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-Project Gutenberg's Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by August Peters
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Erzgebirgische Geschichten. Erster Band
-
-Author: August Peters
-
-Release Date: November 25, 2017 [EBook #56045]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. ***
-
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This transcription was produced from
-images generously made available by Bayerische
-Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
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- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Erzgebirgische Geschichten
-
- von
-
- Elfried von Taura,
-
- Verfasser von: »Die stille Mühle« etc. etc.
-
- [Illustration]
-
- Erster Band.
-
- Hannover.
-
- Carl Rümpler.
-
- 1858.
-
-
-
-
-Druck von August Grimpe in Hannover.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Bretschneiderfritz.
-
- Die Fundgrube Vater Abraham.
-
- Der Gimpelkönig.
-
-
-
-
-I.
-
-Bretschneiderfritz.
-
-
-1.
-
-Hoch auf dem Plateau des Erzgebirges, in der nordöstlichen
-Nachbarschaft des Keilberges, erhebt sich, weit nach Mitternacht und
-Morgen sichtbar, die rautenförmige Basaltkegelgruppe des Bärenstein,
-Scheibenberg, Pöhlberg und Haßberg. Es ist ein Raum von wenig
-Geviertstunden, den sie umschließt, aber ein Raum voll landschaftlicher
-und menschlicher Contraste. Die üppigsten Wiesengründe wechseln
-mit kahlen Bergkuppen und hochgethürmten Felsen, die herrlichsten
-Tannenwälder mit den traurigsten Torfmooren, die belebtesten, von
-bienenfleißigen Menschen wimmelnden Gegenden mit menschenleeren
-Wüstungen und die abgeschliffensten, auf der Höhe der Civilisation
-stehenden Stadtbewohner mit Gemeinden, die noch um Jahrzehente hinter
-jenen zurück sind. Tiefer als die Kluft, welche die Gegensätze der
-Bildung scheidet, kann das tiefe Thal nicht sein, welches die ganze
-Fläche in zwei Hälften scheidet, eine östliche und westliche. Aber
-von welchen Gegensätzen wüßte der Bach zu erzählen, der das Thal bald
-sanft, bald wild durchströmt, wenn wir ihn fragen wollten! Es genügt
-hier zu wissen, daß er in seinem obern Lauf die Grenze zweier Staaten
-und zweier Kirchengebiete bildet, daß er anfangs durch ein flaches
-Wiesenthal, dann durch ein enges, tiefes, felsiges Waldthal und endlich
-durch das tiefe und weite Thal von Königswald fließt. Da wo der schöne
-Bach die Grenze eines der augenfälligsten landwirthschaftlichen
-Contraste überschreitet, an der untern Oeffnung des erwähnten
-Waldthales, bespült er den Garten einer Försterei und treibt unterhalb
-derselben eine Mahl- und Sägmühle, oder, wie man hierzuland sagt,
-Bretmühle.
-
-Es wird mir weh ums Herz, so oft ich an diese Bretmühle denke. Denn
-immer muß ich da auch an den armen Bretschneiderfritz denken, der
-einst dort lebte und, wiewohl er fast nie aus dem Thal gekommen, mehr
-erlebte als manches Menschenkind, das die halbe Welt am Wanderstabe
-durchmessen.
-
-Wenn ich so um zwanzig Jahre in meiner Erinnerung zurückgehe, was
-war da der Bretschneiderfritz von Königswald für ein Mann! Alt und
-Jung hatte ihn gern und ehrte ihn als Einen, der sein Fach verstand
-und auch noch etwas mehr, der dabei ein rechtschaffen Stück Geld
-verdiente und »lebte und leben ließ.« Zwar der Förster drüben über dem
-Bach war nicht ganz gleicher Meinung mit den Königswaldern, denn er
-hatte den Fritz im Verdacht, daß er um die schönen Stämme und Klötze
-wisse, die von Zeit zu Zeit aus dem Theile des Reviers verschwanden,
-welcher mit dem Pöhlwasser zunächst der Bretmühle »raint«. Er konnte
-jedoch nichts auf ihn bringen, und so blieb Fritzens Ansehen bei den
-Königswaldern ungeschmälert. Er war kein Jüngling mehr, denn er hatte
-bereits in den Zwanzigern nichts mehr zu suchen, doch war er noch
-immer ein Junggeselle. Nicht als ob es ihm an Gelegenheit zum »Freien«
-gefehlt hätte! In Königswald mangelt es so wenig als anderwärts an
-heirathslustigen Jungfern, und da der Fritz ein »feiner Bursch« war,
-so hätte mehr als eine und nicht die schlechteste mit beiden Händen
-zugegriffen, wenn er gesagt hätte: »Nimm mich!« Aber unser Fritz war
-ein wenig wählerisch und zuletzt gab es nur Eine in Königswald, der
-er Herz und Hand schenken mochte, das war +Kordel+, die Mündel seines
-Brodherrn, des Müllers.
-
-Da hatte es nun so seinen besondern Haken, daß Fritz mit seinem
-Werben nicht recht vom Flecke kam. Nicht als ob er dem Mädchen nicht
-angestanden hätte, im Gegentheil, sie hatte deß vor ihren Freundinnen
-gar keinen Hehl, daß sie den Fritz gern habe; aber dieser war so bis
-über die Ohren in sie verliebt, daß er nicht wußte, wie er an sie
-kommen sollte. Das Mädchen hatte so sein eigenes Köpfchen, was sie
-von allen schönen Königswalderinnen unterschied: wie sie immer etwas
-Apartes vor diesen haben mußte, sei es nun an ihren Kleidern oder
-in der Art, wie sie das üppige kastanienbraune Haar scheitelte und
-aufsteckte, so wollte sie auch von den Männern anders genommen sein,
-wie jene, namentlich wollte sie dem Mann ihrer Wahl keinen Schritt
-entgegengehen, woran es die andern jungen Königswalderinnen keineswegs
-fehlen ließen. Dem Bretschneiderfritz machte Kordel's zurückhaltendes
-Wesen viel Herzensnoth, und in dieser verfiel er auf einen Weg, auf
-den er am allerwenigsten hätte verfallen sollen: er entdeckte sich dem
-Müller und bat ihn um seine Fürsprache. Der Müller sagte ihm ihre Hand
-ohne Weiteres zu, gerade als ob er als Vormund nur so mir nichts dir
-nichts über ein freies Menschenwesen hätte verfügen dürfen. Es war ihm
-indeß mit seiner Zusage gar nicht so ernst, wie er that, wenigstens
-schob er ihre Erfüllung auf die lange Bank, und das war Fritzens
-Unglück.
-
-In Königswald hieß es schon lange, daß Fritz und Kordel auf dem Punkte
-ständen, ein Paar zu werden; da fehlte es denn wie gewöhnlich nicht
-an spitziger Neckerei, noch an neidischer Afterrede. Wäre das Gerücht
-wahr gewesen, so hätte sich Kordel aus Beidem nichts gemacht, aber da
-die Sache noch im weiten Felde stand, Fritz noch kein Sterbenswörtchen
-von Liebe und Heirath zu ihr gesagt hatte, so verdroß es sie, so »in
-der Leute Mäuler herumzugehen«, und sie wurde dem Fritz fast böse, daß
-er das Gerücht vom Brautstand veranlaßt und doch nicht wahr machte.
-Als es ihr gar zu bunt ward, meinte sie, sie wolle dem Gerede bald ein
-Ende machen; es müsse ja der Fritz nicht sein; es gäbe der Bursche
-noch genug in der Welt, und der erste Beste, der sie haben wolle, und
-der ihr gefalle, solle sie heimholen. -- »Ja« -- mußte sie aber dann
-lächelnd einwenden -- »wenn nur erst Einer käme, so »fein wie der
-Fritz« oder »noch a Bissel feiner.« -- »Je nun« -- raisonnirte der
-Trotzkopf, sich stolz in die Höhe werfend, weiter -- »wer weiß, es kann
-morgen Einer kommen.«
-
-Es war eines Sonntags, als sie aus der Kirche kam, wo sie dieses
-Selbstgespräch hielt, und sie war dazu durch die Neckerei ihrer
-Freundinnen auf dem Kirchhof veranlaßt worden. Ihr Weg führte sie an
-ihrem von den Eltern ererbten Häuschen vorüber, welches jetzt eine
-alte Muhme bewohnte, die als Sibylle von Königswald bei allen jungen
-Mädchen, verliebten Burschen, wie lottospielenden Weibern und Männern
-des Ortes in hohem Ansehen stand. Kordel fand sich bei den letzten
-Worten ihres Selbstgesprächs gerade vor ihrem Besitzthum; was war
-bei der Richtung ihrer Gedanken natürlicher, als daß sie hineinging,
-die »Muhme Beate« zu fragen, was für ein Mann ihr beschieden wäre.
-Die Alte empfing ihre jugendliche Hauswirthin mit zuvorkommender
-Dienstwilligkeit -- ihr sibyllinisches Buch aus zweiunddreißig Blättern
-lag auf dem Tisch, eh' Kordel ihren Wunsch noch ausgesprochen hatte.
-Richtig! da war es ja ganz offenbar: ihr war »ein junger, schöner Herr
-in einem grünen Rock« beschieden, nicht aus Königswald, sondern weit,
-weit her -- aus Leipzig oder Dresden, wo nicht gar aus Bautzen;« er war
-bereits unterwegs und eh' drei Tage vergingen, konnte sie ihn schon
-gesehen haben.
-
-Es soll mich wundern, wenn Kordel an diesem Abend so geschwind
-eingeschlafen ist, wie sonst, und wenn sie nicht von dem Grünrock
-geträumt hat. Der Montag verging, ohne daß er ihr den Verheißenen vor
-die Augen brachte, so oft sie auch zum Fenster hinaussah oder sich im
-Hofe, im Garten und auf der Wiese zu thun machte. Aber sonderbar --
-Abends beim Essen erzählte der Müller, daß beim Förster drüben ein
-neuer Gehülfe angekommen sei, ein »kreuzfideler Kauz«, mit dem er auf
-dem Weiperter Blechhammer einen so vergnügten Nachmittag zugebracht
-habe, wie lange keinen. Kordel wurde roth bis in den Nacken, und diese
-Nacht träumte sie wirklich von einem Grünrock.
-
-Am andern Morgen litt es sie nicht im Hause; kaum hatte sie ihren
-Kaffee getrunken, so nahm sie Sense und »Wetzkitze« und eilte auf die
-Wiese, die der Pöhlbach vom Garten des Försters trennte, dort zu mähen.
-Denn der Müller hielt sie nicht zum Staat in seinem Hause, sondern ließ
-sie ihr Brod ordentlich verdienen. Sie hatte kaum zwei Schwaden nieder,
-da horch! -- so etwas hatte sie noch nie gehört, -- aus dem offenen
-Giebelfenster des Forsthauses sang eine Tenorstimme, gegen welche die
-des Kantors nur heiseres Gekrächze war, das schöne Lied: »Es blies ein
-Jäger wohl in sein Horn -- trarah -- trarah -- trarah etc.« Das Mädchen
-vergaß gar das Mähen über den wunderholden Tönen, und die Empfindungen,
-welche Text und Melodie athmen, strömten in solchen Schauern durch ihre
-Brust, daß diese das fesselnde Mieder zu zersprengen drohte.
-
-Auch den Bretschneider lockte der ungewohnte Sang an sein Fensterlein,
-das nach dieser Seite herausgeht, und wie ihm wurde, als er sein Lieb
-nur fünfzig Schritte von dem Forsthause auf ihre Sense gelehnt in
-Zuhören versunken sah, das will ich Niemand sagen. Aber es sollt' ihm
-noch schlimmer werden. Denn das Lied war kaum zu Ende und Kordel hatte
-kaum die Sense wieder in Bewegung gesetzt, da kommt ein schlanker
-grünrockiger Gesell mit fliegenden schwarzen Locken zum Forsthause
-heraus, setzt wie ein Hirsch über den Bach und ist wie der Blitz an
-Kordel's Seite.
-
-»Guten Morgen, Jungfer Nachbarin!« grüßte der Wildfang. -- »So schöne
-Gelegenheit, Unterricht in der Landwirthschaft zu erhalten, finde ich
-im Leben nicht wieder; da muß ich gleich Stunde nehmen. Ich bitte!«
-Und damit nimmt er die Sense aus der Hand des erglühenden und bebenden
-Mädchens.
-
-»Ach, verzeihen Sie!« fährt er zu sprechen fort. -- »Ich habe Sie
-erschreckt -- dictiren Sie mir welche Strafe Sie wollen, und zürnen Sie
-mir nicht!«
-
-»Geben Sie mir meine Sense!« stammelte das verlegene Kind.
-
-»Warten Sie nur einen Augenblick!« versetzte der kecke Mensch. -- »Wenn
-Sie mir böse sind, so muß ich Ihren Vater, das fidele Haus, rufen, daß
-er meinen Advocaten bei Ihnen mache.«
-
-»Der Müller ist nicht mein Vater«, versetzte sie, »sondern nur mein
-Vormund.«
-
-»So vertritt mein alter Freund von gestern also doch Vaterstelle bei
-Ihnen. Wie ist es, muß ich mir seinen Beistand erbitten, oder verzeihen
-Sie mir so?«
-
-»Ich habe ja nichts zu verzeihen.«
-
-»Wohlan, Ihre Hand! O welche allerliebste kleine Hand! Man sollte nicht
-meinen, daß sie solche Arbeit verrichten könnte.«
-
-»O Sie sollen gleich sehen, ob sie's kann; geben Sie mir nur die Sense!«
-
-Er behielt sie jedoch und schickte sich an, eine Schwade zu hauen.
-
-»Um Gotteswillen!« schrie das Mädchen, ihm in den Arm fallend, »so
-hauen Sie sich ja die Zehen weg.« Und nun nahm sie die Sense und zeigte
-ihm, wie man sie führen müsse.
-
-Dem Allen mußte der gute Bretschneider von seiner Bretmühle aus
-zusehen, und ihm war, als ob die kreischende Säge hinter ihm mitten
-durch sein Herz schnitt. Jetzt -- das sah er ein -- war es die höchste
-Zeit, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, sonst war es für ihn
-verloren. Er eilte stracks hinüber in die Mühle, um mit seinem Herrn
-ein ernstes Wort über die Heirathsangelegenheit zu reden. Leider war
-der Müller ausgegangen und Fritz mußte sich gedulden bis Mittag.
-Als er wieder über den Hof ging, begegnete ihm die von der Wiese
-zurückkommende Kordel. Er sah sie mit einem traurigen und doch so
-innigen Blick an, daß er ihr durch die Seele drang. Jetzt hätte er
-dreist sein und sein ganzes Herz vor ihr bloß legen sollen; gewiß, sie
-hätte ihm nicht widerstanden, und wenn sie einmal Ja gesagt, da wäre
-sie ihm auch treu geblieben, und es wäre ganz anders geworden mit dem
-armen Fritz -- aber auch mit ihr. Allein er seufzte blos, und ging zu
-seiner Säge -- mit der konnte er um die Wette seufzen.
-
-
-2.
-
-Am Mittag, gleich nach dem Essen, als Kordel bereits wieder draußen
-herumwirthschaftete, zog Fritz den Müller mit sich auf die Bretmühle.
-Wie bekannt hat jede Schneidemühle ein Souterrain, in welchem sich die
-Radstube befindet. Dort häufen sich auch die von oben herabfallenden
-Sägespäne auf. Es mußte sich gerade treffen, daß Kordel, um dergleichen
-Späne einzufassen, sich in der Radstube befand, als Fritz und der
-Müller oben ankamen und sich auf den vor der Säge liegenden Klotz
-setzend, ein Gespräch begannen, in welchem das Mädchen fast das
-erste Wort war. Kordel war bestimmt nicht die Neugierigste ihres
-Geschlechtes, aber in diesem Falle konnte es ihr Niemand verargen,
-wenn sie sich nahe herbeischlich und sich hütete, ihre Anwesenheit zu
-verrathen. Der Bretschneider machte dem Müller Vorwürfe, daß er sein
-Versprechen bis heute nicht erfüllt hatte. Der Müller entschuldigte
-sich damit, daß es noch immer nicht habe passen wollen, fügte
-aber hinzu, daß er dem Fritz diesen wichtigen Dienst nur um einen
-Gegendienst leisten könnte. Auf Fritzens Befragen, was für Einer das
-wäre, antwortete der Müller:
-
-»Das kann Er sich schon denken, Fritz! Er soll mir zu meinem Eigenthum
-verhelfen, den achtzehn Fichten oben an der Waldecke hinter der Mühle.«
-
-Fritz kratzte sich hinter den Ohren und sagte kein Wort.
-
-»Er meint doch nicht, es wäre ein Unrecht,« fuhr der Müller fort,
-»wenn wir die Fichten holen? Sie gehören mir von Rechtswegen; der
-Boden, worauf sie stehen, gehört zu meiner Mühle; der frühere Förster
-hat bei Lebzeiten meines Schwiegervaters die Grenzsteine verrückt und
-so die schönen Fichten, wie er keine auf seinem Revier hatte, an den
-Staatswald gebracht.«
-
-»Warum suchen Sie denn Ihr Recht nicht?« fragte Fritz.
-
-»Red' Er mir nicht von Rechtsuchen dem Fiskus gegenüber!« versetzte
-der Müller. »Soll ich mich um die Mühle prozessiren? Er weiß doch,
-wie es den Grumbachern geht, die nun seit funfzig Jahren wegen des
-Streitwaldes mit dem Fiskus im Proceß liegen. Fritz -- sei Er nicht
-wunderlich! Es ist ja keine Gefahr bei der Sache. Der neue Forstgehülfe
-ist auf dem Revier noch unbekannt, auch bin ich bereits gut Freund mit
-ihm und will ihn schon lenken.«
-
-Fritz schüttelte den Kopf und sagte: »Mit dieser Sache möcht' ich nicht
-gern zu schaffen haben.«
-
-»So hab' ich auch nichts mit Seinen Absichten auf die Kordel zu
-schaffen und ich gebe sie, wen sie sonst will.« Damit erhob sich der
-Müller und ließ den armen Fritz in der traurigsten Stimmung sitzen.
-
-Kordel hatte von dieser Unterredung nicht ein Wort verloren. Sie vergaß
-die Sägspäne vor Zorn über den Vormund, daß er sie um achtzehn Fichten
-verkuppeln wollte und auch über den Fritz, daß er sich mit seiner
-Werbung an den Vormund statt an sie selber gewendet hatte.
-
-Ihr Groll gegen den Vormund milderte sich indeß schon am Abend; denn
-da brachte er den Forstgehülfen mit nach Hause. Dieser hatte jetzt
-seinen grünen Anzug durch einen Tirolerhut vervollständigt, der ihm
-verwegen auf dem rechten Ohre saß. Statt Büchse und Waidtasche trug er
-ein weit friedlicheres Instrument am Arme: eine Guitarre, auf der er
-im Schreiten über die Hausflur bis in die Mitte der Stube einen Marsch
-spielte, zum Ergötzen der Müllerin und des gesammten Hausgesindes, nur
-nicht des Bretschneiders. Der ärgerte sich über die Musik dermaßen, daß
-er mit einer verteufelten Unmusik gegen sie ins Feld rückte: er nahm
-die Feile zur Hand und fing an, die Säge in einer Weise zu schärfen,
-daß es über eine halbe Stunde weit schrillte. Da konnte der Jäger
-allerdings nicht spielen und singen, weshalb die Müllerin hinausrannte
-und dem Fritz das Schärfen untersagte.
-
-Der Forstgehülfe war in der That ein Sänger, wie ihrer nicht viele in
-grünen Pikeschen umherlaufen. Hätt' er nur einen bessern Gebrauch von
-seiner schönen Gottesgabe gemacht. Die gute Kordel hatte gar keine
-Ahnung, was für ein Springinsfeld der dunkellockige Sänger war, sonst
-hätte sie seinen schmeichelnden Tönen nicht so freien Eingang in ihr
-Herz gestattet, wie es schon am Morgen der Fall gewesen war und noch
-weit mehr diesen Abend geschah. Und diesem Abend folgten noch andere,
-ja, einen wie den andern stellte sich der Jäger ein, und eh' die Woche
-um war, fand er sich in der Mühle wie zu Hause, und Kordel's Herz hing
-wehrlos in seinem aus Gluthblicken und Tönen gewobenen Liebesnetz.
-
-Um den Bretschneiderfritz war es geschehen. Am Sonntage mußte er sehen,
-wie Kordel in Begleitung des Müllers und des Grünrocks in »das Gericht«
-zu Tanze ging. Da fuhr die Hölle in sein Herz, und wie er ihnen
-nachsah, ballte er seine Faust und sprach: »Warte, du Tagedieb, dich
-will ich bald aus meinem Gehege vertreiben.« Darauf zog er sich an und
-ging ebenfalls in das Gericht.
-
-Der Bretschneiderfritz war kein Säufer, und Niemand in ganz Königswald
-konnte auftreten und sagen, er habe ihn ein einziges Mal betrunken
-gesehen; heute betrank er sich, und das Bißchen Verstand, welches der
-Teufel der Eifersucht ihm noch gelassen, das trieb der Schnapsgeist
-vollends aus. Zwar war er nicht so voll, daß er taumelte, als er sich
-vom Müller bereden ließ, aus der Schänkstube hinauf in den Tanzsaal
-zu gehen, aber wer ihn kannte, sah, daß das Thier in ihm jetzt die
-Oberhand hatte. Die Kordel sah es ihm gleich an, als er auf sie zukam,
-und obschon sie nicht wagte, ihm den Tanz abzuschlagen, so riß sie
-sich doch gleich von ihm los, als er sie fest an sich riß, daß es ihr
-den Athem versetzte. Er wollte sich ihrer wieder bemächtigen, aber sie
-stieß ihn mit solcher Heftigkeit von sich, daß er zu Boden taumelte.
-Der Müller hob ihn auf und führte ihn fort, während Kordel sich unter
-den Schutz des Forstgehülfen flüchtete.
-
-»Herr!« sprach Fritz zum Müller, als sie wieder nach der Schänkstube
-gingen, »wollen Sie die Fichten noch haben?«
-
-»Er holt sie mir doch nicht,« erwiederte der Müller kühl.
-
-»Ich hole sie -- heute Nacht noch fang' ich an. Geben Sie auf die
-Kordel Acht und halten Sie den Försterburschen auf!«
-
-»Verlaß Er sich auf mich!« sagte der Müller, worauf Fritz, ohne noch
-ein Wort zu sagen, davon eilte.
-
-Der Forstgehülfe ließ sich nur zu gern halten, weniger durch das
-Zureden des Müllers, als durch den Zauber, den Kordel auf ihn übte.
-Es graute schon der Tag, als die drei Nachtschwärmer in die Mühle
-zurückkehrten. Der Forstgehülfe hängte sein Gewehr über, das er hier
-eingelegt hatte, nahm mit einem Kusse von Kordel Abschied und eilte
-dem Walde zu, um da nachträglich seine Pflicht zu erfüllen. Als er
-aber an ein wunderheimliches Plätzchen kam, wo ein von jungen Tannen
-beschatteter schwellender Mooshang zum Ruhen einlud, meinte er, es sei
-Eins besser als das Andere, legte sich und schlief ein. Erst als die
-Mittagssonne durch eine Oeffnung des dichten Gezweiges ihm ins Gesicht
-schien, erwachte er, und da mußte es sich noch schicken, daß ihm zwei
-Weiber mit schwergeladenen Holzkörben in den Weg kamen, gegen die er
-das Interesse des Staates durch Pfänden und Aufschreiben der Namen
-wahren konnte. Glücklich, zwei schneidende Beweise seines Diensteifers
--- eine Handsäge und ein Beil -- dem Prinzipal überliefern zu können,
-betrat er das Forsthaus -- aber mit einem »Hol' Sie der Henker mit
-Ihrem Bettel da!« wurden ihm die Pfänder von dem erzürnten Förster vor
-die Füße geworfen.
-
-»Bei Ihnen heißt es wohl auch: Die kleinen Diebe hängt man, die großen
-läßt man laufen?« fuhr der Förster fort; »hätten Sie lieber aufgepaßt,
-daß man nicht die drei schönsten Fichten im Walde gestohlen hätte,
-als daß Sie auf ein paar alte Weiber mit Kaffeeholz fahndeten. Wenn
-Sie sich noch eine solche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen,
-so sind wir auf der Stelle geschiedene Leute. Von heute an inspiciren
-Sie lediglich den Kriegwald, und da haben Sie Acht auf die Bretmühle,
-denn irre ich nicht, so haust dort unser Dieb, obgleich eine genaue
-Haussuchung in allen Ställen und Schuppen der Mühle nicht das Geringste
-ergeben hat.«
-
-
-3.
-
-Als der Gehülfe am Nachmittage den Platz besah, wo in der Nacht die
-stattlichen Bäume verschwunden waren, wurde es ihm gleich klar, daß
-dieselben nicht gut anders wohin als in die Mühle gewandert sein
-konnten. Sicher aber war der Müller unschuldig daran, denn wie sollte
-ein so bemittelter Mann Holz stehlen? Er ließ sich daher durch den
-Vorfall nicht abhalten, gegen Abend wieder in die Mühle zu gehen und
-eine Blumenlese theils verliebter, theils lustiger Lieder zum Besten
-zu geben. Länger aber als bis es finster geworden war, ließ er sich
-diesmal nicht halten, sondern er ging an seinen Posten, schwörend, daß
-wenn die Diebe heute kämen, sie ihren Mann finden sollten. Sie kamen
-aber nicht, und auch die folgende Nacht nicht, noch die dritte.
-
-In der vierten Nacht meinte der junge Forstwart, es sei doch eine
-Thorheit, da umsonst und nichts im kühlen Forst die halbe Nacht
-hindurch zu wachen, statt mit dem nettesten Mädchen, das je an eines
-Waidmanns Brust gelegen, zu kosen. Er ging zwar wie gewöhnlich um neun
-Uhr aus der Mühle fort und hinauf in den Wald, aber als im Dorfe der
-Wächter die zehnte Stunde abblies, schlich er sich wieder in die Mühle,
-wo Kordel ihn bereits erwartete -- das arme, arme Ding! --
-
-Als am frühen Morgen der pflichtvergessene Bursche aus Kordel's Armen
-hinauseilte nach dem Walde, rührte ihn das Gewissen nicht, daß er ein
-holdes Menschenleben vergiftet hatte; dagegen wurde er von dem Anblick
-der drei frischen Stöcke, die neben den drei ersten entstanden waren,
-wie vom Donner gerührt. Jetzt mußte er aus dem Dienst, das wußte er,
-denn der Förster spaßte nicht, und dies und wieder dies allein war
-sein Gedanke und seine Sorge -- was aus der armen Kordel werden würde,
-daran dachte er nicht im Geringsten. Aber vielleicht konnte sie ihm
-zur Entdeckung des Diebes behülflich sein -- dieser Gedanke trieb ihn
-flugs in die Mühle zurück, wo, wie er wußte, Kordel noch wachte, da sie
-jetzt den Backofen zu heizen hatte.
-
-Kordel saß, beleuchtet von der röthlichen Flamme, die sie eben
-angezündet hatte, auf den Stufen vor dem Backofen und hatte ihr Antlitz
-in die Schürze gehüllt, als der Verführer wieder zu ihr trat. Sie fiel
-ihm weinend um den Hals und dankte, daß er wiederkomme, denn ihr sei so
-angst und bange geworden, seit er sie verlassen. »O nicht wahr« -- fuhr
-sie, ihm in die verführerischen Augen blickend, fort -- »nicht wahr, Du
-verlässest mich nicht?«
-
-»Wenn ich nur nicht muß, lieber Schatz!« erwiederte er, sie küssend.
-Das Mädchen fuhr erschrocken zurück und fragte, wie er das meine? Nun
-berichtete er ihr seine Entdeckung, theilte ihr mit, was er zu erwarten
-habe, und versetzte sie dadurch in die schrecklichste Angst. Gleichwohl
-gelang es ihm nicht sogleich, ihr das Geheimniß, um das sie wohl wußte,
-zu entlocken, erst nachdem er sie überredet hatte, daß das Vergehen mit
-einigen Wochen Gefängniß gesühnt sei, und als er mit traurigen Geberden
-für immer von ihr Abschied nahm, verrieth sie ihm den Ort, wo die
-entwendeten Fichten, in Klötze geschnitten, untergebracht waren; mehr
-aber konnte er nicht von ihr erfahren.
-
-Der Müller saß mit seinen Leuten beim Frühstück, als der Förster mit
-einem Gerichtsschöppen erschien, um abermals Haussuchung vorzunehmen.
-Aber diesmal nahmen sie sich nicht die Mühe, in Ställen und Schuppen
-herumzukriechen, sondern sie verfügten sich stracks hinter die
-Bretmühle, wo sie unter dem »Fluther« nach einigem Suchen ein großes
-verdecktes Gewölbe und darin die gesuchten Klötze entdeckten. Der
-Müller schien nicht im Geringsten verlegen bei dieser Entdeckung; er
-fluchte auf die Diebe, die sein Haus verunehrten, und that, als ob er
-nicht das Mindeste um das Vergehen wüßte, was der Förster auch glaubte,
-da er einem solchen Manne, der noch dazu sein Gevatter war, eine solche
-Handlung nimmermehr zutraute.
-
-»Ich habe dem Bretschneider schon lange nicht getraut,« erklärte er,
-»und kein Anderer als er und der Kadenlieb sind die Diebe.«
-
-Am folgenden Tage wurde der Bretschneiderfritz mit dem Tagelöhner
-»Kadenlieb« ins Amt abgeführt. Der Müller mußte zwar auch mit, aber
-nach kurzem Verhör wurde er als ein angesessener Mann entlassen. Den
-Bretschneider und seinen Mitverdächtigen sperrte man ein. Sie bekannten
-ihr Vergehen gleich im ersten Verhör, ohne die Mitschuld des Müllers
-anzugeben.
-
-Keiner von Beiden hatte eine Ahnung von dem Schicksale, das ihnen
-bevorstand. Walddiebstähle waren im Königswalder Forst keine
-Seltenheit, aber der höchste, der bis dahin an Königswalder Einwohnern
-gestraft worden war, hatte den Betheiligten nicht über drei Monate
-Gefängniß gebracht. Daß man wegen Waldfrevel ins Arbeitshaus kommen
-könne, das schien den Beiden ebenso unmöglich wie andern Königswaldern,
-denn welcher gemeine Mann kennt die so und so viel Paragraphen der
-verschiedenen Strafgesetzbücher? Wie erschraken daher die Inkulpaten,
-als ihnen nach halbjähriger Untersuchungshaft das Urtheil eröffnet
-wurde, welches über den Bretschneider drei und über den Kaden
-anderthalb Jahre Arbeitshaus verhängte! Der Letztere faßte sich zwar
-bald wieder und tröstete sich, es werde wohl auszuhalten sein, aber den
-Ersteren erschütterte der harte Richterspruch so tief und dauernd,
-daß sein Mitgefangener (seit die Akten spruchreif waren, hatte man die
-beiden Schuldgenossen zusammengesperrt) fortwährend befürchtete, er
-möchte sich »ein Leid anthun.« Und wer weiß, was geschehen wäre, hätte
-nicht vierzehn Tage nach der Urtheilsverkündigung der Amtswachtmeister
-folgenden Brief überbracht:
-
- »Guter, lieber Fritz! Sie sind gerächt. -- Ich habe den Ort,
- wo die Klötze lagen, verrathen. -- Gott weiß, ich wollte
- Ihnen kein Uebel zufügen -- aber die Liebe -- o Gott! wie
- fürchterlich bin ich für meine Verblendung gestraft! -- Ich bin
- nicht mehr in der Mühle -- als die Frau erfuhr, daß es anders
- mit mir stehe, hat sie mich aus dem Hause gejagt. Ich rannte
- in der Verzweiflung nach dem Hammerteich, aber der liebe Gott
- hat mich verstoßen, wie mich die Menschen verstießen, er ließ
- mich zur rechten Zeit die schwere Sünde, die ich zu begehen
- im Begriff stand, erkennen. -- Ich wohne nun im Hause mit der
- Kartenschlägerbeate zusammen. Es ist ein traurig Leben -- o
- wenn es überstanden wäre. Ich komme nicht aus dem Hause, selbst
- nicht in die Kirche, denn ich schäme mich vor den Leuten, und
- zu mir kommt Niemand in meinem Elend; sogar meine besten
- Freundinnen verachten mich, besonders seit er, dem ich meine
- Ehre geopfert, fort ist in die weite Welt. Nicht wahr, guter
- Fritz, so hätten Sie nicht handeln können?
-
- Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe -- verzeihen Sie mir, lieber
- Fritz! -- ich werde ruhiger werden, wenn ich Ihre Verzeihung
- habe. Werth bin ich Sie freilich nicht, denn ich habe mich
- schwer an Ihnen versündigt und weiß auch, daß ich mein Vergehen
- nie wieder gut machen kann. O wenn ich doch das könnte! --
- Denken Sie aber ja nicht, daß ich weiter etwas will, als Ihre
- Verzeihung -- daß ich ein so freches Ding wäre, welches einen
- braven Menschen wie Sie nun für gut genug hielte, nachdem ein
- Anderer sie sitzen lassen. -- Lassen Sie mir nur ein paar
- Zeilen zukommen, daß Sie mir nicht fluchen.
-
- Ich habe gehört, welch' ein hartes Urtheil Sie getroffen --
- der Bube, der eine vater- und mutterlose Waise ins tiefste
- Elend stößt, geht frei aus, und ein braver Mensch, wie Sie,
- wird wegen ein paar Waldbäumen so entsetzlich bestraft! Aber
- verlieren Sie den Muth nicht -- Gott richtet anders als die
- Menschen, hoffen Sie auf ihn und den lieben Heiland, der uns
- zuruft: Kommt her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen
- seid! -- Ich schicke Ihnen hier ein Buch mit, das ich einmal
- einem armen Handwerksburschen abgekauft habe; es ist eine
- wundersame, rührende Geschichte. Ich hätte mich gern selbst
- aufgemacht und Ihnen das Buch überbracht, aber ich schäme mich
- so. -- Der gute Vater im Himmel stärke und erhalte Sie! Ich
- werde allezeit für Sie beten.
-
- +Concordie E.+«
-
-Ein Thränenstrom rann über Fritzens abgehärmte Wangen beim Lesen dieses
-Briefes, und er konnte sich lange nicht satt daran lesen. Anfangs
-vermißte er das Buch gar nicht, von welchem im Briefe die Rede und das
-ihm doch nicht mit übergeben worden war. Er erhielt es erst zu Mittag;
-es war Zschokke's »Alamontade«.
-
-»Ich hoffe, Ihr werdet kein Hartkopf sein,« sprach der Wachtmeister,
-als er dem Fritz das Buch darreichte, »Ihr werdet das arme Frauenzimmer
-nicht ohne Trost lassen. Ihr wißt gar nicht, was sie für Euch gethan
-hat. Die Extrakost hat sie bezahlt.«
-
-»Sie? Nicht der Müller?« fragte Fritz erstaunt.
-
-»Der wird sich hüten,« erwiederte der Wachtmeister, »das würde ihn ja
-verdächtig machen. Die Kordel hat Alles bezahlt, mich aber gebeten,
-Euch nichts davon zu sagen. Und sie hat noch weit mehr thun wollen; sie
-hat sich erboten, die Fichten nach der Taxe zu bezahlen und auch alle
-Kosten, wenn Ihr freigegeben würdet. Das geht nun freilich nicht an,
-denn Strafe muß sein.«
-
-Fritz nahm dies Alles still auf -- er war keines Wortes mächtig vor den
-Empfindungen, die sich in seinem Busen drängten. Der Wachtmeister nahm
-sein Schweigen für »Hartköpfigkeit« und verließ ihn voll Unwillen. Aber
-am folgenden Morgen verlangte Fritz Papier und Schreibzeug, und als er
-das hatte, schrieb er einen Brief, der den Wachtmeister eines Andern
-belehrte. Ich habe den Brief nicht zu Gesicht bekommen, sonst würde ich
-seinen Inhalt ebenfalls mittheilen. Aber der Kadenlieb hat erzählt, daß
-dem alten Wachtmeister beim Lesen des Briefes das Wasser in den Augen
-gestanden hätte.
-
-Kordel's Brief und Buch waren für den gefangenen Fritz reiche
-Trostquellen; sein Benehmen wurde von Stund an so, daß es dem
-»Kadenlieb« zu seinen Befürchtungen keinen Anlaß mehr gab. Als ihm
-das zweite Erkenntniß, wodurch das erste bestätigt wurde, eröffnet
-worden war, ließ er sich ruhig und gefaßt in das Arbeitshaus abführen.
-Man würde sich aber sehr irren, wenn man glaubte, er hätte sich mit
-stoischem Gleichmuth in sein Schicksal ergeben. Zweierlei nagte an
-seinem Herzen und raubte ihm die Heiterkeit des Geistes und den
-muthigen Aufblick nach Oben, wodurch ein solches Loos erträglich wird:
-die Bekümmerniß um die arme, betrogene und verlassene Kordel, und der
-Gedanke an das Brandmal, welches seine Strafe für immer auf seinen
-Namen drückte. Und wie berechtigt dieser Gedanke war, das sollte er nur
-zu sehr erfahren.
-
-
-4.
-
-Zwei Jahre hielt Fritz seine Strafe wacker aus. Sein musterhaftes
-Betragen gewann ihm bald die Liebe der Anstaltsbeamten und ihre
-menschenfreundliche Behandlung, verbunden mit der innigen Theilnahme,
-welche Kordel fortwährend an seinem Schicksale bezeugte, hielt ihn
-so lange aufrecht, und am Ende des zweiten Jahres wurde er auf
-nachdrückliche Verwendung des Vorstandes der Strafanstalt begnadigt.
-
-Als er, der Gewänder der Schmach entkleidet, aus dem schrecklichen
-Aufenthalt heraustrat und sich wieder frei in der unendlichen Behausung
-Gottes fand, da fiel alles Leid und alle finstere Sorge von seinem
-Herzen; stille bescheidene Hoffnungen hielten Einzug darin, begleiteten
-ihn und förderten seine Schritte nach der lieben Gebirgsheimath. Er
-hatte nur fünfzehn Stunden Weges bis Königswald, die gedachte er in
-einem Tage zurückzulegen. Er vergaß, daß er nicht mehr der frühere
-Bretschneiderfritz war, dem eine solche Tagereise allerdings Spaß
-gewesen; bevor er ein Viertel des Weges hinter sich hatte, wurde er
-inne, welche Verheerungen eine drittehalbjährige Haft auch in dem
-kräftigsten Körper anrichtet, und mit Mühe und Noth erreichte er gegen
-Abend das Städtchen Schwarzenberg, welches ungefähr auf der Mitte des
-Weges liegt. Dort suchte er in einem Gasthause ein Nachtquartier. Die
-Wirthin, an welche er sich deshalb wandte, machte jenes kalte Gesicht,
-das armen Fußwanderern gewöhnlich zu Theil wird, wenn sie in einem
-frequenten Gasthofe Einkehr halten; das hätte den Bretschneiderfritz
-jedoch wenig gekümmert, hätte die Wirthin nur nicht so schnippisch
-nach dem Passe gefragt. Da wurde er verlegen. Er hatte an Passes Statt
-nur seinen Entlassungsschein aus dem Arbeitshause -- sollte er das
-hochmüthige Weib mit seiner Schmach bekannt machen? Lieber hätte er ein
-Nachtquartier im wilden Forst gesucht, als das gethan. So schüttelte er
-den Staub von seinen Füßen und hinkte weiter, um in dem nächsten Dorfe
-Grünstädtel sein Heil zu versuchen. Aber wer weiß, wie es ihm dort
-wieder gegangen wäre! Glücklicherweise führte ein mitleidiger Stern
-einen Bergmann des Weges, der den erschöpften Pilger einholte, ein
-Gespräch mit ihm anknüpfte und, als er seine Lage erfahren hatte, ihn
-freundlichst einlud, mit ihm bis Raschau (das nur eine Viertelstunde
-weiter war als Grünstädtel) zu gehen und es sich eine Nacht bei ihm
-gefallen zu lassen. Fritz hätte dem gastfreundlichen Manne um den Hals
-fallen mögen, und es versteht sich, daß er sein Erbieten annahm. Die
-Liebe Gottes giebt sich auf mancherlei Weise kund, am schönsten aber
-dem Gedrückten durch mitfühlende Menschenherzen. Das erfuhr unser
-Wanderer so recht in der Hütte des guten Bergmanns, der »froh wie Gott«
-sein kärglich Mahl mit ihm theilte und ihm ein Lager zurechtmachte, wie
-er es seit Jahren nicht genossen hatte. Wie wohl that seinem Herzen die
-freundliche Begegnung, die ihm von den zahlreichen Gliedern der armen
-Bergmannsfamilie widerfuhr! Wie belebte sie seinen Muth, sein Vertrauen
-zu den Menschen, seine Hoffnungen wieder! »Ach! wie ist das Leben so
-schön in der Freiheit unter guten Menschen!« sprach er, als er sich
-auf sein Lager streckte, und nach innigem Gebete schlief er flugs und
-fröhlich ein.
-
-Gestärkt und im Herzen erquickt setzte er seine Reise am andern Morgen
-fort. Sie wurde ihm noch sauer genug, aber frohen Muthes überwand er
-eine bergige Strecke nach der andern, und wie die Sonne auf die Wipfel
-seiner heimathlichen Wälder den Scheidekuß glühete, überschritt er die
-letzte Anhöhe vor Königswald. Als nun die wohlbekannten Thalfluren
-ihm entgegenlachten, als der alte Kirchthurm und dann ein rauchender
-Schornstein und ein graues Schindel- oder Strohdach nach dem andern
-aus der Tiefe auftauchte, da erbebte sein Herz von nie empfundenem
-Entzücken. Das hemmte seinen wankenden Schritt -- er mußte sich am
-Waldsaum niederlassen, und in das blühende Haidekraut gestreckt, sog
-er die balsamische Luft der Heimath mit durstigen Zügen. So lag er
-noch, als die Abendglocke dem fliehenden Tage den Scheidegruß der
-Königswalder Christengemeine nachrief. Da wurde ihm weh -- recht weh
-ums Herz. Von den Feldern verloren sich die letzten Arbeiter und eilten
-heim an den traulichen Herd, in die Kreise der Ihrigen, wo das labende
-Mahl ihrer wartete und bald auch die erquickende Ruhe von des Tages
-Last und Hitze. Den armen Fritz erwartete Niemand, kein Mahl war ihm
-bereitet, und wo sollte er sein Haupt hinlegen? Jene Gedanken und diese
-Frage drängten sich ihm jetzt auf, und dunkle Schatten lagerten sich um
-seine Seele. Er erinnerte sich, woher er kam und was das in Königswalde
-zu bedeuten hatte. Es fiel ihm ein, wie die Königswalder es dem
-»Schneiderfriedel« gemacht hatten, der vor fünf Jahren vom Zuchthause
-heimgekommen war und den ihr moralischer Bettelstolz in Verzweiflung
-getrieben hatte. Zwar, Eine Seele lebte ihm in Königswald, bei der
-er eines freundlichen Empfanges gewiß sein konnte; aber das war ein
-lediges Frauenzimmer, bei dem er nicht herbergen konnte, zumal da sie
-ohnehin schon wegen ihres Fehltritts verachtet genug war. Doch stand
-ihm denn nicht die Mühle offen? Vielleicht -- aber ihr kennt den Fritz
-wenig, wenn ihr glaubt, er habe den Müller, der ihn in Schande und
-Elend gestürzt, dessen Weib die arme Kordel unbarmherzig aus dem Hause
-gestoßen, um ein Unterkommen ansprechen können. Mit dem wollte und
-durfte er nichts mehr zu schaffen haben. Nun, er hatte ja Verwandte
-in Königswald; gleich da oben im ersten Gute, da hauste seines Vaters
-Bruder, ein ziemlich vermöglicher Mann; weiter unten wohnten zwei
-Vettern, die einen einträglichen Grenzhandel trieben und außer diesen
-lebten auch zwei Mutterschwestern im Dorfe, der entfernten Verwandten
-nicht zu gedenken. Unser Fritz hatte vor seinem Unglück mit Allen im
-besten Vernehmen gestanden, dessen erinnerte er sich wohl, aber auch,
-daß sie sich während seiner Haft nicht um ihn gekümmert hatten. Was
-Wunder, wenn er jetzt ins Dorf zu gehen zögerte und als er sich endlich
-dazu entschloß, mit Bangigkeit dem Gute seines Oheims zuwankte!
-
-Seine Ahnung betrog ihn nicht. Der Oheim und seine Frau machten sehr
-verwunderte Gesichter, als sie den unerwarteten Spätgast eintreten
-sahen. Da gab es keine traute Umarmung, keinen warmen Händedruck,
-man bot ihm ein so kühles »Willkommen«, daß es ihm durchs Herz
-fuhr: man bot ihm einen Platz am Tisch, auf dem eine große Schüssel
-Kartoffelsuppe dampfte, aber mit so sichtbarem Mißbehagen, daß dem
-Gaste das Blut zu Häupten stieg. Er nahm Stock und Hut und verließ das
-ungastliche Haus seines nächsten Verwandten. Sollt' er nun sein Glück
-bei der Sippschaft weiter versuchen? Was blieb ihm übrig? Wer sollte
-ihn sonst freundlich aufnehmen, wenn es die Verwandten nicht thaten?
-Er nahm seinen Weg zum Vetter Konrad, der überdies sein Gevatter war.
-Hier wäre ihm auch wohl eine bessere Aufnahme zu Theil geworden, hätte
-der Gevatter Herrenrecht im Hause gehabt, das hatte aber die Frau
-Gevatterin und das war »eine hochmüthige Gans.« Ein Abendessen und ein
-Nachtlager sollte dem Fritz zwar gewährt werden, aber ihn ganz ins Haus
-zu nehmen -- das könne er nicht verlangen, meinte das Weib, ärgerlich
-über ihres Mannes freundliches Benehmen gegen den »Anrüchigen«.
-Dieser dankte für das Anerbieten und ging weiter. Der Arme! er
-sollte den bittern Kelch der Erfahrung, daß Vetternfreundschaft die
-allerunsicherste sei, bis auf die Hefen leeren.
-
-Die Vier, die er noch aufsuchte, nahmen ihn mit gleicher Kälte, wo
-nicht mit schwerverhaltenem Widerwillen auf; ein Nachtquartier wollten
-sie ihm zwar nicht versagen, und das wäre ihm auch vor der Hand genug
-gewesen, aber sie boten es ihm auf eine Weise, die sein Selbstgefühl
-empörte. Er dankte Allen und ging weiter -- aber nicht mehr zu irgend
-einem Gliede seiner Freundschaft, sondern aus dem Dorfe hinaus -- nach
-dem Gottesacker, dessen eingestürzte Mauer zu jeder Zeit den Zutritt
-zur stillen Wohnstatt der Todten gestattete. Im Mondschein fand er
-leicht die Stätte, die er suchte: das Doppelgrab seiner Eltern. Von
-Schmerz überwältigt sank er dort nieder und weinte und konnte lange
-nichts als weinen.
-
-O ihr Geister der längst abgeschiedenen Eltern! Sahet ihr aus euren
-seligen Wohnungen den einzigen Sohn sich winden an eurer Gruft? Sahet
-ihr nicht, wie seine Thränen euren zurückgelassenen Staub tränkten?
-Ja, ihr sahet es und ihr tratet vor Gott und batet ihn, daß er dem
-armen Dulder einen Engel zum Geleite sende auf der dornenvollen Bahn
-unter den harten, blödrichtenden Menschen. Und Gott war auch schon
-zuvorgekommen, der Engel war längst da, an eurem Grabe hat er sich
-dem Heimkehrenden schon geoffenbart durch die sinnigen Liebeszeichen,
-womit er euern Staub geehrt. Als Fritz sich wieder erhob, sah er das
-einfache Kreuz, welches er den Eltern hatte setzen lassen, mit einem
-frischen Kranze geschmückt und das Blumenbeet auf dem Hügel, das
-er angelegt hatte, so sauber gepflegt, wie er es selber kaum gethan
--- er wußte gleich, wem er Beides verdanke. Er mußte sie sehen ohne
-Verzug -- er mußte ihr danken, und das nicht allein: er bedurfte ihres
-freundlichen Willkommens in der Heimath, ihres warmen, theilnehmenden
-Händedrucks. Der Wächter verkündete bereits die zehnte Stunde, da sah
-es ja Niemand, wenn er in ihr Haus ging, und ehe noch Jemand im Dorfe
-aufstand, konnte er es ja wieder verlassen. So schlug er denn den
-Weg nach ihrer Behausung ein. Durch die Ladenritzen schimmerte noch
-Licht, als Fritz dort ankam, die fleißige Bewohnerin klöppelte noch,
--- mit hochschlagendem Herzen klopfte er an den Laden und rief sie
-beim Namen. Schnell wich der Riegel der Thür -- eine warme Hand zog
-ihn hinein -- er trat in die warme Stube -- Kordel lag schluchzend an
-seiner Brust. Aber war das die Kordel, die er vor wenig Jahren gekannt
-in der schwellenden Fülle und rosigen Frische der Jugend? O nein, das
-war nur der Schatten ihres holden Leibes. Mit welcher Gier hatte der
-nimmersatte Geier des Grams an diesen lieblichen Formen gezehrt, die
-ein leichtsinniger Bube frech entweihte, statt sich in Ehrfurcht zu
-neigen vor einem Meisterwerke seines Schöpfers! Fritz vermißte indeß
-keinen ihrer Reize, wenn ihm auch die traurige Verheerung ihrer Gestalt
-schmerzlich auffiel. Er ließ sie sich ausweinen an seiner Brust, aber
-er wagte es nicht, seinen Arm um ihren Leib zu legen, nur ihre Hand
-nahm er und preßte sie an seine Lippen. Nach dieser fast lautlosen
-Begrüßung führte Kordel den Gast an das Bettchen ihres kleinen Fritz
-(so hatte sie das vaterlose Knäblein taufen lassen), auf den die ganze
-Fülle und Frische seiner Mutter übergegangen zu sein schien. Dann
-eilte sie, ein warmes Essen für den Gast zu bereiten. Wie mundeten ihm
-die neuen Kartoffeln mit der frischen Butter und der durch den besten
-Rahm veredelte Kaffee! Zumal da Kordel ihm Gesellschaft leistete. Wie
-war sie so heiter, so freundlich und so sanft! Ihr besseres Theil
-trat geläutert und verklärt vor seinen Geist. Er sagte ihr, daß sie
-nicht fürchten möge, er werde sie in Verlegenheit bringen. Sie möge
-ihm nur ein Nachtlager auf dem Heuboden gönnen, daß er ein wenig
-ausruhen könnte, am Morgen mit dem ersten Hahnenschrei wolle er sich
-ungesehen fortmachen, sich nach einer Herberge umthun und Arbeit
-suchen. Doch von dem Schlafen auf dem Heuboden, dem Frühaufstehen und
-Ungesehenfortgehen konnte keine Rede sein; sie lächelte, als er den
-Grund angab, und sagte, daß sie sich vor dem Gerede der Leute nicht
-mehr fürchte. Mehr als sie ihr wegen des Kindes angethan, könnten sie
-ihr nicht anthun; in jenem Falle hätten sie allenfalls noch Grund
-gehabt, sie zu verachten, anders jetzt, wo sie eine heilige Pflicht
-erfülle, und wenn man sich gleichwohl darüber aufhielte, so dürfe
-und werde sie sich dadurch nicht irre machen lassen. Und sie bat den
-Bedenklichen in so rührenden Ausdrücken und in einer Weise, die ihn
-glauben ließ, er erzeige ihr eine Wohlthat, daß er sich entschloß,
-das Hinterstübchen, welches seit dem kürzlich erfolgten Tode der
-Kartenschlägerin ganz leer stand, zu beziehen, bis er irgend ein
-passendes Unterkommen würde gefunden haben.
-
-Ein solches zu suchen, ließ Fritz sich gleich am andern Tage angelegen
-sein. Er war früher ein sehr gesuchter Arbeiter gewesen; so ging er
-mit gutem Vertrauen aus. Aber obwohl es der Bretmühlen eine ziemliche
-Anzahl in dieser holz- und wasserreichen Gegend giebt, so wollte
-sich jetzt doch nirgends eine Stelle für ihn finden. Das machte ihn
-wohl etwas unmuthig, aber er verzagte darum nicht. Er verstand sich
-auch auf die »Zeugarbeit«, und so ging er abermals den Wässern der
-Umgegend nach. Aber er hatte in den Mahlmühlen eben so wenig Glück,
-als in den Bretmühlen; hie und da gab man ihm auf verblümte Weise zu
-verstehen, daß man einen Zuchthäusler nicht möge; denn Arbeitshaus oder
-Zuchthaus ist dem gemeinen Volke all' eins. So kehrte Fritz am Ende der
-zweiten Woche nach seiner Heimkunft völlig niedergeschlagen in sein
-Asyl zurück. Kordel gab sich die freundlichste Mühe ihn aufzurichten;
-sie stellte ihm vor, daß es ja nicht so dränge mit einem Unterkommen;
-der liebe Gott segne sie dieses Jahr reichlich mit Kartoffeln -- daß
-sie eine Kuh, ein Stück Jungvieh und eine Ziege halte, wisse er;
-ihre Wirthschaft sei bezahlt und außerdem habe sie auch noch ein
-paar hundert Thaler auf Interessen ausstehen. So könne sie es sich
-nun auch etwas leichter machen, als zeither, indem sie sich von ihm
-in der Wirthschaft helfen ließe. Die Arbeit aber, welche die kleine
-Wirthschaft für einen rüstigen Mann darbot, schien dem Bretschneider
-doch zu geringfügig, um sich dafür füttern zu lassen. Da er in seinem
-erlernten Fache nirgends ein Unterkommen fand, so entschloß er sich,
-bei den Begüterten von Königswald Taglöhnerarbeit zu suchen. Aber
-hier sollte ihm das tödtliche Gift des Mißtrauens und der Verachtung
-tropfenweise eingeflößt und in Galle und Blut hineingetrieben werden.
-Man hatte für den entlassenen Sträfling nirgends Arbeit.
-
-
-5.
-
-Der Leser muß nicht glauben, daß es das +Vergehen+ des Bretschneiders
-war, was sie verachteten und weshalb sie ihn von ihren Thüren
-scheuchten, -- o da waren wohl wenige unter den wohlehrsamen Begüterten
-von Königswald ganz rein geschoren, so Mancher hatte dann und wann ein
-Stämmchen aus dem königlichen Forst geholt, ohne daß das Stempeleisen
-des Forstmeisters es berührt hatte; aber sie hatten es fein schlau
-angefangen und waren glücklich mit ihrer Beute weggekommen. Vor der
-Welt waren sie ehrliche Leute, so meinten sie, daß sie es wirklich
-wären, und glaubten von ihrer Ehrlichkeit keinen bessern Beweis
-liefern zu können, als wenn sie jeden wegen einer unehrlichen Handlung
-Bestraften recht sichtlich verachteten.
-
-Leser -- glaubst du nicht, daß solche Erfahrungen in solcher Lage einen
-Menschen zur Verzweiflung treiben, oder doch »die Milch der frommen
-Denkart in gährend Drachengift verwandeln« können? Bei unserm Fritz war
-es nahe daran, daß das Eine oder Andere geschah, nur Kordel's immer
-gleiche Sanftmuth und Freundlichkeit verhinderte, daß das so reichlich
-in ihm erzeugte Gift nicht alsbald seinen ganzen edleren Menschen
-vernichtete. Aber daß er durch alle die fehlgeschlagenen Hoffnungen und
-vergeblichen Anstrengungen, ein ehrlich Unterkommen zu finden, täglich
-schwermüthiger gemacht wurde, konnte sie nicht hindern. Das schmerzte
-sie und begann dem Wurm, der an ihrer Gesundheit nagte, neue Nahrung zu
-geben. Endlich konnte sie nicht länger an sich halten und ein Gedanke,
-der gleich nach seinen ersten vergeblichen Gängen in ihr aufgetaucht
-war, brach sich unwiderstehlich Bahn.
-
-»Fritz!« sprach sie etwas rascher als gewöhnlich, »Sie handeln unrecht
-an sich selbst. Was ärgern Sie sich so ab mit den unvernünftigen
-Leuten? Was sorgen und quälen Sie sich so um ein Unterkommen unter
-ihnen? Habe ich nicht genug für uns alle Drei? -- Lassen Sie mich
-ausreden! -- Ihre Hand! Sehen Sie den unschuldigen Wurm da -- er hat
-keinen Vater -- wer weiß, ob nicht bald auch keine Mutter.«
-
-Hier wurde sie roth und stockte; Fritz aber fiel ihr in die Rede und
-bat sie, nicht solche Gedanken zu hegen.
-
-»Man muß auf Alles gefaßt sein -- ja, lieber Fritz! -- mir ist, als
-werde ich nicht lange mehr für das arme Kind sorgen können. Dieser
-Husten -- meine abnehmenden Kräfte -- Fritz! soll ich, wenn der Herr
-mich abruft, das Kind als Waise zurücklassen?«
-
-»O wäre ich nicht, was ich bin!« rief Fritz gramvoll aus, »so sagte
-ich, ich will sein Vater sein!«
-
-»Ist es das und immer nur das?« erwiederte Kordel. »Wenn Sie mich auch
-nicht mehr lieben, wie einst, wenn ich auch nicht werth bin, Ihre Frau
-zu sein, so -- ich flehe Sie an -- werden Sie diesem verwaisten Wesen
-ein Vater!«
-
-»Versteh' ich Sie recht?« stammelte Fritz von einem heiligen
-Freudenschauer durchbebt. »Wollen Sie mich?«
-
-»Zum Vater meines Kindes machen,« sprach sie mit hohem Erröthen, seine
-Hand an ihr Herz drückend.
-
-»Aber bedenken Sie, ich bin ein Ausgestoßener.«
-
-»Und was bin ich? Wir tragen das gleiche Loos -- die ehrbaren Leute
-stoßen mich wie Sie von sich -- so lassen Sie uns gemeinsam tragen,
-was uns der Himmel aufgelegt hat! Zum Glück haben wir genug, um die
-hartherzige Gesellschaft allenfalls entbehren zu können. Wir können
-einen Handel anfangen -- gewiß, Gott wird uns helfen, wenn wir
-zufrieden sind und fortan auf seinen Wegen wandeln. Wollen Sie?«
-
-»Ob ich will? O du mein einziger Trost im Leben! Ich habe ja nie
-aufgehört, dich zu lieben und ich dachte mir es seit dem Augenblicke,
-da ich dein Unglück erfuhr, als das höchste Glück, für dich und dein
-Kind sorgen zu können. Wenn du mich nicht verschmähst, so will ich
-deinem Kinde ein treuer Vater sein.«
-
-Da schlang Kordel weinend ihre Arme um seinen Hals -- seine Thränen
-mischten sich mit den ihrigen, und der Engel, der den Schlummer des
-kleinen Knaben hütete, war Zeuge ihrer Verlobung.
-
-Sechs Wochen später wurden sie getraut. Hochzeitgepränge, Schmaus und
-Tanz gab es freilich nicht dabei; ihr einziger Hochzeitsgast »bei
-einem Gericht Gerngesehen« war der Kadenlieb. Dem ging es bei den
-Königswalder Pharisäern natürlich auch nicht besser oder vielmehr noch
-schlimmer, als dem Bretschneiderfritz, aber er machte sich nicht viel
-aus den »Dickköpfen«, wie er sie nannte, und Arbeit und Brod mußte ihm
-der Müller schaffen.
-
-Hätte Fritz nur einen Theil von dem leichten Sinn seines
-Schicksalsgenossen gehabt, so hätte er sich in seiner neuen Lage
-recht zufrieden fühlen mögen. Eine Zeitlang schien es auch, als ob
-er mit seinem Geschicke ausgesöhnt sei. Es gab vor und nach der
-Hochzeit vollauf für ihn zu thun: die Hafer- und Kartoffelnernte
-und andere Feldarbeit, verschiedene Reparaturen im Hause und an den
-Wirthschaftsgeräthen beschäftigten ihn mehrere Wochen lang recht
-gehörig, und da sein Weib immer mit einem Lächeln, einem zärtlichen
-Worte bei der Hand war, so vermißte er die Liebe und Achtung der Welt
-nicht. Dazu kam, daß Kordel sich merklich zu erholen schien, sie
-bekam ein frischeres Aussehen, als sie bisher gehabt hatte, und Fritz
-schöpfte daraus Hoffnung für ihre völlige Wiederherstellung. Auch die
-Zuneigung, womit der kleine Fritz sich an ihn gewöhnte, war eine Quelle
-der Freude und des Trostes für ihn. Als aber die Arbeit in Feld und
-Haus nachließ und der müssigen Stunden zu viele für ihn kamen, wollte
-ihn der alte Mißmuth wieder beschleichen. Es kränkte ihn doch, daß er
-sein Gewerbe nicht ausüben konnte; auch daß er unter polizeilicher
-Aufsicht stand, keine Ehrenrechte in Gemeinde und Staat besaß und von
-seinen Mitbürgern verachtet war, konnte er nicht verschmerzen. Er
-gerieth auf den Gedanken, sich selbst eine Bretmühle zu bauen, statt
-einen Handel anzulegen, und Kordel willigte mit Freuden ein. Sie
-kündigte ihr Kapital und machte ihm zu seinem Geburtstage, welcher im
-December fiel, ein Angebinde damit.
-
-Fritz lebte wieder etwas auf, da er nun einen sicheren Weg zu Arbeit
-und Verdienst vor sich sah. Er suchte und fand bald einen geeigneten
-Platz zu einer Schneidemühle an einem wasserreichen Nebenbach des
-Pöhlwassers. Da er aber mit dem Bau vor dem nächsten Frühjahr nicht
-beginnen konnte und auch zur Holzanfuhr die jetzige Zeit noch nicht
-günstig war, so trug er das Kapital, um es nicht nutzlos daliegen zu
-lassen, nach Annaberg zu einem Kaufmann, der zugleich Bankiergeschäfte
-trieb. Vierzehn Tage später erhielt er die Schreckensnachricht, daß der
-Kaufmann Bankerott gemacht habe und Fritzens Geld verloren sei.
-
-Das war ein furchtbarer Schlag für unser Paar; Fritz wollte sich nicht
-darüber zufrieden geben und jammerte immerfort: »Das arme Kind! das
-arme Kind!« Kordel, die den Verlust eher zu verschmerzen schien, suchte
-ihn zu trösten, doch gelang es ihr nur unvollkommen. »Wer weiß, wie der
-liebe Gott auf andere Weise für das Kind sorgt,« sagte sie, wenn Fritz
-so wehklagte.
-
-Sie hatte Recht -- der liebe Gott sorgte bald für das Kind, daß es das
-Geld entbehren konnte -- er nahm es zu sich; das Scharlachfieber raffte
-es weg.
-
-Das war kurz nach Weihnachten, -- am Aschermittwoch senkten sie neben
-der Hülle des Kindes die seiner Mutter ein. Die Auszehrung, welche ihr
-der Gram über die Treulosigkeit ihres Verführers, noch mehr aber über
-die Kränkungen, die sie von den Königswaldern erdulden mußte, zugezogen
-hatte, war nach dem Tode ihres Knaben plötzlich in ein entschiedeneres
-Stadium übergetreten. Ruhig und ergeben sah sie ihr Ende herannahen und
-sanft, wie sie in der letzten Zeit gelebt, schlummerte sie hinüber.
-
-Mit ihr erlosch aller Glanz aus dem Leben des armen Fritz; er schleppte
-es fortan als eine finstere und bleierne Last mit sich herum. Seine
-Heimathgenossen fingen allgemach an, mit dem hart Geschlagenen einiges
-Mitleid zu fühlen, sie zeigten sich freundlicher gegen ihn und boten
-ihm Arbeit an, aber er mochte nichts mehr von ihnen wissen. Sie waren
-vornehmlich schuld an dem Tode seines Weibes -- dies konnte er ihnen
-nicht verzeihen, wenn er ihnen auch die eigene Schmach verziehen hätte.
-Er schloß sich völlig von ihnen ab; außer dem Kadenlieb pflog er mit
-keinem lebendigen Menschen Umgang -- sein Herz war bei den Todten und
-ihrer Wohnstätte galten seine Besuche. Ihm war am wohlsten, wenn er
-zwischen seinen Gräbern weilen, oder doch nahe bei der Kirchhofmauer
-so sitzen konnte, daß er die Kreuze darauf sah. Kordel's Kreuz war
-allezeit frisch bekränzt. Eine Ziege, die sie aufgezogen und so an sich
-gewöhnt hatte, daß sie ihr überall hin folgte wie ein Hund, trug diese
-Anhänglichkeit bald auf ihren trauernden Herrn über, sie war immer bei
-ihm, wenn er seines traurigen Kultus pflog. So hat er es zwei Sommer
-getrieben.
-
-Am zweiten Jahrestage von Kordel's Tode brach in Königswald ein Feuer
-aus, welches bei dem starken Winde, der gerade wehte, für den größten
-Theil des Ortes verderblich zu werden drohte. Fritz eilte zum Löschen;
-es war das erste Mal, daß er sich wieder unter seine Mitbürger mischte,
-von denen es ihm keiner an entschlossener Thätigkeit gleich that,
-obschon die meisten tüchtig zugriffen. Leider war die Löschanstalt
-nicht im besten Stande und noch dazu schlecht geleitet. Fritz sah
-die Nothwendigkeit des Niederreißens zweier Gebäude ein, um das
-Fortschreiten der Flamme, die bereits ein zweites Haus ergriffen hatte,
-zu hemmen. Der Richter, welcher Feuer-Commissarius war, widersetzte
-sich Fritzens Rath und ordnete an, alle Thätigkeit auf das Löschen
-der brennenden Gebäude zu verwenden. Fritz, von der Nutzlosigkeit
-dieser Anstrengung überzeugt, rief nun die Hülfeleistenden auf, ihm
-mit dem erforderlichen Geräthe zu folgen und zum Niederreißen der
-bezeichneten Gebäude zu schreiten. Alle Einsichtigen folgten seinem
-Rufe; dadurch wurde der Richter in Wuth versetzt, er stürzte auf den
-Bretschneiderfritz los, packte ihn bei der Brust und schrie:
-
-»Was will Er hier? Commandiren? Aufwiegeln? Weiß Er, was Er ist? Er
-hat gar kein Recht in der Gemeine; nicht ein Wort hat Er zu sagen!
-Unter meiner Aufsicht steht Er, und ich kann Ihn ohne Weiteres ins Loch
-sperren lassen.«
-
-Fritz erwiederte kein Wort -- er vermochte keins hervorzubringen. Er
-wandte seinen Blick nach Oben und ging zu sehen, wo er sonst helfen
-konnte. Das zuerst in Brand gerathene Haus gehörte einer armen Wittwe.
-Sie hatte nur wenig von ihrer Habe zu retten vermocht, und Niemand
-getraute sich mehr in das über und über brennende Gebäude, um noch
-Etwas herauszuholen.
-
-»Helft mir doch wenigstens meine Ziege retten!« rief die jammervolle
-Wittwe aus; »hört doch, wie das arme Thier schreit!« Damit wollte
-sie in das Haus; doch Fritz, der eben hinzutrat, ergriff sie,
-schleuderte sie zurück und eilte selbst in das Gebäude, eh' Andere
-ihn zurückzuhalten vermochten. Es mag Manchem tollkühn erscheinen, um
-einer Ziege willen ein Menschenleben zu wagen, aber Fritz wußte, was
-einem verlassenen Menschen solch' ein Stück Vieh sein kann, und die
-Wittwe war verlassen wie er -- und was galt ihm sein Leben? Es gelang
-ihm wirklich, das Thier zu retten, ein Freudenruf entrang sich mancher
-beklommenen Brust, als er sich wieder unter der Thür zeigte. Schon
-war er fast aus dem Bereiche der fürchterlichen Gefahr, als plötzlich
-ein brennender Sparren niederstürzte und ihn zu Boden streckte. Der
-eben herbeigeeilte Kadenlieb trug ihn für todt in sein Haus; schnelle
-ärztliche Hülfe rief ihn jedoch wieder ins Leben. Der Arzt hoffte ihn
-zu retten, obschon seine Brust schwer verletzt war. Fritz wünschte
-blos, von den Menschen errettet zu sein und sein Wunsch ging in
-Erfüllung. Ein heftiger Blutsturz bahnte seiner Seele den Ausweg aus
-ihrem vergänglichen Gefäß. Der Kadenlieb, welcher nicht von seinem
-Bette wich und ihn wie ein Bruder pflegte, wurde sein Erbe.
-
-Der macht' es gescheidt -- als der Frühling ins Land kam, bepflanzt' er
-die Gräber seiner Freunde mit Veilchen und Immergrün, verkaufte Haus
-und Feld, gab dem Todtengräber ein Sümmchen, damit er die Gräber wohl
-pflege, und ging mit dem Rest nach Amerika.
-
-
-
-
-II.
-
-Die Fundgrube Vater Abraham.
-
-
-I.
-
-Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei,
-und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des
-großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des
-Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt
-dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen,
-sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder
-entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen
-der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung
-der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst
-diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes
-in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand,
-so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort
-hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke
-gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete
-Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der
-Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges
-Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet --
-an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar
-nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein
-»Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte
-für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel
-geborgen.
-
-Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner
-Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener,
-blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel
-kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk
-blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen
-hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl
-eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster
-an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden
-Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der
-Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers
-und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der
-Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer
-halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen
-Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der
-Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit
-einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung
-hervorquoll.
-
-»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief
-der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig
--- der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch
-dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.«
-
-»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte
-der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und
-von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen
-Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe
-trägt.«
-
-»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein;
-»ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all
-den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über
-Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.«
-
-»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich!
-Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer
-Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist
-wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am
-Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie
-ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so
-ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«
-
-»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr
-als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich
-die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das
-ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von
-des Schichtmeisters erster Frau.«
-
-»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer.
-
-»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem
-Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen.
-Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den
-bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich
-das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die
-Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat
-treiben würde, wie eine Bergmeisterin!«
-
-»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob
-sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der
-Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der
-auf seiner Grube wohnt, so genau --« hier stockte der Redner; ein Blick
-auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief
-schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint
-Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das
-sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!«
-
-»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt
-ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke
-in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der
-Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn
-nanntet.«
-
-»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle
-Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als
-der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse
-Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da
-angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.«
-
-»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch
-nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer
-Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn
-auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet
-Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe,
-wie Ihr vorhin sagtet.«
-
-»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der
-Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen,
-so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn
-Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist
-meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's
-vor Gericht!«
-
-Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der
-Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden.
-Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen,
-und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er
-fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen
-Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld
-seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange;
-er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse.
-Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein
-treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches
-einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht
-blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn
-verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei
-Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die
-Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen
-Goldschmiedsladen getreten war.
-
-»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt
-tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.
-
-»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich
-seh's Ihm an, Er bringt Handgeld -- nun Er soll heute einen guten
-Handel machen.«
-
-»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand;
-»soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«
-
-»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, -- doch
-ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit
-gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm
-Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer
-mit in sein Gewölbe.
-
-»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat
-der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun
-ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr
-setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm
-Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe
-nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«
-
-Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach
-seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen
-und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand
-daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den
-Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse
-mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«
-
-Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft
-und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe
-des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein.
-Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und
-Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den
-jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte
-aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der
-Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten
-»Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung,
-und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich
-halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.«
-
-»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber
-ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.«
-
-»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr
-Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie
-erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der
-Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen
-für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge
-genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh
-herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch
-selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen,
-weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur
-Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber
-Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in
-Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps
-werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister,
-wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben
-Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden -- das ist Brod für
-viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so
-darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal
-ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.«
-
-»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen
-wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule -- sagte Er nicht?«
-
-»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater
-Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.«
-
-»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die
-Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde
-Unterricht!«
-
-»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer
-leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.«
-
-»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er
-täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure
-Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der
-Schule 14 -- da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«
-
-»Freilich nicht; -- nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und
-da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon
-aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer,
-aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt.
-Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß
-unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen
-werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.«
-
-»Höflich?« versetzte Meister Mickley, -- »es geht wahrlich an mit
-der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige
-Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir
-Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar
-einmal Zubuße gezahlt haben.«
-
-»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach
-meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute
-gesetzt haben.«
-
-Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein
-Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem
-Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den
-jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute
-vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er
-schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig
-würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der
-Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle
-auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon
-ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!«
-
-Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei
-Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die
-zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer
-ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben;
-doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß
-Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine
-Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt
-worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach
-einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe
-ist es immer ein unsicheres Ding, -- aber nach meinem Dafürhalten kann
-die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen
-haben.«
-
-»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth
-des gewonnenen Erzes?«
-
-»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des
-Zehntens.«
-
-Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das
-Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.«
-
-Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte
-ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5
-Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch
-nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich
-einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«
-
-»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er
-scheint mir einen offenen Kopf zu haben -- vielleicht hat Er doch recht
-gerechnet -- he?«
-
-»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand.
-
-»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an
-Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein
-Schade nicht sein. -- Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die
-schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf
-weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?«
-
-Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe
-Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas
-sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie,
-daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum
-Steiger!«
-
-»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei
-der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm
-sagen will.«
-
-Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe.
-
-»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er
-die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4,
-da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er
-Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's
-nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal
-etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte
-verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge
-versehen?« fragte er.
-
-»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur
-behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu
-kostspielig.«
-
-Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin
-überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet
-hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde
-von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug
-hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er
-darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das
-funkelnde Metall nicht erblinden mache.
-
-»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?«
-
-»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle
-Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört
-wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«
-
-»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der
-Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was
-sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es.
-Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern
-kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt,
-oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern
-fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es
-verrostet. Nehm' Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße,
-damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier
-bergfertig wird.«
-
-Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der
-Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines
-Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er
-auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen
-zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und
-wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie
-meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn
-fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater
-vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie,
-»und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« -- »Zwei für einen,«
-sagte er, »befehlen Sie nur!« -- »Sie machen sich wohl aus einem
-kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach
-sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen,
-sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid schicken und nicht auf die
-Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und
-zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; es kann Mitternacht werden, eh'
-die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir -- und hier,
-wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?«
-
-Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne
-Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der
-Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter
-hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« -- Nun lenkte er seinen
-Schritt dem Thore zu.
-
-
-II.
-
-Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte
-ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und
-bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist
-denn die Mutter?« fragte er vor der Thür.
-
-»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.
-
-»Schon wieder?« fragte er trübe.
-
-»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber
-Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz
-Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum
-Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.«
-
-»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in
-Gesellschaft der Baronin sein?«
-
-»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.«
-
-»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der
-Schichtmeister erheitert, »so komm denn!«
-
-Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer
-geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite
-gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches
-Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte
-sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der
-liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung
-unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu
-erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal,
-in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin -- gnädige
-Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und
-nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir
-vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind
-unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig
-hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht
-sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck,
-wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe
-uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich
-verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns
-nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete
-ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf
-dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß
-steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der
-Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald
-erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen
-sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«
-
-»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der
-Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß
-der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer
-eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine
-auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig --«
-
-»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied
-hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob
-die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu
-bestehen?«
-
-Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie,
-daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. -- »Aber,« fiel
-Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese
-Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste
-Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und
-ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die
-Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!«
-
-»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir
-müssen den ersten Eindruck wahren!«
-
-Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck
-gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel
-darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit
-in den Laden!«
-
-Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten
-Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit
-Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten,
-indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der
-Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der
-vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er
-bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende,
-sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu
-dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu
-zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern
-zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen
-verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche
-Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild
-der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen
-Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück.
-»Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber
-Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich
-kann doch nicht anders.«
-
-Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern
-zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war
-sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt
-Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt
-keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen
-Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich -- armes
--- unglückliches -- Kind --« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.
-
-Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf -- er
-besann sich -- es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf
-von drei Monaten verbindlich zu machen. -- Die Erbschaft seiner Frau,
-so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte
-bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein
-Darlehn zu erlangen. -- Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete
-den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm
-leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in
-den Händen, zu seiner Frau trat.
-
-Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«,
-bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich
-holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der
-Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds
-verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer
-Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines
-Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen,
-als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es
-gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der
-Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden
-stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier,
-das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es
-scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er.
-
-»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie
-schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!«
-
-Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den
-Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu
-betrachten.
-
-»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.
-
-»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer.
-
-»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens
-verlohnen.«
-
-»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie
-Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«
-
-»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder.
-
-»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben -- sonst
-will ich weiter nichts -- ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom
-Herzen habe.«
-
-Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der
-Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf
-seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel
-auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte
-es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete
-sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du
-wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine
-Thräne quoll aus seinem Auge -- langsam stieg er die Stufen vor dem
-Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den
-Gelbgießer Mickley vor sich stehen.
-
-»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?«
-Der Steiger erschrak. »Ich war -- ich hatte -- mein Sohn schickte mich
-hierher --« stotterte er.
-
-»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze?
-Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen
-Heirath um -- he?«
-
-»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht,
-so mag wohl was d'ran sein.«
-
-»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; --
-da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!«
-
-»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre
-mir lieber. --«
-
-»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm
-auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure
-Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen.
-Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen;
-aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art
-geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.«
-
-»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der
-Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm -- sie kommen hierher,
-wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«
-
-»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern
-Sohn 'mal in der Nähe sehen.«
-
-Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger
-salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der
-Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor,
-anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein
-Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu
-wenden, stolz vorüber.
-
-»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der
-Steiger bejahete es mit einem Seufzer.
-
-»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht
-einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft!
-Armer, alter Mann!«
-
-Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem
-Thore zu.
-
-
-III.
-
-Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des
-Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen,
-ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die
-Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor.
-Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte
-weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben
-Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause
-saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen,
-einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine
-kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige
-Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing
-ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und
-seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz
-nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die
-Lage des Standpunktes.
-
-»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der
-Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast
-täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und
-doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich
-geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch
-so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung
-gekommen.«
-
-»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn
-eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen
-Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden
-können.«
-
-»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen
-und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft
-statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in
-sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes,
-treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im
-Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige
-superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich
-weiß.«
-
-»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm
-ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die
-alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören
-hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen
-andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm.
-
-»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst
-nicht zu den Superklugen.«
-
-»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte,
-»kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen
-hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden,
-desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und
-so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen
-sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst,
-der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen
-worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein
-armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod
-in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist
-auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei
-der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der
-Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und
-wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg.
-Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der
-winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen
-voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben
-vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus
-meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat
-sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt:
-was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann,
-hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk
-gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den
-Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber
-war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst.
-Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm
-ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die
-andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein
-könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch
-gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.«
-
-»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten
-Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in
-unserm Gebirge giebt.«
-
-»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis,
-»mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären
-nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren
-Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom
-Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in
-Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird.
-Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch
-in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als
-neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute
-im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine
-Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben,
-noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als
-droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren
-und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr
-angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes,
-daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein
-Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen
-werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten
-Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem
-Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht
-noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls
-Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen
-Vater jetzt ruinirt!«
-
-Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den
-alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert
-Jahre darniedergelegen?«
-
-»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß
-hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem
-feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem
-Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle
-da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern
-Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem
-Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren
-Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter
-unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu
-Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie
-in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber
-in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen,
-und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit
-seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem
-alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden;
-die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter,
-hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten
-Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in
-Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt
-hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat
-er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann
-hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt -- aber wie alle
-Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen
-aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und
-wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt,
-zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den
-reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht
-worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich
-abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in
-den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern
-erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen
-gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen
-auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.«
-
-»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute
-hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren;
-sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen?
-Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die
-Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch
-die Mutter hat ihre guten Seiten.«
-
-»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du
-das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht
-weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter -- o die
-Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte
-sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre
-Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel
-Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten
-Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann,
-wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der
-Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.«
-
-»Aber« -- wandte Hedwig ein -- »seit ein paar Jahren ist die Grube doch
-wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß
-sie es noch mehr wird.« --
-
-»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz
-sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten
-kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater
-Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn
-nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter
-Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und
-wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art
-schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht
-straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger
-Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er
-kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt
-etwas, das mir weh thut.«
-
-»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und
-die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,«
-meinte Hedwig.
-
-»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« -- sagte der Greis;
--- »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß
-der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte
-mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte
-dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir
-im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten
-schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich
-Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein
-Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und
-unbefleckt.«
-
-Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige
-Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen
-Hände.
-
-»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort;
-»die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn
-ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum
-Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich
-noch fragen wollte, Hedwig -- was denkst Du von den Besuchen, die der
-Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst
-mied er ihn ja.«
-
-Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß
-nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem
-Wege, wenn er kommt.«
-
-»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte
-der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! --
-Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels
-rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser
-Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh'
-doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in
-Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus.
-
-Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im
-nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten
-Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht
-befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine
-Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen
-wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte.
-Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte
-Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als
-die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind
-versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe
-sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage
-war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen
-Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden
-Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch
-war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage
-befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf
-dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor
-ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte
-er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen
-in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden
-Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er
-seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen.
-Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in
-die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte.
-Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche
-Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen.
-In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange
-der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr
-klaffte der furchtbare Schlund.
-
-»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen
-Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den
-soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl
-durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.«
-
-»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu
-holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?«
-
-»Da fragen Sie mich zu viel; -- genug, ich kam vorhin in ihre
-Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst
-noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den
-kleinen Gefallen zu thun.«
-
-Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So
-kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich
-vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach
-einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber
-wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben
-Sie mir die Hand.«
-
-»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.«
-
-»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde
-Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die
-Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit,
-der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen;
-ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben
-anflehen. -- Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich
-Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! --«
-
-»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch
-ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die
-alten Zeiten sind todt und begraben -- lassen wir die Todten ruhen. Zu
-vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht
-gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die
-Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«
-
-Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte,
-schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein,
-Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du
-plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast!
--- Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus
-wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir
-reißt. -- Hedwig -- das Wort unserer Väter muß sich erfüllen -- Du mußt
-mein werden!«
-
-»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch
-Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!«
-
-»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes
-Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie
-paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die
-lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich
-mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein
-bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht
-auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht
-ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!«
-drängte er -- »oder ich nehme es mir!«
-
-Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in
-die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich
-von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie
-mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!«
-
-»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich
-mit mir um -- seien Sie mild und versöhnlich!«
-
-»Lassen Sie mich erst los -- dann wollen wir vernünftig mit einander
-reden.«
-
-»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er
-neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich
-mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell
-wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. -- »Hülfe!
-Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber
-schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte
-Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen
-sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren;
-aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da
-plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er
-sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über
-dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen
-mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa
-ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man
-die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand
-war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen
-hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger
-seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte
-zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor
-war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,«
-sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein -- meint
-der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die
-Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten
-in meinem lettigen Grubenzeug.« -- Aber Hedwig hing sich ängstlich an
-seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den
-racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten.
-
-
-IV.
-
-Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. Langsam trat er endlich
-den Weg nach der Stadt an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten,
-welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er brauchte nicht lange
-zu warten; der Junge war froh, sich seines Botendienstes so leicht
-entledigen zu können, und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen.
-
-»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« sagte der Doctor, als
-er der Schichtmeisterin den Shawl überreicht hatte und von ihr mit
-Dankesergießungen überschüttet worden war; »Ihre Hedwig lustwandelte
-~tête-à-tête~ mit einem gemeinen Bergmann im Walde.«
-
-»+Meine+ Hedwig?« erwiederte die Frau; »die Sie meinen, ist doch nicht
-+mein+ Kind, sonst würde sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit
-einem Häuer verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt für
-das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren getauft haben?«
-
-»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß die Liaison von ihnen
-geduldet wird. Immer ist Hedwig die rechte Tochter von Fräulein
-Brunhild's Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. Wenn nun die
-Frau Baronin Mutter erführe, daß ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager
-eines gemeinen Häuers zu werden, so könnte sie leicht --«
-
-»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin entsetzt; »ich
-bitte, lassen Sie den Baron und die Frau Baronin ja nichts merken von
-dem, was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison nichts wird,
-stehe ich. Von Stund' an muß mein Mann den frechen Menschen, der sich
-in unsere Familie drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr mit ihm
-untersagen.«
-
-»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug und weise sein,« bemerkte
-der Doctor und empfahl sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends.
-Er begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie einen guten
-Kunden empfing.
-
-»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat mein Alter gedeckt?«
-
-»Ich glaube -- wenn die ganze Lieferung der Probe gleicht; das muß sich
-erst ausweisen.«
-
-»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich noch hundert Thaler
-vorstrecken; ich muß morgen nach Hallbach zu meiner Erkornen und da
-nobel auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach Bad Kissingen
-begleiten. Wir vertauschen den alten Wechsel mit einem neuen, und --
-nun Ihr wißt Euch schon bezahlt zu machen.«
-
-»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,« wendete der Goldschmied ein.
-
-»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der Doctor. »Hoffentlich ist
-das der letzte Schröpfkopf, den ich an den guten Alten ansetzen muß.
-Zieht nur die Casse auf, mein Goldmann!«
-
-Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich finden, er zog
-ein Kästchen aus seinem Ladentisch und zählte die verlangte Summe in
-Dukaten auf.
-
-Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber gehörig mit Königswasser
-getauft,« sagte er, die Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein
-unverbesserlicher Anabaptist!«
-
-Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe, füllte der
-Goldschmied ein Wechselformular aus und legte es dem Schuldner vor.
-Dieser unterzeichnete. »So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte er,
-sein Gold einsteckend.
-
-»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst willen nicht, daß die Klausel,
-»nach Wechselrecht verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann, als
-die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort vom Hehler!« Und er
-ging.
-
-»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der Goldschmied, ihm
-nachstarrend.
-
-Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche alte Steiger sich sehr
-irrte, indem er wähnte, seinem Sohne sei das verzweifelte Mittel,
-dessen übermäßige Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen
-geblieben, wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn selbst hat
-den Goldschmied auf den Vater gehetzt. Nur der Ort, wo dieser das
-Erz aufbewahrte, war jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht
-Ursache gehabt, danach zu forschen.
-
-Während der Vater tief im Schoße der Erde nicht nur mit seinem schweren
-Tagewerk sich plagte, sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde,
-verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im Salon des reichen
-Handelsherrn Neuhoff. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter, als
-solcher schon früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn ihr
-Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden, daß man an ihrem
-Wohnorte Hallbach lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen
-Beiden munkelte, bis es offenkundig ward, daß der junge Arzt sich
-Hoffnung auf die Hand der Baronesse Lydia mache. Heute entfaltete er
-alle seine Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die am
-Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen, theils um seinen
-Einfluß auf die Baronin zu befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht
-nur für seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen gegen
-Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch zur Förderung der Wünsche
-des jungen Barons und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin
-eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und ihren Häuer gewann.
-Seine Bemühungen gelangen vollständig; er wußte die Baronin dergestalt
-auf die in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil glänzenden
-Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu machen, daß am Schlusse des
-Abends der Baron es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen.
-Und die von der schönen, und, was ihr allerdings viel galt, eleganten
-jungen Dame bezauberte Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen
-Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres gichtkranken Gatten, an
-der sie nicht zweifelte. »Ich curire ihn,« sagte der Doctor, »und im
-schlimmsten Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen vor, wenn
-ich liquidire.«
-
-Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich seiner väterlichen
-Behausung näherte, sah er aus der schwer zugänglichen Oeffnung eines
-alten Stollens eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf das
-Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und stieß an der Hausthür auf
-seinen Vater. »Du kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis den
-Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt? Und ich muß mich mit der sauern
-Nachtschicht plagen! Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!«
-
-»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre, zu der
-ich nun einmal durch Anlage und Neigung gehöre,« antwortete der
-Doctor. »Ich muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du wirst bald
-Ursache haben, Dich über alle Opfer zu freuen, die Du mir gebracht.
-Du sollst sie an keinen Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen,
-daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem Obereinfahrer und
-Schichtmeisters Brunhild zu Stande gebracht habe; und was ich über
-die Mutter zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch zu meinen
-eigenen. Du wirst sehen, in wenig Wochen darfst Du die reiche Baronesse
-Lydia von Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!«
-
-»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn gehabt haben,« sagte der
-Greis, »wer seinen Vater auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur
-in eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd sein, wenn
-er der Mann einer Baronesse ist. Nun, ich wünsche Glück zu dem hohen
-Flug -- freuen könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter
-brächtest, wie meine Hedwig, die Du im tollen Hochmuth von Dir
-gestoßen.«
-
-»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,« sagte der Doctor.
-
-»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott hat ihr trefflichen Ersatz
-gegeben. Das ist auch mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das
-Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt laß uns hineingehen,
-ich höre die Mutter Licht anschlagen.«
-
-Sie gingen hinein.
-
-Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht und Rache, den
-der Sohn im Herzen trug, tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus
-dem alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die Vermuthung, daß
-dort die geheime Erzniederlage desselben sei, und diese Vermuthung
-führte sein brütendes Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er vor
-sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte, er müsse von seinem
-Vater die nahe Möglichkeit der Entdeckung seines Verbrechens entfernen;
-denn so gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht gar der
-Bergner, den Vater einmal bei seinem nächtlichen Gange von oder zu dem
-Stollen beobachten, Verdacht schöpfen, untersuchen -- und dann war der
-Vater verloren.
-
-Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach einer Rechtfertigung
-seiner bösen Absichten suchte und sie auch glücklich fände, so fand
-der Doctor, als er am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig
-den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des Gelbgießers treten und
-diesen das Abschiedswort rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber
-Steiger ~in spe~,« in diesem Worte mehr als eine bloße Rechtfertigung
-seines schon fertigen Anschlages, er fand sich als Sohn verpflichtet,
-einen Menschen unschädlich zu machen, der offenbar seinem Vater nach
-dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen wollen, aber
-sein tückischer Plan nöthigte ihn, noch eine Nacht in der Heimath zu
-verweilen. Sobald es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne
-sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte nach Pobersdorf und in
-den alten Stollen bei der väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen,
-ehe er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand sie bestätigt: in
-einem Haufen alten Schuttes lagen die schimmernden Stufen.
-
-Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands Wohnung ein altes
-Zechenhaus, das von ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand.
-Daher fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der dicht hinter
-dem Hause mündete. Der Doctor kannte, als Ferdinands Jugendgespiele,
-die Oertlichkeit genau; er wußte auch, daß dieser Stollen durch eine
-Thür verschlossen war; aber auch dafür hatte er sich gerüstet; er
-kannte die einfache Schließvorrichtung solcher Grubenthüren und hatte
-sich mit einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in die rechte
-Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen in Ferdinands Stollen,
-die sogenannte Jakobszeche, zu schaffen, dort zu verbergen und nach
-einiger Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten Häuer zu
-lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung des verruchten Vorhabens sollte
-ein naher Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham und
-Aspirant auf die Steigerstelle, werden. Mittels einer Leinenschürze,
-welche seine Mutter am Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte
-er in drei Gängen den nicht leichten Transport. In einer Stunde war
-das Werk der Bosheit geschehen. Er hatte das Erz in der Jakobszeche
-so untergebracht, daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es entdecken
-konnte. Froh über das Vollbrachte ging er heim, um noch eine Nacht
-unter dem väterlichen Dache zuzubringen.
-
-Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, wo sein Vater die
-Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung einer Hälfte des gestohlenen
-Erzes bestimmt war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger auf
-und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak der beklagenswerthe
-Mann, als das Erz nicht mehr zu finden war! Er durchsuchte alle
-Winkel und Schutthaufen des nicht tiefen Stollens -- das Erz war
-verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf einen Stein im Stollen;
-er erschöpfte sich in Muthmaßungen, wer des Erzes habhaft geworden und
-es fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein alter Camerad, der
-Hutmann, war er ganz frei von Aberglauben -- vielleicht war das Erz
-durch das Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht war
-es gar »heimgegangen« -- aber es konnte wohl auch von einem Menschen
-entdeckt und weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß schon
-nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte vor Angst, aber auch vor
-Frost; um sich zu erwärmen und zu ermuntern, nahm er einen Schluck
-aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit zur Schicht zu
-nehmen pflegte, die er heute von der Stadt aus antreten wollte. Aber
-statt daß er sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der Schicht
-geleert hatte, trank er es jetzt in wenig Minuten aus. Neu belebt
-machte er sich an eine neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das
-Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich nieder und versank in
-qualvolles Sinnen. Endlich erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur
-Schicht. Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ er den
-Stollen und schlug die Richtung nach dem Vater Abraham ein. Was ihm
-noch nie begegnet, widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im Walde
-und kam erst später als die andern Bergleute auf die Grube. Noch
-immer berauscht, voll Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht.
-Die gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; in der
-halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und stürzte hinab zu den Füßen
-Ferdinands, der heute bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing
-zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises mit seinen Armen auf,
-derselbe war aber bereits im Fallen durch die Wände erheblich verletzt,
-so daß er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. Ferdinand
-befahl dem nahen Hundejungen, Wasser zu bringen, und suchte dann
-seinen unglücklichen Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen
-kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und theilten Ferdinands
-Bemühungen. Es gelang, dem Greise einige Lebenszeichen zu entlocken;
-aber sie blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,«
-erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus und mache die Hängematte
-zurecht; Einer von Euch führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden
-waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, traf Hedwig schon wach,
-machte sie mit dem Unglücksfall bekannt, und erhielt nicht nur die
-nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, sondern wurde auch
-von ihr in deren rascher Herstellung unterstützt. Nach einer halben
-Stunde lag der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube des
-Schichtmeisters, der sogleich einen Boten nach Pobersdorf schickte, um
-den Doctor herbeizuholen. Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein;
-das erste Wort aber, das er wieder vernehmen ließ, war: »Ich muß
-sterben, ruft mir den Hutmann, daß ich ihm beichte!«
-
-Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf der Gerechten schlief.
-Sie theilte ihm schonend mit, was seinem Jugendfreunde zugestoßen war.
-Erschüttert stand der Greis auf und war bald am Lager des Sterbenden.
-Als dieser verlangte, mit ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister
-mit den Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche dem
-alten Freunde das Versprechen ab, gleich wie ein Geistlicher das
-Beichtgeheimniß zu ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und
-beschwor ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken des wucherischen
-Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar darauf verschied er. Der Doctor
-kam nur zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob er die grause
-Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, denen er sich
-überließ, echt und von tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser
-Geschichte wird es lehren.
-
-
-V.
-
-Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß
-auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht
-weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so
-lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den
-Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund
-gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau
-als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands
-auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so
-erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel.
-Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für
-die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung
-der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein
-die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen.
-Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die
-auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer
-Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater
-davon in Kenntniß.
-
-»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham
-will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein
-Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte,
-taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein
-Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und
-lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein.
-
-»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten,
-»ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten.
-Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein
-schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen
-erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles
-sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen
-Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den
-unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl
-auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie
-ihn.«
-
-»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister
-empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.«
-
-»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich
-Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe
-darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut
-übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte
-schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben
-abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist
-so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster
-darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner
-Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall -- vielleicht zu einem
-schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand,
-als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.«
-
-»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!«
-unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir
-allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und
-Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich
-hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt
-finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von
-Brunn.«
-
-»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher
-Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines
-Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn,
-das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke
-und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der
-wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue
-von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.«
-
-»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister
-verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der
-Schichtmeister spottend ein.
-
-»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus
-einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt,
-wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen,
-wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.«
-
-»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen
-Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist
-nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen
-ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der
-Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht
-mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig
-gelten würde.«
-
-»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche
-Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie
-es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter
-der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine
-Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich
-Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der
-Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen
-Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham,
-Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken
-willst?«
-
-Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer
-vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung
-mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst
-selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache
-Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel
-ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war.
-Aber er irrte sich.
-
-»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer,
-hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon
-darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der
-ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis;
-»der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine
-arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die
-lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich
-glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine
-Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart
-allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der
-Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen,
-so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem
-Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen
-Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den
-Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut
-gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth,
-der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!«
-
-»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft
-bringen wollen?« sagte der Schichtmeister.
-
-»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine
-schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung --
-thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu.
-
-Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime
-Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand,
-sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung
-des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der
-Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu
-entledigen.
-
-Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm,
-war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten
-zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte
-zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch
-drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen.
-Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon
-am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater
-Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn
-er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit
-nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung
-aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte
-und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im
-ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber,
-den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die
-Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte
-hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah
-sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen,
-niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater
-seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin
-setzte jetzt ihren Willen durch.
-
-»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war,
-»eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je
-steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun
-siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber
-mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders
-die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist
-das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du
-noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier
-sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich
-Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand
-sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem
-Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat
-der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein,
-ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat
-Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und
-den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter
-Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht
-nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch
-noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns
-gefühlt -- trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen
-werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du
-einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen,
-auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu
--- aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein
-Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt,
-es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste
-Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der
-Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«
-
-Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg
-mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten
-Steigerschicht.
-
-
-VI.
-
-Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer
-die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine
-Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte
-Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis
-zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge
-auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer
-würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig,
-der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der
-kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der
-künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren
-beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß,
-auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und
-der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.
-
-Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach,
-um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger
-als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt.
-Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's
-freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu
-sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit
-frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen
-Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene
-Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit
-im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber
-er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten
-aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner
-Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration
-doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von
-gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung
-des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so
-äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit
-sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen.
-
-»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen.
-Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für
-sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie
-jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen.
-Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was
-zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er
-wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er.
-
-Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem
-hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer
-bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem.
-Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube
-nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit
-gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater
-Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber
-baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses
-ist.«
-
-»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch -- aber ich traute
-doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu
-der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen
-mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und
-lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm
-zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb
-brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets
-nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar
-Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber
-von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne
-Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister
-verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die
-prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe
-sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den
-Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei
-seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er
-beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er
-dazu?«
-
-»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die
-Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein,
-der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die
-Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier
-denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen.
-
-Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht
-mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des
-fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm
-Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er
-ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern
-Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller
-nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater
-Abraham.«
-
-»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand
-ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können
-auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie
-hingekommen.«
-
-»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch
-Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner
-Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort,
-»wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist
-Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters
-aufgefallen?«
-
-»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der
-Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen
-seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr
-theure Ehehälfte.«
-
-»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines
-Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft --
-borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal
-bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die
-Stufe.
-
-Ferdinand erschrak -- »Herr Mickley!« rief er, -- »Sie thun unserm
-Schichtmeister Unrecht.«
-
-»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es
-kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft -- es ist nur ein
-Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum
-letzten.«
-
-»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.«
-
-»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten,
-der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer
-Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden
-machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen
-müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine
-grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist
-hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart
-und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.«
-
-»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und
-was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch
-blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif
-behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein
-Daumenglied groß.«
-
-»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -- »eine sonderbare
-Sache bleibt es mit der Stufe, -- aber es läßt sich vor der Hand nichts
-damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben,
--- der alte, -- na, man soll die Todten ruhen lassen. -- Seh' Er nur
-wacker zum Rechten, -- es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir
-noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob
-es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es
-könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon
-einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt.
-Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen
-neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen.
-Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen
-wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen,
-weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht
-nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen,
-wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber,
-der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so
-zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth,
-das Wagstück zu unternehmen?«
-
-»Wenn mir's befohlen wird, -- ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem
-Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt
-man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben
-wagen!«
-
-»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er
-was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder
-gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als
-am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und
-Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider
-Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar
-Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen
-tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk'
-ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.«
-
-Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen
-wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen
-Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die
-Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«
-
-»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied.
-
-Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über
-Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte
-da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür
-desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte
-sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob
-ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -- nach einer Weile sagte
-er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, -- hat Er sie gesehen?«
-
-Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte
-in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen
-nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und
-Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines
-Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre
-Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie
-erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier
-eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und -- dem Doctor Meier
-gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und
-fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen.
-
-»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand
-bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen;
-vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht
-die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum
-Selbstunterricht, -- irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf
-dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich
-schenke Ihnen das Buch.«
-
-Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr
-nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen,
-und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen
-Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter
-und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden,
-daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser
-hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt
-dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei
-mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig
-ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er
-mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte
-sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er
-der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der
-Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter
-Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen
-Herrschaften?«
-
-»O, die sind ~in dulci jubilo~, weil ich den Papa gichtfrei aus
-Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an
-die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige
-Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als
-außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem
-Bräutigam abzuholen!«
-
-»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin;
-»Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!«
-dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur
-größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?«
-sagte er darauf, -- »der Mensch, -- wie heißt er doch! -- nun, der
-früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem
-Vater Abraham geworden!«
-
-»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin,
-»freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich
-die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters
-gelauert.«
-
-»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen
-ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«
-
-»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!«
-
-»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron
-für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen,
-um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner
-Liebschaft plaudert!«
-
-»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im
-Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?«
-
-»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen
-Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er
-könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers
-werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß,
-was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so
-anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht
-meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund
-treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten
-würden, als es nun der Fall sein wird.«
-
-»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm
-drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich
-auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden.
-Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer
-zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie
-nicht entbehren.«
-
-Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da,
-vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen
--- wir sprechen weiter darüber -- auf Wiedersehen!« Damit trennten sie
-sich.
-
-Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder,
-wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde
-versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war
-aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals
-zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür.
-
-»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!«
-
-»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. -- »Nun bitt' ich einen Menschen, zu
-entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«
-
-»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner
-Mutter noch einen Weg gehen.«
-
-Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau,
-blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir
-verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder
-angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar
-Geld zu bringen!«
-
-»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie.
-
-»Nicht eine Stunde. -- Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu
-Füßen, -- umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in
-jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß
-er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt
-wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.«
-
-»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend;
-»was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen,
--- Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen
-vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, --
-er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, -- komm!«
-
-Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und
-führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?«
-sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«
-
-Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und
-brachte ihren Vorschlag an.
-
-»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf
-kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden,
--- verzeihen Sie, -- aber in Geldsachen keine Freundschaft! -- bis
-morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister
-sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.«
-
-»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die
-Schichtmeisterin. -- »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen
-wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen
-Kinder, -- meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!«
-
-»Die Kinder, -- hm, -- die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des
-Mitleidens, -- »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« --
-
-»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und
-der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen
-lassen Sie Billigkeit walten. -- Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie
-sollen mit gutem Zins bezahlt werden.«
-
-»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine
-Thräne im Auge, -- »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches
-Geschöpf, -- ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt;
-es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins
-tiefste Elend geschleudert würde.« --
-
-Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete
-das Herz.
-
-»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann
-ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter
-will ich -- könnte ich -- nun, man ist auch ein Mensch -- ich könnte --
-für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach
-dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! -- ich könnte
-mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.«
-
-»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen?
-Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«
-
-»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann
-doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister
-soll mir von seiner Waare liefern.«
-
-»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab'
-ich denn für Waare?«
-
-»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich
-nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre
-der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!«
-
-Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der
-Frau einen Blick der Verständigung.
-
-»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem
-Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es
-sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen
-bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem
-Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren,
-bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß
-ich länger keinen Augenblick warten kann.«
-
-Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die
-dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß
-inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz
-der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim.
-
-
-VII.
-
-Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht
-sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von
-ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche
-Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der
-Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher
-Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche
-Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, --
-aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die
-Gefahr, in der man schwebte!
-
-Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer
-Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die
-Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den
-bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche
-thun, um den Goldschmied zu befriedigen.
-
-»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen
-wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen
-Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns
-die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir
-hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht
-ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied
-wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten,
-der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg.
-Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr.
-
-»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich
-sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken;
--- einmal ist nicht immer, -- und den kargen Gewerken, die ihrem
-Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der
-Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns
-selber helfen.«
-
-»Weib!« rief der Schichtmeister, -- »wo denkst Du hin? Es hieße ja
-ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte.
-Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder --«
-
-»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich
-fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds
-schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, --
-denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin
-von Brunn genannt zu werden.«
-
-»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine
-Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus
-gewesen, um Geld zu erborgen, -- verlorne Mühe! Alles zog sich hinter
-Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!«
-
-»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,«
-versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art
-rettete, wie ich meine -- ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite
-geschafft.«
-
-»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«
-
-»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.«
-
-»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier -- --« er
-konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein
-Schauer durchrieselte ihn.
-
-»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter
-den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«
-
-Der Schichtmeister seufzte tief auf. -- »Bertha! brechen wir ab von dem
-Capitel!«
-
-»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll.
-Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir
-handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu
-bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder
-der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf,
-Mann! Vater!«
-
-»Aber der Steiger -- der Ferdinand -- er hat seine Augen überall.«
-
-»Der Spion! -- Aber halt! -- ich entsinne mich -- wart' einmal, Mann!
-ich denke, wir werden den Aufpasser los.«
-
-»Wie so?«
-
-»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas
-zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das
-Nähere zu erforschen.«
-
-»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war
-Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause
-den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4
-Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des
-Gewerkeausschusses sich einzufinden.
-
-»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die
-Schichtmeisterin. -- Und so geschah es.
-
-Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt,
-es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder
-zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung
-einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute
-übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück
-erlesen zu sehen, das er früher widerrathen -- und doch erschien es ihm
-wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen
-der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande
-verfallen!« dachte er, -- »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht
-sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten -- dann ist auch
-das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine
-Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.
-
-Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man
-rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht
-erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr
-aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine
-zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er
-um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem
-Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb
-bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er
-gekommen, die Versammlung.
-
-Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht
-so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim
-getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den
-dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem
-Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit.
-
-»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du
-froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist,
-die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den
-Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung
-gegen Dein Leben, -- begreifst Du das nicht?«
-
-»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl auf die Gefahr
-aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben
-dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine
-bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit
-Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«
-
-»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich
-nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu
-Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, -- sie fuhr in
-die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit.
-»Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem
-Ferdinand die Hand der Hedwig, -- und er stiege in die Hölle! Du mußt
-mir und Deinen Kindern bleiben, -- der Ferdinand wird vor Wonne tanzen,
-wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm
-das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt
-im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so
-lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!«
-
-»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?«
-
-»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.«
-Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen,
-so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht
-ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr
-nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen;
-aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg
-zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht
-erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder
-ganz dem Einflusse seiner Frau.
-
-Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines
-wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem
-Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes
-physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher
-Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern
-des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen
-Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an
-das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine
-solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die
-Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun
-der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm
-die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei
-ihre Dienste leisten.
-
-Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt
-zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß
-und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern
-heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins
-Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der
-Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht
-unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel
-vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe
-hinein!« rief er trunken vor Entzücken, -- »aber ich nehme Sie beim
-Wort.«
-
-»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die
-Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll,
-wenn --«
-
-»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns
-ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine
-Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf-
-und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie
-entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die
-Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger
-Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen
-Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand
-tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe.
-
-Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte
-der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der
-Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte
-dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das
-Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen,
-sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen
-und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch
-dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng
-nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke,
-Fahrstuhl, -- Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen.
-Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen
-ausgewählt.
-
-Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer
-bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte.
-Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der
-Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk.
-Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den
-Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und
-die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für
-einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses
-Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren
-Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben
-und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen
-Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. -- »Los!« rief Ferdinand, und der
-Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und
-das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur
-das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach
-endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist
-Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht
-ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um
-manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk
-von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten
-100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege
-die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der
-rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden;
-Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern.
-»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere
-nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von
-dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht
-stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus
-aller Bedrängniß retten konnte.
-
-Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden
-waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit
-der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl
-angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf
-dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich
-aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel
-nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das
-Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe
-abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf
-die Glocke und lauschte, -- einmal -- zweimal; -- »in die Ruhe!«
-commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich
-die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun
-schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!«
-
-Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern
-folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille,
-betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der
-einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem
-Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte
-bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die
-Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod
-entschied.
-
-Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf
-einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal
-in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz;
-ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie,
-keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der
-Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht
-fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige
-entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite
-des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das
-der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der
-ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte
-sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, -- ich
-wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger
-drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang
-sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, -- aber nein; nur ein Zufall
-bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, -- bald erglänzt der
-schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, -- noch ein paar Windungen,
-da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und
-stark der glückliche Teufenfahrer; -- »Glückauf! Glückauf!« rufen alle
-Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, -- aber wo
-bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine
-Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den
-Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust
-dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen
-ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick
-ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser
-zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt
-Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe
-eint, die stärker ist als der Tod. -- Erst dann mögen die Herren der
-Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war
-kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht
-befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube
-Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er
-abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen
-Angriff des alten Baues wohl verlohnte.
-
-»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß
-von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert
-wegen der schlagenden Wetter.«
-
-»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft
-gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der
-Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen
-Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende
-noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog
-ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete
-ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen
-rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten
-gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen,
-verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält,
-ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.«
-
-»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire ich den Herren Gewerken
-vom Vater Abraham und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen Steiger
-ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns von nun an öfter sehen, mein
-lieber Freund und -- Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, hab' ich
-so eben gesehen!« Damit reichte er dem glücklichen Ferdinand die Hand.
-
-»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine Gans ist,« murmelte der
-Hutmann Hedwig zu, »der Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen
-Schwager zu haben.«
-
-Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit die Hand. Die
-Versammlung bewegte sich nun langsam dem Huthause zu.
-
-Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen und befand sich mit der
-Hausfrau allein in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren Mädchen
-hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! sie kommen!« Die Frau eilte ans
-Fenster. Ein Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, -- er ist
-dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die Dirne -- und der Baron, --
-ich kriege den Tod!«
-
-»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, »wenn Ihre Mine nicht
-wirkt, so wirkt die meinige. Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie
-der Gesellschaft heiter entgegen!«
-
-Gleich darauf trat die Gesellschaft ein.
-
-
-VIII.
-
-Der Doctor hielt sich nur noch wenige Augenblicke im Huthause auf. Er
-eilte nach Pobersdorf zu seinem Vetter, dem er sich früher eben so
-sehr entfremdet hatte wie seinem Schulkameraden Ferdinand, dem er aber
-wieder näher getreten war, als er glaubte, ihn brauchen zu können.
-
-»Ich glaube, Du hast es jetzt in der Hand, Steiger auf dem Vater
-Abraham zu werden,« so eröffnete er jetzt seine Verhandlung mit ihm.
-
-»Wie so?« fragte der Bergmann stutzig.
-
-»Ich habe in der Stadt von Erzpartirerei gehört, die auf dem Vater
-Abraham getrieben werden soll. Du weißt, der Obereinfahrer ist mein
-Freund; der hat schon lange auf den Grund des Gerüchtes gespürt, aber
-umsonst. Durch einen Zufall glaub' ich dem Erzdiebe auf die Spur
-gekommen zu sein; aber da ich nicht gut selbst die Spur verfolgen
-konnte, so schwieg ich gegen meinen Freund davon. Täuscht mich die Spur
-nicht, so ist kein Anderer der Dieb als der -- wie heißt er doch! --
-nun, der Dir die Steigerstelle vor der Nase weggeschnappt hat.«
-
-»Ach, Du meinst den Bergner Ferd--,« sagte der Vetter, »bist ja mit
-ihm in die Schule gegangen, -- der sollte Erz gestohlen haben? --
-Ja, -- meiner Treu! jetzt geht mir ein Licht auf: Der »Boß!« hat 100
-Thlr. in der Sparkasse und einen ganzen Schrank voll Bücher, so viel
-Geld hat ein Häuer nicht übrig, und wenn andere Bergleut' ihre freie
-Zeit zu Nebenverdienst verwendet haben, ist er daheim gesessen und
-hat gezeichnet, geschrieben, gerechnet und in Büchern gelesen; da hat
-er gut gescheidter werden können als Andere, aber er hat auch weniger
-verdient dabei und doch 100 Thaler gespart, -- das geht nicht mit
-rechten Dingen zu.«
-
-»Nun, ich denke, ich habe seine Geldquelle entdeckt,« sagte der Doctor,
-»aber ich müßte aus dem Spiele bleiben.«
-
-»Wenn ich Etwas finde, brauch' ich's nur meinem Schwager, dem
-Bergamtsboten zu stecken, der wird's schon vor die rechte Schmiede
-bringen.«
-
-»Ganz recht so! mach' Deine Sache, ich werde bei meinem Obereinfahrer
-das Meinige für Dich thun.« Hiermit schied er.
-
-Die Gesellschaft hatte sich vom Huthause verloren. Ferdinand war
-angefahren, und Hedwig waltete in der Küche. Da trat ihre Schwester
-Brunhild zu ihr. »Du hast recht viel Drasch um meinetwillen,« sagte sie
-in ihrer gewohnten, nur etwas schüchternen Freundlichkeit.
-
-»Arbeiten ist mir ja eine Lust,« erwiederte Hedwig. »Ich wollte, ich
-könnte wirklich etwas für Dich thun; Du warst immer so gut mit mir,
-wenn Du's auch vor Deiner Mutter nicht so merken lassen durftest; ich
-hätte gern an Deiner Garderobe mitgeholfen, aber da läßt mich die
-Mutter nicht an, weil sie meint, ich hätte keinen Geschmack.«
-
-»Ach, die Mutter quält sich und Andere mit ihrem Geschmacksfanatismus,«
-sagte Brunhild; »ich will froh sein, wenn ich erst bei meinem Alexis
-bin, dann hat doch diese peinliche Mutterfürsorge ein Ende. Sag', hast
-Du den Vater beobachtet?«
-
-»In den Augenblicken, wo ich mit ihm zusammenkomme, wohl,« sagte
-Hedwig, »Du bist mehr um ihn, kommt er Dir denn auch so verstört vor
-wie mir?«
-
-»Das wollt' ich von Dir wissen, -- o Gott! mir liegt eine fürchterliche
-Last auf dem Herzen. Ich habe schon gebetet; es wird nicht anders. Seit
-die Gesellschaft fort ist, kommt mir der Vater ganz verzweifelt vor;
-er hat sich mit der Mutter gezankt und jetzt auf seine Schreibstube
-eingeschlossen. Mit der Mutter läßt sich auch seit gestern kein
-vernünftiges Wort mehr reden; sie ist so leidenschaftlich, und manchmal
-erschreckt sie mich fast durch ihren Blick. Ich habe sie noch nie so
-gesehen! Höre Du mich, Hedwig, Du bist gut und klug, glaube mir, ich
-nehme den herzlichsten Antheil an Deinem Glücke, wenn ich mir es auch
-vor der Mutter nicht so merken lasse.«
-
-Hedwig zog sie an sich und küßte sie.
-
-»Was ich Dir sagen wollte,« fuhr Brunhild fort, »mir ahnt ein Unheil,
--- und ich bin eigentlich die Hauptursache davon. Meinetwegen haben
-sich die Eltern in Schulden gestürzt. Freilich hab' ich gegen den
-übertriebenen Aufwand geredet, aber die Mutter ließ sich nicht weisen,
-es wurde gekauft und geborgt auf die Erbschaft los, und darauf hin hat
-sich der Vater auch verleiten lassen, dem Goldschmied einen Wechsel von
-vierhundert Thalern auszustellen, der in diesen Tagen fällig ist. So
-viel ich wegbekommen habe, ist der Erbschaftsproceß verloren, und nun
-soll der Vater den Wechsel decken und kann es nicht.«
-
-»Und was droht ihm da?« fragte Hedwig bebend.
-
-»Gefängniß, der Gläubiger kann ihn so lange setzen lassen, bis er
-zahlt.«
-
-»Barmherziger Gott!« rief Hedwig, »aber so weit wird's doch der
-Goldschmied nicht treiben?«
-
-»Du kennst den Mann nicht,« sagte Brunhild, »das ist ein Shylock; o,
-der Vater ist in fürchterliche Hände gerathen und um meinetwillen!«
-
-Beide Mädchen mußten weinen. Nach einiger Zeit sagte Hedwig: »Aber
-unser Klagen nützt nichts, wir müssen auf Mittel denken, dem Vater zu
-helfen.«
-
-»Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen,« sagte Brunhild, »aber ich
-sehe keinen Ausweg. Ich war heimlich in der Stadt und wollte dem
-Goldschmied meinen ganzen Schmuck geben; er nahm ihn nicht, in fünf
-Tagen wolle er den Wechsel baar gedeckt sehen, sagte er.«
-
-»Halt! ich hab's!« rief Hedwig, »der Gewerkenausschuß hat meinem
-Ferdinand 300 Thaler Belohnung für die Befahrung des alten Schachtes
-zugesichert, 100 Thaler hat er in der Sparcasse, das sind 400 Thaler,
-die muß er dem Vater leihen!«
-
-»Wird er das wohl thun?«
-
-»So gewiß, als es Dein Baron thun würde, wenn Du ihn darum bätest. Aber
-bei Euch vornehmen Leuten liegt ewig noch eine Scheidewand zwischen den
-Seelen, wenn Ihr Euch auch noch so sehr liebt!«
-
-»Ich hätte wahrlich nicht den Muth, an meinen Alexis solch eine Bitte
-zu richten.«
-
-»Das kommt von der Unnatur her, in die Du hineingezwängt worden bist;
-es ist ein Wunder, daß Du noch so gut und lieb geblieben. Ich hoffe,
-wenn Du erst ganz bei Deinem Alexis sein wirst, wird die gesunde Natur
-bei Dir wieder zu ihrem vollen Rechte kommen. Gräme Dich also nicht
-mehr um den Vater, fünf Tage noch hat es Zeit mit dem Wechsel, da ist
-er gedeckt.«
-
-Brunhild umschlang die edle Schwester und ergoß zum ersten Mal ihr
-ganzes volles Herz vor einer verwandten Frauenseele. Gleich darauf
-erschien der Baron und brachte die Nachricht, eine Tante von ihm sei
-angekommen, wolle aber noch heute nach Schloß Scharfenstein, wohin sie
-geladen worden. Und da er selbst seine Braut dort noch vorzustellen
-habe, so wolle er mit ihr die Tante begleiten. Die Schichtmeisterin
-fand es von selbst verständlich, daß Brunhild von der Partie war, und
-diese glaubte jetzt ohne Angst um den Vater, sich auf ein paar Tage
-entfernen zu dürfen.
-
-Als Ferdinand ausfuhr, gab Hedwig ihm eine Strecke weit das Geleit und
-theilte ihm die Bedrängniß ihres Vaters mit. Er war mit Freude zur
-Hülfe bereit. »Morgen wird mir wahrscheinlich das Geld für die Fahrt
-ausgezahlt,« sagte er, »wenn nicht, so gehe ich übermorgen früh in die
-Stadt und dem Mickley nicht vom Halse, bis ich das Geld habe. Dann ist
-die Sache abgemacht. Aber sag' Deinem Vater nichts davon, Du weißt, ich
-liebe es nicht, über solche Dinge viel Geräusch zu machen. Uebermorgen
-bringe ich Dir den quittirten Wechsel.«
-
-Dabei blieb es. Als Hedwig bei ihrer Rückkehr dem Vater unter der
-Hausthür begegnete, flüsterte sie ihm zu: »Hoffe und vertraue, es ist
-Hülfe nah!«
-
-Er sah ihr forschend in das mondbeglänzte Gesicht. Ihr Auge schwamm in
-Thränen, aber ihren Mund umspielte ein seliges Lächeln. Er streichelte
-ihr die Stirn und sagte: »Du sprichst wie ein Engel, -- ach --« aber
-das Dazwischentreten seiner Frau schloß ihm den Mund.
-
-»Wo steckst Du denn so lange?« herrschte sie Hedwig zu, »geh' doch an
-Deine Arbeit!« Dann wollte sie mit dem Gatten ein Gespräch anknüpfen,
-aber der machte sich unwillig los. -- »Du bist mein Dämon!« sagte er
-und ging in seine Schreibstube, wo er sich wieder einschloß.
-
-Hier lagen die Terzerole frei auf dem Tische. »Heute noch nicht!«
-sprach er und verbarg sie nochmals, »die Engelsstimme hat noch einmal
-Hoffnung in mein Herz gesenkt. Hoffe und vertraue, es ist Hülfe nahe!
-so sprach das verkannte, verstoßene Kind, -- o wie hab' ich das an ihm
-verdient? -- Weiß sie meine Lage und hat sie den Ferdinand zur Hülfe
-aufgefordert? Der könnte helfen; aber ich selbst hätte nicht den Muth,
-den edlen Menschen anzusprechen, den wir erst zu verderben getrachtet.
-O Gott! wie gerecht bist Du! Den wir verderben wollten, der ist mit
-Ehre gekrönt, und er trägt den Lohn davon, der unser hätte werden
-können. Jetzt wären wir gerettet, -- o Weib! Weib!« -- Er versank eine
-Zeit lang in trübes Brüten; nach und nach wurden seine Züge weicher und
-Thränen entquollen seinen Augen. -- »O Gott! o Gott! wie tief bin ich
-gefallen!« rief er aus und sank auf seine Kniee zum brünstigen Gebete.
-
-Der folgende Tag verging ziemlich still im Huthause, nur daß zwischen
-den beiden Gatten wieder ein verdrießlicher Auftritt stattfand, nach
-welchem der Schichtmeister sich in sein Zimmer schloß, und seine
-Frau von Stunde zu Stunde widerwärtiger gegen ihre Umgebung wurde.
-Niemand hatte darunter mehr zu leiden als Hedwig, doch trug sie Alles
-mit stiller Geduld; sie fühlte, daß ihre Tyrannin der elendere und
-beklagenswerthere Theil war.
-
-Da Ferdinand an diesem Tage das ihm zugesicherte Geschenk nicht
-erhielt, so machte er sich den folgenden Morgen auf den Weg nach der
-Stadt, um es zu fordern. Es bedurfte nur eines Wortes bei dem biedern
-Gelbgießer, um diesen zur Zahlung zu vermögen. Dreihundert baare
-Thaler wurden dem armen Bergmann zugezählt, -- eine Summe, die er
-nie beisammen gesehen, geschweige denn sein genannt hatte! Was würde
-der Sparcassenmann für Augen machen, wenn er eine solche Einlage
-brächte. Aber was machte er für welche, als der sparsame Knappe sein
-ganzes Guthaben verlangte und auch nicht eher vom Platze wich, bis er
-es hatte! Froh wie Gott ging Ferdinand dann zu dem Goldschmied und
-erklärte, von dem Schichtmeister abgeschickt zu sein, den Wechsel
-einzulösen.
-
-Der Goldschmied riß erstaunt die Augen auf, wollte Bedenklichkeiten
-erheben, aber Ferdinand hatte in seinem Wesen so etwas Gebietendes, daß
-der Wucherer sich gezwungen fühlte, den Wechsel herbeizuschaffen, zu
-quittiren und Ferdinand einzuhändigen. Kaum war dies geschehen, als die
-Ladenthür aufging und außer dem Bergschreiber und dem Bergamtsdiener
-einen Gerichtsactuar und den Gerichtsfrohn einließ. »Da finden wir
-die Compagnons gleich beisammen,« sagte der Bergschreiber. »Im
-Namen des Gesetzes erkläre ich diese beiden Herren für Gefangene!«
-sagte der Actuar; »ich hoffe, Sie werden sich Ihr Loos nicht durch
-Widersetzlichkeit erschweren!«
-
-Der Goldschmied bebte wie ein Espenblatt, indeß Ferdinand sich blos
-verwunderte. »Da muß ein Irrthum walten,« sagte er, »und der wird sich
-bald aufklären; ich gebe mich ruhig gefangen.« Der Goldschmied erhob
-allerlei Einwände; seine Frau kam herbeigeheult und wollte ihn nicht
-fortbringen lassen. Es half aber Alles nichts, die Verhaftung wurde
-vollzogen.
-
-Der Vetter des Doctors war rasch zu Werke gegangen, aber er würde
-seinen Zweck nicht so bald erreicht haben, hätte nicht die von den
-Geschwistern des Lehrburschen vom Gelbgießer Mickley verschleppte
-Silberstufe ihren Weg schon vorher in die Hände des Bergamtsboten
-gefunden gehabt. Dieser hatte nachgeforscht, woher die Stufe gekommen;
-und als nun sein Schwager ihm mittheilte, welche Entdeckung er in der
-alten Jacobszeche gemacht, da hatte es gar keiner Weitläufigkeiten
-bedurft; jener war in die Bergkanzlei gegangen und hatte dem
-Bergschreiber Anzeige erstattet. Es war sofort eine bergamtliche
-Untersuchung der Jacobszeche vorgenommen und dort das vom Doctor dahin
-getragene Erz gefunden worden.
-
-Mit großer Verwunderung sah der Gelbgießer Mickley seinen Schützling in
-Gesellschaft der Bergamts- und Gerichtspersonen sammt dem Goldschmied
-über den Markt nach dem Rathhause gehen. Bald erfuhr er die Bedeutung
-dieses Aufzuges. Sogleich zog er sich an und eilte aufs Rathhaus, um
-dem Gericht seine Bürgschaft für Ferdinand anzutragen. Der Richter
-erlaubte ihm nur, den Gefangenen in Beisein eines Actuars zu besuchen.
-Ferdinand empfing den edlen Freund mit einer Miene, welche das
-unerschütterliche Vertrauen, das dieser in ihn setzte, bestätigte.
-Er erzählte den Hergang der Verhaftung. Der Gelbgießer fragte, ob
-er etwas für ihn thun könne. Ferdinand bat ihn, seiner Mutter in
-beruhigender Weise wissen zu lassen, wo er sich befinde, und seiner
-Braut mitzutheilen, daß der Wechsel eingelöst, ihm aber vom Gericht
-abgenommen wäre.
-
-»Hat Er denn eine Wechselschuld bei dem Wucherer?« fragte Mickley.
-
-»Ich nicht,« sagte Ferdinand, »aber eine mir theure Person.«
-
-»Sollte die Verhaftung mit dem Wechsel in einem Zusammenhange stehen?«
-fragte Jener wieder.
-
-»Ich glaube nicht,« sagte Ferdinand.
-
-»Nun, ich werde Beides bestellen,« versicherte Mickley, »und für eine
-Erquickung will ich auch sorgen.«
-
-»Das Liebste wäre mir ein Buch; meine Mutter soll mir das neue, vom
-Herrn Obereinfahrer geschenkte schicken.«
-
-»So behalt' Er frohen Muth; der liebe Gott wird Ihm schon beistehen.«
-Damit schloß Mickley seinen Besuch.
-
-Hedwig war einen Augenblick durch die ihr vom Gelbgießer selbst
-gebrachte Schreckensbotschaft von der Einkerkerung ihres Geliebten
-wie niedergedonnert. Aber sie raffte sich bald wieder zusammen,
-war er doch unschuldig! Sie erklärte, den Gelbgießer in die Stadt
-begleiten zu wollen. Ihr Vater war im Schacht, und den Widerspruch
-der Mutter, die nicht wußte, was es gab, achtete sie nicht, es war
-ihr erster Ungehorsam. Unterwegs theilte ihr Mickley mit, wie die
-ganze Sache stand, und daß durch die Entdeckung einer beträchtlichen
-Partie reichhaltigen Erzes in der hinter Ferdinands Haus befindlichen
-Jacobszeche dieser allerdings ziemlich belastet erscheine.
-
-»Das Erz hat irgend ein schlechter Mensch hingeschafft!« rief Hedwig
-aus, »und der das gethan, muß einen besondern Zahn auf Ferdinand haben;
-ich weiß aber keinen Feind von ihm zu nennen als den Bergmann Meier,
-der sich auf den Steigerdienst gespitzt hatte, und seinen Vetter, den
-Doctor Meier.« Und sie erzählte, in welcher Weise einst der Doctor mit
-Ferdinand zusammengetroffen war.
-
-»Gut! gut!« sagte Mickley, »jetzt entsinn' ich mich, daß ich den alten
-Steiger Meier in seiner letzten Zeit ein paar Mal bei dem Goldschmied
-habe aus- und eingehen sehen, und nach dem letzten Mal stürzte er
-plötzlich in den Schacht. Ich hatte schon damals meine Gedanken
-darüber, aber ich wollte dem alten Mann nicht Unrecht thun. Wir gehen
-jetzt stracks aufs Stadtgericht; da will ich gleich den Antrag stellen,
-daß alle Papiere des Goldschmieds durchsucht werden!«
-
-So geschah es; auch wirkte der wackere Bürger für Hedwig die Erlaubniß
-aus, den Gefangenen zu sprechen.
-
-Mittlerweile war auf dem Huthause der Doctor Meier erschienen und
-hatte der Schichtmeisterin triumphirend zugerufen: »Die Falle ist zu,
-der Fuchs gefangen!« Diesen Zuruf hörte der in der Küche seine Pfeife
-anzündende Hutmann. Dieser war bei Mickley's Anwesenheit und Fortgehen
-mit Hedwig im Walde gewesen, wußte daher noch nichts von Ferdinands
-Verhaftung. Doch fiel ihm die Aeußerung des Doctors auf, und er
-brachte sie gleich in Zusammenhang mit Hedwigs ganz außerordentlichem
-Gang in die Stadt. Seine Aufmerksamkeit wurde noch mehr erregt durch
-den Jubel, mit dem die Schichtmeisterin den Ruf des Doctors aufnahm.
-»Also der Fuchs ist unschädlich gemacht?« rief sie, -- »o Sie sind
-der Schutzgeist meines Hauses!« -- »Gott behüt' uns vor solchem
-Schutzgeist!« sprach der Greis bei sich; »da ist ein Bubenstück gegen
-meinen Steiger ausgeführt worden!« Er konnte nicht hören, was die
-Beiden weiter verhandelten. Der Doctor entfernte sich bald, und der
-Greis beschloß, auf seine Schwiegertochter Acht zu haben.
-
-Es war nach Tisch. Der argwöhnische Alte raubte sich heute sein
-gewohntes Mittagsschläfchen, um auf Alles zu merken, was im Hause
-vorging. Doch hielt er sich still in seinem Stübchen. Gerade unter
-diesem befand sich die Scheidebank und die damit verbundene Erzkammer.
-Die Scheidearbeit ruhte heute; daher war die Scheidebank verschlossen.
-Der Schichtmeister brauchte die Scheidearbeiter zur Ausbesserung des
-Pumpwerks im Schacht. Dennoch vernahm der Hutmann auf einmal ein
-Geräusch in der Scheidebank oder Erzkammer. Er schlich sich hinaus
-und verbarg sich auf der Treppe. Bald darauf ging die in die Hausflur
-führende Thür der Erzkammer auf, und die Schichtmeisterin trat mit
-einem verdeckten Handkorbe heraus, der ihr sichtlich sehr schwer wurde.
-Sie betrat damit die dunkle Treppe und wurde ihren Schwiegervater erst
-gewahr, als sie dicht vor ihm stand.
-
-»Ei, Frau Tochter! was für schwere Spitzen, Hauben oder Tücher tragen
-Sie denn da?« redete er sie an, und ehe sie es hindern konnte, hatte
-er den Deckel aufgehoben, und die schönsten Erzstufen blinkten ihm
-entgegen. »Ich hätte nicht gedacht, daß meine Sohnsfrau sich so gut auf
-Erz verstände; wahrlich! die besten Stufen hat sie sich herausgeklaubt,
--- kommen Sie doch gefälligst mit herauf, Madame, wir wollen uns oben
-die Dingelchen bei Licht besehen. Nur keine Umstände, sonst ruf' ich
-die Leute vom Göpel herüber und sage ihnen, bei wem sie sich bedanken
-mögen, daß sie zu keiner Lohnverbesserung kommen können.«
-
-Vernichtet folgte die Frau dem strengen Greise auf sein Zimmer. Er
-schloß hinter ihr ab. »Jetzt, Du Weib des Unheils, bekenne: was
-wolltest Du mit dem Erz thun?« Die Frau schwieg lange; aber endlich
-beichtete sie unter strömenden Thränen. Es kam ein seltsames Gemisch
-von wirklicher Mutterzärtlichkeit, Eigenliebe und Hoffart, wie es nur
-in der seichten Lache der Halbbildung möglich ist, zum Vorschein. Und
-als sie ein umfassendes Bekenntniß abgelegt hatte, und das ganze Gerüst
-ihres Hochmuths zusammengebrochen war und sie mit ihm, da sprach der
-Greis: »Unglückselige Frau! Du hast fürchterlich gefrevelt. Du hast uns
-Alle an einen Abgrund gebracht, von dem ich keine Rettung sehe, wenn
-Gott nicht ein Wunder thut!«
-
-»Mutter! Mutter!« rief jetzt eine Kinderstimme von unten. Der Greis
-öffnete die Thür und fragte hinaus, was die Mutter solle. »Es ist ein
-Mann da,« lautete die Antwort. Der Hutmann ging hinab; es war der
-Gerichtsbote, der den Schichtmeister auf das Stadtgericht beschied.
-
-»Was soll er dort?« fragte der Greis voll banger Ahnung.
-
-»Er soll als Zeuge aussagen, ob er dem Steiger Bergner aufgetragen, für
-ihn einen Wechsel zu bezahlen?«
-
-»Wie? weiter nichts? der Wechsel ist bezahlt?«
-
-»Wie die Quittung besagt, die man beim Steiger gefunden.«
-
-»Gut! ich will meinen Sohn gleich aus dem Schacht rufen lassen.«
-
-»Ja, thut das! denn die Freilassung des Steigers hängt von dem
-Zeugniß ab. Der Herr Obereinfahrer hat sich für ihn verwandt, und der
-Herr Stadtrichter will ihn entlassen, wenn es mit dem Wechsel seine
-Richtigkeit hat.«
-
-Der Greis ahnte den ganzen Zusammenhang; er eilte an den Göpel und
-schickte einen Bergmann in den Schacht nach seinem Sohn. »Sagt ihm,
-es gäbe eine gute Nachricht!« rief er dem Bergmann nach. Dann ließ
-er den Gerichtsboten in das Wohnzimmer treten und ging zu seiner
-Schwiegertochter zurück.
-
-»Jetzt, Frau, trag das Erz wieder an seinen Ort und danke dem
-barmherzigen Gott, daß er Dein Verbrechen verhütet. Er wollte nicht den
-Untergang der Deinen, darum hat er auch schon die Rettung aus aller
-Noth geschickt. Wie dies geschehen, wirst Du später hören!«
-
-Die Frau fiel auf ihre Kniee und umklammerte schluchzend die des
-Greises.
-
-Der Schichtmeister war bald oben und ging, nachdem er vernommen,
-was vorgefallen war, mit tief erschütterter Seele im Geleite des
-Gerichtsboten nach der Stadt.
-
-Zwei Stunden später füllte sich das Huthaus mit frohen Menschen. Im
-Triumph brachte Hedwig ihren Ferdinand, gefolgt von dem Schichtmeister,
-Ferdinands Mutter, dem Gelbgießer, dem Baron von Brunn und Brunhild.
-Die Letztern waren, von Scharfenstein zurückkehrend, in dem Augenblick
-über den Markt gefahren, wo Hedwig von Ferdinand gekommen war, und
-diese hatte sogleich die Schwester angerufen und ihr das Geschehene
-mitgetheilt. Da hatte Brunhild, die inzwischen alle Schüchternheit
-gegen ihren Bräutigam verloren, diesen sofort in das Geheimniß gezogen.
-Der edle Mann hatte sogleich seine Vermittelung angeboten und war ohne
-Säumen zur That geschritten. Auf seine Fürsprache wurde Ferdinand,
-nachdem der Schichtmeister sich zu dem Wechsel bekannt hatte, gegen
-Handgelöbniß entlassen.
-
-Da mußte nun die Schichtmeisterin in dem Manne, den sie erst dem Tode
-und dann der Entehrung preiszugeben versucht, den Wohlthäter ihres
-Hauses erkennen. Eine tiefere und heilsamere Beschämung konnte ihr
-nicht widerfahren.
-
-War Ferdinand nun schon noch immer der Untersuchung unterworfen, so
-dienten doch die Enthüllungen, welche die Schichtmeisterin ihrem
-Schwiegervater gemacht hatte, und die dieser dem Obereinfahrer
-mittheilte, dazu, die Wahrheit völlig ans Licht zu bringen. Mit Schmerz
-erkannte der Baron die Unwürdigkeit seines Freundes; er schüttelte den
-Schmarotzer ab und ließ ihm die Wahl, sich entweder über dem Meere
-eine neue Heimath zu suchen oder ins Gefängniß zu wandern. Der Elende
-wählte das Erstere. Als Brunn ihn am Bord eines Schiffes wußte, wirkte
-er auf Niederschlagung des Processes hin, die er auch erlangte, als der
-Goldschmied eines Morgens im Gefängniß erhängt gefunden wurde.
-
-Der Obereinfahrer Freiherr von Brunn und Steiger Bergner hatten an
-einem Tage Hochzeit, und es zeigte sich, daß nur in der hoffärtigen
-Einbildung der Schichtmeisterin die Furcht begründet war, die Familie
-des Freiherrn werde an der Verschwägerung mit einem redlichen Bergmanne
-niedern Grades Anstoß nehmen. Gleich nach der Hochzeit begann der
-neue Betrieb des alten Schachtes; Frenzel wurde Schichtmeister und
-Ferdinand Obersteiger der vereinigten Vater Abraham Fundgruben. Ein
-stattliches Huthaus krönt jetzt mit einem Dampfgöpel und anderen
-Betriebsgebäuden die alte Halde, und an schönen Sommertagen kann der
-Wanderer auf der Hausbank eine allerliebste junge Frau sich abwechselnd
-der reizenden Aussicht auf das wiesenthaler Gebirge und der drei
-kleinen Engel erfreuen sehen, die zu ihren Füßen spielen. An Sonntagen
-vervollständigt das anmuthige Bild der Vater Obersteiger und nicht
-selten der Groß- und Urgroßvater vom untern Huthause. Auch hier ist
-nach jener Lection ein einfältigerer Sinn, Friede und Segen eingekehrt.
-
-
-
-
-III.
-
-Der Gimpelkönig.
-
-
-1.
-
-Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt, ist ein Landstrich, in
-welchem fast jeder dritte Ort sich auf »grün« endigt. Die Leute dort
-sagen, das rühre von den vielen Vogelherden her, die es da giebt. Denn
-»'s Grün« heißt der Platz, worauf der Vogelherd angelegt ist. Die
-vielen Vogelherde aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner; die
-Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt. Der hat auch einen
-Vorort -- Wellersgrün nennen wir ihn, obgleich er auf der Landkarte
-anders lautet; doch »grünt« er sich wenigstens.
-
-Da hauste bei Menschengedenken ein Mann, der hatte sich vom
-Bürstenbinder, Krämer und Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der
-Gimpel emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen, daß hier
-nicht von jener adamitischen Gimpelspecies die Rede ist, welcher das
-goldene Gefieder von den Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu
-werden pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke, dessen Heimath
-der grüne Tannenwald ist, und das den Wellersgrünern von jeher ihre
-gesuchtesten Virtuosen in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger --
-so hieß unser Mann -- hatte keine Ahnung von jener uneigentlichen
-Gimpelspecies; ihm war Gimpel gleichbedeutend mit Genie, und darum
-war er stolz auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen
-ertheilt hatten, weil er im Fangen und Abrichten der kleinen Waldsänger
-eine Meisterschaft besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über
-diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen vogelstellenden
-Landsleuten war König Gottfried, daß seine Zöglinge nicht allein in
-ferne Gegenden verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten
-Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün lediglich in der
-Absicht wallfahrteten, den »Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen.
-
-Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese Besucher zöge noch etwas
-ganz Anderes nach dem schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall
-des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle -- nämlich die
-Prinzessin des kleinen Reiches, das über alle Beschreibung nette
-und herzige Hannchen, Ungers eheleibliche neunzehnjährige Tochter.
-Aber wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren Theiles der
-Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so doch bestimmt nicht in Ansehung
-der vielen gesetzten Männer, die sich darunter befanden; für die war
-es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von seinem gefiederten
-Hofstaat zu sehen.
-
-Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom Scharwerksmaurer unter
-der Decke mit einer Guirlande von Phantasieblumen geschmückte Stube,
-deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen vollbesetzter Vogelbauer
-garnirt sind. Das der Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit
-Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen, Muskat- und
-Rosenkrautstöcken bedeckt das Bret, und die Bauer zu beiden Seiten
-zeichnen sich durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die Gimpel
--- sie sind der hohe Adel des Ungerschen Reiches; die andern in den
-unansehnlichen Behältern, die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und
-dergleichen, sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte
-aus betrachtet, sind jene die Solosänger, diese die Choristen. Vor
-dem solchergestalt ausgezeichneten Fenster steht ein kleiner Tisch und
-vor diesem ein Lederpolsterstuhl -- das ist der Thron des Monarchen,
-da sitzt er, ein stattlicher Funfziger, den einen Arm auf den Tisch
-gestemmt, mit dem andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam
-abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen Audienz.
-Solches geschieht, indem er einen Bauer nach dem andern von seinem
-Nagel herunternimmt, ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine Melodie
-intonirt, worauf der Bewohner des Bauers sofort einfällt und die Weise
-zu Ende führt. Auf diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit einer
-Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom »Freund, ich bin zufrieden«
-bis zum »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle
-Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich wird dem fremden Zuhörer
-der Genuß dieses Concertes durch das wirre Durcheinander des Chores
-verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem Zwitschern, Zirpen und
-Wirbeln der Quäker, Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang
-der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör aber unterscheidet
-diesen recht wohl, ja für dasselbe dient der gemeine Chor den edlen
-Concertisten nur zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen
-Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist.
-
-Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen Vögeln sah, oder wer gar
-seinen Lehrstunden beiwohnte, der mußte die heitere Gemüthsruhe, die
-unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und war es eine Frau, die
-ihn so beobachtete, so konnte sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches
-Lamm von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie Herr Gottfried seinen
-Vögeln den Rücken gewendet hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da
-keifte und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner Gattin glücklich
-gelang, ihn auf den Vogelherd oder in die Schänke zu spediren.
-Vielleicht wurde das Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen,
-von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß ihm für den Verkehr
-mit Menschen nichts davon übrig blieb. Niemand konnte im Umgange
-reiz- und verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es keinen
-Menschen, der so schwer zu versöhnen war wie er, zumal wenn ihm Jemand
-sein Steckenpferd unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren
-schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer sich einmal von
-der Kanzel gegen das Vogelstellen auszusprechen gewagt hatte; da der
-hierdurch schwerbeleidigte Gimpelkönig aber doch ein guter Christ
-sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide oder Hundshübel zum
-Gottesdienst. Desto fleißiger besuchte er eine der Ortsschänken, nicht
-nur weil der Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern
-auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit hatte,
-neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören. Zu seiner Ehre muß gesagt
-werden, daß er sich fast nie betrank; sein gewöhnliches Getränk
-war das heimische »Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen
-»Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte.
-
-Hausdespoten werden von ihren Familien nicht mit Rosenketten in ihren
-vier Pfählen festgehalten -- der Ungerschen Familie war, als hätte sich
-ein böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den Vogelherd oder
-in die Schänke verfügt hatte. Da wurde es erst gemüthlich im Hause.
-Mutter und Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor und
-reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen« um den Ofen; oft kam dazu
-auch der Geselle mit dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt
-oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände feierten. Sonntags
-traktirte Frau Unger das ganze Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee
-und »Hefenkloß«, in welchem die Rosinen nicht fehlen durften, und
-wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein frohwillkommener
-Gast. Manches arme Dorfkind hatte regelmäßig das Glück, keins aber
-regelmäßiger, als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle, der
-in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land gezogen und seit er zu
-solchem Erwerb invalid geworden, in die Stelle eines Vice-Tag- und
-Nachtwächters von Wellersgrün eingerückt war. Diese wichtige Person
-war für das Ungersche Haus noch mehr, als ihr Titel besagte: sie war
-zugleich Historienbuch, Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung. Daher
-geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels« wohlbekannter Amtsspieß an
-der Ungerschen Hausthür lehnte, -- denn die Schwelle durfte dieses
-polizeiliche Attribut nicht überschreiten, das wäre eine Verletzung
-der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen, -- eine Nachbarin nach der
-andern in die Gimpelresidenz »hutzen«[1] eilte, um das Neueste aus der
-Tagesgeschichte zu erfahren.
-
-
- [1] Hutzen heißt im Obererzgebirge soviel als: einen kurzen Besuch im
- Hauskleide machen.
-
-So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres Eintausend Achthundert
-und --Zig. Der Hausherr saß beim Einfachen in der obern Schänke;
-die Hausfrau mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch, und
-»Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf Gott!« in die Stube. Nachdem
-er von allen Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen an den
-Tisch gezogen worden, hieß es rechts und links: »Was hat's Neues in
-der alten Welt?« Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus
-der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in den »Hefenkloß«
-und sagte: »So in einem Athem, Ihr guten Leut', läßt sich das nicht
-erzählen.« Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß mit großer
-Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen verschwinden. Alle Anwesenden
-hefteten die Augen auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel
-richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür, als erwarte er
-noch einige Ohren für seine Zeitung. Er wartete nicht vergebens --
-der Spieß war gesehen worden -- ehe fünf Minuten vergingen, war ein
-halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von denen sich die eine ein
-Loth Kaffee, die andere ein Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig
-Pfeffer zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht -- den wir mit
-Beseitigung der Mundart wortgetreu wiedergeben -- begann:
-
-»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr guten Leut'! Der Franzos
-draußen ist wieder einmal kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt
-oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und in Welschland wollen sie
-auch gescheidt werden, ob's ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt
-wird, das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's Rußbuttenlobel
-wissen! Aber der Russ' dahinten scheert sich den Teufel darum, ob's
-in Polen Wölfe giebt oder nicht -- er hat einen gar guten Magen, das
-wissen wir von Anno dreizehn, da haben die Kosacken gefressen, was
-ihnen zwischen die Zähne kam; übrigens ist es oben im Sibirienland
-fast so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen wissen und
-viele andere Ehrenleut', die dort auf dem Zobelfang waren -- Du mußt
-aber hübsch aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein dummer
-Junge, und die Rosinen mußt Du nicht aus dem Hefenkloß bohren -- und in
-England werden sie nächstens mit Dampf in den Mond fahren, ich wollte,
-sie wären schon alle droben gewesen, eh' sie unserm armen Gebirge sein
-Klöppelwesen ruinirten -- daß sich Gott erbarm'! meine Schwester hat
-gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige weniger bekommen für
-die Elle Borten! Item: der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber
-machen, wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft, es ist
-schon wieder ein neuer da -- meiner Hühner halben! -- ich wollte nur,
-ich hätte ein paar Fuder von den Feigen und Apfelsinen, die dieses
-Jahr in Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün
-verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem Andern vergesse -- Friedel,
-Du wirst gleich Dein Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den
-eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher will auch leben --
-in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau Vierlinge gehabt; da fleckt's!
-jedoch aber im Dänemarkschen -- 's muß wohl um Buxtehude herum liegen,
-dort bin ich nicht gewesen -- da will der Königsstamm aussterben --
-geht mir auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und Letzte
-und habe nichts auf meinem Gewissen, als den armen Handwerksburschen,
-den ich verarretirt und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins
-Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein Spieß vor der Thür
-lehnte; da konnte der dumme Teufel doch denken, daß die Polizei nicht
-weit war und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich der Schelm,
-mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg zu in der alten Welt -- aber Ihre
-Hefenklöß' sind delicat, Frau Dore! -- wenn's nicht bald anders wird
-mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler Pfarrer, der zu den
-Heiligen gehört, behält Recht -- der sagt, das Ende aller Dinge sei
-vor der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu verlieren als den
-Spieß und vier Zeilen Erdäpfel auf des Richters Feld; wegen des armen
-ausgewiesenen Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in die Hölle
-fahren, wiewohl 's nicht christlich war. Ja, arg geht's zu in der Welt
--- aber im Ungerhaus giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!«
-
-Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke den Schweiß von
-der Stirn, nahm einen frischen Hefenkloß, überlieferte ihn seinen
-Kauwerkzeugen, schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf die
-Frage: »Ist das Alles?« von Neuem:
-
-»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische, und das ist das
-Wichtigste.« -- Er berichtete nun, wo ein Todesfall vorgekommen und zu
-erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor der Thür, ein Hausbau in
-Angriff genommen war und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun
-das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste ist?«
-
-Alle sahen ihn gespannt an.
-
-»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer Pause. »Nun so hört: mein
-Vetter, der Sacher Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!«
-
-Das schien in der That eine unerwartete und wichtige Neuigkeit zu sein,
-denn alle Anwesenden gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses
-von sich -- Niemand aber lebhaftere, als Hannchen, denn die stieß einen
-lauten Schrei aus und wurde roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken
-hinein.
-
-»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der Erzähler, »das ist Wasser
-auf Ihre Mühle?«
-
-Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem Frager einen zürnenden
-Blick zu und eilte zur Thür hinaus.
-
-»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet nicht!«
-
-»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher Heinrich,« meinte eine
-der Nachbarinnen.
-
-»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel, »jetzt sticht
-er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl was Ansehen als Manieren
-betrifft; ich sollt's nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind
-ist -- aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück in der Welt
-herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün -- sogar in Welschland ist
-er gewesen, und in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet -- da
-kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch heißt:
-
- -- keine von Allen
- Hat so mir gefallen
- Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen,
- mein Hannchen allein.«
-
-»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau Unger. »Vor drei Jahren, wie
-Sein Vetter in die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind, und wer
-weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch an die Tändelei denkt. Mein
-Hannel hat sie längst vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht
-wieder aus der Stube mit solchem Spaß! -- Aber sehen möcht' ich den
-Sacher Heinrich, das gesteh' ich.«
-
-»Ich auch« -- »ich auch« -- hieß es von mehren Seiten und
-Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung: »Er wird schon kommen und sein
-Schätzel grüßen.«
-
-Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die Ohren der Gesellschaft.
-
-»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich vergessen,« sagte die
-inkarnirte Dorfzeitung, »in der obern Schänke ist heute Musik -- sie
-blasen schon zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!«
-
-Diese Mahnung galt den ledigen Personen im Zimmer und man säumte nicht,
-ihr nachzukommen, denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern wie
-überall im lieben Gebirge. Bald war Frau Unger mit ihren Kindern allein
-daheim. Denn auch Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke.
-Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür in den Ungerschen
-Grasgarten trat, fand er Hannchen dort in sich versunken stehen. Er
-schlich sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die Blättchen nach
-einander ausriß und dazu halblaut sagte: »Er liebt mich -- von Herzen
--- mit Schmerzen -- klein Wenig -- gar nicht -- er liebt mich -- --« Da
-fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging mit den Worten vorüber:
-»Ei freilich! Komm Sie nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.«
-
-
-2.
-
-In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen Dorfe strömten die Gäste
-herbei, die Alten nach der Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach
-dem darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp munterer Bursche, aus
-deren Mitte ein fast elegant gekleideter Jüngling hoch emporragte,
-folgte dem Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, gerieth
-die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. »Der Sacher Heinrich!«
-lief's von Mund zu Munde, und bald fand sich der feingekleidete Mensch
-umdrängt von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« und das
-Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten.
-
-Während er allen in erwünschter Weise Bescheid that, wurde er mehr und
-mehr dem Hintergrunde zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch«
-stand, an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter auch der
-»Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die gleiche Begrüßung ward ihm auch
-hier zu Theil; dann rückte man eng zusammen und bemächtigte sich des
-Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an den Tisch zog und zwischen sich
-nahm, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. Das
-war eine große Ehre, und Heinrich wußte sie zu schätzen; -- er zog
-seine wohlgefüllte Cigarrentasche, damals in Wellersgrün ein unerhörter
-Luxus, präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst einen
-der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich in Bereitschaft setzte,
-auf die mancherlei Fragen, die man an ihn richten würde, bündige
-Antwort zu geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen
-Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem Freunde gegenüber auf.
-
-An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs fehlte es nun nicht,
-sie waren aber so mannigfaltig und wirr durcheinanderlaufend, daß
-der Gefragte gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten.
-Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling möge seine
-Reisegeschichte zum Besten geben, wogegen er sich zu einer »Stütze«
-Doppelbier erbot. Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig
-aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle mögliche Ehre an, und
-dann begann Heinrich seine Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer,
-daß der junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als Tischlergeselle
-das Felleisen genommen, sich nicht lange in den engen Grenzen seines
-Vaterlandes gefallen, daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um
-Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes in seinem Fache zu lernen.
-Erst war er nach Wien gewandert, von da hatte es ihn nach Italien
-gezogen, wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. Unter unsäglichen
-Beschwerden hatte er sich nach der Schweiz durchgeschlagen und nachdem
-er hier wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt
-Frankreichs zugewendet. So gut er es nun daselbst getroffen, so mächtig
-ihn anfangs das Leben in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so
-war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath in ihm wach geworden.
-Sein Meister hatte ihn zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu
-seinem Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das Verlangen nach
-der lieben Heimath so mächtig geworden, daß er es keinen Tag mehr in
-Paris ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab zur Heimkehr
-ergriffen hatte. Die mancherlei kleinen Reiseabenteuer, welche in
-Heinrichs Erzählung vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze,
-daß Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom Wirth gespendeten
-Stütze gleich eine zweite bringen ließ. Heinrich schloß mit den Worten:
-»So bin ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und denk' auch
-da zu bleiben, denn das können Sie mir glauben, werthe Landsleut',
-so schön es draußen sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns
-spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm alle Umsitzenden die
-Hand, tranken auf sein Wohl, lobten seinen Entschluß und sicherten ihm
-zu seiner Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu.
-
-»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's ihm nicht fehlen, Heinrich!«
-sagte unter andern der Obermeister von der Zunft der vereinigten
-fünfzehn Handwerke.
-
-»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg und Auerbach finden Sie
-bei mir,« versprach der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann
-des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die besten Aussichten auf
-unbeschränkten Nutzholzcredit und der Zimmermeister wollte ihm sein
-mütterliches Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt war
-auch von einer Frau die Rede, und von mehr als einer Seite ließ man
-merken, daß er ein ganz annehmbarer Schwiegersohn wäre.
-
-»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, »hat es bei mir noch Zeit.
-Vor der Hand drängt's mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank!
-noch rüstig, und übrigens -- kommt Zeit, kommt Rath!« Dabei warf er
-aber einen anhaltenden Seitenblick nach Meister Unger und nach einer
-Pause richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, Meister
-Unger? Ist die Frau sammt den Kindern wohlauf?«
-
-»Was soll's mit denen für Noth haben?« war die Antwort. »Man sorgt und
-schafft doch genug für sie! Nun, Er besucht uns doch, Heinrich -- Er
-wird sich freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.«
-
-Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke vor sich hin.
-
-»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir waren ja ehedem auch ein
-Vogelfreund und suchten als Steller Unsersgleichen -- wir werden jetzt
-das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?«
-
-»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. »Ich bedaure, daß ich
-jemals ein Vöglein seiner Freiheit beraubt habe -- halten Sie mir's zu
-Gute, lieben Leute! -- aber ich muß Ihnen sagen: mir erscheint es jetzt
-geradezu sündlich, das Vogelfangen.«
-
-Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth wurde kirschbraun im
-Gesicht und der eine und andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was
-sagt er? Sündlich?«
-
-»Ja -- nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte der junge Mann fest,
-»so erscheint es mir, und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie
-sich erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. Sie wissen,
-daß ich früher auch meinen Vogel gestellt habe, wie Einer, und der
-Meister Unger da muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel Keiner
-ihm gleich kam als ich -- es hat manchen kleinen Wettstreit zwischen
-uns gegeben, aber in aller Freundschaft -- und wie ich in die Fremde
-ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine Vögel da lassen
-mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, wenn es gegangen wäre. Zog
-ich dann auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und hörte einen
-Reiterfinken schlagen oder eine Amsel singen, so zuckte es mir in
-allen Gliedern, ich ärgerte mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir
-hatte, aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl stundenlang
-nach und so kam es oft, daß ich über einer mäßigen Tagereise zwei,
-auch drei Tage zubrachte. Das war viel Zeitverlust und Verlust an
-Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar das Erpichtsein aufs
-Vogelstellen etwas, ganz aber konnte ich's doch nicht los werden
-und wenn der liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in die
-Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde zur Fortbildung
-des Handwerkerstandes weit und breit ins Leben gerufen haben. So ging
-es, bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das Unglück, der Polizei
-verdächtig zu werden: statt für einen ehrlichen Handwerksburschen sah
-sie mich für einen geheimen Revolutionär an -- ich wurde verhaftet und
-nach Padua ins Gefängniß gebracht. Im Gefängniß, ihr lieben Leute,
-lernt man erst Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich einsam
-in einem schauerlichen Loche sitzen -- ach! ich dachte, der liebe Herr
-Gott habe in seinem Zorn die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so
-fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen mir alle meine Sünden
-ein -- und auch mein Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen
-Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben müsse, und ich
-mußte es als eine Strafe vom lieben Gott erkennen, daß ich jetzt auch
-in einem Käfig steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder
-Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. Als ein Tag nach dem
-andern dahinschlich, ohne daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung
-auf baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die Verzweiflung
-übermannte mich, mehr als einmal war ich nahe daran, mit dem Kopfe
-wider die Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur der Gedanke an
-meine gute Mutter hielt mich davon zurück. Dann fielen mir meine Vögel
-immer wieder ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es auch den
-armen Thierlein zu Muthe gewesen, da sie deine Gefangenen waren! Du
-sahest wohl ihr ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder im
-Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest ihre traurigen
-Mienen -- und doch ließest du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen,
-oder das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten ihr herbes Loos
-tragen -- so füge nun auch du dich in dein Schicksal! Des Nachts
-aber kamen schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine ehemaligen
-Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die mit ihren furchtbaren
-Schnäbeln nach mir hackten oder mich mit ihren Krallen packten und
-an den Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen Anblick
-ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da betete ich in meiner Angst zu
-Gott und schwur, nie wieder eines seiner für die Freiheit geborenen
-Geschöpfe dieses ersten Lebensgutes zu berauben -- denn das sag'
-ich aus Erfahrung: es giebt kein köstlicheres Gut im Leben als die
-Freiheit, und ein Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes verübt
-ist ein Frevel schwarz wie der Mord --«
-
-»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und Heinrich, ohne auf
-dessen unwirsches Gesicht zu achten, fuhr fort:
-
-»Endlich ward ich frei -- mir war, als läge ein Zeitraum von Jahren
-zwischen Verlust und Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum
-gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich mich außerhalb der
-Stadt fand, kniete ich auf offenem Felde nieder und dankte Gott, daß
-ich wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner Flur athmete,
-und wiederholte meinen Schwur, nie wieder Hand an ein lebendiges Wesen
-zu legen, um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. Darauf zog
-ich viele Tage durch herrlich bebaute Gegenden -- aber so mannigfach
-und üppig alle Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte
-aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, so schwellend die
-Matten, so gestaltenreich die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so
-fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth vermißte: die Schwärme
-singender Vögel, welche unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor
-mir als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen Ohr nimmer werth
-war, sich an ihren Melodieen zu weiden?«
-
-»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister Unger den Erzähler
-abermals.
-
-»Willst Du schon nach Hause?« fragte der Obermeister der fünfzehn
-Handwerke.
-
-»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir blos übel von dem
-Gemähre --«
-
-»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, Heinrich!«
-
-»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte der Förster bei -- aus
-Seiner Geschichte kann Mancher 'was lernen!«
-
-Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos, wie immer
-jugendliche Verkündiger ernster Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf
-ich mit einem Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben Weges zog
-wie ich, und als die Rede gerade auf den von mir wahrgenommenen Mangel
-an Singvögeln in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach der
-Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir, daß nur die furchtbaren
-Nachstellungen der Menschen nach und nach die Wälder und Fluren dieses
-Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten. Da dacht' ich an
-meine Heimath und den hier getriebenen Vogelfang, und mir war bange
-darum, daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen fand.
-Später gingen wir durch eine große Kastanienpflanzung, die fast ganz
-abgestorben war. Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren von
-Raupen bedeckt. Es war ein trauriger Anblick -- ich dachte an alle
-die Arbeit, die hier vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen,
-welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung ein Opfer des
-Raupenfraßes, und ein Landmann, den mein Gefährte fragte, bestätigte
-dies. »So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre Väter gesündigt
-haben,« sagte der Maler, »hätten diese die Singvögel nicht von Wald und
-Flur vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so mächtig werden
-können, als es hier geworden.« Ich schrieb mir das hinter die Ohren und
-will's auch mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch viel
-über den Gegenstand nachgedacht, und es ist mir immer klarer geworden,
-daß das Wegfangen der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller
-Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in den Himmel kommen könne.«
-
-»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt, wird selig.«
-
-»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger.
-
-»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister der Fünfzehnerzunft,
-»schmeckt nach Pfaffen -- fort damit!«
-
-»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch. »Wirth, noch einen
-Eibenstöcker! Das fehlt noch, daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren
-will!«
-
-»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der Förster.
-
-»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das ihm gereichte Glas
-Branntwein hinabstürzend, »Ihr möchtet nur allein im Walde Herr sein,
-es soll kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben. -- Weiß Er
-was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo Er hergekommen ist, wir brauchen
-in Wellersgrün keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist -- geh' Er
-wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!«
-
-Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde drangen jetzt ungestüm auf
-den Gimpelkönig ein. »Das leiden wir nicht,« schrieen sie, -- »das ist
-schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!«
-
-»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!« rief Meister
-Unger, aber sogleich saß ihm ein Schlag im Gesicht.
-
-»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief Heinrich und warf sich
-zwischen den Angegriffenen und die Angreifer -- da fuhr ein Bierglas
-durch die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein Schlachtfeld
-verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke fast gleichen Parteien ein
-erbitterter Faustkampf geführt wurde. Die Ursache des Kampfes selbst,
-Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen -- umsonst; -- er bat, er
-flehete, er weinte -- er ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig
-einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, -- es war vergebens,
-der Kampf wurde nur erbitterter -- bis »Rußbuttenlobel« außerhalb
-eines Fensters erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere
-Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß ausrief: »Ruhe! im Namen
-der Obrigkeit, Ruhe! eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm
-hier!«
-
-Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die Anhänger Heinrichs meinten,
-man müsse ja nicht bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie ab
-und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich dem weiblichen Theile
-der Gesellschaft, ganz willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in
-einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden walzten, versank
-er in tiefes Sinnen.
-
-
-3.
-
-Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll allein, als er seine
-Schulter von einer Hand berührt fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel
-neben sich sah. Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel trank
-daraus, gab ihm die Hand und sagte:
-
-»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm, Vetter! Ich wollt' Euch nur
-auseinander haben.«
-
-»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich -- »ach, ich möchte weinen
-wie ein Kind über diesen Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in
-der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut -- und nun muß er mir so
-verdorben werden!«
-
-»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so auf sein bestes Hühnerauge
-treten?« sagte Lobel. »Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht?
-Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt und schimpft auf Dich,
-und sagt ganz unverholen, er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine
-Tochter hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel -- also mir
--- geben, denn so einem Neuerer und Weltverbesserer, wie Du wärest.
-Wenn das arme Hannel dies wüßte!«
-
-»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte Heinrich, »wer weiß,
-will sie noch etwas wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging,
-war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter den Ohren nicht
-trocken, und inzwischen sind drei Jahre vergangen -- ich hab' ihr nie
-geschrieben -- Lobel, lassen wir das Mädel sein -- ich weiß ja auch
-nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne wäre!«
-
-»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere ein, »ich wette meinen
-Spieß gegen was du willst, sie gefällt dir jetzt noch besser, denn
-sonst -- ach, die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen wirst,
-wie das voll und schlank, und blumig und samig geworden ist, so voll
-Lieblichkeit, daß man's immer anschauen und drüber beten und fluchen
-vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!«
-
-»Wo?«
-
-»Daheim, bei ihrer Mutter.«
-
-»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was hier vorgefallen ist, kann
-nicht die Rede davon sein, daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses
-betrete. Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust, wieder in die
-Fremde zu gehen.«
-
-»Und Deine alte Mutter zu verlassen -- und das traute Hannel! Du
-denkst, das Mädel hat Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk'
-nur, wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt' ich der ganzen
-Gesellschaft, daß Du da wärest. Da schrie sie laut auf, wurde über und
-über roth, und als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür hinaus.
-Und als ich darauf fortging, stand sie im Grasgarten hinter ihrem
-Hause, und ließ sich von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und
-als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die Hände über das
-wonnige Herzchen und sah mit entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so
-liebt sie Dich -- und Du -- ja, die Blume spricht wahr: Du liebst sie,
-du willst Dir's nur nicht gestehen.«
-
-»Du irrst Dich, Vetter -- ich gestehe, daß ich mich des herzigen Kindes
-gern erinnere, aber mein Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es --
-wird sie nicht zum Tanz kommen?«
-
-»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur Musik gewesen -- aber
-heute, da sie weiß, daß Du wieder da bist, wird sie wohl kommen.«
-
-»Gut -- warten wir das ab -- sehen möcht' ich sie wohl, aber in ihres
-Vaters Haus komm' ich nicht.«
-
-»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.«
-
-»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! -- Da, laß frisch einschenken!«
-
-Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer stürmten, soweit es der Platz
-zuließ, ins Zimmer, wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und
-als die Musik von Neuem begann, drangen sie in ihn zu tanzen. Er ließ
-sich endlich bewegen, aufzustehen, ging langsam nach der Saalthür
-und musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien nicht, daß ihn
-Eine anzog -- er stand unschlüssig da -- auf einmal öffnete sich die
-gegenüber befindliche Thür des Haupteingangs. -- »Da kommt sie,«
-flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende Gestalt anstarrte.
-
-War das wirklich das Kind, mit dem er einst harmlos »Liebstens«
-gespielt hatte? War diese vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende
-und doch so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen im
-rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund und den meertiefen Augen
-wirklich die stille Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht
-hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines reinen Sinnes? Was
-damals nur Ahnung gewesen, das war jetzt Licht, Fülle, Leben -- was
-einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit ihm tändelte, das
-forderte jetzt Achtung, Verehrung, Liebe. Eine süße Bestürzung, ein
-minutenlanges Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und dann ein
-Aufflammen des ganzen Feuers, das in seiner Brust verborgen glühte
--- dann stand er vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, die
-noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, dessen Liebreiz sein
-Herz rührte. Seine Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der
-er die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die ehrerbietige
-Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« anredete -- das waren die
-äußeren Zeichen dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen
-weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen und Franzosen,
-einfach gebliebene Gebirgssohn nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich
-nicht in so bedeutsamer Weise verändert, wie er sie -- der Schritt
-vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen Jüngling ist
-kein so großer, wie der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen
--- aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher Bart geworden, eine
-weitere äußerliche Veränderung fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr
-gewesen, als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen wie sonst
--- aber mit einemmal empfand sie ihm gegenüber eine unaussprechliche
-Beklemmung, ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem großen,
-strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt hatte, wagte sie ihm keinen
-mehr ins Gesicht zu thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr ruhte.
-So standen sie lange da und wer weiß, wie lange sie es so getrieben
-hätten, wäre nicht ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie
-zugekommen und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs Arm genommen
-und ihm zugeflüstert: »Wir wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf
-und ich kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit ihr in den
-Reihen und tanzte nach Jahren wieder den ersten heimathlichen Walzer.
-Vergessen war alles vorhin Vorgefallene -- Athem wehete in Athem --
-Puls schlug an Puls -- Blick flammte in Blick. -- »Mein Hannchen« klang
-es herüber -- »mein Heinrich« flüstert' es hinüber -- und als der
-Walzer zu Ende war, führte der glückliche Tänzer sein Mädchen mit dem
-Entschlusse aus dem Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem
-Hannchen zu weichen.
-
-Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, wo Heinrich vorhin
-allein gesessen, nahmen sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an
-ein Fragen und Erzählen und Händedrücken und -- was weiß ich! -- Zum
-Beschluß erklärte Heinrich dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß
-er in vier Wochen Meister würde und wenn's nach seinem Willen ginge,
-müßte Hannchen in einem Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam
-»Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a Bissel« auf Eurer
-Hut vor dem Kunz-Karl-Fried -- wenn er kommt und will mit Ihr tanzen,
-Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; Sie weiß, er hat ein
-Aug' auf Sie, und wenn Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten
-und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt einmal ins Dorf schauen --
-seid gescheidt!« Damit verschwand er.
-
-»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll ich tanzen? Nimmermehr! Ich
-will nur mit Dir tanzen, Heinrich!«
-
-»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir rathen, ihm wenigstens
-+einen+ Tanz zu gönnen. Du bist ihm vorhin schon ausgewichen -- ein
-zweites Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann -- ich muß Dir sagen,
-daß ich bei Deinem Vater in Ungnade gefallen bin -- wenn ihm der Kunz
-hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er uns wohl auseinander.«
-
-»So wollen wir fortgehen -- ich sage Dir, ich kann und darf nicht mit
-diesem Menschen tanzen, Du wirst schon noch erfahren, warum --«
-
-»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« sagte Heinrich,
-»damit ich wenigstens einmal bestelle -- man möchte mich sonst für
-einen Lump halten -- dann gehen wir spazieren.«
-
-Das Paar erhob sich -- aber da stand der Gemiedene schon vor ihnen
-und bat Hannchen um den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den
-Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im Fluge entführt. »Einen
-Walzer!« rief Heinrich den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das
-Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im Gange und Kunz hatte das
-Nachsehen.
-
-Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister Unger fort, dem so unberufen
-aufgetretenen Gegner des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen
-und dann und wann diesem Groll durch ein derbes Wort Luft zu machen.
-»Ich hab' ihm aber doch eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er
-endlich und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und noch einen
--- und wieder einen -- da wurde er immer aufgeregter, bis der junge
-Kunz-Müller von Neuhahn -- eben jener Karl-Fried -- hereintrat und sich
-dem »Herrentische« näherte. Er war ein guter Kunde des Gimpelkönigs;
-als ihn dieser daher zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas,
-er reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an seine Seite. »Na, wie
-ist's, Karl-Fried,« redete er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen
-Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert er nach Kirchberg, wo mir
-Einer fünf Thaler und Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür
-geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner gefiederten Schüler,
-darum so genannt, weil er das Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang.
-
-»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch zahlen,« erwiederte der
-Müller, »ich nehme den Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer
-müßt Ihr zugeben.«
-
-»Für eine Metze Heugesäm' -- topp! -- Wirthschaft, ein Fläschel zum
-Leihkauf!« rief der Verkäufer. Während der Wirth dem Befehl nachkam,
-flüsterte der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr.
-
-»Da soll doch gleich --« der Fluch erstarb dem empörten Vater auf der
-Zunge; er sprang auf und eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm
-bestürzt nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid nicht so hitzig!
-macht kein Aufsehen! -- ich bin dem Hannel gut -- und weil wir einmal
-darauf zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß es mein Wunsch
-ist, Euer Schwiegersohn zu werden.«
-
-Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick. »Wirklich,
-Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?« fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir
-das nicht schon längst gesagt?«
-
-»Je nun -- ich hatte immer das Herz nicht -- das Hannel that so apart
-gegen mich.«
-
-»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,« erklärte Meister
-Unger. »Ihr wißt, in meinem Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will.
-Ihr werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich will zeitlebens
-keinen Vogel mehr fangen! Jetzt aber will ich meinen Nickel vom
-Tanzboden holen, wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.«
-
-Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken vor den Liebenden, die
-bei der eben eingetretenen Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel
-zurückgezogen hatten.
-
-»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube oder nach Hause!«
-herrschte der Vater der Tochter zu.
-
-Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die Eltern gewöhnt, erhob
-sich und erklärte, nach Hause gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem
-Tanzboden bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte: »Verzeihen Sie
-mir, Meister Unger, wenn ich Sie beleidigt habe -- es war bestimmt
-nicht meine Absicht --«
-
-»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte Jener, »und Er hat
-nichts mit meiner Tochter zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem
-Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!«
-
-Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern um den Hals gefallen, wenn
-der Ort eine solche Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte
-sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er wollte sie mit in die
-Schänkstube nehmen, allein sie machte sich los und ging weinend nach
-Hause.
-
-Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise er dazu gekommen
-war, den Vater so gegen sich zu erbittern, und sie kannte diesen zu
-gut, um nicht zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung sein
-mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall beklagte, so konnte sie doch
-dem Geliebten nicht Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt
-der armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie bisher über das
-Unrecht, das in der Liebhaberei des Vogelstellens lag, noch wenig
-nachgedacht hatte, so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit
-dem Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten Abscheu
-dawider. Es beunruhigte sie sogar, daß sie ihren Vater zuweilen nach
-dem Vogelherd begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch wohl,
-wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt den Herd besorgt hatte.
-Sie beschloß, sich künftig solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen.
-Daheim angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um den Hals und gestand
-ihr ihr Glück und ihr Leid. Frau Unger tröstete die Bekümmerte,
-billigte ihre Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr, Alles
-aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit zu ebnen.
-
-Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen im Ungerschen Hause.
-Die eine kam schriftlich an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr
-Ueberbringer und Heinrich ihr Absender -- die andere brachte
-Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn an. Dieser saß indeß
-nicht auf dem hohen Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche
-heimgekommen, und dessen schämte er sich heute vor seiner Familie. Er
-nahm daher den ihm so lieben Werber etwas kleinlaut auf und schob, um
-seine stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung über
-diese Angelegenheit zu. Frau Unger aber entschied so: »Meister Kunz,
-Er hat schon Sein Theil -- heirath' Er das arme Mädel, dem Er die Ehre
-genommen!« Verblüfft vernahm der reiche Bewerber diesen Bescheid,
-stotterte etwas von dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die
-Gemeinte zu seiner Frau zu machen, und zog sich, als ihm hierauf Frau
-Unger eine tüchtige Lection in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit
-dem erhandelten Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung auf Hannchens
-Besitz ganz aufzugeben, da er auf seinen Geldsack und Meister Jobsts
-Gunst pochte.
-
-Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von Frau Unger heim. Zwar auf
-eine schriftliche Erwiederung des schriftlichen Antrages konnte die
-Gute sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in Wellersgrün
-noch nicht Sitte gewesen war, daß ein Mädchen schreiben lernte --
-aber der freundlichste Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem
-Liebesboten in den Mund, und dieser war nicht der Mann, der eine Silbe
-fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten hatte. »Was die Einwilligung
-meines Alten betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird es zwar
-etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen, aber einmal muß er doch Ja
-sagen.«
-
-»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies vernahm, »heute über
-zwanzig Jahre ist auch »einmal!« Da kann mir's gehen, wie dem
-Lautersgrüner Pastor, -- der hat sich mit seinem Schatz auch zwanzig
-Jahre geschleppt und wie er endlich zu der Pfarre gekommen, daß er hat
-heirathen können, sind sie beide halb stumpf gewesen!«
-
-»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete Lobel, »der alte
-Gimpelkönig hat zwar einen harten Kopf, aber ich glaub', er ist mürb'
-zu machen -- ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim, wenn Du
-mir folgst.«
-
-»Vetter -- Herzensvetter -- sprich, was soll ich thun?«
-
-»Du mußt den Alten mürb' machen -- mußt mit ihm um die Wette
-vogelstellen und Gimpel lernen --«
-
-»Nimmermehr!«
-
-»Versteh mich recht -- Du sollst's nur zum Schein -- sollst selbst
-nicht einen einzigen Vogel fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen --
-dem Alten in den Strich -- und ihm so den Fang verderben, Du weißt ja
-Bescheid damit.«
-
-»Man muß auch den Schein des Unrechts meiden, besonders wenn man sich
-zu seinem Bekämpfer aufwirft.«
-
-»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut, wenn Du scheinbar
-umlenkst. Du hast es ganz falsch angefangen, daß Du so mit der Thür
-ins Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen -- Wegschneiden
-hilft nicht, man muß sie durch Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das
-ganze vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen hast, magst
-Du noch so schöne Reden wider den Vogelfang halten, Du predigst doch
-tauben Ohren. Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir zuerst den
-Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig, geh' ihm in seiner
-Leidenschaft zu Leibe! Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen -- und Du
-mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle Gimpel des Gimpelkönigs
-verstecken müssen. Er muß seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie
-auf Dich übergehen sehen -- so wird er mürbe und kapitulirt!«
-
-»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner Sicherheitspolizei
-mit einer Freude in seine Arme, die dieses Institut ihm anderwärts
-nicht eingeflößt hatte -- »Vetter! Du bekommst in meinem Hause deinen
-Auszug -- Dein Plan ist göttlich -- daß ich nicht selbst darauf
-verfiel! -- Aber ich bin zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. --
-Vetter, mach' Deine Sach', ich mache die meine!«
-
-
-4.
-
-Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und es that auch noth, denn
-Meister Ungers Kapelle war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich
-starken Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren.
-Hannchen hatte sich längst auf diesen Zeitpunkt gefreut, denn nun lag
-ihr Vater zu halben Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten
-unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen.
-
-Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute sich einer guten
-Kundschaft, und sein Hauswesen war so in den Stand gesetzt, daß er
-jeden Tag ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es ihm nur selten
-vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene auf Augenblicke verstohlen zu
-sprechen -- mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage,
-da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank und frei in das ihm
-geöffnete Haus!
-
-Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried« nicht im Orte hauste, sonst
-wäre dem glücklichen Freiersmann die Freude bald wieder versalzen
-gewesen; aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin zu seinem
-Schätzchen gehen sehen, die hielten das Geheimniß eines liebenden
-Paares heilig. Einiges Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der
-Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig gegen den Vogelfang
-ausgesprochen, habe jetzt selbst im Niederwellersgrüner Hammerwalde
-einen Vogelherd angelegt -- aber auch dies fand man bald in der
-Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk« deutete, daß der pfiffige
-Liebhaber nothgedrungen dem Vater seiner Liebsten vormache, um diesem
-die Meinung beizubringen, er wäre gleich ihm selber auf dem Vogelfang,
-während er ganz gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber Meister
-Unger die sonderbare Mär von Heinrichs Anstalten zum Vogelstellen
-hörte, rieb er sich vergnügt die Hände. »Da hat man das Großmaul!«
-sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt' er gut wider das
-Vogelstellen predigen, aber kaum ist die Zeit da, da kann er's selbst
-nicht lassen. Ja, lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum Vogelfang
-geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon loskommen! -- Meine Tochter
-kriegt er aber nun doch nicht!«
-
-Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den Vogelfang gingen in das
-Land. Täglich ging Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim,
-ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen »lumpigen Quäker«. Das
-edlere Geflügel, wie Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien
-ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben. Noch drei gelernte Gimpel
-hatte er in seinem Besitz und die Nachfragen nach diesen Sängern
-häuften sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch nicht um einen
-reicher.
-
-Man hätte glauben sollen, das fortwährende Fehlschlagen aller
-Bemühungen wäre das Grab von Seiner Majestät Geduld geworden; aber
-man hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen
-Vogelstellers. Meister Unger wurde durch das Mißlingen seiner
-Operationen nur um so erpichter, zumal da die Anreizungen von Außen --
-Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel -- sich mehrten. Aus
-diesen Bestellungen ersah er zugleich, welch' ungeheuern Ruf er erlangt
-hatte, und er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf gleichgültig
-sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte. Davon, daß viele Aufträge
-fingirt, ein bloßes Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich
-keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald den ganzen Tag auf
-seine Lieblingsbeschäftigung; es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus
-auf den Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst -- das Glück
-hatte sich entschieden von ihm gewendet. Dagegen mußte er hören, wie
-dem Sacher die »rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits im
-Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie er selbst sie nie
-beisammen gehabt. Da wurde dem Gimpelkönig angst und bang um seinen
-Ruhm -- wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein städtischer
-Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich verläugnen, denn er wußte
-nicht, wie er seine Armuth an Sängern beschönigen sollte. Er begann an
-Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang weiter nichts fing, galt
-es ihm als ausgemacht, daß sein Vogelherd behext sei -- und wer konnte
-der Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und Frankreich mit
-allen Teufelskünsten bekannt gewordene Sacher? -- Der Hexenmeister war
-jedoch Niemand als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz eines Mittels
-befand, wodurch der für die Vögel ausgehängte Köder diesen schon von
-Weitem verleidet wurde -- eine feine Essenz, womit Lobel in der Nacht
-die Beeren, oder worin sonst der Köder bestand, besprengte und dadurch
-die Vögel verscheuchte.
-
-Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn vergebliche Versuche,
-sich bei Frau Unger sowohl, als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein
-goldener Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde von ersterer
-ohne Antwort zurückgeschickt, und eine schwere goldene Halskette
-erfuhr bei Hannchen, die eben keine Danae war, gleiches Schicksal.
-Herr Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind gegen die
-Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte ganz richtig, daß doch wohl der
-Sacher Heinrich noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in den
-Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen, und brauchte nicht lange
-zu lauern, um seinen Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später
-erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die Schreckenspost, daß der
-Mensch, der an all seinem Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in
-sein Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt mich unter die
-Erde!« rief der betrogene Vater aus und das Wasser trat ihm in die
-Augen vor Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den Ohren, raufte
-sich die Haare, lief im Vogelherd auf und ab und fragte: »Was soll
-ich thun? Den Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort Ordnung
-zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich nicht gerade heute einen guten
-Fang? O ich geplagter Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter und
-drüber und hier hält mich das Geschäft. -- Herzens-Karl-Fried«, redete
-er diesen weinerlich an, »jetzt kann ich unmöglich von hier fort --
-Ihr müßt Euch gedulden -- wenn ich nach Hause komme, will ich meinem
-Weibsen den Marsch schon machen. Verlaßt Euch auf mich, der Tischler
-kommt mir nicht wieder ins Haus!«
-
-Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft als die
-Eifersucht einer aufdringlichen Liebe. Kunz begriff nicht, daß eine
-angefochtene Liebe nur heißer und fester wird. Als Meister Unger
-am Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und Heinrichs Besuche
-in seinem Hause streng untersagte, unterwarfen sich zwar Weib und
-Kind dem Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie waren ja
-»d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge, wo verfolgte Liebe überall
-Schutz findet, wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in irgend
-einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein muß, draußen im schattigen
-Tannenwald. »Ihr werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete
-die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme Christliebe zu Rocken,
-und wenn früh das Rußbuttenlobel kommt, so steck' ich's ihm, dann
-erfährt's Dein Heinrich schon.«
-
-Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister Unger erhalten und
-angenommen hatte, beliefen sich schon auf ein paar Dutzend, und er
-hatte noch immer nur seine alten drei Stück. Man kam und mahnte -- er
-vertröstete -- aber seine Hoffnungen auf eine Wendung seines Unsterns
-schlugen fehl -- er konnte sein Wort nicht halten -- er stand am
-Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine Menge der begehrten Vögel
-und zum Theil schon gelernte -- wenn Ungers Kunden davon erfuhren, so
-war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine, so lange mit Ehren
-behauptete Stelle. Als er eines Abends glücklos wie immer heimkehrte,
-kam ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein Wort bei dem
-Tischler, so ließe dieser ihm einen Theil seiner Herde, und er könne
-damit seine Ehre retten -- aber dieses Wort zu sprechen, war ihm
-unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen Rußbuttenlobel, dem
-er nicht im mindesten mißtrauete, sein ganzes Herz aus. Der schlaue
-Wächter unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des alten
-Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern aber Heinrichs Virtuosen
-in das glänzendste Licht zu stellen. In der That war es dem jungen
-Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich gut abzurichten;
-der eine sang sogar zwei Melodieen: »Kommt a Vogerl g'flogen« und
-»Hörst Du nicht die Vöglein singen« -- ohne allen Anstoß und mit einer
-Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen Sängern nie beizubringen
-wußte. Diesen Vogel taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er
-hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht, daß Meister
-Gottfried von Begierde brannte, den »Steiermärker« zu hören, ja wo
-möglich zu besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel in
-Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches, dagegen versprach er zur
-Erreichung des ersten behülflich zu sein, nur müsse er abwarten, wenn
-Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause wäre, da wolle er dem
-Meister den Steiermärker auf den Vogelherd bringen.
-
-Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause war, mußte natürlich bald
-kommen, und Rußbuttenlobel zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den
-Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd. Der arme Mann
-hatte eben wieder einen Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan:
-er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht niedergeschlagen, als
-Lobel in den Herd eintrat. Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen,
-das es verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach allen Seiten
-betrachten, war eins. Lobel intonirte und der Steiermärker begann.
-Lange lange schon war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen
-Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie in diesem Augenblick.
-Es war ihm, als müsse er den Sänger küssen -- er schnalzte mit der
-Zunge -- klatschte in die Hände -- er setzte den Vogel vor sich auf die
-Bank und kauerte andächtig davor -- am Ende fing er an zu greinen und
-sagte: »Mit mir ist's aus -- wenn die Leute dich hören, Steiermärker,
-so will kein Mensch von mir einen Gimpel mehr, und ich heiße der
-Gimpelkönig nur noch zum Spott! -- Rußbuttenlobel, verschafft mir den
-Steiermärker!«
-
-»Das steht nicht in meiner Macht -- Ihr könnt denken, daß mein Vetter
-den Vogel auch gern hat -- ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen
-Augapfel, und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen hätte --
-ich käme ins Teufels Küche!«
-
-»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir der Sacher den Vogelherd
-behext hat,« erwiederte Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft
-mir zu dem Gimpel da!«
-
-»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr --«
-
-»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß +ich+ den Vogel haben will.«
-
-»Das würde ihm ja doch nicht verborgen bleiben, wenn der Vogel in Eure
-Hände käme,« sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun, um
-seinem Vetter den Gimpel feil zu machen.
-
-Von Stund' an war es um den letzten Rest von des Gimpelkönigs
-Seelenruhe geschehen. Der Gesang des Steiermärkers klang ihm in den
-Ohren, wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd, auf dem Felde,
-überall war es ihm, als hörte er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen,
-setzt sich auf mein'n Hut« -- er träumte wachend und schlafend von dem
-niedlichen Sänger. Er fing schon an, den Zwiespalt mit dem Eigenthümer
-desselben zu beklagen, begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt,
-geschlagen, aus dem Hause gewiesen -- ach! wenn es ihm nur möglich
-gewesen wäre, dem Beleidigten die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie
-sich jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem Verdammen des
-Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen, als man es aufgenommen hatte --
-jetzt ließ sich schon mit ihm leben -- aber ihm entgegengehen? -- nein
--- das wäre eine Erniedrigung gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht
-aufkommen. »Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der Geplagte,
-als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte.
-
-Rußbuttenlobel kam.
-
-»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche Vogelsteller dem
-würdigen Polizeimann, »mein Vogelherd ist behext -- zwei Tage hab' ich
-wieder kein Schwänzel gefangen.«
-
-»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten zwei Tagen ist mein
-Vetter beständig auf seinem Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen,
-Meister Unger!«
-
-»Wie so? -- sagt mir's, wie so?«
-
-»So fragt man die Bauern aus, Meister Unger --«
-
-»Lobel, sagt mir's -- es soll Euer Schade nicht sein -- der Sacher kann
-hexen, gelt?«
-
-Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte seine Mütze, kratzte
-sich das Hinterhaupt, nahm den Frager beim Arm und flüsterte ihm ins
-Ohr: »Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen wollt, Meister
-Unger?«
-
-Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel sagte darauf: »Der Heinrich
-hat ein Mittel, alle Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken --
-ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann ich Euch sagen: die
-Kraft liegt im Köder -- die Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht,
-deren Bereitung ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich Euch
-längst ein Fläschchen davon verschafft --«
-
-»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!« unterbrach ihn der
-leichtgläubige Hörer.
-
-»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen -- das wäre ein schöner
-Streich von einem Polizeimann. Aber hört -- ich weiß einen Weg, Euch
-zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt, daß mein Vetter
-vor jedem Fang frische Beeren -- ich glaub', es sind Pfaffenhütle --
-nimmt und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr müßt sehen, wie
-Ihr solche Beeren in Eure Gewalt bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie
-Ihr einen ganzen Nachmittag auf dem Herd -- er geht stundenlang davon
-weg und wieder hin, wie's ihm gelegen ist. Nun dürft Ihr nur einmal
-abpassen, wenn er eine solche Pause macht -- da schleicht Ihr -- ja so,
-das geht nicht -- eine Mannsperson und eine verheirathete Weibsperson
-darf die Beeren, wenn sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst
-verlieren sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein, welche die
-Beeren nimmt -- und auch nicht zu jeder Zeit darf das geschehen,
-sondern nur zum Neumond --«
-
-»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein.
-
-»Aber wird die gehen -- wird die ihren Herzensschatz bestehlen?«
-
-»Ei was! -- so was ist kein Diebstahl, dergleichen kommt unter
-Jägersleuten vor. Also zum Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?«
-
-»Zu keiner andern Zeit -- all solch Hexenwerk will beim Neumond
-getrieben sein.«
-
-»Gut -- wenn haben wir den nächsten Neumond?«
-
-»Uebermorgen.«
-
-»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher gerade auf den Vogelherd
-gehen?«
-
-»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond versäumt er nicht. Instruirt
-nur's Hannel gut, damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, das
-ich bald vergessen hätte -- wenn sie hingeht, muß sie stracks nach dem
-Herd gehen, darf nicht davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und
-keinen Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, und wenn sie
-die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, wieder fortgehen. Das schärft
-ihr ja recht ein!«
-
-In der Erwartung des Neumonds und des damit verknüpften Hexenstückleins
-schlichen dem Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte jetzt
-für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, selbst der Steiermärker
-trat etwas in den Hintergrund, doch vergaß er ihn nicht ganz, und
-als am Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von Leipzig an
-ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, ob es wahr sei, was man von
-dem wunderbaren Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter
-Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger -- denn sonst könne doch
-Niemand im Besitz eines solchen Wunders sein -- das Thier feil wäre --
-als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete der Steiermärker
-den gleichen Platz mit dem morgenden Abenteuer. Er konnte unmöglich
-schlafen -- als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, schlich er
-sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem Abrufen zu ihm zu kommen und
-ein Gläschen »Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer führte
-er selbst seinen Magentrost im Laden.
-
-Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was die Beiden da mit
-einander ausgemacht haben, weiß ich nicht; aber am folgenden Morgen
-erschien der Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen Gesichte
-und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm -- nun schmiede zu! Heute oder
-nie wird die Komödie aus.«
-
-
-5.
-
-Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als
-am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker
-betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern
-Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte
--- wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber
-der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu
-Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in
-schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.
-
-Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem
-Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf
-den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte
-sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein
-Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst;
-sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt,
-forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein
-Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat
-sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo
-der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist
-ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend.
-
-»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel
-Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten
-weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er
-den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen
-thun -- wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«
-
-Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar
-nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte:
-»Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen -- nur wegen des Kunz-Karl-Fried
-war mir's unmöglich, Dir zu gehorchen -- ach, Vater! dringe mir doch
-diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur
-willst.«
-
-»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht
-leiden kannst -- aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«
-
-»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.
-
-»Geh -- hm -- je nun -- Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach
-des Sacher Heinrichs Vogelherd -- siehst Du, dort in der Telle liegt
-er -- Dort wirst Du viel Lockbeeren finden -- davon sollst Du mir ein
-Körbchen voll holen.«
-
-»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«
-
-»Das weiß ich wohl -- sie sind dem Sacher -- aber ich muß die Beeren
-haben -- wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und
-Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«
-
-Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches
-Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen
-Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl
-am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber
-zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten
-verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne
-Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche,
-erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde
-heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein
-und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und
-erwarte Dich.«
-
-Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug
-nur zehn Minuten; in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit
-dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die
-Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter
-Aufregung -- an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein
-Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu
-Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus
-seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber
--- aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe
-seines Herzens -- es litt ihn nicht mehr auf dem Platze -- er mußte
-sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das
-den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin.
-Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er,
-die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er
-in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen.
-Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung -- es war so still
-hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines
-Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da
-drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan -- es war, als
-vernähme er ein Flüstern und Murmeln -- er bog einige Zweige zurück,
-um ein Guckloch zu erhalten -- Himmel! welch ein Schauspiel öffnete
-sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen
-ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben,
-während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt
-er in seiner Linken -- aber was that er damit? Er zählte die Beeren
-daran -- »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut -- »also weiter, mein
-Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« -- Und die Gefangene? Da
-hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf
-der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der
-erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd
-nimmt und sie in das Körbchen wirft -- mithin hat sie alle Trauben, die
-darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie
-Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt
--- also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert
-sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen?
-
-»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen
-Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe!
-welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? --
-Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und
-schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein?
-»Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines
-Herrn -- wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und
-lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und
-Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das
-andere folgt:
-
- »Hörst du nicht die Vöglein singen
- Abends von der Donau her,
- Wie sie dir die Botschaft bringen
- Daß mein Herz nicht läßt von dir!«
-
-da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, daß es ein Blinder
-wahrnehmen möchte, geschweige denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte
-der Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den Käfig und reichte
-ihn dem Lauschenden mit den Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister
-Unger; er war längst für Sie bestimmt und alle meine Vögel sollen Sie
-haben -- seien Sie nur wieder gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an
-die Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für sich selbst: »Du
-siehst, ich that Deinen Willen, aber ich wurde ertappt, und da ich Dir
-für mein Leben gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir so viel
-gelegen schien, so unterwarf ich mich der Bedingung, unter welcher ich
-sie allein retten konnte: ich löste sie aus.«
-
-»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, Du Taubenschnabel!« fiel
-ihr der Alte ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: »Er will mir
-den Steiermärker wirklich lassen?« fragte er.
-
-»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum an Gimpeln.«
-
-»Und was will Er dafür haben?«
-
-»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil -- schenken Sie mir Ihre
-Freundschaft!«
-
-Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er fühlte, wie schwer er den
-jungen Mann gekränkt hatte -- und doch schenkte derselbe ihm jetzt den
-unschätzbaren Steiermärker -- solche Großmuth hätte einen Botokuden
-rühren müssen -- er richtete sich in die Höhe und sagte: »Von einem
-fremden Menschen kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.«
-
-»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns aufhören -- machen Sie mich
-zu einem Gliede Ihrer Familie -- zu Ihrem Sohne!«
-
-Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich den mit seinem Ausspruch
-Zögernden -- da trat das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel
-leise hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: »Hörst Du nicht
-die Vöglein singen.« Da war von einem längern Widerstande gegen die
-Bitten der Liebenden keine Rede.
-
-»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander lassen könnt, so habt Euch in
-Gottes Namen!« sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich weg
-und schloß dafür den Vogelbauer mit dem Steiermärker in seine Arme.
-
-»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig Vögel bringen, Meister
-Unger?« fragte Rußbuttenlobel vortretend.
-
-»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte.
-
-»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier 'was Polizeiwidriges
-im Werke wäre, und da gehörte ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß
-Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, der Gerechtigkeit
-in die Hände zu arbeiten, viel lieber schanz' ich der Geistlichkeit
-'was zu.«
-
-Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und auch die Neuhahner Mühle
-durch die getreue Dorfpost die unerwartete Kunde von der Aussöhnung
-der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren Verlobung mit
-Hannchen. Der Verlobung folgte bald die Hochzeit, und als Heinrich
-im Besitze seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd
-wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs Neue, jedoch mit mehr
-Behutsamkeit und Mäßigung, als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner
-Heimathgenossen für den Vogelfang. Der Schwiegervater wurde leichter,
-als sich erwarten ließ, durch die Großvaterfreuden bekehrt, und wenn
-ihm auch der Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler
-dieser Freuden lieb und werth blieb, so war sein Vogelherd doch bei
-der Taufe seines fünften Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast
-wie eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün einen Gimpelkönig
-gegeben und daß dieser Niemand anders gewesen als er selbst.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Wiederholte Anführungszeichen in Folgeabsätzen bei gleichem
- Sprecher wurden entfernt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 50: Pohlwassers → Pöhlwassers
- einem wasserreichen Nebenbach des {Pöhlwassers}
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Erzgebirgische Geschichten. Erster Band, by
-August Peters
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZGEBIRGISCHE GESCHICHTEN. ***
-
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-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
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-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
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-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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