte den Stuhl mit Gewalt auf den Boden zurück.
-Ein Knacken und Krachen erfolgte wie von zermalmenden
-Knochen. Todesgeheul. Und dann tiefe Stille.</p>
-
-<p>Der Ase sprang vom Stuhl und forschte nach. Da
-hatten die beiden Riesentöchter Geirröds unter dem
-Stuhle gehockt und den Gast zu zerquetschen versucht.
-Nun aber lagen sie beide tot und mit gebrochenem
-Rückgrat.</p>
-
-<p>Ein Bote stand unter der Tür und forderte den
-Donnergott zu einem Wettkampf mit Geirröd, dem ungezähmten
-Glutriesen, in die Halle. In einer mächtigen<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-Esse lag ein weißglühendes Eisenstück. Das griff Geirröd
-mit einer Zange heraus und schleuderte es dem Donnerer
-gegen den Kopf. Der Ase aber haschte es mit den
-feuerfesten Handschuhen der Freundin Grid, wog es in
-der Hand und holte aus. Wohl flüchtete sich Geirröd
-hinter die dickste Steinsäule der Halle &ndash; dem Donnerer
-war, als führte er seinen Hammer, und mit solcher
-Wucht warf er den weißglühenden Eisenklotz, daß die
-zerschmetterte Säule mitsamt dem Eisenklotz dem Riesen
-in den Leib fuhr und seinen Leichnam gleich einen
-Klafter tief in der Erde begrub.</p>
-
-<p>Ohne weiteres kehrte der Donnerer zu der Erdriesin
-Grid zurück, und der befreite Loki trabte hinter ihm
-drein. Und als Thor der Asenfreundin Stab, Gürtel und
-Handschuhe zurückerstattet und ihr eine Nacht lang
-zärtlich wie ein Bär die Backen gestreichelt hatte, fuhr
-er mit Loki gen Asgard, und Loki vergaß ihm den
-Dank zu sagen.</p>
-
-<p>Was kümmerte das Asathor! Er holte sich nur seinen
-Hammer Mjolnir und fuhr wieder hinaus zu neuen
-Kämpfen, um Göttern und Menschen Luft zu schaffen
-vor dem drohenden Schicksal.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wodans_Wunschmaedchen">Wodans Wunschmädchen.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Mehr als alle die anderen Götter kämpfte Wodan
-um das Schicksal Asgards und seiner Bewohner.
-Nicht allein mit dem todbringenden Speer Gungnir,
-den er über die Heereswogen schleuderte, um seinen
-Anhängern auf Erden den Sieg zu verleihen oder sich
-die Besten und Tapfersten für Walhall zu erkiesen.
-Seine Gedanken holten weiter aus, suchten die Wurzel
-der Dinge auf und begannen die Fäden der Schicksalsgöttinnen
-zu dehnen und zu längen. Der König der
-Götter nahm sein Amt als Pflicht, Verantwortung
-und Fürsorge.</p>
-
-<p>Wodan wußte von keiner Erholung. Er wußte nur,
-daß an einem Schicksalstag das Ende hereinbrechen
-würde und der Götter letzter Kampf. Und gerade weil
-er es wußte, wurde ihm königlich zumut. Die letzte
-Schlacht sollte ihn und die Götter gewappnet finden.
-Waren sie dem Untergang geweiht, so sollte bis zum
-letzten Atemzug gekämpft, mit den letzten furchtbaren
-Schwerthieben noch die Welt von den Unholden der
-Dunkelmächte gereinigt werden. Das waren Wodans
-königliche Heldengedanken.</p>
-
-<p>Alles Wissen mußte er besitzen von Vergangenheit,<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Gegenwart und Zukunft. Keine Mühe war ihm zu
-groß, es zu erwerben, um danach die Fäden seiner Gedanken
-spinnen zu können. Am Fuße der Weltesche
-saß er bei den Nornen, den Schicksalsmädchen Urd,
-Werdandi und Skuld, und forschte, was sie über Leben
-und Sterben seiner Menschen beschlossen hatten. Am
-Brunnen Mimirs raunte er mit dem Haupte des Urzeitweisen,
-um aller Geschehnisse Ursprung zu erkunden
-und ihre verwundbaren Stellen. Ja selbst die Toten
-rief er ins Leben zurück, damit sie ihm das Zukünftige,
-das sie früher erschaut hatten als die Lebenden, aussagten,
-und oft lagerte er sich auf den Richtplätzen,
-unter den Galgen der Gehenkten, und beschwor sie so
-zauberkräftig, daß die armen Seelen ihm anhingen und
-in allen Dingen zu willen waren. Wenn dann die
-Herbststürme erbrausten, setzte er sich an ihre Spitze
-und raste mit ihnen in wilden Jagdzügen durch die
-Luft, um sie bei kriegerischer Laune und Wildheit zu
-erhalten. Für die Stunde des Kampfes.</p>
-
-<p>Zum Wanderer war Wodan geworden, und er ging
-zu den Lebenden und prüfte sie auf ihr Heldentum und
-merkte sich die Unerschrockenen und Schwertkundigen.
-Den herabfallenden Hut tief in die Stirn gedrückt, den
-verwitterten blauen Mantel um sich geschlagen, wanderte<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-der Einäugige durch die Welt und sah mit tausend
-Augen. Über Meere und Ströme fuhr er mit
-dem Wunderboot Skidbladnir, einst dem Freyer geschenkt
-von den Zwergen, das ohne Wind und gegen
-jeden Wind fuhr und sich zusammenfalten und in der
-Manteltasche bergen ließ. Zu allen Stämmen kam er,
-die den Göttern in Asgard opferten, und er nannte sie,
-die kriegerischen Blutes und heldischen Mutes den Ger
-schwangen, den Jagd- und Schlachtenspeer, die Ger-Mannen,
-die Germanen. Oft blieb er in ihren Gehöften
-zur Nacht, veredelte ihr Blut und ihren Sinn
-und zeugte neue Heldengeschlechter, würdig, einzureiten
-in Walhall. Für den letzten Kampf.</p>
-
-<p>»Kampf« hieß die letzte Schicksalslosung der Götter
-und der Menschen. Wenn am letzten Tage aller Dinge
-Surt losbrach, der König der Feuergeister in Muspelheim,
-wenn die Riesen aus Jotunheim anstürmten mit
-den Trollen aus Utgard, wenn der wütende Fenriswolf
-seine Bande zerriß, die giftgeifernde Midgardschlange
-sich heranwälzte und die dunkle Hel mit aufgerissenem
-Schlund Leichen schlang, hieß die Losung:
-Kampf dem Verhängnis! Daher liebte Wodan schon
-heute die Kämpfe auf Erden und begünstigte sie als
-Vorbereitung für den letzten schwersten Kampf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>Die Heerkönige der Germanen wünschte er in Walhall
-und ihre Heldenscharen, ungezählte Tapfere, Tausende
-und Hunderttausende. Zuvor sollten sie Bankgenossen
-sein beim Met, einst aber seine Schwertgenossen.
-Alle die Ger-Mannen, die auf Erden rühmlichen Waffentod
-erlitten hatten.</p>
-
-<p>Hoch und herrlich war Walhall gebaut, seine Wände
-aus Speeren, seine Dächer aus Schilden, und statt der
-weichlichen Polsterung schmückten die Bänke im Saal
-schimmernde Brünnen. Wodans Zeichen, Wolf und
-Adler, hingen über dem Eingang. Doch hatte der Saal
-noch fünfhundertundvierzig Türen, eine jede für den
-Auszug von achthundert gewappneten Streitern berechnet.
-Und am Abend blitzte das Licht spiegelblanker
-Schwerter durch die Halle, als wäre sie von Fackeln
-erleuchtet.</p>
-
-<p>Hierher kamen die Tapfern, die auf Erden ihren
-Kampfwunden erlegen waren, hierher und in den Saal
-Wingolf, die Halle der Göttinnen. Und sie wurden
-von den Göttern, die sie mit offenen Armen empfingen,
-die »<em class="gesperrt">Einherier</em>« genannt, die »göttlichen Streiter«.</p>
-
-<p>Allvater selber wählte sie aus, die auf der Walstatt
-fielen. Walvater hieß er darum, und Walsöhne, Wunschsöhne,
-die er nach Walhall berief. Oft rief er sie selber,<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-wenn er auf seinem Hengste Sleipnir, den goldblitzenden
-Flügelhelm auf dem Haupt und den Todesspeer
-Gungnir in der Faust, über die ringenden Heere brauste.
-Kein herrlicheres Männerlos, als Wodans Ruf nach
-Walhall teilhaftig zu werden! Oft auch, wenn andere
-und dringendere Verrichtungen ihn hinderten, sandte
-Wodan seine Saaltöchter aus, seine Schildmädchen und
-Wunschmädchen, die <em class="gesperrt">Walküren</em>, Sieg und Tod zu verleihen
-und die Auserwählten nach Walhall zu rufen.</p>
-
-<p>Auf stürmenden Wolkenrossen jagen sie dahin, den
-jungfräulichen Leib von schimmernder Brünne umpanzert,
-den leuchtenden Helm in das goldrot flatternde
-Haar gedrückt, den Schild am Armgelenk, den flammenden
-Speer wurfgerecht in der Faust. Überirdisch
-schön und die Sehnsucht der Helden, die nach ihnen verlangen,
-das Wunschziel der irdischen Frauen, die in
-Helm und Harnisch den Männern folgen in die Schlacht
-oder auf wilde Wikingsfahrt.</p>
-
-<p>In der heiligen Dreizahl stürmen die Walküren
-dahin, zu dritt oder zu zweimal Drei, dreimal Drei
-oder zu Zwölf. Sie entscheiden die Schlachten, ihr
-Speer bringt den Tod, aber neue Wonnen bringt er
-mit dem Tod &ndash; den Ruf nach Walhall. Wunschlos
-und nach des Schicksals Vorschrift müssen die Walküren<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-entscheiden. Jungfräulich müssen sie sein und dürfen
-niemanden angehören als den Helden in Walhall, den
-Einheriern. Wer sich von den Schildmädchen gegen
-Wodans Gebot vergeht, wird in Schlaf versenkt oder
-verbannt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mehr als bisher sah man in diesen Zeiten, da Wodan
-als Wanderer die Welt durchzog und bei Königen und
-Kriegern nach Helden forschte, die Walküren reiten.
-Denn mehr als bisher herrschte auf Erden der Krieg,
-verlangten die Männer, die die höchsten Mannesehren
-ersehnten, nach Walhall, horchten sie auf den
-Schrei der Walküren, auf den sausenden Speer, der
-sie entbot. Dann machten sich die Geister der Gefallenen
-auf den Weg, durchwateten einen reißenden
-Strom und pochten an die heilige Totenpforte <em class="gesperrt">Walgrind</em>,
-die Eingangspforte zu Walhall. Von Walküren
-geleitet, traten sie in den Saal, vom jubelnden Zuruf
-der versammelten Einherier umbraust, von den Göttern
-gerühmt und bewillkommnet. Selig saßen sie nieder auf
-den Bänken und nahmen aus den Händen der Schildmädchen
-den schäumenden Humpen Met, der aus dem
-Euter der Ziege <em class="gesperrt">Heidrun</em> auf Walhalls gewölbtem
-Dache floß, ohne je zu versiegen, oder den saftigen
-Braten vom Eber <em class="gesperrt">Sanhrimnir</em>, der sich täglich erneuerte.<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-War Wodan in Asgard, so thronte er unter
-ihnen, doch aß er nicht und gab das Fleisch seinen
-Jagdwölfen. Nur dem Wein sprach er zu, der göttlichsten
-aller Gaben.</p>
-
-<p>Frühmorgens ritten die Einherier hinaus auf die
-Wiesen zum Kampfspiel. Da pfiffen die Klingen, da
-sausten die Speere, da wurde mancher Schild zerbeult
-und aus manchem Helm Funken geschlagen. Purpurne
-Wunden gab es und Heldentod, aber wenn der Abend
-nahte und das Göttermahl, sprangen Tote und Verwundete
-heil und gesund wieder auf die Füße, schüttelten
-sich strahlend die Hände und saßen Schulter an Schulter
-auf der Zecherbank. Die Wunschmädchen reichten ihnen
-den Trunk, lehnten sich an sie und horchten ihren brausenden
-Gesängen. Dann sang auch Bragi, der Dichtergott,
-und er sang den Ruhm der Einherier, daß aller
-Augen leuchteten und der Wunschmädchen Hände ihre
-Häupter liebkosten.</p>
-
-<p>Eine Seligkeit war es, in Walhall zu hausen, und
-die Sehnsucht aller Männer. Wodan aber sorgte wohl,
-daß sein Heerbann wuchs. Wodan, der Walvater und
-Allvater. Er sorgte für den letzten Kampf.</p>
-
-<p>Immer kriegerischer wurde der Sinn der Völker.
-Auf weiten Wikingfahrten fuhren sie über die See, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-kämpften an Land, wo ein Schlachtfeld sich bot. Schutzgeister
-schuf Wodan seinen Lieblingen, die ihnen vor
-sehenden Augen erschienen, ihnen rieten und sie schirmten.
-Das waren die <em class="gesperrt">Fylgien</em>, die Seelenfrauen. Aber auch
-Wolfsgestalt und Bärengestalt verlieh er oft den
-Kämpfern, daß sie wie wild und besessen in die Feinde
-stürmten und alles niederrissen. <em class="gesperrt">Werwölfe</em> nannte
-man die Wolfshäutigen und <em class="gesperrt">Berserker</em> die Bärenhäutigen,
-die aus- und einfuhren in Tier- und Menschengestalt
-und dem Schlachtengott Scharen von Einheriern
-zuführten. Wie Wodan sie liebte!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wieder und wieder mußten die Walküren reiten,
-wenn Wodan von den Nornen oder von Mimirs
-Brunnen kam. Oft auch eilten sie frei und ohne Geheiß
-hinaus, lagerten die Nacht vor der Schlacht in
-einer Hütte auf der Walstatt und woben aus Schwertern
-und Speeren heimlich das Schicksalsgewebe für
-Heerkönige und Krieger. Dann rauschte ihr dunkles
-Lied wie suchender Sturm durch die Nacht:</p>
-
-<p>»Mit Schwertern schlagen wir dies Siegesgewebe.
-Wir kamen zu weben mit gezogenen Schwertern. Schaft
-wird zerkrachen, Schild wird zerbersten, die Axt in die
-Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe
-des Speeres! Folgen wir dem König, dem siegreichen<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-Helden! Blutige Schilde wird man sehen.
-Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres.
-Voran wollen wir gehen und in die Schlachtreihe
-schreiten, wo unsere Freunde die Waffen kreuzen.
-Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo
-die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen
-wir zu, daß ihr Leben vergehe. Die Walküren haben des
-Kampfes Kür. Die Freunde sollen siegen und die Feinde
-unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet.
-Schrecklich zu sehen, ziehen blutige Wolken am Himmel.
-So singen dem König wir Siegeslieder und reiten auf
-schnaubenden Hengsten, die Schwerter gezogen, fort von
-hier.«</p>
-
-<p>Wie Blitz und Wetterleuchten über der tobenden
-Männerschlacht, so jagten sie auf ihren Wolkenrossen,
-Flammen auf den Spitzen ihrer Speere, über die Reihen
-der Kämpfer hin, hemmten den Anlauf der Feinde,
-verwirrten seine Linien, fesselten die Gefangenen, befreiten
-die Freunde und warfen den, dem sie das Schicksal
-gewoben, durchbohrt vom Roß.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Krieg war entbrannt zwischen den Königen <em class="gesperrt">Hialmgunnar</em>
-und <em class="gesperrt">Agnar</em>. Der alte König Hialmgunnar,
-ein fester Degen, bat Wodan um Gunst und Sieg<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-und versprach ihm ein blutig Schlachtfeld. Da lachte
-Wodan das Herz im Leibe, und er sagte ihm Sieg und
-Leben zu. Seine Wunschmädchen rief er herbei und
-hieß sie reiten für König Hialmgunnar, den Alten, und
-befahl <em class="gesperrt">Brynhild</em>, der Walküren Führerin, den Agnar
-zu fällen und sein Heer in die Flucht zu jagen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-139.png" alt="" />
-<div class="caption">»Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte an ihm vorbei.«</div>
-</div>
-
-<p>Jubelnd stürmten die kampffrohen Walküren von
-dannen und suchten die Walstatt auf. Hart rang der
-jugendblonde Agnar gegen den wütigen Greis. Schlachtrufe
-schreiend, warfen sich die Walküren auf des jungen
-Königs Heer und jagten es in Verwirrung. Nun hatte
-Brynhild ihr Opfer erreicht. Einsam kämpfte der Jüngling
-mit dem Mute der Verzweiflung, von den Menschen
-verlassen, von den Göttern aufgegeben und von
-nicht einer der Schildjungfrauen beschirmt. Schon hob
-Brynhild den todbringenden Speer. Da gewahrte der
-junge König sie mit hellseherischem Blick, mit dem man
-den nahenden Tod erschaut, und des Jünglings Augen
-brannten mit der heißen Liebe am Leben in den staunenden
-Augen der Jungfrau Wodans. Ein Ruck ging
-durch den Mädchenkörper der Reiterin. Sie richtete die
-Lanze hoch auf und jagte an ihm vorbei.</p>
-
-<p>»Was tust du?« wirbelte es ihr durch das Hirn.
-»Du handelst wider Wodans Gebot!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Sie riß den Hengst herum und fällte den Speer zum
-zweiten Male. Aber Agnar blickte sie an in heller Bewunderung
-und dachte nicht mehr an sein bedrohtes
-Leben. Da jagte sie zum zweiten Male an ihm vorüber
-und vergaß Wodans Gebot über den begeisterten
-Jünglingsaugen.</p>
-
-<p>Zum dritten und letzten Male hetzte sie den Hengst
-zum Ansprung.</p>
-
-<p>»Er ist so jung, so schön,« murmelten ihre Lippen,
-»und Hialmgunnar ist alt und greis und hat das
-Leben gelebt. O Agnar, wie ich dein junges Leben
-liebe.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und plötzlich tat sie einen Schrei, der wild über die
-Walstatt gellte, stürmte zwischen die kämpfenden Könige
-und stieß dem alten König Hialmgunnar den Todesspeer
-mitten durch die Halsbrünne.</p>
-
-<p>Die Königsleiche lag auf dem Feld. Als Sieger jagte
-Agnar die Feinde von dannen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Staunend fuhr Wodan von seinem Hochsitz. Mit
-einem Blicke sah er, was geschehen war. Er rief nach
-seinem Rosse Sleipnir und jagte wie der Sturm zur
-Erde nieder. Dort fand er Brynhild traurig an den
-Speer gelehnt.</p>
-
-<p>»Leg dein Walkürenkleid ab, unbotmäßig Mädchen,«<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-rief er ihr zornig zu und sprang vom Rosse. »Was
-will dein töricht Mädchenherz dreinreden, wenn es sich
-um Allvaters unerforschliche Wege handelt? Walküre
-bist du gewesen für Zeit und Ewigkeit. Den Rausch
-des Schlachtenglücks, die seligen Wonnen Walhalls
-nehme ich von dir und gebe dir dafür, was du gewollt:
-das bißchen Menschenglück und das bißchen Liebeswonne.
-Vermählen soll sich dein jungfräulicher Leib
-einem irdischen Mann! Ich stoße dich aus!«</p>
-
-<p>»Allvater!« bat Brynhild mit zuckenden Lippen.</p>
-
-<p>»Du warst mein Lieblingsmädchen unter allen meinen
-Wunschtöchtern,« sprach Wodan leise. »Dennoch &ndash; ich
-kann dich nicht schirmen gegen mein eigenes Wort.
-Beuge dich zu mir. Ich will in barmherzigen Schlaf
-dich senken.«</p>
-
-<p>»Allvater,« flehte Brynhild, »laß kein anderer mich
-als Gemahl berühren denn ein furchtloser Held.«</p>
-
-<p>Stumm nickte ihr Wodan Gewähr. Und sie beugte
-sich zu ihm, und er stach sie mit seinem Schlafdorn in
-die Schläfe, daß sie schlummernd zu seinen Füßen hinsank.
-Wodan aber gedachte seines Versprechens vom
-furchtlosen Helden und zog eine wabernde Lohe rings
-um den Platz, auf dem Brynhild schlummernd lag.
-Nur ein Held, der das Fürchten nicht kannte und das<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-Sterben verlachte, würde die Flamme durchreiten. Und
-sinnend und forschend ritt Wodan heim nach Walhall.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wieder flogen Walküren aus, und sie kamen an
-eine Bucht und legten ihre Schwanengewänder ab,
-um zu baden. Im Laube versteckt aber saß <em class="gesperrt">Wölund</em>,
-der kunstreiche Schmied, den sie auch <em class="gesperrt">Wieland</em> nannten,
-mit seinen Brüdern, und sie nahmen den Jungfrauen
-heimlich die Gewänder weg und zwangen sie so in
-ihren Dienst. Neun Jahre lehrten die Himmelsmädchen
-die Brüder alle Geheimnisse, bis sie die verborgenen
-Gewänder wiederfanden und sich im Schwanenkleid auf
-und gen Asgard schwangen. Wieland aber wurde tiefsinnig
-aus Liebe nach dem entschwundenen Himmelsglück,
-und die Gemeinschaft der Menschen war ihm unerträglich.
-Als sein Feind, der König Nidung, ihn durch
-List gefangengenommen und ihm die Sehnen an den
-Füßen durchschnitten hatte, damit er nicht entfliehen
-könne und ihm Schwerter und Kostbarkeiten schmieden
-müsse, soviel er begehre, fertigte Wieland nach dem
-Schwanengewand seiner entschwundenen Liebe, dessen
-Geheimnisse er wieder und wieder durchforscht hatte, in
-jahrelanger Arbeit ein Flügelkleid für sich selbst, spannte
-es um seinen zermarterten Körper und flog mit glühendem
-Geist gen Himmel. So gewaltig wirkte der Walküre<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-Zauber auf den nach dem Höchsten strebenden
-Mann.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wieder aber flogen Walküren aus und trafen auf
-einen jungen Königssohn, den die Stiefmutter Knechtesdienste
-verrichten und bei Nacht die Herden hüten
-ließ, damit er blöde würde und dem Thron ungefährlich.
-<em class="gesperrt">Svanhvit</em> war die Führerin, und als sie mit
-ihren Gefährtinnen auf das Feld kam, sahen sie in
-der Ferne Unholde und Gespenster gegen den einsamen
-Knaben reiten. Der aber weidete ruhig seine Herden.
-»Verberge dich,« rief sie ihm zu, »die Nachtmare
-kommen über dich!«</p>
-
-<p>Der Königsknabe hob lächelnd die Augen zu der eifrigen
-Warnerin.</p>
-
-<p>»Soll ich mich etwa fürchten, wunderbare Jungfrau?«</p>
-
-<p>»Ich bin's, die für dich fürchtet, du Lieber,« rief die
-Walküre, gerührt von so viel Knabenreinheit, »und ich
-leihe dir mein eigenes Schwert, damit du um dich schlagen
-kannst. Ich aber will dir zusehen und mich an dir
-freuen.«</p>
-
-<p>Strahlend nahm der Schäfer das Schwert und wog
-es in den Händen. Die Blödigkeit des Hirten schwand
-aus seinen Mienen, das Königsblut schoß ihm ins Gesicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-Mitten auf dem Weg, den die Unholde kamen,
-stand er und schwang lachend das Schwert und schlug
-um sich die ganze Nacht, bis beim Morgengrauen das
-letzte Nachtgespenst zur Strecke gebracht war. Und er
-zog weiter und warf sich zum rechtmäßigen König auf,
-und Svanhvit stand ihm zur Seite und weckte alle seine
-Heldenkräfte, bis er den Thron gewann. Da legte die
-in Liebe entbrannte Walküre freiwillig das Flügelkleid
-ab und blieb bei ihm als seine Königin.</p>
-
-<p>Wodan saß auf seinem Hochsitz, und seine Raben
-hatten ihm alles zugetragen. Er nickte nur vor sich
-hin.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und wieder flogen Walküren aus, stürmten auf
-schnaubenden Hengsten zur Erde hinab, in den Männerkampf,
-brausten im Schwanengefieder zu Häupten ihrer
-Helden. Schwerter sangen und Gere klangen allüberall.
-Denn <em class="gesperrt">Helgi</em>, der Haddingenheld, focht in vielen
-Schlachten wider König <em class="gesperrt">Hromund</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kara</em>, die hellschimmernde Wunschmaid, führte die
-Schwestern. Aber als sie den Haddingenheld zum ersten
-Male fechten gesehen hatte in seiner Kühnheit und
-Wildheit, verlor sie ihr Herz an den stürmischen Mann
-und schenkte sich ihm als Geliebte.</p>
-
-<p>Anderen Tages tobte die Entscheidungsschlacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>Glückseligen Gesichtes schwang Helgi, der Haddingenheld,
-sein Schwert, und wo es in die Brünnen biß, da
-biß der Tod. Heißen Herzens schlug Helgi in den Feind,
-denn er dachte an Kara, die ihn umhalsen würde nach
-des Tages Blutarbeit. Wie sie ihn in der Nacht umhalst
-hatte.</p>
-
-<p>Über seinem Haupte vernahm er ein Rauschen und
-ein wunderbares Singen und Klingen. Über seinem
-Haupte flog die Walküre Kara und hielt vor Helgi den
-Schild, daß kein Schwert ihn schneiden, kein Speer ihn
-ritzen, keine Axt ihn zerspalten konnte. Und aus Karas
-Munde drang ein Lied, ein wildes, seliges Zauberlied,
-daß den Feinden die Arme sanken, und sie wie in Fesseln
-lauschen mußten. Über das feindliche Heer hin
-brausten die Zauberweisen, und hinter ihnen drein
-stürmte Helgi, der glückselige Mann, und schwang das
-Schwert und mähte die Gebannten nieder.</p>
-
-<p>Wodan saß auf seinem Hochsitz und lächelte. Jetzt
-streckte er die Hand. Da hob Helgi das Schwert, um
-einem riesenhaften Feind das Haupt vor die Füße zu
-werfen, und schwang das Schwert zu hoch. Ein Schwanenschrei
-gellte durch die Luft. Das Zauberlied war verstummt.</p>
-
-<p>Vor Helgis Füße sank im zerfetzten Fluggewand die<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Walküre. Im Jauchzen des Kampfes hatte der Held
-der Schildmaid nicht acht gehabt und die Geliebte ins
-Herz getroffen.</p>
-
-<p>Tot war sein Liebesglück, zu Ende sein Schlachtenglück.</p>
-
-<p>Noch immer lächelte Wodan sein seltsames Lächeln.
-Dann erhob er sich, hieß den Helden nach Walhall entbieten
-und Kara seine Wegweiserin sein.</p>
-
-<p>Im Goldhelm und blauen Königsmantel empfing er
-den gewaltigen Recken.</p>
-
-<p>»Auf daß du auch in Walhall ein so fröhlicher Kämpe
-seist, wie auf der Walstatt auf Erden, geb ich dir die
-Hellschimmernde zur Schenkin,« sprach er und wies ihm
-seinen Platz unter den besten der Einherier.</p>
-
-<p>Da lachte Helgi, der Haddingenheld, daß es durch
-alle Hausungen der Götter schallte, und führte sein
-Mädchen stolz an die Tafel der Zecher, die dem Paare
-donnernden Heilgruß entboten.</p>
-
-<p>Wodan aber hatte eines Helden Seele an sich geschmiedet
-für alle Ewigkeit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<h2 id="Unter_den_Einheriern">Unter den Einheriern.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Männer, Männer! war Wodans einziger Gedanke
-geworden. Männer im Himmel und auf
-Erden. Männer der Tat, die wiederum Heldengeschlechter
-zeugten, Helden, die durch Tat und Todesverachtung auf
-Erden schon heranrückten an die Götter und im Himmel
-Wodans Söhne wurden. Was sonst brauchte die Welt, als
-Männer, wenn die Schicksalsstunde nahte, Männer, die
-Mannesehre über alles stellten, bereit allzeit, ihr Leben
-in die Schanze zu schlagen, um noch sterbend den feindlichen
-Mächten Abbruch zu tun und den Ruhm zu
-retten.</p>
-
-<p>Manche seiner Wunschmädchen gebaren den Irdischen
-Helden; er selber zeugte auf seinen Wanderungen manches
-Heldengeschlecht und war anderen ein väterlicher
-Freund. Ein Freund jedoch, der sich unerbittlich selbst
-bezahlt machte und seine Schützlinge zu der Stunde,
-die ihm die rechte schien, auf der Höhe ihrer Kraft oder
-nach einem schlachtenreichen Leben, das Tausende nach
-Walhall gesandt hatte, einholte zu den Einheriern. So
-unerbittlich wie das Schicksal, das die Götter bedrohte,
-so unerbittlich war Wodan in der Wahl der Mittel,
-dem unabwendbaren Schicksal den letzten Ruhm abzugewinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-und, wenn es ihn schon untergehen hieß, nur
-als Sieger über die Unheilsmächte unterzugehen. Im
-letzten großen Atemzuge noch Schöpfer einer neuen,
-kommenden Welt.</p>
-
-<p>Darum war vom Tode gezeichnet, wer Wodans
-Freund auf der Erde hieß. Aber auch vom Ruhme
-bekränzt und durch die Sänger aller Zeiten zur Unsterblichkeit
-erhoben.</p>
-
-<p>Wer aber ein Mann sich fühlte in germanischen
-Landen, der zögerte keinen Herzschlag lang und wählte
-Wodan für sich und seine Geschlechter. Lieber als ein
-königlich Volk mit seinen Göttern untergehen, denn als
-namenloser Sklave fronen. Und es waren die Besten
-Germaniens, die sich als Einherier in Walhall auf
-Wodans Bänken sammelten und nach ihrem irdischen
-Tode noch ihre Namen ehrfurchtgebietender und strahlender
-hielten, als alle die lebenden Weichlinge und
-Feiglinge zusammen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da saßen auf bevorzugten Platzen Helden und Heerkönige.
-Da saß <em class="gesperrt">Sigmund</em> unter ihnen, der Rheinfranken
-König, der ein Sohn Wolsungs war und von
-Wodans Blut. Denn Wodan selbst hatte den Wolsungenstamm<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-gezeugt in dem Wolsungen-Ahn Sigi, um
-den Tisch der Einherier zu schmücken durch die Erziehung
-von Helden, Geschlechterreihen hindurch.</p>
-
-<p>Jung war noch Sigmund, als sein Vater Wolsung
-die Tochter <em class="gesperrt">Signy</em> dem ungeliebten König Siggeir von
-Gautland vermählte. In der Festhalle Wolsungs saßen
-die Männer beisammen, und die Franken und die Gauten
-erzählten von der Abkunft ihrer Geschlechter. Plötzlich
-verstummte jedes Getön. Ein hochgewachsener Alter,
-einäugig, in breitrandigem Hut und blauem Mantel,
-war unbemerkt von den Wachen in die Halle getreten
-und auf den Eichbaum zugeschritten, der mitten in der
-Halle wuchs und seinen Wipfel über das Dach breitete.
-Ein Schwert trug er unterm Arm, und er nahm es
-und stieß die Klinge bis ans Heft in den eisenharten
-Stamm.</p>
-
-<p>»Kein besser Schwert als dies! Dem Besten nur gehör
-es an! Wer es herauszuziehen vermag, der führe
-es!«</p>
-
-<p>Der Einäugige sprach es, blickte sich im Kreise um
-und ging aus der Halle, wie er gekommen war, unbemerkt.</p>
-
-<p>»Wodan, der Wolsungen Stammvater, kam zum Hochzeitsfest,«
-raunten die Rheinfranken. Und es herrschte<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-langes Schweigen und seltsames Grübeln im Saal.
-Dann aber traten die Männer an den Baum.</p>
-
-<p>Wolsung packte den Schwertgriff und rüttelte daran.
-Umsonst. Seine stärksten Helden nach ihm. Vergeblich.
-Sein Schwiegersohn, der Gautenkönig Siggeir zog und
-riß in wilder Wut. Das Schwert rührte sich nicht.
-Sigmund, der junge, trat heran. Mit leichtem Ruck
-riß er das Schwert aus dem Stamm und schwang das
-Aufblitzende durch die Halle.</p>
-
-<p>Ruhm brachte ihm Wodans Schwert und ein schweres
-Heldenleben. Siggeir forderte den Stahl von dem jungen
-Schwager, der das Begehr lachend abwehrte. Da lud
-Siggeir den König Wolsung und seine ganze Sippe
-nach Gautland und erschlug sie alle trotz flehentlicher
-Bitten der Wolsungentochter Signy, seines Gemahls,
-bis auf Sigmund, dem er das Schwert Gram &ndash; das ist
-»Zorn« &ndash; entwendet hatte. Ihn ließ er im finstern
-Wald in eine Erdhöhle werfen, wo er ohne Heldenehre
-schmählich verkommen sollte. Signy aber liebte den
-strahlenden Bruder Sigmund so heiß, daß sie sich nächtens
-heimlich zu ihm schlich und ihn tränkte und pflegte
-und koste. Und sie schenkte ihm einen Knaben, der hieß
-<em class="gesperrt">Sinfiötli</em>, und Sigmund und Sinfiötli lebten im
-Walde wie die Werwölfe, unbändig, furchtlos und riesenstark,<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-bis Sigmund die Stunde für gekommen erachtete,
-nach Germanengebot Blutrache zu nehmen an dem
-Mörder seines Vaters Wolsung.</p>
-
-<p>Der erste Anschlag mißglückte. Siggeirs spielender
-Knabe entdeckte die wilden Männer hinter einer Mettonne,
-und der König ließ die Beiden einmauern wie
-wilde Tiere, beider Gelaß durch einen Felsen voneinander
-getrennt. Noch einmal kam Signy, Sigmunds
-Schwester, bei der Nacht. Sie kam bis an die Grube
-ihres Sohnes Sinfiötli und ließ hastig einen Strohbund
-hinuntergleiten. Als der riesenstarke Knabe ihn
-öffnete, fand er darin Sigmunds Schwert Gram. Er
-packte es beim Knauf, setzte die Spitze gegen die trennende
-Felswand und drückte, daß ihm die Adern an
-den Schläfen zu platzen drohten. Da schnitt das Schwert
-durch den Felsen, und der Sohn drückte, bis der Vater
-es in seiner Grube an der Spitze zu fassen kriegte, und
-nun sägten Vater und Sohn mit des Schwertes Schärfe
-den Felsen durch, bis sie zueinander kriechen und Sigmund
-auf Sinfiötlis Schultern aus der Grube steigen
-konnte. Dann zog Sigmund den Sohn am Schwerte
-hinaus.</p>
-
-<p>Durch die Nacht schritten sie zur Halle König Siggeirs
-und legten Feuer an. An der Tür des flammenumlohten<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-Hauses hielten sie mit dem Schwerte Wacht,
-daß nichts Lebendiges heraus konnte. Nur Signy, die
-Königin, riefen sie. Aber die Königin wehrte der Rettung.</p>
-
-<p>»Im Leben durfte ich Wolsungs Tochter sein und
-auf Blutrache für den Vater bedacht. Im Tode gehör
-ich an meines Mannes, des Königs, Seite, ob ich ihn
-liebe oder nicht.«</p>
-
-<p>So entgegnete die königliche Frau und starb den
-Flammentod mit König Siggeir und seiner ganzen
-Sippe.</p>
-
-<p>Heim segelte Sigmund an der Spitze eines Heeres
-und gewann mit Waffengewalt das Land der Wolsungen
-zurück. Mit der Königstochter <em class="gesperrt">Borghild von Bralund</em>
-vermählte sich König Sigmund, und sie gebar ihm einen
-Sohn, <em class="gesperrt">Helgi</em>, als Sigmund, wie immer, auf Heldenfahrten
-war. Und Wodan sandte seine Raben, dem
-Knaben der Wolsungen Kriegsglück zu weissagen. Fünfzehn
-Lenze zählte Helgi, als er mit seinem Stiefbruder
-Sinfiötli auszog gegen König Hunding, der Wolsungen
-Erbfeind und Länderräuber, und ihn mit eigener
-Hand in der Schlacht erlegte. <em class="gesperrt">Helgi Hundingstöter</em>
-riefen ihn seitdem die Helden, und die Sänger sangen
-seinen Namen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>Die Hundingssöhne begehrten Buße von Helgi für
-den Vatermord. »Gewärtigt wilde Wetter, graue Gere
-und Wodans Gram!« ließ der junge Fürst ihnen vermelden
-und rückte mit einem Heere gegen die Stürmenden
-an. Unbekümmert um den Hagel der Gere und
-Pfeile rückte er vor. Über seinem Haupte war ein
-Rauschen wie von Schwanenflügeln. Neun Walküren
-schwebten schirmend über ihm, von der Schildmaid
-<em class="gesperrt">Sigrun</em> geführt. Da schüttelte Helgi seine Locken und
-jauchzte Sigrun zu und brach wie ein Wolf in die
-Feinde, erschlug ihren Bannerträger und die meisten
-der Hundingssöhne.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-153.png" alt="" />
-<div class="caption">»Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die Walstatt.«</div>
-</div>
-
-<p>Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die
-Walstatt. Sein Arm lag um Sigrun, die Schildmaid.</p>
-
-<p>»Ich liebe dich,« sagte er, und sie antwortete ihm:
-»Auch ich liebe nur dich. Doch bin ich dem König Hödbrod
-angelobt, der mich jenseit der See erwartet. Hilf
-mir von ihm.«</p>
-
-<p>Da sammelte Helgi Hundingstöter sein Heer zum
-anderen Male und stieß die Drachenschiffe ins Meer
-und fuhr aus um sein Liebesglück. Das sah des Seebeherrschers
-Ägir wildes Weib Ran, und sie sandte
-ihre Wogentöchter aus, die die Schiffe auf den Rücken
-nahmen und das Fürstenschiff hoch zu den Wolken<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-werfen sollten, um es als Wrack hinabzuziehen. Schon
-hatte die leichengierige Ran ihre Klauen in den Schiffsrand
-geschlagen, um die Helden zu schlingen, da war ein
-Rauschen über den Masten wie von Schwanenflügeln,
-und Helgi Hundingstöter blickte empor und gewahrte
-die neun Walküren, von Sigrun stürmisch geführt.
-Und die Schildmaid schlug der rasenden Ran das Schiff
-aus der Hand und brachte den Helden mit seinem ganzen
-Heere glücklich an Land. Eine furchtbare Schlacht entbrannte.
-Mit König Hödbrod und seinen Brüdern ritt
-und stritt auch König Högni, der Vater der Schildmaid.
-Aber Helgi Hundingstöter, von Sinfiötli geleitet,
-durchbrach den Keil des feindlichen Heeres, erschlug
-König Hödbrod und seine Brüder, erschlug auch König
-Högni und schonte nur Högnis Sohn Dag. Sinfiötli
-aber würgte die anderen Häuptlinge, daß sie nimmer
-die Sonne sahen.</p>
-
-<p>Auf der blutigen Walstatt traf Helgi Hundingstöter
-Sigrun. Ob ihr auch über den Tod ihres Vaters
-die Tränen aus den Augen stürzten, sie kränzte den
-Sieger und gab sich ihm, auf ihr Walkürenkleid für
-immer verzichtend, als Weib. Nie war ein glücklicheres
-Paar in nordischen Landen.</p>
-
-<p>Dag aber, Sigruns Bruder, flehte Wodan an um<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Vaterrache. Und Wodan gedachte der Wolsungen und
-gedachte seiner Einherier. Da lieh er Dag seinen Todesspeer
-Gungnir, und Dag lauerte Helgi im Walde auf
-und rannte ihm den Todesspeer durch den Rücken.</p>
-
-<p>Unstillbar war Sigruns Schmerz um den Heißgeliebten.
-Sie richtete ein Lager in der Grabkammer,
-breit genug für sich und ihren abgeschiedenen Helden,
-und saß am Hügel und weinte blutige Tränen. Um
-Mitternacht klirrte es von Waffen in der Luft. Aufgeweckt,
-sah sie Helgi Hundingstöter mit großem Geleite
-durch die Lüfte niederreiten und sah den Geliebten
-die Grabkammer betreten. Da warf sich Wodans einstige
-Schildmaid dem Heimgekehrten ans Herz und küßte
-ihm Augen, Mund und Hände. Und Helgi sprach:
-»Deine Tränen haben mich aus Wodans seligem Saal
-zurückgerufen. Sie brennen mir wie Feuertropfen auf
-der Brust, daß ich mit den Helden Walhalls nicht fröhlich
-werden kann. Warum weinst du so sehr, da dein
-Geliebter der Ewigkeit Ruhm gewann?« Und Sigrun
-schmiegte sich an sein Herz und sprach: »Nun will ich
-nie mehr klagen und still bei dir liegen.«</p>
-
-<p>Als fahl der erste Frühschein über den Himmel glitt,
-schied Helgi Hundingstöter für immer und jagte frohgemut
-mit seinen Begleitern gen Walhall zurück, von<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-Wodan freudig empfangen. Sigrun aber legte sich zum
-Sterben und lag in der Kammer angeschmiegt an den
-irdischen Leib ihres toten Gemahls.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sinfiötli hatte inzwischen nicht gefeiert. Während
-Vater Sigmund zu Ehren Wodans auf Wikingsfahrten
-war, hatte auch er Kämpfe auf Kämpfe bestanden und,
-um Hand und Kronland einer Königin zu gewinnen,
-seiner Stiefmutter Borghild von Barlunds Bruder im
-Zweikampf erschlagen. Rache schwur ihm Sigmunds
-Weib, Buße an Leib und Leben. Doch Sigmund kehrte
-heim und wehrte ihr und erklärte sich bereit, selber
-Buße zu zahlen, auf daß Sinfiötli, den er brennend
-liebte, frei sei. Da mußte sich die Königin zufrieden
-geben, aber beim Leichenmahl für den erstochenen
-Bruder reichte sie Sinfiötli im Trinkhorn vergifteten
-Met. Dreimal weigerte sich Sinfiötli zu trinken, und
-Sigmund, dem keinerlei Gift Schaden tat, trank ihm
-zu. Da trank auch Sinfiötli und stürzte tot zu Boden.</p>
-
-<p>Aufheulte Sigmund vor Weh. Sein Weib verstieß
-er, und den Sohn, den Gefährten aus wilden Wolfstagen,
-nahm er in die Arme und irrte durch das Land,
-bis er zur Nachtzeit an einen breiten Strom kam. Dort
-fand er einen Fergen warten, einen einäugigen Alten
-in blauem Mantel und breitrandigem Hut. Der nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-die Heldenleiche in sein Schiff, aber dem klagenden Vater
-wehrte er den Zutritt und führte das Schiff schnell über
-den dunklen Strom.</p>
-
-<p>Lange starrte Sigmund in die Dunkelheit. Er wußte,
-daß es Wodan war, der Wolsungen Ahn, der den Helden
-Sinfiötli der grausamen Hel entführte und ihn nach
-Walhall an die Tafel der Einherier brachte. Da wurde
-sein Gemüt fröhlich. Und so alt er war, er ritt aufs
-neue und ritt in des Königs Eylimi Land, dessen
-Tochter <em class="gesperrt">Hiördis</em> die schönste aller Frauen war, und
-warb um ihre Hand. Mit ihm aber warb auch der
-König Lyngi, ein Hundingssohn. Die schöne Hiördis
-wählte nicht lange, sie wählte den Ruhmgekrönten trotz
-seines Alters und wurde König Sigmunds Eheweib.</p>
-
-<p>Wutbebend sammelte Lyngi, der Hundingssohn, ein
-Heer und überfiel Sigmund in seinen Landen. Der
-ließ schleunigst Weib und kostbarste Habe in den Wald
-schaffen und drang an der Spitze seiner Mannen der
-Übermacht entgegen. Silberweiß flog ihm das Haar
-im Wind. Aber sein Arm schwang das Wodansschwert
-Gram, und wo der König Sigmund den Seinen voranschritt,
-da bahnte er eine blutige Gasse, und immer
-weiter watete der Wolsung, alles niederschmetternd,
-durch das Blut. Schon war der Sieg sein, da trat ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-ein alter Kämpe entgegen, einäugig, in breitrandigem
-Hut und blauem Mantel. Der fällte den Speer gegen
-ihn, und König Sigmunds Schwert zersprang an dem
-Speer in Stücke. Mit allen seinen Helden wurde Sigmund
-im Kampfe erschlagen. Wodan selbst hatte ihn
-nach Walhall entboten.</p>
-
-<p>Ein Kind Sigmunds trug Hiördis unter dem Herzen.
-Als es zur Welt kam, war es ein goldblonder Knabe
-von schlankem Wuchs, und sie nannte ihn <em class="gesperrt">Sigurd</em>.
-Noch war Sigurd ein Knabe, als er ein Roß verlangte,
-das er sich unter den Hengsten aus der Weide wählen
-durfte. Ein alter Mann kam über die Weide, einäugig,
-in blauem Mantel und breitrandigem Hut. Der trieb
-die Rosse in den vorüberrauschenden Strom, aber nur
-ein junger Grauhengst schwamm quer hindurch, die
-anderen schwammen das Ufer entlang. »Den nimm,«
-riet der Einäugige. »Er stammt von Sleipnir, dem
-Hengste Wodans.« Da nahm ihn Sigurd und nannte
-ihn nach seiner grauen Farbe Grani. Auch ein Schwert
-forderte er, und als sein kräftiger Arm jede Klinge am
-Amboß zerschlug, gab ihm die Mutter die Stücke des
-Wodanschwertes Gram, das Erbe seines Vaters Sigmund,
-und ein kunstreicher Zwerg schmiedete ihm daraus
-aufs neue eine unbesiegbare Waffe. Dann rüstete<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-Sigurd Drachenschiffe und fuhr mit einer Schar auserwählter
-Männer ins Reich der Hundingssöhne, als
-echter Wolsung zuerst Blutrache zu nehmen für den
-erschlagenen Vater Sigmund.</p>
-
-<p>Stürmisch war die See und gefahrvoll die Fahrt.
-Aber da war der alte Einäugige wieder, der sprang in
-Sigurds Schiff und steuerte es sicher durch den Wogenbraus
-und lehrte den feurigen Jüngling auf dem Wege
-tiefe Geheimnisse der Kriegskunst. Kaum, daß Sigurd
-erwarten konnte, an Land zu gelangen.</p>
-
-<p>König Lyngi, der Hunding, zog dem Wolsung entgegen.
-Eine mörderische Schlacht hob an, bis Sigurd, alles
-niedermähend, zum Banner König Lyngis drang und
-im furchtbaren Zweikampf mit seinem Schwerte Gram
-den Hunding vom Wirbel bis zum Sitz in zwei Teile
-spaltete.</p>
-
-<p>Allein zog er weiter auf Abenteuer und erlegte auf
-ragendem Rheinfelsen den Drachen Fafnir, den Hüter
-der Schätze, die einst die drei wandernden Götter Wodan,
-Hönir und Loki einem Riesen als Buße für den irrig
-erschlagenen Sohn geleistet hatten, und er aß das
-Drachenherz und trank das Drachenblut und verstand
-mit einem Male die Stimme der Vögel, die von der
-allerschönsten Maid sangen, von Brynhild, der Wunschmaid<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-in der wabernden Lohe. Wie lachte da Sigurds
-Jünglingsherz.</p>
-
-<p>Auf seinem Hengste Grani, das gute Schwert Gram
-an der Seite, ritt er durchs Land, bis er den Feuerschein
-gewahrte, und sprengte furchtlos durch die Flammen,
-die über seinem Haupte zusammenschlugen, und
-gelangte zu der schönen Schlafenden, die er erschauernd
-auf den Mund küßte. »Sigurd bin ich, der Wolsung!
-Wach auf, Brynhild, und werde mein Weib!«</p>
-
-<p>Mit staunenden Augen richtete sich Brynhild empor.</p>
-
-<p>»Ein Furchtloser ist gekommen, ein Furchtloser! Allvater
-sei Dank für meine Erlösung!«</p>
-
-<p>Und sie legte dem liebeglühenden Jüngling beide
-Arme um den Hals und erzählte ihm von ihrer Herkunft
-und ihrem langen Harren, und sie tauschten heiße
-Schwüre und verlobten sich einander.</p>
-
-<p>Noch einmal wollte er vor der Hochzeit in die Welt,
-Heldenruhm heimzubringen, und er kam auf seiner
-Fahrt zu König Gibich, der drei Söhne besaß und eine
-Tochter. Die Königin aber wünschte sich den herrlichen
-Helden zum Eidam, denn seine Kraft erschien ihr gefährlich
-für das Reich und sein reiches Goldgut angenehm
-für des Hauses Schatz. Einen Vergessenheitstrunk
-gab sie Sigurd zu trinken, also, daß er Brynhild<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-vergaß und die Gibichentochter zum Weibe nahm. Als
-dann der alte König Gibich gestorben war, wünschte der
-junge König die schöne und reiche Brynhild zu freien,
-und Sigurd, der nichts mehr wußte von seinem einst
-beschworenen Verlöbnis, ließ sich bereden und tauschte
-mit dem König die Gestalt und gewann ihm Brynhild.
-Das tat er zu seinem Verderben.</p>
-
-<p>Die stolze Wunschtochter Wodans, das Weib des
-Gibichensohns, kam hinter den Betrug. Denn ihr Gatte
-war lässig, und Sigurd erfüllte die Lande mit seinen
-Heldentaten. Ein Streit brach aus zwischen der Stolzen
-und Sigurds Weib, und Brynhild, die verhöhnte, beschloß
-Sigurds Tod. Da ging sie hin und warb einen
-Getreuen. Und der Getreue fragte nicht viel und nahm
-einen Speer und stieß ihn Sigurd, der Brynhild vergessen
-hatte, in den Rücken.</p>
-
-<p>Die stolze Schildmaid aber hatte Sigurds nicht vergessen.
-Als der Holzstoß lohte, der des Helden Leiche
-trug, warf sie sich zu Sigurd in die Flammen, barg
-sein Haupt an ihrer Brust und starb, ihren furchtlosen
-Erwecker in den Armen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hochgefeiert saßen die Wolsungen, die Helden vom
-Rhein, saßen Wolsung und König Sigmund, saßen
-Helgi, der Hundingstöter, Sinfiötli und Sigurd Drachentöter<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den
-die Nordmänner Odin nannten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da saß der Dänenkönig <em class="gesperrt">Harald Hildetand</em>, das
-ist »Eberzahn«. Blutjung war er mit seinen Drachenschiffen
-ausgefahren, um sich in Dänemark, seines Vaters
-Landen, die Krone aufs Haupt setzen zu lassen, als ein
-wütender Seesturm ihn überfiel und seine Krieger verzagten.
-Harald Hildetand verlor den Mut nicht einen
-Pulsschlag lang. Laut rief er Wodan an und weihte
-sich ihm und sein ganzes Heer, wenn Walvater einst sein
-irdisch Werk für abgeschlossen erachte. Und als er aufblickte
-&ndash; siehe da stand ein einäugiger Alter in Wetterhut
-und Wettermantel am Steuer, und das Schiff flog wie
-ein Falke über das Meer und in den dänischen Hafen.</p>
-
-<p>Gekrönt war Harald, der Eberzahn, von den glücklichen
-Dänen. Hildetand, Eberzahn, nannten sie ihn,
-weil ihm zwei schimmernde Schneidezähne wie Eberzähne
-wuchsen. Aber die Schweden, die das Land widerrechtlich
-in ihrem Besitz gehalten hatten, wollten es nicht
-leichten Kaufes aufgeben, sondern zogen ein so übermächtiges
-Heer zusammen, daß der Dänenschar graute.
-Wieder rief der junge König Wodan an und weihte ihm
-sein Leben aufs neue. Und aus der Reihe der Krieger<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-trat der Einäugige im blauen Mantel und trat heimlich
-belehrend zu Harald Hildetand und stellte das
-Kriegsvolk keilförmig auf in Gestalt eines Eberrüssels.
-Den Schild warf der junge Held hinweg, packte in jede
-Hand ein Schwert, sprang an die Spitze des Keiles und
-ließ die Hörner blasen. Und der Keil drang in das
-Schwedenheer und dehnte sich und sprengte es in Fetzen
-auseinander. Und vorn an der Spitze schritt Harald
-Hildetand und schnitt mit seinen Schwertern wie mit
-Sensen nach links und rechts die Garben und weihte
-die Haufen der Toten Wodan. Das war für Walvater
-willkommene Beute.</p>
-
-<p>Hundert Kriegszüge und Wikingsfahrten unternahm
-Harald Hildetand Wodan zu Ehren, und fünfzig Jahre
-der Regierung schenkte ihm Allvater. Dann aber wünschte
-er den Helden zu holen. Er nahm die Gestalt von Harald
-Hildetands vertrautestem Manne an, dem Ratgeber
-Brugi, der mit einer Geheimbotschaft zu Haralds Neffen
-Sigurd Ring gefahren und auf der Reise ertrunken war.
-Harald Hildetand selbst hatte den tapferen Neffen zum
-König über Schweden eingesetzt. Als Brugi kehrte Wodan
-nach Dänemark zurück und säete Feindschaft zwischen
-Harald Hildetand und Sigurd Ring, die nur das Schwert
-lösen konnte. Sieben Jahre rüsteten Schweden und<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-Dänen zum Entscheidungskampf, so groß war der Haß
-geworden und der glühende Wille, den anderen für
-immer zu vernichten. Und nach sieben Jahren trafen
-sich die Heere aus dem Brawallafeld in schwedischen
-Südlanden.</p>
-
-<p>Blind war König Harald Hildetand geworden von
-der Zahl der Jahre und ein Greis. Kein Roß vermochte
-er mehr zu besteigen. Aber auf einen Schlachtwagen
-ließ er sich heben und hob das Schwert. »Vorwärts,
-ihr Dänen! Vorwärts mit Wodan!« Da rannten seine
-Dänen an.</p>
-
-<p>»Ich höre ihr Jauchzen nicht mehr,« murmelte der
-blinde Greis nach einer Weile. »Wie kämpft der Feind?«</p>
-
-<p>Und Brugi, der neben ihm hielt, erwiderte lachend:
-»Er kämpft in der Keilform des Eberrüssels!«</p>
-
-<p>Harald Hildetand fuhr zusammen. Nur ihm und
-Wodan war dies Geheimnis der Schlachtordnung bekannt.
-Der da zu ihm sprach, war nicht Brugi, es war
-Wodan selber. Wodan rief ihn. Und er hob das blinde
-Haupt und machte sich ruhig zum Sterben bereit.</p>
-
-<p>Der Friese Ubbi jedoch, Harald Hildetands treuster
-und tapferster Held, wollte nichts vom geruhigen Sterben
-wissen. Wie ein Berserker warf er sich mit seiner mächtigen
-Streitaxt in den schwedischen Keil und zerspaltete<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-die Schädel und Rückenwirbel, als spalte er Eichenklötze.
-Dreimal schlug er hin und zurück eine dampfende Bahn
-aus Blut, Gehirn und Knochen und jauchzte Harald
-Hildetand »Heil!«, wenn er zurückkam. Zu Dutzenden
-ließen die Schwedenhäuptlinge ihr Leben, schon wandten
-sich Heeresteile zur Flucht. Da befahl Sigurd Ring seinen
-sämtlichen Bogenschützen, nur auf den Friesen zu zielen,
-und von den Pfeilen gefiedert wie ein Aar stürzte
-Ubbi, der getreueste Mann, zusammen und hauchte seine
-Seele aus.</p>
-
-<p>Harald Hildetand vernahm die Botschaft. Hochaufgerichtet
-gab er seinen Wagenrossen die Zügel frei, daß
-sie ihn mitten in die Feinde führten. Blinden Auges
-mähte er, wie als Jüngling in jeder Hand ein Schwert,
-nach links und nach rechts in die Feindeshaufen. Da
-sprang Wodan in Brugis Gestalt auf den Wagen und
-zerschmetterte mit einem Streitkolben Harald Hildetands
-Haupt. Keine fremde Hand sollte die Silberlocken seines
-Schützlings berühren. »Dank dir, Wodan,« lächelte
-sterbend der König.</p>
-
-<p>Hochgefeiert saß König Harald Hildetand, der Däne,
-unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
-Nordmänner Odin nannten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da saß auch ein anderer Dänenkönig, <em class="gesperrt">Hrolf Kraki</em>.
-Der hatte, als er erst zwölf Jahre zählte, die Größe und
-Kraft eines erwachsenen Mannes und wurde darum
-Kraki, die »Stange«, zubenannt. In heißer Jugendlust
-schwur er mit zwölf seiner tapfersten Recken zu Wodan,
-daß sie jeden Kampf gemeinsam bestehen und nur zusammen
-sterben wollten. Das hörte Walvater gern,
-denn er gedachte seiner Einherier.</p>
-
-<p>Da wurde Hrolf Krakis Name berühmt in allen
-Meeren, die er auf Wikingsfahrten durchzog, und in
-allen Landen, die er eroberte und sich zinspflichtig machte.
-Er war ein Held nach Wodans Sinn.</p>
-
-<p>Einmal aber war's, daß er nach Upsala in Schweden
-zog, eine alte Buße einzufordern für den Vater, den
-die Schweden dort einst erschlagen hatten. Sein Heer
-litt Hunger und Durst, und nirgend war Herberge.
-Plötzlich stand ein Gehöft vor ihnen, und ein Bauer,
-Hrani geheißen, lud sie zu sich ein. Aber als die Hungernden
-und Durstenden sich gelagert hatten, entzog
-ihnen der Bauer Speise, Trank und Herdfeuer und beriet
-den König, nur die mit sich zu führen, die diese
-Probe ohne Murren bestanden hätten. Da waren es
-nur die zwölf Eidgesellen, und Hrolf Kraki ritt mit
-seinen Zwölfen weiter an des Schwedenkönigs Hof, der<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-sie in ihrer Herberge ohne Brot und Wasser einmauern
-ließ und nach qualvollen Tagen Feuer an das Gebäude
-legen ließ. Hrolf Kraki und seine zwölf Gesellen besannen
-sich nicht lang. Sie warfen sich mit der Wucht
-ihrer Körper, als wäre es nur ein einziger Körper, gegen
-die Wand, daß die Mauer zusammenbrach und sie ins
-Feuer, aber auch ins Freie stürzten. Ein furchtbares Blutbad
-richteten die Wilden unter den Schweden an und
-kehrten, mit Schätzen beladen, zum Gehöft des Bauern
-Hrani zurück.</p>
-
-<p>Hrani blickte sie strahlend an. Und er holte ein altes
-Gewaffe hervor, ein Schwert, einen Schild und eine
-Brünne, und bot alles dem König Hrolf Kraki als Gastgeschenk.
-Aber der Übermütige wies das uralte Gewaffe
-lachend zurück.</p>
-
-<p>»Unweise bist du,« zürnte der Bauer, »du wirst es zu
-spät erkennen,« und er kündigte ihnen die Herberge auf.</p>
-
-<p>Als König Hrolf mit seinen zwölf Gesellen nun durch
-die dunkle Nacht ritt, erkannte sein Geist, daß der Bauer
-Hrani Wodan selbst gewesen war, der ihm mit geweihten
-Waffen ein langes Leben verleihen wollte, und er wandte
-sein Roß und sprengte zurück. Wie er aber auch suchte,
-Gehöft und Bauer blieben verschwunden. Nun wollte
-Wodan sein Leben früher als bisher.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>In Dänemark saß Hrolf Kraki und regierte ohne
-Krieg. Da gedachte seiner Schwester Mann, es sei an
-der Zeit, die Krone zu stehlen, und er kam mit einem
-unabsehbaren Gefolge und lud sich bei ihm freundlich
-zu Gast. In der Nacht aber ließ er alles Lebendige in
-der Burg niedermetzeln, und nur den zwölf Eidgesellen
-gelang es, sich zur Schlafkammer ihres Königs durchzuschlagen.
-Noch einmal tranken sie wie in Jugendtagen
-aus demselben Horn sich zu und erneuerten den
-alten Schwur. Dann warfen sie sich singend auf den
-Feind, erschlugen die Hälfte und sanken erst zu Tode,
-als keine heile Stelle mehr an ihrem Körper war.</p>
-
-<p>Trunken lehnte der Verräter auf König Hrolf Krakis
-Thron. »Ist noch ein Mann übrig von meines Schwähers
-Gesindel?« Und die Tür öffnete sich, und ein alter einäugiger
-Kämpe trat herein. Der sprach: »Hier ist noch
-einer,« und stieß ihm das Schwert durch den Hals.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hochgefeiert saß der Dänenkönig Hrolf Kraki unter
-den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner
-Odin nannten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da saß auch ein Schwedenheld, König <em class="gesperrt">Beowulf</em>.
-Abenteuerlustig und furchtlos war er gewesen, wie kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-ein anderer. Dem Stamm der Wägmunde gehörte er
-an, die ihren Stammbaum bis auf die Götter führten.
-Und eine Tat, der Götter würdig, hatte er getan.</p>
-
-<p>Von dem scheußlichen Meerriesen <em class="gesperrt">Grendel</em> ging zu
-jener Zeit erneut Gerücht durch alle Lande. Der Dänenkönig
-Hrodgar hatte nahe dem Meere eine herrliche
-Halle aufführen lassen für Helden und Sänger, und
-Lachen und Lebensfreude scholl weit über die Wasser.
-Da tappte bei Nacht aus den Nebeln der Meere lüstern
-der Meerriese Grendel hervor, und das Ungeheuer
-würgte dreißig der sorglos schlafenden Helden und
-schleppte die Leichen in sein Versteck. Nacht für Nacht
-schlich er auf Nebelschuhen in den Saal, kein Stahl
-ritzte seine Haut, kein Männerherz konnte ihm widerstehen.
-Verödet lag die herrliche Halle bald, und wer sie
-betrat, der wurde bei Nacht erwürgt und ausgesogen.
-Laut jammerte das dänische Volk und rief nach dem
-Retter.</p>
-
-<p>Das hörte der starke Beowulf in Schweden, der nichts
-von Gruseln kannte und nur das Zupacken, wie es der
-Donnerer liebte. Als halber Knabe noch hatte er fünf
-Tage und Nächte ohne Unterbrechung schwimmend im
-Meere zugebracht, um Abenteuer zu bestehen, auf dem
-Meeresgrunde Wasserungetüme erlegt und von den<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-nadelspitzen Klippen neun Wassermänner heruntergestochen,
-bis ihn eine Woge glücklich wieder ans Land
-geworfen hatte. Nun zog Beowulf in seiner stärksten
-Manneskraft aus, den scheusäligen Unhold Grendel zu
-bekämpfen, und er nahm vierzehn unerschrockene Männer
-mit sich.</p>
-
-<p>Da des Meerriesen Haut kein Stahl durchdrang, so
-beschloß der kühne Schwede, ihm waffenlos und nur mit
-den bloßen Fäusten zu begegnen. Seine Gefährten
-schliefen in der Halle, die der Dänenkönig Hrodgar mit
-allen seinen Helden und Höflingen am Abend verlassen
-hatte. Beowulf lag zwischen den Seinen mit wachen
-Augen. Dunkle Nebel stiegen vom Moor und Sumpf
-und schlichen wie Pesthauch ins Gemach. Das war
-Grendels Atem. Jetzt tappte er selbst heran, zerbrach
-den Türriegel, schlürfte in den Saal, ergriff den ersten
-der Schlafenden, riß ihn in Stücke und sog das Blut
-aus. Jetzt griff er mit der Krallenhand nach dem
-zweiten. Der zweite war Beowulf. Blitzschnell packte
-Beowulf zu und packte so furchtbar stark, daß er dem
-Ungetüm alle Finger der Hand zerbrach. Brüllend
-wollte der Meerriese fliehen, aber Beowulf hielt fest.
-Aus dem Saale wollte Grendel, aber Beowulf stemmte
-den Fuß gegen die Mauer und hielt des Riesen Handgelenk<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-in seinen Fäusten wie in einem Schraubstock.
-Da rissen des Riesen Achselsehnen von der übergewaltigen
-Anstrengung, der Arm riß in der Wurzel aus
-und blieb mit der Riesenfaust in Beowulfs Händen.
-Der nagelte die Faust unter dem Jubel der erwachten
-Gefährten an die Saaldecke, während der Riese, der
-sich hastig verbluten mußte, durch den Nebel taumelte
-und schwand.</p>
-
-<p>Ein großes Gelage gaben die fröhlichen Dänen dem
-siegreichen Kämpen und füllten ihm und seinen Gefährten
-die Schilde mit Gold. Die Nacht über blieben
-alle und dachten nicht mehr an die Furcht, als sie sich
-auf die Polster streckten. Aber da tappte im Nebel
-Grendels Mutter einher, ein wölfisches Ungeheuer.
-Mit stickigem Atem kam sie, den Tod des Sohnes zu
-rächen, und ergriff und zermalmte einen der dänischen
-Edelinge. Vom wilden Waffenlärm erschreckt, entfloh
-die Mörderin in ihren Unterschlupf.</p>
-
-<p>Beowulf verfolgte ihre Spur. Immer unheimlicher
-wurde der Weg, immer schauriger der Wald, immer
-sumpfiger der schwankende Boden, den das Meer unterhöhlte.
-Feuerflammen tanzten auf den Fluten, ekelhaft
-Gewürm spreizte sich auf den Klippen, Riesenkrebse und
-boshafte Nixe. Hier war der Eingang zu Grendels Behausung,<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-und Beowulf tauchte ohne Zögern in die
-Schrecken der See. Sofort fiel ihn mit Scheeren und
-Zangen das Wassergetier an, aber seine gute Brünne
-widerstand, und er tauchte tiefer zu Grund. Jetzt packte
-ihn die Wölfin, Grendels Mutter, bei den Beinen und
-schleifte ihn in eine wasserleere Grotte. Aufsprang der
-Held und warf sich mit Macht auf das geifernde Wolfsweib.
-Aber seine Kräfte ließen nach, und schon schien
-es, als müsse er der rasenden Unholdin erliegen. Ein
-Riesenschwert erblickte er an der Wand. Er riß es herunter
-und stach nach der Wölfin. Die scharfe Spitze
-ritzte nicht ihre Haut. Da überkam ihn der Berserkerzorn,
-und er packte das Schwert bei der Klinge und
-holte aus und zerschmetterte mit dem Knauf der wölfischen
-Riesin das Rückgrat, daß sie winselnd verendete.
-Und nun gewahrte er auch den Körper des toten Grendel
-und schnitt ihm den Kopf ab und stieg nach mühseligem
-Suchen und Wandern vom Meeresgrund auf zu den
-stürmisch jubelnden Gefährten.</p>
-
-<p>Heimgekehrt nach Schweden, verübte er als hochsinniger
-König viele Heldentaten bis in sein Alter, und
-die letzte war, daß er, der Greis, einen menschenmordenden
-Drachen erlegte, den die Jünglinge und Männer
-flohen. Den überreichen Hort schenkte er den Schweden<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-als letzte Königsgabe. Er selbst aber verschied an den
-Wunden des Kampfes und wurde zu Hronesnäß auf
-dem Holzstoß verbrannt, während aller Augen weinten.
-Über seiner Asche ward ein gewaltiger Hügel getürmt,
-und als Beowulfs Burg blickte das Heldenmal über die
-See, allen Wikingen ein ehrfürchtig Zeichen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hochgefeiert saß der Schwedenkönig Beowulf unter
-den Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner
-Odin nannten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da saßen auch die Norwegerkönige <em class="gesperrt">Harald Harfagar</em>,
-das ist Harald Schönhaar, und <em class="gesperrt">Erik Blutaxt</em>
-und <em class="gesperrt">Hakon der Gute</em>, die Haraldssöhne. In einem
-Meer von Blut hatte Harald Harfagar den Übermut
-der norwegischen Großen erstickt und mit fester Faust
-ein norwegisches Reich unter seinem Zepter errichtet.
-In einem Meer von Blut hatte des Schönhaars Sohn,
-Erik Blutaxt, gewatet, bis er aus dem Lande weichen
-mußte und auf wilder Wikingsfahrt in England ein
-neues Reich gewann. In neuem Kampf gegen Englands
-König fiel er und nahm fünf Könige mit in den Tod
-und tausende von Mannen. Wodan selbst befahl, ihn
-festlich zu empfangen, Bragi, der Dichtergott, griff begeistert
-in die Saiten, und König Sigmund vom Rhein<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-erhob sich mit Sinfiötli, seinem Sohn, Erik Blutaxt
-entgegenzugehen.</p>
-
-<p>»Nur eins sage mir, Wodan,« bat König Sigmund,
-»weshalb nahmst du dem blutigen Erik den Sieg, da
-er dich doch der kühnste der Könige dünkt?«</p>
-
-<p>Da sprach Wodan und sah ihm fest in die Augen:
-»Weil es ungewiß ist, wann der graue Wolf zum Sitze
-der Götter kommt.«</p>
-
-<p>Und Sigmund wußte, daß Allvater vom heulenden
-Fenriswolf und vom letzten Kampfe gesprochen hatte
-und schritt mit Sinfiötli zum Tor und bewillkommnete
-jubelnd Erik Blutaxt und die fünf Könige, die ihm
-folgen mußten, und den Heerbann der Helden.</p>
-
-<p>Und wieder stand Wodan aufhorchend in Walhall
-und wies Bragi an, den Dichtergott, und Hermod, den
-Götterboten, vors Tor zu schreiten und den Haraldssohn
-Hakon festlich zu empfangen. Abgeirrt von den
-alten Göttern war Hakon, als er an seines Bruders
-Erik Statt das Zepter von Norwegen ergriff, aber heimgefunden
-hatte er vor der letzten Schlacht zu dem
-Glauben an Wodan. Darum wollte ihn Allvater besonders
-ehren. Seine Walküren sandte er auf die rauchende
-Walstatt, auf der König Hakon mit den Erikssöhnen
-rang, die aus England heimgekehrt waren, und<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-alles Volk kämpfte für seinen König, den es um seiner
-Guttaten willen liebte.</p>
-
-<p>König Hakon rief zu Wodan und hörte die Walküren
-rauschen. Und er hörte ihr Jauchzen: »Nun wächst der
-Götter Glück, weil die Waltenden Hakon mit einem
-großen Heere zu sich heim entboten.«</p>
-
-<p>Siegreich blieb König Hakon in der Schlacht, aber
-von Wunden bedeckt, lag er auf dem Schilde. Freunde
-und Feinde umdrängten den Sterbenden, um noch einen
-Blick aus seinen Augen zu erhaschen, der der beste König
-war in Norwegen, und kein besserer war nach ihm.</p>
-
-<p>Blutbespritzt stand der König mit seinen Mannen an
-der Pforte Walhalls, von Hermod geleitet, von Bragi
-mit Heldenliedern begrüßt.</p>
-
-<p>»Helme und Brünnen wollen wir anbehalten und
-das Schwert nicht von uns tun,« sprach der König zu
-Wodan. »Es ist gut, bereit zu sein.« Und Wodan
-nickte, denn er kannte die Nähe der Stunde.</p>
-
-<p>Hochgefeiert saßen Norwegens Könige, Harald Harfagar,
-Erik Blutaxt und Hakon der Gute, unter den
-Einheriern an der Tafel Wodans, den die Nordmänner
-Odin nannten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Noch einer aber saß unter dem Hunderttausend. Der
-war aus Westfalenland und hieß <em class="gesperrt">Hermann, der Cherusker</em>.
-In Germanien war er aufgestanden, als es
-keinen Mann gab, die deutschen Gaue von der alles erdrosselnden
-Römerherrschaft zu befreien. Er, der Einzige,
-rief die hadernden Stämme zusammen und rief den
-Mannesmut und den Heldenzorn an in den erloschenen
-Gemütern. Er, der Einzige, zeigte den verzagten Deutschen,
-was Schwerter wert sind in der Hand von Männern,
-denen die Ehre lieber ist als das Leben. Und sie
-ballten sich zusammen und erschlugen im Teutoburger
-Wald das römische Heer, mehr denn zwanzigtausend
-Mann. Der Befreier des Vaterlandes wurde der Cheruskerfürst
-und ward zum Dank von Neidlingen erdolcht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf dem Ehrenplatz an der Einheriertafel in Walhall
-saß Hermann, der Cherusker, und keinen liebte
-Wodan wie ihn.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p>
-
-<h2 id="Um_Baldur">Um Baldur.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Gut ist's, bereit zu sein.«</p>
-
-<p>Am Tische der Einherier war das Wort gefallen.
-Wodan wußte es lange. Und er wußte die Vorzeichen,
-die das Nahen der Stunde kündigten. Wenn
-das volle Licht getötet wird von der blinden Nacht, wenn
-der sonnenlose Winter die Lichtzeiten Frühling und
-Sommer vernichtet haben wird.</p>
-
-<p>Noch lebte der Gott des lachenden Frühlings und
-der Sommerhöhe, noch lebte Baldur, der fleckenlose.
-Auf seiner himmlischen Burg Breidablick, dem Breitglanz
-des Himmels, lebte er mit seinem süßen Weibe
-Nanna, die da war wie eine Blume zwischen Blüte und
-Frucht, und das Glück der Wärme ging von ihm aus.
-Alle liebten sie ihn, die Götter wie die Menschen, und
-selbst die Riesen der Eisländer waren ihm zugetan, da
-auch sie seines Lichtes und seiner Wärme bedurften.
-Lebensfröhlichkeit war, wo Baldur erschien, selige Hoffnung,
-Liebe zur Arbeit, Glaube an eine höhere Welt.
-Die Menschen hoben die Häupter, blickten lächelnd in
-das Licht und ließen ihren Arbeitsgeist bestrahlen zu
-höheren Dingen. Da wuchs aus dem Werktag der Feiertag
-und aus dem Feiertag wuchsen die Künste, die<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-wiederum den Werktag veredelten, und Baldur war es,
-der allen Empfindungen des Geistes und der Seele zur
-höheren Weihe verhalf.</p>
-
-<p>Solange Baldur lebte, wuchs die Welt und in der
-Welt die Gesittung.</p>
-
-<p>Nun war es seit etlicher Zeit, daß Baldur am Tage
-schwermütig dahinschritt und in der Nacht von beängstigenden
-Träumen zerquält wurde. Schnell merkten es
-die Götter, denn das glückliche Lachen tönte nicht mehr
-von Breidablick über Asgards Fluren hin, bald merkten
-es auch die Menschen, denn der Frühling kam karg und
-der Sommer ohne Freude, und selbst die Riesen spähten
-unruhig nach dem bißchen Licht und Wärme ihres Himmels
-aus. Trübsinn zog in die Gemüter der Asen, und
-sie erforschten den traurigen Baldur, bis er ihnen alle
-seine Träume und Gedanken offenbarte.</p>
-
-<p>Frigg, die stillsorgende Himmelsmutter und Mutter
-Baldurs, faßte sich zuerst. Ihr Sohn war in Gefahr.
-Also galt es, nicht zu beratschlagen, wie die Männer
-taten, sondern zu handeln. Und sie machte sich auf und
-ging zu allem, was da lebte und webte, wuchs und beharrte,
-zu Menschen und Riesen und Alben, zu Feuer
-und Wasser und Erde, zu Erzen und Steinen, Pflanzen
-und Giften und zu sämtlichem Getier, und alles nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-sie in feierlichen Eid, dem Leib und Leben Baldurs
-nimmermehr zu schaden. Da war große Freude, als die
-stillsorgende Himmelsmutter wiederkehrte und in Asgard
-Baldurs Unverletzlichkeit verkünden konnte. Wie
-die Kinder wurden die Götter in ihrer Ausgelassenheit,
-und sie trieben Spiele und Scherze mit Baldur, um
-den Zauber zu erproben. Nur Loki stand mißgünstig
-zur Seite, wenn die Götter mit Geren und Pfeilen auf
-Baldur schossen, mit Schwertern und Steinen nach ihm
-zielten, ohne dem leuchtenden Gott auch nur das geringste Leid
-antun zu können. Denn Loki empfand, daß
-seine neidische Seele nur noch tiefer in den Schatten
-sinke vor Baldurs sonnenreiner Klarheit.</p>
-
-<p>Allvater Wodan aber schritt sinnend aus dem Kreise
-der Fröhlichen und sattelte seinen Hengst Sleipnir.
-Denn er vermochte nicht freier zu atmen trotz der Eide,
-die Frigg, seine Gemahlin, genommen hatte, weil er die
-Zukunft kannte und wußte, daß sich das Schicksal nicht
-betrügen ließe. Nur eine Gegenprobe zu dem eigenen
-Wissen wollte er machen und in die finstere Hel, das
-Reich der Todesgöttin, reiten.</p>
-
-<p>»Wir reiten zur <em class="gesperrt">Wolwa</em>, der Weissagerin, die jenseit
-der Hel im Grabe ruht,« sprach er zu seinem Rosse,
-und Sleipnir schoß wie ein Vogel hinab gen Niflheim.<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-Geifernd bellte der blutige Hund der Hel, doch Wodan
-achtete seiner nicht und ritt durch die dunklen Schrecknisse,
-bis er am Rande des Totenreichs das Grab der
-Wolwa fand. Hier saß er ab und sang der Hexe den
-Leichenzauber, bis sie sich widerwillig erhob.</p>
-
-<p>»Tot war ich lange. Was willst du von mir?«</p>
-
-<p>»Antwort will ich, für wen im Hause der Hel die
-Bänke mit glitzernden Brünnen, und mit Gold die Dielen
-belegt sind!«</p>
-
-<p>»Für Baldur geschah's. Auf ihn wartet das Methorn
-der Hel. Laß mich schweigen.«</p>
-
-<p>»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer es ist,
-der Baldurs Blut vergießen wird.«</p>
-
-<p>»Hödur heißt er. Nun begehr ich zu schweigen.«</p>
-
-<p>»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer die
-Blutrache nimmt für die ruchlose Tat.«</p>
-
-<p>»Ried wird Wodan den Wali gebären. Eine Nacht
-nur alt, zieht er aus in den Kampf. Das Haupt nicht
-kämmt er, die Hände nicht wäscht er, bis Baldurs Mörder
-im Blute liegt. Nicht gerne sprach ich, begehr nun zu
-schweigen.«</p>
-
-<p>Erschauernd hatte die Wolwa Wodan erkannt, den
-alten Schöpfer der Welt.</p>
-
-<p>»Kein anderer Mann soll wieder mich wecken, bis<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-von den Fesseln Loki sich löst und die Feinde kommen
-zum Sturze der Götter!« rief sie mit letzter Kraft und
-sank in das Grab zurück.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wodan ritt heim. Er hatte die Probe auf sein
-Wissen gemacht, und sein Wissen war Wahrheit.</p>
-
-<p>Immer noch trieben die Götter auf Asgards Wiesen
-mit Baldur die fröhlichen Kampfspiele. Immer noch
-ging Loki neidverzehrt umher. Eine neue Arglist sann
-er aus, und er humpelte in Gestalt einer alten Dienerin
-zu Frigg, der stillsorgenden Himmelsmutter, und plauderte
-mit ihr.</p>
-
-<p>»Welch ein Wunder ist es mit Baldur, unserm Liebling.
-Nichts und nichts auf der Welt vermag ihm zu
-schaden.«</p>
-
-<p>»Ich nahm alle Dinge in Eid, wie Mütter tun,« erwiderte
-freundlich Frigg und zählte sie alle her, bei
-denen sie gewesen war.</p>
-
-<p>»Vergaßest du auch nichts? Hast du auch nichts übersehen?«</p>
-
-<p>»Nichts übersah ich. Nur die Mistel ließ ich aus,
-die in den Bäumen wuchert. Kaum hat sie das eigene
-Leben.«</p>
-
-<p>Loki aber begab sich alsbald in den Wald und fand
-die unscheinbare Mistel, die nur im Winter blüht, und<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-schnitt sie ab und fertigte aus der Ranke einen dünnen,
-scharfen Ger. Und er kehrte zurück in den Kreis der
-Götter, die lachend auf Baldur, den lichten Gott des
-Frühlings und der Sommerhöhe, ihre Speere schossen,
-und traf auf den blinden Hödur, den Gott der Nächte
-und des sonnenlosen Winters.</p>
-
-<p>»Weshalb bleibst du dem Spiele fern?« fragte der
-Arglistige. »Auf, versuch deine Kunst.«</p>
-
-<p>»Ich bin blind,« klagte Hödur, »sehe das Ziel nicht
-und führe keine Waffe.«</p>
-
-<p>Da drückte ihm Loki den Ger aus Mistelzweig in die
-Hand und lenkte seinen Arm. Mächtig warf der blinde
-Hödur, pfeifend durchschnitt der dünne scharfe Ger die
-Luft, durchbohrte Baldurs Leib und Leben.</p>
-
-<p>Entsetzen lähmte die Glieder der Götter. Kein Laut
-entrang sich ihrem Munde. Tot war Baldur, und ein
-Mord war geschehen im Himmel. Und plötzlich war ein
-wildes Weinen in ganz Asgard.</p>
-
-<p>An der heiligen Freistätte durften die Götter die
-Übeltäter nicht greifen. Hastig entwich Loki, und Hödur
-stand wie versteinert. Frigg aber, die Schmerzensmutter,
-wischte zuerst die Tränen vom Angesicht.</p>
-
-<p>»Zur bleichen Hel ist Baldur gefahren, mein liebster
-Sohn. Wer reitet den Weg und bittet ihn los von der<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-Hel gegen alles Lösegeld, das sie verlangt? Wer fürchtet
-sich nicht und reitet um meiner Liebe willen?«</p>
-
-<p>Da trat Hermod vor, Wodans schneller Sohn, und
-das schnellste Roß wurde gebracht, Sleipnir, Wodans
-achtfüßiger Hengst. Und Hermod schwang sich in den
-Sattel und trat den Helritt an.</p>
-
-<p>Denn das verlangte die unerbittliche Gerechtigkeit,
-der auch die Götter unterworfen waren, daß die Seele
-dessen, der in Asgard verschied, zur Hel mußte. Wie
-wäre es sonst ein Sterben für die Asgardbewohner gewesen,
-wenn sie in derselben Stunde des Todes in
-Walhall auferstanden wären und wiederum unter Göttern
-und Helden gesessen hätten! Wer von den Göttern
-fiel, schied aus. Er gehörte der Hel. So verlangte es
-die ausgleichende Gerechtigkeit.</p>
-
-<p>»Blutrache«, war der Götter erster Gedanke, als sie
-zur Besinnung kamen. Bei Göttern und Menschen, soweit
-es Männer waren, gab es kein heiliger Wort. Und
-sie blickten einander in die Augen, wer sie üben solle.</p>
-
-<p>»Mein ist die Rache,« sprach Allvater, »aus meinem
-Blute wird Baldur gerächt werden. Euch aber brauch
-ich zu anderen Taten.« Und er ging hin und fand die
-riesische Jungfrau <em class="gesperrt">Ried</em>, die sich zu den Asen hielt,
-und sie gebar ihm in selber Nacht einen Knaben, den<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-Wodanssohn <em class="gesperrt">Wali</em>. In selbiger Nacht wuchs Wali zu
-seiner ganzen Manneskraft auf, und er kämmte nicht
-sein Haar und wusch nicht seine Hände, bis er wichtigeres
-vollbracht hatte, das Wichtigste, das dem Bruder
-ziemte. Hödur, Baldurs Mörder, suchte er auf und traf
-den Unglücklichen am Rande der Morgendämmerung
-und erwürgte ihn.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel.
-Er stob dahin, daß aus den acht Hufen Sleipnirs
-Funkengarben sprangen wie wirres Wetterleuchten.</p>
-
-<p>Die Asen aber trugen Baldurs Leiche ans Meer und
-betteten sie hoch oben auf dem Holzstoß, den sie auf des
-toten Gottes Luftschiff Hringhorn geschichtet hatten.
-Wodan kam mit seinen Raben und Wölfen, und Frigg
-kam mit ihm und die Schar der Walküren. Mit seinem
-Bockgespann brauste der Donnerer herbei, Freyer fuhr
-mit seinem goldborstigen Eber, dem Geschenk der Zwerge,
-Heimdall, der getreue Himmelswächter, ritt seinen
-schnellen Hengst, und die liebliche Freya lenkte ihr
-Katzengespann. Zu Fuß, zu Roß und zu Wagen kamen
-die Götter und Göttinnen alle, und viel trauerndes
-Volk der Riesen und Alben kam, das, obschon es im
-ständigen Kampfe mit den Asen lag, den einzigen Baldur
-ausnahm aus aller Feindschaft. Die Himmel<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-weinten, die Erde erschauerte im Schmerz, und ein
-wildes Klagen erschütterte die ganze Natur.</p>
-
-<p>Nanna aber, Baldurs geliebtes Weib, die in des
-Gottes leuchtender und wärmender Liebe wie eine
-Blume gewesen war zwischen Blüte und Frucht, vermochte
-ihr Leid nicht mehr zu fassen. »Baldur!« schrie
-sie auf, daß der Schrei des Namens wie aller Klagen
-Klage durch die Welten lief, und in diesem einen Schrei
-brach ihr das Herz.</p>
-
-<p>Da legten die Götter Nannas Blumenleiche auf den
-Holzstoß, und sie lag zur Seite des Geliebten, dem
-Frühling und Sommer das Leben waren.</p>
-
-<p>Auf runden Hölzern ruhte das Schiff, um schnell in
-das Meer gerollt zu werden. Aber von allen Opfergaben
-war es so schwer, daß es sich nicht von der Stelle
-bewegte, denn auch Baldurs Sonnenroß, aufgezäumt
-in seinem blitzenden Geschirr, war auf den Scheiterhaufen
-geführt worden und Schätze über Schätze aus
-allen Landen. So sehr ward Baldur geliebt.</p>
-
-<p>Die Riesen rieten in der Not der Götter, die Stärkste
-der Starken, das Riesenweib Hyrockin, holen zu lassen.
-Das Weib kam angesprengt auf einem gewaltigen
-Wolf, dem sie statt eines Zaumes eine Natter durch
-das Maul gezogen hatte, um den Göttern furchtbarer<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-zu erscheinen. Und um die Götter mit ihrer Kraft zu
-schrecken, stieß sie, während vier Berserker ihren Wolf
-kaum auf dem Boden halten konnten, das Schiff mit
-einem so unbändigen Ruck ins Wasser, daß die Holzrollen
-Feuer spien und fast das ganze Schiff mit seiner
-heiligen Ladung vom unheiligen Feuer verzehrt worden
-wäre.</p>
-
-<p>Blut trat dem Donnerer in die Augen. Er hob den
-Hammer, um die Unverschämte zu zerschmettern. Aber
-die Götter fielen ihm in den Arm, und die Riesen baten
-für ihr Leben, da ihr freies Geleit zugesichert sei. Da
-ließ er sie laufen.</p>
-
-<p>Im Wasser schwamm das Schiff mit der teueren
-Last. Noch einmal nahm Wodan Abschied von dem
-schönen Leib des Sohnes und legte ihm als letzte Gabe
-den kostbaren Ring Draupnir auf den Holzstoß, den
-Tröpfler, das Geschenk der Zwerge, dem jede neunte
-Nacht acht neue Ringe enttropften. Dann trat der
-Donnerer an den Holzstoß und weihte die Götterleichen
-mit dem Zeichen des Hammers.</p>
-
-<p>Alsbald entzündeten die Asen die Scheiter mit dem
-heiligen Feuer aus Asgard, und das Schiff fuhr wie
-eine Fackel hinaus auf das dunkle Meer, immer weiter
-und weiter, bis es in Flammen verging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p>
-
-<p>Fröstelnd kehrten die Asen, fröstelnd kehrten die
-Riesen und Albe heim. Wie in Todesfrost erschauerten
-die Menschen.</p>
-
-<p>Immer aber und immer noch kreiste Nannas Schrei
-um Baldur durch die Welt und wollte nimmer vergehen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel.
-Er stob dahin, daß aus den acht Hufen Sleipnirs
-Funkengarben sprangen wie wirres Wetterleuchten.
-Das war das einzige Licht, das ihm den Weg erleuchtete
-durch die gräßliche Finsternis der Unterwelt.</p>
-
-<p>Am Abend des neunten Tages gelangte er an den
-Totenstrom Gioll, der das Reich der Hel von allen
-anderen Reichen trennt, und die goldene Giollbrücke
-krachte in allen Fugen, als Sleipnirs Hufe über die
-Planken donnerten. Eine Jungfrau erschien, Modgud
-mit Namen, das ist »Seelenkampf«, die warf sich dem
-Reiter entgegen. »Wer bist du, und was suchst du
-Lebender im Reich der Toten?«</p>
-
-<p>»Ich bin Hermod, Wodans Sohn, und suche Baldur,
-meinen Bruder.«</p>
-
-<p>»Ich dachte es mir, daß du kein Gewöhnlicher bist,«
-entgegnete Modgud besänftigt. »Fünf Haufen Toter
-ritten gestern über die Brücke, aber die Hufe aller ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-Rosse donnerten nicht so auf der Brücke, als die deines
-einzigen.«</p>
-
-<p>»Sahst du auch Baldur reiten?« drängte der Ase sie.</p>
-
-<p>»Wohl sah ich Baldur. Er ritt zur Ehrenhalle der
-Hel, wo sie selber thront.« Und sie wies ihm den
-Weg.</p>
-
-<p>Weiter sprengte Hermod den Helweg durch die Finsternis
-und gelangte an ein haushohes Eisengitter, das die
-Wohnung der Hel umschloß. Siebenfach verriegelt war
-die Pforte und sonst kein Eingang und Ausgang.</p>
-
-<p>»Sleipnir, es gilt!« hauchte Hermod dem Hengste
-ins Ohr und nahm ihn zum Sprunge zurück. Und
-Wodans Jagdpferd setzte an und setzte im Steilsprung
-über das Gitter und hielt wie aus Stein vor Hels Halle.
-Dankbar klopfte ihm Hermod den Hals. Dann trat
-er ein.</p>
-
-<p>Den Asenmut nahm Hermod zusammen, als er das
-Bild, das dort sich ihm bot, erblickte.</p>
-
-<p>Zur Hälfte schwarz, zur Hälfte fleischfarben, saß die
-grausige Hel mit hängendem Kopf und klaffenden Kiefern
-auf ihrem Thron. Unerbittlich war ihr Gesicht.
-Und um die Erbarmungslose geschart, saßen mit tottraurigen
-Augen Könige und Helden, die den Strohtod
-gestorben waren an Krankheit oder Altersschwäche,<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-und nicht den Jubeltod im Schlachtenwetter, in dem
-die Walküren zu Walhall entbieten.</p>
-
-<p>So still und traurig war es, daß man die Tropfen
-von den Steinwänden fallen hörte in grauenhaft eintöniger
-Wiederkehr.</p>
-
-<p>Auf hohem Ehrensitz, die Bank mit goldenen Brünnen,
-den Boden mit goldenen Fliesen belegt, saß traumverloren
-Baldur, von Nanna umschlungen. Vor ihm stand
-der Metkrug, wie vor den Königen und Helden, aber
-unberührt hatte ihn der Träumer gelassen. Des Gottes
-Geist träumte in die Zukunft.</p>
-
-<p>Zu dem stillgewordenen Bruder trat Hermod und
-setzte sich zu ihm. Die ganze Nacht sprach er zu ihm
-über das Weh der Welt und über die Wünsche Friggs,
-den Sohn wiederkehren zu sehen zum Besten aller
-Wesen. Und Baldur hörte ihm zu und spann seine Gedanken.</p>
-
-<p>Als der Tag anbrach, ging Hermod zum Throne
-der Hel.</p>
-
-<p>»Wisse,« sprach er zu ihr, »daß ich dir die Wünsche
-der mächtigen Asen bringe, Baldur heimzusenden nach
-Asgard. Seit er schied, ist die Welt von Schmerzen erschüttert
-und will nicht mehr leben. Was aber sind die
-Götter, was bist auch du ohne die immer sich neugebärende<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-Welt! Verzichte auf dein Recht auf Baldur,
-und die Menschen werden dich lieben, wie sie Baldur
-lieben.«</p>
-
-<p>»Deine Worte klingen gut,« antwortete die finstere
-Hel, »aber der Bittende hat tausend Gründe, wo das
-Recht nur einen hat. Trotzdem: ich will deine Gründe
-erproben. Wenn alle Wesen und Dinge der Welt um
-Baldur als den geliebtesten und unersetzlichen weinen,
-so soll er heimkehren in das Licht. Weigert ein Einziges
-Liebe und Tränen, so muß er bleiben. Geh hin und
-künd es den Göttern.«</p>
-
-<p>Und Hermod ging und nahm fröhlichen Abschied von
-Baldur, und Baldur gab ihm für Wodan den Ring
-Draupnir, den Tröpfler, zurück, da es im Reiche der
-Hel kein Verwenden für ihn gäbe. Und Nanna gab
-von den reichen Opfergaben, die ihren Holzstoß geschmückt
-hatten, Gewänder und Gewebe für Frigg und
-Freya und die Göttinnen alle. Hochgemut ritt Hermod
-den Helweg zurück, wußte er doch, daß alle Welt um
-Baldur weinte und weiter weinen würde, um Baldur,
-den jeder lieben mußte.</p>
-
-<p>Wieder griff Sleipnir aus und donnerte den Helweg
-entlang. Und Hermod sah die Scharen der Müden und
-Stillen des Weges ziehn, die sich freuten, im Reiche der<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-Hel die Ruhe zu finden, aber er sah auch die Scharen
-der Meineidigen und Mörder, und der Landesverräter,
-die schlimmer als Mörder und Meineidige sind, und sie
-durften nicht über die Brücke des Totenstromes Gioll
-hinüberwandern und mußten mit nackten Füßen durch
-das Flußbett waten, das mit hunderttausend scharfen
-Schwerterspitzen gespickt war. Brünstige Giftschlangen
-lauerten in Hels Reich auf die, die um eigenen Vorteils
-willen das Leben der Völker vergiftet hatten.</p>
-
-<p>»Sleipnir, greif aus,« schmeichelte Hermod dem
-Hengst, und der Hengst verstand und stob durch die Hel
-und das ganze, unendliche Niflheim und gewann die
-Oberwelt und stürmte, die Wolkenrosse weit hinter sich
-lassend, nach Asgard hinauf, wo die Götter harrten.</p>
-
-<p>Da herrschte Freude in allen Hallen, als Hels hoffnungsvoll
-klingender Spruch offenbar wurde, und alsobald
-eilten die Boten durch Himmel und Erde und
-Jotunheim und forderten die Tränen von den Lebendigen
-und von allen leblosen Dingen. Und die Menschen
-weinten mit den Göttern, und die Riesen weinten
-mit den Alben, von den Bäumen und Blumen tropften
-die Tränen, und selbst die Steine weinten, da Baldurs
-Sommer ihre Winternässe nicht mehr hinwegnahm.</p>
-
-<p>Loki saß in einer Höhle und fürchtete fiebernd für<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-sein Neidlingswerk. Er nahm die Gestalt eines Riesenweibes
-an und nannte sich Thock, als die Boten der
-Asen bei ihm einkehrten, das ist: das Dunkel.</p>
-
-<p>Und die Boten sprachen: »Du bist das letzte Wesen,
-das wir fanden und noch nicht baten. So bitten wir
-auch dich: Weine, weine um Baldurs, des Vielgeliebten,
-Tod und Wiederkehr.«</p>
-
-<p>Die Riesin Thock wiegte kaum den Kopf.</p>
-
-<p>»Ich heiße das Dunkel und dämmere im Dunkel
-dahin. Was schiert mich der lichte Baldur! Sein Leben
-hat so wenig Nutzen für mich wie sein Sterben, und
-mein Auge hat keine Tränen. Hel behalte ihr Eigentum.«</p>
-
-<p>Sie verschwand in der Tiefe der Klüfte, und die
-Boten erkannten entsetzt, daß es Loki gewesen war.</p>
-
-<p>Gebrochen kehrten sie heim durch die Tränenbäche
-der Welt, die umsonst geflossen waren, und kündeten
-den Göttern das Geschehnis. In tiefem Schweigen vernahmen
-es die Asen. Sie blickten auf Wodan, den
-Vater. Der saß wie aus Stein, nur sein Einauge blitzte.
-Endlich erhob er sich.</p>
-
-<p>»Die als Götter gelebt haben, müssen auch als Götter
-zu sterben wissen. Sprecht es weiter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p>
-
-<p>Und er hüllte sich in Mantel und Hut, um Mimirs
-stillen Quell aufzusuchen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein Gastmahl bot Ägir, der Beherrscher der Meere,
-den Asen an, um sie seiner Freundschaft zu versichern.
-Und sie gingen alle hin, die Götter und Göttinnen,
-auf ein paar Stunden anderen Sinnes zu werden.
-Denn Ägirs kristallene Halle war eine Freistatt, und
-Frevel war, sie durch Streit zu entweihen.</p>
-
-<p>So saßen sie bei dem Meerbeherrscher und freuten
-sich des Mahles und des Metes, und nur der Donnerer
-war abwesend. Plötzlich aber vernahmen sie heftigen
-Wortwechsel und sahen Loki, der sich die unantastbare
-Freistatt zu nutze machte und einzutreten begehrte. Als
-ihm der Türhüter den Zutritt um des Friedens willen
-Diener wehrte, schlug ihn der erboste Loki so hart, daß
-der treue entseelt zu Boden sank.</p>
-
-<p>In wilderwachtem Grimm sprangen die Asen auf
-und griffen zu den Waffen, den Bösewicht unschädlich
-zu machen. Der aber berief sich höhnend auf die Heiligkeit
-der Freistätte und erzwang sich seinen Platz an der
-Tafel. Und während er frech zugriff und den Metkrug
-leerte wie ein gerngesehener Gast, überschüttete er Götter
-und Göttinnen mit Schmähreden, warf dem einen Ungerechtigkeit,
-Treulosigkeit, dem anderen Feigheit, Gier,<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-Geilheit den Dritten vor und zieh die Göttinnen der
-Schamlosigkeit, der Unzucht und aller Weiberuntugenden
-von tausenden von Jahren. Seine Lästerzunge lief
-wie ein Rad. Er wußte, daß er verfemt war, und
-wollte darum Gift und Galle seiner verdorbenen Seele
-über die früheren Bank- und Fahrtgenossen ausspritzen,
-bevor er auf immer verschwinden mußte. Er schonte
-selbst die Himmelsmutter nicht und nicht die goldhaarige
-Sif, als Sifs Gatte, der Donnerer, eintrat und der
-Lästerzunge Einhalt gebot.</p>
-
-<p>»Du willst mir gebieten?« höhnte ihn Loki, »du, der
-sich im Däumling eines Riesenhandschuhs verkroch?«</p>
-
-<p>Schweigend griff der Donnerer nach dem Hammer
-Mjolnir. Die Sprache verstand der Verräter.</p>
-
-<p>»Zum letzten Male sitzt ihr bei Ägir zum Trunk!
-Das letzte Bier hat er euch gebraut! Feuer soll bald
-diese Halle verzehren, wie euch Asen der Wolf verschlingen
-wird und Muspels Feuer und meine Tochter,
-die Hel!«</p>
-
-<p>Kreischend schrie er seine Verwünschungen, und bevor
-die Götter einen Gedanken zu fassen vermochten,
-stürzte er sich in Gestalt eines Lachses ins Wasser und
-war verschwunden.</p>
-
-<p>Die Asen machten sich auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<p>»Der Tod wäre zu große Wohltat für solchen Bösewicht,«
-und sie kamen überein, ihn zu fangen und so
-zu fesseln, daß sein Weiterleben eine einzige Kette von
-Qualen bilden solle.</p>
-
-<p>Von seinem Hochsitz aus blickte Wodan forschend in
-die Welt. Und er gewahrte Loki in einem Hause mitten
-in der Felsenwildnis sitzen, und das Haus war über
-einen Sturzbach gebaut und trug Fenster in allen vier
-Wänden. Beständig auf der Hut, lugte Loki rastlos nach
-allen Himmelsrichtungen aus und flocht dabei ein Netz,
-um Fische ins Garn zu locken.</p>
-
-<p>Jäh sprang er auf. Er hatte das Nahen der Asen
-erspäht. Und mit einem Satz war er als Lachs in dem
-Sturzbach verschwunden.</p>
-
-<p>Da fanden die Asen das Netz und nahmen es und
-zogen es quer durch den Sturzbach. Zweimal schnellte
-sich der Lachs über das Hindernis und verschwand in
-der Tiefe. Beim dritten Male geriet er in das Netz und
-hätte das Netz mit sich weggerissen, wenn nicht der
-Donnerer, der bis zur Brust im Wasser stand, zugegriffen
-und den Lachs beim Schwanze erwischt hätte.
-Da half kein Drehen und Winden, des starken Asen Faust
-riß ihn aus dem Netz, das sich der Böse selber gefertigt
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p>
-
-<p>Loki, der Verderber des Himmels und der Erden, lag
-vor den Göttern.</p>
-
-<p>Das Urteil war bald gefällt. In der Felsenwildnis,
-in die er sich begeben hatte, schmiedete man ihn an, den
-nackten Rücken auf den messerscharfen Felsenkanten, ihn,
-der vom Gott zum Unhold gesunken war. Sein verzerrtes
-Antlitz richtete man nach oben, daß er es nicht nach
-rechts, nicht nach links zu wenden vermochte, und befestigte
-über seinem Gesicht eine ekele Schlange, die ihm unaufhörlich
-die Gifttropfen ihres Schlundes wie brennendes
-Feuer ins Gesicht fallen ließ. Verlassen und verloren
-sollte er liegen und Qualen leiden bis an der Welt
-Ende.</p>
-
-<p>Die rächenden Götter waren heimgekehrt. Schaurig
-lag die Felseneinöde, durchgellt von den Schreien des
-Verdammten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da tastete es auf nackten Sohlen durch die Felsenwildnis.
-Da huschte es auf blutigen Füßen durch das
-messerscharfe Gestein, und weitaufgerissene Frauenaugen
-suchten und suchten den Ort der Verdammnis, bis sie
-ihn fanden. Weiter huschte die Frau, bis sie neben dem
-Körper des Gefesselten niederglitt.</p>
-
-<p>Das war <em class="gesperrt">Signy</em>, des Bösen mißhandeltes Eheweib,
-dessen treues Werben er immerdar verspottet und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-Untreue gelohnt hatte. Was wußte Signy davon und
-von allen ihren Leiden? Sie sah nur den Mann, den
-sie geliebt hatte in seiner Schönheit und in seinen
-Fehlern, und den sie heute in seiner Qual mehr noch
-lieben mußte als je zuvor. Signy allein war zu ihm
-gekommen.</p>
-
-<p>An seinen Fesseln biß und zerrte sie, ohne sie um
-Haaresbreite zu lockern. Ohnmächtig sank sie zuletzt
-in die Felsen. Aber das Brüllen des Verurteilten jagte
-sie wieder auf. Die Gifttropfen der Schlange zerbrannten
-und zerfraßen Loki das Gesicht. Und Signy ergriff
-einen Scherben und hockte sich neben den Mann und fing
-in ihrem Scherben die Gifttropfen auf, die niederfielen.</p>
-
-<p>War die Schale gefüllt, so mußte sie sich einen Herzschlag
-lang wenden und die Schale entleeren. Dann
-fielen die Tropfen aus der Giftschlange Schlund aufs
-neue dem Elenden in die Augenhöhlen, daß er aufbrüllte
-vor wahnsinnigem Schmerz und sich in den Fesseln
-bäumte, daß die Menschen in allen Ländern erschrocken
-niederfielen und meinten, ein Erdbeben erschüttere die
-Grundfesten der Welt.</p>
-
-<p>Und wieder saß Signy, die Treue, neben dem ungetreuen
-Manne und hielt ihm die Schale vor das Gesicht,
-wieder und wieder, in unermüdlicher Geduld.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_letzte_Kampf">Der letzte Kampf.</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Eiskalt ward es auf Erden. Baldur war tot, und
-Frühling und Sommer starben hastig ihm nach.
-Jäh brach der Winter herein, ein Winter, wie er nie
-erlebt wurde, seitdem die Welt erschaffen war. Die
-Bäume platzten auf in dem scharfen Frost, und ihr Saft
-rann die Stämme hinab, gefror und verstopfte die Poren.
-Die Pflanzen und Blumen traf's bis in den Wurzelstock,
-und die Kälte preßte ihnen die letzten Tränen aus
-und ließ sie vergehn wie zersplittertes Glas. Selbst die
-Steine schwitzten ihr weißes Blut, dehnten sich in klingenden
-Seufzern und zersprangen zu Staub.</p>
-
-<p>Baldur war tot, und es war nicht Frühling und nicht
-Sommer mehr.</p>
-
-<p>Frost lief durch die Welt, und er tötete die Äcker,
-die Wiesen, die Wälder. Im Starrkrampf lag das
-Leben.</p>
-
-<p>Und als müsse ein Leichentuch her, Tod und Sterben
-zu decken, setzte ein Schneesturm ein, der unaufhörlich
-tobte, unaufhörlich seine weißen Massen auf die Erde
-schleuderte. So dicht brausten und wirbelten die Flocken,
-daß aller Raum zwischen Himmel und Erde ausgefüllt
-schien, daß die Sonne vom Himmel verschwand und der<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-Tag von der Nacht verschlungen blieb in der immerwährenden
-Finsternis.</p>
-
-<p>Drei Jahre lang dauerte der eine Winter, den kein
-Frühling milderte, kein Sommer durchbrach. Drei Jahre,
-die nicht enden wollten, gingen dahin in einem einzigen
-Winter.</p>
-
-<p>Da türmte sich das Eis zu Gletschern und rückte vor,
-von den Eisriesen gepeitscht, die nach dem Licht verlangten.
-Da begann das Feuer in Muspelheim, das
-hinter Eisesmauern keinen Ausweg fand, zu kochen und
-zu zischen, und seine eingeschlossenen Dämpfe suchten
-sich zu entladen. Bis zu den Wolken sprang der Gischt
-des Meeres, das enger und enger zusammengetrieben
-wurde in seinem Becken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah
-mehr.</p>
-
-<p>Er sah die Menschen dem heraufziehenden Schicksal
-unterliegen. Baldur war tot, und alle Gesittung starb
-ihm nach. Frost und Hunger und Finsternis machten
-aus Menschen gierige Tiere, die da raubten und mordeten
-und plünderten, nur um des eigenen Bauches
-willen. Alle Bande des Blutes, alle Bande der Gesetze
-brachen. Brüder erlegten Brüder, Ehen wurden gebrochen,
-Unzucht herrschte und Faustrecht. Ganze Stämme<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-zogen aus und warfen sich blutgierig auf friedliche Nachbarstämme,
-um sie zu vertilgen. Schlachten wurden geschlagen
-aus roher Mordlust und nicht um Heldenehren
-willen. Ehre der Väter war eine Sage, und Macht ging
-vor Recht. Beilzeit war und Schwertzeit, Windzeit und
-Wolfzeit. Nicht einer schonte des anderen mehr, und
-jedermanns Hand war wider jedermanns Hand.</p>
-
-<p>Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah
-mehr.</p>
-
-<p>Er sah zwei Wölfe der Riesen am Himmel jagen,
-und der eine jagte die Sonne, der andere den Mond.
-So stark waren sie geworden, weil die Menschen ihre
-Toten unbeerdigt ließen und die Wölfe sich vom Leichenfleische
-mästeten. Schon kamen sie den Fliehenden nahe
-und packten sie in der Flanke, daß Sonnenfinsternis
-wurde und Mondfinsternis und die Menschen der Erde
-aufheulten in irrsinniger Wirrnis. Noch einmal rissen
-sich Sonne und Mond los von ihren Bedrängern und
-stürmten weiter durch die mit ihnen jagenden Wolken,
-daß ihre Lichter aufblitzten und verschwanden und ihre
-Schatten im Taumel über die Erde tanzten.</p>
-
-<p>Beilzeit, Schwertzeit &ndash; Windzeit, Wolfzeit!</p>
-
-<p>Dann warf sich Wodan wie in alten Tagen auf sein<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-Sturmroß und jagte hinaus an der Spitze seines Geisterheeres
-mit Hussa, Horridoh und Peitschengeknall und
-säuberte die Lüfte vom tollsten Spuk, und die Menschen
-hielten ihn und seine wilde Jagd für der Spuke größten.
-Hinter ihm aber ballte es sich wieder zusammen und
-stürmte in Wut und Wirrnis, und Allvater saß auf
-dem Hochsitz und sah und wußte alles.</p>
-
-<p>Und er sah, wie die Feuer in Muspelheim sich zur
-Siedehitze gesteigert hatten, und er erhob sich und sah,
-wie sie, zu aller Kraft zusammengefaßt, sich donnernd
-entluden und die lastenden Gletscherberge sprengten und
-in wildgewordener Freiheit ihre Flammen über die Erde
-und gen Himmel schlugen. In allen Fugen erkrachte
-die Welt, das feste Land hob und senkte sich wie tobende
-Meeresflut, Klüfte verschlangen die entwurzelten Wälder,
-Berge türmten sich über Berge und stürzten in die
-kochende See, und die See flutete über und ersäufte die
-Küsten, die Midgardschlange stieg geifernd empor, suchte
-das Land und wälzte sich vorwärts, und die Sterne
-fielen erloschen vom Himmel.</p>
-
-<p>Und in die grausenden, brausenden Schrecknisse hinein,
-über sie hinweg und sie alle übertönend, schrie wie
-ein Adlerschrei lang und gellend ein Hornruf.</p>
-
-<p>Heimdalls Horn!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p>
-
-<p>Heimdalls Horn rief die Asen, rief die Einherier,
-rief alle Asgardmänner auf zum letzten Kampf.</p>
-
-<p>Da eilten die Götter, Wodans letztes Gebot zu empfangen,
-und umstanden, tief atmend, den Vater der
-Schöpfung.</p>
-
-<p>Und Allvater sprach:</p>
-
-<p>»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen
-neu, wenn sie sich würdig erwiesen. Würde ist nicht
-das bißchen Tugend des Tages. Würde ist, für sein
-Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
-<em class="gesperrt">un</em>sterblich. Wohlauf denn, ihr Asen und ihr Helden
-alle, nun folgt mir nach in die Unsterblichkeit.«</p>
-
-<p>Da waffneten sich Götter und Helden mit ihren
-besten Waffen, in unabsehbaren Scharen zogen die Einherier
-aus, und mit den Walküren ritten die Göttinnen,
-den Ger in der Faust.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der rote Hahn des Riesenreiches krähte in den Morgen
-und rief die Schläfer wach, wie der goldene Hahn krähte
-in Asgard und der nußbraune Hahn in der Hel.</p>
-
-<p>Ganz Riesenheim tobte in hellem Aufruhr. In
-Scharen krochen Schwarzalben und Trolle aus Klüften
-und Schluchten und spornten kreischend die Riesen an.</p>
-
-<p>Die jauchzten auf, als der Wirbel der Flut, aus der
-die Midgardschlange sich wälzte, das Schiff <em class="gesperrt">Naglfar</em><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-flottmachte, das Nagelschiff, das aus den unbeschnittenen
-Nägeln der Toten erbaut wurde. Nie wäre es fertig
-geworden, hätte Baldur gelebt. Denn die Gewissenspflicht
-gebot den Menschen, ihren Toten vor der letzten
-Ausfahrt die Nägel zu beschneiden, damit die finsteren
-Mächte sie ihnen nicht nehmen konnten zum Bau von
-Naglfar. Wer aber von den Menschen fragte noch nach
-der Pflege der Toten? Beilzeit war und Wolfzeit.</p>
-
-<p>Der Reifriesenfürst <em class="gesperrt">Hrymir</em> bemannte das Schiff
-und steuerte die Tausende gegen Asgard.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aufs neue stöhnt von der Entladung der Flammen,
-die Eis und Stein durchbrechen, die Welt in allen
-Fugen. Ein Sterbeschauer durchbebt die Weltesche
-Yggdrasil, und die Brunnen an ihren Wurzeln schäumen
-über.</p>
-
-<p>Zum letzten Mal beugt sich Wodan über den Brunnen
-Mimirs und raunt mit dem Haupte des Urweisen.
-Dann schreitet er einsam nach Asgard zurück, bindet
-den Goldhelm unter dem Kinn und greift nach dem
-Speere Gungnir. Er kennt sein Schicksal. Sein Einauge
-blickt groß und königlich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein neuer Donnerschlag erschüttert das Weltall. Die
-Flammen haben die Gewalt. Schlag folgt auf Schlag,
-ein tosendes Erdbeben dem anderen, daß kein Felsen<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-auf dem andern bleibt. Ein Jubelgeheul macht die
-Lüfte erdröhnen. <em class="gesperrt">Loki</em> ist losgekommen! Die Felswand
-ist geborsten, die seine Fesseln hielt, die Fesseln
-sind zerplatzt! Hinstürmt er zur Hel, seiner grausigen
-Tochter, und ruft die Mörder und Schufte, die Meineidigen
-und die Hochverräter der Helleute auf zum
-Kampf gegen die Götter. Entvölkert ist Hel, denn die
-guten Geister sind geflüchtet im blutigen Wirrsal der
-Geschehnisse. Aber mit wüstem Totenvolk überladen,
-steuert Loki das Schiff der Hel gegen Asgard.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">Fenris</em> ist los, der wahnsinnige Wolf, wie Loki,
-sein Vater, loskam. Blutigen Schaum an den Lefzen,
-jedes Haar gesträubt, kommt er gerannt, und Loki
-schreit ihm zu und nimmt ihn an Bord des Höllenschiffes.</p>
-
-<p>Blitzend aber reitet der schwarze <em class="gesperrt">Surtur</em> heran, der
-Fürst der zerstörenden Feuergewalten. Auf tausenden
-von Flammenrossen folgen ihm die Seinen. Über die
-Brücke Bilfrost reiten sie gegen Asgard, und die Himmelsbrücke
-birst unter den Hufen ihrer Pferde.</p>
-
-<p>In Rauch und Flammen gehüllt, kreist die entsetzte
-Erde, und die Zwerge hasten an den verschütteten
-Höhlen auf und nieder und suchen wimmernd den Eingang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p>
-
-<p>Zum zweiten Male stößt Heimdall ins Horn, gellend
-und gebietend wie Adlerruf. Da ordnen sich die Scharen
-der Asen und Einherier.</p>
-
-<p>Und zum dritten und letzten Male stößt Heimdall ins
-Horn. »Vorwärts, ihr Asengötter, vorwärts, ihr Einherierhelden,
-in die Unsterblichkeit!«</p>
-
-<p>Aufsprangen die fünfhundertundvierzig Türen Walhalls.
-Und die Wodansmänner zogen aus zu Fuß, zu
-Roß und zu Wagen, und Walvater Wodan führte sie.</p>
-
-<p>Auf dem Sturmroß Sleipnir ritt er in schimmernder
-Brünne, den Goldhelm auf dem Haupt, den Todesspeer
-in der Hand. An seiner Seite schritt wuchtenden
-Ganges der Donnerer, den Hammer Mjolnir in der
-Faust. Unbeirrt ihnen nach alle die anderen, die Todesmutigen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf der Ebene Wigrid, dem Kampfreitplatz vor
-Walhall, treffen sie auf den Feind, der wie nimmer sich
-erschöpfende Wasserfluten anschwillt und vorwärtsdrängt.
-Hoch hebt sich Wodan in den Steigbügel. Sein
-Einauge funkelt und blitzt. Und zischend fährt sein
-Todesspeer als erster Kampfgruß über die Köpfe der
-Drängenden.</p>
-
-<p>Schon sind die Massen im Kampf. Surturs Feuerreiter
-verbrennen Wiesen und Weiden. Aber die Einherier<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-fürchten nicht Flammen noch Rauch. Nicht umsonst
-ist Sigurd durch die wabernde Lohe zu Brynhild,
-der Walküre geritten, nicht umsonst kämpften die Helden
-alle in brennenden Hallen. Mit dem Blute der Erschlagenen
-dämpfen sie die Glut des Kampfplatzes und
-werfen die Brandreiter zurück.</p>
-
-<p>Mit den Riesen vermengen sich die Leute der Hel
-und wüten wie Tiere. Felsen schleudern die Riesen, die
-zermalmend niederschmettern, und die Helleute geben
-den Verwundeten den Rest mit dem feigen Dolch. Der
-Donnerer sieht es. Schon ist er mitten unter ihnen.
-Von den Riesen kennt er die meisten. Nun lernen sie
-seinen Hammer kennen. Der krachte in die Schädeldecken
-und fuhr im Schwung in des Gottes Faust zurück,
-um sie im Schwunge wieder zu verlassen und Schädel
-zu zertrümmern, Schädel, nichts als Schädel.</p>
-
-<p>Wo die Gefahr am größten war, dorthin spornte
-Wodan sein Roß. Mit dem Schwerte schlug er die Gefährten
-aus den blutigen Knäueln heraus, sammelte die
-Aufatmenden um sich und führte sie aufs neue ins
-Handgemenge. Mit der Peitsche holte er die Schwarzalben
-und tückischen Trolle aus der Luft, daß sie
-wimmernd verschieden. Wo Wodan ritt, häuften sich
-Leichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span></p>
-
-<p>Und plötzlich erschauert die Welt, wie sie nie erschauert
-war.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Fenriswolf</em> rennt. Alle Grenzen hat seine
-losgelöste Wut überschritten. Mit aufgerissenem Rachen
-rennt er, daß sein Unterkiefer über die Erde fegt und
-sein Oberkiefer die Wolken durchstößt. Alles schlingt er
-herunter, was zwischen Himmel und Erde ist.</p>
-
-<p>Da packt selbst die Tapfersten lähmendes Grauen,
-und die Schar der Asen, die Haufen der Einherier
-weichen zurück. Wodan sieht es. Er weiß, das Werk
-der Götter ist noch nicht vollbracht. Kein neuer Himmel
-kann sein, wenn die alten Unholde bleiben.</p>
-
-<p>Ein Opfer muß her!</p>
-
-<p>Wer bringt das Opfer, das ein Leben verlangt?</p>
-
-<p>Der Führer bringt es, wer sonst?</p>
-
-<p>Dem rasenden Wolfe entgegen wirft sich Wodan, der
-Eine allein. Er schwingt sich vom Roß, und der wütende
-Wolf schlingt den ledigen Hengst. Wodan greift an. Er
-hemmt des Untieres Lauf und bringt es aus der Bahn.
-Asen und Einherier sammeln sich. Sie kommen zu sich
-und sehen: es gibt keine Gefahr, die ein Mutiger nicht
-angehen kann. Das aber hat Walvater gewollt. Dafür
-ist die Preisgabe des besten Lebens nicht zu groß. Im<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-Kampf mit dem Fenriswolf endet das seine. Wodans
-Königsseele weicht ins All.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Widar gewahrt es, der »Gott mit dem Schuh«, der
-Wodanssohn. Nun kommt ihm der Schuh, der das Leder
-aller Länder als Opfergaben trägt, wohl zu statten. Er
-tritt dem Wolf in den Rachen und stemmt ihm mit dem
-zentnerschweren, undurchdringlichen Schuh den geifernden
-Unterkiefer auf dem Erdboden fest. Mit der Linken
-packt er den Oberkiefer. Die Rechte, die Schwerthand,
-hält die zweischneidige Klinge. Weit aus holt Widar
-und stößt dem Untier das Schwert bis an den Knauf
-durch den Rachen ins Herz. Blutrache! Blutrache für
-Allvater Wodan.</p>
-
-<p>Da ward das Werk vollendet. Da brachen die Asen
-und Einherier wie Wetter in den Feind, das Vorbild zu
-erreichen, im Sterben würdig zu sein ihres Lebens, das
-ist: würdig der Unsterblichkeit.</p>
-
-<p>Giftschnaubend wälzte sich die <em class="gesperrt">Midgardschlange</em>
-heran. Ihr Pesthauch allein tötete. Aber schon stand
-der Donnerer vor ihr, der sie schon einmal an der
-Angel fing, als er Hymirs Kessel holte. Aufbäumte sich
-die Riesenschlange gegen den alten Todfeind. Diesmal
-entging sie ihrem Schicksal nicht. Der Hammer Mjolnir
-stand funkelnd über ihrem Haupt, und der Zermalmer<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-durchschlug ihr den Schädel. In einer Wolke von giftigem
-Odem verging die Midgardschlange. Neun Schritte tat
-der Donnerer in der Giftwolke zurück. Dann verging
-ihm der Atem. Er, der den Menschen mit Blitz und
-Donner die Lüfte gereinigt hatte, konnte nicht leben im
-Dunst des Wurms. Die Freiheitsaugen brachen ihm.
-So folgte er Wodan.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und Freyer, der Sonnengott, folgte, vom Schwerte
-Surturs, des unheilig lodernden Feuers, getroffen. Und
-Ziu, der furchtlose Schwertgott, den die Nordmänner
-Tyr anriefen und dem die Jünglinge ihre Schwertertänze
-weihten, er, der dem Fenriswolf einstens die
-Rechte in den Rachen gelegt hatte, traf auf den leichenzerreißenden
-Hund der Hel, und während ihn der Hund
-zu Tode biß, erwürgte er ihn. Heimdall aber, der treue
-Wächter, stieß auf Loki, den Verräter, den er schon einmal
-im Kampf um Freyas Halsgeschmeide Brisingamen
-bestanden hatte, und so wild gingen sie aufeinander an
-und so wenig wollten sie voneinander lassen, daß sie
-beide von Wunden überdeckt zu Tode sanken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In dem Glutmeer, das Surtur entfachte, ist nicht
-mehr zu leben. Und dennoch geht das Würgen weiter,
-weiter bis auf den letzten Mann. Die Walküren sind
-gefallen, die gerbewaffneten Göttinnen mit ihnen. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-Einherier, die Germanenhelden, haben sich den Göttern
-gleich erwiesen und die Riesen und Unholde trotz ihrer
-Übermacht zu eklem Brei gestampft. Fast mit den letzten
-Feinden fallen ihre Letzten. Die riesischen Wölfe haben
-Sonne und Mond erreicht und sie verschlungen. Aber
-die Sonne gebar in ihrer Not ein Kind, und es spielt
-abseits auf einer Himmelswiese.</p>
-
-<p>Durch die Welt lodert das Feuer, und das Eis der
-Gletscher schmilzt und wirft sich in Wasserströmen über
-glühende Erde, bis endlich, endlich die Glut erlischt.</p>
-
-<p>Nacht bricht herein. In Nacht versinkt die sterbende
-Welt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Und ein Tag bricht an, ein neuer Tag.</p>
-
-<p>Das spielende Sonnenkind hebt sich am Himmelsrand
-und lacht in Unschuld auf die Erde nieder. Es
-lockt und schmeichelt und tut schön mit seinen hellen
-Augen und seinen warmen Händen, bis es unter dem
-Schutt sich regt, den Feuer, Wasser und Erde hinterlassen
-haben, und ein paar schüchterne Gräser hervorkeimen.
-Ah, wie ist die Luft so klar und rein, das Leben
-so köstlich und lebenswert. Bald ist der Boden von
-Blumen übersäet, die Sträucher schlagen aus, die<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-Bäume treiben Knospen. Und aus einem hohlen Baumstamm,
-der sich über und über mit Laub bedeckt, tritt
-ein Menschenpaar, das sich vor Feuersbrunst und Wasserflut
-in die rettende Höhlung geflüchtet, tastet sich furchtsam
-vor und steht überrascht in der neuen Sonne, dem
-neuen Lenz der Erde, dem neuen Menschenfrühling.</p>
-
-<p>Und das überglückliche Menschenpaar hebt seine
-Augen und sucht seine Götter.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Über Asgards verwüstete Fluren schreitet ein Wanderer.
-Schlank ist er und ewigjung, und goldrote Locken
-wehen ihm um die Schläfen. Er kommt aus der Hel
-gewandert, die verlassen liegt. Und wo er geht, ist Licht
-und Wärme, Werden und Schöpfermut.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Baldur</em> ist heimgekehrt. Nun muß alles Leben auferstehen.</p>
-
-<p>An der Hand führt er Hödur, den blinden, der ihn
-einst mit der Mistel niederwarf. Wie Brüder wandern
-sie Hand in Hand, und wenn der eine im Schlaf neue
-Kräfte sammelt, wacht der andere. Bald Baldur, bald
-Hödur. Tag und Nacht haben sich gefunden und sich
-verbunden zum Wohle der Welt und ihrer Kräftigung.
-Tag und Nacht, Sommer und Winter.</p>
-
-<p>Unter Baldurs Schritten wachen die Fluren Asgards
-auf. Es grünt und blüht auf allen Gefilden, und kein<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-Platz ist mehr für üble Gelüste und unwürdig Tun.
-Die Luft ist geläutert. Frühling&nbsp;&ndash;!</p>
-
-<p>Es ist das alte Asgard nicht mehr, ein neues blüht
-aus den Kampfestrümmern und will neues Glück.
-<em class="gesperrt">Idafeld</em> nennt Baldur das alte Asgardland, das »Feld
-der Auferstehung«.</p>
-
-<p>Und wie er hinausblickt über alle Wege, sieht er
-zwei Wanderer schreiten von rechts und zwei Wanderer
-von links. Und die Wanderer von rechts erreichen ihn,
-und es sind die Wodanssöhne Widar und Wali. Widar,
-der den Vater rächte, und Wali, der Blutrache nahm
-für den Bruder Baldur. Darum gehen sie in den neuen
-Himmel der Germanen ein. Und die Wanderer von
-links treten hinzu, und es sind die Donarsöhne Modi
-und Magni, die den Hammer des Donnerers bringen,
-mit ihm des Vaters Kraft und den Zorn seiner Gerechtigkeit.</p>
-
-<p>Nach links und nach rechts streckt Baldur seine Hände,
-Glückslachen auf den Lippen.</p>
-
-<p>»Wodan und Donar, ihr konntet nicht sterben, ihr
-lebt fort im Germanenvolk in verjüngter Gestalt, ewig
-und ewig, solange der Donner kracht zur Sommerzeit,
-solange der Herbststurm braust und ein Menschenaug
-in Wolken die wilde Jagd erblickt. Willkommen ihr alle<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-zu neuen Schöpfungswerken! Den Frieden wollen wir
-im Himmel und auf Erden. Den Frieden der Freien.
-Keinen anderen Frieden für und für. Deß sei uns
-des starken und gerechten Donars Hammer ein
-Zeichen.«</p>
-
-<p>Sie legen die Hände ineinander zum Schwur und
-schaffen einen neuen Hochsitz.</p>
-
-<p>»Für den großen Gott, der uns führen wird.«</p>
-
-<p>Und sie sprechen Allvaters Worte nach:</p>
-
-<p>»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen
-neu, wenn sie sich würdig erwiesen. Würde ist nicht das
-bißchen Tugend des Tages. Würde ist, für sein Leben
-und Schaffen sterben können. Das allein macht <em class="gesperrt">un</em>sterblich.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Zu allen Zeiten lebte das Germanenvolk wie seine
-Götter. Der Götter Tugenden waren die seinen und
-der Götter Fehler, der Götter Kraft und der Götter
-Kriege, der Götter Niedergang und der Götter Auferstehung.
-Du aber, mächtigster Germanenstamm, deutsches
-Volk, von der Maas bis an die Memel, von der
-Etsch bis an den Belt, erkenn aus der Urväter Tagen,
-daß deine Götter und Helden niemals dem Schicksal<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-schwächlich in die Augen sahen, daß sie es kühn erwarteten
-und sich bis aufs letzte Blut mit ihm schlugen,
-wie Männer tun im deutschen Zeichen des Hammers.
-Vom Blute Wodans lebt es in dir, vom Blute Donars,
-vom Blute Baldurs, und &ndash; so der große Gott, »der
-uns führen wird«, uns liebt, weil wir Männer sind
-und keine Knechte &ndash; immerdar vom Blute</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Hermanns, des Cheruskers</em>.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2"><em class="antiqua">Verlag von Quelle &amp; Meyer in Leipzig</em></p>
-</div>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">RUDOLF HERZOG</em></p>
-
-<p class="h2">Preußens Geschichte</p>
-
-<p class="center">31. bis 40. Tausend / 390 Seiten mit zahlreichen schwarzen Bildern
-von Prof. A. Kampf / Buchschmuck von Prof. G. Belwe / Geb. M. 6.60.</p>
-
-<p class="noind">»Alle wichtigen Epochen, alle hervorragenden Herrschergestalten sind
-hier in der <em class="gesperrt">fesselnden Erzählungsweise</em> Herzogs, in seinem
-feinen Stil geschildert. Man weiß nicht, ob man mehr die packenden,
-feingemeißelten Porträts der großen Preußenkönige oder die dramatisch
-bewegten Schilderungen der Schlachten von Fehrbellin, von Torgau,
-Leuthen, Leipzig, Königgrätz oder Sedan bewundern soll. Wie
-einen Roman, dessen Handlung wir mit Spannung folgen, lesen wir
-diese Schilderungen, die uns doch Altbekanntes in ganz neuem Lichte
-und Zusammenhang zeigen. <em class="gesperrt">Herrliche Balladen</em> unterbrechen zuweilen
-den Lauf der Darstellung. Gedichte wie ›Rheinsberger Tage‹,
-›Bei Torgau‹, ›Blücher zieht über den Rhein‹, ›König Wilhelms Heldenschau‹
-und andere mehr werden zu den <em class="gesperrt">Perlen patriotischer
-Dichtungen</em> zählen. Ein feiner Buchschmuck paßt sich der Stimmung
-des Ganzen trefflich an. Alles ist dazu angetan, diese Geschichte
-Preußens zu <em class="gesperrt">einem Volksbuch</em> werden zu lassen.«</p>
-
-<p class="right">
-Deutsche Revue.
-</p>
-
-<p class="h2">Ritter, Tod und Teufel</p>
-
-<p class="center">Gedichte / 61. bis 70. Tausend / 156 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.&ndash;.</p>
-
-<p class="noind">»Es gibt wohl kaum eine Stimmung in dem unheimlichen Wirbel
-der Kriegseindrücke, die den Dichter nicht zur Gestaltung gedrängt,
-deren Ausdruck ihm nicht gelungen wäre. Heldenmut und Treue, unerschütterliche,
-begeisterte, bis zur Selbstaufopferung hingebende Liebe
-zu Vaterland und Kaiser sind die Grundtöne, die die Sammlung durchklingen
-… <em class="gesperrt">Der Band ist eine köstliche Perle in dem reichen
-Schatze unserer Kriegslyrik.</em>«</p>
-
-<p class="right">
-Literarisches Zentralblatt f. Deutschland.
-</p>
-
-<p class="h2">Stürmen, Sterben, Auferstehn</p>
-
-<p class="center">Gedichte / 21. bis 30. Tausend / 127 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.&ndash;.</p>
-
-<p class="noind">»Die zweite Gedichtsammlung zeigt die gleiche <em class="gesperrt">glühende Vaterlandsliebe</em>
-und die gleiche Kraft im Ausdruck und Kunst der
-Stimmungsmalerei, denselben <em class="gesperrt">hohen Persönlichkeitswert</em> wie
-der erste Band, und doch finden sich auch wieder neue Züge in Stoff
-und Form, ja man ist versucht, eine noch <em class="gesperrt">größere Tiefe</em> der Empfindung,
-noch schwereren Ernst in den Gedanken an Tod und Unsterblichkeit
-in ihr zu spüren.«</p>
-
-<p class="right">
-Literarisches Zentralblatt für Deutschland.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2"><em class="antiqua">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger</em></p>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Stuttgart und Berlin</em></p>
-
-<p class="h2"><em class="antiqua">RUDOLF HERZOG</em></p>
-
-<table summary="Buchkatalog">
-<tr>
-<td></td><td class="tdrb">Geb. M.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Das goldene Zeitalter</b><br />
-Roman. 13. u. 14. Aufl.</td><td class="tdrb">6.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Der Adjutant</b><br />
-Roman. 15.&ndash;17. Aufl.</td><td class="tdrb">6.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Der Graf von Gleichen</b><br />
-Ein Gegenwartsroman
-39.&ndash;41. Aufl.</td><td class="tdrb">8.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Die vom Niederrhein</b><br />
-Roman. 86.&ndash;95. Aufl.</td><td class="tdrb">8.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Das Lebenslied</b><br />
-Roman. 101.&ndash;110. Aufl.</td><td class="tdrb">8.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Die Wiskottens</b><br />
-Roman. 141.&ndash;150. Aufl.</td><td class="tdrb">8.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Der alten Sehnsucht Lied</b><br />
-Erzählungen.<br />
-15. u. 16. Aufl.</td><td class="tdrb">6.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Der Abenteurer</b><br />
-Roman<br />
-Mit Bildnis des Verfassers<br />
-46.&ndash;50. Aufl.</td><td class="tdrb">8.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Hanseaten</b><br />
-Roman. 101.&ndash;110. Aufl.</td><td class="tdrb">8.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Es gibt ein Glück …</b><br />
-Novellen. 34.&ndash;36. Aufl.</td><td class="tdrb">7.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Die Burgkinder</b><br />
-Roman. 131.&ndash;140. Aufl.</td><td class="tdrb">8.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Ausgewählte Novellen</b><br />
-Mit einer biogr. Einleit.
-von <em class="gesperrt">J. G. Sprengel</em>.<br />
-21.&ndash;25. Tausend</td><td class="tdrb">2.20</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Die Welt in Gold</b><br />
-Novelle. 16.&ndash;.20. Aufl.</td><td class="tdrb">2.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Das große Heimweh</b><br />
-Roman. 101.&ndash;105. Aufl.</td><td class="tdrb">9.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Die Stoltenkamps und ihre Frauen</b><br />
-Roman. 126.&ndash;135. Aufl.</td><td class="tdrb">9.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Jungbrunnen</b><br />
-Novellen. 51.&ndash;80. Aufl.</td><td class="tdrb">7.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Gedichte.</b><br />
-5. Auflage</td><td class="tdrb">3.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Wir sterben nicht!</b><br />
-Lieder und Balladen<br />
-2.&ndash;5. Auflage</td><td class="tdrb">3.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Die Condottieri</b><br />
-Schauspiel in vier Akten<br />
-3. Auflage</td><td class="tdrb">4.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Auf Rissenskoog</b><br />
-Schauspiel in vier Akten<br />
-2. Auflage</td><td class="tdrb">4.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Herrgottsmusikanten</b><br />
-Lustspiel in vier Akten<br />
-2. u. 3. Auflage</td><td class="tdrb">4.50</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Stromübergang</b><br />
-Dramatisches Gedicht in einem Aufzug<br />
-1.&ndash;10. Tausend</td><td class="tdrb">1.&ndash;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdlt"><b>Die Nibelungen</b><br />
-Des Heldenliedes beide Teile, neu erzählt.<br />
-Mit Bildern von Professor <em class="gesperrt">Franz
-Stassen</em>.<br />
-(Verlag von Ullstein &amp; Co., Berlin)</td><td class="tdrb">6.&ndash;</td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription.</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung
-der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Die Abbildung wurden an die zugehörige Textstelle verschoben, deren
-Seitenreferenz wurde entfernt.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 4: die ersten beiden Zeilen → Anfang von S. 3:<br />
-griffen nach
-<a href="#corr003">dem rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen
-Geistes, und als Erstes entstand ein Ungetüm, das alle</a>
-Erde, die da wurde,</p>
-<p>
-S. 6: Wil → Wili<br />
-Wodan, der junge, sah es, und er rief <a href="#corr006">Wili</a> und We,</p>
-<p>
-S. 120: Das → Da<br />
-<a href="#corr120">Da</a> war der Donnerer wohl zufrieden.</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Germaniens Götter, by Rudolf Herzog
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GERMANIENS GÖTTER ***
-
-***** This file should be named 56192-h.htm or 56192-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/6/1/9/56192/
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/56192-h/images/cover.jpg b/old/56192-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index dd37d0e..0000000
--- a/old/56192-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/illu-014.png b/old/56192-h/images/illu-014.png
deleted file mode 100644
index c7fb0d9..0000000
--- a/old/56192-h/images/illu-014.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/illu-035.png b/old/56192-h/images/illu-035.png
deleted file mode 100644
index ae226b9..0000000
--- a/old/56192-h/images/illu-035.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/illu-067.png b/old/56192-h/images/illu-067.png
deleted file mode 100644
index b4a6af6..0000000
--- a/old/56192-h/images/illu-067.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/illu-097.png b/old/56192-h/images/illu-097.png
deleted file mode 100644
index 4806dd8..0000000
--- a/old/56192-h/images/illu-097.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/illu-139.png b/old/56192-h/images/illu-139.png
deleted file mode 100644
index 81eb144..0000000
--- a/old/56192-h/images/illu-139.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/illu-153.png b/old/56192-h/images/illu-153.png
deleted file mode 100644
index 60d41e0..0000000
--- a/old/56192-h/images/illu-153.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/illu-title.png b/old/56192-h/images/illu-title.png
deleted file mode 100644
index 3847f2c..0000000
--- a/old/56192-h/images/illu-title.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56192-h/images/title.jpg b/old/56192-h/images/title.jpg
deleted file mode 100644
index da50c1e..0000000
--- a/old/56192-h/images/title.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ