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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 20:36:17 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Release Date: December 13, 2017 [EBook #56174] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - Nikolaus Gogol - Briefwechsel - - - - - Nikolaus Gogol - Sämmtliche Werke - In 8 Bänden - - - Herausgegeben - von - Otto Buek - - - Band 7 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1913 - - - Nikolaus Gogol - - - - - Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden - - - Herausgegeben - von - Otto Buek - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1913 - - - - - Vorrede - - -Ich lag an einer schweren Krankheit danieder; schon war ich dem Tode -nahe. Da raffte ich meine letzten Kräfte zusammen, die mir noch blieben, -benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich im vollen Besitz meiner -Geisteskräfte befand, und schrieb mein geistiges Testament nieder, in -dem ich unter anderm meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem -Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. Damit hoffte ich -wenigstens einen Teil der Schuld sühnen zu können, die ich durch die -Wertlosigkeit alles dessen, was ich bisher geschrieben hatte, auf mich -geladen hatte, denn meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an -die sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die Menschen -bedürfen, die ihnen not tun, als meine Werke. Gottes himmlische Güte -wandte die Hand des Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt -und ich fühle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde ich, wie schwach -meine Kräfte sind, und dies mahnt mich jeden Augenblick daran, daß mein -Leben an einem Haar hängt, und nun, wo ich mich zu einer weiten Reise -ins Heilige Land rüste, die meiner Seele ein Bedürfnis ist und während -deren mir vieles zustoßen kann, fühle ich den Wunsch, meinen Landsleuten -beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So wähle ich denn selbst -alles aus meinen letzten Briefen, die ich wieder in meinen Besitz -bringen konnte, aus, was sich auf solche Fragen bezieht, die die -Gesellschaft gegenwärtig am meisten beschäftigen, lasse alles beiseite, -was erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten kann, und scheide -alles aus, was nur für wenige von Bedeutung sein könnte. Dazu füge ich -noch zwei oder drei literarische Aufsätze hinzu, und endlich lege ich -dem Ganzen noch mein Testament bei, auf daß dieses, wenn mich der Tod -unterwegs ereilen sollte, als durch alle meine Leser bezeugt und -verbürgt, sogleich rechtmäßig in Kraft trete. - -Mein Herz sagt mir, daß mein Buch einem wirklichen Bedürfnis entspricht -und daß es vielleicht von einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies -nicht deshalb, weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und weil ich -mir zutraue, Nützliches wirken zu können, sondern weil ich noch niemals -so innig von dem Wunsche beseelt war, etwas Nützliches zu vollbringen, -wie heute. Für uns Menschen genügt es schon, wenn wir die Hand -ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber kommt nicht von -uns, sondern von Gott, der seine Kraft von oben auf uns herabsendet und -sie dem ohnmächtigen Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig -also mein Buch auch sein mag, ich wage dennoch, es der Öffentlichkeit zu -übergeben, und ich bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen; -zugleich aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen -Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu kaufen und sie an solche -Leute zu verteilen, die sich das Buch selbst nicht kaufen können, und -ihnen bei dieser Gelegenheit zu erklären, daß alles Geld, das nach -Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen wird, -übrigbleiben sollte, teils denen, die gleich mir das innere Bedürfnis -fühlen, während der kommenden großen Fasten nach dem Heiligen Lande zu -pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermögen, teils denen -zur Unterstützung dienen soll, mit denen ich auf dem Wege dorthin -zusammentreffen werde und die am Grabe des Herrn für ihre Wohltäter, d. -h. meine Leser, beten werden. - -Ich wünschte, ich könnte meine Reise vollenden wie ein guter Christ, und -daher bitte ich hiermit alle meine Landsleute um Verzeihung wegen aller -Kränkungen, die ich ihnen zugefügt haben sollte. Ich weiß, daß ich viele -Leute durch meine unüberlegten Handlungen und durch meine unreifen Werke -betrübt, viele sogar gegen mich aufgebracht und überhaupt bei vielen -Anstoß und Ärgernis erregt habe. Ich darf indessen zu meiner -Rechtfertigung sagen, daß meine Absicht stets gut war, und daß ich -niemand betrüben oder gegen mich aufbringen wollte; nur meine -Unbesonnenheit, meine Hast und Übereilung waren die Ursache, daß meine -Werke in so unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe -alle über ihren wahren Sinn getäuscht wurden. Alles andere dagegen, -wobei tatsächlich eine verletzende Absicht vorliegen sollte, bitte ich -mir mit jener Großmut zu verzeihen, deren nur die russische Seele fähig -ist, wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, mit -denen mich mein Lebensweg für längere oder kürzere Zeit zusammengeführt -hat. Ich weiß, daß ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten -bereitet habe, ja manchen sogar mit Absicht. Überhaupt hatte die Art -meines Verkehrs mit den Menschen stets etwas Unangenehm-Abstoßendes an -sich. Dies rührte teils davon her, daß ich einem Zusammentreffen und -einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege ging, da ich das -Gefühl hatte, ich hätte den Menschen noch nichts Gescheites und wirklich -Notwendiges zu sagen (und leere und überflüssige Redensarten wollte ich -nicht machen), und da ich zugleich davon überzeugt war, daß ich mich -selbst wegen meiner zahllosen Mängel und Fehler noch in einiger -Entfernung von den Menschen erziehen müsse. Zum Teil aber war es auch -die Folge meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns -eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, sich eine -Stellung unter den Menschen erobert haben, und die sich daher für -berechtigt halten, stolz auf die anderen herabzusehen. Wie dem auch sein -mag, ich bitte, mir alle persönlichen Kränkungen zu verzeihen, die ich -einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum gegenwärtigen -Augenblicke zugefügt haben sollte. Auch meine Berufsgenossen, die -Literaten, bitte ich um Verzeihung, wenn ich sie je bewußt oder unbewußt -geringschätzig oder ohne gebührende Achtung behandelt haben sollte; wem -es aber aus irgendeinem Grunde schwer werden sollte, mir zu vergeben, -den erinnere ich daran, daß er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der -Beichte, die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, alle -seine Brüder um Verzeihung bittet, so bitte ich sie um Verzeihung, und -wie in solch einem Augenblick kein einziger den Mut findet, seinem -Bruder nicht zu vergeben, so werden auch meine Brüder nicht den Mut -haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich bitte ich meine Leser -um Verzeihung, wenn auch in diesem Buche wieder etwas Peinliches -vorkommen sollte, das sie kränken oder beleidigen könnte. Ich bitte sie, -mir deshalb nicht innerlich zu zürnen, sondern mir statt dessen lieber -großmütig alle Mängel, die sie in diesem Buche entdecken sollten, sowohl -die des Schriftstellers wie die des Menschen, nachzuweisen: meine -Torheit, meine Unüberlegtheit, meine übermäßige Eitelkeit und -Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen -- mit einem Wort, alle die -Fehler, die allen Menschen eigen sind, auch wenn sie sie nicht erkennen, -und die ich wahrscheinlich in noch weit höherem Maße besitze. - -Zum Schluß bitte ich alle Russen, für mich zu beten, vor allem die -Priester, deren ganzes Leben ein einziges Gebet ist. Auch die bitte ich, -mich in ihr Gebet einzuschließen, die in ihrer Demut nicht an die Kraft -ihres Gebets glauben, wie auch die, die überhaupt nicht an das Gebet -glauben und es nicht einmal für notwendig halten; aber wie kraftlos, -dürr und matt auch immer ihr Gebet sein möge, ich bitte sie, in diesem -kraftlosen, dürren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber will am -Grabe des Herrn für alle meine Landsleute beten; kein einziger soll von -meinem Gebete ausgeschlossen bleiben; und mein Gebet wird ebenso -kraftlos, dürr und matt sein, wenn nicht der heilige allgütige Wille des -Himmels es zu einem Gebet machen wird, wie es in Wahrheit sein soll. - - Im Juli 1846. - - - - - I - Mein Testament - - -Völlig meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege -ich hier meinen letzten Willen nieder. - -I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher begraben werden soll, -als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich -erinnere ausdrücklich daran, weil mich schon während meiner Krankheit -Augenblicke der Ohnmacht überkamen, wo das Leben stockte, mein Herz -aufhörte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich während meines -Lebens schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an denen unsere -unvernünftige Übereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen -Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier -gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine -Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen -wird. Im übrigen aber soll man meinen Leib der Erde übergeben, ohne -lange zu überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine -Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknüpft werden. -Jeder sollte sich schämen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche -Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er -würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher -alle, lieber um so kräftiger für meine Seele zu beten, und statt aller -Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es -am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen -zu bewirten. - -II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu -errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen -unwürdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich -wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten: -und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch -unerschütterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung -und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu -höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm während meines -Lebens eigen war, der wird damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt -hat, daß er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal -errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwäche und Nichtigkeit, -meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der -letzten Zeit näher traten, hat in Stunden des Kummers und der -Entmutigung bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst -schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und -bekümmert war, als andere. So möge denn auch ein jeder von ihnen nach -meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und -noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn -geschrieben habe. - -III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen soll; ja, der -würde eine Sünde auf seine Seele laden, der meinen Tod für einen großen -und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein -sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon -begonnen haben sollte, so wie es sich gehört, meine Pflicht zu erfüllen, -und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk -- das ja -nicht dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not -tut -- begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wäre es dennoch -unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu überlassen. Selbst -wenn heute in Rußland ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen -Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch dies noch kein Grund für -einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon -richtig ist, daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen, -einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des göttlichen -Zornes ist, und daß wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt -werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns -alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei -jedem plötzlichen Verlust, sondern müssen in unser Inneres blicken und -nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der -ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit -und Verderbnis der Seele ist fürchterlich, warum aber erkennen wir das -erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen? - -IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich -davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen -guten Gedanken als Vermächtnis hinterlassen sollte), viertens vermache -ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat -- ich -hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel _Abschiedserzählung_ -trägt. Diese Erzählung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen -selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen größten -Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen -hat. Sie war mir ein Quell verborgener Tränen, seit den Tagen meiner -Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein ich -flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung und Beleidigung -anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushören -sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers -besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten; -er muß strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen -Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine -Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute -mögen doch bedenken, daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt -verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns -etwas wie eine Lehre, eine brüderliche Mahnung zu hinterlassen, und -dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung -bekleidet, noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger -Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, daß ein Mensch, der auf -dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein -solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses -mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich es doch nicht -gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner Abschiedserzählung heraushören -wird; denn nicht mir, dessen Seele häßlicher und sündhafter ist, als die -aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit -krankt, kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was mich dazu -treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar. -Die Seele möchte vor Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der -überirdischen Majestät und Erhabenheit des Jenseits und jener höchsten -geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen die ganze Größe alles -Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen -setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken an -all die monströsen gigantischen Gebilde und Früchte, deren Samen wir -während unseres Lebens säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für -Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine -_Abschiedserzählung_ einen gewissen Eindruck auf _die_ machen, die das -Leben noch immer für ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas -von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik -dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! -- ich weiß nicht, ich finde -kein Wort dafür, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. -- Fort -mit dem leeren Anstand! Landsleute! -- ich habe euch geliebt, ich habe -euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott -geschenkt hat, für die ich Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat, -weil diese Liebe mir Trost und Freude war während meiner schwersten -Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzählung -euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht -erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst -entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat, -und ihre Klänge entsprangen aus den innersten Kräften und Elementen -unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich -euch allen aufs engste verschwistert bin[1]. - -V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und -in den Zeitschriften weder mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken; -alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen -Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswürdiges als -solches, was Lob verdient. Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten, -waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir -gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es wäre unedel und -ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner -Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre -ich laut, damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten -Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten -vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas -Totes, das ich in einer krankhaften Gemütsverfassung und in einem -Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter -meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für eine -nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber mache ich es meinen -Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem -Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach -strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen für unsere Seele -sein kann, und nach Verwerfung alles übrigen, das nur der eitlen -Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten -einiges, das _denen_ von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren. -Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein; -und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit -für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben habe, von -meiner Seele genommen. - -[Fußnote 1: Die Abschiedserzählung kann nicht erscheinen: was nach dem -Tode von Bedeutung sein könnte, das hat bei Lebzeiten keinen Sinn.] - -VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich -selbst anzugehören -- sondern nur noch den Bekümmerten, den Leidenden -und denen gehören, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden -hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge -für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers gleichen; wer -auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen -nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie -sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen -Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht -hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu -ermuntern, auf daß keiner das Gut ungetröstet verlasse. Wenn der -Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt -ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des -Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden -Bauern, zu dem besten und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich -eines musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder mit einem -guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso -herzlich und freundlich nach seinen Verhältnissen ausfragen, ihm Mut -zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den -Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles Bericht erstatten, damit -auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag -hinzufügen oder ihm Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie -sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet davonfahre -oder das Gut ohne Zuspruch verlasse. - -VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir ein, daß ich hierüber -schon nicht mehr zu verfügen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich -meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen -Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden. Aus vielen -Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben brauche, habe ich dies nicht -gewünscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht -abgetreten, eine öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten, -und sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag an mich -herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu -gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu -vollenden, das meine Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt -hat, und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute einstimmig -erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich gelöst, und den Wunsch -äußerten, die Züge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem -Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen -hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam noch ein anderer -Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer großen -Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Künstler, der mein Bild -stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Künstler ist -bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach -dem unsterblichen Bilde Raffaels: _Die Verklärung Christi_ herzustellen. -Er hat dieser Arbeit alles geopfert -- einer aufreibenden Arbeit, zu der -er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er -hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen -Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen -ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von -Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße -verbreitet werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte er mein Bild -stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan -zerstört: ist das Bild einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit -verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit -der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschäftigt. Sollte es sich -jedoch so fügen, daß nach meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir -herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein -könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen -zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt -kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder, -hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser, -die sich aus einem übertriebenen Wohlwollen für alles, was Ruhm und -Ansehen genießt, ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort, -nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da -diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich sind, und sich nur ein -solches Porträt zu kaufen, das die Unterschrift: _Gestochen von -Jordanow_ trägt. Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber -wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich -statt meines Bildes den Stich: _Die Verklärung Christi_ kaufen wollten, -einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Ausländern die Krone der -Radiererkunst darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht. - -Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und -Journalen veröffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und -ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine -Seele lade. - - - - - II - Die Frau in der vornehmen Welt - An Frau *** - - -Sie glauben, Sie können keinen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben. Ich -bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einfluß der Frau kann sehr groß -sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder --unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte -gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich -andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Müdigkeit -bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um -jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedürfen wir der -Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz -plötzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas -von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen -wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei -auf das, was wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen -Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die Mehrzahl aller -Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen im Dienst), sowie alle übrigen -Vergehen, deren man unsere Beamten und die Bürger aller Klassen -beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach -lechzen, in der großen und kleinen Welt zu glänzen und zu diesem Zweck -Geld von ihren Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die -Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden können, das -lediglich allerhand idealen Träumereien und nicht den wahren -eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schöner -und erhabener sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich auch -nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden kommen lassen, die sie -jetzt verüben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und -Schuldigkeit täten. Die Seele der Frau -- ist für den Mann ein -schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und -Ansteckungen behütet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege -festhält, und eine Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten -zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der böse Geist -des Mannes sein und ihn für alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben -das selbst gefühlt und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn -bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthält. Jedoch -Sie sagen: alle andern Frauen könnten ein Feld für ihre Betätigung -finden, nur Sie allein nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie -können Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder -mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -- mit einem Wort, sie können -überall fördernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für -sich und wiederholen immer wieder betrübt: »Warum bin ich nicht an ihrer -Stelle?« Wissen Sie, daß dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute -will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn -er an der Stelle eines anderen stünde oder _sein_ Amt bekleidete, und -als ob er es nur in _seiner_ eigenen Stellung nicht könnte. Das ist der -Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt darüber nachdenken, wie wir in -unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken -können. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an -die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß sich nur ordentlich -umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann -könnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt -eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum -liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie veranlassen, aufs Land zu -gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu -beschäftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem -gemeinnützigen Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann -könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten die treibende Kraft sein, -die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben -und Pflichten für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der -großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen -jetzt einsamer und öder erscheint als eine menschenleere Wüste! Und -dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt -Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie dulden -und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe -und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem -Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße -hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat, -seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und können es sich -nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen -sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene Mittel verfügen, -dazu müsse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, daß -Ihnen schon bei dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr -werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits -sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig -gerade bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist vollkommen -wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder -Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von -alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand -leisten zu können, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals -aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts -unmöglich ist. Erstens sind Sie schön, zweitens sind Sie im Besitz eines -unbefleckten, von keiner Schmähung und Verleumdung berührten Namens, und -drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine Macht, die Sie selbst -nicht in sich vermuten, -- über die Macht der Herzensreinheit. Die -Schönheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht -vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen; es ist nicht -umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit auf alle Menschen den -gleichen mächtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles -gleichgültig und gefühllos und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die -sinnlose Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer -Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand -Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl dann, wenn diese Launen -vernünftig und auf das Gute gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl -dann eine schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist -somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine höhere Schönheit --- den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen -Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch -jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet. Wissen Sie, daß -die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, daß -ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß -sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, -- ein Wort zu sagen, -- -nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwählte -erfreuen, nein überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß in -Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanständig und -burschikos klingen würde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr -Wissen von Ihrer bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart -nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der schämt sich bereits -dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur -einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des -Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mächtige Waffe. Zu -alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes -Streben oder wie Sie es nennen: _einen Durst_ nach dem Guten. Glauben -Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser -Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen -edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine -Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem häuslichen -Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken -gequält, daß Sie dieses Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das -Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während Sie ringsum -von soviel Leiden umgeben sind und während jeden Augenblick die -Nachricht von allerhand Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von -Hungersnot, Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren -geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen -haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all -der lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele eine solche -himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes -Mitgefühl und Mitleid mit ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel -für sie tun; der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall -Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre -Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der -Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die -Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden, infolge des -ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Töne -entgegen, die einen verwandt berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen, -und Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von Ihren Lippen -schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will -es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu -ihm spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches -angenommen, Sie können befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner -von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße -Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und Kraftlosigkeit, -über die Sie so empört sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche -Schönheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit -Ihrer ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr -ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen -bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten -Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg -zurückführen wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr -Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm -auf die Lippen zu drängen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit -flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich -durch die Erzählungen über die Laster und die Verdorbenheit der -vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich -vorhanden, ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben; aber Sie -sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den -traurigen Lockungen und Sünden der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich -nur ruhig mit demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie -ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefüllt -ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre -Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen -Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fähigkeit, -Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen -nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig -ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr -Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer -Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom -Himmel zu uns herabgestiegen ist -- nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu -lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter, -denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und -wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten -Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie -mit Weltleuten über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten -pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen, worüber Sie sprechen. -Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die -den Lippen einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen -schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton, -in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn Sie sich im Kreise von -nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte -Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her -verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört, so erscheint, -als rede er mit den Engeln süße Worte über einen himmlischen -Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gespräche und Reden sollten Sie in -die Gesellschaft einführen. - - 1846. - - - - - III - Die Bestimmung der Krankheiten - Aus einem Brief an den Grafen A. P. T. - - -Meine Kräfte lassen von Augenblick zu Augenblick nach, aber nicht mein -Geist. Noch nie fühlte ich mich durch die körperlichen Gebrechen so -entkräftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, fühle ich eine so -schreckliche Müdigkeit im ganzen Körper, daß ich mich Gott weiß wie sehr -freue, wenn der Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu Bett -gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht übermannt aus: Mein -Gott, wo ist denn endlich das Ufer, wann kommt das Ende von alledem! -Wenn man dann aber Einkehr in sich selbst hält und tiefer in sein -Inneres hineinschaut, dann entströmen der Seele nur noch Tränen und -Worte des Dankes. O wie sehr bedürfen wir der Leiden! Von dem vielen -Guten und Nützlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich nur auf -eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich will, ich bin doch besser -geworden, als ich früher war; wenn diese Krankheiten und Leiden nicht -gewesen wären, so hätte ich gewiß geglaubt, daß ich schon ganz so sei, -wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal davon reden, daß -die Gesundheit, die uns Russen immer dazu reizt, über den Strang zu -schlagen, und den Wunsch in uns rege hält, unsere Vorzüge vor anderen -Leuten zur Schau zu stellen, mich dazu veranlaßt hätte, tausend -Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken geistiger -Frische, die mir die Güte des Himmels schenkt, und während der -schlimmsten Qualen zuweilen unendlich viel schönere und bessere -Gedanken, als ich sie früher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, daß -jedes Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer sein wird, -als alles Frühere. Hätten mich diese schweren und qualvollen Leiden -nicht heimgesucht, wie hochmütig wäre ich da wohl geworden, für einen -wie bedeutenden Menschen hätte ich mich gehalten! Wenn ich jedoch jeden -Augenblick fühle, daß mein Leben an einem Haar hängt, daß meine -Krankheit plötzlich meinem Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht, -ein Ende bereiten könne, daß der ganze Nutzen, den meine Seele so innig -zu bringen wünscht, nur ein ohnmächtiger Wunsch bleiben und nie -Erfüllung werden wird, daß ich nie mit den Talenten, die mir Gott -verliehen hat, wuchern, und daß ich verdammt werden würde, wie der -schlimmste Verbrecher -- wenn ich dies alles fühle und erkenne, so füge -ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich der göttlichen -Vorsehung für meine Krankheit danken soll. Daher sollten auch Sie jedes -Leiden mit Ergebung hinnehmen, in dem Glauben, daß es notwendig ist. -Bitten Sie Gott nur um eins: daß Ihnen die wunderbare Bestimmung dieses -Leidens und die ganze Tiefe seiner großen Bedeutung aufgehe. - - 1846. - - - - - IV - Etwas über die Bedeutung des Wortes - - -Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an -Chrapowizky las: - - »Mag der Satiriker die Worte schmähn, - Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt«, - -sagte er: »Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind -bereits seine Taten.« Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des -Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch -in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und -bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit, Unüberlegtheit oder -Übereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch -jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich -bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat, -indem er die Schuld auf seine beschränkten Verhältnisse, auf seine Frau, -oder auf Krankheiten in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer -genug Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät plötzlich in -schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer -schuld daran war, daß der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes -und Albernes gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter und -unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer -seine Hand geführt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem -Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner -Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf -Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage -Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie -richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch -ein Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen -andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten Ämtern und -Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur -darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest. Zu alledem -ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte, -einen größeren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich -anspornten und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind und -wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu -gehört, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte -sich vielleicht noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein -Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, daß er nicht -wenigstens die größere Hälfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hälfte -seiner Oden ist höchst merkwürdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch -so über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen und -Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hälfte seiner -Oden getan hat. Wie wenn er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner -eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen -schön und frei klingt, so durchwärmt ist von der inneren Kraft eines -geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was -das schlimmste ist, -- all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze -Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden) -finden sich hier wieder, aber sie wirken hier bloß komisch und erzeugen -einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und -ihn überdies noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen -heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele -zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle, bloß weil sie den -Eindruck haben, daß diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und -seelenlos ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind über -seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und über die -Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, für die er -eintrat! Und dies bloß darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er -dem Feuer hätte übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende -Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller -entdeckt, veröffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es -sich gründlich zu überlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre -gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede -der Journalisten: »Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns -dankbar sein für die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von -einem großen Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse« und -dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender -Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese -kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose -Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns -nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was wirklich -heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger muß -man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und -Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht -soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder _die_ Propheten Gottes, -die noch nicht genügend für ihr Amt vorbereitet waren und sich -erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden. Man muß -redlich mit dem Worte umgehen: es ist die höchste Gabe, die Gott den -Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick -ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß leidenschaftlicher -Verirrungen, des Ärgers, des Zornes oder einer persönlichen Abneigung -steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie -gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und -Ekel einflößen, und in solchen Fällen kann man selbst beim reinsten -Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund P*** -kann als Beweis dafür dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum -bemüht, _seinen Lesern sofort alles mitzuteilen_, sie von allem in -Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu überlegen, ob -ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch genügend ausgereift war, um -auch allen andern vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort -- -er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und -Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und -schöne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von -ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an -ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der -Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig -Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise, -sein ganzes Leben hindurch war er bemüht, alles eiligst an den Mann zu -bringen, was sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und -Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafür -gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jüngling begegnet, der erklärt -hätte, er schulde ihm Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm -aufgesteckt, oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm -eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte ihn oft verteidigen und für -die Reinheit seiner Absichten und für die Aufrichtigkeit seiner Worte -gegenüber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen -können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu überzeugen, weil er es -verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich -ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er vom -Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn, daß es den Anschein -hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er -von der Liebe zum Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und -wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich so, daß man -nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei herauszuhören meint. -Seiner aufrichtigen ungekünstelten Empörung über jede Bestrebung, die -Rußland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte -Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf -Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr -für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: »Ein faules -Wort gehe nie aus eurem Munde.« Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden -von uns bezieht, um wieviel mehr muß es für die gelten, deren Reich -- -das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schönen und Hohen zu -reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen -geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von -faulen Dingen. Alle großen Erzieher der Menschheit haben _denen_, die -die Gabe des Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen -auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in -ihnen der Wunsch am stärksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn -ihre Seele den Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches zu -sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann, was man erhöhen will, -und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verräterin wird. »Leg' -Tür und Riegel deinem Munde auf«, sagt Jesus Sirach: »Du verzäunest -deine Güter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tür -und Riegel? Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht -auch deine Worte auf der Goldwage?« - - 1844. - - - - - V - Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen - An L** - - -Ich freue mich, daß man bei uns endlich mit dem öffentlichen Vortrag der -Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur -schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort soll man -verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stücke -aus meinen Erzählungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht, -daß solche öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind. Wie -es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn -wir allein sind, sind wir alle träge, und solange wir sehen, daß sich -die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden -tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwätzer, -die über die Macht der Rede verfügen und die sich in den Gerichtssälen -und Parlamenten hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die -die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu _fühlen_. Eine Empfindung -mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu -eine Leidenschaft, die um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie -sich nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen ist eine -ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt die Ausbildung von -Rezitatoren; sie ist wie geschaffen für den kunstvollen Vortrag, da sie -über alle Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom Erhabenen -zum Einfachen in ein und derselben Rede ermöglicht. Ich glaube sogar, -daß die öffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel -ersetzen werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen, wie -sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt würden, die es wirklich -verdienen, öffentlich vorgetragen zu werden, so daß es auch den -Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mühe und Arbeit auf die -Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es -nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß durchaus -etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies -wegen seiner großen Vorliebe für alles Neue. Alle diese neuen -Erzählungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend -genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an -unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in -langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der -Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum -so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel über sie -geredet, sie ausführlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber -diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der -Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur -das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen -Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so -daß die Persönlichkeit jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und -widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr ein klares Bild -davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist. -Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter -vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von einem Redner -übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks, -das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger -Jüngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem -Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie, eine Komödie, eine Ode -und wer weiß was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches -Gedicht wie es sich gehört vorzutragen -- das ist durchaus keine -Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten. Man muß das hohe -Gefühl, das die Seele des Dichters erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen; -man muß jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst -dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird -keineswegs laut und lärmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein. -Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden -wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen, die ein Zeugnis -für seine echte innere Rührung ist. Diese Kraft wird sich allen -mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie -ergriffen wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag unserer -Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren -Dichtern gibt es viel Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen, -sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem -gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere -hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich weiß -nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der öffentlichen -Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr -schön. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in -Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrünsten, -Krankheiten und allerhand Mißgeschick zu leiden haben. Wie würden sich -die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn -ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht würde! - - 1843. - - - - - VI - Wie man den Armen helfen soll - Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa. - - -Ich komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die Torheit der (Petersburger) -Jugend, die auf die Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und -Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren, während in -Rußland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist -weder Dummheit noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht einmal -Leichtsinn -- es ist eine Folge der menschlichen Gleichgültigkeit, die -ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und -Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in -einer großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der -Provinz, und nicht vor unseren Augen -- da liegt des Rätsels Lösung, und -das erklärt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für einen -Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu -erfreuen, würde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er -zufällig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der -Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in -Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von -Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu -geben. Aber gerade für die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern -bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß -seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird, der -sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flüssigkeit, die man in -der hohlen Hand trägt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren -Bestimmungsort gelangt -- und der Notleidende bekommt nichts zu sehen, -als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist's, was -zuerst überlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt. -Hierüber wollen wir später miteinander reden, weil das durchaus keine -unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie in verständiger -Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam überlegen, wo -zuerst und vor allem geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie -solchen Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten -Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in -einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine -Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund -abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer -gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner -einzigen Stütze beraubt hat -- mit einem Wort um jeden plötzlichen -Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male über einen Menschen -hereinbricht, der gar nicht an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am -Platze. Dabei aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft -christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in einer -Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts -Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst gründlich über die ganze Lage -des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat -und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben -einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe -erwachsen. Der Wert der Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird, -kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen -beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen, was der Mensch verloren -hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der -Russe ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß er mit dem -wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben führen -kann, wie früher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf -einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm für längere Zeit -einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen Sie ihn belehren, wie er -sich mit dem, was ihm durch Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner -Lage heraushelfen kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung des -Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt ward, auf daß er -sein früheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie früher, gleichsam -ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden -ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen -Charakter und seine Lebensverhältnisse näher kennen lernen werden. Und -er wird Sie verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher; sein -Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt mehr Verständnis für Dinge, -die die Begriffe eines Menschen übersteigen, der in alltäglichen -gewöhnlichen Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in -ein Stück warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten -wäre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung -eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde. Nur ein -Priester ist imstande, den Menschen über den tiefen heiligen Sinn eines -Unglücks aufzuklären, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf -dieser Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer -ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern wohnt, stets eine Stimme -aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein früheres Leben -aufzugeben und von Grund aus zu ändern. - - 1844. - - - - - VII - Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee - An W. M. Jasykow. - - -Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen. Die Odyssee -ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk -von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber nur eine Episode. Die -Odyssee umfaßt die gesamte antike Welt, das öffentliche und das -häusliche Leben, alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren -Beschäftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe -schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält oder was von ihr -übergangen wäre. Während mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der -Antike und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende Quelle -gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff für eine unzählige Menge von -Tragödien und Komödien; und dies alles machte die Runde durch die Welt -und wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst vergessen -wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde -in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der -Umstand schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine -künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte, -teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um -all die unendlichen kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge im -allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte -es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfräulich unberührten -Geschmack begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen Homer -innerlich zu verstehen und nachzuempfinden. - -Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste und vollkommenste -aller europäischen Sprachen übersetzt. - -Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam nur die -Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte seine Verskunst an Übersetzungen -von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um -fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden -- sein Ohr -mußte der Leier aller Völker lauschen, um so feinhörig zu werden, daß -ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mußte -auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine -Landsleute zu ästhetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher -Liebe zu Homer zu zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers -selbst vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie stimmte und -ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk -nachzudichten, das einer solchen ebenmäßigen Harmonie und Ruhe -entsprungen ist, er mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum -Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung -anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen -hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen mußten -erfüllt werden, damit die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer -sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das _lebendige -Wort_ entgegenklingen und ganz Rußland Homer als etwas Verwandtes und -Vertrautes aufnehmen konnte. - -Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist -keine Übersetzung, sondern eher eine Neuschöpfung, eine Restauration, -eine Auferstehung Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das -Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original. Der Übersetzer ist -gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich -gewissermaßen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser -gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch klarer und bestimmter -hervortreten läßt. - -Meiner Überzeugung nach haben sich heute die Verhältnisse wie mit -Absicht so gestaltet, daß das Erscheinen der Odyssee in unserer Zeit -geradezu zur Notwendigkeit werden mußte: in der Literatur wie überall -sonst -- macht sich eine gewisse Kühle, ein Nachlassen des Interesses -bemerkbar. Eine Müdigkeit hat die Menschen ergriffen, man begeistert -sich nicht mehr und man ist nicht mehr enttäuscht. Selbst die -krampfhaften und krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem -Einschlag aller möglichen unverdauten Ideen, wie sie uns als Folge -politischer und anderer Gärungen angeflogen sind, sind sehr im -Niedergang begriffen, nur die ewig nachhinkenden Leser, die daran -gewöhnt sind, sich an die Schleppe der führenden Journalisten zu hängen, -lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in ihrer Einfalt zu -bemerken, daß die vorangehenden Leithämmel schon längst sinnend und -nachdenklich stehen geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin -sie ihre umherirrenden Herden führen sollen. Mit einem Wort, jetzt ist -eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines edlen, in all seinen Teilen -formvollendeten Werks, das das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit -und Klarheit widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und der Hauch -einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von unendlicher Bedeutung -sein kann. - -Von der Odyssee wird eine große Wirkung _auf uns alle_ und _auf jeden -einzelnen von uns_ ausgehen. - -Sehen wir einmal zu, was für eine Wirkung sie auf _uns alle_ ausüben -kann. Die Odyssee ist das Werk, das alle notwendigen Voraussetzungen -dafür enthält, ein Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke -gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die von einem Märchen -ausgeht, und die schlichte Wahrheit menschlicher Erlebnisse, die auf -jeden Menschen, er mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausüben. -Edelleute und Bürger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, einfache -Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei Geschlechts, von jener Altersstufe -an, wo die Kinder Freude an Märchen zu bekommen pflegen -- sie alle -werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen -- ein -Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders wenn man bedenkt, daß die -Odyssee zugleich ein wahrhaft moralisches Werk ist und daß der alte -Dichter sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen der -damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen Bildern darstellen -wollte. - -Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verführerisches für unser -Volk. Unser Volk ist klug, es weiß sich selbst solche Dinge, die die -gescheitesten Leute in Verlegenheit bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu -deuten und zu erklären. Es wird aus alledem nur dies eine entnehmen: wie -schwer es für den Menschen ist, allein und ohne Hilfe von Propheten und -höherer Offenbarungen zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen, -welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von Seinem wahren Wesen -macht, wenn er die Einheit und die eine Allkraft in eine Vielheit von -Kräften und Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal über die alten -Heiden lachen, weil es sie für gänzlich unschuldig halten wird: zu ihnen -sprachen keine Propheten, Christus war noch nicht geboren, Apostel gab -es damals noch nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen -beim Gedanken, daß es mit geringerem Eifer zu Gott betet und seine -Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfüllt, als die alten Heiden, -obwohl es den wahren Gott in Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es -Sein geschriebenes Gesetz stets in Händen hat und in seinen Beichtvätern -Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz auslegen. Das Volk wird -verstehen, warum der Höchste auch dem Heiden um seines guten -Lebenswandels und seines inbrünstigen Gebets willen Seinen Beistand -lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt eines Poseidon, -Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris und der ganzen Schar von Göttern, -die die lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete und zu -ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird den Polytheismus beiseite -lassen und sich nur das aus der Odyssee aneignen, was es sich daraus -aneignen soll, d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist -ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, um -dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er wird daraus die Lehre -ziehen, daß dem Menschen überall und auf jedem Gebiet viel Unglück -bevorsteht, daß er dagegen ankämpfen muß -- denn nur dazu ward dem -Menschen das Leben gegeben -- daß er niemals verzagen darf, wie Odysseus -nie verzweifelte, der sich in schweren Stunden der Not stets an sein -Herz wandte, ohne zu ahnen, daß er schon durch diese Wendung an sein -eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet erschuf, das -sich jedem Menschen, auch dem, der nicht einmal einen Begriff von Gott -hat, auf die Lippen drängt. Das ist das _Allgemeine_, der lebendige -Geist ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf alle -machen muß, noch ehe sie entzückt und ergriffen sein werden von ihren -dichterischen Vorzügen: der Wahrheit der Bilder und der Lebendigkeit der -Schilderungen; noch ehe andre bewundernd staunen werden über die antiken -Schätze, die sich hier vor ihnen auftun und die in all diesen -Einzelheiten weder von der Skulptur, noch von der Malerei, noch von den -antiken Denkmälern im allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder -andre verwundert dastehen werden über die unglaubliche Kenntnis aller -Windungen und Falten der menschlichen Herzen, die alle offen dalagen vor -dem blinden Sänger, der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen -werden über den tiefen staatsmännischen Blick, die große Beherrschung -der schweren Kunst der Menschenleitung und -regierung, die der göttliche -Alte gleichfalls besaß, er, der ein Gesetzgeber seines eigenen und der -kommenden Geschlechter war -- mit einem Wort, noch ehe sich jemand je -nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschäftigung, seinen Neigungen, -Liebhabereien und seiner persönlichen Eigenart für irgendeine Einzelheit -in der Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, weil sich -dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres Wesen einem jeden mit so -greifbarer Deutlichkeit aufdrängt, wie es in keinem andern Werk mit -ähnlicher Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und alles -beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, wie lebendig, wie -farbig alle Episoden sind, deren jede beinahe die Grundidee zu -überstrahlen, in den Hintergrund zu drängen imstande ist. - -Warum aber müssen das alle so deutlich empfinden? Darum, weil es dem -alten Dichter so tief aus der Seele dringt. Man sieht förmlich auf -Schritt und Tritt, wie er das, was er für alle Zeiten im Menschen -befestigen und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schönheit -der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, was an den -Volkssitten gut und lobenswert war, zu erhalten und zu kräftigen, wie er -bemüht war, den Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was in -ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen kann -- in jedem seiner -Helden den Menschen ein Muster und Beispiel für jeden Beruf und Stand zu -hinterlassen und allen zusammen in seinem unermüdlichen Odysseus ein -ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher Tätigkeit aufzustellen. - -Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht vor der -Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten und noch wenig -entwickelten Regierungsgewalt, diese jungfräuliche Schamhaftigkeit der -Jünglinge, diese Güte und diese Milde der Greise, diese herzliche -Gastfreundschaft, dieser Respekt, man möchte fast sagen, diese Ehrfurcht -vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, dieser Glaube, daß kein -guter Gedanke im Hirne der Menschen entspringt, ohne den souveränen -Willen eines höheren Wesens, daß der Mensch aus eigener Kraft nichts zu -erreichen vermag -- kurz alles, jeder kleinste Zug in der Odyssee kündet -von dem inneren Wunsche dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der -alten Welt ein lebendiges und vollständiges Gesetzbuch zu hinterlassen, -zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber noch Stifter von -Rechtsordnungen gab, als noch die Beziehungen unter den Menschen durch -keine geschriebenen Bestimmungen oder bürgerlichen Rechte geregelt -waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wußten, ja nicht einmal -ahnten und als allein der göttliche Greis alles sah, hörte, erkannte und -ahnte -- ein blinder Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen -eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren Auge, das die -Menschen nicht besitzen. - -Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjähriger Überlegungen unter der -Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes versteckt! Es ist fast, als -hätte er alle Menschen zu einer Familie versammelt und säße nun mitten -unter ihnen, wie der Großvater unter seinen Enkeln, der gelegentlich -selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und Mutwillen zu treiben, -und als trage er nun treuherzig seine Erzählung vor, nur darum besorgt, -niemand zu ermüden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen -zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf Windesflügeln durch die ganze -Welt zu tragen, auf daß sich alle spielend aneignen, was dem Menschen -durchaus nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf daß sie -unmerklich davon kosteten und sich davon erfüllten, was er während -seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit an Schönstem und Bestem gesehen -und erfahren hat. Man könnte das Ganze beinahe für eine ohne jede -Vorbereitung dahinfließende Erzählung halten, wenn sich einem nicht -nachträglich, nach einer aufmerksamen Analyse die wunderbare Kunst des -Baus -- des Ganzen sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthüllte. -Wie dumm sind doch die superklugen deutschen Gelehrten, die den Gedanken -aufgebracht haben, Homer sei ein Mythos und all seine Werke seien -Volksgesänge und Rhapsodien. - -Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung die Odyssee auf -_jeden einzelnen von uns_ ausüben kann. Zunächst wird sie auf unsere -Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem -Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den -Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere -zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen -wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver -ungekünstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke -bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch -ruhigem Gleichmaß unsere Rede dahinfließen muß. Sie wird allen unseren -Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser -ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder -vergessen: daß wir nämlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis -sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat, -daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen und in seinem -Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine noch stärkere Wirkung als auf die -Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die -Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem -Gymnasium sind oder auf der Universität studieren, ihr künftiges -Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die -Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem -unnötigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich -ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben haben. - -Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den Geschmack und die -Entwicklung des ästhetischen Gefühls ausüben. Sie wird einen frischen -Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse -Müdigkeit bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke -unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in -ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, läßt die literarischen -Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das -Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und -tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum -ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten -läßt, wie die Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die -Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die Bemerkungen und -Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften -mehrere Jahre lang beschäftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil -davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend -sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, muß man viel lesen, sich über -vieles neu orientieren, viel erlebt und über vieles nachgedacht haben; -ein hohler und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum etwas zu -sagen wissen. - -Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski -gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem -unserer Schriftsteller, in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja -nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im Ausdruck, in ihren -Wendungen noch schärfer und genauer sind, als jener, hat die russische -Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht. -Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in sämtlichen -Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die -bei jedem andern matt und dunkel wirken würden, und andererseits -wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen -klingen und der Rede etwas Herbes, Gefühlloses verleihen würden, stehen -bei Schukowski so brüderlich zusammen, alle Übergänge und der -Zusammenstoß der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut, -alles fließt so in eins zusammen und läßt die schwerfällige Masse des -Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, daß man den Eindruck hat, als -hätten der Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt; -sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der Übersetzer -völlig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner -ganzen majestätischen Größe vor unseren Augen, und wir hören die hehren, -gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen, -sondern deren Bestimmung es ist, -- ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt -werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes -Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten -Wort seine hohe Würde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen -richtigen Platz anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen -Bestimmung es ist, in den Händen aller zu sein und von allen genossen zu -werden -- das ein geniales Werk ist, diese äußere Wohlgestalt und dieser -äußere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten: -hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und wird von jedem -bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkörnchen sehr richtig mit -Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach -herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt und -strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese -Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie -in einem unsauberen unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken -würde. - -Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde derer, die sich mit der -Wissenschaft beschäftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft -studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der -antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das -finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch -der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren -Augen, als hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen. -Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu -allen Tageszeiten: wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er -beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet, -wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht -und die Jünglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das -kleinste Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen -werden, bis zum Riemenriegel an der Tür -- alles steht noch frischer und -lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji. - -Und endlich bin ich sogar der Ansicht, daß von dem Erscheinen der -Odyssee eine Wirkung auf den heutigen Geist unserer Gesellschaft im -allgemeinen ausgehen wird. Gerade in unserer Zeit, wo durch den -geheimnisvollen Willen der Vorsehung überall ein schmerzlicher Schrei -der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der Unzufriedenheit -mit allem, was es auf der Welt gibt, mit den Zuständen, mit der Zeit, -wie mit uns selbst, wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns -unser moderner bürgerlicher Geist und die Aufklärung emporgehoben haben, -verdächtig zu werden beginnt, wo sich bei jedem ein unbewußtes Sehnen -fühlbar macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, ein Sehnen, -das vielleicht aus der edlen Quelle, dem Wunsche, besser zu sein, -entspringt; wo durch die törichten Losungen und durch die übereilte -Verkündigung neuer ganz unklar erfaßter Ideen hindurch sich ein -allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer dunkel ersehnten Mitte -zu nähern, das wahre Gesetz unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie -das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit muß die Odyssee -durch die patriarchalische Größe des antiken Lebens, durch die -unkomplizierte Einfachheit der das öffentliche Leben bewegenden -Triebfedern, durch die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts -abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. Aus der -Odyssee wird unserem neunzehnten Jahrhundert ein starker Vorwurf -entgegentönen, und dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in -sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut machen wird. - -Was kann zum Beispiel einen stärkeren Eindruck machen, als der Vorwurf, -den wir in unserer Seele vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike -Mensch, mit seinen geringen Werkzeugen, bei der großen Unvollkommenheit -seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu stehlen, Rache zu üben, -seine Zuflucht zu List und Tücke zu nehmen, um den Feind zu vernichten, -mit seiner rebellischen, harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur und -seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch die bloße Erfüllung -der von den Vorfahren ererbten Sitten und Gebräuche -- die nicht umsonst -von den alten Weisen eingeführt und festgesetzt worden waren, und die -nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom Vater auf den Sohn vererbt -wurden, -- wenn wir sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden -hat, durch bloße Erfüllung dieser Sitten seinen Handlungen eine gewisse -strenge Form, ein gewisses Ebenmaß, ja sogar eine gewisse Schönheit zu -verleihen, so daß alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes seiner -Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der Faltenwurf seines Gewandes -Größe und Würde atmete, und daß man in ihm wirklich den göttlichen -Ursprung des Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all unseren -gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, mit der Erfahrung -aller Jahrhunderte, mit unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit -unserer Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, damit wir -heilige und göttliche Menschen werden -- wir haben es mit all diesen -Mitteln zu nichts gebracht, als zu einer gewissen inneren, wie äußeren -Unordnung, Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wußten nichts aus uns zu -machen, als traurige, halbe, zerstückelte und kleinliche Menschen, vom -Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu unserer Kleidung, und zu alledem sind -wir uns gegenseitig so zuwider geworden, daß keiner den andern mehr -achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen -Menschenachtung reden. - -Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an ihrer europäischen -Vollkommenheit Leidenden und Krankenden eine starke Wirkung ausüben. Sie -wird sie an vieles Kindlich-Schöne erinnern, das uns leider verloren -gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern muß, als ihr -rechtmäßiges Erbe. Viele werden zum Nachdenken über manche Dinge -angeregt werden. Zugleich aber wird vieles aus den alten -patriarchalischen Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind, -sich unsichtbar über das russische Land verbreiten. Der Wohlgeruch -atmende Mund der Poesie vermag unserer Seele manches einzuhauchen, was -ihr weder mit Gewalt, noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt -werden kann. - - - - - VIII - Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit. - Aus einem Brief an den Grafen A. P. T. - - -Sie beunruhigen sich unnötigerweise wegen der Angriffe, die heute in -Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit -der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen -Sie, daß unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine würdige -überlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter -die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflächliche, -ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche -hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie -erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere -Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht müßig da. Ich -weiß genau, daß im Innern unserer Klöster und in der Stille unserer -Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung -unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer, gerade diese Männer -tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich -nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand -erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem Gebet -und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und -alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus -ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Höhe himmlischer -Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß, -wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu -behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht -genügen, um einen römischen Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere -Kirche muß in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte. -Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns muß ihre Wahrheit -verkündigt werden. Man sagt, daß es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt, -aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben. -Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß zu diesem -falschen Satz gelangt: -- Wir selbst nämlich sind tot, sind Leichen, und -nicht die Kirche, und nach _uns_ nennt man unsere Kirche einen Leichnam. -Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine Antwort sollen -wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: »Hat die Kirche euch -denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich -gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?« Was sollen wir hierauf -antworten, wenn wir es plötzlich tief im Innern fühlen, wenn das -Gewissen es uns sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche -hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie nicht einmal jetzt -ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem -Wert und bemühen uns nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern -wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn -des Hauses, er möge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein -Haus birgt, und der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich -befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in -ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche -Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren -kleinsten äußeren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen -Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fähig ist, -alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lösen, sie, die angesichts -des ganzen Europa das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen -vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter und Berufe -veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne -den Staat in irgendeiner Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland -groß und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefügte -harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es -bisher nur Schrecken verbreitete, -- diese Kirche ist uns bisher ganz -unbekannt! Diese für das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer -nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht. - -Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen. -Das hieße sie herabsetzen. Für uns gibt es nur eine Art der Propaganda --- unser Leben selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche -verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als _Leben_, durch den -reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre Wahrheit verkünden. Mögen die -Missionäre des römischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit -den Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit -schnell trocknenden Tränen begleiten. Der Verkünder des griechischen -Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen -Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der -ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der -alle weltlichen Wünsche erstorben sind, alles erschüttert wird, noch ehe -er erklärt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu -ihm spricht: »Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne daß -du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche.« - - - - - IX - Über denselben Gegenstand - Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. - - -Die Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig Autorität und Bedeutung -hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht -versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so töricht, wie -die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer -Kirche an jeder Berührung mit dem Leben gehindert und durch die -Regierung in ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer -Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen -strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wäre -nicht gut, wenn unsere Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an -unseren täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen teilnähmen oder sich -in unsere Familienangelegenheiten mischen würden. Der Geistliche ist -vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde -sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien kommen, die man -den römisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die -römisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und -korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit -hat zwei Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf denen sie -mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden -Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jährlich -Gelegenheit zur Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten -jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. Und wenn der -Priester es nur verstände, angesichts des vielen Häßlichen und Bösen, -das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und -sich's gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie er so zu den -Menschen reden solle, daß jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen -dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mächtige -Worte dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen mit -uns nie gelingen würde. Er muß von einem erhöhten Platz zu dem mitten im -Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck -gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der -sie alle beide hört, und daß von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch -ausgeht, der beide mit ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist -sogar gut, daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung -von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch ihre Kleidung, die -keinerlei Wandlungen und Launen unserer törichten Mode unterworfen ist, -von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. Das -ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert übernommenes Rokoko, -das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende -Kleidung der römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen -tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der -_Heiland selbst_ getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner -Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an _Den_ mit sich führen, dessen -Abbild er für uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen -Augenblick vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und den -nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal -strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns; -daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß sie -gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch -jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er überhaupt nur -bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen. -Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen -einläßt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen -sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die -ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und -nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint, -darstellen können. Der Priester muß auch Zeit für sich selbst haben, er -muß an sich selbst arbeiten können. Er muß sich ein Beispiel an unserem -Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er -sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den -Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge -Köpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der Welt -herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese -Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben -lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen -sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die Welt erzogen, -sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der -Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge -verborgen: suche zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du -_ihn_ erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel auch die Seelen -aller anderen aufschließen. - - - - - X - Über das Lyrische bei unseren Poeten - An W. A. Schukowski - - -Laß uns von dem Aufsatz sprechen, über den das Todesurteil gefällt ist, -d. h. von dem Aufsatz, der die Überschrift: »_Über das Lyrische bei -unseren Poeten_« trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil! So ward ich -denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer -und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt -geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen »Sowremennik« -meine Betrachtungen über unsere russischen Dichter zu senden; und nun -hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung -preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet, -während mich die andern alle anfeuern und ermuntern; weiß ich doch -selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich -nur auf meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du meinen -Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich -daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe, -von gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten meine -Gedanken und Betrachtungen über die Literaten. Hier kommt alles, was ich -schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich -bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken und -niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe, -sondern auch mit dem Herzen erahne und erfühle. Der Kern meines -Aufsatzes ist vernünftig und richtig, und doch habe ich mich so -ausgedrückt, daß jeder meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert. -Ich muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt -etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt -- es ist dies jenes -Etwas, das an die Bibel gemahnt, -- jene höhere Art Lyrik, die nichts -gemein hat mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere -Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph geistiger -Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und -Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik -überall da entgegen, wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur -an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der Prophet, oder sogar -an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode -veröffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du -wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft, ja sogar -über sich selbst hinauswächst, wenn er an etwas Höheres rührt. Ich -möchte hier eines seiner Jugendgedichte »Der Genius« als Beispiel -anführen. Es ist übrigens nicht lang. - - Einst stürmte der Prophet, der hohe, - Mit Blitz und Donner himmelwärts, - Und eine mächt'ge Feuerlohe - Erfüllte da Elisas Herz. - - Es reckte sich sein Geist empor; - Ein heiliges Gefühl erblühte - In ihm, der vor Begeistrung glühte, - Und Gottes Stimme lauscht' sein Ohr. - - So wird der Genius mit Beben - Sich eigner Größe froh bewußt, - Sieht er den Bruder aufwärts streben - Mit Donnerlaut aus Erdendust. - - Und hehrer Wundertat entgegen - Die Kräfte reifen neu erwacht, - Und seiner Werke hoher Segen - Strahlt sternengleich durch Weltennacht. - -Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Größe! Ich suchte -das dadurch zu erklären, daß unsere Dichter jeden großen Gegenstand in -seinem richtigen Zusammenhang mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit -Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt, weil die russische -Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus -irgendeinem Grunde ganz von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich -zwei Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so -nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist -- -_Rußland_. Bei dem bloßen Klang dieses Namens erhellt sich plötzlich das -Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn -herum größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu höherer Würde -und Größe empor, und erhebt er sich hoch über den gewöhnlichen Menschen. -Das ist mehr als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene die -Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafür sind unsere -Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen können -einem Rußland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Rußland -spricht -- dann fühlt man eine übernatürliche Kraft durch seine Adern -rinnen, man ist gleichsam ganz erfüllt von der Größe Rußlands. Die -Vaterlandsliebe allein hätte -- gar nicht erst zu reden von Dershawin -- -nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen, feierlichen -Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Rußland -redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie -Stephan Batorius gegen Rußland in den Krieg zieht. - - Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht, - Schon eilt er, seine ganze Macht - Zu einer Heerschar zu verdichten, - Um, wenn er Pskow den Tod gebracht, - Rußland für immer zu vernichten! - Doch du, o heil'ges Vaterland, - Du hehre Liebe unsrer Ahnen, - Du riss'st das Schwert aus seiner Hand. - Nicht siegten diesmal seine Fahnen. - -Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar -unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rußlands verbindet, -entspringt daraus, daß der Gedanke unbewußt an die höchste Vorsehung -rührt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes -zum Ausdruck kommt. -- Außer der Liebe aber ist hieran auch noch das -tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge beteiligt, die sich durch -Gottes Willen auf jenem Stück Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde, -das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung -eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst noch nicht für alle -sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr -der Poesie, das alles hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im -_Samen_ die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen -allmählich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie -drücken sich so unklar aus, daß ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du -hast unrecht, wenn du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom -Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft spricht, einer -Modeströmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren -Köpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden, -ohne zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder sind -- das ist -alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten: -von diesen war gewöhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in -das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern -werden viel Unnützes und Überflüssiges zusammengeredet haben, trotzdem -aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die -Auserwählten klar und verständig auszusprechen wußten; sonst hätte das -Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch -England, noch Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien -und künden nicht von sich selbst, warum tut dies Rußland allein? Nun, -weil Rußland es deutlicher fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an -allem teilhat, was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es ein neues -Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen Töne bei unseren Dichtern. -Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen, -und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen -noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen. Und hier darfst du nicht -mit mir streiten, mein herrlicher Freund. - -Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen, an dem sich die -Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge -erhebt, von dem hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken. -Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie -schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene, -königliche Note verliehen. Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber -brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem, -nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher Gedanken -und Erwägungen fähig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und -den Wunsch, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, suchen, und werden -diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener -Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist, -der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins -verweilen, in denen er den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger -Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit -Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht, die den Augen -- -nicht nur der Russen -- nein auch gefühlloser Wilden, die an den -äußersten Enden seines Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen -Berührung mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige Hand des -Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem -Ausdruck emporgehoben, daß selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden -sollte, der für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim Lesen -dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von -tiefer Rührung über die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden würde. -Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen -Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an -Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne -Rührung lesen, in denen der Dichter davon spricht, daß, wenn seine -Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur -deshalb geschehen werde, - - Weil ich die Kaiserin besang, - Der Reußen Zarin, welcher keine - Je gleichkommt auf der weiten Welt. - Des rühme, rühm' dich, meine Leier. - -Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum -ohne aufrichtige seelische Erschütterung lesen: - - Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder; - Das Alter raubte mir die Lieder. - -- -- -- -- -- -- -- -- ... Bald - Ertönt der andern Lied, wenn meins verhallt, - Und meiner Hand entsinkt die Leier; - In andern glühe nun das Feuer, - Mit dem drei Zaren einst mein Sang - Zu Ruhm und Preis erklang. - -Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird nicht lügen. Während -seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt -und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis -übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. -Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Daß sie im ganzen -Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der -Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich -vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte des Problems. Der -ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne -sich vorher Rechenschaft über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu -haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner -Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die -kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt -wird, die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer einzigen, oder -etwa bloß von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in -ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollständigkeit nachzuschaffen, er -konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem -Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat -Puschkin die Bedeutung des unumschränkten Monarchen gekennzeichnet! Wie -klug war überhaupt alles, was er während seiner letzten Lebensjahre -gesagt hat: »Warum,« so pflegte er zu sagen, »warum muß einer von uns -höher als alle, ja selbst noch über dem Gesetze stehen? Darum, weil das -Gesetz ein Stück Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas -Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche fehlt. -Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes allein kommt man nicht -weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu -bedarf es eben der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich -für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt verkörpern kann. -Ein Staat ohne souveränen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel, -wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die -Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind -so hohl und so leer geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind. -Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem Orchester ohne -Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen noch so tüchtig sein; wenn es -an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes -lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein -gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu -tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen -kaum merklich hin und her, und hält Überschau über alle Musiker, und -doch genügt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, häßlichen -Ton einer täppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In -seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu -frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; er wacht über der -allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter höchster -Eintracht und Harmonie!« Welch tiefes Verständnis besaß er für die -großen, ewigen Wahrheiten! - -Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er -ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck -gebracht, das du übrigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken -abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die -Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir -hier des Rätsels Lösung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus, -die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung -ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt, -eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige -Auserwählte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen -befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits in -den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen. -Er hatte sich in den andern Flügel des Schlosses zurückgezogen, die -erste freie Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die -Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektüre -versenkt, während im Saale schon längst die Musik schmetterte und die -Tänze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spät beim Ball, -während auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke -nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen -wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen -tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode, -die ich hier noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige -Strophe: - - Lang hieltest Zwiesprach' du mit dem Homer allein, - Lang harrten wir auf dein Erscheinen, - Und aus der Ätherhöh' stiegst du im Strahlenschein, - Durch das Gesetz uns zu vereinen. - Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl - Dir gotteslästerliches Singen - Beim wüsten Zechgelag', du sahst uns blind und toll - Um unsern neuen Götzen springen. - Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen - In deinem Blick voll Hoheitsschimmer; - Und da verfluchtest du den kindisch blöden Wahn, - Schlugst deine Tafeln jäh in Trümmer. - Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Höhen wolkenfern - Stiegst du ins Tal, das wolkenlose. - Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern - Dem Bienensummen um die Rose. - - (Fiedler.) - -Aber lassen wir die Person Nikolaus' II. beiseite und sehen wir zu, was -der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die -Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in -dem Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit -dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf -dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt ist, -der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für sie, die er Gott -gegenüber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den -Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung -leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt und so -schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender -Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller -Sinnengenüsse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme -Gottes in den Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht, der -darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der -darf, wie er, seine Tafeln in Trümmer schlagen und das leichtsinnige, -gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben, -wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und -eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Götzen springt. Aber was -Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene höchste -Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche der -Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei -nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu -bestehen vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, göttlichen -Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser -ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles, -was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger alle -Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich -über alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu -nähern, allen gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen -herabzusteigen und allem verständnisvoll zu lauschen: vom Donner des -Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten -Freuden und Vergnügungen. - -Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich -selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei, -vor der Größe und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrängenden -Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten, -daß das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die -Unabhängigkeit seines Geistes und auf seine persönliche Würde war. -Niemand hat so gesungen wie er: - - Ein Denkmal hab' ich mir errichtet ohnegleichen; - Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad, - Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen, - Die sich Napoleon errichtet hat[2]. - - (Nach Fiedler.) - -[Fußnote 2: Im Original heißt es: »Die Kaiser Alexander hat.« Schukowski -hat wohl aus Zensurrücksichten Alexander in Napoleon umgeändert. Anm. -des Herausg.] - -An den »Ruhmeszeichen Napoleons« bist freilich du schuld, aber selbst -wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen Fassung erhalten geblieben -wäre, sie wäre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß -Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen gekrönten -Häuptern überlegen fühlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und -gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und -daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter ihnen zu beugen, -die der Welt die ganze Größe und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen -geführt haben. - -Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut, -indem sie erkannten, daß sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten -_Liebe_ aufgehen, und daß es so allen offenbar werden müsse, warum der -Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur -instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in -Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin, -in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken. -Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit -und beinahe jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten -winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu -helfen: jede äußere Berührung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein; -jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh -und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schließlich so -laut werden, daß selbst das gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen -wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten -Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie -bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu -allem, was menschlich ist, entbrennen -- von einer gewaltigen Liebe, wie -er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewöhnlichen -Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich -verwirklichen können, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie -ganz zur Tat werden; nur die können völlig von ihr durchdrungen werden, -denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu -lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wären. Wenn so der Fürst von -Liebe für jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und Stand -ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen -Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden, -Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und für es beten -wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige Stimme der Liebe lebendig -werden, die der leidenden Menschheit allein verständlich ist, die ihre -Wunden nicht schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen -Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten -Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird -ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen -wird -- ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist. -In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung, -die höchste Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner, die -Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der -Sache in Betracht gezogen, nämlich die, daß der Monarch der höchste -Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher -wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten -sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich -täglich ändernden Umstände es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu -erweitern oder zu beschränken; dadurch aber wird dort der Fürst seinem -Volk und umgekehrt das Volk seinem Fürsten gegenüber in eine sonderbare -Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei -Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reißen -will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die -höchste Bestimmung des Monarchen erkannt; -- die Dichter haben Gottes -Willen mit ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische -Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu begründen, daher nehmen -ihre Töne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort »Zar« -ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil -jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung -spricht: diese monarchische Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und -vollkommensten Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die sich von der -Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen -deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu -vereinigen, um diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen -Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu -erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von uns mit jener höheren -Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne die der Mensch sich selbst nicht -verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf -gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn -der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf daß nachher, wenn -jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfaßt und alles sich seiner -Kraft bewußt ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in -der Hand voraustragend, sein ganzes von _einem_ Geiste beseeltes Volk -mit sich reißen und jenem höchsten Lichte entgegenführen könne, nach dem -sich Rußland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare -Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe -sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung -dieser monarchischen Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches -Geschlecht darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie das der -Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der -letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben -und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen -Opfer ein unzerreißbares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk -gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat -eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt. -[Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und -sind so sehr eins geworden, daß es uns allen heute als ein großes -Unglück erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan vergessen und -sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und -sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes -gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Fürstengeschlechts -zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz -unbekannten Jünglings auf den Thron, wo doch Männer aus den ältesten -Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Männer, die ihr -Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich -eine Reihe von Fürsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten, -daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen, und es -erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht _einer_ wagte es, -seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren -Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von -Anhängern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt? Einer, der in -weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die -Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter den Bojaren, -denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk, -das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort -im Schwange blieb: »Der Kopf war gut, gottlob, daß er in der Erde -ruht.«] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum -letzten Habenichts herab einstimmig, daß der Thron ihm gehören solle. -Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, daß die Lyrik -unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Königs aus den -Büchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen -Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich äußern sehen -konnten -- wie kannst du glauben, daß die Lyrik unserer Dichter nicht -voller biblischer Anklänge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte -nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu verleihen: dazu -bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden -Überzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls; -sonst müßten ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in -deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefühl deiner -liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu -Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht -besitzen. Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch nicht, daß es -überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt doch berücksichtigen, daß du ja -nicht alle Züge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben -sich viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so stark in die -Breite entwickelt, daß sie den andern keinen Raum zum Wachstum ließen, -und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen -russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten -Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Züge -dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und -Schrecken überläuft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell -und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag -sich für nichts mehr zu begeistern, als für ihren höchsten Quell, d. h. -für Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die -vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht -den Abdruck des Göttlichen an sich trägt. Wer nur ein Fünkchen von -dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller -Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel, -vor dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen läßt, was -einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen ähnlich sieht. -Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen -Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste über jeden Lohn -erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Näheres über -seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das -zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden. Er hat bei -Lebzeiten nie mit jemand von den Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten, -und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem vielen -kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen -man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und -zornigen Ausfällen aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz -aufgehört hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen zu glauben --- war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten: man hätte ihm -am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn -verdächtigt, daß er sich von Habgier und von einem selbstsüchtigen -Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem -Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Rußland finden, -der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst -irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines -hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fähig -ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen, -doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen: -»wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die -lauterste Wahrheit.«] Die königlichen Hymnen unserer Dichter haben -selbst Ausländer durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in -Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen -darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick -ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz -Paris über uns empört war. Trotzdem aber hat er feierlich erklärt, daß -in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines, -sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach -hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine -Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller -ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen -wirklich die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken klarsten -Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre -geistigen Porträts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer -Selbstverherrlichung machen würden, wenn nicht das ganze Leben des -Dichters eine Bestätigung ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine -Zukunft denkt, sagt er - - Und meinem Volke bleib' ich lange lieb und teuer, - Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt, - In grauser Zeit durchglüht sein Herz mit Freiheitsfeuer - Und den Gefallnen nie verdammt. - - (Fiedler.) - -Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort zu erkennen, wie treu -dies Porträt ist. [Wie lebhaft konnte er werden, wie konnte er sich -begeistern, wenn es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten -zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu reichen. Wie ungeduldig -wartete er auf den Augenblick, wo der Zar ihm gnädig gestimmt war -- -nicht etwa, um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen -- -nein, um ein Wort für einen Unglücklichen oder Gefallenen einzulegen. -Ein echt russischer Zug.] Denke nur an jenes rührende Schauspiel, wenn -das ganze Volk zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien -antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! der eine -Speise und Trank, der andere etwas Geld, ein dritter ein christlich -mildes Trostwort. Da gibt es nichts von Haß gegen den Verbrecher, auch -nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden machen will, -sich seine Unterschrift oder ein Bild von ihm zu verschaffen sucht, oder -ihn neugierig anstarrt, wie dies wohl im aufgeklärten Europa vorkommt. -Dies ist etwas Größeres: es ist auch nicht der Wunsch, ihn zu -entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit zu entreißen; es ist der -Wunsch, seinen sinkenden Mut zu heben, ihn zu trösten, wie ein Bruder -den Bruder tröstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trösten. - -Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser Neigung, den Gefallenen -wieder zu erheben. Daher pochte auch sein Herz so stolz und stürmisch, -als er davon hörte, daß der Monarch nach Moskau kommen wolle, während -dort die Cholera wütete. -- Eine Regung wie diese hatte wohl noch kein -Monarch gezeigt; und so konnte sie der Anlaß zu jenen wundervollen -Versen werden: - - Beim Himmel, wer so kalt und fest - Dem schwarzen Tode kann begegnen - Um andrer willen, ist ein Held. - Ihn wird der Himmel ewig segnen, - Wie auch der Spruch der blinden Welt - Mag lauten .... - - (Fiedler.) - -Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug aus dem Leben eines -anderen Monarchen: Peters des Großen, verherrlicht. Denke an das -Gedicht: »_Das Fest an der Newa_«, wo er erstaunt fragt, was wohl der -Anlaß zu jenem ungewöhnlichen lauten Jubel, jener Feier im Hause des -Zaren sein mag, von der ganz Petersburg und die ganze Newa widerhallt, -die vom Kanonendonner erschüttert wird. Er zählt alle Ereignisse auf, -die das Herz des Zaren erfreut haben mögen und der Anlaß zu diesem -großen Jubelfeste sein könnten; er fragt sich: ist dem Zaren ein -Thronerbe geboren, feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag, -triumphiert der Zar über einen unbesiegbaren Feind, oder ist die Flotte, -für die der Zar eine besondere Leidenschaft hatte, im Hafen eingelaufen? -Und er antwortet auf alle diese Fragen: - - Weil zum Feind er stieg hernieder - Und begrub uralten Groll, - Schäumen Becher, tönen Lieder, - Ist der Zar so freudenvoll, - Herrschet Jubel in den Hallen, - Rauscht das Fest am Newastrand. - Und Kanonenschüsse schallen - Donnernd durch das weite Land. - -Puschkin allein konnte die ganze Schönheit einer solchen Handlung -empfinden. Seinem Untertan nicht nur vergeben können, sondern diese Tat, -diesen Akt der Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg über einen Feind --- das ist ein wahrhaft göttlicher Zug. Nur im Himmel ist man solcher -Handlungen fähig. Nur dort ist mehr Freude über die Reue eines Sünders -als über einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen Heerscharen -nehmen an dem himmlischen Festmahle Gottes teil. Puschkin war ein Kenner -alles Großen im Menschen, für das er ein tiefes Verständnis hatte, und -wie hätte es auch anders sein können, wenn die innere Vornehmheit ein -charakteristischer Zug fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist -höchst merkwürdig, daß die Schriftsteller in allen anderen Ländern wegen -ihres persönlichen Charakters nicht die volle Achtung der Gesellschaft -genießen. Bei uns ist es gerade umgekehrt. Bei uns wird selbst ein -Mensch, der kein Schriftsteller, sondern ein bloßer Pfuscher ist, der -nicht allein keine schöne Seele hat, sondern sich bisweilen sogar recht -gemeine und niedrige Handlungen zuschulden kommen läßt, im Innern -Rußlands durchaus nicht für einen gemeinen Menschen gehalten. Im -Gegenteil, in allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den -Schriftstellern hören, lebt etwas wie eine innere Überzeugung, daß der -Schriftsteller ein höheres Wesen ist, daß er unbedingt ein edler Mensch -sein muß, daß sich vieles für ihn nicht schickt und daß er sich manches -nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer unserer -Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat war, während der Wahlen -zur Adelsversammlung seine Stimme einem Menschen, der kein ganz reines -Gewissen hatte -- da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn, -tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: »Und das will ein Schriftsteller -sein!« - - 1846. - - - - - XI - Diskussionen - Aus einem Brief an L*** - - -Der Streit um den Grundcharakter unserer europäischen und slawischen -Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt, -beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz -erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, daß auf beiden -Seiten viel törichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und -Europäisten -- Altgläubige und Neugläubige -- Östlinge und Westlinge -- -(was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir nicht zu sagen, weil sie -mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie -wirklich sein wollen) -- sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen -Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar -nicht widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum Streit für -sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebäude und sehen nur -einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze -Fassade, können aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen. -Natürlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und Östlinge, -weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und -nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben -bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen -Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie -unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, daß sie über -dem Giebel, der diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau -ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht -sehen. Man könnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur für einen -Augenblick, etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig -zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist -des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder von beiden ist überzeugt, daß -das Recht ganz und ausschließlich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz -und ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut -auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet -sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mücke, die er -findet, einen Elefanten. Natürlich bringen sie mit solch trotzigen -Großsprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles -schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits mancherlei kennen -lernen, wovon sie früher nie etwas gehört haben, und sich nur noch -dagegen sträuben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern -nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander nicht -gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften -beschränkten. Das Schlimme ist, daß zwei entgegengesetzte Anschauungen, -die noch so wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe vieler -Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir -erzählt, es käme vor -- und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt -oder wo die Macht in den Händen zweier Personen liegt -- daß ein -Vorgesetzter vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und zu regieren -sucht, während der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle -alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten -Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und -daraus erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten, nur -Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide -Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem völlig klar sind, -machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze. -Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich, sei es unter der Maske -eines Slawophilen oder Europaschwärmers -- wie sich's trifft -- d. h. je -nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches Pöstchen -zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als -Vorkämpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verüben.] -Diese Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der sich -klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die -Jugend zuerst gründlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist -nun einmal so und muß auch so sein, daß sich die größten Schreier -gründlich sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal -gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen -um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit. -Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernünftig, und -ich bin sogar überzeugt, daß du dies besser machen wirst, als ein großer -Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur -in Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor -jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck. -Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr -gutes Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, daß du kein -Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist. -Einem jungen Mann stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu -zürnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute -etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz -einfach häßlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lächerlich -gemacht. Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: »Dieser häßliche, -alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Bärenhaut gelegen und -nichts getan und nun tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten -Vorwürfe wegen ihres schlechten Lebenswandels.« Aus dem Munde eines -alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute und polternde Worte -kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut muß die hohen Reden des -Greises durchwehen, so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung -finden und das Gefühl haben, daß jede Rede hier unziemlich wäre und daß -ein ergrautes Haupt etwas Ehrwürdiges habe. - - 1844. - - - - - XII - Der Christ schreitet vorwärts - An Schtsch--w - - -Mein Freund! Halte dich nicht für mehr, als für einen Lehrling und für -einen Schüler. Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um noch zu -lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon die rechte Reife und den -höchsten Grad der Entwicklung erreicht und daß dein Charakter und deine -Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser -werden können. Für einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er -bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schüler bis zum Grabe. Nach dem -gewöhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine höchste -Verstandesreife mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und -vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein wenig aufwärts; -jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und -wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser, -sondern sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht -hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, und wo für die andern -die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst für den -Christen. Die begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie das -vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde und schwach. Nimm alle -Philosophen und die größten weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit -fällt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr -Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar häufig in -Kindheit zurück. Denke zum Beispiel an Kant, der während seiner letzten -Jahre fast gänzlich das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb. -Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, daß sie -an Verstand und Geisteskräften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden -und je mehr sie sich dem Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von -Natur keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes -Leben lang für einfältig und dumm galten, setzten die Menschen später -durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil -sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch -nur während seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten träumt, -denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige -Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes haben. Versinken -aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten -- so -erlischt auch die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber -strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergängliche -Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling sehnt er sich nach den Kämpfen des -Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und -anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter Blick, der immer an -Schärfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen -und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher können -auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder schwächer werden, sie -werden vielmehr unaufhörlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und -sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn, -wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersättlichen -Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter -fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rückschritte machen, und -warum er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet. - -Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in uns. Er hat lediglich -polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding -seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber -schreitet nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in uns, -aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. Abstrakte -Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften -tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie -ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er ist -weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie die Leidenschaften -in uns zu toben beginnen, wird er blind und töricht; ist unsere Seele -dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt -auch er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein -weit höheres Vermögen; aber sie wird nur durch den Sieg über die -Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die -ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft -setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwärts -zu streben. Es gibt ein noch höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und -diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns -bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren, -sondern ist ein Geschenk der höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon -Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch -erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in heißem Gebet bittet, -sie ihm herabzusenden, daß er seine Seele bis zur reinsten -unschuldigsten Güte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem -Vermögen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in -sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine -Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und wo noch nicht alles ganz -einträchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das -Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, und -er lernt die ganze wundersame Süßigkeit kennen, die darin liegt, ein -Schüler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter -den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat weiß er -die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das törichteste -Ding wendet ihm seine tiefste, klügste Seite zu, und das ganze Weltall -liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle -andern wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als den andern -wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß er ein Schüler ist. Sollte ihn -jedoch auch nur für einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine -Lehrjahre beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er -sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt fühlen, so -wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen werden, und er wird im -Dunkeln zurückbleiben, wie König Salomon in seinen letzten Tagen. - - 1846. - - - - - XIII - Karamsin - Aus einem Brief an N. M. Jasykow - - -Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat, -mit großem Vergnügen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der -Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der äußeren Form nach: -seine gewöhnlichen groben und plumpen Ausfälle fehlen hier ganz, und -auch der Stil hat nichts von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr -schadet. Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt, -geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so -klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen ganz durch sich selbst -beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich -mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig -vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine außergewöhnliche -Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von -dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz -erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und für die fünf -Talente, die ihm verliehen waren, noch fünf neue hinzuerworben! Karamsin -war der erste, der den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei -uns unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster Bürger -unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkündet, -daß die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß -sie, wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen Streben nach dem Guten -beseelt sei, daß dieses Streben seine ganze Seele erfüllt, ihm in -Fleisch und Blut übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, nie -zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er überall Freiheit -genießen könne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat -eine so kühne und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum -seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken brauchte, trotzdem -sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen -Regierung übereinstimmten, und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er -allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller! -Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man -könne in Rußland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn -im Auge! Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, daß -sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmütigen -Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und -deren maßlose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten -verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie -empört, daß niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhören will! Nein, man -muß ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, dann erst -hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: dann werden uns alle -anhören, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird -uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man in keinem Lande -der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Bürgerrechte -und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite -der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und -Hingebung vermag eben nur unser herrliches Rußland zuzuhören [von dem -man sich erzählt, daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt]. - - 1846 - - - - - XIV - Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und - von der Einseitigkeit überhaupt - An den Grafen A. P. T... - - -Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so -einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein -Mensch, der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt -eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur -noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den -Weg nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr -Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt für sündhaft und -für ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht -strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das Theater -ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Stütze für Ihre -Ansicht, daß auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater -eifern: und sie haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken Sie -einmal etwas tiefer darüber nach: _sind Sie wirklich_ gegen das Theater -oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die -Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum -überall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer -Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von überall -vertriebenen Heidentums und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale -war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mächtig gegen -das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die ganze Welt -hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europäischer -Völker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage -begann, und nun waren es die heiligen Männer selbst, die das Theater -wieder begründeten und einführten: an den geistlichen Akademien wurden -Theater gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den -heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete selbst Stücke, die zur -Aufführung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater. -Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten -Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. Man muß einem Ding jedoch -stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und -es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt -wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine -unwichtige Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, daß es eine große -Menge von fünf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen -Räumen aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze Menge, in der -die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander gemein haben, -plötzlich von einer großen Erschütterung ergriffen werden, in einem -einzigen Augenblick in _einen_ Strom von Tränen oder in ein einziges -allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus -man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie müssen freilich einen -Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren -Theater und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen und -all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstücke, die nur für -das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem -korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das eigentliche -Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragödien und Komödien -aufgeführt werden, muß in völliger Unabhängigkeit von allen anderen -Künsten dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare mit Tänzern -und Tänzerinnen in weißledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen. -Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist -der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das -begriffen: dort gibt es eigene Theater für die Werke der höheren -dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung -subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, ob es -nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur -Aufführung zu bringen, daß das Publikum auf sie aufmerksam würde und daß -die wohltätige moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern -ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, Sheridan, Molière, Goethe, -Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter -den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben -nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den -großen Gegenständen zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die -leisesten Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken der -fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die sich mit -politischen Fragen beschäftigten und die Saat der Mißachtung gegen das -Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott -aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung, -Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller -menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe für das Gute ist -selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben -funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen -dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stücke, -die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschäftigen, -müssen dazu führen, daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen -und in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere unmerklich -innerlich kräftigen und befestigen, während diese Flut von leichten und -nichtssagenden Stücken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten -Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und -zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig macht. -Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glänzender Gegenstände -in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen -ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege -begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des -Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor -finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht, -die zum Christentum emporführt, und wenn man sie nicht auf einen höheren -Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des -Christentums besser überschauen und alles besser erkennen kann, was ihr -früher gänzlich unverständlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was -allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann, -die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das -Theater, wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden könnte. Man -müßte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Völker in ihrer ganzen -strahlenden Schönheit zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja -so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und dasselbe Werk -fortwährend wiederholen. Und das ist sehr wohl möglich. Man kann allen -Stücken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle -interessieren, die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht, -sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß sie veraltet sind und -daß das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist -gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man -es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre üblen Melodramen -vorsetzen würden, würde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen -finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste -Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird das Publikum in -Scharen herbeiströmen. Molière wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare -wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine -solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, und diese -Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler und dem allerersten und -tüchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet, -anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen, -irgendeinen Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, sondern er -soll alles allein machen und allein über alles verfügen. Es muß sogar -besonders dafür gesorgt werden, daß die ganze Verantwortlichkeit ihm -allein zufalle; man muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum -sämtliche Nebenrollen -- und zwar eine nach der anderen -- spielen -lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor -Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten -Vorbildern, die durch eine dunkle Überlieferung bis auf sie gekommen -sind, sie schöpfen ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches -lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung -untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das -Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal -nacheinander anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin -oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals -gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf -seine alte Rolle zurückkommt, nachdem er sämtliche anderen Rollen -gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von -seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; das Stück aber -wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung -- etwas bisher völlig -Unerhörtes -- für den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt -nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, als jene -vollkommene Ausgeglichenheit und Übereinstimmung aller Teile, wie sie -ihm bisher nur in der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester -entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, daß -ein Werk der dramatischen Kunst häufiger hintereinander gegeben werden -kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in -Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger, -als die Töne der Musik. Ich muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur -dann möglich, wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, wie es -sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit für das Repertoire -einem erstklassigen Schauspieler zufällt, d. h. wenn die Tragödien von -dem ersten tragischen und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler -inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen -innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich weiß, wieviel Leute es bei -uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich überall -herandrängen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit -irgendwelchen Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein -Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher er plötzlich kommt, -das weiß Gott allein: es ist, wie wenn er plötzlich aus dem Wasser -emporgetaucht wäre; er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal -zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere -und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann fängt er -allmählich an, sich in alles hineinzumengen, bis schließlich alles in -Unordnung gerät. Diese Sekretäre sind wie ein unsichtbarer -Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und Ämter unterwühlt, und das -Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den -Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich verwirrt und -verschoben. Wir haben uns erst neulich über alle Berufe und Ämter -unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt -innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, daß sie -gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie gewissermaßen wie durch -die Hand des Höchsten dafür geschaffen sind, um allen Bedürfnissen -unseres Staatslebens zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem -wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu -wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu -zerstören oder sich völlig über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz -kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein -Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Tätigkeit überschreiten, -weil sie glaubten, daß sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und -edler werden müßten. Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von -den höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre aber -haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen -ihres Berufs zu überschreiten. Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit -zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen -Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen -Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm -diese Vermittlung übertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut -dem Untergebenen gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre, -er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang auf sich -warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten -zu erleichtern, trägt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und -dies alles geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretärs -einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche -und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in -meiner Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen erröten -mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stümper gegen -sie. Dies alles wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so -viele traurige Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche -Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der -Niedertracht eines Sekretärs, der die gleiche Achtung für sich in -Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich, -wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, daß er ihn zu -verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm -beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten Mittel bediente, deren nur -ein ehrloser Mensch fähig ist. In den Departements für die schönen -Künste usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees oder -eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt -es meist keinen Sekretär, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat -er lediglich die Verfügungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat -die Geschäftsführung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber -kommt es doch auch dort vor, daß er sich dort infolge der Trägheit der -Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und -die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen Leiters an -sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbäcker fängt -an Stiefel zu machen und der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler -erhält Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; es -erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt nicht verstehen kann, -wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der -doch bis dahin ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes -Schriftstück abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran -beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch -auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat's -hingeschmiert, dem der Name Hündchen gebührt.] - -Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung und -Ausführung in den Händen eines höchsten Meisters dieser Kunst liegen -[und nicht in den Händen irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der -Verwaltung des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur -der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er -allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein -erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Künstler ist, kann eine -gute Auswahl von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen -sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden -müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige Leseproben und -Probeaufführungen des ganzen Stückes zu veranstalten. Er wird es dem -Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu -lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler das Ganze -zusammen einstudieren und daß jeder seine Rolle ganz von selbst während -der Proben lernt und im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände -selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße Berührung mit -ihm unwillkürlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton -trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen: -solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, können -sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfüllt sich -jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und -Natürlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton -der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in -einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort -hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort -einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist -imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler -seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort -geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er -nie wieder loswerden können. Du wirst nie einen andern aus ihm machen, -kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen; -die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von -ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm für ihn bleiben, und -auch das Stück wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird -sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein -wahrhafter Künstler ist, hat ein Gefühl für das Leben, das in einem -Stück pulsiert, und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen -Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er -allein hat den richtigen Maßstab für die Veranstaltung der Proben, wie -sie geleitet werden müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und -wieviel Proben genügen, um das Stück dem Publikum in wirklicher -Vollendung vorzuführen. Man muß es nur verstehen, diesen Schauspieler -und Künstler dazu zu bewegen, daß er sich dieser Sache wie seiner -eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, daß das seine -Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert --- so wird er es tun, so wird er es durchführen, weil er seine Kunst -lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, daß -auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird -seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er -wird nie dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf die Bühne -gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, daß -möglichst viel Geld in die Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird -es nicht dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das Stück -ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm -anvertrauten Schauspieler auszuüben, sie zu tyrannisieren und zu -schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht -auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben. -[Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär dagegen wird dreist und ruhig -eine Gemeinheit begehen, da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was -davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten -zuschulden kommen läßt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet. -Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes -zuschulden kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines -Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, daß bei jeder -Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fällt, den bereits -jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der -zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner Kunst lebt und aufgeht, -dessen höchstes Lebenselement die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er -wacht und die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das Theater -eine Pflanzstätte des Lasters werde. -- Also: die Schuld liegt nicht -beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und -Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber urteilen, -was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs -Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern -deshalb, weil man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf alle -Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, die darunter zu leiden -haben, daß man ihre eigentliche Bedeutung verfälscht und verdreht, und -da es ja überhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben, -gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im -Sprichwort heißt, »das Kind mit dem Bade auszuschütten«[3] lieben, so -wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte, -vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker sind, sind -ein Krebsschaden für die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in -dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. Sie wissen -nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind -fest davon überzeugt, daß die ganze Welt lügt und nur sie allein die -Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf -sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefährlichen Zustande. Es ist -ein Glück, daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie nicht mit der -Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne, -der dazu befähigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten -Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil und Unordnung -anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen -Sie sich auch mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie nicht -wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt -gibt, vernichten möchten, da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es -ist ihr Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas Ähnliches hat -sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind plötzlich Leute -erschienen und haben öffentlich in der Presse erklärt, Puschkin sei ein -Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele -hineingeblickt hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet -gewesen wäre, in seinen Gedichten von den höchsten Dogmen des -Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur -mit großer Angst und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich -durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach -der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten und erhabensten Ideen -des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art -Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es nicht -wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen -war, in Verse zu kleiden, und daß er es vorzog, allen denen, die sich -bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse -zum Höchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von -Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum -völlig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem -Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor -allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine -Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die -Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht -ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte und -einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig für den Autor ist, und -nicht eine falsche und gekünstelte, die dem Autor schaden muß. Wenn das -sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und -schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit hat, sich vor dem -Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr muß sich die Kritik das zum -Gebot machen, die selbst über die unbedeutendsten Motive und Handlungen -Aufklärung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! Öffentlich -erklären, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi, -indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft, -daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von -uns ihnen erliegt -- ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns -ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich auch dem -Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein -Christ könne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um -ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein kennt -und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser Verstand nur bei einem -ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu -befähigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der -Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht -so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich -entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie -des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns -Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, -anzubeten geboten hat, -- denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er -wird ferner erklären: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es -ist schon nicht leicht, über einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu -fällen, und erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen -Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom -Geist der Poesie in sich trägt und beinahe ein dem Dichter selbst -ebenbürtiger Dichter ist -- wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk -oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Maße -mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und -endgültiges Urteil fällen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie -Demut üben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann, -daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren -Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden -kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind, -die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwärmerischen -Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht »An einen -Kirchenfürsten« anführen, in dem Puschkin von sich selbst redet und -sagt: auch in den Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben -dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick des -Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. - -[Fußnote 3: »Aus Ärger über die Läuse in den Ofen mit dem Pelz!«] - - Da traf dein Wort mich wundereigen - Mit überirdischer Gewalt, - Und meine Finger ließen schweigen - Die Saiten, die wie Hohn geschallt. - Mein Herz in seinem tiefsten Horte - Schlug reuekrank, gewissenswund; - Beim Chrysam deiner duft'gen Worte - Ward es zu neuem Sein gesund. - Aus deiner Geisteshöhe reichst du - Mir deine Hand zur Stütze nun; - Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du - Den Sturm -- und meine Sinne ruhn. - Das ewig Wahre, ewig Schöne - Durchflammt das Herz mir im Gebet; - Stumm hört des Seraphs Harfentöne - Im heiligen Schauder der Poet. - - (Fiedler.) - -Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein -wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und -Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn -sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die -verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte, -Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von -Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten -Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung -und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was -aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut -sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn -gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den -klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das -Christentum negiert -- einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie -zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich -gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und -unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer -solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte -hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was -hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?] -So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund, -Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall -nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in -der Gesellschaft -- kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich -selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger -Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das -rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein; -er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein -Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß -er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist -Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der -Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding -und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten -haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und -Theater -- das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim -Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob -man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst -hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen -wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die -höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres -sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem -er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre, -heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind, -und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen, -wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste -erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft, -noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen -Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund. -Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten, -sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken --- selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt -haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes -geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen -die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des -Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel -herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben -Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem -Preis und Ruhme tönten. - - 1845. - - - - - XV - Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit - Zwei Briefe an N. M. Jasykow - - - I. - -Dein Gedicht »Das Erdbeben« hat mich entzückt. Auch Schukowski war ganz -davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von -deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische Gedicht. Welch -eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen -und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter, -der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von uns, was auch -sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr, -wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst -wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar machen sollte. - -Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den -Dichter gerichteten Worte: - - Und bring den angsterfüllten Menschen - Gebete mit aus Bergeshöhn - -sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt sich das -Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige Zeit bietet gerade dem lyrischen -Dichter die günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire kann -man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen -der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter -Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die -heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der -Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen könnte, -führe es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit -deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes -getroffen ward; geißle die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine -doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird -dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir's aus der -Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes -Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der -Tag wird's dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott -lag, und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr -geschildert, daß die Gegenwart erbeben muß. Du besitzest alle Mittel und -Fähigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende -Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen müssen erhoben -werden, die andern bedürfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die -müssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken, -die sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen ins -Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des göttlichen Zornes -und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben, -sich wilden Ausschweifungen und einem schmählichen Jubel hinzugeben. -Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die -in die Luft geschriebenen Buchstaben, die während des Festmahls des -Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe -jemand ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch wünschest, daß -dich alle noch besser verstehen, dann erfülle dich mit biblischem -Geiste, laß dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und -steige hinab bis in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff -in ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe damit in uns das -Gefühl für das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen -läßt. Dein Vers wird nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du -nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen, -er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit -Begeisterung erfüllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns -förmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch: -»Empfang beim Zaren« in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrücke -und die Namen der fürstlichen Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und -Edelsteine ein wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit -förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten unserer -Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles groß, -kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer -als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen -Vers mit solchen Worten zu schmücken, -- wirst du den Leser völlig in -die vergangenen Zeiten zurückversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem -Buche gelesen hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener -vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat -andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen. - - 1844. - - - II. - -Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten -Gedichts: »Das Erdbeben«. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht -liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem -Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die -Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du -bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst. -Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie -entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande, -seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie -dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke -wegzuwälzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den -lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen -Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder -ermutigt und ermuntert sein will. - -So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den -Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf -sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d. -h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn -hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze -ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein -mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten -russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit -aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der -Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben -hast. - -Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden -schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme -Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird -er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der -Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn -Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich -einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm -unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden -und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus -tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie -sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück -Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen -eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest, -was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den -dritten Teil meiner »Toten Seelen« zu schreiben! - -Stell' in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages, -wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren -verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit -ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte -Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie -dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und -eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest. - -Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen -Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens -- -mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in -seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo -sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie, -sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube -einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr -Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre -herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein -Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife. - -Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus -russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem -schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem -Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine -Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der -gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich -diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht, -aber stell' es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns -unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände -ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch -er dasselbe vollbringen kann. - -Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen -Dichter -- ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen, -geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle -verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es -schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere -Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft -und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen -eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert -wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als -Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen -bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin -und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem -Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und -Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und -Liebe -- für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und -die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon -finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde -zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich -ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines -innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt -streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst, -die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines -Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die -Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben. - - 1844. - - - - - XVI - Ratschläge - An S. P. Schewyrew - - -Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren -Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden -gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu -unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit -Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine -Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich, -wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und -Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die -Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft -gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu -sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird -klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man -bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und -verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf. -Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen -erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen -Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können. -Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch. -Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr -viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es -dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist -groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er -uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor -dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch -Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die -wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein -solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es -vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr -unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben -Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren -Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend -belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und -Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich -von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es -mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden -Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst -einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem -du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was -du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern -zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf. -Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal, -ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte, -wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei -zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst -und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen, -weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen! -Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist -sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen -hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt -dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um -dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und -reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern -besser und reiner werden. - - 1846. - - - - - XVII - Über die Aufklärung - An W. A. Schukowski - - -Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für -alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft -verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du -in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht -irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so -erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest. -Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort -ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren -Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen; -rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst. -Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen -- -ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so -wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu -machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns -versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen -ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so -einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten -einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der -Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten -hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen -ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden -sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau -leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises -lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem -Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird -dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens -und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie -wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder, -der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn -der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn -nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott -selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie -werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut -nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht -schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es -gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und -alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen -- -unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen -Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu -lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft -russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher -Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche -Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition -für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg. -Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung -unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen -dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn -wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken -aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe -sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du -wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen --- von den Gläubigen wie von den Ungläubigen -- zugegeben werden und wie -unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen -wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer -unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden -der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich -die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine -vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen -gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und -Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere -in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot, -keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den -heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten -Vätern der Kirche eingeführt wurden -- während Er die andere hieß, sich -in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten -der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen, -selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen, -daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen -die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß, -sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu -entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie -sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es -anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot, -gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die -Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten -Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie -lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig -die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete, -sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu -beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es -ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte -sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in -unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft -bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der -Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie -versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten -für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische -Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche -mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge; -sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus -aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig -entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so -vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten --- der guten sowohl wie der bösen -- gelangt ist, jetzt kann die -römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den -Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie -mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich -heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber -klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die -von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die -Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden -christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für -die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen -vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es -jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere -und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr -kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein -Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie -ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in -einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund, -laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch -siebenmal verwickelter wären -- unsere Kirche wird sie alle entwirren -und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, -beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits -etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere -Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht -bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein -Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern. -Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei -haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was -es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei -uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar -erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all -seinen Kräften und Vermögen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand; -heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen -lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es -bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und -trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten -umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der -Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der -heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild -Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu -uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle -mit ihnen und spricht: »Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret -alle!« Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in -kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden -Ohr: »Das Licht der Aufklärung!« ohne daß etwas anderes zu ihnen -hinzugefügt würde. - - 1846. - -[Fußnote 4: Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn der -»_Durchleuchtung_«. Anm. des Herausgebers.] - - - - - XVIII - Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten Seelen« - - - I. - -Sie haben unrecht, sich so über den maßlosen Ton aufzuregen, in dem -manche Angriffe gegen die »Toten Seelen« geschrieben sind: das hat auch -seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die über uns empört -sind. Wer ganz von der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht -die Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt und gegen uns -erbittert ist, der wird versuchen, alles Häßliche, allen Unrat in uns -aufzuwühlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen -müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit -zu hören, daß man schon um eines kleinen Körnchens Wahrheit willen die -Kränkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie -ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois -steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich -solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bücher schreiben. In der -Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt -hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, so hätte ich wohl -selbst gesehen, daß das Buch unter keinen Umständen in einem so rohen -und unordentlichen Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die -Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich -nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir -keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe -und Stöße, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs -tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! Auf dem Grunde unserer Seele -liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht -verletzter Ehrgeiz verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten und -mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt werden sollten, ja wir -sollten uns stets dankbar über die Hand freuen, die uns züchtigt. - -Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von -Literaten, sondern von Menschen herrühren, deren eigentliches -Tätigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat -sich -- abgesehen von den Literaten -- wie zum Tort für mich auch nicht -ein einziger geäußert. Und doch haben die »Toten Seelen« viel von sich -reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und -Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen; -sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder täglich vor Augen hat, -obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und -Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände -kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstößiges und -Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand -tüchtig dafür ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die Wahrheit -sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre -Stimme erhoben hätte! Und doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und -wieviel Gescheites hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen -vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten -Vorgänge nachweisen können, da er mir nur zwei oder drei Vorgänge hätte -vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er -mich gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben -Weise hätte er für die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den -Beweis für sie erbringen können. Durch Anführung einer Begebenheit, die -sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte -und literarische Redensarten. Und das gleiche hätte der Kaufmann, der -Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist, -tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das -weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein -jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht über die Dinge -besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die -er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist, -stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen, -von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die »Toten Seelen« -könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel -interessanteres Buch als die »Toten Seelen« selbst geschrieben werden; -ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung -schöpfen können, weil wir ja alle -- wozu sollen wir unsere Fehler -verheimlichen! -- weil wir Rußland allesamt recht schlecht kennen. - -Ach wenn doch nur _eine_ Seele ihre Stimme laut und für alle vernehmbar -erhoben hätte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn -Rußland tatsächlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von »toten -Seelen« bewohnt würde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis -Rußlands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von -allem unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und Enden -Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet sein, ohne daß mich -jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein -Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer -sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank -und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde zu leben. Auf welche -Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und -Journalisten können mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch -auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat überhaupt nur -einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich -geweigert, mich zu belehren. Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor -Gott werde ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe, -wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere die Verantwortung für -mich werden übernehmen müssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott -selbst weiß es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage. - - 1843. - - - II. - -Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner -Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so -wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers -vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des -ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger -gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz -allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen; -ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten -auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen -hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht -schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet -war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich -wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das -Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der -Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld, -daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines -Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im -Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser -sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat, -nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte -Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie -viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten -Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und -nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk -erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit -der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen -fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen, -man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und -zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es -sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten -Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man -Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung -und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem -Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten -Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der -Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße -läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck -der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten -Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von -einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in -einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine -Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters -bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles, -jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und -als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als -eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das -eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für -ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne -unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen -Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter, -und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern -empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und -ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den -melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf -gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushört, der hat -entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er -hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie -sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre -verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der -europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle -Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat -schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde, -traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso -unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht -bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern -irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland -kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern -empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom -Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles -gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets -die nüchterne trockene Antwort bereit hat: »Wir haben keine Pferde!« -Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die -Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür -zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und -Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu -herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und -Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen, -Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von -keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen -kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben -Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher -Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und -gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten -auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines -Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man -sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt. -Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein, -sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen -reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der -Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die -nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom -Begriff der göttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit -erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein -Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen -Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu -umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein -neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen -zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel -zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende, -überall sehe ich, daß _der_ die Schuld trägt, der die Verordnungen -durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder -schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu -machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt, -oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut -russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange -mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel, -worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein -Sachverständiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art -- -schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht; -oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher -Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so -schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit -der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns -genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all -die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu -bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem -Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er -seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich -selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit -Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen -Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und -überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns -gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor -der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen -habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie -vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von -ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich -vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem -bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas -leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was -hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem -Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder -griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel -gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen -»Die toten Seelen« trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte -machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte -geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache -und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken -vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und -daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich -ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder -die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen -ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß -ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage -gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt -hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein -Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine -Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse -schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber -seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen -schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten -Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus -Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt, -die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war -mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden -Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes -Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des -Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder -gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit -solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige -freie Ausdehnung und Geräumigkeit -- dies weite Feld für einen rastlosen -Betätigungsdrang -- in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: »Sollte -nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er -sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,« kam wirklich von -Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus -Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und -fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit -zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen -Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines -Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig), -daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine -frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große -Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich -allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so -freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur -der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich -meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten -hat! - - 1843. - - - III. - -Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und -Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf -die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen -bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat -bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und -deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich -gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig -beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die -Helden meiner letzten Werke, besonders die der »Toten Seelen«, trotzdem -sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen -existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig -sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen, -wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor -einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu -antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner -Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der -Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen -Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir -eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich -gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens -zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu -bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir -immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem -Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so -satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen -Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze -Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem -deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er -fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit -der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente -mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal -Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den -»Toten Seelen« offenbart. Die »Toten Seelen« haben nicht darum in -Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil -sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag -gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den -Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus -keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen -guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen -ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem -Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war -dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als -der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung, -keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und -Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen -hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder -in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich -lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte -- die Jämmerlichkeit und -Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak, -das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine -Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung? -Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel -und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt -sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen. -Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich -nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene -geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären. -Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er -über meine Helden lachte. - -Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine übrigen Untugenden -um Haupteslänge überragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante -Tugend besaß, die mir ein besonders interessantes Äußere verliehen -hätte, dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, die es -nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir -in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem -Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er -hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste -jedoch, für den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch, -_besser zu werden_. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und -wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, daß sie sich -nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, statt sich mir plötzlich -und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von -Seinem unendlichen Mitleid besaß, -- dann hätte ich mich sicherlich -erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in mir entdeckte, verstärkte sich -durch eine wunderbare höhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen -zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, das mich -dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies für ein Erlebnis -war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand -nützen könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem -Augenblick an begann ich meine Helden über ihre Gemeinheit hinaus auch -noch mit meinen persönlichen Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah -folgendermaßen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir -selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe, -Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin -darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte -sie mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig war. Wenn -jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine Feder im Anfang für -mich selbst erschuf, er hätte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir -nur zu erzählen, daß Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der »Toten -Seelen« vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas -vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und -finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte. -Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme: -»Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Rußland.« -Dieser Ausspruch überraschte mich. Puschkin, der Rußland so gut kannte, -hatte nicht bemerkt, daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt -meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache -bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit -ist und in was für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die -Finsternis und den furchtbaren _Mangel an Licht_ darstellen kann. Seit -dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden -Eindruck mildern könnte, den die »Toten Seelen« hervorrufen konnten. Ich -sah, daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es besser ist, -es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle -Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen -würden, wenn man ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen -führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich -für meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese -elenden Menschen sind jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen -Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, die -sich für besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus -Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich außer Zügen von -mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von -dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die Zeit für dich gekommen -sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persönliches Geheimnis. Ich -mußte allen guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine -nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und es ihren rechtmäßigen -Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts -anderem handelt als von _Elend, Armseligkeit und Gemeinheit_ und warum -alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein -müssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bänden finden. Das -ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten -seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und -Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflößt, -er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen -gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. Mehr wollte ich -nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich noch bedeutsamer geworden und -wäre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der -Veröffentlichung beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger -und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden haben sich noch nicht -völlig von mir abgelöst und daher auch noch nicht die rechte -Selbständigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den -Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht -heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht -tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen -Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine -Frühgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet -und selbst sein verfrühtes Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden, -daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen, -die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten -Verhältnisse Rußlands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze -Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines Briefes -angefüllt hast, und die zu nichts führen, als zur Befriedigung einer -müßigen Neugierde), wenn du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen -und Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als -auch alle möglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die -auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen, -sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatsächlichen -Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer -Provinz vorgefallen sind -- sei es nun, daß sie mein Buch in einem -seiner Teile widerlegen oder bestätigen -- zu jeder Seite könnte man ein -ganzes Dutzend solcher Fälle anführen -- dann würdest du ein wahrhaft -gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen dankbar sein. Wie würde -sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie würde das meinen Kopf -erfrischen und wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! Aber -das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hält meine Bitten -für ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen. -Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne -selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß diese müßige -Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, wie ich sehe, auch dich -angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles würdig und weise nach -wohlgefügten Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus dem -anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott weiß warum, soviel -unnütze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn -deine Worte auch ordentlich überlegt? »Es ist absolut notwendig, daß wir -den zweiten Band erhalten.« Wie? soll ich mich denn bloß deswegen, weil -alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das -wäre doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem ersten zu sehr -beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bißchen Verstand gekommen? -Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die -Menschen unwillig über mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend -etwas sagen. Und woraus schließt du nur, daß der zweite Band gerade -jetzt ein dringendes Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf -hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht? -Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, während ich glaube, daß er -nicht früher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies bloß, -wenn man die Umstände und den Gang der Zeit berücksichtigt. Wer von uns -hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder -der, der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das jetzt für eine -seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland aufgekommen ist! Der Mensch -liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun -und spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere sich aus -allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude darüber, daß sein Freund -müßig auf dem Rücken liegt! Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit -einer ernsten Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall zur -Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann -heißt es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt. -Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt, -was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube -bitte nach diesem Bekenntnis nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin, -wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich -suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht für alles Schöne, ich -liebe meine Schändlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten, -wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem -Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde gegen es ankämpfen, bis -ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist -ganz falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht -haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, solange er noch in der -Schule sitzt, und daß er später keinen Charakterzug mehr in sich -verändern könne. Nur in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel -konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen -meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden -übertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, über sie zu -lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr -verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von -unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das -Häßliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte -vor Ihm prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich -von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir, -aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige -Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese -Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe -gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere -eine Weile beiseite zu lassen und gründlich in dich selbst -hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen läßt, -und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung zu unterziehen. In -dieser meiner Antwort wirst du, wenn du näher zusiehst, auch eine -Antwort auf deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum -ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen Erscheinungen gezeigt -und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwählt habe. Solche kann -man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im -geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit -und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat -- wird alles, -was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der -Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese -Schreckgespenster nicht erfunden -- diese Schreckgespenster haben meine -eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was lebendig in meiner Seele -lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt. - - - IV. - -Ich habe den zweiten Teil der »Toten Seelen« verbrannt, weil das eine -Notwendigkeit war. »Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn,« --- sagt der Apostel. Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen -soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen -Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche -Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen gekostet hat -und worin vieles enthalten war, was mein höchstes Streben ausmachte und -meine Seele ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in -einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen -wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte. -Ich danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen. -Sowie die Flamme die letzten Blätter meines Buches aufgezehrt hatte, -erstand sein Inhalt plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor -mir, gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male, -wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits für -ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite -Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er hätte -eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genuß und die Befriedigung -der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß, -sondern die aller Leser, für die die »Toten Seelen« geschrieben wurden. -Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die für die vornehme -Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, -- das kann zu -nichts führen. Das erregt bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von -uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit -angenommen, die Vorzüge des russischen Charakters über alles Maß zu -preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran, -diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu -arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau zu stellen, als -wollten sie Europa zurufen: »Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch -besser als ihr!« Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die -andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann -die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rühmt und sich -was auf sie zugute tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt man -schon, noch ehe man etwas geleistet hat -- man prahlt mit dem, was erst -kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig -und man grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist und sich -selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens -seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewußt und richtet seine -Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten -Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt; im zweiten Falle dagegen -flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater -des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet, -indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verführt. -Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze -Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute -begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der -Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man -überhaupt nicht vom Hohen und Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem -jeden die Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so daß er sie -taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande -der »Toten Seelen« nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck -gekommen, und doch hätte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste -Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt. -Urteilen Sie bitte nicht über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus; -Sie werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich -aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten, -das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir -verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen -Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht -vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht -dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzuführen. -Meine Aufgabe ist weit einfacher und näherliegend; meine Aufgabe ist -das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken -sollte. Meine Aufgabe -- ist _die Seele und die große sichere ewige -Aufgabe des Lebens_. Darum muß auch mein Tun stark und dauerhaft sein -und ich muß Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu -beeilen; mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne, -was verbrannt werden muß, und ich handle sicherlich richtig, denn ich -unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre -Befürchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir -vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so -sind sie überflüssig. Meine Gesundheit ist sehr zart -- das ist freilich -wahr. Zuzeiten ist mir's so schlecht zumute, daß ich es ohne Gottes -Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem Verfall meiner Kräfte ist noch -ein so intensives Frösteln hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß, -wie und woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung machen, und -doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr -als eine Stunde für die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich -mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht. -Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner -Fähigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen -wäre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die -größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir -auch die Kraft verleihen, was noch übrig ist, zu vollenden und zu Papier -zu bringen. Meine Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine -geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger, nun denn, -so wird wohl auch die Körperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben, -daß, wenn die rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre lang -mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen -wird. - - 1846. - - - - - XIX - Liebt unser russisches Vaterland - Aus einem Briefe an den Grafen A. T. - - -Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine -rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen -nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man -Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch -niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung, -mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten? Sehen Sie nur, -wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwärtig auf der Welt gibt, -die sich glühend nach dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde -Kaltblütigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den -niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart -und verkündet, daß wir in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott -teilhaftig werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns -gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben. -So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder -lieben. - -Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie sollen wir die -Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte nur das Schöne lieben, die armen -Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in -ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafür, -daß Sie ein Russe sind. Für den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und -dieser Weg ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland lieben -lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in -Rußland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die -Leiden und Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem Maße -betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, würde niemand -von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der -Beginn der Liebe. Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die -Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt -keineswegs bloß die Empörung der guten und anständigen Elemente über die -Unanständigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der -Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang, -daß zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Häuser -gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen -hätten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr -Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht, -wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger, -erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefühllosen beginnen sich -zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner, -auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. - -Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich darüber aufregen, -sowie Sie hören, daß etwas Böses oder Häßliches in Rußland passiert. -Dies erregt bei Ihnen nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein, -das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das -ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich -ankündigt. Nein, wenn Sie Rußland wirklich lieben werden, dann wird -jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher und -selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage nichts für -Rußland tun, und als ob Rußland ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von -selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit -voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig ist und daß man mit -ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Rußland -wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich förmlich dazu -drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa -Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich -mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird, -begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem Beruf einem -tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie es jetzt führen, vorziehen. Nein, -Sie lieben Rußland noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht -lieben, können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche Liebe zu -Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe -Sie sich nicht mit dieser göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine -Rettung für Sie. - - 1844. - - - - - XX - Lernt Rußland kennen! - Aus einem Brief an den Grafen P. T. - - -Es gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf. Gott gebe, daß es uns -einmal beschieden sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der -sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an sie ist mir eine -Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden, -können wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will, -sich aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt Lebewohl sagen -können. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins -Kloster. Diese Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie sind -reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen verteilen, was aber hätte -ich ihnen zu geben? Mein Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes -Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches -Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen, mit -denen ich andern nützen und dienen kann -- daher muß ich diese Güter -unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber -auch Sie können sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken, noch -nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn -es Ihnen schwer würde, sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache -anders. Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet heute -nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat und welch ein Opfer wäre es, -sich von ihm zu trennen. Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun, -wenn man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nämlich das -Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die -Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr -Kloster ist -- Rußland. Nun, so legen Sie das geistige Mönchsgewand an --- sterben Sie sich selbst völlig ab -- sich selbst -- nicht Rußland -- -und gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein. Unser Land ruft -heute seine Söhne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon -ertönt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben -entweder ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland für -einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und -Elend über das Reich hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen -verließen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu -retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors -begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf -der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines -friedlichen Bürgers -- ja, wo denn nur? -- mitten im Herzen Rußlands zu -erfüllen. Machen Sie keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre -Unfähigkeit hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland jetzt -höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können. Sie sind Gouverneur -zweier Provinzen von äußerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben -diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen -damals noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher andere, Sie -haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse über die Zustände und -Vorgänge im Innern Rußlands erworben und das Land in seinem wahren Wesen -kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich würde -Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem -Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine -bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit bedeutsamer -erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene Fähigkeit, ohne besondere -Anstrengung und ohne _selbst_ zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein -bequemes müßiges Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei -Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann -erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles -ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige Beamte -zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit übrig lassen. Und wenn sich -dann Gelegenheit bot, jemand für eine Auszeichnung oder Belohnung -vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem -Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz übergingen. -Das ist Ihr höchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit, -sich die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß Ihre Beamten sich -die größte Mühe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so -überanstrengt, daß er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem -Sie aufs eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so -viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig, wenn ein Vorgesetzter -ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem -wahrhaften Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit, wo -ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst möglichst in den -Vordergrund zu rücken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage -Ihnen, mit dieser Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig -unentbehrlich, und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht einmal -empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf -diese Fähigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen. -Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an, -daß Sie sie nicht brachliegen lassen mögen. Sie aber halten sie wie ein -Geizhals unter festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig, -vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche Stellung -einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb, -weil Sie sie nötig haben -- Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in -Ihren Augen ist keine Stellung zu gering -- sondern deshalb, weil Ihre -Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu -ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises -bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise -in Rußland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie -werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland machen. -Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das genügt jetzt -nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Rußland mehr, als in einem -anderen Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst, -während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, daß in den letzten zwei, -drei Jahren ganz andere Menschen aus Rußland herauskommen, Menschen, die -gar keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem -begegneten. Um zu erfahren, was das _heutige Rußland_ ist, muß man -unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht, -was man spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich wahr, -daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit -und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie -heute unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der Bildung -und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz -zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt -hat, wie heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht -aufgekommen, sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus -folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele törichte -Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlüsse gezogen -worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe über Rußland so -sehr entstellt und verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man muß -selbst eine Reise durch Rußland machen und sich selbst überzeugen. Das -ist besonders nützlich für den, der eine Weile fern von Rußland in der -Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten -Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der -sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich -und feinfühlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht -sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunächst -müssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher über Rußland besaßen, bis -auf die letzte völlig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren -eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben, -lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wüßten, und -Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig -unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer -Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer größeren europäischen -Stadt beeilt, alle ihre Denkmäler aus alter Zeit und alle -Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie in -die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch -größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu -lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und -in ihren Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte darauf -schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, daß man ihn aufmerksam -und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als -irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen -wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf -den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen -können, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die -Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, »das Salz« -einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es -immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen -ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon selbst ein -Urteil darüber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten -Beobachtungen über die gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn -Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden Standes reden -werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und öffnen -Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was -heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird -Ihnen sofort erklären, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein -nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen Begriff von dem -Kleinbürgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles -Notwendige über den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren, -und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre der Gesellschaft werden -Sie sich selbst ein Bild machen. Übrigens dürfen Sie sich nicht -allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen. -Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem -Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß heute alle miteinander im -Streite liegen und einer den andern rücksichtslos verleumdet und -schlecht macht. Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu -nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie -alles übrige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und -Städte Rußlands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo -und an welcher Stelle Sie sich nützlich machen können und um welchen -Posten Sie sich bewerben müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn Sie -nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel Gutes stiften. Schon -während dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so großen wahrhaft -christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster -bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten -können und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits -stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und -Richters übernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das -jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer solchen Tätigkeit -liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch höher gestellt als jede andere -Art der Tätigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder -Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns überall -etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben -miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund; -die Kleinbürger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst -die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen -Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt werden, miteinander wie Hund und -Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht -miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und -Freundschaft bemerken, wenn nämlich einer von ihnen heftigen -Verfolgungen ausgesetzt ist. - -Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine -Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu versöhnen. Für die -Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen -und wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, söhnt -er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht, -dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher -weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine -so große Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der -menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen -eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein -bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so -gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst -nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen -Entgegenkommen entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu, ihn an -Großmut noch zu überbieten. Daher können bei uns selbst die ältesten -Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt -werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird -und überdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die -Streitenden tritt. Eine solche Versöhnung aber -- dies muß ich noch -einmal wiederholen -- ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige wenige -Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander -Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht über irgendeine -Sache sind, sich dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde -es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der -Tätigkeit, zu der sich Ihnen während Ihrer Reise durch Rußland auf -Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine -andere Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie -können der Geistlichkeit der Städte, die Sie berühren werden, einen -großen Dienst erweisen, indem Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt -machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der -Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen -heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, daß sie -nicht in die Sphäre des christlichen Lebens gehören. Dies ist sehr -notwendig, weil viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge -von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten Zeit -stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht -sind, daß niemand mehr auf sie hört, daß ihre Worte und Predigten in die -Luft gesprochen sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat -und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist -unrichtig. Freilich sündigt der Mensch von heute wirklich -unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner früheren Zeit; allein er -sündigt nicht aus einem Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit, -nicht aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu -sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden nicht erkennt. Noch -hat sich nicht allen die für unser gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare -Wahrheit enthüllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren -Augen, daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten -der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß nicht offen und direkt, -sondern indirekt sündigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch -nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und -daher bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn man heutzutage -erklärt: »ihr sollt nicht stehlen, nicht in Überfluß und Üppigkeit -leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den -Armen milde Gaben reichen«, so bedeutet das nichts und kann keine -Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen wird: »aber das -sind doch alles bekannte Dinge«, wird er sich noch vor sich selbst -rechtfertigen und sich womöglich gar noch für einen Heiligen halten. Er -wird sagen: »Stehlen? -- ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein -paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde -ihn nicht anrühren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen -Diebstahls entlassen; ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe -weder Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu sparen und -zurückzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem Überfluß -stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den -Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen. -Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten -und für die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig, -auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache -meine Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorüber, -ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält, auch habe ich mich niemals -geweigert, etwas für irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben.« Mit -einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für -gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine -Sündlosigkeit sein. - -Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm bloß einen Teil von -all den furchtbaren Schrecken und Übeln zeigt, die er zwar nicht -unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders -reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen -Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und seine Lebensweise nach dem -Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres -Ärgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben -Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem -zurückzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut -verschwenden, die Menschen ausplündern und sie zu Bettlern machen; -außerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im -Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge -stehen müssen, und die es vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht -wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben -und die Köpfe anderer Leute verwirren würde. Ebenso zeige man allen -Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen -und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges -davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode -folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch -sündigen, daß sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr -Geld verschwenden, sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem solchen -Leben zwingen, daß so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde -Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen -hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen, -mußte er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn -ausplündern. Dieser mußte seinerseits irgendeinem Assessor oder einem -Landrat die Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum war -gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplündern] und man lasse -auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann -werden sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes Kleid denken. -Sie werden einsehen, daß auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und -auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf -Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht von der -furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist -nicht gefühllos. Der Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie -ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr -erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher -geworden, und die Hälfte seiner Sünden rührt von seiner Unkenntnis und -nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu -anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in -sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der -Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lüften und ihm nur eins -von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er -wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit zu prahlen. Er -wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen -Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig -wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, daß der -Gedanke, daß man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde -richten müsse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in -dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, nicht -aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen Menschen entstehen -konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzähligen -indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit, -seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf -alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen würde, wo jeder von uns -mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine -eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine -Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann, -kurz, wie wäre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen -würde, auf welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein, -die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner -Worte wird in die Luft gesprochen sein. _Sie_ aber können viele Priester -hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der -Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden, -aufmerksam machen. Aber Sie können sich hierdurch nicht nur den -Priestern, sondern auch anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind -Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist. - -Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich -unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller -Wirrsale und Verwirrungen unserer _gegenwärtigen_ Zeit darstellt; nicht -wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem -Manne erscheint, der es von dem höchsten Standpunkt eines Christen -betrachtet, in Erwägung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands, wie -sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute -leben in einer fremden Welt ausländischer Journale und Zeitungen, nicht -aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch -kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wände -wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber -können sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein -gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und -Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In _einer_ Stadt können Sie -Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann -zu bringen. Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst weit -mehr bereichern als alle. So Großes können Sie auf Schritt und Tritt -vollbringen -- und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle -liegt über Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe -herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie -können die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es -lernen, ihnen zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn -liebgewinnen, wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn er noch nie -für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so -innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles -für es hingegeben hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie -auf! Ihre Klosterzelle ist -- Rußland. - - 1845. - - - - - XXI - Was eine Gouverneursgattin ist - An Fr. A. O. S. - - -Ich freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber -sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso -vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre -Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit neuer Kraft lieben -lernen; sie gehört zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre -wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen, -daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne -Nutzen, daß die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind -einfach müde -- das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet -überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Betätigung. Sie wirkt sogar -auch dann noch, wenn sie überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst -schon, daß es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu -schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze und Eifer auf alle -möglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich, -die Sie selbst erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen -ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet und zugleich damit -alle möglichen Schreibereien, eine große Aktenwirtschaft veranlaßt, -allerhand Ökonomen, Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen -und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg -durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht und in K. eine große Verwirrung -angerichtet. Die Fürstin O. dagegen, die _vor_ Ihnen Gouverneurin der -Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle -gegründet, sie hat außerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch -hatte sie gar keinen Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der -eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften gar -nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in -der Stadt ihrer ohne Tränen gedenken, und jedermann -- von dem Kaufmann -bis herab zum letzten Habenichts -- sagt auch heute noch immer: »Nein, -wir werden nie eine zweite Fürstin O. bekommen.« Und wer sagt so etwas? -Dieselbe Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt, -dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle Zeiten und -unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Läßt sich denn wirklich -nichts machen? Sie sind müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde, -weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen -Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit -Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen -schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. Sie sind die -erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank dem äffischen Wesen der Mode und -der bei uns in Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im -allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit, -nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin -sein. Wenn Sie nun recht für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden, -so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere -veranlassen werden, sich mehr und gründlicher mit ihren Angelegenheiten -zu beschäftigen. Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu -tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal -viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen -Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und -zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen. -Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie -an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie -diesen abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden Rußlands, -diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und -Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies _eine_ -gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften, -als selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht -einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin! -Sie sind müde. Aus Ihren früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den -Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht -allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist -bereits über die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir -zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich -noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede kleine Unannehmlichkeit -macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drückt Sie zu -leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte, -von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, überzeugt haben. -Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus -betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und -zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, daß alle -Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, daß sie Menschen -sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles -ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen und nur noch gegen -ihre Krankheiten ankämpfen. Wer hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten -unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine -Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der -allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der -Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich -über alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu -verhelfen, daß ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen -vollständigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das -nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon überzeugt sind, daß -ich in vielen Beziehungen eine größere Wirkung auszuüben vermag als Sie. -Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben, -wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst -sagen, daß ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe -als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren -unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben wohl vergessen, daß -ich zu beten vermag und daß mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott -aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott -erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der -nicht von Ihm belehrt ist. - -Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff -von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie -jeder Provinzhauptstadt eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen -Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben sich darauf verlassen, daß -ich Rußland kenne wie meine fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland -so gut wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas davon -gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden. -Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind große -Veränderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt -nicht mehr vom Gouverneur abhängig, sondern sind andern Departements und -Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind -neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz, -ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach -vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch -gebeten, mich recht _vollständig_ mit Ihrer Situation bekannt zu machen. -Nicht mit irgendeiner _idealen_, sondern mit Ihrer _eigentlichen -wirklichen_ Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom -Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag. - -Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in -K. Rußland besser kennen gelernt haben, als während Ihres ganzen -früheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir -geteilt? Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem Ende Sie -anfangen sollen, Sie sagen, daß der große Haufen von Kenntnissen, die -Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt -(Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen, -sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir zunächst folgende -Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies möglich ist, -und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen -- d. -h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört und -nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm sind oder -gefallen haben, tun würde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter, -leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer -vernünftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu -Herzen nimmt, sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet. - -Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre -Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen -bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und -Familiennamen sowie mit allen Beamten -- vom ersten bis zum letzten -- -bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich muß ebenso ihr -Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein müssen. -Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für einen -Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von ihnen selbst und nicht -von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem -ein Gespräch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit -besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die sie sich -bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre die erste Frage. Bitten -Sie ihn dann weiter, er möge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel -Gutes man unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf zu tun -vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil -man in diesem selben Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das -wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben, -so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort für mich -auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen. -Erstens werden Sie _mir_ hierdurch die Möglichkeit geben, mich Ihnen in -der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den -eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt, -woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst -charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich -bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber darum handelt es sich nicht. -Beeilen Sie sich fürs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch -nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und als -ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie -zunächst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen, -begnügen Sie sich fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem -bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem -anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen über -jeden einzelnen Mann mitzuteilen -- auch was die andern über ihn sagen, -kurz alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters von ihm -sagen läßt. - -Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen über die gesamte -weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug -gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle -kennen gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie sie doch nicht -genügend kennen gelernt haben. Frauen gegenüber lassen Sie sich schon -durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen -Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den -allerbesten. Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie -müssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Häßliches und -Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen -lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen großen Einfluß auf -ihre Männer haben können. Übereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen -keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal -ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu -veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse einer jeden zu -orientieren, womit sie sich beschäftigt, ja suchen Sie selbst ihre -Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre -Neigungen, was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd -einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen. - -Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig und bis in sein -Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu können. Ohne dies kann ich es -nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An -jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall -immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja -sogar unausführbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis -auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von -Ihrer Stadt erhalte. - -Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts -bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der -die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach -irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und -einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er -Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch -ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen -gerade mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien bei -Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, daß diese Aufzeichnungen Ihnen -zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein für allemal eine -bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie sich eine -systematische und möglichst vollständige Vorstellung von der ganzen -Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort übersehen -können, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und -damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von Ihrer Stadt -erhalte. - -Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Tätigkeit, -ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem -Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht -haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, daß -vieles Unmögliche doch möglich und daß vieles Unverbesserliche doch noch -gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade -darum, weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. Ich -möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen, -nicht höher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand, -auf den sie gerichtet sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie -sofort erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen. - -Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke -geben, die allerdings nicht für Sie, sondern für Ihren Gatten bestimmt -sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der -Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache. -Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche -Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so -wird jedermann ehrlich sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies -nicht schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art, -Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des -Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem -Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen. -Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach -unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind häufig bloß deswegen -gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst -was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie müssen zahlen, wenn sie -eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können -sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt -werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand -vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in -den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in -den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie -niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das Übel ganz zur Reife -gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen -Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur stets Gelegenheit -hat, viel Unheil anzurichten, daß er nur wenig Gutes tun kann, daß er -kaum die Möglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf -diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein -Gouverneur kann immer einen _moralischen_ Einfluß ausüben, ja dieser -Einfluß ist sogar sehr groß, ebenso wie auch Sie einen großen -_moralischen_ Einfluß ausüben können, obwohl Sie über keinerlei -gesetzliche Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte -irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt -davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde -dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer Furcht -davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst -ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem -Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie -Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises -gehandelt haben, den Sie ausdrücklich in die Stadt kommen ließen, um ihn -mit dem Staatsanwalt auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit, -Anständigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und -freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht -verfehlen. Dies können Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders -gefallen hat, ist folgendes: daß der Richter (der, wie es sich -herausgestellt hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch ist) -so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, nicht einmal ins -Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm -in diesem Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen mögen. -Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht -nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich über die Bestechlichkeit -und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin, -gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich -lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit öffentlich bekannt zu machen -und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt -freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, sobald es im -ganzen Gouvernement bekannt wird, daß der Gouverneur wirklich so -handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel -hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt -hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht -für jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Länder durchdrungen -ist, d. h. nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung, -auch nicht für den europäischen _point d'honneur_, sondern für die echte -sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen -Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger -Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur -zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die -sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der -herrlichsten Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs -zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der -Gouverneur muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel ausüben. -Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit -unbedeutenden Ämtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das -aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz -eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man -seine dienstlichen Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch für -ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und vielerlei Mängel hat, -seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem -andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er -sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht hätte. Mit einem Wort, man -darf niemals aus dem Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die -im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze -Habe, die sie besaßen. - -Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen irgendwelcher -unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so muß dies stets -_unter Enthebung von seinem Amt_ geschehen. Das ist von großer -Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er seines -Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten für ihn Partei nehmen. -Er wird noch lange Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um -alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt nicht mehr -möglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter -_Enthebung von seinem Amt_ vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich -die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen -Seiten werden sich Beweise gegen ihn häufen, alles wird plötzlich an den -hellen Tag kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. Um eins aber -bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen -aus dem Amt gejagten Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er -will: denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres Gemahls muß er -in Ihre Hände gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen -Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut -daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie -die Brötchen, die für diese Unglücklichen bestimmt waren, an andre Leute -verkauft hat -- ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in -Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren, -sich deswegen zu beklagen. Daher mußte ihre Entlassung öffentlich und -vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig -fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich und behalten -Sie den Ausgestoßenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus -Kummer, Verzweiflung und Scham noch größere Verbrechen begehen. Handeln -Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder überhaupt durch irgendeinen -klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen -beständig über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie -dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. Nehmen Sie sich in -diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum -Vorbild, der den Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn -aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher mag sein, wie er -will, solange die Erde ihn noch trägt und Gottes Donner ihn noch nicht -vernichtet hat, so bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch -aufrecht zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt -werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie übrigens bei den -Aufzeichnungen, die Sie für mich machen werden, oder bei Ihren eigenen -Forschungen über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr durch -die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert werden und sollte sich -Ihr Herz mit Empörung erfüllen -- so rate ich Ihnen in solch einem -Falle, sich hierüber so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu -unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein -kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen Sie ihn durch Ihr ganzes -Krankenhaus und klären Sie ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf. -Selbst wenn er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst -besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über alle Krankheitsanfälle, -alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie -ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm -fortwährend vor Augen steht, daß er sich in Gedanken fortwährend mit -Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie ihm immer lebendig und gegenwärtig -ist, wie sie auch Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all -sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhörlich für -sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den -Zuhörern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen, -in viele Dinge Licht hineinzubringen und persönlich, ohne auf jemand -hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von -Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit -Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie -gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen -zu lernen. Von ihnen hängt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt -in ihren Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. Achten Sie -trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu -gering. Es ist leichter, _sie_ ihrer Pflicht wiederzugeben, als -irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz, -Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit. -Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen -seiner Brüder hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. Dazu -kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen ... Ein -Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein -gewisses Gefühl dafür, daß er demütiger und bescheidener sein muß, als -alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich während des -Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, mit einem Wort, er ist -weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als -wir, und indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle auf -ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfähige Leute -unter ihnen antreffen, diese nicht geringschätzen, sondern ordentlich -mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde hat, -lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie -sich erzählen, was für Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie -versteht und in welchem Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß -ich bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft -in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Daß sie auch schon anfangen, die -Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung, -der man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir einen von ihnen -mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf -bis zu den Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. Also -noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig und bis ins einzelne -kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern -erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe -geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug -werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmähen, mit -einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen -Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle Daten, die Sie so -sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Bürgers und -Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen. -Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser -Krüppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind, -dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darüber. Sie -werden ihm gerade das sagen, was er wissen muß. Sie werden ihm das Wesen -eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein -jeder Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur dieses -Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er -durch unsere Mißbräuche geworden ist. Darüber hinaus brauchen Sie nichts -hinzuzufügen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein -eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen -solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen -Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs -und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zügen abzustecken. -Häufig weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine -Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, und bringt nichts als -Gemeinplätze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den -Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu -versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine -Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit -dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren -moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, daß ihre -Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie strengere Rechenschaft werden -ablegen müssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, daß -heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf -den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes Revirement -bevorsteht, weil nicht nur die höhere Obrigkeit, sondern auch alle -Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund -alles Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht -und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst häufig über die -furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkürlich -erschauert. Kurz -- vernachlässigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen -Umständen: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen großen -moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, das Bürgertum und die -niederen Stände der Stadtbewohner ausüben, einen so großen Einfluß, wie -Sie sich's kaum vorstellen können. Ich will nur einiges davon erwähnen, -was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen, -mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, -- aber da fällt mir -ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Bürgertum und die -Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen -vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich -unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie selbst -einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch große -Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die -weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche Asyle und alle -möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern -und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer -Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden. - -Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern -der Stadt zu sozialer Tätigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann -gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln; -wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem Charakter, ihrer -Lebensweise und ihrer Beschäftigung geben wollen, so werde ich Ihnen -sagen, wie und wodurch man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem -Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man -jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurütteln und aufzuwecken. -Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt -genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr finden werden. Legen -Sie keinen Wert auf ein abstoßendes Äußeres, legen Sie auch keinen Wert -auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes -Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch -große Kühnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies -ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas -unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch ist unsere Seele in -ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefühle fähig als jemals -früher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder -sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben. - -Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen -sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel -mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie -dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem hohlen modischen Treiben -umgarnen ließen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen -zu reden, wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten ihre -hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische -Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur -Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und -Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben für ganz -hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in -sich gehen, erkennen, daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu -edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren -Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu -veranlassen, daß sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache -stellen. Ich schwöre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins -Gewissen reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie werden uns mit -der Geißel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige -Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird, -daß er schon längst von selbst hätte vorwärts laufen und nicht erst auf -den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller -gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch -nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele -kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie alle, bis zum letzten, lieben, -ohne alle Rücksicht, ob einer Sie liebt oder nicht. - -Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fühle, daß ich -anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im -gegenwärtigen Augenblick sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie -selbst schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten -zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde. -Ich höre fortwährend von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht, -woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie -auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben, -und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch -eigenhändiges Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. Also noch -einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt gründlich kennen zu -lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem -einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf -besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses man in seiner Stellung -vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleißige Schülerin, schaffen -Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in -Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein müssen. Denken -Sie stets daran, daß ich dumm, daß ich _ganz_ dumm bin, solange mich -nicht jemand in ausführlichster Weise über einen Gegenstand orientiert. -Oder stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig -unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste -Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen muß: nur dann wird Ihr Brief -seinen Zweck ganz erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen -solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas -vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich -eingetroffen sind, so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich -damals in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht haben. Ist denn -das etwas so Großes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man muß bloß die -gegenwärtigen Verhältnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die -Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an -die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher -Mensch muß entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber in -Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen folgender Zeilen -ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen führen will. »_Es ist traurig -und sogar bitter, die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen zu -müssen. Im übrigen aber sollte man nicht darüber sprechen. Wir sollten -hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den -Händen des allbarmherzigen Gottes liegt_«. In den Händen des -allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwärtige, Vergangene und -Zukünftige. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart nicht -sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies -ganze Unheil, daß das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach -häßlich und widerwärtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne -möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln an allem und -blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit, -daher hängt ja auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft: -manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen hochstehenden -Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefühl -nur noch keine streng zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben -können. Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das weiß kein -einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei -vergißt man eine Kleinigkeit: man vergißt, daß die Straßen und Wege, die -in diese _heitere_ Zukunft führen, ja gerade durch diese _dunkle und -verworrene_ Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann -hält sie für so häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und -ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen führt. So lehren Sie -mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie dürfen sich nicht durch -das viele Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir -keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts -Ungewohntes für mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in -mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niederträchtige und -Widerwärtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Häßliche in -Verlegenheit, ich fühlte mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte -mich ein Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich aber tiefer in -all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich -zu höherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf. -Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch größerer Ehrfurcht -vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafür, daß -er es mir ermöglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht -- sowohl -meine eigene wie die meiner armen Brüder -- wenigstens teilweise kennen -zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fünkchen Verstand besitze, -wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich -bemüht habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit -hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen, -die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe -und Stütze zu sein -- so war dies nur möglich, weil ich tiefer in diesen -Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich -schließlich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht bloß -eingebildeten, erträumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen -Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich, -daß ich recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit -hinabgesehen habe. - -Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurück. Vor allem -aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus -irgendeinem Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere -Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten -»Reinen« ihr Gesicht mit den Händen bedecken und bittere Tränen weinen -werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer -Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gütern -gerühmt und sich deshalb für bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie -stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben, -mit neuem frischerem Mut als früher an die Arbeit. Lesen Sie meinen -Brief fünf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und -es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens -selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes -ganz zu eigen machen. Meine Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine -Wünsche zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe -Sie unablässig verfolgt und so lange quält, bis Sie meine Bitte erfüllen -und tuen, was ich verlange. - - 1846. - - - - - XXII - Der russische Gutsbesitzer - An B. N. B. - - -Die Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es -dir zum unumstößlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das -übrige wird sich schon von selbst ergeben. Laß dich nicht irremachen -durch den Gedanken, daß das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem -Bauern verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen ist, ist -wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch -wahr, aber] daß es für alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte --- das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur -ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge hinaussieht, kann so -etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines -Russen, der für alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein -vermag, -- es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und -Anhänglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den -Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch einen Gedanken hat: -wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausführst, -was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres -erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die Aufgabe, die einem -Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen -und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die Bauern -um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind. -Du mußt ihnen erklären, daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist, -weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern -deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als -Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen -würde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest, -denn ein jeglicher muß Gott an _der_ Stelle, an die er gestellt wird, -und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso müßten auch sie, die -Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des -Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie -geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser -Gelegenheit mußt du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament -zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon überzeugen kann. -Ferner mußt du ihnen sagen, daß du sie zur Arbeit und zur Tätigkeit -anhältst, nicht weil du Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen -brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar -Banknoten verbrennen], du mußt es vielmehr so einrichten, daß sie -wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert -für dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, weil es Gottes -Wille sei, daß der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweiße seines -Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf -die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich -davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde -wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und -deswegen würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich -arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. Denn du -weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein Bauer, der nicht arbeitet und -sich dem Müßiggang ergibt, zu allem fähig ist -- er kann zum Dieb, zum -Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine -schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. Bekräftige alles, was du -sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit -dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten. -Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue -und das Buch küsse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar -erkennen, daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem -Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europäischen oder -anderen Launen und Einfällen heraus handelst. Der Bauer wird das -verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze -Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das Wertvollste auf der -ganzen Welt ist und daß du vor allem darauf achten wirst, daß keiner von -ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. Bei -jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du einem Menschen erteilst, der des -Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt -du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht -gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen Gott und nicht gegen dich -versündigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib, -seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen, -frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, Übles zu tun, -und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins -Gewissen, weil sie es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten -unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt und seine Seele um -nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen -vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß sich -alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und daß alle Gegenstände, -die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es -ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß -von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten -Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß ihnen eine große -Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, daß es nicht -allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel -zu führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut zu leben, daß -ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und daß das ihre -Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven -und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen, -dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen -solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne -erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe reißen und ihm den -Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen -oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, den -mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mußt du folgendermaßen -sprechen: »O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche, -daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem -keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! Beuge dich tief vor ihm und bitte -ihn, daß er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur -Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein Hund.« Die braven Bauern -aber mußt du zu dir rufen und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz -nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren -und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen können, was Gott uns -geboten hat. Führe das bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst -sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird -hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um die Hauptsache, alles andere -wird dir von selbst in den Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens -gesagt: _Dies alles wird euch von selbst zufallen._ Wie wahr das ist, -dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser -Leben. Für den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch --- Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr -gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort. - -Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben, -nur mußt du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden -gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du -auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschäftigen -mußt und wie du dies zu tun hast, darüber will ich dir nichts sagen: das -weißt du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau -wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist -du ja vernünftig und hast du ja selbst eingesehen, daß man nicht nur am -Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß, -um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich -will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu -seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den -Arbeiten betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung ist -als alles übrige. Denke an das Verhältnis, das früher zwischen den -Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mußt ein -Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen. -Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn eine gemeinsame Sache in -Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte -usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen muß -in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch für alle Bauern gedeckt sein, ganz -so wie am Ostermontag, und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit ihnen -zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit überall -voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, für -die, die sich durch ihren Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort -des Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit halten. Und -wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du -den Abschluß der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres -Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du -sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht -versetzen, das ist noch keine große Kunst, das kann auch der Stanowoi, -der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, er -kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber, -durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf -treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, daß -das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit nützlicher für -ihn sein als alle möglichen Püffe und Maulschellen. Du mußt stets -sämtliche Synonyme von: »_braver Bursche_« für den, der ermuntert, und -alle Synonyme von: »altes Weib« für den, der getadelt werden muß, bereit -halten, damit das ganze Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold -ein altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich ein noch -schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, daß er alles ist, -was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube, -sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es, -wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei deinem Kommen alles -lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch betätigt und daß -jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen -allen Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: »Kommt, -Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.« Nimm selbst die Axt -oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine -Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und -die vielen trägen und bequemen Spaziergänge. - -Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich -ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit -habe, allerhand törichte Bücher zu lesen, die europäische -Menschenfreunde für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, daß -der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein -Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt -er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es -so ergehen, wenn du häufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer -kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann, -als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang -ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden -sondern weil er _die_ Bücher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott -den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine -andere Sache. Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen Sohn, -und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du für eine -ganze Schule verwandt hättest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es -vor jedem beschriebenen Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. Es -weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen -und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es überhaupt nicht wissen, -daß es noch andere Bücher als die heiligen Bücher gibt. - -[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemühst, daß -er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum -bitten willst, er möge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester -senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn ein -solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem -Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, der deinem Ideal völlig -entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen -heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung -gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich -erst durch das Leben selbst. Du mußt selbst sein Lehrer sein, da du doch -eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast. -Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst -schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen -Verwandten, und in ihm das Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu -erwecken, aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung und -unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal -weiß, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage, -daß er genötigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt -zu machen, während er doch vielmehr von vornherein eine gewisse -Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher klagt man, daß die -Priester schlecht sind, daß sie die Manieren der Bauern annehmen und -sich gar nicht mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da -möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen Verhältnissen nicht -verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung besäße? -Dagegen mußt du es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der -Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt geistliche Bücher -mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert und befriedigt uns doch heute -weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mußt den -Priester überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von -Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persönlich von deinem -Verhalten gegen die Bauern überzeugen könne. Hierdurch wird er klar -erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die -Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber werden auch die -Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, daß er -Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, daß -er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe -und daß er dadurch die Möglichkeit habe, beständig mit dir zusammen zu -sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich -langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich -gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und -Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja -gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar -und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern -selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt. - -Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig hältst, so möchte -ich dir hierüber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, daß es für -einen Priester, der noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet -ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist, -überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darüber nachgedacht, -wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor -Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange, -bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser -Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe -und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die -heiligen Kirchenväter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich -sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem -ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur äußerlich -angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing, -immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen -anzupassen, und er spricht so lebendig über die notwendigsten, ja häufig -sogar über sehr hohe Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten -direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird -sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit -deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle -derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei -Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. Laß ihn dem Volke diese -Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie -eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer sie sind, um -so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor er sie dem Volke vorträgt, -mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur -mit innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten -auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er für eine ihn -persönlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines -Lebens abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine -eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber in möglichst treffenden Worten -zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie -unsere höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau so -hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen Prediger -anzuhören, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K. -predigt der Priester überhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er -sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte aber redet -er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, daß dieser die Kirche verläßt, -wie wenn er aus einem Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich -dreißig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und -Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in -der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie -machen würden, wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie die -Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im -Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fünf Mann auf einmal -vorgenommen. Während der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S** -selbst erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so -daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was bloß -geschehen war.] - -Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird -das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, daß -du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein -Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da -annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers -widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat -beweisen, daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn er seine -Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten -Bande, von denen man sagt, daß sie für immer zerrissen seien, durch das -gemeinsame Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, das -stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du -bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet -hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein -Mann in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage was du willst, -ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie _ein_ Mann -allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften -Lebenswandel zum Vorbild dienen können -- das ist kein unnützes Werk, -sondern eine durchaus berechtigte und große Tat. - - 1846. - - - - - XXIII - Der Historienmaler Iwanow - An M. Ju. Weligurski - - -Ich schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal -dieses Menschen! Endlich schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle -waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu -unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Künstler, alles bemühte -sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden, -[damit der Künstler nicht während der Arbeit sterbe -- ich meine dies -ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man -nicht das geringste aus Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um -Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat. -Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und -alle Professoren der Akademie der Künste aus Furcht, das Bild Iwanows -könnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht -hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel zur Vollendung -des Bildes nicht zur Verfügung gestellt werden. Das ist eine Lüge, davon -bin ich fest überzeugt. Unsere Künstler sind vornehme, anständige -Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine -beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat, -er, der tatsächlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie -ihr eigenes Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu -einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum hätten sie Iwanow auch zu -fürchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er -strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er -will überhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben -außer seiner Arbeit. Er bittet bloß [um eine armselige Pension] -- um -eine Pension, wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht er, -der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher -noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu -verschaffen bestrebt sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er -sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie -wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt -hat, daß Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und -alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann ich nicht finden. - -Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man -hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und -noch immer ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf -endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der Künstler auch nicht einen -einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem -Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man eine -ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß die ungewöhnliche -Größe des Bildes, dem kein zweites an Flächenumfang gleichkommt (das -Bild ist größer als die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich -viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln, -die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor -allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort --- jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf -einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein fleißiger Arbeiter -sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so daß er kaum noch -wußte, ob es in der Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit -- -wie töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die, -die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schämen, -wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war. -Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der eigenste, innerste, -geistige Lebenszweck des Künstlers -- eine Erscheinung, wie sie in der -Welt nur äußerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien -Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der -über allen Menschen steht. Es war offenbar höhere Bestimmung, daß sich -an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Künstlers sowohl nach der -Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die -Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung entgegenführen, vollziehen -sollte. Schon der Gegenstand des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst -bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf -gewählt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und -die bisher noch von keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister -einer der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen -Epochen behandelt worden ist, nämlich -- das erste Erscheinen Christi -vor dem Volke. Das Bild stellt die Wüste am Ufer des Jordans dar. Im -Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers, der vor -versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen -hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die -damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits -ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind, -ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch -die künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, während er -mit seiner Verrichtung beschäftigt ist und verschiedene Körperbewegungen -ausführt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er -ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die -verschiedensten Gefühle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits -vollkommen überzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt -schon, andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung -gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, daß die harte -Rinde der Gefühllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten -ist. Und während nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen -ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen -ward, in der Ferne -- und das ist der eigentliche Höhepunkt des Bildes. -Der Künstler hat den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit -dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: »_Siehe, das -ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt._« Die ganze Menge aber hält, -ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den geheftet, -und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu -dem früheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden -ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck -widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten, die ganz vorne stehen, -leuchten von einem wunderbaren Licht, während die andern noch bemüht -sind, in den Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht -begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der Welt auf sich nehmen -kann, und während die Dritten zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten -sie sagen: »Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!« Er aber -schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrückt -langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu. - -Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen -Prozeß _der Bekehrung des Menschen zu Christus_ darzustellen! Es gibt -Menschen, die davon überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles -erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch, -eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den -himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles -leicht erreichbar sei, wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und -die Akademie besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen, was er -selbst _gefühlt_ und wovon er sich im Geiste eine vollständige Idee -gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches -Gemälde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für -ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden. Die gesamte -materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise -Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster -Vollendung durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen -Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der -jüdische Typus überall festgehalten. Man erkennt sofort an den -Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist -ausdrücklich zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische -Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung -der Farben, der menschlichen Gewänder und die wohlüberlegte Art, wie sie -den menschlichen Körper umhüllen und von ihm gehalten werden, bezieht, -ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß jede Falte die -Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken muß. Endlich ist auch die -landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig -achtet, die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so -ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten, -staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden -Pontinischen Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht, -zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden, die sich in -Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes -Baumblatt studiert, kurz -- er hat alles getan, was er tun konnte, und -alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte. Wie aber -sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie ein Künstler ein Modell -finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafür finden, was die Hauptsache, -die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie konnte er den -Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit -zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe? -Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken -erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt -und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine -Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war -bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die -hohen Gemütsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen -gegangen, um die Menschen während des Gebets zu beobachten, und mußte -schließlich erkennen, daß dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmächtig, -daß es ungenügend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem, -was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der -Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so -langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu -Christus nicht im Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie -gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig zu -Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er -hat stille Tränen vergossen und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft -verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen, und in -einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, daß er zu -langsam arbeite, und ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er -möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den -Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu -Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die -Kraft verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch der -Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert dastünde, -und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persönlich -kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei -träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht -durch Hunger und dadurch, daß man ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen -könne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen -sagten: »Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas für sich, in der -Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann -brauchte er nicht vor Hunger zu sterben.« So konnten die Leute reden, -ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu -einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon -nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen, -daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr -fähig, sich auf andere Gegenstände zu richten, so sehr er sich auch dazu -zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues -Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern -lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen, -nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der -Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden -sagen: »Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum -hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann hätte man ihm -sofort Geld geschickt? Das wäre schön, wenn's so wäre. Es soll doch -einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens -gegeben hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu werden vermag, -was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen, -die aus sehr natürlichen Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß -es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie -unendlich weit über das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer -heutigen modesüchtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: »Ich will ein -Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich -jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch -manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mögt die ganze Zeit über, während -der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu -meinem Lebensunterhalt verschaffen?« Dann würden sich wahrscheinlich -viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen würden, und glauben Sie -etwa, daß es einen so törichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben -würde? Aber selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit der -Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: »durch höhere Eingebung -ward mir eine Idee zuteil, die mich unablässig verfolgt -- ich will die -Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich -fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm -bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst -vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem -Lebensunterhalt und um arbeiten zu können, brauche.« Ja, hätten wir ihm -nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: »Was ist denn das für ein -törichtes Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt denn das -zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die Seele ist etwas für sich und -ein Gemälde ist auch eine Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine -Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch -auch alle wahrhafte Christen.«] So hätten wir alle zu Iwanow gesprochen, -und jeder von uns hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese -schwierigen Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter gewesen, -die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glühenderer -Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu -Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner -von den modernen profanen Künstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre -Tränen die Gefühle zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes -Nachdenken und bloße Überlegung zu erringen suchte, so wäre er nie -imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand -bereits den Grund gelegt hat, und er hätte sowohl sich wie die andern -betrogen trotz seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben -Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen inneren -Übergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsprozeß in -dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen -mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir -selbst erfahren. Meine Werke hängen in ganz wunderbarer Weise mit meinem -Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs -Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu schaffen. Die ganze -Arbeit fand in mir und für mich selbst statt. Und doch -- vergessen Sie -dies nicht -- und doch lebte ich damals, ausschließlich von den -Einkünften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wußte, daß ich -Not litt, und doch waren alle überzeugt, daß dies seinen Grund -ausschließlich in meinem Eigensinn hat, daß ich mich nur hinzusetzen und -irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu -verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu -schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernünftigen Menschen -folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für eine -Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, daß mich mein Kopf -schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige -Seiten voll, zerriß sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten -einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht -genug war, so daß ich mich zu Bett legen mußte. Dazu kamen noch -allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, daß es -mir völlig unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt -über meinen Zustand und meine Lage zu äußern; dies alles brachte mich so -herunter, daß ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses -passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem -noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden -Menschen hatte. Auch war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr, -nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern -sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde -damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam. -Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in seiner -unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heißen Streben beseelt -war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren -hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine -Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug, -diese Hilfe richtete mich plötzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick -sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu den -Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen, -kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten -sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich -der Liebe derer würdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich -ihnen sagen: »Vergeßt es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr -auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre«]. In solch eine Lage -kommt man mitunter. Außerdem muß ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu -dieser Zeit oft den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele -konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an Unternehmungen -beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der -Allgemeinheit planten. Meine Einwände, ich könne nicht schreiben und ich -dürfe nicht für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für eine -Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im Ausland lebte, wurde auf -ein sybaritisches Bedürfnis zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu -genießen. Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden -klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine Krankheit eine -zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedürfnis war, gerade weil ich -nicht in ein falsches Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine -Unannehmlichkeiten bereiten wollte -- selbst dies vermochte ich ihnen -nicht klarzumachen! - -Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam -geworden, daß ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und -verständlicher Weise hätte mitteilen können. Wenn ich mich bemühte, -einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen, so -stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich den Menschen, zu denen ich -sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich -bereute bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig -zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt Situationen von solcher -Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen -lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst -sieht, wie er lebendig begraben wird -- und nicht einmal einen Finger -rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch lebt. Nein, Gott bewahre -uns vor dem bloßen Versuch, im Moment eines solchen inneren -Übergangszustandes einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein -sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, daß -viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht -gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran: -ich selbst hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen -wäre. - -Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und -aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so würden sich alle sofort empört -gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen -die andern Künstler würden laut werden, und man würde sie der -Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende würde gar ein -dramatischer Dichter ein rührsames Drama über dieses Sujet schreiben, -das Publikum bis zu Tränen rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde -Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts wie lauter Lüge und -Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode -schuld wäre. Nur _ein_ Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften -Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser -Mensch wäre -- ich. Ich habe mich in einer ganz ähnlichen Lage befunden, -habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht -klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt -schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu -bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich -habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewälzt. Nun liegt sie -auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige -Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem auch noch -eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem Gemälde gearbeitet hat und -daß er während dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem -ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. Sparen Sie nicht -mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fängt man überall an, -den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es -sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des -Künstlers noch nicht in vollem Maße widerspiegelt, ein Urteil erlauben -kann, schon sagt ganz Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten -Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemälde -wird vollendet werden [-- dann wird auch der ärmste Fürstenhof in Europa -gern soviel dafür bezahlen, wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde -eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemälde erzielen -selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, daß ihm -die Prämie nicht für sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung -und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf daß dies -Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre -nötig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: daß man allen -Lockungen des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man nicht aufhören -dürfe, zu lernen, und sich stets für einen Schüler halten solle wie -Iwanow, daß man die größten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an -Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow, -daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache -Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten des Anstands außer -acht lassen muß wie Iwanow, daß man alle Leiden auskosten und selbst bei -einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen -feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen -ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne einen für verrückt -erklären und überall das Gerücht verbreiten, man sei nicht bei -Verstande, so daß man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören -muß, wie Iwanow dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte -ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedürfnis -für unsere jungen Künstler und für die, die ihre Künstlerlaufbahn erst -eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich -feine Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr -Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, daß -die Hilfe und Unterstützung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil -wird, die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit ihren -Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr -ganz aufgehen wie ein Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn -die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß wäre, damit sich alle -anderen unwillkürlich hinter den Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß -er diese Summe nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte. -Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen. -Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen -Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Künstler besser kennt als -irgendein Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser -darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. Weiß Gott, was ein -Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur -Frau, oder er kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und denen -er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter kann einen großen -Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch -behaupten, daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation -hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen, und Geld -dafür verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist, -auf dem er später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der -Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not -vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der -mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt -hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie -dies Iwanow getan hat, -- mit dem verhält es sich ganz anders. Ihm kann -man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von -dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie -billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden, -besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut -ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und -man sollte doch nicht zulassen, daß solche Menschen vor Hunger sterben. -Wenn es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von den andern -zurückzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja -selbst in dem Falle, wenn es seine _eigene_ Sache ist und er nur sagt, -daß diese Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem -allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als ob er den Menschen -wissentlich diente, und für seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen. -Damit Sie sich aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist, -weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts -tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was für einen Lebenswandel er -führt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie -Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt -verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden -Gedanken an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein -Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begründen, von -sich gewiesen hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag und -Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann -sind keine langen Überlegungen am Platz, sondern dann muß man ihm die -Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drängen und -anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne -uns vorwärts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er -nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große Pension -bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus -und halten Sie die Lockungen und Verführungen der Welt von ihm fern. Es -gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. Der -Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen -hat. Aber wen Gott für würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten, -und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn für -keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen. - - 1846. - - - - - XXIV - Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei - den heutigen Zuständen in Rußland sein kann - - -Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tüchtig -auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich -entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fähig, -sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide -auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner -Ansicht nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit elender -als die jener Menschen, die tief im Unglück und im Elend zu stecken -meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche -des Gemüts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten, -und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen -kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr -über sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter -einen _starken Willen_ zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefühl für -diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet, -um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu -wirklichen Leistungen anspornt. Und _Sie_ haben ihn geheiratet, damit er -Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger -werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen -besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs -glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide zerfließen und gehen im -Leben auf wie ein Stück Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre -guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und -der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter -ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und -Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um _Kraft und Willensstärke_. -Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und -Willensstärke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich -auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernünftig: -_bete und rudere auf das Ufer zu_, sagt ein russisches Sprichwort. -Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem -Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein ganzes Ich in mir -selbst zusammen und stärke mich!« Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang -so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu und -zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt müssen Sie auf -Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre -Hände gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern -machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen Überschlag über den -gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine Übersicht über all Ihre -Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie -bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben -müssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr -ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur -Deckung der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung, -Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wände Ihres -Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite -Haufen muß das Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt -des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause -leben, enthalten. Der dritte Haufen sei für den Stall, für den Wagen, -den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich auf -diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen -müssen die Unkosten für die Garderobe, d. h. für alles, was Sie beide -brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie -zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte Ihr -Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche Ausgaben, -die ja häufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Möbel, -einer neuen Equipage, oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn -er plötzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der siebente -Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben -für die Kirche und für die Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese -sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert für -sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Führen Sie über -jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie -eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen -während dieser Zeit auch noch so günstige Kaufgelegenheiten bieten -sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so -sehr zum Kaufe reizen sollte -- dürfen Sie ihn nicht kaufen. Das können -Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich genügend gefestigt und -gekräftigt haben. Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, daß -Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und -daß diese Erwerbung fürs erste weit wichtiger für Sie ist als jede -andere. Seien Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten -Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die -Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, dürfen Sie doch -nicht mehr ausgeben, als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält. -Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden Jammers -und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein müssen, und wenn Sie sehen, -daß hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen Sie -dennoch unter keinen Umständen einen von den andern Haufen angreifen. -Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre -Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie -sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen -dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal -vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen Ihre -Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen möglichen Erniedrigungen -aussetzen und sogar den öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf -daß Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle -Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschränken und im voraus daran zu -denken, so daß am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die Armen -übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der -Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden, -werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich -plötzlich einen Schmuckgegenstand für Ihren Tisch oder Kamin kaufen, -wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht geneigt -sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen, -sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche und Launen werden auf diese Weise -unwillkürlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen, -und schließlich wird es so weit kommen, daß Sie selbst das Gefühl haben -werden, Sie brauchten nicht mehr als _einen_ Wagen und ein Paar Pferde -und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann werden Sie -erkennen, daß man seine Gäste ebensogut mit einem einfach servierten -Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne -alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu befriedigen -vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das -Gerücht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht _comme il faut_, sondern Sie -werden selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon überzeugen -werden, das wahre _comme il faut_ sei das, das Der von dem Menschen -fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der -allerhand Satzungen und Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal -der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal -Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes -Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die -Bilanz über die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen -Haufen beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und -vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen, -um wievielmal notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, und -damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen Gegenstand Sie im -Fall der Not zuerst verzichten müssen, und so die Kunst lernen, zu -erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist. - -Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng an diese Grundsätze. -Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie während der -ganzen Zeit zu Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen -- -dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist -dies: daß in dem Menschen wenigstens _etwas_ stark und unerschütterlich -werde. Hierdurch kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles andere. -Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden -Sie unwillkürlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten -sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung, -setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie -nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann, -sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur -Tätigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß er sich ganz -der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen muß -- [sein -eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf -seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja gerade darum -geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich -ganz dem Vaterlande zu widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt -ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst -behindert wird, sondern gerade um ihn für den Dienst zu stärken und zu -kräftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder -in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung -wieder begegnen und sich so übereinander freuen, als hätten Sie sich -viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen -haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen Sie ihm alles, -was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und -lassen Sie sich alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement für -den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen unbedingt darüber -unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht, -Sie müssen wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten er an -jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese -Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne -eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich während eines Jahres -alles von ihm erzählen lassen und aufmerksam zuhören, so werden Sie im -folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und -werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen können, wenn ihm im -Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, wie Sie ihm behilflich sein -können, über sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst -nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt hätte. So werden -Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schönen und Guten werden. - -Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt -habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er -möge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst -festzuhalten. Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den -Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige -jämmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles -Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände und -Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre -Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer -meiner Freunde, mit dem Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz -Rußland kennt, folgendermaßen definiert: »Die Freiheit besteht nicht -darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune _Ja_ sagt, sondern darin, -daß man auch _Nein_ zu ihr zu sagen vermag.« Und er hat recht wie die -Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch -starkes _Nein_ zuzurufen. Ich vermag nirgends einen _Mann_ zu entdecken. -So muß denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so -seltsam und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem Manne -befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein. - - 1845. - - - - - XXV - Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit - Aus einem Briefe an M. - - -Vernachlässigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen -Umständen. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann -aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch -wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein -hierdurch können Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen. -Richten -- das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, was es Höheres -gibt. Nicht umsonst wird im Volke _der_ so hoch geehrt, der es versteht, -ein gerechtes Urteil zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar -die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern werden zu Ihnen hinströmen, -wenn sie erfahren, daß Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie -keinen von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und übernehmen Sie -das Richteramt in allen Fällen, selbst bei einem unbedeutenden Streit -oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern -vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und -was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermöchten, da Sie -nichts finden könnten, woran Sie anknüpfen sollen. - -Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und -entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das -Gericht muß erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches -Gericht muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem -Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, daß dies in Gegenwart von -Zeugen geschieht, und daß hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit -es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht -und der andere unrecht hat. Daneben müssen Sie aber noch in anderer -Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem -Rechte: hierbei müssen Sie _beide_, den Schuldigen sowohl wie den, der -_recht_ hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, daß -er selbst daran Schuld war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen -Sie dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor -Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil -er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten -hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung aus, weil er -Christus selbst in seinem Bruder gekränkt hat. Beiden aber erteilen Sie -eine Rüge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgesöhnt, -sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das -Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte alles beichten und -bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden, -werden Sie aus höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott -wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen, -vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und -wahrhaftes Wissen daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich -mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, über die -einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden sie den Geist des Landes, -die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit -besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, die sie -fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege -könnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von -allen Völkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke -entsprungen und lebendig ist, daß es keinen gerechten Menschen gibt und -daß Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein -unerschütterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm -erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht -übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, und wird hierdurch -befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der höheren -Kreise haben kein Gefühl, kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir -uns nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche Begriffe von -der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten bloß darüber, wer -recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere -Streitigkeiten genau untersuchen, so können wir sie alle auf einen -Nenner bringen, nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig sind. Und -dann erkennt man, daß die Kommandantin in Puschkins Erzählung »Die -Hauptmannstochter« ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um -den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade -wegen einer Schöpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei -folgende Instruktion mitgab: »Untersuche, wer recht und wer unrecht hat, -und bestrafe alle beide.« - - 1845. - - - - - XXVI - Rußlands Schrecken und Grauen - An die Gräfin *** - - -Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben -haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn -gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen, -Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen -Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur -keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem -gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in -Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu -veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen -andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die -gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie -mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. -Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne -Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist -verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden -nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin -aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch -schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort -noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht -auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines -oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem -fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den -Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter -Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische -Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und -wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in -jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in -solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen -und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf, -solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten -Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so -entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt -überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird -ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die -alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen. -In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl -hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese -Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren -Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: »Alle lassen den Mut sinken wie -in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals« treffen in der Tat das -Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine -eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen -Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein -jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: »_sauve -qui peut_«. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein. -Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und -zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um -eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff -besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen -irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von -uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich -selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates -weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein -jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den -himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst -steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt -klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies -kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst -auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem, -sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches -wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere -Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die -Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen, -sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so -erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat. -Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung -beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer -Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt -- wir müssen immer im Auge -behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und -daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es -uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele -retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf -richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich -verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor -seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die -_ägyptische Finsternis_, die uns König Salomon so gewaltig geschildert -hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und -unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte. -Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von -allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche -klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen -unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine -furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen, -alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und -dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern -sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten -im Licht und im Tage. - -Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber -und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer -Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können, -wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze. -Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum -erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst -halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott, -vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren -willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher, -zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes -Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener -schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem -Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu -ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was -glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt -sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein -Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten -vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was -in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was -aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht -ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine -Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der -Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei -vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem -einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference -gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten -Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des -Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden -sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg, -sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen -Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute -nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu -unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts -sei es gesagt, daß die Zahl solcher _Frauen_ größer ist als die der -Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach -meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu -beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel -mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft -(Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher -Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner -Seele erfüllt haben) -- Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen -Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht -nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die, -von denen Sie etwas gehört haben -- Sie alle gleichen einander kaum, und -jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung. -Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren -hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren -schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen -Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer -Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von -einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von -der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie -geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine -so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen, -wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der -Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und -das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von -jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der -festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, -- es sich so -klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name -der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von -sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu -vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit -habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei -keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen -Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß -und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der -Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes. -Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen, -die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder -erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und -gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig -geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere -Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken -und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und -Unruhe versetzen. - - 1846. - - - - - XXVII - An einen kurzsichtigen Freund - - -Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet -und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben. -Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott -gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot, -sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu -stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern -nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht -Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.] -Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht -zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche -Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück -Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das -er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der -Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum -tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch, -dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt -hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig -entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand -fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch -nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den -Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden -Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief -schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen -Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, -obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte -tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man -Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten -Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel -Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren -Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber -worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest, -aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit -allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der -dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand -und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen -gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du -wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu -besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die -Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe -du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man -heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten -kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr -Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet, -in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen -solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart -besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von -dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat -die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde -ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der -Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch -jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du -glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und -Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand -gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum -bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze -glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder -verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu -vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren, -Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen -arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen -haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem -Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden, -und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre -großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer -Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas -_Dauerndes_ hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von -Taten übereinander auf -- die doch zugleich mit uns wie Staub vom -Angesicht der Erde hinweggeweht werden. »Du bist stolz,« sage ich dir, -und muß es dir immer wieder sagen: »du bist stolz.« Wache über dich und -rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich -zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen -bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu -werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt -nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind -noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. -Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von -einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge -dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche -Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden -möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft, -so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit -einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit -entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie -sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine -Ohrfeige zu empfangen. - - 1844. - - - - - XXVIII - An einen hochgestellten Mann - - -Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet, -und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den -Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines -Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt überall notwendig. -Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist -jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt -überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen -der gegenwärtigen Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu -entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und -welcher der leichteste ist. Für einen Menschen, der kein Christ ist, ist -heutzutage alles schwierig; für einen solchen dagegen, der Christus in -all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineinträgt, -ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie schon im vollen Sinne -des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein. -Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf -Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts. Sie denken nicht -mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und -eine historische Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben -bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch -befinden muß, der heute Rußland von Nutzen sein will. Was also brauchen -Sie zu fürchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor -etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß man überall als Christ -handeln muß. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in -allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen -- so sehen Sie -sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam um. Ihre christliche -Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung -bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler. Sie werden keinen -alten Offizier an sich vorüber gehen lassen, ohne ihn über seine -persönlichen Zusammenstöße mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie -wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des -Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre -Taten und Erlebnisse während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen -lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso -wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie -brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden, -werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe -daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für -den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen -brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu -handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden, -so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen. Ihre christliche -Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen, -werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle -handeln würden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von -wem er auch kommen möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger -Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen auch einem -einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke -werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß es ja -nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der -Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz, -Sie werden jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener -Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug -raten, denn Sie werden alle anhören. Sie werden nicht einmal imstande -sein, unvernünftig zu handeln, denn unvernünftige Handlungen entspringen -nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen, aber die christliche -Demut wird Sie überall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der -sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine -Hälfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze -Sache zu kennen und voller Hast und Übereilung zur Tat drängen, während -doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen -glauben, uns die gute Hälfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein, -Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also -brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten? - -Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin irgendwo in Rußland -Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche -Weisheit erleuchten. Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst schwierig -ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen, -- weit schwieriger als -jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel -Mißbräuche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so -überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft -übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage eine besondere Art -ungesetzlicher Geschäftspraxis unter Umgehung der Gesetze üblich -geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft -hat, so daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich -die Dinge, über die andere oberflächlich hinwegsehen, ohne etwas Böses -zu ahnen, bloß aufmerksam anschaut, so muß auch dem gescheitesten -Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln -verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in -solchen Fällen lehren, nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge -zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein. -Sie wissen, wie vielen fremden Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage -ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken, -und daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer, die die -wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach -allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem häuslichen und in ihrem -Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren -Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel -bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen -alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt -etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden Sie alles -erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals -erfahren würde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer -ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor -Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte Beamte nur -ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, daß sich die Schuld -heutzutage auf alle verteilt, daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen -kann, wer mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige, die -unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde -werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedächtiger sein, als Sie es -jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des -Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß _sie_ der Schlüssel -zu allem ist. _Die Seele_ muß man heute kennen lernen, immer wieder die -Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann -nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner -eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem -Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn -sie alle seine geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben -wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um Übles zu -tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird -es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich -selbst auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor sich -selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine ganz andere Wendung -nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die -andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn -so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern, daß er plötzlich Mut und -Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie -erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein -kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als Generalgouverneur wird etwas -gänzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der -Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr -viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lästern), -bestand meiner Ansicht nach gerade darin, daß Sie das Wesen Ihres Berufs -nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur -für den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen -Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohltätiger Einfluß nur bei -einem längeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz spürbar -werden kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen -definiert: »Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich -auf der Durchreise befindet.« Diese Definition ist genauer und -entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses -Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein -dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um -den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den -Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu -setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in -Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind und unter der -Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Anstoß zu -geben, durch seine unumschränkte Macht die schwierige Situation vieler -Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu -erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas -Eigenes einzuführen, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die -bereits vorgeschrieben und ein für allemal gezogen sind, in eine -schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der höchsten -Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und -bereits eingeführt ist, haben Sie mit der mühevollen Pflicht des -Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt -zurechtfinden und mit ihm fertig werden muß und der alle kleinen -Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den -Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs -gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres höchsten -Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung für eine lebenslängliche -gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen ein -Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein -edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wären, was Sie -jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten Sie -für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brücken und allerhand -Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan -haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu -ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung -seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den -Landstraßen wie aus allen anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die -wir heute so eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch -notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich nicht um das Wesen -einer Sache, sondern um etwas bemühte, was nur eine Folge der -eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewöhnlich des -russischen Sprichworts zu bedienen: »Wenn nur erst der Zuber da ist, an -den Schweinen wird es nicht fehlen.« Die Brücken, die Wege und all diese -Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst -Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat -man sich viel um sie bemüht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch -die Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst: -Privatleute haben sie erbaut ohne jede Unterstützung der Regierung, und -jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich -schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so -schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese -Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten -ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für einen Wert, daß -heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafür zu einem Trödelmarkt -wird und daß die Zahl der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In -Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von selbst entstanden und -zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa -nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich -gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert hätten. »Denket zuerst -daran,« sagt der Heiland, »alles andere wird euch von selbst zufallen.« -Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich -auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung über Ihre -Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele Mißbräuche ausgerottet und -sehr viel wahrhaft edle und vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe -davon gehört, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt -haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht -gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit nur provisorischer Art ist und daß -Sie nicht nur dafür hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange -Sie da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem Scheiden alles -in bester Ordnung sei. Sie hätten sich fortwährend vorstellen sollen, -daß Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfähigen Nachfolger -besetzt werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung nicht nur -nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird, -und daher hätten Sie von vornherein daran denken müssen, etwas so -Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen -und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand mehr imstande -wäre, umzustoßen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie hätten die -Axt an die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die Stämme und -Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls -geben sollen, daß die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet -und daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr zu stehen, um sie -zu beaufsichtigen, und hierdurch erst hätten Sie sich ein ewiges Denkmal -Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz -anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses Amt nicht gering -achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein -Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit wie in -unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen -heutzutage niemand fähig ist außer dem Generalgouverneur. - -Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in ihre gesetzlichen -Grenzen zurückzuführen und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die -sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist -keineswegs unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und Ämter der -Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken -getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen -der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in -ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der Übrigen allzusehr erweitert -worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer -großen Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft -verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fühlbar gemacht, daß -gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die -Kompetenzen viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit zu groß -war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, daß -einem die Hände gebunden waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es ist -jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das -Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen, weil die Beamten -selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie -übernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau in der -Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder -weniger Rücksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das -eigentliche Urbild, das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein -entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und -sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die man bloß sich selbst -wiederzugeben brauchte, gänzlich aufgehoben oder doch von Grund aus -umgestaltet. Das aber kann nur von dem höchsten und souveränen -Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst -gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle -unsere Ämter und Berufe stellen in ihrer ursprünglichen Form wirklich -gute und schöne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen für -unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus -eines Gouvernements etwas näher an. - -Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr -umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschränkte Regent und -Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen -Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen -(hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen -der Städte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als -auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich alles -rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des Stadtbildes liegen, -geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die -Anlage von Straßen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im -ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und die Bürgermeister -aller Städte völlig von ihm ab und stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im -zweiten Falle kann er über den Hauptmann der Landpolizei -und die Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die -Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen -aus Räten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretär -darstellt, mit ihm verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem -schweren Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen läßt, -unbedingt auf die Räte und die Beamten fällt und daß er trotz all seiner -unumschränkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist -mehr als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des -Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm -abhängen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn -diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge -schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf von -Staatsländereien, Seen oder überhaupt über irgendwelche Ein- oder -Verkäufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierüber eingehen, so muß er -schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein -Vertrag geschlossen werden, ohne daß _er_ anwesend ist. Demnach werden -auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschäftsführung gar -nicht von ihm abhängen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert, -irgendwelche Mißbräuche zu begehen. - -Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre -höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses völlig von seinem -Ministerium abhängig ist, ganz unabhängig vom Gouverneur zu sein, und -doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur -daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser während seiner -Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre -stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu -verlangen, daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt -werden, die er auf gut Glück herausgreifen kann, um sie bei sich zu -Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen und auf diese Weise alle in -Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die -Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat er doch das -Recht, überall Mißbräuche zu verhindern, wo solche immer vorkommen -mögen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben. -Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem amtlichen Verkehr -mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall -der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen -Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die -Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf -eine andere Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich, sich -mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man -nämlich die große Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der -Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der -Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem -europäischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in -unserem Adel verkörpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des -Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nächst dem -Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein -dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute -Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst -etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhältnis -unfrei und beengt fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns -und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt werden, aber ganz von dem -Gouverneur abhängen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide -Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall kann auch in -solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschränkt -ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und -ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher -und kraftvoller auf den Adel einzuwirken. - -Fehler und Versehen können überall vorkommen, überall können sich -Unrecht, Lüge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen -und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine -besondere Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und die allen, selbst -dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit wahren muß -- das ist der -Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück -Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine -Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung -kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß gefaßt -werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem Vermerk »Gelesen« versehen -hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat -niemand Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister; nur mit diesem -steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles, -was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen. - -Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die -Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen -Autoritäten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede -nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch größeren -Weitblick der Regierung schließen lassen; ich will nur an das -Gewissensgericht erinnern, denn etwas Ähnliches ist mir in keinem -anderen Staate bekannt geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der -Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Fälle, in denen -ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Härte empfunden werden -würde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke -beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche Gewissen zu -entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst die Anwendung des -gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit würde; kurz alles, was im -höchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und -unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen entschieden und -erledigt werden muß -- fällt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie -weise ist doch die Einrichtung, daß die Wahl des »Gewissensrichters« vom -Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu gewöhnlich einen Mann, den die -allgemeine Stimme für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten -Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei Gehalt oder -Lohn für seine Mühe erhält, und daß diese Tätigkeit für den Menschen mit -keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von -dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. Wieviel -verwickelte Streitfälle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre -Streitigkeiten ohne Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem -Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter -tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und daß er sich -durch die Verwaltung seines göttlichen Richteramts berühmt gemacht hat. -Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung? - -Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer -Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man über die Weisheit der -Gesetzgeber: man hat das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und -Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an -nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, daß wir uns -gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns -gegenseitig helfen und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen uns -verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer -Beamter hier noch sollte, jede neue Person wäre hier nicht am Platze, -jede Neuerung wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie -ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es -verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten -mit besonderen Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen -Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die -Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten -so den Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen -Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, daß Sie es nicht auch so -gemacht haben, Sie verstanden die Sache nämlich schon damals viel -besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten -anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht -soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie _zwei_ Diebe statt eines -schaffen. Überhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschränkung und -Überwachung eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre -eines Menschen nicht durch die eines anderen beschränken, schon im -folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den -unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die -Macht des ersten zu beschränken, und so würden die gegenseitigen -Einschränkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und törichtes -System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in -Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen -Völkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem -gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es weder -so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen -lassen sich nur von ihrem persönlichen Eigennutz leiten. Man muß -Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt -keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, daß man ihn mit Mißtrauen -ansieht, wie einen Gauner, und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn -überwachen sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man muß den -Menschen die Hände lösen und sie nicht noch fester binden. Man muß -darauf dringen, daß sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht -von andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit strenger gegen -sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an -seinem Amte versündigt. Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen -seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der -Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst über das -wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle -jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis seiner -Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst -zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen -persönlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretäre und -keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedürfen; infolgedessen -werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit -mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich -andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind, -wie Sie selbst wissen, ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei, -allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und -folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anlaß, -daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten mit wichtigen -Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär, -den häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch alle Akten -gehen; ein solcher Sekretär schafft sich eine Geliebte an, dies führt zu -Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person -da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist -dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung neuer Verwirrungen und -Verwickelungen noch unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen -werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie -sich nie anders als persönlich mit jemand auseinander. Wie kann man bloß -gering von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders wenn es -sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine -Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur -ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über allerhand -Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europäischen -Zeitschriften geschöpft werden, einem solchen Gespräch vorziehen? Die -Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, über den man sich so -unterhalten kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen sie -in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie -auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen, -daß ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! Vor allem -aber -- und dies dürfen Sie nie vergessen -- sprechen Sie russisch mit -ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der -Praxis des täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung -verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, die sich zu -einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mißbräuche an -der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache, -deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen, -trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die -zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir -doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache -heißt der Vorgesetzte: _Vater_. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater -seinen Kindern ist. Ein Vater aber führt keine papierene Korrespondenz -mit seinen Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar mit -einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem -das echte Verständnis für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft große -Leistung vollbringen. - -Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lösen kann, -außer einem Generalgouverneur, und die heute nicht bloß einem Bedürfnis, -sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies -die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung -beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist -etwas sehr Schönes, trotz der fremdländischen Schale, von der er -zeitweilig überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefühl dafür. -Vielen dämmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch -wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich -den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, und schließlich gibt es noch -solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen -Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen -einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige und klare Gedanken über -diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die -Massen, und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich -in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mißtrauens gegen -die Regierung verbreitet. Während der letzten europäischen Revolutionen -und Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, in den -Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, als suche die Regierung -die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur völligen -Bedeutungslosigkeit herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten -und Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben allerlei -Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen Zeitungen mit ihnen -an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu -säen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es eine -phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der regierenden Gewalt -selbst rüttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, daß der -Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, das -heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland einbrocken und -solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst -eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, daß Furcht und -gegenseitiges Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst -die heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei Dank, die -Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte Menschen einen ganzen Staat -in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein -phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen -Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich kenne viele Adelige, die -ganz ernstlich davon überzeugt sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht -liebt, und die sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese Sache -ins reine und klären Sie diese Leute über die ganze Wahrheit auf, ohne -ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser -diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich nur den -Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schöne edle Form und -Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes -entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die -Zierde, die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel -die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes -Element. Allein der Adel muß selbst zeigen, was er ist, und die -Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem -völligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser -Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise -und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht über -sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung -davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt. -Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen -Leuten anfangen soll. Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle -Bedeutung wieder erobern. Und dabei können Sie allen in wahrem Sinne -behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und -da Sie Verständnis für die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie -sie auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu bedarf es nicht -etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklären werden, liegt ja -schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine -ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz -anders herausgebildet als in anderen Ländern. Er führt seinen Ursprung -nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, er -ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich -in beständiger Auflehnung gegen die höchste Gewalt befinden und die -Bedrücker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung -von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat, -von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen und Verdiensten und nicht -auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche -Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in -anderen Ländern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm -fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten -Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die älteste ist -- -dies tun höchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit während -ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder -einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen rühmt, doch auch dann nur -solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste -geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu -prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen -würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache, -der sich ein jeder zu rühmen wagt, -- das ist das Gefühl für sittlichen -Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf -ankommt, diese höchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so -bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn es -der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz -und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gefäß für -diesen sittlichen Anstand, der sich über das ganze russische Land -verbreiten muß, damit alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten, -warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt wird. Wenn Sie -ihnen annähernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die -lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen -werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in -dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der -Nachwelt sichern können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, daß -das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß man dem Lande nur -durch große, hochherzige Taten helfen kann, daß man aber vor allem denen -mit großen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei -der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, daß ihre Herzen mit -dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl. -Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie ihnen die volle -Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lügenhaften Berichten -ausländischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe -ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit -auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland wirklich unter den räuberischen -Praktiken und unter den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer -Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und daß dem Kaiser -das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch -nur ahnen kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick dieses -Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den -Menschen aufgetürmt, sie voneinander getrennt und jedermann die -Möglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für sein -Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen -Verfinsterung und Entfremdung gegenüber dem Geist des Vaterlandes, -angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser käuflichen -Rechtsverdreher und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten -herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im -Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen -und ihnen sodann beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe -stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten: -nämlich ebenso hochherzig wie ihre Väter einstmals in Reih und Glied -wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten -Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese von elenden -Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie -sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten -können von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst -zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach -geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja -nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für sich verlangen, -zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge ans Licht stellen konnten. -Kurz -- machen Sie ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie -werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. Sie können sie -auch auf eine zweite große Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen -können: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen -Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes -werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, über die -alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente -überall, außer in Rußland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut -über die Vorzüge unseres ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die -Ohnmacht und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen, -sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat. -Daher müssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische -Verhältnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den -verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen -Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie der Obhut fremder -Tagelöhner und Verwalter überließen, herausgebildet hat, -- wirklich und -wahrhaftig für die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen -Blutsverwandten und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten sie -lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch -allein können sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll, -diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien -noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen -Namen Christi trägt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr -gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich's -überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung unseres Adels -gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren großen Leistungen sein. - -Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand außer dem -Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europäischen Staaten haben -heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu -leiden. Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: die -eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über ihre Grenzen und Schranken -hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem -Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet -vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand, -andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter -dem Zepter der Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht etwa -gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen Gesetze aus ihrem -Bett geschah ganz von selbst, da sich überall leere unausgefüllte Lücken -darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die -Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer -mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und überließ so alle -privaten Verhältnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal. -Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre -Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt -wurden. Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und -weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, was von Rechts wegen -der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche -ist, wird das ganze bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden -können, das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen -Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse enthält. Heute -sieht jedermann, daß eine große Menge von Fällen, von Mißbräuchen und -Intrigen nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten -Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche möglichen Abweichungen bis -in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann, -selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und -ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher hätten diese Leute es für -unanständig gehalten, einen solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen -wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer -Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals -verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein -Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs -Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rüstet, und nimmt überhaupt keine -Rücksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd -verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich -menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, ganz offen die größten -Grausamkeiten zu begehen, ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich -schon des bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der Kirche -beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen Vorteil vorzuhalten, vor -das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie -es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen, -kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die Weiterungen vor den -Instanzen drohen, die _Kirche_ und nicht das bürgerliche Gesetz die -Menschen miteinander zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie -ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, daß dem -bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle zugewiesen werden, die -wirklich unter das bürgerliche Recht fallen, daß der Herrschaft der -Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben -muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet werde, was ihr ewiglich -angehört? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht -werden? In Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu müßten -Ströme von Blut vergossen werden, Europa würde in unnützen Kämpfen -erliegen und doch nichts erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit -hierzu vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich und -schmerzlos vollziehen -- nicht durch irgendwelche Neuerungen, -Umwälzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand -Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten, -Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder -Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den -Grund dazu legen; und wie einfach! -- Durch nichts andres als nur durch -sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner -Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er -die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und -die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen -auf unser gegenwärtiges Leben angewandt werden können. Er kann eine -mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß die Beziehungen zwischen -den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich -schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser -komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen, -muß unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit -beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der -Städte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einführung und Befestigung der -Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche heute -ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er -kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und -zweitens auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen -- aber nicht etwa -durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, sondern durch solche, die -weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal -miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben -werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die -einfache Sitte mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz -- und was -ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet? -Mitunter hat sie überhaupt keine Bedeutung für unsere Zeit, man kennt -den Grund nicht, weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher -sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, die sie -eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar ein Überbleibsel aus den -Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu -allen Grundlagen des modernen Lebens steht -- wenn nun nach alledem -schon die Sitte etwas so Mächtiges ist, daß es schwierig ist, sie selbst -im Laufe von vielen Jahren auszurotten -- wie würden sich wohl die Dinge -gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich auf die Vernunft -gründen, die einstimmig und einmütig von allen anerkannt werden und die -höhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten -würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert -fortpflanzen, und keine Macht der Erde würde sie vernichten können, was -die Welt auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein -gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig reden, und dazu bin -ich zu dumm. Vielleicht werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und -mich erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen -also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie -daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs -angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es -verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit den Wünschen und -Forderungen der Regierung befinden -- d. h. Sie werden das ganze Gebiet -wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln, -alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen -Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche -zu wirken. Sie werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur -provisorisch sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn der innere -Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und -Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten außer dem -Bürgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und fürchten Sie sich vor -nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt übernehmen sollten, halten -Sie sich stets an die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß -die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen -Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß sich alles, nicht nur so -lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise -abwickelt, daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rücken -vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst innerhalb der von Ihnen -gezogenen Grenzen betätigen und die von Ihnen vorgezeichnete, -vernünftige Richtung einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk -dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu befestigen. Seien Sie allen -Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes -ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und -Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die -Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien -will. Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur in der Absicht, -jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einfluß gewinnen kann. Sorgen -Sie ferner dafür, daß keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt -wie auf seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen sich -ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht -einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch -stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der -Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin ihm nur für eine bestimmte -Zeit und nicht für immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn -im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und -sorgfältiger auf sich acht geben muß als früher, stets eingedenk, daß es -nun niemand mehr gibt, der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm -gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend. -Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt -niederlegen sollten, keine Tränen und kein Gejammer gibt, sondern daß -ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher -sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen -möchten, sorgsam für den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden -alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und -wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, das werden sie jetzt -willig aufnehmen und danach handeln. Für mich ist die Stunde des -Abschieds von meinen Freunden -- der schönste Augenblick; jeder meiner -Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und -seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der -letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon -überzeugt, daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt -haben, fröhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden. -Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit -fröhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen -noch etwas über die Liebe und die allgemeine Sympathie für uns sagen, -nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu -wollen -- das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht -beschäftigen sollte. Streben Sie danach, -- die andern Menschen zu -lieben, und nicht danach, daß andere Menschen _Sie_ lieben. Wer einen -Lohn für seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit -vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß Gott mir schon in -meiner Jugend diese merkwürdige und mir selbst kaum verständliche -Abneigung gegen jegliche unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse -eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas -Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder -Freunden herrührten! Wie wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe -keinem Wesen dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von einem -Vorgesetzten auf den andern übertragen, und sowie ein Vorgesetzter -merkt, daß sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den -über ihm stehenden höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so -endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis ein von allen -geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott -selbst darbringt. - - 1845. - - - - - XXIX - Wessen Los auf Erden das beste ist - Aus einem Briefe an U-- - - -Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das -schönere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Früher als ich -noch törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor; -jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller Menschen gleich -beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn -- sowohl der, dem -ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem -fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere dafür -zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das Los des ersten noch besser ist, -gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem -Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar -ist doch die göttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der -redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste -Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden -eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle _gleichermaßen_ in -Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt: -»_Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen_«, aber wenn ich mir diese -Wohnungen vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, was die Wohnungen -Gottes sein mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und ich -weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich wählen soll, wenn -ich wirklich einmal gewürdigt sein sollte, am himmlischen Reiche -teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: »welche von ihnen -möchtest du wählen?« Ich weiß nur das eine, daß ich antworten würde: -»die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist.« Ich glaube, man -kann sich nichts Schöneres wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen, -die bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majestätischen -Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen liegen und sie zu küssen! - - 1845. - - - - - XXX - Ein Geleitspruch - - -Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort -erhältst du später. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind groß. -Bei einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen -anhören, mit so hohen Gefühlen unter so groben, plumpen Menschen weilen -zu müssen, wie die Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich -niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, ohne daß sie es -wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schätze und -Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu müssen, daß -mit plumper Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen -wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute -auszuströmen, bis sie verstimmt sind und reißen, und über dies alles -noch all die Gemeinheiten und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen, -die sich täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu müssen, die -selbst der Verachtung wert sind -- ich weiß wohl, daß ist alles sehr -bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein -Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle, -die dich jetzt heimsuchen -- das alles ist hart, sehr hart, ich vermag -dir nichts andres zu sagen, als daß es wirklich sehr hart, sehr bitter -ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du -wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, dir stehen noch härtere -Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und -schamlosen Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, die -nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, von der du schreibst -[d. h. eine fremde Unterschrift zu fälschen] -- die den Mut haben, ein -so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen -Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht -mit der Wimper zu zucken -- ja die nicht nur einer solchen Niedertracht, -sondern noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren bloße -Beschreibung einem mitleidigen Menschen für immer den Schlaf rauben -könnte (o wenn doch solche Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen -Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren -Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr -zu retten vermag. Unzählige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen -warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann -alles passieren. Deine Nervenanfälle und deine Leiden werden noch -stärker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit -wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen -werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets -daran, daß wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und -Feste zu feiern -- wir werden hierher berufen, um Schlachten zu -schlagen, den Sieg werden wir _dort_ feiern. Daher dürfen wir keinen -Augenblick vergessen, daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier -gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns weniger Gefahren -drohen! Wie ein guter Soldat muß sich ein jeder von uns in den Kampf -stürzen, wo er am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von -oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste -von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden, -sondern mußt mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht etwa -einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt dir einen Starken zum -Gegner wählen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen -Leiden wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen Russen ist es -nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen, -wenn man im voraus weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem -Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn für -unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen -aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich -rühmen kann!] Nun denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir, -mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund! - - - - - XXXI - Wesen und Eigenart der russischen Poesie - - -Trotz des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr -viel Eigenartiges. Ihr natürlicher Quell regte sich schon in der Brust -des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl -dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe -zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige -Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein Streben, -sich von den Tönen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt. -Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem -ungewöhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein -Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt hat: die Ironie, den -Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen -Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze -Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es seine -empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein Strom bricht endlich auch -aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor -- Reden, die so einfach, -so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu -dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu -erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung, -nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den -Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit zu -erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und -urwüchsige Entwicklung, wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber -nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere -wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genuß bereitet, ihren -Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwärtigen -bürgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem -Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche Ordnung ist ja auch -nicht durch eine geregelte allmähliche Entwicklung der Dinge, nicht -durch eine langsame wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in -unser Land entstanden -- was schon aus dem einfachen Grunde unmöglich -war, weil die europäische Aufklärung bereits eine viel zu hohe Stufe der -Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie -nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland hereinbrechen und -ohne einen solchen Führer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel -größere Unordnung hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich -bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung entsprang aus einer -Erschütterung, aus jener gewaltigen Erschütterung des ganzen Staates, -die der Zar, dieser große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm -den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europäischen -Staaten einzureihen und es plötzlich mit allem bekannt zu machen, was -sich Europa durch lange Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte. -Eine so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das russische Volk, -und die europäische Aufklärung war der Feuerstahl, der diese ganze -Volksmasse treffen mußte, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl -verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht -trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem -Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude über das -Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte keiner -das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im Licht der europäischen -Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu -kopieren. Jeder fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße -Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und -zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar großmütig -auf seine Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und -mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von -den Wirrungen und Verwicklungen entstünde, die selbst die -geringfügigsten Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen -- -schon diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der -Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, die gewöhnlich das in -Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Ströme von Blut setzt, -wenn sie die Folge innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von -ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glänzende Manöver -eines vortrefflich geschulten Heeres. Rußland erhob sich plötzlich zur -Würde eines großen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein -Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen Bildung. -Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich -ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter -kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer -Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der -Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht -wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das -Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung über das neue Licht, das -sich über Rußland ergossen hatte, für das Staunen über die große -Aufgabe, die dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, den es dem -Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach -dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und -es erschuf unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes neue -lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen, -von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten. - -Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwärmerischer -Jüngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen -Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die -Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine erste Ode aufs -Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und -Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen, -ob sie sich für unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine -künstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schöpferischer -Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben -hervor, wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen -Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen -wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, kommt ihm in Sinn, und die -Frucht dieses Einfalls ist die Ode: _Abendbetrachtungen über Gottes -Größe_, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät und Würde atmet und -die kein anderer außer Lomonossow hätte schreiben können. Ein ähnlicher -Einfall wird der Anlaß für die Epistel an Schuwalow: _Über den Nutzen -des Glases._ Jede Erwähnung Rußlands, das seinem Herzen so nahesteht und -das er immer durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht, -erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nüchternen -Strophen begegnen wir Versen, die uns plötzlich in eine andere Welt -versetzen. Man hat das Gefühl, als ob -- um uns seiner eigenen Worte zu -bedienen -- - - Der Götterjüngling David leicht - Der Harfe heil'ge Saiten meistert - Und aus Jesaias Mund begeistert - Ein Psalm empor zum Himmel steigt. - -Er überschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern, -wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzückt von seiner -grenzenlosen Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, als -wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht -mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters, -aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den -Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste ist, indem er -seine Verse in die strengen Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der -Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb der engen -Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen Würde und Freiheit dahin, wie -ein wasserreicher Fluß in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen -Versen noch schöner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heißt -daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwürdige ist, -daß der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber -wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu -einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht -einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern -sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Rußland erscheint bei ihm -nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint -ausschließlich darum bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen -Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien -abzustecken, während er die Ausmalung den andern überläßt. Er selbst ist -gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen -sollen. - -Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingeführt. Feste, -Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persönlichkeiten, ja sogar eine -Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die -Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer -gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer Begeisterung -getragen wurden. Höchstens _Petrow_ macht eine Ausnahme, dem es nicht an -einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war -ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit seiner Verse. Die -andern erreichten bestenfalls nur die kalte äußere Rhetorik der Oden -Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres -zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der -Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie -gezündet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als -Dershawin seine ersten Lieder dichtete. - -In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glänzenden Sammlung der -vorzüglichsten Werke russischer Schöpferkraft gleicht, als sich auf -allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen -Schlachten ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner in der -inneren Organisation des Reiches tätig waren, geschickte Diplomaten sich -beim Abschluß von Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und -Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter -Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische würdevolle Äußere wie -alle Männer aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten -Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen -allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgeführtes, -wie man es wohl in Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit -gebracht werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und -Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden -Dichtern aufdrängt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender -kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung, -den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Während sich Lomonossow -völlig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschließlich als eine -Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt _er_ sich gänzlich der -Dichtkunst hin und hält eine vielseitige wissenschaftliche Bildung für -unnütz und überflüssig. Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei -ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse -des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden -sichtbar. Was ihn beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft: -sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die -Menschen aller Berufe und Stände und zeugen von dem Streben, ein Gesetz -des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem, -selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine -wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch -Gewaltigeres und Überirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht, -woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang -unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine -dunkle Weissagung über unserem Lande schwebt und uns eine bessere -Zukunft vorhält, zu der wir bestimmt sind -- oder ist es ein Echo seines -alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die -armseligen Überreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre -Einbildungskraft an Erzählungen von klafterhohen Helden, die tausend -Jahre alt werden, entzünden? -- was es auch sein mag: dieser -Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine -Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie weit her: nur um möglichst nahe an -seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer, -aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, da dienen diese -ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier -unbegreiflichen Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als blicke -er uns mit tausend Augen an. Man überlese den »_Wasserfall_«: man hat -den Eindruck, als wäre hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig -dahinstürmende Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen -alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die Natur erscheint hier wie eine -höhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die -Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen -mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines -fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger -des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und -Rußlands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind -königliche Adler, kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat -jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, was ihn -am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gestählten -starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit, -sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er -nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur -erwachsen müßte, genährt und groß geworden auf dem unerschütterlichen -Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die die Ode gerichtet -ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden -zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus, -die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. Das, was wir einen -Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung -wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der -Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter -erscheint alles bei ihm groß und gigantisch: seinen poetischen Metaphern -fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam -in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade -dadurch etwas noch Großartigeres und Erhabeneres. So schildert zum -Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört, -über das Meer rast: - - Wild springt er auf die Wellen los, - Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen, - Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß - Des Hades mit gesträubten Haaren, - Und durchs Gebirge hallt sein Schrei. - -Hier schien sich ein _plastisches_ Bild des greisen Caspius gestalten zu -wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen: -das Ohr hört nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem -grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die Haare, der -erschüttert ist von der rauhen Größe des Bildes. Bei ihm ist alles -monumental. Sein Stil ist von einer Größe, wie bei keinem unserer -Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so -sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer -Worte mit schlichten, ja trivialen begründet ist, wessen sich kein -anderer außer Dershawin erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen, -sich so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem -großen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe - - den Tod wie einen Gast erwartet - und sinnend sich den Schnurrbart streicht. - -Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie -die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen -des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt -hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes -Gefühl bleibt in unserer Seele zurück! Man muß jedoch sagen, daß sowohl -diese wie alle andern gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere -Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses annehmen, sowie -ihn die Inspiration verläßt: Alles gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache, -Stil, alles knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers gleicht -einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner -unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern -Selbstbeherrschung predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen, hat -sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und mit der ganzen Kraft -seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen müssen, um das -aussprechen zu können, was sich der Seele des Dichters von selbst -entringen müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen gewußt, es -würde keinen größeren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber -gleicht er nur einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar -niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird -lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrücken -fortzueilen suchen. - -Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon -hatte sich alles um ihn verändert: das Zeitalter Katharinas, die -königlichen Feldherren, der höfische Luxus und das ganze höfische Leben -waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war -angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen -sich mehr in sich selbst zurück und wetteiferten, aus dem Gefühl heraus, -daß sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen -und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen -galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer -den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang -die flinken französischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung -unseres sicheren dichterischen Gefühls sei jedoch an dieser Stelle -erwähnt, daß uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient -hat: _Lafontaine_, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nächsten -stand: _Dmitriew_, _Chemnitzer_ und _Bogdanowitsch_ dichteten in der -gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie er. Die russische -Sprache erhielt plötzlich eine gewisse Freiheit und die Fähigkeit, mit -angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen -- eine -Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur -die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie. -_Dmitriew_ bewies überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und -Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos -überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und -Lomonossows üblich geworden war. Aber die Oberflächlichkeit der Epoche -vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie -blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man konnte sie -bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon -sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu -tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu -machen und zu beweisen, daß er über jeden Gegenstand etwas zu sagen -habe. Die letzten Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden -Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus der Kirche in -den Ballsaal versetzt. Nur der eine _Kapnist_ ließ den Duft eines -wahrhaft beseelten Gefühls und eine eigenartige anthologische Anmut -verspüren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel -an sein Landhaus Obuchowka: - - Mein liebes Häuschen, strohgedecket, - Ist nicht zu groß, noch ist's zu klein, - Der Freund wird stets willkommen sein - Und selbst den armen Bettler schrecket - Kein Türschloß fort, will er hinein. - -Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines -oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre -Empfänglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europäischer -Bildung geweckt, und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen -nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und für ihre Entwicklung -nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der -deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor. Eine -unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen, wunderbare -unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt, -Träume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten -pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man hätte eine -solche Poesie für die Laune eines Schulbuben halten können, wenn nicht -jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wäre, durch das die -unsterbliche nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde -gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige Dichtung von -dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief plötzlich in -ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns -nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte -erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren -Kristall seines Wesens gezeigt hätte, das uns weit verständlicher war, -als das deutsche. Dieser Dichter ist _Shukowski_: die stärkste -Individualität in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fügung des -Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst -unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele -gelegt. Wie der Held seiner Ballade _Wadim_ vernahm er immer einen -himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief. -Dieser Lockung folgend, stürzte er sich auf alles Unerklärliche und -Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die -eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles dieser Art -entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste -davon sind Übersetzungen. Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die -Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft -belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des Russischen mächtig -sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien, -während seine Übersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man -weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen -Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine eigene Persönlichkeit -auf, während sie bei Shukowski stärker hervortritt als bei irgendeinem -unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen, -so werden wir finden, daß das eine von _Schiller_, ein anderes von -_Uhland_, ein drittes von _Walter Scott_, ein viertes von _Byron_ -entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort -getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist -durchaus erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine -Gelegenheit, sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte -nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann -fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern -ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht -zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben -Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch möglich war, daß seine -eigene Persönlichkeit all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen -konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt. Es -gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein -getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit bilden könnte. Man muß -auch sagen, daß sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine so -starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu -entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an -übersinnliche Kräfte, die den Menschen überall schützend umschweben. -Wenn man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl, für das -Dershawin die Worte gefunden hat: - - »Dem Schutz des Himmels übergeben - Ward deines Lebens Sicherheit - Und Legionen Engel schweben - Ob deinem Haupte hilfsbereit.« - -Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt, wie ein -ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses -ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren -geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus -nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform, -die damit etwas Leichtes und Unkörperliches wie eine Vision erhielt. Mit -diesen Übersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er -neue Formen und Metren, die dann später auch von allen andern russischen -Dichtern angewandt wurden. Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor -allem ein schöpferisches Talent zu sein -- es fehlte ihm nicht an -schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden. Im Beginn seiner -Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivität: -_Swetlana_ und _Ludmilla_ trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer -slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns weit verwandter -als die Lieder anderer Dichter -- ein Beweis dafür, daß sie zu einer -Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen -mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schöpfung -Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den -diese Trägheit des Verstandes zurückzuführen ist: es ist seine -Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste -festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem fertigen Werk -liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der -Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zürnte ihm sehr, daß er -keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk -so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung für Kritik -und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen -hervor, die seine eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert -von einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht eher von -ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes, -verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne -zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und -die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit -hervorzaubert, wer in seinem »Bericht über den Mond« die magische Pracht -der Mondnächte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend -und anschaulich zu schildern vermochte: der mußte natürlich im hohen -Maße die Begabung zur _Kritik_ besitzen. Seine »Slawin« mit ihren -Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andächtige -träumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein -warmes und erwärmendes Licht um sich, das den Leser mit einer -unbegreiflichen Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich -und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschließen. - -In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer -Entwicklung ein. In dem Maße, als sich die in einem leuchtenden Dämmer -verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen -Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte, begann er, -den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster und Phantome der -deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Träumerei machte -einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die -»Undine«, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche -Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm -nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner -vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine -kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine -Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des -Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das -Ätherische, Unbestimmte, das er früher besaß: er schreitet kräftiger und -sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu -vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster -Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem -Erfülltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer -so erleuchteten und hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk -sicherlich die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums in -einer vertrauten und heimischen Beleuchtung näherbringen müssen -- eine -Leistung, die weit höher zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und -die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde. Shukowski -verhält sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern -Handwerksmeistern: das heißt wie ein Meister, der sich nur mit der -letzten Verarbeitung des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine -Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu fördern: er hat dem -Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen -Glanze erstrahlen läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt. Ein -solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem -vielleicht nur darum eine geniale Empfänglichkeit verliehen ward, um all -dem, was die andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht -verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen. - -Während Shukowski noch in der ersten Periode seiner Dichtung stand, -während er noch bemüht war, die Poesie aus den Fesseln des Irdischen und -Greifbaren zu befreien und sie in die Sphäre unkörperlicher Gesichte zu -erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, wie im bewußten -Gegensatz zu ihm sie fester in der Erde und im Physischen zu verwurzeln, -indem er uns den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen -Körperlichkeit verspüren ließ. Während jener sich ganz in den ihm selbst -noch nicht völlig klaren Idealen verlor, tauchte dieser vollkommen in -der üppigen Pracht des Sichtbaren unter, das er so deutlich empfand und -das ihn so stark ergriff. Er suchte das Schöne in allen Gestalten und -Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare lebendige Lust -des Genusses aufzulösen. Er empfand, um sich seiner eigenen Worte zu -bedienen, »des Denkens und des Dichtens Wollust«. Es schien, als ob eine -innere Kraft im Schoße unserer Poesie diesen Dichter erschaffen hätte, -um sie von einer allzuweit gehenden Übertreibung zu bewahren, damit uns -der eine die nordischen Klänge der europäischen Sänger brächte, während -der andere unser Ohr mit den süßen Tönen des Südens labte, indem er uns -die Bekanntschaft mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften -Klängen des alten Hellas vermittelte, auf daß selbst der Vers, der eine -gewisse ätherische Unbestimmtheit anzunehmen begann, sich mit einer fast -skulpturhaften Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem -klingenden Wohllaute erfüllte, der uns im neuen Europa aus den Dichtern -des Südens entgegentönt. - -Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei durchaus verschiedene -Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; aus diesen beiden Prinzipien -bildete sich mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den Plan. -Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealität des ersten und ohne -die schwellend-üppige Wollust des andern. Bei ihm hat alles sein -Gleichgewicht gewonnen, ist alles gedrängt, konzentriert wie in dem -russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen sparsam -mit Worten ist, und sie lange in sich hegt und zusammendrängt. Durch -eine lange Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter an, wenn -sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel anführen. Der Kasbek, -einer der höchsten Berge des Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf -den Dichter. Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm wie die in -der Luft schwebende Arche Noahs erschien. Ein anderer Dichter hätte bei -dieser Gelegenheit viele Seiten mit glühenden Versen bedeckt: Puschkin -aber sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit folgender -unerwarteter Apostrophe: - - Ersehntes fernes Friedensreich! - Könnt ich zu deiner Gnadenstelle - Mich aus der Schluchten Haft befrein - Und in der ätherlichten Zelle - Allzeit dem Schöpfer nahe sein! - - (Fiedler.) - -Das und nur das durfte ein Russe sagen, während ein Franzose, ein -Engländer oder ein Deutscher einen langen Bericht über ihre Empfindungen -gegeben hätten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam -in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig -beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges oder Übertriebenes zu sagen, -da er in beiden Fällen die Banalität scheute. - -Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das -Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der -ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen -und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den Wolken thronenden -Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der -elenden Hütte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und -Trepak; -- überall und allerorten: wird ihm der Ball, die Hütte, die -Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf -alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den höchsten und -erhabensten Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher -Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt, -reagiert er mit der gleichen Stärke wie auf jeden Vorgang der äußeren -und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen -Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Größten schlägt er -elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes -Schöpfungen lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen, -die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß er dabei an eine Anwendung auf -das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen -Bedürfnisses denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte, -und reicht keinen von denen, die taub für die Poesie sind, eine Leiter, -die dorthin führt. Er kümmerte sich um niemand, es gab für ihn nur einen -Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen: »Schaut hin, wie -herrlich ist doch Gottes Schöpfung!«, und sich dann sogleich, ohne noch -etwas hinzuzufügen, dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals -auszurufen: »Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schöpfung!« Was daher -an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch -der Gefühle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von -sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden -fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente --- Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender -Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete -Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich -vereinigen. - -Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen -von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines -erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte -seine Poesie? Was für eine neue Richtung, welche neue Wendung hat -Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen -sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen -oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf dieses Zeitalter ausgeübt? -Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine -Persönlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner -Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten -Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und -was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt -geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist, -und sonst nichts -- _was der Dichter ist_, sofern man ihn nicht als -Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhältnisse aber auch -nicht als Produkt seines eigenen persönlichen Charakters, d. h. als -Mensch betrachtet, sondern unabhängig von allen diesen Faktoren in -Betracht zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer Seelenanatom -der Sache auf den Grund gehen und sich darüber klar werden wollte, was -der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte -feinnervige Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig -einsam bleibt, und bei keinem Verständnis findet -- damit es ihm dann an -nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Züge vereint finden würde. -Puschkin war der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so -fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die -bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen -Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor. -Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine -kindliche Seele, die stets von den höchsten und letzten Idealen träumte, -sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß sie in -dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest, -nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels -begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen -körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll des Dichters -über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe, -dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze -Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in -diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit zu so deutlichem -Ausdruck, eine Persönlichkeit, die eine echt deutsche Würde atmet und -nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und -Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski, -Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Physionomie. -Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für -Züge herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären? Man -versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt -seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt -gegenübersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo -findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke -sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der -Dichtung. Nun denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug, das -euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter -selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und -warum hat er das nicht getan? -- Das ist eine andre Frage. Er selbst -beantwortet sie mit den Versen: - - Nicht unser Teil ist das Getümmel - Des Pöbels Hast und Waffenklang, - Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel - Begeistrung, Inbrunst und Gesang. - - (Eliasberg.) - -Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen -vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in -Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm -heilig -- wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt dies -Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes und Übereiltes aus -seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe -ungezügelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch -ist alles darin -- seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen -verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im -Busen des Dichters zu Asche verbrennen mußte, damit diese Wohlgerüche -aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in -seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer -Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt, wie er an diesen -leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks -anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend -ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in -sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu -entscheiden, welche Elegie die vorzüglichste ist -- sie gleichen alle -den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der König Salomo mit den -jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und -alle gleich schön sind. - -Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die unsere moderne -Gesellschaft interessieren und die für sie von Bedeutung sind, wenn er -für jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles -ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher -Weise anzog? Er wollte in seinem »Onegin« den modernen Menschen -darstellen und ein modernes Problem lösen -- allein er vermochte es -nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst -an ihre Stelle und fühlte sich in ihrer Person auf's tiefste von allem -ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung -heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und -malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behält man wiederum -nichts zurück als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert -und für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten Schöpfungen: »_Boris -Godunow_« und die Dichtung »Poltawa« sind gleichfalls treue Spiegelungen -der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu -seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen -Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwählte, man hat -auch nicht das Gefühl, daß er eine besondere Sympathie für einen der -hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den -Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt hätte, die so meisterhaft und so -künstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die -Verwunderung über diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu, -sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch andere Menschen über sie -staunen und sich über sie wundern sollten. - -Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm -dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschöpfliche -Thema unzähliger dramatischer Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee -ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert -darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses -Verführers und die Schwäche des Weibes mit einer unerhörten -Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewöhnlicher -Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf -den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei -Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt, mit welcher -Treffsicherheit sie erfaßt und trotz der Unbestimmtheit und -Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften -Ganzen zusammengefaßt ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die -Idee nahe, im gleichen Versmaß und im Geiste Dantes die kindlichen -Anfänge seines dichterischen Schaffens während seines Aufenthalts in -Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die -Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen -darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten -geflüchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und -Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine -lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das beweist wieder, -wie früh schon diese große Feinfühligkeit und diese Fähigkeit, auf alle -Dinge der Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten. - -Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein -Gehör. Man spürt förmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der -Zeiten und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er -ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der -freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den -Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der -versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte des Bauern -- so ist er -jeder Zoll ein Russe; alle Züge unseres Wesens finden sich bei ihm -vertreten, und das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein -einziges mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes Adjektivum -zusammengefaßt. - -Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm, und er hätte -sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet, -wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm -Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die -schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben -erzählen wollte, beschäftigte ihn während dieser Zeit unablässig. Er -schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken -zu lassen, um sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er -befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, daß man an -seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute -sich darüber und schrieb dann die »_Hauptmannstochter_«, sicherlich das -beste Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der -»Hauptmannstochter« erscheinen alle unsere Romane und Erzählungen wie -fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben -hier eine solche Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie -gekünstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns -hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der -Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit -ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die -schlichte Größe dieser einfachen Leute, -- das alles ist nicht nur -lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so -muß es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des -Dichters, uns selbst, unser Ich -- aus uns herauszuheben und uns unser -Selbst in geläuterter veredelter Gestalt zurückzugeben. In Puschkin -deutete alles darauf hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein -Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die -wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: »Die -Handschrift des Dorfes Gorochino« und »Der Mohr des Zaren«, sowie der -mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman »Dubrowski«. -Während der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen -gelernt, und er sprach so gescheit und so klug über alle Dinge, daß man -jedes Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren mindestens -so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwürdiger war, das -war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich -ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet hätte. Die Anklänge -daran kann man in einem, erst nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht -vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus einer -dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener -Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes reifte in diesem Menschen -heran, was Rußland zum Heil und Segen hätte gereichen können. -- Aber in -dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und von überall her Kräfte -zu großen Taten sammelte, dachte er um so weniger darüber nach, wie er -mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein -plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann -im ganzen Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren -hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war -äußerst geringfügig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner -dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch -an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst -gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde, -da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die -Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht -das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die -Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und -ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Süßliches an. -Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel -fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst -Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten wie die Lichter. Ein -ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: _Delwig_, dieser -Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier -förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit -einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise schlürfte, wie ein -Weinkenner seine Blume genießt und seinen Duft einsaugt. _Koslow_, eine -harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer zu Herzen -gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser -Ohr klangen. _Baratynski_, ein Dichter von strenger, fast finsterer -Eigenart, der schon früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben -nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer -Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre äußere Formung -bemühte, noch ehe sie in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und -noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so -alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese -Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu -erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen -Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen -duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch daraus -machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen könnten. -Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und -einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht hätten -leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer Regungen fähig -gewesen wären, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins hätten -entzünden können. Selbst ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß -ihre Leier um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, _Gneditsch_, der -Nachdichter der _Psalmen_, _Th. Glinka_, der Freischärler und Dichter -_Dawydow_ und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in -der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von -seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu Poeten, die gar nicht für -den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs -geringere Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften und -Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen -vollbrachten, so z. B. _Wenewitinow_, der uns so früh entrissen wurde, -oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine -herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht völlig -enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar für -manche gefährlich geworden, besonders für Baratynski und für noch einen -Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch -gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck für ihre noch -gänzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre -Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen -waren, die allen vertraut und verständlich gewesen wäre; sie hätten -lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine -Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle völlig im Bann dieser -unerhört künstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer -Schöpfungen, deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne Gesellschaft -und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle -Ansprüche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren -vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und -deklamierte Puschkins Verse. - - Nicht unser Teil ist das Getümmel, - Des Pöbels Hast und Waffenklang. - Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel - Begeistrung, Inbrunst und Gesang. - -Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt _Jasykow_ eine ganz -besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der -Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie -wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck, eine helle -jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Stärke und Vollendung bei -einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es -ist kein Zufall, daß er den Namen _Jasykow_ (Herr der Zunge) trug: er -ist Herr über seine Zunge, wie ein Araber über sein wildes Roß, und es -ist fast so, als brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er -mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem -Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er -führt sie stets zu Ende und rundet sie ab, daß man von Staunen und -Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen -mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller -Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er -berührt, sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische. - -Man denke zum Beispiel an sein Gedicht »Der Fluß«: - - Die Hüllen fort. Mit frischem Mut - Streckt sich die Hand zu kräft'gen Schlägen, - Und nun hinab. Und aus der Flut - Sprüht auf ein Diamantenregen. - Wie sind so stark, so frisch und kühl - Die Elemente, die mich wiegen. - Welch süßes, seliges Gefühl. - Wenn kosend sie den Leib umschmiegen! - -Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, das er geradezu -ein russisches Spiel genannt hat. Kraftvolle junge Burschen bilden einen -Kreis und - - Durch den Ring nach seinem Ziele - Saust der Nagel -- er erklingt, - Bis bei heitrem Scherz und Spiele - Mild der Frühlingstag versinkt. - -Alles, was den Jüngling zum kühnen Wagnis reizt -- das Meer, ein Sturm, -Festgelage und klingende Becher, ein brüderliches Bündnis voller -Tatkraft und Tatenlust, ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die -Bereitschaft, jeden Kampf für das Vaterland zu bestehen -- dies alles -findet in seinen Gedichten einen Ausdruck von geradezu unerhörter Kraft. -Als die erste Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin -ärgerlich: Warum hat er das Buch: _Gedichte von Jasykow_ genannt, er -hätte es einfach _Rausch!_ betiteln sollen. Ein Mensch von -durchschnittsmäßiger Kraft wird nie etwas Ähnliches zustande bringen; -dazu bedurfte es einer Entfesselung aller Kräfte. Ich erinnere mich noch -lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows Gedicht an Davydow -gelesen hatte, das gerade in einer Zeitschrift erschienen war. Damals -sah ich zum erstenmal eine Träne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte nie -zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich selbst: »Als rauher -Slawe kannt ich keine Tränen, doch ich verstehe sie.«) Ich erinnere mich -auch, welche Strophen ihn so bis zu Tränen rührten: es sind die beiden -ersten, in denen sich der Dichter an Rußland wendet, das man bereits für -schwach und kraftlos erklärt hatte, und in denen er ausruft - - Hört ihr die Trompete schmettern? - Auf, der Feind ruft, Vaterland! - Denk wie du beim Kriegeswettern - Stets dem Gegner hieltest stand. - Laß zum blut'gen Kampf sich rüsten - Deine Recken, mutig, frei. - Ruf aus Steppen sie und Wüsten, - Von den Flüssen, von den Küsten, - Aus dem fernsten Land herbei. - -Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhörte Tat der Aufopferung -dargestellt wird, wo der Dichter schildert, wie die eigene Hauptstadt -mit allen ihren Schätzen, die dem ganzen Lande heilig und teuer sind, -den Flammen geweiht wird. - - Erd' und Himmel stehn in Flammen, - Goldgeschmückte, heilge Stadt. - Moskau! Wie? Du stürzst zusammen? - Hörst du's, Rußland? Auf zur Tat! - Rase Feuer der Zerstörung! - Du erhöhst nur unsern Mut. - Diese flammende Verheerung - Bringt uns Rettung, bringt Verklärung, - Phönix schwingt sich aus der Glut. - -Wem sollten solche Strophen nicht Tränen entlocken? Seine Verse sind wie -ein alle Kräfte entbindender durcheinanderrüttelnder Rausch, aber in -diesem Rausch liegt eine höhere Gewalt, die nach oben zieht. Für Jasykow -ist ein studentisches Gelage nicht so sehr eine Äußerung der Lust am -Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude über die Kraft, die die -jungen Arme schwellt, und über die große Zukunft, die der Jugend -bevorsteht, einer Freude darüber, daß die Studenten einmal fortstürmen -werden, um - - Der großen Sache treu zu dienen, - Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte. - -Leider geht nur diese Rauschstimmung häufig bis ins Maßlose, und der -Dichter gibt sich allzusehr der Freude über die ihnen winkende Zukunft -hin, wie dies bei uns in Rußland so viele Leute tun, ohne über einen -großartigen Anlauf hinauszukommen. - -Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt erwartete etwas -Außerordentliches von dem neuen Dichter, dessen Verse voll ritterlicher -Großsprechereien und voll Verheißungen gewaltiger Taten waren. Allein -die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Es erschienen zwar noch ein paar -Gedichte von ihm, in denen die alten Töne noch einmal, wenn auch etwas -abgeschwächt, erklangen; dann aber wurde der Dichter von einer schweren -Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen für seine Geistesverfassung -blieb. In seinen letzten Versen gab es nichts mehr, was die russische -Seele ergriff. Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der -Langenweile deutscher Städte, gleichgültige Reiseschilderungen und einen -Bericht über den einförmigen Verlauf peinvoller Tage. Das alles war dem -russischen Geiste fremd. Man achtete nicht einmal auf die -außerordentliche Sorgfalt, mit der in diesen späten Gedichten die Form -behandelt war. Allein seine Sprache, die hier noch kräftiger ist, wird -ihm gerade dadurch zur Verräterin: sie dient nur dazu, einen mageren -Gedanken und einen dürftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem -Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschließt. Es wurde -sogar die Meinung laut, Jasykow hätte überhaupt keine Gedanken; er könne -nur hohle tönende Verse schmieden und sei überhaupt kein Dichter. Alles -begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand in den Zeitschriften ein -recht törichtes Echo, allein ihm lag wirklich ein berechtigter Kern -zugrunde. Jasykow hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie -Puschkin: - - Nicht unser Teil ist das Getümmel, - Des Pöbels Hast und Waffenklang. - Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel - Begeisterung, Inbrunst und Gesang. - -Er läßt den Dichter vielmehr sagen: - - Poet, ist alles in dir reif zum Werke, - Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist, - Des feurigen Gedankens hoher Geist, - Der Rede Glut, des Wortes Stärke, - So geh und künde, daß die Welt höre. - -Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, aber er hat doch -sein Ideal aus seinem eigenen Wesen geschöpft. Wenn die Elemente dazu -nicht in ihm selbst gelegen hätten, dann hätte er sich den Dichter auch -nicht so denken können. Nein, nicht die Kraft hatte ihn verlassen, nicht -Mangel an Talent und an Ideen sind schuld an dem dürftigen Inhalt der -letzten Gedichte, wie anmaßende Kritiker behauptet haben, nicht einmal -seine Krankheit trägt die Schuld (die Krankheiten sind immer nur dazu -da, die Arbeit an einem Werk zu beschleunigen -- vorausgesetzt, daß der -Mensch ihren Sinn richtig erkennt) -- nein, es war etwas anderes, was -ihm die Kraft raubte: das Licht der Liebe war in seiner Seele erloschen. -Das war der Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel trüber -brannte. - -Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft -und Stärke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest --- dann werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen, wie deine -Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entströmen. Du wirst -uns dann die große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du -wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß er sich der -stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm regt, bewußt wird, und Gott -für das Übel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte. -Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten und seinen Vers -nach seinem Vorbilde behandeln und formen dürfen; seine Domäne ist weder -die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des -Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefühl haben alle. Und er hätte seine -Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine Verse -gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik -entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder -bewegt, oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der -verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein -treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm -ein vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen. Ein -anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwärtstreibende, -sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den höchsten und hochherzigsten -Regungen anzufeuern -- und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen. -Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, daß -es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die -Vorsehung sorgt besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück, -Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg -gefunden hätte. In der Lyrik Jasykows machte sich übrigens wieder ein -Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar. -Erst neulich haben wir sein Gedicht »Das Erdbeben« kennen gelernt, das -nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist. - -Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Fürst Wjasemski eine -besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor -Puschkin begann, müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach -dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte. -Fürst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: während jener -durch seine Gedankenarmut auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner -Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum Zweck, das erste -beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste -Sorgfalt auf seine äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration, -auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser -wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Künstler und -legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind -- Improvisationen, -obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr große und -vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von großer Reife und Ausbildung -mitbringen muß. Er vereinigt in sich eine außerordentliche Menge -vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine -Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen, Gefühl, Verstand, -Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist -ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener -Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm -gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um -etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die -Biographie Von Wisins tritt die reiche Fülle seiner Talente, über die er -verfügte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht -der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der -gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen -Seiten des Lebens -- kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt, -über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne dieses Wortes -verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins -geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert hätte, -die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die -große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier -begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so könnte -man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein -historisches Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte. Das aber -ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Fürsten Wjasemski, daß es ihm -an einer großen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in -seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl, daß sich die einzelnen -Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt -ihnen einen großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht -miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken -kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher Schönheit bei keinem andern -Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im -mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefühl an die Seele, -das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stößt er uns -ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand -nicht im mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere Sammlung -fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Kräfte -gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine -gewisse Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen, -dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der -keine große Aufgabe finden kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die -letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten Bettlers. -Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurückführt und -ihn veranlaßt, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur -bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, können - - Der Seele Flügel sich entfalten, - Erstarkt der Wille, und das Walten - Des Schicksals zeichnet klar sich ab. - -Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung und Leitung der -Dichter aller Zeiten und Völker so schnell und in so eigenartiger Weise -zurücklegte, während die Klänge aller Länder, in denen es eine -Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten -und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen -andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewählt und -schritt solange still und geräuschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages -über alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch -über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte. Dieser -Dichter war -- Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewählt, die alle -Welt bisher für eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für -ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt hatte, und er -brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen -Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken -russischen Köpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe -verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des Russen -ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet, -der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa -eine vorgefaßte Meinung oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern -vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den -Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen, -den endgültigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen -ihren Faktoren und nicht bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch -in dem Spruch zum Ausdruck: »Bloße Reden ergeben noch kein Sprichwort.« -Dieser »nachhinkende« Verstand, dieses Talent für radikale endgültige -Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist, -macht, daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller -andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch -in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen -Eigentümlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine -Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurütteln und -seinen wundesten Punkt zu berühren; wie ein hundertäugiger Argus blickt -jedes von ihnen den Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis auf -Suworow und Peter den Großen haben unsere Sprichwörter geliebt und -bewundert. Die hohe Würdigung, die man ihnen angedeihen ließ, kommt in -vielen Aussprüchen zum Ausdruck: »Ein Sprichwort wird nicht umsonst -geprägt« oder »ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.« Es ist ja bekannt, -daß, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt -gewähltes Sprichwort zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem -Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr -übersteigt. - -Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln -sind nicht etwa für Kinder geschrieben. Man würde sich eines groben -Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der -Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen -wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und -bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und -handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander -spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die -in Rußland üblich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren -pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters, -die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der Fuchs, der Bär -und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle -Geschöpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen. - -Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist, -daß er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht, -damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, -- selbst der Esel -ist, trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört, bei Krylow -ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemüsegärten -geplündert hat, wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt, er -will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich wichtig, als sein -Herr ihm ein Glöckchen um den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf -den Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder schlechte -Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und daß es nun -bei jeder Gelegenheit kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz --- überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall fühlt man sich -an Rußland erinnert. Überdies hat jede seiner Fabeln noch ihren -historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner -scheinbaren Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner -Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem -Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine -Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Maß, die rechte -Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die versöhnende Stimme des -Mittlers, eine Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn der -russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt. Durch ein -streng abgewogenes kräftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage -den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen. -Als einmal ein paar allzusehr für das militärische Wesen begeisterte -Leute behauptet hatten, daß der ganze Staat ausschließlich auf die -militärische Macht gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze Heil -liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über alles, was mit dem -Militär zusammenhing, lustig machten, bloß weil ein Paar Leute das ganze -Militärwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da -schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln, -in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmäßigen -Grenzen verweist: - - Darin besteht des Staates wahre Macht, - Daß alle Teile weise Frieden halten. - Die Waffen stehen drohend auf der Wacht, - Die Segel sind der Bürger -- Rechtsgewalten. - -Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen ist keine Verteidigung -möglich, ohne Segel aber kommt man auf der See überhaupt nicht vom -Flecke. Ein anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, die die -allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch eine große -Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen Gedanken verfallen -waren, man müsse sich vor den gescheiten und energischen Leuten in acht -nehmen und sie bei der Besetzung der Ämter übergehen, bloß weil sich -gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche hatten zuschulden -kommen lassen und sich an einem törichten Unternehmen beteiligt hatten, -da schrieb Krylow seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden -Rasiermesser, in der er sich gegen die Beamten wendet, die - - Die klugen Menschen fürchten - Und lieber sich an einen Dummkopf halten. - -Man merkt, daß er überall Partei für den Verstand nimmt, überall mahnt -er immer wieder, man solle den klugen Mann nur ja nicht unterschätzen, -sondern man solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke kommt in -der Fabel »_Die Musikanten_« zum Ausdruck, die mit den Worten schließt: -»Ich möcht dich lieber trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz -verstehn.« Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen zu -verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, wenn er mit ansehen -mußte, wie manche Leute sich statt tüchtiger sachverständiger Männer -allerhand hergelaufenes Gesindel herholten, und sich dann noch dessen -rühmten und erklärten, sie verständen zwar nichts von ihrer Sache, -hätten dafür aber ein ausgezeichnetes Benehmen. Er wußte, daß man bei -einem klugen Menschen alles erreichen könne und daß es nicht schwer sei, -ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man es nur versteht, -verständig mit ihm zu sprechen, dagegen sei es sehr schwer, einem -Dummkopf Verstand beizubringen, selbst wenn man noch so viel auf ihn -einredet: »Mit einem Diebe -- ist man wie auf hoher See, mit einem -Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter Milch.« Aber auch dem -Gescheiten weiß er ein kräftiges Wort zu sagen, in der Fabel »Teich und -Fluß« tadelt er ihn heftig, weil er seine Fähigkeiten einschlafen läßt, -und in der Fabel »Der Schriftsteller und der Räuber« straft er ihn, weil -er sie zu schlimmen und lasterhaften Zwecken mißbraucht. Überhaupt -beschäftigten ihn immer nur große und bedeutende Fragen. Aus einem Buch -kann jeder Mensch Belehrung schöpfen, alle Stände und Ränge im Staate, -in erster Linie das Oberhaupt, von dem er sagt: - - Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will, - Muß er die Zügel fest, doch allzu straff nicht halten, - -ebenso wie der letzte Tagelöhner, der in den untersten Reihen des -Staatskörpers steht und wirkt. Ihn weist er auf seine hohe Aufgabe hin, -indem er ihn an die Biene erinnert, die nie darum bemüht ist, ihrer -Arbeit eine besondere Würde zu verleihen. - - Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann, - Der ungeehrt und im Verborgnen lebt - Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen - Der einzige Gedanke nur erhebt! - Er muß sie für das allgemeine Beste tragen. - -Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den hohen Sinn Krylows -bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare -Form zu geben, sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow. -Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles -plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen -Reizen und in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit und -in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprächs, die -eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles -ist so treffend ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit -einer solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist, -festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise -ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich, das Wesen seines Stils zu -ergründen. Der Gegenstand scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu -besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn -geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet -gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich nicht sagen, worin ihre -Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig? -Er fängt an zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird -lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll -und ehern, wo der Gedanke stark und kräftig ist und er wird plötzlich -leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten -oberflächlichen Geschwätz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt -willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine -Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfüßigen Versmaßen, bald -wieder in schnellen einfüßigen; in der wohlüberlegten Silbenzahl -offenbart sich aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke -bloß an den großartigen Schluß der Fabel »Die beiden Fässer«: - - Den großen Mann erkennt man an der Tat - Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen, - Denkt er im Stillen. - -Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte förmlich die -Größe des in sich selbst versenkten Menschen herauszufühlen. - -Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie, -nämlich zur satirischen Form hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle -viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern zum -Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig selbst da, wo die Seele -ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt -ist. Die Tiefe dieser urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig -erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen der europäischen -Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer -heimatlichen Wurzel losgelöst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir -uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist -schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die -Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum -Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter haben -diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren Teil seiner Oden -mit diesem kräftigen Salze gewürzt. Wir finden sie aber auch bei -Puschkin, bei Krylow, beim Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei -solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie -neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Fürsten Dolgoruki; -dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich, -daß unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes -hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemühte, -seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Fürst -Kantemir mancherlei Stoffe für die Satire und geißelte in seinen -Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft. -Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen -der bekanntesten Dichtungen und alle möglichen Parodien voll Spott und -Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im -Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man -denke nur an die Parodien des Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die -Literaten von Wojeikow »Das Irrenhaus« und an die talentvollen Parodien -Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer -eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit mischt. Indes die Satire brauchte -bald ein größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so drang sie -allmählig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben -Ursprung wie überall; wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald -jedoch kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der Tragödie regten -sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich -unter dem Einfluß einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters -darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren milden Spott über -die lächerlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der -Menschen zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists, -Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben -wir ein achtungsvolles Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor -zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden Komödien »_Der -Landjunker_« von Von _Wisin_ und vor Gribojedows »_Verstand bringt -Leiden_«, die Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt -hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott über die komischen und -lächerlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und -Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern -aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit -erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt -werden. Von diesen beiden Komödien hat jede eine besondere Epoche zum -Gegenstand; die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung -- die -andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung entspringen. Die -Komödie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalität des Menschen, -dies Produkt einer stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen -Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde von Roheit und -Brutalität, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, daß -man in diesem Stück den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch -einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelüste -zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern, -ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres -Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem Lande, weder in -Frankreich noch in England, ein solches Wesen möglich wäre. Diese -unsinnige Liebe zu ihrem Kinde -- ist unsere eigene, starke russische -Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt -hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren Mischung -mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so -mehr haßt sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins -stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe -schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden -Leidenschaften kennt, geht völlig in einer stillen Liebe zum Vieh auf, -die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich -auf das Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine -Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau -Prostakowa -- dies unglückliche, völlig verschüchterte Geschöpf, in dem -selbst die schwachen Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren, -gänzlich durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind -- in -ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur -keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Böses antun will, und der -doch ganz unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und weil -jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung, -am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h. -seiner Mutter und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein Genuß ist, -sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen -eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, überhaupt noch -einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der -Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfährt mit Schrecken, daß bei -ihnen weder der Einfluß der Kirche noch die guten alten Sitten etwas -auszurichten vermögen, von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche -und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu -sprechen. In dieser Komödie erscheint alles wie eine monströse Karikatur -auf das Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes, alles ist -mitten aus dem Leben geschöpft und mit tiefster Seelenkenntis -beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der -Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden -hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte. - -Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche -Epoche, sie schildert das Übel, das durch eine schlecht verdaute -Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung mondäner Äußerlichkeiten statt -des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich -die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die unorganische -Vermischung der Sitten und Bräuche, die die Russen so sehr ihrem eigenen -Wesen entfremdet und zu Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus -des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau Prostakowa. Mit -derselben Naivität, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rühmt -_er_ sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des -ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf, daß die jungen -Mädchen von Moskau die höchsten Töne singen können, daß sie keine zwei -einfache ungezierte Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen -steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Ausländern -und daß in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun -haben. Er ist ein Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein -Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund -opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar -ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt, -wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf -Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hält er nämlich für -jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen Welt nicht aufs strengste -beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten -Menschen, die trotz all ihres weltmännischen »_comme il faut_« gänzlich -leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren -Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten für die Gesellschaft -ebenso schädlich sind, wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie -dem Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande sitzen, wo -sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Güter darunter, da sie -ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern überlassen und -immer nur Geld für Bälle, sowie große und kleine Diners von ihnen -verlangen; damit zerstören sie das gesunde heilige Band, das einstmals -den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch -die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle Ämter und -Posten ausschließlich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun -haben und sich dem Müßiggang ergeben, berauben sie den Staat der -wirklichen tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem -ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren -sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen -Lebenswandel -- denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien -sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -- verlangen -sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend heucheln sollen, dabei aber -führen sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend -gegen sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu -widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -- Mißachtung -des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum -ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: _Sagorezki_, dieser -ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und der doch -wunderbarerweise überall empfangen wird, ein Lügner und Gauner, der es -aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflußreichen -Persönlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen -weiß, wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist, wenn es -darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkämpfer der -Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entzünden und alle -Bücher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle -Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen und Adler] zu -verbrennen, womit er übrigens verrät, daß er, der sich vor nichts -scheut, -- nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Gezänk -- -dennoch den Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder -hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale _Repetilow_, -dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch -immer erscheinen mag. Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu -Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn es ihm gelingt, -Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lärm gemacht -und laute Reden über Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht, -und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hört -er sich all die verrückten Phantastereien begeistert an, und er ist -überzeugt, daß er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und -daß hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das -zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon -offenbaren wird, wenn man nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht -häufig versammeln und heftige Diskussionen führen wird. -- Auf derselben -Höhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] _Skalosub_, der seinen -Dienst so versteht, daß es dabei lediglich darauf ankommt, die -verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der dabei -aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung über -die Ränge und Titel festhält. Er erklärt ganz offen, er halte sie für -die unentbehrlichen Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er -erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine -Sorgen, die Zustände seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm -nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in -der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt. -Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlöstowa, diese -traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte. -Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit -und Hohlheit ererbt und für diese fordert sie Achtung von der jungen -Generation, sie verlangt, daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie -respektieren sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit -Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder -umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafür aber -protegiert sie kleine Negerjungen, Möpse und Leute von der Art einer -Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im vollen Sinn -des Wortes. _Moltschalin_ ist gleichfalls ein glänzender Typus. Diese -stumme gemeine Kreatur ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt. -Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor, schlummert -doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein künftiger Sagorezki. Ein solcher -Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung, -eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen Sinn in seiner -Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mußte eine Reaktion -hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem führen, wie es in seiner -ganzen Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky geht in -seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen alle diese Leute -gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, daß er gerade dadurch und -durch seine unbeherrschte Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle -Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der -Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der -Unbildung, russische Ungeheuer, Krüppel, vorübergehende -Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente -hervorgerufenen Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt -einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt -sich der russische Bürger. Der Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen, -wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese -Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein -Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und äußert bloß ihre -Entrüstung über alles Gemeine und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne -in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild -aufzustellen. - -Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen Technik nur -schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige -französische Stück überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des -Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll gelöst. Man hat den -Eindruck, als hätten die Komödiendichter sich hierfür nur wenig -interessiert, als repräsentiere ihnen der Stoff nur einen andern höheren -Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang ihrer Person -maßgebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht -gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden -des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese -Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre -Anwesenheit zu erläutern und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild -zu vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die Dichter die -notwendigen Forderungen der Bühntechnik erfüllt und jede ihrer Personen, -die alle so außerordentlich glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich -vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloßen -Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären diese beiden Komödien -sicherlich zwei großartige Schöpfungen des russischen Genius geworden. -Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen; eine so -ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher, wie ich glaube, -noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Ansätze -zu einer sozialen Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr -durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die Mißbräuche und -Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse -der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender -Beweis dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komödiendichter -aber wurden von sozialen und nicht von persönlichen Motiven bewegt, ihre -Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen -unzählige Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr -Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen -selbst Fleisch und Blut, schien Körper geworden zu sein; am lyrischen -Feuer der Entrüstung entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser -Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis, -den Peter in Rußland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen -unwillkürlich zu einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien sind -keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind nicht aus der -Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mußte sich schon viel Schmutz -und Unrat in unserem Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke ganz -aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns -vorüberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer -Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und -daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird. - -Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum -Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen -ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne, -und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein Nahen an. Schon -heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspüren wir -die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand -diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu -zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken, -daß eine neue Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen -herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu werden beginnen, die -wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene -Farbe und keine selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese -Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem einen _Lermontow_, der -die andern weit überholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden -weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine -große Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern über ihn -gewaltet hätte und wenn er sich's nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß -dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr früh in solche -Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine -vorübergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein -armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden losgerissen hat, dazu -verurteilt waren, traurig durch öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl, -daß sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und daß es ihr -Los sei -- zu verwelken und elend zugrunde zu gehen -- daher diese -herzzerreißende Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm -schon so früh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem -unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser -Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse, die ohne Zweck und Ziel -geknüpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind -die Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen -dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der -_Illusionslosigkeit_ kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese -Stimmung für eine Weile populär und modern. Wie einst unter dem -anfeuernden Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt -ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine -Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie -die Enttäuschung, die »Entgeisterung«, die _Desillusionierung_ im -Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer übermäßigen -Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam -endlich auch die Reihe an die Illusions_losigkeit_, dieses eigenste Kind -der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung. Die Zeit, während der -diese Stimmung herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden -andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit hat für niemand etwas -Verlockendes. Lermontow glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über -ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu -gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung hätte von -ihm befreien können. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen -Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen Macht über den -Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow -an, daß diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der -Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dämon -aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: »Ein Märchen für Kinder« -hat diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie sinnvoller -geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter, wenn er diese Erzählung, -die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt hätte, ganz von diesem -Dämon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen -einer solchen Befreiung kann man bereits im »_Engel_«, im »_Gebet_« und -einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr -Achtung und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat jemand -eine _solche_ beinahe prahlerische Mißachtung für sein Können zur Schau -getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie -Liebe für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner -Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zärtlichkeit -einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins -Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene -feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis -oder Puschkins Verse an. Überall herrscht Überfluß und ein unnötiger -Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch -nie hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische Prosa -geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die -lebendige Wirklichkeit, hier kündigt sich der künftige große Maler und -Darsteller russischen Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich -von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches. -Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe -aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe -der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehört und in -der ein Dichter nicht weilen darf, reißt ihn mit einem Schlage ein -plötzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige -Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem -andern während eines einzigen Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters -und ihrer Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen -- und doch hat -das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere -leichtsinnige Generation fühlte sich nicht im geringsten erschüttert. - -Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch etwas darüber sagen, -was denn eigentlich unsere Poesie überhaupt darstellt, wozu sie da ist, -welchem Zwecke sie gedient und was sie für unser ganzes russisches -Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der -Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den -er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie -der Gesamtheit, gemäß dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften -des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates sein müssen, höhere -Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer -Gesellschaft -- eine vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel -unseres Lebens? -- Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und -hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast völlig unbekannt -geblieben, unsere Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser -Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter der Leitung -französischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer -aus aller Herren Länder, aus allen Ständen und Berufen, von Menschen -ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze und -Anschauungen. -- Unsere Gesellschaft wurde -- was bisher noch mit keinem -Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis -ihres eigenen Landes -- erzogen. Selbst die eigene Sprache war -vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten -waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber -doch einmal glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah -dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder eine glücklich -erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen -Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein -minderwertiges Gedicht, das den fremdländischen -- freigeistigen Ideen, -die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht -worden waren, nicht entsprach, wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas -von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte -aufhielt. - -Kurz -- unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer -Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft. -Sie schwebte die ganze Zeit über gleichsam hoch _über_ der Gesellschaft, -wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen -Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herabließ, so -nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht -aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen -Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist höchst merkwürdig: trotz alledem -waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir -uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor -Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben und wir wollen nicht recht -daran glauben, was Dershawin uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein -Schriftsteller die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens -schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das -Bild, das er von uns entwirft, für eine Karikatur. In der Tat, in beiden -Fällen ist irgendwo eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz -vorhanden, und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der Grund für -die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon -in dem Keim, der dem gewöhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die -künftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens -in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund -der zweiten Erscheinung ist der, daß unsere satirischen Schriftsteller, -wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen -Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Häßliche und -Gemeine in den wirklich existierenden Repräsentanten des Russentums nur -um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh ihnen die -Fähigkeit, eine Sache weit klarer und schärfer zu beleuchten, als sie -dem gewöhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in -der letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen -- die Spottlust am -allerstärksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder über -seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas, -eine Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über das Neue, -und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was -ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in -seiner Vollständigkeit dargestellt, weder in dem _Ideal_, das er -erreichen _soll_, noch in seinem wirklichen _Dasein_, wie er heute in -Wirklichkeit _ist_. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von -Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie -hat nur alle einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer -Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefühl, daß die Zeit -noch nicht gekommen sei, uns vollständig und allseitig darzustellen, uns -unserer Eigenart zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns -selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische Natur ist heute -erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form -annehmen zu können; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller -Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall her in unser Land -verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich -Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir -nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese -Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben -unsere Dichter gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam ihre -stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres Wesens nicht -untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste überall, wo sie es fanden, -und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu -fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme -Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle, -was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere -Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre Stimme -erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen würde, -wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkörperung des Menschen im -Bilde, für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß aus den -eigenen urwüchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz -Rußland ergreifen und zum sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde --- damit wir uns dann darüber klar wären, was alles an Gutem und Schönem -und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem -Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer mehr -enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden. -In dem Maße, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden -wir auch ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher -noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, daß sie nicht bloß -die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch -unsere Baumeister waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren -oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so -viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen -Charakterzüge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit -kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in -seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen. -Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes -von einer ungeheuren, fast biblischen Größe zu zeichnen, hatte nichts -Willkürliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die -mächtigen Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind in ganz Rußland -überall so lebendig, daß selbst Ausländer, die etwas von Rußland kennen -gelernt haben, darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten -und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst -hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Rußland Europa von -einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine -Verwunderung über die schlichten Bewohner unserer Bauernhütten nicht zu -verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen -Greise, die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie ihm doch -wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als -einmal mußte er gestehen, daß ihm in keinem Lande Europas, das er -bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die -patriarchalisch biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen war. -Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mächtigen Haß -gegen unser Volk erfüllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese -Feinfühligkeit, dieser scharfe _Instinkt_, der sich besonders bei -Puschkin mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen -Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke, mit denen das Volk -selbst diesen eigentümlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an -den Spitznamen _Ohr_, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber -zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick untätig sein -kann. Oder man denke an die Bezeichnung _Allerweltskerl_ für einen -Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl -derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen -dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz außerordentlich groß. - -[Fußnote 5: Der Marquis Custin.] - -Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes, -das Dershawin gezeichnet hat, wäre noch nicht vollständig und würde noch -nicht die ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen -Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu -reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen über die Schönheit der -Schöpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige -Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden weiß, wie wir ihn besonders -bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow -äußert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht, -das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrücken -vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer -Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener -sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische Erziehung und Bildung -verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser -Bauer versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und über ihm -Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und -dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, während wir es häufig -nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn -durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür aber einmal in einem von -uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich -vorhanden ist, dann genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird -kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie -gestatten würde, ihm nimmt niemand etwas übel. Alle unsere -Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmütigsten unter ihnen -und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und -Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser _jugendliche -Wagemut_ und dieser stürmische Drang, seine Kräfte für alles Hohe und -Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die -überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche -Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen -ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet, -sich für eine große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen --- solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze bunte, mit sich im -Streit liegende Masse in einem mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher -Streit, alle engherzigen persönlichen Interessen -- alles ist vergessen, -und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese -Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale -Eigentümlichkeiten unseres Volks, die in ihnen bloß schärfer und -deutlicher zur Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht -plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor. -Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die -von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon -dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher noch nie bekannten -Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß nicht, ob die Dichter irgendeiner -andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen -hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache -manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versmaß und -seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser -Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers -Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten, -hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der -wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu -sein scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte Vers -Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, dieser leichte -ätherische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer -Äolsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers -und häufig von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut -durchdrungene Vers Wjasemskis -- sie alle haben wie verschieden -abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flöten einer herrlichen Orgel -einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen. -Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie _die_ glauben mögen, -die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk -in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer -Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine -wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser -Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere -Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme -von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde -auserprobt, hat die Einflüsse der Literatur aller Völker erfahren, hat -der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache -geschaffen, um alle Menschen für eine größere Aufgabe vorzubereiten. -Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige, -sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewußte junge Dichtergeneration -leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen --- so schön und beglückend ein solcher Dienst auch sein mag --, ohne -ihre höhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar zu sein, -wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin läßt sich nicht -wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt -zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns -mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit -des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch -durch die stolze Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter eine -höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der -Poesie. Wie sie während der Kindheit der Völker dazu diente, die -Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken, -so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, höheren -Kampf aufzurufen -- zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um -unsere zeitlichen Güter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und -Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer -Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen hält. Zahlreiche -Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft -alles wahrhaft Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das sinnlose -Leben von heute geraubt ward. Nein, diese künftigen Dichter werden -keinem von unseren früheren Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache -wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und -vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel -lebendiger und kräftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener -eigene urwüchsige Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, der -schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strömte, als -selbst das Wort _Poesie_ noch in keines Menschen Munde war. Noch immer -erscheint dieser unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren -Liedern entgegentönt, und über das Leben und sogar über das Lied selbst -hinweg in unbekannte Fernen stürmt, noch erscheint uns dieser glühende, -verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der -Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt -- wie ein -Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische -Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren -vieläugigen Sprichwörtern verborgen ist, völlig Fleisch und Blut -geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und -traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen und Schlüsse zu -ziehen, als dem Menschen in Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren, -als er noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu leben; so sind -sie uns eine lebendige Mahnung, was für gewaltige Folgerungen der -moderne Mensch in Rußland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen -kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie -allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen. -Noch ist vielen diese Lyrik -- dies Produkt einer höchsten -Verstandsreife und Nüchternheit -- ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus -unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt und die Seele -unserer Dichter noch unbewußt begeistert, wie ihm die heimatlichen -Klänge unserer Lieder unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns -auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthält -sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, von den kräftigsten bis -herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos -und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu -bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der -biblischen Kirchensprache schöpft und sich andererseits die treffendsten -Ausdrücke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt, -aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich in ein und derselben Rede -bis zu einer Höhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache -erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen, -die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich ist; -- eine -Sprache, die selbst und an und für sich schon dichtet, und die nicht -umsonst für eine geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen worden -war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles Häßliche und -Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdländischen Bildung -angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und -ausplauderten, damit alle die unklaren Töne und die ungenauen -Bezeichnungen für die Dinge -- diese Produkte ungeklärter und -verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen -- die kindliche -Klarheit unserer Sprache nicht mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem -Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und -nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurückkehren -konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch -Felsblöcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal -eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache -wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf -unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl -Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen mächtigen Impuls -verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen -anklingen, und selbst die rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der -Ehrfurcht erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen -einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland ans Licht rufen -- unser -russisches Rußland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten -ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem -Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen wollen, nein, das -Rußland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns -hinstellen wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre -Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mögen, -einstimmig ausrufen werden: »Ja, das ist _unser_ Rußland; hier fühlen -wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter -unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der Fremde!« - - - - - XXXII - Auferstehungstag - - -Der Russe nimmt einen besonders warmen Anteil an der Feier des -Auferstehungstages. Das empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn -er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn er sieht, wie dieser -Tag sich überall in allen andern Ländern kaum von den andern Tagen -unterscheidet -- alles geht seiner gewohnten Tätigkeit nach, das Leben -nimmt seinen gewöhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern ruht der gleiche -alltägliche Ausdruck -- wenn der Russe das sieht, so wird er traurig und -seine Gedanken schweifen unwillkürlich nach Rußland hinüber. Es will ihm -so dünken, als ob dieser Tag dort schöner gefeiert wird, als ob dort der -Mensch heiterer und besser sei, als an anderen Tagen und als ob auch das -Leben dort ein anderes und nicht so alltägliches Gewand trage. Er denkt -an die feierliche Mitternacht, an das Glockengeläute, das das ganze Land -durchhallt und alle Stimmen der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton -verschmelzen läßt, er denkt an den Ruf »Christ ist erstanden«, der an -diesem Tage an die Stelle aller andern Grüße tritt, an diesen Kuß, den -man nur bei uns vernimmt, und er ist beinahe so weit, daß er ausrufen -möchte. »Nur in Rußland wird dieser Tag so gefeiert, wie er in Wahrheit -gefeiert werden sollte!« - -Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, wenn er -tatsächlich nach Rußland versetzt wird, und sich bloß daran erinnert, -daß dies ein Tag voll schläfrigen Hin- und Herrennens, voll törichten -Getriebes, sinnloser Besuche, bewußten Nichtzuhausetreffens, statt eines -Tages voll froher Begegnungen ist -- wenn man sich an diesem Tage -wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht eigennützigen -Grund; man braucht nur daran zu denken, daß sich der Ehrgeiz an diesem -Tage weit lebhafter regt, als an allen anderen Tagen und daß nicht etwa -von der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, was für eine -Belohnung einen jeden erwartet und was ein jeder wohl für ein Geschenk -erhalten wird; ja daß selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich -an diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung der -Festmesse und noch ehe die Sonne über der Erde aufgegangen ist, trunken -über die Straße schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen -Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, daß das höchstens eine -Karikatur und ein Hohn auf diesen Festtag ist und daß es einen solchen -Festtag gar nicht gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem -Invaliden, um die Form zu wahren, einen schmatzenden Kuß auf die Backe, -um den unter ihm stehenden Beamten zu beweisen, wie man seinen Bruder -lieben muß, oder ruft irgendein [rückständiger] Patriot voll Empörung -über unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten schlecht -macht und behauptet, bei uns gäbe es überhaupt nichts Ordentliches, -wütend aus: »Wir haben alles: ein schönes Familienleben, schöne -Familientugenden, die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir -erfüllen auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies nirgends in -Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, das die Bewunderung aller -Menschen verdient.« - -Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und Äußerlichkeiten, -nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig wie auf den Kuß, der -dem Invaliden verabreicht wird], sondern lediglich darauf an, daß wir an -diesem Tage den Menschen tatsächlich wie unser höchstes Kleinod ansehen -lernen -- und ihn so in unsere Arme schließen und an unser Herz drücken, -wie einen unserem Herzen nahestehenden Bruder, daß wir uns so über ihn -freuen, wie über den unerwarteten Besuch unseres liebsten Freundes, den -wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. Ja, noch inniger, noch stärker -sollte unsere Freude sein. Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen, -sind stärker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch mit ihm -durch unseren herrlichen himmlischen Vater verwandt, der uns weit näher -steht, als unser irdischer Vater, und weilen wir doch an diesem Tage -- -in unserer wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser Tag ist der Tag -jenes heiligen Festes, an dem die ganze Menschheit bis auf den letzten -unserer Brüder eine himmlische Verbrüderung feiert, und davon ist kein -einziger Mensch ausgeschlossen. - -Wie gelegen müßte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten Jahrhundert -kommen, wo der Traum vom allgemeinen Menschenglück der Lieblingsgedanke -fast aller Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des jungen -Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie einen lieben Bruder zu -umarmen, wo viele beständig davon träumen, den inneren Wert und die -Würde des Menschen zu heben, wo die gute Hälfte der Menschen bereits -feierlich anerkannt hat, daß nur das Christentum das vermag, wo man -bereits fordert, daß das Gesetz Christi weit inniger mit unserem -Familien- und Staatsleben verwachsen müsse [ja wo bereits davon -gesprochen wird, daß alles Gemeingut werden soll: unser Haus und unser -Grund und Boden], wo die hohen Taten des Mitleids und die den Armen und -Unglücklichen erwiesene Hilfe bereits ein beliebter Gesprächsstoff -unserer Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitären -Anstalten [all dieser Hospize und Asyle für Obdachlose] die Erde schon -zu eng zu werden beginnt. Wie freudig müßte eigentlich das neunzehnte -Jahrhundert diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen und -ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade dieser Tag wird zum -Probierstein dafür, wie matt all diese christlichen Bestrebungen, wie -sie lediglich [schöne Träume und] bloße Ideen sind, die zu keinen Taten -führen. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit haben, einen -unserer Brüder wie einen Bruder zu umarmen -- so tuen wir es nicht. Wir -sehnen uns danach, die ganze Menschheit brüderlich an unseren Busen zu -drücken, unsern Bruder aber wollen wir nicht umarmen. Es braucht sich -nur irgendein einzelner Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser -Menschheit abzulösen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten, -und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben sollen, -- so werden wir -ihn nicht mehr umarmen. Oder es brauchte sich von dieser Menschheit nur -ein einzelner Mensch abzulösen, der in irgendeinem unwesentlichen Punkt, -in irgendeiner unserer menschlich bedingten Meinungen nicht mit uns -überstimmt -- so werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es -braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser Menschheit -abzulösen, der mehr und erkennbarer als die andern an den schweren -Schäden geistiger Fehler und Gebrechen krankt und daher weit mehr -Anspruch auf unser Mitleid hat als sie -- so werden wir ihn von uns -stoßen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden nur die in unsere Arme -schließen, die uns noch nie beleidigt haben, mit denen wir noch nie -zusammengestoßen sind, die wir noch nicht kennen und noch nie mit Augen -gesehen haben. Das sind die Umarmungen, mit denen der Mensch unseres -Jahrhunderts die ganze Menschheit beglücken will, und das sind häufig -gerade die Menschen, die von sich glauben, daß sie wahre Menschenfreunde -und echte Christen sind. [Christen! Sie haben Christus auf die Straße -hinausgejagt und in die Lazarette und Krankenhäuser getrieben, statt Ihn -bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach aufzunehmen, und da -glauben sie noch, sie seien Christen!] - -Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag nicht würdig, nicht -so zu feiern, wie er gefeiert werden sollte. Dem steht ein -schreckliches, unüberwindliches Hindernis entgegen: es heißt: _Hochmut_. -Dieser Hochmut war auch den früheren Zeitaltern bekannt, aber jener -Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf die physische Kraft, auf -unseren Reichtum, ein Stolz auf unsere Abstammung und unsere Titel, und -er erreichte nie diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage. -Heute tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses Hochmuts -ist der Stolz auf unsere Reinheit. - -Hocherfreut darüber, daß sie ihre Vorfahren in vielen Beziehungen -überholt und übertroffen hat, hat sich die Menschheit unserer Zeit -völlig in ihre Reinheit und Schönheit verliebt. Niemand schämt sich -mehr, sich öffentlich der Schönheit seiner Seele zu rühmen und sich für -etwas Besseres zu halten, als die anderen Menschen. Man braucht nur -darauf zu achten, wie sich heutzutage jeder Mensch für einen wahren -Heros an Hochherzigkeit und Edelmut hält, wie schonungslos und mit -welcher Schärfe er über andere Leute urteilt. Man muß nur einmal hören, -mit was für Gründen er sich dafür rechtfertigt, daß er seinen Bruder -nicht einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede Scham und ohne -innerlich zu erbeben, erklärt er: »Ich kann diesen Menschen nicht -umarmen, er ist schmutzig, er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch -ehrlose Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen nicht einmal in -mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann die Luft nicht atmen, die er -atmet, ich mache einen großen Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen -und um ihm nicht zu begegnen. -- Ich kann nicht mit gemeinen und -verächtlichen Leuten zusammen leben -- und da sollte ich einen solchen -Menschen wie meinen Bruder umarmen?« Ach! der arme Mensch des -neunzehnten Jahrhunderts hat leider vergessen, daß es an diesem Tage -weder gemeine noch verächtliche Menschen gibt und daß alle Menschen -- -Brüder, Kinder derselben Familie sind und daß jeder Mensch keinen andern -Namen als den: _Bruder_ trägt. Er hat alles mit einem Male vergessen. Er -hat vergessen, daß er vielleicht gerade deshalb von diesen gemeinen und -verächtlichen Menschen umgeben ist, damit er durch ihren Anblick -veranlaßt werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, und -nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner Seele gerade das findet, -was ihn an dem andern so sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, daß er -auf Schritt und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in einer -etwas anderen Art, eine genau so scheußliche Handlung begehen kann, die -in den Augen der Gesellschaft nicht als schmachvoll gilt, die jedoch auf -dasselbe hinauskommt oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrückt, -_derselbe Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schüssel serviert_. Es -ist alles vergessen! Er hat vergessen, daß die Zahl der gemeinen und -verächtlichen Menschen vielleicht nur deshalb sehr zugenommen hat, weil -die besten und edelsten Menschen sie in so rauher Weise von sich -gestoßen und so dazu beigetragen haben, daß sie ihr Herz noch mehr -verhärteten und noch verstockter wurden. Als ob es so leicht ist, die -Verachtung anderer Menschen zu ertragen! Weiß Gott, vielleicht wird -mancher gar nicht als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat -seine arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf mit den -Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht und gerufen, vielleicht hätte -er freudig jedem Hände und Füße geküßt, dessen Seele von Mitleid für ihn -ergriffen, ihn daran verhindert hätte, in den Abgrund zu stürzen; -vielleicht hätte ein einziger Tropfen Liebe ihm genügt, um ihn auf den -rechten Weg zurückzuführen. Wie wenn es so schwer gewesen wäre, auf dem -Wege der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob sich sein -Inneres schon so sehr verhärtet hätte, als ob er schon so ganz zu Stein -geworden, daß er keiner warmen Regung mehr fähig gewesen wäre, wo doch -selbst der Räuber noch dankbar ist für ein Zeichen der Liebe und selbst -das wilde Tier sich freundlich der Hand erinnert, die es geliebkost hat. - -Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat alles vergessen, er -stößt seinen Bruder von sich, wie ein Reicher einen aussätzigen Bettler -von der Schwelle seines Hauses jagt. Was kümmern ihn die Leiden des -andern, er will bloß seine eiternden Schwären nicht sehen. Er will nicht -einmal sein Klagelied hören, damit seine Nase den übelduftenden Hauch, -der aus dem Munde des Unglücklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er, -der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ein solcher -Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe feiern können? - -Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die noch mächtiger ist -als die erste, -- das ist der _geistige_ Hochmut. Nie noch hat er solche -Dimensionen erreicht, wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem -in der Furcht zum Ausdruck, für einen Dummkopf gehalten zu werden, einer -Furcht, von der heute jeder Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit -kann alles ertragen: er kann es ertragen, daß man ihn einen Lumpen oder -einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen Namen -- es läßt ihn kalt --- nur den Namen Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden Spott -ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, daß man sich über seinen -Verstand lustig macht. Sein Verstand ist ihm heilig. Jeder noch so -leichte Spott über seinen Verstand genügt ihm, um seinen Bruder, wie es -der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung aufstellen zu -lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den -Kopf zu jagen. Er glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist -sein Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert nicht für -ihn. Er hat sogar vergessen, daß auch der Verstand erst fortschreitet, -wenn alle sittlichen Kräfte des Menschen fortschreiten und sich -entwickeln, und daß er sich sogar zurückentwickelt, wenn die sittlichen -Kräfte sich nicht heben. Er hat ferner vergessen, daß kein Mensch -sämtliche Verstandeskräfte in sich vereinigt, daß ein anderer Mensch -gerade die Seele einer Sache sehen kann, die er selbst nicht sieht, und -folglich etwas wissen kann, was er nicht zu wissen vermag. Aber das -glaubt er nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist für ihn -eine Lüge. Sein Vernunftstolz hält jeden Schatten christlicher Demut von -ihm fern. An allem zweifelt er: an dem Herzen eines Menschen, den er -viele Jahre lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an -seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man sich und kämpft -man nicht mehr um irgendwelche wirkliche Rechte und auch nicht aus -persönlichem Haß oder Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die -sinnlichen Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die -Leidenschaften des Verstandes: heute bekämpft man sich und streitet man -sich miteinander, weil man verschiedener Meinung ist, und wegen der -Widersprüche in der Welt der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien -gebildet, die sich gegenseitig verabscheuen, die persönlich noch nie -etwas miteinander zu tun hatten, und sich dennoch glühend hassen. Ist es -nicht merkwürdig! Schon glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Haß -und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da dringen Haß und Bosheit -von der andern Seite wieder in die Welt ein, kommen auf den Flügeln der -Zeitungsblätter herangeflogen und fallen wie ein verheerender -Heuschreckenschwarm von allen Seiten über die Herzen der Menschen her. -Schon hört man kaum noch die Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst -die gescheiten Leute sogar gegen ihre eigene Überzeugung zu reden, nur -um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu räumen, und nur weil ihr -Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren Fehler vor der Welt einzugestehen -- -schon hat die reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen. - -Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, der christlichen -Liebe zum Menschen fähig sein? Er sollte sich mit jener reinen -Treuherzigkeit und Einfalt, mit jener engelhaften kindlichen Naivität -erfüllen können, die alle Menschen zu einer großen Familie macht? Er -sollte etwas von der Süßigkeit und Schönheit unserer himmlischen -Brüderschaft empfinden können? Er sollte diesen Tag feiern können? Ist -doch selbst jene äußere gütige Geste, jener Ausdruck der Güte -verschwunden, der den alten schlichten Zeiten eigen war, und dem -gegenüber man das Gefühl hat, als hätte der Mensch damals dem Menschen -viel nähergestanden. Der stolze Verstand des neunzehnten Jahrhunderts -hat ihn vernichtet und zerstört. Ohne jede Maske ist der Teufel in der -Welt erschienen. Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht mehr in -verschiedenen Gestalten und schreckt keine abergläubischen Menschen -mehr: er kommt in seiner eigenen Gestalt zu uns. Er fühlt, daß man seine -Herrschaft anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstände mit -den Menschen. Dreist und schamlos lacht er denen ins Gesicht, die sich -vor ihm beugen; die törichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie -sie bisher noch nie gegeben worden sind -- und die Welt sieht es und -wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was bedeutet diese armselige -sinnlose Mode, die der Mensch sich erst als eine Bagatelle, als eine -harmlose Spielerei gefallen ließ und die jetzt als absolute Herrin und -Herrscherin in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte im -Menschen austreibt. Kein Mensch fürchtet sich noch, die wahrsten und -heiligsten Gebote Christi zu übertreten, wohl aber fürchtet er sich, die -unsinnigste Anordnung der Mode unerfüllt zu lassen, und er zittert vor -ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu bedeuten, daß selbst die, -die sich über sie lustig machen, wie leichtsinnige windige Gesellen nach -ihrer Pfeife tanzen? Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln, -die uns weit stärker binden, als die grundlegendsten fundamentalsten -Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen Autoritäten, die sich neben -den gesetzmäßigen rechtmäßigen Autoritäten installiert haben -- was -bedeuten diese Nebenwirkungen und Nebeneinflüsse? Was hat es zu -bedeuten, daß heute nur noch Näherinnen, Schneider und alle möglichen -Handwerker die Welt regieren, während die Gesalbten Gottes abseits -stehen? Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne ehrliche -Überzeugungen beherrschen die Anschauungen und die Meinungen gescheiter -Leute, und ein Zeitungsblättchen, von dem jedermann weiß, daß es nichts -wie Lügen verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber über die -Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all die gesetzwidrigen -Gesetze, die die unreine Macht aus der Tiefe offen und vor aller Welt -aufrichtet? Und die ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und -wagt's nicht, sich zu rühren? Welch furchtbarer Hohn auf die Menschheit! -[Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge überhaupt noch die heiligen -Sitten und Zeremonien der Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer -Beherrscher keine Macht mehr über uns hat? Oder ist das etwa ein neuer -Streich des Geistes der Finsternis.] Wozu dieser Feiertag [der jede -Bedeutung verloren hat.] Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die -auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und schwächer] -zusammenzurufen, um sie in einer Familie zu vereinigen [und, nachdem er -sie mit einem traurigen Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling -wieder von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich für alle ein -unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn noch [hie und da] -Menschen, denen es so vorkommt, als würde es an diesem Tage heller in -ihrer Seele, und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen, -jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, gleich dem Kosen -eines ewigen Frühlings, in ihre Seele hinüberströmt, jener herrlichen -Kindheit, die dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen ist? -Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht für immer vergessen und -warum bewegt sie noch immer unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild? -Wie kommt das nur, und was hat das alles für einen Zweck? Als ob man -wirklich nicht wüßte, was es für einen Sinn und Zweck hat? Sieht man -denn etwa nicht, wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den wenigen, -die noch etwas von dem Frühlingshauch dieses Festtags verspüren, -plötzlich so traurig ums Herz wird, auf daß sie von einer Trauer -befallen werden, wie sie nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf -daß sie ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu Füßen -fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen Tag der langen öden -Reihe der übrigen Tage zu entreißen und nur diesen einzigen Tag nicht -nach der Weise des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes -ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein einziges Mal zu -umfassen und in die Arme zu schließen wie ein Freund, der sich schuldig -fühlt, den hochherzigen alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er -ihn schon morgen wieder von sich stoßen und ihm erklären sollte, er sei -ihm fremd und unbekannt. Wenn auch nur, um _einmal_ diesen Wunsch zu -fassen, wenn auch nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran -zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! Gott weiß, vielleicht -wird sich schon um dieses einzigen Wunsches willen eine Leiter vom -Himmel herabsenken und sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns -hilft, an ihr emporzuklimmen. - -Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch des neunzehnten -Jahrhunderts so verbringen. Schon ist die Erde von einem unnennbaren Weh -und einer Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und -nüchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, bloß das -Riesengespenst der Langenweile wächst von Tag zu Tag bis ins Ungeheure. -Alles ist wüst, alles ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie öde und -schrecklich wird Deine Welt! - -Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, als ob dieses Fest nur -in seinem Vaterlande würdig gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum? -Warum sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den Russen? -Wirklich, was hat es zu bedeuten, daß [dieser Festtag selbst -verschwunden ist und daß] seine sichtbaren Kennzeichen so deutlich im -Angesicht unseres Landes erkennbar sind. Man hört die von Küssen -begleiteten Worte: _Christ ist erstanden_; mit der gleichen -Feierlichkeit bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, und der -dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhörlich über das ganze Land -dahin, als wollten sie uns aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in -so greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht -vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch ein Erwachen. Die -Sitten und Bräuche, die ewig währen sollen, können nicht vergehen. Der -Buchstabe stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie können wohl -zeitweilig verblassen, sie können zugrunde gehen und absterben für eine -geist- und herzlose, für eine abgestumpfte Menge, aber sie erstehen neu -gekräftigt auf in den Auserwählten, um in ihnen in hellem Lichte -aufzustrahlen und sich über die ganze Welt zu ergießen. Kein Titelchen -von unseren alten Sitten und Bräuchen, nichts, was an ihnen wahrhaft -russisch ist und was von Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn. -Die helltönenden Saiten der Dichter werden es weiter tragen, der -Wohllaut ausströmende Mund unserer Priester wird es weithin verkünden; -das schon erloschene Licht wird wieder aufflammen -- und der heilige -Auferstehungstag wird würdig gefeiert werden --, weit früher, denn von -einem andern Volke. - -Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene Tatsachen -können wir unsere Behauptung gründen? Sind wir etwa besser als andre -Völker? [Sind wir in unserem Lebenswandel Christus nähergekommen als -sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser Leben ist noch -weniger geordnet und geregelt als das der andern Nationen. »Wir sind -schlimmer als alle anderen« -- so müssen wir stets von uns sagen.] Aber -es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheißt. Gerade die -Unordnung, die bei uns herrscht, ist eine Verheißung. Wir sind noch ein -flüssiges Metall, das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist; -wir haben noch die Möglichkeit, das, was nicht zu uns paßt, abzustoßen -und alles in uns aufzunehmen, wozu die anderen Völker schon nicht mehr -fähig sind, die bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und in -ihr erstarrt sind. Daß in unserem innersten wahren Wesen, das wir -vergessen haben, vieles liegt, was dem Geiste des Christentums verwandt -ist -- dafür ist schon allein das ein Beweis, daß Christus nicht mit dem -Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und daß der aufgepflügte und -wohlvorbereitete Grund unseres Herzens sich von selbst Seinem Worte -entgegenstreckte, daß das Prinzip der christlichen Brüderlichkeit tief -in unserer slawischen Natur begründet ist, und daß die Verbrüderung der -Menschen untereinander uns näher am Herzen liegt, als unser heimatliches -Dach und die Blutsverwandtschaft, daß bei uns noch nichts von jenem -unversöhnlichen Haß der Stände und jenen gehässigen Parteiungen bekannt -ist, die wir in Europa finden und die ein unüberwindliches Hemmnis für -die Eintracht der Menschen und die brüderliche Liebe bilden, daß wir -endlich Mut und Kühnheit besitzen, wie sie kein andres Volk in ähnlicher -Stärke besitzt und daß, wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen, -die kein andres Volk zu lösen vermöchte, wie etwa folgende: mit einem -Schlage alle unsere Fehler und Mängel und alles, was den hohen Sinn der -Menschheit schändet, abzuwerfen, -- daß wir uns dann, alle unsere -körperlichen Schmerzen und Qualen vergessend und ohne uns im geringsten -zu schonen, aufraffen und alles, was uns befleckt und schändet, von uns -stoßen werden, so wie die Menschen einst im Jahre 1812 schonungslos ihre -ganze Habe, ihre Häuser und ihre irdischen Besitztümer verbrannten; dann -wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurückbleiben wollen; in -solchen Augenblicken ist jeder Haß und Streit, jede Feindseligkeit -vergessen, der Bruder drückt den Bruder an den Busen, und ganz Rußland -ist nur ein einziger Mensch. Das ist's, worauf wir die Behauptung -gründen können, daß der Auferstehungstag von uns früher gefeiert werden -wird, als von den andern Völkern. Das sagt mir deutlich meine innere -Stimme, und das ist kein bloßer Gedanke, der meiner Phantasie -entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. Durch eine -göttliche Eingebung werden sie mit einem Schlage im Herzen vieler -Menschen zugleich geboren, die einander noch nie gesehen haben, die in -den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und zu ein und derselben -Zeit werden sie wie aus _einem_ Munde verkündet. Ich weiß es bestimmt, -daß, obwohl ich sie nicht alle kenne, in Rußland mehr als ein Mensch -fest daran glaubt und schon heute spricht: »Früher denn in irgendeinem -andern Lande wird bei uns der heilige Auferstehungstag Christi gefeiert -werden.« - - - Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. - -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, -teilweise unter Verwendung des russischen Originales (vorher/nachher): - - [S. 18]: - ... den Weg geben, und dann den Gutsherren über alles ... - ... den Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles ... - - [S. 25]: - ... ich nicht Mutter eine Familie; dann könnten Sie Ihren ... - ... ich nicht Mutter einer Familie; dann könnten Sie Ihren ... - - [S. 71]: - ... Menschen, von Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ... - ... Menschen, vom Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ... - - [S. 125]: - ... der der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und - plumpen ... - ... der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen ... - - [S. 186]: - ... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deulich vernommen ... - ... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen ... - - [S. 206]: - ... besitzen Sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ... - ... besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ... - - [S. 235]: - ... für erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ... - ... fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ... - - [S. 248]: - ... Äußere, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ... - ... Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ... - - [S. 248]: - ... harrt, ihre himmliche Bestimmung klarzumachen: uns ... - ... harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns ... - - [S. 253]: - ... haben, mit neuem frischeren Mut als früher an ... - ... haben, mit neuem frischerem Mut als früher an ... - - [S. 255]: - ... An B. I. B. ... - ... An B. N. B. ... - - [S. 285]: - ... Verhältns zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ... - ... Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ... - - [S. 287]: - ... wiederspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ... - ... widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ... - - [S. 293]: - ... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von ihnen ... - ... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen ... - - [S. 295]: - ... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung; ... - ... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung, ... - - [S. 310]: - ... nicht aus jenem in einen fehlerhaften Zirkel verlaufenden ... - ... nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden ... - - [S. 313]: - ... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden sie in ihr ... - ... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden Sie in ihr ... - - [S. 314]: - ... Seelenverwandschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ... - ... Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ... - - [S. 331]: - ... in Ihrem Verkehr mit den weit entfernten ... - ... in ihrem Verkehr mit den weit entfernten ... - - [S. 333]: - ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sichs ... - ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich ... - - [S. 334]: - ... dem Generalgouwerneur. ... - ... dem Generalgouverneur. ... - - [S. 335]: - ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Daß ... - ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das ... - - [S. 344]: - ... Ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ... - ... ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ... - - [S. 350]: - ... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und - Einrichrichtungen, ... - ... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und - Einrichtungen, ... - - [S. 350]: - ... Sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ... - ... sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ... - - [S. 377]: - ... ersten Bekanntchsaft mit beiden Dichtern aufdrängt, ... - ... ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt, ... - - [S. 380]: - ... der voller plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ... - ... der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ... - - [S. 380]: - ... Schlägt mit den Dreizack nach den Schiffen, ... - ... Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen, ... - - [S. 393]: (mehrfache Fälle) - ... wie z. B. Bayron oder selbst viele andre Dichter ... - ... wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter ... - - [S. 412]: - ... Menschen, dem die reichsten und manigfaltigsten Talente ... - ... Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente ... - - [S. 412]: - ... Bettler. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ... - ... Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ... - - [S. 413]: - ... Talent für radikale endgültige Folgerungen, daß dem ... - ... Talent für radikale endgültige Folgerungen, das dem ... - - [S. 424]: - ... singen können, daß sie keine zwei einfachen ungezierten ... - ... singen können, daß sie keine zwei einfache ungezierte ... - - [S. 438]: - ... oder nicht; jedesfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ... - ... oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ... - - [S. 450]: - ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einen Invaliden, ... - ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem Invaliden, ... - - [S. 456]: - ... der so stolz auf Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ... - ... der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ... - - [S. 461]: - ... ihren Brüdern mit einem herzerreißenden Aufschrei zu ... - ... ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by -Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I *** - -***** This file should be named 56174-8.txt or 56174-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/1/7/56174/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I - -Author: Nikolaj Gogol - -Editor: Otto Buek - -Release Date: December 13, 2017 [EBook #56174] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<p class="halftitle"> -Nikolaus Gogol<br /> -Briefwechsel -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ser"> -<span class="line1">Nikolaus Gogol</span><br /> -<span class="line2">Sämmtliche Werke</span><br /> -<span class="line3">In 8 Bänden</span> -</p> - -<p class="edt"> -<span class="line1">Herausgegeben</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Otto Buek</span> -</p> - -<p class="vol"> -Band 7 -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1913</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Nikolaus Gogol -</p> - -<h1 class="title"> -Aus dem -Briefwechsel -mit meinen Freunden -</h1> - -<p class="edt"> -<span class="line1">Herausgegeben</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Otto Buek</span> -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1913</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="intro" id="part-1"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -Vorrede -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> lag an einer schweren Krankheit danieder; -schon war ich dem Tode nahe. Da raffte ich -meine letzten Kräfte zusammen, die mir noch -blieben, benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich -im vollen Besitz meiner Geisteskräfte befand, und schrieb -mein geistiges Testament nieder, in dem ich unter anderm -meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem -Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. -Damit hoffte ich wenigstens einen Teil der Schuld sühnen -zu können, die ich durch die Wertlosigkeit alles dessen, was -ich bisher geschrieben hatte, auf mich geladen hatte, denn -meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an die -sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die -Menschen bedürfen, die ihnen not tun, als meine -Werke. Gottes himmlische Güte wandte die Hand des -Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt -und ich fühle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde -ich, wie schwach meine Kräfte sind, und dies -mahnt mich jeden Augenblick daran, daß mein Leben -an einem Haar hängt, und nun, wo ich mich zu einer -weiten Reise ins Heilige Land rüste, die meiner Seele -ein Bedürfnis ist und während deren mir vieles zustoßen -kann, fühle ich den Wunsch, meinen Landsleuten -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So wähle -ich denn selbst alles aus meinen letzten Briefen, die ich -wieder in meinen Besitz bringen konnte, aus, was sich -auf solche Fragen bezieht, die die Gesellschaft gegenwärtig -am meisten beschäftigen, lasse alles beiseite, was -erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten -kann, und scheide alles aus, was nur für wenige von -Bedeutung sein könnte. Dazu füge ich noch zwei oder -drei literarische Aufsätze hinzu, und endlich lege ich -dem Ganzen noch mein Testament bei, auf daß dieses, -wenn mich der Tod unterwegs ereilen sollte, als durch -alle meine Leser bezeugt und verbürgt, sogleich rechtmäßig -in Kraft trete. -</p> - -<p> -Mein Herz sagt mir, daß mein Buch einem wirklichen -Bedürfnis entspricht und daß es vielleicht von -einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies nicht deshalb, -weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und -weil ich mir zutraue, Nützliches wirken zu können, sondern -weil ich noch niemals so innig von dem Wunsche -beseelt war, etwas Nützliches zu vollbringen, wie heute. -Für uns Menschen genügt es schon, wenn wir die Hand -ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber -kommt nicht von uns, sondern von Gott, der seine Kraft -von oben auf uns herabsendet und sie dem ohnmächtigen -Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig -also mein Buch auch sein mag, ich wage -dennoch, es der Öffentlichkeit zu übergeben, und ich -bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen; zugleich -aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen -Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu -kaufen und sie an solche Leute zu verteilen, die sich -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -das Buch selbst nicht kaufen können, und ihnen bei dieser -Gelegenheit zu erklären, daß alles Geld, das nach -Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen -wird, übrigbleiben sollte, teils denen, die -gleich mir das innere Bedürfnis fühlen, während der -kommenden großen Fasten nach dem Heiligen Lande zu -pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermögen, -teils denen zur Unterstützung dienen soll, mit -denen ich auf dem Wege dorthin zusammentreffen -werde und die am Grabe des Herrn für ihre Wohltäter, -d. h. meine Leser, beten werden. -</p> - -<p> -Ich wünschte, ich könnte meine Reise vollenden wie -ein guter Christ, und daher bitte ich hiermit alle meine -Landsleute um Verzeihung wegen aller Kränkungen, -die ich ihnen zugefügt haben sollte. Ich weiß, daß ich -viele Leute durch meine unüberlegten Handlungen und durch -meine unreifen Werke betrübt, viele sogar gegen mich -aufgebracht und überhaupt bei vielen Anstoß und Ärgernis -erregt habe. Ich darf indessen zu meiner Rechtfertigung -sagen, daß meine Absicht stets gut war, und -daß ich niemand betrüben oder gegen mich aufbringen -wollte; nur meine Unbesonnenheit, meine Hast und -Übereilung waren die Ursache, daß meine Werke in so -unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe -alle über ihren wahren Sinn getäuscht wurden. -Alles andere dagegen, wobei tatsächlich eine verletzende -Absicht vorliegen sollte, bitte ich mir mit jener Großmut -zu verzeihen, deren nur die russische Seele fähig ist, -wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, -mit denen mich mein Lebensweg für längere -oder kürzere Zeit zusammengeführt hat. Ich weiß, daß -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten bereitet -habe, ja manchen sogar mit Absicht. Überhaupt -hatte die Art meines Verkehrs mit den Menschen -stets etwas Unangenehm-Abstoßendes an sich. Dies -rührte teils davon her, daß ich einem Zusammentreffen -und einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege -ging, da ich das Gefühl hatte, ich hätte den Menschen -noch nichts Gescheites und wirklich Notwendiges zu -sagen (und leere und überflüssige Redensarten wollte ich -nicht machen), und da ich zugleich davon überzeugt war, -daß ich mich selbst wegen meiner zahllosen Mängel und -Fehler noch in einiger Entfernung von den Menschen -erziehen müsse. Zum Teil aber war es auch die Folge -meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns -eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, -sich eine Stellung unter den Menschen erobert haben, -und die sich daher für berechtigt halten, stolz auf die anderen -herabzusehen. Wie dem auch sein mag, ich bitte, -mir alle persönlichen Kränkungen zu verzeihen, die ich -einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum -gegenwärtigen Augenblicke zugefügt haben sollte. Auch -meine Berufsgenossen, die Literaten, bitte ich um Verzeihung, -wenn ich sie je bewußt oder unbewußt geringschätzig -oder ohne gebührende Achtung behandelt haben -sollte; wem es aber aus irgendeinem Grunde schwer -werden sollte, mir zu vergeben, den erinnere ich daran, -daß er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der Beichte, -die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, -alle seine Brüder um Verzeihung bittet, so bitte -ich sie um Verzeihung, und wie in solch einem Augenblick -kein einziger den Mut findet, seinem Bruder nicht -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -zu vergeben, so werden auch meine Brüder nicht den -Mut haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich -bitte ich meine Leser um Verzeihung, wenn auch -in diesem Buche wieder etwas Peinliches vorkommen -sollte, das sie kränken oder beleidigen könnte. Ich bitte -sie, mir deshalb nicht innerlich zu zürnen, sondern mir -statt dessen lieber großmütig alle Mängel, die sie in -diesem Buche entdecken sollten, sowohl die des Schriftstellers -wie die des Menschen, nachzuweisen: meine Torheit, -meine Unüberlegtheit, meine übermäßige Eitelkeit -und Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen — mit -einem Wort, alle die Fehler, die allen Menschen eigen -sind, auch wenn sie sie nicht erkennen, und die ich wahrscheinlich -in noch weit höherem Maße besitze. -</p> - -<p> -Zum Schluß bitte ich alle Russen, für mich zu beten, -vor allem die Priester, deren ganzes Leben ein einziges -Gebet ist. Auch die bitte ich, mich in ihr Gebet einzuschließen, -die in ihrer Demut nicht an die Kraft ihres -Gebets glauben, wie auch die, die überhaupt nicht an -das Gebet glauben und es nicht einmal für notwendig -halten; aber wie kraftlos, dürr und matt auch immer -ihr Gebet sein möge, ich bitte sie, in diesem kraftlosen, -dürren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber -will am Grabe des Herrn für alle meine Landsleute -beten; kein einziger soll von meinem Gebete ausgeschlossen -bleiben; und mein Gebet wird ebenso kraftlos, -dürr und matt sein, wenn nicht der heilige allgütige -Wille des Himmels es zu einem Gebet machen wird, -wie es in Wahrheit sein soll. -</p> - -<p class="year"> -Im Juli 1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-2"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -<span class="line1">I</span><br /> -<span class="line2">Mein Testament</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">öllig</span> meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz -meines Verstandes lege ich hier meinen -letzten Willen nieder. -</p> - -<p> -I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher -begraben werden soll, als bis sich an ihm deutliche -Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich erinnere -ausdrücklich daran, weil mich schon während -meiner Krankheit Augenblicke der Ohnmacht überkamen, -wo das Leben stockte, mein Herz aufhörte, zu schlagen, -mein Puls stillstand ... Da ich während meines Lebens -schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an -denen unsere unvernünftige Übereilung in allen Dingen, -selbst bei einer solchen Angelegenheit wie die Beerdigung, -schuld war, so spreche ich dies hier gleich zu Beginn -meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine -Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein -zur Vorsicht mahnen wird. Im übrigen aber soll -man meinen Leib der Erde übergeben, ohne lange zu -überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen -keine Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen -Reste geknüpft werden. Jeder sollte sich schämen, der -meinen faulenden Knochen irgendwelche Achtung erweisen -wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -er würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen. -Ich bitte daher alle, lieber um so kräftiger für -meine Seele zu beten, und statt aller Bestattungsfeierlichkeiten -und Ehren lieber einige arme Leute, denen -es am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit -einem einfachen Mittagessen zu bewirten. -</p> - -<p> -II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf -meinem Grabe zu errichten, ja gar nicht erst an diese -Torheiten, die eines Christen unwürdig sind, zu denken. -Die Menschen, die mir nahestanden und die mich wirklich -lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal -errichten: und zwar werden sie es in sich selbst -aufrichten, durch unerschütterliches Festhalten an ihrem -Lebenswerk und durch Aufmunterung und Ermutigung -aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem -Tode zu höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als -sie ihm während meines Lebens eigen war, der wird -damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt hat, daß -er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal -errichten, denn auch ich habe, bei all meiner -Schwäche und Nichtigkeit, meine Freunde stets ermutigt, -und keiner von denen, die mir in der letzten Zeit näher -traten, hat in Stunden des Kummers und der Entmutigung -bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl -ich selbst schwere Augenblicke zu durchleben hatte -und nicht weniger litt und bekümmert war, als andere. -So möge denn auch ein jeder von ihnen nach meinem -Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte -erinnern und noch einmal all meine Briefe durchlesen, -die ich vor einem Jahre an ihn geschrieben habe. -</p> - -<p> -III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -soll; ja, der würde eine Sünde auf seine Seele -laden, der meinen Tod für einen großen und allgemeinen -Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen -sein sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich -wirklich schon begonnen haben sollte, so wie es sich gehört, -meine Pflicht zu erfüllen, und wenn der Tod -mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk — das ja nicht -dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem, -was allen not tut — begonnen, hinweggenommen haben -sollte, so wäre es dennoch unrichtig, sich einer fruchtlosen -Verzweiflung zu überlassen. Selbst wenn heute in Rußland -ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen -Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch -dies noch kein Grund für einen der Lebenden, zu trauern -und mutlos zu werden, obwohl es schon richtig ist, -daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen, -einer nach dem andern entrissen wird, dies ein -Zeichen des göttlichen Zornes ist, und daß wir hierdurch -aller Mittel und Werkzeuge beraubt werden, mit deren -Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns -alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und -mutlos werden bei jedem plötzlichen Verlust, sondern -müssen in unser Inneres blicken und nicht an die -Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der -ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit -denken. Die Bosheit und Verderbnis der Seele ist -fürchterlich, warum aber erkennen wir das erst dann, -wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen? -</p> - -<p> -IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten -(wobei ich lediglich davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller -seinen Lesern irgendeinen guten Gedanken als Vermächtnis -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -hinterlassen sollte), viertens vermache ich ihnen -das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat — ich -hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel -<em>Abschiedserzählung</em> trägt. Diese Erzählung handelt, -wie sie erkennen werden, von ihnen selbst. Ich habe -sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen -größten Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade, -die sich an mir vollzogen hat. Sie war mir ein Quell -verborgener Tränen, seit den Tagen meiner Kindheit. -Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein -ich flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung -und Beleidigung anzusehen, wenn sie etwas wie eine -Belehrung aus ihr heraushören sollten. Ich bin ein -Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers besteht -nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu -unterhalten; er muß strenge Rechenschaft ablegen, -wenn seine Werke der Seele keinen Nutzen gebracht -haben und keine Wohltat gewesen sind und -wenn keine Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten -ist. Meine Landsleute mögen doch bedenken, -daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt -verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein -Recht hat, uns etwas wie eine Lehre, eine brüderliche -Mahnung zu hinterlassen, und dabei kommt es weder -darauf an, ob er nur eine geringe Stellung bekleidet, -noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger -Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, -daß ein Mensch, der auf dem Totenbett liegt, viele -Dinge besser durchschauen kann, als ein solcher, der sich -in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses -mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -es doch nicht gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner -Abschiedserzählung heraushören wird; denn nicht mir, dessen -Seele häßlicher und sündhafter ist, als die aller andern, und -der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit krankt, -kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was -mich dazu treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. -Landsleute! Es ist furchtbar. Die Seele möchte vor -Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der überirdischen -Majestät und Erhabenheit des Jenseits und -jener höchsten geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen -die ganze Größe alles Erschaffenen, das wir hier unten -erblicken und das uns hier in Erstaunen setzt, in -Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken -an all die monströsen gigantischen Gebilde und -Früchte, deren Samen wir während unseres Lebens -säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für -Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht -wird meine <em>Abschiedserzählung</em> einen gewissen Eindruck -auf <em>die</em> machen, die das Leben noch immer für -ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas von -seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen -Musik dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! -— ich weiß nicht, ich finde kein Wort dafür, wie -ich euch in diesem Augenblick anreden soll. — Fort mit -dem leeren Anstand! Landsleute! — ich habe euch geliebt, -ich habe euch geliebt mit jener Liebe, von der man -nicht spricht, die mir Gott geschenkt hat, für die ich -Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat, weil diese -Liebe mir Trost und Freude war während meiner -schwersten Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich -euch, meiner Abschiedserzählung euer Ohr und Herz zu -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht erfunden, -ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst -entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen -gebildet hat, und ihre Klänge entsprangen aus -den innersten Kräften und Elementen unseres russischen -Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das -ich euch allen aufs engste verschwistert bin<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>. -</p> - -<p> -V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem -Tode in der Presse und in den Zeitschriften weder -mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken; alle -diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen -Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr -Verurteilungswürdiges als solches, was Lob verdient. -Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten, waren ihrem -eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. -Mir gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es -wäre unedel und ungerecht, wenn ein Mensch jemand -um meinetwillen in irgendeiner Hinsicht tadeln, oder ihm -einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre ich laut, -damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten -Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was -an Manuskripten vorhanden war, habe ich verbrannt, wie -etwas Kraftloses, wie etwas Totes, das ich in einer krankhaften -Gemütsverfassung und in einem Zwangszustande -niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter -meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für -eine nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber -mache ich es meinen Freunden zur Pflicht, alle meine -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Briefe zu sammeln, die ich seit dem Ende des Jahres -1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach -strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen -für unsere Seele sein kann, und nach Verwerfung -alles übrigen, das nur der eitlen Unterhaltung dient, -in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten -einiges, das <em>denen</em> von Nutzen gewesen ist, an die -sie gerichtet waren. Gott ist barmherzig; vielleicht werden -sie auch andern von Nutzen sein; und vielleicht -wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit -für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben -habe, von meiner Seele genommen. -</p> - -<p> -VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr -berechtigt sein, sich selbst anzugehören — sondern nur -noch den Bekümmerten, den Leidenden und denen gehören, -die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden hatten. -Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer -Herberge für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers -gleichen; wer auch immer zu den Meinen kommt, -den sollen sie aufnehmen, wie einen nahen Verwandten -und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie -sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen -Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er -nicht hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu -erheitern und zu ermuntern, auf daß keiner das Gut -ungetröstet verlasse. Wenn der Reisende aber einfachen -Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt ist -und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im -Hause des Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen -sie ihn zu einem wohlhabenden Bauern, zu dem besten -und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich eines -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder -mit einem guten Rate zur Seite stehen kann; dieser -soll seinen Gast ebenso herzlich und freundlich nach seinen -Verhältnissen ausfragen, ihm Mut zusprechen, ihn -ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf -den Weg geben, und dann <a id="corr-0"></a>dem Gutsherren über alles -Bericht erstatten, damit auch diese ihrerseits ein gutes -Wort und einen guten Ratschlag hinzufügen oder ihm -Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie -sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet -davonfahre oder das Gut ohne Zuspruch verlasse. -</p> - -<p> -VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir -ein, daß ich hierüber schon nicht mehr zu verfügen habe. -Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich meines Eigentumsrechtes -beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen -Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden. -Aus vielen Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben -brauche, habe ich dies nicht gewünscht; ich habe daher -auch niemand durch Verkauf das Recht abgetreten, eine -öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten, und -sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag -an mich herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte -mir dies erst dann zu gestatten, wenn es mir mit Gottes -Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu vollenden, das meine -Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt hat, -und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute -einstimmig erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich -gelöst, und den Wunsch äußerten, die Züge des Menschen -kennen zu lernen, der bis zu diesem Augenblick in -aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen -hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -noch ein anderer Umstand: mein Bild konnte in solch -einem Falle sofort in einer großen Anzahl von Exemplaren -verbreitet werden und dem Künstler, der mein -Bild stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. -Dieser Künstler ist bereits seit mehreren Jahren -in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach dem unsterblichen -Bilde Raffaels: <em>Die Verklärung Christi</em> -herzustellen. Er hat dieser Arbeit alles geopfert — einer -aufreibenden Arbeit, zu der er viele Jahre gebraucht und -die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er hat dies -Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer -solchen Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch -keinem Radierer gelungen ist. Wegen der hohen Kosten -und da es nur eine kleine Zahl von Kunstkennern und -Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße verbreitet -werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte -er mein Bild stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen. -Nun aber ist mein Plan zerstört: ist das Bild -einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit verbreitet, -so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der -sich mit der Herausgabe von Stichen und Steindrucken -beschäftigt. Sollte es sich jedoch so fügen, daß nach -meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir herausgegeben -werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen -sein könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige -Streben, Nutzen zu stiften), und sollten meine -Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt kennen -zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder, -hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen -bitte ich die Leser, die sich aus einem übertriebenen -Wohlwollen für alles, was Ruhm und Ansehen genießt, -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort, nachdem -sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so -mehr, da diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich -sind, und sich nur ein solches Porträt zu kaufen, das -die Unterschrift: <em>Gestochen von Jordanow</em> trägt. -Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber -wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes -erfreuen, sich statt meines Bildes den Stich: <em>Die Verklärung -Christi</em> kaufen wollten, einen Stich, der selbst -nach dem Urteil von Ausländern die Krone der Radiererkunst -darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht. -</p> - -<p> -Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in -allen Zeitungen und Journalen veröffentlicht werden, damit -sich niemand aus Unkenntnis und ohne es zu wollen, -gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine -Seele lade. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-3"> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -<span class="line1">II</span><br /> -<span class="line2">Die Frau in der vornehmen Welt</span><br /> -<span class="line3">An Frau ***</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> glauben, Sie können keinen Einfluß auf die -Gesellschaft ausüben. Ich bin der entgegengesetzten -Ansicht. Der Einfluß der Frau kann -sehr groß sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen -Gesellschaftsordnung oder -unordnung, die einerseits -durch eine matte erschlaffte gesellschaftliche Bildung charakterisiert -wird und in der sich andererseits eine seelische -Erkaltung und eine moralische Müdigkeit bemerkbar macht, -die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. -Um jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu -bedürfen wir der Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, -die die ganze Welt ganz plötzlich wie eine dunkle -Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas von -der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere -beiseite, sehen wir uns einmal in unserem russischen -Vaterlande um und achten wir dabei auf das, was -wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen -Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die -Mehrzahl aller Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen -im Dienst), sowie alle übrigen Vergehen, deren man -unsere Beamten und die Bürger aller Klassen beschuldigt, -entweder auf die Verschwendungssucht der -Frauen, die danach lechzen, in der großen und kleinen -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Welt zu glänzen und zu diesem Zweck Geld von ihren -Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die -Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden -können, das lediglich allerhand idealen Träumereien -und nicht den wahren eigentlichen Aufgaben und Pflichten -gewidmet ist, die doch weit schöner und erhabener -sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich -auch nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden -kommen lassen, die sie jetzt verüben, wenn ihre Frauen -auch nur im mindesten ihre Pflicht und Schuldigkeit -täten. Die Seele der Frau — ist für den Mann ein -schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen -Krankheiten und Ansteckungen behütet; sie ist eine -Kraft, die ihn auf dem geraden Wege festhält, und eine -Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten -zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau -auch der böse Geist des Mannes sein und ihn für alle -Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben das selbst gefühlt -und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn -bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile -enthält. Jedoch Sie sagen: alle andern Frauen könnten -ein Feld für ihre Betätigung finden, nur Sie allein -nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie können -Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken -oder mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -— mit einem Wort, sie können überall fördernd -eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für sich -und wiederholen immer wieder betrübt: „Warum bin -ich nicht an ihrer Stelle?“ Wissen Sie, daß dies eine -allgemeine Verblendung ist? Heute will es jedem so -erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -er an der Stelle eines anderen stünde oder <em>sein</em> Amt bekleidete, -und als ob er es nur in <em>seiner</em> eigenen Stellung nicht -könnte. Das ist der Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt -darüber nachdenken, wie wir in unsrer eigenen Lage und -an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken können. -Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden -gerade an die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß -sich nur ordentlich umsehen. Sie sagen: warum bin -ich nicht Mutter <a id="corr-1"></a>einer Familie; dann könnten Sie Ihren -Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt eine -so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: -warum liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie -veranlassen, aufs Land zu gehen, Gutsbesitzerin zu werden -und sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen; Sie -klagen: warum ist mein Mann nicht in einem gemeinnützigen -Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, -dann könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten -die treibende Kraft sein, die ihn erfrischt und aufmuntert; -warum gibt es keine anderen Aufgaben und Pflichten -für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in -der großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen -Gesellschaft, die Ihnen jetzt einsamer und öder erscheint -als eine menschenleere Wüste! Und dennoch und trotz -alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt Menschen -in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie -dulden und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not, -schreien stumm um Hilfe und wissen, ach! nicht einmal, -wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem Bettler aber -soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße -hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal -die Kraft hat, seine Hand auszustrecken? Sie sagen, -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Sie wissen nicht und können es sich nicht einmal -denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von -Nutzen sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene -Mittel verfügen, dazu müsse man eine so kluge -und allseitig unterrichtete Frau sein, daß Ihnen schon bei -dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr -werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein -brauchte, was Sie bereits sind? Wie, wenn Sie die -Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig gerade -bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist -vollkommen wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie -besitzen weder Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, -mit einem Wort nichts von alledem, dessen man bedarf, -um anderen Menschen geistigen Beistand leisten zu können, -vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals -aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch -die Ihnen nichts unmöglich ist. Erstens sind Sie schön, -zweitens sind Sie im Besitz eines unbefleckten, von keiner -Schmähung und Verleumdung berührten Namens, -und drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine -Macht, die Sie selbst nicht in sich vermuten, — über -die Macht der Herzensreinheit. Die Schönheit der Frau -ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht -vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen; -es ist nicht umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit -auf alle Menschen den gleichen mächtigen Eindruck macht, -sogar auf die, die gegen alles gleichgültig und gefühllos -und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die sinnlose -Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer Revolutionen -werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand -Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -dann, wenn diese Launen vernünftig und auf das Gute -gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl dann eine -schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! -Dies ist somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen -noch eine höhere Schönheit — den reinen Zauber einer -besonderen, nur Ihnen allein eigenen Unschuld, die ich -nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch jedem -Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet. -Wissen Sie, daß die verdorbensten unter unseren jungen -Leuten mir gestanden haben, daß ihnen in Ihrer Gegenwart -nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß -sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, — -ein Wort zu sagen, — nicht nur kein zweideutiges Wort, -mit dem sie wohl andere Auserwählte erfreuen, nein -überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß -in Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen -und unanständig und burschikos klingen würde? Dies -ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr Wissen von Ihrer -bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart -nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der -schämt sich bereits dieser Gedanken, und eine solche -Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur einer momentanen -Regung entspringt, bereits der erste Schritt des -Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine -mächtige Waffe. Zu alledem aber haben Sie noch ein -von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes Streben oder -wie Sie es nennen: <em>einen Durst</em> nach dem Guten. -Glauben Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens -verliehen ward, dieser Durst, der Ihnen keinen Augenblick -Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen edlen, klugen -Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in -Ihrem häuslichen Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen, -schon wieder von dem Gedanken gequält, daß Sie dieses -Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das Recht -haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während -Sie ringsum von soviel Leiden umgeben sind und während -jeden Augenblick die Nachricht von allerhand -Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von Hungersnot, -Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und -furchtbaren geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes -Geschlecht ergriffen haben. Glauben Sie mir, das -geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all der -lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele -eine solche himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, -ein solches engelhaftes Mitgefühl und Mitleid mit -ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel für sie tun; -der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall -Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie -durch Ihre Bestimmung hineingestellt worden sind; -hadern Sie nicht mit der Vorsehung. In Ihnen lebt -etwas von jener unbekannten Kraft, deren die Welt -jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden, -infolge des ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen -zu Hilfe zu eilen, Töne entgegen, die einen verwandt -berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen, und -Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von -Ihren Lippen schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, -Ihre Rede begleitet, so will es jedem so scheinen, wie -wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu ihm -spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches -angenommen, Sie können befehlen und ein -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -solcher Despot sein, wie keiner von uns. So gebieten -Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße Gegenwart; -gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und -Kraftlosigkeit, über die Sie so empört sind; gebieten Sie -gerade durch jene weibliche Schönheit, die die Frau -unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit Ihrer -ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich -mehr ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem -stolzen Selbstvertrauen bereits alles kennen gelernt und -ausgekostet hat. Ihre gescheitesten Gedanken, mit denen -sie die heutige Welt auf den rechten Weg zurückführen -wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen -auf ihr Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem -von uns ein Epigramm auf die Lippen zu drängen -wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit -flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern. -Warum haben Sie sich durch die Erzählungen über die -Laster und die Verdorbenheit der vornehmen Welt so -erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich vorhanden, -ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben; -aber Sie sollten gar nichts davon wissen. Brauchen -Sie sich denn vor den traurigen Lockungen und Sünden -der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich nur ruhig mit -demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie -ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und -Leidenden angefüllt ist, aber nicht als Arzt, der strenge -Vorschriften macht und bittre Arzneien verordnet! Sie -sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen Krankheiten -jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die -Fähigkeit, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, -und daher werde ich Ihnen nicht dazu raten, wozu ich -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig ist. -Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch -Ihr Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus -der die Seele einer Schwester zu uns Menschen zu sprechen -scheint, einer Schwester, die vom Himmel zu uns herabgestiegen -ist — nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu lange bei -jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter, -denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der -Welt harrt und wartet man ungeduldig auf dieses Eine, -auf diese lieben verwandten Laute, diese einzige Stimme, -die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie mit Weltleuten -über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten -pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen, -worüber Sie sprechen. Gott bewahre Sie vor jeglicher -Pedanterie und vor allen jenen Reden, die den Lippen -einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen -schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, -jenen Ton, in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn -Sie sich im Kreise von nahestehenden Menschen und -Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte Wort, das -Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her -verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört, -so erscheint, als rede er mit den Engeln süße -Worte über einen himmlischen Kindheitsstand der Menschheit. -Solche Gespräche und Reden sollten Sie in die Gesellschaft -einführen. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-4"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -<span class="line1">III</span><br /> -<span class="line2">Die Bestimmung der Krankheiten</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Kräfte lassen von Augenblick zu Augenblick -nach, aber nicht mein Geist. Noch nie -fühlte ich mich durch die körperlichen Gebrechen -so entkräftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, -fühle ich eine so schreckliche Müdigkeit im ganzen Körper, -daß ich mich Gott weiß wie sehr freue, wenn der -Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu -Bett gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht -übermannt aus: Mein Gott, wo ist denn endlich das -Ufer, wann kommt das Ende von alledem! Wenn man -dann aber Einkehr in sich selbst hält und tiefer in sein -Inneres hineinschaut, dann entströmen der Seele nur -noch Tränen und Worte des Dankes. O wie sehr bedürfen -wir der Leiden! Von dem vielen Guten und -Nützlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich -nur auf eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich -will, ich bin doch besser geworden, als ich früher war; -wenn diese Krankheiten und Leiden nicht gewesen wären, -so hätte ich gewiß geglaubt, daß ich schon ganz so -sei, wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal -davon reden, daß die Gesundheit, die uns Russen immer -dazu reizt, über den Strang zu schlagen, und den Wunsch -in uns rege hält, unsere Vorzüge vor anderen Leuten -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -zur Schau zu stellen, mich dazu veranlaßt hätte, tausend -Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken -geistiger Frische, die mir die Güte des Himmels -schenkt, und während der schlimmsten Qualen zuweilen -unendlich viel schönere und bessere Gedanken, als -ich sie früher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, daß jedes -Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer -sein wird, als alles Frühere. Hätten mich diese -schweren und qualvollen Leiden nicht heimgesucht, wie -hochmütig wäre ich da wohl geworden, für einen wie -bedeutenden Menschen hätte ich mich gehalten! Wenn -ich jedoch jeden Augenblick fühle, daß mein Leben an -einem Haar hängt, daß meine Krankheit plötzlich meinem -Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht, ein Ende -bereiten könne, daß der ganze Nutzen, den meine Seele -so innig zu bringen wünscht, nur ein ohnmächtiger Wunsch -bleiben und nie Erfüllung werden wird, daß ich nie mit -den Talenten, die mir Gott verliehen hat, wuchern, und -daß ich verdammt werden würde, wie der schlimmste Verbrecher -— wenn ich dies alles fühle und erkenne, so füge -ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich -der göttlichen Vorsehung für meine Krankheit danken soll. -Daher sollten auch Sie jedes Leiden mit Ergebung hinnehmen, -in dem Glauben, daß es notwendig ist. Bitten -Sie Gott nur um eins: daß Ihnen die wunderbare Bestimmung -dieses Leidens und die ganze Tiefe seiner -großen Bedeutung aufgehe. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-5"> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -<span class="line1">IV</span><br /> -<span class="line2">Etwas über die Bedeutung des Wortes</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode -Derschawins an Chrapowizky las: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Mag der Satiriker die Worte schmähn,</p> - <p class="verse">Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt“,</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -sagte er: „Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte -des Dichters sind bereits seine Taten.“ Puschkin hat -recht. Der Poet soll im Reiche des Worts ebenso einwandfrei -und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch -in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen -und bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit, -Unüberlegtheit oder Übereiltheit seiner Worte verantwortlich -machen wollte, dann kann auch jeder ungerechte -Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich -bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel -getrieben hat, indem er die Schuld auf seine beschränkten -Verhältnisse, auf seine Frau, oder auf Krankheiten -in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer genug -Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät -plötzlich in schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen -doch nichts an, wer schuld daran war, daß der -Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes und Albernes -gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter -und unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Sie werden nicht danach fragen, wer seine Hand geführt -hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem -Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der -nur um den Erfolg seiner Zeitschrift besorgt war. Die -Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf Journalisten, -ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige -Lage Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen -ihn und nicht gegen sie richten. Warum konntest du -dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch ein -Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast -ihn doch allen andern, ja den aussichtsreichsten und -vorteilhaftesten Ämtern und Berufen vorgezogen und -hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur darum -getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest. -Zu alledem ward dir noch ein Verstand geschenkt, -der weiter und tiefer blickte, einen größeren Umkreis -von Dingen umspannte, als die, die dich anspornten -und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind -und wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil -geworden war, was dazu gehört, ein Mann zu sein? -Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte sich vielleicht -noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein -Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, -daß er nicht wenigstens die größere Hälfte seiner Oden -verbrannt hat. Diese Hälfte seiner Oden ist höchst merkwürdig -und wunderbar: noch nie hat ein Mensch so -über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen -und Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in -dieser unseligen Hälfte seiner Oden getan hat. Wie wenn -er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner eigenen Person -zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Stellen schön und frei klingt, so durchwärmt ist von -der inneren Kraft eines geistigen Feuers, erscheint hier -kalt, seelenlos und gezwungen; und was das schlimmste -ist, — all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze -Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten -Oden) finden sich hier wieder, aber sie wirken hier -bloß komisch und erzeugen einen Eindruck, wie wenn ein -Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und ihn überdies -noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen -heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen -Oden! Wie viele zweifeln an der Aufrichtigkeit -seiner Gefühle, bloß weil sie den Eindruck haben, daß -diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und seelenlos -ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind -über seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens -und über die Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, -für die er eintrat! Und dies bloß darum, weil -er das nicht verbrannt hat, was er dem Feuer hätte -übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende -Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten -Schriftsteller entdeckt, veröffentlicht er sie sofort -in einer Zeitschrift, ohne es sich gründlich zu überlegen, -ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre gereichen. -Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten -Ausrede der Journalisten: „Wir hoffen, die Leser und die -Nachwelt werden uns dankbar sein für die Mitteilung -dieser wertvollen Zeilen; alles, was von einem großen -Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse“ und -dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein -unbedeutender Leser wird es ihm vielleicht danken, aber -die Nachwelt wird diese kostbaren Zeilen gar nicht beachten, -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -wenn sie nur eine seelenlose Wiederholung dessen -sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns nicht -einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was -wirklich heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit -ist, um so vorsichtiger muß man mit ihr umgehen; sonst -verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und Phrasen -schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei -weitem nicht soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler -oder <em>die</em> Propheten Gottes, die noch nicht genügend -für ihr Amt vorbereitet waren und sich erdreisteten, -Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden. -Man muß redlich mit dem Worte umgehen: es ist -die höchste Gabe, die Gott den Menschen verliehen -hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick -ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß -leidenschaftlicher Verirrungen, des Ärgers, des Zornes -oder einer persönlichen Abneigung steht, kurz, zu einer -Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie -gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die -allen Widerwillen und Ekel einflößen, und in solchen -Fällen kann man selbst beim reinsten Streben nach dem -Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund -P*** kann als Beweis dafür dienen: er war sein -ganzes Leben lang eifrig darum bemüht, <em>seinen Lesern -sofort alles mitzuteilen</em>, sie von allem in Kenntnis -zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu -überlegen, ob ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe -auch genügend ausgereift war, um auch allen andern -vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort — -er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit -und Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -die Leser etwa das edle und schöne Streben bemerkt, -das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von ihm -angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, -sie haben nichts an ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit -und Unreinlichkeit, die der Mensch zuallererst -bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig -Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt -wie eine Ameise, sein ganzes Leben hindurch war -er bemüht, alles eiligst an den Mann zu bringen, was -sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und -Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch -hat ihm dafür gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren -Jüngling begegnet, der erklärt hätte, er schulde ihm -Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm aufgesteckt, -oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein -Wort ihm eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte -ihn oft verteidigen und für die Reinheit seiner Absichten -und für die Aufrichtigkeit seiner Worte gegenüber -solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen -können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand -zu überzeugen, weil er es verstanden hat, sich so vor -allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich ist, ihn den -Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er -vom Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn, -daß es den Anschein hat, als ob sein Patriotismus ein -bezahlter Patriotismus sei; spricht er von der Liebe zum -Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und -wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich -so, daß man nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei -herauszuhören meint. Seiner aufrichtigen ungekünstelten -Empörung über jede Bestrebung, die Rußland -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn -er bestimmte Leute, die er allein kennt, denunzieren -wollte. Mit einem Wort, auf Schritt und Tritt verleumdet -er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr -für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: -„Ein faules Wort gehe nie aus eurem Munde.“ -Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden von uns bezieht, -um wieviel mehr muß es für die gelten, deren -Reich — das Wort ist und deren Bestimmung es ist, -von allem Schönen und Hohen zu reden. Wehe, wenn -mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen -geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit -faulen Worten von faulen Dingen. Alle großen Erzieher -der Menschheit haben <em>denen</em>, die die Gabe des -Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen -auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, -wo sich in ihnen der Wunsch am stärksten regte, -mit Worten zu prunken, und wenn ihre Seele den -Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches -zu sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann, -was man erhöhen will, und wie unsere Zunge auf -Schritt und Tritt zur Verräterin wird. „Leg’ Tür und -Riegel deinem Munde auf“, sagt Jesus Sirach: „Du -verzäunest deine Güter mit Dornen; warum machst du -nicht vielmehr deinem Munde Tür und Riegel? Du -wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du -nicht auch deine Worte auf der Goldwage?“ -</p> - -<p class="year"> -1844. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-6"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -<span class="line1">V</span><br /> -<span class="line2">Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen</span><br /> -<span class="line3">An L**</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> freue mich, daß man bei uns endlich mit -dem öffentlichen Vortrag der Dichtungen unserer -russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat -nur schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort -soll man verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter -auch einige Stücke aus meinen Erzählungen, vorgetragen -haben. Ich war immer der Ansicht, daß solche -öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind. -Wie es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, -selbst beim Lesen; wenn wir allein sind, sind wir alle -träge, und solange wir sehen, daß sich die andern nicht -regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden -tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es -nur wenig Schwätzer, die über die Macht der Rede -verfügen und die sich in den Gerichtssälen und Parlamenten -hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die -die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu <em>fühlen</em>. -Eine Empfindung mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, -das wird bei manchen geradezu eine Leidenschaft, die -um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie sich -nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen -ist eine ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt -die Ausbildung von Rezitatoren; sie ist wie geschaffen -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -für den kunstvollen Vortrag, da sie über alle -Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom -Erhabenen zum Einfachen in ein und derselben Rede -ermöglicht. Ich glaube sogar, daß die öffentlichen Vorlesungen -bei uns mit der Zeit das Schauspiel ersetzen -werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen, -wie sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt -würden, die es wirklich verdienen, öffentlich vorgetragen -zu werden, so daß es auch den Rezitator nicht zu gereuen -brauchte, Mühe und Arbeit auf die Vorbereitung zu verwenden. -In unserer modernen Literatur aber gibt es -nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß -durchaus etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum -liest es ja doch ohnedies wegen seiner großen Vorliebe -für alles Neue. Alle diese neuen Erzählungen -(darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend -genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir -sollten uns an unsere Poeten halten, an jene hohen -Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in langem Nachdenken und -langer Arbeit ausreiften und an denen auch der Rezitator -lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im -Publikum so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften -viel über sie geredet, sie ausführlich und unter -Aufwand vieler Worte analysiert, aber diese Analysen -waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der Verfasser -als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben -damit nur das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser -Publikum von seinen Dichtern hatte, noch mehr verwirrt -und durcheinandergebracht haben, so daß die Persönlichkeit -jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und -widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -ein klares Bild davon macht, was eigentlich das wahre -Wesen eines jeden Dichters ist. Nur ein kunstvoller -Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter -vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von -einem Redner übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende -Nuance des Werks, das er vorliest, wiederzugeben -vermag. Dazu braucht man kein feuriger Jüngling -zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in -einem Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie, -eine Komödie, eine Ode und wer weiß was sonst noch -herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches Gedicht wie -es sich gehört vorzutragen — das ist durchaus keine -Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten. -Man muß das hohe Gefühl, das die Seele des Dichters -erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen; man muß jedes -seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und -erst dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein -Vortrag wird keineswegs laut und lärmend und nicht -aus der Fieberglut geboren sein. Im Gegenteil, er -kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden -wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen, -die ein Zeugnis für seine echte innere Rührung -ist. Diese Kraft wird sich allen mitteilen und Wunder -wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie ergriffen -wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag -unserer Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum -Nutzen gereichen. In unseren Dichtern gibt es viel -Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen, sondern auch -verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem -gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den -unsere hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -haben. Ich weiß nicht, von wem der Gedanke stammt, -den Ertrag der öffentlichen Vorlesungen den Armen zuzuwenden: -dieser Gedanke ist jedenfalls sehr schön. Er -kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es -in Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, -Feuersbrünsten, Krankheiten und allerhand Mißgeschick -zu leiden haben. Wie würden sich die Geister -der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, -wenn ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht -würde! -</p> - -<p class="year"> -1843. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-7"> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -<span class="line1">VI</span><br /> -<span class="line2">Wie man den Armen helfen soll</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Briefe an A. O. Sm—rn—wa.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die -Torheit der (Petersburger) Jugend, die auf die -Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und -Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren, -während in Rußland ganze Provinzen von der -Hungersnot heimgesucht werden. Das ist weder Dummheit -noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht -einmal Leichtsinn — es ist eine Folge der menschlichen -Gleichgültigkeit, die ein gemeinsamer Charakterzug von -uns allen ist. Die Leiden und Schrecknisse, die eine -Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in einer -großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im -Innern der Provinz, und nicht vor unseren Augen -— da liegt des Rätsels Lösung, und das erklärt -alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für -einen Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am -Gesang eines Rubini zu erfreuen, würde sicherlich sein -ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er zufällig Augenzeuge -eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern -der Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und -Schrecken, wie sie in Melodramen dargestellt werden, -verblassen. Mit der Veranstaltung von Sammlungen -hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -zu geben. Aber gerade für die Armen ist man heute -bei uns nicht allzugern bereit, etwas zu geben, teils, -weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß seine Gabe -auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird, -der sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer -Flüssigkeit, die man in der hohlen Hand trägt, und die -unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren Bestimmungsort -gelangt — und der Notleidende bekommt nichts zu sehen, -als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das -ist’s, was zuerst überlegt sein will, ehe man mit der -Sammlung von Gaben beginnt. Hierüber wollen wir -später miteinander reden, weil das durchaus keine unwichtige -Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie -in verständiger Weise bespricht. Nun aber wollen wir -einmal gemeinsam überlegen, wo zuerst und vor allem -geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie solchen -Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten -Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit -einem Schlage und in einem Augenblick um alles gekommen -sind: es kann sich dabei um eine Feuersbrunst -handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis -auf den Grund abgebrannt ist, oder um eine Seuche, -der das ganze Vieh zum Opfer gefallen ist, oder um -einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner einzigen -Stütze beraubt hat — mit einem Wort um jeden plötzlichen -Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem -Male über einen Menschen hereinbricht, der gar nicht -an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am Platze. Dabei -aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft -christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in -einer Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Wert und kann nichts Gutes wirken. Wenn Sie nicht -zuvor selbst gründlich über die ganze Lage des Menschen -nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen -Rat und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er -von nun an sein Leben einrichten soll, so wird ihm nicht -viel Vorteil aus Ihrer Hilfe erwachsen. Der Wert der -Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird, kommt -selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen -beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen, -was der Mensch verloren hat, oft dagegen nur ein -Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der Russe -ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß -er mit dem wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht -mehr das gleiche Leben führen kann, wie früher, ist er -imstande, in seiner Verzweiflung alles auf einmal durchzubringen, -was ihm gegeben wird, um ihm für längere -Zeit einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen -Sie ihn belehren, wie er sich mit dem, was ihm durch -Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner Lage heraushelfen -kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung -des Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt -ward, auf daß er sein früheres Leben aufgebe und -ein anderer werde, wie früher, gleichsam ein neuer -Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie -werden ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, -wenn Sie nur seinen Charakter und seine Lebensverhältnisse -näher kennen lernen werden. Und er wird Sie -verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher; -sein Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt -mehr Verständnis für Dinge, die die Begriffe eines -Menschen übersteigen, der in alltäglichen gewöhnlichen -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann -gleichsam in ein Stück warmen Wachses, das man -kneten kann, wie man will. Am besten wäre es jedoch, -wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung -eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde. -Nur ein Priester ist imstande, den Menschen über den -tiefen heiligen Sinn eines Unglücks aufzuklären, das, -in welcher Gestalt und Form es auch immer auf dieser -Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun -in einer ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern -wohnt, stets eine Stimme aus dem Himmel ist, die den -Menschen auffordert, sein früheres Leben aufzugeben -und von Grund aus zu ändern. -</p> - -<p class="year"> -1844. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-8"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -<span class="line1">VII</span><br /> -<span class="line2">Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee</span><br /> -<span class="line3">An W. M. Jasykow.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen. -Die Odyssee ist sicherlich die vollkommenste -Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein -Werk von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber -nur eine Episode. Die Odyssee umfaßt die gesamte -antike Welt, das öffentliche und das häusliche Leben, -alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren Beschäftigungen, -ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es -ist beinahe schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält -oder was von ihr übergangen wäre. Während -mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der Antike -und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende -Quelle gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff -für eine unzählige Menge von Tragödien und Komödien; -und dies alles machte die Runde durch die Welt und -wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst -vergessen wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas -Seltsames an sich: sie wurde in Europa nicht in ihrem -wahren Werte erkannt. Daran ist teils der Umstand -schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine -künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der -Antike darstellte, teils der Mangel einer Sprache, die -reich und vollkommen genug war, um all die unendlichen -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge -im allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; -und endlich fehlte es auch an einem Volk, das -mit einem so reinen jungfräulich unberührten Geschmack -begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen -Homer innerlich zu verstehen und nachzuempfinden. -</p> - -<p> -Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste -und vollkommenste aller europäischen Sprachen übersetzt. -</p> - -<p> -Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam -nur die Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte -seine Verskunst an Übersetzungen von Dichtwerken aller -Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um -fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden -— sein Ohr mußte der Leier aller Völker lauschen, -um so feinhörig zu werden, daß ihm der Eigenton -der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er -mußte auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen -werden, alle seine Landsleute zu ästhetischem Nutz und -Frommen ihrer Seele, zu solcher Liebe zu Homer zu -zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers selbst -vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie -stimmte und ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich -ist, um ein Werk nachzudichten, das einer solchen -ebenmäßigen Harmonie und Ruhe entsprungen ist, er -mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum Christen -werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung -anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, -der bereits begriffen hat, was der Sinn des Lebens ist. -So viele Voraussetzungen mußten erfüllt werden, damit -die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer sklavischen -Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -<em>lebendige Wort</em> entgegenklingen und ganz Rußland -Homer als etwas Verwandtes und Vertrautes aufnehmen -konnte. -</p> - -<p> -Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande -gekommen. Das ist keine Übersetzung, sondern eher eine -Neuschöpfung, eine Restauration, eine Auferstehung -Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das -Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original. -Der Übersetzer ist gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator -Homers geworden, er hat sich gewissermaßen -wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den -Leser gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch -klarer und bestimmter hervortreten läßt. -</p> - -<p> -Meiner Überzeugung nach haben sich heute die Verhältnisse -wie mit Absicht so gestaltet, daß das Erscheinen -der Odyssee in unserer Zeit geradezu zur Notwendigkeit -werden mußte: in der Literatur wie überall sonst -— macht sich eine gewisse Kühle, ein Nachlassen des -Interesses bemerkbar. Eine Müdigkeit hat die Menschen -ergriffen, man begeistert sich nicht mehr und man -ist nicht mehr enttäuscht. Selbst die krampfhaften und -krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem Einschlag -aller möglichen unverdauten Ideen, wie sie uns -als Folge politischer und anderer Gärungen angeflogen -sind, sind sehr im Niedergang begriffen, nur die -ewig nachhinkenden Leser, die daran gewöhnt sind, sich -an die Schleppe der führenden Journalisten zu hängen, -lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in -ihrer Einfalt zu bemerken, daß die vorangehenden Leithämmel -schon längst sinnend und nachdenklich stehen -geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin sie ihre -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -umherirrenden Herden führen sollen. Mit einem Wort, -jetzt ist eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines -edlen, in all seinen Teilen formvollendeten Werks, das -das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit und Klarheit -widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und -der Hauch einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von -unendlicher Bedeutung sein kann. -</p> - -<p> -Von der Odyssee wird eine große Wirkung <em>auf uns -alle</em> und <em>auf jeden einzelnen von uns</em> ausgehen. -</p> - -<p> -Sehen wir einmal zu, was für eine Wirkung sie auf -<em>uns alle</em> ausüben kann. Die Odyssee ist das Werk, -das alle notwendigen Voraussetzungen dafür enthält, ein -Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke -gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die -von einem Märchen ausgeht, und die schlichte Wahrheit -menschlicher Erlebnisse, die auf jeden Menschen, er -mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausüben. -Edelleute und Bürger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, -einfache Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei -Geschlechts, von jener Altersstufe an, wo die Kinder -Freude an Märchen zu bekommen pflegen — sie alle -werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen -— ein Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders -wenn man bedenkt, daß die Odyssee zugleich ein -wahrhaft moralisches Werk ist und daß der alte Dichter -sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen -der damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen -Bildern darstellen wollte. -</p> - -<p> -Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verführerisches -für unser Volk. Unser Volk ist klug, es weiß sich -selbst solche Dinge, die die gescheitesten Leute in Verlegenheit -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu deuten -und zu erklären. Es wird aus alledem nur dies eine -entnehmen: wie schwer es für den Menschen ist, allein -und ohne Hilfe von Propheten und höherer Offenbarungen -zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen, -welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von -Seinem wahren Wesen macht, wenn er die Einheit und -die eine Allkraft in eine Vielheit von Kräften und -Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal über die alten -Heiden lachen, weil es sie für gänzlich unschuldig halten -wird: zu ihnen sprachen keine Propheten, Christus -war noch nicht geboren, Apostel gab es damals noch -nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen -beim Gedanken, daß es mit geringerem Eifer zu Gott -betet und seine Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfüllt, -als die alten Heiden, obwohl es den wahren Gott in -Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es Sein geschriebenes -Gesetz stets in Händen hat und in seinen -Beichtvätern Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz -auslegen. Das Volk wird verstehen, warum der -Höchste auch dem Heiden um seines guten Lebenswandels -und seines inbrünstigen Gebets willen Seinen Beistand -lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt -eines Poseidon, Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris -und der ganzen Schar von Göttern, die die -lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete -und zu ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird -den Polytheismus beiseite lassen und sich nur das aus -der Odyssee aneignen, was es sich daraus aneignen soll, -d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist -ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -um dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er -wird daraus die Lehre ziehen, daß dem Menschen überall -und auf jedem Gebiet viel Unglück bevorsteht, daß -er dagegen ankämpfen muß — denn nur dazu ward dem -Menschen das Leben gegeben — daß er niemals verzagen -darf, wie Odysseus nie verzweifelte, der sich in schweren -Stunden der Not stets an sein Herz wandte, ohne zu -ahnen, daß er schon durch diese Wendung an sein -eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet -erschuf, das sich jedem Menschen, auch dem, der -nicht einmal einen Begriff von Gott hat, auf die Lippen -drängt. Das ist das <em>Allgemeine</em>, der lebendige Geist -ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf -alle machen muß, noch ehe sie entzückt und ergriffen -sein werden von ihren dichterischen Vorzügen: der Wahrheit -der Bilder und der Lebendigkeit der Schilderungen; -noch ehe andre bewundernd staunen werden über die -antiken Schätze, die sich hier vor ihnen auftun und die -in all diesen Einzelheiten weder von der Skulptur, noch -von der Malerei, noch von den antiken Denkmälern im -allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder andre verwundert -dastehen werden über die unglaubliche Kenntnis -aller Windungen und Falten der menschlichen Herzen, -die alle offen dalagen vor dem blinden Sänger, -der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen werden über -den tiefen staatsmännischen Blick, die große Beherrschung -der schweren Kunst der Menschenleitung und --regierung, die der göttliche Alte gleichfalls besaß, er, -der ein Gesetzgeber seines eigenen und der kommenden -Geschlechter war — mit einem Wort, noch ehe sich jemand -je nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschäftigung, -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -seinen Neigungen, Liebhabereien und seiner persönlichen -Eigenart für irgendeine Einzelheit in der -Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, -weil sich dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres -Wesen einem jeden mit so greifbarer Deutlichkeit aufdrängt, -wie es in keinem andern Werk mit ähnlicher -Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und -alles beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, -wie lebendig, wie farbig alle Episoden sind, deren jede -beinahe die Grundidee zu überstrahlen, in den Hintergrund -zu drängen imstande ist. -</p> - -<p> -Warum aber müssen das alle so deutlich empfinden? -Darum, weil es dem alten Dichter so tief aus der Seele -dringt. Man sieht förmlich auf Schritt und Tritt, wie -er das, was er für alle Zeiten im Menschen befestigen -und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schönheit -der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, -was an den Volkssitten gut und lobenswert war, zu -erhalten und zu kräftigen, wie er bemüht war, den -Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was -in ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen -kann — in jedem seiner Helden den Menschen ein -Muster und Beispiel für jeden Beruf und Stand zu -hinterlassen und allen zusammen in seinem unermüdlichen -Odysseus ein ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher -Tätigkeit aufzustellen. -</p> - -<p> -Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht -vor der Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten -und noch wenig entwickelten Regierungsgewalt, -diese jungfräuliche Schamhaftigkeit der Jünglinge, diese -Güte und diese Milde der Greise, diese herzliche Gastfreundschaft, -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -dieser Respekt, man möchte fast sagen, diese -Ehrfurcht vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, -dieser Glaube, daß kein guter Gedanke im Hirne der -Menschen entspringt, ohne den souveränen Willen eines -höheren Wesens, daß der Mensch aus eigener Kraft -nichts zu erreichen vermag — kurz alles, jeder kleinste -Zug in der Odyssee kündet von dem inneren Wunsche -dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der alten -Welt ein lebendiges und vollständiges Gesetzbuch zu -hinterlassen, zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber -noch Stifter von Rechtsordnungen gab, als noch die -Beziehungen unter den Menschen durch keine geschriebenen -Bestimmungen oder bürgerlichen Rechte geregelt -waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wußten, -ja nicht einmal ahnten und als allein der göttliche Greis -alles sah, hörte, erkannte und ahnte — ein blinder -Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen -eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren -Auge, das die Menschen nicht besitzen. -</p> - -<p> -Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjähriger Überlegungen -unter der Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes -versteckt! Es ist fast, als hätte er alle Menschen -zu einer Familie versammelt und säße nun mitten unter -ihnen, wie der Großvater unter seinen Enkeln, der gelegentlich -selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und -Mutwillen zu treiben, und als trage er nun treuherzig -seine Erzählung vor, nur darum besorgt, niemand zu -ermüden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen -zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf -Windesflügeln durch die ganze Welt zu tragen, auf daß -sich alle spielend aneignen, was dem Menschen durchaus -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf daß -sie unmerklich davon kosteten und sich davon erfüllten, -was er während seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit -an Schönstem und Bestem gesehen und erfahren hat. -Man könnte das Ganze beinahe für eine ohne jede -Vorbereitung dahinfließende Erzählung halten, wenn -sich einem nicht nachträglich, nach einer aufmerksamen -Analyse die wunderbare Kunst des Baus — des Ganzen -sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthüllte. -Wie dumm sind doch die superklugen deutschen -Gelehrten, die den Gedanken aufgebracht haben, Homer -sei ein Mythos und all seine Werke seien Volksgesänge -und Rhapsodien. -</p> - -<p> -Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung -die Odyssee auf <em>jeden einzelnen von uns</em> ausüben -kann. Zunächst wird sie auf unsere Schriftstellerzunft, -auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem -Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter -Lotse durch den Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert -hat, die durch unsere zerfahrene und unausgegorene -Schriftstellergeneration heraufbeschworen wurde. Sie wird -uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver ungekünstelter -Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder -Gedanke bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit -gebracht werden, in welch ruhigem Gleichmaß unsere Rede -dahinfließen muß. Sie wird allen unseren Schriftstellern -wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser -ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die -wir doch immer wieder vergessen: daß wir nämlich nicht -eher zur Feder greifen sollten, als bis sich in unserem -Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat, -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen -und in seinem Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine -noch stärkere Wirkung als auf die Schriftsteller wird -die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die -Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf -dem Gymnasium sind oder auf der Universität studieren, -ihr künftiges Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel -vor sich sehen: diese kann die Odyssee von Anfang an -auf den rechten Weg weisen und sie vor einem unnötigen -Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in -denen sich ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben -haben. -</p> - -<p> -Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den -Geschmack und die Entwicklung des ästhetischen Gefühls -ausüben. Sie wird einen frischen Zug in die Kritik -hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse Müdigkeit -bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen -Werke unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, -sie hat sich in ihrer Verzweiflung auf Seitenwege -verirrt, läßt die literarischen Probleme ganz beiseite und -produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das Erscheinen -der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute -und tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es -wohl auf der Welt kaum ein zweites Werk gibt, das -sich von so vielen Seiten aus betrachten läßt, wie die -Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die -Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die -Bemerkungen und Gedanken, zu denen sie Veranlassung -geben wird, unsere Zeitschriften mehrere Jahre lang beschäftigen -werden. Diese Leser werden nur Vorteil davon -haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -nichtssagend sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, -muß man viel lesen, sich über vieles neu orientieren, -viel erlebt und über vieles nachgedacht haben; ein hohler -und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum -etwas zu sagen wissen. -</p> - -<p> -Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, -das ihr Schukowski gegeben hat, viel zur Reinigung -unserer Sprache beitragen. Bei keinem unserer Schriftsteller, -in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja -nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im -Ausdruck, in ihren Wendungen noch schärfer und genauer -sind, als jener, hat die russische Sprache einen -solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht. -Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in -sämtlichen Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren -unendlichen Perioden, die bei jedem andern -matt und dunkel wirken würden, und andererseits -wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern -hart und abgerissen klingen und der Rede etwas Herbes, -Gefühlloses verleihen würden, stehen bei Schukowski so -brüderlich zusammen, alle Übergänge und der Zusammenstoß -der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut, -alles fließt so in eins zusammen und läßt die -schwerfällige Masse des Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, -daß man den Eindruck hat, als hätten der -Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt; -sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so -wie auch der Übersetzer völlig verschwindet. Statt seiner -aber steht der greise Homer in seiner ganzen majestätischen -Größe vor unseren Augen, und wir hören die -hehren, gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -eines Menschen entstammen, sondern deren Bestimmung -es ist, — ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt werden -unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht -jedes Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie -man jedem schlichten Wort seine hohe Würde wiedergeben -kann durch die Kunst, ihm seinen richtigen Platz -anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen Bestimmung -es ist, in den Händen aller zu sein und von allen -genossen zu werden — das ein geniales Werk ist, diese -äußere Wohlgestalt und dieser äußere Anstand, diese -Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten: -hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und -wird von jedem bemerkt. Schukowski vergleicht diese -Staubkörnchen sehr richtig mit Papierschnitzeln, die in -einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach herumliegen, -wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt -und strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst -diese Papierschnitzel bemerken, und zwar aus -demselben Grunde, aus dem er sie in einem unsauberen -unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken würde. -</p> - -<p> -Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde -derer, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen, wie auch -derer, die keine Wissenschaft studiert haben, befruchten, -indem sie uns eine lebendige Kenntnis der antiken Welt -vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man -das finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr -geht ein lebendiger Hauch der Vergangenheit aus; der -antike Mensch steht lebendig vor unseren Augen, als -hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen. -Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem -ganzen Tun und Treiben und zu allen Tageszeiten: -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er beim -Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich -ankleidet, wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den -Reden der Greise lauscht und die Jünglinge belehrt; -sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das kleinste -Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen -werden, bis zum Riemenriegel an der Tür — alles -steht noch frischer und lebendiger vor unseren Augen, als -in dem ausgegrabenen Pompeji. -</p> - -<p> -Und endlich bin ich sogar der Ansicht, daß von dem -Erscheinen der Odyssee eine Wirkung auf den heutigen -Geist unserer Gesellschaft im allgemeinen ausgehen wird. -Gerade in unserer Zeit, wo durch den geheimnisvollen -Willen der Vorsehung überall ein schmerzlicher Schrei -der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der -Unzufriedenheit mit allem, was es auf der Welt gibt, -mit den Zuständen, mit der Zeit, wie mit uns selbst, -wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns -unser moderner bürgerlicher Geist und die Aufklärung -emporgehoben haben, verdächtig zu werden beginnt, -wo sich bei jedem ein unbewußtes Sehnen fühlbar -macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, -ein Sehnen, das vielleicht aus der edlen Quelle, dem -Wunsche, besser zu sein, entspringt; wo durch die -törichten Losungen und durch die übereilte Verkündigung -neuer ganz unklar erfaßter Ideen hindurch sich -ein allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer -dunkel ersehnten Mitte zu nähern, das wahre Gesetz -unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie -das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit -muß die Odyssee durch die patriarchalische Größe des -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -antiken Lebens, durch die unkomplizierte Einfachheit der -das öffentliche Leben bewegenden Triebfedern, durch -die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts -abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. -Aus der Odyssee wird unserem neunzehnten -Jahrhundert ein starker Vorwurf entgegentönen, und -dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in -sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut -machen wird. -</p> - -<p> -Was kann zum Beispiel einen stärkeren Eindruck -machen, als der Vorwurf, den wir in unserer Seele -vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike Mensch, mit -seinen geringen Werkzeugen, bei der großen Unvollkommenheit -seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu -stehlen, Rache zu üben, seine Zuflucht zu List und Tücke -zu nehmen, um den Feind zu vernichten, mit seiner rebellischen, -harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur -und seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch -die bloße Erfüllung der von den Vorfahren ererbten -Sitten und Gebräuche — die nicht umsonst von den -alten Weisen eingeführt und festgesetzt worden waren, -und die nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom -Vater auf den Sohn vererbt wurden, — wenn wir -sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden -hat, durch bloße Erfüllung dieser Sitten seinen Handlungen -eine gewisse strenge Form, ein gewisses Ebenmaß, -ja sogar eine gewisse Schönheit zu verleihen, so -daß alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes -seiner Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der -Faltenwurf seines Gewandes Größe und Würde atmete, -und daß man in ihm wirklich den göttlichen Ursprung des -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all -unseren gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, -mit der Erfahrung aller Jahrhunderte, mit -unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit unserer -Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, -damit wir heilige und göttliche Menschen werden — -wir haben es mit all diesen Mitteln zu nichts gebracht, -als zu einer gewissen inneren, wie äußeren Unordnung, -Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wußten nichts aus -uns zu machen, als traurige, halbe, zerstückelte und kleinliche -Menschen, <a id="corr-3"></a>vom Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu -unserer Kleidung, und zu alledem sind wir uns gegenseitig -so zuwider geworden, daß keiner den andern mehr -achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen -Menschenachtung reden. -</p> - -<p> -Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an -ihrer europäischen Vollkommenheit Leidenden und Krankenden -eine starke Wirkung ausüben. Sie wird sie an -vieles Kindlich-Schöne erinnern, das uns leider verloren -gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern -muß, als ihr rechtmäßiges Erbe. Viele werden -zum Nachdenken über manche Dinge angeregt werden. -Zugleich aber wird vieles aus den alten patriarchalischen -Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind, -sich unsichtbar über das russische Land verbreiten. Der -Wohlgeruch atmende Mund der Poesie vermag unserer -Seele manches einzuhauchen, was ihr weder mit Gewalt, -noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt -werden kann. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-9"> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -<span class="line1">VIII</span><br /> -<span class="line2">Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit.</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> beunruhigen sich unnötigerweise wegen der -Angriffe, die heute in Europa gegen unsere -Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit -der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit. -Warum wollen Sie, daß unsere Geistlichkeit, -die sich bisher durch eine würdige überlegene -Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich -unter die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen -oberflächliche, ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen -lassen soll? Unsere Kirche hat sehr weise und -klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie -erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber -kennen unsere Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit -sitzt nicht müßig da. Ich weiß genau, daß im Innern -unserer Klöster und in der Stille unserer Klosterzellen -an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung -unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer, -gerade diese Männer tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit -besser, als wir; sie beeilen sich nicht, und arbeiten in der -Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand erfordert, in -tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem -Gebet und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie -alle Leidenschaften und alles, was einer unstatthaften, -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus ihrer Seele austreiben -und sie bis zu der Höhe himmlischer Leidenschaftslosigkeit -zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß, -wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand -zu behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften -werden noch nicht genügen, um einen römischen -Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere Kirche muß in -uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte. -Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns -muß ihre Wahrheit verkündigt werden. Man sagt, daß -es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt, aber man spricht -die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben. Freilich -ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß -zu diesem falschen Satz gelangt: — Wir selbst nämlich -sind tot, sind Leichen, und nicht die Kirche, und nach -<em>uns</em> nennt man unsere Kirche einen Leichnam. Wie -sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine -Antwort sollen wir geben, wenn man uns vor folgende -Fragen stellt: „Hat die Kirche euch denn zu -besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, -wie es sich gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?“ -Was sollen wir hierauf antworten, wenn wir es plötzlich -tief im Innern fühlen, wenn das Gewissen es uns -sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche -hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie -nicht einmal jetzt ordentlich kennen? Wir sind im Besitze -eines Schatzes von unendlichem Wert und bemühen uns -nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern -wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man -bittet den Herrn des Hauses, er möge doch den kostbarsten -Gegenstand vorzeigen, den sein Haus birgt, und -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich befindet. -Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel -allein in ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten -hat, wie eine keusche Jungfrau, diese Kirche, die -mit all ihren tiefen Lehren und ihren kleinsten äußeren -Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen -Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die -allein fähig ist, alle Zweifelsknoten und alle unsere -Fragen zu lösen, sie, die angesichts des ganzen Europa -das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen -vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter -und Berufe veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten -Grenzen zu halten, ohne den Staat in irgendeiner -Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland groß -und stark zu machen und die ganze Welt durch die -wohlgefügte harmonische Ordnung eines Organismus in -Staunen zu setzen, durch den es bisher nur Schrecken -verbreitete, — diese Kirche ist uns bisher ganz unbekannt! -Diese für das Leben geschaffene Kirche haben -wir noch immer nicht in unserem Leben zur Wahrheit -gemacht. -</p> - -<p> -Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt -verteidigen zu wollen. Das hieße sie herabsetzen. Für -uns gibt es nur eine Art der Propaganda — unser Leben -selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche -verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als <em>Leben</em>, -durch den reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre -Wahrheit verkünden. Mögen die Missionäre des römischen -Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit den -Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer -und Worte mit schnell trocknenden Tränen begleiten. -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Der Verkünder des griechischen Katholizismus aber soll -so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen Anblick -seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und -der ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele -dringt und in der alle weltlichen Wünsche erstorben sind, -alles erschüttert wird, noch ehe er erklärt hat, worum -es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu -ihm spricht: „Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, -auch ohne daß du ein Wort redest, die heilige -Wahrheit deiner Kirche.“ -</p> - -<h2 class="letter" id="part-10"> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -<span class="line1">IX</span><br /> -<span class="line2">Über denselben Gegenstand</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig -Autorität und Bedeutung hat, weil unsere Geistlichkeit -nicht weltgewandt genug ist und es nicht -versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau -so töricht, wie die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde -durch die Satzungen unserer Kirche an jeder Berührung -mit dem Leben gehindert und durch die Regierung in -ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer Geistlichkeit -bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den -Menschen strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. -Glauben Sie mir, es wäre nicht gut, wenn unsere -Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an unseren -täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen -teilnähmen oder sich in unsere Familienangelegenheiten -mischen würden. Der Geistliche ist vielen Versuchungen -ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde -sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien -kommen, die man den römisch-katholischen Priestern zum -Vorwurf macht. Die römisch-katholischen Geistlichen sind -gerade deshalb so verderbt und korrumpiert, weil sie zu -weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit hat zwei -Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf -denen sie mit uns zusammentrifft: die Beichte und die -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Predigt. Auf diesen beiden Gebieten, auf deren erstem -sich nur ein- bis zweimal jährlich Gelegenheit zur -Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten -jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. -Und wenn der Priester es nur verstände, angesichts des -vielen Häßlichen und Bösen, das er im Menschen findet, -bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und sich’s -gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie -er so zu den Menschen reden solle, daß jedes seiner -Worte ihnen tief zu Herzen dringt, so wird er bei der -Beichte und in der Predigt so starke mächtige Worte -dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen -mit uns nie gelingen würde. Er muß von -einem erhöhten Platz zu dem mitten im Weltgetriebe -stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck -gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern -Gott selbst, der sie alle beide hört, und daß von Seiner -unsichtbaren Gegenwart ein Hauch ausgeht, der beide mit -ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist sogar gut, -daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung -von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch -ihre Kleidung, die keinerlei Wandlungen und Launen -unserer törichten Mode unterworfen ist, von uns unterscheidet. -Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. -Das ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert -übernommenes Rokoko, das ist nicht die aus buntem -Flitter zusammengesetzte, nichtssagende Kleidung der -römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen tiefen -Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die -der <em>Heiland selbst</em> getragen hat. Der Geistliche soll -auch in seiner Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -an <em>Den</em> mit sich führen, dessen Abbild er für uns sein -soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen Augenblick -vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und -den nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn -von ihm wird tausendmal strengere Rechenschaft gefordert -werden, als von irgendeinem unter uns; daher -sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß -sie gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange -der Priester noch jung ist, solange er das Leben -noch nicht kennt, soll er überhaupt nur bei der Beichte -und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen. -Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung -mit einem von ihnen einläßt, so sollen dies nur die -Weisesten und Erfahrensten unter ihnen sein, die ihn -die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, -und die ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und -in seinem wahren Lichte und nicht in dem Lichte, in -dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint, darstellen -können. Der Priester muß auch Zeit für sich -selbst haben, er muß an sich selbst arbeiten können. Er -muß sich ein Beispiel an unserem Heiland nehmen, der -lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er -sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet -hatte, zu den Menschen hinausging, um ihnen seine -Lehre zu bringen. Einzelne kluge Köpfe sind bei uns -auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der -Welt herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das -ist grundfalsch. Diese Ansicht wird durch alle Weltleute -widerlegt, die sich ihr ganzes Leben lang in der Welt -bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen -sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Welt erzogen, sondern fernab von ihr in tiefer innerster -Selbstbetrachtung, in der Erforschung der eigenen Seele, -denn dort liegen die Gesetze aller Dinge verborgen: suche -zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du -<em>ihn</em> erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel -auch die Seelen aller anderen aufschließen. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-11"> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -<span class="line1">X</span><br /> -<span class="line2">Über das Lyrische bei unseren Poeten</span><br /> -<span class="line3">An W. A. Schukowski</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">aß</span> uns von dem Aufsatz sprechen, über den das -Todesurteil gefällt ist, d. h. von dem Aufsatz, der -die Überschrift: „<em>Über das Lyrische bei unseren -Poeten</em>“ trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil! -So ward ich denn bereits zum zweitenmal von -dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer und Erzieher! -Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt -geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen -„Sowremennik“ meine Betrachtungen über unsere russischen -Dichter zu senden; und nun hast du eine neue -Frucht meines Unverstandes der Vernichtung preisgegeben. -Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet, -während mich die andern alle anfeuern und -ermuntern; weiß ich doch selbst nicht wozu. Wieviel -Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich nur auf -meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du -meinen Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. -Ich werde schamrot, wenn ich daran denke, wie dumm -ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe, von -gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten -meine Gedanken und Betrachtungen über die -Literaten. Hier kommt alles, was ich schreibe, besonders -geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich bin -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken -und niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste -vor mir sehe, sondern auch mit dem Herzen erahne und -erfühle. Der Kern meines Aufsatzes ist vernünftig und -richtig, und doch habe ich mich so ausgedrückt, daß jeder -meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert. Ich -muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer -Dichter liegt etwas, was kein Poet einer andern Nation -besitzt — es ist dies jenes Etwas, das an die Bibel gemahnt, -— jene höhere Art Lyrik, die nichts gemein hat -mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere -Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph -geistiger Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal -von Lomonossow und Dershawin reden, selbst bei Puschkin -tritt einem diese strenge Lyrik überall da entgegen, -wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur -an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der -Prophet, oder sogar an jene geheimnisvolle Flucht aus -der Stadt, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde. -Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du -wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft, -ja sogar über sich selbst hinauswächst, wenn er -an etwas Höheres rührt. Ich möchte hier eines seiner -Jugendgedichte „Der Genius“ als Beispiel anführen. Es -ist übrigens nicht lang. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Einst stürmte der Prophet, der hohe,</p> - <p class="verse">Mit Blitz und Donner himmelwärts,</p> - <p class="verse">Und eine mächt’ge Feuerlohe</p> - <p class="verse">Erfüllte da Elisas Herz.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> - <p class="verse">Es reckte sich sein Geist empor;</p> - <p class="verse">Ein heiliges Gefühl erblühte</p> - <p class="verse">In ihm, der vor Begeistrung glühte,</p> - <p class="verse">Und Gottes Stimme lauscht’ sein Ohr.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So wird der Genius mit Beben</p> - <p class="verse">Sich eigner Größe froh bewußt,</p> - <p class="verse">Sieht er den Bruder aufwärts streben</p> - <p class="verse">Mit Donnerlaut aus Erdendust.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und hehrer Wundertat entgegen</p> - <p class="verse">Die Kräfte reifen neu erwacht,</p> - <p class="verse">Und seiner Werke hoher Segen</p> - <p class="verse">Strahlt sternengleich durch Weltennacht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene -Größe! Ich suchte das dadurch zu erklären, daß unsere -Dichter jeden großen Gegenstand in seinem richtigen Zusammenhang -mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit -Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt, -weil die russische Seele, wie sich das aus dem russischen -Wesen selbst ergibt, dies aus irgendeinem Grunde ganz -von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich zwei -Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen -so nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der -erste ist — <em>Rußland</em>. Bei dem bloßen Klang dieses -Namens erhellt sich plötzlich das Auge unseres Poeten, -erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn herum -größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu -höherer Würde und Größe empor, und erhebt er sich -hoch über den gewöhnlichen Menschen. Das ist mehr -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene -die Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis -dafür sind unsere Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist -ganz aufrichtigen Lobhymnen können einem Rußland -beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von -Rußland spricht — dann fühlt man eine übernatürliche -Kraft durch seine Adern rinnen, man ist gleichsam ganz -erfüllt von der Größe Rußlands. Die Vaterlandsliebe -allein hätte — gar nicht erst zu reden von Dershawin -— nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen, -feierlichen Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, -wenn er von Rußland redet. So zum Beispiel in den -folgenden Versen, wo er darstellt, wie Stephan Batorius -gegen Rußland in den Krieg zieht. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht,</p> - <p class="verse">Schon eilt er, seine ganze Macht</p> - <p class="verse">Zu einer Heerschar zu verdichten,</p> - <p class="verse">Um, wenn er Pskow den Tod gebracht,</p> - <p class="verse">Rußland für immer zu vernichten!</p> - <p class="verse">Doch du, o heil’ges Vaterland,</p> - <p class="verse">Du hehre Liebe unsrer Ahnen,</p> - <p class="verse">Du riss’st das Schwert aus seiner Hand.</p> - <p class="verse">Nicht siegten diesmal seine Fahnen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen -sogar unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung -Rußlands verbindet, entspringt daraus, daß der Gedanke -unbewußt an die höchste Vorsehung rührt, deren Walten -so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes zum -Ausdruck kommt. — Außer der Liebe aber ist hieran -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -auch noch das tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge -beteiligt, die sich durch Gottes Willen auf jenem Stück -Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde, das dazu -bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die -Vorahnung eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst -noch nicht für alle sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur -der Dichter mit dem scharfen Ohr der Poesie, das alles -hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im <em>Samen</em> -die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute -beginnen allmählich auch die andern Menschen etwas davon -zu erkennen, aber sie drücken sich so unklar aus, daß ihre -Worte Torheit zu sein scheinen. Du hast unrecht, wenn -du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom -Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft -spricht, einer Modeströmung folgt. Sie verstehen -es nicht, ihre Gedanken in ihren Köpfen ausreifen zu -lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden, ohne -zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder -sind — das ist alles. Auch bei den Juden lehrten -gleichzeitig vierhundert Propheten: von diesen war gewöhnlich -nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden -in das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen -wurden; alle andern werden viel Unnützes und Überflüssiges -zusammengeredet haben, trotzdem aber haben -wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, -was die Auserwählten klar und verständig auszusprechen -wußten; sonst hätte das Volk sie sicherlich gesteinigt. -Warum sind denn weder Frankreich, noch England, noch -Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien -und künden nicht von sich selbst, warum tut dies -Rußland allein? Nun, weil Rußland es deutlicher -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an allem teilhat, -was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es -ein neues Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen -Töne bei unseren Dichtern. Daher kann solches bei den -Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen, und wenn -sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe -einen noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen. -Und hier darfst du nicht mit mir streiten, mein herrlicher -Freund. -</p> - -<p> -Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen, -an dem sich die Lyrik unserer Dichter gleichfalls -zu jenem hohen, lyrischen Schwunge erhebt, von dem -hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken. -Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren -haben unserer Poesie schon seit den Zeiten Lomonossows -und Dershawins jene erhabene, königliche Note verliehen. -Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber brauchen wir -wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem, -nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher -Gedanken und Erwägungen fähig ist, werden dahinter -nichts wie Schmeichelei und den Wunsch, einen Vorteil -für sich herauszuschlagen, suchen, und werden diese Behauptung -auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden -jener Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich, -der mehr ist, der Einsicht und Weisheit besitzt, -wird bei jenen Oden Dershawins verweilen, in denen er -den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger Wirksamkeit vor -dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit -Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht, -die den Augen — nicht nur der Russen — nein auch -gefühlloser Wilden, die an den äußersten Enden seines -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen Berührung -mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige -Hand des Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier -ist vieles zu so gewaltigem Ausdruck emporgehoben, daß -selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden sollte, der -für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim -Lesen dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit -erinnern und von tiefer Rührung über die Heiligkeit -seines Amtes ergriffen werden würde. Nur kaltherzige -Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen -Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen -Stein an Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen -Strophen nicht ohne Rührung lesen, in denen der Dichter -davon spricht, daß, wenn seine Gestalt in Marmor gehauen -auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur deshalb -geschehen werde, -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weil ich die Kaiserin besang,</p> - <p class="verse">Der Reußen Zarin, welcher keine</p> - <p class="verse">Je gleichkommt auf der weiten Welt.</p> - <p class="verse">Des rühme, rühm’ dich, meine Leier.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen -Verse wird er kaum ohne aufrichtige seelische Erschütterung -lesen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder;</p> - <p class="verse">Das Alter raubte mir die Lieder.</p> - <p class="verse">— — — — — — — — ... Bald</p> - <p class="verse">Ertönt der andern Lied, wenn meins verhallt,</p> - <p class="verse">Und meiner Hand entsinkt die Leier;</p> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> - <p class="verse">In andern glühe nun das Feuer,</p> - <p class="verse">Mit dem drei Zaren einst mein Sang</p> - <p class="verse">Zu Ruhm und Preis erklang.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird -nicht lügen. Während seines ganzen Lebens hat er diese -Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt und so hat er -sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch -bis übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt -es sich ja gar nicht. Woher stammt diese Liebe? Das -ist hier die Frage. Daß sie im ganzen Volke, in einem -dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der -Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut -in sich vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte -des Problems. Der ganze, der vollkommene Dichter -gibt sich nie an eine Sache hin, ohne sich vorher Rechenschaft -über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu -haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen -Lichte seiner Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz -eines Ohres ist, das die kommenden Dinge und Ereignisse -vernimmt, und der von dem Streben beseelt wird, -die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer -einzigen, oder etwa bloß von zwei Seiten und nicht von -allen vier Seiten sehen, in ihrer ganzen Vollkommenheit -und Vollständigkeit nachzuschaffen, er konnte nicht -anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem -Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher -Weisheit hat Puschkin die Bedeutung des unumschränkten -Monarchen gekennzeichnet! Wie klug war überhaupt -alles, was er während seiner letzten Lebensjahre gesagt -hat: „Warum,“ so pflegte er zu sagen, „warum muß -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -einer von uns höher als alle, ja selbst noch über dem -Gesetze stehen? Darum, weil das Gesetz ein Stück Holz -ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas Kaltes, -Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche -fehlt. Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes -allein kommt man nicht weit; und doch darf keiner -von uns es verletzen oder umgehen; dazu bedarf es eben -der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich -für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt -verkörpern kann. Ein Staat ohne souveränen -Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel, wenn -er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und -was sind die Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. -Die Menschen dort sind so hohl und so leer -geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind. -Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem -Orchester ohne Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen -noch so tüchtig sein; wenn es an einem Manne fehlt, -der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes lenkt -und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird -nie ein gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint -zwar selbst gar nichts zu tun, er spielt auf keinem -Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen kaum -merklich hin und her, und hält Überschau über alle -Musiker, und doch genügt ein Blick von ihm, um hier -oder dort den rauhen, häßlichen Ton einer täppischen -Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In -seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, -sich allzu frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; -er wacht über der allgemeinen Ordnung, er belebt -alles, er, der Herr und Stifter höchster Eintracht -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -und Harmonie!“ Welch tiefes Verständnis besaß er für -die großen, ewigen Wahrheiten! -</p> - -<p> -Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen -Monarchen hat er ja auch, wenigstens zum Teil in einem -seiner Gedichte zum Ausdruck gebracht, das du übrigens -selbst unter seinen nachgelassenen Werken abgedruckt hast. -Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und -die Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht -verstanden. Ich will dir hier des Rätsels Lösung geben. -Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus, die unter -dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr -Ursprung ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine -Abendgesellschaft statt, eine von jenen Gesellschaften, zu -denen, wie bekannt, nur wenige Auserwählte aus unserer -Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen befand sich -an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits -in den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte -lange Zeit nicht erscheinen. Er hatte sich in den andern -Flügel des Schlosses zurückgezogen, die erste freie -Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die -Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in -die Lektüre versenkt, während im Saale schon längst die -Musik schmetterte und die Tänze hin und her wogten. -Er erschien erst ziemlich spät beim Ball, während auf -seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke nachzitterten. -Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller -Stimmungen wurde von keinem beachtet; auf Puschkins -Seele aber machte es einen tiefen Eindruck; die Frucht -dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode, die ich hier -noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige -Strophe: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> - <p class="verse">Lang hieltest Zwiesprach’ du mit dem Homer allein,</p> - <p class="verse">Lang harrten wir auf dein Erscheinen,</p> - <p class="verse">Und aus der Ätherhöh’ stiegst du im Strahlenschein,</p> - <p class="verse">Durch das Gesetz uns zu vereinen.</p> - <p class="verse">Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl</p> - <p class="verse">Dir gotteslästerliches Singen</p> - <p class="verse">Beim wüsten Zechgelag’, du sahst uns blind und toll</p> - <p class="verse">Um unsern neuen Götzen springen.</p> - <p class="verse">Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen</p> - <p class="verse">In deinem Blick voll Hoheitsschimmer;</p> - <p class="verse">Und da verfluchtest du den kindisch blöden Wahn,</p> - <p class="verse">Schlugst deine Tafeln jäh in Trümmer.</p> - <p class="verse">Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Höhen wolkenfern</p> - <p class="verse">Stiegst du ins Tal, das wolkenlose.</p> - <p class="verse">Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern</p> - <p class="verse">Dem Bienensummen um die Rose.</p> - </div> - <div class="stanza trn"> - <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Aber lassen wir die Person Nikolaus’ II. beiseite und -sehen wir zu, was der Monarch im allgemeinen als -Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die Pflicht hat, das ihm -anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in dem -Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht -hatte, ihn mit dem alten Freunde Gottes, mit Moses -zu vergleichen? Der Mensch, auf dessen Schultern -das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt -ist, der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für -sie, die er Gott gegenüber auf sich genommen hat, -von jeder Verantwortlichkeit vor den Menschen befreit -ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung -leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -und so schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief -unten stehender Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, -dem inmitten aller Sinnengenüsse und Zerstreuungen -die ewige, nie verstummende Stimme Gottes in den -Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht, -der darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses -verglichen werden, der darf, wie er, seine Tafeln in -Trümmer schlagen und das leichtsinnige, gaukelnde -Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben, -wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, -unruhig und eitel um seine von ihm selbst geschaffenen -Götzen springt. Aber was Puschkin so tief bewegte, das -war neben allem andern jene höchste Bedeutung der -Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche -der Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies -Flehen war kein Schrei nach der ewigen Gerechtigkeit, -vor der kein Mensch dieser Erde zu bestehen -vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, -göttlichen Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere -Pflichtvergessenheit, unser ungeduldiges Murren und -unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles, was ein -Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger -alle Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns -allen entfernte und sich über alles Irdische erhob, um -sich gerade dadurch allen um so mehr zu nähern, allen -gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen herabzusteigen -und allem verständnisvoll zu lauschen: vom -Donner des Himmels und der Lyra des Dichters bis -herab zu unseren unscheinbarsten Freuden und Vergnügungen. -</p> - -<p> -Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -nachdem er sich selbst die Frage gestellt hatte, was -denn diese Macht eigentlich sei, vor der Größe und Erhabenheit -der sich seinem Geiste aufdrängenden Antwort -in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im -Auge zu behalten, daß das derselbe Dichter ist, der -so ungeheuer stolz auf die Unabhängigkeit seines Geistes -und auf seine persönliche Würde war. Niemand hat so -gesungen wie er: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein Denkmal hab’ ich mir errichtet ohnegleichen;</p> - <p class="verse">Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad,</p> - <p class="verse">Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen,</p> - <p class="verse">Die sich Napoleon errichtet hat<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>.</p> - </div> - <div class="stanza trn"> - <p class="verse"><span class="line1">(Nach Fiedler.)</span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -An den „Ruhmeszeichen Napoleons“ bist freilich du -schuld, aber selbst wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen -Fassung erhalten geblieben wäre, sie wäre dennoch -ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß -Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen -gekrönten Häuptern überlegen fühlte, doch tief im -Innern empfand, wie klein und gering sein Beruf -im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und -daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter -ihnen zu beugen, die der Welt die ganze Größe und -Erhabenheit ihres Amtes vor Augen geführt haben. -</p> - -<p> -Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen -durchschaut, indem sie erkannten, daß sie unweigerlich -zuletzt ganz in der reinsten <em>Liebe</em> aufgehen, und -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -daß es so allen offenbar werden müsse, warum der -Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes -Land vorerst nur instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des -Herrschers wird allmählich auch in Europa in derselben -Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin, -in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem -Volk zu erwecken. Schon vernimmt man den Schrei -der Seelennot, an der die ganze Menschheit und beinahe -jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten -winden sich alle in ihrem Schmerz und -wissen sich selbst nicht zu helfen: jede äußere Berührung -ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein; jedes Mittel, -jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen -rauh und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser -Schrei wird schließlich so laut werden, daß selbst das -gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen wird, und -ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten -Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe -wachrufen, wie sie bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann -wird der Mensch von Liebe zu allem, was menschlich -ist, entbrennen — von einer gewaltigen Liebe, wie er -noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns -gewöhnlichen Menschen aber wird keiner die ganze Kraft -dieser Liebe in sich verwirklichen können, sie wird eine -Idee, ein Gedanke bleiben und nie ganz zur Tat werden; -nur die können völlig von ihr durchdrungen werden, -denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt -ward, alle Menschen zu lieben, wie wenn sie ein einziger -Mensch wären. Wenn so der Fürst von Liebe für -jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und -Stand ergriffen werden, und alles, was da lebt, -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -gleichsam zu seinem eigenen Fleisch und Blut machen -wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden, Tag -und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen -und für es beten wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige -Stimme der Liebe lebendig werden, die der leidenden -Menschheit allein verständlich ist, die ihre Wunden nicht -schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen -Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen -wohlgeordneten Chor harmonisch zusammenklingender -Stimmen verwandeln kann. Nur da wird ein Volk ganz -gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen -wird — ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, -Der selbst die Liebe ist. In Europa ist es niemand in -den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung, die höchste -Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner, -die Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer -nur die eine Seite der Sache in Betracht gezogen, nämlich -die, daß der Monarch der höchste Beamte des -Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und -daher wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution -verhalten sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen -sollen], wenn die sich täglich ändernden Umstände -es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu erweitern -oder zu beschränken; dadurch aber wird dort -der Fürst seinem Volk und umgekehrt das Volk seinem -Fürsten gegenüber in eine sonderbare Lage versetzt; beide -betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei Gegner, von -denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich -reißen will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht -die Rechtsgelehrten die höchste Bestimmung des Monarchen -erkannt; — die Dichter haben Gottes Willen mit -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische -Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu -begründen, daher nehmen ihre Töne einen biblischen -Charakter an, sobald ihr Mund das Wort „Zar“ ausspricht. -Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter -sind, weil jede Seite unserer Geschichte zu deutlich -von dem Willen der Vorsehung spricht: diese monarchische -Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und vollkommensten -Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die -sich von der Invasion der Tataren ab in unserem -Vaterlande abgespielt haben, zielen deutlich darauf hin, alle -Macht in der Hand eines einzigen zu vereinigen, um -diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen -Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle -aufs tiefste zu erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von -uns mit jener höheren Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne -die der Mensch sich selbst nicht verstehen, sich nicht selbst -das Urteil sprechen, und nicht den Kampf gegen Unwissenheit -und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie -ihn der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; -auf daß nachher, wenn jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung -erfaßt und alles sich seiner Kraft bewußt -ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte -in der Hand voraustragend, sein ganzes von <em>einem</em> -Geiste beseeltes Volk mit sich reißen und jenem höchsten -Lichte entgegenführen könne, nach dem sich Rußland -so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare -Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen -gesenkt ward, noch ehe sich dem Herrscher selbst und -seinen Untertanen die volle Bedeutung dieser monarchischen -Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches Geschlecht -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie -das der Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein -hohes Werk der Liebe. Der letzte und geringste der -Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben und -hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit -diesem reinen Opfer ein unzerreißbares Band zwischen -dem Herrscher und seinem Volk gestiftet. Die Liebe ist -uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat eine -tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem -Zaren erzeugt. [Und so haben sich Herrscher und Untertanen -miteinander verschmolzen und sind so sehr eins -geworden, daß es uns allen heute als ein großes Unglück -erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan -vergessen und sich von ihm abwenden oder der -Untertan seinen Herrscher vergessen und sich von ihm -lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes -gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern -Fürstengeschlechts zum Ausdruck! Wie unbegreiflich -ist diese Erhebung eines ganz unbekannten Jünglings -auf den Thron, wo doch Männer aus den -ältesten Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle -Männer, die ihr Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, -ein Trubetzkoi oder endlich eine Reihe von Fürsten, -die in direkter Linie von Rjurik abstammten, daneben -standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen, -und es erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht -<em>einer</em> wagte es, seine Rechte geltend zu machen! Und -solches geschah in jener finsteren Zeit der Wirren, wo -jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von Anhängern -um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt? -Einer, der in weiblicher Linie ein Verwandter -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -jenes Zaren war, der noch vor kurzem die Erde -in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter -den Bojaren, denen er nachgestellt und die er verfolgt -hatte, sondern auch im Volk, das kaum etwas von ihm -zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort im -Schwange blieb: „Der Kopf war gut, gottlob, daß -er in der Erde ruht.“] Und trotz alledem beschlossen alle, -von den Bojaren bis zum letzten Habenichts herab einstimmig, -daß der Thron ihm gehören solle. Solche -Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, -daß die Lyrik unserer Dichter, die doch die wahre ganze -Bedeutung des Königs aus den Büchern des Alten -Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen -Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich -äußern sehen konnten — wie kannst du glauben, -daß die Lyrik unserer Dichter nicht voller biblischer Anklänge -sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte -nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu -verleihen: dazu bedarf es einer vollen und festen, aus -der Vernunft stammenden Überzeugung, und nicht allein -eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls; sonst müßten -ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in -deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem -Gefühl deiner liebenden Seele hingabst. Nein, es ist -etwas Starkes, Hartes, ja fast zu Starkes in unseren -Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht besitzen. -Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch -nicht, daß es überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt -doch berücksichtigen, daß du ja nicht alle Züge des -russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben sich -viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -stark in die Breite entwickelt, daß sie den andern keinen -Raum zum Wachstum ließen, und so stellst du eigentlich -eine Ausnahme von jenem allgemeinen russischen -Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und -zarten Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene -starken und satten Züge dagegen, bei denen den ganzen -Menschen etwas wie ein Schauder und Schrecken überläuft, -sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der -Quell und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede -ist. Diese Lyrik vermag sich für nichts mehr zu begeistern, -als für ihren höchsten Quell, d. h. für Gott allein. -Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die -vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, -wenn es nicht den Abdruck des Göttlichen an sich trägt. -Wer nur ein Fünkchen von dieser lyrischen Stimmung -besitzt, der besitzt trotz aller Unvollkommenheiten und -Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel, vor -dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen -läßt, was einem Dank oder einer Anerkennung von -seiten der Menschen ähnlich sieht. Seine eigene edelste -Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen -Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste -über jeden Lohn erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins -Tode hat man Näheres über seine wahren Beziehungen -zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, -das zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden. -Er hat bei Lebzeiten nie mit jemand von den -Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten, und er hat klug -daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem -vielen kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener -Reklameartikel, in denen man Pomaden usw. anpreist, und -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -nach all den heftigen ungezogenen und zornigen Ausfällen -aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz aufgehört -hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen -zu glauben — war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten: -man hätte ihm am allerehesten den Vorwurf -der Bestechlichkeit gemacht und ihn verdächtigt, daß er sich -von Habgier und von einem selbstsüchtigen Interesse leiten -lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem -Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in -ganz Rußland finden, der es wagt, Puschkin einen -Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst irgendeines -Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum -eines hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder, -auch der nicht fähig ist, mit seinem eigenen Verstande -in das Wesen der Sache einzudringen, doch an sie glauben -und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich -sagen: „wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das -sicherlich die lauterste Wahrheit.“] Die königlichen Hymnen -unserer Dichter haben selbst Ausländer durch ihre erhabene -Form und ihren hohen Stil in Staunen gesetzt. -Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen -darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem -Augenblick ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert -gegen uns und ganz Paris über uns empört war. Trotzdem -aber hat er feierlich erklärt, daß in den Oden und -Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines, -sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar -danach hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute -gefallen wollte, seine Ehrfurcht vor dem vornehmen -edlen Charakter unserer Schriftsteller ausgesprochen. -Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen wirklich -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken -klarsten Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie -uns oft ihre geistigen Porträts hinterlassen, die freilich -den Eindruck einer Selbstverherrlichung machen würden, -wenn nicht das ganze Leben des Dichters eine Bestätigung -ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine Zukunft -denkt, sagt er -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und meinem Volke bleib’ ich lange lieb und teuer,</p> - <p class="verse">Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt,</p> - <p class="verse">In grauser Zeit durchglüht sein Herz mit Freiheitsfeuer</p> - <p class="verse">Und den Gefallnen nie verdammt.</p> - </div> - <div class="stanza trn"> - <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort -zu erkennen, wie treu dies Porträt ist. [Wie lebhaft -konnte er werden, wie konnte er sich begeistern, wenn -es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten -zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu -reichen. Wie ungeduldig wartete er auf den Augenblick, -wo der Zar ihm gnädig gestimmt war — nicht etwa, -um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen -— nein, um ein Wort für einen Unglücklichen oder -Gefallenen einzulegen. Ein echt russischer Zug.] Denke -nur an jenes rührende Schauspiel, wenn das ganze Volk -zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien -antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! -der eine Speise und Trank, der andere etwas -Geld, ein dritter ein christlich mildes Trostwort. Da -gibt es nichts von Haß gegen den Verbrecher, auch -nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden -machen will, sich seine Unterschrift oder ein Bild von -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -ihm zu verschaffen sucht, oder ihn neugierig anstarrt, -wie dies wohl im aufgeklärten Europa vorkommt. -Dies ist etwas Größeres: es ist auch nicht der Wunsch, -ihn zu entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit -zu entreißen; es ist der Wunsch, seinen sinkenden Mut zu -heben, ihn zu trösten, wie ein Bruder den Bruder -tröstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trösten. -</p> - -<p> -Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser -Neigung, den Gefallenen wieder zu erheben. Daher -pochte auch sein Herz so stolz und stürmisch, als er davon -hörte, daß der Monarch nach Moskau kommen -wolle, während dort die Cholera wütete. — Eine Regung -wie diese hatte wohl noch kein Monarch gezeigt; und -so konnte sie der Anlaß zu jenen wundervollen Versen -werden: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Beim Himmel, wer so kalt und fest</p> - <p class="verse">Dem schwarzen Tode kann begegnen</p> - <p class="verse">Um andrer willen, ist ein Held.</p> - <p class="verse">Ihn wird der Himmel ewig segnen,</p> - <p class="verse">Wie auch der Spruch der blinden Welt</p> - <p class="verse">Mag lauten ....</p> - </div> - <div class="stanza trn"> - <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug -aus dem Leben eines anderen Monarchen: Peters des -Großen, verherrlicht. Denke an das Gedicht: „<em>Das Fest -an der Newa</em>“, wo er erstaunt fragt, was wohl -der Anlaß zu jenem ungewöhnlichen lauten Jubel, jener -Feier im Hause des Zaren sein mag, von der ganz -Petersburg und die ganze Newa widerhallt, die vom -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Kanonendonner erschüttert wird. Er zählt alle Ereignisse -auf, die das Herz des Zaren erfreut haben mögen und -der Anlaß zu diesem großen Jubelfeste sein könnten; -er fragt sich: ist dem Zaren ein Thronerbe geboren, -feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag, -triumphiert der Zar über einen unbesiegbaren Feind, -oder ist die Flotte, für die der Zar eine besondere Leidenschaft -hatte, im Hafen eingelaufen? Und er antwortet -auf alle diese Fragen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weil zum Feind er stieg hernieder</p> - <p class="verse">Und begrub uralten Groll,</p> - <p class="verse">Schäumen Becher, tönen Lieder,</p> - <p class="verse">Ist der Zar so freudenvoll,</p> - <p class="verse">Herrschet Jubel in den Hallen,</p> - <p class="verse">Rauscht das Fest am Newastrand.</p> - <p class="verse">Und Kanonenschüsse schallen</p> - <p class="verse">Donnernd durch das weite Land.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Puschkin allein konnte die ganze Schönheit einer solchen -Handlung empfinden. Seinem Untertan nicht nur -vergeben können, sondern diese Tat, diesen Akt der -Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg über einen -Feind — das ist ein wahrhaft göttlicher Zug. Nur -im Himmel ist man solcher Handlungen fähig. Nur -dort ist mehr Freude über die Reue eines Sünders -als über einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen -Heerscharen nehmen an dem himmlischen Festmahle -Gottes teil. Puschkin war ein Kenner alles -Großen im Menschen, für das er ein tiefes Verständnis -hatte, und wie hätte es auch anders sein können, -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -wenn die innere Vornehmheit ein charakteristischer Zug -fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist höchst merkwürdig, -daß die Schriftsteller in allen anderen Ländern -wegen ihres persönlichen Charakters nicht die volle -Achtung der Gesellschaft genießen. Bei uns ist es gerade -umgekehrt. Bei uns wird selbst ein Mensch, der -kein Schriftsteller, sondern ein bloßer Pfuscher ist, der -nicht allein keine schöne Seele hat, sondern sich bisweilen -sogar recht gemeine und niedrige Handlungen zuschulden -kommen läßt, im Innern Rußlands durchaus nicht für -einen gemeinen Menschen gehalten. Im Gegenteil, in -allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den -Schriftstellern hören, lebt etwas wie eine innere Überzeugung, -daß der Schriftsteller ein höheres Wesen ist, -daß er unbedingt ein edler Mensch sein muß, daß sich -vieles für ihn nicht schickt und daß er sich manches -nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer -unserer Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat -war, während der Wahlen zur Adelsversammlung seine -Stimme einem Menschen, der kein ganz reines Gewissen -hatte — da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn, -tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: „Und das will -ein Schriftsteller sein!“ -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-12"> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -<span class="line1">XI</span><br /> -<span class="line2">Diskussionen</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Brief an L***</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Streit um den Grundcharakter unserer europäischen -und slawischen Natur, der, wie du sagst, -bereits in unsere Salons einzudringen beginnt, -beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen, -aber noch nicht ganz erwacht sind; daher ist es gar nicht -verwunderlich, daß auf beiden Seiten viel törichtes Zeug -zusammengeredet wird. All diese Slawisten und Europäisten -— Altgläubige und Neugläubige — Östlinge und -Westlinge — (was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir -nicht zu sagen, weil sie mir bis jetzt nur eine Karikatur -auf das zu sein scheinen, was sie wirklich sein wollen) — sie -alle sprechen von zwei ganz verschiedenen Seiten derselben -Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar nicht -widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum -Streit für sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor -einem Gebäude und sehen nur einen Teil von ihm, die -andern stehen zu weit und sehen die ganze Fassade, können -aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen. Natürlich -ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen -und Östlinge, weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, -und folglich vom Ganzen und nicht von den Teilen -reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben -bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -gewissen Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der -Mauer reden, die sie unmittelbar vor Augen haben; ihr -Fehler besteht nur darin, daß sie über dem Giebel, der -diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau -ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen -Teile, nicht sehen. Man könnte den einen den Rat -geben, doch, wenn auch nur für einen Augenblick, -etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig -zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, -weil der Geist des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder -von beiden ist überzeugt, daß das Recht ganz und ausschließlich -auf seiner Seite, und das Unrecht ganz und -ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr -Hochmut auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, -jeder von ihnen bildet sich ein, er habe Amerika entdeckt, -und macht aus jeder Mücke, die er findet, einen Elefanten. -Natürlich bringen sie mit solch trotzigen Großsprechereien -die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles -schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits -mancherlei kennen lernen, wovon sie früher nie etwas -gehört haben, und sich nur noch dagegen sträuben, weil -sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern nachgeben -wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander -nicht gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons -und die Zeitschriften beschränkten. Das Schlimme ist, -daß zwei entgegengesetzte Anschauungen, die noch so -wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe -vieler Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen -beginnen. Man hat mir erzählt, es käme vor — und dies -sei besonders dort der Fall, wo ein Amt oder wo die Macht -in den Händen zweier Personen liegt — daß ein Vorgesetzter -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und -zu regieren sucht, während der andere ganz im altrussischen -Geist zu wirken und alle alten Einrichtungen zu befestigen -strebt, die in einem absoluten Gegensatz zu denen -stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und daraus -erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten, -nur Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen -sollen. Und da beide Ansichten, trotzdem sie so -extrem sind, noch keinem völlig klar sind, machen sich, -wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze. -Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich, -sei es unter der Maske eines Slawophilen oder Europaschwärmers -— wie sich’s trifft — d. h. je nachdem was -dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches -Pöstchen zu ergattern und dort entweder als Verteidiger -der alten Sitten oder als Vorkämpfer einer neuen Ordnung -allerhand Durchstechereien zu verüben.] Diese -Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der -sich klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag -sich doch die Jugend zuerst gründlich austoben: das ist -ihre Sache. Glaube mir, es ist nun einmal so und -muß auch so sein, daß sich die größten Schreier gründlich -sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen -einmal gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam -zu, wenn sich die Menschen um dich herum -streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit. -Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr -vernünftig, und ich bin sogar überzeugt, daß du dies -besser machen wirst, als ein großer Schriftsteller. Nur -um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur in -Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -bewahre dich vor jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei -dem unbedeutendsten Ausdruck. Zorn ist nie am Platze, -am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr gutes -Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, -daß du kein Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann -in vorgeschrittenem Alter bist. Einem jungen Mann -stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu zürnen: -wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher -Leute etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann -heftig wird, wird er ganz einfach häßlich und wird von -den jungen Leuten verspottet und lächerlich gemacht. -Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: „Dieser -häßliche, alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er -auf der Bärenhaut gelegen und nichts getan und nun -tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten Vorwürfe -wegen ihres schlechten Lebenswandels.“ Aus dem Munde -eines alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute -und polternde Worte kommen. Ein Geist reinster Milde -und Sanftmut muß die hohen Reden des Greises durchwehen, -so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung -finden und das Gefühl haben, daß jede Rede -hier unziemlich wäre und daß ein ergrautes Haupt etwas -Ehrwürdiges habe. -</p> - -<p class="year"> -1844. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-13"> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -<span class="line1">XII</span><br /> -<span class="line2">Der Christ schreitet vorwärts</span><br /> -<span class="line3">An Schtsch—w</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> Freund! Halte dich nicht für mehr, als -für einen Lehrling und für einen Schüler. -Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um -noch zu lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon -die rechte Reife und den höchsten Grad der Entwicklung -erreicht und daß dein Charakter und deine Seele schon -ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr -besser werden können. Für einen Christen gibt es keine -vollendete Lehrzeit, er bleibt ein ewiger Lehrling, ein -Schüler bis zum Grabe. Nach dem gewöhnlichen Lauf -der Dinge erreicht der Mensch seine höchste Verstandesreife -mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und -vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein -wenig aufwärts; jenseits dieser Altersgrenze aber gibt -es kein Fortschreiten mehr und wird alles, was der -Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser, sondern -sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht -hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, -und wo für die andern die Grenze der Vollkommenheit -liegt, da beginnt der Weg erst für den Christen. Die -begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie -das vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde -und schwach. Nimm alle Philosophen und die größten -weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit fällt in die -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt -ihr Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie -sogar häufig in Kindheit zurück. Denke zum Beispiel -an Kant, der während seiner letzten Jahre fast gänzlich -das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb. -Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst -sehen, daß sie an Verstand und Geisteskräften erstarkten, -je gebrechlicher sie wurden und je mehr sie sich dem -Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von Natur -keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren -und ihr ganzes Leben lang für einfältig und dumm -galten, setzten die Menschen später durch die Weisheit -ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? -Weil sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die -jeder andere Mensch nur während seiner Jugendjahre -besitzt, wenn er von Heldentaten träumt, denen der -Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in -rosige Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes -haben. Versinken aber diese Fernen erst einmal -und mit ihnen die Heldentaten — so erlischt auch -die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber -strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets -unvergängliche Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling -sehnt er sich nach den Kämpfen des Lebens; ihm fehlt -es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und -anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter -Blick, der immer an Schärfe und Klarheit zunimmt, -ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen und Fehler -aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher -können auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder -schwächer werden, sie werden vielmehr unaufhörlich geweckt, -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -und der Wunsch, besser zu sein und sich den -himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn, -wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in -seiner unersättlichen Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, -weswegen der Christ noch weiter fortschreitet, wenn die -andern Menschen bereits Rückschritte machen, und warum -er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet. -</p> - -<p> -Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in -uns. Er hat lediglich polizeiliche Funktionen; er kann -nur die Dinge ordnen und jedem Ding seinen Platz anweisen, -das bereits in uns liegt. Er selbst aber schreitet -nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in -uns, aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. -Abstrakte Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium -aller Wissenschaften tragen nur sehr wenig zu seiner -Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie ihn sogar und -hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er -ist weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie -die Leidenschaften in uns zu toben beginnen, wird -er blind und töricht; ist unsere Seele dagegen ruhig und -von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt auch -er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft -ist ein weit höheres Vermögen; aber sie wird nur -durch den Sieg über die Leidenschaften erworben. Nur -solche Menschen haben sie besessen, die ihre eigene Selbsterziehung -nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft -setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten -und vorwärts zu streben. Es gibt ein noch -höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und diese kann -uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem -von uns bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -keinem von uns angeboren, sondern ist ein Geschenk der -höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon Verstand -und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch -erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in -heißem Gebet bittet, sie ihm herabzusenden, daß er seine -Seele bis zur reinsten unschuldigsten Güte und Milde -erhebt und alles in sich nach bestem Vermögen reinigt -und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in -sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen -noch keine Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und -wo noch nicht alles ganz einträchtig und harmonisch zusammenklingt. -Wenn jedoch die Weisheit das Haus betritt, -dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, -und er lernt die ganze wundersame Süßigkeit -kennen, die darin liegt, ein Schüler zu sein; die ganze -Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter den Menschen -kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten -Rat weiß er die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; -das törichteste Ding wendet ihm seine tiefste, klügste -Seite zu, und das ganze Weltall liegt vor ihm, wie ein -offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle andern -wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als -den andern wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß -er ein Schüler ist. Sollte ihn jedoch auch nur für -einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine Lehrjahre -beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er -sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt -fühlen, so wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen -werden, und er wird im Dunkeln zurückbleiben, wie -König Salomon in seinen letzten Tagen. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-14"> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -<span class="line1">XIII</span><br /> -<span class="line2">Karamsin</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Brief an N. M. Jasykow</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins -geschrieben hat, mit großem Vergnügen -gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl -der Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch -<a id="corr-5"></a>der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen -Ausfälle fehlen hier ganz, und auch der Stil hat nichts -von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr schadet. -Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt, -geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus -Karamsin sind so klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen -ganz durch sich selbst beleuchtet wird, -er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich -mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit -dem Leser lebendig vor Augen. Denn Karamsin ist in -der Tat eine außergewöhnliche Erscheinung. Unter unseren -Schriftstellern ist er sicherlich der, von dem man mit -dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe -ganz erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben -und für die fünf Talente, die ihm verliehen waren, noch -fünf neue hinzuerworben! Karamsin war der erste, der -den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei uns -unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster -Bürger unseres Staates geachtet werden kann. -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Er hat zuerst feierlich verkündet, daß die Zensur einem -Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß sie, -wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen -Streben nach dem Guten beseelt sei, daß dieses Streben -seine ganze Seele erfüllt, ihm in Fleisch und Blut -übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, -nie zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er -überall Freiheit genießen könne. Er hat das ausgesprochen -und bewiesen. Kein Mensch hat eine so kühne -und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum -seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken -brauchte, trotzdem sie durchaus nicht in allen Punkten mit den -Anschauungen der damaligen Regierung übereinstimmten, -und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er allein -ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller! -Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, -die da behaupten, man könne in Rußland nie die ganze -Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn im Auge! -Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, -daß sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch -die hochmütigen Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit -zum Ausdruck bringen, und deren maßlose Heftigkeit -nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten verworrenen -Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich -noch und sind sie empört, daß niemand ihre Wahrheit -anerkennen und anhören will! Nein, man muß -ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, -dann erst hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: -dann werden uns alle anhören, vom Zaren bis -herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird uns -mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -in keinem Lande der Welt einem parlamentarischen -Redner und Verteidiger der Bürgerrechte und keinem der -hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite -der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit -solch einer Liebe und Hingebung vermag eben nur unser -herrliches Rußland zuzuhören [von dem man sich erzählt, -daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt]. -</p> - -<p class="year"> -1846 -</p> - -<h2 class="letter" id="part-15"> -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -<span class="line1">XIV</span><br /> -<span class="line2">Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von der Einseitigkeit überhaupt</span><br /> -<span class="line3">An den Grafen A. P. T...</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst -seit kurzer Zeit so einseitig geworden; und Sie -sind es nur deshalb geworden, weil ein Mensch, -der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie -sich jetzt eben befinden, nicht anders als einseitig werden -kann. Sie denken nur noch an das Heil und die -Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den Weg -nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, -Ihr Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt -für sündhaft und für ein Hindernis auf dem Wege zu -Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht strenger sein, -als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das -Theater ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin -eine Stütze für Ihre Ansicht, daß auch einige Geistliche, -die Sie kennen, gegen das Theater eifern: und sie -haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken -Sie einmal etwas tiefer darüber nach: <em>sind Sie -wirklich</em> gegen das Theater oder nur gegen jene -Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die Kirche -wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum -überall zur Annahme gelangt war, gegen das -Theater, das war zu einer Zeit, als das Theater noch der -einzige Zufluchtsort des von überall vertriebenen Heidentums -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale war. -Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so -mächtig gegen das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben -sich geändert. Die ganze Welt hat sich erneut durch -das Heraufkommen junger und frischer europäischer Völker, -deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher -Grundlage begann, und nun waren es die heiligen -Männer selbst, die das Theater wieder begründeten und -einführten: an den geistlichen Akademien wurden Theater -gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit -Recht zu den heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete -selbst Stücke, die zur Aufführung bestimmt waren. -Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater. Man -kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen -schlechten Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. -Man muß einem Ding jedoch stets auf den Grund -gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und es -nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm -hergestellt wurden. Das Theater ist durchaus keine -geringe Sache und keine unwichtige Angelegenheit, wenn -man berücksichtigt, daß es eine große Menge von fünf- -bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen Räumen -aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze -Menge, in der die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander -gemein haben, plötzlich von einer großen Erschütterung -ergriffen werden, in einem einzigen Augenblick -in <em>einen</em> Strom von Tränen oder in ein einziges -allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein -Katheder, von dem aus man der Welt sehr viel Gutes -sagen kann. Sie müssen freilich einen Unterschied machen -zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren Theater -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen -und all jenem Flitter und falschen Prunk der -Ausstattungsstücke, die nur für das Auge berechnet -sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem -korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das -eigentliche Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem -hohe Tragödien und Komödien aufgeführt werden, muß -in völliger Unabhängigkeit von allen anderen Künsten -dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare -mit Tänzern und Tänzerinnen in weißledernen Hosen -unter einen Hut bringen zu wollen. Welch eine Kombination! -Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist -der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas -hat man das begriffen: dort gibt es eigene Theater -für die Werke der höheren dramatischen Kunst, und -nur diese Theater werden von der Regierung subventioniert. -Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, -ob es nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen -Kunst so zur Aufführung zu bringen, daß das -Publikum auf sie aufmerksam würde und daß die wohltätige -moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern -ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, -Sheridan, Molière, Goethe, Schiller, Beaumarchais, sogar -Lessing, Regnard und viele andere unter den Dichtern -zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert -haben nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, -unsere Achtung vor den großen Gegenständen zu verringern; -in ihren Dichtungen sind nicht die leisesten -Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken -der fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die -sich mit politischen Fragen beschäftigten und die Saat -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -der Mißachtung gegen das Heilige ausstreuten. Wenn -auch bei jenen einmal Hohn und Spott aufblitzen, so -richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung, Verdrehung -der Wahrheit und niemals gegen das, was die -Wurzel aller menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, -ihre Liebe für das Gute ist selbst dort noch streng und -deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben funkelnder -Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen -dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft -klassischen Stücke, die sich mit dem Wesen und mit der -Seele der Menschen beschäftigen, müssen dazu führen, -daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen und -in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere -unmerklich innerlich kräftigen und befestigen, während -diese Flut von leichten und nichtssagenden Stücken, von all -diesen Possen und schlecht durchdachten Dramen bis hinauf -zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und -zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig -macht. Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen -glänzender Gegenstände in Anspruch genommen -wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen ablenken -und zerstreuen, wird Christus nicht so bald -auf ihrem Wege begegnen. Sie ist noch zu weit -von den himmlischen Wahrheiten des Christentums -entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor -finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare -Leiter reicht, die zum Christentum emporführt, und wenn -man sie nicht auf einen höheren Platz geleitet, von dem -aus sie den unendlichen Horizont des Christentums -besser überschauen und alles besser erkennen kann, was -ihr früher gänzlich unverständlich war. In der Welt -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -gibt es vielerlei, was allen, die sich vom Christentum -entfernt haben, als Leiter dienen kann, die sie unsichtbar -zum Christentum emporleitet, darunter auch das Theater, -wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden -könnte. Man müßte die vollkommensten Werke aller -Zeiten und Völker in ihrer ganzen strahlenden Schönheit -zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja -so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und -dasselbe Werk fortwährend wiederholen. Und das ist -sehr wohl möglich. Man kann allen Stücken ihre Frische -und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle interessieren, -die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht, -sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß -sie veraltet sind und daß das Publikum den Geschmack -an ihnen verloren hat. Das Publikum ist gar nicht so -launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin -man es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre -üblen Melodramen vorsetzen würden, würde das Publikum -auch keinen Geschmack an ihnen finden und nicht -nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste -Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird -das Publikum in Scharen herbeiströmen. Molière wird -ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare wird es mehr -locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine -solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, -und diese Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler -und dem allerersten und tüchtigsten Schauspieler, der sich -in der ganzen Truppe findet, anvertraut werden. Auch -soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen, irgendeinen -Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, -sondern er soll alles allein machen und allein über alles -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -verfügen. Es muß sogar besonders dafür gesorgt werden, -daß die ganze Verantwortlichkeit ihm allein zufalle; man -muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum sämtliche -Nebenrollen — und zwar eine nach der anderen — spielen -lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige -Vorbilder vor Augen zu stellen; denn diese studieren ihre -Rollen nach toten Vorbildern, die durch eine dunkle -Überlieferung bis auf sie gekommen sind, sie schöpfen -ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches -lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung -untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen -Schauspieler kann das Publikum anlocken und es reizen, -sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal nacheinander -anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin -oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher -noch niemals gespielt haben! Wenn dann ein solcher -erstklassiger Schauspieler auf seine alte Rolle zurückkommt, -nachdem er sämtliche anderen Rollen gespielt hat, wird -er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von -seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; -das Stück aber wird durch diese Vollkommenheit der -Darstellung — etwas bisher völlig Unerhörtes — für -den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es -gibt nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, -als jene vollkommene Ausgeglichenheit und -Übereinstimmung aller Teile, wie sie ihm bisher nur in -der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester -entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu -bringen vermag, daß ein Werk der dramatischen Kunst -häufiger hintereinander gegeben werden kann, als die -beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -die in Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele -sind weit mannigfaltiger, als die Töne der Musik. Ich -muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur dann möglich, -wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, -wie es sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit -für das Repertoire einem erstklassigen Schauspieler zufällt, -d. h. wenn die Tragödien von dem ersten tragischen -und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler -inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung -des Ganzen innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich -weiß, wieviel Leute es bei uns gibt, die bei jeder Sache -dabei sein wollen und sich überall herandrängen. Sowie -irgendein Posten geschaffen wird, der mit irgendwelchen -Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein -Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher -er plötzlich kommt, das weiß Gott allein: es ist, wie -wenn er plötzlich aus dem Wasser emporgetaucht wäre; -er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal zwei vier -ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere -und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann -fängt er allmählich an, sich in alles hineinzumengen, -bis schließlich alles in Unordnung gerät. Diese Sekretäre -sind wie ein unsichtbarer Mottenschwarm; sie haben alle -Berufe und Ämter unterwühlt, und das Verhältnis -zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und -den Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich -verwirrt und verschoben. Wir haben uns erst neulich -über alle Berufe und Ämter unterhalten, die es in unserem -Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt innerhalb -der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, -daß sie gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -gewissermaßen wie durch die Hand des Höchsten dafür -geschaffen sind, um allen Bedürfnissen unseres Staatslebens -zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem -wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen -andern darum zu wetteifern schien, die Grenze der ihm -gezogenen Berufspflichten zu zerstören oder sich völlig -über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz kluge und -ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um -ein Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer -Tätigkeit überschreiten, weil sie glaubten, daß sie selbst und -ihr Beruf hierdurch vornehmer und edler werden müßten. -Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von den -höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre -aber haben wir vergessen, und gerade sie neigen -am meisten dazu, die Grenzen ihres Berufs zu überschreiten. -Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit zu -leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen -Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines -solchen Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen -bedarf und wo ihm diese Vermittlung übertragen wird, da -beginnt er, wichtig zu tun; er tut dem Untergebenen -gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre, -er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang -auf sich warten, kurz: statt den Untergebenen den -Zutritt zu ihrem Vorgesetzten zu erleichtern, trägt er nur -dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und dies alles -geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines -Sekretärs einen Schein von Vornehmheit zu geben. -Ich habe sogar einige treffliche und gescheite Leute gekannt, -die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in meiner -Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -erröten mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken -ein Stümper gegen sie. Dies alles wäre übrigens -noch nicht so schlimm, wenn es nicht so viele traurige -Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche -Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten -lediglich wegen der Niedertracht eines Sekretärs, -der die gleiche Achtung für sich in Anspruch nahm, die -sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich, wenn -ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, -daß er ihn zu verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine -schlechte Meinung von ihm beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten -Mittel bediente, deren nur ein ehrloser Mensch -fähig ist. In den Departements für die schönen Künste -usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees -oder eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze -steht, und da gibt es meist keinen Sekretär, der die -Rolle eines Vermittlers spielt: da hat er lediglich die Verfügungen -anderer schriftlich zu fixieren oder er hat die Geschäftsführung -und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen -aber kommt es doch auch dort vor, daß er sich -dort infolge der Trägheit der Mitglieder oder aus irgendeinem -andern Grunde immer tiefer einnistet und die -Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen -Leiters an sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel -los: der Zuckerbäcker fängt an Stiefel zu machen und -der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler erhält -Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; -es erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt -nicht verstehen kann, wozu sie erlassen worden ist. Oft -wundert man sich, wie ein Mensch, der doch bis dahin -ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes Schriftstück -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran -beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an -die kein Mensch auch nur denken konnte, wie das Sprichwort -sagt: Ein Schreiber hat’s hingeschmiert, dem der -Name Hündchen gebührt.] -</p> - -<p> -Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung -und Ausführung in den Händen eines höchsten -Meisters dieser Kunst liegen [und nicht in den Händen -irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der Verwaltung -des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. -Nur der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst -erteilen, da er allein alles kennt, was dazu erforderlich -ist, und kein anderer. Nur ein erstklassiger Schauspieler, -der ein wirklicher Künstler ist, kann eine gute Auswahl -von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen -sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben -geleitet werden müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige -Leseproben und Probeaufführungen des ganzen Stückes -zu veranstalten. Er wird es dem Schauspieler nicht -einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu -lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler -das Ganze zusammen einstudieren und daß jeder seine -Rolle ganz von selbst während der Proben lernt und -im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände selbst, -durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße -Berührung mit ihm unwillkürlich den richtigen und -seiner Rolle angemessenen Ton trifft. Dann kann auch -ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen: solange -die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, -können sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. -Hier erfüllt sich jeder, ohne selbst zu wissen, -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -wie es geschieht, mit Wahrheit und Natürlichkeit, sowohl -in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton der -Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist -die Frage in einem geschwollenen hochtrabenden Ton -gehalten, so wird auch die Antwort hochtrabend sein; -stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort -einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste -Mensch ist imstande, eine passende Antwort zu geben. -Aber wenn der Schauspieler seine Rolle zu Hause auswendig -gelernt hat, dann wird seine Antwort geschwollen -und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort -wird er nie wieder loswerden können. Du wirst nie -einen andern aus ihm machen, kein Wort, keinen Tonfall -wird er von dem besseren Schauspieler lernen; die -ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter -denen sich der von ihm dargestellte Charakter bewegt, -werden stumm für ihn bleiben, und auch das Stück -wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er -wird sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur -ein Schauspieler, der ein wahrhafter Künstler ist, hat -ein Gefühl für das Leben, das in einem Stück pulsiert, -und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen -Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden -wird, nur er allein hat den richtigen Maßstab für -die Veranstaltung der Proben, wie sie geleitet werden -müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und wieviel -Proben genügen, um das Stück dem Publikum in -wirklicher Vollendung vorzuführen. Man muß es nur -verstehen, diesen Schauspieler und Künstler dazu zu bewegen, -daß er sich dieser Sache wie seiner eigensten -intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -daß das seine Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen -Kunst dies von ihm fordert — so wird er es tun, so -wird er es durchführen, weil er seine Kunst lieb hat. -Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, -daß auch der unbedeutendste Schauspieler seine -Rolle gut spielt, und wird seine eigene Aufgabe in der -strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er wird nie -dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf -die Bühne gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es -nur darum zu tun ist, daß möglichst viel Geld in die -Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird es nicht -dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das -Stück ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen -Druck auf die ihm anvertrauten Schauspieler auszuüben, -sie zu tyrannisieren und zu schikanieren, [wie das Leute -aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht auf den -Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies -nicht erlauben. [Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär -dagegen wird dreist und ruhig eine Gemeinheit begehen, -da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was -davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten -zuschulden kommen läßt, weil er ja eine -Null ist, die niemand beachtet. Wenn sich dagegen ein -Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes zuschulden -kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines -Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer -wichtig, daß bei jeder Sache die Hauptlast der Verantwortung -auf einen Mann fällt, den bereits jeder -in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, -der zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner -Kunst lebt und aufgeht, dessen höchstes Lebenselement -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er wacht und -die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das -Theater eine Pflanzstätte des Lasters werde. — Also: -die Schuld liegt nicht beim Theater. Man reinige das -Theater erst einmal von all dem Schutt und Plunder, -der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber -urteilen, was das Theater ist. Ich habe hier nicht -deshalb die Sprache aufs Theater gebracht, weil ich durchaus -vom Theater sprechen wollte, sondern deshalb, weil -man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf -alle Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, -die darunter zu leiden haben, daß man ihre eigentliche -Bedeutung verfälscht und verdreht, und da es ja überhaupt -viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung -haben, gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln -oder, wie es im Sprichwort heißt, „das Kind mit -dem Bade auszuschütten“<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> lieben, so wird vieles, -was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte, -vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker -sind, sind ein Krebsschaden für die Gesellschaft; -wehe dem Lande oder dem Staat, in dem solche -Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. -Sie wissen nichts von christlicher Demut und von Zweifeln -an sich selbst; sie sind fest davon überzeugt, daß -die ganze Welt lügt und nur sie allein die Wahrheit -reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein -wenig mehr acht auf sich! Sie befinden sich gerade -in diesem gefährlichen Zustande. Es ist ein Glück, -daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie -nicht mit der Verwaltung eines Amtes betraut sind: -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Sie, den ich als Menschen kenne, der dazu befähigt -ist, die schwierigsten und verantwortlichsten -Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil -und Unordnung anrichten, als der unbegabteste von -allen unbegabten Menschen. Nehmen Sie sich auch -mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie -nicht wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male -alles, was es auf der Welt gibt, vernichten möchten, -da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es ist ihr -Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas -Ähnliches hat sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. -Da sind plötzlich Leute erschienen und haben öffentlich -in der Presse erklärt, Puschkin sei ein Deist und kein -Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele hineingeblickt -hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet -gewesen wäre, in seinen Gedichten von den -höchsten Dogmen des Christentums zu sprechen, wozu -sich selbst ein Priester der Kirche nur mit großer Angst -und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich durch -einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet -hat! Nach der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten -und erhabensten Ideen des Christentums in Reimform -bringen und sie wohl gar zu einer Art Versspiel -machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es -nicht wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins -Innerste durchdrungen war, in Verse zu kleiden, und -daß er es vorzog, allen denen, die sich bereits sehr weit von -Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse zum Höchsten -zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von -Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, -dem Christentum völlig zu entfremden. Ich kann gar -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -nicht verstehen, wie es einem Kritiker auch nur einfallen -konnte, in der Presse ganz offen und vor allen Leuten -eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, -seine Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, -wo doch selbst die Zensur laut Vorschrift verpflichtet -ist, wenn der Sinn eines Werks nicht ganz klar aus -dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte -und einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig -für den Autor ist, und nicht eine falsche und gekünstelte, -die dem Autor schaden muß. Wenn das sogar der -Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm -sein und schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit -hat, sich vor dem Publikum zu rechtfertigen, um -wieviel mehr muß sich die Kritik das zum Gebot machen, -die selbst über die unbedeutendsten Motive und -Handlungen Aufklärung geben und sich ihretwegen -rechtfertigen kann! Öffentlich erklären, ein Mensch sei -kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi, indem -man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf -beruft, daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen -sei, wie doch jeder von uns ihnen erliegt — ist das -etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns ist denn -dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich -auch dem Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ -sei. Ich kann sagen, ein Christ könne nicht mit solcher -Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um ein Urteil -in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein -kennt und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser -Verstand nur bei einem ganz reinen heiligen Leben der -vollen Klarheit teilhaftig und dazu befähigt wird, einen -Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der Lebenswandel -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht so -ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er -sich entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens -anzuklagen, wie des, er wolle Gott nicht in der Gestalt -anerkennen, in der ihn uns Gottes Sohn selbst, -der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, anzubeten -geboten hat, — denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. -Er wird ferner erklären: in der Poesie ist noch -vieles ein Geheimnis; es ist schon nicht leicht, über -einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu fällen, und -erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen -Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, -der selbst etwas vom Geist der Poesie in sich trägt und -beinahe ein dem Dichter selbst ebenbürtiger Dichter ist -— wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk oder jede -Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem -Maße mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst -ein umfassendes und endgültiges Urteil fällen darf. -Kurz, der Christ wird in erster Linie Demut üben, die -sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen -kann, daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in -Puschkin zu reden, deren Sinn noch dunkel ist und auf -zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden kann, wird -ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar -sind, die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus -seiner schwärmerischen Jugendzeit stammen. Er wird -sein gewaltiges Gedicht „An einen Kirchenfürsten“ anführen, -in dem Puschkin von sich selbst redet und sagt: auch in den -Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben -dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick -des Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> - <p class="verse">Da traf dein Wort mich wundereigen</p> - <p class="verse">Mit überirdischer Gewalt,</p> - <p class="verse">Und meine Finger ließen schweigen</p> - <p class="verse">Die Saiten, die wie Hohn geschallt.</p> - <p class="verse">Mein Herz in seinem tiefsten Horte</p> - <p class="verse">Schlug reuekrank, gewissenswund;</p> - <p class="verse">Beim Chrysam deiner duft’gen Worte</p> - <p class="verse">Ward es zu neuem Sein gesund.</p> - <p class="verse">Aus deiner Geisteshöhe reichst du</p> - <p class="verse">Mir deine Hand zur Stütze nun;</p> - <p class="verse">Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du</p> - <p class="verse">Den Sturm — und meine Sinne ruhn.</p> - <p class="verse">Das ewig Wahre, ewig Schöne</p> - <p class="verse">Durchflammt das Herz mir im Gebet;</p> - <p class="verse">Stumm hört des Seraphs Harfentöne</p> - <p class="verse">Im heiligen Schauder der Poet.</p> - </div> - <div class="stanza trn"> - <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen -wird, der ein wahrhafter Christ ist! Dann wird seine -Kritik einen Sinn erhalten und Gutes stiften: damit -wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn sie -wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all -die verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen -seiner Zeit umfaßte, Fragen, die noch so unklar und verworren -sind, die uns so weit von Christus entfernen, -wie selbst solch ein Mensch in seinen besten Momenten, -in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung -und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums -über alles stellte. Was aber hat die Kritik jetzt für -einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut sein, -daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -und Argwohn gegen Puschkin in ihre Seelen -sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den klügsten Menschen -seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das -Christentum negiert — einen Menschen, zu dem das -geistige Rußland wie zu seinem Führer emporschaut, -der alle andern Menschen weit hinter sich gelassen und -überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter -und unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher -nicht gelingen konnte, einer solchen Lüge Eingang zu -verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte hinterlassen, -die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, -was hätte er anderes tun können, als Unglauben statt -Glauben zu verbreiten?] So Schlimmes kann man anrichten, -wenn man einseitig ist! Lieber Freund, Gott -bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch -überall nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner -amtlichen Tätigkeit, in der Gesellschaft — kurz überall! -Ein einseitiger Mensch ist von sich selbst überzeugt, ein -einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger Mensch macht -sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie -das rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann -kein wahrer Christ sein; er kann bloß ein Fanatiker sein. -Einseitigkeit im Denken ist nur ein Zeichen dafür, daß -der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, -daß er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum -unserm Geist Vielseitigkeit verleiht. Mit einem -Wort: Gott bewahre Sie vor der Einseitigkeit! Bewahren -Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding -und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich -entgegengesetzte Seiten haben kann, von denen Ihnen -eine noch nicht bekannt ist. Theater und Theater — -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim -Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch -was anders, ob man in Entzücken gerät, wenn eine -Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst hoch in die Höhe -schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen wird, -wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde -Rede die höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer -Höhe steigert. Ein andres sind die Tränen, die ein -fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem er sein -Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich -höre, heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, -die nicht Musiker sind, und ein andres sind die -Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen, wenn -er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis -ins Innerste erschüttert wird und dann nach Verlassen -des Theaters mit neuer Kraft, noch ganz unter dem -Eindruck dieser Darstellung einer heroischen Handlung -stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein -Freund. Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu -zerstören und zu vernichten, sondern um [nach dem -eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken — -selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum -Bösen gewandt haben. Es gibt kein Werkzeug in der -Welt, das nicht dem Dienste Gottes geweiht wäre. Alle diese -Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen die Heiden -ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des Königs -David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in -Israel herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß -dieselben Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen -waren, nun zu Seinem Preis und Ruhme tönten. -</p> - -<p class="year"> -1845. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-16"> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -<span class="line1">XV</span><br /> -<span class="line2">Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit</span><br /> -<span class="line3">Zwei Briefe an N. M. Jasykow</span> -</h2> - -<h3 class="no" id="chapter-16-1"> -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -I. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ein</span> Gedicht „Das Erdbeben“ hat mich entzückt. -Auch Schukowski war ganz davon begeistert. Dies -ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von -deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische -Gedicht. Welch eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis -der Vergangenheit zu nehmen und in die Gegenwart -zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter, -der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von -uns, was auch sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag, -sie in diesem furchtbaren Jahr, wo die ganze Welt in -ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst -wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar -machen sollte. -</p> - -<p> -Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. -Deine an den Dichter gerichteten Worte: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und bring den angsterfüllten Menschen</p> - <p class="verse">Gebete mit aus Bergeshöhn</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt -sich das Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige -Zeit bietet gerade dem lyrischen Dichter die -günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire -kann man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen -und Nachbildungen der Wirklichkeit, wie sie sich -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -dem Auge moderner, weltlich gerichteter Menschen darstellt, -kann man niemand aus dem Schlummer wecken: -die heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden. -Nein, finde in der Vergangenheit ein Ereignis, wie es -sich auch heute ereignen könnte, führe es uns plastisch -vor Augen und triff es im Angesichte aller mit deinem -Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne -Gottes getroffen ward; geißle die Gegenwart in der -Vergangenheit, und eine doppelte Kraft wird von deinem -Worte ausgehen: die Vergangenheit wird dadurch lebendiger -werden, und wie ein Schrei wird dir’s aus der -Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament -auf: du wirst jedes Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin -wiederfinden; klarer wie der Tag wird’s dir daraus -entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott lag, -und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht -an ihr geschildert, daß die Gegenwart erbeben -muß. Du besitzest alle Mittel und Fähigkeiten dazu: -in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende -Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen -müssen erhoben werden, die andern bedürfen der Ermahnung -und des Tadels. Alle die müssen erhoben -werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken, die -sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen -ins Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des -göttlichen Zornes und der unendlichen Leiden, die keinen -verschonen, noch den Mut haben, sich wilden Ausschweifungen -und einem schmählichen Jubel hinzugeben. -Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, -wie die in die Luft geschriebenen Buchstaben, -die während des Festmahls des Belsazar aufflammten -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe jemand -ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch -wünschest, daß dich alle noch besser verstehen, dann erfülle -dich mit biblischem Geiste, laß dir von ihm gleichwie -von einer Fackel voranleuchten und steige hinab bis -in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff in -ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe -damit in uns das Gefühl für das, was unsere Schmach -noch weit schmachvoller erscheinen läßt. Dein Vers wird -nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du -nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm -Farben verleihen, er allein wird dich in die rechte Stimmung -versetzen und dich mit Begeisterung erfüllen. Aus -allen unseren Chroniken dringt er uns förmlich wie etwas -Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch: -„Empfang beim Zaren“ in die Hand. Hier sind schon -allein die Ausdrücke und die Namen der fürstlichen -Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und Edelsteine ein -wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit -förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten -unserer Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein -Geschenk, da ist alles groß, kernig und gleich einer -Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer als die -Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, -deinen Vers mit solchen Worten zu schmücken, — wirst -du den Leser völlig in die vergangenen Zeiten zurückversetzen. -Als ich drei Seiten aus diesem Buche gelesen -hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener vergangenen -altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat -andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen. -</p> - -<p class="year"> -1844. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-16-2"> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -II. -</h3> - -<p class="noindent"> -Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck -deines bereits erwähnten Gedichts: „Das Erdbeben“. -Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht liegen! -Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich -mit dem Geist des russischen Altertums und suche mit -seinem Lichte in die Gegenwart einzudringen. Es gibt -noch ungeheuer viel Gegenstände, die du bearbeiten -solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst. -Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner -Poesie gesagt, sie entstamme einer Begeisterung, die kein -Objekt hat. Es ist eine Schande, seine lyrische Kraft in -blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie dir doch -dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke -wegzuwälzen. Blick’ um dich! alles ist jetzt Gegenstand -für den lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt -förmlich nach einem lyrischen Mahnruf, wo du hinblickst, -überall siehst du jemand, der ermahnt oder ermutigt -und ermuntert sein will. -</p> - -<p> -So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen -Mahngedicht den Klugen ins Gewissen, die den Mut -sinken ließen. Du wirst Eindruck auf sie machen, wenn -du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d. h. -wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem -Trübsinn hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding -ist, das zu nichts nütze ist, was auch immer die Ursachen -der Trübsal und der Entmutigung sein mögen; -denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -wirst den echten russischen Mann zum Kampf gegen -Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit aufrufen und ihn über -alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der Erde erheben, -wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht -und erhoben hast. -</p> - -<p> -Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch -schlummernden schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett -vom Ufer zu, auf daß er seine arme Seele rette. Schon -hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird er -ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten -Schicht der Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; -schon locken ihn Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, -und schon sieht man ihn täglich einem betäubenden -einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm -unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch -geworden und ist kaum noch etwas wie eine Seele in -ihm. Schrei auf zu ihm wie aus tiefster Not; laß das -Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie sie auf -ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück -Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und -die uns keinen Fetzen eines Gefühls wieder zurückgibt. -O wenn du ihm doch das sagen könntest, was mein -Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, -den dritten Teil meiner „Toten Seelen“ zu schreiben! -</p> - -<p> -Stell’ in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer -neuesten Schlages, wie sie in unseren Tagen ihr Wesen -treiben, an den Pranger: ihren verfluchten Luxus, ihre -schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit ihrer -Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte -Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche -Luft, die sie dort atmen; auf daß sie jedermann, -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -ohne sich umzusehen, meide und eilenden Fußes -entfliehe, wie vor der Pest. -</p> - -<p> -Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen -bescheidenen Arbeiter, der — ein Ruhm und eine Ehre -des edlen russischen Wesens — mitten unter den waghalsigsten -dreistesten Wucherern lebt und der in seiner -Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort -nicht, wo sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche -ihn, seine Familie, sein edles Weib, das lieber -selbst in einer altmodischen Haube einhergeht und sich -dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr -Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell’ -ihre herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen -aufstrahle wie ein Heiligtum, und daß einen jeden die -Sehnsucht nach ihr ergreife. -</p> - -<p> -Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, -wie er nur aus russischen Landen hervorgehen kann, -der plötzlich aus seinem schmählichen Schlummer erwacht, -sich gänzlich verwandelt und mit einem Schlage ein anderer -wird: der offen und vor aller Welt seine Schlechtigkeit und -seine abscheulichen Laster verflucht und der gewaltigste -Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig’ uns, -wie sich diese ungeheure gewaltige Tat in der echten -russischen Seele vollzieht, aber stell’ es so dar, daß die -russische Seele in jedem von uns unwillkürlich erbebt -und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände ausrufen -muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen -wird, daß auch er dasselbe vollbringen kann. -</p> - -<p> -Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für -einen lyrischen Dichter — ein ganzes Buch würde kaum -genügen, um sie aufzuzählen, geschweige denn ein Brief. -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Alle wahrhaften russischen Gefühle verkümmern, und es -ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es schlummert -unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut -und unsere Entschlossenheit zur Tat, es schlummert -unsere unerschütterliche Kraft und Stärke, es schläft -unser Verstand, der völlig von den Interessen eines -mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert -wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung -aufgedrängt worden und als Begleiterscheinung aller -möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen bei uns -eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und -geh hin und rüttle auch die andern aus dem Schlummer -auf. Wirf dich vor deinem Gott auf die Knie -und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und -Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich -ist, und Liebe — für die arme Menschenseele, -die alle mit Verderben bedrohen und die er selbst zugrunde -richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du -schon finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze -werden aus deinem Munde zucken, wie aus dem der -alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich ihnen -zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit -deines innersten Wesens machen, wenn du nur gleich -ihnen Asche auf dein Haupt streuen, deine Kleider zerreißen -und Gott weinend darum anflehen wirst, die -Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung -deines Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen -wirst, wie sie die Errettung ihres von Gott -erwählten Volkes herbeigesehnt haben. -</p> - -<p class="year"> -1844. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-17"> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -<span class="line1">XVI</span><br /> -<span class="line2">Ratschläge</span><br /> -<span class="line3">An S. P. Schewyrew</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ndem</span> wir andre belehren, lernen wir selbst. Während -dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch -noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich -genötigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten, -wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie -mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen -nahe stehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. -Sie alle wandten sich, wie von einem -dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat -und Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe -Verwandtschaft die Seelen der Menschen miteinander verbindet. -Man muß nur selbst ernsthaft gelitten haben, -um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu -sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: -auch unser Verstand wird klarer; die Lage der Menschen -und ihre Berufstätigkeit, in die man bisher keinen Einblick -hatte, werden einem plötzlich deutlich und verständlich, -und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf. -Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe -von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt -waren, und daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, -die ich früher nie hätte erteilen können. Und dabei bin -ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch. -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind -und die sehr viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten -als ich, aber sie tuen es dennoch nicht und wissen nicht -einmal, wie man so etwas macht. Gott ist groß, und -Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber -macht Er uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir -zu entfliehen suchen und vor dem wir uns verbergen. -Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch Kummer -und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben -sollen, die wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. -Wer sich jedoch bereits ein solches Körnchen erworben -hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es vor den -anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht -mehr unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; -und alle Gaben Gottes werden uns deshalb -verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren Mitbrüdern -dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend -belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und -stehe andern mit Rat und Belehrung zur Seite. Wenn -du jedoch willst, daß das auch dir zugleich von Nutzen -sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich -es mir von nun ab für immer zum Gebot meines -Handelns gemacht habe. Jeden Ratschlag und jede Belehrung, -die du jemand erteilst, sei es selbst einem -Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht -und mit dem du nichts gemein haben kannst, richte zugleich -an dich selbst, und was du dem andern geraten -hast, das rate dir selbst; was du an einem andern zu -tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum -Vorwurf. Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, -und ich weiß nicht einmal, ob es einen Fehler gibt, den -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte, wenn man nur -tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei zweischneidig. -Selbst wenn du dich einmal über einen -Menschen ärgerst und ihm zürnst, so zürne zugleich dir -selbst, wenn auch nur deswegen, weil du einem andern -zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen! Lasse -dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung -mußt du Egoist sein. Der Egoismus ist gar keine so -häßliche Eigenschaft. Die Menschen hätten ihm bloß -keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt -dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere -dich vor allem um dich selbst und dann erst um die -andern; suche zuerst selbst besser und reineren Herzens -zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern -besser und reiner werden. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-18"> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -<span class="line1">XVII</span><br /> -<span class="line2">Über die Aufklärung</span><br /> -<span class="line3">An W. A. Schukowski</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! -Ich danke dir für alles. Am Grabe des Herrn -will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft -verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, -das du in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. -Glaube und laß dich nicht irremachen in deinem Herzen. -Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so erscheinen, -als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie -kämest. Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, -und du wirst es dort ruhiger haben, als hier. Weder -der sinnlose Lärm des leeren Weltgetriebes noch das ewige -Wagengerassel wird dich beunruhigen; rücksichtsvoll wird -man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst. -Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um -dich zu besuchen — ein alter Freund, oder ein Mensch, -den du bisher noch nicht kanntest, so wird er dir zuvorkommen -und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu -machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu -rauben. Bei uns versteht man sich darauf und weiß -man sehr gut, wie man einen Menschen ehrt, der -seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben -so einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne -seine Fähigkeiten einschlafen zu lassen, ohne sich sein -Leben lang je einen Augenblick der Trägheit hinzugeben, -wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten hat, -während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -ausgegeben haben und während die Jungen -gebrechliche Greise geworden sind, der hat Anspruch auf -Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau leben wie -ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des -Greises lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. -Deine Odyssee wird von großem Nutzen für die allgemeine -Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird -dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit -unseres Lebens und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine -Frische wiedergeben, durch sie wird er vieles in einem neuen -Lichte sehen, was er als alten Plunder, der keinen Wert -für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird -ihn der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber -nicht weniger, wenn nicht noch mehr gute Früchte -werden die Werke bringen, auf die dich Gott selbst hingewiesen -hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. -Auch sie werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. -So laß denn den Mut nicht sinken und schaue fest und -ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht schrecken durch -die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. -Es gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit -allem versöhnt und alles zur Eintracht bringt, und die -bisher noch nicht alle sehen — unsere Kirche. Doch -schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen Besitz zu -nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen -zu lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für -ein Leben in wahrhaft russischem Sinne und Geiste, und -zwar in jeder Beziehung und jeglicher Rücksicht: sowohl -für das staatliche wie für das gewöhnliche Familienleben -bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition -für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -richtigen Weg. Meiner Ansicht nach ist schon der bloße -Gedanke, unter Ignorierung unserer Kirche Reformen -in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen dazu -erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar -unsinnig, wenn wir selbst unserer Denkweise allerhand -aus Europa stammende Gedanken aufpfropfen wollten, -ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe sie -vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst -sehen, du wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland -mit einem Schlage von allen — von den Gläubigen -wie von den Ungläubigen — zugegeben werden und -wie unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, -dastehen wird. Es war wohl der Wille der -Vorsehung, daß so viele von einer unerklärlichen Blindheit -geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden der -Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann -erkenne ich die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, -daß Er zuerst eine vorübergehende Spaltung innerhalb -der Kirche geschehen ließ, der einen gebot, unbeweglich -und gleichsam in einer großen Entfernung und Entfremdung -von den Menschen zu verharren, und bestimmte, -daß die andere in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen -werde, daß Er der einen gebot, keine Reformen -oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den -heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums -und von den ersten Vätern der Kirche eingeführt wurden -— während Er die andere hieß, sich in stetigem -Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten -der Menschen anzupassen und alle möglichen -Neuerungen durchzuführen, selbst solche, die von sündhaften -und lasterhaften Priestern ausgingen, daß Er die -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen -die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen -ließ, daß Er die eine hieß, sich gleich der bescheidenen -Maria aller Sorgen um das Irdische zu entschlagen -und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf -daß sie sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe -sie hinginge, es anzuwenden und es den Menschen zu -verkünden, der andern dagegen gebot, gleich der sorgsamen -Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die -Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig -durchdachten Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte -das bessere Teil erwählt; sie lauschte lange und aufmerksam -den Worten des Herrn und ertrug geduldig -die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar -erdreistete, sie einen <em>toten</em> Leichnam zu nennen, sie -des Irrglaubens zu beschuldigen und ihr vorzuwerfen, -daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es ist nicht leicht, -Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte -sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür -hat sich in unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere -erwachende Gesellschaft bedarf. Sie ist Steuer und -Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der Dinge, -und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt -in sie versenke, um so mehr wundere ich mich, welch -erstaunliche Möglichkeiten für eine Versöhnung der Widersprüche -in ihr liegen, die die römische Kirche nicht -zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische -Kirche mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte -Ordnung der Dinge; sie konnte vielleicht zur -Not die Welt lenken und sie mit Christus aussöhnen, -solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer -so vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und -aller ihrer Fähigkeiten — der guten sowohl wie der bösen -— gelangt ist, jetzt kann die römische Kirche die Menschen -Christus nur entfremden: je mehr sie um den Frieden -und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, -da sie mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, -die Dinge, so wie sie sich heute darstellen, von allen -Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber klar, daß -sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, -die von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch -keineswegs durch die Heiligkeit ihres Lebenswandels der -höchsten und allumfassenden christlichen Weisheit teilhaftig -geworden waren, sich ihren Blick für die Welt und -das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen -vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das -Leben gibt es jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, -die offenbar für eine spätere und höhere Entwicklungsstufe -der Menschheit prädestiniert ist. In ihr kann sich -nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch -sein Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten -frei entfalten. Sie ist nur Weg und Richtung, um alle -Kräfte und Vermögen der Menschen in einem einmütigen -Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. -Freund, laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen -Verhältnisse noch siebenmal verwickelter wären — unsere -Kirche wird sie alle entwirren und zur Versöhnung -bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, beginnen -selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, -bereits etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, -in dem unsere Rettung liegt, — der sich mitten -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -unter uns befindet und den wir nicht bemerken. Dieser -Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein Glanz -wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht -mehr fern. Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort -Aufklärung im Munde, und dabei haben wir es uns -nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und -was es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, -es existiert nur bei uns. Aufklären<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> heißt nicht belehren, -unterweisen, bilden oder gar erleuchten, sondern den -Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all seinen -Kräften und Vermögen <em>durch</em>leuchten, nicht nur seinen -Verstand; heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes -Feuer hindurchgehen lassen. Dieses Wort stammt aus -dem Sprachschatz unserer Kirche, die es bereits gegen -tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und -trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie -von allen Seiten umwogen, und sie weiß, warum sie -es braucht. Nicht umsonst hebt der Oberpriester beim -Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der -heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das -Sinnbild Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt -als Gott und Mensch zu uns auf die Erde herabgestiegen -ist, mit beiden Händen empor, weiht alle mit ihnen und -spricht: „Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret alle!“ -Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der -Messe in kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, -die Worte an eines jeden Ohr: „Das Licht der Aufklärung!“ -ohne daß etwas anderes zu ihnen hinzugefügt würde. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-19"> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -<span class="line1">XVIII</span><br /> -<span class="line2">Vier Briefe an verschiedene Personen über die „Toten Seelen“</span> -</h2> - -<h3 class="no" id="chapter-19-1"> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -I. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> haben unrecht, sich so über den maßlosen -Ton aufzuregen, in dem manche Angriffe gegen -die „Toten Seelen“ geschrieben sind: das -hat auch seine gute Seite. Mitunter brauchen wir -Menschen, die über uns empört sind. Wer ganz von -der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht die -Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt -und gegen uns erbittert ist, der wird versuchen, alles -Häßliche, allen Unrat in uns aufzuwühlen und ihn so -deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen müssen, -ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten -die Wahrheit zu hören, daß man schon um eines kleinen -Körnchens Wahrheit willen die Kränkung verzeihen sollte, -die in dem Ton liegt, in dem sie ausgesprochen wird. -In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois -steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben -wird, ich solle zuerst einmal Russisch lernen und -dann Bücher schreiben. In der Tat, wenn ich mich -mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt -hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, -so hätte ich wohl selbst gesehen, daß das Buch unter -keinen Umständen in einem so rohen und unordentlichen -Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die Epigramme -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, -hatte ich nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus -nicht gefielen und mir keineswegs angenehm waren. -O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe und Stöße, -wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften -aufs tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! -Auf dem Grunde unserer Seele liegt soviel kleinliche -armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht verletzter Ehrgeiz -verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten -und mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt -werden sollten, ja wir sollten uns stets dankbar über -die Hand freuen, die uns züchtigt. -</p> - -<p> -Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, -die nicht von Literaten, sondern von Menschen -herrühren, deren eigentliches Tätigkeitsfeld das Leben -selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat sich — abgesehen -von den Literaten — wie zum Tort für mich -auch nicht ein einziger geäußert. Und doch haben die -„Toten Seelen“ viel von sich reden gemacht und viel Unwillen -erregt; sie haben viele durch Spott und Karikatur -und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten -getroffen; sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder -täglich vor Augen hat, obwohl sie freilich andererseits -auch wieder voller Fehler, Versehen und Anachronismen -sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände -kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht -manch Anstößiges und Verletzendes aufgenommen; -ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand tüchtig dafür -ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die -Wahrheit sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch -nur eine Menschenseele ihre Stimme erhoben hätte! Und -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und wieviel Gescheites -hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen -vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir -geschilderten Vorgänge nachweisen können, da er mir -nur zwei oder drei Vorgänge hätte vorzuhalten brauchen, -die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er mich -gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in -derselben Weise hätte er für die Wahrheit meiner -Schilderungen eintreten und den Beweis für sie erbringen -können. Durch Anführung einer Begebenheit, -die sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als -durch leere Worte und literarische Redensarten. Und -das gleiche hätte der Kaufmann, der Gutsbesitzer, kurz -jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist, -tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker -ist oder das weite russische Land in allen Richtungen -durchstreift. Hat doch ein jeder Mensch, auch wenn er -bereits eine eigene Ansicht über die Dinge besitzt, auf -der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, -auf die er durch sein Amt, seinen Beruf oder -durch seine Bildung gestellt ist, stets Gelegenheit, jeden -Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen, von der -ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die -„Toten Seelen“ könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein -zweites, unvergleichlich viel interessanteres Buch als die -„Toten Seelen“ selbst geschrieben werden; ein Buch, -aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung -schöpfen können, weil wir ja alle — wozu sollen -wir unsere Fehler verheimlichen! — weil wir Rußland -allesamt recht schlecht kennen. -</p> - -<p> -Ach wenn doch nur <em>eine</em> Seele ihre Stimme laut -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -und für alle vernehmbar erhoben hätte! Es ist fast so, -als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn Rußland tatsächlich -nicht von lebendigen, sondern nur noch von -„toten Seelen“ bewohnt würde. Und da wirft man -mir meine mangelhafte Kenntnis Rußlands vor! Wie -wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von allem -unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und -Enden Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet -sein, ohne daß mich jemand unterrichtet! Woraus aber -kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein Schriftsteller, der -schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer sitzenden -einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank -und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde -zu leben. Auf welche Weise soll ich mir diese Kenntnisse -verschaffen? Die Literaten und Journalisten können -mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch auch -Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat -überhaupt nur einen Lehrer: das sind die Leser selbst. -Die Leser aber haben sich geweigert, mich zu belehren. -Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor Gott werde -ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt -habe, wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere -die Verantwortung für mich werden übernehmen müssen. -Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott selbst weiß -es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage. -</p> - -<p class="year"> -1843. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-19-2"> -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -II. -</h3> - -<p class="noindent"> -Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden -in meiner Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. -Sie sind so unklar, haben so wenig Zusammenhang mit -den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers vorüberziehen, -sie passen so wenig zu dem Stil und der -Haltung des ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie -ihre Freunde und Verteidiger gleichermaßen irregeführt -haben. Alle Stellen, wo ich in ganz allgemeiner Weise -über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen; -ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu -meinen Gunsten auszulegen. Aber es geschieht mir ganz -recht! Unter keinen Umständen hätte ich ein Werk herausgeben -dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht schlecht, -jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet -war, gleich einem Anzug, den der Schneider -zur Anprobe mitbringt. Ich wundere mich nur, daß so -wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das Prinzip -des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits -der Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits -aber der Umstand schuld, daß wir nicht gewöhnt sind, -tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines Werkes -zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche -Teile im Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten -sind, wo der Verfasser sich selbst untreu wird und den -eigenen Ton, in dem er begonnen hat, nicht festhält. -Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte Hälfte -des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -daß sie viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten -und bedeutsamsten Momente in gedrängter Kürze dargestellt, -die unwichtigen und nebensächlichen weit ausgesponnen -sind, daß der Geist, der das Werk erfüllt, aus -ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit -der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so -mehr in die Augen fällt. Kurz, man hätte weit ernstere -und gediegenere Einwände machen, man hätte mich weit -heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und zwar -mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht -darum. Worum es sich hier handelt, das ist die lyrische -Episode, die den meisten Angriffen von seiten der Journalisten -ausgesetzt war und in der man Anzeichen einer -übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung -und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher -bei keinem Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier -jene Stelle aus dem letzten Kapitel im Auge, wo der -Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der Stadt erzählt, -seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße -läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich -unter dem Eindruck der Monotonie und der Einförmigkeit -seiner Umgebung, der öden und kalten Ungastlichkeit -des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das -von einem Meer zum andern durch das ganze weite -russische Land tönt, in einer lyrischen Apostrophe an Rußland -selbst wendet, es um eine Erklärung für das -unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters bemächtigt -hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als -heftete alles, jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand -seinen Blick auf ihn und als erwarte er etwas -von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie -doch weder das eine noch das andere sind. Sie sind -einfach ein ungelenker Ausdruck für ein echtes Gefühl. -Ich kann noch immer diese melancholischen Töne unserer -Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen -Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen -in meinem Herzen weiter, und ich bin erstaunt, daß -nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern empfindet. -Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und -ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer -aus den melancholischen Klängen unserer Lieder nicht -einen schmerzlichen Vorwurf gegen sich selbst, jawohl, -<em>gegen sich selbst</em> heraushört, der hat entweder seine -Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er -hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal -so, wie sie sich wirklich verhält. Schon sind beinahe -hundertundfünfzig Jahre verflossen, seit Kaiser Peter I. -uns mit dem reinigenden Feuer der europäischen Aufklärung -den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns -alle Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, -damit wir zur Tat schreiten sollten; noch immer aber -liegt unser weites Land ebenso öde, traurig und einsam -da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso unfreundlich -und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch -immer nicht bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen -Dach weilten, sondern irgendwo obdachlos auf -der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland kein -warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von -lieben Brüdern empfangen würden, es erscheint uns vielmehr -wie eine kalte vom Schneesturm verwehte Poststation, -aus der ein einsamer, gegen alles gleichgültiger -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets -die nüchterne trockene Antwort bereit hat: „Wir haben keine -Pferde!“ Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir -[oder die Regierung? Aber] die Regierung ist doch die -ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür zeugen -zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen -und Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter -Häuser, eine Menge neu herausgegebener Bücher, -eine Unzahl von Einrichtungen und Institutionen aller -Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen, Wohltätigkeitseinrichtungen, -kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von -keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. -Die Fragen kommen von oben, die Antworten von unten; -und mitunter ertönten von oben Fragen, die von ritterlichen -und hochherzigen Regungen vieler Herrscher Zeugnis -ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen -Interessen und gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt -haben. Und wie hat man von unten auf dies alles -geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines -Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung -zu geben, daß man sich ihn wirklich anzueignen -vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt. Eine Verordnung -mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt -sein, sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn -es unten an dem gleichen reinen Streben fehlt, sie in -die Tat umzusetzen und zwar in der Richtung, in der -es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die -nur <em>der</em> richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen -Geist vom Begriff der göttlichen — nicht der menschlichen -Gerechtigkeit erleuchtet ist. Ohne dies muß alles -eine schlimme Wendung nehmen. Ein Beweis dafür -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen -Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede -Verordnung zu umgehen, für die jede neue Verordnung -nur eine neue Einnahmequelle, ein neues Mittel ist, die -Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen -zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen -neuen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Mit -einem Wort, wohin ich mich wende, überall sehe ich, -daß <em>der</em> die Schuld trägt, der die Verordnungen durchführt, -d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er -entweder schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, -seinen Namen berühmt zu machen [oder einen Orden -zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt, oder er ist -schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut -russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht -nicht lange mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen -Übereifer nicht erst viel, worum es sich handelt, bemächtigt -sich sofort der Sache wie ein Sachverständiger und ist -dann — gleichfalls nach gut russischer Art — schnell wieder -abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht; -oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher -Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, -auf dem er einen so schönen Anlauf genommen hatte, -dem ersten besten Gauner abtritt, [damit der die Leute -gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von -uns genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine -Eitelkeit und all die kleinen Regungen eines übermäßig -empfindlichen Egoismus zum Opfer zu bringen und es -sich unweigerlich zum Gebot zu machen — seinem Vaterlande -— und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, -daß er seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -zu machen und nicht sich selbst. Statt dessen scheint der -Russe in der letzten Zeit es wie mit Vorbedacht darauf -angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen Punkten -und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und -überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es -viele Leute unter uns gibt, die nur getan haben, was -ihre Schuldigkeit war, und die offen vor der ganzen Welt -erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen -habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, -öden Raume sie vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit -ihnen zufrieden sind und nichts von ihnen erwarten. -Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr <a id="corr-6"></a>deutlich vernommen -habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch -in meinem bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte -sich etwas machen, etwas leisten lassen, was von wirklichem -und dauerndem Nutzen sein konnte. Was hat es -zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht -nach dem Guten lebendig war und daß ich nur aus -diesem Triebe heraus zur Feder griff? Wie habe ich -meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel gleich -dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den -Namen „Die toten Seelen“ trägt, hat es etwa den -Eindruck gemacht, den es hätte machen können, wenn -es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte geschrieben -werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, — -einfache und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, -nicht auszudrücken vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, -daß sie verkehrt aufgefaßt und daß ihnen ein -Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich ist. -Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine -Freunde oder die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -schnell verrauschenden Klängen ihre Freude haben, hätten -mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß ich durch -schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche -Lage gebracht worden sei und, da ich mir das Geld -für meinen Lebensunterhalt hätte erwerben müssen, genötigt -gewesen wäre, mich zu beeilen und mein Buch -zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, -seine Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei -Verhältnisse schwankend machen, der wird, wenn es nicht -anders geht, sogar lieber seine Hand ausstrecken und um -Almosen bitten, der wird sich um keinen schnell verklingenden -Spott und Tadel, geschweige denn um die -törichten Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft -kümmern. Der, der aus Rücksicht auf diese Anstandsregeln -der Gesellschaft eine Sache schädigt, die für sein -Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war -mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines -elenden Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, -daher schien mich ein jedes Ding in Rußland mit bitterem -Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des Höchsten hat -mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder -gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die -meine Seele mit solcher Melancholie erfüllten, versetzten -mich durch ihre gewaltige freie Ausdehnung und Geräumigkeit -— dies weite Feld für einen rastlosen Betätigungsdrang -— in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: „Sollte -nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich -weitet, auf daß er sich entfalte und ausbreite und frei -dahinschwebe,“ kam wirklich von Herzen. Diese Worte -wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus Prahlsucht -und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -gefühlt und fühle sie noch heute. In Rußland kann -man jetzt bei jeder Gelegenheit zum Helden werden. -Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen -Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines -Berufs und seines Amtes derart befleckt und herabgezogen -(denn jeder Beruf ist heilig), daß es wahrhaft -riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine -frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe -geschaut, die große Perspektive, die heute keinem andern -Volke offen steht und die sich allein vor dem russischen -Volke auftut, weil nur dies Volk einen so freien Spielraum -für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil -nur der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -— daher entrang sich meinem Herzen der Schrei, den -man für Prahlerei und Hochmut gehalten hat! -</p> - -<p class="year"> -1843. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-19-3"> -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -III. -</h3> - -<p class="noindent"> -Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher -und Menschenkenner, mir die gleichen törichten -Fragen vorlegen kannst, auf die sich alle anderen so -trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen bezieht -sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für -einen Sinn hat bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, -die du stellst, ist klug und deiner würdig, und ich wünschte, -daß auch andere Leute sie an mich gerichtet hätten, -obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig beantworten -kann; ich meine die folgende: woher es nur -komme, daß die Helden meiner letzten Werke, besonders -die der „Toten Seelen“, trotzdem sie nichts weniger als -naturgetreue Porträts von wirklichen existierenden Menschen, -und obwohl sie an und für sich sehr wenig sympathisch -und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe -stehen, wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt -gewesen wäre? Noch vor einem Jahr wäre es -mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu antworten. -Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden -meiner Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, -weil sie Schöpfungen der Seele sind; alle meine letzten -Werke sind Zeugnisse meiner seelischen Entwicklung. -Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich -dir eine Definition von mir als Schriftsteller geben. -Man hat viel über mich gesprochen und geschrieben -und die verschiedensten Seiten meines Wesens zu -ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -darum doch nicht zu bestimmen vermocht. Dieses -hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir immer, -noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so -hohem Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und -Plattheit des Lebens in so satten Farben zu schildern, -die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen Menschen -mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die -ganze Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen -entgeht, jedem deutlich in die Augen springt. Das -ist der Grundzug meines Wesens und er fehlt in der -Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich -mit der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere -geistige Momente mit ihm verbunden haben. Aber das -konnte ich damals nicht einmal Puschkin mitteilen. -Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den -„Toten Seelen“ offenbart. Die „Toten Seelen“ haben nicht -darum in Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und -so ein Aufsehen gemacht, weil sie irgendwelche furchtbare -Wunden oder innere Krankheiten an den Tag gebracht, -oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des -Bösen und von den Leiden der Unschuld entworfen -hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus keine -Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen -einzigen guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich -sicher mit ihnen allen ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und -Plattheit des Ganzen flößte dem Leser Schrecken ein. -Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war dieses, daß -bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als -der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche -Erscheinung, keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der -arme Leser hätte aufatmen und Mut schöpfen können, und -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen hatte, so -vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe -wieder in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir -eher vergeben, wenn ich lauter malerische Ungeheuer -gezeichnet hätte — die Jämmerlichkeit und Gemeinheit -hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe -erschrak, das war seine Nichtigkeit, sie war ihm -weit schrecklicher als all seine Mängel und Laster! Ist -das nicht eine außerordentliche Erscheinung? Fürwahr, -dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen -Ekel und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen -empfindet, in dem liegt sicherlich das Gegenteil von -aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen. Dies also ist -mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich -nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn -nicht meine eigene geistige Stimmung und meine inneren -Erlebnisse hinzugekommen wären. Keiner meiner Leser -wußte, daß er über mich selbst lachte, während er über -meine Helden lachte. -</p> - -<p> -Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine -übrigen Untugenden um Haupteslänge überragte, ebensowenig -wie ich irgendeine markante Tugend besaß, die -mir ein besonders interessantes Äußere verliehen hätte, -dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, -die es nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; -aber sie waren in mir in einer solchen Menge vertreten, wie -ich es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe. -Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er hat -mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, -der beste jedoch, für den ich ihm nicht genug -zu danken vermag, ist der Wunsch, <em>besser zu werden</em>. -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und wenn -es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, -daß sie sich nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, -statt sich mir plötzlich und mit einem Schlage -zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von Seinem -unendlichen Mitleid besaß, — dann hätte ich mich -sicherlich erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in -mir entdeckte, verstärkte sich durch eine wunderbare höhere -Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen -zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, -das mich dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. -Was dies für ein Erlebnis war, darfst du nicht -erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand nützen -könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem -Augenblick an begann ich meine Helden über ihre -Gemeinheit hinaus auch noch mit meinen persönlichen -Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah folgendermaßen: -ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei -mir selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem -anderen Berufe, Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte -es, sie als meine Todfeindin darzustellen, die -mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte sie -mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig -war. Wenn jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine -Feder im Anfang für mich selbst erschuf, er hätte vor -Entsetzen gezittert. Ich brauche dir nur zu erzählen, daß -Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der „Toten -Seelen“ vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich -ihm etwas vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), -immer finsterer und finsterer wurde, bis sich sein -Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte. Als ich geendigt -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der -Stimme: „Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist -doch unser Rußland.“ Dieser Ausspruch überraschte mich. -Puschkin, der Rußland so gut kannte, hatte nicht bemerkt, -daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt -meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte -ich, was eine Sache bedeutet, die einem aus dem Herzen -geflossen ist, was geistige Wahrheit ist und in was -für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die -Finsternis und den furchtbaren <em>Mangel an Licht</em> darstellen -kann. Seit dieser Zeit dachte ich nur noch daran, -wie ich den niederschmetternden Eindruck mildern könnte, -den die „Toten Seelen“ hervorrufen konnten. Ich sah, -daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es -besser ist, es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, -die in alle Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte -ich sehen, was die Russen sagen würden, wenn man -ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen -führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, -brauchte ich für meinen ersten Teil lauter kleine -und armselige Menschen. Diese elenden Menschen sind -jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen Personen, -ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, -die sich für besser halten, als die anderen; allerdings -habe ich sie aus Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. -Hier finden sich außer Zügen von mir selbst -noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige -von dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die -Zeit für dich gekommen sein wird, bis jetzt bleibt das -noch mein persönliches Geheimnis. Ich mußte allen -guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und -es ihren rechtmäßigen Besitzern wiedergeben. Frage nicht, -warum der erste Teil von nichts anderem handelt als -von <em>Elend, Armseligkeit und Gemeinheit</em> und warum -alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial -und gemein sein müssen. Die Antwort hierauf wirst du -in den folgenden Bänden finden. Das ist das Ganze! -Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten -seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren -Ekel und Widerwillen gegen meine Helden und -gegen ihre Armseligkeit eingeflößt, er hat, wie es meine -Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen -gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. -Mehr wollte ich nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich -noch bedeutsamer geworden und wäre mir viel besser -gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der Veröffentlichung -beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger -und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden -haben sich noch nicht völlig von mir abgelöst und daher -auch noch nicht die rechte Selbständigkeit erlangt. Ich -habe sie noch nicht fest genug auf den Boden gestellt, -auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht heimisch -geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln -sie nicht tief genug in dem eigentlich russischen -Leben mit all seinen Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch -nicht viel mehr als eine Frühgeburt, aber sein Geist hat -sich doch schon unsichtbar verbreitet und selbst sein verfrühtes -Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden, -daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine -Fehler nachzuweisen, die ich bei der Schilderung der -gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse Rußlands begangen -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze Fragen -zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines -Briefes angefüllt hast, und die zu nichts führen, -als zur Befriedigung einer müßigen Neugierde), wenn -du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen und -Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen -sowohl, als auch alle möglichen fremden, die von -klugen Menschen herstammen, die auch Erfahrung -genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen, -sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und -tatsächlichen Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem -Kreise oder in eurer Provinz vorgefallen sind — sei es -nun, daß sie mein Buch in einem seiner Teile widerlegen -oder bestätigen — zu jeder Seite könnte man ein -ganzes Dutzend solcher Fälle anführen — dann würdest du -ein wahrhaft gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen -dankbar sein. Wie würde sich dadurch mein Horizont erweitern! -Wie würde das meinen Kopf erfrischen und -wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! -Aber das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand -hält meine Bitten für ernst und wichtig genug -und jeder respektiert nur seine eigenen. Andere wieder -verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne -selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß -diese müßige Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, -wie ich sehe, auch dich angesteckt hat. Sieh doch, wie -in der Natur alles würdig und weise nach wohlgefügten -Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus -dem anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott -weiß warum, soviel unnütze Unruhe. Alles eilt und -hastet wie im Fieber. Hast du dir denn deine Worte -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -auch ordentlich überlegt? „Es ist absolut notwendig, -daß wir den zweiten Band erhalten.“ Wie? soll ich mich -denn bloß deswegen, weil alle Leute mit mir unzufrieden -sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das wäre -doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem -ersten zu sehr beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um -mein bißchen Verstand gekommen? Ich brauche diesen -Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die Menschen -unwillig über mich sind, werden sie mir doch -wenigstens irgend etwas sagen. Und woraus schließt -du nur, daß der zweite Band gerade jetzt ein dringendes -Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf -hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten -Bandes ausmacht? Deiner Ansicht nach braucht -man ihn jetzt, während ich glaube, daß er nicht früher -als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies -bloß, wenn man die Umstände und den Gang der Zeit -berücksichtigt. Wer von uns hat nun recht? Der, in -dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder der, -der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das -jetzt für eine seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland -aufgekommen ist! Der Mensch liegt selbst auf der -faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun und -spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere -sich aus allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude -darüber, daß sein Freund müßig auf dem Rücken liegt! -Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit einer ernsten -Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall -zur Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er -es schlecht macht; dann heißt es: warum hast du dich -so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt. Auf deine -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar -gesagt, was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen -gesagt habe. Glaube bitte nach diesem Bekenntnis -nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin, wie meine -Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, -ich suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht -für alles Schöne, ich liebe meine Schändlichkeiten nicht -und suche nicht, sie festzuhalten, wie meine Helden; -ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem -Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde -gegen es ankämpfen, bis ich es ganz ausgetrieben -habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist ganz -falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht -haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, -solange er noch in der Schule sitzt, und daß er später -keinen Charakterzug mehr in sich verändern könne. Nur -in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel konnte ein -so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von -vielen meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf -meine Helden übertrug, sie in ihnen verspottete und -auch andere zwang, über sie zu lachen. Ich bin schon -manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr -verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank -der jedes von unseren Lastern keck durch die Welt geht. -Ich habe sie neben das Häßliche gestellt, das allen -sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte vor Ihm -prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir -befahl, mich von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne -ich viele Laster in mir, aber es sind nicht mehr -dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige Kraft -half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -diese Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern -wenn du meine Briefe gelesen hast, einen Augenblick -mit dir allein zu bleiben, alles andere eine Weile beiseite -zu lassen und gründlich in dich selbst hineinzublicken, -indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen -läßt, und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung -zu unterziehen. In dieser meiner Antwort wirst -du, wenn du näher zusiehst, auch eine Antwort auf -deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, -warum ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen -Erscheinungen gezeigt und mir keine tugendhaften Menschen -zu Helden erwählt habe. Solche kann man nicht frei -aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im -geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit -und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert -hat — wird alles, was die Feder niederschreibt, tot -und leblos und so weit von der Wahrheit entfernt bleiben, -wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese Schreckgespenster -nicht erfunden — diese Schreckgespenster haben -meine eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was -lebendig in meiner Seele lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt. -</p> - -<h3 class="no" id="chapter-19-4"> -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -IV. -</h3> - -<p class="noindent"> -Ich habe den zweiten Teil der „Toten Seelen“ verbrannt, -weil das eine Notwendigkeit war. „Das du säest, -wird nicht lebendig, es sterbe denn,“ — sagt der Apostel. -Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen -soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen -Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel -schmerzliche Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen -gekostet hat und worin vieles enthalten war, -was mein höchstes Streben ausmachte und meine Seele -ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch -dazu in einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen -sah und etwas hinterlassen wollte, was mich bei der -Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte. Ich -danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies -zu vollbringen. Sowie die Flamme die letzten Blätter -meines Buches aufgezehrt hatte, erstand sein Inhalt -plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor mir, -gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun -mit einem Male, wie unreif und unausgegoren das noch -war, was ich bereits für ausgereift, harmonisch und -abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite Band in -dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, -er hätte eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der -Genuß und die Befriedigung der Kunstkenner und -Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß, sondern -die aller Leser, für die die „Toten Seelen“ geschrieben -wurden. Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -für die vornehme Gesinnung und den hohen Adel unseres -Wesens zeugen, — das kann zu nichts führen. Das erregt -bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von uns, -besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die -Gewohnheit angenommen, die Vorzüge des russischen -Charakters über alles Maß zu preisen und mit ihnen -zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran, diese -Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung -zu arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau -zu stellen, als wollten sie Europa zurufen: „Seht einmal, -ihr Deutschen, wir sind doch besser als ihr!“ -Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die -andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum -Schaden. Man kann die beste Sache in den Kot ziehen, -wenn man sich ihrer rühmt und sich was auf sie zugute -tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt -man schon, noch ehe man etwas geleistet hat — man -prahlt mit dem, was erst kommen soll! Nein, dann -scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig und man -grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist -und sich selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird -sich der Mensch wenigstens seiner Armseligkeit, Gemeinheit -und Nichtigkeit bewußt und richtet seine Gedanken -auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der -tiefsten Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt; -im zweiten Falle dagegen flieht der Mensch sich selbst und -rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater des Hochmuts, -in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet, -indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum -Tugendstolz verführt. Nein, es gibt Zeiten, wo man -die Gesellschaft oder sogar eine ganze Generation gar -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute -begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund -der Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es -gibt Zeiten, wo man überhaupt nicht vom Hohen und -Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem jeden die -Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so -daß er sie taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte -Moment ist im zweiten Bande der „Toten Seelen“ -nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck gekommen, -und doch hätte es eigentlich das wichtigste und -wesentlichste Moment sein sollen. Und darum habe ich -diesen zweiten Teil verbrannt. Urteilen Sie bitte nicht -über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus; Sie -werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen -Freunden, die sich aus mir ihr eigenes Ideal eines -Schriftstellers zurechtgemacht hatten, das ihren eigenen -Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von -mir verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen -selbst entworfenen Ideal entsprechen. Gott hat mich -erschaffen und Er hat mir nicht vorenthalten, was meine -eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht dazu -geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte -heraufzuführen. Meine Aufgabe ist weit einfacher und -näherliegend; meine Aufgabe ist das, woran ein jeder -Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken -sollte. Meine Aufgabe — ist <em>die Seele und die große -sichere ewige Aufgabe des Lebens</em>. Darum muß -auch mein Tun stark und dauerhaft sein und ich muß Werke -schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu beeilen; -mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich -verbrenne, was verbrannt werden muß, und ich handle -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -sicherlich richtig, denn ich unternehme nichts, ohne zuvor -zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre Befürchtungen -wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die -es mir vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten -Band niederzuschreiben, so sind sie überflüssig. Meine -Gesundheit ist sehr zart — das ist freilich wahr. Zuzeiten -ist mir’s so schlecht zumute, daß ich es ohne -Gottes Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem -Verfall meiner Kräfte ist noch ein so intensives Frösteln -hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß, wie und -woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung -machen, und doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. -Selten kann ich mehr als eine Stunde für -die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich mich -nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum -doch nicht. Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse -die Entwickelung meiner Fähigkeiten und Gedanken, ohne -die ich nie auf den Einfall gekommen wäre, mein Werk -zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die -größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, -Der wird mir auch die Kraft verleihen, was noch übrig -ist, zu vollenden und zu Papier zu bringen. Meine -Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine -geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger, -nun denn, so wird wohl auch die Körperkraft -sich einstellen. Ich lebe dem Glauben, daß, wenn die -rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre -lang mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen -vollendet dastehen wird. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-20"> -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -<span class="line1">XIX</span><br /> -<span class="line2">Liebt unser russisches Vaterland</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Briefe an den Grafen A. T.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -<span class="firstchar">O</span><span class="postfirstchar">hne</span> Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, -wir aber besitzen keine rechte Gottesliebe. Im -Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen -nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes -Willen kann man Ihn nicht liebgewinnen. Und wie -sollte man auch Den lieben, Den noch niemand gesehen -hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung, -mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten? -Sehen Sie nur, wieviel gute, vortreffliche Menschen es -gegenwärtig auf der Welt gibt, die sich glühend nach -dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde Kaltblütigkeit -in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, -Den niemand gesehen hat. Christus allein hat -uns das Geheimnis geoffenbart und verkündet, daß wir -in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott teilhaftig -werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie -Christus es uns gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird -sich von selbst daraus ergeben. So gehen Sie denn in -die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder -lieben. -</p> - -<p> -Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie -sollen wir die Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte -nur das Schöne lieben, die armen Menschen aber sind -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in -ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken -Sie Gott vor allem dafür, daß Sie ein Russe sind. Für -den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und dieser Weg -ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland -lieben lernen wird, so wird er bald auch alles mit -Liebe umfassen, was es in Rußland gibt. Gott selbst -weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die Leiden und -Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem -Maße betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld -tragen, würde niemand von uns Mitleid mit dem Lande -empfinden. Mitleid aber ist bereits der Beginn der Liebe. -Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die Mißbräuche, -die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt keineswegs -bloß die Empörung der guten und anständigen -Elemente über die Unanständigen und Ehrlosen zum -Ausdruck, dies ist mehr, es ist der Schmerzensschrei des -ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang, daß -zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, -in die Häuser gedrungen seien und alle Bewohner unter -ihr hartes Joch gezwungen hätten; schon wollen sich die, -die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr Haus aufgenommen -haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur -nicht, wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich -allen ein einziger, erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen -und Gefühllosen beginnen sich zu regen. Aber die wirkliche, -eigentliche Liebe empfindet noch keiner, auch Sie -besitzen <a id="corr-7"></a>sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. -</p> - -<p> -Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich -darüber aufregen, sowie Sie hören, daß etwas Böses oder -Häßliches in Rußland passiert. Dies erregt bei Ihnen -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein, das -ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von -der Liebe, das ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, -durch das sie sich ankündigt. Nein, wenn Sie -Rußland wirklich lieben werden, dann wird jener kurzsichtige -Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher -und selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage -nichts für Rußland tun, und als ob Rußland -ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von selbst verschwinden. -Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und -mit voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig -ist und daß man mit ihr im Bunde alles zu vollbringen -vermag. Nein, wenn Sie Rußland wirklich liebgewinnen -werden, dann werden Sie sich förmlich dazu -drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden -dann nicht etwa Gouverneur, sondern Polizeihauptmann -werden wollen, dann werden Sie sich mit dem letzten -unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird, -begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem -Beruf einem tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie -es jetzt führen, vorziehen. Nein, Sie lieben Rußland -noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht lieben, -können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche -Liebe zu Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe -zu Gott entbrennen. Und ehe Sie sich nicht mit dieser -göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine Rettung für Sie. -</p> - -<p class="year"> -1844. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-21"> -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -<span class="line1">XX</span><br /> -<span class="line2">Lernt Rußland kennen!</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Brief an den Grafen P. T.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf. -Gott gebe, daß es uns einmal beschieden -sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der -sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an -sie ist mir eine Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne -von Gott dazu berufen zu werden, können wir solches nicht -vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will, sich -aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt -Lebewohl sagen können. Verteile zuvor all dein Gut -an die Armen und dann erst gehe ins Kloster. Diese -Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie -sind reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen -verteilen, was aber hätte ich ihnen zu geben? Mein -Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes Hilfe ist -es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches -Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen, -mit denen ich andern nützen und dienen kann — -daher muß ich diese Güter unter die verteilen, die keine -besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber auch Sie können -sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken, -noch nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an -Ihrem Gelde hingen und wenn es Ihnen schwer würde, -sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache anders. -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet -heute nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat -und welch ein Opfer wäre es, sich von ihm zu trennen. -Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun, wenn -man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern -wir nämlich das Gute in dem hohen Sinne des Christentums -verstehen? Nein, Ihnen sind die Tore zu der ersehnten -Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. -Ihr Kloster ist — Rußland. Nun, so legen Sie das -geistige Mönchsgewand an — sterben Sie sich selbst -völlig ab — sich selbst — nicht Rußland — und -gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein. -Unser Land ruft heute seine Söhne lauter als je. Schon -schmerzt ihm die Seele, und schon ertönt sein Schrei aus -tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben entweder -ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland -für einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, -wie einst, wenn Not und Elend über das Reich -hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen verließen -und zu den anderen in die Reihen traten, um das -Vaterland zu retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet -griffen, vom Segen des Priors begleitet, zum Schwert, -das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf der -blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht -eines friedlichen Bürgers — ja, wo denn nur? — -mitten im Herzen Rußlands zu erfüllen. Machen Sie -keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre Unfähigkeit -hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland -jetzt höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können. -Sie sind Gouverneur zweier Provinzen von äußerst verschiedenem -Charakter gewesen. Sie haben diese Stellung -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen damals -noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher -andere, Sie haben sich aus erster Hand positive -Kenntnisse über die Zustände und Vorgänge im Innern -Rußlands erworben und das Land in seinem wahren -Wesen kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die -Hauptsache, und ich würde Ihnen nicht so zureden, wieder -in den Staatsdienst zu treten, trotzdem Sie so bedeutende -Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht -eine bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit -bedeutsamer erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene -Fähigkeit, ohne besondere Anstrengung und ohne <em>selbst</em> -zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein bequemes müßiges -Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern. -Bei Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und -wenn man Sie dann erstaunt fragte: wie kommt das -nur? pflegten Sie zu antworten: das alles ist das Verdienst -meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige -Beamte zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit -übrig lassen. Und wenn sich dann Gelegenheit bot, jemand -für eine Auszeichnung oder Belohnung vorzuschlagen, -dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten -hin, indem Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und -sich selbst ganz übergingen. Das ist Ihr höchster Vorzug. -Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit, sich -die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß -Ihre Beamten sich die größte Mühe gaben, ja, einer hat -sich beim Schreiben so überanstrengt, daß er an der -Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem Sie aufs -eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht -so viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig, -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -wenn ein Vorgesetzter ihn in dieser Weise behandelt! -Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem wahrhaften -Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit, -wo ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst -möglichst in den Vordergrund zu rücken und sich alle -Verdienste zuzuschreiben. Ich sage Ihnen, mit dieser -Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig unentbehrlich, -und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht -einmal empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich -laden, wenn ich Sie nicht auf diese Fähigkeit aufmerksam -machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen. -Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, -flehen Sie an, daß Sie sie nicht brachliegen lassen -mögen. Sie aber halten sie wie ein Geizhals unter -festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig, -vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche -Stellung einzunehmen wie die, die Sie vor zehn -Jahren innehatten, nicht deshalb, weil Sie sie nötig -haben — Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in -Ihren Augen ist keine Stellung zu gering — sondern -deshalb, weil Ihre Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt -haben, noch gewachsen sind und zu ihrer Entfaltung -und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises -bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten -und Wirkungskreise in Rußland? Blicken Sie um sich, -sehen Sie sich ordentlich um, und Sie werden einen -finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland -machen. Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren -war, aber das genügt jetzt nicht mehr. In zehn Jahren -ereignet sich in Rußland mehr, als in einem anderen -Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -selbst, während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, -daß in den letzten zwei, drei Jahren ganz andere Menschen -aus Rußland herauskommen, Menschen, die gar -keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor -kurzem begegneten. Um zu erfahren, was das <em>heutige -Rußland</em> ist, muß man unbedingt einmal eine Reise -durch das Land machen. Glauben Sie nicht, was man -spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich -wahr, daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche -Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Meinungen -und Anschauungen gegeben hat, wie sie heute -unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der -Bildung und der Erziehung die Menschen noch niemals -in einen solchen Gegensatz zueinander gebracht und soviel -Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt hat, wie -heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht aufgekommen, -sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus -folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so -viele törichte Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende -Schlüsse gezogen worden. Dies alles hat bei allen -Leuten die Begriffe über Rußland so sehr entstellt und -verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man -muß selbst eine Reise durch Rußland machen und sich -selbst überzeugen. Das ist besonders nützlich für den, -der eine Weile fern von Rußland in der Fremde gelebt -hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten -Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer -Mensch, der sich selbst mitten in dem verwirrenden -Getriebe befindet und empfindlich und feinfühlig auf -die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht -sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -aus: zunächst müssen Sie alle Anschauungen, die Sie -bisher über Rußland besaßen, bis auf die letzte völlig -aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren -eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen -haben, lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie -so gut wie gar nichts wüßten, und Ihre Reise so antreten, -wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig unbekanntes -Land kennen lernen wollten. Und wie sich -ein russischer Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen -in einer größeren europäischen Stadt beeilt, alle ihre -Denkmäler aus alter Zeit und alle Sehenswürdigkeiten -in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie -in die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, -ja mit noch größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte -an ihr kennen zu lernen. Dieses besteht -nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und in ihren -Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte -darauf schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, -daß man ihn aufmerksam und mit Interesse kennen zu -lernen und zu erforschen sucht, als irgendeine Fabrik -oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen -wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, -einen Blick auf den Menschen zu werfen, und Sie werden -sich nicht wieder von ihm trennen können, so interessant -wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem -die Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den -Extrakt, „das Salz“ einer jeden Stadt oder jedes Kreises -bilden. In jeder Stadt gibt es immer zwei bis drei solche -Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen ein -Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon -selbst ein Urteil darüber bilden werden, wo und an -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -welchen Orten Sie die meisten Beobachtungen über die -gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn -Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden -Standes reden werden (mit Ihnen unterhalten sich doch -alle Menschen so gern und öffnen Ihnen gleich ganz -weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was -heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und -gewandte Kaufmann wird Ihnen sofort erklären, -was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein -nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen -Begriff von dem Kleinbürgertum geben; von einem -energischen Beamten werden Sie alles Notwendige über -den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren, -und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre -der Gesellschaft werden Sie sich selbst ein Bild machen. -Übrigens dürfen Sie sich nicht allzusehr auf die fortgeschrittenen -Leute, die geistige Elite verlassen. Es ist -schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus -jedem Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß -heute alle miteinander im Streite liegen und einer den -andern rücksichtslos verleumdet und schlecht macht. -Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu -nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von -ihr werden Sie alles übrige erfahren. Und wenn Sie -auch nur die wichtigsten Punkte und Städte Rußlands -besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar -werden, wo und an welcher Stelle Sie sich nützlich -machen können und um welchen Posten Sie sich bewerben -müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn -Sie nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel -Gutes stiften. Schon während dieser Reise werden Sie -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -Gelegenheit zu so großen wahrhaft christlichen Taten -finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster -bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm -unterhalten können und der Sie allen Menschen -gefallen, als ein fremder abseits stehender neuer Mensch -die Rolle des unparteiischen Mittlers und Richters übernehmen. -Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig -das jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer -solchen Tätigkeit liegt. Der Heiland hat sie beinahe -noch höher gestellt als jede andere Art der Tätigkeit. -Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder Gottes. -Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns -überall etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. -Unsere Adligen leben miteinander wie Hund und Katze, -die Kaufleute leben wie Katze und Hund; die Kleinbürger -vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; -ja selbst die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch -irgendeinen besonderen Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt -werden, miteinander wie Hund und Katze. Ja, -sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht miteinander. -Nur unter den Gaunern kann man noch -etwas wie Eintracht und Freundschaft bemerken, wenn -nämlich einer von ihnen heftigen Verfolgungen ausgesetzt -ist. -</p> - -<p> -Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis. -Haben Sie keine Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln -und zu versöhnen. Für die Menschen selbst ist -es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen und -wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen -sie tritt, söhnt er sie sofort miteinander aus. Daher -spielt bei uns das Schiedsgericht, dieses eigenste und -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher weit -mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, -eine so große Rolle. Es gibt eine wunderbare -Eigenschaft, die der menschlichen Natur im allgemeinen, -besonders aber dem russischen Wesen eigen ist. Sowie -ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein -bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, -so ist er schon so gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung -zu bitten. Keiner will zuerst nachgeben, sowie -jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen Entgegenkommen -entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu, -ihn an Großmut noch zu überbieten. Daher können -bei uns selbst die ältesten Prozesse und Zwistigkeiten -weit schneller als irgendwo sonst beigelegt werden, wenn -nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet -wird und überdies noch ein Kenner des menschlichen -Herzens ist, zwischen die Streitenden tritt. Eine solche -Versöhnung aber — dies muß ich noch einmal wiederholen -— ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige -wenige Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten -und einander Schwierigkeiten machen, weil sie -verschiedener Ansicht über irgendeine Sache sind, sich -dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde -es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also -einen Teil der Tätigkeit, zu der sich Ihnen während -Ihrer Reise durch Rußland auf Schritt und Tritt Gelegenheit -bieten wird. Aber es gibt auch noch eine andere -Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene -erste. Sie können der Geistlichkeit der Städte, die Sie -berühren werden, einen großen Dienst erweisen, indem -Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt machen, in -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der -Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen -die Menschen heutzutage in der Beichte gar nicht reden, -da sie annehmen, daß sie nicht in die Sphäre des christlichen -Lebens gehören. Dies ist sehr notwendig, weil -viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge -von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten -Zeit stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil -sie fast der Ansicht sind, daß niemand mehr auf sie -hört, daß ihre Worte und Predigten in die Luft gesprochen -sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen -hat und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu -denken ist. Das ist unrichtig. Freilich sündigt der Mensch -von heute wirklich unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner -früheren Zeit; allein er sündigt nicht aus einem -Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit, nicht -aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch -zu sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden -nicht erkennt. Noch hat sich nicht allen die für unser -gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare Wahrheit enthüllt, -noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren Augen, -daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf -den Letzten der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß -nicht offen und direkt, sondern indirekt sündigen. Das -empfinden selbst unsere Prediger noch nicht recht, daher -sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und daher -bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn -man heutzutage erklärt: „ihr sollt nicht stehlen, nicht in -Überfluß und Üppigkeit leben, ihr sollt euch nicht bestechen -lassen, sondern beten und den Armen milde -Gaben reichen“, so bedeutet das nichts und kann keine -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen -wird: „aber das sind doch alles bekannte Dinge“, wird -er sich noch vor sich selbst rechtfertigen und sich womöglich -gar noch für einen Heiligen halten. Er wird sagen: -„Stehlen? — ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, -ein paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor -mich hin, ich werde ihn nicht anrühren. Ich habe sogar -meinen eigenen Diener wegen Diebstahls entlassen; -ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe weder -Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu -sparen und zurückzulegen und mit meiner Verschwendung -und mit meinem Überfluß stifte ich noch Nutzen, denn -ich gebe damit den Handwerkern, den Gesellen, den -Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen. -Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich -selbst darum bitten und für die das noch nicht den -Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig, auch jetzt bin ich -doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache meine -Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir -vorüber, ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält, -auch habe ich mich niemals geweigert, etwas für irgendeine -Wohlfahrtseinrichtung zu geben.“ Mit einem Wort, -er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für -gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf -seine Sündlosigkeit sein. -</p> - -<p> -Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und -ihm bloß einen Teil von all den furchtbaren Schrecken -und Übeln zeigt, die er zwar nicht unmittelbar, aber doch -indirekt verursacht, dann wird er ganz anders reden. -Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden -reichen Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -seine Lebensweise nach dem Vorbild der vornehmen Herren -einrichtet, schweren Schaden und schweres Ärgernis verursacht, -indem er einem andern weniger Reichen denselben -Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur -nicht hinter jenem zurückzustehen, nicht nur sein eigenes, -sondern auch fremdes Gut verschwenden, die Menschen -ausplündern und sie zu Bettlern machen; außerdem aber -sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot -im Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der -ihm die Haare zu Berge stehen müssen, und die es -vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht wie ein vornehmer -Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft -angeben und die Köpfe anderer Leute verwirren würde. -Ebenso zeige man allen Modedamen, die sich nicht gern -immer in demselben Kleide sehen lassen und sich ganze -Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges -davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune -der Mode folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie -eigentlich gar nicht dadurch sündigen, daß sie sich einem -solchen eitlen Treiben hingeben und ihr Geld verschwenden, -sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem -solchen Leben zwingen, daß so mancher Mann einer -andern Frau aus diesem Grunde Bestechungsgelder von -einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen -hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld -aufzubringen, mußte er einem weniger Reichen an die -Kehle springen und ihn ausplündern. Dieser mußte -seinerseits irgendeinem Assessor oder einem Landrat die -Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum -war gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen -auszuplündern] und man lasse auch vor all diesen Modedamen -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann werden -sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes -Kleid denken. Sie werden einsehen, daß auch das Geld, -das sie den Armen hinwerfen, und auch die humanen -Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf -Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht -von der furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien -werden. Nein, der Mensch ist nicht gefühllos. Der -Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie ihm -die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute -mehr erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist -milder und weicher geworden, und die Hälfte seiner -Sünden rührt von seiner Unkenntnis und nicht von -seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu -anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf -sich selbst, in sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen -Retter umarmen. Der Prediger braucht den Vorhang nur -ein wenig zu lüften und ihm nur eins von den Verbrechen -zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er -wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit -zu prahlen. Er wird sein verschwenderisches Leben -nicht mehr mit elenden, armseligen Sophismen zu verteidigen -suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig -wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird -erkennen, daß der Gedanke, daß man ein halbes Dorf -oder einen halben Kreis zugrunde richten müsse, um -irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in -dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, -nicht aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen -Menschen entstehen konnte. Wie, wenn der -Prediger die ganze Kette jener unzähligen indirekten Verbrechen, -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit, seinen -Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen -und auf alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen -würde, wo jeder von uns mit einem Schlage so viele -Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine eigene, ja wo -man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine -Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und -Schurken machen kann, kurz, wie wäre es wohl, wenn -er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen würde, auf -welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden! -Nein, die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte -sein. Keins seiner Worte wird in die Luft gesprochen -sein. <em>Sie</em> aber können viele Priester hierauf aufmerksam -machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften -der Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen -lernen werden, aufmerksam machen. Aber Sie können -sich hierdurch nicht nur den Priestern, sondern auch -anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind Tatsachen, -deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist. -</p> - -<p> -Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, -nicht wie es sich unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, -sondern unter dem aller Wirrsale und Verwirrungen -unserer <em>gegenwärtigen</em> Zeit darstellt; nicht -wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns, -sondern wie es einem Manne erscheint, der es von dem -höchsten Standpunkt eines Christen betrachtet, in Erwägung -zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands, -wie sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. -Alle Leute leben in einer fremden Welt ausländischer -Journale und Zeitungen, nicht aber in ihrem -eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben -vier Wände wohnen, scheinen durch Meere voneinander -getrennt zu sein. Sie aber können sie auf Ihrer Reise -miteinander bekannt machen und wie ein gewandter -Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und -Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In <em>einer</em> -Stadt können Sie Kenntnisse sammeln, um sie in einer -andern mit Profit wieder an den Mann zu bringen. -Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst -weit mehr bereichern als alle. So Großes können Sie -auf Schritt und Tritt vollbringen — und das sehen -Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle liegt über -Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die -Liebe herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in -Ihrem Herzen nehme. Sie können die Menschen nicht -anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es lernen, ihnen -zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn liebgewinnen, -wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn -er noch nie für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch -eine Mutter ihr Kind so innig, weil sie es so lange unter -ihrem Herzen getragen, weil sie alles für es hingegeben -hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie -auf! Ihre Klosterzelle ist — Rußland. -</p> - -<p class="year"> -1845. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-22"> -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -<span class="line1">XXI</span><br /> -<span class="line2">Was eine Gouverneursgattin ist</span><br /> -<span class="line3">An Fr. A. O. S.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser -ist. Die meine ... aber sprechen wir nicht von -unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso vergessen -wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre -Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit -neuer Kraft lieben lernen; sie gehört zu Ihnen, sie -ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre wahre Heimat -werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder -meinen, daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun -und Leben daselbst ganz ohne Nutzen, daß die Gesellschaft -bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind einfach -müde — das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs -findet überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der -Betätigung. Sie wirkt sogar auch dann noch, wenn sie -überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst schon, daß -es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel -zu schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze -und Eifer auf alle möglichen Dinge zu werfen. Sie -haben zwei lebendige Beispiele vor sich, die Sie selbst -erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen -ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet -und zugleich damit alle möglichen Schreibereien, eine -große Aktenwirtschaft veranlaßt, allerhand Ökonomen, -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen -und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat -sich in Petersburg durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht -und in K. eine große Verwirrung angerichtet. -Die Fürstin O. dagegen, die <em>vor</em> Ihnen Gouverneurin -der Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen -und keine Asyle gegründet, sie hat außerhalb der Stadt -kaum von sich reden gemacht, auch hatte sie gar keinen -Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der -eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften -gar nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen -Tag kein Mensch in der Stadt ihrer ohne Tränen -gedenken, und jedermann — von dem Kaufmann bis -herab zum letzten Habenichts — sagt auch heute noch -immer: „Nein, wir werden nie eine zweite Fürstin O. -bekommen.“ Und wer sagt so etwas? Dieselbe -Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt, -dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle -Zeiten und unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn -nun? Läßt sich denn wirklich nichts machen? Sie sind -müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde, weil -Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren -eigenen Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches -Temperament ist mit Ihnen durchgegangen ... -Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen -schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. -Sie sind die erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank -dem äffischen Wesen der Mode und der bei uns in -Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im -allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste -Kleinigkeit, nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -tonangebend, Gesetzgeberin sein. Wenn Sie nun recht -für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden, so -werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie -damit auch andere veranlassen werden, sich mehr und -gründlicher mit ihren Angelegenheiten zu beschäftigen. -Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes -zu tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, -die dazu nicht einmal viel Arbeit und Unruhe erfordert, -noch viele Kosten verursacht. Fehlen Sie auf keinem -Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets -und zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben -Kleide sehen zu lassen. Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, -vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie an jedem Dinge nur -das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie diesen -abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden -Rußlands, diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten -und Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. -Wenn Ihnen auch nur dies <em>eine</em> gelingen sollte, so -werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften, als -selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst -sehen, nicht einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal -viel Zeit. Liebe Freundin! Sie sind müde. Aus Ihren -früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den Anfang -bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich -nicht allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). -Ihr Ruf ist bereits über die Grenzen von K. -gedrungen, und mancherlei ist auch mir zu Ohren gekommen. -Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen -sich noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede -kleine Unannehmlichkeit macht noch einen viel zu starken -Eindruck auf Sie und drückt Sie zu leicht nieder. Liebe -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte, -von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, -überzeugt haben. Betrachten Sie die ganze Stadt so, -wie ein Arzt ein Krankenhaus betrachtet. Tun Sie dies, -aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und zwar -folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, -daß alle Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre -Verwandten, daß sie Menschen sind, die Ihrem Herzen -nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles -ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen -und nur noch gegen ihre Krankheiten ankämpfen. Wer -hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten unheilbar sind? -Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine -Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie -etwa ein Arzt, der allwissend ist? Warum haben Sie -sich denn nicht an andere Leute mit der Bitte um -Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum -gebeten, mich über alles zu unterrichten, was es in -Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu verhelfen, daß ich Ihre -Stadt kennen lerne, damit ich mir einen vollständigen -Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben -Sie das nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon -überzeugt sind, daß ich in vielen Beziehungen eine -größere Wirkung auszuüben vermag als Sie. Um so -mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis -zuschreiben, wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr -endlich, da Sie ja selbst sagen, daß ich Ihnen in Ihren -Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe als sonst -jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren -unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben -wohl vergessen, daß ich zu beten vermag und daß mein -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott aber kann -meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott -erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein -Verstand, der nicht von Ihm belehrt ist. -</p> - -<p> -Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen -ganz allgemeinen Begriff von Ihrer Stadt gegeben und -ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie jeder Provinzhauptstadt -eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen -Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben -sich darauf verlassen, daß ich Rußland kenne wie meine -fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland so gut -wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas -davon gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise -ganz anders geworden. Selbst in der Zusammensetzung -der Gouvernementsverwaltung sind große Veränderungen -vorgegangen. Viele Instanzen und viele -Beamte sind jetzt nicht mehr vom Gouverneur abhängig, -sondern sind andern Departements und Ressorts und -den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es -sind neue Posten geschaffen worden, und es gibt -mancherlei neue Beamte. Kurz, ein Gouvernement und -eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach vielen -Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe -Sie doch gebeten, mich recht <em>vollständig</em> mit Ihrer -Situation bekannt zu machen. Nicht mit irgendeiner -<em>idealen</em>, sondern mit Ihrer <em>eigentlichen wirklichen</em> -Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles -vom Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag. -</p> - -<p> -Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit -Ihres Aufenthalts in K. Rußland besser kennen gelernt -haben, als während Ihres ganzen früheren Lebens. Warum -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir geteilt? -Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem -Ende Sie anfangen sollen, Sie sagen, daß der große -Haufen von Kenntnissen, die Sie gesammelt haben, noch -ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt (Notabene: das -ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen, -sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir -zunächst folgende Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, -als Ihnen dies möglich ist, und nicht in der Weise, -wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen — d. h. eine -leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört -und nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm -sind oder gefallen haben, tun würde, sondern so, wie -unsereiner, d. h. ein kalter, leidenschaftsloser Mann oder -noch besser, wie ein energischer vernünftiger Beamter dies -zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu Herzen nimmt, -sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet. -</p> - -<p> -Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, -Ihre Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten -Sie mich mit allen bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer -Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und Familiennamen sowie -mit allen Beamten — vom ersten bis zum letzten — -bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich -muß ebenso ihr Freund werden, wie Sie ausnahmslos -die Freundin eines jeden sein müssen. Zweitens sollten -Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für -einen Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von -ihnen selbst und nicht von irgendeinem andern zu erfahren -suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem ein Gespräch -an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit -besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -sie sich bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre -die erste Frage. Bitten Sie ihn dann weiter, er möge -Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel Gutes man -unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf -zu tun vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen -Sie ihn ferner, wieviel Unheil man in diesem selben -Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das -wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung -gebracht haben, so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und -schreiben Sie es sofort für mich auf. Hierdurch werden -Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen. Erstens -werden Sie <em>mir</em> hierdurch die Möglichkeit geben, mich -Ihnen in der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und -zweitens werden Sie aus den eigenen Antworten jedes -Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt, woran -es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst -charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink -geben, was sich bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber -darum handelt es sich nicht. Beeilen Sie sich fürs erste -nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch nichts, wenn -es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und -als ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es -ist besser, wenn Sie zunächst noch einen genaueren Einblick -in die Dinge zu gewinnen suchen, begnügen Sie sich -<a id="corr-9"></a>fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte -ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder -auf einem anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen -und Beobachtungen über jeden einzelnen Mann mitzuteilen -— auch was die andern über ihn sagen, kurz -alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters -von ihm sagen läßt. -</p> - -<p> -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen -über die gesamte weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen -zu lassen. Sie sind so klug gewesen und haben ihnen -allen einen Besuch gemacht und sie fast alle kennen -gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie -sie doch nicht genügend kennen gelernt haben. Frauen -gegenüber lassen Sie sich schon durch den ersten Eindruck -leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen Sie fallen. Sie -suchen nur immer nach der Elite und nach den allerbesten. -Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, -liebe Freundin! Sie müssen alle lieben, und die ganz -besonders, die viel Häßliches und Schlechtes an sich -haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen -lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen -großen Einfluß auf ihre Männer haben können. Übereilen -Sie sich nicht, suchen Sie ihnen keine guten Lehren -zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal ordentlich -aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum -Reden zu veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse -einer jeden zu orientieren, womit sie sich beschäftigt, -ja suchen Sie selbst ihre Denkungsart und ihre -Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre Neigungen, -was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd -einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen. -</p> - -<p> -Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig -und bis in sein Innerstes durchschauen, um ihm helfen -zu können. Ohne dies kann ich es nicht einmal verstehen, -wie man jemand auch nur zu raten vermag: An jedem -Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen -Fall immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird -ihm nicht leicht, ja sogar unausführbar erscheinen. Mit -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -einem Wort, suchen Sie die Frauen bis auf den Grund -zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von -Ihrer Stadt erhalte. -</p> - -<p> -Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei -Geschlechts bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich -bei Ihnen ereignet, und der die Menschen oder den allgemeinen -Geist der Provinz auch nur nach irgendeiner -Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und einfach -zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat -oder wie er Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet -worden ist. Geben Sie mir auch ein paar Stichproben -von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen gerade -mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien -bei Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, -daß diese Aufzeichnungen Ihnen zur dauernden Gewohnheit -werden, und setzen Sie ein für allemal eine -bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie -sich eine systematische und möglichst vollständige Vorstellung -von der ganzen Stadt in ihrem ganzen Umfange -zu bilden, damit Sie sofort übersehen können, ob Sie -auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und -damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von -Ihrer Stadt erhalte. -</p> - -<p> -Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen -Personen, ihrer Tätigkeit, ihrer Auffassung von ihr und -ihrem Beruf und endlich auch mit dem Charakter der Ereignisse, -die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht haben, -dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, -daß vieles Unmögliche doch möglich und daß -vieles Unverbesserliche doch noch gutzumachen ist. Bis -dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade darum, -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. -Ich möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die -gerade ins Ziel treffen, nicht höher und nicht tiefer, gerade -in den Punkt und den Gegenstand, auf den sie gerichtet -sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie sofort -erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen. -</p> - -<p> -Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus -ein paar Winke geben, die allerdings nicht für Sie, -sondern für Ihren Gatten bestimmt sind: bitten Sie ihn -vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der Gouvernementsverwaltung -ehrliche Leute sind; das ist die -Hauptsache. Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir -auch ehrliche Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. -bekommen, mit einem Wort, so wird jedermann ehrlich -sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies nicht -schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art, -Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter -auf Befehl des Vorgesetzten von einem Kollegen -ein Geschenk annimmt; in solch einem Fall gelingt es -dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen. -Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von -oben nach unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren -sind häufig bloß deswegen gezwungen, zu schwindeln -und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst -was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie -müssen zahlen, wenn sie eine Stelle erhalten wollen. -Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können sich offen vor -aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt -werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen -gegen jemand vorzugehen und ihn deshalb zu -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in den oberen -Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden -auch in den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen -Sie und verfolgen Sie niemand, ehe die rechte Zeit -kommt und ehe das Übel ganz zur Reife gekommen ist. -Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen -Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur -stets Gelegenheit hat, viel Unheil anzurichten, daß er -nur wenig Gutes tun kann, daß er kaum die Möglichkeit -hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf -diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz -richtig. Ein Gouverneur kann immer einen <em>moralischen</em> -Einfluß ausüben, ja dieser Einfluß ist sogar sehr groß, -ebenso wie auch Sie einen großen <em>moralischen</em> Einfluß -ausüben können, obwohl Sie über keinerlei gesetzliche -Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr -Gatte irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird -gleich die ganze Stadt davon reden: man wird sich sofort -fragen, warum und aus welchem Grunde dies nicht -geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer -Furcht davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, -der er sich sonst ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht -und die er aus Respekt vor dem Gesetz und der -Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie -Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter -des N.schen Kreises gehandelt haben, den Sie ausdrücklich -in die Stadt kommen ließen, um ihn mit dem Staatsanwalt -auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit, Anständigkeit -und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und -freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird -ihre Wirkung nicht verfehlen. Dies können Sie mir -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -glauben. Was mir hierbei besonders gefallen hat, ist -folgendes: daß der Richter (der, wie es sich herausgestellt -hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch -ist) so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, -nicht einmal ins Vorzimmer eines Petersburger -Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm in diesem -Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen -mögen. Glauben Sie mir, die beste Art, wie man -heute handeln kann, besteht nicht darin, sich heftig und -leidenschaftlich über die Bestechlichkeit und die Schlechtigkeit -der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin, -gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen -sollte man sich lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit -öffentlich bekannt zu machen und einem geraden -und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt -freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, -sobald es im ganzen Gouvernement bekannt wird, daß -der Gouverneur wirklich so handelt, wird er den gesamten -Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel hat einen -wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt -hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, -und zwar nicht für jene Vornehmheit, von der -auch der Adel anderer Länder durchdrungen ist, d. h. -nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung, -auch nicht für den europäischen <span class="antiqua">point d’honneur</span>, -sondern für die echte sittliche Vornehmheit. Selbst -in solchen Provinzen und in solchen Gegenden, wo jeder -Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger -Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, -wenn man sie nur zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, -wie elektrisiert, und Menschen, die sonst nichts wie -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der herrlichsten -Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung -des Gouverneurs zuallererst beim Adel Widerhall -finden, und das ist sehr wichtig. Der Gouverneur -muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel -ausüben. Nur hierdurch kann er die Aristokraten -bewegen, sich auch mit unbedeutenden Ämtern oder -wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das aber -ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus -derselben Provinz eine Stelle annimmt, um andern -Leuten ein Vorbild zu geben, wie man seine dienstlichen -Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch -für ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und -vielerlei Mängel hat, seine Pflicht und Schuldigkeit -tun, wie dies ein fremder, aus einem andern Ort in -die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und -wenn er sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht -hätte. Mit einem Wort, man darf niemals aus dem -Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die -im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, -d. h. ihre ganze Habe, die sie besaßen. -</p> - -<p> -Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen -irgendwelcher unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt -wird, so muß dies stets <em>unter Enthebung von -seinem Amt</em> geschehen. Das ist von großer Bedeutung, -denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er -seines Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten -für ihn Partei nehmen. Er wird noch lange -Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um -alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt -nicht mehr möglich ist, die Wahrheit ans Licht -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -zu bringen; wird er dagegen unter <em>Enthebung von -seinem Amt</em> vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich -die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor -ihm haben, auf allen Seiten werden sich Beweise gegen -ihn häufen, alles wird plötzlich an den hellen Tag -kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. -Um eins aber bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen -Sie um Christi willen nie einen aus dem Amt gejagten -Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er will: -denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres -Gemahls muß er in Ihre Hände gelangen. Sprechen -Sie nicht selbst mit ihm und empfangen Sie ihn nicht, -sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben -gut daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, -weil sie die Brötchen, die für diese Unglücklichen -bestimmt waren, an andre Leute verkauft hat -— ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn -man in Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht -einmal imstande waren, sich deswegen zu beklagen. Daher -mußte ihre Entlassung öffentlich und vor aller Welt -erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig -fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich -und behalten Sie den Ausgestoßenen im Auge. -Denn mitunter kann ein solcher aus Kummer, Verzweiflung -und Scham noch größere Verbrechen begehen. -Handeln Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder -überhaupt durch irgendeinen klugen Geistlichen, veranlassen -Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen beständig -über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen -Sie dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. -Nehmen Sie sich in diesem Fall nicht das tote Gesetz, -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -sondern den lebendigen Gott zum Vorbild, der den -Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn -aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher -mag sein, wie er will, solange die Erde ihn noch trägt -und Gottes Donner ihn noch nicht vernichtet hat, so -bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch aufrecht -zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt -werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie -übrigens bei den Aufzeichnungen, die Sie für mich -machen werden, oder bei Ihren eigenen Forschungen -über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr -durch die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert -werden und sollte sich Ihr Herz mit Empörung erfüllen -— so rate ich Ihnen in solch einem Falle, sich hierüber -so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu unterhalten. -Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar -ein kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen -Sie ihn durch Ihr ganzes Krankenhaus und klären Sie -ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf. Selbst wenn -er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der -Heilkunst besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über -alle Krankheitsanfälle, alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen -unterrichten. Suchen Sie ihm alles -bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm fortwährend -vor Augen steht, daß er sich in Gedanken -fortwährend mit Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie -ihm immer lebendig und gegenwärtig ist, wie sie auch -Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all -sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, -unaufhörlich für sie zu beten. Glauben Sie mir, -seine Sonntagspredigt wird hierdurch den Zuhörern -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird -ihm gelingen, in viele Dinge Licht hineinzubringen und -persönlich, ohne auf jemand hinzuweisen, jedem seine -eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von Angesicht zu -Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit -Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. -Achten Sie gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie -sie unbedingt alle kennen zu lernen. Von ihnen hängt -alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt in ihren -Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. -Achten Sie trotz der Einfalt und Unwissenheit so -mancher keinen von ihnen zu gering. Es ist leichter, -<em>sie</em> ihrer Pflicht wiederzugeben, als irgendeinen -von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz, -Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere -Vollkommenheit. Infolgedessen will niemand von uns -auf die Worte und die Ermahnungen seiner Brüder -hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. -Dazu kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen -... Ein Geistlicher dagegen mag sein wie -er will, er hat doch immerhin ein gewisses Gefühl dafür, -daß er demütiger und bescheidener sein muß, als -alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich -während des Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, -mit einem Wort, er ist weit eher dazu imstande, -sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als wir, und -indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle -auf ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn -Sie ganz unfähige Leute unter ihnen antreffen, diese -nicht geringschätzen, sondern ordentlich mit ihnen reden. -Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -hat, lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, -lassen Sie sich erzählen, was für Leute in seinem -Pfarrdorf leben, wie er sie versteht und in welchem -Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß ich -bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und -die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. -Daß sie auch schon anfangen, die Mode mitzumachen -und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung, der -man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir -einen von ihnen mitten aus seinem Milieu lebendig -herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf bis zu den -Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. -Also noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig -und bis ins einzelne kennen zu lernen. Eine Seite -der Sache werden Sie von den Priestern erfahren, eine -andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe -geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. -Einen dritten Zug werden Sie von ihnen selbst erfahren, -wenn Sie es nicht verschmähen, mit einem von ihnen -eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen -Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle -Daten, die Sie so sammeln werden, werden dazu dienen, -das Musterbild des Bürgers und Kaufmanns, wie -er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen. -Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, -dessen Karikatur dieser Krüppel darstellt. Wenn Sie -aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind, dann -lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm -darüber. Sie werden ihm gerade das sagen, was er wissen -muß. Sie werden ihm das Wesen eines jeden Berufs -klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein jeder -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur -dieses Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm -zeigen, wozu er durch unsere Mißbräuche geworden ist. -Darüber hinaus brauchen Sie nichts hinzuzufügen. Er -wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein eigener -Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen -solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen -Menschen, die es verstehen, die Grenzen und -Pflichten eines jeden Berufs und Amtes in wenigen, -aber klaren und treffenden Zügen abzustecken. Häufig -weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich -gegen seine Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, -und bringt nichts als Gemeinplätze vor, die sich nach -keiner Richtung hin unmittelbar auf den Gegenstand -beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage -zu versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, -wenn seine Gemeinde arm ist, und denen, die da -roh und trotzig tun, drohen Sie mit dem Erzpriester. -Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren -moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, -daß ihre Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie -strengere Rechenschaft werden ablegen müssen, als irgendein -Mensch aus einem anderen Beruf, daß heutzutage -ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders -auf den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes -Revirement bevorsteht, weil nicht nur die höhere -Obrigkeit, sondern auch alle Privatleute im Staate ohne -Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund alles -Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre -Pflicht und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst -häufig über die furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -unsere Seele unwillkürlich erschauert. Kurz — vernachlässigen -Sie die Stadtpfarrer unter keinen Umständen: -mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen -großen moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, -das Bürgertum und die niederen Stände der Stadtbewohner -ausüben, einen so großen Einfluß, wie Sie -sich’s kaum vorstellen können. Ich will nur einiges -davon erwähnen, was sie durchzusetzen vermag, und -Sie auf die Mittel aufmerksam machen, mit deren -Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, — aber -da fällt mir ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon -habe, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in -Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen -vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, -ich unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine -sagen, daß Sie selbst einmal erstaunt sein werden, wenn -Sie erkennen werden, welch große Aufgaben und Taten -Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die -weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche -Asyle und alle möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl -sie mit keinerlei Geldopfern und Arbeit verbunden -sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer -Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden. -</p> - -<p> -Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten -unter den Bewohnern der Stadt zu sozialer Tätigkeit -anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann gleich Ihnen -sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln; -wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem -Charakter, ihrer Lebensweise und ihrer Beschäftigung -geben wollen, so werde ich Ihnen sagen, wie und wodurch -man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht -kennt, die man jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn -aufzurütteln und aufzuwecken. Sie haben mir schon -ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt -genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr -finden werden. Legen Sie keinen Wert auf ein abstoßendes -<a id="corr-10"></a>Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme -Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes -Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu -renommieren und sich durch große Kühnheit und Bravour -hervorzutun, oder auf ein allzu freies ungeniertes -Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas -unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch -ist unsere Seele in ihrem Innersten weit mehr guter Regungen -und Gefühle fähig als jemals früher, trotzdem -wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder sogar -einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben. -</p> - -<p> -Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich -schwöre Ihnen, die Frauen sind weit besser als wir Männer; -sie sind viel hochherziger, haben viel mehr Wagemut -und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen -Sie dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem -hohlen modischen Treiben umgarnen ließen. Wenn es -Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen zu reden, -wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten -ihre hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt -harrt, ihre <a id="corr-11"></a>himmlische Bestimmung klarzumachen: uns -eine Erweckerin zu allem Edlen, zur Geradheit und Ehrlichkeit -zu werden und den Menschen zu edlem Tun und -Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch -soeben für ganz hohl und nichtig gehalten haben, in -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -edler Begeisterung aufflammen, in sich gehen, erkennen, -daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu edlen -Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, -ihren Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, -und alle dazu veranlassen, daß sie umkehren und sich -wieder in den Dienst einer Sache stellen. Ich schwöre -Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins Gewissen -reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie -werden uns mit der Geißel der Scham und des Gewissens -antreiben wie eine stumpfsinnige Hammelherde, -noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen -wird, daß er schon längst von selbst hätte vorwärts -laufen und nicht erst auf den Schlag der Peitsche warten -sollen. Sie werden die Liebe aller gewinnen. Und -diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch -nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie -Ihre Seele kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie -alle, bis zum letzten, lieben, ohne alle Rücksicht, ob -einer Sie liebt oder nicht. -</p> - -<p> -Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich -fühle, daß ich anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer -Stadt noch Ihnen selbst im gegenwärtigen Augenblick -sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie selbst -schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten -zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch -wie in einem einsamen Walde. Ich höre fortwährend -von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht, woran -eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, -nie auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares -Leiden zu glauben, und ich nenne eine Krankheit -niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch eigenhändiges -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. -Also noch einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze -Stadt gründlich kennen zu lernen, beschreiben Sie mir -alles und jedermann und ersparen Sie keinem einzigen -Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin -sein Beruf besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses -man in seiner Stellung vollbringen kann. Machen Sie -es wie eine fleißige Schülerin, schaffen Sie sich zu diesem -Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in -Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein -müssen. Denken Sie stets daran, daß ich dumm, daß -ich <em>ganz</em> dumm bin, solange mich nicht jemand in ausführlichster -Weise über einen Gegenstand orientiert. Oder -stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig -unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, -bis auf die kleinste Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen -muß: nur dann wird Ihr Brief seinen Zweck ganz -erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen -solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen -ist, Ihnen etwas vorauszusagen, und wenn -meine Voraussagungen einmal wirklich eingetroffen sind, -so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich damals -in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht -haben. Ist denn das etwas so Großes, gewisse Dinge -vorauszusehen! Man muß bloß die gegenwärtigen Verhältnisse -recht aufmerksam beobachten, dann wird die -Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. -Ein Narr, der an die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart -in Rechnung zu ziehen! Ein solcher Mensch muß -entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber -in Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -folgender Zeilen ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen -führen will. „<em>Es ist traurig und sogar bitter, -die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen -zu müssen. Im übrigen aber sollte man nicht -darüber sprechen. Wir sollten hoffnungsvoll -und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die -in den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt</em>“. -In den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt alles: -alles Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige. Das -ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart -nicht sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. -Daher kommt ja dies ganze Unheil, daß das eine traurig -und bitter und anderes wieder einfach häßlich und widerwärtig -ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es -gerne möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln -an allem und blicken starr in die Zukunft. Darum -sendet uns Gott auch keine Klarheit, daher hängt ja -auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft: -manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen -hochstehenden Menschen, die sie auch schon instinktiv -vorausahnen und diesem Gefühl nur noch keine streng -zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben können. -Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das -weiß kein einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit -den sauren Trauben. Dabei vergißt man eine Kleinigkeit: -man vergißt, daß die Straßen und Wege, die in -diese <em>heitere</em> Zukunft führen, ja gerade durch diese -<em>dunkle und verworrene</em> Gegenwart hindurchgehen, -die niemand kennen will. Jedermann hält sie für so -häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und -ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -führt. So lehren Sie mich doch wenigstens diese Gegenwart -kennen. Sie dürfen sich nicht durch das viele -Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie -sollen mir keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine -und Schmutzige ist nichts Ungewohntes für -mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges -in mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles -Niederträchtige und Widerwärtige hatte, brachte mich -alles Gemeine und Häßliche in Verlegenheit, ich fühlte -mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte mich ein -Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich -aber tiefer in all den Schmutz und die Niedertracht -hineinzublicken versuchte, bin ich zu höherer geistiger -Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf. -Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch -größerer Ehrfurcht vor der Vorsehung, und jetzt danke -ich Gott sogar am meisten dafür, daß er es mir ermöglicht -hat, die Gemeinheit und Niedertracht — sowohl -meine eigene wie die meiner armen Brüder — wenigstens -teilweise kennen zu lernen. Und wenn ich heute auch -nur ein Fünkchen Verstand besitze, wie er nicht allen Menschen -eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich bemüht -habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit -hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein -sollte, einigen von denen, die meinem Herzen nahe stehen, -darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe und Stütze zu -sein — so war dies nur möglich, weil ich tiefer in -diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. -Und wenn ich schließlich gelernt habe, die Menschen mit -einer nicht bloß eingebildeten, erträumten, sondern mit -einer wahrhaften und wirklichen Liebe zu lieben, so war -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich, daß ich -recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit -hinabgesehen habe. -</p> - -<p> -Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht -zurück. Vor allem aber wenden Sie sich nicht mit Ekel -von den Menschen ab, die Ihnen aus irgendeinem -Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere -Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo -viele von den sogenannten „Reinen“ ihr Gesicht mit -den Händen bedecken und bittere Tränen weinen werden, -gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie -sich ihrer Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen -hohen Gütern gerühmt und sich deshalb für -bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie stets -daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet -haben, mit neuem <a id="corr-12"></a>frischerem Mut als früher an -die Arbeit. Lesen Sie meinen Brief fünf- oder sechsmal -durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und es ist keine -strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens -selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den -Inhalt dieses Briefes ganz zu eigen machen. Meine -Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine Wünsche -zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und -jeder Buchstabe Sie unablässig verfolgt und so lange -quält, bis Sie meine Bitte erfüllen und tuen, was ich -verlange. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-23"> -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -<span class="line1">XXII</span><br /> -<span class="line2">Der russische Gutsbesitzer</span><br /> -<span class="line3">An <a id="corr-13"></a>B. N. B.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem -Gute angelangt bist und es dir zum unumstößlichen -Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu -werden. Das übrige wird sich schon von selbst ergeben. -Laß dich nicht irremachen durch den Gedanken, daß das -alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem Bauern -verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen -ist, ist wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst -daran schuld sind, das ist auch wahr, aber] daß es für -alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte — das -glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. -Nur ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge -hinaussieht, kann so etwas behaupten. Wie? Es sollte -schwer sein, sich die Liebe eines Russen, der für alles Gute, -das man ihm beibringt, so dankbar zu sein vermag, — -es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und Anhänglichkeit -eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den -Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch -einen Gedanken hat: wie man ihn wieder loswerden -soll. Wenn du nur alles genau ausführst, was ich dir -jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses -Jahres erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die -Aufgabe, die einem Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -wahren und rechten Sinne erkennen und in der rechten -Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die -Bauern um dich versammeln und ihnen klarmachen, -was du bist und wer sie sind. Du mußt ihnen erklären, -daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden -bist, weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen -wolltest, sondern deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer -warst, weil du als Gutsbesitzer geboren bist und -weil Gott dich zur Verantwortung ziehen würde, wenn -du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest, -denn ein jeglicher muß Gott an <em>der</em> Stelle, an die -er gestellt wird, und nicht an einer andern fremden -dienen. Ebenso müßten auch sie, die Bauern, da sie -doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt -des Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, -unter der sie geboren seien, denn es gibt keine -Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser Gelegenheit mußt -du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament -zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon -überzeugen kann. Ferner mußt du ihnen sagen, daß du -sie zur Arbeit und zur Tätigkeit anhältst, nicht weil du -Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen -brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor -ihren Augen ein paar Banknoten verbrennen], du mußt -es vielmehr so einrichten, daß sie wirklich den Eindruck -gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert für -dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, -weil es Gottes Wille sei, daß der Mensch in schwerer -Arbeit und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen -solle, und lies ihnen unmittelbar darauf die entsprechende -Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -sie sich davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, -sage ihnen, Gott werde wegen des letzten Lumpen -im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und deswegen -würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich -arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. -Denn du weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein -Bauer, der nicht arbeitet und sich dem Müßiggang ergibt, -zu allem fähig ist — er kann zum Dieb, zum -Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten -und dir eine schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. -Bekräftige alles, was du sagst, stets und ohne -Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit dem -Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte -enthalten. Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, -einen Kniefall tue und das Buch küsse, in -dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar erkennen, -daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, -nach dem Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen -europäischen oder anderen Launen und Einfällen -heraus handelst. Der Bauer wird das verstehen. Er -bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze -Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das -Wertvollste auf der ganzen Welt ist und daß du vor -allem darauf achten wirst, daß keiner von ihnen seine -Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. -Bei jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du -einem Menschen erteilst, der des Diebstahls, der Faulheit -oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt -du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht -gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen -Gott und nicht gegen dich versündigt, und tadele nicht -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -ihn allein, sondern rufe auch sein Weib, seine Familie und -seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen, -frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, -Übles zu tun, und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht -habe. Rede auch den Nachbarn ins Gewissen, weil sie -es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten -unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt -und seine Seele um nichts und wieder nichts verdorben -habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen vor Gott Rechenschaft -ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß -sich alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und -daß alle Gegenstände, die den Menschen umgeben, ihn -vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es ihm nicht gestatten, -sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß von allen -musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten -Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß -ihnen eine große Verantwortlichkeit zufalle. Mache es -ihnen ganz klar, daß es nicht allein ihre Aufgabe ist, -selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel zu -führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut -zu leben, daß ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren -kann, und daß das ihre Pflicht sei. Den Lumpen -und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven -und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie -dem Dorfschulzen, dem Verwalter, dem Priester und -sogar dir selbst. Schon wenn sie einen solchen braven -und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne -erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe -reißen und ihm den Weg freigeben. Wer es aber wagt, -ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen oder seinen -klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -den mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu -dem mußt du folgendermaßen sprechen: „O du ungewaschenes -Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche, -daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, -und du willst dem keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! -Beuge dich tief vor ihm und bitte ihn, daß er -dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht -zur Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein -Hund.“ Die braven Bauern aber mußt du zu dir rufen -und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz nehmen -lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern -belehren und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen -können, was Gott uns geboten hat. Führe das -bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst sehen, -wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft -wird hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um -die Hauptsache, alles andere wird dir von selbst in den -Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens gesagt: <em>Dies -alles wird euch von selbst zufallen.</em> Wie wahr -das ist, dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres -Zeugnis als unser Leben. Für den Bauern sind -ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch — Synonyme, -und wo in einem Dorfe einmal das christliche -Leben Einkehr gehalten hat, da tragen die Bauern -das Silber mit Schaufeln fort. -</p> - -<p> -Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft -einen Rat geben, nur mußt du ihn ordentlich verstehen, -dann wird er dir nicht zum Schaden gereichen. Zwei Menschen -danken es mir schon, der eine ist K., den du auch -kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich -beschäftigen mußt und wie du dies zu tun hast, darüber -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -will ich dir nichts sagen: das weißt du besser als -ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau -wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand -Neuerungen bist du ja vernünftig und hast du ja selbst -eingesehen, daß man nicht nur am Alten festhalten, -sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß, -um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu -gewinnen. Ich will dir lieber einen Rat geben, der die -Beziehungen des Gutsherrn zu seinen Bauern in den -landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den Arbeiten -betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung -ist als alles übrige. Denke an das Verhältnis, -das früher zwischen den Gutsherren und Landwirten und -ihren Bauern herrschte: du mußt ein Patriarch sein, -selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen. -Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn -eine gemeinsame Sache in Angriff genommen wird, -also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte usw. -das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen -Tagen muß in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch -für alle Bauern gedeckt sein, ganz so wie am Ostermontag, -und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit -ihnen zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der -Arbeit überall voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem -Schaffen anspornen, für die, die sich durch ihren -Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort des -Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit -halten. Und wenn dann der Herbst kommt und die -Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du den Abschluß der -Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres -Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -begleitet wird. Du sollst den Bauer nicht schlagen; ihm -einen Schlag in das Gesicht versetzen, das ist noch keine -große Kunst, das kann auch der Stanowoi, der Assessor -und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, -er kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist -alles. Lerne es lieber, durch deine Worte Eindruck auf -ihn machen. Du verstehst dich doch auf treffliche -Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber -so, daß das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. -Das wird weit nützlicher für ihn sein als alle möglichen -Püffe und Maulschellen. Du mußt stets sämtliche Synonyme -von: „<em>braver Bursche</em>“ für den, der ermuntert, -und alle Synonyme von: „altes Weib“ für den, -der getadelt werden muß, bereit halten, damit das ganze -Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold ein -altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich -ein noch schlimmeres Wort hervor, kurz, du -darfst ihm sagen, daß er alles ist, was ein Russe nicht -sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube, sondern -erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und -richte es, wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei -deinem Kommen alles lebhafter und heiterer wird, sich -mutig und frisch betätigt und daß jeder sich bei der -Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen allen -Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: -„Kommt, Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.“ -Nimm selbst die Axt oder die Sense zur -Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine -Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, -als Marienbad und die vielen trägen und bequemen -Spaziergänge. -</p> - -<p> -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz -richtig. Es ist wirklich ein Unsinn, dem Bauern das -Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit habe, allerhand -törichte Bücher zu lesen, die europäische Menschenfreunde -für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber -ist, daß der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach -der schweren Arbeit wird kein Buch ihm in den Kopf -hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt -er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. -Dir selbst wird es so ergehen, wenn du häufiger zur -Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer kann dem Bauer -weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein -kann, als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen -wirklich vom Bildungsdrang ergriffen wird und zwar -nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden -sondern weil er <em>die</em> Bücher lesen will, in denen -das Gesetz, das Gott den Menschen gegeben hat, geschrieben -steht, dann ist das freilich eine andere Sache. -Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen -Sohn, und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, -die du für eine ganze Schule verwandt hättest. Unser -Volk ist gar nicht so dumm, wenn es vor jedem beschriebenen -Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. -Es weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, -aller Kabalen und Haarspaltereien ist. Eigentlich -sollte es überhaupt nicht wissen, daß es noch andere -Bücher als die heiligen Bücher gibt. -</p> - -<p> -[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich -darum bemühst, daß er durch einen andern ersetzt wird -und wenn du den Erzpriester darum bitten willst, er möge -dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester senden. -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn -ein solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es -dir aus dem Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, -der deinem Ideal völlig entspricht. Kein Seminar -und keine Schule kann einen solchen heranbilden. Im -Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung -gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen -erwirbt er sich erst durch das Leben selbst. Du mußt -selbst sein Lehrer sein, da du doch eine so klare Vorstellung -von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast. Wenn -der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer -selbst schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen -wie einen nahen Verwandten, und in ihm das -Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu erwecken, -aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung -und unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst -noch nicht einmal weiß, was der Bauer eigentlich ist. -Sie bringen ihn in eine solche Lage, daß er genötigt ist, -dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt zu -machen, während er doch vielmehr von vornherein eine -gewisse Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher -klagt man, daß die Priester schlecht sind, daß sie die -Manieren der Bauern annehmen und sich gar nicht -mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, -da möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen -Verhältnissen nicht verrohen, selbst wenn er eine gute -Vorbereitung und Erziehung besäße? Dagegen mußt du -es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der -Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt -geistliche Bücher mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert -und befriedigt uns doch heute weit mehr als alles andere. -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -Was aber die Hauptsache ist, du mußt den Priester -überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit -er von Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und -sich persönlich von deinem Verhalten gegen die Bauern -überzeugen könne. Hierdurch wird er klar erkennen, was -ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die -Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber -werden auch die Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, -wenn sie sehen werden, daß er Hand in Hand -mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, -daß er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt -auf sicherem Grunde ruhe und daß er dadurch die Möglichkeit -habe, beständig mit dir zusammen zu sein. Glaube -mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich langweilen -wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber -einmal an dich gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich -auch deine Sachkenntnis und Menschenkenntnis und -vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja gottlob -sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, -dich so klar und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht -nur deine Gedanken, sondern selbst deine Ausdrucksweise -und sogar deine Worte von dir annimmt. -</p> - -<p> -Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig -hältst, so möchte ich dir hierüber folgendes sagen. Ich -bin eher der Meinung, daß es für einen Priester, der -noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet ist, und -der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser -ist, überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal -darüber nachgedacht, wie schwierig es ist, eine kluge -Predigt zu halten, besonders vor Bauern? Nein, gedulde -dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange, bis der -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu -dieser Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem -anderen geraten habe und was ihm, wie ich glaube, -von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die heiligen Kirchenväter, -besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. -Ich sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, -da er es mit dem ungebildeten Volk zu tun hatte, das -das Christentum nur äußerlich angenommen hatte, innerlich -aber noch immer dem rohen Heidentum anhing, -immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher -und roher Menschen anzupassen, und er spricht so lebendig -über die notwendigsten, ja häufig sogar über sehr hohe -Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten -direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten -kann, denn er wird sie verstehen. Nimm also den -Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit deinem -Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit -du alle derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche -Stellen kommen bei Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise -vor. Laß ihn dem Volke diese Stellen vortragen. Sie -brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie eine -Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer -sie sind, um so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor -er sie dem Volke vorträgt, mehrmals mit dir zusammen -durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur mit -innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern -seinen Worten auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, -wie wenn er für eine ihn persönlich angehende -Sache eintrete, von der das ganze Heil seines Lebens -abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein -als eine eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -in möglichst treffenden Worten zum Volke reden, sonst -kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie unsere -höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau -so hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen -Prediger anzuhören, wie sie in die Oper oder in das -Schauspiel fahren. Bei K. K. predigt der Priester überhaupt -nicht, sondern erwartet die Bauern, da er sie von -Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte -aber redet er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, -daß dieser die Kirche verläßt, wie wenn er aus einem -Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich dreißig -Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten -Gauner und Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt -und sich dann selbst in der Vorhalle aufgestellt, -um sich die Gesichter anzusehen, die sie machen würden, -wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie -die Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal -lange im Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier -bis fünf Mann auf einmal vorgenommen. Während -der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S** selbst -erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen -lassen, so daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen -konnten, was bloß geschehen war.] -</p> - -<p> -Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang -recht eifrig, dann wird das Werk und die Arbeit schon -ganz von selbst so vonstatten gehen, daß du gar nicht -erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden -wie ein Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen -Leuten, die da annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers -denen des Bauers widersprechen. Du wirst -ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat beweisen, -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn -er seine Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, -nicht allein die alten Bande, von denen man sagt, -daß sie für immer zerrissen seien, durch das gemeinsame -Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, -das stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und -so wirst du, der du bisher in keinem Wirkungskreise -eifrig und mit Hingebung gearbeitet hast, als Gutsbesitzer -dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein Mann -in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage -was du willst, ihm achthundert Untertanen zu schenken, -die allesamt wie <em>ein</em> Mann allen Menschen ihrer Umgebung -durch ihren wahrhaft musterhaften Lebenswandel -zum Vorbild dienen können — das ist kein unnützes -Werk, sondern eine durchaus berechtigte und große Tat. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-24"> -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -<span class="line1">XXIII</span><br /> -<span class="line2">Der Historienmaler Iwanow</span><br /> -<span class="line3">An M. Ju. Weligurski</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich -ist doch das Schicksal dieses Menschen! Endlich -schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle -waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, -eine geradezu unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil -an dem Künstler, alles bemühte sich darum, ihm die -Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden, [damit -der Künstler nicht während der Arbeit sterbe — ich -meine dies ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] -und noch immer bekommt man nicht das geringste aus -Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um Christi willen -suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat. -Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn -die Maler und alle Professoren der Akademie der Künste -aus Furcht, das Bild Iwanows könnte alles in Schatten -stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht hat, -und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel -zur Vollendung des Bildes nicht zur Verfügung gestellt -werden. Das ist eine Lüge, davon bin ich fest überzeugt. -Unsere Künstler sind vornehme, anständige Menschen -und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow -durch seine beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe -zu erdulden gehabt hat, er, der tatsächlich Gefahr -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie ihr eigenes -Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere -zu einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum -hätten sie Iwanow auch zu fürchten,] er wandelt seine -eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er strebt -weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. -Er will überhaupt nichts mehr, denn er ist der -ganzen Welt abgestorben außer seiner Arbeit. Er bittet -bloß [um eine armselige Pension] — um eine Pension, -wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht -er, der Meister, der an einem so ungeheuren Werke -arbeitet, wie es bisher noch niemand unternommen hat. -Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu verschaffen bestrebt -sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er -sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen -Sie, was Sie wollen, ich sehe in alledem den Willen -der Vorsehung, die es so bestimmt hat, daß Iwanow -alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und -alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann -ich nicht finden. -</p> - -<p> -Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, -er arbeite zu langsam. Man hat immer gesagt: wie? -er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und noch immer -ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser -Vorwurf endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der -Künstler auch nicht einen einzigen Augenblick von seiner -Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem Bilde, die er -angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man -eine ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß -die ungewöhnliche Größe des Bildes, dem kein zweites -an Flächenumfang gleichkommt (das Bild ist größer als -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich -viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen -Geldmitteln, die es dem Maler nicht erlaubten, sich -mehrere Modelle zugleich, vor allem aber nicht solche, -wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort — jetzt -beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf -einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein -fleißiger Arbeiter sein ganzes Leben lang bei der Arbeit -verbracht hat, so daß er kaum noch wußte, ob es in der -Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit — wie -töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu -langsam. Die, die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, -werden sich noch mehr schämen, wenn sie erfahren, was -der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war. -Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der -eigenste, innerste, geistige Lebenszweck des Künstlers — -eine Erscheinung, wie sie in der Welt nur äußerst selten -vorkommt und deren Grund nicht im freien Ermessen -des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen -ist, der über allen Menschen steht. Es war offenbar -höhere Bestimmung, daß sich an diesem Bilde die eigentliche -Erziehung des Künstlers sowohl nach der Seite -manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, -die die Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung -entgegenführen, vollziehen sollte. Schon der Gegenstand -des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst bedeutend. -Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien -zum Vorwurf gewählt, die einer Darstellung ganz besondere -Schwierigkeiten bietet und die bisher noch von -keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister einer -der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -Epochen behandelt worden ist, nämlich — das erste -Erscheinen Christi vor dem Volke. Das Bild stellt die -Wüste am Ufer des Jordans dar. Im Vordergrunde -des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers, -der vor versammeltem Volke predigt und im Namen -Dessen, Den noch niemand gesehen hat, tauft. Er -ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die -damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die -bereits ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen -oder im Begriff sind, ins Wasser zu steigen, -umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch die -künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann -lauscht, während er mit seiner Verrichtung beschäftigt -ist und verschiedene Körperbewegungen ausführt, voll -innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte -er ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter -spiegeln die verschiedensten Gefühle wider: ein Teil -der Anwesenden ist bereits vollkommen überzeugt, andere -zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt schon, -andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung -gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen -man anmerkt, daß die harte Rinde der Gefühllosigkeit, -die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten ist. Und während -nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen -ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe -bereits vollzogen ward, in der Ferne — und das ist der -eigentliche Höhepunkt des Bildes. Der Künstler hat -den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit -dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte -spricht: „<em>Siehe, das ist das Lamm, das der Welt -Sünde trägt.</em>“ Die ganze Menge aber hält, ohne ihren -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den -geheftet, und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf -Den der Prophet hinweist. Zu dem früheren Ausdruck, -der noch nicht von den Gesichtern verschwunden ist, -kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck -widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten, -die ganz vorne stehen, leuchten von einem wunderbaren -Licht, während die andern noch bemüht sind, in den -Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht -begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der -Welt auf sich nehmen kann, und während die Dritten -zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten sie sagen: -„Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!“ Er -aber schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine -wunderbare Ferne entrückt langsamen und festen Schrittes -auf die Menschen zu. -</p> - -<p> -Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern -diesen ganzen Prozeß <em>der Bekehrung des Menschen -zu Christus</em> darzustellen! Es gibt Menschen, die davon -überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles erreichbar -ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst -ein Frosch, eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] -wie ein an den himmlischen Vater gerichtetes -Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles leicht erreichbar sei, -wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und die Akademie -besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen, -was er selbst <em>gefühlt</em> und wovon er sich im Geiste -eine vollständige Idee gebildet hat, im andern Falle -wird sein Bild ein totes akademisches Gemälde bleiben. -Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für -ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden. -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -Die gesamte materielle Seite daran, alles, was -sich auf eine strenge und weise Verteilung der Gruppen -auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster Vollendung -durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen -Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, -auch ist der jüdische Typus überall festgehalten. Man -erkennt sofort an den Gesichtern, welches Land der -Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist ausdrücklich -zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische -Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische -Verteilung der Farben, der menschlichen Gewänder -und die wohlüberlegte Art, wie sie den menschlichen -Körper umhüllen und von ihm gehalten werden, -bezieht, ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß -jede Falte die Aufmerksamkeit des Kenners auf sich -lenken muß. Endlich ist auch die landschaftliche Seite, -auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig achtet, -die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt -sind, so ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die -sich in Rom aufhalten, staunen. Iwanow hat zu diesem -Zwecke viele Monate in den ungesunden Pontinischen -Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht, -zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden, -die sich in Roms Umgebung finden, entworfen, -er hat jedes Steinchen und jedes Baumblatt studiert, -kurz — er hat alles getan, was er tun konnte, und -alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte. -Wie aber sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie -ein Künstler ein Modell finden konnte! Wo konnte er -ein Modell dafür finden, was die Hauptsache, die eigentliche -Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -konnte er den Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu -Christus in seiner Gesamtheit zur Darstellung bringen? Wo -sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe? Sollte er -ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken -erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu -ist der Gedanke zu kalt und zu frostig und die -Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine -Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur -vermochte, er war bestrebt, aus den Gesichtern aller -Menschen, denen er begegnete, die hohen Gemütsbewegungen -der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen gegangen, -um die Menschen während des Gebets zu beobachten, -und mußte schließlich erkennen, daß dies alles -viel zu kraftlos, zu ohnmächtig, daß es ungenügend sei -und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem, was er -brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde -der Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, -warum sein Bild so langsame Fortschritte machte. Nein, -solange sich die wahre Bekehrung zu Christus nicht im -Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie gelingen, -sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig -zu Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung -zuteil werden lassen, er hat stille Tränen vergossen -und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft verleihen, -die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen, -und in einem solchen Moment konnte man ihm -den Vorwurf machen, daß er zu langsam arbeite, und -ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er -möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute -viele von den Edelsten und Besten leiden, im Feuer -Seiner Gnade zerschmelzen und zu Asche verbrennen -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die Kraft -verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch -der Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert -dastünde, und in solchen Augenblicken konnten -sogar Leute, die ihn persönlich kennen, ja selbst seine -Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei -träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob -man ihn nicht durch Hunger und dadurch, daß man -ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen könne, sein Bild -zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen -sagten: „Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas -für sich, in der Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder -malen und sie verkaufen, dann brauchte er nicht vor -Hunger zu sterben.“ So konnten die Leute reden, -ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach -dem Willen Gottes zu einer innersten Seelen- und -Herzensangelegenheit geworden ist, schon nicht mehr imstande -ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen, -daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken -ist gar nicht mehr fähig, sich auf andere Gegenstände -zu richten, so sehr er sich auch dazu zwingen und -so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein -treues Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht -mehr imstande, einen andern lieb zu gewinnen. Nie -wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen, nicht einmal, -wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch -vor der Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand -Iwanows. Sie werden sagen: „Ja warum -hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum -hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann -hätte man ihm sofort Geld geschickt? Das wäre schön, -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -wenn’s so wäre. Es soll doch einmal einer von uns -versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens gegeben -hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu -werden vermag, was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer -Berufe auseinanderzusetzen, die aus sehr natürlichen -Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß -es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, -die sie unendlich weit über das Niveau emporhebt, -auf dem die Kunst unserer heutigen modesüchtigen Zeit -steht. Sollte er etwa sagen: „Ich will ein Werk -schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von -dem ich jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil -mir selbst heute noch manches nicht ganz klar ist. Ihr -aber mögt die ganze Zeit über, während der ich an -meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld -zu meinem Lebensunterhalt verschaffen?“ Dann würden -sich wahrscheinlich viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen -würden, und glauben Sie etwa, daß es einen so törichten -Menschen gibt, der ihnen Geld geben würde? Aber -selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit -der Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: „durch -höhere Eingebung ward mir eine Idee zuteil, die mich -unablässig verfolgt — ich will die Bekehrung des Menschen -zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich -fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst -wahrhaft zu ihm bekehrt habe. Wartet daher, bis -sich diese Bekehrung in mir selbst vollzogen hat und -gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem Lebensunterhalt -und um arbeiten zu können, brauche.“ -Ja, hätten wir ihm nicht alle wie aus einem Munde -zugerufen: „Was ist denn das für ein törichtes -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt -denn das zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die -Seele ist etwas für sich und ein Gemälde ist auch eine -Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine Bekehrung -warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. -Wir sind doch auch alle wahrhafte Christen.“] So hätten -wir alle zu Iwanow gesprochen, und jeder von uns -hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese schwierigen -Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter -gewesen, die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, -Gott mit innigerer, glühenderer Sehnsucht zu suchen, -und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu Ihm -zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, -wie keiner von den modernen profanen Künstlern -in Ihm lebt, und sich durch bittre Tränen die Gefühle -zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes Nachdenken -und bloße Überlegung zu erringen suchte, so -wäre er nie imstande gewesen, das darzustellen, wozu -er jetzt auf der Leinwand bereits den Grund gelegt hat, -und er hätte sowohl sich wie die andern betrogen trotz -seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben -Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen -inneren Übergangszustandes, wenn nach Gottes -Willen ein Umgestaltungsprozeß in dem innersten Wesen -des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen mitzuteilen. -Ich kenne das selbst sehr gut und habe es -sogar an mir selbst erfahren. Meine Werke hängen in -ganz wunderbarer Weise mit meinem Seelenleben und -meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als -sechs Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu -schaffen. Die ganze Arbeit fand in mir und für mich -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -selbst statt. Und doch — vergessen Sie dies nicht — -und doch lebte ich damals, ausschließlich von den Einkünften, -die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt -wußte, daß ich Not litt, und doch waren alle überzeugt, -daß dies seinen Grund ausschließlich in meinem Eigensinn -hat, daß ich mich nur hinzusetzen und irgendeine -kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel -Geld zu verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch -nur eine einzige Zeile zu schreiben, und als ich einmal -dem Rat eines unvernünftigen Menschen folgen und -mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für -eine Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, -daß mich mein Kopf schmerzte und mir all meine Sinne -wehe taten. Ich schmierte einige Seiten voll, zerriß sie -wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten einer -solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies -schon schlecht genug war, so daß ich mich zu Bett legen -mußte. Dazu kamen noch allerhand Nervenbeschwerden -und Leiden, die daraus entsprangen, daß es mir völlig -unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in -der Welt über meinen Zustand und meine Lage zu äußern; -dies alles brachte mich so herunter, daß ich mich -beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses -passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich -mich zu alledem noch in einer Stadt, wo ich nicht einen -einzigen mir nahestehenden Menschen hatte. Auch -war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr, nicht -nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, -sondern sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon -sehr lange her [ich wurde damals durch den Kaiser gerettet, -von dem mir unerwartet Hilfe kam. Hatte ihm -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in -seiner unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem -heißen Streben beseelt war, ihm ebenso treu und redlich -zu dienen, wie andere ihm in ihren hervorragenden -amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine -Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt -sind, genug, diese Hilfe richtete mich plötzlich -auf. Es war mir in diesem Augenblick sehr angenehm, -mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu -den Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft -an die Arbeit zu gehen, kam auch noch folgender Gedanke -hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten -sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu -erwerben und mich der Liebe derer würdig zu erweisen, -die mich liebten, dann wollte ich ihnen sagen: „Vergeßt -es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr auf der -Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre“]. In -solch eine Lage kommt man mitunter. Außerdem muß -ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu dieser Zeit oft -den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele -konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an -Unternehmungen beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, -im Interesse der Allgemeinheit planten. Meine -Einwände, ich könne nicht schreiben und ich dürfe nicht -für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für -eine Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im -Ausland lebte, wurde auf ein sybaritisches Bedürfnis -zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu genießen. -Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden -klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine -Krankheit eine zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -Bedürfnis war, gerade weil ich nicht in ein falsches -<a id="corr-15"></a>Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten -bereiten wollte — selbst dies vermochte -ich ihnen nicht klarzumachen! -</p> - -<p> -Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand -sei so seltsam geworden, daß ich ihn keinem Menschen -auf der Welt in klarer und verständlicher Weise hätte -mitteilen können. Wenn ich mich bemühte, einem Menschen -wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen, -so stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich -den Menschen, zu denen ich sprach, mit meinen Worten -nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich bereute -bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, -aufrichtig zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt -Situationen von solcher Schwierigkeit, die sich nur mit -der Lage eines Menschen vergleichen lassen, der in einem -lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst sieht, wie -er lebendig begraben wird — und nicht einmal einen -Finger rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch -lebt. Nein, Gott bewahre uns vor dem bloßen Versuch, -im Moment eines solchen inneren Übergangszustandes -einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein -sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. -So kam es, daß viele, selbst solche Menschen, die mir -sehr nahe standen, ungerecht gegen mich wurden und -doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran: ich selbst -hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen -wäre. -</p> - -<p> -Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn -er vor Armut und aus Mangel an Mitteln sterben sollte, -so würden sich alle sofort empört gegen die wenden, die dies -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen die andern -Künstler würden laut werden, und man würde sie der -Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende -würde gar ein dramatischer Dichter ein rührsames Drama -über dieses Sujet schreiben, das Publikum bis zu Tränen -rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde -Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts -wie lauter Lüge und Unwahrheit, weil in Wahrheit doch -eigentlich niemand an seinem Tode schuld wäre. Nur -<em>ein</em> Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften Handlungsweise -anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. -Dieser Mensch wäre — ich. Ich habe mich -in einer ganz ähnlichen Lage befunden, habe alles am -eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern -nicht klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen -ich Ihnen jetzt schreibe. Suchen Sie diese Sache -zu arrangieren und in Ordnung zu bringen, sonst nehmen -Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. -Ich habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen -abgewälzt. Nun liegt sie auf Ihnen. [Richten Sie -es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige Pension, -um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem -auch noch eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem -Gemälde gearbeitet hat und daß er während dieser -Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem ihn -die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. -Sparen Sie nicht mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen -tragen. Schon fängt man überall an, den Wert des -Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl -es sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die -Idee und Absicht des Künstlers noch nicht in vollem Maße -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -<a id="corr-16"></a>widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz -Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten Raphaels -und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das -Gemälde wird vollendet werden [— dann wird auch -der ärmste Fürstenhof in Europa gern soviel dafür bezahlen, -wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde -eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche -Gemälde erzielen selten Preise unter 100000 oder 200000. -[Richten Sie es so ein, daß ihm die Prämie nicht für -sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung und -seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf -daß dies Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir -haben eine solche Lehre nötig, damit alle erkennen, wie -man die Kunst lieben soll: daß man allen Lockungen -des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man -nicht aufhören dürfe, zu lernen, und sich stets für einen -Schüler halten solle wie Iwanow, daß man die größten -Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an Feiertagen sich -beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow, -daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine -einfache Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten -des Anstands außer acht lassen muß wie Iwanow, daß -man alle Leiden auskosten und selbst bei einer so hohen -und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen -feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen -ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne -einen für verrückt erklären und überall das Gerücht -verbreiten, man sei nicht bei Verstande, so daß man es auf -Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören muß, wie Iwanow -dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte -ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -ein Bedürfnis für unsere jungen Künstler und für die, -die ihre Künstlerlaufbahn erst eben beginnen, damit sie -ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich feine -Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, -um ihr Ansehen in der Gesellschaft zu heben, -sondern damit sie erkennen, daß die Hilfe und Unterstützung -der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil wird, -die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit -ihren Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer -Aufgabe widmen und in ihr ganz aufgehen wie ein -Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn -die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß -wäre, damit sich alle anderen unwillkürlich hinter den -Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß er diese Summe -nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte. Vielleicht -wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon -nehmen. Diese Summe wird ganz darauf verwandt -werden, um den wirklichen Arbeitern auf dem Gebiete -der Kunst, die der Künstler besser kennt als irgendein -Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser -darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. -Weiß Gott, was ein Beamter alles auf dem Kerbholz -haben kann; er kann eine Modedame zur Frau, oder er -kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und -denen er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter -kann einen großen Aufwand machen und vielen -Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch behaupten, -daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen -Nation hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die -Augen zu streuen, und Geld dafür verlangen. Mit dem -dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist, auf dem er -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der -Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der -wirklichen Not vernommen, der selbst gelitten und gesehen -hat, wie andere leiden, der mit ihnen gelitten -und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt -hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen -hatte, wie dies Iwanow getan hat, — mit dem -verhält es sich ganz anders. Ihm kann man dreist -Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von -dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. -Also seien Sie billig. Meinen Brief aber zeigen Sie -sowohl meinen wie Ihren Freunden, besonders aber denen, -denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut -ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen -in allen Berufen vor, und man sollte doch nicht zulassen, -daß solche Menschen vor Hunger sterben. Wenn -es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von -den andern zurückzieht und sich intensiver und eifriger -seiner Sache widmet, ja selbst in dem Falle, wenn es -seine <em>eigene</em> Sache ist und er nur sagt, daß diese -Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem -allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als -ob er den Menschen wissentlich diente, und für seinen -notwendigen Lebensunterhalt sorgen. Damit Sie sich -aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist, -weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler -Mensch, der nichts tut, einschleichen kann, so sehen Sie -zu, was für einen Lebenswandel er führt. Seine Lebensweise -wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso -wie Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen -der vornehmen Welt verachtet und hintan -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden Gedanken -an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, -sich ein Weib zu nehmen, um eine Familie -oder einen Hausstand zu begründen, von sich gewiesen -hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag -und Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick -dem Gebet widmet, dann sind keine langen Überlegungen -am Platz, sondern dann muß man ihm die -Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht -drängen und anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe -lassen: Gott wird ihn auch ohne uns vorwärts treiben. -Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er nicht -vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große -Pension bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja -armselige Pension aus und halten Sie die Lockungen -und Verführungen der Welt von ihm fern. Es gibt Menschen, -die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. -Der Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt -noch nicht recht begriffen hat. Aber wen Gott für -würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten, und wer -seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird -ihn für keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-25"> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -<span class="line1">XXIV</span><br /> -<span class="line2">Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe lange darüber nachgedacht, wen von <a id="corr-17"></a>Ihnen -beiden ich tüchtig auszanken soll, Sie oder -Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich entschlossen, -mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher -dazu fähig, sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. -Obwohl Sie beide auf dem Gipfel der Seligkeit -zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner Ansicht -nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit -elender als die jener Menschen, die tief im Unglück -und im Elend zu stecken meinen. Sie besitzen alle beide -viele gute Eigenschaften, sowohl solche des Gemüts als -auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten, -und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles -zu nichts dienen kann. Es fehlt Ihnen an der inneren -Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr über sich selbst. Es -fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter -einen <em>starken Willen</em> zu verstehen hat. Ihr Mann -hat ein Gefühl für diesen inneren Mangel gehabt. Er -hat sich gerade deswegen verheiratet, um in seiner Frau -ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu -wirklichen Leistungen anspornt. Und <em>Sie</em> haben ihn -geheiratet, damit er Ihnen in allen Angelegenheiten des -Lebens ein Erwecker und Anreger werde. Sie erwarten -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen -besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur -keineswegs glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide -zerfließen und gehen im Leben auf wie ein Stück -Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre guten -Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung -und der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die -allein Ihren Charakter ausmachen werden, und so werden -Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und Kraftlosigkeit -darstellen. Bitten Sie Gott um <em>Kraft und -Willensstärke</em>. Durch Gebet kann man alles von -Gott erlangen, selbst Kraft und Willensstärke, die sich -ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich auf -keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln -Sie vernünftig: <em>bete und rudere auf das Ufer zu</em>, -sagt ein russisches Sprichwort. Sprechen Sie jeden -Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem -Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein -ganzes Ich in mir selbst zusammen und stärke mich!“ -Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang so, wie ich -es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu -und zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen -Haushalt müssen Sie auf Ihre Schultern nehmen. -Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre Hände -gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, -sondern machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen -Überschlag über den gesamten Haushalt. Suchen Sie sich -eine Übersicht über all Ihre Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen -Sie sich im voraus, wieviel Sie bei Ihrem Einkommen -in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben -müssen, und rechnen Sie sich alles in runden -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Summen aus. Teilen Sie Ihr ganzes Geld in sieben -nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur Deckung -der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung<a id="corr-18"></a>, -Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die -vier Wände Ihres Hauses und die Sauberkeit Ihres -Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite Haufen muß das -Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt -des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit -Ihnen in Ihrem Hause leben, enthalten. Der dritte -Haufen sei für den Stall, für den Wagen, den Kutscher, -die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich -auf diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus -dem vierten Haufen müssen die Unkosten für die Garderobe, -d. h. für alles, was Sie beide brauchen, wenn Sie -sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie zu -Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte -Ihr Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche -Ausgaben, die ja häufig vorzukommen pflegen: wie -etwa bei Anschaffung neuer Möbel, einer neuen Equipage, -oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn er plötzlich -in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der -siebente Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene -zur Deckung der Ausgaben für die Kirche und für die -Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese sieben -Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets -gesondert für sich bestehen bleiben, wie sieben besondere -Ministerien. Führen Sie über jeden von ihnen besondere -Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen -Sie eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; -selbst wenn sich Ihnen während dieser Zeit auch noch -so günstige Kaufgelegenheiten bieten sollten, oder wenn -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so -sehr zum Kaufe reizen sollte — dürfen Sie ihn nicht -kaufen. Das können Sie sich erst erlauben, wenn -Sie sich innerlich genügend gefestigt und gekräftigt haben. -Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, -daß Sie dies alles nur tun, um sich einen starken -Charakter zu erwerben, und daß diese Erwerbung fürs -erste weit wichtiger für Sie ist als jede andere. Seien -Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten -Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst -dann, wenn die Notwendigkeit an Sie herantritt, einem -Armen zu helfen, dürfen Sie doch nicht mehr ausgeben, -als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält. Ja -selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden -Jammers und Elends darbietet, dessen Zeugin -Sie sein müssen, und wenn Sie sehen, daß hier durch -Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen -Sie dennoch unter keinen Umständen einen von den -andern Haufen angreifen. Fahren Sie lieber in der -ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre Bekannten -und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, -flehen Sie sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung -bereit, damit Ihnen dies eine Lehre sei, und -Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal vor die -bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen -Ihre Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen -möglichen Erniedrigungen aussetzen und sogar den -öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf daß -Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch -lernen, alle Ihre Ausgaben von jedem Haufen -einzuschränken und im voraus daran zu denken, so daß -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die -Armen übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade -knapp zur Deckung der Ausgaben ausreiche. Wenn -Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden, werden -Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen -fahren und sich plötzlich einen Schmuckgegenstand -für Ihren Tisch oder Kamin kaufen, wozu bei -uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht -geneigt sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind -nicht einmal Frauen, sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche -und Launen werden auf diese Weise unwillkürlich -und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen, -und schließlich wird es so weit kommen, daß -Sie selbst das Gefühl haben werden, Sie brauchten -nicht mehr als <em>einen</em> Wagen und ein Paar Pferde und -bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann -werden Sie erkennen, daß man seine Gäste ebensogut -mit einem einfach servierten Diner, mit einem einzigen -Extragang und einer Flasche Wein, der ohne -alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu -befriedigen vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, -wenn sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, -bei Ihnen sei es nicht <span class="antiqua">comme il faut</span>, sondern Sie werden -selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon -überzeugen werden, das wahre <span class="antiqua">comme il faut</span> sei das, -das Der von dem Menschen fordert, Der ihn erschaffen hat, -nicht aber irgendein Mensch, der allerhand Satzungen und -Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal der, der -Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal -Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich -ein besonderes Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -an. Ziehen Sie jeden Monat die Bilanz über die Einnahmen -und Ausgaben, die sich auf die einzelnen Haufen -beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats -alles nach und vergleichen Sie jedes Ding mit -jedem andern, damit Sie erkennen lernen, um wievielmal -notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, -und damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen -Gegenstand Sie im Fall der Not zuerst verzichten -müssen, und so die Kunst lernen, zu erkennen, was vom -Notwendigen das Allernotwendigste ist. -</p> - -<p> -Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng -an diese Grundsätze. Werden Sie stark, werden Sie -eigensinnig und beten Sie während der ganzen Zeit zu -Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen — -dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf -es ankommt, ist dies: daß in dem Menschen wenigstens -<em>etwas</em> stark und unerschütterlich werde. Hierdurch -kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles -andere. Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters -stark werden, werden Sie unwillkürlich in den -geistigen und seelischen Angelegenheiten sicheren Boden -gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung, -setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, -und gehen Sie nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den -ganzen Morgen bei Ihrem Mann, sondern schicken Sie -ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur Tätigkeit -an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß -er sich ganz der allgemeinen Sache und dem ganzen -Staatshaushalt widmen muß — [sein eigener Haushalt -dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf -seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -gerade darum geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen -zu entschlagen und sich ganz dem Vaterlande zu -widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt -ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in -seinem Dienst behindert wird, sondern gerade um ihn -für den Dienst zu stärken und zu kräftigen. Ein jedes -von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder in -seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in -froher Stimmung wieder begegnen und sich so übereinander -freuen, als hätten Sie sich viele Jahre lang -nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen -haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen -Sie ihm alles, was Sie in Ihrem Hause und in -Ihrem Haushalt vollbracht haben, und lassen Sie sich -alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement -für den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen -unbedingt darüber unterrichtet sein, worin das -Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht, Sie müssen -wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten -er an jenem Tag zu erledigen hatte und worin -sie bestanden. Achten Sie diese Dinge nicht gering und -denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne -eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich -während eines Jahres alles von ihm erzählen lassen -und aufmerksam zuhören, so werden Sie im folgenden -Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, -und werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen -können, wenn ihm im Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, -wie Sie ihm behilflich sein können, über sie hinwegzukommen -und das zu ertragen, womit er sonst -nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -hätte. So werden Sie ihm eine wahre Erweckerin -zu allem Schönen und Guten werden. -</p> - -<p> -Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es -Ihnen soeben gesagt habe. Werden Sie stark, beten -Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er möge Ihnen -helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst festzuhalten. -Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern -und aus den Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage -allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen -geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles Gemeinen -und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände -und Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends -etwas wie wahre Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. -Diese Freiheit hat einer meiner Freunde, mit dem -Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz Rußland -kennt, folgendermaßen definiert: „Die Freiheit besteht -nicht darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune -<em>Ja</em> sagt, sondern darin, daß man auch <em>Nein</em> zu ihr -zu sagen vermag.“ Und er hat recht wie die Wahrheit -selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst -ein solch starkes <em>Nein</em> zuzurufen. Ich vermag nirgends -einen <em>Mann</em> zu entdecken. So muß denn das schwache -Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so seltsam -und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem -Manne befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter -sein. -</p> - -<p class="year"> -1845. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-26"> -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -<span class="line1">XXV</span><br /> -<span class="line2">Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Briefe an M.</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">ernachlässigen</span> Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit -unter keinen Umständen. Beauftragen -Sie nie einen Verwalter oder einen andern -Mann aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das -ist eine Sache, die noch wichtiger ist als die Landwirtschaft. -Halten Sie selbst Gericht. Allein hierdurch können Sie -das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen. -Richten — das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, -was es Höheres gibt. Nicht umsonst wird im Volke -<em>der</em> so hoch geehrt, der es versteht, ein gerechtes Urteil -zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, -sogar die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern -werden zu Ihnen hinströmen, wenn sie erfahren, daß -Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie keinen -von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und -übernehmen Sie das Richteramt in allen Fällen, selbst -bei einem unbedeutenden Streit oder bei einer Rauferei. -Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern vieles -sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen -gereichen kann und was Sie ihm zu einer andern Zeit -nicht zu sagen vermöchten, da Sie nichts finden könnten, -woran Sie anknüpfen sollen. -</p> - -<p> -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise -zu Gericht und entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls -in doppelter Weise. Das Gericht muß erstens ein -menschliches Gericht sein. Durch ein solches Gericht -muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu -seinem Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, -daß dies in Gegenwart von Zeugen geschieht, und daß -hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit es allen -klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der -eine recht und der andere unrecht hat. Daneben müssen -Sie aber noch in anderer Weise nach einem andern -Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem Rechte: -hierbei müssen Sie <em>beide</em>, den Schuldigen sowohl wie -den, der <em>recht</em> hat, verurteilen. Beweisen Sie dem -zweiten aufs deutlichste, daß er selbst daran Schuld -war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen Sie -dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen -hat: vor Gott und vor den Menschen. Sprechen -Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil er seinem Bruder -nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten -hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung -aus, weil er Christus selbst in seinem Bruder gekränkt -hat. Beiden aber erteilen Sie eine Rüge, weil sie sich -nicht von selbst miteinander ausgesöhnt, sondern das -Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das -Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte -alles beichten und bekennen werden. [Wenn Sie in -solcher Weise Recht sprechen werden, werden Sie aus -höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott -wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus -vielen Nutzen ziehen, vieles, das Ihnen zugute kommen -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -wird, und viel unmittelbares und wahrhaftes Wissen -daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich -mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, -über die einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden -sie den Geist des Landes, die Eigenart ihres Volkes -und die menschliche Seele im allgemeinen weit besser -kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, -die sie fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns -passen.] Die Rechtspflege könnte bei uns weit besser -sein als in allen anderen Staaten, denn von allen Völkern -ist es allein das russische, in dem der so wahre -Gedanke entsprungen und lebendig ist, daß es keinen -gerechten Menschen gibt und daß Gott allein gerecht ist. -Dieser Gedanke hat sich wie ein unerschütterlicher -Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm -erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher -und nicht übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, -und wird hierdurch befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur -wir Menschen der höheren Kreise haben kein Gefühl, -kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir uns -nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche -Begriffe von der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir -streiten bloß darüber, wer recht hat und wer schuldig ist. -Wenn wir jedoch alle unsere Streitigkeiten genau untersuchen, -so können wir sie alle auf einen Nenner bringen, -nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig -sind. Und dann erkennt man, daß die Kommandantin -in Puschkins Erzählung „Die Hauptmannstochter“ ganz -recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um den -Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, -die im Bade wegen einer Schöpfkelle aneinander -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -geraten waren, und die ihm dabei folgende Instruktion -mitgab: „Untersuche, wer recht und wer unrecht hat, und -bestrafe alle beide.“ -</p> - -<p class="year"> -1845. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-27"> -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -<span class="line1">XXVI</span><br /> -<span class="line2">Rußlands Schrecken und Grauen</span><br /> -<span class="line3">An die Gräfin ***</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem -Grauen geschrieben haben, antworte ich, obwohl -Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn gelesen -habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich -darum ersuchen, Ihnen die Antwort nicht anders als -durch die Hand einer zuverlässigen Persönlichkeit und -nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur keineswegs -in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem -gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller -Menschen in Rußland, die da lesen können, gelesen werden -wird. Was mich dazu veranlaßte, war der Umstand, -daß mein Brief vielleicht auch manchen andern als -Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die -gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. -Das, was Sie mir im geheimen mitteilen, ist -nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. Wenn ich -Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich -weiß ohne Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann -würde sich Ihr Geist verfinstern, es würde Ihnen dunkel -vor den Augen werden, und Sie würden nur noch -daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. -Wohin aber soll man fliehen? Das ist die Frage. -Die Lage Europas ist noch schwieriger als die Rußlands. -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -Der Unterschied ist bloß der, daß es dort noch niemand -einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute -nicht auszunehmen, bewegen sich noch immer an der -Oberfläche eines oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen -nicht aus jenem in <a id="corr-20"></a>einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden -Wissen heraus, wie es von den Zeitschriften -in Form frühreifer Folgerungen und übereilter Feststellungen -angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische -Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in -ihrem wahren und wirklichen Lichte erscheinen. Warten -Sie nur, bald werden gerade in jenen so wohlgeordneten -Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in -solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen -bemühen und deren Einrichtungen wir uns -anzupassen suchen, von unten herauf, solche furchtbare -Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten Staatsleuten, -deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten -Sie so entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In -Europa bereiten sich jetzt überall solche Wirren vor, gegen -die kein menschliches Mittel etwas wird ausrichten -können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und -gegen die alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland -vor unseren Augen sehen. In Rußland schimmert doch -noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl hindurch. Es gibt -doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese Schrecken -sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer -späteren Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: -„Alle lassen den Mut sinken wie in Erwartung eines -unvermeidlichen Schicksals“ treffen in der Tat das Richtige, -ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt -nur daran, seine eigene Habe in Sicherheit zu bringen, -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -er denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wie auf dem -Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein jeder -nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: -„<span class="antiqua">sauve qui peut</span>“. So liegen die Dinge heute wirklich, -und so muß es auch sein. Gott hat gewollt, daß -es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und zwar gerade -an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt -es sich um eine andere Art der Rettung. Wir -sollen heute nicht etwa ein Schiff besteigen, aus unserem -Lande fliehen und all unsern verächtlichen irdischen -Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder -von uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. -Er soll sich selbst zu retten suchen, während er -mitten im Herzen des eigenen Staates weilt. Auf dem -Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein -jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig -auf den himmlischen Steuermann hinblickt. -Selbst der, der nicht im Staatsdienst steht, soll jetzt in -den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt -klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke -greift, denn ohne dies kann keiner gerettet werden. -Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst auf sich -nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland -von ehedem, sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines -andern himmlischen Reiches wäre, dessen Haupt -Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere -Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, -gegen die Menschen, die uns gleichgestellt sind und die -sich um uns herum bewegen, sowie gegen die Menschen -niederen Standes, die unter uns stehen, so erfüllen, wie -uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat. -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine -große Bedeutung beizumessen, wenn irgend jemand unserem -Ehrgefühl oder unserer Eigenliebe einen kleinen -Stich versetzt — wir müssen immer im Auge behalten, -daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen -haben und daß wir es darum so verwalten müssen, -wie kein anderer als Christus es uns geboten hat. Nur -auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele -retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken -darauf richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, -seine Gedanken werden sich verfinstern, und er wird -keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor seinen -eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken -Sie an die <em>ägyptische Finsternis</em>, die uns König -Salomon so gewaltig geschildert hat, als der Herr, um -einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und -unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte. -Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten -des hellen Tages; von allen Seiten starrten ihnen -furchtbare Fratzen entgegen, morsche klapprige Schreckgespenster -mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen unaufhörlich -vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie -alle eine furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle -Gefühle, alle Regungen, alle Kräfte schwanden ihnen -dahin außer der einen einzigen Furcht, und dies alles -geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die -andern sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, -sondern wandelten im Licht und im Tage. -</p> - -<p> -Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. -Beten Sie lieber und bitten Sie Gott, daß er -Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer Stellung -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen -können, wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein -Platz mehr für Scherze. Jetzt wird die Sache ernst. -Statt sich durch die Unordnung um uns herum erschrecken -zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in -uns selbst halten. So blicken denn auch Sie in Ihre -Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden <a id="corr-21"></a>Sie in ihr -dieselbe Unordnung entdecken, um deren willen Sie die -andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher, -zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude -des Feindes Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. -Vielleicht ist sie von jener schwächlichen Neigung beherrscht, -sich bei jeder Gelegenheit dem Kleinmut und -der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens -zu ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem -nachzujagen, was glänzt und was Ruhm und Ansehen -in der Welt genießt. Vielleicht birgt sie Hochmut -und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer -Seele, ein Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir -besitzen, zu vernichten vermag. Es ist unvergleichlich -viel besser, darüber zu erschrecken, was in uns selbst, -als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. -Was aber die Schrecken und Grauen Rußlands -anbelangt, so sind auch sie nicht ohne Nutzen. Sie -waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine -Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit -der Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege -eröffnet hat, hat bei vielen schlummernde Fähigkeiten -geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem einen -Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter -Preference gespielt wird, erstehen, ohne das man es -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -merkt, in den verschiedensten Wirkungskreisen Männer -von echter Lebensweisheit und wahre Helden des Lebens. -Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie -werden sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht -mehr um Hanf und Talg, sondern um Weisheit bei -uns einzukaufen, die heute auf den europäischen Märkten -nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen -viele Leute nennen, die einstmals die Zierde Rußlands -sein und ihm zu unvergänglichem Heil gereichen werden. -Aber zur Ehre Ihres Geschlechts sei es gesagt, -daß die Zahl solcher <em>Frauen</em> größer ist als die der -Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte -ich in dem Fach meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, -um mit Ihren Töchtern zu beginnen, die es mir so lebendig -zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel mächtiger die -<a id="corr-22"></a>Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft -(Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres -Bruders mit solcher Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie -Sie jeden kleinsten Wunsch meiner Seele erfüllt haben) -— Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen Sie -kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen -Sie vielleicht nie etwas hören werden, die aber noch -weit vollkommener sind als die, von denen Sie etwas -gehört haben — Sie alle gleichen einander kaum, und -jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche -Erscheinung. Nur Rußland allein konnte eine -solche Mannigfaltigkeit von Charakteren hervorbringen, -und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren schwierigen -Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen -Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit -unserer Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -alle aber werden überragt von einer, die ich nicht persönlich -kenne und nicht gesehen habe, und von der nur -ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich -habe nie geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart -Vollkommenes geben kann. Eine so kluge und großmütige -Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen, -wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht -einmal der Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt -sein, auf sie falle, und das ganze Verdienst auf die andern -abzuwälzen, so daß diese sich des von jener -vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, -in der festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht -haben, — es sich so klug im voraus zu überlegen, wie -man dem entgehen könne, daß der Name der Urheberin -bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut -von sich künden und sie bekanntmachen mußte, und -dies alles dennoch zu vollbringen und unbekannt zu bleiben, -nein, eine ähnliche hohe Weisheit habe ich noch nie -kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei -keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle -idealen Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen -wurden, als blaß und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit -erscheinen sie wie der Fiebertraum der Phantasie -gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes. Wie -armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle -die Frauen, die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und -wo konnte ein solches Wunder erstehen? In einem -unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und -gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders -schwierig geworden ist, sich durchzuwinden und -durchzusetzen, wo sich alle unsere Verhältnisse so verwirrt -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -und so verwickelt haben und wo solche Schrecken -und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr -in Angst und Unruhe versetzen. -</p> - -<p class="year"> -1846. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-28"> -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -<span class="line1">XXVII</span><br /> -<span class="line2">An einen kurzsichtigen Freund</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">u</span> hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen -Menschen bewaffnet und glaubst nun, ein -richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben. -Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung -ist ohne Gott gemacht. Was berufst du dich auf -die Geschichte? Die Geschichte ist tot, sie ist nur ein -verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu -stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr -finden, sondern nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. -[Rußland ist nicht Frankreich, das französische -Element ist nicht das russische Element.] Du hast es -sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht -zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben -Ereignisse die gleiche Wirkung auf jedes Volk -ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück -Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das -Eisen, auf das er herniedersaust. Deine Gedanken [über die -Finanzen] beruhen auf der Lektüre ausländischer Bücher -und englischer Zeitschriften und sind darum tote Gedanken. -Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger -Mensch, dich noch immer nicht selbst gefunden hast und -es noch nicht gelernt hast, mit deinem eigenen Verstande, -der sich doch so frei und urwüchsig entfalten -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand -fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. -Ich sehe auch nicht, daß du bei deinen Projekten mit -Gott rechnest. Auch aus den Worten deines Briefes -kann ich trotz des Geistes und des blendenden Witzes -nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während -du den Brief schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung -und Weihe in deinen Gedanken. Nein, du -wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, obwohl -du dies gerne möchtest, und deine Taten werden -nicht die Früchte tragen, die du von ihnen erwartest. -Mit den schönsten Absichten kann man Böses vollbringen, -wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten -Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die -klugen Leute viel Verwirrung angerichtet, und dies alles -kam nur daher, weil sie ihren Kräften und ihrem Verstande -zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber worauf -bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand -wärest, aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden -und großen Verstand mit allerhand Plunder verunreinigt -und ihn zu einem Fremdling gemacht, der dir selbst -fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand -und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht -auf dich; du gehst einen gefährlichen Weg. Du hast -den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du wirst -auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten -dazu besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt -über dich wachen. Führe die Neuerungen nicht ein, von -denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe du -deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, -daß man heute durch eine unvorsichtige Handlung -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -unendlich viel Böses anrichten kann. Schon aus deinen -gegenwärtigen Projekten spricht mehr Ängstlichkeit als -Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet, -in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. -Statt dessen solltest du lieber nicht um die Zukunft, -sondern um die Gegenwart besorgt sein. Gott -will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von -dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt -wird, hat die heilige Kraft bereits ihre Hand -abgezogen. Wer mit Gott im Bunde ist, der schaut -heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart -der Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist -stolz: du willst auch jetzt noch nichts sehen, du hast -ein zu großes Selbstvertrauen: du glaubst schon alles -zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und Verhältnisse -[in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß -es niemand gibt, von dem du etwas lernen könntest. -Du bist aus allen Kräften darum bemüht, jenen (Staats)-Leuten -ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze glänzende -Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso -schnell wieder verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, -um sehr viel Gutes zu vollbringen, ja die sogar von -dem glühenden Wunsche durchdrungen waren, Gutes zu -wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen -arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich -hinterlassen haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen -ist: wie ein Ring auf dem Wasser, so ist die Spur -von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden, und -noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung -auf ihre großen Männer hin, obwohl manch -einer von uns, der keineswegs ein großer Mann ist, -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas -<em>Dauerndes</em> hinterlassen, wir aber schichten einen -ganzen Haufen von Taten übereinander auf — die -doch zugleich mit uns wie Staub vom Angesicht der -Erde hinweggeweht werden. „Du bist stolz,“ sage ich -dir, und muß es dir immer wieder sagen: „du bist -stolz.“ Wache über dich und rette dich noch rechtzeitig -vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich zu -allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste -von allen bist und daß du von nun ab erst ernsthaft -daran gehen mußt, klüger zu werden. Höre jeden -Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt -nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. -Aber meine Worte sind noch ein Rätsel für dich. -Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. Dann -wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder -daß du von einer schweren Erschütterung heimgesucht -wirst. Bete zu Gott, er möge dir diese Erschütterung -senden, daß dir irgendeine unerträgliche Unannehmlichkeit -[im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch -finden möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart -aller beschimpft, so daß du nicht weißt, wo du dich -vor Scham verstecken sollst und mit einem Schlage die -zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit -entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und -Retter sein. O wie sehr haben wir es nötig, einmal -öffentlich und in Gegenwart aller eine Ohrfeige zu empfangen. -</p> - -<p class="year"> -1844. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-29"> -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -<span class="line1">XXVIII</span><br /> -<span class="line2">An einen hochgestellten Mann</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ehmen</span> Sie um Gottes willen jede Stellung an, -die man Ihnen anbietet, und lassen Sie sich -nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus -zu den Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin -die Stellung eines Generalgouverneurs bekleiden werden, -Sie sind jetzt überall notwendig. Was aber die Schwierigkeiten -anbetrifft, von denen Sie reden, so ist jetzt -alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, -es gibt überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit -meinem Verstande in das Wesen der gegenwärtigen -Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu entscheiden, -welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste -und welcher der leichteste ist. Für einen Menschen, -der kein Christ ist, ist heutzutage alles schwierig; -für einen solchen dagegen, der Christus in all seine Angelegenheiten -und in alle Taten seines Lebens hineinträgt, -ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie -schon im vollen Sinne des Wortes ein Christ sind, aber -Sie sind doch nahe daran, es zu sein. Sie werden -nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht -auf Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts. -Sie denken nicht mehr daran, sich vor Europa -auszuzeichnen und in Szene zu setzen und eine historische -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben -bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in -dem sich ein Mensch befinden muß, der heute Rußland -von Nutzen sein will. Was also brauchen Sie zu fürchten? -Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich -vor etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß -man überall als Christ handeln muß. Ein solcher Mann -ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in allen Dingen -sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen — so -sehen Sie sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam -um. Ihre christliche Demut und Bescheidenheit -wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung bewahren. -Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler. -Sie werden keinen alten Offizier an sich vorüber -gehen lassen, ohne ihn über seine persönlichen Zusammenstöße -mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn -Sie wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten -die Kenntnis des Ganzen gewonnen werden kann. Sie -werden sich von jedem von ihnen ihre Taten und Erlebnisse -während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen lassen, -Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen -ebenso wie die Offiziere der heutigen Epoche, und -wenn Sie alle Daten, die Sie brauchen, gesammelt, -wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden, -werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen -und die Summe daraus ziehen. Aus dieser wird -sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für den Feldherrn -ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen -brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie -der lichte Tag, wie Sie zu handeln haben. Und -wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -werden, so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen. -Ihre christliche Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. -Sie werden ihn niemand mitteilen, werden -alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an -Ihrer Stelle handeln würden, werden keine Meinung -und keinen Rat gering achten, von wem er auch kommen -möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger -Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen -auch einem einfachen Manne einen klugen Gedanken -eingeben kann. Zu diesem Zwecke werden Sie -jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß -es ja nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, -sondern Sie werden der Meinung jedes einzelnen, der -mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz, Sie werden -jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen -Ihr eigener Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber -wird Ihnen sicherlich klug raten, denn Sie werden alle anhören. -Sie werden nicht einmal imstande sein, unvernünftig -zu handeln, denn unvernünftige Handlungen -entspringen nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen, -aber die christliche Demut wird Sie überall -retten und Sie vor Verblendung bewahren, der sogar -viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn -sie nur eine Hälfte einer Sache kennen gelernt haben, -bereits glauben, die ganze Sache zu kennen und voller -Hast und Übereilung zur Tat drängen, während doch -selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund -aus zu kennen glauben, uns die gute Hälfte unbekannt -und verborgen sein kann. Nein, Gott wird Sie vor -dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also -brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten? -</p> - -<p> -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin -irgendwo in Rußland Generalgouverneur bleiben, so -wird Sie auch hier die gleiche christliche Weisheit erleuchten. -Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst -schwierig ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen, -— weit schwieriger als jemals und vielleicht auch schwieriger -als im Kaukasus: es kommen soviel Mißbräuche -vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben -so überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere -menschliche Kraft übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage -eine besondere Art ungesetzlicher Geschäftspraxis -unter Umgehung der Gesetze üblich geworden ist und -sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft hat, so -daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und -wenn man sich die Dinge, über die andere oberflächlich -hinwegsehen, ohne etwas Böses zu ahnen, bloß aufmerksam -anschaut, so muß auch dem gescheitesten -Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch -hier klug zu handeln verstehen. Die christliche Demut -und Bescheidenheit wird Sie auch in solchen Fällen lehren, -nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge -zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf -Ihrer Hut zu sein. Sie wissen, wie vielen fremden -Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage ausgesetzt ist und -wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken, und -daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer, -die die wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen -und zwar sie nach allen Richtungen kennen zu lernen: -in ihrem häuslichen und in ihrem Familienleben, -in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren -Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -keiner Spitzel bedienen. Nein, Sie werden sie -selbst ausfragen, und sie werden Ihnen alles sagen, und -sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt -etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden -Sie alles erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter -Polterer niemals erfahren würde. Sie werden -nie einen einzelnen wegen einer ungesetzlichen Handlung -verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor Augen -liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte -Beamte nur ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, -daß sich die Schuld heutzutage auf alle verteilt, -daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen kann, wer -mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige, -die unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. -Aus diesem Grunde werden Sie jetzt weit vorsichtiger -und bedächtiger sein, als Sie es jemals gewesen sind. -Sie werden tiefer und genauer in die Seele des Menschen -hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß <em>sie</em> der -Schlüssel zu allem ist. <em>Die Seele</em> muß man heute -kennen lernen, immer wieder die Seele, denn ohne dies -kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann nur -ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an -seiner eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. -Wenn Sie in dem Gauner nicht nur den Gauner, sondern -zugleich den Menschen sehen, wenn sie alle seine -geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben -wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt -hat, um Übles zu tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen, -erkennen werden, dann wird es Ihnen gelingen, -ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich selbst -auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -sich selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine -ganz andere Wendung nehmen, wenn man dem Menschen -zeigen wird, worin er sich nicht gegen die andern, -sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch -kann man ihn so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern, -daß er plötzlich Mut und Lust bekommen wird, ein -anderer zu werden, und dann erst werden Sie erkennen, -wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im -Gauner sein kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als -Generalgouverneur wird etwas gänzlich anderes darstellen -als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der Hauptfehler in -Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr -viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen -und lästern), bestand meiner Ansicht nach gerade darin, -daß Sie das Wesen Ihres Berufs nicht ganz richtig bestimmt -hatten. Sie hielten den Generalgouverneur für -den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen -Verwalter und Regenten der Provinz, dessen -wohltätiger Einfluß nur bei einem längeren Aufenthalt -an ein und demselben Orte der Provinz spürbar werden -kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen -definiert: „Der Generalgouverneur ist der -Minister des Innern, der sich auf der Durchreise befindet.“ -Diese Definition ist genauer und entspricht mehr -dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses -Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches -als ein dauerndes. Der Generalgouverneur -wird darum in die Provinz entsandt, um den Pulsschlag -des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, -in den Gouvernements den ganzen Regierungsapparat -in schnellste Bewegung zu setzen, und zwar sowohl -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -in den Instanzen der Provinz, die miteinander in -Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind -und unter der Verwaltung der einzelnen Ministerien -stehen; allen einen Anstoß zu geben, durch seine unumschränkte -Macht die schwierige Situation vieler Instanzen -in <a id="corr-24"></a>ihrem Verkehr mit den weit entfernten -Ministerien zu erleichtern, und ohne neue Prinzipien und -ohne von sich selbst aus etwas Eigenes einzuführen, -alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die bereits vorgeschrieben -und ein für allemal gezogen sind, in eine -schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in -der höchsten Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht, -was schon vorhanden und bereits eingeführt ist, -haben Sie mit der mühevollen Pflicht des Regenten -verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt zurechtfinden -und mit ihm fertig werden muß und der -alle kleinen Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie -haben einen Teil davon, was zu den Obliegenheiten des -Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs -gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung -Ihres höchsten Amtes verringert, Sie haben Ihre -Stellung für eine lebenslängliche gehalten. Sie wollten -in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen -ein Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt -hinterlassen. Ein edles Streben. Aber wenn Sie -schon damals das gewesen wären, was Sie jetzt sind, d. -h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten -Sie für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, -Brücken und allerhand Verkehrsmittel zu schaffen und sie -so klug anzulegen, wie Sie dies getan haben, ist in der -Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -zu ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach -voller Entfaltung seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und -daran gehindert wird, aus den Landstraßen wie aus allen -anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die wir heute so -eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch notwendigere -Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich -nicht um das Wesen einer Sache, sondern um etwas -bemühte, was nur eine Folge der eigentlichen, der Hauptsache -war, pflegte er sich gewöhnlich des russischen -Sprichworts zu bedienen: „Wenn nur erst der Zuber -da ist, an den Schweinen wird es nicht fehlen.“ Die -Brücken, die Wege und all diese Verkehrsmittel, das -sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst -Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. -In Europa hat man sich viel um sie bemüht -und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch die -Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege -von selbst: Privatleute haben sie erbaut ohne jede -Unterstützung der Regierung, und jetzt haben sie sich in -solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich schon -ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen -wir nur so schnelle Verkehrsmittel? Was hat die -Menschheit durch all diese Eisenbahnen und andere -Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten -ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für -einen Wert, daß heute eine Stadt verarmt, und eine -andere dafür zu einem Trödelmarkt wird und daß die Zahl -der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In -Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von -selbst entstanden und zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten, -wie sie selbst in Europa nicht vorhanden -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es <a id="corr-25"></a>sich -gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert -hätten. „Denket zuerst daran,“ sagt der Heiland, „alles -andere wird euch von selbst zufallen.“ Ihre Leistungen -auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen -ich auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung -über Ihre Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele -Mißbräuche ausgerottet und sehr viel wahrhaft edle und -vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe davon gehört, -obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt -haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie -damals in Betracht gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit -nur provisorischer Art ist und daß Sie nicht nur dafür -hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange Sie -da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem -Scheiden alles in bester Ordnung sei. Sie hätten sich -fortwährend vorstellen sollen, daß Ihr Amt nach Ihnen -von einem schwachen und unfähigen Nachfolger besetzt -werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung -nicht nur nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in -Verfall kommen lassen wird, und daher hätten Sie von -vornherein daran denken müssen, etwas so Starkes und -Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen -und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand -mehr imstande wäre, umzustoßen, was Sie einmal -in Gang gebracht haben. Sie hätten die Axt an -die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die -Stämme und Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen -Getriebe einen solchen Impuls geben sollen, daß die -Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet und -daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -zu stehen, um sie zu beaufsichtigen, und hierdurch erst -hätten Sie sich ein ewiges Denkmal Ihrer Generalgouverneurschaft -errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz -anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses -Amt nicht gering achten, wenn es Ihnen aufs neue -angeboten wird. Noch niemals war ein Generalgouverneur -eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit -wie in unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen -nennen, zu denen heutzutage niemand fähig ist außer -dem <a id="corr-26"></a>Generalgouverneur. -</p> - -<p> -Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in -ihre gesetzlichen Grenzen zurückzuführen und einem jeden -Provinzbeamten die Pflichten, die sein Beruf ihm auferlegt, -zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist keineswegs -unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe -und Ämter der Provinz in ganz unmerklicher Weise -aus ihren Grenzen und Schranken getreten, die ihnen -vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen -der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, -andere wieder in ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten -der Übrigen allzusehr erweitert worden. Die eigentlichen -Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer großen -Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht -und Kraft verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders -fühlbar gemacht, daß gerade dort, wo man -hemmend eingreifen sollte, die Macht und die Kompetenzen -viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit -zu groß war, und andererseits machte sich wiederum -der Umstand bemerkbar, daß einem die Hände gebunden -waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es -ist jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -ihm durch das Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen, -weil die Beamten selbst an ihren Begriffen -von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie übernehmen -ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau -in der Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden -ist. Sie nehmen mehr oder weniger Rücksicht auf diese -Form und Gestalt und nicht auf das eigentliche Urbild, -das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein entschwunden -ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende -und sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die -man bloß sich selbst wiederzugeben brauchte, gänzlich -aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. <a id="corr-27"></a>Das -aber kann nur von dem höchsten und souveränen Vorgesetzten -ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich -selbst gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu -unterrichten. Alle unsere Ämter und Berufe stellen in -ihrer ursprünglichen Form wirklich gute und schöne Einrichtungen -dar und sind geradezu wie geschaffen für -unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den -ganzen Organismus eines Gouvernements etwas näher an. -</p> - -<p> -Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen -sind sehr umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und -der unumschränkte Regent und Leiter von allem, was -mit der wirtschaftlichen und polizeilichen Verwaltung des -ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen -(hierunter verstehe ich alles, was sich auf die -inneren Einrichtungen der Städte und die Aufrechterhaltung -der Ordnung in ihnen bezieht) als auch mit der -Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich -alles rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des -Stadtbildes liegen, geschieht: die Erhebung der Steuern, -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -die Verteilung der Lasten, die Anlage von Straßen und -allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im -ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und -die Bürgermeister aller Städte völlig von ihm ab und -stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im zweiten Falle -kann er über den Hauptmann der Landpolizei und die -Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die Gouvernementsverwaltung, -welche nach der Art der Kollegialverwaltungen -aus Räten zusammengesetzt ist und kein -eigenes Bureau mit einem Sekretär darstellt, mit ihm -verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem schweren -Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden -kommen läßt, unbedingt auf die Räte und die Beamten -fällt und daß er trotz all seiner unumschränkten Gewalt -dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist mehr -als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge -des Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen, -die gar nicht von ihm abhängen und unter ihren eigenen -besonderen Ministerien stehen. Wenn diese Instanzen -irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge -schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf -von Staatsländereien, Seen oder überhaupt über -irgendwelche Ein- oder Verkäufe beziehen und irgendwelche -Abkommen hierüber eingehen, so muß er schon zugegen -sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und -kein Vertrag geschlossen werden, ohne daß <em>er</em> anwesend ist. -Demnach werden auch die Instanzen, die hinsichtlich -ihrer inneren Geschäftsführung gar nicht von ihm abhängen, -doch durch seine Anwesenheit daran gehindert, -irgendwelche Mißbräuche zu begehen. -</p> - -<p> -Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -und ihre höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, -da dieses völlig von seinem Ministerium abhängig ist, ganz -unabhängig vom Gouverneur zu sein, und doch werden -diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur -daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser -während seiner Inspektionsreisen durch die Provinz, -die mindestens zweimal im Jahre stattfinden, das Recht -hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu verlangen, -daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen -vorgelegt werden, die er auf gut Glück herausgreifen -kann, um sie bei sich zu Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen -und auf diese Weise alle in Schrecken zu halten. -Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die Instanzen -hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat -er doch das Recht, überall Mißbräuche zu verhindern, -wo solche immer vorkommen mögen. Auf den Adel -kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben. -Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem -amtlichen Verkehr mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter -des Adels, dem Adelsmarschall der Provinz zu -tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen -Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an -diesem Punkte tritt die Weisheit des Gesetzgebers mit -besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf eine andere -Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich, -sich mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen -zu setzen, wenn man nämlich die große Verschiedenheit -in der Erziehung, in den Sitten, der Denkweise -und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit -der Charaktere in unserem Adelstande in Betracht -zieht, wie sie in keinem europäischen Adelsgeschlechte -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -vorkommt und wie sie sich bei uns in unserem Adel verkörpert -hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem -des Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall -hat nächst dem Gouverneur Anspruch auf den -ersten Platz in der Provinz; schon allein dadurch werden -beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute -Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen -sonst etwas Gezwungenes haben, und da sie -sich in ihrem amtlichen Verhältnis unfrei und beengt -fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns -und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt -werden, aber ganz von dem Gouverneur abhängen, -weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide -Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall -kann auch in solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine -eigene Macht beschränkt ist, indem er sich auf den -Gouverneur beruft und mit ihm droht; und ebenso -vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit -erfolgreicher und kraftvoller auf den Adel einzuwirken. -</p> - -<p> -Fehler und Versehen können überall vorkommen, -überall können sich Unrecht, Lüge und Trug einschleichen; -selbst der Gouverneur kann fehlen und irren. Doch -auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine besondere -Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und -die allen, selbst dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit -wahren muß — das ist der Staatsanwalt, -der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück -Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen -kann. Keine Angelegenheit kann vor einer Instanz -des Gouvernements zur Verhandlung kommen, -ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -gefaßt werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem -Vermerk „Gelesen“ versehen hat. Er selbst aber hat -niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat niemand -Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister; -nur mit diesem steht er in unmittelbarem Verkehr, und -er kann jederzeit gegen alles, was in der Provinz unternommen -wird, Beschwerde einlegen. -</p> - -<p> -Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und -aus allem spricht die Weisheit des Gesetzgebers; aus -der Einsetzung der einzelnen staatlichen Autoritäten sowohl -wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich -rede nicht einmal von den Institutionen, die auf einen -noch größeren Weitblick der Regierung schließen lassen; -ich will nur an das Gewissensgericht erinnern, denn etwas -Ähnliches ist mir in keinem anderen Staate bekannt -geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der -Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. -Alle Fälle, in denen ein Konflikt mit dem Gesetz als -eine Last und als Härte empfunden werden würde, alle -Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke -beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche -Gewissen zu entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst -die Anwendung des gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit -würde; kurz alles, was im höchsten Sinne des -Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und -unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen -entschieden und erledigt werden muß — fällt -unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie weise ist -doch die Einrichtung, daß die Wahl des „Gewissensrichters“ -vom Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu -gewöhnlich einen Mann, den die allgemeine Stimme -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten -Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei -Gehalt oder Lohn für seine Mühe erhält, und daß -diese Tätigkeit für den Menschen mit keinerlei weltlichen -Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von -dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. -Wieviel verwickelte Streitfälle kann man da -schlichten! Die Parteien werden ihre Streitigkeiten ohne -Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem Gewissensgericht -unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter -tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet -und daß er sich durch die Verwaltung seines göttlichen -Richteramts berühmt gemacht hat. Denn wer von uns -sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung? -</p> - -<p> -Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus -unserer Provinzen gewinnt, um so mehr -staunt man über die Weisheit der Gesetzgeber: man hat -das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und Regenten -mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier -fehlt es an nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf -angelegt, daß wir uns gegenseitig die Hand reichen, -uns zu guten Handlungen anfeuern und uns gegenseitig helfen -und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen -uns verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, -was ein besonderer Beamter hier noch sollte, jede -neue Person wäre hier nicht am Platze, jede Neuerung -wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie -Sie ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte -gefunden, die es verstanden, diesen ganzen Mechanismus -noch durch eine Schar von Beamten mit besonderen -Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -Kommissionen und Untersuchungskommissionen -zu belasten, die die Funktionen jeder Instanz noch -weiter geteilt und zerlegt und den Beamten so den -Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen -Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, -daß Sie es nicht auch so gemacht haben, Sie verstanden -die Sache nämlich schon damals viel besser, als die -andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten anstellen, -der einem andern auf die Finger sehen soll, -damit er nicht soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie -<em>zwei</em> Diebe statt eines schaffen. Überhaupt ist dies -System der gegenseitigen Beschränkung und Überwachung -eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre -eines Menschen nicht durch die eines anderen -beschränken, schon im folgenden Jahre wird sich die -Notwendigkeit herausstellen, auch den unter Aufsicht -und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um -die Macht des ersten zu beschränken, und so würden die -gegenseitigen Einschränkungen kein Ende nehmen. Das -ist ein trauriges und törichtes System; gleich allen andern -negativen Systemen konnte es sich nur in Kolonialstaaten -herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen -Völkern zusammensetzten, kein nationales -Ganzes bildeten und von keinem gemeinsamen -Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es -weder so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme -Gesinnung, solche Nationen lassen sich nur von ihrem -persönlichen Eigennutz leiten. Man muß Zutrauen zum -Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt -keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, -daß man ihn mit Mißtrauen ansieht, wie einen Gauner, -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn überwachen -sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man -muß den Menschen die Hände lösen und sie nicht noch -fester binden. Man muß darauf dringen, daß sich -jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht von -andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit -strenger gegen sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen -lernen, worin er sich an seinem Amte versündigt. -Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen -seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag -allein der Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, -sich selbst über das wahre Wesen jedes Amts -und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle jedes -Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis -seiner Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit -ihm zusammen den Dienst zu verrichten. Hierdurch -wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen persönlichen -Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner -Sekretäre und keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier -bedürfen; infolgedessen werden Sie nur ein kleines -eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit mit -jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, -wie sie sich andere Regierungsbeamte einrichten. Diese -ungeheueren Bureaus aber sind, wie Sie selbst wissen, -ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei, allen -Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue -Instanz und folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, -ja sie sind der Anlaß, daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten -mit wichtigen Machtvollkommenheiten auftauchen, -z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär, den -häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -alle Akten gehen; ein solcher Sekretär schafft sich -eine Geliebte an, dies führt zu Intrigen und Streitigkeiten, -und bald ist der Teufel in eigener Person da, -der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom -Liede aber ist dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung -neuer Verwirrungen und Verwickelungen noch -unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen -werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau -einzurichten. Setzen Sie sich nie anders als persönlich -mit jemand auseinander. Wie kann man bloß gering -von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders -wenn es sich dabei um etwas, was ihm nahe -liegt, um seinen Beruf und seine Pflichten, und folglich -um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur -ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über -allerhand Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen -europäischen Zeitschriften geschöpft werden, einem -solchen Gespräch vorziehen? Die Pflicht der Menschen -ist ein Gegenstand, über den man sich so unterhalten -kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen -sie in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. -Nun denn, so reden auch Sie auf diese Weise mit Ihren -Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen, daß ihre -Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! -Vor allem aber — und dies dürfen Sie nie vergessen -— sprechen Sie russisch mit ihnen. Damit meine ich -nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der Praxis des -täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung -verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, -die sich zu einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch -allerhand Mißbräuche an der Tagesordnung waren, sondern -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -jene echte wahrhafte russische Sprache, deren unsichtbare -Schwingungen das ganze russische Land durchdringen, -trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen -Lande, jene Sprache, die zwar noch nicht mitbeteiligt ist -an dem Werke unseres Lebens und die wir doch alle -als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser -Sprache heißt der Vorgesetzte: <em>Vater</em>. Seien auch Sie -<a id="corr-29"></a>ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein -Vater aber führt keine papierene Korrespondenz mit seinen -Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar -mit einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so -machen werden, werden Sie jedem das echte Verständnis -für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft -große Leistung vollbringen. -</p> - -<p> -Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, -die niemand lösen kann, außer einem Generalgouverneur, -und die heute nicht bloß einem Bedürfnis, sondern -geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist -dies die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung -von seiner Bestimmung beizubringen. Der Adel in seinem -wahrhaft russischen Wesenskern ist etwas sehr Schönes, -trotz der fremdländischen Schale, von der er zeitweilig -überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch -kein Gefühl dafür. Vielen dämmert zwar schon eine -dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch wissen noch -immer nicht das Geringste davon, wiederum andere -nehmen sich den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, -und schließlich gibt es noch solche, die sich nicht -einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen Adel -auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich -unter ihnen einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -und klare Gedanken über diese Frage haben, -so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die Massen, -und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten -Zeit hat sich in unserem Adelsstande zu alledem wieder -ein Geist des Mißtrauens gegen die Regierung verbreitet. -Während der letzten europäischen Revolutionen und -Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, -in den Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, -als suche die Regierung die Bedeutung des Adels herabzusetzen -und ihn bis zur völligen Bedeutungslosigkeit -herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten und -Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben -allerlei Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen -Zeitungen mit ihnen an, in der Absicht, Feindschaft -zwischen der Regierung und dem Adel zu säen: einerseits -wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es -eine phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der -regierenden Gewalt selbst rüttelten, und andererseits -wollte man dem Adel einreden, daß der Kaiser ihm -nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, -das heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland -einbrocken und solche Wirren hervorrufen, die ihnen -Gelegenheit geben sollten, selbst eine Rolle zu spielen. -Man spekulierte darauf, daß Furcht und gegenseitiges -Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst die -heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei -Dank, die Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte -Menschen einen ganzen Staat in Aufruhr bringen konnten. -Dieser Versuch blieb nichts als ein phantastisches -Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen -Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -kenne viele Adelige, die ganz ernstlich davon überzeugt -sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht liebt, und die -sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese -Sache ins reine und klären Sie diese Leute über die -ganze Wahrheit auf, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. -Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser diesen -Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich -nur den Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene -schöne edle Form und Gestalt des Adels, die dem eigentlichen -Geiste unseres Landes entspricht. Es kann ja -auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die Zierde, -die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns -ist der Adel die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein -fremdes eingewandertes Element. Allein der Adel muß -selbst zeigen, was er ist, und die Bedeutung seines Berufs -beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem völligen -Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei -dieser Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, -der Lebensweise und der Gewohnheiten, bei dieser falschen -und verworrenen Ansicht über sich selbst kann der Adel -niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung davon -mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich -darstellt. Daher kann auch der weiseste Mann heute -nicht wissen, was er mit diesen Leuten anfangen soll. -Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle Bedeutung -wieder erobern. Und dabei können Sie allen in -wahrem Sinne behilflich sein, denn Sie sind doch selbst -ein russischer Edelmann, und da Sie Verständnis für -die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie sie -auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu -bedarf es nicht etwa vieler Worte, denn das, was -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -Sie ihnen erklären werden, liegt ja schon im Keim angelegt -in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine -ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich -bei uns ganz anders herausgebildet als in anderen -Ländern. Er führt seinen Ursprung nicht etwa auf eine -gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, -er ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge -hervorgegangen, die sich in beständiger Auflehnung gegen -die höchste Gewalt befinden und die Bedrücker der -unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung -von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen -Lande geleistet hat, von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen -und Verdiensten und nicht auf roher Gewalt beruhten. -Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche -Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man -ihn wohl in anderen Ländern findet, der Hochmut der -deutschen Aristokraten ist ihm fremd; bei uns prahlt -niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten Ursprung -seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die -älteste ist — dies tun höchstens ein paar Anglophile, -die diese Gewohnheit während ihrer Reisen in England -angenommen haben; es mag wohl hin und wieder -einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen -rühmt, doch auch dann nur solcher, die ihrem Kaiser -und ihrem Land wirkliche treue Dienste geleistet haben, -dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu -prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen -würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. -Es gibt nur eine Sache, der sich ein jeder zu -rühmen wagt, — das ist das Gefühl für sittlichen Anstand, -das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -Und wenn es darauf ankommt, diese höchste innere -Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so bleibt bei -uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn -es der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz -tief in Schmutz und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei -uns etwas wie ein Gefäß für diesen sittlichen Anstand, -der sich über das ganze russische Land verbreiten muß, damit -alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten, -warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt -wird. Wenn Sie ihnen annähernd das sagen werden, -was ich Ihnen hier sage, und was die lauterste Wahrheit -ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen -werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf -den Wirkungskreis, in dem sie ihren Namen verewigen -und ihm ein dauerndes Leben in der Nachwelt sichern -können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, -daß das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß -man dem Lande nur durch große, hochherzige Taten -helfen kann, daß man aber vor allem denen mit großen -Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit -schon bei der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie -sehen, daß ihre Herzen mit dem Ihren zusammenklingen -werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl. -Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie -ihnen die volle Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben -Dinge aus lügenhaften Berichten ausländischer Zeitungen -erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe -ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen -die ganze Wahrheit auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland -wirklich unter den räuberischen Praktiken und unter -den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und -daß dem Kaiser das Herz so weh tut, wie niemand -von ihnen es ahnt oder glaubt und auch nur ahnen -kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick -dieses Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, -die sich zwischen den Menschen aufgetürmt, -sie voneinander getrennt und jedermann die Möglichkeit -geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für -sein Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser -allgemeinen Verfinsterung und Entfremdung gegenüber -dem Geist des Vaterlandes, angesichts endlich all dieser -Erpresser und Gauner, dieser käuflichen Rechtsverdreher -und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten herbeigeflogen -kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu -fressen und im Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu -fischen. Wenn Sie ihnen das sagen und ihnen sodann -beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe -stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen -Dienst zu leisten: nämlich ebenso hochherzig wie ihre -Väter einstmals in Reih und Glied wider die Feinde -des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten -Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese -von elenden Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt -sein sollten, so werden Sie sehen, wie unser Adel -sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten können -von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich -dem Staatsdienst zu widmen und die allerunbedeutendsten -Stellungen einzunehmen. Und nach geleisteten Diensten -werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja -nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für -sich verlangen, zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -ans Licht stellen konnten. Kurz — machen Sie -ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie -werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. -Sie können sie auch auf eine zweite große -Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen können: auf -die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen -Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum -Vorbild ihres Standes werden, denn heute fangen -manche Leute in Europa ernsthaft an, über die alte -patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente -überall, außer in Rußland, verschwunden sind, -und man beginnt schon laut über die Vorzüge unseres -ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die Ohnmacht -und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und <a id="corr-30"></a>Einrichtungen, -sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu -reformieren, erkannt hat. Daher müssen wir den Adel dazu -bewegen, das wahrhaft russische Verhältnis zwischen Gutsbesitzer -und Bauer zu erforschen, nicht aber den verlogenen -unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen -Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie -der Obhut fremder Tagelöhner und Verwalter überließen, -herausgebildet hat, — wirklich und wahrhaftig für -die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen Blutsverwandten -und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten -<a id="corr-31"></a>sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater -seine Kinder. Hierdurch allein können sie diesen Stand -dazu machen, was er wirklich sein soll, diesen Stand, -der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der -Freien noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane -(Bauern), nach dem eigenen Namen Christi trägt. Dies -alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr gut klarmachen, -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich’s -überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung -unseres Adels gelangt. Und dies wird die zweite -unter Ihren großen Leistungen sein. -</p> - -<p> -Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand -außer dem Generalgouverneur zu vollbringen vermag. -Alle europäischen Staaten haben heute unter der Kompliziertheit -aller Gesetze und Verordnungen zu leiden. -Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: -die eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über -ihre Grenzen und Schranken hinausgewachsen und sind -in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem Bereich -liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein -Gebiet vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft -der Volkssitten stand, andererseits aber sind sie in ein -Bereich eingedrungen, das ewig unter dem Zepter der -Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht -etwa gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen -Gesetze aus ihrem Bett geschah ganz von selbst, -da sich überall leere unausgefüllte Lücken darboten, die -einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. -Die Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit -wandte sich immer mehr von dem geraden einfachen -Leben in Christo ab und überließ so alle privaten Verhältnisse -der Menschen und das Privatleben ihrem -Schicksal. Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie -verlassene Waisen unter ihre Obhut, und gerade dies -war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt wurden. -Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich -und weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, -was von Rechts wegen der Herrschaft der Sitte untersteht -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -und ein ewiges Besitztum der Kirche ist, wird das ganze -bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden können, -das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen -Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse -enthält. Heute sieht jedermann, daß eine große -Menge von Fällen, von Mißbräuchen und Intrigen -nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten -Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche -möglichen Abweichungen bis in ihre feinsten Einzelheiten -feststellen wollten und damit jedermann, selbst den -besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen -und ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher -hätten diese Leute es für unanständig gehalten, einen -solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen wagen sie -es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder -einer Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, -ein einstmals verlorenes Gut wieder zu erlangen -oder auch nur einem andern sein Besitzrecht -streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch -gleich aufs Ganze, wie ein Held sich zum Sturm -rüstet, und nimmt überhaupt keine Rücksicht auf seinen -Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd -verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. -Ein leidlich menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, -ganz offen die größten Grausamkeiten zu begehen, -ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich schon des -bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der -Kirche beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen -Vorteil vorzuhalten, vor das Angesicht Christi stellen -wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie es in der -Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen, -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die -Weiterungen vor den Instanzen drohen, die <em>Kirche</em> und -nicht das bürgerliche Gesetz die Menschen miteinander -zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie -ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, -daß dem bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle -zugewiesen werden, die wirklich unter das bürgerliche -Recht fallen, daß der Herrschaft der Sitte wiedergegeben -werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben -muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet -werde, was ihr ewiglich angehört? Kurz, wie soll alles -wieder an seinen rechten Platz gebracht werden? In -Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu -müßten Ströme von Blut vergossen werden, Europa -würde in unnützen Kämpfen erliegen und doch nichts -erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit hierzu -vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich -und schmerzlos vollziehen — nicht durch irgendwelche -Neuerungen, Umwälzungen oder Reformen, ja nicht -einmal mit Hilfe von allerhand Sitzungen oder durch -Bildung von Komitees, nicht durch Debatten, Zeitungsgerede -und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder -Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut -anvertraut ist, den Grund dazu legen; und wie einfach! -— Durch nichts andres als nur durch sein eignes Leben. -Durch die patriotische Schlichtheit seiner Lebensweise und -die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann -er die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen -Etikette beseitigen und die russischen Sitten befestigen, -die wirklich gut sind und mit Nutzen auf unser gegenwärtiges -Leben angewandt werden können. Er kann -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -eine mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß -die Beziehungen zwischen den Stadtbewohnern untereinander -wie die der Gutsbesitzer unter sich schlichter und -einfacher werden, denn die Beseitigung dieser komplizierten -gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen, muß -unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit -beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den -Bewohnern der Städte erhoben haben. Und ebenso -wie zur Einführung und Befestigung der Sitten kann -der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche -heute ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes -wiedergewinnt: er kann dies erstlich durch sein -eigenes Beispiel, durch sein Leben, und zweitens -auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen — aber -nicht etwa durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, -sondern durch solche, die weit wirksamer sind -als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal -miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung -angenommen haben werden; bis dahin aber will ich -Ihnen nur dies sagen: wenn schon die einfache Sitte -mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz — und -was ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz -streng betrachtet? Mitunter hat sie überhaupt keine -Bedeutung für unsere Zeit, man kennt den Grund nicht, -weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher -sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, -die sie eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar -ein Überbleibsel aus den Zeiten des Heidentums, -das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu -allen Grundlagen des modernen Lebens steht — wenn -nun nach alledem schon die Sitte etwas so Mächtiges -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -ist, daß es schwierig ist, sie selbst im Laufe von vielen -Jahren auszurotten — wie würden sich wohl die Dinge -gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich -auf die Vernunft gründen, die einstimmig und einmütig -von allen anerkannt werden und die höhere Billigung -und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten -würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert -zu Jahrhundert fortpflanzen, und keine Macht -der Erde würde sie vernichten können, was die Welt -auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das -ist ein gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig -reden, und dazu bin ich zu dumm. Vielleicht -werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und mich -erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird -es Ihnen also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu -werden; greifen Sie daher mit fester Hand zu, wenn -Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs angeboten -werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie -es verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit -den Wünschen und Forderungen der Regierung befinden -— d. h. Sie werden das ganze Gebiet wie eine frischen -Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln, -alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem -einen frischen Impuls geben und dann in eine andere -Provinz reisen, um dort das Gleiche zu wirken. Sie -werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur provisorisch -sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn -der innere Organismus eines Gouvernements ist etwas -in sich Abgeschlossenes und Vollendetes, und bedarf -keines weiteren Regierungsbeamten außer dem Bürgergouverneur. -So gehen Sie denn mit Gott und fürchten -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -Sie sich vor nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres -Amt übernehmen sollten, halten Sie sich stets an -die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß die -Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so -ein, ordnen Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß -sich alles, nicht nur so lange Sie da sind, sondern auch -nach Ihrem Weggang in geordneter Weise abwickelt, -daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu -rücken vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst -innerhalb der von Ihnen gezogenen Grenzen betätigen -und die von Ihnen vorgezeichnete, vernünftige Richtung -einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr -Werk dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu -befestigen. Seien Sie allen Ihren Untergebenen, seien -Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes ein -Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine -Pflicht und Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen -Sie jedem freundlich die Bruderhand, wenn er sich -von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien will. -Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur -in der Absicht, jeden zu lehren, wie er selbst auf sich -Einfluß gewinnen kann. Sorgen Sie ferner dafür, daß -keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt wie auf -seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen -sich ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren -Erlaubnis sie es nicht einmal wagen, aus einem Zimmer -ins andere zu gehen, warten sie doch stets auf -die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; -der Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin -ihm nur für eine bestimmte Zeit und nicht für -immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch -eifriger und sorgfältiger auf sich acht geben muß als -früher, stets eingedenk, daß es nun niemand mehr gibt, -der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm gegeben -ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend. -Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, -wenn Sie Ihr Amt niederlegen sollten, keine Tränen -und kein Gejammer gibt, sondern daß ein jeder noch -frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher -sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner -Belehrung sagen möchten, sorgsam für den Tag -des Abschieds auf: an diesem Tage werden alle Ihre -Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt -und wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, -das werden sie jetzt willig aufnehmen und danach handeln. -Für mich ist die Stunde des Abschieds von -meinen Freunden — der schönste Augenblick; jeder -meiner Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut -es frohen Mutes, und seine Seele ist heiter. Das werden -Ihnen alle bezeugen, die in der letzten Zeit Abschied -von mir genommen haben. Ich bin sogar davon überzeugt, -daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich -lieb gehabt haben, fröhlich und heiteren Mutes von -mir Abschied nehmen werden. Keiner von Ihnen wird -weinen, und alle werden nach meinem Tode weit fröhlicher -sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich -Ihnen noch etwas über die Liebe und die allgemeine -Sympathie für uns sagen, nach der viele so sehr haschen. -Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu wollen — das -ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht beschäftigen -sollte. Streben Sie danach, — die andern -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -Menschen zu lieben, und nicht danach, daß andere -Menschen <em>Sie</em> lieben. Wer einen Lohn für seine Liebe -verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit -vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß -Gott mir schon in meiner Jugend diese merkwürdige -und mir selbst kaum verständliche Abneigung gegen jegliche -unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse eingepflanzt -hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas -Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn -sie von Verwandten oder Freunden herrührten! Wie -wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe keinem Wesen -dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von -einem Vorgesetzten auf den andern übertragen, und -sowie ein Vorgesetzter merkt, daß sie sich ihm zuwendet, -sollte er sie sofort von sich auf den über ihm stehenden -höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so -endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis -ein von allen geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts -der ganzen Welt Gott selbst darbringt. -</p> - -<p class="year"> -1845. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-30"> -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -<span class="line1">XXIX</span><br /> -<span class="line2">Wessen Los auf Erden das beste ist</span><br /> -<span class="line3">Aus einem Briefe an U—</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen -Los auf Erden das schönere ist und wem das -bessere Teil beschieden ward. Früher als ich noch -törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem -andern vor; jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller -Menschen gleich beneidenswert ist. Alle erhielten den -gleichen Lohn — sowohl der, dem ein Talent anvertraut -ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem -fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere -dafür zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das -Los des ersten noch besser ist, gerade weil er auf Erden -keinen Ruhm genossen und nicht von dem Zaubertrank -irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie -wunderbar ist doch die göttliche Gnade, die jedem den -gleichen Lohn bestimmte, der redlich seine Schuldigkeit -getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste Bettler ist. -Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden -eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle -<em>gleichermaßen</em> in Gott sein. Freilich hat Christus -selbst an einer andern Stelle gesagt: „<em>Im Hause -meines Vaters sind viele Wohnungen</em>“, aber -wenn ich mir diese Wohnungen vorstelle, wenn ich -darüber nachdenke, was die Wohnungen Gottes sein -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und -ich weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich -wählen soll, wenn ich wirklich einmal gewürdigt sein -sollte, am himmlischen Reiche teilzunehmen, und wenn -die Frage an mich erginge: „welche von ihnen möchtest -du wählen?“ Ich weiß nur das eine, daß ich antworten -würde: „die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem -Hause ist.“ Ich glaube, man kann sich nichts Schöneres -wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen, die -bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner -majestätischen Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen -liegen und sie zu küssen! -</p> - -<p class="year"> -1845. -</p> - -<h2 class="letter" id="part-31"> -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -<span class="line1">XXX</span><br /> -<span class="line2">Ein Geleitspruch</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, -die Antwort erhältst du später. Ich sehe -und begreife alles: deine Leiden sind groß. Bei -einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen -anhören, mit so hohen Gefühlen unter so -groben, plumpen Menschen weilen zu müssen, wie die -Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich -niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, -ohne daß sie es wissen, schon allein ausreicht, um die -edelsten Schätze und Kostbarkeiten des Herzens in Scherben -zu schlagen; dulden zu müssen, daß mit plumper -Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen -wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um -himmlische Laute auszuströmen, bis sie verstimmt sind und -reißen, und über dies alles noch all die Gemeinheiten -und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen, die sich -täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu -müssen, die selbst der Verachtung wert sind — ich weiß -wohl, daß ist alles sehr bitter. Und deine physischen -Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein Nervenleiden, -deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle, -die dich jetzt heimsuchen — das alles ist hart, -sehr hart, ich vermag dir nichts andres zu sagen, als -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -daß es wirklich sehr hart, sehr bitter ist! Aber hier -hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; -du wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, -dir stehen noch härtere Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] -mit allerhand Schuften und Gaunern und schamlosen -Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, -die nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, -von der du schreibst [d. h. eine fremde Unterschrift zu -fälschen] — die den Mut haben, ein so furchtbares -Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen -Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung -bestraft wird und nicht mit der Wimper zu zucken -— ja die nicht nur einer solchen Niedertracht, sondern -noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren -bloße Beschreibung einem mitleidigen Menschen für -immer den Schlaf rauben könnte (o wenn doch solche -Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen Heerscharen -zittern vor Schrecken beim Gedanken an die -furchtbaren Strafen, die sie in jener Welt erwarten und -vor denen sie niemand mehr zu retten vermag. Unzählige -neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen -warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] -Stellung kann alles passieren. Deine Nervenanfälle -und deine Leiden werden noch stärker werden, -deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit -wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine -Schmerzen und Qualen werden noch furchtbarer und vernichtender -werden. Allein denke stets daran, daß wir -nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und -Feste zu feiern — wir werden hierher berufen, um -Schlachten zu schlagen, den Sieg werden wir <em>dort</em> feiern. -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -Daher dürfen wir keinen Augenblick vergessen, -daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier -gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns -weniger Gefahren drohen! Wie ein guter Soldat muß -sich ein jeder von uns in den Kampf stürzen, wo er -am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von -oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht -nicht die geringste von unseren Handlungen. Du darfst -daher das Schlachtfeld nicht meiden, sondern mußt -mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht -etwa einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt -dir einen Starken zum Gegner wählen. Der Kampf -mit einem kleinen Schmerz und mit geringen Leiden -wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen -Russen ist es nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen -Deutschen einzulassen, wenn man im voraus -weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem Tscherkessen -aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn -für unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen -Tscherkessen aufzunehmen und ihn zu besiegen, das -ist eine Leistung, deren man sich rühmen kann!] Nun -denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir, -mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher -Freund! -</p> - -<h2 class="letter" id="part-32"> -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -<span class="line1">XXXI</span><br /> -<span class="line2">Wesen und Eigenart der russischen Poesie</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">rotz</span> des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt -unsere Dichtung sehr viel Eigenartiges. Ihr natürlicher -Quell regte sich schon in der Brust des -Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde -war. Ein Strahl dieses Quells bricht in unsern Liedern -hervor, in denen zwar wenig Liebe zum Leben und zu -den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige Sehnsucht -nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein -Streben, sich von den Tönen in eine unendliche Ferne -forttragen zu lassen, lebt. Sein Strom bricht auch in -unsern Sprichworten hervor, die von dem ungewöhnlich -reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in -ein Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt -hat: die Ironie, den Spott, die Anschaulichkeit, die -Treffsicherheit eines plastischen Denkens, um ein von -Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze -Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es -seine empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein -Strom bricht endlich auch aus den Reden der Diener -unserer Kirche hervor — Reden, die so einfach, -so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das -Streben, sich bis zu dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger -Ruhe zu erheben, den zu erklimmen, jedes Christen -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung, nicht etwa die -Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den -Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit -zu erziehen. Dies alles versprach unserer -Dichtung eine eigenartige und urwüchsige Entwicklung, -wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber nicht -von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet -unsere wohllautende Poesie, die uns heute einen so -hohen Genuß bereitet, ihren Ursprung her, so wenig -als die Struktur unserer gegenwärtigen bürgerlichen Ordnung -sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem -Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche -Ordnung ist ja auch nicht durch eine geregelte allmähliche -Entwicklung der Dinge, nicht durch eine langsame -wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in unser -Land entstanden — was schon aus dem einfachen -Grunde unmöglich war, weil die europäische Aufklärung -bereits eine viel zu hohe Stufe der Reife erreicht hatte, -weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie -nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland -hereinbrechen und ohne einen solchen Führer, wie -Peter es war, in allen Dingen eine viel größere Unordnung -hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich -bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung -entsprang aus einer Erschütterung, aus jener gewaltigen -Erschütterung des ganzen Staates, die der Zar, dieser -große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm den -Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der -europäischen Staaten einzureihen und es plötzlich mit -allem bekannt zu machen, was sich Europa durch lange -Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte. Eine -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das -russische Volk, und die europäische Aufklärung war der -Feuerstahl, der diese ganze Volksmasse treffen mußte, -die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl verleiht -dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein -nicht trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und -sogleich schlug aus dem Volk eine Flamme empor. Diese -Flamme war die Freude, die Freude über das Erwachen, -die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte -keiner das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im -Licht der europäischen Bildung sich selbst besser kennen -zu lernen, nicht aber Europa zu kopieren. Jeder -fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße -Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen -Menschen, und zwar durch den Zaren selbst, bewirkt -war, der zeitweilig sogar großmütig auf seine -Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu -lernen und mit der Axt in der Hand in allen Dingen -voranzugehen, damit keine von den Wirrungen und -Verwicklungen entstünde, die selbst die geringfügigsten -Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen — schon -diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude -und der Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, -die gewöhnlich das in Mitleidenschaft gezogene Volk auf -Jahre unter Ströme von Blut setzt, wenn sie die Folge -innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von -ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das -glänzende Manöver eines vortrefflich geschulten Heeres. -Rußland erhob sich plötzlich zur Würde eines großen -Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein -Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -Bildung. Alles in dem jungen Staate geriet -in Begeisterung, allen entrang sich ein Schrei des -Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter -kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt -sich in unserer Poesie oder richtiger: sie hat diese -Poesie erst erschaffen. Das ist der Grund, warum diese -Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht wurde, -einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus -ihr das Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung -über das neue Licht, das sich über Rußland ergossen -hatte, für das Staunen über die große Aufgabe, die -dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, -den es dem Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser -Zeit wurde das Streben nach dem Licht unser eigentliches -Element, der sechste Sinn des Russen, und es erschuf -unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes -neue lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner -der drei Quellen, von denen zu Beginn die Rede -war, entdecken konnten. -</p> - -<p> -Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? -Ein schwärmerischer Jüngling, begeistert von dem -Licht der Wissenschaft und der hohen Aufgabe, die er -vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die -Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine -erste Ode aufs Papier werfen, hastig entlehnt er bei -unsern deutschen Nachbarn Form und Metrum, wie sie -in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen, -ob sie sich für unsere russische Sprache eignen -oder nicht. Seine künstlichen rhetorischen Oden lassen -auch nicht eine Spur schöpferischer Kraft erkennen, aber -die Begeisterung bricht doch schon allenthalben hervor, -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen -Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem -er sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, -kommt ihm in Sinn, und die Frucht dieses Einfalls -ist die Ode: <em>Abendbetrachtungen über Gottes -Größe</em>, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät -und Würde atmet und die kein anderer außer Lomonossow -hätte schreiben können. Ein ähnlicher Einfall wird der -Anlaß für die Epistel an Schuwalow: <em>Über den -Nutzen des Glases.</em> Jede Erwähnung Rußlands, -das seinem Herzen so nahesteht und das er immer -durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht, -erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten -nüchternen Strophen begegnen wir Versen, die uns -plötzlich in eine andere Welt versetzen. Man hat das -Gefühl, als ob — um uns seiner eigenen Worte zu -bedienen — -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Götterjüngling David leicht</p> - <p class="verse">Der Harfe heil’ge Saiten meistert</p> - <p class="verse">Und aus Jesaias Mund begeistert</p> - <p class="verse">Ein Psalm empor zum Himmel steigt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Er überschaut das ganze russische Land von einem -Ende bis zum andern, wie von einem lichten Gipfel -herab, begeistert und entzückt von seiner grenzenlosen -Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, -als wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen -Schilderungen spricht mehr die Ansicht eines gelehrten -Naturforschers als die eines Dichters, aber die -treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt -den Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -ist, indem er seine Verse in die strengen -Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der Sprache -durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb -der engen Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen -Würde und Freiheit dahin, wie ein wasserreicher Fluß -in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen Versen -noch schöner und freier als in seiner Prosa, und -Lomonossow heißt daher nicht umsonst der Vater unserer -Verskunst. Das Merkwürdige ist, daß der Urheber -unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber -wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer -Dichter wie die Vorrede zu einem Buche. Seine Poesie -ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht einem Wetterleuchten, -das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, -sondern sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. -Rußland erscheint bei ihm nur in seinen allgemeinen -geographischen Umrissen; er scheint ausschließlich darum -bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen Reich -zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und -Linien abzustecken, während er die Ausmalung den -andern überläßt. Er selbst ist gleichsam nur ein erster -prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen sollen. -</p> - -<p> -Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die -Ode eingeführt. Feste, Siegesfeiern, Geburtstage hoher -Persönlichkeiten, ja sogar eine Illumination oder ein -Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die Verfasser -dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu -einer gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer -Begeisterung getragen wurden. Höchstens <em>Petrow</em> -macht eine Ausnahme, dem es nicht an einer gewissen -Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit -seiner Verse. Die andern erreichten bestenfalls nur die -kalte äußere Rhetorik der Oden Lomonossows, und an -Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres zuchtloses -Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon -hatte der Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte -der Funke der Poesie gezündet. Noch hatte Lomonossow -die Leier nicht aus der Hand gelegt, als Dershawin -seine ersten Lieder dichtete. -</p> - -<p> -In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer -glänzenden Sammlung der vorzüglichsten Werke russischer -Schöpferkraft gleicht, als sich auf allen Gebieten -bedeutende russische Talente regten, in glorreichen Schlachten -ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner -in der inneren Organisation des Reiches tätig -waren, geschickte Diplomaten sich beim Abschluß von -Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte -und Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da -trat auch der Dichter Dershawin auf. Er hatte das -gleiche malerische würdevolle Äußere wie alle Männer -aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten -Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. -Bei ihnen allen gibt es noch viel Unfertiges, und -in den Details Unausgeführtes, wie man es wohl in -Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit gebracht -werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows -und Dershawins, die sich einem bei der -ersten <a id="corr-32"></a>Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt, -schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender -kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in -seiner Erziehung, den vollkommenen Gegensatz zu dem -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -ersteren. Während sich Lomonossow völlig den Wissenschaften -widmet und das Dichten ausschließlich als eine -Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt <em>er</em> sich -gänzlich der Dichtkunst hin und hält eine vielseitige -wissenschaftliche Bildung für unnütz und überflüssig. -Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei -ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen -Umrisse des Reiches hervor, sondern auch -die Menschen und ihr Leben werden sichtbar. Was ihn -beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft: sondern -die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits -an die Menschen aller Berufe und Stände und -zeugen von dem Streben, ein Gesetz des richtigen Handelns -aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem, -selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht -sich schon eine wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, -er besitzt etwas noch Gewaltigeres und Überirdischeres -als Lomonossow, und man begreift nicht, woher der -hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang -unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch -immer wie eine dunkle Weissagung über unserem Lande -schwebt und uns eine bessere Zukunft vorhält, zu der -wir bestimmt sind — oder ist es ein Echo seines alten -tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch -heute die armseligen Überreste nomadisierender Horden -umherirren, die ihre Einbildungskraft an Erzählungen -von klafterhohen Helden, die tausend Jahre alt werden, -entzünden? — was es auch sein mag: dieser Charakterzug -Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter -holt er seine Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie -weit her: nur um möglichst nahe an seinen Gegenstand -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer, -aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, -da dienen diese ungeheuerlichen Massen nur dazu, -um den Gegenstand mit einer schier unbegreiflichen -Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als -blicke er uns mit tausend Augen an. Man überlese -den „<em>Wasserfall</em>“: man hat den Eindruck, als wäre -hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig dahinstürmende -Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen -alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die -Natur erscheint hier wie eine höhere Wirklichkeit neben -der, die wir mit unseren Augen sehen, die Menschen -gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein -verglichen mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt -ist, wie das eines fernen Ameisenhaufens. Von -Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger des -Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt -Katharinens und Rußlands, das sich in seinen acht -Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind königliche Adler, -kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat -jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, -was ihn am meisten bewegte, war der Wunsch, -einen im Kampf des Lebens gestählten starken Menschen -zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit, -sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu -zeichnen, wie er nach seiner Ansicht aus den ureigenen -Wurzeln unserer russischen Natur erwachsen müßte, genährt -und groß geworden auf dem unerschütterlichen -Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die -die Ode gerichtet ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen -unbeugsamen wahrhaftigen Helden zu setzen. Dann -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme -aus, die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. -Das, was wir einen Gemeinplatz zu nennen gewohnt -sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung wieder, und -wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund -der Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den -Werken anderer Dichter erscheint alles bei ihm groß -und gigantisch: seinen poetischen Metaphern fehlt es an -der <a id="corr-33"></a>vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam -in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten -aber gerade dadurch etwas noch Großartigeres -und Erhabeneres. So schildert zum Beispiel der Dichter -den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört, -über das Meer rast: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wild springt er auf die Wellen los,</p> - <p class="verse">Schlägt mit <a id="corr-34"></a>dem Dreizack nach den Schiffen,</p> - <p class="verse">Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß</p> - <p class="verse">Des Hades mit gesträubten Haaren,</p> - <p class="verse">Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Hier schien sich ein <em>plastisches</em> Bild des greisen -Caspius gestalten zu wollen, aber die Zeichnung verlor -sich in abstrakt geistigen Konturen: das Ohr hört nichts -als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem -grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die -Haare, der erschüttert ist von der rauhen Größe des -Bildes. Bei ihm ist alles monumental. Sein Stil ist -von einer Größe, wie bei keinem unserer Dichter. Wenn -wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, -so sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung -pathetischer Worte mit schlichten, ja trivialen -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -begründet ist, wessen sich kein anderer außer Dershawin -erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen, sich -so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er -von seinem großen Helden spricht: der nach Vollendung -seiner irdischen Aufgabe -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">den Tod wie einen Gast erwartet</p> - <p class="verse">und sinnend sich den Schnurrbart streicht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste -Angelegenheit wie die Erwartung des Todes zu einer -so trivialen Geste wie das Streichen des Schnurrbarts -in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt -hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes -Gefühl bleibt in unserer Seele zurück! -Man muß jedoch sagen, daß sowohl diese wie alle andern -gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere -Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses -annehmen, sowie ihn die Inspiration verläßt: Alles -gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache, Stil, alles -knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers -gleicht einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen -die Spuren seiner unvollkommenen geistigen und sittlichen -Bildung. Der Mann, der andern Selbstbeherrschung -predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen, -hat sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und -mit der ganzen Kraft seiner Begeisterung den Weg zu -seinem Ich suchen müssen, um das aussprechen zu können, -was sich der Seele des Dichters von selbst entringen -müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen -gewußt, es würde keinen größeren Dichter als -Dershawin gegeben haben. So aber gleicht er nur -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar -niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch -kein Mensch wird lange vor ihm verweilen, sondern -bald zu andern reizvolleren Eindrücken fortzueilen suchen. -</p> - -<p> -Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand -gelegt, und schon hatte sich alles um ihn verändert: -das Zeitalter Katharinas, die königlichen Feldherren, der -höfische Luxus und das ganze höfische Leben waren dahingeschwunden -wie ein Traum, die Epoche Alexanders -war angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. -Die Menschen zogen sich mehr in sich selbst zurück und -wetteiferten, aus dem Gefühl heraus, daß sie sich bisher -allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen -und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen. -Die Franzosen galten in allen Dingen als -Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer den Ton -in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine -Zeitlang die flinken französischen Poeten unsere Dichtung. -Zur Rechtfertigung unseres sicheren dichterischen -Gefühls sei jedoch an dieser Stelle erwähnt, daß uns -nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient -hat: <em>Lafontaine</em>, und zwar nur deshalb, weil -er der Natur am nächsten stand: <em>Dmitriew</em>, -<em>Chemnitzer</em> und <em>Bogdanowitsch</em> dichteten in -der gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie -er. Die russische Sprache erhielt plötzlich eine gewisse -Freiheit und die Fähigkeit, mit angenehmer Leichtigkeit -von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen — eine -Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man -pflegte nicht nur die Ode, sondern versuchte sich in allen -Arten und Formen der Poesie. <em>Dmitriew</em> bewies -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und Anstand, -und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos -überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer -Dershawins und Lomonossows üblich geworden war. -Aber die Oberflächlichkeit der Epoche vermochte unserer -Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie blieb -allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man -konnte sie bald einem gewandten und gescheiten Weltmann -vergleichen, der im Salon sitzt und plaudert, -nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu -tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um -Konversation zu machen und zu beweisen, daß er über -jeden Gegenstand etwas zu sagen habe. Die letzten -Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden -Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus -der Kirche in den Ballsaal versetzt. Nur der eine -<em>Kapnist</em> ließ den Duft eines wahrhaft beseelten Gefühls -und eine eigenartige anthologische Anmut verspüren, -wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man -denke zum Beispiel an sein Landhaus Obuchowka: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein liebes Häuschen, strohgedecket,</p> - <p class="verse">Ist nicht zu groß, noch ist’s zu klein,</p> - <p class="verse">Der Freund wird stets willkommen sein</p> - <p class="verse">Und selbst den armen Bettler schrecket</p> - <p class="verse">Kein Türschloß fort, will er hinein.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem -Gipfel eines oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. -Schon war ihre Empfänglichkeit durch jenen -Schlag Peters mit dem Stahl europäischer Bildung geweckt, -und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und -für ihre Entwicklung nutzbar machen konnte, und so -wandte sie sich den Deutschen zu. In der deutschen -Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor. -Eine unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen, -wunderbare unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus -einer unsichtbaren Welt, Träume und Schrecken, wie -sie die Kindheit des Menschen zu begleiten pflegen, bildeten -den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man -hätte eine solche Poesie für die Laune eines Schulbuben -halten können, wenn nicht jenes kindliche Lallen in ihr -vernehmbar gewesen wäre, durch das die unsterbliche -nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde -gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige -Dichtung von dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler -Instinkt rief plötzlich in ihr die Erinnerung an etwas -Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns nie mit -den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer -Mitte erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare -Welt durch den klaren Kristall seines Wesens gezeigt -hätte, das uns weit verständlicher war, als das deutsche. -Dieser Dichter ist <em>Shukowski</em>: die stärkste Individualität -in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle -Fügung des Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen -an eine ihm selbst unbegreifliche Sehnsucht nach -dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele gelegt. Wie -der Held seiner Ballade <em>Wadim</em> vernahm er immer -einen himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn -in die Ferne rief. Dieser Lockung folgend, stürzte er sich -auf alles Unerklärliche und Geheimnisvolle, wo immer -es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die eine -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles -dieser Art entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den -Deutschen, und das Meiste davon sind Übersetzungen. -Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die Spur jener -inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer -Kraft belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des -Russischen mächtig sind, zugestehen, die Originale erschienen -neben ihnen wie Kopien, während seine Übersetzungen -den Charakter echter Originale besitzen. Man -weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen -Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine -eigene Persönlichkeit auf, während sie bei Shukowski -stärker hervortritt als bei irgendeinem unserer Dichter. -Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen, -so werden wir finden, daß das eine von <em>Schiller</em>, ein -anderes von <em>Uhland</em>, ein drittes von <em>Walter Scott</em>, -ein viertes von <em>Byron</em> entlehnt ist; und alle diese Werke -sind bis auf das einzelne Wort getreue Abbilder ihrer -Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist durchaus -erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine Gelegenheit, -sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte -nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte -man gelesen habe, dann fallen einem weder Schiller, -noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern ein Dichter, -der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz -nicht zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als -Gleicher neben Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie -es jedoch möglich war, daß seine eigene Persönlichkeit -all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen konnte, das -bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt. -Es gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -Shukowskis selbst ein getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit -bilden könnte. Man muß auch sagen, daß -sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine -so starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares -Traumland zu entfliehen. Bei keinem von ihnen -finden wir diesen festen Glauben an übersinnliche Kräfte, -die den Menschen überall schützend umschweben. Wenn -man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl, -für das Dershawin die Worte gefunden hat: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Dem Schutz des Himmels übergeben</p> - <p class="verse">Ward deines Lebens Sicherheit</p> - <p class="verse">Und Legionen Engel schweben</p> - <p class="verse">Ob deinem Haupte hilfsbereit.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt, -wie ein ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem -er unserer Dichtkunst dieses ihr bis dahin ganz unbekannte -Streben nach einer unsichtbaren geheimnisvollen -Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus -nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern -auch ihrer Versform, die damit etwas Leichtes und Unkörperliches -wie eine Vision erhielt. Mit diesen Übersetzungen -legte er den Grund zu allem Originalen, schuf -er neue Formen und Metren, die dann später auch von -allen andern russischen Dichtern angewandt wurden. -Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor allem ein -schöpferisches Talent zu sein — es fehlte ihm nicht an -schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden. -Im Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn gab er schon -Beweise seiner Produktivität: <em>Swetlana</em> und <em>Ludmilla</em> -trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns -weit verwandter als die Lieder anderer Dichter — ein -Beweis dafür, daß sie zu einer Zeit, als unser poetisches -Empfinden noch schwach entwickelt war, einen -mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine -Schöpfung Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch -tieferliegenden Grund, auf den diese Trägheit des Verstandes -zurückzuführen ist: es ist seine Veranlagung zur -Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste -festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem -fertigen Werk liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner -kritischer Instinkt, der Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. -Puschkin zürnte ihm sehr, daß er keine Kritiken schrieb. -Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk -so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese -Begabung für Kritik und Analyse tritt besonders in -seinen farbigen Naturschilderungen hervor, die seine -eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert von -einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht -eher von ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser -noch ihr kleinstes, verschwindendes Detail herausgehoben -hat. Wer das Gedicht an die Sonne zu schreiben vermochte, -wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen -und die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie -zu jeder Tageszeit hervorzaubert, wer in seinem „Bericht -über den Mond“ die magische Pracht der Mondnächte -und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so -eingehend und anschaulich zu schildern vermochte: der -mußte natürlich im hohen Maße die Begabung zur -<em>Kritik</em> besitzen. Seine „Slawin“ mit ihren Schilderungen -von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -andächtige träumerische Stimmung, die alle seine Bilder -durchweht, verbreitet ein warmes und erwärmendes -Licht um sich, das den Leser mit einer unbegreiflichen -Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich -und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund -zu verschließen. -</p> - -<p> -In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis -dichterischer Entwicklung ein. In dem Maße, als -sich die in einem leuchtenden Dämmer verschwebende -Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen -Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte, -begann er, den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster -und Phantome der deutschen Balladen zu verlieren. -Seine Neigung zur Träumerei machte einer -geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung -war die „Undine“, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis -war. Der deutsche Dichter, der die gleiche Sage -in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm nicht zum -Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu -seiner vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von -hier an wird ihm eine kristallene Durchsichtigkeit der -Sprache eigen, die dem Gegenstand eine Klarheit verleiht, -welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller -des Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein -Vers verliert das Ätherische, Unbestimmte, das er früher -besaß: er schreitet kräftiger und sicherer einher. In Shukowski -schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen, -um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster -Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, -bei solchem Erfülltsein des ganzen Menschen mit -dem Geist der Antike und bei einer so erleuchteten und -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk sicherlich -die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums -in einer vertrauten und heimischen Beleuchtung -näherbringen müssen — eine Leistung, die weit höher -zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und die -Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde. -Shukowski verhält sich zu unsern andern Dichtern wie -ein Goldschmied zu andern Handwerksmeistern: das -heißt wie ein Meister, der sich nur mit der letzten Verarbeitung -des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine -Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu -fördern: er hat dem Diamanten lediglich die Fassung -zu geben, die ihn in seinem vollen Glanze erstrahlen -läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt. -Ein solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke -hervorgehen, dem vielleicht nur darum eine geniale -Empfänglichkeit verliehen ward, um all dem, was die -andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht -verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu -verleihen. -</p> - -<p> -Während Shukowski noch in der ersten Periode seiner -Dichtung stand, während er noch bemüht war, die -Poesie aus den Fesseln des Irdischen und Greifbaren zu -befreien und sie in die Sphäre unkörperlicher Gesichte -zu erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, -wie im bewußten Gegensatz zu ihm sie fester in der -Erde und im Physischen zu verwurzeln, indem er uns -den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen Körperlichkeit -verspüren ließ. Während jener sich ganz in den -ihm selbst noch nicht völlig klaren Idealen verlor, tauchte -dieser vollkommen in der üppigen Pracht des Sichtbaren -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -unter, das er so deutlich empfand und das ihn so -stark ergriff. Er suchte das Schöne in allen Gestalten -und Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare -lebendige Lust des Genusses aufzulösen. Er -empfand, um sich seiner eigenen Worte zu bedienen, -„des Denkens und des Dichtens Wollust“. Es schien, -als ob eine innere Kraft im Schoße unserer Poesie -diesen Dichter erschaffen hätte, um sie von einer allzuweit -gehenden Übertreibung zu bewahren, damit uns der -eine die nordischen Klänge der europäischen Sänger -brächte, während der andere unser Ohr mit den süßen -Tönen des Südens labte, indem er uns die Bekanntschaft -mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften -Klängen des alten Hellas vermittelte, auf daß selbst -der Vers, der eine gewisse ätherische Unbestimmtheit anzunehmen -begann, sich mit einer fast skulpturhaften -Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem -klingenden Wohllaute erfüllte, der uns im neuen -Europa aus den Dichtern des Südens entgegentönt. -</p> - -<p> -Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei -durchaus verschiedene Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; -aus diesen beiden Prinzipien bildete sich -mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den -Plan. Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealität -des ersten und ohne die schwellend-üppige Wollust -des andern. Bei ihm hat alles sein Gleichgewicht gewonnen, -ist alles gedrängt, konzentriert wie in dem -russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen -sparsam mit Worten ist, und sie lange -in sich hegt und zusammendrängt. Durch eine lange -Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -an, wenn sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel -anführen. Der Kasbek, einer der höchsten Berge des -Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf den Dichter. -Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm -wie die in der Luft schwebende Arche Noahs erschien. -Ein anderer Dichter hätte bei dieser Gelegenheit viele -Seiten mit glühenden Versen bedeckt: Puschkin aber -sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit -folgender unerwarteter Apostrophe: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ersehntes fernes Friedensreich!</p> - <p class="verse">Könnt ich zu deiner Gnadenstelle</p> - <p class="verse">Mich aus der Schluchten Haft befrein</p> - <p class="verse">Und in der ätherlichten Zelle</p> - <p class="verse">Allzeit dem Schöpfer nahe sein!</p> - </div> - <div class="stanza trn"> - <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Das und nur das durfte ein Russe sagen, während -ein Franzose, ein Engländer oder ein Deutscher einen -langen Bericht über ihre Empfindungen gegeben hätten. -Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam -in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich -selbst so wenig beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges -oder Übertriebenes zu sagen, da er in beiden -Fällen die Banalität scheute. -</p> - -<p> -Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das -Ganze, nicht das Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. -Unser Denken versagt vor der ungeheuren Mannigfaltigkeit -seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen -und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den -Wolken thronenden Gipfeln des Kaukasus oder einem -malerischen Tscherkessen, bis zu der elenden Hütte des -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und Trepak; -— überall und allerorten: wird ihm der Ball, -die Hütte, die Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum -Objekt seiner Dichtung. Auf alles, was im Innern -des Menschen vorgeht, von den höchsten und erhabensten -Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher -Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, -die ihn beunruhigt, reagiert er mit der gleichen Stärke -wie auf jeden Vorgang der äußeren und sichtbaren -Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen -Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus -dem Größten schlägt er elektrische Funken jenes poetischen -Feuers, das in jeder von Gottes Schöpfungen -lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen, -die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß -er dabei an eine Anwendung auf das praktische Leben -oder an die Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses -denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte, -und reicht keinen von denen, die taub für die -Poesie sind, eine Leiter, die dorthin führt. Er kümmerte -sich um niemand, es gab für ihn nur einen -Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen: -„Schaut hin, wie herrlich ist doch Gottes Schöpfung!“, -und sich dann sogleich, ohne noch etwas hinzuzufügen, -dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um -abermals auszurufen: „Schaut hin, wie herrlich ist Gottes -Schöpfung!“ Was daher an seinen Werken immer -wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch der Gefühle, -die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht -von sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch -an poetischem Empfinden fehlt, sind seine Dichtungen -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente — Kinder -des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender -Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, -vollendete Dichtungen dar, die alle Elemente eines -wirklichen Kunstwerks ich sich vereinigen. -</p> - -<p> -Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis -dahin noch an keinen von unsern Dichtern gerichtet -worden waren, und die von dem Geist eines erwachenden -Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen -Sinn hatte seine Poesie? Was für eine neue Richtung, -welche neue Wendung hat Puschkin der Welt des Geistes -gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen sein -Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen -heilsamen oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf -dieses Zeitalter ausgeübt? Hat er, wenn auch nur durch -seinen eigenen Charakter oder seine Persönlichkeit auf -andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner Verirrungen, -wie z. B. <a id="corr-36"></a>Byron oder selbst viele andre Dichter -zweiten Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward -er der Welt geschenkt, und was hat er mit seinem Auftreten -bewiesen? Puschkin ward der Welt geschenkt, um durch sein -Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist, und sonst -nichts — <em>was der Dichter ist</em>, sofern man ihn nicht -als Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter -Verhältnisse aber auch nicht als Produkt seines eigenen persönlichen -Charakters, d. h. als Mensch betrachtet, sondern -unabhängig von allen diesen Faktoren in Betracht -zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer -Seelenanatom der Sache auf den Grund gehen und -sich darüber klar werden wollte, was der Dichter in -seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte feinnervige -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert, -selbst ewig einsam bleibt, und bei keinem Verständnis -findet — damit es ihm dann an nichts fehle, da er in Puschkin -alle diese Züge vereint finden würde. Puschkin war -der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so -fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein -Echo fand und die bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, -mitschwang. Wenn wir an einen Dichter denken, -stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig -vor. Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an -Schiller sofort diese reine kindliche Seele, die stets von -den höchsten und letzten Idealen träumte, sich eine -Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß -sie in dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, -wenn er Byron liest, nicht an Byron selbst, diesen -stolzen, mit allen Gaben des Himmels begnadeten -Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen -körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll -des Dichters über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen -hinein. Selbst Goethe, dieser Proteus unter den -Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze Welt der -Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt -gerade in diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit -zu so deutlichem Ausdruck, eine Persönlichkeit, -die eine echt deutsche Würde atmet und nach echt deutscher -Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und -Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, -Schukowski, Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit, -ihre eigene Physionomie. Nur Puschkin hat keine. -Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für Züge -herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären? -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -Man versuche es doch einmal, seinen Charakter als -Mensch zu fassen. Statt seiner wird man sich immer -wieder jener wunderbaren Gestalt gegenübersehen: der -Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo -findet, und der allein einsam und unverstanden -bleibt. Alle seine Werke sind ein reiches Arsenal aller -Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der Dichtung. Nun -denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug, -das euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; -nur der Dichter selbst mischt sich nicht mit der Waffe -in der Hand in den Kampf. Und warum hat er das -nicht getan? — Das ist eine andre Frage. Er selbst beantwortet -sie mit den Versen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nicht unser Teil ist das Getümmel</p> - <p class="verse">Des Pöbels Hast und Waffenklang,</p> - <p class="verse">Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel</p> - <p class="verse">Begeistrung, Inbrunst und Gesang.</p> - </div> - <div class="stanza trn"> - <p class="verse"><span class="line1">(Eliasberg.)</span></p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die -ihm solche Fragen vorlegten, und widmete sich voller -Liebe seiner Aufgabe. Selbst in Zeiten, wo er im Dunst -der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm heilig — -wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt -dies Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes -und Übereiltes aus seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; -nie durfte sich die rohe ungezügelte Wirklichkeit in -ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch ist alles darin -— seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen verborgen. -Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was -jedoch alles im Busen des Dichters zu Asche verbrennen -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -mußte, damit diese Wohlgerüche aus ihm aufsteigen -konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in -seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein -italienischer Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt, -wie er an diesen leichten Werken gearbeitet hat, -die uns wie Kinder des Augenblicks anmuten. Welche -peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend -ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, -wie vollkommen und in sich geschlossen. Jedes -Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu entscheiden, -welche Elegie die vorzüglichste ist — sie gleichen alle -den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der -König Salomo mit den jungen Schafen vergleicht, welche -eben aus dem Taufbecken steigen und alle gleich schön -sind. -</p> - -<p> -Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die -unsere moderne Gesellschaft interessieren und die für sie -von Bedeutung sind, wenn er für jegliches Ding dieser -Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles ein -Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand -ihn in gleicher Weise anzog? Er wollte in seinem -„Onegin“ den modernen Menschen darstellen und ein -modernes Problem lösen — allein er vermochte es -nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament -herunter, trat selbst an ihre Stelle und fühlte sich in -ihrer Person auf’s tiefste von allem ergriffen, was den -Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung -heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme -und malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen -hat, behält man wiederum nichts zurück als das -Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert und -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten -Schöpfungen: „<em>Boris Godunow</em>“ und die Dichtung -„Poltawa“ sind gleichfalls treue Spiegelungen der Vergangenheit. -Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch -sie zu seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen -Landleuten einen Dienst zu leisten, als er sich diese beiden -Stoffe auserwählte, man hat auch nicht das Gefühl, -daß er eine besondere Sympathie für einen der -hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem -Grunde den Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt -hätte, die so meisterhaft und so künstlerisch gestaltet -und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die Verwunderung -über diese beiden historischen Ereignisse trieben -ihn dazu, sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch -andere Menschen über sie staunen und sich über sie -wundern sollten. -</p> - -<p> -Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen -erzeugte bei ihm dieselbe Resonanz. Der spanische Held -Don Juan, dies unerschöpfliche Thema unzähliger dramatischer -Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee ein, den -ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert -darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende -Macht dieses Verführers und die Schwäche des Weibes mit -einer unerhörten Seelenkenntnis geschildert ist und in -dem Spanien mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit vor -uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf den -Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf -zwei oder drei Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt, -mit welcher Treffsicherheit sie erfaßt und trotz -der Unbestimmtheit und Sprunghaftigkeit, die sie bei -Goethe hat, zu einem festen kernhaften Ganzen zusammengefaßt -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -ist. Die strengen Terzinen Dantes legten -ihm die Idee nahe, im gleichen Versmaß und im -Geiste Dantes die kindlichen Anfänge seines dichterischen -Schaffens während seines Aufenthalts in Zarskoje Selo -zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die -die Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen -darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, -sich in den Garten geflüchtet hat, und nun vor den -antiken Statuen steht, die Zirkel und Lyra in der Hand -tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine -lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das -beweist wieder, wie früh schon diese große Feinfühligkeit -und diese Fähigkeit, auf alle Dinge der -Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten. -</p> - -<p> -Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie -empfindlich ist sein Gehör. Man spürt förmlich den -Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der Zeiten -und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In -Spanien ist er ein Spanier, unter Griechen ist er ein -Grieche, im Kaukasus ist er der freie Bergbewohner im -vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den Menschen -vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein -Hauch der versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte -des Bauern — so ist er jeder Zoll ein Russe; alle -Züge unseres Wesens finden sich bei ihm vertreten, und -das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein einziges -mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes -Adjektivum zusammengefaßt. -</p> - -<p> -Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm, -und er hätte sicherlich noch einmal das ganze russische -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -Leben dichterisch gestaltet, wie er ja auch auf jeden einzelnen -Zug dieses Lebens reagiert und ihm Beachtung geschenkt -hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er -die schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen -russischen Leben erzählen wollte, beschäftigte ihn während -dieser Zeit unablässig. Er schrieb nur deshalb keine Gedichte -mehr, um sich durch nichts ablenken zu lassen, um -sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er -befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, -daß man an seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu -loben fand. Puschkin freute sich darüber und schrieb -dann die „<em>Hauptmannstochter</em>“, sicherlich das beste -Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der -„Hauptmannstochter“ erscheinen alle unsere Romane -und Erzählungen wie fades Gesalbader. Die Reinheit -und Kunstlosigkeit der Darstellung haben hier eine solche -Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie gekünstelt -und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal -treten uns hier wahrhaft russische Charakter entgegen: -der einfache Kommandant der Festung, die Hauptmannsgattin, -der Leutnant, die Festung selbst mit ihrer -einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der -Epoche und die schlichte Größe dieser einfachen Leute, -— das alles ist nicht nur lauterste Wahrheit, sondern -beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so muß es -auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung -des Dichters, uns selbst, unser Ich — aus uns herauszuheben -und uns unser Selbst in geläuterter veredelter -Gestalt zurückzugeben. In Puschkin deutete alles darauf -hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein -Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -entstanden die wundervollen Fragmente zweier Romane, -die er uns hinterlassen hat: „Die Handschrift des Dorfes -Gorochino“ und „Der Mohr des Zaren“, sowie der mit -Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman -„Dubrowski“. Während der letzten Jahre hatte er viel -vom russischen Leben kennen gelernt, und er sprach so -gescheit und so klug über alle Dinge, daß man jedes -Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren -mindestens so bedeutend wie seine besten Verse. Was -aber noch merkwürdiger war, das war der Bau, der -in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus -sich ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet -hätte. Die Anklänge daran kann man in einem, erst -nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht vornehmen -[hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus -einer dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch -sein eigener Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes -reifte in diesem Menschen heran, was Rußland zum -Heil und Segen hätte gereichen können. — Aber in -dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und -von überall her Kräfte zu großen Taten sammelte, -dachte er um so weniger darüber nach, wie er mit -den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. -Ein plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage -von uns hinweg, und jeder Mann im ganzen -Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren -hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf -die Gesellschaft war äußerst geringfügig. Das Publikum -beachtete ihn nur zu Beginn seiner dichterischen -Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen -noch an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -er sich jedoch selbst gefunden hatte und nun nicht mehr -Byron, sondern Puschkin selbst wurde, da wandte sich -das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die -Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet -der Prosa lange nicht das geleistet, was Puschkin auf -dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die Nachahmer -Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, -und ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm -Süßliches an. Puschkin dagegen wirkte auf -alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel fallendes -poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die -selbst Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten -wie die Lichter. Ein ganzer Sternenkreis von Dichtern -scharte sich um ihn: <em>Delwig</em>, dieser Sybarit unter -den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier -förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie -nicht etwa mit einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise -schlürfte, wie ein Weinkenner seine Blume genießt -und seinen Duft einsaugt. <em>Koslow</em>, eine harmonische -Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer -zu Herzen gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie -vernommen hatte, an unser Ohr klangen. <em>Baratynski</em>, -ein Dichter von strenger, fast finsterer Eigenart, der schon -früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben nach -innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die -Welt unserer Seele gerichtet waren und der sich bereits -um ihre äußere Formung bemühte, noch ehe sie -in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und noch -unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, -entfremdete sich so alle Leute, und so gelang es ihm -nie, jemand nahezukommen. Alle diese Dichter hat -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu -erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten -anthologischen Poeten, die nur wenig produziert -haben, aber wenn wir unter diesen duftigen Blumen -eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch -daraus machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren -Namen setzen könnten. Ich brauche nur die beiden -Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und einige -andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht -hätten leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer -Regungen fähig gewesen wären, wenn sie ihr Feuer -nicht an dem Puschkins hätten entzünden können. Selbst -ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß ihre Leier -um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, <em>Gneditsch</em>, -der Nachdichter der <em>Psalmen</em>, <em>Th. Glinka</em>, der -Freischärler und Dichter <em>Dawydow</em> und endlich selbst -Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in der Dichtkunst, -gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte -von seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu -Poeten, die gar nicht für den Dichterberuf geboren waren, -sondern vor denen sich eine keineswegs geringere -Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften -und Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen -Versuchen vollbrachten, so z. B. <em>Wenewitinow</em>, -der uns so früh entrissen wurde, oder Chomjakow, der -Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine -herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht -völlig enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft -Puschkins ist sogar für manche gefährlich geworden, besonders -für Baratynski und für noch einen Dichter, -von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -dadurch gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck -für ihre noch gänzlich unausgereiften seelischen Regungen -zu suchen, obwohl ihre Seelen noch gar nicht -von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen waren, -die allen vertraut und verständlich gewesen wäre; -sie hätten lieber noch ein wenig an sich und an ihrem -inneren Ich arbeiten und eine Zeitlang schweigen sollen. -Sie standen alle völlig im Bann dieser unerhört künstlerischen -Gestaltung und Formung dichterischer Schöpfungen, -deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne -Gesellschaft und alle Bande, die den Menschen unserer -Zeit mit ihr verbinden, alle Ansprüche und Forderungen, -die das Vaterland an ihn stellt, waren vergessen, und -alles lebte in einer Art poetischem Hellas und deklamierte -Puschkins Verse. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nicht unser Teil ist das Getümmel,</p> - <p class="verse">Des Pöbels Hast und Waffenklang.</p> - <p class="verse">Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel</p> - <p class="verse">Begeistrung, Inbrunst und Gesang.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt -<em>Jasykow</em> eine ganz besondere Stelle ein. Gleich aus -seinen ersten Versen dringt einem der Ton einer neuen -Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie -wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck, -eine helle jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher -Stärke und Vollendung bei einer seelischen Beherrschung -noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es ist -kein Zufall, daß er den Namen <em>Jasykow</em> (Herr der -Zunge) trug: er ist Herr über seine Zunge, wie ein -Araber über sein wildes Roß, und es ist fast so, als -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er -mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf -oder mit dem Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen -Bildhaftigkeit da, er führt sie stets zu Ende -und rundet sie ab, daß man von Staunen und Bewunderung -ergriffen wird. Das was die Kraft einer -noch ungebrochenen mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht, -einer Jugend, die noch voller Zukunft ist, ist der -Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er berührt, -sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische. -</p> - -<p> -Man denke zum Beispiel an sein Gedicht „Der Fluß“: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Hüllen fort. Mit frischem Mut</p> - <p class="verse">Streckt sich die Hand zu kräft’gen Schlägen,</p> - <p class="verse">Und nun hinab. Und aus der Flut</p> - <p class="verse">Sprüht auf ein Diamantenregen.</p> - <p class="verse">Wie sind so stark, so frisch und kühl</p> - <p class="verse">Die Elemente, die mich wiegen.</p> - <p class="verse">Welch süßes, seliges Gefühl.</p> - <p class="verse">Wenn kosend sie den Leib umschmiegen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, -das er geradezu ein russisches Spiel genannt hat. -Kraftvolle junge Burschen bilden einen Kreis und -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Durch den Ring nach seinem Ziele</p> - <p class="verse">Saust der Nagel — er erklingt,</p> - <p class="verse">Bis bei heitrem Scherz und Spiele</p> - <p class="verse">Mild der Frühlingstag versinkt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Alles, was den Jüngling zum kühnen Wagnis reizt — -das Meer, ein Sturm, Festgelage und klingende Becher, -ein brüderliches Bündnis voller Tatkraft und Tatenlust, -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die Bereitschaft, -jeden Kampf für das Vaterland zu bestehen -— dies alles findet in seinen Gedichten einen Ausdruck -von geradezu unerhörter Kraft. Als die erste -Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin -ärgerlich: Warum hat er das Buch: <em>Gedichte von -Jasykow</em> genannt, er hätte es einfach <em>Rausch!</em> betiteln -sollen. Ein Mensch von durchschnittsmäßiger Kraft -wird nie etwas Ähnliches zustande bringen; dazu bedurfte -es einer Entfesselung aller Kräfte. Ich erinnere mich -noch lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows -Gedicht an Davydow gelesen hatte, das gerade in -einer Zeitschrift erschienen war. Damals sah ich zum -erstenmal eine Träne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte -nie zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich -selbst: „Als rauher Slawe kannt ich keine Tränen, doch -ich verstehe sie.“) Ich erinnere mich auch, welche Strophen -ihn so bis zu Tränen rührten: es sind die beiden -ersten, in denen sich der Dichter an Rußland wendet, -das man bereits für schwach und kraftlos erklärt hatte, -und in denen er ausruft -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hört ihr die Trompete schmettern?</p> - <p class="verse">Auf, der Feind ruft, Vaterland!</p> - <p class="verse">Denk wie du beim Kriegeswettern</p> - <p class="verse">Stets dem Gegner hieltest stand.</p> - <p class="verse">Laß zum blut’gen Kampf sich rüsten</p> - <p class="verse">Deine Recken, mutig, frei.</p> - <p class="verse">Ruf aus Steppen sie und Wüsten,</p> - <p class="verse">Von den Flüssen, von den Küsten,</p> - <p class="verse">Aus dem fernsten Land herbei.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhörte Tat -der Aufopferung dargestellt wird, wo der Dichter schildert, -wie die eigene Hauptstadt mit allen ihren Schätzen, -die dem ganzen Lande heilig und teuer sind, den -Flammen geweiht wird. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Erd’ und Himmel stehn in Flammen,</p> - <p class="verse">Goldgeschmückte, heilge Stadt.</p> - <p class="verse">Moskau! Wie? Du stürzst zusammen?</p> - <p class="verse">Hörst du’s, Rußland? Auf zur Tat!</p> - <p class="verse">Rase Feuer der Zerstörung!</p> - <p class="verse">Du erhöhst nur unsern Mut.</p> - <p class="verse">Diese flammende Verheerung</p> - <p class="verse">Bringt uns Rettung, bringt Verklärung,</p> - <p class="verse">Phönix schwingt sich aus der Glut.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wem sollten solche Strophen nicht Tränen entlocken? -Seine Verse sind wie ein alle Kräfte entbindender durcheinanderrüttelnder -Rausch, aber in diesem Rausch liegt eine -höhere Gewalt, die nach oben zieht. Für Jasykow ist ein -studentisches Gelage nicht so sehr eine Äußerung der Lust am -Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude über -die Kraft, die die jungen Arme schwellt, und über die -große Zukunft, die der Jugend bevorsteht, einer Freude -darüber, daß die Studenten einmal fortstürmen werden, -um -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der großen Sache treu zu dienen,</p> - <p class="verse">Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Leider geht nur diese Rauschstimmung häufig bis -ins Maßlose, und der Dichter gibt sich allzusehr der -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -Freude über die ihnen winkende Zukunft hin, wie dies -bei uns in Rußland so viele Leute tun, ohne über einen -großartigen Anlauf hinauszukommen. -</p> - -<p> -Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt -erwartete etwas Außerordentliches von dem neuen Dichter, -dessen Verse voll ritterlicher Großsprechereien und voll -Verheißungen gewaltiger Taten waren. Allein die Erwartungen -wurden nicht erfüllt. Es erschienen zwar -noch ein paar Gedichte von ihm, in denen die alten -Töne noch einmal, wenn auch etwas abgeschwächt, erklangen; -dann aber wurde der Dichter von einer -schweren Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen -für seine Geistesverfassung blieb. In seinen letzten -Versen gab es nichts mehr, was die russische Seele ergriff. -Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der Langenweile -deutscher Städte, gleichgültige Reiseschilderungen -und einen Bericht über den einförmigen Verlauf peinvoller -Tage. Das alles war dem russischen Geiste -fremd. Man achtete nicht einmal auf die außerordentliche -Sorgfalt, mit der in diesen späten Gedichten die -Form behandelt war. Allein seine Sprache, die hier -noch kräftiger ist, wird ihm gerade dadurch zur Verräterin: -sie dient nur dazu, einen mageren Gedanken und einen -dürftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem -Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschließt. -Es wurde sogar die Meinung laut, Jasykow -hätte überhaupt keine Gedanken; er könne nur hohle -tönende Verse schmieden und sei überhaupt kein Dichter. -Alles begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand -in den Zeitschriften ein recht törichtes Echo, allein ihm -lag wirklich ein berechtigter Kern zugrunde. Jasykow -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie -Puschkin: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nicht unser Teil ist das Getümmel,</p> - <p class="verse">Des Pöbels Hast und Waffenklang.</p> - <p class="verse">Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel</p> - <p class="verse">Begeisterung, Inbrunst und Gesang.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Er läßt den Dichter vielmehr sagen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Poet, ist alles in dir reif zum Werke,</p> - <p class="verse">Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist,</p> - <p class="verse">Des feurigen Gedankens hoher Geist,</p> - <p class="verse">Der Rede Glut, des Wortes Stärke,</p> - <p class="verse">So geh und künde, daß die Welt höre.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, -aber er hat doch sein Ideal aus seinem eigenen Wesen -geschöpft. Wenn die Elemente dazu nicht in ihm selbst -gelegen hätten, dann hätte er sich den Dichter auch -nicht so denken können. Nein, nicht die Kraft hatte -ihn verlassen, nicht Mangel an Talent und an Ideen -sind schuld an dem dürftigen Inhalt der letzten Gedichte, -wie anmaßende Kritiker behauptet haben, -nicht einmal seine Krankheit trägt die Schuld (die -Krankheiten sind immer nur dazu da, die Arbeit an -einem Werk zu beschleunigen — vorausgesetzt, daß der -Mensch ihren Sinn richtig erkennt) — nein, es war -etwas anderes, was ihm die Kraft raubte: das Licht -der Liebe war in seiner Seele erloschen. Das war der -Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel -trüber brannte. -</p> - -<p> -Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -not tut, mit solcher Kraft und Stärke lieben lernen, -wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest — dann -werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen, -wie deine Verse, und deinem Munde werden feueratmende -Worte entströmen. Du wirst uns dann die -große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du -wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß -er sich der stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm -regt, bewußt wird, und Gott für das Übel danken -wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte. -Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten -und seinen Vers nach seinem Vorbilde behandeln -und formen dürfen; seine Domäne ist weder die -Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern -die des Dithyrambus und des Hymnus. Das -Gefühl haben alle. Und er hätte seine Fackel eher an -Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine -Verse gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich -im vollen Glanz der Lyrik entfalten; ein Gegenstand -gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder bewegt, -oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. -Das Los der verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. -Der eine hat die Aufgabe, ein treuer Spiegel und ein -treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm ein -vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen. -Ein anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft -vorwärtstreibende, sie erweckende Kraft zu sein, -sie zu den höchsten und hochherzigsten Regungen anzufeuern -— und dazu ward ihm ein lyrisches Talent -verliehen. Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht -findet, so liegt es daran, daß es seine geistigen Augen -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -nicht auf sich selbst richtet. Aber die Vorsehung sorgt -besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück, -Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er -allein nicht den Weg gefunden hätte. In der Lyrik -Jasykows machte sich übrigens wieder ein Streben zur -Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar. -Erst neulich haben wir sein Gedicht „Das Erdbeben“ -kennen gelernt, das nach der Ansicht Shukowskis -unser bestes Gedicht ist. -</p> - -<p> -Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt -Fürst Wjasemski eine besondere Stelle ein. Obwohl -seine literarische Wirksamkeit lange vor Puschkin begann, -müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach -dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung -erreichte. Fürst Wjasemski steht in diametralem -Gegensatz zu Jasykow: während jener durch seine Gedankenarmut -auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner -Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum -Zweck, das erste beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. -Er verwendet nicht die geringste Sorgfalt auf seine -äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration, -auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um -seine Idee dem Leser wie ein kostbares Kleinod vor Augen -zu stellen: er ist kein Künstler und legt wenig Wert -auf das alles. Seine Gedichte sind — Improvisationen, -obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr -große und vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von -großer Reife und Ausbildung mitbringen muß. Er -vereinigt in sich eine außerordentliche Menge vielseitiger -Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine -Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen, -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -Gefühl, Verstand, Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. -Jedes dieser Gedichte ist ein buntes Gemisch -aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener -Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten -begabt hatte, hatte ihm gleichsam als Zugabe auch noch -die Gabe der Dichtkunst verliehen, um etwas Ganzes -und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem -Buch: Die Biographie Von Wisins tritt die reiche -Fülle seiner Talente, über die er verfügte, mit besonderer -Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht -der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber -und Kritiker, der gediegene Staatsmann und -sogar der erfahrene Kenner der praktischen Seiten des -Lebens — kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt, -über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne -dieses Wortes verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder, -die die Biographie Von Wisins geschrieben hat, uns die -Regierungszeit Katharinas geschildert hätte, die uns heute -bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch -die große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere, -die sich hier begegneten, in einem beinahe phantastischen -Lichte erscheint, so könnte man mit ziemlicher -Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein historisches -Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte. -Das aber ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des -Fürsten Wjasemski, daß es ihm an einer großen, umfassenden -Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar -in seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl, -daß sich die einzelnen Teile nicht zu einer harmonischen -Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt ihnen einen -großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -nicht miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben -einem starken kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher -Schönheit bei keinem andern Dichter finden, steht eine -andere Zeile, die der ersten nicht im mindesten gleichkommt; -bald greift er uns mit einem Gefühl an die -Seele, das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; -bald wieder stößt er uns ab durch einen Ton, der uns -innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand nicht im -mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere -Sammlung fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen -Entfaltung seiner Kräfte gelangen kann. Tief unten -auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine gewisse -Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines -Menschen, dem die reichsten und <a id="corr-42"></a>mannigfaltigsten Talente -verliehen werden, und der keine große Aufgabe finden -kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die letzte in -Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten -<a id="corr-43"></a>Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in -sein Inneres zurückführt und ihn veranlaßt, in sich -selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur bei solch -einer Arbeit, sagt der Dichter, können -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Seele Flügel sich entfalten,</p> - <p class="verse">Erstarkt der Wille, und das Walten</p> - <p class="verse">Des Schicksals zeichnet klar sich ab.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung -und Leitung der Dichter aller Zeiten und Völker so -schnell und in so eigenartiger Weise zurücklegte, während -die Klänge aller Länder, in denen es eine Dichtkunst gibt, -ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten und -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits -von allen andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten -Pfad gewählt und schritt solange still und geräuschlos -auf ihm dahin, bis er eines Tages über alle andern -hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch -über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte. -Dieser Dichter war — Krylow. Er hatte die -Form der Fabel gewählt, die alle Welt bisher für eine -alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für -ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt -hatte, und er brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu -einem wirklichen Volksdichter zu werden. Das war -einer von unsern harten starken russischen Köpfen, ein Geist, -der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe verwandt -ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des -Russen ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen -zu ziehen, bekundet, der sogenannte nachhinkende Verstand. -Das Sprichwort stellt nicht etwa eine vorgefaßte Meinung -oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern vielmehr -das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, -den Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter -Tatsachen, den endgültigen Extrakt, die Essenz aus -der ganzen Sache, aus allen ihren Faktoren und nicht -bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch in dem -Spruch zum Ausdruck: „Bloße Reden ergeben noch kein -Sprichwort.“ Dieser „nachhinkende“ Verstand, dieses -Talent für radikale endgültige Folgerungen, <a id="corr-45"></a>das dem -russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist, macht, -daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die -aller andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, -sondern auch in dem Ausdruck spiegeln -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -sich viele von unseren nationalen Eigentümlichkeiten. -In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine -Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen -aufzurütteln und seinen wundesten Punkt zu berühren; -wie ein hundertäugiger Argus blickt jedes von ihnen den -Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis -auf Suworow und Peter den Großen haben unsere -Sprichwörter geliebt und bewundert. Die hohe Würdigung, -die man ihnen angedeihen ließ, kommt in vielen -Aussprüchen zum Ausdruck: „Ein Sprichwort wird nicht -umsonst geprägt“ oder „ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.“ -Es ist ja bekannt, daß, wenn man sich darauf -versteht, seine Rede durch ein geschickt gewähltes Sprichwort -zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit -einem Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine -Begriffe noch so sehr übersteigt. -</p> - -<p> -Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen -ist. Seine Fabeln sind nicht etwa für Kinder -geschrieben. Man würde sich eines groben Irrtums -schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von -der Art der Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder -gar eines Ismailow nennen wollte. Seine Gleichnisse -sind ein festes nationales Besitztum und bilden das -Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken -und handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, -die sie einander spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, -der Listen, der Streiche, die in Rußland üblich sind und -dessen, was in unserem Lande zu passieren pflegt. Abgesehen -von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters, -die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der -Fuchs, der Bär und der Wolf, sondern sogar der Topf -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -lebendig werden, lassen alle Geschöpfe auch ihre echt -russische Wesensart erkennen. -</p> - -<p> -Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch -charakterisiert ist, daß er nur seine Ohren aus irgendeiner -Fabel hervorzustecken braucht, damit der Leser sofort -ausruft: das ist Krylows Esel, — selbst der Esel ist, -trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört, -bei Krylow ein echter Russe. Nachdem er mehrere -Jahre hindurch fremde Gemüsegärten geplündert hat, -wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt, -er will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich -wichtig, als sein Herr ihm ein Glöckchen um -den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf den -Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder -schlechte Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt -werden und daß es nun bei jeder Gelegenheit -kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz — -überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall -fühlt man sich an Rußland erinnert. Überdies hat jede -seiner Fabeln noch ihren historischen Ursprung. Denn -trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner scheinbaren Gleichgültigkeit -gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner Zeit -verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem -Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand -bei ihm eine Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets -das kluge Maß, die rechte Mitte ihren Ausdruck, aus -ihnen spricht die versöhnende Stimme des Mittlers, eine -Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn -der russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt. -Durch ein streng abgewogenes kräftiges -Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage den ganzen Gegenstand -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen. -Als einmal ein paar allzusehr für das militärische -Wesen begeisterte Leute behauptet hatten, daß der -ganze Staat ausschließlich auf die militärische Macht -gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze -Heil liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über -alles, was mit dem Militär zusammenhing, lustig machten, -bloß weil ein Paar Leute das ganze Militärwesen -zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da -schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen -und den Segeln, in dem er beide Parteien mit folgenden -vier Zeilen in ihre rechtmäßigen Grenzen verweist: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Darin besteht des Staates wahre Macht,</p> - <p class="verse">Daß alle Teile weise Frieden halten.</p> - <p class="verse">Die Waffen stehen drohend auf der Wacht,</p> - <p class="verse">Die Segel sind der Bürger — Rechtsgewalten.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen -ist keine Verteidigung möglich, ohne Segel aber kommt -man auf der See überhaupt nicht vom Flecke. Ein -anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, -die die allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch -eine große Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen -Gedanken verfallen waren, man müsse sich vor den gescheiten -und energischen Leuten in acht nehmen und sie -bei der Besetzung der Ämter übergehen, bloß weil -sich gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche -hatten zuschulden kommen lassen und sich an einem -törichten Unternehmen beteiligt hatten, da schrieb Krylow -seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden Rasiermesser, -in der er sich gegen die Beamten wendet, die -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> - <p class="verse">Die klugen Menschen fürchten</p> - <p class="verse">Und lieber sich an einen Dummkopf halten.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Man merkt, daß er überall Partei für den Verstand -nimmt, überall mahnt er immer wieder, man solle den -klugen Mann nur ja nicht unterschätzen, sondern man -solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke -kommt in der Fabel „<em>Die Musikanten</em>“ zum Ausdruck, -die mit den Worten schließt: „Ich möcht dich lieber -trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz verstehn.“ -Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen -zu verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, -wenn er mit ansehen mußte, wie manche Leute sich -statt tüchtiger sachverständiger Männer allerhand hergelaufenes -Gesindel herholten, und sich dann noch dessen -rühmten und erklärten, sie verständen zwar nichts von -ihrer Sache, hätten dafür aber ein ausgezeichnetes Benehmen. -Er wußte, daß man bei einem klugen Menschen -alles erreichen könne und daß es nicht schwer sei, -ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man -es nur versteht, verständig mit ihm zu sprechen, dagegen -sei es sehr schwer, einem Dummkopf Verstand beizubringen, -selbst wenn man noch so viel auf ihn einredet: -„Mit einem Diebe — ist man wie auf hoher See, -mit einem Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter -Milch.“ Aber auch dem Gescheiten weiß er ein kräftiges -Wort zu sagen, in der Fabel „Teich und Fluß“ tadelt -er ihn heftig, weil er seine Fähigkeiten einschlafen läßt, und -in der Fabel „Der Schriftsteller und der Räuber“ -straft er ihn, weil er sie zu schlimmen und lasterhaften -Zwecken mißbraucht. Überhaupt beschäftigten ihn immer -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -nur große und bedeutende Fragen. Aus einem Buch kann -jeder Mensch Belehrung schöpfen, alle Stände und -Ränge im Staate, in erster Linie das Oberhaupt, von -dem er sagt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will,</p> - <p class="verse">Muß er die Zügel fest, doch allzu straff nicht halten,</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -ebenso wie der letzte Tagelöhner, der in den untersten -Reihen des Staatskörpers steht und wirkt. Ihn weist er -auf seine hohe Aufgabe hin, indem er ihn an die Biene -erinnert, die nie darum bemüht ist, ihrer Arbeit eine besondere -Würde zu verleihen. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,</p> - <p class="verse">Der ungeehrt und im Verborgnen lebt</p> - <p class="verse">Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen</p> - <p class="verse">Der einzige Gedanke nur erhebt!</p> - <p class="verse">Er muß sie für das allgemeine Beste tragen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den -hohen Sinn Krylows bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, -seinen Gedanken eine so greifbare Form zu geben, -sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow. -Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. -Bei ihm ist alles plastisch und anschaulich, seine -Schilderungen der Natur in ihren hohen Reizen und -in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit -und in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen -eines Gesprächs, die eine lebendige Offenbarung der -innersten seelischen Regungen sind. Alles ist so treffend -ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit einer -solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist, -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen -Schreibweise ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich, -das Wesen seines Stils zu ergründen. Der Gegenstand -scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu besitzen und -ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn -geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst -spottet gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich -nicht sagen, worin ihre Eigenart besteht: Ist dieser -Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig? Er fängt an -zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird -lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, -er wird kraftvoll und ehern, wo der Gedanke stark und -kräftig ist und er wird plötzlich leicht, wo die Kraft und -Schwere der Gedanken dem leichten oberflächlichen Geschwätz -der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt -willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin -und her wie eine Fliege; bald bewegt sie sich in langen -sechsfüßigen Versmaßen, bald wieder in schnellen einfüßigen; -in der wohlüberlegten Silbenzahl offenbart sich -aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke -bloß an den großartigen Schluß der Fabel „Die beiden -Fässer“: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Den großen Mann erkennt man an der Tat</p> - <p class="verse">Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen,</p> - <p class="verse">Denkt er im Stillen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge -der Worte förmlich die Größe des in sich selbst versenkten -Menschen herauszufühlen. -</p> - -<p> -Von Krylow werden wir sofort zu einer andern -Gattung unserer Poesie, nämlich zur satirischen Form -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle viel Ironie. -Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern -zum Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig -selbst da, wo die Seele ganz offenkundig leidet und wo -sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt ist. Die Tiefe dieser -urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig erschlossen, -weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen -der europäischen Bildung unterlegen sind und uns auch -in diesem Punkte von unserer heimatlichen Wurzel losgelöst -haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir uns -indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer -Form. Es ist schwer, einen Russen zu finden, in dem -sich nicht einerseits die Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe -an einen Gegenstand mit der Neigung zum Spott und -ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter -haben diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren -Teil seiner Oden mit diesem kräftigen Salze gewürzt. -Wir finden sie aber auch bei Puschkin, bei Krylow, beim -Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei solchen -Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie -neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, -beim Fürsten Dolgoruki; dies ist ein Zug, der uns allen -gemeinsam ist. So wird es begreiflich, daß unser Volk -geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes hervorbringen -konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow -sich bemühte, seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton -abzustimmen, entdeckte Fürst Kantemir mancherlei Stoffe -für die Satire und geißelte in seinen Dichtungen die -Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft. -Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische -Umdichtungen der bekanntesten Dichtungen und -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -alle möglichen Parodien voll Spott und Ironie aus -allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur -im Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem -Talent zeugen. Man denke nur an die Parodien des -Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die Literaten -von Wojeikow „Das Irrenhaus“ und an die talentvollen -Parodien Michael Dmitrijews, in denen sich die -Galle Juvenals mit einer eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit -mischt. Indes die Satire brauchte bald ein -größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so -drang sie allmählig auch in das Drama ein. Das -Theater hatte bei uns denselben Ursprung wie überall; -wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald jedoch -kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der -Tragödie regten sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis -des Menschen, wie er sich unter dem Einfluß -einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters -darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren -milden Spott über die lächerlichen Seiten unserer -Gesellschaft, ohne sich um die Seele der Menschen -zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, -Kapnists, Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, -A. Pissarews usw., haben wir ein achtungsvolles -Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen -vor zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden -Komödien „<em>Der Landjunker</em>“ von Von <em>Wisin</em> -und vor Gribojedows „<em>Verstand bringt Leiden</em>“, die -Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt -hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott -über die komischen und lächerlichen Seiten der Gesellschaft, -hier werden die Wunden und Krankheiten der -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern -aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen -Ironie mit erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen -Nacktheit ans Licht gestellt werden. Von diesen beiden -Komödien hat jede eine besondere Epoche zum Gegenstand; -die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung -— die andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung -entspringen. Die Komödie Von Wisins richtet sich gegen -die rohe Brutalität des Menschen, dies Produkt einer -stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen -Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde -von Roheit und Brutalität, die die Gesellschaft umgibt, -in so furchtbaren Farben, daß man in diesem Stück den -Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch -einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll -tyrannischer Gelüste zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, -der Peinigerin ihrer Bauern, ihres Mannes sowie -aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres -Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem -Lande, weder in Frankreich noch in England, ein solches -Wesen möglich wäre. Diese unsinnige Liebe zu ihrem -Kinde — ist unsere eigene, starke russische Liebe, die sich -in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt -hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren -Mischung mit einer tyrannischen Sinnesart; denn -je mehr sie ihr Kind liebt, um so mehr haßt sie alles, -was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins stellt -ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe -schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken -und wilden Leidenschaften kennt, geht völlig in einer -stillen Liebe zum Vieh auf, die fast etwas Poetisches -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich auf das -Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine -Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann -der Mann der Frau Prostakowa — dies unglückliche, -völlig verschüchterte Geschöpf, in dem selbst die schwachen -Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren, gänzlich -durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind -— in ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser -Mitrophan, in dessen Natur keinerlei Bosheit liegt, der -niemand etwas Böses antun will, und der doch ganz -unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und -weil jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen -seiner ganzen Umgebung, am meisten jedoch der Menschen -wird, die ihn am innigsten lieben, d. h. seiner Mutter -und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein -Genuß ist, sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese -Menschen scheinen eigentlich gar keine Russen zu sein, -es ist schwierig, überhaupt noch einen russischen Zug in -ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der Jeremejewna -und dem alten Soldaten. Man erfährt mit -Schrecken, daß bei ihnen weder der Einfluß der Kirche -noch die guten alten Sitten etwas auszurichten vermögen, -von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche -und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch -das eherne Gesetz zu sprechen. In dieser Komödie erscheint -alles wie eine monströse Karikatur auf das -Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes, -alles ist mitten aus dem Leben geschöpft und mit -tiefster Seelenkenntis beobachtet. Dies sind ungeheuerliche -schreckliche Beispiele der Verrohung, wie sie nur -ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden hat, -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen -konnte. -</p> - -<p> -Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere -gesellschaftliche Epoche, sie schildert das Übel, das durch -eine schlecht verdaute Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung -mondäner Äußerlichkeiten statt des Kernhaften -und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich -die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die -unorganische Vermischung der Sitten und Bräuche, die die -Russen so sehr ihrem eigenen Wesen entfremdet und zu -Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus -des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau -Prostakowa. Mit derselben Naivität, wie Frau Prostakowa -sich ihrer Unwissenheit, rühmt <em>er</em> sich seiner Halbbildung, -und zwar sowohl seiner eigenen wie der des -ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf, -daß die jungen Mädchen von Moskau die höchsten Töne -singen können, daß sie keine zwei <a id="corr-47"></a>einfache ungezierte -Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen -steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders -aber den Ausländern und daß in seinem Bureau lauter -Verwandte sitzen, die nichts zu tun haben. Er ist ein -Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein -Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker -und ein Freund opulenter Diners, die ihm drei Tage -lang im Magen liegen. Er ist sogar ein Freidenker, -wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt, wie -er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist -auf Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen -hält er nämlich für jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen -Welt nicht aufs strengste beobachtet. Im Grunde -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -genommen ist dies einer jener ausgebrannten Menschen, -die trotz all ihres weltmännischen „<span class="antiqua">comme il faut</span>“ -gänzlich leer und hohl sind, deren Verweilen in der -Hauptstadt und deren Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten -für die Gesellschaft ebenso schädlich sind, -wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie dem -Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande -sitzen, wo sie vollends verrohen. Erstens leiden schon -ihre Güter darunter, da sie ihre Bewirtschaftung gedungenen -Arbeitern und Verwaltern überlassen und immer -nur Geld für Bälle, sowie große und kleine -Diners von ihnen verlangen; damit zerstören sie das -gesunde heilige Band, das einstmals den Gutsherrn mit -seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch -die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle -Ämter und Posten ausschließlich mit ihren Verwandten -besetzen, die nichts zu tun haben und sich dem Müßiggang -ergeben, berauben sie den Staat der wirklichen -tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem -ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich -aber diskreditieren sie auch noch das Ansehen der Regierung -durch ihren zweideutigen Lebenswandel — denn -indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien sie -wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -— verlangen sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend -heucheln sollen, dabei aber führen sie selbst einen -lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend gegen -sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu -widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -— Mißachtung des Alters, wahrer Verdienste und Neigung -zu wirklichem Freidenkertum ein. Nicht weniger bedeutsam -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -ist ein anderer Typus: <em>Sagorezki</em>, dieser -ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und -der doch wunderbarerweise überall empfangen wird, ein -Lügner und Gauner, der es aber versteht, sich bei allen -hochgestellten und einflußreichen Persönlichkeiten beliebt -zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen weiß, -wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist, -wenn es darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot -und ein Vorkämpfer der Sittlichkeit zu werden, einen -Scheiterhaufen zu entzünden und alle Bücher, die es -auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle Fabeldichter -[wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen -und Adler] zu verbrennen, womit er übrigens verrät, -daß er, der sich vor nichts scheut, — nicht einmal vor -dem elendsten Geschimpf und Gezänk — dennoch den -Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder -hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale -<em>Repetilow</em>, dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, -in welcher Gestalt sie auch immer erscheinen mag. -Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu -Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn -es ihm gelingt, Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu -finden, in der viel Lärm gemacht und laute Reden über -Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht, und -deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; -trotzdem aber hört er sich all die verrückten Phantastereien -begeistert an, und er ist überzeugt, daß er sich -nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und daß -hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein -Problem, das zwar noch nicht reif ist, dessen wahre -Bedeutung sich jedoch schon offenbaren wird, wenn man -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht häufig versammeln -und heftige Diskussionen führen wird. — -Auf derselben Höhe steht ein vierter Typus: der dumme -[Soldat] <em>Skalosub</em>, der seinen Dienst so versteht, daß -es dabei lediglich darauf ankommt, die verschiedenen -Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der -dabei aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] -Anschauung über die Ränge und Titel festhält. Er erklärt -ganz offen, er halte sie für die unentbehrlichen -Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er -erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst -macht er sich keine Sorgen, die Zustände seiner Epoche -und seines Zeitalters machen ihm nicht viel Kopfzerbrechen, -er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in -der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel -zum Voltaire gibt. Ein prachtvoller Typus ist ferner -auch die alte Chlöstowa, diese traurige Mischung aus -der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte. Von -dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich -deren Torheit und Hohlheit ererbt und für diese fordert -sie Achtung von der jungen Generation, sie verlangt, -daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie respektieren -sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit -Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig -hingesetzt oder umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das -sie liebt und achtet, dafür aber protegiert sie kleine Negerjungen, -Möpse und Leute von der Art einer Moltschalin, -kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im -vollen Sinn des Wortes. <em>Moltschalin</em> ist gleichfalls -ein glänzender Typus. Diese stumme gemeine Kreatur -ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt. Dieser -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor, -schlummert doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein -künftiger Sagorezki. Ein solcher Haufen von Ungeheuern, -deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung, -eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen -Sinn in seiner Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, -mußte eine Reaktion hervorrufen und zu dem entgegengesetzten -Extrem führen, wie es in seiner ganzen -Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky -geht in seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen -alle diese Leute gleichfalls viel zu weit und bemerkt -nicht, daß er gerade dadurch und durch seine unbeherrschte -Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle -Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr -Produkte der Halbbildung, wie die Personen im Drama -Von Wisins Produkte der Unbildung, russische Ungeheuer, -Krüppel, vorübergehende Zeiterscheinungen sind, -die aus einer durch neue Fermente hervorgerufenen -Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen -stellt einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in -keinem von ihnen regt sich der russische Bürger. Der -Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen, wie nun ein -Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese -Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt -nur ein Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten -Ziel, und äußert bloß ihre Entrüstung über alles Gemeine -und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne in -Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster -und Vorbild aufzustellen. -</p> - -<p> -Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen -Technik nur schlecht, in dieser Beziehung ist -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -ihnen jedes noch so minderwertige französische Stück -überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des -Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll -gelöst. Man hat den Eindruck, als hätten die Komödiendichter -sich hierfür nur wenig interessiert, als repräsentiere -ihnen der Stoff nur einen andern höheren -Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang -ihrer Person maßgebend ist. Die Notwendigkeit der -Nebenpersonen und Rollen steht gleichfalls in keinem -Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden -des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit -diese Personen geeignet erscheinen, den Gedanken -des Dichters durch ihre Anwesenheit zu erläutern -und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild zu -vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die -Dichter die notwendigen Forderungen der Bühntechnik -erfüllt und jede ihrer Personen, die alle so außerordentlich -glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich vor dem Zuschauer -in einer lebensvollen Handlung und nicht in -bloßen Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären -diese beiden Komödien sicherlich zwei großartige -Schöpfungen des russischen Genius geworden. Auch -jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen; -eine so ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher, -wie ich glaube, noch bei keinem Volke gegeben. Bei -den Griechen finden wir zwar Ansätze zu einer sozialen -Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr -durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die -Mißbräuche und Fehler einzelner und behielt dabei nicht -immer lediglich das Interesse der Wahrheit im Auge: -hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender Beweis -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> -dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere -Komödiendichter aber wurden von sozialen und nicht -von persönlichen Motiven bewegt, ihre Angriffe richteten -sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen unzählige -Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft -und ihr Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die -Gesellschaft schien in ihnen selbst Fleisch und Blut, schien -Körper geworden zu sein; am lyrischen Feuer der Entrüstung -entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser -Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von -Licht und Finsternis, den Peter in Rußland entfacht -hat, und der jeden hochherzigen Russen unwillkürlich zu -einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien -sind keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind -nicht aus der Einbildungskraft des Dichters geboren. -Es mußte sich schon viel Schmutz und Unrat in unserem -Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke -ganz aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes -Gewitter an uns vorüberziehen konnten. Und das ist -der Grund, weswegen in unserer Literatur kein Werk -mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und -daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr -folgen wird. -</p> - -<p> -Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in -unserer Literatur zum Stillstand. Das bedeutet jedoch -noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen ist; im Gegenteil, -er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne, -und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein -Nahen an. Schon heute gibt es viele talentvolle Leute -unter uns. Aber noch verspüren wir die Nachwirkung -der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, -zu entrinnen und zu zeigen, was er selbst vermag. Ja -niemand scheint etwas davon zu merken, daß eine neue -Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen -herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu -werden beginnen, die wir bisher nicht vernommen haben; -daher haben sie alle noch keine eigene Farbe und keine -selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese -Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem -einen <em>Lermontow</em>, der die andern weit überholt hat -und der nicht mehr unter den Lebenden weilt. Er hat -Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine große -Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern -über ihn gewaltet hätte und wenn er sich’s nicht -in den Kopf gesetzt hätte, daß dieser sein Schicksal lenke. -Er war sehr früh in solche Gesellschaftskreise gekommen, -denen man wohl mit Recht nur eine vorübergehende -und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie -ein armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden -losgerissen hat, dazu verurteilt waren, traurig durch -öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl, daß sie nie -in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und -daß es ihr Los sei — zu verwelken und elend zugrunde -zu gehen — daher diese herzzerreißende Gleichgültigkeit -gegen alles in der Welt, die bei ihm schon so früh zum -Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem -unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein -schmerzloser Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse, -die ohne Zweck und Ziel geknüpft und ebenso -ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind die -Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -das Wesen dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck -die Poesie der <em>Illusionslosigkeit</em> kennzeichnen. -Lermontows Talent machte diese Stimmung für eine -Weile populär und modern. Wie einst unter dem anfeuernden -Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die -ganze Welt ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich -zu begeistern, und wie eine Weile nachher unter dem -deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie die -Enttäuschung, die „Entgeisterung“, die <em>Desillusionierung</em> -im Schwange war, die vielleicht nur die -Folge einer übermäßigen Begeisterung gewesen sein mag -und dann gleichfalls modern wurde, so kam endlich -auch die Reihe an die Illusions<em>losigkeit</em>, dieses -eigenste Kind der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung. -Die Zeit, während der diese Stimmung -herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden -andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit -hat für niemand etwas Verlockendes. Lermontow -glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über -ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, -sein Bild zu gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische -Darstellung hätte von ihm befreien können. -Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen Konturen -an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen -Macht über den Menschen, die der Dichter ihm verleihen -wollte. Man merkt es Lermontow an, daß diese -Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern -der Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den -Kampf mit dem Dämon aufzunehmen. In einem unvollendeten -Gedicht: „Ein Märchen für Kinder“ hat -diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -sinnvoller geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter, -wenn er diese Erzählung, die sicherlich sein bestes Gedicht -ist, beendigt hätte, ganz von diesem Dämon und -damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit -(Anzeichen einer solchen Befreiung kann man bereits im -„<em>Engel</em>“, im „<em>Gebet</em>“ und einigen andern Gedichten -bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr Achtung -und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat -jemand eine <em>solche</em> beinahe prahlerische Mißachtung -für sein Können zur Schau getragen, wie Lermontow. -Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie Liebe -für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges -seiner Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und -mit der Zärtlichkeit einer Mutter gehegt und gepflegt. -Keins ist in sich gefestigt, ins Gleichgewicht gebracht -und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene feste -Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an -Shukowskis oder Puschkins Verse an. Überall herrscht -Überfluß und ein unnötiger Wortreichtum. Lermontows -Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch nie -hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische -Prosa geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung -in das Leben und die lebendige Wirklichkeit, hier kündigt -sich der künftige große Maler und Darsteller russischen -Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich -von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter -hat etwas Schreckliches. Sowie einer von ihnen seine -eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe aus den -Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem -Getriebe der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die -er nicht hingehört und in der ein Dichter nicht weilen -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -darf, reißt ihn mit einem Schlage ein plötzlicher gewaltsamer -Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige -Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden -uns einer nach dem andern während eines einzigen -Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters und ihrer -Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen — und -doch hat das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck -gemacht: unsere leichtsinnige Generation fühlte sich -nicht im geringsten erschüttert. -</p> - -<p> -Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch -etwas darüber sagen, was denn eigentlich unsere Poesie -überhaupt darstellt, wozu sie da ist, welchem Zwecke sie -gedient und was sie für unser ganzes russisches Vaterland -geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der -Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach -dem Platz, den er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner -Erziehung beigetragen, hat sie der Gesamtheit, gemäß -dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften -des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates -sein müssen, höhere Begriffe eingepflanzt? Oder war sie -lediglich ein treues Abbild unserer Gesellschaft — eine -vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel unseres -Lebens? — Sie ist weder das eine noch das andere -gewesen und hat weder das eine noch das andere -getan. Sie ist fast völlig unbekannt geblieben, unsere -Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser -Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter -der Leitung französischer, deutscher und englischer Gouverneure, -fremder Auswanderer aus aller Herren Länder, -aus allen Ständen und Berufen, von Menschen -ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -und Anschauungen. — Unsere Gesellschaft wurde -— was bisher noch mit keinem Volke geschehen ist, -mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis ihres -eigenen Landes — erzogen. Selbst die eigene Sprache -war vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und -Wege abgeschnitten waren, um bis ans Ohr unseres -Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber doch einmal -glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so -geschah dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder -eine glücklich erfundene Musik trug ein Gedicht -bis in die Salons der vornehmen Gesellschaft, oder die -unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein minderwertiges -Gedicht, das den fremdländischen — freigeistigen -Ideen, die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden -Gouverneur beigebracht worden waren, nicht entsprach, -wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas von der -Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte -aufhielt. -</p> - -<p> -Kurz — unsere Poesie hat weder zur Belehrung -und Erziehung unserer Gesellschaft beigetragen, noch -war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft. Sie schwebte -die ganze Zeit über gleichsam hoch <em>über</em> der Gesellschaft, -wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb -der modernen Gesellschaft liege, und wenn sie sich -einmal bis zu ihr herabließ, so nur zu dem Zwecke, -um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht aber, -um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen -Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist -höchst merkwürdig: trotz alledem waren wir selbst Gegenstand -unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir uns -in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -Seiten vor Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben -und wir wollen nicht recht daran glauben, was Dershawin -uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein Schriftsteller -die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens -schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und -wir halten das Bild, das er von uns entwirft, für eine -Karikatur. In der Tat, in beiden Fällen ist irgendwo -eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz vorhanden, -und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der -Grund für die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter -die Gabe haben, schon in dem Keim, der dem gewöhnlichen -Auge fast verborgen bleibt, die künftige -herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres -Wesens in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen -lassen. Der Grund der zweiten Erscheinung ist -der, daß unsere satirischen Schriftsteller, wenn auch in -verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen -Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen -alles Häßliche und Gemeine in den wirklich existierenden -Repräsentanten des Russentums nur um so -deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh -ihnen die Fähigkeit, eine Sache weit klarer und -schärfer zu beleuchten, als sie dem gewöhnlichen Menschen -erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in der -letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen — die -Spottlust am allerstärksten entwickelt hat. Bei uns -lacht und spottet ein jeder über seine Mitmenschen; ja -im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas, eine -Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über -das Neue, und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, -was nie veraltet und was ewig ist. So also hat -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in seiner -Vollständigkeit dargestellt, weder in dem <em>Ideal</em>, das -er erreichen <em>soll</em>, noch in seinem wirklichen <em>Dasein</em>, -wie er heute in Wirklichkeit <em>ist</em>. Sie hat lediglich eine -schier unendliche Zahl von Nuancen unserer verschiedensten -Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie hat nur alle -einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer -Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das -Gefühl, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, uns vollständig -und allseitig darzustellen, uns unserer Eigenart -zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns -selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische -Natur ist heute erst soweit erweicht und vorbereitet, -um die ihr entsprechende Form annehmen zu können; -noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe -aller Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall -her in unser Land verpflanzt wurden; noch ist jeder von -uns der Schauplatz, auf dem sich Fremdes und Eigenes -in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir -nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen -Gott diese Mischung, dieses Zusammentreffen der -Elemente angeordnet hat. Das haben unsere Dichter -gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam -ihre stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres -Wesens nicht untergehen zu lassen. Sie nahmen -dies Beste überall, wo sie es fanden, und beeilten sich, -es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu fragen, -welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht -der arme Besitzer eines Hauses, das ein Raub der -Flammen wird, alles Wertvolle, was es birgt, zu retten, -ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre -Stimme erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit -endlich anbrechen würde, wo der Gedanke einer inneren -Erbauung und Verkörperung des Menschen im Bilde, -für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß -aus den eigenen urwüchsigen Materialien unseres -Landes errichten sollte, ganz Rußland ergreifen und zum -sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde — damit -wir uns dann darüber klar wären, was alles an -Gutem und Schönem und Eigenem in uns verborgen -liegt, und nicht vergessen, es bei diesem Bau zu verwenden. -Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer -mehr enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere -Dichter hineinlesen werden. In dem Maße, als wir sie -mehr und besser kennen lernen werden, werden wir auch -ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die -bisher noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, -daß sie nicht bloß die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten, -sondern zum Teil auch unsere Baumeister -waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren -oder nicht; <a id="corr-51"></a>jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich -zu uns so viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer -nationalen Charakterzüge zur Darstellung gebracht, -der in ihnen zu weit kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung -gekommen ist, um sich uns in seinem ganzen -Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen. -Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen -Mannes von einer ungeheuren, fast biblischen -Größe zu zeichnen, hatte nichts Willkürliches: den -Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die mächtigen -Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -in ganz Rußland überall so lebendig, daß selbst Ausländer, -die etwas von Rußland kennen gelernt haben, -darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten -und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben. -Vor kurzem erst hat einer von ihnen seine Memoiren -herausgegeben, um Rußland Europa von einer -recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag -seine Verwunderung über die schlichten Bewohner -unserer Bauernhütten nicht zu verhehlen<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a>. Mit Staunen -betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen Greise, -die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie -ihm doch wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen -Zeiten. Mehr als einmal mußte er gestehen, -daß ihm in keinem Lande Europas, das er bereist hatte, -das Bildnis des Menschen in solch einer an die patriarchalisch -biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen -war. Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, -das von einem mächtigen Haß gegen unser Volk erfüllt -ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese Feinfühligkeit, -dieser scharfe <em>Instinkt</em>, der sich besonders bei Puschkin -mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen -Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke, -mit denen das Volk selbst diesen eigentümlichen -Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an den Spitznamen -<em>Ohr</em>, den man einem Menschen beilegt, in dem -jede Fiber zittert und zu sprechen scheint und der keinen -Augenblick untätig sein kann. Oder man denke an -die Bezeichnung <em>Allerweltskerl</em> für einen Menschen, -dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -die Zahl derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten -Nuancen und Schattierungen dieses Charakterzugs bezeichnen, -ist ganz außerordentlich groß. -</p> - -<p> -Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild -des russischen Mannes, das Dershawin gezeichnet hat, -wäre noch nicht vollständig und würde noch nicht die -ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an -dem feinen Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf -jeden Naturgegenstand zu reagieren und bei jedem -Schritte voll Staunen über die Schönheit der Schöpfungen -Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die -richtige Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden -weiß, wie wir ihn besonders bei Krylow finden, das -ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow äußert -sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht, -das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu -bringen, und es auszudrücken vermag, ohne jemand durch -ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer Sinnesart -gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz -jener sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische -Erziehung und Bildung verloren haben und den sich -nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser Bauer -versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und -über ihm Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], -wie keiner von uns, und dabei verletzt er mit keinem -Worte den Anstand, während wir es häufig nicht einmal -verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne -ihn durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür -aber einmal in einem von uns dieser innere sichere, -echt russische geistige Takt wirklich vorhanden ist, dann -genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man -einem andern nie gestatten würde, ihm nimmt niemand -etwas übel. Alle unsere Schriftsteller haben Feinde gehabt, -selbst die gutmütigsten unter ihnen und die, die -das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin -und Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. -Dieser <em>jugendliche Wagemut</em> und dieser stürmische -Drang, seine Kräfte für alles Hohe und Gute einzusetzen, -der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die -überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene -herrliche Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und -die uns Alten und Jungen ein jugendliches Feuer einhaucht, -sowie sich eine Gelegenheit bietet, sich für eine -große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen -— solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze -bunte, mit sich im Streit liegende Masse in einem -mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher Streit, alle engherzigen -persönlichen Interessen — alles ist vergessen, -und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger -Mann. Alle diese Eigenschaften, die unsere Dichter uns -offenbart haben, sind nationale Eigentümlichkeiten unseres -Volks, die in ihnen bloß schärfer und deutlicher zur -Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja -nicht plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen -aus ihrem Volke hervor. Sie sind Funken, die von -ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die von seiner -Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch -schon dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher -noch nie bekannten Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß -nicht, ob die Dichter irgendeiner andern Literatur eine -so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen hervorgebracht -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -haben, wozu ja freilich auch unsere poetische -Sprache manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat -sein eigenes Versmaß und seinen Eigenton. Dieser eherne -metallische Vers Dershawins, den unser Ohr noch bis -auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers -Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie -ein Strahl alten, hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende -festliche Vers Jasykows, der wie ein Lichtstrahl in -die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu sein -scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte -Vers Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, -dieser leichte ätherische Vers Shukowskis, der wie der -kaum vernehmbare Ton einer Äolsharfe verschwebt, dieser -schwere, uns zur Erde herabziehende Vers und häufig -von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut durchdrungene -Vers Wjasemskis — sie alle haben wie -verschieden abgestimmte Glocken, oder wie die vielen -Flöten einer herrlichen Orgel einen wundervollen Wohllaut -durch das ganze russische Land getragen. Dieser -Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie <em>die</em> glauben -mögen, die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser -Wohllaut lullt das Volk in seinen Kinderjahren ebenso -ein wie das herrliche Wiegenlied einer Mutter, noch ehe -es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine wilden -Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur -Ruhe. Dieser Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der -Weihrauch im Tempel, der unsere Seele unmerklich, -noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme -von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere -Poesie hat alle Akkorde auserprobt, hat die Einflüsse -der Literatur aller Völker erfahren, hat der Leier aller -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache geschaffen, -um alle Menschen für eine größere Aufgabe -vorzubereiten. Jetzt kann man nicht mehr von den -Torheiten reden, die unsere heutige, sich ihrer Verantwortlichkeit -noch nicht bewußte junge Dichtergeneration -leichtsinnig weiterplappert; man kann auch -der Kunst nicht mehr dienen — so schön und beglückend -ein solcher Dienst auch sein mag —, ohne ihre höhere -Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar -zu sein, wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin -läßt sich nicht wiederholen. Nein, weder Puschkin -noch irgendein anderer darf uns jetzt zum Vorbilde -dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann -man uns mit nichts mehr imponieren: weder durch die -Eigenart und Eigenwilligkeit des Verstandes, noch durch -die plastische Kraft des Charakters, noch durch die stolze -Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter -eine höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben -erwachsen der Poesie. Wie sie während der Kindheit -der Völker dazu diente, die Nationen zum Kampf -anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken, so ist es -jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, -höheren Kampf aufzurufen — zu einem Kampf, in dem -es sich schon nicht mehr um unsere zeitlichen Güter -und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und Privilegien], -sondern um unsere Seele handelt, die unser -himmlischer Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen -hält. Zahlreiche Aufgaben stehen heute der -Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft alles wahrhaft -Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das -sinnlose Leben von heute geraubt ward. Nein, diese -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -künftigen Dichter werden keinem von unseren früheren -Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache wird anders -klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter -und vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente -werden viel lebendiger und kräftiger in ihr zum -Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener eigene urwüchsige -Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, -der schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte -und strömte, als selbst das Wort <em>Poesie</em> noch in keines -Menschen Munde war. Noch immer erscheint dieser -unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren Liedern -entgegentönt, und über das Leben und sogar über -das Lied selbst hinweg in unbekannte Fernen stürmt, -noch erscheint uns dieser glühende, verzehrende Wunsch -nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der Mensch -seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt — -wie ein Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen -jene vielseitige, poetische Harmonie und das Geschlossene -unseres Geistes, die in unseren vieläugigen Sprichwörtern -verborgen ist, völlig Fleisch und Blut geworden; -haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen -und traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen -und Schlüsse zu ziehen, als dem Menschen in -Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren, als er -noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu -leben; so sind sie uns eine lebendige Mahnung, was -für gewaltige Folgerungen der moderne Mensch in Rußland -aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen -kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert -und wie allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in -einem Haufen zusammenliegen. Noch ist vielen diese -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -Lyrik — dies Produkt einer höchsten Verstandsreife und -Nüchternheit — ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus -unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt -und die Seele unserer Dichter noch unbewußt -begeistert, wie ihm die heimatlichen Klänge unserer Lieder -unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns -auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. -Sie enthält sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, -von den kräftigsten bis herab zu den zartesten -und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos und -vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem -Augenblick zu bereichern, indem sie einerseits die hohen -gewaltigen Worte aus der biblischen Kirchensprache schöpft -und sich andererseits die treffendsten Ausdrücke aus -den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen -gibt, aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich -in ein und derselben Rede bis zu einer Höhe emporzuschwingen, -die keiner andern Sprache erreichbar, und -andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen, die -selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich -ist; — eine Sprache, die selbst und an und für -sich schon dichtet, und die nicht umsonst für eine -geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen -worden war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles -Häßliche und Minderwertige, das wir uns zugleich mit -der fremdländischen Bildung angeeignet hatten, in den -fremden Mundarten ausschwatzten und ausplauderten, -damit alle die unklaren Töne und die ungenauen Bezeichnungen -für die Dinge — diese Produkte ungeklärter -und verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel -machen — die kindliche Klarheit unserer Sprache nicht -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem Drang -zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem -eigenen und nicht mehr einem fremdem Verstande zu -folgen, zu ihr zurückkehren konnten. Das alles sind -vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch Felsblöcke -oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem -einmal eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden -wird. Und diese Sprache wird bis tief auf den -Grund der Seele dringen und nicht auf unfruchtbaren -Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie -wohl Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen -mächtigen Impuls verleihen; sie wird tief in alle Saiten -greifen, die in dem Russen anklingen, und selbst die -rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der Ehrfurcht -erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem -Menschen einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland -ans Licht rufen — unser russisches Rußland, nicht -das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten ein rohes -Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne -ihrem Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen -wollen, nein, das Rußland, das unsere Dichtung -aus uns selbst heraufholen und so vor uns hinstellen -wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre -Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch -sein mögen, einstimmig ausrufen werden: „Ja, das -ist <em>unser</em> Rußland; hier fühlen wir uns behaglich und -heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter unserem -heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der -Fremde!“ -</p> - -<h2 class="letter" id="part-33"> -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -<span class="line1">XXXII</span><br /> -<span class="line2">Auferstehungstag</span> -</h2> - -<p class="first pbb"> -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Russe nimmt einen besonders warmen Anteil -an der Feier des Auferstehungstages. Das -empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn -er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn -er sieht, wie dieser Tag sich überall in allen andern -Ländern kaum von den andern Tagen unterscheidet — -alles geht seiner gewohnten Tätigkeit nach, das Leben -nimmt seinen gewöhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern -ruht der gleiche alltägliche Ausdruck — wenn der Russe -das sieht, so wird er traurig und seine Gedanken -schweifen unwillkürlich nach Rußland hinüber. Es will -ihm so dünken, als ob dieser Tag dort schöner gefeiert -wird, als ob dort der Mensch heiterer und besser sei, -als an anderen Tagen und als ob auch das Leben dort -ein anderes und nicht so alltägliches Gewand trage. -Er denkt an die feierliche Mitternacht, an das Glockengeläute, -das das ganze Land durchhallt und alle Stimmen -der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton verschmelzen -läßt, er denkt an den Ruf „Christ ist erstanden“, -der an diesem Tage an die Stelle aller andern -Grüße tritt, an diesen Kuß, den man nur bei uns vernimmt, -und er ist beinahe so weit, daß er ausrufen -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -möchte. „Nur in Rußland wird dieser Tag so gefeiert, -wie er in Wahrheit gefeiert werden sollte!“ -</p> - -<p> -Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, -wenn er tatsächlich nach Rußland versetzt wird, und sich -bloß daran erinnert, daß dies ein Tag voll schläfrigen -Hin- und Herrennens, voll törichten Getriebes, sinnloser -Besuche, bewußten Nichtzuhausetreffens, statt eines Tages -voll froher Begegnungen ist — wenn man sich an diesem -Tage wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht -eigennützigen Grund; man braucht nur daran zu denken, -daß sich der Ehrgeiz an diesem Tage weit lebhafter regt, -als an allen anderen Tagen und daß nicht etwa von -der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, -was für eine Belohnung einen jeden erwartet und was -ein jeder wohl für ein Geschenk erhalten wird; ja daß -selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich an -diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung -der Festmesse und noch ehe die Sonne über -der Erde aufgegangen ist, trunken über die Straße -schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen -Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, daß -das höchstens eine Karikatur und ein Hohn auf diesen -Festtag ist und daß es einen solchen Festtag gar nicht -gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter <a id="corr-52"></a>einem Invaliden, -um die Form zu wahren, einen schmatzenden -Kuß auf die Backe, um den unter ihm stehenden Beamten -zu beweisen, wie man seinen Bruder lieben muß, -oder ruft irgendein [rückständiger] Patriot voll Empörung -über unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten -schlecht macht und behauptet, bei uns gäbe es -überhaupt nichts Ordentliches, wütend aus: „Wir haben -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -alles: ein schönes Familienleben, schöne Familientugenden, -die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir erfüllen -auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies -nirgends in Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, -das die Bewunderung aller Menschen verdient.“ -</p> - -<p> -Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und -Äußerlichkeiten, nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig -wie auf den Kuß, der dem Invaliden verabreicht -wird], sondern lediglich darauf an, daß wir an diesem -Tage den Menschen tatsächlich wie unser höchstes -Kleinod ansehen lernen — und ihn so in unsere Arme -schließen und an unser Herz drücken, wie einen unserem -Herzen nahestehenden Bruder, daß wir uns so über ihn -freuen, wie über den unerwarteten Besuch unseres liebsten -Freundes, den wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. -Ja, noch inniger, noch stärker sollte unsere Freude sein. -Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen, sind -stärker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch -mit ihm durch unseren herrlichen himmlischen Vater -verwandt, der uns weit näher steht, als unser irdischer -Vater, und weilen wir doch an diesem Tage — in unserer -wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser -Tag ist der Tag jenes heiligen Festes, an dem die ganze -Menschheit bis auf den letzten unserer Brüder eine -himmlische Verbrüderung feiert, und davon ist kein einziger -Mensch ausgeschlossen. -</p> - -<p> -Wie gelegen müßte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten -Jahrhundert kommen, wo der Traum vom allgemeinen -Menschenglück der Lieblingsgedanke fast aller -Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des -jungen Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie -<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> -einen lieben Bruder zu umarmen, wo viele beständig -davon träumen, den inneren Wert und die Würde des -Menschen zu heben, wo die gute Hälfte der Menschen -bereits feierlich anerkannt hat, daß nur das Christentum -das vermag, wo man bereits fordert, daß das Gesetz -Christi weit inniger mit unserem Familien- und Staatsleben -verwachsen müsse [ja wo bereits davon gesprochen -wird, daß alles Gemeingut werden soll: unser Haus -und unser Grund und Boden], wo die hohen Taten -des Mitleids und die den Armen und Unglücklichen erwiesene -Hilfe bereits ein beliebter Gesprächsstoff unserer -Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitären -Anstalten [all dieser Hospize und Asyle für Obdachlose] -die Erde schon zu eng zu werden beginnt. -Wie freudig müßte eigentlich das neunzehnte Jahrhundert -diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen -und ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade -dieser Tag wird zum Probierstein dafür, wie matt -all diese christlichen Bestrebungen, wie sie lediglich [schöne -Träume und] bloße Ideen sind, die zu keinen Taten -führen. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit -haben, einen unserer Brüder wie einen Bruder -zu umarmen — so tuen wir es nicht. Wir sehnen -uns danach, die ganze Menschheit brüderlich an unseren -Busen zu drücken, unsern Bruder aber wollen wir nicht -umarmen. Es braucht sich nur irgendein einzelner -Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser Menschheit -abzulösen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten, -und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben -sollen, — so werden wir ihn nicht mehr umarmen. -Oder es brauchte sich von dieser Menschheit -<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> -nur ein einzelner Mensch abzulösen, der in irgendeinem -unwesentlichen Punkt, in irgendeiner unserer menschlich -bedingten Meinungen nicht mit uns überstimmt — so -werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es -braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser -Menschheit abzulösen, der mehr und erkennbarer als die -andern an den schweren Schäden geistiger Fehler und -Gebrechen krankt und daher weit mehr Anspruch auf -unser Mitleid hat als sie — so werden wir ihn von -uns stoßen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden -nur die in unsere Arme schließen, die uns noch nie -beleidigt haben, mit denen wir noch nie zusammengestoßen -sind, die wir noch nicht kennen und noch nie -mit Augen gesehen haben. Das sind die Umarmungen, -mit denen der Mensch unseres Jahrhunderts die ganze -Menschheit beglücken will, und das sind häufig gerade -die Menschen, die von sich glauben, daß sie wahre -Menschenfreunde und echte Christen sind. [Christen! -Sie haben Christus auf die Straße hinausgejagt und -in die Lazarette und Krankenhäuser getrieben, statt Ihn -bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach -aufzunehmen, und da glauben sie noch, sie seien Christen!] -</p> - -<p> -Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag -nicht würdig, nicht so zu feiern, wie er gefeiert -werden sollte. Dem steht ein schreckliches, unüberwindliches -Hindernis entgegen: es heißt: <em>Hochmut</em>. Dieser -Hochmut war auch den früheren Zeitaltern bekannt, -aber jener Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf -die physische Kraft, auf unseren Reichtum, ein Stolz auf -unsere Abstammung und unsere Titel, und er erreichte nie -<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> -diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage. Heute -tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses -Hochmuts ist der Stolz auf unsere Reinheit. -</p> - -<p> -Hocherfreut darüber, daß sie ihre Vorfahren in vielen -Beziehungen überholt und übertroffen hat, hat sich die -Menschheit unserer Zeit völlig in ihre Reinheit und -Schönheit verliebt. Niemand schämt sich mehr, sich -öffentlich der Schönheit seiner Seele zu rühmen und -sich für etwas Besseres zu halten, als die anderen -Menschen. Man braucht nur darauf zu achten, wie -sich heutzutage jeder Mensch für einen wahren Heros -an Hochherzigkeit und Edelmut hält, wie schonungslos -und mit welcher Schärfe er über andere Leute urteilt. -Man muß nur einmal hören, mit was für Gründen -er sich dafür rechtfertigt, daß er seinen Bruder nicht -einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede -Scham und ohne innerlich zu erbeben, erklärt er: „Ich -kann diesen Menschen nicht umarmen, er ist schmutzig, -er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch ehrlose -Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen -nicht einmal in mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann -die Luft nicht atmen, die er atmet, ich mache einen großen -Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen und -um ihm nicht zu begegnen. — Ich kann nicht mit gemeinen -und verächtlichen Leuten zusammen leben — und -da sollte ich einen solchen Menschen wie meinen Bruder -umarmen?“ Ach! der arme Mensch des neunzehnten Jahrhunderts -hat leider vergessen, daß es an diesem Tage -weder gemeine noch verächtliche Menschen gibt und daß -alle Menschen — Brüder, Kinder derselben Familie sind -und daß jeder Mensch keinen andern Namen als den: -<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -<em>Bruder</em> trägt. Er hat alles mit einem Male vergessen. -Er hat vergessen, daß er vielleicht gerade deshalb -von diesen gemeinen und verächtlichen Menschen -umgeben ist, damit er durch ihren Anblick veranlaßt -werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, -und nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner -Seele gerade das findet, was ihn an dem andern so -sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, daß er auf Schritt -und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in -einer etwas anderen Art, eine genau so scheußliche Handlung -begehen kann, die in den Augen der Gesellschaft nicht -als schmachvoll gilt, die jedoch auf dasselbe hinauskommt -oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrückt, <em>derselbe -Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schüssel -serviert</em>. Es ist alles vergessen! Er hat vergessen, daß -die Zahl der gemeinen und verächtlichen Menschen vielleicht -nur deshalb sehr zugenommen hat, weil die besten und edelsten -Menschen sie in so rauher Weise von sich gestoßen -und so dazu beigetragen haben, daß sie ihr Herz noch -mehr verhärteten und noch verstockter wurden. Als ob -es so leicht ist, die Verachtung anderer Menschen zu ertragen! -Weiß Gott, vielleicht wird mancher gar nicht -als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat seine -arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf -mit den Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht -und gerufen, vielleicht hätte er freudig jedem Hände -und Füße geküßt, dessen Seele von Mitleid für ihn ergriffen, -ihn daran verhindert hätte, in den Abgrund zu -stürzen; vielleicht hätte ein einziger Tropfen Liebe ihm genügt, -um ihn auf den rechten Weg zurückzuführen. -Wie wenn es so schwer gewesen wäre, auf dem Wege -<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob -sich sein Inneres schon so sehr verhärtet hätte, als ob -er schon so ganz zu Stein geworden, daß er keiner -warmen Regung mehr fähig gewesen wäre, wo doch -selbst der Räuber noch dankbar ist für ein Zeichen der -Liebe und selbst das wilde Tier sich freundlich der Hand -erinnert, die es geliebkost hat. -</p> - -<p> -Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat -alles vergessen, er stößt seinen Bruder von sich, wie ein -Reicher einen aussätzigen Bettler von der Schwelle seines -Hauses jagt. Was kümmern ihn die Leiden des andern, -er will bloß seine eiternden Schwären nicht sehen. -Er will nicht einmal sein Klagelied hören, damit seine -Nase den übelduftenden Hauch, der aus dem Munde -des Unglücklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er, -der so stolz auf <a id="corr-53"></a>den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und -ein solcher Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe -feiern können? -</p> - -<p> -Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die -noch mächtiger ist als die erste, — das ist der <em>geistige</em> -Hochmut. Nie noch hat er solche Dimensionen erreicht, -wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem -in der Furcht zum Ausdruck, für einen Dummkopf gehalten -zu werden, einer Furcht, von der heute jeder -Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit kann alles -ertragen: er kann es ertragen, daß man ihn einen -Lumpen oder einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen -Namen — es läßt ihn kalt — nur den Namen -Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden -Spott ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, daß -man sich über seinen Verstand lustig macht. Sein Verstand -<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> -ist ihm heilig. Jeder noch so leichte Spott über -seinen Verstand genügt ihm, um seinen Bruder, wie es -der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung -aufstellen zu lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper -zu zucken, eine Kugel in den Kopf zu jagen. Er -glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist sein -Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert -nicht für ihn. Er hat sogar vergessen, daß auch der -Verstand erst fortschreitet, wenn alle sittlichen Kräfte des -Menschen fortschreiten und sich entwickeln, und daß er -sich sogar zurückentwickelt, wenn die sittlichen Kräfte sich -nicht heben. Er hat ferner vergessen, daß kein Mensch -sämtliche Verstandeskräfte in sich vereinigt, daß ein anderer -Mensch gerade die Seele einer Sache sehen kann, -die er selbst nicht sieht, und folglich etwas wissen kann, -was er nicht zu wissen vermag. Aber das glaubt er -nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist für ihn -eine Lüge. Sein Vernunftstolz hält jeden Schatten -christlicher Demut von ihm fern. An allem zweifelt er: -an dem Herzen eines Menschen, den er viele Jahre -lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an -seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man -sich und kämpft man nicht mehr um irgendwelche wirkliche -Rechte und auch nicht aus persönlichem Haß oder -Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die sinnlichen -Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die Leidenschaften -des Verstandes: heute bekämpft man sich und -streitet man sich miteinander, weil man verschiedener -Meinung ist, und wegen der Widersprüche in der Welt -der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien gebildet, -die sich gegenseitig verabscheuen, die persönlich -<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -noch nie etwas miteinander zu tun hatten, und sich -dennoch glühend hassen. Ist es nicht merkwürdig! Schon -glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Haß -und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da -dringen Haß und Bosheit von der andern Seite wieder -in die Welt ein, kommen auf den Flügeln der Zeitungsblätter -herangeflogen und fallen wie ein verheerender -Heuschreckenschwarm von allen Seiten über die Herzen -der Menschen her. Schon hört man kaum noch die -Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst die gescheiten -Leute sogar gegen ihre eigene Überzeugung zu reden, nur -um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu räumen, -und nur weil ihr Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren -Fehler vor der Welt einzugestehen — schon hat die -reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen. -</p> - -<p> -Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, -der christlichen Liebe zum Menschen fähig sein? Er sollte -sich mit jener reinen Treuherzigkeit und Einfalt, mit -jener engelhaften kindlichen Naivität erfüllen können, die -alle Menschen zu einer großen Familie macht? Er sollte -etwas von der Süßigkeit und Schönheit unserer himmlischen -Brüderschaft empfinden können? Er sollte diesen -Tag feiern können? Ist doch selbst jene äußere gütige -Geste, jener Ausdruck der Güte verschwunden, der den -alten schlichten Zeiten eigen war, und dem gegenüber man -das Gefühl hat, als hätte der Mensch damals dem -Menschen viel nähergestanden. Der stolze Verstand des -neunzehnten Jahrhunderts hat ihn vernichtet und zerstört. -Ohne jede Maske ist der Teufel in der Welt erschienen. -Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht -<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -mehr in verschiedenen Gestalten und schreckt keine abergläubischen -Menschen mehr: er kommt in seiner eigenen -Gestalt zu uns. Er fühlt, daß man seine Herrschaft -anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstände -mit den Menschen. Dreist und schamlos lacht -er denen ins Gesicht, die sich vor ihm beugen; die -törichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie sie -bisher noch nie gegeben worden sind — und die Welt -sieht es und wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was -bedeutet diese armselige sinnlose Mode, die der Mensch -sich erst als eine Bagatelle, als eine harmlose Spielerei -gefallen ließ und die jetzt als absolute Herrin und Herrscherin -in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte -im Menschen austreibt. Kein Mensch fürchtet sich -noch, die wahrsten und heiligsten Gebote Christi zu -übertreten, wohl aber fürchtet er sich, die unsinnigste -Anordnung der Mode unerfüllt zu lassen, und er zittert -vor ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu -bedeuten, daß selbst die, die sich über sie lustig machen, -wie leichtsinnige windige Gesellen nach ihrer Pfeife tanzen? -Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln, -die uns weit stärker binden, als die grundlegendsten -fundamentalsten Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen -Autoritäten, die sich neben den gesetzmäßigen -rechtmäßigen Autoritäten installiert haben — was bedeuten -diese Nebenwirkungen und Nebeneinflüsse? Was -hat es zu bedeuten, daß heute nur noch Näherinnen, -Schneider und alle möglichen Handwerker die Welt regieren, -während die Gesalbten Gottes abseits stehen? -Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne -ehrliche Überzeugungen beherrschen die Anschauungen und -<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> -die Meinungen gescheiter Leute, und ein Zeitungsblättchen, -von dem jedermann weiß, daß es nichts wie Lügen -verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber über -die Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all -die gesetzwidrigen Gesetze, die die unreine Macht aus -der Tiefe offen und vor aller Welt aufrichtet? Und die -ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und wagt’s -nicht, sich zu rühren? Welch furchtbarer Hohn auf die -Menschheit! [Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge -überhaupt noch die heiligen Sitten und Zeremonien der -Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer Beherrscher -keine Macht mehr über uns hat? Oder ist das -etwa ein neuer Streich des Geistes der Finsternis.] -Wozu dieser Feiertag [der jede Bedeutung verloren hat.] -Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die -auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und -schwächer] zusammenzurufen, um sie in einer Familie -zu vereinigen [und, nachdem er sie mit einem traurigen -Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling wieder -von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich für alle -ein unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn -noch [hie und da] Menschen, denen es so vorkommt, -als würde es an diesem Tage heller in ihrer Seele, -und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen, -jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, -gleich dem Kosen eines ewigen Frühlings, in -ihre Seele hinüberströmt, jener herrlichen Kindheit, die -dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen -ist? Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht -für immer vergessen und warum bewegt sie noch immer -unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild? Wie -<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> -kommt das nur, und was hat das alles für einen -Zweck? Als ob man wirklich nicht wüßte, was es für -einen Sinn und Zweck hat? Sieht man denn etwa nicht, -wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den -wenigen, die noch etwas von dem Frühlingshauch dieses -Festtags verspüren, plötzlich so traurig ums Herz wird, -auf daß sie von einer Trauer befallen werden, wie sie -nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf daß sie -ihren Brüdern mit einem <a id="corr-54"></a>herzzerreißenden Aufschrei zu -Füßen fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen -Tag der langen öden Reihe der übrigen Tage zu entreißen -und nur diesen einzigen Tag nicht nach der Weise -des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes -ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein -einziges Mal zu umfassen und in die Arme zu schließen -wie ein Freund, der sich schuldig fühlt, den hochherzigen -alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er ihn -schon morgen wieder von sich stoßen und ihm erklären -sollte, er sei ihm fremd und unbekannt. Wenn auch -nur, um <em>einmal</em> diesen Wunsch zu fassen, wenn auch -nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran -zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! -Gott weiß, vielleicht wird sich schon um dieses einzigen -Wunsches willen eine Leiter vom Himmel herabsenken und -sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns hilft, an -ihr emporzuklimmen. -</p> - -<p> -Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch -des neunzehnten Jahrhunderts so verbringen. Schon -ist die Erde von einem unnennbaren Weh und einer -Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und -nüchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, -<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> -bloß das Riesengespenst der Langenweile wächst von -Tag zu Tag bis ins Ungeheure. Alles ist wüst, alles -ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie öde und -schrecklich wird Deine Welt! -</p> - -<p> -Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, -als ob dieses Fest nur in seinem Vaterlande würdig -gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum? Warum -sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den -Russen? Wirklich, was hat es zu bedeuten, daß [dieser -Festtag selbst verschwunden ist und daß] seine sichtbaren -Kennzeichen so deutlich im Angesicht unseres Landes -erkennbar sind. Man hört die von Küssen begleiteten -Worte: <em>Christ ist erstanden</em>; mit der gleichen Feierlichkeit -bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, -und der dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhörlich -über das ganze Land dahin, als wollten sie uns -aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in so -greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht -vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch -ein Erwachen. Die Sitten und Bräuche, die ewig -währen sollen, können nicht vergehen. Der Buchstabe -stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie können wohl -zeitweilig verblassen, sie können zugrunde gehen und -absterben für eine geist- und herzlose, für eine abgestumpfte -Menge, aber sie erstehen neu gekräftigt auf in -den Auserwählten, um in ihnen in hellem Lichte aufzustrahlen -und sich über die ganze Welt zu ergießen. -Kein Titelchen von unseren alten Sitten und Bräuchen, -nichts, was an ihnen wahrhaft russisch ist und was von -Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn. Die helltönenden -Saiten der Dichter werden es weiter tragen, -<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> -der Wohllaut ausströmende Mund unserer Priester wird -es weithin verkünden; das schon erloschene Licht wird -wieder aufflammen — und der heilige Auferstehungstag -wird würdig gefeiert werden —, weit früher, denn -von einem andern Volke. -</p> - -<p> -Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene -Tatsachen können wir unsere Behauptung gründen? -Sind wir etwa besser als andre Völker? [Sind wir -in unserem Lebenswandel Christus nähergekommen als -sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser -Leben ist noch weniger geordnet und geregelt als das -der andern Nationen. „Wir sind schlimmer als alle -anderen“ — so müssen wir stets von uns sagen.] Aber -es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheißt. -Gerade die Unordnung, die bei uns herrscht, ist -eine Verheißung. Wir sind noch ein flüssiges Metall, -das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist; -wir haben noch die Möglichkeit, das, was nicht zu uns -paßt, abzustoßen und alles in uns aufzunehmen, wozu -die anderen Völker schon nicht mehr fähig sind, die -bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und -in ihr erstarrt sind. Daß in unserem innersten wahren -Wesen, das wir vergessen haben, vieles liegt, was dem -Geiste des Christentums verwandt ist — dafür ist schon -allein das ein Beweis, daß Christus nicht mit dem -Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und daß -der aufgepflügte und wohlvorbereitete Grund unseres -Herzens sich von selbst Seinem Worte entgegenstreckte, -daß das Prinzip der christlichen Brüderlichkeit tief in -unserer slawischen Natur begründet ist, und daß die Verbrüderung -der Menschen untereinander uns näher am -<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -Herzen liegt, als unser heimatliches Dach und die Blutsverwandtschaft, -daß bei uns noch nichts von jenem -unversöhnlichen Haß der Stände und jenen gehässigen -Parteiungen bekannt ist, die wir in Europa finden und -die ein unüberwindliches Hemmnis für die Eintracht der -Menschen und die brüderliche Liebe bilden, daß wir -endlich Mut und Kühnheit besitzen, wie sie kein andres -Volk in ähnlicher Stärke besitzt und daß, wenn wir uns -vor eine Aufgabe gestellt sehen, die kein andres Volk zu -lösen vermöchte, wie etwa folgende: mit einem Schlage -alle unsere Fehler und Mängel und alles, was den hohen -Sinn der Menschheit schändet, abzuwerfen, — daß wir uns -dann, alle unsere körperlichen Schmerzen und Qualen -vergessend und ohne uns im geringsten zu schonen, aufraffen -und alles, was uns befleckt und schändet, von -uns stoßen werden, so wie die Menschen einst im -Jahre 1812 schonungslos ihre ganze Habe, ihre Häuser -und ihre irdischen Besitztümer verbrannten; dann -wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurückbleiben -wollen; in solchen Augenblicken ist jeder Haß -und Streit, jede Feindseligkeit vergessen, der Bruder -drückt den Bruder an den Busen, und ganz Rußland -ist nur ein einziger Mensch. Das ist’s, worauf wir die -Behauptung gründen können, daß der Auferstehungstag -von uns früher gefeiert werden wird, als von den andern -Völkern. Das sagt mir deutlich meine innere Stimme, -und das ist kein bloßer Gedanke, der meiner Phantasie -entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. -Durch eine göttliche Eingebung werden sie mit -einem Schlage im Herzen vieler Menschen zugleich geboren, -die einander noch nie gesehen haben, die in -<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und -zu ein und derselben Zeit werden sie wie aus <em>einem</em> -Munde verkündet. Ich weiß es bestimmt, daß, obwohl -ich sie nicht alle kenne, in Rußland mehr als ein Mensch -fest daran glaubt und schon heute spricht: „Früher denn -in irgendeinem andern Lande wird bei uns der heilige -Auferstehungstag Christi gefeiert werden.“ -</p> - -<p class="printer"> -Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt. -</p> - - -<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Die Abschiedserzählung kann nicht erscheinen: was nach dem -Tode von Bedeutung sein könnte, das hat bei Lebzeiten keinen -Sinn. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Im Original heißt es: „Die Kaiser Alexander hat.“ Schukowski -hat wohl aus Zensurrücksichten Alexander in Napoleon umgeändert. -Anm. des Herausg. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> „Aus Ärger über die Läuse in den Ofen mit dem Pelz!“ -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn -der „<em>Durchleuchtung</em>“. -Anm. des Herausgebers. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Der Marquis Custin. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, -teilweise unter Verwendung des russischen Originales (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... den Weg geben, und dann <span class="underline">den</span> Gutsherren über alles ...<br /> -... den Weg geben, und dann <a href="#corr-0"><span class="underline">dem</span></a> Gutsherren über alles ...<br /> -</li> - -<li> -... ich nicht Mutter <span class="underline">eine</span> Familie; dann könnten Sie Ihren ...<br /> -... ich nicht Mutter <a href="#corr-1"><span class="underline">einer</span></a> Familie; dann könnten Sie Ihren ...<br /> -</li> - -<li> -... Menschen, <span class="underline">von</span> Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...<br /> -... Menschen, <a href="#corr-3"><span class="underline">vom</span></a> Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">der der</span> äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen ...<br /> -... <a href="#corr-5"><span class="underline">der</span></a> äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen ...<br /> -</li> - -<li> -... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr <span class="underline">deulich</span> vernommen ...<br /> -... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr <a href="#corr-6"><span class="underline">deutlich</span></a> vernommen ...<br /> -</li> - -<li> -... besitzen <span class="underline">Sie</span> nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...<br /> -... besitzen <a href="#corr-7"><span class="underline">sie</span></a> nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">für</span> erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...<br /> -... <a href="#corr-9"><span class="underline">fürs</span></a> erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Äußere</span>, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...<br /> -... <a href="#corr-10"><span class="underline">Äußeres</span></a>, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...<br /> -</li> - -<li> -... harrt, ihre <span class="underline">himmliche</span> Bestimmung klarzumachen: uns ...<br /> -... harrt, ihre <a href="#corr-11"><span class="underline">himmlische</span></a> Bestimmung klarzumachen: uns ...<br /> -</li> - -<li> -... haben, mit neuem <span class="underline">frischeren</span> Mut als früher an ...<br /> -... haben, mit neuem <a href="#corr-12"><span class="underline">frischerem</span></a> Mut als früher an ...<br /> -</li> - -<li> -... An <span class="underline">B. I. B.</span> ...<br /> -... An <a href="#corr-13"><span class="underline">B. N. B.</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Verhältns</span> zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...<br /> -... <a href="#corr-15"><span class="underline">Verhältnis</span></a> zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">wiederspiegelt</span>, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...<br /> -... <a href="#corr-16"><span class="underline">widerspiegelt</span></a>, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...<br /> -</li> - -<li> -... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von <span class="underline">ihnen</span> ...<br /> -... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von <a href="#corr-17"><span class="underline">Ihnen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung<span class="underline">;</span> ...<br /> -... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung<a href="#corr-18"><span class="underline">,</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... nicht aus jenem in <span class="underline">einen</span> fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...<br /> -... nicht aus jenem in <a href="#corr-20"><span class="underline">einem</span></a> fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...<br /> -</li> - -<li> -... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden <span class="underline">sie</span> in ihr ...<br /> -... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden <a href="#corr-21"><span class="underline">Sie</span></a> in ihr ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Seelenverwandschaft</span> ist als jede Blutsverwandtschaft ...<br /> -... <a href="#corr-22"><span class="underline">Seelenverwandtschaft</span></a> ist als jede Blutsverwandtschaft ...<br /> -</li> - -<li> -... in <span class="underline">Ihrem</span> Verkehr mit den weit entfernten ...<br /> -... in <a href="#corr-24"><span class="underline">ihrem</span></a> Verkehr mit den weit entfernten ...<br /> -</li> - -<li> -... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es <span class="underline">sichs</span> ...<br /> -... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es <a href="#corr-25"><span class="underline">sich</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... dem <span class="underline">Generalgouwerneur</span>. ...<br /> -... dem <a href="#corr-26"><span class="underline">Generalgouverneur</span></a>. ...<br /> -</li> - -<li> -... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. <span class="underline">Daß</span> ...<br /> -... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. <a href="#corr-27"><span class="underline">Das</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Ihnen</span> das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...<br /> -... <a href="#corr-29"><span class="underline">ihnen</span></a> das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...<br /> -</li> - -<li> -... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und <span class="underline">Einrichrichtungen</span>, ...<br /> -... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und <a href="#corr-30"><span class="underline">Einrichtungen</span></a>, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Sie</span> lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...<br /> -... <a href="#corr-31"><span class="underline">sie</span></a> lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...<br /> -</li> - -<li> -... ersten <span class="underline">Bekanntchsaft</span> mit beiden Dichtern aufdrängt, ...<br /> -... ersten <a href="#corr-32"><span class="underline">Bekanntschaft</span></a> mit beiden Dichtern aufdrängt, ...<br /> -</li> - -<li> -... der <span class="underline">voller</span> plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...<br /> -... der <a href="#corr-33"><span class="underline">vollen</span></a> plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...<br /> -</li> - -<li> -... Schlägt mit <span class="underline">den</span> Dreizack nach den Schiffen, ...<br /> -... Schlägt mit <a href="#corr-34"><span class="underline">dem</span></a> Dreizack nach den Schiffen, ...<br /> -</li> - -<li> - (mehrfache Fälle)<br /> -... wie z. B. <span class="underline">Bayron</span> oder selbst viele andre Dichter ...<br /> -... wie z. B. <a href="#corr-36"><span class="underline">Byron</span></a> oder selbst viele andre Dichter ...<br /> -</li> - -<li> -... Menschen, dem die reichsten und <span class="underline">manigfaltigsten</span> Talente ...<br /> -... Menschen, dem die reichsten und <a href="#corr-42"><span class="underline">mannigfaltigsten</span></a> Talente ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Bettler</span>. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...<br /> -... <a href="#corr-43"><span class="underline">Bettlers</span></a>. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...<br /> -</li> - -<li> -... Talent für radikale endgültige Folgerungen, <span class="underline">daß</span> dem ...<br /> -... Talent für radikale endgültige Folgerungen, <a href="#corr-45"><span class="underline">das</span></a> dem ...<br /> -</li> - -<li> -... singen können, daß sie keine zwei <span class="underline">einfachen ungezierten</span> ...<br /> -... singen können, daß sie keine zwei <a href="#corr-47"><span class="underline">einfache ungezierte</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... oder nicht; <span class="underline">jedesfalls</span> aber haben sie in ihrer im Vergleich ...<br /> -... oder nicht; <a href="#corr-51"><span class="underline">jedenfalls</span></a> aber haben sie in ihrer im Vergleich ...<br /> -</li> - -<li> -... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter <span class="underline">einen</span> Invaliden, ...<br /> -... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter <a href="#corr-52"><span class="underline">einem</span></a> Invaliden, ...<br /> -</li> - -<li> -... der so stolz auf Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...<br /> -... der so stolz auf <a href="#corr-53"><span class="underline">den</span></a> Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...<br /> -</li> - -<li> -... ihren Brüdern mit einem <span class="underline">herzerreißenden</span> Aufschrei zu ...<br /> -... ihren Brüdern mit einem <a href="#corr-54"><span class="underline">herzzerreißenden</span></a> Aufschrei zu ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by -Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I *** - -***** This file should be named 56174-h.htm or 56174-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/1/7/56174/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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