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Erster Band - -Author: August Peters - -Release Date: November 25, 2017 [EBook #56045] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Erzgebirgische Geschichten - - von - - Elfried von Taura, - - Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc. - - [Illustration] - - Erster Band. - - Hannover. - - Carl Rümpler. - - 1858. - - - - -Druck von August Grimpe in Hannover. - - - - -Inhalt. - - - Bretschneiderfritz. - - Die Fundgrube Vater Abraham. - - Der Gimpelkönig. - - - - -I. - -Bretschneiderfritz. - - -1. - -Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen -Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und -Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein, -Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig -Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher -und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln -mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten -Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von -bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren -Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation -stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter -jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der -Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze -Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber -von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald -sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt -hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten -und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches -Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich -durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne -Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen -Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten -Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb -derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt, -Bretmühle. - -Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn -immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der -einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr -erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe -durchmessen. - -Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was -war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und -Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand -und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld -verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem -Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er -hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze -wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden, -welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte -jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den -Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte -bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch -immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien« -gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an -heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war, -so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen -zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war -ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der -er Herz und Hand schenken mochte, das war +Kordel+, die Mündel seines -Brodherrn, des Müllers. - -Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem -Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht -angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen -gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis -über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie -kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie -von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas -Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder -in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und -aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein, -wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt -entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs -fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes -Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf -den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem -Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand -ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir -nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm -indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens -schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens -Unglück. - -In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte -ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht -an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht -wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da -die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen -von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in -der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß -er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte. -Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein -Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche -noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und -der ihr gefalle, solle sie heimholen. -- »Ja« -- mußte sie aber dann -lächelnd einwenden -- »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der -Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« -- »Je nun« -- raisonnirte der -Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter -- »wer weiß, es kann -morgen Einer kommen.« - -Es war eines Sonntags, als sie aus der Kirche kam, wo sie dieses -Selbstgespräch hielt, und sie war dazu durch die Neckerei ihrer -Freundinnen auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg führte sie an -ihrem von den Eltern ererbten Häuschen vorüber, welches jetzt eine -alte Muhme bewohnte, die als Sibylle von Königswald bei allen jungen -Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden Weibern und Männern -des Ortes in hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den letzten -Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor ihrem Besitzthum; was war -bei der Richtung ihrer Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging, -die »Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann ihr beschieden wäre. -Die Alte empfing ihre jugendliche Hauswirthin mit zuvorkommender -Dienstwilligkeit -- ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig Blättern -lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren Wunsch noch ausgesprochen hatte. -Richtig! da war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, schöner Herr -in einem grünen Rock« beschieden, nicht aus Königswald, sondern weit, -weit her -- aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus Bautzen;« er war -bereits unterwegs und eh' drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon -gesehen haben. - -Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem Abend so geschwind -eingeschlafen ist, wie sonst, und wenn sie nicht von dem Grünrock -geträumt hat. Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen vor -die Augen brachte, so oft sie auch zum Fenster hinaussah oder sich im -Hofe, im Garten und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar -- -Abends beim Essen erzählte der Müller, daß beim Förster drüben ein -neuer Gehülfe angekommen sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er auf -dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten Nachmittag zugebracht -habe, wie lange keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken, und diese -Nacht träumte sie wirklich von einem Grünrock. - -Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; kaum hatte sie ihren -Kaffee getrunken, so nahm sie Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die -Wiese, die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, dort zu mähen. -Denn der Müller hielt sie nicht zum Staat in seinem Hause, sondern ließ -sie ihr Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei Schwaden nieder, -da horch! -- so etwas hatte sie noch nie gehört, -- aus dem offenen -Giebelfenster des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen welche die -des Kantors nur heiseres Gekrächze war, das schöne Lied: »Es blies ein -Jäger wohl in sein Horn -- trarah -- trarah -- trarah etc.« Das Mädchen -vergaß gar das Mähen über den wunderholden Tönen, und die Empfindungen, -welche Text und Melodie athmen, strömten in solchen Schauern durch ihre -Brust, daß diese das fesselnde Mieder zu zersprengen drohte. - -Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte Sang an sein Fensterlein, -das nach dieser Seite herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb -nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre Sense gelehnt in -Zuhören versunken sah, das will ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm -noch schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu Ende und Kordel hatte -kaum die Sense wieder in Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker -grünrockiger Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum Forsthause -heraus, setzt wie ein Hirsch über den Bach und ist wie der Blitz an -Kordel's Seite. - -»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte der Wildfang. -- »So schöne -Gelegenheit, Unterricht in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich -im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde nehmen. Ich bitte!« -Und damit nimmt er die Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden -Mädchens. - -»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. -- »Ich habe Sie -erschreckt -- dictiren Sie mir welche Strafe Sie wollen, und zürnen Sie -mir nicht!« - -»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das verlegene Kind. - -»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte der kecke Mensch. -- »Wenn -Sie mir böse sind, so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, daß -er meinen Advocaten bei Ihnen mache.« - -»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, »sondern nur mein -Vormund.« - -»So vertritt mein alter Freund von gestern also doch Vaterstelle bei -Ihnen. Wie ist es, muß ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen -Sie mir so?« - -»Ich habe ja nichts zu verzeihen.« - -»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste kleine Hand! Man sollte nicht -meinen, daß sie solche Arbeit verrichten könnte.« - -»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben Sie mir nur die Sense!« - -Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine Schwade zu hauen. - -»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm in den Arm fallend, »so -hauen Sie sich ja die Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und zeigte -ihm, wie man sie führen müsse. - -Dem Allen mußte der gute Bretschneider von seiner Bretmühle aus -zusehen, und ihm war, als ob die kreischende Säge hinter ihm mitten -durch sein Herz schnitt. Jetzt -- das sah er ein -- war es die höchste -Zeit, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, sonst war es für ihn -verloren. Er eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem Herrn -ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit zu reden. Leider war -der Müller ausgegangen und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag. -Als er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die von der Wiese -zurückkommende Kordel. Er sah sie mit einem traurigen und doch so -innigen Blick an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte er -dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß legen sollen; gewiß, sie -hätte ihm nicht widerstanden, und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre -sie ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders geworden mit dem -armen Fritz -- aber auch mit ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu -seiner Säge -- mit der konnte er um die Wette seufzen. - - -2. - -Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel bereits wieder draußen -herumwirthschaftete, zog Fritz den Müller mit sich auf die Bretmühle. -Wie bekannt hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in welchem sich die -Radstube befindet. Dort häufen sich auch die von oben herabfallenden -Sägespäne auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel, um dergleichen -Späne einzufassen, sich in der Radstube befand, als Fritz und der -Müller oben ankamen und sich auf den vor der Säge liegenden Klotz -setzend, ein Gespräch begannen, in welchem das Mädchen fast das -erste Wort war. Kordel war bestimmt nicht die Neugierigste ihres -Geschlechtes, aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand verargen, -wenn sie sich nahe herbeischlich und sich hütete, ihre Anwesenheit zu -verrathen. Der Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß er sein -Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte. Der Müller entschuldigte -sich damit, daß es noch immer nicht habe passen wollen, fügte -aber hinzu, daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um einen -Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen, was für Einer das -wäre, antwortete der Müller: - -»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll mir zu meinem Eigenthum -verhelfen, den achtzehn Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.« - -Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte kein Wort. - -»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,« fuhr der Müller fort, -»wenn wir die Fichten holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der -Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner Mühle; der frühere Förster -hat bei Lebzeiten meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt und -so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem Revier hatte, an den -Staatswald gebracht.« - -»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?« fragte Fritz. - -»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus gegenüber!« versetzte -der Müller. »Soll ich mich um die Mühle prozessiren? Er weiß doch, -wie es den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren wegen des -Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß liegen. Fritz -- sei Er nicht -wunderlich! Es ist ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe -ist auf dem Revier noch unbekannt, auch bin ich bereits gut Freund mit -ihm und will ihn schon lenken.« - -Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser Sache möcht' ich nicht -gern zu schaffen haben.« - -»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten auf die Kordel zu -schaffen und ich gebe sie, wen sie sonst will.« Damit erhob sich der -Müller und ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung sitzen. - -Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein Wort verloren. Sie vergaß -die Sägspäne vor Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn Fichten -verkuppeln wollte und auch über den Fritz, daß er sich mit seiner -Werbung an den Vormund statt an sie selber gewendet hatte. - -Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich indeß schon am Abend; denn -da brachte er den Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt -seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt, der ihm -verwegen auf dem rechten Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er -ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine Guitarre, auf der er -im Schreiten über die Hausflur bis in die Mitte der Stube einen Marsch -spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten Hausgesindes, nur -nicht des Bretschneiders. Der ärgerte sich über die Musik dermaßen, daß -er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie ins Feld rückte: er nahm -die Feile zur Hand und fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen, -daß es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da konnte der Jäger -allerdings nicht spielen und singen, weshalb die Müllerin hinausrannte -und dem Fritz das Schärfen untersagte. - -Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger, wie ihrer nicht viele in -grünen Pikeschen umherlaufen. Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von -seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel hatte gar keine -Ahnung, was für ein Springinsfeld der dunkellockige Sänger war, sonst -hätte sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang in ihr -Herz gestattet, wie es schon am Morgen der Fall gewesen war und noch -weit mehr diesen Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch andere, -ja, einen wie den andern stellte sich der Jäger ein, und eh' die Woche -um war, fand er sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's Herz hing -wehrlos in seinem aus Gluthblicken und Tönen gewobenen Liebesnetz. - -Um den Bretschneiderfritz war es geschehen. Am Sonntage mußte er sehen, -wie Kordel in Begleitung des Müllers und des Grünrocks in »das Gericht« -zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in sein Herz, und wie er ihnen -nachsah, ballte er seine Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich -will ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf zog er sich an und -ging ebenfalls in das Gericht. - -Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und Niemand in ganz Königswald -konnte auftreten und sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken -gesehen; heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand, welches der -Teufel der Eifersucht ihm noch gelassen, das trieb der Schnapsgeist -vollends aus. Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als er sich -vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube hinauf in den Tanzsaal -zu gehen, aber wer ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die -Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich an, als er auf sie zukam, -und obschon sie nicht wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie -sich doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich riß, daß es ihr -den Athem versetzte. Er wollte sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie -stieß ihn mit solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte. -Der Müller hob ihn auf und führte ihn fort, während Kordel sich unter -den Schutz des Forstgehülfen flüchtete. - -»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder nach der Schänkstube -gingen, »wollen Sie die Fichten noch haben?« - -»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der Müller kühl. - -»Ich hole sie -- heute Nacht noch fang' ich an. Geben Sie auf die -Kordel Acht und halten Sie den Försterburschen auf!« - -»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller, worauf Fritz, ohne noch -ein Wort zu sagen, davon eilte. - -Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten, weniger durch das -Zureden des Müllers, als durch den Zauber, den Kordel auf ihn übte. -Es graute schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die Mühle -zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein Gewehr über, das er hier -eingelegt hatte, nahm mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte -dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht zu erfüllen. Als er -aber an ein wunderheimliches Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen -beschatteter schwellender Mooshang zum Ruhen einlud, meinte er, es sei -Eins besser als das Andere, legte sich und schlief ein. Erst als die -Mittagssonne durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges ihm ins Gesicht -schien, erwachte er, und da mußte es sich noch schicken, daß ihm zwei -Weiber mit schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen, gegen die er -das Interesse des Staates durch Pfänden und Aufschreiben der Namen -wahren konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines Diensteifers --- eine Handsäge und ein Beil -- dem Prinzipal überliefern zu können, -betrat er das Forsthaus -- aber mit einem »Hol' Sie der Henker mit -Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder von dem erzürnten Förster vor -die Füße geworfen. - -»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen Diebe hängt man, die großen -läßt man laufen?« fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt, -daß man nicht die drei schönsten Fichten im Walde gestohlen hätte, -als daß Sie auf ein paar alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn -Sie sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen, -so sind wir auf der Stelle geschiedene Leute. Von heute an inspiciren -Sie lediglich den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die Bretmühle, -denn irre ich nicht, so haust dort unser Dieb, obgleich eine genaue -Haussuchung in allen Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste -ergeben hat.« - - -3. - -Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah, wo in der Nacht die -stattlichen Bäume verschwunden waren, wurde es ihm gleich klar, daß -dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle gewandert sein -konnten. Sicher aber war der Müller unschuldig daran, denn wie sollte -ein so bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher durch den -Vorfall nicht abhalten, gegen Abend wieder in die Mühle zu gehen und -eine Blumenlese theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten -zu geben. Länger aber als bis es finster geworden war, ließ er sich -diesmal nicht halten, sondern er ging an seinen Posten, schwörend, daß -wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden sollten. Sie kamen -aber nicht, und auch die folgende Nacht nicht, noch die dritte. - -In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart, es sei doch eine -Thorheit, da umsonst und nichts im kühlen Forst die halbe Nacht -hindurch zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das je an eines -Waidmanns Brust gelegen, zu kosen. Er ging zwar wie gewöhnlich um neun -Uhr aus der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber als im Dorfe der -Wächter die zehnte Stunde abblies, schlich er sich wieder in die Mühle, -wo Kordel ihn bereits erwartete -- das arme, arme Ding! -- - -Als am frühen Morgen der pflichtvergessene Bursche aus Kordel's Armen -hinauseilte nach dem Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein -holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde er von dem Anblick -der drei frischen Stöcke, die neben den drei ersten entstanden waren, -wie vom Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst, das wußte er, -denn der Förster spaßte nicht, und dies und wieder dies allein war -sein Gedanke und seine Sorge -- was aus der armen Kordel werden würde, -daran dachte er nicht im Geringsten. Aber vielleicht konnte sie ihm -zur Entdeckung des Diebes behülflich sein -- dieser Gedanke trieb ihn -flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte, Kordel noch wachte, da sie -jetzt den Backofen zu heizen hatte. - -Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme, die sie eben -angezündet hatte, auf den Stufen vor dem Backofen und hatte ihr Antlitz -in die Schürze gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie fiel -ihm weinend um den Hals und dankte, daß er wiederkomme, denn ihr sei so -angst und bange geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr« -- fuhr -sie, ihm in die verführerischen Augen blickend, fort -- »nicht wahr, Du -verlässest mich nicht?« - -»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte er, sie küssend. -Das Mädchen fuhr erschrocken zurück und fragte, wie er das meine? Nun -berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr mit, was er zu erwarten -habe, und versetzte sie dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl -gelang es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um das sie wohl wußte, -zu entlocken, erst nachdem er sie überredet hatte, daß das Vergehen mit -einigen Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit traurigen Geberden -für immer von ihr Abschied nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die -entwendeten Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht waren; mehr -aber konnte er nicht von ihr erfahren. - -Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück, als der Förster mit -einem Gerichtsschöppen erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen. -Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in Ställen und Schuppen -herumzukriechen, sondern sie verfügten sich stracks hinter die -Bretmühle, wo sie unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein großes -verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten Klötze entdeckten. Der -Müller schien nicht im Geringsten verlegen bei dieser Entdeckung; er -fluchte auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und that, als ob er -nicht das Mindeste um das Vergehen wüßte, was der Förster auch glaubte, -da er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter war, eine solche -Handlung nimmermehr zutraute. - -»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht getraut,« erklärte er, -»und kein Anderer als er und der Kadenlieb sind die Diebe.« - -Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz mit dem Tagelöhner -»Kadenlieb« ins Amt abgeführt. Der Müller mußte zwar auch mit, aber -nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener Mann entlassen. Den -Bretschneider und seinen Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten -ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die Mitschuld des Müllers -anzugeben. - -Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem Schicksale, das ihnen -bevorstand. Walddiebstähle waren im Königswalder Forst keine -Seltenheit, aber der höchste, der bis dahin an Königswalder Einwohnern -gestraft worden war, hatte den Betheiligten nicht über drei Monate -Gefängniß gebracht. Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus kommen -könne, das schien den Beiden ebenso unmöglich wie andern Königswaldern, -denn welcher gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen der -verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken daher die Inkulpaten, -als ihnen nach halbjähriger Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet -wurde, welches über den Bretschneider drei und über den Kaden -anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte! Der Letztere faßte sich zwar -bald wieder und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein, aber den -Ersteren erschütterte der harte Richterspruch so tief und dauernd, -daß sein Mitgefangener (seit die Akten spruchreif waren, hatte man die -beiden Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete, er -möchte sich »ein Leid anthun.« Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte -nicht vierzehn Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister -folgenden Brief überbracht: - - »Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. -- Ich habe den Ort, - wo die Klötze lagen, verrathen. -- Gott weiß, ich wollte - Ihnen kein Uebel zufügen -- aber die Liebe -- o Gott! wie - fürchterlich bin ich für meine Verblendung gestraft! -- Ich bin - nicht mehr in der Mühle -- als die Frau erfuhr, daß es anders - mit mir stehe, hat sie mich aus dem Hause gejagt. Ich rannte - in der Verzweiflung nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott - hat mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen, er ließ - mich zur rechten Zeit die schwere Sünde, die ich zu begehen - im Begriff stand, erkennen. -- Ich wohne nun im Hause mit der - Kartenschlägerbeate zusammen. Es ist ein traurig Leben -- o - wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus dem Hause, selbst - nicht in die Kirche, denn ich schäme mich vor den Leuten, und - zu mir kommt Niemand in meinem Elend; sogar meine besten - Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem ich meine - Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt. Nicht wahr, guter - Fritz, so hätten Sie nicht handeln können? - - Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe -- verzeihen Sie mir, lieber - Fritz! -- ich werde ruhiger werden, wenn ich Ihre Verzeihung - habe. Werth bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich - schwer an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein Vergehen - nie wieder gut machen kann. O wenn ich doch das könnte! -- - Denken Sie aber ja nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre - Verzeihung -- daß ich ein so freches Ding wäre, welches einen - braven Menschen wie Sie nun für gut genug hielte, nachdem ein - Anderer sie sitzen lassen. -- Lassen Sie mir nur ein paar - Zeilen zukommen, daß Sie mir nicht fluchen. - - Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie getroffen -- - der Bube, der eine vater- und mutterlose Waise ins tiefste - Elend stößt, geht frei aus, und ein braver Mensch, wie Sie, - wird wegen ein paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber - verlieren Sie den Muth nicht -- Gott richtet anders als die - Menschen, hoffen Sie auf ihn und den lieben Heiland, der uns - zuruft: Kommt her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen - seid! -- Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal - einem armen Handwerksburschen abgekauft habe; es ist eine - wundersame, rührende Geschichte. Ich hätte mich gern selbst - aufgemacht und Ihnen das Buch überbracht, aber ich schäme mich - so. -- Der gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie! Ich - werde allezeit für Sie beten. - - +Concordie E.+« - -Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte Wangen beim Lesen dieses -Briefes, und er konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs -vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im Briefe die Rede und das -ihm doch nicht mit übergeben worden war. Er erhielt es erst zu Mittag; -es war Zschokke's »Alamontade«. - -»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,« sprach der Wachtmeister, -als er dem Fritz das Buch darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer -nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was sie für Euch gethan -hat. Die Extrakost hat sie bezahlt.« - -»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt. - -»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister, »das würde ihn ja -verdächtig machen. Die Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten, -Euch nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit mehr thun wollen; sie -hat sich erboten, die Fichten nach der Taxe zu bezahlen und auch alle -Kosten, wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun freilich nicht an, -denn Strafe muß sein.« - -Fritz nahm dies Alles still auf -- er war keines Wortes mächtig vor den -Empfindungen, die sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister nahm -sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und verließ ihn voll Unwillen. Aber -am folgenden Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug, und als er -das hatte, schrieb er einen Brief, der den Wachtmeister eines Andern -belehrte. Ich habe den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde ich -seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der Kadenlieb hat erzählt, daß -dem alten Wachtmeister beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen -gestanden hätte. - -Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen Fritz reiche -Trostquellen; sein Benehmen wurde von Stund an so, daß es dem -»Kadenlieb« zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab. Als ihm -das zweite Erkenntniß, wodurch das erste bestätigt wurde, eröffnet -worden war, ließ er sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen. -Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte, er hätte sich mit -stoischem Gleichmuth in sein Schicksal ergeben. Zweierlei nagte an -seinem Herzen und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den -muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches Loos erträglich wird: -die Bekümmerniß um die arme, betrogene und verlassene Kordel, und der -Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe für immer auf seinen -Namen drückte. Und wie berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur -zu sehr erfahren. - - -4. - -Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus. Sein musterhaftes -Betragen gewann ihm bald die Liebe der Anstaltsbeamten und ihre -menschenfreundliche Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme, -welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale bezeugte, hielt ihn -so lange aufrecht, und am Ende des zweiten Jahres wurde er auf -nachdrückliche Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt begnadigt. - -Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet, aus dem schrecklichen -Aufenthalt heraustrat und sich wieder frei in der unendlichen Behausung -Gottes fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge von seinem -Herzen; stille bescheidene Hoffnungen hielten Einzug darin, begleiteten -ihn und förderten seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er -hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald, die gedachte er in -einem Tage zurückzulegen. Er vergaß, daß er nicht mehr der frühere -Bretschneiderfritz war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß -gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter sich hatte, wurde er -inne, welche Verheerungen eine drittehalbjährige Haft auch in dem -kräftigsten Körper anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er gegen -Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches ungefähr auf der Mitte des -Weges liegt. Dort suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier. Die -Wirthin, an welche er sich deshalb wandte, machte jenes kalte Gesicht, -das armen Fußwanderern gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem -frequenten Gasthofe Einkehr halten; das hätte den Bretschneiderfritz -jedoch wenig gekümmert, hätte die Wirthin nur nicht so schnippisch -nach dem Passe gefragt. Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes Statt -nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause -- sollte er das -hochmüthige Weib mit seiner Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein -Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan. So schüttelte er -den Staub von seinen Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten Dorfe -Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber wer weiß, wie es ihm dort -wieder gegangen wäre! Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern -einen Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger einholte, ein -Gespräch mit ihm anknüpfte und, als er seine Lage erfahren hatte, ihn -freundlichst einlud, mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde -weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich eine Nacht bei ihm -gefallen zu lassen. Fritz hätte dem gastfreundlichen Manne um den Hals -fallen mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten annahm. Die -Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei Weise kund, am schönsten aber -dem Gedrückten durch mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser -Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns, der »froh wie Gott« -sein kärglich Mahl mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte, wie -er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie wohl that seinem Herzen die -freundliche Begegnung, die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen -Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen Muth, sein Vertrauen -zu den Menschen, seine Hoffnungen wieder! »Ach! wie ist das Leben so -schön in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er, als er sich -auf sein Lager streckte, und nach innigem Gebete schlief er flugs und -fröhlich ein. - -Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine Reise am andern Morgen -fort. Sie wurde ihm noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand er -eine bergige Strecke nach der andern, und wie die Sonne auf die Wipfel -seiner heimathlichen Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die -letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten Thalfluren -ihm entgegenlachten, als der alte Kirchthurm und dann ein rauchender -Schornstein und ein graues Schindel- oder Strohdach nach dem andern -aus der Tiefe auftauchte, da erbebte sein Herz von nie empfundenem -Entzücken. Das hemmte seinen wankenden Schritt -- er mußte sich am -Waldsaum niederlassen, und in das blühende Haidekraut gestreckt, sog -er die balsamische Luft der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er -noch, als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß der -Königswalder Christengemeine nachrief. Da wurde ihm weh -- recht weh -ums Herz. Von den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und eilten -heim an den traulichen Herd, in die Kreise der Ihrigen, wo das labende -Mahl ihrer wartete und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages -Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand, kein Mahl war ihm -bereitet, und wo sollte er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese -Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle Schatten lagerten sich um -seine Seele. Er erinnerte sich, woher er kam und was das in Königswalde -zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die Königswalder es dem -»Schneiderfriedel« gemacht hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause -heimgekommen war und den ihr moralischer Bettelstolz in Verzweiflung -getrieben hatte. Zwar, Eine Seele lebte ihm in Königswald, bei der -er eines freundlichen Empfanges gewiß sein konnte; aber das war ein -lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen konnte, zumal da sie -ohnehin schon wegen ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand -ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht -- aber ihr kennt den Fritz -wenig, wenn ihr glaubt, er habe den Müller, der ihn in Schande und -Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig aus dem Hause -gestoßen, um ein Unterkommen ansprechen können. Mit dem wollte und -durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er hatte ja Verwandte -in Königswald; gleich da oben im ersten Gute, da hauste seines Vaters -Bruder, ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten wohnten zwei -Vettern, die einen einträglichen Grenzhandel trieben und außer diesen -lebten auch zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten Verwandten -nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte vor seinem Unglück mit Allen im -besten Vernehmen gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch, -daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert hatten. Was -Wunder, wenn er jetzt ins Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich -dazu entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims zuwankte! - -Seine Ahnung betrog ihn nicht. Der Oheim und seine Frau machten sehr -verwunderte Gesichter, als sie den unerwarteten Spätgast eintreten -sahen. Da gab es keine traute Umarmung, keinen warmen Händedruck, -man bot ihm ein so kühles »Willkommen«, daß es ihm durchs Herz -fuhr: man bot ihm einen Platz am Tisch, auf dem eine große Schüssel -Kartoffelsuppe dampfte, aber mit so sichtbarem Mißbehagen, daß dem -Gaste das Blut zu Häupten stieg. Er nahm Stock und Hut und verließ das -ungastliche Haus seines nächsten Verwandten. Sollt' er nun sein Glück -bei der Sippschaft weiter versuchen? Was blieb ihm übrig? Wer sollte -ihn sonst freundlich aufnehmen, wenn es die Verwandten nicht thaten? -Er nahm seinen Weg zum Vetter Konrad, der überdies sein Gevatter war. -Hier wäre ihm auch wohl eine bessere Aufnahme zu Theil geworden, hätte -der Gevatter Herrenrecht im Hause gehabt, das hatte aber die Frau -Gevatterin und das war »eine hochmüthige Gans.« Ein Abendessen und ein -Nachtlager sollte dem Fritz zwar gewährt werden, aber ihn ganz ins Haus -zu nehmen -- das könne er nicht verlangen, meinte das Weib, ärgerlich -über ihres Mannes freundliches Benehmen gegen den »Anrüchigen«. -Dieser dankte für das Anerbieten und ging weiter. Der Arme! er -sollte den bittern Kelch der Erfahrung, daß Vetternfreundschaft die -allerunsicherste sei, bis auf die Hefen leeren. - -Die Vier, die er noch aufsuchte, nahmen ihn mit gleicher Kälte, wo -nicht mit schwerverhaltenem Widerwillen auf; ein Nachtquartier wollten -sie ihm zwar nicht versagen, und das wäre ihm auch vor der Hand genug -gewesen, aber sie boten es ihm auf eine Weise, die sein Selbstgefühl -empörte. Er dankte Allen und ging weiter -- aber nicht mehr zu irgend -einem Gliede seiner Freundschaft, sondern aus dem Dorfe hinaus -- nach -dem Gottesacker, dessen eingestürzte Mauer zu jeder Zeit den Zutritt -zur stillen Wohnstatt der Todten gestattete. Im Mondschein fand er -leicht die Stätte, die er suchte: das Doppelgrab seiner Eltern. Von -Schmerz überwältigt sank er dort nieder und weinte und konnte lange -nichts als weinen. - -O ihr Geister der längst abgeschiedenen Eltern! Sahet ihr aus euren -seligen Wohnungen den einzigen Sohn sich winden an eurer Gruft? Sahet -ihr nicht, wie seine Thränen euren zurückgelassenen Staub tränkten? -Ja, ihr sahet es und ihr tratet vor Gott und batet ihn, daß er dem -armen Dulder einen Engel zum Geleite sende auf der dornenvollen Bahn -unter den harten, blödrichtenden Menschen. Und Gott war auch schon -zuvorgekommen, der Engel war längst da, an eurem Grabe hat er sich -dem Heimkehrenden schon geoffenbart durch die sinnigen Liebeszeichen, -womit er euern Staub geehrt. Als Fritz sich wieder erhob, sah er das -einfache Kreuz, welches er den Eltern hatte setzen lassen, mit einem -frischen Kranze geschmückt und das Blumenbeet auf dem Hügel, das -er angelegt hatte, so sauber gepflegt, wie er es selber kaum gethan --- er wußte gleich, wem er Beides verdanke. Er mußte sie sehen ohne -Verzug -- er mußte ihr danken, und das nicht allein: er bedurfte ihres -freundlichen Willkommens in der Heimath, ihres warmen, theilnehmenden -Händedrucks. Der Wächter verkündete bereits die zehnte Stunde, da sah -es ja Niemand, wenn er in ihr Haus ging, und ehe noch Jemand im Dorfe -aufstand, konnte er es ja wieder verlassen. So schlug er denn den -Weg nach ihrer Behausung ein. Durch die Ladenritzen schimmerte noch -Licht, als Fritz dort ankam, die fleißige Bewohnerin klöppelte noch, --- mit hochschlagendem Herzen klopfte er an den Laden und rief sie -beim Namen. Schnell wich der Riegel der Thür -- eine warme Hand zog -ihn hinein -- er trat in die warme Stube -- Kordel lag schluchzend an -seiner Brust. Aber war das die Kordel, die er vor wenig Jahren gekannt -in der schwellenden Fülle und rosigen Frische der Jugend? O nein, das -war nur der Schatten ihres holden Leibes. Mit welcher Gier hatte der -nimmersatte Geier des Grams an diesen lieblichen Formen gezehrt, die -ein leichtsinniger Bube frech entweihte, statt sich in Ehrfurcht zu -neigen vor einem Meisterwerke seines Schöpfers! Fritz vermißte indeß -keinen ihrer Reize, wenn ihm auch die traurige Verheerung ihrer Gestalt -schmerzlich auffiel. Er ließ sie sich ausweinen an seiner Brust, aber -er wagte es nicht, seinen Arm um ihren Leib zu legen, nur ihre Hand -nahm er und preßte sie an seine Lippen. Nach dieser fast lautlosen -Begrüßung führte Kordel den Gast an das Bettchen ihres kleinen Fritz -(so hatte sie das vaterlose Knäblein taufen lassen), auf den die ganze -Fülle und Frische seiner Mutter übergegangen zu sein schien. Dann -eilte sie, ein warmes Essen für den Gast zu bereiten. Wie mundeten ihm -die neuen Kartoffeln mit der frischen Butter und der durch den besten -Rahm veredelte Kaffee! Zumal da Kordel ihm Gesellschaft leistete. Wie -war sie so heiter, so freundlich und so sanft! Ihr besseres Theil -trat geläutert und verklärt vor seinen Geist. Er sagte ihr, daß sie -nicht fürchten möge, er werde sie in Verlegenheit bringen. Sie möge -ihm nur ein Nachtlager auf dem Heuboden gönnen, daß er ein wenig -ausruhen könnte, am Morgen mit dem ersten Hahnenschrei wolle er sich -ungesehen fortmachen, sich nach einer Herberge umthun und Arbeit -suchen. Doch von dem Schlafen auf dem Heuboden, dem Frühaufstehen und -Ungesehenfortgehen konnte keine Rede sein; sie lächelte, als er den -Grund angab, und sagte, daß sie sich vor dem Gerede der Leute nicht -mehr fürchte. Mehr als sie ihr wegen des Kindes angethan, könnten sie -ihr nicht anthun; in jenem Falle hätten sie allenfalls noch Grund -gehabt, sie zu verachten, anders jetzt, wo sie eine heilige Pflicht -erfülle, und wenn man sich gleichwohl darüber aufhielte, so dürfe -und werde sie sich dadurch nicht irre machen lassen. Und sie bat den -Bedenklichen in so rührenden Ausdrücken und in einer Weise, die ihn -glauben ließ, er erzeige ihr eine Wohlthat, daß er sich entschloß, -das Hinterstübchen, welches seit dem kürzlich erfolgten Tode der -Kartenschlägerin ganz leer stand, zu beziehen, bis er irgend ein -passendes Unterkommen würde gefunden haben. - -Ein solches zu suchen, ließ Fritz sich gleich am andern Tage angelegen -sein. Er war früher ein sehr gesuchter Arbeiter gewesen; so ging er -mit gutem Vertrauen aus. Aber obwohl es der Bretmühlen eine ziemliche -Anzahl in dieser holz- und wasserreichen Gegend giebt, so wollte -sich jetzt doch nirgends eine Stelle für ihn finden. Das machte ihn -wohl etwas unmuthig, aber er verzagte darum nicht. Er verstand sich -auch auf die »Zeugarbeit«, und so ging er abermals den Wässern der -Umgegend nach. Aber er hatte in den Mahlmühlen eben so wenig Glück, -als in den Bretmühlen; hie und da gab man ihm auf verblümte Weise zu -verstehen, daß man einen Zuchthäusler nicht möge; denn Arbeitshaus oder -Zuchthaus ist dem gemeinen Volke all' eins. So kehrte Fritz am Ende der -zweiten Woche nach seiner Heimkunft völlig niedergeschlagen in sein -Asyl zurück. Kordel gab sich die freundlichste Mühe ihn aufzurichten; -sie stellte ihm vor, daß es ja nicht so dränge mit einem Unterkommen; -der liebe Gott segne sie dieses Jahr reichlich mit Kartoffeln -- daß -sie eine Kuh, ein Stück Jungvieh und eine Ziege halte, wisse er; -ihre Wirthschaft sei bezahlt und außerdem habe sie auch noch ein -paar hundert Thaler auf Interessen ausstehen. So könne sie es sich -nun auch etwas leichter machen, als zeither, indem sie sich von ihm -in der Wirthschaft helfen ließe. Die Arbeit aber, welche die kleine -Wirthschaft für einen rüstigen Mann darbot, schien dem Bretschneider -doch zu geringfügig, um sich dafür füttern zu lassen. Da er in seinem -erlernten Fache nirgends ein Unterkommen fand, so entschloß er sich, -bei den Begüterten von Königswald Taglöhnerarbeit zu suchen. Aber -hier sollte ihm das tödtliche Gift des Mißtrauens und der Verachtung -tropfenweise eingeflößt und in Galle und Blut hineingetrieben werden. -Man hatte für den entlassenen Sträfling nirgends Arbeit. - - -5. - -Der Leser muß nicht glauben, daß es das +Vergehen+ des Bretschneiders -war, was sie verachteten und weshalb sie ihn von ihren Thüren -scheuchten, -- o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen Begüterten -von Königswald ganz rein geschoren, so Mancher hatte dann und wann ein -Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne daß das Stempeleisen -des Forstmeisters es berührt hatte; aber sie hatten es fein schlau -angefangen und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen. Vor der -Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten sie, daß sie es wirklich -wären, und glaubten von ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis -liefern zu können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen Handlung -Bestraften recht sichtlich verachteten. - -Leser -- glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen in solcher Lage einen -Menschen zur Verzweiflung treiben, oder doch »die Milch der frommen -Denkart in gährend Drachengift verwandeln« können? Bei unserm Fritz war -es nahe daran, daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's immer -gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte, daß das so reichlich -in ihm erzeugte Gift nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen -vernichtete. Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen Hoffnungen und -vergeblichen Anstrengungen, ein ehrlich Unterkommen zu finden, täglich -schwermüthiger gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das schmerzte -sie und begann dem Wurm, der an ihrer Gesundheit nagte, neue Nahrung zu -geben. Endlich konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke, -der gleich nach seinen ersten vergeblichen Gängen in ihr aufgetaucht -war, brach sich unwiderstehlich Bahn. - -»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich, »Sie handeln unrecht -an sich selbst. Was ärgern Sie sich so ab mit den unvernünftigen -Leuten? Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen unter -ihnen? Habe ich nicht genug für uns alle Drei? -- Lassen Sie mich -ausreden! -- Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm da -- er hat -keinen Vater -- wer weiß, ob nicht bald auch keine Mutter.« - -Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel ihr in die Rede und -bat sie, nicht solche Gedanken zu hegen. - -»Man muß auf Alles gefaßt sein -- ja, lieber Fritz! -- mir ist, als -werde ich nicht lange mehr für das arme Kind sorgen können. Dieser -Husten -- meine abnehmenden Kräfte -- Fritz! soll ich, wenn der Herr -mich abruft, das Kind als Waise zurücklassen?« - -»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz gramvoll aus, »so sagte -ich, ich will sein Vater sein!« - -»Ist es das und immer nur das?« erwiederte Kordel. »Wenn Sie mich auch -nicht mehr lieben, wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau -zu sein, so -- ich flehe Sie an -- werden Sie diesem verwaisten Wesen -ein Vater!« - -»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von einem heiligen -Freudenschauer durchbebt. »Wollen Sie mich?« - -»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach sie mit hohem Erröthen, seine -Hand an ihr Herz drückend. - -»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.« - -»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche Loos -- die ehrbaren Leute -stoßen mich wie Sie von sich -- so lassen Sie uns gemeinsam tragen, -was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück haben wir genug, um die -hartherzige Gesellschaft allenfalls entbehren zu können. Wir können -einen Handel anfangen -- gewiß, Gott wird uns helfen, wenn wir -zufrieden sind und fortan auf seinen Wegen wandeln. Wollen Sie?« - -»Ob ich will? O du mein einziger Trost im Leben! Ich habe ja nie -aufgehört, dich zu lieben und ich dachte mir es seit dem Augenblicke, -da ich dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für dich und dein -Kind sorgen zu können. Wenn du mich nicht verschmähst, so will ich -deinem Kinde ein treuer Vater sein.« - -Da schlang Kordel weinend ihre Arme um seinen Hals -- seine Thränen -mischten sich mit den ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des -kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung. - -Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, Schmaus und -Tanz gab es freilich nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei -einem Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem ging es bei den -Königswalder Pharisäern natürlich auch nicht besser oder vielmehr noch -schlimmer, als dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel -aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit und Brod mußte ihm -der Müller schaffen. - -Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten Sinn seines -Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er sich in seiner neuen Lage -recht zufrieden fühlen mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob -er mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor und nach der -Hochzeit vollauf für ihn zu thun: die Hafer- und Kartoffelnernte -und andere Feldarbeit, verschiedene Reparaturen im Hause und an den -Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere Wochen lang recht -gehörig, und da sein Weib immer mit einem Lächeln, einem zärtlichen -Worte bei der Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung der Welt -nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich zu erholen schien, sie -bekam ein frischeres Aussehen, als sie bisher gehabt hatte, und Fritz -schöpfte daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. Auch die -Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an ihn gewöhnte, war eine Quelle -der Freude und des Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und -Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele für ihn kamen, wollte -ihn der alte Mißmuth wieder beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er -sein Gewerbe nicht ausüben konnte; auch daß er unter polizeilicher -Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde und Staat besaß und von -seinen Mitbürgern verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er -gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle zu bauen, statt -einen Handel anzulegen, und Kordel willigte mit Freuden ein. Sie -kündigte ihr Kapital und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im -December fiel, ein Angebinde damit. - -Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen sicheren Weg zu Arbeit -und Verdienst vor sich sah. Er suchte und fand bald einen geeigneten -Platz zu einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach des -Pöhlwassers. Da er aber mit dem Bau vor dem nächsten Frühjahr nicht -beginnen konnte und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht -günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht nutzlos daliegen zu -lassen, nach Annaberg zu einem Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte -trieb. Vierzehn Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, daß der -Kaufmann Bankerott gemacht habe und Fritzens Geld verloren sei. - -Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; Fritz wollte sich nicht -darüber zufrieden geben und jammerte immerfort: »Das arme Kind! das -arme Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen schien, suchte -ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur unvollkommen. »Wer weiß, wie der -liebe Gott auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, wenn Fritz -so wehklagte. - -Sie hatte Recht -- der liebe Gott sorgte bald für das Kind, daß es das -Geld entbehren konnte -- er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte -es weg. - -Das war kurz nach Weihnachten, -- am Aschermittwoch senkten sie neben -der Hülle des Kindes die seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr -der Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch mehr aber über -die Kränkungen, die sie von den Königswaldern erdulden mußte, zugezogen -hatte, war nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres -Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben sah sie ihr Ende herannahen und -sanft, wie sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber. - -Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des armen Fritz; er schleppte -es fortan als eine finstere und bleierne Last mit sich herum. Seine -Heimathgenossen fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen einiges -Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich freundlicher gegen ihn und boten -ihm Arbeit an, aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie waren -vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes -- dies konnte er ihnen -nicht verzeihen, wenn er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte. -Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem Kadenlieb pflog er mit -keinem lebendigen Menschen Umgang -- sein Herz war bei den Todten und -ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war am wohlsten, wenn er -zwischen seinen Gräbern weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer -so sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's Kreuz war -allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, die sie aufgezogen und so an sich -gewöhnt hatte, daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug diese -Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn über, sie war immer bei -ihm, wenn er seines traurigen Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer -getrieben. - -Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach in Königswald ein Feuer -aus, welches bei dem starken Winde, der gerade wehte, für den größten -Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz eilte zum Löschen; -es war das erste Mal, daß er sich wieder unter seine Mitbürger mischte, -von denen es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich that, -obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider war die Löschanstalt -nicht im besten Stande und noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah -die Nothwendigkeit des Niederreißens zweier Gebäude ein, um das -Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites Haus ergriffen hatte, -zu hemmen. Der Richter, welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte -sich Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf das Löschen -der brennenden Gebäude zu verwenden. Fritz, von der Nutzlosigkeit -dieser Anstrengung überzeugt, rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm -mit dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen der -bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle Einsichtigen folgten seinem -Rufe; dadurch wurde der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den -Bretschneiderfritz los, packte ihn bei der Brust und schrie: - -»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? Weiß Er, was Er ist? Er -hat gar kein Recht in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen! -Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn ohne Weiteres ins Loch -sperren lassen.« - -Fritz erwiederte kein Wort -- er vermochte keins hervorzubringen. Er -wandte seinen Blick nach Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen -konnte. Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer armen Wittwe. -Sie hatte nur wenig von ihrer Habe zu retten vermocht, und Niemand -getraute sich mehr in das über und über brennende Gebäude, um noch -Etwas herauszuholen. - -»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« rief die jammervolle -Wittwe aus; »hört doch, wie das arme Thier schreit!« Damit wollte -sie in das Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie, -schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, eh' Andere -ihn zurückzuhalten vermochten. Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um -einer Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber Fritz wußte, was -einem verlassenen Menschen solch' ein Stück Vieh sein kann, und die -Wittwe war verlassen wie er -- und was galt ihm sein Leben? Es gelang -ihm wirklich, das Thier zu retten, ein Freudenruf entrang sich mancher -beklommenen Brust, als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon -war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, als plötzlich -ein brennender Sparren niederstürzte und ihn zu Boden streckte. Der -eben herbeigeeilte Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; schnelle -ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins Leben. Der Arzt hoffte ihn -zu retten, obschon seine Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte -blos, von den Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in -Erfüllung. Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele den Ausweg aus -ihrem vergänglichen Gefäß. Der Kadenlieb, welcher nicht von seinem -Bette wich und ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe. - -Der macht' es gescheidt -- als der Frühling ins Land kam, bepflanzt' er -die Gräber seiner Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte Haus -und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, damit er die Gräber wohl -pflege, und ging mit dem Rest nach Amerika. - - - - -II. - -Die Fundgrube Vater Abraham. - - -I. - -Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei, -und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des -großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des -Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt -dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen, -sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder -entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen -der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung -der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst -diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes -in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand, -so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort -hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke -gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete -Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der -Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges -Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet -- -an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar -nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein -»Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte -für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel -geborgen. - -Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner -Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener, -blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel -kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk -blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen -hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl -eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster -an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden -Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der -Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers -und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der -Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer -halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen -Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der -Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit -einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung -hervorquoll. - -»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief -der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig --- der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch -dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.« - -»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte -der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und -von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen -Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe -trägt.« - -»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein; -»ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all -den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über -Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.« - -»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich! -Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer -Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist -wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am -Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie -ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so -ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.« - -»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr -als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich -die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das -ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von -des Schichtmeisters erster Frau.« - -»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer. - -»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem -Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. -Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den -bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich -das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die -Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat -treiben würde, wie eine Bergmeisterin!« - -»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob -sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der -Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der -auf seiner Grube wohnt, so genau --« hier stockte der Redner; ein Blick -auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief -schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint -Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das -sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!« - -»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt -ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke -in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der -Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn -nanntet.« - -»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle -Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als -der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse -Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da -angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.« - -»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch -nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer -Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn -auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet -Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe, -wie Ihr vorhin sagtet.« - -»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der -Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen, -so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn -Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist -meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's -vor Gericht!« - -Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der -Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. -Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen, -und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er -fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen -Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld -seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange; -er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse. -Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein -treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches -einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht -blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn -verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei -Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die -Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen -Goldschmiedsladen getreten war. - -»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt -tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten. - -»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich -seh's Ihm an, Er bringt Handgeld -- nun Er soll heute einen guten -Handel machen.« - -»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand; -»soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.« - -»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, -- doch -ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit -gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm -Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer -mit in sein Gewölbe. - -»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat -der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun -ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr -setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm -Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe -nichts gesagt, behüt' Euch Gott!« - -Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach -seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen -und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand -daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den -Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse -mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.« - -Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft -und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe -des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein. -Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und -Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den -jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte -aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der -Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten -»Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung, -und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich -halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.« - -»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber -ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.« - -»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr -Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie -erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der -Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen -für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge -genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh -herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch -selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen, -weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur -Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber -Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in -Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps -werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, -wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben -Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden -- das ist Brod für -viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so -darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal -ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.« - -»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen -wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule -- sagte Er nicht?« - -»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater -Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.« - -»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die -Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde -Unterricht!« - -»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer -leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.« - -»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er -täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure -Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der -Schule 14 -- da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!« - -»Freilich nicht; -- nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und -da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon -aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer, -aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt. -Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß -unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen -werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.« - -»Höflich?« versetzte Meister Mickley, -- »es geht wahrlich an mit -der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige -Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir -Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar -einmal Zubuße gezahlt haben.« - -»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach -meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute -gesetzt haben.« - -Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein -Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem -Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den -jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute -vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er -schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig -würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der -Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle -auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon -ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!« - -Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei -Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die -zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer -ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben; -doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß -Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine -Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt -worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach -einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe -ist es immer ein unsicheres Ding, -- aber nach meinem Dafürhalten kann -die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen -haben.« - -»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth -des gewonnenen Erzes?« - -»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des -Zehntens.« - -Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das -Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.« - -Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte -ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 -Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch -nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich -einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!« - -»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er -scheint mir einen offenen Kopf zu haben -- vielleicht hat Er doch recht -gerechnet -- he?« - -»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand. - -»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an -Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein -Schade nicht sein. -- Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die -schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf -weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?« - -Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe -Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas -sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie, -daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum -Steiger!« - -»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei -der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm -sagen will.« - -Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe. - -»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er -die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4, -da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er -Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's -nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal -etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte -verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge -versehen?« fragte er. - -»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur -behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu -kostspielig.« - -Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin -überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet -hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde -von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug -hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er -darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das -funkelnde Metall nicht erblinden mache. - -»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?« - -»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle -Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört -wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?« - -»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der -Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was -sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es. -Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern -kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt, -oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern -fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es -verrostet. Nehm' Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße, -damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier -bergfertig wird.« - -Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der -Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines -Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er -auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen -zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und -wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie -meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn -fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater -vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie, -»und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« -- »Zwei für einen,« -sagte er, »befehlen Sie nur!« -- »Sie machen sich wohl aus einem -kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach -sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen, -sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid schicken und nicht auf die -Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und -zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; es kann Mitternacht werden, eh' -die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir -- und hier, -wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?« - -Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne -Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der -Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter -hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« -- Nun lenkte er seinen -Schritt dem Thore zu. - - -II. - -Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte -ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und -bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist -denn die Mutter?« fragte er vor der Thür. - -»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie. - -»Schon wieder?« fragte er trübe. - -»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber -Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz -Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum -Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.« - -»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in -Gesellschaft der Baronin sein?« - -»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.« - -»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der -Schichtmeister erheitert, »so komm denn!« - -Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer -geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite -gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches -Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte -sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der -liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung -unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu -erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal, -in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin -- gnädige -Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und -nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir -vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind -unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig -hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht -sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck, -wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe -uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich -verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns -nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete -ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf -dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß -steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der -Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald -erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen -sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?« - -»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der -Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß -der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer -eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine -auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig --« - -»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied -hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob -die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu -bestehen?« - -Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie, -daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. -- »Aber,« fiel -Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese -Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste -Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und -ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die -Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!« - -»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir -müssen den ersten Eindruck wahren!« - -Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck -gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel -darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit -in den Laden!« - -Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten -Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit -Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten, -indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der -Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der -vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er -bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende, -sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu -dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu -zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern -zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen -verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche -Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild -der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen -Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück. -»Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber -Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich -kann doch nicht anders.« - -Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern -zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war -sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt -Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt -keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen -Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich -- armes --- unglückliches -- Kind --« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen. - -Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf -- er -besann sich -- es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf -von drei Monaten verbindlich zu machen. -- Die Erbschaft seiner Frau, -so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte -bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein -Darlehn zu erlangen. -- Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete -den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm -leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in -den Händen, zu seiner Frau trat. - -Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«, -bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich -holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der -Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds -verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer -Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines -Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen, -als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es -gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der -Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden -stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier, -das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es -scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er. - -»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie -schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!« - -Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den -Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu -betrachten. - -»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er. - -»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer. - -»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens -verlohnen.« - -»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie -Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.« - -»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder. - -»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben -- sonst -will ich weiter nichts -- ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom -Herzen habe.« - -Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der -Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf -seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel -auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte -es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete -sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du -wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine -Thräne quoll aus seinem Auge -- langsam stieg er die Stufen vor dem -Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den -Gelbgießer Mickley vor sich stehen. - -»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?« -Der Steiger erschrak. »Ich war -- ich hatte -- mein Sohn schickte mich -hierher --« stotterte er. - -»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze? -Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen -Heirath um -- he?« - -»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht, -so mag wohl was d'ran sein.« - -»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; -- -da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!« - -»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre -mir lieber. --« - -»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm -auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure -Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen. -Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen; -aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art -geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.« - -»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der -Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm -- sie kommen hierher, -wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.« - -»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern -Sohn 'mal in der Nähe sehen.« - -Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger -salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der -Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor, -anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein -Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu -wenden, stolz vorüber. - -»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der -Steiger bejahete es mit einem Seufzer. - -»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht -einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft! -Armer, alter Mann!« - -Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem -Thore zu. - - -III. - -Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des -Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen, -ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die -Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor. -Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte -weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben -Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause -saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen, -einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine -kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige -Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing -ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und -seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz -nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die -Lage des Standpunktes. - -»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der -Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast -täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und -doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich -geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch -so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung -gekommen.« - -»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn -eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen -Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden -können.« - -»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen -und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft -statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in -sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes, -treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im -Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige -superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich -weiß.« - -»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm -ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die -alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören -hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen -andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm. - -»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst -nicht zu den Superklugen.« - -»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte, -»kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen -hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden, -desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und -so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen -sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst, -der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen -worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein -armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod -in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist -auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei -der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der -Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und -wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg. -Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der -winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen -voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben -vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus -meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat -sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt: -was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann, -hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk -gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den -Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber -war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst. -Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm -ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die -andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein -könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch -gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.« - -»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten -Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in -unserm Gebirge giebt.« - -»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis, -»mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären -nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren -Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom -Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in -Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird. -Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch -in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als -neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute -im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine -Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben, -noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als -droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren -und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr -angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes, -daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein -Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen -werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten -Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem -Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht -noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls -Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen -Vater jetzt ruinirt!« - -Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den -alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert -Jahre darniedergelegen?« - -»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß -hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem -feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem -Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle -da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern -Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem -Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren -Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter -unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu -Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie -in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber -in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen, -und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit -seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem -alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden; -die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter, -hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten -Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in -Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt -hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat -er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann -hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt -- aber wie alle -Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen -aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und -wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt, -zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den -reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht -worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich -abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in -den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern -erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen -gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen -auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.« - -»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute -hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren; -sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen? -Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die -Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch -die Mutter hat ihre guten Seiten.« - -»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du -das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht -weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter -- o die -Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte -sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre -Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel -Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten -Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann, -wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der -Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.« - -»Aber« -- wandte Hedwig ein -- »seit ein paar Jahren ist die Grube doch -wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß -sie es noch mehr wird.« -- - -»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz -sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten -kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater -Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn -nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter -Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und -wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art -schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht -straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger -Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er -kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt -etwas, das mir weh thut.« - -»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und -die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« -meinte Hedwig. - -»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« -- sagte der Greis; --- »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß -der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte -mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte -dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir -im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten -schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich -Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein -Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und -unbefleckt.« - -Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige -Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen -Hände. - -»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort; -»die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn -ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum -Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich -noch fragen wollte, Hedwig -- was denkst Du von den Besuchen, die der -Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst -mied er ihn ja.« - -Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß -nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem -Wege, wenn er kommt.« - -»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte -der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! -- -Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels -rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser -Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh' -doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in -Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus. - -Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im -nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten -Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht -befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine -Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen -wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte. -Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte -Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als -die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind -versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe -sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage -war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen -Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden -Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch -war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage -befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf -dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor -ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte -er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen -in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden -Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er -seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. -Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in -die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte. -Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche -Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen. -In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange -der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr -klaffte der furchtbare Schlund. - -»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen -Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den -soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl -durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.« - -»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu -holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?« - -»Da fragen Sie mich zu viel; -- genug, ich kam vorhin in ihre -Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst -noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den -kleinen Gefallen zu thun.« - -Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So -kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich -vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach -einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber -wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben -Sie mir die Hand.« - -»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.« - -»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde -Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die -Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit, -der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen; -ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben -anflehen. -- Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich -Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! --« - -»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch -ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die -alten Zeiten sind todt und begraben -- lassen wir die Todten ruhen. Zu -vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht -gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die -Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!« - -Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte, -schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein, -Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du -plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast! --- Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus -wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir -reißt. -- Hedwig -- das Wort unserer Väter muß sich erfüllen -- Du mußt -mein werden!« - -»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch -Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!« - -»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes -Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie -paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die -lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich -mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein -bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht -auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht -ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!« -drängte er -- »oder ich nehme es mir!« - -Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in -die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich -von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie -mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!« - -»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich -mit mir um -- seien Sie mild und versöhnlich!« - -»Lassen Sie mich erst los -- dann wollen wir vernünftig mit einander -reden.« - -»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er -neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich -mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell -wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. -- »Hülfe! -Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber -schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte -Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen -sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren; -aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da -plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er -sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über -dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen -mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa -ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man -die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand -war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen -hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger -seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte -zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor -war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,« -sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein -- meint -der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die -Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten -in meinem lettigen Grubenzeug.« -- Aber Hedwig hing sich ängstlich an -seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den -racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten. - - -IV. - -Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. Langsam trat er endlich -den Weg nach der Stadt an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten, -welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er brauchte nicht lange -zu warten; der Junge war froh, sich seines Botendienstes so leicht -entledigen zu können, und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen. - -»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« sagte der Doctor, als -er der Schichtmeisterin den Shawl überreicht hatte und von ihr mit -Dankesergießungen überschüttet worden war; »Ihre Hedwig lustwandelte -~tête-à-tête~ mit einem gemeinen Bergmann im Walde.« - -»+Meine+ Hedwig?« erwiederte die Frau; »die Sie meinen, ist doch nicht -+mein+ Kind, sonst würde sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit -einem Häuer verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt für -das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren getauft haben?« - -»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß die Liaison von ihnen -geduldet wird. Immer ist Hedwig die rechte Tochter von Fräulein -Brunhild's Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. Wenn nun die -Frau Baronin Mutter erführe, daß ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager -eines gemeinen Häuers zu werden, so könnte sie leicht --« - -»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin entsetzt; »ich -bitte, lassen Sie den Baron und die Frau Baronin ja nichts merken von -dem, was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison nichts wird, -stehe ich. Von Stund' an muß mein Mann den frechen Menschen, der sich -in unsere Familie drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr mit ihm -untersagen.« - -»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug und weise sein,« bemerkte -der Doctor und empfahl sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends. -Er begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie einen guten -Kunden empfing. - -»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat mein Alter gedeckt?« - -»Ich glaube -- wenn die ganze Lieferung der Probe gleicht; das muß sich -erst ausweisen.« - -»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich noch hundert Thaler -vorstrecken; ich muß morgen nach Hallbach zu meiner Erkornen und da -nobel auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach Bad Kissingen -begleiten. Wir vertauschen den alten Wechsel mit einem neuen, und -- -nun Ihr wißt Euch schon bezahlt zu machen.« - -»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,« wendete der Goldschmied ein. - -»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der Doctor. »Hoffentlich ist -das der letzte Schröpfkopf, den ich an den guten Alten ansetzen muß. -Zieht nur die Casse auf, mein Goldmann!« - -Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich finden, er zog -ein Kästchen aus seinem Ladentisch und zählte die verlangte Summe in -Dukaten auf. - -Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber gehörig mit Königswasser -getauft,« sagte er, die Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein -unverbesserlicher Anabaptist!« - -Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe, füllte der -Goldschmied ein Wechselformular aus und legte es dem Schuldner vor. -Dieser unterzeichnete. »So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte er, -sein Gold einsteckend. - -»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst willen nicht, daß die Klausel, -»nach Wechselrecht verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann, als -die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort vom Hehler!« Und er -ging. - -»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der Goldschmied, ihm -nachstarrend. - -Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche alte Steiger sich sehr -irrte, indem er wähnte, seinem Sohne sei das verzweifelte Mittel, -dessen übermäßige Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen -geblieben, wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn selbst hat -den Goldschmied auf den Vater gehetzt. Nur der Ort, wo dieser das -Erz aufbewahrte, war jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht -Ursache gehabt, danach zu forschen. - -Während der Vater tief im Schoße der Erde nicht nur mit seinem schweren -Tagewerk sich plagte, sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde, -verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im Salon des reichen -Handelsherrn Neuhoff. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter, als -solcher schon früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn ihr -Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden, daß man an ihrem -Wohnorte Hallbach lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen -Beiden munkelte, bis es offenkundig ward, daß der junge Arzt sich -Hoffnung auf die Hand der Baronesse Lydia mache. Heute entfaltete er -alle seine Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die am -Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen, theils um seinen -Einfluß auf die Baronin zu befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht -nur für seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen gegen -Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch zur Förderung der Wünsche -des jungen Barons und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin -eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und ihren Häuer gewann. -Seine Bemühungen gelangen vollständig; er wußte die Baronin dergestalt -auf die in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil glänzenden -Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu machen, daß am Schlusse des -Abends der Baron es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen. -Und die von der schönen, und, was ihr allerdings viel galt, eleganten -jungen Dame bezauberte Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen -Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres gichtkranken Gatten, an -der sie nicht zweifelte. »Ich curire ihn,« sagte der Doctor, »und im -schlimmsten Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen vor, wenn -ich liquidire.« - -Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich seiner väterlichen -Behausung näherte, sah er aus der schwer zugänglichen Oeffnung eines -alten Stollens eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf das -Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und stieß an der Hausthür auf -seinen Vater. »Du kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis den -Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt? Und ich muß mich mit der sauern -Nachtschicht plagen! Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!« - -»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre, zu der -ich nun einmal durch Anlage und Neigung gehöre,« antwortete der -Doctor. »Ich muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du wirst bald -Ursache haben, Dich über alle Opfer zu freuen, die Du mir gebracht. -Du sollst sie an keinen Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen, -daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem Obereinfahrer und -Schichtmeisters Brunhild zu Stande gebracht habe; und was ich über -die Mutter zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch zu meinen -eigenen. Du wirst sehen, in wenig Wochen darfst Du die reiche Baronesse -Lydia von Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!« - -»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn gehabt haben,« sagte der -Greis, »wer seinen Vater auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur -in eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd sein, wenn -er der Mann einer Baronesse ist. Nun, ich wünsche Glück zu dem hohen -Flug -- freuen könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter -brächtest, wie meine Hedwig, die Du im tollen Hochmuth von Dir -gestoßen.« - -»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,« sagte der Doctor. - -»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott hat ihr trefflichen Ersatz -gegeben. Das ist auch mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das -Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt laß uns hineingehen, -ich höre die Mutter Licht anschlagen.« - -Sie gingen hinein. - -Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht und Rache, den -der Sohn im Herzen trug, tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus -dem alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die Vermuthung, daß -dort die geheime Erzniederlage desselben sei, und diese Vermuthung -führte sein brütendes Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er vor -sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte, er müsse von seinem -Vater die nahe Möglichkeit der Entdeckung seines Verbrechens entfernen; -denn so gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht gar der -Bergner, den Vater einmal bei seinem nächtlichen Gange von oder zu dem -Stollen beobachten, Verdacht schöpfen, untersuchen -- und dann war der -Vater verloren. - -Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach einer Rechtfertigung -seiner bösen Absichten suchte und sie auch glücklich fände, so fand -der Doctor, als er am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig -den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des Gelbgießers treten und -diesen das Abschiedswort rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber -Steiger ~in spe~,« in diesem Worte mehr als eine bloße Rechtfertigung -seines schon fertigen Anschlages, er fand sich als Sohn verpflichtet, -einen Menschen unschädlich zu machen, der offenbar seinem Vater nach -dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen wollen, aber -sein tückischer Plan nöthigte ihn, noch eine Nacht in der Heimath zu -verweilen. Sobald es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne -sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte nach Pobersdorf und in -den alten Stollen bei der väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen, -ehe er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand sie bestätigt: in -einem Haufen alten Schuttes lagen die schimmernden Stufen. - -Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands Wohnung ein altes -Zechenhaus, das von ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand. -Daher fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der dicht hinter -dem Hause mündete. Der Doctor kannte, als Ferdinands Jugendgespiele, -die Oertlichkeit genau; er wußte auch, daß dieser Stollen durch eine -Thür verschlossen war; aber auch dafür hatte er sich gerüstet; er -kannte die einfache Schließvorrichtung solcher Grubenthüren und hatte -sich mit einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in die rechte -Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen in Ferdinands Stollen, -die sogenannte Jakobszeche, zu schaffen, dort zu verbergen und nach -einiger Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten Häuer zu -lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung des verruchten Vorhabens sollte -ein naher Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham und -Aspirant auf die Steigerstelle, werden. Mittels einer Leinenschürze, -welche seine Mutter am Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte -er in drei Gängen den nicht leichten Transport. In einer Stunde war -das Werk der Bosheit geschehen. Er hatte das Erz in der Jakobszeche -so untergebracht, daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es entdecken -konnte. Froh über das Vollbrachte ging er heim, um noch eine Nacht -unter dem väterlichen Dache zuzubringen. - -Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, wo sein Vater die -Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung einer Hälfte des gestohlenen -Erzes bestimmt war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger auf -und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak der beklagenswerthe -Mann, als das Erz nicht mehr zu finden war! Er durchsuchte alle -Winkel und Schutthaufen des nicht tiefen Stollens -- das Erz war -verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf einen Stein im Stollen; -er erschöpfte sich in Muthmaßungen, wer des Erzes habhaft geworden und -es fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein alter Camerad, der -Hutmann, war er ganz frei von Aberglauben -- vielleicht war das Erz -durch das Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht war -es gar »heimgegangen« -- aber es konnte wohl auch von einem Menschen -entdeckt und weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß schon -nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte vor Angst, aber auch vor -Frost; um sich zu erwärmen und zu ermuntern, nahm er einen Schluck -aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit zur Schicht zu -nehmen pflegte, die er heute von der Stadt aus antreten wollte. Aber -statt daß er sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der Schicht -geleert hatte, trank er es jetzt in wenig Minuten aus. Neu belebt -machte er sich an eine neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das -Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich nieder und versank in -qualvolles Sinnen. Endlich erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur -Schicht. Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ er den -Stollen und schlug die Richtung nach dem Vater Abraham ein. Was ihm -noch nie begegnet, widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im Walde -und kam erst später als die andern Bergleute auf die Grube. Noch -immer berauscht, voll Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht. -Die gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; in der -halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und stürzte hinab zu den Füßen -Ferdinands, der heute bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing -zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises mit seinen Armen auf, -derselbe war aber bereits im Fallen durch die Wände erheblich verletzt, -so daß er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. Ferdinand -befahl dem nahen Hundejungen, Wasser zu bringen, und suchte dann -seinen unglücklichen Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen -kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und theilten Ferdinands -Bemühungen. Es gelang, dem Greise einige Lebenszeichen zu entlocken; -aber sie blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,« -erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus und mache die Hängematte -zurecht; Einer von Euch führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden -waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, traf Hedwig schon wach, -machte sie mit dem Unglücksfall bekannt, und erhielt nicht nur die -nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, sondern wurde auch -von ihr in deren rascher Herstellung unterstützt. Nach einer halben -Stunde lag der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube des -Schichtmeisters, der sogleich einen Boten nach Pobersdorf schickte, um -den Doctor herbeizuholen. Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein; -das erste Wort aber, das er wieder vernehmen ließ, war: »Ich muß -sterben, ruft mir den Hutmann, daß ich ihm beichte!« - -Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf der Gerechten schlief. -Sie theilte ihm schonend mit, was seinem Jugendfreunde zugestoßen war. -Erschüttert stand der Greis auf und war bald am Lager des Sterbenden. -Als dieser verlangte, mit ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister -mit den Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche dem -alten Freunde das Versprechen ab, gleich wie ein Geistlicher das -Beichtgeheimniß zu ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und -beschwor ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken des wucherischen -Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar darauf verschied er. Der Doctor -kam nur zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob er die grause -Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, denen er sich -überließ, echt und von tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser -Geschichte wird es lehren. - - -V. - -Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß -auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht -weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so -lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den -Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund -gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau -als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands -auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so -erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel. -Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für -die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung -der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein -die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen. -Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die -auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer -Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater -davon in Kenntniß. - -»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham -will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein -Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte, -taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein -Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und -lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein. - -»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten, -»ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten. -Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein -schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen -erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles -sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen -Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den -unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl -auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie -ihn.« - -»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister -empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.« - -»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich -Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe -darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut -übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte -schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben -abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist -so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster -darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner -Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall -- vielleicht zu einem -schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand, -als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.« - -»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!« -unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir -allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und -Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich -hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt -finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von -Brunn.« - -»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher -Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines -Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn, -das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke -und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der -wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue -von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.« - -»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister -verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der -Schichtmeister spottend ein. - -»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus -einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt, -wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen, -wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.« - -»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen -Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist -nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen -ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der -Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht -mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig -gelten würde.« - -»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche -Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie -es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter -der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine -Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich -Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der -Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen -Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham, -Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken -willst?« - -Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer -vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung -mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst -selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache -Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel -ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war. -Aber er irrte sich. - -»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer, -hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon -darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der -ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis; -»der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine -arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die -lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich -glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine -Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart -allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der -Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen, -so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem -Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen -Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den -Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut -gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth, -der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!« - -»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft -bringen wollen?« sagte der Schichtmeister. - -»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine -schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung -- -thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu. - -Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime -Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand, -sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung -des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der -Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu -entledigen. - -Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm, -war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten -zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte -zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch -drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen. -Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon -am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater -Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn -er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit -nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung -aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte -und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im -ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber, -den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die -Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte -hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah -sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen, -niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater -seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin -setzte jetzt ihren Willen durch. - -»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war, -»eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je -steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun -siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber -mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders -die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist -das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du -noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier -sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich -Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand -sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem -Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat -der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein, -ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat -Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und -den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter -Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht -nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch -noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns -gefühlt -- trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen -werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du -einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen, -auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu --- aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein -Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt, -es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste -Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der -Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!« - -Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg -mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten -Steigerschicht. - - -VI. - -Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer -die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine -Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte -Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis -zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge -auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer -würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig, -der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der -kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der -künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren -beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß, -auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und -der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen. - -Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach, -um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger -als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt. -Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's -freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu -sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit -frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen -Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene -Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit -im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber -er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten -aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner -Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration -doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von -gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung -des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so -äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit -sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen. - -»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen. -Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für -sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie -jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen. -Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was -zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er -wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er. - -Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem -hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer -bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem. -Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube -nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit -gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater -Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber -baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses -ist.« - -»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch -- aber ich traute -doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu -der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen -mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und -lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm -zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb -brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets -nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar -Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber -von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne -Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister -verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die -prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe -sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den -Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei -seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er -beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er -dazu?« - -»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die -Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein, -der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die -Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier -denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen. - -Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht -mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des -fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm -Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er -ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern -Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller -nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater -Abraham.« - -»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand -ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können -auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie -hingekommen.« - -»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch -Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner -Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort, -»wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist -Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters -aufgefallen?« - -»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der -Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen -seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr -theure Ehehälfte.« - -»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines -Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft -- -borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal -bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die -Stufe. - -Ferdinand erschrak -- »Herr Mickley!« rief er, -- »Sie thun unserm -Schichtmeister Unrecht.« - -»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es -kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft -- es ist nur ein -Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum -letzten.« - -»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.« - -»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten, -der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer -Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden -machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen -müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine -grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist -hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart -und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.« - -»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und -was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch -blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif -behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein -Daumenglied groß.« - -»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -- »eine sonderbare -Sache bleibt es mit der Stufe, -- aber es läßt sich vor der Hand nichts -damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben, --- der alte, -- na, man soll die Todten ruhen lassen. -- Seh' Er nur -wacker zum Rechten, -- es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir -noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob -es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es -könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon -einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt. -Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen -neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen. -Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen -wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen, -weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht -nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen, -wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber, -der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so -zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth, -das Wagstück zu unternehmen?« - -»Wenn mir's befohlen wird, -- ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem -Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt -man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben -wagen!« - -»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er -was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder -gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als -am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und -Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider -Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar -Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen -tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk' -ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.« - -Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen -wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen -Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die -Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.« - -»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied. - -Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über -Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte -da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür -desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte -sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob -ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -- nach einer Weile sagte -er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, -- hat Er sie gesehen?« - -Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte -in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen -nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und -Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines -Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre -Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie -erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier -eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und -- dem Doctor Meier -gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und -fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen. - -»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand -bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen; -vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht -die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum -Selbstunterricht, -- irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf -dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich -schenke Ihnen das Buch.« - -Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr -nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen, -und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen -Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter -und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden, -daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser -hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt -dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei -mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig -ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er -mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte -sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er -der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der -Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter -Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen -Herrschaften?« - -»O, die sind ~in dulci jubilo~, weil ich den Papa gichtfrei aus -Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an -die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige -Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als -außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem -Bräutigam abzuholen!« - -»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin; -»Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!« -dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur -größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?« -sagte er darauf, -- »der Mensch, -- wie heißt er doch! -- nun, der -früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem -Vater Abraham geworden!« - -»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin, -»freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich -die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters -gelauert.« - -»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen -ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.« - -»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!« - -»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron -für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen, -um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner -Liebschaft plaudert!« - -»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im -Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?« - -»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen -Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er -könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers -werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß, -was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so -anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht -meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund -treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten -würden, als es nun der Fall sein wird.« - -»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm -drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich -auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden. -Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer -zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie -nicht entbehren.« - -Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da, -vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen --- wir sprechen weiter darüber -- auf Wiedersehen!« Damit trennten sie -sich. - -Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder, -wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde -versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war -aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals -zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür. - -»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!« - -»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. -- »Nun bitt' ich einen Menschen, zu -entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!« - -»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner -Mutter noch einen Weg gehen.« - -Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau, -blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir -verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder -angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar -Geld zu bringen!« - -»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie. - -»Nicht eine Stunde. -- Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu -Füßen, -- umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in -jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß -er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt -wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.« - -»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend; -»was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen, --- Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen -vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, -- -er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, -- komm!« - -Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und -führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?« -sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.« - -Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und -brachte ihren Vorschlag an. - -»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf -kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden, --- verzeihen Sie, -- aber in Geldsachen keine Freundschaft! -- bis -morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister -sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.« - -»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die -Schichtmeisterin. -- »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen -wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen -Kinder, -- meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!« - -»Die Kinder, -- hm, -- die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des -Mitleidens, -- »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« -- - -»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und -der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen -lassen Sie Billigkeit walten. -- Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie -sollen mit gutem Zins bezahlt werden.« - -»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine -Thräne im Auge, -- »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches -Geschöpf, -- ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt; -es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins -tiefste Elend geschleudert würde.« -- - -Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete -das Herz. - -»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann -ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter -will ich -- könnte ich -- nun, man ist auch ein Mensch -- ich könnte -- -für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach -dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! -- ich könnte -mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.« - -»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen? -Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.« - -»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann -doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister -soll mir von seiner Waare liefern.« - -»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab' -ich denn für Waare?« - -»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich -nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre -der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!« - -Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der -Frau einen Blick der Verständigung. - -»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem -Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es -sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen -bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem -Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren, -bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß -ich länger keinen Augenblick warten kann.« - -Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die -dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß -inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz -der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim. - - -VII. - -Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht -sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von -ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche -Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der -Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher -Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche -Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, -- -aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die -Gefahr, in der man schwebte! - -Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer -Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die -Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den -bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche -thun, um den Goldschmied zu befriedigen. - -»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen -wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen -Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns -die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir -hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht -ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied -wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten, -der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg. -Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr. - -»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich -sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken; --- einmal ist nicht immer, -- und den kargen Gewerken, die ihrem -Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der -Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns -selber helfen.« - -»Weib!« rief der Schichtmeister, -- »wo denkst Du hin? Es hieße ja -ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte. -Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder --« - -»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich -fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds -schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, -- -denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin -von Brunn genannt zu werden.« - -»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine -Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus -gewesen, um Geld zu erborgen, -- verlorne Mühe! Alles zog sich hinter -Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!« - -»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,« -versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art -rettete, wie ich meine -- ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite -geschafft.« - -»Aber, Weib! wenn es herauskäme.« - -»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.« - -»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier -- --« er -konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein -Schauer durchrieselte ihn. - -»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter -den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?« - -Der Schichtmeister seufzte tief auf. -- »Bertha! brechen wir ab von dem -Capitel!« - -»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll. -Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir -handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu -bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder -der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf, -Mann! Vater!« - -»Aber der Steiger -- der Ferdinand -- er hat seine Augen überall.« - -»Der Spion! -- Aber halt! -- ich entsinne mich -- wart' einmal, Mann! -ich denke, wir werden den Aufpasser los.« - -»Wie so?« - -»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas -zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das -Nähere zu erforschen.« - -»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war -Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause -den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4 -Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des -Gewerkeausschusses sich einzufinden. - -»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die -Schichtmeisterin. -- Und so geschah es. - -Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt, -es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder -zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung -einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute -übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück -erlesen zu sehen, das er früher widerrathen -- und doch erschien es ihm -wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen -der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande -verfallen!« dachte er, -- »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht -sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten -- dann ist auch -das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine -Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen. - -Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man -rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht -erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr -aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine -zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er -um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem -Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb -bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er -gekommen, die Versammlung. - -Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht -so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim -getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den -dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem -Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit. - -»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du -froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist, -die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den -Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung -gegen Dein Leben, -- begreifst Du das nicht?« - -»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl auf die Gefahr -aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben -dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine -bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit -Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.« - -»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich -nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu -Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, -- sie fuhr in -die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit. -»Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem -Ferdinand die Hand der Hedwig, -- und er stiege in die Hölle! Du mußt -mir und Deinen Kindern bleiben, -- der Ferdinand wird vor Wonne tanzen, -wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm -das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt -im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so -lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!« - -»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?« - -»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.« -Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen, -so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht -ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr -nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen; -aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg -zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht -erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder -ganz dem Einflusse seiner Frau. - -Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines -wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem -Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes -physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher -Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern -des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen -Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an -das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine -solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die -Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun -der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm -die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei -ihre Dienste leisten. - -Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt -zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß -und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern -heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins -Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der -Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht -unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel -vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe -hinein!« rief er trunken vor Entzücken, -- »aber ich nehme Sie beim -Wort.« - -»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die -Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll, -wenn --« - -»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns -ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine -Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf- -und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie -entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die -Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger -Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen -Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand -tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe. - -Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte -der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der -Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte -dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das -Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen, -sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen -und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch -dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng -nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke, -Fahrstuhl, -- Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen. -Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen -ausgewählt. - -Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer -bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte. -Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der -Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk. -Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den -Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und -die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für -einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses -Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren -Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben -und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen -Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. -- »Los!« rief Ferdinand, und der -Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und -das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur -das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach -endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist -Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht -ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um -manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk -von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten -100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege -die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der -rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden; -Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern. -»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere -nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von -dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht -stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus -aller Bedrängniß retten konnte. - -Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden -waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit -der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl -angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf -dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich -aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel -nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das -Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe -abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf -die Glocke und lauschte, -- einmal -- zweimal; -- »in die Ruhe!« -commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich -die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun -schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!« - -Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern -folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille, -betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der -einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem -Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte -bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die -Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod -entschied. - -Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf -einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal -in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz; -ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie, -keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der -Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht -fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige -entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite -des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das -der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der -ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte -sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, -- ich -wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger -drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang -sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, -- aber nein; nur ein Zufall -bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, -- bald erglänzt der -schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, -- noch ein paar Windungen, -da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und -stark der glückliche Teufenfahrer; -- »Glückauf! Glückauf!« rufen alle -Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, -- aber wo -bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine -Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den -Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust -dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen -ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick -ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser -zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt -Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe -eint, die stärker ist als der Tod. -- Erst dann mögen die Herren der -Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war -kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht -befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube -Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er -abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen -Angriff des alten Baues wohl verlohnte. - -»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß -von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert -wegen der schlagenden Wetter.« - -»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft -gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der -Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen -Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende -noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog -ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete -ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen -rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten -gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen, -verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält, -ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.« - -»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire ich den Herren Gewerken -vom Vater Abraham und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen Steiger -ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns von nun an öfter sehen, mein -lieber Freund und -- Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, hab' ich -so eben gesehen!« Damit reichte er dem glücklichen Ferdinand die Hand. - -»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine Gans ist,« murmelte der -Hutmann Hedwig zu, »der Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen -Schwager zu haben.« - -Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit die Hand. Die -Versammlung bewegte sich nun langsam dem Huthause zu. - -Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen und befand sich mit der -Hausfrau allein in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren Mädchen -hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! sie kommen!« Die Frau eilte ans -Fenster. Ein Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, -- er ist -dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die Dirne -- und der Baron, -- -ich kriege den Tod!« - -»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, »wenn Ihre Mine nicht -wirkt, so wirkt die meinige. Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie -der Gesellschaft heiter entgegen!« - -Gleich darauf trat die Gesellschaft ein. - - -VIII. - -Der Doctor hielt sich nur noch wenige Augenblicke im Huthause auf. Er -eilte nach Pobersdorf zu seinem Vetter, dem er sich früher eben so -sehr entfremdet hatte wie seinem Schulkameraden Ferdinand, dem er aber -wieder näher getreten war, als er glaubte, ihn brauchen zu können. - -»Ich glaube, Du hast es jetzt in der Hand, Steiger auf dem Vater -Abraham zu werden,« so eröffnete er jetzt seine Verhandlung mit ihm. - -»Wie so?« fragte der Bergmann stutzig. - -»Ich habe in der Stadt von Erzpartirerei gehört, die auf dem Vater -Abraham getrieben werden soll. Du weißt, der Obereinfahrer ist mein -Freund; der hat schon lange auf den Grund des Gerüchtes gespürt, aber -umsonst. Durch einen Zufall glaub' ich dem Erzdiebe auf die Spur -gekommen zu sein; aber da ich nicht gut selbst die Spur verfolgen -konnte, so schwieg ich gegen meinen Freund davon. Täuscht mich die Spur -nicht, so ist kein Anderer der Dieb als der -- wie heißt er doch! -- -nun, der Dir die Steigerstelle vor der Nase weggeschnappt hat.« - -»Ach, Du meinst den Bergner Ferd--,« sagte der Vetter, »bist ja mit -ihm in die Schule gegangen, -- der sollte Erz gestohlen haben? -- -Ja, -- meiner Treu! jetzt geht mir ein Licht auf: Der »Boß!« hat 100 -Thlr. in der Sparkasse und einen ganzen Schrank voll Bücher, so viel -Geld hat ein Häuer nicht übrig, und wenn andere Bergleut' ihre freie -Zeit zu Nebenverdienst verwendet haben, ist er daheim gesessen und -hat gezeichnet, geschrieben, gerechnet und in Büchern gelesen; da hat -er gut gescheidter werden können als Andere, aber er hat auch weniger -verdient dabei und doch 100 Thaler gespart, -- das geht nicht mit -rechten Dingen zu.« - -»Nun, ich denke, ich habe seine Geldquelle entdeckt,« sagte der Doctor, -»aber ich müßte aus dem Spiele bleiben.« - -»Wenn ich Etwas finde, brauch' ich's nur meinem Schwager, dem -Bergamtsboten zu stecken, der wird's schon vor die rechte Schmiede -bringen.« - -»Ganz recht so! mach' Deine Sache, ich werde bei meinem Obereinfahrer -das Meinige für Dich thun.« Hiermit schied er. - -Die Gesellschaft hatte sich vom Huthause verloren. Ferdinand war -angefahren, und Hedwig waltete in der Küche. Da trat ihre Schwester -Brunhild zu ihr. »Du hast recht viel Drasch um meinetwillen,« sagte sie -in ihrer gewohnten, nur etwas schüchternen Freundlichkeit. - -»Arbeiten ist mir ja eine Lust,« erwiederte Hedwig. »Ich wollte, ich -könnte wirklich etwas für Dich thun; Du warst immer so gut mit mir, -wenn Du's auch vor Deiner Mutter nicht so merken lassen durftest; ich -hätte gern an Deiner Garderobe mitgeholfen, aber da läßt mich die -Mutter nicht an, weil sie meint, ich hätte keinen Geschmack.« - -»Ach, die Mutter quält sich und Andere mit ihrem Geschmacksfanatismus,« -sagte Brunhild; »ich will froh sein, wenn ich erst bei meinem Alexis -bin, dann hat doch diese peinliche Mutterfürsorge ein Ende. Sag', hast -Du den Vater beobachtet?« - -»In den Augenblicken, wo ich mit ihm zusammenkomme, wohl,« sagte -Hedwig, »Du bist mehr um ihn, kommt er Dir denn auch so verstört vor -wie mir?« - -»Das wollt' ich von Dir wissen, -- o Gott! mir liegt eine fürchterliche -Last auf dem Herzen. Ich habe schon gebetet; es wird nicht anders. Seit -die Gesellschaft fort ist, kommt mir der Vater ganz verzweifelt vor; -er hat sich mit der Mutter gezankt und jetzt auf seine Schreibstube -eingeschlossen. Mit der Mutter läßt sich auch seit gestern kein -vernünftiges Wort mehr reden; sie ist so leidenschaftlich, und manchmal -erschreckt sie mich fast durch ihren Blick. Ich habe sie noch nie so -gesehen! Höre Du mich, Hedwig, Du bist gut und klug, glaube mir, ich -nehme den herzlichsten Antheil an Deinem Glücke, wenn ich mir es auch -vor der Mutter nicht so merken lasse.« - -Hedwig zog sie an sich und küßte sie. - -»Was ich Dir sagen wollte,« fuhr Brunhild fort, »mir ahnt ein Unheil, --- und ich bin eigentlich die Hauptursache davon. Meinetwegen haben -sich die Eltern in Schulden gestürzt. Freilich hab' ich gegen den -übertriebenen Aufwand geredet, aber die Mutter ließ sich nicht weisen, -es wurde gekauft und geborgt auf die Erbschaft los, und darauf hin hat -sich der Vater auch verleiten lassen, dem Goldschmied einen Wechsel von -vierhundert Thalern auszustellen, der in diesen Tagen fällig ist. So -viel ich wegbekommen habe, ist der Erbschaftsproceß verloren, und nun -soll der Vater den Wechsel decken und kann es nicht.« - -»Und was droht ihm da?« fragte Hedwig bebend. - -»Gefängniß, der Gläubiger kann ihn so lange setzen lassen, bis er -zahlt.« - -»Barmherziger Gott!« rief Hedwig, »aber so weit wird's doch der -Goldschmied nicht treiben?« - -»Du kennst den Mann nicht,« sagte Brunhild, »das ist ein Shylock; o, -der Vater ist in fürchterliche Hände gerathen und um meinetwillen!« - -Beide Mädchen mußten weinen. Nach einiger Zeit sagte Hedwig: »Aber -unser Klagen nützt nichts, wir müssen auf Mittel denken, dem Vater zu -helfen.« - -»Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen,« sagte Brunhild, »aber ich -sehe keinen Ausweg. Ich war heimlich in der Stadt und wollte dem -Goldschmied meinen ganzen Schmuck geben; er nahm ihn nicht, in fünf -Tagen wolle er den Wechsel baar gedeckt sehen, sagte er.« - -»Halt! ich hab's!« rief Hedwig, »der Gewerkenausschuß hat meinem -Ferdinand 300 Thaler Belohnung für die Befahrung des alten Schachtes -zugesichert, 100 Thaler hat er in der Sparcasse, das sind 400 Thaler, -die muß er dem Vater leihen!« - -»Wird er das wohl thun?« - -»So gewiß, als es Dein Baron thun würde, wenn Du ihn darum bätest. Aber -bei Euch vornehmen Leuten liegt ewig noch eine Scheidewand zwischen den -Seelen, wenn Ihr Euch auch noch so sehr liebt!« - -»Ich hätte wahrlich nicht den Muth, an meinen Alexis solch eine Bitte -zu richten.« - -»Das kommt von der Unnatur her, in die Du hineingezwängt worden bist; -es ist ein Wunder, daß Du noch so gut und lieb geblieben. Ich hoffe, -wenn Du erst ganz bei Deinem Alexis sein wirst, wird die gesunde Natur -bei Dir wieder zu ihrem vollen Rechte kommen. Gräme Dich also nicht -mehr um den Vater, fünf Tage noch hat es Zeit mit dem Wechsel, da ist -er gedeckt.« - -Brunhild umschlang die edle Schwester und ergoß zum ersten Mal ihr -ganzes volles Herz vor einer verwandten Frauenseele. Gleich darauf -erschien der Baron und brachte die Nachricht, eine Tante von ihm sei -angekommen, wolle aber noch heute nach Schloß Scharfenstein, wohin sie -geladen worden. Und da er selbst seine Braut dort noch vorzustellen -habe, so wolle er mit ihr die Tante begleiten. Die Schichtmeisterin -fand es von selbst verständlich, daß Brunhild von der Partie war, und -diese glaubte jetzt ohne Angst um den Vater, sich auf ein paar Tage -entfernen zu dürfen. - -Als Ferdinand ausfuhr, gab Hedwig ihm eine Strecke weit das Geleit und -theilte ihm die Bedrängniß ihres Vaters mit. Er war mit Freude zur -Hülfe bereit. »Morgen wird mir wahrscheinlich das Geld für die Fahrt -ausgezahlt,« sagte er, »wenn nicht, so gehe ich übermorgen früh in die -Stadt und dem Mickley nicht vom Halse, bis ich das Geld habe. Dann ist -die Sache abgemacht. Aber sag' Deinem Vater nichts davon, Du weißt, ich -liebe es nicht, über solche Dinge viel Geräusch zu machen. Uebermorgen -bringe ich Dir den quittirten Wechsel.« - -Dabei blieb es. Als Hedwig bei ihrer Rückkehr dem Vater unter der -Hausthür begegnete, flüsterte sie ihm zu: »Hoffe und vertraue, es ist -Hülfe nah!« - -Er sah ihr forschend in das mondbeglänzte Gesicht. Ihr Auge schwamm in -Thränen, aber ihren Mund umspielte ein seliges Lächeln. Er streichelte -ihr die Stirn und sagte: »Du sprichst wie ein Engel, -- ach --« aber -das Dazwischentreten seiner Frau schloß ihm den Mund. - -»Wo steckst Du denn so lange?« herrschte sie Hedwig zu, »geh' doch an -Deine Arbeit!« Dann wollte sie mit dem Gatten ein Gespräch anknüpfen, -aber der machte sich unwillig los. -- »Du bist mein Dämon!« sagte er -und ging in seine Schreibstube, wo er sich wieder einschloß. - -Hier lagen die Terzerole frei auf dem Tische. »Heute noch nicht!« -sprach er und verbarg sie nochmals, »die Engelsstimme hat noch einmal -Hoffnung in mein Herz gesenkt. Hoffe und vertraue, es ist Hülfe nahe! -so sprach das verkannte, verstoßene Kind, -- o wie hab' ich das an ihm -verdient? -- Weiß sie meine Lage und hat sie den Ferdinand zur Hülfe -aufgefordert? Der könnte helfen; aber ich selbst hätte nicht den Muth, -den edlen Menschen anzusprechen, den wir erst zu verderben getrachtet. -O Gott! wie gerecht bist Du! Den wir verderben wollten, der ist mit -Ehre gekrönt, und er trägt den Lohn davon, der unser hätte werden -können. Jetzt wären wir gerettet, -- o Weib! Weib!« -- Er versank eine -Zeit lang in trübes Brüten; nach und nach wurden seine Züge weicher und -Thränen entquollen seinen Augen. -- »O Gott! o Gott! wie tief bin ich -gefallen!« rief er aus und sank auf seine Kniee zum brünstigen Gebete. - -Der folgende Tag verging ziemlich still im Huthause, nur daß zwischen -den beiden Gatten wieder ein verdrießlicher Auftritt stattfand, nach -welchem der Schichtmeister sich in sein Zimmer schloß, und seine -Frau von Stunde zu Stunde widerwärtiger gegen ihre Umgebung wurde. -Niemand hatte darunter mehr zu leiden als Hedwig, doch trug sie Alles -mit stiller Geduld; sie fühlte, daß ihre Tyrannin der elendere und -beklagenswerthere Theil war. - -Da Ferdinand an diesem Tage das ihm zugesicherte Geschenk nicht -erhielt, so machte er sich den folgenden Morgen auf den Weg nach der -Stadt, um es zu fordern. Es bedurfte nur eines Wortes bei dem biedern -Gelbgießer, um diesen zur Zahlung zu vermögen. Dreihundert baare -Thaler wurden dem armen Bergmann zugezählt, -- eine Summe, die er -nie beisammen gesehen, geschweige denn sein genannt hatte! Was würde -der Sparcassenmann für Augen machen, wenn er eine solche Einlage -brächte. Aber was machte er für welche, als der sparsame Knappe sein -ganzes Guthaben verlangte und auch nicht eher vom Platze wich, bis er -es hatte! Froh wie Gott ging Ferdinand dann zu dem Goldschmied und -erklärte, von dem Schichtmeister abgeschickt zu sein, den Wechsel -einzulösen. - -Der Goldschmied riß erstaunt die Augen auf, wollte Bedenklichkeiten -erheben, aber Ferdinand hatte in seinem Wesen so etwas Gebietendes, daß -der Wucherer sich gezwungen fühlte, den Wechsel herbeizuschaffen, zu -quittiren und Ferdinand einzuhändigen. Kaum war dies geschehen, als die -Ladenthür aufging und außer dem Bergschreiber und dem Bergamtsdiener -einen Gerichtsactuar und den Gerichtsfrohn einließ. »Da finden wir -die Compagnons gleich beisammen,« sagte der Bergschreiber. »Im -Namen des Gesetzes erkläre ich diese beiden Herren für Gefangene!« -sagte der Actuar; »ich hoffe, Sie werden sich Ihr Loos nicht durch -Widersetzlichkeit erschweren!« - -Der Goldschmied bebte wie ein Espenblatt, indeß Ferdinand sich blos -verwunderte. »Da muß ein Irrthum walten,« sagte er, »und der wird sich -bald aufklären; ich gebe mich ruhig gefangen.« Der Goldschmied erhob -allerlei Einwände; seine Frau kam herbeigeheult und wollte ihn nicht -fortbringen lassen. Es half aber Alles nichts, die Verhaftung wurde -vollzogen. - -Der Vetter des Doctors war rasch zu Werke gegangen, aber er würde -seinen Zweck nicht so bald erreicht haben, hätte nicht die von den -Geschwistern des Lehrburschen vom Gelbgießer Mickley verschleppte -Silberstufe ihren Weg schon vorher in die Hände des Bergamtsboten -gefunden gehabt. Dieser hatte nachgeforscht, woher die Stufe gekommen; -und als nun sein Schwager ihm mittheilte, welche Entdeckung er in der -alten Jacobszeche gemacht, da hatte es gar keiner Weitläufigkeiten -bedurft; jener war in die Bergkanzlei gegangen und hatte dem -Bergschreiber Anzeige erstattet. Es war sofort eine bergamtliche -Untersuchung der Jacobszeche vorgenommen und dort das vom Doctor dahin -getragene Erz gefunden worden. - -Mit großer Verwunderung sah der Gelbgießer Mickley seinen Schützling in -Gesellschaft der Bergamts- und Gerichtspersonen sammt dem Goldschmied -über den Markt nach dem Rathhause gehen. Bald erfuhr er die Bedeutung -dieses Aufzuges. Sogleich zog er sich an und eilte aufs Rathhaus, um -dem Gericht seine Bürgschaft für Ferdinand anzutragen. Der Richter -erlaubte ihm nur, den Gefangenen in Beisein eines Actuars zu besuchen. -Ferdinand empfing den edlen Freund mit einer Miene, welche das -unerschütterliche Vertrauen, das dieser in ihn setzte, bestätigte. -Er erzählte den Hergang der Verhaftung. Der Gelbgießer fragte, ob -er etwas für ihn thun könne. Ferdinand bat ihn, seiner Mutter in -beruhigender Weise wissen zu lassen, wo er sich befinde, und seiner -Braut mitzutheilen, daß der Wechsel eingelöst, ihm aber vom Gericht -abgenommen wäre. - -»Hat Er denn eine Wechselschuld bei dem Wucherer?« fragte Mickley. - -»Ich nicht,« sagte Ferdinand, »aber eine mir theure Person.« - -»Sollte die Verhaftung mit dem Wechsel in einem Zusammenhange stehen?« -fragte Jener wieder. - -»Ich glaube nicht,« sagte Ferdinand. - -»Nun, ich werde Beides bestellen,« versicherte Mickley, »und für eine -Erquickung will ich auch sorgen.« - -»Das Liebste wäre mir ein Buch; meine Mutter soll mir das neue, vom -Herrn Obereinfahrer geschenkte schicken.« - -»So behalt' Er frohen Muth; der liebe Gott wird Ihm schon beistehen.« -Damit schloß Mickley seinen Besuch. - -Hedwig war einen Augenblick durch die ihr vom Gelbgießer selbst -gebrachte Schreckensbotschaft von der Einkerkerung ihres Geliebten -wie niedergedonnert. Aber sie raffte sich bald wieder zusammen, -war er doch unschuldig! Sie erklärte, den Gelbgießer in die Stadt -begleiten zu wollen. Ihr Vater war im Schacht, und den Widerspruch -der Mutter, die nicht wußte, was es gab, achtete sie nicht, es war -ihr erster Ungehorsam. Unterwegs theilte ihr Mickley mit, wie die -ganze Sache stand, und daß durch die Entdeckung einer beträchtlichen -Partie reichhaltigen Erzes in der hinter Ferdinands Haus befindlichen -Jacobszeche dieser allerdings ziemlich belastet erscheine. - -»Das Erz hat irgend ein schlechter Mensch hingeschafft!« rief Hedwig -aus, »und der das gethan, muß einen besondern Zahn auf Ferdinand haben; -ich weiß aber keinen Feind von ihm zu nennen als den Bergmann Meier, -der sich auf den Steigerdienst gespitzt hatte, und seinen Vetter, den -Doctor Meier.« Und sie erzählte, in welcher Weise einst der Doctor mit -Ferdinand zusammengetroffen war. - -»Gut! gut!« sagte Mickley, »jetzt entsinn' ich mich, daß ich den alten -Steiger Meier in seiner letzten Zeit ein paar Mal bei dem Goldschmied -habe aus- und eingehen sehen, und nach dem letzten Mal stürzte er -plötzlich in den Schacht. Ich hatte schon damals meine Gedanken -darüber, aber ich wollte dem alten Mann nicht Unrecht thun. Wir gehen -jetzt stracks aufs Stadtgericht; da will ich gleich den Antrag stellen, -daß alle Papiere des Goldschmieds durchsucht werden!« - -So geschah es; auch wirkte der wackere Bürger für Hedwig die Erlaubniß -aus, den Gefangenen zu sprechen. - -Mittlerweile war auf dem Huthause der Doctor Meier erschienen und -hatte der Schichtmeisterin triumphirend zugerufen: »Die Falle ist zu, -der Fuchs gefangen!« Diesen Zuruf hörte der in der Küche seine Pfeife -anzündende Hutmann. Dieser war bei Mickley's Anwesenheit und Fortgehen -mit Hedwig im Walde gewesen, wußte daher noch nichts von Ferdinands -Verhaftung. Doch fiel ihm die Aeußerung des Doctors auf, und er -brachte sie gleich in Zusammenhang mit Hedwigs ganz außerordentlichem -Gang in die Stadt. Seine Aufmerksamkeit wurde noch mehr erregt durch -den Jubel, mit dem die Schichtmeisterin den Ruf des Doctors aufnahm. -»Also der Fuchs ist unschädlich gemacht?« rief sie, -- »o Sie sind -der Schutzgeist meines Hauses!« -- »Gott behüt' uns vor solchem -Schutzgeist!« sprach der Greis bei sich; »da ist ein Bubenstück gegen -meinen Steiger ausgeführt worden!« Er konnte nicht hören, was die -Beiden weiter verhandelten. Der Doctor entfernte sich bald, und der -Greis beschloß, auf seine Schwiegertochter Acht zu haben. - -Es war nach Tisch. Der argwöhnische Alte raubte sich heute sein -gewohntes Mittagsschläfchen, um auf Alles zu merken, was im Hause -vorging. Doch hielt er sich still in seinem Stübchen. Gerade unter -diesem befand sich die Scheidebank und die damit verbundene Erzkammer. -Die Scheidearbeit ruhte heute; daher war die Scheidebank verschlossen. -Der Schichtmeister brauchte die Scheidearbeiter zur Ausbesserung des -Pumpwerks im Schacht. Dennoch vernahm der Hutmann auf einmal ein -Geräusch in der Scheidebank oder Erzkammer. Er schlich sich hinaus -und verbarg sich auf der Treppe. Bald darauf ging die in die Hausflur -führende Thür der Erzkammer auf, und die Schichtmeisterin trat mit -einem verdeckten Handkorbe heraus, der ihr sichtlich sehr schwer wurde. -Sie betrat damit die dunkle Treppe und wurde ihren Schwiegervater erst -gewahr, als sie dicht vor ihm stand. - -»Ei, Frau Tochter! was für schwere Spitzen, Hauben oder Tücher tragen -Sie denn da?« redete er sie an, und ehe sie es hindern konnte, hatte -er den Deckel aufgehoben, und die schönsten Erzstufen blinkten ihm -entgegen. »Ich hätte nicht gedacht, daß meine Sohnsfrau sich so gut auf -Erz verstände; wahrlich! die besten Stufen hat sie sich herausgeklaubt, --- kommen Sie doch gefälligst mit herauf, Madame, wir wollen uns oben -die Dingelchen bei Licht besehen. Nur keine Umstände, sonst ruf' ich -die Leute vom Göpel herüber und sage ihnen, bei wem sie sich bedanken -mögen, daß sie zu keiner Lohnverbesserung kommen können.« - -Vernichtet folgte die Frau dem strengen Greise auf sein Zimmer. Er -schloß hinter ihr ab. »Jetzt, Du Weib des Unheils, bekenne: was -wolltest Du mit dem Erz thun?« Die Frau schwieg lange; aber endlich -beichtete sie unter strömenden Thränen. Es kam ein seltsames Gemisch -von wirklicher Mutterzärtlichkeit, Eigenliebe und Hoffart, wie es nur -in der seichten Lache der Halbbildung möglich ist, zum Vorschein. Und -als sie ein umfassendes Bekenntniß abgelegt hatte, und das ganze Gerüst -ihres Hochmuths zusammengebrochen war und sie mit ihm, da sprach der -Greis: »Unglückselige Frau! Du hast fürchterlich gefrevelt. Du hast uns -Alle an einen Abgrund gebracht, von dem ich keine Rettung sehe, wenn -Gott nicht ein Wunder thut!« - -»Mutter! Mutter!« rief jetzt eine Kinderstimme von unten. Der Greis -öffnete die Thür und fragte hinaus, was die Mutter solle. »Es ist ein -Mann da,« lautete die Antwort. Der Hutmann ging hinab; es war der -Gerichtsbote, der den Schichtmeister auf das Stadtgericht beschied. - -»Was soll er dort?« fragte der Greis voll banger Ahnung. - -»Er soll als Zeuge aussagen, ob er dem Steiger Bergner aufgetragen, für -ihn einen Wechsel zu bezahlen?« - -»Wie? weiter nichts? der Wechsel ist bezahlt?« - -»Wie die Quittung besagt, die man beim Steiger gefunden.« - -»Gut! ich will meinen Sohn gleich aus dem Schacht rufen lassen.« - -»Ja, thut das! denn die Freilassung des Steigers hängt von dem -Zeugniß ab. Der Herr Obereinfahrer hat sich für ihn verwandt, und der -Herr Stadtrichter will ihn entlassen, wenn es mit dem Wechsel seine -Richtigkeit hat.« - -Der Greis ahnte den ganzen Zusammenhang; er eilte an den Göpel und -schickte einen Bergmann in den Schacht nach seinem Sohn. »Sagt ihm, -es gäbe eine gute Nachricht!« rief er dem Bergmann nach. Dann ließ -er den Gerichtsboten in das Wohnzimmer treten und ging zu seiner -Schwiegertochter zurück. - -»Jetzt, Frau, trag das Erz wieder an seinen Ort und danke dem -barmherzigen Gott, daß er Dein Verbrechen verhütet. Er wollte nicht den -Untergang der Deinen, darum hat er auch schon die Rettung aus aller -Noth geschickt. Wie dies geschehen, wirst Du später hören!« - -Die Frau fiel auf ihre Kniee und umklammerte schluchzend die des -Greises. - -Der Schichtmeister war bald oben und ging, nachdem er vernommen, -was vorgefallen war, mit tief erschütterter Seele im Geleite des -Gerichtsboten nach der Stadt. - -Zwei Stunden später füllte sich das Huthaus mit frohen Menschen. Im -Triumph brachte Hedwig ihren Ferdinand, gefolgt von dem Schichtmeister, -Ferdinands Mutter, dem Gelbgießer, dem Baron von Brunn und Brunhild. -Die Letztern waren, von Scharfenstein zurückkehrend, in dem Augenblick -über den Markt gefahren, wo Hedwig von Ferdinand gekommen war, und -diese hatte sogleich die Schwester angerufen und ihr das Geschehene -mitgetheilt. Da hatte Brunhild, die inzwischen alle Schüchternheit -gegen ihren Bräutigam verloren, diesen sofort in das Geheimniß gezogen. -Der edle Mann hatte sogleich seine Vermittelung angeboten und war ohne -Säumen zur That geschritten. Auf seine Fürsprache wurde Ferdinand, -nachdem der Schichtmeister sich zu dem Wechsel bekannt hatte, gegen -Handgelöbniß entlassen. - -Da mußte nun die Schichtmeisterin in dem Manne, den sie erst dem Tode -und dann der Entehrung preiszugeben versucht, den Wohlthäter ihres -Hauses erkennen. Eine tiefere und heilsamere Beschämung konnte ihr -nicht widerfahren. - -War Ferdinand nun schon noch immer der Untersuchung unterworfen, so -dienten doch die Enthüllungen, welche die Schichtmeisterin ihrem -Schwiegervater gemacht hatte, und die dieser dem Obereinfahrer -mittheilte, dazu, die Wahrheit völlig ans Licht zu bringen. Mit Schmerz -erkannte der Baron die Unwürdigkeit seines Freundes; er schüttelte den -Schmarotzer ab und ließ ihm die Wahl, sich entweder über dem Meere -eine neue Heimath zu suchen oder ins Gefängniß zu wandern. Der Elende -wählte das Erstere. Als Brunn ihn am Bord eines Schiffes wußte, wirkte -er auf Niederschlagung des Processes hin, die er auch erlangte, als der -Goldschmied eines Morgens im Gefängniß erhängt gefunden wurde. - -Der Obereinfahrer Freiherr von Brunn und Steiger Bergner hatten an -einem Tage Hochzeit, und es zeigte sich, daß nur in der hoffärtigen -Einbildung der Schichtmeisterin die Furcht begründet war, die Familie -des Freiherrn werde an der Verschwägerung mit einem redlichen Bergmanne -niedern Grades Anstoß nehmen. Gleich nach der Hochzeit begann der -neue Betrieb des alten Schachtes; Frenzel wurde Schichtmeister und -Ferdinand Obersteiger der vereinigten Vater Abraham Fundgruben. Ein -stattliches Huthaus krönt jetzt mit einem Dampfgöpel und anderen -Betriebsgebäuden die alte Halde, und an schönen Sommertagen kann der -Wanderer auf der Hausbank eine allerliebste junge Frau sich abwechselnd -der reizenden Aussicht auf das wiesenthaler Gebirge und der drei -kleinen Engel erfreuen sehen, die zu ihren Füßen spielen. An Sonntagen -vervollständigt das anmuthige Bild der Vater Obersteiger und nicht -selten der Groß- und Urgroßvater vom untern Huthause. Auch hier ist -nach jener Lection ein einfältigerer Sinn, Friede und Segen eingekehrt. - - - - -III. - -Der Gimpelkönig. - - -1. - -Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt, ist ein Landstrich, in -welchem fast jeder dritte Ort sich auf »grün« endigt. Die Leute dort -sagen, das rühre von den vielen Vogelherden her, die es da giebt. Denn -»'s Grün« heißt der Platz, worauf der Vogelherd angelegt ist. Die -vielen Vogelherde aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner; die -Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt. Der hat auch einen -Vorort -- Wellersgrün nennen wir ihn, obgleich er auf der Landkarte -anders lautet; doch »grünt« er sich wenigstens. - -Da hauste bei Menschengedenken ein Mann, der hatte sich vom -Bürstenbinder, Krämer und Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der -Gimpel emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen, daß hier -nicht von jener adamitischen Gimpelspecies die Rede ist, welcher das -goldene Gefieder von den Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu -werden pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke, dessen Heimath -der grüne Tannenwald ist, und das den Wellersgrünern von jeher ihre -gesuchtesten Virtuosen in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger -- -so hieß unser Mann -- hatte keine Ahnung von jener uneigentlichen -Gimpelspecies; ihm war Gimpel gleichbedeutend mit Genie, und darum -war er stolz auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen -ertheilt hatten, weil er im Fangen und Abrichten der kleinen Waldsänger -eine Meisterschaft besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über -diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen vogelstellenden -Landsleuten war König Gottfried, daß seine Zöglinge nicht allein in -ferne Gegenden verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten -Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün lediglich in der -Absicht wallfahrteten, den »Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen. - -Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese Besucher zöge noch etwas -ganz Anderes nach dem schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall -des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle -- nämlich die -Prinzessin des kleinen Reiches, das über alle Beschreibung nette -und herzige Hannchen, Ungers eheleibliche neunzehnjährige Tochter. -Aber wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren Theiles der -Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so doch bestimmt nicht in Ansehung -der vielen gesetzten Männer, die sich darunter befanden; für die war -es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von seinem gefiederten -Hofstaat zu sehen. - -Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom Scharwerksmaurer unter -der Decke mit einer Guirlande von Phantasieblumen geschmückte Stube, -deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen vollbesetzter Vogelbauer -garnirt sind. Das der Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit -Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen, Muskat- und -Rosenkrautstöcken bedeckt das Bret, und die Bauer zu beiden Seiten -zeichnen sich durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die Gimpel --- sie sind der hohe Adel des Ungerschen Reiches; die andern in den -unansehnlichen Behältern, die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und -dergleichen, sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte -aus betrachtet, sind jene die Solosänger, diese die Choristen. Vor -dem solchergestalt ausgezeichneten Fenster steht ein kleiner Tisch und -vor diesem ein Lederpolsterstuhl -- das ist der Thron des Monarchen, -da sitzt er, ein stattlicher Funfziger, den einen Arm auf den Tisch -gestemmt, mit dem andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam -abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen Audienz. -Solches geschieht, indem er einen Bauer nach dem andern von seinem -Nagel herunternimmt, ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine Melodie -intonirt, worauf der Bewohner des Bauers sofort einfällt und die Weise -zu Ende führt. Auf diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit einer -Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom »Freund, ich bin zufrieden« -bis zum »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle -Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich wird dem fremden Zuhörer -der Genuß dieses Concertes durch das wirre Durcheinander des Chores -verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem Zwitschern, Zirpen und -Wirbeln der Quäker, Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang -der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör aber unterscheidet -diesen recht wohl, ja für dasselbe dient der gemeine Chor den edlen -Concertisten nur zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen -Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist. - -Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen Vögeln sah, oder wer gar -seinen Lehrstunden beiwohnte, der mußte die heitere Gemüthsruhe, die -unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und war es eine Frau, die -ihn so beobachtete, so konnte sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches -Lamm von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie Herr Gottfried seinen -Vögeln den Rücken gewendet hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da -keifte und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner Gattin glücklich -gelang, ihn auf den Vogelherd oder in die Schänke zu spediren. -Vielleicht wurde das Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen, -von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß ihm für den Verkehr -mit Menschen nichts davon übrig blieb. Niemand konnte im Umgange -reiz- und verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es keinen -Menschen, der so schwer zu versöhnen war wie er, zumal wenn ihm Jemand -sein Steckenpferd unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren -schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer sich einmal von -der Kanzel gegen das Vogelstellen auszusprechen gewagt hatte; da der -hierdurch schwerbeleidigte Gimpelkönig aber doch ein guter Christ -sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide oder Hundshübel zum -Gottesdienst. Desto fleißiger besuchte er eine der Ortsschänken, nicht -nur weil der Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern -auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit hatte, -neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören. Zu seiner Ehre muß gesagt -werden, daß er sich fast nie betrank; sein gewöhnliches Getränk -war das heimische »Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen -»Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte. - -Hausdespoten werden von ihren Familien nicht mit Rosenketten in ihren -vier Pfählen festgehalten -- der Ungerschen Familie war, als hätte sich -ein böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den Vogelherd oder -in die Schänke verfügt hatte. Da wurde es erst gemüthlich im Hause. -Mutter und Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor und -reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen« um den Ofen; oft kam dazu -auch der Geselle mit dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt -oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände feierten. Sonntags -traktirte Frau Unger das ganze Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee -und »Hefenkloß«, in welchem die Rosinen nicht fehlen durften, und -wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein frohwillkommener -Gast. Manches arme Dorfkind hatte regelmäßig das Glück, keins aber -regelmäßiger, als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle, der -in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land gezogen und seit er zu -solchem Erwerb invalid geworden, in die Stelle eines Vice-Tag- und -Nachtwächters von Wellersgrün eingerückt war. Diese wichtige Person -war für das Ungersche Haus noch mehr, als ihr Titel besagte: sie war -zugleich Historienbuch, Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung. Daher -geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels« wohlbekannter Amtsspieß an -der Ungerschen Hausthür lehnte, -- denn die Schwelle durfte dieses -polizeiliche Attribut nicht überschreiten, das wäre eine Verletzung -der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen, -- eine Nachbarin nach der -andern in die Gimpelresidenz »hutzen«[1] eilte, um das Neueste aus der -Tagesgeschichte zu erfahren. - - - [1] Hutzen heißt im Obererzgebirge soviel als: einen kurzen Besuch im - Hauskleide machen. - -So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres Eintausend Achthundert -und --Zig. Der Hausherr saß beim Einfachen in der obern Schänke; -die Hausfrau mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch, und -»Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf Gott!« in die Stube. Nachdem -er von allen Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen an den -Tisch gezogen worden, hieß es rechts und links: »Was hat's Neues in -der alten Welt?« Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus -der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in den »Hefenkloß« -und sagte: »So in einem Athem, Ihr guten Leut', läßt sich das nicht -erzählen.« Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß mit großer -Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen verschwinden. Alle Anwesenden -hefteten die Augen auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel -richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür, als erwarte er -noch einige Ohren für seine Zeitung. Er wartete nicht vergebens -- -der Spieß war gesehen worden -- ehe fünf Minuten vergingen, war ein -halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von denen sich die eine ein -Loth Kaffee, die andere ein Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig -Pfeffer zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht -- den wir mit -Beseitigung der Mundart wortgetreu wiedergeben -- begann: - -»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr guten Leut'! Der Franzos -draußen ist wieder einmal kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt -oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und in Welschland wollen sie -auch gescheidt werden, ob's ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt -wird, das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's Rußbuttenlobel -wissen! Aber der Russ' dahinten scheert sich den Teufel darum, ob's -in Polen Wölfe giebt oder nicht -- er hat einen gar guten Magen, das -wissen wir von Anno dreizehn, da haben die Kosacken gefressen, was -ihnen zwischen die Zähne kam; übrigens ist es oben im Sibirienland -fast so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen wissen und -viele andere Ehrenleut', die dort auf dem Zobelfang waren -- Du mußt -aber hübsch aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein dummer -Junge, und die Rosinen mußt Du nicht aus dem Hefenkloß bohren -- und in -England werden sie nächstens mit Dampf in den Mond fahren, ich wollte, -sie wären schon alle droben gewesen, eh' sie unserm armen Gebirge sein -Klöppelwesen ruinirten -- daß sich Gott erbarm'! meine Schwester hat -gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige weniger bekommen für -die Elle Borten! Item: der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber -machen, wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft, es ist -schon wieder ein neuer da -- meiner Hühner halben! -- ich wollte nur, -ich hätte ein paar Fuder von den Feigen und Apfelsinen, die dieses -Jahr in Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün -verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem Andern vergesse -- Friedel, -Du wirst gleich Dein Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den -eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher will auch leben -- -in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau Vierlinge gehabt; da fleckt's! -jedoch aber im Dänemarkschen -- 's muß wohl um Buxtehude herum liegen, -dort bin ich nicht gewesen -- da will der Königsstamm aussterben -- -geht mir auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und Letzte -und habe nichts auf meinem Gewissen, als den armen Handwerksburschen, -den ich verarretirt und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins -Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein Spieß vor der Thür -lehnte; da konnte der dumme Teufel doch denken, daß die Polizei nicht -weit war und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich der Schelm, -mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg zu in der alten Welt -- aber Ihre -Hefenklöß' sind delicat, Frau Dore! -- wenn's nicht bald anders wird -mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler Pfarrer, der zu den -Heiligen gehört, behält Recht -- der sagt, das Ende aller Dinge sei -vor der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu verlieren als den -Spieß und vier Zeilen Erdäpfel auf des Richters Feld; wegen des armen -ausgewiesenen Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in die Hölle -fahren, wiewohl 's nicht christlich war. Ja, arg geht's zu in der Welt --- aber im Ungerhaus giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!« - -Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke den Schweiß von -der Stirn, nahm einen frischen Hefenkloß, überlieferte ihn seinen -Kauwerkzeugen, schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf die -Frage: »Ist das Alles?« von Neuem: - -»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische, und das ist das -Wichtigste.« -- Er berichtete nun, wo ein Todesfall vorgekommen und zu -erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor der Thür, ein Hausbau in -Angriff genommen war und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun -das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste ist?« - -Alle sahen ihn gespannt an. - -»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer Pause. »Nun so hört: mein -Vetter, der Sacher Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!« - -Das schien in der That eine unerwartete und wichtige Neuigkeit zu sein, -denn alle Anwesenden gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses -von sich -- Niemand aber lebhaftere, als Hannchen, denn die stieß einen -lauten Schrei aus und wurde roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken -hinein. - -»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der Erzähler, »das ist Wasser -auf Ihre Mühle?« - -Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem Frager einen zürnenden -Blick zu und eilte zur Thür hinaus. - -»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet nicht!« - -»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher Heinrich,« meinte eine -der Nachbarinnen. - -»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel, »jetzt sticht -er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl was Ansehen als Manieren -betrifft; ich sollt's nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind -ist -- aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück in der Welt -herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün -- sogar in Welschland ist -er gewesen, und in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet -- da -kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch heißt: - - -- keine von Allen - Hat so mir gefallen - Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen, - mein Hannchen allein.« - -»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau Unger. »Vor drei Jahren, wie -Sein Vetter in die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind, und wer -weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch an die Tändelei denkt. Mein -Hannel hat sie längst vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht -wieder aus der Stube mit solchem Spaß! -- Aber sehen möcht' ich den -Sacher Heinrich, das gesteh' ich.« - -»Ich auch« -- »ich auch« -- hieß es von mehren Seiten und -Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung: »Er wird schon kommen und sein -Schätzel grüßen.« - -Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die Ohren der Gesellschaft. - -»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich vergessen,« sagte die -inkarnirte Dorfzeitung, »in der obern Schänke ist heute Musik -- sie -blasen schon zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!« - -Diese Mahnung galt den ledigen Personen im Zimmer und man säumte nicht, -ihr nachzukommen, denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern wie -überall im lieben Gebirge. Bald war Frau Unger mit ihren Kindern allein -daheim. Denn auch Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke. -Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür in den Ungerschen -Grasgarten trat, fand er Hannchen dort in sich versunken stehen. Er -schlich sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die Blättchen nach -einander ausriß und dazu halblaut sagte: »Er liebt mich -- von Herzen --- mit Schmerzen -- klein Wenig -- gar nicht -- er liebt mich -- --« Da -fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging mit den Worten vorüber: -»Ei freilich! Komm Sie nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.« - - -2. - -In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen Dorfe strömten die Gäste -herbei, die Alten nach der Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach -dem darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp munterer Bursche, aus -deren Mitte ein fast elegant gekleideter Jüngling hoch emporragte, -folgte dem Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, gerieth -die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. »Der Sacher Heinrich!« -lief's von Mund zu Munde, und bald fand sich der feingekleidete Mensch -umdrängt von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« und das -Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten. - -Während er allen in erwünschter Weise Bescheid that, wurde er mehr und -mehr dem Hintergrunde zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch« -stand, an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter auch der -»Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die gleiche Begrüßung ward ihm auch -hier zu Theil; dann rückte man eng zusammen und bemächtigte sich des -Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an den Tisch zog und zwischen sich -nahm, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. Das -war eine große Ehre, und Heinrich wußte sie zu schätzen; -- er zog -seine wohlgefüllte Cigarrentasche, damals in Wellersgrün ein unerhörter -Luxus, präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst einen -der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich in Bereitschaft setzte, -auf die mancherlei Fragen, die man an ihn richten würde, bündige -Antwort zu geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen -Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem Freunde gegenüber auf. - -An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs fehlte es nun nicht, -sie waren aber so mannigfaltig und wirr durcheinanderlaufend, daß -der Gefragte gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten. -Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling möge seine -Reisegeschichte zum Besten geben, wogegen er sich zu einer »Stütze« -Doppelbier erbot. Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig -aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle mögliche Ehre an, und -dann begann Heinrich seine Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer, -daß der junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als Tischlergeselle -das Felleisen genommen, sich nicht lange in den engen Grenzen seines -Vaterlandes gefallen, daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um -Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes in seinem Fache zu lernen. -Erst war er nach Wien gewandert, von da hatte es ihn nach Italien -gezogen, wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. Unter unsäglichen -Beschwerden hatte er sich nach der Schweiz durchgeschlagen und nachdem -er hier wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt -Frankreichs zugewendet. So gut er es nun daselbst getroffen, so mächtig -ihn anfangs das Leben in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so -war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath in ihm wach geworden. -Sein Meister hatte ihn zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu -seinem Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das Verlangen nach -der lieben Heimath so mächtig geworden, daß er es keinen Tag mehr in -Paris ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab zur Heimkehr -ergriffen hatte. Die mancherlei kleinen Reiseabenteuer, welche in -Heinrichs Erzählung vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze, -daß Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom Wirth gespendeten -Stütze gleich eine zweite bringen ließ. Heinrich schloß mit den Worten: -»So bin ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und denk' auch -da zu bleiben, denn das können Sie mir glauben, werthe Landsleut', -so schön es draußen sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns -spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm alle Umsitzenden die -Hand, tranken auf sein Wohl, lobten seinen Entschluß und sicherten ihm -zu seiner Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu. - -»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's ihm nicht fehlen, Heinrich!« -sagte unter andern der Obermeister von der Zunft der vereinigten -fünfzehn Handwerke. - -»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg und Auerbach finden Sie -bei mir,« versprach der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann -des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die besten Aussichten auf -unbeschränkten Nutzholzcredit und der Zimmermeister wollte ihm sein -mütterliches Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt war -auch von einer Frau die Rede, und von mehr als einer Seite ließ man -merken, daß er ein ganz annehmbarer Schwiegersohn wäre. - -»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, »hat es bei mir noch Zeit. -Vor der Hand drängt's mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank! -noch rüstig, und übrigens -- kommt Zeit, kommt Rath!« Dabei warf er -aber einen anhaltenden Seitenblick nach Meister Unger und nach einer -Pause richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, Meister -Unger? Ist die Frau sammt den Kindern wohlauf?« - -»Was soll's mit denen für Noth haben?« war die Antwort. »Man sorgt und -schafft doch genug für sie! Nun, Er besucht uns doch, Heinrich -- Er -wird sich freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.« - -Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke vor sich hin. - -»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir waren ja ehedem auch ein -Vogelfreund und suchten als Steller Unsersgleichen -- wir werden jetzt -das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?« - -»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. »Ich bedaure, daß ich -jemals ein Vöglein seiner Freiheit beraubt habe -- halten Sie mir's zu -Gute, lieben Leute! -- aber ich muß Ihnen sagen: mir erscheint es jetzt -geradezu sündlich, das Vogelfangen.« - -Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth wurde kirschbraun im -Gesicht und der eine und andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was -sagt er? Sündlich?« - -»Ja -- nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte der junge Mann fest, -»so erscheint es mir, und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie -sich erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. Sie wissen, -daß ich früher auch meinen Vogel gestellt habe, wie Einer, und der -Meister Unger da muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel Keiner -ihm gleich kam als ich -- es hat manchen kleinen Wettstreit zwischen -uns gegeben, aber in aller Freundschaft -- und wie ich in die Fremde -ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine Vögel da lassen -mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, wenn es gegangen wäre. Zog -ich dann auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und hörte einen -Reiterfinken schlagen oder eine Amsel singen, so zuckte es mir in -allen Gliedern, ich ärgerte mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir -hatte, aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl stundenlang -nach und so kam es oft, daß ich über einer mäßigen Tagereise zwei, -auch drei Tage zubrachte. Das war viel Zeitverlust und Verlust an -Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar das Erpichtsein aufs -Vogelstellen etwas, ganz aber konnte ich's doch nicht los werden -und wenn der liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in die -Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde zur Fortbildung -des Handwerkerstandes weit und breit ins Leben gerufen haben. So ging -es, bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das Unglück, der Polizei -verdächtig zu werden: statt für einen ehrlichen Handwerksburschen sah -sie mich für einen geheimen Revolutionär an -- ich wurde verhaftet und -nach Padua ins Gefängniß gebracht. Im Gefängniß, ihr lieben Leute, -lernt man erst Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich einsam -in einem schauerlichen Loche sitzen -- ach! ich dachte, der liebe Herr -Gott habe in seinem Zorn die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so -fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen mir alle meine Sünden -ein -- und auch mein Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen -Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben müsse, und ich -mußte es als eine Strafe vom lieben Gott erkennen, daß ich jetzt auch -in einem Käfig steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder -Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. Als ein Tag nach dem -andern dahinschlich, ohne daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung -auf baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die Verzweiflung -übermannte mich, mehr als einmal war ich nahe daran, mit dem Kopfe -wider die Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur der Gedanke an -meine gute Mutter hielt mich davon zurück. Dann fielen mir meine Vögel -immer wieder ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es auch den -armen Thierlein zu Muthe gewesen, da sie deine Gefangenen waren! Du -sahest wohl ihr ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder im -Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest ihre traurigen -Mienen -- und doch ließest du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen, -oder das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten ihr herbes Loos -tragen -- so füge nun auch du dich in dein Schicksal! Des Nachts -aber kamen schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine ehemaligen -Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die mit ihren furchtbaren -Schnäbeln nach mir hackten oder mich mit ihren Krallen packten und -an den Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen Anblick -ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da betete ich in meiner Angst zu -Gott und schwur, nie wieder eines seiner für die Freiheit geborenen -Geschöpfe dieses ersten Lebensgutes zu berauben -- denn das sag' -ich aus Erfahrung: es giebt kein köstlicheres Gut im Leben als die -Freiheit, und ein Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes verübt -ist ein Frevel schwarz wie der Mord --« - -»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und Heinrich, ohne auf -dessen unwirsches Gesicht zu achten, fuhr fort: - -»Endlich ward ich frei -- mir war, als läge ein Zeitraum von Jahren -zwischen Verlust und Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum -gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich mich außerhalb der -Stadt fand, kniete ich auf offenem Felde nieder und dankte Gott, daß -ich wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner Flur athmete, -und wiederholte meinen Schwur, nie wieder Hand an ein lebendiges Wesen -zu legen, um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. Darauf zog -ich viele Tage durch herrlich bebaute Gegenden -- aber so mannigfach -und üppig alle Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte -aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, so schwellend die -Matten, so gestaltenreich die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so -fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth vermißte: die Schwärme -singender Vögel, welche unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor -mir als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen Ohr nimmer werth -war, sich an ihren Melodieen zu weiden?« - -»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister Unger den Erzähler -abermals. - -»Willst Du schon nach Hause?« fragte der Obermeister der fünfzehn -Handwerke. - -»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir blos übel von dem -Gemähre --« - -»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, Heinrich!« - -»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte der Förster bei -- aus -Seiner Geschichte kann Mancher 'was lernen!« - -Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos, wie immer -jugendliche Verkündiger ernster Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf -ich mit einem Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben Weges zog -wie ich, und als die Rede gerade auf den von mir wahrgenommenen Mangel -an Singvögeln in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach der -Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir, daß nur die furchtbaren -Nachstellungen der Menschen nach und nach die Wälder und Fluren dieses -Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten. Da dacht' ich an -meine Heimath und den hier getriebenen Vogelfang, und mir war bange -darum, daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen fand. -Später gingen wir durch eine große Kastanienpflanzung, die fast ganz -abgestorben war. Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren von -Raupen bedeckt. Es war ein trauriger Anblick -- ich dachte an alle -die Arbeit, die hier vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen, -welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung ein Opfer des -Raupenfraßes, und ein Landmann, den mein Gefährte fragte, bestätigte -dies. »So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre Väter gesündigt -haben,« sagte der Maler, »hätten diese die Singvögel nicht von Wald und -Flur vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so mächtig werden -können, als es hier geworden.« Ich schrieb mir das hinter die Ohren und -will's auch mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch viel -über den Gegenstand nachgedacht, und es ist mir immer klarer geworden, -daß das Wegfangen der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller -Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in den Himmel kommen könne.« - -»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt, wird selig.« - -»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger. - -»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister der Fünfzehnerzunft, -»schmeckt nach Pfaffen -- fort damit!« - -»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch. »Wirth, noch einen -Eibenstöcker! Das fehlt noch, daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren -will!« - -»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der Förster. - -»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das ihm gereichte Glas -Branntwein hinabstürzend, »Ihr möchtet nur allein im Walde Herr sein, -es soll kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben. -- Weiß Er -was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo Er hergekommen ist, wir brauchen -in Wellersgrün keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist -- geh' Er -wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!« - -Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde drangen jetzt ungestüm auf -den Gimpelkönig ein. »Das leiden wir nicht,« schrieen sie, -- »das ist -schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!« - -»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!« rief Meister -Unger, aber sogleich saß ihm ein Schlag im Gesicht. - -»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief Heinrich und warf sich -zwischen den Angegriffenen und die Angreifer -- da fuhr ein Bierglas -durch die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein Schlachtfeld -verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke fast gleichen Parteien ein -erbitterter Faustkampf geführt wurde. Die Ursache des Kampfes selbst, -Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen -- umsonst; -- er bat, er -flehete, er weinte -- er ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig -einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, -- es war vergebens, -der Kampf wurde nur erbitterter -- bis »Rußbuttenlobel« außerhalb -eines Fensters erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere -Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß ausrief: »Ruhe! im Namen -der Obrigkeit, Ruhe! eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm -hier!« - -Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die Anhänger Heinrichs meinten, -man müsse ja nicht bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie ab -und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich dem weiblichen Theile -der Gesellschaft, ganz willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in -einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden walzten, versank -er in tiefes Sinnen. - - -3. - -Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll allein, als er seine -Schulter von einer Hand berührt fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel -neben sich sah. Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel trank -daraus, gab ihm die Hand und sagte: - -»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm, Vetter! Ich wollt' Euch nur -auseinander haben.« - -»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich -- »ach, ich möchte weinen -wie ein Kind über diesen Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in -der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut -- und nun muß er mir so -verdorben werden!« - -»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so auf sein bestes Hühnerauge -treten?« sagte Lobel. »Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht? -Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt und schimpft auf Dich, -und sagt ganz unverholen, er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine -Tochter hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel -- also mir --- geben, denn so einem Neuerer und Weltverbesserer, wie Du wärest. -Wenn das arme Hannel dies wüßte!« - -»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte Heinrich, »wer weiß, -will sie noch etwas wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging, -war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter den Ohren nicht -trocken, und inzwischen sind drei Jahre vergangen -- ich hab' ihr nie -geschrieben -- Lobel, lassen wir das Mädel sein -- ich weiß ja auch -nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne wäre!« - -»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere ein, »ich wette meinen -Spieß gegen was du willst, sie gefällt dir jetzt noch besser, denn -sonst -- ach, die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen wirst, -wie das voll und schlank, und blumig und samig geworden ist, so voll -Lieblichkeit, daß man's immer anschauen und drüber beten und fluchen -vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!« - -»Wo?« - -»Daheim, bei ihrer Mutter.« - -»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was hier vorgefallen ist, kann -nicht die Rede davon sein, daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses -betrete. Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust, wieder in die -Fremde zu gehen.« - -»Und Deine alte Mutter zu verlassen -- und das traute Hannel! Du -denkst, das Mädel hat Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk' -nur, wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt' ich der ganzen -Gesellschaft, daß Du da wärest. Da schrie sie laut auf, wurde über und -über roth, und als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür hinaus. -Und als ich darauf fortging, stand sie im Grasgarten hinter ihrem -Hause, und ließ sich von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und -als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die Hände über das -wonnige Herzchen und sah mit entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so -liebt sie Dich -- und Du -- ja, die Blume spricht wahr: Du liebst sie, -du willst Dir's nur nicht gestehen.« - -»Du irrst Dich, Vetter -- ich gestehe, daß ich mich des herzigen Kindes -gern erinnere, aber mein Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es -- -wird sie nicht zum Tanz kommen?« - -»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur Musik gewesen -- aber -heute, da sie weiß, daß Du wieder da bist, wird sie wohl kommen.« - -»Gut -- warten wir das ab -- sehen möcht' ich sie wohl, aber in ihres -Vaters Haus komm' ich nicht.« - -»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.« - -»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! -- Da, laß frisch einschenken!« - -Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer stürmten, soweit es der Platz -zuließ, ins Zimmer, wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und -als die Musik von Neuem begann, drangen sie in ihn zu tanzen. Er ließ -sich endlich bewegen, aufzustehen, ging langsam nach der Saalthür -und musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien nicht, daß ihn -Eine anzog -- er stand unschlüssig da -- auf einmal öffnete sich die -gegenüber befindliche Thür des Haupteingangs. -- »Da kommt sie,« -flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende Gestalt anstarrte. - -War das wirklich das Kind, mit dem er einst harmlos »Liebstens« -gespielt hatte? War diese vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende -und doch so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen im -rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund und den meertiefen Augen -wirklich die stille Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht -hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines reinen Sinnes? Was -damals nur Ahnung gewesen, das war jetzt Licht, Fülle, Leben -- was -einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit ihm tändelte, das -forderte jetzt Achtung, Verehrung, Liebe. Eine süße Bestürzung, ein -minutenlanges Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und dann ein -Aufflammen des ganzen Feuers, das in seiner Brust verborgen glühte --- dann stand er vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, die -noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, dessen Liebreiz sein -Herz rührte. Seine Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der -er die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die ehrerbietige -Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« anredete -- das waren die -äußeren Zeichen dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen -weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen und Franzosen, -einfach gebliebene Gebirgssohn nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich -nicht in so bedeutsamer Weise verändert, wie er sie -- der Schritt -vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen Jüngling ist -kein so großer, wie der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen --- aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher Bart geworden, eine -weitere äußerliche Veränderung fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr -gewesen, als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen wie sonst --- aber mit einemmal empfand sie ihm gegenüber eine unaussprechliche -Beklemmung, ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem großen, -strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt hatte, wagte sie ihm keinen -mehr ins Gesicht zu thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr ruhte. -So standen sie lange da und wer weiß, wie lange sie es so getrieben -hätten, wäre nicht ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie -zugekommen und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs Arm genommen -und ihm zugeflüstert: »Wir wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf -und ich kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit ihr in den -Reihen und tanzte nach Jahren wieder den ersten heimathlichen Walzer. -Vergessen war alles vorhin Vorgefallene -- Athem wehete in Athem -- -Puls schlug an Puls -- Blick flammte in Blick. -- »Mein Hannchen« klang -es herüber -- »mein Heinrich« flüstert' es hinüber -- und als der -Walzer zu Ende war, führte der glückliche Tänzer sein Mädchen mit dem -Entschlusse aus dem Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem -Hannchen zu weichen. - -Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, wo Heinrich vorhin -allein gesessen, nahmen sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an -ein Fragen und Erzählen und Händedrücken und -- was weiß ich! -- Zum -Beschluß erklärte Heinrich dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß -er in vier Wochen Meister würde und wenn's nach seinem Willen ginge, -müßte Hannchen in einem Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam -»Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a Bissel« auf Eurer -Hut vor dem Kunz-Karl-Fried -- wenn er kommt und will mit Ihr tanzen, -Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; Sie weiß, er hat ein -Aug' auf Sie, und wenn Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten -und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt einmal ins Dorf schauen -- -seid gescheidt!« Damit verschwand er. - -»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll ich tanzen? Nimmermehr! Ich -will nur mit Dir tanzen, Heinrich!« - -»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir rathen, ihm wenigstens -+einen+ Tanz zu gönnen. Du bist ihm vorhin schon ausgewichen -- ein -zweites Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann -- ich muß Dir sagen, -daß ich bei Deinem Vater in Ungnade gefallen bin -- wenn ihm der Kunz -hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er uns wohl auseinander.« - -»So wollen wir fortgehen -- ich sage Dir, ich kann und darf nicht mit -diesem Menschen tanzen, Du wirst schon noch erfahren, warum --« - -»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« sagte Heinrich, -»damit ich wenigstens einmal bestelle -- man möchte mich sonst für -einen Lump halten -- dann gehen wir spazieren.« - -Das Paar erhob sich -- aber da stand der Gemiedene schon vor ihnen -und bat Hannchen um den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den -Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im Fluge entführt. »Einen -Walzer!« rief Heinrich den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das -Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im Gange und Kunz hatte das -Nachsehen. - -Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister Unger fort, dem so unberufen -aufgetretenen Gegner des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen -und dann und wann diesem Groll durch ein derbes Wort Luft zu machen. -»Ich hab' ihm aber doch eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er -endlich und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und noch einen --- und wieder einen -- da wurde er immer aufgeregter, bis der junge -Kunz-Müller von Neuhahn -- eben jener Karl-Fried -- hereintrat und sich -dem »Herrentische« näherte. Er war ein guter Kunde des Gimpelkönigs; -als ihn dieser daher zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas, -er reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an seine Seite. »Na, wie -ist's, Karl-Fried,« redete er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen -Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert er nach Kirchberg, wo mir -Einer fünf Thaler und Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür -geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner gefiederten Schüler, -darum so genannt, weil er das Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang. - -»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch zahlen,« erwiederte der -Müller, »ich nehme den Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer -müßt Ihr zugeben.« - -»Für eine Metze Heugesäm' -- topp! -- Wirthschaft, ein Fläschel zum -Leihkauf!« rief der Verkäufer. Während der Wirth dem Befehl nachkam, -flüsterte der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr. - -»Da soll doch gleich --« der Fluch erstarb dem empörten Vater auf der -Zunge; er sprang auf und eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm -bestürzt nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid nicht so hitzig! -macht kein Aufsehen! -- ich bin dem Hannel gut -- und weil wir einmal -darauf zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß es mein Wunsch -ist, Euer Schwiegersohn zu werden.« - -Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick. »Wirklich, -Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?« fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir -das nicht schon längst gesagt?« - -»Je nun -- ich hatte immer das Herz nicht -- das Hannel that so apart -gegen mich.« - -»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,« erklärte Meister -Unger. »Ihr wißt, in meinem Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will. -Ihr werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich will zeitlebens -keinen Vogel mehr fangen! Jetzt aber will ich meinen Nickel vom -Tanzboden holen, wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.« - -Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken vor den Liebenden, die -bei der eben eingetretenen Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel -zurückgezogen hatten. - -»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube oder nach Hause!« -herrschte der Vater der Tochter zu. - -Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die Eltern gewöhnt, erhob -sich und erklärte, nach Hause gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem -Tanzboden bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte: »Verzeihen Sie -mir, Meister Unger, wenn ich Sie beleidigt habe -- es war bestimmt -nicht meine Absicht --« - -»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte Jener, »und Er hat -nichts mit meiner Tochter zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem -Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!« - -Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern um den Hals gefallen, wenn -der Ort eine solche Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte -sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er wollte sie mit in die -Schänkstube nehmen, allein sie machte sich los und ging weinend nach -Hause. - -Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise er dazu gekommen -war, den Vater so gegen sich zu erbittern, und sie kannte diesen zu -gut, um nicht zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung sein -mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall beklagte, so konnte sie doch -dem Geliebten nicht Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt -der armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie bisher über das -Unrecht, das in der Liebhaberei des Vogelstellens lag, noch wenig -nachgedacht hatte, so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit -dem Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten Abscheu -dawider. Es beunruhigte sie sogar, daß sie ihren Vater zuweilen nach -dem Vogelherd begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch wohl, -wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt den Herd besorgt hatte. -Sie beschloß, sich künftig solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen. -Daheim angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um den Hals und gestand -ihr ihr Glück und ihr Leid. Frau Unger tröstete die Bekümmerte, -billigte ihre Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr, Alles -aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit zu ebnen. - -Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen im Ungerschen Hause. -Die eine kam schriftlich an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr -Ueberbringer und Heinrich ihr Absender -- die andere brachte -Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn an. Dieser saß indeß -nicht auf dem hohen Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche -heimgekommen, und dessen schämte er sich heute vor seiner Familie. Er -nahm daher den ihm so lieben Werber etwas kleinlaut auf und schob, um -seine stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung über -diese Angelegenheit zu. Frau Unger aber entschied so: »Meister Kunz, -Er hat schon Sein Theil -- heirath' Er das arme Mädel, dem Er die Ehre -genommen!« Verblüfft vernahm der reiche Bewerber diesen Bescheid, -stotterte etwas von dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die -Gemeinte zu seiner Frau zu machen, und zog sich, als ihm hierauf Frau -Unger eine tüchtige Lection in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit -dem erhandelten Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung auf Hannchens -Besitz ganz aufzugeben, da er auf seinen Geldsack und Meister Jobsts -Gunst pochte. - -Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von Frau Unger heim. Zwar auf -eine schriftliche Erwiederung des schriftlichen Antrages konnte die -Gute sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in Wellersgrün -noch nicht Sitte gewesen war, daß ein Mädchen schreiben lernte -- -aber der freundlichste Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem -Liebesboten in den Mund, und dieser war nicht der Mann, der eine Silbe -fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten hatte. »Was die Einwilligung -meines Alten betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird es zwar -etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen, aber einmal muß er doch Ja -sagen.« - -»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies vernahm, »heute über -zwanzig Jahre ist auch »einmal!« Da kann mir's gehen, wie dem -Lautersgrüner Pastor, -- der hat sich mit seinem Schatz auch zwanzig -Jahre geschleppt und wie er endlich zu der Pfarre gekommen, daß er hat -heirathen können, sind sie beide halb stumpf gewesen!« - -»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete Lobel, »der alte -Gimpelkönig hat zwar einen harten Kopf, aber ich glaub', er ist mürb' -zu machen -- ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim, wenn Du -mir folgst.« - -»Vetter -- Herzensvetter -- sprich, was soll ich thun?« - -»Du mußt den Alten mürb' machen -- mußt mit ihm um die Wette -vogelstellen und Gimpel lernen --« - -»Nimmermehr!« - -»Versteh mich recht -- Du sollst's nur zum Schein -- sollst selbst -nicht einen einzigen Vogel fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen -- -dem Alten in den Strich -- und ihm so den Fang verderben, Du weißt ja -Bescheid damit.« - -»Man muß auch den Schein des Unrechts meiden, besonders wenn man sich -zu seinem Bekämpfer aufwirft.« - -»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut, wenn Du scheinbar -umlenkst. Du hast es ganz falsch angefangen, daß Du so mit der Thür -ins Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen -- Wegschneiden -hilft nicht, man muß sie durch Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das -ganze vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen hast, magst -Du noch so schöne Reden wider den Vogelfang halten, Du predigst doch -tauben Ohren. Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir zuerst den -Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig, geh' ihm in seiner -Leidenschaft zu Leibe! Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen -- und Du -mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle Gimpel des Gimpelkönigs -verstecken müssen. Er muß seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie -auf Dich übergehen sehen -- so wird er mürbe und kapitulirt!« - -»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner Sicherheitspolizei -mit einer Freude in seine Arme, die dieses Institut ihm anderwärts -nicht eingeflößt hatte -- »Vetter! Du bekommst in meinem Hause deinen -Auszug -- Dein Plan ist göttlich -- daß ich nicht selbst darauf -verfiel! -- Aber ich bin zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. -- -Vetter, mach' Deine Sach', ich mache die meine!« - - -4. - -Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und es that auch noth, denn -Meister Ungers Kapelle war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich -starken Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren. -Hannchen hatte sich längst auf diesen Zeitpunkt gefreut, denn nun lag -ihr Vater zu halben Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten -unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen. - -Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute sich einer guten -Kundschaft, und sein Hauswesen war so in den Stand gesetzt, daß er -jeden Tag ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es ihm nur selten -vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene auf Augenblicke verstohlen zu -sprechen -- mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage, -da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank und frei in das ihm -geöffnete Haus! - -Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried« nicht im Orte hauste, sonst -wäre dem glücklichen Freiersmann die Freude bald wieder versalzen -gewesen; aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin zu seinem -Schätzchen gehen sehen, die hielten das Geheimniß eines liebenden -Paares heilig. Einiges Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der -Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig gegen den Vogelfang -ausgesprochen, habe jetzt selbst im Niederwellersgrüner Hammerwalde -einen Vogelherd angelegt -- aber auch dies fand man bald in der -Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk« deutete, daß der pfiffige -Liebhaber nothgedrungen dem Vater seiner Liebsten vormache, um diesem -die Meinung beizubringen, er wäre gleich ihm selber auf dem Vogelfang, -während er ganz gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber Meister -Unger die sonderbare Mär von Heinrichs Anstalten zum Vogelstellen -hörte, rieb er sich vergnügt die Hände. »Da hat man das Großmaul!« -sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt' er gut wider das -Vogelstellen predigen, aber kaum ist die Zeit da, da kann er's selbst -nicht lassen. Ja, lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum Vogelfang -geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon loskommen! -- Meine Tochter -kriegt er aber nun doch nicht!« - -Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den Vogelfang gingen in das -Land. Täglich ging Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim, -ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen »lumpigen Quäker«. Das -edlere Geflügel, wie Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien -ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben. Noch drei gelernte Gimpel -hatte er in seinem Besitz und die Nachfragen nach diesen Sängern -häuften sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch nicht um einen -reicher. - -Man hätte glauben sollen, das fortwährende Fehlschlagen aller -Bemühungen wäre das Grab von Seiner Majestät Geduld geworden; aber -man hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen -Vogelstellers. Meister Unger wurde durch das Mißlingen seiner -Operationen nur um so erpichter, zumal da die Anreizungen von Außen -- -Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel -- sich mehrten. Aus -diesen Bestellungen ersah er zugleich, welch' ungeheuern Ruf er erlangt -hatte, und er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf gleichgültig -sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte. Davon, daß viele Aufträge -fingirt, ein bloßes Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich -keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald den ganzen Tag auf -seine Lieblingsbeschäftigung; es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus -auf den Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst -- das Glück -hatte sich entschieden von ihm gewendet. Dagegen mußte er hören, wie -dem Sacher die »rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits im -Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie er selbst sie nie -beisammen gehabt. Da wurde dem Gimpelkönig angst und bang um seinen -Ruhm -- wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein städtischer -Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich verläugnen, denn er wußte -nicht, wie er seine Armuth an Sängern beschönigen sollte. Er begann an -Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang weiter nichts fing, galt -es ihm als ausgemacht, daß sein Vogelherd behext sei -- und wer konnte -der Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und Frankreich mit -allen Teufelskünsten bekannt gewordene Sacher? -- Der Hexenmeister war -jedoch Niemand als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz eines Mittels -befand, wodurch der für die Vögel ausgehängte Köder diesen schon von -Weitem verleidet wurde -- eine feine Essenz, womit Lobel in der Nacht -die Beeren, oder worin sonst der Köder bestand, besprengte und dadurch -die Vögel verscheuchte. - -Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn vergebliche Versuche, -sich bei Frau Unger sowohl, als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein -goldener Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde von ersterer -ohne Antwort zurückgeschickt, und eine schwere goldene Halskette -erfuhr bei Hannchen, die eben keine Danae war, gleiches Schicksal. -Herr Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind gegen die -Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte ganz richtig, daß doch wohl der -Sacher Heinrich noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in den -Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen, und brauchte nicht lange -zu lauern, um seinen Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später -erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die Schreckenspost, daß der -Mensch, der an all seinem Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in -sein Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt mich unter die -Erde!« rief der betrogene Vater aus und das Wasser trat ihm in die -Augen vor Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den Ohren, raufte -sich die Haare, lief im Vogelherd auf und ab und fragte: »Was soll -ich thun? Den Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort Ordnung -zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich nicht gerade heute einen guten -Fang? O ich geplagter Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter und -drüber und hier hält mich das Geschäft. -- Herzens-Karl-Fried«, redete -er diesen weinerlich an, »jetzt kann ich unmöglich von hier fort -- -Ihr müßt Euch gedulden -- wenn ich nach Hause komme, will ich meinem -Weibsen den Marsch schon machen. Verlaßt Euch auf mich, der Tischler -kommt mir nicht wieder ins Haus!« - -Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft als die -Eifersucht einer aufdringlichen Liebe. Kunz begriff nicht, daß eine -angefochtene Liebe nur heißer und fester wird. Als Meister Unger -am Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und Heinrichs Besuche -in seinem Hause streng untersagte, unterwarfen sich zwar Weib und -Kind dem Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie waren ja -»d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge, wo verfolgte Liebe überall -Schutz findet, wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in irgend -einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein muß, draußen im schattigen -Tannenwald. »Ihr werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete -die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme Christliebe zu Rocken, -und wenn früh das Rußbuttenlobel kommt, so steck' ich's ihm, dann -erfährt's Dein Heinrich schon.« - -Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister Unger erhalten und -angenommen hatte, beliefen sich schon auf ein paar Dutzend, und er -hatte noch immer nur seine alten drei Stück. Man kam und mahnte -- er -vertröstete -- aber seine Hoffnungen auf eine Wendung seines Unsterns -schlugen fehl -- er konnte sein Wort nicht halten -- er stand am -Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine Menge der begehrten Vögel -und zum Theil schon gelernte -- wenn Ungers Kunden davon erfuhren, so -war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine, so lange mit Ehren -behauptete Stelle. Als er eines Abends glücklos wie immer heimkehrte, -kam ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein Wort bei dem -Tischler, so ließe dieser ihm einen Theil seiner Herde, und er könne -damit seine Ehre retten -- aber dieses Wort zu sprechen, war ihm -unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen Rußbuttenlobel, dem -er nicht im mindesten mißtrauete, sein ganzes Herz aus. Der schlaue -Wächter unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des alten -Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern aber Heinrichs Virtuosen -in das glänzendste Licht zu stellen. In der That war es dem jungen -Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich gut abzurichten; -der eine sang sogar zwei Melodieen: »Kommt a Vogerl g'flogen« und -»Hörst Du nicht die Vöglein singen« -- ohne allen Anstoß und mit einer -Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen Sängern nie beizubringen -wußte. Diesen Vogel taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er -hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht, daß Meister -Gottfried von Begierde brannte, den »Steiermärker« zu hören, ja wo -möglich zu besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel in -Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches, dagegen versprach er zur -Erreichung des ersten behülflich zu sein, nur müsse er abwarten, wenn -Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause wäre, da wolle er dem -Meister den Steiermärker auf den Vogelherd bringen. - -Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause war, mußte natürlich bald -kommen, und Rußbuttenlobel zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den -Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd. Der arme Mann -hatte eben wieder einen Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan: -er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht niedergeschlagen, als -Lobel in den Herd eintrat. Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen, -das es verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach allen Seiten -betrachten, war eins. Lobel intonirte und der Steiermärker begann. -Lange lange schon war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen -Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie in diesem Augenblick. -Es war ihm, als müsse er den Sänger küssen -- er schnalzte mit der -Zunge -- klatschte in die Hände -- er setzte den Vogel vor sich auf die -Bank und kauerte andächtig davor -- am Ende fing er an zu greinen und -sagte: »Mit mir ist's aus -- wenn die Leute dich hören, Steiermärker, -so will kein Mensch von mir einen Gimpel mehr, und ich heiße der -Gimpelkönig nur noch zum Spott! -- Rußbuttenlobel, verschafft mir den -Steiermärker!« - -»Das steht nicht in meiner Macht -- Ihr könnt denken, daß mein Vetter -den Vogel auch gern hat -- ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen -Augapfel, und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen hätte -- -ich käme ins Teufels Küche!« - -»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir der Sacher den Vogelherd -behext hat,« erwiederte Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft -mir zu dem Gimpel da!« - -»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr --« - -»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß +ich+ den Vogel haben will.« - -»Das würde ihm ja doch nicht verborgen bleiben, wenn der Vogel in Eure -Hände käme,« sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun, um -seinem Vetter den Gimpel feil zu machen. - -Von Stund' an war es um den letzten Rest von des Gimpelkönigs -Seelenruhe geschehen. Der Gesang des Steiermärkers klang ihm in den -Ohren, wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd, auf dem Felde, -überall war es ihm, als hörte er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen, -setzt sich auf mein'n Hut« -- er träumte wachend und schlafend von dem -niedlichen Sänger. Er fing schon an, den Zwiespalt mit dem Eigenthümer -desselben zu beklagen, begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt, -geschlagen, aus dem Hause gewiesen -- ach! wenn es ihm nur möglich -gewesen wäre, dem Beleidigten die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie -sich jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem Verdammen des -Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen, als man es aufgenommen hatte -- -jetzt ließ sich schon mit ihm leben -- aber ihm entgegengehen? -- nein --- das wäre eine Erniedrigung gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht -aufkommen. »Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der Geplagte, -als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte. - -Rußbuttenlobel kam. - -»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche Vogelsteller dem -würdigen Polizeimann, »mein Vogelherd ist behext -- zwei Tage hab' ich -wieder kein Schwänzel gefangen.« - -»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten zwei Tagen ist mein -Vetter beständig auf seinem Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen, -Meister Unger!« - -»Wie so? -- sagt mir's, wie so?« - -»So fragt man die Bauern aus, Meister Unger --« - -»Lobel, sagt mir's -- es soll Euer Schade nicht sein -- der Sacher kann -hexen, gelt?« - -Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte seine Mütze, kratzte -sich das Hinterhaupt, nahm den Frager beim Arm und flüsterte ihm ins -Ohr: »Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen wollt, Meister -Unger?« - -Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel sagte darauf: »Der Heinrich -hat ein Mittel, alle Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken -- -ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann ich Euch sagen: die -Kraft liegt im Köder -- die Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht, -deren Bereitung ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich Euch -längst ein Fläschchen davon verschafft --« - -»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!« unterbrach ihn der -leichtgläubige Hörer. - -»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen -- das wäre ein schöner -Streich von einem Polizeimann. Aber hört -- ich weiß einen Weg, Euch -zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt, daß mein Vetter -vor jedem Fang frische Beeren -- ich glaub', es sind Pfaffenhütle -- -nimmt und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr müßt sehen, wie -Ihr solche Beeren in Eure Gewalt bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie -Ihr einen ganzen Nachmittag auf dem Herd -- er geht stundenlang davon -weg und wieder hin, wie's ihm gelegen ist. Nun dürft Ihr nur einmal -abpassen, wenn er eine solche Pause macht -- da schleicht Ihr -- ja so, -das geht nicht -- eine Mannsperson und eine verheirathete Weibsperson -darf die Beeren, wenn sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst -verlieren sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein, welche die -Beeren nimmt -- und auch nicht zu jeder Zeit darf das geschehen, -sondern nur zum Neumond --« - -»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein. - -»Aber wird die gehen -- wird die ihren Herzensschatz bestehlen?« - -»Ei was! -- so was ist kein Diebstahl, dergleichen kommt unter -Jägersleuten vor. Also zum Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?« - -»Zu keiner andern Zeit -- all solch Hexenwerk will beim Neumond -getrieben sein.« - -»Gut -- wenn haben wir den nächsten Neumond?« - -»Uebermorgen.« - -»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher gerade auf den Vogelherd -gehen?« - -»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond versäumt er nicht. Instruirt -nur's Hannel gut, damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, das -ich bald vergessen hätte -- wenn sie hingeht, muß sie stracks nach dem -Herd gehen, darf nicht davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und -keinen Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, und wenn sie -die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, wieder fortgehen. Das schärft -ihr ja recht ein!« - -In der Erwartung des Neumonds und des damit verknüpften Hexenstückleins -schlichen dem Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte jetzt -für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, selbst der Steiermärker -trat etwas in den Hintergrund, doch vergaß er ihn nicht ganz, und -als am Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von Leipzig an -ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, ob es wahr sei, was man von -dem wunderbaren Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter -Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger -- denn sonst könne doch -Niemand im Besitz eines solchen Wunders sein -- das Thier feil wäre -- -als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete der Steiermärker -den gleichen Platz mit dem morgenden Abenteuer. Er konnte unmöglich -schlafen -- als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, schlich er -sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem Abrufen zu ihm zu kommen und -ein Gläschen »Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer führte -er selbst seinen Magentrost im Laden. - -Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was die Beiden da mit -einander ausgemacht haben, weiß ich nicht; aber am folgenden Morgen -erschien der Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen Gesichte -und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm -- nun schmiede zu! Heute oder -nie wird die Komödie aus.« - - -5. - -Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als -am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker -betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern -Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte --- wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber -der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu -Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in -schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß. - -Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem -Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf -den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte -sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein -Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst; -sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt, -forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein -Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat -sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo -der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist -ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend. - -»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel -Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten -weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er -den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen -thun -- wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.« - -Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar -nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte: -»Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen -- nur wegen des Kunz-Karl-Fried -war mir's unmöglich, Dir zu gehorchen -- ach, Vater! dringe mir doch -diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur -willst.« - -»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht -leiden kannst -- aber laß mich nun auch meinen Willen haben.« - -»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen. - -»Geh -- hm -- je nun -- Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach -des Sacher Heinrichs Vogelherd -- siehst Du, dort in der Telle liegt -er -- Dort wirst Du viel Lockbeeren finden -- davon sollst Du mir ein -Körbchen voll holen.« - -»Die Beeren sind aber ja nicht unser.« - -»Das weiß ich wohl -- sie sind dem Sacher -- aber ich muß die Beeren -haben -- wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und -Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!« - -Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches -Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen -Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl -am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber -zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten -verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne -Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche, -erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde -heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein -und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und -erwarte Dich.« - -Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug -nur zehn Minuten; in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit -dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die -Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter -Aufregung -- an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein -Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu -Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus -seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber --- aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe -seines Herzens -- es litt ihn nicht mehr auf dem Platze -- er mußte -sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das -den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin. -Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er, -die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er -in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen. -Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung -- es war so still -hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines -Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da -drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan -- es war, als -vernähme er ein Flüstern und Murmeln -- er bog einige Zweige zurück, -um ein Guckloch zu erhalten -- Himmel! welch ein Schauspiel öffnete -sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen -ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben, -während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt -er in seiner Linken -- aber was that er damit? Er zählte die Beeren -daran -- »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut -- »also weiter, mein -Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« -- Und die Gefangene? Da -hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf -der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der -erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd -nimmt und sie in das Körbchen wirft -- mithin hat sie alle Trauben, die -darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie -Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt --- also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert -sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen? - -»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen -Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe! -welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? -- -Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und -schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein? -»Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines -Herrn -- wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und -lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und -Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das -andere folgt: - - »Hörst du nicht die Vöglein singen - Abends von der Donau her, - Wie sie dir die Botschaft bringen - Daß mein Herz nicht läßt von dir!« - -da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, daß es ein Blinder -wahrnehmen möchte, geschweige denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte -der Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den Käfig und reichte -ihn dem Lauschenden mit den Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister -Unger; er war längst für Sie bestimmt und alle meine Vögel sollen Sie -haben -- seien Sie nur wieder gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an -die Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für sich selbst: »Du -siehst, ich that Deinen Willen, aber ich wurde ertappt, und da ich Dir -für mein Leben gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir so viel -gelegen schien, so unterwarf ich mich der Bedingung, unter welcher ich -sie allein retten konnte: ich löste sie aus.« - -»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, Du Taubenschnabel!« fiel -ihr der Alte ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: »Er will mir -den Steiermärker wirklich lassen?« fragte er. - -»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum an Gimpeln.« - -»Und was will Er dafür haben?« - -»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil -- schenken Sie mir Ihre -Freundschaft!« - -Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er fühlte, wie schwer er den -jungen Mann gekränkt hatte -- und doch schenkte derselbe ihm jetzt den -unschätzbaren Steiermärker -- solche Großmuth hätte einen Botokuden -rühren müssen -- er richtete sich in die Höhe und sagte: »Von einem -fremden Menschen kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.« - -»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns aufhören -- machen Sie mich -zu einem Gliede Ihrer Familie -- zu Ihrem Sohne!« - -Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich den mit seinem Ausspruch -Zögernden -- da trat das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel -leise hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: »Hörst Du nicht -die Vöglein singen.« Da war von einem längern Widerstande gegen die -Bitten der Liebenden keine Rede. - -»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander lassen könnt, so habt Euch in -Gottes Namen!« sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich weg -und schloß dafür den Vogelbauer mit dem Steiermärker in seine Arme. - -»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig Vögel bringen, Meister -Unger?« fragte Rußbuttenlobel vortretend. - -»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte. - -»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier 'was Polizeiwidriges -im Werke wäre, und da gehörte ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß -Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, der Gerechtigkeit -in die Hände zu arbeiten, viel lieber schanz' ich der Geistlichkeit -'was zu.« - -Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und auch die Neuhahner Mühle -durch die getreue Dorfpost die unerwartete Kunde von der Aussöhnung -der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren Verlobung mit -Hannchen. Der Verlobung folgte bald die Hochzeit, und als Heinrich -im Besitze seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd -wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs Neue, jedoch mit mehr -Behutsamkeit und Mäßigung, als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner -Heimathgenossen für den Vogelfang. Der Schwiegervater wurde leichter, -als sich erwarten ließ, durch die Großvaterfreuden bekehrt, und wenn -ihm auch der Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler -dieser Freuden lieb und werth blieb, so war sein Vogelherd doch bei -der Taufe seines fünften Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast -wie eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün einen Gimpelkönig -gegeben und daß dieser Niemand anders gewesen als er selbst. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - Wiederholte Anführungszeichen in Folgeabsätzen bei gleichem - Sprecher wurden entfernt. - - Korrekturen: - - S. 50: Pohlwassers → Pöhlwassers - einem wasserreichen Nebenbach des {Pöhlwassers} - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by -August Peters - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. *** - -***** This file should be named 56045-0.txt or 56045-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/0/4/56045/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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