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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Venus im Pelz, by Leopold von Sacher-Masoch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Venus im Pelz
-
-Author: Leopold von Sacher-Masoch
-
-Illustrator: Fritz Buchholz
-
-Release Date: December 10, 2017 [EBook #56156]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUS IM PELZ ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche
- Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
- Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die
- Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; hiervon abweichende
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- [Illustration: Leopold von Sacher-Masoch]
-
-
-
-
- Venus im Pelz
-
- Novelle
- von
- Sacher-Masoch
-
- Mit Illustrationen von Fritz Buchholz
-
- [Illustration]
-
- Leipzig
- Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung
-
-
-
-
- Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Vorliegende Erzählung ist ein Teil eines großen, aber niemals von dem
-Dichter vollendeten Novellenzyklus, „Das Vermächtnis Kains“, der nach
-Sacher-Masochs eigenem Ausspruche „eine bilderreiche Naturgeschichte
-des Menschen sein sollte“. Das Ganze sollte in sechs Unterabteilungen
-zu je sechs Novellen zerfallen, für welche die Obertitel „Die Liebe“,
-„Das Eigentum“, „Das Geld“, „Der Staat“, „Der Krieg“ und „Der Tod“
-vorgesehen waren. Sacher-Masoch hatte sich somit ein sehr hohes
-Ziel gesteckt, er wollte in diesen geplanten Erzählungen alles
-Menschenleid und -schicksal in seinen verschiedensten Möglichkeiten und
-Ausdrucksformen schildern und zugleich in der Schlußnovelle eines jeden
-Teiles die Antwort auf die behandelte Frage und deren Lösung geben.
-
-Von dem gesamten Werke liegen nur die beiden ersten Teile „Die Liebe“
-und „Das Eigentum“ abgeschlossen vor. Von den andern existieren nur
-Bruchstücke. Die „Venus im Pelz“ gehört als fünfte der Novellen zu dem
-Zyklus „Die Liebe“.
-
-Der Dichter schildert hierin die Erlebnisse eines Idealisten und
-Phantasten zugleich, den sein Unstern in den Bannkreis eines herzlosen
-und brutalen Weibes treibt.
-
-Zur Zeit, als Sacher-Masoch diese seine berühmteste Novelle verfaßte,
-stand er ganz im Banne eines Schopenhauerschen Pessimismus. Was seine
-Lebensumstände anbetrifft, so ist zu bemerken, daß er damals als
-Privatdozent an der Universität Graz habilitiert war.
-
-Sofort beim Erscheinen der „Venus im Pelz“ spalteten sich die Leser in
-zwei Parteien. Die einen verwarfen sie wegen der bis dahin unerhörten
-Kühnheit der Schilderungen und fühlten sich zugleich durch das Motiv
-abgestoßen. Die anderen dagegen, und gerade die besten Männer deutscher
-Wissenschaft und Literatur, säumten nicht, anzuerkennen, hier liege
-ein einzigartiges ~document humain~ vor, und es zeuge zudem von
-ungewöhnlicher Genialität des Verfassers.
-
-In rascher Folge entstanden weitere Schöpfungen, und eine wie die
-andere waren vollwertiges Gold.
-
-Um so peinlicher überrascht fühlten sich daher alle Freunde des
-Dichters, als plötzlich höchst oberflächliche und zum Teil direkt
-minderwertige Produkte seiner Feder auf dem Markt erschienen.
-Verwundert und verstimmt fragte man sich, wie es möglich sei, daß ein
-Poet, der die Klassizität gestreift, sein eigenes Renommee in solcher
-Weise verderben könne. Nach Sacher-Masochs Tode ist dies Rätsel gelöst.
-Die Not, die bitterste äußere Not zwang ihn dazu, dem Gott in sich
-selbst Gewalt anzutun, um Brot für sich und die Seinen um jeden Preis
-zu schaffen. In jener Zeit entstanden die vielberufenen „Messalinen
-Wiens“, „Falscher Hermelin“ usw. Aber seltsam, gerade diese seichten
-Arbeiten hatten bei dem Publikum ungeahnten Erfolg. Es brauchte dabei
-nicht zu denken, wohl aber fühlte es sich seltsam erregt durch das
-eigenartige, ihnen entströmende Gemisch von Stall- und Boudoirparfüm.
-
-So wurde Sacher-Masoch in den Augen vieler zu einem oberflächlichen und
-frivolen Skribenten erniedrigt, und es konnte leider nicht anders sein,
-denn die Welt urteilt stets nach den Resultaten, aber nicht nach den
-Motiven.
-
-Selbst in der Spätzeit, als der Dichter sich wieder großen und
-bedeutenden Aufgaben zuwandte, vermochte er die alten peinlichen
-Erinnerungen nicht wieder zu verwischen. Und -- es ist traurig zu sagen
--- auch das große Publikum wollte nichts Gehaltvolles mehr von ihm,
-sondern verlangte von ihm geradezu Mindergut.
-
-Nur eine verhältnismäßig kleine Gemeinde wirklicher Verehrer blieb ihm
-dauernd treu, jener, die das Unvergängliche, was er geschaffen, seinem
-vollen Werte nach zu schätzen wußten und trotz seiner späteren Mängel
-niemals an dem genialen Meister irre wurden.
-
-Den Wünschen dieser zu entsprechen -- da die älteren Ausgaben
-vollständig vergriffen sind --, entschlossen wir uns, einige seiner
-besten Arbeiten in Neudrucken auf den Markt zu bringen. Darunter auch
-die Novellen „Die Liebe des Plato“ und die „Venus im Pelz“.
-
-Obwohl diese beiden Werke seit über 50 Jahren der Literatur angehören
-und in allen Literaturgeschichten gewürdigt sind, ist es ihnen -- und
-namentlich der „Venus im Pelz“ -- nicht erspart geblieben, neuerdings
-seitens der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften verschiedensten
-Titels beanstandet zu werden.
-
-Es sei allerdings gern anerkannt, daß Kenntnis der Literatur
-und Phantasie von Polizeiorganen und solchen der öffentlichen
-Anklagebehörde nicht erwartet werden darf. Beides gehört nicht zu ihrem
-Ressort.
-
-Die Folgen dieser Beanstandungen blieben nicht aus. In der Regel
-wurden „Plato“ und die „Venus im Pelz“ seitens der Polizeibehörden
-und der Staatsanwaltschaften ohne weiteres als nicht zu beanstandende
-Dichtungen und Kunstwerke dem öffentlichen Verkehr zurückgegeben.
-Gleichwohl kam es gelegentlich vor, daß die „Venus“ Gegenstand einer
-Gerichtsverhandlung wurde. Von den Resultaten dieser ist zu sagen, daß
-sie allemal mit einer Niederlage der Staatsanwaltschaft endeten.
-
-Die Welt der deutschen Schriftsteller hatte das nicht anders erwartet.
-Als es bekannt wurde, daß ein Einschreiten gegen die „Venus im
-Pelz“ im Gange sei, erhob sich überall befremdetes Kopfschütteln.
-In geschlossener Phalanx traten die Koryphäen deutschen Schrifttums
-regelmäßig für Erhaltung des Werkes ein und mit ihnen zugleich die
-Männer der Wissenschaft.
-
-So erklärte z. B. anläßlich eines solchen Prozesses der Geheime
-Medizinalrat Professor Dr. Albert Eulenberger in Berlin: Die „Venus im
-Pelz“ besitze unschätzbaren Wert und sei ein Unikum in der deutschen
-Literatur. So wenig sie in dieser zu vermissen sei, ebensowenig
-vermöge die Wissenschaft ihrer zu entbehren.
-
-Als der Geheime Hofrat Professor ~Dr.~ Koester in Leipzig gelegentlich
-seitens der Dresdener Staatsanwaltschaften aufgefordert wurde, ein
-Gutachten über die „Venus im Pelz“ abzugeben, kam er ebenfalls zu dem
-Resultat, das Werk gehöre der Literatur an, und es sei nicht angängig,
-es aus der Reihe der Lebenden zu streichen.
-
-Wir glauben, daß die gemachten Mitteilungen mehr als einem Leser und in
-mehr als einer Hinsicht interessant sein dürften.
-
- +Der Verlag+
-
-
-
-
-Ich hatte liebenswürdige Gesellschaft.
-
-Mir gegenüber an dem massiven Renaissancekamin saß Venus, aber nicht
-etwa eine Dame der Halbwelt, die unter diesem Namen Krieg führte gegen
-das feindliche Geschlecht, gleich Mademoiselle Cleopatra, sondern die
-wahrhafte Liebesgöttin.
-
-[Illustration]
-
-Sie saß im Fauteuil und hatte ein prasselndes Feuer angefacht, dessen
-Widerschein in roten Flammen ihr bleiches Antlitz mit den weißen Augen
-leckte und von Zeit zu Zeit ihre Füße, wenn sie dieselben zu wärmen
-suchte.
-
-Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch
-alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen
-großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.
-
-„Ich begreife nicht, gnädige Frau,“ rief ich, „es ist doch wahrhaftig
-nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr.
-Sie sind offenbar nervös.“
-
-„Ich danke für euer Frühjahr,“ sprach sie mit tiefer steinerner
-Stimme und nieste gleich darnach himmlisch und zwar zweimal rasch
-nacheinander; „da kann ich es wahrhaftig nicht aushalten, und ich fange
-an zu verstehen --“
-
-„Was, meine Gnädige?“
-
-„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu
-begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und
-die deutsche Philosophie, und ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im
-Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was
-Liebe ist.“
-
-„Erlauben Sie, Madame,“ erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen
-wahrhaftig keine Ursache gegeben.“
-
-„Nun, Sie --“ die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit
-unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig
-gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich
-mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks rasch erkälte. Erinnern
-Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“
-
-„Wie könnte ich es vergessen,“ sagte ich, „Sie hatten damals reiche
-braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte
-Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser
-Marmorblässe -- Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit
-Fehpelz besetzt.“
-
-„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie
-waren.“
-
-„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ
-mich zwei Jahrtausende vergessen.“
-
-„Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“
-
-„Nun, was die Treue betrifft --“
-
-„Undankbarer!“
-
-„Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie sind zwar ein göttliches
-Weib, aber doch ein Weib, und in der Liebe grausam wie jedes Weib.“
-
-„Sie nennen grausam,“ entgegnete die Liebesgöttin lebhaft, „was eben
-das Element der Sinnlichkeit, der heiteren Liebe, die Natur des Weibes
-ist, sich hinzugeben, wo es liebt und alles zu lieben, was ihm gefällt.“
-
-„Gibt es für den Liebenden etwa eine größere Grausamkeit als die
-Treulosigkeit der Geliebten?“
-
-„Ach!“ -- entgegnete sie -- „wir sind treu, solange wir lieben, ihr
-aber verlangt vom Weibe Treue ohne Liebe, und Hingebung ohne Genuß,
-wer ist da grausam, das Weib oder der Mann? -- Ihr nehmt im Norden die
-Liebe überhaupt zu wichtig und zu ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo
-nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.“
-
-„Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle
-und dauerhafte Verhältnisse.“
-
-„Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten
-Heidentum,“ fiel Madame ein, „aber jene Liebe, welche die höchste
-Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch
-Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. +Sobald
-ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein.+ Euch erscheint die
-Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus uns lachenden Göttern
-Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich
-nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn
-vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch
-den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür
-barfuß im Büßerhemd nach Rom und erwartet Blüten von dem dürren Stock,
-während unter meinem Fuße zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten
-emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; bleibt nur in eurem
-nordischen Nebel und christlichem Weihrauch; laßt uns Heiden unter
-dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde
-Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel
-nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!“
-Die schöne Marmordame hustete und zog die dunkeln Zobelfelle um ihre
-Schultern noch fester zusammen.
-
-„Wir danken für die klassische Lektion,“ erwiderte ich, „aber Sie
-können doch nicht leugnen, daß Mann und Weib, in Ihrer heiteren
-sonnigen Welt ebenso gut wie in unserer nebligen, von Natur Feinde
-sind, daß die Liebe für die kurze Zeit zu einem einzigen Wesen vereint,
-das nur eines Gedankens, einer Empfindung, eines Willens fähig ist, um
-sie dann noch mehr zu entzweien, und -- nun Sie wissen es besser als
-ich -- wer dann nicht zu unterjochen versteht, wird nur zu rasch den
-Fuß des anderen auf seinem Nacken fühlen --“
-
-„Und zwar in der Regel der Mann den Fuß des Weibes,“ rief Frau Venus
-mit übermütigem Hohne, „was Sie wieder besser wissen als ich.“
-
-„Gewiß, und eben deshalb mache ich mir keine Illusionen.“
-
-„Das heißt, Sie sind jetzt mein Sklave ohne Illusionen, und ich werde
-Sie dafür auch ohne Erbarmen treten.“
-
-„Madame!“
-
-„Kennen Sie mich noch nicht? Ja, ich bin +grausam+ -- weil Sie
-denn schon an dem Worte so viel Vergnügen finden -- und habe ich nicht
-recht, es zu sein? Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte,
-dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat
-ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das
-aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu
-machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“
-
-„Ihre Grundsätze, meine Gnädige,“ warf ich entrüstet ein.
-
-„Beruhen auf tausendjähriger Erfahrung,“ entgegnete Madame spöttisch,
-während ihre weißen Finger in dem dunkeln Pelz spielten, „je
-hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern
-und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es
-ihn mißhandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen
-es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm
-geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten, seit Helena und
-Delila, bis zur zweiten Katharina und Lola Montez herauf.“
-
-„Ich kann es nicht leugnen,“ sagte ich, „es gibt für den Mann nichts,
-das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und
-grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos
-nach Laune wechselt --“
-
-„Und noch dazu einen Pelz trägt,“ rief die Göttin.
-
-„Wie kommen Sie darauf?“
-
-„Ich kenne ja Ihre Vorliebe.“
-
-„Aber wissen Sie,“ fiel ich ein, „daß Sie, seitdem wir uns nicht
-gesehen haben, sehr kokett geworden sind.“
-
-„Inwiefern, wenn ich bitten darf?“
-
-„Insofern es keine herrlichere Folie für Ihren weißen Leib geben
-könnte, als diese dunklen Felle und es Ihnen --“
-
-Die Göttin lachte.
-
-„Sie träumen,“ rief sie, „wachen Sie auf!“ und sie faßte mich mit
-ihrer Marmorhand beim Arme, „wachen Sie doch auf!“ dröhnte ihre Stimme
-nochmals im tiefsten Brustton. Ich schlug mühsam die Augen auf.
-
-[Illustration]
-
-Ich sah die Hand, die mich rüttelte, aber diese Hand war auf einmal
-braun wie Bronze, und die Stimme war die schwere Schnapsstimme meines
-Kosaken, der in seiner vollen Größe von nahe sechs Fuß vor mir stand.
-
-„Stehen Sie doch auf,“ fuhr der Wackere fort, „es ist eine wahrhafte
-Schande.“
-
-„Und weshalb eine Schande?“
-
-„Eine Schande in Kleidern einzuschlafen und noch dazu bei einem Buche,“
-er putzte die heruntergebrannten Kerzen und hob den Band auf, der
-meiner Hand entsunken war, „bei einem Buche von -- er schlug den Deckel
-auf, von Hegel -- dabei ist es die höchste Zeit zu Herrn Severin zu
-fahren, der uns zum Tee erwartet.“
-
- * *
- *
-
-„Ein seltsamer Traum,“ sprach Severin, als ich zu Ende war, stützte die
-Arme auf die Knie, das Gesicht in die feinen zartgeäderten Hände und
-versank in Nachdenken.
-
-Ich wußte, daß er sich nun lange Zeit nicht regen, ja kaum atmen würde,
-und so war es in der Tat, für mich hatte indes sein Benehmen nichts
-Auffallendes, denn ich verkehrte seit beinahe drei Jahren in guter
-Freundschaft mit ihm und hatte mich an alle seine Sonderbarkeiten
-gewöhnt. Denn sonderbar war er, das ließ sich nicht leugnen, wenn
-auch lange nicht der gefährliche Narr, für den ihn nicht allein seine
-Nachbarschaft, sondern der ganze Kreis von Kolomea hielt. Mir war sein
-Wesen nicht bloß interessant, sondern -- und deshalb passierte ich auch
-bei vielen als ein wenig vernarrt -- in hohem Grade sympathisch.
-
-Er zeigte für einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie für sein
-Alter -- er war kaum über dreißig -- eine auffallende Nüchternheit des
-Wesens, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie. Er lebte nach einem
-minutiös ausgeführten, halb philosophischen, halb praktischen Systeme,
-gleichsam nach der Uhr, und nicht das allein, zu gleicher Zeit nach dem
-Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland,
-Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield; dabei bekam er aber zu
-Zeiten heftige Anfälle von Leidenschaftlichkeit, wo er Miene machte,
-mit dem Kopfe durch die Wand zu gehen, und ihm ein jeder gerne aus dem
-Wege ging.
-
-Während er also stumm blieb, sang dafür das Feuer im Kamin, sang der
-große ehrwürdige Samowar, und der Ahnherrnstuhl, in dem ich, mich
-schaukelnd, meine Zigarre rauchte, und das Heimchen im alten Gemäuer
-sang auch, und ich ließ meinen Blick über das absonderliche Geräte, die
-Tiergerippe, ausgestopften Vögel, Globen, Gypsabgüsse schweifen, welche
-in seinem Zimmer angehäuft waren, bis er zufällig auf einem Bilde
-haften blieb, das ich oft genug gesehen hatte, das mir aber gerade
-heute im roten Widerschein des Kaminfeuers einen unbeschreiblichen
-Eindruck machte.
-
-Es war ein großes Ölgemälde in der kräftigen farbensatten Manier der
-belgischen Schule gemalt, sein Gegenstand seltsam genug.
-
-Ein schönes Weib, ein sonniges Lachen auf dem feinen Antlitz, mit
-reichem, in einen antiken Knoten geschlungenem Haare, auf dem der
-weiße Puder wie leichter Reif lag, ruhte, auf den linken Arm gestützt,
-nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane; ihre rechte Hand
-spielte mit einer Peitsche, während ihr bloßer Fuß sich nachlässig auf
-den Mann stützte, der vor ihr lag wie ein Sklave, wie ein Hund, und
-dieser Mann, mit den scharfen, aber wohlgebildeten Zügen, auf denen
-brütende Schwermut und hingebende Leidenschaft lag, welcher mit dem
-schwärmerischen brennenden Auge eines Märtyrers zu ihr emporsah, dieser
-Mann, der den Schemel ihrer Füße bildete, war Severin, aber ohne Bart,
-wie es schien um zehn Jahre jünger.
-
-„+Venus im Pelz!+“ rief ich, auf das Bild deutend, „so habe ich
-sie im Traume gesehen.“ „Ich auch,“ sagte Severin, „nur habe ich meinen
-Traum mit offenen Augen geträumt.“
-
-„Wie?“
-
-„Ach! das ist eine dumme Geschichte.“
-
-„Dein Bild hat offenbar Anlaß zu meinem Traum gegeben,“ fuhr ich
-fort, „aber sage mir endlich einmal, was damit ist, daß es eine Rolle
-gespielt hat in deinem Leben, und vielleicht eine sehr entscheidende,
-kann ich mir denken, aber das weitere erwarte ich von dir.“
-
-„Sieh dir einmal das Gegenstück an,“ entgegnete mein seltsamer Freund,
-ohne auf meine Frage einzugehen.
-
-Das Gegenstück bildete eine treffliche Kopie der bekannten „Venus mit
-dem Spiegel“ von Titian in der Dresdener Galerie.
-
-„Nun, was willst du damit?“
-
-Severin stand auf und wies mit dem Finger auf den Pelz, mit dem Titian
-seine Liebesgöttin bekleidet hat.
-
-„Auch hier ‚Venus im Pelz‘,“ sprach er fein lächelnd, „ich glaube
-nicht, daß der alte Venetianer damit eine Absicht verbunden hat. Er hat
-einfach das Portrait irgendeiner vornehmen Messaline gemacht und die
-Artigkeit gehabt, ihr den Spiegel, in welchem sie ihre majestätischen
-Reize mit kaltem Behagen prüft, durch Amor halten zu lassen, dem
-die Arbeit sauer genug zu werden scheint. Das Bild ist eine gemalte
-Schmeichelei. Später hat irgendein ‚Kenner‘ der Rokokozeit die Dame auf
-den Namen Venus getauft, und der Pelz der Despotin, in den sich Titians
-schönes Modell wohl mehr aus Furcht vor dem Schnupfen als Keuschheit
-gehüllt hat, ist zu einem Symbol der Tyrannei und Grausamkeit geworden,
-welche im Weibe und seiner Schönheit liegt.
-
-Aber genug, so wie das Bild jetzt ist, erscheint es uns als die
-pikanteste Satire auf unsere Liebe. Venus, die im abstrakten Norden, in
-der eisigen christlichen Welt in einen großen schweren Pelz schlüpfen
-muß, um sich nicht zu erkälten. --“
-
-Severin lachte und zündete eine neue Zigarette an.
-
-Eben ging die Türe auf und eine hübsche volle Blondine mit klugen
-freundlichen Augen, in einer schwarzen Seidenrobe, kam herein und
-brachte uns kaltes Fleisch und Eier zum Tee. Severin nahm eines der
-letzteren und schlug es mit dem Messer auf. „Habe ich dir nicht gesagt,
-daß ich sie weich gekocht haben will?“ rief er mit einer Heftigkeit,
-welche die junge Frau zittern machte.
-
-„Aber lieber Sewtschu --“ sprach sie ängstlich.
-
-„Was Sewtschu,“ schrie er, „gehorchen sollst du, gehorchen, verstehst
-du,“ und er riß den Kantschuk[1], welcher neben seinen Waffen hing, vom
-Nagel.
-
-Die hübsche Frau floh wie ein Reh rasch und furchtsam aus dem Gemache.
-
-„Warte nur, ich erwische dich noch,“ rief er ihr nach.
-
-„Aber Severin,“ sagte ich, meine Hand auf seinen Arm legend, „wie
-kannst du die hübsche kleine Frau so traktieren!“
-
-„Sieh dir das Weib nur an,“ erwiderte er, indem er humoristisch mit den
-Augen zwinkerte, „hätte ich ihr geschmeichelt, so hätte sie mir die
-Schlinge um den Hals geworfen, so aber, weil ich sie mit dem Kantschuk
-erziehe, betet sie mich an.“
-
-„Geh mir!“
-
-„Geh du mir, so muß man die Weiber dressieren.“
-
-„Leb’ meinetwegen wie ein Pascha in deinem Harem, aber stelle mir nicht
-Theorien auf --“
-
-„Warum nicht,“ rief er lebhaft, „nirgends paßt Goethes ‚Du mußt Hammer
-oder Ambos sein‘ so vortrefflich hin wie auf das Verhältnis von Mann
-und Weib, das hat dir beiläufig Frau Venus im Traume auch eingeräumt.
-In der Leidenschaft des Mannes ruht die Macht des Weibes, und es
-versteht sie zu benützen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat
-nur die Wahl, der Tyrann oder der Sklave des Weibes zu sein. Wie er
-sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche
-fühlen.“
-
-„Seltsame Maximen!“
-
-„Keine Maximen, sondern Erfahrungen,“ entgegnete er mit dem Kopfe
-nickend, „+ich bin im Ernste gepeitscht worden+, ich bin kuriert,
-willst du lesen wie?“
-
-Er erhob sich und holte aus seinem massiven Schreibtisch eine kleine
-Handschrift, welche er vor mich auf den Tisch legte.
-
-„Du hast früher nach jenem Bilde gefragt. Ich bin dir lange schon eine
-Erklärung schuldig. Da -- lies!“
-
-Severin setzte sich zum Kamin, den Rücken gegen mich, und schien mit
-offenen Augen zu träumen. Wieder war es still geworden, und wieder sang
-das Feuer im Kamin und der Samowar und das Heimchen im alten Gemäuer
-und ich schlug die Handschrift auf und las:
-
-„+Bekenntnisse eines Übersinnlichen+,“ an dem Rande des
-Manuskriptes standen als Motto die bekannten Verse aus dem Faust
-variiert:
-
- „Du übersinnlicher sinnlicher Freier,
- Ein Weib nasführet dich!“
-
- Mephistopheles.
-
-Ich schlug das Titelblatt um und las: „Das Folgende habe ich aus meinem
-damaligen Tagebuche zusammengestellt, weil man seine Vergangenheit nie
-unbefangen darstellen kann, so aber hat alles seine frischen Farben,
-die Farben der Gegenwart.“
-
- * *
- *
-
-Gogol, der russische Molière, sagt -- ja wo? -- nun irgendwo -- „die
-echte komische Muse ist jene, welcher unter der lachenden Larve die
-Tränen herabrinnen.“
-
-Ein wunderbarer Ausspruch!
-
-So ist es mir recht seltsam zumute, während ich dies niederschreibe.
-Die Luft scheint mir mit einem aufregenden Blumenduft gefüllt, der
-mich betäubt und mir Kopfweh macht, der Rauch des Kamines kräuselt und
-ballt sich mir zu Gestalten, kleinen graubärtigen Kobolden zusammen,
-die spöttisch mit dem Finger auf mich deuten, pausbackige Amoretten
-reiten auf den Lehnen meines Stuhles und auf meinen Knien, und ich
-muß unwillkürlich lächeln, ja laut lachen, indem ich meine Abenteuer
-niederschreibe, und doch schreibe ich nicht mit gewöhnlicher Tinte,
-sondern mit dem roten Blute, das aus meinem Herzen träufelt, denn alle
-seine längst vernarbten Wunden haben sich geöffnet und es zuckt und
-schmerzt, und hie und da fällt eine Träne auf das Papier.
-
- * *
- *
-
-Träge schleichen die Tage in dem kleinen Karpathenbade dahin. Man
-sieht niemand und wird von niemand gesehen. Es ist langweilig zum
-Idyllenschreiben. Ich hätte hier Muße, eine Galerie von Gemälden zu
-liefern, ein Theater für eine ganze Saison mit neuen Stücken, ein
-Dutzend Virtuosen mit Konzerten, Trios und Duos zu versorgen, aber
--- was spreche ich da -- ich tue am Ende doch nicht viel mehr, als
-die Leinwand aufspannen, die Bogen zurecht glätten, die Notenblätter
-liniieren, denn ich bin -- ach! nur keine falsche Scham, Freund
-Severin, lüge andere an; aber es gelingt dir nicht mehr recht, dich
-selbst anzulügen -- also ich bin nichts weiter, als ein Dilettant; ein
-Dilettant in der Malerei, in der Poesie, der Musik und noch in einigen
-anderen jener sogenannten brotlosen Künste, welche ihren Meistern
-heutzutage das Einkommen eines Ministers, ja eines kleinen Potentaten
-sichern, und vor allem bin ich ein Dilettant im Leben.
-
-Ich habe bis jetzt gelebt, wie ich gemalt und gedichtet habe, das
-heißt, ich bin nie weit über die Grundierung, den Plan, den ersten Akt,
-die erste Strophe gekommen. Es gibt einmal solche Menschen, die alles
-anfangen und doch nie mit etwas zu Ende kommen, und ein solcher Mensch
-bin ich.
-
-Aber was schwatze ich da.
-
-Zur Sache.
-
-Ich liege in meinem Fenster und finde das Nest, in dem ich verzweifle,
-eigentlich unendlich poetisch, welcher Blick auf die blaue, von
-goldenem Sonnenduft umwobene hohe Wand des Gebirges, durch welche
-sich Sturzbäche wie Silberbänder schlingen, und wie klar und blau der
-Himmel, in den die beschneiten Kuppen ragen, und wie grün und frisch
-die waldigen Abhänge, die Wiesen, auf denen kleine Herden weiden, bis
-zu den gelben Wogen des Getreides hinab, in denen die Schnitter stehen
-und sich bücken und wieder emportauchen.
-
-Das Haus, in dem ich wohne, steht in einer Art Park, oder Wald, oder
-Wildnis, wie man es nennen will, und ist sehr einsam.
-
-Es wohnt niemand darin als ich, eine Witwe aus Lwow[2], die Hausfrau
-Madame Tartakowska, eine kleine alte Frau, die täglich älter und
-kleiner wird, ein alter Hund, der auf einem Beine hinkt, und eine junge
-Katze, welche stets mit einem Zwirnknäuel spielt, und der Zwirnknäuel
-gehört, glaube ich, der schönen Witwe.
-
-Sie soll wirklich schön sein, die Witwe, und noch sehr jung, höchstens
-vierundzwanzig, und sehr reich. Sie wohnt im ersten Stock und ich wohne
-ebener Erde. Sie hat immer die grünen Jalousien geschlossen und hat
-einen Balkon, der ganz mit grünen Schlingpflanzen überwachsen ist; ich
-aber habe dafür unten meine liebe, trauliche Gaisblattlaube, in der ich
-lese und schreibe und male und singe, wie ein Vogel in den Zweigen. Ich
-kann auf den Balkon hinaufsehen. Manchmal sehe ich auch wirklich hinauf
-und dann schimmert von Zeit zu Zeit ein weißes Gewand zwischen dem
-dichten, grünen Netz.
-
-Eigentlich interessiert mich die schöne Frau dort oben sehr wenig, denn
-ich bin in eine andere verliebt und zwar höchst unglücklich verliebt,
-noch weit unglücklicher, als Ritter Toggenburg und der Chevalier in
-Manon l’Escault, denn meine Geliebte ist von Stein.
-
-Im Garten, in der kleinen Wildnis, befindet sich eine graziöse kleine
-Wiese, auf der friedlich ein paar zahme Rehe weiden. Auf dieser Wiese
-steht ein Venusbild von Stein, das Original, glaube ich, ist in
-Florenz; diese Venus ist das schönste Weib, das ich in meinem Leben
-gesehen habe.
-
-[Illustration]
-
-Das will freilich nicht viel sagen, denn ich habe wenig schöne
-Frauen, ja überhaupt wenig Frauen gesehen und bin auch in der Liebe
-nur ein Dilettant, der nie über die Grundierung, über den ersten Akt
-hinausgekommen ist.
-
-Wozu auch in Superlativen sprechen, als wenn etwas, was schön ist, noch
-übertroffen werden könnte.
-
-Genug, diese Venus ist schön und ich liebe sie, so leidenschaftlich, so
-krankhaft innig, so wahnsinnig, wie man nur ein Weib lieben kann, das
-unsere Liebe mit einem ewig gleichen, ewig ruhigen, steinernen Lächeln
-erwidert. Ja, ich bete sie förmlich an.
-
-Oft liege ich, wenn die Sonne im Gehölze brütet, unter dem Laubdach
-einer jungen Buche und lese, oft besuche ich meine kalte, grausame
-Geliebte auch bei Nacht und liege dann vor ihr auf den Knieen, das
-Antlitz gegen die kalten Steine gepreßt, auf denen ihre Füße ruhen, und
-bete zu ihr.
-
-Es ist unbeschreiblich, wenn dann der Mond heraufsteigt -- er ist
-eben im Zunehmen -- und zwischen den Bäumen schwimmt und die Wiese in
-silbernen Glanz taucht, und die Göttin steht dann wie verklärt und
-scheint sich in seinem weichen Lichte zu baden.
-
-Einmal, wie ich von meiner Andacht zurückkehrte, durch eine der Alleen,
-die zum Hause führen, sah ich plötzlich, nur durch die grüne Galerie
-von mir getrennt, eine weibliche Gestalt, weiß wie Stein, vom Mondlicht
-beglänzt; da war mir’s, als hätte sich das schöne Marmorweib meiner
-erbarmt und sei lebendig geworden und mir gefolgt -- mich aber faßte
-eine namenlose Angst, das Herz drohte mir zu springen, und statt --
-
-Nun, ich bin ja ein Dilettant. Ich blieb, wie immer, beim zweiten Verse
-stecken, nein, im Gegenteil, ich blieb nicht stecken, ich lief, so
-rasch ich laufen konnte.
-
- * *
- *
-
-Welcher Zufall! ein Jude, der mit Photographien handelt, spielt mir das
-Bild meines Ideals in die Hände; es ist ein kleines Blatt, die „Venus
-mit dem Spiegel“ von Titian, welch ein Weib! Ich will ein Gedicht
-machen. Nein! Ich nehme das Blatt und schreibe darauf: „+Venus im
-Pelz.+“
-
-Du frierst, während du selbst Flammen erregst. Hülle dich nur in deinen
-Despotenpelz, wem gebührt er, wenn nicht dir, grausame Göttin der
-Schönheit und Liebe! --
-
-Und nach einer Weile fügte ich einige Verse von Goethe hinzu, die ich
-vor kurzem in seinen Paralipomena zum Faust gefunden hatte.
-
-
-+An Amor!+
-
- „Erlogen ist das Flügelpaar,
- Die Pfeile, die sind Krallen,
- Die Hörnerchen verbirgt der Kranz,
- Er ist ohn’ allen Zweifel,
- Wie alle Götter Griechenlands,
- Auch ein verkappter Teufel.“
-
-Dann stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch, indem ich es mit
-einem Buche stützte und betrachtete es.
-
-Die kalte Koketterie, mit der das herrliche Weib seine Reize mit
-den dunklen Zobelfellen drapiert, die Strenge, Härte, welche in dem
-Marmorantlitz liegt, entzücken mich und flößen mir zugleich Grauen ein.
-
-Ich nehme noch einmal die Feder; da steht es nun:
-
-„Lieben, geliebt werden, welch ein Glück! und doch wie verblaßt der
-Glanz desselben gegen die qualvolle Seligkeit, ein Weib anzubeten, das
-uns zu seinem Spielzeug macht, der Sklave einer schönen Tyrannin zu
-sein, die uns unbarmherzig mit Füßen tritt. Auch Simson, der Held, der
-Riese, gab sich Delila, die ihn verraten hatte, noch einmal in die Hand
-und sie verriet ihn noch einmal und die Philister banden ihn vor ihr
-und stachen ihm die Augen aus, die er bis zum letzten Augenblicke von
-Wut und Liebe trunken auf die schöne Verräterin heftete.“
-
- * *
- *
-
-Ich nahm das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und las im Buche Judith
-und beneidete den grimmen Heiden Holofernes um das königliche Weib, das
-ihm den Kopf herunter hieb, und um sein blutig schönes Ende.
-
-„Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände gegeben.“
-
-Der Satz frappierte mich.
-
-Wie ungalant diese Juden sind, dachte ich, und ihr Gott, er könnte auch
-anständigere Ausdrücke wählen, wenn er von dem schönen Geschlechte
-spricht.
-
-„+Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände
-gegeben+“, wiederholte ich für mich. Nun, was soll ich etwa
-anstellen, damit er mich straft?
-
-Um Gottes willen! da kommt unsere Hausfrau, sie ist über Nacht wieder
-etwas kleiner geworden. Und dort oben zwischen den grünen Ranken und
-Ketten wieder das weiße Gewand. Ist es Venus oder die Witwe?
-
-Diesmal ist es die Witwe, denn Madame Tartakowska knixt und ersucht
-mich in ihrem Namen um Lektüre. Ich eile in mein Zimmer und raffe ein
-paar Bände zusammen.
-
-Zu spät erinnere ich mich, daß mein Venusbild in einem derselben liegt,
-nun hat es die weiße Frau dort oben, samt meinen Ergüssen. Was wird sie
-dazu sagen?
-
-Ich höre sie lachen.
-
-Lacht sie über mich?
-
- * *
- *
-
-Vollmond! da blickt er schon über die Wipfel der niederen Tannen,
-welche den Park einsäumen, und silberner Duft erfüllt die Terrasse,
-die Baumgruppen, die ganze Landschaft, so weit das Auge reicht, in der
-Ferne sanft verschwimmend, gleich zitternden Gewässern.
-
-Ich kann nicht widerstehen, es mahnt und ruft mich so seltsam, ich
-kleide mich wieder an und trete in den Garten.
-
-Es zieht mich hin zur Wiese, zu ihr, meiner Göttin, meiner Geliebten.
-
-Die Nacht ist kühl. Mich fröstelt. Die Luft ist schwer von Blumen- und
-Waldgeruch, sie berauscht.
-
-Welche Feier! Welche Musik ringsum. Eine Nachtigall schluchzt. Die
-Sterne zucken nur leise in blaßblauem Schimmer. Die Wiese scheint
-glatt, wie ein Spiegel, wie die Eisdecke eines Teiches.
-
-Hehr und leuchtend ragt das Venusbild.
-
-Doch -- was ist das?
-
-Von den marmornen Schultern der Göttin fließt bis zu ihren Sohlen ein
-großer dunkler Pelz herab -- ich stehe starr und staune sie an, und
-wieder faßt mich jenes unbeschreibliche Bangen und ich ergreife die
-Flucht.
-
-Ich beschleunige meine Schritte; da sehe ich, daß ich die Allee
-verfehlt habe, und wie ich seitwärts in einen der grünen Gänge
-einbiegen will, sitzt Venus, das schöne, steinerne Weib, nein, die
-wirkliche Liebesgöttin, mit warmem Blute und pochenden Pulsen, vor mir
-auf einer steinernen Bank. Ja, sie ist mir lebendig geworden, wie jene
-Statue, die für ihren Meister zu atmen begann; zwar ist das Wunder
-erst halb vollbracht. Ihr weißes Haar scheint noch von Stein und ihr
-weißes Gewand schimmert wie Mondlicht, oder ist es Atlas? und von ihren
-Schultern fließt der dunkle Pelz -- aber ihre Lippen sind schon rot
-und ihre Wangen färben sich, und aus ihren Augen treffen mich zwei
-diabolische, grüne Strahlen, und jetzt lacht sie.
-
-Ihr Lachen ist so seltsam, so -- ach! es ist unbeschreiblich, es
-benimmt mir den Atem, ich flüchte weiter und muß immer wieder nach
-wenigen Schritten Atem holen, und dieses spöttische Lachen verfolgt
-mich durch die düsteren Laubgänge, über die hellen Rasenplätze, in
-das Dickicht, durch das nur einzelne Mondstrahlen brechen; ich finde
-den Weg nicht mehr, ich irre umher, kalte Tropfen perlen mir auf der
-Stirne.
-
-Endlich bleibe ich stehen und halte einen kurzen Monolog.
-
-Er lautet -- nun -- man ist ja immer sich selbst gegenüber entweder
-sehr artig oder sehr grob.
-
-Ich sage also zu mir:
-
-Esel!
-
-Dieses Wort übt eine großartige Wirkung, gleich einer Zauberformel, die
-mich erlöst und zu mir bringt.
-
-Ich bin im Augenblicke ruhig.
-
-Vergnügt wiederhole ich: Esel!
-
-Ich sehe nun wieder alles klar und deutlich, da ist der Springbrunnen,
-dort die Allee von Buchsbaum, dort das Haus, auf das ich jetzt langsam
-zugehe.
-
-Da -- plötzlich noch einmal -- hinter der grünen, vom Mondlicht
-durchleuchteten, gleichsam in Silber gestickten Wand, die weiße
-Gestalt, das schöne Weib von Stein, das ich anbete, das ich fürchte,
-vor dem ich fliehe.
-
-Mit ein paar Sätzen bin ich im Hause und hole Atem und denke nach.
-
-Nun, was bin ich jetzt eigentlich, ein kleiner Dilettant oder ein
-großer Esel?
-
-[Illustration]
-
-Ein schwüler Morgen, die Luft ist matt, stark gewürzt, aufregend. Ich
-sitze wieder in meiner Gaisblattlaube und lese in der Odyssee von der
-reizenden Hexe, die ihre Anbeter in Bestien verwandelt. Köstliches Bild
-der antiken Liebe.
-
-In den Zweigen und Halmen rauscht es leise und die Blätter meines
-Buches rauschen und auf der Terrasse rauscht es auch.
-
-Ein Frauengewand --
-
-Da ist sie -- Venus -- aber ohne Pelz -- nein, diesmal ist es die Witwe
--- und doch -- Venus -- oh! welch ein Weib!
-
-Wie sie dasteht im leichten, weißen Morgengewande und auf mich blickt,
-wie poetisch und anmutig zugleich erscheint ihre feine Gestalt; sie ist
-nicht groß, aber auch nicht klein, und der Kopf, mehr reizend, pikant
--- im Sinne der französischen Marquisenzeit -- als streng schön, aber
-doch wie bezaubernd, welche Weichheit, welcher holde Mutwille umspielen
-diesen vollen, nicht zu kleinen Mund -- die Haut ist so unendlich zart,
-daß überall die blauen Adern durchschimmern, auch durch den Mousselin,
-welcher Arm und Busen bedeckt, wie üppig ringelt sich das rote Haar --
-ja, es ist rot -- nicht blond oder goldig -- wie dämonisch und doch
-lieblich spielt es um ihren Nacken, und jetzt treffen mich ihre Augen
-wie grüne Blitze -- ja, sie sind grün, diese Augen, deren sanfte Gewalt
-unbeschreiblich ist -- grün, aber so wie es Edelsteine, wie es tiefe,
-unergründliche Bergseen sind.
-
-Sie bemerkt meine Verwirrung, die mich sogar unartig macht, denn ich
-bin sitzen geblieben und habe noch meine Mütze auf dem Kopfe.
-
-Sie lächelt schelmisch.
-
-Ich erhebe mich endlich und grüße sie. Sie nähert sich und bricht
-in ein lautes, beinahe kindliches Lachen aus. Ich stottere, wie nur
-ein kleiner Dilettant oder großer Esel in einem solchen Augenblicke
-stottern kann.
-
-So machen wir unsere Bekanntschaft.
-
-Die Göttin fragte um meinen Namen und nennt mir den ihren.
-
-Sie heißt Wanda von Dunajew.
-
-Und sie ist wirklich meine Venus.
-
-„Aber Madame, wie kamen Sie auf den Einfall?“
-
-„Durch das kleine Bild, das in einem Ihrer Bücher lag --“
-
-„Ich habe es vergessen.“
-
-„Die seltsamen Bemerkungen auf der Rückseite --“
-
-„Warum seltsam?“
-
-Sie sah mich an. „Ich habe immer den Wunsch gehabt, einmal einen
-ordentlichen Phantasten kennen zu lernen -- der Abwechslung wegen --
-nun, Sie scheinen mir nach allem einer der tollsten.“
-
-„Meine Gnädige -- in der Tat --“ wieder das fatale, eselhafte Stottern
-und noch dazu ein Erröten, wie es für einen jungen Menschen von
-sechzehn Jahren wohl passen mag, aber für mich, der beinahe volle zehn
-Jahre älter --
-
-„Sie haben sich heute Nacht vor mir gefürchtet.“
-
-„Eigentlich -- allerdings -- aber wollen Sie sich nicht setzen?“
-
-Sie nahm Platz und weidete sich an meiner Angst -- denn ich fürchtete
-mich jetzt, bei hellem Tageslichte, noch mehr vor ihr -- ein reizender
-Hohn zuckte um ihre Oberlippe.
-
-„Sie sehen die Liebe und vor allem das Weib,“ begann sie, „als etwas
-Feindseliges an, etwas, wogegen Sie sich, wenn auch vergebens, wehren,
-dessen Gewalt Sie aber als eine süße Qual, eine prickelnde Grausamkeit
-fühlen; eine echt moderne Anschauung.“
-
-„Sie teilen sie nicht.“
-
-„Ich teile sie nicht,“ sprach sie rasch und entschieden und schüttelte
-den Kopf, daß ihre Locken wie rote Flammen emporschlugen.
-
-„Mir ist die heitere Sinnlichkeit der Hellenen -- Freude ohne Schmerz
--- ein Ideal, das ich in meinem Leben zu verwirklichen strebe. Denn an
-jene Liebe, welche das Christentum, welche die Modernen, die Ritter vom
-Geiste predigen, glaube ich nicht. Ja, sehen Sie mich nur an, ich bin
-weit schlimmer als eine Ketzerin, ich bin eine Heidin.
-
- „Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe besonnen,
- Als im Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel?“
-
-Diese Verse aus Goethes römischer Elegie haben mich stets sehr entzückt.
-
-In der Natur liegt nur jene Liebe der heroischen Zeit, „da Götter und
-Göttinnen liebten“. Damals
-
- „folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier“.
-
-Alles andere ist gemacht, affektiert, erlogen. Durch das Christentum --
-dessen grausames Emblem -- das Kreuz -- etwas Entsetzliches für mich
-hat -- wurde erst etwas Fremdes, Feindliches in die Natur und ihre
-unschuldigen Triebe hineingetragen.
-
-Der Kampf des Geistes mit der sinnlichen Welt ist das Evangelium der
-Modernen. Ich will keinen Teil daran.“
-
-„Ja, Ihr Platz wäre im Olymp, Madame,“ entgegnete ich, „aber wir
-Modernen ertragen einmal die antike Heiterkeit nicht, am wenigsten
-in der Liebe; die Idee, ein Weib, und wäre es auch eine Aspasia, mit
-anderen zu teilen, empört uns, wir sind eifersüchtig wie unser Gott.
-So ist der Name der herrlichen Phryne bei uns zu einem Schimpfworte
-geworden.
-
-Wir ziehen eine dürftige, blasse, Holbeinsche Jungfrau, welche uns
-allein gehört, einer antiken Venus vor, wenn sie noch so göttlich schön
-ist, aber heute den Anchises, morgen den Paris, übermorgen den Adonis
-liebt, und wenn die Natur in uns triumphiert, wenn wir uns in glühender
-Leidenschaft einem solchen Weibe hingeben, erscheint uns dessen heitere
-Lebenslust als Dämonie, als Grausamkeit, und wir sehen in unserer
-Seligkeit eine Sünde, die wir büßen müssen.“
-
-„Also auch Sie schwärmen für die moderne Frau, für jene armen,
-hysterischen Weiblein, welche im somnambulen Jagen nach einem
-erträumten, männlichen Ideal den besten Mann nicht zu schätzen
-verstehen und unter Tränen und Krämpfen täglich ihre christlichen
-Pflichten verletzen, betrügend und betrogen, immer wieder suchen und
-wählen und verwerfen, nie glücklich sind, nie glücklich machen und
-das Schicksal anklagen, statt ruhig zu gestehen, ich will lieben und
-leben, wie Helena und Aspasia gelebt haben. Die Natur kennt keine Dauer
-in dem Verhältnis von Mann und Weib.“
-
-„Gnädige Frau --“
-
-„Lassen Sie mich ausreden. Es ist nur der Egoismus des Mannes, der das
-Weib wie einen Schatz vergraben will. Alle Versuche, durch heilige
-Zeremonien, Eide und Verträge Dauer in das Wandelbarste im wandelbaren
-menschlichen Dasein, in die Liebe hineinzutragen, sind gescheitert.
-Können Sie leugnen, daß unsere christliche Welt in Fäulnis übergegangen
-ist?“
-
-„Aber --“
-
-„Aber der Einzelne, der sich gegen die Einrichtungen der Gesellschaft
-empört, wird ausgestoßen, gebrandmarkt, gesteinigt, wollen Sie sagen.
-Nun gut. Ich wage es, meine Grundsätze sind recht heidnisch, ich will
-mein Dasein ausleben. Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt,
-ich ziehe es vor, glücklich zu sein. Die Erfinder der christlichen
-Ehe haben gut daran getan, auch gleich dazu die Unsterblichkeit zu
-erfinden. Ich denke jedoch nicht daran, ewig zu leben, und wenn mit
-dem letzten Atemzuge hier für mich als Wanda von Dunajew alles zu Ende
-ist, was habe ich davon, ob mein reiner Geist in den Chören der Engel
-mitsingt oder ob mein Staub zu neuen Wesen zusammenquillt? Sobald
-ich aber, so wie ich bin, nicht fortlebe, aus welcher Rücksicht soll
-ich dann entsagen? Einem Manne angehören, den ich nicht liebe, bloß
-deshalb, weil ich ihn einmal geliebt habe? Nein, ich entsage nicht,
-ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich
-liebt. Ist das häßlich? Nein, es ist mindestens weit schöner, als
-wenn ich mich grausam der Qualen freue, die meine Reize erregen, und
-mich tugendhaft von dem Armen abkehre, der um mich verschmachtet. Ich
-bin jung, reich und schön, und so, wie ich bin, lebe ich heiter dem
-Vergnügen, dem Genuß.“
-
-Ich hatte, während sie sprach und ihre Augen schelmisch funkelten,
-ihre Hände ergriffen, ohne recht zu wissen, was ich mit ihnen anfangen
-wollte, aber als echter Dilettant ließ ich sie jetzt wieder eilig los.
-
-„Ihre Ehrlichkeit,“ sagte ich, „entzückt mich, und nicht diese allein
---“
-
-Wieder der verdammte Dilettantismus, der mir den Hals mit einem
-Hemmseil zuschnürt.
-
-„Was wollten Sie doch sagen...“
-
-„Was ich sagen wollte -- ja, ich wollte -- vergeben Sie -- meine
-Gnädige -- ich habe Sie unterbrochen.“
-
-„Wie?“
-
-Eine lange Pause. Sie hält gewiß einen Monolog, der, in meine Sprache
-übersetzt, sich in das einzige Wort „Esel“ zusammenfassen läßt.
-
-„Wenn Sie erlauben, gnädige Frau,“ begann ich endlich, „wie sind Sie zu
-diesen -- zu diesen Ideen gekommen?“
-
-„Sehr einfach, mein Vater war ein vernünftiger Mann. Ich war von der
-Wiege an mit Abgüssen antiker Bildwerke umgeben, ich las mit zehn
-Jahren den Gil Blas, mit zwölf die Pucelle. Wie andere in ihrer
-Kindheit den Däumling, Blaubart, Aschenbrödel, nannte ich Venus und
-Apollo, Herkules und Laokoon meine Freunde. Mein Gatte war eine
-heitere, sonnige Natur; nicht einmal das unheilbare Leiden, das ihn
-nicht lange nach unserer Vermählung ergriff, konnte seine Stirne jemals
-für die Dauer umwölken. Noch die Nacht vor dem Tode nahm er mich in
-sein Bett und während der vielen Monate, wo er sterbend in seinem
-Rollsessel lag, sagte er öfter scherzend zu mir: „Nun, hast du schon
-einen Anbeter?“ Ich wurde schamrot. „Betrüge mich nicht,“ fügte er
-einmal hinzu, „das fände ich häßlich, aber suche dir einen hübschen
-Mann aus, oder lieber gleich mehrere. Du bist ein braves Weib, aber
-dabei noch ein halbes Kind, du brauchst Spielzeug.““
-
-„Es ist wohl nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß ich, so lange er lebte,
-keinen Anbeter hatte, aber genug, er erzog mich zu dem, was ich bin, zu
-einer Griechin.“
-
-„Zu einer Göttin,“ fiel ich ein.
-
-Sie lächelte. „Zu welcher etwa?“
-
-„Zu einer Venus.“
-
-Sie drohte mit dem Finger und zog die Brauen zusammen. „Am Ende gar zu
-einer ‚+Venus im Pelz+‘, warten Sie nur -- ich habe einen großen,
-großen Pelz, mit dem ich Sie ganz zudecken kann, ich will Sie darin
-fangen, wie in einem Netz.“
-
-„Glauben Sie auch,“ sagte ich rasch, denn mir kam etwas in den Sinn,
-was ich -- so gewöhnlich und abgeschmackt es war -- für einen sehr
-guten Gedanken hielt -- „glauben Sie, daß Ihre Ideen sich in unserer
-Zeit durchführen lassen, daß Venus ungestraft in ihrer unverhüllten
-Schönheit und Heiterkeit unter Eisenbahnen und Telegraphen wandeln
-dürfte?“
-
-„+Unverhüllt+ gewiß nicht, aber im Pelz,“ rief sie lachend,
-„wollen Sie den meinen sehen?“
-
-„Und dann --“
-
-„Was dann?“
-
-„Schöne, freie, heitere und glückliche Menschen, wie es die Griechen
-waren, sind nur dann möglich, wenn sie +Sklaven+ haben, welche für
-sie die unpoetischen Geschäfte des täglichen Lebens verrichten und vor
-allem für sie arbeiten.“
-
-„Gewiß,“ erwiderte sie mutwillig, „vor allem braucht aber eine
-olympische Göttin, wie ich, ein ganzes Heer von Sklaven. Hüten Sie sich
-also vor mir.“
-
-„Warum?“
-
-Ich erschrak selbst über die Kühnheit, mit der ich dieses „Warum“
-herausgebracht hatte; sie indes erschrak durchaus nicht, sie zog die
-Lippen etwas empor, so daß die kleinen, weißen Zähne sichtbar wurden,
-und sprach dann leichthin, als handle es sich um etwas, was nicht der
-Rede wert sei: „Wollen Sie mein Sklave sein?“
-
-„In der Liebe gibt es kein Nebeneinander,“ erwiderte ich mit
-feierlichem Ernst, „sobald ich aber die Wahl habe, zu herrschen oder
-unterjocht zu werden, scheint es mir weit reizender, der Sklave
-eines schönen Weibes zu sein. Aber wo finde ich das Weib, das nicht
-mit kleinlicher Zanksucht Einfluß zu erringen, sondern ruhig und
-selbstbewußt, ja streng zu herrschen versteht?“
-
-„Nun, das wäre am Ende nicht so schwer.“
-
-„Sie glauben --“
-
-„Ich -- zum Beispiel -- --“ sie lachte und bog sich dabei weit zurück
--- „ich habe Talent zur Despotin -- die nötigen Pelze besitze ich auch
--- aber Sie haben sich heute nacht in allem Ernste vor mir gefürchtet!“
-
-„In allem Ernste.“
-
-„Und jetzt?“
-
-„Jetzt -- jetzt fürchte ich mich erst recht vor Ihnen!“
-
- * *
- *
-
-Wir sind täglich beisammen, ich und -- Venus; viel beisammen,
-wir nehmen das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und den Tee in
-ihrem kleinen Salon, und ich habe Gelegenheit, alle meine kleinen,
-sehr kleinen Talente zu entfalten. Wozu hätte ich mich in allen
-Wissenschaften unterrichtet, in allen Künsten versucht, wenn ich nicht
-imstande wäre, ein kleines hübsches Weib --
-
-Aber dieses Weib ist durchaus nicht so klein und imponiert mir ganz
-ungeheuer. Heute zeichnete ich sie und da fühlte ich erst so recht
-deutlich, wie wenig unsere moderne Toilette für diesen Kameenkopf paßt.
-Sie hat wenig Römisches, aber viel Griechisches in der Bildung ihrer
-Züge.
-
-Bald möchte ich sie als Psyche, bald als Astarte malen, je nachdem ihre
-Augen den schwärmerisch seelischen, oder jenen halb verschmachtenden,
-halb versengenden, müdwollüstigen Ausdruck haben, aber sie wünscht, daß
-es ein Porträt werden soll.
-
-Nun, ich werde ihr einen Pelz geben.
-
-Ach! wie konnte ich nur zweifeln, für wen gehört ein fürstlicher Pelz,
-wenn nicht für sie?
-
- * *
- *
-
-Ich war gestern abend bei ihr und las ihr die römischen Elegien. Dann
-legte ich das Buch weg und sprach einiges aus dem Kopfe. Sie schien
-zufrieden, ja noch mehr, sie hing förmlich an meinen Lippen und ihr
-Busen flog.
-
-Oder habe ich mich getäuscht?
-
-Der Regen pochte melancholisch an die Scheiben, das Feuer am Kamin
-prasselte winterlich traulich, mir wurde so heimatlich bei ihr, ich
-hatte einen Augenblick allen Respekt vor dem schönen Weibe verloren und
-küßte ihre Hand und sie ließ es geschehen.
-
-Dann saß ich zu ihren Füßen und las ihr ein kleines Gedicht, das ich
-für sie gemacht habe.
-
- +Venus im Pelz.+
-
- „Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,
- Teuflisch holdes Mythenweib,
- Unter Myrten und Agaven
- Hingestreckt den Marmorleib.“
-
-Ja -- nun weiter! Diesmal bin ich wirklich über die erste Strophe
-hinausgekommen, aber ich habe ihr an jenem Abend das Gedicht auf ihren
-Befehl gegeben und habe keine Abschrift, und heute, wo ich dies aus
-meinem Tagebuche herausschreibe, fällt mir nur diese erste Strophe ein.
-
-Es ist eine merkwürdige Empfindung, die ich habe. Ich glaube nicht,
-daß ich in Wanda verliebt bin, wenigstens habe ich bei unserer ersten
-Begegnung nichts von jenem blitzartigen Zünden der Leidenschaft
-gefühlt. Aber ich empfinde, wie ihre außerordentliche, wahrhaft
-göttliche Schönheit allmählich magische Schlingen um mich legt. Es
-ist auch keine Neigung des Gemütes, die in mir entsteht, es ist eine
-physische Unterwerfung, langsam, aber um so vollständiger.
-
-Ich leide täglich mehr, und sie -- sie lächelt nur dazu.
-
- * *
- *
-
-Heute sagte sie mir plötzlich, ohne jede Veranlassung: „Sie
-interessieren mich. Die meisten Männer sind so gewöhnlich, ohne
-Schwung, ohne Poesie; in Ihnen ist eine gewisse Tiefe und Begeisterung,
-vor allem ein Ernst, der mir wohltut. Ich könnte Sie lieb gewinnen.“
-
- * *
- *
-
-Nach einem kurzen, aber heftigen Gewitterregen besuchen wir zusammen
-die Wiese und das Venusbild. Die Erde dampft ringsum, Nebel steigen wie
-Opferdünste gegen den Himmel, ein zerstückter Regenbogen schwebt in der
-Luft, noch tropfen die Bäume, aber Sperlinge und Finken springen schon
-von Zweig zu Zweig und zwitschern lebhaft, wie wenn sie über etwas
-hoch erfreut wären, und alles ist mit frischem Wohlgeruch erfüllt.
-Wir können die Wiese nicht überschreiten, denn sie ist noch ganz naß
-und erscheint von der Sonne beglänzt, wie ein kleiner Teich, aus
-dessen bewegtem Spiegel die Liebesgöttin emporsteigt, um deren Haupt
-ein Mückenschwarm tanzt, welcher, von der Sonne beschienen, wie eine
-Aureole über ihr schwebt.
-
-Wanda freute sich des lieblichen Anblicks, und da auf den Bänken in der
-Allee noch das Wasser steht, stützt sie sich, um etwas auszuruhen, auf
-meinen Arm, eine süße Müdigkeit liegt in ihrem ganzen Wesen, ihre Augen
-sind halb geschlossen, ihr Atem streift meine Wange.
-
-[Illustration]
-
-Ich ergreife ihre Hand und -- wie es mir gelingt, weiß ich wahrhaftig
-nicht -- ich frage sie:
-
-„Könnten Sie mich lieben?“
-
-„Warum nicht,“ erwidert sie und läßt ihren ruhigen, sonnigen Blick auf
-mir ruhen, aber nicht lange.
-
-Im nächsten Augenblicke knie ich vor ihr und presse mein flammendes
-Antlitz in den duftigen Mousselin ihrer Robe.
-
-„Aber Severin -- das ist ja unanständig!“ ruft sie.
-
-Ich aber ergreife ihren kleinen Fuß und presse meine Lippen darauf.
-
-„Sie werden immer unanständiger!“ ruft sie, macht sich los und flieht
-in raschen Sätzen gegen das Haus, während ihr allerliebster Pantoffel
-in meiner Hand zurückbleibt.
-
-Soll das ein Omen sein?
-
- * *
- *
-
-Ich wagte mich den ganzen Tag über nicht in ihre Nähe. Gegen Abend,
-ich saß in meiner Laube, blickte plötzlich ihr pikantes rotes Köpfchen
-durch die grünen Gewinde ihres Balkons. „Warum kommen Sie denn nicht?“
-schrie sie ungeduldig herab.
-
-Ich lief die Treppe empor, oben verlor ich wieder den Mut und klopfte
-ganz leise an. Sie sagte nicht herein, sondern öffnete und trat auf die
-Schwelle.
-
-„Wo ist mein Pantoffel?“
-
-„Er ist -- ich habe -- ich will,“ stotterte ich.
-
-„Holen Sie ihn und dann nehmen wir den Tee zusammen und plaudern.“
-
-Als ich zurückkehrte, war sie mit der Teemaschine beschäftigt. Ich
-legte den Pantoffel feierlich auf den Tisch und stand im Winkel, wie
-ein Kind, das seine Strafe erwartet.
-
-Ich bemerkte, daß sie die Stirne etwas zusammengezogen hatte und um
-ihren Mund etwas Strenges, Herrisches lag, das mich entzückte.
-
-Auf einmal brach sie in Lachen aus.
-
-„Also -- Sie sind wirklich verliebt -- in mich?“
-
-„Ja, und ich leide dabei mehr, als Sie glauben.“
-
-„Sie leiden?“ sie lachte wieder.
-
-Ich war empört, beschämt, vernichtet, aber alles ganz unnötig.
-
-„Wozu?“ fuhr sie fort, „ich bin Ihnen ja gut, von Herzen gut.“ Sie gab
-mir die Hand und blickte mich überaus freundlich an.
-
-„Und Sie wollen meine Frau werden?“
-
-Wanda sah mich -- ja, wie sah sie mich an? -- ich glaube vor allem
-erstaunt und dann ein wenig spöttisch.
-
-„Woher haben Sie auf einmal so viel Mut?“ sagte sie.
-
-„Mut?“
-
-„Ja den Mut überhaupt, eine Frau zu nehmen, und insbesondere mich?“ Sie
-hob den Pantoffel in die Höhe. „Haben Sie sich so schnell mit diesem da
-befreundet? Aber Scherz beiseite. Wollen Sie mich wirklich heiraten?“
-
-„Ja.“
-
-„Nun, Severin, das ist eine ernste Geschichte. Ich glaube, daß Sie mich
-lieb haben und auch ich habe Sie lieb, und was noch besser ist, wir
-interessieren uns für einander, es ist keine Gefahr vorhanden, daß wir
-uns so bald langweilen, aber Sie wissen, ich bin eine leichtsinnige
-Frau, und eben deshalb nehme ich die Ehe sehr ernst, und wenn ich
-Pflichten übernehme, so will ich sie auch erfüllen können. Ich fürchte
-aber -- nein -- es muß Ihnen wehe tun.“
-
-„Ich bitte Sie, seien Sie ehrlich gegen mich,“ entgegnete ich.
-
-„Also ehrlich gesprochen. Ich glaube nicht, daß ich einen Mann länger
-lieben kann -- als --“ sie neigte ihr Köpfchen anmutig zur Seite und
-sann nach.
-
-„Ein Jahr.“
-
-„Wo denken Sie hin -- einen Monat vielleicht.“
-
-„Auch mich nicht?“
-
-„Nun Sie -- Sie vielleicht zwei.“
-
-„Zwei Monate!“ schrie ich auf.
-
-„Zwei Monate, das ist sehr lange.“
-
-„Madame, das ist mehr als antik.“
-
-„Sehen Sie, Sie ertragen die Wahrheit nicht.“
-
-Wanda ging durch das Zimmer, lehnte sich dann gegen den Kamin zurück
-und betrachtete mich, mit dem Arme auf dem Sims ruhend.
-
-„Was soll ich also mit Ihnen anfangen?“ begann sie wieder.
-
-„Was Sie wollen,“ antwortete ich resigniert, „was Ihnen Vergnügen
-macht.“
-
-„Wie inkonsequent!“ rief sie, „erst wollen Sie mich zur Frau und dann
-geben Sie sich mir zum Spielzeug.“
-
-„Wanda -- ich liebe Sie.“
-
-„Da wären wir wieder dort, wo wir angefangen haben. Sie lieben mich und
-wollen mich zur Frau, ich aber will keine neue Ehe schließen, weil ich
-an der Dauer meiner und Ihrer Gefühle zweifle.“
-
-„Wenn ich es aber mit Ihnen wagen will?“ erwiderte ich.
-
-„Dann kommt es noch darauf an, ob ich es mit Ihnen wagen will,“ sprach
-sie ruhig, „ich kann mir ganz gut denken, daß ich einem Mann für
-das Leben gehöre, aber es müßte ein voller Mann sein, ein Mann, der
-mir imponiert, der mich durch die Gewalt seines Wesens unterwirft,
-verstehen Sie? und jeder Mann -- ich kenne das -- wird, sobald er
-verliebt ist -- schwach, biegsam, lächerlich, wird sich in die Hand
-des Weibes geben, vor ihr auf den Knien liegen, während ich nur jenen
-dauernd lieben könnte, vor dem ich knien würde. Aber Sie sind mir so
-lieb geworden, daß ich es mit Ihnen versuchen will.“
-
-Ich stürze zu ihren Füßen.
-
-„Mein Gott! da knien Sie schon,“ sprach sie spöttisch, „Sie fangen
-gut an,“ und als ich mich wieder erhoben hatte, fuhr sie fort: „Ich
-gebe Ihnen ein Jahr Zeit, mich zu gewinnen, mich zu überzeugen, daß
-wir für einander passen, daß wir zusammen leben können. Gelingt Ihnen
-dies, dann bin ich Ihre Frau und dann, Severin, eine Frau, welche ihre
-Pflichten streng und gewissenhaft erfüllen wird. Während dieses Jahres
-werden wir wie in einer Ehe leben --“
-
-Mir stieg das Blut zu Kopfe.
-
-Auch ihre Augen flammten plötzlich auf. -- „Wir werden zusammen
-wohnen,“ fuhr sie fort, „alle unsere Gewohnheiten teilen, um zu sehen,
-ob wir uns ineinander finden können. +Ich räume Ihnen alle Rechte
-eines Gatten, eines Anbeters, eines Freundes ein+. Sind Sie damit
-zufrieden?“
-
-„Ich muß wohl.“
-
-„Sie müssen nicht.“
-
-„Also ich will --“
-
-„Vortrefflich. So spricht ein Mann. Da haben Sie meine Hand.“
-
- * *
- *
-
-Seit zehn Tagen war ich keine Stunde ohne sie, die Nächte ausgenommen.
-Ich durfte immerfort in ihre Augen sehen, ihre Hände halten, ihren
-Reden lauschen, sie überall hin begleiten.
-
-Meine Liebe kommt mir wie ein tiefer, bodenloser Abgrund vor, in dem
-ich immer mehr versinke, aus dem mich jetzt schon nichts mehr retten
-kann.
-
-Wir hatten uns heute nachmittag auf der Wiese zu den Füßen der
-Venusstatue gelagert, ich pflückte Blumen und warf sie in ihren Schoß
-und sie band sie zu Kränzen, mit denen wir unsere Göttin schmückten.
-
-Plötzlich sah mich Wanda so eigentümlich, so sinnverwirrend an, daß
-meine Leidenschaft gleich Flammen über mich zusammenschlug. Meiner
-nicht mehr mächtig, schlang ich meine Arme um sie und hing an ihren
-Lippen und sie -- sie preßte mich an ihre wogende Brust.
-
-„Sind Sie böse?“ fragte ich dann.
-
-„Ich werde nie über etwas böse, was natürlich ist --“ antwortete sie,
-„ich fürchte nur, Sie leiden.“
-
-„O, ich leide furchtbar.“
-
-„Armer Freund,“ sie strich mir die wirren Haare aus der Stirne, „ich
-hoffe aber, nicht durch meine Schuld.“
-
-„Nein --“ antwortete ich -- „und doch, meine Liebe zu Ihnen ist zu
-einer Art Wahnsinn geworden. Der Gedanke, daß ich Sie verlieren kann,
-ja vielleicht in der Tat verlieren soll, quält mich Tag und Nacht.“
-
-„Aber Sie besitzen mich ja noch gar nicht,“ sagte Wanda und sah mich
-wieder an mit jenem vibrierenden, feuchten, verzehrenden Blicke, der
-mich schon einmal hingerissen hatte, dann erhob sie sich und legte mit
-ihren kleinen durchsichtigen Händen einen Kranz von blauen Anemonen auf
-das weiße Lockenhaupt der Venus. Halb gegen meinen Willen schlang ich
-den Arm um ihren Leib.
-
-„Ich kann nicht mehr sein ohne dich, du schönes Weib,“ sprach ich,
-„glaube mir, dies eine Mal nur glaube mir, es ist keine Phrase, keine
-Phantasie, ich fühle tief im Innersten, wie mein Leben mit dem deinen
-zusammenhängt; wenn du dich von mir trennst, werde ich vergehen,
-zugrunde gehen.“
-
-„Aber das wird ja gar nicht nötig sein, denn ich liebe dich, Mann,“ sie
-nahm mich beim Kinn, „dummer Mann!“
-
-„Aber du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir
-bedingungslos gehöre --“
-
-„Das ist nicht gut, Severin,“ erwiderte sie beinahe erschreckt; „kennen
-Sie mich denn noch nicht, wollen Sie mich durchaus nicht kennen lernen?
-Ich bin gut, wenn man mich ernst und vernünftig behandelt, aber wenn
-man sich mir zu sehr hingibt, werde ich übermütig --“
-
-„Sei’s denn, sei übermütig, sei despotisch,“ rief ich in voller
-Exaltation, „nur sei mein, sei mein für immer.“ Ich lag zu ihren Füßen
-und umfaßte ihre Knie.
-
-„Das wird nicht gut enden, mein Freund,“ sprach sie ernst, ohne sich zu
-regen.
-
-„O! es soll eben nie ein Ende nehmen,“ rief ich erregt, ja heftig, „nur
-der Tod soll uns trennen. Wenn du nicht mein sein kannst, ganz mein und
-für immer, +so will ich dein Sklave sein+, dir dienen, alles von
-dir dulden, nur stoß mich nicht von dir.“
-
-„Fassen Sie sich doch,“ sagte sie, beugte sich zu mir und küßte mich
-auf die Stirne. „Ich bin Ihnen ja von Herzen gut, aber das ist nicht
-der Weg, mich zu erobern, mich festzuhalten.“
-
-„Ich will ja alles, alles tun, was Sie wollen, nur Sie nie verlieren,“
-rief ich, „nur das nicht, den Gedanken kann ich nicht mehr fassen.“
-
-„Stehen Sie doch auf.“
-
-Ich gehorchte.
-
-„Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch,“ fuhr Wanda fort, „Sie wollen
-mich also besitzen um jeden Preis?“
-
-„Ja, um jeden Preis.“
-
-„Aber welchen Wert hätte z. B. mein Besitz für Sie?“ -- Sie sann nach,
-ihr Auge bekam etwas Lauerndes, Unheimliches -- „wenn ich Sie nicht
-mehr lieben, wenn ich einem andern gehören würde?“ --
-
-Es überlief mich. Ich sah sie an, sie stand so fest und selbstbewußt
-vor mir, und ihr Auge zeigte einen kalten Glanz.
-
-„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „Sie erschrecken bei dem Gedanken.“ Ein
-liebenswürdiges Lächeln erhellte plötzlich ihr Antlitz.
-
-„Ja, mich faßt ein Grauen, wenn ich mir lebhaft vorstelle, daß ein
-Weib, das ich liebe, das meine Liebe erwidert hat, sich ohne Erbarmen
-für mich einem anderen hingibt; aber habe ich dann noch eine Wahl? Wenn
-ich dieses Weib liebe, wahnsinnig liebe, soll ich ihm stolz den Rücken
-kehren und an meiner prahlerischen Kraft zugrunde gehen, soll ich mir
-eine Kugel durch den Kopf jagen? Ich habe zwei Frauenideale. Kann
-ich mein edles, sonniges, eine Frau, welche mir treu und gütig mein
-Schicksal teilt, nicht finden, nun dann nur nichts Halbes oder Laues!
-Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne Treue, ohne Erbarmen
-hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen Größe
-ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz
-genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur
-Neige; dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten
-werden, und je grausamer, um so besser. Auch das ist ein Genuß!“
-
-„Sind Sie bei Sinnen!“ rief Wanda.
-
-„Ich liebe Sie so mit ganzer Seele,“ fuhr ich fort, „so mit allen
-meinen Sinnen, daß Ihre Nähe, Ihre Atmosphäre mir unentbehrlich ist,
-wenn ich noch weiter leben soll. Wählen Sie also zwischen meinen
-Idealen. Machen Sie aus mir, was Sie wollen, Ihren Gatten oder Ihren
-Sklaven.“
-
-„Gut denn,“ sprach Wanda, die kleinen aber energisch geschwungenen
-Brauen zusammenziehend, „ich denke mir das sehr amüsant, einen Mann,
-der mich interessiert, der mich liebt, so ganz in meiner Hand zu haben;
-es wird mir mindestens nicht an Zeitvertreib fehlen. Sie waren so
-unvorsichtig, mir die Wahl zu lassen. Ich wähle also, ich will, daß Sie
-mein Sklave sind, ich werde mein Spielzeug aus Ihnen machen!“
-
-„O! tun Sie das,“ rief ich halb schauernd, halb entzückt, „wenn eine
-Ehe nur auf Gleichheit, auf Übereinstimmung gegründet sein kann, so
-entstehen dagegen die größten Leidenschaften durch Gegensätze. Wir sind
-solche Gegensätze, die sich beinahe feindlich gegenüberstehen, daher
-diese Liebe bei mir, die zum Teil Haß, zum Teil Furcht ist. In einem
-solchen Verhältnisse aber kann nur eines Hammer, das andere Ambos sein.
-Ich will Ambos sein. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich auf die
-Geliebte herabsehe. Ich will ein Weib anbeten können, und das kann ich
-nur dann, wenn es grausam gegen mich ist.“
-
-„Aber, Severin,“ entgegnete Wanda beinahe zornig, „halten Sie mich denn
-dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe,
-zu mißhandeln?“
-
-„Warum nicht, wenn ich Sie dafür um so mehr anbete? +Man kann nur
-wahrhaft lieben, was über uns steht+, ein Weib, das uns durch
-Schönheit, Temperament, Geist, Willenskraft unterwirft, das unsere
-Despotin wird.“
-
-„Also das, was andere abstößt, zieht Sie an?“
-
-„So ist es. Es ist eben meine Seltsamkeit.“
-
-„Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder
-Seltsames, denn wem gefällt nicht ein schöner Pelz? und jeder weiß und
-fühlt, wie nahe Wollust und Grausamkeit verwandt sind.“
-
-„Bei mir ist dies alles aber auf das Höchste gesteigert,“ erwiderte ich.
-
-„Das heißt, die Vernunft hat wenig Gewalt über Sie, und Sie sind eine
-weiche hingebende sinnliche Natur.“
-
-„Waren die Märtyrer auch weiche sinnliche Naturen?“
-
-„Die Märtyrer?“
-
-„Im Gegenteil, es waren +übersinnliche Menschen+, welche im Leiden
-einen Genuß fanden, welche die furchtbarsten Qualen, ja den Tod suchten
-wie andere die Freude, und so ein +Übersinnlicher+ bin ich,
-Madame.“
-
-„Geben Sie nur acht, daß Sie dabei nicht auch zum Märtyrer der Liebe,
-zum +Märtyrer eines Weibes+ werden.“
-
- * *
- *
-
-Wir sitzen auf Wandas kleinem Balkon in der lauen, duftigen
-Sommernacht, ein zweifaches Dach über uns, zuerst den grünen
-Plafond von Schlingpflanzen, dann die mit unzähligen Sternen besäte
-Himmelsdecke. Aus dem Park tönt der leise, weinerlich verliebte Lockton
-einer Katze, und ich sitze auf einem Schemel zu den Füßen meiner Göttin
-und erzähle von meiner Kindheit.
-
-„Und damals schon waren alle diese Seltsamkeiten bei Ihnen ausgeprägt?“
-fragte Wanda.
-
-„Gewiß, ich erinnere mich keiner Zeit, wo ich sie nicht hatte, ja
-schon in der Wiege, so erzählte mir meine Mutter später, war ich
-+übersinnlich+, verschmähte die gesunde Brust der Amme, und man
-mußte mich mit Ziegenmilch nähren. Als kleiner Knabe zeigte ich eine
-rätselhafte Scheu vor Frauen, in welcher sich eigentlich nur ein
-unheimliches Interesse für dieselben ausdrückte. Das graue Gewölbe,
-das Halbdunkel einer Kirche beängstigten mich, und vor den glitzernden
-Altären und Heiligenbildern faßte mich eine förmliche Angst. Dagegen
-schlich ich heimlich, wie zu einer verbotenen Freude, zu einer Venus
-aus Gyps, welche in dem kleinen Bibliothekszimmer meines Vaters stand,
-kniete nieder und sprach zu ihr die Gebete, die man mir eingelernt, das
-Vaterunser, das Gegrüßt seist du Maria und das Credo.
-
-Einmal verließ ich nachts mein Bett, um sie zu besuchen, die Mondsichel
-leuchtete mir und ließ die Göttin in einem fahlblauen kalten Licht
-erscheinen. Ich warf mich vor ihr nieder, küßte ihre kalten Füße, wie
-ich es bei unsern Landleuten gesehen hatte, wenn sie die Füße des toten
-Heilands küßten.
-
-Eine unbezwingliche Sehnsucht ergriff mich.
-
-Ich stieg empor und umschlang den schönen kalten Leib und küßte die
-kalten Lippen, da sank ein tiefer Schauer auf mich herab und ich
-entfloh, und im Traume war es mir, als stünde die Göttin vor meinem
-Lager und drohe mir mit erhobenem Arm.
-
-Man schickte mich frühzeitig in die Schule und so kam ich bald auf das
-Gymnasium und ergriff alles mit Leidenschaft, was mir die antike Welt
-zu erschließen versprach. Ich war bald mit den Göttern Griechenlands
-vertrauter als mit der Religion Jesu, ich gab mit Paris Venus den
-verhängnisvollen Apfel, ich sah Troja brennen und folgte Odysseus auf
-seinen Irrfahrten. Die Urbilder alles Schönen senkten sich tief in
-meine Seele, und so zeigte ich zu jener Zeit, wo andere Knaben sich
-roh und unflätig gebärden, einen unüberwindlichen Abscheu gegen alles
-Niedere, Gemeine, Unschöne.
-
-Als etwas ganz besonders Niederes und Unschönes erschien jedoch dem
-reifenden Jüngling die Liebe zum Weibe, so wie sie sich ihm zuerst in
-ihrer vollen Gewöhnlichkeit zeigte. Ich mied jede Berührung mit dem
-schönen Geschlechte, kurz, ich war übersinnlich bis zur Verrücktheit.
-
-Meine Mutter bekam -- ich war damals etwa vierzehn Jahre alt -- ein
-reizendes Stubenmädchen, jung, hübsch, mit schwellenden Formen. Eines
-Morgens, ich studierte meinen Tacitus und begeisterte mich an den
-Tugenden der alten Germanen, kehrte die Kleine bei mir aus; plötzlich
-hielt sie inne, neigte sich, den Besen in der Hand, zu mir, und zwei
-volle frische köstliche Lippen berührten die meinen. Der Kuß der
-verliebten kleinen Katze durchschauerte mich, aber ich erhob meine
-‚Germania‘ wie ein Schild gegen die Verführerin und verließ entrüstet
-das Zimmer.“
-
-Wanda brach in lautes Lachen aus. „Sie sind in der Tat ein Mann, der
-seines Gleichen sucht, aber fahren Sie nur fort.“
-
-„Eine andere Szene aus jener Zeit bleibt mir unvergeßlich,“ erzählte
-ich weiter, „Gräfin Sobol, eine entfernte Tante von mir, kam zu meinen
-Eltern auf Besuch, eine majestätische schöne Frau mit einem reizenden
-Lächeln; ich aber haßte sie, denn sie galt in der Familie als eine
-Messalina, und benahm mich so unartig, boshaft und täppisch, wie nur
-möglich gegen sie.
-
-Eines Tages fuhren meine Eltern in die Kreisstadt. Meine Tante
-beschloß ihre Abwesenheit zu benützen und Gericht über mich zu halten.
-Unerwartet trat sie in ihrer pelzgefütterten Kazabaika[3] herein,
-gefolgt von der Köchin, Küchenmagd und der kleinen Katze, die ich
-verschmäht hatte. Ohne viel zu fragen, ergriffen sie mich und banden
-mich, trotz meiner heftigen Gegenwehr, an Händen und Füßen, dann
-schürzte meine Tante mit einem bösen Lächeln den Ärmel empor und begann
-mich mit einer großen Rute zu hauen, und sie hieb so tüchtig, daß Blut
-floß und ich zuletzt, trotz meinem Heldenmut, schrie und weinte und um
-Gnade bat. Sie ließ mich hierauf losbinden, aber ich mußte ihr kniend
-für die Strafe danken und die Hand küssen.
-
-Nun sehen Sie den übersinnlichen Toren! Unter der Rute der schönen
-üppigen Frau, welche mir in ihrer Pelzjacke wie eine zürnende Monarchin
-erschien, erwachte in mir zuerst der Sinn für das Weib und meine Tante
-erschien mir fortan als die reizendste Frau auf Gottes Erdboden.
-
-Meine katonische Strenge, meine Scheu vor dem Weibe war eben nichts,
-als ein auf das Höchste getriebener Schönheitssinn; die Sinnlichkeit
-wurde in meiner Phantasie jetzt zu einer Art Kultur, und ich schwur
-mir, ihre heiligen Empfindungen ja nicht an ein gewöhnliches Wesen
-zu verschwenden, sondern für eine ideale Frau, wo möglich für die
-Liebesgöttin selbst aufzusparen.
-
-Ich kam sehr jung auf die Universität und in die Hauptstadt, in
-welcher meine Tante wohnte. Meine Stube glich damals jener des Doktor
-Faust. Alles stand in derselben wirr und kraus, hohe Schränke mit
-Büchern vollgepfropft, welche ich um Spottpreise bei einem jüdischen
-Antiquar in der Servanica[4] erhandelte, Globen, Atlanten, Phiolen,
-Himmelskarten, Tiergerippe, Totenköpfe, Büsten großer Geister. Hinter
-dem großen grünen Ofen konnte jeden Augenblick Mephistopheles als
-fahrender Scholast hervortreten.
-
-Ich studierte alles durcheinander, ohne System, ohne Wahl,
-Chemie, Alchimie, Geschichte, Astronomie, Philosophie, die
-Rechtswissenschaften, Anatomie und Literatur; las Homer, Virgil,
-Ossian, Schiller, Goethe, Shakespeare, Cervantes, Voltaire, Molière,
-den Koran, den Kosmos, Casanovas Memoiren. Ich wurde jeden Tag wirrer,
-phantastischer und übersinnlicher. Und immer hatte ich ein schönes
-ideales Weib im Kopfe, das mir von Zeit zu Zeit gleich einer Vision
-auf Rosen gebettet, von Amoretten umringt, zwischen meinen Lederbänden
-und Totenbeinen erschien, bald in olympischer Toilette, mit dem
-strengen weißen Antlitz der gipsernen Venus, bald mit den üppigen
-braunen Flechten, den lachenden blauen Augen und in der rotsamtenen
-hermelinbesetzten Kazabaika meiner schönen Tante.
-
-Eines Morgens, nachdem sie mir wieder in vollem lachenden Liebreiz aus
-dem goldenen Nebel meiner Phantasie aufgetaucht war, ging ich zu Gräfin
-Sobol, welche mich freundlich, ja herzlich empfing und mir zum Willkomm
-einen Kuß gab, der alle meine Sinne verwirrte. Sie war jetzt wohl nahe
-an vierzig Jahre, aber wie die meisten jener unverwüstlichen Lebefrauen
-noch immer begehrenswert, sie trug auch jetzt stets eine pelzbesetzte
-Jacke, und zwar diesmal von grünem Samt mit braunem Edelmarder, aber
-von jener Strenge, die mich damals an ihr entzückt hatte, war nichts zu
-entdecken.
-
-Im Gegenteil sie war so wenig grausam gegen mich, daß sie mir ohne viel
-Umstände die Erlaubnis gab, sie anzubeten.
-
-Sie hatte meine übersinnliche Torheit und Unschuld nur zu bald
-entdeckt, und es machte ihr Vergnügen, mich glücklich zu machen. Und
-ich -- ich war in der Tat selig wie ein junger Gott. Welcher Genuß
-war es für mich, wenn ich, vor ihr auf den Knien liegend, ihre Hände
-küssen durfte, mit denen sie mich damals gezüchtigt hatte. Ach! was für
-wunderbare Hände! von so schöner Bildung, so fein und voll und weiß,
-und mit welch allerliebsten Grübchen. Ich war eigentlich nur in diese
-Hände verliebt. Ich trieb mein Spiel mit ihnen, ließ sie in dem dunklen
-Pelz auf- und abtauchen, ich hielt sie gegen die Flamme und konnte mich
-nicht sattsehen an ihnen.“
-
-Wanda betrachtete unwillkürlich ihre Hände, ich bemerkte es und mußte
-lächeln.
-
-„Wie zu jeder Zeit das Übersinnliche bei mir überwog, sehen Sie daraus,
-daß ich bei meiner Tante in die grausamen Rutenhiebe, welche ich von
-ihr empfangen hatte, und bei einer jungen Schauspielerin, welcher ich
-etwa zwei Jahre später den Hof machte, nur in ihre Rollen verliebt war.
-Ich habe dann auch für eine sehr achtbare Frau geschwärmt, welche die
-unnahbare Tugend spielte, um mich schließlich an einen reichen Juden
-zu verraten. Sehen Sie, weil ich von einer Frau, welche die strengsten
-Grundsätze, die idealsten Empfindungen heuchelte, betrogen, verkauft
-wurde: deshalb hasse ich diese Sorte poetischer, sentimentaler Tugenden
-so sehr; geben Sie mir ein Weib, das ehrlich genug ist, mir zu sagen:
-ich bin eine Pompadour, eine Lucretia Borgia, und ich will sie anbeten.“
-
-Wanda stand auf und öffnete das Fenster.
-
-„Sie haben eine eigentümliche Manier, die Phantasie zu erhitzen, einem
-alle Nerven aufzuregen, alle Pulse höher schlagen zu machen. Sie geben
-dem Laster eine Aureole, wenn es nur ehrlich ist. Ihr Ideal ist eine
-kühne geniale Courtisane; o! Sie sind mir der Mann, eine Frau von Grund
-aus zu verderben!“
-
- * *
- *
-
-Mitten in der Nacht klopfte es an mein Fenster, ich stand auf, öffnete
-und schrak zusammen. Draußen stand Venus im Pelz, genau so wie sie mir
-das erste Mal erschienen war.
-
-„Sie haben mich mit Ihren Geschichten aufgeregt, ich wälze mich auf
-meinem Lager und kann nicht schlafen,“ sprach sie, „kommen Sie jetzt
-nur, mir Gesellschaft leisten.“
-
-„Im Augenblicke.“
-
-Als ich eintrat, kauerte Wanda vor dem Kamin, in dem sie ein kleines
-Feuer angefacht hatte.
-
-„Der Herbst meldet sich,“ begann sie, „die Nächte sind schon recht
-kalt. Ich fürchte, Ihnen zu mißfallen, aber ich kann meinen Pelz nicht
-abwerfen, ehe das Zimmer nicht warm genug ist.“
-
-„Mißfallen -- Schalk! -- Sie wissen doch --“ ich schlang den Arm um sie
-und küßte sie.
-
-„Freilich weiß ich, aber woher haben Sie diese große Vorliebe für den
-Pelz?“
-
-„Sie ist mir angeboren,“ erwiderte ich, „ich zeigte sie schon als
-Kind. Übrigens übt Pelzwerk auf alle nervösen Naturen eine aufregende
-Wirkung, welche auf ebenso allgemeinen als natürlichen Gesetzen
-beruht. Es ist ein physischer Reiz, welcher wenigstens ebenso
-seltsam prickelnd ist, und dem sich niemand ganz entziehen kann. Die
-Wissenschaft hat in neuester Zeit eine gewisse Verwandtschaft zwischen
-Elektrizität und Wärme nachgewiesen, verwandt sind ja jedenfalls ihre
-Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Die heiße Zone erzeugt
-leidenschaftlichere Menschen, eine warme Atmosphäre Aufregung. Genau
-so die Elektrizität. Daher der hexenhaft wohltätige Einfluß, welchen
-die Gesellschaft von +Katzen+ auf reizbare geistige Menschen übt
-und diese langgeschwänzten Grazien der Tierwelt, diese niedlichen,
-funkensprühenden, elektrischen Batterien zu den Lieblingen eines
-Mahomed, Kardinal Richelieu, Crebillon, Rousseau, Wieland gemacht hat.“
-
-„Eine Frau, die also einen Pelz trägt,“ rief Wanda, „ist also nichts
-anderes als eine große Katze, eine verstärkte elektrische Batterie?“
-
-„Gewiß,“ erwiderte ich, „und so erkläre ich mir auch die symbolische
-Bedeutung, welche der Pelz als Attribut der Macht und Schönheit bekam.
-In diesem Sinne nahmen ihn in früheren Zeiten Monarchen und ein
-gebietender Adel durch Kleiderordnungen ausschließlich für sich in
-Anspruch und große Maler für die Königinnen der Schönheit. So fand ein
-Raphael für die göttlichen Formen der Fornarina, Titian für den rosigen
-Leib seiner Geliebten keinen köstlicheren Rahmen als dunklen Pelz.“
-
-„Ich danke für die gelehrt erotische Abhandlung,“ sprach Wanda, „aber
-Sie haben mir nicht alles gesagt, Sie verbinden noch etwas ganz Apartes
-mit dem Pelz.“
-
-„Allerdings,“ rief ich, „ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, daß im
-Leiden ein seltsamer Reiz für mich liegt, daß nichts so sehr im stande
-ist, meine Leidenschaft anzufachen als die Tyrannei, die Grausamkeit,
-und vor allem die Treulosigkeit eines schönen Weibes. Und dieses Weib,
-dieses seltsame Ideal aus der Ästhetik des Häßlichen, die Seele eines
-Nero im Leibe einer Phryne, kann ich mir nicht ohne Pelz denken.“
-
-„Ich begreife,“ warf Wanda ein, „er gibt einer Frau etwas Herrisches,
-Imponierendes.“
-
-„Es ist nicht das allein,“ fuhr ich fort, „Sie wissen, daß ich ein
-‚+Übersinnlicher+‘ bin, daß bei mir alles mehr in der Phantasie
-wurzelt und von dort seine Nahrung empfängt. Ich war früh entwickelt
-und überreizt, als ich mit zehn Jahren etwa die Legenden der Märtyrer
-in die Hand bekam; ich erinnere mich, daß ich mit einem Grauen, das
-eigentlich Entzücken war, las, wie sie im Kerker schmachteten, auf den
-Rost gelegt, mit Pfeilen durchschossen, in Pech gesotten, wilden Tieren
-vorgeworfen, an das Kreuz geschlagen wurden, und das Entsetzlichste mit
-einer Art Freude litten. Leiden, grausame Qualen erdulden, erschien
-mir fortan als ein Genuß, und ganz besonders durch ein schönes Weib,
-da sich mir von jeher alle Poesie, wie alles Dämonische im Weibe
-konzentrierte. Ich trieb mit demselben einen förmlichen Kultus.
-
-Ich sah in der Sinnlichkeit etwas Heiliges, ja das einzig Heilige, in
-dem Weibe und seiner Schönheit etwas Göttliches, indem die wichtigste
-Aufgabe des Daseins: die Fortpflanzung der Gattung vor allem ihr Beruf
-ist; ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, die +Isis+,
-und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm
-gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich
-stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre
-Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden.
-
-Ich beneidete König Gunther, den die gewaltige Brunhilde in der
-Brautnacht band; den armen Troubadour, den seine launische Herrin in
-Wolfsfelle nähen ließ, um ihn dann gleich einem Wild zu jagen; ich
-beneidete den Ritter Ctirad, den die kühne Amazone Scharka durch List
-im Walde bei Prag gefangen nahm, auf die Burg Divin schleppte, und
-nachdem sie sich einige Zeit mit ihm die Zeit vertrieben hatte, auf das
-Rad flechten ließ --“
-
-„Abscheulich!“ rief Wanda, „ich würde Ihnen wünschen, daß Sie einem
-Weibe dieser wilden Rasse in die Hände fielen, im Wolfsfell, unter
-den Zähnen der Rüden oder auf dem Rade würde Ihnen schon die Poesie
-vergehen.“
-
-„Glauben Sie? ich glaube nicht.“
-
-„Sie sind wirklich nicht ganz gescheit.“
-
-„Möglich. Aber hören Sie weiter, ich las fortan mit einer wahren Gier
-Geschichten, in denen die furchtbarsten Grausamkeiten geschildert, und
-sah mit besonderer Lust Bilder, Stiche, auf denen sie zur Darstellung
-kamen, und alle die blutigen Tyrannen, die je auf einem Throne saßen,
-die Inquisitoren, welche die Ketzer foltern, braten, schlachten
-ließen, alle jene Frauen, welche in den Blättern der Weltgeschichte
-als wollüstig, schön und gewalttätig verzeichnet sind, wie Libussa,
-Lucretia Borgia, Agnes von Ungarn, Königin Margot, Isabeau, die
-Sultanin Roxolane, die russischen Zarinnen des vorigen Jahrhunderts,
-alle sah ich in Pelzen oder hermelinverbrämten Roben.“
-
-„Und so erweckt Ihnen jetzt der Pelz Ihre seltsamen Phantasien,“ rief
-Wanda, und sie begann zu gleicher Zeit sich mit ihrem prächtigen
-Pelzmantel kokett zu drapieren, so daß die dunklen glänzenden
-Zobelfelle entzückend um ihre Büste, ihre Arme spielten. „Nun, wie ist
-Ihnen jetzt zumute, fühlen Sie sich schon halb gerädert?“
-
-Ihre grünen durchdringenden Augen ruhten mit einem seltsamen,
-höhnischen Behagen auf mir, als ich mich von Leidenschaften übermannt
-vor ihr niederwarf und die Arme um sie schlang.
-
-„Ja -- Sie haben in mir meine Lieblingsphantasie erweckt,“ rief ich,
-„die lange genug geschlummert.“
-
-„Und diese wäre?“ sie legte die Hand auf meinen Nacken.
-
-Mich ergriff unter dieser kleinen warmen Hand, unter ihrem Blick, der
-zärtlich forschend durch die halbgeschlossenen Lider auf mich fiel,
-eine süße Trunkenheit.
-
-„+Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich
-liebe, das ich anbete!+“
-
-„Und das Sie dafür mißhandelt!“ unterbrach mich Wanda lachend.
-
-„Ja, das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es
-einem andern gehört.“
-
-„Und das, wenn Sie durch Eifersucht wahnsinnig gemacht, dem beglückten
-Nebenbuhler entgegentreten, in seinem Übermute so weit geht, Sie an
-denselben zu verschenken und seiner Roheit preiszugeben. Warum nicht?
-Gefällt Ihnen das Schlußtableau weniger?“
-
-Ich sah Wanda erschreckt an.
-
-„Sie übertreffen meine Träume.“
-
-„Ja, wir Frauen sind erfinderisch,“ sprach sie, „geben Sie acht, wenn
-Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer
-behandelt, als Ihnen lieb ist.“
-
-„Ich fürchte, ich habe mein Ideal bereits gefunden!“ rief ich, und
-preßte mein glühendes Antlitz in ihren Schoß.
-
-„Doch nicht in mir?“ rief Wanda, warf den Pelz ab und sprang lachend
-im Zimmer herum; sie lachte noch, als ich die Treppe hinabstieg, und
-als ich nachdenkend im Hofe stand, hörte ich noch oben ihr mutwilliges
-ausgelassenes Gelächter.
-
- * *
- *
-
-„Soll ich Ihnen also Ihr Ideal verkörpern?“ sprach Wanda schelmisch,
-als wir uns heute im Parke trafen.
-
-Anfangs fand ich keine Antwort. In mir kämpften die widersprechendsten
-Empfindungen. Sie ließ sich indes auf eine der steinernen Bänke nieder
-und spielte mit einer Blume.
-
-„Nun -- soll ich?“
-
-Ich kniete nieder und faßte ihre Hände.
-
-„Ich bitte Sie noch einmal, werden Sie meine Frau, mein treues,
-ehrliches Weib; können Sie das nicht, dann seien Sie mein Ideal, aber
-dann ganz, ohne Rückhalt, ohne Milderung.“
-
-„Sie wissen, daß ich in einem Jahre Ihnen meine Hand reichen will,
-wenn Sie der Mann sind, den ich suche,“ entgegnete Wanda sehr ernst,
-„aber ich glaube, Sie würden mir dankbarer sein, wenn ich Ihnen Ihre
-Phantasie verwirkliche. Nun, was ziehen Sie vor?“
-
-„Ich glaube, daß alles das, was mir in meiner Einbildung vorschwebt, in
-Ihrer Natur liegt.“
-
-„Sie täuschen sich.“
-
-„Ich glaube,“ fuhr ich fort, „daß es Ihnen Vergnügen macht, einen Mann
-ganz in Ihrer Hand zu haben, zu quälen --“
-
-„Nein, nein!“ rief sie lebhaft, „oder doch“ -- sie sann nach. „Ich
-verstehe mich selbst nicht mehr,“ fuhr sie fort, „aber ich muß Ihnen
-ein Geständnis machen. Sie haben meine Phantasie verdorben, mein
-Blut erhitzt, ich fange an, an allem dem Gefallen zu finden, die
-Begeisterung, mit der Sie von einer Pompadour, einer Katharina II. und
-von all den anderen selbstsüchtigen, frivolen und grausamen Frauen
-sprechen, reißt mich hin, senkt sich in meine Seele und treibt mich,
-diesen Frauen ähnlich zu werden, welche trotz ihrer Schlechtigkeit, so
-lange sie lebten, sklavisch angebetet wurden und noch im Grabe Wunder
-wirken.
-
-Am Ende machen Sie aus mir noch eine Miniaturdespotin, eine Pompadour
-zum Hausgebrauche.“
-
-„Nun denn,“ sprach ich erregt, „wenn dies in Ihnen liegt, dann geben
-Sie sich dem Zuge Ihrer Natur hin, nur nichts Halbes; können Sie nicht
-ein braves, treues Weib sein, so seien Sie ein Teufel.“
-
-Ich war übernächtig, aufgeregt, die Nähe der schönen Frau ergriff mich
-wie ein Fieber, ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber ich erinnere
-mich, daß ich ihre Füße küßte und zuletzt ihren Fuß aufhob und auf
-meinen Nacken setzte. Sie aber zog ihn rasch zurück und erhob sich
-beinahe zornig.
-
-„Wenn Sie mich lieben, Severin,“ sprach sie rasch, ihre Stimme klang
-scharf und gebieterisch, „so sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen.
-Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich --“ sie
-lächelte und setzte sich wieder.
-
-„Es ist mein voller Ernst,“ rief ich halb phantasierend, „ich bete Sie
-so sehr an, daß ich alles von Ihnen dulden will um den Preis, mein
-ganzes Leben in Ihrer Nähe sein zu dürfen.“
-
-„Severin, ich warne Sie noch einmal.“
-
-„Sie warnen mich vergebens. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, nur
-stoßen Sie mich nicht ganz von sich.“
-
-„Severin,“ entgegnete Wanda, „ich bin ein leichtsinniges, junges Weib,
-es ist gefährlich für Sie, sich mir so ganz hinzugeben, Sie werden am
-Ende in der Tat mein Spielzeug; wer schützt Sie dann, daß ich Ihren
-Wahnsinn nicht mißbrauche?“
-
-„Ihr edles Wesen.“
-
-„Gewalt macht übermütig.“
-
-„So sei übermütig,“ rief ich, „tritt mich mit Füßen.“
-
-Wanda schlang ihre Arme um meinen Nacken, sah mir in die Augen und
-schüttelte den Kopf.
-
-„Ich fürchte, ich werde es nicht können, aber ich will es versuchen,
-dir zu lieb, denn ich liebe dich, Severin, wie ich noch keinen Mann
-geliebt habe.“
-
- * *
- *
-
-Sie nahm heute plötzlich Hut und Shawl und ich mußte sie in den Bazar
-begleiten. Dort ließ sie sich Peitschen zeigen, lange Peitschen an
-kurzem Stiel, wie man sie für Hunde hat.
-
-„Diese dürften genügen,“ sprach der Verkäufer.
-
-„Nein, sie sind viel zu klein,“ erwiderte Wanda mit einem Seitenblick
-auf mich, „ich brauche eine große --“
-
-„Für eine Bulldogge wohl?“ meinte der Kaufmann.
-
-„Ja,“ rief sie, „in der Art, wie man sie in Rußland hatte für
-widerspenstige Sklaven.“
-
-Sie suchte und wählte endlich eine Peitsche, bei deren Anblick es mich
-etwas unheimlich beschlich.
-
-„Nun adieu, Severin,“ sagte sie, „ich habe noch einige Einkäufe, bei
-denen Sie mich nicht begleiten dürfen.“
-
-Ich verabschiedete mich und machte einen Spaziergang, auf dem Rückwege
-sah ich Wanda aus dem Gewölbe eines Kürschners heraustreten. Sie winkte
-mir.
-
-„Überlegen Sie sich’s noch,“ begann sie vergnügt, „ich habe Ihnen
-nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß mich vorzüglich Ihr ernstes,
-sinnendes Wesen gefesselt hat; es reizt mich nun freilich, den ernsten
-Mann mir ganz hingegeben, ja geradezu verzückt zu meinen Füßen zu sehen
--- ob aber dieser Reiz auch anhalten wird? Das Weib liebt den Mann, den
-Sklaven mißhandelt es und stößt ihn zuletzt noch mit dem Fuße weg.“
-
-„Nun, so stoße mich mit dem Fuße fort, wenn du mich satt hast,“
-entgegnete ich, „ich will dein Sklave sein.“
-
-„Ich sehe, daß gefährliche Anlagen in mir schlummern,“ sagte Wanda,
-nachdem wir wieder einige Schritte gegangen waren, „du weckst sie
-und nicht zu deinem Besten, du verstehst es, die Genußsucht, die
-Grausamkeit, den Übermut so verlockend zu schildern -- was wirst du
-sagen, wenn ich mich darin versuche und wenn ich es zuerst an dir
-versuche, wie Dionys, welcher den Erfinder des eisernen Ochsen zuerst
-in demselben braten ließ, um sich zu überzeugen, ob sein Jammern, sein
-Todesröcheln auch wirklich wie das Brüllen eines Ochsen klinge.“
-
-„Vielleicht bin ich so ein weiblicher Dionys?“
-
-„Sei es,“ rief ich, „dann ist meine Phantasie erfüllt. Ich gehöre dir
-im Guten oder Bösen, wähle du selbst. Mich treibt das Schicksal, das in
-meiner Brust ruht -- dämonisch -- übermächtig.“
-
- * *
- *
-
- „+Mein Geliebter!+
-
- Ich will dich heute und morgen nicht sehen und übermorgen erst am
- Abend, und dann +als meinen Sklaven+.
-
- Deine Herrin
- +Wanda+.“
-
-„Als meinen Sklaven“ war unterstrichen. Ich las das Billett, das ich
-früh am Morgen erhielt, noch einmal, ließ mir dann einen Esel, ein
-echtes Gelehrtentier, satteln und ritt in das Gebirge, um meine
-Leidenschaft, meine Sehnsucht in der großartigen Karpathennatur zu
-betäuben.
-
- * *
- *
-
-Da bin ich wieder, müde, hungrig, durstig und vor allem verliebt. Ich
-kleide mich rasch um und klopfe wenige Augenblicke darnach an ihre Türe.
-
-„Herein!“
-
-Ich trete ein. Sie steht mitten im Zimmer, in einer weißen Atlasrobe,
-welche wie Licht an ihr herunterfließt, und einer Kazabaika von
-scharlachrotem Atlas mit reichem, üppigem Hermelinbesatz, in dem
-gepuderten, schneeigen Haar ein kleines Diamantendiadem, die Arme auf
-der Brust gekreuzt, die Brauen zusammengezogen.
-
-„Wanda!“ Ich eile auf sie zu, will den Arm um sie schlingen, sie
-küssen; sie tritt einen Schritt zurück und mißt mich von oben bis unten.
-
-„Sklave!“
-
-„Herrin!“ Ich knie nieder und küsse den Saum ihres Gewandes.
-
-„So ist es recht.“
-
-„O! wie schön du bist.“
-
-„Gefall’ ich dir?“ Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich mit
-stolzem Wohlgefallen.
-
-„Ich werde noch wahnsinnig!“
-
-Sie zuckte verächtlich mit der Unterlippe und sah mich mit
-halbgeschlossenen Lidern spöttisch an.
-
-„Gib mir die Peitsche.“
-
-Ich blickte im Zimmer umher.
-
-„Nein,“ rief sie, „bleib nur knien!“ Sie schritt zum Kamine, nahm die
-Peitsche vom Sims und ließ sie, mich mit einem Lächeln betrachtend,
-durch die Luft pfeifen, dann schürzte sie den Ärmel ihrer Pelzjacke
-langsam auf.
-
-„Wunderbares Weib!“ rief ich.
-
-„Schweig, Sklave!“ sie blickte plötzlich finster, ja wild und hieb mich
-mit der Peitsche; im nächsten Augenblicke schlang sie jedoch den Arm
-zärtlich um meinen Nacken und bückte sich mitleidig zu mir. „Habe ich
-dir weh getan?“ fragte sie halb verschämt, halb ängstlich.
-
-„Nein!“ entgegnete ich, „und wenn es wäre, mir sind Schmerzen, die du
-mir bereitest, ein Genuß. Peitsche mich nur, wenn es dir ein Vergnügen
-macht.“
-
-„Aber es macht mir kein Vergnügen.“
-
-Wieder ergriff mich jene seltsame Trunkenheit.
-
-„Peitsche mich,“ bat ich, „peitsche mich ohne Erbarmen.“
-
-Wanda schwang die Peitsche und traf mich zweimal. „Hast du jetzt genug?“
-
-„Nein.“
-
-„Im Ernste, nein?“
-
-„Peitsche mich, ich bitte dich, es ist mir ein Genuß.“
-
-„Ja, weil du gut weißt, daß es nicht Ernst ist,“ erwiderte sie, „daß
-ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun. Mir widerstrebt das ganze rohe
-Spiel. Wäre ich wirklich das Weib, das seinen Sklaven peitscht, du
-würdest dich entsetzen.“
-
-„Nein, Wanda,“ sprach ich, „ich liebe dich mehr als mich selbst, ich
-bin dir hingegeben auf Tod und Leben, du kannst im Ernste mit mir
-anfangen, was dir beliebt, ja, was dir nur dein Übermut eingibt.“
-
-„Severin!“
-
-„Tritt mich mit Füßen!“ rief ich und warf mich, das Antlitz zur Erde,
-vor ihr nieder.
-
-„Ich hasse alles, was Komödie ist,“ sprach Wanda ungeduldig.
-
-„Nun, so mißhandle mich im Ernste.“
-
-Eine unheimliche Pause.
-
-„Severin, ich warne dich noch ein letztes Mal,“ begann Wanda.
-
-„Wenn du mich liebst, so sei grausam gegen mich,“ flehte ich, das Auge
-zu ihr erhoben.
-
-„Wenn ich dich liebe?“ wiederholte Wanda. „Nun gut!“ sie trat zurück
-und betrachtete mich mit einem finsteren Lächeln. „+So sei denn mein
-Sklave und fühle, was es heißt, in die Hände eines Weibes gegeben zu
-sein.+“ Und in demselben Augenblicke gab sie mir einen Fußtritt.
-
-„Nun, wie behagt dir das, Sklave?“
-
-Dann schwang sie die Peitsche.
-
-„Richte dich auf!“
-
-Ich wollte mich erheben. „Nicht so,“ gebot sie, „auf die Knie.“
-
-Ich gehorchte und sie begann mich zu peitschen.
-
-Die Hiebe fielen rasch und kräftig auf meinen Rücken, meine Arme, ein
-jeder schnitt in mein Fleisch und brannte hier fort, aber die Schmerzen
-entzückten mich, denn sie kamen ja von ihr, die ich anbetete, für die
-ich jede Stunde bereit war, mein Leben zu lassen.
-
-[Illustration]
-
-Jetzt hielt sie inne. „Ich fange an, Vergnügen daran zu finden,“ sprach
-sie, „für heute ist es genug, aber mich ergreift eine teuflische
-Neugier, zu sehen, wie weit deine Kraft reicht, eine grausame
-Lust, dich unter meiner Peitsche beben, sich krümmen zu sehen und
-endlich dein Stöhnen, dein Jammern zu hören und so fort, bis du um
-Gnade bittest und ich ohne Erbarmen fortpeitsche, bis dir die Sinne
-schwinden. Du hast gefährliche Elemente in meiner Natur geweckt. Nun
-aber steh’ auf.“
-
-Ich ergriff ihre Hand, um sie an meine Lippen zu drücken.
-
-„Welche Frechheit.“
-
-Sie stieß mich mit dem Fuße von sich.
-
-„Aus meinen Augen, Sklave!“
-
- * *
- *
-
-Nachdem ich die Nacht wie im Fieber in wirren Träumen gelegen, bin ich
-erwacht. Es dämmert kaum.
-
-Was ist wahr von dem, was in meiner Erinnerung schwebt? was habe ich
-erlebt und was nur geträumt? Gepeitscht bin ich worden, das ist gewiß,
-ich fühle noch jeden einzelnen Hieb, ich kann die roten, brennenden
-Streifen an meinem Leib zählen. Und sie hat mich gepeitscht. Ja, jetzt
-weiß ich alles.
-
-Meine Phantasie ist Wahrheit geworden. Wie ist mir? Hat mich die
-Wirklichkeit meines Traumes enttäuscht?
-
-Nein, ich bin nur etwas müde, aber ihre Grausamkeit erfüllt mich mit
-Entzücken. Oh! wie ich sie liebe, sie anbete! Ach! dies alles drückt
-nicht im entferntesten aus, was ich für sie empfinde, wie ich mich
-ganz ihr hingegeben fühle. Welche Seligkeit, ihr Sklave zu sein.
-
- * *
- *
-
-Sie ruft mich vom Balkon. Ich eile die Treppe hinauf. Da steht sie auf
-der Schwelle und bietet mir freundlich die Hand. „Ich schäme mich,“
-sagte sie, während ich sie umschlinge und sie den Kopf an meiner Brust
-birgt.
-
-„Wie?“
-
-„Suchen Sie die häßliche Szene von gestern zu vergessen,“ sprach sie
-mit bebender Stimme, „ich habe Ihnen Ihre tolle Phantasie erfüllt,
-jetzt wollen wir vernünftig sein und glücklich und uns lieben, und in
-einem Jahre bin ich Ihre Frau.“
-
-„Meine Herrin,“ rief ich, „und ich Ihr Sklave!“
-
-„Kein Wort mehr von Sklaverei, von Grausamkeit und Peitsche,“
-unterbrach mich Wanda, „ich passiere Ihnen von dem allen nichts mehr,
-als die Pelzjacke; kommen Sie und helfen Sie mir hinein.“
-
- * *
- *
-
-Die kleine Bronzeuhr, auf welcher ein Amor steht, der eben seinen Pfeil
-abgeschossen hat, schlug Mitternacht.
-
-Ich stand auf, ich wollte fort.
-
-Wanda sagte nichts, aber sie umschlang mich und zog mich auf die
-Ottomane zurück und begann mich von neuem zu küssen, und diese stumme
-Sprache hatte etwas so Verständliches, so Überzeugendes --
-
-Und sie sagte noch mehr, als ich zu verstehen wagte, eine solche
-schmachtende Hingebung lag in Wandas ganzem Wesen und welche wollüstige
-Weichheit in ihren halbgeschlossenen, dämmernden Augen, in der unter
-dem weißen Puder leicht schimmernden roten Flut ihres Haares, in dem
-weißen und roten Atlas, welcher bei jeder Bewegung um sie knisterte,
-dem schwellenden Hermelin der Kazabaika, in den sie sich nachlässig
-schmiegte.
-
-„Ich bitte dich,“ stammelte ich, „aber du wirst böse sein.“
-
-„Mache mit mir, was du willst,“ flüsterte sie.
-
-„Nun, so tritt mich, ich bitte dich, ich werde sonst verrückt.“
-
-„Habe ich dir nicht verboten,“ sprach Wanda strenge, „aber du bist
-unverbesserlich.“
-
-„Ach! ich bin so entsetzlich verliebt.“ Ich war in die Knie gesunken
-und preßte mein glühendes Gesicht in ihren Schoß.
-
-„Ich glaube wahrhaftig,“ sagte Wanda, nachsinnend, „dein ganzer
-Wahnsinn ist nur eine dämonische, ungesättigte Sinnlichkeit. +Unsere
-Unnatur muß solche Krankheiten erzeugen.+ Wärst du weniger
-tugendhaft, so wärst du vollkommen vernünftig.“
-
-„Nun, so mach’ mich gescheit,“ murmelte ich. Meine Hände wühlten in
-ihrem Haare und in dem schimmernden Pelz, welcher sich, wie eine vom
-Mondlicht beglänzte Welle, alle Sinne verwirrend, auf ihrer wogenden
-Brust hob und senkte.
-
-Und ich küßte sie -- nein, sie küßte mich, so wild, so unbarmherzig,
-als wenn sie mich mit ihren Küssen morden wollte. Ich war wie im
-Delirium, meine Vernunft hatte ich längst verloren, aber ich hatte
-endlich auch keinen Atem mehr. Ich suchte mich loszumachen.
-
-„Was ist dir?“ fragte Wanda.
-
-„Ich leide entsetzlich.“
-
-„Du leidest?“ -- sie brach in ein lautes, mutwilliges Lachen aus.
-
-„Du kannst lachen!“ stöhnte ich, „ahnst du denn nicht --“
-
-Sie war auf einmal ernst, richtete meinen Kopf mit ihren Händen auf und
-zog mich dann mit einer heftigen Bewegung an ihre Brust.
-
-„Wanda!“ stammelte ich.
-
-„Richtig, es macht dir ja Vergnügen, zu leiden,“ sprach sie und begann
-von neuem zu lachen, „aber warte nur, ich will dich schon vernünftig
-machen.“
-
-„Nein, ich will nicht weiter fragen,“ rief ich, „ob du mir für immer
-oder nur für einen seligen Augenblick gehören willst, ich will mein
-Glück genießen; jetzt bist du mein und besser dich verlieren, als dich
-nie besitzen.“
-
-„So bist du vernünftig,“ sagte sie und küßte mich wieder mit ihren
-mörderischen Lippen, und ich riß den Hermelin, die Spitzenhülle
-auseinander und ihre bloße Brust wogte gegen die meine.
-
-Dann vergingen mir die Sinne. --
-
-Ich erinnere mich erst wieder auf den Augenblick, wo ich Blut von
-meiner Hand tropfen sah und sie apathisch fragte: „Hast du mich
-gekratzt?“
-
-„Nein, ich glaube, ich habe dich gebissen.“
-
- * *
- *
-
-Es ist doch merkwürdig, wie jedes Verhältnis des Lebens ein anderes
-Gesicht bekommt, sobald eine neue Person hinzutritt.
-
-Wir haben herrliche Tage zusammen verlebt, wir besuchten die Berge,
-die Seen, wir lasen zusammen und ich vollendete Wandas Bild. Und wie
-liebten wir uns, wie lächelnd war ihr reizendes Antlitz.
-
-Da kommt eine Freundin, eine geschiedene Frau, etwas älter, etwas
-erfahrener und etwas weniger gewissenhaft als Wanda, und schon macht
-sich ihr Einfluß in jeder Richtung geltend.
-
-Wanda runzelte die Stirne und zeigt mir gegenüber eine gewisse Ungeduld.
-
-Liebt sie mich nicht mehr?
-
- * *
- *
-
-Seit beinahe vierzehn Tagen dieser unerträgliche Zwang. Die Freundin
-wohnt bei ihr, wir sind nie allein. Ein Kreis von Herren umgibt die
-beiden jungen Frauen. Ich spiele als Liebender mit meinem Ernste,
-meiner Schwermut eine alberne Rolle. Wanda behandelt mich wie einen
-Fremden.
-
-Heute, bei einem Spaziergange, blieb sie mit mir zurück. Ich sah, daß
-es mit Absicht geschah und jubelte. Was sagte sie mir aber.
-
-„Meine Freundin begreift nicht, wie ich Sie lieben kann, sie findet Sie
-weder schön noch sonst besonders anziehend, und dazu unterhält sie mich
-vom Morgen bis in die Nacht hinein mit dem glänzenden frivolen Leben
-in der Hauptstadt, mit den Ansprüchen, welche ich machen könnte, den
-großen Partien, welche ich finden, den vornehmen, schönen Anbetern,
-welche ich fesseln müßte. Aber was hilft dies alles, ich liebe Sie
-einmal.“
-
-Mir verging einen Augenblick der Atem, dann sagte ich: „Ich wünsche
-bei Gott nicht, Ihrem Glück im Wege zu sein, Wanda. Nehmen Sie auf
-mich keine Rücksicht mehr.“ Dabei zog ich meinen Hut ab und ließ sie
-vorangehen. Sie sah mich erstaunt an, erwiderte jedoch keine Silbe.
-
-Als ich aber auf dem Rückwege wieder zufällig in ihre Nähe kam, drückte
-sie mir verstohlen die Hand und ihr Blick traf mich so warm, so
-glückverheißend, daß alle Qualen dieser Tage im Augenblick vergessen,
-alle Wunden geheilt waren.
-
-Jetzt weiß ich wieder so recht, wie ich sie liebe.
-
- * *
- *
-
-„Meine Freundin hat sich über dich beklagt,“ sagte mir Wanda heute.
-
-„Sie mag fühlen, daß ich sie verachte.“
-
-„Weshalb verachtest du sie denn, kleiner Narr?“ rief Wanda und nahm
-mich mit beiden Händen bei den Ohren.
-
-„Weil sie heuchelt,“ sagte ich, „ich achte nur eine Frau, die
-tugendhaft ist oder offen dem Genusse lebt.“
-
-„So wie ich,“ entgegnete Wanda scherzend, „aber siehst du, mein Kind,
-die Frau kann das nur in den seltensten Fällen. Sie kann weder so
-heiter sinnlich, noch so geistig frei sein, wie der Mann, ihre Liebe
-ist stets ein aus Sinnlichkeit und geistiger Neigung gemischter
-Zustand. Ihr Herz verlangt darnach, den Mann dauernd zu fesseln,
-während sie selbst dem Wechsel unterworfen ist; so kommt ein Zwiespalt,
-kommt Lüge und Trug, meist gegen ihren Willen, in ihr Handeln, in ihr
-Wesen und verdirbt ihren Charakter.“
-
-„Gewiß ist es so,“ sagte ich, „der transszendentale Charakter, welchen
-die Frau der Liebe aufdrücken will, führt sie zum Betrug.“
-
-„Aber die Welt verlangt ihn auch,“ fiel mir Wanda in das Wort, „sieh
-diese Frau an, sie hat in Lemberg ihren Mann und ihren Liebhaber und
-hier hat sie einen neuen Anbeter gefunden, und sie betrügt sie alle und
-ist doch von allen verehrt und von der Welt geachtet.“
-
-„Meinetwegen,“ rief ich, „sie soll dich nur aus dem Spiele lassen, aber
-sie behandelt dich ja wie eine Ware.“
-
-„Warum nicht?“ unterbrach mich das schöne Weib lebhaft. „Jede Frau hat
-den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es
-hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuß hinzugeben, man bleibt
-hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen.“
-
-„Wanda, du sagst das?“
-
-„Warum nicht,“ sprach sie, „merk’ dir überhaupt, was ich dir jetzt
-sage: +fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst+, denn die
-Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst. Die Frauen
-sind weder so +gut+, wie ihre Verehrer und Verteidiger, noch so
-+schlecht+, wie ihre Feinde sie machen. +Der Charakter der Frau ist
-die Charakterlosigkeit.+ Die beste Frau sinkt momentan in den Schmutz,
-die schlechteste erhebt sich unerwartet zu großen, guten Handlungen
-und beschämt ihre Verächter. Kein Weib ist so gut oder so böse, daß es
-nicht jeden Augenblick sowohl der teuflischsten, als der göttlichsten,
-der schmutzigsten, wie der reinsten Gedanken, Gefühle, Handlungen fähig
-wäre. Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten der Zivilisation,
-so geblieben, wie es aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, es hat
-den Charakter des +Wilden+, welcher sich treu und treulos, großmütig
-und grausam zeigt, je nach der Regung, die ihn gerade beherrscht. Zu
-allen Zeiten hat nur ernste, tiefe Bildung den sittlichen Charakter
-geschaffen; so folgt der Mann, auch wenn er selbstsüchtig, wenn er
-böswillig ist, stets +Prinzipien+, das Weib aber folgt immer nur
-+Regungen+. Vergiß das nie und fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das
-du liebst.“
-
- * *
- *
-
-Die Freundin ist fort. Endlich ein Abend mit ihr allein. Es ist, als
-hätte Wanda alle Liebe, welche sie mir entzogen hat, für diesen einen
-seligen Abend aufgespart, so gütig, so innig, so voll der Gnaden ist
-sie.
-
-Welche Seligkeit, an ihren Lippen zu hängen, in ihren Armen
-hinzusterben und dann, wie sie so ganz aufgelöst, so ganz mir
-hingegeben an meiner Brust ruht und unsere Augen wonnetrunken
-ineinander tauchen.
-
-Ich kann es noch nicht glauben, nicht fassen, daß dieses Weib mein ist,
-ganz mein.
-
-„In einem Punkte hat sie doch recht,“ begann Wanda, ohne sich zu regen,
-ohne nur die Augen zu öffnen, wie im Schlaf.
-
-„Wer?“
-
-Sie schwieg.
-
-„Deine Freundin?“
-
-Sie nickte. „Ja, sie hat recht, du bist kein Mann, du bist ein
-Phantast, ein reizender Anbeter, und wärst gewiß ein unbezahlbarer
-Sklave, aber als Gatten kann ich dich mir nicht denken.“
-
-Ich erschrak.
-
-„Was hast du? du zitterst?“
-
-„Ich bebe bei dem Gedanken, wie leicht ich dich verlieren kann,“
-erwiderte ich.
-
-„Nun, bist du deshalb jetzt weniger glücklich?“ entgegnete sie, „raubt
-es dir etwas von deinen Freuden, daß ich vor dir anderen gehört habe,
-daß mich andere nach dir besitzen werden, und würdest du weniger
-genießen, wenn ein anderer mit dir zugleich glücklich wäre?“
-
-„Wanda!“
-
-„Siehst du,“ fuhr sie fort, „das wäre ein Ausweg. Du willst mich nie
-verlieren, mir bist du lieb und sagst mir geistig so zu, daß ich immer
-mit dir leben möchte, wenn ich neben dir --“
-
-„Welch ein Gedanke!“ schrie ich auf, „ich empfinde eine Art Grauen vor
-dir.“
-
-„Und liebst du mich weniger?“
-
-„Im Gegenteil.“
-
-Wanda hatte sich auf ihren linken Arm aufgerichtet. „Ich glaube,“
-sprach sie, „daß man, um einen Mann für immer zu fesseln, ihm vor allem
-nicht treu sein darf. Welche brave Frau ist je so angebetet worden, wie
-eine Hetäre?“
-
-„In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein
-schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“
-
-„Auch für dich?“ fragte Wanda rasch.
-
-„Auch für mich.“
-
-„Wenn ich dir also dies Vergnügen mache?“ rief Wanda spöttisch.
-
-„So werde ich entsetzlich leiden, dich aber um so mehr anbeten,“
-entgegnete ich, „nur dürftest du mich nie betrügen, sondern müßtest die
-dämonische Größe haben, mir zu sagen: ich werde dich allein lieben,
-aber jeden glücklich machen, der mir gefällt.“
-
-Wanda schüttelte den Kopf. „Mir widerstrebt der Betrug, ich bin
-ehrlich, aber welcher Mann erliegt nicht unter der Wucht der Wahrheit.
-Wenn ich dir sagen würde: dies sinnlich heitere Leben, dies Heidentum
-ist mein Ideal, würdest du die Kraft haben, es zu ertragen?“
-
-„Gewiß. Ich will alles von dir ertragen, nur dich nicht verlieren. Ich
-fühle ja, wie wenig ich dir eigentlich bin.“
-
-„Aber Severin --“
-
-„Es ist doch so,“ sprach ich, „und eben deshalb --“
-
-„Deshalb möchtest du --“ sie lächelte schelmisch -- „hab’ ich es
-erraten?“
-
-„Dein Sklave sein!“ rief ich, „dein willenloses, unbeschränktes
-Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher
-nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen
-Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe
-des Olymps genießest, dir dienen, dir die Schuhe an- und ausziehen.“
-
-„Eigentlich hast du nicht so unrecht,“ erwiderte Wanda, „denn nur als
-mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe, und dann,
-die Freiheit des Genusses der antiken Welt ist nicht denkbar ohne
-Sklaverei. O! es muß ein Gefühl von Gottähnlichkeit geben, wenn man
-Menschen vor sich knien, zittern sieht. Ich will Sklaven haben, hörst
-du, Severin?“
-
-„Bin ich nicht dein Sklave?“
-
-„Hör’ mich also,“ sprach Wanda aufgeregt, meine Hand fassend, „ich will
-dein sein, so lange ich dich liebe.“
-
-„Einen Monat?“
-
-„Vielleicht auch zwei.“
-
-„Und dann?“
-
-„Dann bist du mein Sklave.“
-
-„Und du?“
-
-„Ich? was fragst du noch? ich bin eine Göttin und steige manchmal
-leise, ganz leise und heimlich aus meinem Olymp zu dir herab.“
-
-„Aber was ist dies alles,“ sprach Wanda, den Kopf in beide Hände
-gestützt, den Blick in die Weite verloren, „eine goldene Phantasie,
-welche nie wahr werden kann.“ Eine unheimliche, brütende Schwermut war
-über ihr ganzes Wesen ausgegossen; so hatte ich sie noch nie gesehen.
-
-„Und warum unausführbar?“ begann ich.
-
-„Weil es bei uns keine Sklaverei gibt.“
-
-„So gehen wir in ein Land, wo sie noch besteht, in den Orient, in die
-Türkei,“ sagte ich lebhaft.
-
-„Du wolltest -- Severin -- im Ernste,“ entgegnete Wanda. Ihre Augen
-brannten.
-
-„Ja, ich will im Ernste dein Sklave sein,“ fuhr ich fort, „ich will,
-daß deine Gewalt über mich durch das Gesetz geheiligt, daß mein Leben
-in deiner Hand ist, nichts auf dieser Welt mich vor dir schützen oder
-retten kann. O! welche Wollust, wenn ich mich ganz nur von deiner
-Willkür, deiner Laune, einem Winke deines Fingers abhängig fühle. Und
-dann -- welche Seligkeit, -- wenn du einmal gnädig bist, wenn der
-Sklave die Lippen küssen darf, an denen für ihn Tod und Leben hängt!“
-Ich kniete nieder und lehnte meine heiße Stirne an ihre Knie.
-
-„Du fieberst, Severin,“ sprach Wanda erregt, „und du liebst mich
-wirklich so unendlich?“ Sie schloß mich an ihre Brust und bedeckte mich
-mit Küssen.
-
-„Willst du also?“ begann sie zögernd.
-
-„Ich schwöre dir hier, bei Gott und meiner Ehre, ich bin dein Sklave,
-wo und wann du willst, sobald du es befiehlst,“ rief ich, meiner kaum
-mehr mächtig.
-
-„Und wenn ich dich beim Worte nehme?“ rief Wanda.
-
-„Tu es.“
-
-„Es hat einen Reiz für mich,“ sprach sie hierauf, „der kaum
-seinesgleichen hat, einen Mann, der mich anbetet und den ich von ganzer
-Seele liebe, mir so ganz hingegeben, von meinem Willen, meiner Laune
-abhängig zu wissen, diesen Mann als Sklaven zu besitzen, während ich --“
-
-Sie sah mich seltsam an.
-
-„Wenn ich recht frivol werde, so bist du schuld --“ fuhr sie fort --
-„ich glaube beinahe, du fürchtest dich jetzt schon vor mir, aber ich
-habe deinen Schwur.“
-
-„Und ich werde ihn halten.“
-
-„Dafür laß mich sorgen,“ entgegnete sie. „Jetzt finde ich Genuß darin,
-jetzt soll es bei Gott nicht lange mehr beim Phantasieren bleiben.
-Du wirst mein Sklave, und ich -- ich werde versuchen, ‚+Venus im
-Pelz+‘ zu sein.“
-
- * *
- *
-
-Ich dachte diese Frau endlich zu kennen, zu verstehen, und ich sehe
-nun, daß ich wieder von vorne anfangen kann. Mit welchem Widerwillen
-nahm sie noch vor kurzem meine Phantasien auf und mit welchem Ernste
-betreibt sie jetzt die Ausführung derselben.
-
-Sie hat einen Vertrag entworfen, durch den ich mich bei Ehrenwort und
-Eid verbinde, ihr Sklave zu sein, so lange sie es will.
-
-Den Arm um meinen Nacken geschlungen, liest sie mir das unerhörte,
-unglaubliche Dokument vor, nach jedem Satze macht ein Kuß den
-Schlußpunkt.
-
-„Aber der Vertrag enthält nur Pflichten für mich,“ sprach ich, sie
-neckend.
-
-„Natürlich,“ entgegnete sie mit großem Ernste, „du hörst auf, mein
-Geliebter zu sein, ich bin also aller Pflichten, aller Rücksichten
-gegen dich entbunden. Meine Gunst hast du dann als eine Gnade
-anzusehen, Recht hast du keines mehr und darfst daher auch keines
-geltend machen. Meine Macht über dich darf keine Grenzen haben.
-Bedenke, Mann, du bist ja dann nicht viel besser als ein Hund, ein
-lebloses Ding; du bist meine Sache, mein Spielzeug, das ich zerbrechen
-kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts
-und ich bin alles. Verstehst du?“ Sie lachte und küßte mich wieder und
-doch überlief mich eine Art Schauer.
-
-„Erlaubst du mir nicht einige Bedingungen --“ begann ich.
-
-„Bedingungen?“ sie runzelte die Stirne. „Ah! du hast bereits Furcht,
-oder bereust gar, doch das kommt alles zu spät, ich habe deinen Eid,
-dein Ehrenwort. Aber laß hören.“
-
-„Zuerst möchte ich in unserem Vertrag aufgenommen wissen, daß du dich
-nie ganz von mir trennst, und dann, daß du mich nie der Roheit eines
-deiner Anbeter preisgibst --“
-
-„Aber Severin,“ rief Wanda mit bewegter Stimme, Tränen in den Augen,
-„du kannst glauben, daß ich dich, einen Mann, der mich so liebt, der
-sich so ganz in meine Hand gibt --“ sie stockte.
-
-„Nein! nein!“ sprach ich, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „ich fürchte
-nichts von dir, was mich entehren könnte, vergib mir den häßlichen
-Augenblick.“
-
-Wanda lächelte selig, legte ihre Wange an die meine und schien
-nachzusinnen.
-
-„Etwas hast du vergessen,“ flüsterte sie jetzt schelmisch, „das
-Wichtigste.“
-
-„Eine Bedingung?“
-
-„Ja, daß ich immer im Pelz erscheinen muß,“ rief Wanda, „aber dies
-verspreche ich dir so, ich werde ihn schon deshalb tragen, weil er mir
-das Gefühl einer Despotin gibt, und ich will sehr grausam gegen dich
-sein, verstehst du?“
-
-„Soll ich den Vertrag unterzeichnen?“ fragte ich.
-
-„Noch nicht,“ sprach Wanda, „ich werde vorher deine Bedingungen
-hinzufügen, und überhaupt wirst du ihn erst an Ort und Stelle
-unterzeichnen.“
-
-„In Konstantinopel?“
-
-„Nein. Ich habe es mir überlegt. Welchen Wert hat es für mich, dort
-einen Sklaven zu haben, wo jeder Sklaven hat; ich will, hier in unserer
-gebildeten, nüchternen, philisterhaften Welt, ich +allein einen
-Sklaven haben+, und zwar einen Sklaven, den nicht das Gesetz, nicht
-mein Recht oder rohe Gewalt, sondern ganz allein die Macht meiner
-Schönheit und meines Wesens willenlos in meine Hand gibt. Das finde
-ich pikant. Jedenfalls gehen wir in ein Land, wo man uns nicht kennt,
-und wo du daher ohne Anstand vor der Welt als mein Diener auftreten
-kannst. Vielleicht nach Italien, nach Rom oder Neapel.“
-
- * *
- *
-
-Wir saßen auf Wandas Ottomane, sie in der Hermelinjacke, das offene
-Haar wie eine Löwenmähne über den Rücken, und sie hing an meinen Lippen
-und sog mir die Seele aus dem Leibe. Mir wirbelte der Kopf, das Blut
-begann mir zu sieden, mein Herz pochte heftig gegen das ihre.
-
-„Ich will ganz in deiner Hand sein, Wanda,“ rief ich plötzlich, von
-jenem Taumel der Leidenschaft ergriffen, in dem ich kaum mehr klar
-denken oder frei beschließen kann, „ohne jede Bedingung, ohne jede
-Beschränkung deiner Gewalt über mich, ich will mich auf Gnade und
-Ungnade deiner Willkür überliefern.“ Während ich dies sprach, war ich
-von der Ottomane zu ihren Füßen herabgesunken und blickte trunken zu
-ihr empor.
-
-„Wie schön du jetzt bist,“ rief sie, „dein Auge wie in einer Verzückung
-halb gebrochen, entzückt mich, reißt mich hin, dein Blick müßte
-wunderbar sein, wenn du totgepeitscht würdest, im Verenden. Du hast das
-Auge eines Märtyrers.“
-
- * *
- *
-
-Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos
-in die Hand eines Weibes zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre
-Macht mißbraucht?
-
-Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie
-beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis!
-Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht.
-Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder
-Treulosigkeit unfähig; aber es liegt dann in ihrer Hand -- +sie kann,
-wenn sie will+ -- welcher Reiz in diesem Zweifel, dieser Furcht.
-
- * *
- *
-
-Jetzt verstehe ich die Manon l’Escault und den armen Chevalier, der sie
-auch noch als die Maitresse eines anderen, ja auf dem Pranger anbetet.
-
-Die Liebe kennt keine Tugend, kein Verdienst, sie liebt und vergibt und
-duldet alles, weil sie muß; nicht unser Urteil leitet uns, nicht die
-Vorzüge oder Fehler, welche wir entdecken, reizen uns zur Hingebung
-oder schrecken uns zurück.
-
-Es ist eine süße, wehmütige, geheimnisvolle Gewalt, die uns treibt, und
-wir hören auf zu denken, zu empfinden, zu wollen, wir lassen uns von
-ihr treiben und fragen nicht wohin?
-
- * *
- *
-
-Auf der Promenade erschien heute zum erstenmal ein russischer Fürst,
-welcher durch seine athletische Gestalt, seine schöne Gesichtsbildung,
-den Luxus seines Auftretens allgemeines Aufsehen erregte. Die Damen
-besonders staunten ihn wie ein wildes Tier an, er aber schritt finster,
-niemand beachtend, von zwei Dienern, einem Neger ganz in roten
-Atlas gekleidet und einem Tscherkessen in voller blitzender Rüstung
-begleitet, durch die Alleen. Plötzlich sah er Wanda, heftete seinen
-kalten durchdringenden Blick auf sie, ja wendete den Kopf nach ihr, und
-als sie vorüber war, blieb er stehen und sah ihr nach.
-
-Und sie -- sie verschlang ihn nur mit ihren funkelnden grünen Augen --
-und bot alles auf, ihm wieder zu begegnen.
-
-Die raffinierte Koketterie, mit der sie ging, sich bewegte, ihn ansah,
-schnürte mir den Hals zusammen. Als wir nach Hause gingen, machte ich
-eine Bemerkung darüber. Sie runzelte die Stirne.
-
-„Was willst du denn,“ sprach sie, „der Fürst ist ein Mann, der mir
-gefallen könnte, der mich sogar blendet, und ich bin frei, ich kann
-tun, was ich will --“
-
-„Liebst du mich denn nicht mehr --“ stammelte ich erschrocken.
-
-„Ich liebe nur dich,“ entgegnete sie, „aber ich werde mir von dem
-Fürsten den Hof machen lassen.“
-
-„Wanda!“
-
-„Bist du nicht mein Sklave?“ sagte sie ruhig. „Bin ich nicht Venus, die
-grausame nordische Venus im Pelz?“
-
-Ich schwieg; ich fühlte mich von ihren Worten förmlich zermalmt, ihr
-kalter Blick drang mir wie ein Dolch in das Herz.
-
-„Du wirst sofort den Namen, die Wohnung, alle Verhältnisse des Fürsten
-erfragen, verstehst du?“ fuhr sie fort.
-
-„Aber --“
-
-„Keine Einwendung. Gehorche!“ rief Wanda mit einer Strenge, die ich bei
-ihr nie für möglich gehalten hätte. „Komme mir nicht unter die Augen,
-ehe du alle meine Fragen beantworten kannst.“
-
-Erst Nachmittag konnte ich Wanda die gewünschten Auskünfte bringen.
-Sie ließ mich wie einen Bedienten vor sich stehen, während sie mir im
-Fauteuil zurückgelehnt lächelnd zuhörte. Dann nickte sie, sie schien
-zufrieden.
-
-„Gib mir den Fußschemel!“ befahl sie kurz.
-
-Ich gehorchte und blieb, nachdem ich ihn vor sie gestellt und sie ihre
-Füße darauf gesetzt hatte, vor ihr knien.
-
-„Wie wird dies enden?“ fragte ich nach einer kurzen Pause traurig.
-
-Sie brach in ein mutwilliges Gelächter aus. „Es hat ja noch gar nicht
-angefangen.“
-
-„Du bist herzloser, als ich dachte,“ erwiderte ich verletzt.
-
-„Severin,“ begann Wanda ernst. „Ich habe noch nichts getan, nicht das
-Geringste, und du nennst mich schon herzlos. Wie wird das werden, wenn
-ich deine Phantasien erfülle, wenn ich ein lustiges, freies Leben
-führe, einen Kreis von Anbetern um mich habe, und ganz dein Ideal, dir
-Fußtritte und Peitschenhiebe gebe?“
-
-„Du nimmst meine Phantasie zu ernst.“
-
-„Zu ernst? Sobald ich sie ausführe, kann ich doch nicht beim Scherze
-stehen bleiben,“ entgegnete sie, „du weißt, wie verhaßt mir jedes
-Spiel, jede Komödie ist. Du hast es so gewollt. War es meine Idee oder
-die deine? Habe ich dich dazu verführt oder hast du meine Einbildung
-erhitzt? Nun ist es mir allerdings Ernst.“
-
-„Wanda,“ erwiderte ich liebevoll, „höre mich ruhig an. Wir lieben uns
-so unendlich, wir sind so glücklich, willst du unsere ganze Zukunft
-einer Laune opfern?“
-
-„Es ist keine Laune mehr!“ rief sie.
-
-„Was denn?“ fragte ich erschrocken.
-
-„Es lag wohl in mir,“ sprach sie ruhig, gleichsam nachsinnend,
-„vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt,
-entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo
-es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr
-anders kann und will, jetzt willst du zurück -- du -- bist du ein Mann?“
-
-„Liebe, teure Wanda!“ ich begann sie zu streicheln, zu küssen.
-
-„Laß mich -- du bist kein Mann --“
-
-„Und du!“ brauste ich auf.
-
-„Ich bin eigensinnig,“ sagte sie, „das weißt du. Ich bin nicht im
-Phantasieren stark und im Ausführen schwach wie du; wenn ich mir etwas
-vornehme, führe ich es aus, und um so gewisser, je mehr Widerstand ich
-finde. Laß mich!“
-
-Sie stieß mich von sich und stand auf.
-
-„Wanda!“ Ich erhob mich gleichfalls und stand ihr Aug’ in Auge
-gegenüber.
-
-„Du kennst mich jetzt,“ fuhr sie fort, „ich warne dich noch einmal. Du
-hast noch die Wahl. Ich zwinge dich nicht, mein Sklave zu werden.“
-
-„Wanda,“ antwortete ich bewegt, mir traten Tränen in die Augen, „du
-weißt nicht, wie ich dich liebe.“
-
-Sie zuckte verächtlich die Lippen.
-
-„Du irrst dich, du machst dich häßlicher, als du bist, deine Natur ist
-viel zu gut, zu nobel --“
-
-„Was weißt du von meiner Natur,“ unterbrach sie mich heftig, „du sollst
-mich noch kennen lernen.“
-
-„Wanda!“
-
-„Entschließe dich, willst du dich fügen, unbedingt?“
-
-„Und wenn ich nein sage.“
-
-„Dann --“
-
-Sie trat kalt und höhnisch auf mich zu, und wie sie jetzt vor mir
-stand, die Arme auf der Brust verschränkt, mit dem bösen Lächeln um die
-Lippen, war sie in der Tat das despotische Weib meiner Phantasie und
-ihre Züge erschienen hart, und in ihrem Blicke lag nichts, was Güte
-oder Erbarmen versprach. „Gut --“ sprach sie endlich.
-
-„Du bist böse,“ sagte ich, „du wirst mich peitschen.“
-
-„O nein!“ entgegnete sie, „ich werde dich gehen lassen. Du bist frei.
-Ich halte dich nicht.“
-
-„Wanda -- mich, der dich so liebt --“
-
-„Ja, Sie, mein Herr, der Sie mich anbeten,“ rief sie verächtlich, „aber
-ein Feigling, ein Lügner, ein Wortbrüchiger sind. Verlassen Sie mich
-augenblicklich --“
-
-„Wanda! --“
-
-„Mensch!“
-
-Mir stieg das Blut zum Herzen. Ich warf mich zu ihren Füßen und begann
-zu weinen.
-
-„Noch Tränen!“ sie begann zu lachen. O! Dieses Lachen war furchtbar.
-„Gehen Sie -- ich will Sie nicht mehr sehen.“
-
-„Mein Gott!“ rief ich außer mir. „Ich will ja alles tun, was du
-befiehlst, dein Sklave sein, deine Sache, mit der du nach Willkür
-schaltest -- nur stoße mich nicht von dir -- ich gehe zugrunde -- ich
-kann nicht leben ohne dich,“ ich umfaßte ihre Knie und bedeckte ihre
-Hand mit Küssen.
-
-„Ja, du mußt Sklave sein, die Peitsche fühlen -- denn ein Mann bist du
-nicht,“ sprach sie ruhig, und das war es, was mir so an das Herz griff,
-daß sie nicht im Zorne, ja nicht einmal erregt, sondern mit voller
-Überlegung zu mir sprach. „Ich kenne dich jetzt, deine Hundenatur, die
-anbetet, wo sie mit Füßen getreten wird und um so mehr, je mehr sie
-mißhandelt wird. Ich kenne dich jetzt, du aber sollst mich erst kennen
-lernen.“
-
-Sie ging mit großen Schritten auf und ab, während ich vernichtet auf
-meinen Knien liegen blieb, das Haupt war mir herabgesunken, die Tränen
-rannen mir herab.
-
-„Komm zu mir,“ herrschte mir Wanda zu, sich auf der Ottomane
-niederlassend. Ich folgte ihrem Wink und setzte mich zu ihr. Sie sah
-mich finster an, dann wurde ihr Auge plötzlich, gleichsam von innen
-heraus erhellt, sie zog mich lächelnd an ihre Brust und begann mir die
-Tränen aus den Augen zu küssen.
-
- * *
- *
-
-Das eben ist das Humoristische meiner Lage, daß ich, wie der Bär in
-Lilis Park, fliehen kann und nicht will, daß ich alles dulde, sobald
-sie droht, mir die Freiheit zu geben.
-
- * *
- *
-
-Wenn sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde! Diese
-Liebenswürdigkeit, mit der sie mich behandelt, hat etwas Unheimliches
-für mich. Ich komme mir wie eine kleine, gefangene Maus vor, mit der
-eine schöne Katze zierlich spielt, jeden Augenblick bereit, sie zu
-zerreißen, und mein Mausherz droht mir zu zerspringen.
-
-Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?
-
- * *
- *
-
-Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen
-zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen
-Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand
-mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?
-
-Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir
-verleben selige Tage.
-
- * *
- *
-
-Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen,
-in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing
-mit seltsamer Befriedigung an mir.
-
-„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann
-große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf,
-so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein
-übersinnlicher Schlemihl sein kann.“
-
-„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.
-
-Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“
-flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben.
-Wir wollen vernünftig sein, willst du?“
-
-Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges,
-wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine
-Träne fiel auf ihre Hand herab.
-
-„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“
-
- * *
- *
-
-Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen.
-Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen
-und schien sie mit seinen elektrischen, grauen Augen durchbohren zu
-wollen, sie aber -- ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien
-und ihre Füße küssen mögen -- sie schien ihn nicht zu bemerken,
-sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen
-leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem
-liebreizenden Lächeln zu mir.
-
- * *
- *
-
-Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden
-Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?
-
-„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle
-stand.
-
-„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen,
-gib es auf, mich zu quälen --“ flehte ich.
-
-„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual
-ist,“ warf Wanda ein.
-
-„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“
-
-„+Nie, Severin+,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.
-
-„Was ist das?“
-
-Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.
-
-„+Du bist kein Mann für mich.+“
-
-Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag,
-langsam zurück und verließ das Gemach, und sie -- sie rief mich nicht
-zurück.
-
- * *
- *
-
-Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und
-wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser
-Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie
-ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.
-
-Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben,
-drohten mir die Knie zu brechen.
-
-Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten
-heraus.
-
-„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“
-
-„Einen Brief --“
-
-„An mich?“
-
-Ich nickte.
-
-„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.
-
-„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“
-
-„+Ich wiederhole es Ihnen+,“ sprach sie.
-
-„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich
-reichte ihr den Brief.
-
-„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen,
-daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir als +Mann+
-genügen oder nicht, und zum +Sklaven+ sind Sie jedenfalls gut
-genug.“
-
-„Gnädige Frau!“ rief ich empört.
-
-„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den
-Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre
-Angelegenheiten binnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen
-nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“
-
-„Wanda --“
-
-„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort
-abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei
-mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie
-heißen von nun an nicht mehr Severin, sondern +Gregor+.“
-
-Ich bebte vor Wut und doch -- ich kann es leider nicht leugnen -- auch
-vor Genuß und prickelnder Aufregung.
-
-„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich
-verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er
-mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche --“
-
-„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so
-besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein
-Sklave.“
-
-„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von
-Ehre unmöglich --“
-
-„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß
-Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen
-haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem
-zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“
-
-Ich wendete mich zur Türe.
-
-„Noch nicht -- du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie
-mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und
-ich -- ich Dilettant -- ich Esel -- ich elender Sklave -- preßte sie
-mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen
-Lippen.
-
-Noch ein gnädiges Kopfnicken.
-
-Dann war ich entlassen.
-
- * *
- *
-
-Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen,
-denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und
-der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit
-voller Gewalt hereingebrochen.
-
-Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.
-
-Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten
-Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art,
-wie sie die große Katharina zu tragen liebte.
-
-„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.
-
-„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.
-
-„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer
-Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier
-fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem
-Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, -- mein Sklave, mein Diener.
-Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“
-
-Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und sie hereingetreten war,
-fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich
-dir?“
-
-„Du --“
-
-„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.
-
-„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“
-
-Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder
--- hier neben meinem Sessel.“
-
-Ich gehorchte.
-
-„Küss’ mir die Hand.“
-
-Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.
-
-„Und den Mund --“
-
-Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne,
-grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden
-Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück -- die Lider wie
-im Traum geschlossen -- bis nach Mitternacht.
-
- * *
- *
-
-Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur
-Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine
-Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu
-einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem
-geahnt werden konnte.
-
-[Illustration]
-
-Noch ging alles gut. Ich saß an Wandas Seite, und sie plauderte auf
-das Liebenswürdigste und Geistreichste mit mir, wie mit einem guten
-Freunde, über Italien, über Pisemskis neuen Roman und Wagnerische
-Musik. Sie trug auf der Reise eine Art Amazone, ein Kleid von
-schwarzem Tuche und eine kurze Jacke von gleichem Stoffe mit dunklem
-Pelzbesatz, welche sich knapp an ihre schlanken Formen schlossen und
-dieselben prächtig hoben, darüber einen dunklen Reisepelz. Das Haar,
-in einen antiken Knoten geschlungen, ruhte unter einer kleinen dunklen
-Pelzmütze, von welcher ein schwarzer Schleier ringsum herabfiel. Wanda
-war sehr gut aufgelegt, steckte mir Bonbons in den Mund, frisierte
-mich, löste mein Halstuch und schlang es in eine reizende, kleine
-Masche, deckte ihren Pelz über meine Knie, um dann verstohlen die
-Finger meiner Hand zusammenzupressen, und wenn unser jüdischer Kutscher
-einige Zeit konsequent vor sich hinnickte, gab sie mir sogar einen Kuß
-und ihre kalten Lippen hatten dabei jenen frischen, frostigen Duft
-einer jungen Rose, welche im Herbste einsam zwischen kahlen Stauden
-und gelben Blättern blüht, und deren Kelch der erste Reif mit kleinen,
-eisigen Diamanten behangen hat.
-
- * *
- *
-
-Das ist die Kreisstadt. Wir steigen vor dem Bahnhofe aus. Wanda wirft
-ihren Pelz ab und mir mit einem reizenden Lächeln über den Arm, dann
-geht sie die Karten lösen.
-
-Wie sie zurückkehrt, ist sie vollkommen verändert.
-
-„Hier ist dein Billett, Gregor,“ spricht sie in dem Tone, in welchem
-hochmütige Damen zu ihren Lakaien sprechen.
-
-„Ein Billett dritter Klasse,“ erwidere ich mit komischem Entsetzen.
-
-„Natürlich,“ fährt sie fort, „nun gib aber acht, du steigst erst dann
-ein, wenn ich im Coupé bin und deiner nicht mehr bedarf. Auf jeder
-Station hast du zu meinem Waggon zu eilen und nach meinen Befehlen zu
-fragen. Versäume dies ja nicht. Und nun gib mir meinen Pelz.“
-
-Nachdem ich ihr demütig wie ein Sklave hineingeholfen, suchte sie,
-von mir gefolgt, ein leeres Coupé erster Klasse auf, sprang auf meine
-Schulter gestützt hinein und ließ sich von mir die Füße in Bärenfelle
-einhüllen und auf die Wärmflasche setzen.
-
-Dann nickte sie mir zu und entließ mich. Ich stieg langsam in einen
-Waggon dritter Klasse, der mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm, wie
-die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war, und hatte nun
-Muße, über die Rätsel des menschlichen Daseins nachzudenken, und über
-das größte dieser Rätsel -- +das Weib+.
-
- * *
- *
-
-So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und
-erwarte mit abgezogener Mütze ihre Befehle. Sie wünscht bald einen
-Kaffee, bald ein Glas Wasser, einmal ein kleines Souper, ein anderesmal
-ein Becken mit warmem Wasser, um sich die Hände zu waschen, so geht
-es fort, sie läßt sich von ein paar Kavalieren, die in ihr Coupé
-gestiegen sind, den Hof machen; ich sterbe vor Eifersucht und muß
-Sätze machen wie ein Springbock, um jedesmal das Verlangte rasch zur
-Stelle zu schaffen und den Zug nicht zu versäumen. So bricht die Nacht
-herein. Ich kann weder einen Bissen essen noch schlafen, atme dieselbe
-verzwiebelte Luft mit polnischen Bauern, Handelsjuden und gemeinen
-Soldaten, und sie liegt, wenn ich die Stufen ihres Coupé ersteige,
-in ihrem behaglichen Pelz auf den Polstern ausgestreckt, mit den
-Tierfellen bedeckt, eine orientalische Despotin, und die Herren sitzen
-gleich indischen Göttern aufrecht an der Wand und wagen kaum zu atmen.
-
- * *
- *
-
-In Wien, wo sie einen Tag bleibt, um Einkäufe zu machen, und vor allem
-eine Reihe luxuriöser Toiletten anzuschaffen, fährt sie fort, mich als
-ihren Bedienten zu behandeln. Ich gehe hinter ihr, respektvoll zehn
-Schritte entfernt, sie reicht mir, ohne mich nur eines freundlichen
-Blickes zu würdigen, die Pakete und läßt mich zuletzt wie einen Esel
-beladen nachkeuchen.
-
-Vor der Abfahrt nimmt sie alle meine Kleider, um sie an die Kellner
-des Hotels zu verschenken, und befiehlt mir, ihre Livree anzuziehen,
-ein Krakusenkostüm in ihren Farben, hellblau mit rotem Aufschlag und
-viereckiger, roter Mütze, mit Pfauenfedern verziert, das mir gar nicht
-übel steht.
-
-Die silbernen Knöpfe tragen ihr Wappen. Ich habe das Gefühl, als wäre
-ich verkauft oder hätte meine Seele dem Teufel verschrieben.
-
- * *
- *
-
-Mein schöner Teufel führte mich in einer Tour von Wien bis Florenz,
-statt der leinenen Masuren und fettlockigen Juden leisten mir
-jetzt krausköpfige Contadini, ein prächtiger Sergeant des ersten
-italienischen Grenadierregiments und ein armer deutscher Maler,
-Gesellschaft. Der Tabakdampf riecht jetzt nicht mehr nach Zwiebel,
-sondern nach Salami und Käse.
-
-Es ist wieder Nacht geworden. Ich liege auf meinem hölzernen Ruhebette
-auf der Folter, Arme und Beine sind mir wie zerbrochen. Aber poetisch
-ist die Geschichte doch, die Sterne funkeln ringsum, der Sergeant hat
-ein Gesicht wie Apollo von Belvedere, und der deutsche Maler singt ein
-wunderbares deutsches Lied:
-
- „Nun alle Schatten dunkeln
- Und Stern auf Stern erwacht,
- Welch Hauch der heißen Sehnsucht
- Flutet durch die Nacht!“
-
- „Durch das Meer der Träume
- Steuert ohne Ruh’,
- Steuert meine Seele
- Deiner Seele zu.“
-
-Und ich denke an die schöne Frau, die königlich ruhig in ihren weichen
-Pelzen schläft.
-
- * *
- *
-
-Florenz! Getümmel, Geschrei, zudringliche Fachini und Fiaker. Wanda
-wählt einen Wagen und weist die Träger ab.
-
-„Wozu hätte ich denn einen Diener,“ spricht sie, „Gregor -- hier ist
-der Schein -- hole das Gepäck.“
-
-Sie wickelt sich in ihren Pelz und sitzt ruhig im Wagen, während
-ich die schweren Koffer, einen nach dem anderen herbeitrage. Unter
-dem letzten breche ich einen Augenblick zusammen, ein freundlicher
-Carabiniere mit intelligentem Gesicht steht mir bei. Sie lacht.
-
-„Der muß schwer sein,“ sagte sie, „denn in dem sind alle meine Pelze.“
-
-Ich steige auf den Bock und wische mir die hellen Tropfen von der
-Stirne. Sie nennt das Hotel, der Fiaker treibt sein Pferd an. In
-wenigen Minuten halten wir vor der glänzend erleuchteten Einfahrt.
-
-„Sind Zimmer da?“ fragt sie den Portier.
-
-„Ja, Madame.“
-
-„Zwei für mich, eines für meinen Diener, alle mit Öfen.“
-
-„Zwei elegante, Madame, beide mit Kaminen für Sie,“ entgegnete der
-Garçon, der herbeigeeilt ist, „und eines ohne Heizung für den
-Bedienten.“
-
-„Zeigen Sie mir die Zimmer.“
-
-Sie besichtigt sie, dann sagt sie kurzweg: „Gut. Ich bin zufrieden,
-machen Sie nur rasch Feuer, der Diener kann im ungeheizten Zimmer
-schlafen.“
-
-Ich sehe sie nur an.
-
-„Bringe die Koffer herauf, Gregor,“ befiehlt sie, ohne meine Blicke zu
-beachten, „ich mache indes Toilette und gehe in den Speisesaal hinab.
-Du kannst dann auch etwas zu Nacht essen.“
-
-Während sie in das Nebenzimmer geht, schleppe ich die Koffer herauf,
-helfe dem Garçon, der mich über meine „Herrschaft“ in schlechtem
-Französisch auszufragen versucht, in ihrem Schlafzimmer Feuer machen
-und sehe einen Augenblick mit stillem Neide den flackernden Kamin, das
-duftige, weiße Himmelbett, die Teppiche, mit denen der Boden belegt
-ist. Dann steige ich müde und hungrig eine Treppe hinab und verlange
-etwas zu essen. Ein gutmütiger Kellner, der österreichischer Soldat
-war und sich alle Mühe gibt, mich deutsch zu unterhalten, führt mich
-in den Speisesaal und bedient mich. Eben habe ich nach sechsunddreißig
-Stunden den ersten frischen Trunk getan, den ersten warmen Bissen auf
-der Gabel, als sie hereintritt.
-
-Ich erhebe mich.
-
-[Illustration]
-
-„Wie können Sie mich in ein Speisezimmer führen, in dem mein Bedienter
-ißt,“ fährt sie den Garçon an, vor Zorn flammend, dreht sich um und
-geht hinaus.
-
-Ich danke indes dem Himmel, daß ich wenigstens ruhig weiteressen kann.
-Hierauf steige ich vier Treppen zu meinem Zimmer empor, in dem bereits
-mein kleiner Koffer steht und ein schmutziges Öllämpchen brennt, es
-ist ein schmales Zimmer ohne Kamin, ohne Fenster, mit einem kleinen
-Luftloch. Es würde mich -- wenn es nicht so hundekalt wäre -- an die
-venetianischen Bleikammern erinnern. Ich muß unwillkürlich laut lachen,
-so daß es widerhallt und ich über mein eigenes Gelächter erschrecke.
-
-Plötzlich wird die Türe aufgerissen und der Garçon mit einer
-theatralischen Geste, echt italienisch, ruft: „Sie sollen zu Madame
-hinabkommen, augenblicklich!“ Ich nehme meine Mütze, stolpere einige
-Stufen hinab, komme endlich glücklich im ersten Stockwerke vor ihrer
-Türe an und klopfe.
-
-„Herein!“
-
- * *
- *
-
-Ich trete ein, schließe und bleibe an der Türe stehen.
-
-Wanda hat es sich bequem gemacht, sie sitzt im Negligé von weißer
-Mousseline und Spitzen auf einem kleinen, roten Samtdiwan, die Füße auf
-einem Polster von gleichem Stoffe und hat ihren Pelzmantel umgeworfen,
-denselben, in dem sie mir zuerst als Göttin der Liebe erschien.
-
-Die gelben Lichter der Armleuchter, die auf dem Trumeau stehen, ihre
-Reflexe in dem großen Spiegel und die roten Flammen des Kaminfeuers
-spielen herrlich auf dem grünen Samt, dem dunkelbraunen Zobel des
-Mantels, auf der weißen, glatt gespannten Haut und in dem roten,
-flammenden Haare der schönen Frau, welche mir ihr helles, aber kaltes
-Antlitz zukehrt und ihre kalten, grünen Augen auf mir ruhen läßt.
-
-„Ich bin mit dir zufrieden, Gregor,“ begann sie.
-
-Ich verneigte mich.
-
-„Komm näher.“
-
-Ich gehorchte.
-
-„Noch näher,“ sie blickte hinab und strich mit der Hand über den
-Zobel. „Venus im Pelz empfängt ihren Sklaven. Ich sehe, daß Sie doch
-mehr sind als ein gewöhnlicher Phantast, Sie bleiben mindestens hinter
-Ihren Träumen nicht zurück, Sie sind der Mann, was Sie sich auch
-einbilden mögen, und wäre es das Tollste, auszuführen; ich gestehe,
-das gefällt mir, das imponiert mir. Es liegt Stärke darin, und nur
-die Stärke achtet man. Ich glaube sogar, Sie würden in ungewöhnlichen
-Verhältnissen, in einer großen Zeit, das was Ihre Schwäche scheint,
-als eine wunderbare Kraft offenbaren. Unter den ersten Kaisern wären
-Sie ein Märtyrer, zur Zeit der Reformation ein Anabaptist, in der
-französischen Revolution einer jener begeisterten Girondisten geworden,
-die mit der Marseillaise auf den Lippen die Guillotine bestiegen. So
-aber sind Sie mein Sklave, mein --“
-
-Sie sprang plötzlich auf, so daß der Pelz herabsank, und schlang die
-Arme mit sanfter Gewalt um meinen Hals.
-
-„Mein geliebter Sklave, Severin, o! wie ich dich liebe, wie ich dich
-anbete, wie schmuck du in dem Krakauerkostüme aussiehst, aber du wirst
-heute Nacht frieren in dem elenden Zimmer da oben ohne Kamin, soll ich
-dir meinen Pelz geben, mein Herzchen, den großen da --“
-
-Sie hob ihn rasch auf, warf ihn mir auf die Schultern und hatte mich,
-ehe ich mich versah, vollkommen darin eingewickelt.
-
-„Ah! wie gut das Pelzwerk dir zu Gesichte steht, deine noblen Züge
-treten erst recht hervor. Sobald du nicht mehr mein Sklave bist, wirst
-du einen Samtrock tragen mit Zobel, verstehst du, sonst ziehe ich nie
-mehr eine Pelzjacke an --“
-
-Und wieder begann sie mich zu streicheln, zu küssen und zog mich
-endlich auf den kleinen Samtdiwan nieder.
-
-„Du gefällst dir, glaube ich, in dem Pelze,“ sagte sie, „gib ihn mir,
-rasch, rasch, sonst verliere ich ganz das Gefühl meiner Würde.“
-
-Ich legte den Pelz um sie, und Wanda schlüpfte mit dem rechten Arme in
-den Ärmel.
-
-„So ist es auf dem Bilde von Titian. Nun aber genug des Scherzes. Sieh
-doch nicht immer so unglücklich drein, das macht mich traurig, du bist
-ja vorläufig nur für die Welt mein Diener, mein Sklave bist du noch
-nicht, du hast den Vertrag noch nicht unterzeichnet, du bist noch frei,
-kannst mich jeden Augenblick verlassen; du hast deine Rolle herrlich
-gespielt. Ich war entzückt, aber hast du es nicht schon satt, findest
-du mich nicht abscheulich? Nun, so sprich doch -- ich befehle es dir.“
-
-„Muß ich es dir gestehen, Wanda?“ begann ich.
-
-„Ja, du mußt.“
-
-„Und wenn du es dann auch mißbrauchst,“ fuhr ich fort, „ich bin
-verliebter als je in dich, und ich werde dich immer mehr, immer
-fanatischer verehren, anbeten, je mehr du mich mißhandelst, so wie du
-jetzt gegen mich warst, entzündest du mein Blut, berauschest du alle
-meine Sinne“ -- ich preßte sie an mich und hing einige Augenblicke
-an ihren feuchten Lippen -- „du schönes Weib,“ rief ich dann, sie
-betrachtend, und riß in meinem Enthusiasmus den Zobelpelz von ihren
-Schultern und preßte meinen Mund auf ihren Nacken.
-
-„Du liebst mich also, wenn ich grausam bin,“ sprach Wanda, „geh jetzt!
--- du langweilst mich -- hörst du nicht --“
-
-Sie gab mir eine Ohrfeige, daß es mir in dem Auge blitzte und im Ohr
-läutete.
-
-„Hilf mir in meinen Pelz, Sklave.“
-
-Ich half, so gut ich konnte.
-
-„Wie ungeschickt,“ rief sie, und kaum hatte sie ihn an, schlug sie mich
-wieder ins Gesicht. Ich fühlte es, wie ich mich entfärbte.
-
-„Habe ich dir weh getan?“ fragte sie und legte die Hand sanft auf mich.
-
-„Nein, nein,“ rief ich.
-
-„Du darfst dich allerdings nicht beklagen, du willst es ja so; nun, gib
-mir noch einen Kuß.“
-
-Ich schlang die Arme um sie, und ihre Lippen sogen sich an den meinen
-fest, und wie sie in dem großen, schweren Pelze an meiner Brust lag,
-hatte ich ein seltsames, beklemmendes Gefühl, wie wenn mich ein wildes
-Tier, eine Bärin umarmen würde, und mir war es, als müßte ich jetzt
-ihre Krallen in meinem Fleische fühlen. Aber für diesmal entließ mich
-die Bärin gnädig.
-
-Die Brust von lachenden Hoffnungen erfüllt, stieg ich in mein elendes
-Bedientenzimmer und warf mich auf mein hartes Bett.
-
-„Das Leben ist doch eigentlich urkomisch,“ dachte ich mir, „vor kurzem
-hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und
-jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche
-die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch
-die Teufel auf Eisfelder treiben lassen.
-
-Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern
-geschlafen.“
-
- * *
- *
-
-Ich bin heute Nacht mit einem Schrei aus dem Schlafe aufgeschreckt,
-ich habe von einem Eisfelde geträumt, auf dem ich mich verirrt hatte
-und vergebens den Ausweg suchte. Plötzlich kam ein Eskimo in einem mit
-Renntier bespannten Schlitten und hatte das Gesicht des Garçons, der
-mir das ungeheizte Zimmer angewiesen.
-
-„Was suchen Sie hier, Monsieur?“ rief er, „hier ist der Nordpol.“
-
-Im nächsten Augenblicke war er verschwunden, und Wanda flog auf kleinen
-Schlittschuhen über die Eisfläche heran, ihr weißer Atlasrock flatterte
-und knisterte, der Hermelin ihrer Jacke und Mütze, vor allem aber ihr
-Antlitz schimmerte weißer als der weiße Schnee, sie schoß auf mich zu,
-schloß mich in ihre Arme und begann mich zu küssen, plötzlich fühlte
-ich mein Blut warm an mir herabrieseln.
-
-„Was tust du?“ fragte ich entsetzt.
-
-Sie lachte, und wie ich sie jetzt ansah, war es nicht mehr Wanda,
-sondern eine große, weiße Bärin, welche ihre Tatzen in meinen Leib
-bohrte.
-
-Ich schrie verzweifelt auf und hörte ihr teuflisches Gelächter noch,
-als ich erwacht war und erstaunt im Zimmer herumsah.
-
- * *
- *
-
-Früh am Morgen stand ich bereits an Wandas Türe, und als der Garçon den
-Kaffee brachte, nahm ich ihm denselben und servierte ihn meiner schönen
-Herrin. Sie hatte bereits Toilette gemacht und sah prächtig aus, frisch
-und rosig, lächelte mir freundlich zu und rief mich zurück, als ich
-mich respektvoll entfernen wollte.
-
-„Nimm auch rasch dein Frühstück, Gregor,“ sprach sie, „wir gehen dann
-sofort Wohnungen suchen, ich will so kurz als möglich im Hotel bleiben,
-hier sind wir furchtbar geniert, und wenn ich etwas länger mit dir
-plaudre, heißt es gleich: die Russin hat mit ihrem Bedienten ein
-Liebesverhältnis, man sieht, die Rasse der Katharina stirbt nicht aus.“
-
-Eine halbe Stunde später gingen wir aus, Wanda in ihrem Tuchkleide,
-ihrer russischen Mütze, ich in meinem Krakauerkostüm. Wir erregten
-Aufsehen. Ich ging etwa zehn Schritte entfernt hinter ihr und machte
-ein finsteres Gesicht, während ich jede Sekunde in lautes Lachen
-auszubrechen fürchtete. Es gab kaum eine Straße, in der nicht an
-einem der hübschen Häuser eine kleine Tafel mit dem „~Camere
-ammobiliate~“ prangte. Wanda sendete mich jedesmal die Treppe
-hinauf, und nur wenn ich die Meldung machte, daß die Wohnung ihren
-Absichten zu entsprechen scheine, stieg sie selbst empor. So war ich um
-Mittag herum bereits so müde, wie ein Jagdhund nach einer Parforcejagd.
-
-Wieder traten wir in ein Haus und wieder verließen wir es, ohne eine
-passende Wohnung gefunden zu haben. Wanda war bereits etwas ärgerlich.
-Plötzlich sagte sie zu mir: „Severin, der Ernst, mit dem du deine Rolle
-spielst, ist reizend, und der Zwang, den wir uns auferlegt haben, regt
-mich geradezu auf, ich halte es nicht mehr aus, du bist zu lieb, ich
-muß dir einen Kuß geben. Komm in ein Haus hinein.“
-
-„Aber gnädige Frau --“ wendete ich ein.
-
-„Gregor!“ sie trat in die nächste offene Flur, ging einige Stufen der
-dunklen Stiege hinauf, schlang dann mit heißer Zärtlichkeit die Arme um
-mich und küßte mich.
-
-[Illustration]
-
-„Ach! Severin, du warst sehr klug, du bist als Sklave weit
-gefährlicher, als ich dachte, ja, ich finde dich unwiderstehlich, ich
-fürchte, ich werde mich noch einmal in dich verlieben.“
-
-„Liebst du mich denn nicht mehr?“ fragte ich, von einem jähen Schrecken
-ergriffen.
-
-Sie schüttelte ernsthaft den Kopf, küßte mich aber wieder mit ihren
-schwellenden, köstlichen Lippen.
-
-Wir kehrten in das Hotel zurück. Wanda nahm das Gabelfrühstück und
-gebot mir, ebenfalls rasch etwas zu essen.
-
-Ich wurde aber selbstverständlich nicht so rasch bedient wie sie, und
-so geschah es, daß ich eben den zweiten Bissen meines Beefsteaks zum
-Munde führte, als der Garçon eintrat und mit seiner theatralischen
-Geste rief: „Augenblicklich zu Madame.“
-
-Ich nahm einen raschen und schmerzlichen Abschied von meinem Frühstück
-und eilte müde und hungrig Wanda nach, welche bereits in der Straße
-stand.
-
-„Für so grausam habe ich Sie doch nicht gehalten, Herrin,“ sagte ich
-vorwurfsvoll, „daß Sie mich nach allen diesen Fatiguen nicht einmal
-ruhig essen lassen.“
-
-Wanda lachte herzlich. „Ich dachte, du bist fertig,“ sprach sie, „aber
-es ist auch so gut. Der Mensch ist zum Leiden geboren und du ganz
-besonders. Die Märtyrer haben auch keine Beefsteaks gegessen.“
-
-Ich folgte ihr grollend, in meinen Hunger verbissen.
-
-„Ich habe die Idee, eine Wohnung in der Stadt zu nehmen, aufgegeben,“
-fuhr Wanda fort, „man findet schwer ein ganzes Stockwerk, in dem man
-abgeschlossen ist und tun kann, was man will. Bei einem so seltsamen,
-phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist, muß alles
-zusammenstimmen. Ich werde eine ganze Villa mieten und -- nun, warte
-nur, du wirst staunen. Ich erlaube dir jetzt, dich satt zu essen und
-dich dann etwas in Florenz umzusehen. Vor dem Abend komme ich nicht
-nach Hause. Wenn ich dich dann brauche, werde ich dich schon rufen
-lassen.“
-
- * *
- *
-
-Ich habe den Dom gesehen, den Palazzo vecchio, die Loggia di Lanzi und
-bin dann lange am Arno gestanden. Immer wieder ließ ich meinen Blick
-auf dem herrlichen, altertümlichen Florenz ruhen, dessen runde Kuppeln
-und Türme sich weich in den blauen, wolkenlosen Himmel zeichneten, auf
-den prächtigen Brücken, durch deren weite Bogen der schöne, gelbe Fluß
-seine lebhaften Wellen trieb, auf den grünen Hügeln, welche, schlanke
-Zypressen und weitläufige Gebäude, Paläste oder Klöster tragend, die
-Stadt umgeben.
-
-Es ist eine andere Welt, in der wir uns befinden, eine heitere,
-sinnliche und lachende. Auch die Landschaft hat nichts von dem Ernst,
-der Schwermut der unseren. Da ist weithin, bis zu den letzten weißen
-Villen, die im hellgrünen Gebirge zerstreut sind, kein Fleckchen, das
-die Sonne nicht in das hellste Licht setzen würde, und die Menschen
-sind weniger ernst wie wir, und mögen weniger denken, sie sehen aber
-alle aus, wie wenn sie glücklich wären.
-
-Man behauptet auch, daß man im Süden leichter stirbt.
-
-Mir ahnt jetzt, daß es eine Schönheit gibt ohne Stachel und eine
-Sinnlichkeit ohne Qual.
-
-Wanda hat eine allerliebste kleine Villa auf einem der reizenden Hügel
-an dem linken Ufer des Arno, gegenüber der Cascine, entdeckt und für
-den Winter gemietet. Dieselbe liegt in einem hübschen Garten mit
-reizenden Laubgängen, Grasplätzen und einer herrlichen Camelienflur.
-Sie hat nur ein Stockwerk und ist im italienischen Stile im Viereck
-erbaut; die eine Front entlang läuft eine offene Galerie, eine Art
-Loggia mit Gypsabgüssen antiker Statuen, von der steinerne Stufen in
-den Garten hinabführen. Aus der Galerie gelangt man in ein Badezimmer
-mit einem herrlichen Marmorbassin, aus dem eine Wendeltreppe in das
-Schlafgemach der Herrin führt.
-
-Wanda bewohnt das erste Stockwerk allein.
-
-Mir wurde ein Zimmer ebener Erde angewiesen, es ist sehr hübsch und hat
-sogar einen Kamin.
-
-Ich habe den Garten durchstreift und auf einem runden Hügel einen
-kleinen Tempel entdeckt, dessen Tor ich verschlossen fand; aber das Tor
-hat eine Ritze, und wie ich das Auge an dieselbe lege, sehe ich auf
-weißem Piedestal die Liebesgöttin stehen.
-
-Mich ergreift ein leiser Schauer. Mir ist, als lächle sie mir zu: „Bist
-du da? Ich habe dich erwartet.“
-
- * *
- *
-
-Es ist Abend. Eine hübsche kleine Zofe bringt mir den Befehl, vor
-der Herrin zu erscheinen. Ich steige die breite Marmortreppe empor,
-gehe durch den Vorsaal, einen großen mit verschwenderischer Pracht
-eingerichteten Salon und klopfe an die Türe des Schlafgemachs. Ich
-klopfe sehr leise, denn der Luxus, den ich überall entfaltet sehe,
-beängstigt mich, und so werde ich nicht gehört und stehe einige Zeit
-vor der Türe. Mir ist zumute, als stände ich vor dem Schlafgemach
-der großen Katharina und als müßte sie jeden Augenblick im grünen
-Schlafpelz mit dem roten Ordensbande auf der bloßen Brust und mit ihren
-kleinen, weißen, gepuderten Löckchen heraustreten.
-
-Ich klopfe wieder. Wanda reißt ungeduldig den Flügel auf.
-
-„Warum so spät?“ fragt sie.
-
-„Ich stand vor der Türe, du hast mein Klopfen nicht gehört,“ entgegne
-ich schüchtern. Sie schließt die Türe, hängt sich in mich ein und führt
-mich zu der rotdamastenen Ottomane, auf der sie geruht hat. Die ganze
-Einrichtung des Zimmers, Tapeten, Vorhänge, Portieren, Himmelbett,
-alles ist von rotem Damast, und die Decke bildet ein herrliches
-Gemälde, Simson und Delila.
-
-Wanda empfängt mich in einem betörenden Deshabillee, das weiße
-Atlasgewand fließt leicht und malerisch an ihrem schlanken Leib herab
-und läßt Arme und Büste bloß, welche sich weich und nachlässig in die
-dunklen Felle des großen grünsamtenen Zobelpelzes schmiegen. Ihr rotes
-Haar fällt, halb offen, von Schnüren schwarzer Perlen gehalten, über
-den Rücken bis zur Hüfte herab.
-
-„Venus im Pelz,“ flüstre ich, während sie mich an ihre Brust zieht und
-mit ihren Küssen zu ersticken droht. Dann spreche ich kein Wort mehr
-und denke auch nicht mehr, alles geht unter in einem Meere niegeahnter
-Seligkeit.
-
-Wanda machte sich endlich sanft los und betrachtete sich, auf den einen
-Arm gestützt. Ich war zu ihren Füßen herabgesunken, sie zog mich an
-sich und spielte mit meinem Haare.
-
-„Liebst du mich noch?“ fragte sie, ihr Auge verschwamm in süßer
-Leidenschaft.
-
-„Du fragst!“ rief ich.
-
-„Erinnerst du dich noch deines Schwures,“ fuhr sie mit einem reizenden
-Lächeln fort, „nun, da alles eingerichtet, alles bereit ist, frage ich
-dich noch einmal: ist es wirklich dein Ernst, mein Sklave zu werden?“
-
-„Bin ich es denn nicht bereits?“ fragte ich erstaunt.
-
-„Du hast die Dokumente noch nicht unterschrieben.“
-
-„Dokumente -- was für Dokumente?“
-
-„Ah! ich sehe, du denkst nicht mehr daran,“ sagte sie, „also lassen wir
-es bleiben.“
-
-„Aber Wanda,“ sprach ich, „du weißt ja, daß ich keine größere Seligkeit
-kenne, als dir zu dienen, dein Sklave zu sein, und daß ich alles um
-das Gefühl geben würde, mich ganz in deiner Hand zu wissen, mein Leben
-sogar --“
-
-„Wie du schön bist,“ flüsterte sie, „wenn du so begeistert bist, wenn
-du so leidenschaftlich sprichst. Ach! ich bin mehr als je in dich
-verliebt und da soll ich herrisch sein gegen dich und strenge und
-grausam, ich fürchte, ich werde es nicht können.“
-
-„Mir ist nicht bange darum,“ entgegnete ich lächelnd, „wo hast du also
-die Dokumente?“
-
-„Hier,“ sie zog sie halb verschämt aus ihrem Busen hervor und reichte
-sie mir.
-
-„Damit du das Gefühl hast, ganz in meiner Hand zu sein, habe ich
-noch ein zweites Dokument aufgesetzt, in welchem du erklärst, daß du
-entschlossen bist, dir das Leben zu nehmen. Ich kann dich dann sogar
-töten, wenn ich will.“
-
-„Gib.“
-
-Während ich die Dokumente entfaltete und zu lesen begann, holte Wanda
-Tinte und Feder, dann setzte sie sich zu mir, legte den Arm um meinen
-Nacken und blickte über meine Schultern in das Papier.
-
-Das erste lautete:
-
-
- =Vertrag zwischen Frau Wanda von Dunajew und Herrn Severin von
- Kusiemski.=
-
- Herr Severin von Kusiemski hört mit dem heutigen Tage auf, der
- Bräutigam der Frau Wanda von Dunajew zu sein und verzichtet auf
- alle seine Rechte als Geliebter; er verpflichtet sich dagegen mit
- seinem Ehrenworte als Mann und Edelmann, fortan der +Sklave+
- derselben zu sein und zwar so lange sie ihm nicht selbst die
- Freiheit zurückgibt.
-
- Er hat als der Sklave der Frau von Dunajew den Namen Gregor zu
- führen, unbedingt jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, jedem ihrer
- Befehle zu gehorchen, seiner Herrin mit Unterwürfigkeit zu
- begegnen, jedes Zeichen ihrer Gunst als eine außerordentliche Gnade
- anzusehen.
-
- Frau von Dunajew darf ihren Sklaven nicht allein bei dem geringsten
- Versehen oder Vergehen nach Gutdünken strafen, sondern sie hat
- auch das Recht, ihn nach Laune oder nur zu ihrem Zeitvertreib zu
- mißhandeln, wie es ihr eben gefällt, ja sogar zu töten, wenn es ihr
- beliebt, kurz, er ist ihr unbeschränktes Eigentum.
-
- Sollte Frau von Dunajew ihrem Sklaven je die Freiheit schenken, so
- hat Herr Severin von Kusiemski alles, was er als Sklave erfahren
- oder erduldet, zu vergessen und +nie und niemals, unter keinen
- Umständen und in keiner Weise an Rache oder Wiedervergeltung zu
- denken+.
-
- Frau von Dunajew verspricht dagegen, als seine Herrin so oft als
- möglich im Pelz zu erscheinen, besonders wenn sie gegen ihren
- Sklaven grausam sein wird.“
-
-Unter dem Vertrage stand das Datum des heutigen Tages.
-
-Das zweite Dokument entielt nur wenige Worte.
-
-„Seit Jahren des Daseins und seiner Täuschungen überdrüssig, habe ich
-meinem wertlosen Leben freiwillig ein Ende gemacht.“
-
-Mich faßte ein tiefes Grauen, als ich zu Ende war, noch war es Zeit,
-noch konnte ich zurück, aber der Wahnsinn der Leidenschaft, der Anblick
-des schönen Weibes, das aufgelöst an meiner Schulter lehnte, rissen
-mich fort.
-
-„Dieses hier mußt du zuerst abschreiben, Severin,“ sprach Wanda, auf
-das zweite Dokument deutend, „es muß vollkommen in deinen Schriftzügen
-abgefaßt sein, bei dem Vertrage ist das natürlich nicht nötig.“
-
-Ich kopierte rasch die wenigen Zeilen, in denen ich mich als
-Selbstmörder bezeichnete, und gab sie Wanda. Sie las und legte sie dann
-lächelnd auf den Tisch.
-
-„Nun, hast du den Mut, das zu unterzeichnen?“ fragte sie, den Kopf
-neigend, mit einem feinen Lächeln.
-
-Ich nahm die Feder.
-
-„Laß mich zuerst,“ sprach Wanda, „dir zittert die Hand, fürchtest du
-dich so sehr vor deinem Glück?“
-
-Sie nahm den Vertrag und die Feder -- ich blickte im Kampfe mit
-mir selbst einen Augenblick empor und jetzt erst fiel mir, wie auf
-vielen Gemälden italienischer und holländischer Schule, der durchaus
-unhistorische Charakter des Deckengemäldes auf, der demselben ein
-seltsames, für mich geradezu unheimliches Gepräge gab. Delila, eine
-üppige Dame mit flammendem roten Haare, liegt halb entkleidet in einem
-dunklen Pelzmantel auf einer roten Ottomane und beugt sich lächelnd
-zu Simson herab, den die Philister niedergeworfen und gebunden
-haben. Ihr Lächeln ist in seiner spöttischen Koketterie von wahrhaft
-infernalischer Grausamkeit, ihr Auge, halb geschlossen, begegnet jenem
-Simsons, das noch im letzten Blicke mit wahnsinniger Liebe an dem ihren
-hängt, denn schon kniet einer der Feinde auf seiner Brust, bereit, ihm
-das glühende Eisen hineinzustoßen.
-
-„So --“ rief Wanda, „du bist ja ganz verloren, was hast du nur, es
-bleibt ja doch alles beim Alten, auch wenn du unterschrieben hast,
-kennst du mich denn noch immer nicht, Herzchen?“
-
-Ich blickte in den Vertrag. Da stand in großen kühnen Zügen ihr Name.
-Noch einmal schaute ich in ihr zauberkräftiges Auge, dann nahm ich die
-Feder und unterschrieb rasch den Vertrag.
-
-„Du hast gezittert,“ sprach Wanda ruhig, „soll ich dir die Feder
-führen?“
-
-Sie faßte in demselben Augenblick sanft meine Hand, und da stand mein
-Name auch auf dem zweiten Papier. Wanda sah beide Dokumente noch einmal
-an und schloß sie dann in den Tisch, welcher zu Häupten der Ottomane
-stand.
-
-„So -- nun gib mir noch deinen Paß und dein Geld.“
-
-Ich ziehe meine Brieftasche hervor und reiche sie ihr, sie blickt
-hinein, nickt und legt sie zu dem Übrigen, während ich vor ihr knie und
-mein Haupt in süßer Trunkenheit an ihrer Brust ruhen lasse.
-
-Da stößt sie mich plötzlich mit dem Fuße von sich, springt auf und
-zieht die Glocke, auf deren Ton drei junge, schlanke Negerinnen,
-wie aus Ebenholz geschnitzt und ganz in roten Atlas gekleidet,
-hereintreten, jede einen Strick in der Hand.
-
-[Illustration]
-
-Jetzt begreife ich auf einmal meine Lage und will mich erheben, aber
-Wanda, welche, hoch aufgerichtet, ihr kaltes, schönes Antlitz mit
-den finsteren Brauen, den höhnischen Augen mir zugewendet, als
-Herrin gebietend vor mir steht, winkt mit der Hand, und ehe ich noch
-recht weiß, was mit mir geschieht, haben mich die Negerinnen zu Boden
-gerissen, mir Beine und Hände fest zusammengeschnürt und die Arme wie
-einem, der hingerichtet werden soll, auf den Rücken gebunden, so daß
-ich mich kaum bewegen kann.
-
-„Gib mir die Peitsche, Haydée,“ befiehlt Wanda mit unheimlicher Ruhe.
-
-Die Negerin reicht sie kniend der Gebieterin.
-
-„Und nimm mir den schweren Pelz ab,“ fährt diese fort, „er hindert
-mich.“
-
-Die Negerin gehorchte.
-
-„Die Jacke dort!“ befahl Wanda weiter.
-
-Haydée brachte rasch die hermelinbesetzte Kazabaika, welche auf dem
-Bette lag, und Wanda schlüpfte mit zwei unnachahmlich reizenden
-Bewegungen hinein.
-
-„Bindet ihn an die Säule hier.“
-
-Die Negerinnen heben mich auf, schlingen ein dickes Seil um meinen Leib
-und binden mich stehend an eine der massiven Säulen, welche den Himmel
-des breiten italienischen Bettes tragen.
-
-Dann sind sie auf einmal verschwunden, wie wenn die Erde sie
-verschlungen hätte.
-
-Wanda tritt rasch auf mich zu, das weiße Atlasgewand fließt ihr in
-langer Schleppe wie Silber, wie Mondlicht nach, ihre Haare lodern
-gleich Flammen auf dem weißen Pelz der Jacke; jetzt steht sie vor mir,
-die linke Hand in die Seite gestemmt, in der Rechten die Peitsche, und
-stößt ein kurzes Lachen aus.
-
-„Jetzt hat das Spiel zwischen uns aufgehört,“ spricht sie mit herzloser
-Kälte, „jetzt ist es Ernst, du Tor! den ich verlache und verachte, der
-sich +mir+, dem übermütigen, launischen Weibe, in wahnsinniger
-Verblendung als Spielzeug hingegeben. Du bist nicht mehr mein
-Geliebter, sondern +mein Sklave+, auf Tod und Leben meiner Willkür
-preisgegeben.
-
-Du sollst mich kennen lernen!
-
-Vor allem wirst du mir jetzt einmal im Ernste die Peitsche kosten, ohne
-daß du etwas verschuldet hast, damit du begreifst, was dich erwartet,
-wenn du dich ungeschickt, ungehorsam oder widerspenstig zeigst.“
-
-Sie schürzte hierauf mit wilder Grazie den pelzbesetzten Ärmel auf und
-hieb mich über den Rücken.
-
-Ich zuckte zusammen, die Peitsche schnitt wie ein Messer in mein
-Fleisch.
-
-„Nun, wie gefällt dir das?“ rief sie.
-
-Ich schwieg.
-
-„Wart’ nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der
-Peitsche,“ drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen.
-
-Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen
-Rücken, meine Arme, meinen Nacken, ich biß die Zähne zusammen, um nicht
-aufzuschreien. Jetzt traf sie mich ins Gesicht, das warme Blut rann mir
-herab, sie aber lachte und peitschte fort.
-
-„Jetzt erst versteh ich dich,“ rief sie dazwischen, „es ist wirklich
-ein Genuß, einen Menschen so in seiner Gewalt zu haben und noch dazu
-einen Mann, der mich liebt -- du liebst mich doch? -- Nicht -- Oh! ich
-zerfleische dich noch, so wächst mir bei jedem Hiebe das Vergnügen;
-nun krümme dich doch ein wenig, schreie, wimmere! Bei mir sollst du
-kein Erbarmen finden.“
-
-Endlich scheint sie müde.
-
-Sie wirft die Peitsche weg, streckt sich auf der Ottomane aus und
-klingelt.
-
-Die Negerinnen treten ein.
-
-„Bindet ihn los.“
-
-[Illustration]
-
-Wie sie mir das Seil lösen, schlage ich wie ein Stück Holz zu Boden.
-Die schwarzen Weiber lachen und zeigen die weißen Zähne.
-
-„Löst ihm die Stricke an den Füßen.“
-
-Es geschieht. Ich kann mich erheben.
-
-„Komm zu mir, Gregor.“
-
-Ich nähere mich dem schönen Weibe, das mir noch nie so verführerisch
-erschien wie heute in seiner Grausamkeit, in seinem Hohne.
-
-„Noch einen Schritt,“ gebietet Wanda, „knie nieder und küsse mir den
-Fuß.“
-
-Sie streckt den Fuß unter dem weißen Atlassaum hervor und ich
-übersinnlicher Tor presse meine Lippen darauf.
-
-„Du wirst mich jetzt einen ganzen Monat nicht sehen, Gregor,“ spricht
-sie ernst, „damit ich dir fremd werde, du dich leichter in deine neue
-Stellung mir gegenüber findest; du wirst während dieser Zeit im Garten
-arbeiten und meine Befehle erwarten. Und nun marsch, Sklave!“
-
- * *
- *
-
-Ein Monat ist in monotoner Regelmäßigkeit, in schwerer Arbeit, in
-schwermütiger Sehnsucht vergangen, in Sehnsucht nach ihr, die mir alle
-diese Leiden bereitet. Ich bin dem Gärtner zugewiesen, helfe ihm die
-Bäume, die Hecken stutzen, die Blumen umsetzen, die Beete umgraben, die
-Kieswege kehren, teile seine grobe Kost und sein hartes Lager, bin mit
-den Hühnern auf und gehe mit den Hühnern zur Ruhe, und höre von Zeit
-zu Zeit, daß unsere Herrin sich amüsiert, daß sie von Anbetern umringt
-ist, und einmal höre ich sogar ihr mutwilliges Lachen bis in den Garten
-hinab.
-
-Ich komme mir so dumm vor. Bin ich es bei diesem Leben geworden oder
-war ich es schon vorher? Der Monat geht zu Ende, übermorgen -- was wird
-sie nun mit mir beginnen, oder hat sie mich vergessen, und ich kann bis
-zu meinem seligen Ende Hecken stutzen und Bukette binden?
-
- * *
- *
-
-Ein schriftlicher Befehl.
-
-„Der Sklave Gregor wird hiermit zu meinem persönlichen Dienst befohlen.
-
- Wanda Dunajew.“
-
- * *
- *
-
-Mit klopfendem Herzen teile ich am nächsten Morgen die damastene
-Gardine und trete in das Schlafgemach meiner Göttin, das noch von
-holdem Halbdunkel erfüllt ist.
-
-„Bist du es, Gregor?“ fragt sie, während ich vor dem Kamin knie und
-Feuer mache. Ich erzitterte bei dem Tone der geliebten Stimme. Sie
-selbst kann ich nicht sehen, sie ruht unnahbar hinter den Vorhängen des
-Himmelbettes.
-
-„Ja, gnädige Frau,“ antworte ich.
-
-„Wie spät?“
-
-„Neun Uhr vorbei.“
-
-„Das Frühstück.“
-
-Ich eile es zu holen und knie dann mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette
-nieder.
-
-„Hier ist das Frühstück, Herrin.“
-
-Wanda schlägt die Vorhänge zurück und seltsam, wie ich sie in ihren
-weißen Kissen mit dem aufgelösten flutenden Haare sehe, erscheint sie
-mir im ersten Augenblick vollkommen fremd, ein schönes Weib; aber die
-geliebten Züge sind es nicht, dieses Antlitz ist hart und hat einen
-unheimlichen Ausdruck von Müdigkeit, von Übersättigung.
-
-Oder habe ich für dies alles früher kein Auge gehabt?
-
-Sie heftet die grünen Augen mehr neugierig als drohend oder etwa
-mitleidig auf mich und zieht den dunklen Schlafpelz, in dem sie ruht,
-träge über die entblößte Schulter herauf.
-
-In diesem Augenblicke ist sie so reizend, so sinnverwirrend, daß ich
-mein Blut zu Kopf und Herzen steigen fühle, und das Brett in meiner
-Hand zu schwanken beginnt. Sie bemerkt es und greift nach der Peitsche,
-die auf ihrem Nachttisch liegt.
-
-„Du bist ungeschickt, Sklave,“ sagte sie, die Stirne runzelnd.
-
-Ich senke den Blick zur Erde und halte das Brett, so fest ich nur kann,
-und sie nimmt ihr Frühstück und gähnt und dehnt ihre üppigen Glieder in
-dem herrlichen Pelz.
-
- * *
- *
-
-Sie hat geklingelt. Ich trete ein.
-
-„Diesen Brief an den Fürsten Corsini.“
-
-Ich eile in die Stadt, übergebe den Brief dem Fürsten, einem jungen
-schönen Mann mit glühenden schwarzen Augen und bringe ihr von
-Eifersucht verzehrt die Antwort.
-
-„Was ist dir?“ fragt sie hämisch lauernd, „du bist so entsetzlich
-bleich.“
-
-„Nichts, Herrin, ich bin nur etwas rasch gegangen.“
-
- * *
- *
-
-Beim Dejeuner ist der Fürst an ihrer Seite, und ich bin verurteilt,
-sie und ihn zu bedienen, während sie scherzen und ich für beide gar
-nicht auf der Welt bin. Einen Augenblick wird es mir schwarz vor den
-Augen, ich schenke eben Bordeaux in sein Glas und schütte ihn über das
-Tischtuch, über ihre Robe.
-
-„Wie ungeschickt,“ ruft Wanda und gibt mir eine Ohrfeige, der Fürst
-lacht und sie lacht gleichfalls und mir schießt das Blut ins Gesicht.
-
- * *
- *
-
-Nach dem Dejeuner fährt sie in die Cascine. Sie kutschiert selbst den
-kleinen Wagen mit den hübschen englischen Braunen, ich sitze hinter ihr
-und sehe wie sie kokettiert und lächelnd dankt, wenn sie von einem der
-vornehmen Herren gegrüßt wird.
-
-Wie ich ihr aus dem Wagen helfe, stützt sie sich leicht auf meinen
-Arm, die Berührung durchzuckt mich elektrisch. Ach! das Weib ist doch
-wunderbar und ich liebe sie mehr als je.
-
- * *
- *
-
-Zum Diner um sechs abends ist eine kleine Gesellschaft von Damen und
-Herren da. Ich serviere und diesmal schütte ich keinen Wein über das
-Tischtuch.
-
-Eine Ohrfeige ist doch eigentlich mehr als zehn Vorlesungen, man
-begreift dabei so schnell, besonders wenn es eine kleine volle
-Frauenhand ist, die uns belehrt.
-
- * *
- *
-
-Nach dem Diner fährt sie in die Pergola; wie sie die Treppe hinabkommt
-in ihrem schwarzen Samtkleide, mit dem großen Kragen von Hermelin, ein
-Diadem aus weißen Rosen im Haare, sieht sie wahrhaft blendend aus.
-Ich öffne den Schlag, helfe ihr in den Wagen. Vor dem Theater springe
-ich vom Bock, sie stützt sich beim Aussteigen auf meinen Arm, welcher
-unter der süßen Last erbebt. Ich öffne ihr die Türe der Loge und warte
-dann im Gange. Vier Stunden dauert die Vorstellung, während welcher
-sie die Besuche ihrer Kavaliere empfängt und ich die Zähne vor Wut
-zusammenbeiße.
-
- * *
- *
-
-Es ist weit über Mitternacht, als die Klingel der Herrin zum letzten
-Male tönt.
-
-„Feuer!“ befiehlt sie kurz, und wie es im Kamine prasselt, „Tee“.
-
-Als ich mit dem Samowar zurückkehre, hat sie sich bereits entkleidet
-und schlüpft eben mit Hilfe der Negerin in ihr weißes Negligée.
-
-Haydée entfernt sich hierauf.
-
-„Gib mir den Schlafpelz,“ sagt Wanda, ihre schönen Glieder schläfrig
-dehnend. Ich hebe ihn vom Fauteuil und halte ihn, während sie langsam
-träge in die Ärmel schlüpft. Dann wirft sie sich in die Polster der
-Ottomane.
-
-„Ziehe mir die Schuhe aus und dann die Samtpantoffel an.“
-
-Ich knie nieder und ziehe an dem kleinen Schuh, welcher mir widersteht.
-„Rasch! rasch!“ ruft Wanda, „du tust mir weh! warte nur -- ich werde
-dich noch abrichten.“ Sie schlägt mich mit der Peitsche, schon ist es
-gelungen!
-
-„Und jetzt marsch!“ noch ein Fußtritt -- dann darf ich zur Ruhe gehen.
-
- * *
- *
-
-Heute habe ich sie zu einer Soirée begleitet. Im Vorzimmer befahl sie
-mir, ihr den Pelz abzunehmen, dann trat sie mit einem stolzen Lächeln,
-ihres Sieges gewiß, in den glänzend erleuchteten Saal, und ich konnte
-wieder Stunde auf Stunde in trüben einförmigen Gedanken verrinnen
-sehen; von Zeit zu Zeit tönte Musik zu mir heraus, wenn die Türe einen
-Augenblick geöffnet blieb. Ein paar Lakaien versuchten ein Gespräch
-mit mir einzuleiten, da ich aber nur wenige Worte Italienisch spreche,
-gaben sie es bald auf.
-
-Ich schlafe endlich ein und träume, daß ich Wanda in einem wütenden
-Anfall von Eifersucht morde und zum Tode verurteilt werde, ich sehe
-mich an das Brett geschnallt, das Beil fällt, ich fühle es im Nacken,
-aber ich lebe noch --
-
-Da schlägt mich der Henker ins Gesicht --
-
-Nein, es ist nicht der Henker, es ist Wanda, welche zornig vor mir
-steht und ihren Pelz verlangt. Ich bin im Augenblick bei ihr und helfe
-ihr hinein.
-
-Es ist doch ein Genuß, einem schönen üppigen Weibe einen Pelz
-umzugeben, zu sehen, zu fühlen, wie ihr Nacken, ihre herrlichen Glieder
-sich in die köstlichen weichen Felle schmiegen, und die wogenden
-Locken aufzuheben und über den Kragen zu legen, und dann wenn sie ihn
-abwirft und die holde Wärme und ein leichter Duft ihres Leibes hängen
-an den goldenen Haarspitzen des Zobels -- es ist um die Sinne zu
-verlieren!
-
- * *
- *
-
-Endlich ein Tag ohne Gäste, ohne Theater, ohne Gesellschaft. Ich atme
-auf. Wanda sitzt in der Galerie und liest, für mich scheint sie keinen
-Auftrag zu haben. Mit der Dämmerung, dem silbernen Abendnebel zieht sie
-sich zurück. Ich bediene sie beim Diner, sie speist allein, aber sie
-hat keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal -- eine Ohrfeige.
-
-Ach! wie sehne ich mich nach einem Schlag von ihrer Hand.
-
-Mir kommen die Tränen, ich fühle, wie tief sie mich erniedrigt hat, so
-tief, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, mich zu quälen, zu
-mißhandeln.
-
-Ehe sie zu Bette geht, ruft mich ihre Klingel.
-
-„Du wirst heute nacht bei mir schlafen, ich habe die vorige Nacht
-abscheuliche Träume gehabt und fürchte mich, allein zu sein. Nimm dir
-ein Polster von der Ottomane und lege dich auf das Bärenfell zu meinen
-Füßen.“
-
-Hierauf verlöschte Wanda die Lichter, so daß nur eine kleine Ampel von
-der Decke herab das Zimmer beleuchtete, und stieg in das Bett. „Rühre
-dich nicht, damit du mich nicht weckst.“
-
-Ich tat, wie sie befohlen hatte, aber ich konnte lange nicht
-einschlafen; ich sah das schöne Weib, schön wie eine Göttin, in ihrem
-dunklen Schlafpelz ruhen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem
-Nacken, von ihren roten Haaren überflutet; ich hörte, wie sich ihre
-herrliche Brust in tiefem regelmäßigen Atemholen hob, und jedesmal,
-wenn sie sich nur regte, war ich wach und lauschte, ob sie meiner
-bedürfe.
-
-Aber sie bedurfte meiner nicht.
-
-Ich hatte keine andere Aufgabe zu erfüllen, keine höhere Bedeutung für
-sie, als ein Nachtlicht oder ein Revolver, den man sich zum Bette legt.
-
- * *
- *
-
-Bin ich toll oder ist sie es? Entspringt dies alles in einem
-erfinderischen mutwilligen Frauengehirne, in der Absicht, meine
-übersinnlichen Phantasien zu übertreffen, oder ist dies Weib wirklich
-eine jener neronischen Naturen, welche einen teuflischen Genuß darin
-finden, Menschen, welche denken und empfinden und einen Willen haben
-wie sie selbst, gleich einem Wurme unter dem Fuße zu haben?
-
-Was habe ich erlebt!
-
-Als ich mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette niederkniete, legte Wanda
-plötzlich die Hand auf meine Schulter und tauchte ihre Augen tief in
-die meinen.
-
-„Was du für schöne Augen hast,“ sprach sie leise, „und jetzt erst
-recht, seitdem du leidest. Bist du recht unglücklich?“
-
-Ich senkte den Kopf und schwieg.
-
-„Severin! liebst du mich noch,“ rief sie plötzlich leidenschaftlich,
-„kannst du mich noch lieben?“ und sie riß mich mit solcher Gewalt an
-sich, daß das Brett umklappte, die Kannen und Tassen zu Boden fielen
-und der Kaffee über den Teppich lief.
-
-„Wanda -- meine Wanda,“ schrie ich auf und preßte sie heftig an mich
-und bedeckte ihren Mund, ihr Antlitz, ihre Brust mit Küssen. „Das ist
-ja mein Elend, daß ich dich immer mehr, immer wahnsinniger liebe, je
-mehr du mich mißhandelst, je öfter du mich verratest! o! ich werde noch
-sterben vor Schmerz und Liebe und Eifersucht.“
-
-„Aber ich habe dich ja noch gar nicht verraten, Severin,“ erwiderte
-Wanda lächelnd.
-
-„Nicht? Wanda! Um Gotteswillen! scherze nicht so unbarmherzig mit mir,“
-rief ich. „Habe ich nicht selbst den Brief zum Fürsten --“
-
-„Allerdings, eine Einladung zum Dejeuner.“
-
-„Du hast, seitdem wir in Florenz sind --“
-
-„Dir die Treue vollkommen bewahrt,“ entgegnete Wanda, „ich schwöre es
-dir bei allem, was mir heilig ist. Ich habe alles nur getan, um deine
-Phantasie zu erfüllen, nur deinetwegen.
-
-„Aber ich werde mir einen Anbeter nehmen, sonst ist die Sache nur halb,
-und du machst mir am Ende noch Vorwürfe, daß ich nicht grausam genug
-gegen dich war. Mein lieber, schöner Sklave! Heute aber sollst du
-wieder einmal Severin, sollst du ganz nur mein Geliebter sein. Ich habe
-deine Kleider nicht fortgegeben, du findest sie hier im Kasten, ziehe
-dich so an, wie du damals warst in dem kleinen Karpathenbade, wo wir
-uns so innig liebten; vergiß alles, was seitdem geschehen ist, o, du
-wirst es leicht vergessen in meinen Armen, ich küsse dir allen Kummer
-weg.“
-
-Sie begann mich wie ein Kind zu zärteln, zu küssen, zu streicheln.
-Endlich bat sie mit holdem Lächeln: „Zieh dich jetzt an, auch ich will
-Toilette machen; soll ich meine Pelzjacke nehmen? Ja, ja, ich weiß
-schon, geh nur!“
-
-Als ich zurückkam, stand sie in ihrer weißen Atlasrobe, der roten mit
-Hermelin besetzten Kazabaika, das Haar weiß gepudert, ein kleines
-Diamantendiadem über der Stirne, in der Mitte des Zimmers. Einen
-Augenblick erinnerte sie mich unheimlich an Katharina II., aber
-sie ließ mir keine Zeit zu Erinnerungen, sie zog mich zu sich auf die
-Ottomane und wir verbrachten zwei selige Stunden; sie war jetzt nicht
-die strenge, launische Herrin, sie war ganz nur die feine Dame, die
-zärtliche Geliebte. Sie zeigte mir Photographien, Bücher, welche eben
-erschienen waren, und sprach mit mir über dieselben mit so viel Geist
-und Klarheit und Geschmack, daß ich mehr als einmal entzückt ihre
-Hand an die Lippen führte. Sie ließ mich dann ein paar Gedichte von
-Lermontow vortragen, und als ich recht im Feuer war -- legte sie die
-kleine Hand liebevoll auf die meine und fragte, während ein holdes
-Vergnügen auf ihren weichen Zügen, in ihrem sanften Blicke lag, „bist
-du glücklich?“
-
-„Noch nicht.“
-
-Sie legte sich hierauf in die Polster zurück und öffnete langsam ihre
-Kazabaika.
-
-Ich aber deckte den Hermelin rasch wieder über ihre halbentblößte
-Brust. „Du machst mich wahnsinnig,“ stammelte ich.
-
-„So komm.“
-
-Schon lag ich in ihren Armen, schon küßte sie mich wie eine Schlange
-mit der Zunge; da flüsterte sie noch einmal: „Bist du glücklich?“
-
-„Unendlich!“ rief ich.
-
-Sie lachte auf; es war ein böses, gellendes Gelächter, bei dem es mich
-kalt überrieselte.
-
-„Früher träumtest du, der Sklave, das Spielzeug eines schönen Weibes
-zu sein, jetzt bildest du dir ein, ein freier Mensch, ein Mann, mein
-Geliebter zu sein, du Thor! Ein Wink von mir, und du bist wieder
-Sklave. -- Auf die Knie.“
-
-Ich sank von der Ottomane herab zu ihren Füßen, mein Auge hing noch
-zweifelnd an dem ihren.
-
-„Du kannst es nicht glauben,“ sprach sie, mich mit auf der Brust
-verschränkten Armen betrachtend, „ich langweile mich, und du bist eben
-gut genug, mir ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben. Sieh mich nicht
-so an --“
-
-Sie trat mich mit dem Fuße.
-
-„Du bist eben, was ich will, ein Mensch, ein Ding, ein Tier --“
-
-Sie klingelte. Die Negerinnen traten ein.
-
-„Bindet ihm die Hände auf den Rücken.“
-
-Ich blieb knien und ließ es ruhig geschehen. Dann führten sie mich in
-den Garten hinab bis zu dem kleinen Weinberg, der ihn gegen den Süden
-begrenzt. Zwischen den Traubengeländen war Mais angebaut gewesen, da
-und dort ragten noch einzelne dürre Stauden. Seitwärts stand ein Pflug.
-
-Die Negerinnen banden mich an einen Pflock und unterhielten sich damit,
-mich mit ihren goldenen Haarnadeln zu stechen. Es dauerte jedoch nicht
-lange, so kam Wanda, die Hermelinmütze auf dem Kopf, die Hände in den
-Taschen ihrer Jacke, sie ließ mich losbinden, mir die Arme auf den
-Rücken schnüren, mir ein Joch auf den Nacken setzen und mich in den
-Pflug spannen.
-
-Dann stießen mich ihre schwarzen Teufelinnen in den Acker, die eine
-führte den Pflug, die andere lenkte mich mit dem Seil, die dritte trieb
-mich mit der Peitsche an, und Venus im Pelz stand zur Seite und sah zu.
-
- * *
- *
-
-Wie ich ihr am nächsten Tage das Diner serviere, sagt Wanda: „Bringe
-noch ein Gedeck, ich will, daß du heute mit mir speisest,“ und als ich
-ihr gegenüber Platz nehmen will: „Nein, zu mir, ganz nahe zu mir.“
-
-[Illustration]
-
-Sie ist in bester Laune, gibt mir Suppe mit ihrem Löffel, füttert
-mich mit ihrer Gabel, legt dann den Kopf wie ein spielendes Kätzchen
-auf den Tisch und kokettiert mit mir. Es will das Unglück, daß ich
-Haydée, welche statt mir die Gerichte bringt, etwas länger ansehe, als
-es vielleicht nötig ist; mir fällt erst jetzt ihre edle, beinahe
-europäische Gesichtsbildung, die herrliche, statuenhafte Büste, wie aus
-schwarzem Marmor gemeißelt, auf. Die schöne Teufelin bemerkt, daß sie
-mir gefällt, und blökt lächelnd die Zähne -- kaum hat sie das Gemach
-verlassen, so springt Wanda vor Zorn flammend auf.
-
-„Was, du wagst es, vor mir ein anderes Weib so anzusehen! sie gefällt
-dir am Ende besser wie ich, sie ist noch dämonischer.“
-
-Ich erschrecke, so habe ich sie noch nie gesehen, sie ist plötzlich
-bleich bis in die Lippen und zittert am ganzen Leibe -- Venus im
-Pelz ist eifersüchtig auf ihren Sklaven -- sie reißt die Peitsche
-vom Nagel herab und haut mich ins Gesicht, dann ruft sie die
-schwarzen Dienerinnen, läßt mich durch sie binden und in den Keller
-herabschleppen, wo sie mich in ein dunkles, feuchtes, unterirdisches
-Gewölbe, einen förmlichen Kerker werfen.
-
-Dann fällt die Türe in das Schloß, Riegel werden vorgeschoben, ein
-Schlüssel singt im Schloß. Ich bin gefangen, begraben.
-
- * *
- *
-
-Da liege ich nun, ich weiß nicht wie lange, gebunden wie ein Kalb,
-das zur Schlachtbank geschleppt wird, auf einem Bund feuchten Strohs,
-ohne Licht, ohne Speise, ohne Trank, ohne Schlaf -- sie ist imstande
-und läßt mich verhungern, wenn ich nicht früher erfriere. Die Kälte
-schüttelt mich. Oder ist es das Fieber. Ich glaube, ich fange an,
-dieses Weib zu hassen.
-
- * *
- *
-
-Ein roter Streifen, wie Blut, schwimmt über dem Boden, es ist Licht,
-das durch die Türe fällt, jetzt wird sie geöffnet.
-
-Wanda erscheint an der Schwelle, in ihren Zobelpelz gehüllt, und
-leuchtet mit einer Fackel hinein.
-
-[Illustration]
-
-„Lebst du noch?“ fragt sie.
-
-„Kommst du, mich zu töten?“ antworte ich mit matter, heiserer Stimme.
-
-Mit zwei hastigen Schritten ist Wanda bei mir, kniet an meinem Lager
-nieder und nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. -- „Bist du krank -- wie
-deine Augen glühen, liebst du mich? Ich will, daß du mich liebst.“
-
-Sie zieht einen kurzen Dolch hervor, ich schrecke zusammen, wie seine
-Klinge mir vor den Augen blitzt, ich glaube wirklich, daß sie mich
-töten will. Sie aber lacht und durchschneidet die Stricke, die mich
-fesseln.
-
- * *
- *
-
-Sie läßt mich jetzt jeden Abend nach dem Diner kommen, läßt sich von
-mir vorlesen und bespricht mit mir allerhand anziehende Fragen und
-Gegenstände. Dabei scheint sie ganz verwandelt, es ist, als schäme
-sie sich der Wildheit, die sie mir verraten, der Roheit, mit welcher
-sie mich behandelt hat. Eine rührende Sanftmut verklärt ihr ganzes
-Wesen, und wenn sie mir zum Abschied die Hand reicht, dann liegt in
-ihrem Auge jene übermenschliche Gewalt der Güte und Liebe, welche uns
-Tränen entlockt, bei der wir alle Leiden des Daseins vergessen und alle
-Schrecken des Todes.
-
- * *
- *
-
-Ich lese ihr die Manon l’Escault. Sie fühlt die Beziehung, sie spricht
-zwar kein Wort, aber sie lächelt von Zeit zu Zeit, und endlich klappt
-sie das kleine Buch zu.
-
-„Wollen Sie nicht weiter lesen, gnädige Frau?“
-
-„Heute nicht. Heute spielen wir selbst Manon l’Escault. Ich habe ein
-Rendezvous in den Cascinen und Sie, mein lieber Chevalier, werden mich
-zu demselben begleiten; ich weiß, Sie tun es, nicht?“
-
-„Sie befehlen.“
-
-„Ich befehle nicht, ich bitte Sie darum,“ spricht sie mit
-unwiderstehlichem Liebreiz, dann steht sie auf, legt die Hände auf
-meine Schultern und sieht mich an. „Diese Augen!“ ruft sie aus, „ich
-liebe dich so, Severin, du weißt nicht, wie ich dich liebe.“
-
-„Ja,“ entgegne ich bitter, „so sehr, daß Sie einem anderen ein
-Rendezvous geben.“
-
-„Das tue ich ja nur, um dich zu reizen,“ antwortet sie lebhaft, „ich
-muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie
-verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“
-
-Sie hing leidenschaftlich an meinen Lippen.
-
-„O! könnte ich dir, wie ich möchte, meine ganze Seele im Kusse hingeben
--- so -- nun aber komme.“
-
-Sie schlüpfte in einen einfachen, schwarzen Samtpaletot und umhüllte
-ihr Haupt mit einem dunklen Baschlik. Dann ging sie rasch durch die
-Galerie und stieg in den Wagen.
-
-„Gregor wird mich fahren,“ rief sie dem Kutscher zu, der sich befremdet
-zurückzog.
-
-Ich stieg auf den Bock und peitschte zornig in die Pferde.
-
-In den Cascinen, dort, wo die Hauptallee zu einem dichten Laubgang
-wird, stieg Wanda aus. Es war Nacht, nur einzelne Sterne blickten durch
-die grauen Wolken, welche über den Himmel zogen. Am Arno stand ein
-Mann in einem dunklen Mantel und einem Räuberhut und blickte in die
-gelben Wellen. Wanda schritt rasch durch das Gebüsch zur Seite und
-schlug ihn auf die Achsel. Ich sah noch, wie er sich zu ihr wendete,
-ihre Hand faßte -- dann verschwanden sie hinter der grünen Wand.
-
-Eine qualvolle Stunde. Endlich raschelt es seitwärts im Laube, sie
-kehrten zurück.
-
-Der Mann begleitet sie an den Wagen. Das Licht der Laterne fällt voll
-und grell auf ein unendlich jugendliches, sanftes und schwärmerisches
-Gesicht, das ich nie gesehen habe, und spielt in langen, blonden Locken.
-
-Sie reicht ihm die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßt, dann winkt sie
-mir und im Nu fliegt der Wagen längs der langen Laubwand, die wie eine
-grüne Tapete gegen den Fluß zu steht, davon.
-
-Man läutet an der Gartenpforte. Ein bekanntes Gesicht. Der Mann aus den
-Cascinen.
-
-„Wen darf ich melden?“ frage ich französisch. Der Angeredete schüttelt
-beschämt den Kopf.
-
-„Verstehen Sie vielleicht etwas deutsch?“ fragt er schüchtern.
-
-„Jawohl. Ich bitte also um Ihren Namen.“
-
-„Ah! ich habe leider noch keinen,“ antwortet er verlegen -- „sagen Sie
-Ihrer Herrin nur, der deutsche Maler aus den Cascinen wäre da und bäte
--- doch da ist sie selbst.“
-
-Wanda war auf den Balkon herausgetreten und nickte dem Fremden zu.
-
-„Gregor, führe den Herrn zu mir,“ rief sie mir zu.
-
-Ich wies dem Maler die Treppe.
-
-„Ich bitte, ich finde jetzt schon; ich danke, danke sehr,“ damit sprang
-er die Stufen empor. Ich blieb unten stehen und sah dem armen Deutschen
-mit tiefem Mitleid nach.
-
-Venus im Pelz hat seine Seele in ihren roten Haarschlingen gefangen. Er
-wird sie malen und dabei verrückt werden.
-
- * *
- *
-
-Ein sonniger Wintertag, auf den Blättern der Baumgruppen, auf dem
-grünen Plan der Wiese zittert es wie Gold. Die Kamelien am Fuße der
-Galerie prangen im reichsten Knospenschmuck. Wanda sitzt in der Loggia
-und zeichnet, der deutsche Maler aber steht ihr gegenüber, die Hände
-wie anbetend ineinander gelegt und sieht ihr zu, nein, er blickt in ihr
-Antlitz und ist ganz versunken in ihren Anblick, wie entrückt.
-
-Sie aber sieht es nicht, sie sieht auch mich nicht, wie ich mit dem
-Spaten in der Hand die Blumenbeete umgrabe, nur um sie zu sehen, ihre
-Nähe zu fühlen, die wie Musik, wie Poesie auf mich wirkt.
-
- * *
- *
-
-Der Maler ist fort. Es ist ein Wagnis, aber ich wage es. Ich trete zur
-Galerie hin, ganz nahe und frage Wanda: „Liebst du den Maler, Herrin?“
-
-Sie sieht mich an, ohne mir zu zürnen, schüttelt den Kopf, und endlich
-lächelt sie sogar.
-
-„Ich habe Mitleid mit ihm,“ antwortet sie, „aber ich liebe ihn
-nicht. Ich liebe niemand. +Dich habe ich geliebt, so innig, so
-leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte+, aber jetzt
-liebe ich auch dich nicht mehr, mein Herz ist öde, tot, und das macht
-mich wehmütig.“
-
-„Wanda!“ rief ich schmerzlich ergriffen.
-
-„Auch du wirst mich bald nicht mehr lieben,“ fuhr sie fort, „sag’
-es mir, wenn es einmal so weit ist, ich will dir dann die Freiheit
-zurückgeben.“
-
-„Dann bleibe ich mein ganzes Leben dein Sklave, denn ich bete dich an
-und werde dich immer anbeten,“ rief ich, von jenem Fanatismus der Liebe
-ergriffen, der mir schon wiederholt so verderblich war.
-
-Wanda betrachtete mich mit einem seltsamen Vergnügen. „Bedenke es
-wohl,“ sprach sie, „ich habe dich unendlich geliebt und war despotisch
-gegen dich, um deine Phantasie zu erfüllen, jetzt zittert noch etwas
-von jenem süßen Gefühl als innige Teilnahme für dich in meiner Brust,
-wenn auch dies verschwunden ist, wer weiß, ob ich dich dann frei
-gebe, ob ich dann nicht wirklich grausam, unbarmherzig, ja roh gegen
-dich werde, ob es mir nicht eine diabolische Freude macht, während
-ich gleichgültig bin oder einen anderen liebe, den Mann, der mich
-abgöttisch anbetet, zu quälen, zu foltern, und an seiner Liebe für mich
-sterben zu sehen. Bedenke das wohl!“
-
-„Ich habe alles längst bedacht,“ erwiderte ich, wie im Fieber glühend,
-„ich kann nicht sein, nicht leben ohne dich; ich sterbe, wenn du mir
-die Freiheit gibst, laß mich dein Sklave sein, töte mich, aber stoße
-mich nicht von dir.“
-
-„Nun, so sei mein Sklave,“ erwiderte sie, „aber vergiß nicht, daß ich
-dich nicht mehr liebe, und daß deine Liebe daher keinen größeren Wert
-für mich hat, wie die Ähnlichkeit eines Hundes, und Hunde tritt man.“
-
- * *
- *
-
-Heute habe ich die mediceische Venus besucht.
-
-Es war noch zeitig, der kleine achteckige Saal der Tribuna wie ein
-Heiligtum mit Dämmerlicht gefüllt, und ich stand, die Hände gefaltet,
-in tiefer Andacht vor dem stummen Götterbilde.
-
-Aber ich stand nicht lange.
-
-Es war noch kein Mensch in der Galerie, nicht einmal ein Engländer,
-und da lag ich auf meinen Knien und blickte auf den holden, schlanken
-Leib, die knospende Brust, in das jungfräulich wollüstige Angesicht mit
-den halbgeschlossenen Augen, auf die duftigen Locken, welche zu beiden
-Seiten kleine Hörner zu verbergen scheinen.
-
- * *
- *
-
-Die Klingel der Gebieterin.
-
-Es ist Mittag. Sie aber liegt noch im Bett, die Arme im Nacken
-verschlungen.
-
-„Ich werde baden,“ spricht sie, „und du wirst mich bedienen. Schließe
-die Türe.“
-
-Ich gehorchte.
-
-„Nun geh hinab und versichere dich, daß auch unten gesperrt ist.“
-
-Ich stieg die Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Schlafgemache in das
-Badezimmer führte, die Füße brachen mir, ich mußte mich auf das eiserne
-Geländer stützen. Nachdem ich die Türe, welche in die Loggia und den
-Garten mündete, verschlossen fand, kehrte ich zurück. Wanda saß jetzt
-mit offenem Haar, in ihrem grünen Sammetpelz auf dem Bett. Bei einer
-raschen Bewegung, welche sie machte, sah ich, daß sie nur mit dem Pelze
-bekleidet war und erschrak, ich weiß nicht warum, so furchtbar, wie ein
-zum Tode Verurteilter, welcher weiß, daß er dem Schafott entgegen geht,
-doch beim Anblick desselben zu zittern beginnt.
-
-„Komm, Gregor, nimm mich auf die Arme.“
-
-„Wie, Herrin?“
-
-„Nun, du sollst mich tragen, verstehst du nicht?“
-
-Ich hob sie auf, so daß sie auf meinen Armen saß, während die ihren
-sich um meinen Nacken schlangen, und wie ich so mit ihr die Treppe
-langsam, Stufe für Stufe, hinabstieg und ihr Haar von Zeit zu Zeit
-an meine Wange schlug und ihr Fuß sich leicht auf mein Knie stemmte,
-da erbebte ich unter der schönen Last und dachte, ich müßte jeden
-Augenblick unter ihr zusammenbrechen.
-
-Das Badezimmer bestand aus einer weiten und hohen Rotunde, welche ihr
-weiches, ruhiges Licht von oben durch die rote Glaskuppel bekam. Zwei
-Palmen breiteten ihre großen Blätter als grünes Dach über ein Ruhebett
-aus roten, sammetnen Polstern, von dem mit türkischen Teppichen belegte
-Stufen in das weite Marmorbassin hinabführten, welches die Mitte
-einnahm.
-
-„Oben auf meinem Nachttisch liegt ein grünes Band,“ sagte Wanda,
-während ich sie auf dem Ruhebett niederließ, „bringe es mir und bringe
-mir auch die Peitsche.“
-
-Ich flog die Treppe hinauf und zurück und legte beides kniend in die
-Hand der Gebieterin, welche sich hierauf das schwere elektrische Haar
-von mir in einen großen Knoten binden und mit dem grünen Sammetband
-befestigen ließ. Dann bereitete ich das Bad und zeigte mich recht
-ungeschickt dabei, da mir Hände und Füße den Dienst versagten, und
-jedesmal, wenn ich das schöne Weib, das auf den rotsammetnen Polstern
-lag und dessen holder Leib von Zeit zu Zeit, da und dort, aus dem
-dunklen Pelzwerk hervorleuchtete, betrachten mußte -- denn es war nicht
-mein Wille, es zwang mich eine magnetische Gewalt -- empfand ich,
-wie alle Wollust, alle Lüsternheit nur in dem Halbverhüllten, pikant
-Entblößten liegt, und ich empfand es noch lebhafter, als endlich das
-Bassin gefüllt war und Wanda mit einer einzigen Bewegung den Pelzmantel
-abwarf, und wie die Göttin in der Tribuna vor mir stand.
-
-In diesem Augenblicke erschien sie mir in ihrer unverhüllten Schönheit
-so heilig, so keusch, daß ich vor ihr, wie damals vor der Göttin, in
-die Knie sank und meine Lippen andächtig auf ihren Fuß preßte.
-
-Meine Seele, welche vor kurzem noch so wilde Wogen geschlagen, floß auf
-einmal ruhig, und Wanda hatte jetzt auch nichts Grausames mehr für mich.
-
-Sie stieg langsam die Stufen hinab, und ich konnte mit einer stillen
-Freude, der kein Atom von Qual oder Sehnsucht beigemischt war, sie
-betrachten, wie sie in der krystallenen Flut auf und ab tauchte, und
-wie die Wellen, welche sie selbst erregte, gleichsam verliebt um sie
-spielten.
-
-Unser nihilistischer Ästhetiker hat doch recht: ein wirklicher Apfel
-ist schöner als ein gemalter, und ein lebendiges Weib ist schöner als
-eine Venus aus Stein.
-
-Und als sie dann aus dem Bade stieg, und die silbernen Tropfen und das
-rosige Licht rieselten nur so an ihr herab -- eine stumme Verzückung
-umfing mich. Ich schlug die Linnen um sie, ihren herrlichen Leib
-trocknend, und jene ruhige Seligkeit blieb mir jetzt auch, als sie
-wieder, den einen Fuß auf mich, wie auf einen Schemel setzend, in dem
-großen Sammetmantel auf den Polstern ruhte, die elastischen Zobelfelle
-sich begehrlich an ihren kalten Marmorleib schmiegten, und der linke
-Arm, auf den sie sich stützte, wie ein schlafender Schwan, in dem
-dunklen Pelz des Ärmels lag, während ihre Rechte nachlässig mit der
-Peitsche spielte.
-
-[Illustration]
-
-Zufällig glitt mein Blick über den massiven Spiegel an der Wand
-gegenüber, und ich schrie auf, denn ich sah uns in seinem goldenen
-Rahmen wie im Bilde, und dieses Bild war so wunderbar schön, so
-seltsam, so phantastisch, daß mich eine tiefe Trauer bei dem Gedanken
-faßte, daß seine Linien, seine Farben zerrinnen sollen wie Nebel.
-
-„Was hast du?“ fragte Wanda.
-
-Ich deutete auf den Spiegel.
-
-„Ah! es ist in der Tat schön,“ rief sie aus, „schade, daß man den
-Augenblick nicht festhalten kann.“
-
-„Und warum nicht?“ fragte ich, „wird nicht jeder Künstler, auch der
-berühmteste, stolz darauf sein, wenn du ihm gestattet, dich durch
-seinen Pinsel zu verewigen?“
-
-„Der Gedanke, daß diese außerordentliche Schönheit,“ fuhr ich, sie mit
-Begeisterung betrachtend, fort, „diese herrliche Bildung des Gesichtes,
-dieses seltsame Auge mit seinem grünen Feuer, dieses dämonische Haar,
-diese Pracht des Leibes für die Welt verloren gehen sollen, ist
-entsetzlich und faßt mich mit allen Schauern des Todes, der Vernichtung
-an; dich aber soll die Hand des Künstlers ihr entreißen, du darfst
-nicht wie wir anderen ganz und für immer untergehen, ohne eine Spur
-deines Daseins zurückzulassen, dein Bild muß leben, wenn du selbst
-schon längst zu Staub zerfallen bist, deine Schönheit muß über den Tod
-triumphieren!“
-
-Wanda lächelte.
-
-„Schade, daß das heutige Italien keinen Titian oder Raphael hat,“
-sprach sie, „indes vielleicht ersetzt die Liebe das Genie, wer weiß,
-unser kleiner Deutscher?“ Sie sann nach.
-
-„Ja -- er soll mich malen -- und ich werde dafür sorgen, daß ihm Amor
-die Farben mischt.“
-
- * *
- *
-
-Der junge Maler hat in ihrer Villa sein Atelier aufgeschlagen, sie
-hat ihn vollkommen im Netz. Er hat eben eine Madonna angefangen, eine
-Madonna mit rotem Haare und grünen Augen! Aus diesem Rasseweibe ein
-Bild der Jungfräulichkeit machen, das kann nur der Idealismus eines
-Deutschen. Der arme Bursche ist wirklich beinahe noch ein größerer Esel
-als ich. Das Unglück ist nur, daß unsere Titania unsere Eselohren +zu
-früh+ entdeckt hat.
-
-Nun lacht sie über uns, und wie sie lacht, ich höre ihr übermütiges,
-melodisches Lachen in seinem Studio, unter dessen offenem Fenster ich
-stehe und eifersüchtig lausche.
-
-„Sind Sie toll, mich -- ah! es ist nicht zu glauben, mich als Mutter
-Gottes!“ -- rief sie und lachte wieder, „warten Sie nur, ich will Ihnen
-ein anderes Bild von mir zeigen, ein Bild, das ich selbst gemalt habe,
-sie sollen es mir kopieren.“
-
-Ihr Kopf, im Sonnenlichte flammend, erschien am Fenster.
-
-„Gregor!“
-
-Ich eilte die Stufen hinauf, durch die Galerie in das Atelier.
-
-„Führe ihn in das Badezimmer,“ befahl Wanda, während sie selbst
-davoneilte.
-
-Wenige Augenblicke und Wanda kam, nur mit dem Zobelpelz bekleidet, die
-Peitsche in der Hand, die Treppe herab und streckte sich wie damals
-auf den Sammetpolstern aus; ich lag zu ihren Füßen und sie setzte den
-Fuß auf mich, und ihre Rechte spielte mit der Peitsche. „Sieh mich an,“
-sprach sie, „mit deinem tiefen, fanatischen Blick -- so -- so ist es
-recht.“
-
-Der Maler war entsetzlich bleich geworden, er verschlang die Szene mit
-seinen schönen, schwärmerischen, blauen Augen, seine Lippen öffneten
-sich, aber blieben stumm.
-
-„Nun, wie gefällt Ihnen das Bild?“
-
-„Ja -- so will ich Sie malen,“ sprach der Deutsche, aber es war
-eigentlich keine Sprache, es war ein beredtes Stöhnen, das Weinen einer
-kranken, sterbenskranken Seele.
-
- * *
- *
-
-Die Zeichnung mit der Kohle ist fertig, die Köpfe, die Fleischpartien
-sind grundiert, ihr diabolisches Antlitz tritt bereits in einigen
-kecken Strichen hervor, in dem grünen Auge blitzt Leben.
-
-Wanda steht, die Arme auf der Brust verschränkt, vor der Leinwand.
-
-„Das Bild soll, wie viele der venetianischen Schule, zugleich ein
-Porträt und eine Historie werden,“ erklärt der Maler, der wieder
-totenbleich ist.
-
-„Und wie wollen Sie es dann nennen?“ fragte sie; „aber was ist Ihnen,
-sind Sie krank?“
-
-„Ich fürchte --“ antwortete er, mit einem verzehrenden Blicke auf das
-schöne Weib im Pelz, „aber sprechen wir von dem Bilde.“
-
-„Ja, sprechen wir von dem Bilde.“
-
-[Illustration]
-
-„Ich denke mir die Liebesgöttin, welche zu einem sterblichen Manne aus
-dem Olymp herabgestiegen ist und auf dieser modernen Erde frierend
-ihren hehren Leib in einem großen, schweren Pelz, und ihre Füße in dem
-Schoße des Geliebten zu wärmen sucht; ich denke mir den Günstling einer
-schönen Despotin, welche den Sklaven peitscht, wenn sie müde ist, ihn
-zu küssen, und von ihm um so wahnsinniger geliebt wird, je mehr sie
-ihn mit Füßen tritt, und so werde ich das Bild ‚+Venus im Pelz+‘
-nennen.“
-
- * *
- *
-
-Der Maler malt langsam. Um so rascher wächst seine Leidenschaft. Ich
-fürchte, er nimmt sich am Ende noch das Leben. Sie spielt mit ihm und
-gibt ihm Rätsel auf, und er kann sie nicht lösen und fühlt sein Blut
-rieseln -- sie aber unterhält sich dabei.
-
-Während der Sitzung nascht sie Bonbons, dreht aus den Papierhülsen
-kleine Kugeln und bewirft ihn damit.
-
-„Es freut mich, daß Sie so gut aufgelegt sind, gnädige Frau,“ spricht
-der Maler, „aber Ihr Gesicht hat ganz jenen Ausdruck verloren, den ich
-zu meinem Bilde brauche.“
-
-„Jenen Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen,“ erwiderte sie
-lächelnd, „gedulden Sie sich nur einen Augenblick.“
-
-Sie richtet sich auf und versetzt mir einen Hieb mit der Peitsche; der
-Maler blickt sie starr an, in seinem Antlitz malt sich ein kindliches
-Staunen, mischt sich Abscheu und Bewunderung.
-
-Während sie mich peitscht, gewinnt Wandas Antlitz immer mehr jenen
-grausamen, höhnischen Charakter, der mich so unheimlich entzückt.
-
-„Ist das jetzt jener Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen?“ ruft
-sie. Der Maler senkt verwirrt den Blick vor dem kalten Strahl ihres
-Auges.
-
-„Es ist der Ausdruck --“ stammelt er, „aber ich kann jetzt nicht malen
---“
-
-„Wie?“ spricht Wanda spöttisch, „kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
-
-„Ja --“ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf -- „peitschen Sie mich
-auch.“
-
-„O! mit Vergnügen,“ erwidert sie, die Achseln zuckend, „aber wenn ich
-peitschen soll, so will ich im Ernste peitschen.“
-
-„Peitschen Sie mich tot,“ ruft der Maler.
-
-„Lassen Sie sich also von mir binden?“ frägt sie lächelnd.
-
-„Ja“ -- stöhnt er --
-
-Wanda verließ für einen Augenblick das Gemach und kehrte mit den
-Stricken zurück.
-
-„Also -- haben Sie noch den Mut, sich Venus im Pelz, der schönen
-Despotin, auf Gnade und Ungnade in die Hände zu geben?“ begann sie
-jetzt spöttisch.
-
-„Binden Sie mich,“ antwortete der Maler dumpf. Wanda band ihm die Hände
-auf den Rücken, zog ihm einen Strick durch die Arme und einen zweiten
-um seinen Leib und fesselte ihn so an das Fensterkreuz, dann schlug sie
-den Pelz zurück, ergriff die Peitsche und trat vor ihn hin.
-
-Für mich hatte die Szene einen schauerlichen Reiz, den ich nicht
-beschreiben kann, ich fühlte mein Herz schlagen, als sie lachend zum
-ersten Hiebe ausholte und die Peitsche durch die Luft pfiff und er
-unter ihr leicht zusammenzuckte, und dann, als sie mit halb geöffnetem
-Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn
-lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um
-Gnade zu bitten schien -- es ist nicht zu beschreiben.
-
- * *
- *
-
-Sie sitzt ihm jetzt allein. Er arbeitet an ihrem Kopfe.
-
-Mich hat sie im Nebenzimmer hinter dem schweren Türvorhang postiert, wo
-ich nicht gesehen werden kann und alles sehe.
-
-Was sie nur hat.
-
-Fürchtet sie sich vor ihm? wahnsinnig genug hat sie ihn gemacht, oder
-soll es eine neue Folter für mich werden? Mir zittern die Knie.
-
-Sie sprechen zusammen. Er dämpft seine Stimme so sehr, daß ich nichts
-verstehen kann, und sie antwortet ebenso. Was soll das heißen? Besteht
-ein Einverständnis zwischen ihnen?
-
-Ich leide furchtbar, mir droht das Herz zu springen.
-
-Jetzt kniet er vor ihr, er umschlingt sie und preßt seinen Kopf an ihre
-Brust -- und sie -- die Grausame -- sie lacht -- und jetzt höre ich,
-wie sie laut ausruft:
-
-„Ah! Sie brauchen wieder die Peitsche.“
-
-„Weib! Göttin! hast du denn kein Herz -- kannst du nicht lieben,“ ruft
-der Deutsche, „weißt du nicht einmal, was das heißt, lieben, sich
-in Sehnsucht, in Leidenschaft verzehren, kannst du dir nicht einmal
-denken, was ich leide? Hast du denn kein Erbarmen für mich?“
-
-„Nein!“ erwidert sie stolz und spöttisch, „aber die Peitsche.“
-
-Sie zieht sie rasch aus der Tasche ihres Pelzes und schlägt ihn mit dem
-Stiel ins Gesicht. Er richtet sich auf und weicht um ein paar Schritte
-zurück.
-
-„Können Sie jetzt wieder malen?“ frägt sie gleichgültig. Er antwortet
-ihr nicht, sondern tritt wieder vor die Staffelei und ergreift Pinsel
-und Palette.
-
-Sie ist wunderbar gelungen, es ist ein Porträt, das an Ähnlichkeit
-seinesgleichen sucht, und scheint zugleich ein Ideal, so glühend, so
-übernatürlich, so teuflisch, möchte ich sagen, sind die Farben.
-
-Der Maler hat eben alle seine Qualen, seine Anbetung und seinen Fluch
-in das Bild hineingemalt.
-
- * *
- *
-
-Jetzt malt er mich, wir sind täglich einige Stunden allein. Heute
-wendet er sich plötzlich zu mir mit seiner vibrierenden Stimme und sagt:
-
-„Sie lieben dieses Weib?“
-
-„Ja.“
-
-„Ich liebe sie auch.“ Seine Augen schwammen in Tränen. Er schwieg
-einige Zeit und malte weiter.
-
-„Bei uns in Deutschland ist ein Berg, in dem sie wohnt,“ murmelte er
-dann vor sich hin, „sie ist eine Teufelin.“
-
- * *
- *
-
-Das Bild ist fertig. Sie wollte ihm dafür zahlen, großmütig, wie
-Königinnen zahlen.
-
-„O! Sie haben mich bereits bezahlt,“ sprach er ablehnend mit einem
-schmerzlichen Lächeln.
-
-Ehe er ging, öffnete er geheimnisvoll seine Mappe und ließ mich
-hineinblicken -- ich erschrak. Ihr Kopf sah mich gleichsam lebendig wie
-aus einem Spiegel an.
-
-„Den nehme ich mit,“ sprach er, „der ist mein, den kann sie mir nicht
-entreißen, ich habe ihn mir sauer genug verdient.“
-
- * *
- *
-
-„Mir ist eigentlich doch leid um den armen Maler,“ sagte sie heute zu
-mir, „es ist albern, so tugendhaft zu sein, wie ich es bin. Meinst du
-nicht auch?“
-
-Ich wagte nicht, ihr eine Antwort zu geben.
-
-„O, ich vergaß, daß ich mit einem Sklaven spreche, ich muß hinaus, ich
-will mich zerstreuen, will vergessen.“
-
-„Schnell, meinen Wagen!“
-
- * *
- *
-
-Eine neue phantastische Toilette, russische Halbstiefel von
-veilchenblauem Samt, mit Hermelin besetzt, eine Robe von gleichem
-Stoff, durch schmale Streifen und Kokarden desselben Pelzwerkes
-emporgehalten und geschürzt, ein entsprechender, anliegender kurzer
-Paletot, gleichfalls reich mit Hermelin ausgeschlagen und gefüttert;
-eine hohe Mütze von Hermelinpelz im Stile Katharinas II., mit
-kleinem Reiherbusch, der von einer Brillanten-Agraffe gehalten wird,
-das rote Haar aufgelöst über den Rücken. So steigt sie auf den Bock und
-kutschiert selbst, ich nehme den Platz hinter ihr ein. Wie sie in die
-Pferde peitscht. Das Gespann fliegt wie rasend dahin.
-
-Sie will heute offenbar Aufsehen erregen, erobern, und das gelingt ihr
-vollständig. Heute ist sie die Löwin der Cascine. Man grüßt sie aus den
-Wagen; auf dem Pfade für die Fußgeher bilden sich Gruppen, welche von
-ihr sprechen. Doch niemand wird von ihr beachtet, hie und da der Gruß
-eines älteren Kavaliers mit einem leichten Kopfnicken erwidert.
-
-Da sprengt ein junger Mann auf schlankem wilden Rappen heran; wie
-er Wanda sieht, pariert er sein Pferd und läßt es im Schritte gehen
--- schon ist er ganz nahe -- er hält und läßt sie vorbei, und jetzt
-erblickt auch sie ihn -- die Löwin den Löwen. Ihre Augen begegnen sich
--- und wie sie an ihm vorbeijagt, kann sie sich von der magischen
-Gewalt der seinen nicht losreißen und wendet den Kopf nach ihm.
-
-Mir steht das Herz still bei diesem halb staunenden, halb verzückten
-Blick, mit dem sie ihn verschlingt, aber er verdient ihn.
-
-Er ist bei Gott ein schöner Mann. Nein, mehr, er ist ein Mann, wie
-ich noch nie einen lebendig gesehen habe. Im Belvedere steht er in
-Marmor gehauen, mit derselben schlanken und doch eisernen Muskulatur,
-demselben Antlitz, denselben wehenden Locken, und was ihn so
-eigentümlich schön macht, ist, daß er keinen Bart trägt. Wenn er minder
-feine Hüften hätte, könnte man ihn für ein verkleidetes Weib halten,
-und der seltsame Zug um den Mund, die Löwenlippe, welche die Zähne
-etwas sehen läßt und dem schönen Gesichte momentan etwas Grausames
-verleiht --
-
-Apollo, der den Marsyas schindet.
-
-Er trägt hohe schwarze Stiefel, eng anliegende Beinkleider von weißem
-Leder, einen kurzen Pelzrock, in der Art, wie ihn die italienischen
-Reiteroffiziere tragen, von schwarzem Tuche mit Astrachanbesatz und
-reicher Verschnürung, auf den schwarzen Locken ein rotes Fez.
-
-Jetzt verstehe ich den männlichen Eros und bewundere den Sokrates, der
-einem solchen Alcibiades gegenüber tugendhaft blieb.
-
- * *
- *
-
-So aufgeregt habe ich meine Löwin noch nie gesehen. Ihre Wangen
-loderten, als sie vor der Treppe ihrer Villa vom Wagen sprang, die
-Stufen hinaufeilte und mich mit einem gebieterischen Wink ihr folgen
-hieß.
-
-Mit großen Schritten in ihrem Gemache auf und ab eilend, begann sie mit
-einer Hast, die mich erschreckte.
-
-[Illustration]
-
-„Du wirst erfahren, wer der Mann in den Cascinen war, heute noch,
-sofort. --
-
-O welch ein Mann! Hast du ihn gesehen? Was sagst du? Sprich.“
-
-„Der Mann ist schön,“ erwiderte ich dumpf.
-
-„Er ist so schön --“ sie hielt inne und stützte sich auf die Lehne
-eines Sessels -- „daß es mir den Atem benommen hat.“
-
-„Ich begreife den Eindruck, den er dir gemacht hat,“ antworte ich;
-meine Phantasie riß mich wieder im wilden Wirbel fort -- „ich selbst
-war außer mir, und ich kann mir denken --“
-
-„Du kannst dir denken,“ lachte sie auf, „daß dieser Mann mein Geliebter
-ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm
-gepeitscht zu werden.
-
-Geh jetzt, geh.“
-
- * *
- *
-
-Ehe es Abend war, hatte ich ihn ausgekundschaftet.
-
-Wanda war noch in voller Toilette, als ich zurückkehrte, sie lag auf
-der Ottomane, das Gesicht in den Händen vergraben, das Haar verwirrt,
-gleich einer roten Löwenmähne.
-
-„Wie nennt er sich?“ fragte sie mit unheimlicher Ruhe.
-
-„Alexis Papadopolis.“
-
-„Ein Grieche also.“
-
-Ich nickte.
-
-„Er ist sehr jung?“
-
-„Kaum älter als du selbst. Man sagt, er sei in Paris gebildet und
-nennt ihn einen Atheisten. Er hat auf Candia gegen die Türken gekämpft
-und soll sich dort nicht weniger durch seinen Rassehaß und seine
-Grausamkeit, wie durch seine Tapferkeit ausgezeichnet haben.“
-
-„Also alles in allem, ein Mann,“ rief sie mit funkelnden Augen.
-
-„Gegenwärtig lebt er in Florenz,“ fuhr ich fort, „er soll enorm reich
-sein --“
-
-„Um das habe ich nicht gefragt,“ fiel sie mir rasch und schneidend ins
-Wort.
-
-„Der Mann ist gefährlich. Fürchtest du dich nicht vor ihm? Ich fürchte
-mich vor ihm. Hat er eine Frau?“
-
-„Nein.“
-
-„Eine Geliebte?“
-
-„Auch nicht.“
-
-„Welches Theater besucht er?“
-
-„Heute abend ist er im Theater Nicolini, wo die geniale Virginia Marini
-und Salvini, der erste lebende Künstler Italiens, vielleicht Europas,
-spielen.“
-
-„Sieh, daß du eine Loge bekommst -- rasch! rasch!“ befahl sie.
-
-„Aber Herrin --“
-
-„Willst du die Peitsche kosten?“
-
- * *
- *
-
-„Du kannst im Parterre warten,“ sprach sie, als ich ihr Opernglas und
-Affiche auf die Logenbrüstung gelegt hatte und eben den Schemel zurecht
-schob.
-
-Da stehe ich nun und muß mich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken
-vor Neid und Wut -- nein, Wut ist nicht das Wort dafür, vor Todesangst.
-
-Ich sehe sie im blauen Moirékleide, mit dem großen Hermelinmantel um
-die bloßen Schultern in ihrer Loge und ihn ihr gegenüber. Ich sehe,
-wie sie sich gegenseitig mit den Augen verschlingen, wie für sie beide
-heute die Bühne, Goldonis Pamela, Salvini, die Marini, das Publikum,
-ja die Welt untergegangen ist -- und ich, was bin ich in diesem
-Augenblicke? --
-
- * *
- *
-
-Heute besucht sie den Ball bei dem griechischen Gesandten. Weiß sie,
-daß sie ihn dort trifft?
-
-Sie hat sich wenigstens darnach angezogen. Ein schweres meergrünes
-Seidenkleid schließt sich plastisch an ihre göttlichen Formen und zeigt
-Büste und Arme unverhüllt; in dem Haare, das einen einzigen flammenden
-Knoten bildet, blüht eine weiße Seerose, von der grünes Schilf, mit
-einzelnen losen Flechten vermischt, auf den Nacken herabfällt. Keine
-Spur mehr von Erregung, von jener zitternden Fieberhaftigkeit in ihrem
-Wesen, sie ist ruhig, so ruhig, daß mir das Blut dabei erstarrt, und
-ich mein Herz unter ihrem Blicke kalt werden fühle. Langsam, mit müder
-träger Majestät, steigt sie die Marmorstufen hinauf, läßt ihre kostbare
-Umhüllung herabgleiten und tritt nachlässig in den Saal, den Rauch von
-hundert Kerzen mit silbernem Nebel gefüllt hat.
-
-Einige Augenblicke sehe ich ihr wie verloren nach, dann hebe ich ihren
-Pelz auf, der, ohne daß ich es wußte, meinen Händen entsunken war. Er
-ist noch warm von ihren Schultern.
-
-Ich küsse die Stelle, und Tränen füllen meine Augen.
-
- * *
- *
-
-Da ist er.
-
-In seinem, mit dunklem Zobel verschwenderisch ausgeschlagenen schwarzen
-Samtrock, ein schöner, übermütiger Despot, der mit Menschenleben und
-Menschenseelen spielt. Er steht im Vorsaal, sieht stolz umher und läßt
-seine Augen unheimlich lange auf mir ruhen.
-
-Mich faßt unter seinem eisigen Blick wieder jene entsetzliche
-Todesangst, die Ahnung, daß dieser Mann sie fesseln, sie berücken, sie
-unterjochen kann, und ein Gefühl von Scham seiner wilden Männlichkeit
-gegenüber, von Neid, von Eifersucht.
-
-Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen
-Geistesmenschen fühle! Und was das Schmachvollste ist: ich möchte ihn
-hassen und kann es nicht. Und wie kommt es, daß auch er mich, gerade
-mich unter dem Schwarm von Dienern herausgefunden hat.
-
-Er winkt mich mit einer unnachahmlichen vornehmen Kopfbewegung zu sich,
-und ich -- ich folge seinem Winke -- gegen meinen Willen.
-
-„Nimm mir den Pelz ab,“ befiehlt er ruhig.
-
-Ich zittere am ganzen Leibe vor Empörung, aber ich gehorche, demütig
-wie ein Sklave.
-
- * *
- *
-
-Ich harre die ganze Nacht im Vorsaal, wie im Fieber phantasierend.
-Seltsame Bilder schweben meinem innern Auge vorbei, ich sehe, wie sie
-sich begegnen -- den ersten langen Blick -- ich sehe sie in seinen
-Armen durch den Saal schweben, trunken, mit halbgeschlossenen Lidern
-an seiner Brust liegen -- ich sehe ihn im Heiligtum der Liebe, nicht
-als Sklaven, als Herrn auf der Ottomane liegend und sie zu seinen
-Füßen, ich sehe mich ihn kniend bedienen, das Teebrett in meiner Hand
-schwanken und ihn nach der Peitsche greifen. Jetzt sprechen die Diener
-von ihm.
-
-Es ist ein Mann wie ein Weib, er weiß, daß er schön ist und benimmt
-sich darnach; er wechselt vier bis fünfmal im Tage seine kokette
-Toilette, gleich einer eitlen Kurtisane.
-
-In Paris erschien er zuerst in Frauenkleidern, und die Herren
-bestürmten ihn mit Liebesbriefen. Ein durch seine Kunst und
-Leidenschaft gleich berühmter italienischer Sänger drang bis in seine
-Wohnung und drohte, vor ihm auf den Knien, sich das Leben zu nehmen,
-wenn er ihn nicht erhöre.
-
-„Ich bedaure,“ erwiderte er lächelnd, „ich würde Sie mit Vergnügen
-begnadigen, aber so bleibt nichts übrig, als Ihr Todesurteil zu
-vollstrecken, denn ich bin -- ein Mann.“
-
- * *
- *
-
-Der Saal hat sich schon bedeutend geleert -- sie aber denkt offenbar
-noch gar nicht daran, aufzubrechen.
-
-Schon dringt der Morgen durch die Jalousien.
-
-Endlich rauscht ihr schweres Gewand, das ihr gleich grünen Wellen
-nachfließt, sie kommt Schritt für Schritt im Gespräche mit ihm.
-
-Ich bin für sie kaum mehr auf der Welt, sie nimmt sich nicht einmal
-mehr die Mühe, mir einen Befehl zu erteilen.
-
-„Den Mantel für Madame,“ befiehlt er, er denkt natürlich gar nicht
-daran, sie zu bedienen.
-
-Während ich ihr den Pelz umgebe, steht er mit gekreuzten Armen neben
-ihr. Sie aber stützt, als ich ihr auf meinen Knien liegend die
-Pelzschuhe anziehe, die Hand leicht auf seine Schulter und frägt:
-
-„Wie war das mit der Löwin?“
-
-„Wenn der Löwe, den sie gewählt, mit dem sie lebt, von einem anderen
-angegriffen wird,“ erzählte der Grieche, „legt sich die Löwin ruhig
-nieder und sieht dem Kampfe zu, und wenn ihr Gatte unterliegt, sie
-hilft ihm nicht -- sie sieht ihn gleichgültig unter den Klauen des
-Gegners in seinem Blute enden und folgt dem Sieger, dem Stärkeren, das
-ist die Natur des Weibes.“
-
-Meine Löwin sah mich in diesem Augenblicke rasch und seltsam an.
-
-Mich schauerte es, ich weiß nicht warum, und das rote Frühlicht tauchte
-mich und sie und ihn in Blut.
-
- * *
- *
-
-Sie ging nicht zu Bette, sondern warf nur ihre Balltoilette ab und
-löste ihr Haar, dann befahl sie mir, Feuer zu machen, und saß beim
-Kamine und starrte in die Glut.
-
-„Bedarfst du noch meiner, Herrin?“ fragte ich, die Stimme versagte mir
-bei dem letzten Worte.
-
-Wanda schüttelte den Kopf.
-
-Ich verließ das Gemach, ging durch die Galerie und setzte mich auf die
-Stufen nieder, welche von derselben in den Garten hinabführen. Vom Arno
-her wehte ein leichter Nordwind frische feuchte Kühle, die grünen Hügel
-standen weithin in rosigem Nebel, goldner Duft schwebte um die Stadt,
-die runde Kuppel des Domes.
-
-An dem blaßblauen Himmel zitterten noch einzelne Sterne.
-
-Ich riß meinen Rock auf und preßte die glühende Stirne gegen den
-Marmor. Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches
-Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.
-
-Ich ahnte eine Katastrophe, ich sah sie vor mir, ich konnte sie mit
-Händen greifen, aber mir fehlte der Mut, ihr zu begegnen, meine Kraft
-war gebrochen. Und wenn ich ehrlich bin, nicht die Schmerzen, die
-Leiden, die über mich hereinbrechen konnten, nicht die Mißhandlungen,
-die mir vielleicht bevorstanden, schreckten mich.
-
-Ich fühle nun eine Furcht, die Furcht, sie, die ich mit einer Art
-Fanatismus liebte, zu verlieren, diese aber so gewaltig, so zermalmend,
-daß ich plötzlich wie ein Kind zu schluchzen begann.
-
- * *
- *
-
-Den Tag über blieb sie in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich von
-der Negerin bedienen. Als der Abendstern in dem blauen Äther aufglühte,
-sah ich sie durch den Garten gehen, und da ich ihr behutsam von weitem
-folgte, in den Tempel der Venus treten. Ich schlich ihr nach und
-blickte durch die Ritze der Türe.
-
-Sie stand vor dem hehren Bilde der Göttin, wie betend die Hände
-gefaltet, und das heilige Licht des Sternes der Liebe warf seine blauen
-Strahlen über sie.
-
- * *
- *
-
-Nachts auf meinem Lager faßte mich die Angst, sie zu verlieren, die
-Verzweiflung mit einer Gewalt, welche mich zum Helden, zum Libertiner
-machte. Ich entzündete die kleine, rote Öllampe, welche unter einem
-Heiligenbilde im Korridor hängt, und trat, das Licht mit einer Hand
-dämpfend, in ihr Schlafgemach.
-
-Die Löwin war endlich matt gehetzt, zu Tode gejagt, in ihren Polstern
-eingeschlafen, sie lag auf dem Rücken, die Fäuste geballt, und atmete
-schwer. Ein Traum schien sie zu beängstigen. Langsam zog ich die Hand
-zurück und ließ das volle, rote Licht auf ihr wunderbares Antlitz
-fallen.
-
-Doch sie erwachte nicht.
-
-Ich stellte die Lampe sachte zu Boden, sank vor Wandas Bette nieder und
-legte meinen Kopf auf ihren weichen, glühenden Arm.
-
-Sie bewegte sich einen Augenblick, doch sie erwachte auch jetzt nicht.
-Wie lange ich so lag, mitten in der Nacht, in entsetzlichen Qualen
-versteinert, ich weiß es nicht.
-
-Endlich faßte mich ein heftiges Zittern und ich konnte weinen -- meine
-Tränen flossen über ihren Arm. Sie zuckte mehrmals zusammen, endlich
-fuhr sie empor, strich mit der Hand über die Augen und blickte auf mich.
-
-„Severin,“ rief sie, mehr erschreckt als zornig.
-
-Ich fand keine Antwort.
-
-„Severin,“ fuhr sie leise fort, „was ist dir? Bist du krank?“
-
-Ihre Stimme klang so teilnehmend, so gut, so liebevoll, daß sie mir
-wie mit glühenden Zangen in die Brust griff und ich laut zu schluchzen
-begann.
-
-„Severin!“ begann sie von neuem, „du armer unglücklicher Freund.“ Ihre
-Hand strich sanft über meine Locken. „Mir ist leid, sehr leid um dich;
-aber ich kann dir nicht helfen, ich weiß beim besten Willen keine
-Arznei für dich.“
-
-„O! Wanda, muß es denn sein?“ stöhnte ich in meinem Schmerze auf.
-
-„Was, Severin? Wovon sprichst du?“
-
-„Liebst du mich denn gar nicht mehr?“ fuhr ich fort, „fühlst du nicht
-ein wenig Mitleid mit mir? Hat der fremde, schöne Mann dich schon ganz
-an sich gerissen?“
-
-[Illustration]
-
-„Ich kann nicht lügen,“ entgegnete sie sanft nach einer kleinen Pause,
-„er hat mir einen Eindruck gemacht, den ich nicht fassen kann, unter
-dem ich selbst leide und zittere, einen Eindruck, wie ich ihn von
-Dichtern geschildert gefunden habe, wie ich ihn auf der Bühne sah,
-aber für ein Gebilde der Phantasie hielt. O! das ist ein Mann wie ein
-Löwe, stark und schön und stolz und doch weich, nicht roh wie unsere
-Männer im Norden. Mir tut es leid um dich, glaub’ mir, Severin; aber
-ich muß ihn besitzen, was sage ich? ich muß mich ihm hingeben, wenn er
-mich will.“
-
-„Denk an deine Ehre, Wanda, die du bisher so makellos bewahrt hast,“
-rief ich, „wenn ich dir schon nichts mehr bedeute.“
-
-„Ich denke daran,“ erwiderte sie, „ich will stark sein, so lange ich
-kann, ich will --“ sie barg ihr Gesicht verschämt in den Polstern --
-„ich will sein Weib werden -- wenn er mich will.“
-
-„Wanda!“ schrie ich, wieder von jener Todesangst erfaßt, die mir
-jedesmal den Atem, die Besinnung raubte; „du willst sein Weib werden,
-du willst ihm gehören für immer, o! stoße mich nicht von dir! Er liebt
-dich nicht --“
-
-„Wer sagt dir das!“ rief sie aufflammend.
-
-„Er liebt dich nicht,“ fuhr ich leidenschaftlich fort, „ich aber liebe
-dich, ich bete dich an, ich bin dein Sklave, ich will mich treten
-lassen von dir, dich auf meinen Armen durch das Leben tragen.“
-
-„Wer sagt dir, daß er mich nicht liebt!“ unterbrach sie mich heftig.
-
-„O! sei mein,“ flehte ich, „sei mein! Ich kann ja nicht mehr sein,
-nicht leben ohne dich. Hab doch Erbarmen, Wanda, Erbarmen!“
-
-Sie sah mich an, und jetzt war es wieder jener kalte, herzlose Blick,
-jenes böse Lächeln.
-
-„Du sagst ja, daß er mich nicht liebt,“ sprach sie höhnisch; „nun gut,
-tröste dich also damit.“ Zugleich wendete sie sich auf die andere Seite
-und kehrte mir schnöd’ den Rücken.
-
-„Mein Gott, bist du denn kein Weib aus Fleisch und Blut, hast du kein
-Herz wie ich!“ rief ich, während sich meine Brust wie im Krampfe hob.
-
-„Du weißt es ja,“ entgegnete sie boshaft, „ich bin ein Weib aus Stein,
-‚+Venus im Pelz+‘, dein Ideal, knie nur und bete mich an.“
-
-„Wanda!“ flehte ich, „Erbarmen!“
-
-Sie begann zu lachen. Ich drückte mein Gesicht in ihre Polster und ließ
-die Tränen, in denen sich mein Schmerz löste, herabströmen.
-
-Lange Zeit war alles stille, dann richtete sich Wanda langsam auf.
-
-„Du langweilst mich,“ begann sie.
-
-„Wanda!“
-
-„Ich bin schläfrig, laß mich schlafen.“
-
-„Erbarmen,“ flehte ich, „stoß mich nicht von dir, es wird dich kein
-Mann, es wird dich keiner so lieben, wie ich.“
-
-„Laß mich schlafen,“ -- sie kehrte mir den Rücken.
-
-Ich sprang auf, riß den Dolch, der neben ihrem Bette hing, aus der
-Scheide und setzte ihn auf meine Brust.
-
-„Ich töte mich hier vor deinen Augen,“ murmelte ich dumpf.
-
-„Tu, was du willst,“ erwiderte Wanda mit vollkommener Gleichgültigkeit,
-„aber laß mich schlafen.“
-
-Dann gähnte sie laut. „Ich bin sehr schläfrig.“
-
-Einen Augenblick stand ich versteinert, dann begann ich zu lachen und
-wieder laut zu weinen, endlich steckte ich den Dolch in meinen Gürtel
-und warf mich wieder vor ihr auf die Knie.
-
-„Wanda -- höre mich doch nur an, nur noch wenige Augenblicke,“ bat ich.
-
-„Ich will schlafen! hörst du nicht,“ schrie sie zornig, sprang von
-ihrem Lager und stieß mich mit dem Fuße von sich, „vergißt du, daß
-ich deine Herrin bin?“ und als ich mich nicht von der Stelle rührte,
-ergriff sie die Peitsche und schlug mich. Ich erhob mich -- sie traf
-mich noch einmal -- und diesmal ins Gesicht.
-
-„Mensch, Sklave!“
-
-Mit geballter Faust gegen den Himmel deutend, verließ ich, plötzlich
-entschlossen, ihr Schlafgemach. Sie warf die Peitsche weg und brach in
-ein helles Gelächter aus -- und ich kann mir auch denken, daß ich in
-meiner theatralischen Attitude recht komisch war.
-
- * *
- *
-
-Entschlossen, mich von dem herzlosen Weibe loszureißen, das mich so
-grausam behandelt hat und nun im Begriffe ist, mich zum Lohne für meine
-sklavische Anbetung, für alles, was ich von ihr geduldet, noch treulos
-zu verraten, packe ich meine wenigen Habseligkeiten in ein Tuch, dann
-schreibe ich an sie:
-
- „+Gnädige Frau+!“
-
- „Ich habe Sie geliebt wie ein Wahnsinniger, ich habe mich Ihnen
- hingegeben, wie noch nie ein Mann einem Weibe, Sie aber haben meine
- heiligsten Gefühle mißbraucht und mit mir ein freches, frivoles
- Spiel getrieben. Solange Sie jedoch nur grausam und unbarmherzig
- waren, konnte ich Sie noch lieben, jetzt aber sind Sie im Begriffe,
- +gemein+ zu werden. Ich bin nicht mehr der Sklave, der sich
- von Ihnen treten und peitschen läßt. Sie selbst haben mich frei
- gemacht, und ich verlasse eine Frau, die ich nur noch hassen und
- +verachten+ kann.
-
- +Severin Kusiemski+.“
-
-Diese Zeilen übergebe ich der Mohrin und eile dann, so rasch ich nur
-kann, davon. Atemlos erreiche ich den Bahnhof, da fühle ich einen
-heftigen Stich im Herzen -- ich halte -- ich beginne zu weinen -- O!
-es ist schmachvoll -- ich will fliehen und kann nicht. Ich kehre um --
-wohin? -- zu ihr -- die ich verabscheue und anbete zu gleicher Zeit.
-
-Wieder besinne ich mich. Ich kann nicht zurück. Ich darf nicht zurück.
-
-Wie soll ich aber Florenz verlassen? Mir fällt ein, daß ich ja kein
-Geld habe, keinen Groschen. Nun also zu Fuß, ehrlich betteln ist
-besser, als das Brot einer Kurtisane essen.
-
-Aber ich kann ja nicht fort.
-
-Sie hat mein Wort, mein Ehrenwort. Ich muß zurück. Vielleicht entbindet
-sie mich dessen.
-
-Nach einigen raschen Schritten bleibe ich wieder stehen.
-
-Sie hat mein Ehrenwort, meinen Schwur, daß ich ihr Sklave bin, solange
-sie es will, solange sie mir nicht selbst die Freiheit schenkt; aber
-ich kann mich ja töten.
-
-Ich gehe durch die Cascine an den Arno hinab, ganz hinab, wo sein
-gelbes Wasser eintönig plätschernd ein paar verlorene Weiden bespült
--- dort sitze ich und schließe meine Rechnung mit dem Dasein ab --
-ich lasse mein ganzes Leben an mir vorüberziehen und finde es recht
-erbärmlich, einzelne Freuden, unendlich viel Gleichgültiges und
-Wertloses, dazwischen reich gesäte Schmerzen, Leiden, Beängstigungen,
-Enttäuschungen, gescheiterte Hoffnungen, Gram, Sorge und Trauer.
-
-Ich dachte an meine Mutter, die ich so sehr geliebt und an
-entsetzlicher Krankheit dahinsiechen sah, an meinen Bruder, der voll
-Ansprüche auf Genuß und Glück in der Blüte seiner Jugend starb,
-ohne nur seine Lippen an den Becher des Lebens gesetzt zu haben --
-ich dachte an meine tote Amme, die Spielgenossen meiner Kindheit,
-die Freunde, welche mit mir gestrebt und gelernt, sie alle, welche
-die kalte, tote, gleichgültige Erde deckt; ich dachte an meinen
-Turteltäuber, der nicht selten mir, statt seinem Weibchen, gurrend
-Verbeugungen machte -- alles Staub zum Staube zurückgekehrt.
-
-Ich lachte laut auf und gleite in das Wasser -- im selben Augenblicke
-aber halte ich mich an einer Weidenrute fest, die über den gelben
-Wellen hängt -- und ich sehe das Weib, das mich elend gemacht hat, vor
-mir, sie schwebt über dem Wasserspiegel, von der Sonne durchleuchtet,
-als wäre sie durchsichtig, rote Flammen um Haupt und Nacken, und wendet
-mir ihr Antlitz zu und lächelt.
-
-[Illustration]
-
- * *
- *
-
-Da bin ich wieder, triefend, durchnäßt, glühend vor Scham und Fieber.
-Die Negerin hat meinen Brief übergeben, so bin ich gerichtet, verloren,
-in der Hand eines herzlosen, beleidigten Weibes.
-
-Nun, sie soll mich töten, ich, ich kann es nicht, und doch will ich
-nicht länger leben.
-
-Wie ich um das Haus herumgehe, steht sie in der Galerie, über die
-Brüstung gelehnt, das Gesicht im vollen Lichte der Sonne, mit den
-grünen Augen blinzelnd.
-
-„Lebst du noch?“ fragt sie, ohne sich zu bewegen. Ich stehe stumm, das
-Haupt auf die Brust gesenkt.
-
-„Gib mir meinen Dolch zurück,“ fährt sie fort, „dir nützt er so nichts.
-Du hast ja nicht einmal den Mut, dir das Leben zu nehmen.“
-
-„Ich habe ihn nicht mehr,“ erwiderte ich, zitternd, vom Frost
-geschüttelt.
-
-Sie überfliegt mich mit einem stolzen, höhnischen Blick.
-
-„Du hast ihn wohl im Arno verloren?“ Sie zuckte die Achseln.
-„Meinetwegen. Nun und warum bist du nicht fort?“
-
-Ich murmelte etwas, was weder sie noch ich selbst verstehen konnte.
-
-„O! du hast kein Geld,“ rief sie, „da!“ und sie warf mir mit einer
-unsäglich geringschätzenden Bewegung ihre Börse zu.
-
-Ich hob sie nicht auf.
-
-Wir schwiegen beide geraume Zeit.
-
-„Du willst also nicht fort?“
-
-„Ich kann nicht.“
-
- * *
- *
-
-Wanda fährt ohne mich in die Cascine, sie ist im Theater ohne mich,
-sie empfängt Gesellschaft, die Negerin bedient sie. Niemand fragt nach
-mir. Ich irre unstät im Garten umher, wie ein Tier, das seinen Herrn
-verloren hat.
-
-Im Gebüsch liegend, sehe ich ein paar Sperlingen zu, die um ein
-Samenkorn kämpfen.
-
-Da rauscht ein Frauengewand.
-
-Wanda nähert sich, in einem dunklen Seidenkleide, züchtig bis zum Halse
-geschlossen, mit ihr der Grieche. Sie sind im lebhaften Gespräche, doch
-kann ich kein Wort davon verstehen. Jetzt stampft er mit dem Fuße, daß
-der Kies ringsum auseinanderstäubt, und haut mit der Reitpeitsche in
-die Luft. Wanda schrickt zusammen.
-
-Fürchtet sie, daß er sie schlägt?
-
-Sind sie so weit?
-
- * *
- *
-
-Er hat sie verlassen, sie ruft ihn, er hört sie nicht, er will sie
-nicht hören.
-
-Wanda nickt traurig mit dem Kopfe und setzt sich auf die nächste
-Steinbank; sie sitzt lange in Gedanken versunken. Ich sehe ihr mit
-einer Art boshafter Freude zu, endlich raffe ich mich gewaltsam auf und
-trete höhnisch vor sie hin. Sie fährt empor und zittert am ganzen Leibe.
-
-„Ich komme, Ihnen nur Glück zu wünschen,“ sage ich, mich verneigend,
-„ich sehe, gnädige Frau, Sie haben Ihren Herrn gefunden.“
-
-„Ja, Gott sei gedankt!“ ruft sie, „keinen neuen Sklaven, ich habe deren
-genug gehabt: einen Herrn. Das Weib braucht einen Herrn und betet ihn
-an.“
-
-„Du betest ihn also an, Wanda!“ schrie ich auf, „diesen rohen Menschen
---“
-
-„Ich liebe ihn so, wie ich noch niemand geliebt habe.“
-
-„Wanda!“ -- ich ballte die Fäuste, aber schon kamen mir die Tränen und
-der Taumel der Leidenschaft ergriff mich, ein süßer Wahnsinn. „Gut, so
-wähle ihn, nimm ihn zum Gatten, er soll dein Herr sein, ich aber will
-dein Sklave bleiben, solange ich lebe.“
-
-„Du willst mein Sklave sein, auch dann?“ sprach sie, „das wäre pikant,
-ich fürchte aber, er wird es nicht dulden.“
-
-„Er?“
-
-„Ja, er ist jetzt schon eifersüchtig auf dich,“ rief sie, „er auf dich!
-er verlangte von mir, daß ich dich sofort entlasse, und als ich ihm
-sagte, wer du bist --“
-
-„Du hast ihm gesagt --“ wiederholte ich starr.
-
-„Alles habe ich ihm gesagt,“ erwiderte sie, „unsere ganze Geschichte
-erzählt, alle deine Seltsamkeiten, alles -- und er -- statt zu lachen
--- wurde zornig und stampfte mit dem Fuße.“
-
-„Und drohte, dich zu schlagen?“
-
-Wanda sah zu Boden und schwieg.
-
-„Ja, ja,“ sprach ich mit höhnischer Bitterkeit, „du fürchtest dich vor
-ihm, Wanda!“ -- ich warf mich ihr zu Füßen und umschlang erregt ihre
-Knie -- „ich will ja nichts von dir, nichts, als immer in deiner Nähe
-sein, dein Sklave! -- ich will dein Hund sein --“
-
-„Weißt du, daß du mich langweilst?“ sprach Wanda apathisch.
-
-Ich sprang auf. Alles kochte in mir.
-
-„Jetzt bist du nicht mehr grausam, jetzt bist du gemein!“ sprach ich,
-jedes Wort scharf und herb betonend.
-
-„Das steht bereits in Ihrem Briefe,“ entgegnete Wanda mit einem stolzen
-Achselzucken, „ein Mann von Geist soll sich nie wiederholen.“
-
-„Wie handelst du an mir!“ brach ich los, „wie nennst du das?“
-
-„Ich könnte dich züchtigen,“ entgegnete sie höhnisch, „aber ich ziehe
-vor, dir diesmal statt mit Peitschenhieben mit Gründen zu antworten.
-Du hast kein Recht, mich anzuklagen, war ich nicht jederzeit ehrlich
-gegen dich? Habe ich dich nicht mehr als einmal gewarnt? Habe ich dich
-nicht herzlich, ja leidenschaftlich geliebt und habe ich dir etwa
-verheimlicht, daß es gefährlich ist, sich mir hinzugeben, sich vor mir
-zu erniedrigen, daß ich beherrscht sein will? Du aber wolltest mein
-Spielzeug sein, mein Sklave! Du fandest den höchsten Genuß darin, den
-Fuß, die Peitsche eines übermütigen, grausamen Weibes zu fühlen. Was
-willst du also jetzt?
-
-In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie
-geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu
-mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt
-bin, und nun bist du noch unmännlich, schwach und elend genug, mich
-anzuklagen.“
-
-„Ja, ich bin schuldig,“ sprach ich, „aber habe ich nicht gelitten
-dafür? Laß es jetzt genug sein, ende das grausame Spiel.“
-
-„Das will ich auch,“ entgegnete sie mit einem seltsamen, falschen Blick!
-
-„Wanda!“ rief ich heftig, „treibe mich nicht auf das Äußerste, du
-siehst, daß ich wieder Mann bin.“
-
-„Strohfeuer,“ erwiderte sie, „das einen Augenblick Lärm macht und
-ebenso schnell verlöscht, wie es aufgeflammt ist. Du glaubst mich
-einzuschüchtern und bist mir nur lächerlich. Wärst du der Mann gewesen,
-für den ich dich anfangs hielt, ernst, gedankenvoll, streng, ich hätte
-dich treu geliebt und wäre dein Weib geworden. Das Weib verlangt nach
-einem Manne, zu dem es aufblicken kann, einen -- der so wie du --
-freiwillig seinen Nacken darbietet, damit es seine Füße darauf setzen
-kann, braucht es als willkommenes Spielzeug und wirft ihn weg, wenn es
-seiner müde ist.“
-
-„Versuch’ es nur, mich wegzuwerfen,“ sprach ich höhnisch, „es gibt
-Spielzeug, das gefährlich ist.“
-
-„Fordere mich nicht heraus,“ rief Wanda, ihre Augen begannen zu
-funkeln, ihre Wangen röteten sich.
-
-„Wenn ich dich nicht besitzen soll,“ fuhr ich mit von Wut erstickter
-Stimme fort, „so soll dich auch kein anderer besitzen.“
-
-„Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ höhnte sie, dann faßte sie
-mich bei der Brust; sie war in diesem Augenblicke ganz bleich vor Zorn,
-„fordere mich nicht heraus,“ fuhr sie fort, „ich bin nicht grausam,
-aber ich weiß selbst nicht, wie weit ich noch kommen kann, und ob es
-dann noch eine Grenze gibt.“
-
-„Was kannst du mir Ärgeres tun, als ihn zu deinem Geliebten, deinem
-Gatten machen?“ antwortete ich, immer mehr aufflammend.
-
-„Ich kann dich zu seinem Sklaven machen,“ entgegnete sie rasch, „bist
-du nicht in meiner Hand? habe ich nicht den Vertrag? Aber freilich, für
-dich wird es nur ein Genuß sein, wenn ich dich binden lasse und zu ihm
-sage:
-
-„Machen Sie jetzt mit ihm, was Sie wollen.“
-
-[Illustration]
-
-„Weib, bist du toll!“ schrie ich auf.
-
-„Ich bin sehr vernünftig,“ sagte sie ruhig, „ich warne dich zum letzten
-Male. Leiste mir jetzt keinen Widerstand, jetzt, wo ich so weit
-gegangen bin, kann ich leicht noch weiter gehen. Ich fühle eine Art Haß
-auf dich, ich würde dich mit wahrer Lust von ihm totpeitschen sehen,
-aber noch bezähme ich mich, noch --“
-
-Meiner kaum mehr mächtig, faßte ich sie beim Handgelenke und riß sie zu
-Boden, so daß sie vor mir auf den Knien lag.
-
-„Severin!“ rief sie, auf ihrem Gesichte malten sich Wut und Schrecken.
-
-„Ich töte dich, wenn du sein Weib wirst,“ drohte ich, die Töne kamen
-heiser und dumpf aus meiner Brust, „du bist mein, ich lasse dich nicht,
-ich habe dich zu lieb,“ dabei umklammerte ich sie und drückte sie an
-mich und meine Rechte griff unwillkürlich nach dem Dolche, der noch in
-meinem Gürtel stak.
-
-Wanda heftete einen großen, ruhigen, unbegreiflichen Blick auf mich.
-
-„So gefällst du mir,“ sprach sie gelassen, „jetzt bist du Mann, und ich
-weiß in diesem Augenblicke, daß ich dich noch liebe.“
-
-„Wanda“ -- mir kamen vor Entzücken die Tränen, ich beugte mich über sie
-und bedeckte ihr reizendes Gesichtchen mit Küssen und sie -- plötzlich
-in lautes, mutwilliges Lachen ausbrechend -- rief: „Hast du jetzt genug
-von deinem Ideal, bist du mit mir zufrieden?“
-
-„Wie?“ -- stammelte ich -- „es ist nicht dein Ernst.“
-
-„Es ist mein Ernst,“ fuhr sie heiter fort, „daß ich dich lieb habe,
-dich allein, und du -- du kleiner, guter Narr, hast nicht gemerkt, daß
-alles nur Scherz und Spiel war -- und wie schwer es mir wurde, dir
-oft einen Peitschenhieb zu geben, wo ich dich eben gerne beim Kopfe
-genommen und abgeküßt hätte. Aber jetzt ist es genug, nicht wahr? Ich
-habe meine grausame Rolle besser durchgeführt, als du erwartet hast,
-nun wirst du wohl zufrieden sein, dein kleines, gutes, kluges und auch
-ein wenig hübsches Weibchen zu haben -- nicht? -- Wir wollen recht
-vernünftig leben und --“
-
-„Du wirst mein Weib!“ rief ich in überströmender Seligkeit.
-
-„Ja -- dein Weib -- du lieber, teurer Mann,“ flüsterte Wanda, indem sie
-meine Hände küßte.
-
-Ich zog sie an meine Brust empor.
-
-„So, nun bist du nicht mehr Gregor, mein Sklave,“ sprach sie, „jetzt
-bist du wieder mein lieber Severin, mein Mann --“
-
-„Und er? -- du liebst ihn nicht?“ fragte ich erregt.
-
-„Wie konntest du nur glauben, daß ich den rohen Menschen liebe -- aber
-du warst ganz verblendet -- mir war bang um dich --“
-
-„Ich hätte mir fast das Leben genommen um deinetwillen.“
-
-„Wirklich?“ rief sie, „ach! ich zittere noch bei dem Gedanken, daß du
-schon im Arno warst --“
-
-„Du aber hast mich errettet,“ entgegnete ich zärtlich, „du schwebtest
-über den Gewässern und lächeltest, und dein Lächeln rief mich zurück
-ins Leben.“
-
- * *
- *
-
-Es ist ein seltsames Gefühl, das ich habe, wie ich sie jetzt in
-meinen Armen halte, und sie ruht stumm an meiner Brust und läßt
-sich von mir küssen und lächelt; mir ist es, als wäre ich plötzlich
-aus Fieberphantasien erwacht, oder ein Schiffbrüchiger, der tagelang
-mit den Wogen gekämpft hat, die ihn jeden Augenblick zu verschlingen
-drohten, und endlich an das Land geworfen wurde.
-
- * *
- *
-
-„Ich hasse dieses Florenz, wo du so unglücklich warst,“ sprach sie, als
-ich ihr gute Nacht sagte, „ich will sofort abreisen, morgen schon, du
-wirst die Güte haben, einige Briefe für mich zu schreiben, und während
-du damit beschäftigt bist, fahre ich in die Stadt und mache meine
-Abschiedsbesuche. Ist’s dir so recht?“
-
-„Gewiß, mein liebes, gutes, schönes Weib.“
-
- * *
- *
-
-Sie klopfte früh am Morgen an meine Türe und fragte, wie ich
-geschlafen. Ihre Liebenswürdigkeit ist wahrhaft entzückend, ich hätte
-nie gedacht, daß ihr die Sanftmut so gut läßt.
-
- * *
- *
-
-Nun ist sie mehr als vier Stunden fort, ich bin mit meinen Briefen
-längst fertig und sitze in der Galerie und blicke auf die Straße
-hinaus, ob ich nicht ihren Wagen in der Ferne entdecke. Mir wird ein
-wenig bange um sie, und doch habe ich weiß Gott keinen Anlaß mehr zu
-Zweifeln oder Befürchtungen; aber es liegt da auf meiner Brust und ich
-werde es nicht los. Vielleicht sind es die Leiden vergangener Tage, die
-noch ihren Schatten in meine Seele werfen.
-
- * *
- *
-
-Da ist sie, strahlend von Glück, von Zufriedenheit.
-
-„Nun, ist alles nach Wunsch gegangen?“ fragte ich sie, zärtlich ihre
-Hand küssend.
-
-„Ja, mein Herz,“ erwidert sie, „und wir reisen heute nacht, hilf mir
-meine Koffer packen.“
-
- * *
- *
-
-[Illustration]
-
-Gegen Abend bittet sie mich, selbst auf die Post zu fahren und ihre
-Briefe zu besorgen. Ich nehme ihren Wagen und bin in einer Stunde
-zurück.
-
-„Die Herrin hat nach Ihnen gefragt,“ spricht die Negerin lächelnd, als
-ich die breite Marmortreppe hinaufsteige.
-
-„War jemand da?“
-
-„Niemand,“ erwiderte sie und kauert sich wie eine schwarze Katze auf
-den Stufen nieder.
-
-Ich gehe langsam durch den Saal und stehe jetzt vor der Türe ihres
-Schlafgemaches.
-
-Warum klopft mir das Herz? Ich bin doch so glücklich.
-
-Leise öffnend, schlage ich die Portière zurück. Wanda liegt auf der
-Ottomane, sie scheint mich nicht zu bemerken. Wie schön sie ist in dem
-Kleide von silbergrauer Seide, das sich verräterisch an ihre herrlichen
-Formen anschließt und ihre wunderbare Büste und ihre Arme unverhüllt
-läßt. Ihr Haar ist mit einem schwarzen Sammetbande durchschlungen und
-aufgebunden. Im Kamin lodert ein mächtiges Feuer, die Ampel wirft ihr
-rotes Licht, das ganze Zimmer schwimmt im Blut.
-
-„Wanda!“ sage ich endlich.
-
-„O Severin!“ ruft sie freudig, „ich habe dich mit Ungeduld erwartet,“
-sie springt auf und schließt mich in ihre Arme; dann setzt sie sich
-wieder in die üppigen Polster und will mich zu sich ziehen, ich gleite
-indes sanft zu ihren Füßen nieder und lege mein Haupt in ihren Schoß.
-
-„Weißt du, daß ich heute sehr verliebt in dich bin?“ flüstert sie und
-streicht mir ein paar lose Härchen aus der Stirne und küßt mich auf die
-Augen.
-
-„Wie schön deine Augen sind, sie haben mir immer am besten an dir
-gefallen, heute aber machen sie mich förmlich trunken. Ich vergehe“ --
-sie dehnte ihre herrlichen Glieder und blinzelte mich durch die roten
-Wimpern zärtlich an.
-
-„Und du -- du bist kalt -- du hältst mich wie ein Stück Holz; warte
-nur, ich will dich noch verliebt machen!“ rief sie und hing wieder
-schmeichelnd und kosend an meinen Lippen.
-
-„Ich gefalle dir nicht mehr, ich muß wieder einmal grausam gegen dich
-sein, ich bin heute offenbar zu gut gegen dich; weißt du was, Närrchen,
-ich werde dich ein wenig peitschen --“
-
-„Aber Kind --“
-
-„Ich will es.“
-
-„Wanda!“
-
-„Komm, laß dich binden,“ fuhr sie fort und sprang mutwillig durch das
-Zimmer, „ich will dich recht verliebt sehen, verstehst du? Da sind die
-Stricke. Ob ich es noch kann?“
-
-Sie begann damit, mir die Füße zu fesseln, dann band sie mir die Hände
-fest auf den Rücken und endlich schnürte sie mir die Arme wie einem
-Delinquenten zusammen.
-
-„So,“ sprach sie in heiterem Eifer, „kannst du dich noch rühren?“
-
-„Nein.“
-
-„Gut --“
-
-Sie machte hierauf aus einem starken Seile eine Schlinge, warf sie mir
-über den Kopf und ließ sie bis zu den Hüften hinabgleiten, dann zog sie
-sie fest zusammen und band mich an die Säule.
-
-Mich faßte in diesem Augenblicke ein seltsamer Schauer.
-
-„Ich habe das Gefühl, wie wenn ich hingerichtet würde,“ sagte ich leise.
-
-„Du sollst auch heute einmal ordentlich gepeitscht werden!“ rief Wanda.
-
-„Aber nimm die Pelzjacke dazu,“ sagte ich, „ich bitte dich.“
-
-„Dies Vergnügen kann ich dir schon machen,“ antwortete sie, holte ihre
-Kazabaika und zog sie lächelnd an, dann stand sie, die Arme auf der
-Brust verschränkt, vor mir und betrachtete mich mit halbgeschlossenen
-Augen.
-
-„Kennst du die Geschichte vom Ochsen des Dionys?“ fragte sie.
-
-„Ich erinnere mich nur dunkel, was ist damit?“
-
-„Ein Höfling ersann für den Tyrannen von Syrakus ein neues
-Marterwerkzeug, einen eisernen Ochsen, in welchen der zum Tode
-Verurteilte gesperrt und in ein mächtiges Feuer gesetzt wurde.
-
-Sobald nun der eiserne Ochse zu glühen begann, und der Verurteilte
-in seinen Qualen aufschrie, klang sein Jammern wie das Gebrüll eines
-Ochsen.
-
-Dionys lächelte dem Erfinder gnädig zu und ließ, um auf der Stelle
-einen Versuch mit seinem Werk zu machen, ihn selbst zuerst in den
-eisernen Ochsen sperren.
-
-Die Geschichte ist sehr lehrreich.
-
-So warst du es, der mir die Selbstsucht, den Übermut, die Grausamkeit
-eingeimpft hat, und +du sollst ihr erstes Opfer werden+. Ich finde
-jetzt in der Tat Vergnügen daran, einen Menschen, der denkt und fühlt
-und will, wie ich, einen Mann, der an Geist und Körper stärker ist,
-wie ich, in meiner Gewalt zu haben, zu mißhandeln, und ganz besonders
-einen Mann, der mich liebt.
-
-Liebst du mich noch?“
-
-„Bis zum Wahnsinn!“ rief ich.
-
-„Um so besser,“ erwiderte sie, „um so mehr Genuß wirst du bei dem
-haben, was ich jetzt mit dir anfangen will.“
-
-„Was hast du nur?“ fragte ich, „ich verstehe dich nicht, in deinen
-Augen blitzt es heute wirklich wie Grausamkeit und du bist so seltsam
-schön -- so ganz ‚Venus im Pelz‘.“
-
-Wanda legte, ohne mir zu antworten, die Arme um meinen Nacken und küßte
-mich. Mich ergriff in diesem Augenblicke wieder der volle Fanatismus
-meiner Leidenschaft.
-
-„Nun, wo ist die Peitsche?“ fragte ich.
-
-Wanda lachte und trat zwei Schritte zurück.
-
-„Du willst also durchaus gepeitscht werden?“ rief sie, indem sie den
-Kopf übermütig in den Nacken warf.
-
-„Ja.“
-
-Auf einmal war Wandas Gesicht vollkommen verändert, wie vom Zorne
-entstellt, sie schien mir einen Moment sogar häßlich.
-
-„Also peitschen Sie ihn!“ rief sie laut.
-
-In demselben Augenblicke steckte der schöne Grieche seinen schwarzen
-Lockenkopf durch die Gardinen ihres Himmelbettes. Ich war anfangs
-sprachlos, starr. Die Situation war entsetzlich komisch, ich hätte
-selbst laut aufgelacht, wenn sie nicht zugleich so verzweifelt traurig,
-so schmachvoll für mich gewesen wäre.
-
-Das übertraf meine Phantasie. Es lief mir kalt über den Rücken, als
-mein Nebenbuhler heraustrat in seinen Reitstiefeln, seinem engen,
-weißen Beinkleid, seinem knappen Samtrock, und mein Blick auf seine
-athletischen Glieder fiel.
-
-„Sie sind in der Tat grausam,“ sprach er, zu Wanda gekehrt.
-
-„Nur genußsüchtig,“ entgegnete sie mit wildem Humor, „der Genuß macht
-allein das Dasein wertvoll, wer genießt, der scheidet schwer vom
-Leben, wer leidet oder darbt, grüßt den Tod wie einen Freund; wer
-aber genießen will, muß das Leben heiter nehmen, im Sinne der Antike,
-er muß sich nicht scheuen, auf Kosten anderer zu schwelgen, er darf
-nie Erbarmen haben, er muß andere vor seinen Wagen, vor seinen Pflug
-spannen, wie Tiere; Menschen, die fühlen, die genießen möchten, wie er,
-zu seinen Sklaven machen, sie ausnützen in seinem Dienste, zu seinen
-Freuden, ohne Reue; nicht fragen, ob ihnen auch wohl dabei geschieht,
-ob sie zugrunde gehen. Er muß immer vor Augen haben: wenn sie mich
-so in der Hand hätten, wie ich sie, täten sie mir dasselbe, und ich
-müßte mit meinem Schweiße, meinem Blute, meiner Seele ihre Genüsse
-bezahlen. So war die Welt der Alten, Genuß und Grausamkeit, Freiheit
-und Sklaverei gingen von jeher Hand in Hand; Menschen, welche gleich
-olympischen Göttern leben wollen, müssen Sklaven haben, welche sie
-in ihre Fischteiche werfen, und Gladiatoren, die sie während ihres
-üppigen Gastmahls kämpfen lassen und sich nichts daraus machen, wenn
-dabei etwas Blut auf sie spritzt.“
-
-Ihre Worte brachten mich vollends zu mir.
-
-„Binde mich los!“ rief ich zornig.
-
-„Sind Sie nicht mein Sklave, mein Eigentum?“ erwiderte Wanda, „soll ich
-Ihnen den Vertrag zeigen?“
-
-„Binde mich los!“ drohte ich laut, „sonst --“ ich riß an den Stricken.
-
-„Kann er sich losreißen?“ fragte sie, „denn er hat gedroht, mich zu
-töten.“
-
-„Seien Sie ruhig,“ sprach der Grieche, meine Fesseln prüfend.
-
-„Ich rufe um Hilfe,“ begann ich wieder.
-
-„Es hört Sie niemand,“ entgegnete Wanda, „und niemand wird mich
-hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen
-ein frivoles Spiel zu treiben,“ fuhr sie fort, mit satanischem Hohne
-die Phrasen meines Briefes an sie wiederholend.
-
-„Finden Sie mich in diesem Augenblicke bloß grausam und unbarmherzig,
-oder bin ich im Begriffe, +gemein+ zu werden? Was? Lieben Sie mich
-noch oder hassen und verachten Sie mich bereits? Hier ist die Peitsche“
--- sie reichte sie dem Griechen, der sich mir rasch näherte.
-
-„Wagen Sie es nicht!“ rief ich, vor Entrüstung bebend, „von Ihnen dulde
-ich nichts --“
-
-„Das glauben Sie nur, weil ich keinen Pelz habe,“ erwiderte der
-Grieche mit einem frivolen Lächeln, und nahm seinen kurzen Zobelpelz
-vom Bette.
-
-„Sie sind köstlich!“ rief Wanda, gab ihm einen Kuß und half ihm in den
-Pelz hinein.
-
-„Darf ich ihn wirklich peitschen?“ fragte er.
-
-„Machen Sie mit ihm, was Sie wollen,“ entgegnete Wanda.
-
-„Bestie!“ stieß ich empört hervor.
-
-Der Grieche heftete seinen kalten Tigerblick auf mich und versuchte
-die Peitsche, seine Muskeln schwollen, während er ausholte und sie
-durch die Luft pfeifen ließ, und ich war gebunden wie Marsyas und mußte
-sehen, wie sich Apollo anschickte, mich zu schinden.
-
-Mein Blick irrte im Zimmer umher und blieb auf der Decke haften, wo
-Simson zu Delilas Füßen von den Philistern geblendet wird. Das Bild
-erschien mir in diesem Augenblicke wie ein Symbol, ein ewiges Gleichnis
-der Leidenschaft, der Wollust, der Liebe des Mannes zum Weibe. „Ein
-jeder von uns ist am Ende ein Simson,“ dachte ich, „und wird zuletzt
-wohl oder übel von dem Weibe, das er liebt, verraten, sie mag ein
-Tuchmieder tragen oder einen Zobelpelz.“
-
-„Nun sehen Sie zu,“ rief der Grieche, „wie ich ihn dressieren werde.“
-Er zeigte die Zähne und sein Gesicht bekam jenen blutgierigen Ausdruck,
-der mich gleich das erste Mal an ihm erschreckt hatte.
-
-[Illustration]
-
-Und er begann mich zu peitschen -- so unbarmherzig, so furchtbar, daß
-ich unter jedem Hiebe zusammenzuckte und vor Schmerz am ganzen Leibe
-zu zittern begann, ja die Tränen liefen mir über die Wangen, während
-Wanda in ihrer Pelzjacke auf der Ottomane lag, auf den Arm gestützt,
-mit grausamer Neugier zusah und sich vor Lachen wälzte.
-
-Das Gefühl, vor einem angebeteten Weibe von dem glücklichen Nebenbuhler
-mißhandelt zu werden, ist nicht zu beschreiben, ich verging vor Scham
-und Verzweiflung.
-
-Und das Schmachvollste war, daß ich in meiner jämmerlichen Lage, unter
-Apollos Peitsche und bei meiner Venus grausamem Lachen anfangs eine Art
-phantastischen, übersinnlichen Reiz empfand, aber Apollo peitschte mir
-die Poesie heraus, Hieb für Hieb, bis ich endlich in ohnmächtiger Wut
-die Zähne zusammenbiß und mich, meine wollüstige Phantasie, Weib und
-Liebe verfluchte.
-
-Ich sah jetzt auf einmal mit entsetzlicher Klarheit, wohin die blinde
-Leidenschaft, die Wollust, seit Holofernes und Agamemnon den Mann
-geführt hat, in den Sack, in das Netz des verräterischen Weibes, in
-Elend, Sklaverei und Tod.
-
-Mir war es, wie das Erwachen aus einem Traum.
-
-Schon floß mein Blut unter seiner Peitsche, ich krümmte mich wie ein
-Wurm, den man zertritt, aber er peitschte fort ohne Erbarmen und sie
-lachte fort ohne Erbarmen, während sie die gepackten Koffer schloß, in
-ihren Reisepelz schlüpfte, und lachte noch, als sie an seinem Arme die
-Treppe hinab, in den Wagen stieg.
-
-Dann war es einen Augenblick stille.
-
-Ich lauschte atemlos.
-
-Jetzt fiel der Schlag zu, die Pferde zogen an -- noch einige Zeit das
-Rollen des Wagens -- dann war alles vorbei.
-
- * *
- *
-
-Einen Augenblick dachte ich daran, Rache zu nehmen, ihn zu töten, aber
-ich war ja durch den elenden Vertrag gebunden, mir blieb also nichts
-übrig, als mein Wort zu halten und meine Zähne zusammenzubeißen.
-
- * *
- *
-
-Die erste Empfindung nach der grausamen Katastrophe meines Lebens war
-die Sehnsucht nach Mühen, Gefahren und Entbehrungen. Ich wollte Soldat
-werden und nach Asien gehen oder Algier, aber mein Vater, der alt und
-krank war, verlangte nach mir.
-
-So kehrte ich still in die Heimat zurück und half ihm zwei Jahre seine
-Sorgen tragen und die Wirtschaft führen und lernte, was ich bisher
-nicht gekannt, und mich jetzt gleich einem Trunk frischen Wassers
-labte, +arbeiten+ und +Pflichten erfüllen+. Dann starb mein
-Vater, und ich wurde Gutsherr, ohne daß sich dadurch etwas geändert
-hätte. Ich habe mir selbst die spanischen Stiefel angelegt und lebe
-hübsch vernünftig weiter, wie wenn der Alte hinter mir stünde und mit
-seinen großen, klugen Augen über meine Schulter blicken würde.
-
-Eines Tages kam eine Kiste an, von einem Briefe begleitet. Ich erkannte
-Wandas Schrift.
-
-Seltsam bewegt öffnete ich ihn und las.
-
- „+Mein Herr!+
-
- Jetzt, wo mehr als drei Jahre seit jener Nacht in Florenz
- verflossen sind, darf ich Ihnen noch einmal gestehen, daß ich Sie
- sehr geliebt habe, Sie selbst aber haben mein Gefühl erstickt durch
- Ihre phantastische Hingebung, durch Ihre wahnsinnige Leidenschaft.
- Von dem Augenblicke an, wo Sie mein Sklave waren, fühlte ich, daß
- Sie nicht mehr mein Mann werden konnten, aber ich fand es pikant,
- Ihnen Ihr Ideal zu verwirklichen und Sie vielleicht -- während ich
- mich köstlich amüsierte -- zu heilen.
-
- Ich habe den starken Mann gefunden, dessen ich bedurfte und mit dem
- ich so glücklich war, wie man es nur auf dieser komischen Lehmkugel
- sein kann.
-
- Aber mein Glück war, wie jedes menschliche, nur von kurzer Dauer.
- Er ist, vor einem Jahre etwa, im Duell gefallen und ich lebe
- seitdem in Paris, wie eine Aspasia.
-
- Und Sie? -- Ihrem Leben wird es gewiß nicht an Sonnenschein fehlen,
- wenn Ihre Phantasie die Herrschaft über Sie verloren hat und jene
- Eigenschaften bei Ihnen hervorgetreten sind, welche mich anfangs so
- sehr anzogen, die Klarheit des Gedankens, die Güte des Herzens und
- vor allem -- +der sittliche Ernst+.
-
- Ich hoffe, Sie sind unter meiner Peitsche gesund geworden, die Kur
- war grausam aber radikal. Zur Erinnerung an jene Zeit und eine
- Frau, welche Sie leidenschaftlich geliebt hat, sende ich Ihnen das
- Bild des armen Deutschen.
-
- +Venus im Pelz.+“
-
-Ich mußte lächeln, und wie ich in Gedanken versank, stand plötzlich
-das schöne Weib in der hermelinbesetzten Samtjacke, die Peitsche in
-der Hand, vor mir und ich lächelte weiter über das Weib, das ich so
-wahnsinnig geliebt, die Pelzjacke, die mich einst so sehr entzückt,
-über die Peitsche, und lächelte endlich über meine Schmerzen und sagte
-mir: die Kur war grausam, aber radikal, und die Hauptsache ist: ich bin
-gesund geworden.
-
- * *
- *
-
-„Nun, und die Moral von der Geschichte?“ sagte ich zu Severin, indem
-ich das Manuskript auf den Tisch legte.
-
-„Daß ich ein Esel war,“ rief er, ohne sich zu mir zu wenden, er schien
-sich zu genieren. „Hätte ich sie nur gepeitscht!“
-
-„Ein kurioses Mittel,“ erwiderte ich, „das mag bei deinen Bäuerinnen --“
-
-„O! die sind daran gewöhnt,“ antwortete er lebhaft, „aber denke dir die
-Wirkung bei unsern feinen, nervösen, hysterischen Damen --“
-
-„Aber die Moral?“
-
-„Daß das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann
-gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine
-Despotin sein kann, +nie aber seine Gefährtin+. Dies wird sie erst
-dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm
-ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.
-
-Jetzt haben wir nur die Wahl, Hammer oder Ambos zu sein, und ich war
-der Esel, aus mir den Sklaven eines Weibes zu machen, verstehst du?
-
-Daher die Moral der Geschichte: Wer sich peitschen läßt, verdient,
-gepeitscht zu werden.
-
-Mir sind die Hiebe, wie du siehst, sehr gut bekommen, der rosige,
-übersinnliche Nebel ist zerronnen und mir wird niemand mehr die
-heiligen Affen von Benares[5] oder den Hahn des Plato[6] für ein
-Ebenbild Gottes ausgeben.“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Anmerkungen zu „Venus im Pelz“.
-
-
-[1] Lange Peitsche am kurzen Stiel.
-
-[2] Lemberg.
-
-[3] Frauenjacke.
-
-[4] Judengasse in Lemberg.
-
-[5] So nennt Arthur Schopenhauer die Frauen.
-
-[6] Diogenes warf einen gerupften Hahn in die Schule des Plato und
-rief: „Da habt Ihr den Menschen des Plato“.
-
-
-
-
-Druck: Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.
-
-
-
-
-Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig
-
-
-Novellen von Leopold Ritter von Sacher-Masoch
-
-
-Grausame Frauen
-
-Mit farbigem Künstlerumschlag von
-
-A. Scheiner
-
-Preis brosch. M. 7.-- gebunden M. 11.--
-
-
-Das Rätsel Weib
-
-Mit farbigem Künstlerumschlag von
-
-A. Scheiner
-
-Preis brosch. M. 7.-- gebunden M. 11.--
-
-
-Dämonen und Sirenen
-
-Mit farbigem Künstlerumschlag von
-
-A. Scheiner
-
-Preis brosch. M. 7.--, gebund. M. 11.--
-
-
-In diesen fein pointierten kleinen Erzählungen zeigt sich des genialen
-Erzählers Kunst im schönsten Lichte. Von jeher wurden sie von seinen
-Verehrern ganz besonders geschätzt, und in den vorliegenden, besonders
-sorgfältigen Ausgaben dürften sie noch mehr Freunde finden als zuvor.
-
-Keiner, der Sacher-Masochs Werke sammelt, darf an diesen Bänden
-vorübergehen, in denen sich manches aus der allerletzten Zeit des
-Dichters befindet.
-
-
-
-
-Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig
-
-
-Die Starken
-
- Ein Ringkämpferroman
- von
- Dolorosa
-
- Mit farbigem Künstlerumschlag von =R. Kirchner=
-
- Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--
-
-Ein Hauch derb-frischer Männlichkeit weht durch dieses eigenartige
-Buch, das uns in die Welt der Helden der Arena einführt. Dieser
-modernen Gladiatoren, die die Bewunderung der Männer erregen, und denen
-die Herzen der Frauen in ungestümer Leidenschaft entgegenschlagen.
-
-Das überaus eigenartige Buch ist ein interessanter Beitrag zur
-Sittengeschichte unserer Zeit.
-
-[Illustration]
-
-
-Unfruchtbarkeit
-
- Roman von
- Dolorosa
-
- Mit einem Titelbilde von =Fritz Buchholz= und
- mit farbigem Künstlerumschlag von
- =Raphael Kirchner=
-
- Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--
-
-Die Verfasserin rollt hier die Frage auf, ob Unfruchtbarkeit ein Segen
-oder ein Fluch sei, und tut es mit einer Kühnheit, die fast beispiellos
-genannt werden muß. Als das Buch erschien, machte es ungeheures
-Aufsehen. Mehr als ein berufener Beurteiler nannte Dolorosa seinetwegen
-einen weiblichen Zola und ihr Werk ein Gegenstück zu des großen
-Franzosen „Fruchtbarkeit“.
-
-
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Venus im Pelz, by Leopold von Sacher-Masoch
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUS IM PELZ ***
-
-***** This file should be named 56156-0.txt or 56156-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
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-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
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-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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- The Project Gutenberg eBook of Venus Im Pelz, by Leopold von Sacher-Masoch.
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-The Project Gutenberg EBook of Venus im Pelz, by Leopold von Sacher-Masoch
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-
-
-Title: Venus im Pelz
-
-Author: Leopold von Sacher-Masoch
-
-Illustrator: Fritz Buchholz
-
-Release Date: December 10, 2017 [EBook #56156]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUS IM PELZ ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche
-Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
-Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die
-Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; diese wird
-hier in Normalschrift dargestellt.
-<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> wird in der vorliegenden Ausgabe kursiv
-dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen
-Lesegerät installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-
-<p class="nohtml">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet und
-in die Public Domain eingebracht. Ein Urheberrecht wird nicht geltend
-gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="frontispiz" name="frontispiz">
- <img class="mtop2 padbot1" src="images/frontispiz.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="center nobreak-before">Leopold von Sacher-Masoch</p>
-</div>
-
-<h1>Venus im Pelz</h1>
-
-<p class="s4 center padtop2">Novelle<br />
-<span class="s5">von</span><br />
-<span class="s4">Sacher-Masoch</span></p>
-
-<p class="s4 center padtop2">Mit Illustrationen von Fritz Buchholz</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w5 mtop2 padbot1" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center padtop2">Leipzig<br />
-<span class="s5">Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung</span></p>
-
-<p class="center u padtop3 break-before"><span class="o">Alle Rechte vom Verleger
-vorbehalten.</span></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2>
-
-</div>
-
-<p>Vorliegende Erzählung ist ein Teil eines großen, aber niemals von dem
-Dichter vollendeten Novellenzyklus, „Das Vermächtnis Kains“, der nach
-Sacher-Masochs eigenem Ausspruche „eine bilderreiche Naturgeschichte
-des Menschen sein sollte“. Das Ganze sollte in sechs Unterabteilungen
-zu je sechs Novellen zerfallen, für welche die Obertitel „Die Liebe“,
-„Das Eigentum“, „Das Geld“, „Der Staat“, „Der Krieg“ und „Der Tod“
-vorgesehen waren. Sacher-Masoch hatte sich somit ein sehr hohes
-Ziel gesteckt, er wollte in diesen geplanten Erzählungen alles
-Menschenleid und -schicksal in seinen verschiedensten Möglichkeiten und
-Ausdrucksformen schildern und zugleich in der Schlußnovelle eines jeden
-Teiles die Antwort auf die behandelte Frage und deren Lösung geben.</p>
-
-<p>Von dem gesamten Werke liegen nur die beiden ersten Teile „Die Liebe“
-und „Das Eigentum“ abgeschlossen vor. Von den andern existieren nur
-Bruchstücke. Die „Venus im Pelz“ gehört als fünfte der Novellen zu dem
-Zyklus „Die Liebe“.</p>
-
-<p>Der Dichter schildert hierin die Erlebnisse eines Idealisten und
-Phantasten zugleich, den sein Unstern in den Bannkreis eines herzlosen
-und brutalen Weibes treibt.</p>
-
-<p>Zur Zeit, als Sacher-Masoch diese seine berühmteste Novelle verfaßte,
-stand er ganz im Banne eines Schopenhauerschen Pessimismus. Was seine
-Lebensumstände anbetrifft, so ist zu bemerken, daß er damals als
-Privatdozent an der Universität Graz habilitiert war.</p>
-
-<p>Sofort beim Erscheinen der „Venus im Pelz“ spalteten sich die Leser in
-zwei Parteien. Die einen verwarfen<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> sie wegen der bis dahin unerhörten
-Kühnheit der Schilderungen und fühlten sich zugleich durch das Motiv
-abgestoßen. Die anderen dagegen, und gerade die besten Männer deutscher
-Wissenschaft und Literatur, säumten nicht, anzuerkennen, hier liege
-ein einzigartiges <span class="antiqua">document humain</span> vor, und es zeuge zudem von
-ungewöhnlicher Genialität des Verfassers.</p>
-
-<p>In rascher Folge entstanden weitere Schöpfungen, und eine wie die
-andere waren vollwertiges Gold.</p>
-
-<p>Um so peinlicher überrascht fühlten sich daher alle Freunde des
-Dichters, als plötzlich höchst oberflächliche und zum Teil direkt
-minderwertige Produkte seiner Feder auf dem Markt erschienen.
-Verwundert und verstimmt fragte man sich, wie es möglich sei, daß ein
-Poet, der die Klassizität gestreift, sein eigenes Renommee in solcher
-Weise verderben könne. Nach Sacher-Masochs Tode ist dies Rätsel gelöst.
-Die Not, die bitterste äußere Not zwang ihn dazu, dem Gott in sich
-selbst Gewalt anzutun, um Brot für sich und die Seinen um jeden Preis
-zu schaffen. In jener Zeit entstanden die vielberufenen „Messalinen
-Wiens“, „Falscher Hermelin“ usw. Aber seltsam, gerade diese seichten
-Arbeiten hatten bei dem Publikum ungeahnten Erfolg. Es brauchte dabei
-nicht zu denken, wohl aber fühlte es sich seltsam erregt durch das
-eigenartige, ihnen entströmende Gemisch von Stall- und Boudoirparfüm.</p>
-
-<p>So wurde Sacher-Masoch in den Augen vieler zu einem oberflächlichen und
-frivolen Skribenten erniedrigt, und es konnte leider nicht anders sein,
-denn die Welt urteilt stets nach den Resultaten, aber nicht nach den
-Motiven.</p>
-
-<p>Selbst in der Spätzeit, als der Dichter sich wieder großen und
-bedeutenden Aufgaben zuwandte, vermochte er die alten peinlichen
-Erinnerungen nicht wieder zu verwischen. Und &mdash; es ist traurig zu sagen
-&mdash; auch das große Publikum wollte nichts Gehaltvolles mehr von ihm,
-sondern verlangte von ihm geradezu Mindergut.</p>
-
-<p>Nur eine verhältnismäßig kleine Gemeinde wirklicher Verehrer blieb ihm
-dauernd treu, jener, die das Unvergängliche, was er geschaffen, seinem
-vollen Werte nach zu<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> schätzen wußten und trotz seiner späteren Mängel
-niemals an dem genialen Meister irre wurden.</p>
-
-<p>Den Wünschen dieser zu entsprechen &mdash; da die älteren Ausgaben
-vollständig vergriffen sind &mdash;, entschlossen wir uns, einige seiner
-besten Arbeiten in Neudrucken auf den Markt zu bringen. Darunter auch
-die Novellen „Die Liebe des Plato“ und die „Venus im Pelz“.</p>
-
-<p>Obwohl diese beiden Werke seit über 50 Jahren der Literatur angehören
-und in allen Literaturgeschichten gewürdigt sind, ist es ihnen &mdash; und
-namentlich der „Venus im Pelz“ &mdash; nicht erspart geblieben, neuerdings
-seitens der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften verschiedensten
-Titels beanstandet zu werden.</p>
-
-<p>Es sei allerdings gern anerkannt, daß Kenntnis der Literatur
-und Phantasie von Polizeiorganen und solchen der öffentlichen
-Anklagebehörde nicht erwartet werden darf. Beides gehört nicht zu ihrem
-Ressort.</p>
-
-<p>Die Folgen dieser Beanstandungen blieben nicht aus. In der Regel
-wurden „Plato“ und die „Venus im Pelz“ seitens der Polizeibehörden
-und der Staatsanwaltschaften ohne weiteres als nicht zu beanstandende
-Dichtungen und Kunstwerke dem öffentlichen Verkehr zurückgegeben.
-Gleichwohl kam es gelegentlich vor, daß die „Venus“ Gegenstand einer
-Gerichtsverhandlung wurde. Von den Resultaten dieser ist zu sagen, daß
-sie allemal mit einer Niederlage der Staatsanwaltschaft endeten.</p>
-
-<p>Die Welt der deutschen Schriftsteller hatte das nicht anders erwartet.
-Als es bekannt wurde, daß ein Einschreiten gegen die „Venus im
-Pelz“ im Gange sei, erhob sich überall befremdetes Kopfschütteln.
-In geschlossener Phalanx traten die Koryphäen deutschen Schrifttums
-regelmäßig für Erhaltung des Werkes ein und mit ihnen zugleich die
-Männer der Wissenschaft.</p>
-
-<p>So erklärte z. B. anläßlich eines solchen Prozesses der Geheime
-Medizinalrat Professor Dr. Albert Eulenberger in Berlin: Die „Venus im
-Pelz“ besitze unschätzbaren Wert und sei ein Unikum in der deutschen
-Lite<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>ratur. So wenig sie in dieser zu vermissen sei, ebensowenig
-vermöge die Wissenschaft ihrer zu entbehren.</p>
-
-<p>Als der Geheime Hofrat Professor <span class="antiqua">Dr.</span> Koester in Leipzig
-gelegentlich seitens der Dresdener Staatsanwaltschaften aufgefordert
-wurde, ein Gutachten über die „Venus im Pelz“ abzugeben, kam er
-ebenfalls zu dem Resultat, das Werk gehöre der Literatur an, und es sei
-nicht angängig, es aus der Reihe der Lebenden zu streichen.</p>
-
-<p>Wir glauben, daß die gemachten Mitteilungen mehr als einem Leser und in
-mehr als einer Hinsicht interessant sein dürften.</p>
-
-<p class="s4 right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Der Verlag</em></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Venus_im_Pelz" title="Venus im Pelz"></h2>
-
-</div>
-
-<p class="padtop3"><span class="s2">I</span>ch hatte liebenswürdige Gesellschaft.</p>
-
-<p>Mir gegenüber an dem massiven Renaissancekamin saß Venus, aber nicht
-etwa eine Dame der Halbwelt, die unter diesem Namen Krieg führte gegen
-das feindliche Geschlecht, gleich Mademoiselle Cleopatra, sondern die
-wahrhafte Liebesgöttin.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p007_ill" name="p007_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p007_ill.jpg"
- alt="Venus am Renaissancekamin" /></a>
-</div>
-
-<p>Sie saß im Fauteuil und hatte ein prasselndes Feuer angefacht, dessen
-Widerschein in roten Flammen ihr bleiches Antlitz mit den weißen Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
-leckte und von Zeit zu Zeit ihre Füße, wenn sie dieselben zu wärmen
-suchte.</p>
-
-<p>Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch
-alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen
-großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.</p>
-
-<p>„Ich begreife nicht, gnädige Frau,“ rief ich, „es ist doch wahrhaftig
-nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr.
-Sie sind offenbar nervös.“</p>
-
-<p>„Ich danke für euer Frühjahr,“ sprach sie mit tiefer steinerner
-Stimme und nieste gleich darnach himmlisch und zwar zweimal rasch
-nacheinander; „da kann ich es wahrhaftig nicht aushalten, und ich fange
-an zu verstehen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Was, meine Gnädige?“</p>
-
-<p>„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu
-begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und
-die deutsche Philosophie, und ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im
-Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was
-Liebe ist.“</p>
-
-<p>„Erlauben Sie, Madame,“ erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen
-wahrhaftig keine Ursache gegeben.“</p>
-
-<p>„Nun, Sie &mdash;“ die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit
-unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig
-gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich
-mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> rasch erkälte. Erinnern
-Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“</p>
-
-<p>„Wie könnte ich es vergessen,“ sagte ich, „Sie hatten damals reiche
-braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte
-Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser
-Marmorblässe &mdash; Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit
-Fehpelz besetzt.“</p>
-
-<p>„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie
-waren.“</p>
-
-<p>„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ
-mich zwei Jahrtausende vergessen.“</p>
-
-<p>„Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“</p>
-
-<p>„Nun, was die Treue betrifft&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Undankbarer!“</p>
-
-<p>„Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie sind zwar ein göttliches
-Weib, aber doch ein Weib, und in der Liebe grausam wie jedes Weib.“</p>
-
-<p>„Sie nennen grausam,“ entgegnete die Liebesgöttin lebhaft, „was eben
-das Element der Sinnlichkeit, der heiteren Liebe, die Natur des Weibes
-ist, sich hinzugeben, wo es liebt und alles zu lieben, was ihm gefällt.“</p>
-
-<p>„Gibt es für den Liebenden etwa eine größere Grausamkeit als die
-Treulosigkeit der Geliebten?“</p>
-
-<p>„Ach!“ &mdash; entgegnete sie &mdash; „wir sind treu, solange wir lieben, ihr
-aber verlangt vom Weibe Treue ohne Liebe, und Hingebung ohne Genuß,
-wer ist da grausam, das Weib oder der Mann? &mdash; Ihr nehmt im Norden die
-Liebe überhaupt zu wichtig und zu<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo
-nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.“</p>
-
-<p>„Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle
-und dauerhafte Verhältnisse.“</p>
-
-<p>„Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten
-Heidentum,“ fiel Madame ein, „aber jene Liebe, welche die höchste
-Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch
-Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. <em class="gesperrt">Sobald
-ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein.</em> Euch erscheint die
-Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus uns lachenden Göttern
-Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich
-nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn
-vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch
-den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür
-barfuß im Büßerhemd nach Rom und erwartet Blüten von dem dürren Stock,
-während unter meinem Fuße zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten
-emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; bleibt nur in eurem
-nordischen Nebel und christlichem Weihrauch; laßt uns Heiden unter
-dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde
-Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel
-nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!“
-Die schöne Marmordame hustete und zog die dunkeln Zobelfelle um ihre
-Schultern noch fester zusammen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>„Wir danken für die klassische Lektion,“ erwiderte ich, „aber Sie
-können doch nicht leugnen, daß Mann und Weib, in Ihrer heiteren
-sonnigen Welt ebenso gut wie in unserer nebligen, von Natur Feinde
-sind, daß die Liebe für die kurze Zeit zu einem einzigen Wesen vereint,
-das nur eines Gedankens, einer Empfindung, eines Willens fähig ist, um
-sie dann noch mehr zu entzweien, und &mdash; nun Sie wissen es besser als
-ich &mdash; wer dann nicht zu unterjochen versteht, wird nur zu rasch den
-Fuß des anderen auf seinem Nacken fühlen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Und zwar in der Regel der Mann den Fuß des Weibes,“ rief Frau Venus
-mit übermütigem Hohne, „was Sie wieder besser wissen als ich.“</p>
-
-<p>„Gewiß, und eben deshalb mache ich mir keine Illusionen.“</p>
-
-<p>„Das heißt, Sie sind jetzt mein Sklave ohne Illusionen, und ich werde
-Sie dafür auch ohne Erbarmen treten.“</p>
-
-<p>„Madame!“</p>
-
-<p>„Kennen Sie mich noch nicht? Ja, ich bin <em class="gesperrt">grausam</em> &mdash; weil Sie
-denn schon an dem Worte so viel Vergnügen finden &mdash; und habe ich nicht
-recht, es zu sein? Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte,
-dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat
-ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das
-aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu
-machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>„Ihre Grundsätze, meine Gnädige,“ warf ich entrüstet ein.</p>
-
-<p>„Beruhen auf tausendjähriger Erfahrung,“ entgegnete Madame spöttisch,
-während ihre weißen Finger in dem dunkeln Pelz spielten, „je
-hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern
-und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es
-ihn mißhandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen
-es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm
-geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten, seit Helena und
-Delila, bis zur zweiten Katharina und Lola Montez herauf.“</p>
-
-<p>„Ich kann es nicht leugnen,“ sagte ich, „es gibt für den Mann nichts,
-das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und
-grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos
-nach Laune wechselt&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Und noch dazu einen Pelz trägt,“ rief die Göttin.</p>
-
-<p>„Wie kommen Sie darauf?“</p>
-
-<p>„Ich kenne ja Ihre Vorliebe.“</p>
-
-<p>„Aber wissen Sie,“ fiel ich ein, „daß Sie, seitdem wir uns nicht
-gesehen haben, sehr kokett geworden sind.“</p>
-
-<p>„Inwiefern, wenn ich bitten darf?“</p>
-
-<p>„Insofern es keine herrlichere Folie für Ihren weißen Leib geben
-könnte, als diese dunklen Felle und es Ihnen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Die Göttin lachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p>„Sie träumen,“ rief sie, „wachen Sie auf!“ und sie faßte mich mit
-ihrer Marmorhand beim Arme, „wachen Sie doch auf!“ dröhnte ihre Stimme
-nochmals im tiefsten Brustton. Ich schlug mühsam die Augen auf.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p013_ill" name="p013_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p013_ill.jpg"
- alt="Aus den Träumen gerissen" /></a>
-</div>
-
-<p>Ich sah die Hand, die mich rüttelte, aber diese Hand war auf einmal
-braun wie Bronze, und die Stimme war die schwere Schnapsstimme meines
-Kosaken, der in seiner vollen Größe von nahe sechs Fuß vor mir stand.</p>
-
-<p>„Stehen Sie doch auf,“ fuhr der Wackere fort, „es ist eine wahrhafte
-Schande.“</p>
-
-<p>„Und weshalb eine Schande?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p>„Eine Schande in Kleidern einzuschlafen und noch dazu bei einem Buche,“
-er putzte die heruntergebrannten Kerzen und hob den Band auf, der
-meiner Hand entsunken war, „bei einem Buche von &mdash; er schlug den Deckel
-auf, von Hegel &mdash; dabei ist es die höchste Zeit zu Herrn Severin zu
-fahren, der uns zum Tee erwartet.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Ein seltsamer Traum,“ sprach Severin, als ich zu Ende war, stützte die
-Arme auf die Knie, das Gesicht in die feinen zartgeäderten Hände und
-versank in Nachdenken.</p>
-
-<p>Ich wußte, daß er sich nun lange Zeit nicht regen, ja kaum atmen würde,
-und so war es in der Tat, für mich hatte indes sein Benehmen nichts
-Auffallendes, denn ich verkehrte seit beinahe drei Jahren in guter
-Freundschaft mit ihm und hatte mich an alle seine Sonderbarkeiten
-gewöhnt. Denn sonderbar war er, das ließ sich nicht leugnen, wenn
-auch lange nicht der gefährliche Narr, für den ihn nicht allein seine
-Nachbarschaft, sondern der ganze Kreis von Kolomea hielt. Mir war sein
-Wesen nicht bloß interessant, sondern &mdash; und deshalb passierte ich auch
-bei vielen als ein wenig vernarrt &mdash; in hohem Grade sympathisch.</p>
-
-<p>Er zeigte für einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie für sein
-Alter &mdash; er war kaum über dreißig &mdash; eine auffallende Nüchternheit des
-Wesens, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie. Er lebte<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> nach einem
-minutiös ausgeführten, halb philosophischen, halb praktischen Systeme,
-gleichsam nach der Uhr, und nicht das allein, zu gleicher Zeit nach dem
-Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland,
-Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield; dabei bekam er aber zu
-Zeiten heftige Anfälle von Leidenschaftlichkeit, wo er Miene machte,
-mit dem Kopfe durch die Wand zu gehen, und ihm ein jeder gerne aus dem
-Wege ging.</p>
-
-<p>Während er also stumm blieb, sang dafür das Feuer im Kamin, sang der
-große ehrwürdige Samowar, und der Ahnherrnstuhl, in dem ich, mich
-schaukelnd, meine Zigarre rauchte, und das Heimchen im alten Gemäuer
-sang auch, und ich ließ meinen Blick über das absonderliche Geräte, die
-Tiergerippe, ausgestopften Vögel, Globen, Gypsabgüsse schweifen, welche
-in seinem Zimmer angehäuft waren, bis er zufällig auf einem Bilde
-haften blieb, das ich oft genug gesehen hatte, das mir aber gerade
-heute im roten Widerschein des Kaminfeuers einen unbeschreiblichen
-Eindruck machte.</p>
-
-<p>Es war ein großes Ölgemälde in der kräftigen farbensatten Manier der
-belgischen Schule gemalt, sein Gegenstand seltsam genug.</p>
-
-<p>Ein schönes Weib, ein sonniges Lachen auf dem feinen Antlitz, mit
-reichem, in einen antiken Knoten geschlungenem Haare, auf dem der
-weiße Puder wie leichter Reif lag, ruhte, auf den linken Arm gestützt,
-nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane; ihre rechte Hand
-spielte mit einer Peitsche, während ihr bloßer Fuß sich nachlässig auf
-den Mann stützte,<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> der vor ihr lag wie ein Sklave, wie ein Hund, und
-dieser Mann, mit den scharfen, aber wohlgebildeten Zügen, auf denen
-brütende Schwermut und hingebende Leidenschaft lag, welcher mit dem
-schwärmerischen brennenden Auge eines Märtyrers zu ihr emporsah, dieser
-Mann, der den Schemel ihrer Füße bildete, war Severin, aber ohne Bart,
-wie es schien um zehn Jahre jünger.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Venus im Pelz!</em>“ rief ich, auf das Bild deutend, „so habe ich
-sie im Traume gesehen.“ „Ich auch,“ sagte Severin, „nur habe ich meinen
-Traum mit offenen Augen geträumt.“</p>
-
-<p>„Wie?“</p>
-
-<p>„Ach! das ist eine dumme Geschichte.“</p>
-
-<p>„Dein Bild hat offenbar Anlaß zu meinem Traum gegeben,“ fuhr ich
-fort, „aber sage mir endlich einmal, was damit ist, daß es eine Rolle
-gespielt hat in deinem Leben, und vielleicht eine sehr entscheidende,
-kann ich mir denken, aber das weitere erwarte ich von dir.“</p>
-
-<p>„Sieh dir einmal das Gegenstück an,“ entgegnete mein seltsamer Freund,
-ohne auf meine Frage einzugehen.</p>
-
-<p>Das Gegenstück bildete eine treffliche Kopie der bekannten „Venus mit
-dem Spiegel“ von Titian in der Dresdener Galerie.</p>
-
-<p>„Nun, was willst du damit?“</p>
-
-<p>Severin stand auf und wies mit dem Finger auf den Pelz, mit dem Titian
-seine Liebesgöttin bekleidet hat.</p>
-
-<p>„Auch hier ‚Venus im Pelz‘,“ sprach er fein<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> lächelnd, „ich glaube
-nicht, daß der alte Venetianer damit eine Absicht verbunden hat. Er hat
-einfach das Portrait irgendeiner vornehmen Messaline gemacht und die
-Artigkeit gehabt, ihr den Spiegel, in welchem sie ihre majestätischen
-Reize mit kaltem Behagen prüft, durch Amor halten zu lassen, dem
-die Arbeit sauer genug zu werden scheint. Das Bild ist eine gemalte
-Schmeichelei. Später hat irgendein ‚Kenner‘ der Rokokozeit die Dame auf
-den Namen Venus getauft, und der Pelz der Despotin, in den sich Titians
-schönes Modell wohl mehr aus Furcht vor dem Schnupfen als Keuschheit
-gehüllt hat, ist zu einem Symbol der Tyrannei und Grausamkeit geworden,
-welche im Weibe und seiner Schönheit liegt.</p>
-
-<p>Aber genug, so wie das Bild jetzt ist, erscheint es uns als die
-pikanteste Satire auf unsere Liebe. Venus, die im abstrakten Norden, in
-der eisigen christlichen Welt in einen großen schweren Pelz schlüpfen
-muß, um sich nicht zu erkälten.&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Severin lachte und zündete eine neue Zigarette an.</p>
-
-<p>Eben ging die Türe auf und eine hübsche volle Blondine mit klugen
-freundlichen Augen, in einer schwarzen Seidenrobe, kam herein und
-brachte uns kaltes Fleisch und Eier zum Tee. Severin nahm eines der
-letzteren und schlug es mit dem Messer auf. „Habe ich dir nicht gesagt,
-daß ich sie weich gekocht haben will?“ rief er mit einer Heftigkeit,
-welche die junge Frau zittern machte.</p>
-
-<p>„Aber lieber Sewtschu &mdash;“ sprach sie ängstlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
-
-<p>„Was Sewtschu,“ schrie er, „gehorchen sollst du, gehorchen, verstehst
-du,“ und er riß den Kantschuk<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, welcher neben seinen Waffen hing, vom
-Nagel.</p>
-
-<p>Die hübsche Frau floh wie ein Reh rasch und furchtsam aus dem Gemache.</p>
-
-<p>„Warte nur, ich erwische dich noch,“ rief er ihr nach.</p>
-
-<p>„Aber Severin,“ sagte ich, meine Hand auf seinen Arm legend, „wie
-kannst du die hübsche kleine Frau so traktieren!“</p>
-
-<p>„Sieh dir das Weib nur an,“ erwiderte er, indem er humoristisch mit den
-Augen zwinkerte, „hätte ich ihr geschmeichelt, so hätte sie mir die
-Schlinge um den Hals geworfen, so aber, weil ich sie mit dem Kantschuk
-erziehe, betet sie mich an.“</p>
-
-<p>„Geh mir!“</p>
-
-<p>„Geh du mir, so muß man die Weiber dressieren.“</p>
-
-<p>„Leb’ meinetwegen wie ein Pascha in deinem Harem, aber stelle mir nicht
-Theorien auf&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Warum nicht,“ rief er lebhaft, „nirgends paßt Goethes ‚Du mußt Hammer
-oder Ambos sein‘ so vortrefflich hin wie auf das Verhältnis von Mann
-und Weib, das hat dir beiläufig Frau Venus im Traume auch eingeräumt.
-In der Leidenschaft des Mannes ruht die Macht des Weibes, und es
-versteht sie zu benützen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat
-nur die Wahl, der Tyrann oder der Sklave des Weibes zu sein. Wie er
-sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche
-fühlen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p>„Seltsame Maximen!“</p>
-
-<p>„Keine Maximen, sondern Erfahrungen,“ entgegnete er mit dem Kopfe
-nickend, „<em class="gesperrt">ich bin im Ernste gepeitscht worden</em>, ich bin kuriert,
-willst du lesen wie?“</p>
-
-<p>Er erhob sich und holte aus seinem massiven Schreibtisch eine kleine
-Handschrift, welche er vor mich auf den Tisch legte.</p>
-
-<p>„Du hast früher nach jenem Bilde gefragt. Ich bin dir lange schon eine
-Erklärung schuldig. Da &mdash; lies!“</p>
-
-<p>Severin setzte sich zum Kamin, den Rücken gegen mich, und schien mit
-offenen Augen zu träumen. Wieder war es still geworden, und wieder sang
-das Feuer im Kamin und der Samowar und das Heimchen im alten Gemäuer
-und ich schlug die Handschrift auf und las:</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Bekenntnisse eines Übersinnlichen</em>,“ an dem Rande des
-Manuskriptes standen als Motto die bekannten Verse aus dem Faust
-variiert:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Du übersinnlicher sinnlicher Freier,</div>
- <div class="verse">Ein Weib nasführet dich!“</div>
- <div class="verse mleft8"><em class="gesperrt">Mephistopheles.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ich schlug das Titelblatt um und las: „Das Folgende habe ich aus meinem
-damaligen Tagebuche zusammengestellt, weil man seine Vergangenheit nie
-unbefangen darstellen kann, so aber hat alles seine frischen Farben,
-die Farben der Gegenwart.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Gogol, der russische Molière, sagt &mdash; ja wo? &mdash; nun irgendwo &mdash; „die
-echte komische Muse ist jene,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> welcher unter der lachenden Larve die
-Tränen herabrinnen.“</p>
-
-<p>Ein wunderbarer Ausspruch!</p>
-
-<p>So ist es mir recht seltsam zumute, während ich dies niederschreibe.
-Die Luft scheint mir mit einem aufregenden Blumenduft gefüllt, der
-mich betäubt und mir Kopfweh macht, der Rauch des Kamines kräuselt und
-ballt sich mir zu Gestalten, kleinen graubärtigen Kobolden zusammen,
-die spöttisch mit dem Finger auf mich deuten, pausbackige Amoretten
-reiten auf den Lehnen meines Stuhles und auf meinen Knien, und ich
-muß unwillkürlich lächeln, ja laut lachen, indem ich meine Abenteuer
-niederschreibe, und doch schreibe ich nicht mit gewöhnlicher Tinte,
-sondern mit dem roten Blute, das aus meinem Herzen träufelt, denn alle
-seine längst vernarbten Wunden haben sich geöffnet und es zuckt und
-schmerzt, und hie und da fällt eine Träne auf das Papier.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Träge schleichen die Tage in dem kleinen Karpathenbade dahin. Man
-sieht niemand und wird von niemand gesehen. Es ist langweilig zum
-Idyllenschreiben. Ich hätte hier Muße, eine Galerie von Gemälden zu
-liefern, ein Theater für eine ganze Saison mit neuen Stücken, ein
-Dutzend Virtuosen mit Konzerten, Trios und Duos zu versorgen, aber
-&mdash; was spreche ich da &mdash; ich tue am Ende doch nicht viel mehr, als
-die Leinwand aufspannen, die Bogen zurecht glätten, die Notenblätter
-liniieren, denn ich bin &mdash; ach! nur keine falsche Scham, Freund
-Severin,<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> lüge andere an; aber es gelingt dir nicht mehr recht, dich
-selbst anzulügen &mdash; also ich bin nichts weiter, als ein Dilettant; ein
-Dilettant in der Malerei, in der Poesie, der Musik und noch in einigen
-anderen jener sogenannten brotlosen Künste, welche ihren Meistern
-heutzutage das Einkommen eines Ministers, ja eines kleinen Potentaten
-sichern, und vor allem bin ich ein Dilettant im Leben.</p>
-
-<p>Ich habe bis jetzt gelebt, wie ich gemalt und gedichtet habe, das
-heißt, ich bin nie weit über die Grundierung, den Plan, den ersten Akt,
-die erste Strophe gekommen. Es gibt einmal solche Menschen, die alles
-anfangen und doch nie mit etwas zu Ende kommen, und ein solcher Mensch
-bin ich.</p>
-
-<p>Aber was schwatze ich da.</p>
-
-<p>Zur Sache.</p>
-
-<p>Ich liege in meinem Fenster und finde das Nest, in dem ich verzweifle,
-eigentlich unendlich poetisch, welcher Blick auf die blaue, von
-goldenem Sonnenduft umwobene hohe Wand des Gebirges, durch welche
-sich Sturzbäche wie Silberbänder schlingen, und wie klar und blau der
-Himmel, in den die beschneiten Kuppen ragen, und wie grün und frisch
-die waldigen Abhänge, die Wiesen, auf denen kleine Herden weiden, bis
-zu den gelben Wogen des Getreides hinab, in denen die Schnitter stehen
-und sich bücken und wieder emportauchen.</p>
-
-<p>Das Haus, in dem ich wohne, steht in einer Art Park, oder Wald, oder
-Wildnis, wie man es nennen will, und ist sehr einsam.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
-
-<p>Es wohnt niemand darin als ich, eine Witwe aus Lwow<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, die Hausfrau
-Madame Tartakowska, eine kleine alte Frau, die täglich älter und
-kleiner wird, ein alter Hund, der auf einem Beine hinkt, und eine junge
-Katze, welche stets mit einem Zwirnknäuel spielt, und der Zwirnknäuel
-gehört, glaube ich, der schönen Witwe.</p>
-
-<p>Sie soll wirklich schön sein, die Witwe, und noch sehr jung, höchstens
-vierundzwanzig, und sehr reich. Sie wohnt im ersten Stock und ich wohne
-ebener Erde. Sie hat immer die grünen Jalousien geschlossen und hat
-einen Balkon, der ganz mit grünen Schlingpflanzen überwachsen ist; ich
-aber habe dafür unten meine liebe, trauliche Gaisblattlaube, in der ich
-lese und schreibe und male und singe, wie ein Vogel in den Zweigen. Ich
-kann auf den Balkon hinaufsehen. Manchmal sehe ich auch wirklich hinauf
-und dann schimmert von Zeit zu Zeit ein weißes Gewand zwischen dem
-dichten, grünen Netz.</p>
-
-<p>Eigentlich interessiert mich die schöne Frau dort oben sehr wenig, denn
-ich bin in eine andere verliebt und zwar höchst unglücklich verliebt,
-noch weit unglücklicher, als Ritter Toggenburg und der Chevalier in
-Manon l’Escault, denn meine Geliebte ist von Stein.</p>
-
-<p>Im Garten, in der kleinen Wildnis, befindet sich eine graziöse kleine
-Wiese, auf der friedlich ein paar zahme Rehe weiden. Auf dieser Wiese
-steht ein Venusbild von Stein, das Original, glaube ich, ist in
-Florenz; diese Venus ist das schönste Weib, das ich in meinem Leben
-gesehen habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p023" name="p023">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p023.jpg"
- alt="Venus auf der Wiese" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
-
-<p>Das will freilich nicht viel sagen, denn ich habe wenig schöne
-Frauen, ja überhaupt wenig Frauen gesehen und bin auch in der Liebe
-nur ein Dilettant, der nie über die Grundierung, über den ersten Akt
-hinausgekommen ist.</p>
-
-<p>Wozu auch in Superlativen sprechen, als wenn etwas, was schön ist, noch
-übertroffen werden könnte.</p>
-
-<p>Genug, diese Venus ist schön und ich liebe sie, so leidenschaftlich, so
-krankhaft innig, so wahnsinnig, wie man nur ein Weib lieben kann, das
-unsere Liebe mit einem ewig gleichen, ewig ruhigen, steinernen Lächeln
-erwidert. Ja, ich bete sie förmlich an.</p>
-
-<p>Oft liege ich, wenn die Sonne im Gehölze brütet, unter dem Laubdach
-einer jungen Buche und lese, oft besuche ich meine kalte, grausame
-Geliebte auch bei Nacht und liege dann vor ihr auf den Knieen, das
-Antlitz gegen die kalten Steine gepreßt, auf denen ihre Füße ruhen, und
-bete zu ihr.</p>
-
-<p>Es ist unbeschreiblich, wenn dann der Mond heraufsteigt &mdash; er ist
-eben im Zunehmen &mdash; und zwischen den Bäumen schwimmt und die Wiese in
-silbernen Glanz taucht, und die Göttin steht dann wie verklärt und
-scheint sich in seinem weichen Lichte zu baden.</p>
-
-<p>Einmal, wie ich von meiner Andacht zurückkehrte, durch eine der Alleen,
-die zum Hause führen, sah ich plötzlich, nur durch die grüne Galerie
-von mir getrennt, eine weibliche Gestalt, weiß wie Stein, vom Mondlicht
-beglänzt; da war mir’s, als hätte sich das schöne Marmorweib meiner
-erbarmt und sei lebendig geworden und mir gefolgt &mdash; mich aber<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> faßte
-eine namenlose Angst, das Herz drohte mir zu springen, und statt&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nun, ich bin ja ein Dilettant. Ich blieb, wie immer, beim zweiten Verse
-stecken, nein, im Gegenteil, ich blieb nicht stecken, ich lief, so
-rasch ich laufen konnte.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Welcher Zufall! ein Jude, der mit Photographien handelt, spielt mir das
-Bild meines Ideals in die Hände; es ist ein kleines Blatt, die „Venus
-mit dem Spiegel“ von Titian, welch ein Weib! Ich will ein Gedicht
-machen. Nein! Ich nehme das Blatt und schreibe darauf: „<em class="gesperrt">Venus im
-Pelz.</em>“</p>
-
-<p>Du frierst, während du selbst Flammen erregst. Hülle dich nur in deinen
-Despotenpelz, wem gebührt er, wenn nicht dir, grausame Göttin der
-Schönheit und Liebe!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und nach einer Weile fügte ich einige Verse von Goethe hinzu, die ich
-vor kurzem in seinen Paralipomena zum Faust gefunden hatte.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">An Amor!</em></div>
- <div class="verse padtop0_5">„Erlogen ist das Flügelpaar,</div>
- <div class="verse">Die Pfeile, die sind Krallen,</div>
- <div class="verse">Die Hörnerchen verbirgt der Kranz,</div>
- <div class="verse">Er ist ohn’ allen Zweifel,</div>
- <div class="verse">Wie alle Götter Griechenlands,</div>
- <div class="verse">Auch ein verkappter Teufel.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dann stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch, indem ich es mit
-einem Buche stützte und betrachtete es.</p>
-
-<p>Die kalte Koketterie, mit der das herrliche Weib seine Reize mit
-den dunklen Zobelfellen drapiert, die Strenge, Härte, welche in dem
-Marmorantlitz liegt, entzücken mich und flößen mir zugleich Grauen ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<p>Ich nehme noch einmal die Feder; da steht es nun:</p>
-
-<p>„Lieben, geliebt werden, welch ein Glück! und doch wie verblaßt der
-Glanz desselben gegen die qualvolle Seligkeit, ein Weib anzubeten, das
-uns zu seinem Spielzeug macht, der Sklave einer schönen Tyrannin zu
-sein, die uns unbarmherzig mit Füßen tritt. Auch Simson, der Held, der
-Riese, gab sich Delila, die ihn verraten hatte, noch einmal in die Hand
-und sie verriet ihn noch einmal und die Philister banden ihn vor ihr
-und stachen ihm die Augen aus, die er bis zum letzten Augenblicke von
-Wut und Liebe trunken auf die schöne Verräterin heftete.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich nahm das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und las im Buche Judith
-und beneidete den grimmen Heiden Holofernes um das königliche Weib, das
-ihm den Kopf herunter hieb, und um sein blutig schönes Ende.</p>
-
-<p>„Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände gegeben.“</p>
-
-<p>Der Satz frappierte mich.</p>
-
-<p>Wie ungalant diese Juden sind, dachte ich, und ihr Gott, er könnte auch
-anständigere Ausdrücke wählen, wenn er von dem schönen Geschlechte
-spricht.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände
-gegeben</em>“, wiederholte ich für mich. Nun, was soll ich etwa
-anstellen, damit er mich straft?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<p>Um Gottes willen! da kommt unsere Hausfrau, sie ist über Nacht wieder
-etwas kleiner geworden. Und dort oben zwischen den grünen Ranken und
-Ketten wieder das weiße Gewand. Ist es Venus oder die Witwe?</p>
-
-<p>Diesmal ist es die Witwe, denn Madame Tartakowska knixt und ersucht
-mich in ihrem Namen um Lektüre. Ich eile in mein Zimmer und raffe ein
-paar Bände zusammen.</p>
-
-<p>Zu spät erinnere ich mich, daß mein Venusbild in einem derselben liegt,
-nun hat es die weiße Frau dort oben, samt meinen Ergüssen. Was wird sie
-dazu sagen?</p>
-
-<p>Ich höre sie lachen.</p>
-
-<p>Lacht sie über mich?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Vollmond! da blickt er schon über die Wipfel der niederen Tannen,
-welche den Park einsäumen, und silberner Duft erfüllt die Terrasse,
-die Baumgruppen, die ganze Landschaft, so weit das Auge reicht, in der
-Ferne sanft verschwimmend, gleich zitternden Gewässern.</p>
-
-<p>Ich kann nicht widerstehen, es mahnt und ruft mich so seltsam, ich
-kleide mich wieder an und trete in den Garten.</p>
-
-<p>Es zieht mich hin zur Wiese, zu ihr, meiner Göttin, meiner Geliebten.</p>
-
-<p>Die Nacht ist kühl. Mich fröstelt. Die Luft ist schwer von Blumen- und
-Waldgeruch, sie berauscht.</p>
-
-<p>Welche Feier! Welche Musik ringsum. Eine Nachtigall schluchzt. Die
-Sterne zucken nur leise in<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> blaßblauem Schimmer. Die Wiese scheint
-glatt, wie ein Spiegel, wie die Eisdecke eines Teiches.</p>
-
-<p>Hehr und leuchtend ragt das Venusbild.</p>
-
-<p>Doch &mdash; was ist das?</p>
-
-<p>Von den marmornen Schultern der Göttin fließt bis zu ihren Sohlen ein
-großer dunkler Pelz herab &mdash; ich stehe starr und staune sie an, und
-wieder faßt mich jenes unbeschreibliche Bangen und ich ergreife die
-Flucht.</p>
-
-<p>Ich beschleunige meine Schritte; da sehe ich, daß ich die Allee
-verfehlt habe, und wie ich seitwärts in einen der grünen Gänge
-einbiegen will, sitzt Venus, das schöne, steinerne Weib, nein, die
-wirkliche Liebesgöttin, mit warmem Blute und pochenden Pulsen, vor mir
-auf einer steinernen Bank. Ja, sie ist mir lebendig geworden, wie jene
-Statue, die für ihren Meister zu atmen begann; zwar ist das Wunder
-erst halb vollbracht. Ihr weißes Haar scheint noch von Stein und ihr
-weißes Gewand schimmert wie Mondlicht, oder ist es Atlas? und von ihren
-Schultern fließt der dunkle Pelz &mdash; aber ihre Lippen sind schon rot
-und ihre Wangen färben sich, und aus ihren Augen treffen mich zwei
-diabolische, grüne Strahlen, und jetzt lacht sie.</p>
-
-<p>Ihr Lachen ist so seltsam, so &mdash; ach! es ist unbeschreiblich, es
-benimmt mir den Atem, ich flüchte weiter und muß immer wieder nach
-wenigen Schritten Atem holen, und dieses spöttische Lachen verfolgt
-mich durch die düsteren Laubgänge, über die hellen Rasenplätze, in
-das Dickicht, durch das nur einzelne Mondstrahlen brechen; ich finde
-den Weg nicht mehr, ich irre umher, kalte Tropfen perlen mir auf der
-Stirne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p>Endlich bleibe ich stehen und halte einen kurzen Monolog.</p>
-
-<p>Er lautet &mdash; nun &mdash; man ist ja immer sich selbst gegenüber entweder
-sehr artig oder sehr grob.</p>
-
-<p>Ich sage also zu mir:</p>
-
-<p>Esel!</p>
-
-<p>Dieses Wort übt eine großartige Wirkung, gleich einer Zauberformel, die
-mich erlöst und zu mir bringt.</p>
-
-<p>Ich bin im Augenblicke ruhig.</p>
-
-<p>Vergnügt wiederhole ich: Esel!</p>
-
-<p>Ich sehe nun wieder alles klar und deutlich, da ist der Springbrunnen,
-dort die Allee von Buchsbaum, dort das Haus, auf das ich jetzt langsam
-zugehe.</p>
-
-<p>Da &mdash; plötzlich noch einmal &mdash; hinter der grünen, vom Mondlicht
-durchleuchteten, gleichsam in Silber gestickten Wand, die weiße
-Gestalt, das schöne Weib von Stein, das ich anbete, das ich fürchte,
-vor dem ich fliehe.</p>
-
-<p>Mit ein paar Sätzen bin ich im Hause und hole Atem und denke nach.</p>
-
-<p>Nun, was bin ich jetzt eigentlich, ein kleiner Dilettant oder ein
-großer Esel?</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p029_ill" name="p029_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p029_ill.jpg"
- alt="Trugbild im Mondlicht" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
-
-<p>Ein schwüler Morgen, die Luft ist matt, stark gewürzt, aufregend. Ich
-sitze wieder in meiner Gaisblattlaube und lese in der Odyssee von der
-reizenden Hexe, die ihre Anbeter in Bestien verwandelt. Köstliches Bild
-der antiken Liebe.</p>
-
-<p>In den Zweigen und Halmen rauscht es leise und die Blätter meines
-Buches rauschen und auf der Terrasse rauscht es auch.</p>
-
-<p>Ein Frauengewand&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Da ist sie &mdash; Venus &mdash; aber ohne Pelz &mdash; nein, diesmal ist es die Witwe
-&mdash; und doch &mdash; Venus &mdash; oh! welch ein Weib!</p>
-
-<p>Wie sie dasteht im leichten, weißen Morgengewande und auf mich blickt,
-wie poetisch und anmutig zugleich erscheint ihre feine Gestalt; sie ist
-nicht groß, aber auch nicht klein, und der Kopf, mehr reizend, pikant
-&mdash; im Sinne der französischen Marquisenzeit &mdash; als streng schön, aber
-doch wie bezaubernd, welche Weichheit, welcher holde Mutwille umspielen
-diesen vollen, nicht zu kleinen Mund &mdash; die Haut ist so unendlich zart,
-daß überall die blauen Adern durchschimmern, auch durch den Mousselin,
-welcher Arm und Busen bedeckt, wie üppig ringelt sich das rote Haar &mdash;
-ja, es ist rot &mdash; nicht blond oder goldig &mdash; wie dämonisch und doch
-lieblich spielt es um ihren Nacken, und jetzt treffen mich ihre Augen
-wie grüne Blitze &mdash; ja, sie sind grün, diese Augen, deren sanfte Gewalt
-unbeschreiblich ist &mdash; grün, aber so wie es Edelsteine, wie es tiefe,
-unergründliche Bergseen sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>Sie bemerkt meine Verwirrung, die mich sogar unartig macht, denn ich
-bin sitzen geblieben und habe noch meine Mütze auf dem Kopfe.</p>
-
-<p>Sie lächelt schelmisch.</p>
-
-<p>Ich erhebe mich endlich und grüße sie. Sie nähert sich und bricht
-in ein lautes, beinahe kindliches Lachen aus. Ich stottere, wie nur
-ein kleiner Dilettant oder großer Esel in einem solchen Augenblicke
-stottern kann.</p>
-
-<p>So machen wir unsere Bekanntschaft.</p>
-
-<p>Die Göttin fragte um meinen Namen und nennt mir den ihren.</p>
-
-<p>Sie heißt Wanda von Dunajew.</p>
-
-<p>Und sie ist wirklich meine Venus.</p>
-
-<p>„Aber Madame, wie kamen Sie auf den Einfall?“</p>
-
-<p>„Durch das kleine Bild, das in einem Ihrer Bücher lag&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ich habe es vergessen.“</p>
-
-<p>„Die seltsamen Bemerkungen auf der Rückseite&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Warum seltsam?“</p>
-
-<p>Sie sah mich an. „Ich habe immer den Wunsch gehabt, einmal einen
-ordentlichen Phantasten kennen zu lernen &mdash; der Abwechslung wegen &mdash;
-nun, Sie scheinen mir nach allem einer der tollsten.“</p>
-
-<p>„Meine Gnädige &mdash; in der Tat &mdash;“ wieder das fatale, eselhafte Stottern
-und noch dazu ein Erröten, wie es für einen jungen Menschen von
-sechzehn Jahren wohl passen mag, aber für mich, der beinahe volle zehn
-Jahre älter&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Sie haben sich heute Nacht vor mir gefürchtet.“</p>
-
-<p>„Eigentlich &mdash; allerdings &mdash; aber wollen Sie sich nicht setzen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p>Sie nahm Platz und weidete sich an meiner Angst &mdash; denn ich fürchtete
-mich jetzt, bei hellem Tageslichte, noch mehr vor ihr &mdash; ein reizender
-Hohn zuckte um ihre Oberlippe.</p>
-
-<p>„Sie sehen die Liebe und vor allem das Weib,“ begann sie, „als etwas
-Feindseliges an, etwas, wogegen Sie sich, wenn auch vergebens, wehren,
-dessen Gewalt Sie aber als eine süße Qual, eine prickelnde Grausamkeit
-fühlen; eine echt moderne Anschauung.“</p>
-
-<p>„Sie teilen sie nicht.“</p>
-
-<p>„Ich teile sie nicht,“ sprach sie rasch und entschieden und schüttelte
-den Kopf, daß ihre Locken wie rote Flammen emporschlugen.</p>
-
-<p>„Mir ist die heitere Sinnlichkeit der Hellenen &mdash; Freude ohne Schmerz
-&mdash; ein Ideal, das ich in meinem Leben zu verwirklichen strebe. Denn an
-jene Liebe, welche das Christentum, welche die Modernen, die Ritter vom
-Geiste predigen, glaube ich nicht. Ja, sehen Sie mich nur an, ich bin
-weit schlimmer als eine Ketzerin, ich bin eine Heidin.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe besonnen,</div>
- <div class="verse">Als im Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel?“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Diese Verse aus Goethes römischer Elegie haben mich stets sehr entzückt.</p>
-
-<p>In der Natur liegt nur jene Liebe der heroischen Zeit, „da Götter und
-Göttinnen liebten“. Damals</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier“.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Alles andere ist gemacht, affektiert, erlogen. Durch das Christentum &mdash;
-dessen grausames Emblem &mdash; das Kreuz &mdash; etwas Entsetzliches für mich
-hat &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> wurde erst etwas Fremdes, Feindliches in die Natur und ihre
-unschuldigen Triebe hineingetragen.</p>
-
-<p>Der Kampf des Geistes mit der sinnlichen Welt ist das Evangelium der
-Modernen. Ich will keinen Teil daran.“</p>
-
-<p>„Ja, Ihr Platz wäre im Olymp, Madame,“ entgegnete ich, „aber wir
-Modernen ertragen einmal die antike Heiterkeit nicht, am wenigsten
-in der Liebe; die Idee, ein Weib, und wäre es auch eine Aspasia, mit
-anderen zu teilen, empört uns, wir sind eifersüchtig wie unser Gott.
-So ist der Name der herrlichen Phryne bei uns zu einem Schimpfworte
-geworden.</p>
-
-<p>Wir ziehen eine dürftige, blasse, Holbeinsche Jungfrau, welche uns
-allein gehört, einer antiken Venus vor, wenn sie noch so göttlich schön
-ist, aber heute den Anchises, morgen den Paris, übermorgen den Adonis
-liebt, und wenn die Natur in uns triumphiert, wenn wir uns in glühender
-Leidenschaft einem solchen Weibe hingeben, erscheint uns dessen heitere
-Lebenslust als Dämonie, als Grausamkeit, und wir sehen in unserer
-Seligkeit eine Sünde, die wir büßen müssen.“</p>
-
-<p>„Also auch Sie schwärmen für die moderne Frau, für jene armen,
-hysterischen Weiblein, welche im somnambulen Jagen nach einem
-erträumten, männlichen Ideal den besten Mann nicht zu schätzen
-verstehen und unter Tränen und Krämpfen täglich ihre christlichen
-Pflichten verletzen, betrügend und betrogen, immer wieder suchen und
-wählen und verwerfen, nie glücklich sind, nie glücklich machen und
-das Schicksal anklagen, statt ruhig zu gestehen, ich<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> will lieben und
-leben, wie Helena und Aspasia gelebt haben. Die Natur kennt keine Dauer
-in dem Verhältnis von Mann und Weib.“</p>
-
-<p>„Gnädige Frau&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Lassen Sie mich ausreden. Es ist nur der Egoismus des Mannes, der das
-Weib wie einen Schatz vergraben will. Alle Versuche, durch heilige
-Zeremonien, Eide und Verträge Dauer in das Wandelbarste im wandelbaren
-menschlichen Dasein, in die Liebe hineinzutragen, sind gescheitert.
-Können Sie leugnen, daß unsere christliche Welt in Fäulnis übergegangen
-ist?“</p>
-
-<p>„Aber&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Aber der Einzelne, der sich gegen die Einrichtungen der Gesellschaft
-empört, wird ausgestoßen, gebrandmarkt, gesteinigt, wollen Sie sagen.
-Nun gut. Ich wage es, meine Grundsätze sind recht heidnisch, ich will
-mein Dasein ausleben. Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt,
-ich ziehe es vor, glücklich zu sein. Die Erfinder der christlichen
-Ehe haben gut daran getan, auch gleich dazu die Unsterblichkeit zu
-erfinden. Ich denke jedoch nicht daran, ewig zu leben, und wenn mit
-dem letzten Atemzuge hier für mich als Wanda von Dunajew alles zu Ende
-ist, was habe ich davon, ob mein reiner Geist in den Chören der Engel
-mitsingt oder ob mein Staub zu neuen Wesen zusammenquillt? Sobald
-ich aber, so wie ich bin, nicht fortlebe, aus welcher Rücksicht soll
-ich dann entsagen? Einem Manne angehören, den ich nicht liebe, bloß
-deshalb, weil ich ihn einmal geliebt habe? Nein, ich entsage nicht,
-ich liebe jeden,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich
-liebt. Ist das häßlich? Nein, es ist mindestens weit schöner, als
-wenn ich mich grausam der Qualen freue, die meine Reize erregen, und
-mich tugendhaft von dem Armen abkehre, der um mich verschmachtet. Ich
-bin jung, reich und schön, und so, wie ich bin, lebe ich heiter dem
-Vergnügen, dem Genuß.“</p>
-
-<p>Ich hatte, während sie sprach und ihre Augen schelmisch funkelten,
-ihre Hände ergriffen, ohne recht zu wissen, was ich mit ihnen anfangen
-wollte, aber als echter Dilettant ließ ich sie jetzt wieder eilig los.</p>
-
-<p>„Ihre Ehrlichkeit,“ sagte ich, „entzückt mich, und nicht diese allein
-&mdash;“</p>
-
-<p>Wieder der verdammte Dilettantismus, der mir den Hals mit einem
-Hemmseil zuschnürt.</p>
-
-<p>„Was wollten Sie doch sagen...“</p>
-
-<p>„Was ich sagen wollte &mdash; ja, ich wollte &mdash; vergeben Sie &mdash; meine
-Gnädige &mdash; ich habe Sie unterbrochen.“</p>
-
-<p>„Wie?“</p>
-
-<p>Eine lange Pause. Sie hält gewiß einen Monolog, der, in meine Sprache
-übersetzt, sich in das einzige Wort „Esel“ zusammenfassen läßt.</p>
-
-<p>„Wenn Sie erlauben, gnädige Frau,“ begann ich endlich, „wie sind Sie zu
-diesen &mdash; zu diesen Ideen gekommen?“</p>
-
-<p>„Sehr einfach, mein Vater war ein vernünftiger Mann. Ich war von der
-Wiege an mit Abgüssen antiker Bildwerke umgeben, ich las mit zehn
-Jahren den Gil Blas, mit zwölf die Pucelle. Wie andere<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> in ihrer
-Kindheit den Däumling, Blaubart, Aschenbrödel, nannte ich Venus und
-Apollo, Herkules und Laokoon meine Freunde. Mein Gatte war eine
-heitere, sonnige Natur; nicht einmal das unheilbare Leiden, das ihn
-nicht lange nach unserer Vermählung ergriff, konnte seine Stirne jemals
-für die Dauer umwölken. Noch die Nacht vor dem Tode nahm er mich in
-sein Bett und während der vielen Monate, wo er sterbend in seinem
-Rollsessel lag, sagte er öfter scherzend zu mir: „Nun, hast du schon
-einen Anbeter?“ Ich wurde schamrot. „Betrüge mich nicht,“ fügte er
-einmal hinzu, „das fände ich häßlich, aber suche dir einen hübschen
-Mann aus, oder lieber gleich mehrere. Du bist ein braves Weib, aber
-dabei noch ein halbes Kind, du brauchst Spielzeug.““</p>
-
-<p>„Es ist wohl nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß ich, so lange er lebte,
-keinen Anbeter hatte, aber genug, er erzog mich zu dem, was ich bin, zu
-einer Griechin.“</p>
-
-<p>„Zu einer Göttin,“ fiel ich ein.</p>
-
-<p>Sie lächelte. „Zu welcher etwa?“</p>
-
-<p>„Zu einer Venus.“</p>
-
-<p>Sie drohte mit dem Finger und zog die Brauen zusammen. „Am Ende gar zu
-einer ‚<em class="gesperrt">Venus im Pelz</em>‘, warten Sie nur &mdash; ich habe einen großen,
-großen Pelz, mit dem ich Sie ganz zudecken kann, ich will Sie darin
-fangen, wie in einem Netz.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie auch,“ sagte ich rasch, denn mir kam etwas in den Sinn,
-was ich &mdash; so gewöhnlich und abgeschmackt es war &mdash; für einen sehr
-guten Gedanken hielt &mdash; „glauben Sie, daß Ihre Ideen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> in unserer
-Zeit durchführen lassen, daß Venus ungestraft in ihrer unverhüllten
-Schönheit und Heiterkeit unter Eisenbahnen und Telegraphen wandeln
-dürfte?“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Unverhüllt</em> gewiß nicht, aber im Pelz,“ rief sie lachend,
-„wollen Sie den meinen sehen?“</p>
-
-<p>„Und dann&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Was dann?“</p>
-
-<p>„Schöne, freie, heitere und glückliche Menschen, wie es die Griechen
-waren, sind nur dann möglich, wenn sie <em class="gesperrt">Sklaven</em> haben, welche für
-sie die unpoetischen Geschäfte des täglichen Lebens verrichten und vor
-allem für sie arbeiten.“</p>
-
-<p>„Gewiß,“ erwiderte sie mutwillig, „vor allem braucht aber eine
-olympische Göttin, wie ich, ein ganzes Heer von Sklaven. Hüten Sie sich
-also vor mir.“</p>
-
-<p>„Warum?“</p>
-
-<p>Ich erschrak selbst über die Kühnheit, mit der ich dieses „Warum“
-herausgebracht hatte; sie indes erschrak durchaus nicht, sie zog die
-Lippen etwas empor, so daß die kleinen, weißen Zähne sichtbar wurden,
-und sprach dann leichthin, als handle es sich um etwas, was nicht der
-Rede wert sei: „Wollen Sie mein Sklave sein?“</p>
-
-<p>„In der Liebe gibt es kein Nebeneinander,“ erwiderte ich mit
-feierlichem Ernst, „sobald ich aber die Wahl habe, zu herrschen oder
-unterjocht zu werden, scheint es mir weit reizender, der Sklave
-eines schönen Weibes zu sein. Aber wo finde ich das Weib, das nicht
-mit kleinlicher Zanksucht Einfluß zu erringen, sondern ruhig und
-selbstbewußt, ja streng zu herrschen versteht?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>„Nun, das wäre am Ende nicht so schwer.“</p>
-
-<p>„Sie glauben&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ich &mdash; zum Beispiel &mdash; &mdash;“ sie lachte und bog sich dabei weit zurück
-&mdash; „ich habe Talent zur Despotin &mdash; die nötigen Pelze besitze ich auch
-&mdash; aber Sie haben sich heute nacht in allem Ernste vor mir gefürchtet!“</p>
-
-<p>„In allem Ernste.“</p>
-
-<p>„Und jetzt?“</p>
-
-<p>„Jetzt &mdash; jetzt fürchte ich mich erst recht vor Ihnen!“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wir sind täglich beisammen, ich und &mdash; Venus; viel beisammen,
-wir nehmen das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und den Tee in
-ihrem kleinen Salon, und ich habe Gelegenheit, alle meine kleinen,
-sehr kleinen Talente zu entfalten. Wozu hätte ich mich in allen
-Wissenschaften unterrichtet, in allen Künsten versucht, wenn ich nicht
-imstande wäre, ein kleines hübsches Weib&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber dieses Weib ist durchaus nicht so klein und imponiert mir ganz
-ungeheuer. Heute zeichnete ich sie und da fühlte ich erst so recht
-deutlich, wie wenig unsere moderne Toilette für diesen Kameenkopf paßt.
-Sie hat wenig Römisches, aber viel Griechisches in der Bildung ihrer
-Züge.</p>
-
-<p>Bald möchte ich sie als Psyche, bald als Astarte malen, je nachdem ihre
-Augen den schwärmerisch seelischen, oder jenen halb verschmachtenden,
-halb versengenden, müdwollüstigen Ausdruck haben, aber sie wünscht, daß
-es ein Porträt werden soll.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p>Nun, ich werde ihr einen Pelz geben.</p>
-
-<p>Ach! wie konnte ich nur zweifeln, für wen gehört ein fürstlicher Pelz,
-wenn nicht für sie?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich war gestern abend bei ihr und las ihr die römischen Elegien. Dann
-legte ich das Buch weg und sprach einiges aus dem Kopfe. Sie schien
-zufrieden, ja noch mehr, sie hing förmlich an meinen Lippen und ihr
-Busen flog.</p>
-
-<p>Oder habe ich mich getäuscht?</p>
-
-<p>Der Regen pochte melancholisch an die Scheiben, das Feuer am Kamin
-prasselte winterlich traulich, mir wurde so heimatlich bei ihr, ich
-hatte einen Augenblick allen Respekt vor dem schönen Weibe verloren und
-küßte ihre Hand und sie ließ es geschehen.</p>
-
-<p>Dann saß ich zu ihren Füßen und las ihr ein kleines Gedicht, das ich
-für sie gemacht habe.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Venus im Pelz.</em></div>
- <div class="verse padtop0_5">„Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,</div>
- <div class="verse">Teuflisch holdes Mythenweib,</div>
- <div class="verse">Unter Myrten und Agaven</div>
- <div class="verse">Hingestreckt den Marmorleib.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ja &mdash; nun weiter! Diesmal bin ich wirklich über die erste Strophe
-hinausgekommen, aber ich habe ihr an jenem Abend das Gedicht auf ihren
-Befehl gegeben und habe keine Abschrift, und heute, wo ich dies aus
-meinem Tagebuche herausschreibe, fällt mir nur diese erste Strophe ein.</p>
-
-<p>Es ist eine merkwürdige Empfindung, die ich habe. Ich glaube nicht,
-daß ich in Wanda verliebt<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> bin, wenigstens habe ich bei unserer ersten
-Begegnung nichts von jenem blitzartigen Zünden der Leidenschaft
-gefühlt. Aber ich empfinde, wie ihre außerordentliche, wahrhaft
-göttliche Schönheit allmählich magische Schlingen um mich legt. Es
-ist auch keine Neigung des Gemütes, die in mir entsteht, es ist eine
-physische Unterwerfung, langsam, aber um so vollständiger.</p>
-
-<p>Ich leide täglich mehr, und sie &mdash; sie lächelt nur dazu.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Heute sagte sie mir plötzlich, ohne jede Veranlassung: „Sie
-interessieren mich. Die meisten Männer sind so gewöhnlich, ohne
-Schwung, ohne Poesie; in Ihnen ist eine gewisse Tiefe und Begeisterung,
-vor allem ein Ernst, der mir wohltut. Ich könnte Sie lieb gewinnen.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Nach einem kurzen, aber heftigen Gewitterregen besuchen wir zusammen
-die Wiese und das Venusbild. Die Erde dampft ringsum, Nebel steigen wie
-Opferdünste gegen den Himmel, ein zerstückter Regenbogen schwebt in der
-Luft, noch tropfen die Bäume, aber Sperlinge und Finken springen schon
-von Zweig zu Zweig und zwitschern lebhaft, wie wenn sie über etwas
-hoch erfreut wären, und alles ist mit frischem Wohlgeruch erfüllt.
-Wir können die Wiese nicht überschreiten, denn sie ist noch ganz naß
-und erscheint von der Sonne beglänzt, wie ein kleiner Teich, aus
-dessen bewegtem Spiegel die Liebesgöttin emporsteigt,<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> um deren Haupt
-ein Mückenschwarm tanzt, welcher, von der Sonne beschienen, wie eine
-Aureole über ihr schwebt.</p>
-
-<p>Wanda freute sich des lieblichen Anblicks, und da auf den Bänken in der
-Allee noch das Wasser steht, stützt sie sich, um etwas auszuruhen, auf
-meinen Arm, eine süße Müdigkeit liegt in ihrem ganzen Wesen, ihre Augen
-sind halb geschlossen, ihr Atem streift meine Wange.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p041_ill" name="p041_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p041_ill.jpg"
- alt="Mit Wanda am Venusbild" /></a>
-</div>
-
-<p>Ich ergreife ihre Hand und &mdash; wie es mir gelingt, weiß ich wahrhaftig
-nicht &mdash; ich frage sie:</p>
-
-<p>„Könnten Sie mich lieben?“</p>
-
-<p>„Warum nicht,“ erwidert sie und läßt ihren ruhigen, sonnigen Blick auf
-mir ruhen, aber nicht lange.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p>Im nächsten Augenblicke knie ich vor ihr und presse mein flammendes
-Antlitz in den duftigen Mousselin ihrer Robe.</p>
-
-<p>„Aber Severin &mdash; das ist ja unanständig!“ ruft sie.</p>
-
-<p>Ich aber ergreife ihren kleinen Fuß und presse meine Lippen darauf.</p>
-
-<p>„Sie werden immer unanständiger!“ ruft sie, macht sich los und flieht
-in raschen Sätzen gegen das Haus, während ihr allerliebster Pantoffel
-in meiner Hand zurückbleibt.</p>
-
-<p>Soll das ein Omen sein?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich wagte mich den ganzen Tag über nicht in ihre Nähe. Gegen Abend,
-ich saß in meiner Laube, blickte plötzlich ihr pikantes rotes Köpfchen
-durch die grünen Gewinde ihres Balkons. „Warum kommen Sie denn nicht?“
-schrie sie ungeduldig herab.</p>
-
-<p>Ich lief die Treppe empor, oben verlor ich wieder den Mut und klopfte
-ganz leise an. Sie sagte nicht herein, sondern öffnete und trat auf die
-Schwelle.</p>
-
-<p>„Wo ist mein Pantoffel?“</p>
-
-<p>„Er ist &mdash; ich habe &mdash; ich will,“ stotterte ich.</p>
-
-<p>„Holen Sie ihn und dann nehmen wir den Tee zusammen und plaudern.“</p>
-
-<p>Als ich zurückkehrte, war sie mit der Teemaschine beschäftigt. Ich
-legte den Pantoffel feierlich auf den Tisch und stand im Winkel, wie
-ein Kind, das seine Strafe erwartet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-<p>Ich bemerkte, daß sie die Stirne etwas zusammengezogen hatte und um
-ihren Mund etwas Strenges, Herrisches lag, das mich entzückte.</p>
-
-<p>Auf einmal brach sie in Lachen aus.</p>
-
-<p>„Also &mdash; Sie sind wirklich verliebt &mdash; in mich?“</p>
-
-<p>„Ja, und ich leide dabei mehr, als Sie glauben.“</p>
-
-<p>„Sie leiden?“ sie lachte wieder.</p>
-
-<p>Ich war empört, beschämt, vernichtet, aber alles ganz unnötig.</p>
-
-<p>„Wozu?“ fuhr sie fort, „ich bin Ihnen ja gut, von Herzen gut.“ Sie gab
-mir die Hand und blickte mich überaus freundlich an.</p>
-
-<p>„Und Sie wollen meine Frau werden?“</p>
-
-<p>Wanda sah mich &mdash; ja, wie sah sie mich an? &mdash; ich glaube vor allem
-erstaunt und dann ein wenig spöttisch.</p>
-
-<p>„Woher haben Sie auf einmal so viel Mut?“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Mut?“</p>
-
-<p>„Ja den Mut überhaupt, eine Frau zu nehmen, und insbesondere mich?“ Sie
-hob den Pantoffel in die Höhe. „Haben Sie sich so schnell mit diesem da
-befreundet? Aber Scherz beiseite. Wollen Sie mich wirklich heiraten?“</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>„Nun, Severin, das ist eine ernste Geschichte. Ich glaube, daß Sie mich
-lieb haben und auch ich habe Sie lieb, und was noch besser ist, wir
-interessieren uns für einander, es ist keine Gefahr vorhanden, daß wir
-uns so bald langweilen, aber Sie wissen, ich bin eine leichtsinnige
-Frau, und eben deshalb nehme ich die<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> Ehe sehr ernst, und wenn ich
-Pflichten übernehme, so will ich sie auch erfüllen können. Ich fürchte
-aber &mdash; nein &mdash; es muß Ihnen wehe tun.“</p>
-
-<p>„Ich bitte Sie, seien Sie ehrlich gegen mich,“ entgegnete ich.</p>
-
-<p>„Also ehrlich gesprochen. Ich glaube nicht, daß ich einen Mann länger
-lieben kann &mdash; als &mdash;“ sie neigte ihr Köpfchen anmutig zur Seite und
-sann nach.</p>
-
-<p>„Ein Jahr.“</p>
-
-<p>„Wo denken Sie hin &mdash; einen Monat vielleicht.“</p>
-
-<p>„Auch mich nicht?“</p>
-
-<p>„Nun Sie &mdash; Sie vielleicht zwei.“</p>
-
-<p>„Zwei Monate!“ schrie ich auf.</p>
-
-<p>„Zwei Monate, das ist sehr lange.“</p>
-
-<p>„Madame, das ist mehr als antik.“</p>
-
-<p>„Sehen Sie, Sie ertragen die Wahrheit nicht.“</p>
-
-<p>Wanda ging durch das Zimmer, lehnte sich dann gegen den Kamin zurück
-und betrachtete mich, mit dem Arme auf dem Sims ruhend.</p>
-
-<p>„Was soll ich also mit Ihnen anfangen?“ begann sie wieder.</p>
-
-<p>„Was Sie wollen,“ antwortete ich resigniert, „was Ihnen Vergnügen
-macht.“</p>
-
-<p>„Wie inkonsequent!“ rief sie, „erst wollen Sie mich zur Frau und dann
-geben Sie sich mir zum Spielzeug.“</p>
-
-<p>„Wanda &mdash; ich liebe Sie.“</p>
-
-<p>„Da wären wir wieder dort, wo wir angefangen haben. Sie lieben mich und
-wollen mich zur Frau, ich aber will keine neue Ehe schließen, weil ich
-an der Dauer meiner und Ihrer Gefühle zweifle.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p>
-
-<p>„Wenn ich es aber mit Ihnen wagen will?“ erwiderte ich.</p>
-
-<p>„Dann kommt es noch darauf an, ob ich es mit Ihnen wagen will,“ sprach
-sie ruhig, „ich kann mir ganz gut denken, daß ich einem Mann für
-das Leben gehöre, aber es müßte ein voller Mann sein, ein Mann, der
-mir imponiert, der mich durch die Gewalt seines Wesens unterwirft,
-verstehen Sie? und jeder Mann &mdash; ich kenne das &mdash; wird, sobald er
-verliebt ist &mdash; schwach, biegsam, lächerlich, wird sich in die Hand
-des Weibes geben, vor ihr auf den Knien liegen, während ich nur jenen
-dauernd lieben könnte, vor dem ich knien würde. Aber Sie sind mir so
-lieb geworden, daß ich es mit Ihnen versuchen will.“</p>
-
-<p>Ich stürze zu ihren Füßen.</p>
-
-<p>„Mein Gott! da knien Sie schon,“ sprach sie spöttisch, „Sie fangen
-gut an,“ und als ich mich wieder erhoben hatte, fuhr sie fort: „Ich
-gebe Ihnen ein Jahr Zeit, mich zu gewinnen, mich zu überzeugen, daß
-wir für einander passen, daß wir zusammen leben können. Gelingt Ihnen
-dies, dann bin ich Ihre Frau und dann, Severin, eine Frau, welche ihre
-Pflichten streng und gewissenhaft erfüllen wird. Während dieses Jahres
-werden wir wie in einer Ehe leben&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Mir stieg das Blut zu Kopfe.</p>
-
-<p>Auch ihre Augen flammten plötzlich auf. &mdash; „Wir werden zusammen
-wohnen,“ fuhr sie fort, „alle unsere Gewohnheiten teilen, um zu sehen,
-ob wir uns ineinander finden können. <em class="gesperrt">Ich räume Ihnen alle Rechte
-eines Gatten, eines An<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>beters, eines Freundes ein</em>. Sind Sie damit
-zufrieden?“</p>
-
-<p>„Ich muß wohl.“</p>
-
-<p>„Sie müssen nicht.“</p>
-
-<p>„Also ich will&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Vortrefflich. So spricht ein Mann. Da haben Sie meine Hand.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Seit zehn Tagen war ich keine Stunde ohne sie, die Nächte ausgenommen.
-Ich durfte immerfort in ihre Augen sehen, ihre Hände halten, ihren
-Reden lauschen, sie überall hin begleiten.</p>
-
-<p>Meine Liebe kommt mir wie ein tiefer, bodenloser Abgrund vor, in dem
-ich immer mehr versinke, aus dem mich jetzt schon nichts mehr retten
-kann.</p>
-
-<p>Wir hatten uns heute nachmittag auf der Wiese zu den Füßen der
-Venusstatue gelagert, ich pflückte Blumen und warf sie in ihren Schoß
-und sie band sie zu Kränzen, mit denen wir unsere Göttin schmückten.</p>
-
-<p>Plötzlich sah mich Wanda so eigentümlich, so sinnverwirrend an, daß
-meine Leidenschaft gleich Flammen über mich zusammenschlug. Meiner
-nicht mehr mächtig, schlang ich meine Arme um sie und hing an ihren
-Lippen und sie &mdash; sie preßte mich an ihre wogende Brust.</p>
-
-<p>„Sind Sie böse?“ fragte ich dann.</p>
-
-<p>„Ich werde nie über etwas böse, was natürlich ist &mdash;“ antwortete sie,
-„ich fürchte nur, Sie leiden.“</p>
-
-<p>„O, ich leide furchtbar.“</p>
-
-<p>„Armer Freund,“ sie strich mir die wirren Haare<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> aus der Stirne, „ich
-hoffe aber, nicht durch meine Schuld.“</p>
-
-<p>„Nein &mdash;“ antwortete ich &mdash; „und doch, meine Liebe zu Ihnen ist zu
-einer Art Wahnsinn geworden. Der Gedanke, daß ich Sie verlieren kann,
-ja vielleicht in der Tat verlieren soll, quält mich Tag und Nacht.“</p>
-
-<p>„Aber Sie besitzen mich ja noch gar nicht,“ sagte Wanda und sah mich
-wieder an mit jenem vibrierenden, feuchten, verzehrenden Blicke, der
-mich schon einmal hingerissen hatte, dann erhob sie sich und legte mit
-ihren kleinen durchsichtigen Händen einen Kranz von blauen Anemonen auf
-das weiße Lockenhaupt der Venus. Halb gegen meinen Willen schlang ich
-den Arm um ihren Leib.</p>
-
-<p>„Ich kann nicht mehr sein ohne dich, du schönes Weib,“ sprach ich,
-„glaube mir, dies eine Mal nur glaube mir, es ist keine Phrase, keine
-Phantasie, ich fühle tief im Innersten, wie mein Leben mit dem deinen
-zusammenhängt; wenn du dich von mir trennst, werde ich vergehen,
-zugrunde gehen.“</p>
-
-<p>„Aber das wird ja gar nicht nötig sein, denn ich liebe dich, Mann,“ sie
-nahm mich beim Kinn, „dummer Mann!“</p>
-
-<p>„Aber du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir
-bedingungslos gehöre&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Das ist nicht gut, Severin,“ erwiderte sie beinahe erschreckt; „kennen
-Sie mich denn noch nicht, wollen Sie mich durchaus nicht kennen lernen?
-Ich bin gut, wenn man mich ernst und vernünftig behandelt, aber wenn
-man sich mir zu sehr hingibt, werde ich übermütig&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span></p>
-
-<p>„Sei’s denn, sei übermütig, sei despotisch,“ rief ich in voller
-Exaltation, „nur sei mein, sei mein für immer.“ Ich lag zu ihren Füßen
-und umfaßte ihre Knie.</p>
-
-<p>„Das wird nicht gut enden, mein Freund,“ sprach sie ernst, ohne sich zu
-regen.</p>
-
-<p>„O! es soll eben nie ein Ende nehmen,“ rief ich erregt, ja heftig, „nur
-der Tod soll uns trennen. Wenn du nicht mein sein kannst, ganz mein und
-für immer, <em class="gesperrt">so will ich dein Sklave sein</em>, dir dienen, alles von
-dir dulden, nur stoß mich nicht von dir.“</p>
-
-<p>„Fassen Sie sich doch,“ sagte sie, beugte sich zu mir und küßte mich
-auf die Stirne. „Ich bin Ihnen ja von Herzen gut, aber das ist nicht
-der Weg, mich zu erobern, mich festzuhalten.“</p>
-
-<p>„Ich will ja alles, alles tun, was Sie wollen, nur Sie nie verlieren,“
-rief ich, „nur das nicht, den Gedanken kann ich nicht mehr fassen.“</p>
-
-<p>„Stehen Sie doch auf.“</p>
-
-<p>Ich gehorchte.</p>
-
-<p>„Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch,“ fuhr Wanda fort, „Sie wollen
-mich also besitzen um jeden Preis?“</p>
-
-<p>„Ja, um jeden Preis.“</p>
-
-<p>„Aber welchen Wert hätte z. B. mein Besitz für Sie?“ &mdash; Sie sann nach,
-ihr Auge bekam etwas Lauerndes, Unheimliches &mdash; „wenn ich Sie nicht
-mehr lieben, wenn ich einem andern gehören würde?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es überlief mich. Ich sah sie an, sie stand so fest und selbstbewußt
-vor mir, und ihr Auge zeigte einen kalten Glanz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p>„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „Sie erschrecken bei dem Gedanken.“ Ein
-liebenswürdiges Lächeln erhellte plötzlich ihr Antlitz.</p>
-
-<p>„Ja, mich faßt ein Grauen, wenn ich mir lebhaft vorstelle, daß ein
-Weib, das ich liebe, das meine Liebe erwidert hat, sich ohne Erbarmen
-für mich einem anderen hingibt; aber habe ich dann noch eine Wahl? Wenn
-ich dieses Weib liebe, wahnsinnig liebe, soll ich ihm stolz den Rücken
-kehren und an meiner prahlerischen Kraft zugrunde gehen, soll ich mir
-eine Kugel durch den Kopf jagen? Ich habe zwei Frauenideale. Kann
-ich mein edles, sonniges, eine Frau, welche mir treu und gütig mein
-Schicksal teilt, nicht finden, nun dann nur nichts Halbes oder Laues!
-Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne Treue, ohne Erbarmen
-hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen Größe
-ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz
-genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur
-Neige; dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten
-werden, und je grausamer, um so besser. Auch das ist ein Genuß!“</p>
-
-<p>„Sind Sie bei Sinnen!“ rief Wanda.</p>
-
-<p>„Ich liebe Sie so mit ganzer Seele,“ fuhr ich fort, „so mit allen
-meinen Sinnen, daß Ihre Nähe, Ihre Atmosphäre mir unentbehrlich ist,
-wenn ich noch weiter leben soll. Wählen Sie also zwischen meinen
-Idealen. Machen Sie aus mir, was Sie wollen, Ihren Gatten oder Ihren
-Sklaven.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></p>
-
-<p>„Gut denn,“ sprach Wanda, die kleinen aber energisch geschwungenen
-Brauen zusammenziehend, „ich denke mir das sehr amüsant, einen Mann,
-der mich interessiert, der mich liebt, so ganz in meiner Hand zu haben;
-es wird mir mindestens nicht an Zeitvertreib fehlen. Sie waren so
-unvorsichtig, mir die Wahl zu lassen. Ich wähle also, ich will, daß Sie
-mein Sklave sind, ich werde mein Spielzeug aus Ihnen machen!“</p>
-
-<p>„O! tun Sie das,“ rief ich halb schauernd, halb entzückt, „wenn eine
-Ehe nur auf Gleichheit, auf Übereinstimmung gegründet sein kann, so
-entstehen dagegen die größten Leidenschaften durch Gegensätze. Wir sind
-solche Gegensätze, die sich beinahe feindlich gegenüberstehen, daher
-diese Liebe bei mir, die zum Teil Haß, zum Teil Furcht ist. In einem
-solchen Verhältnisse aber kann nur eines Hammer, das andere Ambos sein.
-Ich will Ambos sein. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich auf die
-Geliebte herabsehe. Ich will ein Weib anbeten können, und das kann ich
-nur dann, wenn es grausam gegen mich ist.“</p>
-
-<p>„Aber, Severin,“ entgegnete Wanda beinahe zornig, „halten Sie mich denn
-dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe,
-zu mißhandeln?“</p>
-
-<p>„Warum nicht, wenn ich Sie dafür um so mehr anbete? <em class="gesperrt">Man kann nur
-wahrhaft lieben, was über uns steht</em>, ein Weib, das uns durch
-Schönheit, Temperament, Geist, Willenskraft unterwirft, das unsere
-Despotin wird.“</p>
-
-<p>„Also das, was andere abstößt, zieht Sie an?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<p>„So ist es. Es ist eben meine Seltsamkeit.“</p>
-
-<p>„Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder
-Seltsames, denn wem gefällt nicht ein schöner Pelz? und jeder weiß und
-fühlt, wie nahe Wollust und Grausamkeit verwandt sind.“</p>
-
-<p>„Bei mir ist dies alles aber auf das Höchste gesteigert,“ erwiderte ich.</p>
-
-<p>„Das heißt, die Vernunft hat wenig Gewalt über Sie, und Sie sind eine
-weiche hingebende sinnliche Natur.“</p>
-
-<p>„Waren die Märtyrer auch weiche sinnliche Naturen?“</p>
-
-<p>„Die Märtyrer?“</p>
-
-<p>„Im Gegenteil, es waren <em class="gesperrt">übersinnliche Menschen</em>, welche im Leiden
-einen Genuß fanden, welche die furchtbarsten Qualen, ja den Tod suchten
-wie andere die Freude, und so ein <em class="gesperrt">Übersinnlicher</em> bin ich,
-Madame.“</p>
-
-<p>„Geben Sie nur acht, daß Sie dabei nicht auch zum Märtyrer der Liebe,
-zum <em class="gesperrt">Märtyrer eines Weibes</em> werden.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wir sitzen auf Wandas kleinem Balkon in der lauen, duftigen
-Sommernacht, ein zweifaches Dach über uns, zuerst den grünen
-Plafond von Schlingpflanzen, dann die mit unzähligen Sternen besäte
-Himmelsdecke. Aus dem Park tönt der leise, weinerlich verliebte Lockton
-einer Katze, und ich sitze auf einem Schemel zu den Füßen meiner Göttin
-und erzähle von meiner Kindheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p>
-
-<p>„Und damals schon waren alle diese Seltsamkeiten bei Ihnen ausgeprägt?“
-fragte Wanda.</p>
-
-<p>„Gewiß, ich erinnere mich keiner Zeit, wo ich sie nicht hatte, ja
-schon in der Wiege, so erzählte mir meine Mutter später, war ich
-<em class="gesperrt">übersinnlich</em>, verschmähte die gesunde Brust der Amme, und man
-mußte mich mit Ziegenmilch nähren. Als kleiner Knabe zeigte ich eine
-rätselhafte Scheu vor Frauen, in welcher sich eigentlich nur ein
-unheimliches Interesse für dieselben ausdrückte. Das graue Gewölbe,
-das Halbdunkel einer Kirche beängstigten mich, und vor den glitzernden
-Altären und Heiligenbildern faßte mich eine förmliche Angst. Dagegen
-schlich ich heimlich, wie zu einer verbotenen Freude, zu einer Venus
-aus Gyps, welche in dem kleinen Bibliothekszimmer meines Vaters stand,
-kniete nieder und sprach zu ihr die Gebete, die man mir eingelernt, das
-Vaterunser, das Gegrüßt seist du Maria und das Credo.</p>
-
-<p>Einmal verließ ich nachts mein Bett, um sie zu besuchen, die Mondsichel
-leuchtete mir und ließ die Göttin in einem fahlblauen kalten Licht
-erscheinen. Ich warf mich vor ihr nieder, küßte ihre kalten Füße, wie
-ich es bei unsern Landleuten gesehen hatte, wenn sie die Füße des toten
-Heilands küßten.</p>
-
-<p>Eine unbezwingliche Sehnsucht ergriff mich.</p>
-
-<p>Ich stieg empor und umschlang den schönen kalten Leib und küßte die
-kalten Lippen, da sank ein tiefer Schauer auf mich herab und ich
-entfloh, und im Traume war es mir, als stünde die Göttin vor meinem
-Lager und drohe mir mit erhobenem Arm.</p>
-
-<p>Man schickte mich frühzeitig in die Schule und so<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> kam ich bald auf das
-Gymnasium und ergriff alles mit Leidenschaft, was mir die antike Welt
-zu erschließen versprach. Ich war bald mit den Göttern Griechenlands
-vertrauter als mit der Religion Jesu, ich gab mit Paris Venus den
-verhängnisvollen Apfel, ich sah Troja brennen und folgte Odysseus auf
-seinen Irrfahrten. Die Urbilder alles Schönen senkten sich tief in
-meine Seele, und so zeigte ich zu jener Zeit, wo andere Knaben sich
-roh und unflätig gebärden, einen unüberwindlichen Abscheu gegen alles
-Niedere, Gemeine, Unschöne.</p>
-
-<p>Als etwas ganz besonders Niederes und Unschönes erschien jedoch dem
-reifenden Jüngling die Liebe zum Weibe, so wie sie sich ihm zuerst in
-ihrer vollen Gewöhnlichkeit zeigte. Ich mied jede Berührung mit dem
-schönen Geschlechte, kurz, ich war übersinnlich bis zur Verrücktheit.</p>
-
-<p>Meine Mutter bekam &mdash; ich war damals etwa vierzehn Jahre alt &mdash; ein
-reizendes Stubenmädchen, jung, hübsch, mit schwellenden Formen. Eines
-Morgens, ich studierte meinen Tacitus und begeisterte mich an den
-Tugenden der alten Germanen, kehrte die Kleine bei mir aus; plötzlich
-hielt sie inne, neigte sich, den Besen in der Hand, zu mir, und zwei
-volle frische köstliche Lippen berührten die meinen. Der Kuß der
-verliebten kleinen Katze durchschauerte mich, aber ich erhob meine
-‚Germania‘ wie ein Schild gegen die Verführerin und verließ entrüstet
-das Zimmer.“</p>
-
-<p>Wanda brach in lautes Lachen aus. „Sie sind in der Tat ein Mann, der
-seines Gleichen sucht, aber fahren Sie nur fort.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p>
-
-<p>„Eine andere Szene aus jener Zeit bleibt mir unvergeßlich,“ erzählte
-ich weiter, „Gräfin Sobol, eine entfernte Tante von mir, kam zu meinen
-Eltern auf Besuch, eine majestätische schöne Frau mit einem reizenden
-Lächeln; ich aber haßte sie, denn sie galt in der Familie als eine
-Messalina, und benahm mich so unartig, boshaft und täppisch, wie nur
-möglich gegen sie.</p>
-
-<p>Eines Tages fuhren meine Eltern in die Kreisstadt. Meine Tante
-beschloß ihre Abwesenheit zu benützen und Gericht über mich zu halten.
-Unerwartet trat sie in ihrer pelzgefütterten Kazabaika<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> herein,
-gefolgt von der Köchin, Küchenmagd und der kleinen Katze, die ich
-verschmäht hatte. Ohne viel zu fragen, ergriffen sie mich und banden
-mich, trotz meiner heftigen Gegenwehr, an Händen und Füßen, dann
-schürzte meine Tante mit einem bösen Lächeln den Ärmel empor und begann
-mich mit einer großen Rute zu hauen, und sie hieb so tüchtig, daß Blut
-floß und ich zuletzt, trotz meinem Heldenmut, schrie und weinte und um
-Gnade bat. Sie ließ mich hierauf losbinden, aber ich mußte ihr kniend
-für die Strafe danken und die Hand küssen.</p>
-
-<p>Nun sehen Sie den übersinnlichen Toren! Unter der Rute der schönen
-üppigen Frau, welche mir in ihrer Pelzjacke wie eine zürnende Monarchin
-erschien, erwachte in mir zuerst der Sinn für das Weib und meine Tante
-erschien mir fortan als die reizendste Frau auf Gottes Erdboden.</p>
-
-<p>Meine katonische Strenge, meine Scheu vor dem Weibe war eben nichts,
-als ein auf das Höchste getriebener<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> Schönheitssinn; die Sinnlichkeit
-wurde in meiner Phantasie jetzt zu einer Art Kultur, und ich schwur
-mir, ihre heiligen Empfindungen ja nicht an ein gewöhnliches Wesen
-zu verschwenden, sondern für eine ideale Frau, wo möglich für die
-Liebesgöttin selbst aufzusparen.</p>
-
-<p>Ich kam sehr jung auf die Universität und in die Hauptstadt, in
-welcher meine Tante wohnte. Meine Stube glich damals jener des Doktor
-Faust. Alles stand in derselben wirr und kraus, hohe Schränke mit
-Büchern vollgepfropft, welche ich um Spottpreise bei einem jüdischen
-Antiquar in der Servanica<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> erhandelte, Globen, Atlanten, Phiolen,
-Himmelskarten, Tiergerippe, Totenköpfe, Büsten großer Geister. Hinter
-dem großen grünen Ofen konnte jeden Augenblick Mephistopheles als
-fahrender Scholast hervortreten.</p>
-
-<p>Ich studierte alles durcheinander, ohne System, ohne Wahl,
-Chemie, Alchimie, Geschichte, Astronomie, Philosophie, die
-Rechtswissenschaften, Anatomie und Literatur; las Homer, Virgil,
-Ossian, Schiller, Goethe, Shakespeare, Cervantes, Voltaire, Molière,
-den Koran, den Kosmos, Casanovas Memoiren. Ich wurde jeden Tag wirrer,
-phantastischer und übersinnlicher. Und immer hatte ich ein schönes
-ideales Weib im Kopfe, das mir von Zeit zu Zeit gleich einer Vision
-auf Rosen gebettet, von Amoretten umringt, zwischen meinen Lederbänden
-und Totenbeinen erschien, bald in olympischer Toilette, mit dem
-strengen weißen Antlitz der gipsernen Venus, bald mit den üppigen
-braunen Flechten, den lachenden<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> blauen Augen und in der rotsamtenen
-hermelinbesetzten Kazabaika meiner schönen Tante.</p>
-
-<p>Eines Morgens, nachdem sie mir wieder in vollem lachenden Liebreiz aus
-dem goldenen Nebel meiner Phantasie aufgetaucht war, ging ich zu Gräfin
-Sobol, welche mich freundlich, ja herzlich empfing und mir zum Willkomm
-einen Kuß gab, der alle meine Sinne verwirrte. Sie war jetzt wohl nahe
-an vierzig Jahre, aber wie die meisten jener unverwüstlichen Lebefrauen
-noch immer begehrenswert, sie trug auch jetzt stets eine pelzbesetzte
-Jacke, und zwar diesmal von grünem Samt mit braunem Edelmarder, aber
-von jener Strenge, die mich damals an ihr entzückt hatte, war nichts zu
-entdecken.</p>
-
-<p>Im Gegenteil sie war so wenig grausam gegen mich, daß sie mir ohne viel
-Umstände die Erlaubnis gab, sie anzubeten.</p>
-
-<p>Sie hatte meine übersinnliche Torheit und Unschuld nur zu bald
-entdeckt, und es machte ihr Vergnügen, mich glücklich zu machen. Und
-ich &mdash; ich war in der Tat selig wie ein junger Gott. Welcher Genuß
-war es für mich, wenn ich, vor ihr auf den Knien liegend, ihre Hände
-küssen durfte, mit denen sie mich damals gezüchtigt hatte. Ach! was für
-wunderbare Hände! von so schöner Bildung, so fein und voll und weiß,
-und mit welch allerliebsten Grübchen. Ich war eigentlich nur in diese
-Hände verliebt. Ich trieb mein Spiel mit ihnen, ließ sie in dem dunklen
-Pelz auf- und abtauchen, ich hielt sie gegen die Flamme und konnte mich
-nicht sattsehen an ihnen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p>Wanda betrachtete unwillkürlich ihre Hände, ich bemerkte es und mußte
-lächeln.</p>
-
-<p>„Wie zu jeder Zeit das Übersinnliche bei mir überwog, sehen Sie daraus,
-daß ich bei meiner Tante in die grausamen Rutenhiebe, welche ich von
-ihr empfangen hatte, und bei einer jungen Schauspielerin, welcher ich
-etwa zwei Jahre später den Hof machte, nur in ihre Rollen verliebt war.
-Ich habe dann auch für eine sehr achtbare Frau geschwärmt, welche die
-unnahbare Tugend spielte, um mich schließlich an einen reichen Juden
-zu verraten. Sehen Sie, weil ich von einer Frau, welche die strengsten
-Grundsätze, die idealsten Empfindungen heuchelte, betrogen, verkauft
-wurde: deshalb hasse ich diese Sorte poetischer, sentimentaler Tugenden
-so sehr; geben Sie mir ein Weib, das ehrlich genug ist, mir zu sagen:
-ich bin eine Pompadour, eine Lucretia Borgia, und ich will sie anbeten.“</p>
-
-<p>Wanda stand auf und öffnete das Fenster.</p>
-
-<p>„Sie haben eine eigentümliche Manier, die Phantasie zu erhitzen, einem
-alle Nerven aufzuregen, alle Pulse höher schlagen zu machen. Sie geben
-dem Laster eine Aureole, wenn es nur ehrlich ist. Ihr Ideal ist eine
-kühne geniale Courtisane; o! Sie sind mir der Mann, eine Frau von Grund
-aus zu verderben!“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Mitten in der Nacht klopfte es an mein Fenster, ich stand auf, öffnete
-und schrak zusammen. Draußen<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> stand Venus im Pelz, genau so wie sie mir
-das erste Mal erschienen war.</p>
-
-<p>„Sie haben mich mit Ihren Geschichten aufgeregt, ich wälze mich auf
-meinem Lager und kann nicht schlafen,“ sprach sie, „kommen Sie jetzt
-nur, mir Gesellschaft leisten.“</p>
-
-<p>„Im Augenblicke.“</p>
-
-<p>Als ich eintrat, kauerte Wanda vor dem Kamin, in dem sie ein kleines
-Feuer angefacht hatte.</p>
-
-<p>„Der Herbst meldet sich,“ begann sie, „die Nächte sind schon recht
-kalt. Ich fürchte, Ihnen zu mißfallen, aber ich kann meinen Pelz nicht
-abwerfen, ehe das Zimmer nicht warm genug ist.“</p>
-
-<p>„Mißfallen &mdash; Schalk! &mdash; Sie wissen doch &mdash;“ ich schlang den Arm um sie
-und küßte sie.</p>
-
-<p>„Freilich weiß ich, aber woher haben Sie diese große Vorliebe für den
-Pelz?“</p>
-
-<p>„Sie ist mir angeboren,“ erwiderte ich, „ich zeigte sie schon als
-Kind. Übrigens übt Pelzwerk auf alle nervösen Naturen eine aufregende
-Wirkung, welche auf ebenso allgemeinen als natürlichen Gesetzen
-beruht. Es ist ein physischer Reiz, welcher wenigstens ebenso
-seltsam prickelnd ist, und dem sich niemand ganz entziehen kann. Die
-Wissenschaft hat in neuester Zeit eine gewisse Verwandtschaft zwischen
-Elektrizität und Wärme nachgewiesen, verwandt sind ja jedenfalls ihre
-Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Die heiße Zone erzeugt
-leidenschaftlichere Menschen, eine warme Atmosphäre Aufregung. Genau
-so die Elektrizität. Daher der hexenhaft wohltätige Einfluß, welchen
-die Gesellschaft von <em class="gesperrt">Katzen</em><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> auf reizbare geistige Menschen übt
-und diese langgeschwänzten Grazien der Tierwelt, diese niedlichen,
-funkensprühenden, elektrischen Batterien zu den Lieblingen eines
-Mahomed, Kardinal Richelieu, Crebillon, Rousseau, Wieland gemacht hat.“</p>
-
-<p>„Eine Frau, die also einen Pelz trägt,“ rief Wanda, „ist also nichts
-anderes als eine große Katze, eine verstärkte elektrische Batterie?“</p>
-
-<p>„Gewiß,“ erwiderte ich, „und so erkläre ich mir auch die symbolische
-Bedeutung, welche der Pelz als Attribut der Macht und Schönheit bekam.
-In diesem Sinne nahmen ihn in früheren Zeiten Monarchen und ein
-gebietender Adel durch Kleiderordnungen ausschließlich für sich in
-Anspruch und große Maler für die Königinnen der Schönheit. So fand ein
-Raphael für die göttlichen Formen der Fornarina, Titian für den rosigen
-Leib seiner Geliebten keinen köstlicheren Rahmen als dunklen Pelz.“</p>
-
-<p>„Ich danke für die gelehrt erotische Abhandlung,“ sprach Wanda, „aber
-Sie haben mir nicht alles gesagt, Sie verbinden noch etwas ganz Apartes
-mit dem Pelz.“</p>
-
-<p>„Allerdings,“ rief ich, „ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, daß im
-Leiden ein seltsamer Reiz für mich liegt, daß nichts so sehr im stande
-ist, meine Leidenschaft anzufachen als die Tyrannei, die Grausamkeit,
-und vor allem die Treulosigkeit eines schönen Weibes. Und dieses Weib,
-dieses seltsame Ideal aus der Ästhetik des Häßlichen, die Seele eines
-Nero im Leibe einer Phryne, kann ich mir nicht ohne Pelz denken.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
-
-<p>„Ich begreife,“ warf Wanda ein, „er gibt einer Frau etwas Herrisches,
-Imponierendes.“</p>
-
-<p>„Es ist nicht das allein,“ fuhr ich fort, „Sie wissen, daß ich ein
-‚<em class="gesperrt">Übersinnlicher</em>‘ bin, daß bei mir alles mehr in der Phantasie
-wurzelt und von dort seine Nahrung empfängt. Ich war früh entwickelt
-und überreizt, als ich mit zehn Jahren etwa die Legenden der Märtyrer
-in die Hand bekam; ich erinnere mich, daß ich mit einem Grauen, das
-eigentlich Entzücken war, las, wie sie im Kerker schmachteten, auf den
-Rost gelegt, mit Pfeilen durchschossen, in Pech gesotten, wilden Tieren
-vorgeworfen, an das Kreuz geschlagen wurden, und das Entsetzlichste mit
-einer Art Freude litten. Leiden, grausame Qualen erdulden, erschien
-mir fortan als ein Genuß, und ganz besonders durch ein schönes Weib,
-da sich mir von jeher alle Poesie, wie alles Dämonische im Weibe
-konzentrierte. Ich trieb mit demselben einen förmlichen Kultus.</p>
-
-<p>Ich sah in der Sinnlichkeit etwas Heiliges, ja das einzig Heilige, in
-dem Weibe und seiner Schönheit etwas Göttliches, indem die wichtigste
-Aufgabe des Daseins: die Fortpflanzung der Gattung vor allem ihr Beruf
-ist; ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, die <em class="gesperrt">Isis</em>,
-und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm
-gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich
-stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre
-Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden.</p>
-
-<p>Ich beneidete König Gunther, den die gewaltige Brunhilde in der
-Brautnacht band; den armen Trou<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>badour, den seine launische Herrin in
-Wolfsfelle nähen ließ, um ihn dann gleich einem Wild zu jagen; ich
-beneidete den Ritter Ctirad, den die kühne Amazone Scharka durch List
-im Walde bei Prag gefangen nahm, auf die Burg Divin schleppte, und
-nachdem sie sich einige Zeit mit ihm die Zeit vertrieben hatte, auf das
-Rad flechten ließ&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Abscheulich!“ rief Wanda, „ich würde Ihnen wünschen, daß Sie einem
-Weibe dieser wilden Rasse in die Hände fielen, im Wolfsfell, unter
-den Zähnen der Rüden oder auf dem Rade würde Ihnen schon die Poesie
-vergehen.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie? ich glaube nicht.“</p>
-
-<p>„Sie sind wirklich nicht ganz gescheit.“</p>
-
-<p>„Möglich. Aber hören Sie weiter, ich las fortan mit einer wahren Gier
-Geschichten, in denen die furchtbarsten Grausamkeiten geschildert, und
-sah mit besonderer Lust Bilder, Stiche, auf denen sie zur Darstellung
-kamen, und alle die blutigen Tyrannen, die je auf einem Throne saßen,
-die Inquisitoren, welche die Ketzer foltern, braten, schlachten
-ließen, alle jene Frauen, welche in den Blättern der Weltgeschichte
-als wollüstig, schön und gewalttätig verzeichnet sind, wie Libussa,
-Lucretia Borgia, Agnes von Ungarn, Königin Margot, Isabeau, die
-Sultanin Roxolane, die russischen Zarinnen des vorigen Jahrhunderts,
-alle sah ich in Pelzen oder hermelinverbrämten Roben.“</p>
-
-<p>„Und so erweckt Ihnen jetzt der Pelz Ihre seltsamen Phantasien,“ rief
-Wanda, und sie begann zu gleicher Zeit sich mit ihrem prächtigen
-Pelzmantel kokett<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> zu drapieren, so daß die dunklen glänzenden
-Zobelfelle entzückend um ihre Büste, ihre Arme spielten. „Nun, wie ist
-Ihnen jetzt zumute, fühlen Sie sich schon halb gerädert?“</p>
-
-<p>Ihre grünen durchdringenden Augen ruhten mit einem seltsamen,
-höhnischen Behagen auf mir, als ich mich von Leidenschaften übermannt
-vor ihr niederwarf und die Arme um sie schlang.</p>
-
-<p>„Ja &mdash; Sie haben in mir meine Lieblingsphantasie erweckt,“ rief ich,
-„die lange genug geschlummert.“</p>
-
-<p>„Und diese wäre?“ sie legte die Hand auf meinen Nacken.</p>
-
-<p>Mich ergriff unter dieser kleinen warmen Hand, unter ihrem Blick, der
-zärtlich forschend durch die halbgeschlossenen Lider auf mich fiel,
-eine süße Trunkenheit.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich
-liebe, das ich anbete!</em>“</p>
-
-<p>„Und das Sie dafür mißhandelt!“ unterbrach mich Wanda lachend.</p>
-
-<p>„Ja, das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es
-einem andern gehört.“</p>
-
-<p>„Und das, wenn Sie durch Eifersucht wahnsinnig gemacht, dem beglückten
-Nebenbuhler entgegentreten, in seinem Übermute so weit geht, Sie an
-denselben zu verschenken und seiner Roheit preiszugeben. Warum nicht?
-Gefällt Ihnen das Schlußtableau weniger?“</p>
-
-<p>Ich sah Wanda erschreckt an.</p>
-
-<p>„Sie übertreffen meine Träume.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, wir Frauen sind erfinderisch,“ sprach sie, „geben Sie acht, wenn
-Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer
-behandelt, als Ihnen lieb ist.“</p>
-
-<p>„Ich fürchte, ich habe mein Ideal bereits gefunden!“ rief ich, und
-preßte mein glühendes Antlitz in ihren Schoß.</p>
-
-<p>„Doch nicht in mir?“ rief Wanda, warf den Pelz ab und sprang lachend
-im Zimmer herum; sie lachte noch, als ich die Treppe hinabstieg, und
-als ich nachdenkend im Hofe stand, hörte ich noch oben ihr mutwilliges
-ausgelassenes Gelächter.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Soll ich Ihnen also Ihr Ideal verkörpern?“ sprach Wanda schelmisch,
-als wir uns heute im Parke trafen.</p>
-
-<p>Anfangs fand ich keine Antwort. In mir kämpften die widersprechendsten
-Empfindungen. Sie ließ sich indes auf eine der steinernen Bänke nieder
-und spielte mit einer Blume.</p>
-
-<p>„Nun &mdash; soll ich?“</p>
-
-<p>Ich kniete nieder und faßte ihre Hände.</p>
-
-<p>„Ich bitte Sie noch einmal, werden Sie meine Frau, mein treues,
-ehrliches Weib; können Sie das nicht, dann seien Sie mein Ideal, aber
-dann ganz, ohne Rückhalt, ohne Milderung.“</p>
-
-<p>„Sie wissen, daß ich in einem Jahre Ihnen meine Hand reichen will,
-wenn Sie der Mann sind, den ich suche,“ entgegnete Wanda sehr ernst,
-„aber ich glaube, Sie würden mir dankbarer sein, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> ich Ihnen Ihre
-Phantasie verwirkliche. Nun, was ziehen Sie vor?“</p>
-
-<p>„Ich glaube, daß alles das, was mir in meiner Einbildung vorschwebt, in
-Ihrer Natur liegt.“</p>
-
-<p>„Sie täuschen sich.“</p>
-
-<p>„Ich glaube,“ fuhr ich fort, „daß es Ihnen Vergnügen macht, einen Mann
-ganz in Ihrer Hand zu haben, zu quälen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Nein, nein!“ rief sie lebhaft, „oder doch“ &mdash; sie sann nach. „Ich
-verstehe mich selbst nicht mehr,“ fuhr sie fort, „aber ich muß
-Ihnen ein Geständnis machen. Sie haben meine Phantasie verdorben,
-mein Blut erhitzt, ich fange an, an allem dem Gefallen zu finden,
-die Begeisterung, mit der Sie von einer Pompadour, einer Katharina
-II. und von all den anderen selbstsüchtigen, frivolen und
-grausamen Frauen sprechen, reißt mich hin, senkt sich in meine Seele
-und treibt mich, diesen Frauen ähnlich zu werden, welche trotz ihrer
-Schlechtigkeit, so lange sie lebten, sklavisch angebetet wurden und
-noch im Grabe Wunder wirken.</p>
-
-<p>Am Ende machen Sie aus mir noch eine Miniaturdespotin, eine Pompadour
-zum Hausgebrauche.“</p>
-
-<p>„Nun denn,“ sprach ich erregt, „wenn dies in Ihnen liegt, dann geben
-Sie sich dem Zuge Ihrer Natur hin, nur nichts Halbes; können Sie nicht
-ein braves, treues Weib sein, so seien Sie ein Teufel.“</p>
-
-<p>Ich war übernächtig, aufgeregt, die Nähe der schönen Frau ergriff mich
-wie ein Fieber, ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber ich erinnere
-mich,<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> daß ich ihre Füße küßte und zuletzt ihren Fuß aufhob und auf
-meinen Nacken setzte. Sie aber zog ihn rasch zurück und erhob sich
-beinahe zornig.</p>
-
-<p>„Wenn Sie mich lieben, Severin,“ sprach sie rasch, ihre Stimme klang
-scharf und gebieterisch, „so sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen.
-Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich &mdash;“ sie
-lächelte und setzte sich wieder.</p>
-
-<p>„Es ist mein voller Ernst,“ rief ich halb phantasierend, „ich bete Sie
-so sehr an, daß ich alles von Ihnen dulden will um den Preis, mein
-ganzes Leben in Ihrer Nähe sein zu dürfen.“</p>
-
-<p>„Severin, ich warne Sie noch einmal.“</p>
-
-<p>„Sie warnen mich vergebens. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, nur
-stoßen Sie mich nicht ganz von sich.“</p>
-
-<p>„Severin,“ entgegnete Wanda, „ich bin ein leichtsinniges, junges Weib,
-es ist gefährlich für Sie, sich mir so ganz hinzugeben, Sie werden am
-Ende in der Tat mein Spielzeug; wer schützt Sie dann, daß ich Ihren
-Wahnsinn nicht mißbrauche?“</p>
-
-<p>„Ihr edles Wesen.“</p>
-
-<p>„Gewalt macht übermütig.“</p>
-
-<p>„So sei übermütig,“ rief ich, „tritt mich mit Füßen.“</p>
-
-<p>Wanda schlang ihre Arme um meinen Nacken, sah mir in die Augen und
-schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Ich fürchte, ich werde es nicht können, aber ich will es versuchen,
-dir zu lieb, denn ich liebe dich, Severin, wie ich noch keinen Mann
-geliebt habe.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-<p>Sie nahm heute plötzlich Hut und Shawl und ich mußte sie in den Bazar
-begleiten. Dort ließ sie sich Peitschen zeigen, lange Peitschen an
-kurzem Stiel, wie man sie für Hunde hat.</p>
-
-<p>„Diese dürften genügen,“ sprach der Verkäufer.</p>
-
-<p>„Nein, sie sind viel zu klein,“ erwiderte Wanda mit einem Seitenblick
-auf mich, „ich brauche eine große&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Für eine Bulldogge wohl?“ meinte der Kaufmann.</p>
-
-<p>„Ja,“ rief sie, „in der Art, wie man sie in Rußland hatte für
-widerspenstige Sklaven.“</p>
-
-<p>Sie suchte und wählte endlich eine Peitsche, bei deren Anblick es mich
-etwas unheimlich beschlich.</p>
-
-<p>„Nun adieu, Severin,“ sagte sie, „ich habe noch einige Einkäufe, bei
-denen Sie mich nicht begleiten dürfen.“</p>
-
-<p>Ich verabschiedete mich und machte einen Spaziergang, auf dem Rückwege
-sah ich Wanda aus dem Gewölbe eines Kürschners heraustreten. Sie winkte
-mir.</p>
-
-<p>„Überlegen Sie sich’s noch,“ begann sie vergnügt, „ich habe Ihnen
-nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß mich vorzüglich Ihr ernstes,
-sinnendes Wesen gefesselt hat; es reizt mich nun freilich, den ernsten
-Mann mir ganz hingegeben, ja geradezu verzückt zu meinen Füßen zu sehen
-&mdash; ob aber dieser Reiz auch anhalten wird? Das Weib liebt den Mann, den
-Sklaven mißhandelt es und stößt ihn zuletzt noch mit dem Fuße weg.“</p>
-
-<p>„Nun, so stoße mich mit dem Fuße fort, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> du mich satt hast,“
-entgegnete ich, „ich will dein Sklave sein.“</p>
-
-<p>„Ich sehe, daß gefährliche Anlagen in mir schlummern,“ sagte Wanda,
-nachdem wir wieder einige Schritte gegangen waren, „du weckst sie
-und nicht zu deinem Besten, du verstehst es, die Genußsucht, die
-Grausamkeit, den Übermut so verlockend zu schildern &mdash; was wirst du
-sagen, wenn ich mich darin versuche und wenn ich es zuerst an dir
-versuche, wie Dionys, welcher den Erfinder des eisernen Ochsen zuerst
-in demselben braten ließ, um sich zu überzeugen, ob sein Jammern, sein
-Todesröcheln auch wirklich wie das Brüllen eines Ochsen klinge.“</p>
-
-<p>„Vielleicht bin ich so ein weiblicher Dionys?“</p>
-
-<p>„Sei es,“ rief ich, „dann ist meine Phantasie erfüllt. Ich gehöre dir
-im Guten oder Bösen, wähle du selbst. Mich treibt das Schicksal, das in
-meiner Brust ruht &mdash; dämonisch &mdash; übermächtig.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="padleft2">„<em class="gesperrt">Mein Geliebter!</em></p>
-
-<p>Ich will dich heute und morgen nicht sehen und übermorgen erst am
-Abend, und dann <em class="gesperrt">als meinen Sklaven</em>.</p>
-
-<p class="right mright2">
-<span class="mright3">Deine Herrin</span><br />
-<em class="gesperrt">Wanda</em>.“</p>
-
-</div>
-
-<p>„Als meinen Sklaven“ war unterstrichen. Ich las das Billett, das ich
-früh am Morgen erhielt, noch einmal, ließ mir dann einen Esel, ein
-echtes Gelehrtentier, satteln und ritt in das Gebirge, um<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> meine
-Leidenschaft, meine Sehnsucht in der großartigen Karpathennatur zu
-betäuben.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Da bin ich wieder, müde, hungrig, durstig und vor allem verliebt. Ich
-kleide mich rasch um und klopfe wenige Augenblicke darnach an ihre Türe.</p>
-
-<p>„Herein!“</p>
-
-<p>Ich trete ein. Sie steht mitten im Zimmer, in einer weißen Atlasrobe,
-welche wie Licht an ihr herunterfließt, und einer Kazabaika von
-scharlachrotem Atlas mit reichem, üppigem Hermelinbesatz, in dem
-gepuderten, schneeigen Haar ein kleines Diamantendiadem, die Arme auf
-der Brust gekreuzt, die Brauen zusammengezogen.</p>
-
-<p>„Wanda!“ Ich eile auf sie zu, will den Arm um sie schlingen, sie
-küssen; sie tritt einen Schritt zurück und mißt mich von oben bis unten.</p>
-
-<p>„Sklave!“</p>
-
-<p>„Herrin!“ Ich knie nieder und küsse den Saum ihres Gewandes.</p>
-
-<p>„So ist es recht.“</p>
-
-<p>„O! wie schön du bist.“</p>
-
-<p>„Gefall’ ich dir?“ Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich mit
-stolzem Wohlgefallen.</p>
-
-<p>„Ich werde noch wahnsinnig!“</p>
-
-<p>Sie zuckte verächtlich mit der Unterlippe und sah mich mit
-halbgeschlossenen Lidern spöttisch an.</p>
-
-<p>„Gib mir die Peitsche.“</p>
-
-<p>Ich blickte im Zimmer umher.</p>
-
-<p>„Nein,“ rief sie, „bleib nur knien!“ Sie schritt<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> zum Kamine, nahm die
-Peitsche vom Sims und ließ sie, mich mit einem Lächeln betrachtend,
-durch die Luft pfeifen, dann schürzte sie den Ärmel ihrer Pelzjacke
-langsam auf.</p>
-
-<p>„Wunderbares Weib!“ rief ich.</p>
-
-<p>„Schweig, Sklave!“ sie blickte plötzlich finster, ja wild und hieb mich
-mit der Peitsche; im nächsten Augenblicke schlang sie jedoch den Arm
-zärtlich um meinen Nacken und bückte sich mitleidig zu mir. „Habe ich
-dir weh getan?“ fragte sie halb verschämt, halb ängstlich.</p>
-
-<p>„Nein!“ entgegnete ich, „und wenn es wäre, mir sind Schmerzen, die du
-mir bereitest, ein Genuß. Peitsche mich nur, wenn es dir ein Vergnügen
-macht.“</p>
-
-<p>„Aber es macht mir kein Vergnügen.“</p>
-
-<p>Wieder ergriff mich jene seltsame Trunkenheit.</p>
-
-<p>„Peitsche mich,“ bat ich, „peitsche mich ohne Erbarmen.“</p>
-
-<p>Wanda schwang die Peitsche und traf mich zweimal. „Hast du jetzt genug?“</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>„Im Ernste, nein?“</p>
-
-<p>„Peitsche mich, ich bitte dich, es ist mir ein Genuß.“</p>
-
-<p>„Ja, weil du gut weißt, daß es nicht Ernst ist,“ erwiderte sie, „daß
-ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun. Mir widerstrebt das ganze rohe
-Spiel. Wäre ich wirklich das Weib, das seinen Sklaven peitscht, du
-würdest dich entsetzen.“</p>
-
-<p>„Nein, Wanda,“ sprach ich, „ich liebe dich mehr als mich selbst, ich
-bin dir hingegeben auf Tod und<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Leben, du kannst im Ernste mit mir
-anfangen, was dir beliebt, ja, was dir nur dein Übermut eingibt.“</p>
-
-<p>„Severin!“</p>
-
-<p>„Tritt mich mit Füßen!“ rief ich und warf mich, das Antlitz zur Erde,
-vor ihr nieder.</p>
-
-<p>„Ich hasse alles, was Komödie ist,“ sprach Wanda ungeduldig.</p>
-
-<p>„Nun, so mißhandle mich im Ernste.“</p>
-
-<p>Eine unheimliche Pause.</p>
-
-<p>„Severin, ich warne dich noch ein letztes Mal,“ begann Wanda.</p>
-
-<p>„Wenn du mich liebst, so sei grausam gegen mich,“ flehte ich, das Auge
-zu ihr erhoben.</p>
-
-<p>„Wenn ich dich liebe?“ wiederholte Wanda. „Nun gut!“ sie trat zurück
-und betrachtete mich mit einem finsteren Lächeln. „<em class="gesperrt">So sei denn mein
-Sklave und fühle, was es heißt, in die Hände eines Weibes gegeben zu
-sein.</em>“ Und in demselben Augenblicke gab sie mir einen Fußtritt.</p>
-
-<p>„Nun, wie behagt dir das, Sklave?“</p>
-
-<p>Dann schwang sie die Peitsche.</p>
-
-<p>„Richte dich auf!“</p>
-
-<p>Ich wollte mich erheben. „Nicht so,“ gebot sie, „auf die Knie.“</p>
-
-<p>Ich gehorchte und sie begann mich zu peitschen.</p>
-
-<p>Die Hiebe fielen rasch und kräftig auf meinen Rücken, meine Arme, ein
-jeder schnitt in mein Fleisch und brannte hier fort, aber die Schmerzen
-entzückten mich, denn sie kamen ja von ihr, die ich anbetete, für die
-ich jede Stunde bereit war, mein Leben zu lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p071" name="p071">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p071.jpg"
- alt="Der Sklave" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt hielt sie inne. „Ich fange an, Vergnügen daran zu finden,“ sprach
-sie, „für heute ist es genug, aber mich ergreift eine teuflische
-Neugier, zu sehen, wie weit deine Kraft reicht, eine grausame
-Lust, dich unter meiner Peitsche beben, sich krümmen zu sehen und
-endlich dein Stöhnen, dein Jammern zu hören und so fort, bis du um
-Gnade bittest und ich ohne Erbarmen fortpeitsche, bis dir die Sinne
-schwinden. Du hast gefährliche Elemente in meiner Natur geweckt. Nun
-aber steh’ auf.“</p>
-
-<p>Ich ergriff ihre Hand, um sie an meine Lippen zu drücken.</p>
-
-<p>„Welche Frechheit.“</p>
-
-<p>Sie stieß mich mit dem Fuße von sich.</p>
-
-<p>„Aus meinen Augen, Sklave!“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Nachdem ich die Nacht wie im Fieber in wirren Träumen gelegen, bin ich
-erwacht. Es dämmert kaum.</p>
-
-<p>Was ist wahr von dem, was in meiner Erinnerung schwebt? was habe ich
-erlebt und was nur geträumt? Gepeitscht bin ich worden, das ist gewiß,
-ich fühle noch jeden einzelnen Hieb, ich kann die roten, brennenden
-Streifen an meinem Leib zählen. Und sie hat mich gepeitscht. Ja, jetzt
-weiß ich alles.</p>
-
-<p>Meine Phantasie ist Wahrheit geworden. Wie ist mir? Hat mich die
-Wirklichkeit meines Traumes enttäuscht?</p>
-
-<p>Nein, ich bin nur etwas müde, aber ihre Grausamkeit erfüllt mich mit
-Entzücken. Oh! wie ich sie liebe, sie anbete! Ach! dies alles drückt
-nicht im entferntesten<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> aus, was ich für sie empfinde, wie ich mich
-ganz ihr hingegeben fühle. Welche Seligkeit, ihr Sklave zu sein.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sie ruft mich vom Balkon. Ich eile die Treppe hinauf. Da steht sie auf
-der Schwelle und bietet mir freundlich die Hand. „Ich schäme mich,“
-sagte sie, während ich sie umschlinge und sie den Kopf an meiner Brust
-birgt.</p>
-
-<p>„Wie?“</p>
-
-<p>„Suchen Sie die häßliche Szene von gestern zu vergessen,“ sprach sie
-mit bebender Stimme, „ich habe Ihnen Ihre tolle Phantasie erfüllt,
-jetzt wollen wir vernünftig sein und glücklich und uns lieben, und in
-einem Jahre bin ich Ihre Frau.“</p>
-
-<p>„Meine Herrin,“ rief ich, „und ich Ihr Sklave!“</p>
-
-<p>„Kein Wort mehr von Sklaverei, von Grausamkeit und Peitsche,“
-unterbrach mich Wanda, „ich passiere Ihnen von dem allen nichts mehr,
-als die Pelzjacke; kommen Sie und helfen Sie mir hinein.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Die kleine Bronzeuhr, auf welcher ein Amor steht, der eben seinen Pfeil
-abgeschossen hat, schlug Mitternacht.</p>
-
-<p>Ich stand auf, ich wollte fort.</p>
-
-<p>Wanda sagte nichts, aber sie umschlang mich und zog mich auf die
-Ottomane zurück und begann mich von neuem zu küssen, und diese stumme
-Sprache hatte etwas so Verständliches, so Überzeugendes&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
-
-<p>Und sie sagte noch mehr, als ich zu verstehen wagte, eine solche
-schmachtende Hingebung lag in Wandas ganzem Wesen und welche wollüstige
-Weichheit in ihren halbgeschlossenen, dämmernden Augen, in der unter
-dem weißen Puder leicht schimmernden roten Flut ihres Haares, in dem
-weißen und roten Atlas, welcher bei jeder Bewegung um sie knisterte,
-dem schwellenden Hermelin der Kazabaika, in den sie sich nachlässig
-schmiegte.</p>
-
-<p>„Ich bitte dich,“ stammelte ich, „aber du wirst böse sein.“</p>
-
-<p>„Mache mit mir, was du willst,“ flüsterte sie.</p>
-
-<p>„Nun, so tritt mich, ich bitte dich, ich werde sonst verrückt.“</p>
-
-<p>„Habe ich dir nicht verboten,“ sprach Wanda strenge, „aber du bist
-unverbesserlich.“</p>
-
-<p>„Ach! ich bin so entsetzlich verliebt.“ Ich war in die Knie gesunken
-und preßte mein glühendes Gesicht in ihren Schoß.</p>
-
-<p>„Ich glaube wahrhaftig,“ sagte Wanda, nachsinnend, „dein ganzer
-Wahnsinn ist nur eine dämonische, ungesättigte Sinnlichkeit. <em class="gesperrt">Unsere
-Unnatur muß solche Krankheiten erzeugen.</em> Wärst du weniger
-tugendhaft, so wärst du vollkommen vernünftig.“</p>
-
-<p>„Nun, so mach’ mich gescheit,“ murmelte ich. Meine Hände wühlten in
-ihrem Haare und in dem schimmernden Pelz, welcher sich, wie eine vom
-Mondlicht beglänzte Welle, alle Sinne verwirrend, auf ihrer wogenden
-Brust hob und senkte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p>Und ich küßte sie &mdash; nein, sie küßte mich, so wild, so unbarmherzig,
-als wenn sie mich mit ihren Küssen morden wollte. Ich war wie im
-Delirium, meine Vernunft hatte ich längst verloren, aber ich hatte
-endlich auch keinen Atem mehr. Ich suchte mich loszumachen.</p>
-
-<p>„Was ist dir?“ fragte Wanda.</p>
-
-<p>„Ich leide entsetzlich.“</p>
-
-<p>„Du leidest?“ &mdash; sie brach in ein lautes, mutwilliges Lachen aus.</p>
-
-<p>„Du kannst lachen!“ stöhnte ich, „ahnst du denn nicht&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie war auf einmal ernst, richtete meinen Kopf mit ihren Händen auf und
-zog mich dann mit einer heftigen Bewegung an ihre Brust.</p>
-
-<p>„Wanda!“ stammelte ich.</p>
-
-<p>„Richtig, es macht dir ja Vergnügen, zu leiden,“ sprach sie und begann
-von neuem zu lachen, „aber warte nur, ich will dich schon vernünftig
-machen.“</p>
-
-<p>„Nein, ich will nicht weiter fragen,“ rief ich, „ob du mir für immer
-oder nur für einen seligen Augenblick gehören willst, ich will mein
-Glück genießen; jetzt bist du mein und besser dich verlieren, als dich
-nie besitzen.“</p>
-
-<p>„So bist du vernünftig,“ sagte sie und küßte mich wieder mit ihren
-mörderischen Lippen, und ich riß den Hermelin, die Spitzenhülle
-auseinander und ihre bloße Brust wogte gegen die meine.</p>
-
-<p>Dann vergingen mir die Sinne.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<p>Ich erinnere mich erst wieder auf den Augenblick, wo ich Blut von
-meiner Hand tropfen sah und sie apathisch fragte: „Hast du mich
-gekratzt?“</p>
-
-<p>„Nein, ich glaube, ich habe dich gebissen.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Es ist doch merkwürdig, wie jedes Verhältnis des Lebens ein anderes
-Gesicht bekommt, sobald eine neue Person hinzutritt.</p>
-
-<p>Wir haben herrliche Tage zusammen verlebt, wir besuchten die Berge,
-die Seen, wir lasen zusammen und ich vollendete Wandas Bild. Und wie
-liebten wir uns, wie lächelnd war ihr reizendes Antlitz.</p>
-
-<p>Da kommt eine Freundin, eine geschiedene Frau, etwas älter, etwas
-erfahrener und etwas weniger gewissenhaft als Wanda, und schon macht
-sich ihr Einfluß in jeder Richtung geltend.</p>
-
-<p>Wanda runzelte die Stirne und zeigt mir gegenüber eine gewisse Ungeduld.</p>
-
-<p>Liebt sie mich nicht mehr?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Seit beinahe vierzehn Tagen dieser unerträgliche Zwang. Die Freundin
-wohnt bei ihr, wir sind nie allein. Ein Kreis von Herren umgibt die
-beiden jungen Frauen. Ich spiele als Liebender mit meinem Ernste,
-meiner Schwermut eine alberne Rolle. Wanda behandelt mich wie einen
-Fremden.</p>
-
-<p>Heute, bei einem Spaziergange, blieb sie mit mir zurück. Ich sah, daß
-es mit Absicht geschah und jubelte. Was sagte sie mir aber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>„Meine Freundin begreift nicht, wie ich Sie lieben kann, sie findet Sie
-weder schön noch sonst besonders anziehend, und dazu unterhält sie mich
-vom Morgen bis in die Nacht hinein mit dem glänzenden frivolen Leben
-in der Hauptstadt, mit den Ansprüchen, welche ich machen könnte, den
-großen Partien, welche ich finden, den vornehmen, schönen Anbetern,
-welche ich fesseln müßte. Aber was hilft dies alles, ich liebe Sie
-einmal.“</p>
-
-<p>Mir verging einen Augenblick der Atem, dann sagte ich: „Ich wünsche
-bei Gott nicht, Ihrem Glück im Wege zu sein, Wanda. Nehmen Sie auf
-mich keine Rücksicht mehr.“ Dabei zog ich meinen Hut ab und ließ sie
-vorangehen. Sie sah mich erstaunt an, erwiderte jedoch keine Silbe.</p>
-
-<p>Als ich aber auf dem Rückwege wieder zufällig in ihre Nähe kam, drückte
-sie mir verstohlen die Hand und ihr Blick traf mich so warm, so
-glückverheißend, daß alle Qualen dieser Tage im Augenblick vergessen,
-alle Wunden geheilt waren.</p>
-
-<p>Jetzt weiß ich wieder so recht, wie ich sie liebe.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Meine Freundin hat sich über dich beklagt,“ sagte mir Wanda heute.</p>
-
-<p>„Sie mag fühlen, daß ich sie verachte.“</p>
-
-<p>„Weshalb verachtest du sie denn, kleiner Narr?“ rief Wanda und nahm
-mich mit beiden Händen bei den Ohren.</p>
-
-<p>„Weil sie heuchelt,“ sagte ich, „ich achte nur eine Frau, die
-tugendhaft ist oder offen dem Genusse lebt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p>„So wie ich,“ entgegnete Wanda scherzend, „aber siehst du, mein Kind,
-die Frau kann das nur in den seltensten Fällen. Sie kann weder so
-heiter sinnlich, noch so geistig frei sein, wie der Mann, ihre Liebe
-ist stets ein aus Sinnlichkeit und geistiger Neigung gemischter
-Zustand. Ihr Herz verlangt darnach, den Mann dauernd zu fesseln,
-während sie selbst dem Wechsel unterworfen ist; so kommt ein Zwiespalt,
-kommt Lüge und Trug, meist gegen ihren Willen, in ihr Handeln, in ihr
-Wesen und verdirbt ihren Charakter.“</p>
-
-<p>„Gewiß ist es so,“ sagte ich, „der transszendentale Charakter, welchen
-die Frau der Liebe aufdrücken will, führt sie zum Betrug.“</p>
-
-<p>„Aber die Welt verlangt ihn auch,“ fiel mir Wanda in das Wort, „sieh
-diese Frau an, sie hat in Lemberg ihren Mann und ihren Liebhaber und
-hier hat sie einen neuen Anbeter gefunden, und sie betrügt sie alle und
-ist doch von allen verehrt und von der Welt geachtet.“</p>
-
-<p>„Meinetwegen,“ rief ich, „sie soll dich nur aus dem Spiele lassen, aber
-sie behandelt dich ja wie eine Ware.“</p>
-
-<p>„Warum nicht?“ unterbrach mich das schöne Weib lebhaft. „Jede Frau hat
-den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es
-hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuß hinzugeben, man bleibt
-hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen.“</p>
-
-<p>„Wanda, du sagst das?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p>„Warum nicht,“ sprach sie, „merk’ dir überhaupt, was ich dir jetzt
-sage: <em class="gesperrt">fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst</em>, denn
-die Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst. Die Frauen
-sind weder so <em class="gesperrt">gut</em>, wie ihre Verehrer und Verteidiger, noch so
-<em class="gesperrt">schlecht</em>, wie ihre Feinde sie machen. <em class="gesperrt">Der Charakter der
-Frau ist die Charakterlosigkeit.</em> Die beste Frau sinkt momentan in
-den Schmutz, die schlechteste erhebt sich unerwartet zu großen, guten
-Handlungen und beschämt ihre Verächter. Kein Weib ist so gut oder so
-böse, daß es nicht jeden Augenblick sowohl der teuflischsten, als der
-göttlichsten, der schmutzigsten, wie der reinsten Gedanken, Gefühle,
-Handlungen fähig wäre. Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten
-der Zivilisation, so geblieben, wie es aus der Hand der Natur
-hervorgegangen ist, es hat den Charakter des <em class="gesperrt">Wilden</em>, welcher
-sich treu und treulos, großmütig und grausam zeigt, je nach der Regung,
-die ihn gerade beherrscht. Zu allen Zeiten hat nur ernste, tiefe
-Bildung den sittlichen Charakter geschaffen; so folgt der Mann, auch
-wenn er selbstsüchtig, wenn er böswillig ist, stets <em class="gesperrt">Prinzipien</em>, das
-Weib aber folgt immer nur <em class="gesperrt">Regungen</em>. Vergiß das nie und fühle
-dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Die Freundin ist fort. Endlich ein Abend mit ihr allein. Es ist, als
-hätte Wanda alle Liebe, welche sie mir entzogen hat, für diesen einen
-seligen Abend<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> aufgespart, so gütig, so innig, so voll der Gnaden ist
-sie.</p>
-
-<p>Welche Seligkeit, an ihren Lippen zu hängen, in ihren Armen
-hinzusterben und dann, wie sie so ganz aufgelöst, so ganz mir
-hingegeben an meiner Brust ruht und unsere Augen wonnetrunken
-ineinander tauchen.</p>
-
-<p>Ich kann es noch nicht glauben, nicht fassen, daß dieses Weib mein ist,
-ganz mein.</p>
-
-<p>„In einem Punkte hat sie doch recht,“ begann Wanda, ohne sich zu regen,
-ohne nur die Augen zu öffnen, wie im Schlaf.</p>
-
-<p>„Wer?“</p>
-
-<p>Sie schwieg.</p>
-
-<p>„Deine Freundin?“</p>
-
-<p>Sie nickte. „Ja, sie hat recht, du bist kein Mann, du bist ein
-Phantast, ein reizender Anbeter, und wärst gewiß ein unbezahlbarer
-Sklave, aber als Gatten kann ich dich mir nicht denken.“</p>
-
-<p>Ich erschrak.</p>
-
-<p>„Was hast du? du zitterst?“</p>
-
-<p>„Ich bebe bei dem Gedanken, wie leicht ich dich verlieren kann,“
-erwiderte ich.</p>
-
-<p>„Nun, bist du deshalb jetzt weniger glücklich?“ entgegnete sie, „raubt
-es dir etwas von deinen Freuden, daß ich vor dir anderen gehört habe,
-daß mich andere nach dir besitzen werden, und würdest du weniger
-genießen, wenn ein anderer mit dir zugleich glücklich wäre?“</p>
-
-<p>„Wanda!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p>„Siehst du,“ fuhr sie fort, „das wäre ein Ausweg. Du willst mich nie
-verlieren, mir bist du lieb und sagst mir geistig so zu, daß ich immer
-mit dir leben möchte, wenn ich neben dir&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Welch ein Gedanke!“ schrie ich auf, „ich empfinde eine Art Grauen vor
-dir.“</p>
-
-<p>„Und liebst du mich weniger?“</p>
-
-<p>„Im Gegenteil.“</p>
-
-<p>Wanda hatte sich auf ihren linken Arm aufgerichtet. „Ich glaube,“
-sprach sie, „daß man, um einen Mann für immer zu fesseln, ihm vor allem
-nicht treu sein darf. Welche brave Frau ist je so angebetet worden, wie
-eine Hetäre?“</p>
-
-<p>„In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein
-schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“</p>
-
-<p>„Auch für dich?“ fragte Wanda rasch.</p>
-
-<p>„Auch für mich.“</p>
-
-<p>„Wenn ich dir also dies Vergnügen mache?“ rief Wanda spöttisch.</p>
-
-<p>„So werde ich entsetzlich leiden, dich aber um so mehr anbeten,“
-entgegnete ich, „nur dürftest du mich nie betrügen, sondern müßtest die
-dämonische Größe haben, mir zu sagen: ich werde dich allein lieben,
-aber jeden glücklich machen, der mir gefällt.“</p>
-
-<p>Wanda schüttelte den Kopf. „Mir widerstrebt der Betrug, ich bin
-ehrlich, aber welcher Mann erliegt nicht unter der Wucht der Wahrheit.
-Wenn ich dir sagen würde: dies sinnlich heitere Leben, dies Heidentum
-ist mein Ideal, würdest du die Kraft haben, es zu ertragen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<p>„Gewiß. Ich will alles von dir ertragen, nur dich nicht verlieren. Ich
-fühle ja, wie wenig ich dir eigentlich bin.“</p>
-
-<p>„Aber Severin&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Es ist doch so,“ sprach ich, „und eben deshalb&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Deshalb möchtest du &mdash;“ sie lächelte schelmisch &mdash; „hab’ ich es
-erraten?“</p>
-
-<p>„Dein Sklave sein!“ rief ich, „dein willenloses, unbeschränktes
-Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher
-nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen
-Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe
-des Olymps genießest, dir dienen, dir die Schuhe an- und ausziehen.“</p>
-
-<p>„Eigentlich hast du nicht so unrecht,“ erwiderte Wanda, „denn nur als
-mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe, und dann,
-die Freiheit des Genusses der antiken Welt ist nicht denkbar ohne
-Sklaverei. O! es muß ein Gefühl von Gottähnlichkeit geben, wenn man
-Menschen vor sich knien, zittern sieht. Ich will Sklaven haben, hörst
-du, Severin?“</p>
-
-<p>„Bin ich nicht dein Sklave?“</p>
-
-<p>„Hör’ mich also,“ sprach Wanda aufgeregt, meine Hand fassend, „ich will
-dein sein, so lange ich dich liebe.“</p>
-
-<p>„Einen Monat?“</p>
-
-<p>„Vielleicht auch zwei.“</p>
-
-<p>„Und dann?“</p>
-
-<p>„Dann bist du mein Sklave.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<p>„Und du?“</p>
-
-<p>„Ich? was fragst du noch? ich bin eine Göttin und steige manchmal
-leise, ganz leise und heimlich aus meinem Olymp zu dir herab.“</p>
-
-<p>„Aber was ist dies alles,“ sprach Wanda, den Kopf in beide Hände
-gestützt, den Blick in die Weite verloren, „eine goldene Phantasie,
-welche nie wahr werden kann.“ Eine unheimliche, brütende Schwermut war
-über ihr ganzes Wesen ausgegossen; so hatte ich sie noch nie gesehen.</p>
-
-<p>„Und warum unausführbar?“ begann ich.</p>
-
-<p>„Weil es bei uns keine Sklaverei gibt.“</p>
-
-<p>„So gehen wir in ein Land, wo sie noch besteht, in den Orient, in die
-Türkei,“ sagte ich lebhaft.</p>
-
-<p>„Du wolltest &mdash; Severin &mdash; im Ernste,“ entgegnete Wanda. Ihre Augen
-brannten.</p>
-
-<p>„Ja, ich will im Ernste dein Sklave sein,“ fuhr ich fort, „ich will,
-daß deine Gewalt über mich durch das Gesetz geheiligt, daß mein Leben
-in deiner Hand ist, nichts auf dieser Welt mich vor dir schützen oder
-retten kann. O! welche Wollust, wenn ich mich ganz nur von deiner
-Willkür, deiner Laune, einem Winke deines Fingers abhängig fühle. Und
-dann &mdash; welche Seligkeit, &mdash; wenn du einmal gnädig bist, wenn der
-Sklave die Lippen küssen darf, an denen für ihn Tod und Leben hängt!“
-Ich kniete nieder und lehnte meine heiße Stirne an ihre Knie.</p>
-
-<p>„Du fieberst, Severin,“ sprach Wanda erregt, „und du liebst mich
-wirklich so unendlich?“ Sie schloß mich an ihre Brust und bedeckte mich
-mit Küssen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p>
-
-<p>„Willst du also?“ begann sie zögernd.</p>
-
-<p>„Ich schwöre dir hier, bei Gott und meiner Ehre, ich bin dein Sklave,
-wo und wann du willst, sobald du es befiehlst,“ rief ich, meiner kaum
-mehr mächtig.</p>
-
-<p>„Und wenn ich dich beim Worte nehme?“ rief Wanda.</p>
-
-<p>„Tu es.“</p>
-
-<p>„Es hat einen Reiz für mich,“ sprach sie hierauf, „der kaum
-seinesgleichen hat, einen Mann, der mich anbetet und den ich von ganzer
-Seele liebe, mir so ganz hingegeben, von meinem Willen, meiner Laune
-abhängig zu wissen, diesen Mann als Sklaven zu besitzen, während ich&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie sah mich seltsam an.</p>
-
-<p>„Wenn ich recht frivol werde, so bist du schuld &mdash;“ fuhr sie fort &mdash;
-„ich glaube beinahe, du fürchtest dich jetzt schon vor mir, aber ich
-habe deinen Schwur.“</p>
-
-<p>„Und ich werde ihn halten.“</p>
-
-<p>„Dafür laß mich sorgen,“ entgegnete sie. „Jetzt finde ich Genuß darin,
-jetzt soll es bei Gott nicht lange mehr beim Phantasieren bleiben.
-Du wirst mein Sklave, und ich &mdash; ich werde versuchen, ‚<em class="gesperrt">Venus im
-Pelz</em>‘ zu sein.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich dachte diese Frau endlich zu kennen, zu verstehen, und ich sehe
-nun, daß ich wieder von vorne anfangen kann. Mit welchem Widerwillen
-nahm sie noch vor kurzem meine Phantasien auf und mit<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> welchem Ernste
-betreibt sie jetzt die Ausführung derselben.</p>
-
-<p>Sie hat einen Vertrag entworfen, durch den ich mich bei Ehrenwort und
-Eid verbinde, ihr Sklave zu sein, so lange sie es will.</p>
-
-<p>Den Arm um meinen Nacken geschlungen, liest sie mir das unerhörte,
-unglaubliche Dokument vor, nach jedem Satze macht ein Kuß den
-Schlußpunkt.</p>
-
-<p>„Aber der Vertrag enthält nur Pflichten für mich,“ sprach ich, sie
-neckend.</p>
-
-<p>„Natürlich,“ entgegnete sie mit großem Ernste, „du hörst auf, mein
-Geliebter zu sein, ich bin also aller Pflichten, aller Rücksichten
-gegen dich entbunden. Meine Gunst hast du dann als eine Gnade
-anzusehen, Recht hast du keines mehr und darfst daher auch keines
-geltend machen. Meine Macht über dich darf keine Grenzen haben.
-Bedenke, Mann, du bist ja dann nicht viel besser als ein Hund, ein
-lebloses Ding; du bist meine Sache, mein Spielzeug, das ich zerbrechen
-kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts
-und ich bin alles. Verstehst du?“ Sie lachte und küßte mich wieder und
-doch überlief mich eine Art Schauer.</p>
-
-<p>„Erlaubst du mir nicht einige Bedingungen &mdash;“ begann ich.</p>
-
-<p>„Bedingungen?“ sie runzelte die Stirne. „Ah! du hast bereits Furcht,
-oder bereust gar, doch das kommt alles zu spät, ich habe deinen Eid,
-dein Ehrenwort. Aber laß hören.“</p>
-
-<p>„Zuerst möchte ich in unserem Vertrag aufgenommen wissen, daß du dich
-nie ganz von mir trennst,<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> und dann, daß du mich nie der Roheit eines
-deiner Anbeter preisgibst&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Aber Severin,“ rief Wanda mit bewegter Stimme, Tränen in den Augen,
-„du kannst glauben, daß ich dich, einen Mann, der mich so liebt, der
-sich so ganz in meine Hand gibt &mdash;“ sie stockte.</p>
-
-<p>„Nein! nein!“ sprach ich, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „ich fürchte
-nichts von dir, was mich entehren könnte, vergib mir den häßlichen
-Augenblick.“</p>
-
-<p>Wanda lächelte selig, legte ihre Wange an die meine und schien
-nachzusinnen.</p>
-
-<p>„Etwas hast du vergessen,“ flüsterte sie jetzt schelmisch, „das
-Wichtigste.“</p>
-
-<p>„Eine Bedingung?“</p>
-
-<p>„Ja, daß ich immer im Pelz erscheinen muß,“ rief Wanda, „aber dies
-verspreche ich dir so, ich werde ihn schon deshalb tragen, weil er mir
-das Gefühl einer Despotin gibt, und ich will sehr grausam gegen dich
-sein, verstehst du?“</p>
-
-<p>„Soll ich den Vertrag unterzeichnen?“ fragte ich.</p>
-
-<p>„Noch nicht,“ sprach Wanda, „ich werde vorher deine Bedingungen
-hinzufügen, und überhaupt wirst du ihn erst an Ort und Stelle
-unterzeichnen.“</p>
-
-<p>„In Konstantinopel?“</p>
-
-<p>„Nein. Ich habe es mir überlegt. Welchen Wert hat es für mich, dort
-einen Sklaven zu haben, wo jeder Sklaven hat; ich will, hier in unserer
-gebildeten, nüchternen, philisterhaften Welt, ich <em class="gesperrt">allein einen
-Sklaven haben</em>, und zwar einen Sklaven, den nicht das Gesetz, nicht
-mein Recht oder rohe Gewalt, sondern ganz allein die Macht meiner
-Schönheit und meines<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Wesens willenlos in meine Hand gibt. Das finde
-ich pikant. Jedenfalls gehen wir in ein Land, wo man uns nicht kennt,
-und wo du daher ohne Anstand vor der Welt als mein Diener auftreten
-kannst. Vielleicht nach Italien, nach Rom oder Neapel.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wir saßen auf Wandas Ottomane, sie in der Hermelinjacke, das offene
-Haar wie eine Löwenmähne über den Rücken, und sie hing an meinen Lippen
-und sog mir die Seele aus dem Leibe. Mir wirbelte der Kopf, das Blut
-begann mir zu sieden, mein Herz pochte heftig gegen das ihre.</p>
-
-<p>„Ich will ganz in deiner Hand sein, Wanda,“ rief ich plötzlich, von
-jenem Taumel der Leidenschaft ergriffen, in dem ich kaum mehr klar
-denken oder frei beschließen kann, „ohne jede Bedingung, ohne jede
-Beschränkung deiner Gewalt über mich, ich will mich auf Gnade und
-Ungnade deiner Willkür überliefern.“ Während ich dies sprach, war ich
-von der Ottomane zu ihren Füßen herabgesunken und blickte trunken zu
-ihr empor.</p>
-
-<p>„Wie schön du jetzt bist,“ rief sie, „dein Auge wie in einer Verzückung
-halb gebrochen, entzückt mich, reißt mich hin, dein Blick müßte
-wunderbar sein, wenn du totgepeitscht würdest, im Verenden. Du hast das
-Auge eines Märtyrers.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos
-in die Hand eines Weibes<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre
-Macht mißbraucht?</p>
-
-<p>Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie
-beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis!
-Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht.
-Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder
-Treulosigkeit unfähig; aber es liegt dann in ihrer Hand &mdash; <em class="gesperrt">sie kann,
-wenn sie will</em> &mdash; welcher Reiz in diesem Zweifel, dieser Furcht.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Jetzt verstehe ich die Manon l’Escault und den armen Chevalier, der sie
-auch noch als die Maitresse eines anderen, ja auf dem Pranger anbetet.</p>
-
-<p>Die Liebe kennt keine Tugend, kein Verdienst, sie liebt und vergibt und
-duldet alles, weil sie muß; nicht unser Urteil leitet uns, nicht die
-Vorzüge oder Fehler, welche wir entdecken, reizen uns zur Hingebung
-oder schrecken uns zurück.</p>
-
-<p>Es ist eine süße, wehmütige, geheimnisvolle Gewalt, die uns treibt, und
-wir hören auf zu denken, zu empfinden, zu wollen, wir lassen uns von
-ihr treiben und fragen nicht wohin?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Auf der Promenade erschien heute zum erstenmal ein russischer Fürst,
-welcher durch seine athletische Gestalt, seine schöne Gesichtsbildung,
-den Luxus seines Auftretens allgemeines Aufsehen erregte. Die Damen<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-besonders staunten ihn wie ein wildes Tier an, er aber schritt finster,
-niemand beachtend, von zwei Dienern, einem Neger ganz in roten
-Atlas gekleidet und einem Tscherkessen in voller blitzender Rüstung
-begleitet, durch die Alleen. Plötzlich sah er Wanda, heftete seinen
-kalten durchdringenden Blick auf sie, ja wendete den Kopf nach ihr, und
-als sie vorüber war, blieb er stehen und sah ihr nach.</p>
-
-<p>Und sie &mdash; sie verschlang ihn nur mit ihren funkelnden grünen Augen &mdash;
-und bot alles auf, ihm wieder zu begegnen.</p>
-
-<p>Die raffinierte Koketterie, mit der sie ging, sich bewegte, ihn ansah,
-schnürte mir den Hals zusammen. Als wir nach Hause gingen, machte ich
-eine Bemerkung darüber. Sie runzelte die Stirne.</p>
-
-<p>„Was willst du denn,“ sprach sie, „der Fürst ist ein Mann, der mir
-gefallen könnte, der mich sogar blendet, und ich bin frei, ich kann
-tun, was ich will&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Liebst du mich denn nicht mehr &mdash;“ stammelte ich erschrocken.</p>
-
-<p>„Ich liebe nur dich,“ entgegnete sie, „aber ich werde mir von dem
-Fürsten den Hof machen lassen.“</p>
-
-<p>„Wanda!“</p>
-
-<p>„Bist du nicht mein Sklave?“ sagte sie ruhig. „Bin ich nicht Venus, die
-grausame nordische Venus im Pelz?“</p>
-
-<p>Ich schwieg; ich fühlte mich von ihren Worten förmlich zermalmt, ihr
-kalter Blick drang mir wie ein Dolch in das Herz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<p>„Du wirst sofort den Namen, die Wohnung, alle Verhältnisse des Fürsten
-erfragen, verstehst du?“ fuhr sie fort.</p>
-
-<p>„Aber&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Keine Einwendung. Gehorche!“ rief Wanda mit einer Strenge, die ich bei
-ihr nie für möglich gehalten hätte. „Komme mir nicht unter die Augen,
-ehe du alle meine Fragen beantworten kannst.“</p>
-
-<p>Erst Nachmittag konnte ich Wanda die gewünschten Auskünfte bringen.
-Sie ließ mich wie einen Bedienten vor sich stehen, während sie mir im
-Fauteuil zurückgelehnt lächelnd zuhörte. Dann nickte sie, sie schien
-zufrieden.</p>
-
-<p>„Gib mir den Fußschemel!“ befahl sie kurz.</p>
-
-<p>Ich gehorchte und blieb, nachdem ich ihn vor sie gestellt und sie ihre
-Füße darauf gesetzt hatte, vor ihr knien.</p>
-
-<p>„Wie wird dies enden?“ fragte ich nach einer kurzen Pause traurig.</p>
-
-<p>Sie brach in ein mutwilliges Gelächter aus. „Es hat ja noch gar nicht
-angefangen.“</p>
-
-<p>„Du bist herzloser, als ich dachte,“ erwiderte ich verletzt.</p>
-
-<p>„Severin,“ begann Wanda ernst. „Ich habe noch nichts getan, nicht das
-Geringste, und du nennst mich schon herzlos. Wie wird das werden, wenn
-ich deine Phantasien erfülle, wenn ich ein lustiges, freies Leben
-führe, einen Kreis von Anbetern um mich habe, und ganz dein Ideal, dir
-Fußtritte und Peitschenhiebe gebe?“</p>
-
-<p>„Du nimmst meine Phantasie zu ernst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p>„Zu ernst? Sobald ich sie ausführe, kann ich doch nicht beim Scherze
-stehen bleiben,“ entgegnete sie, „du weißt, wie verhaßt mir jedes
-Spiel, jede Komödie ist. Du hast es so gewollt. War es meine Idee oder
-die deine? Habe ich dich dazu verführt oder hast du meine Einbildung
-erhitzt? Nun ist es mir allerdings Ernst.“</p>
-
-<p>„Wanda,“ erwiderte ich liebevoll, „höre mich ruhig an. Wir lieben uns
-so unendlich, wir sind so glücklich, willst du unsere ganze Zukunft
-einer Laune opfern?“</p>
-
-<p>„Es ist keine Laune mehr!“ rief sie.</p>
-
-<p>„Was denn?“ fragte ich erschrocken.</p>
-
-<p>„Es lag wohl in mir,“ sprach sie ruhig, gleichsam nachsinnend,
-„vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt,
-entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo
-es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr
-anders kann und will, jetzt willst du zurück &mdash; du &mdash; bist du ein Mann?“</p>
-
-<p>„Liebe, teure Wanda!“ ich begann sie zu streicheln, zu küssen.</p>
-
-<p>„Laß mich &mdash; du bist kein Mann&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Und du!“ brauste ich auf.</p>
-
-<p>„Ich bin eigensinnig,“ sagte sie, „das weißt du. Ich bin nicht im
-Phantasieren stark und im Ausführen schwach wie du; wenn ich mir etwas
-vornehme, führe ich es aus, und um so gewisser, je mehr Widerstand ich
-finde. Laß mich!“</p>
-
-<p>Sie stieß mich von sich und stand auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p>
-
-<p>„Wanda!“ Ich erhob mich gleichfalls und stand ihr Aug’ in Auge
-gegenüber.</p>
-
-<p>„Du kennst mich jetzt,“ fuhr sie fort, „ich warne dich noch einmal. Du
-hast noch die Wahl. Ich zwinge dich nicht, mein Sklave zu werden.“</p>
-
-<p>„Wanda,“ antwortete ich bewegt, mir traten Tränen in die Augen, „du
-weißt nicht, wie ich dich liebe.“</p>
-
-<p>Sie zuckte verächtlich die Lippen.</p>
-
-<p>„Du irrst dich, du machst dich häßlicher, als du bist, deine Natur ist
-viel zu gut, zu nobel&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Was weißt du von meiner Natur,“ unterbrach sie mich heftig, „du sollst
-mich noch kennen lernen.“</p>
-
-<p>„Wanda!“</p>
-
-<p>„Entschließe dich, willst du dich fügen, unbedingt?“</p>
-
-<p>„Und wenn ich nein sage.“</p>
-
-<p>„Dann&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie trat kalt und höhnisch auf mich zu, und wie sie jetzt vor mir
-stand, die Arme auf der Brust verschränkt, mit dem bösen Lächeln um die
-Lippen, war sie in der Tat das despotische Weib meiner Phantasie und
-ihre Züge erschienen hart, und in ihrem Blicke lag nichts, was Güte
-oder Erbarmen versprach. „Gut &mdash;“ sprach sie endlich.</p>
-
-<p>„Du bist böse,“ sagte ich, „du wirst mich peitschen.“</p>
-
-<p>„O nein!“ entgegnete sie, „ich werde dich gehen lassen. Du bist frei.
-Ich halte dich nicht.“</p>
-
-<p>„Wanda &mdash; mich, der dich so liebt&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, Sie, mein Herr, der Sie mich anbeten,“ rief sie verächtlich, „aber
-ein Feigling, ein Lügner, ein Wortbrüchiger sind. Verlassen Sie mich
-augenblicklich&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Wanda!&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Mensch!“</p>
-
-<p>Mir stieg das Blut zum Herzen. Ich warf mich zu ihren Füßen und begann
-zu weinen.</p>
-
-<p>„Noch Tränen!“ sie begann zu lachen. O! Dieses Lachen war furchtbar.
-„Gehen Sie &mdash; ich will Sie nicht mehr sehen.“</p>
-
-<p>„Mein Gott!“ rief ich außer mir. „Ich will ja alles tun, was du
-befiehlst, dein Sklave sein, deine Sache, mit der du nach Willkür
-schaltest &mdash; nur stoße mich nicht von dir &mdash; ich gehe zugrunde &mdash; ich
-kann nicht leben ohne dich,“ ich umfaßte ihre Knie und bedeckte ihre
-Hand mit Küssen.</p>
-
-<p>„Ja, du mußt Sklave sein, die Peitsche fühlen &mdash; denn ein Mann bist du
-nicht,“ sprach sie ruhig, und das war es, was mir so an das Herz griff,
-daß sie nicht im Zorne, ja nicht einmal erregt, sondern mit voller
-Überlegung zu mir sprach. „Ich kenne dich jetzt, deine Hundenatur, die
-anbetet, wo sie mit Füßen getreten wird und um so mehr, je mehr sie
-mißhandelt wird. Ich kenne dich jetzt, du aber sollst mich erst kennen
-lernen.“</p>
-
-<p>Sie ging mit großen Schritten auf und ab, während ich vernichtet auf
-meinen Knien liegen blieb, das Haupt war mir herabgesunken, die Tränen
-rannen mir herab.</p>
-
-<p>„Komm zu mir,“ herrschte mir Wanda zu, sich<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> auf der Ottomane
-niederlassend. Ich folgte ihrem Wink und setzte mich zu ihr. Sie sah
-mich finster an, dann wurde ihr Auge plötzlich, gleichsam von innen
-heraus erhellt, sie zog mich lächelnd an ihre Brust und begann mir die
-Tränen aus den Augen zu küssen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Das eben ist das Humoristische meiner Lage, daß ich, wie der Bär in
-Lilis Park, fliehen kann und nicht will, daß ich alles dulde, sobald
-sie droht, mir die Freiheit zu geben.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wenn sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde! Diese
-Liebenswürdigkeit, mit der sie mich behandelt, hat etwas Unheimliches
-für mich. Ich komme mir wie eine kleine, gefangene Maus vor, mit der
-eine schöne Katze zierlich spielt, jeden Augenblick bereit, sie zu
-zerreißen, und mein Mausherz droht mir zu zerspringen.</p>
-
-<p>Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen
-zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen
-Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand
-mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<p>Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir
-verleben selige Tage.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen,
-in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing
-mit seltsamer Befriedigung an mir.</p>
-
-<p>„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann
-große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf,
-so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein
-übersinnlicher Schlemihl sein kann.“</p>
-
-<p>„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.</p>
-
-<p>Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“
-flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben.
-Wir wollen vernünftig sein, willst du?“</p>
-
-<p>Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges,
-wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine
-Träne fiel auf ihre Hand herab.</p>
-
-<p>„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen.
-Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen
-und schien sie mit seinen elektrischen, grauen<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> Augen durchbohren zu
-wollen, sie aber &mdash; ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien
-und ihre Füße küssen mögen &mdash; sie schien ihn nicht zu bemerken,
-sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen
-leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem
-liebreizenden Lächeln zu mir.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden
-Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?</p>
-
-<p>„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle
-stand.</p>
-
-<p>„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen,
-gib es auf, mich zu quälen &mdash;“ flehte ich.</p>
-
-<p>„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual
-ist,“ warf Wanda ein.</p>
-
-<p>„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Nie, Severin</em>,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.</p>
-
-<p>„Was ist das?“</p>
-
-<p>Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Du bist kein Mann für mich.</em>“</p>
-
-<p>Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag,
-langsam zurück und verließ das Gemach, und sie &mdash; sie rief mich nicht
-zurück.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und
-wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser
-Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie
-ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.</p>
-
-<p>Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben,
-drohten mir die Knie zu brechen.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten
-heraus.</p>
-
-<p>„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“</p>
-
-<p>„Einen Brief&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„An mich?“</p>
-
-<p>Ich nickte.</p>
-
-<p>„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.</p>
-
-<p>„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Ich wiederhole es Ihnen</em>,“ sprach sie.</p>
-
-<p>„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich
-reichte ihr den Brief.</p>
-
-<p>„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen,
-daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir als <em class="gesperrt">Mann</em>
-genügen oder nicht, und zum <em class="gesperrt">Sklaven</em> sind Sie jedenfalls gut
-genug.“</p>
-
-<p>„Gnädige Frau!“ rief ich empört.</p>
-
-<p>„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den
-Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre
-Angelegenheiten<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> binnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen
-nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“</p>
-
-<p>„Wanda&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort
-abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei
-mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie
-heißen von nun an nicht mehr Severin, sondern <em class="gesperrt">Gregor</em>.“</p>
-
-<p>Ich bebte vor Wut und doch &mdash; ich kann es leider nicht leugnen &mdash; auch
-vor Genuß und prickelnder Aufregung.</p>
-
-<p>„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich
-verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er
-mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so
-besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein
-Sklave.“</p>
-
-<p>„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von
-Ehre unmöglich&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß
-Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen
-haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem
-zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“</p>
-
-<p>Ich wendete mich zur Türe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p>„Noch nicht &mdash; du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie
-mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und
-ich &mdash; ich Dilettant &mdash; ich Esel &mdash; ich elender Sklave &mdash; preßte sie
-mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen
-Lippen.</p>
-
-<p>Noch ein gnädiges Kopfnicken.</p>
-
-<p>Dann war ich entlassen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen,
-denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und
-der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit
-voller Gewalt hereingebrochen.</p>
-
-<p>Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.</p>
-
-<p>Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten
-Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art,
-wie sie die große Katharina zu tragen liebte.</p>
-
-<p>„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.</p>
-
-<p>„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.</p>
-
-<p>„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer
-Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier
-fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem
-Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, &mdash; mein Sklave, mein Diener.
-Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“</p>
-
-<p>Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und sie<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> hereingetreten war,
-fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich
-dir?“</p>
-
-<p>„Du&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.</p>
-
-<p>„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“</p>
-
-<p>Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder
-&mdash; hier neben meinem Sessel.“</p>
-
-<p>Ich gehorchte.</p>
-
-<p>„Küss’ mir die Hand.“</p>
-
-<p>Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.</p>
-
-<p>„Und den Mund&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne,
-grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden
-Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück &mdash; die Lider wie
-im Traum geschlossen &mdash; bis nach Mitternacht.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur
-Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine
-Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu
-einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem
-geahnt werden konnte.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p101_ill" name="p101_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p101_ill.jpg"
- alt="Kutschfahrt mit Wanda" /></a>
-</div>
-
-<p>Noch ging alles gut. Ich saß an Wandas Seite, und sie plauderte auf
-das Liebenswürdigste und Geistreichste mit mir, wie mit einem guten
-Freunde, über<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> Italien, über Pisemskis neuen Roman und Wagnerische
-Musik. Sie trug auf der Reise eine Art Amazone, ein Kleid von
-schwarzem Tuche und eine kurze Jacke von gleichem Stoffe mit dunklem
-Pelzbesatz, welche sich knapp an ihre schlanken Formen schlossen und
-dieselben prächtig hoben, darüber einen dunklen Reisepelz. Das Haar,
-in einen antiken Knoten geschlungen, ruhte unter einer kleinen dunklen
-Pelzmütze, von welcher ein schwarzer Schleier ringsum herabfiel. Wanda
-war sehr gut aufgelegt, steckte mir Bonbons in den Mund, frisierte
-mich, löste mein Halstuch und schlang es in eine reizende, kleine
-Masche, deckte ihren Pelz über meine Knie, um dann verstohlen die
-Finger meiner Hand zusammenzupressen, und wenn unser jüdischer Kutscher
-einige Zeit konsequent vor sich hinnickte, gab sie mir sogar einen Kuß
-und ihre kalten Lippen hatten dabei jenen<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> frischen, frostigen Duft
-einer jungen Rose, welche im Herbste einsam zwischen kahlen Stauden
-und gelben Blättern blüht, und deren Kelch der erste Reif mit kleinen,
-eisigen Diamanten behangen hat.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Das ist die Kreisstadt. Wir steigen vor dem Bahnhofe aus. Wanda wirft
-ihren Pelz ab und mir mit einem reizenden Lächeln über den Arm, dann
-geht sie die Karten lösen.</p>
-
-<p>Wie sie zurückkehrt, ist sie vollkommen verändert.</p>
-
-<p>„Hier ist dein Billett, Gregor,“ spricht sie in dem Tone, in welchem
-hochmütige Damen zu ihren Lakaien sprechen.</p>
-
-<p>„Ein Billett dritter Klasse,“ erwidere ich mit komischem Entsetzen.</p>
-
-<p>„Natürlich,“ fährt sie fort, „nun gib aber acht, du steigst erst dann
-ein, wenn ich im Coupé bin und deiner nicht mehr bedarf. Auf jeder
-Station hast du zu meinem Waggon zu eilen und nach meinen Befehlen zu
-fragen. Versäume dies ja nicht. Und nun gib mir meinen Pelz.“</p>
-
-<p>Nachdem ich ihr demütig wie ein Sklave hineingeholfen, suchte sie,
-von mir gefolgt, ein leeres Coupé erster Klasse auf, sprang auf meine
-Schulter gestützt hinein und ließ sich von mir die Füße in Bärenfelle
-einhüllen und auf die Wärmflasche setzen.</p>
-
-<p>Dann nickte sie mir zu und entließ mich. Ich stieg langsam in einen
-Waggon dritter Klasse, der mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm, wie
-die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war, und<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> hatte nun
-Muße, über die Rätsel des menschlichen Daseins nachzudenken, und über
-das größte dieser Rätsel &mdash; <em class="gesperrt">das Weib</em>.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und
-erwarte mit abgezogener Mütze ihre Befehle. Sie wünscht bald einen
-Kaffee, bald ein Glas Wasser, einmal ein kleines Souper, ein anderesmal
-ein Becken mit warmem Wasser, um sich die Hände zu waschen, so geht
-es fort, sie läßt sich von ein paar Kavalieren, die in ihr Coupé
-gestiegen sind, den Hof machen; ich sterbe vor Eifersucht und muß
-Sätze machen wie ein Springbock, um jedesmal das Verlangte rasch zur
-Stelle zu schaffen und den Zug nicht zu versäumen. So bricht die Nacht
-herein. Ich kann weder einen Bissen essen noch schlafen, atme dieselbe
-verzwiebelte Luft mit polnischen Bauern, Handelsjuden und gemeinen
-Soldaten, und sie liegt, wenn ich die Stufen ihres Coupé ersteige,
-in ihrem behaglichen Pelz auf den Polstern ausgestreckt, mit den
-Tierfellen bedeckt, eine orientalische Despotin, und die Herren sitzen
-gleich indischen Göttern aufrecht an der Wand und wagen kaum zu atmen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>In Wien, wo sie einen Tag bleibt, um Einkäufe zu machen, und vor allem
-eine Reihe luxuriöser Toiletten anzuschaffen, fährt sie fort, mich als
-ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Bedienten zu behandeln. Ich gehe hinter ihr, respektvoll zehn
-Schritte entfernt, sie reicht mir, ohne mich nur eines freundlichen
-Blickes zu würdigen, die Pakete und läßt mich zuletzt wie einen Esel
-beladen nachkeuchen.</p>
-
-<p>Vor der Abfahrt nimmt sie alle meine Kleider, um sie an die Kellner
-des Hotels zu verschenken, und befiehlt mir, ihre Livree anzuziehen,
-ein Krakusenkostüm in ihren Farben, hellblau mit rotem Aufschlag und
-viereckiger, roter Mütze, mit Pfauenfedern verziert, das mir gar nicht
-übel steht.</p>
-
-<p>Die silbernen Knöpfe tragen ihr Wappen. Ich habe das Gefühl, als wäre
-ich verkauft oder hätte meine Seele dem Teufel verschrieben.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Mein schöner Teufel führte mich in einer Tour von Wien bis Florenz,
-statt der leinenen Masuren und fettlockigen Juden leisten mir
-jetzt krausköpfige Contadini, ein prächtiger Sergeant des ersten
-italienischen Grenadierregiments und ein armer deutscher Maler,
-Gesellschaft. Der Tabakdampf riecht jetzt nicht mehr nach Zwiebel,
-sondern nach Salami und Käse.</p>
-
-<p>Es ist wieder Nacht geworden. Ich liege auf meinem hölzernen Ruhebette
-auf der Folter, Arme und Beine sind mir wie zerbrochen. Aber poetisch
-ist die Geschichte doch, die Sterne funkeln ringsum, der Sergeant hat
-ein Gesicht wie Apollo von Belvedere, und der deutsche Maler singt ein
-wunderbares deutsches Lied:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Nun alle Schatten dunkeln</div>
- <div class="verse">Und Stern auf Stern erwacht,</div>
- <div class="verse">Welch Hauch der heißen Sehnsucht</div>
- <div class="verse">Flutet durch die Nacht!“</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Durch das Meer der Träume</div>
- <div class="verse">Steuert ohne Ruh’,</div>
- <div class="verse">Steuert meine Seele</div>
- <div class="verse">Deiner Seele zu.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Und ich denke an die schöne Frau, die königlich ruhig in ihren weichen
-Pelzen schläft.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Florenz! Getümmel, Geschrei, zudringliche Fachini und Fiaker. Wanda
-wählt einen Wagen und weist die Träger ab.</p>
-
-<p>„Wozu hätte ich denn einen Diener,“ spricht sie, „Gregor &mdash; hier ist
-der Schein &mdash; hole das Gepäck.“</p>
-
-<p>Sie wickelt sich in ihren Pelz und sitzt ruhig im Wagen, während
-ich die schweren Koffer, einen nach dem anderen herbeitrage. Unter
-dem letzten breche ich einen Augenblick zusammen, ein freundlicher
-Carabiniere mit intelligentem Gesicht steht mir bei. Sie lacht.</p>
-
-<p>„Der muß schwer sein,“ sagte sie, „denn in dem sind alle meine Pelze.“</p>
-
-<p>Ich steige auf den Bock und wische mir die hellen Tropfen von der
-Stirne. Sie nennt das Hotel, der Fiaker treibt sein Pferd an. In wenigen
-Minuten halten wir vor der glänzend erleuchteten Einfahrt.</p>
-
-<p>„Sind Zimmer da?“ fragt sie den Portier.</p>
-
-<p>„Ja, Madame.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
-
-<p>„Zwei für mich, eines für meinen Diener, alle mit Öfen.“</p>
-
-<p>„Zwei elegante, Madame, beide mit Kaminen für Sie,“ entgegnete der
-Garçon, der herbeigeeilt ist, „und eines ohne Heizung für den
-Bedienten.“</p>
-
-<p>„Zeigen Sie mir die Zimmer.“</p>
-
-<p>Sie besichtigt sie, dann sagt sie kurzweg: „Gut. Ich bin zufrieden,
-machen Sie nur rasch Feuer, der Diener kann im ungeheizten Zimmer
-schlafen.“</p>
-
-<p>Ich sehe sie nur an.</p>
-
-<p>„Bringe die Koffer herauf, Gregor,“ befiehlt sie, ohne meine Blicke zu
-beachten, „ich mache indes Toilette und gehe in den Speisesaal hinab.
-Du kannst dann auch etwas zu Nacht essen.“</p>
-
-<p>Während sie in das Nebenzimmer geht, schleppe ich die Koffer herauf,
-helfe dem Garçon, der mich über meine „Herrschaft“ in schlechtem
-Französisch auszufragen versucht, in ihrem Schlafzimmer Feuer machen
-und sehe einen Augenblick mit stillem Neide den flackernden Kamin, das
-duftige, weiße Himmelbett, die Teppiche, mit denen der Boden belegt
-ist. Dann steige ich müde und hungrig eine Treppe hinab und verlange
-etwas zu essen. Ein gutmütiger Kellner, der österreichischer Soldat
-war und sich alle Mühe gibt, mich deutsch zu unterhalten, führt mich
-in den Speisesaal und bedient mich. Eben habe ich nach sechsunddreißig
-Stunden den ersten frischen Trunk getan, den ersten warmen Bissen auf
-der Gabel, als sie hereintritt.</p>
-
-<p>Ich erhebe mich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p107" name="p107">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p107.jpg"
- alt="Koffer schleppen" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p>„Wie können Sie mich in ein Speisezimmer führen, in dem mein Bedienter
-ißt,“ fährt sie den Garçon an, vor Zorn flammend, dreht sich um und
-geht hinaus.</p>
-
-<p>Ich danke indes dem Himmel, daß ich wenigstens ruhig weiteressen kann.
-Hierauf steige ich vier Treppen zu meinem Zimmer empor, in dem bereits
-mein kleiner Koffer steht und ein schmutziges Öllämpchen brennt, es
-ist ein schmales Zimmer ohne Kamin, ohne Fenster, mit einem kleinen
-Luftloch. Es würde mich &mdash; wenn es nicht so hundekalt wäre &mdash; an die
-venetianischen Bleikammern erinnern. Ich muß unwillkürlich laut lachen,
-so daß es widerhallt und ich über mein eigenes Gelächter erschrecke.</p>
-
-<p>Plötzlich wird die Türe aufgerissen und der Garçon mit einer
-theatralischen Geste, echt italienisch, ruft: „Sie sollen zu Madame
-hinabkommen, augenblicklich!“ Ich nehme meine Mütze, stolpere einige
-Stufen hinab, komme endlich glücklich im ersten Stockwerke vor ihrer
-Türe an und klopfe.</p>
-
-<p>„Herein!“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich trete ein, schließe und bleibe an der Türe stehen.</p>
-
-<p>Wanda hat es sich bequem gemacht, sie sitzt im Negligé von weißer
-Mousseline und Spitzen auf einem kleinen, roten Samtdiwan, die Füße auf
-einem Polster von gleichem Stoffe und hat ihren Pelzmantel umgeworfen,
-denselben, in dem sie mir zuerst als Göttin der Liebe erschien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
-
-<p>Die gelben Lichter der Armleuchter, die auf dem Trumeau stehen, ihre
-Reflexe in dem großen Spiegel und die roten Flammen des Kaminfeuers
-spielen herrlich auf dem grünen Samt, dem dunkelbraunen Zobel des
-Mantels, auf der weißen, glatt gespannten Haut und in dem roten,
-flammenden Haare der schönen Frau, welche mir ihr helles, aber kaltes
-Antlitz zukehrt und ihre kalten, grünen Augen auf mir ruhen läßt.</p>
-
-<p>„Ich bin mit dir zufrieden, Gregor,“ begann sie.</p>
-
-<p>Ich verneigte mich.</p>
-
-<p>„Komm näher.“</p>
-
-<p>Ich gehorchte.</p>
-
-<p>„Noch näher,“ sie blickte hinab und strich mit der Hand über den
-Zobel. „Venus im Pelz empfängt ihren Sklaven. Ich sehe, daß Sie doch
-mehr sind als ein gewöhnlicher Phantast, Sie bleiben mindestens hinter
-Ihren Träumen nicht zurück, Sie sind der Mann, was Sie sich auch
-einbilden mögen, und wäre es das Tollste, auszuführen; ich gestehe,
-das gefällt mir, das imponiert mir. Es liegt Stärke darin, und nur
-die Stärke achtet man. Ich glaube sogar, Sie würden in ungewöhnlichen
-Verhältnissen, in einer großen Zeit, das was Ihre Schwäche scheint,
-als eine wunderbare Kraft offenbaren. Unter den ersten Kaisern wären
-Sie ein Märtyrer, zur Zeit der Reformation ein Anabaptist, in der
-französischen Revolution einer jener begeisterten Girondisten geworden,
-die mit der Marseillaise auf den Lippen die Guillotine bestiegen. So
-aber sind Sie mein Sklave, mein&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p>Sie sprang plötzlich auf, so daß der Pelz herabsank, und schlang die
-Arme mit sanfter Gewalt um meinen Hals.</p>
-
-<p>„Mein geliebter Sklave, Severin, o! wie ich dich liebe, wie ich dich
-anbete, wie schmuck du in dem Krakauerkostüme aussiehst, aber du wirst
-heute Nacht frieren in dem elenden Zimmer da oben ohne Kamin, soll ich
-dir meinen Pelz geben, mein Herzchen, den großen da&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie hob ihn rasch auf, warf ihn mir auf die Schultern und hatte mich,
-ehe ich mich versah, vollkommen darin eingewickelt.</p>
-
-<p>„Ah! wie gut das Pelzwerk dir zu Gesichte steht, deine noblen Züge
-treten erst recht hervor. Sobald du nicht mehr mein Sklave bist, wirst
-du einen Samtrock tragen mit Zobel, verstehst du, sonst ziehe ich nie
-mehr eine Pelzjacke an&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Und wieder begann sie mich zu streicheln, zu küssen und zog mich
-endlich auf den kleinen Samtdiwan nieder.</p>
-
-<p>„Du gefällst dir, glaube ich, in dem Pelze,“ sagte sie, „gib ihn mir,
-rasch, rasch, sonst verliere ich ganz das Gefühl meiner Würde.“</p>
-
-<p>Ich legte den Pelz um sie, und Wanda schlüpfte mit dem rechten Arme in
-den Ärmel.</p>
-
-<p>„So ist es auf dem Bilde von Titian. Nun aber genug des Scherzes. Sieh
-doch nicht immer so unglücklich drein, das macht mich traurig, du bist
-ja vorläufig nur für die Welt mein Diener, mein Sklave bist du noch
-nicht, du hast den Vertrag noch nicht unterzeichnet, du bist noch frei,
-kannst mich<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> jeden Augenblick verlassen; du hast deine Rolle herrlich
-gespielt. Ich war entzückt, aber hast du es nicht schon satt, findest
-du mich nicht abscheulich? Nun, so sprich doch &mdash; ich befehle es dir.“</p>
-
-<p>„Muß ich es dir gestehen, Wanda?“ begann ich.</p>
-
-<p>„Ja, du mußt.“</p>
-
-<p>„Und wenn du es dann auch mißbrauchst,“ fuhr ich fort, „ich bin
-verliebter als je in dich, und ich werde dich immer mehr, immer
-fanatischer verehren, anbeten, je mehr du mich mißhandelst, so wie du
-jetzt gegen mich warst, entzündest du mein Blut, berauschest du alle
-meine Sinne“ &mdash; ich preßte sie an mich und hing einige Augenblicke
-an ihren feuchten Lippen &mdash; „du schönes Weib,“ rief ich dann, sie
-betrachtend, und riß in meinem Enthusiasmus den Zobelpelz von ihren
-Schultern und preßte meinen Mund auf ihren Nacken.</p>
-
-<p>„Du liebst mich also, wenn ich grausam bin,“ sprach Wanda, „geh jetzt!
-&mdash; du langweilst mich &mdash; hörst du nicht&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie gab mir eine Ohrfeige, daß es mir in dem Auge blitzte und im Ohr
-läutete.</p>
-
-<p>„Hilf mir in meinen Pelz, Sklave.“</p>
-
-<p>Ich half, so gut ich konnte.</p>
-
-<p>„Wie ungeschickt,“ rief sie, und kaum hatte sie ihn an, schlug sie mich
-wieder ins Gesicht. Ich fühlte es, wie ich mich entfärbte.</p>
-
-<p>„Habe ich dir weh getan?“ fragte sie und legte die Hand sanft auf mich.</p>
-
-<p>„Nein, nein,“ rief ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<p>„Du darfst dich allerdings nicht beklagen, du willst es ja so; nun, gib
-mir noch einen Kuß.“</p>
-
-<p>Ich schlang die Arme um sie, und ihre Lippen sogen sich an den meinen
-fest, und wie sie in dem großen, schweren Pelze an meiner Brust lag,
-hatte ich ein seltsames, beklemmendes Gefühl, wie wenn mich ein wildes
-Tier, eine Bärin umarmen würde, und mir war es, als müßte ich jetzt
-ihre Krallen in meinem Fleische fühlen. Aber für diesmal entließ mich
-die Bärin gnädig.</p>
-
-<p>Die Brust von lachenden Hoffnungen erfüllt, stieg ich in mein elendes
-Bedientenzimmer und warf mich auf mein hartes Bett.</p>
-
-<p>„Das Leben ist doch eigentlich urkomisch,“ dachte ich mir, „vor kurzem
-hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und
-jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche
-die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch
-die Teufel auf Eisfelder treiben lassen.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern
-geschlafen.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich bin heute Nacht mit einem Schrei aus dem Schlafe aufgeschreckt,
-ich habe von einem Eisfelde geträumt, auf dem ich mich verirrt hatte
-und vergebens den Ausweg suchte. Plötzlich kam ein Eskimo in einem mit
-Renntier bespannten Schlitten und hatte das Gesicht des Garçons, der
-mir das ungeheizte Zimmer angewiesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<p>„Was suchen Sie hier, Monsieur?“ rief er, „hier ist der Nordpol.“</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblicke war er verschwunden, und Wanda flog auf kleinen
-Schlittschuhen über die Eisfläche heran, ihr weißer Atlasrock flatterte
-und knisterte, der Hermelin ihrer Jacke und Mütze, vor allem aber ihr
-Antlitz schimmerte weißer als der weiße Schnee, sie schoß auf mich zu,
-schloß mich in ihre Arme und begann mich zu küssen, plötzlich fühlte
-ich mein Blut warm an mir herabrieseln.</p>
-
-<p>„Was tust du?“ fragte ich entsetzt.</p>
-
-<p>Sie lachte, und wie ich sie jetzt ansah, war es nicht mehr Wanda,
-sondern eine große, weiße Bärin, welche ihre Tatzen in meinen Leib
-bohrte.</p>
-
-<p>Ich schrie verzweifelt auf und hörte ihr teuflisches Gelächter noch,
-als ich erwacht war und erstaunt im Zimmer herumsah.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Früh am Morgen stand ich bereits an Wandas Türe, und als der Garçon den
-Kaffee brachte, nahm ich ihm denselben und servierte ihn meiner schönen
-Herrin. Sie hatte bereits Toilette gemacht und sah prächtig aus, frisch
-und rosig, lächelte mir freundlich zu und rief mich zurück, als ich
-mich respektvoll entfernen wollte.</p>
-
-<p>„Nimm auch rasch dein Frühstück, Gregor,“ sprach sie, „wir gehen dann
-sofort Wohnungen suchen, ich will so kurz als möglich im Hotel bleiben,
-hier sind wir furchtbar geniert, und wenn ich etwas länger mit dir
-plaudre, heißt es gleich: die Russin hat<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> mit ihrem Bedienten ein
-Liebesverhältnis, man sieht, die Rasse der Katharina stirbt nicht aus.“</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später gingen wir aus, Wanda in ihrem Tuchkleide,
-ihrer russischen Mütze, ich in meinem Krakauerkostüm. Wir erregten
-Aufsehen. Ich ging etwa zehn Schritte entfernt hinter ihr und machte
-ein finsteres Gesicht, während ich jede Sekunde in lautes Lachen
-auszubrechen fürchtete. Es gab kaum eine Straße, in der nicht an
-einem der hübschen Häuser eine kleine Tafel mit dem „<span class="antiqua">Camere
-ammobiliate</span>“ prangte. Wanda sendete mich jedesmal die Treppe
-hinauf, und nur wenn ich die Meldung machte, daß die Wohnung ihren
-Absichten zu entsprechen scheine, stieg sie selbst empor. So war ich um
-Mittag herum bereits so müde, wie ein Jagdhund nach einer Parforcejagd.</p>
-
-<p>Wieder traten wir in ein Haus und wieder verließen wir es, ohne eine
-passende Wohnung gefunden zu haben. Wanda war bereits etwas ärgerlich.
-Plötzlich sagte sie zu mir: „Severin, der Ernst, mit dem du deine Rolle
-spielst, ist reizend, und der Zwang, den wir uns auferlegt haben, regt
-mich geradezu auf, ich halte es nicht mehr aus, du bist zu lieb, ich
-muß dir einen Kuß geben. Komm in ein Haus hinein.“</p>
-
-<p>„Aber gnädige Frau &mdash;“ wendete ich ein.</p>
-
-<p>„Gregor!“ sie trat in die nächste offene Flur, ging einige Stufen der
-dunklen Stiege hinauf, schlang dann mit heißer Zärtlichkeit die Arme um
-mich und küßte mich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p115" name="p115">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p115.jpg"
- alt="Wandas Wohnungssuche" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
-
-<p>„Ach! Severin, du warst sehr klug, du bist als Sklave weit
-gefährlicher, als ich dachte, ja, ich finde dich unwiderstehlich, ich
-fürchte, ich werde mich noch einmal in dich verlieben.“</p>
-
-<p>„Liebst du mich denn nicht mehr?“ fragte ich, von einem jähen Schrecken
-ergriffen.</p>
-
-<p>Sie schüttelte ernsthaft den Kopf, küßte mich aber wieder mit ihren
-schwellenden, köstlichen Lippen.</p>
-
-<p>Wir kehrten in das Hotel zurück. Wanda nahm das Gabelfrühstück und
-gebot mir, ebenfalls rasch etwas zu essen.</p>
-
-<p>Ich wurde aber selbstverständlich nicht so rasch bedient wie sie, und
-so geschah es, daß ich eben den zweiten Bissen meines Beefsteaks zum
-Munde führte, als der Garçon eintrat und mit seiner theatralischen
-Geste rief: „Augenblicklich zu Madame.“</p>
-
-<p>Ich nahm einen raschen und schmerzlichen Abschied von meinem Frühstück
-und eilte müde und hungrig Wanda nach, welche bereits in der Straße
-stand.</p>
-
-<p>„Für so grausam habe ich Sie doch nicht gehalten, Herrin,“ sagte ich
-vorwurfsvoll, „daß Sie mich nach allen diesen Fatiguen nicht einmal
-ruhig essen lassen.“</p>
-
-<p>Wanda lachte herzlich. „Ich dachte, du bist fertig,“ sprach sie, „aber
-es ist auch so gut. Der Mensch ist zum Leiden geboren und du ganz
-besonders. Die Märtyrer haben auch keine Beefsteaks gegessen.“</p>
-
-<p>Ich folgte ihr grollend, in meinen Hunger verbissen.</p>
-
-<p>„Ich habe die Idee, eine Wohnung in der Stadt zu nehmen, aufgegeben,“
-fuhr Wanda fort, „man<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> findet schwer ein ganzes Stockwerk, in dem man
-abgeschlossen ist und tun kann, was man will. Bei einem so seltsamen,
-phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist, muß alles
-zusammenstimmen. Ich werde eine ganze Villa mieten und &mdash; nun, warte
-nur, du wirst staunen. Ich erlaube dir jetzt, dich satt zu essen und
-dich dann etwas in Florenz umzusehen. Vor dem Abend komme ich nicht
-nach Hause. Wenn ich dich dann brauche, werde ich dich schon rufen
-lassen.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich habe den Dom gesehen, den Palazzo vecchio, die Loggia di Lanzi und
-bin dann lange am Arno gestanden. Immer wieder ließ ich meinen Blick
-auf dem herrlichen, altertümlichen Florenz ruhen, dessen runde Kuppeln
-und Türme sich weich in den blauen, wolkenlosen Himmel zeichneten, auf
-den prächtigen Brücken, durch deren weite Bogen der schöne, gelbe Fluß
-seine lebhaften Wellen trieb, auf den grünen Hügeln, welche, schlanke
-Zypressen und weitläufige Gebäude, Paläste oder Klöster tragend, die
-Stadt umgeben.</p>
-
-<p>Es ist eine andere Welt, in der wir uns befinden, eine heitere,
-sinnliche und lachende. Auch die Landschaft hat nichts von dem Ernst,
-der Schwermut der unseren. Da ist weithin, bis zu den letzten weißen
-Villen, die im hellgrünen Gebirge zerstreut sind, kein Fleckchen, das
-die Sonne nicht in das hellste Licht setzen würde, und die Menschen
-sind weniger ernst wie wir, und mögen weniger denken, sie sehen aber
-alle aus, wie wenn sie glücklich wären.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
-
-<p>Man behauptet auch, daß man im Süden leichter stirbt.</p>
-
-<p>Mir ahnt jetzt, daß es eine Schönheit gibt ohne Stachel und eine
-Sinnlichkeit ohne Qual.</p>
-
-<p>Wanda hat eine allerliebste kleine Villa auf einem der reizenden Hügel
-an dem linken Ufer des Arno, gegenüber der Cascine, entdeckt und für
-den Winter gemietet. Dieselbe liegt in einem hübschen Garten mit
-reizenden Laubgängen, Grasplätzen und einer herrlichen Camelienflur.
-Sie hat nur ein Stockwerk und ist im italienischen Stile im Viereck
-erbaut; die eine Front entlang läuft eine offene Galerie, eine Art
-Loggia mit Gypsabgüssen antiker Statuen, von der steinerne Stufen in
-den Garten hinabführen. Aus der Galerie gelangt man in ein Badezimmer
-mit einem herrlichen Marmorbassin, aus dem eine Wendeltreppe in das
-Schlafgemach der Herrin führt.</p>
-
-<p>Wanda bewohnt das erste Stockwerk allein.</p>
-
-<p>Mir wurde ein Zimmer ebener Erde angewiesen, es ist sehr hübsch und hat
-sogar einen Kamin.</p>
-
-<p>Ich habe den Garten durchstreift und auf einem runden Hügel einen
-kleinen Tempel entdeckt, dessen Tor ich verschlossen fand; aber das Tor
-hat eine Ritze, und wie ich das Auge an dieselbe lege, sehe ich auf
-weißem Piedestal die Liebesgöttin stehen.</p>
-
-<p>Mich ergreift ein leiser Schauer. Mir ist, als lächle sie mir zu: „Bist
-du da? Ich habe dich erwartet.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p>Es ist Abend. Eine hübsche kleine Zofe bringt mir den Befehl, vor
-der Herrin zu erscheinen. Ich steige die breite Marmortreppe empor,
-gehe durch den Vorsaal, einen großen mit verschwenderischer Pracht
-eingerichteten Salon und klopfe an die Türe des Schlafgemachs. Ich
-klopfe sehr leise, denn der Luxus, den ich überall entfaltet sehe,
-beängstigt mich, und so werde ich nicht gehört und stehe einige Zeit
-vor der Türe. Mir ist zumute, als stände ich vor dem Schlafgemach
-der großen Katharina und als müßte sie jeden Augenblick im grünen
-Schlafpelz mit dem roten Ordensbande auf der bloßen Brust und mit ihren
-kleinen, weißen, gepuderten Löckchen heraustreten.</p>
-
-<p>Ich klopfe wieder. Wanda reißt ungeduldig den Flügel auf.</p>
-
-<p>„Warum so spät?“ fragt sie.</p>
-
-<p>„Ich stand vor der Türe, du hast mein Klopfen nicht gehört,“ entgegne
-ich schüchtern. Sie schließt die Türe, hängt sich in mich ein und führt
-mich zu der rotdamastenen Ottomane, auf der sie geruht hat. Die ganze
-Einrichtung des Zimmers, Tapeten, Vorhänge, Portieren, Himmelbett,
-alles ist von rotem Damast, und die Decke bildet ein herrliches
-Gemälde, Simson und Delila.</p>
-
-<p>Wanda empfängt mich in einem betörenden Deshabillee, das weiße
-Atlasgewand fließt leicht und malerisch an ihrem schlanken Leib herab
-und läßt Arme und Büste bloß, welche sich weich und nachlässig in die
-dunklen Felle des großen grünsamtenen Zobelpelzes schmiegen. Ihr rotes
-Haar fällt, halb offen,<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> von Schnüren schwarzer Perlen gehalten, über
-den Rücken bis zur Hüfte herab.</p>
-
-<p>„Venus im Pelz,“ flüstre ich, während sie mich an ihre Brust zieht und
-mit ihren Küssen zu ersticken droht. Dann spreche ich kein Wort mehr
-und denke auch nicht mehr, alles geht unter in einem Meere niegeahnter
-Seligkeit.</p>
-
-<p>Wanda machte sich endlich sanft los und betrachtete sich, auf den einen
-Arm gestützt. Ich war zu ihren Füßen herabgesunken, sie zog mich an
-sich und spielte mit meinem Haare.</p>
-
-<p>„Liebst du mich noch?“ fragte sie, ihr Auge verschwamm in süßer
-Leidenschaft.</p>
-
-<p>„Du fragst!“ rief ich.</p>
-
-<p>„Erinnerst du dich noch deines Schwures,“ fuhr sie mit einem reizenden
-Lächeln fort, „nun, da alles eingerichtet, alles bereit ist, frage ich
-dich noch einmal: ist es wirklich dein Ernst, mein Sklave zu werden?“</p>
-
-<p>„Bin ich es denn nicht bereits?“ fragte ich erstaunt.</p>
-
-<p>„Du hast die Dokumente noch nicht unterschrieben.“</p>
-
-<p>„Dokumente &mdash; was für Dokumente?“</p>
-
-<p>„Ah! ich sehe, du denkst nicht mehr daran,“ sagte sie, „also lassen wir
-es bleiben.“</p>
-
-<p>„Aber Wanda,“ sprach ich, „du weißt ja, daß ich keine größere Seligkeit
-kenne, als dir zu dienen, dein Sklave zu sein, und daß ich alles um
-das Gefühl geben würde, mich ganz in deiner Hand zu wissen, mein Leben
-sogar&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Wie du schön bist,“ flüsterte sie, „wenn du so<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> begeistert bist, wenn
-du so leidenschaftlich sprichst. Ach! ich bin mehr als je in dich
-verliebt und da soll ich herrisch sein gegen dich und strenge und
-grausam, ich fürchte, ich werde es nicht können.“</p>
-
-<p>„Mir ist nicht bange darum,“ entgegnete ich lächelnd, „wo hast du also
-die Dokumente?“</p>
-
-<p>„Hier,“ sie zog sie halb verschämt aus ihrem Busen hervor und reichte
-sie mir.</p>
-
-<p>„Damit du das Gefühl hast, ganz in meiner Hand zu sein, habe ich
-noch ein zweites Dokument aufgesetzt, in welchem du erklärst, daß du
-entschlossen bist, dir das Leben zu nehmen. Ich kann dich dann sogar
-töten, wenn ich will.“</p>
-
-<p>„Gib.“</p>
-
-<p>Während ich die Dokumente entfaltete und zu lesen begann, holte Wanda
-Tinte und Feder, dann setzte sie sich zu mir, legte den Arm um meinen
-Nacken und blickte über meine Schultern in das Papier.</p>
-
-<p>Das erste lautete:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="s3 center mbot1"><b>Vertrag zwischen Frau Wanda von Dunajew und Herrn Severin von
-Kusiemski.</b></p>
-
-<p>Herr Severin von Kusiemski hört mit dem heutigen Tage auf, der
-Bräutigam der Frau Wanda von Dunajew zu sein und verzichtet auf
-alle seine Rechte als Geliebter; er verpflichtet sich dagegen mit
-seinem Ehrenworte als Mann und Edelmann, fortan der <em class="gesperrt">Sklave</em>
-derselben zu sein und zwar so lange sie ihm nicht selbst die
-Freiheit zurückgibt.</p>
-
-<p>Er hat als der Sklave der Frau von Dunajew den Namen Gregor zu
-führen, unbedingt jeden ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Wünsche zu erfüllen, jedem ihrer
-Befehle zu gehorchen, seiner Herrin mit Unterwürfigkeit zu
-begegnen, jedes Zeichen ihrer Gunst als eine außerordentliche Gnade
-anzusehen.</p>
-
-<p>Frau von Dunajew darf ihren Sklaven nicht allein bei dem geringsten
-Versehen oder Vergehen nach Gutdünken strafen, sondern sie hat
-auch das Recht, ihn nach Laune oder nur zu ihrem Zeitvertreib zu
-mißhandeln, wie es ihr eben gefällt, ja sogar zu töten, wenn es ihr
-beliebt, kurz, er ist ihr unbeschränktes Eigentum.</p>
-
-<p>Sollte Frau von Dunajew ihrem Sklaven je die Freiheit schenken, so
-hat Herr Severin von Kusiemski alles, was er als Sklave erfahren
-oder erduldet, zu vergessen und <em class="gesperrt">nie und niemals, unter keinen
-Umständen und in keiner Weise an Rache oder Wiedervergeltung zu
-denken</em>.</p>
-
-<p>Frau von Dunajew verspricht dagegen, als seine Herrin so oft als
-möglich im Pelz zu erscheinen, besonders wenn sie gegen ihren
-Sklaven grausam sein wird.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Unter dem Vertrage stand das Datum des heutigen Tages.</p>
-
-<p>Das zweite Dokument entielt nur wenige Worte.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Seit Jahren des Daseins und seiner Täuschungen überdrüssig, habe ich
-meinem wertlosen Leben freiwillig ein Ende gemacht.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Mich faßte ein tiefes Grauen, als ich zu Ende war, noch war es Zeit,
-noch konnte ich zurück, aber der Wahnsinn der Leidenschaft, der Anblick
-des schönen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> Weibes, das aufgelöst an meiner Schulter lehnte, rissen
-mich fort.</p>
-
-<p>„Dieses hier mußt du zuerst abschreiben, Severin,“ sprach Wanda, auf
-das zweite Dokument deutend, „es muß vollkommen in deinen Schriftzügen
-abgefaßt sein, bei dem Vertrage ist das natürlich nicht nötig.“</p>
-
-<p>Ich kopierte rasch die wenigen Zeilen, in denen ich mich als
-Selbstmörder bezeichnete, und gab sie Wanda. Sie las und legte sie dann
-lächelnd auf den Tisch.</p>
-
-<p>„Nun, hast du den Mut, das zu unterzeichnen?“ fragte sie, den Kopf
-neigend, mit einem feinen Lächeln.</p>
-
-<p>Ich nahm die Feder.</p>
-
-<p>„Laß mich zuerst,“ sprach Wanda, „dir zittert die Hand, fürchtest du
-dich so sehr vor deinem Glück?“</p>
-
-<p>Sie nahm den Vertrag und die Feder &mdash; ich blickte im Kampfe mit
-mir selbst einen Augenblick empor und jetzt erst fiel mir, wie auf
-vielen Gemälden italienischer und holländischer Schule, der durchaus
-unhistorische Charakter des Deckengemäldes auf, der demselben ein
-seltsames, für mich geradezu unheimliches Gepräge gab. Delila, eine
-üppige Dame mit flammendem roten Haare, liegt halb entkleidet in einem
-dunklen Pelzmantel auf einer roten Ottomane und beugt sich lächelnd
-zu Simson herab, den die Philister niedergeworfen und gebunden
-haben. Ihr Lächeln ist in seiner spöttischen Koketterie von wahrhaft
-infernalischer Grausamkeit, ihr Auge, halb geschlossen, begegnet jenem
-Simsons, das noch im letzten Blicke mit wahnsinniger Liebe an dem ihren
-hängt,<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> denn schon kniet einer der Feinde auf seiner Brust, bereit, ihm
-das glühende Eisen hineinzustoßen.</p>
-
-<p>„So &mdash;“ rief Wanda, „du bist ja ganz verloren, was hast du nur, es
-bleibt ja doch alles beim Alten, auch wenn du unterschrieben hast,
-kennst du mich denn noch immer nicht, Herzchen?“</p>
-
-<p>Ich blickte in den Vertrag. Da stand in großen kühnen Zügen ihr Name.
-Noch einmal schaute ich in ihr zauberkräftiges Auge, dann nahm ich die
-Feder und unterschrieb rasch den Vertrag.</p>
-
-<p>„Du hast gezittert,“ sprach Wanda ruhig, „soll ich dir die Feder
-führen?“</p>
-
-<p>Sie faßte in demselben Augenblick sanft meine Hand, und da stand mein
-Name auch auf dem zweiten Papier. Wanda sah beide Dokumente noch einmal
-an und schloß sie dann in den Tisch, welcher zu Häupten der Ottomane
-stand.</p>
-
-<p>„So &mdash; nun gib mir noch deinen Paß und dein Geld.“</p>
-
-<p>Ich ziehe meine Brieftasche hervor und reiche sie ihr, sie blickt
-hinein, nickt und legt sie zu dem Übrigen, während ich vor ihr knie und
-mein Haupt in süßer Trunkenheit an ihrer Brust ruhen lasse.</p>
-
-<p>Da stößt sie mich plötzlich mit dem Fuße von sich, springt auf und
-zieht die Glocke, auf deren Ton drei junge, schlanke Negerinnen,
-wie aus Ebenholz geschnitzt und ganz in roten Atlas gekleidet,
-hereintreten, jede einen Strick in der Hand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p125" name="p125">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p125.jpg"
- alt="Wanda, die Herrin" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt begreife ich auf einmal meine Lage und will mich erheben, aber
-Wanda, welche, hoch aufgerichtet, ihr kaltes, schönes Antlitz mit
-den finsteren Brauen, den höhnischen Augen mir zugewendet, als
-Herrin gebietend vor mir steht, winkt mit der Hand, und ehe ich noch
-recht weiß, was mit mir geschieht, haben mich die Negerinnen zu Boden
-gerissen, mir Beine und Hände fest zusammengeschnürt und die Arme wie
-einem, der hingerichtet werden soll, auf den Rücken gebunden, so daß
-ich mich kaum bewegen kann.</p>
-
-<p>„Gib mir die Peitsche, Haydée,“ befiehlt Wanda mit unheimlicher Ruhe.</p>
-
-<p>Die Negerin reicht sie kniend der Gebieterin.</p>
-
-<p>„Und nimm mir den schweren Pelz ab,“ fährt diese fort, „er hindert
-mich.“</p>
-
-<p>Die Negerin gehorchte.</p>
-
-<p>„Die Jacke dort!“ befahl Wanda weiter.</p>
-
-<p>Haydée brachte rasch die hermelinbesetzte Kazabaika, welche auf dem
-Bette lag, und Wanda schlüpfte mit zwei unnachahmlich reizenden
-Bewegungen hinein.</p>
-
-<p>„Bindet ihn an die Säule hier.“</p>
-
-<p>Die Negerinnen heben mich auf, schlingen ein dickes Seil um meinen Leib
-und binden mich stehend an eine der massiven Säulen, welche den Himmel
-des breiten italienischen Bettes tragen.</p>
-
-<p>Dann sind sie auf einmal verschwunden, wie wenn die Erde sie
-verschlungen hätte.</p>
-
-<p>Wanda tritt rasch auf mich zu, das weiße Atlasgewand fließt ihr in
-langer Schleppe wie Silber, wie Mondlicht nach, ihre Haare lodern
-gleich Flammen auf dem weißen Pelz der Jacke; jetzt steht sie vor mir,
-die linke Hand in die Seite gestemmt, in der Rechten die Peitsche, und
-stößt ein kurzes Lachen aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>„Jetzt hat das Spiel zwischen uns aufgehört,“ spricht sie mit herzloser
-Kälte, „jetzt ist es Ernst, du Tor! den ich verlache und verachte, der
-sich <em class="gesperrt">mir</em>, dem übermütigen, launischen Weibe, in wahnsinniger
-Verblendung als Spielzeug hingegeben. Du bist nicht mehr mein
-Geliebter, sondern <em class="gesperrt">mein Sklave</em>, auf Tod und Leben meiner Willkür
-preisgegeben.</p>
-
-<p>Du sollst mich kennen lernen!</p>
-
-<p>Vor allem wirst du mir jetzt einmal im Ernste die Peitsche kosten, ohne
-daß du etwas verschuldet hast, damit du begreifst, was dich erwartet,
-wenn du dich ungeschickt, ungehorsam oder widerspenstig zeigst.“</p>
-
-<p>Sie schürzte hierauf mit wilder Grazie den pelzbesetzten Ärmel auf und
-hieb mich über den Rücken.</p>
-
-<p>Ich zuckte zusammen, die Peitsche schnitt wie ein Messer in mein
-Fleisch.</p>
-
-<p>„Nun, wie gefällt dir das?“ rief sie.</p>
-
-<p>Ich schwieg.</p>
-
-<p>„Wart’ nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der
-Peitsche,“ drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen.</p>
-
-<p>Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen
-Rücken, meine Arme, meinen Nacken, ich biß die Zähne zusammen, um nicht
-aufzuschreien. Jetzt traf sie mich ins Gesicht, das warme Blut rann mir
-herab, sie aber lachte und peitschte fort.</p>
-
-<p>„Jetzt erst versteh ich dich,“ rief sie dazwischen, „es ist wirklich
-ein Genuß, einen Menschen so in seiner Gewalt zu haben und noch dazu
-einen Mann, der mich liebt &mdash; du liebst mich doch? &mdash; Nicht &mdash; Oh! ich
-zerfleische dich noch, so wächst mir bei jedem<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> Hiebe das Vergnügen;
-nun krümme dich doch ein wenig, schreie, wimmere! Bei mir sollst du
-kein Erbarmen finden.“</p>
-
-<p>Endlich scheint sie müde.</p>
-
-<p>Sie wirft die Peitsche weg, streckt sich auf der Ottomane aus und
-klingelt.</p>
-
-<p>Die Negerinnen treten ein.</p>
-
-<p>„Bindet ihn los.“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p128_ill" name="p128_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p128_ill.jpg"
- alt="Der Fußkuss" /></a>
-</div>
-
-<p>Wie sie mir das Seil lösen, schlage ich wie ein Stück Holz zu Boden.
-Die schwarzen Weiber lachen und zeigen die weißen Zähne.</p>
-
-<p>„Löst ihm die Stricke an den Füßen.“</p>
-
-<p>Es geschieht. Ich kann mich erheben.</p>
-
-<p>„Komm zu mir, Gregor.“</p>
-
-<p>Ich nähere mich dem schönen Weibe, das mir noch nie so verführerisch
-erschien wie heute in seiner Grausamkeit, in seinem Hohne.</p>
-
-<p>„Noch einen Schritt,“ gebietet Wanda, „knie nieder und küsse mir den
-Fuß.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p>Sie streckt den Fuß unter dem weißen Atlassaum hervor und ich
-übersinnlicher Tor presse meine Lippen darauf.</p>
-
-<p>„Du wirst mich jetzt einen ganzen Monat nicht sehen, Gregor,“ spricht
-sie ernst, „damit ich dir fremd werde, du dich leichter in deine neue
-Stellung mir gegenüber findest; du wirst während dieser Zeit im Garten
-arbeiten und meine Befehle erwarten. Und nun marsch, Sklave!“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ein Monat ist in monotoner Regelmäßigkeit, in schwerer Arbeit, in
-schwermütiger Sehnsucht vergangen, in Sehnsucht nach ihr, die mir alle
-diese Leiden bereitet. Ich bin dem Gärtner zugewiesen, helfe ihm die
-Bäume, die Hecken stutzen, die Blumen umsetzen, die Beete umgraben, die
-Kieswege kehren, teile seine grobe Kost und sein hartes Lager, bin mit
-den Hühnern auf und gehe mit den Hühnern zur Ruhe, und höre von Zeit
-zu Zeit, daß unsere Herrin sich amüsiert, daß sie von Anbetern umringt
-ist, und einmal höre ich sogar ihr mutwilliges Lachen bis in den Garten
-hinab.</p>
-
-<p>Ich komme mir so dumm vor. Bin ich es bei diesem Leben geworden oder
-war ich es schon vorher? Der Monat geht zu Ende, übermorgen &mdash; was wird
-sie nun mit mir beginnen, oder hat sie mich vergessen, und ich kann bis
-zu meinem seligen Ende Hecken stutzen und Bukette binden?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p>
-
-<p>Ein schriftlicher Befehl.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Der Sklave Gregor wird hiermit zu meinem persönlichen Dienst befohlen.</p>
-
-<p class="right mright2">Wanda Dunajew.“</p>
-
-</div>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Mit klopfendem Herzen teile ich am nächsten Morgen die damastene
-Gardine und trete in das Schlafgemach meiner Göttin, das noch von
-holdem Halbdunkel erfüllt ist.</p>
-
-<p>„Bist du es, Gregor?“ fragt sie, während ich vor dem Kamin knie und
-Feuer mache. Ich erzitterte bei dem Tone der geliebten Stimme. Sie
-selbst kann ich nicht sehen, sie ruht unnahbar hinter den Vorhängen des
-Himmelbettes.</p>
-
-<p>„Ja, gnädige Frau,“ antworte ich.</p>
-
-<p>„Wie spät?“</p>
-
-<p>„Neun Uhr vorbei.“</p>
-
-<p>„Das Frühstück.“</p>
-
-<p>Ich eile es zu holen und knie dann mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette
-nieder.</p>
-
-<p>„Hier ist das Frühstück, Herrin.“</p>
-
-<p>Wanda schlägt die Vorhänge zurück und seltsam, wie ich sie in ihren
-weißen Kissen mit dem aufgelösten flutenden Haare sehe, erscheint sie
-mir im ersten Augenblick vollkommen fremd, ein schönes Weib; aber die
-geliebten Züge sind es nicht, dieses Antlitz ist hart und hat einen
-unheimlichen Ausdruck von Müdigkeit, von Übersättigung.</p>
-
-<p>Oder habe ich für dies alles früher kein Auge gehabt?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<p>Sie heftet die grünen Augen mehr neugierig als drohend oder etwa
-mitleidig auf mich und zieht den dunklen Schlafpelz, in dem sie ruht,
-träge über die entblößte Schulter herauf.</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke ist sie so reizend, so sinnverwirrend, daß ich
-mein Blut zu Kopf und Herzen steigen fühle, und das Brett in meiner
-Hand zu schwanken beginnt. Sie bemerkt es und greift nach der Peitsche,
-die auf ihrem Nachttisch liegt.</p>
-
-<p>„Du bist ungeschickt, Sklave,“ sagte sie, die Stirne runzelnd.</p>
-
-<p>Ich senke den Blick zur Erde und halte das Brett, so fest ich nur kann,
-und sie nimmt ihr Frühstück und gähnt und dehnt ihre üppigen Glieder in
-dem herrlichen Pelz.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sie hat geklingelt. Ich trete ein.</p>
-
-<p>„Diesen Brief an den Fürsten Corsini.“</p>
-
-<p>Ich eile in die Stadt, übergebe den Brief dem Fürsten, einem jungen
-schönen Mann mit glühenden schwarzen Augen und bringe ihr von
-Eifersucht verzehrt die Antwort.</p>
-
-<p>„Was ist dir?“ fragt sie hämisch lauernd, „du bist so entsetzlich
-bleich.“</p>
-
-<p>„Nichts, Herrin, ich bin nur etwas rasch gegangen.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
-
-<p>Beim Dejeuner ist der Fürst an ihrer Seite, und ich bin verurteilt,
-sie und ihn zu bedienen, während sie scherzen und ich für beide gar
-nicht auf der Welt bin. Einen Augenblick wird es mir schwarz vor den
-Augen, ich schenke eben Bordeaux in sein Glas und schütte ihn über das
-Tischtuch, über ihre Robe.</p>
-
-<p>„Wie ungeschickt,“ ruft Wanda und gibt mir eine Ohrfeige, der Fürst
-lacht und sie lacht gleichfalls und mir schießt das Blut ins Gesicht.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Nach dem Dejeuner fährt sie in die Cascine. Sie kutschiert selbst den
-kleinen Wagen mit den hübschen englischen Braunen, ich sitze hinter ihr
-und sehe wie sie kokettiert und lächelnd dankt, wenn sie von einem der
-vornehmen Herren gegrüßt wird.</p>
-
-<p>Wie ich ihr aus dem Wagen helfe, stützt sie sich leicht auf meinen
-Arm, die Berührung durchzuckt mich elektrisch. Ach! das Weib ist doch
-wunderbar und ich liebe sie mehr als je.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Zum Diner um sechs abends ist eine kleine Gesellschaft von Damen und
-Herren da. Ich serviere und diesmal schütte ich keinen Wein über das
-Tischtuch.</p>
-
-<p>Eine Ohrfeige ist doch eigentlich mehr als zehn Vorlesungen, man
-begreift dabei so schnell, besonders wenn es eine kleine volle
-Frauenhand ist, die uns belehrt.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p>
-
-<p>Nach dem Diner fährt sie in die Pergola; wie sie die Treppe hinabkommt
-in ihrem schwarzen Samtkleide, mit dem großen Kragen von Hermelin, ein
-Diadem aus weißen Rosen im Haare, sieht sie wahrhaft blendend aus.
-Ich öffne den Schlag, helfe ihr in den Wagen. Vor dem Theater springe
-ich vom Bock, sie stützt sich beim Aussteigen auf meinen Arm, welcher
-unter der süßen Last erbebt. Ich öffne ihr die Türe der Loge und warte
-dann im Gange. Vier Stunden dauert die Vorstellung, während welcher
-sie die Besuche ihrer Kavaliere empfängt und ich die Zähne vor Wut
-zusammenbeiße.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Es ist weit über Mitternacht, als die Klingel der Herrin zum letzten
-Male tönt.</p>
-
-<p>„Feuer!“ befiehlt sie kurz, und wie es im Kamine prasselt, „Tee“.</p>
-
-<p>Als ich mit dem Samowar zurückkehre, hat sie sich bereits entkleidet
-und schlüpft eben mit Hilfe der Negerin in ihr weißes Negligée.</p>
-
-<p>Haydée entfernt sich hierauf.</p>
-
-<p>„Gib mir den Schlafpelz,“ sagt Wanda, ihre schönen Glieder schläfrig
-dehnend. Ich hebe ihn vom Fauteuil und halte ihn, während sie langsam
-träge in die Ärmel schlüpft. Dann wirft sie sich in die Polster der
-Ottomane.</p>
-
-<p>„Ziehe mir die Schuhe aus und dann die Samtpantoffel an.“</p>
-
-<p>Ich knie nieder und ziehe an dem kleinen Schuh, welcher mir widersteht.
-„Rasch! rasch!“ ruft Wanda,<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> „du tust mir weh! warte nur &mdash; ich werde
-dich noch abrichten.“ Sie schlägt mich mit der Peitsche, schon ist es
-gelungen!</p>
-
-<p>„Und jetzt marsch!“ noch ein Fußtritt &mdash; dann darf ich zur Ruhe gehen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Heute habe ich sie zu einer Soirée begleitet. Im Vorzimmer befahl sie
-mir, ihr den Pelz abzunehmen, dann trat sie mit einem stolzen Lächeln,
-ihres Sieges gewiß, in den glänzend erleuchteten Saal, und ich konnte
-wieder Stunde auf Stunde in trüben einförmigen Gedanken verrinnen
-sehen; von Zeit zu Zeit tönte Musik zu mir heraus, wenn die Türe einen
-Augenblick geöffnet blieb. Ein paar Lakaien versuchten ein Gespräch
-mit mir einzuleiten, da ich aber nur wenige Worte Italienisch spreche,
-gaben sie es bald auf.</p>
-
-<p>Ich schlafe endlich ein und träume, daß ich Wanda in einem wütenden
-Anfall von Eifersucht morde und zum Tode verurteilt werde, ich sehe
-mich an das Brett geschnallt, das Beil fällt, ich fühle es im Nacken,
-aber ich lebe noch&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Da schlägt mich der Henker ins Gesicht&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nein, es ist nicht der Henker, es ist Wanda, welche zornig vor mir
-steht und ihren Pelz verlangt. Ich bin im Augenblick bei ihr und helfe
-ihr hinein.</p>
-
-<p>Es ist doch ein Genuß, einem schönen üppigen Weibe einen Pelz
-umzugeben, zu sehen, zu fühlen, wie ihr Nacken, ihre herrlichen Glieder
-sich in die köstlichen weichen Felle schmiegen, und die wogenden<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>
-Locken aufzuheben und über den Kragen zu legen, und dann wenn sie ihn
-abwirft und die holde Wärme und ein leichter Duft ihres Leibes hängen
-an den goldenen Haarspitzen des Zobels &mdash; es ist um die Sinne zu
-verlieren!</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Endlich ein Tag ohne Gäste, ohne Theater, ohne Gesellschaft. Ich atme
-auf. Wanda sitzt in der Galerie und liest, für mich scheint sie keinen
-Auftrag zu haben. Mit der Dämmerung, dem silbernen Abendnebel zieht sie
-sich zurück. Ich bediene sie beim Diner, sie speist allein, aber sie
-hat keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal &mdash; eine Ohrfeige.</p>
-
-<p>Ach! wie sehne ich mich nach einem Schlag von ihrer Hand.</p>
-
-<p>Mir kommen die Tränen, ich fühle, wie tief sie mich erniedrigt hat, so
-tief, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, mich zu quälen, zu
-mißhandeln.</p>
-
-<p>Ehe sie zu Bette geht, ruft mich ihre Klingel.</p>
-
-<p>„Du wirst heute nacht bei mir schlafen, ich habe die vorige Nacht
-abscheuliche Träume gehabt und fürchte mich, allein zu sein. Nimm dir
-ein Polster von der Ottomane und lege dich auf das Bärenfell zu meinen
-Füßen.“</p>
-
-<p>Hierauf verlöschte Wanda die Lichter, so daß nur eine kleine Ampel von
-der Decke herab das Zimmer beleuchtete, und stieg in das Bett. „Rühre
-dich nicht, damit du mich nicht weckst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<p>Ich tat, wie sie befohlen hatte, aber ich konnte lange nicht
-einschlafen; ich sah das schöne Weib, schön wie eine Göttin, in ihrem
-dunklen Schlafpelz ruhen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem
-Nacken, von ihren roten Haaren überflutet; ich hörte, wie sich ihre
-herrliche Brust in tiefem regelmäßigen Atemholen hob, und jedesmal,
-wenn sie sich nur regte, war ich wach und lauschte, ob sie meiner
-bedürfe.</p>
-
-<p>Aber sie bedurfte meiner nicht.</p>
-
-<p>Ich hatte keine andere Aufgabe zu erfüllen, keine höhere Bedeutung für
-sie, als ein Nachtlicht oder ein Revolver, den man sich zum Bette legt.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Bin ich toll oder ist sie es? Entspringt dies alles in einem
-erfinderischen mutwilligen Frauengehirne, in der Absicht, meine
-übersinnlichen Phantasien zu übertreffen, oder ist dies Weib wirklich
-eine jener neronischen Naturen, welche einen teuflischen Genuß darin
-finden, Menschen, welche denken und empfinden und einen Willen haben
-wie sie selbst, gleich einem Wurme unter dem Fuße zu haben?</p>
-
-<p>Was habe ich erlebt!</p>
-
-<p>Als ich mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette niederkniete, legte Wanda
-plötzlich die Hand auf meine Schulter und tauchte ihre Augen tief in
-die meinen.</p>
-
-<p>„Was du für schöne Augen hast,“ sprach sie leise, „und jetzt erst
-recht, seitdem du leidest. Bist du recht unglücklich?“</p>
-
-<p>Ich senkte den Kopf und schwieg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>„Severin! liebst du mich noch,“ rief sie plötzlich leidenschaftlich,
-„kannst du mich noch lieben?“ und sie riß mich mit solcher Gewalt an
-sich, daß das Brett umklappte, die Kannen und Tassen zu Boden fielen
-und der Kaffee über den Teppich lief.</p>
-
-<p>„Wanda &mdash; meine Wanda,“ schrie ich auf und preßte sie heftig an mich
-und bedeckte ihren Mund, ihr Antlitz, ihre Brust mit Küssen. „Das ist
-ja mein Elend, daß ich dich immer mehr, immer wahnsinniger liebe, je
-mehr du mich mißhandelst, je öfter du mich verratest! o! ich werde noch
-sterben vor Schmerz und Liebe und Eifersucht.“</p>
-
-<p>„Aber ich habe dich ja noch gar nicht verraten, Severin,“ erwiderte
-Wanda lächelnd.</p>
-
-<p>„Nicht? Wanda! Um Gotteswillen! scherze nicht so unbarmherzig mit mir,“
-rief ich. „Habe ich nicht selbst den Brief zum Fürsten&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Allerdings, eine Einladung zum Dejeuner.“</p>
-
-<p>„Du hast, seitdem wir in Florenz sind&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Dir die Treue vollkommen bewahrt,“ entgegnete Wanda, „ich schwöre es
-dir bei allem, was mir heilig ist. Ich habe alles nur getan, um deine
-Phantasie zu erfüllen, nur deinetwegen.</p>
-
-<p>„Aber ich werde mir einen Anbeter nehmen, sonst ist die Sache nur halb,
-und du machst mir am Ende noch Vorwürfe, daß ich nicht grausam genug
-gegen dich war. Mein lieber, schöner Sklave! Heute aber sollst du
-wieder einmal Severin, sollst du ganz nur mein Geliebter sein. Ich habe
-deine Kleider nicht fortgegeben, du findest sie hier im Kasten,<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> ziehe
-dich so an, wie du damals warst in dem kleinen Karpathenbade, wo wir
-uns so innig liebten; vergiß alles, was seitdem geschehen ist, o, du
-wirst es leicht vergessen in meinen Armen, ich küsse dir allen Kummer
-weg.“</p>
-
-<p>Sie begann mich wie ein Kind zu zärteln, zu küssen, zu streicheln.
-Endlich bat sie mit holdem Lächeln: „Zieh dich jetzt an, auch ich will
-Toilette machen; soll ich meine Pelzjacke nehmen? Ja, ja, ich weiß
-schon, geh nur!“</p>
-
-<p>Als ich zurückkam, stand sie in ihrer weißen Atlasrobe, der roten mit
-Hermelin besetzten Kazabaika, das Haar weiß gepudert, ein kleines
-Diamantendiadem über der Stirne, in der Mitte des Zimmers. Einen
-Augenblick erinnerte sie mich unheimlich an Katharina II., aber
-sie ließ mir keine Zeit zu Erinnerungen, sie zog mich zu sich auf die
-Ottomane und wir verbrachten zwei selige Stunden; sie war jetzt nicht
-die strenge, launische Herrin, sie war ganz nur die feine Dame, die
-zärtliche Geliebte. Sie zeigte mir Photographien, Bücher, welche eben
-erschienen waren, und sprach mit mir über dieselben mit so viel Geist
-und Klarheit und Geschmack, daß ich mehr als einmal entzückt ihre
-Hand an die Lippen führte. Sie ließ mich dann ein paar Gedichte von
-Lermontow vortragen, und als ich recht im Feuer war &mdash; legte sie die
-kleine Hand liebevoll auf die meine und fragte, während ein holdes
-Vergnügen auf ihren weichen Zügen, in ihrem sanften Blicke lag, „bist
-du glücklich?“</p>
-
-<p>„Noch nicht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p>
-
-<p>Sie legte sich hierauf in die Polster zurück und öffnete langsam ihre
-Kazabaika.</p>
-
-<p>Ich aber deckte den Hermelin rasch wieder über ihre halbentblößte
-Brust. „Du machst mich wahnsinnig,“ stammelte ich.</p>
-
-<p>„So komm.“</p>
-
-<p>Schon lag ich in ihren Armen, schon küßte sie mich wie eine Schlange
-mit der Zunge; da flüsterte sie noch einmal: „Bist du glücklich?“</p>
-
-<p>„Unendlich!“ rief ich.</p>
-
-<p>Sie lachte auf; es war ein böses, gellendes Gelächter, bei dem es mich
-kalt überrieselte.</p>
-
-<p>„Früher träumtest du, der Sklave, das Spielzeug eines schönen Weibes
-zu sein, jetzt bildest du dir ein, ein freier Mensch, ein Mann, mein
-Geliebter zu sein, du Thor! Ein Wink von mir, und du bist wieder
-Sklave. &mdash; Auf die Knie.“</p>
-
-<p>Ich sank von der Ottomane herab zu ihren Füßen, mein Auge hing noch
-zweifelnd an dem ihren.</p>
-
-<p>„Du kannst es nicht glauben,“ sprach sie, mich mit auf der Brust
-verschränkten Armen betrachtend, „ich langweile mich, und du bist eben
-gut genug, mir ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben. Sieh mich nicht
-so an&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie trat mich mit dem Fuße.</p>
-
-<p>„Du bist eben, was ich will, ein Mensch, ein Ding, ein Tier&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie klingelte. Die Negerinnen traten ein.</p>
-
-<p>„Bindet ihm die Hände auf den Rücken.“</p>
-
-<p>Ich blieb knien und ließ es ruhig geschehen. Dann führten sie mich in
-den Garten hinab bis zu<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> dem kleinen Weinberg, der ihn gegen den Süden
-begrenzt. Zwischen den Traubengeländen war Mais angebaut gewesen, da
-und dort ragten noch einzelne dürre Stauden. Seitwärts stand ein Pflug.</p>
-
-<p>Die Negerinnen banden mich an einen Pflock und unterhielten sich damit,
-mich mit ihren goldenen Haarnadeln zu stechen. Es dauerte jedoch nicht
-lange, so kam Wanda, die Hermelinmütze auf dem Kopf, die Hände in den
-Taschen ihrer Jacke, sie ließ mich losbinden, mir die Arme auf den
-Rücken schnüren, mir ein Joch auf den Nacken setzen und mich in den
-Pflug spannen.</p>
-
-<p>Dann stießen mich ihre schwarzen Teufelinnen in den Acker, die eine
-führte den Pflug, die andere lenkte mich mit dem Seil, die dritte trieb
-mich mit der Peitsche an, und Venus im Pelz stand zur Seite und sah zu.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wie ich ihr am nächsten Tage das Diner serviere, sagt Wanda: „Bringe
-noch ein Gedeck, ich will, daß du heute mit mir speisest,“ und als ich
-ihr gegenüber Platz nehmen will: „Nein, zu mir, ganz nahe zu mir.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p141" name="p141">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p141.jpg"
- alt="Die eifersüchtige Wanda" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p>
-
-<p>Sie ist in bester Laune, gibt mir Suppe mit ihrem Löffel, füttert
-mich mit ihrer Gabel, legt dann den Kopf wie ein spielendes Kätzchen
-auf den Tisch und kokettiert mit mir. Es will das Unglück, daß ich
-Haydée, welche statt mir die Gerichte bringt, etwas länger ansehe, als
-es vielleicht nötig ist; mir fällt erst jetzt ihre edle, beinahe
-europäische Gesichtsbildung, die herrliche, statuenhafte Büste, wie aus
-schwarzem Marmor gemeißelt, auf. Die schöne Teufelin bemerkt, daß sie
-mir gefällt, und blökt lächelnd die Zähne &mdash; kaum hat sie das Gemach
-verlassen, so springt Wanda vor Zorn flammend auf.</p>
-
-<p>„Was, du wagst es, vor mir ein anderes Weib so anzusehen! sie gefällt
-dir am Ende besser wie ich, sie ist noch dämonischer.“</p>
-
-<p>Ich erschrecke, so habe ich sie noch nie gesehen, sie ist plötzlich
-bleich bis in die Lippen und zittert am ganzen Leibe &mdash; Venus im
-Pelz ist eifersüchtig auf ihren Sklaven &mdash; sie reißt die Peitsche
-vom Nagel herab und haut mich ins Gesicht, dann ruft sie die
-schwarzen Dienerinnen, läßt mich durch sie binden und in den Keller
-herabschleppen, wo sie mich in ein dunkles, feuchtes, unterirdisches
-Gewölbe, einen förmlichen Kerker werfen.</p>
-
-<p>Dann fällt die Türe in das Schloß, Riegel werden vorgeschoben, ein
-Schlüssel singt im Schloß. Ich bin gefangen, begraben.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Da liege ich nun, ich weiß nicht wie lange, gebunden wie ein Kalb,
-das zur Schlachtbank geschleppt wird, auf einem Bund feuchten Strohs,
-ohne Licht, ohne Speise, ohne Trank, ohne Schlaf &mdash; sie ist imstande
-und läßt mich verhungern, wenn ich nicht früher erfriere. Die Kälte
-schüttelt mich.<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Oder ist es das Fieber. Ich glaube, ich fange an,
-dieses Weib zu hassen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ein roter Streifen, wie Blut, schwimmt über dem Boden, es ist Licht,
-das durch die Türe fällt, jetzt wird sie geöffnet.</p>
-
-<p>Wanda erscheint an der Schwelle, in ihren Zobelpelz gehüllt, und
-leuchtet mit einer Fackel hinein.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p143_ill" name="p143_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p143_ill.jpg"
- alt="Besuch im Kerker" /></a>
-</div>
-
-<p>„Lebst du noch?“ fragt sie.</p>
-
-<p>„Kommst du, mich zu töten?“ antworte ich mit matter, heiserer Stimme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span></p>
-
-<p>Mit zwei hastigen Schritten ist Wanda bei mir, kniet an meinem Lager
-nieder und nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. &mdash; „Bist du krank &mdash; wie
-deine Augen glühen, liebst du mich? Ich will, daß du mich liebst.“</p>
-
-<p>Sie zieht einen kurzen Dolch hervor, ich schrecke zusammen, wie seine
-Klinge mir vor den Augen blitzt, ich glaube wirklich, daß sie mich
-töten will. Sie aber lacht und durchschneidet die Stricke, die mich
-fesseln.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sie läßt mich jetzt jeden Abend nach dem Diner kommen, läßt sich von
-mir vorlesen und bespricht mit mir allerhand anziehende Fragen und
-Gegenstände. Dabei scheint sie ganz verwandelt, es ist, als schäme
-sie sich der Wildheit, die sie mir verraten, der Roheit, mit welcher
-sie mich behandelt hat. Eine rührende Sanftmut verklärt ihr ganzes
-Wesen, und wenn sie mir zum Abschied die Hand reicht, dann liegt in
-ihrem Auge jene übermenschliche Gewalt der Güte und Liebe, welche uns
-Tränen entlockt, bei der wir alle Leiden des Daseins vergessen und alle
-Schrecken des Todes.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ich lese ihr die Manon l’Escault. Sie fühlt die Beziehung, sie spricht
-zwar kein Wort, aber sie lächelt von Zeit zu Zeit, und endlich klappt
-sie das kleine Buch zu.</p>
-
-<p>„Wollen Sie nicht weiter lesen, gnädige Frau?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>„Heute nicht. Heute spielen wir selbst Manon l’Escault. Ich habe ein
-Rendezvous in den Cascinen und Sie, mein lieber Chevalier, werden mich
-zu demselben begleiten; ich weiß, Sie tun es, nicht?“</p>
-
-<p>„Sie befehlen.“</p>
-
-<p>„Ich befehle nicht, ich bitte Sie darum,“ spricht sie mit
-unwiderstehlichem Liebreiz, dann steht sie auf, legt die Hände auf
-meine Schultern und sieht mich an. „Diese Augen!“ ruft sie aus, „ich
-liebe dich so, Severin, du weißt nicht, wie ich dich liebe.“</p>
-
-<p>„Ja,“ entgegne ich bitter, „so sehr, daß Sie einem anderen ein
-Rendezvous geben.“</p>
-
-<p>„Das tue ich ja nur, um dich zu reizen,“ antwortet sie lebhaft, „ich
-muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie
-verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“</p>
-
-<p>Sie hing leidenschaftlich an meinen Lippen.</p>
-
-<p>„O! könnte ich dir, wie ich möchte, meine ganze Seele im Kusse hingeben
-&mdash; so &mdash; nun aber komme.“</p>
-
-<p>Sie schlüpfte in einen einfachen, schwarzen Samtpaletot und umhüllte
-ihr Haupt mit einem dunklen Baschlik. Dann ging sie rasch durch die
-Galerie und stieg in den Wagen.</p>
-
-<p>„Gregor wird mich fahren,“ rief sie dem Kutscher zu, der sich befremdet
-zurückzog.</p>
-
-<p>Ich stieg auf den Bock und peitschte zornig in die Pferde.</p>
-
-<p>In den Cascinen, dort, wo die Hauptallee zu einem dichten Laubgang
-wird, stieg Wanda aus. Es war Nacht, nur einzelne Sterne blickten durch
-die grauen Wolken, welche über den Himmel zogen. Am<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> Arno stand ein
-Mann in einem dunklen Mantel und einem Räuberhut und blickte in die
-gelben Wellen. Wanda schritt rasch durch das Gebüsch zur Seite und
-schlug ihn auf die Achsel. Ich sah noch, wie er sich zu ihr wendete,
-ihre Hand faßte &mdash; dann verschwanden sie hinter der grünen Wand.</p>
-
-<p>Eine qualvolle Stunde. Endlich raschelt es seitwärts im Laube, sie
-kehrten zurück.</p>
-
-<p>Der Mann begleitet sie an den Wagen. Das Licht der Laterne fällt voll
-und grell auf ein unendlich jugendliches, sanftes und schwärmerisches
-Gesicht, das ich nie gesehen habe, und spielt in langen, blonden Locken.</p>
-
-<p>Sie reicht ihm die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßt, dann winkt sie
-mir und im Nu fliegt der Wagen längs der langen Laubwand, die wie eine
-grüne Tapete gegen den Fluß zu steht, davon.</p>
-
-<p>Man läutet an der Gartenpforte. Ein bekanntes Gesicht. Der Mann aus den
-Cascinen.</p>
-
-<p>„Wen darf ich melden?“ frage ich französisch. Der Angeredete schüttelt
-beschämt den Kopf.</p>
-
-<p>„Verstehen Sie vielleicht etwas deutsch?“ fragt er schüchtern.</p>
-
-<p>„Jawohl. Ich bitte also um Ihren Namen.“</p>
-
-<p>„Ah! ich habe leider noch keinen,“ antwortet er verlegen &mdash; „sagen Sie
-Ihrer Herrin nur, der deutsche Maler aus den Cascinen wäre da und bäte
-&mdash; doch da ist sie selbst.“</p>
-
-<p>Wanda war auf den Balkon herausgetreten und nickte dem Fremden zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<p>„Gregor, führe den Herrn zu mir,“ rief sie mir zu.</p>
-
-<p>Ich wies dem Maler die Treppe.</p>
-
-<p>„Ich bitte, ich finde jetzt schon; ich danke, danke sehr,“ damit sprang
-er die Stufen empor. Ich blieb unten stehen und sah dem armen Deutschen
-mit tiefem Mitleid nach.</p>
-
-<p>Venus im Pelz hat seine Seele in ihren roten Haarschlingen gefangen. Er
-wird sie malen und dabei verrückt werden.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ein sonniger Wintertag, auf den Blättern der Baumgruppen, auf dem
-grünen Plan der Wiese zittert es wie Gold. Die Kamelien am Fuße der
-Galerie prangen im reichsten Knospenschmuck. Wanda sitzt in der Loggia
-und zeichnet, der deutsche Maler aber steht ihr gegenüber, die Hände
-wie anbetend ineinander gelegt und sieht ihr zu, nein, er blickt in ihr
-Antlitz und ist ganz versunken in ihren Anblick, wie entrückt.</p>
-
-<p>Sie aber sieht es nicht, sie sieht auch mich nicht, wie ich mit dem
-Spaten in der Hand die Blumenbeete umgrabe, nur um sie zu sehen, ihre
-Nähe zu fühlen, die wie Musik, wie Poesie auf mich wirkt.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der Maler ist fort. Es ist ein Wagnis, aber ich wage es. Ich trete zur
-Galerie hin, ganz nahe und frage Wanda: „Liebst du den Maler, Herrin?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p>
-
-<p>Sie sieht mich an, ohne mir zu zürnen, schüttelt den Kopf, und endlich
-lächelt sie sogar.</p>
-
-<p>„Ich habe Mitleid mit ihm,“ antwortet sie, „aber ich liebe ihn
-nicht. Ich liebe niemand. <em class="gesperrt">Dich habe ich geliebt, so innig, so
-leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte</em>, aber jetzt
-liebe ich auch dich nicht mehr, mein Herz ist öde, tot, und das macht
-mich wehmütig.“</p>
-
-<p>„Wanda!“ rief ich schmerzlich ergriffen.</p>
-
-<p>„Auch du wirst mich bald nicht mehr lieben,“ fuhr sie fort, „sag’
-es mir, wenn es einmal so weit ist, ich will dir dann die Freiheit
-zurückgeben.“</p>
-
-<p>„Dann bleibe ich mein ganzes Leben dein Sklave, denn ich bete dich an
-und werde dich immer anbeten,“ rief ich, von jenem Fanatismus der Liebe
-ergriffen, der mir schon wiederholt so verderblich war.</p>
-
-<p>Wanda betrachtete mich mit einem seltsamen Vergnügen. „Bedenke es
-wohl,“ sprach sie, „ich habe dich unendlich geliebt und war despotisch
-gegen dich, um deine Phantasie zu erfüllen, jetzt zittert noch etwas
-von jenem süßen Gefühl als innige Teilnahme für dich in meiner Brust,
-wenn auch dies verschwunden ist, wer weiß, ob ich dich dann frei
-gebe, ob ich dann nicht wirklich grausam, unbarmherzig, ja roh gegen
-dich werde, ob es mir nicht eine diabolische Freude macht, während
-ich gleichgültig bin oder einen anderen liebe, den Mann, der mich
-abgöttisch anbetet, zu quälen, zu foltern, und an seiner Liebe für mich
-sterben zu sehen. Bedenke das wohl!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p>
-
-<p>„Ich habe alles längst bedacht,“ erwiderte ich, wie im Fieber glühend,
-„ich kann nicht sein, nicht leben ohne dich; ich sterbe, wenn du mir
-die Freiheit gibst, laß mich dein Sklave sein, töte mich, aber stoße
-mich nicht von dir.“</p>
-
-<p>„Nun, so sei mein Sklave,“ erwiderte sie, „aber vergiß nicht, daß ich
-dich nicht mehr liebe, und daß deine Liebe daher keinen größeren Wert
-für mich hat, wie die Ähnlichkeit eines Hundes, und Hunde tritt man.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Heute habe ich die mediceische Venus besucht.</p>
-
-<p>Es war noch zeitig, der kleine achteckige Saal der Tribuna wie ein
-Heiligtum mit Dämmerlicht gefüllt, und ich stand, die Hände gefaltet,
-in tiefer Andacht vor dem stummen Götterbilde.</p>
-
-<p>Aber ich stand nicht lange.</p>
-
-<p>Es war noch kein Mensch in der Galerie, nicht einmal ein Engländer,
-und da lag ich auf meinen Knien und blickte auf den holden, schlanken
-Leib, die knospende Brust, in das jungfräulich wollüstige Angesicht mit
-den halbgeschlossenen Augen, auf die duftigen Locken, welche zu beiden
-Seiten kleine Hörner zu verbergen scheinen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Die Klingel der Gebieterin.</p>
-
-<p>Es ist Mittag. Sie aber liegt noch im Bett, die Arme im Nacken
-verschlungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p>
-
-<p>„Ich werde baden,“ spricht sie, „und du wirst mich bedienen. Schließe
-die Türe.“</p>
-
-<p>Ich gehorchte.</p>
-
-<p>„Nun geh hinab und versichere dich, daß auch unten gesperrt ist.“</p>
-
-<p>Ich stieg die Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Schlafgemache in das
-Badezimmer führte, die Füße brachen mir, ich mußte mich auf das eiserne
-Geländer stützen. Nachdem ich die Türe, welche in die Loggia und den
-Garten mündete, verschlossen fand, kehrte ich zurück. Wanda saß jetzt
-mit offenem Haar, in ihrem grünen Sammetpelz auf dem Bett. Bei einer
-raschen Bewegung, welche sie machte, sah ich, daß sie nur mit dem Pelze
-bekleidet war und erschrak, ich weiß nicht warum, so furchtbar, wie ein
-zum Tode Verurteilter, welcher weiß, daß er dem Schafott entgegen geht,
-doch beim Anblick desselben zu zittern beginnt.</p>
-
-<p>„Komm, Gregor, nimm mich auf die Arme.“</p>
-
-<p>„Wie, Herrin?“</p>
-
-<p>„Nun, du sollst mich tragen, verstehst du nicht?“</p>
-
-<p>Ich hob sie auf, so daß sie auf meinen Armen saß, während die ihren
-sich um meinen Nacken schlangen, und wie ich so mit ihr die Treppe
-langsam, Stufe für Stufe, hinabstieg und ihr Haar von Zeit zu Zeit
-an meine Wange schlug und ihr Fuß sich leicht auf mein Knie stemmte,
-da erbebte ich unter der schönen Last und dachte, ich müßte jeden
-Augenblick unter ihr zusammenbrechen.</p>
-
-<p>Das Badezimmer bestand aus einer weiten und hohen Rotunde, welche ihr
-weiches, ruhiges Licht<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> von oben durch die rote Glaskuppel bekam. Zwei
-Palmen breiteten ihre großen Blätter als grünes Dach über ein Ruhebett
-aus roten, sammetnen Polstern, von dem mit türkischen Teppichen belegte
-Stufen in das weite Marmorbassin hinabführten, welches die Mitte
-einnahm.</p>
-
-<p>„Oben auf meinem Nachttisch liegt ein grünes Band,“ sagte Wanda,
-während ich sie auf dem Ruhebett niederließ, „bringe es mir und bringe
-mir auch die Peitsche.“</p>
-
-<p>Ich flog die Treppe hinauf und zurück und legte beides kniend in die
-Hand der Gebieterin, welche sich hierauf das schwere elektrische Haar
-von mir in einen großen Knoten binden und mit dem grünen Sammetband
-befestigen ließ. Dann bereitete ich das Bad und zeigte mich recht
-ungeschickt dabei, da mir Hände und Füße den Dienst versagten, und
-jedesmal, wenn ich das schöne Weib, das auf den rotsammetnen Polstern
-lag und dessen holder Leib von Zeit zu Zeit, da und dort, aus dem
-dunklen Pelzwerk hervorleuchtete, betrachten mußte &mdash; denn es war nicht
-mein Wille, es zwang mich eine magnetische Gewalt &mdash; empfand ich,
-wie alle Wollust, alle Lüsternheit nur in dem Halbverhüllten, pikant
-Entblößten liegt, und ich empfand es noch lebhafter, als endlich das
-Bassin gefüllt war und Wanda mit einer einzigen Bewegung den Pelzmantel
-abwarf, und wie die Göttin in der Tribuna vor mir stand.</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke erschien sie mir in ihrer unverhüllten Schönheit
-so heilig, so keusch, daß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> vor ihr, wie damals vor der Göttin, in
-die Knie sank und meine Lippen andächtig auf ihren Fuß preßte.</p>
-
-<p>Meine Seele, welche vor kurzem noch so wilde Wogen geschlagen, floß auf
-einmal ruhig, und Wanda hatte jetzt auch nichts Grausames mehr für mich.</p>
-
-<p>Sie stieg langsam die Stufen hinab, und ich konnte mit einer stillen
-Freude, der kein Atom von Qual oder Sehnsucht beigemischt war, sie
-betrachten, wie sie in der krystallenen Flut auf und ab tauchte, und
-wie die Wellen, welche sie selbst erregte, gleichsam verliebt um sie
-spielten.</p>
-
-<p>Unser nihilistischer Ästhetiker hat doch recht: ein wirklicher Apfel
-ist schöner als ein gemalter, und ein lebendiges Weib ist schöner als
-eine Venus aus Stein.</p>
-
-<p>Und als sie dann aus dem Bade stieg, und die silbernen Tropfen und das
-rosige Licht rieselten nur so an ihr herab &mdash; eine stumme Verzückung
-umfing mich. Ich schlug die Linnen um sie, ihren herrlichen Leib
-trocknend, und jene ruhige Seligkeit blieb mir jetzt auch, als sie
-wieder, den einen Fuß auf mich, wie auf einen Schemel setzend, in dem
-großen Sammetmantel auf den Polstern ruhte, die elastischen Zobelfelle
-sich begehrlich an ihren kalten Marmorleib schmiegten, und der linke
-Arm, auf den sie sich stützte, wie ein schlafender Schwan, in dem
-dunklen Pelz des Ärmels lag, während ihre Rechte nachlässig mit der
-Peitsche spielte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p153" name="p153">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p153.jpg"
- alt="Wanda im Samtmantel" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span></p>
-
-<p>Zufällig glitt mein Blick über den massiven Spiegel an der Wand
-gegenüber, und ich schrie auf, denn ich sah uns in seinem goldenen
-Rahmen wie im Bilde, und dieses Bild war so wunderbar schön, so
-seltsam, so phantastisch, daß mich eine tiefe Trauer bei dem Gedanken
-faßte, daß seine Linien, seine Farben zerrinnen sollen wie Nebel.</p>
-
-<p>„Was hast du?“ fragte Wanda.</p>
-
-<p>Ich deutete auf den Spiegel.</p>
-
-<p>„Ah! es ist in der Tat schön,“ rief sie aus, „schade, daß man den
-Augenblick nicht festhalten kann.“</p>
-
-<p>„Und warum nicht?“ fragte ich, „wird nicht jeder Künstler, auch der
-berühmteste, stolz darauf sein, wenn du ihm gestattet, dich durch
-seinen Pinsel zu verewigen?“</p>
-
-<p>„Der Gedanke, daß diese außerordentliche Schönheit,“ fuhr ich, sie mit
-Begeisterung betrachtend, fort, „diese herrliche Bildung des Gesichtes,
-dieses seltsame Auge mit seinem grünen Feuer, dieses dämonische Haar,
-diese Pracht des Leibes für die Welt verloren gehen sollen, ist
-entsetzlich und faßt mich mit allen Schauern des Todes, der Vernichtung
-an; dich aber soll die Hand des Künstlers ihr entreißen, du darfst
-nicht wie wir anderen ganz und für immer untergehen, ohne eine Spur
-deines Daseins zurückzulassen, dein Bild muß leben, wenn du selbst
-schon längst zu Staub zerfallen bist, deine Schönheit muß über den Tod
-triumphieren!“</p>
-
-<p>Wanda lächelte.</p>
-
-<p>„Schade, daß das heutige Italien keinen Titian oder Raphael hat,“
-sprach sie, „indes vielleicht ersetzt die Liebe das Genie, wer weiß,
-unser kleiner Deutscher?“ Sie sann nach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span></p>
-
-<p>„Ja &mdash; er soll mich malen &mdash; und ich werde dafür sorgen, daß ihm Amor
-die Farben mischt.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der junge Maler hat in ihrer Villa sein Atelier aufgeschlagen, sie
-hat ihn vollkommen im Netz. Er hat eben eine Madonna angefangen, eine
-Madonna mit rotem Haare und grünen Augen! Aus diesem Rasseweibe ein
-Bild der Jungfräulichkeit machen, das kann nur der Idealismus eines
-Deutschen. Der arme Bursche ist wirklich beinahe noch ein größerer Esel
-als ich. Das Unglück ist nur, daß unsere Titania unsere Eselohren <em class="gesperrt">zu
-früh</em> entdeckt hat.</p>
-
-<p>Nun lacht sie über uns, und wie sie lacht, ich höre ihr übermütiges,
-melodisches Lachen in seinem Studio, unter dessen offenem Fenster ich
-stehe und eifersüchtig lausche.</p>
-
-<p>„Sind Sie toll, mich &mdash; ah! es ist nicht zu glauben, mich als Mutter
-Gottes!“ &mdash; rief sie und lachte wieder, „warten Sie nur, ich will Ihnen
-ein anderes Bild von mir zeigen, ein Bild, das ich selbst gemalt habe,
-sie sollen es mir kopieren.“</p>
-
-<p>Ihr Kopf, im Sonnenlichte flammend, erschien am Fenster.</p>
-
-<p>„Gregor!“</p>
-
-<p>Ich eilte die Stufen hinauf, durch die Galerie in das Atelier.</p>
-
-<p>„Führe ihn in das Badezimmer,“ befahl Wanda, während sie selbst
-davoneilte.</p>
-
-<p>Wenige Augenblicke und Wanda kam, nur mit dem Zobelpelz bekleidet, die
-Peitsche in der Hand, die<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Treppe herab und streckte sich wie damals
-auf den Sammetpolstern aus; ich lag zu ihren Füßen und sie setzte den
-Fuß auf mich, und ihre Rechte spielte mit der Peitsche. „Sieh mich an,“
-sprach sie, „mit deinem tiefen, fanatischen Blick &mdash; so &mdash; so ist es
-recht.“</p>
-
-<p>Der Maler war entsetzlich bleich geworden, er verschlang die Szene mit
-seinen schönen, schwärmerischen, blauen Augen, seine Lippen öffneten
-sich, aber blieben stumm.</p>
-
-<p>„Nun, wie gefällt Ihnen das Bild?“</p>
-
-<p>„Ja &mdash; so will ich Sie malen,“ sprach der Deutsche, aber es war
-eigentlich keine Sprache, es war ein beredtes Stöhnen, das Weinen einer
-kranken, sterbenskranken Seele.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Die Zeichnung mit der Kohle ist fertig, die Köpfe, die Fleischpartien
-sind grundiert, ihr diabolisches Antlitz tritt bereits in einigen
-kecken Strichen hervor, in dem grünen Auge blitzt Leben.</p>
-
-<p>Wanda steht, die Arme auf der Brust verschränkt, vor der Leinwand.</p>
-
-<p>„Das Bild soll, wie viele der venetianischen Schule, zugleich ein
-Porträt und eine Historie werden,“ erklärt der Maler, der wieder
-totenbleich ist.</p>
-
-<p>„Und wie wollen Sie es dann nennen?“ fragte sie; „aber was ist Ihnen,
-sind Sie krank?“</p>
-
-<p>„Ich fürchte &mdash;“ antwortete er, mit einem verzehrenden Blicke auf das
-schöne Weib im Pelz, „aber sprechen wir von dem Bilde.“</p>
-
-<p>„Ja, sprechen wir von dem Bilde.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p157" name="p157">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p157.jpg"
- alt="‚Venus im Pelz‘" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span></p>
-
-<p>„Ich denke mir die Liebesgöttin, welche zu einem sterblichen Manne aus
-dem Olymp herabgestiegen ist und auf dieser modernen Erde frierend
-ihren hehren Leib in einem großen, schweren Pelz, und ihre Füße in dem
-Schoße des Geliebten zu wärmen sucht; ich denke mir den Günstling einer
-schönen Despotin, welche den Sklaven peitscht, wenn sie müde ist, ihn
-zu küssen, und von ihm um so wahnsinniger geliebt wird, je mehr sie
-ihn mit Füßen tritt, und so werde ich das Bild ‚<em class="gesperrt">Venus im Pelz</em>‘
-nennen.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der Maler malt langsam. Um so rascher wächst seine Leidenschaft. Ich
-fürchte, er nimmt sich am Ende noch das Leben. Sie spielt mit ihm und
-gibt ihm Rätsel auf, und er kann sie nicht lösen und fühlt sein Blut
-rieseln &mdash; sie aber unterhält sich dabei.</p>
-
-<p>Während der Sitzung nascht sie Bonbons, dreht aus den Papierhülsen
-kleine Kugeln und bewirft ihn damit.</p>
-
-<p>„Es freut mich, daß Sie so gut aufgelegt sind, gnädige Frau,“ spricht
-der Maler, „aber Ihr Gesicht hat ganz jenen Ausdruck verloren, den ich
-zu meinem Bilde brauche.“</p>
-
-<p>„Jenen Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen,“ erwiderte sie
-lächelnd, „gedulden Sie sich nur einen Augenblick.“</p>
-
-<p>Sie richtet sich auf und versetzt mir einen Hieb mit der Peitsche; der
-Maler blickt sie starr an, in seinem Antlitz malt sich ein kindliches
-Staunen, mischt sich Abscheu und Bewunderung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p>
-
-<p>Während sie mich peitscht, gewinnt Wandas Antlitz immer mehr jenen
-grausamen, höhnischen Charakter, der mich so unheimlich entzückt.</p>
-
-<p>„Ist das jetzt jener Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen?“ ruft
-sie. Der Maler senkt verwirrt den Blick vor dem kalten Strahl ihres
-Auges.</p>
-
-<p>„Es ist der Ausdruck &mdash;“ stammelt er, „aber ich kann jetzt nicht malen
-&mdash;“</p>
-
-<p>„Wie?“ spricht Wanda spöttisch, „kann ich Ihnen vielleicht helfen?“</p>
-
-<p>„Ja &mdash;“ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf &mdash; „peitschen Sie mich
-auch.“</p>
-
-<p>„O! mit Vergnügen,“ erwidert sie, die Achseln zuckend, „aber wenn ich
-peitschen soll, so will ich im Ernste peitschen.“</p>
-
-<p>„Peitschen Sie mich tot,“ ruft der Maler.</p>
-
-<p>„Lassen Sie sich also von mir binden?“ frägt sie lächelnd.</p>
-
-<p>„Ja“ &mdash; stöhnt er&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wanda verließ für einen Augenblick das Gemach und kehrte mit den
-Stricken zurück.</p>
-
-<p>„Also &mdash; haben Sie noch den Mut, sich Venus im Pelz, der schönen
-Despotin, auf Gnade und Ungnade in die Hände zu geben?“ begann sie
-jetzt spöttisch.</p>
-
-<p>„Binden Sie mich,“ antwortete der Maler dumpf. Wanda band ihm die Hände
-auf den Rücken, zog ihm einen Strick durch die Arme und einen zweiten
-um seinen Leib und fesselte ihn so an das Fensterkreuz, dann schlug sie
-den Pelz zurück, ergriff die Peitsche und trat vor ihn hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span></p>
-
-<p>Für mich hatte die Szene einen schauerlichen Reiz, den ich nicht
-beschreiben kann, ich fühlte mein Herz schlagen, als sie lachend zum
-ersten Hiebe ausholte und die Peitsche durch die Luft pfiff und er
-unter ihr leicht zusammenzuckte, und dann, als sie mit halb geöffnetem
-Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn
-lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um
-Gnade zu bitten schien &mdash; es ist nicht zu beschreiben.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sie sitzt ihm jetzt allein. Er arbeitet an ihrem Kopfe.</p>
-
-<p>Mich hat sie im Nebenzimmer hinter dem schweren Türvorhang postiert, wo
-ich nicht gesehen werden kann und alles sehe.</p>
-
-<p>Was sie nur hat.</p>
-
-<p>Fürchtet sie sich vor ihm? wahnsinnig genug hat sie ihn gemacht, oder
-soll es eine neue Folter für mich werden? Mir zittern die Knie.</p>
-
-<p>Sie sprechen zusammen. Er dämpft seine Stimme so sehr, daß ich nichts
-verstehen kann, und sie antwortet ebenso. Was soll das heißen? Besteht
-ein Einverständnis zwischen ihnen?</p>
-
-<p>Ich leide furchtbar, mir droht das Herz zu springen.</p>
-
-<p>Jetzt kniet er vor ihr, er umschlingt sie und preßt seinen Kopf an ihre
-Brust &mdash; und sie &mdash; die Grausame &mdash; sie lacht &mdash; und jetzt höre ich,
-wie sie laut ausruft:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p>
-
-<p>„Ah! Sie brauchen wieder die Peitsche.“</p>
-
-<p>„Weib! Göttin! hast du denn kein Herz &mdash; kannst du nicht lieben,“ ruft
-der Deutsche, „weißt du nicht einmal, was das heißt, lieben, sich
-in Sehnsucht, in Leidenschaft verzehren, kannst du dir nicht einmal
-denken, was ich leide? Hast du denn kein Erbarmen für mich?“</p>
-
-<p>„Nein!“ erwidert sie stolz und spöttisch, „aber die Peitsche.“</p>
-
-<p>Sie zieht sie rasch aus der Tasche ihres Pelzes und schlägt ihn mit dem
-Stiel ins Gesicht. Er richtet sich auf und weicht um ein paar Schritte
-zurück.</p>
-
-<p>„Können Sie jetzt wieder malen?“ frägt sie gleichgültig. Er antwortet
-ihr nicht, sondern tritt wieder vor die Staffelei und ergreift Pinsel
-und Palette.</p>
-
-<p>Sie ist wunderbar gelungen, es ist ein Porträt, das an Ähnlichkeit
-seinesgleichen sucht, und scheint zugleich ein Ideal, so glühend, so
-übernatürlich, so teuflisch, möchte ich sagen, sind die Farben.</p>
-
-<p>Der Maler hat eben alle seine Qualen, seine Anbetung und seinen Fluch
-in das Bild hineingemalt.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Jetzt malt er mich, wir sind täglich einige Stunden allein. Heute
-wendet er sich plötzlich zu mir mit seiner vibrierenden Stimme und sagt:</p>
-
-<p>„Sie lieben dieses Weib?“</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>„Ich liebe sie auch.“ Seine Augen schwammen in Tränen. Er schwieg
-einige Zeit und malte weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>„Bei uns in Deutschland ist ein Berg, in dem sie wohnt,“ murmelte er
-dann vor sich hin, „sie ist eine Teufelin.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Das Bild ist fertig. Sie wollte ihm dafür zahlen, großmütig, wie
-Königinnen zahlen.</p>
-
-<p>„O! Sie haben mich bereits bezahlt,“ sprach er ablehnend mit einem
-schmerzlichen Lächeln.</p>
-
-<p>Ehe er ging, öffnete er geheimnisvoll seine Mappe und ließ mich
-hineinblicken &mdash; ich erschrak. Ihr Kopf sah mich gleichsam lebendig wie
-aus einem Spiegel an.</p>
-
-<p>„Den nehme ich mit,“ sprach er, „der ist mein, den kann sie mir nicht
-entreißen, ich habe ihn mir sauer genug verdient.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Mir ist eigentlich doch leid um den armen Maler,“ sagte sie heute zu
-mir, „es ist albern, so tugendhaft zu sein, wie ich es bin. Meinst du
-nicht auch?“</p>
-
-<p>Ich wagte nicht, ihr eine Antwort zu geben.</p>
-
-<p>„O, ich vergaß, daß ich mit einem Sklaven spreche, ich muß hinaus, ich
-will mich zerstreuen, will vergessen.“</p>
-
-<p>„Schnell, meinen Wagen!“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Eine neue phantastische Toilette, russische Halbstiefel von
-veilchenblauem Samt, mit Hermelin besetzt,<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> eine Robe von gleichem
-Stoff, durch schmale Streifen und Kokarden desselben Pelzwerkes
-emporgehalten und geschürzt, ein entsprechender, anliegender kurzer
-Paletot, gleichfalls reich mit Hermelin ausgeschlagen und gefüttert;
-eine hohe Mütze von Hermelinpelz im Stile Katharinas II., mit
-kleinem Reiherbusch, der von einer Brillanten-Agraffe gehalten wird,
-das rote Haar aufgelöst über den Rücken. So steigt sie auf den Bock und
-kutschiert selbst, ich nehme den Platz hinter ihr ein. Wie sie in die
-Pferde peitscht. Das Gespann fliegt wie rasend dahin.</p>
-
-<p>Sie will heute offenbar Aufsehen erregen, erobern, und das gelingt ihr
-vollständig. Heute ist sie die Löwin der Cascine. Man grüßt sie aus den
-Wagen; auf dem Pfade für die Fußgeher bilden sich Gruppen, welche von
-ihr sprechen. Doch niemand wird von ihr beachtet, hie und da der Gruß
-eines älteren Kavaliers mit einem leichten Kopfnicken erwidert.</p>
-
-<p>Da sprengt ein junger Mann auf schlankem wilden Rappen heran; wie
-er Wanda sieht, pariert er sein Pferd und läßt es im Schritte gehen
-&mdash; schon ist er ganz nahe &mdash; er hält und läßt sie vorbei, und jetzt
-erblickt auch sie ihn &mdash; die Löwin den Löwen. Ihre Augen begegnen sich
-&mdash; und wie sie an ihm vorbeijagt, kann sie sich von der magischen
-Gewalt der seinen nicht losreißen und wendet den Kopf nach ihm.</p>
-
-<p>Mir steht das Herz still bei diesem halb staunenden, halb verzückten
-Blick, mit dem sie ihn verschlingt, aber er verdient ihn.</p>
-
-<p>Er ist bei Gott ein schöner Mann. Nein, mehr, er ist ein Mann, wie
-ich noch nie einen lebendig gesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> habe. Im Belvedere steht er in
-Marmor gehauen, mit derselben schlanken und doch eisernen Muskulatur,
-demselben Antlitz, denselben wehenden Locken, und was ihn so
-eigentümlich schön macht, ist, daß er keinen Bart trägt. Wenn er minder
-feine Hüften hätte, könnte man ihn für ein verkleidetes Weib halten,
-und der seltsame Zug um den Mund, die Löwenlippe, welche die Zähne
-etwas sehen läßt und dem schönen Gesichte momentan etwas Grausames
-verleiht&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Apollo, der den Marsyas schindet.</p>
-
-<p>Er trägt hohe schwarze Stiefel, eng anliegende Beinkleider von weißem
-Leder, einen kurzen Pelzrock, in der Art, wie ihn die italienischen
-Reiteroffiziere tragen, von schwarzem Tuche mit Astrachanbesatz und
-reicher Verschnürung, auf den schwarzen Locken ein rotes Fez.</p>
-
-<p>Jetzt verstehe ich den männlichen Eros und bewundere den Sokrates, der
-einem solchen Alcibiades gegenüber tugendhaft blieb.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>So aufgeregt habe ich meine Löwin noch nie gesehen. Ihre Wangen
-loderten, als sie vor der Treppe ihrer Villa vom Wagen sprang, die
-Stufen hinaufeilte und mich mit einem gebieterischen Wink ihr folgen
-hieß.</p>
-
-<p>Mit großen Schritten in ihrem Gemache auf und ab eilend, begann sie mit
-einer Hast, die mich erschreckte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p165" name="p165">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p165.jpg"
- alt="Venus in Eile" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>„Du wirst erfahren, wer der Mann in den Cascinen war, heute noch,
-sofort.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>O welch ein Mann! Hast du ihn gesehen? Was sagst du? Sprich.“</p>
-
-<p>„Der Mann ist schön,“ erwiderte ich dumpf.</p>
-
-<p>„Er ist so schön &mdash;“ sie hielt inne und stützte sich auf die Lehne
-eines Sessels &mdash; „daß es mir den Atem benommen hat.“</p>
-
-<p>„Ich begreife den Eindruck, den er dir gemacht hat,“ antworte ich;
-meine Phantasie riß mich wieder im wilden Wirbel fort &mdash; „ich selbst
-war außer mir, und ich kann mir denken&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Du kannst dir denken,“ lachte sie auf, „daß dieser Mann mein Geliebter
-ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm
-gepeitscht zu werden.</p>
-
-<p>Geh jetzt, geh.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ehe es Abend war, hatte ich ihn ausgekundschaftet.</p>
-
-<p>Wanda war noch in voller Toilette, als ich zurückkehrte, sie lag auf
-der Ottomane, das Gesicht in den Händen vergraben, das Haar verwirrt,
-gleich einer roten Löwenmähne.</p>
-
-<p>„Wie nennt er sich?“ fragte sie mit unheimlicher Ruhe.</p>
-
-<p>„Alexis Papadopolis.“</p>
-
-<p>„Ein Grieche also.“</p>
-
-<p>Ich nickte.</p>
-
-<p>„Er ist sehr jung?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span></p>
-
-<p>„Kaum älter als du selbst. Man sagt, er sei in Paris gebildet und
-nennt ihn einen Atheisten. Er hat auf Candia gegen die Türken gekämpft
-und soll sich dort nicht weniger durch seinen Rassehaß und seine
-Grausamkeit, wie durch seine Tapferkeit ausgezeichnet haben.“</p>
-
-<p>„Also alles in allem, ein Mann,“ rief sie mit funkelnden Augen.</p>
-
-<p>„Gegenwärtig lebt er in Florenz,“ fuhr ich fort, „er soll enorm reich
-sein&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Um das habe ich nicht gefragt,“ fiel sie mir rasch und schneidend ins
-Wort.</p>
-
-<p>„Der Mann ist gefährlich. Fürchtest du dich nicht vor ihm? Ich fürchte
-mich vor ihm. Hat er eine Frau?“</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>„Eine Geliebte?“</p>
-
-<p>„Auch nicht.“</p>
-
-<p>„Welches Theater besucht er?“</p>
-
-<p>„Heute abend ist er im Theater Nicolini, wo die geniale Virginia Marini
-und Salvini, der erste lebende Künstler Italiens, vielleicht Europas,
-spielen.“</p>
-
-<p>„Sieh, daß du eine Loge bekommst &mdash; rasch! rasch!“ befahl sie.</p>
-
-<p>„Aber Herrin&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Willst du die Peitsche kosten?“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Du kannst im Parterre warten,“ sprach sie, als ich ihr Opernglas und
-Affiche auf die Logenbrüstung gelegt hatte und eben den Schemel zurecht
-schob.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-<p>Da stehe ich nun und muß mich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken
-vor Neid und Wut &mdash; nein, Wut ist nicht das Wort dafür, vor Todesangst.</p>
-
-<p>Ich sehe sie im blauen Moirékleide, mit dem großen Hermelinmantel um
-die bloßen Schultern in ihrer Loge und ihn ihr gegenüber. Ich sehe,
-wie sie sich gegenseitig mit den Augen verschlingen, wie für sie beide
-heute die Bühne, Goldonis Pamela, Salvini, die Marini, das Publikum,
-ja die Welt untergegangen ist &mdash; und ich, was bin ich in diesem
-Augenblicke?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Heute besucht sie den Ball bei dem griechischen Gesandten. Weiß sie,
-daß sie ihn dort trifft?</p>
-
-<p>Sie hat sich wenigstens darnach angezogen. Ein schweres meergrünes
-Seidenkleid schließt sich plastisch an ihre göttlichen Formen und zeigt
-Büste und Arme unverhüllt; in dem Haare, das einen einzigen flammenden
-Knoten bildet, blüht eine weiße Seerose, von der grünes Schilf, mit
-einzelnen losen Flechten vermischt, auf den Nacken herabfällt. Keine
-Spur mehr von Erregung, von jener zitternden Fieberhaftigkeit in ihrem
-Wesen, sie ist ruhig, so ruhig, daß mir das Blut dabei erstarrt, und
-ich mein Herz unter ihrem Blicke kalt werden fühle. Langsam, mit müder
-träger Majestät, steigt sie die Marmorstufen hinauf, läßt ihre kostbare
-Umhüllung herabgleiten und tritt nachlässig in den Saal, den Rauch von
-hundert Kerzen mit silbernem Nebel gefüllt hat.</p>
-
-<p>Einige Augenblicke sehe ich ihr wie verloren nach, dann hebe ich ihren
-Pelz auf, der, ohne daß ich es<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> wußte, meinen Händen entsunken war. Er
-ist noch warm von ihren Schultern.</p>
-
-<p>Ich küsse die Stelle, und Tränen füllen meine Augen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Da ist er.</p>
-
-<p>In seinem, mit dunklem Zobel verschwenderisch ausgeschlagenen schwarzen
-Samtrock, ein schöner, übermütiger Despot, der mit Menschenleben und
-Menschenseelen spielt. Er steht im Vorsaal, sieht stolz umher und läßt
-seine Augen unheimlich lange auf mir ruhen.</p>
-
-<p>Mich faßt unter seinem eisigen Blick wieder jene entsetzliche
-Todesangst, die Ahnung, daß dieser Mann sie fesseln, sie berücken, sie
-unterjochen kann, und ein Gefühl von Scham seiner wilden Männlichkeit
-gegenüber, von Neid, von Eifersucht.</p>
-
-<p>Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen
-Geistesmenschen fühle! Und was das Schmachvollste ist: ich möchte ihn
-hassen und kann es nicht. Und wie kommt es, daß auch er mich, gerade
-mich unter dem Schwarm von Dienern herausgefunden hat.</p>
-
-<p>Er winkt mich mit einer unnachahmlichen vornehmen Kopfbewegung zu sich,
-und ich &mdash; ich folge seinem Winke &mdash; gegen meinen Willen.</p>
-
-<p>„Nimm mir den Pelz ab,“ befiehlt er ruhig.</p>
-
-<p>Ich zittere am ganzen Leibe vor Empörung, aber ich gehorche, demütig
-wie ein Sklave.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<p>Ich harre die ganze Nacht im Vorsaal, wie im Fieber phantasierend.
-Seltsame Bilder schweben meinem innern Auge vorbei, ich sehe, wie sie
-sich begegnen &mdash; den ersten langen Blick &mdash; ich sehe sie in seinen
-Armen durch den Saal schweben, trunken, mit halbgeschlossenen Lidern
-an seiner Brust liegen &mdash; ich sehe ihn im Heiligtum der Liebe, nicht
-als Sklaven, als Herrn auf der Ottomane liegend und sie zu seinen
-Füßen, ich sehe mich ihn kniend bedienen, das Teebrett in meiner Hand
-schwanken und ihn nach der Peitsche greifen. Jetzt sprechen die Diener
-von ihm.</p>
-
-<p>Es ist ein Mann wie ein Weib, er weiß, daß er schön ist und benimmt
-sich darnach; er wechselt vier bis fünfmal im Tage seine kokette
-Toilette, gleich einer eitlen Kurtisane.</p>
-
-<p>In Paris erschien er zuerst in Frauenkleidern, und die Herren
-bestürmten ihn mit Liebesbriefen. Ein durch seine Kunst und
-Leidenschaft gleich berühmter italienischer Sänger drang bis in seine
-Wohnung und drohte, vor ihm auf den Knien, sich das Leben zu nehmen,
-wenn er ihn nicht erhöre.</p>
-
-<p>„Ich bedaure,“ erwiderte er lächelnd, „ich würde Sie mit Vergnügen
-begnadigen, aber so bleibt nichts übrig, als Ihr Todesurteil zu
-vollstrecken, denn ich bin &mdash; ein Mann.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der Saal hat sich schon bedeutend geleert &mdash; sie aber denkt offenbar
-noch gar nicht daran, aufzubrechen.</p>
-
-<p>Schon dringt der Morgen durch die Jalousien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p>
-
-<p>Endlich rauscht ihr schweres Gewand, das ihr gleich grünen Wellen
-nachfließt, sie kommt Schritt für Schritt im Gespräche mit ihm.</p>
-
-<p>Ich bin für sie kaum mehr auf der Welt, sie nimmt sich nicht einmal
-mehr die Mühe, mir einen Befehl zu erteilen.</p>
-
-<p>„Den Mantel für Madame,“ befiehlt er, er denkt natürlich gar nicht
-daran, sie zu bedienen.</p>
-
-<p>Während ich ihr den Pelz umgebe, steht er mit gekreuzten Armen neben
-ihr. Sie aber stützt, als ich ihr auf meinen Knien liegend die
-Pelzschuhe anziehe, die Hand leicht auf seine Schulter und frägt:</p>
-
-<p>„Wie war das mit der Löwin?“</p>
-
-<p>„Wenn der Löwe, den sie gewählt, mit dem sie lebt, von einem anderen
-angegriffen wird,“ erzählte der Grieche, „legt sich die Löwin ruhig
-nieder und sieht dem Kampfe zu, und wenn ihr Gatte unterliegt, sie
-hilft ihm nicht &mdash; sie sieht ihn gleichgültig unter den Klauen des
-Gegners in seinem Blute enden und folgt dem Sieger, dem Stärkeren, das
-ist die Natur des Weibes.“</p>
-
-<p>Meine Löwin sah mich in diesem Augenblicke rasch und seltsam an.</p>
-
-<p>Mich schauerte es, ich weiß nicht warum, und das rote Frühlicht tauchte
-mich und sie und ihn in Blut.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sie ging nicht zu Bette, sondern warf nur ihre Balltoilette ab und
-löste ihr Haar, dann befahl sie<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> mir, Feuer zu machen, und saß beim
-Kamine und starrte in die Glut.</p>
-
-<p>„Bedarfst du noch meiner, Herrin?“ fragte ich, die Stimme versagte mir
-bei dem letzten Worte.</p>
-
-<p>Wanda schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>Ich verließ das Gemach, ging durch die Galerie und setzte mich auf die
-Stufen nieder, welche von derselben in den Garten hinabführen. Vom Arno
-her wehte ein leichter Nordwind frische feuchte Kühle, die grünen Hügel
-standen weithin in rosigem Nebel, goldner Duft schwebte um die Stadt,
-die runde Kuppel des Domes.</p>
-
-<p>An dem blaßblauen Himmel zitterten noch einzelne Sterne.</p>
-
-<p>Ich riß meinen Rock auf und preßte die glühende Stirne gegen den
-Marmor. Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches
-Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.</p>
-
-<p>Ich ahnte eine Katastrophe, ich sah sie vor mir, ich konnte sie mit
-Händen greifen, aber mir fehlte der Mut, ihr zu begegnen, meine Kraft
-war gebrochen. Und wenn ich ehrlich bin, nicht die Schmerzen, die
-Leiden, die über mich hereinbrechen konnten, nicht die Mißhandlungen,
-die mir vielleicht bevorstanden, schreckten mich.</p>
-
-<p>Ich fühle nun eine Furcht, die Furcht, sie, die ich mit einer Art
-Fanatismus liebte, zu verlieren, diese aber so gewaltig, so zermalmend,
-daß ich plötzlich wie ein Kind zu schluchzen begann.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-<p>Den Tag über blieb sie in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich von
-der Negerin bedienen. Als der Abendstern in dem blauen Äther aufglühte,
-sah ich sie durch den Garten gehen, und da ich ihr behutsam von weitem
-folgte, in den Tempel der Venus treten. Ich schlich ihr nach und
-blickte durch die Ritze der Türe.</p>
-
-<p>Sie stand vor dem hehren Bilde der Göttin, wie betend die Hände
-gefaltet, und das heilige Licht des Sternes der Liebe warf seine blauen
-Strahlen über sie.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Nachts auf meinem Lager faßte mich die Angst, sie zu verlieren, die
-Verzweiflung mit einer Gewalt, welche mich zum Helden, zum Libertiner
-machte. Ich entzündete die kleine, rote Öllampe, welche unter einem
-Heiligenbilde im Korridor hängt, und trat, das Licht mit einer Hand
-dämpfend, in ihr Schlafgemach.</p>
-
-<p>Die Löwin war endlich matt gehetzt, zu Tode gejagt, in ihren Polstern
-eingeschlafen, sie lag auf dem Rücken, die Fäuste geballt, und atmete
-schwer. Ein Traum schien sie zu beängstigen. Langsam zog ich die Hand
-zurück und ließ das volle, rote Licht auf ihr wunderbares Antlitz
-fallen.</p>
-
-<p>Doch sie erwachte nicht.</p>
-
-<p>Ich stellte die Lampe sachte zu Boden, sank vor Wandas Bette nieder und
-legte meinen Kopf auf ihren weichen, glühenden Arm.</p>
-
-<p>Sie bewegte sich einen Augenblick, doch sie erwachte auch jetzt nicht.
-Wie lange ich so lag, mitten<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> in der Nacht, in entsetzlichen Qualen
-versteinert, ich weiß es nicht.</p>
-
-<p>Endlich faßte mich ein heftiges Zittern und ich konnte weinen &mdash; meine
-Tränen flossen über ihren Arm. Sie zuckte mehrmals zusammen, endlich
-fuhr sie empor, strich mit der Hand über die Augen und blickte auf mich.</p>
-
-<p>„Severin,“ rief sie, mehr erschreckt als zornig.</p>
-
-<p>Ich fand keine Antwort.</p>
-
-<p>„Severin,“ fuhr sie leise fort, „was ist dir? Bist du krank?“</p>
-
-<p>Ihre Stimme klang so teilnehmend, so gut, so liebevoll, daß sie mir
-wie mit glühenden Zangen in die Brust griff und ich laut zu schluchzen
-begann.</p>
-
-<p>„Severin!“ begann sie von neuem, „du armer unglücklicher Freund.“ Ihre
-Hand strich sanft über meine Locken. „Mir ist leid, sehr leid um dich;
-aber ich kann dir nicht helfen, ich weiß beim besten Willen keine
-Arznei für dich.“</p>
-
-<p>„O! Wanda, muß es denn sein?“ stöhnte ich in meinem Schmerze auf.</p>
-
-<p>„Was, Severin? Wovon sprichst du?“</p>
-
-<p>„Liebst du mich denn gar nicht mehr?“ fuhr ich fort, „fühlst du nicht
-ein wenig Mitleid mit mir? Hat der fremde, schöne Mann dich schon ganz
-an sich gerissen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p175" name="p175">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p175.jpg"
- alt="Wanda und Venus" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p>
-
-<p>„Ich kann nicht lügen,“ entgegnete sie sanft nach einer kleinen Pause,
-„er hat mir einen Eindruck gemacht, den ich nicht fassen kann, unter
-dem ich selbst leide und zittere, einen Eindruck, wie ich ihn von
-Dichtern geschildert gefunden habe, wie ich ihn auf der Bühne sah,
-aber für ein Gebilde der Phantasie hielt. O! das ist ein Mann wie ein
-Löwe, stark und schön und stolz und doch weich, nicht roh wie unsere
-Männer im Norden. Mir tut es leid um dich, glaub’ mir, Severin; aber
-ich muß ihn besitzen, was sage ich? ich muß mich ihm hingeben, wenn er
-mich will.“</p>
-
-<p>„Denk an deine Ehre, Wanda, die du bisher so makellos bewahrt hast,“
-rief ich, „wenn ich dir schon nichts mehr bedeute.“</p>
-
-<p>„Ich denke daran,“ erwiderte sie, „ich will stark sein, so lange ich
-kann, ich will &mdash;“ sie barg ihr Gesicht verschämt in den Polstern &mdash;
-„ich will sein Weib werden &mdash; wenn er mich will.“</p>
-
-<p>„Wanda!“ schrie ich, wieder von jener Todesangst erfaßt, die mir
-jedesmal den Atem, die Besinnung raubte; „du willst sein Weib werden,
-du willst ihm gehören für immer, o! stoße mich nicht von dir! Er liebt
-dich nicht&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Wer sagt dir das!“ rief sie aufflammend.</p>
-
-<p>„Er liebt dich nicht,“ fuhr ich leidenschaftlich fort, „ich aber liebe
-dich, ich bete dich an, ich bin dein Sklave, ich will mich treten
-lassen von dir, dich auf meinen Armen durch das Leben tragen.“</p>
-
-<p>„Wer sagt dir, daß er mich nicht liebt!“ unterbrach sie mich heftig.</p>
-
-<p>„O! sei mein,“ flehte ich, „sei mein! Ich kann ja nicht mehr sein,
-nicht leben ohne dich. Hab doch Erbarmen, Wanda, Erbarmen!“</p>
-
-<p>Sie sah mich an, und jetzt war es wieder jener kalte, herzlose Blick,
-jenes böse Lächeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>„Du sagst ja, daß er mich nicht liebt,“ sprach sie höhnisch; „nun gut,
-tröste dich also damit.“ Zugleich wendete sie sich auf die andere Seite
-und kehrte mir schnöd’ den Rücken.</p>
-
-<p>„Mein Gott, bist du denn kein Weib aus Fleisch und Blut, hast du kein
-Herz wie ich!“ rief ich, während sich meine Brust wie im Krampfe hob.</p>
-
-<p>„Du weißt es ja,“ entgegnete sie boshaft, „ich bin ein Weib aus Stein,
-‚<em class="gesperrt">Venus im Pelz</em>‘, dein Ideal, knie nur und bete mich an.“</p>
-
-<p>„Wanda!“ flehte ich, „Erbarmen!“</p>
-
-<p>Sie begann zu lachen. Ich drückte mein Gesicht in ihre Polster und ließ
-die Tränen, in denen sich mein Schmerz löste, herabströmen.</p>
-
-<p>Lange Zeit war alles stille, dann richtete sich Wanda langsam auf.</p>
-
-<p>„Du langweilst mich,“ begann sie.</p>
-
-<p>„Wanda!“</p>
-
-<p>„Ich bin schläfrig, laß mich schlafen.“</p>
-
-<p>„Erbarmen,“ flehte ich, „stoß mich nicht von dir, es wird dich kein
-Mann, es wird dich keiner so lieben, wie ich.“</p>
-
-<p>„Laß mich schlafen,“ &mdash; sie kehrte mir den Rücken.</p>
-
-<p>Ich sprang auf, riß den Dolch, der neben ihrem Bette hing, aus der
-Scheide und setzte ihn auf meine Brust.</p>
-
-<p>„Ich töte mich hier vor deinen Augen,“ murmelte ich dumpf.</p>
-
-<p>„Tu, was du willst,“ erwiderte Wanda mit vollkommener Gleichgültigkeit,
-„aber laß mich schlafen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span></p>
-
-<p>Dann gähnte sie laut. „Ich bin sehr schläfrig.“</p>
-
-<p>Einen Augenblick stand ich versteinert, dann begann ich zu lachen und
-wieder laut zu weinen, endlich steckte ich den Dolch in meinen Gürtel
-und warf mich wieder vor ihr auf die Knie.</p>
-
-<p>„Wanda &mdash; höre mich doch nur an, nur noch wenige Augenblicke,“ bat ich.</p>
-
-<p>„Ich will schlafen! hörst du nicht,“ schrie sie zornig, sprang von
-ihrem Lager und stieß mich mit dem Fuße von sich, „vergißt du, daß
-ich deine Herrin bin?“ und als ich mich nicht von der Stelle rührte,
-ergriff sie die Peitsche und schlug mich. Ich erhob mich &mdash; sie traf
-mich noch einmal &mdash; und diesmal ins Gesicht.</p>
-
-<p>„Mensch, Sklave!“</p>
-
-<p>Mit geballter Faust gegen den Himmel deutend, verließ ich, plötzlich
-entschlossen, ihr Schlafgemach. Sie warf die Peitsche weg und brach in
-ein helles Gelächter aus &mdash; und ich kann mir auch denken, daß ich in
-meiner theatralischen Attitude recht komisch war.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Entschlossen, mich von dem herzlosen Weibe loszureißen, das mich so
-grausam behandelt hat und nun im Begriffe ist, mich zum Lohne für meine
-sklavische Anbetung, für alles, was ich von ihr geduldet, noch treulos
-zu verraten, packe ich meine wenigen Habseligkeiten in ein Tuch, dann
-schreibe ich an sie:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="padleft2">„<em class="gesperrt">Gnädige Frau</em>!“</p>
-
-<p>„Ich habe Sie geliebt wie ein Wahnsinniger, ich habe mich Ihnen
-hingegeben, wie noch nie ein Mann einem Weibe, Sie aber haben meine
-heiligsten Gefühle mißbraucht und mit mir ein freches, frivoles
-Spiel getrieben. Solange Sie jedoch nur grausam und unbarmherzig
-waren, konnte ich Sie noch lieben, jetzt aber sind Sie im Begriffe,
-<em class="gesperrt">gemein</em> zu werden. Ich bin nicht mehr der Sklave, der sich
-von Ihnen treten und peitschen läßt. Sie selbst haben mich frei
-gemacht, und ich verlasse eine Frau, die ich nur noch hassen und
-<em class="gesperrt">verachten</em> kann.</p>
-
-<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Severin Kusiemski</em>.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Diese Zeilen übergebe ich der Mohrin und eile dann, so rasch ich nur
-kann, davon. Atemlos erreiche ich den Bahnhof, da fühle ich einen
-heftigen Stich im Herzen &mdash; ich halte &mdash; ich beginne zu weinen &mdash; O!
-es ist schmachvoll &mdash; ich will fliehen und kann nicht. Ich kehre um &mdash;
-wohin? &mdash; zu ihr &mdash; die ich verabscheue und anbete zu gleicher Zeit.</p>
-
-<p>Wieder besinne ich mich. Ich kann nicht zurück. Ich darf nicht zurück.</p>
-
-<p>Wie soll ich aber Florenz verlassen? Mir fällt ein, daß ich ja kein
-Geld habe, keinen Groschen. Nun also zu Fuß, ehrlich betteln ist
-besser, als das Brot einer Kurtisane essen.</p>
-
-<p>Aber ich kann ja nicht fort.</p>
-
-<p>Sie hat mein Wort, mein Ehrenwort. Ich muß zurück. Vielleicht entbindet
-sie mich dessen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p>
-
-<p>Nach einigen raschen Schritten bleibe ich wieder stehen.</p>
-
-<p>Sie hat mein Ehrenwort, meinen Schwur, daß ich ihr Sklave bin, solange
-sie es will, solange sie mir nicht selbst die Freiheit schenkt; aber
-ich kann mich ja töten.</p>
-
-<p>Ich gehe durch die Cascine an den Arno hinab, ganz hinab, wo sein
-gelbes Wasser eintönig plätschernd ein paar verlorene Weiden bespült
-&mdash; dort sitze ich und schließe meine Rechnung mit dem Dasein ab &mdash;
-ich lasse mein ganzes Leben an mir vorüberziehen und finde es recht
-erbärmlich, einzelne Freuden, unendlich viel Gleichgültiges und
-Wertloses, dazwischen reich gesäte Schmerzen, Leiden, Beängstigungen,
-Enttäuschungen, gescheiterte Hoffnungen, Gram, Sorge und Trauer.</p>
-
-<p>Ich dachte an meine Mutter, die ich so sehr geliebt und an
-entsetzlicher Krankheit dahinsiechen sah, an meinen Bruder, der voll
-Ansprüche auf Genuß und Glück in der Blüte seiner Jugend starb,
-ohne nur seine Lippen an den Becher des Lebens gesetzt zu haben &mdash;
-ich dachte an meine tote Amme, die Spielgenossen meiner Kindheit,
-die Freunde, welche mit mir gestrebt und gelernt, sie alle, welche
-die kalte, tote, gleichgültige Erde deckt; ich dachte an meinen
-Turteltäuber, der nicht selten mir, statt seinem Weibchen, gurrend
-Verbeugungen machte &mdash; alles Staub zum Staube zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Ich lachte laut auf und gleite in das Wasser &mdash; im selben Augenblicke
-aber halte ich mich an einer Weidenrute fest, die über den gelben
-Wellen hängt<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> &mdash; und ich sehe das Weib, das mich elend gemacht hat, vor
-mir, sie schwebt über dem Wasserspiegel, von der Sonne durchleuchtet,
-als wäre sie durchsichtig, rote Flammen um Haupt und Nacken, und wendet
-mir ihr Antlitz zu und lächelt.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p181_ill" name="p181_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p181_ill.jpg"
- alt="Im Arno" /></a>
-</div>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Da bin ich wieder, triefend, durchnäßt, glühend vor Scham und Fieber.
-Die Negerin hat meinen Brief übergeben, so bin ich gerichtet, verloren,
-in der Hand eines herzlosen, beleidigten Weibes.</p>
-
-<p>Nun, sie soll mich töten, ich, ich kann es nicht, und doch will ich
-nicht länger leben.</p>
-
-<p>Wie ich um das Haus herumgehe, steht sie in der Galerie, über die
-Brüstung gelehnt, das Gesicht<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> im vollen Lichte der Sonne, mit den
-grünen Augen blinzelnd.</p>
-
-<p>„Lebst du noch?“ fragt sie, ohne sich zu bewegen. Ich stehe stumm, das
-Haupt auf die Brust gesenkt.</p>
-
-<p>„Gib mir meinen Dolch zurück,“ fährt sie fort, „dir nützt er so nichts.
-Du hast ja nicht einmal den Mut, dir das Leben zu nehmen.“</p>
-
-<p>„Ich habe ihn nicht mehr,“ erwiderte ich, zitternd, vom Frost
-geschüttelt.</p>
-
-<p>Sie überfliegt mich mit einem stolzen, höhnischen Blick.</p>
-
-<p>„Du hast ihn wohl im Arno verloren?“ Sie zuckte die Achseln.
-„Meinetwegen. Nun und warum bist du nicht fort?“</p>
-
-<p>Ich murmelte etwas, was weder sie noch ich selbst verstehen konnte.</p>
-
-<p>„O! du hast kein Geld,“ rief sie, „da!“ und sie warf mir mit einer
-unsäglich geringschätzenden Bewegung ihre Börse zu.</p>
-
-<p>Ich hob sie nicht auf.</p>
-
-<p>Wir schwiegen beide geraume Zeit.</p>
-
-<p>„Du willst also nicht fort?“</p>
-
-<p>„Ich kann nicht.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Wanda fährt ohne mich in die Cascine, sie ist im Theater ohne mich,
-sie empfängt Gesellschaft, die Negerin bedient sie. Niemand fragt nach
-mir. Ich irre unstät im Garten umher, wie ein Tier, das seinen Herrn
-verloren hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p>
-
-<p>Im Gebüsch liegend, sehe ich ein paar Sperlingen zu, die um ein
-Samenkorn kämpfen.</p>
-
-<p>Da rauscht ein Frauengewand.</p>
-
-<p>Wanda nähert sich, in einem dunklen Seidenkleide, züchtig bis zum Halse
-geschlossen, mit ihr der Grieche. Sie sind im lebhaften Gespräche, doch
-kann ich kein Wort davon verstehen. Jetzt stampft er mit dem Fuße, daß
-der Kies ringsum auseinanderstäubt, und haut mit der Reitpeitsche in
-die Luft. Wanda schrickt zusammen.</p>
-
-<p>Fürchtet sie, daß er sie schlägt?</p>
-
-<p>Sind sie so weit?</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Er hat sie verlassen, sie ruft ihn, er hört sie nicht, er will sie
-nicht hören.</p>
-
-<p>Wanda nickt traurig mit dem Kopfe und setzt sich auf die nächste
-Steinbank; sie sitzt lange in Gedanken versunken. Ich sehe ihr mit
-einer Art boshafter Freude zu, endlich raffe ich mich gewaltsam auf und
-trete höhnisch vor sie hin. Sie fährt empor und zittert am ganzen Leibe.</p>
-
-<p>„Ich komme, Ihnen nur Glück zu wünschen,“ sage ich, mich verneigend,
-„ich sehe, gnädige Frau, Sie haben Ihren Herrn gefunden.“</p>
-
-<p>„Ja, Gott sei gedankt!“ ruft sie, „keinen neuen Sklaven, ich habe deren
-genug gehabt: einen Herrn. Das Weib braucht einen Herrn und betet ihn
-an.“</p>
-
-<p>„Du betest ihn also an, Wanda!“ schrie ich auf, „diesen rohen Menschen
-&mdash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-<p>„Ich liebe ihn so, wie ich noch niemand geliebt habe.“</p>
-
-<p>„Wanda!“ &mdash; ich ballte die Fäuste, aber schon kamen mir die Tränen und
-der Taumel der Leidenschaft ergriff mich, ein süßer Wahnsinn. „Gut, so
-wähle ihn, nimm ihn zum Gatten, er soll dein Herr sein, ich aber will
-dein Sklave bleiben, solange ich lebe.“</p>
-
-<p>„Du willst mein Sklave sein, auch dann?“ sprach sie, „das wäre pikant,
-ich fürchte aber, er wird es nicht dulden.“</p>
-
-<p>„Er?“</p>
-
-<p>„Ja, er ist jetzt schon eifersüchtig auf dich,“ rief sie, „er auf dich!
-er verlangte von mir, daß ich dich sofort entlasse, und als ich ihm
-sagte, wer du bist&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Du hast ihm gesagt &mdash;“ wiederholte ich starr.</p>
-
-<p>„Alles habe ich ihm gesagt,“ erwiderte sie, „unsere ganze Geschichte
-erzählt, alle deine Seltsamkeiten, alles &mdash; und er &mdash; statt zu lachen
-&mdash; wurde zornig und stampfte mit dem Fuße.“</p>
-
-<p>„Und drohte, dich zu schlagen?“</p>
-
-<p>Wanda sah zu Boden und schwieg.</p>
-
-<p>„Ja, ja,“ sprach ich mit höhnischer Bitterkeit, „du fürchtest dich vor
-ihm, Wanda!“ &mdash; ich warf mich ihr zu Füßen und umschlang erregt ihre
-Knie &mdash; „ich will ja nichts von dir, nichts, als immer in deiner Nähe
-sein, dein Sklave! &mdash; ich will dein Hund sein&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Weißt du, daß du mich langweilst?“ sprach Wanda apathisch.</p>
-
-<p>Ich sprang auf. Alles kochte in mir.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span></p>
-
-<p>„Jetzt bist du nicht mehr grausam, jetzt bist du gemein!“ sprach ich,
-jedes Wort scharf und herb betonend.</p>
-
-<p>„Das steht bereits in Ihrem Briefe,“ entgegnete Wanda mit einem stolzen
-Achselzucken, „ein Mann von Geist soll sich nie wiederholen.“</p>
-
-<p>„Wie handelst du an mir!“ brach ich los, „wie nennst du das?“</p>
-
-<p>„Ich könnte dich züchtigen,“ entgegnete sie höhnisch, „aber ich ziehe
-vor, dir diesmal statt mit Peitschenhieben mit Gründen zu antworten.
-Du hast kein Recht, mich anzuklagen, war ich nicht jederzeit ehrlich
-gegen dich? Habe ich dich nicht mehr als einmal gewarnt? Habe ich dich
-nicht herzlich, ja leidenschaftlich geliebt und habe ich dir etwa
-verheimlicht, daß es gefährlich ist, sich mir hinzugeben, sich vor mir
-zu erniedrigen, daß ich beherrscht sein will? Du aber wolltest mein
-Spielzeug sein, mein Sklave! Du fandest den höchsten Genuß darin, den
-Fuß, die Peitsche eines übermütigen, grausamen Weibes zu fühlen. Was
-willst du also jetzt?</p>
-
-<p>In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie
-geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu
-mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt
-bin, und nun bist du noch unmännlich, schwach und elend genug, mich
-anzuklagen.“</p>
-
-<p>„Ja, ich bin schuldig,“ sprach ich, „aber habe ich nicht gelitten
-dafür? Laß es jetzt genug sein, ende das grausame Spiel.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p>
-
-<p>„Das will ich auch,“ entgegnete sie mit einem seltsamen, falschen Blick!</p>
-
-<p>„Wanda!“ rief ich heftig, „treibe mich nicht auf das Äußerste, du
-siehst, daß ich wieder Mann bin.“</p>
-
-<p>„Strohfeuer,“ erwiderte sie, „das einen Augenblick Lärm macht und
-ebenso schnell verlöscht, wie es aufgeflammt ist. Du glaubst mich
-einzuschüchtern und bist mir nur lächerlich. Wärst du der Mann gewesen,
-für den ich dich anfangs hielt, ernst, gedankenvoll, streng, ich hätte
-dich treu geliebt und wäre dein Weib geworden. Das Weib verlangt nach
-einem Manne, zu dem es aufblicken kann, einen &mdash; der so wie du &mdash;
-freiwillig seinen Nacken darbietet, damit es seine Füße darauf setzen
-kann, braucht es als willkommenes Spielzeug und wirft ihn weg, wenn es
-seiner müde ist.“</p>
-
-<p>„Versuch’ es nur, mich wegzuwerfen,“ sprach ich höhnisch, „es gibt
-Spielzeug, das gefährlich ist.“</p>
-
-<p>„Fordere mich nicht heraus,“ rief Wanda, ihre Augen begannen zu
-funkeln, ihre Wangen röteten sich.</p>
-
-<p>„Wenn ich dich nicht besitzen soll,“ fuhr ich mit von Wut erstickter
-Stimme fort, „so soll dich auch kein anderer besitzen.“</p>
-
-<p>„Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ höhnte sie, dann faßte sie
-mich bei der Brust; sie war in diesem Augenblicke ganz bleich vor Zorn,
-„fordere mich nicht heraus,“ fuhr sie fort, „ich bin nicht grausam,
-aber ich weiß selbst nicht, wie weit ich noch kommen kann, und ob es
-dann noch eine Grenze gibt.“</p>
-
-<p>„Was kannst du mir Ärgeres tun, als ihn zu<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> deinem Geliebten, deinem
-Gatten machen?“ antwortete ich, immer mehr aufflammend.</p>
-
-<p>„Ich kann dich zu seinem Sklaven machen,“ entgegnete sie rasch, „bist
-du nicht in meiner Hand? habe ich nicht den Vertrag? Aber freilich, für
-dich wird es nur ein Genuß sein, wenn ich dich binden lasse und zu ihm
-sage:</p>
-
-<p>„Machen Sie jetzt mit ihm, was Sie wollen.“</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p187_ill" name="p187_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p187_ill.jpg"
- alt="Die Wut des Sklaven" /></a>
-</div>
-
-<p>„Weib, bist du toll!“ schrie ich auf.</p>
-
-<p>„Ich bin sehr vernünftig,“ sagte sie ruhig, „ich warne dich zum letzten
-Male. Leiste mir jetzt keinen Widerstand, jetzt, wo ich so weit
-gegangen bin, kann ich leicht noch weiter gehen. Ich fühle eine Art Haß
-auf dich, ich würde dich mit wahrer Lust von ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> totpeitschen sehen,
-aber noch bezähme ich mich, noch&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Meiner kaum mehr mächtig, faßte ich sie beim Handgelenke und riß sie zu
-Boden, so daß sie vor mir auf den Knien lag.</p>
-
-<p>„Severin!“ rief sie, auf ihrem Gesichte malten sich Wut und Schrecken.</p>
-
-<p>„Ich töte dich, wenn du sein Weib wirst,“ drohte ich, die Töne kamen
-heiser und dumpf aus meiner Brust, „du bist mein, ich lasse dich nicht,
-ich habe dich zu lieb,“ dabei umklammerte ich sie und drückte sie an
-mich und meine Rechte griff unwillkürlich nach dem Dolche, der noch in
-meinem Gürtel stak.</p>
-
-<p>Wanda heftete einen großen, ruhigen, unbegreiflichen Blick auf mich.</p>
-
-<p>„So gefällst du mir,“ sprach sie gelassen, „jetzt bist du Mann, und ich
-weiß in diesem Augenblicke, daß ich dich noch liebe.“</p>
-
-<p>„Wanda“ &mdash; mir kamen vor Entzücken die Tränen, ich beugte mich über sie
-und bedeckte ihr reizendes Gesichtchen mit Küssen und sie &mdash; plötzlich
-in lautes, mutwilliges Lachen ausbrechend &mdash; rief: „Hast du jetzt genug
-von deinem Ideal, bist du mit mir zufrieden?“</p>
-
-<p>„Wie?“ &mdash; stammelte ich &mdash; „es ist nicht dein Ernst.“</p>
-
-<p>„Es ist mein Ernst,“ fuhr sie heiter fort, „daß ich dich lieb habe,
-dich allein, und du &mdash; du kleiner, guter Narr, hast nicht gemerkt, daß
-alles nur Scherz und Spiel war &mdash; und wie schwer es mir wurde, dir
-oft einen Peitschenhieb zu geben, wo ich dich eben<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> gerne beim Kopfe
-genommen und abgeküßt hätte. Aber jetzt ist es genug, nicht wahr? Ich
-habe meine grausame Rolle besser durchgeführt, als du erwartet hast,
-nun wirst du wohl zufrieden sein, dein kleines, gutes, kluges und auch
-ein wenig hübsches Weibchen zu haben &mdash; nicht? &mdash; Wir wollen recht
-vernünftig leben und&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Du wirst mein Weib!“ rief ich in überströmender Seligkeit.</p>
-
-<p>„Ja &mdash; dein Weib &mdash; du lieber, teurer Mann,“ flüsterte Wanda, indem sie
-meine Hände küßte.</p>
-
-<p>Ich zog sie an meine Brust empor.</p>
-
-<p>„So, nun bist du nicht mehr Gregor, mein Sklave,“ sprach sie, „jetzt
-bist du wieder mein lieber Severin, mein Mann&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Und er? &mdash; du liebst ihn nicht?“ fragte ich erregt.</p>
-
-<p>„Wie konntest du nur glauben, daß ich den rohen Menschen liebe &mdash; aber
-du warst ganz verblendet &mdash; mir war bang um dich&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ich hätte mir fast das Leben genommen um deinetwillen.“</p>
-
-<p>„Wirklich?“ rief sie, „ach! ich zittere noch bei dem Gedanken, daß du
-schon im Arno warst&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Du aber hast mich errettet,“ entgegnete ich zärtlich, „du schwebtest
-über den Gewässern und lächeltest, und dein Lächeln rief mich zurück
-ins Leben.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Es ist ein seltsames Gefühl, das ich habe, wie ich sie jetzt in
-meinen Armen halte, und sie ruht<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> stumm an meiner Brust und läßt
-sich von mir küssen und lächelt; mir ist es, als wäre ich plötzlich
-aus Fieberphantasien erwacht, oder ein Schiffbrüchiger, der tagelang
-mit den Wogen gekämpft hat, die ihn jeden Augenblick zu verschlingen
-drohten, und endlich an das Land geworfen wurde.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Ich hasse dieses Florenz, wo du so unglücklich warst,“ sprach sie, als
-ich ihr gute Nacht sagte, „ich will sofort abreisen, morgen schon, du
-wirst die Güte haben, einige Briefe für mich zu schreiben, und während
-du damit beschäftigt bist, fahre ich in die Stadt und mache meine
-Abschiedsbesuche. Ist’s dir so recht?“</p>
-
-<p>„Gewiß, mein liebes, gutes, schönes Weib.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Sie klopfte früh am Morgen an meine Türe und fragte, wie ich
-geschlafen. Ihre Liebenswürdigkeit ist wahrhaft entzückend, ich hätte
-nie gedacht, daß ihr die Sanftmut so gut läßt.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Nun ist sie mehr als vier Stunden fort, ich bin mit meinen Briefen
-längst fertig und sitze in der Galerie und blicke auf die Straße
-hinaus, ob ich nicht ihren Wagen in der Ferne entdecke. Mir wird ein
-wenig bange um sie, und doch habe ich weiß Gott keinen Anlaß mehr zu
-Zweifeln oder Befürchtungen; aber es liegt da auf meiner Brust und ich<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-werde es nicht los. Vielleicht sind es die Leiden vergangener Tage, die
-noch ihren Schatten in meine Seele werfen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Da ist sie, strahlend von Glück, von Zufriedenheit.</p>
-
-<p>„Nun, ist alles nach Wunsch gegangen?“ fragte ich sie, zärtlich ihre
-Hand küssend.</p>
-
-<p>„Ja, mein Herz,“ erwidert sie, „und wir reisen heute nacht, hilf mir
-meine Koffer packen.“</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p191_ill" name="p191_ill">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p191_ill.jpg"
- alt="Haydée" /></a>
-</div>
-
-<p>Gegen Abend bittet sie mich, selbst auf die Post zu fahren und ihre
-Briefe zu besorgen. Ich nehme ihren Wagen und bin in einer Stunde
-zurück.</p>
-
-<p>„Die Herrin hat nach Ihnen gefragt,“ spricht die Negerin lächelnd, als
-ich die breite Marmortreppe hinaufsteige.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span></p>
-
-<p>„War jemand da?“</p>
-
-<p>„Niemand,“ erwiderte sie und kauert sich wie eine schwarze Katze auf
-den Stufen nieder.</p>
-
-<p>Ich gehe langsam durch den Saal und stehe jetzt vor der Türe ihres
-Schlafgemaches.</p>
-
-<p>Warum klopft mir das Herz? Ich bin doch so glücklich.</p>
-
-<p>Leise öffnend, schlage ich die Portière zurück. Wanda liegt auf der
-Ottomane, sie scheint mich nicht zu bemerken. Wie schön sie ist in dem
-Kleide von silbergrauer Seide, das sich verräterisch an ihre herrlichen
-Formen anschließt und ihre wunderbare Büste und ihre Arme unverhüllt
-läßt. Ihr Haar ist mit einem schwarzen Sammetbande durchschlungen und
-aufgebunden. Im Kamin lodert ein mächtiges Feuer, die Ampel wirft ihr
-rotes Licht, das ganze Zimmer schwimmt im Blut.</p>
-
-<p>„Wanda!“ sage ich endlich.</p>
-
-<p>„O Severin!“ ruft sie freudig, „ich habe dich mit Ungeduld erwartet,“
-sie springt auf und schließt mich in ihre Arme; dann setzt sie sich
-wieder in die üppigen Polster und will mich zu sich ziehen, ich gleite
-indes sanft zu ihren Füßen nieder und lege mein Haupt in ihren Schoß.</p>
-
-<p>„Weißt du, daß ich heute sehr verliebt in dich bin?“ flüstert sie und
-streicht mir ein paar lose Härchen aus der Stirne und küßt mich auf die
-Augen.</p>
-
-<p>„Wie schön deine Augen sind, sie haben mir immer am besten an dir
-gefallen, heute aber machen sie mich förmlich trunken. Ich vergehe“ &mdash;
-sie dehnte<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> ihre herrlichen Glieder und blinzelte mich durch die roten
-Wimpern zärtlich an.</p>
-
-<p>„Und du &mdash; du bist kalt &mdash; du hältst mich wie ein Stück Holz; warte
-nur, ich will dich noch verliebt machen!“ rief sie und hing wieder
-schmeichelnd und kosend an meinen Lippen.</p>
-
-<p>„Ich gefalle dir nicht mehr, ich muß wieder einmal grausam gegen dich
-sein, ich bin heute offenbar zu gut gegen dich; weißt du was, Närrchen,
-ich werde dich ein wenig peitschen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Aber Kind&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Ich will es.“</p>
-
-<p>„Wanda!“</p>
-
-<p>„Komm, laß dich binden,“ fuhr sie fort und sprang mutwillig durch das
-Zimmer, „ich will dich recht verliebt sehen, verstehst du? Da sind die
-Stricke. Ob ich es noch kann?“</p>
-
-<p>Sie begann damit, mir die Füße zu fesseln, dann band sie mir die Hände
-fest auf den Rücken und endlich schnürte sie mir die Arme wie einem
-Delinquenten zusammen.</p>
-
-<p>„So,“ sprach sie in heiterem Eifer, „kannst du dich noch rühren?“</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>„Gut&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>Sie machte hierauf aus einem starken Seile eine Schlinge, warf sie mir
-über den Kopf und ließ sie bis zu den Hüften hinabgleiten, dann zog sie
-sie fest zusammen und band mich an die Säule.</p>
-
-<p>Mich faßte in diesem Augenblicke ein seltsamer Schauer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p>
-
-<p>„Ich habe das Gefühl, wie wenn ich hingerichtet würde,“ sagte ich leise.</p>
-
-<p>„Du sollst auch heute einmal ordentlich gepeitscht werden!“ rief Wanda.</p>
-
-<p>„Aber nimm die Pelzjacke dazu,“ sagte ich, „ich bitte dich.“</p>
-
-<p>„Dies Vergnügen kann ich dir schon machen,“ antwortete sie, holte ihre
-Kazabaika und zog sie lächelnd an, dann stand sie, die Arme auf der
-Brust verschränkt, vor mir und betrachtete mich mit halbgeschlossenen
-Augen.</p>
-
-<p>„Kennst du die Geschichte vom Ochsen des Dionys?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Ich erinnere mich nur dunkel, was ist damit?“</p>
-
-<p>„Ein Höfling ersann für den Tyrannen von Syrakus ein neues
-Marterwerkzeug, einen eisernen Ochsen, in welchen der zum Tode
-Verurteilte gesperrt und in ein mächtiges Feuer gesetzt wurde.</p>
-
-<p>Sobald nun der eiserne Ochse zu glühen begann, und der Verurteilte
-in seinen Qualen aufschrie, klang sein Jammern wie das Gebrüll eines
-Ochsen.</p>
-
-<p>Dionys lächelte dem Erfinder gnädig zu und ließ, um auf der Stelle
-einen Versuch mit seinem Werk zu machen, ihn selbst zuerst in den
-eisernen Ochsen sperren.</p>
-
-<p>Die Geschichte ist sehr lehrreich.</p>
-
-<p>So warst du es, der mir die Selbstsucht, den Übermut, die Grausamkeit
-eingeimpft hat, und <em class="gesperrt">du sollst ihr erstes Opfer werden</em>. Ich finde
-jetzt in der Tat Vergnügen daran, einen Menschen, der denkt und fühlt
-und will, wie ich, einen Mann, der<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> an Geist und Körper stärker ist,
-wie ich, in meiner Gewalt zu haben, zu mißhandeln, und ganz besonders
-einen Mann, der mich liebt.</p>
-
-<p>Liebst du mich noch?“</p>
-
-<p>„Bis zum Wahnsinn!“ rief ich.</p>
-
-<p>„Um so besser,“ erwiderte sie, „um so mehr Genuß wirst du bei dem
-haben, was ich jetzt mit dir anfangen will.“</p>
-
-<p>„Was hast du nur?“ fragte ich, „ich verstehe dich nicht, in deinen
-Augen blitzt es heute wirklich wie Grausamkeit und du bist so seltsam
-schön &mdash; so ganz ‚Venus im Pelz‘.“</p>
-
-<p>Wanda legte, ohne mir zu antworten, die Arme um meinen Nacken und küßte
-mich. Mich ergriff in diesem Augenblicke wieder der volle Fanatismus
-meiner Leidenschaft.</p>
-
-<p>„Nun, wo ist die Peitsche?“ fragte ich.</p>
-
-<p>Wanda lachte und trat zwei Schritte zurück.</p>
-
-<p>„Du willst also durchaus gepeitscht werden?“ rief sie, indem sie den
-Kopf übermütig in den Nacken warf.</p>
-
-<p>„Ja.“</p>
-
-<p>Auf einmal war Wandas Gesicht vollkommen verändert, wie vom Zorne
-entstellt, sie schien mir einen Moment sogar häßlich.</p>
-
-<p>„Also peitschen Sie ihn!“ rief sie laut.</p>
-
-<p>In demselben Augenblicke steckte der schöne Grieche seinen schwarzen
-Lockenkopf durch die Gardinen ihres Himmelbettes. Ich war anfangs
-sprachlos, starr. Die Situation war entsetzlich komisch,<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> ich hätte
-selbst laut aufgelacht, wenn sie nicht zugleich so verzweifelt traurig,
-so schmachvoll für mich gewesen wäre.</p>
-
-<p>Das übertraf meine Phantasie. Es lief mir kalt über den Rücken, als
-mein Nebenbuhler heraustrat in seinen Reitstiefeln, seinem engen,
-weißen Beinkleid, seinem knappen Samtrock, und mein Blick auf seine
-athletischen Glieder fiel.</p>
-
-<p>„Sie sind in der Tat grausam,“ sprach er, zu Wanda gekehrt.</p>
-
-<p>„Nur genußsüchtig,“ entgegnete sie mit wildem Humor, „der Genuß macht
-allein das Dasein wertvoll, wer genießt, der scheidet schwer vom
-Leben, wer leidet oder darbt, grüßt den Tod wie einen Freund; wer
-aber genießen will, muß das Leben heiter nehmen, im Sinne der Antike,
-er muß sich nicht scheuen, auf Kosten anderer zu schwelgen, er darf
-nie Erbarmen haben, er muß andere vor seinen Wagen, vor seinen Pflug
-spannen, wie Tiere; Menschen, die fühlen, die genießen möchten, wie er,
-zu seinen Sklaven machen, sie ausnützen in seinem Dienste, zu seinen
-Freuden, ohne Reue; nicht fragen, ob ihnen auch wohl dabei geschieht,
-ob sie zugrunde gehen. Er muß immer vor Augen haben: wenn sie mich
-so in der Hand hätten, wie ich sie, täten sie mir dasselbe, und ich
-müßte mit meinem Schweiße, meinem Blute, meiner Seele ihre Genüsse
-bezahlen. So war die Welt der Alten, Genuß und Grausamkeit, Freiheit
-und Sklaverei gingen von jeher Hand in Hand; Menschen, welche gleich
-olympischen Göttern leben wollen, müssen Sklaven haben, welche sie
-in ihre Fischteiche<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> werfen, und Gladiatoren, die sie während ihres
-üppigen Gastmahls kämpfen lassen und sich nichts daraus machen, wenn
-dabei etwas Blut auf sie spritzt.“</p>
-
-<p>Ihre Worte brachten mich vollends zu mir.</p>
-
-<p>„Binde mich los!“ rief ich zornig.</p>
-
-<p>„Sind Sie nicht mein Sklave, mein Eigentum?“ erwiderte Wanda, „soll ich
-Ihnen den Vertrag zeigen?“</p>
-
-<p>„Binde mich los!“ drohte ich laut, „sonst &mdash;“ ich riß an den Stricken.</p>
-
-<p>„Kann er sich losreißen?“ fragte sie, „denn er hat gedroht, mich zu
-töten.“</p>
-
-<p>„Seien Sie ruhig,“ sprach der Grieche, meine Fesseln prüfend.</p>
-
-<p>„Ich rufe um Hilfe,“ begann ich wieder.</p>
-
-<p>„Es hört Sie niemand,“ entgegnete Wanda, „und niemand wird mich
-hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen
-ein frivoles Spiel zu treiben,“ fuhr sie fort, mit satanischem Hohne
-die Phrasen meines Briefes an sie wiederholend.</p>
-
-<p>„Finden Sie mich in diesem Augenblicke bloß grausam und unbarmherzig,
-oder bin ich im Begriffe, <em class="gesperrt">gemein</em> zu werden? Was? Lieben Sie mich
-noch oder hassen und verachten Sie mich bereits? Hier ist die Peitsche“
-&mdash; sie reichte sie dem Griechen, der sich mir rasch näherte.</p>
-
-<p>„Wagen Sie es nicht!“ rief ich, vor Entrüstung bebend, „von Ihnen dulde
-ich nichts&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Das glauben Sie nur, weil ich keinen Pelz<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> habe,“ erwiderte der
-Grieche mit einem frivolen Lächeln, und nahm seinen kurzen Zobelpelz
-vom Bette.</p>
-
-<p>„Sie sind köstlich!“ rief Wanda, gab ihm einen Kuß und half ihm in den
-Pelz hinein.</p>
-
-<p>„Darf ich ihn wirklich peitschen?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Machen Sie mit ihm, was Sie wollen,“ entgegnete Wanda.</p>
-
-<p>„Bestie!“ stieß ich empört hervor.</p>
-
-<p>Der Grieche heftete seinen kalten Tigerblick auf mich und versuchte
-die Peitsche, seine Muskeln schwollen, während er ausholte und sie
-durch die Luft pfeifen ließ, und ich war gebunden wie Marsyas und mußte
-sehen, wie sich Apollo anschickte, mich zu schinden.</p>
-
-<p>Mein Blick irrte im Zimmer umher und blieb auf der Decke haften, wo
-Simson zu Delilas Füßen von den Philistern geblendet wird. Das Bild
-erschien mir in diesem Augenblicke wie ein Symbol, ein ewiges Gleichnis
-der Leidenschaft, der Wollust, der Liebe des Mannes zum Weibe. „Ein
-jeder von uns ist am Ende ein Simson,“ dachte ich, „und wird zuletzt
-wohl oder übel von dem Weibe, das er liebt, verraten, sie mag ein
-Tuchmieder tragen oder einen Zobelpelz.“</p>
-
-<p>„Nun sehen Sie zu,“ rief der Grieche, „wie ich ihn dressieren werde.“
-Er zeigte die Zähne und sein Gesicht bekam jenen blutgierigen Ausdruck,
-der mich gleich das erste Mal an ihm erschreckt hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p199" name="p199">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/p199.jpg"
- alt="Der Grieche" /></a>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p>
-
-<p>Und er begann mich zu peitschen &mdash; so unbarmherzig, so furchtbar, daß
-ich unter jedem Hiebe zusammenzuckte und vor Schmerz am ganzen Leibe
-zu zittern begann, ja die Tränen liefen mir über die Wangen, während
-Wanda in ihrer Pelzjacke auf der Ottomane lag, auf den Arm gestützt,
-mit grausamer Neugier zusah und sich vor Lachen wälzte.</p>
-
-<p>Das Gefühl, vor einem angebeteten Weibe von dem glücklichen Nebenbuhler
-mißhandelt zu werden, ist nicht zu beschreiben, ich verging vor Scham
-und Verzweiflung.</p>
-
-<p>Und das Schmachvollste war, daß ich in meiner jämmerlichen Lage, unter
-Apollos Peitsche und bei meiner Venus grausamem Lachen anfangs eine Art
-phantastischen, übersinnlichen Reiz empfand, aber Apollo peitschte mir
-die Poesie heraus, Hieb für Hieb, bis ich endlich in ohnmächtiger Wut
-die Zähne zusammenbiß und mich, meine wollüstige Phantasie, Weib und
-Liebe verfluchte.</p>
-
-<p>Ich sah jetzt auf einmal mit entsetzlicher Klarheit, wohin die blinde
-Leidenschaft, die Wollust, seit Holofernes und Agamemnon den Mann
-geführt hat, in den Sack, in das Netz des verräterischen Weibes, in
-Elend, Sklaverei und Tod.</p>
-
-<p>Mir war es, wie das Erwachen aus einem Traum.</p>
-
-<p>Schon floß mein Blut unter seiner Peitsche, ich krümmte mich wie ein
-Wurm, den man zertritt, aber er peitschte fort ohne Erbarmen und sie
-lachte fort ohne Erbarmen, während sie die gepackten Koffer schloß, in
-ihren Reisepelz schlüpfte, und lachte noch, als sie an seinem Arme die
-Treppe hinab, in den Wagen stieg.</p>
-
-<p>Dann war es einen Augenblick stille.</p>
-
-<p>Ich lauschte atemlos.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt fiel der Schlag zu, die Pferde zogen an &mdash; noch einige Zeit das
-Rollen des Wagens &mdash; dann war alles vorbei.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Einen Augenblick dachte ich daran, Rache zu nehmen, ihn zu töten, aber
-ich war ja durch den elenden Vertrag gebunden, mir blieb also nichts
-übrig, als mein Wort zu halten und meine Zähne zusammenzubeißen.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Die erste Empfindung nach der grausamen Katastrophe meines Lebens war
-die Sehnsucht nach Mühen, Gefahren und Entbehrungen. Ich wollte Soldat
-werden und nach Asien gehen oder Algier, aber mein Vater, der alt und
-krank war, verlangte nach mir.</p>
-
-<p>So kehrte ich still in die Heimat zurück und half ihm zwei Jahre seine
-Sorgen tragen und die Wirtschaft führen und lernte, was ich bisher
-nicht gekannt, und mich jetzt gleich einem Trunk frischen Wassers
-labte, <em class="gesperrt">arbeiten</em> und <em class="gesperrt">Pflichten erfüllen</em>. Dann starb mein
-Vater, und ich wurde Gutsherr, ohne daß sich dadurch etwas geändert
-hätte. Ich habe mir selbst die spanischen Stiefel angelegt und lebe
-hübsch vernünftig weiter, wie wenn der Alte hinter mir stünde und mit
-seinen großen, klugen Augen über meine Schulter blicken würde.</p>
-
-<p>Eines Tages kam eine Kiste an, von einem Briefe begleitet. Ich erkannte
-Wandas Schrift.</p>
-
-<p>Seltsam bewegt öffnete ich ihn und las.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="padleft2">„<em class="gesperrt">Mein Herr!</em></p>
-
-<p>Jetzt, wo mehr als drei Jahre seit jener Nacht in Florenz
-verflossen sind, darf ich Ihnen noch einmal gestehen, daß ich Sie
-sehr geliebt habe, Sie selbst aber haben mein Gefühl erstickt durch
-Ihre phantastische Hingebung, durch Ihre wahnsinnige Leidenschaft.
-Von dem Augenblicke an, wo Sie mein Sklave waren, fühlte ich, daß
-Sie nicht mehr mein Mann werden konnten, aber ich fand es pikant,
-Ihnen Ihr Ideal zu verwirklichen und Sie vielleicht &mdash; während ich
-mich köstlich amüsierte &mdash; zu heilen.</p>
-
-<p>Ich habe den starken Mann gefunden, dessen ich bedurfte und mit dem
-ich so glücklich war, wie man es nur auf dieser komischen Lehmkugel
-sein kann.</p>
-
-<p>Aber mein Glück war, wie jedes menschliche, nur von kurzer Dauer.
-Er ist, vor einem Jahre etwa, im Duell gefallen und ich lebe
-seitdem in Paris, wie eine Aspasia.</p>
-
-<p>Und Sie? &mdash; Ihrem Leben wird es gewiß nicht an Sonnenschein fehlen,
-wenn Ihre Phantasie die Herrschaft über Sie verloren hat und jene
-Eigenschaften bei Ihnen hervorgetreten sind, welche mich anfangs so
-sehr anzogen, die Klarheit des Gedankens, die Güte des Herzens und
-vor allem &mdash; <em class="gesperrt">der sittliche Ernst</em>.</p>
-
-<p>Ich hoffe, Sie sind unter meiner Peitsche gesund geworden, die Kur
-war grausam aber radikal. Zur Erinnerung an jene Zeit und eine
-Frau, welche Sie leidenschaftlich geliebt hat, sende ich Ihnen das
-Bild des armen Deutschen.</p>
-
-<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Venus im Pelz.</em>“</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-<p>Ich mußte lächeln, und wie ich in Gedanken versank, stand plötzlich
-das schöne Weib in der hermelinbesetzten Samtjacke, die Peitsche in
-der Hand, vor mir und ich lächelte weiter über das Weib, das ich so
-wahnsinnig geliebt, die Pelzjacke, die mich einst so sehr entzückt,
-über die Peitsche, und lächelte endlich über meine Schmerzen und sagte
-mir: die Kur war grausam, aber radikal, und die Hauptsache ist: ich bin
-gesund geworden.</p>
-
-<p class="center">*<span class="mleft5">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>„Nun, und die Moral von der Geschichte?“ sagte ich zu Severin, indem
-ich das Manuskript auf den Tisch legte.</p>
-
-<p>„Daß ich ein Esel war,“ rief er, ohne sich zu mir zu wenden, er schien
-sich zu genieren. „Hätte ich sie nur gepeitscht!“</p>
-
-<p>„Ein kurioses Mittel,“ erwiderte ich, „das mag bei deinen Bäuerinnen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„O! die sind daran gewöhnt,“ antwortete er lebhaft, „aber denke dir die
-Wirkung bei unsern feinen, nervösen, hysterischen Damen&nbsp;&mdash;“</p>
-
-<p>„Aber die Moral?“</p>
-
-<p>„Daß das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann
-gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine
-Despotin sein kann, <em class="gesperrt">nie aber seine Gefährtin</em>. Dies wird sie erst
-dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm
-ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt haben wir nur die Wahl, Hammer oder Ambos zu sein, und ich war
-der Esel, aus mir den Sklaven eines Weibes zu machen, verstehst du?</p>
-
-<p>Daher die Moral der Geschichte: Wer sich peitschen läßt, verdient,
-gepeitscht zu werden.</p>
-
-<p>Mir sind die Hiebe, wie du siehst, sehr gut bekommen, der rosige,
-übersinnliche Nebel ist zerronnen und mir wird niemand mehr die
-heiligen Affen von Benares<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> oder den Hahn des Plato<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> für ein
-Ebenbild Gottes ausgeben.“</p>
-
-<div class="figcenter padbot3">
- <a id="p208_deco" name="p208_deco">
- <img class="w10 mtop1 mbot1" src="images/p204_deco.jpg"
- alt="schlussvignette" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<div class="footnotes">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zu „Venus im Pelz“.</b></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Lange Peitsche am kurzen Stiel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Lemberg.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Frauenjacke.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Judengasse in Lemberg.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> So nennt Arthur Schopenhauer die Frauen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Diogenes warf einen gerupften Hahn in die Schule des Plato
-und rief: „Da habt Ihr den Menschen des Plato“.</p></div>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s5 center padtop3 padbot3 u"><span class="o">Druck: Otto Wigand’sche
-Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.</span></p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="reklame">
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s5 center u"><b>Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in
-Leipzig</b></p>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center">Novellen von Leopold Ritter von Sacher-Masoch</p>
-
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padright1">
- <b class="s1">Grausame Frauen</b>
- </div>
- <div class="csscell">
- <b class="s1">Das Rätsel Weib</b>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padright1">
- Mit farbigem
- </div>
- <div class="csscell">
- Mit farbigem
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padright1">
- Künstlerumschlag von
- </div>
- <div class="csscell">
- Künstlerumschlag von
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell s4 padright1">
- A. Scheiner
- </div>
- <div class="csscell s4">
- A. Scheiner
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padright1">
- Preis brosch. M. 7.&mdash;
- </div>
- <div class="csscell">
- Preis brosch. M. 7.&mdash;
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell padright1">
- gebunden M. 11.&mdash;
- </div>
- <div class="csscell">
- gebunden M. 11.&mdash;
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s1 center"><b>Dämonen und Sirenen</b></p>
-
-<p class="s4 center">Mit farbigem Künstlerumschlag von<br />
-
-A. Scheiner</p>
-
-<p class="center">Preis brosch. M. 7.&mdash;, gebund. M. 11.&mdash;</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p207_deko" name="p207_deko">
- <img class="w3 mtop1 mbot1" src="images/p207_deko.jpg"
- alt="Dekoration" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0">In diesen fein pointierten kleinen Erzählungen zeigt sich des genialen
-Erzählers Kunst im schönsten Lichte. Von jeher wurden sie von seinen
-Verehrern ganz besonders geschätzt, und in den vorliegenden, besonders
-sorgfältigen Ausgaben dürften sie noch mehr Freunde finden als zuvor.</p>
-
-<p class="p0 padbot3">Keiner, der Sacher-Masochs Werke sammelt, darf an diesen Bänden
-vorübergehen, in denen sich manches aus der allerletzten Zeit des
-Dichters befindet.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s5 center u"><b>Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in
-Leipzig</b></p>
-
-</div>
-
-<p class="s1 center"><em class="gesperrt">Die Starken</em></p>
-
-<p class="s4 center">Ein Ringkämpferroman<br />
-<span class="s5">von</span><br />
-<span class="s3"><em class="gesperrt">Dolorosa</em></span></p>
-
-<p class="s4 center">Mit farbigem Künstlerumschlag von <b>R. Kirchner</b></p>
-
-<p class="s4 center">Preis brosch. M. 8.&mdash;, gebunden M. 12.&mdash;</p>
-
-<p class="mtop1">Ein Hauch derb-frischer Männlichkeit weht durch dieses eigenartige
-Buch, das uns in die Welt der Helden der Arena einführt. Dieser
-modernen Gladiatoren, die die Bewunderung der Männer erregen, und denen
-die Herzen der Frauen in ungestümer Leidenschaft entgegenschlagen.</p>
-
-<p>Das überaus eigenartige Buch ist ein interessanter Beitrag zur
-Sittengeschichte unserer Zeit.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="p208_deko" name="p208_deko">
- <img class="w3 mtop1 mbot1" src="images/p207_deko.jpg"
- alt="Dekoration" /></a>
-</div>
-
-<p class="s1 center"><em class="gesperrt">Unfruchtbarkeit</em></p>
-
-<p class="s4 center">Roman von<br />
-<span class="s3"><em class="gesperrt">Dolorosa</em></span></p>
-
-<p class="s4 center">Mit einem Titelbilde von <b>Fritz Buchholz</b> und
-mit farbigem Künstlerumschlag von <b>Raphael Kirchner</b></p>
-
-<p class="s4 center">Preis brosch. M. 8.&mdash;, gebunden M. 12.&mdash;</p>
-
-<p>Die Verfasserin rollt hier die Frage auf, ob Unfruchtbarkeit ein Segen
-oder ein Fluch sei, und tut es mit einer Kühnheit, die fast beispiellos
-genannt werden muß. Als das Buch erschien, machte es ungeheures
-Aufsehen. Mehr als ein berufener Beurteiler nannte Dolorosa seinetwegen
-einen weiblichen Zola und ihr Werk ein Gegenstück zu des großen
-Franzosen „Fruchtbarkeit“.</p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Venus im Pelz, by Leopold von Sacher-Masoch
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VENUS IM PELZ ***
-
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