summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/56174-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/56174-8.txt')
-rw-r--r--old/56174-8.txt9897
1 files changed, 0 insertions, 9897 deletions
diff --git a/old/56174-8.txt b/old/56174-8.txt
deleted file mode 100644
index 2e5d926..0000000
--- a/old/56174-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,9897 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Editor: Otto Buek
-
-Release Date: December 13, 2017 [EBook #56174]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Briefwechsel
-
-
-
-
- Nikolaus Gogol
- Sämmtliche Werke
- In 8 Bänden
-
-
- Herausgegeben
- von
- Otto Buek
-
-
- Band 7
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1913
-
-
- Nikolaus Gogol
-
-
-
-
- Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
-
-
- Herausgegeben
- von
- Otto Buek
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1913
-
-
-
-
- Vorrede
-
-
-Ich lag an einer schweren Krankheit danieder; schon war ich dem Tode
-nahe. Da raffte ich meine letzten Kräfte zusammen, die mir noch blieben,
-benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich im vollen Besitz meiner
-Geisteskräfte befand, und schrieb mein geistiges Testament nieder, in
-dem ich unter anderm meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem
-Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. Damit hoffte ich
-wenigstens einen Teil der Schuld sühnen zu können, die ich durch die
-Wertlosigkeit alles dessen, was ich bisher geschrieben hatte, auf mich
-geladen hatte, denn meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an
-die sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die Menschen
-bedürfen, die ihnen not tun, als meine Werke. Gottes himmlische Güte
-wandte die Hand des Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt
-und ich fühle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde ich, wie schwach
-meine Kräfte sind, und dies mahnt mich jeden Augenblick daran, daß mein
-Leben an einem Haar hängt, und nun, wo ich mich zu einer weiten Reise
-ins Heilige Land rüste, die meiner Seele ein Bedürfnis ist und während
-deren mir vieles zustoßen kann, fühle ich den Wunsch, meinen Landsleuten
-beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So wähle ich denn selbst
-alles aus meinen letzten Briefen, die ich wieder in meinen Besitz
-bringen konnte, aus, was sich auf solche Fragen bezieht, die die
-Gesellschaft gegenwärtig am meisten beschäftigen, lasse alles beiseite,
-was erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten kann, und scheide
-alles aus, was nur für wenige von Bedeutung sein könnte. Dazu füge ich
-noch zwei oder drei literarische Aufsätze hinzu, und endlich lege ich
-dem Ganzen noch mein Testament bei, auf daß dieses, wenn mich der Tod
-unterwegs ereilen sollte, als durch alle meine Leser bezeugt und
-verbürgt, sogleich rechtmäßig in Kraft trete.
-
-Mein Herz sagt mir, daß mein Buch einem wirklichen Bedürfnis entspricht
-und daß es vielleicht von einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies
-nicht deshalb, weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und weil ich
-mir zutraue, Nützliches wirken zu können, sondern weil ich noch niemals
-so innig von dem Wunsche beseelt war, etwas Nützliches zu vollbringen,
-wie heute. Für uns Menschen genügt es schon, wenn wir die Hand
-ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber kommt nicht von
-uns, sondern von Gott, der seine Kraft von oben auf uns herabsendet und
-sie dem ohnmächtigen Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig
-also mein Buch auch sein mag, ich wage dennoch, es der Öffentlichkeit zu
-übergeben, und ich bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen;
-zugleich aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen
-Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu kaufen und sie an solche
-Leute zu verteilen, die sich das Buch selbst nicht kaufen können, und
-ihnen bei dieser Gelegenheit zu erklären, daß alles Geld, das nach
-Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen wird,
-übrigbleiben sollte, teils denen, die gleich mir das innere Bedürfnis
-fühlen, während der kommenden großen Fasten nach dem Heiligen Lande zu
-pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermögen, teils denen
-zur Unterstützung dienen soll, mit denen ich auf dem Wege dorthin
-zusammentreffen werde und die am Grabe des Herrn für ihre Wohltäter, d.
-h. meine Leser, beten werden.
-
-Ich wünschte, ich könnte meine Reise vollenden wie ein guter Christ, und
-daher bitte ich hiermit alle meine Landsleute um Verzeihung wegen aller
-Kränkungen, die ich ihnen zugefügt haben sollte. Ich weiß, daß ich viele
-Leute durch meine unüberlegten Handlungen und durch meine unreifen Werke
-betrübt, viele sogar gegen mich aufgebracht und überhaupt bei vielen
-Anstoß und Ärgernis erregt habe. Ich darf indessen zu meiner
-Rechtfertigung sagen, daß meine Absicht stets gut war, und daß ich
-niemand betrüben oder gegen mich aufbringen wollte; nur meine
-Unbesonnenheit, meine Hast und Übereilung waren die Ursache, daß meine
-Werke in so unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe
-alle über ihren wahren Sinn getäuscht wurden. Alles andere dagegen,
-wobei tatsächlich eine verletzende Absicht vorliegen sollte, bitte ich
-mir mit jener Großmut zu verzeihen, deren nur die russische Seele fähig
-ist, wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, mit
-denen mich mein Lebensweg für längere oder kürzere Zeit zusammengeführt
-hat. Ich weiß, daß ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten
-bereitet habe, ja manchen sogar mit Absicht. Überhaupt hatte die Art
-meines Verkehrs mit den Menschen stets etwas Unangenehm-Abstoßendes an
-sich. Dies rührte teils davon her, daß ich einem Zusammentreffen und
-einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege ging, da ich das
-Gefühl hatte, ich hätte den Menschen noch nichts Gescheites und wirklich
-Notwendiges zu sagen (und leere und überflüssige Redensarten wollte ich
-nicht machen), und da ich zugleich davon überzeugt war, daß ich mich
-selbst wegen meiner zahllosen Mängel und Fehler noch in einiger
-Entfernung von den Menschen erziehen müsse. Zum Teil aber war es auch
-die Folge meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns
-eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, sich eine
-Stellung unter den Menschen erobert haben, und die sich daher für
-berechtigt halten, stolz auf die anderen herabzusehen. Wie dem auch sein
-mag, ich bitte, mir alle persönlichen Kränkungen zu verzeihen, die ich
-einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum gegenwärtigen
-Augenblicke zugefügt haben sollte. Auch meine Berufsgenossen, die
-Literaten, bitte ich um Verzeihung, wenn ich sie je bewußt oder unbewußt
-geringschätzig oder ohne gebührende Achtung behandelt haben sollte; wem
-es aber aus irgendeinem Grunde schwer werden sollte, mir zu vergeben,
-den erinnere ich daran, daß er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der
-Beichte, die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, alle
-seine Brüder um Verzeihung bittet, so bitte ich sie um Verzeihung, und
-wie in solch einem Augenblick kein einziger den Mut findet, seinem
-Bruder nicht zu vergeben, so werden auch meine Brüder nicht den Mut
-haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich bitte ich meine Leser
-um Verzeihung, wenn auch in diesem Buche wieder etwas Peinliches
-vorkommen sollte, das sie kränken oder beleidigen könnte. Ich bitte sie,
-mir deshalb nicht innerlich zu zürnen, sondern mir statt dessen lieber
-großmütig alle Mängel, die sie in diesem Buche entdecken sollten, sowohl
-die des Schriftstellers wie die des Menschen, nachzuweisen: meine
-Torheit, meine Unüberlegtheit, meine übermäßige Eitelkeit und
-Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen -- mit einem Wort, alle die
-Fehler, die allen Menschen eigen sind, auch wenn sie sie nicht erkennen,
-und die ich wahrscheinlich in noch weit höherem Maße besitze.
-
-Zum Schluß bitte ich alle Russen, für mich zu beten, vor allem die
-Priester, deren ganzes Leben ein einziges Gebet ist. Auch die bitte ich,
-mich in ihr Gebet einzuschließen, die in ihrer Demut nicht an die Kraft
-ihres Gebets glauben, wie auch die, die überhaupt nicht an das Gebet
-glauben und es nicht einmal für notwendig halten; aber wie kraftlos,
-dürr und matt auch immer ihr Gebet sein möge, ich bitte sie, in diesem
-kraftlosen, dürren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber will am
-Grabe des Herrn für alle meine Landsleute beten; kein einziger soll von
-meinem Gebete ausgeschlossen bleiben; und mein Gebet wird ebenso
-kraftlos, dürr und matt sein, wenn nicht der heilige allgütige Wille des
-Himmels es zu einem Gebet machen wird, wie es in Wahrheit sein soll.
-
- Im Juli 1846.
-
-
-
-
- I
- Mein Testament
-
-
-Völlig meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege
-ich hier meinen letzten Willen nieder.
-
-I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher begraben werden soll,
-als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich
-erinnere ausdrücklich daran, weil mich schon während meiner Krankheit
-Augenblicke der Ohnmacht überkamen, wo das Leben stockte, mein Herz
-aufhörte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich während meines
-Lebens schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an denen unsere
-unvernünftige Übereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen
-Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier
-gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine
-Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen
-wird. Im übrigen aber soll man meinen Leib der Erde übergeben, ohne
-lange zu überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine
-Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknüpft werden.
-Jeder sollte sich schämen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche
-Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er
-würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher
-alle, lieber um so kräftiger für meine Seele zu beten, und statt aller
-Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es
-am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen
-zu bewirten.
-
-II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu
-errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen
-unwürdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich
-wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten:
-und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch
-unerschütterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung
-und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu
-höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm während meines
-Lebens eigen war, der wird damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt
-hat, daß er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal
-errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwäche und Nichtigkeit,
-meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der
-letzten Zeit näher traten, hat in Stunden des Kummers und der
-Entmutigung bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst
-schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und
-bekümmert war, als andere. So möge denn auch ein jeder von ihnen nach
-meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und
-noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn
-geschrieben habe.
-
-III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen soll; ja, der
-würde eine Sünde auf seine Seele laden, der meinen Tod für einen großen
-und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein
-sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon
-begonnen haben sollte, so wie es sich gehört, meine Pflicht zu erfüllen,
-und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk -- das ja
-nicht dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not
-tut -- begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wäre es dennoch
-unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu überlassen. Selbst
-wenn heute in Rußland ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen
-Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch dies noch kein Grund für
-einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon
-richtig ist, daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen,
-einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des göttlichen
-Zornes ist, und daß wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt
-werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns
-alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei
-jedem plötzlichen Verlust, sondern müssen in unser Inneres blicken und
-nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der
-ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit
-und Verderbnis der Seele ist fürchterlich, warum aber erkennen wir das
-erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen?
-
-IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich
-davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen
-guten Gedanken als Vermächtnis hinterlassen sollte), viertens vermache
-ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat -- ich
-hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel _Abschiedserzählung_
-trägt. Diese Erzählung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen
-selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen größten
-Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen
-hat. Sie war mir ein Quell verborgener Tränen, seit den Tagen meiner
-Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein ich
-flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung und Beleidigung
-anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushören
-sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers
-besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten;
-er muß strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen
-Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine
-Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute
-mögen doch bedenken, daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt
-verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns
-etwas wie eine Lehre, eine brüderliche Mahnung zu hinterlassen, und
-dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung
-bekleidet, noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger
-Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, daß ein Mensch, der auf
-dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein
-solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses
-mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich es doch nicht
-gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner Abschiedserzählung heraushören
-wird; denn nicht mir, dessen Seele häßlicher und sündhafter ist, als die
-aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit
-krankt, kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was mich dazu
-treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar.
-Die Seele möchte vor Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der
-überirdischen Majestät und Erhabenheit des Jenseits und jener höchsten
-geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen die ganze Größe alles
-Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen
-setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken an
-all die monströsen gigantischen Gebilde und Früchte, deren Samen wir
-während unseres Lebens säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für
-Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine
-_Abschiedserzählung_ einen gewissen Eindruck auf _die_ machen, die das
-Leben noch immer für ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas
-von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik
-dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! -- ich weiß nicht, ich finde
-kein Wort dafür, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. -- Fort
-mit dem leeren Anstand! Landsleute! -- ich habe euch geliebt, ich habe
-euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott
-geschenkt hat, für die ich Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat,
-weil diese Liebe mir Trost und Freude war während meiner schwersten
-Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzählung
-euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht
-erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst
-entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat,
-und ihre Klänge entsprangen aus den innersten Kräften und Elementen
-unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich
-euch allen aufs engste verschwistert bin[1].
-
-V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und
-in den Zeitschriften weder mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken;
-alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen
-Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswürdiges als
-solches, was Lob verdient. Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten,
-waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir
-gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es wäre unedel und
-ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner
-Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre
-ich laut, damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten
-Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten
-vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas
-Totes, das ich in einer krankhaften Gemütsverfassung und in einem
-Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter
-meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für eine
-nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber mache ich es meinen
-Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem
-Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach
-strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen für unsere Seele
-sein kann, und nach Verwerfung alles übrigen, das nur der eitlen
-Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten
-einiges, das _denen_ von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren.
-Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein;
-und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit
-für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben habe, von
-meiner Seele genommen.
-
-[Fußnote 1: Die Abschiedserzählung kann nicht erscheinen: was nach dem
-Tode von Bedeutung sein könnte, das hat bei Lebzeiten keinen Sinn.]
-
-VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich
-selbst anzugehören -- sondern nur noch den Bekümmerten, den Leidenden
-und denen gehören, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden
-hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge
-für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers gleichen; wer
-auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen
-nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie
-sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen
-Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht
-hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu
-ermuntern, auf daß keiner das Gut ungetröstet verlasse. Wenn der
-Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt
-ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des
-Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden
-Bauern, zu dem besten und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich
-eines musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder mit einem
-guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso
-herzlich und freundlich nach seinen Verhältnissen ausfragen, ihm Mut
-zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den
-Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles Bericht erstatten, damit
-auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag
-hinzufügen oder ihm Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie
-sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet davonfahre
-oder das Gut ohne Zuspruch verlasse.
-
-VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir ein, daß ich hierüber
-schon nicht mehr zu verfügen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich
-meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen
-Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden. Aus vielen
-Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben brauche, habe ich dies nicht
-gewünscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht
-abgetreten, eine öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten,
-und sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag an mich
-herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu
-gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu
-vollenden, das meine Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt
-hat, und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute einstimmig
-erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich gelöst, und den Wunsch
-äußerten, die Züge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem
-Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen
-hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam noch ein anderer
-Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer großen
-Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Künstler, der mein Bild
-stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Künstler ist
-bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach
-dem unsterblichen Bilde Raffaels: _Die Verklärung Christi_ herzustellen.
-Er hat dieser Arbeit alles geopfert -- einer aufreibenden Arbeit, zu der
-er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er
-hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen
-Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen
-ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von
-Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße
-verbreitet werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte er mein Bild
-stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan
-zerstört: ist das Bild einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit
-verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit
-der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschäftigt. Sollte es sich
-jedoch so fügen, daß nach meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir
-herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein
-könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen
-zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt
-kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder,
-hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser,
-die sich aus einem übertriebenen Wohlwollen für alles, was Ruhm und
-Ansehen genießt, ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort,
-nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da
-diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich sind, und sich nur ein
-solches Porträt zu kaufen, das die Unterschrift: _Gestochen von
-Jordanow_ trägt. Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber
-wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich
-statt meines Bildes den Stich: _Die Verklärung Christi_ kaufen wollten,
-einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Ausländern die Krone der
-Radiererkunst darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht.
-
-Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und
-Journalen veröffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und
-ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine
-Seele lade.
-
-
-
-
- II
- Die Frau in der vornehmen Welt
- An Frau ***
-
-
-Sie glauben, Sie können keinen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben. Ich
-bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einfluß der Frau kann sehr groß
-sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder
--unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte
-gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich
-andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Müdigkeit
-bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um
-jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedürfen wir der
-Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz
-plötzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas
-von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen
-wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei
-auf das, was wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen
-Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die Mehrzahl aller
-Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen im Dienst), sowie alle übrigen
-Vergehen, deren man unsere Beamten und die Bürger aller Klassen
-beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach
-lechzen, in der großen und kleinen Welt zu glänzen und zu diesem Zweck
-Geld von ihren Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die
-Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden können, das
-lediglich allerhand idealen Träumereien und nicht den wahren
-eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schöner
-und erhabener sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich auch
-nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden kommen lassen, die sie
-jetzt verüben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und
-Schuldigkeit täten. Die Seele der Frau -- ist für den Mann ein
-schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und
-Ansteckungen behütet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege
-festhält, und eine Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten
-zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der böse Geist
-des Mannes sein und ihn für alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben
-das selbst gefühlt und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn
-bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthält. Jedoch
-Sie sagen: alle andern Frauen könnten ein Feld für ihre Betätigung
-finden, nur Sie allein nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie
-können Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder
-mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -- mit einem Wort, sie können
-überall fördernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für
-sich und wiederholen immer wieder betrübt: »Warum bin ich nicht an ihrer
-Stelle?« Wissen Sie, daß dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute
-will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn
-er an der Stelle eines anderen stünde oder _sein_ Amt bekleidete, und
-als ob er es nur in _seiner_ eigenen Stellung nicht könnte. Das ist der
-Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt darüber nachdenken, wie wir in
-unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken
-können. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an
-die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß sich nur ordentlich
-umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann
-könnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt
-eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum
-liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie veranlassen, aufs Land zu
-gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu
-beschäftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem
-gemeinnützigen Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann
-könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten die treibende Kraft sein,
-die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben
-und Pflichten für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der
-großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen
-jetzt einsamer und öder erscheint als eine menschenleere Wüste! Und
-dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt
-Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie dulden
-und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe
-und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem
-Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße
-hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat,
-seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und können es sich
-nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen
-sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene Mittel verfügen,
-dazu müsse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, daß
-Ihnen schon bei dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr
-werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits
-sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig
-gerade bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist vollkommen
-wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder
-Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von
-alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand
-leisten zu können, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals
-aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts
-unmöglich ist. Erstens sind Sie schön, zweitens sind Sie im Besitz eines
-unbefleckten, von keiner Schmähung und Verleumdung berührten Namens, und
-drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine Macht, die Sie selbst
-nicht in sich vermuten, -- über die Macht der Herzensreinheit. Die
-Schönheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht
-vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen; es ist nicht
-umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit auf alle Menschen den
-gleichen mächtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles
-gleichgültig und gefühllos und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die
-sinnlose Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer
-Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand
-Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl dann, wenn diese Launen
-vernünftig und auf das Gute gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl
-dann eine schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist
-somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine höhere Schönheit
--- den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen
-Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch
-jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet. Wissen Sie, daß
-die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, daß
-ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß
-sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, -- ein Wort zu sagen, --
-nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwählte
-erfreuen, nein überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß in
-Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanständig und
-burschikos klingen würde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr
-Wissen von Ihrer bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart
-nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der schämt sich bereits
-dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur
-einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des
-Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mächtige Waffe. Zu
-alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes
-Streben oder wie Sie es nennen: _einen Durst_ nach dem Guten. Glauben
-Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser
-Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen
-edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine
-Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem häuslichen
-Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken
-gequält, daß Sie dieses Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das
-Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während Sie ringsum
-von soviel Leiden umgeben sind und während jeden Augenblick die
-Nachricht von allerhand Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von
-Hungersnot, Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren
-geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen
-haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all
-der lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele eine solche
-himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes
-Mitgefühl und Mitleid mit ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel
-für sie tun; der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall
-Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre
-Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der
-Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die
-Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden, infolge des
-ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Töne
-entgegen, die einen verwandt berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen,
-und Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von Ihren Lippen
-schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will
-es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu
-ihm spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches
-angenommen, Sie können befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner
-von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße
-Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und Kraftlosigkeit,
-über die Sie so empört sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche
-Schönheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit
-Ihrer ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr
-ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen
-bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten
-Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg
-zurückführen wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr
-Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm
-auf die Lippen zu drängen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit
-flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich
-durch die Erzählungen über die Laster und die Verdorbenheit der
-vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich
-vorhanden, ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben; aber Sie
-sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den
-traurigen Lockungen und Sünden der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich
-nur ruhig mit demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie
-ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefüllt
-ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre
-Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen
-Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fähigkeit,
-Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen
-nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig
-ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr
-Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer
-Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom
-Himmel zu uns herabgestiegen ist -- nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu
-lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter,
-denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und
-wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten
-Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie
-mit Weltleuten über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten
-pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen, worüber Sie sprechen.
-Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die
-den Lippen einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen
-schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton,
-in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn Sie sich im Kreise von
-nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte
-Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her
-verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört, so erscheint,
-als rede er mit den Engeln süße Worte über einen himmlischen
-Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gespräche und Reden sollten Sie in
-die Gesellschaft einführen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- III
- Die Bestimmung der Krankheiten
- Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.
-
-
-Meine Kräfte lassen von Augenblick zu Augenblick nach, aber nicht mein
-Geist. Noch nie fühlte ich mich durch die körperlichen Gebrechen so
-entkräftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, fühle ich eine so
-schreckliche Müdigkeit im ganzen Körper, daß ich mich Gott weiß wie sehr
-freue, wenn der Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu Bett
-gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht übermannt aus: Mein
-Gott, wo ist denn endlich das Ufer, wann kommt das Ende von alledem!
-Wenn man dann aber Einkehr in sich selbst hält und tiefer in sein
-Inneres hineinschaut, dann entströmen der Seele nur noch Tränen und
-Worte des Dankes. O wie sehr bedürfen wir der Leiden! Von dem vielen
-Guten und Nützlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich nur auf
-eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich will, ich bin doch besser
-geworden, als ich früher war; wenn diese Krankheiten und Leiden nicht
-gewesen wären, so hätte ich gewiß geglaubt, daß ich schon ganz so sei,
-wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal davon reden, daß
-die Gesundheit, die uns Russen immer dazu reizt, über den Strang zu
-schlagen, und den Wunsch in uns rege hält, unsere Vorzüge vor anderen
-Leuten zur Schau zu stellen, mich dazu veranlaßt hätte, tausend
-Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken geistiger
-Frische, die mir die Güte des Himmels schenkt, und während der
-schlimmsten Qualen zuweilen unendlich viel schönere und bessere
-Gedanken, als ich sie früher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, daß
-jedes Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer sein wird,
-als alles Frühere. Hätten mich diese schweren und qualvollen Leiden
-nicht heimgesucht, wie hochmütig wäre ich da wohl geworden, für einen
-wie bedeutenden Menschen hätte ich mich gehalten! Wenn ich jedoch jeden
-Augenblick fühle, daß mein Leben an einem Haar hängt, daß meine
-Krankheit plötzlich meinem Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht,
-ein Ende bereiten könne, daß der ganze Nutzen, den meine Seele so innig
-zu bringen wünscht, nur ein ohnmächtiger Wunsch bleiben und nie
-Erfüllung werden wird, daß ich nie mit den Talenten, die mir Gott
-verliehen hat, wuchern, und daß ich verdammt werden würde, wie der
-schlimmste Verbrecher -- wenn ich dies alles fühle und erkenne, so füge
-ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich der göttlichen
-Vorsehung für meine Krankheit danken soll. Daher sollten auch Sie jedes
-Leiden mit Ergebung hinnehmen, in dem Glauben, daß es notwendig ist.
-Bitten Sie Gott nur um eins: daß Ihnen die wunderbare Bestimmung dieses
-Leidens und die ganze Tiefe seiner großen Bedeutung aufgehe.
-
- 1846.
-
-
-
-
- IV
- Etwas über die Bedeutung des Wortes
-
-
-Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an
-Chrapowizky las:
-
- »Mag der Satiriker die Worte schmähn,
- Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt«,
-
-sagte er: »Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind
-bereits seine Taten.« Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des
-Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch
-in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und
-bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit, Unüberlegtheit oder
-Übereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch
-jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich
-bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat,
-indem er die Schuld auf seine beschränkten Verhältnisse, auf seine Frau,
-oder auf Krankheiten in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer
-genug Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät plötzlich in
-schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer
-schuld daran war, daß der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes
-und Albernes gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter und
-unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer
-seine Hand geführt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem
-Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner
-Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf
-Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage
-Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie
-richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch
-ein Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen
-andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten Ämtern und
-Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur
-darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest. Zu alledem
-ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte,
-einen größeren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich
-anspornten und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind und
-wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu
-gehört, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte
-sich vielleicht noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein
-Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, daß er nicht
-wenigstens die größere Hälfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hälfte
-seiner Oden ist höchst merkwürdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch
-so über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen und
-Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hälfte seiner
-Oden getan hat. Wie wenn er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner
-eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen
-schön und frei klingt, so durchwärmt ist von der inneren Kraft eines
-geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was
-das schlimmste ist, -- all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze
-Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden)
-finden sich hier wieder, aber sie wirken hier bloß komisch und erzeugen
-einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und
-ihn überdies noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen
-heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele
-zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle, bloß weil sie den
-Eindruck haben, daß diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und
-seelenlos ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind über
-seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und über die
-Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, für die er
-eintrat! Und dies bloß darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er
-dem Feuer hätte übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende
-Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller
-entdeckt, veröffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es
-sich gründlich zu überlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre
-gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede
-der Journalisten: »Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns
-dankbar sein für die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von
-einem großen Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse« und
-dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender
-Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese
-kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose
-Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns
-nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was wirklich
-heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger muß
-man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und
-Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht
-soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder _die_ Propheten Gottes,
-die noch nicht genügend für ihr Amt vorbereitet waren und sich
-erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden. Man muß
-redlich mit dem Worte umgehen: es ist die höchste Gabe, die Gott den
-Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick
-ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß leidenschaftlicher
-Verirrungen, des Ärgers, des Zornes oder einer persönlichen Abneigung
-steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie
-gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und
-Ekel einflößen, und in solchen Fällen kann man selbst beim reinsten
-Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund P***
-kann als Beweis dafür dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum
-bemüht, _seinen Lesern sofort alles mitzuteilen_, sie von allem in
-Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu überlegen, ob
-ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch genügend ausgereift war, um
-auch allen andern vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort --
-er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und
-Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und
-schöne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von
-ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an
-ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der
-Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig
-Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise,
-sein ganzes Leben hindurch war er bemüht, alles eiligst an den Mann zu
-bringen, was sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und
-Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafür
-gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jüngling begegnet, der erklärt
-hätte, er schulde ihm Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm
-aufgesteckt, oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm
-eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte ihn oft verteidigen und für
-die Reinheit seiner Absichten und für die Aufrichtigkeit seiner Worte
-gegenüber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen
-können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu überzeugen, weil er es
-verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich
-ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er vom
-Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn, daß es den Anschein
-hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er
-von der Liebe zum Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und
-wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich so, daß man
-nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei herauszuhören meint.
-Seiner aufrichtigen ungekünstelten Empörung über jede Bestrebung, die
-Rußland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte
-Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf
-Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr
-für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: »Ein faules
-Wort gehe nie aus eurem Munde.« Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden
-von uns bezieht, um wieviel mehr muß es für die gelten, deren Reich --
-das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schönen und Hohen zu
-reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen
-geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von
-faulen Dingen. Alle großen Erzieher der Menschheit haben _denen_, die
-die Gabe des Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen
-auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in
-ihnen der Wunsch am stärksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn
-ihre Seele den Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches zu
-sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann, was man erhöhen will,
-und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verräterin wird. »Leg'
-Tür und Riegel deinem Munde auf«, sagt Jesus Sirach: »Du verzäunest
-deine Güter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tür
-und Riegel? Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht
-auch deine Worte auf der Goldwage?«
-
- 1844.
-
-
-
-
- V
- Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen
- An L**
-
-
-Ich freue mich, daß man bei uns endlich mit dem öffentlichen Vortrag der
-Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur
-schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort soll man
-verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stücke
-aus meinen Erzählungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht,
-daß solche öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind. Wie
-es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn
-wir allein sind, sind wir alle träge, und solange wir sehen, daß sich
-die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden
-tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwätzer,
-die über die Macht der Rede verfügen und die sich in den Gerichtssälen
-und Parlamenten hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die
-die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu _fühlen_. Eine Empfindung
-mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu
-eine Leidenschaft, die um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie
-sich nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen ist eine
-ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt die Ausbildung von
-Rezitatoren; sie ist wie geschaffen für den kunstvollen Vortrag, da sie
-über alle Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom Erhabenen
-zum Einfachen in ein und derselben Rede ermöglicht. Ich glaube sogar,
-daß die öffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel
-ersetzen werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen, wie
-sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt würden, die es wirklich
-verdienen, öffentlich vorgetragen zu werden, so daß es auch den
-Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mühe und Arbeit auf die
-Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es
-nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß durchaus
-etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies
-wegen seiner großen Vorliebe für alles Neue. Alle diese neuen
-Erzählungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend
-genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an
-unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in
-langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der
-Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum
-so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel über sie
-geredet, sie ausführlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber
-diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der
-Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur
-das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen
-Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so
-daß die Persönlichkeit jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und
-widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr ein klares Bild
-davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist.
-Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter
-vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von einem Redner
-übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks,
-das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger
-Jüngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem
-Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie, eine Komödie, eine Ode
-und wer weiß was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches
-Gedicht wie es sich gehört vorzutragen -- das ist durchaus keine
-Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten. Man muß das hohe
-Gefühl, das die Seele des Dichters erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen;
-man muß jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst
-dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird
-keineswegs laut und lärmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein.
-Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden
-wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen, die ein Zeugnis
-für seine echte innere Rührung ist. Diese Kraft wird sich allen
-mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie
-ergriffen wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag unserer
-Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren
-Dichtern gibt es viel Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen,
-sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem
-gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere
-hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich weiß
-nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der öffentlichen
-Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr
-schön. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in
-Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrünsten,
-Krankheiten und allerhand Mißgeschick zu leiden haben. Wie würden sich
-die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn
-ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht würde!
-
- 1843.
-
-
-
-
- VI
- Wie man den Armen helfen soll
- Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa.
-
-
-Ich komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die Torheit der (Petersburger)
-Jugend, die auf die Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und
-Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren, während in
-Rußland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist
-weder Dummheit noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht einmal
-Leichtsinn -- es ist eine Folge der menschlichen Gleichgültigkeit, die
-ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und
-Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in
-einer großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der
-Provinz, und nicht vor unseren Augen -- da liegt des Rätsels Lösung, und
-das erklärt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für einen
-Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu
-erfreuen, würde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er
-zufällig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der
-Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in
-Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von
-Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu
-geben. Aber gerade für die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern
-bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß
-seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird, der
-sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flüssigkeit, die man in
-der hohlen Hand trägt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren
-Bestimmungsort gelangt -- und der Notleidende bekommt nichts zu sehen,
-als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist's, was
-zuerst überlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt.
-Hierüber wollen wir später miteinander reden, weil das durchaus keine
-unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie in verständiger
-Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam überlegen, wo
-zuerst und vor allem geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie
-solchen Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten
-Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in
-einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine
-Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund
-abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer
-gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner
-einzigen Stütze beraubt hat -- mit einem Wort um jeden plötzlichen
-Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male über einen Menschen
-hereinbricht, der gar nicht an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am
-Platze. Dabei aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft
-christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in einer
-Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts
-Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst gründlich über die ganze Lage
-des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat
-und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben
-einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe
-erwachsen. Der Wert der Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird,
-kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen
-beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen, was der Mensch verloren
-hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der
-Russe ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß er mit dem
-wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben führen
-kann, wie früher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf
-einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm für längere Zeit
-einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen Sie ihn belehren, wie er
-sich mit dem, was ihm durch Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner
-Lage heraushelfen kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung des
-Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt ward, auf daß er
-sein früheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie früher, gleichsam
-ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden
-ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen
-Charakter und seine Lebensverhältnisse näher kennen lernen werden. Und
-er wird Sie verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher; sein
-Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt mehr Verständnis für Dinge,
-die die Begriffe eines Menschen übersteigen, der in alltäglichen
-gewöhnlichen Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in
-ein Stück warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten
-wäre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung
-eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde. Nur ein
-Priester ist imstande, den Menschen über den tiefen heiligen Sinn eines
-Unglücks aufzuklären, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf
-dieser Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer
-ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern wohnt, stets eine Stimme
-aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein früheres Leben
-aufzugeben und von Grund aus zu ändern.
-
- 1844.
-
-
-
-
- VII
- Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee
- An W. M. Jasykow.
-
-
-Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen. Die Odyssee
-ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk
-von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber nur eine Episode. Die
-Odyssee umfaßt die gesamte antike Welt, das öffentliche und das
-häusliche Leben, alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren
-Beschäftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe
-schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält oder was von ihr
-übergangen wäre. Während mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der
-Antike und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende Quelle
-gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff für eine unzählige Menge von
-Tragödien und Komödien; und dies alles machte die Runde durch die Welt
-und wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst vergessen
-wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde
-in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der
-Umstand schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine
-künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte,
-teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um
-all die unendlichen kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge im
-allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte
-es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfräulich unberührten
-Geschmack begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen Homer
-innerlich zu verstehen und nachzuempfinden.
-
-Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste und vollkommenste
-aller europäischen Sprachen übersetzt.
-
-Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam nur die
-Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte seine Verskunst an Übersetzungen
-von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um
-fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden -- sein Ohr
-mußte der Leier aller Völker lauschen, um so feinhörig zu werden, daß
-ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mußte
-auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine
-Landsleute zu ästhetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher
-Liebe zu Homer zu zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers
-selbst vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie stimmte und
-ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk
-nachzudichten, das einer solchen ebenmäßigen Harmonie und Ruhe
-entsprungen ist, er mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum
-Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung
-anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen
-hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen mußten
-erfüllt werden, damit die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer
-sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das _lebendige
-Wort_ entgegenklingen und ganz Rußland Homer als etwas Verwandtes und
-Vertrautes aufnehmen konnte.
-
-Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist
-keine Übersetzung, sondern eher eine Neuschöpfung, eine Restauration,
-eine Auferstehung Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das
-Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original. Der Übersetzer ist
-gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich
-gewissermaßen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser
-gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch klarer und bestimmter
-hervortreten läßt.
-
-Meiner Überzeugung nach haben sich heute die Verhältnisse wie mit
-Absicht so gestaltet, daß das Erscheinen der Odyssee in unserer Zeit
-geradezu zur Notwendigkeit werden mußte: in der Literatur wie überall
-sonst -- macht sich eine gewisse Kühle, ein Nachlassen des Interesses
-bemerkbar. Eine Müdigkeit hat die Menschen ergriffen, man begeistert
-sich nicht mehr und man ist nicht mehr enttäuscht. Selbst die
-krampfhaften und krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem
-Einschlag aller möglichen unverdauten Ideen, wie sie uns als Folge
-politischer und anderer Gärungen angeflogen sind, sind sehr im
-Niedergang begriffen, nur die ewig nachhinkenden Leser, die daran
-gewöhnt sind, sich an die Schleppe der führenden Journalisten zu hängen,
-lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in ihrer Einfalt zu
-bemerken, daß die vorangehenden Leithämmel schon längst sinnend und
-nachdenklich stehen geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin
-sie ihre umherirrenden Herden führen sollen. Mit einem Wort, jetzt ist
-eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines edlen, in all seinen Teilen
-formvollendeten Werks, das das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit
-und Klarheit widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und der Hauch
-einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von unendlicher Bedeutung
-sein kann.
-
-Von der Odyssee wird eine große Wirkung _auf uns alle_ und _auf jeden
-einzelnen von uns_ ausgehen.
-
-Sehen wir einmal zu, was für eine Wirkung sie auf _uns alle_ ausüben
-kann. Die Odyssee ist das Werk, das alle notwendigen Voraussetzungen
-dafür enthält, ein Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke
-gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die von einem Märchen
-ausgeht, und die schlichte Wahrheit menschlicher Erlebnisse, die auf
-jeden Menschen, er mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausüben.
-Edelleute und Bürger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, einfache
-Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei Geschlechts, von jener Altersstufe
-an, wo die Kinder Freude an Märchen zu bekommen pflegen -- sie alle
-werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen -- ein
-Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders wenn man bedenkt, daß die
-Odyssee zugleich ein wahrhaft moralisches Werk ist und daß der alte
-Dichter sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen der
-damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen Bildern darstellen
-wollte.
-
-Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verführerisches für unser
-Volk. Unser Volk ist klug, es weiß sich selbst solche Dinge, die die
-gescheitesten Leute in Verlegenheit bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu
-deuten und zu erklären. Es wird aus alledem nur dies eine entnehmen: wie
-schwer es für den Menschen ist, allein und ohne Hilfe von Propheten und
-höherer Offenbarungen zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen,
-welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von Seinem wahren Wesen
-macht, wenn er die Einheit und die eine Allkraft in eine Vielheit von
-Kräften und Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal über die alten
-Heiden lachen, weil es sie für gänzlich unschuldig halten wird: zu ihnen
-sprachen keine Propheten, Christus war noch nicht geboren, Apostel gab
-es damals noch nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen
-beim Gedanken, daß es mit geringerem Eifer zu Gott betet und seine
-Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfüllt, als die alten Heiden,
-obwohl es den wahren Gott in Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es
-Sein geschriebenes Gesetz stets in Händen hat und in seinen Beichtvätern
-Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz auslegen. Das Volk wird
-verstehen, warum der Höchste auch dem Heiden um seines guten
-Lebenswandels und seines inbrünstigen Gebets willen Seinen Beistand
-lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt eines Poseidon,
-Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris und der ganzen Schar von Göttern,
-die die lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete und zu
-ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird den Polytheismus beiseite
-lassen und sich nur das aus der Odyssee aneignen, was es sich daraus
-aneignen soll, d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist
-ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, um
-dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er wird daraus die Lehre
-ziehen, daß dem Menschen überall und auf jedem Gebiet viel Unglück
-bevorsteht, daß er dagegen ankämpfen muß -- denn nur dazu ward dem
-Menschen das Leben gegeben -- daß er niemals verzagen darf, wie Odysseus
-nie verzweifelte, der sich in schweren Stunden der Not stets an sein
-Herz wandte, ohne zu ahnen, daß er schon durch diese Wendung an sein
-eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet erschuf, das
-sich jedem Menschen, auch dem, der nicht einmal einen Begriff von Gott
-hat, auf die Lippen drängt. Das ist das _Allgemeine_, der lebendige
-Geist ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf alle
-machen muß, noch ehe sie entzückt und ergriffen sein werden von ihren
-dichterischen Vorzügen: der Wahrheit der Bilder und der Lebendigkeit der
-Schilderungen; noch ehe andre bewundernd staunen werden über die antiken
-Schätze, die sich hier vor ihnen auftun und die in all diesen
-Einzelheiten weder von der Skulptur, noch von der Malerei, noch von den
-antiken Denkmälern im allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder
-andre verwundert dastehen werden über die unglaubliche Kenntnis aller
-Windungen und Falten der menschlichen Herzen, die alle offen dalagen vor
-dem blinden Sänger, der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen
-werden über den tiefen staatsmännischen Blick, die große Beherrschung
-der schweren Kunst der Menschenleitung und -regierung, die der göttliche
-Alte gleichfalls besaß, er, der ein Gesetzgeber seines eigenen und der
-kommenden Geschlechter war -- mit einem Wort, noch ehe sich jemand je
-nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschäftigung, seinen Neigungen,
-Liebhabereien und seiner persönlichen Eigenart für irgendeine Einzelheit
-in der Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, weil sich
-dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres Wesen einem jeden mit so
-greifbarer Deutlichkeit aufdrängt, wie es in keinem andern Werk mit
-ähnlicher Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und alles
-beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, wie lebendig, wie
-farbig alle Episoden sind, deren jede beinahe die Grundidee zu
-überstrahlen, in den Hintergrund zu drängen imstande ist.
-
-Warum aber müssen das alle so deutlich empfinden? Darum, weil es dem
-alten Dichter so tief aus der Seele dringt. Man sieht förmlich auf
-Schritt und Tritt, wie er das, was er für alle Zeiten im Menschen
-befestigen und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schönheit
-der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, was an den
-Volkssitten gut und lobenswert war, zu erhalten und zu kräftigen, wie er
-bemüht war, den Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was in
-ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen kann -- in jedem seiner
-Helden den Menschen ein Muster und Beispiel für jeden Beruf und Stand zu
-hinterlassen und allen zusammen in seinem unermüdlichen Odysseus ein
-ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher Tätigkeit aufzustellen.
-
-Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht vor der
-Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten und noch wenig
-entwickelten Regierungsgewalt, diese jungfräuliche Schamhaftigkeit der
-Jünglinge, diese Güte und diese Milde der Greise, diese herzliche
-Gastfreundschaft, dieser Respekt, man möchte fast sagen, diese Ehrfurcht
-vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, dieser Glaube, daß kein
-guter Gedanke im Hirne der Menschen entspringt, ohne den souveränen
-Willen eines höheren Wesens, daß der Mensch aus eigener Kraft nichts zu
-erreichen vermag -- kurz alles, jeder kleinste Zug in der Odyssee kündet
-von dem inneren Wunsche dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der
-alten Welt ein lebendiges und vollständiges Gesetzbuch zu hinterlassen,
-zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber noch Stifter von
-Rechtsordnungen gab, als noch die Beziehungen unter den Menschen durch
-keine geschriebenen Bestimmungen oder bürgerlichen Rechte geregelt
-waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wußten, ja nicht einmal
-ahnten und als allein der göttliche Greis alles sah, hörte, erkannte und
-ahnte -- ein blinder Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen
-eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren Auge, das die
-Menschen nicht besitzen.
-
-Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjähriger Überlegungen unter der
-Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes versteckt! Es ist fast, als
-hätte er alle Menschen zu einer Familie versammelt und säße nun mitten
-unter ihnen, wie der Großvater unter seinen Enkeln, der gelegentlich
-selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und Mutwillen zu treiben,
-und als trage er nun treuherzig seine Erzählung vor, nur darum besorgt,
-niemand zu ermüden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen
-zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf Windesflügeln durch die ganze
-Welt zu tragen, auf daß sich alle spielend aneignen, was dem Menschen
-durchaus nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf daß sie
-unmerklich davon kosteten und sich davon erfüllten, was er während
-seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit an Schönstem und Bestem gesehen
-und erfahren hat. Man könnte das Ganze beinahe für eine ohne jede
-Vorbereitung dahinfließende Erzählung halten, wenn sich einem nicht
-nachträglich, nach einer aufmerksamen Analyse die wunderbare Kunst des
-Baus -- des Ganzen sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthüllte.
-Wie dumm sind doch die superklugen deutschen Gelehrten, die den Gedanken
-aufgebracht haben, Homer sei ein Mythos und all seine Werke seien
-Volksgesänge und Rhapsodien.
-
-Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung die Odyssee auf
-_jeden einzelnen von uns_ ausüben kann. Zunächst wird sie auf unsere
-Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem
-Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den
-Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere
-zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen
-wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver
-ungekünstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke
-bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch
-ruhigem Gleichmaß unsere Rede dahinfließen muß. Sie wird allen unseren
-Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser
-ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder
-vergessen: daß wir nämlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis
-sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat,
-daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen und in seinem
-Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine noch stärkere Wirkung als auf die
-Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die
-Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem
-Gymnasium sind oder auf der Universität studieren, ihr künftiges
-Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die
-Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem
-unnötigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich
-ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben haben.
-
-Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den Geschmack und die
-Entwicklung des ästhetischen Gefühls ausüben. Sie wird einen frischen
-Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse
-Müdigkeit bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke
-unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in
-ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, läßt die literarischen
-Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das
-Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und
-tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum
-ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten
-läßt, wie die Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die
-Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die Bemerkungen und
-Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften
-mehrere Jahre lang beschäftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil
-davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend
-sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, muß man viel lesen, sich über
-vieles neu orientieren, viel erlebt und über vieles nachgedacht haben;
-ein hohler und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum etwas zu
-sagen wissen.
-
-Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski
-gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem
-unserer Schriftsteller, in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja
-nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im Ausdruck, in ihren
-Wendungen noch schärfer und genauer sind, als jener, hat die russische
-Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht.
-Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in sämtlichen
-Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die
-bei jedem andern matt und dunkel wirken würden, und andererseits
-wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen
-klingen und der Rede etwas Herbes, Gefühlloses verleihen würden, stehen
-bei Schukowski so brüderlich zusammen, alle Übergänge und der
-Zusammenstoß der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut,
-alles fließt so in eins zusammen und läßt die schwerfällige Masse des
-Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, daß man den Eindruck hat, als
-hätten der Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt;
-sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der Übersetzer
-völlig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner
-ganzen majestätischen Größe vor unseren Augen, und wir hören die hehren,
-gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen,
-sondern deren Bestimmung es ist, -- ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt
-werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes
-Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten
-Wort seine hohe Würde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen
-richtigen Platz anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen
-Bestimmung es ist, in den Händen aller zu sein und von allen genossen zu
-werden -- das ein geniales Werk ist, diese äußere Wohlgestalt und dieser
-äußere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten:
-hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und wird von jedem
-bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkörnchen sehr richtig mit
-Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach
-herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt und
-strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese
-Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie
-in einem unsauberen unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken
-würde.
-
-Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde derer, die sich mit der
-Wissenschaft beschäftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft
-studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der
-antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das
-finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch
-der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren
-Augen, als hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen.
-Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu
-allen Tageszeiten: wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er
-beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet,
-wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht
-und die Jünglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das
-kleinste Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen
-werden, bis zum Riemenriegel an der Tür -- alles steht noch frischer und
-lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji.
-
-Und endlich bin ich sogar der Ansicht, daß von dem Erscheinen der
-Odyssee eine Wirkung auf den heutigen Geist unserer Gesellschaft im
-allgemeinen ausgehen wird. Gerade in unserer Zeit, wo durch den
-geheimnisvollen Willen der Vorsehung überall ein schmerzlicher Schrei
-der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der Unzufriedenheit
-mit allem, was es auf der Welt gibt, mit den Zuständen, mit der Zeit,
-wie mit uns selbst, wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns
-unser moderner bürgerlicher Geist und die Aufklärung emporgehoben haben,
-verdächtig zu werden beginnt, wo sich bei jedem ein unbewußtes Sehnen
-fühlbar macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, ein Sehnen,
-das vielleicht aus der edlen Quelle, dem Wunsche, besser zu sein,
-entspringt; wo durch die törichten Losungen und durch die übereilte
-Verkündigung neuer ganz unklar erfaßter Ideen hindurch sich ein
-allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer dunkel ersehnten Mitte
-zu nähern, das wahre Gesetz unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie
-das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit muß die Odyssee
-durch die patriarchalische Größe des antiken Lebens, durch die
-unkomplizierte Einfachheit der das öffentliche Leben bewegenden
-Triebfedern, durch die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts
-abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. Aus der
-Odyssee wird unserem neunzehnten Jahrhundert ein starker Vorwurf
-entgegentönen, und dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in
-sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut machen wird.
-
-Was kann zum Beispiel einen stärkeren Eindruck machen, als der Vorwurf,
-den wir in unserer Seele vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike
-Mensch, mit seinen geringen Werkzeugen, bei der großen Unvollkommenheit
-seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu stehlen, Rache zu üben,
-seine Zuflucht zu List und Tücke zu nehmen, um den Feind zu vernichten,
-mit seiner rebellischen, harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur und
-seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch die bloße Erfüllung
-der von den Vorfahren ererbten Sitten und Gebräuche -- die nicht umsonst
-von den alten Weisen eingeführt und festgesetzt worden waren, und die
-nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom Vater auf den Sohn vererbt
-wurden, -- wenn wir sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden
-hat, durch bloße Erfüllung dieser Sitten seinen Handlungen eine gewisse
-strenge Form, ein gewisses Ebenmaß, ja sogar eine gewisse Schönheit zu
-verleihen, so daß alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes seiner
-Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der Faltenwurf seines Gewandes
-Größe und Würde atmete, und daß man in ihm wirklich den göttlichen
-Ursprung des Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all unseren
-gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, mit der Erfahrung
-aller Jahrhunderte, mit unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit
-unserer Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, damit wir
-heilige und göttliche Menschen werden -- wir haben es mit all diesen
-Mitteln zu nichts gebracht, als zu einer gewissen inneren, wie äußeren
-Unordnung, Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wußten nichts aus uns zu
-machen, als traurige, halbe, zerstückelte und kleinliche Menschen, vom
-Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu unserer Kleidung, und zu alledem sind
-wir uns gegenseitig so zuwider geworden, daß keiner den andern mehr
-achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen
-Menschenachtung reden.
-
-Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an ihrer europäischen
-Vollkommenheit Leidenden und Krankenden eine starke Wirkung ausüben. Sie
-wird sie an vieles Kindlich-Schöne erinnern, das uns leider verloren
-gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern muß, als ihr
-rechtmäßiges Erbe. Viele werden zum Nachdenken über manche Dinge
-angeregt werden. Zugleich aber wird vieles aus den alten
-patriarchalischen Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind,
-sich unsichtbar über das russische Land verbreiten. Der Wohlgeruch
-atmende Mund der Poesie vermag unserer Seele manches einzuhauchen, was
-ihr weder mit Gewalt, noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt
-werden kann.
-
-
-
-
- VIII
- Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit.
- Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.
-
-
-Sie beunruhigen sich unnötigerweise wegen der Angriffe, die heute in
-Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit
-der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen
-Sie, daß unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine würdige
-überlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter
-die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflächliche,
-ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche
-hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie
-erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere
-Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht müßig da. Ich
-weiß genau, daß im Innern unserer Klöster und in der Stille unserer
-Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung
-unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer, gerade diese Männer
-tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich
-nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand
-erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem Gebet
-und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und
-alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus
-ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Höhe himmlischer
-Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß,
-wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu
-behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht
-genügen, um einen römischen Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere
-Kirche muß in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte.
-Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns muß ihre Wahrheit
-verkündigt werden. Man sagt, daß es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt,
-aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben.
-Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß zu diesem
-falschen Satz gelangt: -- Wir selbst nämlich sind tot, sind Leichen, und
-nicht die Kirche, und nach _uns_ nennt man unsere Kirche einen Leichnam.
-Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine Antwort sollen
-wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: »Hat die Kirche euch
-denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich
-gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?« Was sollen wir hierauf
-antworten, wenn wir es plötzlich tief im Innern fühlen, wenn das
-Gewissen es uns sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche
-hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie nicht einmal jetzt
-ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem
-Wert und bemühen uns nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern
-wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn
-des Hauses, er möge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein
-Haus birgt, und der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich
-befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in
-ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche
-Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren
-kleinsten äußeren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen
-Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fähig ist,
-alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lösen, sie, die angesichts
-des ganzen Europa das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen
-vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter und Berufe
-veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne
-den Staat in irgendeiner Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland
-groß und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefügte
-harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es
-bisher nur Schrecken verbreitete, -- diese Kirche ist uns bisher ganz
-unbekannt! Diese für das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer
-nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht.
-
-Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen.
-Das hieße sie herabsetzen. Für uns gibt es nur eine Art der Propaganda
--- unser Leben selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche
-verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als _Leben_, durch den
-reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre Wahrheit verkünden. Mögen die
-Missionäre des römischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit
-den Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit
-schnell trocknenden Tränen begleiten. Der Verkünder des griechischen
-Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen
-Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der
-ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der
-alle weltlichen Wünsche erstorben sind, alles erschüttert wird, noch ehe
-er erklärt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu
-ihm spricht: »Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne daß
-du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche.«
-
-
-
-
- IX
- Über denselben Gegenstand
- Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.
-
-
-Die Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig Autorität und Bedeutung
-hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht
-versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so töricht, wie
-die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer
-Kirche an jeder Berührung mit dem Leben gehindert und durch die
-Regierung in ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer
-Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen
-strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wäre
-nicht gut, wenn unsere Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an
-unseren täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen teilnähmen oder sich
-in unsere Familienangelegenheiten mischen würden. Der Geistliche ist
-vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde
-sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien kommen, die man
-den römisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die
-römisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und
-korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit
-hat zwei Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf denen sie
-mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden
-Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jährlich
-Gelegenheit zur Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten
-jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. Und wenn der
-Priester es nur verstände, angesichts des vielen Häßlichen und Bösen,
-das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und
-sich's gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie er so zu den
-Menschen reden solle, daß jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen
-dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mächtige
-Worte dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen mit
-uns nie gelingen würde. Er muß von einem erhöhten Platz zu dem mitten im
-Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck
-gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der
-sie alle beide hört, und daß von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch
-ausgeht, der beide mit ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist
-sogar gut, daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung
-von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch ihre Kleidung, die
-keinerlei Wandlungen und Launen unserer törichten Mode unterworfen ist,
-von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. Das
-ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert übernommenes Rokoko,
-das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende
-Kleidung der römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen
-tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der
-_Heiland selbst_ getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner
-Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an _Den_ mit sich führen, dessen
-Abbild er für uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen
-Augenblick vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und den
-nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal
-strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns;
-daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß sie
-gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch
-jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er überhaupt nur
-bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen.
-Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen
-einläßt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen
-sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die
-ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und
-nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint,
-darstellen können. Der Priester muß auch Zeit für sich selbst haben, er
-muß an sich selbst arbeiten können. Er muß sich ein Beispiel an unserem
-Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er
-sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den
-Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge
-Köpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der Welt
-herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese
-Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben
-lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen
-sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die Welt erzogen,
-sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der
-Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge
-verborgen: suche zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du
-_ihn_ erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel auch die Seelen
-aller anderen aufschließen.
-
-
-
-
- X
- Über das Lyrische bei unseren Poeten
- An W. A. Schukowski
-
-
-Laß uns von dem Aufsatz sprechen, über den das Todesurteil gefällt ist,
-d. h. von dem Aufsatz, der die Überschrift: »_Über das Lyrische bei
-unseren Poeten_« trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil! So ward ich
-denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer
-und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt
-geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen »Sowremennik«
-meine Betrachtungen über unsere russischen Dichter zu senden; und nun
-hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung
-preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet,
-während mich die andern alle anfeuern und ermuntern; weiß ich doch
-selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich
-nur auf meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du meinen
-Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich
-daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe,
-von gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten meine
-Gedanken und Betrachtungen über die Literaten. Hier kommt alles, was ich
-schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich
-bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken und
-niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe,
-sondern auch mit dem Herzen erahne und erfühle. Der Kern meines
-Aufsatzes ist vernünftig und richtig, und doch habe ich mich so
-ausgedrückt, daß jeder meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert.
-Ich muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt
-etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt -- es ist dies jenes
-Etwas, das an die Bibel gemahnt, -- jene höhere Art Lyrik, die nichts
-gemein hat mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere
-Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph geistiger
-Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und
-Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik
-überall da entgegen, wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur
-an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der Prophet, oder sogar
-an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode
-veröffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du
-wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft, ja sogar
-über sich selbst hinauswächst, wenn er an etwas Höheres rührt. Ich
-möchte hier eines seiner Jugendgedichte »Der Genius« als Beispiel
-anführen. Es ist übrigens nicht lang.
-
- Einst stürmte der Prophet, der hohe,
- Mit Blitz und Donner himmelwärts,
- Und eine mächt'ge Feuerlohe
- Erfüllte da Elisas Herz.
-
- Es reckte sich sein Geist empor;
- Ein heiliges Gefühl erblühte
- In ihm, der vor Begeistrung glühte,
- Und Gottes Stimme lauscht' sein Ohr.
-
- So wird der Genius mit Beben
- Sich eigner Größe froh bewußt,
- Sieht er den Bruder aufwärts streben
- Mit Donnerlaut aus Erdendust.
-
- Und hehrer Wundertat entgegen
- Die Kräfte reifen neu erwacht,
- Und seiner Werke hoher Segen
- Strahlt sternengleich durch Weltennacht.
-
-Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Größe! Ich suchte
-das dadurch zu erklären, daß unsere Dichter jeden großen Gegenstand in
-seinem richtigen Zusammenhang mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit
-Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt, weil die russische
-Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus
-irgendeinem Grunde ganz von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich
-zwei Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so
-nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist --
-_Rußland_. Bei dem bloßen Klang dieses Namens erhellt sich plötzlich das
-Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn
-herum größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu höherer Würde
-und Größe empor, und erhebt er sich hoch über den gewöhnlichen Menschen.
-Das ist mehr als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene die
-Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafür sind unsere
-Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen können
-einem Rußland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Rußland
-spricht -- dann fühlt man eine übernatürliche Kraft durch seine Adern
-rinnen, man ist gleichsam ganz erfüllt von der Größe Rußlands. Die
-Vaterlandsliebe allein hätte -- gar nicht erst zu reden von Dershawin --
-nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen, feierlichen
-Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Rußland
-redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie
-Stephan Batorius gegen Rußland in den Krieg zieht.
-
- Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht,
- Schon eilt er, seine ganze Macht
- Zu einer Heerschar zu verdichten,
- Um, wenn er Pskow den Tod gebracht,
- Rußland für immer zu vernichten!
- Doch du, o heil'ges Vaterland,
- Du hehre Liebe unsrer Ahnen,
- Du riss'st das Schwert aus seiner Hand.
- Nicht siegten diesmal seine Fahnen.
-
-Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar
-unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rußlands verbindet,
-entspringt daraus, daß der Gedanke unbewußt an die höchste Vorsehung
-rührt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes
-zum Ausdruck kommt. -- Außer der Liebe aber ist hieran auch noch das
-tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge beteiligt, die sich durch
-Gottes Willen auf jenem Stück Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde,
-das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung
-eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst noch nicht für alle
-sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr
-der Poesie, das alles hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im
-_Samen_ die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen
-allmählich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie
-drücken sich so unklar aus, daß ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du
-hast unrecht, wenn du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom
-Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft spricht, einer
-Modeströmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren
-Köpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden,
-ohne zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder sind -- das ist
-alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten:
-von diesen war gewöhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in
-das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern
-werden viel Unnützes und Überflüssiges zusammengeredet haben, trotzdem
-aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die
-Auserwählten klar und verständig auszusprechen wußten; sonst hätte das
-Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch
-England, noch Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien
-und künden nicht von sich selbst, warum tut dies Rußland allein? Nun,
-weil Rußland es deutlicher fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an
-allem teilhat, was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es ein neues
-Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen Töne bei unseren Dichtern.
-Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen,
-und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen
-noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen. Und hier darfst du nicht
-mit mir streiten, mein herrlicher Freund.
-
-Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen, an dem sich die
-Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge
-erhebt, von dem hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken.
-Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie
-schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene,
-königliche Note verliehen. Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber
-brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem,
-nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher Gedanken
-und Erwägungen fähig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und
-den Wunsch, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, suchen, und werden
-diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener
-Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist,
-der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins
-verweilen, in denen er den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger
-Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit
-Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht, die den Augen --
-nicht nur der Russen -- nein auch gefühlloser Wilden, die an den
-äußersten Enden seines Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen
-Berührung mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige Hand des
-Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem
-Ausdruck emporgehoben, daß selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden
-sollte, der für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim Lesen
-dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von
-tiefer Rührung über die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden würde.
-Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen
-Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an
-Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne
-Rührung lesen, in denen der Dichter davon spricht, daß, wenn seine
-Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur
-deshalb geschehen werde,
-
- Weil ich die Kaiserin besang,
- Der Reußen Zarin, welcher keine
- Je gleichkommt auf der weiten Welt.
- Des rühme, rühm' dich, meine Leier.
-
-Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum
-ohne aufrichtige seelische Erschütterung lesen:
-
- Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder;
- Das Alter raubte mir die Lieder.
- -- -- -- -- -- -- -- -- ... Bald
- Ertönt der andern Lied, wenn meins verhallt,
- Und meiner Hand entsinkt die Leier;
- In andern glühe nun das Feuer,
- Mit dem drei Zaren einst mein Sang
- Zu Ruhm und Preis erklang.
-
-Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird nicht lügen. Während
-seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt
-und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis
-übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht.
-Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Daß sie im ganzen
-Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der
-Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich
-vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte des Problems. Der
-ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne
-sich vorher Rechenschaft über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu
-haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner
-Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die
-kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt
-wird, die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer einzigen, oder
-etwa bloß von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in
-ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollständigkeit nachzuschaffen, er
-konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem
-Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat
-Puschkin die Bedeutung des unumschränkten Monarchen gekennzeichnet! Wie
-klug war überhaupt alles, was er während seiner letzten Lebensjahre
-gesagt hat: »Warum,« so pflegte er zu sagen, »warum muß einer von uns
-höher als alle, ja selbst noch über dem Gesetze stehen? Darum, weil das
-Gesetz ein Stück Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas
-Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche fehlt.
-Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes allein kommt man nicht
-weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu
-bedarf es eben der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich
-für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt verkörpern kann.
-Ein Staat ohne souveränen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel,
-wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die
-Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind
-so hohl und so leer geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind.
-Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem Orchester ohne
-Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen noch so tüchtig sein; wenn es
-an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes
-lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein
-gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu
-tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen
-kaum merklich hin und her, und hält Überschau über alle Musiker, und
-doch genügt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, häßlichen
-Ton einer täppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In
-seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu
-frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; er wacht über der
-allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter höchster
-Eintracht und Harmonie!« Welch tiefes Verständnis besaß er für die
-großen, ewigen Wahrheiten!
-
-Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er
-ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck
-gebracht, das du übrigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken
-abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die
-Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir
-hier des Rätsels Lösung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus,
-die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung
-ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt,
-eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige
-Auserwählte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen
-befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits in
-den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen.
-Er hatte sich in den andern Flügel des Schlosses zurückgezogen, die
-erste freie Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die
-Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektüre
-versenkt, während im Saale schon längst die Musik schmetterte und die
-Tänze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spät beim Ball,
-während auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke
-nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen
-wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen
-tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode,
-die ich hier noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige
-Strophe:
-
- Lang hieltest Zwiesprach' du mit dem Homer allein,
- Lang harrten wir auf dein Erscheinen,
- Und aus der Ätherhöh' stiegst du im Strahlenschein,
- Durch das Gesetz uns zu vereinen.
- Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl
- Dir gotteslästerliches Singen
- Beim wüsten Zechgelag', du sahst uns blind und toll
- Um unsern neuen Götzen springen.
- Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen
- In deinem Blick voll Hoheitsschimmer;
- Und da verfluchtest du den kindisch blöden Wahn,
- Schlugst deine Tafeln jäh in Trümmer.
- Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Höhen wolkenfern
- Stiegst du ins Tal, das wolkenlose.
- Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern
- Dem Bienensummen um die Rose.
-
- (Fiedler.)
-
-Aber lassen wir die Person Nikolaus' II. beiseite und sehen wir zu, was
-der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die
-Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in
-dem Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit
-dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf
-dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt ist,
-der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für sie, die er Gott
-gegenüber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den
-Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung
-leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt und so
-schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender
-Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller
-Sinnengenüsse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme
-Gottes in den Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht, der
-darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der
-darf, wie er, seine Tafeln in Trümmer schlagen und das leichtsinnige,
-gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben,
-wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und
-eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Götzen springt. Aber was
-Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene höchste
-Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche der
-Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei
-nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu
-bestehen vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, göttlichen
-Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser
-ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles,
-was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger alle
-Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich
-über alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu
-nähern, allen gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen
-herabzusteigen und allem verständnisvoll zu lauschen: vom Donner des
-Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten
-Freuden und Vergnügungen.
-
-Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich
-selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei,
-vor der Größe und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrängenden
-Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten,
-daß das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die
-Unabhängigkeit seines Geistes und auf seine persönliche Würde war.
-Niemand hat so gesungen wie er:
-
- Ein Denkmal hab' ich mir errichtet ohnegleichen;
- Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad,
- Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen,
- Die sich Napoleon errichtet hat[2].
-
- (Nach Fiedler.)
-
-[Fußnote 2: Im Original heißt es: »Die Kaiser Alexander hat.« Schukowski
-hat wohl aus Zensurrücksichten Alexander in Napoleon umgeändert. Anm.
-des Herausg.]
-
-An den »Ruhmeszeichen Napoleons« bist freilich du schuld, aber selbst
-wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen Fassung erhalten geblieben
-wäre, sie wäre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß
-Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen gekrönten
-Häuptern überlegen fühlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und
-gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und
-daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter ihnen zu beugen,
-die der Welt die ganze Größe und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen
-geführt haben.
-
-Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut,
-indem sie erkannten, daß sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten
-_Liebe_ aufgehen, und daß es so allen offenbar werden müsse, warum der
-Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur
-instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in
-Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin,
-in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken.
-Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit
-und beinahe jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten
-winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu
-helfen: jede äußere Berührung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein;
-jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh
-und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schließlich so
-laut werden, daß selbst das gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen
-wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten
-Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie
-bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu
-allem, was menschlich ist, entbrennen -- von einer gewaltigen Liebe, wie
-er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewöhnlichen
-Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich
-verwirklichen können, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie
-ganz zur Tat werden; nur die können völlig von ihr durchdrungen werden,
-denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu
-lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wären. Wenn so der Fürst von
-Liebe für jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und Stand
-ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen
-Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden,
-Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und für es beten
-wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige Stimme der Liebe lebendig
-werden, die der leidenden Menschheit allein verständlich ist, die ihre
-Wunden nicht schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen
-Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten
-Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird
-ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen
-wird -- ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist.
-In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung,
-die höchste Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner, die
-Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der
-Sache in Betracht gezogen, nämlich die, daß der Monarch der höchste
-Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher
-wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten
-sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich
-täglich ändernden Umstände es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu
-erweitern oder zu beschränken; dadurch aber wird dort der Fürst seinem
-Volk und umgekehrt das Volk seinem Fürsten gegenüber in eine sonderbare
-Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei
-Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reißen
-will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die
-höchste Bestimmung des Monarchen erkannt; -- die Dichter haben Gottes
-Willen mit ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische
-Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu begründen, daher nehmen
-ihre Töne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort »Zar«
-ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil
-jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung
-spricht: diese monarchische Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und
-vollkommensten Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die sich von der
-Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen
-deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu
-vereinigen, um diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen
-Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu
-erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von uns mit jener höheren
-Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne die der Mensch sich selbst nicht
-verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf
-gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn
-der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf daß nachher, wenn
-jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfaßt und alles sich seiner
-Kraft bewußt ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in
-der Hand voraustragend, sein ganzes von _einem_ Geiste beseeltes Volk
-mit sich reißen und jenem höchsten Lichte entgegenführen könne, nach dem
-sich Rußland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare
-Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe
-sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung
-dieser monarchischen Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches
-Geschlecht darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie das der
-Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der
-letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben
-und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen
-Opfer ein unzerreißbares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk
-gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat
-eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt.
-[Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und
-sind so sehr eins geworden, daß es uns allen heute als ein großes
-Unglück erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan vergessen und
-sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und
-sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes
-gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Fürstengeschlechts
-zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz
-unbekannten Jünglings auf den Thron, wo doch Männer aus den ältesten
-Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Männer, die ihr
-Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich
-eine Reihe von Fürsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten,
-daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen, und es
-erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht _einer_ wagte es,
-seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren
-Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von
-Anhängern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt? Einer, der in
-weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die
-Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter den Bojaren,
-denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk,
-das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort
-im Schwange blieb: »Der Kopf war gut, gottlob, daß er in der Erde
-ruht.«] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum
-letzten Habenichts herab einstimmig, daß der Thron ihm gehören solle.
-Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, daß die Lyrik
-unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Königs aus den
-Büchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen
-Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich äußern sehen
-konnten -- wie kannst du glauben, daß die Lyrik unserer Dichter nicht
-voller biblischer Anklänge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte
-nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu verleihen: dazu
-bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden
-Überzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls;
-sonst müßten ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in
-deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefühl deiner
-liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu
-Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht
-besitzen. Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch nicht, daß es
-überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt doch berücksichtigen, daß du ja
-nicht alle Züge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben
-sich viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so stark in die
-Breite entwickelt, daß sie den andern keinen Raum zum Wachstum ließen,
-und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen
-russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten
-Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Züge
-dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und
-Schrecken überläuft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell
-und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag
-sich für nichts mehr zu begeistern, als für ihren höchsten Quell, d. h.
-für Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die
-vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht
-den Abdruck des Göttlichen an sich trägt. Wer nur ein Fünkchen von
-dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller
-Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel,
-vor dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen läßt, was
-einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen ähnlich sieht.
-Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen
-Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste über jeden Lohn
-erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Näheres über
-seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das
-zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden. Er hat bei
-Lebzeiten nie mit jemand von den Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten,
-und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem vielen
-kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen
-man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und
-zornigen Ausfällen aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz
-aufgehört hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen zu glauben
--- war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten: man hätte ihm
-am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn
-verdächtigt, daß er sich von Habgier und von einem selbstsüchtigen
-Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem
-Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Rußland finden,
-der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst
-irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines
-hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fähig
-ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen,
-doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen:
-»wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die
-lauterste Wahrheit.«] Die königlichen Hymnen unserer Dichter haben
-selbst Ausländer durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in
-Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen
-darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick
-ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz
-Paris über uns empört war. Trotzdem aber hat er feierlich erklärt, daß
-in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines,
-sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach
-hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine
-Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller
-ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen
-wirklich die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken klarsten
-Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre
-geistigen Porträts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer
-Selbstverherrlichung machen würden, wenn nicht das ganze Leben des
-Dichters eine Bestätigung ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine
-Zukunft denkt, sagt er
-
- Und meinem Volke bleib' ich lange lieb und teuer,
- Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt,
- In grauser Zeit durchglüht sein Herz mit Freiheitsfeuer
- Und den Gefallnen nie verdammt.
-
- (Fiedler.)
-
-Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort zu erkennen, wie treu
-dies Porträt ist. [Wie lebhaft konnte er werden, wie konnte er sich
-begeistern, wenn es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten
-zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu reichen. Wie ungeduldig
-wartete er auf den Augenblick, wo der Zar ihm gnädig gestimmt war --
-nicht etwa, um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen --
-nein, um ein Wort für einen Unglücklichen oder Gefallenen einzulegen.
-Ein echt russischer Zug.] Denke nur an jenes rührende Schauspiel, wenn
-das ganze Volk zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien
-antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! der eine
-Speise und Trank, der andere etwas Geld, ein dritter ein christlich
-mildes Trostwort. Da gibt es nichts von Haß gegen den Verbrecher, auch
-nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden machen will,
-sich seine Unterschrift oder ein Bild von ihm zu verschaffen sucht, oder
-ihn neugierig anstarrt, wie dies wohl im aufgeklärten Europa vorkommt.
-Dies ist etwas Größeres: es ist auch nicht der Wunsch, ihn zu
-entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit zu entreißen; es ist der
-Wunsch, seinen sinkenden Mut zu heben, ihn zu trösten, wie ein Bruder
-den Bruder tröstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trösten.
-
-Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser Neigung, den Gefallenen
-wieder zu erheben. Daher pochte auch sein Herz so stolz und stürmisch,
-als er davon hörte, daß der Monarch nach Moskau kommen wolle, während
-dort die Cholera wütete. -- Eine Regung wie diese hatte wohl noch kein
-Monarch gezeigt; und so konnte sie der Anlaß zu jenen wundervollen
-Versen werden:
-
- Beim Himmel, wer so kalt und fest
- Dem schwarzen Tode kann begegnen
- Um andrer willen, ist ein Held.
- Ihn wird der Himmel ewig segnen,
- Wie auch der Spruch der blinden Welt
- Mag lauten ....
-
- (Fiedler.)
-
-Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug aus dem Leben eines
-anderen Monarchen: Peters des Großen, verherrlicht. Denke an das
-Gedicht: »_Das Fest an der Newa_«, wo er erstaunt fragt, was wohl der
-Anlaß zu jenem ungewöhnlichen lauten Jubel, jener Feier im Hause des
-Zaren sein mag, von der ganz Petersburg und die ganze Newa widerhallt,
-die vom Kanonendonner erschüttert wird. Er zählt alle Ereignisse auf,
-die das Herz des Zaren erfreut haben mögen und der Anlaß zu diesem
-großen Jubelfeste sein könnten; er fragt sich: ist dem Zaren ein
-Thronerbe geboren, feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag,
-triumphiert der Zar über einen unbesiegbaren Feind, oder ist die Flotte,
-für die der Zar eine besondere Leidenschaft hatte, im Hafen eingelaufen?
-Und er antwortet auf alle diese Fragen:
-
- Weil zum Feind er stieg hernieder
- Und begrub uralten Groll,
- Schäumen Becher, tönen Lieder,
- Ist der Zar so freudenvoll,
- Herrschet Jubel in den Hallen,
- Rauscht das Fest am Newastrand.
- Und Kanonenschüsse schallen
- Donnernd durch das weite Land.
-
-Puschkin allein konnte die ganze Schönheit einer solchen Handlung
-empfinden. Seinem Untertan nicht nur vergeben können, sondern diese Tat,
-diesen Akt der Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg über einen Feind
--- das ist ein wahrhaft göttlicher Zug. Nur im Himmel ist man solcher
-Handlungen fähig. Nur dort ist mehr Freude über die Reue eines Sünders
-als über einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen Heerscharen
-nehmen an dem himmlischen Festmahle Gottes teil. Puschkin war ein Kenner
-alles Großen im Menschen, für das er ein tiefes Verständnis hatte, und
-wie hätte es auch anders sein können, wenn die innere Vornehmheit ein
-charakteristischer Zug fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist
-höchst merkwürdig, daß die Schriftsteller in allen anderen Ländern wegen
-ihres persönlichen Charakters nicht die volle Achtung der Gesellschaft
-genießen. Bei uns ist es gerade umgekehrt. Bei uns wird selbst ein
-Mensch, der kein Schriftsteller, sondern ein bloßer Pfuscher ist, der
-nicht allein keine schöne Seele hat, sondern sich bisweilen sogar recht
-gemeine und niedrige Handlungen zuschulden kommen läßt, im Innern
-Rußlands durchaus nicht für einen gemeinen Menschen gehalten. Im
-Gegenteil, in allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den
-Schriftstellern hören, lebt etwas wie eine innere Überzeugung, daß der
-Schriftsteller ein höheres Wesen ist, daß er unbedingt ein edler Mensch
-sein muß, daß sich vieles für ihn nicht schickt und daß er sich manches
-nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer unserer
-Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat war, während der Wahlen
-zur Adelsversammlung seine Stimme einem Menschen, der kein ganz reines
-Gewissen hatte -- da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn,
-tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: »Und das will ein Schriftsteller
-sein!«
-
- 1846.
-
-
-
-
- XI
- Diskussionen
- Aus einem Brief an L***
-
-
-Der Streit um den Grundcharakter unserer europäischen und slawischen
-Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt,
-beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz
-erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, daß auf beiden
-Seiten viel törichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und
-Europäisten -- Altgläubige und Neugläubige -- Östlinge und Westlinge --
-(was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir nicht zu sagen, weil sie
-mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie
-wirklich sein wollen) -- sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen
-Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar
-nicht widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum Streit für
-sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebäude und sehen nur
-einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze
-Fassade, können aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen.
-Natürlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und Östlinge,
-weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und
-nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben
-bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen
-Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie
-unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, daß sie über
-dem Giebel, der diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau
-ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht
-sehen. Man könnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur für einen
-Augenblick, etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig
-zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist
-des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder von beiden ist überzeugt, daß
-das Recht ganz und ausschließlich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz
-und ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut
-auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet
-sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mücke, die er
-findet, einen Elefanten. Natürlich bringen sie mit solch trotzigen
-Großsprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles
-schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits mancherlei kennen
-lernen, wovon sie früher nie etwas gehört haben, und sich nur noch
-dagegen sträuben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern
-nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander nicht
-gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften
-beschränkten. Das Schlimme ist, daß zwei entgegengesetzte Anschauungen,
-die noch so wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe vieler
-Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir
-erzählt, es käme vor -- und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt
-oder wo die Macht in den Händen zweier Personen liegt -- daß ein
-Vorgesetzter vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und zu regieren
-sucht, während der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle
-alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten
-Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und
-daraus erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten, nur
-Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide
-Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem völlig klar sind,
-machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze.
-Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich, sei es unter der Maske
-eines Slawophilen oder Europaschwärmers -- wie sich's trifft -- d. h. je
-nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches Pöstchen
-zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als
-Vorkämpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verüben.]
-Diese Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der sich
-klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die
-Jugend zuerst gründlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist
-nun einmal so und muß auch so sein, daß sich die größten Schreier
-gründlich sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal
-gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen
-um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit.
-Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernünftig, und
-ich bin sogar überzeugt, daß du dies besser machen wirst, als ein großer
-Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur
-in Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor
-jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck.
-Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr
-gutes Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, daß du kein
-Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist.
-Einem jungen Mann stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu
-zürnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute
-etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz
-einfach häßlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lächerlich
-gemacht. Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: »Dieser häßliche,
-alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Bärenhaut gelegen und
-nichts getan und nun tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten
-Vorwürfe wegen ihres schlechten Lebenswandels.« Aus dem Munde eines
-alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute und polternde Worte
-kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut muß die hohen Reden des
-Greises durchwehen, so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung
-finden und das Gefühl haben, daß jede Rede hier unziemlich wäre und daß
-ein ergrautes Haupt etwas Ehrwürdiges habe.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XII
- Der Christ schreitet vorwärts
- An Schtsch--w
-
-
-Mein Freund! Halte dich nicht für mehr, als für einen Lehrling und für
-einen Schüler. Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um noch zu
-lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon die rechte Reife und den
-höchsten Grad der Entwicklung erreicht und daß dein Charakter und deine
-Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser
-werden können. Für einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er
-bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schüler bis zum Grabe. Nach dem
-gewöhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine höchste
-Verstandesreife mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und
-vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein wenig aufwärts;
-jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und
-wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser,
-sondern sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht
-hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, und wo für die andern
-die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst für den
-Christen. Die begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie das
-vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde und schwach. Nimm alle
-Philosophen und die größten weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit
-fällt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr
-Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar häufig in
-Kindheit zurück. Denke zum Beispiel an Kant, der während seiner letzten
-Jahre fast gänzlich das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb.
-Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, daß sie
-an Verstand und Geisteskräften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden
-und je mehr sie sich dem Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von
-Natur keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes
-Leben lang für einfältig und dumm galten, setzten die Menschen später
-durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil
-sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch
-nur während seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten träumt,
-denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige
-Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes haben. Versinken
-aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten -- so
-erlischt auch die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber
-strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergängliche
-Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling sehnt er sich nach den Kämpfen des
-Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und
-anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter Blick, der immer an
-Schärfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen
-und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher können
-auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder schwächer werden, sie
-werden vielmehr unaufhörlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und
-sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn,
-wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersättlichen
-Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter
-fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rückschritte machen, und
-warum er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet.
-
-Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in uns. Er hat lediglich
-polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding
-seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber
-schreitet nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in uns,
-aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. Abstrakte
-Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften
-tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie
-ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er ist
-weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie die Leidenschaften
-in uns zu toben beginnen, wird er blind und töricht; ist unsere Seele
-dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt
-auch er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein
-weit höheres Vermögen; aber sie wird nur durch den Sieg über die
-Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die
-ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft
-setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwärts
-zu streben. Es gibt ein noch höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und
-diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns
-bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren,
-sondern ist ein Geschenk der höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon
-Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch
-erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in heißem Gebet bittet,
-sie ihm herabzusenden, daß er seine Seele bis zur reinsten
-unschuldigsten Güte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem
-Vermögen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in
-sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine
-Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und wo noch nicht alles ganz
-einträchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das
-Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, und
-er lernt die ganze wundersame Süßigkeit kennen, die darin liegt, ein
-Schüler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter
-den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat weiß er
-die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das törichteste
-Ding wendet ihm seine tiefste, klügste Seite zu, und das ganze Weltall
-liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle
-andern wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als den andern
-wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß er ein Schüler ist. Sollte ihn
-jedoch auch nur für einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine
-Lehrjahre beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er
-sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt fühlen, so
-wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen werden, und er wird im
-Dunkeln zurückbleiben, wie König Salomon in seinen letzten Tagen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XIII
- Karamsin
- Aus einem Brief an N. M. Jasykow
-
-
-Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat,
-mit großem Vergnügen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der
-Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der äußeren Form nach:
-seine gewöhnlichen groben und plumpen Ausfälle fehlen hier ganz, und
-auch der Stil hat nichts von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr
-schadet. Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt,
-geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so
-klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen ganz durch sich selbst
-beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich
-mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig
-vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine außergewöhnliche
-Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von
-dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz
-erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und für die fünf
-Talente, die ihm verliehen waren, noch fünf neue hinzuerworben! Karamsin
-war der erste, der den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei
-uns unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster Bürger
-unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkündet,
-daß die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß
-sie, wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen Streben nach dem Guten
-beseelt sei, daß dieses Streben seine ganze Seele erfüllt, ihm in
-Fleisch und Blut übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, nie
-zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er überall Freiheit
-genießen könne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat
-eine so kühne und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum
-seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken brauchte, trotzdem
-sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen
-Regierung übereinstimmten, und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er
-allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller!
-Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man
-könne in Rußland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn
-im Auge! Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, daß
-sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmütigen
-Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und
-deren maßlose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten
-verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie
-empört, daß niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhören will! Nein, man
-muß ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, dann erst
-hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: dann werden uns alle
-anhören, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird
-uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man in keinem Lande
-der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Bürgerrechte
-und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite
-der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und
-Hingebung vermag eben nur unser herrliches Rußland zuzuhören [von dem
-man sich erzählt, daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt].
-
- 1846
-
-
-
-
- XIV
- Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und
- von der Einseitigkeit überhaupt
- An den Grafen A. P. T...
-
-
-Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so
-einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein
-Mensch, der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt
-eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur
-noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den
-Weg nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr
-Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt für sündhaft und
-für ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht
-strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das Theater
-ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Stütze für Ihre
-Ansicht, daß auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater
-eifern: und sie haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken Sie
-einmal etwas tiefer darüber nach: _sind Sie wirklich_ gegen das Theater
-oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die
-Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum
-überall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer
-Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von überall
-vertriebenen Heidentums und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale
-war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mächtig gegen
-das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die ganze Welt
-hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europäischer
-Völker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage
-begann, und nun waren es die heiligen Männer selbst, die das Theater
-wieder begründeten und einführten: an den geistlichen Akademien wurden
-Theater gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den
-heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete selbst Stücke, die zur
-Aufführung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater.
-Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten
-Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. Man muß einem Ding jedoch
-stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und
-es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt
-wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine
-unwichtige Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, daß es eine große
-Menge von fünf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen
-Räumen aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze Menge, in der
-die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander gemein haben,
-plötzlich von einer großen Erschütterung ergriffen werden, in einem
-einzigen Augenblick in _einen_ Strom von Tränen oder in ein einziges
-allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus
-man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie müssen freilich einen
-Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren
-Theater und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen und
-all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstücke, die nur für
-das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem
-korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das eigentliche
-Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragödien und Komödien
-aufgeführt werden, muß in völliger Unabhängigkeit von allen anderen
-Künsten dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare mit Tänzern
-und Tänzerinnen in weißledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen.
-Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist
-der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das
-begriffen: dort gibt es eigene Theater für die Werke der höheren
-dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung
-subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, ob es
-nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur
-Aufführung zu bringen, daß das Publikum auf sie aufmerksam würde und daß
-die wohltätige moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern
-ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, Sheridan, Molière, Goethe,
-Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter
-den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben
-nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den
-großen Gegenständen zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die
-leisesten Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken der
-fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die sich mit
-politischen Fragen beschäftigten und die Saat der Mißachtung gegen das
-Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott
-aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung,
-Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller
-menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe für das Gute ist
-selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben
-funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen
-dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stücke,
-die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschäftigen,
-müssen dazu führen, daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen
-und in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere unmerklich
-innerlich kräftigen und befestigen, während diese Flut von leichten und
-nichtssagenden Stücken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten
-Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und
-zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig macht.
-Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glänzender Gegenstände
-in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen
-ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege
-begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des
-Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor
-finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht,
-die zum Christentum emporführt, und wenn man sie nicht auf einen höheren
-Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des
-Christentums besser überschauen und alles besser erkennen kann, was ihr
-früher gänzlich unverständlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was
-allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann,
-die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das
-Theater, wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden könnte. Man
-müßte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Völker in ihrer ganzen
-strahlenden Schönheit zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja
-so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und dasselbe Werk
-fortwährend wiederholen. Und das ist sehr wohl möglich. Man kann allen
-Stücken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle
-interessieren, die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht,
-sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß sie veraltet sind und
-daß das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist
-gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man
-es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre üblen Melodramen
-vorsetzen würden, würde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen
-finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste
-Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird das Publikum in
-Scharen herbeiströmen. Molière wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare
-wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine
-solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, und diese
-Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler und dem allerersten und
-tüchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet,
-anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen,
-irgendeinen Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, sondern er
-soll alles allein machen und allein über alles verfügen. Es muß sogar
-besonders dafür gesorgt werden, daß die ganze Verantwortlichkeit ihm
-allein zufalle; man muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum
-sämtliche Nebenrollen -- und zwar eine nach der anderen -- spielen
-lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor
-Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten
-Vorbildern, die durch eine dunkle Überlieferung bis auf sie gekommen
-sind, sie schöpfen ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches
-lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung
-untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das
-Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal
-nacheinander anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin
-oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals
-gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf
-seine alte Rolle zurückkommt, nachdem er sämtliche anderen Rollen
-gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von
-seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; das Stück aber
-wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung -- etwas bisher völlig
-Unerhörtes -- für den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt
-nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, als jene
-vollkommene Ausgeglichenheit und Übereinstimmung aller Teile, wie sie
-ihm bisher nur in der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester
-entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, daß
-ein Werk der dramatischen Kunst häufiger hintereinander gegeben werden
-kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in
-Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger,
-als die Töne der Musik. Ich muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur
-dann möglich, wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, wie es
-sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit für das Repertoire
-einem erstklassigen Schauspieler zufällt, d. h. wenn die Tragödien von
-dem ersten tragischen und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler
-inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen
-innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich weiß, wieviel Leute es bei
-uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich überall
-herandrängen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit
-irgendwelchen Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein
-Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher er plötzlich kommt,
-das weiß Gott allein: es ist, wie wenn er plötzlich aus dem Wasser
-emporgetaucht wäre; er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal
-zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere
-und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann fängt er
-allmählich an, sich in alles hineinzumengen, bis schließlich alles in
-Unordnung gerät. Diese Sekretäre sind wie ein unsichtbarer
-Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und Ämter unterwühlt, und das
-Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den
-Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich verwirrt und
-verschoben. Wir haben uns erst neulich über alle Berufe und Ämter
-unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt
-innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, daß sie
-gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie gewissermaßen wie durch
-die Hand des Höchsten dafür geschaffen sind, um allen Bedürfnissen
-unseres Staatslebens zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem
-wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu
-wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu
-zerstören oder sich völlig über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz
-kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein
-Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Tätigkeit überschreiten,
-weil sie glaubten, daß sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und
-edler werden müßten. Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von
-den höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre aber
-haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen
-ihres Berufs zu überschreiten. Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit
-zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen
-Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen
-Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm
-diese Vermittlung übertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut
-dem Untergebenen gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre,
-er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang auf sich
-warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten
-zu erleichtern, trägt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und
-dies alles geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretärs
-einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche
-und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in
-meiner Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen erröten
-mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stümper gegen
-sie. Dies alles wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so
-viele traurige Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche
-Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der
-Niedertracht eines Sekretärs, der die gleiche Achtung für sich in
-Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich,
-wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, daß er ihn zu
-verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm
-beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten Mittel bediente, deren nur
-ein ehrloser Mensch fähig ist. In den Departements für die schönen
-Künste usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees oder
-eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt
-es meist keinen Sekretär, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat
-er lediglich die Verfügungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat
-die Geschäftsführung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber
-kommt es doch auch dort vor, daß er sich dort infolge der Trägheit der
-Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und
-die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen Leiters an
-sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbäcker fängt
-an Stiefel zu machen und der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler
-erhält Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; es
-erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt nicht verstehen kann,
-wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der
-doch bis dahin ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes
-Schriftstück abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran
-beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch
-auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat's
-hingeschmiert, dem der Name Hündchen gebührt.]
-
-Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung und
-Ausführung in den Händen eines höchsten Meisters dieser Kunst liegen
-[und nicht in den Händen irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der
-Verwaltung des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur
-der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er
-allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein
-erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Künstler ist, kann eine
-gute Auswahl von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen
-sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden
-müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige Leseproben und
-Probeaufführungen des ganzen Stückes zu veranstalten. Er wird es dem
-Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu
-lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler das Ganze
-zusammen einstudieren und daß jeder seine Rolle ganz von selbst während
-der Proben lernt und im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände
-selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße Berührung mit
-ihm unwillkürlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton
-trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen:
-solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, können
-sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfüllt sich
-jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und
-Natürlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton
-der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in
-einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort
-hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort
-einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist
-imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler
-seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort
-geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er
-nie wieder loswerden können. Du wirst nie einen andern aus ihm machen,
-kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen;
-die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von
-ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm für ihn bleiben, und
-auch das Stück wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird
-sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein
-wahrhafter Künstler ist, hat ein Gefühl für das Leben, das in einem
-Stück pulsiert, und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen
-Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er
-allein hat den richtigen Maßstab für die Veranstaltung der Proben, wie
-sie geleitet werden müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und
-wieviel Proben genügen, um das Stück dem Publikum in wirklicher
-Vollendung vorzuführen. Man muß es nur verstehen, diesen Schauspieler
-und Künstler dazu zu bewegen, daß er sich dieser Sache wie seiner
-eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, daß das seine
-Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert
--- so wird er es tun, so wird er es durchführen, weil er seine Kunst
-lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, daß
-auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird
-seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er
-wird nie dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf die Bühne
-gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, daß
-möglichst viel Geld in die Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird
-es nicht dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das Stück
-ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm
-anvertrauten Schauspieler auszuüben, sie zu tyrannisieren und zu
-schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht
-auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben.
-[Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär dagegen wird dreist und ruhig
-eine Gemeinheit begehen, da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was
-davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten
-zuschulden kommen läßt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet.
-Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes
-zuschulden kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines
-Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, daß bei jeder
-Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fällt, den bereits
-jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der
-zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner Kunst lebt und aufgeht,
-dessen höchstes Lebenselement die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er
-wacht und die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das Theater
-eine Pflanzstätte des Lasters werde. -- Also: die Schuld liegt nicht
-beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und
-Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber urteilen,
-was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs
-Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern
-deshalb, weil man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf alle
-Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, die darunter zu leiden
-haben, daß man ihre eigentliche Bedeutung verfälscht und verdreht, und
-da es ja überhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben,
-gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im
-Sprichwort heißt, »das Kind mit dem Bade auszuschütten«[3] lieben, so
-wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte,
-vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker sind, sind
-ein Krebsschaden für die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in
-dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. Sie wissen
-nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind
-fest davon überzeugt, daß die ganze Welt lügt und nur sie allein die
-Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf
-sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefährlichen Zustande. Es ist
-ein Glück, daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie nicht mit der
-Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne,
-der dazu befähigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten
-Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil und Unordnung
-anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen
-Sie sich auch mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie nicht
-wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt
-gibt, vernichten möchten, da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es
-ist ihr Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas Ähnliches hat
-sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind plötzlich Leute
-erschienen und haben öffentlich in der Presse erklärt, Puschkin sei ein
-Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele
-hineingeblickt hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet
-gewesen wäre, in seinen Gedichten von den höchsten Dogmen des
-Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur
-mit großer Angst und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich
-durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach
-der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten und erhabensten Ideen
-des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art
-Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es nicht
-wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen
-war, in Verse zu kleiden, und daß er es vorzog, allen denen, die sich
-bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse
-zum Höchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von
-Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum
-völlig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem
-Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor
-allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine
-Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die
-Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht
-ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte und
-einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig für den Autor ist, und
-nicht eine falsche und gekünstelte, die dem Autor schaden muß. Wenn das
-sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und
-schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit hat, sich vor dem
-Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr muß sich die Kritik das zum
-Gebot machen, die selbst über die unbedeutendsten Motive und Handlungen
-Aufklärung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! Öffentlich
-erklären, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi,
-indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft,
-daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von
-uns ihnen erliegt -- ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns
-ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich auch dem
-Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein
-Christ könne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um
-ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein kennt
-und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser Verstand nur bei einem
-ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu
-befähigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der
-Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht
-so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich
-entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie
-des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns
-Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist,
-anzubeten geboten hat, -- denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er
-wird ferner erklären: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es
-ist schon nicht leicht, über einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu
-fällen, und erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen
-Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom
-Geist der Poesie in sich trägt und beinahe ein dem Dichter selbst
-ebenbürtiger Dichter ist -- wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk
-oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Maße
-mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und
-endgültiges Urteil fällen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie
-Demut üben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann,
-daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren
-Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden
-kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind,
-die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwärmerischen
-Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht »An einen
-Kirchenfürsten« anführen, in dem Puschkin von sich selbst redet und
-sagt: auch in den Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben
-dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick des
-Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
-
-[Fußnote 3: »Aus Ärger über die Läuse in den Ofen mit dem Pelz!«]
-
- Da traf dein Wort mich wundereigen
- Mit überirdischer Gewalt,
- Und meine Finger ließen schweigen
- Die Saiten, die wie Hohn geschallt.
- Mein Herz in seinem tiefsten Horte
- Schlug reuekrank, gewissenswund;
- Beim Chrysam deiner duft'gen Worte
- Ward es zu neuem Sein gesund.
- Aus deiner Geisteshöhe reichst du
- Mir deine Hand zur Stütze nun;
- Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du
- Den Sturm -- und meine Sinne ruhn.
- Das ewig Wahre, ewig Schöne
- Durchflammt das Herz mir im Gebet;
- Stumm hört des Seraphs Harfentöne
- Im heiligen Schauder der Poet.
-
- (Fiedler.)
-
-Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein
-wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und
-Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn
-sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die
-verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte,
-Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von
-Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten
-Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung
-und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was
-aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut
-sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn
-gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den
-klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das
-Christentum negiert -- einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie
-zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich
-gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und
-unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer
-solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte
-hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was
-hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?]
-So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund,
-Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall
-nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in
-der Gesellschaft -- kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich
-selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger
-Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das
-rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein;
-er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein
-Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß
-er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist
-Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der
-Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding
-und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten
-haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und
-Theater -- das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim
-Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob
-man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst
-hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen
-wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die
-höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres
-sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem
-er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre,
-heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind,
-und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen,
-wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste
-erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft,
-noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen
-Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund.
-Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten,
-sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken
--- selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt
-haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes
-geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen
-die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des
-Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel
-herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben
-Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem
-Preis und Ruhme tönten.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XV
- Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit
- Zwei Briefe an N. M. Jasykow
-
-
- I.
-
-Dein Gedicht »Das Erdbeben« hat mich entzückt. Auch Schukowski war ganz
-davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von
-deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische Gedicht. Welch
-eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen
-und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter,
-der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von uns, was auch
-sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr,
-wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst
-wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar machen sollte.
-
-Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den
-Dichter gerichteten Worte:
-
- Und bring den angsterfüllten Menschen
- Gebete mit aus Bergeshöhn
-
-sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt sich das
-Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige Zeit bietet gerade dem lyrischen
-Dichter die günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire kann
-man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen
-der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter
-Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die
-heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der
-Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen könnte,
-führe es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit
-deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes
-getroffen ward; geißle die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine
-doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird
-dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir's aus der
-Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes
-Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der
-Tag wird's dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott
-lag, und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr
-geschildert, daß die Gegenwart erbeben muß. Du besitzest alle Mittel und
-Fähigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende
-Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen müssen erhoben
-werden, die andern bedürfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die
-müssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken,
-die sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen ins
-Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des göttlichen Zornes
-und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben,
-sich wilden Ausschweifungen und einem schmählichen Jubel hinzugeben.
-Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die
-in die Luft geschriebenen Buchstaben, die während des Festmahls des
-Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe
-jemand ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch wünschest, daß
-dich alle noch besser verstehen, dann erfülle dich mit biblischem
-Geiste, laß dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und
-steige hinab bis in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff
-in ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe damit in uns das
-Gefühl für das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen
-läßt. Dein Vers wird nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du
-nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen,
-er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit
-Begeisterung erfüllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns
-förmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch:
-»Empfang beim Zaren« in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrücke
-und die Namen der fürstlichen Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und
-Edelsteine ein wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit
-förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten unserer
-Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles groß,
-kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer
-als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen
-Vers mit solchen Worten zu schmücken, -- wirst du den Leser völlig in
-die vergangenen Zeiten zurückversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem
-Buche gelesen hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener
-vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat
-andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen.
-
- 1844.
-
-
- II.
-
-Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten
-Gedichts: »Das Erdbeben«. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht
-liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem
-Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die
-Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du
-bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst.
-Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie
-entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande,
-seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie
-dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke
-wegzuwälzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den
-lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen
-Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder
-ermutigt und ermuntert sein will.
-
-So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den
-Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf
-sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d.
-h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn
-hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze
-ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein
-mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten
-russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit
-aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der
-Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben
-hast.
-
-Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden
-schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme
-Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird
-er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der
-Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn
-Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich
-einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm
-unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden
-und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus
-tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie
-sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück
-Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen
-eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest,
-was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den
-dritten Teil meiner »Toten Seelen« zu schreiben!
-
-Stell' in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages,
-wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren
-verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit
-ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte
-Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie
-dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und
-eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest.
-
-Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen
-Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens --
-mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in
-seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo
-sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie,
-sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube
-einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr
-Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre
-herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein
-Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.
-
-Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus
-russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem
-schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem
-Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine
-Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der
-gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich
-diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht,
-aber stell' es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns
-unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände
-ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch
-er dasselbe vollbringen kann.
-
-Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen
-Dichter -- ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen,
-geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle
-verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es
-schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere
-Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft
-und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen
-eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert
-wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als
-Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen
-bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin
-und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem
-Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und
-Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und
-Liebe -- für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und
-die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon
-finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde
-zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich
-ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines
-innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt
-streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst,
-die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines
-Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die
-Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XVI
- Ratschläge
- An S. P. Schewyrew
-
-
-Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren
-Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden
-gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu
-unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit
-Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine
-Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich,
-wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und
-Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die
-Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft
-gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu
-sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird
-klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man
-bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und
-verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf.
-Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen
-erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen
-Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können.
-Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch.
-Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr
-viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es
-dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist
-groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er
-uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor
-dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch
-Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die
-wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein
-solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es
-vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr
-unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben
-Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren
-Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend
-belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und
-Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich
-von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es
-mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden
-Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst
-einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem
-du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was
-du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern
-zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf.
-Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal,
-ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte,
-wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei
-zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst
-und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen,
-weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen!
-Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist
-sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen
-hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt
-dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um
-dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und
-reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern
-besser und reiner werden.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XVII
- Über die Aufklärung
- An W. A. Schukowski
-
-
-Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für
-alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft
-verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du
-in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht
-irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so
-erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest.
-Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort
-ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren
-Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen;
-rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst.
-Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen --
-ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so
-wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu
-machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns
-versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen
-ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so
-einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten
-einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der
-Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten
-hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen
-ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden
-sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau
-leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises
-lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem
-Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird
-dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens
-und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie
-wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder,
-der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn
-der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn
-nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott
-selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie
-werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut
-nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht
-schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es
-gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und
-alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen --
-unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen
-Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu
-lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft
-russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher
-Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche
-Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition
-für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg.
-Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung
-unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen
-dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn
-wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken
-aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe
-sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du
-wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen
--- von den Gläubigen wie von den Ungläubigen -- zugegeben werden und wie
-unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen
-wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer
-unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden
-der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich
-die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine
-vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen
-gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und
-Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere
-in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot,
-keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den
-heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten
-Vätern der Kirche eingeführt wurden -- während Er die andere hieß, sich
-in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten
-der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen,
-selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen,
-daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen
-die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß,
-sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu
-entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie
-sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es
-anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot,
-gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die
-Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten
-Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie
-lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig
-die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete,
-sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu
-beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es
-ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte
-sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in
-unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft
-bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der
-Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie
-versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten
-für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische
-Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche
-mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge;
-sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus
-aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig
-entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so
-vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten
--- der guten sowohl wie der bösen -- gelangt ist, jetzt kann die
-römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den
-Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie
-mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich
-heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber
-klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die
-von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die
-Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden
-christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für
-die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen
-vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es
-jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere
-und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr
-kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein
-Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie
-ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in
-einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund,
-laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch
-siebenmal verwickelter wären -- unsere Kirche wird sie alle entwirren
-und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet,
-beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits
-etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere
-Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht
-bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein
-Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern.
-Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei
-haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was
-es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei
-uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar
-erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all
-seinen Kräften und Vermögen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand;
-heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen
-lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es
-bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und
-trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten
-umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der
-Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der
-heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild
-Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu
-uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle
-mit ihnen und spricht: »Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret
-alle!« Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in
-kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden
-Ohr: »Das Licht der Aufklärung!« ohne daß etwas anderes zu ihnen
-hinzugefügt würde.
-
- 1846.
-
-[Fußnote 4: Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn der
-»_Durchleuchtung_«. Anm. des Herausgebers.]
-
-
-
-
- XVIII
- Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten Seelen«
-
-
- I.
-
-Sie haben unrecht, sich so über den maßlosen Ton aufzuregen, in dem
-manche Angriffe gegen die »Toten Seelen« geschrieben sind: das hat auch
-seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die über uns empört
-sind. Wer ganz von der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht
-die Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt und gegen uns
-erbittert ist, der wird versuchen, alles Häßliche, allen Unrat in uns
-aufzuwühlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen
-müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit
-zu hören, daß man schon um eines kleinen Körnchens Wahrheit willen die
-Kränkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie
-ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois
-steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich
-solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bücher schreiben. In der
-Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt
-hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, so hätte ich wohl
-selbst gesehen, daß das Buch unter keinen Umständen in einem so rohen
-und unordentlichen Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die
-Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich
-nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir
-keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe
-und Stöße, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs
-tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! Auf dem Grunde unserer Seele
-liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht
-verletzter Ehrgeiz verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten und
-mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt werden sollten, ja wir
-sollten uns stets dankbar über die Hand freuen, die uns züchtigt.
-
-Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von
-Literaten, sondern von Menschen herrühren, deren eigentliches
-Tätigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat
-sich -- abgesehen von den Literaten -- wie zum Tort für mich auch nicht
-ein einziger geäußert. Und doch haben die »Toten Seelen« viel von sich
-reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und
-Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen;
-sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder täglich vor Augen hat,
-obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und
-Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände
-kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstößiges und
-Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand
-tüchtig dafür ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die Wahrheit
-sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre
-Stimme erhoben hätte! Und doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und
-wieviel Gescheites hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen
-vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten
-Vorgänge nachweisen können, da er mir nur zwei oder drei Vorgänge hätte
-vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er
-mich gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben
-Weise hätte er für die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den
-Beweis für sie erbringen können. Durch Anführung einer Begebenheit, die
-sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte
-und literarische Redensarten. Und das gleiche hätte der Kaufmann, der
-Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist,
-tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das
-weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein
-jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht über die Dinge
-besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die
-er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist,
-stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen,
-von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die »Toten Seelen«
-könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel
-interessanteres Buch als die »Toten Seelen« selbst geschrieben werden;
-ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung
-schöpfen können, weil wir ja alle -- wozu sollen wir unsere Fehler
-verheimlichen! -- weil wir Rußland allesamt recht schlecht kennen.
-
-Ach wenn doch nur _eine_ Seele ihre Stimme laut und für alle vernehmbar
-erhoben hätte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn
-Rußland tatsächlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von »toten
-Seelen« bewohnt würde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis
-Rußlands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von
-allem unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und Enden
-Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet sein, ohne daß mich
-jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein
-Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer
-sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank
-und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde zu leben. Auf welche
-Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und
-Journalisten können mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch
-auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat überhaupt nur
-einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich
-geweigert, mich zu belehren. Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor
-Gott werde ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe,
-wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere die Verantwortung für
-mich werden übernehmen müssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott
-selbst weiß es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage.
-
- 1843.
-
-
- II.
-
-Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner
-Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so
-wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers
-vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des
-ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger
-gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz
-allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen;
-ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten
-auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen
-hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht
-schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet
-war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich
-wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das
-Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der
-Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld,
-daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines
-Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im
-Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser
-sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat,
-nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte
-Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie
-viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten
-Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und
-nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk
-erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit
-der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen
-fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen,
-man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und
-zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es
-sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten
-Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man
-Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung
-und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem
-Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten
-Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der
-Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße
-läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck
-der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten
-Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von
-einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in
-einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine
-Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters
-bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles,
-jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und
-als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als
-eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das
-eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für
-ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne
-unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen
-Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter,
-und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern
-empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und
-ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den
-melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf
-gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushört, der hat
-entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er
-hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie
-sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre
-verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der
-europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle
-Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat
-schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde,
-traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso
-unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht
-bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern
-irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland
-kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern
-empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom
-Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles
-gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets
-die nüchterne trockene Antwort bereit hat: »Wir haben keine Pferde!«
-Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die
-Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür
-zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und
-Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu
-herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und
-Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen,
-Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von
-keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen
-kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben
-Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher
-Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und
-gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten
-auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines
-Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man
-sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt.
-Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein,
-sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen
-reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der
-Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die
-nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom
-Begriff der göttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit
-erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein
-Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen
-Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu
-umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein
-neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen
-zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel
-zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende,
-überall sehe ich, daß _der_ die Schuld trägt, der die Verordnungen
-durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder
-schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu
-machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt,
-oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut
-russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange
-mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel,
-worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein
-Sachverständiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art --
-schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht;
-oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher
-Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so
-schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit
-der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns
-genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all
-die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu
-bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem
-Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er
-seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich
-selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit
-Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen
-Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und
-überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns
-gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor
-der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen
-habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie
-vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von
-ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich
-vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem
-bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas
-leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was
-hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem
-Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder
-griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel
-gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen
-»Die toten Seelen« trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte
-machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte
-geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache
-und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken
-vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und
-daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich
-ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder
-die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen
-ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß
-ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage
-gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt
-hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein
-Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine
-Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse
-schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber
-seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen
-schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten
-Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus
-Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt,
-die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war
-mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden
-Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes
-Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des
-Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder
-gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit
-solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige
-freie Ausdehnung und Geräumigkeit -- dies weite Feld für einen rastlosen
-Betätigungsdrang -- in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: »Sollte
-nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er
-sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,« kam wirklich von
-Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus
-Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und
-fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit
-zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen
-Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines
-Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig),
-daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine
-frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große
-Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich
-allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so
-freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur
-der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich
-meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten
-hat!
-
- 1843.
-
-
- III.
-
-Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und
-Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf
-die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen
-bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat
-bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und
-deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich
-gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig
-beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die
-Helden meiner letzten Werke, besonders die der »Toten Seelen«, trotzdem
-sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen
-existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig
-sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen,
-wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor
-einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu
-antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner
-Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der
-Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen
-Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir
-eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich
-gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens
-zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu
-bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir
-immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem
-Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so
-satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen
-Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze
-Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem
-deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er
-fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit
-der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente
-mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal
-Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den
-»Toten Seelen« offenbart. Die »Toten Seelen« haben nicht darum in
-Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil
-sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag
-gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den
-Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus
-keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen
-guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen
-ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem
-Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war
-dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als
-der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung,
-keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und
-Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen
-hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder
-in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich
-lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte -- die Jämmerlichkeit und
-Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak,
-das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine
-Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung?
-Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel
-und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt
-sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen.
-Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich
-nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene
-geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären.
-Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er
-über meine Helden lachte.
-
-Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine übrigen Untugenden
-um Haupteslänge überragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante
-Tugend besaß, die mir ein besonders interessantes Äußere verliehen
-hätte, dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, die es
-nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir
-in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem
-Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er
-hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste
-jedoch, für den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch,
-_besser zu werden_. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und
-wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, daß sie sich
-nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, statt sich mir plötzlich
-und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von
-Seinem unendlichen Mitleid besaß, -- dann hätte ich mich sicherlich
-erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in mir entdeckte, verstärkte sich
-durch eine wunderbare höhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen
-zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, das mich
-dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies für ein Erlebnis
-war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand
-nützen könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem
-Augenblick an begann ich meine Helden über ihre Gemeinheit hinaus auch
-noch mit meinen persönlichen Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah
-folgendermaßen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir
-selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe,
-Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin
-darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte
-sie mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig war. Wenn
-jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine Feder im Anfang für
-mich selbst erschuf, er hätte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir
-nur zu erzählen, daß Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der »Toten
-Seelen« vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas
-vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und
-finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte.
-Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme:
-»Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Rußland.«
-Dieser Ausspruch überraschte mich. Puschkin, der Rußland so gut kannte,
-hatte nicht bemerkt, daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt
-meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache
-bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit
-ist und in was für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die
-Finsternis und den furchtbaren _Mangel an Licht_ darstellen kann. Seit
-dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden
-Eindruck mildern könnte, den die »Toten Seelen« hervorrufen konnten. Ich
-sah, daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es besser ist,
-es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle
-Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen
-würden, wenn man ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen
-führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich
-für meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese
-elenden Menschen sind jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen
-Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, die
-sich für besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus
-Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich außer Zügen von
-mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von
-dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die Zeit für dich gekommen
-sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persönliches Geheimnis. Ich
-mußte allen guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine
-nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und es ihren rechtmäßigen
-Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts
-anderem handelt als von _Elend, Armseligkeit und Gemeinheit_ und warum
-alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein
-müssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bänden finden. Das
-ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten
-seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und
-Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflößt,
-er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen
-gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. Mehr wollte ich
-nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich noch bedeutsamer geworden und
-wäre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der
-Veröffentlichung beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger
-und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden haben sich noch nicht
-völlig von mir abgelöst und daher auch noch nicht die rechte
-Selbständigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den
-Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht
-heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht
-tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen
-Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine
-Frühgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet
-und selbst sein verfrühtes Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden,
-daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen,
-die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten
-Verhältnisse Rußlands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze
-Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines Briefes
-angefüllt hast, und die zu nichts führen, als zur Befriedigung einer
-müßigen Neugierde), wenn du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen
-und Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als
-auch alle möglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die
-auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen,
-sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatsächlichen
-Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer
-Provinz vorgefallen sind -- sei es nun, daß sie mein Buch in einem
-seiner Teile widerlegen oder bestätigen -- zu jeder Seite könnte man ein
-ganzes Dutzend solcher Fälle anführen -- dann würdest du ein wahrhaft
-gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen dankbar sein. Wie würde
-sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie würde das meinen Kopf
-erfrischen und wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! Aber
-das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hält meine Bitten
-für ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen.
-Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne
-selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß diese müßige
-Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, wie ich sehe, auch dich
-angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles würdig und weise nach
-wohlgefügten Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus dem
-anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott weiß warum, soviel
-unnütze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn
-deine Worte auch ordentlich überlegt? »Es ist absolut notwendig, daß wir
-den zweiten Band erhalten.« Wie? soll ich mich denn bloß deswegen, weil
-alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das
-wäre doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem ersten zu sehr
-beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bißchen Verstand gekommen?
-Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die
-Menschen unwillig über mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend
-etwas sagen. Und woraus schließt du nur, daß der zweite Band gerade
-jetzt ein dringendes Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf
-hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht?
-Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, während ich glaube, daß er
-nicht früher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies bloß,
-wenn man die Umstände und den Gang der Zeit berücksichtigt. Wer von uns
-hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder
-der, der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das jetzt für eine
-seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland aufgekommen ist! Der Mensch
-liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun
-und spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere sich aus
-allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude darüber, daß sein Freund
-müßig auf dem Rücken liegt! Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit
-einer ernsten Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall zur
-Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann
-heißt es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt.
-Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt,
-was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube
-bitte nach diesem Bekenntnis nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin,
-wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich
-suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht für alles Schöne, ich
-liebe meine Schändlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten,
-wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem
-Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde gegen es ankämpfen, bis
-ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist
-ganz falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht
-haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, solange er noch in der
-Schule sitzt, und daß er später keinen Charakterzug mehr in sich
-verändern könne. Nur in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel
-konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen
-meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden
-übertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, über sie zu
-lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr
-verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von
-unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das
-Häßliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte
-vor Ihm prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich
-von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir,
-aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige
-Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese
-Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe
-gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere
-eine Weile beiseite zu lassen und gründlich in dich selbst
-hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen läßt,
-und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung zu unterziehen. In
-dieser meiner Antwort wirst du, wenn du näher zusiehst, auch eine
-Antwort auf deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum
-ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen Erscheinungen gezeigt
-und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwählt habe. Solche kann
-man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im
-geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit
-und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat -- wird alles,
-was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der
-Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese
-Schreckgespenster nicht erfunden -- diese Schreckgespenster haben meine
-eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was lebendig in meiner Seele
-lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt.
-
-
- IV.
-
-Ich habe den zweiten Teil der »Toten Seelen« verbrannt, weil das eine
-Notwendigkeit war. »Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn,«
--- sagt der Apostel. Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen
-soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen
-Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche
-Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen gekostet hat
-und worin vieles enthalten war, was mein höchstes Streben ausmachte und
-meine Seele ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in
-einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen
-wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte.
-Ich danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen.
-Sowie die Flamme die letzten Blätter meines Buches aufgezehrt hatte,
-erstand sein Inhalt plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor
-mir, gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male,
-wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits für
-ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite
-Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er hätte
-eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genuß und die Befriedigung
-der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß,
-sondern die aller Leser, für die die »Toten Seelen« geschrieben wurden.
-Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die für die vornehme
-Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, -- das kann zu
-nichts führen. Das erregt bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von
-uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit
-angenommen, die Vorzüge des russischen Charakters über alles Maß zu
-preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran,
-diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu
-arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau zu stellen, als
-wollten sie Europa zurufen: »Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch
-besser als ihr!« Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die
-andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann
-die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rühmt und sich
-was auf sie zugute tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt man
-schon, noch ehe man etwas geleistet hat -- man prahlt mit dem, was erst
-kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig
-und man grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist und sich
-selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens
-seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewußt und richtet seine
-Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten
-Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt; im zweiten Falle dagegen
-flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater
-des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet,
-indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verführt.
-Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze
-Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute
-begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der
-Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man
-überhaupt nicht vom Hohen und Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem
-jeden die Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so daß er sie
-taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande
-der »Toten Seelen« nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck
-gekommen, und doch hätte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste
-Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt.
-Urteilen Sie bitte nicht über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus;
-Sie werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich
-aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten,
-das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir
-verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen
-Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht
-vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht
-dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzuführen.
-Meine Aufgabe ist weit einfacher und näherliegend; meine Aufgabe ist
-das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken
-sollte. Meine Aufgabe -- ist _die Seele und die große sichere ewige
-Aufgabe des Lebens_. Darum muß auch mein Tun stark und dauerhaft sein
-und ich muß Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu
-beeilen; mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne,
-was verbrannt werden muß, und ich handle sicherlich richtig, denn ich
-unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre
-Befürchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir
-vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so
-sind sie überflüssig. Meine Gesundheit ist sehr zart -- das ist freilich
-wahr. Zuzeiten ist mir's so schlecht zumute, daß ich es ohne Gottes
-Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem Verfall meiner Kräfte ist noch
-ein so intensives Frösteln hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß,
-wie und woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung machen, und
-doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr
-als eine Stunde für die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich
-mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht.
-Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner
-Fähigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen
-wäre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die
-größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir
-auch die Kraft verleihen, was noch übrig ist, zu vollenden und zu Papier
-zu bringen. Meine Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine
-geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger, nun denn,
-so wird wohl auch die Körperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben,
-daß, wenn die rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre lang
-mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen
-wird.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XIX
- Liebt unser russisches Vaterland
- Aus einem Briefe an den Grafen A. T.
-
-
-Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine
-rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen
-nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man
-Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch
-niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung,
-mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten? Sehen Sie nur,
-wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwärtig auf der Welt gibt,
-die sich glühend nach dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde
-Kaltblütigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den
-niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart
-und verkündet, daß wir in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott
-teilhaftig werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns
-gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben.
-So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder
-lieben.
-
-Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie sollen wir die
-Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte nur das Schöne lieben, die armen
-Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in
-ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafür,
-daß Sie ein Russe sind. Für den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und
-dieser Weg ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland lieben
-lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in
-Rußland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die
-Leiden und Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem Maße
-betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, würde niemand
-von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der
-Beginn der Liebe. Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die
-Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt
-keineswegs bloß die Empörung der guten und anständigen Elemente über die
-Unanständigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der
-Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang,
-daß zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Häuser
-gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen
-hätten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr
-Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht,
-wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger,
-erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefühllosen beginnen sich
-zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner,
-auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht.
-
-Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich darüber aufregen,
-sowie Sie hören, daß etwas Böses oder Häßliches in Rußland passiert.
-Dies erregt bei Ihnen nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein,
-das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das
-ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich
-ankündigt. Nein, wenn Sie Rußland wirklich lieben werden, dann wird
-jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher und
-selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage nichts für
-Rußland tun, und als ob Rußland ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von
-selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit
-voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig ist und daß man mit
-ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Rußland
-wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich förmlich dazu
-drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa
-Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich
-mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird,
-begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem Beruf einem
-tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie es jetzt führen, vorziehen. Nein,
-Sie lieben Rußland noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht
-lieben, können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche Liebe zu
-Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe
-Sie sich nicht mit dieser göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine
-Rettung für Sie.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XX
- Lernt Rußland kennen!
- Aus einem Brief an den Grafen P. T.
-
-
-Es gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf. Gott gebe, daß es uns
-einmal beschieden sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der
-sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an sie ist mir eine
-Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden,
-können wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will,
-sich aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt Lebewohl sagen
-können. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins
-Kloster. Diese Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie sind
-reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen verteilen, was aber hätte
-ich ihnen zu geben? Mein Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes
-Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches
-Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen, mit
-denen ich andern nützen und dienen kann -- daher muß ich diese Güter
-unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber
-auch Sie können sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken, noch
-nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn
-es Ihnen schwer würde, sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache
-anders. Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet heute
-nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat und welch ein Opfer wäre es,
-sich von ihm zu trennen. Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun,
-wenn man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nämlich das
-Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die
-Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr
-Kloster ist -- Rußland. Nun, so legen Sie das geistige Mönchsgewand an
--- sterben Sie sich selbst völlig ab -- sich selbst -- nicht Rußland --
-und gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein. Unser Land ruft
-heute seine Söhne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon
-ertönt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben
-entweder ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland für
-einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und
-Elend über das Reich hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen
-verließen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu
-retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors
-begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf
-der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines
-friedlichen Bürgers -- ja, wo denn nur? -- mitten im Herzen Rußlands zu
-erfüllen. Machen Sie keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre
-Unfähigkeit hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland jetzt
-höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können. Sie sind Gouverneur
-zweier Provinzen von äußerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben
-diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen
-damals noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher andere, Sie
-haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse über die Zustände und
-Vorgänge im Innern Rußlands erworben und das Land in seinem wahren Wesen
-kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich würde
-Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem
-Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine
-bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit bedeutsamer
-erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene Fähigkeit, ohne besondere
-Anstrengung und ohne _selbst_ zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein
-bequemes müßiges Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei
-Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann
-erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles
-ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige Beamte
-zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit übrig lassen. Und wenn sich
-dann Gelegenheit bot, jemand für eine Auszeichnung oder Belohnung
-vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem
-Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz übergingen.
-Das ist Ihr höchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit,
-sich die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß Ihre Beamten sich
-die größte Mühe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so
-überanstrengt, daß er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem
-Sie aufs eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so
-viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig, wenn ein Vorgesetzter
-ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem
-wahrhaften Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit, wo
-ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst möglichst in den
-Vordergrund zu rücken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage
-Ihnen, mit dieser Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig
-unentbehrlich, und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht einmal
-empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf
-diese Fähigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen.
-Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an,
-daß Sie sie nicht brachliegen lassen mögen. Sie aber halten sie wie ein
-Geizhals unter festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig,
-vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche Stellung
-einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb,
-weil Sie sie nötig haben -- Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in
-Ihren Augen ist keine Stellung zu gering -- sondern deshalb, weil Ihre
-Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu
-ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises
-bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise
-in Rußland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie
-werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland machen.
-Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das genügt jetzt
-nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Rußland mehr, als in einem
-anderen Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst,
-während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, daß in den letzten zwei,
-drei Jahren ganz andere Menschen aus Rußland herauskommen, Menschen, die
-gar keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem
-begegneten. Um zu erfahren, was das _heutige Rußland_ ist, muß man
-unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht,
-was man spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich wahr,
-daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit
-und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie
-heute unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der Bildung
-und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz
-zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt
-hat, wie heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht
-aufgekommen, sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus
-folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele törichte
-Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlüsse gezogen
-worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe über Rußland so
-sehr entstellt und verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man muß
-selbst eine Reise durch Rußland machen und sich selbst überzeugen. Das
-ist besonders nützlich für den, der eine Weile fern von Rußland in der
-Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten
-Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der
-sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich
-und feinfühlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht
-sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunächst
-müssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher über Rußland besaßen, bis
-auf die letzte völlig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren
-eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben,
-lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wüßten, und
-Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig
-unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer
-Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer größeren europäischen
-Stadt beeilt, alle ihre Denkmäler aus alter Zeit und alle
-Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie in
-die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch
-größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu
-lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und
-in ihren Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte darauf
-schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, daß man ihn aufmerksam
-und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als
-irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen
-wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf
-den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen
-können, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die
-Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, »das Salz«
-einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es
-immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen
-ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon selbst ein
-Urteil darüber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten
-Beobachtungen über die gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn
-Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden Standes reden
-werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und öffnen
-Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was
-heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird
-Ihnen sofort erklären, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein
-nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen Begriff von dem
-Kleinbürgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles
-Notwendige über den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren,
-und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre der Gesellschaft werden
-Sie sich selbst ein Bild machen. Übrigens dürfen Sie sich nicht
-allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen.
-Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem
-Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß heute alle miteinander im
-Streite liegen und einer den andern rücksichtslos verleumdet und
-schlecht macht. Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu
-nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie
-alles übrige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und
-Städte Rußlands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo
-und an welcher Stelle Sie sich nützlich machen können und um welchen
-Posten Sie sich bewerben müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn Sie
-nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel Gutes stiften. Schon
-während dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so großen wahrhaft
-christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster
-bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten
-können und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits
-stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und
-Richters übernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das
-jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer solchen Tätigkeit
-liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch höher gestellt als jede andere
-Art der Tätigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder
-Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns überall
-etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben
-miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund;
-die Kleinbürger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst
-die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen
-Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt werden, miteinander wie Hund und
-Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht
-miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und
-Freundschaft bemerken, wenn nämlich einer von ihnen heftigen
-Verfolgungen ausgesetzt ist.
-
-Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine
-Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu versöhnen. Für die
-Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen
-und wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, söhnt
-er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht,
-dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher
-weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine
-so große Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der
-menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen
-eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein
-bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so
-gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst
-nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen
-Entgegenkommen entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu, ihn an
-Großmut noch zu überbieten. Daher können bei uns selbst die ältesten
-Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt
-werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird
-und überdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die
-Streitenden tritt. Eine solche Versöhnung aber -- dies muß ich noch
-einmal wiederholen -- ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige wenige
-Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander
-Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht über irgendeine
-Sache sind, sich dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde
-es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der
-Tätigkeit, zu der sich Ihnen während Ihrer Reise durch Rußland auf
-Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine
-andere Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie
-können der Geistlichkeit der Städte, die Sie berühren werden, einen
-großen Dienst erweisen, indem Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt
-machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der
-Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen
-heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, daß sie
-nicht in die Sphäre des christlichen Lebens gehören. Dies ist sehr
-notwendig, weil viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge
-von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten Zeit
-stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht
-sind, daß niemand mehr auf sie hört, daß ihre Worte und Predigten in die
-Luft gesprochen sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat
-und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist
-unrichtig. Freilich sündigt der Mensch von heute wirklich
-unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner früheren Zeit; allein er
-sündigt nicht aus einem Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit,
-nicht aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu
-sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden nicht erkennt. Noch
-hat sich nicht allen die für unser gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare
-Wahrheit enthüllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren
-Augen, daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten
-der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß nicht offen und direkt,
-sondern indirekt sündigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch
-nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und
-daher bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn man heutzutage
-erklärt: »ihr sollt nicht stehlen, nicht in Überfluß und Üppigkeit
-leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den
-Armen milde Gaben reichen«, so bedeutet das nichts und kann keine
-Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen wird: »aber das
-sind doch alles bekannte Dinge«, wird er sich noch vor sich selbst
-rechtfertigen und sich womöglich gar noch für einen Heiligen halten. Er
-wird sagen: »Stehlen? -- ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein
-paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde
-ihn nicht anrühren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen
-Diebstahls entlassen; ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe
-weder Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu sparen und
-zurückzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem Überfluß
-stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den
-Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen.
-Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten
-und für die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig,
-auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache
-meine Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorüber,
-ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält, auch habe ich mich niemals
-geweigert, etwas für irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben.« Mit
-einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für
-gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine
-Sündlosigkeit sein.
-
-Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm bloß einen Teil von
-all den furchtbaren Schrecken und Übeln zeigt, die er zwar nicht
-unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders
-reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen
-Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und seine Lebensweise nach dem
-Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres
-Ärgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben
-Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem
-zurückzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut
-verschwenden, die Menschen ausplündern und sie zu Bettlern machen;
-außerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im
-Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge
-stehen müssen, und die es vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht
-wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben
-und die Köpfe anderer Leute verwirren würde. Ebenso zeige man allen
-Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen
-und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges
-davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode
-folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch
-sündigen, daß sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr
-Geld verschwenden, sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem solchen
-Leben zwingen, daß so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde
-Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen
-hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen,
-mußte er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn
-ausplündern. Dieser mußte seinerseits irgendeinem Assessor oder einem
-Landrat die Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum war
-gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplündern] und man lasse
-auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann
-werden sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes Kleid denken.
-Sie werden einsehen, daß auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und
-auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf
-Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht von der
-furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist
-nicht gefühllos. Der Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie
-ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr
-erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher
-geworden, und die Hälfte seiner Sünden rührt von seiner Unkenntnis und
-nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu
-anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in
-sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der
-Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lüften und ihm nur eins
-von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er
-wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit zu prahlen. Er
-wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen
-Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig
-wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, daß der
-Gedanke, daß man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde
-richten müsse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in
-dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, nicht
-aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen Menschen entstehen
-konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzähligen
-indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit,
-seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf
-alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen würde, wo jeder von uns
-mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine
-eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine
-Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann,
-kurz, wie wäre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen
-würde, auf welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein,
-die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner
-Worte wird in die Luft gesprochen sein. _Sie_ aber können viele Priester
-hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der
-Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden,
-aufmerksam machen. Aber Sie können sich hierdurch nicht nur den
-Priestern, sondern auch anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind
-Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist.
-
-Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich
-unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller
-Wirrsale und Verwirrungen unserer _gegenwärtigen_ Zeit darstellt; nicht
-wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem
-Manne erscheint, der es von dem höchsten Standpunkt eines Christen
-betrachtet, in Erwägung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands, wie
-sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute
-leben in einer fremden Welt ausländischer Journale und Zeitungen, nicht
-aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch
-kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wände
-wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber
-können sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein
-gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und
-Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In _einer_ Stadt können Sie
-Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann
-zu bringen. Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst weit
-mehr bereichern als alle. So Großes können Sie auf Schritt und Tritt
-vollbringen -- und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle
-liegt über Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe
-herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie
-können die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es
-lernen, ihnen zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn
-liebgewinnen, wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn er noch nie
-für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so
-innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles
-für es hingegeben hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie
-auf! Ihre Klosterzelle ist -- Rußland.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXI
- Was eine Gouverneursgattin ist
- An Fr. A. O. S.
-
-
-Ich freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber
-sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso
-vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre
-Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit neuer Kraft lieben
-lernen; sie gehört zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre
-wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen,
-daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne
-Nutzen, daß die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind
-einfach müde -- das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet
-überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Betätigung. Sie wirkt sogar
-auch dann noch, wenn sie überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst
-schon, daß es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu
-schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze und Eifer auf alle
-möglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich,
-die Sie selbst erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen
-ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet und zugleich damit
-alle möglichen Schreibereien, eine große Aktenwirtschaft veranlaßt,
-allerhand Ökonomen, Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen
-und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg
-durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht und in K. eine große Verwirrung
-angerichtet. Die Fürstin O. dagegen, die _vor_ Ihnen Gouverneurin der
-Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle
-gegründet, sie hat außerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch
-hatte sie gar keinen Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der
-eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften gar
-nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in
-der Stadt ihrer ohne Tränen gedenken, und jedermann -- von dem Kaufmann
-bis herab zum letzten Habenichts -- sagt auch heute noch immer: »Nein,
-wir werden nie eine zweite Fürstin O. bekommen.« Und wer sagt so etwas?
-Dieselbe Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt,
-dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle Zeiten und
-unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Läßt sich denn wirklich
-nichts machen? Sie sind müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde,
-weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen
-Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit
-Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen
-schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. Sie sind die
-erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank dem äffischen Wesen der Mode und
-der bei uns in Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im
-allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit,
-nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin
-sein. Wenn Sie nun recht für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden,
-so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere
-veranlassen werden, sich mehr und gründlicher mit ihren Angelegenheiten
-zu beschäftigen. Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu
-tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal
-viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen
-Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und
-zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen.
-Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie
-an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie
-diesen abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden Rußlands,
-diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und
-Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies _eine_
-gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften,
-als selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht
-einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin!
-Sie sind müde. Aus Ihren früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den
-Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht
-allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist
-bereits über die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir
-zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich
-noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede kleine Unannehmlichkeit
-macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drückt Sie zu
-leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte,
-von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, überzeugt haben.
-Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus
-betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und
-zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, daß alle
-Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, daß sie Menschen
-sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles
-ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen und nur noch gegen
-ihre Krankheiten ankämpfen. Wer hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten
-unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine
-Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der
-allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der
-Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich
-über alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu
-verhelfen, daß ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen
-vollständigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das
-nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon überzeugt sind, daß
-ich in vielen Beziehungen eine größere Wirkung auszuüben vermag als Sie.
-Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben,
-wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst
-sagen, daß ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe
-als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren
-unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben wohl vergessen, daß
-ich zu beten vermag und daß mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott
-aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott
-erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der
-nicht von Ihm belehrt ist.
-
-Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff
-von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie
-jeder Provinzhauptstadt eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen
-Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben sich darauf verlassen, daß
-ich Rußland kenne wie meine fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland
-so gut wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas davon
-gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden.
-Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind große
-Veränderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt
-nicht mehr vom Gouverneur abhängig, sondern sind andern Departements und
-Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind
-neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz,
-ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach
-vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch
-gebeten, mich recht _vollständig_ mit Ihrer Situation bekannt zu machen.
-Nicht mit irgendeiner _idealen_, sondern mit Ihrer _eigentlichen
-wirklichen_ Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom
-Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag.
-
-Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in
-K. Rußland besser kennen gelernt haben, als während Ihres ganzen
-früheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir
-geteilt? Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem Ende Sie
-anfangen sollen, Sie sagen, daß der große Haufen von Kenntnissen, die
-Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt
-(Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen,
-sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir zunächst folgende
-Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies möglich ist,
-und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen -- d.
-h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört und
-nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm sind oder
-gefallen haben, tun würde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter,
-leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer
-vernünftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu
-Herzen nimmt, sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet.
-
-Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre
-Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen
-bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und
-Familiennamen sowie mit allen Beamten -- vom ersten bis zum letzten --
-bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich muß ebenso ihr
-Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein müssen.
-Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für einen
-Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von ihnen selbst und nicht
-von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem
-ein Gespräch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit
-besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die sie sich
-bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre die erste Frage. Bitten
-Sie ihn dann weiter, er möge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel
-Gutes man unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf zu tun
-vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil
-man in diesem selben Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das
-wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben,
-so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort für mich
-auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen.
-Erstens werden Sie _mir_ hierdurch die Möglichkeit geben, mich Ihnen in
-der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den
-eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt,
-woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst
-charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich
-bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber darum handelt es sich nicht.
-Beeilen Sie sich fürs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch
-nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und als
-ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie
-zunächst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen,
-begnügen Sie sich fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem
-bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem
-anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen über
-jeden einzelnen Mann mitzuteilen -- auch was die andern über ihn sagen,
-kurz alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters von ihm
-sagen läßt.
-
-Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen über die gesamte
-weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug
-gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle
-kennen gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie sie doch nicht
-genügend kennen gelernt haben. Frauen gegenüber lassen Sie sich schon
-durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen
-Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den
-allerbesten. Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie
-müssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Häßliches und
-Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen
-lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen großen Einfluß auf
-ihre Männer haben können. Übereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen
-keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal
-ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu
-veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse einer jeden zu
-orientieren, womit sie sich beschäftigt, ja suchen Sie selbst ihre
-Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre
-Neigungen, was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd
-einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen.
-
-Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig und bis in sein
-Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu können. Ohne dies kann ich es
-nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An
-jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall
-immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja
-sogar unausführbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis
-auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von
-Ihrer Stadt erhalte.
-
-Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts
-bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der
-die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach
-irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und
-einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er
-Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch
-ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen
-gerade mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien bei
-Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, daß diese Aufzeichnungen Ihnen
-zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein für allemal eine
-bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie sich eine
-systematische und möglichst vollständige Vorstellung von der ganzen
-Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort übersehen
-können, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und
-damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von Ihrer Stadt
-erhalte.
-
-Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Tätigkeit,
-ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem
-Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht
-haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, daß
-vieles Unmögliche doch möglich und daß vieles Unverbesserliche doch noch
-gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade
-darum, weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. Ich
-möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen,
-nicht höher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand,
-auf den sie gerichtet sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie
-sofort erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen.
-
-Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke
-geben, die allerdings nicht für Sie, sondern für Ihren Gatten bestimmt
-sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der
-Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache.
-Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche
-Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so
-wird jedermann ehrlich sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies
-nicht schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art,
-Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des
-Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem
-Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen.
-Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach
-unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind häufig bloß deswegen
-gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst
-was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie müssen zahlen, wenn sie
-eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können
-sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt
-werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand
-vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in
-den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in
-den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie
-niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das Übel ganz zur Reife
-gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen
-Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur stets Gelegenheit
-hat, viel Unheil anzurichten, daß er nur wenig Gutes tun kann, daß er
-kaum die Möglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf
-diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein
-Gouverneur kann immer einen _moralischen_ Einfluß ausüben, ja dieser
-Einfluß ist sogar sehr groß, ebenso wie auch Sie einen großen
-_moralischen_ Einfluß ausüben können, obwohl Sie über keinerlei
-gesetzliche Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte
-irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt
-davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde
-dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer Furcht
-davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst
-ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem
-Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie
-Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises
-gehandelt haben, den Sie ausdrücklich in die Stadt kommen ließen, um ihn
-mit dem Staatsanwalt auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit,
-Anständigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und
-freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht
-verfehlen. Dies können Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders
-gefallen hat, ist folgendes: daß der Richter (der, wie es sich
-herausgestellt hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch ist)
-so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, nicht einmal ins
-Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm
-in diesem Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen mögen.
-Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht
-nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich über die Bestechlichkeit
-und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin,
-gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich
-lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit öffentlich bekannt zu machen
-und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt
-freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, sobald es im
-ganzen Gouvernement bekannt wird, daß der Gouverneur wirklich so
-handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel
-hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt
-hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht
-für jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Länder durchdrungen
-ist, d. h. nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung,
-auch nicht für den europäischen _point d'honneur_, sondern für die echte
-sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen
-Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger
-Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur
-zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die
-sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der
-herrlichsten Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs
-zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der
-Gouverneur muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel ausüben.
-Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit
-unbedeutenden Ämtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das
-aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz
-eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man
-seine dienstlichen Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch für
-ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und vielerlei Mängel hat,
-seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem
-andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er
-sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht hätte. Mit einem Wort, man
-darf niemals aus dem Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die
-im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze
-Habe, die sie besaßen.
-
-Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen irgendwelcher
-unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so muß dies stets
-_unter Enthebung von seinem Amt_ geschehen. Das ist von großer
-Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er seines
-Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten für ihn Partei nehmen.
-Er wird noch lange Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um
-alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt nicht mehr
-möglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter
-_Enthebung von seinem Amt_ vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich
-die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen
-Seiten werden sich Beweise gegen ihn häufen, alles wird plötzlich an den
-hellen Tag kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. Um eins aber
-bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen
-aus dem Amt gejagten Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er
-will: denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres Gemahls muß er
-in Ihre Hände gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen
-Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut
-daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie
-die Brötchen, die für diese Unglücklichen bestimmt waren, an andre Leute
-verkauft hat -- ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in
-Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren,
-sich deswegen zu beklagen. Daher mußte ihre Entlassung öffentlich und
-vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig
-fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich und behalten
-Sie den Ausgestoßenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus
-Kummer, Verzweiflung und Scham noch größere Verbrechen begehen. Handeln
-Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder überhaupt durch irgendeinen
-klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen
-beständig über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie
-dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. Nehmen Sie sich in
-diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum
-Vorbild, der den Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn
-aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher mag sein, wie er
-will, solange die Erde ihn noch trägt und Gottes Donner ihn noch nicht
-vernichtet hat, so bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch
-aufrecht zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt
-werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie übrigens bei den
-Aufzeichnungen, die Sie für mich machen werden, oder bei Ihren eigenen
-Forschungen über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr durch
-die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert werden und sollte sich
-Ihr Herz mit Empörung erfüllen -- so rate ich Ihnen in solch einem
-Falle, sich hierüber so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu
-unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein
-kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen Sie ihn durch Ihr ganzes
-Krankenhaus und klären Sie ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf.
-Selbst wenn er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst
-besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über alle Krankheitsanfälle,
-alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie
-ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm
-fortwährend vor Augen steht, daß er sich in Gedanken fortwährend mit
-Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie ihm immer lebendig und gegenwärtig
-ist, wie sie auch Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all
-sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhörlich für
-sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den
-Zuhörern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen,
-in viele Dinge Licht hineinzubringen und persönlich, ohne auf jemand
-hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von
-Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit
-Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie
-gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen
-zu lernen. Von ihnen hängt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt
-in ihren Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. Achten Sie
-trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu
-gering. Es ist leichter, _sie_ ihrer Pflicht wiederzugeben, als
-irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz,
-Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit.
-Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen
-seiner Brüder hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. Dazu
-kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen ... Ein
-Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein
-gewisses Gefühl dafür, daß er demütiger und bescheidener sein muß, als
-alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich während des
-Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, mit einem Wort, er ist
-weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als
-wir, und indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle auf
-ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfähige Leute
-unter ihnen antreffen, diese nicht geringschätzen, sondern ordentlich
-mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde hat,
-lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie
-sich erzählen, was für Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie
-versteht und in welchem Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß
-ich bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft
-in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Daß sie auch schon anfangen, die
-Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung,
-der man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir einen von ihnen
-mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf
-bis zu den Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. Also
-noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig und bis ins einzelne
-kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern
-erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe
-geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug
-werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmähen, mit
-einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen
-Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle Daten, die Sie so
-sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Bürgers und
-Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen.
-Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser
-Krüppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind,
-dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darüber. Sie
-werden ihm gerade das sagen, was er wissen muß. Sie werden ihm das Wesen
-eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein
-jeder Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur dieses
-Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er
-durch unsere Mißbräuche geworden ist. Darüber hinaus brauchen Sie nichts
-hinzuzufügen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein
-eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen
-solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen
-Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs
-und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zügen abzustecken.
-Häufig weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine
-Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, und bringt nichts als
-Gemeinplätze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den
-Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu
-versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine
-Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit
-dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren
-moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, daß ihre
-Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie strengere Rechenschaft werden
-ablegen müssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, daß
-heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf
-den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes Revirement
-bevorsteht, weil nicht nur die höhere Obrigkeit, sondern auch alle
-Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund
-alles Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht
-und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst häufig über die
-furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkürlich
-erschauert. Kurz -- vernachlässigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen
-Umständen: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen großen
-moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, das Bürgertum und die
-niederen Stände der Stadtbewohner ausüben, einen so großen Einfluß, wie
-Sie sich's kaum vorstellen können. Ich will nur einiges davon erwähnen,
-was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen,
-mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, -- aber da fällt mir
-ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Bürgertum und die
-Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen
-vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich
-unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie selbst
-einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch große
-Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die
-weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche Asyle und alle
-möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern
-und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer
-Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.
-
-Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern
-der Stadt zu sozialer Tätigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann
-gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln;
-wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem Charakter, ihrer
-Lebensweise und ihrer Beschäftigung geben wollen, so werde ich Ihnen
-sagen, wie und wodurch man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem
-Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man
-jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurütteln und aufzuwecken.
-Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt
-genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr finden werden. Legen
-Sie keinen Wert auf ein abstoßendes Äußeres, legen Sie auch keinen Wert
-auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes
-Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch
-große Kühnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies
-ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas
-unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch ist unsere Seele in
-ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefühle fähig als jemals
-früher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder
-sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.
-
-Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen
-sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel
-mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie
-dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem hohlen modischen Treiben
-umgarnen ließen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen
-zu reden, wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten ihre
-hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische
-Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur
-Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und
-Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben für ganz
-hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in
-sich gehen, erkennen, daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu
-edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren
-Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu
-veranlassen, daß sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache
-stellen. Ich schwöre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins
-Gewissen reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie werden uns mit
-der Geißel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige
-Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird,
-daß er schon längst von selbst hätte vorwärts laufen und nicht erst auf
-den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller
-gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch
-nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele
-kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie alle, bis zum letzten, lieben,
-ohne alle Rücksicht, ob einer Sie liebt oder nicht.
-
-Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fühle, daß ich
-anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im
-gegenwärtigen Augenblick sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie
-selbst schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten
-zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde.
-Ich höre fortwährend von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht,
-woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie
-auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben,
-und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch
-eigenhändiges Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. Also noch
-einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt gründlich kennen zu
-lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem
-einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf
-besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses man in seiner Stellung
-vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleißige Schülerin, schaffen
-Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in
-Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein müssen. Denken
-Sie stets daran, daß ich dumm, daß ich _ganz_ dumm bin, solange mich
-nicht jemand in ausführlichster Weise über einen Gegenstand orientiert.
-Oder stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig
-unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste
-Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen muß: nur dann wird Ihr Brief
-seinen Zweck ganz erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen
-solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas
-vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich
-eingetroffen sind, so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich
-damals in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht haben. Ist denn
-das etwas so Großes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man muß bloß die
-gegenwärtigen Verhältnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die
-Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an
-die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher
-Mensch muß entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber in
-Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen folgender Zeilen
-ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen führen will. »_Es ist traurig
-und sogar bitter, die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen zu
-müssen. Im übrigen aber sollte man nicht darüber sprechen. Wir sollten
-hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den
-Händen des allbarmherzigen Gottes liegt_«. In den Händen des
-allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwärtige, Vergangene und
-Zukünftige. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart nicht
-sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies
-ganze Unheil, daß das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach
-häßlich und widerwärtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne
-möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln an allem und
-blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit,
-daher hängt ja auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft:
-manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen hochstehenden
-Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefühl
-nur noch keine streng zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben
-können. Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das weiß kein
-einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei
-vergißt man eine Kleinigkeit: man vergißt, daß die Straßen und Wege, die
-in diese _heitere_ Zukunft führen, ja gerade durch diese _dunkle und
-verworrene_ Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann
-hält sie für so häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und
-ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen führt. So lehren Sie
-mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie dürfen sich nicht durch
-das viele Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir
-keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts
-Ungewohntes für mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in
-mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niederträchtige und
-Widerwärtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Häßliche in
-Verlegenheit, ich fühlte mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte
-mich ein Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich aber tiefer in
-all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich
-zu höherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf.
-Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch größerer Ehrfurcht
-vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafür, daß
-er es mir ermöglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht -- sowohl
-meine eigene wie die meiner armen Brüder -- wenigstens teilweise kennen
-zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fünkchen Verstand besitze,
-wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich
-bemüht habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit
-hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen,
-die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe
-und Stütze zu sein -- so war dies nur möglich, weil ich tiefer in diesen
-Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich
-schließlich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht bloß
-eingebildeten, erträumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen
-Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich,
-daß ich recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit
-hinabgesehen habe.
-
-Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurück. Vor allem
-aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus
-irgendeinem Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere
-Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten
-»Reinen« ihr Gesicht mit den Händen bedecken und bittere Tränen weinen
-werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer
-Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gütern
-gerühmt und sich deshalb für bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie
-stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben,
-mit neuem frischerem Mut als früher an die Arbeit. Lesen Sie meinen
-Brief fünf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und
-es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens
-selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes
-ganz zu eigen machen. Meine Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine
-Wünsche zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe
-Sie unablässig verfolgt und so lange quält, bis Sie meine Bitte erfüllen
-und tuen, was ich verlange.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXII
- Der russische Gutsbesitzer
- An B. N. B.
-
-
-Die Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es
-dir zum unumstößlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das
-übrige wird sich schon von selbst ergeben. Laß dich nicht irremachen
-durch den Gedanken, daß das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem
-Bauern verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen ist, ist
-wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch
-wahr, aber] daß es für alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte
--- das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur
-ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge hinaussieht, kann so
-etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines
-Russen, der für alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein
-vermag, -- es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und
-Anhänglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den
-Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch einen Gedanken hat:
-wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausführst,
-was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres
-erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die Aufgabe, die einem
-Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen
-und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die Bauern
-um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind.
-Du mußt ihnen erklären, daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist,
-weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern
-deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als
-Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen
-würde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest,
-denn ein jeglicher muß Gott an _der_ Stelle, an die er gestellt wird,
-und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso müßten auch sie, die
-Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des
-Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie
-geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser
-Gelegenheit mußt du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament
-zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon überzeugen kann.
-Ferner mußt du ihnen sagen, daß du sie zur Arbeit und zur Tätigkeit
-anhältst, nicht weil du Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen
-brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar
-Banknoten verbrennen], du mußt es vielmehr so einrichten, daß sie
-wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert
-für dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, weil es Gottes
-Wille sei, daß der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweiße seines
-Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf
-die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich
-davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde
-wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und
-deswegen würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich
-arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. Denn du
-weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein Bauer, der nicht arbeitet und
-sich dem Müßiggang ergibt, zu allem fähig ist -- er kann zum Dieb, zum
-Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine
-schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. Bekräftige alles, was du
-sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit
-dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten.
-Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue
-und das Buch küsse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar
-erkennen, daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem
-Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europäischen oder
-anderen Launen und Einfällen heraus handelst. Der Bauer wird das
-verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze
-Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das Wertvollste auf der
-ganzen Welt ist und daß du vor allem darauf achten wirst, daß keiner von
-ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. Bei
-jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du einem Menschen erteilst, der des
-Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt
-du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht
-gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen Gott und nicht gegen dich
-versündigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib,
-seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen,
-frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, Übles zu tun,
-und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins
-Gewissen, weil sie es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten
-unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt und seine Seele um
-nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen
-vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß sich
-alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und daß alle Gegenstände,
-die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es
-ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß
-von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten
-Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß ihnen eine große
-Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, daß es nicht
-allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel
-zu führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut zu leben, daß
-ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und daß das ihre
-Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven
-und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen,
-dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen
-solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne
-erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe reißen und ihm den
-Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen
-oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, den
-mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mußt du folgendermaßen
-sprechen: »O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche,
-daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem
-keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! Beuge dich tief vor ihm und bitte
-ihn, daß er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur
-Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein Hund.« Die braven Bauern
-aber mußt du zu dir rufen und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz
-nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren
-und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen können, was Gott uns
-geboten hat. Führe das bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst
-sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird
-hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um die Hauptsache, alles andere
-wird dir von selbst in den Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens
-gesagt: _Dies alles wird euch von selbst zufallen._ Wie wahr das ist,
-dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser
-Leben. Für den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch
--- Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr
-gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort.
-
-Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben,
-nur mußt du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden
-gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du
-auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschäftigen
-mußt und wie du dies zu tun hast, darüber will ich dir nichts sagen: das
-weißt du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau
-wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist
-du ja vernünftig und hast du ja selbst eingesehen, daß man nicht nur am
-Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß,
-um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich
-will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu
-seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den
-Arbeiten betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung ist
-als alles übrige. Denke an das Verhältnis, das früher zwischen den
-Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mußt ein
-Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen.
-Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn eine gemeinsame Sache in
-Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte
-usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen muß
-in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch für alle Bauern gedeckt sein, ganz
-so wie am Ostermontag, und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit ihnen
-zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit überall
-voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, für
-die, die sich durch ihren Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort
-des Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit halten. Und
-wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du
-den Abschluß der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres
-Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du
-sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht
-versetzen, das ist noch keine große Kunst, das kann auch der Stanowoi,
-der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, er
-kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber,
-durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf
-treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, daß
-das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit nützlicher für
-ihn sein als alle möglichen Püffe und Maulschellen. Du mußt stets
-sämtliche Synonyme von: »_braver Bursche_« für den, der ermuntert, und
-alle Synonyme von: »altes Weib« für den, der getadelt werden muß, bereit
-halten, damit das ganze Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold
-ein altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich ein noch
-schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, daß er alles ist,
-was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube,
-sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es,
-wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei deinem Kommen alles
-lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch betätigt und daß
-jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen
-allen Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: »Kommt,
-Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.« Nimm selbst die Axt
-oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine
-Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und
-die vielen trägen und bequemen Spaziergänge.
-
-Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich
-ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit
-habe, allerhand törichte Bücher zu lesen, die europäische
-Menschenfreunde für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, daß
-der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein
-Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt
-er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es
-so ergehen, wenn du häufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer
-kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann,
-als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang
-ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden
-sondern weil er _die_ Bücher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott
-den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine
-andere Sache. Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen Sohn,
-und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du für eine
-ganze Schule verwandt hättest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es
-vor jedem beschriebenen Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. Es
-weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen
-und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es überhaupt nicht wissen,
-daß es noch andere Bücher als die heiligen Bücher gibt.
-
-[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemühst, daß
-er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum
-bitten willst, er möge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester
-senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn ein
-solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem
-Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, der deinem Ideal völlig
-entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen
-heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung
-gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich
-erst durch das Leben selbst. Du mußt selbst sein Lehrer sein, da du doch
-eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast.
-Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst
-schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen
-Verwandten, und in ihm das Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu
-erwecken, aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung und
-unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal
-weiß, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage,
-daß er genötigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt
-zu machen, während er doch vielmehr von vornherein eine gewisse
-Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher klagt man, daß die
-Priester schlecht sind, daß sie die Manieren der Bauern annehmen und
-sich gar nicht mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da
-möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen Verhältnissen nicht
-verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung besäße?
-Dagegen mußt du es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der
-Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt geistliche Bücher
-mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert und befriedigt uns doch heute
-weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mußt den
-Priester überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von
-Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persönlich von deinem
-Verhalten gegen die Bauern überzeugen könne. Hierdurch wird er klar
-erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die
-Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber werden auch die
-Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, daß er
-Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, daß
-er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe
-und daß er dadurch die Möglichkeit habe, beständig mit dir zusammen zu
-sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich
-langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich
-gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und
-Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja
-gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar
-und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern
-selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt.
-
-Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig hältst, so möchte
-ich dir hierüber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, daß es für
-einen Priester, der noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet
-ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist,
-überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darüber nachgedacht,
-wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor
-Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange,
-bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser
-Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe
-und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die
-heiligen Kirchenväter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich
-sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem
-ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur äußerlich
-angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing,
-immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen
-anzupassen, und er spricht so lebendig über die notwendigsten, ja häufig
-sogar über sehr hohe Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten
-direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird
-sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit
-deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle
-derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei
-Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. Laß ihn dem Volke diese
-Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie
-eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer sie sind, um
-so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor er sie dem Volke vorträgt,
-mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur
-mit innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten
-auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er für eine ihn
-persönlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines
-Lebens abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine
-eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber in möglichst treffenden Worten
-zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie
-unsere höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau so
-hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen Prediger
-anzuhören, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K.
-predigt der Priester überhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er
-sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte aber redet
-er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, daß dieser die Kirche verläßt,
-wie wenn er aus einem Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich
-dreißig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und
-Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in
-der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie
-machen würden, wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie die
-Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im
-Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fünf Mann auf einmal
-vorgenommen. Während der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S**
-selbst erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so
-daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was bloß
-geschehen war.]
-
-Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird
-das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, daß
-du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein
-Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da
-annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers
-widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat
-beweisen, daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn er seine
-Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten
-Bande, von denen man sagt, daß sie für immer zerrissen seien, durch das
-gemeinsame Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, das
-stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du
-bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet
-hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein
-Mann in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage was du willst,
-ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie _ein_ Mann
-allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften
-Lebenswandel zum Vorbild dienen können -- das ist kein unnützes Werk,
-sondern eine durchaus berechtigte und große Tat.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXIII
- Der Historienmaler Iwanow
- An M. Ju. Weligurski
-
-
-Ich schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal
-dieses Menschen! Endlich schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle
-waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu
-unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Künstler, alles bemühte
-sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden,
-[damit der Künstler nicht während der Arbeit sterbe -- ich meine dies
-ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man
-nicht das geringste aus Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um
-Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat.
-Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und
-alle Professoren der Akademie der Künste aus Furcht, das Bild Iwanows
-könnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht
-hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel zur Vollendung
-des Bildes nicht zur Verfügung gestellt werden. Das ist eine Lüge, davon
-bin ich fest überzeugt. Unsere Künstler sind vornehme, anständige
-Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine
-beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat,
-er, der tatsächlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie
-ihr eigenes Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu
-einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum hätten sie Iwanow auch zu
-fürchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er
-strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er
-will überhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben
-außer seiner Arbeit. Er bittet bloß [um eine armselige Pension] -- um
-eine Pension, wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht er,
-der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher
-noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu
-verschaffen bestrebt sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er
-sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie
-wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt
-hat, daß Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und
-alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann ich nicht finden.
-
-Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man
-hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und
-noch immer ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf
-endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der Künstler auch nicht einen
-einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem
-Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man eine
-ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß die ungewöhnliche
-Größe des Bildes, dem kein zweites an Flächenumfang gleichkommt (das
-Bild ist größer als die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich
-viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln,
-die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor
-allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort
--- jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf
-einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein fleißiger Arbeiter
-sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so daß er kaum noch
-wußte, ob es in der Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit --
-wie töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die,
-die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schämen,
-wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war.
-Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der eigenste, innerste,
-geistige Lebenszweck des Künstlers -- eine Erscheinung, wie sie in der
-Welt nur äußerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien
-Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der
-über allen Menschen steht. Es war offenbar höhere Bestimmung, daß sich
-an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Künstlers sowohl nach der
-Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die
-Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung entgegenführen, vollziehen
-sollte. Schon der Gegenstand des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst
-bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf
-gewählt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und
-die bisher noch von keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister
-einer der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen
-Epochen behandelt worden ist, nämlich -- das erste Erscheinen Christi
-vor dem Volke. Das Bild stellt die Wüste am Ufer des Jordans dar. Im
-Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers, der vor
-versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen
-hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die
-damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits
-ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind,
-ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch
-die künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, während er
-mit seiner Verrichtung beschäftigt ist und verschiedene Körperbewegungen
-ausführt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er
-ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die
-verschiedensten Gefühle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits
-vollkommen überzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt
-schon, andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung
-gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, daß die harte
-Rinde der Gefühllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten
-ist. Und während nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen
-ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen
-ward, in der Ferne -- und das ist der eigentliche Höhepunkt des Bildes.
-Der Künstler hat den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit
-dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: »_Siehe, das
-ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt._« Die ganze Menge aber hält,
-ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den geheftet,
-und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu
-dem früheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden
-ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck
-widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten, die ganz vorne stehen,
-leuchten von einem wunderbaren Licht, während die andern noch bemüht
-sind, in den Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht
-begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der Welt auf sich nehmen
-kann, und während die Dritten zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten
-sie sagen: »Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!« Er aber
-schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrückt
-langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu.
-
-Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen
-Prozeß _der Bekehrung des Menschen zu Christus_ darzustellen! Es gibt
-Menschen, die davon überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles
-erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch,
-eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den
-himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles
-leicht erreichbar sei, wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und
-die Akademie besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen, was er
-selbst _gefühlt_ und wovon er sich im Geiste eine vollständige Idee
-gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches
-Gemälde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für
-ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden. Die gesamte
-materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise
-Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster
-Vollendung durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen
-Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der
-jüdische Typus überall festgehalten. Man erkennt sofort an den
-Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist
-ausdrücklich zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische
-Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung
-der Farben, der menschlichen Gewänder und die wohlüberlegte Art, wie sie
-den menschlichen Körper umhüllen und von ihm gehalten werden, bezieht,
-ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß jede Falte die
-Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken muß. Endlich ist auch die
-landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig
-achtet, die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so
-ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten,
-staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden
-Pontinischen Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht,
-zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden, die sich in
-Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes
-Baumblatt studiert, kurz -- er hat alles getan, was er tun konnte, und
-alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte. Wie aber
-sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie ein Künstler ein Modell
-finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafür finden, was die Hauptsache,
-die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie konnte er den
-Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit
-zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe?
-Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken
-erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt
-und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine
-Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war
-bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die
-hohen Gemütsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen
-gegangen, um die Menschen während des Gebets zu beobachten, und mußte
-schließlich erkennen, daß dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmächtig,
-daß es ungenügend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem,
-was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der
-Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so
-langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu
-Christus nicht im Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie
-gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig zu
-Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er
-hat stille Tränen vergossen und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft
-verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen, und in
-einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, daß er zu
-langsam arbeite, und ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er
-möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den
-Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu
-Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die
-Kraft verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch der
-Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert dastünde,
-und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persönlich
-kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei
-träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht
-durch Hunger und dadurch, daß man ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen
-könne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen
-sagten: »Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas für sich, in der
-Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann
-brauchte er nicht vor Hunger zu sterben.« So konnten die Leute reden,
-ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu
-einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon
-nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen,
-daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr
-fähig, sich auf andere Gegenstände zu richten, so sehr er sich auch dazu
-zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues
-Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern
-lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen,
-nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der
-Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden
-sagen: »Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum
-hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann hätte man ihm
-sofort Geld geschickt? Das wäre schön, wenn's so wäre. Es soll doch
-einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens
-gegeben hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu werden vermag,
-was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen,
-die aus sehr natürlichen Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß
-es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie
-unendlich weit über das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer
-heutigen modesüchtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: »Ich will ein
-Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich
-jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch
-manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mögt die ganze Zeit über, während
-der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu
-meinem Lebensunterhalt verschaffen?« Dann würden sich wahrscheinlich
-viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen würden, und glauben Sie
-etwa, daß es einen so törichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben
-würde? Aber selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit der
-Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: »durch höhere Eingebung
-ward mir eine Idee zuteil, die mich unablässig verfolgt -- ich will die
-Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich
-fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm
-bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst
-vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem
-Lebensunterhalt und um arbeiten zu können, brauche.« Ja, hätten wir ihm
-nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: »Was ist denn das für ein
-törichtes Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt denn das
-zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die Seele ist etwas für sich und
-ein Gemälde ist auch eine Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine
-Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch
-auch alle wahrhafte Christen.«] So hätten wir alle zu Iwanow gesprochen,
-und jeder von uns hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese
-schwierigen Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter gewesen,
-die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glühenderer
-Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu
-Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner
-von den modernen profanen Künstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre
-Tränen die Gefühle zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes
-Nachdenken und bloße Überlegung zu erringen suchte, so wäre er nie
-imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand
-bereits den Grund gelegt hat, und er hätte sowohl sich wie die andern
-betrogen trotz seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben
-Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen inneren
-Übergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsprozeß in
-dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen
-mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir
-selbst erfahren. Meine Werke hängen in ganz wunderbarer Weise mit meinem
-Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs
-Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu schaffen. Die ganze
-Arbeit fand in mir und für mich selbst statt. Und doch -- vergessen Sie
-dies nicht -- und doch lebte ich damals, ausschließlich von den
-Einkünften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wußte, daß ich
-Not litt, und doch waren alle überzeugt, daß dies seinen Grund
-ausschließlich in meinem Eigensinn hat, daß ich mich nur hinzusetzen und
-irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu
-verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu
-schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernünftigen Menschen
-folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für eine
-Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, daß mich mein Kopf
-schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige
-Seiten voll, zerriß sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten
-einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht
-genug war, so daß ich mich zu Bett legen mußte. Dazu kamen noch
-allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, daß es
-mir völlig unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt
-über meinen Zustand und meine Lage zu äußern; dies alles brachte mich so
-herunter, daß ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses
-passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem
-noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden
-Menschen hatte. Auch war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr,
-nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern
-sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde
-damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam.
-Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in seiner
-unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heißen Streben beseelt
-war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren
-hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine
-Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug,
-diese Hilfe richtete mich plötzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick
-sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu den
-Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen,
-kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten
-sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich
-der Liebe derer würdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich
-ihnen sagen: »Vergeßt es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr
-auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre«]. In solch eine Lage
-kommt man mitunter. Außerdem muß ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu
-dieser Zeit oft den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele
-konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an Unternehmungen
-beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der
-Allgemeinheit planten. Meine Einwände, ich könne nicht schreiben und ich
-dürfe nicht für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für eine
-Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im Ausland lebte, wurde auf
-ein sybaritisches Bedürfnis zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu
-genießen. Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden
-klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine Krankheit eine
-zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedürfnis war, gerade weil ich
-nicht in ein falsches Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine
-Unannehmlichkeiten bereiten wollte -- selbst dies vermochte ich ihnen
-nicht klarzumachen!
-
-Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam
-geworden, daß ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und
-verständlicher Weise hätte mitteilen können. Wenn ich mich bemühte,
-einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen, so
-stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich den Menschen, zu denen ich
-sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich
-bereute bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig
-zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt Situationen von solcher
-Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen
-lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst
-sieht, wie er lebendig begraben wird -- und nicht einmal einen Finger
-rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch lebt. Nein, Gott bewahre
-uns vor dem bloßen Versuch, im Moment eines solchen inneren
-Übergangszustandes einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein
-sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, daß
-viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht
-gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran:
-ich selbst hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen
-wäre.
-
-Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und
-aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so würden sich alle sofort empört
-gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen
-die andern Künstler würden laut werden, und man würde sie der
-Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende würde gar ein
-dramatischer Dichter ein rührsames Drama über dieses Sujet schreiben,
-das Publikum bis zu Tränen rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde
-Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts wie lauter Lüge und
-Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode
-schuld wäre. Nur _ein_ Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften
-Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser
-Mensch wäre -- ich. Ich habe mich in einer ganz ähnlichen Lage befunden,
-habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht
-klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt
-schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu
-bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich
-habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewälzt. Nun liegt sie
-auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige
-Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem auch noch
-eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem Gemälde gearbeitet hat und
-daß er während dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem
-ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. Sparen Sie nicht
-mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fängt man überall an,
-den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es
-sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des
-Künstlers noch nicht in vollem Maße widerspiegelt, ein Urteil erlauben
-kann, schon sagt ganz Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten
-Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemälde
-wird vollendet werden [-- dann wird auch der ärmste Fürstenhof in Europa
-gern soviel dafür bezahlen, wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde
-eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemälde erzielen
-selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, daß ihm
-die Prämie nicht für sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung
-und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf daß dies
-Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre
-nötig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: daß man allen
-Lockungen des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man nicht aufhören
-dürfe, zu lernen, und sich stets für einen Schüler halten solle wie
-Iwanow, daß man die größten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an
-Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow,
-daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache
-Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten des Anstands außer
-acht lassen muß wie Iwanow, daß man alle Leiden auskosten und selbst bei
-einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen
-feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen
-ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne einen für verrückt
-erklären und überall das Gerücht verbreiten, man sei nicht bei
-Verstande, so daß man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören
-muß, wie Iwanow dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte
-ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedürfnis
-für unsere jungen Künstler und für die, die ihre Künstlerlaufbahn erst
-eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich
-feine Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr
-Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, daß
-die Hilfe und Unterstützung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil
-wird, die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit ihren
-Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr
-ganz aufgehen wie ein Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn
-die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß wäre, damit sich alle
-anderen unwillkürlich hinter den Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß
-er diese Summe nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte.
-Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen.
-Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen
-Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Künstler besser kennt als
-irgendein Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser
-darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. Weiß Gott, was ein
-Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur
-Frau, oder er kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und denen
-er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter kann einen großen
-Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch
-behaupten, daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation
-hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen, und Geld
-dafür verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist,
-auf dem er später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der
-Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not
-vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der
-mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt
-hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie
-dies Iwanow getan hat, -- mit dem verhält es sich ganz anders. Ihm kann
-man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von
-dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie
-billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden,
-besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut
-ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und
-man sollte doch nicht zulassen, daß solche Menschen vor Hunger sterben.
-Wenn es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von den andern
-zurückzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja
-selbst in dem Falle, wenn es seine _eigene_ Sache ist und er nur sagt,
-daß diese Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem
-allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als ob er den Menschen
-wissentlich diente, und für seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen.
-Damit Sie sich aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist,
-weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts
-tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was für einen Lebenswandel er
-führt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie
-Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt
-verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden
-Gedanken an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein
-Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begründen, von
-sich gewiesen hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag und
-Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann
-sind keine langen Überlegungen am Platz, sondern dann muß man ihm die
-Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drängen und
-anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne
-uns vorwärts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er
-nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große Pension
-bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus
-und halten Sie die Lockungen und Verführungen der Welt von ihm fern. Es
-gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. Der
-Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen
-hat. Aber wen Gott für würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten,
-und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn für
-keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXIV
- Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei
- den heutigen Zuständen in Rußland sein kann
-
-
-Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tüchtig
-auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich
-entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fähig,
-sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide
-auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner
-Ansicht nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit elender
-als die jener Menschen, die tief im Unglück und im Elend zu stecken
-meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche
-des Gemüts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten,
-und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen
-kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr
-über sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter
-einen _starken Willen_ zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefühl für
-diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet,
-um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu
-wirklichen Leistungen anspornt. Und _Sie_ haben ihn geheiratet, damit er
-Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger
-werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen
-besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs
-glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide zerfließen und gehen im
-Leben auf wie ein Stück Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre
-guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und
-der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter
-ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und
-Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um _Kraft und Willensstärke_.
-Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und
-Willensstärke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich
-auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernünftig:
-_bete und rudere auf das Ufer zu_, sagt ein russisches Sprichwort.
-Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem
-Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein ganzes Ich in mir
-selbst zusammen und stärke mich!« Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang
-so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu und
-zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt müssen Sie auf
-Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre
-Hände gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern
-machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen Überschlag über den
-gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine Übersicht über all Ihre
-Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie
-bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben
-müssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr
-ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur
-Deckung der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung,
-Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wände Ihres
-Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite
-Haufen muß das Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt
-des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause
-leben, enthalten. Der dritte Haufen sei für den Stall, für den Wagen,
-den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich auf
-diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen
-müssen die Unkosten für die Garderobe, d. h. für alles, was Sie beide
-brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie
-zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte Ihr
-Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche Ausgaben,
-die ja häufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Möbel,
-einer neuen Equipage, oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn
-er plötzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der siebente
-Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben
-für die Kirche und für die Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese
-sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert für
-sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Führen Sie über
-jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie
-eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen
-während dieser Zeit auch noch so günstige Kaufgelegenheiten bieten
-sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so
-sehr zum Kaufe reizen sollte -- dürfen Sie ihn nicht kaufen. Das können
-Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich genügend gefestigt und
-gekräftigt haben. Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, daß
-Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und
-daß diese Erwerbung fürs erste weit wichtiger für Sie ist als jede
-andere. Seien Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten
-Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die
-Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, dürfen Sie doch
-nicht mehr ausgeben, als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält.
-Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden Jammers
-und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein müssen, und wenn Sie sehen,
-daß hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen Sie
-dennoch unter keinen Umständen einen von den andern Haufen angreifen.
-Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre
-Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie
-sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen
-dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal
-vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen Ihre
-Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen möglichen Erniedrigungen
-aussetzen und sogar den öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf
-daß Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle
-Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschränken und im voraus daran zu
-denken, so daß am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die Armen
-übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der
-Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden,
-werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich
-plötzlich einen Schmuckgegenstand für Ihren Tisch oder Kamin kaufen,
-wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht geneigt
-sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen,
-sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche und Launen werden auf diese Weise
-unwillkürlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen,
-und schließlich wird es so weit kommen, daß Sie selbst das Gefühl haben
-werden, Sie brauchten nicht mehr als _einen_ Wagen und ein Paar Pferde
-und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann werden Sie
-erkennen, daß man seine Gäste ebensogut mit einem einfach servierten
-Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne
-alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu befriedigen
-vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das
-Gerücht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht _comme il faut_, sondern Sie
-werden selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon überzeugen
-werden, das wahre _comme il faut_ sei das, das Der von dem Menschen
-fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der
-allerhand Satzungen und Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal
-der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal
-Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes
-Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die
-Bilanz über die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen
-Haufen beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und
-vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen,
-um wievielmal notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, und
-damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen Gegenstand Sie im
-Fall der Not zuerst verzichten müssen, und so die Kunst lernen, zu
-erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist.
-
-Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng an diese Grundsätze.
-Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie während der
-ganzen Zeit zu Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen --
-dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist
-dies: daß in dem Menschen wenigstens _etwas_ stark und unerschütterlich
-werde. Hierdurch kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles andere.
-Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden
-Sie unwillkürlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten
-sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung,
-setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie
-nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann,
-sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur
-Tätigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß er sich ganz
-der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen muß -- [sein
-eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf
-seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja gerade darum
-geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich
-ganz dem Vaterlande zu widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt
-ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst
-behindert wird, sondern gerade um ihn für den Dienst zu stärken und zu
-kräftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder
-in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung
-wieder begegnen und sich so übereinander freuen, als hätten Sie sich
-viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen
-haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen Sie ihm alles,
-was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und
-lassen Sie sich alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement für
-den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen unbedingt darüber
-unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht,
-Sie müssen wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten er an
-jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese
-Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne
-eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich während eines Jahres
-alles von ihm erzählen lassen und aufmerksam zuhören, so werden Sie im
-folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und
-werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen können, wenn ihm im
-Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, wie Sie ihm behilflich sein
-können, über sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst
-nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt hätte. So werden
-Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schönen und Guten werden.
-
-Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt
-habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er
-möge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst
-festzuhalten. Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den
-Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige
-jämmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles
-Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände und
-Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre
-Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer
-meiner Freunde, mit dem Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz
-Rußland kennt, folgendermaßen definiert: »Die Freiheit besteht nicht
-darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune _Ja_ sagt, sondern darin,
-daß man auch _Nein_ zu ihr zu sagen vermag.« Und er hat recht wie die
-Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch
-starkes _Nein_ zuzurufen. Ich vermag nirgends einen _Mann_ zu entdecken.
-So muß denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so
-seltsam und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem Manne
-befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXV
- Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit
- Aus einem Briefe an M.
-
-
-Vernachlässigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen
-Umständen. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann
-aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch
-wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein
-hierdurch können Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen.
-Richten -- das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, was es Höheres
-gibt. Nicht umsonst wird im Volke _der_ so hoch geehrt, der es versteht,
-ein gerechtes Urteil zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar
-die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern werden zu Ihnen hinströmen,
-wenn sie erfahren, daß Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie
-keinen von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und übernehmen Sie
-das Richteramt in allen Fällen, selbst bei einem unbedeutenden Streit
-oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern
-vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und
-was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermöchten, da Sie
-nichts finden könnten, woran Sie anknüpfen sollen.
-
-Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und
-entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das
-Gericht muß erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches
-Gericht muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem
-Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, daß dies in Gegenwart von
-Zeugen geschieht, und daß hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit
-es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht
-und der andere unrecht hat. Daneben müssen Sie aber noch in anderer
-Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem
-Rechte: hierbei müssen Sie _beide_, den Schuldigen sowohl wie den, der
-_recht_ hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, daß
-er selbst daran Schuld war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen
-Sie dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor
-Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil
-er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten
-hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung aus, weil er
-Christus selbst in seinem Bruder gekränkt hat. Beiden aber erteilen Sie
-eine Rüge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgesöhnt,
-sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das
-Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte alles beichten und
-bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden,
-werden Sie aus höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott
-wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen,
-vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und
-wahrhaftes Wissen daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich
-mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, über die
-einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden sie den Geist des Landes,
-die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit
-besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, die sie
-fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege
-könnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von
-allen Völkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke
-entsprungen und lebendig ist, daß es keinen gerechten Menschen gibt und
-daß Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein
-unerschütterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm
-erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht
-übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, und wird hierdurch
-befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der höheren
-Kreise haben kein Gefühl, kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir
-uns nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche Begriffe von
-der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten bloß darüber, wer
-recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere
-Streitigkeiten genau untersuchen, so können wir sie alle auf einen
-Nenner bringen, nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig sind. Und
-dann erkennt man, daß die Kommandantin in Puschkins Erzählung »Die
-Hauptmannstochter« ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um
-den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade
-wegen einer Schöpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei
-folgende Instruktion mitgab: »Untersuche, wer recht und wer unrecht hat,
-und bestrafe alle beide.«
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXVI
- Rußlands Schrecken und Grauen
- An die Gräfin ***
-
-
-Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben
-haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn
-gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen,
-Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen
-Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur
-keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem
-gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in
-Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu
-veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen
-andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die
-gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie
-mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit.
-Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne
-Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist
-verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden
-nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin
-aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch
-schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort
-noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht
-auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines
-oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem
-fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den
-Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter
-Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische
-Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und
-wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in
-jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in
-solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen
-und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf,
-solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten
-Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so
-entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt
-überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird
-ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die
-alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen.
-In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl
-hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese
-Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren
-Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: »Alle lassen den Mut sinken wie
-in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals« treffen in der Tat das
-Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine
-eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen
-Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein
-jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: »_sauve
-qui peut_«. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein.
-Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und
-zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um
-eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff
-besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen
-irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von
-uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich
-selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates
-weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein
-jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den
-himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst
-steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt
-klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies
-kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst
-auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem,
-sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches
-wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere
-Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die
-Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen,
-sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so
-erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat.
-Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung
-beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer
-Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt -- wir müssen immer im Auge
-behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und
-daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es
-uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele
-retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf
-richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich
-verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor
-seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die
-_ägyptische Finsternis_, die uns König Salomon so gewaltig geschildert
-hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und
-unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte.
-Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von
-allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche
-klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen
-unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine
-furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen,
-alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und
-dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern
-sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten
-im Licht und im Tage.
-
-Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber
-und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer
-Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können,
-wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze.
-Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum
-erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst
-halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott,
-vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren
-willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher,
-zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes
-Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener
-schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem
-Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu
-ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was
-glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt
-sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein
-Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten
-vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was
-in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was
-aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht
-ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine
-Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der
-Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei
-vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem
-einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference
-gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten
-Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des
-Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden
-sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg,
-sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen
-Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute
-nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu
-unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts
-sei es gesagt, daß die Zahl solcher _Frauen_ größer ist als die der
-Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach
-meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu
-beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel
-mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft
-(Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher
-Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner
-Seele erfüllt haben) -- Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen
-Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht
-nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die,
-von denen Sie etwas gehört haben -- Sie alle gleichen einander kaum, und
-jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung.
-Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren
-hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren
-schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen
-Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer
-Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von
-einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von
-der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie
-geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine
-so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen,
-wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der
-Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und
-das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von
-jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der
-festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, -- es sich so
-klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name
-der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von
-sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu
-vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit
-habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei
-keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen
-Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß
-und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der
-Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes.
-Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen,
-die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder
-erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und
-gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig
-geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere
-Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken
-und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und
-Unruhe versetzen.
-
- 1846.
-
-
-
-
- XXVII
- An einen kurzsichtigen Freund
-
-
-Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet
-und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben.
-Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott
-gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot,
-sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu
-stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern
-nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht
-Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.]
-Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht
-zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche
-Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück
-Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das
-er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der
-Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum
-tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch,
-dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt
-hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig
-entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand
-fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch
-nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den
-Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden
-Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief
-schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen
-Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen,
-obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte
-tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man
-Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten
-Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel
-Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren
-Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber
-worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest,
-aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit
-allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der
-dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand
-und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen
-gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du
-wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu
-besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die
-Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe
-du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man
-heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten
-kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr
-Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet,
-in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen
-solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart
-besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von
-dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat
-die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde
-ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der
-Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch
-jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du
-glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und
-Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand
-gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum
-bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze
-glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder
-verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu
-vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren,
-Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen
-arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen
-haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem
-Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden,
-und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre
-großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer
-Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas
-_Dauerndes_ hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von
-Taten übereinander auf -- die doch zugleich mit uns wie Staub vom
-Angesicht der Erde hinweggeweht werden. »Du bist stolz,« sage ich dir,
-und muß es dir immer wieder sagen: »du bist stolz.« Wache über dich und
-rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich
-zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen
-bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu
-werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt
-nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind
-noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen.
-Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von
-einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge
-dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche
-Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden
-möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft,
-so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit
-einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit
-entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie
-sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine
-Ohrfeige zu empfangen.
-
- 1844.
-
-
-
-
- XXVIII
- An einen hochgestellten Mann
-
-
-Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet,
-und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den
-Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines
-Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt überall notwendig.
-Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist
-jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt
-überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen
-der gegenwärtigen Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu
-entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und
-welcher der leichteste ist. Für einen Menschen, der kein Christ ist, ist
-heutzutage alles schwierig; für einen solchen dagegen, der Christus in
-all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineinträgt,
-ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie schon im vollen Sinne
-des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein.
-Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf
-Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts. Sie denken nicht
-mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und
-eine historische Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben
-bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch
-befinden muß, der heute Rußland von Nutzen sein will. Was also brauchen
-Sie zu fürchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor
-etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß man überall als Christ
-handeln muß. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in
-allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen -- so sehen Sie
-sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam um. Ihre christliche
-Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung
-bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler. Sie werden keinen
-alten Offizier an sich vorüber gehen lassen, ohne ihn über seine
-persönlichen Zusammenstöße mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie
-wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des
-Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre
-Taten und Erlebnisse während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen
-lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso
-wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie
-brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden,
-werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe
-daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für
-den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen
-brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu
-handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden,
-so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen. Ihre christliche
-Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen,
-werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle
-handeln würden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von
-wem er auch kommen möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger
-Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen auch einem
-einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke
-werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß es ja
-nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der
-Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz,
-Sie werden jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener
-Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug
-raten, denn Sie werden alle anhören. Sie werden nicht einmal imstande
-sein, unvernünftig zu handeln, denn unvernünftige Handlungen entspringen
-nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen, aber die christliche
-Demut wird Sie überall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der
-sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine
-Hälfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze
-Sache zu kennen und voller Hast und Übereilung zur Tat drängen, während
-doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen
-glauben, uns die gute Hälfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein,
-Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also
-brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten?
-
-Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin irgendwo in Rußland
-Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche
-Weisheit erleuchten. Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst schwierig
-ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen, -- weit schwieriger als
-jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel
-Mißbräuche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so
-überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft
-übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage eine besondere Art
-ungesetzlicher Geschäftspraxis unter Umgehung der Gesetze üblich
-geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft
-hat, so daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich
-die Dinge, über die andere oberflächlich hinwegsehen, ohne etwas Böses
-zu ahnen, bloß aufmerksam anschaut, so muß auch dem gescheitesten
-Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln
-verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in
-solchen Fällen lehren, nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge
-zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein.
-Sie wissen, wie vielen fremden Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage
-ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken,
-und daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer, die die
-wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach
-allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem häuslichen und in ihrem
-Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren
-Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel
-bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen
-alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt
-etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden Sie alles
-erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals
-erfahren würde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer
-ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor
-Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte Beamte nur
-ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, daß sich die Schuld
-heutzutage auf alle verteilt, daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen
-kann, wer mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige, die
-unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde
-werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedächtiger sein, als Sie es
-jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des
-Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß _sie_ der Schlüssel
-zu allem ist. _Die Seele_ muß man heute kennen lernen, immer wieder die
-Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann
-nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner
-eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem
-Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn
-sie alle seine geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben
-wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um Übles zu
-tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird
-es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich
-selbst auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor sich
-selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine ganz andere Wendung
-nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die
-andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn
-so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern, daß er plötzlich Mut und
-Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie
-erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein
-kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als Generalgouverneur wird etwas
-gänzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der
-Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr
-viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lästern),
-bestand meiner Ansicht nach gerade darin, daß Sie das Wesen Ihres Berufs
-nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur
-für den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen
-Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohltätiger Einfluß nur bei
-einem längeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz spürbar
-werden kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen
-definiert: »Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich
-auf der Durchreise befindet.« Diese Definition ist genauer und
-entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses
-Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein
-dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um
-den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den
-Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu
-setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in
-Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind und unter der
-Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Anstoß zu
-geben, durch seine unumschränkte Macht die schwierige Situation vieler
-Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu
-erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas
-Eigenes einzuführen, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die
-bereits vorgeschrieben und ein für allemal gezogen sind, in eine
-schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der höchsten
-Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und
-bereits eingeführt ist, haben Sie mit der mühevollen Pflicht des
-Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt
-zurechtfinden und mit ihm fertig werden muß und der alle kleinen
-Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den
-Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs
-gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres höchsten
-Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung für eine lebenslängliche
-gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen ein
-Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein
-edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wären, was Sie
-jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten Sie
-für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brücken und allerhand
-Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan
-haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu
-ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung
-seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den
-Landstraßen wie aus allen anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die
-wir heute so eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch
-notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich nicht um das Wesen
-einer Sache, sondern um etwas bemühte, was nur eine Folge der
-eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewöhnlich des
-russischen Sprichworts zu bedienen: »Wenn nur erst der Zuber da ist, an
-den Schweinen wird es nicht fehlen.« Die Brücken, die Wege und all diese
-Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst
-Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat
-man sich viel um sie bemüht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch
-die Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst:
-Privatleute haben sie erbaut ohne jede Unterstützung der Regierung, und
-jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich
-schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so
-schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese
-Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten
-ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für einen Wert, daß
-heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafür zu einem Trödelmarkt
-wird und daß die Zahl der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In
-Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von selbst entstanden und
-zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa
-nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich
-gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert hätten. »Denket zuerst
-daran,« sagt der Heiland, »alles andere wird euch von selbst zufallen.«
-Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich
-auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung über Ihre
-Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele Mißbräuche ausgerottet und
-sehr viel wahrhaft edle und vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe
-davon gehört, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt
-haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht
-gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit nur provisorischer Art ist und daß
-Sie nicht nur dafür hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange
-Sie da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem Scheiden alles
-in bester Ordnung sei. Sie hätten sich fortwährend vorstellen sollen,
-daß Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfähigen Nachfolger
-besetzt werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung nicht nur
-nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird,
-und daher hätten Sie von vornherein daran denken müssen, etwas so
-Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen
-und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand mehr imstande
-wäre, umzustoßen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie hätten die
-Axt an die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die Stämme und
-Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls
-geben sollen, daß die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet
-und daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr zu stehen, um sie
-zu beaufsichtigen, und hierdurch erst hätten Sie sich ein ewiges Denkmal
-Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz
-anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses Amt nicht gering
-achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein
-Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit wie in
-unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen
-heutzutage niemand fähig ist außer dem Generalgouverneur.
-
-Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in ihre gesetzlichen
-Grenzen zurückzuführen und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die
-sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist
-keineswegs unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und Ämter der
-Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken
-getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen
-der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in
-ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der Übrigen allzusehr erweitert
-worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer
-großen Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft
-verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fühlbar gemacht, daß
-gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die
-Kompetenzen viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit zu groß
-war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, daß
-einem die Hände gebunden waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es ist
-jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das
-Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen, weil die Beamten
-selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie
-übernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau in der
-Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder
-weniger Rücksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das
-eigentliche Urbild, das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein
-entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und
-sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die man bloß sich selbst
-wiederzugeben brauchte, gänzlich aufgehoben oder doch von Grund aus
-umgestaltet. Das aber kann nur von dem höchsten und souveränen
-Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst
-gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle
-unsere Ämter und Berufe stellen in ihrer ursprünglichen Form wirklich
-gute und schöne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen für
-unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus
-eines Gouvernements etwas näher an.
-
-Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr
-umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschränkte Regent und
-Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen
-Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen
-(hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen
-der Städte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als
-auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich alles
-rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des Stadtbildes liegen,
-geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die
-Anlage von Straßen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im
-ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und die Bürgermeister
-aller Städte völlig von ihm ab und stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im
-zweiten Falle kann er über den Hauptmann der Landpolizei
-und die Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die
-Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen
-aus Räten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretär
-darstellt, mit ihm verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem
-schweren Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen läßt,
-unbedingt auf die Räte und die Beamten fällt und daß er trotz all seiner
-unumschränkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist
-mehr als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des
-Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm
-abhängen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn
-diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge
-schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf von
-Staatsländereien, Seen oder überhaupt über irgendwelche Ein- oder
-Verkäufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierüber eingehen, so muß er
-schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein
-Vertrag geschlossen werden, ohne daß _er_ anwesend ist. Demnach werden
-auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschäftsführung gar
-nicht von ihm abhängen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert,
-irgendwelche Mißbräuche zu begehen.
-
-Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre
-höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses völlig von seinem
-Ministerium abhängig ist, ganz unabhängig vom Gouverneur zu sein, und
-doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur
-daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser während seiner
-Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre
-stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu
-verlangen, daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt
-werden, die er auf gut Glück herausgreifen kann, um sie bei sich zu
-Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen und auf diese Weise alle in
-Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die
-Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat er doch das
-Recht, überall Mißbräuche zu verhindern, wo solche immer vorkommen
-mögen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben.
-Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem amtlichen Verkehr
-mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall
-der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen
-Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die
-Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf
-eine andere Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich, sich
-mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man
-nämlich die große Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der
-Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der
-Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem
-europäischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in
-unserem Adel verkörpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des
-Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nächst dem
-Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein
-dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute
-Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst
-etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhältnis
-unfrei und beengt fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns
-und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt werden, aber ganz von dem
-Gouverneur abhängen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide
-Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall kann auch in
-solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschränkt
-ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und
-ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher
-und kraftvoller auf den Adel einzuwirken.
-
-Fehler und Versehen können überall vorkommen, überall können sich
-Unrecht, Lüge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen
-und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine
-besondere Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und die allen, selbst
-dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit wahren muß -- das ist der
-Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück
-Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine
-Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung
-kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß gefaßt
-werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem Vermerk »Gelesen« versehen
-hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat
-niemand Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister; nur mit diesem
-steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles,
-was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen.
-
-Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die
-Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen
-Autoritäten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede
-nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch größeren
-Weitblick der Regierung schließen lassen; ich will nur an das
-Gewissensgericht erinnern, denn etwas Ähnliches ist mir in keinem
-anderen Staate bekannt geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der
-Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Fälle, in denen
-ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Härte empfunden werden
-würde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke
-beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche Gewissen zu
-entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst die Anwendung des
-gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit würde; kurz alles, was im
-höchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und
-unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen entschieden und
-erledigt werden muß -- fällt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie
-weise ist doch die Einrichtung, daß die Wahl des »Gewissensrichters« vom
-Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu gewöhnlich einen Mann, den die
-allgemeine Stimme für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten
-Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei Gehalt oder
-Lohn für seine Mühe erhält, und daß diese Tätigkeit für den Menschen mit
-keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von
-dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. Wieviel
-verwickelte Streitfälle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre
-Streitigkeiten ohne Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem
-Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter
-tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und daß er sich
-durch die Verwaltung seines göttlichen Richteramts berühmt gemacht hat.
-Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung?
-
-Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer
-Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man über die Weisheit der
-Gesetzgeber: man hat das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und
-Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an
-nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, daß wir uns
-gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns
-gegenseitig helfen und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen uns
-verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer
-Beamter hier noch sollte, jede neue Person wäre hier nicht am Platze,
-jede Neuerung wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie
-ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es
-verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten
-mit besonderen Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen
-Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die
-Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten
-so den Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen
-Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, daß Sie es nicht auch so
-gemacht haben, Sie verstanden die Sache nämlich schon damals viel
-besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten
-anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht
-soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie _zwei_ Diebe statt eines
-schaffen. Überhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschränkung und
-Überwachung eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre
-eines Menschen nicht durch die eines anderen beschränken, schon im
-folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den
-unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die
-Macht des ersten zu beschränken, und so würden die gegenseitigen
-Einschränkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und törichtes
-System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in
-Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen
-Völkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem
-gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es weder
-so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen
-lassen sich nur von ihrem persönlichen Eigennutz leiten. Man muß
-Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt
-keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, daß man ihn mit Mißtrauen
-ansieht, wie einen Gauner, und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn
-überwachen sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man muß den
-Menschen die Hände lösen und sie nicht noch fester binden. Man muß
-darauf dringen, daß sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht
-von andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit strenger gegen
-sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an
-seinem Amte versündigt. Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen
-seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der
-Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst über das
-wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle
-jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis seiner
-Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst
-zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen
-persönlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretäre und
-keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedürfen; infolgedessen
-werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit
-mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich
-andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind,
-wie Sie selbst wissen, ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei,
-allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und
-folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anlaß,
-daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten mit wichtigen
-Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär,
-den häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch alle Akten
-gehen; ein solcher Sekretär schafft sich eine Geliebte an, dies führt zu
-Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person
-da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist
-dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung neuer Verwirrungen und
-Verwickelungen noch unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen
-werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie
-sich nie anders als persönlich mit jemand auseinander. Wie kann man bloß
-gering von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders wenn es
-sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine
-Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur
-ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über allerhand
-Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europäischen
-Zeitschriften geschöpft werden, einem solchen Gespräch vorziehen? Die
-Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, über den man sich so
-unterhalten kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen sie
-in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie
-auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen,
-daß ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! Vor allem
-aber -- und dies dürfen Sie nie vergessen -- sprechen Sie russisch mit
-ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der
-Praxis des täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung
-verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, die sich zu
-einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mißbräuche an
-der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache,
-deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen,
-trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die
-zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir
-doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache
-heißt der Vorgesetzte: _Vater_. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater
-seinen Kindern ist. Ein Vater aber führt keine papierene Korrespondenz
-mit seinen Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar mit
-einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem
-das echte Verständnis für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft große
-Leistung vollbringen.
-
-Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lösen kann,
-außer einem Generalgouverneur, und die heute nicht bloß einem Bedürfnis,
-sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies
-die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung
-beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist
-etwas sehr Schönes, trotz der fremdländischen Schale, von der er
-zeitweilig überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefühl dafür.
-Vielen dämmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch
-wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich
-den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, und schließlich gibt es noch
-solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen
-Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen
-einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige und klare Gedanken über
-diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die
-Massen, und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich
-in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mißtrauens gegen
-die Regierung verbreitet. Während der letzten europäischen Revolutionen
-und Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, in den
-Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, als suche die Regierung
-die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur völligen
-Bedeutungslosigkeit herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten
-und Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben allerlei
-Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen Zeitungen mit ihnen
-an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu
-säen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es eine
-phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der regierenden Gewalt
-selbst rüttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, daß der
-Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, das
-heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland einbrocken und
-solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst
-eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, daß Furcht und
-gegenseitiges Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst
-die heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei Dank, die
-Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte Menschen einen ganzen Staat
-in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein
-phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen
-Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich kenne viele Adelige, die
-ganz ernstlich davon überzeugt sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht
-liebt, und die sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese Sache
-ins reine und klären Sie diese Leute über die ganze Wahrheit auf, ohne
-ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser
-diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich nur den
-Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schöne edle Form und
-Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes
-entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die
-Zierde, die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel
-die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes
-Element. Allein der Adel muß selbst zeigen, was er ist, und die
-Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem
-völligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser
-Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise
-und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht über
-sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung
-davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt.
-Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen
-Leuten anfangen soll. Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle
-Bedeutung wieder erobern. Und dabei können Sie allen in wahrem Sinne
-behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und
-da Sie Verständnis für die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie
-sie auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu bedarf es nicht
-etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklären werden, liegt ja
-schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine
-ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz
-anders herausgebildet als in anderen Ländern. Er führt seinen Ursprung
-nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, er
-ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich
-in beständiger Auflehnung gegen die höchste Gewalt befinden und die
-Bedrücker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung
-von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat,
-von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen und Verdiensten und nicht
-auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche
-Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in
-anderen Ländern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm
-fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten
-Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die älteste ist --
-dies tun höchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit während
-ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder
-einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen rühmt, doch auch dann nur
-solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste
-geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu
-prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen
-würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache,
-der sich ein jeder zu rühmen wagt, -- das ist das Gefühl für sittlichen
-Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf
-ankommt, diese höchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so
-bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn es
-der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz
-und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gefäß für
-diesen sittlichen Anstand, der sich über das ganze russische Land
-verbreiten muß, damit alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten,
-warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt wird. Wenn Sie
-ihnen annähernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die
-lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen
-werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in
-dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der
-Nachwelt sichern können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, daß
-das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß man dem Lande nur
-durch große, hochherzige Taten helfen kann, daß man aber vor allem denen
-mit großen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei
-der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, daß ihre Herzen mit
-dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl.
-Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie ihnen die volle
-Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lügenhaften Berichten
-ausländischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe
-ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit
-auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland wirklich unter den räuberischen
-Praktiken und unter den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer
-Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und daß dem Kaiser
-das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch
-nur ahnen kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick dieses
-Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den
-Menschen aufgetürmt, sie voneinander getrennt und jedermann die
-Möglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für sein
-Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen
-Verfinsterung und Entfremdung gegenüber dem Geist des Vaterlandes,
-angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser käuflichen
-Rechtsverdreher und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten
-herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im
-Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen
-und ihnen sodann beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe
-stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten:
-nämlich ebenso hochherzig wie ihre Väter einstmals in Reih und Glied
-wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten
-Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese von elenden
-Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie
-sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten
-können von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst
-zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach
-geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja
-nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für sich verlangen,
-zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge ans Licht stellen konnten.
-Kurz -- machen Sie ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie
-werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. Sie können sie
-auch auf eine zweite große Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen
-können: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen
-Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes
-werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, über die
-alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente
-überall, außer in Rußland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut
-über die Vorzüge unseres ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die
-Ohnmacht und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen,
-sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat.
-Daher müssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische
-Verhältnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den
-verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen
-Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie der Obhut fremder
-Tagelöhner und Verwalter überließen, herausgebildet hat, -- wirklich und
-wahrhaftig für die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen
-Blutsverwandten und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten sie
-lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch
-allein können sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll,
-diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien
-noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen
-Namen Christi trägt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr
-gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich's
-überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung unseres Adels
-gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren großen Leistungen sein.
-
-Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand außer dem
-Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europäischen Staaten haben
-heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu
-leiden. Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: die
-eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über ihre Grenzen und Schranken
-hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem
-Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet
-vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand,
-andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter
-dem Zepter der Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht etwa
-gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen Gesetze aus ihrem
-Bett geschah ganz von selbst, da sich überall leere unausgefüllte Lücken
-darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die
-Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer
-mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und überließ so alle
-privaten Verhältnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal.
-Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre
-Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt
-wurden. Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und
-weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, was von Rechts wegen
-der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche
-ist, wird das ganze bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden
-können, das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen
-Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse enthält. Heute
-sieht jedermann, daß eine große Menge von Fällen, von Mißbräuchen und
-Intrigen nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten
-Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche möglichen Abweichungen bis
-in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann,
-selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und
-ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher hätten diese Leute es für
-unanständig gehalten, einen solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen
-wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer
-Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals
-verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein
-Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs
-Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rüstet, und nimmt überhaupt keine
-Rücksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd
-verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich
-menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, ganz offen die größten
-Grausamkeiten zu begehen, ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich
-schon des bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der Kirche
-beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen Vorteil vorzuhalten, vor
-das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie
-es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen,
-kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die Weiterungen vor den
-Instanzen drohen, die _Kirche_ und nicht das bürgerliche Gesetz die
-Menschen miteinander zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie
-ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, daß dem
-bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle zugewiesen werden, die
-wirklich unter das bürgerliche Recht fallen, daß der Herrschaft der
-Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben
-muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet werde, was ihr ewiglich
-angehört? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht
-werden? In Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu müßten
-Ströme von Blut vergossen werden, Europa würde in unnützen Kämpfen
-erliegen und doch nichts erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit
-hierzu vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich und
-schmerzlos vollziehen -- nicht durch irgendwelche Neuerungen,
-Umwälzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand
-Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten,
-Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder
-Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den
-Grund dazu legen; und wie einfach! -- Durch nichts andres als nur durch
-sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner
-Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er
-die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und
-die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen
-auf unser gegenwärtiges Leben angewandt werden können. Er kann eine
-mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß die Beziehungen zwischen
-den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich
-schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser
-komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen,
-muß unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit
-beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der
-Städte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einführung und Befestigung der
-Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche heute
-ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er
-kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und
-zweitens auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen -- aber nicht etwa
-durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, sondern durch solche, die
-weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal
-miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben
-werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die
-einfache Sitte mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz -- und was
-ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet?
-Mitunter hat sie überhaupt keine Bedeutung für unsere Zeit, man kennt
-den Grund nicht, weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher
-sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, die sie
-eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar ein Überbleibsel aus den
-Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu
-allen Grundlagen des modernen Lebens steht -- wenn nun nach alledem
-schon die Sitte etwas so Mächtiges ist, daß es schwierig ist, sie selbst
-im Laufe von vielen Jahren auszurotten -- wie würden sich wohl die Dinge
-gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich auf die Vernunft
-gründen, die einstimmig und einmütig von allen anerkannt werden und die
-höhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten
-würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert
-fortpflanzen, und keine Macht der Erde würde sie vernichten können, was
-die Welt auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein
-gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig reden, und dazu bin
-ich zu dumm. Vielleicht werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und
-mich erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen
-also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie
-daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs
-angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es
-verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit den Wünschen und
-Forderungen der Regierung befinden -- d. h. Sie werden das ganze Gebiet
-wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln,
-alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen
-Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche
-zu wirken. Sie werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur
-provisorisch sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn der innere
-Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und
-Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten außer dem
-Bürgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und fürchten Sie sich vor
-nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt übernehmen sollten, halten
-Sie sich stets an die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß
-die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen
-Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß sich alles, nicht nur so
-lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise
-abwickelt, daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rücken
-vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst innerhalb der von Ihnen
-gezogenen Grenzen betätigen und die von Ihnen vorgezeichnete,
-vernünftige Richtung einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk
-dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu befestigen. Seien Sie allen
-Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes
-ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und
-Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die
-Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien
-will. Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur in der Absicht,
-jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einfluß gewinnen kann. Sorgen
-Sie ferner dafür, daß keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt
-wie auf seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen sich
-ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht
-einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch
-stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der
-Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin ihm nur für eine bestimmte
-Zeit und nicht für immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn
-im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und
-sorgfältiger auf sich acht geben muß als früher, stets eingedenk, daß es
-nun niemand mehr gibt, der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm
-gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend.
-Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt
-niederlegen sollten, keine Tränen und kein Gejammer gibt, sondern daß
-ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher
-sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen
-möchten, sorgsam für den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden
-alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und
-wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, das werden sie jetzt
-willig aufnehmen und danach handeln. Für mich ist die Stunde des
-Abschieds von meinen Freunden -- der schönste Augenblick; jeder meiner
-Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und
-seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der
-letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon
-überzeugt, daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt
-haben, fröhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden.
-Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit
-fröhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen
-noch etwas über die Liebe und die allgemeine Sympathie für uns sagen,
-nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu
-wollen -- das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht
-beschäftigen sollte. Streben Sie danach, -- die andern Menschen zu
-lieben, und nicht danach, daß andere Menschen _Sie_ lieben. Wer einen
-Lohn für seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit
-vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß Gott mir schon in
-meiner Jugend diese merkwürdige und mir selbst kaum verständliche
-Abneigung gegen jegliche unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse
-eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas
-Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder
-Freunden herrührten! Wie wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe
-keinem Wesen dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von einem
-Vorgesetzten auf den andern übertragen, und sowie ein Vorgesetzter
-merkt, daß sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den
-über ihm stehenden höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so
-endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis ein von allen
-geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott
-selbst darbringt.
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXIX
- Wessen Los auf Erden das beste ist
- Aus einem Briefe an U--
-
-
-Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das
-schönere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Früher als ich
-noch törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor;
-jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller Menschen gleich
-beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn -- sowohl der, dem
-ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem
-fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere dafür
-zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das Los des ersten noch besser ist,
-gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem
-Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar
-ist doch die göttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der
-redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste
-Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden
-eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle _gleichermaßen_ in
-Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt:
-»_Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen_«, aber wenn ich mir diese
-Wohnungen vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, was die Wohnungen
-Gottes sein mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und ich
-weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich wählen soll, wenn
-ich wirklich einmal gewürdigt sein sollte, am himmlischen Reiche
-teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: »welche von ihnen
-möchtest du wählen?« Ich weiß nur das eine, daß ich antworten würde:
-»die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist.« Ich glaube, man
-kann sich nichts Schöneres wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen,
-die bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majestätischen
-Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen liegen und sie zu küssen!
-
- 1845.
-
-
-
-
- XXX
- Ein Geleitspruch
-
-
-Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort
-erhältst du später. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind groß.
-Bei einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen
-anhören, mit so hohen Gefühlen unter so groben, plumpen Menschen weilen
-zu müssen, wie die Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich
-niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, ohne daß sie es
-wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schätze und
-Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu müssen, daß
-mit plumper Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen
-wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute
-auszuströmen, bis sie verstimmt sind und reißen, und über dies alles
-noch all die Gemeinheiten und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen,
-die sich täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu müssen, die
-selbst der Verachtung wert sind -- ich weiß wohl, daß ist alles sehr
-bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein
-Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle,
-die dich jetzt heimsuchen -- das alles ist hart, sehr hart, ich vermag
-dir nichts andres zu sagen, als daß es wirklich sehr hart, sehr bitter
-ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du
-wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, dir stehen noch härtere
-Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und
-schamlosen Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, die
-nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, von der du schreibst
-[d. h. eine fremde Unterschrift zu fälschen] -- die den Mut haben, ein
-so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen
-Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht
-mit der Wimper zu zucken -- ja die nicht nur einer solchen Niedertracht,
-sondern noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren bloße
-Beschreibung einem mitleidigen Menschen für immer den Schlaf rauben
-könnte (o wenn doch solche Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen
-Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren
-Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr
-zu retten vermag. Unzählige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen
-warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann
-alles passieren. Deine Nervenanfälle und deine Leiden werden noch
-stärker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit
-wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen
-werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets
-daran, daß wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und
-Feste zu feiern -- wir werden hierher berufen, um Schlachten zu
-schlagen, den Sieg werden wir _dort_ feiern. Daher dürfen wir keinen
-Augenblick vergessen, daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier
-gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns weniger Gefahren
-drohen! Wie ein guter Soldat muß sich ein jeder von uns in den Kampf
-stürzen, wo er am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von
-oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste
-von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden,
-sondern mußt mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht etwa
-einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt dir einen Starken zum
-Gegner wählen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen
-Leiden wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen Russen ist es
-nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen,
-wenn man im voraus weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem
-Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn für
-unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen
-aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich
-rühmen kann!] Nun denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir,
-mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund!
-
-
-
-
- XXXI
- Wesen und Eigenart der russischen Poesie
-
-
-Trotz des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr
-viel Eigenartiges. Ihr natürlicher Quell regte sich schon in der Brust
-des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl
-dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe
-zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige
-Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein Streben,
-sich von den Tönen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt.
-Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem
-ungewöhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein
-Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt hat: die Ironie, den
-Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen
-Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze
-Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es seine
-empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein Strom bricht endlich auch
-aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor -- Reden, die so einfach,
-so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu
-dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu
-erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung,
-nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den
-Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit zu
-erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und
-urwüchsige Entwicklung, wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber
-nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere
-wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genuß bereitet, ihren
-Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwärtigen
-bürgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem
-Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche Ordnung ist ja auch
-nicht durch eine geregelte allmähliche Entwicklung der Dinge, nicht
-durch eine langsame wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in
-unser Land entstanden -- was schon aus dem einfachen Grunde unmöglich
-war, weil die europäische Aufklärung bereits eine viel zu hohe Stufe der
-Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie
-nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland hereinbrechen und
-ohne einen solchen Führer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel
-größere Unordnung hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich
-bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung entsprang aus einer
-Erschütterung, aus jener gewaltigen Erschütterung des ganzen Staates,
-die der Zar, dieser große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm
-den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europäischen
-Staaten einzureihen und es plötzlich mit allem bekannt zu machen, was
-sich Europa durch lange Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte.
-Eine so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das russische Volk,
-und die europäische Aufklärung war der Feuerstahl, der diese ganze
-Volksmasse treffen mußte, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl
-verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht
-trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem
-Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude über das
-Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte keiner
-das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im Licht der europäischen
-Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu
-kopieren. Jeder fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße
-Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und
-zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar großmütig
-auf seine Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und
-mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von
-den Wirrungen und Verwicklungen entstünde, die selbst die
-geringfügigsten Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen --
-schon diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der
-Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, die gewöhnlich das in
-Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Ströme von Blut setzt,
-wenn sie die Folge innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von
-ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glänzende Manöver
-eines vortrefflich geschulten Heeres. Rußland erhob sich plötzlich zur
-Würde eines großen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein
-Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen Bildung.
-Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich
-ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter
-kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer
-Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der
-Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht
-wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das
-Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung über das neue Licht, das
-sich über Rußland ergossen hatte, für das Staunen über die große
-Aufgabe, die dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, den es dem
-Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach
-dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und
-es erschuf unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes neue
-lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen,
-von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten.
-
-Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwärmerischer
-Jüngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen
-Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die
-Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine erste Ode aufs
-Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und
-Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen,
-ob sie sich für unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine
-künstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schöpferischer
-Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben
-hervor, wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen
-Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen
-wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, kommt ihm in Sinn, und die
-Frucht dieses Einfalls ist die Ode: _Abendbetrachtungen über Gottes
-Größe_, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät und Würde atmet und
-die kein anderer außer Lomonossow hätte schreiben können. Ein ähnlicher
-Einfall wird der Anlaß für die Epistel an Schuwalow: _Über den Nutzen
-des Glases._ Jede Erwähnung Rußlands, das seinem Herzen so nahesteht und
-das er immer durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht,
-erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nüchternen
-Strophen begegnen wir Versen, die uns plötzlich in eine andere Welt
-versetzen. Man hat das Gefühl, als ob -- um uns seiner eigenen Worte zu
-bedienen --
-
- Der Götterjüngling David leicht
- Der Harfe heil'ge Saiten meistert
- Und aus Jesaias Mund begeistert
- Ein Psalm empor zum Himmel steigt.
-
-Er überschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern,
-wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzückt von seiner
-grenzenlosen Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, als
-wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht
-mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters,
-aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den
-Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste ist, indem er
-seine Verse in die strengen Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der
-Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb der engen
-Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen Würde und Freiheit dahin, wie
-ein wasserreicher Fluß in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen
-Versen noch schöner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heißt
-daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwürdige ist,
-daß der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber
-wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu
-einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht
-einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern
-sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Rußland erscheint bei ihm
-nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint
-ausschließlich darum bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen
-Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien
-abzustecken, während er die Ausmalung den andern überläßt. Er selbst ist
-gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen
-sollen.
-
-Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingeführt. Feste,
-Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persönlichkeiten, ja sogar eine
-Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die
-Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer
-gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer Begeisterung
-getragen wurden. Höchstens _Petrow_ macht eine Ausnahme, dem es nicht an
-einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war
-ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit seiner Verse. Die
-andern erreichten bestenfalls nur die kalte äußere Rhetorik der Oden
-Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres
-zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der
-Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie
-gezündet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als
-Dershawin seine ersten Lieder dichtete.
-
-In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glänzenden Sammlung der
-vorzüglichsten Werke russischer Schöpferkraft gleicht, als sich auf
-allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen
-Schlachten ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner in der
-inneren Organisation des Reiches tätig waren, geschickte Diplomaten sich
-beim Abschluß von Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und
-Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter
-Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische würdevolle Äußere wie
-alle Männer aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten
-Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen
-allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgeführtes,
-wie man es wohl in Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit
-gebracht werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und
-Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden
-Dichtern aufdrängt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender
-kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung,
-den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Während sich Lomonossow
-völlig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschließlich als eine
-Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt _er_ sich gänzlich der
-Dichtkunst hin und hält eine vielseitige wissenschaftliche Bildung für
-unnütz und überflüssig. Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei
-ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse
-des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden
-sichtbar. Was ihn beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft:
-sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die
-Menschen aller Berufe und Stände und zeugen von dem Streben, ein Gesetz
-des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem,
-selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine
-wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch
-Gewaltigeres und Überirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht,
-woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang
-unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine
-dunkle Weissagung über unserem Lande schwebt und uns eine bessere
-Zukunft vorhält, zu der wir bestimmt sind -- oder ist es ein Echo seines
-alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die
-armseligen Überreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre
-Einbildungskraft an Erzählungen von klafterhohen Helden, die tausend
-Jahre alt werden, entzünden? -- was es auch sein mag: dieser
-Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine
-Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie weit her: nur um möglichst nahe an
-seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer,
-aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, da dienen diese
-ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier
-unbegreiflichen Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als blicke
-er uns mit tausend Augen an. Man überlese den »_Wasserfall_«: man hat
-den Eindruck, als wäre hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig
-dahinstürmende Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen
-alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die Natur erscheint hier wie eine
-höhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die
-Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen
-mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines
-fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger
-des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und
-Rußlands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind
-königliche Adler, kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat
-jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, was ihn
-am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gestählten
-starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit,
-sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er
-nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur
-erwachsen müßte, genährt und groß geworden auf dem unerschütterlichen
-Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die die Ode gerichtet
-ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden
-zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus,
-die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. Das, was wir einen
-Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung
-wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der
-Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter
-erscheint alles bei ihm groß und gigantisch: seinen poetischen Metaphern
-fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam
-in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade
-dadurch etwas noch Großartigeres und Erhabeneres. So schildert zum
-Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört,
-über das Meer rast:
-
- Wild springt er auf die Wellen los,
- Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen,
- Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß
- Des Hades mit gesträubten Haaren,
- Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.
-
-Hier schien sich ein _plastisches_ Bild des greisen Caspius gestalten zu
-wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen:
-das Ohr hört nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem
-grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die Haare, der
-erschüttert ist von der rauhen Größe des Bildes. Bei ihm ist alles
-monumental. Sein Stil ist von einer Größe, wie bei keinem unserer
-Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so
-sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer
-Worte mit schlichten, ja trivialen begründet ist, wessen sich kein
-anderer außer Dershawin erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen,
-sich so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem
-großen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe
-
- den Tod wie einen Gast erwartet
- und sinnend sich den Schnurrbart streicht.
-
-Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie
-die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen
-des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt
-hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes
-Gefühl bleibt in unserer Seele zurück! Man muß jedoch sagen, daß sowohl
-diese wie alle andern gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere
-Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses annehmen, sowie
-ihn die Inspiration verläßt: Alles gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache,
-Stil, alles knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers gleicht
-einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner
-unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern
-Selbstbeherrschung predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen, hat
-sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und mit der ganzen Kraft
-seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen müssen, um das
-aussprechen zu können, was sich der Seele des Dichters von selbst
-entringen müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen gewußt, es
-würde keinen größeren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber
-gleicht er nur einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar
-niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird
-lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrücken
-fortzueilen suchen.
-
-Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon
-hatte sich alles um ihn verändert: das Zeitalter Katharinas, die
-königlichen Feldherren, der höfische Luxus und das ganze höfische Leben
-waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war
-angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen
-sich mehr in sich selbst zurück und wetteiferten, aus dem Gefühl heraus,
-daß sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen
-und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen
-galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer
-den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang
-die flinken französischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung
-unseres sicheren dichterischen Gefühls sei jedoch an dieser Stelle
-erwähnt, daß uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient
-hat: _Lafontaine_, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nächsten
-stand: _Dmitriew_, _Chemnitzer_ und _Bogdanowitsch_ dichteten in der
-gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie er. Die russische
-Sprache erhielt plötzlich eine gewisse Freiheit und die Fähigkeit, mit
-angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen -- eine
-Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur
-die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie.
-_Dmitriew_ bewies überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und
-Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos
-überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und
-Lomonossows üblich geworden war. Aber die Oberflächlichkeit der Epoche
-vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie
-blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man konnte sie
-bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon
-sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu
-tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu
-machen und zu beweisen, daß er über jeden Gegenstand etwas zu sagen
-habe. Die letzten Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden
-Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus der Kirche in
-den Ballsaal versetzt. Nur der eine _Kapnist_ ließ den Duft eines
-wahrhaft beseelten Gefühls und eine eigenartige anthologische Anmut
-verspüren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel
-an sein Landhaus Obuchowka:
-
- Mein liebes Häuschen, strohgedecket,
- Ist nicht zu groß, noch ist's zu klein,
- Der Freund wird stets willkommen sein
- Und selbst den armen Bettler schrecket
- Kein Türschloß fort, will er hinein.
-
-Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines
-oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre
-Empfänglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europäischer
-Bildung geweckt, und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen
-nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und für ihre Entwicklung
-nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der
-deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor. Eine
-unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen, wunderbare
-unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt,
-Träume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten
-pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man hätte eine
-solche Poesie für die Laune eines Schulbuben halten können, wenn nicht
-jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wäre, durch das die
-unsterbliche nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde
-gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige Dichtung von
-dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief plötzlich in
-ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns
-nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte
-erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren
-Kristall seines Wesens gezeigt hätte, das uns weit verständlicher war,
-als das deutsche. Dieser Dichter ist _Shukowski_: die stärkste
-Individualität in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fügung des
-Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst
-unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele
-gelegt. Wie der Held seiner Ballade _Wadim_ vernahm er immer einen
-himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief.
-Dieser Lockung folgend, stürzte er sich auf alles Unerklärliche und
-Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die
-eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles dieser Art
-entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste
-davon sind Übersetzungen. Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die
-Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft
-belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des Russischen mächtig
-sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien,
-während seine Übersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man
-weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen
-Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine eigene Persönlichkeit
-auf, während sie bei Shukowski stärker hervortritt als bei irgendeinem
-unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen,
-so werden wir finden, daß das eine von _Schiller_, ein anderes von
-_Uhland_, ein drittes von _Walter Scott_, ein viertes von _Byron_
-entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort
-getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist
-durchaus erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine
-Gelegenheit, sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte
-nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann
-fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern
-ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht
-zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben
-Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch möglich war, daß seine
-eigene Persönlichkeit all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen
-konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt. Es
-gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein
-getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit bilden könnte. Man muß
-auch sagen, daß sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine so
-starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu
-entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an
-übersinnliche Kräfte, die den Menschen überall schützend umschweben.
-Wenn man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl, für das
-Dershawin die Worte gefunden hat:
-
- »Dem Schutz des Himmels übergeben
- Ward deines Lebens Sicherheit
- Und Legionen Engel schweben
- Ob deinem Haupte hilfsbereit.«
-
-Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt, wie ein
-ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses
-ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren
-geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus
-nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform,
-die damit etwas Leichtes und Unkörperliches wie eine Vision erhielt. Mit
-diesen Übersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er
-neue Formen und Metren, die dann später auch von allen andern russischen
-Dichtern angewandt wurden. Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor
-allem ein schöpferisches Talent zu sein -- es fehlte ihm nicht an
-schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden. Im Beginn seiner
-Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivität:
-_Swetlana_ und _Ludmilla_ trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer
-slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns weit verwandter
-als die Lieder anderer Dichter -- ein Beweis dafür, daß sie zu einer
-Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen
-mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schöpfung
-Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den
-diese Trägheit des Verstandes zurückzuführen ist: es ist seine
-Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste
-festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem fertigen Werk
-liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der
-Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zürnte ihm sehr, daß er
-keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk
-so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung für Kritik
-und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen
-hervor, die seine eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert
-von einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht eher von
-ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes,
-verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne
-zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und
-die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit
-hervorzaubert, wer in seinem »Bericht über den Mond« die magische Pracht
-der Mondnächte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend
-und anschaulich zu schildern vermochte: der mußte natürlich im hohen
-Maße die Begabung zur _Kritik_ besitzen. Seine »Slawin« mit ihren
-Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andächtige
-träumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein
-warmes und erwärmendes Licht um sich, das den Leser mit einer
-unbegreiflichen Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich
-und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschließen.
-
-In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer
-Entwicklung ein. In dem Maße, als sich die in einem leuchtenden Dämmer
-verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen
-Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte, begann er,
-den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster und Phantome der
-deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Träumerei machte
-einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die
-»Undine«, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche
-Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm
-nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner
-vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine
-kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine
-Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des
-Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das
-Ätherische, Unbestimmte, das er früher besaß: er schreitet kräftiger und
-sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu
-vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster
-Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem
-Erfülltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer
-so erleuchteten und hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk
-sicherlich die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums in
-einer vertrauten und heimischen Beleuchtung näherbringen müssen -- eine
-Leistung, die weit höher zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und
-die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde. Shukowski
-verhält sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern
-Handwerksmeistern: das heißt wie ein Meister, der sich nur mit der
-letzten Verarbeitung des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine
-Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu fördern: er hat dem
-Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen
-Glanze erstrahlen läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt. Ein
-solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem
-vielleicht nur darum eine geniale Empfänglichkeit verliehen ward, um all
-dem, was die andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht
-verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen.
-
-Während Shukowski noch in der ersten Periode seiner Dichtung stand,
-während er noch bemüht war, die Poesie aus den Fesseln des Irdischen und
-Greifbaren zu befreien und sie in die Sphäre unkörperlicher Gesichte zu
-erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, wie im bewußten
-Gegensatz zu ihm sie fester in der Erde und im Physischen zu verwurzeln,
-indem er uns den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen
-Körperlichkeit verspüren ließ. Während jener sich ganz in den ihm selbst
-noch nicht völlig klaren Idealen verlor, tauchte dieser vollkommen in
-der üppigen Pracht des Sichtbaren unter, das er so deutlich empfand und
-das ihn so stark ergriff. Er suchte das Schöne in allen Gestalten und
-Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare lebendige Lust
-des Genusses aufzulösen. Er empfand, um sich seiner eigenen Worte zu
-bedienen, »des Denkens und des Dichtens Wollust«. Es schien, als ob eine
-innere Kraft im Schoße unserer Poesie diesen Dichter erschaffen hätte,
-um sie von einer allzuweit gehenden Übertreibung zu bewahren, damit uns
-der eine die nordischen Klänge der europäischen Sänger brächte, während
-der andere unser Ohr mit den süßen Tönen des Südens labte, indem er uns
-die Bekanntschaft mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften
-Klängen des alten Hellas vermittelte, auf daß selbst der Vers, der eine
-gewisse ätherische Unbestimmtheit anzunehmen begann, sich mit einer fast
-skulpturhaften Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem
-klingenden Wohllaute erfüllte, der uns im neuen Europa aus den Dichtern
-des Südens entgegentönt.
-
-Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei durchaus verschiedene
-Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; aus diesen beiden Prinzipien
-bildete sich mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den Plan.
-Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealität des ersten und ohne
-die schwellend-üppige Wollust des andern. Bei ihm hat alles sein
-Gleichgewicht gewonnen, ist alles gedrängt, konzentriert wie in dem
-russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen sparsam
-mit Worten ist, und sie lange in sich hegt und zusammendrängt. Durch
-eine lange Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter an, wenn
-sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel anführen. Der Kasbek,
-einer der höchsten Berge des Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf
-den Dichter. Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm wie die in
-der Luft schwebende Arche Noahs erschien. Ein anderer Dichter hätte bei
-dieser Gelegenheit viele Seiten mit glühenden Versen bedeckt: Puschkin
-aber sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit folgender
-unerwarteter Apostrophe:
-
- Ersehntes fernes Friedensreich!
- Könnt ich zu deiner Gnadenstelle
- Mich aus der Schluchten Haft befrein
- Und in der ätherlichten Zelle
- Allzeit dem Schöpfer nahe sein!
-
- (Fiedler.)
-
-Das und nur das durfte ein Russe sagen, während ein Franzose, ein
-Engländer oder ein Deutscher einen langen Bericht über ihre Empfindungen
-gegeben hätten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam
-in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig
-beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges oder Übertriebenes zu sagen,
-da er in beiden Fällen die Banalität scheute.
-
-Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das
-Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der
-ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen
-und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den Wolken thronenden
-Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der
-elenden Hütte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und
-Trepak; -- überall und allerorten: wird ihm der Ball, die Hütte, die
-Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf
-alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den höchsten und
-erhabensten Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher
-Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt,
-reagiert er mit der gleichen Stärke wie auf jeden Vorgang der äußeren
-und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen
-Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Größten schlägt er
-elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes
-Schöpfungen lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen,
-die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß er dabei an eine Anwendung auf
-das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen
-Bedürfnisses denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte,
-und reicht keinen von denen, die taub für die Poesie sind, eine Leiter,
-die dorthin führt. Er kümmerte sich um niemand, es gab für ihn nur einen
-Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen: »Schaut hin, wie
-herrlich ist doch Gottes Schöpfung!«, und sich dann sogleich, ohne noch
-etwas hinzuzufügen, dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals
-auszurufen: »Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schöpfung!« Was daher
-an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch
-der Gefühle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von
-sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden
-fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente
--- Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender
-Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete
-Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich
-vereinigen.
-
-Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen
-von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines
-erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte
-seine Poesie? Was für eine neue Richtung, welche neue Wendung hat
-Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen
-sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen
-oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf dieses Zeitalter ausgeübt?
-Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine
-Persönlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner
-Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten
-Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und
-was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt
-geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist,
-und sonst nichts -- _was der Dichter ist_, sofern man ihn nicht als
-Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhältnisse aber auch
-nicht als Produkt seines eigenen persönlichen Charakters, d. h. als
-Mensch betrachtet, sondern unabhängig von allen diesen Faktoren in
-Betracht zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer Seelenanatom
-der Sache auf den Grund gehen und sich darüber klar werden wollte, was
-der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte
-feinnervige Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig
-einsam bleibt, und bei keinem Verständnis findet -- damit es ihm dann an
-nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Züge vereint finden würde.
-Puschkin war der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so
-fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die
-bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen
-Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor.
-Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine
-kindliche Seele, die stets von den höchsten und letzten Idealen träumte,
-sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß sie in
-dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest,
-nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels
-begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen
-körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll des Dichters
-über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe,
-dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze
-Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in
-diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit zu so deutlichem
-Ausdruck, eine Persönlichkeit, die eine echt deutsche Würde atmet und
-nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und
-Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski,
-Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Physionomie.
-Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für
-Züge herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären? Man
-versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt
-seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt
-gegenübersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo
-findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke
-sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der
-Dichtung. Nun denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug, das
-euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter
-selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und
-warum hat er das nicht getan? -- Das ist eine andre Frage. Er selbst
-beantwortet sie mit den Versen:
-
- Nicht unser Teil ist das Getümmel
- Des Pöbels Hast und Waffenklang,
- Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
- Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
-
- (Eliasberg.)
-
-Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen
-vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in
-Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm
-heilig -- wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt dies
-Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes und Übereiltes aus
-seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe
-ungezügelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch
-ist alles darin -- seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen
-verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im
-Busen des Dichters zu Asche verbrennen mußte, damit diese Wohlgerüche
-aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in
-seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer
-Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt, wie er an diesen
-leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks
-anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend
-ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in
-sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu
-entscheiden, welche Elegie die vorzüglichste ist -- sie gleichen alle
-den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der König Salomo mit den
-jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und
-alle gleich schön sind.
-
-Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die unsere moderne
-Gesellschaft interessieren und die für sie von Bedeutung sind, wenn er
-für jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles
-ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher
-Weise anzog? Er wollte in seinem »Onegin« den modernen Menschen
-darstellen und ein modernes Problem lösen -- allein er vermochte es
-nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst
-an ihre Stelle und fühlte sich in ihrer Person auf's tiefste von allem
-ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung
-heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und
-malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behält man wiederum
-nichts zurück als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert
-und für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten Schöpfungen: »_Boris
-Godunow_« und die Dichtung »Poltawa« sind gleichfalls treue Spiegelungen
-der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu
-seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen
-Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwählte, man hat
-auch nicht das Gefühl, daß er eine besondere Sympathie für einen der
-hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den
-Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt hätte, die so meisterhaft und so
-künstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die
-Verwunderung über diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu,
-sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch andere Menschen über sie
-staunen und sich über sie wundern sollten.
-
-Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm
-dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschöpfliche
-Thema unzähliger dramatischer Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee
-ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert
-darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses
-Verführers und die Schwäche des Weibes mit einer unerhörten
-Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewöhnlicher
-Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf
-den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei
-Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt, mit welcher
-Treffsicherheit sie erfaßt und trotz der Unbestimmtheit und
-Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften
-Ganzen zusammengefaßt ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die
-Idee nahe, im gleichen Versmaß und im Geiste Dantes die kindlichen
-Anfänge seines dichterischen Schaffens während seines Aufenthalts in
-Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die
-Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen
-darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten
-geflüchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und
-Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine
-lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das beweist wieder,
-wie früh schon diese große Feinfühligkeit und diese Fähigkeit, auf alle
-Dinge der Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten.
-
-Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein
-Gehör. Man spürt förmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der
-Zeiten und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er
-ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der
-freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den
-Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der
-versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte des Bauern -- so ist er
-jeder Zoll ein Russe; alle Züge unseres Wesens finden sich bei ihm
-vertreten, und das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein
-einziges mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes Adjektivum
-zusammengefaßt.
-
-Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm, und er hätte
-sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet,
-wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm
-Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die
-schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben
-erzählen wollte, beschäftigte ihn während dieser Zeit unablässig. Er
-schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken
-zu lassen, um sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er
-befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, daß man an
-seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute
-sich darüber und schrieb dann die »_Hauptmannstochter_«, sicherlich das
-beste Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der
-»Hauptmannstochter« erscheinen alle unsere Romane und Erzählungen wie
-fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben
-hier eine solche Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie
-gekünstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns
-hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der
-Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit
-ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die
-schlichte Größe dieser einfachen Leute, -- das alles ist nicht nur
-lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so
-muß es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des
-Dichters, uns selbst, unser Ich -- aus uns herauszuheben und uns unser
-Selbst in geläuterter veredelter Gestalt zurückzugeben. In Puschkin
-deutete alles darauf hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein
-Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die
-wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: »Die
-Handschrift des Dorfes Gorochino« und »Der Mohr des Zaren«, sowie der
-mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman »Dubrowski«.
-Während der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen
-gelernt, und er sprach so gescheit und so klug über alle Dinge, daß man
-jedes Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren mindestens
-so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwürdiger war, das
-war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich
-ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet hätte. Die Anklänge
-daran kann man in einem, erst nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht
-vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus einer
-dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener
-Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes reifte in diesem Menschen
-heran, was Rußland zum Heil und Segen hätte gereichen können. -- Aber in
-dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und von überall her Kräfte
-zu großen Taten sammelte, dachte er um so weniger darüber nach, wie er
-mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein
-plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann
-im ganzen Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren
-hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war
-äußerst geringfügig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner
-dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch
-an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst
-gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde,
-da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die
-Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht
-das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die
-Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und
-ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Süßliches an.
-Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel
-fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst
-Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten wie die Lichter. Ein
-ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: _Delwig_, dieser
-Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier
-förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit
-einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise schlürfte, wie ein
-Weinkenner seine Blume genießt und seinen Duft einsaugt. _Koslow_, eine
-harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer zu Herzen
-gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser
-Ohr klangen. _Baratynski_, ein Dichter von strenger, fast finsterer
-Eigenart, der schon früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben
-nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer
-Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre äußere Formung
-bemühte, noch ehe sie in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und
-noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so
-alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese
-Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu
-erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen
-Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen
-duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch daraus
-machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen könnten.
-Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und
-einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht hätten
-leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer Regungen fähig
-gewesen wären, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins hätten
-entzünden können. Selbst ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß
-ihre Leier um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, _Gneditsch_, der
-Nachdichter der _Psalmen_, _Th. Glinka_, der Freischärler und Dichter
-_Dawydow_ und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in
-der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von
-seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu Poeten, die gar nicht für
-den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs
-geringere Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften und
-Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen
-vollbrachten, so z. B. _Wenewitinow_, der uns so früh entrissen wurde,
-oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine
-herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht völlig
-enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar für
-manche gefährlich geworden, besonders für Baratynski und für noch einen
-Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch
-gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck für ihre noch
-gänzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre
-Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen
-waren, die allen vertraut und verständlich gewesen wäre; sie hätten
-lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine
-Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle völlig im Bann dieser
-unerhört künstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer
-Schöpfungen, deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne Gesellschaft
-und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle
-Ansprüche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren
-vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und
-deklamierte Puschkins Verse.
-
- Nicht unser Teil ist das Getümmel,
- Des Pöbels Hast und Waffenklang.
- Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
- Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
-
-Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt _Jasykow_ eine ganz
-besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der
-Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie
-wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck, eine helle
-jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Stärke und Vollendung bei
-einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es
-ist kein Zufall, daß er den Namen _Jasykow_ (Herr der Zunge) trug: er
-ist Herr über seine Zunge, wie ein Araber über sein wildes Roß, und es
-ist fast so, als brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er
-mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem
-Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er
-führt sie stets zu Ende und rundet sie ab, daß man von Staunen und
-Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen
-mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller
-Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er
-berührt, sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische.
-
-Man denke zum Beispiel an sein Gedicht »Der Fluß«:
-
- Die Hüllen fort. Mit frischem Mut
- Streckt sich die Hand zu kräft'gen Schlägen,
- Und nun hinab. Und aus der Flut
- Sprüht auf ein Diamantenregen.
- Wie sind so stark, so frisch und kühl
- Die Elemente, die mich wiegen.
- Welch süßes, seliges Gefühl.
- Wenn kosend sie den Leib umschmiegen!
-
-Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, das er geradezu
-ein russisches Spiel genannt hat. Kraftvolle junge Burschen bilden einen
-Kreis und
-
- Durch den Ring nach seinem Ziele
- Saust der Nagel -- er erklingt,
- Bis bei heitrem Scherz und Spiele
- Mild der Frühlingstag versinkt.
-
-Alles, was den Jüngling zum kühnen Wagnis reizt -- das Meer, ein Sturm,
-Festgelage und klingende Becher, ein brüderliches Bündnis voller
-Tatkraft und Tatenlust, ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die
-Bereitschaft, jeden Kampf für das Vaterland zu bestehen -- dies alles
-findet in seinen Gedichten einen Ausdruck von geradezu unerhörter Kraft.
-Als die erste Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin
-ärgerlich: Warum hat er das Buch: _Gedichte von Jasykow_ genannt, er
-hätte es einfach _Rausch!_ betiteln sollen. Ein Mensch von
-durchschnittsmäßiger Kraft wird nie etwas Ähnliches zustande bringen;
-dazu bedurfte es einer Entfesselung aller Kräfte. Ich erinnere mich noch
-lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows Gedicht an Davydow
-gelesen hatte, das gerade in einer Zeitschrift erschienen war. Damals
-sah ich zum erstenmal eine Träne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte nie
-zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich selbst: »Als rauher
-Slawe kannt ich keine Tränen, doch ich verstehe sie.«) Ich erinnere mich
-auch, welche Strophen ihn so bis zu Tränen rührten: es sind die beiden
-ersten, in denen sich der Dichter an Rußland wendet, das man bereits für
-schwach und kraftlos erklärt hatte, und in denen er ausruft
-
- Hört ihr die Trompete schmettern?
- Auf, der Feind ruft, Vaterland!
- Denk wie du beim Kriegeswettern
- Stets dem Gegner hieltest stand.
- Laß zum blut'gen Kampf sich rüsten
- Deine Recken, mutig, frei.
- Ruf aus Steppen sie und Wüsten,
- Von den Flüssen, von den Küsten,
- Aus dem fernsten Land herbei.
-
-Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhörte Tat der Aufopferung
-dargestellt wird, wo der Dichter schildert, wie die eigene Hauptstadt
-mit allen ihren Schätzen, die dem ganzen Lande heilig und teuer sind,
-den Flammen geweiht wird.
-
- Erd' und Himmel stehn in Flammen,
- Goldgeschmückte, heilge Stadt.
- Moskau! Wie? Du stürzst zusammen?
- Hörst du's, Rußland? Auf zur Tat!
- Rase Feuer der Zerstörung!
- Du erhöhst nur unsern Mut.
- Diese flammende Verheerung
- Bringt uns Rettung, bringt Verklärung,
- Phönix schwingt sich aus der Glut.
-
-Wem sollten solche Strophen nicht Tränen entlocken? Seine Verse sind wie
-ein alle Kräfte entbindender durcheinanderrüttelnder Rausch, aber in
-diesem Rausch liegt eine höhere Gewalt, die nach oben zieht. Für Jasykow
-ist ein studentisches Gelage nicht so sehr eine Äußerung der Lust am
-Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude über die Kraft, die die
-jungen Arme schwellt, und über die große Zukunft, die der Jugend
-bevorsteht, einer Freude darüber, daß die Studenten einmal fortstürmen
-werden, um
-
- Der großen Sache treu zu dienen,
- Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte.
-
-Leider geht nur diese Rauschstimmung häufig bis ins Maßlose, und der
-Dichter gibt sich allzusehr der Freude über die ihnen winkende Zukunft
-hin, wie dies bei uns in Rußland so viele Leute tun, ohne über einen
-großartigen Anlauf hinauszukommen.
-
-Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt erwartete etwas
-Außerordentliches von dem neuen Dichter, dessen Verse voll ritterlicher
-Großsprechereien und voll Verheißungen gewaltiger Taten waren. Allein
-die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Es erschienen zwar noch ein paar
-Gedichte von ihm, in denen die alten Töne noch einmal, wenn auch etwas
-abgeschwächt, erklangen; dann aber wurde der Dichter von einer schweren
-Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen für seine Geistesverfassung
-blieb. In seinen letzten Versen gab es nichts mehr, was die russische
-Seele ergriff. Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der
-Langenweile deutscher Städte, gleichgültige Reiseschilderungen und einen
-Bericht über den einförmigen Verlauf peinvoller Tage. Das alles war dem
-russischen Geiste fremd. Man achtete nicht einmal auf die
-außerordentliche Sorgfalt, mit der in diesen späten Gedichten die Form
-behandelt war. Allein seine Sprache, die hier noch kräftiger ist, wird
-ihm gerade dadurch zur Verräterin: sie dient nur dazu, einen mageren
-Gedanken und einen dürftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem
-Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschließt. Es wurde
-sogar die Meinung laut, Jasykow hätte überhaupt keine Gedanken; er könne
-nur hohle tönende Verse schmieden und sei überhaupt kein Dichter. Alles
-begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand in den Zeitschriften ein
-recht törichtes Echo, allein ihm lag wirklich ein berechtigter Kern
-zugrunde. Jasykow hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie
-Puschkin:
-
- Nicht unser Teil ist das Getümmel,
- Des Pöbels Hast und Waffenklang.
- Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
- Begeisterung, Inbrunst und Gesang.
-
-Er läßt den Dichter vielmehr sagen:
-
- Poet, ist alles in dir reif zum Werke,
- Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist,
- Des feurigen Gedankens hoher Geist,
- Der Rede Glut, des Wortes Stärke,
- So geh und künde, daß die Welt höre.
-
-Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, aber er hat doch
-sein Ideal aus seinem eigenen Wesen geschöpft. Wenn die Elemente dazu
-nicht in ihm selbst gelegen hätten, dann hätte er sich den Dichter auch
-nicht so denken können. Nein, nicht die Kraft hatte ihn verlassen, nicht
-Mangel an Talent und an Ideen sind schuld an dem dürftigen Inhalt der
-letzten Gedichte, wie anmaßende Kritiker behauptet haben, nicht einmal
-seine Krankheit trägt die Schuld (die Krankheiten sind immer nur dazu
-da, die Arbeit an einem Werk zu beschleunigen -- vorausgesetzt, daß der
-Mensch ihren Sinn richtig erkennt) -- nein, es war etwas anderes, was
-ihm die Kraft raubte: das Licht der Liebe war in seiner Seele erloschen.
-Das war der Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel trüber
-brannte.
-
-Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft
-und Stärke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest
--- dann werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen, wie deine
-Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entströmen. Du wirst
-uns dann die große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du
-wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß er sich der
-stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm regt, bewußt wird, und Gott
-für das Übel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte.
-Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten und seinen Vers
-nach seinem Vorbilde behandeln und formen dürfen; seine Domäne ist weder
-die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des
-Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefühl haben alle. Und er hätte seine
-Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine Verse
-gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik
-entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder
-bewegt, oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der
-verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein
-treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm
-ein vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen. Ein
-anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwärtstreibende,
-sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den höchsten und hochherzigsten
-Regungen anzufeuern -- und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen.
-Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, daß
-es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die
-Vorsehung sorgt besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück,
-Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg
-gefunden hätte. In der Lyrik Jasykows machte sich übrigens wieder ein
-Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar.
-Erst neulich haben wir sein Gedicht »Das Erdbeben« kennen gelernt, das
-nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist.
-
-Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Fürst Wjasemski eine
-besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor
-Puschkin begann, müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach
-dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte.
-Fürst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: während jener
-durch seine Gedankenarmut auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner
-Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum Zweck, das erste
-beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste
-Sorgfalt auf seine äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration,
-auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser
-wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Künstler und
-legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind -- Improvisationen,
-obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr große und
-vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von großer Reife und Ausbildung
-mitbringen muß. Er vereinigt in sich eine außerordentliche Menge
-vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine
-Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen, Gefühl, Verstand,
-Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist
-ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener
-Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm
-gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um
-etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die
-Biographie Von Wisins tritt die reiche Fülle seiner Talente, über die er
-verfügte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht
-der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der
-gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen
-Seiten des Lebens -- kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt,
-über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne dieses Wortes
-verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins
-geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert hätte,
-die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die
-große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier
-begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so könnte
-man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein
-historisches Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte. Das aber
-ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Fürsten Wjasemski, daß es ihm
-an einer großen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in
-seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl, daß sich die einzelnen
-Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt
-ihnen einen großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht
-miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken
-kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher Schönheit bei keinem andern
-Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im
-mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefühl an die Seele,
-das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stößt er uns
-ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand
-nicht im mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere Sammlung
-fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Kräfte
-gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine
-gewisse Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen,
-dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der
-keine große Aufgabe finden kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die
-letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten Bettlers.
-Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurückführt und
-ihn veranlaßt, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur
-bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, können
-
- Der Seele Flügel sich entfalten,
- Erstarkt der Wille, und das Walten
- Des Schicksals zeichnet klar sich ab.
-
-Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung und Leitung der
-Dichter aller Zeiten und Völker so schnell und in so eigenartiger Weise
-zurücklegte, während die Klänge aller Länder, in denen es eine
-Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten
-und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen
-andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewählt und
-schritt solange still und geräuschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages
-über alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch
-über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte. Dieser
-Dichter war -- Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewählt, die alle
-Welt bisher für eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für
-ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt hatte, und er
-brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen
-Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken
-russischen Köpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe
-verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des Russen
-ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet,
-der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa
-eine vorgefaßte Meinung oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern
-vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den
-Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen,
-den endgültigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen
-ihren Faktoren und nicht bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch
-in dem Spruch zum Ausdruck: »Bloße Reden ergeben noch kein Sprichwort.«
-Dieser »nachhinkende« Verstand, dieses Talent für radikale endgültige
-Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist,
-macht, daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller
-andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch
-in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen
-Eigentümlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine
-Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurütteln und
-seinen wundesten Punkt zu berühren; wie ein hundertäugiger Argus blickt
-jedes von ihnen den Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis auf
-Suworow und Peter den Großen haben unsere Sprichwörter geliebt und
-bewundert. Die hohe Würdigung, die man ihnen angedeihen ließ, kommt in
-vielen Aussprüchen zum Ausdruck: »Ein Sprichwort wird nicht umsonst
-geprägt« oder »ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.« Es ist ja bekannt,
-daß, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt
-gewähltes Sprichwort zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem
-Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr
-übersteigt.
-
-Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln
-sind nicht etwa für Kinder geschrieben. Man würde sich eines groben
-Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der
-Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen
-wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und
-bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und
-handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander
-spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die
-in Rußland üblich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren
-pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters,
-die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der Fuchs, der Bär
-und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle
-Geschöpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen.
-
-Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist,
-daß er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht,
-damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, -- selbst der Esel
-ist, trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört, bei Krylow
-ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemüsegärten
-geplündert hat, wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt, er
-will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich wichtig, als sein
-Herr ihm ein Glöckchen um den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf
-den Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder schlechte
-Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und daß es nun
-bei jeder Gelegenheit kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz
--- überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall fühlt man sich
-an Rußland erinnert. Überdies hat jede seiner Fabeln noch ihren
-historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner
-scheinbaren Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner
-Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem
-Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine
-Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Maß, die rechte
-Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die versöhnende Stimme des
-Mittlers, eine Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn der
-russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt. Durch ein
-streng abgewogenes kräftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage
-den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen.
-Als einmal ein paar allzusehr für das militärische Wesen begeisterte
-Leute behauptet hatten, daß der ganze Staat ausschließlich auf die
-militärische Macht gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze Heil
-liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über alles, was mit dem
-Militär zusammenhing, lustig machten, bloß weil ein Paar Leute das ganze
-Militärwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da
-schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln,
-in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmäßigen
-Grenzen verweist:
-
- Darin besteht des Staates wahre Macht,
- Daß alle Teile weise Frieden halten.
- Die Waffen stehen drohend auf der Wacht,
- Die Segel sind der Bürger -- Rechtsgewalten.
-
-Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen ist keine Verteidigung
-möglich, ohne Segel aber kommt man auf der See überhaupt nicht vom
-Flecke. Ein anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, die die
-allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch eine große
-Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen Gedanken verfallen
-waren, man müsse sich vor den gescheiten und energischen Leuten in acht
-nehmen und sie bei der Besetzung der Ämter übergehen, bloß weil sich
-gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche hatten zuschulden
-kommen lassen und sich an einem törichten Unternehmen beteiligt hatten,
-da schrieb Krylow seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden
-Rasiermesser, in der er sich gegen die Beamten wendet, die
-
- Die klugen Menschen fürchten
- Und lieber sich an einen Dummkopf halten.
-
-Man merkt, daß er überall Partei für den Verstand nimmt, überall mahnt
-er immer wieder, man solle den klugen Mann nur ja nicht unterschätzen,
-sondern man solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke kommt in
-der Fabel »_Die Musikanten_« zum Ausdruck, die mit den Worten schließt:
-»Ich möcht dich lieber trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz
-verstehn.« Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen zu
-verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, wenn er mit ansehen
-mußte, wie manche Leute sich statt tüchtiger sachverständiger Männer
-allerhand hergelaufenes Gesindel herholten, und sich dann noch dessen
-rühmten und erklärten, sie verständen zwar nichts von ihrer Sache,
-hätten dafür aber ein ausgezeichnetes Benehmen. Er wußte, daß man bei
-einem klugen Menschen alles erreichen könne und daß es nicht schwer sei,
-ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man es nur versteht,
-verständig mit ihm zu sprechen, dagegen sei es sehr schwer, einem
-Dummkopf Verstand beizubringen, selbst wenn man noch so viel auf ihn
-einredet: »Mit einem Diebe -- ist man wie auf hoher See, mit einem
-Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter Milch.« Aber auch dem
-Gescheiten weiß er ein kräftiges Wort zu sagen, in der Fabel »Teich und
-Fluß« tadelt er ihn heftig, weil er seine Fähigkeiten einschlafen läßt,
-und in der Fabel »Der Schriftsteller und der Räuber« straft er ihn, weil
-er sie zu schlimmen und lasterhaften Zwecken mißbraucht. Überhaupt
-beschäftigten ihn immer nur große und bedeutende Fragen. Aus einem Buch
-kann jeder Mensch Belehrung schöpfen, alle Stände und Ränge im Staate,
-in erster Linie das Oberhaupt, von dem er sagt:
-
- Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will,
- Muß er die Zügel fest, doch allzu straff nicht halten,
-
-ebenso wie der letzte Tagelöhner, der in den untersten Reihen des
-Staatskörpers steht und wirkt. Ihn weist er auf seine hohe Aufgabe hin,
-indem er ihn an die Biene erinnert, die nie darum bemüht ist, ihrer
-Arbeit eine besondere Würde zu verleihen.
-
- Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,
- Der ungeehrt und im Verborgnen lebt
- Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen
- Der einzige Gedanke nur erhebt!
- Er muß sie für das allgemeine Beste tragen.
-
-Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den hohen Sinn Krylows
-bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare
-Form zu geben, sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow.
-Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles
-plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen
-Reizen und in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit und
-in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprächs, die
-eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles
-ist so treffend ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit
-einer solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist,
-festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise
-ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich, das Wesen seines Stils zu
-ergründen. Der Gegenstand scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu
-besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn
-geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet
-gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich nicht sagen, worin ihre
-Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig?
-Er fängt an zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird
-lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll
-und ehern, wo der Gedanke stark und kräftig ist und er wird plötzlich
-leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten
-oberflächlichen Geschwätz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt
-willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine
-Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfüßigen Versmaßen, bald
-wieder in schnellen einfüßigen; in der wohlüberlegten Silbenzahl
-offenbart sich aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke
-bloß an den großartigen Schluß der Fabel »Die beiden Fässer«:
-
- Den großen Mann erkennt man an der Tat
- Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen,
- Denkt er im Stillen.
-
-Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte förmlich die
-Größe des in sich selbst versenkten Menschen herauszufühlen.
-
-Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie,
-nämlich zur satirischen Form hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle
-viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern zum
-Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig selbst da, wo die Seele
-ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt
-ist. Die Tiefe dieser urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig
-erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen der europäischen
-Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer
-heimatlichen Wurzel losgelöst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir
-uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist
-schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die
-Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum
-Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter haben
-diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren Teil seiner Oden
-mit diesem kräftigen Salze gewürzt. Wir finden sie aber auch bei
-Puschkin, bei Krylow, beim Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei
-solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie
-neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Fürsten Dolgoruki;
-dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich,
-daß unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes
-hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemühte,
-seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Fürst
-Kantemir mancherlei Stoffe für die Satire und geißelte in seinen
-Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft.
-Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen
-der bekanntesten Dichtungen und alle möglichen Parodien voll Spott und
-Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im
-Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man
-denke nur an die Parodien des Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die
-Literaten von Wojeikow »Das Irrenhaus« und an die talentvollen Parodien
-Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer
-eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit mischt. Indes die Satire brauchte
-bald ein größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so drang sie
-allmählig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben
-Ursprung wie überall; wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald
-jedoch kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der Tragödie regten
-sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich
-unter dem Einfluß einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters
-darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren milden Spott über
-die lächerlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der
-Menschen zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists,
-Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben
-wir ein achtungsvolles Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor
-zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden Komödien »_Der
-Landjunker_« von Von _Wisin_ und vor Gribojedows »_Verstand bringt
-Leiden_«, die Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt
-hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott über die komischen und
-lächerlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und
-Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern
-aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit
-erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt
-werden. Von diesen beiden Komödien hat jede eine besondere Epoche zum
-Gegenstand; die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung -- die
-andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung entspringen. Die
-Komödie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalität des Menschen,
-dies Produkt einer stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen
-Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde von Roheit und
-Brutalität, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, daß
-man in diesem Stück den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch
-einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelüste
-zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern,
-ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres
-Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem Lande, weder in
-Frankreich noch in England, ein solches Wesen möglich wäre. Diese
-unsinnige Liebe zu ihrem Kinde -- ist unsere eigene, starke russische
-Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt
-hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren Mischung
-mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so
-mehr haßt sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins
-stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe
-schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden
-Leidenschaften kennt, geht völlig in einer stillen Liebe zum Vieh auf,
-die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich
-auf das Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine
-Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau
-Prostakowa -- dies unglückliche, völlig verschüchterte Geschöpf, in dem
-selbst die schwachen Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren,
-gänzlich durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind -- in
-ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur
-keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Böses antun will, und der
-doch ganz unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und weil
-jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung,
-am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h.
-seiner Mutter und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein Genuß ist,
-sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen
-eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, überhaupt noch
-einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der
-Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfährt mit Schrecken, daß bei
-ihnen weder der Einfluß der Kirche noch die guten alten Sitten etwas
-auszurichten vermögen, von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche
-und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu
-sprechen. In dieser Komödie erscheint alles wie eine monströse Karikatur
-auf das Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes, alles ist
-mitten aus dem Leben geschöpft und mit tiefster Seelenkenntis
-beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der
-Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden
-hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte.
-
-Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche
-Epoche, sie schildert das Übel, das durch eine schlecht verdaute
-Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung mondäner Äußerlichkeiten statt
-des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich
-die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die unorganische
-Vermischung der Sitten und Bräuche, die die Russen so sehr ihrem eigenen
-Wesen entfremdet und zu Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus
-des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau Prostakowa. Mit
-derselben Naivität, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rühmt
-_er_ sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des
-ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf, daß die jungen
-Mädchen von Moskau die höchsten Töne singen können, daß sie keine zwei
-einfache ungezierte Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen
-steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Ausländern
-und daß in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun
-haben. Er ist ein Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein
-Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund
-opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar
-ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt,
-wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf
-Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hält er nämlich für
-jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen Welt nicht aufs strengste
-beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten
-Menschen, die trotz all ihres weltmännischen »_comme il faut_« gänzlich
-leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren
-Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten für die Gesellschaft
-ebenso schädlich sind, wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie
-dem Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande sitzen, wo
-sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Güter darunter, da sie
-ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern überlassen und
-immer nur Geld für Bälle, sowie große und kleine Diners von ihnen
-verlangen; damit zerstören sie das gesunde heilige Band, das einstmals
-den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch
-die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle Ämter und
-Posten ausschließlich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun
-haben und sich dem Müßiggang ergeben, berauben sie den Staat der
-wirklichen tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem
-ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren
-sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen
-Lebenswandel -- denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien
-sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -- verlangen
-sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend heucheln sollen, dabei aber
-führen sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend
-gegen sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu
-widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -- Mißachtung
-des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum
-ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: _Sagorezki_, dieser
-ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und der doch
-wunderbarerweise überall empfangen wird, ein Lügner und Gauner, der es
-aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflußreichen
-Persönlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen
-weiß, wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist, wenn es
-darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkämpfer der
-Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entzünden und alle
-Bücher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle
-Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen und Adler] zu
-verbrennen, womit er übrigens verrät, daß er, der sich vor nichts
-scheut, -- nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Gezänk --
-dennoch den Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder
-hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale _Repetilow_,
-dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch
-immer erscheinen mag. Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu
-Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn es ihm gelingt,
-Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lärm gemacht
-und laute Reden über Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht,
-und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hört
-er sich all die verrückten Phantastereien begeistert an, und er ist
-überzeugt, daß er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und
-daß hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das
-zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon
-offenbaren wird, wenn man nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht
-häufig versammeln und heftige Diskussionen führen wird. -- Auf derselben
-Höhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] _Skalosub_, der seinen
-Dienst so versteht, daß es dabei lediglich darauf ankommt, die
-verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der dabei
-aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung über
-die Ränge und Titel festhält. Er erklärt ganz offen, er halte sie für
-die unentbehrlichen Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er
-erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine
-Sorgen, die Zustände seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm
-nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in
-der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt.
-Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlöstowa, diese
-traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte.
-Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit
-und Hohlheit ererbt und für diese fordert sie Achtung von der jungen
-Generation, sie verlangt, daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie
-respektieren sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit
-Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder
-umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafür aber
-protegiert sie kleine Negerjungen, Möpse und Leute von der Art einer
-Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im vollen Sinn
-des Wortes. _Moltschalin_ ist gleichfalls ein glänzender Typus. Diese
-stumme gemeine Kreatur ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt.
-Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor, schlummert
-doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein künftiger Sagorezki. Ein solcher
-Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung,
-eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen Sinn in seiner
-Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mußte eine Reaktion
-hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem führen, wie es in seiner
-ganzen Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky geht in
-seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen alle diese Leute
-gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, daß er gerade dadurch und
-durch seine unbeherrschte Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle
-Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der
-Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der
-Unbildung, russische Ungeheuer, Krüppel, vorübergehende
-Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente
-hervorgerufenen Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt
-einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt
-sich der russische Bürger. Der Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen,
-wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese
-Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein
-Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und äußert bloß ihre
-Entrüstung über alles Gemeine und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne
-in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild
-aufzustellen.
-
-Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen Technik nur
-schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige
-französische Stück überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des
-Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll gelöst. Man hat den
-Eindruck, als hätten die Komödiendichter sich hierfür nur wenig
-interessiert, als repräsentiere ihnen der Stoff nur einen andern höheren
-Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang ihrer Person
-maßgebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht
-gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden
-des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese
-Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre
-Anwesenheit zu erläutern und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild
-zu vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die Dichter die
-notwendigen Forderungen der Bühntechnik erfüllt und jede ihrer Personen,
-die alle so außerordentlich glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich
-vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloßen
-Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären diese beiden Komödien
-sicherlich zwei großartige Schöpfungen des russischen Genius geworden.
-Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen; eine so
-ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher, wie ich glaube,
-noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Ansätze
-zu einer sozialen Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr
-durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die Mißbräuche und
-Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse
-der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender
-Beweis dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komödiendichter
-aber wurden von sozialen und nicht von persönlichen Motiven bewegt, ihre
-Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen
-unzählige Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr
-Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen
-selbst Fleisch und Blut, schien Körper geworden zu sein; am lyrischen
-Feuer der Entrüstung entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser
-Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis,
-den Peter in Rußland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen
-unwillkürlich zu einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien sind
-keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind nicht aus der
-Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mußte sich schon viel Schmutz
-und Unrat in unserem Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke ganz
-aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns
-vorüberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer
-Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und
-daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird.
-
-Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum
-Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen
-ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne,
-und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein Nahen an. Schon
-heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspüren wir
-die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand
-diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu
-zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken,
-daß eine neue Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen
-herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu werden beginnen, die
-wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene
-Farbe und keine selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese
-Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem einen _Lermontow_, der
-die andern weit überholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden
-weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine
-große Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern über ihn
-gewaltet hätte und wenn er sich's nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß
-dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr früh in solche
-Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine
-vorübergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein
-armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden losgerissen hat, dazu
-verurteilt waren, traurig durch öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl,
-daß sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und daß es ihr
-Los sei -- zu verwelken und elend zugrunde zu gehen -- daher diese
-herzzerreißende Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm
-schon so früh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem
-unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser
-Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse, die ohne Zweck und Ziel
-geknüpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind
-die Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen
-dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der
-_Illusionslosigkeit_ kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese
-Stimmung für eine Weile populär und modern. Wie einst unter dem
-anfeuernden Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt
-ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine
-Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie
-die Enttäuschung, die »Entgeisterung«, die _Desillusionierung_ im
-Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer übermäßigen
-Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam
-endlich auch die Reihe an die Illusions_losigkeit_, dieses eigenste Kind
-der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung. Die Zeit, während der
-diese Stimmung herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden
-andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit hat für niemand etwas
-Verlockendes. Lermontow glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über
-ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu
-gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung hätte von
-ihm befreien können. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen
-Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen Macht über den
-Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow
-an, daß diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der
-Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dämon
-aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: »Ein Märchen für Kinder«
-hat diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie sinnvoller
-geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter, wenn er diese Erzählung,
-die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt hätte, ganz von diesem
-Dämon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen
-einer solchen Befreiung kann man bereits im »_Engel_«, im »_Gebet_« und
-einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr
-Achtung und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat jemand
-eine _solche_ beinahe prahlerische Mißachtung für sein Können zur Schau
-getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie
-Liebe für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner
-Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zärtlichkeit
-einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins
-Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene
-feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis
-oder Puschkins Verse an. Überall herrscht Überfluß und ein unnötiger
-Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch
-nie hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische Prosa
-geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die
-lebendige Wirklichkeit, hier kündigt sich der künftige große Maler und
-Darsteller russischen Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich
-von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches.
-Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe
-aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe
-der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehört und in
-der ein Dichter nicht weilen darf, reißt ihn mit einem Schlage ein
-plötzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige
-Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem
-andern während eines einzigen Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters
-und ihrer Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen -- und doch hat
-das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere
-leichtsinnige Generation fühlte sich nicht im geringsten erschüttert.
-
-Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch etwas darüber sagen,
-was denn eigentlich unsere Poesie überhaupt darstellt, wozu sie da ist,
-welchem Zwecke sie gedient und was sie für unser ganzes russisches
-Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der
-Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den
-er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie
-der Gesamtheit, gemäß dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften
-des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates sein müssen, höhere
-Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer
-Gesellschaft -- eine vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel
-unseres Lebens? -- Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und
-hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast völlig unbekannt
-geblieben, unsere Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser
-Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter der Leitung
-französischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer
-aus aller Herren Länder, aus allen Ständen und Berufen, von Menschen
-ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze und
-Anschauungen. -- Unsere Gesellschaft wurde -- was bisher noch mit keinem
-Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis
-ihres eigenen Landes -- erzogen. Selbst die eigene Sprache war
-vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten
-waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber
-doch einmal glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah
-dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder eine glücklich
-erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen
-Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein
-minderwertiges Gedicht, das den fremdländischen -- freigeistigen Ideen,
-die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht
-worden waren, nicht entsprach, wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas
-von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte
-aufhielt.
-
-Kurz -- unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer
-Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft.
-Sie schwebte die ganze Zeit über gleichsam hoch _über_ der Gesellschaft,
-wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen
-Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herabließ, so
-nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht
-aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen
-Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist höchst merkwürdig: trotz alledem
-waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir
-uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor
-Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben und wir wollen nicht recht
-daran glauben, was Dershawin uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein
-Schriftsteller die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens
-schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das
-Bild, das er von uns entwirft, für eine Karikatur. In der Tat, in beiden
-Fällen ist irgendwo eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz
-vorhanden, und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der Grund für
-die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon
-in dem Keim, der dem gewöhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die
-künftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens
-in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund
-der zweiten Erscheinung ist der, daß unsere satirischen Schriftsteller,
-wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen
-Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Häßliche und
-Gemeine in den wirklich existierenden Repräsentanten des Russentums nur
-um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh ihnen die
-Fähigkeit, eine Sache weit klarer und schärfer zu beleuchten, als sie
-dem gewöhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in
-der letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen -- die Spottlust am
-allerstärksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder über
-seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas,
-eine Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über das Neue,
-und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was
-ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in
-seiner Vollständigkeit dargestellt, weder in dem _Ideal_, das er
-erreichen _soll_, noch in seinem wirklichen _Dasein_, wie er heute in
-Wirklichkeit _ist_. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von
-Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie
-hat nur alle einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer
-Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefühl, daß die Zeit
-noch nicht gekommen sei, uns vollständig und allseitig darzustellen, uns
-unserer Eigenart zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns
-selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische Natur ist heute
-erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form
-annehmen zu können; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller
-Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall her in unser Land
-verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich
-Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir
-nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese
-Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben
-unsere Dichter gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam ihre
-stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres Wesens nicht
-untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste überall, wo sie es fanden,
-und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu
-fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme
-Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle,
-was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere
-Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre Stimme
-erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen würde,
-wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkörperung des Menschen im
-Bilde, für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß aus den
-eigenen urwüchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz
-Rußland ergreifen und zum sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde
--- damit wir uns dann darüber klar wären, was alles an Gutem und Schönem
-und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem
-Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer mehr
-enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden.
-In dem Maße, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden
-wir auch ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher
-noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, daß sie nicht bloß
-die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch
-unsere Baumeister waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren
-oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so
-viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen
-Charakterzüge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit
-kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in
-seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen.
-Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes
-von einer ungeheuren, fast biblischen Größe zu zeichnen, hatte nichts
-Willkürliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die
-mächtigen Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind in ganz Rußland
-überall so lebendig, daß selbst Ausländer, die etwas von Rußland kennen
-gelernt haben, darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten
-und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst
-hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Rußland Europa von
-einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine
-Verwunderung über die schlichten Bewohner unserer Bauernhütten nicht zu
-verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen
-Greise, die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie ihm doch
-wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als
-einmal mußte er gestehen, daß ihm in keinem Lande Europas, das er
-bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die
-patriarchalisch biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen war.
-Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mächtigen Haß
-gegen unser Volk erfüllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese
-Feinfühligkeit, dieser scharfe _Instinkt_, der sich besonders bei
-Puschkin mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen
-Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke, mit denen das Volk
-selbst diesen eigentümlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an
-den Spitznamen _Ohr_, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber
-zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick untätig sein
-kann. Oder man denke an die Bezeichnung _Allerweltskerl_ für einen
-Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl
-derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen
-dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz außerordentlich groß.
-
-[Fußnote 5: Der Marquis Custin.]
-
-Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes,
-das Dershawin gezeichnet hat, wäre noch nicht vollständig und würde noch
-nicht die ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen
-Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu
-reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen über die Schönheit der
-Schöpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige
-Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden weiß, wie wir ihn besonders
-bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow
-äußert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht,
-das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrücken
-vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer
-Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener
-sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische Erziehung und Bildung
-verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser
-Bauer versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und über ihm
-Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und
-dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, während wir es häufig
-nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn
-durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür aber einmal in einem von
-uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich
-vorhanden ist, dann genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird
-kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie
-gestatten würde, ihm nimmt niemand etwas übel. Alle unsere
-Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmütigsten unter ihnen
-und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und
-Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser _jugendliche
-Wagemut_ und dieser stürmische Drang, seine Kräfte für alles Hohe und
-Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die
-überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche
-Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen
-ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet,
-sich für eine große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen
--- solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze bunte, mit sich im
-Streit liegende Masse in einem mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher
-Streit, alle engherzigen persönlichen Interessen -- alles ist vergessen,
-und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese
-Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale
-Eigentümlichkeiten unseres Volks, die in ihnen bloß schärfer und
-deutlicher zur Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht
-plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor.
-Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die
-von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon
-dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher noch nie bekannten
-Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß nicht, ob die Dichter irgendeiner
-andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen
-hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache
-manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versmaß und
-seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser
-Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers
-Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten,
-hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der
-wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu
-sein scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte Vers
-Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, dieser leichte
-ätherische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer
-Äolsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers
-und häufig von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut
-durchdrungene Vers Wjasemskis -- sie alle haben wie verschieden
-abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flöten einer herrlichen Orgel
-einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen.
-Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie _die_ glauben mögen,
-die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk
-in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer
-Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine
-wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser
-Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere
-Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme
-von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde
-auserprobt, hat die Einflüsse der Literatur aller Völker erfahren, hat
-der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache
-geschaffen, um alle Menschen für eine größere Aufgabe vorzubereiten.
-Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige,
-sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewußte junge Dichtergeneration
-leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen
--- so schön und beglückend ein solcher Dienst auch sein mag --, ohne
-ihre höhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar zu sein,
-wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin läßt sich nicht
-wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt
-zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns
-mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit
-des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch
-durch die stolze Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter eine
-höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der
-Poesie. Wie sie während der Kindheit der Völker dazu diente, die
-Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken,
-so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, höheren
-Kampf aufzurufen -- zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um
-unsere zeitlichen Güter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und
-Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer
-Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen hält. Zahlreiche
-Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft
-alles wahrhaft Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das sinnlose
-Leben von heute geraubt ward. Nein, diese künftigen Dichter werden
-keinem von unseren früheren Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache
-wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und
-vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel
-lebendiger und kräftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener
-eigene urwüchsige Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, der
-schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strömte, als
-selbst das Wort _Poesie_ noch in keines Menschen Munde war. Noch immer
-erscheint dieser unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren
-Liedern entgegentönt, und über das Leben und sogar über das Lied selbst
-hinweg in unbekannte Fernen stürmt, noch erscheint uns dieser glühende,
-verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der
-Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt -- wie ein
-Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische
-Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren
-vieläugigen Sprichwörtern verborgen ist, völlig Fleisch und Blut
-geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und
-traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen und Schlüsse zu
-ziehen, als dem Menschen in Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren,
-als er noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu leben; so sind
-sie uns eine lebendige Mahnung, was für gewaltige Folgerungen der
-moderne Mensch in Rußland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen
-kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie
-allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen.
-Noch ist vielen diese Lyrik -- dies Produkt einer höchsten
-Verstandsreife und Nüchternheit -- ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus
-unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt und die Seele
-unserer Dichter noch unbewußt begeistert, wie ihm die heimatlichen
-Klänge unserer Lieder unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns
-auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthält
-sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, von den kräftigsten bis
-herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos
-und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu
-bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der
-biblischen Kirchensprache schöpft und sich andererseits die treffendsten
-Ausdrücke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt,
-aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich in ein und derselben Rede
-bis zu einer Höhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache
-erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen,
-die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich ist; -- eine
-Sprache, die selbst und an und für sich schon dichtet, und die nicht
-umsonst für eine geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen worden
-war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles Häßliche und
-Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdländischen Bildung
-angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und
-ausplauderten, damit alle die unklaren Töne und die ungenauen
-Bezeichnungen für die Dinge -- diese Produkte ungeklärter und
-verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen -- die kindliche
-Klarheit unserer Sprache nicht mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem
-Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und
-nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurückkehren
-konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch
-Felsblöcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal
-eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache
-wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf
-unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl
-Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen mächtigen Impuls
-verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen
-anklingen, und selbst die rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der
-Ehrfurcht erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen
-einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland ans Licht rufen -- unser
-russisches Rußland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten
-ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem
-Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen wollen, nein, das
-Rußland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns
-hinstellen wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre
-Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mögen,
-einstimmig ausrufen werden: »Ja, das ist _unser_ Rußland; hier fühlen
-wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter
-unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der Fremde!«
-
-
-
-
- XXXII
- Auferstehungstag
-
-
-Der Russe nimmt einen besonders warmen Anteil an der Feier des
-Auferstehungstages. Das empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn
-er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn er sieht, wie dieser
-Tag sich überall in allen andern Ländern kaum von den andern Tagen
-unterscheidet -- alles geht seiner gewohnten Tätigkeit nach, das Leben
-nimmt seinen gewöhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern ruht der gleiche
-alltägliche Ausdruck -- wenn der Russe das sieht, so wird er traurig und
-seine Gedanken schweifen unwillkürlich nach Rußland hinüber. Es will ihm
-so dünken, als ob dieser Tag dort schöner gefeiert wird, als ob dort der
-Mensch heiterer und besser sei, als an anderen Tagen und als ob auch das
-Leben dort ein anderes und nicht so alltägliches Gewand trage. Er denkt
-an die feierliche Mitternacht, an das Glockengeläute, das das ganze Land
-durchhallt und alle Stimmen der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton
-verschmelzen läßt, er denkt an den Ruf »Christ ist erstanden«, der an
-diesem Tage an die Stelle aller andern Grüße tritt, an diesen Kuß, den
-man nur bei uns vernimmt, und er ist beinahe so weit, daß er ausrufen
-möchte. »Nur in Rußland wird dieser Tag so gefeiert, wie er in Wahrheit
-gefeiert werden sollte!«
-
-Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, wenn er
-tatsächlich nach Rußland versetzt wird, und sich bloß daran erinnert,
-daß dies ein Tag voll schläfrigen Hin- und Herrennens, voll törichten
-Getriebes, sinnloser Besuche, bewußten Nichtzuhausetreffens, statt eines
-Tages voll froher Begegnungen ist -- wenn man sich an diesem Tage
-wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht eigennützigen
-Grund; man braucht nur daran zu denken, daß sich der Ehrgeiz an diesem
-Tage weit lebhafter regt, als an allen anderen Tagen und daß nicht etwa
-von der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, was für eine
-Belohnung einen jeden erwartet und was ein jeder wohl für ein Geschenk
-erhalten wird; ja daß selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich
-an diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung der
-Festmesse und noch ehe die Sonne über der Erde aufgegangen ist, trunken
-über die Straße schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen
-Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, daß das höchstens eine
-Karikatur und ein Hohn auf diesen Festtag ist und daß es einen solchen
-Festtag gar nicht gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem
-Invaliden, um die Form zu wahren, einen schmatzenden Kuß auf die Backe,
-um den unter ihm stehenden Beamten zu beweisen, wie man seinen Bruder
-lieben muß, oder ruft irgendein [rückständiger] Patriot voll Empörung
-über unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten schlecht
-macht und behauptet, bei uns gäbe es überhaupt nichts Ordentliches,
-wütend aus: »Wir haben alles: ein schönes Familienleben, schöne
-Familientugenden, die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir
-erfüllen auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies nirgends in
-Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, das die Bewunderung aller
-Menschen verdient.«
-
-Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und Äußerlichkeiten,
-nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig wie auf den Kuß, der
-dem Invaliden verabreicht wird], sondern lediglich darauf an, daß wir an
-diesem Tage den Menschen tatsächlich wie unser höchstes Kleinod ansehen
-lernen -- und ihn so in unsere Arme schließen und an unser Herz drücken,
-wie einen unserem Herzen nahestehenden Bruder, daß wir uns so über ihn
-freuen, wie über den unerwarteten Besuch unseres liebsten Freundes, den
-wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. Ja, noch inniger, noch stärker
-sollte unsere Freude sein. Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen,
-sind stärker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch mit ihm
-durch unseren herrlichen himmlischen Vater verwandt, der uns weit näher
-steht, als unser irdischer Vater, und weilen wir doch an diesem Tage --
-in unserer wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser Tag ist der Tag
-jenes heiligen Festes, an dem die ganze Menschheit bis auf den letzten
-unserer Brüder eine himmlische Verbrüderung feiert, und davon ist kein
-einziger Mensch ausgeschlossen.
-
-Wie gelegen müßte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten Jahrhundert
-kommen, wo der Traum vom allgemeinen Menschenglück der Lieblingsgedanke
-fast aller Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des jungen
-Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie einen lieben Bruder zu
-umarmen, wo viele beständig davon träumen, den inneren Wert und die
-Würde des Menschen zu heben, wo die gute Hälfte der Menschen bereits
-feierlich anerkannt hat, daß nur das Christentum das vermag, wo man
-bereits fordert, daß das Gesetz Christi weit inniger mit unserem
-Familien- und Staatsleben verwachsen müsse [ja wo bereits davon
-gesprochen wird, daß alles Gemeingut werden soll: unser Haus und unser
-Grund und Boden], wo die hohen Taten des Mitleids und die den Armen und
-Unglücklichen erwiesene Hilfe bereits ein beliebter Gesprächsstoff
-unserer Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitären
-Anstalten [all dieser Hospize und Asyle für Obdachlose] die Erde schon
-zu eng zu werden beginnt. Wie freudig müßte eigentlich das neunzehnte
-Jahrhundert diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen und
-ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade dieser Tag wird zum
-Probierstein dafür, wie matt all diese christlichen Bestrebungen, wie
-sie lediglich [schöne Träume und] bloße Ideen sind, die zu keinen Taten
-führen. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit haben, einen
-unserer Brüder wie einen Bruder zu umarmen -- so tuen wir es nicht. Wir
-sehnen uns danach, die ganze Menschheit brüderlich an unseren Busen zu
-drücken, unsern Bruder aber wollen wir nicht umarmen. Es braucht sich
-nur irgendein einzelner Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser
-Menschheit abzulösen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten,
-und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben sollen, -- so werden wir
-ihn nicht mehr umarmen. Oder es brauchte sich von dieser Menschheit nur
-ein einzelner Mensch abzulösen, der in irgendeinem unwesentlichen Punkt,
-in irgendeiner unserer menschlich bedingten Meinungen nicht mit uns
-überstimmt -- so werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es
-braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser Menschheit
-abzulösen, der mehr und erkennbarer als die andern an den schweren
-Schäden geistiger Fehler und Gebrechen krankt und daher weit mehr
-Anspruch auf unser Mitleid hat als sie -- so werden wir ihn von uns
-stoßen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden nur die in unsere Arme
-schließen, die uns noch nie beleidigt haben, mit denen wir noch nie
-zusammengestoßen sind, die wir noch nicht kennen und noch nie mit Augen
-gesehen haben. Das sind die Umarmungen, mit denen der Mensch unseres
-Jahrhunderts die ganze Menschheit beglücken will, und das sind häufig
-gerade die Menschen, die von sich glauben, daß sie wahre Menschenfreunde
-und echte Christen sind. [Christen! Sie haben Christus auf die Straße
-hinausgejagt und in die Lazarette und Krankenhäuser getrieben, statt Ihn
-bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach aufzunehmen, und da
-glauben sie noch, sie seien Christen!]
-
-Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag nicht würdig, nicht
-so zu feiern, wie er gefeiert werden sollte. Dem steht ein
-schreckliches, unüberwindliches Hindernis entgegen: es heißt: _Hochmut_.
-Dieser Hochmut war auch den früheren Zeitaltern bekannt, aber jener
-Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf die physische Kraft, auf
-unseren Reichtum, ein Stolz auf unsere Abstammung und unsere Titel, und
-er erreichte nie diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage.
-Heute tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses Hochmuts
-ist der Stolz auf unsere Reinheit.
-
-Hocherfreut darüber, daß sie ihre Vorfahren in vielen Beziehungen
-überholt und übertroffen hat, hat sich die Menschheit unserer Zeit
-völlig in ihre Reinheit und Schönheit verliebt. Niemand schämt sich
-mehr, sich öffentlich der Schönheit seiner Seele zu rühmen und sich für
-etwas Besseres zu halten, als die anderen Menschen. Man braucht nur
-darauf zu achten, wie sich heutzutage jeder Mensch für einen wahren
-Heros an Hochherzigkeit und Edelmut hält, wie schonungslos und mit
-welcher Schärfe er über andere Leute urteilt. Man muß nur einmal hören,
-mit was für Gründen er sich dafür rechtfertigt, daß er seinen Bruder
-nicht einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede Scham und ohne
-innerlich zu erbeben, erklärt er: »Ich kann diesen Menschen nicht
-umarmen, er ist schmutzig, er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch
-ehrlose Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen nicht einmal in
-mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann die Luft nicht atmen, die er
-atmet, ich mache einen großen Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen
-und um ihm nicht zu begegnen. -- Ich kann nicht mit gemeinen und
-verächtlichen Leuten zusammen leben -- und da sollte ich einen solchen
-Menschen wie meinen Bruder umarmen?« Ach! der arme Mensch des
-neunzehnten Jahrhunderts hat leider vergessen, daß es an diesem Tage
-weder gemeine noch verächtliche Menschen gibt und daß alle Menschen --
-Brüder, Kinder derselben Familie sind und daß jeder Mensch keinen andern
-Namen als den: _Bruder_ trägt. Er hat alles mit einem Male vergessen. Er
-hat vergessen, daß er vielleicht gerade deshalb von diesen gemeinen und
-verächtlichen Menschen umgeben ist, damit er durch ihren Anblick
-veranlaßt werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, und
-nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner Seele gerade das findet,
-was ihn an dem andern so sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, daß er
-auf Schritt und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in einer
-etwas anderen Art, eine genau so scheußliche Handlung begehen kann, die
-in den Augen der Gesellschaft nicht als schmachvoll gilt, die jedoch auf
-dasselbe hinauskommt oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrückt,
-_derselbe Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schüssel serviert_. Es
-ist alles vergessen! Er hat vergessen, daß die Zahl der gemeinen und
-verächtlichen Menschen vielleicht nur deshalb sehr zugenommen hat, weil
-die besten und edelsten Menschen sie in so rauher Weise von sich
-gestoßen und so dazu beigetragen haben, daß sie ihr Herz noch mehr
-verhärteten und noch verstockter wurden. Als ob es so leicht ist, die
-Verachtung anderer Menschen zu ertragen! Weiß Gott, vielleicht wird
-mancher gar nicht als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat
-seine arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf mit den
-Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht und gerufen, vielleicht hätte
-er freudig jedem Hände und Füße geküßt, dessen Seele von Mitleid für ihn
-ergriffen, ihn daran verhindert hätte, in den Abgrund zu stürzen;
-vielleicht hätte ein einziger Tropfen Liebe ihm genügt, um ihn auf den
-rechten Weg zurückzuführen. Wie wenn es so schwer gewesen wäre, auf dem
-Wege der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob sich sein
-Inneres schon so sehr verhärtet hätte, als ob er schon so ganz zu Stein
-geworden, daß er keiner warmen Regung mehr fähig gewesen wäre, wo doch
-selbst der Räuber noch dankbar ist für ein Zeichen der Liebe und selbst
-das wilde Tier sich freundlich der Hand erinnert, die es geliebkost hat.
-
-Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat alles vergessen, er
-stößt seinen Bruder von sich, wie ein Reicher einen aussätzigen Bettler
-von der Schwelle seines Hauses jagt. Was kümmern ihn die Leiden des
-andern, er will bloß seine eiternden Schwären nicht sehen. Er will nicht
-einmal sein Klagelied hören, damit seine Nase den übelduftenden Hauch,
-der aus dem Munde des Unglücklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er,
-der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ein solcher
-Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe feiern können?
-
-Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die noch mächtiger ist
-als die erste, -- das ist der _geistige_ Hochmut. Nie noch hat er solche
-Dimensionen erreicht, wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem
-in der Furcht zum Ausdruck, für einen Dummkopf gehalten zu werden, einer
-Furcht, von der heute jeder Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit
-kann alles ertragen: er kann es ertragen, daß man ihn einen Lumpen oder
-einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen Namen -- es läßt ihn kalt
--- nur den Namen Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden Spott
-ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, daß man sich über seinen
-Verstand lustig macht. Sein Verstand ist ihm heilig. Jeder noch so
-leichte Spott über seinen Verstand genügt ihm, um seinen Bruder, wie es
-der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung aufstellen zu
-lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den
-Kopf zu jagen. Er glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist
-sein Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert nicht für
-ihn. Er hat sogar vergessen, daß auch der Verstand erst fortschreitet,
-wenn alle sittlichen Kräfte des Menschen fortschreiten und sich
-entwickeln, und daß er sich sogar zurückentwickelt, wenn die sittlichen
-Kräfte sich nicht heben. Er hat ferner vergessen, daß kein Mensch
-sämtliche Verstandeskräfte in sich vereinigt, daß ein anderer Mensch
-gerade die Seele einer Sache sehen kann, die er selbst nicht sieht, und
-folglich etwas wissen kann, was er nicht zu wissen vermag. Aber das
-glaubt er nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist für ihn
-eine Lüge. Sein Vernunftstolz hält jeden Schatten christlicher Demut von
-ihm fern. An allem zweifelt er: an dem Herzen eines Menschen, den er
-viele Jahre lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an
-seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man sich und kämpft
-man nicht mehr um irgendwelche wirkliche Rechte und auch nicht aus
-persönlichem Haß oder Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die
-sinnlichen Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die
-Leidenschaften des Verstandes: heute bekämpft man sich und streitet man
-sich miteinander, weil man verschiedener Meinung ist, und wegen der
-Widersprüche in der Welt der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien
-gebildet, die sich gegenseitig verabscheuen, die persönlich noch nie
-etwas miteinander zu tun hatten, und sich dennoch glühend hassen. Ist es
-nicht merkwürdig! Schon glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Haß
-und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da dringen Haß und Bosheit
-von der andern Seite wieder in die Welt ein, kommen auf den Flügeln der
-Zeitungsblätter herangeflogen und fallen wie ein verheerender
-Heuschreckenschwarm von allen Seiten über die Herzen der Menschen her.
-Schon hört man kaum noch die Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst
-die gescheiten Leute sogar gegen ihre eigene Überzeugung zu reden, nur
-um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu räumen, und nur weil ihr
-Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren Fehler vor der Welt einzugestehen --
-schon hat die reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen.
-
-Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, der christlichen
-Liebe zum Menschen fähig sein? Er sollte sich mit jener reinen
-Treuherzigkeit und Einfalt, mit jener engelhaften kindlichen Naivität
-erfüllen können, die alle Menschen zu einer großen Familie macht? Er
-sollte etwas von der Süßigkeit und Schönheit unserer himmlischen
-Brüderschaft empfinden können? Er sollte diesen Tag feiern können? Ist
-doch selbst jene äußere gütige Geste, jener Ausdruck der Güte
-verschwunden, der den alten schlichten Zeiten eigen war, und dem
-gegenüber man das Gefühl hat, als hätte der Mensch damals dem Menschen
-viel nähergestanden. Der stolze Verstand des neunzehnten Jahrhunderts
-hat ihn vernichtet und zerstört. Ohne jede Maske ist der Teufel in der
-Welt erschienen. Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht mehr in
-verschiedenen Gestalten und schreckt keine abergläubischen Menschen
-mehr: er kommt in seiner eigenen Gestalt zu uns. Er fühlt, daß man seine
-Herrschaft anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstände mit
-den Menschen. Dreist und schamlos lacht er denen ins Gesicht, die sich
-vor ihm beugen; die törichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie
-sie bisher noch nie gegeben worden sind -- und die Welt sieht es und
-wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was bedeutet diese armselige
-sinnlose Mode, die der Mensch sich erst als eine Bagatelle, als eine
-harmlose Spielerei gefallen ließ und die jetzt als absolute Herrin und
-Herrscherin in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte im
-Menschen austreibt. Kein Mensch fürchtet sich noch, die wahrsten und
-heiligsten Gebote Christi zu übertreten, wohl aber fürchtet er sich, die
-unsinnigste Anordnung der Mode unerfüllt zu lassen, und er zittert vor
-ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu bedeuten, daß selbst die,
-die sich über sie lustig machen, wie leichtsinnige windige Gesellen nach
-ihrer Pfeife tanzen? Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln,
-die uns weit stärker binden, als die grundlegendsten fundamentalsten
-Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen Autoritäten, die sich neben
-den gesetzmäßigen rechtmäßigen Autoritäten installiert haben -- was
-bedeuten diese Nebenwirkungen und Nebeneinflüsse? Was hat es zu
-bedeuten, daß heute nur noch Näherinnen, Schneider und alle möglichen
-Handwerker die Welt regieren, während die Gesalbten Gottes abseits
-stehen? Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne ehrliche
-Überzeugungen beherrschen die Anschauungen und die Meinungen gescheiter
-Leute, und ein Zeitungsblättchen, von dem jedermann weiß, daß es nichts
-wie Lügen verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber über die
-Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all die gesetzwidrigen
-Gesetze, die die unreine Macht aus der Tiefe offen und vor aller Welt
-aufrichtet? Und die ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und
-wagt's nicht, sich zu rühren? Welch furchtbarer Hohn auf die Menschheit!
-[Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge überhaupt noch die heiligen
-Sitten und Zeremonien der Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer
-Beherrscher keine Macht mehr über uns hat? Oder ist das etwa ein neuer
-Streich des Geistes der Finsternis.] Wozu dieser Feiertag [der jede
-Bedeutung verloren hat.] Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die
-auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und schwächer]
-zusammenzurufen, um sie in einer Familie zu vereinigen [und, nachdem er
-sie mit einem traurigen Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling
-wieder von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich für alle ein
-unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn noch [hie und da]
-Menschen, denen es so vorkommt, als würde es an diesem Tage heller in
-ihrer Seele, und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen,
-jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, gleich dem Kosen
-eines ewigen Frühlings, in ihre Seele hinüberströmt, jener herrlichen
-Kindheit, die dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen ist?
-Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht für immer vergessen und
-warum bewegt sie noch immer unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild?
-Wie kommt das nur, und was hat das alles für einen Zweck? Als ob man
-wirklich nicht wüßte, was es für einen Sinn und Zweck hat? Sieht man
-denn etwa nicht, wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den wenigen,
-die noch etwas von dem Frühlingshauch dieses Festtags verspüren,
-plötzlich so traurig ums Herz wird, auf daß sie von einer Trauer
-befallen werden, wie sie nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf
-daß sie ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu Füßen
-fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen Tag der langen öden
-Reihe der übrigen Tage zu entreißen und nur diesen einzigen Tag nicht
-nach der Weise des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes
-ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein einziges Mal zu
-umfassen und in die Arme zu schließen wie ein Freund, der sich schuldig
-fühlt, den hochherzigen alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er
-ihn schon morgen wieder von sich stoßen und ihm erklären sollte, er sei
-ihm fremd und unbekannt. Wenn auch nur, um _einmal_ diesen Wunsch zu
-fassen, wenn auch nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran
-zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! Gott weiß, vielleicht
-wird sich schon um dieses einzigen Wunsches willen eine Leiter vom
-Himmel herabsenken und sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns
-hilft, an ihr emporzuklimmen.
-
-Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch des neunzehnten
-Jahrhunderts so verbringen. Schon ist die Erde von einem unnennbaren Weh
-und einer Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und
-nüchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, bloß das
-Riesengespenst der Langenweile wächst von Tag zu Tag bis ins Ungeheure.
-Alles ist wüst, alles ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie öde und
-schrecklich wird Deine Welt!
-
-Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, als ob dieses Fest nur
-in seinem Vaterlande würdig gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum?
-Warum sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den Russen?
-Wirklich, was hat es zu bedeuten, daß [dieser Festtag selbst
-verschwunden ist und daß] seine sichtbaren Kennzeichen so deutlich im
-Angesicht unseres Landes erkennbar sind. Man hört die von Küssen
-begleiteten Worte: _Christ ist erstanden_; mit der gleichen
-Feierlichkeit bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, und der
-dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhörlich über das ganze Land
-dahin, als wollten sie uns aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in
-so greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht
-vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch ein Erwachen. Die
-Sitten und Bräuche, die ewig währen sollen, können nicht vergehen. Der
-Buchstabe stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie können wohl
-zeitweilig verblassen, sie können zugrunde gehen und absterben für eine
-geist- und herzlose, für eine abgestumpfte Menge, aber sie erstehen neu
-gekräftigt auf in den Auserwählten, um in ihnen in hellem Lichte
-aufzustrahlen und sich über die ganze Welt zu ergießen. Kein Titelchen
-von unseren alten Sitten und Bräuchen, nichts, was an ihnen wahrhaft
-russisch ist und was von Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn.
-Die helltönenden Saiten der Dichter werden es weiter tragen, der
-Wohllaut ausströmende Mund unserer Priester wird es weithin verkünden;
-das schon erloschene Licht wird wieder aufflammen -- und der heilige
-Auferstehungstag wird würdig gefeiert werden --, weit früher, denn von
-einem andern Volke.
-
-Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene Tatsachen
-können wir unsere Behauptung gründen? Sind wir etwa besser als andre
-Völker? [Sind wir in unserem Lebenswandel Christus nähergekommen als
-sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser Leben ist noch
-weniger geordnet und geregelt als das der andern Nationen. »Wir sind
-schlimmer als alle anderen« -- so müssen wir stets von uns sagen.] Aber
-es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheißt. Gerade die
-Unordnung, die bei uns herrscht, ist eine Verheißung. Wir sind noch ein
-flüssiges Metall, das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist;
-wir haben noch die Möglichkeit, das, was nicht zu uns paßt, abzustoßen
-und alles in uns aufzunehmen, wozu die anderen Völker schon nicht mehr
-fähig sind, die bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und in
-ihr erstarrt sind. Daß in unserem innersten wahren Wesen, das wir
-vergessen haben, vieles liegt, was dem Geiste des Christentums verwandt
-ist -- dafür ist schon allein das ein Beweis, daß Christus nicht mit dem
-Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und daß der aufgepflügte und
-wohlvorbereitete Grund unseres Herzens sich von selbst Seinem Worte
-entgegenstreckte, daß das Prinzip der christlichen Brüderlichkeit tief
-in unserer slawischen Natur begründet ist, und daß die Verbrüderung der
-Menschen untereinander uns näher am Herzen liegt, als unser heimatliches
-Dach und die Blutsverwandtschaft, daß bei uns noch nichts von jenem
-unversöhnlichen Haß der Stände und jenen gehässigen Parteiungen bekannt
-ist, die wir in Europa finden und die ein unüberwindliches Hemmnis für
-die Eintracht der Menschen und die brüderliche Liebe bilden, daß wir
-endlich Mut und Kühnheit besitzen, wie sie kein andres Volk in ähnlicher
-Stärke besitzt und daß, wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen,
-die kein andres Volk zu lösen vermöchte, wie etwa folgende: mit einem
-Schlage alle unsere Fehler und Mängel und alles, was den hohen Sinn der
-Menschheit schändet, abzuwerfen, -- daß wir uns dann, alle unsere
-körperlichen Schmerzen und Qualen vergessend und ohne uns im geringsten
-zu schonen, aufraffen und alles, was uns befleckt und schändet, von uns
-stoßen werden, so wie die Menschen einst im Jahre 1812 schonungslos ihre
-ganze Habe, ihre Häuser und ihre irdischen Besitztümer verbrannten; dann
-wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurückbleiben wollen; in
-solchen Augenblicken ist jeder Haß und Streit, jede Feindseligkeit
-vergessen, der Bruder drückt den Bruder an den Busen, und ganz Rußland
-ist nur ein einziger Mensch. Das ist's, worauf wir die Behauptung
-gründen können, daß der Auferstehungstag von uns früher gefeiert werden
-wird, als von den andern Völkern. Das sagt mir deutlich meine innere
-Stimme, und das ist kein bloßer Gedanke, der meiner Phantasie
-entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. Durch eine
-göttliche Eingebung werden sie mit einem Schlage im Herzen vieler
-Menschen zugleich geboren, die einander noch nie gesehen haben, die in
-den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und zu ein und derselben
-Zeit werden sie wie aus _einem_ Munde verkündet. Ich weiß es bestimmt,
-daß, obwohl ich sie nicht alle kenne, in Rußland mehr als ein Mensch
-fest daran glaubt und schon heute spricht: »Früher denn in irgendeinem
-andern Lande wird bei uns der heilige Auferstehungstag Christi gefeiert
-werden.«
-
-
- Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-
-Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt,
-teilweise unter Verwendung des russischen Originales (vorher/nachher):
-
- [S. 18]:
- ... den Weg geben, und dann den Gutsherren über alles ...
- ... den Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles ...
-
- [S. 25]:
- ... ich nicht Mutter eine Familie; dann könnten Sie Ihren ...
- ... ich nicht Mutter einer Familie; dann könnten Sie Ihren ...
-
- [S. 71]:
- ... Menschen, von Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...
- ... Menschen, vom Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu ...
-
- [S. 125]:
- ... der der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und
- plumpen ...
- ... der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen ...
-
- [S. 186]:
- ... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deulich vernommen ...
- ... Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen ...
-
- [S. 206]:
- ... besitzen Sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...
- ... besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht. ...
-
- [S. 235]:
- ... für erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...
- ... fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ...
-
- [S. 248]:
- ... Äußere, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...
- ... Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...
-
- [S. 248]:
- ... harrt, ihre himmliche Bestimmung klarzumachen: uns ...
- ... harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns ...
-
- [S. 253]:
- ... haben, mit neuem frischeren Mut als früher an ...
- ... haben, mit neuem frischerem Mut als früher an ...
-
- [S. 255]:
- ... An B. I. B. ...
- ... An B. N. B. ...
-
- [S. 285]:
- ... Verhältns zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...
- ... Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...
-
- [S. 287]:
- ... wiederspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...
- ... widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...
-
- [S. 293]:
- ... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von ihnen ...
- ... Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen ...
-
- [S. 295]:
- ... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung; ...
- ... der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung, ...
-
- [S. 310]:
- ... nicht aus jenem in einen fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...
- ... nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...
-
- [S. 313]:
- ... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden sie in ihr ...
- ... Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden Sie in ihr ...
-
- [S. 314]:
- ... Seelenverwandschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ...
- ... Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ...
-
- [S. 331]:
- ... in Ihrem Verkehr mit den weit entfernten ...
- ... in ihrem Verkehr mit den weit entfernten ...
-
- [S. 333]:
- ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sichs ...
- ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich ...
-
- [S. 334]:
- ... dem Generalgouwerneur. ...
- ... dem Generalgouverneur. ...
-
- [S. 335]:
- ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Daß ...
- ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das ...
-
- [S. 344]:
- ... Ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...
- ... ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...
-
- [S. 350]:
- ... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und
- Einrichrichtungen, ...
- ... und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und
- Einrichtungen, ...
-
- [S. 350]:
- ... Sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...
- ... sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...
-
- [S. 377]:
- ... ersten Bekanntchsaft mit beiden Dichtern aufdrängt, ...
- ... ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt, ...
-
- [S. 380]:
- ... der voller plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...
- ... der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...
-
- [S. 380]:
- ... Schlägt mit den Dreizack nach den Schiffen, ...
- ... Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen, ...
-
- [S. 393]: (mehrfache Fälle)
- ... wie z. B. Bayron oder selbst viele andre Dichter ...
- ... wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter ...
-
- [S. 412]:
- ... Menschen, dem die reichsten und manigfaltigsten Talente ...
- ... Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente ...
-
- [S. 412]:
- ... Bettler. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...
- ... Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...
-
- [S. 413]:
- ... Talent für radikale endgültige Folgerungen, daß dem ...
- ... Talent für radikale endgültige Folgerungen, das dem ...
-
- [S. 424]:
- ... singen können, daß sie keine zwei einfachen ungezierten ...
- ... singen können, daß sie keine zwei einfache ungezierte ...
-
- [S. 438]:
- ... oder nicht; jedesfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ...
- ... oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ...
-
- [S. 450]:
- ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einen Invaliden, ...
- ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem Invaliden, ...
-
- [S. 456]:
- ... der so stolz auf Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...
- ... der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...
-
- [S. 461]:
- ... ihren Brüdern mit einem herzerreißenden Aufschrei zu ...
- ... ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by
-Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I ***
-
-***** This file should be named 56174-8.txt or 56174-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/6/1/7/56174/
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-