summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 20:36:17 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 20:36:17 -0800
commitf6a660d032164d53f8af3181299c576c1ca6d905 (patch)
tree44e9a742aeab1f228ccd5cf1087cf0ff36673acb
parent856676e47f1843e2a0af0d53f36fb680534e4b0c (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/56174-8.txt9897
-rw-r--r--old/56174-8.zipbin237991 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56174-h.zipbin276221 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56174-h/56174-h.htm13727
-rw-r--r--old/56174-h/images/cover-page.jpgbin25743 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/56174-h/images/logo.jpgbin2272 -> 0 bytes
9 files changed, 17 insertions, 23624 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..0065233
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #56174 (https://www.gutenberg.org/ebooks/56174)
diff --git a/old/56174-8.txt b/old/56174-8.txt
deleted file mode 100644
index 2e5d926..0000000
--- a/old/56174-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,9897 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Editor: Otto Buek
-
-Release Date: December 13, 2017 [EBook #56174]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Briefwechsel
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Sämmtliche Werke
- In 8 Bänden
-
-
- Herausgegeben
- von
- Otto Buek
-
-
- Band 7
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1913
-
-
- Nikolaus Gogol
-
-
-
-
- Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
-
-
- Herausgegeben
- von
- Otto Buek
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1913
-
-
-
-
- Vorrede
-
-
-Ich lag an einer schweren Krankheit danieder; schon war ich dem Tode
-nahe. Da raffte ich meine letzten Kräfte zusammen, die mir noch blieben,
-benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich im vollen Besitz meiner
-Geisteskräfte befand, und schrieb mein geistiges Testament nieder, in
-dem ich unter anderm meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem
-Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. Damit hoffte ich
-wenigstens einen Teil der Schuld sühnen zu können, die ich durch die
-Wertlosigkeit alles dessen, was ich bisher geschrieben hatte, auf mich
-geladen hatte, denn meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an
-die sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die Menschen
-bedürfen, die ihnen not tun, als meine Werke. Gottes himmlische Güte
-wandte die Hand des Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt
-und ich fühle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde ich, wie schwach
-meine Kräfte sind, und dies mahnt mich jeden Augenblick daran, daß mein
-Leben an einem Haar hängt, und nun, wo ich mich zu einer weiten Reise
-ins Heilige Land rüste, die meiner Seele ein Bedürfnis ist und während
-deren mir vieles zustoßen kann, fühle ich den Wunsch, meinen Landsleuten
-beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So wähle ich denn selbst
-alles aus meinen letzten Briefen, die ich wieder in meinen Besitz
-bringen konnte, aus, was sich auf solche Fragen bezieht, die die
-Gesellschaft gegenwärtig am meisten beschäftigen, lasse alles beiseite,
-was erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten kann, und scheide
-alles aus, was nur für wenige von Bedeutung sein könnte. Dazu füge ich
-noch zwei oder drei literarische Aufsätze hinzu, und endlich lege ich
-dem Ganzen noch mein Testament bei, auf daß dieses, wenn mich der Tod
-unterwegs ereilen sollte, als durch alle meine Leser bezeugt und
-verbürgt, sogleich rechtmäßig in Kraft trete.
-
-Mein Herz sagt mir, daß mein Buch einem wirklichen Bedürfnis entspricht
-und daß es vielleicht von einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies
-nicht deshalb, weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und weil ich
-mir zutraue, Nützliches wirken zu können, sondern weil ich noch niemals
-so innig von dem Wunsche beseelt war, etwas Nützliches zu vollbringen,
-wie heute. Für uns Menschen genügt es schon, wenn wir die Hand
-ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber kommt nicht von
-uns, sondern von Gott, der seine Kraft von oben auf uns herabsendet und
-sie dem ohnmächtigen Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig
-also mein Buch auch sein mag, ich wage dennoch, es der Öffentlichkeit zu
-übergeben, und ich bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen;
-zugleich aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen
-Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu kaufen und sie an solche
-Leute zu verteilen, die sich das Buch selbst nicht kaufen können, und
-ihnen bei dieser Gelegenheit zu erklären, daß alles Geld, das nach
-Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen wird,
-übrigbleiben sollte, teils denen, die gleich mir das innere Bedürfnis
-fühlen, während der kommenden großen Fasten nach dem Heiligen Lande zu
-pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermögen, teils denen
-zur Unterstützung dienen soll, mit denen ich auf dem Wege dorthin
-zusammentreffen werde und die am Grabe des Herrn für ihre Wohltäter, d.
-h. meine Leser, beten werden.
-
-Ich wünschte, ich könnte meine Reise vollenden wie ein guter Christ, und
-daher bitte ich hiermit alle meine Landsleute um Verzeihung wegen aller
-Kränkungen, die ich ihnen zugefügt haben sollte. Ich weiß, daß ich viele
-Leute durch meine unüberlegten Handlungen und durch meine unreifen Werke
-betrübt, viele sogar gegen mich aufgebracht und überhaupt bei vielen
-Anstoß und Ärgernis erregt habe. Ich darf indessen zu meiner
-Rechtfertigung sagen, daß meine Absicht stets gut war, und daß ich
-niemand betrüben oder gegen mich aufbringen wollte; nur meine
-Unbesonnenheit, meine Hast und Übereilung waren die Ursache, daß meine
-Werke in so unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe
-alle über ihren wahren Sinn getäuscht wurden. Alles andere dagegen,
-wobei tatsächlich eine verletzende Absicht vorliegen sollte, bitte ich
-mir mit jener Großmut zu verzeihen, deren nur die russische Seele fähig
-ist, wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, mit
-denen mich mein Lebensweg für längere oder kürzere Zeit zusammengeführt
-hat. Ich weiß, daß ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten
-bereitet habe, ja manchen sogar mit Absicht. Überhaupt hatte die Art
-meines Verkehrs mit den Menschen stets etwas Unangenehm-Abstoßendes an
-sich. Dies rührte teils davon her, daß ich einem Zusammentreffen und
-einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege ging, da ich das
-Gefühl hatte, ich hätte den Menschen noch nichts Gescheites und wirklich
-Notwendiges zu sagen (und leere und überflüssige Redensarten wollte ich
-nicht machen), und da ich zugleich davon überzeugt war, daß ich mich
-selbst wegen meiner zahllosen Mängel und Fehler noch in einiger
-Entfernung von den Menschen erziehen müsse. Zum Teil aber war es auch
-die Folge meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns
-eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, sich eine
-Stellung unter den Menschen erobert haben, und die sich daher für
-berechtigt halten, stolz auf die anderen herabzusehen. Wie dem auch sein
-mag, ich bitte, mir alle persönlichen Kränkungen zu verzeihen, die ich
-einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum gegenwärtigen
-Augenblicke zugefügt haben sollte. Auch meine Berufsgenossen, die
-Literaten, bitte ich um Verzeihung, wenn ich sie je bewußt oder unbewußt
-geringschätzig oder ohne gebührende Achtung behandelt haben sollte; wem
-es aber aus irgendeinem Grunde schwer werden sollte, mir zu vergeben,
-den erinnere ich daran, daß er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der
-Beichte, die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, alle
-seine Brüder um Verzeihung bittet, so bitte ich sie um Verzeihung, und
-wie in solch einem Augenblick kein einziger den Mut findet, seinem
-Bruder nicht zu vergeben, so werden auch meine Brüder nicht den Mut
-haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich bitte ich meine Leser
-um Verzeihung, wenn auch in diesem Buche wieder etwas Peinliches
-vorkommen sollte, das sie kränken oder beleidigen könnte. Ich bitte sie,
-mir deshalb nicht innerlich zu zürnen, sondern mir statt dessen lieber
-großmütig alle Mängel, die sie in diesem Buche entdecken sollten, sowohl
-die des Schriftstellers wie die des Menschen, nachzuweisen: meine
-Torheit, meine Unüberlegtheit, meine übermäßige Eitelkeit und
-Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen -- mit einem Wort, alle die
-Fehler, die allen Menschen eigen sind, auch wenn sie sie nicht erkennen,
-und die ich wahrscheinlich in noch weit höherem Maße besitze.
-
-Zum Schluß bitte ich alle Russen, für mich zu beten, vor allem die
-Priester, deren ganzes Leben ein einziges Gebet ist. Auch die bitte ich,
-mich in ihr Gebet einzuschließen, die in ihrer Demut nicht an die Kraft
-ihres Gebets glauben, wie auch die, die überhaupt nicht an das Gebet
-glauben und es nicht einmal für notwendig halten; aber wie kraftlos,
-dürr und matt auch immer ihr Gebet sein möge, ich bitte sie, in diesem
-kraftlosen, dürren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber will am
-Grabe des Herrn für alle meine Landsleute beten; kein einziger soll von
-meinem Gebete ausgeschlossen bleiben; und mein Gebet wird ebenso
-kraftlos, dürr und matt sein, wenn nicht der heilige allgütige Wille des
-Himmels es zu einem Gebet machen wird, wie es in Wahrheit sein soll.
-
- Im Juli 1846.
-
-
-
-
- I
- Mein Testament
-
-
-Völlig meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege
-ich hier meinen letzten Willen nieder.
-
-I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher begraben werden soll,
-als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich
-erinnere ausdrücklich daran, weil mich schon während meiner Krankheit
-Augenblicke der Ohnmacht überkamen, wo das Leben stockte, mein Herz
-aufhörte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich während meines
-Lebens schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an denen unsere
-unvernünftige Übereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen
-Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier
-gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine
-Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen
-wird. Im übrigen aber soll man meinen Leib der Erde übergeben, ohne
-lange zu überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine
-Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknüpft werden.
-Jeder sollte sich schämen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche
-Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er
-würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher
-alle, lieber um so kräftiger für meine Seele zu beten, und statt aller
-Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es
-am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen
-zu bewirten.
-
-II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu
-errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen
-unwürdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich
-wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten:
-und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch
-unerschütterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung
-und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu
-höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm während meines
-Lebens eigen war, der wird damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt
-hat, daß er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal
-errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwäche und Nichtigkeit,
-meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der
-letzten Zeit näher traten, hat in Stunden des Kummers und der
-Entmutigung bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst
-schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und
-bekümmert war, als andere. So möge denn auch ein jeder von ihnen nach
-meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und
-noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn
-geschrieben habe.
-
-III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen soll; ja, der
-würde eine Sünde auf seine Seele laden, der meinen Tod für einen großen
-und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein
-sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon
-begonnen haben sollte, so wie es sich gehört, meine Pflicht zu erfüllen,
-und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk -- das ja
-nicht dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not
-tut -- begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wäre es dennoch
-unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu überlassen. Selbst
-wenn heute in Rußland ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen
-Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch dies noch kein Grund für
-einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon
-richtig ist, daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen,
-einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des göttlichen
-Zornes ist, und daß wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt
-werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns
-alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei
-jedem plötzlichen Verlust, sondern müssen in unser Inneres blicken und
-nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der
-ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit
-und Verderbnis der Seele ist fürchterlich, warum aber erkennen wir das
-erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen?
-
-IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich
-davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen
-guten Gedanken als Vermächtnis hinterlassen sollte), viertens vermache
-ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat -- ich
-hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel _Abschiedserzählung_
-trägt. Diese Erzählung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen
-selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen größten
-Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen
-hat. Sie war mir ein Quell verborgener Tränen, seit den Tagen meiner
-Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein ich
-flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung und Beleidigung
-anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushören
-sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers
-besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten;
-er muß strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen
-Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine
-Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute
-mögen doch bedenken, daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt
-verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns
-etwas wie eine Lehre, eine brüderliche Mahnung zu hinterlassen, und
-dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung
-bekleidet, noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger
-Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, daß ein Mensch, der auf
-dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein
-solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses
-mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich es doch nicht
-gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner Abschiedserzählung heraushören
-wird; denn nicht mir, dessen Seele häßlicher und sündhafter ist, als die
-aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit
-krankt, kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was mich dazu
-treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar.
-Die Seele möchte vor Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der
-überirdischen Majestät und Erhabenheit des Jenseits und jener höchsten
-geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen die ganze Größe alles
-Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen
-setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken an
-all die monströsen gigantischen Gebilde und Früchte, deren Samen wir
-während unseres Lebens säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für
-Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine
-_Abschiedserzählung_ einen gewissen Eindruck auf _die_ machen, die das
-Leben noch immer für ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas
-von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik
-dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! -- ich weiß nicht, ich finde
-kein Wort dafür, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. -- Fort
-mit dem leeren Anstand! Landsleute! -- ich habe euch geliebt, ich habe
-euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott
-geschenkt hat, für die ich Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat,
-weil diese Liebe mir Trost und Freude war während meiner schwersten
-Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzählung
-euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht
-erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst
-entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat,
-und ihre Klänge entsprangen aus den innersten Kräften und Elementen
-unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich
-euch allen aufs engste verschwistert bin[1].
-
-V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und
-in den Zeitschriften weder mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken;
-alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen
-Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswürdiges als
-solches, was Lob verdient. Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten,
-waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir
-gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es wäre unedel und
-ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner
-Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre
-ich laut, damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten
-Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten
-vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas
-Totes, das ich in einer krankhaften Gemütsverfassung und in einem
-Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter
-meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für eine
-nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber mache ich es meinen
-Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem
-Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach
-strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen für unsere Seele
-sein kann, und nach Verwerfung alles übrigen, das nur der eitlen
-Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten
-einiges, das _denen_ von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren.
-Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein;
-und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit
-für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben habe, von
-meiner Seele genommen.
-
-[Fußnote 1: Die Abschiedserzählung kann nicht erscheinen: was nach dem
-Tode von Bedeutung sein könnte, das hat bei Lebzeiten keinen Sinn.]
-
-VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich
-selbst anzugehören -- sondern nur noch den Bekümmerten, den Leidenden
-und denen gehören, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden
-hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge
-für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers gleichen; wer
-auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen
-nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie
-sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen
-Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht
-hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu
-ermuntern, auf daß keiner das Gut ungetröstet verlasse. Wenn der
-Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt
-ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des
-Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden
-Bauern, zu dem besten und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich
-eines musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder mit einem
-guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso
-herzlich und freundlich nach seinen Verhältnissen ausfragen, ihm Mut
-zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den
-Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles Bericht erstatten, damit
-auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag
-hinzufügen oder ihm Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie
-sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet davonfahre
-oder das Gut ohne Zuspruch verlasse.
-
-VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir ein, daß ich hierüber
-schon nicht mehr zu verfügen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich
-meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen
-Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden. Aus vielen
-Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben brauche, habe ich dies nicht
-gewünscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht
-abgetreten, eine öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten,
-und sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag an mich
-herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu
-gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu
-vollenden, das meine Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt
-hat, und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute einstimmig
-erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich gelöst, und den Wunsch
-äußerten, die Züge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem
-Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen
-hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam noch ein anderer
-Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer großen
-Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Künstler, der mein Bild
-stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Künstler ist
-bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach
-dem unsterblichen Bilde Raffaels: _Die Verklärung Christi_ herzustellen.
-Er hat dieser Arbeit alles geopfert -- einer aufreibenden Arbeit, zu der
-er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er
-hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen
-Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen
-ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von
-Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße
-verbreitet werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte er mein Bild
-stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan
-zerstört: ist das Bild einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit
-verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit
-der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschäftigt. Sollte es sich
-jedoch so fügen, daß nach meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir
-herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein
-könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen
-zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt
-kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder,
-hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser,
-die sich aus einem übertriebenen Wohlwollen für alles, was Ruhm und
-Ansehen genießt, ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort,
-nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da
-diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich sind, und sich nur ein
-solches Porträt zu kaufen, das die Unterschrift: _Gestochen von
-Jordanow_ trägt. Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber
-wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich
-statt meines Bildes den Stich: _Die Verklärung Christi_ kaufen wollten,
-einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Ausländern die Krone der
-Radiererkunst darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht.
-
-Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und
-Journalen veröffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und
-ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine
-Seele lade.
-
-
-
-
- II
- Die Frau in der vornehmen Welt
- An Frau ***
-
-
-Sie glauben, Sie können keinen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben. Ich
-bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einfluß der Frau kann sehr groß
-sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder
--unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte
-gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich
-andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Müdigkeit
-bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um
-jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedürfen wir der
-Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz
-plötzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas
-von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen
-wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei
-auf das, was wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen
-Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die Mehrzahl aller
-Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen im Dienst), sowie alle übrigen
-Vergehen, deren man unsere Beamten und die Bürger aller Klassen
-beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach
-lechzen, in der großen und kleinen Welt zu glänzen und zu diesem Zweck
-Geld von ihren Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die
-Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden können, das
-lediglich allerhand idealen Träumereien und nicht den wahren
-eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schöner
-und erhabener sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich auch
-nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden kommen lassen, die sie
-jetzt verüben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und
-Schuldigkeit täten. Die Seele der Frau -- ist für den Mann ein
-schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und
-Ansteckungen behütet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege
-festhält, und eine Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten
-zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der böse Geist
-des Mannes sein und ihn für alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben
-das selbst gefühlt und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn
-bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthält. Jedoch
-Sie sagen: alle andern Frauen könnten ein Feld für ihre Betätigung
-finden, nur Sie allein nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie
-können Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder
-mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -- mit einem Wort, sie können
-überall fördernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für
-sich und wiederholen immer wieder betrübt: »Warum bin ich nicht an ihrer
-Stelle?« Wissen Sie, daß dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute
-will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn
-er an der Stelle eines anderen stünde oder _sein_ Amt bekleidete, und
-als ob er es nur in _seiner_ eigenen Stellung nicht könnte. Das ist der
-Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt darüber nachdenken, wie wir in
-unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken
-können. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an
-die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß sich nur ordentlich
-umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann
-könnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt
-eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum
-liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie veranlassen, aufs Land zu
-gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu
-beschäftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem
-gemeinnützigen Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann
-könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten die treibende Kraft sein,
-die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben
-und Pflichten für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der
-großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen
-jetzt einsamer und öder erscheint als eine menschenleere Wüste! Und
-dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt
-Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie dulden
-und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe
-und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem
-Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße
-hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat,
-seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und können es sich
-nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen
-sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene Mittel verfügen,
-dazu müsse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, daß
-Ihnen schon bei dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr
-werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits
-sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig
-gerade bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist vollkommen
-wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder
-Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von
-alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand
-leisten zu können, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals
-aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts
-unmöglich ist. Erstens sind Sie schön, zweitens sind Sie im Besitz eines
-unbefleckten, von keiner Schmähung und Verleumdung berührten Namens, und
-drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine Macht, die Sie selbst
-nicht in sich vermuten, -- über die Macht der Herzensreinheit. Die
-Schönheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht
-vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen; es ist nicht
-umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit auf alle Menschen den
-gleichen mächtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles
-gleichgültig und gefühllos und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die
-sinnlose Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer
-Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand
-Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl dann, wenn diese Launen
-vernünftig und auf das Gute gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl
-dann eine schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist
-somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine höhere Schönheit
--- den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen
-Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch
-jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet. Wissen Sie, daß
-die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, daß
-ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß
-sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, -- ein Wort zu sagen, --
-nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwählte
-erfreuen, nein überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß in
-Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanständig und
-burschikos klingen würde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr
-Wissen von Ihrer bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart
-nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der schämt sich bereits
-dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur
-einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des
-Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mächtige Waffe. Zu
-alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes
-Streben oder wie Sie es nennen: _einen Durst_ nach dem Guten. Glauben
-Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser
-Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen
-edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine
-Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem häuslichen
-Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken
-gequält, daß Sie dieses Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das
-Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während Sie ringsum
-von soviel Leiden umgeben sind und während jeden Augenblick die
-Nachricht von allerhand Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von
-Hungersnot, Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren
-geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen
-haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all
-der lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele eine solche
-himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes
-Mitgefühl und Mitleid mit ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel
-für sie tun; der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall
-Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre
-Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der
-Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die
-Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden, infolge des
-ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Töne
-entgegen, die einen verwandt berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen,
-und Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von Ihren Lippen
-schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will
-es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu
-ihm spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches
-angenommen, Sie können befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner
-von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße
-Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und Kraftlosigkeit,
-über die Sie so empört sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche
-Schönheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit
-Ihrer ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr
-ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen
-bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten
-Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg
-zurückführen wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr
-Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm
-auf die Lippen zu drängen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit
-flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich
-durch die Erzählungen über die Laster und die Verdorbenheit der
-vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich
-vorhanden, ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben; aber Sie
-sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den
-traurigen Lockungen und Sünden der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich
-nur ruhig mit demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie
-ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefüllt
-ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre
-Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen
-Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fähigkeit,
-Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen
-nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig
-ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr
-Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer
-Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom
-Himmel zu uns herabgestiegen ist -- nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu
-lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter,
-denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und
-wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten
-Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie
-mit Weltleuten über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten
-pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen, worüber Sie sprechen.
-Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die
-den Lippen einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen
-schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton,
-in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn Sie sich im Kreise von
-nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte
-Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her
-verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört, so erscheint,
-als rede er mit den Engeln süße Worte über einen himmlischen
-Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gespräche und Reden sollten Sie in
-die Gesellschaft einführen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- III
- Die Bestimmung der Krankheiten
- Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.
-
-
-Meine Kräfte lassen von Augenblick zu Augenblick nach, aber nicht mein
-Geist. Noch nie fühlte ich mich durch die körperlichen Gebrechen so
-entkräftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, fühle ich eine so
-schreckliche Müdigkeit im ganzen Körper, daß ich mich Gott weiß wie sehr
-freue, wenn der Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu Bett
-gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht übermannt aus: Mein
-Gott, wo ist denn endlich das Ufer, wann kommt das Ende von alledem!
-Wenn man dann aber Einkehr in sich selbst hält und tiefer in sein
-Inneres hineinschaut, dann entströmen der Seele nur noch Tränen und
-Worte des Dankes. O wie sehr bedürfen wir der Leiden! Von dem vielen
-Guten und Nützlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich nur auf
-eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich will, ich bin doch besser
-geworden, als ich früher war; wenn diese Krankheiten und Leiden nicht
-gewesen wären, so hätte ich gewiß geglaubt, daß ich schon ganz so sei,
-wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal davon reden, daß
-die Gesundheit, die uns Russen immer dazu reizt, über den Strang zu
-schlagen, und den Wunsch in uns rege hält, unsere Vorzüge vor anderen
-Leuten zur Schau zu stellen, mich dazu veranlaßt hätte, tausend
-Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken geistiger
-Frische, die mir die Güte des Himmels schenkt, und während der
-schlimmsten Qualen zuweilen unendlich viel schönere und bessere
-Gedanken, als ich sie früher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, daß
-jedes Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer sein wird,
-als alles Frühere. Hätten mich diese schweren und qualvollen Leiden
-nicht heimgesucht, wie hochmütig wäre ich da wohl geworden, für einen
-wie bedeutenden Menschen hätte ich mich gehalten! Wenn ich jedoch jeden
-Augenblick fühle, daß mein Leben an einem Haar hängt, daß meine
-Krankheit plötzlich meinem Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht,
-ein Ende bereiten könne, daß der ganze Nutzen, den meine Seele so innig
-zu bringen wünscht, nur ein ohnmächtiger Wunsch bleiben und nie
-Erfüllung werden wird, daß ich nie mit den Talenten, die mir Gott
-verliehen hat, wuchern, und daß ich verdammt werden würde, wie der
-schlimmste Verbrecher -- wenn ich dies alles fühle und erkenne, so füge
-ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich der göttlichen
-Vorsehung für meine Krankheit danken soll. Daher sollten auch Sie jedes
-Leiden mit Ergebung hinnehmen, in dem Glauben, daß es notwendig ist.
-Bitten Sie Gott nur um eins: daß Ihnen die wunderbare Bestimmung dieses
-Leidens und die ganze Tiefe seiner großen Bedeutung aufgehe.
-
- 1846.
-
-
-
-
- IV
- Etwas über die Bedeutung des Wortes
-
-
-Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an
-Chrapowizky las:
-
- »Mag der Satiriker die Worte schmähn,
- Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt«,
-
-sagte er: »Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind
-bereits seine Taten.« Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des
-Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch
-in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und
-bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit, Unüberlegtheit oder
-Übereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch
-jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich
-bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat,
-indem er die Schuld auf seine beschränkten Verhältnisse, auf seine Frau,
-oder auf Krankheiten in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer
-genug Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät plötzlich in
-schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer
-schuld daran war, daß der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes
-und Albernes gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter und
-unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer
-seine Hand geführt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem
-Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner
-Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf
-Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage
-Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie
-richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch
-ein Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen
-andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten Ämtern und
-Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur
-darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest. Zu alledem
-ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte,
-einen größeren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich
-anspornten und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind und
-wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu
-gehört, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte
-sich vielleicht noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein
-Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, daß er nicht
-wenigstens die größere Hälfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hälfte
-seiner Oden ist höchst merkwürdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch
-so über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen und
-Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hälfte seiner
-Oden getan hat. Wie wenn er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner
-eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen
-schön und frei klingt, so durchwärmt ist von der inneren Kraft eines
-geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was
-das schlimmste ist, -- all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze
-Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden)
-finden sich hier wieder, aber sie wirken hier bloß komisch und erzeugen
-einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und
-ihn überdies noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen
-heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele
-zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle, bloß weil sie den
-Eindruck haben, daß diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und
-seelenlos ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind über
-seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und über die
-Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, für die er
-eintrat! Und dies bloß darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er
-dem Feuer hätte übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende
-Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller
-entdeckt, veröffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es
-sich gründlich zu überlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre
-gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede
-der Journalisten: »Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns
-dankbar sein für die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von
-einem großen Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse« und
-dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender
-Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese
-kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose
-Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns
-nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was wirklich
-heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger muß
-man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und
-Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht
-soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder _die_ Propheten Gottes,
-die noch nicht genügend für ihr Amt vorbereitet waren und sich
-erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden. Man muß
-redlich mit dem Worte umgehen: es ist die höchste Gabe, die Gott den
-Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick
-ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß leidenschaftlicher
-Verirrungen, des Ärgers, des Zornes oder einer persönlichen Abneigung
-steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie
-gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und
-Ekel einflößen, und in solchen Fällen kann man selbst beim reinsten
-Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund P***
-kann als Beweis dafür dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum
-bemüht, _seinen Lesern sofort alles mitzuteilen_, sie von allem in
-Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu überlegen, ob
-ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch genügend ausgereift war, um
-auch allen andern vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort --
-er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und
-Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und
-schöne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von
-ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an
-ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der
-Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig
-Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise,
-sein ganzes Leben hindurch war er bemüht, alles eiligst an den Mann zu
-bringen, was sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und
-Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafür
-gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jüngling begegnet, der erklärt
-hätte, er schulde ihm Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm
-aufgesteckt, oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm
-eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte ihn oft verteidigen und für
-die Reinheit seiner Absichten und für die Aufrichtigkeit seiner Worte
-gegenüber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen
-können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu überzeugen, weil er es
-verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich
-ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er vom
-Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn, daß es den Anschein
-hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er
-von der Liebe zum Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und
-wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich so, daß man
-nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei herauszuhören meint.
-Seiner aufrichtigen ungekünstelten Empörung über jede Bestrebung, die
-Rußland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte
-Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf
-Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr
-für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: »Ein faules
-Wort gehe nie aus eurem Munde.« Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden
-von uns bezieht, um wieviel mehr muß es für die gelten, deren Reich --
-das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schönen und Hohen zu
-reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen
-geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von
-faulen Dingen. Alle großen Erzieher der Menschheit haben _denen_, die
-die Gabe des Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen
-auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in
-ihnen der Wunsch am stärksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn
-ihre Seele den Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches zu
-sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann, was man erhöhen will,
-und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verräterin wird. »Leg'
-Tür und Riegel deinem Munde auf«, sagt Jesus Sirach: »Du verzäunest
-deine Güter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tür
-und Riegel? Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht
-auch deine Worte auf der Goldwage?«
-
- 1844.
-
-
-
-
- V
- Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen
- An L**
-
-
-Ich freue mich, daß man bei uns endlich mit dem öffentlichen Vortrag der
-Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur
-schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort soll man
-verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stücke
-aus meinen Erzählungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht,
-daß solche öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind. Wie
-es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn
-wir allein sind, sind wir alle träge, und solange wir sehen, daß sich
-die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden
-tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwätzer,
-die über die Macht der Rede verfügen und die sich in den Gerichtssälen
-und Parlamenten hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die
-die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu _fühlen_. Eine Empfindung
-mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu
-eine Leidenschaft, die um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie
-sich nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen ist eine
-ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt die Ausbildung von
-Rezitatoren; sie ist wie geschaffen für den kunstvollen Vortrag, da sie
-über alle Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom Erhabenen
-zum Einfachen in ein und derselben Rede ermöglicht. Ich glaube sogar,
-daß die öffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel
-ersetzen werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen, wie
-sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt würden, die es wirklich
-verdienen, öffentlich vorgetragen zu werden, so daß es auch den
-Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mühe und Arbeit auf die
-Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es
-nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß durchaus
-etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies
-wegen seiner großen Vorliebe für alles Neue. Alle diese neuen
-Erzählungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend
-genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an
-unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in
-langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der
-Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum
-so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel über sie
-geredet, sie ausführlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber
-diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der
-Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur
-das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen
-Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so
-daß die Persönlichkeit jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und
-widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr ein klares Bild
-davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist.
-Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter
-vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von einem Redner
-übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks,
-das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger
-Jüngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem
-Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie, eine Komödie, eine Ode
-und wer weiß was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches
-Gedicht wie es sich gehört vorzutragen -- das ist durchaus keine
-Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten. Man muß das hohe
-Gefühl, das die Seele des Dichters erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen;
-man muß jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst
-dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird
-keineswegs laut und lärmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein.
-Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden
-wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen, die ein Zeugnis
-für seine echte innere Rührung ist. Diese Kraft wird sich allen
-mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie
-ergriffen wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag unserer
-Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren
-Dichtern gibt es viel Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen,
-sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem
-gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere
-hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich weiß
-nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der öffentlichen
-Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr
-schön. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in
-Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrünsten,
-Krankheiten und allerhand Mißgeschick zu leiden haben. Wie würden sich
-die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn
-ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht würde!
-
- 1843.
-
-
-
-
- VI
- Wie man den Armen helfen soll
- Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa.
-
-
-Ich komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die Torheit der (Petersburger)
-Jugend, die auf die Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und
-Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren, während in
-Rußland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist
-weder Dummheit noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht einmal
-Leichtsinn -- es ist eine Folge der menschlichen Gleichgültigkeit, die
-ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und
-Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in
-einer großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der
-Provinz, und nicht vor unseren Augen -- da liegt des Rätsels Lösung, und
-das erklärt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für einen
-Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu
-erfreuen, würde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er
-zufällig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der
-Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in
-Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von
-Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu
-geben. Aber gerade für die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern
-bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß
-seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird, der
-sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flüssigkeit, die man in
-der hohlen Hand trägt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren
-Bestimmungsort gelangt -- und der Notleidende bekommt nichts zu sehen,
-als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist's, was
-zuerst überlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt.
-Hierüber wollen wir später miteinander reden, weil das durchaus keine
-unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie in verständiger
-Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam überlegen, wo
-zuerst und vor allem geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie
-solchen Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten
-Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in
-einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine
-Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund
-abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer
-gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner
-einzigen Stütze beraubt hat -- mit einem Wort um jeden plötzlichen
-Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male über einen Menschen
-hereinbricht, der gar nicht an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am
-Platze. Dabei aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft
-christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in einer
-Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts
-Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst gründlich über die ganze Lage
-des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat
-und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben
-einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe
-erwachsen. Der Wert der Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird,
-kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen
-beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen, was der Mensch verloren
-hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der
-Russe ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß er mit dem
-wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben führen
-kann, wie früher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf
-einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm für längere Zeit
-einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen Sie ihn belehren, wie er
-sich mit dem, was ihm durch Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner
-Lage heraushelfen kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung des
-Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt ward, auf daß er
-sein früheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie früher, gleichsam
-ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden
-ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen
-Charakter und seine Lebensverhältnisse näher kennen lernen werden. Und
-er wird Sie verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher; sein
-Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt mehr Verständnis für Dinge,
-die die Begriffe eines Menschen übersteigen, der in alltäglichen
-gewöhnlichen Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in
-ein Stück warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten
-wäre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung
-eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde. Nur ein
-Priester ist imstande, den Menschen über den tiefen heiligen Sinn eines
-Unglücks aufzuklären, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf
-dieser Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer
-ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern wohnt, stets eine Stimme
-aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein früheres Leben
-aufzugeben und von Grund aus zu ändern.
-
- 1844.
-
-
-
-
- VII
- Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee
- An W. M. Jasykow.
-
-
-Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen. Die Odyssee
-ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk
-von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber nur eine Episode. Die
-Odyssee umfaßt die gesamte antike Welt, das öffentliche und das
-häusliche Leben, alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren
-Beschäftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe
-schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält oder was von ihr
-übergangen wäre. Während mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der
-Antike und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende Quelle
-gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff für eine unzählige Menge von
-Tragödien und Komödien; und dies alles machte die Runde durch die Welt
-und wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst vergessen
-wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde
-in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der
-Umstand schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine
-künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte,
-teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um
-all die unendlichen kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge im
-allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte
-es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfräulich unberührten
-Geschmack begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen Homer
-innerlich zu verstehen und nachzuempfinden.
-
-Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste und vollkommenste
-aller europäischen Sprachen übersetzt.
-
-Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam nur die
-Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte seine Verskunst an Übersetzungen
-von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um
-fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden -- sein Ohr
-mußte der Leier aller Völker lauschen, um so feinhörig zu werden, daß
-ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mußte
-auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine
-Landsleute zu ästhetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher
-Liebe zu Homer zu zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers
-selbst vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie stimmte und
-ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk
-nachzudichten, das einer solchen ebenmäßigen Harmonie und Ruhe
-entsprungen ist, er mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum
-Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung
-anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen
-hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen mußten
-erfüllt werden, damit die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer
-sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das _lebendige
-Wort_ entgegenklingen und ganz Rußland Homer als etwas Verwandtes und
-Vertrautes aufnehmen konnte.
-
-Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist
-keine Übersetzung, sondern eher eine Neuschöpfung, eine Restauration,
-eine Auferstehung Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das
-Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original. Der Übersetzer ist
-gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich
-gewissermaßen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser
-gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch klarer und bestimmter
-hervortreten läßt.
-
-Meiner Überzeugung nach haben sich heute die Verhältnisse wie mit
-Absicht so gestaltet, daß das Erscheinen der Odyssee in unserer Zeit
-geradezu zur Notwendigkeit werden mußte: in der Literatur wie überall
-sonst -- macht sich eine gewisse Kühle, ein Nachlassen des Interesses
-bemerkbar. Eine Müdigkeit hat die Menschen ergriffen, man begeistert
-sich nicht mehr und man ist nicht mehr enttäuscht. Selbst die
-krampfhaften und krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem
-Einschlag aller möglichen unverdauten Ideen, wie sie uns als Folge
-politischer und anderer Gärungen angeflogen sind, sind sehr im
-Niedergang begriffen, nur die ewig nachhinkenden Leser, die daran
-gewöhnt sind, sich an die Schleppe der führenden Journalisten zu hängen,
-lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in ihrer Einfalt zu
-bemerken, daß die vorangehenden Leithämmel schon längst sinnend und
-nachdenklich stehen geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin
-sie ihre umherirrenden Herden führen sollen. Mit einem Wort, jetzt ist
-eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines edlen, in all seinen Teilen
-formvollendeten Werks, das das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit
-und Klarheit widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und der Hauch
-einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von unendlicher Bedeutung
-sein kann.
-
-Von der Odyssee wird eine große Wirkung _auf uns alle_ und _auf jeden
-einzelnen von uns_ ausgehen.
-
-Sehen wir einmal zu, was für eine Wirkung sie auf _uns alle_ ausüben
-kann. Die Odyssee ist das Werk, das alle notwendigen Voraussetzungen
-dafür enthält, ein Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke
-gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die von einem Märchen
-ausgeht, und die schlichte Wahrheit menschlicher Erlebnisse, die auf
-jeden Menschen, er mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausüben.
-Edelleute und Bürger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, einfache
-Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei Geschlechts, von jener Altersstufe
-an, wo die Kinder Freude an Märchen zu bekommen pflegen -- sie alle
-werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen -- ein
-Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders wenn man bedenkt, daß die
-Odyssee zugleich ein wahrhaft moralisches Werk ist und daß der alte
-Dichter sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen der
-damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen Bildern darstellen
-wollte.
-
-Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verführerisches für unser
-Volk. Unser Volk ist klug, es weiß sich selbst solche Dinge, die die
-gescheitesten Leute in Verlegenheit bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu
-deuten und zu erklären. Es wird aus alledem nur dies eine entnehmen: wie
-schwer es für den Menschen ist, allein und ohne Hilfe von Propheten und
-höherer Offenbarungen zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen,
-welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von Seinem wahren Wesen
-macht, wenn er die Einheit und die eine Allkraft in eine Vielheit von
-Kräften und Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal über die alten
-Heiden lachen, weil es sie für gänzlich unschuldig halten wird: zu ihnen
-sprachen keine Propheten, Christus war noch nicht geboren, Apostel gab
-es damals noch nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen
-beim Gedanken, daß es mit geringerem Eifer zu Gott betet und seine
-Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfüllt, als die alten Heiden,
-obwohl es den wahren Gott in Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es
-Sein geschriebenes Gesetz stets in Händen hat und in seinen Beichtvätern
-Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz auslegen. Das Volk wird
-verstehen, warum der Höchste auch dem Heiden um seines guten
-Lebenswandels und seines inbrünstigen Gebets willen Seinen Beistand
-lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt eines Poseidon,
-Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris und der ganzen Schar von Göttern,
-die die lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete und zu
-ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird den Polytheismus beiseite
-lassen und sich nur das aus der Odyssee aneignen, was es sich daraus
-aneignen soll, d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist
-ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, um
-dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er wird daraus die Lehre
-ziehen, daß dem Menschen überall und auf jedem Gebiet viel Unglück
-bevorsteht, daß er dagegen ankämpfen muß -- denn nur dazu ward dem
-Menschen das Leben gegeben -- daß er niemals verzagen darf, wie Odysseus
-nie verzweifelte, der sich in schweren Stunden der Not stets an sein
-Herz wandte, ohne zu ahnen, daß er schon durch diese Wendung an sein
-eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet erschuf, das
-sich jedem Menschen, auch dem, der nicht einmal einen Begriff von Gott
-hat, auf die Lippen drängt. Das ist das _Allgemeine_, der lebendige
-Geist ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf alle
-machen muß, noch ehe sie entzückt und ergriffen sein werden von ihren
-dichterischen Vorzügen: der Wahrheit der Bilder und der Lebendigkeit der
-Schilderungen; noch ehe andre bewundernd staunen werden über die antiken
-Schätze, die sich hier vor ihnen auftun und die in all diesen
-Einzelheiten weder von der Skulptur, noch von der Malerei, noch von den
-antiken Denkmälern im allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder
-andre verwundert dastehen werden über die unglaubliche Kenntnis aller
-Windungen und Falten der menschlichen Herzen, die alle offen dalagen vor
-dem blinden Sänger, der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen
-werden über den tiefen staatsmännischen Blick, die große Beherrschung
-der schweren Kunst der Menschenleitung und -regierung, die der göttliche
-Alte gleichfalls besaß, er, der ein Gesetzgeber seines eigenen und der
-kommenden Geschlechter war -- mit einem Wort, noch ehe sich jemand je
-nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschäftigung, seinen Neigungen,
-Liebhabereien und seiner persönlichen Eigenart für irgendeine Einzelheit
-in der Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, weil sich
-dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres Wesen einem jeden mit so
-greifbarer Deutlichkeit aufdrängt, wie es in keinem andern Werk mit
-ähnlicher Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und alles
-beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, wie lebendig, wie
-farbig alle Episoden sind, deren jede beinahe die Grundidee zu
-überstrahlen, in den Hintergrund zu drängen imstande ist.
-
-Warum aber müssen das alle so deutlich empfinden? Darum, weil es dem
-alten Dichter so tief aus der Seele dringt. Man sieht förmlich auf
-Schritt und Tritt, wie er das, was er für alle Zeiten im Menschen
-befestigen und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schönheit
-der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, was an den
-Volkssitten gut und lobenswert war, zu erhalten und zu kräftigen, wie er
-bemüht war, den Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was in
-ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen kann -- in jedem seiner
-Helden den Menschen ein Muster und Beispiel für jeden Beruf und Stand zu
-hinterlassen und allen zusammen in seinem unermüdlichen Odysseus ein
-ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher Tätigkeit aufzustellen.
-
-Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht vor der
-Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten und noch wenig
-entwickelten Regierungsgewalt, diese jungfräuliche Schamhaftigkeit der
-Jünglinge, diese Güte und diese Milde der Greise, diese herzliche
-Gastfreundschaft, dieser Respekt, man möchte fast sagen, diese Ehrfurcht
-vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, dieser Glaube, daß kein
-guter Gedanke im Hirne der Menschen entspringt, ohne den souveränen
-Willen eines höheren Wesens, daß der Mensch aus eigener Kraft nichts zu
-erreichen vermag -- kurz alles, jeder kleinste Zug in der Odyssee kündet
-von dem inneren Wunsche dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der
-alten Welt ein lebendiges und vollständiges Gesetzbuch zu hinterlassen,
-zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber noch Stifter von
-Rechtsordnungen gab, als noch die Beziehungen unter den Menschen durch
-keine geschriebenen Bestimmungen oder bürgerlichen Rechte geregelt
-waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wußten, ja nicht einmal
-ahnten und als allein der göttliche Greis alles sah, hörte, erkannte und
-ahnte -- ein blinder Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen
-eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren Auge, das die
-Menschen nicht besitzen.
-
-Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjähriger Überlegungen unter der
-Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes versteckt! Es ist fast, als
-hätte er alle Menschen zu einer Familie versammelt und säße nun mitten
-unter ihnen, wie der Großvater unter seinen Enkeln, der gelegentlich
-selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und Mutwillen zu treiben,
-und als trage er nun treuherzig seine Erzählung vor, nur darum besorgt,
-niemand zu ermüden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen
-zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf Windesflügeln durch die ganze
-Welt zu tragen, auf daß sich alle spielend aneignen, was dem Menschen
-durchaus nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf daß sie
-unmerklich davon kosteten und sich davon erfüllten, was er während
-seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit an Schönstem und Bestem gesehen
-und erfahren hat. Man könnte das Ganze beinahe für eine ohne jede
-Vorbereitung dahinfließende Erzählung halten, wenn sich einem nicht
-nachträglich, nach einer aufmerksamen Analyse die wunderbare Kunst des
-Baus -- des Ganzen sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthüllte.
-Wie dumm sind doch die superklugen deutschen Gelehrten, die den Gedanken
-aufgebracht haben, Homer sei ein Mythos und all seine Werke seien
-Volksgesänge und Rhapsodien.
-
-Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung die Odyssee auf
-_jeden einzelnen von uns_ ausüben kann. Zunächst wird sie auf unsere
-Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem
-Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den
-Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere
-zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen
-wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver
-ungekünstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke
-bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch
-ruhigem Gleichmaß unsere Rede dahinfließen muß. Sie wird allen unseren
-Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser
-ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder
-vergessen: daß wir nämlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis
-sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat,
-daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen und in seinem
-Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine noch stärkere Wirkung als auf die
-Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die
-Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem
-Gymnasium sind oder auf der Universität studieren, ihr künftiges
-Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die
-Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem
-unnötigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich
-ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben haben.
-
-Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den Geschmack und die
-Entwicklung des ästhetischen Gefühls ausüben. Sie wird einen frischen
-Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse
-Müdigkeit bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke
-unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in
-ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, läßt die literarischen
-Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das
-Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und
-tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum
-ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten
-läßt, wie die Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die
-Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die Bemerkungen und
-Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften
-mehrere Jahre lang beschäftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil
-davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend
-sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, muß man viel lesen, sich über
-vieles neu orientieren, viel erlebt und über vieles nachgedacht haben;
-ein hohler und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum etwas zu
-sagen wissen.
-
-Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski
-gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem
-unserer Schriftsteller, in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja
-nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im Ausdruck, in ihren
-Wendungen noch schärfer und genauer sind, als jener, hat die russische
-Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht.
-Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in sämtlichen
-Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die
-bei jedem andern matt und dunkel wirken würden, und andererseits
-wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen
-klingen und der Rede etwas Herbes, Gefühlloses verleihen würden, stehen
-bei Schukowski so brüderlich zusammen, alle Übergänge und der
-Zusammenstoß der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut,
-alles fließt so in eins zusammen und läßt die schwerfällige Masse des
-Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, daß man den Eindruck hat, als
-hätten der Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt;
-sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der Übersetzer
-völlig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner
-ganzen majestätischen Größe vor unseren Augen, und wir hören die hehren,
-gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen,
-sondern deren Bestimmung es ist, -- ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt
-werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes
-Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten
-Wort seine hohe Würde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen
-richtigen Platz anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen
-Bestimmung es ist, in den Händen aller zu sein und von allen genossen zu
-werden -- das ein geniales Werk ist, diese äußere Wohlgestalt und dieser
-äußere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten:
-hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und wird von jedem
-bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkörnchen sehr richtig mit
-Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach
-herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt und
-strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese
-Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie
-in einem unsauberen unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken
-würde.
-
-Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde derer, die sich mit der
-Wissenschaft beschäftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft
-studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der
-antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das
-finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch
-der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren
-Augen, als hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen.
-Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu
-allen Tageszeiten: wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er
-beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet,
-wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht
-und die Jünglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das
-kleinste Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen
-werden, bis zum Riemenriegel an der Tür -- alles steht noch frischer und
-lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji.
-
-Und endlich bin ich sogar der Ansicht, daß von dem Erscheinen der
-Odyssee eine Wirkung auf den heutigen Geist unserer Gesellschaft im
-allgemeinen ausgehen wird. Gerade in unserer Zeit, wo durch den
-geheimnisvollen Willen der Vorsehung überall ein schmerzlicher Schrei
-der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der Unzufriedenheit
-mit allem, was es auf der Welt gibt, mit den Zuständen, mit der Zeit,
-wie mit uns selbst, wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns
-unser moderner bürgerlicher Geist und die Aufklärung emporgehoben haben,
-verdächtig zu werden beginnt, wo sich bei jedem ein unbewußtes Sehnen
-fühlbar macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, ein Sehnen,
-das vielleicht aus der edlen Quelle, dem Wunsche, besser zu sein,
-entspringt; wo durch die törichten Losungen und durch die übereilte
-Verkündigung neuer ganz unklar erfaßter Ideen hindurch sich ein
-allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer dunkel ersehnten Mitte
-zu nähern, das wahre Gesetz unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie
-das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit muß die Odyssee
-durch die patriarchalische Größe des antiken Lebens, durch die
-unkomplizierte Einfachheit der das öffentliche Leben bewegenden
-Triebfedern, durch die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts
-abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. Aus der
-Odyssee wird unserem neunzehnten Jahrhundert ein starker Vorwurf
-entgegentönen, und dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in
-sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut machen wird.
-
-Was kann zum Beispiel einen stärkeren Eindruck machen, als der Vorwurf,
-den wir in unserer Seele vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike
-Mensch, mit seinen geringen Werkzeugen, bei der großen Unvollkommenheit
-seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu stehlen, Rache zu üben,
-seine Zuflucht zu List und Tücke zu nehmen, um den Feind zu vernichten,
-mit seiner rebellischen, harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur und
-seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch die bloße Erfüllung
-der von den Vorfahren ererbten Sitten und Gebräuche -- die nicht umsonst
-von den alten Weisen eingeführt und festgesetzt worden waren, und die
-nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom Vater auf den Sohn vererbt
-wurden, -- wenn wir sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden
-hat, durch bloße Erfüllung dieser Sitten seinen Handlungen eine gewisse
-strenge Form, ein gewisses Ebenmaß, ja sogar eine gewisse Schönheit zu
-verleihen, so daß alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes seiner
-Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der Faltenwurf seines Gewandes
-Größe und Würde atmete, und daß man in ihm wirklich den göttlichen
-Ursprung des Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all unseren
-gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, mit der Erfahrung
-aller Jahrhunderte, mit unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit
-unserer Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, damit wir
-heilige und göttliche Menschen werden -- wir haben es mit all diesen
-Mitteln zu nichts gebracht, als zu einer gewissen inneren, wie äußeren
-Unordnung, Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wußten nichts aus uns zu
-machen, als traurige, halbe, zerstückelte und kleinliche Menschen, vom
-Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu unserer Kleidung, und zu alledem sind
-wir uns gegenseitig so zuwider geworden, daß keiner den andern mehr
-achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen
-Menschenachtung reden.
-
-Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an ihrer europäischen
-Vollkommenheit Leidenden und Krankenden eine starke Wirkung ausüben. Sie
-wird sie an vieles Kindlich-Schöne erinnern, das uns leider verloren
-gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern muß, als ihr
-rechtmäßiges Erbe. Viele werden zum Nachdenken über manche Dinge
-angeregt werden. Zugleich aber wird vieles aus den alten
-patriarchalischen Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind,
-sich unsichtbar über das russische Land verbreiten. Der Wohlgeruch
-atmende Mund der Poesie vermag unserer Seele manches einzuhauchen, was
-ihr weder mit Gewalt, noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt
-werden kann.
-
-
-
-
- VIII
- Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit.
- Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.
-
-
-Sie beunruhigen sich unnötigerweise wegen der Angriffe, die heute in
-Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit
-der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen
-Sie, daß unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine würdige
-überlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter
-die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflächliche,
-ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche
-hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie
-erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere
-Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht müßig da. Ich
-weiß genau, daß im Innern unserer Klöster und in der Stille unserer
-Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung
-unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer, gerade diese Männer
-tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich
-nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand
-erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem Gebet
-und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und
-alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus
-ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Höhe himmlischer
-Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß,
-wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu
-behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht
-genügen, um einen römischen Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere
-Kirche muß in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte.
-Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns muß ihre Wahrheit
-verkündigt werden. Man sagt, daß es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt,
-aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben.
-Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß zu diesem
-falschen Satz gelangt: -- Wir selbst nämlich sind tot, sind Leichen, und
-nicht die Kirche, und nach _uns_ nennt man unsere Kirche einen Leichnam.
-Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine Antwort sollen
-wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: »Hat die Kirche euch
-denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich
-gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?« Was sollen wir hierauf
-antworten, wenn wir es plötzlich tief im Innern fühlen, wenn das
-Gewissen es uns sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche
-hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie nicht einmal jetzt
-ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem
-Wert und bemühen uns nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern
-wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn
-des Hauses, er möge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein
-Haus birgt, und der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich
-befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in
-ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche
-Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren
-kleinsten äußeren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen
-Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fähig ist,
-alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lösen, sie, die angesichts
-des ganzen Europa das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen
-vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter und Berufe
-veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne
-den Staat in irgendeiner Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland
-groß und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefügte
-harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es
-bisher nur Schrecken verbreitete, -- diese Kirche ist uns bisher ganz
-unbekannt! Diese für das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer
-nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht.
-
-Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen.
-Das hieße sie herabsetzen. Für uns gibt es nur eine Art der Propaganda
--- unser Leben selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche
-verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als _Leben_, durch den
-reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre Wahrheit verkünden. Mögen die
-Missionäre des römischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit
-den Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit
-schnell trocknenden Tränen begleiten. Der Verkünder des griechischen
-Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen
-Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der
-ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der
-alle weltlichen Wünsche erstorben sind, alles erschüttert wird, noch ehe
-er erklärt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu
-ihm spricht: »Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne daß
-du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche.«
-
-
-
-
- IX
- Über denselben Gegenstand
- Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.
-
-
-Die Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig Autorität und Bedeutung
-hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht
-versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so töricht, wie
-die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer
-Kirche an jeder Berührung mit dem Leben gehindert und durch die
-Regierung in ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer
-Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen
-strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wäre
-nicht gut, wenn unsere Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an
-unseren täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen teilnähmen oder sich
-in unsere Familienangelegenheiten mischen würden. Der Geistliche ist
-vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde
-sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien kommen, die man
-den römisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die
-römisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und
-korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit
-hat zwei Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf denen sie
-mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden
-Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jährlich
-Gelegenheit zur Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten
-jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. Und wenn der
-Priester es nur verstände, angesichts des vielen Häßlichen und Bösen,
-das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und
-sich's gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie er so zu den
-Menschen reden solle, daß jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen
-dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mächtige
-Worte dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen mit
-uns nie gelingen würde. Er muß von einem erhöhten Platz zu dem mitten im
-Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck
-gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der
-sie alle beide hört, und daß von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch
-ausgeht, der beide mit ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist
-sogar gut, daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung
-von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch ihre Kleidung, die
-keinerlei Wandlungen und Launen unserer törichten Mode unterworfen ist,
-von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. Das
-ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert übernommenes Rokoko,
-das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende
-Kleidung der römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen
-tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der
-_Heiland selbst_ getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner
-Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an _Den_ mit sich führen, dessen
-Abbild er für uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen
-Augenblick vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und den
-nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal
-strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns;
-daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß sie
-gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch
-jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er überhaupt nur
-bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen.
-Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen
-einläßt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen
-sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die
-ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und
-nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint,
-darstellen können. Der Priester muß auch Zeit für sich selbst haben, er
-muß an sich selbst arbeiten können. Er muß sich ein Beispiel an unserem
-Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er
-sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den
-Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge
-Köpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der Welt
-herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese
-Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben
-lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen
-sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die Welt erzogen,
-sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der
-Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge
-verborgen: suche zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du
-_ihn_ erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel auch die Seelen
-aller anderen aufschließen.
-
-
-
-
- X
- Über das Lyrische bei unseren Poeten
- An W. A. Schukowski
-
-
-Laß uns von dem Aufsatz sprechen, über den das Todesurteil gefällt ist,
-d. h. von dem Aufsatz, der die Überschrift: »_Über das Lyrische bei
-unseren Poeten_« trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil! So ward ich
-denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer
-und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt
-geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen »Sowremennik«
-meine Betrachtungen über unsere russischen Dichter zu senden; und nun
-hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung
-preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet,
-während mich die andern alle anfeuern und ermuntern; weiß ich doch
-selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich
-nur auf meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du meinen
-Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich
-daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe,
-von gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten meine
-Gedanken und Betrachtungen über die Literaten. Hier kommt alles, was ich
-schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich
-bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken und
-niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe,
-sondern auch mit dem Herzen erahne und erfühle. Der Kern meines
-Aufsatzes ist vernünftig und richtig, und doch habe ich mich so
-ausgedrückt, daß jeder meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert.
-Ich muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt
-etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt -- es ist dies jenes
-Etwas, das an die Bibel gemahnt, -- jene höhere Art Lyrik, die nichts
-gemein hat mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere
-Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph geistiger
-Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und
-Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik
-überall da entgegen, wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur
-an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der Prophet, oder sogar
-an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode
-veröffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du
-wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft, ja sogar
-über sich selbst hinauswächst, wenn er an etwas Höheres rührt. Ich
-möchte hier eines seiner Jugendgedichte »Der Genius« als Beispiel
-anführen. Es ist übrigens nicht lang.
-
- Einst stürmte der Prophet, der hohe,
- Mit Blitz und Donner himmelwärts,
- Und eine mächt'ge Feuerlohe
- Erfüllte da Elisas Herz.
-
- Es reckte sich sein Geist empor;
- Ein heiliges Gefühl erblühte
- In ihm, der vor Begeistrung glühte,
- Und Gottes Stimme lauscht' sein Ohr.
-
- So wird der Genius mit Beben
- Sich eigner Größe froh bewußt,
- Sieht er den Bruder aufwärts streben
- Mit Donnerlaut aus Erdendust.
-
- Und hehrer Wundertat entgegen
- Die Kräfte reifen neu erwacht,
- Und seiner Werke hoher Segen
- Strahlt sternengleich durch Weltennacht.
-
-Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Größe! Ich suchte
-das dadurch zu erklären, daß unsere Dichter jeden großen Gegenstand in
-seinem richtigen Zusammenhang mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit
-Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt, weil die russische
-Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus
-irgendeinem Grunde ganz von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich
-zwei Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so
-nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist --
-_Rußland_. Bei dem bloßen Klang dieses Namens erhellt sich plötzlich das
-Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn
-herum größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu höherer Würde
-und Größe empor, und erhebt er sich hoch über den gewöhnlichen Menschen.
-Das ist mehr als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene die
-Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafür sind unsere
-Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen können
-einem Rußland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Rußland
-spricht -- dann fühlt man eine übernatürliche Kraft durch seine Adern
-rinnen, man ist gleichsam ganz erfüllt von der Größe Rußlands. Die
-Vaterlandsliebe allein hätte -- gar nicht erst zu reden von Dershawin --
-nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen, feierlichen
-Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Rußland
-redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie
-Stephan Batorius gegen Rußland in den Krieg zieht.
-
- Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht,
- Schon eilt er, seine ganze Macht
- Zu einer Heerschar zu verdichten,
- Um, wenn er Pskow den Tod gebracht,
- Rußland für immer zu vernichten!
- Doch du, o heil'ges Vaterland,
- Du hehre Liebe unsrer Ahnen,
- Du riss'st das Schwert aus seiner Hand.
- Nicht siegten diesmal seine Fahnen.
-
-Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar
-unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rußlands verbindet,
-entspringt daraus, daß der Gedanke unbewußt an die höchste Vorsehung
-rührt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes
-zum Ausdruck kommt. -- Außer der Liebe aber ist hieran auch noch das
-tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge beteiligt, die sich durch
-Gottes Willen auf jenem Stück Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde,
-das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung
-eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst noch nicht für alle
-sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr
-der Poesie, das alles hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im
-_Samen_ die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen
-allmählich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie
-drücken sich so unklar aus, daß ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du
-hast unrecht, wenn du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom
-Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft spricht, einer
-Modeströmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren
-Köpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden,
-ohne zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder sind -- das ist
-alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten:
-von diesen war gewöhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in
-das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern
-werden viel Unnützes und Überflüssiges zusammengeredet haben, trotzdem
-aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die
-Auserwählten klar und verständig auszusprechen wußten; sonst hätte das
-Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch
-England, noch Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien
-und künden nicht von sich selbst, warum tut dies Rußland allein? Nun,
-weil Rußland es deutlicher fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an
-allem teilhat, was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es ein neues
-Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen Töne bei unseren Dichtern.
-Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen,
-und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen
-noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen. Und hier darfst du nicht
-mit mir streiten, mein herrlicher Freund.
-
-Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen, an dem sich die
-Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge
-erhebt, von dem hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken.
-Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie
-schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene,
-königliche Note verliehen. Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber
-brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem,
-nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher Gedanken
-und Erwägungen fähig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und
-den Wunsch, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, suchen, und werden
-diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener
-Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist,
-der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins
-verweilen, in denen er den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger
-Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit
-Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht, die den Augen --
-nicht nur der Russen -- nein auch gefühlloser Wilden, die an den
-äußersten Enden seines Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen
-Berührung mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige Hand des
-Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem
-Ausdruck emporgehoben, daß selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden
-sollte, der für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim Lesen
-dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von
-tiefer Rührung über die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden würde.
-Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen
-Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an
-Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne
-Rührung lesen, in denen der Dichter davon spricht, daß, wenn seine
-Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur
-deshalb geschehen werde,
-
- Weil ich die Kaiserin besang,
- Der Reußen Zarin, welcher keine
- Je gleichkommt auf der weiten Welt.
- Des rühme, rühm' dich, meine Leier.
-
-Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum
-ohne aufrichtige seelische Erschütterung lesen:
-
- Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder;
- Das Alter raubte mir die Lieder.
- -- -- -- -- -- -- -- -- ... Bald
- Ertönt der andern Lied, wenn meins verhallt,
- Und meiner Hand entsinkt die Leier;
- In andern glühe nun das Feuer,
- Mit dem drei Zaren einst mein Sang
- Zu Ruhm und Preis erklang.
-
-Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird nicht lügen. Während
-seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt
-und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis
-übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht.
-Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Daß sie im ganzen
-Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der
-Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich
-vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte des Problems. Der
-ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne
-sich vorher Rechenschaft über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu
-haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner
-Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die
-kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt
-wird, die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer einzigen, oder
-etwa bloß von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in
-ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollständigkeit nachzuschaffen, er
-konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem
-Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat
-Puschkin die Bedeutung des unumschränkten Monarchen gekennzeichnet! Wie
-klug war überhaupt alles, was er während seiner letzten Lebensjahre
-gesagt hat: »Warum,« so pflegte er zu sagen, »warum muß einer von uns
-höher als alle, ja selbst noch über dem Gesetze stehen? Darum, weil das
-Gesetz ein Stück Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas
-Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche fehlt.
-Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes allein kommt man nicht
-weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu
-bedarf es eben der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich
-für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt verkörpern kann.
-Ein Staat ohne souveränen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel,
-wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die
-Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind
-so hohl und so leer geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind.
-Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem Orchester ohne
-Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen noch so tüchtig sein; wenn es
-an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes
-lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein
-gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu
-tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen
-kaum merklich hin und her, und hält Überschau über alle Musiker, und
-doch genügt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, häßlichen
-Ton einer täppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In
-seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu
-frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; er wacht über der
-allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter höchster
-Eintracht und Harmonie!« Welch tiefes Verständnis besaß er für die
-großen, ewigen Wahrheiten!
-
-Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er
-ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck
-gebracht, das du übrigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken
-abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die
-Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir
-hier des Rätsels Lösung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus,
-die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung
-ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt,
-eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige
-Auserwählte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen
-befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits in
-den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen.
-Er hatte sich in den andern Flügel des Schlosses zurückgezogen, die
-erste freie Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die
-Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektüre
-versenkt, während im Saale schon längst die Musik schmetterte und die
-Tänze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spät beim Ball,
-während auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke
-nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen
-wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen
-tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode,
-die ich hier noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige
-Strophe:
-
- Lang hieltest Zwiesprach' du mit dem Homer allein,
- Lang harrten wir auf dein Erscheinen,
- Und aus der Ätherhöh' stiegst du im Strahlenschein,
- Durch das Gesetz uns zu vereinen.
- Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl
- Dir gotteslästerliches Singen
- Beim wüsten Zechgelag', du sahst uns blind und toll
- Um unsern neuen Götzen springen.
- Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen
- In deinem Blick voll Hoheitsschimmer;
- Und da verfluchtest du den kindisch blöden Wahn,
- Schlugst deine Tafeln jäh in Trümmer.
- Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Höhen wolkenfern
- Stiegst du ins Tal, das wolkenlose.
- Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern
- Dem Bienensummen um die Rose.
-
- (Fiedler.)
-
-Aber lassen wir die Person Nikolaus' II. beiseite und sehen wir zu, was
-der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die
-Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in
-dem Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit
-dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf
-dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt ist,
-der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für sie, die er Gott
-gegenüber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den
-Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung
-leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt und so
-schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender
-Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller
-Sinnengenüsse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme
-Gottes in den Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht, der
-darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der
-darf, wie er, seine Tafeln in Trümmer schlagen und das leichtsinnige,
-gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben,
-wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und
-eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Götzen springt. Aber was
-Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene höchste
-Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche der
-Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei
-nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu
-bestehen vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, göttlichen
-Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser
-ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles,
-was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger alle
-Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich
-über alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu
-nähern, allen gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen
-herabzusteigen und allem verständnisvoll zu lauschen: vom Donner des
-Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten
-Freuden und Vergnügungen.
-
-Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich
-selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei,
-vor der Größe und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrängenden
-Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten,
-daß das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die
-Unabhängigkeit seines Geistes und auf seine persönliche Würde war.
-Niemand hat so gesungen wie er:
-
- Ein Denkmal hab' ich mir errichtet ohnegleichen;
- Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad,
- Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen,
- Die sich Napoleon errichtet hat[2].
-
- (Nach Fiedler.)
-
-[Fußnote 2: Im Original heißt es: »Die Kaiser Alexander hat.« Schukowski
-hat wohl aus Zensurrücksichten Alexander in Napoleon umgeändert. Anm.
-des Herausg.]
-
-An den »Ruhmeszeichen Napoleons« bist freilich du schuld, aber selbst
-wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen Fassung erhalten geblieben
-wäre, sie wäre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß
-Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen gekrönten
-Häuptern überlegen fühlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und
-gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und
-daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter ihnen zu beugen,
-die der Welt die ganze Größe und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen
-geführt haben.
-
-Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut,
-indem sie erkannten, daß sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten
-_Liebe_ aufgehen, und daß es so allen offenbar werden müsse, warum der
-Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur
-instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in
-Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin,
-in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken.
-Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit
-und beinahe jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten
-winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu
-helfen: jede äußere Berührung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein;
-jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh
-und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schließlich so
-laut werden, daß selbst das gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen
-wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten
-Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie
-bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu
-allem, was menschlich ist, entbrennen -- von einer gewaltigen Liebe, wie
-er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewöhnlichen
-Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich
-verwirklichen können, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie
-ganz zur Tat werden; nur die können völlig von ihr durchdrungen werden,
-denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu
-lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wären. Wenn so der Fürst von
-Liebe für jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und Stand
-ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen
-Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden,
-Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und für es beten
-wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige Stimme der Liebe lebendig
-werden, die der leidenden Menschheit allein verständlich ist, die ihre
-Wunden nicht schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen
-Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten
-Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird
-ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen
-wird -- ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist.
-In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung,
-die höchste Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner, die
-Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der
-Sache in Betracht gezogen, nämlich die, daß der Monarch der höchste
-Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher
-wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten
-sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich
-täglich ändernden Umstände es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu
-erweitern oder zu beschränken; dadurch aber wird dort der Fürst seinem
-Volk und umgekehrt das Volk seinem Fürsten gegenüber in eine sonderbare
-Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei
-Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reißen
-will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die
-höchste Bestimmung des Monarchen erkannt; -- die Dichter haben Gottes
-Willen mit ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische
-Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu begründen, daher nehmen
-ihre Töne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort »Zar«
-ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil
-jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung
-spricht: diese monarchische Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und
-vollkommensten Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die sich von der
-Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen
-deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu
-vereinigen, um diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen
-Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu
-erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von uns mit jener höheren
-Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne die der Mensch sich selbst nicht
-verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf
-gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn
-der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf daß nachher, wenn
-jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfaßt und alles sich seiner
-Kraft bewußt ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in
-der Hand voraustragend, sein ganzes von _einem_ Geiste beseeltes Volk
-mit sich reißen und jenem höchsten Lichte entgegenführen könne, nach dem
-sich Rußland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare
-Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe
-sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung
-dieser monarchischen Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches
-Geschlecht darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie das der
-Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der
-letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben
-und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen
-Opfer ein unzerreißbares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk
-gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat
-eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt.
-[Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und
-sind so sehr eins geworden, daß es uns allen heute als ein großes
-Unglück erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan vergessen und
-sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und
-sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes
-gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Fürstengeschlechts
-zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz
-unbekannten Jünglings auf den Thron, wo doch Männer aus den ältesten
-Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Männer, die ihr
-Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich
-eine Reihe von Fürsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten,
-daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen, und es
-erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht _einer_ wagte es,
-seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren
-Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von
-Anhängern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt? Einer, der in
-weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die
-Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter den Bojaren,
-denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk,
-das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort
-im Schwange blieb: »Der Kopf war gut, gottlob, daß er in der Erde
-ruht.«] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum
-letzten Habenichts herab einstimmig, daß der Thron ihm gehören solle.
-Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, daß die Lyrik
-unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Königs aus den
-Büchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen
-Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich äußern sehen
-konnten -- wie kannst du glauben, daß die Lyrik unserer Dichter nicht
-voller biblischer Anklänge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte
-nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu verleihen: dazu
-bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden
-Überzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls;
-sonst müßten ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in
-deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefühl deiner
-liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu
-Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht
-besitzen. Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch nicht, daß es
-überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt doch berücksichtigen, daß du ja
-nicht alle Züge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben
-sich viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so stark in die
-Breite entwickelt, daß sie den andern keinen Raum zum Wachstum ließen,
-und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen
-russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten
-Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Züge
-dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und
-Schrecken überläuft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell
-und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag
-sich für nichts mehr zu begeistern, als für ihren höchsten Quell, d. h.
-für Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die
-vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht
-den Abdruck des Göttlichen an sich trägt. Wer nur ein Fünkchen von
-dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller
-Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel,
-vor dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen läßt, was
-einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen ähnlich sieht.
-Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen
-Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste über jeden Lohn
-erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Näheres über
-seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das
-zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden. Er hat bei
-Lebzeiten nie mit jemand von den Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten,
-und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem vielen
-kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen
-man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und
-zornigen Ausfällen aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz
-aufgehört hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen zu glauben
--- war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten: man hätte ihm
-am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn
-verdächtigt, daß er sich von Habgier und von einem selbstsüchtigen
-Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem
-Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Rußland finden,
-der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst
-irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines
-hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fähig
-ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen,
-doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen:
-»wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die
-lauterste Wahrheit.«] Die königlichen Hymnen unserer Dichter haben
-selbst Ausländer durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in
-Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen
-darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick
-ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz
-Paris über uns empört war. Trotzdem aber hat er feierlich erklärt, daß
-in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines,
-sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach
-hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine
-Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller
-ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen
-wirklich die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken klarsten
-Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre
-geistigen Porträts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer
-Selbstverherrlichung machen würden, wenn nicht das ganze Leben des
-Dichters eine Bestätigung ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine
-Zukunft denkt, sagt er
-
- Und meinem Volke bleib' ich lange lieb und teuer,
- Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt,
- In grauser Zeit durchglüht sein Herz mit Freiheitsfeuer
- Und den Gefallnen nie verdammt.
-
- (Fiedler.)
-
-Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort zu erkennen, wie treu
-dies Porträt ist. [Wie lebhaft konnte er werden, wie konnte er sich
-begeistern, wenn es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten
-zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu reichen. Wie ungeduldig
-wartete er auf den Augenblick, wo der Zar ihm gnädig gestimmt war --
-nicht etwa, um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen --
-nein, um ein Wort für einen Unglücklichen oder Gefallenen einzulegen.
-Ein echt russischer Zug.] Denke nur an jenes rührende Schauspiel, wenn
-das ganze Volk zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien
-antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! der eine
-Speise und Trank, der andere etwas Geld, ein dritter ein christlich
-mildes Trostwort. Da gibt es nichts von Haß gegen den Verbrecher, auch
-nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden machen will,
-sich seine Unterschrift oder ein Bild von ihm zu verschaffen sucht, oder
-ihn neugierig anstarrt, wie dies wohl im aufgeklärten Europa vorkommt.
-Dies ist etwas Größeres: es ist auch nicht der Wunsch, ihn zu
-entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit zu entreißen; es ist der
-Wunsch, seinen sinkenden Mut zu heben, ihn zu trösten, wie ein Bruder
-den Bruder tröstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trösten.
-
-Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser Neigung, den Gefallenen
-wieder zu erheben. Daher pochte auch sein Herz so stolz und stürmisch,
-als er davon hörte, daß der Monarch nach Moskau kommen wolle, während
-dort die Cholera wütete. -- Eine Regung wie diese hatte wohl noch kein
-Monarch gezeigt; und so konnte sie der Anlaß zu jenen wundervollen
-Versen werden:
-
- Beim Himmel, wer so kalt und fest
- Dem schwarzen Tode kann begegnen
- Um andrer willen, ist ein Held.
- Ihn wird der Himmel ewig segnen,
- Wie auch der Spruch der blinden Welt
- Mag lauten ....
-
- (Fiedler.)
-
-Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug aus dem Leben eines
-anderen Monarchen: Peters des Großen, verherrlicht. Denke an das
-Gedicht: »_Das Fest an der Newa_«, wo er erstaunt fragt, was wohl der
-Anlaß zu jenem ungewöhnlichen lauten Jubel, jener Feier im Hause des
-Zaren sein mag, von der ganz Petersburg und die ganze Newa widerhallt,
-die vom Kanonendonner erschüttert wird. Er zählt alle Ereignisse auf,
-die das Herz des Zaren erfreut haben mögen und der Anlaß zu diesem
-großen Jubelfeste sein könnten; er fragt sich: ist dem Zaren ein
-Thronerbe geboren, feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag,
-triumphiert der Zar über einen unbesiegbaren Feind, oder ist die Flotte,
-für die der Zar eine besondere Leidenschaft hatte, im Hafen eingelaufen?
-Und er antwortet auf alle diese Fragen:
-
- Weil zum Feind er stieg hernieder
- Und begrub uralten Groll,
- Schäumen Becher, tönen Lieder,
- Ist der Zar so freudenvoll,
- Herrschet Jubel in den Hallen,
- Rauscht das Fest am Newastrand.
- Und Kanonenschüsse schallen
- Donnernd durch das weite Land.
-
-Puschkin allein konnte die ganze Schönheit einer solchen Handlung
-empfinden. Seinem Untertan nicht nur vergeben können, sondern diese Tat,
-diesen Akt der Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg über einen Feind
--- das ist ein wahrhaft göttlicher Zug. Nur im Himmel ist man solcher
-Handlungen fähig. Nur dort ist mehr Freude über die Reue eines Sünders
-als über einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen Heerscharen
-nehmen an dem himmlischen Festmahle Gottes teil. Puschkin war ein Kenner
-alles Großen im Menschen, für das er ein tiefes Verständnis hatte, und
-wie hätte es auch anders sein können, wenn die innere Vornehmheit ein
-charakteristischer Zug fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist
-höchst merkwürdig, daß die Schriftsteller in allen anderen Ländern wegen
-ihres persönlichen Charakters nicht die volle Achtung der Gesellschaft
-genießen. Bei uns ist es gerade umgekehrt. Bei uns wird selbst ein
-Mensch, der kein Schriftsteller, sondern ein bloßer Pfuscher ist, der
-nicht allein keine schöne Seele hat, sondern sich bisweilen sogar recht
-gemeine und niedrige Handlungen zuschulden kommen läßt, im Innern
-Rußlands durchaus nicht für einen gemeinen Menschen gehalten. Im
-Gegenteil, in allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den
-Schriftstellern hören, lebt etwas wie eine innere Überzeugung, daß der
-Schriftsteller ein höheres Wesen ist, daß er unbedingt ein edler Mensch
-sein muß, daß sich vieles für ihn nicht schickt und daß er sich manches
-nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer unserer
-Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat war, während der Wahlen
-zur Adelsversammlung seine Stimme einem Menschen, der kein ganz reines
-Gewissen hatte -- da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn,
-tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: »Und das will ein Schriftsteller
-sein!«
-
- 1846.
-
-
-
-
- XI
- Diskussionen
- Aus einem Brief an L***
-
-
-Der Streit um den Grundcharakter unserer europäischen und slawischen
-Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt,
-beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz
-erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, daß auf beiden
-Seiten viel törichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und
-Europäisten -- Altgläubige und Neugläubige -- Östlinge und Westlinge --
-(was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir nicht zu sagen, weil sie
-mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie
-wirklich sein wollen) -- sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen
-Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar
-nicht widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum Streit für
-sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebäude und sehen nur
-einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze
-Fassade, können aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen.
-Natürlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und Östlinge,
-weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und
-nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben
-bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen
-Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie
-unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, daß sie über
-dem Giebel, der diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau
-ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht
-sehen. Man könnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur für einen
-Augenblick, etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig
-zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist
-des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder von beiden ist überzeugt, daß
-das Recht ganz und ausschließlich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz
-und ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut
-auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet
-sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mücke, die er
-findet, einen Elefanten. Natürlich bringen sie mit solch trotzigen
-Großsprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles
-schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits mancherlei kennen
-lernen, wovon sie früher nie etwas gehört haben, und sich nur noch
-dagegen sträuben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern
-nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander nicht
-gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften
-beschränkten. Das Schlimme ist, daß zwei entgegengesetzte Anschauungen,
-die noch so wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe vieler
-Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir
-erzählt, es käme vor -- und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt
-oder wo die Macht in den Händen zweier Personen liegt -- daß ein
-Vorgesetzter vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und zu regieren
-sucht, während der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle
-alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten
-Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und
-daraus erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten, nur
-Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide
-Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem völlig klar sind,
-machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze.
-Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich, sei es unter der Maske
-eines Slawophilen oder Europaschwärmers -- wie sich's trifft -- d. h. je
-nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches Pöstchen
-zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als
-Vorkämpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verüben.]
-Diese Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der sich
-klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die
-Jugend zuerst gründlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist
-nun einmal so und muß auch so sein, daß sich die größten Schreier
-gründlich sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal
-gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen
-um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit.
-Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernünftig, und
-ich bin sogar überzeugt, daß du dies besser machen wirst, als ein großer
-Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur
-in Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor
-jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck.
-Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr
-gutes Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, daß du kein
-Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist.
-Einem jungen Mann stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu
-zürnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute
-etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz
-einfach häßlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lächerlich
-gemacht. Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: »Dieser häßliche,
-alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Bärenhaut gelegen und
-nichts getan und nun tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten
-Vorwürfe wegen ihres schlechten Lebenswandels.« Aus dem Munde eines
-alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute und polternde Worte
-kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut muß die hohen Reden des
-Greises durchwehen, so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung
-finden und das Gefühl haben, daß jede Rede hier unziemlich wäre und daß
-ein ergrautes Haupt etwas Ehrwürdiges habe.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XII
- Der Christ schreitet vorwärts
- An Schtsch--w
-
-
-Mein Freund! Halte dich nicht für mehr, als für einen Lehrling und für
-einen Schüler. Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um noch zu
-lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon die rechte Reife und den
-höchsten Grad der Entwicklung erreicht und daß dein Charakter und deine
-Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser
-werden können. Für einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er
-bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schüler bis zum Grabe. Nach dem
-gewöhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine höchste
-Verstandesreife mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und
-vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein wenig aufwärts;
-jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und
-wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser,
-sondern sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht
-hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, und wo für die andern
-die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst für den
-Christen. Die begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie das
-vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde und schwach. Nimm alle
-Philosophen und die größten weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit
-fällt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr
-Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar häufig in
-Kindheit zurück. Denke zum Beispiel an Kant, der während seiner letzten
-Jahre fast gänzlich das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb.
-Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, daß sie
-an Verstand und Geisteskräften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden
-und je mehr sie sich dem Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von
-Natur keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes
-Leben lang für einfältig und dumm galten, setzten die Menschen später
-durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil
-sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch
-nur während seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten träumt,
-denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige
-Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes haben. Versinken
-aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten -- so
-erlischt auch die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber
-strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergängliche
-Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling sehnt er sich nach den Kämpfen des
-Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und
-anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter Blick, der immer an
-Schärfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen
-und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher können
-auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder schwächer werden, sie
-werden vielmehr unaufhörlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und
-sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn,
-wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersättlichen
-Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter
-fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rückschritte machen, und
-warum er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet.
-
-Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in uns. Er hat lediglich
-polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding
-seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber
-schreitet nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in uns,
-aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. Abstrakte
-Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften
-tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie
-ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er ist
-weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie die Leidenschaften
-in uns zu toben beginnen, wird er blind und töricht; ist unsere Seele
-dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt
-auch er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein
-weit höheres Vermögen; aber sie wird nur durch den Sieg über die
-Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die
-ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft
-setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwärts
-zu streben. Es gibt ein noch höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und
-diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns
-bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren,
-sondern ist ein Geschenk der höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon
-Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch
-erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in heißem Gebet bittet,
-sie ihm herabzusenden, daß er seine Seele bis zur reinsten
-unschuldigsten Güte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem
-Vermögen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in
-sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine
-Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und wo noch nicht alles ganz
-einträchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das
-Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, und
-er lernt die ganze wundersame Süßigkeit kennen, die darin liegt, ein
-Schüler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter
-den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat weiß er
-die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das törichteste
-Ding wendet ihm seine tiefste, klügste Seite zu, und das ganze Weltall
-liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle
-andern wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als den andern
-wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß er ein Schüler ist. Sollte ihn
-jedoch auch nur für einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine
-Lehrjahre beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er
-sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt fühlen, so
-wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen werden, und er wird im
-Dunkeln zurückbleiben, wie König Salomon in seinen letzten Tagen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XIII
- Karamsin
- Aus einem Brief an N. M. Jasykow
-
-
-Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat,
-mit großem Vergnügen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der
-Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der äußeren Form nach:
-seine gewöhnlichen groben und plumpen Ausfälle fehlen hier ganz, und
-auch der Stil hat nichts von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr
-schadet. Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt,
-geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so
-klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen ganz durch sich selbst
-beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich
-mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig
-vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine außergewöhnliche
-Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von
-dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz
-erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und für die fünf
-Talente, die ihm verliehen waren, noch fünf neue hinzuerworben! Karamsin
-war der erste, der den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei
-uns unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster Bürger
-unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkündet,
-daß die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß
-sie, wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen Streben nach dem Guten
-beseelt sei, daß dieses Streben seine ganze Seele erfüllt, ihm in
-Fleisch und Blut übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, nie
-zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er überall Freiheit
-genießen könne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat
-eine so kühne und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum
-seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken brauchte, trotzdem
-sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen
-Regierung übereinstimmten, und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er
-allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller!
-Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man
-könne in Rußland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn
-im Auge! Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, daß
-sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmütigen
-Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und
-deren maßlose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten
-verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie
-empört, daß niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhören will! Nein, man
-muß ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, dann erst
-hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: dann werden uns alle
-anhören, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird
-uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man in keinem Lande
-der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Bürgerrechte
-und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite
-der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und
-Hingebung vermag eben nur unser herrliches Rußland zuzuhören [von dem
-man sich erzählt, daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt].
-
- 1846
-
-
-
-
- XIV
- Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und
- von der Einseitigkeit überhaupt
- An den Grafen A. P. T...
-
-
-Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so
-einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein
-Mensch, der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt
-eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur
-noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den
-Weg nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr
-Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt für sündhaft und
-für ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht
-strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das Theater
-ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Stütze für Ihre
-Ansicht, daß auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater
-eifern: und sie haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken Sie
-einmal etwas tiefer darüber nach: _sind Sie wirklich_ gegen das Theater
-oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die
-Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum
-überall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer
-Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von überall
-vertriebenen Heidentums und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale
-war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mächtig gegen
-das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die ganze Welt
-hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europäischer
-Völker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage
-begann, und nun waren es die heiligen Männer selbst, die das Theater
-wieder begründeten und einführten: an den geistlichen Akademien wurden
-Theater gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den
-heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete selbst Stücke, die zur
-Aufführung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater.
-Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten
-Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. Man muß einem Ding jedoch
-stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und
-es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt
-wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine
-unwichtige Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, daß es eine große
-Menge von fünf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen
-Räumen aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze Menge, in der
-die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander gemein haben,
-plötzlich von einer großen Erschütterung ergriffen werden, in einem
-einzigen Augenblick in _einen_ Strom von Tränen oder in ein einziges
-allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus
-man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie müssen freilich einen
-Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren
-Theater und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen und
-all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstücke, die nur für
-das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem
-korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das eigentliche
-Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragödien und Komödien
-aufgeführt werden, muß in völliger Unabhängigkeit von allen anderen
-Künsten dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare mit Tänzern
-und Tänzerinnen in weißledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen.
-Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist
-der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das
-begriffen: dort gibt es eigene Theater für die Werke der höheren
-dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung
-subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, ob es
-nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur
-Aufführung zu bringen, daß das Publikum auf sie aufmerksam würde und daß
-die wohltätige moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern
-ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, Sheridan, Molière, Goethe,
-Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter
-den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben
-nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den
-großen Gegenständen zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die
-leisesten Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken der
-fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die sich mit
-politischen Fragen beschäftigten und die Saat der Mißachtung gegen das
-Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott
-aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung,
-Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller
-menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe für das Gute ist
-selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben
-funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen
-dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stücke,
-die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschäftigen,
-müssen dazu führen, daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen
-und in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere unmerklich
-innerlich kräftigen und befestigen, während diese Flut von leichten und
-nichtssagenden Stücken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten
-Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und
-zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig macht.
-Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glänzender Gegenstände
-in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen
-ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege
-begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des
-Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor
-finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht,
-die zum Christentum emporführt, und wenn man sie nicht auf einen höheren
-Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des
-Christentums besser überschauen und alles besser erkennen kann, was ihr
-früher gänzlich unverständlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was
-allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann,
-die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das
-Theater, wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden könnte. Man
-müßte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Völker in ihrer ganzen
-strahlenden Schönheit zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja
-so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und dasselbe Werk
-fortwährend wiederholen. Und das ist sehr wohl möglich. Man kann allen
-Stücken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle
-interessieren, die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht,
-sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß sie veraltet sind und
-daß das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist
-gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man
-es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre üblen Melodramen
-vorsetzen würden, würde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen
-finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste
-Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird das Publikum in
-Scharen herbeiströmen. Molière wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare
-wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine
-solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, und diese
-Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler und dem allerersten und
-tüchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet,
-anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen,
-irgendeinen Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, sondern er
-soll alles allein machen und allein über alles verfügen. Es muß sogar
-besonders dafür gesorgt werden, daß die ganze Verantwortlichkeit ihm
-allein zufalle; man muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum
-sämtliche Nebenrollen -- und zwar eine nach der anderen -- spielen
-lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor
-Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten
-Vorbildern, die durch eine dunkle Überlieferung bis auf sie gekommen
-sind, sie schöpfen ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches
-lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung
-untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das
-Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal
-nacheinander anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin
-oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals
-gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf
-seine alte Rolle zurückkommt, nachdem er sämtliche anderen Rollen
-gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von
-seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; das Stück aber
-wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung -- etwas bisher völlig
-Unerhörtes -- für den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt
-nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, als jene
-vollkommene Ausgeglichenheit und Übereinstimmung aller Teile, wie sie
-ihm bisher nur in der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester
-entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, daß
-ein Werk der dramatischen Kunst häufiger hintereinander gegeben werden
-kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in
-Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger,
-als die Töne der Musik. Ich muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur
-dann möglich, wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, wie es
-sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit für das Repertoire
-einem erstklassigen Schauspieler zufällt, d. h. wenn die Tragödien von
-dem ersten tragischen und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler
-inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen
-innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich weiß, wieviel Leute es bei
-uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich überall
-herandrängen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit
-irgendwelchen Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein
-Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher er plötzlich kommt,
-das weiß Gott allein: es ist, wie wenn er plötzlich aus dem Wasser
-emporgetaucht wäre; er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal
-zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere
-und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann fängt er
-allmählich an, sich in alles hineinzumengen, bis schließlich alles in
-Unordnung gerät. Diese Sekretäre sind wie ein unsichtbarer
-Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und Ämter unterwühlt, und das
-Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den
-Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich verwirrt und
-verschoben. Wir haben uns erst neulich über alle Berufe und Ämter
-unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt
-innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, daß sie
-gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie gewissermaßen wie durch
-die Hand des Höchsten dafür geschaffen sind, um allen Bedürfnissen
-unseres Staatslebens zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem
-wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu
-wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu
-zerstören oder sich völlig über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz
-kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein
-Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Tätigkeit überschreiten,
-weil sie glaubten, daß sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und
-edler werden müßten. Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von
-den höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre aber
-haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen
-ihres Berufs zu überschreiten. Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit
-zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen
-Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen
-Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm
-diese Vermittlung übertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut
-dem Untergebenen gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre,
-er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang auf sich
-warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten
-zu erleichtern, trägt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und
-dies alles geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretärs
-einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche
-und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in
-meiner Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen erröten
-mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stümper gegen
-sie. Dies alles wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so
-viele traurige Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche
-Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der
-Niedertracht eines Sekretärs, der die gleiche Achtung für sich in
-Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich,
-wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, daß er ihn zu
-verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm
-beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten Mittel bediente, deren nur
-ein ehrloser Mensch fähig ist. In den Departements für die schönen
-Künste usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees oder
-eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt
-es meist keinen Sekretär, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat
-er lediglich die Verfügungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat
-die Geschäftsführung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber
-kommt es doch auch dort vor, daß er sich dort infolge der Trägheit der
-Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und
-die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen Leiters an
-sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbäcker fängt
-an Stiefel zu machen und der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler
-erhält Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; es
-erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt nicht verstehen kann,
-wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der
-doch bis dahin ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes
-Schriftstück abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran
-beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch
-auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat's
-hingeschmiert, dem der Name Hündchen gebührt.]
-
-Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung und
-Ausführung in den Händen eines höchsten Meisters dieser Kunst liegen
-[und nicht in den Händen irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der
-Verwaltung des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur
-der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er
-allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein
-erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Künstler ist, kann eine
-gute Auswahl von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen
-sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden
-müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige Leseproben und
-Probeaufführungen des ganzen Stückes zu veranstalten. Er wird es dem
-Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu
-lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler das Ganze
-zusammen einstudieren und daß jeder seine Rolle ganz von selbst während
-der Proben lernt und im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände
-selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße Berührung mit
-ihm unwillkürlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton
-trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen:
-solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, können
-sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfüllt sich
-jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und
-Natürlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton
-der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in
-einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort
-hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort
-einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist
-imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler
-seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort
-geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er
-nie wieder loswerden können. Du wirst nie einen andern aus ihm machen,
-kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen;
-die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von
-ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm für ihn bleiben, und
-auch das Stück wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird
-sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein
-wahrhafter Künstler ist, hat ein Gefühl für das Leben, das in einem
-Stück pulsiert, und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen
-Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er
-allein hat den richtigen Maßstab für die Veranstaltung der Proben, wie
-sie geleitet werden müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und
-wieviel Proben genügen, um das Stück dem Publikum in wirklicher
-Vollendung vorzuführen. Man muß es nur verstehen, diesen Schauspieler
-und Künstler dazu zu bewegen, daß er sich dieser Sache wie seiner
-eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, daß das seine
-Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert
--- so wird er es tun, so wird er es durchführen, weil er seine Kunst
-lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, daß
-auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird
-seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er
-wird nie dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf die Bühne
-gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, daß
-möglichst viel Geld in die Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird
-es nicht dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das Stück
-ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm
-anvertrauten Schauspieler auszuüben, sie zu tyrannisieren und zu
-schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht
-auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben.
-[Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär dagegen wird dreist und ruhig
-eine Gemeinheit begehen, da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was
-davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten
-zuschulden kommen läßt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet.
-Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes
-zuschulden kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines
-Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, daß bei jeder
-Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fällt, den bereits
-jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der
-zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner Kunst lebt und aufgeht,
-dessen höchstes Lebenselement die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er
-wacht und die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das Theater
-eine Pflanzstätte des Lasters werde. -- Also: die Schuld liegt nicht
-beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und
-Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber urteilen,
-was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs
-Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern
-deshalb, weil man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf alle
-Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, die darunter zu leiden
-haben, daß man ihre eigentliche Bedeutung verfälscht und verdreht, und
-da es ja überhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben,
-gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im
-Sprichwort heißt, »das Kind mit dem Bade auszuschütten«[3] lieben, so
-wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte,
-vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker sind, sind
-ein Krebsschaden für die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in
-dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. Sie wissen
-nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind
-fest davon überzeugt, daß die ganze Welt lügt und nur sie allein die
-Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf
-sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefährlichen Zustande. Es ist
-ein Glück, daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie nicht mit der
-Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne,
-der dazu befähigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten
-Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil und Unordnung
-anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen
-Sie sich auch mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie nicht
-wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt
-gibt, vernichten möchten, da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es
-ist ihr Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas Ähnliches hat
-sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind plötzlich Leute
-erschienen und haben öffentlich in der Presse erklärt, Puschkin sei ein
-Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele
-hineingeblickt hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet
-gewesen wäre, in seinen Gedichten von den höchsten Dogmen des
-Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur
-mit großer Angst und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich
-durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach
-der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten und erhabensten Ideen
-des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art
-Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es nicht
-wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen
-war, in Verse zu kleiden, und daß er es vorzog, allen denen, die sich
-bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse
-zum Höchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von
-Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum
-völlig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem
-Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor
-allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine
-Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die
-Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht
-ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte und
-einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig für den Autor ist, und
-nicht eine falsche und gekünstelte, die dem Autor schaden muß. Wenn das
-sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und
-schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit hat, sich vor dem
-Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr muß sich die Kritik das zum
-Gebot machen, die selbst über die unbedeutendsten Motive und Handlungen
-Aufklärung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! Öffentlich
-erklären, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi,
-indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft,
-daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von
-uns ihnen erliegt -- ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns
-ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich auch dem
-Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein
-Christ könne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um
-ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein kennt
-und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser Verstand nur bei einem
-ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu
-befähigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der
-Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht
-so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich
-entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie
-des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns
-Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist,
-anzubeten geboten hat, -- denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er
-wird ferner erklären: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es
-ist schon nicht leicht, über einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu
-fällen, und erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen
-Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom
-Geist der Poesie in sich trägt und beinahe ein dem Dichter selbst
-ebenbürtiger Dichter ist -- wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk
-oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Maße
-mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und
-endgültiges Urteil fällen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie
-Demut üben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann,
-daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren
-Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden
-kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind,
-die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwärmerischen
-Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht »An einen
-Kirchenfürsten« anführen, in dem Puschkin von sich selbst redet und
-sagt: auch in den Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben
-dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick des
-Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
-
-[Fußnote 3: »Aus Ärger über die Läuse in den Ofen mit dem Pelz!«]
-
- Da traf dein Wort mich wundereigen
- Mit überirdischer Gewalt,
- Und meine Finger ließen schweigen
- Die Saiten, die wie Hohn geschallt.
- Mein Herz in seinem tiefsten Horte
- Schlug reuekrank, gewissenswund;
- Beim Chrysam deiner duft'gen Worte
- Ward es zu neuem Sein gesund.
- Aus deiner Geisteshöhe reichst du
- Mir deine Hand zur Stütze nun;
- Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du
- Den Sturm -- und meine Sinne ruhn.
- Das ewig Wahre, ewig Schöne
- Durchflammt das Herz mir im Gebet;
- Stumm hört des Seraphs Harfentöne
- Im heiligen Schauder der Poet.
-
- (Fiedler.)
-
-Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein
-wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und
-Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn
-sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die
-verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte,
-Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von
-Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten
-Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung
-und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was
-aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut
-sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn
-gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den
-klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das
-Christentum negiert -- einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie
-zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich
-gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und
-unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer
-solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte
-hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was
-hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?]
-So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund,
-Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall
-nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in
-der Gesellschaft -- kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich
-selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger
-Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das
-rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein;
-er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein
-Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß
-er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist
-Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der
-Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding
-und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten
-haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und
-Theater -- das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim
-Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob
-man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst
-hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen
-wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die
-höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres
-sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem
-er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre,
-heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind,
-und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen,
-wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste
-erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft,
-noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen
-Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund.
-Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten,
-sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken
--- selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt
-haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes
-geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen
-die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des
-Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel
-herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben
-Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem
-Preis und Ruhme tönten.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XV
- Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit
- Zwei Briefe an N. M. Jasykow
-
-
- I.
-
-Dein Gedicht »Das Erdbeben« hat mich entzückt. Auch Schukowski war ganz
-davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von
-deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische Gedicht. Welch
-eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen
-und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter,
-der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von uns, was auch
-sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr,
-wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst
-wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar machen sollte.
-
-Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den
-Dichter gerichteten Worte:
-
- Und bring den angsterfüllten Menschen
- Gebete mit aus Bergeshöhn
-
-sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt sich das
-Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige Zeit bietet gerade dem lyrischen
-Dichter die günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire kann
-man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen
-der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter
-Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die
-heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der
-Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen könnte,
-führe es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit
-deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes
-getroffen ward; geißle die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine
-doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird
-dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir's aus der
-Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes
-Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der
-Tag wird's dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott
-lag, und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr
-geschildert, daß die Gegenwart erbeben muß. Du besitzest alle Mittel und
-Fähigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende
-Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen müssen erhoben
-werden, die andern bedürfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die
-müssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken,
-die sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen ins
-Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des göttlichen Zornes
-und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben,
-sich wilden Ausschweifungen und einem schmählichen Jubel hinzugeben.
-Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die
-in die Luft geschriebenen Buchstaben, die während des Festmahls des
-Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe
-jemand ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch wünschest, daß
-dich alle noch besser verstehen, dann erfülle dich mit biblischem
-Geiste, laß dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und
-steige hinab bis in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff
-in ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe damit in uns das
-Gefühl für das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen
-läßt. Dein Vers wird nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du
-nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen,
-er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit
-Begeisterung erfüllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns
-förmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch:
-»Empfang beim Zaren« in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrücke
-und die Namen der fürstlichen Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und
-Edelsteine ein wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit
-förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten unserer
-Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles groß,
-kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer
-als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen
-Vers mit solchen Worten zu schmücken, -- wirst du den Leser völlig in
-die vergangenen Zeiten zurückversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem
-Buche gelesen hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener
-vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat
-andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen.
-
- 1844.
-
-
- II.
-
-Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten
-Gedichts: »Das Erdbeben«. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht
-liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem
-Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die
-Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du
-bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst.
-Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie
-entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande,
-seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie
-dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke
-wegzuwälzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den
-lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen
-Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder
-ermutigt und ermuntert sein will.
-
-So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den
-Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf
-sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d.
-h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn
-hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze
-ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein
-mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten
-russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit
-aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der
-Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben
-hast.
-
-Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden
-schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme
-Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird
-er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der
-Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn
-Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich
-einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm
-unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden
-und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus
-tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie
-sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück
-Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen
-eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest,
-was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den
-dritten Teil meiner »Toten Seelen« zu schreiben!
-
-Stell' in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages,
-wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren
-verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit
-ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte
-Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie
-dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und
-eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest.
-
-Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen
-Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens --
-mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in
-seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo
-sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie,
-sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube
-einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr
-Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre
-herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein
-Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.
-
-Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus
-russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem
-schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem
-Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine
-Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der
-gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich
-diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht,
-aber stell' es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns
-unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände
-ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch
-er dasselbe vollbringen kann.
-
-Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen
-Dichter -- ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen,
-geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle
-verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es
-schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere
-Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft
-und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen
-eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert
-wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als
-Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen
-bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin
-und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem
-Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und
-Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und
-Liebe -- für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und
-die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon
-finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde
-zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich
-ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines
-innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt
-streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst,
-die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines
-Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die
-Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XVI
- Ratschläge
- An S. P. Schewyrew
-
-
-Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren
-Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden
-gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu
-unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit
-Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine
-Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich,
-wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und
-Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die
-Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft
-gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu
-sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird
-klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man
-bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und
-verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf.
-Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen
-erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen
-Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können.
-Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch.
-Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr
-viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es
-dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist
-groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er
-uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor
-dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch
-Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die
-wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein
-solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es
-vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr
-unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben
-Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren
-Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend
-belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und
-Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich
-von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es
-mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden
-Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst
-einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem
-du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was
-du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern
-zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf.
-Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal,
-ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte,
-wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei
-zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst
-und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen,
-weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen!
-Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist
-sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen
-hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt
-dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um
-dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und
-reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern
-besser und reiner werden.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XVII
- Über die Aufklärung
- An W. A. Schukowski
-
-
-Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für
-alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft
-verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du
-in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht
-irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so
-erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest.
-Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort
-ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren
-Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen;
-rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst.
-Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen --
-ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so
-wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu
-machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns
-versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen
-ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so
-einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten
-einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der
-Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten
-hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen
-ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden
-sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau
-leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises
-lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem
-Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird
-dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens
-und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie
-wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder,
-der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn
-der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn
-nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott
-selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie
-werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut
-nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht
-schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es
-gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und
-alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen --
-unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen
-Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu
-lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft
-russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher
-Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche
-Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition
-für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg.
-Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung
-unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen
-dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn
-wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken
-aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe
-sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du
-wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen
--- von den Gläubigen wie von den Ungläubigen -- zugegeben werden und wie
-unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen
-wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer
-unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden
-der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich
-die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine
-vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen
-gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und
-Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere
-in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot,
-keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den
-heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten
-Vätern der Kirche eingeführt wurden -- während Er die andere hieß, sich
-in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten
-der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen,
-selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen,
-daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen
-die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß,
-sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu
-entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie
-sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es
-anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot,
-gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die
-Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten
-Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie
-lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig
-die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete,
-sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu
-beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es
-ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte
-sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in
-unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft
-bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der
-Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie
-versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten
-für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische
-Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche
-mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge;
-sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus
-aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig
-entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so
-vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten
--- der guten sowohl wie der bösen -- gelangt ist, jetzt kann die
-römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den
-Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie
-mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich
-heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber
-klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die
-von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die
-Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden
-christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für
-die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen
-vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es
-jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere
-und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr
-kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein
-Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie
-ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in
-einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund,
-laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch
-siebenmal verwickelter wären -- unsere Kirche wird sie alle entwirren
-und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet,
-beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits
-etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere
-Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht
-bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein
-Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern.
-Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei
-haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was
-es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei
-uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar
-erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all
-seinen Kräften und Vermögen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand;
-heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen
-lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es
-bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und
-trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten
-umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der
-Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der
-heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild
-Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu
-uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle
-mit ihnen und spricht: »Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret
-alle!« Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in
-kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden
-Ohr: »Das Licht der Aufklärung!« ohne daß etwas anderes zu ihnen
-hinzugefügt würde.
-
- 1846.
-
-[Fußnote 4: Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn der
-»_Durchleuchtung_«. Anm. des Herausgebers.]
-
-
-
-
- XVIII
- Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten Seelen«
-
-
- I.
-
-Sie haben unrecht, sich so über den maßlosen Ton aufzuregen, in dem
-manche Angriffe gegen die »Toten Seelen« geschrieben sind: das hat auch
-seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die über uns empört
-sind. Wer ganz von der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht
-die Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt und gegen uns
-erbittert ist, der wird versuchen, alles Häßliche, allen Unrat in uns
-aufzuwühlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen
-müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit
-zu hören, daß man schon um eines kleinen Körnchens Wahrheit willen die
-Kränkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie
-ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois
-steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich
-solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bücher schreiben. In der
-Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt
-hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, so hätte ich wohl
-selbst gesehen, daß das Buch unter keinen Umständen in einem so rohen
-und unordentlichen Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die
-Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich
-nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir
-keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe
-und Stöße, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs
-tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! Auf dem Grunde unserer Seele
-liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht
-verletzter Ehrgeiz verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten und
-mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt werden sollten, ja wir
-sollten uns stets dankbar über die Hand freuen, die uns züchtigt.
-
-Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von
-Literaten, sondern von Menschen herrühren, deren eigentliches
-Tätigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat
-sich -- abgesehen von den Literaten -- wie zum Tort für mich auch nicht
-ein einziger geäußert. Und doch haben die »Toten Seelen« viel von sich
-reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und
-Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen;
-sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder täglich vor Augen hat,
-obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und
-Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände
-kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstößiges und
-Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand
-tüchtig dafür ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die Wahrheit
-sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre
-Stimme erhoben hätte! Und doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und
-wieviel Gescheites hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen
-vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten
-Vorgänge nachweisen können, da er mir nur zwei oder drei Vorgänge hätte
-vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er
-mich gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben
-Weise hätte er für die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den
-Beweis für sie erbringen können. Durch Anführung einer Begebenheit, die
-sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte
-und literarische Redensarten. Und das gleiche hätte der Kaufmann, der
-Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist,
-tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das
-weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein
-jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht über die Dinge
-besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die
-er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist,
-stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen,
-von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die »Toten Seelen«
-könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel
-interessanteres Buch als die »Toten Seelen« selbst geschrieben werden;
-ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung
-schöpfen können, weil wir ja alle -- wozu sollen wir unsere Fehler
-verheimlichen! -- weil wir Rußland allesamt recht schlecht kennen.
-
-Ach wenn doch nur _eine_ Seele ihre Stimme laut und für alle vernehmbar
-erhoben hätte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn
-Rußland tatsächlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von »toten
-Seelen« bewohnt würde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis
-Rußlands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von
-allem unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und Enden
-Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet sein, ohne daß mich
-jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein
-Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer
-sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank
-und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde zu leben. Auf welche
-Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und
-Journalisten können mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch
-auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat überhaupt nur
-einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich
-geweigert, mich zu belehren. Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor
-Gott werde ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe,
-wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere die Verantwortung für
-mich werden übernehmen müssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott
-selbst weiß es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage.
-
- 1843.
-
-
- II.
-
-Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner
-Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so
-wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers
-vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des
-ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger
-gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz
-allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen;
-ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten
-auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen
-hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht
-schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet
-war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich
-wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das
-Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der
-Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld,
-daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines
-Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im
-Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser
-sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat,
-nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte
-Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie
-viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten
-Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und
-nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk
-erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit
-der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen
-fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen,
-man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und
-zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es
-sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten
-Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man
-Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung
-und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem
-Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten
-Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der
-Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße
-läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck
-der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten
-Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von
-einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in
-einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine
-Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters
-bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles,
-jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und
-als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als
-eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das
-eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für
-ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne
-unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen
-Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter,
-und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern
-empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und
-ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den
-melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf
-gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushört, der hat
-entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er
-hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie
-sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre
-verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der
-europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle
-Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat
-schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde,
-traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso
-unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht
-bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern
-irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland
-kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern
-empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom
-Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles
-gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets
-die nüchterne trockene Antwort bereit hat: »Wir haben keine Pferde!«
-Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die
-Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür
-zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und
-Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu
-herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und
-Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen,
-Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von
-keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen
-kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben
-Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher
-Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und
-gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten
-auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines
-Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man
-sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt.
-Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein,
-sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen
-reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der
-Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die
-nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom
-Begriff der göttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit
-erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein
-Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen
-Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu
-umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein
-neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen
-zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel
-zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende,
-überall sehe ich, daß _der_ die Schuld trägt, der die Verordnungen
-durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder
-schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu
-machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt,
-oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut
-russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange
-mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel,
-worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein
-Sachverständiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art --
-schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht;
-oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher
-Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so
-schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit
-der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns
-genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all
-die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu
-bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem
-Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er
-seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich
-selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit
-Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen
-Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und
-überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns
-gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor
-der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen
-habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie
-vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von
-ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich
-vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem
-bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas
-leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was
-hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem
-Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder
-griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel
-gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen
-»Die toten Seelen« trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte
-machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte
-geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache
-und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken
-vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und
-daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich
-ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder
-die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen
-ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß
-ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage
-gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt
-hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein
-Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine
-Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse
-schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber
-seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen
-schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten
-Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus
-Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt,
-die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war
-mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden
-Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes
-Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des
-Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder
-gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit
-solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige
-freie Ausdehnung und Geräumigkeit -- dies weite Feld für einen rastlosen
-Betätigungsdrang -- in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: »Sollte
-nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er
-sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,« kam wirklich von
-Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus
-Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und
-fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit
-zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen
-Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines
-Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig),
-daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine
-frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große
-Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich
-allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so
-freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur
-der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich
-meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten
-hat!
-
- 1843.
-
-
- III.
-
-Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und
-Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf
-die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen
-bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat
-bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und
-deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich
-gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig
-beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die
-Helden meiner letzten Werke, besonders die der »Toten Seelen«, trotzdem
-sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen
-existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig
-sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen,
-wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor
-einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu
-antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner
-Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der
-Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen
-Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir
-eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich
-gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens
-zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu
-bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir
-immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem
-Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so
-satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen
-Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze
-Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem
-deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er
-fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit
-der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente
-mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal
-Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den
-»Toten Seelen« offenbart. Die »Toten Seelen« haben nicht darum in
-Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil
-sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag
-gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den
-Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus
-keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen
-guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen
-ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem
-Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war
-dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als
-der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung,
-keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und
-Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen
-hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder
-in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich
-lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte -- die Jämmerlichkeit und
-Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak,
-das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine
-Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung?
-Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel
-und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt
-sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen.
-Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich
-nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene
-geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären.
-Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er
-über meine Helden lachte.
-
-Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine übrigen Untugenden
-um Haupteslänge überragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante
-Tugend besaß, die mir ein besonders interessantes Äußere verliehen
-hätte, dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, die es
-nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir
-in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem
-Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er
-hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste
-jedoch, für den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch,
-_besser zu werden_. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und
-wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, daß sie sich
-nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, statt sich mir plötzlich
-und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von
-Seinem unendlichen Mitleid besaß, -- dann hätte ich mich sicherlich
-erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in mir entdeckte, verstärkte sich
-durch eine wunderbare höhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen
-zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, das mich
-dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies für ein Erlebnis
-war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand
-nützen könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem
-Augenblick an begann ich meine Helden über ihre Gemeinheit hinaus auch
-noch mit meinen persönlichen Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah
-folgendermaßen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir
-selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe,
-Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin
-darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte
-sie mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig war. Wenn
-jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine Feder im Anfang für
-mich selbst erschuf, er hätte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir
-nur zu erzählen, daß Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der »Toten
-Seelen« vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas
-vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und
-finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte.
-Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme:
-»Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Rußland.«
-Dieser Ausspruch überraschte mich. Puschkin, der Rußland so gut kannte,
-hatte nicht bemerkt, daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt
-meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache
-bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit
-ist und in was für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die
-Finsternis und den furchtbaren _Mangel an Licht_ darstellen kann. Seit
-dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden
-Eindruck mildern könnte, den die »Toten Seelen« hervorrufen konnten. Ich
-sah, daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es besser ist,
-es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle
-Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen
-würden, wenn man ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen
-führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich
-für meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese
-elenden Menschen sind jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen
-Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, die
-sich für besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus
-Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich außer Zügen von
-mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von
-dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die Zeit für dich gekommen
-sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persönliches Geheimnis. Ich
-mußte allen guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine
-nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und es ihren rechtmäßigen
-Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts
-anderem handelt als von _Elend, Armseligkeit und Gemeinheit_ und warum
-alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein
-müssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bänden finden. Das
-ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten
-seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und
-Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflößt,
-er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen
-gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. Mehr wollte ich
-nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich noch bedeutsamer geworden und
-wäre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der
-Veröffentlichung beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger
-und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden haben sich noch nicht
-völlig von mir abgelöst und daher auch noch nicht die rechte
-Selbständigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den
-Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht
-heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht
-tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen
-Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine
-Frühgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet
-und selbst sein verfrühtes Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden,
-daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen,
-die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten
-Verhältnisse Rußlands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze
-Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines Briefes
-angefüllt hast, und die zu nichts führen, als zur Befriedigung einer
-müßigen Neugierde), wenn du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen
-und Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als
-auch alle möglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die
-auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen,
-sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatsächlichen
-Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer
-Provinz vorgefallen sind -- sei es nun, daß sie mein Buch in einem
-seiner Teile widerlegen oder bestätigen -- zu jeder Seite könnte man ein
-ganzes Dutzend solcher Fälle anführen -- dann würdest du ein wahrhaft
-gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen dankbar sein. Wie würde
-sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie würde das meinen Kopf
-erfrischen und wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! Aber
-das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hält meine Bitten
-für ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen.
-Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne
-selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß diese müßige
-Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, wie ich sehe, auch dich
-angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles würdig und weise nach
-wohlgefügten Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus dem
-anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott weiß warum, soviel
-unnütze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn
-deine Worte auch ordentlich überlegt? »Es ist absolut notwendig, daß wir
-den zweiten Band erhalten.« Wie? soll ich mich denn bloß deswegen, weil
-alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das
-wäre doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem ersten zu sehr
-beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bißchen Verstand gekommen?
-Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die
-Menschen unwillig über mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend
-etwas sagen. Und woraus schließt du nur, daß der zweite Band gerade
-jetzt ein dringendes Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf
-hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht?
-Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, während ich glaube, daß er
-nicht früher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies bloß,
-wenn man die Umstände und den Gang der Zeit berücksichtigt. Wer von uns
-hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder
-der, der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das jetzt für eine
-seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland aufgekommen ist! Der Mensch
-liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun
-und spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere sich aus
-allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude darüber, daß sein Freund
-müßig auf dem Rücken liegt! Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit
-einer ernsten Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall zur
-Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann
-heißt es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt.
-Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt,
-was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube
-bitte nach diesem Bekenntnis nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin,
-wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich
-suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht für alles Schöne, ich
-liebe meine Schändlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten,
-wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem
-Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde gegen es ankämpfen, bis
-ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist
-ganz falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht
-haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, solange er noch in der
-Schule sitzt, und daß er später keinen Charakterzug mehr in sich
-verändern könne. Nur in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel
-konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen
-meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden
-übertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, über sie zu
-lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr
-verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von
-unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das
-Häßliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte
-vor Ihm prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich
-von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir,
-aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige
-Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese
-Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe
-gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere
-eine Weile beiseite zu lassen und gründlich in dich selbst
-hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen läßt,
-und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung zu unterziehen. In
-dieser meiner Antwort wirst du, wenn du näher zusiehst, auch eine
-Antwort auf deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum
-ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen Erscheinungen gezeigt
-und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwählt habe. Solche kann
-man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im
-geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit
-und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat -- wird alles,
-was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der
-Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese
-Schreckgespenster nicht erfunden -- diese Schreckgespenster haben meine
-eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was lebendig in meiner Seele
-lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt.
-
-
- IV.
-
-Ich habe den zweiten Teil der »Toten Seelen« verbrannt, weil das eine
-Notwendigkeit war. »Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn,«
--- sagt der Apostel. Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen
-soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen
-Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche
-Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen gekostet hat
-und worin vieles enthalten war, was mein höchstes Streben ausmachte und
-meine Seele ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in
-einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen
-wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte.
-Ich danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen.
-Sowie die Flamme die letzten Blätter meines Buches aufgezehrt hatte,
-erstand sein Inhalt plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor
-mir, gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male,
-wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits für
-ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite
-Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er hätte
-eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genuß und die Befriedigung
-der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß,
-sondern die aller Leser, für die die »Toten Seelen« geschrieben wurden.
-Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die für die vornehme
-Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, -- das kann zu
-nichts führen. Das erregt bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von
-uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit
-angenommen, die Vorzüge des russischen Charakters über alles Maß zu
-preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran,
-diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu
-arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau zu stellen, als
-wollten sie Europa zurufen: »Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch
-besser als ihr!« Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die
-andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann
-die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rühmt und sich
-was auf sie zugute tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt man
-schon, noch ehe man etwas geleistet hat -- man prahlt mit dem, was erst
-kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig
-und man grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist und sich
-selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens
-seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewußt und richtet seine
-Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten
-Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt; im zweiten Falle dagegen
-flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater
-des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet,
-indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verführt.
-Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze
-Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute
-begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der
-Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man
-überhaupt nicht vom Hohen und Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem
-jeden die Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so daß er sie
-taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande
-der »Toten Seelen« nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck
-gekommen, und doch hätte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste
-Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt.
-Urteilen Sie bitte nicht über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus;
-Sie werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich
-aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten,
-das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir
-verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen
-Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht
-vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht
-dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzuführen.
-Meine Aufgabe ist weit einfacher und näherliegend; meine Aufgabe ist
-das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken
-sollte. Meine Aufgabe -- ist _die Seele und die große sichere ewige
-Aufgabe des Lebens_. Darum muß auch mein Tun stark und dauerhaft sein
-und ich muß Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu
-beeilen; mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne,
-was verbrannt werden muß, und ich handle sicherlich richtig, denn ich
-unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre
-Befürchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir
-vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so
-sind sie überflüssig. Meine Gesundheit ist sehr zart -- das ist freilich
-wahr. Zuzeiten ist mir's so schlecht zumute, daß ich es ohne Gottes
-Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem Verfall meiner Kräfte ist noch
-ein so intensives Frösteln hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß,
-wie und woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung machen, und
-doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr
-als eine Stunde für die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich
-mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht.
-Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner
-Fähigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen
-wäre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die
-größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir
-auch die Kraft verleihen, was noch übrig ist, zu vollenden und zu Papier
-zu bringen. Meine Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine
-geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger, nun denn,
-so wird wohl auch die Körperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben,
-daß, wenn die rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre lang
-mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen
-wird.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XIX
- Liebt unser russisches Vaterland
- Aus einem Briefe an den Grafen A. T.
-
-
-Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine
-rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen
-nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man
-Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch
-niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung,
-mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten? Sehen Sie nur,
-wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwärtig auf der Welt gibt,
-die sich glühend nach dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde
-Kaltblütigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den
-niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart
-und verkündet, daß wir in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott
-teilhaftig werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns
-gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben.
-So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder
-lieben.
-
-Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie sollen wir die
-Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte nur das Schöne lieben, die armen
-Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in
-ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafür,
-daß Sie ein Russe sind. Für den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und
-dieser Weg ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland lieben
-lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in
-Rußland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die
-Leiden und Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem Maße
-betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, würde niemand
-von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der
-Beginn der Liebe. Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die
-Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt
-keineswegs bloß die Empörung der guten und anständigen Elemente über die
-Unanständigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der
-Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang,
-daß zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Häuser
-gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen
-hätten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr
-Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht,
-wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger,
-erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefühllosen beginnen sich
-zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner,
-auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht.
-
-Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich darüber aufregen,
-sowie Sie hören, daß etwas Böses oder Häßliches in Rußland passiert.
-Dies erregt bei Ihnen nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein,
-das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das
-ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich
-ankündigt. Nein, wenn Sie Rußland wirklich lieben werden, dann wird
-jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher und
-selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage nichts für
-Rußland tun, und als ob Rußland ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von
-selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit
-voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig ist und daß man mit
-ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Rußland
-wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich förmlich dazu
-drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa
-Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich
-mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird,
-begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem Beruf einem
-tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie es jetzt führen, vorziehen. Nein,
-Sie lieben Rußland noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht
-lieben, können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche Liebe zu
-Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe
-Sie sich nicht mit dieser göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine
-Rettung für Sie.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XX
- Lernt Rußland kennen!
- Aus einem Brief an den Grafen P. T.
-
-
-Es gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf. Gott gebe, daß es uns
-einmal beschieden sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der
-sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an sie ist mir eine
-Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden,
-können wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will,
-sich aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt Lebewohl sagen
-können. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins
-Kloster. Diese Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie sind
-reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen verteilen, was aber hätte
-ich ihnen zu geben? Mein Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes
-Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches
-Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen, mit
-denen ich andern nützen und dienen kann -- daher muß ich diese Güter
-unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber
-auch Sie können sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken, noch
-nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn
-es Ihnen schwer würde, sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache
-anders. Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet heute
-nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat und welch ein Opfer wäre es,
-sich von ihm zu trennen. Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun,
-wenn man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nämlich das
-Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die
-Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr
-Kloster ist -- Rußland. Nun, so legen Sie das geistige Mönchsgewand an
--- sterben Sie sich selbst völlig ab -- sich selbst -- nicht Rußland --
-und gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein. Unser Land ruft
-heute seine Söhne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon
-ertönt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben
-entweder ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland für
-einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und
-Elend über das Reich hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen
-verließen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu
-retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors
-begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf
-der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines
-friedlichen Bürgers -- ja, wo denn nur? -- mitten im Herzen Rußlands zu
-erfüllen. Machen Sie keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre
-Unfähigkeit hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland jetzt
-höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können. Sie sind Gouverneur
-zweier Provinzen von äußerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben
-diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen
-damals noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher andere, Sie
-haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse über die Zustände und
-Vorgänge im Innern Rußlands erworben und das Land in seinem wahren Wesen
-kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich würde
-Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem
-Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine
-bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit bedeutsamer
-erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene Fähigkeit, ohne besondere
-Anstrengung und ohne _selbst_ zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein
-bequemes müßiges Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei
-Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann
-erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles
-ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige Beamte
-zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit übrig lassen. Und wenn sich
-dann Gelegenheit bot, jemand für eine Auszeichnung oder Belohnung
-vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem
-Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz übergingen.
-Das ist Ihr höchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit,
-sich die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß Ihre Beamten sich
-die größte Mühe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so
-überanstrengt, daß er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem
-Sie aufs eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so
-viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig, wenn ein Vorgesetzter
-ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem
-wahrhaften Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit, wo
-ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst möglichst in den
-Vordergrund zu rücken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage
-Ihnen, mit dieser Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig
-unentbehrlich, und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht einmal
-empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf
-diese Fähigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen.
-Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an,
-daß Sie sie nicht brachliegen lassen mögen. Sie aber halten sie wie ein
-Geizhals unter festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig,
-vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche Stellung
-einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb,
-weil Sie sie nötig haben -- Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in
-Ihren Augen ist keine Stellung zu gering -- sondern deshalb, weil Ihre
-Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu
-ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises
-bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise
-in Rußland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie
-werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland machen.
-Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das genügt jetzt
-nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Rußland mehr, als in einem
-anderen Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst,
-während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, daß in den letzten zwei,
-drei Jahren ganz andere Menschen aus Rußland herauskommen, Menschen, die
-gar keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem
-begegneten. Um zu erfahren, was das _heutige Rußland_ ist, muß man
-unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht,
-was man spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich wahr,
-daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit
-und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie
-heute unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der Bildung
-und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz
-zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt
-hat, wie heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht
-aufgekommen, sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus
-folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele törichte
-Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlüsse gezogen
-worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe über Rußland so
-sehr entstellt und verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man muß
-selbst eine Reise durch Rußland machen und sich selbst überzeugen. Das
-ist besonders nützlich für den, der eine Weile fern von Rußland in der
-Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten
-Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der
-sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich
-und feinfühlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht
-sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunächst
-müssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher über Rußland besaßen, bis
-auf die letzte völlig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren
-eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben,
-lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wüßten, und
-Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig
-unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer
-Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer größeren europäischen
-Stadt beeilt, alle ihre Denkmäler aus alter Zeit und alle
-Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie in
-die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch
-größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu
-lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und
-in ihren Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte darauf
-schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, daß man ihn aufmerksam
-und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als
-irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen
-wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf
-den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen
-können, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die
-Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, »das Salz«
-einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es
-immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen
-ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon selbst ein
-Urteil darüber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten
-Beobachtungen über die gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn
-Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden Standes reden
-werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und öffnen
-Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was
-heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird
-Ihnen sofort erklären, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein
-nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen Begriff von dem
-Kleinbürgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles
-Notwendige über den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren,
-und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre der Gesellschaft werden
-Sie sich selbst ein Bild machen. Übrigens dürfen Sie sich nicht
-allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen.
-Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem
-Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß heute alle miteinander im
-Streite liegen und einer den andern rücksichtslos verleumdet und
-schlecht macht. Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu
-nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie
-alles übrige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und
-Städte Rußlands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo
-und an welcher Stelle Sie sich nützlich machen können und um welchen
-Posten Sie sich bewerben müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn Sie
-nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel Gutes stiften. Schon
-während dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so großen wahrhaft
-christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster
-bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten
-können und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits
-stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und
-Richters übernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das
-jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer solchen Tätigkeit
-liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch höher gestellt als jede andere
-Art der Tätigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder
-Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns überall
-etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben
-miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund;
-die Kleinbürger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst
-die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen
-Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt werden, miteinander wie Hund und
-Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht
-miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und
-Freundschaft bemerken, wenn nämlich einer von ihnen heftigen
-Verfolgungen ausgesetzt ist.
-
-Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine
-Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu versöhnen. Für die
-Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen
-und wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, söhnt
-er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht,
-dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher
-weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine
-so große Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der
-menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen
-eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein
-bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so
-gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst
-nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen
-Entgegenkommen entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu, ihn an
-Großmut noch zu überbieten. Daher können bei uns selbst die ältesten
-Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt
-werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird
-und überdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die
-Streitenden tritt. Eine solche Versöhnung aber -- dies muß ich noch
-einmal wiederholen -- ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige wenige
-Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander
-Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht über irgendeine
-Sache sind, sich dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde
-es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der
-Tätigkeit, zu der sich Ihnen während Ihrer Reise durch Rußland auf
-Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine
-andere Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie
-können der Geistlichkeit der Städte, die Sie berühren werden, einen
-großen Dienst erweisen, indem Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt
-machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der
-Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen
-heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, daß sie
-nicht in die Sphäre des christlichen Lebens gehören. Dies ist sehr
-notwendig, weil viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge
-von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten Zeit
-stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht
-sind, daß niemand mehr auf sie hört, daß ihre Worte und Predigten in die
-Luft gesprochen sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat
-und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist
-unrichtig. Freilich sündigt der Mensch von heute wirklich
-unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner früheren Zeit; allein er
-sündigt nicht aus einem Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit,
-nicht aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu
-sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden nicht erkennt. Noch
-hat sich nicht allen die für unser gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare
-Wahrheit enthüllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren
-Augen, daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten
-der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß nicht offen und direkt,
-sondern indirekt sündigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch
-nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und
-daher bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn man heutzutage
-erklärt: »ihr sollt nicht stehlen, nicht in Überfluß und Üppigkeit
-leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den
-Armen milde Gaben reichen«, so bedeutet das nichts und kann keine
-Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen wird: »aber das
-sind doch alles bekannte Dinge«, wird er sich noch vor sich selbst
-rechtfertigen und sich womöglich gar noch für einen Heiligen halten. Er
-wird sagen: »Stehlen? -- ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein
-paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde
-ihn nicht anrühren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen
-Diebstahls entlassen; ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe
-weder Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu sparen und
-zurückzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem Überfluß
-stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den
-Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen.
-Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten
-und für die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig,
-auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache
-meine Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorüber,
-ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält, auch habe ich mich niemals
-geweigert, etwas für irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben.« Mit
-einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für
-gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine
-Sündlosigkeit sein.
-
-Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm bloß einen Teil von
-all den furchtbaren Schrecken und Übeln zeigt, die er zwar nicht
-unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders
-reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen
-Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und seine Lebensweise nach dem
-Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres
-Ärgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben
-Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem
-zurückzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut
-verschwenden, die Menschen ausplündern und sie zu Bettlern machen;
-außerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im
-Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge
-stehen müssen, und die es vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht
-wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben
-und die Köpfe anderer Leute verwirren würde. Ebenso zeige man allen
-Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen
-und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges
-davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode
-folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch
-sündigen, daß sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr
-Geld verschwenden, sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem solchen
-Leben zwingen, daß so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde
-Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen
-hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen,
-mußte er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn
-ausplündern. Dieser mußte seinerseits irgendeinem Assessor oder einem
-Landrat die Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum war
-gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplündern] und man lasse
-auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann
-werden sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes Kleid denken.
-Sie werden einsehen, daß auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und
-auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf
-Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht von der
-furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist
-nicht gefühllos. Der Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie
-ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr
-erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher
-geworden, und die Hälfte seiner Sünden rührt von seiner Unkenntnis und
-nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu
-anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in
-sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der
-Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lüften und ihm nur eins
-von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er
-wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit zu prahlen. Er
-wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen
-Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig
-wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, daß der
-Gedanke, daß man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde
-richten müsse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in
-dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, nicht
-aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen Menschen entstehen
-konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzähligen
-indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit,
-seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf
-alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen würde, wo jeder von uns
-mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine
-eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine
-Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann,
-kurz, wie wäre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen
-würde, auf welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein,
-die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner
-Worte wird in die Luft gesprochen sein. _Sie_ aber können viele Priester
-hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der
-Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden,
-aufmerksam machen. Aber Sie können sich hierdurch nicht nur den
-Priestern, sondern auch anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind
-Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist.
-
-Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich
-unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller
-Wirrsale und Verwirrungen unserer _gegenwärtigen_ Zeit darstellt; nicht
-wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem
-Manne erscheint, der es von dem höchsten Standpunkt eines Christen
-betrachtet, in Erwägung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands, wie
-sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute
-leben in einer fremden Welt ausländischer Journale und Zeitungen, nicht
-aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch
-kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wände
-wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber
-können sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein
-gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und
-Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In _einer_ Stadt können Sie
-Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann
-zu bringen. Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst weit
-mehr bereichern als alle. So Großes können Sie auf Schritt und Tritt
-vollbringen -- und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle
-liegt über Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe
-herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie
-können die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es
-lernen, ihnen zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn
-liebgewinnen, wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn er noch nie
-für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so
-innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles
-für es hingegeben hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie
-auf! Ihre Klosterzelle ist -- Rußland.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXI
- Was eine Gouverneursgattin ist
- An Fr. A. O. S.
-
-
-Ich freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber
-sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso
-vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre
-Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit neuer Kraft lieben
-lernen; sie gehört zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre
-wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen,
-daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne
-Nutzen, daß die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind
-einfach müde -- das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet
-überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Betätigung. Sie wirkt sogar
-auch dann noch, wenn sie überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst
-schon, daß es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu
-schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze und Eifer auf alle
-möglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich,
-die Sie selbst erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen
-ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet und zugleich damit
-alle möglichen Schreibereien, eine große Aktenwirtschaft veranlaßt,
-allerhand Ökonomen, Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen
-und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg
-durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht und in K. eine große Verwirrung
-angerichtet. Die Fürstin O. dagegen, die _vor_ Ihnen Gouverneurin der
-Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle
-gegründet, sie hat außerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch
-hatte sie gar keinen Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der
-eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften gar
-nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in
-der Stadt ihrer ohne Tränen gedenken, und jedermann -- von dem Kaufmann
-bis herab zum letzten Habenichts -- sagt auch heute noch immer: »Nein,
-wir werden nie eine zweite Fürstin O. bekommen.« Und wer sagt so etwas?
-Dieselbe Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt,
-dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle Zeiten und
-unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Läßt sich denn wirklich
-nichts machen? Sie sind müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde,
-weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen
-Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit
-Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen
-schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. Sie sind die
-erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank dem äffischen Wesen der Mode und
-der bei uns in Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im
-allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit,
-nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin
-sein. Wenn Sie nun recht für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden,
-so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere
-veranlassen werden, sich mehr und gründlicher mit ihren Angelegenheiten
-zu beschäftigen. Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu
-tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal
-viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen
-Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und
-zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen.
-Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie
-an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie
-diesen abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden Rußlands,
-diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und
-Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies _eine_
-gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften,
-als selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht
-einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin!
-Sie sind müde. Aus Ihren früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den
-Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht
-allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist
-bereits über die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir
-zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich
-noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede kleine Unannehmlichkeit
-macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drückt Sie zu
-leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte,
-von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, überzeugt haben.
-Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus
-betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und
-zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, daß alle
-Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, daß sie Menschen
-sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles
-ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen und nur noch gegen
-ihre Krankheiten ankämpfen. Wer hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten
-unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine
-Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der
-allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der
-Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich
-über alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu
-verhelfen, daß ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen
-vollständigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das
-nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon überzeugt sind, daß
-ich in vielen Beziehungen eine größere Wirkung auszuüben vermag als Sie.
-Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben,
-wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst
-sagen, daß ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe
-als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren
-unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben wohl vergessen, daß
-ich zu beten vermag und daß mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott
-aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott
-erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der
-nicht von Ihm belehrt ist.
-
-Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff
-von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie
-jeder Provinzhauptstadt eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen
-Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben sich darauf verlassen, daß
-ich Rußland kenne wie meine fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland
-so gut wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas davon
-gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden.
-Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind große
-Veränderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt
-nicht mehr vom Gouverneur abhängig, sondern sind andern Departements und
-Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind
-neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz,
-ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach
-vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch
-gebeten, mich recht _vollständig_ mit Ihrer Situation bekannt zu machen.
-Nicht mit irgendeiner _idealen_, sondern mit Ihrer _eigentlichen
-wirklichen_ Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom
-Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag.
-
-Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in
-K. Rußland besser kennen gelernt haben, als während Ihres ganzen
-früheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir
-geteilt? Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem Ende Sie
-anfangen sollen, Sie sagen, daß der große Haufen von Kenntnissen, die
-Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt
-(Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen,
-sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir zunächst folgende
-Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies möglich ist,
-und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen -- d.
-h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört und
-nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm sind oder
-gefallen haben, tun würde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter,
-leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer
-vernünftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu
-Herzen nimmt, sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet.
-
-Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre
-Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen
-bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und
-Familiennamen sowie mit allen Beamten -- vom ersten bis zum letzten --
-bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich muß ebenso ihr
-Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein müssen.
-Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für einen
-Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von ihnen selbst und nicht
-von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem
-ein Gespräch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit
-besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die sie sich
-bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre die erste Frage. Bitten
-Sie ihn dann weiter, er möge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel
-Gutes man unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf zu tun
-vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil
-man in diesem selben Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das
-wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben,
-so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort für mich
-auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen.
-Erstens werden Sie _mir_ hierdurch die Möglichkeit geben, mich Ihnen in
-der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den
-eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt,
-woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst
-charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich
-bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber darum handelt es sich nicht.
-Beeilen Sie sich fürs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch
-nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und als
-ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie
-zunächst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen,
-begnügen Sie sich fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem
-bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem
-anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen über
-jeden einzelnen Mann mitzuteilen -- auch was die andern über ihn sagen,
-kurz alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters von ihm
-sagen läßt.
-
-Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen über die gesamte
-weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug
-gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle
-kennen gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie sie doch nicht
-genügend kennen gelernt haben. Frauen gegenüber lassen Sie sich schon
-durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen
-Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den
-allerbesten. Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie
-müssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Häßliches und
-Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen
-lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen großen Einfluß auf
-ihre Männer haben können. Übereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen
-keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal
-ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu
-veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse einer jeden zu
-orientieren, womit sie sich beschäftigt, ja suchen Sie selbst ihre
-Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre
-Neigungen, was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd
-einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen.
-
-Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig und bis in sein
-Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu können. Ohne dies kann ich es
-nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An
-jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall
-immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja
-sogar unausführbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis
-auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von
-Ihrer Stadt erhalte.
-
-Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts
-bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der
-die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach
-irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und
-einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er
-Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch
-ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen
-gerade mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien bei
-Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, daß diese Aufzeichnungen Ihnen
-zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein für allemal eine
-bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie sich eine
-systematische und möglichst vollständige Vorstellung von der ganzen
-Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort übersehen
-können, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und
-damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von Ihrer Stadt
-erhalte.
-
-Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Tätigkeit,
-ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem
-Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht
-haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, daß
-vieles Unmögliche doch möglich und daß vieles Unverbesserliche doch noch
-gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade
-darum, weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. Ich
-möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen,
-nicht höher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand,
-auf den sie gerichtet sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie
-sofort erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen.
-
-Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke
-geben, die allerdings nicht für Sie, sondern für Ihren Gatten bestimmt
-sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der
-Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache.
-Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche
-Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so
-wird jedermann ehrlich sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies
-nicht schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art,
-Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des
-Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem
-Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen.
-Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach
-unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind häufig bloß deswegen
-gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst
-was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie müssen zahlen, wenn sie
-eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können
-sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt
-werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand
-vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in
-den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in
-den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie
-niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das Übel ganz zur Reife
-gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen
-Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur stets Gelegenheit
-hat, viel Unheil anzurichten, daß er nur wenig Gutes tun kann, daß er
-kaum die Möglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf
-diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein
-Gouverneur kann immer einen _moralischen_ Einfluß ausüben, ja dieser
-Einfluß ist sogar sehr groß, ebenso wie auch Sie einen großen
-_moralischen_ Einfluß ausüben können, obwohl Sie über keinerlei
-gesetzliche Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte
-irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt
-davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde
-dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer Furcht
-davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst
-ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem
-Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie
-Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises
-gehandelt haben, den Sie ausdrücklich in die Stadt kommen ließen, um ihn
-mit dem Staatsanwalt auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit,
-Anständigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und
-freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht
-verfehlen. Dies können Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders
-gefallen hat, ist folgendes: daß der Richter (der, wie es sich
-herausgestellt hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch ist)
-so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, nicht einmal ins
-Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm
-in diesem Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen mögen.
-Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht
-nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich über die Bestechlichkeit
-und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin,
-gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich
-lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit öffentlich bekannt zu machen
-und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt
-freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, sobald es im
-ganzen Gouvernement bekannt wird, daß der Gouverneur wirklich so
-handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel
-hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt
-hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht
-für jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Länder durchdrungen
-ist, d. h. nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung,
-auch nicht für den europäischen _point d'honneur_, sondern für die echte
-sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen
-Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger
-Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur
-zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die
-sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der
-herrlichsten Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs
-zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der
-Gouverneur muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel ausüben.
-Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit
-unbedeutenden Ämtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das
-aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz
-eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man
-seine dienstlichen Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch für
-ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und vielerlei Mängel hat,
-seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem
-andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er
-sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht hätte. Mit einem Wort, man
-darf niemals aus dem Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die
-im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze
-Habe, die sie besaßen.
-
-Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen irgendwelcher
-unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so muß dies stets
-_unter Enthebung von seinem Amt_ geschehen. Das ist von großer
-Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er seines
-Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten für ihn Partei nehmen.
-Er wird noch lange Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um
-alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt nicht mehr
-möglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter
-_Enthebung von seinem Amt_ vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich
-die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen
-Seiten werden sich Beweise gegen ihn häufen, alles wird plötzlich an den
-hellen Tag kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. Um eins aber
-bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen
-aus dem Amt gejagten Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er
-will: denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres Gemahls muß er
-in Ihre Hände gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen
-Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut
-daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie
-die Brötchen, die für diese Unglücklichen bestimmt waren, an andre Leute
-verkauft hat -- ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in
-Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren,
-sich deswegen zu beklagen. Daher mußte ihre Entlassung öffentlich und
-vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig
-fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich und behalten
-Sie den Ausgestoßenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus
-Kummer, Verzweiflung und Scham noch größere Verbrechen begehen. Handeln
-Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder überhaupt durch irgendeinen
-klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen
-beständig über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie
-dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. Nehmen Sie sich in
-diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum
-Vorbild, der den Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn
-aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher mag sein, wie er
-will, solange die Erde ihn noch trägt und Gottes Donner ihn noch nicht
-vernichtet hat, so bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch
-aufrecht zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt
-werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie übrigens bei den
-Aufzeichnungen, die Sie für mich machen werden, oder bei Ihren eigenen
-Forschungen über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr durch
-die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert werden und sollte sich
-Ihr Herz mit Empörung erfüllen -- so rate ich Ihnen in solch einem
-Falle, sich hierüber so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu
-unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein
-kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen Sie ihn durch Ihr ganzes
-Krankenhaus und klären Sie ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf.
-Selbst wenn er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst
-besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über alle Krankheitsanfälle,
-alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie
-ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm
-fortwährend vor Augen steht, daß er sich in Gedanken fortwährend mit
-Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie ihm immer lebendig und gegenwärtig
-ist, wie sie auch Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all
-sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhörlich für
-sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den
-Zuhörern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen,
-in viele Dinge Licht hineinzubringen und persönlich, ohne auf jemand
-hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von
-Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit
-Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie
-gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen
-zu lernen. Von ihnen hängt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt
-in ihren Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. Achten Sie
-trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu
-gering. Es ist leichter, _sie_ ihrer Pflicht wiederzugeben, als
-irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz,
-Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit.
-Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen
-seiner Brüder hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. Dazu
-kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen ... Ein
-Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein
-gewisses Gefühl dafür, daß er demütiger und bescheidener sein muß, als
-alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich während des
-Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, mit einem Wort, er ist
-weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als
-wir, und indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle auf
-ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfähige Leute
-unter ihnen antreffen, diese nicht geringschätzen, sondern ordentlich
-mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde hat,
-lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie
-sich erzählen, was für Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie
-versteht und in welchem Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß
-ich bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft
-in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Daß sie auch schon anfangen, die
-Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung,
-der man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir einen von ihnen
-mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf
-bis zu den Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. Also
-noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig und bis ins einzelne
-kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern
-erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe
-geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug
-werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmähen, mit
-einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen
-Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle Daten, die Sie so
-sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Bürgers und
-Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen.
-Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser
-Krüppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind,
-dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darüber. Sie
-werden ihm gerade das sagen, was er wissen muß. Sie werden ihm das Wesen
-eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein
-jeder Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur dieses
-Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er
-durch unsere Mißbräuche geworden ist. Darüber hinaus brauchen Sie nichts
-hinzuzufügen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein
-eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen
-solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen
-Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs
-und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zügen abzustecken.
-Häufig weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine
-Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, und bringt nichts als
-Gemeinplätze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den
-Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu
-versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine
-Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit
-dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren
-moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, daß ihre
-Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie strengere Rechenschaft werden
-ablegen müssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, daß
-heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf
-den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes Revirement
-bevorsteht, weil nicht nur die höhere Obrigkeit, sondern auch alle
-Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund
-alles Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht
-und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst häufig über die
-furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkürlich
-erschauert. Kurz -- vernachlässigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen
-Umständen: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen großen
-moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, das Bürgertum und die
-niederen Stände der Stadtbewohner ausüben, einen so großen Einfluß, wie
-Sie sich's kaum vorstellen können. Ich will nur einiges davon erwähnen,
-was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen,
-mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, -- aber da fällt mir
-ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Bürgertum und die
-Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen
-vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich
-unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie selbst
-einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch große
-Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die
-weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche Asyle und alle
-möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern
-und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer
-Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.
-
-Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern
-der Stadt zu sozialer Tätigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann
-gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln;
-wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem Charakter, ihrer
-Lebensweise und ihrer Beschäftigung geben wollen, so werde ich Ihnen
-sagen, wie und wodurch man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem
-Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man
-jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurütteln und aufzuwecken.
-Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt
-genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr finden werden. Legen
-Sie keinen Wert auf ein abstoßendes Äußeres, legen Sie auch keinen Wert
-auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes
-Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch
-große Kühnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies
-ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas
-unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch ist unsere Seele in
-ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefühle fähig als jemals
-früher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder
-sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.
-
-Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen
-sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel
-mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie
-dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem hohlen modischen Treiben
-umgarnen ließen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen
-zu reden, wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten ihre
-hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische
-Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur
-Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und
-Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben für ganz
-hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in
-sich gehen, erkennen, daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu
-edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren
-Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu
-veranlassen, daß sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache
-stellen. Ich schwöre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins
-Gewissen reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie werden uns mit
-der Geißel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige
-Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird,
-daß er schon längst von selbst hätte vorwärts laufen und nicht erst auf
-den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller
-gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch
-nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele
-kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie alle, bis zum letzten, lieben,
-ohne alle Rücksicht, ob einer Sie liebt oder nicht.
-
-Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fühle, daß ich
-anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im
-gegenwärtigen Augenblick sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie
-selbst schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten
-zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde.
-Ich höre fortwährend von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht,
-woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie
-auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben,
-und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch
-eigenhändiges Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. Also noch
-einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt gründlich kennen zu
-lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem
-einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf
-besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses man in seiner Stellung
-vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleißige Schülerin, schaffen
-Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in
-Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein müssen. Denken
-Sie stets daran, daß ich dumm, daß ich _ganz_ dumm bin, solange mich
-nicht jemand in ausführlichster Weise über einen Gegenstand orientiert.
-Oder stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig
-unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste
-Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen muß: nur dann wird Ihr Brief
-seinen Zweck ganz erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen
-solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas
-vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich
-eingetroffen sind, so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich
-damals in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht haben. Ist denn
-das etwas so Großes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man muß bloß die
-gegenwärtigen Verhältnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die
-Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an
-die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher
-Mensch muß entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber in
-Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen folgender Zeilen
-ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen führen will. »_Es ist traurig
-und sogar bitter, die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen zu
-müssen. Im übrigen aber sollte man nicht darüber sprechen. Wir sollten
-hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den
-Händen des allbarmherzigen Gottes liegt_«. In den Händen des
-allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwärtige, Vergangene und
-Zukünftige. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart nicht
-sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies
-ganze Unheil, daß das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach
-häßlich und widerwärtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne
-möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln an allem und
-blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit,
-daher hängt ja auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft:
-manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen hochstehenden
-Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefühl
-nur noch keine streng zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben
-können. Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das weiß kein
-einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei
-vergißt man eine Kleinigkeit: man vergißt, daß die Straßen und Wege, die
-in diese _heitere_ Zukunft führen, ja gerade durch diese _dunkle und
-verworrene_ Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann
-hält sie für so häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und
-ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen führt. So lehren Sie
-mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie dürfen sich nicht durch
-das viele Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir
-keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts
-Ungewohntes für mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in
-mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niederträchtige und
-Widerwärtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Häßliche in
-Verlegenheit, ich fühlte mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte
-mich ein Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich aber tiefer in
-all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich
-zu höherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf.
-Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch größerer Ehrfurcht
-vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafür, daß
-er es mir ermöglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht -- sowohl
-meine eigene wie die meiner armen Brüder -- wenigstens teilweise kennen
-zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fünkchen Verstand besitze,
-wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich
-bemüht habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit
-hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen,
-die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe
-und Stütze zu sein -- so war dies nur möglich, weil ich tiefer in diesen
-Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich
-schließlich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht bloß
-eingebildeten, erträumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen
-Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich,
-daß ich recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit
-hinabgesehen habe.
-
-Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurück. Vor allem
-aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus
-irgendeinem Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere
-Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten
-»Reinen« ihr Gesicht mit den Händen bedecken und bittere Tränen weinen
-werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer
-Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gütern
-gerühmt und sich deshalb für bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie
-stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben,
-mit neuem frischerem Mut als früher an die Arbeit. Lesen Sie meinen
-Brief fünf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und
-es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens
-selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes
-ganz zu eigen machen. Meine Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine
-Wünsche zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe
-Sie unablässig verfolgt und so lange quält, bis Sie meine Bitte erfüllen
-und tuen, was ich verlange.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXII
- Der russische Gutsbesitzer
- An B. N. B.
-
-
-Die Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es
-dir zum unumstößlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das
-übrige wird sich schon von selbst ergeben. Laß dich nicht irremachen
-durch den Gedanken, daß das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem
-Bauern verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen ist, ist
-wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch
-wahr, aber] daß es für alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte
--- das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur
-ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge hinaussieht, kann so
-etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines
-Russen, der für alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein
-vermag, -- es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und
-Anhänglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den
-Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch einen Gedanken hat:
-wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausführst,
-was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres
-erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die Aufgabe, die einem
-Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen
-und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die Bauern
-um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind.
-Du mußt ihnen erklären, daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist,
-weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern
-deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als
-Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen
-würde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest,
-denn ein jeglicher muß Gott an _der_ Stelle, an die er gestellt wird,
-und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso müßten auch sie, die
-Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des
-Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie
-geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser
-Gelegenheit mußt du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament
-zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon überzeugen kann.
-Ferner mußt du ihnen sagen, daß du sie zur Arbeit und zur Tätigkeit
-anhältst, nicht weil du Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen
-brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar
-Banknoten verbrennen], du mußt es vielmehr so einrichten, daß sie
-wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert
-für dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, weil es Gottes
-Wille sei, daß der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweiße seines
-Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf
-die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich
-davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde
-wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und
-deswegen würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich
-arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. Denn du
-weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein Bauer, der nicht arbeitet und
-sich dem Müßiggang ergibt, zu allem fähig ist -- er kann zum Dieb, zum
-Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine
-schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. Bekräftige alles, was du
-sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit
-dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten.
-Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue
-und das Buch küsse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar
-erkennen, daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem
-Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europäischen oder
-anderen Launen und Einfällen heraus handelst. Der Bauer wird das
-verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze
-Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das Wertvollste auf der
-ganzen Welt ist und daß du vor allem darauf achten wirst, daß keiner von
-ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. Bei
-jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du einem Menschen erteilst, der des
-Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt
-du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht
-gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen Gott und nicht gegen dich
-versündigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib,
-seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen,
-frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, Übles zu tun,
-und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins
-Gewissen, weil sie es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten
-unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt und seine Seele um
-nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen
-vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß sich
-alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und daß alle Gegenstände,
-die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es
-ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß
-von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten
-Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß ihnen eine große
-Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, daß es nicht
-allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel
-zu führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut zu leben, daß
-ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und daß das ihre
-Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven
-und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen,
-dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen
-solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne
-erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe reißen und ihm den
-Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen
-oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, den
-mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mußt du folgendermaßen
-sprechen: »O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche,
-daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem
-keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! Beuge dich tief vor ihm und bitte
-ihn, daß er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur
-Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein Hund.« Die braven Bauern
-aber mußt du zu dir rufen und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz
-nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren
-und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen können, was Gott uns
-geboten hat. Führe das bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst
-sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird
-hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um die Hauptsache, alles andere
-wird dir von selbst in den Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens
-gesagt: _Dies alles wird euch von selbst zufallen._ Wie wahr das ist,
-dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser
-Leben. Für den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch
--- Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr
-gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort.
-
-Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben,
-nur mußt du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden
-gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du
-auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschäftigen
-mußt und wie du dies zu tun hast, darüber will ich dir nichts sagen: das
-weißt du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau
-wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist
-du ja vernünftig und hast du ja selbst eingesehen, daß man nicht nur am
-Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß,
-um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich
-will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu
-seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den
-Arbeiten betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung ist
-als alles übrige. Denke an das Verhältnis, das früher zwischen den
-Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mußt ein
-Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen.
-Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn eine gemeinsame Sache in
-Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte
-usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen muß
-in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch für alle Bauern gedeckt sein, ganz
-so wie am Ostermontag, und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit ihnen
-zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit überall
-voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, für
-die, die sich durch ihren Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort
-des Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit halten. Und
-wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du
-den Abschluß der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres
-Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du
-sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht
-versetzen, das ist noch keine große Kunst, das kann auch der Stanowoi,
-der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, er
-kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber,
-durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf
-treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, daß
-das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit nützlicher für
-ihn sein als alle möglichen Püffe und Maulschellen. Du mußt stets
-sämtliche Synonyme von: »_braver Bursche_« für den, der ermuntert, und
-alle Synonyme von: »altes Weib« für den, der getadelt werden muß, bereit
-halten, damit das ganze Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold
-ein altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich ein noch
-schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, daß er alles ist,
-was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube,
-sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es,
-wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei deinem Kommen alles
-lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch betätigt und daß
-jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen
-allen Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: »Kommt,
-Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.« Nimm selbst die Axt
-oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine
-Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und
-die vielen trägen und bequemen Spaziergänge.
-
-Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich
-ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit
-habe, allerhand törichte Bücher zu lesen, die europäische
-Menschenfreunde für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, daß
-der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein
-Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt
-er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es
-so ergehen, wenn du häufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer
-kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann,
-als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang
-ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden
-sondern weil er _die_ Bücher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott
-den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine
-andere Sache. Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen Sohn,
-und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du für eine
-ganze Schule verwandt hättest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es
-vor jedem beschriebenen Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. Es
-weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen
-und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es überhaupt nicht wissen,
-daß es noch andere Bücher als die heiligen Bücher gibt.
-
-[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemühst, daß
-er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum
-bitten willst, er möge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester
-senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn ein
-solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem
-Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, der deinem Ideal völlig
-entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen
-heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung
-gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich
-erst durch das Leben selbst. Du mußt selbst sein Lehrer sein, da du doch
-eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast.
-Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst
-schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen
-Verwandten, und in ihm das Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu
-erwecken, aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung und
-unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal
-weiß, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage,
-daß er genötigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt
-zu machen, während er doch vielmehr von vornherein eine gewisse
-Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher klagt man, daß die
-Priester schlecht sind, daß sie die Manieren der Bauern annehmen und
-sich gar nicht mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da
-möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen Verhältnissen nicht
-verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung besäße?
-Dagegen mußt du es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der
-Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt geistliche Bücher
-mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert und befriedigt uns doch heute
-weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mußt den
-Priester überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von
-Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persönlich von deinem
-Verhalten gegen die Bauern überzeugen könne. Hierdurch wird er klar
-erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die
-Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber werden auch die
-Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, daß er
-Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, daß
-er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe
-und daß er dadurch die Möglichkeit habe, beständig mit dir zusammen zu
-sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich
-langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich
-gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und
-Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja
-gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar
-und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern
-selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt.
-
-Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig hältst, so möchte
-ich dir hierüber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, daß es für
-einen Priester, der noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet
-ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist,
-überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darüber nachgedacht,
-wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor
-Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange,
-bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser
-Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe
-und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die
-heiligen Kirchenväter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich
-sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem
-ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur äußerlich
-angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing,
-immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen
-anzupassen, und er spricht so lebendig über die notwendigsten, ja häufig
-sogar über sehr hohe Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten
-direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird
-sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit
-deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle
-derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei
-Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. Laß ihn dem Volke diese
-Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie
-eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer sie sind, um
-so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor er sie dem Volke vorträgt,
-mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur
-mit innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten
-auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er für eine ihn
-persönlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines
-Lebens abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine
-eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber in möglichst treffenden Worten
-zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie
-unsere höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau so
-hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen Prediger
-anzuhören, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K.
-predigt der Priester überhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er
-sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte aber redet
-er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, daß dieser die Kirche verläßt,
-wie wenn er aus einem Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich
-dreißig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und
-Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in
-der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie
-machen würden, wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie die
-Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im
-Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fünf Mann auf einmal
-vorgenommen. Während der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S**
-selbst erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so
-daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was bloß
-geschehen war.]
-
-Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird
-das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, daß
-du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein
-Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da
-annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers
-widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat
-beweisen, daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn er seine
-Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten
-Bande, von denen man sagt, daß sie für immer zerrissen seien, durch das
-gemeinsame Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, das
-stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du
-bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet
-hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein
-Mann in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage was du willst,
-ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie _ein_ Mann
-allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften
-Lebenswandel zum Vorbild dienen können -- das ist kein unnützes Werk,
-sondern eine durchaus berechtigte und große Tat.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXIII
- Der Historienmaler Iwanow
- An M. Ju. Weligurski
-
-
-Ich schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal
-dieses Menschen! Endlich schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle
-waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu
-unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Künstler, alles bemühte
-sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden,
-[damit der Künstler nicht während der Arbeit sterbe -- ich meine dies
-ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man
-nicht das geringste aus Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um
-Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat.
-Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und
-alle Professoren der Akademie der Künste aus Furcht, das Bild Iwanows
-könnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht
-hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel zur Vollendung
-des Bildes nicht zur Verfügung gestellt werden. Das ist eine Lüge, davon
-bin ich fest überzeugt. Unsere Künstler sind vornehme, anständige
-Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine
-beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat,
-er, der tatsächlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie
-ihr eigenes Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu
-einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum hätten sie Iwanow auch zu
-fürchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er
-strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er
-will überhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben
-außer seiner Arbeit. Er bittet bloß [um eine armselige Pension] -- um
-eine Pension, wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht er,
-der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher
-noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu
-verschaffen bestrebt sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er
-sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie
-wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt
-hat, daß Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und
-alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann ich nicht finden.
-
-Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man
-hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und
-noch immer ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf
-endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der Künstler auch nicht einen
-einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem
-Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man eine
-ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß die ungewöhnliche
-Größe des Bildes, dem kein zweites an Flächenumfang gleichkommt (das
-Bild ist größer als die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich
-viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln,
-die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor
-allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort
--- jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf
-einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein fleißiger Arbeiter
-sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so daß er kaum noch
-wußte, ob es in der Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit --
-wie töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die,
-die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schämen,
-wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war.
-Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der eigenste, innerste,
-geistige Lebenszweck des Künstlers -- eine Erscheinung, wie sie in der
-Welt nur äußerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien
-Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der
-über allen Menschen steht. Es war offenbar höhere Bestimmung, daß sich
-an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Künstlers sowohl nach der
-Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die
-Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung entgegenführen, vollziehen
-sollte. Schon der Gegenstand des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst
-bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf
-gewählt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und
-die bisher noch von keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister
-einer der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen
-Epochen behandelt worden ist, nämlich -- das erste Erscheinen Christi
-vor dem Volke. Das Bild stellt die Wüste am Ufer des Jordans dar. Im
-Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers, der vor
-versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen
-hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die
-damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits
-ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind,
-ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch
-die künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, während er
-mit seiner Verrichtung beschäftigt ist und verschiedene Körperbewegungen
-ausführt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er
-ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die
-verschiedensten Gefühle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits
-vollkommen überzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt
-schon, andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung
-gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, daß die harte
-Rinde der Gefühllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten
-ist. Und während nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen
-ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen
-ward, in der Ferne -- und das ist der eigentliche Höhepunkt des Bildes.
-Der Künstler hat den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit
-dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: »_Siehe, das
-ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt._« Die ganze Menge aber hält,
-ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den geheftet,
-und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu
-dem früheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden
-ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck
-widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten, die ganz vorne stehen,
-leuchten von einem wunderbaren Licht, während die andern noch bemüht
-sind, in den Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht
-begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der Welt auf sich nehmen
-kann, und während die Dritten zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten
-sie sagen: »Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!« Er aber
-schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrückt
-langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu.
-
-Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen
-Prozeß _der Bekehrung des Menschen zu Christus_ darzustellen! Es gibt
-Menschen, die davon überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles
-erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch,
-eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den
-himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles
-leicht erreichbar sei, wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und
-die Akademie besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen, was er
-selbst _gefühlt_ und wovon er sich im Geiste eine vollständige Idee
-gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches
-Gemälde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für
-ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden. Die gesamte
-materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise
-Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster
-Vollendung durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen
-Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der
-jüdische Typus überall festgehalten. Man erkennt sofort an den
-Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist
-ausdrücklich zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische
-Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung
-der Farben, der menschlichen Gewänder und die wohlüberlegte Art, wie sie
-den menschlichen Körper umhüllen und von ihm gehalten werden, bezieht,
-ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß jede Falte die
-Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken muß. Endlich ist auch die
-landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig
-achtet, die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so
-ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten,
-staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden
-Pontinischen Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht,
-zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden, die sich in
-Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes
-Baumblatt studiert, kurz -- er hat alles getan, was er tun konnte, und
-alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte. Wie aber
-sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie ein Künstler ein Modell
-finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafür finden, was die Hauptsache,
-die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie konnte er den
-Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit
-zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe?
-Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken
-erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt
-und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine
-Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war
-bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die
-hohen Gemütsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen
-gegangen, um die Menschen während des Gebets zu beobachten, und mußte
-schließlich erkennen, daß dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmächtig,
-daß es ungenügend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem,
-was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der
-Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so
-langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu
-Christus nicht im Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie
-gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig zu
-Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er
-hat stille Tränen vergossen und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft
-verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen, und in
-einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, daß er zu
-langsam arbeite, und ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er
-möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den
-Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu
-Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die
-Kraft verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch der
-Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert dastünde,
-und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persönlich
-kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei
-träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht
-durch Hunger und dadurch, daß man ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen
-könne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen
-sagten: »Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas für sich, in der
-Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann
-brauchte er nicht vor Hunger zu sterben.« So konnten die Leute reden,
-ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu
-einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon
-nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen,
-daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr
-fähig, sich auf andere Gegenstände zu richten, so sehr er sich auch dazu
-zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues
-Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern
-lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen,
-nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der
-Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden
-sagen: »Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum
-hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann hätte man ihm
-sofort Geld geschickt? Das wäre schön, wenn's so wäre. Es soll doch
-einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens
-gegeben hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu werden vermag,
-was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen,
-die aus sehr natürlichen Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß
-es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie
-unendlich weit über das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer
-heutigen modesüchtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: »Ich will ein
-Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich
-jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch
-manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mögt die ganze Zeit über, während
-der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu
-meinem Lebensunterhalt verschaffen?« Dann würden sich wahrscheinlich
-viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen würden, und glauben Sie
-etwa, daß es einen so törichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben
-würde? Aber selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit der
-Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: »durch höhere Eingebung
-ward mir eine Idee zuteil, die mich unablässig verfolgt -- ich will die
-Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich
-fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm
-bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst
-vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem
-Lebensunterhalt und um arbeiten zu können, brauche.« Ja, hätten wir ihm
-nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: »Was ist denn das für ein
-törichtes Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt denn das
-zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die Seele ist etwas für sich und
-ein Gemälde ist auch eine Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine
-Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch
-auch alle wahrhafte Christen.«] So hätten wir alle zu Iwanow gesprochen,
-und jeder von uns hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese
-schwierigen Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter gewesen,
-die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glühenderer
-Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu
-Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner
-von den modernen profanen Künstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre
-Tränen die Gefühle zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes
-Nachdenken und bloße Überlegung zu erringen suchte, so wäre er nie
-imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand
-bereits den Grund gelegt hat, und er hätte sowohl sich wie die andern
-betrogen trotz seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben
-Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen inneren
-Übergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsprozeß in
-dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen
-mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir
-selbst erfahren. Meine Werke hängen in ganz wunderbarer Weise mit meinem
-Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs
-Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu schaffen. Die ganze
-Arbeit fand in mir und für mich selbst statt. Und doch -- vergessen Sie
-dies nicht -- und doch lebte ich damals, ausschließlich von den
-Einkünften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wußte, daß ich
-Not litt, und doch waren alle überzeugt, daß dies seinen Grund
-ausschließlich in meinem Eigensinn hat, daß ich mich nur hinzusetzen und
-irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu
-verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu
-schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernünftigen Menschen
-folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für eine
-Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, daß mich mein Kopf
-schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige
-Seiten voll, zerriß sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten
-einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht
-genug war, so daß ich mich zu Bett legen mußte. Dazu kamen noch
-allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, daß es
-mir völlig unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt
-über meinen Zustand und meine Lage zu äußern; dies alles brachte mich so
-herunter, daß ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses
-passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem
-noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden
-Menschen hatte. Auch war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr,
-nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern
-sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde
-damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam.
-Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in seiner
-unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heißen Streben beseelt
-war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren
-hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine
-Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug,
-diese Hilfe richtete mich plötzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick
-sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu den
-Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen,
-kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten
-sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich
-der Liebe derer würdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich
-ihnen sagen: »Vergeßt es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr
-auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre«]. In solch eine Lage
-kommt man mitunter. Außerdem muß ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu
-dieser Zeit oft den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele
-konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an Unternehmungen
-beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der
-Allgemeinheit planten. Meine Einwände, ich könne nicht schreiben und ich
-dürfe nicht für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für eine
-Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im Ausland lebte, wurde auf
-ein sybaritisches Bedürfnis zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu
-genießen. Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden
-klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine Krankheit eine
-zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedürfnis war, gerade weil ich
-nicht in ein falsches Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine
-Unannehmlichkeiten bereiten wollte -- selbst dies vermochte ich ihnen
-nicht klarzumachen!
-
-Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam
-geworden, daß ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und
-verständlicher Weise hätte mitteilen können. Wenn ich mich bemühte,
-einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen, so
-stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich den Menschen, zu denen ich
-sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich
-bereute bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig
-zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt Situationen von solcher
-Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen
-lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst
-sieht, wie er lebendig begraben wird -- und nicht einmal einen Finger
-rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch lebt. Nein, Gott bewahre
-uns vor dem bloßen Versuch, im Moment eines solchen inneren
-Übergangszustandes einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein
-sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, daß
-viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht
-gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran:
-ich selbst hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen
-wäre.
-
-Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und
-aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so würden sich alle sofort empört
-gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen
-die andern Künstler würden laut werden, und man würde sie der
-Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende würde gar ein
-dramatischer Dichter ein rührsames Drama über dieses Sujet schreiben,
-das Publikum bis zu Tränen rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde
-Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts wie lauter Lüge und
-Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode
-schuld wäre. Nur _ein_ Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften
-Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser
-Mensch wäre -- ich. Ich habe mich in einer ganz ähnlichen Lage befunden,
-habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht
-klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt
-schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu
-bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich
-habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewälzt. Nun liegt sie
-auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige
-Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem auch noch
-eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem Gemälde gearbeitet hat und
-daß er während dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem
-ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. Sparen Sie nicht
-mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fängt man überall an,
-den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es
-sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des
-Künstlers noch nicht in vollem Maße widerspiegelt, ein Urteil erlauben
-kann, schon sagt ganz Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten
-Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemälde
-wird vollendet werden [-- dann wird auch der ärmste Fürstenhof in Europa
-gern soviel dafür bezahlen, wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde
-eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemälde erzielen
-selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, daß ihm
-die Prämie nicht für sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung
-und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf daß dies
-Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre
-nötig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: daß man allen
-Lockungen des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man nicht aufhören
-dürfe, zu lernen, und sich stets für einen Schüler halten solle wie
-Iwanow, daß man die größten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an
-Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow,
-daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache
-Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten des Anstands außer
-acht lassen muß wie Iwanow, daß man alle Leiden auskosten und selbst bei
-einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen
-feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen
-ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne einen für verrückt
-erklären und überall das Gerücht verbreiten, man sei nicht bei
-Verstande, so daß man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören
-muß, wie Iwanow dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte
-ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedürfnis
-für unsere jungen Künstler und für die, die ihre Künstlerlaufbahn erst
-eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich
-feine Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr
-Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, daß
-die Hilfe und Unterstützung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil
-wird, die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit ihren
-Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr
-ganz aufgehen wie ein Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn
-die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß wäre, damit sich alle
-anderen unwillkürlich hinter den Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß
-er diese Summe nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte.
-Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen.
-Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen
-Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Künstler besser kennt als
-irgendein Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser
-darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. Weiß Gott, was ein
-Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur
-Frau, oder er kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und denen
-er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter kann einen großen
-Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch
-behaupten, daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation
-hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen, und Geld
-dafür verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist,
-auf dem er später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der
-Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not
-vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der
-mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt
-hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie
-dies Iwanow getan hat, -- mit dem verhält es sich ganz anders. Ihm kann
-man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von
-dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie
-billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden,
-besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut
-ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und
-man sollte doch nicht zulassen, daß solche Menschen vor Hunger sterben.
-Wenn es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von den andern
-zurückzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja
-selbst in dem Falle, wenn es seine _eigene_ Sache ist und er nur sagt,
-daß diese Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem
-allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als ob er den Menschen
-wissentlich diente, und für seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen.
-Damit Sie sich aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist,
-weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts
-tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was für einen Lebenswandel er
-führt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie
-Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt
-verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden
-Gedanken an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein
-Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begründen, von
-sich gewiesen hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag und
-Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann
-sind keine langen Überlegungen am Platz, sondern dann muß man ihm die
-Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drängen und
-anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne
-uns vorwärts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er
-nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große Pension
-bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus
-und halten Sie die Lockungen und Verführungen der Welt von ihm fern. Es
-gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. Der
-Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen
-hat. Aber wen Gott für würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten,
-und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn für
-keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXIV
- Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei
- den heutigen Zuständen in Rußland sein kann
-
-
-Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tüchtig
-auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich
-entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fähig,
-sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide
-auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner
-Ansicht nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit elender
-als die jener Menschen, die tief im Unglück und im Elend zu stecken
-meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche
-des Gemüts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten,
-und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen
-kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr
-über sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter
-einen _starken Willen_ zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefühl für
-diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet,
-um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu
-wirklichen Leistungen anspornt. Und _Sie_ haben ihn geheiratet, damit er
-Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger
-werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen
-besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs
-glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide zerfließen und gehen im
-Leben auf wie ein Stück Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre
-guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und
-der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter
-ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und
-Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um _Kraft und Willensstärke_.
-Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und
-Willensstärke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich
-auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernünftig:
-_bete und rudere auf das Ufer zu_, sagt ein russisches Sprichwort.
-Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem
-Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein ganzes Ich in mir
-selbst zusammen und stärke mich!« Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang
-so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu und
-zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt müssen Sie auf
-Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre
-Hände gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern
-machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen Überschlag über den
-gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine Übersicht über all Ihre
-Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie
-bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben
-müssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr
-ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur
-Deckung der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung,
-Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wände Ihres
-Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite
-Haufen muß das Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt
-des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause
-leben, enthalten. Der dritte Haufen sei für den Stall, für den Wagen,
-den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich auf
-diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen
-müssen die Unkosten für die Garderobe, d. h. für alles, was Sie beide
-brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie
-zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte Ihr
-Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche Ausgaben,
-die ja häufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Möbel,
-einer neuen Equipage, oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn
-er plötzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der siebente
-Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben
-für die Kirche und für die Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese
-sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert für
-sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Führen Sie über
-jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie
-eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen
-während dieser Zeit auch noch so günstige Kaufgelegenheiten bieten
-sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so
-sehr zum Kaufe reizen sollte -- dürfen Sie ihn nicht kaufen. Das können
-Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich genügend gefestigt und
-gekräftigt haben. Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, daß
-Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und
-daß diese Erwerbung fürs erste weit wichtiger für Sie ist als jede
-andere. Seien Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten
-Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die
-Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, dürfen Sie doch
-nicht mehr ausgeben, als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält.
-Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden Jammers
-und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein müssen, und wenn Sie sehen,
-daß hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen Sie
-dennoch unter keinen Umständen einen von den andern Haufen angreifen.
-Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre
-Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie
-sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen
-dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal
-vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen Ihre
-Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen möglichen Erniedrigungen
-aussetzen und sogar den öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf
-daß Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle
-Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschränken und im voraus daran zu
-denken, so daß am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die Armen
-übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der
-Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden,
-werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich
-plötzlich einen Schmuckgegenstand für Ihren Tisch oder Kamin kaufen,
-wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht geneigt
-sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen,
-sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche und Launen werden auf diese Weise
-unwillkürlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen,
-und schließlich wird es so weit kommen, daß Sie selbst das Gefühl haben
-werden, Sie brauchten nicht mehr als _einen_ Wagen und ein Paar Pferde
-und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann werden Sie
-erkennen, daß man seine Gäste ebensogut mit einem einfach servierten
-Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne
-alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu befriedigen
-vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das
-Gerücht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht _comme il faut_, sondern Sie
-werden selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon überzeugen
-werden, das wahre _comme il faut_ sei das, das Der von dem Menschen
-fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der
-allerhand Satzungen und Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal
-der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal
-Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes
-Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die
-Bilanz über die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen
-Haufen beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und
-vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen,
-um wievielmal notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, und
-damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen Gegenstand Sie im
-Fall der Not zuerst verzichten müssen, und so die Kunst lernen, zu
-erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist.
-
-Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng an diese Grundsätze.
-Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie während der
-ganzen Zeit zu Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen --
-dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist
-dies: daß in dem Menschen wenigstens _etwas_ stark und unerschütterlich
-werde. Hierdurch kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles andere.
-Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden
-Sie unwillkürlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten
-sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung,
-setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie
-nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann,
-sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur
-Tätigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß er sich ganz
-der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen muß -- [sein
-eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf
-seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja gerade darum
-geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich
-ganz dem Vaterlande zu widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt
-ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst
-behindert wird, sondern gerade um ihn für den Dienst zu stärken und zu
-kräftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder
-in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung
-wieder begegnen und sich so übereinander freuen, als hätten Sie sich
-viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen
-haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen Sie ihm alles,
-was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und
-lassen Sie sich alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement für
-den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen unbedingt darüber
-unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht,
-Sie müssen wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten er an
-jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese
-Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne
-eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich während eines Jahres
-alles von ihm erzählen lassen und aufmerksam zuhören, so werden Sie im
-folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und
-werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen können, wenn ihm im
-Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, wie Sie ihm behilflich sein
-können, über sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst
-nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt hätte. So werden
-Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schönen und Guten werden.
-
-Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt
-habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er
-möge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst
-festzuhalten. Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den
-Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige
-jämmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles
-Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände und
-Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre
-Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer
-meiner Freunde, mit dem Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz
-Rußland kennt, folgendermaßen definiert: »Die Freiheit besteht nicht
-darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune _Ja_ sagt, sondern darin,
-daß man auch _Nein_ zu ihr zu sagen vermag.« Und er hat recht wie die
-Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch
-starkes _Nein_ zuzurufen. Ich vermag nirgends einen _Mann_ zu entdecken.
-So muß denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so
-seltsam und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem Manne
-befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXV
- Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit
- Aus einem Briefe an M.
-
-
-Vernachlässigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen
-Umständen. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann
-aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch
-wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein
-hierdurch können Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen.
-Richten -- das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, was es Höheres
-gibt. Nicht umsonst wird im Volke _der_ so hoch geehrt, der es versteht,
-ein gerechtes Urteil zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar
-die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern werden zu Ihnen hinströmen,
-wenn sie erfahren, daß Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie
-keinen von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und übernehmen Sie
-das Richteramt in allen Fällen, selbst bei einem unbedeutenden Streit
-oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern
-vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und
-was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermöchten, da Sie
-nichts finden könnten, woran Sie anknüpfen sollen.
-
-Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und
-entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das
-Gericht muß erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches
-Gericht muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem
-Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, daß dies in Gegenwart von
-Zeugen geschieht, und daß hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit
-es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht
-und der andere unrecht hat. Daneben müssen Sie aber noch in anderer
-Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem
-Rechte: hierbei müssen Sie _beide_, den Schuldigen sowohl wie den, der
-_recht_ hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, daß
-er selbst daran Schuld war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen
-Sie dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor
-Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil
-er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten
-hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung aus, weil er
-Christus selbst in seinem Bruder gekränkt hat. Beiden aber erteilen Sie
-eine Rüge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgesöhnt,
-sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das
-Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte alles beichten und
-bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden,
-werden Sie aus höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott
-wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen,
-vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und
-wahrhaftes Wissen daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich
-mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, über die
-einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden sie den Geist des Landes,
-die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit
-besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, die sie
-fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege
-könnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von
-allen Völkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke
-entsprungen und lebendig ist, daß es keinen gerechten Menschen gibt und
-daß Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein
-unerschütterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm
-erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht
-übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, und wird hierdurch
-befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der höheren
-Kreise haben kein Gefühl, kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir
-uns nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche Begriffe von
-der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten bloß darüber, wer
-recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere
-Streitigkeiten genau untersuchen, so können wir sie alle auf einen
-Nenner bringen, nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig sind. Und
-dann erkennt man, daß die Kommandantin in Puschkins Erzählung »Die
-Hauptmannstochter« ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um
-den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade
-wegen einer Schöpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei
-folgende Instruktion mitgab: »Untersuche, wer recht und wer unrecht hat,
-und bestrafe alle beide.«
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXVI
- Rußlands Schrecken und Grauen
- An die Gräfin ***
-
-
-Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben
-haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn
-gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen,
-Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen
-Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur
-keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem
-gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in
-Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu
-veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen
-andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die
-gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie
-mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit.
-Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne
-Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist
-verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden
-nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin
-aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch
-schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort
-noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht
-auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines
-oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem
-fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den
-Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter
-Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische
-Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und
-wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in
-jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in
-solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen
-und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf,
-solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten
-Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so
-entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt
-überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird
-ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die
-alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen.
-In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl
-hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese
-Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren
-Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: »Alle lassen den Mut sinken wie
-in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals« treffen in der Tat das
-Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine
-eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen
-Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein
-jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: »_sauve
-qui peut_«. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein.
-Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und
-zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um
-eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff
-besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen
-irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von
-uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich
-selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates
-weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein
-jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den
-himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst
-steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt
-klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies
-kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst
-auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem,
-sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches
-wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere
-Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die
-Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen,
-sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so
-erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat.
-Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung
-beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer
-Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt -- wir müssen immer im Auge
-behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und
-daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es
-uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele
-retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf
-richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich
-verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor
-seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die
-_ägyptische Finsternis_, die uns König Salomon so gewaltig geschildert
-hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und
-unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte.
-Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von
-allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche
-klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen
-unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine
-furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen,
-alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und
-dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern
-sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten
-im Licht und im Tage.
-
-Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber
-und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer
-Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können,
-wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze.
-Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum
-erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst
-halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott,
-vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren
-willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher,
-zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes
-Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener
-schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem
-Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu
-ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was
-glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt
-sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein
-Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten
-vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was
-in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was
-aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht
-ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine
-Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der
-Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei
-vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem
-einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference
-gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten
-Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des
-Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden
-sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg,
-sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen
-Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute
-nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu
-unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts
-sei es gesagt, daß die Zahl solcher _Frauen_ größer ist als die der
-Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach
-meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu
-beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel
-mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft
-(Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher
-Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner
-Seele erfüllt haben) -- Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen
-Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht
-nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die,
-von denen Sie etwas gehört haben -- Sie alle gleichen einander kaum, und
-jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung.
-Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren
-hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren
-schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen
-Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer
-Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von
-einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von
-der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie
-geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine
-so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen,
-wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der
-Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und
-das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von
-jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der
-festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, -- es sich so
-klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name
-der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von
-sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu
-vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit
-habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei
-keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen
-Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß
-und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der
-Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes.
-Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen,
-die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder
-erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und
-gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig
-geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere
-Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken
-und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und
-Unruhe versetzen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXVII
- An einen kurzsichtigen Freund
-
-
-Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet
-und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben.
-Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott
-gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot,
-sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu
-stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern
-nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht
-Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.]
-Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht
-zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche
-Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück
-Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das
-er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der
-Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum
-tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch,
-dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt
-hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig
-entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand
-fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch
-nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den
-Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden
-Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief
-schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen
-Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen,
-obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte
-tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man
-Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten
-Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel
-Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren
-Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber
-worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest,
-aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit
-allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der
-dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand
-und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen
-gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du
-wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu
-besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die
-Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe
-du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man
-heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten
-kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr
-Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet,
-in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen
-solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart
-besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von
-dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat
-die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde
-ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der
-Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch
-jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du
-glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und
-Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand
-gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum
-bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze
-glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder
-verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu
-vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren,
-Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen
-arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen
-haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem
-Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden,
-und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre
-großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer
-Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas
-_Dauerndes_ hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von
-Taten übereinander auf -- die doch zugleich mit uns wie Staub vom
-Angesicht der Erde hinweggeweht werden. »Du bist stolz,« sage ich dir,
-und muß es dir immer wieder sagen: »du bist stolz.« Wache über dich und
-rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich
-zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen
-bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu
-werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt
-nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind
-noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen.
-Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von
-einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge
-dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche
-Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden
-möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft,
-so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit
-einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit
-entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie
-sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine
-Ohrfeige zu empfangen.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XXVIII
- An einen hochgestellten Mann
-
-
-Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet,
-und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den
-Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines
-Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt überall notwendig.
-Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist
-jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt
-überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen
-der gegenwärtigen Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu
-entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und
-welcher der leichteste ist. Für einen Menschen, der kein Christ ist, ist
-heutzutage alles schwierig; für einen solchen dagegen, der Christus in
-all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineinträgt,
-ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie schon im vollen Sinne
-des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein.
-Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf
-Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts. Sie denken nicht
-mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und
-eine historische Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben
-bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch
-befinden muß, der heute Rußland von Nutzen sein will. Was also brauchen
-Sie zu fürchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor
-etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß man überall als Christ
-handeln muß. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in
-allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen -- so sehen Sie
-sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam um. Ihre christliche
-Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung
-bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler. Sie werden keinen
-alten Offizier an sich vorüber gehen lassen, ohne ihn über seine
-persönlichen Zusammenstöße mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie
-wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des
-Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre
-Taten und Erlebnisse während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen
-lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso
-wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie
-brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden,
-werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe
-daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für
-den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen
-brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu
-handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden,
-so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen. Ihre christliche
-Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen,
-werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle
-handeln würden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von
-wem er auch kommen möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger
-Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen auch einem
-einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke
-werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß es ja
-nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der
-Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz,
-Sie werden jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener
-Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug
-raten, denn Sie werden alle anhören. Sie werden nicht einmal imstande
-sein, unvernünftig zu handeln, denn unvernünftige Handlungen entspringen
-nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen, aber die christliche
-Demut wird Sie überall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der
-sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine
-Hälfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze
-Sache zu kennen und voller Hast und Übereilung zur Tat drängen, während
-doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen
-glauben, uns die gute Hälfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein,
-Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also
-brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten?
-
-Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin irgendwo in Rußland
-Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche
-Weisheit erleuchten. Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst schwierig
-ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen, -- weit schwieriger als
-jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel
-Mißbräuche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so
-überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft
-übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage eine besondere Art
-ungesetzlicher Geschäftspraxis unter Umgehung der Gesetze üblich
-geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft
-hat, so daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich
-die Dinge, über die andere oberflächlich hinwegsehen, ohne etwas Böses
-zu ahnen, bloß aufmerksam anschaut, so muß auch dem gescheitesten
-Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln
-verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in
-solchen Fällen lehren, nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge
-zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein.
-Sie wissen, wie vielen fremden Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage
-ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken,
-und daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer, die die
-wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach
-allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem häuslichen und in ihrem
-Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren
-Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel
-bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen
-alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt
-etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden Sie alles
-erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals
-erfahren würde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer
-ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor
-Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte Beamte nur
-ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, daß sich die Schuld
-heutzutage auf alle verteilt, daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen
-kann, wer mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige, die
-unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde
-werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedächtiger sein, als Sie es
-jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des
-Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß _sie_ der Schlüssel
-zu allem ist. _Die Seele_ muß man heute kennen lernen, immer wieder die
-Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann
-nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner
-eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem
-Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn
-sie alle seine geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben
-wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um Übles zu
-tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird
-es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich
-selbst auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor sich
-selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine ganz andere Wendung
-nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die
-andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn
-so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern, daß er plötzlich Mut und
-Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie
-erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein
-kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als Generalgouverneur wird etwas
-gänzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der
-Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr
-viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lästern),
-bestand meiner Ansicht nach gerade darin, daß Sie das Wesen Ihres Berufs
-nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur
-für den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen
-Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohltätiger Einfluß nur bei
-einem längeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz spürbar
-werden kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen
-definiert: »Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich
-auf der Durchreise befindet.« Diese Definition ist genauer und
-entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses
-Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein
-dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um
-den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den
-Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu
-setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in
-Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind und unter der
-Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Anstoß zu
-geben, durch seine unumschränkte Macht die schwierige Situation vieler
-Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu
-erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas
-Eigenes einzuführen, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die
-bereits vorgeschrieben und ein für allemal gezogen sind, in eine
-schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der höchsten
-Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und
-bereits eingeführt ist, haben Sie mit der mühevollen Pflicht des
-Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt
-zurechtfinden und mit ihm fertig werden muß und der alle kleinen
-Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den
-Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs
-gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres höchsten
-Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung für eine lebenslängliche
-gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen ein
-Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein
-edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wären, was Sie
-jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten Sie
-für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brücken und allerhand
-Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan
-haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu
-ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung
-seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den
-Landstraßen wie aus allen anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die
-wir heute so eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch
-notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich nicht um das Wesen
-einer Sache, sondern um etwas bemühte, was nur eine Folge der
-eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewöhnlich des
-russischen Sprichworts zu bedienen: »Wenn nur erst der Zuber da ist, an
-den Schweinen wird es nicht fehlen.« Die Brücken, die Wege und all diese
-Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst
-Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat
-man sich viel um sie bemüht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch
-die Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst:
-Privatleute haben sie erbaut ohne jede Unterstützung der Regierung, und
-jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich
-schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so
-schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese
-Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten
-ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für einen Wert, daß
-heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafür zu einem Trödelmarkt
-wird und daß die Zahl der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In
-Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von selbst entstanden und
-zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa
-nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich
-gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert hätten. »Denket zuerst
-daran,« sagt der Heiland, »alles andere wird euch von selbst zufallen.«
-Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich
-auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung über Ihre
-Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele Mißbräuche ausgerottet und
-sehr viel wahrhaft edle und vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe
-davon gehört, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt
-haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht
-gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit nur provisorischer Art ist und daß
-Sie nicht nur dafür hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange
-Sie da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem Scheiden alles
-in bester Ordnung sei. Sie hätten sich fortwährend vorstellen sollen,
-daß Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfähigen Nachfolger
-besetzt werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung nicht nur
-nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird,
-und daher hätten Sie von vornherein daran denken müssen, etwas so
-Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen
-und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand mehr imstande
-wäre, umzustoßen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie hätten die
-Axt an die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die Stämme und
-Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls
-geben sollen, daß die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet
-und daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr zu stehen, um sie
-zu beaufsichtigen, und hierdurch erst hätten Sie sich ein ewiges Denkmal
-Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz
-anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses Amt nicht gering
-achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein
-Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit wie in
-unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen
-heutzutage niemand fähig ist außer dem Generalgouverneur.
-
-Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in ihre gesetzlichen
-Grenzen zurückzuführen und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die
-sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist
-keineswegs unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und Ämter der
-Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken
-getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen
-der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in
-ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der Übrigen allzusehr erweitert
-worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer
-großen Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft
-verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fühlbar gemacht, daß
-gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die
-Kompetenzen viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit zu groß
-war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, daß
-einem die Hände gebunden waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es ist
-jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das
-Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen, weil die Beamten
-selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie
-übernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau in der
-Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder
-weniger Rücksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das
-eigentliche Urbild, das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein
-entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und
-sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die man bloß sich selbst
-wiederzugeben brauchte, gänzlich aufgehoben oder doch von Grund aus
-umgestaltet. Das aber kann nur von dem höchsten und souveränen
-Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst
-gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle
-unsere Ämter und Berufe stellen in ihrer ursprünglichen Form wirklich
-gute und schöne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen für
-unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus
-eines Gouvernements etwas näher an.
-
-Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr
-umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschränkte Regent und
-Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen
-Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen
-(hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen
-der Städte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als
-auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich alles
-rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des Stadtbildes liegen,
-geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die
-Anlage von Straßen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im
-ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und die Bürgermeister
-aller Städte völlig von ihm ab und stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im
-zweiten Falle kann er über den Hauptmann der Landpolizei
-und die Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die
-Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen
-aus Räten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretär
-darstellt, mit ihm verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem
-schweren Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen läßt,
-unbedingt auf die Räte und die Beamten fällt und daß er trotz all seiner
-unumschränkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist
-mehr als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des
-Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm
-abhängen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn
-diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge
-schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf von
-Staatsländereien, Seen oder überhaupt über irgendwelche Ein- oder
-Verkäufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierüber eingehen, so muß er
-schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein
-Vertrag geschlossen werden, ohne daß _er_ anwesend ist. Demnach werden
-auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschäftsführung gar
-nicht von ihm abhängen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert,
-irgendwelche Mißbräuche zu begehen.
-
-Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre
-höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses völlig von seinem
-Ministerium abhängig ist, ganz unabhängig vom Gouverneur zu sein, und
-doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur
-daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser während seiner
-Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre
-stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu
-verlangen, daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt
-werden, die er auf gut Glück herausgreifen kann, um sie bei sich zu
-Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen und auf diese Weise alle in
-Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die
-Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat er doch das
-Recht, überall Mißbräuche zu verhindern, wo solche immer vorkommen
-mögen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben.
-Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem amtlichen Verkehr
-mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall
-der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen
-Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die
-Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf
-eine andere Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich, sich
-mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man
-nämlich die große Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der
-Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der
-Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem
-europäischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in
-unserem Adel verkörpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des
-Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nächst dem
-Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein
-dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute
-Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst
-etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhältnis
-unfrei und beengt fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns
-und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt werden, aber ganz von dem
-Gouverneur abhängen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide
-Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall kann auch in
-solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschränkt
-ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und
-ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher
-und kraftvoller auf den Adel einzuwirken.
-
-Fehler und Versehen können überall vorkommen, überall können sich
-Unrecht, Lüge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen
-und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine
-besondere Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und die allen, selbst
-dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit wahren muß -- das ist der
-Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück
-Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine
-Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung
-kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß gefaßt
-werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem Vermerk »Gelesen« versehen
-hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat
-niemand Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister; nur mit diesem
-steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles,
-was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen.
-
-Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die
-Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen
-Autoritäten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede
-nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch größeren
-Weitblick der Regierung schließen lassen; ich will nur an das
-Gewissensgericht erinnern, denn etwas Ähnliches ist mir in keinem
-anderen Staate bekannt geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der
-Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Fälle, in denen
-ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Härte empfunden werden
-würde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke
-beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche Gewissen zu
-entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst die Anwendung des
-gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit würde; kurz alles, was im
-höchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und
-unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen entschieden und
-erledigt werden muß -- fällt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie
-weise ist doch die Einrichtung, daß die Wahl des »Gewissensrichters« vom
-Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu gewöhnlich einen Mann, den die
-allgemeine Stimme für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten
-Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei Gehalt oder
-Lohn für seine Mühe erhält, und daß diese Tätigkeit für den Menschen mit
-keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von
-dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. Wieviel
-verwickelte Streitfälle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre
-Streitigkeiten ohne Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem
-Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter
-tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und daß er sich
-durch die Verwaltung seines göttlichen Richteramts berühmt gemacht hat.
-Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung?
-
-Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer
-Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man über die Weisheit der
-Gesetzgeber: man hat das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und
-Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an
-nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, daß wir uns
-gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns
-gegenseitig helfen und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen uns
-verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer
-Beamter hier noch sollte, jede neue Person wäre hier nicht am Platze,
-jede Neuerung wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie
-ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es
-verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten
-mit besonderen Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen
-Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die
-Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten
-so den Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen
-Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, daß Sie es nicht auch so
-gemacht haben, Sie verstanden die Sache nämlich schon damals viel
-besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten
-anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht
-soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie _zwei_ Diebe statt eines
-schaffen. Überhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschränkung und
-Überwachung eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre
-eines Menschen nicht durch die eines anderen beschränken, schon im
-folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den
-unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die
-Macht des ersten zu beschränken, und so würden die gegenseitigen
-Einschränkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und törichtes
-System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in
-Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen
-Völkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem
-gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es weder
-so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen
-lassen sich nur von ihrem persönlichen Eigennutz leiten. Man muß
-Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt
-keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, daß man ihn mit Mißtrauen
-ansieht, wie einen Gauner, und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn
-überwachen sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man muß den
-Menschen die Hände lösen und sie nicht noch fester binden. Man muß
-darauf dringen, daß sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht
-von andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit strenger gegen
-sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an
-seinem Amte versündigt. Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen
-seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der
-Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst über das
-wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle
-jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis seiner
-Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst
-zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen
-persönlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretäre und
-keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedürfen; infolgedessen
-werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit
-mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich
-andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind,
-wie Sie selbst wissen, ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei,
-allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und
-folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anlaß,
-daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten mit wichtigen
-Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär,
-den häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch alle Akten
-gehen; ein solcher Sekretär schafft sich eine Geliebte an, dies führt zu
-Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person
-da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist
-dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung neuer Verwirrungen und
-Verwickelungen noch unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen
-werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie
-sich nie anders als persönlich mit jemand auseinander. Wie kann man bloß
-gering von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders wenn es
-sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine
-Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur
-ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über allerhand
-Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europäischen
-Zeitschriften geschöpft werden, einem solchen Gespräch vorziehen? Die
-Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, über den man sich so
-unterhalten kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen sie
-in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie
-auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen,
-daß ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! Vor allem
-aber -- und dies dürfen Sie nie vergessen -- sprechen Sie russisch mit
-ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der
-Praxis des täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung
-verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, die sich zu
-einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mißbräuche an
-der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache,
-deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen,
-trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die
-zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir
-doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache
-heißt der Vorgesetzte: _Vater_. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater
-seinen Kindern ist. Ein Vater aber führt keine papierene Korrespondenz
-mit seinen Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar mit
-einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem
-das echte Verständnis für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft große
-Leistung vollbringen.
-
-Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lösen kann,
-außer einem Generalgouverneur, und die heute nicht bloß einem Bedürfnis,
-sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies
-die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung
-beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist
-etwas sehr Schönes, trotz der fremdländischen Schale, von der er
-zeitweilig überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefühl dafür.
-Vielen dämmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch
-wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich
-den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, und schließlich gibt es noch
-solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen
-Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen
-einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige und klare Gedanken über
-diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die
-Massen, und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich
-in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mißtrauens gegen
-die Regierung verbreitet. Während der letzten europäischen Revolutionen
-und Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, in den
-Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, als suche die Regierung
-die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur völligen
-Bedeutungslosigkeit herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten
-und Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben allerlei
-Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen Zeitungen mit ihnen
-an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu
-säen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es eine
-phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der regierenden Gewalt
-selbst rüttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, daß der
-Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, das
-heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland einbrocken und
-solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst
-eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, daß Furcht und
-gegenseitiges Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst
-die heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei Dank, die
-Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte Menschen einen ganzen Staat
-in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein
-phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen
-Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich kenne viele Adelige, die
-ganz ernstlich davon überzeugt sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht
-liebt, und die sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese Sache
-ins reine und klären Sie diese Leute über die ganze Wahrheit auf, ohne
-ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser
-diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich nur den
-Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schöne edle Form und
-Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes
-entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die
-Zierde, die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel
-die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes
-Element. Allein der Adel muß selbst zeigen, was er ist, und die
-Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem
-völligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser
-Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise
-und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht über
-sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung
-davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt.
-Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen
-Leuten anfangen soll. Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle
-Bedeutung wieder erobern. Und dabei können Sie allen in wahrem Sinne
-behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und
-da Sie Verständnis für die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie
-sie auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu bedarf es nicht
-etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklären werden, liegt ja
-schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine
-ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz
-anders herausgebildet als in anderen Ländern. Er führt seinen Ursprung
-nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, er
-ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich
-in beständiger Auflehnung gegen die höchste Gewalt befinden und die
-Bedrücker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung
-von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat,
-von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen und Verdiensten und nicht
-auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche
-Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in
-anderen Ländern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm
-fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten
-Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die älteste ist --
-dies tun höchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit während
-ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder
-einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen rühmt, doch auch dann nur
-solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste
-geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu
-prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen
-würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache,
-der sich ein jeder zu rühmen wagt, -- das ist das Gefühl für sittlichen
-Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf
-ankommt, diese höchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so
-bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn es
-der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz
-und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gefäß für
-diesen sittlichen Anstand, der sich über das ganze russische Land
-verbreiten muß, damit alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten,
-warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt wird. Wenn Sie
-ihnen annähernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die
-lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen
-werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in
-dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der
-Nachwelt sichern können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, daß
-das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß man dem Lande nur
-durch große, hochherzige Taten helfen kann, daß man aber vor allem denen
-mit großen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei
-der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, daß ihre Herzen mit
-dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl.
-Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie ihnen die volle
-Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lügenhaften Berichten
-ausländischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe
-ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit
-auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland wirklich unter den räuberischen
-Praktiken und unter den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer
-Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und daß dem Kaiser
-das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch
-nur ahnen kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick dieses
-Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den
-Menschen aufgetürmt, sie voneinander getrennt und jedermann die
-Möglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für sein
-Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen
-Verfinsterung und Entfremdung gegenüber dem Geist des Vaterlandes,
-angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser käuflichen
-Rechtsverdreher und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten
-herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im
-Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen
-und ihnen sodann beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe
-stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten:
-nämlich ebenso hochherzig wie ihre Väter einstmals in Reih und Glied
-wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten
-Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese von elenden
-Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie
-sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten
-können von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst
-zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach
-geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja
-nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für sich verlangen,
-zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge ans Licht stellen konnten.
-Kurz -- machen Sie ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie
-werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. Sie können sie
-auch auf eine zweite große Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen
-können: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen
-Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes
-werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, über die
-alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente
-überall, außer in Rußland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut
-über die Vorzüge unseres ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die
-Ohnmacht und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen,
-sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat.
-Daher müssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische
-Verhältnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den
-verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen
-Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie der Obhut fremder
-Tagelöhner und Verwalter überließen, herausgebildet hat, -- wirklich und
-wahrhaftig für die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen
-Blutsverwandten und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten sie
-lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch
-allein können sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll,
-diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien
-noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen
-Namen Christi trägt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr
-gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich's
-überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung unseres Adels
-gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren großen Leistungen sein.
-
-Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand außer dem
-Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europäischen Staaten haben
-heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu
-leiden. Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: die
-eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über ihre Grenzen und Schranken
-hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem
-Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet
-vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand,
-andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter
-dem Zepter der Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht etwa
-gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen Gesetze aus ihrem
-Bett geschah ganz von selbst, da sich überall leere unausgefüllte Lücken
-darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die
-Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer
-mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und überließ so alle
-privaten Verhältnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal.
-Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre
-Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt
-wurden. Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und
-weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, was von Rechts wegen
-der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche
-ist, wird das ganze bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden
-können, das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen
-Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse enthält. Heute
-sieht jedermann, daß eine große Menge von Fällen, von Mißbräuchen und
-Intrigen nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten
-Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche möglichen Abweichungen bis
-in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann,
-selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und
-ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher hätten diese Leute es für
-unanständig gehalten, einen solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen
-wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer
-Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals
-verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein
-Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs
-Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rüstet, und nimmt überhaupt keine
-Rücksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd
-verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich
-menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, ganz offen die größten
-Grausamkeiten zu begehen, ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich
-schon des bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der Kirche
-beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen Vorteil vorzuhalten, vor
-das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie
-es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen,
-kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die Weiterungen vor den
-Instanzen drohen, die _Kirche_ und nicht das bürgerliche Gesetz die
-Menschen miteinander zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie
-ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, daß dem
-bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle zugewiesen werden, die
-wirklich unter das bürgerliche Recht fallen, daß der Herrschaft der
-Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben
-muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet werde, was ihr ewiglich
-angehört? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht
-werden? In Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu müßten
-Ströme von Blut vergossen werden, Europa würde in unnützen Kämpfen
-erliegen und doch nichts erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit
-hierzu vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich und
-schmerzlos vollziehen -- nicht durch irgendwelche Neuerungen,
-Umwälzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand
-Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten,
-Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder
-Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den
-Grund dazu legen; und wie einfach! -- Durch nichts andres als nur durch
-sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner
-Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er
-die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und
-die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen
-auf unser gegenwärtiges Leben angewandt werden können. Er kann eine
-mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß die Beziehungen zwischen
-den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich
-schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser
-komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen,
-muß unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit
-beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der
-Städte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einführung und Befestigung der
-Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche heute
-ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er
-kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und
-zweitens auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen -- aber nicht etwa
-durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, sondern durch solche, die
-weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal
-miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben
-werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die
-einfache Sitte mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz -- und was
-ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet?
-Mitunter hat sie überhaupt keine Bedeutung für unsere Zeit, man kennt
-den Grund nicht, weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher
-sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, die sie
-eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar ein Überbleibsel aus den
-Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu
-allen Grundlagen des modernen Lebens steht -- wenn nun nach alledem
-schon die Sitte etwas so Mächtiges ist, daß es schwierig ist, sie selbst
-im Laufe von vielen Jahren auszurotten -- wie würden sich wohl die Dinge
-gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich auf die Vernunft
-gründen, die einstimmig und einmütig von allen anerkannt werden und die
-höhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten
-würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert
-fortpflanzen, und keine Macht der Erde würde sie vernichten können, was
-die Welt auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein
-gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig reden, und dazu bin
-ich zu dumm. Vielleicht werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und
-mich erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen
-also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie
-daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs
-angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es
-verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit den Wünschen und
-Forderungen der Regierung befinden -- d. h. Sie werden das ganze Gebiet
-wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln,
-alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen
-Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche
-zu wirken. Sie werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur
-provisorisch sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn der innere
-Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und
-Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten außer dem
-Bürgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und fürchten Sie sich vor
-nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt übernehmen sollten, halten
-Sie sich stets an die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß
-die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen
-Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß sich alles, nicht nur so
-lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise
-abwickelt, daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rücken
-vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst innerhalb der von Ihnen
-gezogenen Grenzen betätigen und die von Ihnen vorgezeichnete,
-vernünftige Richtung einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk
-dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu befestigen. Seien Sie allen
-Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes
-ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und
-Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die
-Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien
-will. Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur in der Absicht,
-jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einfluß gewinnen kann. Sorgen
-Sie ferner dafür, daß keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt
-wie auf seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen sich
-ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht
-einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch
-stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der
-Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin ihm nur für eine bestimmte
-Zeit und nicht für immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn
-im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und
-sorgfältiger auf sich acht geben muß als früher, stets eingedenk, daß es
-nun niemand mehr gibt, der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm
-gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend.
-Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt
-niederlegen sollten, keine Tränen und kein Gejammer gibt, sondern daß
-ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher
-sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen
-möchten, sorgsam für den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden
-alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und
-wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, das werden sie jetzt
-willig aufnehmen und danach handeln. Für mich ist die Stunde des
-Abschieds von meinen Freunden -- der schönste Augenblick; jeder meiner
-Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und
-seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der
-letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon
-überzeugt, daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt
-haben, fröhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden.
-Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit
-fröhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen
-noch etwas über die Liebe und die allgemeine Sympathie für uns sagen,
-nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu
-wollen -- das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht
-beschäftigen sollte. Streben Sie danach, -- die andern Menschen zu
-lieben, und nicht danach, daß andere Menschen _Sie_ lieben. Wer einen
-Lohn für seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit
-vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß Gott mir schon in
-meiner Jugend diese merkwürdige und mir selbst kaum verständliche
-Abneigung gegen jegliche unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse
-eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas
-Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder
-Freunden herrührten! Wie wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe
-keinem Wesen dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von einem
-Vorgesetzten auf den andern übertragen, und sowie ein Vorgesetzter
-merkt, daß sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den
-über ihm stehenden höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so
-endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis ein von allen
-geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott
-selbst darbringt.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXIX
- Wessen Los auf Erden das beste ist
- Aus einem Briefe an U--
-
-
-Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das
-schönere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Früher als ich
-noch törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor;
-jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller Menschen gleich
-beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn -- sowohl der, dem
-ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem
-fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere dafür
-zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das Los des ersten noch besser ist,
-gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem
-Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar
-ist doch die göttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der
-redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste
-Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden
-eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle _gleichermaßen_ in
-Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt:
-»_Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen_«, aber wenn ich mir diese
-Wohnungen vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, was die Wohnungen
-Gottes sein mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und ich
-weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich wählen soll, wenn
-ich wirklich einmal gewürdigt sein sollte, am himmlischen Reiche
-teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: »welche von ihnen
-möchtest du wählen?« Ich weiß nur das eine, daß ich antworten würde:
-»die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist.« Ich glaube, man
-kann sich nichts Schöneres wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen,
-die bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majestätischen
-Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen liegen und sie zu küssen!
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXX
- Ein Geleitspruch
-
-
-Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort
-erhältst du später. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind groß.
-Bei einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen
-anhören, mit so hohen Gefühlen unter so groben, plumpen Menschen weilen
-zu müssen, wie die Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich
-niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, ohne daß sie es
-wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schätze und
-Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu müssen, daß
-mit plumper Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen
-wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute
-auszuströmen, bis sie verstimmt sind und reißen, und über dies alles
-noch all die Gemeinheiten und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen,
-die sich täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu müssen, die
-selbst der Verachtung wert sind -- ich weiß wohl, daß ist alles sehr
-bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein
-Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle,
-die dich jetzt heimsuchen -- das alles ist hart, sehr hart, ich vermag
-dir nichts andres zu sagen, als daß es wirklich sehr hart, sehr bitter
-ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du
-wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, dir stehen noch härtere
-Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und
-schamlosen Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, die
-nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, von der du schreibst
-[d. h. eine fremde Unterschrift zu fälschen] -- die den Mut haben, ein
-so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen
-Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht
-mit der Wimper zu zucken -- ja die nicht nur einer solchen Niedertracht,
-sondern noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren bloße
-Beschreibung einem mitleidigen Menschen für immer den Schlaf rauben
-könnte (o wenn doch solche Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen
-Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren
-Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr
-zu retten vermag. Unzählige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen
-warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann
-alles passieren. Deine Nervenanfälle und deine Leiden werden noch
-stärker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit
-wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen
-werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets
-daran, daß wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und
-Feste zu feiern -- wir werden hierher berufen, um Schlachten zu
-schlagen, den Sieg werden wir _dort_ feiern. Daher dürfen wir keinen
-Augenblick vergessen, daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier
-gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns weniger Gefahren
-drohen! Wie ein guter Soldat muß sich ein jeder von uns in den Kampf
-stürzen, wo er am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von
-oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste
-von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden,
-sondern mußt mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht etwa
-einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt dir einen Starken zum
-Gegner wählen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen
-Leiden wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen Russen ist es
-nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen,
-wenn man im voraus weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem
-Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn für
-unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen
-aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich
-rühmen kann!] Nun denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir,
-mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund!
-
-
-
-
- XXXI
- Wesen und Eigenart der russischen Poesie
-
-
-Trotz des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr
-viel Eigenartiges. Ihr natürlicher Quell regte sich schon in der Brust
-des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl
-dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe
-zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige
-Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein Streben,
-sich von den Tönen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt.
-Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem
-ungewöhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein
-Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt hat: die Ironie, den
-Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen
-Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze
-Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es seine
-empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein Strom bricht endlich auch
-aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor -- Reden, die so einfach,
-so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu
-dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu
-erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung,
-nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den
-Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit zu
-erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und
-urwüchsige Entwicklung, wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber
-nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere
-wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genuß bereitet, ihren
-Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwärtigen
-bürgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem
-Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche Ordnung ist ja auch
-nicht durch eine geregelte allmähliche Entwicklung der Dinge, nicht
-durch eine langsame wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in
-unser Land entstanden -- was schon aus dem einfachen Grunde unmöglich
-war, weil die europäische Aufklärung bereits eine viel zu hohe Stufe der
-Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie
-nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland hereinbrechen und
-ohne einen solchen Führer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel
-größere Unordnung hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich
-bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung entsprang aus einer
-Erschütterung, aus jener gewaltigen Erschütterung des ganzen Staates,
-die der Zar, dieser große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm
-den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europäischen
-Staaten einzureihen und es plötzlich mit allem bekannt zu machen, was
-sich Europa durch lange Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte.
-Eine so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das russische Volk,
-und die europäische Aufklärung war der Feuerstahl, der diese ganze
-Volksmasse treffen mußte, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl
-verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht
-trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem
-Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude über das
-Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte keiner
-das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im Licht der europäischen
-Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu
-kopieren. Jeder fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße
-Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und
-zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar großmütig
-auf seine Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und
-mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von
-den Wirrungen und Verwicklungen entstünde, die selbst die
-geringfügigsten Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen --
-schon diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der
-Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, die gewöhnlich das in
-Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Ströme von Blut setzt,
-wenn sie die Folge innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von
-ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glänzende Manöver
-eines vortrefflich geschulten Heeres. Rußland erhob sich plötzlich zur
-Würde eines großen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein
-Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen Bildung.
-Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich
-ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter
-kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer
-Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der
-Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht
-wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das
-Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung über das neue Licht, das
-sich über Rußland ergossen hatte, für das Staunen über die große
-Aufgabe, die dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, den es dem
-Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach
-dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und
-es erschuf unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes neue
-lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen,
-von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten.
-
-Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwärmerischer
-Jüngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen
-Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die
-Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine erste Ode aufs
-Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und
-Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen,
-ob sie sich für unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine
-künstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schöpferischer
-Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben
-hervor, wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen
-Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen
-wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, kommt ihm in Sinn, und die
-Frucht dieses Einfalls ist die Ode: _Abendbetrachtungen über Gottes
-Größe_, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät und Würde atmet und
-die kein anderer außer Lomonossow hätte schreiben können. Ein ähnlicher
-Einfall wird der Anlaß für die Epistel an Schuwalow: _Über den Nutzen
-des Glases._ Jede Erwähnung Rußlands, das seinem Herzen so nahesteht und
-das er immer durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht,
-erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nüchternen
-Strophen begegnen wir Versen, die uns plötzlich in eine andere Welt
-versetzen. Man hat das Gefühl, als ob -- um uns seiner eigenen Worte zu
-bedienen --
-
- Der Götterjüngling David leicht
- Der Harfe heil'ge Saiten meistert
- Und aus Jesaias Mund begeistert
- Ein Psalm empor zum Himmel steigt.
-
-Er überschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern,
-wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzückt von seiner
-grenzenlosen Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, als
-wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht
-mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters,
-aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den
-Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste ist, indem er
-seine Verse in die strengen Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der
-Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb der engen
-Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen Würde und Freiheit dahin, wie
-ein wasserreicher Fluß in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen
-Versen noch schöner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heißt
-daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwürdige ist,
-daß der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber
-wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu
-einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht
-einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern
-sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Rußland erscheint bei ihm
-nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint
-ausschließlich darum bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen
-Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien
-abzustecken, während er die Ausmalung den andern überläßt. Er selbst ist
-gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen
-sollen.
-
-Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingeführt. Feste,
-Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persönlichkeiten, ja sogar eine
-Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die
-Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer
-gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer Begeisterung
-getragen wurden. Höchstens _Petrow_ macht eine Ausnahme, dem es nicht an
-einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war
-ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit seiner Verse. Die
-andern erreichten bestenfalls nur die kalte äußere Rhetorik der Oden
-Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres
-zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der
-Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie
-gezündet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als
-Dershawin seine ersten Lieder dichtete.
-
-In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glänzenden Sammlung der
-vorzüglichsten Werke russischer Schöpferkraft gleicht, als sich auf
-allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen
-Schlachten ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner in der
-inneren Organisation des Reiches tätig waren, geschickte Diplomaten sich
-beim Abschluß von Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und
-Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter
-Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische würdevolle Äußere wie
-alle Männer aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten
-Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen
-allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgeführtes,
-wie man es wohl in Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit
-gebracht werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und
-Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden
-Dichtern aufdrängt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender
-kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung,
-den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Während sich Lomonossow
-völlig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschließlich als eine
-Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt _er_ sich gänzlich der
-Dichtkunst hin und hält eine vielseitige wissenschaftliche Bildung für
-unnütz und überflüssig. Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei
-ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse
-des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden
-sichtbar. Was ihn beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft:
-sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die
-Menschen aller Berufe und Stände und zeugen von dem Streben, ein Gesetz
-des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem,
-selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine
-wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch
-Gewaltigeres und Überirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht,
-woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang
-unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine
-dunkle Weissagung über unserem Lande schwebt und uns eine bessere
-Zukunft vorhält, zu der wir bestimmt sind -- oder ist es ein Echo seines
-alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die
-armseligen Überreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre
-Einbildungskraft an Erzählungen von klafterhohen Helden, die tausend
-Jahre alt werden, entzünden? -- was es auch sein mag: dieser
-Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine
-Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie weit her: nur um möglichst nahe an
-seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer,
-aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, da dienen diese
-ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier
-unbegreiflichen Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als blicke
-er uns mit tausend Augen an. Man überlese den »_Wasserfall_«: man hat
-den Eindruck, als wäre hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig
-dahinstürmende Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen
-alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die Natur erscheint hier wie eine
-höhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die
-Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen
-mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines
-fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger
-des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und
-Rußlands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind
-königliche Adler, kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat
-jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, was ihn
-am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gestählten
-starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit,
-sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er
-nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur
-erwachsen müßte, genährt und groß geworden auf dem unerschütterlichen
-Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die die Ode gerichtet
-ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden
-zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus,
-die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. Das, was wir einen
-Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung
-wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der
-Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter
-erscheint alles bei ihm groß und gigantisch: seinen poetischen Metaphern
-fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam
-in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade
-dadurch etwas noch Großartigeres und Erhabeneres. So schildert zum
-Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört,
-über das Meer rast:
-
- Wild springt er auf die Wellen los,
- Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen,
- Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß
- Des Hades mit gesträubten Haaren,
- Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.
-
-Hier schien sich ein _plastisches_ Bild des greisen Caspius gestalten zu
-wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen:
-das Ohr hört nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem
-grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die Haare, der
-erschüttert ist von der rauhen Größe des Bildes. Bei ihm ist alles
-monumental. Sein Stil ist von einer Größe, wie bei keinem unserer
-Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so
-sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer
-Worte mit schlichten, ja trivialen begründet ist, wessen sich kein
-anderer außer Dershawin erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen,
-sich so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem
-großen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe
-
- den Tod wie einen Gast erwartet
- und sinnend sich den Schnurrbart streicht.
-
-Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie
-die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen
-des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt
-hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes
-Gefühl bleibt in unserer Seele zurück! Man muß jedoch sagen, daß sowohl
-diese wie alle andern gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere
-Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses annehmen, sowie
-ihn die Inspiration verläßt: Alles gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache,
-Stil, alles knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers gleicht
-einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner
-unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern
-Selbstbeherrschung predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen, hat
-sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und mit der ganzen Kraft
-seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen müssen, um das
-aussprechen zu können, was sich der Seele des Dichters von selbst
-entringen müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen gewußt, es
-würde keinen größeren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber
-gleicht er nur einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar
-niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird
-lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrücken
-fortzueilen suchen.
-
-Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon
-hatte sich alles um ihn verändert: das Zeitalter Katharinas, die
-königlichen Feldherren, der höfische Luxus und das ganze höfische Leben
-waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war
-angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen
-sich mehr in sich selbst zurück und wetteiferten, aus dem Gefühl heraus,
-daß sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen
-und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen
-galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer
-den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang
-die flinken französischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung
-unseres sicheren dichterischen Gefühls sei jedoch an dieser Stelle
-erwähnt, daß uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient
-hat: _Lafontaine_, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nächsten
-stand: _Dmitriew_, _Chemnitzer_ und _Bogdanowitsch_ dichteten in der
-gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie er. Die russische
-Sprache erhielt plötzlich eine gewisse Freiheit und die Fähigkeit, mit
-angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen -- eine
-Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur
-die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie.
-_Dmitriew_ bewies überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und
-Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos
-überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und
-Lomonossows üblich geworden war. Aber die Oberflächlichkeit der Epoche
-vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie
-blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man konnte sie
-bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon
-sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu
-tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu
-machen und zu beweisen, daß er über jeden Gegenstand etwas zu sagen
-habe. Die letzten Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden
-Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus der Kirche in
-den Ballsaal versetzt. Nur der eine _Kapnist_ ließ den Duft eines
-wahrhaft beseelten Gefühls und eine eigenartige anthologische Anmut
-verspüren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel
-an sein Landhaus Obuchowka:
-
- Mein liebes Häuschen, strohgedecket,
- Ist nicht zu groß, noch ist's zu klein,
- Der Freund wird stets willkommen sein
- Und selbst den armen Bettler schrecket
- Kein Türschloß fort, will er hinein.
-
-Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines
-oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre
-Empfänglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europäischer
-Bildung geweckt, und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen
-nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und für ihre Entwicklung
-nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der
-deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor. Eine
-unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen, wunderbare
-unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt,
-Träume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten
-pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man hätte eine
-solche Poesie für die Laune eines Schulbuben halten können, wenn nicht
-jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wäre, durch das die
-unsterbliche nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde
-gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige Dichtung von
-dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief plötzlich in
-ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns
-nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte
-erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren
-Kristall seines Wesens gezeigt hätte, das uns weit verständlicher war,
-als das deutsche. Dieser Dichter ist _Shukowski_: die stärkste
-Individualität in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fügung des
-Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst
-unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele
-gelegt. Wie der Held seiner Ballade _Wadim_ vernahm er immer einen
-himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief.
-Dieser Lockung folgend, stürzte er sich auf alles Unerklärliche und
-Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die
-eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles dieser Art
-entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste
-davon sind Übersetzungen. Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die
-Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft
-belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des Russischen mächtig
-sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien,
-während seine Übersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man
-weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen
-Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine eigene Persönlichkeit
-auf, während sie bei Shukowski stärker hervortritt als bei irgendeinem
-unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen,
-so werden wir finden, daß das eine von _Schiller_, ein anderes von
-_Uhland_, ein drittes von _Walter Scott_, ein viertes von _Byron_
-entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort
-getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist
-durchaus erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine
-Gelegenheit, sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte
-nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann
-fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern
-ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht
-zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben
-Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch möglich war, daß seine
-eigene Persönlichkeit all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen
-konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt. Es
-gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein
-getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit bilden könnte. Man muß
-auch sagen, daß sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine so
-starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu
-entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an
-übersinnliche Kräfte, die den Menschen überall schützend umschweben.
-Wenn man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl, für das
-Dershawin die Worte gefunden hat:
-
- »Dem Schutz des Himmels übergeben
- Ward deines Lebens Sicherheit
- Und Legionen Engel schweben
- Ob deinem Haupte hilfsbereit.«
-
-Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt, wie ein
-ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses
-ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren
-geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus
-nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform,
-die damit etwas Leichtes und Unkörperliches wie eine Vision erhielt. Mit
-diesen Übersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er
-neue Formen und Metren, die dann später auch von allen andern russischen
-Dichtern angewandt wurden. Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor
-allem ein schöpferisches Talent zu sein -- es fehlte ihm nicht an
-schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden. Im Beginn seiner
-Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivität:
-_Swetlana_ und _Ludmilla_ trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer
-slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns weit verwandter
-als die Lieder anderer Dichter -- ein Beweis dafür, daß sie zu einer
-Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen
-mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schöpfung
-Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den
-diese Trägheit des Verstandes zurückzuführen ist: es ist seine
-Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste
-festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem fertigen Werk
-liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der
-Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zürnte ihm sehr, daß er
-keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk
-so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung für Kritik
-und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen
-hervor, die seine eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert
-von einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht eher von
-ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes,
-verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne
-zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und
-die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit
-hervorzaubert, wer in seinem »Bericht über den Mond« die magische Pracht
-der Mondnächte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend
-und anschaulich zu schildern vermochte: der mußte natürlich im hohen
-Maße die Begabung zur _Kritik_ besitzen. Seine »Slawin« mit ihren
-Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andächtige
-träumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein
-warmes und erwärmendes Licht um sich, das den Leser mit einer
-unbegreiflichen Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich
-und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschließen.
-
-In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer
-Entwicklung ein. In dem Maße, als sich die in einem leuchtenden Dämmer
-verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen
-Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte, begann er,
-den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster und Phantome der
-deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Träumerei machte
-einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die
-»Undine«, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche
-Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm
-nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner
-vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine
-kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine
-Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des
-Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das
-Ätherische, Unbestimmte, das er früher besaß: er schreitet kräftiger und
-sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu
-vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster
-Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem
-Erfülltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer
-so erleuchteten und hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk
-sicherlich die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums in
-einer vertrauten und heimischen Beleuchtung näherbringen müssen -- eine
-Leistung, die weit höher zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und
-die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde. Shukowski
-verhält sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern
-Handwerksmeistern: das heißt wie ein Meister, der sich nur mit der
-letzten Verarbeitung des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine
-Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu fördern: er hat dem
-Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen
-Glanze erstrahlen läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt. Ein
-solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem
-vielleicht nur darum eine geniale Empfänglichkeit verliehen ward, um all
-dem, was die andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht
-verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen.
-
-Während Shukowski noch in der ersten Periode seiner Dichtung stand,
-während er noch bemüht war, die Poesie aus den Fesseln des Irdischen und
-Greifbaren zu befreien und sie in die Sphäre unkörperlicher Gesichte zu
-erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, wie im bewußten
-Gegensatz zu ihm sie fester in der Erde und im Physischen zu verwurzeln,
-indem er uns den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen
-Körperlichkeit verspüren ließ. Während jener sich ganz in den ihm selbst
-noch nicht völlig klaren Idealen verlor, tauchte dieser vollkommen in
-der üppigen Pracht des Sichtbaren unter, das er so deutlich empfand und
-das ihn so stark ergriff. Er suchte das Schöne in allen Gestalten und
-Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare lebendige Lust
-des Genusses aufzulösen. Er empfand, um sich seiner eigenen Worte zu
-bedienen, »des Denkens und des Dichtens Wollust«. Es schien, als ob eine
-innere Kraft im Schoße unserer Poesie diesen Dichter erschaffen hätte,
-um sie von einer allzuweit gehenden Übertreibung zu bewahren, damit uns
-der eine die nordischen Klänge der europäischen Sänger brächte, während
-der andere unser Ohr mit den süßen Tönen des Südens labte, indem er uns
-die Bekanntschaft mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften
-Klängen des alten Hellas vermittelte, auf daß selbst der Vers, der eine
-gewisse ätherische Unbestimmtheit anzunehmen begann, sich mit einer fast
-skulpturhaften Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem
-klingenden Wohllaute erfüllte, der uns im neuen Europa aus den Dichtern
-des Südens entgegentönt.
-
-Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei durchaus verschiedene
-Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; aus diesen beiden Prinzipien
-bildete sich mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den Plan.
-Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealität des ersten und ohne
-die schwellend-üppige Wollust des andern. Bei ihm hat alles sein
-Gleichgewicht gewonnen, ist alles gedrängt, konzentriert wie in dem
-russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen sparsam
-mit Worten ist, und sie lange in sich hegt und zusammendrängt. Durch
-eine lange Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter an, wenn
-sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel anführen. Der Kasbek,
-einer der höchsten Berge des Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf
-den Dichter. Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm wie die in
-der Luft schwebende Arche Noahs erschien. Ein anderer Dichter hätte bei
-dieser Gelegenheit viele Seiten mit glühenden Versen bedeckt: Puschkin
-aber sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit folgender
-unerwarteter Apostrophe:
-
- Ersehntes fernes Friedensreich!
- Könnt ich zu deiner Gnadenstelle
- Mich aus der Schluchten Haft befrein
- Und in der ätherlichten Zelle
- Allzeit dem Schöpfer nahe sein!
-
- (Fiedler.)
-
-Das und nur das durfte ein Russe sagen, während ein Franzose, ein
-Engländer oder ein Deutscher einen langen Bericht über ihre Empfindungen
-gegeben hätten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam
-in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig
-beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges oder Übertriebenes zu sagen,
-da er in beiden Fällen die Banalität scheute.
-
-Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das
-Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der
-ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen
-und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den Wolken thronenden
-Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der
-elenden Hütte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und
-Trepak; -- überall und allerorten: wird ihm der Ball, die Hütte, die
-Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf
-alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den höchsten und
-erhabensten Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher
-Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt,
-reagiert er mit der gleichen Stärke wie auf jeden Vorgang der äußeren
-und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen
-Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Größten schlägt er
-elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes
-Schöpfungen lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen,
-die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß er dabei an eine Anwendung auf
-das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen
-Bedürfnisses denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte,
-und reicht keinen von denen, die taub für die Poesie sind, eine Leiter,
-die dorthin führt. Er kümmerte sich um niemand, es gab für ihn nur einen
-Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen: »Schaut hin, wie
-herrlich ist doch Gottes Schöpfung!«, und sich dann sogleich, ohne noch
-etwas hinzuzufügen, dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals
-auszurufen: »Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schöpfung!« Was daher
-an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch
-der Gefühle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von
-sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden
-fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente
--- Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender
-Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete
-Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich
-vereinigen.
-
-Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen
-von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines
-erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte
-seine Poesie? Was für eine neue Richtung, welche neue Wendung hat
-Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen
-sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen
-oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf dieses Zeitalter ausgeübt?
-Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine
-Persönlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner
-Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten
-Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und
-was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt
-geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist,
-und sonst nichts -- _was der Dichter ist_, sofern man ihn nicht als
-Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhältnisse aber auch
-nicht als Produkt seines eigenen persönlichen Charakters, d. h. als
-Mensch betrachtet, sondern unabhängig von allen diesen Faktoren in
-Betracht zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer Seelenanatom
-der Sache auf den Grund gehen und sich darüber klar werden wollte, was
-der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte
-feinnervige Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig
-einsam bleibt, und bei keinem Verständnis findet -- damit es ihm dann an
-nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Züge vereint finden würde.
-Puschkin war der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so
-fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die
-bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen
-Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor.
-Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine
-kindliche Seele, die stets von den höchsten und letzten Idealen träumte,
-sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß sie in
-dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest,
-nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels
-begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen
-körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll des Dichters
-über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe,
-dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze
-Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in
-diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit zu so deutlichem
-Ausdruck, eine Persönlichkeit, die eine echt deutsche Würde atmet und
-nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und
-Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski,
-Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Physionomie.
-Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für
-Züge herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären? Man
-versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt
-seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt
-gegenübersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo
-findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke
-sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der
-Dichtung. Nun denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug, das
-euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter
-selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und
-warum hat er das nicht getan? -- Das ist eine andre Frage. Er selbst
-beantwortet sie mit den Versen:
-
- Nicht unser Teil ist das Getümmel
- Des Pöbels Hast und Waffenklang,
- Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
- Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
-
- (Eliasberg.)
-
-Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen
-vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in
-Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm
-heilig -- wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt dies
-Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes und Übereiltes aus
-seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe
-ungezügelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch
-ist alles darin -- seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen
-verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im
-Busen des Dichters zu Asche verbrennen mußte, damit diese Wohlgerüche
-aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in
-seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer
-Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt, wie er an diesen
-leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks
-anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend
-ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in
-sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu
-entscheiden, welche Elegie die vorzüglichste ist -- sie gleichen alle
-den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der König Salomo mit den
-jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und
-alle gleich schön sind.
-
-Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die unsere moderne
-Gesellschaft interessieren und die für sie von Bedeutung sind, wenn er
-für jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles
-ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher
-Weise anzog? Er wollte in seinem »Onegin« den modernen Menschen
-darstellen und ein modernes Problem lösen -- allein er vermochte es
-nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst
-an ihre Stelle und fühlte sich in ihrer Person auf's tiefste von allem
-ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung
-heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und
-malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behält man wiederum
-nichts zurück als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert
-und für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten Schöpfungen: »_Boris
-Godunow_« und die Dichtung »Poltawa« sind gleichfalls treue Spiegelungen
-der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu
-seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen
-Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwählte, man hat
-auch nicht das Gefühl, daß er eine besondere Sympathie für einen der
-hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den
-Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt hätte, die so meisterhaft und so
-künstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die
-Verwunderung über diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu,
-sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch andere Menschen über sie
-staunen und sich über sie wundern sollten.
-
-Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm
-dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschöpfliche
-Thema unzähliger dramatischer Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee
-ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert
-darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses
-Verführers und die Schwäche des Weibes mit einer unerhörten
-Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewöhnlicher
-Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf
-den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei
-Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt, mit welcher
-Treffsicherheit sie erfaßt und trotz der Unbestimmtheit und
-Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften
-Ganzen zusammengefaßt ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die
-Idee nahe, im gleichen Versmaß und im Geiste Dantes die kindlichen
-Anfänge seines dichterischen Schaffens während seines Aufenthalts in
-Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die
-Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen
-darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten
-geflüchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und
-Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine
-lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das beweist wieder,
-wie früh schon diese große Feinfühligkeit und diese Fähigkeit, auf alle
-Dinge der Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten.
-
-Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein
-Gehör. Man spürt förmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der
-Zeiten und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er
-ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der
-freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den
-Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der
-versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte des Bauern -- so ist er
-jeder Zoll ein Russe; alle Züge unseres Wesens finden sich bei ihm
-vertreten, und das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein
-einziges mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes Adjektivum
-zusammengefaßt.
-
-Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm, und er hätte
-sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet,
-wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm
-Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die
-schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben
-erzählen wollte, beschäftigte ihn während dieser Zeit unablässig. Er
-schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken
-zu lassen, um sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er
-befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, daß man an
-seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute
-sich darüber und schrieb dann die »_Hauptmannstochter_«, sicherlich das
-beste Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der
-»Hauptmannstochter« erscheinen alle unsere Romane und Erzählungen wie
-fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben
-hier eine solche Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie
-gekünstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns
-hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der
-Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit
-ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die
-schlichte Größe dieser einfachen Leute, -- das alles ist nicht nur
-lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so
-muß es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des
-Dichters, uns selbst, unser Ich -- aus uns herauszuheben und uns unser
-Selbst in geläuterter veredelter Gestalt zurückzugeben. In Puschkin
-deutete alles darauf hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein
-Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die
-wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: »Die
-Handschrift des Dorfes Gorochino« und »Der Mohr des Zaren«, sowie der
-mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman »Dubrowski«.
-Während der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen
-gelernt, und er sprach so gescheit und so klug über alle Dinge, daß man
-jedes Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren mindestens
-so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwürdiger war, das
-war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich
-ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet hätte. Die Anklänge
-daran kann man in einem, erst nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht
-vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus einer
-dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener
-Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes reifte in diesem Menschen
-heran, was Rußland zum Heil und Segen hätte gereichen können. -- Aber in
-dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und von überall her Kräfte
-zu großen Taten sammelte, dachte er um so weniger darüber nach, wie er
-mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein
-plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann
-im ganzen Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren
-hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war
-äußerst geringfügig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner
-dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch
-an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst
-gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde,
-da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die
-Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht
-das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die
-Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und
-ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Süßliches an.
-Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel
-fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst
-Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten wie die Lichter. Ein
-ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: _Delwig_, dieser
-Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier
-förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit
-einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise schlürfte, wie ein
-Weinkenner seine Blume genießt und seinen Duft einsaugt. _Koslow_, eine
-harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer zu Herzen
-gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser
-Ohr klangen. _Baratynski_, ein Dichter von strenger, fast finsterer
-Eigenart, der schon früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben
-nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer
-Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre äußere Formung
-bemühte, noch ehe sie in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und
-noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so
-alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese
-Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu
-erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen
-Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen
-duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch daraus
-machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen könnten.
-Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und
-einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht hätten
-leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer Regungen fähig
-gewesen wären, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins hätten
-entzünden können. Selbst ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß
-ihre Leier um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, _Gneditsch_, der
-Nachdichter der _Psalmen_, _Th. Glinka_, der Freischärler und Dichter
-_Dawydow_ und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in
-der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von
-seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu Poeten, die gar nicht für
-den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs
-geringere Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften und
-Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen
-vollbrachten, so z. B. _Wenewitinow_, der uns so früh entrissen wurde,
-oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine
-herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht völlig
-enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar für
-manche gefährlich geworden, besonders für Baratynski und für noch einen
-Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch
-gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck für ihre noch
-gänzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre
-Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen
-waren, die allen vertraut und verständlich gewesen wäre; sie hätten
-lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine
-Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle völlig im Bann dieser
-unerhört künstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer
-Schöpfungen, deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne Gesellschaft
-und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle
-Ansprüche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren
-vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und
-deklamierte Puschkins Verse.
-
- Nicht unser Teil ist das Getümmel,
- Des Pöbels Hast und Waffenklang.
- Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
- Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
-
-Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt _Jasykow_ eine ganz
-besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der
-Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie
-wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck, eine helle
-jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Stärke und Vollendung bei
-einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es
-ist kein Zufall, daß er den Namen _Jasykow_ (Herr der Zunge) trug: er
-ist Herr über seine Zunge, wie ein Araber über sein wildes Roß, und es
-ist fast so, als brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er
-mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem
-Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er
-führt sie stets zu Ende und rundet sie ab, daß man von Staunen und
-Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen
-mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller
-Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er
-berührt, sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische.
-
-Man denke zum Beispiel an sein Gedicht »Der Fluß«:
-
- Die Hüllen fort. Mit frischem Mut
- Streckt sich die Hand zu kräft'gen Schlägen,
- Und nun hinab. Und aus der Flut
- Sprüht auf ein Diamantenregen.
- Wie sind so stark, so frisch und kühl
- Die Elemente, die mich wiegen.
- Welch süßes, seliges Gefühl.
- Wenn kosend sie den Leib umschmiegen!
-
-Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, das er geradezu
-ein russisches Spiel genannt hat. Kraftvolle junge Burschen bilden einen
-Kreis und
-
- Durch den Ring nach seinem Ziele
- Saust der Nagel -- er erklingt,
- Bis bei heitrem Scherz und Spiele
- Mild der Frühlingstag versinkt.
-
-Alles, was den Jüngling zum kühnen Wagnis reizt -- das Meer, ein Sturm,
-Festgelage und klingende Becher, ein brüderliches Bündnis voller
-Tatkraft und Tatenlust, ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die
-Bereitschaft, jeden Kampf für das Vaterland zu bestehen -- dies alles
-findet in seinen Gedichten einen Ausdruck von geradezu unerhörter Kraft.
-Als die erste Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin
-ärgerlich: Warum hat er das Buch: _Gedichte von Jasykow_ genannt, er
-hätte es einfach _Rausch!_ betiteln sollen. Ein Mensch von
-durchschnittsmäßiger Kraft wird nie etwas Ähnliches zustande bringen;
-dazu bedurfte es einer Entfesselung aller Kräfte. Ich erinnere mich noch
-lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows Gedicht an Davydow
-gelesen hatte, das gerade in einer Zeitschrift erschienen war. Damals
-sah ich zum erstenmal eine Träne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte nie
-zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich selbst: »Als rauher
-Slawe kannt ich keine Tränen, doch ich verstehe sie.«) Ich erinnere mich
-auch, welche Strophen ihn so bis zu Tränen rührten: es sind die beiden
-ersten, in denen sich der Dichter an Rußland wendet, das man bereits für
-schwach und kraftlos erklärt hatte, und in denen er ausruft
-
- Hört ihr die Trompete schmettern?
- Auf, der Feind ruft, Vaterland!
- Denk wie du beim Kriegeswettern
- Stets dem Gegner hieltest stand.
- Laß zum blut'gen Kampf sich rüsten
- Deine Recken, mutig, frei.
- Ruf aus Steppen sie und Wüsten,
- Von den Flüssen, von den Küsten,
- Aus dem fernsten Land herbei.
-
-Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhörte Tat der Aufopferung
-dargestellt wird, wo der Dichter schildert, wie die eigene Hauptstadt
-mit allen ihren Schätzen, die dem ganzen Lande heilig und teuer sind,
-den Flammen geweiht wird.
-
- Erd' und Himmel stehn in Flammen,
- Goldgeschmückte, heilge Stadt.
- Moskau! Wie? Du stürzst zusammen?
- Hörst du's, Rußland? Auf zur Tat!
- Rase Feuer der Zerstörung!
- Du erhöhst nur unsern Mut.
- Diese flammende Verheerung
- Bringt uns Rettung, bringt Verklärung,
- Phönix schwingt sich aus der Glut.
-
-Wem sollten solche Strophen nicht Tränen entlocken? Seine Verse sind wie
-ein alle Kräfte entbindender durcheinanderrüttelnder Rausch, aber in
-diesem Rausch liegt eine höhere Gewalt, die nach oben zieht. Für Jasykow
-ist ein studentisches Gelage nicht so sehr eine Äußerung der Lust am
-Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude über die Kraft, die die
-jungen Arme schwellt, und über die große Zukunft, die der Jugend
-bevorsteht, einer Freude darüber, daß die Studenten einmal fortstürmen
-werden, um
-
- Der großen Sache treu zu dienen,
- Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte.
-
-Leider geht nur diese Rauschstimmung häufig bis ins Maßlose, und der
-Dichter gibt sich allzusehr der Freude über die ihnen winkende Zukunft
-hin, wie dies bei uns in Rußland so viele Leute tun, ohne über einen
-großartigen Anlauf hinauszukommen.
-
-Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt erwartete etwas
-Außerordentliches von dem neuen Dichter, dessen Verse voll ritterlicher
-Großsprechereien und voll Verheißungen gewaltiger Taten waren. Allein
-die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Es erschienen zwar noch ein paar
-Gedichte von ihm, in denen die alten Töne noch einmal, wenn auch etwas
-abgeschwächt, erklangen; dann aber wurde der Dichter von einer schweren
-Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen für seine Geistesverfassung
-blieb. In seinen letzten Versen gab es nichts mehr, was die russische
-Seele ergriff. Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der
-Langenweile deutscher Städte, gleichgültige Reiseschilderungen und einen
-Bericht über den einförmigen Verlauf peinvoller Tage. Das alles war dem
-russischen Geiste fremd. Man achtete nicht einmal auf die
-außerordentliche Sorgfalt, mit der in diesen späten Gedichten die Form
-behandelt war. Allein seine Sprache, die hier noch kräftiger ist, wird
-ihm gerade dadurch zur Verräterin: sie dient nur dazu, einen mageren
-Gedanken und einen dürftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem
-Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschließt. Es wurde
-sogar die Meinung laut, Jasykow hätte überhaupt keine Gedanken; er könne
-nur hohle tönende Verse schmieden und sei überhaupt kein Dichter. Alles
-begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand in den Zeitschriften ein
-recht törichtes Echo, allein ihm lag wirklich ein berechtigter Kern
-zugrunde. Jasykow hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie
-Puschkin:
-
- Nicht unser Teil ist das Getümmel,
- Des Pöbels Hast und Waffenklang.
- Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
- Begeisterung, Inbrunst und Gesang.
-
-Er läßt den Dichter vielmehr sagen:
-
- Poet, ist alles in dir reif zum Werke,
- Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist,
- Des feurigen Gedankens hoher Geist,
- Der Rede Glut, des Wortes Stärke,
- So geh und künde, daß die Welt höre.
-
-Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, aber er hat doch
-sein Ideal aus seinem eigenen Wesen geschöpft. Wenn die Elemente dazu
-nicht in ihm selbst gelegen hätten, dann hätte er sich den Dichter auch
-nicht so denken können. Nein, nicht die Kraft hatte ihn verlassen, nicht
-Mangel an Talent und an Ideen sind schuld an dem dürftigen Inhalt der
-letzten Gedichte, wie anmaßende Kritiker behauptet haben, nicht einmal
-seine Krankheit trägt die Schuld (die Krankheiten sind immer nur dazu
-da, die Arbeit an einem Werk zu beschleunigen -- vorausgesetzt, daß der
-Mensch ihren Sinn richtig erkennt) -- nein, es war etwas anderes, was
-ihm die Kraft raubte: das Licht der Liebe war in seiner Seele erloschen.
-Das war der Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel trüber
-brannte.
-
-Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft
-und Stärke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest
--- dann werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen, wie deine
-Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entströmen. Du wirst
-uns dann die große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du
-wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß er sich der
-stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm regt, bewußt wird, und Gott
-für das Übel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte.
-Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten und seinen Vers
-nach seinem Vorbilde behandeln und formen dürfen; seine Domäne ist weder
-die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des
-Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefühl haben alle. Und er hätte seine
-Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine Verse
-gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik
-entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder
-bewegt, oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der
-verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein
-treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm
-ein vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen. Ein
-anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwärtstreibende,
-sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den höchsten und hochherzigsten
-Regungen anzufeuern -- und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen.
-Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, daß
-es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die
-Vorsehung sorgt besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück,
-Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg
-gefunden hätte. In der Lyrik Jasykows machte sich übrigens wieder ein
-Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar.
-Erst neulich haben wir sein Gedicht »Das Erdbeben« kennen gelernt, das
-nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist.
-
-Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Fürst Wjasemski eine
-besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor
-Puschkin begann, müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach
-dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte.
-Fürst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: während jener
-durch seine Gedankenarmut auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner
-Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum Zweck, das erste
-beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste
-Sorgfalt auf seine äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration,
-auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser
-wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Künstler und
-legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind -- Improvisationen,
-obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr große und
-vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von großer Reife und Ausbildung
-mitbringen muß. Er vereinigt in sich eine außerordentliche Menge
-vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine
-Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen, Gefühl, Verstand,
-Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist
-ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener
-Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm
-gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um
-etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die
-Biographie Von Wisins tritt die reiche Fülle seiner Talente, über die er
-verfügte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht
-der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der
-gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen
-Seiten des Lebens -- kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt,
-über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne dieses Wortes
-verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins
-geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert hätte,
-die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die
-große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier
-begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so könnte
-man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein
-historisches Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte. Das aber
-ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Fürsten Wjasemski, daß es ihm
-an einer großen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in
-seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl, daß sich die einzelnen
-Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt
-ihnen einen großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht
-miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken
-kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher Schönheit bei keinem andern
-Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im
-mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefühl an die Seele,
-das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stößt er uns
-ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand
-nicht im mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere Sammlung
-fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Kräfte
-gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine
-gewisse Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen,
-dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der
-keine große Aufgabe finden kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die
-letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten Bettlers.
-Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurückführt und
-ihn veranlaßt, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur
-bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, können
-
- Der Seele Flügel sich entfalten,
- Erstarkt der Wille, und das Walten
- Des Schicksals zeichnet klar sich ab.
-
-Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung und Leitung der
-Dichter aller Zeiten und Völker so schnell und in so eigenartiger Weise
-zurücklegte, während die Klänge aller Länder, in denen es eine
-Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten
-und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen
-andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewählt und
-schritt solange still und geräuschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages
-über alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch
-über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte. Dieser
-Dichter war -- Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewählt, die alle
-Welt bisher für eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für
-ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt hatte, und er
-brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen
-Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken
-russischen Köpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe
-verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des Russen
-ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet,
-der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa
-eine vorgefaßte Meinung oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern
-vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den
-Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen,
-den endgültigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen
-ihren Faktoren und nicht bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch
-in dem Spruch zum Ausdruck: »Bloße Reden ergeben noch kein Sprichwort.«
-Dieser »nachhinkende« Verstand, dieses Talent für radikale endgültige
-Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist,
-macht, daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller
-andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch
-in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen
-Eigentümlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine
-Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurütteln und
-seinen wundesten Punkt zu berühren; wie ein hundertäugiger Argus blickt
-jedes von ihnen den Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis auf
-Suworow und Peter den Großen haben unsere Sprichwörter geliebt und
-bewundert. Die hohe Würdigung, die man ihnen angedeihen ließ, kommt in
-vielen Aussprüchen zum Ausdruck: »Ein Sprichwort wird nicht umsonst
-geprägt« oder »ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.« Es ist ja bekannt,
-daß, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt
-gewähltes Sprichwort zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem
-Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr
-übersteigt.
-
-Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln
-sind nicht etwa für Kinder geschrieben. Man würde sich eines groben
-Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der
-Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen
-wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und
-bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und
-handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander
-spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die
-in Rußland üblich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren
-pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters,
-die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der Fuchs, der Bär
-und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle
-Geschöpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen.
-
-Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist,
-daß er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht,
-damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, -- selbst der Esel
-ist, trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört, bei Krylow
-ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemüsegärten
-geplündert hat, wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt, er
-will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich wichtig, als sein
-Herr ihm ein Glöckchen um den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf
-den Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder schlechte
-Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und daß es nun
-bei jeder Gelegenheit kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz
--- überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall fühlt man sich
-an Rußland erinnert. Überdies hat jede seiner Fabeln noch ihren
-historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner
-scheinbaren Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner
-Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem
-Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine
-Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Maß, die rechte
-Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die versöhnende Stimme des
-Mittlers, eine Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn der
-russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt. Durch ein
-streng abgewogenes kräftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage
-den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen.
-Als einmal ein paar allzusehr für das militärische Wesen begeisterte
-Leute behauptet hatten, daß der ganze Staat ausschließlich auf die
-militärische Macht gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze Heil
-liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über alles, was mit dem
-Militär zusammenhing, lustig machten, bloß weil ein Paar Leute das ganze
-Militärwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da
-schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln,
-in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmäßigen
-Grenzen verweist:
-
- Darin besteht des Staates wahre Macht,
- Daß alle Teile weise Frieden halten.
- Die Waffen stehen drohend auf der Wacht,
- Die Segel sind der Bürger -- Rechtsgewalten.
-
-Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen ist keine Verteidigung
-möglich, ohne Segel aber kommt man auf der See überhaupt nicht vom
-Flecke. Ein anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, die die
-allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch eine große
-Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen Gedanken verfallen
-waren, man müsse sich vor den gescheiten und energischen Leuten in acht
-nehmen und sie bei der Besetzung der Ämter übergehen, bloß weil sich
-gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche hatten zuschulden
-kommen lassen und sich an einem törichten Unternehmen beteiligt hatten,
-da schrieb Krylow seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden
-Rasiermesser, in der er sich gegen die Beamten wendet, die
-
- Die klugen Menschen fürchten
- Und lieber sich an einen Dummkopf halten.
-
-Man merkt, daß er überall Partei für den Verstand nimmt, überall mahnt
-er immer wieder, man solle den klugen Mann nur ja nicht unterschätzen,
-sondern man solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke kommt in
-der Fabel »_Die Musikanten_« zum Ausdruck, die mit den Worten schließt:
-»Ich möcht dich lieber trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz
-verstehn.« Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen zu
-verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, wenn er mit ansehen
-mußte, wie manche Leute sich statt tüchtiger sachverständiger Männer
-allerhand hergelaufenes Gesindel herholten, und sich dann noch dessen
-rühmten und erklärten, sie verständen zwar nichts von ihrer Sache,
-hätten dafür aber ein ausgezeichnetes Benehmen. Er wußte, daß man bei
-einem klugen Menschen alles erreichen könne und daß es nicht schwer sei,
-ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man es nur versteht,
-verständig mit ihm zu sprechen, dagegen sei es sehr schwer, einem
-Dummkopf Verstand beizubringen, selbst wenn man noch so viel auf ihn
-einredet: »Mit einem Diebe -- ist man wie auf hoher See, mit einem
-Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter Milch.« Aber auch dem
-Gescheiten weiß er ein kräftiges Wort zu sagen, in der Fabel »Teich und
-Fluß« tadelt er ihn heftig, weil er seine Fähigkeiten einschlafen läßt,
-und in der Fabel »Der Schriftsteller und der Räuber« straft er ihn, weil
-er sie zu schlimmen und lasterhaften Zwecken mißbraucht. Überhaupt
-beschäftigten ihn immer nur große und bedeutende Fragen. Aus einem Buch
-kann jeder Mensch Belehrung schöpfen, alle Stände und Ränge im Staate,
-in erster Linie das Oberhaupt, von dem er sagt:
-
- Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will,
- Muß er die Zügel fest, doch allzu straff nicht halten,
-
-ebenso wie der letzte Tagelöhner, der in den untersten Reihen des
-Staatskörpers steht und wirkt. Ihn weist er auf seine hohe Aufgabe hin,
-indem er ihn an die Biene erinnert, die nie darum bemüht ist, ihrer
-Arbeit eine besondere Würde zu verleihen.
-
- Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,
- Der ungeehrt und im Verborgnen lebt
- Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen
- Der einzige Gedanke nur erhebt!
- Er muß sie für das allgemeine Beste tragen.
-
-Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den hohen Sinn Krylows
-bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare
-Form zu geben, sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow.
-Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles
-plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen
-Reizen und in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit und
-in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprächs, die
-eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles
-ist so treffend ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit
-einer solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist,
-festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise
-ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich, das Wesen seines Stils zu
-ergründen. Der Gegenstand scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu
-besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn
-geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet
-gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich nicht sagen, worin ihre
-Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig?
-Er fängt an zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird
-lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll
-und ehern, wo der Gedanke stark und kräftig ist und er wird plötzlich
-leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten
-oberflächlichen Geschwätz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt
-willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine
-Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfüßigen Versmaßen, bald
-wieder in schnellen einfüßigen; in der wohlüberlegten Silbenzahl
-offenbart sich aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke
-bloß an den großartigen Schluß der Fabel »Die beiden Fässer«:
-
- Den großen Mann erkennt man an der Tat
- Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen,
- Denkt er im Stillen.
-
-Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte förmlich die
-Größe des in sich selbst versenkten Menschen herauszufühlen.
-
-Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie,
-nämlich zur satirischen Form hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle
-viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern zum
-Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig selbst da, wo die Seele
-ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt
-ist. Die Tiefe dieser urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig
-erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen der europäischen
-Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer
-heimatlichen Wurzel losgelöst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir
-uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist
-schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die
-Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum
-Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter haben
-diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren Teil seiner Oden
-mit diesem kräftigen Salze gewürzt. Wir finden sie aber auch bei
-Puschkin, bei Krylow, beim Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei
-solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie
-neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Fürsten Dolgoruki;
-dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich,
-daß unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes
-hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemühte,
-seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Fürst
-Kantemir mancherlei Stoffe für die Satire und geißelte in seinen
-Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft.
-Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen
-der bekanntesten Dichtungen und alle möglichen Parodien voll Spott und
-Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im
-Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man
-denke nur an die Parodien des Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die
-Literaten von Wojeikow »Das Irrenhaus« und an die talentvollen Parodien
-Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer
-eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit mischt. Indes die Satire brauchte
-bald ein größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so drang sie
-allmählig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben
-Ursprung wie überall; wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald
-jedoch kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der Tragödie regten
-sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich
-unter dem Einfluß einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters
-darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren milden Spott über
-die lächerlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der
-Menschen zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists,
-Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben
-wir ein achtungsvolles Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor
-zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden Komödien »_Der
-Landjunker_« von Von _Wisin_ und vor Gribojedows »_Verstand bringt
-Leiden_«, die Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt
-hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott über die komischen und
-lächerlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und
-Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern
-aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit
-erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt
-werden. Von diesen beiden Komödien hat jede eine besondere Epoche zum
-Gegenstand; die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung -- die
-andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung entspringen. Die
-Komödie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalität des Menschen,
-dies Produkt einer stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen
-Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde von Roheit und
-Brutalität, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, daß
-man in diesem Stück den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch
-einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelüste
-zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern,
-ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres
-Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem Lande, weder in
-Frankreich noch in England, ein solches Wesen möglich wäre. Diese
-unsinnige Liebe zu ihrem Kinde -- ist unsere eigene, starke russische
-Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt
-hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren Mischung
-mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so
-mehr haßt sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins
-stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe
-schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden
-Leidenschaften kennt, geht völlig in einer stillen Liebe zum Vieh auf,
-die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich
-auf das Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine
-Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau
-Prostakowa -- dies unglückliche, völlig verschüchterte Geschöpf, in dem
-selbst die schwachen Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren,
-gänzlich durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind -- in
-ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur
-keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Böses antun will, und der
-doch ganz unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und weil
-jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung,
-am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h.
-seiner Mutter und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein Genuß ist,
-sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen
-eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, überhaupt noch
-einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der
-Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfährt mit Schrecken, daß bei
-ihnen weder der Einfluß der Kirche noch die guten alten Sitten etwas
-auszurichten vermögen, von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche
-und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu
-sprechen. In dieser Komödie erscheint alles wie eine monströse Karikatur
-auf das Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes, alles ist
-mitten aus dem Leben geschöpft und mit tiefster Seelenkenntis
-beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der
-Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden
-hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte.
-
-Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche
-Epoche, sie schildert das Übel, das durch eine schlecht verdaute
-Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung mondäner Äußerlichkeiten statt
-des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich
-die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die unorganische
-Vermischung der Sitten und Bräuche, die die Russen so sehr ihrem eigenen
-Wesen entfremdet und zu Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus
-des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau Prostakowa. Mit
-derselben Naivität, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rühmt
-_er_ sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des
-ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf, daß die jungen
-Mädchen von Moskau die höchsten Töne singen können, daß sie keine zwei
-einfache ungezierte Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen
-steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Ausländern
-und daß in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun
-haben. Er ist ein Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein
-Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund
-opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar
-ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt,
-wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf
-Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hält er nämlich für
-jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen Welt nicht aufs strengste
-beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten
-Menschen, die trotz all ihres weltmännischen »_comme il faut_« gänzlich
-leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren
-Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten für die Gesellschaft
-ebenso schädlich sind, wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie
-dem Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande sitzen, wo
-sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Güter darunter, da sie
-ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern überlassen und
-immer nur Geld für Bälle, sowie große und kleine Diners von ihnen
-verlangen; damit zerstören sie das gesunde heilige Band, das einstmals
-den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch
-die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle Ämter und
-Posten ausschließlich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun
-haben und sich dem Müßiggang ergeben, berauben sie den Staat der
-wirklichen tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem
-ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren
-sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen
-Lebenswandel -- denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien
-sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -- verlangen
-sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend heucheln sollen, dabei aber
-führen sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend
-gegen sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu
-widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -- Mißachtung
-des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum
-ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: _Sagorezki_, dieser
-ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und der doch
-wunderbarerweise überall empfangen wird, ein Lügner und Gauner, der es
-aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflußreichen
-Persönlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen
-weiß, wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist, wenn es
-darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkämpfer der
-Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entzünden und alle
-Bücher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle
-Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen und Adler] zu
-verbrennen, womit er übrigens verrät, daß er, der sich vor nichts
-scheut, -- nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Gezänk --
-dennoch den Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder
-hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale _Repetilow_,
-dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch
-immer erscheinen mag. Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu
-Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn es ihm gelingt,
-Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lärm gemacht
-und laute Reden über Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht,
-und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hört
-er sich all die verrückten Phantastereien begeistert an, und er ist
-überzeugt, daß er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und
-daß hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das
-zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon
-offenbaren wird, wenn man nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht
-häufig versammeln und heftige Diskussionen führen wird. -- Auf derselben
-Höhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] _Skalosub_, der seinen
-Dienst so versteht, daß es dabei lediglich darauf ankommt, die
-verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der dabei
-aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung über
-die Ränge und Titel festhält. Er erklärt ganz offen, er halte sie für
-die unentbehrlichen Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er
-erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine
-Sorgen, die Zustände seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm
-nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in
-der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt.
-Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlöstowa, diese
-traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte.
-Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit
-und Hohlheit ererbt und für diese fordert sie Achtung von der jungen
-Generation, sie verlangt, daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie
-respektieren sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit
-Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder
-umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafür aber
-protegiert sie kleine Negerjungen, Möpse und Leute von der Art einer
-Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im vollen Sinn
-des Wortes. _Moltschalin_ ist gleichfalls ein glänzender Typus. Diese
-stumme gemeine Kreatur ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt.
-Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor, schlummert
-doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein künftiger Sagorezki. Ein solcher
-Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung,
-eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen Sinn in seiner
-Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mußte eine Reaktion
-hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem führen, wie es in seiner
-ganzen Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky geht in
-seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen alle diese Leute
-gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, daß er gerade dadurch und
-durch seine unbeherrschte Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle
-Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der
-Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der
-Unbildung, russische Ungeheuer, Krüppel, vorübergehende
-Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente
-hervorgerufenen Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt
-einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt
-sich der russische Bürger. Der Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen,
-wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese
-Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein
-Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und äußert bloß ihre
-Entrüstung über alles Gemeine und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne
-in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild
-aufzustellen.
-
-Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen Technik nur
-schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige
-französische Stück überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des
-Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll gelöst. Man hat den
-Eindruck, als hätten die Komödiendichter sich hierfür nur wenig
-interessiert, als repräsentiere ihnen der Stoff nur einen andern höheren
-Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang ihrer Person
-maßgebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht
-gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden
-des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese
-Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre
-Anwesenheit zu erläutern und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild
-zu vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die Dichter die
-notwendigen Forderungen der Bühntechnik erfüllt und jede ihrer Personen,
-die alle so außerordentlich glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich
-vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloßen
-Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären diese beiden Komödien
-sicherlich zwei großartige Schöpfungen des russischen Genius geworden.
-Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen; eine so
-ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher, wie ich glaube,
-noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Ansätze
-zu einer sozialen Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr
-durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die Mißbräuche und
-Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse
-der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender
-Beweis dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komödiendichter
-aber wurden von sozialen und nicht von persönlichen Motiven bewegt, ihre
-Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen
-unzählige Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr
-Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen
-selbst Fleisch und Blut, schien Körper geworden zu sein; am lyrischen
-Feuer der Entrüstung entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser
-Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis,
-den Peter in Rußland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen
-unwillkürlich zu einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien sind
-keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind nicht aus der
-Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mußte sich schon viel Schmutz
-und Unrat in unserem Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke ganz
-aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns
-vorüberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer
-Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und
-daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird.
-
-Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum
-Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen
-ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne,
-und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein Nahen an. Schon
-heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspüren wir
-die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand
-diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu
-zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken,
-daß eine neue Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen
-herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu werden beginnen, die
-wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene
-Farbe und keine selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese
-Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem einen _Lermontow_, der
-die andern weit überholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden
-weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine
-große Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern über ihn
-gewaltet hätte und wenn er sich's nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß
-dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr früh in solche
-Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine
-vorübergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein
-armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden losgerissen hat, dazu
-verurteilt waren, traurig durch öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl,
-daß sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und daß es ihr
-Los sei -- zu verwelken und elend zugrunde zu gehen -- daher diese
-herzzerreißende Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm
-schon so früh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem
-unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser
-Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse, die ohne Zweck und Ziel
-geknüpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind
-die Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen
-dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der
-_Illusionslosigkeit_ kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese
-Stimmung für eine Weile populär und modern. Wie einst unter dem
-anfeuernden Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt
-ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine
-Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie
-die Enttäuschung, die »Entgeisterung«, die _Desillusionierung_ im
-Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer übermäßigen
-Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam
-endlich auch die Reihe an die Illusions_losigkeit_, dieses eigenste Kind
-der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung. Die Zeit, während der
-diese Stimmung herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden
-andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit hat für niemand etwas
-Verlockendes. Lermontow glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über
-ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu
-gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung hätte von
-ihm befreien können. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen
-Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen Macht über den
-Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow
-an, daß diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der
-Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dämon
-aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: »Ein Märchen für Kinder«
-hat diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie sinnvoller
-geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter, wenn er diese Erzählung,
-die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt hätte, ganz von diesem
-Dämon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen
-einer solchen Befreiung kann man bereits im »_Engel_«, im »_Gebet_« und
-einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr
-Achtung und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat jemand
-eine _solche_ beinahe prahlerische Mißachtung für sein Können zur Schau
-getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie
-Liebe für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner
-Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zärtlichkeit
-einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins
-Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene
-feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis
-oder Puschkins Verse an. Überall herrscht Überfluß und ein unnötiger
-Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch
-nie hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische Prosa
-geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die
-lebendige Wirklichkeit, hier kündigt sich der künftige große Maler und
-Darsteller russischen Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich
-von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches.
-Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe
-aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe
-der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehört und in
-der ein Dichter nicht weilen darf, reißt ihn mit einem Schlage ein
-plötzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige
-Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem
-andern während eines einzigen Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters
-und ihrer Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen -- und doch hat
-das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere
-leichtsinnige Generation fühlte sich nicht im geringsten erschüttert.
-
-Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch etwas darüber sagen,
-was denn eigentlich unsere Poesie überhaupt darstellt, wozu sie da ist,
-welchem Zwecke sie gedient und was sie für unser ganzes russisches
-Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der
-Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den
-er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie
-der Gesamtheit, gemäß dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften
-des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates sein müssen, höhere
-Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer
-Gesellschaft -- eine vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel
-unseres Lebens? -- Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und
-hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast völlig unbekannt
-geblieben, unsere Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser
-Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter der Leitung
-französischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer
-aus aller Herren Länder, aus allen Ständen und Berufen, von Menschen
-ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze und
-Anschauungen. -- Unsere Gesellschaft wurde -- was bisher noch mit keinem
-Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis
-ihres eigenen Landes -- erzogen. Selbst die eigene Sprache war
-vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten
-waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber
-doch einmal glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah
-dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder eine glücklich
-erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen
-Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein
-minderwertiges Gedicht, das den fremdländischen -- freigeistigen Ideen,
-die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht
-worden waren, nicht entsprach, wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas
-von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte
-aufhielt.
-
-Kurz -- unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer
-Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft.
-Sie schwebte die ganze Zeit über gleichsam hoch _über_ der Gesellschaft,
-wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen
-Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herabließ, so
-nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht
-aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen
-Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist höchst merkwürdig: trotz alledem
-waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir
-uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor
-Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben und wir wollen nicht recht
-daran glauben, was Dershawin uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein
-Schriftsteller die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens
-schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das
-Bild, das er von uns entwirft, für eine Karikatur. In der Tat, in beiden
-Fällen ist irgendwo eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz
-vorhanden, und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der Grund für
-die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon
-in dem Keim, der dem gewöhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die
-künftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens
-in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund
-der zweiten Erscheinung ist der, daß unsere satirischen Schriftsteller,
-wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen
-Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Häßliche und
-Gemeine in den wirklich existierenden Repräsentanten des Russentums nur
-um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh ihnen die
-Fähigkeit, eine Sache weit klarer und schärfer zu beleuchten, als sie
-dem gewöhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in
-der letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen -- die Spottlust am
-allerstärksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder über
-seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas,
-eine Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über das Neue,
-und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was
-ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in
-seiner Vollständigkeit dargestellt, weder in dem _Ideal_, das er
-erreichen _soll_, noch in seinem wirklichen _Dasein_, wie er heute in
-Wirklichkeit _ist_. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von
-Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie
-hat nur alle einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer
-Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefühl, daß die Zeit
-noch nicht gekommen sei, uns vollständig und allseitig darzustellen, uns
-unserer Eigenart zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns
-selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische Natur ist heute
-erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form
-annehmen zu können; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller
-Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall her in unser Land
-verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich
-Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir
-nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese
-Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben
-unsere Dichter gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam ihre
-stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres Wesens nicht
-untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste überall, wo sie es fanden,
-und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu
-fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme
-Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle,
-was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere
-Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre Stimme
-erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen würde,
-wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkörperung des Menschen im
-Bilde, für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß aus den
-eigenen urwüchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz
-Rußland ergreifen und zum sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde
--- damit wir uns dann darüber klar wären, was alles an Gutem und Schönem
-und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem
-Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer mehr
-enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden.
-In dem Maße, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden
-wir auch ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher
-noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, daß sie nicht bloß
-die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch
-unsere Baumeister waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren
-oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so
-viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen
-Charakterzüge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit
-kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in
-seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen.
-Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes
-von einer ungeheuren, fast biblischen Größe zu zeichnen, hatte nichts
-Willkürliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die
-mächtigen Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind in ganz Rußland
-überall so lebendig, daß selbst Ausländer, die etwas von Rußland kennen
-gelernt haben, darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten
-und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst
-hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Rußland Europa von
-einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine
-Verwunderung über die schlichten Bewohner unserer Bauernhütten nicht zu
-verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen
-Greise, die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie ihm doch
-wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als
-einmal mußte er gestehen, daß ihm in keinem Lande Europas, das er
-bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die
-patriarchalisch biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen war.
-Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mächtigen Haß
-gegen unser Volk erfüllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese
-Feinfühligkeit, dieser scharfe _Instinkt_, der sich besonders bei
-Puschkin mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen
-Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke, mit denen das Volk
-selbst diesen eigentümlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an
-den Spitznamen _Ohr_, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber
-zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick untätig sein
-kann. Oder man denke an die Bezeichnung _Allerweltskerl_ für einen
-Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl
-derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen
-dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz außerordentlich groß.
-
-[Fußnote 5: Der Marquis Custin.]
-
-Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes,
-das Dershawin gezeichnet hat, wäre noch nicht vollständig und würde noch
-nicht die ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen
-Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu
-reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen über die Schönheit der
-Schöpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige
-Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden weiß, wie wir ihn besonders
-bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow
-äußert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht,
-das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrücken
-vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer
-Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener
-sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische Erziehung und Bildung
-verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser
-Bauer versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und über ihm
-Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und
-dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, während wir es häufig
-nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn
-durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür aber einmal in einem von
-uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich
-vorhanden ist, dann genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird
-kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie
-gestatten würde, ihm nimmt niemand etwas übel. Alle unsere
-Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmütigsten unter ihnen
-und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und
-Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser _jugendliche
-Wagemut_ und dieser stürmische Drang, seine Kräfte für alles Hohe und
-Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die
-überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche
-Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen
-ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet,
-sich für eine große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen
--- solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze bunte, mit sich im
-Streit liegende Masse in einem mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher
-Streit, alle engherzigen persönlichen Interessen -- alles ist vergessen,
-und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese
-Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale
-Eigentümlichkeiten unseres Volks, die in ihnen bloß schärfer und
-deutlicher zur Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht
-plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor.
-Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die
-von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon
-dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher noch nie bekannten
-Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß nicht, ob die Dichter irgendeiner
-andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen
-hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache
-manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versmaß und
-seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser
-Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers
-Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten,
-hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der
-wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu
-sein scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte Vers
-Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, dieser leichte
-ätherische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer
-Äolsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers
-und häufig von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut
-durchdrungene Vers Wjasemskis -- sie alle haben wie verschieden
-abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flöten einer herrlichen Orgel
-einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen.
-Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie _die_ glauben mögen,
-die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk
-in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer
-Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine
-wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser
-Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere
-Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme
-von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde
-auserprobt, hat die Einflüsse der Literatur aller Völker erfahren, hat
-der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache
-geschaffen, um alle Menschen für eine größere Aufgabe vorzubereiten.
-Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige,
-sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewußte junge Dichtergeneration
-leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen
--- so schön und beglückend ein solcher Dienst auch sein mag --, ohne
-ihre höhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar zu sein,
-wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin läßt sich nicht
-wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt
-zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns
-mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit
-des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch
-durch die stolze Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter eine
-höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der
-Poesie. Wie sie während der Kindheit der Völker dazu diente, die
-Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken,
-so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, höheren
-Kampf aufzurufen -- zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um
-unsere zeitlichen Güter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und
-Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer
-Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen hält. Zahlreiche
-Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft
-alles wahrhaft Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das sinnlose
-Leben von heute geraubt ward. Nein, diese künftigen Dichter werden
-keinem von unseren früheren Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache
-wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und
-vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel
-lebendiger und kräftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener
-eigene urwüchsige Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, der
-schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strömte, als
-selbst das Wort _Poesie_ noch in keines Menschen Munde war. Noch immer
-erscheint dieser unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren
-Liedern entgegentönt, und über das Leben und sogar über das Lied selbst
-hinweg in unbekannte Fernen stürmt, noch erscheint uns dieser glühende,
-verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der
-Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt -- wie ein
-Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische
-Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren
-vieläugigen Sprichwörtern verborgen ist, völlig Fleisch und Blut
-geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und
-traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen und Schlüsse zu
-ziehen, als dem Menschen in Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren,
-als er noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu leben; so sind
-sie uns eine lebendige Mahnung, was für gewaltige Folgerungen der
-moderne Mensch in Rußland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen
-kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie
-allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen.
-Noch ist vielen diese Lyrik -- dies Produkt einer höchsten
-Verstandsreife und Nüchternheit -- ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus
-unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt und die Seele
-unserer Dichter noch unbewußt begeistert, wie ihm die heimatlichen
-Klänge unserer Lieder unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns
-auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthält
-sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, von den kräftigsten bis
-herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos
-und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu
-bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der
-biblischen Kirchensprache schöpft und sich andererseits die treffendsten
-Ausdrücke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt,
-aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich in ein und derselben Rede
-bis zu einer Höhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache
-erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen,
-die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich ist; -- eine
-Sprache, die selbst und an und für sich schon dichtet, und die nicht
-umsonst für eine geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen worden
-war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles Häßliche und
-Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdländischen Bildung
-angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und
-ausplauderten, damit alle die unklaren Töne und die ungenauen
-Bezeichnungen für die Dinge -- diese Produkte ungeklärter und
-verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen -- die kindliche
-Klarheit unserer Sprache nicht mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem
-Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und
-nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurückkehren
-konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch
-Felsblöcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal
-eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache
-wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf
-unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl
-Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen mächtigen Impuls
-verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen
-anklingen, und selbst die rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der
-Ehrfurcht erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen
-einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland ans Licht rufen -- unser
-russisches Rußland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten
-ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem
-Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen wollen, nein, das
-Rußland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns
-hinstellen wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre
-Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mögen,
-einstimmig ausrufen werden: »Ja, das ist _unser_ Rußland; hier fühlen
-wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter
-unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der Fremde!«
-
-
-
-
- XXXII
- Auferstehungstag
-
-
-Der Russe nimmt einen besonders warmen Anteil an der Feier des
-Auferstehungstages. Das empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn
-er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn er sieht, wie dieser
-Tag sich überall in allen andern Ländern kaum von den andern Tagen
-unterscheidet -- alles geht seiner gewohnten Tätigkeit nach, das Leben
-nimmt seinen gewöhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern ruht der gleiche
-alltägliche Ausdruck -- wenn der Russe das sieht, so wird er traurig und
-seine Gedanken schweifen unwillkürlich nach Rußland hinüber. Es will ihm
-so dünken, als ob dieser Tag dort schöner gefeiert wird, als ob dort der
-Mensch heiterer und besser sei, als an anderen Tagen und als ob auch das
-Leben dort ein anderes und nicht so alltägliches Gewand trage. Er denkt
-an die feierliche Mitternacht, an das Glockengeläute, das das ganze Land
-durchhallt und alle Stimmen der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton
-verschmelzen läßt, er denkt an den Ruf »Christ ist erstanden«, der an
-diesem Tage an die Stelle aller andern Grüße tritt, an diesen Kuß, den
-man nur bei uns vernimmt, und er ist beinahe so weit, daß er ausrufen
-möchte. »Nur in Rußland wird dieser Tag so gefeiert, wie er in Wahrheit
-gefeiert werden sollte!«
-
-Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, wenn er
-tatsächlich nach Rußland versetzt wird, und sich bloß daran erinnert,
-daß dies ein Tag voll schläfrigen Hin- und Herrennens, voll törichten
-Getriebes, sinnloser Besuche, bewußten Nichtzuhausetreffens, statt eines
-Tages voll froher Begegnungen ist -- wenn man sich an diesem Tage
-wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht eigennützigen
-Grund; man braucht nur daran zu denken, daß sich der Ehrgeiz an diesem
-Tage weit lebhafter regt, als an allen anderen Tagen und daß nicht etwa
-von der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, was für eine
-Belohnung einen jeden erwartet und was ein jeder wohl für ein Geschenk
-erhalten wird; ja daß selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich
-an diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung der
-Festmesse und noch ehe die Sonne über der Erde aufgegangen ist, trunken
-über die Straße schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen
-Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, daß das höchstens eine
-Karikatur und ein Hohn auf diesen Festtag ist und daß es einen solchen
-Festtag gar nicht gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem
-Invaliden, um die Form zu wahren, einen schmatzenden Kuß auf die Backe,
-um den unter ihm stehenden Beamten zu beweisen, wie man seinen Bruder
-lieben muß, oder ruft irgendein [rückständiger] Patriot voll Empörung
-über unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten schlecht
-macht und behauptet, bei uns gäbe es überhaupt nichts Ordentliches,
-wütend aus: »Wir haben alles: ein schönes Familienleben, schöne
-Familientugenden, die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir
-erfüllen auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies nirgends in
-Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, das die Bewunderung aller
-Menschen verdient.«
-
-Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und Äußerlichkeiten,
-nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig wie auf den Kuß, der
-dem Invaliden verabreicht wird], sondern lediglich darauf an, daß wir an
-diesem Tage den Menschen tatsächlich wie unser höchstes Kleinod ansehen
-lernen -- und ihn so in unsere Arme schließen und an unser Herz drücken,
-wie einen unserem Herzen nahestehenden Bruder, daß wir uns so über ihn
-freuen, wie über den unerwarteten Besuch unseres liebsten Freundes, den
-wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. Ja, noch inniger, noch stärker
-sollte unsere Freude sein. Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen,
-sind stärker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch mit ihm
-durch unseren herrlichen himmlischen Vater verwandt, der uns weit näher
-steht, als unser irdischer Vater, und weilen wir doch an diesem Tage --
-in unserer wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser Tag ist der Tag
-jenes heiligen Festes, an dem die ganze Menschheit bis auf den letzten
-unserer Brüder eine himmlische Verbrüderung feiert, und davon ist kein
-einziger Mensch ausgeschlossen.
-
-Wie gelegen müßte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten Jahrhundert
-kommen, wo der Traum vom allgemeinen Menschenglück der Lieblingsgedanke
-fast aller Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des jungen
-Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie einen lieben Bruder zu
-umarmen, wo viele beständig davon träumen, den inneren Wert und die
-Würde des Menschen zu heben, wo die gute Hälfte der Menschen bereits
-feierlich anerkannt hat, daß nur das Christentum das vermag, wo man
-bereits fordert, daß das Gesetz Christi weit inniger mit unserem
-Familien- und Staatsleben verwachsen müsse [ja wo bereits davon
-gesprochen wird, daß alles Gemeingut werden soll: unser Haus und unser
-Grund und Boden], wo die hohen Taten des Mitleids und die den Armen und
-Unglücklichen erwiesene Hilfe bereits ein beliebter Gesprächsstoff
-unserer Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitären
-Anstalten [all dieser Hospize und Asyle für Obdachlose] die Erde schon
-zu eng zu werden beginnt. Wie freudig müßte eigentlich das neunzehnte
-Jahrhundert diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen und
-ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade dieser Tag wird zum
-Probierstein dafür, wie matt all diese christlichen Bestrebungen, wie
-sie lediglich [schöne Träume und] bloße Ideen sind, die zu keinen Taten
-führen. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit haben, einen
-unserer Brüder wie einen Bruder zu umarmen -- so tuen wir es nicht. Wir
-sehnen uns danach, die ganze Menschheit brüderlich an unseren Busen zu
-drücken, unsern Bruder aber wollen wir nicht umarmen. Es braucht sich
-nur irgendein einzelner Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser
-Menschheit abzulösen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten,
-und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben sollen, -- so werden wir
-ihn nicht mehr umarmen. Oder es brauchte sich von dieser Menschheit nur
-ein einzelner Mensch abzulösen, der in irgendeinem unwesentlichen Punkt,
-in irgendeiner unserer menschlich bedingten Meinungen nicht mit uns
-überstimmt -- so werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es
-braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser Menschheit
-abzulösen, der mehr und erkennbarer als die andern an den schweren
-Schäden geistiger Fehler und Gebrechen krankt und daher weit mehr
-Anspruch auf unser Mitleid hat als sie -- so werden wir ihn von uns
-stoßen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden nur die in unsere Arme
-schließen, die uns noch nie beleidigt haben, mit denen wir noch nie
-zusammengestoßen sind, die wir noch nicht kennen und noch nie mit Augen
-gesehen haben. Das sind die Umarmungen, mit denen der Mensch unseres
-Jahrhunderts die ganze Menschheit beglücken will, und das sind häufig
-gerade die Menschen, die von sich glauben, daß sie wahre Menschenfreunde
-und echte Christen sind. [Christen! Sie haben Christus auf die Straße
-hinausgejagt und in die Lazarette und Krankenhäuser getrieben, statt Ihn
-bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach aufzunehmen, und da
-glauben sie noch, sie seien Christen!]
-
-Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag nicht würdig, nicht
-so zu feiern, wie er gefeiert werden sollte. Dem steht ein
-schreckliches, unüberwindliches Hindernis entgegen: es heißt: _Hochmut_.
-Dieser Hochmut war auch den früheren Zeitaltern bekannt, aber jener
-Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf die physische Kraft, auf
-unseren Reichtum, ein Stolz auf unsere Abstammung und unsere Titel, und
-er erreichte nie diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage.
-Heute tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses Hochmuts
-ist der Stolz auf unsere Reinheit.
-
-Hocherfreut darüber, daß sie ihre Vorfahren in vielen Beziehungen
-überholt und übertroffen hat, hat sich die Menschheit unserer Zeit
-völlig in ihre Reinheit und Schönheit verliebt. Niemand schämt sich
-mehr, sich öffentlich der Schönheit seiner Seele zu rühmen und sich für
-etwas Besseres zu halten, als die anderen Menschen. Man braucht nur
-darauf zu achten, wie sich heutzutage jeder Mensch für einen wahren
-Heros an Hochherzigkeit und Edelmut hält, wie schonungslos und mit
-welcher Schärfe er über andere Leute urteilt. Man muß nur einmal hören,
-mit was für Gründen er sich dafür rechtfertigt, daß er seinen Bruder
-nicht einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede Scham und ohne
-innerlich zu erbeben, erklärt er: »Ich kann diesen Menschen nicht
-umarmen, er ist schmutzig, er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch
-ehrlose Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen nicht einmal in
-mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann die Luft nicht atmen, die er
-atmet, ich mache einen großen Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen
-und um ihm nicht zu begegnen. -- Ich kann nicht mit gemeinen und
-verächtlichen Leuten zusammen leben -- und da sollte ich einen solchen
-Menschen wie meinen Bruder umarmen?« Ach! der arme Mensch des
-neunzehnten Jahrhunderts hat leider vergessen, daß es an diesem Tage
-weder gemeine noch verächtliche Menschen gibt und daß alle Menschen --
-Brüder, Kinder derselben Familie sind und daß jeder Mensch keinen andern
-Namen als den: _Bruder_ trägt. Er hat alles mit einem Male vergessen. Er
-hat vergessen, daß er vielleicht gerade deshalb von diesen gemeinen und
-verächtlichen Menschen umgeben ist, damit er durch ihren Anblick
-veranlaßt werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, und
-nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner Seele gerade das findet,
-was ihn an dem andern so sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, daß er
-auf Schritt und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in einer
-etwas anderen Art, eine genau so scheußliche Handlung begehen kann, die
-in den Augen der Gesellschaft nicht als schmachvoll gilt, die jedoch auf
-dasselbe hinauskommt oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrückt,
-_derselbe Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schüssel serviert_. Es
-ist alles vergessen! Er hat vergessen, daß die Zahl der gemeinen und
-verächtlichen Menschen vielleicht nur deshalb sehr zugenommen hat, weil
-die besten und edelsten Menschen sie in so rauher Weise von sich
-gestoßen und so dazu beigetragen haben, daß sie ihr Herz noch mehr
-verhärteten und noch verstockter wurden. Als ob es so leicht ist, die
-Verachtung anderer Menschen zu ertragen! Weiß Gott, vielleicht wird
-mancher gar nicht als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat
-seine arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf mit den
-Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht und gerufen, vielleicht hätte
-er freudig jedem Hände und Füße geküßt, dessen Seele von Mitleid für ihn
-ergriffen, ihn daran verhindert hätte, in den Abgrund zu stürzen;
-vielleicht hätte ein einziger Tropfen Liebe ihm genügt, um ihn auf den
-rechten Weg zurückzuführen. Wie wenn es so schwer gewesen wäre, auf dem
-Wege der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob sich sein
-Inneres schon so sehr verhärtet hätte, als ob er schon so ganz zu Stein
-geworden, daß er keiner warmen Regung mehr fähig gewesen wäre, wo doch
-selbst der Räuber noch dankbar ist für ein Zeichen der Liebe und selbst
-das wilde Tier sich freundlich der Hand erinnert, die es geliebkost hat.
-
-Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat alles vergessen, er
-stößt seinen Bruder von sich, wie ein Reicher einen aussätzigen Bettler
-von der Schwelle seines Hauses jagt. Was kümmern ihn die Leiden des
-andern, er will bloß seine eiternden Schwären nicht sehen. Er will nicht
-einmal sein Klagelied hören, damit seine Nase den übelduftenden Hauch,
-der aus dem Munde des Unglücklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er,
-der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ein solcher
-Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe feiern können?
-
-Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die noch mächtiger ist
-als die erste, -- das ist der _geistige_ Hochmut. Nie noch hat er solche
-Dimensionen erreicht, wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem
-in der Furcht zum Ausdruck, für einen Dummkopf gehalten zu werden, einer
-Furcht, von der heute jeder Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit
-kann alles ertragen: er kann es ertragen, daß man ihn einen Lumpen oder
-einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen Namen -- es läßt ihn kalt
--- nur den Namen Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden Spott
-ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, daß man sich über seinen
-Verstand lustig macht. Sein Verstand ist ihm heilig. Jeder noch so
-leichte Spott über seinen Verstand genügt ihm, um seinen Bruder, wie es
-der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung aufstellen zu
-lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den
-Kopf zu jagen. Er glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist
-sein Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert nicht für
-ihn. Er hat sogar vergessen, daß auch der Verstand erst fortschreitet,
-wenn alle sittlichen Kräfte des Menschen fortschreiten und sich
-entwickeln, und daß er sich sogar zurückentwickelt, wenn die sittlichen
-Kräfte sich nicht heben. Er hat ferner vergessen, daß kein Mensch
-sämtliche Verstandeskräfte in sich vereinigt, daß ein anderer Mensch
-gerade die Seele einer Sache sehen kann, die er selbst nicht sieht, und
-folglich etwas wissen kann, was er nicht zu wissen vermag. Aber das
-glaubt er nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist für ihn
-eine Lüge. Sein Vernunftstolz hält jeden Schatten christlicher Demut von
-ihm fern. An allem zweifelt er: an dem Herzen eines Menschen, den er
-viele Jahre lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an
-seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man sich und kämpft
-man nicht mehr um irgendwelche wirkliche Rechte und auch nicht aus
-persönlichem Haß oder Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die
-sinnlichen Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die
-Leidenschaften des Verstandes: heute bekämpft man sich und streitet man
-sich miteinander, weil man verschiedener Meinung ist, und wegen der
-Widersprüche in der Welt der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien
-gebildet, die sich gegenseitig verabscheuen, die persönlich noch nie
-etwas miteinander zu tun hatten, und sich dennoch glühend hassen. Ist es
-nicht merkwürdig! Schon glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Haß
-und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da dringen Haß und Bosheit
-von der andern Seite wieder in die Welt ein, kommen auf den Flügeln der
-Zeitungsblätter herangeflogen und fallen wie ein verheerender
-Heuschreckenschwarm von allen Seiten über die Herzen der Menschen her.
-Schon hört man kaum noch die Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst
-die gescheiten Leute sogar gegen ihre eigene Überzeugung zu reden, nur
-um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu räumen, und nur weil ihr
-Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren Fehler vor der Welt einzugestehen --
-schon hat die reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen.
-
-Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, der christlichen
-Liebe zum Menschen fähig sein? Er sollte sich mit jener reinen
-Treuherzigkeit und Einfalt, mit jener engelhaften kindlichen Naivität
-erfüllen können, die alle Menschen zu einer großen Familie macht? Er
-sollte etwas von der Süßigkeit und Schönheit unserer himmlischen
-Brüderschaft empfinden können? Er sollte diesen Tag feiern können? Ist
-doch selbst jene äußere gütige Geste, jener Ausdruck der Güte
-verschwunden, der den alten schlichten Zeiten eigen war, und dem
-gegenüber man das Gefühl hat, als hätte der Mensch damals dem Menschen
-viel nähergestanden. Der stolze Verstand des neunzehnten Jahrhunderts
-hat ihn vernichtet und zerstört. Ohne jede Maske ist der Teufel in der
-Welt erschienen. Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht mehr in
-verschiedenen Gestalten und schreckt keine abergläubischen Menschen
-mehr: er kommt in seiner eigenen Gestalt zu uns. Er fühlt, daß man seine
-Herrschaft anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstände mit
-den Menschen. Dreist und schamlos lacht er denen ins Gesicht, die sich
-vor ihm beugen; die törichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie
-sie bisher noch nie gegeben worden sind -- und die Welt sieht es und
-wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was bedeutet diese armselige
-sinnlose Mode, die der Mensch sich erst als eine Bagatelle, als eine
-harmlose Spielerei gefallen ließ und die jetzt als absolute Herrin und
-Herrscherin in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte im
-Menschen austreibt. Kein Mensch fürchtet sich noch, die wahrsten und
-heiligsten Gebote Christi zu übertreten, wohl aber fürchtet er sich, die
-unsinnigste Anordnung der Mode unerfüllt zu lassen, und er zittert vor
-ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu bedeuten, daß selbst die,
-die sich über sie lustig machen, wie leichtsinnige windige Gesellen nach
-ihrer Pfeife tanzen? Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln,
-die uns weit stärker binden, als die grundlegendsten fundamentalsten
-Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen Autoritäten, die sich neben
-den gesetzmäßigen rechtmäßigen Autoritäten installiert haben -- was
-bedeuten diese Nebenwirkungen und Nebeneinflüsse? Was hat es zu
-bedeuten, daß heute nur noch Näherinnen, Schneider und alle möglichen
-Handwerker die Welt regieren, während die Gesalbten Gottes abseits
-stehen? Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne ehrliche
-Überzeugungen beherrschen die Anschauungen und die Meinungen gescheiter
-Leute, und ein Zeitungsblättchen, von dem jedermann weiß, daß es nichts
-wie Lügen verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber über die
-Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all die gesetzwidrigen
-Gesetze, die die unreine Macht aus der Tiefe offen und vor aller Welt
-aufrichtet? Und die ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und
-wagt's nicht, sich zu rühren? Welch furchtbarer Hohn auf die Menschheit!
-[Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge überhaupt noch die heiligen
-Sitten und Zeremonien der Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer
-Beherrscher keine Macht mehr über uns hat? Oder ist das etwa ein neuer
-Streich des Geistes der Finsternis.] Wozu dieser Feiertag [der jede
-Bedeutung verloren hat.] Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die
-auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und schwächer]
-zusammenzurufen, um sie in einer Familie zu vereinigen [und, nachdem er
-sie mit einem traurigen Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling
-wieder von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich für alle ein
-unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn noch [hie und da]
-Menschen, denen es so vorkommt, als würde es an diesem Tage heller in
-ihrer Seele, und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen,
-jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, gleich dem Kosen
-eines ewigen Frühlings, in ihre Seele hinüberströmt, jener herrlichen
-Kindheit, die dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen ist?
-Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht für immer vergessen und
-warum bewegt sie noch immer unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild?
-Wie kommt das nur, und was hat das alles für einen Zweck? Als ob man
-wirklich nicht wüßte, was es für einen Sinn und Zweck hat? Sieht man
-denn etwa nicht, wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den wenigen,
-die noch etwas von dem Frühlingshauch dieses Festtags verspüren,
-plötzlich so traurig ums Herz wird, auf daß sie von einer Trauer
-befallen werden, wie sie nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf
-daß sie ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu Füßen
-fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen Tag der langen öden
-Reihe der übrigen Tage zu entreißen und nur diesen einzigen Tag nicht
-nach der Weise des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes
-ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein einziges Mal zu
-umfassen und in die Arme zu schließen wie ein Freund, der sich schuldig
-fühlt, den hochherzigen alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er
-ihn schon morgen wieder von sich stoßen und ihm erklären sollte, er sei
-ihm fremd und unbekannt. Wenn auch nur, um _einmal_ diesen Wunsch zu
-fassen, wenn auch nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran
-zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! Gott weiß, vielleicht
-wird sich schon um dieses einzigen Wunsches willen eine Leiter vom
-Himmel herabsenken und sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns
-hilft, an ihr emporzuklimmen.
-
-Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch des neunzehnten
-Jahrhunderts so verbringen. Schon ist die Erde von einem unnennbaren Weh
-und einer Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und
-nüchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, bloß das
-Riesengespenst der Langenweile wächst von Tag zu Tag bis ins Ungeheure.
-Alles ist wüst, alles ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie öde und
-schrecklich wird Deine Welt!
-
-Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, als ob dieses Fest nur
-in seinem Vaterlande würdig gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum?
-Warum sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den Russen?
-Wirklich, was hat es zu bedeuten, daß [dieser Festtag selbst
-verschwunden ist und daß] seine sichtbaren Kennzeichen so deutlich im
-Angesicht unseres Landes erkennbar sind. Man hört die von Küssen
-begleiteten Worte: _Christ ist erstanden_; mit der gleichen
-Feierlichkeit bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, und der
-dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhörlich über das ganze Land
-dahin, als wollten sie uns aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in
-so greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht
-vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch ein Erwachen. Die
-Sitten und Bräuche, die ewig währen sollen, können nicht vergehen. Der
-Buchstabe stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie können wohl
-zeitweilig verblassen, sie können zugrunde gehen und absterben für eine
-geist- und herzlose, für eine abgestumpfte Menge, aber sie erstehen neu
-gekräftigt auf in den Auserwählten, um in ihnen in hellem Lichte
-aufzustrahlen und sich über die ganze Welt zu ergießen. Kein Titelchen
-von unseren alten Sitten und Bräuchen, nichts, was an ihnen wahrhaft
-russisch ist und was von Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn.
-Die helltönenden Saiten der Dichter werden es weiter tragen, der
-Wohllaut ausströmende Mund unserer Priester wird es weithin verkünden;
-das schon erloschene Licht wird wieder aufflammen -- und der heilige
-Auferstehungstag wird würdig gefeiert werden --, weit früher, denn von
-einem andern Volke.
-
-Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene Tatsachen
-können wir unsere Behauptung gründen? Sind wir etwa besser als andre
-Völker? [Sind wir in unserem Lebenswandel Christus nähergekommen als
-sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser Leben ist noch
-weniger geordnet und geregelt als das der andern Nationen. »Wir sind
-schlimmer als alle anderen« -- so müssen wir stets von uns sagen.] Aber
-es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheißt. Gerade die
-Unordnung, die bei uns herrscht, ist eine Verheißung. Wir sind noch ein
-flüssiges Metall, das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist;
-wir haben noch die Möglichkeit, das, was nicht zu uns paßt, abzustoßen
-und alles in uns aufzunehmen, wozu die anderen Völker schon nicht mehr
-fähig sind, die bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und in
-ihr erstarrt sind. Daß in unserem innersten wahren Wesen, das wir
-vergessen haben, vieles liegt, was dem Geiste des Christentums verwandt
-ist -- dafür ist schon allein das ein Beweis, daß Christus nicht mit dem
-Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und daß der aufgepflügte und
-wohlvorbereitete Grund unseres Herzens sich von selbst Seinem Worte
-entgegenstreckte, daß das Prinzip der christlichen Brüderlichkeit tief
-in unserer slawischen Natur begründet ist, und daß die Verbrüderung der
-Menschen untereinander uns näher am Herzen liegt, als unser heimatliches
-Dach und die Blutsverwandtschaft, daß bei uns noch nichts von jenem
-unversöhnlichen Haß der Stände und jenen gehässigen Parteiungen bekannt
-ist, die wir in Europa finden und die ein unüberwindliches Hemmnis für
-die Eintracht der Menschen und die brüderliche Liebe bilden, daß wir
-endlich Mut und Kühnheit besitzen, wie sie kein andres Volk in ähnlicher
-Stärke besitzt und daß, wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen,
-die kein andres Volk zu lösen vermöchte, wie etwa folgende: mit einem
-Schlage alle unsere Fehler und Mängel und alles, was den hohen Sinn der
-Menschheit schändet, abzuwerfen, -- daß wir uns dann, alle unsere
-körperlichen Schmerzen und Qualen vergessend und ohne uns im geringsten
-zu schonen, aufraffen und alles, was uns befleckt und schändet, von uns
-stoßen werden, so wie die Menschen einst im Jahre 1812 schonungslos ihre
-ganze Habe, ihre Häuser und ihre irdischen Besitztümer verbrannten; dann
-wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurückbleiben wollen; in
-solchen Augenblicken ist jeder Haß und Streit, jede Feindseligkeit
-vergessen, der Bruder drückt den Bruder an den Busen, und ganz Rußland
-ist nur ein einziger Mensch. Das ist's, worauf wir die Behauptung
-gründen können, daß der Auferstehungstag von uns früher gefeiert werden
-wird, als von den andern Völkern. Das sagt mir deutlich meine innere
-Stimme, und das ist kein bloßer Gedanke, der meiner Phantasie
-entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. Durch eine
-göttliche Eingebung werden sie mit einem Schlage im Herzen vieler
-Menschen zugleich geboren, die einander noch nie gesehen haben, die in
-den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und zu ein und derselben
-Zeit werden sie wie aus _einem_ Munde verkündet. Ich weiß es bestimmt,
-daß, obwohl ich sie nicht alle kenne, in Rußland mehr als ein Mensch
-fest daran glaubt und schon heute spricht: »Früher denn in irgendeinem
-andern Lande wird bei uns der heilige Auferstehungstag Christi gefeiert
-werden.«
-
-
- Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt,
-teilweise unter Verwendung des russischen Originales (vorher/nachher):
-
- [S. 18]:
- ... den Weg geben, und dann den Gutsherren über alles ...
- ... den Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles ...
-
- [S. 25]:
- ... ich nicht Mutter eine Familie; dann könnten Sie Ihren ...
- ... ich nicht Mutter einer Familie; dann könnten Sie Ihren ...
-
- [S. 71]:
- ... Menschen, von Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...
- ... Menschen, vom Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...
-
- [S. 125]:
- ... der der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und
- plumpen ...
- ... der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen ...
-
- [S. 186]:
- ... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deulich vernommen ...
- ... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen ...
-
- [S. 206]:
- ... besitzen Sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...
- ... besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...
-
- [S. 235]:
- ... für erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...
- ... fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...
-
- [S. 248]:
- ... Äußere, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...
- ... Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...
-
- [S. 248]:
- ... harrt, ihre himmliche Bestimmung klarzumachen: uns ...
- ... harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns ...
-
- [S. 253]:
- ... haben, mit neuem frischeren Mut als früher an ...
- ... haben, mit neuem frischerem Mut als früher an ...
-
- [S. 255]:
- ... An B. I. B. ...
- ... An B. N. B. ...
-
- [S. 285]:
- ... Verhältns zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...
- ... Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...
-
- [S. 287]:
- ... wiederspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...
- ... widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...
-
- [S. 293]:
- ... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von ihnen ...
- ... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen ...
-
- [S. 295]:
- ... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung; ...
- ... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung, ...
-
- [S. 310]:
- ... nicht aus jenem in einen fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...
- ... nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...
-
- [S. 313]:
- ... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden sie in ihr ...
- ... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden Sie in ihr ...
-
- [S. 314]:
- ... Seelenverwandschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ...
- ... Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ...
-
- [S. 331]:
- ... in Ihrem Verkehr mit den weit entfernten ...
- ... in ihrem Verkehr mit den weit entfernten ...
-
- [S. 333]:
- ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sichs ...
- ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich ...
-
- [S. 334]:
- ... dem Generalgouwerneur. ...
- ... dem Generalgouverneur. ...
-
- [S. 335]:
- ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Daß ...
- ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das ...
-
- [S. 344]:
- ... Ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...
- ... ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...
-
- [S. 350]:
- ... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und
- Einrichrichtungen, ...
- ... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und
- Einrichtungen, ...
-
- [S. 350]:
- ... Sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...
- ... sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...
-
- [S. 377]:
- ... ersten Bekanntchsaft mit beiden Dichtern aufdrängt, ...
- ... ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt, ...
-
- [S. 380]:
- ... der voller plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...
- ... der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...
-
- [S. 380]:
- ... Schlägt mit den Dreizack nach den Schiffen, ...
- ... Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen, ...
-
- [S. 393]: (mehrfache Fälle)
- ... wie z. B. Bayron oder selbst viele andre Dichter ...
- ... wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter ...
-
- [S. 412]:
- ... Menschen, dem die reichsten und manigfaltigsten Talente ...
- ... Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente ...
-
- [S. 412]:
- ... Bettler. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...
- ... Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...
-
- [S. 413]:
- ... Talent für radikale endgültige Folgerungen, daß dem ...
- ... Talent für radikale endgültige Folgerungen, das dem ...
-
- [S. 424]:
- ... singen können, daß sie keine zwei einfachen ungezierten ...
- ... singen können, daß sie keine zwei einfache ungezierte ...
-
- [S. 438]:
- ... oder nicht; jedesfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ...
- ... oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ...
-
- [S. 450]:
- ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einen Invaliden, ...
- ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem Invaliden, ...
-
- [S. 456]:
- ... der so stolz auf Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...
- ... der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...
-
- [S. 461]:
- ... ihren Brüdern mit einem herzerreißenden Aufschrei zu ...
- ... ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by
-Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I ***
-
-***** This file should be named 56174-8.txt or 56174-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/6/1/7/56174/
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/56174-8.zip b/old/56174-8.zip
deleted file mode 100644
index 16c01c5..0000000
--- a/old/56174-8.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56174-h.zip b/old/56174-h.zip
deleted file mode 100644
index 014df2d..0000000
--- a/old/56174-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56174-h/56174-h.htm b/old/56174-h/56174-h.htm
deleted file mode 100644
index b93087e..0000000
--- a/old/56174-h/56174-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,13727 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
-"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by Nikolai Gogol</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover-page.jpg" />
- <!-- TITLE="Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I" -->
- <!-- AUTHOR="Nikolai Gogol" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="Georg Müller, München, Leipzig" -->
- <!-- DATE="1913" -->
- <!-- COVER="images/cover-page.jpg" -->
-
-<style type='text/css'>
-
-body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
-
-div.frontmatter { page-break-before:always; }
-div.frontmatter .subt { font-size:1.2em; }
-.halftitle { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em;
- font-size:1.2em; font-weight:bold; }
-.logo { margin-bottom:6em; }
-.ser { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em;
- font-size:1.5em; font-weight:bold; }
-.ser .line3{ font-size:0.8em; }
-.edt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; }
-.edt .line3{ font-size:1.2em; }
-.trn { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; }
-.trn .line3{ font-size:1.2em; }
-.trn .line5{ font-size:1.2em; }
-.vol { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; }
-.pub { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.2em; }
-.pub .line3{ font-size:0.8em; }
-.erw { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; font-size:0.8em; }
-h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; }
-.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:1em;
- font-weight:bold; font-size:1.5em; }
-.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em; }
-
-h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:3em; margin-bottom:2em;
- page-break-before:always; }
-h2.letter .line1 { font-size:0.67em; }
-h2.letter .line3 { font-size:0.67em; }
-h2.footnotes { margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-h3 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:3em; margin-bottom:1em;
- page-break-before:always; }
-
-p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
-p.noindent { text-indent:0; }
-p.first { text-indent:0; }
-p.first.pbb{ margin-top:3em; }
-span.firstchar { clear:left; float:left; font-size:3em; line-height:0.85em; }
-p.year { margin-bottom:1em; text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; }
-.pbb { page-break-before:always; }
-
-/* "emphasis"--used for spaced out text */
-em { letter-spacing:.1em; margin-right:-0.1em; font-style:normal; }
-
-/* antiqua--use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */
-.antiqua { font-style:italic; }
-
-.underline { text-decoration: underline; }
-.hidden { display:none; }
-
-/* footnotes */
-p.footnote { margin:1em; margin-bottom:0; text-indent:0; }
-
-/* poetry */
-div.poem-container { text-align:center; }
-div.poem-container div.poem { display:inline-block; }
-div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; }
-.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
-div.stanza.trn .verse { text-align:right; margin-right:2em; font-size:0.8em;
- margin-top:0; }
-
-a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:hover { text-decoration: underline; }
-a:active { text-decoration: underline; }
-
-/* Transcriber's note */
-.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc;
- color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
- page-break-before:always; margin-top:3em; }
-.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
-.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
-.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
-.trnote ul li { list-style-type: square; }
-
-/* page numbers */
-a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
-a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
- letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
- font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
- border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
- display: inline; }
-
-div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
-
-@media handheld {
- body { margin-left:0; margin-right:0; }
- div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; }
- em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; }
- a.pagenum { display:none; }
- a.pagenum:after { display:none; }
-}
-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Editor: Otto Buek
-
-Release Date: December 13, 2017 [EBook #56174]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="halftitle">
-Nikolaus Gogol<br />
-Briefwechsel
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">Nikolaus Gogol</span><br />
-<span class="line2">Sämmtliche Werke</span><br />
-<span class="line3">In 8 Bänden</span>
-</p>
-
-<p class="edt">
-<span class="line1">Herausgegeben</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Otto Buek</span>
-</p>
-
-<p class="vol">
-Band 7
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">München und Leipzig</span><br />
-<span class="line2">bei Georg Müller</span><br />
-<span class="line3">1913</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-Nikolaus Gogol
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Aus dem
-Briefwechsel
-mit meinen Freunden
-</h1>
-
-<p class="edt">
-<span class="line1">Herausgegeben</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Otto Buek</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">München und Leipzig</span><br />
-<span class="line2">bei Georg Müller</span><br />
-<span class="line3">1913</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="intro" id="part-1">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-Vorrede
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> lag an einer schweren Krankheit danieder;
-schon war ich dem Tode nahe. Da raffte ich
-meine letzten Kräfte zusammen, die mir noch
-blieben, benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich
-im vollen Besitz meiner Geisteskräfte befand, und schrieb
-mein geistiges Testament nieder, in dem ich unter anderm
-meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem
-Tode einige von meinen Briefen herauszugeben.
-Damit hoffte ich wenigstens einen Teil der Schuld sühnen
-zu können, die ich durch die Wertlosigkeit alles dessen, was
-ich bisher geschrieben hatte, auf mich geladen hatte, denn
-meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an die
-sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die
-Menschen bedürfen, die ihnen not tun, als meine
-Werke. Gottes himmlische Güte wandte die Hand des
-Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt
-und ich fühle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde
-ich, wie schwach meine Kräfte sind, und dies
-mahnt mich jeden Augenblick daran, daß mein Leben
-an einem Haar hängt, und nun, wo ich mich zu einer
-weiten Reise ins Heilige Land rüste, die meiner Seele
-ein Bedürfnis ist und während deren mir vieles zustoßen
-kann, fühle ich den Wunsch, meinen Landsleuten
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So wähle
-ich denn selbst alles aus meinen letzten Briefen, die ich
-wieder in meinen Besitz bringen konnte, aus, was sich
-auf solche Fragen bezieht, die die Gesellschaft gegenwärtig
-am meisten beschäftigen, lasse alles beiseite, was
-erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten
-kann, und scheide alles aus, was nur für wenige von
-Bedeutung sein könnte. Dazu füge ich noch zwei oder
-drei literarische Aufsätze hinzu, und endlich lege ich
-dem Ganzen noch mein Testament bei, auf daß dieses,
-wenn mich der Tod unterwegs ereilen sollte, als durch
-alle meine Leser bezeugt und verbürgt, sogleich rechtmäßig
-in Kraft trete.
-</p>
-
-<p>
-Mein Herz sagt mir, daß mein Buch einem wirklichen
-Bedürfnis entspricht und daß es vielleicht von
-einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies nicht deshalb,
-weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und
-weil ich mir zutraue, Nützliches wirken zu können, sondern
-weil ich noch niemals so innig von dem Wunsche
-beseelt war, etwas Nützliches zu vollbringen, wie heute.
-Für uns Menschen genügt es schon, wenn wir die Hand
-ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber
-kommt nicht von uns, sondern von Gott, der seine Kraft
-von oben auf uns herabsendet und sie dem ohnmächtigen
-Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig
-also mein Buch auch sein mag, ich wage
-dennoch, es der Öffentlichkeit zu übergeben, und ich
-bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen; zugleich
-aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen
-Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu
-kaufen und sie an solche Leute zu verteilen, die sich
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-das Buch selbst nicht kaufen können, und ihnen bei dieser
-Gelegenheit zu erklären, daß alles Geld, das nach
-Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen
-wird, übrigbleiben sollte, teils denen, die
-gleich mir das innere Bedürfnis fühlen, während der
-kommenden großen Fasten nach dem Heiligen Lande zu
-pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermögen,
-teils denen zur Unterstützung dienen soll, mit
-denen ich auf dem Wege dorthin zusammentreffen
-werde und die am Grabe des Herrn für ihre Wohltäter,
-d. h. meine Leser, beten werden.
-</p>
-
-<p>
-Ich wünschte, ich könnte meine Reise vollenden wie
-ein guter Christ, und daher bitte ich hiermit alle meine
-Landsleute um Verzeihung wegen aller Kränkungen,
-die ich ihnen zugefügt haben sollte. Ich weiß, daß ich
-viele Leute durch meine unüberlegten Handlungen und durch
-meine unreifen Werke betrübt, viele sogar gegen mich
-aufgebracht und überhaupt bei vielen Anstoß und Ärgernis
-erregt habe. Ich darf indessen zu meiner Rechtfertigung
-sagen, daß meine Absicht stets gut war, und
-daß ich niemand betrüben oder gegen mich aufbringen
-wollte; nur meine Unbesonnenheit, meine Hast und
-Übereilung waren die Ursache, daß meine Werke in so
-unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe
-alle über ihren wahren Sinn getäuscht wurden.
-Alles andere dagegen, wobei tatsächlich eine verletzende
-Absicht vorliegen sollte, bitte ich mir mit jener Großmut
-zu verzeihen, deren nur die russische Seele fähig ist,
-wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben,
-mit denen mich mein Lebensweg für längere
-oder kürzere Zeit zusammengeführt hat. Ich weiß, daß
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten bereitet
-habe, ja manchen sogar mit Absicht. Überhaupt
-hatte die Art meines Verkehrs mit den Menschen
-stets etwas Unangenehm-Abstoßendes an sich. Dies
-rührte teils davon her, daß ich einem Zusammentreffen
-und einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege
-ging, da ich das Gefühl hatte, ich hätte den Menschen
-noch nichts Gescheites und wirklich Notwendiges zu
-sagen (und leere und überflüssige Redensarten wollte ich
-nicht machen), und da ich zugleich davon überzeugt war,
-daß ich mich selbst wegen meiner zahllosen Mängel und
-Fehler noch in einiger Entfernung von den Menschen
-erziehen müsse. Zum Teil aber war es auch die Folge
-meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns
-eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet,
-sich eine Stellung unter den Menschen erobert haben,
-und die sich daher für berechtigt halten, stolz auf die anderen
-herabzusehen. Wie dem auch sein mag, ich bitte,
-mir alle persönlichen Kränkungen zu verzeihen, die ich
-einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum
-gegenwärtigen Augenblicke zugefügt haben sollte. Auch
-meine Berufsgenossen, die Literaten, bitte ich um Verzeihung,
-wenn ich sie je bewußt oder unbewußt geringschätzig
-oder ohne gebührende Achtung behandelt haben
-sollte; wem es aber aus irgendeinem Grunde schwer
-werden sollte, mir zu vergeben, den erinnere ich daran,
-daß er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der Beichte,
-die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt,
-alle seine Brüder um Verzeihung bittet, so bitte
-ich sie um Verzeihung, und wie in solch einem Augenblick
-kein einziger den Mut findet, seinem Bruder nicht
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-zu vergeben, so werden auch meine Brüder nicht den
-Mut haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich
-bitte ich meine Leser um Verzeihung, wenn auch
-in diesem Buche wieder etwas Peinliches vorkommen
-sollte, das sie kränken oder beleidigen könnte. Ich bitte
-sie, mir deshalb nicht innerlich zu zürnen, sondern mir
-statt dessen lieber großmütig alle Mängel, die sie in
-diesem Buche entdecken sollten, sowohl die des Schriftstellers
-wie die des Menschen, nachzuweisen: meine Torheit,
-meine Unüberlegtheit, meine übermäßige Eitelkeit
-und Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen &mdash; mit
-einem Wort, alle die Fehler, die allen Menschen eigen
-sind, auch wenn sie sie nicht erkennen, und die ich wahrscheinlich
-in noch weit höherem Maße besitze.
-</p>
-
-<p>
-Zum Schluß bitte ich alle Russen, für mich zu beten,
-vor allem die Priester, deren ganzes Leben ein einziges
-Gebet ist. Auch die bitte ich, mich in ihr Gebet einzuschließen,
-die in ihrer Demut nicht an die Kraft ihres
-Gebets glauben, wie auch die, die überhaupt nicht an
-das Gebet glauben und es nicht einmal für notwendig
-halten; aber wie kraftlos, dürr und matt auch immer
-ihr Gebet sein möge, ich bitte sie, in diesem kraftlosen,
-dürren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber
-will am Grabe des Herrn für alle meine Landsleute
-beten; kein einziger soll von meinem Gebete ausgeschlossen
-bleiben; und mein Gebet wird ebenso kraftlos,
-dürr und matt sein, wenn nicht der heilige allgütige
-Wille des Himmels es zu einem Gebet machen wird,
-wie es in Wahrheit sein soll.
-</p>
-
-<p class="year">
-Im Juli 1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-2">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-<span class="line1">I</span><br />
-<span class="line2">Mein Testament</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">öllig</span> meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz
-meines Verstandes lege ich hier meinen
-letzten Willen nieder.
-</p>
-
-<p>
-I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher
-begraben werden soll, als bis sich an ihm deutliche
-Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich erinnere
-ausdrücklich daran, weil mich schon während
-meiner Krankheit Augenblicke der Ohnmacht überkamen,
-wo das Leben stockte, mein Herz aufhörte, zu schlagen,
-mein Puls stillstand ... Da ich während meines Lebens
-schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an
-denen unsere unvernünftige Übereilung in allen Dingen,
-selbst bei einer solchen Angelegenheit wie die Beerdigung,
-schuld war, so spreche ich dies hier gleich zu Beginn
-meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine
-Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein
-zur Vorsicht mahnen wird. Im übrigen aber soll
-man meinen Leib der Erde übergeben, ohne lange zu
-überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen
-keine Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen
-Reste geknüpft werden. Jeder sollte sich schämen, der
-meinen faulenden Knochen irgendwelche Achtung erweisen
-wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum,
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-er würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen.
-Ich bitte daher alle, lieber um so kräftiger für
-meine Seele zu beten, und statt aller Bestattungsfeierlichkeiten
-und Ehren lieber einige arme Leute, denen
-es am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit
-einem einfachen Mittagessen zu bewirten.
-</p>
-
-<p>
-II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf
-meinem Grabe zu errichten, ja gar nicht erst an diese
-Torheiten, die eines Christen unwürdig sind, zu denken.
-Die Menschen, die mir nahestanden und die mich wirklich
-lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal
-errichten: und zwar werden sie es in sich selbst
-aufrichten, durch unerschütterliches Festhalten an ihrem
-Lebenswerk und durch Aufmunterung und Ermutigung
-aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem
-Tode zu höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als
-sie ihm während meines Lebens eigen war, der wird
-damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt hat, daß
-er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal
-errichten, denn auch ich habe, bei all meiner
-Schwäche und Nichtigkeit, meine Freunde stets ermutigt,
-und keiner von denen, die mir in der letzten Zeit näher
-traten, hat in Stunden des Kummers und der Entmutigung
-bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl
-ich selbst schwere Augenblicke zu durchleben hatte
-und nicht weniger litt und bekümmert war, als andere.
-So möge denn auch ein jeder von ihnen nach meinem
-Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte
-erinnern und noch einmal all meine Briefe durchlesen,
-die ich vor einem Jahre an ihn geschrieben habe.
-</p>
-
-<p>
-III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-soll; ja, der würde eine Sünde auf seine Seele
-laden, der meinen Tod für einen großen und allgemeinen
-Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen
-sein sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich
-wirklich schon begonnen haben sollte, so wie es sich gehört,
-meine Pflicht zu erfüllen, und wenn der Tod
-mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk &mdash; das ja nicht
-dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem,
-was allen not tut &mdash; begonnen, hinweggenommen haben
-sollte, so wäre es dennoch unrichtig, sich einer fruchtlosen
-Verzweiflung zu überlassen. Selbst wenn heute in Rußland
-ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen
-Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch
-dies noch kein Grund für einen der Lebenden, zu trauern
-und mutlos zu werden, obwohl es schon richtig ist,
-daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen,
-einer nach dem andern entrissen wird, dies ein
-Zeichen des göttlichen Zornes ist, und daß wir hierdurch
-aller Mittel und Werkzeuge beraubt werden, mit deren
-Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns
-alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und
-mutlos werden bei jedem plötzlichen Verlust, sondern
-müssen in unser Inneres blicken und nicht an die
-Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der
-ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit
-denken. Die Bosheit und Verderbnis der Seele ist
-fürchterlich, warum aber erkennen wir das erst dann,
-wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen?
-</p>
-
-<p>
-IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten
-(wobei ich lediglich davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller
-seinen Lesern irgendeinen guten Gedanken als Vermächtnis
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-hinterlassen sollte), viertens vermache ich ihnen
-das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat &mdash; ich
-hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel
-<em>Abschiedserzählung</em> trägt. Diese Erzählung handelt,
-wie sie erkennen werden, von ihnen selbst. Ich habe
-sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen
-größten Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade,
-die sich an mir vollzogen hat. Sie war mir ein Quell
-verborgener Tränen, seit den Tagen meiner Kindheit.
-Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein
-ich flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung
-und Beleidigung anzusehen, wenn sie etwas wie eine
-Belehrung aus ihr heraushören sollten. Ich bin ein
-Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers besteht
-nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu
-unterhalten; er muß strenge Rechenschaft ablegen,
-wenn seine Werke der Seele keinen Nutzen gebracht
-haben und keine Wohltat gewesen sind und
-wenn keine Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten
-ist. Meine Landsleute mögen doch bedenken,
-daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt
-verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein
-Recht hat, uns etwas wie eine Lehre, eine brüderliche
-Mahnung zu hinterlassen, und dabei kommt es weder
-darauf an, ob er nur eine geringe Stellung bekleidet,
-noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger
-Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken,
-daß ein Mensch, der auf dem Totenbett liegt, viele
-Dinge besser durchschauen kann, als ein solcher, der sich
-in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses
-mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-es doch nicht gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner
-Abschiedserzählung heraushören wird; denn nicht mir, dessen
-Seele häßlicher und sündhafter ist, als die aller andern, und
-der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit krankt,
-kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was
-mich dazu treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund.
-Landsleute! Es ist furchtbar. Die Seele möchte vor
-Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der überirdischen
-Majestät und Erhabenheit des Jenseits und
-jener höchsten geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen
-die ganze Größe alles Erschaffenen, das wir hier unten
-erblicken und das uns hier in Erstaunen setzt, in
-Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken
-an all die monströsen gigantischen Gebilde und
-Früchte, deren Samen wir während unseres Lebens
-säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für
-Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht
-wird meine <em>Abschiedserzählung</em> einen gewissen Eindruck
-auf <em>die</em> machen, die das Leben noch immer für
-ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas von
-seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen
-Musik dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute!
-&mdash; ich weiß nicht, ich finde kein Wort dafür, wie
-ich euch in diesem Augenblick anreden soll. &mdash; Fort mit
-dem leeren Anstand! Landsleute! &mdash; ich habe euch geliebt,
-ich habe euch geliebt mit jener Liebe, von der man
-nicht spricht, die mir Gott geschenkt hat, für die ich
-Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat, weil diese
-Liebe mir Trost und Freude war während meiner
-schwersten Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich
-euch, meiner Abschiedserzählung euer Ohr und Herz zu
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht erfunden,
-ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst
-entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen
-gebildet hat, und ihre Klänge entsprangen aus
-den innersten Kräften und Elementen unseres russischen
-Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das
-ich euch allen aufs engste verschwistert bin<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>.
-</p>
-
-<p>
-V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem
-Tode in der Presse und in den Zeitschriften weder
-mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken; alle
-diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen
-Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr
-Verurteilungswürdiges als solches, was Lob verdient.
-Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten, waren ihrem
-eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt.
-Mir gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es
-wäre unedel und ungerecht, wenn ein Mensch jemand
-um meinetwillen in irgendeiner Hinsicht tadeln, oder ihm
-einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre ich laut,
-damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten
-Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was
-an Manuskripten vorhanden war, habe ich verbrannt, wie
-etwas Kraftloses, wie etwas Totes, das ich in einer krankhaften
-Gemütsverfassung und in einem Zwangszustande
-niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter
-meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für
-eine nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber
-mache ich es meinen Freunden zur Pflicht, alle meine
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Briefe zu sammeln, die ich seit dem Ende des Jahres
-1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach
-strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen
-für unsere Seele sein kann, und nach Verwerfung
-alles übrigen, das nur der eitlen Unterhaltung dient,
-in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten
-einiges, das <em>denen</em> von Nutzen gewesen ist, an die
-sie gerichtet waren. Gott ist barmherzig; vielleicht werden
-sie auch andern von Nutzen sein; und vielleicht
-wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit
-für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben
-habe, von meiner Seele genommen.
-</p>
-
-<p>
-VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr
-berechtigt sein, sich selbst anzugehören &mdash; sondern nur
-noch den Bekümmerten, den Leidenden und denen gehören,
-die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden hatten.
-Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer
-Herberge für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers
-gleichen; wer auch immer zu den Meinen kommt,
-den sollen sie aufnehmen, wie einen nahen Verwandten
-und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie
-sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen
-Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er
-nicht hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu
-erheitern und zu ermuntern, auf daß keiner das Gut
-ungetröstet verlasse. Wenn der Reisende aber einfachen
-Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt ist
-und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im
-Hause des Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen
-sie ihn zu einem wohlhabenden Bauern, zu dem besten
-und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich eines
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder
-mit einem guten Rate zur Seite stehen kann; dieser
-soll seinen Gast ebenso herzlich und freundlich nach seinen
-Verhältnissen ausfragen, ihm Mut zusprechen, ihn
-ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf
-den Weg geben, und dann <a id="corr-0"></a>dem Gutsherren über alles
-Bericht erstatten, damit auch diese ihrerseits ein gutes
-Wort und einen guten Ratschlag hinzufügen oder ihm
-Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie
-sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet
-davonfahre oder das Gut ohne Zuspruch verlasse.
-</p>
-
-<p>
-VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir
-ein, daß ich hierüber schon nicht mehr zu verfügen habe.
-Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich meines Eigentumsrechtes
-beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen
-Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden.
-Aus vielen Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben
-brauche, habe ich dies nicht gewünscht; ich habe daher
-auch niemand durch Verkauf das Recht abgetreten, eine
-öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten, und
-sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag
-an mich herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte
-mir dies erst dann zu gestatten, wenn es mir mit Gottes
-Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu vollenden, das meine
-Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt hat,
-und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute
-einstimmig erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich
-gelöst, und den Wunsch äußerten, die Züge des Menschen
-kennen zu lernen, der bis zu diesem Augenblick in
-aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen
-hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-noch ein anderer Umstand: mein Bild konnte in solch
-einem Falle sofort in einer großen Anzahl von Exemplaren
-verbreitet werden und dem Künstler, der mein
-Bild stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen.
-Dieser Künstler ist bereits seit mehreren Jahren
-in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach dem unsterblichen
-Bilde Raffaels: <em>Die Verklärung Christi</em>
-herzustellen. Er hat dieser Arbeit alles geopfert &mdash; einer
-aufreibenden Arbeit, zu der er viele Jahre gebraucht und
-die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er hat dies
-Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer
-solchen Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch
-keinem Radierer gelungen ist. Wegen der hohen Kosten
-und da es nur eine kleine Zahl von Kunstkennern und
-Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße verbreitet
-werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte
-er mein Bild stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen.
-Nun aber ist mein Plan zerstört: ist das Bild
-einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit verbreitet,
-so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der
-sich mit der Herausgabe von Stichen und Steindrucken
-beschäftigt. Sollte es sich jedoch so fügen, daß nach
-meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir herausgegeben
-werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen
-sein könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige
-Streben, Nutzen zu stiften), und sollten meine
-Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt kennen
-zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder,
-hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen
-bitte ich die Leser, die sich aus einem übertriebenen
-Wohlwollen für alles, was Ruhm und Ansehen genießt,
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort, nachdem
-sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so
-mehr, da diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich
-sind, und sich nur ein solches Porträt zu kaufen, das
-die Unterschrift: <em>Gestochen von Jordanow</em> trägt.
-Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber
-wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes
-erfreuen, sich statt meines Bildes den Stich: <em>Die Verklärung
-Christi</em> kaufen wollten, einen Stich, der selbst
-nach dem Urteil von Ausländern die Krone der Radiererkunst
-darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht.
-</p>
-
-<p>
-Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in
-allen Zeitungen und Journalen veröffentlicht werden, damit
-sich niemand aus Unkenntnis und ohne es zu wollen,
-gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine
-Seele lade.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-3">
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-<span class="line1">II</span><br />
-<span class="line2">Die Frau in der vornehmen Welt</span><br />
-<span class="line3">An Frau ***</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> glauben, Sie können keinen Einfluß auf die
-Gesellschaft ausüben. Ich bin der entgegengesetzten
-Ansicht. Der Einfluß der Frau kann
-sehr groß sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen
-Gesellschaftsordnung oder -unordnung, die einerseits
-durch eine matte erschlaffte gesellschaftliche Bildung charakterisiert
-wird und in der sich andererseits eine seelische
-Erkaltung und eine moralische Müdigkeit bemerkbar macht,
-die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf.
-Um jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu
-bedürfen wir der Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit,
-die die ganze Welt ganz plötzlich wie eine dunkle
-Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas von
-der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere
-beiseite, sehen wir uns einmal in unserem russischen
-Vaterlande um und achten wir dabei auf das, was
-wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen
-Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die
-Mehrzahl aller Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen
-im Dienst), sowie alle übrigen Vergehen, deren man
-unsere Beamten und die Bürger aller Klassen beschuldigt,
-entweder auf die Verschwendungssucht der
-Frauen, die danach lechzen, in der großen und kleinen
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Welt zu glänzen und zu diesem Zweck Geld von ihren
-Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die
-Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden
-können, das lediglich allerhand idealen Träumereien
-und nicht den wahren eigentlichen Aufgaben und Pflichten
-gewidmet ist, die doch weit schöner und erhabener
-sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich
-auch nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden
-kommen lassen, die sie jetzt verüben, wenn ihre Frauen
-auch nur im mindesten ihre Pflicht und Schuldigkeit
-täten. Die Seele der Frau &mdash; ist für den Mann ein
-schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen
-Krankheiten und Ansteckungen behütet; sie ist eine
-Kraft, die ihn auf dem geraden Wege festhält, und eine
-Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten
-zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau
-auch der böse Geist des Mannes sein und ihn für alle
-Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben das selbst gefühlt
-und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn
-bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile
-enthält. Jedoch Sie sagen: alle andern Frauen könnten
-ein Feld für ihre Betätigung finden, nur Sie allein
-nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie können
-Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken
-oder mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen
-&mdash; mit einem Wort, sie können überall fördernd
-eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für sich
-und wiederholen immer wieder betrübt: &bdquo;Warum bin
-ich nicht an ihrer Stelle?&ldquo; Wissen Sie, daß dies eine
-allgemeine Verblendung ist? Heute will es jedem so
-erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-er an der Stelle eines anderen stünde oder <em>sein</em> Amt bekleidete,
-und als ob er es nur in <em>seiner</em> eigenen Stellung nicht
-könnte. Das ist der Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt
-darüber nachdenken, wie wir in unsrer eigenen Lage und
-an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken können.
-Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden
-gerade an die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß
-sich nur ordentlich umsehen. Sie sagen: warum bin
-ich nicht Mutter <a id="corr-1"></a>einer Familie; dann könnten Sie Ihren
-Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt eine
-so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen:
-warum liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie
-veranlassen, aufs Land zu gehen, Gutsbesitzerin zu werden
-und sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen; Sie
-klagen: warum ist mein Mann nicht in einem gemeinnützigen
-Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt,
-dann könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten
-die treibende Kraft sein, die ihn erfrischt und aufmuntert;
-warum gibt es keine anderen Aufgaben und Pflichten
-für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in
-der großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen
-Gesellschaft, die Ihnen jetzt einsamer und öder erscheint
-als eine menschenleere Wüste! Und dennoch und trotz
-alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt Menschen
-in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie
-dulden und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not,
-schreien stumm um Hilfe und wissen, ach! nicht einmal,
-wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem Bettler aber
-soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße
-hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal
-die Kraft hat, seine Hand auszustrecken? Sie sagen,
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Sie wissen nicht und können es sich nicht einmal
-denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von
-Nutzen sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene
-Mittel verfügen, dazu müsse man eine so kluge
-und allseitig unterrichtete Frau sein, daß Ihnen schon bei
-dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr
-werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein
-brauchte, was Sie bereits sind? Wie, wenn Sie die
-Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig gerade
-bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist
-vollkommen wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie
-besitzen weder Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung,
-mit einem Wort nichts von alledem, dessen man bedarf,
-um anderen Menschen geistigen Beistand leisten zu können,
-vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals
-aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch
-die Ihnen nichts unmöglich ist. Erstens sind Sie schön,
-zweitens sind Sie im Besitz eines unbefleckten, von keiner
-Schmähung und Verleumdung berührten Namens,
-und drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine
-Macht, die Sie selbst nicht in sich vermuten, &mdash; über
-die Macht der Herzensreinheit. Die Schönheit der Frau
-ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht
-vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen;
-es ist nicht umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit
-auf alle Menschen den gleichen mächtigen Eindruck macht,
-sogar auf die, die gegen alles gleichgültig und gefühllos
-und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die sinnlose
-Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer Revolutionen
-werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand
-Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-dann, wenn diese Launen vernünftig und auf das Gute
-gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl dann eine
-schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften!
-Dies ist somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen
-noch eine höhere Schönheit &mdash; den reinen Zauber einer
-besonderen, nur Ihnen allein eigenen Unschuld, die ich
-nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch jedem
-Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet.
-Wissen Sie, daß die verdorbensten unter unseren jungen
-Leuten mir gestanden haben, daß ihnen in Ihrer Gegenwart
-nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß
-sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, &mdash;
-ein Wort zu sagen, &mdash; nicht nur kein zweideutiges Wort,
-mit dem sie wohl andere Auserwählte erfreuen, nein
-überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß
-in Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen
-und unanständig und burschikos klingen würde? Dies
-ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr Wissen von Ihrer
-bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart
-nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der
-schämt sich bereits dieser Gedanken, und eine solche
-Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur einer momentanen
-Regung entspringt, bereits der erste Schritt des
-Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine
-mächtige Waffe. Zu alledem aber haben Sie noch ein
-von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes Streben oder
-wie Sie es nennen: <em>einen Durst</em> nach dem Guten.
-Glauben Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens
-verliehen ward, dieser Durst, der Ihnen keinen Augenblick
-Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen edlen, klugen
-Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in
-Ihrem häuslichen Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen,
-schon wieder von dem Gedanken gequält, daß Sie dieses
-Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das Recht
-haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während
-Sie ringsum von soviel Leiden umgeben sind und während
-jeden Augenblick die Nachricht von allerhand
-Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von Hungersnot,
-Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und
-furchtbaren geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes
-Geschlecht ergriffen haben. Glauben Sie mir, das
-geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all der
-lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele
-eine solche himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen,
-ein solches engelhaftes Mitgefühl und Mitleid mit
-ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel für sie tun;
-der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall
-Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie
-durch Ihre Bestimmung hineingestellt worden sind;
-hadern Sie nicht mit der Vorsehung. In Ihnen lebt
-etwas von jener unbekannten Kraft, deren die Welt
-jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden,
-infolge des ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen
-zu Hilfe zu eilen, Töne entgegen, die einen verwandt
-berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen, und
-Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von
-Ihren Lippen schwindet und nur Ihnen allein eigen ist,
-Ihre Rede begleitet, so will es jedem so scheinen, wie
-wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu ihm
-spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches
-angenommen, Sie können befehlen und ein
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-solcher Despot sein, wie keiner von uns. So gebieten
-Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße Gegenwart;
-gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und
-Kraftlosigkeit, über die Sie so empört sind; gebieten Sie
-gerade durch jene weibliche Schönheit, die die Frau
-unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit Ihrer
-ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich
-mehr ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem
-stolzen Selbstvertrauen bereits alles kennen gelernt und
-ausgekostet hat. Ihre gescheitesten Gedanken, mit denen
-sie die heutige Welt auf den rechten Weg zurückführen
-wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen
-auf ihr Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem
-von uns ein Epigramm auf die Lippen zu drängen
-wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit
-flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern.
-Warum haben Sie sich durch die Erzählungen über die
-Laster und die Verdorbenheit der vornehmen Welt so
-erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich vorhanden,
-ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben;
-aber Sie sollten gar nichts davon wissen. Brauchen
-Sie sich denn vor den traurigen Lockungen und Sünden
-der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich nur ruhig mit
-demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie
-ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und
-Leidenden angefüllt ist, aber nicht als Arzt, der strenge
-Vorschriften macht und bittre Arzneien verordnet! Sie
-sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen Krankheiten
-jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die
-Fähigkeit, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen,
-und daher werde ich Ihnen nicht dazu raten, wozu ich
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig ist.
-Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch
-Ihr Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus
-der die Seele einer Schwester zu uns Menschen zu sprechen
-scheint, einer Schwester, die vom Himmel zu uns herabgestiegen
-ist &mdash; nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu lange bei
-jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter,
-denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der
-Welt harrt und wartet man ungeduldig auf dieses Eine,
-auf diese lieben verwandten Laute, diese einzige Stimme,
-die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie mit Weltleuten
-über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten
-pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen,
-worüber Sie sprechen. Gott bewahre Sie vor jeglicher
-Pedanterie und vor allen jenen Reden, die den Lippen
-einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen
-schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein,
-jenen Ton, in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn
-Sie sich im Kreise von nahestehenden Menschen und
-Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte Wort, das
-Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her
-verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört,
-so erscheint, als rede er mit den Engeln süße
-Worte über einen himmlischen Kindheitsstand der Menschheit.
-Solche Gespräche und Reden sollten Sie in die Gesellschaft
-einführen.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-4">
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-<span class="line1">III</span><br />
-<span class="line2">Die Bestimmung der Krankheiten</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Kräfte lassen von Augenblick zu Augenblick
-nach, aber nicht mein Geist. Noch nie
-fühlte ich mich durch die körperlichen Gebrechen
-so entkräftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar,
-fühle ich eine so schreckliche Müdigkeit im ganzen Körper,
-daß ich mich Gott weiß wie sehr freue, wenn der
-Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu
-Bett gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht
-übermannt aus: Mein Gott, wo ist denn endlich das
-Ufer, wann kommt das Ende von alledem! Wenn man
-dann aber Einkehr in sich selbst hält und tiefer in sein
-Inneres hineinschaut, dann entströmen der Seele nur
-noch Tränen und Worte des Dankes. O wie sehr bedürfen
-wir der Leiden! Von dem vielen Guten und
-Nützlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich
-nur auf eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich
-will, ich bin doch besser geworden, als ich früher war;
-wenn diese Krankheiten und Leiden nicht gewesen wären,
-so hätte ich gewiß geglaubt, daß ich schon ganz so
-sei, wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal
-davon reden, daß die Gesundheit, die uns Russen immer
-dazu reizt, über den Strang zu schlagen, und den Wunsch
-in uns rege hält, unsere Vorzüge vor anderen Leuten
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-zur Schau zu stellen, mich dazu veranlaßt hätte, tausend
-Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken
-geistiger Frische, die mir die Güte des Himmels
-schenkt, und während der schlimmsten Qualen zuweilen
-unendlich viel schönere und bessere Gedanken, als
-ich sie früher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, daß jedes
-Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer
-sein wird, als alles Frühere. Hätten mich diese
-schweren und qualvollen Leiden nicht heimgesucht, wie
-hochmütig wäre ich da wohl geworden, für einen wie
-bedeutenden Menschen hätte ich mich gehalten! Wenn
-ich jedoch jeden Augenblick fühle, daß mein Leben an
-einem Haar hängt, daß meine Krankheit plötzlich meinem
-Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht, ein Ende
-bereiten könne, daß der ganze Nutzen, den meine Seele
-so innig zu bringen wünscht, nur ein ohnmächtiger Wunsch
-bleiben und nie Erfüllung werden wird, daß ich nie mit
-den Talenten, die mir Gott verliehen hat, wuchern, und
-daß ich verdammt werden würde, wie der schlimmste Verbrecher
-&mdash; wenn ich dies alles fühle und erkenne, so füge
-ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich
-der göttlichen Vorsehung für meine Krankheit danken soll.
-Daher sollten auch Sie jedes Leiden mit Ergebung hinnehmen,
-in dem Glauben, daß es notwendig ist. Bitten
-Sie Gott nur um eins: daß Ihnen die wunderbare Bestimmung
-dieses Leidens und die ganze Tiefe seiner
-großen Bedeutung aufgehe.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-5">
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-<span class="line1">IV</span><br />
-<span class="line2">Etwas über die Bedeutung des Wortes</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode
-Derschawins an Chrapowizky las:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Mag der Satiriker die Worte schmähn,</p>
- <p class="verse">Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt&ldquo;,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-sagte er: &bdquo;Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte
-des Dichters sind bereits seine Taten.&ldquo; Puschkin hat
-recht. Der Poet soll im Reiche des Worts ebenso einwandfrei
-und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch
-in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen
-und bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit,
-Unüberlegtheit oder Übereiltheit seiner Worte verantwortlich
-machen wollte, dann kann auch jeder ungerechte
-Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich
-bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel
-getrieben hat, indem er die Schuld auf seine beschränkten
-Verhältnisse, auf seine Frau, oder auf Krankheiten
-in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer genug
-Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät
-plötzlich in schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen
-doch nichts an, wer schuld daran war, daß der
-Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes und Albernes
-gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter
-und unreifer Weise Ausdruck gegeben hat.
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Sie werden nicht danach fragen, wer seine Hand geführt
-hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem
-Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der
-nur um den Erfolg seiner Zeitschrift besorgt war. Die
-Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf Journalisten,
-ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige
-Lage Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen
-ihn und nicht gegen sie richten. Warum konntest du
-dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch ein
-Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast
-ihn doch allen andern, ja den aussichtsreichsten und
-vorteilhaftesten Ämtern und Berufen vorgezogen und
-hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur darum
-getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest.
-Zu alledem ward dir noch ein Verstand geschenkt,
-der weiter und tiefer blickte, einen größeren Umkreis
-von Dingen umspannte, als die, die dich anspornten
-und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind
-und wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil
-geworden war, was dazu gehört, ein Mann zu sein?
-Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte sich vielleicht
-noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein
-Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet,
-daß er nicht wenigstens die größere Hälfte seiner Oden
-verbrannt hat. Diese Hälfte seiner Oden ist höchst merkwürdig
-und wunderbar: noch nie hat ein Mensch so
-über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen
-und Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in
-dieser unseligen Hälfte seiner Oden getan hat. Wie wenn
-er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner eigenen Person
-zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Stellen schön und frei klingt, so durchwärmt ist von
-der inneren Kraft eines geistigen Feuers, erscheint hier
-kalt, seelenlos und gezwungen; und was das schlimmste
-ist, &mdash; all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze
-Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten
-Oden) finden sich hier wieder, aber sie wirken hier
-bloß komisch und erzeugen einen Eindruck, wie wenn ein
-Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und ihn überdies
-noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen
-heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen
-Oden! Wie viele zweifeln an der Aufrichtigkeit
-seiner Gefühle, bloß weil sie den Eindruck haben, daß
-diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und seelenlos
-ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind
-über seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens
-und über die Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden,
-für die er eintrat! Und dies bloß darum, weil
-er das nicht verbrannt hat, was er dem Feuer hätte
-übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende
-Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten
-Schriftsteller entdeckt, veröffentlicht er sie sofort
-in einer Zeitschrift, ohne es sich gründlich zu überlegen,
-ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre gereichen.
-Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten
-Ausrede der Journalisten: &bdquo;Wir hoffen, die Leser und die
-Nachwelt werden uns dankbar sein für die Mitteilung
-dieser wertvollen Zeilen; alles, was von einem großen
-Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse&ldquo; und
-dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein
-unbedeutender Leser wird es ihm vielleicht danken, aber
-die Nachwelt wird diese kostbaren Zeilen gar nicht beachten,
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-wenn sie nur eine seelenlose Wiederholung dessen
-sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns nicht
-einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was
-wirklich heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit
-ist, um so vorsichtiger muß man mit ihr umgehen; sonst
-verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und Phrasen
-schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei
-weitem nicht soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler
-oder <em>die</em> Propheten Gottes, die noch nicht genügend
-für ihr Amt vorbereitet waren und sich erdreisteten,
-Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden.
-Man muß redlich mit dem Worte umgehen: es ist
-die höchste Gabe, die Gott den Menschen verliehen
-hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick
-ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß
-leidenschaftlicher Verirrungen, des Ärgers, des Zornes
-oder einer persönlichen Abneigung steht, kurz, zu einer
-Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie
-gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die
-allen Widerwillen und Ekel einflößen, und in solchen
-Fällen kann man selbst beim reinsten Streben nach dem
-Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund
-P*** kann als Beweis dafür dienen: er war sein
-ganzes Leben lang eifrig darum bemüht, <em>seinen Lesern
-sofort alles mitzuteilen</em>, sie von allem in Kenntnis
-zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu
-überlegen, ob ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe
-auch genügend ausgereift war, um auch allen andern
-vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort &mdash;
-er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit
-und Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-die Leser etwa das edle und schöne Streben bemerkt,
-das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von ihm
-angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein,
-sie haben nichts an ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit
-und Unreinlichkeit, die der Mensch zuallererst
-bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig
-Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt
-wie eine Ameise, sein ganzes Leben hindurch war
-er bemüht, alles eiligst an den Mann zu bringen, was
-sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und
-Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch
-hat ihm dafür gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren
-Jüngling begegnet, der erklärt hätte, er schulde ihm
-Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm aufgesteckt,
-oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein
-Wort ihm eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte
-ihn oft verteidigen und für die Reinheit seiner Absichten
-und für die Aufrichtigkeit seiner Worte gegenüber
-solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen
-können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand
-zu überzeugen, weil er es verstanden hat, sich so vor
-allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich ist, ihn den
-Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er
-vom Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn,
-daß es den Anschein hat, als ob sein Patriotismus ein
-bezahlter Patriotismus sei; spricht er von der Liebe zum
-Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und
-wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich
-so, daß man nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei
-herauszuhören meint. Seiner aufrichtigen ungekünstelten
-Empörung über jede Bestrebung, die Rußland
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn
-er bestimmte Leute, die er allein kennt, denunzieren
-wollte. Mit einem Wort, auf Schritt und Tritt verleumdet
-er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr
-für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben:
-&bdquo;Ein faules Wort gehe nie aus eurem Munde.&ldquo;
-Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden von uns bezieht,
-um wieviel mehr muß es für die gelten, deren
-Reich &mdash; das Wort ist und deren Bestimmung es ist,
-von allem Schönen und Hohen zu reden. Wehe, wenn
-mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen
-geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit
-faulen Worten von faulen Dingen. Alle großen Erzieher
-der Menschheit haben <em>denen</em>, die die Gabe des
-Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen
-auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken,
-wo sich in ihnen der Wunsch am stärksten regte,
-mit Worten zu prunken, und wenn ihre Seele den
-Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches
-zu sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann,
-was man erhöhen will, und wie unsere Zunge auf
-Schritt und Tritt zur Verräterin wird. &bdquo;Leg&rsquo; Tür und
-Riegel deinem Munde auf&ldquo;, sagt Jesus Sirach: &bdquo;Du
-verzäunest deine Güter mit Dornen; warum machst du
-nicht vielmehr deinem Munde Tür und Riegel? Du
-wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du
-nicht auch deine Worte auf der Goldwage?&ldquo;
-</p>
-
-<p class="year">
-1844.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-6">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-<span class="line1">V</span><br />
-<span class="line2">Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen</span><br />
-<span class="line3">An L**</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> freue mich, daß man bei uns endlich mit
-dem öffentlichen Vortrag der Dichtungen unserer
-russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat
-nur schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort
-soll man verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter
-auch einige Stücke aus meinen Erzählungen, vorgetragen
-haben. Ich war immer der Ansicht, daß solche
-öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind.
-Wie es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun,
-selbst beim Lesen; wenn wir allein sind, sind wir alle
-träge, und solange wir sehen, daß sich die andern nicht
-regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden
-tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es
-nur wenig Schwätzer, die über die Macht der Rede
-verfügen und die sich in den Gerichtssälen und Parlamenten
-hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die
-die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu <em>fühlen</em>.
-Eine Empfindung mitzuteilen, sie mit andern zu teilen,
-das wird bei manchen geradezu eine Leidenschaft, die
-um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie sich
-nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen
-ist eine ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt
-die Ausbildung von Rezitatoren; sie ist wie geschaffen
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-für den kunstvollen Vortrag, da sie über alle
-Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom
-Erhabenen zum Einfachen in ein und derselben Rede
-ermöglicht. Ich glaube sogar, daß die öffentlichen Vorlesungen
-bei uns mit der Zeit das Schauspiel ersetzen
-werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen,
-wie sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt
-würden, die es wirklich verdienen, öffentlich vorgetragen
-zu werden, so daß es auch den Rezitator nicht zu gereuen
-brauchte, Mühe und Arbeit auf die Vorbereitung zu verwenden.
-In unserer modernen Literatur aber gibt es
-nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß
-durchaus etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum
-liest es ja doch ohnedies wegen seiner großen Vorliebe
-für alles Neue. Alle diese neuen Erzählungen
-(darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend
-genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir
-sollten uns an unsere Poeten halten, an jene hohen
-Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in langem Nachdenken und
-langer Arbeit ausreiften und an denen auch der Rezitator
-lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im
-Publikum so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften
-viel über sie geredet, sie ausführlich und unter
-Aufwand vieler Worte analysiert, aber diese Analysen
-waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der Verfasser
-als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben
-damit nur das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser
-Publikum von seinen Dichtern hatte, noch mehr verwirrt
-und durcheinandergebracht haben, so daß die Persönlichkeit
-jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und
-widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-ein klares Bild davon macht, was eigentlich das wahre
-Wesen eines jeden Dichters ist. Nur ein kunstvoller
-Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter
-vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von
-einem Redner übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende
-Nuance des Werks, das er vorliest, wiederzugeben
-vermag. Dazu braucht man kein feuriger Jüngling
-zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in
-einem Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie,
-eine Komödie, eine Ode und wer weiß was sonst noch
-herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches Gedicht wie
-es sich gehört vorzutragen &mdash; das ist durchaus keine
-Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten.
-Man muß das hohe Gefühl, das die Seele des Dichters
-erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen; man muß jedes
-seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und
-erst dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein
-Vortrag wird keineswegs laut und lärmend und nicht
-aus der Fieberglut geboren sein. Im Gegenteil, er
-kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden
-wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen,
-die ein Zeugnis für seine echte innere Rührung
-ist. Diese Kraft wird sich allen mitteilen und Wunder
-wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie ergriffen
-wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag
-unserer Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum
-Nutzen gereichen. In unseren Dichtern gibt es viel
-Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen, sondern auch
-verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem
-gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den
-unsere hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-haben. Ich weiß nicht, von wem der Gedanke stammt,
-den Ertrag der öffentlichen Vorlesungen den Armen zuzuwenden:
-dieser Gedanke ist jedenfalls sehr schön. Er
-kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es
-in Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot,
-Feuersbrünsten, Krankheiten und allerhand Mißgeschick
-zu leiden haben. Wie würden sich die Geister
-der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen,
-wenn ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht
-würde!
-</p>
-
-<p class="year">
-1843.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-7">
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-<span class="line1">VI</span><br />
-<span class="line2">Wie man den Armen helfen soll</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Briefe an A. O. Sm&mdash;rn&mdash;wa.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die
-Torheit der (Petersburger) Jugend, die auf die
-Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und
-Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren,
-während in Rußland ganze Provinzen von der
-Hungersnot heimgesucht werden. Das ist weder Dummheit
-noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht
-einmal Leichtsinn &mdash; es ist eine Folge der menschlichen
-Gleichgültigkeit, die ein gemeinsamer Charakterzug von
-uns allen ist. Die Leiden und Schrecknisse, die eine
-Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in einer
-großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im
-Innern der Provinz, und nicht vor unseren Augen
-&mdash; da liegt des Rätsels Lösung, und das erklärt
-alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für
-einen Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am
-Gesang eines Rubini zu erfreuen, würde sicherlich sein
-ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er zufällig Augenzeuge
-eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern
-der Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und
-Schrecken, wie sie in Melodramen dargestellt werden,
-verblassen. Mit der Veranstaltung von Sammlungen
-hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit,
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-zu geben. Aber gerade für die Armen ist man heute
-bei uns nicht allzugern bereit, etwas zu geben, teils,
-weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß seine Gabe
-auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird,
-der sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer
-Flüssigkeit, die man in der hohlen Hand trägt, und die
-unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren Bestimmungsort
-gelangt &mdash; und der Notleidende bekommt nichts zu sehen,
-als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das
-ist&rsquo;s, was zuerst überlegt sein will, ehe man mit der
-Sammlung von Gaben beginnt. Hierüber wollen wir
-später miteinander reden, weil das durchaus keine unwichtige
-Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie
-in verständiger Weise bespricht. Nun aber wollen wir
-einmal gemeinsam überlegen, wo zuerst und vor allem
-geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie solchen
-Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten
-Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit
-einem Schlage und in einem Augenblick um alles gekommen
-sind: es kann sich dabei um eine Feuersbrunst
-handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis
-auf den Grund abgebrannt ist, oder um eine Seuche,
-der das ganze Vieh zum Opfer gefallen ist, oder um
-einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner einzigen
-Stütze beraubt hat &mdash; mit einem Wort um jeden plötzlichen
-Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem
-Male über einen Menschen hereinbricht, der gar nicht
-an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am Platze. Dabei
-aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft
-christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in
-einer Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Wert und kann nichts Gutes wirken. Wenn Sie nicht
-zuvor selbst gründlich über die ganze Lage des Menschen
-nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen
-Rat und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er
-von nun an sein Leben einrichten soll, so wird ihm nicht
-viel Vorteil aus Ihrer Hilfe erwachsen. Der Wert der
-Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird, kommt
-selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen
-beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen,
-was der Mensch verloren hat, oft dagegen nur ein
-Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der Russe
-ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß
-er mit dem wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht
-mehr das gleiche Leben führen kann, wie früher, ist er
-imstande, in seiner Verzweiflung alles auf einmal durchzubringen,
-was ihm gegeben wird, um ihm für längere
-Zeit einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen
-Sie ihn belehren, wie er sich mit dem, was ihm durch
-Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner Lage heraushelfen
-kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung
-des Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt
-ward, auf daß er sein früheres Leben aufgebe und
-ein anderer werde, wie früher, gleichsam ein neuer
-Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie
-werden ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen,
-wenn Sie nur seinen Charakter und seine Lebensverhältnisse
-näher kennen lernen werden. Und er wird Sie
-verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher;
-sein Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt
-mehr Verständnis für Dinge, die die Begriffe eines
-Menschen übersteigen, der in alltäglichen gewöhnlichen
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann
-gleichsam in ein Stück warmen Wachses, das man
-kneten kann, wie man will. Am besten wäre es jedoch,
-wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung
-eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde.
-Nur ein Priester ist imstande, den Menschen über den
-tiefen heiligen Sinn eines Unglücks aufzuklären, das,
-in welcher Gestalt und Form es auch immer auf dieser
-Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun
-in einer ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern
-wohnt, stets eine Stimme aus dem Himmel ist, die den
-Menschen auffordert, sein früheres Leben aufzugeben
-und von Grund aus zu ändern.
-</p>
-
-<p class="year">
-1844.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-8">
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-<span class="line1">VII</span><br />
-<span class="line2">Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee</span><br />
-<span class="line3">An W. M. Jasykow.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen.
-Die Odyssee ist sicherlich die vollkommenste
-Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein
-Werk von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber
-nur eine Episode. Die Odyssee umfaßt die gesamte
-antike Welt, das öffentliche und das häusliche Leben,
-alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren Beschäftigungen,
-ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es
-ist beinahe schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält
-oder was von ihr übergangen wäre. Während
-mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der Antike
-und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende
-Quelle gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff
-für eine unzählige Menge von Tragödien und Komödien;
-und dies alles machte die Runde durch die Welt und
-wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst
-vergessen wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas
-Seltsames an sich: sie wurde in Europa nicht in ihrem
-wahren Werte erkannt. Daran ist teils der Umstand
-schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine
-künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der
-Antike darstellte, teils der Mangel einer Sprache, die
-reich und vollkommen genug war, um all die unendlichen
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge
-im allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln;
-und endlich fehlte es auch an einem Volk, das
-mit einem so reinen jungfräulich unberührten Geschmack
-begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen
-Homer innerlich zu verstehen und nachzuempfinden.
-</p>
-
-<p>
-Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste
-und vollkommenste aller europäischen Sprachen übersetzt.
-</p>
-
-<p>
-Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam
-nur die Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte
-seine Verskunst an Übersetzungen von Dichtwerken aller
-Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um
-fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden
-&mdash; sein Ohr mußte der Leier aller Völker lauschen,
-um so feinhörig zu werden, daß ihm der Eigenton
-der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er
-mußte auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen
-werden, alle seine Landsleute zu ästhetischem Nutz und
-Frommen ihrer Seele, zu solcher Liebe zu Homer zu
-zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers selbst
-vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie
-stimmte und ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich
-ist, um ein Werk nachzudichten, das einer solchen
-ebenmäßigen Harmonie und Ruhe entsprungen ist, er
-mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum Christen
-werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung
-anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann,
-der bereits begriffen hat, was der Sinn des Lebens ist.
-So viele Voraussetzungen mußten erfüllt werden, damit
-die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer sklavischen
-Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-<em>lebendige Wort</em> entgegenklingen und ganz Rußland
-Homer als etwas Verwandtes und Vertrautes aufnehmen
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande
-gekommen. Das ist keine Übersetzung, sondern eher eine
-Neuschöpfung, eine Restauration, eine Auferstehung
-Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das
-Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original.
-Der Übersetzer ist gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator
-Homers geworden, er hat sich gewissermaßen
-wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den
-Leser gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch
-klarer und bestimmter hervortreten läßt.
-</p>
-
-<p>
-Meiner Überzeugung nach haben sich heute die Verhältnisse
-wie mit Absicht so gestaltet, daß das Erscheinen
-der Odyssee in unserer Zeit geradezu zur Notwendigkeit
-werden mußte: in der Literatur wie überall sonst
-&mdash; macht sich eine gewisse Kühle, ein Nachlassen des
-Interesses bemerkbar. Eine Müdigkeit hat die Menschen
-ergriffen, man begeistert sich nicht mehr und man
-ist nicht mehr enttäuscht. Selbst die krampfhaften und
-krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem Einschlag
-aller möglichen unverdauten Ideen, wie sie uns
-als Folge politischer und anderer Gärungen angeflogen
-sind, sind sehr im Niedergang begriffen, nur die
-ewig nachhinkenden Leser, die daran gewöhnt sind, sich
-an die Schleppe der führenden Journalisten zu hängen,
-lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in
-ihrer Einfalt zu bemerken, daß die vorangehenden Leithämmel
-schon längst sinnend und nachdenklich stehen
-geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin sie ihre
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-umherirrenden Herden führen sollen. Mit einem Wort,
-jetzt ist eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines
-edlen, in all seinen Teilen formvollendeten Werks, das
-das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit und Klarheit
-widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und
-der Hauch einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von
-unendlicher Bedeutung sein kann.
-</p>
-
-<p>
-Von der Odyssee wird eine große Wirkung <em>auf uns
-alle</em> und <em>auf jeden einzelnen von uns</em> ausgehen.
-</p>
-
-<p>
-Sehen wir einmal zu, was für eine Wirkung sie auf
-<em>uns alle</em> ausüben kann. Die Odyssee ist das Werk,
-das alle notwendigen Voraussetzungen dafür enthält, ein
-Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke
-gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die
-von einem Märchen ausgeht, und die schlichte Wahrheit
-menschlicher Erlebnisse, die auf jeden Menschen, er
-mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausüben.
-Edelleute und Bürger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete,
-einfache Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei
-Geschlechts, von jener Altersstufe an, wo die Kinder
-Freude an Märchen zu bekommen pflegen &mdash; sie alle
-werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen
-&mdash; ein Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders
-wenn man bedenkt, daß die Odyssee zugleich ein
-wahrhaft moralisches Werk ist und daß der alte Dichter
-sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen
-der damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen
-Bildern darstellen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verführerisches
-für unser Volk. Unser Volk ist klug, es weiß sich
-selbst solche Dinge, die die gescheitesten Leute in Verlegenheit
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu deuten
-und zu erklären. Es wird aus alledem nur dies eine
-entnehmen: wie schwer es für den Menschen ist, allein
-und ohne Hilfe von Propheten und höherer Offenbarungen
-zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen,
-welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von
-Seinem wahren Wesen macht, wenn er die Einheit und
-die eine Allkraft in eine Vielheit von Kräften und
-Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal über die alten
-Heiden lachen, weil es sie für gänzlich unschuldig halten
-wird: zu ihnen sprachen keine Propheten, Christus
-war noch nicht geboren, Apostel gab es damals noch
-nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen
-beim Gedanken, daß es mit geringerem Eifer zu Gott
-betet und seine Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfüllt,
-als die alten Heiden, obwohl es den wahren Gott in
-Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es Sein geschriebenes
-Gesetz stets in Händen hat und in seinen
-Beichtvätern Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz
-auslegen. Das Volk wird verstehen, warum der
-Höchste auch dem Heiden um seines guten Lebenswandels
-und seines inbrünstigen Gebets willen Seinen Beistand
-lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt
-eines Poseidon, Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris
-und der ganzen Schar von Göttern, die die
-lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete
-und zu ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird
-den Polytheismus beiseite lassen und sich nur das aus
-der Odyssee aneignen, was es sich daraus aneignen soll,
-d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist
-ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht,
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-um dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er
-wird daraus die Lehre ziehen, daß dem Menschen überall
-und auf jedem Gebiet viel Unglück bevorsteht, daß
-er dagegen ankämpfen muß &mdash; denn nur dazu ward dem
-Menschen das Leben gegeben &mdash; daß er niemals verzagen
-darf, wie Odysseus nie verzweifelte, der sich in schweren
-Stunden der Not stets an sein Herz wandte, ohne zu
-ahnen, daß er schon durch diese Wendung an sein
-eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet
-erschuf, das sich jedem Menschen, auch dem, der
-nicht einmal einen Begriff von Gott hat, auf die Lippen
-drängt. Das ist das <em>Allgemeine</em>, der lebendige Geist
-ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf
-alle machen muß, noch ehe sie entzückt und ergriffen
-sein werden von ihren dichterischen Vorzügen: der Wahrheit
-der Bilder und der Lebendigkeit der Schilderungen;
-noch ehe andre bewundernd staunen werden über die
-antiken Schätze, die sich hier vor ihnen auftun und die
-in all diesen Einzelheiten weder von der Skulptur, noch
-von der Malerei, noch von den antiken Denkmälern im
-allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder andre verwundert
-dastehen werden über die unglaubliche Kenntnis
-aller Windungen und Falten der menschlichen Herzen,
-die alle offen dalagen vor dem blinden Sänger,
-der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen werden über
-den tiefen staatsmännischen Blick, die große Beherrschung
-der schweren Kunst der Menschenleitung und
--regierung, die der göttliche Alte gleichfalls besaß, er,
-der ein Gesetzgeber seines eigenen und der kommenden
-Geschlechter war &mdash; mit einem Wort, noch ehe sich jemand
-je nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschäftigung,
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-seinen Neigungen, Liebhabereien und seiner persönlichen
-Eigenart für irgendeine Einzelheit in der
-Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher,
-weil sich dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres
-Wesen einem jeden mit so greifbarer Deutlichkeit aufdrängt,
-wie es in keinem andern Werk mit ähnlicher
-Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und
-alles beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten,
-wie lebendig, wie farbig alle Episoden sind, deren jede
-beinahe die Grundidee zu überstrahlen, in den Hintergrund
-zu drängen imstande ist.
-</p>
-
-<p>
-Warum aber müssen das alle so deutlich empfinden?
-Darum, weil es dem alten Dichter so tief aus der Seele
-dringt. Man sieht förmlich auf Schritt und Tritt, wie
-er das, was er für alle Zeiten im Menschen befestigen
-und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schönheit
-der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte,
-was an den Volkssitten gut und lobenswert war, zu
-erhalten und zu kräftigen, wie er bemüht war, den
-Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was
-in ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen
-kann &mdash; in jedem seiner Helden den Menschen ein
-Muster und Beispiel für jeden Beruf und Stand zu
-hinterlassen und allen zusammen in seinem unermüdlichen
-Odysseus ein ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher
-Tätigkeit aufzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht
-vor der Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten
-und noch wenig entwickelten Regierungsgewalt,
-diese jungfräuliche Schamhaftigkeit der Jünglinge, diese
-Güte und diese Milde der Greise, diese herzliche Gastfreundschaft,
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-dieser Respekt, man möchte fast sagen, diese
-Ehrfurcht vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes,
-dieser Glaube, daß kein guter Gedanke im Hirne der
-Menschen entspringt, ohne den souveränen Willen eines
-höheren Wesens, daß der Mensch aus eigener Kraft
-nichts zu erreichen vermag &mdash; kurz alles, jeder kleinste
-Zug in der Odyssee kündet von dem inneren Wunsche
-dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der alten
-Welt ein lebendiges und vollständiges Gesetzbuch zu
-hinterlassen, zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber
-noch Stifter von Rechtsordnungen gab, als noch die
-Beziehungen unter den Menschen durch keine geschriebenen
-Bestimmungen oder bürgerlichen Rechte geregelt
-waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wußten,
-ja nicht einmal ahnten und als allein der göttliche Greis
-alles sah, hörte, erkannte und ahnte &mdash; ein blinder
-Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen
-eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren
-Auge, das die Menschen nicht besitzen.
-</p>
-
-<p>
-Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjähriger Überlegungen
-unter der Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes
-versteckt! Es ist fast, als hätte er alle Menschen
-zu einer Familie versammelt und säße nun mitten unter
-ihnen, wie der Großvater unter seinen Enkeln, der gelegentlich
-selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und
-Mutwillen zu treiben, und als trage er nun treuherzig
-seine Erzählung vor, nur darum besorgt, niemand zu
-ermüden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen
-zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf
-Windesflügeln durch die ganze Welt zu tragen, auf daß
-sich alle spielend aneignen, was dem Menschen durchaus
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf daß
-sie unmerklich davon kosteten und sich davon erfüllten,
-was er während seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit
-an Schönstem und Bestem gesehen und erfahren hat.
-Man könnte das Ganze beinahe für eine ohne jede
-Vorbereitung dahinfließende Erzählung halten, wenn
-sich einem nicht nachträglich, nach einer aufmerksamen
-Analyse die wunderbare Kunst des Baus &mdash; des Ganzen
-sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthüllte.
-Wie dumm sind doch die superklugen deutschen
-Gelehrten, die den Gedanken aufgebracht haben, Homer
-sei ein Mythos und all seine Werke seien Volksgesänge
-und Rhapsodien.
-</p>
-
-<p>
-Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung
-die Odyssee auf <em>jeden einzelnen von uns</em> ausüben
-kann. Zunächst wird sie auf unsere Schriftstellerzunft,
-auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem
-Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter
-Lotse durch den Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert
-hat, die durch unsere zerfahrene und unausgegorene
-Schriftstellergeneration heraufbeschworen wurde. Sie wird
-uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver ungekünstelter
-Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder
-Gedanke bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit
-gebracht werden, in welch ruhigem Gleichmaß unsere Rede
-dahinfließen muß. Sie wird allen unseren Schriftstellern
-wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser
-ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die
-wir doch immer wieder vergessen: daß wir nämlich nicht
-eher zur Feder greifen sollten, als bis sich in unserem
-Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat,
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen
-und in seinem Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine
-noch stärkere Wirkung als auf die Schriftsteller wird
-die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die
-Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf
-dem Gymnasium sind oder auf der Universität studieren,
-ihr künftiges Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel
-vor sich sehen: diese kann die Odyssee von Anfang an
-auf den rechten Weg weisen und sie vor einem unnötigen
-Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in
-denen sich ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den
-Geschmack und die Entwicklung des ästhetischen Gefühls
-ausüben. Sie wird einen frischen Zug in die Kritik
-hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse Müdigkeit
-bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen
-Werke unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren,
-sie hat sich in ihrer Verzweiflung auf Seitenwege
-verirrt, läßt die literarischen Probleme ganz beiseite und
-produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das Erscheinen
-der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute
-und tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es
-wohl auf der Welt kaum ein zweites Werk gibt, das
-sich von so vielen Seiten aus betrachten läßt, wie die
-Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die
-Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die
-Bemerkungen und Gedanken, zu denen sie Veranlassung
-geben wird, unsere Zeitschriften mehrere Jahre lang beschäftigen
-werden. Diese Leser werden nur Vorteil davon
-haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-nichtssagend sein. Um eine solche Kritik zu schreiben,
-muß man viel lesen, sich über vieles neu orientieren,
-viel erlebt und über vieles nachgedacht haben; ein hohler
-und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum
-etwas zu sagen wissen.
-</p>
-
-<p>
-Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande,
-das ihr Schukowski gegeben hat, viel zur Reinigung
-unserer Sprache beitragen. Bei keinem unserer Schriftsteller,
-in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja
-nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im
-Ausdruck, in ihren Wendungen noch schärfer und genauer
-sind, als jener, hat die russische Sprache einen
-solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht.
-Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in
-sämtlichen Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren
-unendlichen Perioden, die bei jedem andern
-matt und dunkel wirken würden, und andererseits
-wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern
-hart und abgerissen klingen und der Rede etwas Herbes,
-Gefühlloses verleihen würden, stehen bei Schukowski so
-brüderlich zusammen, alle Übergänge und der Zusammenstoß
-der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut,
-alles fließt so in eins zusammen und läßt die
-schwerfällige Masse des Ganzen sich so zerteilen und verschwinden,
-daß man den Eindruck hat, als hätten der
-Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt;
-sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so
-wie auch der Übersetzer völlig verschwindet. Statt seiner
-aber steht der greise Homer in seiner ganzen majestätischen
-Größe vor unseren Augen, und wir hören die
-hehren, gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-eines Menschen entstammen, sondern deren Bestimmung
-es ist, &mdash; ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt werden
-unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht
-jedes Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie
-man jedem schlichten Wort seine hohe Würde wiedergeben
-kann durch die Kunst, ihm seinen richtigen Platz
-anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen Bestimmung
-es ist, in den Händen aller zu sein und von allen
-genossen zu werden &mdash; das ein geniales Werk ist, diese
-äußere Wohlgestalt und dieser äußere Anstand, diese
-Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten:
-hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und
-wird von jedem bemerkt. Schukowski vergleicht diese
-Staubkörnchen sehr richtig mit Papierschnitzeln, die in
-einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach herumliegen,
-wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt
-und strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst
-diese Papierschnitzel bemerken, und zwar aus
-demselben Grunde, aus dem er sie in einem unsauberen
-unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken würde.
-</p>
-
-<p>
-Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde
-derer, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen, wie auch
-derer, die keine Wissenschaft studiert haben, befruchten,
-indem sie uns eine lebendige Kenntnis der antiken Welt
-vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man
-das finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr
-geht ein lebendiger Hauch der Vergangenheit aus; der
-antike Mensch steht lebendig vor unseren Augen, als
-hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen.
-Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem
-ganzen Tun und Treiben und zu allen Tageszeiten:
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er beim
-Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich
-ankleidet, wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den
-Reden der Greise lauscht und die Jünglinge belehrt;
-sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das kleinste
-Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen
-werden, bis zum Riemenriegel an der Tür &mdash; alles
-steht noch frischer und lebendiger vor unseren Augen, als
-in dem ausgegrabenen Pompeji.
-</p>
-
-<p>
-Und endlich bin ich sogar der Ansicht, daß von dem
-Erscheinen der Odyssee eine Wirkung auf den heutigen
-Geist unserer Gesellschaft im allgemeinen ausgehen wird.
-Gerade in unserer Zeit, wo durch den geheimnisvollen
-Willen der Vorsehung überall ein schmerzlicher Schrei
-der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der
-Unzufriedenheit mit allem, was es auf der Welt gibt,
-mit den Zuständen, mit der Zeit, wie mit uns selbst,
-wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns
-unser moderner bürgerlicher Geist und die Aufklärung
-emporgehoben haben, verdächtig zu werden beginnt,
-wo sich bei jedem ein unbewußtes Sehnen fühlbar
-macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist,
-ein Sehnen, das vielleicht aus der edlen Quelle, dem
-Wunsche, besser zu sein, entspringt; wo durch die
-törichten Losungen und durch die übereilte Verkündigung
-neuer ganz unklar erfaßter Ideen hindurch sich
-ein allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer
-dunkel ersehnten Mitte zu nähern, das wahre Gesetz
-unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie
-das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit
-muß die Odyssee durch die patriarchalische Größe des
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-antiken Lebens, durch die unkomplizierte Einfachheit der
-das öffentliche Leben bewegenden Triebfedern, durch
-die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts
-abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen.
-Aus der Odyssee wird unserem neunzehnten
-Jahrhundert ein starker Vorwurf entgegentönen, und
-dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in
-sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut
-machen wird.
-</p>
-
-<p>
-Was kann zum Beispiel einen stärkeren Eindruck
-machen, als der Vorwurf, den wir in unserer Seele
-vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike Mensch, mit
-seinen geringen Werkzeugen, bei der großen Unvollkommenheit
-seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu
-stehlen, Rache zu üben, seine Zuflucht zu List und Tücke
-zu nehmen, um den Feind zu vernichten, mit seiner rebellischen,
-harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur
-und seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch
-die bloße Erfüllung der von den Vorfahren ererbten
-Sitten und Gebräuche &mdash; die nicht umsonst von den
-alten Weisen eingeführt und festgesetzt worden waren,
-und die nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom
-Vater auf den Sohn vererbt wurden, &mdash; wenn wir
-sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden
-hat, durch bloße Erfüllung dieser Sitten seinen Handlungen
-eine gewisse strenge Form, ein gewisses Ebenmaß,
-ja sogar eine gewisse Schönheit zu verleihen, so
-daß alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes
-seiner Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der
-Faltenwurf seines Gewandes Größe und Würde atmete,
-und daß man in ihm wirklich den göttlichen Ursprung des
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all
-unseren gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung,
-mit der Erfahrung aller Jahrhunderte, mit
-unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit unserer
-Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward,
-damit wir heilige und göttliche Menschen werden &mdash;
-wir haben es mit all diesen Mitteln zu nichts gebracht,
-als zu einer gewissen inneren, wie äußeren Unordnung,
-Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wußten nichts aus
-uns zu machen, als traurige, halbe, zerstückelte und kleinliche
-Menschen, <a id="corr-3"></a>vom Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu
-unserer Kleidung, und zu alledem sind wir uns gegenseitig
-so zuwider geworden, daß keiner den andern mehr
-achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen
-Menschenachtung reden.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an
-ihrer europäischen Vollkommenheit Leidenden und Krankenden
-eine starke Wirkung ausüben. Sie wird sie an
-vieles Kindlich-Schöne erinnern, das uns leider verloren
-gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern
-muß, als ihr rechtmäßiges Erbe. Viele werden
-zum Nachdenken über manche Dinge angeregt werden.
-Zugleich aber wird vieles aus den alten patriarchalischen
-Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind,
-sich unsichtbar über das russische Land verbreiten. Der
-Wohlgeruch atmende Mund der Poesie vermag unserer
-Seele manches einzuhauchen, was ihr weder mit Gewalt,
-noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt
-werden kann.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-9">
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-<span class="line1">VIII</span><br />
-<span class="line2">Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit.</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> beunruhigen sich unnötigerweise wegen der
-Angriffe, die heute in Europa gegen unsere
-Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit
-der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit.
-Warum wollen Sie, daß unsere Geistlichkeit,
-die sich bisher durch eine würdige überlegene
-Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich
-unter die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen
-oberflächliche, ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen
-lassen soll? Unsere Kirche hat sehr weise und
-klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie
-erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber
-kennen unsere Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit
-sitzt nicht müßig da. Ich weiß genau, daß im Innern
-unserer Klöster und in der Stille unserer Klosterzellen
-an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung
-unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer,
-gerade diese Männer tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit
-besser, als wir; sie beeilen sich nicht, und arbeiten in der
-Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand erfordert, in
-tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem
-Gebet und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie
-alle Leidenschaften und alles, was einer unstatthaften,
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus ihrer Seele austreiben
-und sie bis zu der Höhe himmlischer Leidenschaftslosigkeit
-zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß,
-wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand
-zu behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften
-werden noch nicht genügen, um einen römischen
-Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere Kirche muß in
-uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte.
-Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns
-muß ihre Wahrheit verkündigt werden. Man sagt, daß
-es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt, aber man spricht
-die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben. Freilich
-ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß
-zu diesem falschen Satz gelangt: &mdash; Wir selbst nämlich
-sind tot, sind Leichen, und nicht die Kirche, und nach
-<em>uns</em> nennt man unsere Kirche einen Leichnam. Wie
-sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine
-Antwort sollen wir geben, wenn man uns vor folgende
-Fragen stellt: &bdquo;Hat die Kirche euch denn zu
-besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch,
-wie es sich gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?&ldquo;
-Was sollen wir hierauf antworten, wenn wir es plötzlich
-tief im Innern fühlen, wenn das Gewissen es uns
-sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche
-hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie
-nicht einmal jetzt ordentlich kennen? Wir sind im Besitze
-eines Schatzes von unendlichem Wert und bemühen uns
-nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern
-wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man
-bittet den Herrn des Hauses, er möge doch den kostbarsten
-Gegenstand vorzeigen, den sein Haus birgt, und
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich befindet.
-Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel
-allein in ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten
-hat, wie eine keusche Jungfrau, diese Kirche, die
-mit all ihren tiefen Lehren und ihren kleinsten äußeren
-Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen
-Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die
-allein fähig ist, alle Zweifelsknoten und alle unsere
-Fragen zu lösen, sie, die angesichts des ganzen Europa
-das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen
-vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter
-und Berufe veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten
-Grenzen zu halten, ohne den Staat in irgendeiner
-Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland groß
-und stark zu machen und die ganze Welt durch die
-wohlgefügte harmonische Ordnung eines Organismus in
-Staunen zu setzen, durch den es bisher nur Schrecken
-verbreitete, &mdash; diese Kirche ist uns bisher ganz unbekannt!
-Diese für das Leben geschaffene Kirche haben
-wir noch immer nicht in unserem Leben zur Wahrheit
-gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt
-verteidigen zu wollen. Das hieße sie herabsetzen. Für
-uns gibt es nur eine Art der Propaganda &mdash; unser Leben
-selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche
-verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als <em>Leben</em>,
-durch den reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre
-Wahrheit verkünden. Mögen die Missionäre des römischen
-Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit den
-Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer
-und Worte mit schnell trocknenden Tränen begleiten.
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Der Verkünder des griechischen Katholizismus aber soll
-so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen Anblick
-seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und
-der ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele
-dringt und in der alle weltlichen Wünsche erstorben sind,
-alles erschüttert wird, noch ehe er erklärt hat, worum
-es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu
-ihm spricht: &bdquo;Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen,
-auch ohne daß du ein Wort redest, die heilige
-Wahrheit deiner Kirche.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-10">
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-<span class="line1">IX</span><br />
-<span class="line2">Über denselben Gegenstand</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig
-Autorität und Bedeutung hat, weil unsere Geistlichkeit
-nicht weltgewandt genug ist und es nicht
-versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau
-so töricht, wie die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde
-durch die Satzungen unserer Kirche an jeder Berührung
-mit dem Leben gehindert und durch die Regierung in
-ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer Geistlichkeit
-bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den
-Menschen strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen.
-Glauben Sie mir, es wäre nicht gut, wenn unsere
-Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an unseren
-täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen
-teilnähmen oder sich in unsere Familienangelegenheiten
-mischen würden. Der Geistliche ist vielen Versuchungen
-ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde
-sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien
-kommen, die man den römisch-katholischen Priestern zum
-Vorwurf macht. Die römisch-katholischen Geistlichen sind
-gerade deshalb so verderbt und korrumpiert, weil sie zu
-weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit hat zwei
-Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf
-denen sie mit uns zusammentrifft: die Beichte und die
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Predigt. Auf diesen beiden Gebieten, auf deren erstem
-sich nur ein- bis zweimal jährlich Gelegenheit zur
-Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten
-jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten.
-Und wenn der Priester es nur verstände, angesichts des
-vielen Häßlichen und Bösen, das er im Menschen findet,
-bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und sich&rsquo;s
-gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie
-er so zu den Menschen reden solle, daß jedes seiner
-Worte ihnen tief zu Herzen dringt, so wird er bei der
-Beichte und in der Predigt so starke mächtige Worte
-dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen
-mit uns nie gelingen würde. Er muß von
-einem erhöhten Platz zu dem mitten im Weltgetriebe
-stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck
-gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern
-Gott selbst, der sie alle beide hört, und daß von Seiner
-unsichtbaren Gegenwart ein Hauch ausgeht, der beide mit
-ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist sogar gut,
-daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung
-von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch
-ihre Kleidung, die keinerlei Wandlungen und Launen
-unserer törichten Mode unterworfen ist, von uns unterscheidet.
-Diese Kleidung ist schön, groß und würdig.
-Das ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert
-übernommenes Rokoko, das ist nicht die aus buntem
-Flitter zusammengesetzte, nichtssagende Kleidung der
-römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen tiefen
-Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die
-der <em>Heiland selbst</em> getragen hat. Der Geistliche soll
-auch in seiner Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-an <em>Den</em> mit sich führen, dessen Abbild er für uns sein
-soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen Augenblick
-vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und
-den nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn
-von ihm wird tausendmal strengere Rechenschaft gefordert
-werden, als von irgendeinem unter uns; daher
-sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß
-sie gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange
-der Priester noch jung ist, solange er das Leben
-noch nicht kennt, soll er überhaupt nur bei der Beichte
-und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen.
-Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung
-mit einem von ihnen einläßt, so sollen dies nur die
-Weisesten und Erfahrensten unter ihnen sein, die ihn
-die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren,
-und die ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und
-in seinem wahren Lichte und nicht in dem Lichte, in
-dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint, darstellen
-können. Der Priester muß auch Zeit für sich
-selbst haben, er muß an sich selbst arbeiten können. Er
-muß sich ein Beispiel an unserem Heiland nehmen, der
-lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er
-sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet
-hatte, zu den Menschen hinausging, um ihnen seine
-Lehre zu bringen. Einzelne kluge Köpfe sind bei uns
-auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der
-Welt herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das
-ist grundfalsch. Diese Ansicht wird durch alle Weltleute
-widerlegt, die sich ihr ganzes Leben lang in der Welt
-bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen
-sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Welt erzogen, sondern fernab von ihr in tiefer innerster
-Selbstbetrachtung, in der Erforschung der eigenen Seele,
-denn dort liegen die Gesetze aller Dinge verborgen: suche
-zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du
-<em>ihn</em> erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel
-auch die Seelen aller anderen aufschließen.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-11">
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-<span class="line1">X</span><br />
-<span class="line2">Über das Lyrische bei unseren Poeten</span><br />
-<span class="line3">An W. A. Schukowski</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">aß</span> uns von dem Aufsatz sprechen, über den das
-Todesurteil gefällt ist, d. h. von dem Aufsatz, der
-die Überschrift: &bdquo;<em>Über das Lyrische bei unseren
-Poeten</em>&ldquo; trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil!
-So ward ich denn bereits zum zweitenmal von
-dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer und Erzieher!
-Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt
-geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen
-&bdquo;Sowremennik&ldquo; meine Betrachtungen über unsere russischen
-Dichter zu senden; und nun hast du eine neue
-Frucht meines Unverstandes der Vernichtung preisgegeben.
-Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet,
-während mich die andern alle anfeuern und
-ermuntern; weiß ich doch selbst nicht wozu. Wieviel
-Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich nur auf
-meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du
-meinen Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst.
-Ich werde schamrot, wenn ich daran denke, wie dumm
-ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe, von
-gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten
-meine Gedanken und Betrachtungen über die
-Literaten. Hier kommt alles, was ich schreibe, besonders
-geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich bin
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken
-und niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste
-vor mir sehe, sondern auch mit dem Herzen erahne und
-erfühle. Der Kern meines Aufsatzes ist vernünftig und
-richtig, und doch habe ich mich so ausgedrückt, daß jeder
-meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert. Ich
-muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer
-Dichter liegt etwas, was kein Poet einer andern Nation
-besitzt &mdash; es ist dies jenes Etwas, das an die Bibel gemahnt,
-&mdash; jene höhere Art Lyrik, die nichts gemein hat
-mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere
-Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph
-geistiger Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal
-von Lomonossow und Dershawin reden, selbst bei Puschkin
-tritt einem diese strenge Lyrik überall da entgegen,
-wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur
-an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der
-Prophet, oder sogar an jene geheimnisvolle Flucht aus
-der Stadt, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde.
-Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du
-wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft,
-ja sogar über sich selbst hinauswächst, wenn er
-an etwas Höheres rührt. Ich möchte hier eines seiner
-Jugendgedichte &bdquo;Der Genius&ldquo; als Beispiel anführen. Es
-ist übrigens nicht lang.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Einst stürmte der Prophet, der hohe,</p>
- <p class="verse">Mit Blitz und Donner himmelwärts,</p>
- <p class="verse">Und eine mächt&rsquo;ge Feuerlohe</p>
- <p class="verse">Erfüllte da Elisas Herz.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
- <p class="verse">Es reckte sich sein Geist empor;</p>
- <p class="verse">Ein heiliges Gefühl erblühte</p>
- <p class="verse">In ihm, der vor Begeistrung glühte,</p>
- <p class="verse">Und Gottes Stimme lauscht&rsquo; sein Ohr.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">So wird der Genius mit Beben</p>
- <p class="verse">Sich eigner Größe froh bewußt,</p>
- <p class="verse">Sieht er den Bruder aufwärts streben</p>
- <p class="verse">Mit Donnerlaut aus Erdendust.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und hehrer Wundertat entgegen</p>
- <p class="verse">Die Kräfte reifen neu erwacht,</p>
- <p class="verse">Und seiner Werke hoher Segen</p>
- <p class="verse">Strahlt sternengleich durch Weltennacht.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene
-Größe! Ich suchte das dadurch zu erklären, daß unsere
-Dichter jeden großen Gegenstand in seinem richtigen Zusammenhang
-mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit
-Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt,
-weil die russische Seele, wie sich das aus dem russischen
-Wesen selbst ergibt, dies aus irgendeinem Grunde ganz
-von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich zwei
-Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen
-so nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der
-erste ist &mdash; <em>Rußland</em>. Bei dem bloßen Klang dieses
-Namens erhellt sich plötzlich das Auge unseres Poeten,
-erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn herum
-größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu
-höherer Würde und Größe empor, und erhebt er sich
-hoch über den gewöhnlichen Menschen. Das ist mehr
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene
-die Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis
-dafür sind unsere Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist
-ganz aufrichtigen Lobhymnen können einem Rußland
-beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von
-Rußland spricht &mdash; dann fühlt man eine übernatürliche
-Kraft durch seine Adern rinnen, man ist gleichsam ganz
-erfüllt von der Größe Rußlands. Die Vaterlandsliebe
-allein hätte &mdash; gar nicht erst zu reden von Dershawin
-&mdash; nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen,
-feierlichen Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt,
-wenn er von Rußland redet. So zum Beispiel in den
-folgenden Versen, wo er darstellt, wie Stephan Batorius
-gegen Rußland in den Krieg zieht.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht,</p>
- <p class="verse">Schon eilt er, seine ganze Macht</p>
- <p class="verse">Zu einer Heerschar zu verdichten,</p>
- <p class="verse">Um, wenn er Pskow den Tod gebracht,</p>
- <p class="verse">Rußland für immer zu vernichten!</p>
- <p class="verse">Doch du, o heil&rsquo;ges Vaterland,</p>
- <p class="verse">Du hehre Liebe unsrer Ahnen,</p>
- <p class="verse">Du riss&rsquo;st das Schwert aus seiner Hand.</p>
- <p class="verse">Nicht siegten diesmal seine Fahnen.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen
-sogar unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung
-Rußlands verbindet, entspringt daraus, daß der Gedanke
-unbewußt an die höchste Vorsehung rührt, deren Walten
-so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes zum
-Ausdruck kommt. &mdash; Außer der Liebe aber ist hieran
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-auch noch das tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge
-beteiligt, die sich durch Gottes Willen auf jenem Stück
-Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde, das dazu
-bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die
-Vorahnung eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst
-noch nicht für alle sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur
-der Dichter mit dem scharfen Ohr der Poesie, das alles
-hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im <em>Samen</em>
-die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute
-beginnen allmählich auch die andern Menschen etwas davon
-zu erkennen, aber sie drücken sich so unklar aus, daß ihre
-Worte Torheit zu sein scheinen. Du hast unrecht, wenn
-du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom
-Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft
-spricht, einer Modeströmung folgt. Sie verstehen
-es nicht, ihre Gedanken in ihren Köpfen ausreifen zu
-lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden, ohne
-zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder
-sind &mdash; das ist alles. Auch bei den Juden lehrten
-gleichzeitig vierhundert Propheten: von diesen war gewöhnlich
-nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden
-in das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen
-wurden; alle andern werden viel Unnützes und Überflüssiges
-zusammengeredet haben, trotzdem aber haben
-wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen,
-was die Auserwählten klar und verständig auszusprechen
-wußten; sonst hätte das Volk sie sicherlich gesteinigt.
-Warum sind denn weder Frankreich, noch England, noch
-Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien
-und künden nicht von sich selbst, warum tut dies
-Rußland allein? Nun, weil Rußland es deutlicher
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an allem teilhat,
-was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es
-ein neues Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen
-Töne bei unseren Dichtern. Daher kann solches bei den
-Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen, und wenn
-sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe
-einen noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen.
-Und hier darfst du nicht mit mir streiten, mein herrlicher
-Freund.
-</p>
-
-<p>
-Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen,
-an dem sich die Lyrik unserer Dichter gleichfalls
-zu jenem hohen, lyrischen Schwunge erhebt, von dem
-hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken.
-Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren
-haben unserer Poesie schon seit den Zeiten Lomonossows
-und Dershawins jene erhabene, königliche Note verliehen.
-Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber brauchen wir
-wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem,
-nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher
-Gedanken und Erwägungen fähig ist, werden dahinter
-nichts wie Schmeichelei und den Wunsch, einen Vorteil
-für sich herauszuschlagen, suchen, und werden diese Behauptung
-auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden
-jener Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich,
-der mehr ist, der Einsicht und Weisheit besitzt,
-wird bei jenen Oden Dershawins verweilen, in denen er
-den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger Wirksamkeit vor
-dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit
-Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht,
-die den Augen &mdash; nicht nur der Russen &mdash; nein auch
-gefühlloser Wilden, die an den äußersten Enden seines
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen Berührung
-mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige
-Hand des Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier
-ist vieles zu so gewaltigem Ausdruck emporgehoben, daß
-selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden sollte, der
-für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim
-Lesen dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit
-erinnern und von tiefer Rührung über die Heiligkeit
-seines Amtes ergriffen werden würde. Nur kaltherzige
-Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen
-Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen
-Stein an Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen
-Strophen nicht ohne Rührung lesen, in denen der Dichter
-davon spricht, daß, wenn seine Gestalt in Marmor gehauen
-auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur deshalb
-geschehen werde,
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Weil ich die Kaiserin besang,</p>
- <p class="verse">Der Reußen Zarin, welcher keine</p>
- <p class="verse">Je gleichkommt auf der weiten Welt.</p>
- <p class="verse">Des rühme, rühm&rsquo; dich, meine Leier.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen
-Verse wird er kaum ohne aufrichtige seelische Erschütterung
-lesen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder;</p>
- <p class="verse">Das Alter raubte mir die Lieder.</p>
- <p class="verse">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; ... Bald</p>
- <p class="verse">Ertönt der andern Lied, wenn meins verhallt,</p>
- <p class="verse">Und meiner Hand entsinkt die Leier;</p>
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
- <p class="verse">In andern glühe nun das Feuer,</p>
- <p class="verse">Mit dem drei Zaren einst mein Sang</p>
- <p class="verse">Zu Ruhm und Preis erklang.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird
-nicht lügen. Während seines ganzen Lebens hat er diese
-Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt und so hat er
-sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch
-bis übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt
-es sich ja gar nicht. Woher stammt diese Liebe? Das
-ist hier die Frage. Daß sie im ganzen Volke, in einem
-dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der
-Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut
-in sich vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte
-des Problems. Der ganze, der vollkommene Dichter
-gibt sich nie an eine Sache hin, ohne sich vorher Rechenschaft
-über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu
-haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen
-Lichte seiner Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz
-eines Ohres ist, das die kommenden Dinge und Ereignisse
-vernimmt, und der von dem Streben beseelt wird,
-die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer
-einzigen, oder etwa bloß von zwei Seiten und nicht von
-allen vier Seiten sehen, in ihrer ganzen Vollkommenheit
-und Vollständigkeit nachzuschaffen, er konnte nicht
-anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem
-Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher
-Weisheit hat Puschkin die Bedeutung des unumschränkten
-Monarchen gekennzeichnet! Wie klug war überhaupt
-alles, was er während seiner letzten Lebensjahre gesagt
-hat: &bdquo;Warum,&ldquo; so pflegte er zu sagen, &bdquo;warum muß
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-einer von uns höher als alle, ja selbst noch über dem
-Gesetze stehen? Darum, weil das Gesetz ein Stück Holz
-ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas Kaltes,
-Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche
-fehlt. Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes
-allein kommt man nicht weit; und doch darf keiner
-von uns es verletzen oder umgehen; dazu bedarf es eben
-der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich
-für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt
-verkörpern kann. Ein Staat ohne souveränen
-Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel, wenn
-er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und
-was sind die Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes.
-Die Menschen dort sind so hohl und so leer
-geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind.
-Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem
-Orchester ohne Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen
-noch so tüchtig sein; wenn es an einem Manne fehlt,
-der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes lenkt
-und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird
-nie ein gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint
-zwar selbst gar nichts zu tun, er spielt auf keinem
-Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen kaum
-merklich hin und her, und hält Überschau über alle
-Musiker, und doch genügt ein Blick von ihm, um hier
-oder dort den rauhen, häßlichen Ton einer täppischen
-Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In
-seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht,
-sich allzu frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen;
-er wacht über der allgemeinen Ordnung, er belebt
-alles, er, der Herr und Stifter höchster Eintracht
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-und Harmonie!&ldquo; Welch tiefes Verständnis besaß er für
-die großen, ewigen Wahrheiten!
-</p>
-
-<p>
-Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen
-Monarchen hat er ja auch, wenigstens zum Teil in einem
-seiner Gedichte zum Ausdruck gebracht, das du übrigens
-selbst unter seinen nachgelassenen Werken abgedruckt hast.
-Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und
-die Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht
-verstanden. Ich will dir hier des Rätsels Lösung geben.
-Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus, die unter
-dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr
-Ursprung ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine
-Abendgesellschaft statt, eine von jenen Gesellschaften, zu
-denen, wie bekannt, nur wenige Auserwählte aus unserer
-Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen befand sich
-an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits
-in den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte
-lange Zeit nicht erscheinen. Er hatte sich in den andern
-Flügel des Schlosses zurückgezogen, die erste freie
-Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die
-Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in
-die Lektüre versenkt, während im Saale schon längst die
-Musik schmetterte und die Tänze hin und her wogten.
-Er erschien erst ziemlich spät beim Ball, während auf
-seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke nachzitterten.
-Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller
-Stimmungen wurde von keinem beachtet; auf Puschkins
-Seele aber machte es einen tiefen Eindruck; die Frucht
-dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode, die ich hier
-noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige
-Strophe:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
- <p class="verse">Lang hieltest Zwiesprach&rsquo; du mit dem Homer allein,</p>
- <p class="verse">Lang harrten wir auf dein Erscheinen,</p>
- <p class="verse">Und aus der Ätherhöh&rsquo; stiegst du im Strahlenschein,</p>
- <p class="verse">Durch das Gesetz uns zu vereinen.</p>
- <p class="verse">Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl</p>
- <p class="verse">Dir gotteslästerliches Singen</p>
- <p class="verse">Beim wüsten Zechgelag&rsquo;, du sahst uns blind und toll</p>
- <p class="verse">Um unsern neuen Götzen springen.</p>
- <p class="verse">Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen</p>
- <p class="verse">In deinem Blick voll Hoheitsschimmer;</p>
- <p class="verse">Und da verfluchtest du den kindisch blöden Wahn,</p>
- <p class="verse">Schlugst deine Tafeln jäh in Trümmer.</p>
- <p class="verse">Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Höhen wolkenfern</p>
- <p class="verse">Stiegst du ins Tal, das wolkenlose.</p>
- <p class="verse">Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern</p>
- <p class="verse">Dem Bienensummen um die Rose.</p>
- </div>
- <div class="stanza trn">
- <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Aber lassen wir die Person Nikolaus&rsquo; II. beiseite und
-sehen wir zu, was der Monarch im allgemeinen als
-Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die Pflicht hat, das ihm
-anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in dem
-Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht
-hatte, ihn mit dem alten Freunde Gottes, mit Moses
-zu vergleichen? Der Mensch, auf dessen Schultern
-das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt
-ist, der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für
-sie, die er Gott gegenüber auf sich genommen hat,
-von jeder Verantwortlichkeit vor den Menschen befreit
-ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung
-leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-und so schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief
-unten stehender Mensch nicht einmal vorzustellen vermag,
-dem inmitten aller Sinnengenüsse und Zerstreuungen
-die ewige, nie verstummende Stimme Gottes in den
-Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht,
-der darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses
-verglichen werden, der darf, wie er, seine Tafeln in
-Trümmer schlagen und das leichtsinnige, gaukelnde
-Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben,
-wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte,
-unruhig und eitel um seine von ihm selbst geschaffenen
-Götzen springt. Aber was Puschkin so tief bewegte, das
-war neben allem andern jene höchste Bedeutung der
-Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche
-der Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies
-Flehen war kein Schrei nach der ewigen Gerechtigkeit,
-vor der kein Mensch dieser Erde zu bestehen
-vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen,
-göttlichen Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere
-Pflichtvergessenheit, unser ungeduldiges Murren und
-unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles, was ein
-Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger
-alle Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns
-allen entfernte und sich über alles Irdische erhob, um
-sich gerade dadurch allen um so mehr zu nähern, allen
-gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen herabzusteigen
-und allem verständnisvoll zu lauschen: vom
-Donner des Himmels und der Lyra des Dichters bis
-herab zu unseren unscheinbarsten Freuden und Vergnügungen.
-</p>
-
-<p>
-Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht,
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-nachdem er sich selbst die Frage gestellt hatte, was
-denn diese Macht eigentlich sei, vor der Größe und Erhabenheit
-der sich seinem Geiste aufdrängenden Antwort
-in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im
-Auge zu behalten, daß das derselbe Dichter ist, der
-so ungeheuer stolz auf die Unabhängigkeit seines Geistes
-und auf seine persönliche Würde war. Niemand hat so
-gesungen wie er:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein Denkmal hab&rsquo; ich mir errichtet ohnegleichen;</p>
- <p class="verse">Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad,</p>
- <p class="verse">Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen,</p>
- <p class="verse">Die sich Napoleon errichtet hat<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>.</p>
- </div>
- <div class="stanza trn">
- <p class="verse"><span class="line1">(Nach Fiedler.)</span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-An den &bdquo;Ruhmeszeichen Napoleons&ldquo; bist freilich du
-schuld, aber selbst wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen
-Fassung erhalten geblieben wäre, sie wäre dennoch
-ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß
-Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen
-gekrönten Häuptern überlegen fühlte, doch tief im
-Innern empfand, wie klein und gering sein Beruf
-im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und
-daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter
-ihnen zu beugen, die der Welt die ganze Größe und
-Erhabenheit ihres Amtes vor Augen geführt haben.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen
-durchschaut, indem sie erkannten, daß sie unweigerlich
-zuletzt ganz in der reinsten <em>Liebe</em> aufgehen, und
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-daß es so allen offenbar werden müsse, warum der
-Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes
-Land vorerst nur instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des
-Herrschers wird allmählich auch in Europa in derselben
-Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin,
-in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem
-Volk zu erwecken. Schon vernimmt man den Schrei
-der Seelennot, an der die ganze Menschheit und beinahe
-jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten
-winden sich alle in ihrem Schmerz und
-wissen sich selbst nicht zu helfen: jede äußere Berührung
-ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein; jedes Mittel,
-jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen
-rauh und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser
-Schrei wird schließlich so laut werden, daß selbst das
-gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen wird, und
-ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten
-Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe
-wachrufen, wie sie bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann
-wird der Mensch von Liebe zu allem, was menschlich
-ist, entbrennen &mdash; von einer gewaltigen Liebe, wie er
-noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns
-gewöhnlichen Menschen aber wird keiner die ganze Kraft
-dieser Liebe in sich verwirklichen können, sie wird eine
-Idee, ein Gedanke bleiben und nie ganz zur Tat werden;
-nur die können völlig von ihr durchdrungen werden,
-denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt
-ward, alle Menschen zu lieben, wie wenn sie ein einziger
-Mensch wären. Wenn so der Fürst von Liebe für
-jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und
-Stand ergriffen werden, und alles, was da lebt,
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-gleichsam zu seinem eigenen Fleisch und Blut machen
-wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden, Tag
-und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen
-und für es beten wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige
-Stimme der Liebe lebendig werden, die der leidenden
-Menschheit allein verständlich ist, die ihre Wunden nicht
-schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen
-Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen
-wohlgeordneten Chor harmonisch zusammenklingender
-Stimmen verwandeln kann. Nur da wird ein Volk ganz
-gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen
-wird &mdash; ein Abbild Dessen auf Erden zu sein,
-Der selbst die Liebe ist. In Europa ist es niemand in
-den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung, die höchste
-Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner,
-die Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer
-nur die eine Seite der Sache in Betracht gezogen, nämlich
-die, daß der Monarch der höchste Beamte des
-Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und
-daher wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution
-verhalten sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen
-sollen], wenn die sich täglich ändernden Umstände
-es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu erweitern
-oder zu beschränken; dadurch aber wird dort
-der Fürst seinem Volk und umgekehrt das Volk seinem
-Fürsten gegenüber in eine sonderbare Lage versetzt; beide
-betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei Gegner, von
-denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich
-reißen will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht
-die Rechtsgelehrten die höchste Bestimmung des Monarchen
-erkannt; &mdash; die Dichter haben Gottes Willen mit
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische
-Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu
-begründen, daher nehmen ihre Töne einen biblischen
-Charakter an, sobald ihr Mund das Wort &bdquo;Zar&ldquo; ausspricht.
-Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter
-sind, weil jede Seite unserer Geschichte zu deutlich
-von dem Willen der Vorsehung spricht: diese monarchische
-Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und vollkommensten
-Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die
-sich von der Invasion der Tataren ab in unserem
-Vaterlande abgespielt haben, zielen deutlich darauf hin, alle
-Macht in der Hand eines einzigen zu vereinigen, um
-diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen
-Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle
-aufs tiefste zu erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von
-uns mit jener höheren Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne
-die der Mensch sich selbst nicht verstehen, sich nicht selbst
-das Urteil sprechen, und nicht den Kampf gegen Unwissenheit
-und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie
-ihn der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat;
-auf daß nachher, wenn jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung
-erfaßt und alles sich seiner Kraft bewußt
-ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte
-in der Hand voraustragend, sein ganzes von <em>einem</em>
-Geiste beseeltes Volk mit sich reißen und jenem höchsten
-Lichte entgegenführen könne, nach dem sich Rußland
-so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare
-Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen
-gesenkt ward, noch ehe sich dem Herrscher selbst und
-seinen Untertanen die volle Bedeutung dieser monarchischen
-Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches Geschlecht
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie
-das der Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein
-hohes Werk der Liebe. Der letzte und geringste der
-Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben und
-hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit
-diesem reinen Opfer ein unzerreißbares Band zwischen
-dem Herrscher und seinem Volk gestiftet. Die Liebe ist
-uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat eine
-tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem
-Zaren erzeugt. [Und so haben sich Herrscher und Untertanen
-miteinander verschmolzen und sind so sehr eins
-geworden, daß es uns allen heute als ein großes Unglück
-erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan
-vergessen und sich von ihm abwenden oder der
-Untertan seinen Herrscher vergessen und sich von ihm
-lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes
-gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern
-Fürstengeschlechts zum Ausdruck! Wie unbegreiflich
-ist diese Erhebung eines ganz unbekannten Jünglings
-auf den Thron, wo doch Männer aus den
-ältesten Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle
-Männer, die ihr Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski,
-ein Trubetzkoi oder endlich eine Reihe von Fürsten,
-die in direkter Linie von Rjurik abstammten, daneben
-standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen,
-und es erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht
-<em>einer</em> wagte es, seine Rechte geltend zu machen! Und
-solches geschah in jener finsteren Zeit der Wirren, wo
-jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von Anhängern
-um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt?
-Einer, der in weiblicher Linie ein Verwandter
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-jenes Zaren war, der noch vor kurzem die Erde
-in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter
-den Bojaren, denen er nachgestellt und die er verfolgt
-hatte, sondern auch im Volk, das kaum etwas von ihm
-zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort im
-Schwange blieb: &bdquo;Der Kopf war gut, gottlob, daß
-er in der Erde ruht.&ldquo;] Und trotz alledem beschlossen alle,
-von den Bojaren bis zum letzten Habenichts herab einstimmig,
-daß der Thron ihm gehören solle. Solche
-Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben,
-daß die Lyrik unserer Dichter, die doch die wahre ganze
-Bedeutung des Königs aus den Büchern des Alten
-Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen
-Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich
-äußern sehen konnten &mdash; wie kannst du glauben,
-daß die Lyrik unserer Dichter nicht voller biblischer Anklänge
-sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte
-nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu
-verleihen: dazu bedarf es einer vollen und festen, aus
-der Vernunft stammenden Überzeugung, und nicht allein
-eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls; sonst müßten
-ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in
-deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem
-Gefühl deiner liebenden Seele hingabst. Nein, es ist
-etwas Starkes, Hartes, ja fast zu Starkes in unseren
-Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht besitzen.
-Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch
-nicht, daß es überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt
-doch berücksichtigen, daß du ja nicht alle Züge des
-russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben sich
-viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-stark in die Breite entwickelt, daß sie den andern keinen
-Raum zum Wachstum ließen, und so stellst du eigentlich
-eine Ausnahme von jenem allgemeinen russischen
-Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und
-zarten Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene
-starken und satten Züge dagegen, bei denen den ganzen
-Menschen etwas wie ein Schauder und Schrecken überläuft,
-sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der
-Quell und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede
-ist. Diese Lyrik vermag sich für nichts mehr zu begeistern,
-als für ihren höchsten Quell, d. h. für Gott allein.
-Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die
-vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an,
-wenn es nicht den Abdruck des Göttlichen an sich trägt.
-Wer nur ein Fünkchen von dieser lyrischen Stimmung
-besitzt, der besitzt trotz aller Unvollkommenheiten und
-Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel, vor
-dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen
-läßt, was einem Dank oder einer Anerkennung von
-seiten der Menschen ähnlich sieht. Seine eigene edelste
-Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen
-Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste
-über jeden Lohn erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins
-Tode hat man Näheres über seine wahren Beziehungen
-zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis,
-das zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden.
-Er hat bei Lebzeiten nie mit jemand von den
-Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten, und er hat klug
-daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem
-vielen kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener
-Reklameartikel, in denen man Pomaden usw. anpreist, und
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-nach all den heftigen ungezogenen und zornigen Ausfällen
-aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz aufgehört
-hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen
-zu glauben &mdash; war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten:
-man hätte ihm am allerehesten den Vorwurf
-der Bestechlichkeit gemacht und ihn verdächtigt, daß er sich
-von Habgier und von einem selbstsüchtigen Interesse leiten
-lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem
-Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in
-ganz Rußland finden, der es wagt, Puschkin einen
-Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst irgendeines
-Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum
-eines hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder,
-auch der nicht fähig ist, mit seinem eigenen Verstande
-in das Wesen der Sache einzudringen, doch an sie glauben
-und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich
-sagen: &bdquo;wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das
-sicherlich die lauterste Wahrheit.&ldquo;] Die königlichen Hymnen
-unserer Dichter haben selbst Ausländer durch ihre erhabene
-Form und ihren hohen Stil in Staunen gesetzt.
-Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen
-darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem
-Augenblick ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert
-gegen uns und ganz Paris über uns empört war. Trotzdem
-aber hat er feierlich erklärt, daß in den Oden und
-Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines,
-sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar
-danach hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute
-gefallen wollte, seine Ehrfurcht vor dem vornehmen
-edlen Charakter unserer Schriftsteller ausgesprochen.
-Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen wirklich
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken
-klarsten Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie
-uns oft ihre geistigen Porträts hinterlassen, die freilich
-den Eindruck einer Selbstverherrlichung machen würden,
-wenn nicht das ganze Leben des Dichters eine Bestätigung
-ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine Zukunft
-denkt, sagt er
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und meinem Volke bleib&rsquo; ich lange lieb und teuer,</p>
- <p class="verse">Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt,</p>
- <p class="verse">In grauser Zeit durchglüht sein Herz mit Freiheitsfeuer</p>
- <p class="verse">Und den Gefallnen nie verdammt.</p>
- </div>
- <div class="stanza trn">
- <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort
-zu erkennen, wie treu dies Porträt ist. [Wie lebhaft
-konnte er werden, wie konnte er sich begeistern, wenn
-es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten
-zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu
-reichen. Wie ungeduldig wartete er auf den Augenblick,
-wo der Zar ihm gnädig gestimmt war &mdash; nicht etwa,
-um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen
-&mdash; nein, um ein Wort für einen Unglücklichen oder
-Gefallenen einzulegen. Ein echt russischer Zug.] Denke
-nur an jenes rührende Schauspiel, wenn das ganze Volk
-zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien
-antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt!
-der eine Speise und Trank, der andere etwas
-Geld, ein dritter ein christlich mildes Trostwort. Da
-gibt es nichts von Haß gegen den Verbrecher, auch
-nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden
-machen will, sich seine Unterschrift oder ein Bild von
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-ihm zu verschaffen sucht, oder ihn neugierig anstarrt,
-wie dies wohl im aufgeklärten Europa vorkommt.
-Dies ist etwas Größeres: es ist auch nicht der Wunsch,
-ihn zu entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit
-zu entreißen; es ist der Wunsch, seinen sinkenden Mut zu
-heben, ihn zu trösten, wie ein Bruder den Bruder
-tröstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trösten.
-</p>
-
-<p>
-Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser
-Neigung, den Gefallenen wieder zu erheben. Daher
-pochte auch sein Herz so stolz und stürmisch, als er davon
-hörte, daß der Monarch nach Moskau kommen
-wolle, während dort die Cholera wütete. &mdash; Eine Regung
-wie diese hatte wohl noch kein Monarch gezeigt; und
-so konnte sie der Anlaß zu jenen wundervollen Versen
-werden:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Beim Himmel, wer so kalt und fest</p>
- <p class="verse">Dem schwarzen Tode kann begegnen</p>
- <p class="verse">Um andrer willen, ist ein Held.</p>
- <p class="verse">Ihn wird der Himmel ewig segnen,</p>
- <p class="verse">Wie auch der Spruch der blinden Welt</p>
- <p class="verse">Mag lauten ....</p>
- </div>
- <div class="stanza trn">
- <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug
-aus dem Leben eines anderen Monarchen: Peters des
-Großen, verherrlicht. Denke an das Gedicht: &bdquo;<em>Das Fest
-an der Newa</em>&ldquo;, wo er erstaunt fragt, was wohl
-der Anlaß zu jenem ungewöhnlichen lauten Jubel, jener
-Feier im Hause des Zaren sein mag, von der ganz
-Petersburg und die ganze Newa widerhallt, die vom
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Kanonendonner erschüttert wird. Er zählt alle Ereignisse
-auf, die das Herz des Zaren erfreut haben mögen und
-der Anlaß zu diesem großen Jubelfeste sein könnten;
-er fragt sich: ist dem Zaren ein Thronerbe geboren,
-feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag,
-triumphiert der Zar über einen unbesiegbaren Feind,
-oder ist die Flotte, für die der Zar eine besondere Leidenschaft
-hatte, im Hafen eingelaufen? Und er antwortet
-auf alle diese Fragen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Weil zum Feind er stieg hernieder</p>
- <p class="verse">Und begrub uralten Groll,</p>
- <p class="verse">Schäumen Becher, tönen Lieder,</p>
- <p class="verse">Ist der Zar so freudenvoll,</p>
- <p class="verse">Herrschet Jubel in den Hallen,</p>
- <p class="verse">Rauscht das Fest am Newastrand.</p>
- <p class="verse">Und Kanonenschüsse schallen</p>
- <p class="verse">Donnernd durch das weite Land.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Puschkin allein konnte die ganze Schönheit einer solchen
-Handlung empfinden. Seinem Untertan nicht nur
-vergeben können, sondern diese Tat, diesen Akt der
-Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg über einen
-Feind &mdash; das ist ein wahrhaft göttlicher Zug. Nur
-im Himmel ist man solcher Handlungen fähig. Nur
-dort ist mehr Freude über die Reue eines Sünders
-als über einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen
-Heerscharen nehmen an dem himmlischen Festmahle
-Gottes teil. Puschkin war ein Kenner alles
-Großen im Menschen, für das er ein tiefes Verständnis
-hatte, und wie hätte es auch anders sein können,
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-wenn die innere Vornehmheit ein charakteristischer Zug
-fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist höchst merkwürdig,
-daß die Schriftsteller in allen anderen Ländern
-wegen ihres persönlichen Charakters nicht die volle
-Achtung der Gesellschaft genießen. Bei uns ist es gerade
-umgekehrt. Bei uns wird selbst ein Mensch, der
-kein Schriftsteller, sondern ein bloßer Pfuscher ist, der
-nicht allein keine schöne Seele hat, sondern sich bisweilen
-sogar recht gemeine und niedrige Handlungen zuschulden
-kommen läßt, im Innern Rußlands durchaus nicht für
-einen gemeinen Menschen gehalten. Im Gegenteil, in
-allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den
-Schriftstellern hören, lebt etwas wie eine innere Überzeugung,
-daß der Schriftsteller ein höheres Wesen ist,
-daß er unbedingt ein edler Mensch sein muß, daß sich
-vieles für ihn nicht schickt und daß er sich manches
-nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer
-unserer Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat
-war, während der Wahlen zur Adelsversammlung seine
-Stimme einem Menschen, der kein ganz reines Gewissen
-hatte &mdash; da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn,
-tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: &bdquo;Und das will
-ein Schriftsteller sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-12">
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-<span class="line1">XI</span><br />
-<span class="line2">Diskussionen</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Brief an L***</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Streit um den Grundcharakter unserer europäischen
-und slawischen Natur, der, wie du sagst,
-bereits in unsere Salons einzudringen beginnt,
-beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen,
-aber noch nicht ganz erwacht sind; daher ist es gar nicht
-verwunderlich, daß auf beiden Seiten viel törichtes Zeug
-zusammengeredet wird. All diese Slawisten und Europäisten
-&mdash; Altgläubige und Neugläubige &mdash; Östlinge und
-Westlinge &mdash; (was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir
-nicht zu sagen, weil sie mir bis jetzt nur eine Karikatur
-auf das zu sein scheinen, was sie wirklich sein wollen) &mdash; sie
-alle sprechen von zwei ganz verschiedenen Seiten derselben
-Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar nicht
-widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum
-Streit für sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor
-einem Gebäude und sehen nur einen Teil von ihm, die
-andern stehen zu weit und sehen die ganze Fassade, können
-aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen. Natürlich
-ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen
-und Östlinge, weil sie ja doch die ganze Fassade sehen,
-und folglich vom Ganzen und nicht von den Teilen
-reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben
-bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-gewissen Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der
-Mauer reden, die sie unmittelbar vor Augen haben; ihr
-Fehler besteht nur darin, daß sie über dem Giebel, der
-diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau
-ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen
-Teile, nicht sehen. Man könnte den einen den Rat
-geben, doch, wenn auch nur für einen Augenblick,
-etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig
-zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen,
-weil der Geist des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder
-von beiden ist überzeugt, daß das Recht ganz und ausschließlich
-auf seiner Seite, und das Unrecht ganz und
-ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr
-Hochmut auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern,
-jeder von ihnen bildet sich ein, er habe Amerika entdeckt,
-und macht aus jeder Mücke, die er findet, einen Elefanten.
-Natürlich bringen sie mit solch trotzigen Großsprechereien
-die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles
-schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits
-mancherlei kennen lernen, wovon sie früher nie etwas
-gehört haben, und sich nur noch dagegen sträuben, weil
-sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern nachgeben
-wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander
-nicht gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons
-und die Zeitschriften beschränkten. Das Schlimme ist,
-daß zwei entgegengesetzte Anschauungen, die noch so
-wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe
-vieler Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen
-beginnen. Man hat mir erzählt, es käme vor &mdash; und dies
-sei besonders dort der Fall, wo ein Amt oder wo die Macht
-in den Händen zweier Personen liegt &mdash; daß ein Vorgesetzter
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und
-zu regieren sucht, während der andere ganz im altrussischen
-Geist zu wirken und alle alten Einrichtungen zu befestigen
-strebt, die in einem absoluten Gegensatz zu denen
-stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und daraus
-erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten,
-nur Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen
-sollen. Und da beide Ansichten, trotzdem sie so
-extrem sind, noch keinem völlig klar sind, machen sich,
-wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze.
-Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich,
-sei es unter der Maske eines Slawophilen oder Europaschwärmers
-&mdash; wie sich&rsquo;s trifft &mdash; d. h. je nachdem was
-dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches
-Pöstchen zu ergattern und dort entweder als Verteidiger
-der alten Sitten oder als Vorkämpfer einer neuen Ordnung
-allerhand Durchstechereien zu verüben.] Diese
-Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der
-sich klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag
-sich doch die Jugend zuerst gründlich austoben: das ist
-ihre Sache. Glaube mir, es ist nun einmal so und
-muß auch so sein, daß sich die größten Schreier gründlich
-sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen
-einmal gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam
-zu, wenn sich die Menschen um dich herum
-streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit.
-Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr
-vernünftig, und ich bin sogar überzeugt, daß du dies
-besser machen wirst, als ein großer Schriftsteller. Nur
-um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur in
-Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-bewahre dich vor jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei
-dem unbedeutendsten Ausdruck. Zorn ist nie am Platze,
-am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr gutes
-Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk,
-daß du kein Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann
-in vorgeschrittenem Alter bist. Einem jungen Mann
-stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu zürnen:
-wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher
-Leute etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann
-heftig wird, wird er ganz einfach häßlich und wird von
-den jungen Leuten verspottet und lächerlich gemacht.
-Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: &bdquo;Dieser
-häßliche, alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er
-auf der Bärenhaut gelegen und nichts getan und nun
-tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten Vorwürfe
-wegen ihres schlechten Lebenswandels.&ldquo; Aus dem Munde
-eines alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute
-und polternde Worte kommen. Ein Geist reinster Milde
-und Sanftmut muß die hohen Reden des Greises durchwehen,
-so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung
-finden und das Gefühl haben, daß jede Rede
-hier unziemlich wäre und daß ein ergrautes Haupt etwas
-Ehrwürdiges habe.
-</p>
-
-<p class="year">
-1844.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-13">
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-<span class="line1">XII</span><br />
-<span class="line2">Der Christ schreitet vorwärts</span><br />
-<span class="line3">An Schtsch&mdash;w</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> Freund! Halte dich nicht für mehr, als
-für einen Lehrling und für einen Schüler.
-Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um
-noch zu lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon
-die rechte Reife und den höchsten Grad der Entwicklung
-erreicht und daß dein Charakter und deine Seele schon
-ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr
-besser werden können. Für einen Christen gibt es keine
-vollendete Lehrzeit, er bleibt ein ewiger Lehrling, ein
-Schüler bis zum Grabe. Nach dem gewöhnlichen Lauf
-der Dinge erreicht der Mensch seine höchste Verstandesreife
-mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und
-vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein
-wenig aufwärts; jenseits dieser Altersgrenze aber gibt
-es kein Fortschreiten mehr und wird alles, was der
-Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser, sondern
-sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht
-hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen,
-und wo für die andern die Grenze der Vollkommenheit
-liegt, da beginnt der Weg erst für den Christen. Die
-begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie
-das vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde
-und schwach. Nimm alle Philosophen und die größten
-weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit fällt in die
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt
-ihr Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie
-sogar häufig in Kindheit zurück. Denke zum Beispiel
-an Kant, der während seiner letzten Jahre fast gänzlich
-das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb.
-Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst
-sehen, daß sie an Verstand und Geisteskräften erstarkten,
-je gebrechlicher sie wurden und je mehr sie sich dem
-Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von Natur
-keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren
-und ihr ganzes Leben lang für einfältig und dumm
-galten, setzten die Menschen später durch die Weisheit
-ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl?
-Weil sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die
-jeder andere Mensch nur während seiner Jugendjahre
-besitzt, wenn er von Heldentaten träumt, denen der
-Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in
-rosige Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes
-haben. Versinken aber diese Fernen erst einmal
-und mit ihnen die Heldentaten &mdash; so erlischt auch
-die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber
-strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets
-unvergängliche Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling
-sehnt er sich nach den Kämpfen des Lebens; ihm fehlt
-es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und
-anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter
-Blick, der immer an Schärfe und Klarheit zunimmt,
-ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen und Fehler
-aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher
-können auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder
-schwächer werden, sie werden vielmehr unaufhörlich geweckt,
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-und der Wunsch, besser zu sein und sich den
-himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn,
-wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in
-seiner unersättlichen Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund,
-weswegen der Christ noch weiter fortschreitet, wenn die
-andern Menschen bereits Rückschritte machen, und warum
-er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet.
-</p>
-
-<p>
-Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in
-uns. Er hat lediglich polizeiliche Funktionen; er kann
-nur die Dinge ordnen und jedem Ding seinen Platz anweisen,
-das bereits in uns liegt. Er selbst aber schreitet
-nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in
-uns, aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen.
-Abstrakte Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium
-aller Wissenschaften tragen nur sehr wenig zu seiner
-Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie ihn sogar und
-hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er
-ist weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie
-die Leidenschaften in uns zu toben beginnen, wird
-er blind und töricht; ist unsere Seele dagegen ruhig und
-von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt auch
-er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft
-ist ein weit höheres Vermögen; aber sie wird nur
-durch den Sieg über die Leidenschaften erworben. Nur
-solche Menschen haben sie besessen, die ihre eigene Selbsterziehung
-nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft
-setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten
-und vorwärts zu streben. Es gibt ein noch
-höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und diese kann
-uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem
-von uns bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-keinem von uns angeboren, sondern ist ein Geschenk der
-höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon Verstand
-und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch
-erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in
-heißem Gebet bittet, sie ihm herabzusenden, daß er seine
-Seele bis zur reinsten unschuldigsten Güte und Milde
-erhebt und alles in sich nach bestem Vermögen reinigt
-und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in
-sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen
-noch keine Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und
-wo noch nicht alles ganz einträchtig und harmonisch zusammenklingt.
-Wenn jedoch die Weisheit das Haus betritt,
-dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen,
-und er lernt die ganze wundersame Süßigkeit
-kennen, die darin liegt, ein Schüler zu sein; die ganze
-Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter den Menschen
-kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten
-Rat weiß er die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen;
-das törichteste Ding wendet ihm seine tiefste, klügste
-Seite zu, und das ganze Weltall liegt vor ihm, wie ein
-offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle andern
-wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als
-den andern wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß
-er ein Schüler ist. Sollte ihn jedoch auch nur für
-einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine Lehrjahre
-beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er
-sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt
-fühlen, so wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen
-werden, und er wird im Dunkeln zurückbleiben, wie
-König Salomon in seinen letzten Tagen.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-14">
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-<span class="line1">XIII</span><br />
-<span class="line2">Karamsin</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Brief an N. M. Jasykow</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins
-geschrieben hat, mit großem Vergnügen
-gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl
-der Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch
-<a id="corr-5"></a>der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen
-Ausfälle fehlen hier ganz, und auch der Stil hat nichts
-von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr schadet.
-Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt,
-geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus
-Karamsin sind so klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen
-ganz durch sich selbst beleuchtet wird,
-er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich
-mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit
-dem Leser lebendig vor Augen. Denn Karamsin ist in
-der Tat eine außergewöhnliche Erscheinung. Unter unseren
-Schriftstellern ist er sicherlich der, von dem man mit
-dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe
-ganz erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben
-und für die fünf Talente, die ihm verliehen waren, noch
-fünf neue hinzuerworben! Karamsin war der erste, der
-den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei uns
-unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster
-Bürger unseres Staates geachtet werden kann.
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Er hat zuerst feierlich verkündet, daß die Zensur einem
-Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß sie,
-wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen
-Streben nach dem Guten beseelt sei, daß dieses Streben
-seine ganze Seele erfüllt, ihm in Fleisch und Blut
-übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist,
-nie zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er
-überall Freiheit genießen könne. Er hat das ausgesprochen
-und bewiesen. Kein Mensch hat eine so kühne
-und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum
-seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken
-brauchte, trotzdem sie durchaus nicht in allen Punkten mit den
-Anschauungen der damaligen Regierung übereinstimmten,
-und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er allein
-ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller!
-Und wie komisch erscheinen danach die unter uns,
-die da behaupten, man könne in Rußland nie die ganze
-Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn im Auge!
-Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus,
-daß sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch
-die hochmütigen Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit
-zum Ausdruck bringen, und deren maßlose Heftigkeit
-nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten verworrenen
-Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich
-noch und sind sie empört, daß niemand ihre Wahrheit
-anerkennen und anhören will! Nein, man muß
-ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin,
-dann erst hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden:
-dann werden uns alle anhören, vom Zaren bis
-herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird uns
-mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-in keinem Lande der Welt einem parlamentarischen
-Redner und Verteidiger der Bürgerrechte und keinem der
-hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite
-der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit
-solch einer Liebe und Hingebung vermag eben nur unser
-herrliches Rußland zuzuhören [von dem man sich erzählt,
-daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt].
-</p>
-
-<p class="year">
-1846
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-15">
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-<span class="line1">XIV</span><br />
-<span class="line2">Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von der Einseitigkeit überhaupt</span><br />
-<span class="line3">An den Grafen A. P. T...</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst
-seit kurzer Zeit so einseitig geworden; und Sie
-sind es nur deshalb geworden, weil ein Mensch,
-der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie
-sich jetzt eben befinden, nicht anders als einseitig werden
-kann. Sie denken nur noch an das Heil und die
-Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den Weg
-nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist,
-Ihr Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt
-für sündhaft und für ein Hindernis auf dem Wege zu
-Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht strenger sein,
-als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das
-Theater ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin
-eine Stütze für Ihre Ansicht, daß auch einige Geistliche,
-die Sie kennen, gegen das Theater eifern: und sie
-haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken
-Sie einmal etwas tiefer darüber nach: <em>sind Sie
-wirklich</em> gegen das Theater oder nur gegen jene
-Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die Kirche
-wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum
-überall zur Annahme gelangt war, gegen das
-Theater, das war zu einer Zeit, als das Theater noch der
-einzige Zufluchtsort des von überall vertriebenen Heidentums
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale war.
-Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so
-mächtig gegen das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben
-sich geändert. Die ganze Welt hat sich erneut durch
-das Heraufkommen junger und frischer europäischer Völker,
-deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher
-Grundlage begann, und nun waren es die heiligen
-Männer selbst, die das Theater wieder begründeten und
-einführten: an den geistlichen Akademien wurden Theater
-gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit
-Recht zu den heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete
-selbst Stücke, die zur Aufführung bestimmt waren.
-Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater. Man
-kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen
-schlechten Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig.
-Man muß einem Ding jedoch stets auf den Grund
-gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und es
-nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm
-hergestellt wurden. Das Theater ist durchaus keine
-geringe Sache und keine unwichtige Angelegenheit, wenn
-man berücksichtigt, daß es eine große Menge von fünf-
-bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen Räumen
-aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze
-Menge, in der die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander
-gemein haben, plötzlich von einer großen Erschütterung
-ergriffen werden, in einem einzigen Augenblick
-in <em>einen</em> Strom von Tränen oder in ein einziges
-allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein
-Katheder, von dem aus man der Welt sehr viel Gutes
-sagen kann. Sie müssen freilich einen Unterschied machen
-zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren Theater
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen
-und all jenem Flitter und falschen Prunk der
-Ausstattungsstücke, die nur für das Auge berechnet
-sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem
-korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das
-eigentliche Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem
-hohe Tragödien und Komödien aufgeführt werden, muß
-in völliger Unabhängigkeit von allen anderen Künsten
-dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare
-mit Tänzern und Tänzerinnen in weißledernen Hosen
-unter einen Hut bringen zu wollen. Welch eine Kombination!
-Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist
-der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas
-hat man das begriffen: dort gibt es eigene Theater
-für die Werke der höheren dramatischen Kunst, und
-nur diese Theater werden von der Regierung subventioniert.
-Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken,
-ob es nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen
-Kunst so zur Aufführung zu bringen, daß das
-Publikum auf sie aufmerksam würde und daß die wohltätige
-moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern
-ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare,
-Sheridan, Molière, Goethe, Schiller, Beaumarchais, sogar
-Lessing, Regnard und viele andere unter den Dichtern
-zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert
-haben nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte,
-unsere Achtung vor den großen Gegenständen zu verringern;
-in ihren Dichtungen sind nicht die leisesten
-Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken
-der fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die
-sich mit politischen Fragen beschäftigten und die Saat
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-der Mißachtung gegen das Heilige ausstreuten. Wenn
-auch bei jenen einmal Hohn und Spott aufblitzen, so
-richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung, Verdrehung
-der Wahrheit und niemals gegen das, was die
-Wurzel aller menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil,
-ihre Liebe für das Gute ist selbst dort noch streng und
-deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben funkelnder
-Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen
-dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft
-klassischen Stücke, die sich mit dem Wesen und mit der
-Seele der Menschen beschäftigen, müssen dazu führen,
-daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen und
-in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere
-unmerklich innerlich kräftigen und befestigen, während
-diese Flut von leichten und nichtssagenden Stücken, von all
-diesen Possen und schlecht durchdachten Dramen bis hinauf
-zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und
-zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig
-macht. Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen
-glänzender Gegenstände in Anspruch genommen
-wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen ablenken
-und zerstreuen, wird Christus nicht so bald
-auf ihrem Wege begegnen. Sie ist noch zu weit
-von den himmlischen Wahrheiten des Christentums
-entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor
-finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare
-Leiter reicht, die zum Christentum emporführt, und wenn
-man sie nicht auf einen höheren Platz geleitet, von dem
-aus sie den unendlichen Horizont des Christentums
-besser überschauen und alles besser erkennen kann, was
-ihr früher gänzlich unverständlich war. In der Welt
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-gibt es vielerlei, was allen, die sich vom Christentum
-entfernt haben, als Leiter dienen kann, die sie unsichtbar
-zum Christentum emporleitet, darunter auch das Theater,
-wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden
-könnte. Man müßte die vollkommensten Werke aller
-Zeiten und Völker in ihrer ganzen strahlenden Schönheit
-zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja
-so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und
-dasselbe Werk fortwährend wiederholen. Und das ist
-sehr wohl möglich. Man kann allen Stücken ihre Frische
-und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle interessieren,
-die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht,
-sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß
-sie veraltet sind und daß das Publikum den Geschmack
-an ihnen verloren hat. Das Publikum ist gar nicht so
-launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin
-man es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre
-üblen Melodramen vorsetzen würden, würde das Publikum
-auch keinen Geschmack an ihnen finden und nicht
-nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste
-Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird
-das Publikum in Scharen herbeiströmen. Molière wird
-ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare wird es mehr
-locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine
-solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein,
-und diese Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler
-und dem allerersten und tüchtigsten Schauspieler, der sich
-in der ganzen Truppe findet, anvertraut werden. Auch
-soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen, irgendeinen
-Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen,
-sondern er soll alles allein machen und allein über alles
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-verfügen. Es muß sogar besonders dafür gesorgt werden,
-daß die ganze Verantwortlichkeit ihm allein zufalle; man
-muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum sämtliche
-Nebenrollen &mdash; und zwar eine nach der anderen &mdash; spielen
-lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige
-Vorbilder vor Augen zu stellen; denn diese studieren ihre
-Rollen nach toten Vorbildern, die durch eine dunkle
-Überlieferung bis auf sie gekommen sind, sie schöpfen
-ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches
-lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung
-untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen
-Schauspieler kann das Publikum anlocken und es reizen,
-sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal nacheinander
-anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin
-oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher
-noch niemals gespielt haben! Wenn dann ein solcher
-erstklassiger Schauspieler auf seine alte Rolle zurückkommt,
-nachdem er sämtliche anderen Rollen gespielt hat, wird
-er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von
-seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben;
-das Stück aber wird durch diese Vollkommenheit der
-Darstellung &mdash; etwas bisher völlig Unerhörtes &mdash; für
-den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es
-gibt nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert,
-als jene vollkommene Ausgeglichenheit und
-Übereinstimmung aller Teile, wie sie ihm bisher nur in
-der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester
-entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu
-bringen vermag, daß ein Werk der dramatischen Kunst
-häufiger hintereinander gegeben werden kann, als die
-beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-die in Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele
-sind weit mannigfaltiger, als die Töne der Musik. Ich
-muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur dann möglich,
-wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt,
-wie es sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit
-für das Repertoire einem erstklassigen Schauspieler zufällt,
-d. h. wenn die Tragödien von dem ersten tragischen
-und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler
-inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung
-des Ganzen innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich
-weiß, wieviel Leute es bei uns gibt, die bei jeder Sache
-dabei sein wollen und sich überall herandrängen. Sowie
-irgendein Posten geschaffen wird, der mit irgendwelchen
-Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein
-Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher
-er plötzlich kommt, das weiß Gott allein: es ist, wie
-wenn er plötzlich aus dem Wasser emporgetaucht wäre;
-er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal zwei vier
-ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere
-und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann
-fängt er allmählich an, sich in alles hineinzumengen,
-bis schließlich alles in Unordnung gerät. Diese Sekretäre
-sind wie ein unsichtbarer Mottenschwarm; sie haben alle
-Berufe und Ämter unterwühlt, und das Verhältnis
-zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und
-den Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich
-verwirrt und verschoben. Wir haben uns erst neulich
-über alle Berufe und Ämter unterhalten, die es in unserem
-Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt innerhalb
-der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir,
-daß sie gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-gewissermaßen wie durch die Hand des Höchsten dafür
-geschaffen sind, um allen Bedürfnissen unseres Staatslebens
-zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem
-wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen
-andern darum zu wetteifern schien, die Grenze der ihm
-gezogenen Berufspflichten zu zerstören oder sich völlig
-über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz kluge und
-ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um
-ein Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer
-Tätigkeit überschreiten, weil sie glaubten, daß sie selbst und
-ihr Beruf hierdurch vornehmer und edler werden müßten.
-Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von den
-höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre
-aber haben wir vergessen, und gerade sie neigen
-am meisten dazu, die Grenzen ihres Berufs zu überschreiten.
-Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit zu
-leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen
-Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines
-solchen Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen
-bedarf und wo ihm diese Vermittlung übertragen wird, da
-beginnt er, wichtig zu tun; er tut dem Untergebenen
-gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre,
-er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang
-auf sich warten, kurz: statt den Untergebenen den
-Zutritt zu ihrem Vorgesetzten zu erleichtern, trägt er nur
-dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und dies alles
-geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines
-Sekretärs einen Schein von Vornehmheit zu geben.
-Ich habe sogar einige treffliche und gescheite Leute gekannt,
-die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in meiner
-Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-erröten mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken
-ein Stümper gegen sie. Dies alles wäre übrigens
-noch nicht so schlimm, wenn es nicht so viele traurige
-Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche
-Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten
-lediglich wegen der Niedertracht eines Sekretärs,
-der die gleiche Achtung für sich in Anspruch nahm, die
-sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich, wenn
-ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte,
-daß er ihn zu verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine
-schlechte Meinung von ihm beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten
-Mittel bediente, deren nur ein ehrloser Mensch
-fähig ist. In den Departements für die schönen Künste
-usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees
-oder eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze
-steht, und da gibt es meist keinen Sekretär, der die
-Rolle eines Vermittlers spielt: da hat er lediglich die Verfügungen
-anderer schriftlich zu fixieren oder er hat die Geschäftsführung
-und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen
-aber kommt es doch auch dort vor, daß er sich
-dort infolge der Trägheit der Mitglieder oder aus irgendeinem
-andern Grunde immer tiefer einnistet und die
-Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen
-Leiters an sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel
-los: der Zuckerbäcker fängt an Stiefel zu machen und
-der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler erhält
-Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren;
-es erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt
-nicht verstehen kann, wozu sie erlassen worden ist. Oft
-wundert man sich, wie ein Mensch, der doch bis dahin
-ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes Schriftstück
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran
-beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an
-die kein Mensch auch nur denken konnte, wie das Sprichwort
-sagt: Ein Schreiber hat&rsquo;s hingeschmiert, dem der
-Name Hündchen gebührt.]
-</p>
-
-<p>
-Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung
-und Ausführung in den Händen eines höchsten
-Meisters dieser Kunst liegen [und nicht in den Händen
-irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der Verwaltung
-des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte].
-Nur der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst
-erteilen, da er allein alles kennt, was dazu erforderlich
-ist, und kein anderer. Nur ein erstklassiger Schauspieler,
-der ein wirklicher Künstler ist, kann eine gute Auswahl
-von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen
-sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben
-geleitet werden müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige
-Leseproben und Probeaufführungen des ganzen Stückes
-zu veranstalten. Er wird es dem Schauspieler nicht
-einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu
-lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler
-das Ganze zusammen einstudieren und daß jeder seine
-Rolle ganz von selbst während der Proben lernt und
-im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände selbst,
-durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße
-Berührung mit ihm unwillkürlich den richtigen und
-seiner Rolle angemessenen Ton trifft. Dann kann auch
-ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen: solange
-die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können,
-können sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen.
-Hier erfüllt sich jeder, ohne selbst zu wissen,
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-wie es geschieht, mit Wahrheit und Natürlichkeit, sowohl
-in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton der
-Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist
-die Frage in einem geschwollenen hochtrabenden Ton
-gehalten, so wird auch die Antwort hochtrabend sein;
-stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort
-einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste
-Mensch ist imstande, eine passende Antwort zu geben.
-Aber wenn der Schauspieler seine Rolle zu Hause auswendig
-gelernt hat, dann wird seine Antwort geschwollen
-und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort
-wird er nie wieder loswerden können. Du wirst nie
-einen andern aus ihm machen, kein Wort, keinen Tonfall
-wird er von dem besseren Schauspieler lernen; die
-ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter
-denen sich der von ihm dargestellte Charakter bewegt,
-werden stumm für ihn bleiben, und auch das Stück
-wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er
-wird sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur
-ein Schauspieler, der ein wahrhafter Künstler ist, hat
-ein Gefühl für das Leben, das in einem Stück pulsiert,
-und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen
-Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden
-wird, nur er allein hat den richtigen Maßstab für
-die Veranstaltung der Proben, wie sie geleitet werden
-müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und wieviel
-Proben genügen, um das Stück dem Publikum in
-wirklicher Vollendung vorzuführen. Man muß es nur
-verstehen, diesen Schauspieler und Künstler dazu zu bewegen,
-daß er sich dieser Sache wie seiner eigensten
-intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen,
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-daß das seine Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen
-Kunst dies von ihm fordert &mdash; so wird er es tun, so
-wird er es durchführen, weil er seine Kunst lieb hat.
-Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen,
-daß auch der unbedeutendste Schauspieler seine
-Rolle gut spielt, und wird seine eigene Aufgabe in der
-strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er wird nie
-dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf
-die Bühne gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es
-nur darum zu tun ist, daß möglichst viel Geld in die
-Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird es nicht
-dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das
-Stück ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen
-Druck auf die ihm anvertrauten Schauspieler auszuüben,
-sie zu tyrannisieren und zu schikanieren, [wie das Leute
-aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht auf den
-Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies
-nicht erlauben. [Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär
-dagegen wird dreist und ruhig eine Gemeinheit begehen,
-da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was
-davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten
-zuschulden kommen läßt, weil er ja eine
-Null ist, die niemand beachtet. Wenn sich dagegen ein
-Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes zuschulden
-kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines
-Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer
-wichtig, daß bei jeder Sache die Hauptlast der Verantwortung
-auf einen Mann fällt, den bereits jeder
-in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler,
-der zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner
-Kunst lebt und aufgeht, dessen höchstes Lebenselement
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er wacht und
-die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das
-Theater eine Pflanzstätte des Lasters werde. &mdash; Also:
-die Schuld liegt nicht beim Theater. Man reinige das
-Theater erst einmal von all dem Schutt und Plunder,
-der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber
-urteilen, was das Theater ist. Ich habe hier nicht
-deshalb die Sprache aufs Theater gebracht, weil ich durchaus
-vom Theater sprechen wollte, sondern deshalb, weil
-man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf
-alle Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände,
-die darunter zu leiden haben, daß man ihre eigentliche
-Bedeutung verfälscht und verdreht, und da es ja überhaupt
-viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung
-haben, gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln
-oder, wie es im Sprichwort heißt, &bdquo;das Kind mit
-dem Bade auszuschütten&ldquo;<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> lieben, so wird vieles,
-was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte,
-vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker
-sind, sind ein Krebsschaden für die Gesellschaft;
-wehe dem Lande oder dem Staat, in dem solche
-Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen.
-Sie wissen nichts von christlicher Demut und von Zweifeln
-an sich selbst; sie sind fest davon überzeugt, daß
-die ganze Welt lügt und nur sie allein die Wahrheit
-reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein
-wenig mehr acht auf sich! Sie befinden sich gerade
-in diesem gefährlichen Zustande. Es ist ein Glück,
-daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie
-nicht mit der Verwaltung eines Amtes betraut sind:
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Sie, den ich als Menschen kenne, der dazu befähigt
-ist, die schwierigsten und verantwortlichsten
-Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil
-und Unordnung anrichten, als der unbegabteste von
-allen unbegabten Menschen. Nehmen Sie sich auch
-mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie
-nicht wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male
-alles, was es auf der Welt gibt, vernichten möchten,
-da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es ist ihr
-Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas
-Ähnliches hat sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet.
-Da sind plötzlich Leute erschienen und haben öffentlich
-in der Presse erklärt, Puschkin sei ein Deist und kein
-Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele hineingeblickt
-hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet
-gewesen wäre, in seinen Gedichten von den
-höchsten Dogmen des Christentums zu sprechen, wozu
-sich selbst ein Priester der Kirche nur mit großer Angst
-und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich durch
-einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet
-hat! Nach der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten
-und erhabensten Ideen des Christentums in Reimform
-bringen und sie wohl gar zu einer Art Versspiel
-machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es
-nicht wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins
-Innerste durchdrungen war, in Verse zu kleiden, und
-daß er es vorzog, allen denen, die sich bereits sehr weit von
-Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse zum Höchsten
-zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von
-Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen,
-dem Christentum völlig zu entfremden. Ich kann gar
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-nicht verstehen, wie es einem Kritiker auch nur einfallen
-konnte, in der Presse ganz offen und vor allen Leuten
-eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben,
-seine Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen,
-wo doch selbst die Zensur laut Vorschrift verpflichtet
-ist, wenn der Sinn eines Werks nicht ganz klar aus
-dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte
-und einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig
-für den Autor ist, und nicht eine falsche und gekünstelte,
-die dem Autor schaden muß. Wenn das sogar der
-Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm
-sein und schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit
-hat, sich vor dem Publikum zu rechtfertigen, um
-wieviel mehr muß sich die Kritik das zum Gebot machen,
-die selbst über die unbedeutendsten Motive und
-Handlungen Aufklärung geben und sich ihretwegen
-rechtfertigen kann! Öffentlich erklären, ein Mensch sei
-kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi, indem
-man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf
-beruft, daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen
-sei, wie doch jeder von uns ihnen erliegt &mdash; ist das
-etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns ist denn
-dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich
-auch dem Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ
-sei. Ich kann sagen, ein Christ könne nicht mit solcher
-Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um ein Urteil
-in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein
-kennt und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser
-Verstand nur bei einem ganz reinen heiligen Leben der
-vollen Klarheit teilhaftig und dazu befähigt wird, einen
-Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der Lebenswandel
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht so
-ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er
-sich entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens
-anzuklagen, wie des, er wolle Gott nicht in der Gestalt
-anerkennen, in der ihn uns Gottes Sohn selbst,
-der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, anzubeten
-geboten hat, &mdash; denn das ist eine furchtbare Beschuldigung.
-Er wird ferner erklären: in der Poesie ist noch
-vieles ein Geheimnis; es ist schon nicht leicht, über
-einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu fällen, und
-erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen
-Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch,
-der selbst etwas vom Geist der Poesie in sich trägt und
-beinahe ein dem Dichter selbst ebenbürtiger Dichter ist
-&mdash; wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk oder jede
-Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem
-Maße mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst
-ein umfassendes und endgültiges Urteil fällen darf.
-Kurz, der Christ wird in erster Linie Demut üben, die
-sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen
-kann, daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in
-Puschkin zu reden, deren Sinn noch dunkel ist und auf
-zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden kann, wird
-ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar
-sind, die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus
-seiner schwärmerischen Jugendzeit stammen. Er wird
-sein gewaltiges Gedicht &bdquo;An einen Kirchenfürsten&ldquo; anführen,
-in dem Puschkin von sich selbst redet und sagt: auch in den
-Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben
-dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick
-des Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
- <p class="verse">Da traf dein Wort mich wundereigen</p>
- <p class="verse">Mit überirdischer Gewalt,</p>
- <p class="verse">Und meine Finger ließen schweigen</p>
- <p class="verse">Die Saiten, die wie Hohn geschallt.</p>
- <p class="verse">Mein Herz in seinem tiefsten Horte</p>
- <p class="verse">Schlug reuekrank, gewissenswund;</p>
- <p class="verse">Beim Chrysam deiner duft&rsquo;gen Worte</p>
- <p class="verse">Ward es zu neuem Sein gesund.</p>
- <p class="verse">Aus deiner Geisteshöhe reichst du</p>
- <p class="verse">Mir deine Hand zur Stütze nun;</p>
- <p class="verse">Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du</p>
- <p class="verse">Den Sturm &mdash; und meine Sinne ruhn.</p>
- <p class="verse">Das ewig Wahre, ewig Schöne</p>
- <p class="verse">Durchflammt das Herz mir im Gebet;</p>
- <p class="verse">Stumm hört des Seraphs Harfentöne</p>
- <p class="verse">Im heiligen Schauder der Poet.</p>
- </div>
- <div class="stanza trn">
- <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen
-wird, der ein wahrhafter Christ ist! Dann wird seine
-Kritik einen Sinn erhalten und Gutes stiften: damit
-wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn sie
-wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all
-die verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen
-seiner Zeit umfaßte, Fragen, die noch so unklar und verworren
-sind, die uns so weit von Christus entfernen,
-wie selbst solch ein Mensch in seinen besten Momenten,
-in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung
-und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums
-über alles stellte. Was aber hat die Kritik jetzt für
-einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut sein,
-daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-und Argwohn gegen Puschkin in ihre Seelen
-sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den klügsten Menschen
-seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das
-Christentum negiert &mdash; einen Menschen, zu dem das
-geistige Rußland wie zu seinem Führer emporschaut,
-der alle andern Menschen weit hinter sich gelassen und
-überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter
-und unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher
-nicht gelingen konnte, einer solchen Lüge Eingang zu
-verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte hinterlassen,
-die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen,
-was hätte er anderes tun können, als Unglauben statt
-Glauben zu verbreiten?] So Schlimmes kann man anrichten,
-wenn man einseitig ist! Lieber Freund, Gott
-bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch
-überall nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner
-amtlichen Tätigkeit, in der Gesellschaft &mdash; kurz überall!
-Ein einseitiger Mensch ist von sich selbst überzeugt, ein
-einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger Mensch macht
-sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie
-das rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann
-kein wahrer Christ sein; er kann bloß ein Fanatiker sein.
-Einseitigkeit im Denken ist nur ein Zeichen dafür, daß
-der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist,
-daß er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum
-unserm Geist Vielseitigkeit verleiht. Mit einem
-Wort: Gott bewahre Sie vor der Einseitigkeit! Bewahren
-Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding
-und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich
-entgegengesetzte Seiten haben kann, von denen Ihnen
-eine noch nicht bekannt ist. Theater und Theater &mdash;
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim
-Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch
-was anders, ob man in Entzücken gerät, wenn eine
-Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst hoch in die Höhe
-schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen wird,
-wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde
-Rede die höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer
-Höhe steigert. Ein andres sind die Tränen, die ein
-fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem er sein
-Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich
-höre, heute auch solche Leute in Petersburg vergießen,
-die nicht Musiker sind, und ein andres sind die
-Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen, wenn
-er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis
-ins Innerste erschüttert wird und dann nach Verlassen
-des Theaters mit neuer Kraft, noch ganz unter dem
-Eindruck dieser Darstellung einer heroischen Handlung
-stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein
-Freund. Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu
-zerstören und zu vernichten, sondern um [nach dem
-eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken &mdash;
-selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum
-Bösen gewandt haben. Es gibt kein Werkzeug in der
-Welt, das nicht dem Dienste Gottes geweiht wäre. Alle diese
-Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen die Heiden
-ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des Königs
-David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in
-Israel herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß
-dieselben Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen
-waren, nun zu Seinem Preis und Ruhme tönten.
-</p>
-
-<p class="year">
-1845.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-16">
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-<span class="line1">XV</span><br />
-<span class="line2">Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit</span><br />
-<span class="line3">Zwei Briefe an N. M. Jasykow</span>
-</h2>
-
-<h3 class="no" id="chapter-16-1">
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-I.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ein</span> Gedicht &bdquo;Das Erdbeben&ldquo; hat mich entzückt.
-Auch Schukowski war ganz davon begeistert. Dies
-ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von
-deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische
-Gedicht. Welch eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis
-der Vergangenheit zu nehmen und in die Gegenwart
-zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter,
-der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von
-uns, was auch sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag,
-sie in diesem furchtbaren Jahr, wo die ganze Welt in
-ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst
-wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar
-machen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf.
-Deine an den Dichter gerichteten Worte:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und bring den angsterfüllten Menschen</p>
- <p class="verse">Gebete mit aus Bergeshöhn</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt
-sich das Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige
-Zeit bietet gerade dem lyrischen Dichter die
-günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire
-kann man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen
-und Nachbildungen der Wirklichkeit, wie sie sich
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-dem Auge moderner, weltlich gerichteter Menschen darstellt,
-kann man niemand aus dem Schlummer wecken:
-die heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden.
-Nein, finde in der Vergangenheit ein Ereignis, wie es
-sich auch heute ereignen könnte, führe es uns plastisch
-vor Augen und triff es im Angesichte aller mit deinem
-Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne
-Gottes getroffen ward; geißle die Gegenwart in der
-Vergangenheit, und eine doppelte Kraft wird von deinem
-Worte ausgehen: die Vergangenheit wird dadurch lebendiger
-werden, und wie ein Schrei wird dir&rsquo;s aus der
-Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament
-auf: du wirst jedes Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin
-wiederfinden; klarer wie der Tag wird&rsquo;s dir daraus
-entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott lag,
-und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht
-an ihr geschildert, daß die Gegenwart erbeben
-muß. Du besitzest alle Mittel und Fähigkeiten dazu:
-in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende
-Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen
-müssen erhoben werden, die andern bedürfen der Ermahnung
-und des Tadels. Alle die müssen erhoben
-werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken, die
-sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen
-ins Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des
-göttlichen Zornes und der unendlichen Leiden, die keinen
-verschonen, noch den Mut haben, sich wilden Ausschweifungen
-und einem schmählichen Jubel hinzugeben.
-Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben,
-wie die in die Luft geschriebenen Buchstaben,
-die während des Festmahls des Belsazar aufflammten
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe jemand
-ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch
-wünschest, daß dich alle noch besser verstehen, dann erfülle
-dich mit biblischem Geiste, laß dir von ihm gleichwie
-von einer Fackel voranleuchten und steige hinab bis
-in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff in
-ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe
-damit in uns das Gefühl für das, was unsere Schmach
-noch weit schmachvoller erscheinen läßt. Dein Vers wird
-nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du
-nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm
-Farben verleihen, er allein wird dich in die rechte Stimmung
-versetzen und dich mit Begeisterung erfüllen. Aus
-allen unseren Chroniken dringt er uns förmlich wie etwas
-Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch:
-&bdquo;Empfang beim Zaren&ldquo; in die Hand. Hier sind schon
-allein die Ausdrücke und die Namen der fürstlichen
-Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und Edelsteine ein
-wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit
-förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten
-unserer Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein
-Geschenk, da ist alles groß, kernig und gleich einer
-Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer als die
-Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt,
-deinen Vers mit solchen Worten zu schmücken, &mdash; wirst
-du den Leser völlig in die vergangenen Zeiten zurückversetzen.
-Als ich drei Seiten aus diesem Buche gelesen
-hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener vergangenen
-altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat
-andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen.
-</p>
-
-<p class="year">
-1844.
-</p>
-
-<h3 class="no" id="chapter-16-2">
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-II.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck
-deines bereits erwähnten Gedichts: &bdquo;Das Erdbeben&ldquo;.
-Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht liegen!
-Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich
-mit dem Geist des russischen Altertums und suche mit
-seinem Lichte in die Gegenwart einzudringen. Es gibt
-noch ungeheuer viel Gegenstände, die du bearbeiten
-solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst.
-Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner
-Poesie gesagt, sie entstamme einer Begeisterung, die kein
-Objekt hat. Es ist eine Schande, seine lyrische Kraft in
-blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie dir doch
-dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke
-wegzuwälzen. Blick&rsquo; um dich! alles ist jetzt Gegenstand
-für den lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt
-förmlich nach einem lyrischen Mahnruf, wo du hinblickst,
-überall siehst du jemand, der ermahnt oder ermutigt
-und ermuntert sein will.
-</p>
-
-<p>
-So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen
-Mahngedicht den Klugen ins Gewissen, die den Mut
-sinken ließen. Du wirst Eindruck auf sie machen, wenn
-du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d. h.
-wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem
-Trübsinn hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding
-ist, das zu nichts nütze ist, was auch immer die Ursachen
-der Trübsal und der Entmutigung sein mögen;
-denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-wirst den echten russischen Mann zum Kampf gegen
-Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit aufrufen und ihn über
-alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der Erde erheben,
-wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht
-und erhoben hast.
-</p>
-
-<p>
-Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch
-schlummernden schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett
-vom Ufer zu, auf daß er seine arme Seele rette. Schon
-hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird er
-ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten
-Schicht der Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht;
-schon locken ihn Diners, die Füßchen der Tänzerinnen,
-und schon sieht man ihn täglich einem betäubenden
-einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm
-unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch
-geworden und ist kaum noch etwas wie eine Seele in
-ihm. Schrei auf zu ihm wie aus tiefster Not; laß das
-Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie sie auf
-ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück
-Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und
-die uns keinen Fetzen eines Gefühls wieder zurückgibt.
-O wenn du ihm doch das sagen könntest, was mein
-Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme,
-den dritten Teil meiner &bdquo;Toten Seelen&ldquo; zu schreiben!
-</p>
-
-<p>
-Stell&rsquo; in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer
-neuesten Schlages, wie sie in unseren Tagen ihr Wesen
-treiben, an den Pranger: ihren verfluchten Luxus, ihre
-schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit ihrer
-Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte
-Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche
-Luft, die sie dort atmen; auf daß sie jedermann,
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-ohne sich umzusehen, meide und eilenden Fußes
-entfliehe, wie vor der Pest.
-</p>
-
-<p>
-Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen
-bescheidenen Arbeiter, der &mdash; ein Ruhm und eine Ehre
-des edlen russischen Wesens &mdash; mitten unter den waghalsigsten
-dreistesten Wucherern lebt und der in seiner
-Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort
-nicht, wo sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche
-ihn, seine Familie, sein edles Weib, das lieber
-selbst in einer altmodischen Haube einhergeht und sich
-dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr
-Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell&rsquo;
-ihre herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen
-aufstrahle wie ein Heiligtum, und daß einen jeden die
-Sehnsucht nach ihr ergreife.
-</p>
-
-<p>
-Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen,
-wie er nur aus russischen Landen hervorgehen kann,
-der plötzlich aus seinem schmählichen Schlummer erwacht,
-sich gänzlich verwandelt und mit einem Schlage ein anderer
-wird: der offen und vor aller Welt seine Schlechtigkeit und
-seine abscheulichen Laster verflucht und der gewaltigste
-Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig&rsquo; uns,
-wie sich diese ungeheure gewaltige Tat in der echten
-russischen Seele vollzieht, aber stell&rsquo; es so dar, daß die
-russische Seele in jedem von uns unwillkürlich erbebt
-und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände ausrufen
-muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen
-wird, daß auch er dasselbe vollbringen kann.
-</p>
-
-<p>
-Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für
-einen lyrischen Dichter &mdash; ein ganzes Buch würde kaum
-genügen, um sie aufzuzählen, geschweige denn ein Brief.
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Alle wahrhaften russischen Gefühle verkümmern, und es
-ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es schlummert
-unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut
-und unsere Entschlossenheit zur Tat, es schlummert
-unsere unerschütterliche Kraft und Stärke, es schläft
-unser Verstand, der völlig von den Interessen eines
-mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert
-wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung
-aufgedrängt worden und als Begleiterscheinung aller
-möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen bei uns
-eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und
-geh hin und rüttle auch die andern aus dem Schlummer
-auf. Wirf dich vor deinem Gott auf die Knie
-und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und
-Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich
-ist, und Liebe &mdash; für die arme Menschenseele,
-die alle mit Verderben bedrohen und die er selbst zugrunde
-richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du
-schon finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze
-werden aus deinem Munde zucken, wie aus dem der
-alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich ihnen
-zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit
-deines innersten Wesens machen, wenn du nur gleich
-ihnen Asche auf dein Haupt streuen, deine Kleider zerreißen
-und Gott weinend darum anflehen wirst, die
-Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung
-deines Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen
-wirst, wie sie die Errettung ihres von Gott
-erwählten Volkes herbeigesehnt haben.
-</p>
-
-<p class="year">
-1844.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-17">
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-<span class="line1">XVI</span><br />
-<span class="line2">Ratschläge</span><br />
-<span class="line3">An S. P. Schewyrew</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ndem</span> wir andre belehren, lernen wir selbst. Während
-dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch
-noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich
-genötigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten,
-wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie
-mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen
-nahe stehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen.
-Sie alle wandten sich, wie von einem
-dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat
-und Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe
-Verwandtschaft die Seelen der Menschen miteinander verbindet.
-Man muß nur selbst ernsthaft gelitten haben,
-um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu
-sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch:
-auch unser Verstand wird klarer; die Lage der Menschen
-und ihre Berufstätigkeit, in die man bisher keinen Einblick
-hatte, werden einem plötzlich deutlich und verständlich,
-und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf.
-Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe
-von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt
-waren, und daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte,
-die ich früher nie hätte erteilen können. Und dabei bin
-ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch.
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind
-und die sehr viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten
-als ich, aber sie tuen es dennoch nicht und wissen nicht
-einmal, wie man so etwas macht. Gott ist groß, und
-Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber
-macht Er uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir
-zu entfliehen suchen und vor dem wir uns verbergen.
-Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch Kummer
-und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben
-sollen, die wir aus keinem Buche zu lernen vermögen.
-Wer sich jedoch bereits ein solches Körnchen erworben
-hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es vor den
-anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht
-mehr unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht;
-und alle Gaben Gottes werden uns deshalb
-verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren Mitbrüdern
-dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend
-belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und
-stehe andern mit Rat und Belehrung zur Seite. Wenn
-du jedoch willst, daß das auch dir zugleich von Nutzen
-sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich
-es mir von nun ab für immer zum Gebot meines
-Handelns gemacht habe. Jeden Ratschlag und jede Belehrung,
-die du jemand erteilst, sei es selbst einem
-Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht
-und mit dem du nichts gemein haben kannst, richte zugleich
-an dich selbst, und was du dem andern geraten
-hast, das rate dir selbst; was du an einem andern zu
-tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum
-Vorwurf. Glaube mir, alles wird auch auf dich passen,
-und ich weiß nicht einmal, ob es einen Fehler gibt, den
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte, wenn man nur
-tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei zweischneidig.
-Selbst wenn du dich einmal über einen
-Menschen ärgerst und ihm zürnst, so zürne zugleich dir
-selbst, wenn auch nur deswegen, weil du einem andern
-zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen! Lasse
-dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung
-mußt du Egoist sein. Der Egoismus ist gar keine so
-häßliche Eigenschaft. Die Menschen hätten ihm bloß
-keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt
-dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere
-dich vor allem um dich selbst und dann erst um die
-andern; suche zuerst selbst besser und reineren Herzens
-zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern
-besser und reiner werden.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-18">
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-<span class="line1">XVII</span><br />
-<span class="line2">Über die Aufklärung</span><br />
-<span class="line3">An W. A. Schukowski</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder!
-Ich danke dir für alles. Am Grabe des Herrn
-will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft
-verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten,
-das du in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast.
-Glaube und laß dich nicht irremachen in deinem Herzen.
-Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so erscheinen,
-als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie
-kämest. Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen,
-und du wirst es dort ruhiger haben, als hier. Weder
-der sinnlose Lärm des leeren Weltgetriebes noch das ewige
-Wagengerassel wird dich beunruhigen; rücksichtsvoll wird
-man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst.
-Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um
-dich zu besuchen &mdash; ein alter Freund, oder ein Mensch,
-den du bisher noch nicht kanntest, so wird er dir zuvorkommen
-und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu
-machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu
-rauben. Bei uns versteht man sich darauf und weiß
-man sehr gut, wie man einen Menschen ehrt, der
-seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben
-so einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne
-seine Fähigkeiten einschlafen zu lassen, ohne sich sein
-Leben lang je einen Augenblick der Trägheit hinzugeben,
-wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten hat,
-während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-ausgegeben haben und während die Jungen
-gebrechliche Greise geworden sind, der hat Anspruch auf
-Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau leben wie
-ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des
-Greises lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold.
-Deine Odyssee wird von großem Nutzen für die allgemeine
-Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird
-dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit
-unseres Lebens und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine
-Frische wiedergeben, durch sie wird er vieles in einem neuen
-Lichte sehen, was er als alten Plunder, der keinen Wert
-für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird
-ihn der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber
-nicht weniger, wenn nicht noch mehr gute Früchte
-werden die Werke bringen, auf die dich Gott selbst hingewiesen
-hat, und die du mit Recht noch geheimhältst.
-Auch sie werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen.
-So laß denn den Mut nicht sinken und schaue fest und
-ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht schrecken durch
-die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest.
-Es gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit
-allem versöhnt und alles zur Eintracht bringt, und die
-bisher noch nicht alle sehen &mdash; unsere Kirche. Doch
-schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen Besitz zu
-nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen
-zu lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für
-ein Leben in wahrhaft russischem Sinne und Geiste, und
-zwar in jeder Beziehung und jeglicher Rücksicht: sowohl
-für das staatliche wie für das gewöhnliche Familienleben
-bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition
-für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten,
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-richtigen Weg. Meiner Ansicht nach ist schon der bloße
-Gedanke, unter Ignorierung unserer Kirche Reformen
-in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen dazu
-erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar
-unsinnig, wenn wir selbst unserer Denkweise allerhand
-aus Europa stammende Gedanken aufpfropfen wollten,
-ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe sie
-vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst
-sehen, du wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland
-mit einem Schlage von allen &mdash; von den Gläubigen
-wie von den Ungläubigen &mdash; zugegeben werden und
-wie unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden,
-dastehen wird. Es war wohl der Wille der
-Vorsehung, daß so viele von einer unerklärlichen Blindheit
-geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden der
-Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann
-erkenne ich die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt,
-daß Er zuerst eine vorübergehende Spaltung innerhalb
-der Kirche geschehen ließ, der einen gebot, unbeweglich
-und gleichsam in einer großen Entfernung und Entfremdung
-von den Menschen zu verharren, und bestimmte,
-daß die andere in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen
-werde, daß Er der einen gebot, keine Reformen
-oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den
-heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums
-und von den ersten Vätern der Kirche eingeführt wurden
-&mdash; während Er die andere hieß, sich in stetigem
-Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten
-der Menschen anzupassen und alle möglichen
-Neuerungen durchzuführen, selbst solche, die von sündhaften
-und lasterhaften Priestern ausgingen, daß Er die
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen
-die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen
-ließ, daß Er die eine hieß, sich gleich der bescheidenen
-Maria aller Sorgen um das Irdische zu entschlagen
-und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf
-daß sie sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe
-sie hinginge, es anzuwenden und es den Menschen zu
-verkünden, der andern dagegen gebot, gleich der sorgsamen
-Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die
-Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig
-durchdachten Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte
-das bessere Teil erwählt; sie lauschte lange und aufmerksam
-den Worten des Herrn und ertrug geduldig
-die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar
-erdreistete, sie einen <em>toten</em> Leichnam zu nennen, sie
-des Irrglaubens zu beschuldigen und ihr vorzuwerfen,
-daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es ist nicht leicht,
-Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte
-sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür
-hat sich in unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere
-erwachende Gesellschaft bedarf. Sie ist Steuer und
-Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der Dinge,
-und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt
-in sie versenke, um so mehr wundere ich mich, welch
-erstaunliche Möglichkeiten für eine Versöhnung der Widersprüche
-in ihr liegen, die die römische Kirche nicht
-zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische
-Kirche mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte
-Ordnung der Dinge; sie konnte vielleicht zur
-Not die Welt lenken und sie mit Christus aussöhnen,
-solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer
-so vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und
-aller ihrer Fähigkeiten &mdash; der guten sowohl wie der bösen
-&mdash; gelangt ist, jetzt kann die römische Kirche die Menschen
-Christus nur entfremden: je mehr sie um den Frieden
-und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie,
-da sie mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist,
-die Dinge, so wie sie sich heute darstellen, von allen
-Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber klar, daß
-sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen,
-die von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch
-keineswegs durch die Heiligkeit ihres Lebenswandels der
-höchsten und allumfassenden christlichen Weisheit teilhaftig
-geworden waren, sich ihren Blick für die Welt und
-das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen
-vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das
-Leben gibt es jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte,
-die offenbar für eine spätere und höhere Entwicklungsstufe
-der Menschheit prädestiniert ist. In ihr kann sich
-nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch
-sein Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten
-frei entfalten. Sie ist nur Weg und Richtung, um alle
-Kräfte und Vermögen der Menschen in einem einmütigen
-Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen.
-Freund, laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen
-Verhältnisse noch siebenmal verwickelter wären &mdash; unsere
-Kirche wird sie alle entwirren und zur Versöhnung
-bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, beginnen
-selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen,
-bereits etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen,
-in dem unsere Rettung liegt, &mdash; der sich mitten
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-unter uns befindet und den wir nicht bemerken. Dieser
-Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein Glanz
-wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht
-mehr fern. Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort
-Aufklärung im Munde, und dabei haben wir es uns
-nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und
-was es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache,
-es existiert nur bei uns. Aufklären<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> heißt nicht belehren,
-unterweisen, bilden oder gar erleuchten, sondern den
-Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all seinen
-Kräften und Vermögen <em>durch</em>leuchten, nicht nur seinen
-Verstand; heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes
-Feuer hindurchgehen lassen. Dieses Wort stammt aus
-dem Sprachschatz unserer Kirche, die es bereits gegen
-tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und
-trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie
-von allen Seiten umwogen, und sie weiß, warum sie
-es braucht. Nicht umsonst hebt der Oberpriester beim
-Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der
-heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das
-Sinnbild Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt
-als Gott und Mensch zu uns auf die Erde herabgestiegen
-ist, mit beiden Händen empor, weiht alle mit ihnen und
-spricht: &bdquo;Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret alle!&ldquo;
-Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der
-Messe in kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel,
-die Worte an eines jeden Ohr: &bdquo;Das Licht der Aufklärung!&ldquo;
-ohne daß etwas anderes zu ihnen hinzugefügt würde.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-19">
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-<span class="line1">XVIII</span><br />
-<span class="line2">Vier Briefe an verschiedene Personen über die &bdquo;Toten Seelen&ldquo;</span>
-</h2>
-
-<h3 class="no" id="chapter-19-1">
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-I.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> haben unrecht, sich so über den maßlosen
-Ton aufzuregen, in dem manche Angriffe gegen
-die &bdquo;Toten Seelen&ldquo; geschrieben sind: das
-hat auch seine gute Seite. Mitunter brauchen wir
-Menschen, die über uns empört sind. Wer ganz von
-der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht die
-Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt
-und gegen uns erbittert ist, der wird versuchen, alles
-Häßliche, allen Unrat in uns aufzuwühlen und ihn so
-deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen müssen,
-ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten
-die Wahrheit zu hören, daß man schon um eines kleinen
-Körnchens Wahrheit willen die Kränkung verzeihen sollte,
-die in dem Ton liegt, in dem sie ausgesprochen wird.
-In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois
-steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben
-wird, ich solle zuerst einmal Russisch lernen und
-dann Bücher schreiben. In der Tat, wenn ich mich
-mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt
-hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte,
-so hätte ich wohl selbst gesehen, daß das Buch unter
-keinen Umständen in einem so rohen und unordentlichen
-Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die Epigramme
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden,
-hatte ich nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus
-nicht gefielen und mir keineswegs angenehm waren.
-O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe und Stöße,
-wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften
-aufs tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten!
-Auf dem Grunde unserer Seele liegt soviel kleinliche
-armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht verletzter Ehrgeiz
-verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten
-und mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt
-werden sollten, ja wir sollten uns stets dankbar über
-die Hand freuen, die uns züchtigt.
-</p>
-
-<p>
-Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken,
-die nicht von Literaten, sondern von Menschen
-herrühren, deren eigentliches Tätigkeitsfeld das Leben
-selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat sich &mdash; abgesehen
-von den Literaten &mdash; wie zum Tort für mich
-auch nicht ein einziger geäußert. Und doch haben die
-&bdquo;Toten Seelen&ldquo; viel von sich reden gemacht und viel Unwillen
-erregt; sie haben viele durch Spott und Karikatur
-und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten
-getroffen; sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder
-täglich vor Augen hat, obwohl sie freilich andererseits
-auch wieder voller Fehler, Versehen und Anachronismen
-sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände
-kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht
-manch Anstößiges und Verletzendes aufgenommen;
-ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand tüchtig dafür
-ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die
-Wahrheit sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch
-nur eine Menschenseele ihre Stimme erhoben hätte! Und
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und wieviel Gescheites
-hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen
-vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir
-geschilderten Vorgänge nachweisen können, da er mir
-nur zwei oder drei Vorgänge hätte vorzuhalten brauchen,
-die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er mich
-gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in
-derselben Weise hätte er für die Wahrheit meiner
-Schilderungen eintreten und den Beweis für sie erbringen
-können. Durch Anführung einer Begebenheit,
-die sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als
-durch leere Worte und literarische Redensarten. Und
-das gleiche hätte der Kaufmann, der Gutsbesitzer, kurz
-jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist,
-tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker
-ist oder das weite russische Land in allen Richtungen
-durchstreift. Hat doch ein jeder Mensch, auch wenn er
-bereits eine eigene Ansicht über die Dinge besitzt, auf
-der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung,
-auf die er durch sein Amt, seinen Beruf oder
-durch seine Bildung gestellt ist, stets Gelegenheit, jeden
-Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen, von der
-ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die
-&bdquo;Toten Seelen&ldquo; könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein
-zweites, unvergleichlich viel interessanteres Buch als die
-&bdquo;Toten Seelen&ldquo; selbst geschrieben werden; ein Buch,
-aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung
-schöpfen können, weil wir ja alle &mdash; wozu sollen
-wir unsere Fehler verheimlichen! &mdash; weil wir Rußland
-allesamt recht schlecht kennen.
-</p>
-
-<p>
-Ach wenn doch nur <em>eine</em> Seele ihre Stimme laut
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-und für alle vernehmbar erhoben hätte! Es ist fast so,
-als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn Rußland tatsächlich
-nicht von lebendigen, sondern nur noch von
-&bdquo;toten Seelen&ldquo; bewohnt würde. Und da wirft man
-mir meine mangelhafte Kenntnis Rußlands vor! Wie
-wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von allem
-unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und
-Enden Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet
-sein, ohne daß mich jemand unterrichtet! Woraus aber
-kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein Schriftsteller, der
-schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer sitzenden
-einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank
-und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde
-zu leben. Auf welche Weise soll ich mir diese Kenntnisse
-verschaffen? Die Literaten und Journalisten können
-mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch auch
-Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat
-überhaupt nur einen Lehrer: das sind die Leser selbst.
-Die Leser aber haben sich geweigert, mich zu belehren.
-Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor Gott werde
-ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt
-habe, wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere
-die Verantwortung für mich werden übernehmen müssen.
-Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott selbst weiß
-es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage.
-</p>
-
-<p class="year">
-1843.
-</p>
-
-<h3 class="no" id="chapter-19-2">
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-II.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden
-in meiner Dichtung falsch aufgefaßt werden würden.
-Sie sind so unklar, haben so wenig Zusammenhang mit
-den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers vorüberziehen,
-sie passen so wenig zu dem Stil und der
-Haltung des ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie
-ihre Freunde und Verteidiger gleichermaßen irregeführt
-haben. Alle Stellen, wo ich in ganz allgemeiner Weise
-über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen;
-ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu
-meinen Gunsten auszulegen. Aber es geschieht mir ganz
-recht! Unter keinen Umständen hätte ich ein Werk herausgeben
-dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht schlecht,
-jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet
-war, gleich einem Anzug, den der Schneider
-zur Anprobe mitbringt. Ich wundere mich nur, daß so
-wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das Prinzip
-des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits
-der Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits
-aber der Umstand schuld, daß wir nicht gewöhnt sind,
-tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines Werkes
-zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche
-Teile im Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten
-sind, wo der Verfasser sich selbst untreu wird und den
-eigenen Ton, in dem er begonnen hat, nicht festhält.
-Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte Hälfte
-des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste,
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-daß sie viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten
-und bedeutsamsten Momente in gedrängter Kürze dargestellt,
-die unwichtigen und nebensächlichen weit ausgesponnen
-sind, daß der Geist, der das Werk erfüllt, aus
-ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit
-der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so
-mehr in die Augen fällt. Kurz, man hätte weit ernstere
-und gediegenere Einwände machen, man hätte mich weit
-heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und zwar
-mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht
-darum. Worum es sich hier handelt, das ist die lyrische
-Episode, die den meisten Angriffen von seiten der Journalisten
-ausgesetzt war und in der man Anzeichen einer
-übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung
-und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher
-bei keinem Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier
-jene Stelle aus dem letzten Kapitel im Auge, wo der
-Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der Stadt erzählt,
-seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße
-läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich
-unter dem Eindruck der Monotonie und der Einförmigkeit
-seiner Umgebung, der öden und kalten Ungastlichkeit
-des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das
-von einem Meer zum andern durch das ganze weite
-russische Land tönt, in einer lyrischen Apostrophe an Rußland
-selbst wendet, es um eine Erklärung für das
-unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters bemächtigt
-hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als
-heftete alles, jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand
-seinen Blick auf ihn und als erwarte er etwas
-von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie
-doch weder das eine noch das andere sind. Sie sind
-einfach ein ungelenker Ausdruck für ein echtes Gefühl.
-Ich kann noch immer diese melancholischen Töne unserer
-Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen
-Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen
-in meinem Herzen weiter, und ich bin erstaunt, daß
-nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern empfindet.
-Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und
-ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer
-aus den melancholischen Klängen unserer Lieder nicht
-einen schmerzlichen Vorwurf gegen sich selbst, jawohl,
-<em>gegen sich selbst</em> heraushört, der hat entweder seine
-Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er
-hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal
-so, wie sie sich wirklich verhält. Schon sind beinahe
-hundertundfünfzig Jahre verflossen, seit Kaiser Peter I.
-uns mit dem reinigenden Feuer der europäischen Aufklärung
-den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns
-alle Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat,
-damit wir zur Tat schreiten sollten; noch immer aber
-liegt unser weites Land ebenso öde, traurig und einsam
-da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso unfreundlich
-und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch
-immer nicht bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen
-Dach weilten, sondern irgendwo obdachlos auf
-der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland kein
-warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von
-lieben Brüdern empfangen würden, es erscheint uns vielmehr
-wie eine kalte vom Schneesturm verwehte Poststation,
-aus der ein einsamer, gegen alles gleichgültiger
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets
-die nüchterne trockene Antwort bereit hat: &bdquo;Wir haben keine
-Pferde!&ldquo; Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir
-[oder die Regierung? Aber] die Regierung ist doch die
-ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür zeugen
-zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen
-und Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter
-Häuser, eine Menge neu herausgegebener Bücher,
-eine Unzahl von Einrichtungen und Institutionen aller
-Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen, Wohltätigkeitseinrichtungen,
-kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von
-keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden.
-Die Fragen kommen von oben, die Antworten von unten;
-und mitunter ertönten von oben Fragen, die von ritterlichen
-und hochherzigen Regungen vieler Herrscher Zeugnis
-ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen
-Interessen und gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt
-haben. Und wie hat man von unten auf dies alles
-geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines
-Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung
-zu geben, daß man sich ihn wirklich anzueignen
-vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt. Eine Verordnung
-mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt
-sein, sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn
-es unten an dem gleichen reinen Streben fehlt, sie in
-die Tat umzusetzen und zwar in der Richtung, in der
-es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die
-nur <em>der</em> richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen
-Geist vom Begriff der göttlichen &mdash; nicht der menschlichen
-Gerechtigkeit erleuchtet ist. Ohne dies muß alles
-eine schlimme Wendung nehmen. Ein Beweis dafür
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen
-Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede
-Verordnung zu umgehen, für die jede neue Verordnung
-nur eine neue Einnahmequelle, ein neues Mittel ist, die
-Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen
-zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen
-neuen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Mit
-einem Wort, wohin ich mich wende, überall sehe ich,
-daß <em>der</em> die Schuld trägt, der die Verordnungen durchführt,
-d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er
-entweder schuld, weil er den brennenden Wunsch hat,
-seinen Namen berühmt zu machen [oder einen Orden
-zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt, oder er ist
-schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut
-russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht
-nicht lange mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen
-Übereifer nicht erst viel, worum es sich handelt, bemächtigt
-sich sofort der Sache wie ein Sachverständiger und ist
-dann &mdash; gleichfalls nach gut russischer Art &mdash; schnell wieder
-abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht;
-oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher
-Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten,
-auf dem er einen so schönen Anlauf genommen hatte,
-dem ersten besten Gauner abtritt, [damit der die Leute
-gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von
-uns genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine
-Eitelkeit und all die kleinen Regungen eines übermäßig
-empfindlichen Egoismus zum Opfer zu bringen und es
-sich unweigerlich zum Gebot zu machen &mdash; seinem Vaterlande
-&mdash; und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk,
-daß er seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-zu machen und nicht sich selbst. Statt dessen scheint der
-Russe in der letzten Zeit es wie mit Vorbedacht darauf
-angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen Punkten
-und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und
-überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es
-viele Leute unter uns gibt, die nur getan haben, was
-ihre Schuldigkeit war, und die offen vor der ganzen Welt
-erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen
-habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten,
-öden Raume sie vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit
-ihnen zufrieden sind und nichts von ihnen erwarten.
-Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr <a id="corr-6"></a>deutlich vernommen
-habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch
-in meinem bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte
-sich etwas machen, etwas leisten lassen, was von wirklichem
-und dauerndem Nutzen sein konnte. Was hat es
-zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht
-nach dem Guten lebendig war und daß ich nur aus
-diesem Triebe heraus zur Feder griff? Wie habe ich
-meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel gleich
-dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den
-Namen &bdquo;Die toten Seelen&ldquo; trägt, hat es etwa den
-Eindruck gemacht, den es hätte machen können, wenn
-es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte geschrieben
-werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, &mdash;
-einfache und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken,
-nicht auszudrücken vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben,
-daß sie verkehrt aufgefaßt und daß ihnen ein
-Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich ist.
-Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine
-Freunde oder die Ungeduld der Ästheten, die an leeren,
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-schnell verrauschenden Klängen ihre Freude haben, hätten
-mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß ich durch
-schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche
-Lage gebracht worden sei und, da ich mir das Geld
-für meinen Lebensunterhalt hätte erwerben müssen, genötigt
-gewesen wäre, mich zu beeilen und mein Buch
-zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist,
-seine Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei
-Verhältnisse schwankend machen, der wird, wenn es nicht
-anders geht, sogar lieber seine Hand ausstrecken und um
-Almosen bitten, der wird sich um keinen schnell verklingenden
-Spott und Tadel, geschweige denn um die
-törichten Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft
-kümmern. Der, der aus Rücksicht auf diese Anstandsregeln
-der Gesellschaft eine Sache schädigt, die für sein
-Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war
-mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines
-elenden Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt,
-daher schien mich ein jedes Ding in Rußland mit bitterem
-Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des Höchsten hat
-mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder
-gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die
-meine Seele mit solcher Melancholie erfüllten, versetzten
-mich durch ihre gewaltige freie Ausdehnung und Geräumigkeit
-&mdash; dies weite Feld für einen rastlosen Betätigungsdrang
-&mdash; in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: &bdquo;Sollte
-nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich
-weitet, auf daß er sich entfalte und ausbreite und frei
-dahinschwebe,&ldquo; kam wirklich von Herzen. Diese Worte
-wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus Prahlsucht
-und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-gefühlt und fühle sie noch heute. In Rußland kann
-man jetzt bei jeder Gelegenheit zum Helden werden.
-Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen
-Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines
-Berufs und seines Amtes derart befleckt und herabgezogen
-(denn jeder Beruf ist heilig), daß es wahrhaft
-riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine
-frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe
-geschaut, die große Perspektive, die heute keinem andern
-Volke offen steht und die sich allein vor dem russischen
-Volke auftut, weil nur dies Volk einen so freien Spielraum
-für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil
-nur der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist
-&mdash; daher entrang sich meinem Herzen der Schrei, den
-man für Prahlerei und Hochmut gehalten hat!
-</p>
-
-<p class="year">
-1843.
-</p>
-
-<h3 class="no" id="chapter-19-3">
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-III.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher
-und Menschenkenner, mir die gleichen törichten
-Fragen vorlegen kannst, auf die sich alle anderen so
-trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen bezieht
-sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für
-einen Sinn hat bloß diese Neugierde? Nur eine Frage,
-die du stellst, ist klug und deiner würdig, und ich wünschte,
-daß auch andere Leute sie an mich gerichtet hätten,
-obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig beantworten
-kann; ich meine die folgende: woher es nur
-komme, daß die Helden meiner letzten Werke, besonders
-die der &bdquo;Toten Seelen&ldquo;, trotzdem sie nichts weniger als
-naturgetreue Porträts von wirklichen existierenden Menschen,
-und obwohl sie an und für sich sehr wenig sympathisch
-und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe
-stehen, wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt
-gewesen wäre? Noch vor einem Jahr wäre es
-mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu antworten.
-Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden
-meiner Werke stehen unserem Herzen darum so nahe,
-weil sie Schöpfungen der Seele sind; alle meine letzten
-Werke sind Zeugnisse meiner seelischen Entwicklung.
-Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich
-dir eine Definition von mir als Schriftsteller geben.
-Man hat viel über mich gesprochen und geschrieben
-und die verschiedensten Seiten meines Wesens zu
-ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-darum doch nicht zu bestimmen vermocht. Dieses
-hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir immer,
-noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so
-hohem Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und
-Plattheit des Lebens in so satten Farben zu schildern,
-die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen Menschen
-mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die
-ganze Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen
-entgeht, jedem deutlich in die Augen springt. Das
-ist der Grundzug meines Wesens und er fehlt in der
-Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich
-mit der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere
-geistige Momente mit ihm verbunden haben. Aber das
-konnte ich damals nicht einmal Puschkin mitteilen.
-Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den
-&bdquo;Toten Seelen&ldquo; offenbart. Die &bdquo;Toten Seelen&ldquo; haben nicht
-darum in Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und
-so ein Aufsehen gemacht, weil sie irgendwelche furchtbare
-Wunden oder innere Krankheiten an den Tag gebracht,
-oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des
-Bösen und von den Leiden der Unschuld entworfen
-hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus keine
-Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen
-einzigen guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich
-sicher mit ihnen allen ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und
-Plattheit des Ganzen flößte dem Leser Schrecken ein.
-Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war dieses, daß
-bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als
-der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche
-Erscheinung, keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der
-arme Leser hätte aufatmen und Mut schöpfen können, und
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen hatte, so
-vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe
-wieder in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir
-eher vergeben, wenn ich lauter malerische Ungeheuer
-gezeichnet hätte &mdash; die Jämmerlichkeit und Gemeinheit
-hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe
-erschrak, das war seine Nichtigkeit, sie war ihm
-weit schrecklicher als all seine Mängel und Laster! Ist
-das nicht eine außerordentliche Erscheinung? Fürwahr,
-dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen
-Ekel und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen
-empfindet, in dem liegt sicherlich das Gegenteil von
-aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen. Dies also ist
-mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich
-nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn
-nicht meine eigene geistige Stimmung und meine inneren
-Erlebnisse hinzugekommen wären. Keiner meiner Leser
-wußte, daß er über mich selbst lachte, während er über
-meine Helden lachte.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine
-übrigen Untugenden um Haupteslänge überragte, ebensowenig
-wie ich irgendeine markante Tugend besaß, die
-mir ein besonders interessantes Äußere verliehen hätte,
-dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten,
-die es nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig;
-aber sie waren in mir in einer solchen Menge vertreten, wie
-ich es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe.
-Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er hat
-mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt,
-der beste jedoch, für den ich ihm nicht genug
-zu danken vermag, ist der Wunsch, <em>besser zu werden</em>.
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und wenn
-es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte,
-daß sie sich nur langsam und allmählich vor mir enthüllten,
-statt sich mir plötzlich und mit einem Schlage
-zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von Seinem
-unendlichen Mitleid besaß, &mdash; dann hätte ich mich
-sicherlich erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in
-mir entdeckte, verstärkte sich durch eine wunderbare höhere
-Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen
-zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis,
-das mich dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen.
-Was dies für ein Erlebnis war, darfst du nicht
-erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand nützen
-könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem
-Augenblick an begann ich meine Helden über ihre
-Gemeinheit hinaus auch noch mit meinen persönlichen
-Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah folgendermaßen:
-ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei
-mir selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem
-anderen Berufe, Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte
-es, sie als meine Todfeindin darzustellen, die
-mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte sie
-mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig
-war. Wenn jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine
-Feder im Anfang für mich selbst erschuf, er hätte vor
-Entsetzen gezittert. Ich brauche dir nur zu erzählen, daß
-Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der &bdquo;Toten
-Seelen&ldquo; vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich
-ihm etwas vortrug, denn er lachte gern und von Herzen),
-immer finsterer und finsterer wurde, bis sich sein
-Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte. Als ich geendigt
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der
-Stimme: &bdquo;Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist
-doch unser Rußland.&ldquo; Dieser Ausspruch überraschte mich.
-Puschkin, der Rußland so gut kannte, hatte nicht bemerkt,
-daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt
-meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte
-ich, was eine Sache bedeutet, die einem aus dem Herzen
-geflossen ist, was geistige Wahrheit ist und in was
-für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die
-Finsternis und den furchtbaren <em>Mangel an Licht</em> darstellen
-kann. Seit dieser Zeit dachte ich nur noch daran,
-wie ich den niederschmetternden Eindruck mildern könnte,
-den die &bdquo;Toten Seelen&ldquo; hervorrufen konnten. Ich sah,
-daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es
-besser ist, es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen,
-die in alle Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte
-ich sehen, was die Russen sagen würden, wenn man
-ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen
-führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte,
-brauchte ich für meinen ersten Teil lauter kleine
-und armselige Menschen. Diese elenden Menschen sind
-jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen Personen,
-ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt,
-die sich für besser halten, als die anderen; allerdings
-habe ich sie aus Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht.
-Hier finden sich außer Zügen von mir selbst
-noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige
-von dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die
-Zeit für dich gekommen sein wird, bis jetzt bleibt das
-noch mein persönliches Geheimnis. Ich mußte allen
-guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und
-es ihren rechtmäßigen Besitzern wiedergeben. Frage nicht,
-warum der erste Teil von nichts anderem handelt als
-von <em>Elend, Armseligkeit und Gemeinheit</em> und warum
-alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial
-und gemein sein müssen. Die Antwort hierauf wirst du
-in den folgenden Bänden finden. Das ist das Ganze!
-Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten
-seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren
-Ekel und Widerwillen gegen meine Helden und
-gegen ihre Armseligkeit eingeflößt, er hat, wie es meine
-Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen
-gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das.
-Mehr wollte ich nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich
-noch bedeutsamer geworden und wäre mir viel besser
-gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der Veröffentlichung
-beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger
-und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden
-haben sich noch nicht völlig von mir abgelöst und daher
-auch noch nicht die rechte Selbständigkeit erlangt. Ich
-habe sie noch nicht fest genug auf den Boden gestellt,
-auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht heimisch
-geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln
-sie nicht tief genug in dem eigentlich russischen
-Leben mit all seinen Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch
-nicht viel mehr als eine Frühgeburt, aber sein Geist hat
-sich doch schon unsichtbar verbreitet und selbst sein verfrühtes
-Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden,
-daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine
-Fehler nachzuweisen, die ich bei der Schilderung der
-gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse Rußlands begangen
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze Fragen
-zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines
-Briefes angefüllt hast, und die zu nichts führen,
-als zur Befriedigung einer müßigen Neugierde), wenn
-du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen und
-Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen
-sowohl, als auch alle möglichen fremden, die von
-klugen Menschen herstammen, die auch Erfahrung
-genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen,
-sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und
-tatsächlichen Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem
-Kreise oder in eurer Provinz vorgefallen sind &mdash; sei es
-nun, daß sie mein Buch in einem seiner Teile widerlegen
-oder bestätigen &mdash; zu jeder Seite könnte man ein
-ganzes Dutzend solcher Fälle anführen &mdash; dann würdest du
-ein wahrhaft gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen
-dankbar sein. Wie würde sich dadurch mein Horizont erweitern!
-Wie würde das meinen Kopf erfrischen und
-wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen!
-Aber das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand
-hält meine Bitten für ernst und wichtig genug
-und jeder respektiert nur seine eigenen. Andere wieder
-verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne
-selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß
-diese müßige Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die,
-wie ich sehe, auch dich angesteckt hat. Sieh doch, wie
-in der Natur alles würdig und weise nach wohlgefügten
-Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus
-dem anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott
-weiß warum, soviel unnütze Unruhe. Alles eilt und
-hastet wie im Fieber. Hast du dir denn deine Worte
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-auch ordentlich überlegt? &bdquo;Es ist absolut notwendig,
-daß wir den zweiten Band erhalten.&ldquo; Wie? soll ich mich
-denn bloß deswegen, weil alle Leute mit mir unzufrieden
-sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das wäre
-doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem
-ersten zu sehr beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um
-mein bißchen Verstand gekommen? Ich brauche diesen
-Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die Menschen
-unwillig über mich sind, werden sie mir doch
-wenigstens irgend etwas sagen. Und woraus schließt
-du nur, daß der zweite Band gerade jetzt ein dringendes
-Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf
-hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten
-Bandes ausmacht? Deiner Ansicht nach braucht
-man ihn jetzt, während ich glaube, daß er nicht früher
-als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies
-bloß, wenn man die Umstände und den Gang der Zeit
-berücksichtigt. Wer von uns hat nun recht? Der, in
-dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder der,
-der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das
-jetzt für eine seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland
-aufgekommen ist! Der Mensch liegt selbst auf der
-faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun und
-spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere
-sich aus allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude
-darüber, daß sein Freund müßig auf dem Rücken liegt!
-Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit einer ernsten
-Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall
-zur Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er
-es schlecht macht; dann heißt es: warum hast du dich
-so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt. Auf deine
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar
-gesagt, was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen
-gesagt habe. Glaube bitte nach diesem Bekenntnis
-nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin, wie meine
-Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute,
-ich suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht
-für alles Schöne, ich liebe meine Schändlichkeiten nicht
-und suche nicht, sie festzuhalten, wie meine Helden;
-ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem
-Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde
-gegen es ankämpfen, bis ich es ganz ausgetrieben
-habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist ganz
-falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht
-haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne,
-solange er noch in der Schule sitzt, und daß er später
-keinen Charakterzug mehr in sich verändern könne. Nur
-in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel konnte ein
-so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von
-vielen meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf
-meine Helden übertrug, sie in ihnen verspottete und
-auch andere zwang, über sie zu lachen. Ich bin schon
-manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr
-verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank
-der jedes von unseren Lastern keck durch die Welt geht.
-Ich habe sie neben das Häßliche gestellt, das allen
-sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte vor Ihm
-prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir
-befahl, mich von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne
-ich viele Laster in mir, aber es sind nicht mehr
-dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige Kraft
-half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich,
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-diese Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern
-wenn du meine Briefe gelesen hast, einen Augenblick
-mit dir allein zu bleiben, alles andere eine Weile beiseite
-zu lassen und gründlich in dich selbst hineinzublicken,
-indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen
-läßt, und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung
-zu unterziehen. In dieser meiner Antwort wirst
-du, wenn du näher zusiehst, auch eine Antwort auf
-deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen,
-warum ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen
-Erscheinungen gezeigt und mir keine tugendhaften Menschen
-zu Helden erwählt habe. Solche kann man nicht frei
-aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im
-geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit
-und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert
-hat &mdash; wird alles, was die Feder niederschreibt, tot
-und leblos und so weit von der Wahrheit entfernt bleiben,
-wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese Schreckgespenster
-nicht erfunden &mdash; diese Schreckgespenster haben
-meine eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was
-lebendig in meiner Seele lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt.
-</p>
-
-<h3 class="no" id="chapter-19-4">
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-IV.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ich habe den zweiten Teil der &bdquo;Toten Seelen&ldquo; verbrannt,
-weil das eine Notwendigkeit war. &bdquo;Das du säest,
-wird nicht lebendig, es sterbe denn,&ldquo; &mdash; sagt der Apostel.
-Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen
-soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen
-Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel
-schmerzliche Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen
-gekostet hat und worin vieles enthalten war,
-was mein höchstes Streben ausmachte und meine Seele
-ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch
-dazu in einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen
-sah und etwas hinterlassen wollte, was mich bei der
-Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte. Ich
-danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies
-zu vollbringen. Sowie die Flamme die letzten Blätter
-meines Buches aufgezehrt hatte, erstand sein Inhalt
-plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor mir,
-gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun
-mit einem Male, wie unreif und unausgegoren das noch
-war, was ich bereits für ausgereift, harmonisch und
-abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite Band in
-dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen,
-er hätte eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der
-Genuß und die Befriedigung der Kunstkenner und
-Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß, sondern
-die aller Leser, für die die &bdquo;Toten Seelen&ldquo; geschrieben
-wurden. Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-für die vornehme Gesinnung und den hohen Adel unseres
-Wesens zeugen, &mdash; das kann zu nichts führen. Das erregt
-bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von uns,
-besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die
-Gewohnheit angenommen, die Vorzüge des russischen
-Charakters über alles Maß zu preisen und mit ihnen
-zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran, diese
-Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung
-zu arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau
-zu stellen, als wollten sie Europa zurufen: &bdquo;Seht einmal,
-ihr Deutschen, wir sind doch besser als ihr!&ldquo;
-Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die
-andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum
-Schaden. Man kann die beste Sache in den Kot ziehen,
-wenn man sich ihrer rühmt und sich was auf sie zugute
-tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt
-man schon, noch ehe man etwas geleistet hat &mdash; man
-prahlt mit dem, was erst kommen soll! Nein, dann
-scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig und man
-grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist
-und sich selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird
-sich der Mensch wenigstens seiner Armseligkeit, Gemeinheit
-und Nichtigkeit bewußt und richtet seine Gedanken
-auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der
-tiefsten Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt;
-im zweiten Falle dagegen flieht der Mensch sich selbst und
-rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater des Hochmuts,
-in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet,
-indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum
-Tugendstolz verführt. Nein, es gibt Zeiten, wo man
-die Gesellschaft oder sogar eine ganze Generation gar
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute
-begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund
-der Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es
-gibt Zeiten, wo man überhaupt nicht vom Hohen und
-Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem jeden die
-Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so
-daß er sie taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte
-Moment ist im zweiten Bande der &bdquo;Toten Seelen&ldquo;
-nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck gekommen,
-und doch hätte es eigentlich das wichtigste und
-wesentlichste Moment sein sollen. Und darum habe ich
-diesen zweiten Teil verbrannt. Urteilen Sie bitte nicht
-über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus; Sie
-werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen
-Freunden, die sich aus mir ihr eigenes Ideal eines
-Schriftstellers zurechtgemacht hatten, das ihren eigenen
-Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von
-mir verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen
-selbst entworfenen Ideal entsprechen. Gott hat mich
-erschaffen und Er hat mir nicht vorenthalten, was meine
-eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht dazu
-geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte
-heraufzuführen. Meine Aufgabe ist weit einfacher und
-näherliegend; meine Aufgabe ist das, woran ein jeder
-Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken
-sollte. Meine Aufgabe &mdash; ist <em>die Seele und die große
-sichere ewige Aufgabe des Lebens</em>. Darum muß
-auch mein Tun stark und dauerhaft sein und ich muß Werke
-schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu beeilen;
-mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich
-verbrenne, was verbrannt werden muß, und ich handle
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-sicherlich richtig, denn ich unternehme nichts, ohne zuvor
-zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre Befürchtungen
-wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die
-es mir vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten
-Band niederzuschreiben, so sind sie überflüssig. Meine
-Gesundheit ist sehr zart &mdash; das ist freilich wahr. Zuzeiten
-ist mir&rsquo;s so schlecht zumute, daß ich es ohne
-Gottes Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem
-Verfall meiner Kräfte ist noch ein so intensives Frösteln
-hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß, wie und
-woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung
-machen, und doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen.
-Selten kann ich mehr als eine Stunde für
-die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich mich
-nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum
-doch nicht. Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse
-die Entwickelung meiner Fähigkeiten und Gedanken, ohne
-die ich nie auf den Einfall gekommen wäre, mein Werk
-zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die
-größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht,
-Der wird mir auch die Kraft verleihen, was noch übrig
-ist, zu vollenden und zu Papier zu bringen. Meine
-Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine
-geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger,
-nun denn, so wird wohl auch die Körperkraft
-sich einstellen. Ich lebe dem Glauben, daß, wenn die
-rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre
-lang mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen
-vollendet dastehen wird.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-20">
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-<span class="line1">XIX</span><br />
-<span class="line2">Liebt unser russisches Vaterland</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Briefe an den Grafen A. T.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-<span class="firstchar">O</span><span class="postfirstchar">hne</span> Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden,
-wir aber besitzen keine rechte Gottesliebe. Im
-Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen
-nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes
-Willen kann man Ihn nicht liebgewinnen. Und wie
-sollte man auch Den lieben, Den noch niemand gesehen
-hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung,
-mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten?
-Sehen Sie nur, wieviel gute, vortreffliche Menschen es
-gegenwärtig auf der Welt gibt, die sich glühend nach
-dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde Kaltblütigkeit
-in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen,
-Den niemand gesehen hat. Christus allein hat
-uns das Geheimnis geoffenbart und verkündet, daß wir
-in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott teilhaftig
-werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie
-Christus es uns gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird
-sich von selbst daraus ergeben. So gehen Sie denn in
-die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder
-lieben.
-</p>
-
-<p>
-Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie
-sollen wir die Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte
-nur das Schöne lieben, die armen Menschen aber sind
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in
-ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken
-Sie Gott vor allem dafür, daß Sie ein Russe sind. Für
-den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und dieser Weg
-ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland
-lieben lernen wird, so wird er bald auch alles mit
-Liebe umfassen, was es in Rußland gibt. Gott selbst
-weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die Leiden und
-Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem
-Maße betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld
-tragen, würde niemand von uns Mitleid mit dem Lande
-empfinden. Mitleid aber ist bereits der Beginn der Liebe.
-Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die Mißbräuche,
-die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt keineswegs
-bloß die Empörung der guten und anständigen
-Elemente über die Unanständigen und Ehrlosen zum
-Ausdruck, dies ist mehr, es ist der Schmerzensschrei des
-ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang, daß
-zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen,
-in die Häuser gedrungen seien und alle Bewohner unter
-ihr hartes Joch gezwungen hätten; schon wollen sich die,
-die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr Haus aufgenommen
-haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur
-nicht, wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich
-allen ein einziger, erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen
-und Gefühllosen beginnen sich zu regen. Aber die wirkliche,
-eigentliche Liebe empfindet noch keiner, auch Sie
-besitzen <a id="corr-7"></a>sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht.
-</p>
-
-<p>
-Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich
-darüber aufregen, sowie Sie hören, daß etwas Böses oder
-Häßliches in Rußland passiert. Dies erregt bei Ihnen
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein, das
-ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von
-der Liebe, das ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen,
-durch das sie sich ankündigt. Nein, wenn Sie
-Rußland wirklich lieben werden, dann wird jener kurzsichtige
-Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher
-und selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage
-nichts für Rußland tun, und als ob Rußland
-ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von selbst verschwinden.
-Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und
-mit voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig
-ist und daß man mit ihr im Bunde alles zu vollbringen
-vermag. Nein, wenn Sie Rußland wirklich liebgewinnen
-werden, dann werden Sie sich förmlich dazu
-drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden
-dann nicht etwa Gouverneur, sondern Polizeihauptmann
-werden wollen, dann werden Sie sich mit dem letzten
-unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird,
-begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem
-Beruf einem tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie
-es jetzt führen, vorziehen. Nein, Sie lieben Rußland
-noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht lieben,
-können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche
-Liebe zu Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe
-zu Gott entbrennen. Und ehe Sie sich nicht mit dieser
-göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine Rettung für Sie.
-</p>
-
-<p class="year">
-1844.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-21">
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-<span class="line1">XX</span><br />
-<span class="line2">Lernt Rußland kennen!</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Brief an den Grafen P. T.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf.
-Gott gebe, daß es uns einmal beschieden
-sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der
-sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an
-sie ist mir eine Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne
-von Gott dazu berufen zu werden, können wir solches nicht
-vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will, sich
-aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt
-Lebewohl sagen können. Verteile zuvor all dein Gut
-an die Armen und dann erst gehe ins Kloster. Diese
-Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie
-sind reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen
-verteilen, was aber hätte ich ihnen zu geben? Mein
-Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes Hilfe ist
-es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches
-Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen,
-mit denen ich andern nützen und dienen kann &mdash;
-daher muß ich diese Güter unter die verteilen, die keine
-besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber auch Sie können
-sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken,
-noch nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an
-Ihrem Gelde hingen und wenn es Ihnen schwer würde,
-sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache anders.
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet
-heute nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat
-und welch ein Opfer wäre es, sich von ihm zu trennen.
-Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun, wenn
-man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern
-wir nämlich das Gute in dem hohen Sinne des Christentums
-verstehen? Nein, Ihnen sind die Tore zu der ersehnten
-Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir.
-Ihr Kloster ist &mdash; Rußland. Nun, so legen Sie das
-geistige Mönchsgewand an &mdash; sterben Sie sich selbst
-völlig ab &mdash; sich selbst &mdash; nicht Rußland &mdash; und
-gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein.
-Unser Land ruft heute seine Söhne lauter als je. Schon
-schmerzt ihm die Seele, und schon ertönt sein Schrei aus
-tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben entweder
-ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland
-für einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran,
-wie einst, wenn Not und Elend über das Reich
-hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen verließen
-und zu den anderen in die Reihen traten, um das
-Vaterland zu retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet
-griffen, vom Segen des Priors begleitet, zum Schwert,
-das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf der
-blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht
-eines friedlichen Bürgers &mdash; ja, wo denn nur? &mdash;
-mitten im Herzen Rußlands zu erfüllen. Machen Sie
-keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre Unfähigkeit
-hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland
-jetzt höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können.
-Sie sind Gouverneur zweier Provinzen von äußerst verschiedenem
-Charakter gewesen. Sie haben diese Stellung
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen damals
-noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher
-andere, Sie haben sich aus erster Hand positive
-Kenntnisse über die Zustände und Vorgänge im Innern
-Rußlands erworben und das Land in seinem wahren
-Wesen kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die
-Hauptsache, und ich würde Ihnen nicht so zureden, wieder
-in den Staatsdienst zu treten, trotzdem Sie so bedeutende
-Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht
-eine bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit
-bedeutsamer erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene
-Fähigkeit, ohne besondere Anstrengung und ohne <em>selbst</em>
-zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein bequemes müßiges
-Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern.
-Bei Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und
-wenn man Sie dann erstaunt fragte: wie kommt das
-nur? pflegten Sie zu antworten: das alles ist das Verdienst
-meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige
-Beamte zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit
-übrig lassen. Und wenn sich dann Gelegenheit bot, jemand
-für eine Auszeichnung oder Belohnung vorzuschlagen,
-dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten
-hin, indem Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und
-sich selbst ganz übergingen. Das ist Ihr höchster Vorzug.
-Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit, sich
-die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß
-Ihre Beamten sich die größte Mühe gaben, ja, einer hat
-sich beim Schreiben so überanstrengt, daß er an der
-Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem Sie aufs
-eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht
-so viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig,
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-wenn ein Vorgesetzter ihn in dieser Weise behandelt!
-Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem wahrhaften
-Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit,
-wo ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst
-möglichst in den Vordergrund zu rücken und sich alle
-Verdienste zuzuschreiben. Ich sage Ihnen, mit dieser
-Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig unentbehrlich,
-und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht
-einmal empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich
-laden, wenn ich Sie nicht auf diese Fähigkeit aufmerksam
-machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen.
-Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt,
-flehen Sie an, daß Sie sie nicht brachliegen lassen
-mögen. Sie aber halten sie wie ein Geizhals unter
-festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig,
-vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche
-Stellung einzunehmen wie die, die Sie vor zehn
-Jahren innehatten, nicht deshalb, weil Sie sie nötig
-haben &mdash; Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in
-Ihren Augen ist keine Stellung zu gering &mdash; sondern
-deshalb, weil Ihre Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt
-haben, noch gewachsen sind und zu ihrer Entfaltung
-und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises
-bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten
-und Wirkungskreise in Rußland? Blicken Sie um sich,
-sehen Sie sich ordentlich um, und Sie werden einen
-finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland
-machen. Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren
-war, aber das genügt jetzt nicht mehr. In zehn Jahren
-ereignet sich in Rußland mehr, als in einem anderen
-Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-selbst, während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt,
-daß in den letzten zwei, drei Jahren ganz andere Menschen
-aus Rußland herauskommen, Menschen, die gar
-keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor
-kurzem begegneten. Um zu erfahren, was das <em>heutige
-Rußland</em> ist, muß man unbedingt einmal eine Reise
-durch das Land machen. Glauben Sie nicht, was man
-spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich
-wahr, daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche
-Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Meinungen
-und Anschauungen gegeben hat, wie sie heute
-unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der
-Bildung und der Erziehung die Menschen noch niemals
-in einen solchen Gegensatz zueinander gebracht und soviel
-Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt hat, wie
-heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht aufgekommen,
-sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus
-folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so
-viele törichte Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende
-Schlüsse gezogen worden. Dies alles hat bei allen
-Leuten die Begriffe über Rußland so sehr entstellt und
-verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man
-muß selbst eine Reise durch Rußland machen und sich
-selbst überzeugen. Das ist besonders nützlich für den,
-der eine Weile fern von Rußland in der Fremde gelebt
-hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten
-Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer
-Mensch, der sich selbst mitten in dem verwirrenden
-Getriebe befindet und empfindlich und feinfühlig auf
-die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht
-sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-aus: zunächst müssen Sie alle Anschauungen, die Sie
-bisher über Rußland besaßen, bis auf die letzte völlig
-aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren
-eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen
-haben, lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie
-so gut wie gar nichts wüßten, und Ihre Reise so antreten,
-wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig unbekanntes
-Land kennen lernen wollten. Und wie sich
-ein russischer Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen
-in einer größeren europäischen Stadt beeilt, alle ihre
-Denkmäler aus alter Zeit und alle Sehenswürdigkeiten
-in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie
-in die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen,
-ja mit noch größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte
-an ihr kennen zu lernen. Dieses besteht
-nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und in ihren
-Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte
-darauf schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf,
-daß man ihn aufmerksam und mit Interesse kennen zu
-lernen und zu erforschen sucht, als irgendeine Fabrik
-oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen
-wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es,
-einen Blick auf den Menschen zu werfen, und Sie werden
-sich nicht wieder von ihm trennen können, so interessant
-wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem
-die Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den
-Extrakt, &bdquo;das Salz&ldquo; einer jeden Stadt oder jedes Kreises
-bilden. In jeder Stadt gibt es immer zwei bis drei solche
-Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen ein
-Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon
-selbst ein Urteil darüber bilden werden, wo und an
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-welchen Orten Sie die meisten Beobachtungen über die
-gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn
-Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden
-Standes reden werden (mit Ihnen unterhalten sich doch
-alle Menschen so gern und öffnen Ihnen gleich ganz
-weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was
-heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und
-gewandte Kaufmann wird Ihnen sofort erklären,
-was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein
-nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen
-Begriff von dem Kleinbürgertum geben; von einem
-energischen Beamten werden Sie alles Notwendige über
-den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren,
-und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre
-der Gesellschaft werden Sie sich selbst ein Bild machen.
-Übrigens dürfen Sie sich nicht allzusehr auf die fortgeschrittenen
-Leute, die geistige Elite verlassen. Es ist
-schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus
-jedem Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß
-heute alle miteinander im Streite liegen und einer den
-andern rücksichtslos verleumdet und schlecht macht.
-Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu
-nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von
-ihr werden Sie alles übrige erfahren. Und wenn Sie
-auch nur die wichtigsten Punkte und Städte Rußlands
-besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar
-werden, wo und an welcher Stelle Sie sich nützlich
-machen können und um welchen Posten Sie sich bewerben
-müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn
-Sie nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel
-Gutes stiften. Schon während dieser Reise werden Sie
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-Gelegenheit zu so großen wahrhaft christlichen Taten
-finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster
-bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm
-unterhalten können und der Sie allen Menschen
-gefallen, als ein fremder abseits stehender neuer Mensch
-die Rolle des unparteiischen Mittlers und Richters übernehmen.
-Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig
-das jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer
-solchen Tätigkeit liegt. Der Heiland hat sie beinahe
-noch höher gestellt als jede andere Art der Tätigkeit.
-Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder Gottes.
-Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns
-überall etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit.
-Unsere Adligen leben miteinander wie Hund und Katze,
-die Kaufleute leben wie Katze und Hund; die Kleinbürger
-vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze;
-ja selbst die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch
-irgendeinen besonderen Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt
-werden, miteinander wie Hund und Katze. Ja,
-sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht miteinander.
-Nur unter den Gaunern kann man noch
-etwas wie Eintracht und Freundschaft bemerken, wenn
-nämlich einer von ihnen heftigen Verfolgungen ausgesetzt
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis.
-Haben Sie keine Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln
-und zu versöhnen. Für die Menschen selbst ist
-es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen und
-wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen
-sie tritt, söhnt er sie sofort miteinander aus. Daher
-spielt bei uns das Schiedsgericht, dieses eigenste und
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher weit
-mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte,
-eine so große Rolle. Es gibt eine wunderbare
-Eigenschaft, die der menschlichen Natur im allgemeinen,
-besonders aber dem russischen Wesen eigen ist. Sowie
-ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein
-bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist,
-so ist er schon so gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung
-zu bitten. Keiner will zuerst nachgeben, sowie
-jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen Entgegenkommen
-entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu,
-ihn an Großmut noch zu überbieten. Daher können
-bei uns selbst die ältesten Prozesse und Zwistigkeiten
-weit schneller als irgendwo sonst beigelegt werden, wenn
-nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet
-wird und überdies noch ein Kenner des menschlichen
-Herzens ist, zwischen die Streitenden tritt. Eine solche
-Versöhnung aber &mdash; dies muß ich noch einmal wiederholen
-&mdash; ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige
-wenige Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten
-und einander Schwierigkeiten machen, weil sie
-verschiedener Ansicht über irgendeine Sache sind, sich
-dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde
-es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also
-einen Teil der Tätigkeit, zu der sich Ihnen während
-Ihrer Reise durch Rußland auf Schritt und Tritt Gelegenheit
-bieten wird. Aber es gibt auch noch eine andere
-Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene
-erste. Sie können der Geistlichkeit der Städte, die Sie
-berühren werden, einen großen Dienst erweisen, indem
-Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt machen, in
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der
-Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen
-die Menschen heutzutage in der Beichte gar nicht reden,
-da sie annehmen, daß sie nicht in die Sphäre des christlichen
-Lebens gehören. Dies ist sehr notwendig, weil
-viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge
-von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten
-Zeit stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil
-sie fast der Ansicht sind, daß niemand mehr auf sie
-hört, daß ihre Worte und Predigten in die Luft gesprochen
-sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen
-hat und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu
-denken ist. Das ist unrichtig. Freilich sündigt der Mensch
-von heute wirklich unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner
-früheren Zeit; allein er sündigt nicht aus einem
-Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit, nicht
-aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch
-zu sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden
-nicht erkennt. Noch hat sich nicht allen die für unser
-gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare Wahrheit enthüllt,
-noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren Augen,
-daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf
-den Letzten der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß
-nicht offen und direkt, sondern indirekt sündigen. Das
-empfinden selbst unsere Prediger noch nicht recht, daher
-sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und daher
-bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn
-man heutzutage erklärt: &bdquo;ihr sollt nicht stehlen, nicht in
-Überfluß und Üppigkeit leben, ihr sollt euch nicht bestechen
-lassen, sondern beten und den Armen milde
-Gaben reichen&ldquo;, so bedeutet das nichts und kann keine
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen
-wird: &bdquo;aber das sind doch alles bekannte Dinge&ldquo;, wird
-er sich noch vor sich selbst rechtfertigen und sich womöglich
-gar noch für einen Heiligen halten. Er wird sagen:
-&bdquo;Stehlen? &mdash; ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr,
-ein paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor
-mich hin, ich werde ihn nicht anrühren. Ich habe sogar
-meinen eigenen Diener wegen Diebstahls entlassen;
-ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe weder
-Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu
-sparen und zurückzulegen und mit meiner Verschwendung
-und mit meinem Überfluß stifte ich noch Nutzen, denn
-ich gebe damit den Handwerkern, den Gesellen, den
-Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen.
-Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich
-selbst darum bitten und für die das noch nicht den
-Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig, auch jetzt bin ich
-doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache meine
-Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir
-vorüber, ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält,
-auch habe ich mich niemals geweigert, etwas für irgendeine
-Wohlfahrtseinrichtung zu geben.&ldquo; Mit einem Wort,
-er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für
-gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf
-seine Sündlosigkeit sein.
-</p>
-
-<p>
-Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und
-ihm bloß einen Teil von all den furchtbaren Schrecken
-und Übeln zeigt, die er zwar nicht unmittelbar, aber doch
-indirekt verursacht, dann wird er ganz anders reden.
-Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden
-reichen Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-seine Lebensweise nach dem Vorbild der vornehmen Herren
-einrichtet, schweren Schaden und schweres Ärgernis verursacht,
-indem er einem andern weniger Reichen denselben
-Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur
-nicht hinter jenem zurückzustehen, nicht nur sein eigenes,
-sondern auch fremdes Gut verschwenden, die Menschen
-ausplündern und sie zu Bettlern machen; außerdem aber
-sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot
-im Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der
-ihm die Haare zu Berge stehen müssen, und die es
-vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht wie ein vornehmer
-Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft
-angeben und die Köpfe anderer Leute verwirren würde.
-Ebenso zeige man allen Modedamen, die sich nicht gern
-immer in demselben Kleide sehen lassen und sich ganze
-Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges
-davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune
-der Mode folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie
-eigentlich gar nicht dadurch sündigen, daß sie sich einem
-solchen eitlen Treiben hingeben und ihr Geld verschwenden,
-sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem
-solchen Leben zwingen, daß so mancher Mann einer
-andern Frau aus diesem Grunde Bestechungsgelder von
-einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen
-hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld
-aufzubringen, mußte er einem weniger Reichen an die
-Kehle springen und ihn ausplündern. Dieser mußte
-seinerseits irgendeinem Assessor oder einem Landrat die
-Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum
-war gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen
-auszuplündern] und man lasse auch vor all diesen Modedamen
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann werden
-sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes
-Kleid denken. Sie werden einsehen, daß auch das Geld,
-das sie den Armen hinwerfen, und auch die humanen
-Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf
-Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht
-von der furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien
-werden. Nein, der Mensch ist nicht gefühllos. Der
-Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie ihm
-die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute
-mehr erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist
-milder und weicher geworden, und die Hälfte seiner
-Sünden rührt von seiner Unkenntnis und nicht von
-seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu
-anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf
-sich selbst, in sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen
-Retter umarmen. Der Prediger braucht den Vorhang nur
-ein wenig zu lüften und ihm nur eins von den Verbrechen
-zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er
-wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit
-zu prahlen. Er wird sein verschwenderisches Leben
-nicht mehr mit elenden, armseligen Sophismen zu verteidigen
-suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig
-wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird
-erkennen, daß der Gedanke, daß man ein halbes Dorf
-oder einen halben Kreis zugrunde richten müsse, um
-irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in
-dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts,
-nicht aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen
-Menschen entstehen konnte. Wie, wenn der
-Prediger die ganze Kette jener unzähligen indirekten Verbrechen,
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit, seinen
-Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen
-und auf alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen
-würde, wo jeder von uns mit einem Schlage so viele
-Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine eigene, ja wo
-man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine
-Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und
-Schurken machen kann, kurz, wie wäre es wohl, wenn
-er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen würde, auf
-welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden!
-Nein, die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte
-sein. Keins seiner Worte wird in die Luft gesprochen
-sein. <em>Sie</em> aber können viele Priester hierauf aufmerksam
-machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften
-der Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen
-lernen werden, aufmerksam machen. Aber Sie können
-sich hierdurch nicht nur den Priestern, sondern auch
-anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind Tatsachen,
-deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist.
-</p>
-
-<p>
-Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben,
-nicht wie es sich unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen,
-sondern unter dem aller Wirrsale und Verwirrungen
-unserer <em>gegenwärtigen</em> Zeit darstellt; nicht
-wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns,
-sondern wie es einem Manne erscheint, der es von dem
-höchsten Standpunkt eines Christen betrachtet, in Erwägung
-zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands,
-wie sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer.
-Alle Leute leben in einer fremden Welt ausländischer
-Journale und Zeitungen, nicht aber in ihrem
-eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben
-vier Wände wohnen, scheinen durch Meere voneinander
-getrennt zu sein. Sie aber können sie auf Ihrer Reise
-miteinander bekannt machen und wie ein gewandter
-Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und
-Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In <em>einer</em>
-Stadt können Sie Kenntnisse sammeln, um sie in einer
-andern mit Profit wieder an den Mann zu bringen.
-Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst
-weit mehr bereichern als alle. So Großes können Sie
-auf Schritt und Tritt vollbringen &mdash; und das sehen
-Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle liegt über
-Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die
-Liebe herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in
-Ihrem Herzen nehme. Sie können die Menschen nicht
-anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es lernen, ihnen
-zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn liebgewinnen,
-wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn
-er noch nie für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch
-eine Mutter ihr Kind so innig, weil sie es so lange unter
-ihrem Herzen getragen, weil sie alles für es hingegeben
-hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie
-auf! Ihre Klosterzelle ist &mdash; Rußland.
-</p>
-
-<p class="year">
-1845.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-22">
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-<span class="line1">XXI</span><br />
-<span class="line2">Was eine Gouverneursgattin ist</span><br />
-<span class="line3">An Fr. A. O. S.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser
-ist. Die meine ... aber sprechen wir nicht von
-unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso vergessen
-wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre
-Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit
-neuer Kraft lieben lernen; sie gehört zu Ihnen, sie
-ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre wahre Heimat
-werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder
-meinen, daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun
-und Leben daselbst ganz ohne Nutzen, daß die Gesellschaft
-bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind einfach
-müde &mdash; das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs
-findet überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der
-Betätigung. Sie wirkt sogar auch dann noch, wenn sie
-überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst schon, daß
-es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel
-zu schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze
-und Eifer auf alle möglichen Dinge zu werfen. Sie
-haben zwei lebendige Beispiele vor sich, die Sie selbst
-erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen
-ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet
-und zugleich damit alle möglichen Schreibereien, eine
-große Aktenwirtschaft veranlaßt, allerhand Ökonomen,
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen
-und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat
-sich in Petersburg durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht
-und in K. eine große Verwirrung angerichtet.
-Die Fürstin O. dagegen, die <em>vor</em> Ihnen Gouverneurin
-der Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen
-und keine Asyle gegründet, sie hat außerhalb der Stadt
-kaum von sich reden gemacht, auch hatte sie gar keinen
-Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der
-eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften
-gar nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen
-Tag kein Mensch in der Stadt ihrer ohne Tränen
-gedenken, und jedermann &mdash; von dem Kaufmann bis
-herab zum letzten Habenichts &mdash; sagt auch heute noch
-immer: &bdquo;Nein, wir werden nie eine zweite Fürstin O.
-bekommen.&ldquo; Und wer sagt so etwas? Dieselbe
-Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt,
-dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle
-Zeiten und unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn
-nun? Läßt sich denn wirklich nichts machen? Sie sind
-müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde, weil
-Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren
-eigenen Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches
-Temperament ist mit Ihnen durchgegangen ...
-Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen
-schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß.
-Sie sind die erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank
-dem äffischen Wesen der Mode und der bei uns in
-Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im
-allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste
-Kleinigkeit, nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-tonangebend, Gesetzgeberin sein. Wenn Sie nun recht
-für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden, so
-werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie
-damit auch andere veranlassen werden, sich mehr und
-gründlicher mit ihren Angelegenheiten zu beschäftigen.
-Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes
-zu tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe,
-die dazu nicht einmal viel Arbeit und Unruhe erfordert,
-noch viele Kosten verursacht. Fehlen Sie auf keinem
-Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets
-und zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben
-Kleide sehen zu lassen. Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-,
-vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie an jedem Dinge nur
-das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie diesen
-abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden
-Rußlands, diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten
-und Schändlichkeiten, die es bei uns gibt.
-Wenn Ihnen auch nur dies <em>eine</em> gelingen sollte, so
-werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften, als
-selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst
-sehen, nicht einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal
-viel Zeit. Liebe Freundin! Sie sind müde. Aus Ihren
-früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den Anfang
-bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich
-nicht allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet).
-Ihr Ruf ist bereits über die Grenzen von K.
-gedrungen, und mancherlei ist auch mir zu Ohren gekommen.
-Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen
-sich noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede
-kleine Unannehmlichkeit macht noch einen viel zu starken
-Eindruck auf Sie und drückt Sie zu leicht nieder. Liebe
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte,
-von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen,
-überzeugt haben. Betrachten Sie die ganze Stadt so,
-wie ein Arzt ein Krankenhaus betrachtet. Tun Sie dies,
-aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und zwar
-folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen,
-daß alle Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre
-Verwandten, daß sie Menschen sind, die Ihrem Herzen
-nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles
-ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen
-und nur noch gegen ihre Krankheiten ankämpfen. Wer
-hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten unheilbar sind?
-Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine
-Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie
-etwa ein Arzt, der allwissend ist? Warum haben Sie
-sich denn nicht an andere Leute mit der Bitte um
-Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum
-gebeten, mich über alles zu unterrichten, was es in
-Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu verhelfen, daß ich Ihre
-Stadt kennen lerne, damit ich mir einen vollständigen
-Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben
-Sie das nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon
-überzeugt sind, daß ich in vielen Beziehungen eine
-größere Wirkung auszuüben vermag als Sie. Um so
-mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis
-zuschreiben, wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr
-endlich, da Sie ja selbst sagen, daß ich Ihnen in Ihren
-Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe als sonst
-jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren
-unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben
-wohl vergessen, daß ich zu beten vermag und daß mein
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott aber kann
-meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott
-erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein
-Verstand, der nicht von Ihm belehrt ist.
-</p>
-
-<p>
-Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen
-ganz allgemeinen Begriff von Ihrer Stadt gegeben und
-ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie jeder Provinzhauptstadt
-eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen
-Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben
-sich darauf verlassen, daß ich Rußland kenne wie meine
-fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland so gut
-wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas
-davon gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise
-ganz anders geworden. Selbst in der Zusammensetzung
-der Gouvernementsverwaltung sind große Veränderungen
-vorgegangen. Viele Instanzen und viele
-Beamte sind jetzt nicht mehr vom Gouverneur abhängig,
-sondern sind andern Departements und Ressorts und
-den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es
-sind neue Posten geschaffen worden, und es gibt
-mancherlei neue Beamte. Kurz, ein Gouvernement und
-eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach vielen
-Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe
-Sie doch gebeten, mich recht <em>vollständig</em> mit Ihrer
-Situation bekannt zu machen. Nicht mit irgendeiner
-<em>idealen</em>, sondern mit Ihrer <em>eigentlichen wirklichen</em>
-Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles
-vom Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag.
-</p>
-
-<p>
-Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit
-Ihres Aufenthalts in K. Rußland besser kennen gelernt
-haben, als während Ihres ganzen früheren Lebens. Warum
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir geteilt?
-Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem
-Ende Sie anfangen sollen, Sie sagen, daß der große
-Haufen von Kenntnissen, die Sie gesammelt haben, noch
-ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt (Notabene: das
-ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen,
-sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir
-zunächst folgende Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft,
-als Ihnen dies möglich ist, und nicht in der Weise,
-wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen &mdash; d. h. eine
-leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört
-und nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm
-sind oder gefallen haben, tun würde, sondern so, wie
-unsereiner, d. h. ein kalter, leidenschaftsloser Mann oder
-noch besser, wie ein energischer vernünftiger Beamter dies
-zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu Herzen nimmt,
-sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet.
-</p>
-
-<p>
-Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen,
-Ihre Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten
-Sie mich mit allen bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer
-Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und Familiennamen sowie
-mit allen Beamten &mdash; vom ersten bis zum letzten &mdash;
-bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich
-muß ebenso ihr Freund werden, wie Sie ausnahmslos
-die Freundin eines jeden sein müssen. Zweitens sollten
-Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für
-einen Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von
-ihnen selbst und nicht von irgendeinem andern zu erfahren
-suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem ein Gespräch
-an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit
-besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-sie sich bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre
-die erste Frage. Bitten Sie ihn dann weiter, er möge
-Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel Gutes man
-unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf
-zu tun vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen
-Sie ihn ferner, wieviel Unheil man in diesem selben
-Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das
-wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung
-gebracht haben, so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und
-schreiben Sie es sofort für mich auf. Hierdurch werden
-Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen. Erstens
-werden Sie <em>mir</em> hierdurch die Möglichkeit geben, mich
-Ihnen in der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und
-zweitens werden Sie aus den eigenen Antworten jedes
-Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt, woran
-es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst
-charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink
-geben, was sich bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber
-darum handelt es sich nicht. Beeilen Sie sich fürs erste
-nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch nichts, wenn
-es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und
-als ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es
-ist besser, wenn Sie zunächst noch einen genaueren Einblick
-in die Dinge zu gewinnen suchen, begnügen Sie sich
-<a id="corr-9"></a>fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte
-ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder
-auf einem anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen
-und Beobachtungen über jeden einzelnen Mann mitzuteilen
-&mdash; auch was die andern über ihn sagen, kurz
-alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters
-von ihm sagen läßt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen
-über die gesamte weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen
-zu lassen. Sie sind so klug gewesen und haben ihnen
-allen einen Besuch gemacht und sie fast alle kennen
-gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie
-sie doch nicht genügend kennen gelernt haben. Frauen
-gegenüber lassen Sie sich schon durch den ersten Eindruck
-leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen Sie fallen. Sie
-suchen nur immer nach der Elite und nach den allerbesten.
-Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen,
-liebe Freundin! Sie müssen alle lieben, und die ganz
-besonders, die viel Häßliches und Schlechtes an sich
-haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen
-lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen
-großen Einfluß auf ihre Männer haben können. Übereilen
-Sie sich nicht, suchen Sie ihnen keine guten Lehren
-zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal ordentlich
-aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum
-Reden zu veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse
-einer jeden zu orientieren, womit sie sich beschäftigt,
-ja suchen Sie selbst ihre Denkungsart und ihre
-Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre Neigungen,
-was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd
-einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen.
-</p>
-
-<p>
-Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig
-und bis in sein Innerstes durchschauen, um ihm helfen
-zu können. Ohne dies kann ich es nicht einmal verstehen,
-wie man jemand auch nur zu raten vermag: An jedem
-Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen
-Fall immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird
-ihm nicht leicht, ja sogar unausführbar erscheinen. Mit
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-einem Wort, suchen Sie die Frauen bis auf den Grund
-zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von
-Ihrer Stadt erhalte.
-</p>
-
-<p>
-Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei
-Geschlechts bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich
-bei Ihnen ereignet, und der die Menschen oder den allgemeinen
-Geist der Provinz auch nur nach irgendeiner
-Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und einfach
-zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat
-oder wie er Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet
-worden ist. Geben Sie mir auch ein paar Stichproben
-von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen gerade
-mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien
-bei Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür,
-daß diese Aufzeichnungen Ihnen zur dauernden Gewohnheit
-werden, und setzen Sie ein für allemal eine
-bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie
-sich eine systematische und möglichst vollständige Vorstellung
-von der ganzen Stadt in ihrem ganzen Umfange
-zu bilden, damit Sie sofort übersehen können, ob Sie
-auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und
-damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von
-Ihrer Stadt erhalte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen
-Personen, ihrer Tätigkeit, ihrer Auffassung von ihr und
-ihrem Beruf und endlich auch mit dem Charakter der Ereignisse,
-die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht haben,
-dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen,
-daß vieles Unmögliche doch möglich und daß
-vieles Unverbesserliche doch noch gutzumachen ist. Bis
-dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade darum,
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern.
-Ich möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die
-gerade ins Ziel treffen, nicht höher und nicht tiefer, gerade
-in den Punkt und den Gegenstand, auf den sie gerichtet
-sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie sofort
-erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus
-ein paar Winke geben, die allerdings nicht für Sie,
-sondern für Ihren Gatten bestimmt sind: bitten Sie ihn
-vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der Gouvernementsverwaltung
-ehrliche Leute sind; das ist die
-Hauptsache. Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir
-auch ehrliche Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw.
-bekommen, mit einem Wort, so wird jedermann ehrlich
-sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies nicht
-schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art,
-Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter
-auf Befehl des Vorgesetzten von einem Kollegen
-ein Geschenk annimmt; in solch einem Fall gelingt es
-dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen.
-Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von
-oben nach unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren
-sind häufig bloß deswegen gezwungen, zu schwindeln
-und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst
-was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie
-müssen zahlen, wenn sie eine Stelle erhalten wollen.
-Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können sich offen vor
-aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt
-werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen
-gegen jemand vorzugehen und ihn deshalb zu
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in den oberen
-Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden
-auch in den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen
-Sie und verfolgen Sie niemand, ehe die rechte Zeit
-kommt und ehe das Übel ganz zur Reife gekommen ist.
-Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen
-Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur
-stets Gelegenheit hat, viel Unheil anzurichten, daß er
-nur wenig Gutes tun kann, daß er kaum die Möglichkeit
-hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf
-diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz
-richtig. Ein Gouverneur kann immer einen <em>moralischen</em>
-Einfluß ausüben, ja dieser Einfluß ist sogar sehr groß,
-ebenso wie auch Sie einen großen <em>moralischen</em> Einfluß
-ausüben können, obwohl Sie über keinerlei gesetzliche
-Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr
-Gatte irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird
-gleich die ganze Stadt davon reden: man wird sich sofort
-fragen, warum und aus welchem Grunde dies nicht
-geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer
-Furcht davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen,
-der er sich sonst ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht
-und die er aus Respekt vor dem Gesetz und der
-Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie
-Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter
-des N.schen Kreises gehandelt haben, den Sie ausdrücklich
-in die Stadt kommen ließen, um ihn mit dem Staatsanwalt
-auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit, Anständigkeit
-und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und
-freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird
-ihre Wirkung nicht verfehlen. Dies können Sie mir
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-glauben. Was mir hierbei besonders gefallen hat, ist
-folgendes: daß der Richter (der, wie es sich herausgestellt
-hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch
-ist) so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken,
-nicht einmal ins Vorzimmer eines Petersburger
-Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm in diesem
-Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen
-mögen. Glauben Sie mir, die beste Art, wie man
-heute handeln kann, besteht nicht darin, sich heftig und
-leidenschaftlich über die Bestechlichkeit und die Schlechtigkeit
-der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin,
-gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen
-sollte man sich lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit
-öffentlich bekannt zu machen und einem geraden
-und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt
-freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir,
-sobald es im ganzen Gouvernement bekannt wird, daß
-der Gouverneur wirklich so handelt, wird er den gesamten
-Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel hat einen
-wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt
-hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit,
-und zwar nicht für jene Vornehmheit, von der
-auch der Adel anderer Länder durchdrungen ist, d. h.
-nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung,
-auch nicht für den europäischen <span class="antiqua">point d&rsquo;honneur</span>,
-sondern für die echte sittliche Vornehmheit. Selbst
-in solchen Provinzen und in solchen Gegenden, wo jeder
-Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger
-Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann,
-wenn man sie nur zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft,
-wie elektrisiert, und Menschen, die sonst nichts wie
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der herrlichsten
-Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung
-des Gouverneurs zuallererst beim Adel Widerhall
-finden, und das ist sehr wichtig. Der Gouverneur
-muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel
-ausüben. Nur hierdurch kann er die Aristokraten
-bewegen, sich auch mit unbedeutenden Ämtern oder
-wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das aber
-ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus
-derselben Provinz eine Stelle annimmt, um andern
-Leuten ein Vorbild zu geben, wie man seine dienstlichen
-Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch
-für ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und
-vielerlei Mängel hat, seine Pflicht und Schuldigkeit
-tun, wie dies ein fremder, aus einem andern Ort in
-die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und
-wenn er sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht
-hätte. Mit einem Wort, man darf niemals aus dem
-Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die
-im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles,
-d. h. ihre ganze Habe, die sie besaßen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen
-irgendwelcher unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt
-wird, so muß dies stets <em>unter Enthebung von
-seinem Amt</em> geschehen. Das ist von großer Bedeutung,
-denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er
-seines Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten
-für ihn Partei nehmen. Er wird noch lange
-Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um
-alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt
-nicht mehr möglich ist, die Wahrheit ans Licht
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-zu bringen; wird er dagegen unter <em>Enthebung von
-seinem Amt</em> vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich
-die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor
-ihm haben, auf allen Seiten werden sich Beweise gegen
-ihn häufen, alles wird plötzlich an den hellen Tag
-kommen und die Sache wird sich völlig aufklären.
-Um eins aber bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen
-Sie um Christi willen nie einen aus dem Amt gejagten
-Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er will:
-denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres
-Gemahls muß er in Ihre Hände gelangen. Sprechen
-Sie nicht selbst mit ihm und empfangen Sie ihn nicht,
-sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben
-gut daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen,
-weil sie die Brötchen, die für diese Unglücklichen
-bestimmt waren, an andre Leute verkauft hat
-&mdash; ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn
-man in Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht
-einmal imstande waren, sich deswegen zu beklagen. Daher
-mußte ihre Entlassung öffentlich und vor aller Welt
-erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig
-fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich
-und behalten Sie den Ausgestoßenen im Auge.
-Denn mitunter kann ein solcher aus Kummer, Verzweiflung
-und Scham noch größere Verbrechen begehen.
-Handeln Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder
-überhaupt durch irgendeinen klugen Geistlichen, veranlassen
-Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen beständig
-über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen
-Sie dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist.
-Nehmen Sie sich in diesem Fall nicht das tote Gesetz,
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-sondern den lebendigen Gott zum Vorbild, der den
-Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn
-aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher
-mag sein, wie er will, solange die Erde ihn noch trägt
-und Gottes Donner ihn noch nicht vernichtet hat, so
-bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch aufrecht
-zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt
-werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie
-übrigens bei den Aufzeichnungen, die Sie für mich
-machen werden, oder bei Ihren eigenen Forschungen
-über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr
-durch die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert
-werden und sollte sich Ihr Herz mit Empörung erfüllen
-&mdash; so rate ich Ihnen in solch einem Falle, sich hierüber
-so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu unterhalten.
-Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar
-ein kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen
-Sie ihn durch Ihr ganzes Krankenhaus und klären Sie
-ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf. Selbst wenn
-er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der
-Heilkunst besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über
-alle Krankheitsanfälle, alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen
-unterrichten. Suchen Sie ihm alles
-bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm fortwährend
-vor Augen steht, daß er sich in Gedanken
-fortwährend mit Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie
-ihm immer lebendig und gegenwärtig ist, wie sie auch
-Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all
-sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist,
-unaufhörlich für sie zu beten. Glauben Sie mir,
-seine Sonntagspredigt wird hierdurch den Zuhörern
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird
-ihm gelingen, in viele Dinge Licht hineinzubringen und
-persönlich, ohne auf jemand hinzuweisen, jedem seine
-eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von Angesicht zu
-Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit
-Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird.
-Achten Sie gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie
-sie unbedingt alle kennen zu lernen. Von ihnen hängt
-alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt in ihren
-Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen.
-Achten Sie trotz der Einfalt und Unwissenheit so
-mancher keinen von ihnen zu gering. Es ist leichter,
-<em>sie</em> ihrer Pflicht wiederzugeben, als irgendeinen
-von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz,
-Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere
-Vollkommenheit. Infolgedessen will niemand von uns
-auf die Worte und die Ermahnungen seiner Brüder
-hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen.
-Dazu kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen
-... Ein Geistlicher dagegen mag sein wie
-er will, er hat doch immerhin ein gewisses Gefühl dafür,
-daß er demütiger und bescheidener sein muß, als
-alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich
-während des Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert,
-mit einem Wort, er ist weit eher dazu imstande,
-sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als wir, und
-indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle
-auf ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn
-Sie ganz unfähige Leute unter ihnen antreffen, diese
-nicht geringschätzen, sondern ordentlich mit ihnen reden.
-Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-hat, lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen,
-lassen Sie sich erzählen, was für Leute in seinem
-Pfarrdorf leben, wie er sie versteht und in welchem
-Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß ich
-bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und
-die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt eigentlich darstellen.
-Daß sie auch schon anfangen, die Mode mitzumachen
-und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung, der
-man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir
-einen von ihnen mitten aus seinem Milieu lebendig
-herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf bis zu den
-Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte.
-Also noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig
-und bis ins einzelne kennen zu lernen. Eine Seite
-der Sache werden Sie von den Priestern erfahren, eine
-andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe
-geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen.
-Einen dritten Zug werden Sie von ihnen selbst erfahren,
-wenn Sie es nicht verschmähen, mit einem von ihnen
-eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen
-Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle
-Daten, die Sie so sammeln werden, werden dazu dienen,
-das Musterbild des Bürgers und Kaufmanns, wie
-er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen.
-Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen,
-dessen Karikatur dieser Krüppel darstellt. Wenn Sie
-aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind, dann
-lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm
-darüber. Sie werden ihm gerade das sagen, was er wissen
-muß. Sie werden ihm das Wesen eines jeden Berufs
-klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein jeder
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur
-dieses Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm
-zeigen, wozu er durch unsere Mißbräuche geworden ist.
-Darüber hinaus brauchen Sie nichts hinzuzufügen. Er
-wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein eigener
-Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen
-solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen
-Menschen, die es verstehen, die Grenzen und
-Pflichten eines jeden Berufs und Amtes in wenigen,
-aber klaren und treffenden Zügen abzustecken. Häufig
-weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich
-gegen seine Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll,
-und bringt nichts als Gemeinplätze vor, die sich nach
-keiner Richtung hin unmittelbar auf den Gegenstand
-beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage
-zu versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern,
-wenn seine Gemeinde arm ist, und denen, die da
-roh und trotzig tun, drohen Sie mit dem Erzpriester.
-Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren
-moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran,
-daß ihre Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie
-strengere Rechenschaft werden ablegen müssen, als irgendein
-Mensch aus einem anderen Beruf, daß heutzutage
-ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders
-auf den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes
-Revirement bevorsteht, weil nicht nur die höhere
-Obrigkeit, sondern auch alle Privatleute im Staate ohne
-Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund alles
-Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre
-Pflicht und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst
-häufig über die furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-unsere Seele unwillkürlich erschauert. Kurz &mdash; vernachlässigen
-Sie die Stadtpfarrer unter keinen Umständen:
-mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen
-großen moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft,
-das Bürgertum und die niederen Stände der Stadtbewohner
-ausüben, einen so großen Einfluß, wie Sie
-sich&rsquo;s kaum vorstellen können. Ich will nur einiges
-davon erwähnen, was sie durchzusetzen vermag, und
-Sie auf die Mittel aufmerksam machen, mit deren
-Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, &mdash; aber
-da fällt mir ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon
-habe, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in
-Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen
-vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser,
-ich unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine
-sagen, daß Sie selbst einmal erstaunt sein werden, wenn
-Sie erkennen werden, welch große Aufgaben und Taten
-Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die
-weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche
-Asyle und alle möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl
-sie mit keinerlei Geldopfern und Arbeit verbunden
-sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer
-Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.
-</p>
-
-<p>
-Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten
-unter den Bewohnern der Stadt zu sozialer Tätigkeit
-anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann gleich Ihnen
-sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln;
-wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem
-Charakter, ihrer Lebensweise und ihrer Beschäftigung
-geben wollen, so werde ich Ihnen sagen, wie und wodurch
-man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht
-kennt, die man jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn
-aufzurütteln und aufzuwecken. Sie haben mir schon
-ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt
-genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr
-finden werden. Legen Sie keinen Wert auf ein abstoßendes
-<a id="corr-10"></a>Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme
-Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes
-Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu
-renommieren und sich durch große Kühnheit und Bravour
-hervorzutun, oder auf ein allzu freies ungeniertes
-Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas
-unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch
-ist unsere Seele in ihrem Innersten weit mehr guter Regungen
-und Gefühle fähig als jemals früher, trotzdem
-wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder sogar
-einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich
-schwöre Ihnen, die Frauen sind weit besser als wir Männer;
-sie sind viel hochherziger, haben viel mehr Wagemut
-und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen
-Sie dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem
-hohlen modischen Treiben umgarnen ließen. Wenn es
-Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen zu reden,
-wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten
-ihre hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt
-harrt, ihre <a id="corr-11"></a>himmlische Bestimmung klarzumachen: uns
-eine Erweckerin zu allem Edlen, zur Geradheit und Ehrlichkeit
-zu werden und den Menschen zu edlem Tun und
-Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch
-soeben für ganz hohl und nichtig gehalten haben, in
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-edler Begeisterung aufflammen, in sich gehen, erkennen,
-daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu edlen
-Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen,
-ihren Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten,
-und alle dazu veranlassen, daß sie umkehren und sich
-wieder in den Dienst einer Sache stellen. Ich schwöre
-Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins Gewissen
-reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie
-werden uns mit der Geißel der Scham und des Gewissens
-antreiben wie eine stumpfsinnige Hammelherde,
-noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen
-wird, daß er schon längst von selbst hätte vorwärts
-laufen und nicht erst auf den Schlag der Peitsche warten
-sollen. Sie werden die Liebe aller gewinnen. Und
-diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch
-nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie
-Ihre Seele kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie
-alle, bis zum letzten, lieben, ohne alle Rücksicht, ob
-einer Sie liebt oder nicht.
-</p>
-
-<p>
-Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich
-fühle, daß ich anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer
-Stadt noch Ihnen selbst im gegenwärtigen Augenblick
-sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie selbst
-schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten
-zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch
-wie in einem einsamen Walde. Ich höre fortwährend
-von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht, woran
-eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit,
-nie auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares
-Leiden zu glauben, und ich nenne eine Krankheit
-niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch eigenhändiges
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-Befühlen und Betasten davon überzeugt habe.
-Also noch einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze
-Stadt gründlich kennen zu lernen, beschreiben Sie mir
-alles und jedermann und ersparen Sie keinem einzigen
-Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin
-sein Beruf besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses
-man in seiner Stellung vollbringen kann. Machen Sie
-es wie eine fleißige Schülerin, schaffen Sie sich zu diesem
-Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in
-Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein
-müssen. Denken Sie stets daran, daß ich dumm, daß
-ich <em>ganz</em> dumm bin, solange mich nicht jemand in ausführlichster
-Weise über einen Gegenstand orientiert. Oder
-stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig
-unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles,
-bis auf die kleinste Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen
-muß: nur dann wird Ihr Brief seinen Zweck ganz
-erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen
-solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen
-ist, Ihnen etwas vorauszusagen, und wenn
-meine Voraussagungen einmal wirklich eingetroffen sind,
-so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich damals
-in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht
-haben. Ist denn das etwas so Großes, gewisse Dinge
-vorauszusehen! Man muß bloß die gegenwärtigen Verhältnisse
-recht aufmerksam beobachten, dann wird die
-Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen.
-Ein Narr, der an die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart
-in Rechnung zu ziehen! Ein solcher Mensch muß
-entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber
-in Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-folgender Zeilen ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen
-führen will. &bdquo;<em>Es ist traurig und sogar bitter,
-die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen
-zu müssen. Im übrigen aber sollte man nicht
-darüber sprechen. Wir sollten hoffnungsvoll
-und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die
-in den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt</em>&ldquo;.
-In den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt alles:
-alles Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige. Das
-ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart
-nicht sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen.
-Daher kommt ja dies ganze Unheil, daß das eine traurig
-und bitter und anderes wieder einfach häßlich und widerwärtig
-ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es
-gerne möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln
-an allem und blicken starr in die Zukunft. Darum
-sendet uns Gott auch keine Klarheit, daher hängt ja
-auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft:
-manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen
-hochstehenden Menschen, die sie auch schon instinktiv
-vorausahnen und diesem Gefühl nur noch keine streng
-zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben können.
-Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das
-weiß kein einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit
-den sauren Trauben. Dabei vergißt man eine Kleinigkeit:
-man vergißt, daß die Straßen und Wege, die in
-diese <em>heitere</em> Zukunft führen, ja gerade durch diese
-<em>dunkle und verworrene</em> Gegenwart hindurchgehen,
-die niemand kennen will. Jedermann hält sie für so
-häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und
-ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-führt. So lehren Sie mich doch wenigstens diese Gegenwart
-kennen. Sie dürfen sich nicht durch das viele
-Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie
-sollen mir keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine
-und Schmutzige ist nichts Ungewohntes für
-mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges
-in mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles
-Niederträchtige und Widerwärtige hatte, brachte mich
-alles Gemeine und Häßliche in Verlegenheit, ich fühlte
-mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte mich ein
-Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich
-aber tiefer in all den Schmutz und die Niedertracht
-hineinzublicken versuchte, bin ich zu höherer geistiger
-Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf.
-Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch
-größerer Ehrfurcht vor der Vorsehung, und jetzt danke
-ich Gott sogar am meisten dafür, daß er es mir ermöglicht
-hat, die Gemeinheit und Niedertracht &mdash; sowohl
-meine eigene wie die meiner armen Brüder &mdash; wenigstens
-teilweise kennen zu lernen. Und wenn ich heute auch
-nur ein Fünkchen Verstand besitze, wie er nicht allen Menschen
-eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich bemüht
-habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit
-hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein
-sollte, einigen von denen, die meinem Herzen nahe stehen,
-darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe und Stütze zu
-sein &mdash; so war dies nur möglich, weil ich tiefer in
-diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe.
-Und wenn ich schließlich gelernt habe, die Menschen mit
-einer nicht bloß eingebildeten, erträumten, sondern mit
-einer wahrhaften und wirklichen Liebe zu lieben, so war
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich, daß ich
-recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit
-hinabgesehen habe.
-</p>
-
-<p>
-Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht
-zurück. Vor allem aber wenden Sie sich nicht mit Ekel
-von den Menschen ab, die Ihnen aus irgendeinem
-Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere
-Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo
-viele von den sogenannten &bdquo;Reinen&ldquo; ihr Gesicht mit
-den Händen bedecken und bittere Tränen weinen werden,
-gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie
-sich ihrer Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen
-hohen Gütern gerühmt und sich deshalb für
-bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie stets
-daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet
-haben, mit neuem <a id="corr-12"></a>frischerem Mut als früher an
-die Arbeit. Lesen Sie meinen Brief fünf- oder sechsmal
-durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und es ist keine
-strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens
-selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den
-Inhalt dieses Briefes ganz zu eigen machen. Meine
-Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine Wünsche
-zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und
-jeder Buchstabe Sie unablässig verfolgt und so lange
-quält, bis Sie meine Bitte erfüllen und tuen, was ich
-verlange.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-23">
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-<span class="line1">XXII</span><br />
-<span class="line2">Der russische Gutsbesitzer</span><br />
-<span class="line3">An <a id="corr-13"></a>B. N. B.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem
-Gute angelangt bist und es dir zum unumstößlichen
-Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu
-werden. Das übrige wird sich schon von selbst ergeben.
-Laß dich nicht irremachen durch den Gedanken, daß das
-alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem Bauern
-verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen
-ist, ist wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst
-daran schuld sind, das ist auch wahr, aber] daß es für
-alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte &mdash; das
-glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten.
-Nur ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge
-hinaussieht, kann so etwas behaupten. Wie? Es sollte
-schwer sein, sich die Liebe eines Russen, der für alles Gute,
-das man ihm beibringt, so dankbar zu sein vermag, &mdash;
-es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und Anhänglichkeit
-eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den
-Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch
-einen Gedanken hat: wie man ihn wieder loswerden
-soll. Wenn du nur alles genau ausführst, was ich dir
-jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses
-Jahres erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die
-Aufgabe, die einem Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-wahren und rechten Sinne erkennen und in der rechten
-Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die
-Bauern um dich versammeln und ihnen klarmachen,
-was du bist und wer sie sind. Du mußt ihnen erklären,
-daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden
-bist, weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen
-wolltest, sondern deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer
-warst, weil du als Gutsbesitzer geboren bist und
-weil Gott dich zur Verantwortung ziehen würde, wenn
-du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest,
-denn ein jeglicher muß Gott an <em>der</em> Stelle, an die
-er gestellt wird, und nicht an einer andern fremden
-dienen. Ebenso müßten auch sie, die Bauern, da sie
-doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt
-des Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen,
-unter der sie geboren seien, denn es gibt keine
-Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser Gelegenheit mußt
-du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament
-zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon
-überzeugen kann. Ferner mußt du ihnen sagen, daß du
-sie zur Arbeit und zur Tätigkeit anhältst, nicht weil du
-Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen
-brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor
-ihren Augen ein paar Banknoten verbrennen], du mußt
-es vielmehr so einrichten, daß sie wirklich den Eindruck
-gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert für
-dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten,
-weil es Gottes Wille sei, daß der Mensch in schwerer
-Arbeit und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen
-solle, und lies ihnen unmittelbar darauf die entsprechende
-Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-sie sich davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit,
-sage ihnen, Gott werde wegen des letzten Lumpen
-im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und deswegen
-würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich
-arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst.
-Denn du weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein
-Bauer, der nicht arbeitet und sich dem Müßiggang ergibt,
-zu allem fähig ist &mdash; er kann zum Dieb, zum
-Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten
-und dir eine schwere Verantwortung vor Gott aufbürden.
-Bekräftige alles, was du sagst, stets und ohne
-Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit dem
-Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte
-enthalten. Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige,
-einen Kniefall tue und das Buch küsse, in
-dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar erkennen,
-daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht,
-nach dem Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen
-europäischen oder anderen Launen und Einfällen
-heraus handelst. Der Bauer wird das verstehen. Er
-bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze
-Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das
-Wertvollste auf der ganzen Welt ist und daß du vor
-allem darauf achten wirst, daß keiner von ihnen seine
-Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte.
-Bei jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du
-einem Menschen erteilst, der des Diebstahls, der Faulheit
-oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt
-du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht
-gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen
-Gott und nicht gegen dich versündigt, und tadele nicht
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-ihn allein, sondern rufe auch sein Weib, seine Familie und
-seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen,
-frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten,
-Übles zu tun, und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht
-habe. Rede auch den Nachbarn ins Gewissen, weil sie
-es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten
-unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt
-und seine Seele um nichts und wieder nichts verdorben
-habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen vor Gott Rechenschaft
-ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß
-sich alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und
-daß alle Gegenstände, die den Menschen umgeben, ihn
-vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es ihm nicht gestatten,
-sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß von allen
-musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten
-Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß
-ihnen eine große Verantwortlichkeit zufalle. Mache es
-ihnen ganz klar, daß es nicht allein ihre Aufgabe ist,
-selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel zu
-führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut
-zu leben, daß ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren
-kann, und daß das ihre Pflicht sei. Den Lumpen
-und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven
-und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie
-dem Dorfschulzen, dem Verwalter, dem Priester und
-sogar dir selbst. Schon wenn sie einen solchen braven
-und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne
-erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe
-reißen und ihm den Weg freigeben. Wer es aber wagt,
-ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen oder seinen
-klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken,
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-den mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu
-dem mußt du folgendermaßen sprechen: &bdquo;O du ungewaschenes
-Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche,
-daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast,
-und du willst dem keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt!
-Beuge dich tief vor ihm und bitte ihn, daß er
-dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht
-zur Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein
-Hund.&ldquo; Die braven Bauern aber mußt du zu dir rufen
-und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz nehmen
-lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern
-belehren und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen
-können, was Gott uns geboten hat. Führe das
-bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst sehen,
-wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft
-wird hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um
-die Hauptsache, alles andere wird dir von selbst in den
-Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens gesagt: <em>Dies
-alles wird euch von selbst zufallen.</em> Wie wahr
-das ist, dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres
-Zeugnis als unser Leben. Für den Bauern sind
-ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch &mdash; Synonyme,
-und wo in einem Dorfe einmal das christliche
-Leben Einkehr gehalten hat, da tragen die Bauern
-das Silber mit Schaufeln fort.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft
-einen Rat geben, nur mußt du ihn ordentlich verstehen,
-dann wird er dir nicht zum Schaden gereichen. Zwei Menschen
-danken es mir schon, der eine ist K., den du auch
-kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich
-beschäftigen mußt und wie du dies zu tun hast, darüber
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-will ich dir nichts sagen: das weißt du besser als
-ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau
-wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand
-Neuerungen bist du ja vernünftig und hast du ja selbst
-eingesehen, daß man nicht nur am Alten festhalten,
-sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß,
-um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu
-gewinnen. Ich will dir lieber einen Rat geben, der die
-Beziehungen des Gutsherrn zu seinen Bauern in den
-landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den Arbeiten
-betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung
-ist als alles übrige. Denke an das Verhältnis,
-das früher zwischen den Gutsherren und Landwirten und
-ihren Bauern herrschte: du mußt ein Patriarch sein,
-selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen.
-Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn
-eine gemeinsame Sache in Angriff genommen wird,
-also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte usw.
-das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen
-Tagen muß in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch
-für alle Bauern gedeckt sein, ganz so wie am Ostermontag,
-und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit
-ihnen zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der
-Arbeit überall voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem
-Schaffen anspornen, für die, die sich durch ihren
-Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort des
-Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit
-halten. Und wenn dann der Herbst kommt und die
-Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du den Abschluß der
-Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres
-Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-begleitet wird. Du sollst den Bauer nicht schlagen; ihm
-einen Schlag in das Gesicht versetzen, das ist noch keine
-große Kunst, das kann auch der Stanowoi, der Assessor
-und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt,
-er kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist
-alles. Lerne es lieber, durch deine Worte Eindruck auf
-ihn machen. Du verstehst dich doch auf treffliche
-Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber
-so, daß das ganze Volk ihn auslacht und verspottet.
-Das wird weit nützlicher für ihn sein als alle möglichen
-Püffe und Maulschellen. Du mußt stets sämtliche Synonyme
-von: &bdquo;<em>braver Bursche</em>&ldquo; für den, der ermuntert,
-und alle Synonyme von: &bdquo;altes Weib&ldquo; für den,
-der getadelt werden muß, bereit halten, damit das ganze
-Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold ein
-altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich
-ein noch schlimmeres Wort hervor, kurz, du
-darfst ihm sagen, daß er alles ist, was ein Russe nicht
-sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube, sondern
-erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und
-richte es, wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei
-deinem Kommen alles lebhafter und heiterer wird, sich
-mutig und frisch betätigt und daß jeder sich bei der
-Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen allen
-Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst:
-&bdquo;Kommt, Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.&ldquo;
-Nimm selbst die Axt oder die Sense zur
-Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine
-Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion,
-als Marienbad und die vielen trägen und bequemen
-Spaziergänge.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz
-richtig. Es ist wirklich ein Unsinn, dem Bauern das
-Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit habe, allerhand
-törichte Bücher zu lesen, die europäische Menschenfreunde
-für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber
-ist, daß der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach
-der schweren Arbeit wird kein Buch ihm in den Kopf
-hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt
-er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten.
-Dir selbst wird es so ergehen, wenn du häufiger zur
-Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer kann dem Bauer
-weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein
-kann, als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen
-wirklich vom Bildungsdrang ergriffen wird und zwar
-nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden
-sondern weil er <em>die</em> Bücher lesen will, in denen
-das Gesetz, das Gott den Menschen gegeben hat, geschrieben
-steht, dann ist das freilich eine andere Sache.
-Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen
-Sohn, und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden,
-die du für eine ganze Schule verwandt hättest. Unser
-Volk ist gar nicht so dumm, wenn es vor jedem beschriebenen
-Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel.
-Es weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung,
-aller Kabalen und Haarspaltereien ist. Eigentlich
-sollte es überhaupt nicht wissen, daß es noch andere
-Bücher als die heiligen Bücher gibt.
-</p>
-
-<p>
-[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich
-darum bemühst, daß er durch einen andern ersetzt wird
-und wenn du den Erzpriester darum bitten willst, er möge
-dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester senden.
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn
-ein solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es
-dir aus dem Kopfe, daß du einen Priester finden könntest,
-der deinem Ideal völlig entspricht. Kein Seminar
-und keine Schule kann einen solchen heranbilden. Im
-Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung
-gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen
-erwirbt er sich erst durch das Leben selbst. Du mußt
-selbst sein Lehrer sein, da du doch eine so klare Vorstellung
-von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast. Wenn
-der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer
-selbst schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen
-wie einen nahen Verwandten, und in ihm das
-Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu erwecken,
-aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung
-und unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst
-noch nicht einmal weiß, was der Bauer eigentlich ist.
-Sie bringen ihn in eine solche Lage, daß er genötigt ist,
-dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt zu
-machen, während er doch vielmehr von vornherein eine
-gewisse Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher
-klagt man, daß die Priester schlecht sind, daß sie die
-Manieren der Bauern annehmen und sich gar nicht
-mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja,
-da möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen
-Verhältnissen nicht verrohen, selbst wenn er eine gute
-Vorbereitung und Erziehung besäße? Dagegen mußt du
-es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der
-Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt
-geistliche Bücher mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert
-und befriedigt uns doch heute weit mehr als alles andere.
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Was aber die Hauptsache ist, du mußt den Priester
-überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit
-er von Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und
-sich persönlich von deinem Verhalten gegen die Bauern
-überzeugen könne. Hierdurch wird er klar erkennen, was
-ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die
-Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber
-werden auch die Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen,
-wenn sie sehen werden, daß er Hand in Hand
-mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür,
-daß er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt
-auf sicherem Grunde ruhe und daß er dadurch die Möglichkeit
-habe, beständig mit dir zusammen zu sein. Glaube
-mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich langweilen
-wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber
-einmal an dich gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich
-auch deine Sachkenntnis und Menschenkenntnis und
-vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja gottlob
-sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe,
-dich so klar und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht
-nur deine Gedanken, sondern selbst deine Ausdrucksweise
-und sogar deine Worte von dir annimmt.
-</p>
-
-<p>
-Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig
-hältst, so möchte ich dir hierüber folgendes sagen. Ich
-bin eher der Meinung, daß es für einen Priester, der
-noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet ist, und
-der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser
-ist, überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal
-darüber nachgedacht, wie schwierig es ist, eine kluge
-Predigt zu halten, besonders vor Bauern? Nein, gedulde
-dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange, bis der
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu
-dieser Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem
-anderen geraten habe und was ihm, wie ich glaube,
-von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die heiligen Kirchenväter,
-besonders aber den Johannes Chrysostomus vor.
-Ich sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war,
-da er es mit dem ungebildeten Volk zu tun hatte, das
-das Christentum nur äußerlich angenommen hatte, innerlich
-aber noch immer dem rohen Heidentum anhing,
-immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher
-und roher Menschen anzupassen, und er spricht so lebendig
-über die notwendigsten, ja häufig sogar über sehr hohe
-Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten
-direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten
-kann, denn er wird sie verstehen. Nimm also den
-Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit deinem
-Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit
-du alle derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche
-Stellen kommen bei Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise
-vor. Laß ihn dem Volke diese Stellen vortragen. Sie
-brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie eine
-Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer
-sie sind, um so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor
-er sie dem Volke vorträgt, mehrmals mit dir zusammen
-durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur mit
-innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern
-seinen Worten auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen,
-wie wenn er für eine ihn persönlich angehende
-Sache eintrete, von der das ganze Heil seines Lebens
-abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein
-als eine eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-in möglichst treffenden Worten zum Volke reden, sonst
-kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie unsere
-höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau
-so hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen
-Prediger anzuhören, wie sie in die Oper oder in das
-Schauspiel fahren. Bei K. K. predigt der Priester überhaupt
-nicht, sondern erwartet die Bauern, da er sie von
-Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte
-aber redet er jedem von ihnen derartig ins Gewissen,
-daß dieser die Kirche verläßt, wie wenn er aus einem
-Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich dreißig
-Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten
-Gauner und Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt
-und sich dann selbst in der Vorhalle aufgestellt,
-um sich die Gesichter anzusehen, die sie machen würden,
-wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie
-die Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal
-lange im Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier
-bis fünf Mann auf einmal vorgenommen. Während
-der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S** selbst
-erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen
-lassen, so daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen
-konnten, was bloß geschehen war.]
-</p>
-
-<p>
-Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang
-recht eifrig, dann wird das Werk und die Arbeit schon
-ganz von selbst so vonstatten gehen, daß du gar nicht
-erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden
-wie ein Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen
-Leuten, die da annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers
-denen des Bauers widersprechen. Du wirst
-ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat beweisen,
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn
-er seine Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut,
-nicht allein die alten Bande, von denen man sagt,
-daß sie für immer zerrissen seien, durch das gemeinsame
-Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag,
-das stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und
-so wirst du, der du bisher in keinem Wirkungskreise
-eifrig und mit Hingebung gearbeitet hast, als Gutsbesitzer
-dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein Mann
-in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage
-was du willst, ihm achthundert Untertanen zu schenken,
-die allesamt wie <em>ein</em> Mann allen Menschen ihrer Umgebung
-durch ihren wahrhaft musterhaften Lebenswandel
-zum Vorbild dienen können &mdash; das ist kein unnützes
-Werk, sondern eine durchaus berechtigte und große Tat.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-24">
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-<span class="line1">XXIII</span><br />
-<span class="line2">Der Historienmaler Iwanow</span><br />
-<span class="line3">An M. Ju. Weligurski</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich
-ist doch das Schicksal dieses Menschen! Endlich
-schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle
-waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet,
-eine geradezu unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil
-an dem Künstler, alles bemühte sich darum, ihm die
-Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden, [damit
-der Künstler nicht während der Arbeit sterbe &mdash; ich
-meine dies ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe]
-und noch immer bekommt man nicht das geringste aus
-Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um Christi willen
-suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat.
-Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn
-die Maler und alle Professoren der Akademie der Künste
-aus Furcht, das Bild Iwanows könnte alles in Schatten
-stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht hat,
-und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel
-zur Vollendung des Bildes nicht zur Verfügung gestellt
-werden. Das ist eine Lüge, davon bin ich fest überzeugt.
-Unsere Künstler sind vornehme, anständige Menschen
-und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow
-durch seine beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe
-zu erdulden gehabt hat, er, der tatsächlich Gefahr
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie ihr eigenes
-Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere
-zu einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum
-hätten sie Iwanow auch zu fürchten,] er wandelt seine
-eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er strebt
-weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen.
-Er will überhaupt nichts mehr, denn er ist der
-ganzen Welt abgestorben außer seiner Arbeit. Er bittet
-bloß [um eine armselige Pension] &mdash; um eine Pension,
-wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht
-er, der Meister, der an einem so ungeheuren Werke
-arbeitet, wie es bisher noch niemand unternommen hat.
-Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu verschaffen bestrebt
-sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er
-sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen
-Sie, was Sie wollen, ich sehe in alledem den Willen
-der Vorsehung, die es so bestimmt hat, daß Iwanow
-alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und
-alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann
-ich nicht finden.
-</p>
-
-<p>
-Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht,
-er arbeite zu langsam. Man hat immer gesagt: wie?
-er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und noch immer
-ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser
-Vorwurf endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der
-Künstler auch nicht einen einzigen Augenblick von seiner
-Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem Bilde, die er
-angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man
-eine ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß
-die ungewöhnliche Größe des Bildes, dem kein zweites
-an Flächenumfang gleichkommt (das Bild ist größer als
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich
-viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen
-Geldmitteln, die es dem Maler nicht erlaubten, sich
-mehrere Modelle zugleich, vor allem aber nicht solche,
-wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort &mdash; jetzt
-beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf
-einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein
-fleißiger Arbeiter sein ganzes Leben lang bei der Arbeit
-verbracht hat, so daß er kaum noch wußte, ob es in der
-Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit &mdash; wie
-töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu
-langsam. Die, die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben,
-werden sich noch mehr schämen, wenn sie erfahren, was
-der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war.
-Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der
-eigenste, innerste, geistige Lebenszweck des Künstlers &mdash;
-eine Erscheinung, wie sie in der Welt nur äußerst selten
-vorkommt und deren Grund nicht im freien Ermessen
-des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen
-ist, der über allen Menschen steht. Es war offenbar
-höhere Bestimmung, daß sich an diesem Bilde die eigentliche
-Erziehung des Künstlers sowohl nach der Seite
-manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen,
-die die Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung
-entgegenführen, vollziehen sollte. Schon der Gegenstand
-des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst bedeutend.
-Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien
-zum Vorwurf gewählt, die einer Darstellung ganz besondere
-Schwierigkeiten bietet und die bisher noch von
-keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister einer
-der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-Epochen behandelt worden ist, nämlich &mdash; das erste
-Erscheinen Christi vor dem Volke. Das Bild stellt die
-Wüste am Ufer des Jordans dar. Im Vordergrunde
-des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers,
-der vor versammeltem Volke predigt und im Namen
-Dessen, Den noch niemand gesehen hat, tauft. Er
-ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die
-damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die
-bereits ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen
-oder im Begriff sind, ins Wasser zu steigen,
-umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch die
-künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann
-lauscht, während er mit seiner Verrichtung beschäftigt
-ist und verschiedene Körperbewegungen ausführt, voll
-innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte
-er ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter
-spiegeln die verschiedensten Gefühle wider: ein Teil
-der Anwesenden ist bereits vollkommen überzeugt, andere
-zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt schon,
-andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung
-gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen
-man anmerkt, daß die harte Rinde der Gefühllosigkeit,
-die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten ist. Und während
-nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen
-ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe
-bereits vollzogen ward, in der Ferne &mdash; und das ist der
-eigentliche Höhepunkt des Bildes. Der Künstler hat
-den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit
-dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte
-spricht: &bdquo;<em>Siehe, das ist das Lamm, das der Welt
-Sünde trägt.</em>&ldquo; Die ganze Menge aber hält, ohne ihren
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den
-geheftet, und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf
-Den der Prophet hinweist. Zu dem früheren Ausdruck,
-der noch nicht von den Gesichtern verschwunden ist,
-kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck
-widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten,
-die ganz vorne stehen, leuchten von einem wunderbaren
-Licht, während die andern noch bemüht sind, in den
-Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht
-begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der
-Welt auf sich nehmen kann, und während die Dritten
-zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten sie sagen:
-&bdquo;Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!&ldquo; Er
-aber schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine
-wunderbare Ferne entrückt langsamen und festen Schrittes
-auf die Menschen zu.
-</p>
-
-<p>
-Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern
-diesen ganzen Prozeß <em>der Bekehrung des Menschen
-zu Christus</em> darzustellen! Es gibt Menschen, die davon
-überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles erreichbar
-ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst
-ein Frosch, eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie]
-wie ein an den himmlischen Vater gerichtetes
-Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles leicht erreichbar sei,
-wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und die Akademie
-besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen,
-was er selbst <em>gefühlt</em> und wovon er sich im Geiste
-eine vollständige Idee gebildet hat, im andern Falle
-wird sein Bild ein totes akademisches Gemälde bleiben.
-Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für
-ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden.
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-Die gesamte materielle Seite daran, alles, was
-sich auf eine strenge und weise Verteilung der Gruppen
-auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster Vollendung
-durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen
-Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht,
-auch ist der jüdische Typus überall festgehalten. Man
-erkennt sofort an den Gesichtern, welches Land der
-Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist ausdrücklich
-zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische
-Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische
-Verteilung der Farben, der menschlichen Gewänder
-und die wohlüberlegte Art, wie sie den menschlichen
-Körper umhüllen und von ihm gehalten werden,
-bezieht, ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß
-jede Falte die Aufmerksamkeit des Kenners auf sich
-lenken muß. Endlich ist auch die landschaftliche Seite,
-auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig achtet,
-die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt
-sind, so ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die
-sich in Rom aufhalten, staunen. Iwanow hat zu diesem
-Zwecke viele Monate in den ungesunden Pontinischen
-Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht,
-zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden,
-die sich in Roms Umgebung finden, entworfen,
-er hat jedes Steinchen und jedes Baumblatt studiert,
-kurz &mdash; er hat alles getan, was er tun konnte, und
-alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte.
-Wie aber sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie
-ein Künstler ein Modell finden konnte! Wo konnte er
-ein Modell dafür finden, was die Hauptsache, die eigentliche
-Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-konnte er den Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu
-Christus in seiner Gesamtheit zur Darstellung bringen? Wo
-sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe? Sollte er
-ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken
-erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu
-ist der Gedanke zu kalt und zu frostig und die
-Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine
-Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur
-vermochte, er war bestrebt, aus den Gesichtern aller
-Menschen, denen er begegnete, die hohen Gemütsbewegungen
-der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen gegangen,
-um die Menschen während des Gebets zu beobachten,
-und mußte schließlich erkennen, daß dies alles
-viel zu kraftlos, zu ohnmächtig, daß es ungenügend sei
-und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem, was er
-brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde
-der Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund,
-warum sein Bild so langsame Fortschritte machte. Nein,
-solange sich die wahre Bekehrung zu Christus nicht im
-Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie gelingen,
-sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig
-zu Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung
-zuteil werden lassen, er hat stille Tränen vergossen
-und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft verleihen,
-die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen,
-und in einem solchen Moment konnte man ihm
-den Vorwurf machen, daß er zu langsam arbeite, und
-ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er
-möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute
-viele von den Edelsten und Besten leiden, im Feuer
-Seiner Gnade zerschmelzen und zu Asche verbrennen
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die Kraft
-verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch
-der Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert
-dastünde, und in solchen Augenblicken konnten
-sogar Leute, die ihn persönlich kennen, ja selbst seine
-Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei
-träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob
-man ihn nicht durch Hunger und dadurch, daß man
-ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen könne, sein Bild
-zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen
-sagten: &bdquo;Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas
-für sich, in der Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder
-malen und sie verkaufen, dann brauchte er nicht vor
-Hunger zu sterben.&ldquo; So konnten die Leute reden,
-ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach
-dem Willen Gottes zu einer innersten Seelen- und
-Herzensangelegenheit geworden ist, schon nicht mehr imstande
-ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen,
-daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken
-ist gar nicht mehr fähig, sich auf andere Gegenstände
-zu richten, so sehr er sich auch dazu zwingen und
-so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein
-treues Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht
-mehr imstande, einen andern lieb zu gewinnen. Nie
-wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen, nicht einmal,
-wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch
-vor der Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand
-Iwanows. Sie werden sagen: &bdquo;Ja warum
-hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum
-hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann
-hätte man ihm sofort Geld geschickt? Das wäre schön,
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-wenn&rsquo;s so wäre. Es soll doch einmal einer von uns
-versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens gegeben
-hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu
-werden vermag, was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer
-Berufe auseinanderzusetzen, die aus sehr natürlichen
-Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß
-es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe,
-die sie unendlich weit über das Niveau emporhebt,
-auf dem die Kunst unserer heutigen modesüchtigen Zeit
-steht. Sollte er etwa sagen: &bdquo;Ich will ein Werk
-schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von
-dem ich jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil
-mir selbst heute noch manches nicht ganz klar ist. Ihr
-aber mögt die ganze Zeit über, während der ich an
-meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld
-zu meinem Lebensunterhalt verschaffen?&ldquo; Dann würden
-sich wahrscheinlich viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen
-würden, und glauben Sie etwa, daß es einen so törichten
-Menschen gibt, der ihnen Geld geben würde? Aber
-selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit
-der Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: &bdquo;durch
-höhere Eingebung ward mir eine Idee zuteil, die mich
-unablässig verfolgt &mdash; ich will die Bekehrung des Menschen
-zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich
-fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst
-wahrhaft zu ihm bekehrt habe. Wartet daher, bis
-sich diese Bekehrung in mir selbst vollzogen hat und
-gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem Lebensunterhalt
-und um arbeiten zu können, brauche.&ldquo;
-Ja, hätten wir ihm nicht alle wie aus einem Munde
-zugerufen: &bdquo;Was ist denn das für ein törichtes
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt
-denn das zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die
-Seele ist etwas für sich und ein Gemälde ist auch eine
-Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine Bekehrung
-warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein.
-Wir sind doch auch alle wahrhafte Christen.&ldquo;] So hätten
-wir alle zu Iwanow gesprochen, und jeder von uns
-hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese schwierigen
-Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter
-gewesen, die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben,
-Gott mit innigerer, glühenderer Sehnsucht zu suchen,
-und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu Ihm
-zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen,
-wie keiner von den modernen profanen Künstlern
-in Ihm lebt, und sich durch bittre Tränen die Gefühle
-zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes Nachdenken
-und bloße Überlegung zu erringen suchte, so
-wäre er nie imstande gewesen, das darzustellen, wozu
-er jetzt auf der Leinwand bereits den Grund gelegt hat,
-und er hätte sowohl sich wie die andern betrogen trotz
-seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben
-Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen
-inneren Übergangszustandes, wenn nach Gottes
-Willen ein Umgestaltungsprozeß in dem innersten Wesen
-des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen mitzuteilen.
-Ich kenne das selbst sehr gut und habe es
-sogar an mir selbst erfahren. Meine Werke hängen in
-ganz wunderbarer Weise mit meinem Seelenleben und
-meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als
-sechs Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu
-schaffen. Die ganze Arbeit fand in mir und für mich
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-selbst statt. Und doch &mdash; vergessen Sie dies nicht &mdash;
-und doch lebte ich damals, ausschließlich von den Einkünften,
-die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt
-wußte, daß ich Not litt, und doch waren alle überzeugt,
-daß dies seinen Grund ausschließlich in meinem Eigensinn
-hat, daß ich mich nur hinzusetzen und irgendeine
-kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel
-Geld zu verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch
-nur eine einzige Zeile zu schreiben, und als ich einmal
-dem Rat eines unvernünftigen Menschen folgen und
-mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für
-eine Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer,
-daß mich mein Kopf schmerzte und mir all meine Sinne
-wehe taten. Ich schmierte einige Seiten voll, zerriß sie
-wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten einer
-solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies
-schon schlecht genug war, so daß ich mich zu Bett legen
-mußte. Dazu kamen noch allerhand Nervenbeschwerden
-und Leiden, die daraus entsprangen, daß es mir völlig
-unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in
-der Welt über meinen Zustand und meine Lage zu äußern;
-dies alles brachte mich so herunter, daß ich mich
-beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses
-passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich
-mich zu alledem noch in einer Stadt, wo ich nicht einen
-einzigen mir nahestehenden Menschen hatte. Auch
-war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr, nicht
-nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen,
-sondern sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon
-sehr lange her [ich wurde damals durch den Kaiser gerettet,
-von dem mir unerwartet Hilfe kam. Hatte ihm
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in
-seiner unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem
-heißen Streben beseelt war, ihm ebenso treu und redlich
-zu dienen, wie andere ihm in ihren hervorragenden
-amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine
-Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt
-sind, genug, diese Hilfe richtete mich plötzlich
-auf. Es war mir in diesem Augenblick sehr angenehm,
-mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu
-den Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft
-an die Arbeit zu gehen, kam auch noch folgender Gedanke
-hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten
-sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu
-erwerben und mich der Liebe derer würdig zu erweisen,
-die mich liebten, dann wollte ich ihnen sagen: &bdquo;Vergeßt
-es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr auf der
-Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre&ldquo;]. In
-solch eine Lage kommt man mitunter. Außerdem muß
-ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu dieser Zeit oft
-den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele
-konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an
-Unternehmungen beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten,
-im Interesse der Allgemeinheit planten. Meine
-Einwände, ich könne nicht schreiben und ich dürfe nicht
-für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für
-eine Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im
-Ausland lebte, wurde auf ein sybaritisches Bedürfnis
-zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu genießen.
-Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden
-klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine
-Krankheit eine zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-Bedürfnis war, gerade weil ich nicht in ein falsches
-<a id="corr-15"></a>Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten
-bereiten wollte &mdash; selbst dies vermochte
-ich ihnen nicht klarzumachen!
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand
-sei so seltsam geworden, daß ich ihn keinem Menschen
-auf der Welt in klarer und verständlicher Weise hätte
-mitteilen können. Wenn ich mich bemühte, einem Menschen
-wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen,
-so stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich
-den Menschen, zu denen ich sprach, mit meinen Worten
-nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich bereute
-bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte,
-aufrichtig zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt
-Situationen von solcher Schwierigkeit, die sich nur mit
-der Lage eines Menschen vergleichen lassen, der in einem
-lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst sieht, wie
-er lebendig begraben wird &mdash; und nicht einmal einen
-Finger rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch
-lebt. Nein, Gott bewahre uns vor dem bloßen Versuch,
-im Moment eines solchen inneren Übergangszustandes
-einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein
-sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst.
-So kam es, daß viele, selbst solche Menschen, die mir
-sehr nahe standen, ungerecht gegen mich wurden und
-doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran: ich selbst
-hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn
-er vor Armut und aus Mangel an Mitteln sterben sollte,
-so würden sich alle sofort empört gegen die wenden, die dies
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen die andern
-Künstler würden laut werden, und man würde sie der
-Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende
-würde gar ein dramatischer Dichter ein rührsames Drama
-über dieses Sujet schreiben, das Publikum bis zu Tränen
-rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde
-Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts
-wie lauter Lüge und Unwahrheit, weil in Wahrheit doch
-eigentlich niemand an seinem Tode schuld wäre. Nur
-<em>ein</em> Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften Handlungsweise
-anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben.
-Dieser Mensch wäre &mdash; ich. Ich habe mich
-in einer ganz ähnlichen Lage befunden, habe alles am
-eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern
-nicht klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen
-ich Ihnen jetzt schreibe. Suchen Sie diese Sache
-zu arrangieren und in Ordnung zu bringen, sonst nehmen
-Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele.
-Ich habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen
-abgewälzt. Nun liegt sie auf Ihnen. [Richten Sie
-es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige Pension,
-um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem
-auch noch eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem
-Gemälde gearbeitet hat und daß er während dieser
-Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem ihn
-die Menschen und seine eigene Not dazu drängten].
-Sparen Sie nicht mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen
-tragen. Schon fängt man überall an, den Wert des
-Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl
-es sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die
-Idee und Absicht des Künstlers noch nicht in vollem Maße
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-<a id="corr-16"></a>widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz
-Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten Raphaels
-und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das
-Gemälde wird vollendet werden [&mdash; dann wird auch
-der ärmste Fürstenhof in Europa gern soviel dafür bezahlen,
-wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde
-eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche
-Gemälde erzielen selten Preise unter 100000 oder 200000.
-[Richten Sie es so ein, daß ihm die Prämie nicht für
-sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung und
-seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf
-daß dies Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir
-haben eine solche Lehre nötig, damit alle erkennen, wie
-man die Kunst lieben soll: daß man allen Lockungen
-des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man
-nicht aufhören dürfe, zu lernen, und sich stets für einen
-Schüler halten solle wie Iwanow, daß man die größten
-Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an Feiertagen sich
-beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow,
-daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine
-einfache Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten
-des Anstands außer acht lassen muß wie Iwanow, daß
-man alle Leiden auskosten und selbst bei einer so hohen
-und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen
-feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen
-ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne
-einen für verrückt erklären und überall das Gerücht
-verbreiten, man sei nicht bei Verstande, so daß man es auf
-Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören muß, wie Iwanow
-dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte
-ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-ein Bedürfnis für unsere jungen Künstler und für die,
-die ihre Künstlerlaufbahn erst eben beginnen, damit sie
-ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich feine
-Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen,
-um ihr Ansehen in der Gesellschaft zu heben,
-sondern damit sie erkennen, daß die Hilfe und Unterstützung
-der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil wird,
-die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit
-ihren Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer
-Aufgabe widmen und in ihr ganz aufgehen wie ein
-Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn
-die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß
-wäre, damit sich alle anderen unwillkürlich hinter den
-Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß er diese Summe
-nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte. Vielleicht
-wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon
-nehmen. Diese Summe wird ganz darauf verwandt
-werden, um den wirklichen Arbeitern auf dem Gebiete
-der Kunst, die der Künstler besser kennt als irgendein
-Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser
-darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte.
-Weiß Gott, was ein Beamter alles auf dem Kerbholz
-haben kann; er kann eine Modedame zur Frau, oder er
-kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und
-denen er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter
-kann einen großen Aufwand machen und vielen
-Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch behaupten,
-daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen
-Nation hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die
-Augen zu streuen, und Geld dafür verlangen. Mit dem
-dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist, auf dem er
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der
-Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der
-wirklichen Not vernommen, der selbst gelitten und gesehen
-hat, wie andere leiden, der mit ihnen gelitten
-und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt
-hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen
-hatte, wie dies Iwanow getan hat, &mdash; mit dem
-verhält es sich ganz anders. Ihm kann man dreist
-Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von
-dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen].
-Also seien Sie billig. Meinen Brief aber zeigen Sie
-sowohl meinen wie Ihren Freunden, besonders aber denen,
-denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut
-ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen
-in allen Berufen vor, und man sollte doch nicht zulassen,
-daß solche Menschen vor Hunger sterben. Wenn
-es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von
-den andern zurückzieht und sich intensiver und eifriger
-seiner Sache widmet, ja selbst in dem Falle, wenn es
-seine <em>eigene</em> Sache ist und er nur sagt, daß diese
-Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem
-allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als
-ob er den Menschen wissentlich diente, und für seinen
-notwendigen Lebensunterhalt sorgen. Damit Sie sich
-aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist,
-weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler
-Mensch, der nichts tut, einschleichen kann, so sehen Sie
-zu, was für einen Lebenswandel er führt. Seine Lebensweise
-wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso
-wie Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen
-der vornehmen Welt verachtet und hintan
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden Gedanken
-an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken,
-sich ein Weib zu nehmen, um eine Familie
-oder einen Hausstand zu begründen, von sich gewiesen
-hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag
-und Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick
-dem Gebet widmet, dann sind keine langen Überlegungen
-am Platz, sondern dann muß man ihm die
-Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht
-drängen und anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe
-lassen: Gott wird ihn auch ohne uns vorwärts treiben.
-Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er nicht
-vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große
-Pension bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja
-armselige Pension aus und halten Sie die Lockungen
-und Verführungen der Welt von ihm fern. Es gibt Menschen,
-die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen.
-Der Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt
-noch nicht recht begriffen hat. Aber wen Gott für
-würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten, und wer
-seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird
-ihn für keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-25">
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-<span class="line1">XXIV</span><br />
-<span class="line2">Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe lange darüber nachgedacht, wen von <a id="corr-17"></a>Ihnen
-beiden ich tüchtig auszanken soll, Sie oder
-Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich entschlossen,
-mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher
-dazu fähig, sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen.
-Obwohl Sie beide auf dem Gipfel der Seligkeit
-zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner Ansicht
-nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit
-elender als die jener Menschen, die tief im Unglück
-und im Elend zu stecken meinen. Sie besitzen alle beide
-viele gute Eigenschaften, sowohl solche des Gemüts als
-auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten,
-und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles
-zu nichts dienen kann. Es fehlt Ihnen an der inneren
-Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr über sich selbst. Es
-fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter
-einen <em>starken Willen</em> zu verstehen hat. Ihr Mann
-hat ein Gefühl für diesen inneren Mangel gehabt. Er
-hat sich gerade deswegen verheiratet, um in seiner Frau
-ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu
-wirklichen Leistungen anspornt. Und <em>Sie</em> haben ihn
-geheiratet, damit er Ihnen in allen Angelegenheiten des
-Lebens ein Erwecker und Anreger werde. Sie erwarten
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen
-besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur
-keineswegs glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide
-zerfließen und gehen im Leben auf wie ein Stück
-Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre guten
-Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung
-und der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die
-allein Ihren Charakter ausmachen werden, und so werden
-Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und Kraftlosigkeit
-darstellen. Bitten Sie Gott um <em>Kraft und
-Willensstärke</em>. Durch Gebet kann man alles von
-Gott erlangen, selbst Kraft und Willensstärke, die sich
-ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich auf
-keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln
-Sie vernünftig: <em>bete und rudere auf das Ufer zu</em>,
-sagt ein russisches Sprichwort. Sprechen Sie jeden
-Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem
-Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein
-ganzes Ich in mir selbst zusammen und stärke mich!&ldquo;
-Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang so, wie ich
-es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu
-und zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen
-Haushalt müssen Sie auf Ihre Schultern nehmen.
-Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre Hände
-gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an,
-sondern machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen
-Überschlag über den gesamten Haushalt. Suchen Sie sich
-eine Übersicht über all Ihre Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen
-Sie sich im voraus, wieviel Sie bei Ihrem Einkommen
-in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben
-müssen, und rechnen Sie sich alles in runden
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-Summen aus. Teilen Sie Ihr ganzes Geld in sieben
-nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur Deckung
-der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung<a id="corr-18"></a>,
-Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die
-vier Wände Ihres Hauses und die Sauberkeit Ihres
-Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite Haufen muß das
-Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt
-des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit
-Ihnen in Ihrem Hause leben, enthalten. Der dritte
-Haufen sei für den Stall, für den Wagen, den Kutscher,
-die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich
-auf diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus
-dem vierten Haufen müssen die Unkosten für die Garderobe,
-d. h. für alles, was Sie beide brauchen, wenn Sie
-sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie zu
-Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte
-Ihr Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche
-Ausgaben, die ja häufig vorzukommen pflegen: wie
-etwa bei Anschaffung neuer Möbel, einer neuen Equipage,
-oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn er plötzlich
-in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der
-siebente Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene
-zur Deckung der Ausgaben für die Kirche und für die
-Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese sieben
-Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets
-gesondert für sich bestehen bleiben, wie sieben besondere
-Ministerien. Führen Sie über jeden von ihnen besondere
-Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen
-Sie eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern;
-selbst wenn sich Ihnen während dieser Zeit auch noch
-so günstige Kaufgelegenheiten bieten sollten, oder wenn
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so
-sehr zum Kaufe reizen sollte &mdash; dürfen Sie ihn nicht
-kaufen. Das können Sie sich erst erlauben, wenn
-Sie sich innerlich genügend gefestigt und gekräftigt haben.
-Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen,
-daß Sie dies alles nur tun, um sich einen starken
-Charakter zu erwerben, und daß diese Erwerbung fürs
-erste weit wichtiger für Sie ist als jede andere. Seien
-Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten
-Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst
-dann, wenn die Notwendigkeit an Sie herantritt, einem
-Armen zu helfen, dürfen Sie doch nicht mehr ausgeben,
-als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält. Ja
-selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden
-Jammers und Elends darbietet, dessen Zeugin
-Sie sein müssen, und wenn Sie sehen, daß hier durch
-Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen
-Sie dennoch unter keinen Umständen einen von den
-andern Haufen angreifen. Fahren Sie lieber in der
-ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre Bekannten
-und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie,
-flehen Sie sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung
-bereit, damit Ihnen dies eine Lehre sei, und
-Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal vor die
-bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen
-Ihre Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen
-möglichen Erniedrigungen aussetzen und sogar den
-öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf daß
-Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch
-lernen, alle Ihre Ausgaben von jedem Haufen
-einzuschränken und im voraus daran zu denken, so daß
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die
-Armen übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade
-knapp zur Deckung der Ausgaben ausreiche. Wenn
-Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden, werden
-Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen
-fahren und sich plötzlich einen Schmuckgegenstand
-für Ihren Tisch oder Kamin kaufen, wozu bei
-uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht
-geneigt sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind
-nicht einmal Frauen, sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche
-und Launen werden auf diese Weise unwillkürlich
-und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen,
-und schließlich wird es so weit kommen, daß
-Sie selbst das Gefühl haben werden, Sie brauchten
-nicht mehr als <em>einen</em> Wagen und ein Paar Pferde und
-bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann
-werden Sie erkennen, daß man seine Gäste ebensogut
-mit einem einfach servierten Diner, mit einem einzigen
-Extragang und einer Flasche Wein, der ohne
-alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu
-befriedigen vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen,
-wenn sich in der Stadt das Gerücht verbreitet,
-bei Ihnen sei es nicht <span class="antiqua">comme il faut</span>, sondern Sie werden
-selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon
-überzeugen werden, das wahre <span class="antiqua">comme il faut</span> sei das,
-das Der von dem Menschen fordert, Der ihn erschaffen hat,
-nicht aber irgendein Mensch, der allerhand Satzungen und
-Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal der, der
-Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal
-Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich
-ein besonderes Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-an. Ziehen Sie jeden Monat die Bilanz über die Einnahmen
-und Ausgaben, die sich auf die einzelnen Haufen
-beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats
-alles nach und vergleichen Sie jedes Ding mit
-jedem andern, damit Sie erkennen lernen, um wievielmal
-notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes,
-und damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen
-Gegenstand Sie im Fall der Not zuerst verzichten
-müssen, und so die Kunst lernen, zu erkennen, was vom
-Notwendigen das Allernotwendigste ist.
-</p>
-
-<p>
-Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng
-an diese Grundsätze. Werden Sie stark, werden Sie
-eigensinnig und beten Sie während der ganzen Zeit zu
-Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen &mdash;
-dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf
-es ankommt, ist dies: daß in dem Menschen wenigstens
-<em>etwas</em> stark und unerschütterlich werde. Hierdurch
-kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles
-andere. Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters
-stark werden, werden Sie unwillkürlich in den
-geistigen und seelischen Angelegenheiten sicheren Boden
-gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung,
-setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest,
-und gehen Sie nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den
-ganzen Morgen bei Ihrem Mann, sondern schicken Sie
-ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur Tätigkeit
-an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß
-er sich ganz der allgemeinen Sache und dem ganzen
-Staatshaushalt widmen muß &mdash; [sein eigener Haushalt
-dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf
-seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-gerade darum geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen
-zu entschlagen und sich ganz dem Vaterlande zu
-widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt
-ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in
-seinem Dienst behindert wird, sondern gerade um ihn
-für den Dienst zu stärken und zu kräftigen. Ein jedes
-von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder in
-seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in
-froher Stimmung wieder begegnen und sich so übereinander
-freuen, als hätten Sie sich viele Jahre lang
-nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen
-haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen
-Sie ihm alles, was Sie in Ihrem Hause und in
-Ihrem Haushalt vollbracht haben, und lassen Sie sich
-alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement
-für den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen
-unbedingt darüber unterrichtet sein, worin das
-Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht, Sie müssen
-wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten
-er an jenem Tag zu erledigen hatte und worin
-sie bestanden. Achten Sie diese Dinge nicht gering und
-denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne
-eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich
-während eines Jahres alles von ihm erzählen lassen
-und aufmerksam zuhören, so werden Sie im folgenden
-Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen,
-und werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen
-können, wenn ihm im Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt,
-wie Sie ihm behilflich sein können, über sie hinwegzukommen
-und das zu ertragen, womit er sonst
-nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-hätte. So werden Sie ihm eine wahre Erweckerin
-zu allem Schönen und Guten werden.
-</p>
-
-<p>
-Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es
-Ihnen soeben gesagt habe. Werden Sie stark, beten
-Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er möge Ihnen
-helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst festzuhalten.
-Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern
-und aus den Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage
-allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen
-geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles Gemeinen
-und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände
-und Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends
-etwas wie wahre Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes.
-Diese Freiheit hat einer meiner Freunde, mit dem
-Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz Rußland
-kennt, folgendermaßen definiert: &bdquo;Die Freiheit besteht
-nicht darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune
-<em>Ja</em> sagt, sondern darin, daß man auch <em>Nein</em> zu ihr
-zu sagen vermag.&ldquo; Und er hat recht wie die Wahrheit
-selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst
-ein solch starkes <em>Nein</em> zuzurufen. Ich vermag nirgends
-einen <em>Mann</em> zu entdecken. So muß denn das schwache
-Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so seltsam
-und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem
-Manne befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter
-sein.
-</p>
-
-<p class="year">
-1845.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-26">
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-<span class="line1">XXV</span><br />
-<span class="line2">Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Briefe an M.</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">ernachlässigen</span> Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit
-unter keinen Umständen. Beauftragen
-Sie nie einen Verwalter oder einen andern
-Mann aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das
-ist eine Sache, die noch wichtiger ist als die Landwirtschaft.
-Halten Sie selbst Gericht. Allein hierdurch können Sie
-das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen.
-Richten &mdash; das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht,
-was es Höheres gibt. Nicht umsonst wird im Volke
-<em>der</em> so hoch geehrt, der es versteht, ein gerechtes Urteil
-zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes,
-sogar die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern
-werden zu Ihnen hinströmen, wenn sie erfahren, daß
-Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie keinen
-von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und
-übernehmen Sie das Richteramt in allen Fällen, selbst
-bei einem unbedeutenden Streit oder bei einer Rauferei.
-Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern vieles
-sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen
-gereichen kann und was Sie ihm zu einer andern Zeit
-nicht zu sagen vermöchten, da Sie nichts finden könnten,
-woran Sie anknüpfen sollen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise
-zu Gericht und entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls
-in doppelter Weise. Das Gericht muß erstens ein
-menschliches Gericht sein. Durch ein solches Gericht
-muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu
-seinem Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür,
-daß dies in Gegenwart von Zeugen geschieht, und daß
-hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit es allen
-klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der
-eine recht und der andere unrecht hat. Daneben müssen
-Sie aber noch in anderer Weise nach einem andern
-Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem Rechte:
-hierbei müssen Sie <em>beide</em>, den Schuldigen sowohl wie
-den, der <em>recht</em> hat, verurteilen. Beweisen Sie dem
-zweiten aufs deutlichste, daß er selbst daran Schuld
-war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen Sie
-dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen
-hat: vor Gott und vor den Menschen. Sprechen
-Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil er seinem Bruder
-nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten
-hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung
-aus, weil er Christus selbst in seinem Bruder gekränkt
-hat. Beiden aber erteilen Sie eine Rüge, weil sie sich
-nicht von selbst miteinander ausgesöhnt, sondern das
-Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das
-Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte
-alles beichten und bekennen werden. [Wenn Sie in
-solcher Weise Recht sprechen werden, werden Sie aus
-höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott
-wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus
-vielen Nutzen ziehen, vieles, das Ihnen zugute kommen
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-wird, und viel unmittelbares und wahrhaftes Wissen
-daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich
-mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden,
-über die einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden
-sie den Geist des Landes, die Eigenart ihres Volkes
-und die menschliche Seele im allgemeinen weit besser
-kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen,
-die sie fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns
-passen.] Die Rechtspflege könnte bei uns weit besser
-sein als in allen anderen Staaten, denn von allen Völkern
-ist es allein das russische, in dem der so wahre
-Gedanke entsprungen und lebendig ist, daß es keinen
-gerechten Menschen gibt und daß Gott allein gerecht ist.
-Dieser Gedanke hat sich wie ein unerschütterlicher
-Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm
-erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher
-und nicht übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke,
-und wird hierdurch befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur
-wir Menschen der höheren Kreise haben kein Gefühl,
-kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir uns
-nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche
-Begriffe von der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir
-streiten bloß darüber, wer recht hat und wer schuldig ist.
-Wenn wir jedoch alle unsere Streitigkeiten genau untersuchen,
-so können wir sie alle auf einen Nenner bringen,
-nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig
-sind. Und dann erkennt man, daß die Kommandantin
-in Puschkins Erzählung &bdquo;Die Hauptmannstochter&ldquo; ganz
-recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um den
-Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten,
-die im Bade wegen einer Schöpfkelle aneinander
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-geraten waren, und die ihm dabei folgende Instruktion
-mitgab: &bdquo;Untersuche, wer recht und wer unrecht hat, und
-bestrafe alle beide.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="year">
-1845.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-27">
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-<span class="line1">XXVI</span><br />
-<span class="line2">Rußlands Schrecken und Grauen</span><br />
-<span class="line3">An die Gräfin ***</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem
-Grauen geschrieben haben, antworte ich, obwohl
-Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn gelesen
-habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich
-darum ersuchen, Ihnen die Antwort nicht anders als
-durch die Hand einer zuverlässigen Persönlichkeit und
-nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur keineswegs
-in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem
-gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller
-Menschen in Rußland, die da lesen können, gelesen werden
-wird. Was mich dazu veranlaßte, war der Umstand,
-daß mein Brief vielleicht auch manchen andern als
-Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die
-gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen.
-Das, was Sie mir im geheimen mitteilen, ist
-nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. Wenn ich
-Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich
-weiß ohne Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann
-würde sich Ihr Geist verfinstern, es würde Ihnen dunkel
-vor den Augen werden, und Sie würden nur noch
-daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten.
-Wohin aber soll man fliehen? Das ist die Frage.
-Die Lage Europas ist noch schwieriger als die Rußlands.
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-Der Unterschied ist bloß der, daß es dort noch niemand
-einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute
-nicht auszunehmen, bewegen sich noch immer an der
-Oberfläche eines oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen
-nicht aus jenem in <a id="corr-20"></a>einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden
-Wissen heraus, wie es von den Zeitschriften
-in Form frühreifer Folgerungen und übereilter Feststellungen
-angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische
-Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in
-ihrem wahren und wirklichen Lichte erscheinen. Warten
-Sie nur, bald werden gerade in jenen so wohlgeordneten
-Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in
-solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen
-bemühen und deren Einrichtungen wir uns
-anzupassen suchen, von unten herauf, solche furchtbare
-Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten Staatsleuten,
-deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten
-Sie so entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In
-Europa bereiten sich jetzt überall solche Wirren vor, gegen
-die kein menschliches Mittel etwas wird ausrichten
-können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und
-gegen die alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland
-vor unseren Augen sehen. In Rußland schimmert doch
-noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl hindurch. Es gibt
-doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese Schrecken
-sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer
-späteren Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte:
-&bdquo;Alle lassen den Mut sinken wie in Erwartung eines
-unvermeidlichen Schicksals&ldquo; treffen in der Tat das Richtige,
-ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt
-nur daran, seine eigene Habe in Sicherheit zu bringen,
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-er denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wie auf dem
-Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein jeder
-nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne:
-&bdquo;<span class="antiqua">sauve qui peut</span>&ldquo;. So liegen die Dinge heute wirklich,
-und so muß es auch sein. Gott hat gewollt, daß
-es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und zwar gerade
-an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt
-es sich um eine andere Art der Rettung. Wir
-sollen heute nicht etwa ein Schiff besteigen, aus unserem
-Lande fliehen und all unsern verächtlichen irdischen
-Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder
-von uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen.
-Er soll sich selbst zu retten suchen, während er
-mitten im Herzen des eigenen Staates weilt. Auf dem
-Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein
-jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig
-auf den himmlischen Steuermann hinblickt.
-Selbst der, der nicht im Staatsdienst steht, soll jetzt in
-den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt
-klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke
-greift, denn ohne dies kann keiner gerettet werden.
-Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst auf sich
-nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland
-von ehedem, sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines
-andern himmlischen Reiches wäre, dessen Haupt
-Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere
-Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist,
-gegen die Menschen, die uns gleichgestellt sind und die
-sich um uns herum bewegen, sowie gegen die Menschen
-niederen Standes, die unter uns stehen, so erfüllen, wie
-uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat.
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine
-große Bedeutung beizumessen, wenn irgend jemand unserem
-Ehrgefühl oder unserer Eigenliebe einen kleinen
-Stich versetzt &mdash; wir müssen immer im Auge behalten,
-daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen
-haben und daß wir es darum so verwalten müssen,
-wie kein anderer als Christus es uns geboten hat. Nur
-auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele
-retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken
-darauf richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln,
-seine Gedanken werden sich verfinstern, und er wird
-keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor seinen
-eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken
-Sie an die <em>ägyptische Finsternis</em>, die uns König
-Salomon so gewaltig geschildert hat, als der Herr, um
-einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und
-unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte.
-Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten
-des hellen Tages; von allen Seiten starrten ihnen
-furchtbare Fratzen entgegen, morsche klapprige Schreckgespenster
-mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen unaufhörlich
-vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie
-alle eine furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle
-Gefühle, alle Regungen, alle Kräfte schwanden ihnen
-dahin außer der einen einzigen Furcht, und dies alles
-geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die
-andern sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder,
-sondern wandelten im Licht und im Tage.
-</p>
-
-<p>
-Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe.
-Beten Sie lieber und bitten Sie Gott, daß er
-Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer Stellung
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen
-können, wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein
-Platz mehr für Scherze. Jetzt wird die Sache ernst.
-Statt sich durch die Unordnung um uns herum erschrecken
-zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in
-uns selbst halten. So blicken denn auch Sie in Ihre
-Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden <a id="corr-21"></a>Sie in ihr
-dieselbe Unordnung entdecken, um deren willen Sie die
-andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher,
-zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude
-des Feindes Christi Ihrer Seele bemächtigen kann.
-Vielleicht ist sie von jener schwächlichen Neigung beherrscht,
-sich bei jeder Gelegenheit dem Kleinmut und
-der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens
-zu ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem
-nachzujagen, was glänzt und was Ruhm und Ansehen
-in der Welt genießt. Vielleicht birgt sie Hochmut
-und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer
-Seele, ein Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir
-besitzen, zu vernichten vermag. Es ist unvergleichlich
-viel besser, darüber zu erschrecken, was in uns selbst,
-als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht.
-Was aber die Schrecken und Grauen Rußlands
-anbelangt, so sind auch sie nicht ohne Nutzen. Sie
-waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine
-Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit
-der Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege
-eröffnet hat, hat bei vielen schlummernde Fähigkeiten
-geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem einen
-Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter
-Preference gespielt wird, erstehen, ohne das man es
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-merkt, in den verschiedensten Wirkungskreisen Männer
-von echter Lebensweisheit und wahre Helden des Lebens.
-Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie
-werden sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht
-mehr um Hanf und Talg, sondern um Weisheit bei
-uns einzukaufen, die heute auf den europäischen Märkten
-nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen
-viele Leute nennen, die einstmals die Zierde Rußlands
-sein und ihm zu unvergänglichem Heil gereichen werden.
-Aber zur Ehre Ihres Geschlechts sei es gesagt,
-daß die Zahl solcher <em>Frauen</em> größer ist als die der
-Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte
-ich in dem Fach meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle,
-um mit Ihren Töchtern zu beginnen, die es mir so lebendig
-zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel mächtiger die
-<a id="corr-22"></a>Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft
-(Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres
-Bruders mit solcher Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie
-Sie jeden kleinsten Wunsch meiner Seele erfüllt haben)
-&mdash; Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen Sie
-kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen
-Sie vielleicht nie etwas hören werden, die aber noch
-weit vollkommener sind als die, von denen Sie etwas
-gehört haben &mdash; Sie alle gleichen einander kaum, und
-jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche
-Erscheinung. Nur Rußland allein konnte eine
-solche Mannigfaltigkeit von Charakteren hervorbringen,
-und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren schwierigen
-Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen
-Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit
-unserer Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-alle aber werden überragt von einer, die ich nicht persönlich
-kenne und nicht gesehen habe, und von der nur
-ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich
-habe nie geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart
-Vollkommenes geben kann. Eine so kluge und großmütige
-Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen,
-wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht
-einmal der Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt
-sein, auf sie falle, und das ganze Verdienst auf die andern
-abzuwälzen, so daß diese sich des von jener
-vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre,
-in der festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht
-haben, &mdash; es sich so klug im voraus zu überlegen, wie
-man dem entgehen könne, daß der Name der Urheberin
-bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut
-von sich künden und sie bekanntmachen mußte, und
-dies alles dennoch zu vollbringen und unbekannt zu bleiben,
-nein, eine ähnliche hohe Weisheit habe ich noch nie
-kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei
-keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle
-idealen Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen
-wurden, als blaß und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit
-erscheinen sie wie der Fiebertraum der Phantasie
-gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes. Wie
-armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle
-die Frauen, die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und
-wo konnte ein solches Wunder erstehen? In einem
-unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und
-gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders
-schwierig geworden ist, sich durchzuwinden und
-durchzusetzen, wo sich alle unsere Verhältnisse so verwirrt
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-und so verwickelt haben und wo solche Schrecken
-und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr
-in Angst und Unruhe versetzen.
-</p>
-
-<p class="year">
-1846.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-28">
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-<span class="line1">XXVII</span><br />
-<span class="line2">An einen kurzsichtigen Freund</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">u</span> hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen
-Menschen bewaffnet und glaubst nun, ein
-richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben.
-Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung
-ist ohne Gott gemacht. Was berufst du dich auf
-die Geschichte? Die Geschichte ist tot, sie ist nur ein
-verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu
-stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr
-finden, sondern nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse.
-[Rußland ist nicht Frankreich, das französische
-Element ist nicht das russische Element.] Du hast es
-sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht
-zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben
-Ereignisse die gleiche Wirkung auf jedes Volk
-ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück
-Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das
-Eisen, auf das er herniedersaust. Deine Gedanken [über die
-Finanzen] beruhen auf der Lektüre ausländischer Bücher
-und englischer Zeitschriften und sind darum tote Gedanken.
-Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger
-Mensch, dich noch immer nicht selbst gefunden hast und
-es noch nicht gelernt hast, mit deinem eigenen Verstande,
-der sich doch so frei und urwüchsig entfalten
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand
-fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast.
-Ich sehe auch nicht, daß du bei deinen Projekten mit
-Gott rechnest. Auch aus den Worten deines Briefes
-kann ich trotz des Geistes und des blendenden Witzes
-nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während
-du den Brief schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung
-und Weihe in deinen Gedanken. Nein, du
-wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, obwohl
-du dies gerne möchtest, und deine Taten werden
-nicht die Früchte tragen, die du von ihnen erwartest.
-Mit den schönsten Absichten kann man Böses vollbringen,
-wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten
-Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die
-klugen Leute viel Verwirrung angerichtet, und dies alles
-kam nur daher, weil sie ihren Kräften und ihrem Verstande
-zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber worauf
-bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand
-wärest, aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden
-und großen Verstand mit allerhand Plunder verunreinigt
-und ihn zu einem Fremdling gemacht, der dir selbst
-fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand
-und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht
-auf dich; du gehst einen gefährlichen Weg. Du hast
-den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du wirst
-auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten
-dazu besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt
-über dich wachen. Führe die Neuerungen nicht ein, von
-denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe du
-deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran,
-daß man heute durch eine unvorsichtige Handlung
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-unendlich viel Böses anrichten kann. Schon aus deinen
-gegenwärtigen Projekten spricht mehr Ängstlichkeit als
-Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet,
-in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen.
-Statt dessen solltest du lieber nicht um die Zukunft,
-sondern um die Gegenwart besorgt sein. Gott
-will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von
-dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt
-wird, hat die heilige Kraft bereits ihre Hand
-abgezogen. Wer mit Gott im Bunde ist, der schaut
-heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart
-der Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist
-stolz: du willst auch jetzt noch nichts sehen, du hast
-ein zu großes Selbstvertrauen: du glaubst schon alles
-zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und Verhältnisse
-[in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß
-es niemand gibt, von dem du etwas lernen könntest.
-Du bist aus allen Kräften darum bemüht, jenen (Staats)-Leuten
-ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze glänzende
-Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso
-schnell wieder verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen,
-um sehr viel Gutes zu vollbringen, ja die sogar von
-dem glühenden Wunsche durchdrungen waren, Gutes zu
-wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen
-arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich
-hinterlassen haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen
-ist: wie ein Ring auf dem Wasser, so ist die Spur
-von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden, und
-noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung
-auf ihre großen Männer hin, obwohl manch
-einer von uns, der keineswegs ein großer Mann ist,
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas
-<em>Dauerndes</em> hinterlassen, wir aber schichten einen
-ganzen Haufen von Taten übereinander auf &mdash; die
-doch zugleich mit uns wie Staub vom Angesicht der
-Erde hinweggeweht werden. &bdquo;Du bist stolz,&ldquo; sage ich
-dir, und muß es dir immer wieder sagen: &bdquo;du bist
-stolz.&ldquo; Wache über dich und rette dich noch rechtzeitig
-vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich zu
-allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste
-von allen bist und daß du von nun ab erst ernsthaft
-daran gehen mußt, klüger zu werden. Höre jeden
-Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt
-nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest.
-Aber meine Worte sind noch ein Rätsel für dich.
-Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. Dann
-wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder
-daß du von einer schweren Erschütterung heimgesucht
-wirst. Bete zu Gott, er möge dir diese Erschütterung
-senden, daß dir irgendeine unerträgliche Unannehmlichkeit
-[im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch
-finden möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart
-aller beschimpft, so daß du nicht weißt, wo du dich
-vor Scham verstecken sollst und mit einem Schlage die
-zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit
-entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und
-Retter sein. O wie sehr haben wir es nötig, einmal
-öffentlich und in Gegenwart aller eine Ohrfeige zu empfangen.
-</p>
-
-<p class="year">
-1844.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-29">
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-<span class="line1">XXVIII</span><br />
-<span class="line2">An einen hochgestellten Mann</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ehmen</span> Sie um Gottes willen jede Stellung an,
-die man Ihnen anbietet, und lassen Sie sich
-nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus
-zu den Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin
-die Stellung eines Generalgouverneurs bekleiden werden,
-Sie sind jetzt überall notwendig. Was aber die Schwierigkeiten
-anbetrifft, von denen Sie reden, so ist jetzt
-alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden,
-es gibt überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit
-meinem Verstande in das Wesen der gegenwärtigen
-Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu entscheiden,
-welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste
-und welcher der leichteste ist. Für einen Menschen,
-der kein Christ ist, ist heutzutage alles schwierig;
-für einen solchen dagegen, der Christus in all seine Angelegenheiten
-und in alle Taten seines Lebens hineinträgt,
-ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie
-schon im vollen Sinne des Wortes ein Christ sind, aber
-Sie sind doch nahe daran, es zu sein. Sie werden
-nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht
-auf Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts.
-Sie denken nicht mehr daran, sich vor Europa
-auszuzeichnen und in Szene zu setzen und eine historische
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben
-bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in
-dem sich ein Mensch befinden muß, der heute Rußland
-von Nutzen sein will. Was also brauchen Sie zu fürchten?
-Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich
-vor etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß
-man überall als Christ handeln muß. Ein solcher Mann
-ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in allen Dingen
-sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen &mdash; so
-sehen Sie sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam
-um. Ihre christliche Demut und Bescheidenheit
-wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung bewahren.
-Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler.
-Sie werden keinen alten Offizier an sich vorüber
-gehen lassen, ohne ihn über seine persönlichen Zusammenstöße
-mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn
-Sie wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten
-die Kenntnis des Ganzen gewonnen werden kann. Sie
-werden sich von jedem von ihnen ihre Taten und Erlebnisse
-während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen lassen,
-Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen
-ebenso wie die Offiziere der heutigen Epoche, und
-wenn Sie alle Daten, die Sie brauchen, gesammelt,
-wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden,
-werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen
-und die Summe daraus ziehen. Aus dieser wird
-sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für den Feldherrn
-ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen
-brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie
-der lichte Tag, wie Sie zu handeln haben. Und
-wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-werden, so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen.
-Ihre christliche Demut wird Ihnen dies nicht erlauben.
-Sie werden ihn niemand mitteilen, werden
-alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an
-Ihrer Stelle handeln würden, werden keine Meinung
-und keinen Rat gering achten, von wem er auch kommen
-möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger
-Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen
-auch einem einfachen Manne einen klugen Gedanken
-eingeben kann. Zu diesem Zwecke werden Sie
-jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß
-es ja nicht auf Debatten und Streitereien ankommt,
-sondern Sie werden der Meinung jedes einzelnen, der
-mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz, Sie werden
-jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen
-Ihr eigener Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber
-wird Ihnen sicherlich klug raten, denn Sie werden alle anhören.
-Sie werden nicht einmal imstande sein, unvernünftig
-zu handeln, denn unvernünftige Handlungen
-entspringen nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen,
-aber die christliche Demut wird Sie überall
-retten und Sie vor Verblendung bewahren, der sogar
-viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn
-sie nur eine Hälfte einer Sache kennen gelernt haben,
-bereits glauben, die ganze Sache zu kennen und voller
-Hast und Übereilung zur Tat drängen, während doch
-selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund
-aus zu kennen glauben, uns die gute Hälfte unbekannt
-und verborgen sein kann. Nein, Gott wird Sie vor
-dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also
-brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin
-irgendwo in Rußland Generalgouverneur bleiben, so
-wird Sie auch hier die gleiche christliche Weisheit erleuchten.
-Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst
-schwierig ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen,
-&mdash; weit schwieriger als jemals und vielleicht auch schwieriger
-als im Kaukasus: es kommen soviel Mißbräuche
-vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben
-so überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere
-menschliche Kraft übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage
-eine besondere Art ungesetzlicher Geschäftspraxis
-unter Umgehung der Gesetze üblich geworden ist und
-sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft hat, so
-daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und
-wenn man sich die Dinge, über die andere oberflächlich
-hinwegsehen, ohne etwas Böses zu ahnen, bloß aufmerksam
-anschaut, so muß auch dem gescheitesten
-Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch
-hier klug zu handeln verstehen. Die christliche Demut
-und Bescheidenheit wird Sie auch in solchen Fällen lehren,
-nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge
-zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf
-Ihrer Hut zu sein. Sie wissen, wie vielen fremden
-Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage ausgesetzt ist und
-wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken, und
-daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer,
-die die wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen
-und zwar sie nach allen Richtungen kennen zu lernen:
-in ihrem häuslichen und in ihrem Familienleben,
-in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren
-Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-keiner Spitzel bedienen. Nein, Sie werden sie
-selbst ausfragen, und sie werden Ihnen alles sagen, und
-sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt
-etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden
-Sie alles erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter
-Polterer niemals erfahren würde. Sie werden
-nie einen einzelnen wegen einer ungesetzlichen Handlung
-verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor Augen
-liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte
-Beamte nur ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits,
-daß sich die Schuld heutzutage auf alle verteilt,
-daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen kann, wer
-mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige,
-die unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind.
-Aus diesem Grunde werden Sie jetzt weit vorsichtiger
-und bedächtiger sein, als Sie es jemals gewesen sind.
-Sie werden tiefer und genauer in die Seele des Menschen
-hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß <em>sie</em> der
-Schlüssel zu allem ist. <em>Die Seele</em> muß man heute
-kennen lernen, immer wieder die Seele, denn ohne dies
-kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann nur
-ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an
-seiner eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun.
-Wenn Sie in dem Gauner nicht nur den Gauner, sondern
-zugleich den Menschen sehen, wenn sie alle seine
-geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben
-wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt
-hat, um Übles zu tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen,
-erkennen werden, dann wird es Ihnen gelingen,
-ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich selbst
-auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-sich selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine
-ganz andere Wendung nehmen, wenn man dem Menschen
-zeigen wird, worin er sich nicht gegen die andern,
-sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch
-kann man ihn so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern,
-daß er plötzlich Mut und Lust bekommen wird, ein
-anderer zu werden, und dann erst werden Sie erkennen,
-wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im
-Gauner sein kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als
-Generalgouverneur wird etwas gänzlich anderes darstellen
-als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der Hauptfehler in
-Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr
-viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen
-und lästern), bestand meiner Ansicht nach gerade darin,
-daß Sie das Wesen Ihres Berufs nicht ganz richtig bestimmt
-hatten. Sie hielten den Generalgouverneur für
-den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen
-Verwalter und Regenten der Provinz, dessen
-wohltätiger Einfluß nur bei einem längeren Aufenthalt
-an ein und demselben Orte der Provinz spürbar werden
-kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen
-definiert: &bdquo;Der Generalgouverneur ist der
-Minister des Innern, der sich auf der Durchreise befindet.&ldquo;
-Diese Definition ist genauer und entspricht mehr
-dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses
-Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches
-als ein dauerndes. Der Generalgouverneur
-wird darum in die Provinz entsandt, um den Pulsschlag
-des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen,
-in den Gouvernements den ganzen Regierungsapparat
-in schnellste Bewegung zu setzen, und zwar sowohl
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-in den Instanzen der Provinz, die miteinander in
-Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind
-und unter der Verwaltung der einzelnen Ministerien
-stehen; allen einen Anstoß zu geben, durch seine unumschränkte
-Macht die schwierige Situation vieler Instanzen
-in <a id="corr-24"></a>ihrem Verkehr mit den weit entfernten
-Ministerien zu erleichtern, und ohne neue Prinzipien und
-ohne von sich selbst aus etwas Eigenes einzuführen,
-alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die bereits vorgeschrieben
-und ein für allemal gezogen sind, in eine
-schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in
-der höchsten Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht,
-was schon vorhanden und bereits eingeführt ist,
-haben Sie mit der mühevollen Pflicht des Regenten
-verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt zurechtfinden
-und mit ihm fertig werden muß und der
-alle kleinen Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie
-haben einen Teil davon, was zu den Obliegenheiten des
-Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs
-gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung
-Ihres höchsten Amtes verringert, Sie haben Ihre
-Stellung für eine lebenslängliche gehalten. Sie wollten
-in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen
-ein Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt
-hinterlassen. Ein edles Streben. Aber wenn Sie
-schon damals das gewesen wären, was Sie jetzt sind, d.
-h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten
-Sie für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege,
-Brücken und allerhand Verkehrsmittel zu schaffen und sie
-so klug anzulegen, wie Sie dies getan haben, ist in der
-Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-zu ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach
-voller Entfaltung seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und
-daran gehindert wird, aus den Landstraßen wie aus allen
-anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die wir heute so
-eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch notwendigere
-Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich
-nicht um das Wesen einer Sache, sondern um etwas
-bemühte, was nur eine Folge der eigentlichen, der Hauptsache
-war, pflegte er sich gewöhnlich des russischen
-Sprichworts zu bedienen: &bdquo;Wenn nur erst der Zuber
-da ist, an den Schweinen wird es nicht fehlen.&ldquo; Die
-Brücken, die Wege und all diese Verkehrsmittel, das
-sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst
-Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen.
-In Europa hat man sich viel um sie bemüht
-und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch die
-Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege
-von selbst: Privatleute haben sie erbaut ohne jede
-Unterstützung der Regierung, und jetzt haben sie sich in
-solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich schon
-ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen
-wir nur so schnelle Verkehrsmittel? Was hat die
-Menschheit durch all diese Eisenbahnen und andere
-Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten
-ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für
-einen Wert, daß heute eine Stadt verarmt, und eine
-andere dafür zu einem Trödelmarkt wird und daß die Zahl
-der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In
-Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von
-selbst entstanden und zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten,
-wie sie selbst in Europa nicht vorhanden
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es <a id="corr-25"></a>sich
-gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert
-hätten. &bdquo;Denket zuerst daran,&ldquo; sagt der Heiland, &bdquo;alles
-andere wird euch von selbst zufallen.&ldquo; Ihre Leistungen
-auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen
-ich auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung
-über Ihre Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele
-Mißbräuche ausgerottet und sehr viel wahrhaft edle und
-vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe davon gehört,
-obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt
-haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie
-damals in Betracht gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit
-nur provisorischer Art ist und daß Sie nicht nur dafür
-hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange Sie
-da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem
-Scheiden alles in bester Ordnung sei. Sie hätten sich
-fortwährend vorstellen sollen, daß Ihr Amt nach Ihnen
-von einem schwachen und unfähigen Nachfolger besetzt
-werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung
-nicht nur nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in
-Verfall kommen lassen wird, und daher hätten Sie von
-vornherein daran denken müssen, etwas so Starkes und
-Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen
-und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand
-mehr imstande wäre, umzustoßen, was Sie einmal
-in Gang gebracht haben. Sie hätten die Axt an
-die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die
-Stämme und Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen
-Getriebe einen solchen Impuls geben sollen, daß die
-Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet und
-daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-zu stehen, um sie zu beaufsichtigen, und hierdurch erst
-hätten Sie sich ein ewiges Denkmal Ihrer Generalgouverneurschaft
-errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz
-anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses
-Amt nicht gering achten, wenn es Ihnen aufs neue
-angeboten wird. Noch niemals war ein Generalgouverneur
-eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit
-wie in unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen
-nennen, zu denen heutzutage niemand fähig ist außer
-dem <a id="corr-26"></a>Generalgouverneur.
-</p>
-
-<p>
-Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in
-ihre gesetzlichen Grenzen zurückzuführen und einem jeden
-Provinzbeamten die Pflichten, die sein Beruf ihm auferlegt,
-zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist keineswegs
-unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe
-und Ämter der Provinz in ganz unmerklicher Weise
-aus ihren Grenzen und Schranken getreten, die ihnen
-vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen
-der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt,
-andere wieder in ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten
-der Übrigen allzusehr erweitert worden. Die eigentlichen
-Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer großen
-Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht
-und Kraft verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders
-fühlbar gemacht, daß gerade dort, wo man
-hemmend eingreifen sollte, die Macht und die Kompetenzen
-viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit
-zu groß war, und andererseits machte sich wiederum
-der Umstand bemerkbar, daß einem die Hände gebunden
-waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es
-ist jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-ihm durch das Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen,
-weil die Beamten selbst an ihren Begriffen
-von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie übernehmen
-ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau
-in der Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden
-ist. Sie nehmen mehr oder weniger Rücksicht auf diese
-Form und Gestalt und nicht auf das eigentliche Urbild,
-das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein entschwunden
-ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende
-und sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die
-man bloß sich selbst wiederzugeben brauchte, gänzlich
-aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. <a id="corr-27"></a>Das
-aber kann nur von dem höchsten und souveränen Vorgesetzten
-ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich
-selbst gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu
-unterrichten. Alle unsere Ämter und Berufe stellen in
-ihrer ursprünglichen Form wirklich gute und schöne Einrichtungen
-dar und sind geradezu wie geschaffen für
-unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den
-ganzen Organismus eines Gouvernements etwas näher an.
-</p>
-
-<p>
-Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen
-sind sehr umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und
-der unumschränkte Regent und Leiter von allem, was
-mit der wirtschaftlichen und polizeilichen Verwaltung des
-ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen
-(hierunter verstehe ich alles, was sich auf die
-inneren Einrichtungen der Städte und die Aufrechterhaltung
-der Ordnung in ihnen bezieht) als auch mit der
-Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich
-alles rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des
-Stadtbildes liegen, geschieht: die Erhebung der Steuern,
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-die Verteilung der Lasten, die Anlage von Straßen und
-allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im
-ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und
-die Bürgermeister aller Städte völlig von ihm ab und
-stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im zweiten Falle
-kann er über den Hauptmann der Landpolizei und die
-Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die Gouvernementsverwaltung,
-welche nach der Art der Kollegialverwaltungen
-aus Räten zusammengesetzt ist und kein
-eigenes Bureau mit einem Sekretär darstellt, mit ihm
-verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem schweren
-Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden
-kommen läßt, unbedingt auf die Räte und die Beamten
-fällt und daß er trotz all seiner unumschränkten Gewalt
-dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist mehr
-als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge
-des Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen,
-die gar nicht von ihm abhängen und unter ihren eigenen
-besonderen Ministerien stehen. Wenn diese Instanzen
-irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge
-schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf
-von Staatsländereien, Seen oder überhaupt über
-irgendwelche Ein- oder Verkäufe beziehen und irgendwelche
-Abkommen hierüber eingehen, so muß er schon zugegen
-sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und
-kein Vertrag geschlossen werden, ohne daß <em>er</em> anwesend ist.
-Demnach werden auch die Instanzen, die hinsichtlich
-ihrer inneren Geschäftsführung gar nicht von ihm abhängen,
-doch durch seine Anwesenheit daran gehindert,
-irgendwelche Mißbräuche zu begehen.
-</p>
-
-<p>
-Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-und ihre höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint,
-da dieses völlig von seinem Ministerium abhängig ist, ganz
-unabhängig vom Gouverneur zu sein, und doch werden
-diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur
-daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser
-während seiner Inspektionsreisen durch die Provinz,
-die mindestens zweimal im Jahre stattfinden, das Recht
-hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu verlangen,
-daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen
-vorgelegt werden, die er auf gut Glück herausgreifen
-kann, um sie bei sich zu Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen
-und auf diese Weise alle in Schrecken zu halten.
-Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die Instanzen
-hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat
-er doch das Recht, überall Mißbräuche zu verhindern,
-wo solche immer vorkommen mögen. Auf den Adel
-kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben.
-Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem
-amtlichen Verkehr mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter
-des Adels, dem Adelsmarschall der Provinz zu
-tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen
-Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an
-diesem Punkte tritt die Weisheit des Gesetzgebers mit
-besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf eine andere
-Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich,
-sich mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen
-zu setzen, wenn man nämlich die große Verschiedenheit
-in der Erziehung, in den Sitten, der Denkweise
-und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit
-der Charaktere in unserem Adelstande in Betracht
-zieht, wie sie in keinem europäischen Adelsgeschlechte
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-vorkommt und wie sie sich bei uns in unserem Adel verkörpert
-hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem
-des Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall
-hat nächst dem Gouverneur Anspruch auf den
-ersten Platz in der Provinz; schon allein dadurch werden
-beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute
-Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen
-sonst etwas Gezwungenes haben, und da sie
-sich in ihrem amtlichen Verhältnis unfrei und beengt
-fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns
-und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt
-werden, aber ganz von dem Gouverneur abhängen,
-weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide
-Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall
-kann auch in solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine
-eigene Macht beschränkt ist, indem er sich auf den
-Gouverneur beruft und mit ihm droht; und ebenso
-vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit
-erfolgreicher und kraftvoller auf den Adel einzuwirken.
-</p>
-
-<p>
-Fehler und Versehen können überall vorkommen,
-überall können sich Unrecht, Lüge und Trug einschleichen;
-selbst der Gouverneur kann fehlen und irren. Doch
-auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine besondere
-Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und
-die allen, selbst dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit
-wahren muß &mdash; das ist der Staatsanwalt,
-der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück
-Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen
-kann. Keine Angelegenheit kann vor einer Instanz
-des Gouvernements zur Verhandlung kommen,
-ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-gefaßt werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem
-Vermerk &bdquo;Gelesen&ldquo; versehen hat. Er selbst aber hat
-niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat niemand
-Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister;
-nur mit diesem steht er in unmittelbarem Verkehr, und
-er kann jederzeit gegen alles, was in der Provinz unternommen
-wird, Beschwerde einlegen.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und
-aus allem spricht die Weisheit des Gesetzgebers; aus
-der Einsetzung der einzelnen staatlichen Autoritäten sowohl
-wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich
-rede nicht einmal von den Institutionen, die auf einen
-noch größeren Weitblick der Regierung schließen lassen;
-ich will nur an das Gewissensgericht erinnern, denn etwas
-Ähnliches ist mir in keinem anderen Staate bekannt
-geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der
-Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis.
-Alle Fälle, in denen ein Konflikt mit dem Gesetz als
-eine Last und als Härte empfunden werden würde, alle
-Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke
-beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche
-Gewissen zu entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst
-die Anwendung des gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit
-würde; kurz alles, was im höchsten Sinne des
-Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und
-unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen
-entschieden und erledigt werden muß &mdash; fällt
-unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie weise ist
-doch die Einrichtung, daß die Wahl des &bdquo;Gewissensrichters&ldquo;
-vom Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu
-gewöhnlich einen Mann, den die allgemeine Stimme
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten
-Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei
-Gehalt oder Lohn für seine Mühe erhält, und daß
-diese Tätigkeit für den Menschen mit keinerlei weltlichen
-Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von
-dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen.
-Wieviel verwickelte Streitfälle kann man da
-schlichten! Die Parteien werden ihre Streitigkeiten ohne
-Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem Gewissensgericht
-unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter
-tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet
-und daß er sich durch die Verwaltung seines göttlichen
-Richteramts berühmt gemacht hat. Denn wer von uns
-sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung?
-</p>
-
-<p>
-Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus
-unserer Provinzen gewinnt, um so mehr
-staunt man über die Weisheit der Gesetzgeber: man hat
-das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und Regenten
-mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier
-fehlt es an nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf
-angelegt, daß wir uns gegenseitig die Hand reichen,
-uns zu guten Handlungen anfeuern und uns gegenseitig helfen
-und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen
-uns verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken,
-was ein besonderer Beamter hier noch sollte, jede
-neue Person wäre hier nicht am Platze, jede Neuerung
-wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie
-Sie ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte
-gefunden, die es verstanden, diesen ganzen Mechanismus
-noch durch eine Schar von Beamten mit besonderen
-Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-Kommissionen und Untersuchungskommissionen
-zu belasten, die die Funktionen jeder Instanz noch
-weiter geteilt und zerlegt und den Beamten so den
-Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen
-Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut,
-daß Sie es nicht auch so gemacht haben, Sie verstanden
-die Sache nämlich schon damals viel besser, als die
-andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten anstellen,
-der einem andern auf die Finger sehen soll,
-damit er nicht soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie
-<em>zwei</em> Diebe statt eines schaffen. Überhaupt ist dies
-System der gegenseitigen Beschränkung und Überwachung
-eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre
-eines Menschen nicht durch die eines anderen
-beschränken, schon im folgenden Jahre wird sich die
-Notwendigkeit herausstellen, auch den unter Aufsicht
-und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um
-die Macht des ersten zu beschränken, und so würden die
-gegenseitigen Einschränkungen kein Ende nehmen. Das
-ist ein trauriges und törichtes System; gleich allen andern
-negativen Systemen konnte es sich nur in Kolonialstaaten
-herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen
-Völkern zusammensetzten, kein nationales
-Ganzes bildeten und von keinem gemeinsamen
-Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es
-weder so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme
-Gesinnung, solche Nationen lassen sich nur von ihrem
-persönlichen Eigennutz leiten. Man muß Zutrauen zum
-Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt
-keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß,
-daß man ihn mit Mißtrauen ansieht, wie einen Gauner,
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn überwachen
-sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man
-muß den Menschen die Hände lösen und sie nicht noch
-fester binden. Man muß darauf dringen, daß sich
-jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht von
-andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit
-strenger gegen sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen
-lernen, worin er sich an seinem Amte versündigt.
-Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen
-seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag
-allein der Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht,
-sich selbst über das wahre Wesen jedes Amts
-und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle jedes
-Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis
-seiner Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit
-ihm zusammen den Dienst zu verrichten. Hierdurch
-wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen persönlichen
-Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner
-Sekretäre und keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier
-bedürfen; infolgedessen werden Sie nur ein kleines
-eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit mit
-jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird,
-wie sie sich andere Regierungsbeamte einrichten. Diese
-ungeheueren Bureaus aber sind, wie Sie selbst wissen,
-ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei, allen
-Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue
-Instanz und folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen,
-ja sie sind der Anlaß, daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten
-mit wichtigen Machtvollkommenheiten auftauchen,
-z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär, den
-häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-alle Akten gehen; ein solcher Sekretär schafft sich
-eine Geliebte an, dies führt zu Intrigen und Streitigkeiten,
-und bald ist der Teufel in eigener Person da,
-der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom
-Liede aber ist dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung
-neuer Verwirrungen und Verwickelungen noch
-unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen
-werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau
-einzurichten. Setzen Sie sich nie anders als persönlich
-mit jemand auseinander. Wie kann man bloß gering
-von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders
-wenn es sich dabei um etwas, was ihm nahe
-liegt, um seinen Beruf und seine Pflichten, und folglich
-um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur
-ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über
-allerhand Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen
-europäischen Zeitschriften geschöpft werden, einem
-solchen Gespräch vorziehen? Die Pflicht der Menschen
-ist ein Gegenstand, über den man sich so unterhalten
-kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen
-sie in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln.
-Nun denn, so reden auch Sie auf diese Weise mit Ihren
-Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen, daß ihre
-Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft!
-Vor allem aber &mdash; und dies dürfen Sie nie vergessen
-&mdash; sprechen Sie russisch mit ihnen. Damit meine ich
-nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der Praxis des
-täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung
-verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache,
-die sich zu einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch
-allerhand Mißbräuche an der Tagesordnung waren, sondern
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-jene echte wahrhafte russische Sprache, deren unsichtbare
-Schwingungen das ganze russische Land durchdringen,
-trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen
-Lande, jene Sprache, die zwar noch nicht mitbeteiligt ist
-an dem Werke unseres Lebens und die wir doch alle
-als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser
-Sprache heißt der Vorgesetzte: <em>Vater</em>. Seien auch Sie
-<a id="corr-29"></a>ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein
-Vater aber führt keine papierene Korrespondenz mit seinen
-Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar
-mit einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so
-machen werden, werden Sie jedem das echte Verständnis
-für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft
-große Leistung vollbringen.
-</p>
-
-<p>
-Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen,
-die niemand lösen kann, außer einem Generalgouverneur,
-und die heute nicht bloß einem Bedürfnis, sondern
-geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist
-dies die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung
-von seiner Bestimmung beizubringen. Der Adel in seinem
-wahrhaft russischen Wesenskern ist etwas sehr Schönes,
-trotz der fremdländischen Schale, von der er zeitweilig
-überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch
-kein Gefühl dafür. Vielen dämmert zwar schon eine
-dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch wissen noch
-immer nicht das Geringste davon, wiederum andere
-nehmen sich den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild,
-und schließlich gibt es noch solche, die sich nicht
-einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen Adel
-auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich
-unter ihnen einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-und klare Gedanken über diese Frage haben,
-so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die Massen,
-und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten
-Zeit hat sich in unserem Adelsstande zu alledem wieder
-ein Geist des Mißtrauens gegen die Regierung verbreitet.
-Während der letzten europäischen Revolutionen und
-Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht,
-in den Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten,
-als suche die Regierung die Bedeutung des Adels herabzusetzen
-und ihn bis zur völligen Bedeutungslosigkeit
-herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten und
-Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben
-allerlei Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen
-Zeitungen mit ihnen an, in der Absicht, Feindschaft
-zwischen der Regierung und dem Adel zu säen: einerseits
-wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es
-eine phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der
-regierenden Gewalt selbst rüttelten, und andererseits
-wollte man dem Adel einreden, daß der Kaiser ihm
-nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze,
-das heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland
-einbrocken und solche Wirren hervorrufen, die ihnen
-Gelegenheit geben sollten, selbst eine Rolle zu spielen.
-Man spekulierte darauf, daß Furcht und gegenseitiges
-Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst die
-heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei
-Dank, die Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte
-Menschen einen ganzen Staat in Aufruhr bringen konnten.
-Dieser Versuch blieb nichts als ein phantastisches
-Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen
-Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-kenne viele Adelige, die ganz ernstlich davon überzeugt
-sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht liebt, und die
-sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese
-Sache ins reine und klären Sie diese Leute über die
-ganze Wahrheit auf, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten.
-Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser diesen
-Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich
-nur den Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene
-schöne edle Form und Gestalt des Adels, die dem eigentlichen
-Geiste unseres Landes entspricht. Es kann ja
-auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die Zierde,
-die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns
-ist der Adel die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein
-fremdes eingewandertes Element. Allein der Adel muß
-selbst zeigen, was er ist, und die Bedeutung seines Berufs
-beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem völligen
-Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei
-dieser Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung,
-der Lebensweise und der Gewohnheiten, bei dieser falschen
-und verworrenen Ansicht über sich selbst kann der Adel
-niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung davon
-mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich
-darstellt. Daher kann auch der weiseste Mann heute
-nicht wissen, was er mit diesen Leuten anfangen soll.
-Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle Bedeutung
-wieder erobern. Und dabei können Sie allen in
-wahrem Sinne behilflich sein, denn Sie sind doch selbst
-ein russischer Edelmann, und da Sie Verständnis für
-die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie sie
-auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu
-bedarf es nicht etwa vieler Worte, denn das, was
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-Sie ihnen erklären werden, liegt ja schon im Keim angelegt
-in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine
-ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich
-bei uns ganz anders herausgebildet als in anderen
-Ländern. Er führt seinen Ursprung nicht etwa auf eine
-gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück,
-er ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge
-hervorgegangen, die sich in beständiger Auflehnung gegen
-die höchste Gewalt befinden und die Bedrücker der
-unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung
-von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen
-Lande geleistet hat, von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen
-und Verdiensten und nicht auf roher Gewalt beruhten.
-Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche
-Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man
-ihn wohl in anderen Ländern findet, der Hochmut der
-deutschen Aristokraten ist ihm fremd; bei uns prahlt
-niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten Ursprung
-seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die
-älteste ist &mdash; dies tun höchstens ein paar Anglophile,
-die diese Gewohnheit während ihrer Reisen in England
-angenommen haben; es mag wohl hin und wieder
-einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen
-rühmt, doch auch dann nur solcher, die ihrem Kaiser
-und ihrem Land wirkliche treue Dienste geleistet haben,
-dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu
-prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen
-würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen.
-Es gibt nur eine Sache, der sich ein jeder zu
-rühmen wagt, &mdash; das ist das Gefühl für sittlichen Anstand,
-das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat.
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-Und wenn es darauf ankommt, diese höchste innere
-Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so bleibt bei
-uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn
-es der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz
-tief in Schmutz und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei
-uns etwas wie ein Gefäß für diesen sittlichen Anstand,
-der sich über das ganze russische Land verbreiten muß, damit
-alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten,
-warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt
-wird. Wenn Sie ihnen annähernd das sagen werden,
-was ich Ihnen hier sage, und was die lauterste Wahrheit
-ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen
-werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf
-den Wirkungskreis, in dem sie ihren Namen verewigen
-und ihm ein dauerndes Leben in der Nachwelt sichern
-können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden,
-daß das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß
-man dem Lande nur durch große, hochherzige Taten
-helfen kann, daß man aber vor allem denen mit großen
-Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit
-schon bei der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie
-sehen, daß ihre Herzen mit dem Ihren zusammenklingen
-werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl.
-Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie
-ihnen die volle Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben
-Dinge aus lügenhaften Berichten ausländischer Zeitungen
-erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe
-ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen
-die ganze Wahrheit auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland
-wirklich unter den räuberischen Praktiken und unter
-den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und
-daß dem Kaiser das Herz so weh tut, wie niemand
-von ihnen es ahnt oder glaubt und auch nur ahnen
-kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick
-dieses Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen,
-die sich zwischen den Menschen aufgetürmt,
-sie voneinander getrennt und jedermann die Möglichkeit
-geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für
-sein Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser
-allgemeinen Verfinsterung und Entfremdung gegenüber
-dem Geist des Vaterlandes, angesichts endlich all dieser
-Erpresser und Gauner, dieser käuflichen Rechtsverdreher
-und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten herbeigeflogen
-kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu
-fressen und im Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu
-fischen. Wenn Sie ihnen das sagen und ihnen sodann
-beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe
-stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen
-Dienst zu leisten: nämlich ebenso hochherzig wie ihre
-Väter einstmals in Reih und Glied wider die Feinde
-des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten
-Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese
-von elenden Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt
-sein sollten, so werden Sie sehen, wie unser Adel
-sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten können
-von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich
-dem Staatsdienst zu widmen und die allerunbedeutendsten
-Stellungen einzunehmen. Und nach geleisteten Diensten
-werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja
-nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für
-sich verlangen, zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-ans Licht stellen konnten. Kurz &mdash; machen Sie
-ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie
-werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen.
-Sie können sie auch auf eine zweite große
-Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen können: auf
-die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen
-Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum
-Vorbild ihres Standes werden, denn heute fangen
-manche Leute in Europa ernsthaft an, über die alte
-patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente
-überall, außer in Rußland, verschwunden sind,
-und man beginnt schon laut über die Vorzüge unseres
-ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die Ohnmacht
-und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und <a id="corr-30"></a>Einrichtungen,
-sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu
-reformieren, erkannt hat. Daher müssen wir den Adel dazu
-bewegen, das wahrhaft russische Verhältnis zwischen Gutsbesitzer
-und Bauer zu erforschen, nicht aber den verlogenen
-unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen
-Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie
-der Obhut fremder Tagelöhner und Verwalter überließen,
-herausgebildet hat, &mdash; wirklich und wahrhaftig für
-die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen Blutsverwandten
-und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten
-<a id="corr-31"></a>sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater
-seine Kinder. Hierdurch allein können sie diesen Stand
-dazu machen, was er wirklich sein soll, diesen Stand,
-der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der
-Freien noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane
-(Bauern), nach dem eigenen Namen Christi trägt. Dies
-alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr gut klarmachen,
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich&rsquo;s
-überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung
-unseres Adels gelangt. Und dies wird die zweite
-unter Ihren großen Leistungen sein.
-</p>
-
-<p>
-Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand
-außer dem Generalgouverneur zu vollbringen vermag.
-Alle europäischen Staaten haben heute unter der Kompliziertheit
-aller Gesetze und Verordnungen zu leiden.
-Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar:
-die eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über
-ihre Grenzen und Schranken hinausgewachsen und sind
-in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem Bereich
-liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein
-Gebiet vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft
-der Volkssitten stand, andererseits aber sind sie in ein
-Bereich eingedrungen, das ewig unter dem Zepter der
-Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht
-etwa gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen
-Gesetze aus ihrem Bett geschah ganz von selbst,
-da sich überall leere unausgefüllte Lücken darboten, die
-einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten.
-Die Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit
-wandte sich immer mehr von dem geraden einfachen
-Leben in Christo ab und überließ so alle privaten Verhältnisse
-der Menschen und das Privatleben ihrem
-Schicksal. Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie
-verlassene Waisen unter ihre Obhut, und gerade dies
-war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt wurden.
-Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich
-und weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren,
-was von Rechts wegen der Herrschaft der Sitte untersteht
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-und ein ewiges Besitztum der Kirche ist, wird das ganze
-bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden können,
-das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen
-Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse
-enthält. Heute sieht jedermann, daß eine große
-Menge von Fällen, von Mißbräuchen und Intrigen
-nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten
-Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche
-möglichen Abweichungen bis in ihre feinsten Einzelheiten
-feststellen wollten und damit jedermann, selbst den
-besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen
-und ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher
-hätten diese Leute es für unanständig gehalten, einen
-solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen wagen sie
-es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder
-einer Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen,
-ein einstmals verlorenes Gut wieder zu erlangen
-oder auch nur einem andern sein Besitzrecht
-streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch
-gleich aufs Ganze, wie ein Held sich zum Sturm
-rüstet, und nimmt überhaupt keine Rücksicht auf seinen
-Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd
-verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn.
-Ein leidlich menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig,
-ganz offen die größten Grausamkeiten zu begehen,
-ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich schon des
-bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der
-Kirche beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen
-Vorteil vorzuhalten, vor das Angesicht Christi stellen
-wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie es in der
-Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen,
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die
-Weiterungen vor den Instanzen drohen, die <em>Kirche</em> und
-nicht das bürgerliche Gesetz die Menschen miteinander
-zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie
-ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten,
-daß dem bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle
-zugewiesen werden, die wirklich unter das bürgerliche
-Recht fallen, daß der Herrschaft der Sitte wiedergegeben
-werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben
-muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet
-werde, was ihr ewiglich angehört? Kurz, wie soll alles
-wieder an seinen rechten Platz gebracht werden? In
-Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu
-müßten Ströme von Blut vergossen werden, Europa
-würde in unnützen Kämpfen erliegen und doch nichts
-erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit hierzu
-vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich
-und schmerzlos vollziehen &mdash; nicht durch irgendwelche
-Neuerungen, Umwälzungen oder Reformen, ja nicht
-einmal mit Hilfe von allerhand Sitzungen oder durch
-Bildung von Komitees, nicht durch Debatten, Zeitungsgerede
-und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder
-Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut
-anvertraut ist, den Grund dazu legen; und wie einfach!
-&mdash; Durch nichts andres als nur durch sein eignes Leben.
-Durch die patriotische Schlichtheit seiner Lebensweise und
-die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann
-er die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen
-Etikette beseitigen und die russischen Sitten befestigen,
-die wirklich gut sind und mit Nutzen auf unser gegenwärtiges
-Leben angewandt werden können. Er kann
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-eine mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß
-die Beziehungen zwischen den Stadtbewohnern untereinander
-wie die der Gutsbesitzer unter sich schlichter und
-einfacher werden, denn die Beseitigung dieser komplizierten
-gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen, muß
-unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit
-beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den
-Bewohnern der Städte erhoben haben. Und ebenso
-wie zur Einführung und Befestigung der Sitten kann
-der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche
-heute ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes
-wiedergewinnt: er kann dies erstlich durch sein
-eigenes Beispiel, durch sein Leben, und zweitens
-auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen &mdash; aber
-nicht etwa durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln,
-sondern durch solche, die weit wirksamer sind
-als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal
-miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung
-angenommen haben werden; bis dahin aber will ich
-Ihnen nur dies sagen: wenn schon die einfache Sitte
-mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz &mdash; und
-was ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz
-streng betrachtet? Mitunter hat sie überhaupt keine
-Bedeutung für unsere Zeit, man kennt den Grund nicht,
-weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher
-sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität,
-die sie eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar
-ein Überbleibsel aus den Zeiten des Heidentums,
-das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu
-allen Grundlagen des modernen Lebens steht &mdash; wenn
-nun nach alledem schon die Sitte etwas so Mächtiges
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-ist, daß es schwierig ist, sie selbst im Laufe von vielen
-Jahren auszurotten &mdash; wie würden sich wohl die Dinge
-gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich
-auf die Vernunft gründen, die einstimmig und einmütig
-von allen anerkannt werden und die höhere Billigung
-und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten
-würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert
-zu Jahrhundert fortpflanzen, und keine Macht
-der Erde würde sie vernichten können, was die Welt
-auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das
-ist ein gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig
-reden, und dazu bin ich zu dumm. Vielleicht
-werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und mich
-erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird
-es Ihnen also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu
-werden; greifen Sie daher mit fester Hand zu, wenn
-Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs angeboten
-werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie
-es verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit
-den Wünschen und Forderungen der Regierung befinden
-&mdash; d. h. Sie werden das ganze Gebiet wie eine frischen
-Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln,
-alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem
-einen frischen Impuls geben und dann in eine andere
-Provinz reisen, um dort das Gleiche zu wirken. Sie
-werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur provisorisch
-sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn
-der innere Organismus eines Gouvernements ist etwas
-in sich Abgeschlossenes und Vollendetes, und bedarf
-keines weiteren Regierungsbeamten außer dem Bürgergouverneur.
-So gehen Sie denn mit Gott und fürchten
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-Sie sich vor nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres
-Amt übernehmen sollten, halten Sie sich stets an
-die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß die
-Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so
-ein, ordnen Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß
-sich alles, nicht nur so lange Sie da sind, sondern auch
-nach Ihrem Weggang in geordneter Weise abwickelt,
-daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu
-rücken vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst
-innerhalb der von Ihnen gezogenen Grenzen betätigen
-und die von Ihnen vorgezeichnete, vernünftige Richtung
-einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr
-Werk dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu
-befestigen. Seien Sie allen Ihren Untergebenen, seien
-Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes ein
-Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine
-Pflicht und Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen
-Sie jedem freundlich die Bruderhand, wenn er sich
-von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien will.
-Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur
-in der Absicht, jeden zu lehren, wie er selbst auf sich
-Einfluß gewinnen kann. Sorgen Sie ferner dafür, daß
-keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt wie auf
-seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen
-sich ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren
-Erlaubnis sie es nicht einmal wagen, aus einem Zimmer
-ins andere zu gehen, warten sie doch stets auf
-die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen;
-der Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin
-ihm nur für eine bestimmte Zeit und nicht für
-immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch
-eifriger und sorgfältiger auf sich acht geben muß als
-früher, stets eingedenk, daß es nun niemand mehr gibt,
-der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm gegeben
-ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend.
-Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied,
-wenn Sie Ihr Amt niederlegen sollten, keine Tränen
-und kein Gejammer gibt, sondern daß ein jeder noch
-frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher
-sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner
-Belehrung sagen möchten, sorgsam für den Tag
-des Abschieds auf: an diesem Tage werden alle Ihre
-Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt
-und wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten,
-das werden sie jetzt willig aufnehmen und danach handeln.
-Für mich ist die Stunde des Abschieds von
-meinen Freunden &mdash; der schönste Augenblick; jeder
-meiner Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut
-es frohen Mutes, und seine Seele ist heiter. Das werden
-Ihnen alle bezeugen, die in der letzten Zeit Abschied
-von mir genommen haben. Ich bin sogar davon überzeugt,
-daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich
-lieb gehabt haben, fröhlich und heiteren Mutes von
-mir Abschied nehmen werden. Keiner von Ihnen wird
-weinen, und alle werden nach meinem Tode weit fröhlicher
-sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich
-Ihnen noch etwas über die Liebe und die allgemeine
-Sympathie für uns sagen, nach der viele so sehr haschen.
-Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu wollen &mdash; das
-ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht beschäftigen
-sollte. Streben Sie danach, &mdash; die andern
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-Menschen zu lieben, und nicht danach, daß andere
-Menschen <em>Sie</em> lieben. Wer einen Lohn für seine Liebe
-verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit
-vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß
-Gott mir schon in meiner Jugend diese merkwürdige
-und mir selbst kaum verständliche Abneigung gegen jegliche
-unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse eingepflanzt
-hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas
-Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn
-sie von Verwandten oder Freunden herrührten! Wie
-wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe keinem Wesen
-dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von
-einem Vorgesetzten auf den andern übertragen, und
-sowie ein Vorgesetzter merkt, daß sie sich ihm zuwendet,
-sollte er sie sofort von sich auf den über ihm stehenden
-höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so
-endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis
-ein von allen geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts
-der ganzen Welt Gott selbst darbringt.
-</p>
-
-<p class="year">
-1845.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-30">
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-<span class="line1">XXIX</span><br />
-<span class="line2">Wessen Los auf Erden das beste ist</span><br />
-<span class="line3">Aus einem Briefe an U&mdash;</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen
-Los auf Erden das schönere ist und wem das
-bessere Teil beschieden ward. Früher als ich noch
-törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem
-andern vor; jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller
-Menschen gleich beneidenswert ist. Alle erhielten den
-gleichen Lohn &mdash; sowohl der, dem ein Talent anvertraut
-ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem
-fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere
-dafür zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das
-Los des ersten noch besser ist, gerade weil er auf Erden
-keinen Ruhm genossen und nicht von dem Zaubertrank
-irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie
-wunderbar ist doch die göttliche Gnade, die jedem den
-gleichen Lohn bestimmte, der redlich seine Schuldigkeit
-getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste Bettler ist.
-Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden
-eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle
-<em>gleichermaßen</em> in Gott sein. Freilich hat Christus
-selbst an einer andern Stelle gesagt: &bdquo;<em>Im Hause
-meines Vaters sind viele Wohnungen</em>&ldquo;, aber
-wenn ich mir diese Wohnungen vorstelle, wenn ich
-darüber nachdenke, was die Wohnungen Gottes sein
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und
-ich weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich
-wählen soll, wenn ich wirklich einmal gewürdigt sein
-sollte, am himmlischen Reiche teilzunehmen, und wenn
-die Frage an mich erginge: &bdquo;welche von ihnen möchtest
-du wählen?&ldquo; Ich weiß nur das eine, daß ich antworten
-würde: &bdquo;die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem
-Hause ist.&ldquo; Ich glaube, man kann sich nichts Schöneres
-wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen, die
-bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner
-majestätischen Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen
-liegen und sie zu küssen!
-</p>
-
-<p class="year">
-1845.
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-31">
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-<span class="line1">XXX</span><br />
-<span class="line2">Ein Geleitspruch</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten,
-die Antwort erhältst du später. Ich sehe
-und begreife alles: deine Leiden sind groß. Bei
-einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen
-anhören, mit so hohen Gefühlen unter so
-groben, plumpen Menschen weilen zu müssen, wie die
-Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich
-niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung,
-ohne daß sie es wissen, schon allein ausreicht, um die
-edelsten Schätze und Kostbarkeiten des Herzens in Scherben
-zu schlagen; dulden zu müssen, daß mit plumper
-Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen
-wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um
-himmlische Laute auszuströmen, bis sie verstimmt sind und
-reißen, und über dies alles noch all die Gemeinheiten
-und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen, die sich
-täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu
-müssen, die selbst der Verachtung wert sind &mdash; ich weiß
-wohl, daß ist alles sehr bitter. Und deine physischen
-Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein Nervenleiden,
-deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle,
-die dich jetzt heimsuchen &mdash; das alles ist hart,
-sehr hart, ich vermag dir nichts andres zu sagen, als
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-daß es wirklich sehr hart, sehr bitter ist! Aber hier
-hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang;
-du wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben,
-dir stehen noch härtere Kämpfe [mit der Bestechlichkeit]
-mit allerhand Schuften und Gaunern und schamlosen
-Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt,
-die nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind,
-von der du schreibst [d. h. eine fremde Unterschrift zu
-fälschen] &mdash; die den Mut haben, ein so furchtbares
-Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen
-Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung
-bestraft wird und nicht mit der Wimper zu zucken
-&mdash; ja die nicht nur einer solchen Niedertracht, sondern
-noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren
-bloße Beschreibung einem mitleidigen Menschen für
-immer den Schlaf rauben könnte (o wenn doch solche
-Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen Heerscharen
-zittern vor Schrecken beim Gedanken an die
-furchtbaren Strafen, die sie in jener Welt erwarten und
-vor denen sie niemand mehr zu retten vermag. Unzählige
-neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen
-warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren]
-Stellung kann alles passieren. Deine Nervenanfälle
-und deine Leiden werden noch stärker werden,
-deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit
-wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine
-Schmerzen und Qualen werden noch furchtbarer und vernichtender
-werden. Allein denke stets daran, daß wir
-nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und
-Feste zu feiern &mdash; wir werden hierher berufen, um
-Schlachten zu schlagen, den Sieg werden wir <em>dort</em> feiern.
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-Daher dürfen wir keinen Augenblick vergessen,
-daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier
-gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns
-weniger Gefahren drohen! Wie ein guter Soldat muß
-sich ein jeder von uns in den Kampf stürzen, wo er
-am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von
-oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht
-nicht die geringste von unseren Handlungen. Du darfst
-daher das Schlachtfeld nicht meiden, sondern mußt
-mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht
-etwa einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt
-dir einen Starken zum Gegner wählen. Der Kampf
-mit einem kleinen Schmerz und mit geringen Leiden
-wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen
-Russen ist es nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen
-Deutschen einzulassen, wenn man im voraus
-weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem Tscherkessen
-aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn
-für unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen
-Tscherkessen aufzunehmen und ihn zu besiegen, das
-ist eine Leistung, deren man sich rühmen kann!] Nun
-denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir,
-mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher
-Freund!
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-32">
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-<span class="line1">XXXI</span><br />
-<span class="line2">Wesen und Eigenart der russischen Poesie</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">rotz</span> des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt
-unsere Dichtung sehr viel Eigenartiges. Ihr natürlicher
-Quell regte sich schon in der Brust des
-Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde
-war. Ein Strahl dieses Quells bricht in unsern Liedern
-hervor, in denen zwar wenig Liebe zum Leben und zu
-den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige Sehnsucht
-nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein
-Streben, sich von den Tönen in eine unendliche Ferne
-forttragen zu lassen, lebt. Sein Strom bricht auch in
-unsern Sprichworten hervor, die von dem ungewöhnlich
-reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in
-ein Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt
-hat: die Ironie, den Spott, die Anschaulichkeit, die
-Treffsicherheit eines plastischen Denkens, um ein von
-Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze
-Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es
-seine empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein
-Strom bricht endlich auch aus den Reden der Diener
-unserer Kirche hervor &mdash; Reden, die so einfach,
-so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das
-Streben, sich bis zu dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger
-Ruhe zu erheben, den zu erklimmen, jedes Christen
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung, nicht etwa die
-Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den
-Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit
-zu erziehen. Dies alles versprach unserer
-Dichtung eine eigenartige und urwüchsige Entwicklung,
-wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber nicht
-von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet
-unsere wohllautende Poesie, die uns heute einen so
-hohen Genuß bereitet, ihren Ursprung her, so wenig
-als die Struktur unserer gegenwärtigen bürgerlichen Ordnung
-sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem
-Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche
-Ordnung ist ja auch nicht durch eine geregelte allmähliche
-Entwicklung der Dinge, nicht durch eine langsame
-wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in unser
-Land entstanden &mdash; was schon aus dem einfachen
-Grunde unmöglich war, weil die europäische Aufklärung
-bereits eine viel zu hohe Stufe der Reife erreicht hatte,
-weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie
-nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland
-hereinbrechen und ohne einen solchen Führer, wie
-Peter es war, in allen Dingen eine viel größere Unordnung
-hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich
-bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung
-entsprang aus einer Erschütterung, aus jener gewaltigen
-Erschütterung des ganzen Staates, die der Zar, dieser
-große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm den
-Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der
-europäischen Staaten einzureihen und es plötzlich mit
-allem bekannt zu machen, was sich Europa durch lange
-Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte. Eine
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das
-russische Volk, und die europäische Aufklärung war der
-Feuerstahl, der diese ganze Volksmasse treffen mußte,
-die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl verleiht
-dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein
-nicht trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und
-sogleich schlug aus dem Volk eine Flamme empor. Diese
-Flamme war die Freude, die Freude über das Erwachen,
-die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte
-keiner das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im
-Licht der europäischen Bildung sich selbst besser kennen
-zu lernen, nicht aber Europa zu kopieren. Jeder
-fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße
-Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen
-Menschen, und zwar durch den Zaren selbst, bewirkt
-war, der zeitweilig sogar großmütig auf seine
-Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu
-lernen und mit der Axt in der Hand in allen Dingen
-voranzugehen, damit keine von den Wirrungen und
-Verwicklungen entstünde, die selbst die geringfügigsten
-Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen &mdash; schon
-diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude
-und der Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung,
-die gewöhnlich das in Mitleidenschaft gezogene Volk auf
-Jahre unter Ströme von Blut setzt, wenn sie die Folge
-innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von
-ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das
-glänzende Manöver eines vortrefflich geschulten Heeres.
-Rußland erhob sich plötzlich zur Würde eines großen
-Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein
-Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-Bildung. Alles in dem jungen Staate geriet
-in Begeisterung, allen entrang sich ein Schrei des
-Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter
-kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt
-sich in unserer Poesie oder richtiger: sie hat diese
-Poesie erst erschaffen. Das ist der Grund, warum diese
-Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht wurde,
-einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus
-ihr das Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung
-über das neue Licht, das sich über Rußland ergossen
-hatte, für das Staunen über die große Aufgabe, die
-dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden,
-den es dem Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser
-Zeit wurde das Streben nach dem Licht unser eigentliches
-Element, der sechste Sinn des Russen, und es erschuf
-unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes
-neue lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner
-der drei Quellen, von denen zu Beginn die Rede
-war, entdecken konnten.
-</p>
-
-<p>
-Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten?
-Ein schwärmerischer Jüngling, begeistert von dem
-Licht der Wissenschaft und der hohen Aufgabe, die er
-vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die
-Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine
-erste Ode aufs Papier werfen, hastig entlehnt er bei
-unsern deutschen Nachbarn Form und Metrum, wie sie
-in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen,
-ob sie sich für unsere russische Sprache eignen
-oder nicht. Seine künstlichen rhetorischen Oden lassen
-auch nicht eine Spur schöpferischer Kraft erkennen, aber
-die Begeisterung bricht doch schon allenthalben hervor,
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen
-Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem
-er sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte,
-kommt ihm in Sinn, und die Frucht dieses Einfalls
-ist die Ode: <em>Abendbetrachtungen über Gottes
-Größe</em>, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät
-und Würde atmet und die kein anderer außer Lomonossow
-hätte schreiben können. Ein ähnlicher Einfall wird der
-Anlaß für die Epistel an Schuwalow: <em>Über den
-Nutzen des Glases.</em> Jede Erwähnung Rußlands,
-das seinem Herzen so nahesteht und das er immer
-durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht,
-erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten
-nüchternen Strophen begegnen wir Versen, die uns
-plötzlich in eine andere Welt versetzen. Man hat das
-Gefühl, als ob &mdash; um uns seiner eigenen Worte zu
-bedienen &mdash;
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Götterjüngling David leicht</p>
- <p class="verse">Der Harfe heil&rsquo;ge Saiten meistert</p>
- <p class="verse">Und aus Jesaias Mund begeistert</p>
- <p class="verse">Ein Psalm empor zum Himmel steigt.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er überschaut das ganze russische Land von einem
-Ende bis zum andern, wie von einem lichten Gipfel
-herab, begeistert und entzückt von seiner grenzenlosen
-Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint,
-als wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen
-Schilderungen spricht mehr die Ansicht eines gelehrten
-Naturforschers als die eines Dichters, aber die
-treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt
-den Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-ist, indem er seine Verse in die strengen
-Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der Sprache
-durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb
-der engen Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen
-Würde und Freiheit dahin, wie ein wasserreicher Fluß
-in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen Versen
-noch schöner und freier als in seiner Prosa, und
-Lomonossow heißt daher nicht umsonst der Vater unserer
-Verskunst. Das Merkwürdige ist, daß der Urheber
-unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber
-wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer
-Dichter wie die Vorrede zu einem Buche. Seine Poesie
-ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht einem Wetterleuchten,
-das zwar nicht allem Helligkeit verleiht,
-sondern sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft.
-Rußland erscheint bei ihm nur in seinen allgemeinen
-geographischen Umrissen; er scheint ausschließlich darum
-bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen Reich
-zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und
-Linien abzustecken, während er die Ausmalung den
-andern überläßt. Er selbst ist gleichsam nur ein erster
-prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen sollen.
-</p>
-
-<p>
-Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die
-Ode eingeführt. Feste, Siegesfeiern, Geburtstage hoher
-Persönlichkeiten, ja sogar eine Illumination oder ein
-Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die Verfasser
-dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu
-einer gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer
-Begeisterung getragen wurden. Höchstens <em>Petrow</em>
-macht eine Ausnahme, dem es nicht an einer gewissen
-Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit
-seiner Verse. Die andern erreichten bestenfalls nur die
-kalte äußere Rhetorik der Oden Lomonossows, und an
-Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres zuchtloses
-Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon
-hatte der Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte
-der Funke der Poesie gezündet. Noch hatte Lomonossow
-die Leier nicht aus der Hand gelegt, als Dershawin
-seine ersten Lieder dichtete.
-</p>
-
-<p>
-In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer
-glänzenden Sammlung der vorzüglichsten Werke russischer
-Schöpferkraft gleicht, als sich auf allen Gebieten
-bedeutende russische Talente regten, in glorreichen Schlachten
-ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner
-in der inneren Organisation des Reiches tätig
-waren, geschickte Diplomaten sich beim Abschluß von
-Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte
-und Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da
-trat auch der Dichter Dershawin auf. Er hatte das
-gleiche malerische würdevolle Äußere wie alle Männer
-aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten
-Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden.
-Bei ihnen allen gibt es noch viel Unfertiges, und
-in den Details Unausgeführtes, wie man es wohl in
-Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit gebracht
-werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows
-und Dershawins, die sich einem bei der
-ersten <a id="corr-32"></a>Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt,
-schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender
-kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in
-seiner Erziehung, den vollkommenen Gegensatz zu dem
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-ersteren. Während sich Lomonossow völlig den Wissenschaften
-widmet und das Dichten ausschließlich als eine
-Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt <em>er</em> sich
-gänzlich der Dichtkunst hin und hält eine vielseitige
-wissenschaftliche Bildung für unnütz und überflüssig.
-Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei
-ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen
-Umrisse des Reiches hervor, sondern auch
-die Menschen und ihr Leben werden sichtbar. Was ihn
-beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft: sondern
-die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits
-an die Menschen aller Berufe und Stände und
-zeugen von dem Streben, ein Gesetz des richtigen Handelns
-aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem,
-selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht
-sich schon eine wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar,
-er besitzt etwas noch Gewaltigeres und Überirdischeres
-als Lomonossow, und man begreift nicht, woher der
-hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang
-unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch
-immer wie eine dunkle Weissagung über unserem Lande
-schwebt und uns eine bessere Zukunft vorhält, zu der
-wir bestimmt sind &mdash; oder ist es ein Echo seines alten
-tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch
-heute die armseligen Überreste nomadisierender Horden
-umherirren, die ihre Einbildungskraft an Erzählungen
-von klafterhohen Helden, die tausend Jahre alt werden,
-entzünden? &mdash; was es auch sein mag: dieser Charakterzug
-Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter
-holt er seine Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie
-weit her: nur um möglichst nahe an seinen Gegenstand
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer,
-aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt,
-da dienen diese ungeheuerlichen Massen nur dazu,
-um den Gegenstand mit einer schier unbegreiflichen
-Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als
-blicke er uns mit tausend Augen an. Man überlese
-den &bdquo;<em>Wasserfall</em>&ldquo;: man hat den Eindruck, als wäre
-hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig dahinstürmende
-Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen
-alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die
-Natur erscheint hier wie eine höhere Wirklichkeit neben
-der, die wir mit unseren Augen sehen, die Menschen
-gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein
-verglichen mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt
-ist, wie das eines fernen Ameisenhaufens. Von
-Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger des
-Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt
-Katharinens und Rußlands, das sich in seinen acht
-Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind königliche Adler,
-kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat
-jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte,
-was ihn am meisten bewegte, war der Wunsch,
-einen im Kampf des Lebens gestählten starken Menschen
-zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit,
-sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu
-zeichnen, wie er nach seiner Ansicht aus den ureigenen
-Wurzeln unserer russischen Natur erwachsen müßte, genährt
-und groß geworden auf dem unerschütterlichen
-Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die
-die Ode gerichtet ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen
-unbeugsamen wahrhaftigen Helden zu setzen. Dann
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme
-aus, die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt.
-Das, was wir einen Gemeinplatz zu nennen gewohnt
-sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung wieder, und
-wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund
-der Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den
-Werken anderer Dichter erscheint alles bei ihm groß
-und gigantisch: seinen poetischen Metaphern fehlt es an
-der <a id="corr-33"></a>vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam
-in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten
-aber gerade dadurch etwas noch Großartigeres
-und Erhabeneres. So schildert zum Beispiel der Dichter
-den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört,
-über das Meer rast:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wild springt er auf die Wellen los,</p>
- <p class="verse">Schlägt mit <a id="corr-34"></a>dem Dreizack nach den Schiffen,</p>
- <p class="verse">Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß</p>
- <p class="verse">Des Hades mit gesträubten Haaren,</p>
- <p class="verse">Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Hier schien sich ein <em>plastisches</em> Bild des greisen
-Caspius gestalten zu wollen, aber die Zeichnung verlor
-sich in abstrakt geistigen Konturen: das Ohr hört nichts
-als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem
-grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die
-Haare, der erschüttert ist von der rauhen Größe des
-Bildes. Bei ihm ist alles monumental. Sein Stil ist
-von einer Größe, wie bei keinem unserer Dichter. Wenn
-wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren,
-so sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung
-pathetischer Worte mit schlichten, ja trivialen
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-begründet ist, wessen sich kein anderer außer Dershawin
-erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen, sich
-so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er
-von seinem großen Helden spricht: der nach Vollendung
-seiner irdischen Aufgabe
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">den Tod wie einen Gast erwartet</p>
- <p class="verse">und sinnend sich den Schnurrbart streicht.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste
-Angelegenheit wie die Erwartung des Todes zu einer
-so trivialen Geste wie das Streichen des Schnurrbarts
-in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt
-hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes
-Gefühl bleibt in unserer Seele zurück!
-Man muß jedoch sagen, daß sowohl diese wie alle andern
-gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere
-Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses
-annehmen, sowie ihn die Inspiration verläßt: Alles
-gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache, Stil, alles
-knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers
-gleicht einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen
-die Spuren seiner unvollkommenen geistigen und sittlichen
-Bildung. Der Mann, der andern Selbstbeherrschung
-predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen,
-hat sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und
-mit der ganzen Kraft seiner Begeisterung den Weg zu
-seinem Ich suchen müssen, um das aussprechen zu können,
-was sich der Seele des Dichters von selbst entringen
-müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen
-gewußt, es würde keinen größeren Dichter als
-Dershawin gegeben haben. So aber gleicht er nur
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar
-niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch
-kein Mensch wird lange vor ihm verweilen, sondern
-bald zu andern reizvolleren Eindrücken fortzueilen suchen.
-</p>
-
-<p>
-Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand
-gelegt, und schon hatte sich alles um ihn verändert:
-das Zeitalter Katharinas, die königlichen Feldherren, der
-höfische Luxus und das ganze höfische Leben waren dahingeschwunden
-wie ein Traum, die Epoche Alexanders
-war angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich.
-Die Menschen zogen sich mehr in sich selbst zurück und
-wetteiferten, aus dem Gefühl heraus, daß sie sich bisher
-allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen
-und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen.
-Die Franzosen galten in allen Dingen als
-Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer den Ton
-in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine
-Zeitlang die flinken französischen Poeten unsere Dichtung.
-Zur Rechtfertigung unseres sicheren dichterischen
-Gefühls sei jedoch an dieser Stelle erwähnt, daß uns
-nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient
-hat: <em>Lafontaine</em>, und zwar nur deshalb, weil
-er der Natur am nächsten stand: <em>Dmitriew</em>,
-<em>Chemnitzer</em> und <em>Bogdanowitsch</em> dichteten in
-der gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie
-er. Die russische Sprache erhielt plötzlich eine gewisse
-Freiheit und die Fähigkeit, mit angenehmer Leichtigkeit
-von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen &mdash; eine
-Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man
-pflegte nicht nur die Ode, sondern versuchte sich in allen
-Arten und Formen der Poesie. <em>Dmitriew</em> bewies
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und Anstand,
-und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos
-überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer
-Dershawins und Lomonossows üblich geworden war.
-Aber die Oberflächlichkeit der Epoche vermochte unserer
-Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie blieb
-allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man
-konnte sie bald einem gewandten und gescheiten Weltmann
-vergleichen, der im Salon sitzt und plaudert,
-nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu
-tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um
-Konversation zu machen und zu beweisen, daß er über
-jeden Gegenstand etwas zu sagen habe. Die letzten
-Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden
-Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus
-der Kirche in den Ballsaal versetzt. Nur der eine
-<em>Kapnist</em> ließ den Duft eines wahrhaft beseelten Gefühls
-und eine eigenartige anthologische Anmut verspüren,
-wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man
-denke zum Beispiel an sein Landhaus Obuchowka:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mein liebes Häuschen, strohgedecket,</p>
- <p class="verse">Ist nicht zu groß, noch ist&rsquo;s zu klein,</p>
- <p class="verse">Der Freund wird stets willkommen sein</p>
- <p class="verse">Und selbst den armen Bettler schrecket</p>
- <p class="verse">Kein Türschloß fort, will er hinein.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem
-Gipfel eines oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen.
-Schon war ihre Empfänglichkeit durch jenen
-Schlag Peters mit dem Stahl europäischer Bildung geweckt,
-und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und
-für ihre Entwicklung nutzbar machen konnte, und so
-wandte sie sich den Deutschen zu. In der deutschen
-Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor.
-Eine unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen,
-wunderbare unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus
-einer unsichtbaren Welt, Träume und Schrecken, wie
-sie die Kindheit des Menschen zu begleiten pflegen, bildeten
-den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man
-hätte eine solche Poesie für die Laune eines Schulbuben
-halten können, wenn nicht jenes kindliche Lallen in ihr
-vernehmbar gewesen wäre, durch das die unsterbliche
-nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde
-gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige
-Dichtung von dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler
-Instinkt rief plötzlich in ihr die Erinnerung an etwas
-Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns nie mit
-den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer
-Mitte erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare
-Welt durch den klaren Kristall seines Wesens gezeigt
-hätte, das uns weit verständlicher war, als das deutsche.
-Dieser Dichter ist <em>Shukowski</em>: die stärkste Individualität
-in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle
-Fügung des Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen
-an eine ihm selbst unbegreifliche Sehnsucht nach
-dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele gelegt. Wie
-der Held seiner Ballade <em>Wadim</em> vernahm er immer
-einen himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn
-in die Ferne rief. Dieser Lockung folgend, stürzte er sich
-auf alles Unerklärliche und Geheimnisvolle, wo immer
-es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die eine
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles
-dieser Art entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den
-Deutschen, und das Meiste davon sind Übersetzungen.
-Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die Spur jener
-inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer
-Kraft belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des
-Russischen mächtig sind, zugestehen, die Originale erschienen
-neben ihnen wie Kopien, während seine Übersetzungen
-den Charakter echter Originale besitzen. Man
-weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen
-Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine
-eigene Persönlichkeit auf, während sie bei Shukowski
-stärker hervortritt als bei irgendeinem unserer Dichter.
-Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen,
-so werden wir finden, daß das eine von <em>Schiller</em>, ein
-anderes von <em>Uhland</em>, ein drittes von <em>Walter Scott</em>,
-ein viertes von <em>Byron</em> entlehnt ist; und alle diese Werke
-sind bis auf das einzelne Wort getreue Abbilder ihrer
-Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist durchaus
-erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine Gelegenheit,
-sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte
-nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte
-man gelesen habe, dann fallen einem weder Schiller,
-noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern ein Dichter,
-der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz
-nicht zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als
-Gleicher neben Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie
-es jedoch möglich war, daß seine eigene Persönlichkeit
-all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen konnte, das
-bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt.
-Es gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-Shukowskis selbst ein getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit
-bilden könnte. Man muß auch sagen, daß
-sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine
-so starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares
-Traumland zu entfliehen. Bei keinem von ihnen
-finden wir diesen festen Glauben an übersinnliche Kräfte,
-die den Menschen überall schützend umschweben. Wenn
-man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl,
-für das Dershawin die Worte gefunden hat:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Dem Schutz des Himmels übergeben</p>
- <p class="verse">Ward deines Lebens Sicherheit</p>
- <p class="verse">Und Legionen Engel schweben</p>
- <p class="verse">Ob deinem Haupte hilfsbereit.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt,
-wie ein ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem
-er unserer Dichtkunst dieses ihr bis dahin ganz unbekannte
-Streben nach einer unsichtbaren geheimnisvollen
-Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus
-nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern
-auch ihrer Versform, die damit etwas Leichtes und Unkörperliches
-wie eine Vision erhielt. Mit diesen Übersetzungen
-legte er den Grund zu allem Originalen, schuf
-er neue Formen und Metren, die dann später auch von
-allen andern russischen Dichtern angewandt wurden.
-Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor allem ein
-schöpferisches Talent zu sein &mdash; es fehlte ihm nicht an
-schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden.
-Im Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn gab er schon
-Beweise seiner Produktivität: <em>Swetlana</em> und <em>Ludmilla</em>
-trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns
-weit verwandter als die Lieder anderer Dichter &mdash; ein
-Beweis dafür, daß sie zu einer Zeit, als unser poetisches
-Empfinden noch schwach entwickelt war, einen
-mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine
-Schöpfung Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch
-tieferliegenden Grund, auf den diese Trägheit des Verstandes
-zurückzuführen ist: es ist seine Veranlagung zur
-Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste
-festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem
-fertigen Werk liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner
-kritischer Instinkt, der Puschkin so sehr in Erstaunen setzte.
-Puschkin zürnte ihm sehr, daß er keine Kritiken schrieb.
-Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk
-so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese
-Begabung für Kritik und Analyse tritt besonders in
-seinen farbigen Naturschilderungen hervor, die seine
-eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert von
-einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht
-eher von ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser
-noch ihr kleinstes, verschwindendes Detail herausgehoben
-hat. Wer das Gedicht an die Sonne zu schreiben vermochte,
-wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen
-und die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie
-zu jeder Tageszeit hervorzaubert, wer in seinem &bdquo;Bericht
-über den Mond&ldquo; die magische Pracht der Mondnächte
-und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so
-eingehend und anschaulich zu schildern vermochte: der
-mußte natürlich im hohen Maße die Begabung zur
-<em>Kritik</em> besitzen. Seine &bdquo;Slawin&ldquo; mit ihren Schilderungen
-von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-andächtige träumerische Stimmung, die alle seine Bilder
-durchweht, verbreitet ein warmes und erwärmendes
-Licht um sich, das den Leser mit einer unbegreiflichen
-Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich
-und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund
-zu verschließen.
-</p>
-
-<p>
-In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis
-dichterischer Entwicklung ein. In dem Maße, als
-sich die in einem leuchtenden Dämmer verschwebende
-Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen
-Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte,
-begann er, den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster
-und Phantome der deutschen Balladen zu verlieren.
-Seine Neigung zur Träumerei machte einer
-geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung
-war die &bdquo;Undine&ldquo;, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis
-war. Der deutsche Dichter, der die gleiche Sage
-in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm nicht zum
-Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu
-seiner vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von
-hier an wird ihm eine kristallene Durchsichtigkeit der
-Sprache eigen, die dem Gegenstand eine Klarheit verleiht,
-welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller
-des Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein
-Vers verliert das Ätherische, Unbestimmte, das er früher
-besaß: er schreitet kräftiger und sicherer einher. In Shukowski
-schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen,
-um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster
-Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens,
-bei solchem Erfülltsein des ganzen Menschen mit
-dem Geist der Antike und bei einer so erleuchteten und
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk sicherlich
-die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums
-in einer vertrauten und heimischen Beleuchtung
-näherbringen müssen &mdash; eine Leistung, die weit höher
-zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und die
-Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde.
-Shukowski verhält sich zu unsern andern Dichtern wie
-ein Goldschmied zu andern Handwerksmeistern: das
-heißt wie ein Meister, der sich nur mit der letzten Verarbeitung
-des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine
-Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu
-fördern: er hat dem Diamanten lediglich die Fassung
-zu geben, die ihn in seinem vollen Glanze erstrahlen
-läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt.
-Ein solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke
-hervorgehen, dem vielleicht nur darum eine geniale
-Empfänglichkeit verliehen ward, um all dem, was die
-andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht
-verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu
-verleihen.
-</p>
-
-<p>
-Während Shukowski noch in der ersten Periode seiner
-Dichtung stand, während er noch bemüht war, die
-Poesie aus den Fesseln des Irdischen und Greifbaren zu
-befreien und sie in die Sphäre unkörperlicher Gesichte
-zu erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow,
-wie im bewußten Gegensatz zu ihm sie fester in der
-Erde und im Physischen zu verwurzeln, indem er uns
-den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen Körperlichkeit
-verspüren ließ. Während jener sich ganz in den
-ihm selbst noch nicht völlig klaren Idealen verlor, tauchte
-dieser vollkommen in der üppigen Pracht des Sichtbaren
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-unter, das er so deutlich empfand und das ihn so
-stark ergriff. Er suchte das Schöne in allen Gestalten
-und Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare
-lebendige Lust des Genusses aufzulösen. Er
-empfand, um sich seiner eigenen Worte zu bedienen,
-&bdquo;des Denkens und des Dichtens Wollust&ldquo;. Es schien,
-als ob eine innere Kraft im Schoße unserer Poesie
-diesen Dichter erschaffen hätte, um sie von einer allzuweit
-gehenden Übertreibung zu bewahren, damit uns der
-eine die nordischen Klänge der europäischen Sänger
-brächte, während der andere unser Ohr mit den süßen
-Tönen des Südens labte, indem er uns die Bekanntschaft
-mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften
-Klängen des alten Hellas vermittelte, auf daß selbst
-der Vers, der eine gewisse ätherische Unbestimmtheit anzunehmen
-begann, sich mit einer fast skulpturhaften
-Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem
-klingenden Wohllaute erfüllte, der uns im neuen
-Europa aus den Dichtern des Südens entgegentönt.
-</p>
-
-<p>
-Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei
-durchaus verschiedene Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen;
-aus diesen beiden Prinzipien bildete sich
-mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den
-Plan. Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealität
-des ersten und ohne die schwellend-üppige Wollust
-des andern. Bei ihm hat alles sein Gleichgewicht gewonnen,
-ist alles gedrängt, konzentriert wie in dem
-russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen
-sparsam mit Worten ist, und sie lange
-in sich hegt und zusammendrängt. Durch eine lange
-Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-an, wenn sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel
-anführen. Der Kasbek, einer der höchsten Berge des
-Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf den Dichter.
-Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm
-wie die in der Luft schwebende Arche Noahs erschien.
-Ein anderer Dichter hätte bei dieser Gelegenheit viele
-Seiten mit glühenden Versen bedeckt: Puschkin aber
-sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit
-folgender unerwarteter Apostrophe:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ersehntes fernes Friedensreich!</p>
- <p class="verse">Könnt ich zu deiner Gnadenstelle</p>
- <p class="verse">Mich aus der Schluchten Haft befrein</p>
- <p class="verse">Und in der ätherlichten Zelle</p>
- <p class="verse">Allzeit dem Schöpfer nahe sein!</p>
- </div>
- <div class="stanza trn">
- <p class="verse"><span class="line1">(Fiedler.)</span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Das und nur das durfte ein Russe sagen, während
-ein Franzose, ein Engländer oder ein Deutscher einen
-langen Bericht über ihre Empfindungen gegeben hätten.
-Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam
-in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich
-selbst so wenig beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges
-oder Übertriebenes zu sagen, da er in beiden
-Fällen die Banalität scheute.
-</p>
-
-<p>
-Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das
-Ganze, nicht das Einzelne war das Objekt seiner Dichtung.
-Unser Denken versagt vor der ungeheuren Mannigfaltigkeit
-seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen
-und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den
-Wolken thronenden Gipfeln des Kaukasus oder einem
-malerischen Tscherkessen, bis zu der elenden Hütte des
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und Trepak;
-&mdash; überall und allerorten: wird ihm der Ball,
-die Hütte, die Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum
-Objekt seiner Dichtung. Auf alles, was im Innern
-des Menschen vorgeht, von den höchsten und erhabensten
-Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher
-Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens,
-die ihn beunruhigt, reagiert er mit der gleichen Stärke
-wie auf jeden Vorgang der äußeren und sichtbaren
-Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen
-Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus
-dem Größten schlägt er elektrische Funken jenes poetischen
-Feuers, das in jeder von Gottes Schöpfungen
-lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen,
-die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß
-er dabei an eine Anwendung auf das praktische Leben
-oder an die Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses
-denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte,
-und reicht keinen von denen, die taub für die
-Poesie sind, eine Leiter, die dorthin führt. Er kümmerte
-sich um niemand, es gab für ihn nur einen
-Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen:
-&bdquo;Schaut hin, wie herrlich ist doch Gottes Schöpfung!&ldquo;,
-und sich dann sogleich, ohne noch etwas hinzuzufügen,
-dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um
-abermals auszurufen: &bdquo;Schaut hin, wie herrlich ist Gottes
-Schöpfung!&ldquo; Was daher an seinen Werken immer
-wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch der Gefühle,
-die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht
-von sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch
-an poetischem Empfinden fehlt, sind seine Dichtungen
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente &mdash; Kinder
-des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender
-Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte,
-vollendete Dichtungen dar, die alle Elemente eines
-wirklichen Kunstwerks ich sich vereinigen.
-</p>
-
-<p>
-Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis
-dahin noch an keinen von unsern Dichtern gerichtet
-worden waren, und die von dem Geist eines erwachenden
-Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen
-Sinn hatte seine Poesie? Was für eine neue Richtung,
-welche neue Wendung hat Puschkin der Welt des Geistes
-gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen sein
-Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen
-heilsamen oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf
-dieses Zeitalter ausgeübt? Hat er, wenn auch nur durch
-seinen eigenen Charakter oder seine Persönlichkeit auf
-andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner Verirrungen,
-wie z. B. <a id="corr-36"></a>Byron oder selbst viele andre Dichter
-zweiten Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward
-er der Welt geschenkt, und was hat er mit seinem Auftreten
-bewiesen? Puschkin ward der Welt geschenkt, um durch sein
-Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist, und sonst
-nichts &mdash; <em>was der Dichter ist</em>, sofern man ihn nicht
-als Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter
-Verhältnisse aber auch nicht als Produkt seines eigenen persönlichen
-Charakters, d. h. als Mensch betrachtet, sondern
-unabhängig von allen diesen Faktoren in Betracht
-zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer
-Seelenanatom der Sache auf den Grund gehen und
-sich darüber klar werden wollte, was der Dichter in
-seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte feinnervige
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert,
-selbst ewig einsam bleibt, und bei keinem Verständnis
-findet &mdash; damit es ihm dann an nichts fehle, da er in Puschkin
-alle diese Züge vereint finden würde. Puschkin war
-der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so
-fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein
-Echo fand und die bei jedem Ton, der die Luft durchbebte,
-mitschwang. Wenn wir an einen Dichter denken,
-stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig
-vor. Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an
-Schiller sofort diese reine kindliche Seele, die stets von
-den höchsten und letzten Idealen träumte, sich eine
-Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß
-sie in dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt,
-wenn er Byron liest, nicht an Byron selbst, diesen
-stolzen, mit allen Gaben des Himmels begnadeten
-Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen
-körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll
-des Dichters über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen
-hinein. Selbst Goethe, dieser Proteus unter den
-Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze Welt der
-Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt
-gerade in diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit
-zu so deutlichem Ausdruck, eine Persönlichkeit,
-die eine echt deutsche Würde atmet und nach echt deutscher
-Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und
-Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin,
-Schukowski, Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit,
-ihre eigene Physionomie. Nur Puschkin hat keine.
-Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für Züge
-herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären?
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-Man versuche es doch einmal, seinen Charakter als
-Mensch zu fassen. Statt seiner wird man sich immer
-wieder jener wunderbaren Gestalt gegenübersehen: der
-Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo
-findet, und der allein einsam und unverstanden
-bleibt. Alle seine Werke sind ein reiches Arsenal aller
-Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der Dichtung. Nun
-denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug,
-das euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht;
-nur der Dichter selbst mischt sich nicht mit der Waffe
-in der Hand in den Kampf. Und warum hat er das
-nicht getan? &mdash; Das ist eine andre Frage. Er selbst beantwortet
-sie mit den Versen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nicht unser Teil ist das Getümmel</p>
- <p class="verse">Des Pöbels Hast und Waffenklang,</p>
- <p class="verse">Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel</p>
- <p class="verse">Begeistrung, Inbrunst und Gesang.</p>
- </div>
- <div class="stanza trn">
- <p class="verse"><span class="line1">(Eliasberg.)</span></p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die
-ihm solche Fragen vorlegten, und widmete sich voller
-Liebe seiner Aufgabe. Selbst in Zeiten, wo er im Dunst
-der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm heilig &mdash;
-wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt
-dies Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes
-und Übereiltes aus seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat;
-nie durfte sich die rohe ungezügelte Wirklichkeit in
-ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch ist alles darin
-&mdash; seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen verborgen.
-Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was
-jedoch alles im Busen des Dichters zu Asche verbrennen
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-mußte, damit diese Wohlgerüche aus ihm aufsteigen
-konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in
-seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein
-italienischer Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt,
-wie er an diesen leichten Werken gearbeitet hat,
-die uns wie Kinder des Augenblicks anmuten. Welche
-peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend
-ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet,
-wie vollkommen und in sich geschlossen. Jedes
-Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu entscheiden,
-welche Elegie die vorzüglichste ist &mdash; sie gleichen alle
-den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der
-König Salomo mit den jungen Schafen vergleicht, welche
-eben aus dem Taufbecken steigen und alle gleich schön
-sind.
-</p>
-
-<p>
-Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die
-unsere moderne Gesellschaft interessieren und die für sie
-von Bedeutung sind, wenn er für jegliches Ding dieser
-Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles ein
-Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand
-ihn in gleicher Weise anzog? Er wollte in seinem
-&bdquo;Onegin&ldquo; den modernen Menschen darstellen und ein
-modernes Problem lösen &mdash; allein er vermochte es
-nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament
-herunter, trat selbst an ihre Stelle und fühlte sich in
-ihrer Person auf&rsquo;s tiefste von allem ergriffen, was den
-Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung
-heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme
-und malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen
-hat, behält man wiederum nichts zurück als das
-Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert und
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten
-Schöpfungen: &bdquo;<em>Boris Godunow</em>&ldquo; und die Dichtung
-&bdquo;Poltawa&ldquo; sind gleichfalls treue Spiegelungen der Vergangenheit.
-Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch
-sie zu seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen
-Landleuten einen Dienst zu leisten, als er sich diese beiden
-Stoffe auserwählte, man hat auch nicht das Gefühl,
-daß er eine besondere Sympathie für einen der
-hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem
-Grunde den Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt
-hätte, die so meisterhaft und so künstlerisch gestaltet
-und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die Verwunderung
-über diese beiden historischen Ereignisse trieben
-ihn dazu, sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch
-andere Menschen über sie staunen und sich über sie
-wundern sollten.
-</p>
-
-<p>
-Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen
-erzeugte bei ihm dieselbe Resonanz. Der spanische Held
-Don Juan, dies unerschöpfliche Thema unzähliger dramatischer
-Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee ein, den
-ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert
-darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende
-Macht dieses Verführers und die Schwäche des Weibes mit
-einer unerhörten Seelenkenntnis geschildert ist und in
-dem Spanien mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit vor
-uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf den
-Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf
-zwei oder drei Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt,
-mit welcher Treffsicherheit sie erfaßt und trotz
-der Unbestimmtheit und Sprunghaftigkeit, die sie bei
-Goethe hat, zu einem festen kernhaften Ganzen zusammengefaßt
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-ist. Die strengen Terzinen Dantes legten
-ihm die Idee nahe, im gleichen Versmaß und im
-Geiste Dantes die kindlichen Anfänge seines dichterischen
-Schaffens während seines Aufenthalts in Zarskoje Selo
-zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die
-die Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen
-darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist,
-sich in den Garten geflüchtet hat, und nun vor den
-antiken Statuen steht, die Zirkel und Lyra in der Hand
-tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine
-lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das
-beweist wieder, wie früh schon diese große Feinfühligkeit
-und diese Fähigkeit, auf alle Dinge der
-Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten.
-</p>
-
-<p>
-Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie
-empfindlich ist sein Gehör. Man spürt förmlich den
-Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der Zeiten
-und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In
-Spanien ist er ein Spanier, unter Griechen ist er ein
-Grieche, im Kaukasus ist er der freie Bergbewohner im
-vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den Menschen
-vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein
-Hauch der versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte
-des Bauern &mdash; so ist er jeder Zoll ein Russe; alle
-Züge unseres Wesens finden sich bei ihm vertreten, und
-das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein einziges
-mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes
-Adjektivum zusammengefaßt.
-</p>
-
-<p>
-Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm,
-und er hätte sicherlich noch einmal das ganze russische
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-Leben dichterisch gestaltet, wie er ja auch auf jeden einzelnen
-Zug dieses Lebens reagiert und ihm Beachtung geschenkt
-hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er
-die schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen
-russischen Leben erzählen wollte, beschäftigte ihn während
-dieser Zeit unablässig. Er schrieb nur deshalb keine Gedichte
-mehr, um sich durch nichts ablenken zu lassen, um
-sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er
-befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit,
-daß man an seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu
-loben fand. Puschkin freute sich darüber und schrieb
-dann die &bdquo;<em>Hauptmannstochter</em>&ldquo;, sicherlich das beste
-Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der
-&bdquo;Hauptmannstochter&ldquo; erscheinen alle unsere Romane
-und Erzählungen wie fades Gesalbader. Die Reinheit
-und Kunstlosigkeit der Darstellung haben hier eine solche
-Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie gekünstelt
-und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal
-treten uns hier wahrhaft russische Charakter entgegen:
-der einfache Kommandant der Festung, die Hauptmannsgattin,
-der Leutnant, die Festung selbst mit ihrer
-einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der
-Epoche und die schlichte Größe dieser einfachen Leute,
-&mdash; das alles ist nicht nur lauterste Wahrheit, sondern
-beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so muß es
-auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung
-des Dichters, uns selbst, unser Ich &mdash; aus uns herauszuheben
-und uns unser Selbst in geläuterter veredelter
-Gestalt zurückzugeben. In Puschkin deutete alles darauf
-hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein
-Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-entstanden die wundervollen Fragmente zweier Romane,
-die er uns hinterlassen hat: &bdquo;Die Handschrift des Dorfes
-Gorochino&ldquo; und &bdquo;Der Mohr des Zaren&ldquo;, sowie der mit
-Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman
-&bdquo;Dubrowski&ldquo;. Während der letzten Jahre hatte er viel
-vom russischen Leben kennen gelernt, und er sprach so
-gescheit und so klug über alle Dinge, daß man jedes
-Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren
-mindestens so bedeutend wie seine besten Verse. Was
-aber noch merkwürdiger war, das war der Bau, der
-in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus
-sich ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet
-hätte. Die Anklänge daran kann man in einem, erst
-nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht vornehmen
-[hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus
-einer dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch
-sein eigener Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes
-reifte in diesem Menschen heran, was Rußland zum
-Heil und Segen hätte gereichen können. &mdash; Aber in
-dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und
-von überall her Kräfte zu großen Taten sammelte,
-dachte er um so weniger darüber nach, wie er mit
-den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte.
-Ein plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage
-von uns hinweg, und jeder Mann im ganzen
-Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren
-hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf
-die Gesellschaft war äußerst geringfügig. Das Publikum
-beachtete ihn nur zu Beginn seiner dichterischen
-Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen
-noch an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-er sich jedoch selbst gefunden hatte und nun nicht mehr
-Byron, sondern Puschkin selbst wurde, da wandte sich
-das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die
-Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet
-der Prosa lange nicht das geleistet, was Puschkin auf
-dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die Nachahmer
-Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier,
-und ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm
-Süßliches an. Puschkin dagegen wirkte auf
-alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel fallendes
-poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die
-selbst Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten
-wie die Lichter. Ein ganzer Sternenkreis von Dichtern
-scharte sich um ihn: <em>Delwig</em>, dieser Sybarit unter
-den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier
-förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie
-nicht etwa mit einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise
-schlürfte, wie ein Weinkenner seine Blume genießt
-und seinen Duft einsaugt. <em>Koslow</em>, eine harmonische
-Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer
-zu Herzen gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie
-vernommen hatte, an unser Ohr klangen. <em>Baratynski</em>,
-ein Dichter von strenger, fast finsterer Eigenart, der schon
-früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben nach
-innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die
-Welt unserer Seele gerichtet waren und der sich bereits
-um ihre äußere Formung bemühte, noch ehe sie
-in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und noch
-unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum,
-entfremdete sich so alle Leute, und so gelang es ihm
-nie, jemand nahezukommen. Alle diese Dichter hat
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu
-erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten
-anthologischen Poeten, die nur wenig produziert
-haben, aber wenn wir unter diesen duftigen Blumen
-eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch
-daraus machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren
-Namen setzen könnten. Ich brauche nur die beiden
-Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und einige
-andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht
-hätten leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer
-Regungen fähig gewesen wären, wenn sie ihr Feuer
-nicht an dem Puschkins hätten entzünden können. Selbst
-ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß ihre Leier
-um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, <em>Gneditsch</em>,
-der Nachdichter der <em>Psalmen</em>, <em>Th. Glinka</em>, der
-Freischärler und Dichter <em>Dawydow</em> und endlich selbst
-Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in der Dichtkunst,
-gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte
-von seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu
-Poeten, die gar nicht für den Dichterberuf geboren waren,
-sondern vor denen sich eine keineswegs geringere
-Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften
-und Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen
-Versuchen vollbrachten, so z. B. <em>Wenewitinow</em>,
-der uns so früh entrissen wurde, oder Chomjakow, der
-Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine
-herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht
-völlig enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft
-Puschkins ist sogar für manche gefährlich geworden, besonders
-für Baratynski und für noch einen Dichter,
-von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-dadurch gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck
-für ihre noch gänzlich unausgereiften seelischen Regungen
-zu suchen, obwohl ihre Seelen noch gar nicht
-von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen waren,
-die allen vertraut und verständlich gewesen wäre;
-sie hätten lieber noch ein wenig an sich und an ihrem
-inneren Ich arbeiten und eine Zeitlang schweigen sollen.
-Sie standen alle völlig im Bann dieser unerhört künstlerischen
-Gestaltung und Formung dichterischer Schöpfungen,
-deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne
-Gesellschaft und alle Bande, die den Menschen unserer
-Zeit mit ihr verbinden, alle Ansprüche und Forderungen,
-die das Vaterland an ihn stellt, waren vergessen, und
-alles lebte in einer Art poetischem Hellas und deklamierte
-Puschkins Verse.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nicht unser Teil ist das Getümmel,</p>
- <p class="verse">Des Pöbels Hast und Waffenklang.</p>
- <p class="verse">Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel</p>
- <p class="verse">Begeistrung, Inbrunst und Gesang.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt
-<em>Jasykow</em> eine ganz besondere Stelle ein. Gleich aus
-seinen ersten Versen dringt einem der Ton einer neuen
-Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie
-wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck,
-eine helle jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher
-Stärke und Vollendung bei einer seelischen Beherrschung
-noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es ist
-kein Zufall, daß er den Namen <em>Jasykow</em> (Herr der
-Zunge) trug: er ist Herr über seine Zunge, wie ein
-Araber über sein wildes Roß, und es ist fast so, als
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er
-mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf
-oder mit dem Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen
-Bildhaftigkeit da, er führt sie stets zu Ende
-und rundet sie ab, daß man von Staunen und Bewunderung
-ergriffen wird. Das was die Kraft einer
-noch ungebrochenen mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht,
-einer Jugend, die noch voller Zukunft ist, ist der
-Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er berührt,
-sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische.
-</p>
-
-<p>
-Man denke zum Beispiel an sein Gedicht &bdquo;Der Fluß&ldquo;:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die Hüllen fort. Mit frischem Mut</p>
- <p class="verse">Streckt sich die Hand zu kräft&rsquo;gen Schlägen,</p>
- <p class="verse">Und nun hinab. Und aus der Flut</p>
- <p class="verse">Sprüht auf ein Diamantenregen.</p>
- <p class="verse">Wie sind so stark, so frisch und kühl</p>
- <p class="verse">Die Elemente, die mich wiegen.</p>
- <p class="verse">Welch süßes, seliges Gefühl.</p>
- <p class="verse">Wenn kosend sie den Leib umschmiegen!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert,
-das er geradezu ein russisches Spiel genannt hat.
-Kraftvolle junge Burschen bilden einen Kreis und
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Durch den Ring nach seinem Ziele</p>
- <p class="verse">Saust der Nagel &mdash; er erklingt,</p>
- <p class="verse">Bis bei heitrem Scherz und Spiele</p>
- <p class="verse">Mild der Frühlingstag versinkt.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Alles, was den Jüngling zum kühnen Wagnis reizt &mdash;
-das Meer, ein Sturm, Festgelage und klingende Becher,
-ein brüderliches Bündnis voller Tatkraft und Tatenlust,
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die Bereitschaft,
-jeden Kampf für das Vaterland zu bestehen
-&mdash; dies alles findet in seinen Gedichten einen Ausdruck
-von geradezu unerhörter Kraft. Als die erste
-Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin
-ärgerlich: Warum hat er das Buch: <em>Gedichte von
-Jasykow</em> genannt, er hätte es einfach <em>Rausch!</em> betiteln
-sollen. Ein Mensch von durchschnittsmäßiger Kraft
-wird nie etwas Ähnliches zustande bringen; dazu bedurfte
-es einer Entfesselung aller Kräfte. Ich erinnere mich
-noch lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows
-Gedicht an Davydow gelesen hatte, das gerade in
-einer Zeitschrift erschienen war. Damals sah ich zum
-erstenmal eine Träne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte
-nie zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich
-selbst: &bdquo;Als rauher Slawe kannt ich keine Tränen, doch
-ich verstehe sie.&ldquo;) Ich erinnere mich auch, welche Strophen
-ihn so bis zu Tränen rührten: es sind die beiden
-ersten, in denen sich der Dichter an Rußland wendet,
-das man bereits für schwach und kraftlos erklärt hatte,
-und in denen er ausruft
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hört ihr die Trompete schmettern?</p>
- <p class="verse">Auf, der Feind ruft, Vaterland!</p>
- <p class="verse">Denk wie du beim Kriegeswettern</p>
- <p class="verse">Stets dem Gegner hieltest stand.</p>
- <p class="verse">Laß zum blut&rsquo;gen Kampf sich rüsten</p>
- <p class="verse">Deine Recken, mutig, frei.</p>
- <p class="verse">Ruf aus Steppen sie und Wüsten,</p>
- <p class="verse">Von den Flüssen, von den Küsten,</p>
- <p class="verse">Aus dem fernsten Land herbei.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhörte Tat
-der Aufopferung dargestellt wird, wo der Dichter schildert,
-wie die eigene Hauptstadt mit allen ihren Schätzen,
-die dem ganzen Lande heilig und teuer sind, den
-Flammen geweiht wird.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Erd&rsquo; und Himmel stehn in Flammen,</p>
- <p class="verse">Goldgeschmückte, heilge Stadt.</p>
- <p class="verse">Moskau! Wie? Du stürzst zusammen?</p>
- <p class="verse">Hörst du&rsquo;s, Rußland? Auf zur Tat!</p>
- <p class="verse">Rase Feuer der Zerstörung!</p>
- <p class="verse">Du erhöhst nur unsern Mut.</p>
- <p class="verse">Diese flammende Verheerung</p>
- <p class="verse">Bringt uns Rettung, bringt Verklärung,</p>
- <p class="verse">Phönix schwingt sich aus der Glut.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wem sollten solche Strophen nicht Tränen entlocken?
-Seine Verse sind wie ein alle Kräfte entbindender durcheinanderrüttelnder
-Rausch, aber in diesem Rausch liegt eine
-höhere Gewalt, die nach oben zieht. Für Jasykow ist ein
-studentisches Gelage nicht so sehr eine Äußerung der Lust am
-Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude über
-die Kraft, die die jungen Arme schwellt, und über die
-große Zukunft, die der Jugend bevorsteht, einer Freude
-darüber, daß die Studenten einmal fortstürmen werden,
-um
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der großen Sache treu zu dienen,</p>
- <p class="verse">Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Leider geht nur diese Rauschstimmung häufig bis
-ins Maßlose, und der Dichter gibt sich allzusehr der
-<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
-Freude über die ihnen winkende Zukunft hin, wie dies
-bei uns in Rußland so viele Leute tun, ohne über einen
-großartigen Anlauf hinauszukommen.
-</p>
-
-<p>
-Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt
-erwartete etwas Außerordentliches von dem neuen Dichter,
-dessen Verse voll ritterlicher Großsprechereien und voll
-Verheißungen gewaltiger Taten waren. Allein die Erwartungen
-wurden nicht erfüllt. Es erschienen zwar
-noch ein paar Gedichte von ihm, in denen die alten
-Töne noch einmal, wenn auch etwas abgeschwächt, erklangen;
-dann aber wurde der Dichter von einer
-schweren Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen
-für seine Geistesverfassung blieb. In seinen letzten
-Versen gab es nichts mehr, was die russische Seele ergriff.
-Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der Langenweile
-deutscher Städte, gleichgültige Reiseschilderungen
-und einen Bericht über den einförmigen Verlauf peinvoller
-Tage. Das alles war dem russischen Geiste
-fremd. Man achtete nicht einmal auf die außerordentliche
-Sorgfalt, mit der in diesen späten Gedichten die
-Form behandelt war. Allein seine Sprache, die hier
-noch kräftiger ist, wird ihm gerade dadurch zur Verräterin:
-sie dient nur dazu, einen mageren Gedanken und einen
-dürftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem
-Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschließt.
-Es wurde sogar die Meinung laut, Jasykow
-hätte überhaupt keine Gedanken; er könne nur hohle
-tönende Verse schmieden und sei überhaupt kein Dichter.
-Alles begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand
-in den Zeitschriften ein recht törichtes Echo, allein ihm
-lag wirklich ein berechtigter Kern zugrunde. Jasykow
-<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie
-Puschkin:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Nicht unser Teil ist das Getümmel,</p>
- <p class="verse">Des Pöbels Hast und Waffenklang.</p>
- <p class="verse">Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel</p>
- <p class="verse">Begeisterung, Inbrunst und Gesang.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er läßt den Dichter vielmehr sagen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Poet, ist alles in dir reif zum Werke,</p>
- <p class="verse">Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist,</p>
- <p class="verse">Des feurigen Gedankens hoher Geist,</p>
- <p class="verse">Der Rede Glut, des Wortes Stärke,</p>
- <p class="verse">So geh und künde, daß die Welt höre.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede,
-aber er hat doch sein Ideal aus seinem eigenen Wesen
-geschöpft. Wenn die Elemente dazu nicht in ihm selbst
-gelegen hätten, dann hätte er sich den Dichter auch
-nicht so denken können. Nein, nicht die Kraft hatte
-ihn verlassen, nicht Mangel an Talent und an Ideen
-sind schuld an dem dürftigen Inhalt der letzten Gedichte,
-wie anmaßende Kritiker behauptet haben,
-nicht einmal seine Krankheit trägt die Schuld (die
-Krankheiten sind immer nur dazu da, die Arbeit an
-einem Werk zu beschleunigen &mdash; vorausgesetzt, daß der
-Mensch ihren Sinn richtig erkennt) &mdash; nein, es war
-etwas anderes, was ihm die Kraft raubte: das Licht
-der Liebe war in seiner Seele erloschen. Das war der
-Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel
-trüber brannte.
-</p>
-
-<p>
-Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr
-<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
-not tut, mit solcher Kraft und Stärke lieben lernen,
-wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest &mdash; dann
-werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen,
-wie deine Verse, und deinem Munde werden feueratmende
-Worte entströmen. Du wirst uns dann die
-große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du
-wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß
-er sich der stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm
-regt, bewußt wird, und Gott für das Übel danken
-wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte.
-Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten
-und seinen Vers nach seinem Vorbilde behandeln
-und formen dürfen; seine Domäne ist weder die
-Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern
-die des Dithyrambus und des Hymnus. Das
-Gefühl haben alle. Und er hätte seine Fackel eher an
-Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine
-Verse gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich
-im vollen Glanz der Lyrik entfalten; ein Gegenstand
-gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder bewegt,
-oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht.
-Das Los der verschiedenen Dichter ist sehr ungleich.
-Der eine hat die Aufgabe, ein treuer Spiegel und ein
-treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm ein
-vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen.
-Ein anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft
-vorwärtstreibende, sie erweckende Kraft zu sein,
-sie zu den höchsten und hochherzigsten Regungen anzufeuern
-&mdash; und dazu ward ihm ein lyrisches Talent
-verliehen. Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht
-findet, so liegt es daran, daß es seine geistigen Augen
-<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
-nicht auf sich selbst richtet. Aber die Vorsehung sorgt
-besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück,
-Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er
-allein nicht den Weg gefunden hätte. In der Lyrik
-Jasykows machte sich übrigens wieder ein Streben zur
-Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar.
-Erst neulich haben wir sein Gedicht &bdquo;Das Erdbeben&ldquo;
-kennen gelernt, das nach der Ansicht Shukowskis
-unser bestes Gedicht ist.
-</p>
-
-<p>
-Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt
-Fürst Wjasemski eine besondere Stelle ein. Obwohl
-seine literarische Wirksamkeit lange vor Puschkin begann,
-müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach
-dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung
-erreichte. Fürst Wjasemski steht in diametralem
-Gegensatz zu Jasykow: während jener durch seine Gedankenarmut
-auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner
-Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum
-Zweck, das erste beste Werkzeug, das sich ihm darbietet.
-Er verwendet nicht die geringste Sorgfalt auf seine
-äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration,
-auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um
-seine Idee dem Leser wie ein kostbares Kleinod vor Augen
-zu stellen: er ist kein Künstler und legt wenig Wert
-auf das alles. Seine Gedichte sind &mdash; Improvisationen,
-obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr
-große und vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von
-großer Reife und Ausbildung mitbringen muß. Er
-vereinigt in sich eine außerordentliche Menge vielseitiger
-Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine
-Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen,
-<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-Gefühl, Verstand, Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie.
-Jedes dieser Gedichte ist ein buntes Gemisch
-aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener
-Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten
-begabt hatte, hatte ihm gleichsam als Zugabe auch noch
-die Gabe der Dichtkunst verliehen, um etwas Ganzes
-und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem
-Buch: Die Biographie Von Wisins tritt die reiche
-Fülle seiner Talente, über die er verfügte, mit besonderer
-Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht
-der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber
-und Kritiker, der gediegene Staatsmann und
-sogar der erfahrene Kenner der praktischen Seiten des
-Lebens &mdash; kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt,
-über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne
-dieses Wortes verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder,
-die die Biographie Von Wisins geschrieben hat, uns die
-Regierungszeit Katharinas geschildert hätte, die uns heute
-bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch
-die große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere,
-die sich hier begegneten, in einem beinahe phantastischen
-Lichte erscheint, so könnte man mit ziemlicher
-Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein historisches
-Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte.
-Das aber ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des
-Fürsten Wjasemski, daß es ihm an einer großen, umfassenden
-Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar
-in seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl,
-daß sich die einzelnen Teile nicht zu einer harmonischen
-Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt ihnen einen
-großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren
-<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-nicht miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben
-einem starken kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher
-Schönheit bei keinem andern Dichter finden, steht eine
-andere Zeile, die der ersten nicht im mindesten gleichkommt;
-bald greift er uns mit einem Gefühl an die
-Seele, das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint;
-bald wieder stößt er uns ab durch einen Ton, der uns
-innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand nicht im
-mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere
-Sammlung fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen
-Entfaltung seiner Kräfte gelangen kann. Tief unten
-auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine gewisse
-Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines
-Menschen, dem die reichsten und <a id="corr-42"></a>mannigfaltigsten Talente
-verliehen werden, und der keine große Aufgabe finden
-kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die letzte in
-Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten
-<a id="corr-43"></a>Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in
-sein Inneres zurückführt und ihn veranlaßt, in sich
-selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur bei solch
-einer Arbeit, sagt der Dichter, können
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Seele Flügel sich entfalten,</p>
- <p class="verse">Erstarkt der Wille, und das Walten</p>
- <p class="verse">Des Schicksals zeichnet klar sich ab.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung
-und Leitung der Dichter aller Zeiten und Völker so
-schnell und in so eigenartiger Weise zurücklegte, während
-die Klänge aller Länder, in denen es eine Dichtkunst gibt,
-ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten und
-<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
-Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits
-von allen andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten
-Pfad gewählt und schritt solange still und geräuschlos
-auf ihm dahin, bis er eines Tages über alle andern
-hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch
-über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte.
-Dieser Dichter war &mdash; Krylow. Er hatte die
-Form der Fabel gewählt, die alle Welt bisher für eine
-alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für
-ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt
-hatte, und er brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu
-einem wirklichen Volksdichter zu werden. Das war
-einer von unsern harten starken russischen Köpfen, ein Geist,
-der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe verwandt
-ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des
-Russen ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen
-zu ziehen, bekundet, der sogenannte nachhinkende Verstand.
-Das Sprichwort stellt nicht etwa eine vorgefaßte Meinung
-oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern vielmehr
-das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz,
-den Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter
-Tatsachen, den endgültigen Extrakt, die Essenz aus
-der ganzen Sache, aus allen ihren Faktoren und nicht
-bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch in dem
-Spruch zum Ausdruck: &bdquo;Bloße Reden ergeben noch kein
-Sprichwort.&ldquo; Dieser &bdquo;nachhinkende&ldquo; Verstand, dieses
-Talent für radikale endgültige Folgerungen, <a id="corr-45"></a>das dem
-russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist, macht,
-daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die
-aller andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt,
-sondern auch in dem Ausdruck spiegeln
-<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
-sich viele von unseren nationalen Eigentümlichkeiten.
-In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine
-Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen
-aufzurütteln und seinen wundesten Punkt zu berühren;
-wie ein hundertäugiger Argus blickt jedes von ihnen den
-Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis
-auf Suworow und Peter den Großen haben unsere
-Sprichwörter geliebt und bewundert. Die hohe Würdigung,
-die man ihnen angedeihen ließ, kommt in vielen
-Aussprüchen zum Ausdruck: &bdquo;Ein Sprichwort wird nicht
-umsonst geprägt&ldquo; oder &bdquo;ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.&ldquo;
-Es ist ja bekannt, daß, wenn man sich darauf
-versteht, seine Rede durch ein geschickt gewähltes Sprichwort
-zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit
-einem Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine
-Begriffe noch so sehr übersteigt.
-</p>
-
-<p>
-Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen
-ist. Seine Fabeln sind nicht etwa für Kinder
-geschrieben. Man würde sich eines groben Irrtums
-schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von
-der Art der Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder
-gar eines Ismailow nennen wollte. Seine Gleichnisse
-sind ein festes nationales Besitztum und bilden das
-Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken
-und handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche,
-die sie einander spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe,
-der Listen, der Streiche, die in Rußland üblich sind und
-dessen, was in unserem Lande zu passieren pflegt. Abgesehen
-von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters,
-die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der
-Fuchs, der Bär und der Wolf, sondern sogar der Topf
-<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-lebendig werden, lassen alle Geschöpfe auch ihre echt
-russische Wesensart erkennen.
-</p>
-
-<p>
-Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch
-charakterisiert ist, daß er nur seine Ohren aus irgendeiner
-Fabel hervorzustecken braucht, damit der Leser sofort
-ausruft: das ist Krylows Esel, &mdash; selbst der Esel ist,
-trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört,
-bei Krylow ein echter Russe. Nachdem er mehrere
-Jahre hindurch fremde Gemüsegärten geplündert hat,
-wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt,
-er will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich
-wichtig, als sein Herr ihm ein Glöckchen um
-den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf den
-Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder
-schlechte Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt
-werden und daß es nun bei jeder Gelegenheit
-kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz &mdash;
-überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall
-fühlt man sich an Rußland erinnert. Überdies hat jede
-seiner Fabeln noch ihren historischen Ursprung. Denn
-trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner scheinbaren Gleichgültigkeit
-gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner Zeit
-verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem
-Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand
-bei ihm eine Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets
-das kluge Maß, die rechte Mitte ihren Ausdruck, aus
-ihnen spricht die versöhnende Stimme des Mittlers, eine
-Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn
-der russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt.
-Durch ein streng abgewogenes kräftiges
-Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage den ganzen Gegenstand
-<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen.
-Als einmal ein paar allzusehr für das militärische
-Wesen begeisterte Leute behauptet hatten, daß der
-ganze Staat ausschließlich auf die militärische Macht
-gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze
-Heil liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über
-alles, was mit dem Militär zusammenhing, lustig machten,
-bloß weil ein Paar Leute das ganze Militärwesen
-zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da
-schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen
-und den Segeln, in dem er beide Parteien mit folgenden
-vier Zeilen in ihre rechtmäßigen Grenzen verweist:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Darin besteht des Staates wahre Macht,</p>
- <p class="verse">Daß alle Teile weise Frieden halten.</p>
- <p class="verse">Die Waffen stehen drohend auf der Wacht,</p>
- <p class="verse">Die Segel sind der Bürger &mdash; Rechtsgewalten.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen
-ist keine Verteidigung möglich, ohne Segel aber kommt
-man auf der See überhaupt nicht vom Flecke. Ein
-anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte,
-die die allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch
-eine große Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen
-Gedanken verfallen waren, man müsse sich vor den gescheiten
-und energischen Leuten in acht nehmen und sie
-bei der Besetzung der Ämter übergehen, bloß weil
-sich gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche
-hatten zuschulden kommen lassen und sich an einem
-törichten Unternehmen beteiligt hatten, da schrieb Krylow
-seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden Rasiermesser,
-in der er sich gegen die Beamten wendet, die
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
- <p class="verse">Die klugen Menschen fürchten</p>
- <p class="verse">Und lieber sich an einen Dummkopf halten.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Man merkt, daß er überall Partei für den Verstand
-nimmt, überall mahnt er immer wieder, man solle den
-klugen Mann nur ja nicht unterschätzen, sondern man
-solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke
-kommt in der Fabel &bdquo;<em>Die Musikanten</em>&ldquo; zum Ausdruck,
-die mit den Worten schließt: &bdquo;Ich möcht dich lieber
-trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz verstehn.&ldquo;
-Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen
-zu verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat,
-wenn er mit ansehen mußte, wie manche Leute sich
-statt tüchtiger sachverständiger Männer allerhand hergelaufenes
-Gesindel herholten, und sich dann noch dessen
-rühmten und erklärten, sie verständen zwar nichts von
-ihrer Sache, hätten dafür aber ein ausgezeichnetes Benehmen.
-Er wußte, daß man bei einem klugen Menschen
-alles erreichen könne und daß es nicht schwer sei,
-ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man
-es nur versteht, verständig mit ihm zu sprechen, dagegen
-sei es sehr schwer, einem Dummkopf Verstand beizubringen,
-selbst wenn man noch so viel auf ihn einredet:
-&bdquo;Mit einem Diebe &mdash; ist man wie auf hoher See,
-mit einem Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter
-Milch.&ldquo; Aber auch dem Gescheiten weiß er ein kräftiges
-Wort zu sagen, in der Fabel &bdquo;Teich und Fluß&ldquo; tadelt
-er ihn heftig, weil er seine Fähigkeiten einschlafen läßt, und
-in der Fabel &bdquo;Der Schriftsteller und der Räuber&ldquo;
-straft er ihn, weil er sie zu schlimmen und lasterhaften
-Zwecken mißbraucht. Überhaupt beschäftigten ihn immer
-<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
-nur große und bedeutende Fragen. Aus einem Buch kann
-jeder Mensch Belehrung schöpfen, alle Stände und
-Ränge im Staate, in erster Linie das Oberhaupt, von
-dem er sagt:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will,</p>
- <p class="verse">Muß er die Zügel fest, doch allzu straff nicht halten,</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-ebenso wie der letzte Tagelöhner, der in den untersten
-Reihen des Staatskörpers steht und wirkt. Ihn weist er
-auf seine hohe Aufgabe hin, indem er ihn an die Biene
-erinnert, die nie darum bemüht ist, ihrer Arbeit eine besondere
-Würde zu verleihen.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,</p>
- <p class="verse">Der ungeehrt und im Verborgnen lebt</p>
- <p class="verse">Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen</p>
- <p class="verse">Der einzige Gedanke nur erhebt!</p>
- <p class="verse">Er muß sie für das allgemeine Beste tragen.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den
-hohen Sinn Krylows bleiben. Kein Dichter hat je vermocht,
-seinen Gedanken eine so greifbare Form zu geben,
-sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow.
-Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden.
-Bei ihm ist alles plastisch und anschaulich, seine
-Schilderungen der Natur in ihren hohen Reizen und
-in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit
-und in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen
-eines Gesprächs, die eine lebendige Offenbarung der
-innersten seelischen Regungen sind. Alles ist so treffend
-ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit einer
-solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist,
-<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
-festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen
-Schreibweise ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich,
-das Wesen seines Stils zu ergründen. Der Gegenstand
-scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu besitzen und
-ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn
-geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst
-spottet gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich
-nicht sagen, worin ihre Eigenart besteht: Ist dieser
-Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig? Er fängt an
-zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird
-lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt,
-er wird kraftvoll und ehern, wo der Gedanke stark und
-kräftig ist und er wird plötzlich leicht, wo die Kraft und
-Schwere der Gedanken dem leichten oberflächlichen Geschwätz
-der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt
-willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin
-und her wie eine Fliege; bald bewegt sie sich in langen
-sechsfüßigen Versmaßen, bald wieder in schnellen einfüßigen;
-in der wohlüberlegten Silbenzahl offenbart sich
-aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke
-bloß an den großartigen Schluß der Fabel &bdquo;Die beiden
-Fässer&ldquo;:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Den großen Mann erkennt man an der Tat</p>
- <p class="verse">Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen,</p>
- <p class="verse">Denkt er im Stillen.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge
-der Worte förmlich die Größe des in sich selbst versenkten
-Menschen herauszufühlen.
-</p>
-
-<p>
-Von Krylow werden wir sofort zu einer andern
-Gattung unserer Poesie, nämlich zur satirischen Form
-<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
-hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle viel Ironie.
-Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern
-zum Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig
-selbst da, wo die Seele ganz offenkundig leidet und wo
-sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt ist. Die Tiefe dieser
-urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig erschlossen,
-weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen
-der europäischen Bildung unterlegen sind und uns auch
-in diesem Punkte von unserer heimatlichen Wurzel losgelöst
-haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir uns
-indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer
-Form. Es ist schwer, einen Russen zu finden, in dem
-sich nicht einerseits die Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe
-an einen Gegenstand mit der Neigung zum Spott und
-ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter
-haben diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren
-Teil seiner Oden mit diesem kräftigen Salze gewürzt.
-Wir finden sie aber auch bei Puschkin, bei Krylow, beim
-Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei solchen
-Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie
-neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin,
-beim Fürsten Dolgoruki; dies ist ein Zug, der uns allen
-gemeinsam ist. So wird es begreiflich, daß unser Volk
-geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes hervorbringen
-konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow
-sich bemühte, seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton
-abzustimmen, entdeckte Fürst Kantemir mancherlei Stoffe
-für die Satire und geißelte in seinen Dichtungen die
-Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft.
-Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische
-Umdichtungen der bekanntesten Dichtungen und
-<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
-alle möglichen Parodien voll Spott und Ironie aus
-allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur
-im Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem
-Talent zeugen. Man denke nur an die Parodien des
-Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die Literaten
-von Wojeikow &bdquo;Das Irrenhaus&ldquo; und an die talentvollen
-Parodien Michael Dmitrijews, in denen sich die
-Galle Juvenals mit einer eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit
-mischt. Indes die Satire brauchte bald ein
-größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so
-drang sie allmählig auch in das Drama ein. Das
-Theater hatte bei uns denselben Ursprung wie überall;
-wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald jedoch
-kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der
-Tragödie regten sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis
-des Menschen, wie er sich unter dem Einfluß
-einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters
-darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren
-milden Spott über die lächerlichen Seiten unserer
-Gesellschaft, ohne sich um die Seele der Menschen
-zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins,
-Kapnists, Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins,
-A. Pissarews usw., haben wir ein achtungsvolles
-Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen
-vor zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden
-Komödien &bdquo;<em>Der Landjunker</em>&ldquo; von Von <em>Wisin</em>
-und vor Gribojedows &bdquo;<em>Verstand bringt Leiden</em>&ldquo;, die
-Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt
-hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott
-über die komischen und lächerlichen Seiten der Gesellschaft,
-hier werden die Wunden und Krankheiten der
-<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern
-aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen
-Ironie mit erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen
-Nacktheit ans Licht gestellt werden. Von diesen beiden
-Komödien hat jede eine besondere Epoche zum Gegenstand;
-die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung
-&mdash; die andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung
-entspringen. Die Komödie Von Wisins richtet sich gegen
-die rohe Brutalität des Menschen, dies Produkt einer
-stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen
-Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde
-von Roheit und Brutalität, die die Gesellschaft umgibt,
-in so furchtbaren Farben, daß man in diesem Stück den
-Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch
-einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll
-tyrannischer Gelüste zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa,
-der Peinigerin ihrer Bauern, ihres Mannes sowie
-aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres
-Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem
-Lande, weder in Frankreich noch in England, ein solches
-Wesen möglich wäre. Diese unsinnige Liebe zu ihrem
-Kinde &mdash; ist unsere eigene, starke russische Liebe, die sich
-in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt
-hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren
-Mischung mit einer tyrannischen Sinnesart; denn
-je mehr sie ihr Kind liebt, um so mehr haßt sie alles,
-was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins stellt
-ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe
-schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken
-und wilden Leidenschaften kennt, geht völlig in einer
-stillen Liebe zum Vieh auf, die fast etwas Poetisches
-<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich auf das
-Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine
-Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann
-der Mann der Frau Prostakowa &mdash; dies unglückliche,
-völlig verschüchterte Geschöpf, in dem selbst die schwachen
-Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren, gänzlich
-durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind
-&mdash; in ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser
-Mitrophan, in dessen Natur keinerlei Bosheit liegt, der
-niemand etwas Böses antun will, und der doch ganz
-unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und
-weil jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen
-seiner ganzen Umgebung, am meisten jedoch der Menschen
-wird, die ihn am innigsten lieben, d. h. seiner Mutter
-und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein
-Genuß ist, sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese
-Menschen scheinen eigentlich gar keine Russen zu sein,
-es ist schwierig, überhaupt noch einen russischen Zug in
-ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der Jeremejewna
-und dem alten Soldaten. Man erfährt mit
-Schrecken, daß bei ihnen weder der Einfluß der Kirche
-noch die guten alten Sitten etwas auszurichten vermögen,
-von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche
-und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch
-das eherne Gesetz zu sprechen. In dieser Komödie erscheint
-alles wie eine monströse Karikatur auf das
-Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes,
-alles ist mitten aus dem Leben geschöpft und mit
-tiefster Seelenkenntis beobachtet. Dies sind ungeheuerliche
-schreckliche Beispiele der Verrohung, wie sie nur
-ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden hat,
-<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere
-gesellschaftliche Epoche, sie schildert das Übel, das durch
-eine schlecht verdaute Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung
-mondäner Äußerlichkeiten statt des Kernhaften
-und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich
-die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die
-unorganische Vermischung der Sitten und Bräuche, die die
-Russen so sehr ihrem eigenen Wesen entfremdet und zu
-Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus
-des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau
-Prostakowa. Mit derselben Naivität, wie Frau Prostakowa
-sich ihrer Unwissenheit, rühmt <em>er</em> sich seiner Halbbildung,
-und zwar sowohl seiner eigenen wie der des
-ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf,
-daß die jungen Mädchen von Moskau die höchsten Töne
-singen können, daß sie keine zwei <a id="corr-47"></a>einfache ungezierte
-Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen
-steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders
-aber den Ausländern und daß in seinem Bureau lauter
-Verwandte sitzen, die nichts zu tun haben. Er ist ein
-Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein
-Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker
-und ein Freund opulenter Diners, die ihm drei Tage
-lang im Magen liegen. Er ist sogar ein Freidenker,
-wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt, wie
-er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist
-auf Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen
-hält er nämlich für jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen
-Welt nicht aufs strengste beobachtet. Im Grunde
-<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-genommen ist dies einer jener ausgebrannten Menschen,
-die trotz all ihres weltmännischen &bdquo;<span class="antiqua">comme il faut</span>&ldquo;
-gänzlich leer und hohl sind, deren Verweilen in der
-Hauptstadt und deren Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten
-für die Gesellschaft ebenso schädlich sind,
-wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie dem
-Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande
-sitzen, wo sie vollends verrohen. Erstens leiden schon
-ihre Güter darunter, da sie ihre Bewirtschaftung gedungenen
-Arbeitern und Verwaltern überlassen und immer
-nur Geld für Bälle, sowie große und kleine
-Diners von ihnen verlangen; damit zerstören sie das
-gesunde heilige Band, das einstmals den Gutsherrn mit
-seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch
-die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle
-Ämter und Posten ausschließlich mit ihren Verwandten
-besetzen, die nichts zu tun haben und sich dem Müßiggang
-ergeben, berauben sie den Staat der wirklichen
-tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem
-ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich
-aber diskreditieren sie auch noch das Ansehen der Regierung
-durch ihren zweideutigen Lebenswandel &mdash; denn
-indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien sie
-wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind,
-&mdash; verlangen sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend
-heucheln sollen, dabei aber führen sie selbst einen
-lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend gegen
-sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu
-widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind,
-&mdash; Mißachtung des Alters, wahrer Verdienste und Neigung
-zu wirklichem Freidenkertum ein. Nicht weniger bedeutsam
-<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
-ist ein anderer Typus: <em>Sagorezki</em>, dieser
-ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und
-der doch wunderbarerweise überall empfangen wird, ein
-Lügner und Gauner, der es aber versteht, sich bei allen
-hochgestellten und einflußreichen Persönlichkeiten beliebt
-zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen weiß,
-wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist,
-wenn es darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot
-und ein Vorkämpfer der Sittlichkeit zu werden, einen
-Scheiterhaufen zu entzünden und alle Bücher, die es
-auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle Fabeldichter
-[wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen
-und Adler] zu verbrennen, womit er übrigens verrät,
-daß er, der sich vor nichts scheut, &mdash; nicht einmal vor
-dem elendsten Geschimpf und Gezänk &mdash; dennoch den
-Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder
-hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale
-<em>Repetilow</em>, dieser Ritter der Hohlheit und Torheit,
-in welcher Gestalt sie auch immer erscheinen mag.
-Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu
-Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn
-es ihm gelingt, Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu
-finden, in der viel Lärm gemacht und laute Reden über
-Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht, und
-deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag;
-trotzdem aber hört er sich all die verrückten Phantastereien
-begeistert an, und er ist überzeugt, daß er sich
-nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und daß
-hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein
-Problem, das zwar noch nicht reif ist, dessen wahre
-Bedeutung sich jedoch schon offenbaren wird, wenn man
-<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht häufig versammeln
-und heftige Diskussionen führen wird. &mdash;
-Auf derselben Höhe steht ein vierter Typus: der dumme
-[Soldat] <em>Skalosub</em>, der seinen Dienst so versteht, daß
-es dabei lediglich darauf ankommt, die verschiedenen
-Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der
-dabei aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen]
-Anschauung über die Ränge und Titel festhält. Er erklärt
-ganz offen, er halte sie für die unentbehrlichen
-Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er
-erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst
-macht er sich keine Sorgen, die Zustände seiner Epoche
-und seines Zeitalters machen ihm nicht viel Kopfzerbrechen,
-er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in
-der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel
-zum Voltaire gibt. Ein prachtvoller Typus ist ferner
-auch die alte Chlöstowa, diese traurige Mischung aus
-der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte. Von
-dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich
-deren Torheit und Hohlheit ererbt und für diese fordert
-sie Achtung von der jungen Generation, sie verlangt,
-daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie respektieren
-sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit
-Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig
-hingesetzt oder umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das
-sie liebt und achtet, dafür aber protegiert sie kleine Negerjungen,
-Möpse und Leute von der Art einer Moltschalin,
-kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im
-vollen Sinn des Wortes. <em>Moltschalin</em> ist gleichfalls
-ein glänzender Typus. Diese stumme gemeine Kreatur
-ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt. Dieser
-<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor,
-schlummert doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein
-künftiger Sagorezki. Ein solcher Haufen von Ungeheuern,
-deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung,
-eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen
-Sinn in seiner Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt,
-mußte eine Reaktion hervorrufen und zu dem entgegengesetzten
-Extrem führen, wie es in seiner ganzen
-Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky
-geht in seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen
-alle diese Leute gleichfalls viel zu weit und bemerkt
-nicht, daß er gerade dadurch und durch seine unbeherrschte
-Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle
-Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr
-Produkte der Halbbildung, wie die Personen im Drama
-Von Wisins Produkte der Unbildung, russische Ungeheuer,
-Krüppel, vorübergehende Zeiterscheinungen sind,
-die aus einer durch neue Fermente hervorgerufenen
-Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen
-stellt einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in
-keinem von ihnen regt sich der russische Bürger. Der
-Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen, wie nun ein
-Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese
-Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt
-nur ein Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten
-Ziel, und äußert bloß ihre Entrüstung über alles Gemeine
-und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne in
-Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster
-und Vorbild aufzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen
-Technik nur schlecht, in dieser Beziehung ist
-<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-ihnen jedes noch so minderwertige französische Stück
-überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des
-Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll
-gelöst. Man hat den Eindruck, als hätten die Komödiendichter
-sich hierfür nur wenig interessiert, als repräsentiere
-ihnen der Stoff nur einen andern höheren
-Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang
-ihrer Person maßgebend ist. Die Notwendigkeit der
-Nebenpersonen und Rollen steht gleichfalls in keinem
-Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden
-des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit
-diese Personen geeignet erscheinen, den Gedanken
-des Dichters durch ihre Anwesenheit zu erläutern
-und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild zu
-vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die
-Dichter die notwendigen Forderungen der Bühntechnik
-erfüllt und jede ihrer Personen, die alle so außerordentlich
-glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich vor dem Zuschauer
-in einer lebensvollen Handlung und nicht in
-bloßen Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären
-diese beiden Komödien sicherlich zwei großartige
-Schöpfungen des russischen Genius geworden. Auch
-jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen;
-eine so ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher,
-wie ich glaube, noch bei keinem Volke gegeben. Bei
-den Griechen finden wir zwar Ansätze zu einer sozialen
-Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr
-durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die
-Mißbräuche und Fehler einzelner und behielt dabei nicht
-immer lediglich das Interesse der Wahrheit im Auge:
-hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender Beweis
-<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
-dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere
-Komödiendichter aber wurden von sozialen und nicht
-von persönlichen Motiven bewegt, ihre Angriffe richteten
-sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen unzählige
-Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft
-und ihr Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die
-Gesellschaft schien in ihnen selbst Fleisch und Blut, schien
-Körper geworden zu sein; am lyrischen Feuer der Entrüstung
-entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser
-Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von
-Licht und Finsternis, den Peter in Rußland entfacht
-hat, und der jeden hochherzigen Russen unwillkürlich zu
-einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien
-sind keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind
-nicht aus der Einbildungskraft des Dichters geboren.
-Es mußte sich schon viel Schmutz und Unrat in unserem
-Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke
-ganz aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes
-Gewitter an uns vorüberziehen konnten. Und das ist
-der Grund, weswegen in unserer Literatur kein Werk
-mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und
-daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr
-folgen wird.
-</p>
-
-<p>
-Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in
-unserer Literatur zum Stillstand. Das bedeutet jedoch
-noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen ist; im Gegenteil,
-er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne,
-und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein
-Nahen an. Schon heute gibt es viele talentvolle Leute
-unter uns. Aber noch verspüren wir die Nachwirkung
-der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand
-<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
-diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat,
-zu entrinnen und zu zeigen, was er selbst vermag. Ja
-niemand scheint etwas davon zu merken, daß eine neue
-Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen
-herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu
-werden beginnen, die wir bisher nicht vernommen haben;
-daher haben sie alle noch keine eigene Farbe und keine
-selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese
-Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem
-einen <em>Lermontow</em>, der die andern weit überholt hat
-und der nicht mehr unter den Lebenden weilt. Er hat
-Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine große
-Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern
-über ihn gewaltet hätte und wenn er sich&rsquo;s nicht
-in den Kopf gesetzt hätte, daß dieser sein Schicksal lenke.
-Er war sehr früh in solche Gesellschaftskreise gekommen,
-denen man wohl mit Recht nur eine vorübergehende
-und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie
-ein armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden
-losgerissen hat, dazu verurteilt waren, traurig durch
-öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl, daß sie nie
-in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und
-daß es ihr Los sei &mdash; zu verwelken und elend zugrunde
-zu gehen &mdash; daher diese herzzerreißende Gleichgültigkeit
-gegen alles in der Welt, die bei ihm schon so früh zum
-Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem
-unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein
-schmerzloser Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse,
-die ohne Zweck und Ziel geknüpft und ebenso
-ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind die
-Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski
-<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
-das Wesen dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck
-die Poesie der <em>Illusionslosigkeit</em> kennzeichnen.
-Lermontows Talent machte diese Stimmung für eine
-Weile populär und modern. Wie einst unter dem anfeuernden
-Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die
-ganze Welt ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich
-zu begeistern, und wie eine Weile nachher unter dem
-deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie die
-Enttäuschung, die &bdquo;Entgeisterung&ldquo;, die <em>Desillusionierung</em>
-im Schwange war, die vielleicht nur die
-Folge einer übermäßigen Begeisterung gewesen sein mag
-und dann gleichfalls modern wurde, so kam endlich
-auch die Reihe an die Illusions<em>losigkeit</em>, dieses
-eigenste Kind der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung.
-Die Zeit, während der diese Stimmung
-herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden
-andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit
-hat für niemand etwas Verlockendes. Lermontow
-glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über
-ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht,
-sein Bild zu gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische
-Darstellung hätte von ihm befreien können.
-Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen Konturen
-an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen
-Macht über den Menschen, die der Dichter ihm verleihen
-wollte. Man merkt es Lermontow an, daß diese
-Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern
-der Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den
-Kampf mit dem Dämon aufzunehmen. In einem unvollendeten
-Gedicht: &bdquo;Ein Märchen für Kinder&ldquo; hat
-diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie
-<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
-sinnvoller geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter,
-wenn er diese Erzählung, die sicherlich sein bestes Gedicht
-ist, beendigt hätte, ganz von diesem Dämon und
-damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit
-(Anzeichen einer solchen Befreiung kann man bereits im
-&bdquo;<em>Engel</em>&ldquo;, im &bdquo;<em>Gebet</em>&ldquo; und einigen andern Gedichten
-bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr Achtung
-und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat
-jemand eine <em>solche</em> beinahe prahlerische Mißachtung
-für sein Können zur Schau getragen, wie Lermontow.
-Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie Liebe
-für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges
-seiner Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und
-mit der Zärtlichkeit einer Mutter gehegt und gepflegt.
-Keins ist in sich gefestigt, ins Gleichgewicht gebracht
-und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene feste
-Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an
-Shukowskis oder Puschkins Verse an. Überall herrscht
-Überfluß und ein unnötiger Wortreichtum. Lermontows
-Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch nie
-hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische
-Prosa geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung
-in das Leben und die lebendige Wirklichkeit, hier kündigt
-sich der künftige große Maler und Darsteller russischen
-Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich
-von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter
-hat etwas Schreckliches. Sowie einer von ihnen seine
-eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe aus den
-Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem
-Getriebe der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die
-er nicht hingehört und in der ein Dichter nicht weilen
-<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
-darf, reißt ihn mit einem Schlage ein plötzlicher gewaltsamer
-Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige
-Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden
-uns einer nach dem andern während eines einzigen
-Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters und ihrer
-Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen &mdash; und
-doch hat das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck
-gemacht: unsere leichtsinnige Generation fühlte sich
-nicht im geringsten erschüttert.
-</p>
-
-<p>
-Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch
-etwas darüber sagen, was denn eigentlich unsere Poesie
-überhaupt darstellt, wozu sie da ist, welchem Zwecke sie
-gedient und was sie für unser ganzes russisches Vaterland
-geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der
-Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach
-dem Platz, den er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner
-Erziehung beigetragen, hat sie der Gesamtheit, gemäß
-dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften
-des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates
-sein müssen, höhere Begriffe eingepflanzt? Oder war sie
-lediglich ein treues Abbild unserer Gesellschaft &mdash; eine
-vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel unseres
-Lebens? &mdash; Sie ist weder das eine noch das andere
-gewesen und hat weder das eine noch das andere
-getan. Sie ist fast völlig unbekannt geblieben, unsere
-Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser
-Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter
-der Leitung französischer, deutscher und englischer Gouverneure,
-fremder Auswanderer aus aller Herren Länder,
-aus allen Ständen und Berufen, von Menschen
-ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze
-<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
-und Anschauungen. &mdash; Unsere Gesellschaft wurde
-&mdash; was bisher noch mit keinem Volke geschehen ist,
-mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis ihres
-eigenen Landes &mdash; erzogen. Selbst die eigene Sprache
-war vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und
-Wege abgeschnitten waren, um bis ans Ohr unseres
-Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber doch einmal
-glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so
-geschah dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder
-eine glücklich erfundene Musik trug ein Gedicht
-bis in die Salons der vornehmen Gesellschaft, oder die
-unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein minderwertiges
-Gedicht, das den fremdländischen &mdash; freigeistigen
-Ideen, die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden
-Gouverneur beigebracht worden waren, nicht entsprach,
-wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas von der
-Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte
-aufhielt.
-</p>
-
-<p>
-Kurz &mdash; unsere Poesie hat weder zur Belehrung
-und Erziehung unserer Gesellschaft beigetragen, noch
-war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft. Sie schwebte
-die ganze Zeit über gleichsam hoch <em>über</em> der Gesellschaft,
-wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb
-der modernen Gesellschaft liege, und wenn sie sich
-einmal bis zu ihr herabließ, so nur zu dem Zwecke,
-um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht aber,
-um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen
-Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist
-höchst merkwürdig: trotz alledem waren wir selbst Gegenstand
-unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir uns
-in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten
-<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
-Seiten vor Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben
-und wir wollen nicht recht daran glauben, was Dershawin
-uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein Schriftsteller
-die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens
-schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und
-wir halten das Bild, das er von uns entwirft, für eine
-Karikatur. In der Tat, in beiden Fällen ist irgendwo
-eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz vorhanden,
-und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der
-Grund für die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter
-die Gabe haben, schon in dem Keim, der dem gewöhnlichen
-Auge fast verborgen bleibt, die künftige
-herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres
-Wesens in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen
-lassen. Der Grund der zweiten Erscheinung ist
-der, daß unsere satirischen Schriftsteller, wenn auch in
-verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen
-Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen
-alles Häßliche und Gemeine in den wirklich existierenden
-Repräsentanten des Russentums nur um so
-deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh
-ihnen die Fähigkeit, eine Sache weit klarer und
-schärfer zu beleuchten, als sie dem gewöhnlichen Menschen
-erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in der
-letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen &mdash; die
-Spottlust am allerstärksten entwickelt hat. Bei uns
-lacht und spottet ein jeder über seine Mitmenschen; ja
-im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas, eine
-Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über
-das Neue, und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen,
-was nie veraltet und was ewig ist. So also hat
-<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
-unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in seiner
-Vollständigkeit dargestellt, weder in dem <em>Ideal</em>, das
-er erreichen <em>soll</em>, noch in seinem wirklichen <em>Dasein</em>,
-wie er heute in Wirklichkeit <em>ist</em>. Sie hat lediglich eine
-schier unendliche Zahl von Nuancen unserer verschiedensten
-Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie hat nur alle
-einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer
-Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das
-Gefühl, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, uns vollständig
-und allseitig darzustellen, uns unserer Eigenart
-zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns
-selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische
-Natur ist heute erst soweit erweicht und vorbereitet,
-um die ihr entsprechende Form annehmen zu können;
-noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe
-aller Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall
-her in unser Land verpflanzt wurden; noch ist jeder von
-uns der Schauplatz, auf dem sich Fremdes und Eigenes
-in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir
-nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen
-Gott diese Mischung, dieses Zusammentreffen der
-Elemente angeordnet hat. Das haben unsere Dichter
-gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam
-ihre stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres
-Wesens nicht untergehen zu lassen. Sie nahmen
-dies Beste überall, wo sie es fanden, und beeilten sich,
-es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu fragen,
-welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht
-der arme Besitzer eines Hauses, das ein Raub der
-Flammen wird, alles Wertvolle, was es birgt, zu retten,
-ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere
-<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
-Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre
-Stimme erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit
-endlich anbrechen würde, wo der Gedanke einer inneren
-Erbauung und Verkörperung des Menschen im Bilde,
-für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß
-aus den eigenen urwüchsigen Materialien unseres
-Landes errichten sollte, ganz Rußland ergreifen und zum
-sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde &mdash; damit
-wir uns dann darüber klar wären, was alles an
-Gutem und Schönem und Eigenem in uns verborgen
-liegt, und nicht vergessen, es bei diesem Bau zu verwenden.
-Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer
-mehr enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere
-Dichter hineinlesen werden. In dem Maße, als wir sie
-mehr und besser kennen lernen werden, werden wir auch
-ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die
-bisher noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen,
-daß sie nicht bloß die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten,
-sondern zum Teil auch unsere Baumeister
-waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren
-oder nicht; <a id="corr-51"></a>jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich
-zu uns so viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer
-nationalen Charakterzüge zur Darstellung gebracht,
-der in ihnen zu weit kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung
-gekommen ist, um sich uns in seinem ganzen
-Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen.
-Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen
-Mannes von einer ungeheuren, fast biblischen
-Größe zu zeichnen, hatte nichts Willkürliches: den
-Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die mächtigen
-Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind
-<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
-in ganz Rußland überall so lebendig, daß selbst Ausländer,
-die etwas von Rußland kennen gelernt haben,
-darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten
-und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben.
-Vor kurzem erst hat einer von ihnen seine Memoiren
-herausgegeben, um Rußland Europa von einer
-recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag
-seine Verwunderung über die schlichten Bewohner
-unserer Bauernhütten nicht zu verhehlen<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a>. Mit Staunen
-betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen Greise,
-die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie
-ihm doch wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen
-Zeiten. Mehr als einmal mußte er gestehen,
-daß ihm in keinem Lande Europas, das er bereist hatte,
-das Bildnis des Menschen in solch einer an die patriarchalisch
-biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen
-war. Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch,
-das von einem mächtigen Haß gegen unser Volk erfüllt
-ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese Feinfühligkeit,
-dieser scharfe <em>Instinkt</em>, der sich besonders bei Puschkin
-mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen
-Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke,
-mit denen das Volk selbst diesen eigentümlichen
-Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an den Spitznamen
-<em>Ohr</em>, den man einem Menschen beilegt, in dem
-jede Fiber zittert und zu sprechen scheint und der keinen
-Augenblick untätig sein kann. Oder man denke an
-die Bezeichnung <em>Allerweltskerl</em> für einen Menschen,
-dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und
-<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
-die Zahl derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten
-Nuancen und Schattierungen dieses Charakterzugs bezeichnen,
-ist ganz außerordentlich groß.
-</p>
-
-<p>
-Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild
-des russischen Mannes, das Dershawin gezeichnet hat,
-wäre noch nicht vollständig und würde noch nicht die
-ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an
-dem feinen Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf
-jeden Naturgegenstand zu reagieren und bei jedem
-Schritte voll Staunen über die Schönheit der Schöpfungen
-Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die
-richtige Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden
-weiß, wie wir ihn besonders bei Krylow finden, das
-ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow äußert
-sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht,
-das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu
-bringen, und es auszudrücken vermag, ohne jemand durch
-ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer Sinnesart
-gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz
-jener sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische
-Erziehung und Bildung verloren haben und den sich
-nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser Bauer
-versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und
-über ihm Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren],
-wie keiner von uns, und dabei verletzt er mit keinem
-Worte den Anstand, während wir es häufig nicht einmal
-verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne
-ihn durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür
-aber einmal in einem von uns dieser innere sichere,
-echt russische geistige Takt wirklich vorhanden ist, dann
-genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird
-<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
-kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man
-einem andern nie gestatten würde, ihm nimmt niemand
-etwas übel. Alle unsere Schriftsteller haben Feinde gehabt,
-selbst die gutmütigsten unter ihnen und die, die
-das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin
-und Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind.
-Dieser <em>jugendliche Wagemut</em> und dieser stürmische
-Drang, seine Kräfte für alles Hohe und Gute einzusetzen,
-der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die
-überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene
-herrliche Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und
-die uns Alten und Jungen ein jugendliches Feuer einhaucht,
-sowie sich eine Gelegenheit bietet, sich für eine
-große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen
-&mdash; solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze
-bunte, mit sich im Streit liegende Masse in einem
-mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher Streit, alle engherzigen
-persönlichen Interessen &mdash; alles ist vergessen,
-und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger
-Mann. Alle diese Eigenschaften, die unsere Dichter uns
-offenbart haben, sind nationale Eigentümlichkeiten unseres
-Volks, die in ihnen bloß schärfer und deutlicher zur
-Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja
-nicht plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen
-aus ihrem Volke hervor. Sie sind Funken, die von
-ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die von seiner
-Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch
-schon dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher
-noch nie bekannten Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß
-nicht, ob die Dichter irgendeiner andern Literatur eine
-so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen hervorgebracht
-<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
-haben, wozu ja freilich auch unsere poetische
-Sprache manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat
-sein eigenes Versmaß und seinen Eigenton. Dieser eherne
-metallische Vers Dershawins, den unser Ohr noch bis
-auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers
-Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie
-ein Strahl alten, hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende
-festliche Vers Jasykows, der wie ein Lichtstrahl in
-die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu sein
-scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte
-Vers Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten,
-dieser leichte ätherische Vers Shukowskis, der wie der
-kaum vernehmbare Ton einer Äolsharfe verschwebt, dieser
-schwere, uns zur Erde herabziehende Vers und häufig
-von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut durchdrungene
-Vers Wjasemskis &mdash; sie alle haben wie
-verschieden abgestimmte Glocken, oder wie die vielen
-Flöten einer herrlichen Orgel einen wundervollen Wohllaut
-durch das ganze russische Land getragen. Dieser
-Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie <em>die</em> glauben
-mögen, die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser
-Wohllaut lullt das Volk in seinen Kinderjahren ebenso
-ein wie das herrliche Wiegenlied einer Mutter, noch ehe
-es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine wilden
-Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur
-Ruhe. Dieser Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der
-Weihrauch im Tempel, der unsere Seele unmerklich,
-noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme
-von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere
-Poesie hat alle Akkorde auserprobt, hat die Einflüsse
-der Literatur aller Völker erfahren, hat der Leier aller
-<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
-Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache geschaffen,
-um alle Menschen für eine größere Aufgabe
-vorzubereiten. Jetzt kann man nicht mehr von den
-Torheiten reden, die unsere heutige, sich ihrer Verantwortlichkeit
-noch nicht bewußte junge Dichtergeneration
-leichtsinnig weiterplappert; man kann auch
-der Kunst nicht mehr dienen &mdash; so schön und beglückend
-ein solcher Dienst auch sein mag &mdash;, ohne ihre höhere
-Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar
-zu sein, wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin
-läßt sich nicht wiederholen. Nein, weder Puschkin
-noch irgendein anderer darf uns jetzt zum Vorbilde
-dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann
-man uns mit nichts mehr imponieren: weder durch die
-Eigenart und Eigenwilligkeit des Verstandes, noch durch
-die plastische Kraft des Charakters, noch durch die stolze
-Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter
-eine höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben
-erwachsen der Poesie. Wie sie während der Kindheit
-der Völker dazu diente, die Nationen zum Kampf
-anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken, so ist es
-jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern,
-höheren Kampf aufzurufen &mdash; zu einem Kampf, in dem
-es sich schon nicht mehr um unsere zeitlichen Güter
-und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und Privilegien],
-sondern um unsere Seele handelt, die unser
-himmlischer Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen
-hält. Zahlreiche Aufgaben stehen heute der
-Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft alles wahrhaft
-Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das
-sinnlose Leben von heute geraubt ward. Nein, diese
-<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
-künftigen Dichter werden keinem von unseren früheren
-Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache wird anders
-klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter
-und vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente
-werden viel lebendiger und kräftiger in ihr zum
-Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener eigene urwüchsige
-Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug,
-der schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte
-und strömte, als selbst das Wort <em>Poesie</em> noch in keines
-Menschen Munde war. Noch immer erscheint dieser
-unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren Liedern
-entgegentönt, und über das Leben und sogar über
-das Lied selbst hinweg in unbekannte Fernen stürmt,
-noch erscheint uns dieser glühende, verzehrende Wunsch
-nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der Mensch
-seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt &mdash;
-wie ein Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen
-jene vielseitige, poetische Harmonie und das Geschlossene
-unseres Geistes, die in unseren vieläugigen Sprichwörtern
-verborgen ist, völlig Fleisch und Blut geworden;
-haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen
-und traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen
-und Schlüsse zu ziehen, als dem Menschen in
-Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren, als er
-noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu
-leben; so sind sie uns eine lebendige Mahnung, was
-für gewaltige Folgerungen der moderne Mensch in Rußland
-aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen
-kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert
-und wie allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in
-einem Haufen zusammenliegen. Noch ist vielen diese
-<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
-Lyrik &mdash; dies Produkt einer höchsten Verstandsreife und
-Nüchternheit &mdash; ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus
-unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt
-und die Seele unserer Dichter noch unbewußt
-begeistert, wie ihm die heimatlichen Klänge unserer Lieder
-unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns
-auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis.
-Sie enthält sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen,
-von den kräftigsten bis herab zu den zartesten
-und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos und
-vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem
-Augenblick zu bereichern, indem sie einerseits die hohen
-gewaltigen Worte aus der biblischen Kirchensprache schöpft
-und sich andererseits die treffendsten Ausdrücke aus
-den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen
-gibt, aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich
-in ein und derselben Rede bis zu einer Höhe emporzuschwingen,
-die keiner andern Sprache erreichbar, und
-andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen, die
-selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich
-ist; &mdash; eine Sprache, die selbst und an und für
-sich schon dichtet, und die nicht umsonst für eine
-geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen
-worden war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles
-Häßliche und Minderwertige, das wir uns zugleich mit
-der fremdländischen Bildung angeeignet hatten, in den
-fremden Mundarten ausschwatzten und ausplauderten,
-damit alle die unklaren Töne und die ungenauen Bezeichnungen
-für die Dinge &mdash; diese Produkte ungeklärter
-und verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel
-machen &mdash; die kindliche Klarheit unserer Sprache nicht
-<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
-mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem Drang
-zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem
-eigenen und nicht mehr einem fremdem Verstande zu
-folgen, zu ihr zurückkehren konnten. Das alles sind
-vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch Felsblöcke
-oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem
-einmal eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden
-wird. Und diese Sprache wird bis tief auf den
-Grund der Seele dringen und nicht auf unfruchtbaren
-Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie
-wohl Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen
-mächtigen Impuls verleihen; sie wird tief in alle Saiten
-greifen, die in dem Russen anklingen, und selbst die
-rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der Ehrfurcht
-erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem
-Menschen einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland
-ans Licht rufen &mdash; unser russisches Rußland, nicht
-das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten ein rohes
-Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne
-ihrem Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen
-wollen, nein, das Rußland, das unsere Dichtung
-aus uns selbst heraufholen und so vor uns hinstellen
-wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre
-Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch
-sein mögen, einstimmig ausrufen werden: &bdquo;Ja, das
-ist <em>unser</em> Rußland; hier fühlen wir uns behaglich und
-heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter unserem
-heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der
-Fremde!&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="letter" id="part-33">
-<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
-<span class="line1">XXXII</span><br />
-<span class="line2">Auferstehungstag</span>
-</h2>
-
-<p class="first pbb">
-<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Russe nimmt einen besonders warmen Anteil
-an der Feier des Auferstehungstages. Das
-empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn
-er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn
-er sieht, wie dieser Tag sich überall in allen andern
-Ländern kaum von den andern Tagen unterscheidet &mdash;
-alles geht seiner gewohnten Tätigkeit nach, das Leben
-nimmt seinen gewöhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern
-ruht der gleiche alltägliche Ausdruck &mdash; wenn der Russe
-das sieht, so wird er traurig und seine Gedanken
-schweifen unwillkürlich nach Rußland hinüber. Es will
-ihm so dünken, als ob dieser Tag dort schöner gefeiert
-wird, als ob dort der Mensch heiterer und besser sei,
-als an anderen Tagen und als ob auch das Leben dort
-ein anderes und nicht so alltägliches Gewand trage.
-Er denkt an die feierliche Mitternacht, an das Glockengeläute,
-das das ganze Land durchhallt und alle Stimmen
-der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton verschmelzen
-läßt, er denkt an den Ruf &bdquo;Christ ist erstanden&ldquo;,
-der an diesem Tage an die Stelle aller andern
-Grüße tritt, an diesen Kuß, den man nur bei uns vernimmt,
-und er ist beinahe so weit, daß er ausrufen
-<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
-möchte. &bdquo;Nur in Rußland wird dieser Tag so gefeiert,
-wie er in Wahrheit gefeiert werden sollte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet,
-wenn er tatsächlich nach Rußland versetzt wird, und sich
-bloß daran erinnert, daß dies ein Tag voll schläfrigen
-Hin- und Herrennens, voll törichten Getriebes, sinnloser
-Besuche, bewußten Nichtzuhausetreffens, statt eines Tages
-voll froher Begegnungen ist &mdash; wenn man sich an diesem
-Tage wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht
-eigennützigen Grund; man braucht nur daran zu denken,
-daß sich der Ehrgeiz an diesem Tage weit lebhafter regt,
-als an allen anderen Tagen und daß nicht etwa von
-der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird,
-was für eine Belohnung einen jeden erwartet und was
-ein jeder wohl für ein Geschenk erhalten wird; ja daß
-selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich an
-diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung
-der Festmesse und noch ehe die Sonne über
-der Erde aufgegangen ist, trunken über die Straße
-schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen
-Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, daß
-das höchstens eine Karikatur und ein Hohn auf diesen
-Festtag ist und daß es einen solchen Festtag gar nicht
-gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter <a id="corr-52"></a>einem Invaliden,
-um die Form zu wahren, einen schmatzenden
-Kuß auf die Backe, um den unter ihm stehenden Beamten
-zu beweisen, wie man seinen Bruder lieben muß,
-oder ruft irgendein [rückständiger] Patriot voll Empörung
-über unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten
-schlecht macht und behauptet, bei uns gäbe es
-überhaupt nichts Ordentliches, wütend aus: &bdquo;Wir haben
-<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
-alles: ein schönes Familienleben, schöne Familientugenden,
-die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir erfüllen
-auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies
-nirgends in Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk,
-das die Bewunderung aller Menschen verdient.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und
-Äußerlichkeiten, nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig
-wie auf den Kuß, der dem Invaliden verabreicht
-wird], sondern lediglich darauf an, daß wir an diesem
-Tage den Menschen tatsächlich wie unser höchstes
-Kleinod ansehen lernen &mdash; und ihn so in unsere Arme
-schließen und an unser Herz drücken, wie einen unserem
-Herzen nahestehenden Bruder, daß wir uns so über ihn
-freuen, wie über den unerwarteten Besuch unseres liebsten
-Freundes, den wir viele Jahre lang nicht gesehen haben.
-Ja, noch inniger, noch stärker sollte unsere Freude sein.
-Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen, sind
-stärker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch
-mit ihm durch unseren herrlichen himmlischen Vater
-verwandt, der uns weit näher steht, als unser irdischer
-Vater, und weilen wir doch an diesem Tage &mdash; in unserer
-wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser
-Tag ist der Tag jenes heiligen Festes, an dem die ganze
-Menschheit bis auf den letzten unserer Brüder eine
-himmlische Verbrüderung feiert, und davon ist kein einziger
-Mensch ausgeschlossen.
-</p>
-
-<p>
-Wie gelegen müßte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten
-Jahrhundert kommen, wo der Traum vom allgemeinen
-Menschenglück der Lieblingsgedanke fast aller
-Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des
-jungen Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie
-<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
-einen lieben Bruder zu umarmen, wo viele beständig
-davon träumen, den inneren Wert und die Würde des
-Menschen zu heben, wo die gute Hälfte der Menschen
-bereits feierlich anerkannt hat, daß nur das Christentum
-das vermag, wo man bereits fordert, daß das Gesetz
-Christi weit inniger mit unserem Familien- und Staatsleben
-verwachsen müsse [ja wo bereits davon gesprochen
-wird, daß alles Gemeingut werden soll: unser Haus
-und unser Grund und Boden], wo die hohen Taten
-des Mitleids und die den Armen und Unglücklichen erwiesene
-Hilfe bereits ein beliebter Gesprächsstoff unserer
-Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitären
-Anstalten [all dieser Hospize und Asyle für Obdachlose]
-die Erde schon zu eng zu werden beginnt.
-Wie freudig müßte eigentlich das neunzehnte Jahrhundert
-diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen
-und ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade
-dieser Tag wird zum Probierstein dafür, wie matt
-all diese christlichen Bestrebungen, wie sie lediglich [schöne
-Träume und] bloße Ideen sind, die zu keinen Taten
-führen. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit
-haben, einen unserer Brüder wie einen Bruder
-zu umarmen &mdash; so tuen wir es nicht. Wir sehnen
-uns danach, die ganze Menschheit brüderlich an unseren
-Busen zu drücken, unsern Bruder aber wollen wir nicht
-umarmen. Es braucht sich nur irgendein einzelner
-Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser Menschheit
-abzulösen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten,
-und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben
-sollen, &mdash; so werden wir ihn nicht mehr umarmen.
-Oder es brauchte sich von dieser Menschheit
-<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
-nur ein einzelner Mensch abzulösen, der in irgendeinem
-unwesentlichen Punkt, in irgendeiner unserer menschlich
-bedingten Meinungen nicht mit uns überstimmt &mdash; so
-werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es
-braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser
-Menschheit abzulösen, der mehr und erkennbarer als die
-andern an den schweren Schäden geistiger Fehler und
-Gebrechen krankt und daher weit mehr Anspruch auf
-unser Mitleid hat als sie &mdash; so werden wir ihn von
-uns stoßen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden
-nur die in unsere Arme schließen, die uns noch nie
-beleidigt haben, mit denen wir noch nie zusammengestoßen
-sind, die wir noch nicht kennen und noch nie
-mit Augen gesehen haben. Das sind die Umarmungen,
-mit denen der Mensch unseres Jahrhunderts die ganze
-Menschheit beglücken will, und das sind häufig gerade
-die Menschen, die von sich glauben, daß sie wahre
-Menschenfreunde und echte Christen sind. [Christen!
-Sie haben Christus auf die Straße hinausgejagt und
-in die Lazarette und Krankenhäuser getrieben, statt Ihn
-bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach
-aufzunehmen, und da glauben sie noch, sie seien Christen!]
-</p>
-
-<p>
-Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag
-nicht würdig, nicht so zu feiern, wie er gefeiert
-werden sollte. Dem steht ein schreckliches, unüberwindliches
-Hindernis entgegen: es heißt: <em>Hochmut</em>. Dieser
-Hochmut war auch den früheren Zeitaltern bekannt,
-aber jener Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf
-die physische Kraft, auf unseren Reichtum, ein Stolz auf
-unsere Abstammung und unsere Titel, und er erreichte nie
-<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
-diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage. Heute
-tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses
-Hochmuts ist der Stolz auf unsere Reinheit.
-</p>
-
-<p>
-Hocherfreut darüber, daß sie ihre Vorfahren in vielen
-Beziehungen überholt und übertroffen hat, hat sich die
-Menschheit unserer Zeit völlig in ihre Reinheit und
-Schönheit verliebt. Niemand schämt sich mehr, sich
-öffentlich der Schönheit seiner Seele zu rühmen und
-sich für etwas Besseres zu halten, als die anderen
-Menschen. Man braucht nur darauf zu achten, wie
-sich heutzutage jeder Mensch für einen wahren Heros
-an Hochherzigkeit und Edelmut hält, wie schonungslos
-und mit welcher Schärfe er über andere Leute urteilt.
-Man muß nur einmal hören, mit was für Gründen
-er sich dafür rechtfertigt, daß er seinen Bruder nicht
-einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede
-Scham und ohne innerlich zu erbeben, erklärt er: &bdquo;Ich
-kann diesen Menschen nicht umarmen, er ist schmutzig,
-er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch ehrlose
-Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen
-nicht einmal in mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann
-die Luft nicht atmen, die er atmet, ich mache einen großen
-Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen und
-um ihm nicht zu begegnen. &mdash; Ich kann nicht mit gemeinen
-und verächtlichen Leuten zusammen leben &mdash; und
-da sollte ich einen solchen Menschen wie meinen Bruder
-umarmen?&ldquo; Ach! der arme Mensch des neunzehnten Jahrhunderts
-hat leider vergessen, daß es an diesem Tage
-weder gemeine noch verächtliche Menschen gibt und daß
-alle Menschen &mdash; Brüder, Kinder derselben Familie sind
-und daß jeder Mensch keinen andern Namen als den:
-<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
-<em>Bruder</em> trägt. Er hat alles mit einem Male vergessen.
-Er hat vergessen, daß er vielleicht gerade deshalb
-von diesen gemeinen und verächtlichen Menschen
-umgeben ist, damit er durch ihren Anblick veranlaßt
-werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen,
-und nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner
-Seele gerade das findet, was ihn an dem andern so
-sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, daß er auf Schritt
-und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in
-einer etwas anderen Art, eine genau so scheußliche Handlung
-begehen kann, die in den Augen der Gesellschaft nicht
-als schmachvoll gilt, die jedoch auf dasselbe hinauskommt
-oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrückt, <em>derselbe
-Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schüssel
-serviert</em>. Es ist alles vergessen! Er hat vergessen, daß
-die Zahl der gemeinen und verächtlichen Menschen vielleicht
-nur deshalb sehr zugenommen hat, weil die besten und edelsten
-Menschen sie in so rauher Weise von sich gestoßen
-und so dazu beigetragen haben, daß sie ihr Herz noch
-mehr verhärteten und noch verstockter wurden. Als ob
-es so leicht ist, die Verachtung anderer Menschen zu ertragen!
-Weiß Gott, vielleicht wird mancher gar nicht
-als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat seine
-arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf
-mit den Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht
-und gerufen, vielleicht hätte er freudig jedem Hände
-und Füße geküßt, dessen Seele von Mitleid für ihn ergriffen,
-ihn daran verhindert hätte, in den Abgrund zu
-stürzen; vielleicht hätte ein einziger Tropfen Liebe ihm genügt,
-um ihn auf den rechten Weg zurückzuführen.
-Wie wenn es so schwer gewesen wäre, auf dem Wege
-<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
-der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob
-sich sein Inneres schon so sehr verhärtet hätte, als ob
-er schon so ganz zu Stein geworden, daß er keiner
-warmen Regung mehr fähig gewesen wäre, wo doch
-selbst der Räuber noch dankbar ist für ein Zeichen der
-Liebe und selbst das wilde Tier sich freundlich der Hand
-erinnert, die es geliebkost hat.
-</p>
-
-<p>
-Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat
-alles vergessen, er stößt seinen Bruder von sich, wie ein
-Reicher einen aussätzigen Bettler von der Schwelle seines
-Hauses jagt. Was kümmern ihn die Leiden des andern,
-er will bloß seine eiternden Schwären nicht sehen.
-Er will nicht einmal sein Klagelied hören, damit seine
-Nase den übelduftenden Hauch, der aus dem Munde
-des Unglücklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er,
-der so stolz auf <a id="corr-53"></a>den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und
-ein solcher Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe
-feiern können?
-</p>
-
-<p>
-Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die
-noch mächtiger ist als die erste, &mdash; das ist der <em>geistige</em>
-Hochmut. Nie noch hat er solche Dimensionen erreicht,
-wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem
-in der Furcht zum Ausdruck, für einen Dummkopf gehalten
-zu werden, einer Furcht, von der heute jeder
-Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit kann alles
-ertragen: er kann es ertragen, daß man ihn einen
-Lumpen oder einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen
-Namen &mdash; es läßt ihn kalt &mdash; nur den Namen
-Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden
-Spott ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, daß
-man sich über seinen Verstand lustig macht. Sein Verstand
-<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
-ist ihm heilig. Jeder noch so leichte Spott über
-seinen Verstand genügt ihm, um seinen Bruder, wie es
-der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung
-aufstellen zu lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper
-zu zucken, eine Kugel in den Kopf zu jagen. Er
-glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist sein
-Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert
-nicht für ihn. Er hat sogar vergessen, daß auch der
-Verstand erst fortschreitet, wenn alle sittlichen Kräfte des
-Menschen fortschreiten und sich entwickeln, und daß er
-sich sogar zurückentwickelt, wenn die sittlichen Kräfte sich
-nicht heben. Er hat ferner vergessen, daß kein Mensch
-sämtliche Verstandeskräfte in sich vereinigt, daß ein anderer
-Mensch gerade die Seele einer Sache sehen kann,
-die er selbst nicht sieht, und folglich etwas wissen kann,
-was er nicht zu wissen vermag. Aber das glaubt er
-nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist für ihn
-eine Lüge. Sein Vernunftstolz hält jeden Schatten
-christlicher Demut von ihm fern. An allem zweifelt er:
-an dem Herzen eines Menschen, den er viele Jahre
-lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an
-seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man
-sich und kämpft man nicht mehr um irgendwelche wirkliche
-Rechte und auch nicht aus persönlichem Haß oder
-Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die sinnlichen
-Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die Leidenschaften
-des Verstandes: heute bekämpft man sich und
-streitet man sich miteinander, weil man verschiedener
-Meinung ist, und wegen der Widersprüche in der Welt
-der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien gebildet,
-die sich gegenseitig verabscheuen, die persönlich
-<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
-noch nie etwas miteinander zu tun hatten, und sich
-dennoch glühend hassen. Ist es nicht merkwürdig! Schon
-glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Haß
-und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da
-dringen Haß und Bosheit von der andern Seite wieder
-in die Welt ein, kommen auf den Flügeln der Zeitungsblätter
-herangeflogen und fallen wie ein verheerender
-Heuschreckenschwarm von allen Seiten über die Herzen
-der Menschen her. Schon hört man kaum noch die
-Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst die gescheiten
-Leute sogar gegen ihre eigene Überzeugung zu reden, nur
-um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu räumen,
-und nur weil ihr Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren
-Fehler vor der Welt einzugestehen &mdash; schon hat die
-reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen.
-</p>
-
-<p>
-Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe,
-der christlichen Liebe zum Menschen fähig sein? Er sollte
-sich mit jener reinen Treuherzigkeit und Einfalt, mit
-jener engelhaften kindlichen Naivität erfüllen können, die
-alle Menschen zu einer großen Familie macht? Er sollte
-etwas von der Süßigkeit und Schönheit unserer himmlischen
-Brüderschaft empfinden können? Er sollte diesen
-Tag feiern können? Ist doch selbst jene äußere gütige
-Geste, jener Ausdruck der Güte verschwunden, der den
-alten schlichten Zeiten eigen war, und dem gegenüber man
-das Gefühl hat, als hätte der Mensch damals dem
-Menschen viel nähergestanden. Der stolze Verstand des
-neunzehnten Jahrhunderts hat ihn vernichtet und zerstört.
-Ohne jede Maske ist der Teufel in der Welt erschienen.
-Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht
-<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
-mehr in verschiedenen Gestalten und schreckt keine abergläubischen
-Menschen mehr: er kommt in seiner eigenen
-Gestalt zu uns. Er fühlt, daß man seine Herrschaft
-anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstände
-mit den Menschen. Dreist und schamlos lacht
-er denen ins Gesicht, die sich vor ihm beugen; die
-törichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie sie
-bisher noch nie gegeben worden sind &mdash; und die Welt
-sieht es und wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was
-bedeutet diese armselige sinnlose Mode, die der Mensch
-sich erst als eine Bagatelle, als eine harmlose Spielerei
-gefallen ließ und die jetzt als absolute Herrin und Herrscherin
-in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte
-im Menschen austreibt. Kein Mensch fürchtet sich
-noch, die wahrsten und heiligsten Gebote Christi zu
-übertreten, wohl aber fürchtet er sich, die unsinnigste
-Anordnung der Mode unerfüllt zu lassen, und er zittert
-vor ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu
-bedeuten, daß selbst die, die sich über sie lustig machen,
-wie leichtsinnige windige Gesellen nach ihrer Pfeife tanzen?
-Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln,
-die uns weit stärker binden, als die grundlegendsten
-fundamentalsten Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen
-Autoritäten, die sich neben den gesetzmäßigen
-rechtmäßigen Autoritäten installiert haben &mdash; was bedeuten
-diese Nebenwirkungen und Nebeneinflüsse? Was
-hat es zu bedeuten, daß heute nur noch Näherinnen,
-Schneider und alle möglichen Handwerker die Welt regieren,
-während die Gesalbten Gottes abseits stehen?
-Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne
-ehrliche Überzeugungen beherrschen die Anschauungen und
-<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
-die Meinungen gescheiter Leute, und ein Zeitungsblättchen,
-von dem jedermann weiß, daß es nichts wie Lügen
-verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber über
-die Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all
-die gesetzwidrigen Gesetze, die die unreine Macht aus
-der Tiefe offen und vor aller Welt aufrichtet? Und die
-ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und wagt&rsquo;s
-nicht, sich zu rühren? Welch furchtbarer Hohn auf die
-Menschheit! [Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge
-überhaupt noch die heiligen Sitten und Zeremonien der
-Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer Beherrscher
-keine Macht mehr über uns hat? Oder ist das
-etwa ein neuer Streich des Geistes der Finsternis.]
-Wozu dieser Feiertag [der jede Bedeutung verloren hat.]
-Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die
-auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und
-schwächer] zusammenzurufen, um sie in einer Familie
-zu vereinigen [und, nachdem er sie mit einem traurigen
-Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling wieder
-von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich für alle
-ein unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn
-noch [hie und da] Menschen, denen es so vorkommt,
-als würde es an diesem Tage heller in ihrer Seele,
-und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen,
-jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung,
-gleich dem Kosen eines ewigen Frühlings, in
-ihre Seele hinüberströmt, jener herrlichen Kindheit, die
-dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen
-ist? Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht
-für immer vergessen und warum bewegt sie noch immer
-unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild? Wie
-<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
-kommt das nur, und was hat das alles für einen
-Zweck? Als ob man wirklich nicht wüßte, was es für
-einen Sinn und Zweck hat? Sieht man denn etwa nicht,
-wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den
-wenigen, die noch etwas von dem Frühlingshauch dieses
-Festtags verspüren, plötzlich so traurig ums Herz wird,
-auf daß sie von einer Trauer befallen werden, wie sie
-nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf daß sie
-ihren Brüdern mit einem <a id="corr-54"></a>herzzerreißenden Aufschrei zu
-Füßen fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen
-Tag der langen öden Reihe der übrigen Tage zu entreißen
-und nur diesen einzigen Tag nicht nach der Weise
-des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes
-ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein
-einziges Mal zu umfassen und in die Arme zu schließen
-wie ein Freund, der sich schuldig fühlt, den hochherzigen
-alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er ihn
-schon morgen wieder von sich stoßen und ihm erklären
-sollte, er sei ihm fremd und unbekannt. Wenn auch
-nur, um <em>einmal</em> diesen Wunsch zu fassen, wenn auch
-nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran
-zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke!
-Gott weiß, vielleicht wird sich schon um dieses einzigen
-Wunsches willen eine Leiter vom Himmel herabsenken und
-sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns hilft, an
-ihr emporzuklimmen.
-</p>
-
-<p>
-Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch
-des neunzehnten Jahrhunderts so verbringen. Schon
-ist die Erde von einem unnennbaren Weh und einer
-Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und
-nüchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach,
-<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a>
-bloß das Riesengespenst der Langenweile wächst von
-Tag zu Tag bis ins Ungeheure. Alles ist wüst, alles
-ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie öde und
-schrecklich wird Deine Welt!
-</p>
-
-<p>
-Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor,
-als ob dieses Fest nur in seinem Vaterlande würdig
-gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum? Warum
-sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den
-Russen? Wirklich, was hat es zu bedeuten, daß [dieser
-Festtag selbst verschwunden ist und daß] seine sichtbaren
-Kennzeichen so deutlich im Angesicht unseres Landes
-erkennbar sind. Man hört die von Küssen begleiteten
-Worte: <em>Christ ist erstanden</em>; mit der gleichen Feierlichkeit
-bricht immer wieder die heilige Mitternacht an,
-und der dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhörlich
-über das ganze Land dahin, als wollten sie uns
-aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in so
-greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht
-vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch
-ein Erwachen. Die Sitten und Bräuche, die ewig
-währen sollen, können nicht vergehen. Der Buchstabe
-stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie können wohl
-zeitweilig verblassen, sie können zugrunde gehen und
-absterben für eine geist- und herzlose, für eine abgestumpfte
-Menge, aber sie erstehen neu gekräftigt auf in
-den Auserwählten, um in ihnen in hellem Lichte aufzustrahlen
-und sich über die ganze Welt zu ergießen.
-Kein Titelchen von unseren alten Sitten und Bräuchen,
-nichts, was an ihnen wahrhaft russisch ist und was von
-Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn. Die helltönenden
-Saiten der Dichter werden es weiter tragen,
-<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
-der Wohllaut ausströmende Mund unserer Priester wird
-es weithin verkünden; das schon erloschene Licht wird
-wieder aufflammen &mdash; und der heilige Auferstehungstag
-wird würdig gefeiert werden &mdash;, weit früher, denn
-von einem andern Volke.
-</p>
-
-<p>
-Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene
-Tatsachen können wir unsere Behauptung gründen?
-Sind wir etwa besser als andre Völker? [Sind wir
-in unserem Lebenswandel Christus nähergekommen als
-sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser
-Leben ist noch weniger geordnet und geregelt als das
-der andern Nationen. &bdquo;Wir sind schlimmer als alle
-anderen&ldquo; &mdash; so müssen wir stets von uns sagen.] Aber
-es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheißt.
-Gerade die Unordnung, die bei uns herrscht, ist
-eine Verheißung. Wir sind noch ein flüssiges Metall,
-das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist;
-wir haben noch die Möglichkeit, das, was nicht zu uns
-paßt, abzustoßen und alles in uns aufzunehmen, wozu
-die anderen Völker schon nicht mehr fähig sind, die
-bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und
-in ihr erstarrt sind. Daß in unserem innersten wahren
-Wesen, das wir vergessen haben, vieles liegt, was dem
-Geiste des Christentums verwandt ist &mdash; dafür ist schon
-allein das ein Beweis, daß Christus nicht mit dem
-Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und daß
-der aufgepflügte und wohlvorbereitete Grund unseres
-Herzens sich von selbst Seinem Worte entgegenstreckte,
-daß das Prinzip der christlichen Brüderlichkeit tief in
-unserer slawischen Natur begründet ist, und daß die Verbrüderung
-der Menschen untereinander uns näher am
-<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
-Herzen liegt, als unser heimatliches Dach und die Blutsverwandtschaft,
-daß bei uns noch nichts von jenem
-unversöhnlichen Haß der Stände und jenen gehässigen
-Parteiungen bekannt ist, die wir in Europa finden und
-die ein unüberwindliches Hemmnis für die Eintracht der
-Menschen und die brüderliche Liebe bilden, daß wir
-endlich Mut und Kühnheit besitzen, wie sie kein andres
-Volk in ähnlicher Stärke besitzt und daß, wenn wir uns
-vor eine Aufgabe gestellt sehen, die kein andres Volk zu
-lösen vermöchte, wie etwa folgende: mit einem Schlage
-alle unsere Fehler und Mängel und alles, was den hohen
-Sinn der Menschheit schändet, abzuwerfen, &mdash; daß wir uns
-dann, alle unsere körperlichen Schmerzen und Qualen
-vergessend und ohne uns im geringsten zu schonen, aufraffen
-und alles, was uns befleckt und schändet, von
-uns stoßen werden, so wie die Menschen einst im
-Jahre 1812 schonungslos ihre ganze Habe, ihre Häuser
-und ihre irdischen Besitztümer verbrannten; dann
-wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurückbleiben
-wollen; in solchen Augenblicken ist jeder Haß
-und Streit, jede Feindseligkeit vergessen, der Bruder
-drückt den Bruder an den Busen, und ganz Rußland
-ist nur ein einziger Mensch. Das ist&rsquo;s, worauf wir die
-Behauptung gründen können, daß der Auferstehungstag
-von uns früher gefeiert werden wird, als von den andern
-Völkern. Das sagt mir deutlich meine innere Stimme,
-und das ist kein bloßer Gedanke, der meiner Phantasie
-entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden.
-Durch eine göttliche Eingebung werden sie mit
-einem Schlage im Herzen vieler Menschen zugleich geboren,
-die einander noch nie gesehen haben, die in
-<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
-den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und
-zu ein und derselben Zeit werden sie wie aus <em>einem</em>
-Munde verkündet. Ich weiß es bestimmt, daß, obwohl
-ich sie nicht alle kenne, in Rußland mehr als ein Mensch
-fest daran glaubt und schon heute spricht: &bdquo;Früher denn
-in irgendeinem andern Lande wird bei uns der heilige
-Auferstehungstag Christi gefeiert werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="printer">
-Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.
-</p>
-
-
-<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Die Abschiedserzählung kann nicht erscheinen: was nach dem
-Tode von Bedeutung sein könnte, das hat bei Lebzeiten keinen
-Sinn.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Im Original heißt es: &bdquo;Die Kaiser Alexander hat.&ldquo; Schukowski
-hat wohl aus Zensurrücksichten Alexander in Napoleon umgeändert.
-Anm. des Herausg.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> &bdquo;Aus Ärger über die Läuse in den Ofen mit dem Pelz!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn
-der &bdquo;<em>Durchleuchtung</em>&ldquo;.
-Anm. des Herausgebers.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Der Marquis Custin.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt,
-teilweise unter Verwendung des russischen Originales (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... den Weg geben, und dann <span class="underline">den</span> Gutsherren über alles ...<br />
-... den Weg geben, und dann <a href="#corr-0"><span class="underline">dem</span></a> Gutsherren über alles ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ich nicht Mutter <span class="underline">eine</span> Familie; dann könnten Sie Ihren ...<br />
-... ich nicht Mutter <a href="#corr-1"><span class="underline">einer</span></a> Familie; dann könnten Sie Ihren ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Menschen, <span class="underline">von</span> Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...<br />
-... Menschen, <a href="#corr-3"><span class="underline">vom</span></a> Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">der der</span> äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen ...<br />
-... <a href="#corr-5"><span class="underline">der</span></a> äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr <span class="underline">deulich</span> vernommen ...<br />
-... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr <a href="#corr-6"><span class="underline">deutlich</span></a> vernommen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... besitzen <span class="underline">Sie</span> nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...<br />
-... besitzen <a href="#corr-7"><span class="underline">sie</span></a> nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">für</span> erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...<br />
-... <a href="#corr-9"><span class="underline">fürs</span></a> erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Äußere</span>, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...<br />
-... <a href="#corr-10"><span class="underline">Äußeres</span></a>, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... harrt, ihre <span class="underline">himmliche</span> Bestimmung klarzumachen: uns ...<br />
-... harrt, ihre <a href="#corr-11"><span class="underline">himmlische</span></a> Bestimmung klarzumachen: uns ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... haben, mit neuem <span class="underline">frischeren</span> Mut als früher an ...<br />
-... haben, mit neuem <a href="#corr-12"><span class="underline">frischerem</span></a> Mut als früher an ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... An <span class="underline">B. I. B.</span> ...<br />
-... An <a href="#corr-13"><span class="underline">B. N. B.</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Verhältns</span> zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...<br />
-... <a href="#corr-15"><span class="underline">Verhältnis</span></a> zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">wiederspiegelt</span>, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...<br />
-... <a href="#corr-16"><span class="underline">widerspiegelt</span></a>, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von <span class="underline">ihnen</span> ...<br />
-... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von <a href="#corr-17"><span class="underline">Ihnen</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung<span class="underline">;</span> ...<br />
-... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung<a href="#corr-18"><span class="underline">,</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... nicht aus jenem in <span class="underline">einen</span> fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...<br />
-... nicht aus jenem in <a href="#corr-20"><span class="underline">einem</span></a> fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden <span class="underline">sie</span> in ihr ...<br />
-... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden <a href="#corr-21"><span class="underline">Sie</span></a> in ihr ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Seelenverwandschaft</span> ist als jede Blutsverwandtschaft ...<br />
-... <a href="#corr-22"><span class="underline">Seelenverwandtschaft</span></a> ist als jede Blutsverwandtschaft ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in <span class="underline">Ihrem</span> Verkehr mit den weit entfernten ...<br />
-... in <a href="#corr-24"><span class="underline">ihrem</span></a> Verkehr mit den weit entfernten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es <span class="underline">sichs</span> ...<br />
-... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es <a href="#corr-25"><span class="underline">sich</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dem <span class="underline">Generalgouwerneur</span>. ...<br />
-... dem <a href="#corr-26"><span class="underline">Generalgouverneur</span></a>. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. <span class="underline">Daß</span> ...<br />
-... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. <a href="#corr-27"><span class="underline">Das</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Ihnen</span> das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...<br />
-... <a href="#corr-29"><span class="underline">ihnen</span></a> das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und <span class="underline">Einrichrichtungen</span>, ...<br />
-... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und <a href="#corr-30"><span class="underline">Einrichtungen</span></a>, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Sie</span> lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...<br />
-... <a href="#corr-31"><span class="underline">sie</span></a> lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ersten <span class="underline">Bekanntchsaft</span> mit beiden Dichtern aufdrängt, ...<br />
-... ersten <a href="#corr-32"><span class="underline">Bekanntschaft</span></a> mit beiden Dichtern aufdrängt, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der <span class="underline">voller</span> plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...<br />
-... der <a href="#corr-33"><span class="underline">vollen</span></a> plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Schlägt mit <span class="underline">den</span> Dreizack nach den Schiffen, ...<br />
-... Schlägt mit <a href="#corr-34"><span class="underline">dem</span></a> Dreizack nach den Schiffen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
- (mehrfache Fälle)<br />
-... wie z. B. <span class="underline">Bayron</span> oder selbst viele andre Dichter ...<br />
-... wie z. B. <a href="#corr-36"><span class="underline">Byron</span></a> oder selbst viele andre Dichter ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Menschen, dem die reichsten und <span class="underline">manigfaltigsten</span> Talente ...<br />
-... Menschen, dem die reichsten und <a href="#corr-42"><span class="underline">mannigfaltigsten</span></a> Talente ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Bettler</span>. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...<br />
-... <a href="#corr-43"><span class="underline">Bettlers</span></a>. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Talent für radikale endgültige Folgerungen, <span class="underline">daß</span> dem ...<br />
-... Talent für radikale endgültige Folgerungen, <a href="#corr-45"><span class="underline">das</span></a> dem ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... singen können, daß sie keine zwei <span class="underline">einfachen ungezierten</span> ...<br />
-... singen können, daß sie keine zwei <a href="#corr-47"><span class="underline">einfache ungezierte</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... oder nicht; <span class="underline">jedesfalls</span> aber haben sie in ihrer im Vergleich ...<br />
-... oder nicht; <a href="#corr-51"><span class="underline">jedenfalls</span></a> aber haben sie in ihrer im Vergleich ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter <span class="underline">einen</span> Invaliden, ...<br />
-... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter <a href="#corr-52"><span class="underline">einem</span></a> Invaliden, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der so stolz auf Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...<br />
-... der so stolz auf <a href="#corr-53"><span class="underline">den</span></a> Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ihren Brüdern mit einem <span class="underline">herzerreißenden</span> Aufschrei zu ...<br />
-... ihren Brüdern mit einem <a href="#corr-54"><span class="underline">herzzerreißenden</span></a> Aufschrei zu ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by
-Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I ***
-
-***** This file should be named 56174-h.htm or 56174-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/6/1/7/56174/
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/56174-h/images/cover-page.jpg b/old/56174-h/images/cover-page.jpg
deleted file mode 100644
index a3bfcdb..0000000
--- a/old/56174-h/images/cover-page.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/56174-h/images/logo.jpg b/old/56174-h/images/logo.jpg
deleted file mode 100644
index 96a2186..0000000
--- a/old/56174-h/images/logo.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ